1 FRANCESCO BARBARO m FRÜH-HUMANISMUS UND STAATSKUNST 1 IN VENEDIG PERCY GOTHEIN i 1 ü?i diijumjiMiiiiimiifii 1 i achdem das XIX. Jahrhundert fast nur die Gestalt der tragischen oder vereinzelt aufragenden Persönlichkeit herausstellte, insofern es nicht überhaupt die Bedeutung des großen Menschen im Ablauf der Geschichte bestritt, beginnen wir heute wieder mit neuem Verstehen den für ein Volk oder eine Gemeinschaft stellvertretenden typischen Erscheinungen uns zuzuwenden. Der jungen Generation ist es nicht mehr wichtig, die Phantasie an abenteuerlichen Schicksalen und maßlosem Planen zu erhitzen: sie will für die Bewältigung der realen menschlichen und staatlichen Aufgaben, die ihrer harren, Vorbilder. Wenn wir in der Darstellung Francesco Barbaros durch den jungen Gelehrten Percy Gothein ein streng wissenschaftliches und für die Forschung der Frührenaissance durch eine Reihe ganz neuer Funde höchst bedeutsames Buch vorlegen, so glauben wir damit allen Anforderungen einer kritisch-historischen Methode, wie gleichermaßen dem aktuellen Verlangen der Stunde Genüge zu tun. Francesco Barbaro erfährt hier zum ersten Mal in unserer Zeit die ihm zukommende, umfassende Würdigung in seiner staatsmännischen Tätigkeit, wie in seiner hohen menschlichen Haltung als venezianischer Edelmann und Humanist. Die noch immer verbreiteten verallgemeinernden Auffassungen vom bindungslosen «Renaissancemenschen» oder literatenhaften Altertumsbegeisterten werden gründlich berichtigt werden müssen angesichts dieser zuchtvöllen und elastisch tatfrohen Erscheinung, die aufs schönste den Geist Venedigs und seines Zeitalters uns nahebringt. ^IMf^MlMHUlMM^MU A: M Vi ce ut fai sc] lic un ve du lit< de: anj tat Ge aal FRANCESCO BARBARO Ii ] d ei st d d d< w m li< et re & s w di eil Fe R< Bi Ai M Vc cei un fas sei lic un ve: du Ute dei anj tat: Ge aal fl PERCY GOTHEIN FRANCESCO BARBARO FRÜH-HUMAN IS MUS UND STAATSKUNST IN VENEDIG VERLAG DIE RUNDE / BERLIN M C M X X X I I Ii d ei st di d, w V di w m li< et re g i w dt ei: F< Ri Bi A: M Vi ce ur fiu sc Uc ur ve du ALLE RECHTE BEIM VERLAG DIE RUNDE / EDWIN LANDAU / BERLIN HERGESTELLT VON L. C. WITTICH / DARMSTADT llti de an tat G< na fi MEINEN ELTERN EBERHARD UND MARIE LUISE GOTHEIN ALS WAHRERN DER LEBENDIGEN HUMANISTISCHEN ÜBERLIEFERUNG EINLEITUNG Schon seit langer Zeit hat man beobachtet, wie auffallend sich mit wechselnden Grundanschauungen das Blickfeld geschichtlicher Betrachtung ändert, wie einzelne Gestalten oder ganze soziale und politische Zusammenhänge vorzüglich die Anteilnahme der Geschichtsforscher auf sich zogen, während andere ein minderes Interesse erregten, dann aber für das nächstfolgende Zeitalter plötzlich an Bedeutung gewannen. Dies, so scheint uns, hat sich mit Francesco Barbaro zugetragen. Nachdem das XIX. Jahrhundert fast nur die Gestalt der tragisch und vereinzelt aufragenden Persönlichkeit herausstellte, sofern es nicht überhaupt die Bedeutung des großen Menschen im Ablauf der Geschichte bestritt, beginnen wir heute wieder, uns mit neuem Verstehen den für ein Volk oder eine Gemeinschaft stellvertretenden typischen Erscheinungen zuzuwenden: wir schätzen andere Eigenschaften an unsern Ahnen. Der jungen Generation ist es nicht mehr wichtig, die Phantasie an abenteuerlichen Schicksalen und maßlosem Planen zu erhitzen, sie späht in der Vergangenheit nach Vorbildern einer ihr gemäßen Haltung aus zur Bewältigung der realen menschlichen und staatlichen Aufgaben. Nicht alle, die der vom XIX. Jahrhundert aufgestellte Kanon als große Männer pries, haben die ihnen zugeschriebene Bedeutung auf die Dauer behalten, und auf der andern Seite gilt es, ungerechtes Übergehen wieder gutzumachen. So ist es mit der einseitigen Bevorzugung von Florenz vor der Schwesterstadt Venedig. Freilich lassen sich die Persönlichkeiten, die aus der Stadt am Arno hervorgegangen sind, leichter gewahren; aber gab es darum in der Lagunenstadt keine großen Gestalten ? Hält man freilich für das Ausschlaggebende des Persönlich- keitsbegrifFes die einzelstehende Individualität, die nicht ihresgleichen hat, so mußte die Frage, wie es auch wirklich lange geschehen ist, verneint werden, denn auch die bedeutenden venezianischen Gestalten 8 EINLEITUNG haben ihresgleichen; sie lassen sich nicht wie die großen Söhne anderer italienischer Landschaften von ihrem Hintergrunde loslösen, sondern sie sind wie die Seelen des Dantischen Venushimmels, die nach erfülltem Tun und Sagen wieder zurücktauchen in die lohe Glut ihres Elementes, um dort mit ihresgleichen in eins zu verschmelzen. So pries man bisher meistens die Wunderstadt der Lagune als Ganzes und konnte die einzelnen ihrer Bürger nicht fassen. Es gibt aber noch einen selbstgewollten Grund für die Unberühmtheit des einzelnen Venezianers. Venedig war ein Adelsstaat, und seine Nobilität wollte nur in ihrer Gesamtheit unsterblich sein, — sie brachte es zu einer tausendjährigen Herrschaft — aber um das Gleichmaß der aristokratischen Gesellschaft zu wahren, vermied sie es, daß eines ihrer Glieder ins Ungemessene über die andern hinauswüchse. So ist keinem der Edelleute der Stadt ein Standbild errichtet worden, es sei denn dem Dogen, der vor dem Markuslöwen kniet. Wohl aber erkannte die Stadt diese Ehre gerne ihren eisernen Heerführern zu, die sie anwarb und besoldete, den Gatta- melata und Colleoni, heute noch allgemein bekannt durch ihre herrlichen Reiterstandbilder in Padua und Venedig. Sie waren fremde Söldnerführer, aus Narni und Bergamo gebürtig, die einzigen Kon- dottieren freilich, die Venedig auf die Dauer treu blieben; doch hatten sie kaum so überragende Verdienste wie die der venezianischen Adelsschicht angehörigen Admirale: etwa ein Carlo Zeno, der im letzten Augenblicke mit der Flotte die Stadt vor dem Untergange rettete, und andere, die das große Kolonialreich schufen. Weil diesen kein Standbild gesetzt wurde, kam es zum Mißverhältnis und zu der geschichtlichen Ungerechtigkeit, daß die Bedeutenderen der Vergessenheit anheimfielen und die rühmende Nennung der Minderen noch heute in aller Munde ist und bleiben wird. Venedig war damals die erste Stadt der Welt — viel mehr als das von seiner einsügen Größe abgesunkene Rom; auch konnten sich Paris und London, die ihre Kraft gegen Ende des Mittelalters in hundertjährigem Kriege verzehrten, nicht messen mit Venedig, das den Welthandel zwischen Abendland und Morgenland ganz an sich gezogen hatte, das dem Zugriff feindlicher Heere durch seine Lage im Meere entzogen war und dessen vorbildliche Ordnung im staatlichen Leben mit unbedingter Ruhe im Innern EINLEITUNG 9 um die Wende des XIV. zum XV. Jahrhundert grell von der Unruhe ringsum in Europa abstach. Die venezianische Währung, der Dukaten, wurde überall anerkannt, nirgendwo anders erfaßte eine so genaue Statistik das bürgerliche Leben wie hier. Vom Jahre 1400 laufen, im Archive erhalten, Listen, die uns über alle privaten und öffentlichen Verhältnisse der Venezianer jeden nur gewünschten Aufschluß geben. So ist begreiflich, daß bisher die Historiker an Venedig vor allem die eigentümliche Stadt- und Verfassungsgeschichte beschäftigte 1 . Wie kommt man aber dem venezianischen Menschen, der den Wunderbau seines Staates um sich errichtet hat, bei? Durch soziologische Betrachtungsweise, die ihr Augenmerk nur auf die Verhältnisse der Menschen untereinander richtet, tritt er nicht als einzelner in Erscheinung, die individualistische Heroengeschichtsschreibung aber weiß nicht, wen sie herausgreifen soll. Um den typischen Venezianer zu erkennen, müssen andere Wege eingeschlagen werden. Wir wollen jedoch nicht einen Absud aus vielen Bürgern dieser Stadt als den typischen Venezianer gelten lassen, wie man sich vergeblich bemüht hat, auf diese Weise den gotischen oder den mittelalterlichen Menschen herauszuschälen. Wir wollen auch nicht das Normale, sondern die Norm des Venezianers finden. Die Norm aber unterscheidet sich deutlich vom Idealtypus, denn seinem Begriffe nach ist das Ideal nie erreichbar, während die Norm das höchste erreichbare Maß anzeigt. Die Eigenart Venedigs kommt dieser Betrachtungsweise entgegen. Für Heldenverehrung des einzelnen, wie sie sonst in jenem Jahrhundert des Wiederaufblühens in Italien wohl zu finden ist, bietet es keinen günstigen Boden. Als Adelsrepublik wollte es nicht wie die Fürstentümer in eine selbstherrliche Spitze auslaufen — ist der Doge auch scheinbar der Fürst dieses Staates, so war ihm doch keine wirkliche Macht belassen. Wie die Stadt im täglichen Wandel staatsgefährdenden Ehrgeiz zügelte, so Heß sie auch das Lob ihrer Mitbürger nur in gedämpfter, zurückhaltender Vornehmheit nach außen dringen. Hier war für überlebensgroße, sprengende Genien kein Boden bereitet, aber der Raum, der den Menschen dieses Bereiches zugemessen war, war weit genug für ebenmäßiges Wachstum und die Entfaltung in jener eigentümlich venezianischen Prägung. So ist es nicht nur der Geist, der im venezianischen Staate gründend und erhaltend wirkt, ihn stützt eine ■ Jj bezeichnend venezianische Haltung zum Leben, während man mit d gleicher Bedeutung nicht von einer florentinischen sprechen kann: dort ei gibt es eine dantische, machiavellistische und andere mehr. Mag vene- st zianischer Geist und venezianische Haltung sich in vielen verkörpert haben, eine Gestalt muß sich finden lassen, wo sie am klarsten ver- ( j ( wirklicht ist. Überschauen wir die lange Frist des Blühens der Adria- stadt, so will uns keine Zeitspanne bedeutsamer erscheinen als die Wende zweier Jahrhunderte, wo die uralte Staatsweisheit dort vom neuen Geiste des Humanismus durchtränkt wird. Derjenige, der damals den aufgelockerten venezianischen Menschen sinnbildlich verkörpert, ist der edle Francesco Barbaro. Um ihn als Gestalt zu kennzeichnen und sein Wesen zu umgreifen: er ist der Mensch, der sich in der Vollendung lebendiger Überlieferung erfüllt. Sich selbst hat er gesehen als einen, der das Leben der Schau und des Schaffens versöhnen will. Damit bezeichnet er seine Mittelstellung zwischen dem betrachtenden Leben der gelehrten Huma- gs nisten und dem tätigen der Staatslenker. Er sei der Brennpunkt unserer w Betrachtungen: was er auch schrieb und tat, alles beleuchtet ihn selber und gibt Rechenschaft von seinem Wesen; den Freunden galten seine e j Äußerungen als Richtlinien für ihr eigenes Tun, den Feinden waren pi sie ein Markstein, den sie nicht übersehen konnten, ohne selbst zu Fall zu kommen. Weil er sich stets über den leidenschaftverwirrten Parteiungen geistiger und staatlicher Kämpfe hielt und nie im Getümmel häßlichen Haders versank, wie sehr ihn auch sein Schicksal mitten Ai hineinführte, so ist er wie kein zweiter innerhalb jenes Zeitalters geeignet, uns den Probstein zu bieten, an dem wir auch die Echtheit V' des Metalles seiner Mitlebenden prüfen können. Durch seine eigne Lauterkeit bringt er alle, die ihm auf seiner Lebensstraße begegnen, ur dazu, sich in ihrer echten Form zu zeigen, und bei vielen ist er bestrebt, das Mindere von ihnen abzustreifen und ihr Wesentlichstes in Sein und sc Tat hervorzulocken. Francesco Barbaro gehört zu den bedeutenden und jj c glücklichen Menschen, die vom Kindesalter bis zum Tode stets im Mittel- ur punkte des Geschehens ihrer Zeit stehn, und denen es selbstverständlich ist, alle Menschen, mit denen sie zu tun haben, im Kern zu ergreifen. du liti de an tat G< na 'iE KAPITEL I II HERKUNFT UND JUGEND UM DIE VENEZIANER ZU VERSTEHEN, MUSS MAN DIE Stammbäume ihrer alten Familien betrachten, muß die Überlieferungen, die sich in ihnen erhalten haben, zu ergründen suchen, denn die Selbstsicherheit solcher Aristokratie, wie sie in Venedig sich viele Jahrhunderte an der Herrschaft erhält, hegt im Bewußtsein des einzelnen, nicht allein zu stehen und alles von sich aus aufbauen zu müssen, sondern seinen sicheren Platz inne zu haben und in dieser lückenlosen Folge von Vorfahren und Nachkommen seine feste Aufgabe zu erfüllen. Man muß in Venedig selber forschen, denn nur in ungedruckten Handschriften sind dort die Stammbäume aufgezeichnet. Daß ein Marco Barbaro 1 , ein späterer Sproß dieser Familie aus dem XVI. Jahrhundert, der Genealog der venezianischen Geschlechter ist, wirkt sich für unsere Kunde der älteren Geschicke dieses Hauses sehr günstig aus, denn natürlich ist er in allem ausführlicher, was die eigne Familie betrifft. Die Ca Barbaro hat eine Lebensdauer von iooo Jahren gehabt, und ein Zweig besteht heute noch in Padua. Eine Nachricht besagt sogar, daß sie sich bis auf die alten Römer zurückverfolgen ließe und von der gens Catelüa abstamme, die ihrerseits auf einen Zweig der Fabier zurückgehe. Was daran Wahres ist, möchte schwer feststellbar sein 2 , legten doch die Italiener, wie ja besonders auch ihr Größter, Dante, stets Wert darauf, in ununterbrochener Folge von den alten Römern abzustammen. Die ersten Vorfahren des Francesco Barbaro, die geschichtlich zu erfassen sind, tauchen im Jahre 706 in Triest auf, wohin sie von Pola eingewandert sein sollen. Als Datum ihrer Übersiedlung nach Venedig wird der 13. Juli 868 angegeben. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte erscheinen dann immer wieder Mitglieder dieses Hauses in erhaltenen Aktenstücken. Ursprünglich trugen sie einen andern Namen: dei Magadezzi. Der Name Barbaro ist ein Ehrenname, den Marco Barbaro in den Kreuzzügen für 12 I HERKUNFT UND JUGEND sich und die Seinen erwarb, denn er vollbrachte die erste Ruhmestat des Geschlechtes. Auch das eigentümliche Wappen seines Hauses rührt daher. Die Magadezzi führten zwei Sparren und zwei blaue Rosen auf goldnem Grund in ihrem Wappenschild. Marco rüstete für den Kreuzzug, der 1123 zur Eroberung von Jaffa undTyrus führte, ein Schiff aus. Vor Askalon entspann sich ein Seegefecht. Während er am Vorderdeck befehligte, erstiegen die Sarazenen das Hinterdeck, und ein mächtiger Neger riß die Flagge mit dem Familienwappen in Fetzen. Durch diesen Schimpf erbittert, stürmte Marco über das Schiff und erschlug den Mohren, doch die zerfetzte Fahne konnte er nicht mehr hissen. So schlug er kurz entschlossen dem Gefallenen einen Arm ab, dann nahm er ihm seinen Turban vom Kopfe und malte mit dem noch blutenden Gliede als Pinsel einen roten Kreis auf das weiße Tuch. An den Schaft einer Lanze gebunden, tat dieses neue Zeichen der Flotte kund, daß sein Schiff nicht die Flagge habe streichen müssen. Das neue Wappen, einen roten Kreis auf silbernem Grund, behielt Marco fortan, und er durfte seinen Namen zum dauernden Gedächtnis der Heldentat über die barbarischen Türken in dei Barbari ändern 3 . Der Name Barbaro hat später dem Francesco vielen Anlaß zum Scherz gegeben; ließ es sich doch sein kriegerischer Vorfahr nicht träumen, daß nach Jahrhunderten einer seiner nicht minder kriegsrühmlichen Nachkommen, der aber zugleich als erster seines Geschlechtes ein in griechischer Gelehrsamkeit gebildeter Mann war, sich üeber nach Griechen und Römern als nach Barbaren nennen lassen mochte. Jedoch war Francesco Barbaro zeitlebens stolz auf die Legende seines Hauses als auf einen kostbaren überlieferten Besitz, wie wir aus einem seiner Briefe ersehen 4 . Nicht lange vor der Geburt unseres Francesco spielte einer seiner Vorfahren in der berühmten Verschwörung des Marino Falter eine wichtige Rolle, denn er wurde zum Anlaß für die ganze Verschwörung. Der alte Doge, so geht die Sage, sei wegen seiner jungen Frau gehänselt worden, sein nächster Berater, der hochfahrende Admiral des Arsenals, Bertuccio Israello, wurde von jenem Barbaro um eines ablehnenden Bescheides willen mit dem Dolche bedroht. Als Israello empört beim Dogen um Bestrafung des Angreifers nachsuchte, soll dieser gesagt haben: «Welches Recht willst du von den Richtern, wenn sie es mir, ihrem Fürsten, FAMILIENGESCHICHTE DER BARBARO 13 nicht gegeben haben?» Und Israello habe geantwortet: «Hilf mir bei meinem Plan, so werde ich dich mit dem Blute der Nobili rächen, und du wirst die absolute Herrschaft haben.» Der Doge willigte ein, und der Admiral, dadurch kühn gemacht, sich zu rächen, legte seinem Feinde Barbaro einen Hinterhalt, um ihn zu meucheln, was aber mißlang. Vor Gericht gezogen, wurde ihm vom Dogen in verstelltem Betragen die Todesstrafe angedroht. Insgeheim spannen die beiden Verschwörer ihren blutigen Plan weiter, bis er durch einen Eingeweihten verraten wurde und mit dem Blute der Gewalttätigen seine Sühne fand 5 . Von dem erschütternden Eindruck des grauenhaften Ereignisses gibt ein Brief Petrarcas uns Kunde, denn dieser war mit Marino Falier vorher während diplomatischer Verhandlungen am Papsthofe zu Avignon bekannt geworden. Er schreibt von ihm: «... ein Mann, der mir seit langer Zeit bekannt war und in dem ich mich doch getäuscht hatte. Denn stärker war sein Temperament als seine Einsicht. Marino Falier ist des Mannes Name. Sein Herz vermochte nicht in der höchsten Würde Genüge zu finden, denn mit dem Unken Fuße hatte er den Dogenpalast betreten. Diesen Dogen eben, ihren in allen Jahrhunderten sakrosankten höchsten Beamten, den die alte Zeit in dieser Stadt doch eben wie ein göttliches Wesen verehrt hatte, ihn haben die Venezianer vor wenigen Tagen in der Vorhalle seines Palastes enthauptet... Eine Entschuldigung für ihn bringt niemand vor. Alle sagen, er habe an der von den Vätern ererbten Verfassung etwas ändern wollen ... An der gefeiertsten, berühmtesten und schönsten Stelle, die ich je gesehen, wo seine Vorgänger oft in fröhlichem Jubel und im Triumphe ehrenvolle Feste begangen hatten, dort wurde er unter Zulauf des Volkes wie ein niederer Sklave herangeschleppt und seiner Dogeninsignien entkleidet. Dort fiel sein Haupt, und mit seinem Blute besudelte er das Portal der Kirche, den Zugang zum Palast und die Marmorstufen, die sonst oft durch festliche Feiern und durch dem Feinde abgenommene Trophäen glänzend geschmückt gewesen sind . . . Den Dogen, die noch kommen, sei's gesagt», ruft Petrarca aus, «sie mögen wissen, daß ihnen ein Spiegel vor Augen gestellt ist, in dem sie sehen können, daß Dogen keine Herren sind, ja nicht einmal Herzöge, sondern mit Ehren angetane Sklaven der Republik 5 .» 14 I HERKUNFT UND JUGEND Vor Francesco zählte die Familie Barbaro 17 Generationen seit einem ersten Paolo, der Prokurator von San Marco gewesen war. Die letzten vier Generationen sind: Giovanni, der um 1276 Awogadore war, Adamo cavaliere, der Großvater um 1350, dann der Vater Candiano um 1380. Dieser wird in der Zeit der großen Kämpfe um die Vorherrschaft zwischen Venedig und Genua 1380 in die Behörde der Hundertmänner gewählt 6 . Da damals nicht mehr der Arengo, die allgemeine Volksversammlung, das Recht der Wahl des Dogen hatte, denn seit 1172 durfte sie nur noch vier Wahlmänner aufstellen, die die 40 Dogenwähler bestimmen sollten, so finden wir Candiano als Wähler des Dogen Antonio Venier, der 13 81 seine Würde erhielt 8 . Sodann hat sich seine Steuerveranlagung erhalten. Im Jahre 1379 gab es von der weitverzweigten Ca Barbaro sieben Glieder, die für die Steuer eingeschätzt werden. Candiano war nicht der reichste des Hauses; einer seiner Vettern, Marco Barbaro, ist doppelt so hoch veranlagt, Candiano mit 4500 Dukaten (was einem Kaufwert von 450000 Reichsmark entspricht)'. Schwierigkeiten bietet die Frage nach seiner Ehe. DerVicentiner Genealoge Capellari, der ein auch nur handschriftlich erhaltenes Werk: II Campidoglio veneto, die Stammbäume der venezianischen Nobilifamilien, verfaßte, merkt an, daß Candiano Barbaro mit Maddalena quondam Niccolö Foscarini verehelicht war 8 . Die Mutter des Francesco und seines älteren Bruders Zacharias heißt aber Constanza (handschriftlich: Constanga.) Daß Candiano Barbaro zweimal verheiratet war, wird auch durch zwei erhaltene Testamente gestützt 9 . Das frühere dieser beiden wichtigen Dokumente ist vom Erblasser am 13. September 1368 niedergeschrieben und uneröffnet geblieben, das Zweite, das in Wirksamkeit trat, ist vom 1. September 1389. Es wäre an sich möglich, daß es sich hier um zwei verschiedene Candiano handelte, da auch die Kinder, im älteren Moreto und Lucia, im jüngeren Ermolao, Daniel und Zacharias genannt, nicht übereinstimmen; aber der Name Candiano findet sich in den ganzen Stammbäumen der Familie Barbaro nicht wieder, während die Namen seiner Söhne sich fast in jeder Generation wiederholen. Alsdann pflegten die Venezianer, um Gleichnamige zu unterscheiden, immer die Herkunft aus dem Stadtsechstel (sestiere), wie sie dort noch bis auf den heutigen Tag bestehen, hinzuzufügen. Die Angaben sind in beiden Testamenten die gleichen: Ser Candiano de la contrada di Santa Maria Mater Domini. Sein Haus lag also jenseits des Canale grande, in der Gegend von San Polo 10 . Das erste Testament kennzeichnet sich als das eines noch jüngeren Mannes, denn unter den Kommissaren seiner Hinterlassenschaft wird an erster Stelle: mia mare madonna Marchesina Barbaro, seine Mutter Marchesina, genannt, die also damals noch am Leben war. Seine Frau ist im ersten: Madaluga miamuier.und im zweiten Testament: Costanga mia muier. Die erste Frau würde übereinstimmen mit der von Capellari genannten Maddalena, Tochter des verstorbenen Niccolö Foscarini. Schwieriger wird es, die genannten Kinder in Übereinstimmung zu bringen. Bisher waren aus den Humanisten- briefwcchseln überhaupt nur zwei Brüder Zaccaria und Francesco bekannt, jetzt erscheinen in den Aktenstücken die Witwe Constanga relicta quinque filiorum et duarum filiarum: Ermolao, Daniel, Zaccaria,?? 11 , Francesco sind die Söhne und Polisscna und Franceschina Clara die Töchter, die den 1391 verstorbenen Vater über- TESTAMENTE DES VATERS CANDIANO *5 leben. Wie stimmen nun diese Kinder mit denen des ersten Testamentes überein? Als seinen Sohn nennt Vater Candiano 1368 denMoreto; im zweiten Testament steht aber Almorö, die venezianische Form für Ermolao. Der Gedanke liegt nicht fern, daß das erste die Koseform des zweiten ist, denn Ermolao scheint zur Zeit des ersten Testamentes ein kleines Kind zu sein 12 , während er im zweiten Testament bereits als volljährig genannt wird. Bei den Töchtern sind die Angaben der beiden 21 Jahre aneinanderliegenden Testamente völlig voneinander abweichend. 1368 nennt er eine Tochter Lucia, die in dem spätem Dokument nicht mehr vorhanden ist, dagegen tritt sie in dem Stammbaum, den Capellari zeichnet, als einzige Tochter des Candiano auf. Es fehlen indessen bei Capellari die zwei Töchter Polissena und Franceschina Clara, die der Biograph Barbaros, der Padre Giovanni degli Agostini, namhaft macht und die auch aus dem Auszug, den der erwähnte Marco Barbaro aus dem amtlichen Standesamtsregister der Venezianer machte, dem liber nuptiarum, nachzuweisen sind 1 '. Der Hauptgewinn, den wir aber aus dem ersten Testament von 1368 ziehen, ist die Tatsache, daß der Vater des Francesco Barbaro zweimal verheiratet war und daß es in dieser Familie Stiefgeschwister mit erheblichem Altersunterschied gab. Hierin ist vielleicht der Grund zu suchen, daß uns Francesco seine beiden ältesten Brüder ganz verheimlicht 14 . Bedeutung gewinnt nur der dritte Bruder Zacharias. Das erste Testament blieb also verschlossen und trat nicht in Kraft, weil Francescos Vater Candiano noch 23 Jahre weitergelebt hat und zwei Jahre vor seinem Tode ein zweites Testament verfaßte, das Gültigkeit erlangte. Während das erste auf einem starken, gelblichen, gefalteten Papier flüchtig mit schwer leserlicher Hand von Candiano selber geschrieben ist, ist das zweite nicht das Original des Testamentes, sondern ein offizielles Aktenstück der zuständigen venezianischen Behörde, der Prokuratoren von San Marco de ultra (canalem), die erste notariell beglaubigte Kopie, die man von der Niederlegung des letzten Willens des Candiano Barbaro genommen hat. Dieses Schriftstück ist so interessant, daß eine nähere Beschreibung mit den Folgerungen aus den einzelnen Punkten berechtigt erscheint. Eine Testamentseröffnung war in Venedig, namentlich wenn bei Minderjährigkeit der Erben der Staat die Vermögensverwaltung von sich aus bestellen mußte, eine feierliche Amtshandlung des Dogen; in etwas ungelenkem lateinischem Amtsstil wird erzählt, wie er sich umgeben von seinem großen und kleinen Rat auf seinem Throne niederläßt, der hehren Pflichten seines Amtes gedenkt und den Bedrängten und Waisen Hilfe verheißt. Alsdann treten vor ihn hin der Senior des Hauses Barbaro, Marco, den wir aus dem Steuerzensus von 1379 als den Reichsten der Familie kennenlernten; er wird uns später nochmal bei der ehrenden Erwähnung in Francesco Barbaros Werk de re uxoria begegnen 15 ; ihm folgt die Witwe Constanza und der volljährige Sohn Ermolao, sowie die von Candiano selber bestellten Vermögensverwalter, die Prokuratoren von San Marco. Ihr Sprecher teilt dem Dogen ehrerbietig mit, Candiano habe mit eigner Hand ordnungsgemäß auf einem Papierbogen (in quadam polica bombicina) seinen letzten Willen niedergelegt, der sich nach seinem Tode offen in einem Hefte fand. Der Doge wird sodann untertänigst ersucht, in die Eröffnung i6 I HERKUNFT UND JUGEND des Testamentes einzuwilligen; darauf löst der Kanzler die Siegel des Dokuments. Einleitung und dann auch der Schluß sind in lateinischer Sprache, das eigentliche Testament ist wie schon das erste in altvenezianischer Mundart aufgesetzt. Die Eröffnung muß unmittelbar nach dem Tode des Candiano erfolgt sein, da in ihm Bestimmungen über sein Begräbnis enthalten sind. Mittelalterlichem Brauch folgend, will er in einer Minoritenkutte beerdigt werden und bei den Frari beigesetzt sein, wo auch sein berühmter Sohn später beerdigt wurde. Candiano Barbaro, der Vater Francescos, verfaßte i V« Jahre vor seinem Tode, am i. September 1389, sein endgültiges Testament. Die genauen Daten dieses Aktenstücks kommen uns bei der wichtigsten Zeitbestimmung, der Geburt seines Sohnes Francesco, sehr 2ugute. Bisher nahm man an, und es ist bis heute unwidersprochen geblieben, daß er im Jahre 1398 geboren sei. So steht es bereits 1754 bei dem ersten Biographen Barbaros, dem schon genannten Padre degli Agostini, und ebenso noch bei dem letzten, Remigio Sabbadini, der 1884 in seinen 130 unveröffentlichten Briefen des Francesco Barbaro einen chronologischen Abriß seines Lebens gibt. Auch als nach der Veröffentlichung der ACTA GRADUUM ACADEMICORUM GYMNASII PATAVINI 1922 das Doktor- diplom des Francesco von 1412 bekannt wurde, und dieser scheinbar mit 14 Jahren schon doktoriert haben sollte, wurde nirgends ein Zweifel an dem Geburtsjahr geäußert 16 . Das irrtümliche Datum geht auf die Preisrede des Tobias dal Borgo in Verona 1441 zurück, der ihn 1422 bei Antritt seiner ersten Prätur in Treviso erst 24jährig sein läßt 17 . Außerdem scheint eine Lebensbeschreibung aus der Feder seines Sohnes Zacharias den Irrtum zu unterstützen 18 . Er erzählt, der Vater habe mit 18Jahren sein berühmtes Werk DE RE UXORIA geschrieben; da dessen Erscheinen 1416 feststeht, so würde auch diese Berechnung auf das Jahr 1398 herauskommen. Kurz vorher gibt Zacharias an, daß sein Vater 63 Jahre alt geworden sei. Der Tod aber erfolgte Januar 1454; danach läßt sich als Geburtsdatum spätestens Januar 1391 errechnen; auch fast das ganze Jahr 1390 bleibt nicht ausgeschlossen. An sich ist es schon wahrscheinlicher, daß der Sohn das Alter des Vaters richtig wußte und nur in seiner eisten Angabe irrte. Dies läßt sich aus der Erzählung, der Vater habe die erstaunliche Schrift in ganz jungen Jahren verfaßt, erklären. Doch wird nun durch die Auffindung des Testamentes jeder Zweifel getilgt. Zur Zeit der Abfassung, September 1389, war Francesco GEBURTSJAHR FRANCESCO BARBAROS 17 noch nicht auf der Welt, da der Vater ihn im Testament bei der Erwähnung seiner drei ältesten Söhne nicht nennt. An Stelle von Francescos Namen steht: e altri che me nascesse (und andere, die mir noch geboren werden sollten). Da in späteren Dokumenten die Witwe Constanza mit fünf Söhnen angeführt wird, müssen ihm noch zwei weitere geboren sein. Jedenfalls war Francesco, als der Vater starb, erst wenige Monate alt. Noch eine Bestimmung von Barbaros Geburtsjahr ermöglicht das Testament des Vaters. Candiano will nicht, daß seine Söhne ihr Erbteil in die Hand bekommen, bevor sie sechzehn Jahre alt sind (se Ii non aveva complido anni xvi). Es war in Venedig Brauch, daß die Vermögensverwaltung für die minderjährigen Söhne verstorbener Nobili von den Prokuratoren von San Marco besorgt wurde. Diese nach dem Dogen höchsten Beamten der Republik, denen in ihren letzten Lebensjahren auch Francesco Barbaro und später Zacharias, sein Sohn, angehörten, hatten außer der Verwaltung der reichen überseeischen Eingänge des Kirchengutes von San Marco auch noch die Fürsorge für Witwen und Waisen in der Stadt, Es gab daher entsprechend der Stadteinteilung Prokuratoren von San Marco de citra und de ultra, und da Candiano seinen Palazzo jenseits des großen Kanals hatte, so verwalteten seine Hinterlassenschaft die Prokuratoren de ultra, so wie er selbst in seinem Testament sie namhaft macht. Dieser Tatsache verdanken wir genauere Kenntnis der häuslichen Zustände im Elternhaus Francescos, denn die Prokuratoren legten ihre Vermögensverwaltung und die Verrechnungen in einem sorgfältig geschriebenen großen Pergamentaktenheft nieder, an dessen Spitze die schon erwähnte lateinische Testaments- eröffnung in Anwesenheit des Dogen sowie das Testament selbst stehen. Die weiteren Eintragungen sind wiederum lateinisch. Unter den mancherlei Abrechnungen und Finanzaktionen mit der Camera dei Prestiti findet sich der wichtige Eintrag 19 in der «Commissaria di Ser Candiano Barbaro», wie das Heft benannt wird: (Ausgestellt auf das Nachsuchen des Franciscus Barbarus, des Sohnes unseres einstigen Kommissars.» Im Jahre 1408 am 13. Juli zahlt einer der beauftragten Prokuratoren dem Herrn Francesco Barbaro, «einem der fünf Söhne unseres Kommissars», die Restsumme aus, die ihm nach der letztwilligen Verfügung seines Vaters noch zusteht. Da Francesco zu diesem Zeitpunkt der Auszahlung des Erbteils gemäß dem väterlichen Testament mindestens das 16. Lebensjahr vollendet haben mußte, kommen wir als äußersten Zeitpunkt für seine Geburt auf das Jahr 1392. Als er das Geld abhob, muß er nach unserer Berechnung schon 17 bis 18 Jahre alt gewesen sein. Nach Abzug der Unkosten für seinen Unterhalt und die Erziehung während seiner Minderjährigkeit blieben ihm als restliches Erbteil 837 Dukaten. Da die Familie achtköpfig war, ergibt sich, daß Vater Candiano in den 23 letzten Lebensjahren seinen Besitz erheblich vergrößert hat, denn die 4500 Dukaten, die er 1368 besaß, hätten in fünf Teile geteilt ein nicht so großes Erbteil für jeden seiner Söhne ergeben. Die Töchter i8 I HERKUNFT UND JUGEND waren nicht erbberechtigt, sondern es wurde den Brüdern auferlegt, die heiratenden Schwestern mit einer standesgemäßen Mitgift auszustatten. Im übrigen läßt die letztwillige Verfügung einen näheren Blick auf Candianos Charakter als Hausvater zu. Die Venezianer waren immer fromme Leute. So nehmen im zweiten wie im ersten Testament die frommen Stiftungen einen großen Raum ein, ohne daß, wie man damals im Norden klagt, diese nachträgliche Frömmigkeit des Erblassers allzusehr auf Kosten der Erben geht. An erster Stelle stehen die Seelenmessen: «pro anema mia»; dafür werden an die geistlichen Brüderschaften Legate ausgesetzt 20 . Die hinterlassenen Güter sind doppelter Herkunft. Flüssige Geldmittel, dann das leihweise sowie in Häusern und Handelsunternehmungen angelegte Vermögen. Candiano gibt seinen Hinterlassenschaftsverwaltern auf, innerhalb eines Jahres das Gut zu liquidieren, das er in seinen Kauffahrteischiffen angelegt hat. Seine Häuser sollen instand gesetzt werden, und das dazu benötigte Geld bieten die Zinsen seines ausgeliehenen Kapitals. Die Verfügung über den Rest der Zinseneingänge haben ausschließlich die Prokuratoren von San Marco; ihnen gesteht also Candiano eine größere Vollmacht zu als seiner Witwe und seinen schon erwachsenen Kindern, denen nur die freie Verfügung über das Hausmobiliar gelassen wird. Diese Einschränkung des Verfügungsrechtes hat bald nach dem Tode des Vaters zu Unzuträglichkeiten und Erbstreitigkeiten geführt. So muß schon am 26. Juni 1392 die Witwe Constanza einen Prozeß gegen die von ihrem Manne eingesetzten Vermögensverwalter, die Prokuratoren von San Marco, anstrengen 21 . Das zuständige Gericht hierfür war das «Officio del procurator», wo die drei iudices procu- ratorum Recht sprachen. Vor Gericht erscheint mit der Vollmacht seiner Mutter ausgerüstet Daniel Barbaro, der zweite ihrer Stiefsöhne, der inzwischen ebenso wie sein älterer Bruder Ermolao volljährig ist, und klagt, daß die Vermögensverwalter für seine Mutter mit ihren fünf Söhnen und zwei Töchtern sowie der Dienerschaft nicht ausreichende Mittel aus der Erbmasse anweisen. Die Gegenseite ist durch den Advokaten Raphael Grimani vertreten, der erklärt, daß seine Partei mit einer neuen Einschätzung von Seiten der Richter einverstanden sei. Die Richter geben der Klage statt und setzen die Bezüge, die Frau Constanza erhalten soll, erneut fest. Es handelt sich hier aber nur um Zusatzbezüge, denn Candiano hatte die Erträge aus den Mieten seiner Häuser und andere laufende Einkünfte (affictus et redditus) hauptsächlich für den Unterhalt seiner zurückgelassenen Familie bestimmt, nur die darüber hinaus notwendigen Zuschüsse hatte er dem Ermessen der Prokuratoren überlassen. Das endgültige Urteil erging erst am 15. Juli 1394 und entschied zugunsten Constanzas, deren Zuschüsse durch diesen Beschluß so geregelt wurden: sie erhält alle einundeinhalb Jahre 20 Pfund (lire), die in Raten jeden sechsten Monat ausbezahlt und von Constanza auf einer Quittung bestätigt werden. Über die Eltern erfahren wir kaum etwas durch den Sohn selber. Im Briefwechsel erwähnt Francesco den Vater Candiano nur zweimal: beim 1419 erfolgten Tode des älteren Bruders Zacharias klagt er sein Leid 22 , daß ihm der beste Vater und geliebteste Bruder von Gott so frühzeitig entrissen worden seien, und später im ersten Briefe an den VENEDIG IM XIV. JAHRHUNDERT *9 Kardinallegaten Gabriel Condolmieri (von 1431 an Papst Eugen iv.) erinnert er an die nahen Beziehungen der Häuser Barbaro und Condolmieri zur Zeit ihrer beiderseitigen Väter 23 . Einmal in der Jugendschrift über den Ehestand 24 erwähnt er den Vater jenes alten Marco Barbaro, der bei der Wahl seines Weibes nicht auf reiche Mitgift sah, sondern ein schlichtes armes Mädchen zur Gattin erhob, die ihm dann seine Söhne besser erzog als eine in Reichtum von Jugend an verwöhnte Frau. Diese Erinnerung aus der Familiengeschichte ist wohl auch deshalb erwähnenswert, weil man daran sieht, wie die vornehmen Häuser Venedigs sich nicht ständig in Inzucht kreuzten, sondern für Zustrom frischen, unverbrauchten Blutes sorgten. Francesco weiß aber nur noch einen zweiten ähnlichen Fall in einer andern Patrizierfamilie zu nennen, so bleibt es Ausnahme, und er selbst heiratet wieder in eine andere an der Staatslenkung beteiligte Familie, die Loredano, ein. Um auch einen Blick auf das Leben und Treiben der Venezianer zur Zeit von Francescos Vater zu werfen, wählen wir die glänzende Schilderung Petrarcas, der im Jahr 1365 Augenzeuge der Siegesfeierlichkeiten nach der Niederwerfung des candiotischen Aufstandes auf Kreta war. Er schildert einem Paduaner Freunde: «Am 4. Juni dieses 1364. Jahres, etwa zur sechsten Stunde des Tages, stand ich zufällig am Fenster und sah auf die hohe See hinaus... da fuhr plötzlich eines der Kriegsschiffe, die man Galeeren nennt, mit grünenden Zweigen rings bekränzt im Ruderschlag in den Eingang des Hafens ein... die Matrosen hatten die Segel gestrichen und fuhren munter durch die seichten Fluten der Lagune, und mit grünem Laube bekränzte Jünglinge mit fröhlichen Mienen schwangen Fahnen über ihrem Scheitel und begrüßten vom Vorderdecke die siegreiche, aber ihres Sieges noch unkundige Stadt. Schon gibt der Wächter vom höchsten Turme ein Signal und meldet die Ankunft eines Schiffes aus der Fremde, und ohne daß es irgend jemand befohlen hätte, strömte das Volk, nur in dem Wunsche, zu erfahren, was es gäbe, aus der Stadt zum Ufer hin. Da das Schiff nun nahe herangekommen war, da bemerkten wir die Feldzeichen der Feinde, die vom Verdeck herabhingen, und schon war kein Zweifel mehr, daß das Schiff ein Siegesbote sei... Der Doge Lorenzo Celso . . . wandte sich, als dies bekannt wurde, mit Lobpreisen und Danksagungen zu Gott... Durch die ganze Stadt hin, mit besonderem Gepränge aber in der Basilika des heiligen Evangelisten Markus, der schönsten Kirche, die meines Wissens je erbaut worden ist, wurden herrliche Dankopfer abgehalten, und man veranstaltete vor und bei dem Tempel eine Prozession. Nicht nur das ganze Volk war dabei und der n r di< eir ste de de wi Ii de W( im lic er! re ga wi di eil Fe Ri Bi A: M V ce ui fa sc li< Ul v< dl Iii d( ai 20 I HERKUNFT UND JUGEND ganze Klerus, sondern auch auswärtige Prälaten. .. .Viele festliche Tage dauerte diese Feierlichkeit... dann endlich wurde das Ganze mit zwei Spielen abgeschlossen... Es hatten sich vierundzwanzig edle Jünglinge, die durch Schönheit, Haltung und Jugend alle Augen auf sich zogen, diesen Teil der Festesfreude erwählt, und es war ein wunderbares Schauspiel, wie so viele Epheben, in Purpur und Gold gekleidet, so viele erz- hufige, mit funkelndem Schmuck behängte Rosse so mit ihren Zügeln lenkten, so mit den Sporen drängten, daß diese kaum den Boden mit ihren Füßen zu berühren schienen 25 .» In der Stadt, der solche Feste ihr Gepräge gaben, wuchs Francesco heran, zwar vaterlos aber nicht unbehütet. Hier konnte jeder Edelmann, auch wenn er Waise war, zu den höchsten Ehrenstellen heranreifen, wie es am schönsten ein Vers der venezianischen Epigramme Goethes sagt: Jeder Edle Venedigs kann Doge werden, das macht ihn Gleich als Knaben so fein eigen bedächtig und stolz. An Vaters Statt trat der ältere Bruder Zacharias; zu ihm schaut Francesco mit ganzer Kindesliebe auf. Zacharias Barbaro hatte in Venedig oder in Padua, wo alle jungen Venezianer von Stande studierten, um die Wende des Jahrhunderts den Humanisten Guarino aus Verona kennengelernt und verdankte ihm, als Lehrer und als Freund, vieles seiner geistigen Bildung, so daß ihm später Guarino schrieb 26 , wie sehr er sich an Zacharias' Entwicklung freuen dürfe und daß er nun Früchte einsammele, nachdem er sich früher mit ihm so sehr Mühe gegeben habe. Sie hatten Freundschaft geschlossen, und Barbaros Haus in Venedig stand Guarino stets offen, wie dieser es nach dem frühen Tode des Zacharias dem Bruder dankend bezeugt: «Hast du vergessen,» schreibt er vier Jahre nach dessen Tode an Francesco, «welche menschliche Güte mir Zacharias angetan hat, wie er mich mit allen Diensten so überschüttete, daß er bei jeder Gelegenheit mich gerne als Bruder, als Sohn, ja als Herzensfreund mit sich vereint sehen wollte 27 .» In dieser Luft durchgeisteter Freundschaft atmete das Kind Francesco. Bald darauf, im Jahre 1403, hatte sich Guarino in Venedig eingeschifft, und begleitete den berühmten byzantinischen Gelehrten und Diplomaten, der die Italiener wieder Griechisch gelehrt hatte, Manuel Chrysoloras, ERZIEHUNG DES FRANCESCO BARBARO 21 nach Konstantinopel. Fünf Jahre griechischer Studien hielten ihn von Venedig fern 28 . Inzwischen wuchs Francesco zum Jüngling heran und hatte sein erstes Latein bei dem Wanderlehrer Giovanni di Conversino gelernt, zu dem die meisten Venezianer, die sich im XV.Jahrhundert einen Namen machten, in die Schule gingen 29 ; doch war dieser schon 1408 gestorben. Der nächste Lehrer von Ruf wirkte im benachbarten Padua, Gasparino Barzizza 30 . Wie Guarino war auch er früher schon gastlich im Hause Barbaro aufgenommen worden. Berühmt um seiner klassischen Latinität willen, erhob er als erster Cicero zum ausschließlichen Stilmuster. Nun schien es damals in Venedig noch nicht allgemein üblich, die Knaben der vornehmen Familien, die später in den Staatsdienst treten sollten, vorher zu einem Humanisten in den Unterricht zu schicken, und so gab es zunächst unter Bekannten und Verwandten ein Kopfschütteln, weil Francesco nach Padua gehen wollte. Deshalb fragte der Achtzehnjährige bei Guarino in Konstantinopel an, ob er sich dazu entschließen solle. Mit diesem frühen, nicht erhaltenen Briefe tritt Francesco Barbaro ins Leben ein als wirkende und sogleich auch als bezaubernde Gestalt. Wir besitzen die Antwort Guarinos, die eine der schönsten und edelsten Äußerungen des Humanismus ist. Man stelle sich vor, wie dieser leichtentflammbare und begeisterungsfähige Mann sich in der langen Abwesenheit nach dem jungen Freunde, dem er die nahe Heimkehr ankündigt, sehnte 31 . «Amatissimo fratri meo Francisco Barbaro» — so überschreibt er den Brief, denn er fühlte sich als dritter den beiden Brüdern Barbaro zugehörig 32 . «Franciscus, du meine Seele, schreibst, du habest eine wundersame Freude, sooft dir meine Briefe — du nennst sie meine — vor Augen kommen; das glaube ich wohl, denn sie sind ebensogut auch deine, wenn wirklich ich auch Franciscus bin; obschon uns nämlich die Natur als zwei Menschen geschaffen hat, so wollte doch aufrichtige Liebe, daß wir nur einer seien. Zudem halten Liebende sogar Bitteres untereinander für süß... Du gelobst also aufzubrechen, um von der heiligen Lehre unsterblichem Becher zu kosten, und du hältst, wie du sagst, denen, die sich darüber wundern, meinen Namen entgegen. Ich sehe, wohin deine Rede zielt. Das ist, als ob du sagtest, du würdest unfehlbar von bissigen Kläffern angefallen werden, und so wirst du etwas zagend die göttliche Bahn beschreiten.» Gegen jene hausbackene und 22 I HERKUNFT UND JUGEND nutzsüchtige Einrede der Ungebildeten fährt Guarino mit eifernden Worten los, die von der frischen Begeisterung der neuen idealen humanistischen Lebenshaltung glühen, die den jungen Freund mutig machen und ihm den Rücken stärken sollen: «Die Lästerworte dieser Mißgünstigen, das weiß ich wohl, wirst du zu hören bekommen ... damit sie dich zu ihresgleichen machen___ Lassen wir sie sich im Schmutze ihrer Unwissenheit wälzen; um Taube handelt es sichl — Du aber sprich mit dir in deinem Herzen also: Mit allen Kräften des Geistes wie des Leibes trete ich freudig an das Studium der göttlichen Tugend heran; sie ist des Menschen wahrer Schatz; wenn alle andern gewichen sind, wird sie dem Lebenden zum dauernden Gefährten, und auch den Toten verläßt sie nicht, ihm großen Glanz des Ruhmes und Beifall im Leben und im Tod gewährend ... Diese Tage des Lebens schenkte mir die gabenreiche Natur, und man soll von mir nicht sagen, daß ich sie in müßigem Werke verbracht (wie widersinnig!), ei nein vielmehr daß ich sie zur höchsten Vollendung gebracht habe. Toten sind alle, die diesen Vorsatz je vergaßen; sie wollen lieber der nichtsnutzigen Wollust gefrönt haben, und so verabscheut sie das gegenwärtige Leben, und das zukünftige martert sie mit ewiger Geißel. Ach ihr Armen, denen das so vollkommen verschiedene Los des Lasters und der Tugend verborgen blieb...» Ganz sachte gleitet hier Guarino von den klassischen Studien, die er mit einer christlichen Bezeichnung als «sacrum dogma» preist, zur christlichen Moral über. Das «divinum iter», — im Mittelalter die asketische vita contemplativa — wird ersetzt durch die «eloquentia», den Inbegriff klassischer Bildung für den Humanisten; das Widerspiel aber, die «nequitiae libidinosae» und die bevorstehenden Höllenqualen mit den «flagellis sempiternis», bleibt hier wie dort dasselbe. Wie bei Petrarca, dem Ahnherrn des Humanismus, findet man auch bei Guarino die eigentümliche Verquickung von Christentum und antikem Heidentum. Wir finden sie auch in Francesco Barbaro verschmolzen, aber bei dem Tatmenschen kommt noch ein drittes, das jeweilige Gebot der Stunde, hinzu, die Art nämlich, wie er die im beschaulichen Leben erkannten Dinge sofort in Tat umsetzt. Und nun das Persönliche dieses Briefes: Wo die Freundschaft Guarino- Barbaro verankert ist, so daß sie ihr ganzes Leben hindurch währt, wird GUARINOS BRIEF AUS KONSTANTINOPEL 23 aus der mitgeteilten Stelle deutlich. Unverankerte Freundschaften halten den Stürmen des Lebens nicht stand, und bloße persönliche Zuneigung ist kein genügend sicherer Boden, an dem man sich bei der Wankelmütigkeit menschlicher Launen festklammern könnte. Wenn den Freunden kein Höheres übergeordnet ist, in dessen Namen sie sich freund sind, scheitert ihr Bund an der ersten unvorhergesehenen Klippe jählings. Guarino ist Träger des neuen humanistischen Ideals und 2ugleich Erzieher. Das Erzieheramt bietet ihm die Möglichkeit, dieses Ideal zu verbreiten. Sein ganzes Leben ist darauf gerichtet, den Humanismus in die Herzen seiner Zöglinge, die in die leitenden Stellen des Staates emporwachsen, zu verpflanzen. Auch dieser Brief dient solchem Bemühen. Er weiß wohl, wen er vor sich hat, einen Jüngling, seinen Freund und Schüler — das ist die persönliche Seite — aber es ist vorauszusehen, daß dieser Jüngling, Sproß einer edlen Familie aus der regierenden Schicht der mächtigen Inselstadt, nach seiner Herkunft ein Leben der Tat führen und mit den Jahren zum leitenden venezianischen Staatsmann heranwachsen wird. In dieser neuen Verbindung von Humanisten und Staatsmann hegt die eigentümliche und lang nachwirkende Bedeutung ihrer persönlichen Freundschaft. Die Tatsache, daß nicht nur Dichter und Gelehrte, in denen das neue Feuer zuerst zündet, von der sich ausbreitenden geistigen Bewegung ergriffen werden, sondern auch Männer der Tat, bedeutet für den Humanismus den Schritt auf eine neue Stufe der Wirksamkeit. Für Guarino mußte es von vorneherein entschieden sein, daß er aus dem jungen Francesco Barbaro keinen humanistischen Gelehrten und Lehrer bilden könne, sondern den humanistischen Staatsmann, den es bislang in der Welt noch nicht gab. Eine zweite große Aufgabe für Guarino war die Bildung des humanistischen Fürsten, die er an dem schon 23 jährigen Lionello d'Este vollzog. Während der florentinische Humanismus ausschließlich auf die gelehrten Studien eingestellt ist, sieht der oberitalienische von Anfang an seine Aufgabe in der Ausbreitung durch Unterricht. Neben Guarino, der in Venedig, Verona und Ferrara wirkt, ist es dort der große Erzieher Vittorino da Feltre, der die Fürstensöhne Gonzaga in Mantua bildete. Beide versammelten daneben eine große Anzahl von Schülern aus aller Herren Länder um sich. Der größte Stolz Guarinos war aber Francesco Barbaro. 24 I HERKUNFT UND JUGEND Schade, daß sein erster Brief an Guarino nicht erhalten ist. Wir erfahren nur von einem Gedicht Francescos, das der ältere als Unterpfand der Freundschaft bewahren will: «Froh empfange ich dein Gedicht, in dem du die Glut deiner Zuneigung zu mir zeigst, wie ich ja leicht von dir erlange, um was ich dich bitte; so soll deiner Brüderlichkeit würdiger Dank werden, der du durchaus nicht meine Bitten verachtest. Im übrigen folge ich deinem Mahnen und brüderlichen Rate: ich komme, den heimatlichen Herd und dich zu sehen. , wie uns vergönnt sein wird, eng umschlungen wechselweise < zu hören und zurückzuschenken die Worte > 33 . Häufiges Schluchzen wird die Worte unterbrechen und Zähren, tropfend mitten aus dem Borne der Liebe. Verstummen werden wir nicht, aber auch das Sprechen wird nicht möglich sein, so mächtig süße Lust steht uns bevor, wenn wir einander anschauen. Du aber bangst ob der Größe des Jubels vor Schlimmerem. Eines gibt es, weswegen du die Freude dämpfen solltest: froh und heil komme ich zurück, aber arm 34 . Nichts habe ich zu fürchten, weder Diebstahl noch Feuersbrunst. Ich werde also deine und der Deinigen Empfehlung brauchen, mit der ich meinen erschöpften Beutel wieder ausstopfen kann, auf daß ich und die Meinen eine Beihilfe zum Leben haben. Endlich bittest du mich inständig, daß ich dir meine (< hihi, haha> 35 , wie komisch!) Briefe bald in Versen, bald in Prosa verfaßt zudenke 36 , woran du dich höchlich ergötzen willst. Lachst du? Oh weh! jetzt lachst du über mich, oder dachst du etwa >, mein artiges Kerlchen 37 , nicht über mich, ja ulkst du sogar ? 38 Na gut, einverstanden, beim Herkules, denn vertrauteste Freundschaft zeigt es an, wenn Liebe die Kühnheit zu Scherzen gibt 39 .» Ein besonders günstiges Schicksal war dem jungen Francesco Barbaro beschieden, daß er in Freundschaft geborgen aufwachsen durfte und keinen Rückschlag erlebte, der ihn in sich zurückgescheucht hätte, wie es bei ähnlicher Artung dem jungen Erasmus von Rotterdam erging, der die Zartheit seiner Seele in sich verschließen mußte, weil der Ordensbruder, den er verehrte, sich ihm nicht öffnete 40 . Solche Abweisung in der Jugend trägt oft Schuld daran, daß der Mensch tückisch und brüchig wird, wie es Shakespeares Richard III. bekennt. Die Hinterhältigkeit des Erasmus hat vielleicht darin ihren tiefsten Grund. KAPITEL II 25 BILDUNGSMÄCHTE DREI BILDUNGSMÄCHTE SCHMIEDEN DEN CHARAKTER des Francesco Barbaro. Sie treten ihm in drei Freunden verkörpert entgegen und üben nachhaltigen Einfluß auf ihn aus. Zwei von ihnen prägen seine Jugend, der dritte tritt erst zu ihm beim Beginne seines Mannesalters. Als Vertreter des Humanismus Guarino Veronese, in geringerem Maße Gasparino Barzizza, dann Zacharias Trevisano, der venezianische Statthalter, der ihm die Standesüberüeferung venezianischer Lebens r und Staatspflege übermittelt, und schließlich der heiüge Bernhardin von Siena, der Francescos Frömmigkeit vertieft. Es hegt im Wesen der Zeit und des Menschen, den wir betrachten, daß wir weniger einen Lebenslauf als Lebensabschnitte bei ihm wahrnehmen können; deshalb zeigen wir ihn nicht als einen unmerklich von Tag zu Tag werdenden, sondern halten mit ihm an den Ausblicken seines Lebens, um das Erreichte zu überschauen; zuerst wurde er in seiner Lebensform bewirkt, und kaum ist das geschehen, so sehen wir ihn schon auf andere wirken. Über die juristische Studienzeit Barbaros wußte man lange Zeit nichts, erst neuerdings sind vereinzelte Nachrichten darüber aufgetaucht. Für die Laufbahn eines venezianischen Statthalters wurde eine juristische Vorbildung gefordert. Da dies aber das allezeit Übliche war, sind wir des näheren über diese Studien nicht unterrichtet. Erwähnung finden nur die neuen humanistischen Studien, denen er sich unterzog. In dem langen Guarino- brief aus Konstantinopel von Mitte Juni 1408 ist schon die bevorstehende Übersiedlung Francescos nach Padua angedeutet. Am 13. Juli hebt er, augenscheinlich um sich die Mittel dazu zu verschaffen, die schon erwähnte Restsumme des väterlichen Erbgutes ab. In den Promotionsakten 1 der Universität taucht Francesco am 9. Juni 1410 auf 2 ; er hat sich damals, zwei Jahre vor dem Rigorosum des Doktorexamens, den Grad des Magisters errungen. In diesem Verzeichnis über die Doktorprüfungen, die in Padua 26 II BILDUNGSMÄCHTE stattfanden, sind auch stets die Gäste erwähnt, die den Prüfungen beiwohnten. Im ganzen hat Francesco Barbaro, abgesehen von seinem eigenen Examen, an neun solcher mit Festlichkeiten verbundenen Promotionen teilgenommen, z. B. 1442 an der Feier des Examens des jüngeren Zacharias Trevisano 3 . Von seiner Studienzeit an bis in sein Alter kehrt er immer wieder zur Alma mater zurück, wenn einer der ihm Nahestehenden die Laurea dort erwirbt. Nicht unwesentlich besonders für die Studienzeit ist, daß außer den genauen Daten auch der jeweilige Grad angegeben ist, den Francesco zu dieser Frist innehatte, und da die Nachrichten aus jener Zeit sonst spärlich fließen, sind wir erfreut zu wissen, wer außer ihm sonst noch an diesen Promotionen zugegen war. Der Doktorand, seine Examinatoren und als Gäste einige geistliche Würdenträger, die nur hier erscheinen, mögen ungenannt bleiben, da sie im Leben Barbaros sonst nicht vorkommen. Nur der Schluß der Eintragung ist beachtenswert. Anwesend waren außerdem doctor dominus de Zabarellis, drei Magister aus venezianischen Nobilifamilien, ein Giustiniani, ein Contarini und magister Franciscus Barbaro «de Venetiis scolare». Hier also läßt sich feststellen, daß Francesco in Gesellschaft des berühmtesten Lehrers der damaligen Universität, des Kanonisten Francesco Zabarella, war, der später als Kardinal eine weltgeschichtliche Rolle gespielt hat. Zabarella war schon unter der Herrschaft der Carrara um die Wende des Jahrhunderts Professor des kanonischen Rechts in Padua gewesen. Als dann 1405 nach dem Sturz der Carrara Padua für die Dauer venezianisch wurde, sandte man unter Zabarellas Führung eine feierliche Gesandtschaft an den Senat, und es wurde Sitte, am Jahrestage der Einnahme der Stadt, dem 19. November, alljährlich eine Festprozession zu veranstalten, an der auch Francesco Barbaro während seiner Studienjahre satzungsgemäß teilnehmen mußte; die Statuten besagen, daß an diesem Tage in der Kathedrale eine Missa solemnis gesungen werden solle. Die daran anschließende Prozession ist aber so zusammengesetzt: an der Spitze der Bischof mit dem ganzen Domklerus, gefolgt vom venezianischen Podestä mit seinen Soldaten, ferner von den Doktoren und Scholaren der Universität, und hinterdrein die gesamte Bürgerschaft der Stadt. Der Weg durch die Straßen und über die Plätze Paduas, die die Prozession einzuschlagen hat, ist genau vorgesehen 4 . Nicht minder lebendig als der eine humanistische Lehrer Barbaros, Guarino, tritt uns im Briefwechsel jener frühen Jahre der andre Lehrer entgegen, dem er seine lateinische Ausbildung zu verdanken hatte: Gasparino Barzizza 5 . Auch er tritt freundschaftlich mit dem Hause Barbaro in Verbindung, wie schon kurz erwähnt wurde. Barzizzas Aufenthalt in der Ca Barbaro erstreckt sich auf einige Monate nach seiner Abreise aus Pavia, wo er zuvor gelehrt hatte. Er las mit den Brüdern Barbaro und vielleicht noch vor anderen Geladenen Martial 6 ; Francesco zählte damals 16 Jahre. Barzizza schrieb seinen ersten (bis heute noch ungedruckten) Brief an Francesco, als dieser seit einem halben Jahre begonnen hatte in STUDIUM IN PADUA 27 Padua zu studieren 7 . Barzizza beschreibt launig, wie er einen Brief von Francesco empfangen habe, als er frühmorgens oder vielmehr, wie er gesteht, spätmorgens noch im Bett lag, augenscheinlich in der gastlichen Ca Barbaro. In dieser bequemen Lage liest er ihn eifrig, und sein Behagen wächst, so daß er nicht weiß, wie oft er Francescos Brief immer wieder durchlesen soll. Als er sich später zur Antwort niedersetzt, nimmt er ihn wieder vor und wird auch in Zukunft ganz unzertrennlich von ihm sein, so gut gefällt er ihm. «So herzerfreuend, so süß, so lieb ist das Lesen und so hocherwünscht ist das Denken an dich. Drinnen [im Brief] ist die größte Feinheit des Sagens und völlige Urbanität, ein Ernst, der das Alter, eine Anmut, die die Jugend übertrifft 8 .» Es sind verwandte Laute in diesem frühen Brief Barzizzas und im ersten Guarinos. Man mag die ganze Briefsammlung Barbaros und seiner Freunde, fast 800 an Zahl, durchblättern, man wird nie mehr diesen eigentümlichen Klang vernehmen. Aus den vielen späteren Briefen ersehen wir zwar, wie Francesco Freund und Feind zu Begeisterung entfachte, aber in solcher Weise bezaubernd zu wirken, war das Vorrecht seiner Jugend. Er bringt die Charaktere, die er durch seine Freundschaft beglückt, erst zum Leuchten und Klingen. Guarinos Stimme schwang durch ihn bald im zärtlichen, bald im erhabnen Tone; auch Barzizza ist ganz Bewunderung, doch bringt e r seine Huldigung in weinfreudiger Stimmung dar, denn die studentische Empfindungswelt mit ihrer burschikosen Ausdrucksweise hegt ihm näher. Als Anlaß seiner Freude nennt Barzizza: «Darüber kann ich nicht anders als hochbeglückt sein, mein liebster Francesco, und zwar freue ich mich recht aufrichtig, daß der mit höchster Liebe an mir hängt, jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick besser und gelehrter wird.» Er sei im Irrtum, ruft der Lehrer überschwenglich aus, wenn er daran gedacht habe, ihn vollkommener zu machen, da er schon die Vollkommenheit selbst sei. Francesco habe doch oft genug von ihm hören können, wie er das Lügen hasse, ganz besonders aber gegenüber Freunden, die er so schätze wie ihn, ... also sei dies keine schmeichlerische Unwahrheit. Trotzdem läßt er es als Lehrer nicht an Ermahnungen gegenüber dem jungen Studenten fehlen. Da uns Barzizza die einzige Quelle ist, aus der wir nähere Nachrichten über die Art von Francescos Studien schöpfen können, sind uns 28 II BILDUNGSMÄCHTE diese, wie er sagt, schon häufig und feurig ausgesprochenen Mahnungen sehr willkommen. Es sind Richtlinien, die später bei dem eignen literarischen Auftreten für Barbaro verbindlich blieben. Der größte Wert wird damals auf das Rednerische gelegt: Barzizza legt Francesco vor allem die Pflege der Beredsamkeit und des Vortrags ans Herz, ferner soll, wie zu allen Zeiten an Universitäten betont wird, die Philosophie den Einzelwissenschaften vorangehen. Ich glaube jedoch richtig zu deuten, wenn ich bei propädeutischer Philosophie hier nicht an ein seit alters gepflegtes collegium logicum denke, sondern an den damals neuentdeckten Plutarch und dessen von den Humanisten bevorzugte Moralphilosophie; für die Beredsamkeit war ihnen Quintilian der Wegweiser. Nach der Einleitung kommt Barzizza zur eigentlichen Beantwortung von Francescos Brief. Dieser hatte ihm von einem schönen Abend, den er mit zwei Freunden, Pietro Donato und Niccolö Leonardi verbracht habe, erzählt, und Barzizza, der sonst glaubte, die Keckheit der jungen Leute etwas mäßigen zu müssen, bedauert, bei ihren scherzhaften und auch ernsten Gesprächen nicht dabeigewesen zu sein; doch tröstet er sich damit, daß die jungen Freunde seiner gedacht und viel von ihm gesprochen hätten, so wäre er wenigstens im Geiste bei ihnen gewesen. Dieses Bewußtsein pflege den abwesenden Freunden immer sehr wohlzutun; nun wage er aber, ihnen in einer höchst wichtigen Angelegenheit einen Befehl zu geben, auf daß sie nicht am müßigen Abend matt würden, «alles andere und auch die philosophischen Gespräche hintanzusetzen hinter diesen Schriften eures hochberedten---». Francesco mußte erwarten, daß nun Gasparino seinen Liebling aus dem Altertum Marcus Tullius Cicero nennen werde, aber statt Marcus steht Marceminus, eine beliebte Weinsorte aus den nahen euganeischen Bergen, wie wir noch hören werden, die die Freunde bis ins innerste Mark und von Grund aus kennenlernen sollen. «Ihr sollt daran nicht oberflächlich nippen, wie viele Nichtkenner tun, sondern ihn mit all eurem inneren Sinn und mit tiefem Einschlürfen genießen.» Drei sind also die Liebhngsdinge des trefflichen Lehrers Barzizza: Wein, Liebe zu seinen Studenten und die Weisheit eines Cicero. Ein andermal ist Francesco in Venedig zur Erholung nach einer Krankheit, und Barzizza schreibt ihm aus Padua 9 : «Niemals war es so schön auf dem Lande als in den Tagen, in denen du wegen deiner Unpäßlichkeit BARZIZZAS BRIEFE AN DEN STUDENTEN 2 9 von uns abwesend warst. Ich fuhr in diesen stürmischen Zeitläuften—man war gerade im Ungarkrieg begriffen und kämpfte im nahen Friaul gegen König Sigismund—fast ebenso ruhig wie eure Seeleute bei heiterem Himmel pflegen. Einen Teil des Weges legte ich zu Fuß zurück, und nirgendwo anders habe ich mehr erfahren, was ich meinen Füßen verdanke, als auf dieser meiner Wanderung. Jetzt will ich dir etwas sagen, was du vielleicht nicht glaubst: ich möchte nicht Bedenken tragen, jetzt mit dir wettzulaufen, — Barzizza war damals schon über 40 Jahre — obwohl du frisch bist und so viele Tage mit der Entschuldigung des Unwohlseins ausgeruht hast, so daß du deinen Gegner in diesem Wettstreite nicht bezwängest! Endlich kam ich zu den Bergen, die Bacchus liebt. Ich fand alles von den heiligen Trauben glühen: doch solche Schau sollte der Weise eher verlachen. Aber bald danach bot sich meinen Augen eine solche Verehrung jener Gottheit dar, daß ich mit vielen Tränen die Weihen begleitete, die jene Landleute, harte Gebirgsbewohner, begingen, und ich trug kein Bedenken, zu beteuern, daß niemand ein Weiser, ein Guter, ein Freund der Studenten bleiben könne, der nicht diesen Gott verehre. Dieser Ansicht bin ich also. Ich nahm aber eine kleine Gabe von den Heiligtümern jenes Gottes mit, will sagen ein einzig Fläschchen Wein, Marceminus nennen sie ihn auf dem Land, ebenso ein anderes von der Sorte, die selbige Leute Sclavus benennen ; dazu kamen noch etliche gemeine Landweine, zu denen ich die geringeren Freunde rufe; aber dich erwarte ich zu der ersten Sorte. Mach also, daß du schleunigst zu uns zurückkehrst, damit ich vor meiner Abreise — du weißt, daß mit vielem Schweiß und Mühen in Bälde das Lukasfest naht (18. Oktober) — mit dir diese Dinge genießen kann. Leb wohl.» Auch für Barzizza ist Francesco der junge, ja verwöhnte Freund. In seinem vergnügten Brief trifft der Humanist gerade den richtigen Ton für einen jungen Studenten. Er glaubt nicht recht daran, daß Francesco immer noch krank sei, und läßt es ihn in feiner Weise verstehen, daß er sich jetzt lange genug habe zu Hause ausruhen können.Diese leise Mahnung ist eingekleidet und versteckt unter der hübschen Fabel eines Ausfluges zum Winzerfest, woher er so schöne Dinge heimgebracht hat, daß nun Francesco schleunigst zu ihm kommen soll, damit sie zusammen schmausen können 10 und er anderntags wieder zu seiner Arbeit kommt. Letzteres schreibt der listige Humanist in seinem Briefe nicht, aber wir können 3° II BILDUNGSMÄCHTE vermuten, daß er sich dies noch dazugedacht hat. Barzizzas Briefe geben uns ein reizvolles Bild, wie die Humanisten mit ihren Schülern umgingen. Eine willkommene Bereicherung unserer Kenntnis von Francescos Magisterzeit in Padua: eine öffentliche Disputation unter Anleitung seines Lehrers Barzizza, die auf die Vortragsitten in damaliger Zeit ein neues Licht wirft 11 . Der Studiengefährte Francescos, mit dem er in den Universitätsakten mehrfach zusammen genannt wird, der Patrizier Nikolaus Con- tarini, hat vorher «de toto orationis officio» disputiert, darüber nämlich, was alles zu einer guten Rede gehört. Nach ihm tritt Barzizza vor die versammelten akademischen Hörer und knüpft mit einer Äußerung der Freude über die soeben gehörten programmatischen Worte seines Vorredners an: er sei der Meinung, daß die Fruchtbarkeit solcher Redeübungen mehr im guten Ausdruck (bene dicendo) als in einem genauen Disputieren bestehe. Mit diesen Worten zeigt sich uns Barzizza als der humanistische Neuerer, der, abgeneigt der scholastischen subtilen Systematik, zunächst die Form der Disputation ändert und durch die freie Ungebundenheit seines Plauderns belebt, während er den Inhalt unberührt läßt, wie ihn die Universität, der Hort der scholastischen Überlieferung, von alters her vorschreibt. Dieses Vorgehen ist gerade die Umkehrung der Art, die ein jüngerer Zeitgenosse, der bekannte Kardinal und Philosoph Nikolaus von Kues, pflegt. Dessen Schriften haben, was die Form anlangt, vollkommen noch das scholastisch-mystische Sprachgewand des Mittelalters und es ist nicht der geringste Schimmer humanistischer Eleganz darin, hingegen gleicht sich nach neuester Forschung der Inhalt schon ganz der Renaissancephilosophie an. Der Gegensatz, den Barzizza zwischen «bene dicere» und «disputare» zeigt, hat seinen Grund auch im veränderten Lehrbetrieb; das erste ist Gegenstand der Rhetorik, das zweite der Dialektik. Barzizza wie Guarino wichen vom Gebrauch der Dialektik ab, der indessen bei Giovanni di Conversino und Vittorino da Feltre bewahrt wird; die neuen Humanisten beschränkten das Trivium auf Grammatik und Rhetorik. Barzizza würde jedoch, wie er fortfährt, diese Neuerung in den Mauern, die soviel Disputationen alten Stils gehört hätten, nicht wagen, wenn es ihm nicht von Plato, Demosthenes und Cicero vorgemacht würde. Gasparinus Pergamensis, Barzizza, war in seinem Leben ein vielgeplagter Mann, ÖFFENTLICHE DISPUTATION IN PADUA 31 — über 10 Kinder seines früh verstorbenen Bruders fielen ihm zur Last, das drückt ihn trotz allen Humors bisweilen sehr — deshalb müsse er sich mehr, als ihm lieb wäre, von den neuen Studien und Redeübungen zurückhalten, weil er aus Mangel an besonderer Vorbereitung nichts Hervorragendes leisten könne. Der ausdrücklichen Einladung der Universität dürfe er sich aber nicht entziehen. Ferner habe er so nette und eifrige junge Studenten, und die ihm keine Ruhe üeßen, bis er nicht nein zu dem gesagt habe, was sie glühend wünschten. Freilich sei er nach wie vor der Meinung, daß seine gewohnte Lebensart nicht mit solchen Disputationen vereinbar sei, aber was tue man nicht alles diesen jungen Leuten zuliebe! Er habe sich noch sträuben wollen, da seien sie aber zuhauf angerückt, und der Francesco Barbaro, den er allen seinen Altersgenossen hauptsächlich wegen seiner Schlichtheit und wegen seiner Begabung vorziehe, ja er könne ihn sogar, was die Beredsamkeit anlange, den meisten älteren ruhig zur Seite stellen, der habe ganz bescheiden und dadurch wie immer für sich einnehmend gesagt: Warum solle man nicht nach der Sitte der Väter beide Arten verbinden ? Er habe doch von ihm oft gehört, daß die schönste Ausdrucksweise zuweilen die stärkste Kraft im Disput habe, wie das bei Cicero stehe, und auch Quintilian und Seneca hätten beides verbunden. Allen und ihm besonders werde er eine große Freude bereiten, wenn er eine ihrer Schulreden (declamationes sc. Quintiliani) zur Disputation heranzöge. Außerdem weiche das auch nicht vom Rechtsstudium ab, «da du im vergangenen Jahre die Disputation des Crassus bei deinem Cicero (de oratore) auslegtest, der behauptet, einer, der sich ohne Kenntnis des bürgerüchen Rechts für einen Redner auszugeben wage, sei nicht nur lächerlich, sondern auch unverschämt. Dadurch hast du die stärkste Verbindung und Verwandtschaft zwischen der Staatswissenschaft und der Rednergabe, die du täglich üben lassest, bewiesen. Außerdem hast du uns durch deine Rede überzeugt, daß beide (nämlich immer Rhetorik und Dialektik) nicht zulängüch behandelt werden können ohne die Grundlage der Philosophie». — Hier ist durch Francescos eigne Worte gekennzeichnet, wie sich seine Studienfächer: Philosophie, Jurisprudenz, Dialektik und Rhetorik, verteilten, und wohin die Neigungen des jungen Studenten gingen. Am häufigsten sind in dieser Rede die Zitate aus der 3 2 II BILDUNGSMÄCHTE ciceronianischen Schrift: De oratore, die Barzizza im Schuljahr 1411—12 mit seinen Schülern las. Nach diesen Worten habe — fährt Barzizza fort — Francesco ihn nicht nur ermahnt, sondern sogar gedrängt, und wenngleich er wisse, daß Francesco eine zu hohe Meinung von ihm hege, müßte er doch um der Freundschaft willen nachgeben. Zum Schluß redet Gasparino seinen Schüler unmittelbar an, er solle nun mit dem Disputieren anfangen, er, der Lehrer, bürge vor der Hörerschaft für ihn: «Tritt nun auf diese öffentliche Rednerbühne, und wenn ich bestimmt habe, worüber zu disputieren ist, dann erkläre uns in deiner, wie gewöhnlich sehr klugen Weise, was du vom einzelnen denkst.» Die Rede Francescos ist viel kürzer, da auch sie nur eine Einleitung zur bevorstehenden Disputation ist, die selber nicht aufgezeichnet wurde 12 . In der Rede Francescos kommt zuerst eine Bewerbung um die Gunst der Hörer (captatio benevolentiae), wie bei allen humanistischen Reden. Immerhin ist diese übliche Formel hier geistvoll ausgesponnen durch die Auseinandersetzung mit einem Zitat aus Gellius. Bei diesem findet der Philosoph Favorinus es häßlicher, spärlich und kühl gelobt als ausfällig und herb getadelt zu werden. Francesco ist aber nicht der Meinung des Favorinus, sondern für seine Person möchte er bescheidner sein; er nähme gerne für seine Disputation auch mit einem schwachen Lobe vorlieb, nur daß er nicht gerade getadelt werde. Die Hauptsache sei für ihn, daß er durch die Einrede der andern beim Disput noch etwas hinzulerne. Dann wählt er sich als Gegner im Wortstreit oder auch als Opponenten in der Disputation den Johannes ex Foro Julii, den Giovanni da Udine, «einen Mann, wie ihr wißt, in diesen Künsten ausnehmend bewandert», der soll ihm Antwort stehen. Drei Punkte sind Gegenstand der Disputation. Der erste ist, ob Handlungen, die aus Furcht geschehen, freiwillig sind, also eine Frage aus dem Bereiche der angewandten Moral. Diezweite knüpft an das, was schon vorher Barzizza berührt hat, ob die Rhetorik der Dialektik zu folgen hätte, eine Reihenfolge, die das ganze Mittelalter hindurch im Trivium befolgt worden war (nämlich Grammatik, Dialektik, Rhetorik), oder ob sie einer der Teile des Staatsrechts (civilis scientiae) sei. Der dritte Punkt der Disputation ist: ob es erlaubt sei, den Tyrannen zu töten. Diese drei Fragen zeigen deutlich die Übergangszeit, in der man sich damals befand, und das teilweise Eindringen humanistischer Fragestellung in das mittelalterliche DOKTORPRÜFUNG DES FRANCESCO BARBARO 33 Lehrgetriebe. Die dritte Frage nach der Beseitigung des Tyrannen ist seit alters eine der beliebtesten gewesen, und damals in Padua besonders zeitgemäß, denn es war noch nicht zehn Jahre her, daß die Republik Venedig die Stadttyrannen von Padua, die Carrara, hingerichtet hatte. Diese Disputation ist noch nicht die offizielle Doktordisputation, sondern eine freiwillige Redeübung während seiner Magisterzeit. Über sein Doktorexamen haben wir nur die amtliche Eintragung vom 5. Oktober 1412 13 . Seine Examinatoren waren Jacopo della Torre aus Forll, doctor artium et medicinae, und Giuliano aus Rovigo. In Padua bestand zu jener Zeit die Doktorprüfung aus drei Teilen. Zuerst kam ein examen privatum vel etiam rigorosum in Anwesenheit mehrerer Magister, die «promotores» genannt werden. War dieses glücklich überstanden, so konnte der Kandidat zum öffentlichen Examen zugelassen werden. Da dies wohl mit Repräsentationskosten verbunden war, begnügten sich ärmere mit dem privaten Examen. Die vornehmeren wie Francesco Barbaro unterzogen sich jedoch sogleich darauf oder am folgenden Tage der öffentlichen Prüfung, die sich zu einem Festakt der Universität ausgestaltete; die teilnehmenden Scholaren und Freunde des Kandidaten gehörten meistens dessen «natio» an. Als dritter, als Schlußakt folgte die «conventus» oder auch «publica doctoratus« oder «aula» benannte Verleihung der «laurea» und der Doktorabzeichen. Diese Festüchkeit, bei der alle Vorhergenannten zugegen waren, vollzog sich meistens in der Kathedrale oder wie im Falle Francescos im bischöflichen Palast 14 . Als Anwesende werden genannt der venezianische Capitano und der Podestä, auswärtige Gäste und sein Freund Pietro Donato. Seither wird er in den Akten als Doktor oder Lizentiat geführt, später als «miles», nachdem ihn der Kaiser in den Ritterstand erhoben hatte. In seinen reiferen Studienjahren ist Francesco Barbaro noch zweimal bei öffentlichen Gelegenheiten an der Universität Padua als Redner hervorgetreten, und zwar bei der Promotion eines aus Perugia gebürtigen Juristen, Alberto Guidaloto; das genaue Datum der ersteren läßt sich heute aus den Paduaner Promotionsakten feststellen, es ist der 27. September 1414 15 . Diese Lobrede auf den Juristen erhebt sich nicht über die gewöhnliche Redeübung bei solchem Anlaß. Vor allem wird die Bedeutung beiderlei Rechts für die Staatsverwaltung hervorgehoben. 34 II BILDUNGSMÄCHTE Eine klassische Erinnerung an die rechtskundigen Perserkönige belebt die sonst ziemlich schematische Ansprache. Die zweite Rede hielt Francesco zwei Jahre darauf bei dem am 26. August 1416 erfolgten Tode des Paduaner Arztes Giovanni Corradini, der dem hochangesehenen Podestä Zacharias Trevisano wie auch Francesco Barbaro in Freundschaft verbunden war; auf der Ambrosiana 15 ist ein Brief von Corradini an Francesco erhalten, worin er ihn dringend um Nachricht bittet. Da sich jetzt Francesco doch ausschließlich mit Griechisch beschäftige, so könne er ihm auch in dieser Sprache schreiben, wenn er Lust dazu habe. Das Leben dieses Mannes, für den Barbaro die Trauerrede halten sollte, bot nicht viel Ereignisreiches; seine ärztliche Tätigkeit wird kurz gestreift, sonst hören wir nur, daß er ein gebildeter Mann war. Zu beachten sind etwa seine Lieblingsschriftsteller, die auf die geistigen Interessen des Paduaner Kreises hindeuten. Francesco berichtet nach einem Wortspiel, daß er mit sich nicht einig werden könnte, ob Corradini durch Beredsamkeit gebildeter oder durch Bildung beredter geworden sei, der Arzt hätte am liebsten die Bücher über die guten Sitten gelesen, um dadurch selbst zu exemplarischem Leben ermutigt zu werden. Hier im Paduaner Freundeskreise wurde also auch Barbaros Vorliebe für vorbildliche Lebens- und Sittenbilder geweckt, denen sein literarisches Schaffen gelten sollte. Ins Jahr 1413, also noch in seine Studienzeit, fällt ein merkwürdiges Ereignis, an dem er gewiß regen Anteil genommen hat. Waren das ganze Mittelalter hindurch die Städte besonders nach Reliquien irgendwelcher christlicher Heiligen begierig, die mit ihren Mauern in Zusammenhang standen, so zeigte es den Wandel der Auffassung, daß man jetzt Wert darauflegte, die Vaterstadt eines berühmten antiken heidnischen Schriftstellers zu sein. Mantua war stolz auf seinen Vergil und Padua auf Livius. Auch hätte man gerne einen sichtbaren Gegenstand zu pietätvoller Pflege besitzen mögen, und schon Anno 1340 fand sich zur großen Freude der Paduaner der Grabstein des alten Historikers. Erst spätere kritische Zeiten haben entdeckt, daß es sich nur um den Grabstein eines Freigelassenen der Tochter des Livius handelte. Vor diesem Stein schrieb bald darauf Petrarca an Livius in die Unterwelt. 70 Jahre später, am 31. August 1413, grub man am nämlichen Platze bei dem Kloster der heiligen Justina eine Kloake und stieß dabei auf ein antikes Grab. So- AUFFINDUNG VON LIVIUS' GEBEINEN IN PADUA 35 gleich hieß es, man habe das Grab des Livius gefunden, und nicht nur die Vornehmen, auch die Handwerker ergriff die Begeisterung über die Auffindung der Überreste ihres berühmten Mitbürgers. Nur der Abt, in dessen Garten die Entdeckung gemacht worden war, bekam Angst, daß durch diese nichtchristlichen Gebeine das Volk zum Heidentum verleitet werden könnte. Er beschloß daher, das Ärgernis beiseite zu schaffen, und zerschlug den Schädel; doch bevor er die Knochen verbrennen konnte, wurde der Frevel den venezianischen Behörden gemeldet. Zacharias Trevisano, (oder Zaccaria Trevisan, wie er im venezianischen Volksmund heißt), nahm sich der Überbleibsel an. Für den Fall, daß der Abt sie nicht gutwillig herausgeben würde, hatte man den Vorsatz, sie des Nachts heimlich zu entwenden. Alle drängten sich herzu, ihr Scherflein zur Errichtung eines würdigen Mausoleums herzugeben, aber die Stadt hielt es für ihre Ehrenpflicht, die Kosten aus öffentlichen Mitteln zu bestreiten. In feierlichem Zuge wird der Sarg abgeholt. Als Vertreter der venezianischen Staatsgewalt schreiten der Bruder des regierenden Dogen Andrea Mo- cenigo und Zacharias Trevisano hinterher, sowie alle angesehenen Männer, die Gelehrten und Scholaren der Universität ebenso wie die Zünfte 16 . In diesem Festzug dürfen wir auch als jungen Doktor Francesco Barbaro suchen. Zur größeren Sicherheit nahm Trevisano nach Aufrichtung des Sarkophages in der großen Stadt- und Markthalle Paduas, dem Salone, die Gebeine in seine Amtsräume in Gewahrsam. In diesem Ereignis spiegeln sich deutlich die damaligen Zeitströmungen wider: auf der einen Seite die mönchische Enge, die gegen alles Heidnische mißtrauisch bleibt, und auf der anderen Seite die überschwengliche, aber einstweilen noch etwas leichtgläubige Begeisterung des auflebenden Humanismus. Guarino war inzwischen (1409) nach Italien zurückgekehrt und fand gastliche Aufnahme im Hause Barbaro. Wohl war Venedig die abendländische Eingangspforte aus dem Orient; es wurden dort zuerst die Bücherschätze, die aus dem späten griechischen Kaiserreich ankamen, ausgeladen, auch stiegen die byzantinischen Gelehrten, die die Italiener im Griechischen unterrichten wollten, in Venedig an Land; aber sie nahmen dort alle nur kurzen Aufenthalt, da sie eine bessere Wirkungsstätte in dem beweglicheren Florenz fanden. Nur langsam Heß sich Venedig, dessen Schwerpunkt im staatlichen Leben lag, von der neuen 36 II BILDUNGSMÄCHTE Bildung durchdringen. So folgte auch Guarino jetzt als erster Italiener, der des Griechischen ganz mächtig war, der Einladung des Florentiner Handschriftensammlers Niccoli, der das Vertrauen der Medici besaß, nach der Stadt am Arno, wo er bis 1414 am Studio im Griechischen unterrichtete. Der Briefwechsel mit Francesco scheint damals nicht lebhaft gewesen zu sein, da sich Guarino 1411 am Schlüsse eines Briefes an einen gemeinsamen Freund beklagt, daß ihm der geliebte Francesco nicht antwortet: «Barbarum humanissimum dulcissimis stringe com- plexibus, er ist der Sache, nicht den Worten nach mein Freund, da er auf drei meiner Briefe nicht ein einziges Wort geantwortet hat 17 .» Ein Streit mit dem unverträglichen, aber sehr einflußreichen Humanisten Niccoli, dem «literarischen Minister Cosimos 18 », schloß seine Florentiner Lehrtätigkeit ab. Francesco Barbaro holte Guarino Mitte des Jahres 1415 in Florenz ab 19 , und dieser legte in der berühmten Humanistenstadt viel Ehre mit seinem Schüler ein, denn Jugend und große Gelehrsamkeit machten ihn gleich anziehend, so daß er zum Liebling und Held des Florentiner Gelehrtenkreises wurde. Unter den neuen Freunden, mit denen ihn seit dieser ersten Reise ein reger Briefwechsel verband, waren die Mitglieder des damals erst zu seiner späteren Bedeutung emporstrebenden Hauses Medici, der Vater Giovanni dei Bicci dei Medici, der sich als maßvoller Politiker in seiner Vaterstadt hervortat, und seine Söhne Cosimo und Lorenzo (der ältere zubenannt zur Unterscheidung des nach ihm benannten Großneffen Lorenzo il magnifico), ferner der Camaldolensermönch und spätere Ordensgeneral Ambrogio Traversari, der einige Jahre älter als Francesco war. Mit ihm und Guarino war er zugleich so eng befreundet, daß dieser später einmal schreiben konnte, Traversari solle Briefe, die Barbaro an ihn gerichtet habe, zugleich auch als seine, Guarinos, betrachten 20 . Es traf sich, daß der verehrte Lehrer Guarinos, der große Manuel Chryso- loras, gerade von einer Gesandtschaftsreise an die westeuropäischen Höfe bis nach England, die er für seinen griechischen Kaiser unternahm, um die Hilfeleistung des Abendlandes gegen die für Konstantinopel bedrohlich näherrückenden Türken zu erbitten, aus Rom zurückkehrte. Er hatte dem Papst als Entgelt für kriegerische Hilfe die Einung der griechisch-orthodoxen mit der römisch-katholischen Kirche angeboten, 9> MANUEL CHRYSOLORAS UND GUARINO VERONESE 37 jedoch ein scharfer Beobachter wie der florentinische Humanist Leonardo Bruni äußerte sich, Chrysoloras sei mehr nullionis als unionis causa gekommen 21 , und in der Tat verstrichen noch 20 Jahre, bis es zum Unionskonzil von Ferrara kam. Bei seiner Rückkehr nach Konstantinopel traf Manuel Chrysoloras Guarino und Barbaro in Florenz und begleitete sie nach Venedig. Man reiste damals über Land durch den Apennin über Bologna bis nach Ferrara, stieg dort zu Schiff und fuhr den Po hinunter bis ins Adriatische Meer und weiter zur See nach Venedig. Als sie aufs Meer kamen, wurden die Reisegefährten seekrank, und sie wunderten sich darüber, denn auf dem Flusse war das Schiff in viel größerer Bewegung als auf dem ziemlich ruhigen Meer gewesen. Da erklärte ihnen Chrysoloras, dies rühre von der Verschiedenheit der Bewegung her 22 . Die Erinnerung an die Worte des berühmten Mannes werden wohl Francesco fest im Gedächtnis geblieben sein, denn es war die letzte Begegnung mit ihm; bald darauf starb Chrysoloras in Konstanz. Er sollte den Griechen auf dem dortigen Konzil als Dolmetscher behilf lieh sein. So hat Francesco Barbaro Chrysoloras wohl gekannt, vielleicht betrachtete er sich auch als seinen Schüler, wie ältere Nachrichten andeuten 22 , doch haben wir keine Gewißheit, ob er einmal auch unmittelbar seinen Unterricht genossen hat. In Venedig angekommen, wurde Guarino gastlich im Hause Barbaro aufgenommen und so lange beherbergt, bis er eine eigne Wohnung fand. Der Ehre, ihn im väterlichen Hause bewillkommnet zu haben, gedenkt Francesco in der drei Jahre später an den Bruder Zacharias gerichteten Widmung seiner Übersetzung der Aristidesbiographie Plut- archs, aus der wir sehen, wie Guarinos Lehren in dem jungen Venezianer gezündet haben. Nachdem sein Lehrer aus Florenz zurückgekehrt ist, beginnen für Francesco fünf glückliche und sein geistiges Gesicht prägende Jahre, in denen er bei Guarino Griechisch lernt. Zum ersten Male trägt er seinen Dank öffentlich in jener Vorrede ab. «Hierfür, glaube ich, wirst du unsrem allerbescheidensten und beredtesten Guarino Veronese, unserm gemeinsamen Lehrer, den größten Dank wissen. Da er unser Gast war, scheue ich mich nicht, auszusprechen, was ich denke: daß wir darein nicht minder unsern Ruhm setzen dürfen als wie Lucullus in Archias, Pompeius in Theophanes und Cornelius in Ennius 23 .» Von Anfang an ist es ja Humanistenbrauch, die großen Namen der Vorzeit mit denen der 3 8 II BILDUNGSMÄCHTE Zeitgenossen in Vergleich zu stellen. Im Stile Barbaros spielen sie nur anfangs, später jedoch keine Rolle mehr: Er hat inhaltlich stets so viel Gewichtiges zu sagen, daß er sich selten in der oft gerügten humanistischen Phrase und Manier verfängt. Guarino seinerseits versäumt keine Gelegenheit den Dank, der ihm gespendet wird, zu dem Vater dieser Studien, Manuel Chrysoloras, weiterzuleiten. Wie der Veroneser lehrte, berichtet die schöne Grabrede eines seiner letzten Schüler, Ludovicus Garbo 2 *. «So klar, so durchsichtig erklärte er die Natur der Worte, so sehr eröffnete er den innersten Sinn der Autoren, daß er den Knaben gleichsam schon Gekautes in den Mund zu stecken schien. Um den zarten Geist der Jüngeren einzuführen oder gleichsam einzutauchen, schrieb er einen kurzen Abriß der (griechischen Sprach)regeln (die Erotemata, ein Übungsbuch mit Frage und Antwort, die Manuel Chrysoloras verfaßt hatte und die Guarino dem Schüler Francesco Barbaro nach seiner Rückkehr zu einem handlichen Schulbuch umarbeitete 25 ). Für diejenigen, welche ein wenig in der Grammatik fortgeschritten waren, zog er das Beste aus Servius (Vergilkommentator) aus... auch erfand er die leichteste Briefübung .... Die Kunst der Rede brachte er so bei, daß er hierin nicht einmal dem Quintilian nachstand. Die Dichter aber, allmächtiger Gott, legte er mit solcher Anmut aus, daß keiner nach einer andern Geistesspeise lechzte. Noch jetzt scheint mir in den Ohren jene edle Stimme zu klingen, wenn sie uns Tullius vorlas, oder Maro oder Juvenal oder irgendeinen andern Redner, Dichter oder Historiker, einen Lateiner oder Griechen; denn so umfassend waren seine Kenntnisse der griechischen Literatur, daß man hätte glauben mögen, er sei mitten aus Athen gebürtig. So erfreute uns eine derartige Vorlesung, so nährte sie uns Hörer, so nahm sie unsere Ohren gefangen, daß er alle Herzen sänftigte durch Feinheit, durch seine Urbanität und seinen Witz und daß wir uns wie auf die Inseln der Seligen entrückt glaubten. So menschlich aber, gütig und geduldig antwortete er allen Fragern, daß man rasch merkte, wie leidenschaftlich er alles, was er selber wußte, in die Hörer zu gießen wünschte 26 .» Bald sollte Francesco Gelegenheit haben, sich seine humanistischen Sporen zu verdienen. Das erste Ereignis seines geistigen Lebens war ja eine Anfechtung seines humanistischen Bildungsganges gewesen. Ein paar Jahre später, Barbaro hatte die Plutarchbiographien übersetzt, auf die noch besonders einzugehen sein wird, wiederholt sich derselbe Vorgang; man tastet den Wert seiner griechischen Studien an, so daß er sich genötigt sieht, sie in einem langen Briefe zu verteidigen. Der Angriff kam diesmal nicht von geschäftstüchtigen, ungeistigen Handelsleuten, sondern von einem hohen venezianischen Beamten Lorenzo de'Monaci, der viele Jahre seines Lebens auf Candia als Großkanzler lebte. Obwohl er die meiste Zeit von Italien abwesend war und nur gelegentlich RÜGEBRIEF BARBAROS AN LORENZO DE'MONACI 39 zum Urlaub ein halbes Jahr in der Heimat weilte, verlor er doch nicht die Fühlung mit dem geistigen Leben zu Hause; er stand über Venedig hinaus in Beziehung zu dem berühmten Florentiner Humanisten Leonardo Bruni. Monaci beschäftigte sich mit der heimatüchen Geschichte; seine Chronik ist für die Frühzeit Venedigs eine der Hauptquellen 27 . Der kretische Kanzler hatte Francescos Bildungsgang mit Teilnahme verfolgt; er lobte die Anfänge seiner Studien und schenkte ihm eine Ilias- handschrift, die Francesco eifrig las und mit Interlinearversionen versah 28 . Als er jedoch hörte, daß sich dieser und andere venezianische Nobili aus der Schule Guarinos, wie Leonardo Giustiniani, einer eigentlichen Übersetzertätigkeit zuwandten, kamen ihm Bedenken, daß diese jungen Leute, die von Geburt zum Staatsdienst ausersehen waren, ihrem Berufe entfremdet würden und daß sie ihre Zeit mit solchen Arbeiten vergeudeten; er versuchte also, Francesco davon abzubringen und ihm die Freude am Übersetzen zu verleiden, indem er sich geringschätzig über das Schrifttum in griechischer Sprache äußerte. Er hatte damit geschlossen, Francesco solle Heber etwas Eigenes schreiben. Obwohl dieser bald genug einer solchen Forderung gerecht wurde, so hatte doch Lorenzo de'Monaci bei ihm und bei seinen humanistischen Freunden in ein Wespennest gestochen und ihr Teuerstes, die Griechen, angegriffen. Das durfte nicht unwidersprochen bleiben, und so erhebt sich der junge Bar- baro als Kämpe gegen den Widersacher der neuen Studien, die er von Guarino als sacrum dogma tiefernst zu nehmen gelernt hatte. Es ist die einzige Streitschrift seines Lebens geblieben,und sie unterscheidet sich vorteilhaft von dem üblichen humanistischen Gezänk, meist voll persönlicher Verunglimpfung der unflätigsten Art, die beizulegen und aus der Welt zu schaffen geradeBarbaro als seine vornehmste Aufgabe betrachtete. Freilich zahm ist Francescos Rüge nicht, sie zeugt trotz ihrer fein berechnenden Verhaltenheit von j ugendlich kecker Angriffslust. Zunächst macht er seine Verbeugung, die er dem höherstehenden älteren Standesgenossen schuldet, und bedankt sich für das unverdiente Lob, das ihm Lorenzo anfangs spende: «Obwohl ich im Vertrauen auf meine eigene Natur und durch die Unterweisung der gelehrtesten Männer bestärkt, über leerem Lobe und dem gewöhnlichen Gerede stehe, so fühle ich mich doch jedesmal durch dein Reden, dein Rühmen geschmückt und gepriesen 29 . »Wenn man so den 4° II BILDUNGSMÄCHTE Anfang liest, meint man, wie wahrscheinlich der Empfänger auch, daß es ehrlich gemeint ist, kennt man aber den Schluß, so ist man versucht, auch dies schon ironisch 2u nehmen. Zuerst will Francesco den unerwarteten Wechsel von Lob und Tadel im Brief Lorenzos nicht ernst nehmen, denkt an einen Scherz, eine rhetorische Spielerei in der Art, wie der antike Sophist Polycrates wohl den Ruhm des Sokrates schmälte und Stattseiner das Scheusal Busiris mit Lob überschüttete. «Was ich sonst vermutungsweise für einen Schluß ziehen soll, weiß ich nicht, besonders da du von dem hochgepriesenen griechischen Schrifttum, das ich mir anzueignen sehr Mühe gebe, wie es scheint, so sprichst, als ob du wolltest, man solle daran kein Studium und keine Arbeit wenden. Du freilich hättest, wie du schreibst, dort in Kreta schon längst Griechisch gelernt, wenn du es der Mühe wert gehalten hättest, deine Zeit damit zu verlieren.» Der ganze Brief Francescos ist, wenn er auch Längen hat, von leidenschaftlicher Sprache erfüllt; man hört diesen Ton eindringlicher Überzeugungskraft aus allen Äußerungen Francesco Barbaros heraus. Es folgt ein humanistisches Glaubensbekenntnis zu den Griechen. Sein Ziel ist die Durchtränkung des ganzen Lebens mit griechischer Bildung. «Ohne sie, werden wir, wollen wir nicht töricht sein, vermeinen, nicht nur über die besten und wissenswertesten Dinge nicht gut reden zu können, sondern werden auch zugestehen müssen, daß wir immer nur stammeln.» Dann überschüttet uns Francesco mit der Aufzählung der Namen von 13 berühmten Griechen hintereinander, denen das lateinische Schrifttum nichts Ebenbürtiges an die Seite zu stellen hat. Er weiß die überquellende Fülle seines neuerworbenen Wissens kaum zu bändigen und wird nur dadurch ihrer Herr, daß er sich manchmal ermahnt, er müsse befürchten, daß ihn der Leser zu weitschweifig fände, oder er schaltet in den stürmischen Fluß seiner Beredsamkeit einen Satz ein, wie: «Warum so viel? Die Sache spricht für sich selbst und fordert keine längere Rede.» Der Wert der Übersetzertätigkeit wird durch Vorgang und Beispiel der berühmtesten Lateiner, des Cicero und des heiligen Hieronymus, bestätigt. Sogar die sagenhafte Schar der Septuaginta muß herhalten. «Glaube mir, teuerster Lorenzo, wenn diese Sache, die scheinbar von dir getadelt, von mir gepriesen wird, nicht großen Lobes sicher wäre (denn vernachlässigt sehen wir, was von allen mißbilligt wird), so hätten jene vortrefflichen VERTEIDIGUNG DER GRIECHISCHEN STUDIEN 41 siebzig Männer für das Werk der Übersetzung der Heiligen Schrift nicht solche Sorgfalt, so große Mühe, so viel stilles Nachdenken und den Frieden des Gemütes aufgebracht. Warum ? Etwa weil sie so große Arbeit, soviel Überlegung, so häufige Nachtwachen diesen Dingen gewidmet hätten und durch sie zur Hoffnung geführt worden wären, wenn nicht das aller- strahlendste, so doch ein strahlendes Gedächtnis ihres Namens der Nachwelt zurückzulassen ? Ja, ja, so verhält sich's. Wer denn würde aus Unkenntnis der Welt nicht begreifen, daß die meisten Menschen derartige Nachtwachen für unzuträglich halten würden, wenn dieses Studieren bei Nacht ihnen nicht hohes Lob, angenehme Studien und höchste Förderung ihrem Ruf einbrächte ?» Wir sehen, daß der Samen, den Guarino in das Gemüt des Jünglings gelegt hatte, als er ihm vom Ruhme schrieb, den das Studium der göttlichen Tugend eintrüge, auf fruchtbaren Boden gefallen und aufgegangen ist, denn in den letzten Worten spricht Francesco unzweifelhaft von sich selber und seinem Ehrgeiz, für die Nachwelt wenigstens ein berühmter Mann zu werden, da ihm die Selbstbescheidung sagt, daß er zu den allergrößten doch nicht gehören werde. Daß er seine Gesinnung just den heiligen Verfassern der LXX unterlegt, die ihm gerade in die Quere kommen, entbehrt nicht des Reizes jugendlicher Unbekümmertheit. Aber abgesehen von dem Ruhm, den sich der Übersetzer als Vermittler des hervorragendsten Wissens der alten Griechen erwirbt, betonen die Humanisten, deren Wortführer hier Barbaro ist, die sittliche Wirkung auf Hörer und Leser, die dadurch «ornatiores, eruditiores, sanctiores» werden. Das sind Gedankengänge, die aus Quintilian herrühren, der hier als Zeuge beigebracht wird. Nachdem Francesco die Übersetzungskunst im Altertum so gepriesen hat, lobt er ihre Pflege bei den Zeitgenossen und nennt besonders Guarino und Leonardo Bruni 30 , «um sie zu ehren». Auch wer, wie er selber, des Griechischen mächtig ist, hat ihren Übersetzungen sehr viel zu danken, um die Texte richtig zu verstehen. Lorenzo de'Monaci arbeitete, wie erwähnt, an einer Chronik über die Frühzeit Venedigs, und bat Francesco, für ihn zu Hause Stoff zu sammeln, der ihm auf seinem überseeischen Posten nicht zugänglich war. Der Jüngere hatte ihm gerne diesen Dienst erwiesen, aber nach dem letzten tadelnden Brief glaubte er davon absehen zu sollen, da er ihm wohl damit keine Freude mehr machen würde 31 . 42 II BILDUNGSMÄCHTE Francesco hält seinen Trumpf, der auf seinen Gegner den größten Eindruck machen muß, noch zurück, um ihn jetzt auszuspielen. Wenn ein venezianischer Patrizier mit einem andern Patrizier stritt, so konnte es weniger Eindruck machen, wenn als Zeugen gelehrte Humanisten wie Guarino und Bruni beigebracht wurden, als wenn ein angesehner Standesgenosse für Francesco Partei nahm. Dieser Helfer war der damals bereits verstorbene Podestä von Padua, Zaccaria Trevisan 32 , der eine wichtige Rolle in der Erziehung Francesco Barbaros gespielt hat. Wir können ihn in der Verbindung von staatsmännischen und humanistischen Neigungen als einen Vorläufer Francesco Barbaros bezeichnen, und seine kurze glänzende Laufbahn war für den Jüngeren in jeder Beziehung das Vorbild. DieTrevisan, von denen wir zwei Zacharias,Vater und Sohn, inVerbindung mit Barbaro sehen, sind junger Adel. Zacharias der Ältere war 13 70 noch als Popolano (plebanus) geboren worden. Im schweren Chioggiakrieg, den Venedig um seinen Bestand mit Genua siegreich ausfocht, zeichneten sich Mitglieder dieser Familie besonders aus und erzwangen dadurch mit andern Gleichverdienten ihre Aufnahme in die Nobilität. Dieses ereignete sich 1381, als Zacharias erst elf Jahre alt war, und eröffnete ihm die Staatslaufbahn. Wie alle Venezianer studierte er in Padua, das damals noch unter der Herrschaft der Carrara stand. Nach bestandenen Prüfungen lehrte er kurze Zeit an derselben Hochschule. Später wurde er ein vorzüglicher Beamter und machte sich über die venezianischen Grenzen hinaus als Statthalter berühmt, so daß ihn die Florentiner 1398 zu ihrem Podestä wählten; zu dem Amt der Stadtkommandantur wurden bekanndich dort und in den meisten andern italienischen Städten nicht Einheimische, sondern unparteiische Fremde zugezogen; nur Venedig, das seiner Bürger immer ganz sicher war, brauchte solche Vorsicht nicht; es hatte schon vor hundert Jahren durch Gesetz die Annahme ausländischer Ämter durch Venezianer von der Erlaubnis der heimischen Regierung abhängig gemacht. Nur für die Dogensöhne galt von jeher diese Erlaubnis nicht 33 . Nachdem aber im Anfang des xv. Jahrhunderts die große Gebietserweiterung Venedigs auf dem italienischen Festland, der sogenannten Terra ferma, gekommen war, brauchten sie ihre Leute selber, und wir hören aus der Generation Francesco Barbaros nicht mehr von Venezianern in fremden Diensten, wie zur Zeit des Zacharias Trevisano. Dieser kam in Florenz mit dem altern Humanistenkreis um den dortigen Staatskanzler Coluccio Salutati zusammen, mit dem er noch später, als er Florenz verlassen hatte, in Briefwechsel steht. Als großer Redner erfüllte er bereits das Ideal der Humanisten. Flavius Blondus, der Gelehrte, der Barbaro sehr nahe stand, schreibt in seiner italia illustrata 34 : «Die Stadt Venedig besaß bis zu dieser Zeit immer nur Männer, die durch ihren Ruhm in Seegefechten und in Kauffahrtei bekannt wurden; aber bis zu den Zeiten der Väter war es noch von keinem Manne der Wissenschaften geziert, außer dem Dogen Andrea Dandolo, von dessen Gelehr- ZACHARIAS TREVISANO DER ÄLTERE 43 samkeit wir durch das Zeugnis Franc. Petrarcas hören.» Der erste, der von Blondus dann genannt wird und der noch ins xv. Jahrhundert hineinragt, ist der Retter Venedigs im Chioggiakriege, der große Admiral und Seeheld Carlo Zeno, der seine letzten Zurückgezogenen Jahre ganz den gelehrten Studien widmete. «Bald darauf, so fährt Blondus fort, kam «Zacharias Tarvisanus, vir doctrina consilioque cele- berrimus>. Seine noch erhaltene Rede vor Papst Gregor über die Einigung der Kirche zeigt ihn als einen sehr beredten Mann.» Es sind die Zeiten des römischen Schismas, und Trevisan scheint sich in der Befriedung der aufsässigen Stadt Rom Verdienste erworben zu haben, denn Guarino rühmt in seiner zu Verona gehaltenen Lobrede, wie sie üblicherweise beim jährlichen Wechsel dem scheidenden und dem neukommenden Podestä in den venezianischen Städten gehalten wurde 35 : «Wie viele andre Städte, so zeugt für dich besonders Rom, einst die Herrin der Welt, das du durch höchste Weisheit, durch Rat, Wachsamkeit und Tapferkeit aus schlimmstem Schrecken und drohender Gefahr gerettet hast.» Das war im Anno Santo 1400, als die Römer den nach Assisi geflüchteten Papst Bonifaz ix. baten, zum Jubiläum zurückzukehren. Der Papst, der im Grunde gerne gekommen wäre, gab sich den Anschein, dies nicht zu wollen, und beklagte sich über die Unbotmäßigkeit der Römer, die keine auswärtigen Patrizier als Senatoren dulden wollten. Um ihren Herrn gefügig zu machen, gaben die Römer nach, und der schon ein Jahr zuvor vom Papst zum Senator ernannte Zaccaria Trevisan kommt zusammen mit einem Malatesta als Statthalter nach Rom. Von seiner dort entfalteten und glänzend bewährten Rednergabe erfahren wir durch einen Brief Leonardo Brunis an den venezianischen Nobile und späteren Bischof von Vicenza Pier Miani 36 : «Schon lange hörte die römische Kurie nichts mehr so Beredtes wie die Stimme deines oder vielmehr unseres ganz vorzüglichen Zacharias... als er in öffentlicher Sitzung vom Papst im Beisein der hochehrwürdigen Patres cardinales und im Kreise einer großen Menge Volks und Geistlicher angehört wurde, sprach er so, daß aus seinen Worten die Kraft des tapfersten, die Klugheit des gelehrtesten Mannes, und das feine Benehmen des gewandtesten Redners hervorleuchtete. Ich wollte, du hättest es gesehen, mit welcher Aufmerksamkeit man zuhörte, — keinen Atemzug vernahm man in der großen Versammlung — wie er durch die Majestät seiner Rede, den überfließenden Reichtum seiner Gedanken, die Fülle an treffenden Worten in staunenerregender Weise die Gemüter besänftigte.» Das war der Ruhm der venezianischen Oratores jahrhundertelang. Erfolg war zwar dieser Rede, von der hier Bruni und vorher Biondo sprachen, nicht beschieden, denn Papst Gregor xn., vor dem sie am 31. Dez. 1407 gehalten wurde, war zu schwach, um energisch dem Schisma ein Ende zu bereiten 3 '. Über den Mißerfolg wurde aber Zacharias Trevisano von einem andern Humanisten, dem uns bekannten Lehrer Barbaros, Barzizza, getröstet, dessen Brief zeigt, wie stark damals schon die Freude an vollendeter Rhetorik 38 war: «Ich sah und las einmal, wiederholt und öfter die beiden Reden, die du gehalten hast, die eine an den römischen Papst, die andere an den Herrn von Avignon (Pedro de Luna, den Gegenpapst). Sie werden Zeuge bleiben für deine lateinische Beredsamkeit. Die Menschen werden daran den wankellosen 44 II BILDUNGSMÄCHTE Willen, die fromme Treue zu der schönsten Stadt Rom und zu deinem Vaterland schätzen, sowie deine Ratschläge zur Eintracht und Einigung der heiligen Mutter Kirche... Wenn auch diese Reden keinen Erfolg gehabt haben, so hast du doch damit die höchste Fähigkeit des Sagens erreicht. Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß man das Höchste und Beste im vollkommenen Redner ganz nach der Kunst und dem Zeitpunkt beurteilen muß und nicht nach (Erfolg »bei den Hörern 39 . »Wir sehen hieraus,daß Zacharias Trevisano nicht nur in der praktischen Politik Bedeutung hatte, sondern auch dem Theoretiker seiner Zeit als Musterbeispiel des Redners diente. Um den Humanisten in seinen Reden als Vorbild zu gelten, mußte Trevisan auch ein sehr gebildeter und gelehrter Mann sein, weiß doch Bruni von ihm zu rühmen 40 : «Ich war sehr häufig mit Zacharias zusammen, und alle Muße, die er sich nach seinen Geschäften als Orator gönnte, haben wir auf eine rege Beschäftigung mit den Büchern und den Studien gewandt.» Die weitere Beamtenlaufbahn Trevisans in venezianischen Diensten verlief glänzend, abwechselnd auf wichtigen Posten in der Levante und der Terra ferma. Meistens vertraute man ihm die erste Einrichtung der Verwaltung an neuerworbenen Plätzen an. So wird er, als 1409 König Ladislaus von Ungarn und Neapel die dalmatinische Stadt Zara an die Venezianer verkauft — dies wird zum Anlaß zu dem langen Ungarkrieg mit König Sigismund — als erster Graf dorthin geschickt. Dann ergreift er auch für die venezianische Republik Besitz von der Herzegowina, die ebenfalls durch Kauf erworben wurde. Von seiner wie üblich einjährigen Tätigkeit als Statthalter in Verona wissen wir Näheres, besonders über seine Rechtspflege durch die schon erwähnte Abschiedsrede Guarinos 41 , der gerade von Konstantinopel zurückgekehrt war. Dieser rühmt ihm als fast göttlich nach, daß er in seinem Richteramt nicht nur die Prozesse entschieden habe, sondern bemüht gewesen sei, auch die Streitigkeiten, die dazu führten, aus der Welt zu schaffen: ein guter Richter, der milde bestraft und gerne belohnt. «Was soll ich von deiner Zugänglichkeit sagen, womit du deine Türen offen hieltest und auch den Privatleuten ein geneigtes Ohr liehest, so daß du, der du durch Amt und Würde als Erster hervorragtest, ihresgleichen mit den Geringsten zu sein schienst ? Ein jeder sprach bei dir vor, sooft und solange er nur wollte.» Zwischendurch wurde Trevisan aber auch im Heere verwendet. Die venezianische Nobilität hatte die Gewohnheit, nur im Seekrieg die Admirale und Seeoffiziere aus ihren Reihen zu stellen.Den Landkrieg überließ sie Söldnerführern, den sogenannten Kondottieren, und ihren angeworbenen Scharen, zu deren Beaufsichtigung sie zwei Provveditoren ins Lager abordnete. In dieser Stellung hat Zacharias Trevisan den Feldzug gegen die letzten Skaligeri, die von Venedig entthronten Herren von Verona, und die vom selben Schicksal betroffenen Carrara von Padua mitgemacht. Nach der Eroberung von Padua im Jahre 1405 wird er dort zum ersten venezianischen Podestä bestellt. Über die Schwierigkeit eines solchen Amtes äußert sich der beste Kenner der Geschichte seines Staates, der gelehrte Doge Marco Foscarini im xvin. Jahrhundert, dem wir das Werk: deixa letteratura veneziana verdanken, wie folgt: «Durch die neuerliche Erwerbung der Terra ferma war die Regierung über die hinzugekommene Bevölkerung äußerst schwierig; deshalb bestimmten dazu die alten Väter immer Senatoren von erstem Ruf, die nicht BARBAROS NACHRUF FÜR ZACHARIAS TR EVI SAN O 45 weniger durch Weisheit als durch Unbescholtenheit und ernste Würde ihres Auftretens den Untertanenstädten ein vollkommenes Muster der Republik vor Augen stellten und sie noch einmal so sehr in der Hingabe an sie bestärkten. Sie erwählten gewöhnlich zu solchen Statthalterposten Männer, die zuvor schon in andern senatorischen Ämtern oder auf Gesandtschaften eine Probe ihrer einzigartigen Tüchtigkeit abgelegt hatten 42 .» Als solch berühmter Mann, den er sich in allem und jedem zum Vorbild nehmen konnte, trat in Padua dem jungen Francesco Barbaro Zacharias Trevisano gegenüber. Der ältere schon in den Vierzigern Stehende nahm sich des jüngeren Standesgenossen sehr an. Sein frühzeitiger schon im Jahre 1413 erfolgter Tod ist einer der Schicksalsschläge, die Francesco in seiner Jugend tief treffen. Er hat deshalb noch im Alter fast an erste Stelle in seine Briefsammlung drei Schreiben aufgenommen, die ihn nur mittelbar anzugehen scheinen, aber alle von dem Tode seines Freundes, zu dem er emporsah, handeln. Zwei von diesen Briefen sind im Auftrage von Verwandten des Verstorbenen an die beiden dem Zacharias Trevisano nahestehenden Kardinäle de Challant und Zabarella 43 gerichtet, welche sich damals in päpstlichem Auftrage in Mantua aufhielten. Zabarella antwortete dem Bischof von Padua in warmer Weise, und aus Pietät hat Francesco auch diesen nicht an ihn persönlich gerichteten Brief in die eigne Sammlung aufgenommen. Das fast Rührende dieser Briefe liegt darin, wie Francesco die eigne Ergriffenheit hinter der Trauer der Verwandten des Trevisano verbirgt; er will bei dieser Gelegenheit dem toten Freunde den letzten Liebesdienst erweisen: in beschwingter Prosa gleich einem Gedicht erklingt die Totenklage in edelstem Latein. Dies ist nun der Mann, den Francesco in seinem Briefe an Lorenzo de'Monaci als Zeugen für die Nützlichkeit der griechischen Studien beibringt. «Deshalb, fährt Francesco fort, werde ich nicht noch Weiteres sagen, wenn ich das Zeugnis des besten und berühmtesten Mannes, meines Freundes Zacharias Trevisanus, kurz dargelegt habe. Er, von Natur an Würde, an Klugheit, Weisheit und Ruhm der Vorzüglichste, war dieser Art Wissenschaft ganz besonders ergeben und bekannte, jenen Männern bewährtesterTüchtigkeit (denÜbersetzern) viel schuldig zu sein.» Durch ihren Scharfsinn, ihre fruchtbarste Arbeit geschehe es, sei es schon vollbracht, daßWissenschaft, Leben, Sitten und Gebräuche derer uns nicht mehr dunkel seien, dank deren Scharfsinn und Tüchtigkeit griechische 4 6 II BILDUNGSMÄCHTE Würde und römische Majestät weit über die anderen Völker hervorragen. «Da er solchen Vorsatz schon als Knabe gefaßt hatte, fiel es ihm zu, daß ihm als Jüngling unsere Republik die Obhut und Statthalterschaft der ganzen Insel Kreta anvertraute.» (Trevisano war 1403 mit dem Titel eines Cavaliere zum Capitano del regno di Candia gewählt [ballotato] worden.) «In diesem Amte zeigte er lateinische Klugheit und griechische Liebenswürdigkeit. Er hatte die Absicht, auch griechische Bildung und Lehre von denen, die dort waren, sich anzueignen. Das hätte er, wie ihm sein Sinn stand, leicht erreicht, wenn nicht, ich weiß nicht durch welche Bestimmung des Schicksals, ihm Zeit und Lehrer gemangelt hätten; aber man sollte es ihm nicht als Fehler anrechnen, pflegte er zu sagen, sooft ihm von Ungebildeten seine edle Begierde zerpflückt wurde, wenn er diese Wissenschaft als ein gleichsam schon Wissender nach Ablauf seiner Amtszeit in Padua (sein letztes Amt als Capitano von Padua trat Trevisano 1413 an) an sich risse. Er schied aber daraus sterbend im Alter von 43 Jahren 44 ...» Man sieht hier deutlich, wie von Trevisano zu Barbaro der humanistische Gedanke von einer Generation zur andern wächst. Daher die stolze Freude Francescos, daß er schon in der Jugend erreicht, was sein hochstehender Führer vergebens im Alter für sich erhoffte. Noch einmal im Schlußwort kommt die vorsichtige Verstecktheit des Jüngeren gegenüber dem älteren Manne in Amt und Würden zum Ausdruck. Er findet, es sei jetzt genug, er käme zu sehr ins Dozieren und wolle ihm doch nur folgendes zu bedenken geben: «Ich fürchte nicht, daß ich mir mehr angemaßt habe, als ich durfte, wenn ich mit dir nicht einerlei Meinung bin; freilich, wenn du im Ernst geschrieben hast, so weichst du von all den höchst bedeutenden und löblichen Männern ab.» Francesco ist seines Sieges so sicher, daß er seinem Widerpart goldne Brücken des Rückzuges baut und ihm die Umkehr leicht macht. Lorenzo meine es gar nicht so, wie er geschrieben habe, sondern wolle ihm, dem Jüngeren, Gelegenheit geben, seine Kunst zu zeigen. Mit Geschick führt er diese Annahme bis zu Ende durch, doch ist hinter seinen Worten eine unverkennbare Ironie verborgen. «Mit dem Entschluß, deinem Wunsche zu entsprechen, habe ich erheblich mehr, als ich tragen kann, auf mich genommen, damit auf diese Weise besonders ersichtüch werde, daß ich mich lieber von der Wucht der Aufgabe LEONARDO BRUNI ÜBER BARBAROS INVEKTIVE 47 überwältigen lasse, als daß ich von mir abschüttelte oder mich zu tragen weigerte, was du einmal wenn auch schweigend meiner Begabung und meiner Treue aufgebürdet hast. Leb wohl!» So macht man einen Gegner mundtot, damit er selbst nicht mehr weiß, was er will. Der Empfänger dieses ausführlichen Schreibens, Lorenzo de'Monaci, wird in Verlegenheit gewesen sein festzustellen, wo der kluge Francesco nun aufrichtig ist und wo er ihn nur zum besten hält, da dies schalkhafterweise ganz durcheinander geht. Lorenzo scheint jedenfalls mit seinen väterlichen Ratschlägen zurückhaltender geworden zu sein, weil wir gar nichts mehr darüber hören. Mit Jubel und Freude wurde hingegen der Brief von den Freunden Francescos im humanistischen Lager aufgenommen, denn er war ein Zeichen, daß die neue Lehre in dem Jüngling gezündet hatte. Die stolze Hoffnung, die man auf ihn setzte, hatte ihre erste Bewährung gefunden. Bald sollte ihr eine zweite, noch größere folgen, die den jungen Francesco über Nacht zu einem berühmten Manne machte. Besonderen Anteil nahm Leonardo Bruni, der im April 1418 aus Florenz an Guarino schreibt: «Heute las ich den Brief unseres Barbaro, des vortrefflichen und beredten, den er dem kretischen Kanzler Lorenzo würdevoll zugleich und prächtig unter dem Namen einer Verteidigungsrede geschrieben hat. Obwohl ich mich überaus daran ergötzt habe, denn nichts ist von ihm übergangen worden, so daß ich glauben sollte, der Verleumdung jenes Mannes sei überreichlich heimgezahlt, so wünsche ich doch, nach meinen Kräften unserm Zensor und Verbesserer auch zu antworten, weil die Anschuldigung eine allgemeine ist und ebenso mich berührt, der ich seit ehedem als Freund desselben Lorenzo bekannt bin 45 ...»Schon vor zehn Jahren hatte Bruni, der später eine Abhandlung über die richtige Art des Übersetzens «DE INTERPRET ATIONE RECTA» verfaßte, in der Vorrede einer dem alten Coluccio Salutati gewidmeten Plutarchübersetzung, der Vita des Triumvirn Marc Anton, beklagt 48 , daß die Taten der römischen Vorfahren, «durch die der Name Italiens im ganzen Erdkreis hochberühmt geworden wäre», vollständig in Vergessenheit gerieten, so daß man nicht einmal mehr ihre Namen kenne. 4 8 KAPITEL III HUMANISTISCHE ARBEITEN BARBAROS: PLUTARCHÜBERSETZUNGEN WELCHE ROLLE SPIELT DIE ANTIKE IN DEM LEBEN DES Francesco Barbaro, welche Gedanken und welche Männer des Altertums hinterließen in ihm den stärksten Eindruck? Diese Frage läßt sich für ihn allein nicht beantworten, sondern sie ist eingebettet in die umfassendere und seit einem halben Jahrhundert vielumstrittene nach der Bedeutung der Antike für die Renaissance 1 . Ist sie überhaupt allgemein zu beantworten ? Oder zerfällt bei näherem Zusehen die Einheit, die als Renaissance bezeichnet wird, in mehrere Abschnitte, während derer jeweils verschiedenen Kräften des Altertums gehuldigt wurde ? Halten wir nur drei Stadien jener Zeitspanne nebeneinander: Den Dichter Petrarca hob der Unmut über seine eigne Zeit zum Gefühl unmittelbarer Nähe zu den großen Alten; er schrieb ihnen Briefe ins Jenseits. In späterer Zeit schlug der Philosoph Marsilio Ficino im Gefolge des Altertums ganz andere Bahnen ein und ließ sich von Piaton und Plotin zu spekulativer Mystik führen. Bei dem humanistischen Staatsmann Barbaro ist weder von Mystik und Philosophie im engern Sinne, wie etwa bei seinem jüngeren Zeitgenossen Ni kolaus Cusanus etwas zu spüren, noch eine unmutige Zurücksetzung der eignen Zeit hinter die Antike. Trotz dieser großen Verschiedenheit gibt es, wie man richtig hervorgehoben hat, ein Verbindendes, das sie alle umschließt. Das ist der national-italienische Stolz auf die römischen Vorfahren, die «maiores» schlechthin und auf deren Lehrmeister, die Griechen. Ein weiteres Ergebnis der neueren Forschung, das als Voraussetzung für alle weiteren zu dienen hat, ist, daß Renaissance nicht Wiedererweckung des Altertums bedeutet, sondern Wiedergeburt und Neuaufbau des eignen Lebens 2 ; nur darf man nicht den Zusatz vergessen: an Hand der Antike, denn es ist Aberwitz, das Altertum für jene Zeit als belanglos hinzustellen, wie es zuweilen geschehen ist 3 , und statt dessen mittelalterliche und christliche Überlieferungen als ausschlaggebend ALTERTUM UND HUMANISMUS 49 anzusehen. Da aber schon übergenug gestritten worden ist und man mit allgemeinen Reden über die Renaissance ihrer Vielgestaltigkeit wegen, wie oben angedeutet, nicht weiterkommt, so hilft nichts, als am Einzelfall zu untersuchen,welchen Anteil das Altertum und welchen das Christentum haben. Dafür ist gerade Barbaro nicht ungeeignet, denn in seinem Leben scheiden sich die genannten Einflüsse auch zeitlich, weil die christliche Welle ihn erst später erreicht und er in seiner ersten Zeit eine reine humanistische Prägung aufweist. In welchen Zeitpunkt der Entwicklung und Ausbreitung des Humanismus fällt nun das Auftreten Francesco Barbaros ? Bei der geistigen Bewegung im XIV./XV. Jahrhundert können wir zwei Anläufe des Humanismus unterscheiden, die für die folgenden Jahrzehnte bestimmend bleiben. Am Beginn steht Petrarca, der den lateinischen Humanismus einleitet. Diese Linie setzt sich ununterbrochen durch Jahrhunderte fort und wird durch viele Gelehrte der Folgezeit vertieft und verbreitert. Mit dem XV. Jahrhundert beginnt aber ein neuer Zustrom durch die byzantinischen Gelehrten, an ihrer Spitze Manuel Chrysoloras, seit dessen Zeit wir in Italien vom griechischen Humanismus sprechen können. Von dieser zweiten Welle wird Francesco Barbaro getragen. Der von Staats wegen beauftragte Geschichtsschreiber Venedigs, Marc- Antonius Sabellicus (1436— 1506), hat einen interessanten kleinen Dialog geschrieben: DE LATINAE LINGUAE REPARATIONE, der uns Aufschluß gibt, wie man sich die geistige Entwicklung der damaligen Gegenwart dachte. Sabellicus lehnt das unbillige Verwerfen aller Leistungen der Gegenwart ebenso ab, wie das vergebliche Seufzen nach der entschwundenen Pracht des Altertumes. Mit einigem Stolze sagt er: «Den Schatten und den wahren Namen der Latinität haben wir gerade noch behalten 4 .» Über dieses Thema unterreden sich Baptista Guarino, der Sohn des Veronesers, Ermolao Barbaro, der Enkel des Francesco, ein Kirchenfürst, der sich als Philologe einen Namen gemacht hat. Sabellicus gibt eine Art üteraturgeschichtlicher Überschau über die jüngste Vergangenheit der humanistischen Bestrebungen Italiens; er bildet hier wohl das berühmte XU. Buch Quintiüans nach, wo eine römische Literaturgeschichte gegeben wird. Der Barbarenansturm der 5° III HUMANISTISCHE ARBEITEN BARBAROS Völkerwanderung sei endlich gewichen; nicht gewichen sei aber mit ihm die Entartung der Sprache (sermonis foeditas), die stärker denn je eingerissen wäre. Rom habe zum Teil seinen Glanz und seine Kultur wiedererlangt 5 , aber nicht seine ursprüngliche Sprache. Jetzt endlich beginne es, zum echten Latein zurückzukehren; was damals kaum einer von der Zukunft zu erwarten gewagt, daß die lateinische Sprache allen Schmutz und alle Barbarei von sich schüttle, sei jetzt Wirklichkeit geworden. Der erste, der sie wieder zu Ehren gebracht habe, sei Barzizza. Mit ihm hätten als Bahnbrecher die beiden Toscaner Bruni und Poggio gewirkt. Der nächste, der sie durch seinen unglaublichen Eifer fast übertroffen habe, sei Guarino gewesen, dann Pier Paolo Verge- rio, dessen Büchlein von den edlen Sitten fast größere Eleganz aufweise, als man es sonst bei einem Manne dieses Zeitalters fände. — Er ist in seiner Uterarischen Produktion der Vorläufer Barbaros. — Er war, fährt Sabel- licus fort, der Hörer des Chrysoloras aus Konstantinopel, wie Ermolao Barbaros Großvater, Francesco; «wenn ich dessen treffende (accuratissimi) Reden und Briefe lese und auch sein so anziehendes Buch über die Ehe, so kann ich nicht anders als über die Kenntnisse des Mannes staunen». Sabellicus würde ihn noch mehr loben, wenn er nicht fürchtete, man hielte ihn allzu parteiisch für die Venezianer, zumal da er den gleichstrebenden Genossen Barbaros, den Patrizier Leonardo Giustiniani 6 , der uns noch oft begegnen wird, loben muß. Der etwas ältere Giustiniani war ebenfalls Schüler des Guarino und übersetzte zur selben Zeit wie Barbaro Plutarchbiographien; abgesehen davon, daß er ein im Griechischen und Lateinischen bewanderter Humanist ist, gilt er aber auch als ein italienischer Dichter von Rang, der in der Nachfolge Petrarcas einen eignen Ton fand. Seine bevorzugte Dichtungsgattung, kleine Liebeslieder, die Strambotti, wurde später in heiterem Spiel von dem berühmten Lorenzo de'Medici wiederaufgenommen. Es ist bezeichnend für die strengen Humanisten der Generation des Sabellicus, daß ihnen das Dichten in italienischer Sprache als verlorene Mühe gilt, denn er bedauert: was hätte Giustiniani für den Gebrauch der Allgemeinsprache (des Lateinischen) leisten können, wenn er sich nicht den Rhythmen (rime) zugewandt hätte, obgleich er sich auch auf diesem Gebiet nicht mittelmäßigen Ruhm erworben habe. Diese Äußerungen sind ein Muster für die DAS LATEIN ALS HUMANISTENSPRACHE 5 I bekannte humanistische Einstellung, künstlich die Sprachentwicklung eines Jahrtausends zurückschrauben zu wollen; wir bezeichnen sie heute als ihren großen Irrtum. Aber gehen wir nicht zu weit mit dem vernichtenden Werturteil über die Humanistensprache als «tote Sprache», während etwa die fast literaturlose, aber freilich von ein paar Tausend Bauern im Engadin und andern Alpentälern gesprochene romanische Sprache als lebendig angesehen wird ? Mag das auch nur eine sachlich philologische Unterscheidung sein, es ist eine bedenkliche Folgeerscheinung dieser Entwertung 7 , daß im allgemeinen die Gebildeten heute das Humanistenlatein nicht als vollgültige Ausdrucksweise anerkennen. Fordern wir aber von der Lebendigkeit einer Sprache, daß sie fähig sein muß, geistiger Ausdruck von bedeutenden Lebensschicksalen zu sein, so hält das Latein des XV. Jahrhunderts, mit dem wir es zu tun haben, dem zeitgenössischen Italienisch, was die Ausdrucksmöglichkeit anlangt, wohl die Wage, abgesehen davon, daß es noch die gemeinsame Umgangssprache der Gebildeten der ganzen abendländischen Welt war. Freilich schnitten sich jene Italiener, die als Sprache nur Lateinisch wollten, die große Überlieferung ihrer eigensprachlichen Literatur ab. Verkennen sie aber ihre größten Dichter, so müssen wir das als Verblendung bezeichnen. Doch ist zu beachten, daß selbst Dante das Italienische als Sprache für sein berühmtes Werk nicht etwa aus Geringschätzung des Lateinischen wählte, sondern aus Bescheidenheit, weil ihm das, was er darstellen wollte, zu gering dünkte für die geheiligte lateinische Sprache Vergils. Es darf nicht wundernehmen, wenn man auch über Dantes italienisches Dichten dieselben bedauernden humanistischen Stimmen wie bei Leonardo Giustiniani hört. So Raphael Maffei 8 aus Volterra, der wie Sabellicus ein Menschenalter jünger ist als Barbaro und ein dickleibiges enzyklopädisches Werk verfaßt hat, in dem eine ähnliche literaturgeschichtliche Betrachtung der jüngsten Vergangenheit seiner Zeit steht wie die eben erwähnte, nur daß Maffei nicht so ausschließlich wie Sabelücus die neue lateinische Epoche erst mit Barzizza beginnen läßt, sondern mit dem Dreigestirn Dante, Petrarca, Boccaccio, freilich nur um ihrer lateinischen Werke willen. Bei Dante rühmt Maffei dessen ausgebreitete Studien. Bei der Göttlichen Komödie bedauert er, daß sie Dante nicht lateinisch geschrieben habe, wie er anfangs wohl die Absicht hatte; aber darin habe 5 2 III HUMANISTISCHE ARBEITEN BARBAROS er durchaus keine glückliche Hand gehabt, und deshalb sei er zur Vulgärsprache abgebogen, worin er vielleicht als erster erglänzte! 9 Nach den beiden großen Itaüenern des XIV. Jahrhunderts folgte dann Johannes Ravennas, der zu Venedig lehrte und nach langer Zeit damals in Italien eine Elementarschule (= ludus im humanistischen Sinne) eröffnete, aus der «wie aus dem trojanischen Pferde» die meisten und trefflichsten Männer hervorgingen, die später in Schule und Wissenschaft alle Plätze einnahmen. Diese schon nach allen Regeln ins Latein Eingeweihten habe Manuel Chrysoloras, der als byzantinischer Lehrer des Griechischen unter Bonifaz tx. nach Italien kam, nochmals in die Schule genommen. Ganz bewußt und mit Willen wagen die Humanisten den großen Sprung und knüpfen unmittelbar an das ausgehende Altertum an. Von Thomas von Aquino 10 oder von Dante hören wir aus dem ganzen Zeitalter Bar- baros kaum. Eine Handschrift der lateinischen Petrarcabriefe hat Francesco jedoch besessen und gelesen, denn die Markusbibliothek in Venedig bewahrt als eine ihrer größten Kostbarkeiten diese mit eigenhändigen Randglossen von Petrarca versehene Handschrift 11 . An einer Stelle seiner Briefe erzählt nun Petrarca, daß er nächtlicherweile häufig von Geistesblitzen erleuchtet würde. Um sie sich nicht wieder entschwinden zu sehen, habe er sofort nach Tinte und Schreiberohr gegriffen, die er abends neben sein Kopfkissen hänge, um den Einfall im Dunkeln schnell niederschreiben zu können. Am andern Morgen habe er das Gekritzelte dann mühselig entziffert. Zu dieser Stelle findet sich die Randbemerkung: (Hoc idem saepe fecisse confiteor F. Bar>. Aus dem Vergleich mit andern Schriftproben seiner Hand ergibt sich, daß Barbaro wirklich diesen Eintrag gemacht hat und wohl ein eifriger Leser der Petrarca-Briefe gewesen ist. — Der letzte, auf den sich die Humanisten in ihren Zitaten beziehen, ist Augustinus, und der gehört noch zum Altertum. Aber es entging schon den Zeitgenossen damals nicht, daß jede neue Generation einer anderen Seite der antiken Überlieferung ihre Vorliebe zuwandte. Ein Zeugnis dafür bietet uns Pietro Tommasi, der sehr rege und gebildete Hausarzt und Freund Barbaros und vieler anderer Humanisten; er schreibt im Jahre 1430 an Barbaro: «Gar so wenige seid ihr, auf die sich die Würde der lateinischen Beredsamkeit (dignitas orationis) und der Glanz dieser Sprache gründet... Ich beglückwünsche daher unsre TOMMASIS BETRACHTUNGEN ÜBER SEINE ZEIT 53 Zeit, ich betrachte sie keineswegs als so vom Himmel verlassen, daß sie nicht edelste Geister aufziehen könnte. Denn ich erinnere mich, daß in meiner Jugend ein gewisser Einfluß des Himmels geherrscht hat, durch den man zahllose Poeten hervorsprossen sah; da war unser Lorenzo de'Monaci... und viele andere, unter deren Leitung sehr viele blühende Jüngünge nicht nur überall in Italien, sondern erstaunlicherweise auch jenseits der Alpen Dienst taten. Alles wurde zu Versen, wurde zu ver- gilischen Versen, so daß du mit Recht gesagt hättest, nicht e i n Vergil nur, nein tausend Vergile würden auferstehen. Aber alsbald erlosch nahezu die erste Hitze mit ihren Urhebern. Außer unserm einen Losco 12 , der nirgends eine seiner Begabung entsprechende Stellung fand, blieb aus jenen Jahren nichts übrig. Dann kam eine andere Zeit, in der man sah, wie die mit dem Römischen Reich hinfällig gewordene Majestät des Sagens nach langer Verbannung oder später Heimkehr, man möchte sagen unter Ciceros Zeichen zu ihrem Sitz zurückgeführt wurde. Alles strömte von Redekunst über, alle Städte Italiens waren von Redeübungen erfüllt, und manche griechische Werkstatt schloss sich an. Doch irgendein plötzlicher Windstoß hat die vielen Blüten abgeschüttelt, so daß ich für diese Beschäftigung nicht geringe Bedenken hegte. Es war zu befürchten, daß die ungebundene Rede ebenso unglücklich zum Stillstand käme, als einst die Verskunst, hättet ihr nicht, die ich eben nannte, durch euren Fleiß bei Tag und Nacht süßeste Früchte eurer Studien gereift und dargebracht 13 .» Dies die Betrachtung eines selbständigen Mannes, der etwas ironisch von außen zusieht, wie die geistigen Strömungen seiner Zeit kommen und gehen, der aber auch anerkennt, wo ernstlich zugegriffen wird, damit für Gegenwart und Zukunft etwas Bleibendes sich erhält. Tommasis Jugendzeit, für die Vergil der vorbildliche Dichter war, fällt in das letzte Drittel des XIV. Jahrhunderts, steht also noch unter dem Zeichen Petrarcas und dessen vergilianischem Epos africa. Die Leitsterne der darauffolgenden oratorischen Epoche des Humanismus waren neben dem von Tommasi erwähnten Cicero, vorzüglich in seinen rhetorischen Schriften, der schon genannte Quintilian; unter den griechischen Schriftstellern übte Plutarch den größten Einfluß aus. Berühren sich diese beiden in ihrer Einwirkung, und welche Saiten bringen sie insbesondere in Francesco Barbaro zum Schwingen? Alle Plutarchübersetzungen ins Lateinische, die die 54 III HUMANISTISCHE ARBEITEN BARBAROS Italiener jener Zeit angefertigt haben, stammen aus der Schule des Manuel Chrysoloras. Schon während seines Aufenthaltes in KonstantinopeJ hatte Guarino damit angefangen, die Biographie Alexanders des Großen zu übersetzen. Nach Italien rückgekehrt, setzt er diese Arbeit viele Jahre hindurch fort. Man beachte, wem er die einzelnen Werke widmet. In Florenz den dortigen Freunden; nach seiner Ankunft in Venedig zwei Dialoge dem Francesco Barbaro, dann den Themistokles dem berühmten alten Admiral Carlo Zeno, dessen Seesieg bei Chioggia den Vergleich mit Salamis wohl aushält. Im Jahre 1434 wieder einen an Barbaro, damals Podestä von Verona, der Vaterstadt Guarinos. Das folgende Jahr bringt eine Widmung an seinen andern Lieblingsschüler, Lionello d'Este, als dieser sich 1435 vermählt, und schließlich 1437 nochmal zwei an Lionello zum Dank dafür, daß dieser ihm das Bürgerrecht von Ferrara verliehen hatte. Guarino widmete seine Übersetzungen nur solchen Leuten, die den Wert der Gabe zu würdigen wußten und nicht, wie es sonst damals und später üblich war, vornehmen Herren, die zwar nichts von der Sache verstanden, aber sich schmeicheln ließen und mit klingendem Solde erkenntlich waren. Außer Guarino übersetzten den Plutarch in Venedig seine Schüler Barbaro und Giustiniani, in Florenz Bruni und Jacopo di Angelo da Scarparia, ein Schüler des Chrysoloras. Später dann Filelfo, der in Konstantinopel Schüler des Neffen des Manuel Chrysoloras, Johannes, war, und endlich noch der Schüler Filelfos, Lapo da Castiglionchio. Alle diese verschiedenen Übersetzungen wurden in einem Bande vereinigt und schon sehr früh (1470) gedruckt; allerdings ist festgestellt worden, daß die älteren und zeitlebens in humanistischen Arbeiten verharrenden Guarino und Bruni sowie Filelfo sehr viel besser übersetzt haben als ihre Schüler Giustiniani und Barbaro, die erst an dieser Arbeit richtig Griechisch lernten. Der erste übersetze zwar wortgetreu, aber sein Stil sei dürr, während der zweite sich durch Zusätze zum Texte rhetorische Schwellungen erlaube 14 . Aber das ist schließlich Nebensache; es kommt darauf an, welchen Eindruck Plutarch in einem so bedeutenden Menschen wie Francesco Barbaro hinterlassen hat. Durch Plutarch kamen die westlichen Länder in eine neue Verbundenheit zu den Helden des Altertums, die sie vorher nicht gekannt hatten. Plutarch hat in seiner Jugend auf Francesco Barbaro einmal als geistigen Menschen, in seinem Mannesalter als Täter gewirkt: beim ersten Kennenlernen in der sofortigen PLUTARCHÜB ERSETZUNGEN 55 Verarbeitung in den Übersetzungen und Vorreden, sowie als treibende Kraft in seinem Werk DE RE UXORIA, das in das erste Jahr seines griechischen Studiums fällt, und dann in späteren Jahren vielleicht noch wichtiger: bei der Umsetzung in die Tat, der Verkörperung der plutarchi- schen Gestalten in sich selbst. Einige Jahrhunderte später meinte der korsische Freiheitsheld Paoli zu dem heranwachsenden Napoleon Bonaparte, dieser sei selber eine plutarchische Gestalt. In dem bescheideneren Raum, der ihm als heldenmütigem Verteidiger des bis aufs äußerste bedrohten Brescia zugemessen war, werden wir auch an Barbaro die Zeichen und Züge der Helden des Altertums wiedererkennen, denn wie nachher bei so vielen großen Tätern hat auch an der Schwelle seines Traumes Plutarch gestanden, nach vielen Jahrhunderten zum ersten Male. Die Lehren Plutarchs sind selbst bis in den Alltag jener Humanisten eingedrungen. Francesco, der frühzeitig mit Sammeleifer sich eine eigene Bibliothek schafft, besitzt eine prachtvolle Plutarchhandschrift. Die leiht er dem Lehrer und Freunde nicht nur, sondern schenkt sie ihm sogar. Guarino widmet ihm zum Danke seine Übersetzung der Vita des Dion und schreibt dazu einen freudigen Brief 15 , in dem er erzählt, was er beim Durchblättern des kostbaren Geschenkes über Plutarch gedacht habe. Aufgefallen sei ihm die Leichtigkeit und Größe des schöpferischen Geistes bei diesem Griechen, die Klarheit seiner Kenntnisse in allen Gebieten der hohen Kunst und die Fülle der Geschehnisse, die ihm aus dem ganzen Altertume zu Gebote stünden. Man sollte kaum glauben, daß das alles einem Kopfe entsprungen sei, sondern eher vielen zugleich, «und aus überquellendem Brunnen hervorsprudelnd». Wenn er nun in Anbetracht seiner Wenigkeit das fürstliche Geschenk betrachte, so müsse er gestehen, daß diese Gabe weniger seiner als Francescos Würde entspreche oder eher seiner Freigebigkeit, denn nur der sei wahrhaft freigebig, der wie Francesco wisse, daß der Beschenkte gar nicht die Mittel besitze, eine gleich kostbare Gegengabe zu spenden. (Diesen Gedanken hat sich Barbaro zu eigen gemacht und spricht ihn in der Widmung seiner Schrift DE RE UXORIA anLorenzo de'Medici aus.)« Da ich nun vorhatte, gleichsam ein Zeichen meiner Dankbarkeit vorzuweisen, fährt Guarino fort, so hielt ich es für das beste und deinen Verdiensten gewiß entsprechend, wenn ich dir den Plutarch lateinisch wiederschenkte, den ich von dir griechisch empfing. Als 56 III HUMANISTISCHE ARBEITEN BARBAROS ich das in Angriff nahm, begann ich mit dem syrakusanischen Dion....» Guarino wird aber hier von einem seiner Schüler aufmerksam gemacht, daß die Lebensbeschreibung des Brutus, die das römische Gegenstück zum Dion bildet, schon von einem andern übersetzt worden sei. Er läßt sie also aus, um nicht eines Plagiates bezichtigt zu werden, und bringt nur den Vergleich des griechischen mit dem römischen Staatsmanne. «Was übrigens ausgelassen war, Plutarchs ausgezeichnetes und scharfsichtiges Urteil über beide und die besonders verglichenen Unterschiede, habe ich in römische Ausdrucksweise übertragen. Größten Wert lege ich auf dein gebildetes Urteil. Wenn ich sehe, daß dich diese Art von Schreiben oder vielmehr mein Geschreibsel freut (genus literarum vel liturarum potius), so wirst du mich unbedingt kühner machen zur Übersetzung der übrigen. Vor allem verlange ich von dir, mein trefflichster Franciscus, daß du nichts vorher zu lesen beginnst, als bis du meinem trautesten und gelehrtesten Lehrer Manuel Chrysoloras jenen vergilischen Vers singst: SEMPER HONOS NOMENQUE TUUM LAUDESQUE MANEBUNT. EHRE UND LOBSPRUCH WIRD DIR AUF EWIG NACH WÄHREN. Denn als zu allem übrigen Unheil auch noch der Mangel an griechischer Bildung unabsehbare Finsternis und schwarze Nacht weit über Italien ausgebreitet hatte, brachte er aus eingeborener Güte und leuchtender Begabung nicht geringen Glanz zu unsern Menschen, zu denen das alte Schrifttum, lange Zeit ein Flüchtling, unter der glückverheißenden Führung (ductu et auspicio) dieses strahlenden Mannes nun zurückzukommen begann, als kehre es heim.» Durch dieses schöne Zeichen der Pietät senkt Guarino die Ehrfurcht vor dem Spender des geistigen Gutes in den Jüngeren ein, als Dank für den Schatz, den Chrysoloras denltalienern herüberbrachte und den diese begeistert empfingen. Diese Huldigung vor der griechischen Sprache hat Manuel Chrysoloras dem lateinischen Geist erwidert, indem er Ciceros Briefe an Atticus ins Griechische übertrug 16 , das damals, solange noch das byzantinische Kaisertum bestand, in reiner Weise in Konstantinopel gesprochen wurde, also in jeder Beziehung noch eine lebendige Sprache war. Wie nah Barbaro Plutarch gekommen war, geht aus seiner Vorrede zur Aristidesbiographie hervor 17 . Als Wahlspruch nimmt er das Wort eines väterlichen Freundes, des Bischofs von Vicenza: Die Geschichte sei NORMA BENE VIVENDI 57 die Mutter der Tugend und die Lehrmeisterin des Lebens. Die vortrefflichsten Einrichtungen und die besten Sitten, die uns aus der Vorzeit überliefert sind, wären erst dann recht wirksam, wenn sie durch Leben und Taten berühmter Menschen erläutert würden. Die Vorfahren (gemeint ist im Altertum) hätten die Statuen von Sokrates, Plato, Aristoteles und anderen auf ihren Märkten und in ihren Tempeln aufgestellt, «ut vel tacita eorum monumenta vitae suae conferrent! (daß sie auch deren schweigende Standbilder mit ihrem Leben verglichen) 18 ». Nun ist der Zweck der Übersetzung die Wirkung auf die Lesenden und deren geistige Umformung. «Doch werde ich mich», schreibt er an den Bruder, «wie ich glaube, um dich und die anderen edlen Männer wohl verdient gemacht haben, wenn ihr gleichsam die NORM des rechten Lebens vor Augen habt und durch meine aufrichtige Mühe (ingenuo labore) besser und gelehrter werdet.» Mag auch seine Übersetzung, auf die er, wie er selbst sagt, nicht viel Zeit verwandt hat, vieles zu wünschen übriglassen, aus seinen Worten geht echte Begeisterung für die neue Lebenshaltung hervor, in die er von Kind auf hineingewachsen ist und die spannkräftig genug war, die ganze Welt zu erobern. Auch steht hier das Zauberwort, das diese strengen und untadeligen Charaktere als den Sinn spüren, warum sie das Altertum so hoch hielten: norma bene vivendi. Barbaros Worte sind die Guarinos und Guarinos sind die Barbaros — wir erinnern uns an den schönen Ausspruch Guarinos, mit dem er den Bund stiftete: «Obschon nämlich die Natur uns als zwei Menschen geschaffen hat, so wollte doch aufrichtige Liebe, daß wir nur einer seien 19 .» Hier kommen auf die ahnenden Worte des Lehrers die einstimmenden Worte des Schülers zurück, denn dieser spricht, für uns hier zum ersten Male, ganz vernehmlich aus dem Geiste seines älteren Freundes heraus, ja, was noch mehr ist, er lebt in Gegenwart und noch mehr in Zukunft ganz aus diesem Geiste und erfüllt gerade dadurch sein Bild. Ihn, den Lehrer, preisend fährt Francesco fort: «Übrigens ist mir, glaube ich, aus der griechischen Unterweisung unseres Guarino keine kleine oder nur zufällige Frucht gereift, da es mir durch seine Gründlichkeit innerhalb weniger Tage möglich war, den Aristides, den Führer der Athener, zwar nicht mit dem Bürgerrecht, sondern, was mehr ist, mit lateinischen Worten zu beschenken und jenen strengsten Cato nach gar lang aufgeschobener Heimkehr zu unseren / 5 8 III HUMANISTISCHE ARBEITEN BARBAROS Menschen zurückzuführen 20 .» Es kommt immer darauf an, zu erkennen, wo die Schwelle für die aufnehmenden Menschen liegt, jenseits derer fremdes Kulturgut für sie tot bleibt und wann es zu lebendigem Lebensgut wird. Für Barbaro bleibt zunächst, wie er sagt, das Wissen um antike Tugenden und die treff lichsten Einrichtungen tot. Die Schwelle, über die das Vergangene schreiten muß, um zu frischem, fortzeugendem Leben erweckt zu werden, ist die Verleiblichung dieser Tugenden, ist das Sinnfälligmachen dieser trefflichen Einrichtungen durch ragende und leuchtende Helden, wie sie ihm Plutarch vor Augen stellt. Das war damals etwas Neues, weil der griechische Plutarch, wie gesagt, erst aus Byzanz herübergekommen war und die neuen Seelen so bereit waren für die heroische Saat, die aus seinen Schilderungen aufgeht, daß sie schon von den ehrfürchtig gehörten Namen begeistert wurden. Freilich ist es das Schicksal dieses wie noch jeden neuen Fundes gewesen, daß er den Gesetzen der Zeitlichkeit unterworfen ist. Was den Ersten neue Offenbarung und tiefe seelische Erschütterung bedeutet, ist den Nächsten schon fester von den Vätern erworbener und gesicherter Besitz, und die anfängliche Glut erkaltet. Das Wort, das einmal durch seinen Klang schon die Herzen höher schlagen ließ, wird abgenutzt und verfängt nicht mehr, bis ein neuer Erwecker kommt und es durch seinen Zauber wieder wirksam und frisch macht. Bei den Humanisten trat gleich von Anfang an die Gefahr zu Tage, daß man sich an bloßen Namen berauschte. Zunächst zwar klangen bei diesen großen alten Namen wie in Beschwörungen reiche und geheimnisvolle Inhalte mit, die imstande waren, neues Leben zu erwecken; mehr und mehr wurden sie aber zu leerem Schall, zu Redeprunk und Floskel, nachdem die anfängliche Frische gewichen war. Die norma bene vivendi, die heroische Haltung im Leben, prägte Plutarch in den Charakter Barbaros ein, die norma bene dicendi, das überzeugende Wort, das die Tat entzündet, bot ihm der strenge Lehrer im kaiserlichen Rom, Quintilian. Wir Deutschen sind gewohnt, dem gedanklichen und allenfalls dem sinnbildlichen Inhalt der klassischen Schriftsteller die Hauptbedeutung und die stärkste Wirkung des Altertumes zuzuschreiben. Anders der Romane. Für ihn liegt der Zugang nicht in freischwebenden Ideen, sondern in der geprägten Form des Wortes. So PLUTARCHS UND QUINTILIANS EINFLUSS • 59 kommt es, daß für die romanischen Humanisten die lebendige Wortfügung, die Beredsamkeit, die eloquentia, der Inbegriff der Antike ist. Ihr Lehrmeister in ethischer wie in formaler Hinsicht ist neben Cicero auf diesem Gebiete eben Quintilian. Barbaro führt ihn auch als Eideshelfer in seinem Streitbriefe gegen Lorenzo de'Monaci an: «Denn von den gewissenhaftesten Schriftstellern der freien Künste wird diese Art der Übung (der Übersetzung nämlich) immer und immer wieder gelobt, da sie zur Bereicherung des Wortschatzes, worin ohne Widerrede die Griechen Meister sind, und zum Gebrauch der Redefiguren, mit denen wie mit Sternen die Rede geschmückt ist, sehr geeignet scheint. Auf diese Weise werden wir Sentenzen, Formen und Farben anwenden können, so daß sie Zierlichkeit und Gewähltheit bewahren und nicht von unserer Schreibart abweichen. Schließlich ist, wie Quintilian will, gerade die Schwierigkeit zur Übung äußerst nützlich. In der Tat, was wir zu übersetzen vorhaben, das lesen wir nicht sorglos durch, sondern wir wägen das einzelne gewissenhaft und geben uns Mühe, Stil und Bedeutung allerWorte beizubehalten 21 .» So der Vorsatz Barbaras; die Ausführung mag noch etwas schülerhaft geraten sein, da er die neuerworbenen rhetorischen Farben zu dick aufträgt. In dem Stil der eben angeführten Stelle fallen eine Reihe Fachausdrücke auf, die bisher bei ihm nicht vorkommen, wie exercitatio, copia rerum, usus figurarum, formae, colo- res, accommodatum videri. Es sind samt und sonders rhetorische Fachausdrücke, die man auf den ersten Seiten der institutio oratoria des Quintilian wiederfindet. Man darf also annehmen, daß Francesco dieses Werk gerade gelesen hat und seine Sprache und Ausdrücke ihm noch frisch im Gedächtnis haften; auch inhaltlich blieb es nicht aus, daß gerade Quintilian einen führenden Einfluß auf das Leben Barbaros gewann. Währenddes Mittelalters warder NameQuintüians zwar bekannt, und hie und da hatte man etwas von der Institutio oratoria gelesen, die man nur unvollständig besaß; im ganzen aber war sein Einfluß untergeordneter Art. Erst Petrarca, in dessen Besitz ein zerflackertes Exemplar des unvollständigen Quintilian kam, ahnte die künftige Bedeutung dieses Schriftstellers. Er schrieb auch ihm einen Brief in die Unterwelt. Zur Zeit der kurzen Vorblüte des Humanismus in Frankreich, im ausgehenden xiv. Jahrhundert, die sich an die beiden Namen des Jean de Montreuil (Johannes de Mon- sterolis) und des Nicolas Clemangis knüpft, befand sich im Besitz des letzteren ein vollständiges Exemplar, doch blieb die Kenntnis auf einige französische Gelehrte beschränkt. Erst Poggios St. Gallener Entdeckung einer vollständigen Quintilian- handschrift weckte die Anteilnahme der italienischen Humanisten und rief große Freude hervor. Quintilian kam den Bedürfnissen jener Zeit entgegen, da er, der Meister der antiken Rhetorik, seine Kunst von der sittlich-erzieherischen Seite lke Ein anig £U1C' teilt : de An ubli Icrlin :atu J nmt- Be- als aus-/ gen : dort; ai'f An-! einl itar Ml igeri ige,] ssell ;Mj m 6o III HUMANISTISCHE ARBEITEN BARBAROS auffaßte. Die Pädagogik der Renaissance bei Guarino Veronese und Vittorino da Feltre baut sich ganz auf solchen Erziehungsgrundsätzen auf. Francesco Barbaro ist der erste bedeutende Mensch, der wieder im Sinne Quintilians erzogen wurde. Er erfüllt dessen Forderungen an den Gesamtmenschen und wird der sittlichen Strenge dieses Römers, der wie der hl. Dominicus aus dem spanischen Calahorra stammte, gerecht. Klingt es nicht wie ein Wahrspruch auf das Leben des venezianischen Orators, jener vorbildlichen Verbindung von Diplomat und Redner, wie wir ihn bereits in Zacharias Trevisano kennengelernt haben, wenn wir bei Quintilian lesen: «Zum vollkommenen Redner erziehen wir jenen Menschen, der nicht anders als gut sein kann; darum fordern wir von ihm nicht nur eine ungemeine Fähigkeit der Rede, sondern auch alle Vorzüge des Geistes... dieser wahrhaft staatliche Mensch, der der Verwaltung des eignen Vermögens wie der Betreuung des Gemeinwesens gewachsen ist, der die Städte durch seinen Rat leiten, durch seine Gesetze fest begründen, durch seinen Richtspruch bessern kann, der kann in der Tat kein anderer sein als der Redner (orator) 22 .» Francesco mag in diesen Worten die Ziele seines Lebens vorgezeichnet gesehen haben. Er hat sie alle erfüllt: er wurde Orator der Republik, Gesandter am kaiserlichen und päpstlichen Hof, er hat mit seinem Rate Städte der Terra ferma geleitet als Podestä oder Capitano; er schuf ihnen eine neue Gesetzgebung und besserte zu allgemeiner Zufriedenheit die Rechtspflege und überdies wurde er, was Quintilian für den werdenden Orator nicht vorsieht und was wir auf seine Plutarchbegeisterung zurückführten, ein berühmter und gepriesener Kriegsheld. KAPITEL IV 6l DE RE UXORIA UND IHR VERFASSER IDEEN- UND LITERARGESCHICHTLICHE ZUSAMMENHÄNGE NOCH IM SELBEN JAHRE 1415 GELINGT FRANCESCO, DEM Humanisten, der große Wurf. Fieberhaft arbeitete er und eignete sich, wie schon aus seinem Briefe an Lorenzo de'Monaci zu sehen war, alle erreichbaren lateinischen und griechischen Schriftsteller an. Doch wie die auf ein Blatt regellos ausgeschütteten Feilspäne sich alsbald nach den Kraftlinien ordnen, wenn man einen Magneten darunter hält, so ordnet sich vor dem geistigen Auge Francescos mancherlei Gelesenes, und die gar nicht einstimmigen, sondern wirr und gegenwendig durcheinanderklingenden Stimmen der Vorzeit reihen sich ihm zu harmonischem Gefüge als Klänge der eignen Welt. Seine Frage an das Altertum ist niemals historisch: wie lebten und handelten die Menschen damals, sondern stets: welche Haltung nimmt der Mensch ein gegenüber den sich wiederholenden Urgegebenheiten des Lebens ? Dadurch, daß er so zur Quelle des Seins hinabsteigt, aus der auch die Taten des Altertums hervorbrechen, wird ihm verwandte Haltung bestaunter Vergangenheit zur gegenwärtig-venezianischen. DE RE UXORIA 1 ist die eigendiche norma bene vivendi, die Norm des rechten Lebens, für den jungverheirateten Mann. Der Titel bedeutet nicht, daß in diesem Buche die Gattin im Mittelpunkt der Betrachtung stehen solle, sondern das Eheleben und Ehewesen. Die äußere Veranlassung war die Verheiratung des wenig jüngeren Lorenzo de'Medici, dem er die in kurzen Wochen verfaßte Schrift an Stelle einer Hochzeitsgabe zukommen läßt. Sie ist in zwei Hauptstücke gegliedert: von der Gattenwahl und von den Pflichten der Gattin. So ist der erste Teil mehr an den Freier gerichtet, der zweite mehr an die Braut. Eine Überlegung, was die Ehe in ethischer und politischer Hinsicht sei, leitet die Schrift ein. Die Gliederung seines Stoffes sucht sich Francesco bei den Alten, bei denen in abgemessener Stufung für die Hauptsache gegolten hätte: 6z IV DE RE UXORIA Sitte, Alter, Herkunft, Gestalt und Mitgift der Frau. Dies sind auch die Kapitelüberschriften des ersten Teils. Die Vernachlässigung auch nur eines dieser Punkte beschwöre Gefahren für die Ehe herauf, die der Umsichtige beizeiten ins Auge fassen solle. Die Reihenfolge entspricht ganz dem strengen und vornehmen Charakter Francescos, der fordert, daß beim Suchen der Lebensgefährtin an erster Stelle ihre Sitte, und an letzter die Mitgift kommt. Im Schlußwort zum ersten Teile greift er alle wesentlichen Triebkräfte noch einmal zusammen. Er nimmt seine Arbeit ernst, ja heilig und nennt sie divina studia humanitatis. Dies erinnert an das divinum iter, das Guarino seinem jungen Zögling im ersten Brief vorgezeichnet hat. Deshalb sei nur ein sermo purus und eine gewichtige und gelehrte Rede (gravis oratio et erudita) würdig, Lorenzos Ohr zu erfüllen. Er hofft, daß er seinen Zweck erreicht hat, und schließt mit diesen Worten: «In menschenwürdiger Ermahnung der Unsrigen habe ich genug gesagt, daß sie die Vorfahren, deren virtus beschrieben und verherrlicht ist, lieben, bewundern und ihnen nacheifern ... soweit es die Heiligkeit unserer Religion zuläßt. Den Alten höchsten Dank abzustatten werde ich unermüdlich mahnen. Richten wir uns nicht selbst zugrunde, so werden wir durch ihr Wachen und Arbeiten besser werden und eine besser unterwiesene Gattin gewinnen mit einer zierdevolleren Hochzeit.» Hochzeitsmahle in Venedig waren seit jeher sehr prächtig, und wir werden an Paolo Veronese mit seinem großen Gemälde der Hochzeit von Kana gemahnt, wenn wir die Ausführungen Francescos über die Zurüstungen zur Festlichkeit lesen. Der zweite Teil handelt von den Pflichten der Frau. Diesen Titel könnte man ganz allgemein so ergänzen: um die Ehe vor Störungen zu bewahren, oder das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen. Darauf deutet gleich das erste Kapitel von der Leichtigkeit des Nachgebens. Streng genommen: der Mann befiehlt, die Frau gehorcht; aber bei näherem Zusehen sieht man doch, daß die Frau auf ihre Weise ihre Überlegenheit wahren kann. Drei Haupttugenden der Gattin kennt Francesco für einen lobens- würdigen Haushalt: Liebe zum Gatten, züchtiges Leben und fleißige Sorge für das Hauswesen, wonach sich auch die Einteilung des zweiten Teils der Schrift richtet. Im rechten Leben hat die Zuneigung zu seinen Freunden neben der ehelichen Liebe Bestand. An mehreren Stellen AUFBAU DER SCHRIFT: DE RE UXORIA 6 3 beobachtet man, daß Francesco absichtlich das eine fürs andere setzt. So bei der Erzählung von den schönen Jünglingen, die Sokrates ermahnt, in den Spiegel zu sehen, «um sich vorzusehen, daß das Geschenk der Natur nicht zuschanden werde.), und hier schreibt er: «Nun wollen wir zur ehelichen Liebe zurückkehren, deren höchste Macht und größte Würde — wie wir von berühmten Männern vernommen haben — beinahe das Bild der vollkommenen Freundschaft darstellt.»Doch decken die Kapitelüberschriften in dem Werk nicht den Inhalt, sie sind vielmehr für Francesco der Anlaß, weit über den engeren Rahmen des Angekündigten sich über die antiken und venezianischen Verhältnisse zu verbreiten, wenn sie nur im Zusammenhang mit dem Leben des jungen Ehemannes stehen. Dieses ist sein Hauptwerk; es bleibt eine erstaunliche Leistung seiner Jugend von solcher Frische im Klang der Worte wie in der Auffassung, daß man überall den Mut des jungen Verfassers durchfühlt, einen so schwierigen Gegenstand zu bewältigen. Es ging daraus ein für die Eheauffassung von Jahrhunderten maßgebendes Werk hervor. Sein Ernst ruht in der Verantwortung, Wort und Tat in Einklang zu bringen, selber der erste zu sein, der die Haltung des Menschenbildes einnimmt, wie er sie verkündet. Wir sehen hier von weiteren Einzelheiten ab und besprechen die Hauptfragen, die das Buch berührt, im ideengeschichtlichen und literar- geschichtlichen Zusammenhang, in dem sie stehen. Obwohl die Schrift Barbaros der humanistischen Schreibgepflogenheit zufolge auf weite Strecken ein bloßer «Cento», eine Zitatensammlung aus antiken Schriftstellern ist, zeugt sie doch von großer Selbständigkeit des Denkens, da er nicht wahllos die gangbare Meinung des Altertums über die Ehe noch ebensowenig die christliche Anschauung nachspricht, sondern als gegenwärtiger Venezianer eine bestimmte Auswahl aus den Ansichten der Alten trifft, von der er meint, sie tauge für die Gegenwart. Zwei Ströme haben das Werk gespeist, die antike und die venezianische Überlieferung, welche die mittelalterliche asketisch-christliche Auffassung der Ehe überwinden. Verhältnismäßig spät hebt im griechischen Altertum, bei den Philosophen die theoretische Erörterung über die Ehe an. Sie halten ihre gelehrte Tätigkeit mit dem Ehe- und Familienstande für unvereinbar; so 6 4 IV DE RE UXORIA sind die Stimmen des Altertumes meist der Ehe abgeneigt. Sie lehren, daß Familienvater zu sein kaum der Hauptlebenszweck des Mannes sein kann. Piaton äußert sich wohl, daß noch nie einem Manne für seine leiblichen Kinder ein Denkmal errichtet wurde 2 , wohl aber für seine geistigen, und Aristoteles sagt sogar, daß eine Frau nur die Hälfte so viel wert sei als ein freibürtiger Mann 3 . Freilich schuf sich das griechische Altertum an Stelle der nie aus dem Hause heraustretenden Ehefrau die gebildete Hetäre, die mit den Männern in geistigen Austausch treten konnte. Der erste, der sich dann ausführlicher vernehmen läßt, ist der Schüler des Aristoteles, Theophrast; zwar ist sein «goldnes Buch» nur in einem kurzen Auszug des Hieronymus auf die Nachwelt gekommen 4 , doch hat diese kurze Stelle genügt, die theophrastische Ansicht über die Ehe im Mittelalter 5 und der Renaissance bekannt zu machen, wie man an häufigen Erwähnungen sieht. Ebenso wie Theophrast in seinen Charakteren immer nur die negative Seite zeichnet, so auch in seinem Fragment über die Ehe. Er wirft die Frage auf, ob der Weise ein Weib heimführen solle. Was ihn dazu verleiten könnte, wie Schönheit, Wohlgesittetheit, edle Abkunft, Gesundheit und Reichtum der Braut, all das reicht nicht aus, abgesehen davon, daß sich diese Vorbedingungen selten zueinander finden: Er solle nicht heiraten; die Studien des Philosophen hindern ihn daran. Man könne eben nicht zu gleicher Zeit den Büchern und dem Weibe dienen. Die Ansprüche der Frau an den Mann seien zu groß. Die ganzen Nächte hindurch habe man ihren kläglichen Wortschwall auszuhalten. Alles, was man kauft, prüfe man vorher. Nur die Frau und ihre Untugenden lerne man erst nach der Hochzeit kennen. Wenn man ihr das Regiment im Hause übertrage, so sei man ihr Sklave; behalte man aber etwas der eigenen Entscheidung vor, so «glaubt sie dein Vertrauen nicht zu haben; sie wendet sich zu Haß und Gezänk, und wenn du nicht rasch Vorsorge triffst, wird sie dich vergiften». Ein solch düsteres, an die Karikatur streifendes Gemälde des Ehestandes konnte Francesco trotz der Autorität des berühmten Namens für seine Arbeit nicht brauchen, denn sie paßte nicht ganz zur Hochzeitsfreude. Zweifellos hat er die häufig zitierte Stelle gekannt; er bringt sie aber nicht, trotzdem viele Jahrhunderte von den Kirchenvätern an bis auf die Scholastik immer wieder Theo- DIE FRAUEN BEI THEOPHRAST UND HUGO VON ST. VIKTOR 65 phrast als Eideshelfer ihrer der Ehe abgeneigten Haltung angerufen haben. Erst mit der Renaissance — an dieser Stelle ihrer großen Kampffront steht Francesco Barbaro — geht eine Wandlung vor sich. Um den ganzen Gegensatz der Renaissance gegen mittelalterliche Anschauungen auf diesem Gebiete zu kennzeichnen, mögen die Worte des zartesten und hebenswürdigsten der gelehrten Mönche dienen, des Hugo von Sankt Viktor. Seine beiden Bücher über die Ehe (DE NUPTIIS 6 ) empfehlen sich auch deshalb für eine Gegenüberstellung zu Barbaros Werk, weil von ungefähr eine Ähnlichkeit des Anlasses besteht, dem beide Werke ihren Ursprung verdanken. Zu Hugo ist ein Jüngling gekommen mit der Gewissensfrage, ob es für ihn gut sei, zu heiraten. Dieselbe Frage stellt sich und seinen Altersgefährten, die vor der wichtigen Lebensentscheidung stehen, der junge Barbaro. Die Antworten fallen recht verschieden aus, und selbst wenn man den Mönchsstand des mittelalterlichen Verfassers im Auge behält, läßt sich nirgends ein größerer Wandel im Gehaben und in der Gesinnung der Zeiten aufweisen. Hugo spricht zu seinem Freunde aus der Stille seiner Klosterzelle: «Solange ich dich, Liebsten, von den Fluten dieser Welt getrieben sehe, fürchte ich, du möchtest unter der Last des Reichtumes oder im Ungestüm der Jugend in die Gefahr des Schlundes der Scylla hineinlaufen. Frauenliebe ist wie Todesschlund, wie schlingende Woge. Frauenhebe bindet um so fester, wenn sie durch unauflöslichen Knoten der Ehe schnürt. Lassen wir also das Ende des geistigen Seiles herab, daß du daran heraufgezogen und nicht von den Fesseln der Ehe festgehalten werdest. Das Ende des geistigen Seiles ist aber die Predigt heiliger Ermahnung. Höre also, Geliebter (dilecte mi), welches die Beschwerlichkeiten der Ehe sind, und beruhige dich bei dem Zuspruch nicht der nur philosophischen, sondern auch der göttlichen Männer.»— So der Prolog Hugos. An der Spitze seiner Zeugen für die Beschwerlichkeiten des Ehestandes steht Theophrast, dann Cicero, der seine Gemahlin Terentia verstoßen hatte. Als ihm danach Hirtius die Hand seiner Schwester anbot, lehnte Cicero mit denselben Worten ab wie die griechischen Philosophen, er könne sich nicht gleicherweise mit Philosophie und einer Frau beschäftigen. Ferner erwähnt Hugo einige der berühmtesten Männer, die alle schlechte Frauen gehabt haben: Sokrates, den Zensor Marcus Cato und König Philipp von Mazedonien. 5 66 IV DE RE UXORIA Dann ruft er seinem Freunde zu: «Wie denn, mein Lieber, bist du etwa gelehrter als Cato, mächtiger als König Philipp ?» Euripides und Herodot treten auf und legen Zeugnis -wider die Frauen ab. Fürwahr, dies sind alles sehr gewichtige Stimmen des Altertumes, die zu Ungunsten von Ehe und Frauen sprechen und an denen Francesco Barbaro nicht ganz vorbeisehen konnte, wenn er auch mit ihren Ansichten durchaus nicht übereinstimmte. Zumal die Herodot-Stelle, die auch Hugo bringt, tastete zu rücksichtslos und deutlich den Charakter der Frauen im ganzen an, als daß sie Francesco in seinem Werke über die Ehe verschweigen konnte. Es verdrießt ihn gewaltig, bei Plutarch zu lesen, daß Herodot gesagt habe: Mit dem Hemd zieht das Weib auch die Scham aus. Dieser Ausspruch scheint jahrhundertelang ein geflügeltes Wort gewesen zu sein und er wurde, wie es häufig solchen Schlagworten ergeht, über den ursprünglichen Sinn, den ihm sein Erfinder gab, verallgemeinert. Herodot braucht ihn in der Erzählung von Kandaules und Gyges'. Der in die Schönheit seines Weibes vernarrte König Kandaules prahlt von ihr vor dem Hauptmann seiner Leibwache, Gyges, und in seiner Verblendung befiehlt er ihm, sie in ihrem Schlafgemache zu belauschen, wenn sie sich auszöge. Gyges ruft entsetzt aus: Herr, was für ein heilloses Wort sagst du mit dem Befehl, ich solle meine Herrin nackt schauen! 5(ia 8s yix&vi sxouojjlevu) auvsx- Büetcu v.al tt]V odSöi ydv-(] (mit dem ausgezogenen Chiton legt die Frau auch die Scham ab). Mit seinem Ausspruche also will Herodot den Gyges nur sagen lassen: Wenn der Mann die Schamhaftigkeit seiner Frau so weit verletzt, daß er sie nackt und ohne daß sie es weiß einem andern zeigt, und sie dies merkt, dann brechen bei ihr alle Hemmungen der Scheu und sie trachtet ihrem Gemahl sogar nach dem Leben. Nachdem das Wort durch viele Münder gegangen war, schien es zu besagen: Alle Frauen sind schamlos, sobald sie kein Gewand mehr anhaben. Dieselbe Warnung auch bei Hugo von Sankt Viktor: Francesco Barbaro jedoch, dem es um den sicheren Aufbau des Lebens der Familie innerhalb des Staates zu tun ist, fühlt den Boden unter seinem Bau wanken, wenn er sich auf die Tüchtigkeit der Frau nicht mehr verlassen kann, er ruft unmutig aus: «Das glauben wir gerne, wenn es sich um Hurenjäger handelt; bei Männern aber, wenn sie auf mich hören wollen, werden die Frauen stets das Ziemliche wahren 8 !» Immerhin kam aus dem Altertum ein breiter Strom von Ehefeindschaft, den die chrisdichen Schriftsteller bis ins Mittelalter zur Unterstützung ihrer mönchischen Askese gerne weiterleiteten. Neben die philosophisch-heidnischen Stimmen stellte Hugo auch noch das Zeugnis DIE CHRISTLICHEN ANSICHTEN ÜBER DIE FRAUEN 67 der heiligen und göttlichen Gestalten des Christentums, und auch von dieser zweiten Überlieferung weicht Barbaro als erster in entscheidender Weise ab. Hugo führt seinem jungen Freunde vor Augen, daß auch nach der Heiligen Schrift der Verkehr mit den Weibern und die Fleischeslust selbst in der Ehe verwünscht seien. Causa mali mulier, initium culpae, fomes peccati (das Weib der Grund des Übels, der Urbeginn der Schuld, der Herd der Sünde), lautet sein Urteil, das die weltliche Frau aus der geistig-geistlichen Welt von Mönchen fortweist. Francesco bedarf der Ehe als eines starken, nicht eines morschen Pfeilers für den Lebensbau seines staatlichen Menschen. So muß er auch diese ehe- und frauenfeindliche christliche Tradition verwerfen. Für ihn als gläubigen Christen kommt aber ein Gegensatz oder gar Abfall von den Lehren der Kirche nicht in Betracht; so sucht er seinen Standpunkt in aller Ehrerbietigkeit mit der christlichen Tradition in dieser Frage in Übereinstimmung zu bringen, obwohl die beiden Haltungen geradezu entgegengesetzt sind. Es ist das Verdienst des Francesco Barbaro, daß er mit seiner Schrift De re uxoria einer neuen Eheauffassung zum Durchbruch verholfen hat. Die Kirche hat dieser Strömung nachgegeben und sich die vom Laiengeiste ausgehende Höherwertung der Ehe zu eigen gemacht. Wenn heute der sakramentale Charakter der Ehe von der katholischen Kirche besonders betont wird, wenn der Papst verkündet, daß Ehe und Familienerziehung die Grundpfeiler der Kirche seien, so ist das in den zwei Jahrtausenden der christlichen Ära nicht immer die maßgebende Ansicht gewesen und konnte es nicht sein, solange in der Kirche die Askese der Mönche das Übergewicht hatte. Barbaro setzt sich gleich anfangs mit den überlieferten christlichen Lehren auseinander und kommt dann im ganzen Buch nicht mehr darauf zurück. «Es ist also die Ehe des Mannes mit seiner Gattin die immerwährende Verbindung, die um der Erzeugung der Nachkommenschaft oder um der Vermeidung des Ehebruches willen rechtmäßig eingesetzt ist 9 .» Schon in dieser Definition der Ehe vereinigen sich zwei Schichten: die natürliche: coniunctio procreandae subolis und die sittliche : vel vitandae fornicationis causa. Das ist christlich gedacht. DieQuelle, auf die Francesco zurückgeht, ist Augustinus: de eono conjügali 10 , der sich •wiederum auf Matth. xix,9 u gründet: Ich sage euch aber: Wer sich von seinem Weibe 68 IV DE RE UXORIA scheidet (es sei denn um der Hurerei willen) und t reiet eine andre, der bricht die Ehe; und wer die Geschiedene freiet, der bricht auch die Ehe. Augustinus meint ähnlich wie Barbaro: Bonum igitur nuptiarum per omnes gentes atque homines in causa generandi est et in fide castitatis. Der asketische Geist der Gründer des Christentums, besonders des Paulus 12 und Augustinus, war grundsätzlich der Ehe abgeneigt und betrachtete sie als das geringere Übel für die vielen, die sich nicht ganz der Sinnenlust enthalten konnten: «Wenn sie sich nicht enthalten können, sollen sie heiraten, denn es ist besser, zu heiraten, als in der Begierde zu brennen.» Die Verhältnisse, wie sie nun einmal sind, werden durch das Sakrament der Ehe geheiligt. Augustin baut ein System daraus. Zeugung und Tod, die sich entsprechen, kamen erst als Strafe durch den Sündenfall in die Welt. Nun macht es ihm aber Schwierigkeiten, daß der Herr in der Genesis schon vor dem Sündenfall gesprochen hat: Wachset und mehret euch und füllet die Erde. Adam und Eva sollen — das ist die Voraussetzung — im Paradies noch nicht ehelichen Verkehr gepflogen haben. Man muß sich also vorstellen, wie die Nachkommenschaft auch ohne Zeugung in die Welt hätte kommen können. Gottvater in seiner Allmacht, der schon Adam ohne Zeugung geschaffen hat, hätte auch Kain und Abel und so weiter in freier Schöpfung hervorbringen können, wären die Menschen im Paradies geblieben. Das ausdrückliche multiplicamini der Genesis versteht Augustinus vermittelst der Allegorese «mystice ac figurate» umzubiegen, zu vergeistigen und zu verflüchtigen, als ob es gar nicht dastünde. Die spätere Scholastik hat dies in ein kasuistisches System gebracht. Petrus Lombardus macht in seinem Sentenzenwerk 13 die Unterscheidung für die Ehe als officium und als remedium contra fornicationem. Der erste Fall gilt für die Begattung des ersten Menschenpaars im Paradies und war eine verdienstliche Handlung (sine carnis incentivo ac fervore libidinis). Seit dem Sündenfall haftet unserm Leibe aber als Strafe das Gesetz der Begierde an und es gibt nur noch fleischliche Vermischung, die als solche tadelnswert und die nur entschuldbar ist durch das Gute, was die Ehe sonst mit sich bringt. Danach regelt sich auch das Verhalten der Kirche. War im Paradies die Begattung geboten, so hat sie später nur noch Nachsicht zu erwarten (indulgentia). Was aber nur geduldet wird, das ist nicht notwendig, sondern willkürlich. Seit den Zeiten der Kirchenväter gibt es zur Beweisführung der kirchlichen Lehre über die Ehe einen festen Bestand von Beispielen, der unverändert durch die Jahrhunderte in der allegorischen Auslegung des späteren Altertums mitgeführt wird, und noch Barbaro macht ihn sich zunutze. Er sieht wohl ein, daß seine Ansicht mit den asketischen Lehren der Kirche nicht übereinstimmt, um so größeren Wert legt er darauf, nachzuweisen, daß seine Meinung wenigstens nicht mit der Kirche im Widerspruch stehe, sondern geduldet werde. Ein solches Beispiel ist die Schlußfolgerung, die aus der Anwesenheit Jesu bei der Hochzeit von Kana gezogen wird. Francesco sagt: «Doch darf BARBAROS ANSICHT ÜBER DIE FRAUEN 69 man nicht die christliche Satzung schweigend übergehen, ihre Würde ist ja verdientermaßen so groß, daß sie auch ohne Vernunftgründe glaubhaft sein könnte. Durch ihr Herkommen wird die Ehe, die schon durch Sakrament, Treue und Nachkommenschaft besonders gefestigt ist, so empfohlen, daß leicht zu ersehen ist: zunächst wurde sie geboten, hernach zugestanden. Wie sehr sie zu billigen sei, hat uns Christus unser Herr im Evangelium bekräftigt, einmal dadurch, daß er verbot, die Gattin zu verstoßen, und dann weil er eingeladen zur Hochzeit kam. Davon ist zu halten, daß, obwohl die Ehe an sich nicht erstrebenswert ist, sie doch in dem, was an sich gut in ihr ist, meinem freien Beheben anheimgestellt wird 14 .» Dies ist die gleiche Ansicht, wie sie Petrus Lombardus äußert. Die Abweichung von der pessimistischen Lehre der Erbsünde, wie sie in ihren Folgerungen bei Augustinus und Petrus Lombardus ausgebaut ist, kommt im übernächsten Satze Barbaros klar zum Ausdruck: «Wir glauben also, daß die Ehe gut ist wegen der Nachkommenschaft und wegen der Gemeinschaft beider Geschlechter, welche uns die Natur in wunderbarer Weise anheimgibt.»Er stellt sich also freudigund diesseitsgewandt auf den Boden der Natur, deren wunderbare Fügung er preist, weil er sie ohne Vorbehalt bejaht, und er seufzt nicht verlorenen Paradiesen nach. Das kennzeichnet ihn als Menschen der Renaissance. Zugleich bemüht er sich hier, das leidige Sexuelle, das immer den Anspruch erhebe, inmitten des Sinnens und Trachtens des Menschen zu stehen und die einzige Triebfeder seines Lebens zu sein (was den Streit der Meinungen immer wieder von neuem entfacht), aus dem Mittelpunkte wegzuschieben und es richtigerweise durch die «societas utriusque sexus» zu ersetzen. (Andernfalls 1 ), fährt er fort, «ginge dieWürde der Ehe zwischen altenLeuten verloren, wenn sie keine Kinder haben oder ihnen die Hoffnung geraubt ist, solche noch zu zeugen, wobei die besondere Ehre darin besteht, daß dieWürde, die Art fortzupflanzen, vor der Schmach der Unenthaltsamkeit schützt.»An diesem Beispiel läßt sich deutlich erkennen, wieweit bei einem Menschen der Renaissance mittelalterliche Überlieferung befolgt oder abgebrochen wird. Soweit es sich um die christliche Lehre handelt, muß er sich mit dem ihm von Augusün, Hugo von St. Viktor, Petrus Lombardus mittelbar oder unmittelbar Zugeleiteten auseinandersetzen; jedoch sind Gesinnung und Auffassung, wie er an die altenDinge neu herantritt, grundverschieden. c lken Ein : ita in ig oucf »real teilt : de An jibl Icrliir lal Iii eud- Sind; vcr*. den 1 mnf An-i M-ir igerl ige, ssel 7° IV DE RE UXORIA Welches ist dieser neue Standpunkt ? Sein Kennzeichen ist, daß er die Ansicht des Laien ist und artverschieden von der der Kleriker; er unterscheidet sich aber auch von dem desTheophrast oder Cicero .Diese sprechen als Privadeute, als Einzelstehende, als Philosophen, die die Sphäre des Weibes in der philosophischen Einsamkeit ihrer Studien stört, während alle Worte des Francesco Barbaro von dem Mitglied eines Gemeinwesens, dem Träger des Staatsgedankens, ausgehen. Hier setzt bei ihm die venezianische Tradition ein. Nachdem sie jahrhundertelang in der Stille von den sich ablösenden Geschlechtern geübt worden war, wartete sie darauf, daß einer ihrer Söhne nicht nur nach ihr lebte, sondern sie auch als wirksam verkündete. Aus der ältesten venezianischen Überlieferung, aus dem Leben der Veneter der Antike macht uns eine Nachricht auf horchen 15 . Dieses Volk hatte aus Kleinasien, woher es eingewandert sein soll, einen eigentümlichen Brauch mitgebracht: bei ihm fand die Gattenwahl von Staats wegen statt. Einmal im Jahre versammelten sich unter Aufsicht der Behörden die heiratsfähigen Jünglinge und Mädchen, und ein jeder der Männer wählte nach Herzenslust das Mädchen, das ihm gefiel. Natürlich waren die schönen Mädchen sogleich vergeben und die weniger anziehenden blieben sitzen; aber auch für diese traf der Staat Vorsorge, indem er bestimmte, daß, wer von den Männern sich eine schöne Braut gewählt hatte, eine Abgabe zahlen mußte, woraus die Aussteuer der minder glücklichen Mädchen gebildet wurde, damit auch deren Verheiratung sichergestellt sei. Die Nachricht zeigt, daß in diesem Volke, das vom unteren Po bis in die Alpen seine Wohnsitze hatte, das Heiraten von jeher nicht nur als eine Familien-, sondern als eine wichtige Staatsangelegenheit gegolten hat. Diese ursprüngliche Einstellung verstärkte sich noch unter der ganz eigenartigen staatlichen Voraussetzung der Neugründung auf den Inseln der Lagune. Auch aus dem venezianischen Mittelalter hören wir von den jährlich sich wiederholenden allgemeinen Hochzeitstagen. Es herrschte die Sitte, die Ehen am letztenTag des Monats Januar einzusegnen, der der Einbringung der Reliquien des hl. Markus geweiht war. Das Volk begab sich in feierlichem Aufzuge in die Kirche von Olivolo, wo die weißgekleideten, mit Edelsteinen geschmückten Bräute sich versammelten, mit Kästchen in den Händen, die ihre Mitgift enthielten. Es geht die Sage, daß einmal die slawischen Seeräuber davon DIE VENEZIANISCHE ÜBERLIEFERUNG 71 Kunde erhielten, heimlich in Olivolo Anker warfen und den Braut2ug in der Kirche überfielen und beraubten. Sie schleppten die Bräute, die Männer und vielleicht auch den Bischof mit seinen Priestern fort. Da aber die venezianische Flotte stets bereit kg, so fuhr sie hinter den Räubern her und jagte ihnen die Beute wieder ab. Seither gedachte man an diesem festlichen Tage immer der glücklichen Befreiung der Bräute. Einer der Hauptgründe dafür, daß Barbaro nicht der asketischen Richtung des Christentums folgen kann, liegt in den Lebensbedingungen seiner Vaterstadt, mit denen er untrennbar verbunden ist. Weltflucht und Askese entstanden im Altertum erst in Zeiten der Gesättigtheit im staatlichen Leben, in Zeiten des Hellenismus und des römischen Kaiserreiches, wo das Staatsgetriebe so ausgedehnt war, daß es die vielen Einzelnen nicht mehr so lebendig erfassen konnte, wie es früher in der griechischen Polis und der römischen Republik selbstverständlich war. Aus der Staatsmüdigkeit erwuchs die Verzweiflung am Sinn des irdischen Lebens und die Weltflucht. Alle diese Voraussetzungen waren in Venedig durchaus nicht gegeben: in seinem Staatsleben glich es vielmehr den Zeiten des Aufstieges und der Machtentfaltung Athens und der Republik Rom. Wollte diese Stadt während der vielen Jahrhunderte ihrer Blüte ungebrochen ausdauern, so mußte sie die größte Sorgfalt auf die Erhaltung der herrschenden Familien legen, auf die diese Stadt aristokratisch aufgebaut war. Wie es ihm der staatserhaltende Trieb Venedigs eingibt, nimmt Francesco Barbaro entschieden Partei gegen die Ehelosigkeit. Bei ihm verfallen der Strafe und Schande diejenigen, welche ihren Bürgerpflichten zur Erhaltung des Stammes nicht genügen. Er sucht sich daher anüke Stimmen, die diese staatserhaltende Vorsorge bezeugen, und findet sie bezeichnenderweise nicht unter den Philosophen, sondern bei den Gesetzgebern. Valerius Maximus bietet ihm das treffende Beispiel: «Die Zensoren Camillus und Postumius üeßen diejenigen, die bis ins Alter Junggesellen geblieben waren, als Strafe Steuern an den Staatsschatz abführen. Sie seien abermals strafwürdig, wenn sie sich über eine so gerechte Verfügung irgendwie zu beklagen wagten, da man sie so bescholten hatte: Die Natur schreibt euch in gleicher Weise das Gesetz des Geborenwerdens wie des Zeugens vor, und da eure Eltern euch aufzogen, banden sie euch — wenn es noch ein Pflichtgefühl gibt — an die Aufgabe, 72 IV DE RE UXORIA eigne Kinder zu ernähren 16 ...» Noch strengere Bestimmungen als bei den Römern findet Francesco bei den Spartanern, wo Lykurg die mit 37 Jahren noch Unbeweibten der Verspottung aussetzt, unbeschadet der Ehrfurcht, die Jüngere den verdienten Älteren schuldig sind. «Deshalb war es nicht ungezogen», meint Francesco, «daß dem berühmten Feldherrn Kallikles (Plutarch erzählt dies von Derkyllidas) zu Laze- dämon, seinem Alterssitz, ein Jüngling im Theater nicht die Ehre erwies und Platz machte, sondern sagte: Hast du, Kallikles, doch keinen gezeugt, der einst mir Platz machen muß!» Barbaro Hebt mit jugendlicher Entschiedenheit diese unvermittelnde, unzweideutige Schroffheit der Haltung in Lebens- und staatlichen Dingen und schreckt nicht vor einem solchen Beispiel zurück, das in harter Folgerichtigkeit nur einen Staatstrieb gelten läßt bis zur Nichtachtung aller andern. Bezeichnend für ihn ist es, welchen Zeiten beispielhafter Vergangenheit er sich mit Vorliebe zuwendet: es sind die blutsstarken frühen Gründungszeiten der engen staatlichen Gebundenheit, wo die ungeschwächte Erhaltung des Blutes über allem steht, damit die Stoßkraft des staatlichen Lebens nicht erlahme. Dies ist die geheime Verwandtschaft, die zwischen Sparta, der römischen Republik und dem mittleren Venedig besteht. Denen ziemt solch ausschließlicher Familiensinn. Des Vorhandenseins eines geistlichen Standes und seines Zöübates in der Gegenwart wird mit keinem Worte Erwähnung getan, wie ja in dieser ganz auf das Weldiche gerichteten Schrift, obwohl sie in höchstem Maße ethisch ist, niemals eine Verankerung in einem überweltlichen Reich gesucht wird. Für das Zölibat gibt es also im Staate des jungen Barbaro noch keinen Platz. Die Aristokratie, aus deren Boden er herausgewachsen ist, muß dagegen den größten Wert auf die Eugenik, die vollwertige Nachkommenschaft, legen, die erfahrungsgemäß am besten durch Vollbürtigkeit (Legitimität) gewährleistet wird. Barbaro weiß aus Erfahrung, daß die illegitimen Geburten, besonders die im Rausch erzeugten, meistens minderwertige Charaktere besitzen. «Wer in angesehenem Hause geboren ist, den duldet das Licht des väterlichen Ruhmes nicht im Dunkeln; der merkt, daß die Bilder der Ahnen ihm mehr Last als Ehre sind, wenn er nicht durch eigne Manneskraft der Würde und Erhabenheit der Vorfahren entspricht. Und wahrlich, er weiß sehr wohl, daß aller Augen ARISTOKRATIE UND EUGENIK 73 auf ihn gerichtet sind in Erwartung der gewißlich erblichen Tugend. Wenn sie nicht ebensoviel taugen wie ihre Angehörigen, so merken sie an der allgemeinen schmachvollen Zurücksetzung, daß sie entartet sind. Und wie die sieggewohnten Soldaten das Gedenken an den ehemals erworbenen Ruhm feurig und hochaufgerichtet mutig macht, so spornt das Ruhmesgedächtnis des Geschlechtes die schon freiwillig Vorstürmenden noch mehr an.» Wenn zuweilen noch unter dem üppigen antiken Rankenwerk der tiefste Sinn und das Ziel der Schrift DE RE UXORIA verborgen Hegt, an solchen Stellen, wo Francesco Barbaro, kaum daß er solche Fragen berührt, sich zu feurig eifernder Begeisterung erhebt, da blinkt der eigentliche Sinn seines Werkes untrüglich hervor. Er rührt hier an den Grundpfeiler seines Staates und begeistert sich dafür, daß auch auf seinen Schultern die große Tradition ruhen wird. Nicht eine Privat- oder Familienangelegenheit ist dieses Werk; es entfaltet sich hier zum Kernstück des Staates Venedig, den Francesco mit aller seiner Kraft bejaht. Scharf durchschaut er die Eigentümlichkeiten dieses hochgemuten Adelsstaates, der den aus hohem Hause Geborenen den Zutritt zu den Ehrenstellen so leicht macht. «Wer zweifelt daran, daß sie (nur vorausgesetzt, daß sie nicht in allem übrigen an Verdienst übertrorFen werden) nach allgemeinem Urteil den einfachen Leuten vorgezogen werden.» Freilich rührt hier Francesco unbewußt an den wundesten Punkt der Adelsherrschaft, und in der Tat kann hier immer die ernsthafteste Kritik an Venedig einsetzen. Um die geistige Art und Haltung unseres Venezianers gerade am Gegensatz zu erkennen, ist es lehrreich, hier den größten Kritiker an der Inselstadt zu Worte kommen zu lassen: Niccolö Machiavelli in seinen D1SCORSI. Machiavelli schrieb gerade hundert Jahre später unter dem Eindruck des eben beendeten Krieges der Liga von Cambrai, wo sich fast alle Großmächte: Kaiser, Papst und die Könige von Frankreich und Spanien, gegen die in Italien zu weit um sich greifende Macht der Republik Venedig verschworen hatten. Mit knapper Not war sie an der Vernichtung vorbeigekommen und erlitt schwere Einbuße. Ganz Italien war damals gegen Venedig eingenommen und faßte die Demütigung der Stadt als gerechte Strafe des Himmels für den Hochmut auf. Nach langer Bundesgenossenschaft zur Zeit Barbaros hatten sich Florenz und 76 IV DE RE UXORIA so herrlichen Staat übernommen haben, stimmten alle bis auf den letzten Mann darin überein, daß bei der Förderung, Gestaltung und Mehrung des Vaterlandes nicht auf den Nutzen und die Ehren des Einzelnen Rücksicht zu nehmen sei.» Das ist die Selbstrechtfertigung der mit gutem Gewissen und Erfolg durchgeführten und bewährten aristokratischen Regierungsform, aus der die Auffassung der Ehe und ihr Einbau in das Staatsganze für Barbaro erwächst. Wie können Staatsdenker vom Rang eines Machiavelli einerseits, eines Barbaro und Contarini andererseits zu so verschiedenen Ergebnissen der geschichthchen Betrachtung gelangen ? Dies rührt nicht allein von der Verschiedenheit der Zeit her, sondern liegt tiefer im menschlichen Schicksal begründet. Erst wenn wir erkannt haben, welche Bahnen ein gütiges oder versagendes Geschick den Sprecher geführt hat, können wir auch verstehen, warum er so spricht. Welchen Einfluß übt aber die verschiedene Lebenslage bei Machiavelli und bei Francesco Barbaro auf ihre staatsmännischen Ansichten aus? Zum Teil zeigt das schon die Auswahl der Beispiele, die beide aus dem Altertum treffen. Auch Barbaro sucht die Vorbilder der republikanischen Römerzeit, doch findet er in der römischen «virtus» die sittliche Grundkraft, die Machiavelli geflissentlich beiseite läßt, um bei den Römern nur die politische Entschlußkraft als wirksam anzuerkennen. Deshalb sucht sich der eine vorzüglich Zensorenedikte und der andere Staatsaktionen aus der römischen Überlieferung heraus. Eine solche Auswahl geht bei beiden auf verschiedene miteinander unvereinbare Eigenschaften und Geschicke zurück. Charakter und Schicksal entsprechen sich sichtlich bei Machiavelli. Das Bild, das die Geschichte von ihm auf Grund seiner Schriften und Briefe bewahrt hat, zeigt den reifen Mann nach der großen Staatskatastrophe, die seine Beamtenlaufbahn mitten im Leben abbrach. Man hat gesagt, daß erst diese erzwungene Muße ihn zu seiner großen Schrift- stellerei, gleichsam zu einem versetzten Tätertum getrieben habe, ähnlich wie Cicero in den Unruhen des Bürgerkriegs zur Philosophie greifen mußte und wie Thukydides sich zur Geschichtsschreibung wandte, weil er als athenischer Nauarch mit der Flotte einen Tag zu spät vor Olynth erschienen war und deshalb bei dem Demos in Ungnade fiel. Bei allen diesen Dreien zeitigt ihr Charakter ihr Mißgeschick, und will man STAATSAUFFASSUNG IN FLORENZ UND VENEDIG 77 dies als Unglück bezeichnen, so gehört zu ihrem Charakter auch, daß gerade ihnen dies widerfuhr und nicht ihren glückhafteren Zeitgenossen: Perikles, Caesar oder Guicciardini. Ihr Leben war unbestreitbar in der Mitte gebrochen, und im Grunde haben sie diesen Bruch nie verwunden, wenn sie auch als ehrfurchtgebietende, starke und zäh ausdauernde Männer der Mißgunst des Schicksals ein Trotzdem entgegensetzten und vielleicht Größeres schufen, als sie es sonst vermocht hätten. Aber der Bruch wirkt durch all ihr Schaffen durch: ihre Unbefangenheit ist unwiederbringlich zerstört. Es krampft sich etwas in ihnen zusammen, sobald sie zurückdenken an ihr verlorenes Leben der Tat. Und wenn Machiavelli zurücksah, so sah er zertrümmerte Hoffnungen nicht nur seines eigenen Lebens, sondern auch seines Staates, seiner Republik Florenz, der er gedient hatte und die nun wieder unter die Tyrannis der Mediceer gefallen war. Wenn er in die Zukunft vorausschaute, so sah sie noch dunkler aus: ein zerrissenes Italien, auf Jahrhunderte noch unter den Tritten fremder Eroberer. Er konnte sich in seiner Gegenwart an nichts Gewachsenem mehr halten, weil alles Gewachsene ringsum verrottet war. In dieser fürchterlichen Lage, die ihn sein scharfes Auge erbarmungslos durchschauen ließ, brach er nicht zusammen, aber dies Leid des Wissens und Nicht-handeln-Könnens verkümmerte ihm die letzten Triebe des menschlichen Herzens. Es blieb nur noch die harte, nüchtern-grausame Staatsdoktrin, die ihm allein die Rettung aus der Wirrsal der Gegenwart schien. Auf sie richtete er sein Auge so scharf, daß alles andere daneben für ihn versank. So freilich konnte er immer nur Teilhaftes bilden! Er löste die Listen und Tücken der römischen Staatskunst aus der römischen religiösen Gebundenheit los, machte sie zum Rezept, das wie Gift wirkte und viel Unheil schuf. Sein Unglück war, daß er entwurzelt wurde, weil der Boden der Vaterstadt zu mürbe geworden war und ihm keinen Halt mehr bot. Sein gewaltiger Geist suchte für das sieche Vaterland neue Kräfte aus dem römischen Boden zu saugen, doch durch die Not der Stunde drang er nicht mehr bis zu den nährenden Säften des Wachstums der Völker vor. Wenn wir hier vom Jahre 1415, dem Brennpunkt unserer Betrachtungen, ausgehend den Horizont in die heraufkommende Zeit hundert Jahre hinausgedehnt haben, so sei es auch vergönnt, hundert Jahre in die 78 IV DE RE UXORIA Vergangenheit zurückzublicken, wo ein dunkel verwandtes Schicksal seiner Vollendung entgegenging. Freilich erlitt es ein anderer Charakter, der deshalb auch eine weit andere Lösung daraus fand. Daß Dante Alighieri und Niccolö Machiavelli beide im selben Alter durch äußeren Zu- stoß den Bruch ihres bisherigen Lebens erfahren mußten, dies ist das verwandte Geschehen. Doch entwand sich hier nur ein kühler und klarer Geist der Umnachtung, dort brach sich die reichste Seele durch Pein und Not wieder zum Licht. Was diesem mangelte, besaß sie in überquellender Fülle: nicht nur Teilhaftes gab diese neue Seele, sondern Voll- kommnes, da sie gleichsam wie mit einer ungeheuren Kuppel alles Menschensinnen und -trachten zu überwölben vermochte. Aber nicht davon sei hier die Rede, sondern von den Folgen, die der schmerzhafte Bruch in seinem Leben, die Verbannung, in seiner Staatsauffassung zeitigt. Das fordert wiederum zum Vergleich mit der staatlichen Haltung Machiavellis heraus. Auch Dante wurde aus dem Mutterboden gewaltsam herausgerissen und sagt nun bitter und stolz, die ganze Welt sei sein Vaterland. Er ersetzt dieLosgerissenheitvon der Heimat durch eine neue, umfassendere Bindung. Die Tatsache des Bruches kann auch er nicht ungeschehen machen, sondern immer sehnt er sich nach der Heimat zurück. So ist sein Bestreben, zwei staatliche Haltungen zu überbrücken und zu verbinden, die wir bisher als getrennt beobachtet haben: die blutsmäßig-bodenständige und die weltmonarchische des römischen Kaisers, oder sein Wandel vom Welfentum zum Gibellinentum. In seinem Weltgedicht läßt er Brunetto Latini (Inf. X v) die schlechte Rasse der nach Florenz Eingewanderten schelten: Doch jene undankbare böse sippe Die einst von Fiesole im niedersteigen Noch manches mit sich nahm von klotz und klippe und dann preisen die Herkunft Dantes von noch echtem Römerblut Daran lebendig wird der heilige samen Von Römern die geblieben sind als schlechte Den ort zum sitze ihrer bosheit nahmen. Wir sind heute eher geneigt, die edle Bluts kraft des mittelalterlichen Italien auf die Frischung durch unverdorbenen nordischen Blutsadel als LEBENSGESCHICKE UND STAATS AUFFASSUNG 79 auf das entartete Römertum der Spätantike zurückzuführen, dessen letzter Adel mit Boethius und Symmachus erlosch. Doch davon haben die Italiener zu allen Zeiten nichts wissen wollen. Über diesem für ihn nie erlöschenden Gefühl zum heimatlichen Boden und dem edlen Stamme, dem er dort entsproß, baut sich bei Dante die kosmopolitische Reichsverbundenheit auf, in der sich Kaiser und Papst in die jedem von ihnen zukommende Macht teilen und irdisch-überirdisch die Welt befrieden. Man hat eingewandt, daß dies die niemals in höchstem Einklang erreichte Lösung der mittelalterlichen Vergangenheit war und daß die Zukunft eher der machiavellistischen Lösung zureifte, die nur festzustellen strebe, wie ein Staat zur Macht kommt und sich darin erhält, die bewußt und entschlossen in Staatsdingen alle Metaphysik über Bord wirft und sich nur an die «nackte Wirklichkeit» hält. Das konnte aber immer nur eine Teillösung sein, weil eben die nackte Wirklichkeit nicht das Ganze ist, und weil ihren Anhängern die Feinfühligkeit fehlt, die geheimen und verborgenen Kräfte der Gotteswelt zu spüren, die man nicht ungestraft vernachlässigt. Wie steht nun zwischen diesen gewaltigen und ragenden Horizonten in der zeitlichen Mitte der stolz-bescheidene venezianische Jüngling und sein Werk ? Das Schicksal, das seine Gaben ungleich verteilt, hat Francesco besonders gütig bedacht, und zwar mit den Gaben, die es den beiden Großen versagte. Wenn wir auf seine Jugend zurückblicken, so hat sie der Glückliche im dolce ovile, «im süßen Schafstall», verlebt, gehegt und geliebt von seinen großen Freunden, die ihn belehrten, und er ist nie daraus vertrieben worden. Sein Leben ist geradlinig von Geburt zu Tod. Wenn Machiavelli der Boden unter den Füßen wankte und er mit der florentinischen Verfassung stürzte, so blieb solch herbes Unglück dem Francesco Barbaro erspart. Er wurzelt fest in seiner glorreichen Vaterstadt, die schon viele Jahrhunderte alle wechselnden Schicksale des übrigen Italien unverändert und unbeeinträchtigt überdauerte. Über sein helles Auge ist noch nicht der Schatten der Enttäuschung gezogen. Seine Unbefangenheit wurde ihm noch nicht vergällt. Darum ist sein Jugendwerk so einzig, weil ihm aller Kummer fehlt, steht doch die mächtige Republik schützend und alle Unbill abwehrend hinter ihren Söhnen. 8o IV DE RE UXORIA DE RE UXORIA ist ein Erstlingswerk mit unangetastetem Schmelz. Wir hören da ganz harmlos und selbstverständlich die vornehmen Jünglinge aus ihren Adelsinstinkten sprechen. Wohl ist im weiteren Leben Barbaros viel ungewöhnlich hochstrebendes Tun, doch sprengt er nicht als einzelner die Grenzen seines Standes, sondern hebt seinen ganzen Stand mit sich empor. Derselbe venezianische Stamm hat in tausendjähriger Blüte viele edle Triebe gezeitigt. Eben dies ist das Beglückende, daß Barbaro nicht vereinzelt dasteht. Ein Vorläufer von ähnlich edler Menschenbildung war Zaccaria Trevisano; Francesco Barbaro ist dann der erste vom neuen Geiste des Humanismus ganz Durchdrungene; er leitet die Schar der edlen Venezianer der Renaissance, deren weltgeschichtlich am meisten hervortretende Gestalt der schon genannte Kardinal Gasparino Contarini ist, das Haupt der Versöhnungspartei in den Reformationswirren. Durch den Gegensatz zu Machiavellis Einstellung werden wir aufs neue auf die Verschiedenheit ihrer Herkunft verwiesen. Die Grundlagen sind hier die florentinische Demokratie, dort die venezianische Aristokratie.Machia- velli und Barbaro sind beides staatliche Menschen, Männer, die also vor allem die Wohlfahrt des Staates im Auge haben. Um dieses Ziel zu erreichen, geht der eine ganz a-moralisch, macht-technisch vor, der andere stützt sich auf eine Staatsethik. Um die verschiedenen aristokratischen und demokratischen Grundsätze zu erkennen, bietet sich als gemeinsamer Boden das Ausleseprinzip. In der Demokratie erwartet man, daß sich aus der ganzen Breite der gleichberechtigten Bürgerschaft die für die Staatslenkung notwendigen Männer von selber erheben werden. Auf dieser unausgesprochenen Voraussetzung baut Machiavelli sein Staatsgebäude gleichsam erst vom ersten Stockwerk an. Seine einzige Frage ist eben, wie der Machthaber zur Macht kommt und wie er sich darin erhält; was das für ein Mann ist und woher er kommt, wird von der demokratischen Einstellung Machiavellis außer acht gelassen. Das einzige Erfordernis ist die Tätertugend, die blitzschnelle Entschlußkraft zum Handeln. Demgegenüber verfährt die Aristokratie viel sparsamer mit ihrem Menschengut und sucht, wie in Tier- und Blumenzucht, die eigene Art zu veredeln. In neueren Zeiten würde den Ansprüchen Francesco Barbaros wohl am ehesten die englische Aristokratie gerecht geworden sein. Nun richten sich von jeher die Angriffe der ARISTOKRATIE UND DEMOKRATIE 81 Demokraten nur gegen einen überalterten Zustand der Aristokratien, wo diese ihren eignen Grundsätzen der Auslese selbst untreu werden. Nämlich dann, wenn ihr junger Nachwuchs, anmaßend, frech und untüchtig geworden, nur auf seine ererbten Ansprüche pocht, wozu ihn weder seine entartende Gestalt noch seine Leistungen mehr berechtigen. Dagegen empört sich das Volk unter neuen Führern und zerbricht die hohlen Schalen und leeren Gehäuse, aus denen Kraft und Mark geschwunden sind. Keine Aristokratie ist in der Vollkraft erlegen, und die Zeit, da die venezianische Aristokratie von der Weltbühne abtreten mußte, kam erst, als sie von Napoleon geschlagen wurde, weil sie von unzeitigem Befreiungstaumel ergriffen ihn zu ihrem Verderben verriet und ihm in den Rücken fiel, obwohl er sie vorher gewarnt hatte. Aber bis dahin verstreichen seit Francesco Barbaros Geburt 400 Jahre. Zu seiner Zeit steht der Stamm noch in vollster Kraft und erwehrt sich lange unverändert der äußeren und inneren Gefahren. Barbaro zeigt uns eine Aristokratie auf ihrem Höhepunkt, und mag auch die Republik von ihren Feinden als verschlagen und hinterlistig verschrieen sein, er legt anderes Zeugnis von seiner Vaterstadt ab und hat auch in seinem späteren Leben gehalten, was man sich nach seinem Erstlingswerk von ihm versprechen konnte. Mögen diese Männer, wie wir sie später von Tizian gemalt sehen, nach außen hin kühl und unnahbar gewesen sein, mit einem Würdegefühl, das dem spanischen «sosiego» nahe war, hier in DE RE UXORIA sehen wir in den inneren Aufbau ihres häuslichen Lebens, in eine lebendige und immer aufs neue an Hand von Plutarch und Quintilian auf ihre Grundlagen hin durchdachte Sitte. Diese ihm vertrauten Wortführer des späteren Altertums kamen seinen aus der venezianischen Sitte erwachsenen Anschauungen über die Ehe entgegen. Barbaro ist in seinem Jahrhundert nicht der erste und nicht der letzte, der über den Ehestand schreibt. Sein Werk ist der Hauptsproß eines eigenen Literaturzweiges und leitet die damals vielgeübte Gattung der Hochzeitsschriften ein. Diese haben alle die Ehe und deren vornehmste Aufgabe, die Erziehung des Nachwuchses, zum Gegenstand; so gehören sie im weiteren Sinne zur pädagogischen Literatur, in der das XV. Jahrhunder einige bedeutende Leistungen aufzuweisen hat. Barbaros Werk deckt sich 82 IV DE RE UXORIA in seinem Inhalte bald mit der einen, bald mit der anderen dieser Er- 2iehungsschriften. Vorgänger sind zwei Bücher, deren Abfassung noch ins XIV.Jahrhundert fällt: ein klerikales und ein humanistisches. Alle drei Schriften ergänzen sich inhaltlich, da Kardinal Johannes Dominici die Kindheitsstufe, Pier Paolo Vergerio das Knaben- und Jünglingsalter und Barbaro das junge Mannesalter sowie anschließend wieder die Erziehung der Kinder behandelt; aber was die Gesinnung anbetrifft, scheidet die beiden letztgenannten humanistischen Werke eine tiefe Kluft von dem ersten, dem klerikalen, das noch ganz auf mittelalterlicher Anschauung fußt. In den hier berührten Ehe- und Erziehungsfragen konnten Barbaro und jeder andere Humanist weder an die mystische Lösung des Hugo von St. Viktor, noch an die dogmatische des Petrus Lombardus, am wenigsten aber an die pädagogische ihres Zeitgenossen Johannes Dominici sich halten. Während aber die beiden erstgenannten Werke in sich lauter sind, der Dogmatiker in logischer Klarheit die Schwierigkeiten bis zum Ende durchdenkt, die ihm die Glaubenssätze der Kirche bieten, der Mystiker die Liebesnut seines Glaubens in kristallklarer, ganz durchseelter Sprache leuchten läßt, stoßen wir bei dem kirchlichen Pädagogen des ausgehenden XIV. Jahrhunderts auf einen trüben Strom in seelischer Dumpfheit und verkrampften Trieben 19 . Aus Johannes Dominici spricht die engstirnige sittliche Unfreiheit der Dominikanermönche jener Zeit — hundert Jahre später forderte sie die blutige Saüre der Dunkelmännerbriefe heraus. Man könnte im einzelnen in seinem Werk Belege für die Gesinnung sammeln, die von den Humanisten des XVI. Jahrhunderts gegeißelt und verhöhnt wurde 20 . Frau Bartolomea Alberti, deren Mann in den Parteikämpfen zwischen den Albizzi und den Alberti aus Florenz hatte weichen müssen, wandte sich ums Jahr 1400 an ihren Beichtvater Dominici, er möge ihr eine Anweisung für die Erziehung ihrer Söhne geben. So konnte dieser ohne weltlichen Einspruch des leiblichen Vaters als geistlicher Vater dieser Familie die Erziehung ganz nach seinem Gutdünken regeln. Er schrieb italienisch, weil Bartolomea kein Latein verstand. Dominici predigt eine Erziehung, die sich gegen alles Neue sträubt; wenigstens seine Schäfchen möchte er vor dem frischen Hauch bewahren. Auch bei Barbaro dienen die alten Sitten zum Vorbild der Gegenwart, doch greift er KARD. JOH. DOMINICIS ERZIEHUNGSLEHRE 83 immer Dinge, die unleidlich sind und den Tadel verdienen, an. Im übrigen verschwindet bei ihm in den wesentlichen Fragen der Unterschied von Altem und Neuem, und er eint das frisch Aufkeimende mit dem überkommenen Erbe der Vorväter, während der andere nur das Lamento des Pfaffen anzustimmen weiß: «Wie erleuchtet finden wir unsre Vorfahren», sagt Dominici, «in dem Unterricht der Jugend. Die neue Zeit dagegen ist blind geworden und erzieht ihre Kinder ohne Glauben. Zuerst Heß man die heilige Geschichte und den Psalter lernen... diese und ähnliche Bücher enthielten keine Gefahr. Jetzt dagegen wird die Jugend modern erzogen, und die abtrünnige Natur wird wieder altheidnisch im Verkehr mit den Ungläubigen mitten unter unehrbaren Dingen, welche zur Sünde reizen, bevor die Fähigkeit zur Sünde da ist.» Vor Dominicis Augen findet keiner der antiken Schriftsteller, weder Ovid noch Vergil, Gnade, weil in beider Werk zuviel Unsittliches vorkommt. «Das Schlimmste aber ist, daß der überaus zarte Sinn der Jugend mit einer Art religiöser Verehrung und Hochachtung vor den falschen Göttern erfüllt wird.» Fast alle Humanisten haben sich gegen diese religiöse Engstirnigkeit zur Wehr setzen müssen. Ich erwähne nur Leonardo Brunis DE STUD1IS ET LITTER1S, ad dominam Baptistam de Malatestis (ca. 1425) 21 . Bruni findet im Gegensatz zu den Verdächtigungen bei den heidnischen Dichtern: maxima documenta uxoriae disciplinae, höchste Zeugnisse der Ehezucht. Bruni führt eine geschickte und ironische Verteidigung; er bezeichnet die unsittlichen Liebesabenteuer der heidnischen Götter als «res fictae», Erdichtungen, an denen man nur die Darstellungskunst zu bewundern habe, während doch die gegen die Sittlichkeit verstoßenden Geschichten des Alten Testaments, also der Heiligen Schrift, wie etwa die Erzählung von den Töchtern Lots, sich wirklich zugetragen hätten. Während sich Bruni noch verteidigt, treffen Geschosse der Art, wie sie Dominici schleudert, einen Mann wie Barbaro nicht, der unerschütterlich seinen christlichen Glauben stets mit der Huldigung vor dem Altertum zu verbinden wußte. Lebenspessimismus und Lebensoptimismus als verschiedene Ausgangspunkte, die wir schon bei Augustin gegenüber Barbaro feststellen konnten, zeigen auch bei Dominici den schärfsten Gegensatz zwischen der asketisch-christlichen und der antik-humanistischen 8 4 IV DE RE UXORIA Haltung. Das Christentum des Dominici ist tief vom Mißtrauen gegen die menschliche Natur durchdrungen: Der Mensch ist böse von Natur. Von früh an hat die bigotte Erziehung Furcht vor sittlicher Entgleisung der Kinder. Aus Dominicis Worten spricht nur eins: die Angst vor dem Leibe. Geradezu unsauber wird es aber, wenn er sich nicht scheut, selbst die Mutterliebe zu verdächtigen: «Auch sollst du weit entfernt davon sein, zu meinen, du dürftest das Kind dann noch weiter umarmen und küssen und ihm schöntun, wenn es etwa das 25. Jahr überschritten hat. Denn angenommen, es habe bis zu fünf Jahren auch keinerlei sinnliche Gedanken oder Regungen, so gewöhnt es sich bei solcher Behandlung an die Liebkosungen, durch die es später, weil das Schamgefühl nicht entwickelt ist, ohne Vorsicht leicht zu Falle kommt. Darum mußt du bei den Knaben nicht weniger darauf achten, daß sie ehrbar und schamhaft überall bekleidet sind, als bei den Mädchen. Was aber der weise Mann im Buch Ecclesiasticus sagt: Der Vater soll seine Töchter nicht mit zärtlicher Freundlichkeit anblicken, damit sie nicht von Zuneigung zum Antlitz der Männer ergriffen werden, das lege ich dir bezüglich deines Sohnes ans Herz. Willst du ihn für Gott erziehen, so zeige ihm dein Gesicht nicht so, daß er von Frauenliebe ergriffen werde, bevor er weiß, was das sei.» Wer so eingestellt ist, der schnüffelt überall nach Unsittlichkeit und legt auch Bibelstellen, die etwas anderes bedeuten, seinen aberwitzigen Verdacht unter. Der Sinn der Stelle aus Jesus Sirach ist verfälscht. Dort (7, 26) steht in der Vulgata: Filiae tibi sunt? Serva corpus Ülarum et non ostendas hilarem faciem ad illas. Also nichts von dem Zusatz des Dominici: damit sie nicht von der Zuneigung zum Antlitz der Männer ergriffen werden, sondern der Sinn der Stelle ist einfach der: Wenn die Töchter ein lockeres Leben führen, so soll der Vater nicht dazu lachen, sondern ihnen ein strenges Gesicht zeigen. Man vergleiche, welche Aufgabe Barbaro den Müttern bei der Erziehung ihrer Kinder stellt, er, der durchaus keine heidnisch-unchristlichen Neigungen hat, sondern sein Lebtag ein gläubiger Katholik gewesen ist. Während in der bigotten Erziehung des Dominici alles auf die Verhütung einer freieren Regung in den Kindern angelegt ist, tausenderlei Verbote ausgesprochen werden und als Haltung dem Zögling nur die dumpfe Demut unter der geistlichen Aufsicht gelassen wird, BARBAROS FREIERE STELLUNG 85 ■während von dieser Seite immer nur ein: Du sollst nicht! ertönt, sind die lebenaufbauenden Worte des Francesco Barbaro immer von einem bejahenden: Du sollst! erfüllt, mit dem er selbst als erster Ernst macht. Im letzten Kapitel seiner Schrift handelt er von den Erziehungspflichten der Mutter. Er stellt sich die Frage, wie so geartete Eltern, deren Wesen und deren Pflichten er in seinem Buche auseinandergesetzt hat, ihre Kinder erziehen müssen, und andererseits, wie Knaben sich entwickeln sollen, um wiederum die Stufe ihrer Eltern zu erreichen: «Wenn die Kleinen aus den Kinderschuhen heraus sind, müssen die Mütter Verstand, Mühe und Sorgfalt darauf verwenden, daß die Kinder an Gaben des Geistes und Leibes hervorragen. Zuerst sollen sie ihnen Ehrfurcht beibringen vor Gott selbst, dem Unsterblichen, vor dem Vaterland und vor den Eltern, damit sie sich von den ersten Jahren an gewöhnen, von der Tugend zu kosten, die die Grundfeste aller andern ist. Nur dann, wenn sie zur besten Hoffnung Anlaß geben, weil sie Gott fürchten, den Gesetzen gehorchen, die Eltern ehren, dann werden sie auch gegen Ältere ehrerbietig, mit Altersgenossen umgänglich, Jüngeren gegenüber menschlich sein 22 .» Bei unserm Humanisten ist alles klar, freimütig und ursprünglich, seine schönen Worte von der Ehrfurcht berühren sich nah mit denen eines andern Großen, der auch auf die Ursitte zurückgriff: Goethes in der Pädagogischen Provinz. Die Ausdeutung der drei Arten von Ehrfurcht mag verschieden sein, aber die erste Grundforderung der Erziehung bleibt durch alle Zeiten die gleiche, und sie offenbart sich in derselben Weise allen tiefer Schürfenden, so sehr auch im heimlich-verlognen und im lauten flachen Leben ihr zuwidergehandelt wird. Goethes Worte lauten: «Wohlgeborene, gesunde Kinder bringen viel mit; die Natur hat jedem alles gegeben, was er für Zeit und Dauer nötig hätte; dieses zu entwickeln ist unsre Pflicht, öfter entwickelt sich's besser von selbst. Aber eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei: ... Ehrfurcht. .. Allen fehlt sie, vielleicht euch selbst.» Insbesondere rät Barbaro: «Mäßigung in Speise und Trank sollen die Mütter die Kinder lehren, daß damit gleichsam der Grundstein der Selbstbeherrschung für das künftige Leben gelegt ist. Sie sollen sie ermahnen, jene Lüste zu fliehen, die irgendwie mit Schande behaftet sind. Auf diejenigen Studien sollen sie 86 IV DE RE UXORIA Geist und Überlegung lenken, die durch großartige Taten Ehre, Nutzen und Freude verleihen. Wenn die Mutter ihre Söhne so aufziehen konnte, werden sie bei weitem besser zum Lernen vorbereitet.»Dieser Erziehung hegt ein heldischer Geist zugrunde, jener andern ein pfäffischer 23 . Ob Barbaro die italienische Schrift Dominicis gekannt hat, wissen wir nicht. Anders ist es mit dem in der gleichen Zeit (1402) entstandenen Buche des Pier Paolo Vergerio, das Barbaro in vielem als Vorbild diente, und dessen Verfasser später De re uxoria günstig aufnahm. Vergerio ist Venezianer, aber nicht aus der Hauptstadt, sondern aus Capo d'Istria gebürtig, das den Venezianern Untertan war 24 . In seiner Heimat, einem ungeistigen Boden, fand er keine Wirkungsstätte. Er wanderte nach Toscana hinüber und studierte in Florenz bei dem berühmten Lehrer des kanonischen Rechtes Zabarella. Vergerio trat in die familia spiritualis des Kardinals ein und begleitete ihn bis zuletzt auf allen Reisen. Auch mit Manuel Chrysoloras verband ihn eine Freundschaft, von der noch erhaltene Briefe Kunde geben. Die beiden Meister und Freunde starben kurz nacheinander auf dem Konstanzer Konzil, wo Vergerio sie beweinen und zu Grabe tragen mußte. Seine Erziehungsschrift ging aus Beziehungen zum Fürstenhause der Carrara zu Padua hervor. Er war dort während der letzten Kämpfe dieses Geschlechtes gegen die Übermacht seiner Nachbarn, bald gegen die Visconti in Mailand, bald gegen das noch nähere Venedig, das schließlich Padua eroberte und alle Glieder der Familie Carrara, soweit es ihrer habhaft werden konnte, hinrichtete. Einen Sproß dieser Familie, Ubertino, hatte Vergerio zu erziehen. Auch der ging bei dem Sturze seines Hauses zugrunde, zwar endete er nicht wie seine Verwandten gewaltsam in Venedig, sondern starb an gebrochenem Herzen in der Verbannung bald nach der Katastrophe. Vorher aber hatte er in seinem kurzen Leben voller Erwartungen einen glänzenden Aufstieg genommen und schon als Junge heldenhaft an einer Schlacht bei Brescia, in der der deutsche König Ruprecht von der Pfalz durch den Herzog von Mailand besiegt wurde, teilgenommen. Diesem Ubertino da Carrara widmet Vergerio sein Werk über die Erziehung. Es besteht aus zwei Teilen: DE 1NGENU1S MORIBUSund DE LIBERALIBUS STUDIIS 25 . Vergerio ist damals schon 3 2 Jahre alt, so daß sein Werk ein Zurückschauen auf eine Jugend ist, deren Erfahrungen, was Sitte und Studium betrifft, er dem jungen Freunde übermittelt. PIER PAOLO VERGERIO: DE INGENUIS MORIBUS ETC. 87 Barbaro dagegen ist noch ein Jüngling und fühlt die Berufung, sich und den Altersgenossen den Weg, den sie beschreiten sollen, voranzudeuten. Beide Werke sind eine Perlenschnur von antiken Zitaten, durchwoben mit eignen Betrachtungen. Barbaro, der später schrieb, hat schon eine größere Anzahl namentlich griechischer Schriftsteller zu seiner Verfügung, während Vergerios Buch vielleicht reicher an Hinweisen auf die unmittelbare Gegenwart ist. Beide sind in ihren ethischen Bestrebungen gleichgerichtet. Auch Vergerio tritt nicht in Gegensatz zur Kirche. Es ist aber unhaltbar, wenn von monastischer Seite eine Annäherung zwischen Dominici und Vergerio behauptet wird, weil dieser gelegentlich gegen einen übertriebenen Formalismus im humanistischen Lager eifert. Nach genauerem Einblick in die Geistesart des Dominici erübrigt sich ein weiteres Gegenüberstellen der verschiedenartigen Gesinnung. Vergerio steht dagegen dem Werke seines Landsmannes Barbaro viel näher. Ehrfurcht vor göttüchen Dingen und Teilnahme des Staates an der Erziehung, die sie beide betonen, sind gemeinsame venezianische Züge. Ferner Vergerios Rat für die Jungen: lieber zuviel schweigen als zuviel reden. «Es wird nützen», sagt er, «wenn man sie ermahnt, wenig zu sprechen, und wenn sie nicht geheißen sind, nur wortkarg zu reden, denn in vielem Gerede ist immer irgend etwas, was sich tadeln läßt. Wenn man aber in einem von beiden sündigen soll, so ist es doch viel sicherer zu schweigen als zu schwatzen. Wer zur Unzeit schweigt, läßt es nur in dem einen fehlen, daß er schweigt, wenn er aber redet, kann er sich in vielem irren.» Die rechten Umgangsformen, meint Vergerio, sind Anmut und Würde (facilitas und gravitas), aber beide dürfen nicht übertrieben werden, um nicht zu lächerlicher Karikatur auszuarten. «Gleichermaßen muß man sich hüten, daß nicht die eine in bäurische Schwerfälligkeit, die andre in geckenhafte Leichtfüßigkeit ausmündet. Deshalb soll sich jeder gerne zurechtweisen lassen. Denn wie wir bei vorgehaltenem Spiegel die Flecken auf unserm Gesicht erkennen, so ergründen wir beim Tadel der Freunde das Irren unseres Charakters, und dies ist die allerbeste Gelegenheit zur Besserung.» Aus solchen Zügen wird das Bild der «edlen Sitten» bei Vergerio zusammengesetzt, und da es aus einer italienischen Sehnsucht nach edler Stilisierung des Lebens hervorgeht, hat es viel Beherzigung gefunden, nicht zuletzt bei Barbaro, dessen Charakterzüge wir darin zu c prug auc 1 teilt I; de An ubli ierlin am cud Sind vcr-: den "nmt Bei als aus, gen dert' auf An- ein itar 'erkj ger ige,] ! laj-l sscl JVfj m 88 IV DE RE UXORIA erkennen glauben. Vergerio undBarbaro sind von einer Welle getragen, die dann später in Baldassare Castiglione und seinem Werke IL CORTI- GIANO ihren Höhepunkt in Italien erreicht und jahrhundertelang für die Prägung des Menschenbildes Weltgeltung erlangt hat, wie sich besonders in Frankreich nachweisen läßt. Dies sind die hauptsächlichen Vorläufer Barbaros; aber damit hört es nicht auf, da der Strom durch ihn weiterfließt. Sein Werk hat eine starke unmittelbare Wirkung ausgeübt, auch jenseits der Grenzen; in unserm Vaterland kann dies besonders deutlich verfolgt werden. «Das bahnbrechende Buch auf unserm Gebiete, sagt ein Beurteiler der Schriften über die Ehe 28 , ist erst das 1415 geschriebene Buch DE RE UXORIA des Francesco Barbaro. Die Schrift hatte einen glänzenden Erfolg und machte den jugendlichen Verfasser über Nacht zum berühmten Mann. Neu war die ganze Materie allerdings nur, insofern die Humanisten die scholastische Literatur als nicht vorhanden betrachteten, überhaupt neu aber, was die Art der Behandlung anbetrifft... Der wesentliche Fortschritt gegenüber den Griechen (auf die zurückgegriffen wird) besteht darin, daß der Frau unter dem Einfluß römischer, christlicher und mittelalterlicher Anschauung menschlich eine weit höhere Stellung zugewiesen wird, als sie in Hellas einnahm. In der RES UXORIA sind Themata, die in der Eheliteratur bisher nie behandelt waren. Indem Barbaro die kretische Sitte, daß die Brautleute sich erst in Liebe erproben, als empfehlenswert hinstellt, vereinigt er zum ersten Male prinzipiell Liebe und Ehe, die das Mittelalter zu einer edleren Auffassung der Ehe nicht hatte kommen lassen.» Kaum war das Buch erschienen, so wurde es nach Konstanz, wo das Konzil tagte, geschickt, damit sich dort die auserwähltesten Geister, die Italien zum Konzil geschickt hatte, daran erfreuten. Chrysoloras war dort wohl schon gestorben, aber Zabarella, der die größten Aussichten hatte, aus dem Konzil als Papst hervorzugehen, lebte noch, wenn er auch krank war und in Konstanz 1417 starb. Da er nicht mehr ausgehen konnte, suchte ihn Vergerio auf und fand ihn beim Lesen des neuen Buches. Gleich lieh er sich's von dem Kardinal aus und schrieb in seinem frischen Eindruck, spürte er doch in Barbaro einen Geistesverwandten: «Nicht genug kann ich mich darüber wundern, daß jetzt ein in Heiratsdingen noch unerfahrener Jüngling so gelehrt und reich an Gedanken WIRKUNG DES WERKES: DE RE UXORIA 8 9 über die Ehe geschrieben hat und etwas so gut kennen soll, was er (aus Erfahrung) nicht kennt. Er bringt eine Fülle bester Lehren und sehr gehaltvoller Beispiele, die er aus der ganzen griechischen und lateinischen Geschichte gesammelt hat. Ich habe an diesem Werke das Genie bewundert, mehr noch seine Gründlichkeit 27 .» Auch war damals Poggio in Konstanz und schrieb lächelnd an Francescos Lehrer Guarino: «Meinen besten Dank für das Büchlein, das du mir geschickt hast. Einen ganz unermeßlichen Dank würde ich dir aber schulden, wenn ich die Absicht hätte, ein Weib heimzuführen, doch gering war vorher der Wille zum Heiraten, jetzt ist er gar nicht mehr vorhanden, nachdem ich sehe, eine wie hohe Pflichterfüllung nach dem Urteil der Weisen der Ehestand erfordert, dem gerecht zu werden man kaum wünschen, geschweige denn hoffen darf. Aber Scherz beiseite! Als mir zuerst das Buch gebracht wurde, las ich es so eifrig und ließ mich bald von der Neuheit des Gegenstandes, bald von der Ordnung und dem anziehenden Stile leiten, daß ich das Ganze an einem Tag durchflog, nachher aber reiflicher wiederlas. Die Sache ist sehr erfreuend und angenehm und mit den schönsten Beispielen geschmückt. Sie ist so in Ordnung aufgebaut, daß man nichts Ordentlicheres finden kann. Was mich aber am meisten berückt, ist die Würde des Ausdrucks, die er ständig wahrt. Damit scheint mir Franciscus Barbarus ein zweites Werk <über die Pflichten > geschrieben zu haben, freilich über die Gattenpflichten; so bis zum letzten Schliff spricht er ciceronisch. Ich bin kein Schmeichler, wie du weißt: der Satz, den ich ausspreche, kommt von Herzen. Der höchsten Beredsamkeit verbindet sich eine Würde des Sprechens, die den erhabensten Menschen wohl anstünde. Halte unsern Franciscus, ich bitte dich, zum Schreiben an, denn er bringt wunderbare Erstlinge hervor... Ich werde ihn verbreiten, wo ich sehe, daß es für seinen Ruhm fruchtbar werden könnte 28 .» Wie sollte man treffender den Eindruck schildern, den Francesco Barbaro auf die besten seiner Zeitgenossen machte: erst das Scherzen über den klugen Verfasser, und mitten im leicht ironischen Ton wird Poggio plötzüch ernst, weil er spürt, daß in diesem Jüngling ein menschliches Gewicht und Würdegefühl steckt, so daß er sie alle trotz seiner Jahre weit überragt. Einstweilen verschwört es Poggio, zu heiraten, aber als er in ein höheres Alter eintritt, entschließt er sich doch noch dazu und G. iker Ein] I j ij aucl arcal ublil aiutl eudj Sinei Verden! Tunt| Bei ab| aus- geil 1 der« avf-1 An-j ein! itarl ! i'erl m\ 9° IV DE RE UXORIA rechtfertigt sich vor seinen Freunden mit einem leicht hingeworfenen Traktat: Ob ein alter Mann heiraten soll (AN SENI SIT UXOR DUCEN- DA) 29 . Diese Schrift ist 20 Jahre später^als die Barbaros verfaßt und bewegt sich in den von diesem vorgezeichneten Bahnen. Niccolö Niccoli und Carlo Aretino unterhalten sich in ihr über das Thema, Niccoli ist nach theophrastischer Weise gegen eine Heirat des Greises, da bei einer solchen die für einen Jüngling maßgebenden Gründe fortfallen; Mar- suppini veitritt aber die Ansicht, die wir schon bei Barbaro finden, daß im Mittelpunkt der Ehe nicht das Wort sexus, sondern die societas utriusque sexus ständen. «Nimm hinzu, daß es eine große Bereicherung unseres Lebens ist, jemand zu haben, dem du dein Leben anvertrauen und mit dem du deine Gedanken austauschen kannst usw.», sowohl ein Greis wie ein Jüngling finde dies in der Ehe. Der einzige erhaltene Würdigungsbrief, der unmittelbar an Barbaro geschrieben ist, stammt von dem Kamaldulenser Ambrogio Traversari. Er hatte es sieb nicht nehmen lassen, das Buch demLorenzo de'Medici selber vorzulesen — und schreibt darauf an Barbaro: «Deine an den besten und dir sehr gewogenen Jüngling gerichtete Abhandlung über den Ehestand habe ich gelesen und beglückwünsche ich dich, weil du meiner Ansicht nach wirklich der einzige in unserm Zeitalter bist, der neben das höchste Ingenium der Alten ebenso wie der Zeitgenossen treten darf, ja sie übertrifft. Heil deiner Kraft, die solche Früchte trägt, welches Licht des Genies wird von dir ausgehen, wenn du ein erprobter Orator sein wirst 30 !» Diese Stelle ist im Geist Quintilians gesprochen, der mit aller römischen Würde und ernster Bemühung den wahrhaften «Orator» herangebildet hat, und dessen Charakterzeichnung, wie wir sahen, ganz auf Francesco zutrifft. Das Werk Barbaros war für Italien der Auftakt zu einer unabsehbaren Menge von humanistischen Hochzeitsschriften 31 , die alle auf ihm fußen. Wie man an ihn anknüpft, lehrt eine Münchner Handschrift 32 , in der neben anderm das Lob der Ehe zu lesen ist: «Fürwahr, das Höchste ist die Ehe, und was für eine Sache ist siel wie der berühmte Francesco Barbaro, der vielleicht der erste unter den Oratoren unserer Zeit ist, in den Büchern über den Ehestand ernst und geschmackvoll geschrieben hat, so daß er ihn nicht genug loben und bewundern kann, und das nicht ohne Grund.» Der Verfasser LEON BATTISTA ALBERTI: DELLA FAMIGLIA 91 jener Hochzeitsschrift bringt dann den alten Cato als Zeugen, der gesagt hat, es scheine ihm sehr viel schwerer, ein guter Ehegatte als ein guter Senator zu sein. Aus diesem so vielfach beackerten Boden wuchs später als Haupdeistung der pädagogischen Eheschriften die italienisch verfaßte Abhandlung des Leon Battista Alberti DF.LLA FAMIGLIA 33 hervor, die umfangreicher und umfassender als die bisher genannten Werke der gleichen Gattung ist. Alberti, ein jüngerer Zeitgenosse Barbaros, gehört schon ganz der nächsten Schicht der Renaissance an; er ist derjenige, der ihr Wunschbild des uomo universale am schönsten in sich verkörpert hat. Hl In unserm Zusammenhange genügt ein kurzer Hinweis auf sein Buch über die Familie. Wenn wir seinen Grundsatz lesen: «Per gentiluomo che sia di sangue senza lettere non sarä mai se non rustico reputato» (Ein Edelmann von Geblüt ohne Bildung wird nie etwas anderes sein als ein angesehener Bauer), hören wir daraus die humanistische Gesinnung, die wir auch im Kreise um Cosimo de'Medici antreffen. Alberti hielt sich jedoch abseits und trat diesem Kreise, in dem Niccoli den Ton angab, nicht näher. Der Anlaß des in Gesprächsform gefaßten Buches ist ein anderer, als wir ihn bei Vergerio und Barbaro sahen. Hier ist es die Sorge um die Fortpflanzung und Aufrechterhaltung des großen florentinischen Familienclans, der gens Alberti. Ein verheiratetes Mitglied dieser Familie — alle Unterredner sind Familienmitglieder — stellt fest, daß es in ihr 22 unverheiratete Jünglinge zwischen 16 und 36 Jahren gebe, die die Familie nicht vermehrten. Der ältere verheiratete Adovardo reiht an diese Tatsache für den jungen Leonardo Alberti eine Auseinandersetzung über das Wesen der Erziehung. «Die Sorge für das Neugeborene bleibt ganz den Frauen, denn die harten Arme des Vaters könnten vielleicht das Kind nicht sanft genug anfassen, so daß seine zarten Knochen Schaden nehmen könnten.» Ähnlich wie bei Barbaro beginnt die Erziehung mit der Auswahl einer geeigneten Amme: sie muß gesund und sittenrein sein. Mit der Suche nach ihr kann der Hausvater reichlich Verdruß haben; dann bringen die Kinderkrankheiten viel Sorgen. Überhaupt neigt Adovardo dazu, alles von der grämlichen Seite zu nehmen: ... sie wissen nur von Kindersorgen, perö ogni minima dogliuzza de'figliuoli ha nell'animo de'padri grandissimo tormento (denn jedes geringste Leidwesen der Söhnchen bereitet dem Vaterherzen größte Qual). Solche etwas weichherzigen Töne besorgter Eltern hörten wir bei dem herberen Francesco Barbaro nicht, und auch dem jungen Leonardo Alberti des Dialogs ist das zuviel, und er antwortet, daß er von allen Seiten zum Heiraten gedrängt werde, daß man ihm aber die Wahl seiner Frau schon selber überlassen müsse. Was die Frage der Amme anbetrifft, so ist er wie Barbaro der Ansicht, daß die Mutter der Kinder dieses Amt am besten ausfüllt. Das Beispiel aus dem Altertum (der Philosoph Favorinus bei Gellius) ist das gleiche wie bei Barbaro. Die weiter ! K C > 9 2 IV DEREUXORIA angeführten Gründe, daß eine schlechte Amme dem Kind schädliche Leidenschaften übertragen könne, sind auch dieselben, die sich bei Barbaro finden 34 . Leonardo sieht die Kinderzucht nicht so tragisch und melancholisch an wie Adovardo. «Einen Tag liegen die Kinder halbtot im Bett und den andern Tag springen sie schon wieder kreuzvergnügt draußen herum. Und wenn doch einmal ein Kind stirbt, so soll man mehr dankbar sein für die Freude, die man an ihm gehabt hat, statt zu wehklagen, daß es einem entrissen ist.» Bei Alberti treten die antiken Zitate, die bei Barbaro und bei Vergerio noch den Hauptbestandteil ihrer Werke machten, schon zurück, den eignen Beobachtungen ist bei dem späteren Florentiner breiterer Raum gegeben. Dadurch, daß er die italienische Sprache und nicht mehr die lateinische wählt, bekundet er, daß er mit seinem Werke nicht mehr vor den engeren, aber europäischen Kreis der humanistischen Lateinkundigen treten will, sondern allgemein vor seine italienisch sprechenden Mitbürger. Nach der Erziehung der Söhne wird auch die Ausbildung der jungen Hausfrau ins Auge gefaßt. Leon Battista stellt uns den großen Grundherrn vor Augen, der sich ein junges Mädchen zur Frau wählt, und läßt uns die beiden Ehegatten auf allen Schritten im Hause begleiten, wie der Gatte in aller Zartheit und Sorgsamkeit das schüchterne junge Mädchen zur herrschenden Hausfrau erzieht; aber dabei bleibt es auch; an den geistigen Interessen läßt er sie keineswegs teilnehmen: sie soll nicht wissen, was ihr Mann auf diesem Gebiet treibt, während Barbaro, ebenso Poggio der Frau einen größeren Anteil an dem Planen und Sorgen des Mannes einzuräumen scheinen. Das Buch sollte, wie seine Absicht war, für seinen Clan, dessen männliche Mitglieder aus Florenz verbannt waren, einen Zusammenhalt, eine Art Familiensatzung bilden. Aber seine nüchtern praktischen Verwandten waren wenig für solch theoretische Unterweisungen empfänglich; sie glaubten selbst genug davon zu verstehen. So verschmäht, wandte sich Leon Battista der Öffentlichkeit zu. Nach dieser Richtung ward den beiden lateinisch schreibenden Vorgängern ein besseres Schicksal, da sie von den Empfängern der Widmungen wohl aufgenommen wurden und ihre Wirkung nicht verfehlten. Albertis volleres und reicheres Werk ist ohne seine lateinischen Vorgänger nicht denkbar. Sowohl der Verfasser des Buches della famiglia wie der von De re uxoria waren unverheiratet. Während Alberto zeitlebens Junggeselle blieb, machte Barbaro bald Ernst mit seinen Lehren und befolgte sie als erster. Wie er sich freilich später zu seiner Frau verhielt, entzieht sich unserer Kenntnis, da wir zwar vom weiteren öffentlichen Leben Bar- baros viel, von seinem Familienleben jedoch wenig wissen und innerhalb NACHWIRKUNG DE RE UXORIA 93 seines Hauses auch nur von seinem Neffen, Sohne und den Töchtern, fast gar nichts aber von der Gattin 35 . Später findet sich eine Briefstelle, in der Barbaro sich über sein Jugendwerk äußert. Aus seiner Villa bei Treviso, aus San Vigilio, schreibt er Ende des Jahres 1447, also 32 Jahre nach dem Erscheinen des Buches, an einen befreundeten venezianischen Patrizier, der ihn wegen dieses Werkchens gelobt hatte 36 : «Weil du den humanistischen Studien und der Wissenschaft ergeben bist, an denen auch ich mich erlabe, so wundere ich mich nicht, da uns dieses gemeinsame und sanfte Band verknüpft, — dafür sind deine eleganten Briefe Zeuge — daß du mit einiger Freude das gelesen hast, was ich in der Blüte der Jugend über den Ehestand schrieb. Weil du uns nämlich Hebst und an unsern Dingen Anteil nimmst, so kann dir nicht mißfallen, was uns Heb ist. Ich freue mich, daß dir unser Buch so gut gefällt; wieweit es mir gelungen ist, das sei dem Urteil anderer Leute überlassen; doch weil es vielen hochberühmten und trefflichen Menschen gefallen hat, so kann ich auch jetzt nicht anders, als mich daran freuen als an den Erstlingen meiner Studien.» Richten wir nun den Blick über Italien hinaus nach dem übrigen Europa, so gewahren wir, daß die Wirkung von Barbaros Werk sehr ungleich war. In Frankreich ist von einem Einfluß überhaupt nichts zu spüren, hier schlössen ihn die Verhältnisse aus. Nach einer kurzen Blüte humanistischer Studien am Ende des XIV. Jahrhunderts, wo Jean de Mon- treuil als Handschriftensucher mit Coluccio Salutati in Beziehung trat und Nicolas de Clemangis sich dem Humanismus zuneigte, brachen die Anfänge jäh ab; es folgte der hundertjährige Krieg mit Burgund und England. Montreuil wurde von den Burgundern bei der Eroberung von Paris erschlagen. Bis zu dem Rom- oder vielmehr Neapelzug Karls VIII. ist in dieser wirren französischen Epoche keine Rede mehr von humanistischen Beziehungen zu Italien. Man findet in einer Gesandtschaftsrede des Bernardo Giustiniani, des Sohnes Leonardos, die Äußerung zu König Ludwig XI. 37 : «Ihr Franzosen mögt eingedenk sein, daß ihr die lateinischen Wissenschaften von den Italienern empfangen habt.» So war es damals nötig, diese Verbundenheit erst wieder ins Gedächtnis zu rufen. Zwar wurde auch in Frankreich zu Lebzeiten Barbaros die Frage nach den Rechten und Pflichten der Frau leidenschaftlich erörtert, aber noch 94 IV DE RE UXORIA mit Blicken, die ganz zum Mittelalter gewandt waren. Zufällig ist es hier eine gebürtige Venezianerin, die in Paris das Wort ergreift: Christine de Pisan 38 . Sie war aber bald nach ihrer Geburt im Jahre 1363 nach Bologna und dann mit ihrem Vater zu König Karl V. nach Paris gekommen. Der Vater, der den astrologischen Neigungen des weisen französischen Königs entgegenkam, war ein sehr gebildeter Mann, den auch nach seinem Eintritt in die französischen Dienste die Repubük Venedig als ein Mitglied ihres großen Rates nicht förmlich aus ihren Diensten entließ. Die Tochter wurde ganz Französin; nachdem sie kurz hintereinander die ihr nahestehenden Männer verloren hatte, ihren König, ihren Vater und ihren Gatten, erwuchs aus trauernder Einsamkeit ihr Dichtertum und ihr Mut, sich gegen die Verunglimpfung des weiblichen Geschlechtes öffentlich zur Wehr zu setzen und im Angriff gegen den schon 100 Jahre früheren Jean de Meung, der durch sein bekanntes Werk eine ausgesprochene Frauenfeindlichkeit verbreitet hatte, die berühmte Querelle du roman de la rose zu entfesseln. Ebensowenig hören wir, daß man das Buch und seine Nachahmer in England kannte, obwohl dahin die Kunde sicher von zwei namhaften Freunden Barabaros gebracht worden ist. Poggio und der päpstliche Kollektor für England Piero del Monte hielten sich beide während einiger Zeit dort auf und traten mit den englischen Gelehrten in Verbindung. Als sich dann ein Jahrhundert später Thomas Morus mit Ehefragen beschäftigte, tragen diese ein so anderes Gepräge, daß man daraus kaum auf eine Bekanntschaft mit Barbaros Werk schließen darf. Morus ermahnt in seinen Epigrammen einen jungen Lord zum Heiraten mit ganz ähnlichen Gründen wie später Shakespeare in der ersten Reihe seiner Sonette. Weit ist diese Zeit abgerückt von der Ehefeindschaft des geistlichen Mittelalters, am meisten in der Ansicht über die Stellung der Frau. Nur eine klassisch und besonders auch musikalisch gebildete Gattin dürfe sich der Lord auswählen, verlangt Morus 39 . Von ihm überträgt Erasmus von Rotterdam diesen Literaturzweig nach Deutschland. Aber dort war durch das Lebenswerk des Bamberger Domherrn Albrecht von Eyb schon längst eine unmittelbare Verbindung mit den italienischen Ursprüngen hergestellt. Wir können dank einer vortrefflichen Untersuchung 26 im einzelnen beobachten, wie das humanistische Gut der NACHWIRKUNG IN DEUTSCHLAND 95 Italiener hier gleich an der Quelle aufgenommen und auf deutsche Verhältnisse, auf die Sitten der Stadt Nürnberg, angewandt wird. Eyb hatte noch während der späteren Lebensjahre Barbaros eine lange Studienzeit, die mit Unterbrechungen sich weit über ein Jahrzehnt ausdehnte, an den italienischen Universitäten Pavia und Bologna verbracht. Er war einer der vielen Deutschen, deren Herz in Italien büeb und die im Norden sich ständig nach dem Lande ihrer Wahl zurücksehnen. Nur ungern nahm er vom Süden Abschied, um die geistliche Würde, die seiner im Vaterland wartete, zu empfangen. Als dies nicht mehr herauszuschieben war, wollte er sich doch wenigstens eine Blüte des humanistischen Geistes nach Hause mitnehmen, da er als vermögender Mann sich eine Bibliothek sammeln konnte. Darüber hinaus hatte er seit Jahren in Italien ein Zitatenbuch geführt, in das er alles ihn Ansprechende hineinschrieb. Dieses ist noch erhalten. Um sich selber in dem Gewirr der unzusammenhängenden Stücke zurechtzufinden, legte er ein Sachregister an, mit Titeln wie etwa: De caritate in patriam, depace contrahenda, DE RE UXORIA. Eyb sah besonders auf das letzte und sammelte 40 alles, was er in Italien an Hochzeits- und Eheschriften fand. Der den Germanisten wohlbekannte Nürnberger Arzt Hartmann Schedel hat nach Eybs Tod in dessen nachgelassener Bibliothek in Eichstädt viele Abschriften genommen, die in der Münchner Staatsbibliothek aufbewahrt werden. Die obenerwähnte 32 humanistische Hochzeitsschrift, in der Barbaro als Vorbild genannt ist, stammt dorther. In dieser Sammlung befindet sich z. B. eine PULCHRA ORATIO PRO LAUDE MATRIMONII, die den Kindersegen über alles Glück stellt; natürlich fehlen auch nicht Theophrasts Warnung vor der Ehe sowie Betrachtungen eines Guarino nahestehenden Humanisten namens Lamola über die PUDICITIA. Nach seiner Rückkehr in die Heimat verläuft die literarische Produktion Eybs in den nämlichen Bahnen, zuerst erscheint eine lateinische Schrift für seine Mitdomherren von Eichstädt, ein LOB DER FRAUEN. Als jene noch den Wunsch äußerten, von ihm auch von den Schattenseiten des weibüchen Geschlechtes zu hören, verfaßte er eine Rügeschrift gegen die Kupplerin. Hier folgt Eyb einem beliebten Humanistenmotive, das ihm von den nämlichen italienischen Schriftstellern zufloß.Die Kupplerin ist für ihn die schlimmste Vertreterin des weiblichen Geschlechts, und er meint, das eigentlich 9 6 IV DE RE UXORIA kupplerische Weib habe er jenseits der Alpen in den ligurischen Frauen kennengelernt, die gerade 2u diesem «Kupplerwesen wie auserlesen» seien. Es ist bei Eyb weniger moralische Entrüstung über dieses Geschäft als der Zorn, daß die unverdorbenen jungen Leute auf Abwege gerieten. Derselbe Pier Paolo Vergerio, der Ubertino da Carrara einen Fürstenspiegel vorhielt, verfaßte die lebendige Sittenschilderung der Studentenkomödie Paulus 44 , die gerade dieses Thema zum Vorwurf hat. Paulus ist ein verlorener Sohn, ein leichtsinniger Student, der schon 4 Jahre für sein Studium nichts getan hat. Trotz moralischen Katzenjammers darüber (mit dem die erste Szene anhebt) wird er durch die Einflüsterungen eines ungetreuen Dieners schnell umgestimmt und läßt sich der nächstbesten Dirne verkuppeln: so verludert er noch tiefer als zuvor. Einen ähnlichen Gegenstand behandelt Leonardo Bruni in der Poliscena. Nun erhebt sich die Frage: Ist denn Barbaro selber nicht mit diesen Schattenseiten des Lebens in Berührung gekommen ? Von seiner Paduaner Studentenzeit wissen wir wenig. Wie es dort zuging, sehen wir anschaulich bei dem ein wenig jüngeren Freund Barbaros, Piero dal Monte, der während seiner Studienzeit Studentenpräses an der Universität Padua war. Als solcher hielt er eine beredte Ansprache an die venezianischen Behörden, um sie zur Aufhebung ihres Verbotes der Studenten- Fastnachtsmaskerade zu bewegen 45 . Aber hier treten uns ganz andere Lebensspannungen entgegen, als wir sie bei Barbaros gebildeten Abendgesprächen im angeregten Paduaner Freundeskreis kennengelernt haben. Das typische Studentenleben, das Pendeln zwischen den Extremen fleißigsten Studierens fürs Examen und ausgelassensten Fastnachtstobens kann man sich für unsern gemessenen venezianischen Nobile kaum vorstellen. In seinem Werke jedenfalls spüren wir nichts davon, freilich dessen Bestimmung als Hochzeitsgabe schließt die Beschäftigung mit den unteren Lagen des menschlichen Lebens aus. Gewiß fehlt auch bei Barbaro nicht der Zorn auf gemeine und niederträchtige Gesinnung: er geißelt z. B. die Gier schmeichlerischer Klienten, den Geiz pflichtvergessener Hagestolze, die Völlerei, das Geckentum usw., aber die noch tiefere Stufe berührt er nicht, denn es wäre hier unziemlich gewesen, des Ehebruchs, des Kuppler- und Hurenwesens zu gedenken. Aber abgesehen von dem Werke wird diese niedere Lebenssphäre auch in dem ganzen Briefwechsel Barbaros nie berührt: er war vollauf mit wichtigeren DAS EHEBÜCHLEIN EYBS 97 Dingen beschäftigt. Albrecht von Eyb muß sich jedoch damit herumschlagen, hat man doch für seine Zeit, das ausgehende Mittelalter, eine besondere Sittenverderbnis des deutschen Bürgerhauses, an das er sich wendet, feststellen wollen. Erst die Reformatoren haben hier Wandel geschaffen. So ist das Hauptwerk Eybs das in deutscher Sprache verfaßte Ehebüchlein, das er im Jahre 1472, also 18 Jahre nach Barbaros Tod und selbst schon über 50 Jahre zählend, der Stadt Nürnberg gewidmet hat: ... zu lob und ere und sterkung irer pollicey und regimentz. Als größte Stadt des Frankenlandes schien Nürnberg damals einer solchen Mahnung besonders zu bedürfen. Viel inhaltliche Übereinstimmung läßt sich mit Barbaros Werk feststellen, aber keine wörtliche, so daß es nicht ganz gewiß ist, ob nur der von ihr ausgehende Literaturzweig, oder auch das epochemachende Werk selber Eyb vorgelegen haben, da er aber in seinem Zitatbuch den Sammelbegriff DE RE UXORIA vermerkt hat, scheint die Bekanntschaft mit dem Werk, das diesen Titel trägt, doch sehr wahrscheinlich, zumal einer der ersten Drucke dieser Schrift (1523) in Deutschland 50 Jahre nach dem Ehebüchlein Eybs zu Hagenau im Elsaß erschienen ist. Eyb fußt auf denselben antiken Schriftstellern, die Barbaro bevorzugt, besonders auf Valerius Maximus und Macrobius. Bei Eyb kommen noch einige bei Barbaro nicht verwandte Petrarca- und Boccacciostellen hinzu, aber die Hauptsache bleibt, daß bei aller Übereinstimmung des einzelnen eine Verschiedenheit der Haltung bemerklich ist, die schon in dem ungleichen Alter hegt, in dem beide ihr Werk schrieben. Alle möglichen Einstellungen zur Ehe haben wir hier vorbeiziehen lassen, aber ein bisher noch nicht gehörter Ton wird durch den deutschen Städter in das Konzert mannigfaltiger Stimmen gebracht: der kleinbürgerliche Ton: «... vnd ist nit die heb vndter den menschen gmein. Sunder als Maro vergilius schreibt, alle geschlechtt auf erttreich, in wasser vnd in luffte, es sey menschen, wilde oder gezeme thier, visch oder vogel, die vallen alle in die vnsinnigkeit, ungestumheit und in das feur der heb... Von der hebe verner zu schreiben ist nit mein furnemen vnd meinung gewest; auch pin ich des nit getriben und geubet und zymmet mir nit wie wohl auch die heb gelert und weyse leutt als menigclig wissend ist, ubergangen hat vnd gefangen.» Der Hauptunterschied mag 9 8 IV DE RE UXORIA in dem eleganten Latein des Italieners und dem noch etwas schwerfällig unbeholfenen Deutsch des Domherrn hegen. An den Abschweifungen vom eigentlichenThema sieht man bei den Humanisten,welche Gedankengänge ihnen am nächsten Hegen. Auch hier der Unterschied: dem jungen Francesco Barbaro Hegt an der Gestaltung des Lebens des jungen Mannes, dem älteren Eyb am Memento mori. Ein Beispiel des deutschen Domherrn offenbart kein besonders zartes Verhältnis der Ehegatten: «Do ein weyser man ein weyb nemen solt, wolt er kein heyratgut von ir haben, dann ein großen kürbis, den selben hieng er in sein kammer, das in die fraw alle tag sehen möcht vnd wenn sie mit im zürnet vnd vngeschlacht was, so zaigt er ir den kürbis und sprach: Sihe da ist dein heyratgut: das magstu mit dir nemen und gien wo du wilt.» Es bedurfte noch jahrhundertelanger Schmeidigung und Hämmerung, bis unsere Sprache zur Wucht auch die Urbanität erreichte, die sie den andern Kultursprachen gleichstellte. Ein Kennzeichen, das TrauHch-Gemütvo'le, war schon immer vorhanden, und wir brauchen es auch bei Albrecht von Eyb nicht lange zu suchen. Doch auch dieses ist von ähnhcher Haltung bei Barbaro verschieden, dessen fühlsamste Regung, wie er Trost in Lebensbedrängnissen bei der Gattin zu finden erhofft, noch gestählt wird durch den Ausdruck der lateinischen Sprache, der am wenigsten sentimentalen von allen Sprachen. Eyb faßt seine Stellung zur Ehe so zusammen: «In kürtze zu erzelen so ist die Ee ein erbers ding, ist ein muter und meisterin der keuschheit: wann durch die Ee werden vermiden unlawter fremde begire vnd ander schwer sünde der unkeuschheit... So ist auch die ee ein fröhchs lustpers und süß ding: was mag fröHcher und süßer gesein dann der name des vaters, der muter und der kinder, so die hangen an den helsen der eitern und manchen süßen kuß von in empfahen.» Barbaros Schrift über den Ehestand fand, wie aus allem diesem ersichtlich ist, in seinem Jahrhundert das lebhafteste Interesse. Doch auch noch im nächsten muß sie, nach ihrer Verbreitung zu urteilen, viel gelesen worden sein, denn der erste Druck, der von ihr veranstaltet wurde, erschien 1513 in der berühmten Pariser Buchpresse: «in aedibus ascensianis». Dort lebte zu jener Zeit ein namhafter Rechtsgelehrtcr, der Freund Rabelais', Andre Tiraqueau, welcher im Alter von 24 Jahren ehelichte. Bei dieser Gelegenheit kam er auf den Gedanken, wie er uns erzählt, alle Dokumente des Altertums zu sammeln, die sich auf die Ehe beziehen. Zu seiner großen Freude stieß er auf Barbaros Werk, und damit war ihm alle weitere Mühe erspart. Er ließ es DIE DRUCKE: DE RE UXORIA 99 drucken und widmete es seinem Schwiegervater. Der zweite Druck ist der schon erwähnte von Hagenau vom Jahre 1523, ein dritter folgt ohne Angabe des Jahrs in Antwerpen und im xvil. Jahrhundert eine vierte Ausgabe in Straßburg 1613 in Duodezformat, schließlich noch eine fünfte, wieder in Amsterdam, die dem öffentlichen Professor der Eloquenz an der Universität Leiden, Suerius Bossornius, gewidmet wurde. Auch einige Ubersetzungen hat das Buch erfahren. 1548 zu Venedig ins Italienische durch M. Alberto Lollio aus Ferrara und dann zwei französische: Als 1548 der Herzog Franz von Orleans Jacqueline de Rohan heiratete, widmete man ihm eine Ubersetzung der Res uxoria, die mehrere Auflagen erlebte, und hundert Jahre später war das Interesse daran noch nicht erloschen. Da bei der Wandlung der französischen Sprache die frühereUbersetzung veraltet schien, fertigte der Kanonikus, spätere Bischof, Claude Joly im Jahre 1667 eine neue an, die wieder in 12 0 erschien. Dieser schickt seinem Werke auch die erste Biographie voran, die über Barbaro gedruckt wurde. IOO KAPITEL V FRANCESCO BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN Lorenzo de'Medici — Ambrogio Traversari — Leonardo Aretino Bruni — Niccolö Niccoli — Poggio Bracciolini — Guarino Veronese — Flavio Biondo — Filelfo — Georgios Trapezuntios MIT DEM WERK DE RE UXORIA HATTE SICH BARBARO FÜR die Dauer seines Lebens und auch für die Nachwelt einen rühmlichen Platz unter den Humanisten erworben. Es ist sein einziges geblieben, aber damit warBarbaros Bedeutung für den Humanismus noch nicht erschöpft, denn wir können als ein noch wichtigeres, sowohl humanistisches als auch politisches Werk seinen von ihm selbst gesammelten Briefwechsel 1 ansprechen; er wird noch durch manche bedeutsame Stücke ergänzt, die in den Handschriften europäischer Bibliotheken verborgen und zerstreut lagen. Hatte Francesco in seiner Schrift über die Ehe um die Normen seines nun beginnenden Lebens der Tat gerungen, vorzüglich nach der Seite des inneren Familienlebens hin, so steht in seinen Briefen, wie er sich in wechselvoller Stunde bewährte. Wenn man den Begriff des Humanismus enger nur als Angelegenheit altertumskundiger Gelehrter nimmt, so würde sich dieser Briefwechsel damit nur zum kleinen Teile decken; ganz wird er erfaßt, wenn wir unter Humanismus eine neue Weltsicht und eine neue Lebenshaltung verstehen, die nach und nach alle Äußerungen des Menschendaseins ergreift. Zunächst betrachten wir die im engeren Sinne humanistischen Beziehungen und Fragen: Welche Rolle spielte Barbaro unter den Altertumsgelehrten seiner Zeit, welches Ansehen und welche Aufgabe wuchs gerade ihm in ihren Wechselbeziehungen zu? Sein Eintritt in den Humanistenkreis wird durch jenen bedeutenden Brief Guarinos aus Konstantinopel bezeichnet. Die Briefe Barzizzas, zum Beispiel der über das Winzerfest, fallen in Francescos Studienzeit. Die frühesten der auf uns gekommenen Briefe schrieb Francesco als Vierundzwanzigjähriger nach der Rückkehr von seiner Florentiner Reise an die dort erworbenen Freunde. Lorenzo, der Bruder Cosimos de'Medici, war ihm der vertrauteste. Er ist der Freund Francescos, wie ihn sich junge Menschen als nächsten unter den gleichaltrigen FREUNDESBRIEF AN LORENZO DE'MEDICI IOI Kameraden erwählen. Ein Brief nach der ersten Trennung der Freunde gibt uns am besten über den Charakter und die Erlebnisstärke dieser Jünglinge Aufschluß: «Welch große Sehnsucht ich jetzt nach dir empfinde,* schreibt Francesco gleich nach seiner Rückkehr nach Venedig im Jahre 1414 2 , «wirst du bei deiner einzigartigen Klugheit leichter ermessen können, als ich es schreiben kann, wenn du nur daraufhast achten wollen, wie sehr ich an deinem Umgang Gefallen fand. Denn du kannst der beste Zeuge sein: hier am Orte lebte eine große Anzahl Menschen, deren Wesen, Menschlichkeit und Bildung mir in recht hohem Maße teuer war — und doch hat es niemanden gegeben, mit dem ich Heber zusammen wäre als mit dir. Ein so herrliches Bild von deinem Ingenium und deinem Charakter hatte ich mir gemacht, daß das Urteil der bedeutendsten und klügsten Leute von der von mir gefaßten Meinung nicht abweichen konnte. Deinem Wesen ist so viel gegeben, des ward ich inne, daß man es schon an sich für bedeutend und wohlgesittet halten mußte; zeigt sich doch seine Würde so allerseits gefestigt und ausgeprägt, daß man sie ruhig, sozusagen im Licht der Rechtschaffenheit und Tugend betrachten könnte. Dazu kommt, daß du alles,was einem Angenehmes aus der Liebenswürdigkeit, Menschlichkeit und Gewogenheit eines andern widerfahren kann, so umsichtig und eifrig über mich ausgeschüttet hast, daß mich nicht allein dessen Genuß, sondern auch noch die Erinnerung daran höchst freudig stimmt. So geschah's, daß ich in deine Gunst nicht blindlings hineinstolperte, sondern in sie einging. Und so sehr werde ich in Liebe fester an dich geschmiedet, daß es mir künftig das Allerteuerste und Aller- wichtigste sein wird, dir nichts von dem schuldig zu bleiben, was offenbar zur Pflicht und Neigung, zur Ehrfurcht, Dankbarkeit und Treue dem teuersten Menschen gegenüber gehört. Darum muß es dir durchsichtig klar sein, daß ich von der Sehnsucht nach dir (soweit es sich ziemt) durchschüttelt werde. In dieser Bedrängnis widerfährt mir jedoch die eine Lust, daß ich in der Zwiesprache (des Briefwechsels), die wir uns zu vertrautem, beständigem Umgang vorgenommen haben, und im Gedenken an dich (in dem ich mit innigster und unwandelbarer Zuneigung beharre) wie in ehrender und süßester Zuflucht Ruhe finde. Wenn ich nun über diese zunächst gegensätzlichen Gefühle oft und gründlich nachdenke, pflegt mir Sokrates in den Sinn zu kommen. Dieser äußerte nämlich im 102 V B ARB ARO ALS FREUND DER HUMANISTEN Gefängnis, er fühle am Körper Schmerz und Lust zugleich, denn die Fußfesseln drückten ihn am Bein, oder hätten ihn gedrückt, aber wenn er es leise riebe, spüre er eine angenehme Erleichterung, und führte so aufs weiseste vor Augen, daß Schmerz und Lust gleichzeitig bestehen können.» In diesem Brief ringt das warme Gefühl des von erster Freundschaft ergriffenen jungen Menschen nach der ihm gemäßen Form. Der Ausdruck ist zuweilen etwas jugendlich ungelenk und übertreibend; die Form humanistischer Stilisierung ist ihm noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen wie später. Die unverbrüchliche Treue seinen Freunden gegenüber zeichnet Francesco Barbaro besonders aus. Nachdem er einmal von dem Werte des Lorenzo de'Medici überzeugt ist, bewahrt er ihm diese Schätzung über den frühen Tod hinaus und läßt sich darin nicht von der Einrede Dritter beirren. Später kam ihm einmal ein lästerlicher Angriff des Humanisten Filelfo zu Ohren, der Gift und Tinte gegen die Brüder Medici verspritzte, weil sie ihn wegen ungebührlichen Betragens aus Florenz hatten verbannen lassen. Danach scheint Lorenzo in seinen letzten Lebensjahren beleibt gewesen zu sein, worüber der händelsüchtige Gelehrte in seinem L1BER DE EXILIO höhnt 3 : «Des Lorenzo Flanken schau an, seine Wamme, beobachte seinen Gang, brüllt er nicht, wenn er spricht? ... So kommt es mir bei Gott vor, daß ich Lorenzo Medici am treffendsten als einen Ochsen bezeichne, wie den Averardo als einen Wolf und den Cosimo als einen Fuchs.» Mit besonderer Gelehrtentücke legte er diese Worte Poggio, dem nahen Freunde Lorenzos, in den Mund. Poggio hat Lorenzo in Wirklichkeit ganz anders in der Grabrede, die er ihm nach frühem Tode hielt, gezeichnet 4 . Wir sehen da den vornehmen Herrn mit der besonderen Klugheit der Medici, die in Florenz ähnlich wie im perikleischen Athen geboten war. Durch weisen und großzügigen Gebrauch seiner unermeßlichen Schätze oder durch freigebige Spenden erwarb er bestimmenden Einfluß. Er war der stille Teilhaber an der Macht seines Bruders Cosimo, und während dieser manchmal scharf durchgreifen mußte, scheint Lorenzo ausgleichend gewirkt zu haben. Jedenfalls gab er sich nie eine Blöße, denn Poggio kann hervorheben, daß er nicht einmal neugierigen und böswilligen Augen Anlaß bot, ihn herabzusetzen. Diese Worte werden durch die Anwürfe Filelfos bestätigt, der es sich bei seinen Schmähungen der Familie DIE HOCHZEITSGABE FÜR L. DE'MEDICI 103 Medici sicher nicht hätte entgehen lassen, wenn ihm irgendeine Handlungsweise Lorenzos die Mögüchkeit weiterer Lästerung geboten hätte. Alles unvornehme Gebaren übersah Barbaro. In seinem Freunde Lorenzo besaß er einen gleichstrebenden Standesgenossen, der wie er selber sich die neue Bildung zu eigen machte. Die größte Bedeutung hatte Lorenzo für Barbaro, daß er als Freund ihm Anlaß für sein Werk DE RE UXORIA bot. Er schickte ihm das Buch mit einem Widmungsschreiben zu seinem Hochzeitstage. Weil er gleichen Ranges mit dem Freunde sei, wolle er nicht durch Geschenke den vielfachen Dank des vornehmen Herrn herausfordern. Solche nutzsüchtige Haltung scheine ihm niedrig. ( Von denen weiche ich sehr ab,» fährt er im Widmungsschreiben fort, «zumal es sich um dich handelt, bei dem ich unter soviel Reichtümern, soviel Schätzen, soviel Glücksgütern aller Art nicht finde, wo noch Platz für meine Geschenke übrigbleiben soll... Da ich mir nun die vielen Gespräche unserer vertrauten Stunden ins Gedächtnis rief, wollte es mir ein vollkommeneres und anziehenderes Geschenk scheinen, wenn du eher von deinem Francesco als von seinem Besitze beschenkt würdest. Deshalb habe ich den Plan gefaßt, mit einer Widmung an dich kurze Aufzeichnungen über die Ehe niederzuschreiben, die ich dieser Hochzeitsstunde angemessen nicht für unnütz erachte.»Die Medici waren die reichsten Leute von ganz Italien. Auch Francesco Barbaro war so wohlhabend, daß er niemals Mangel litt wie mancher der Humanisten von Beruf. Weil ihm und den Medici die Schätze der Welt in so reichem Maße zur Verfügung standen, fühlten sie die Verpflichtung, sie nutzbringend anzuwenden. An einer Stelle in De re uxoria steht eine Rechtfertigung des Reichtums: «Wir müssen auf die Schätze so großen Wert legen (nämlich bei der Mitgift der Frau), denn haben wir sie auch selbst nicht gar so nötig, so steht uns doch die weiteste Möglichkeit offen, ehrenhaften Gebrauch gegenüber Freunden und dem ganzen Menschengeschlecht von ihnen zu machen 5 .» Selbst Geschenke solle man annehmen, meint Francesco, damit man weiterschenken und dadurch den Freunden erneut eine Freude machen kann. Cosimo aber sagt: «Weil mir alles, was zur Lebensführung nötig ist, wie von einem göttlichen Zauberstab in den Schoß gelegt wurde, so habe ich mich deshalb nicht weniger gemüht, mein Erbe zu mehren. Von allen Pflichten ist diejenige besonders zu erfüllen, die zur Erhaltung 104 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN der menschlichen Gesellschaft und dem Vaterlande zur Zierde dient 8 .» Bei Francesco beschränkt sich also die Verwendung von Gut und Besitz auf den Freundeskreis, während das unermeßliche Geld des Bankhauses Medici in Florenz auch einen politischen Zweck erfüllte, der in Venedig ausgeschlossen war: die Erwerbung der Vorherrschaft im Staat. Die späteren Briefe Francescos an Lorenzo sind meist politischer Natur und betreffen mehr seinen Bruder Cosimo. Der frühe Tod des Freundes traf Francesco gegen Ende der schwersten Lebenszeit, die er unter vielfachen Todesnöten während der Belagerung von Brescia soeben überstanden hatte, im Herbst 1440. Francesco schrieb einen schmerzlichen, aber gefaßten Brief an Cosimo. «In welche Trauer ich versetzt bin auf die Nachricht vom Hinscheiden unseres berühmten und vortrefflichen Lorenzo, kann ich nicht sagen, doch wirst du leicht in deiner Weisheit ermessen, wie große Sehnsucht mich nach ihm drängt, währte doch schon 26 Jahre unsere Freundschaft, die von den schönen Künsten ausgegangen war, so daß an seinem Wohlergehen ein gutes Teil meines eigenen Lebens zu hängen schien 7 .» Nächst Lorenzo de Medici spielt unter den Florentiner Freunden Bar- baros der frühen Zeit der Kamaldulenser Ambrogio Traversari die wichtigste Rolle. Bei diesem Mönche versammelten sich die bedeutendsten Geister von Florenz. Hier ist auch der Treffpunkt der venezianischen Gäste mit den florentinischen Humanisten. Für die Kultur, die in der Renaissancezeit in Florenz erwuchs und nach außen weiterstrahlte, ist eine zwanglose Geselligkeit ausschlaggebend gewesen, die sich in jeder Generation wieder von neuem in ganz ähnlichen Formen abspielte. Es gab immer einen Mittelpunkt, um den sich die andern regelmäßig für ihre Gespräche zu sammeln pflegten. Zur Zeit des Staatskanzlers Coluccio Salutati scharte der Augustinermönch Luigi Marsiii, der Freund Petrarcas, in seinem Kloster San Spirito die jungen Talente, wie Poggio bezeugt, als Meister um sich. Als Marsiii im letzten Jahrzehnt des XIV. Jahrhunderts gestorben war, nahm seine Stelle Traversari ein, bei dem die inzwischen älter gewordenen Schüler des Marsiii, die Humanisten Poggio, Niccoli und auch die Brüder Medici verkehrten. Einen ähnlichen Kreis bildet die berühmte folgende Generation um AMBROGIO TRAVERSARI Lorenzo il Magnifico und die platonische Akademie mit Marsilio Ficino. So ist es ganz natürlich, wenn der junge Barbaro nach seiner Florentiner Reise vor allem mit Traversari in Briefaustausch tritt 8 . Dieser Briefwechsel unterscheidet sich von vielen späteren Barbaros durch das Fehlen zweier Hauptmerkmale, nämlich der Politik und der religiösen Fragen, die man bei einem Ordensmanne vermuten sollte. Beide Freunde haben während jener Jahre ihre Aufmerksamkeit ausschließlich humanistischen Dingen im engeren Sinne zugewandt. Die Briefe beginnen 1416, und zunächst befleißigt sich Traversari einer ausgesuchten und weitschweifigen Höflichkeit gegenüber dem jüngeren, vornehmen Herrn 8 . Francesco hatte sich gleich nach der Rückkehr aus Florenz den Grundstein zu einer schönen Bibliothek gelegt und bot nun mit einem Bücherverzeichnis dem älteren Freunde die Mitbenutzung seiner Schätze an. Dieser bittet ihn erfreut um Mitteilung seiner Neuerwerbungen. Traversari beschäftigte sich gern mit den heidnischen Autoren des Altertums, doch noch näher lagen seinem Stand die Kirchenväter. Eine besondere Aufmerksamkeit Francescos ist daher das Geschenk eines Laktanz-Kodex. Traversari macht sich sogleich an die Verbesserung dieser Handschrift, und fortschreitend wird Francesco über die Ergebnisse dieser Arbeit unterrichtet. Ganz ohne Anfechtung scheint aber die Vorliebe des Mönches für die alten Heiden nicht geblieben zu sein, da er sich gedrungen fühlt, solche Beschäftigung erst zu rechtfertigen. Doch diese Dinge des inneren Gleichgewichtes mag er nicht dem jüngeren Freunde anvertrauen, er schreibt sie daher dem älteren Niccoli: «Ich möchte, treuester Freund, daß du überzeugt bist: niemals hatten wir bessere Lust, diesen höchst ehrenvollen Studien uns zu widmen, als jetzt, niemals waren wir von sträflichen Begierden freier, obgleich wir unseren Nacken unter ihr Joch zu beugen schon immer im Vertrauen auf die göttliche Gnade für unter unserer Würde hielten 9 .» Traversari stellt Laktanz ebenso hoch wie Cicero. Ein Jahr später macht ihm Francesco das Geschenk einer Handschrift mit den Briefen des hl. Basilius. In seinem wissenschaftlichen Eifer verzeiht Traversari keine Nachlässigkeit. Bei aller sonstigen Höflichkeit weist er den jüngeren Freund nachdrücklich zurecht, wo es sich um sachliche Mängel handelt 1 Barbaro ist nicht der einzige venezianische Nobile, der von dem Unterricht io6 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN Guarinos angefeuert sich eine Bibliothek zulegt. Sein etwas älterer, gleichstrebender Freund Leonardo Giustiniani hatte seine Levante-Geschäftsverbindungen — denn er war nicht nur Staatsmann und Dichter, sondern auch erfolgreicher Handelsherr — dazu benutzt, um sich in Cypern griechische Handschriften zu verschaffen. Als Traversari davon hört, bittet er Barbaro, ihm das Verzeichnis dieser neuen Sammlung zu senden, findet aber den Katalog, den ihm Barbaro schickt, nicht zureichend und schreibt ihm: «Ich weiß nicht, ob du ihn geschrieben hast oder jemand anderes. Wie dem aber auch sei, ich möchte, daß du unsere Sorgfalt darin nachahmest. Denn wenn ich derartiges an dich zu schreiben hätte, so würde ich es wirklich so machen, daß dir klar und deutlich bekannt würde, was ich dir zu schreiben hätte . . . Ich wünsche nämlich, wenn du mir ein solches Verzeichnis anfertigst, daraus zu ersehen, was in jedem Kodex einzeln enthalten ist, dann, welche Buchstabenart und -große verwendet wurde, und alles übrige, was du dir leichter selbst merken kannst, als daß ich es im Augenblick hinreichend bezeichnen könnte 10 .» Einige Nebenpersonen treten in diesen Briefen Traversaris auf, die uns von der Höflichkeit und Herzlichkeit Barbaros Kunde geben. Da ist der Abt des Klosters, in dem Traversari lebt, der den jungen Barbaro seit seinem Besuche sehr schätzt. Er wird im ersten Brief erwähnt als: pater optimus atque sanctissimus vir, der Francescos Grüße gnädig aufnimmt und ihn nebst seinem frühverstorbenen Bruder Zacharias in sein Gebet einschließen will. Dann soll Barbaro für den kränkelnden Mann gegen die Winterkälte ein warmes Kleidungsstück besorgen, und als er schließlich stirbt, gibt Traversari dem Freunde bewegt von dem Ableben des Oberen, der immer an seinen Geschicken so viel Anteilnahme gezeigt habe, Nachricht 11 . Eine andere Nebenperson, die mit wenigen charakteristischen Strichen gezeichnet wird, ist der alte griechische Klosterbruder Demetrius, der die Handschriften sehr schön abzuschreiben weiß. Francesco hatte gebeten, Traversari möge den Xenophontischen Agesilaus abschreiben lassen, und zum Danke dafür möchte Demetrius von Francesco zwei weiße Kapuzen besonderer Machart zum Geschenk erhalten, die es in Florenz nicht gibt. Einen wichtigeren Einblick in die menschliche Art beider Freunde gewähren die Berichte über die Aufnahme eines jungen Schutzbefohlenen, den er nach Venedig zu Barbaro schickte. Als am 13. Juli 1417 An- gelo Acciaiuoli, der künftige florentinische Staatsmann und Anhänger der Medici, nach Griechenland reiste, meldet ihn Traversari mit folgenden Worten an: «Jenen möchte ich dir wirklich so empfehlen, daß du des zarten Jünglings Sinn durch deinen gewaltig anfeuernden Hauch zum BESUCH ANGELO ACCIAIUOLIS IN VENEDIG 107 Fortführen der Studien entzündest. Das kann nach meiner festen Überzeugung durch niemand gehöriger, genauer und besser geschehen als durch dich. Obwohl er offenbar glühend genug nach diesem Ziele strebt und sucht, so wird es ihm meiner Ansicht nach viel helfen, wenn du ihn noch anspornst 12 .» Francesco nimmt das Spiel der höflichen Worte auf und erwidert: «Den hochgeehrten und sehr gebildeten (humanissimus) Angelo Acciaiuoli, meinen sehr heben Freund, dich wie mich und den gelehrten, klugen und beredten Feraldus beglückwünsche ich um solchen Schüler und solchen Lehrer, so daß für beide Ehre und Lob zu erwarten steht.» Barbaro will seinerseits, wie das griechische Sprichwort besagt, den schon schnellfüßigen Lyder zum Laufen anfeuern, damit er durch seinen Angelo selber gelehrter und geehrter werde 13 . Einige Wochen darauf kommt Traversari auf die Mühe, die Barbaro sich mit dem jungen Acciaiuoli gegeben hat, zurück: «Was du mit unserm jungen herrlichen (clarissimus) Angelo getrieben und wie du ihn auf die Bitte in meinen Brief hebevoll und schön behandelt hast und mit welcher Besorgtheit du ihm alle Freundesdienste botest, das habe ich zuvor durch seinen und danach durch deinen Brief erfahren, und es hat mich eine oft erlebte Freude ergriffen. Doch habe ich mich darüber am meisten gefreut, daß dieser Jüngling dich vollkommen und bis ins Innerste erkannt hat und zwar so erkannt hat, daß er in dir nicht, wie du sagst, Ambrogio — das wäre doch zu geringfügig gewesen — sondern den höchsten und mit allen Tugenden geschmückten Mann erkannt und hebgewonnen hat (agnovisse et amavisse) 13 ".» Angelo Acciaiuoli habe sich schön so auszudrücken gewußt, es sei ihm beim Eintritt in Barbaros Haus gewesen, als habe er die Inseln der Sehgen betreten, und wenn alle «Barbaren» so wie dieser Francesco seien, so müsse er sein Vaterland verlassen und bis zu den Skythen, den Gara- manten und den Indern pilgern. Traversari hat uns in einem andern Briefe 14 die interessante Nachricht bewahrt, daß Barbaro, Cosimo de'Medici und Niccoli gemeinsam eine Reise ins Heilige Land unternehmen wollten, um griechische Handschriften zu suchen. Es ist beim Planen geblieben. Traversari äußert nämlich gleich Bedenken, daß dem Vater des Cosimo die Entfernung des Sohnes nicht 108 V B ARB ARO ALS FREUND DER HUMANISTEN recht sein werde, und auch Niccoli sei durch dringende Familiengeschäfte verhindert. — Venedig vermittelt für Italien und das übrige Abendland alles, was den Orient angeht. So verbreitet sich in Florenz einmal das abenteuerliche Gerücht, daß der Tartarenkhan zum christlichen Glauben übergetreten sei, und Traversari fragt sogleich bei Barbaro an, ob er in Venedig etwas Näheres darüber gehört habe 16 . Im Jahre 1430 bekümmert sich Traversari um den erkrankten Freund mit sorglichen Worten. Später fließen die Nachrichten über ihre Beziehungen spärlicher. Beide sind in höhere Berufsstellen aufgerückt, und es bleibt ihnen für die humanistischen Studien keine Zeit und Muße mehr wie in früheren Jahren. Traversari, jetzt General seines Ordens, hatte Visitationsreisen in die ihm unterstellten Klöster zu machen, eine Aufgabe, die durchaus nicht immer erfreulich war. Er selbst hat über eine dieser Reisen im Jahre 1433 ein Tagebuch geführt, und wir erfahren daraus von manchen zuchtlosen Klöstern in Venedig und unendlichem Mönchsgezänk. Ein Lichtblick waren die kirchlichen Feiern, die zu seinen Ehren veranstaltet wurden, vornehmlich aber ein Besuch, den ihm in Venedig die alten Freunde machten. In diesemTagebuch mit dem griechischen Namen Hodoeporicon gibt er ein anschauliches Bild seines 40 Tage dauernden venezianischen Aufenthalts: «Dort wurden wir nach altem Brauch mit einer Prozession empfangen und in die Kirche (San Michele) geleitet, dort wurde uns unter Wahrung des ganzen Ritus von allen das feierüche Gehorsamsgelübde geleistet. Mit welcher Hingabe, welcher Ehre wir von der ganzen heiligen Kongregation aufgenommen wurden, wer könnte es erschöpfend beschreiben ? Hier besucht uns auch eine große Schar uns sehr befreundeter Adliger, und in ihrer Verehrung wetteifernd nahmen alle sich unser an. Francesco Barbaros Liebe ragte hervor, die Leonardo Giustinianis sowie die seiner Brüder Marco und Lorenzo, alles Leute höchster Würde, und auch die von Leonardos jungem, ansehnlichen und gelehrten Sohn Bernardo 16 .» Dies sind die Vornehmsten des venezianischen Kreises, die uns später noch eingehender beschäftigen werden. In Venedig ist die Si- gnorie wichtiger als der Doge. Deshalb schlagen dem Kamaldulenser die ortskundigen Freunde vor, seinen offiziellen Besuch zuerst bei dem kleinen Rat zu machen, dann wird er erst vom Dogen empfangen: «Nachdem wir dies am Tage nach unserer Ankunft erledigt hatten, empfing uns der AMBROGIO TRAVERSARI erlauchte Fürst sehr leutselig und ehrerbietig mit einem großen Gefolge; er ließ uns ihm zur Seite Platz nehmen. Als ich ihm dann nach Aufforderung meines Barbaro auf lateinisch den Grund unserer Ankunft erklärt hatte, antwortete er angenehm, ohne Zögern und so hebenswürdig, daß er meine höchste Bewunderung erregte und mich äußerst befriedigt mit der Ermahnung entließ, auf dem begonnenen und eingeleiteten Werk eifrig zu bestehen; auch sagte er mir seine Hilfe in allen Fällen zu ...» Noch über die Hauptstadt hinaus reicht die Fürsorge Barbaros für seinen Freund. Als Traversari inTreviso eintrifft, kommen ihm dort die Adligen und Gelehrten voller Gefälligkeit entgegen, da sie dazu durch vorauseilende Briefe Barbaros ermahnt worden waren. Auch ein Gastgeschenk hat Francesco für den alten Freund bereit: zwei griechische Handschriften mit den Psalmen und den selteneren Schriften des Gregor von Nazianz. So haben die Beziehungen beider Männer bis zuletzt den Charakter gelehrten Austausches auf Grundlage persönlichen Wohlwollens. Nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtleben der beiden haben wir kennengelernt. Zur Ergänzung des Bildes Ambrogio Traversaris dient vor allem sein Briefwechsel mit dem ihm näherstehenden Niccoli. Dieser wirft ihm einmal in freundschaftlicher Weise vor, er sei von seinen frühern schlichten Mönchs- und Gelehrtenidealen abgewichen und habe ehrgeizig seine Augen auf die Kardinalswürde geworfen 16 . Aber weder dies noch Traversaris kirchenpolitische Stellung zu Papst Eugen IV. oder seine Rolle auf dem Unionskonzil in Ferrara-Florenz, wo er die Unionsurkunde in beiden Sprachen lateinisch und griechisch entworfen hat, spielen im Briefwechsel mit Barbaro eine Rolle. Auch weniger erfreuliche Dinge hatten die beiden miteinander zu besprechen. Die Hauptaufgabe des Francesco Barbaro im humanistischen Lager war Friedenstiften. Von früher Jugend bis kurz vor seinem Tode mußte er von den Zänkereien seiner gelehrten Freunde hören. Da er selbst Besseres und Wichtigeres im Leben zu vollbringen hatte, als sich zu streiten, und andererseits einen von allen Parteien geachteten, lauteren Charakter besaß, war er der geeignete Mitder, um die mit recht übler Beredsamkeit und Verleumdung verbrämten Streitigkeiten unter den italienischen Humanisten beizulegen. Obwohl er die Schwächen jener Charaktere von sich aus schwer begreifen konnte und er selbst den Anreiz HO V BAR BAR O ALS FREUND DER HUMANISTEN der Schmähsucht nicht kannte, die die Menschen von einer üblen Nachrede 2ur andern treibt, ist es ihm zu wiederholten Malen gelungen, durch maßvollen Zuspruch den Streit seiner nächsten Freunde beizulegen. Traversari schien der Erfolg zweifelhaft, zumal ihm seine eigenen Vermittlungsversuche eben gescheitert waren 17 . Es sind alles Skandalgeschichten, aber nicht um dessentwillen soll eine hier nacherzählt werden, sondern weil sie über die Schattenseiten des Verkehrs der berühmten Humanisten Aufschluß gibt. LeonardoAretinoBruni 18 war seit Jahren mit Niccoli eng befreundet. Er hatte viele seiner zur Veröffentlichung bestimmten Briefe an ihn gerichtet — um nur einen zu nennen, der ein Prunkstück humanistischer Briefschreibekunst geblieben ist: seine fesselnde Beschreibung der winterlichen Reise über den Brenner und den Arlberg zum Konzil nach Konstanz. Nun brach aber zwischen Niccoli und seinen Brüdern ein unerquicklicher Streit aus, der zu öffentlichem Skandal ausartete. Es drehte sich alles um eine Frau, die das Einvernehmen zwischen den alten Freunden Bruni und Niccoli trübte. Bruni 19 berichtet darüber empört an den gemeinsamen Freund Poggio, der in jenen Jahren fern in London weilte. In diesem Brief nimmt er den Streit nich t als Einzelfall, sondern prinzipiell wichtig. Über Niccolis eingezogenes Leben erfahren wir zwar manches aus der Grabrede, die ihm Poggio gehalten hat 19 , da aber Grabreden vom Toten nichts als Gutes zu berichten wissen, ist in manchen Punkten eine Ergänzung aus den Briefen der in leidenschaftlicher Fehde mit Niccoli begriffenen Humanisten nötig. In der Grabrede hören wir, daß er unverheiratet geblieben ist, woran Poggio den bekannten Ausspruch Ciceros knüpft, daß Philosophie und Frauen auch für Niccoli nicht vereinbar gewesen seien. Die Florentiner, welche das anhörten, mögen bei diesen Worten geschmunzelt haben, da Niccolis Geschichte mit der Freundin Benvenuta stadtbekannt war. Niccolis schlechtes Verhältnis mit seinen Brüdern rührte außer von Erbstreitigkeiten daher, daß er die besagte Haushälterin Benvenuta seinem Bruder Johannes abspenstig machte und nun mit ihr lebte, was an das Florenz des Decamerone erinnert. Bruni hielt sich zunächst zurück, erst als die Unverträglichkeit der Brüder Niccoli zu offenem Ausbruch kam, wurde er gegen seinen Willen LEONARDO ARETINO BRUNI III hineingezogen. Benvenuta, von Poggio noch freundlich die Sibylle genannt, die all den Unfrieden gestiftet habe, während Bruni ihren Namen ärgerlich ins Gegenteil«Malvenuta»verkehrt, scheint ein arges Lästermaul gewesen zu sein, die es mit Verleumdungen besonders auf ihre Schwägerinnen abgesehen hatte. Hierüber erbosten sich die fünf Brüder Niccolis so sehr, daß sie sich zusammenrotteten, ins Haus ihres Bruders drangen, die Frau von seiner Seite wegrissen, auf die Straße zerrten und sie nach altem Brauch, wie man Buhlerinnen behandelte, unter lauter Zustimmung der Nachbarn, die von dem Schauspiel sehr belustigt waren, abstraften (natesque nudatam loris usque ceciderunt). Niccoli aber schloß sich tagelang ein, da er die angetane Schmach nicht verwinden konnte. Er benahm sich, als ob sein Vater erwürgt worden wäre, und sagte den Leuten, die ihn zu trösten kamen, er warte auf den Untergang von Florenz, denn andere Städte seien schon um geringeren Frevels willen vernichtet worden. Aber der Erfolg war, daß die spottlustigen Florentiner erst recht lachten und der Ingrimm Brunis, der sich fernhielt, dem aber die Stadtneuigkeiten alsbald zu Ohren kamen, wuchs. Es schien ihm, daß das Dekorum des Gelehrten verletzt und der ganze Humanistenstand herabgesetzt sei. «Denn, fährt er fort, wundern wir uns dann noch, wenn das Volk auf die Meinung kommt, daß die den Studien Ergebenen nicht an Gott glauben, noch ihn scheuen?» — Hier rührt Bruni an eine für den Humanisten besonders wichtige Aufgabe: ihr Wort und ihre Tat in Einklang zu bringen. Man hat häufig den Vorwurf erhoben, daß diese von ihnen nicht erfüllt würde, und es ist deshalb oft über den Humanismus im ganzen der Stab gebrochen worden. Indes, wenn man ihre Schriften und Briefe daraufhin überprüft, so bemerkt man ein stetes Ringen um diese Hauptfrage. Sie sind weit davon entfernt, sie unberührt zu lassen: zu ernst sehen wir diese Menschen an ihre Studien als an «die heilige Lehre» glauben. Das Gebot, nach dem sie strebten, stand ihnen immer klar vor Augen, wie es etwa Poggio in der schon erwähnten Grabrede für Niccoli umschreibt: »Da er durch die Winke der Philosophie nicht so sehr zum Sich-Versenken als zum Handeln unterwiesen worden war, so hielt er diejenige für die beste Norm des Lebens, die ihm Muße zum Studium verschaffte und weder dem Reichtum noch dem Ehrgeiz frönte.» Diese Norm zu erreichen, 112 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN gelang den oberitalienischen Humanisten, den Guarino und Vittorino da Feltre, besser als den Florentinern, den Niccoli und Poggio, ganz zu schweigen von Filelfo und Valla. Höher stand hier Francesco Barbaro, der, wie schon anfangs bemerkt, unter den Schwankenden die feste Säule war und andern die Stütze bot, an der sie sich immer wieder aufrichteten. Freilich hatte er auch nicht die Sorge ums tägliche Brot wie die berufsmäßigen Humanisten, die vom Ertrag ihrer Feder lebten. — Leonardo Bruni wollte Niccoli nur leichte Vorhaltungen machen, aber dieser war so gereizt, daß er seiner scharfen Zunge freien Lauf Heß und auf den bisherigen Freund allen Haß wegen der erlittenen Unbill ablud. Nun riß auch Bruni die Geduld, und er schrieb jenen offenen Brief an Poggio nach England, — er erreicht ihn durch Cosimo de'Medicis Vermittlung aber erst bei der Rückkehr nach Italien in Rom — aus dem wir die Einzelheiten des Zwischenfalles kennen 20 . Traversari und sogar Papst Eugen IV. 20 hatten vergeblich eine Versöhnung der Freunde herbeizuführen gesucht. Nun berührte Barbaro auf einer Gesandtschaftsreise im Jahre 1426 Florenz und Rom, aber auch ihm gelang es erst nach längerer Zeit, volle Beruhigung zu schaffen. Wie er im einzelnen vorging, erfahren wir nicht. Eine persönliche Aussprache in Florenz scheint zu keinem Ergebnis geführt zu haben, denn in einem aufgeregten Brief Brunis an Poggio nach Rom, wohin Barbaro weitergereist war, zeigen sich seine Befürchtungen, daß man ihn vor Barbaro verleumden könnte. «Du weißt, schreibt er an Poggio, wie hoch ich immer Barbaro geschätzt und mit welcher Anerkennung ich seinen Namen verbreitet habe. Das mag er von dir erfahren. . . Nichts anderes verlange ich von dir hier als die Wahrheit, und es würde mir sehr angenehm sein, wenn du Barbaro jenen Brief, den ich dir über die Streitsache selbst geschrieben habe, zur Kenntnis brächtest, damit er sich nicht eine falsche Vorstellung macht. Er wird nämlich merken, daß ich durchaus nicht in dem gelogen habe, was ich an dich schrieb . . . Und damit du alles weißt, ich habe über diese Dinge nicht mit Barbaro gesprochen, denn ich hielt es für besser, mich vor ihm zu stellen, als wüßte ich nichts von diesem Geschwür. Deshalb geh auch du, um dies zu heilen, so vor, als ob du nicht wüßtest, was du weißt. Ach, Poggio, alles ist voll von neidischen, übelwollenden NICCOLÖ NICCOLI II 3 und widrigen Menschen. Doch glaub mir, hochgemut verachte ich sie. Um Barbaro glaubte ich kämpfen zu müssen, damit niemand sagen kann, ich hätte ihn mir durch Nachlässigkeit entfremdet 21 .» Wärmer noch klingt der Brief, den Poggio an Barbaro nach der endlichen Versöhnung richtet; es ist ihm ja damit ein schwerer Stein von der Seele gefallen; er hat Bruni gebeten, nun gleich den alten vertrauten Verkehr mit Niccoli wiederaufzunehmen. Für Barbaro ist er voller Lob und Dank: «Nachdem du von uns abgereist bist, habe ich nichts mehr von dir gehört außer, — was mir sehr erwünscht ist — daß du den Frieden zwischen Leonardo Bruni und Niccoli hergestellt hast... Je schwieriger die Sache war, um so größere Ehre hast du davon. Männlicher Tugend fügt sich alles, und nichts ist so steil, daß sie es nicht erstiege. Glaube mir, wir schulden dir um dieser Friedenstiftung willen nicht weniger einen Triumphbogen als jenen alten Feldherrn für die Errettung des Staates, es sei denn, man halte einen Krieg mit den Feinden für wichtiger als die Friedenstiftung zwischen den Mitbürgern 22 .» In Niccoli mag Barbaro Vorbild und Gegenbild zugleich gesehen haben: die Seiten der humanistischen Lebenshaltung, die er verehrend übernehmen konnte, und die Schwächen des Menschen, die er meiden mußte. Eine kurze Charakteristik ausTraversaris Feder spiegelt dasWesenNiccolis (in einem Brief an Barbaro über Niccoli): «Du kennst mehr als genug den Charakter des Mannes, der zu Argwohn neigt und allzu leicht den stichelnden Stimmen sein Ohr leiht. . . Gut ist der Mann, gewiß, und lauter; meiner Meinung nach sollte ihm alle Jugend, wie er's verdient, Dank wissen, weil er sie außerordentlich zu den Studien anspornt. Viel hat er — wir wollen uns darüber nicht täuschen — zu der Bildung der Menschen (humanitas) in unserem Zeitalter beigetragen. Aber in dieser einen Sache darf man ihn nur in der Weise tadeln, daß man ihn hernach ruhig, gleichmütig und gern erträgt 23 .» Wie Niccoli in seinem erzieherischen Eifer vorging, ist oft dargestellt worden; am anmutigsten plaudert uns davon der treffliche Florentiner Buchhändler Vespasiano da Bisticci 21 , sein naher Freund. Wenn, was häufig geschah, ein junger Mann Niccoli besuchte, so drückte er ihm gleich ein Buch in die Hand und setzte ihn in seine Bibliothek, wo manchmal 12 solcher lesender Jünglinge anzutreffen 8 114 v BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN waren. Wenn sie eine Weile sich so beschäftigt hatten, trat er zu jedem einzelnen und erkundigte sich, was er gelesen hätte. Dadurch war dann eine fruchtbare Anknüpfung des Gesprächs gegeben und seichtere Unterhaltung ausgeschlossen. Ähnlich rühmt Poggio in der Grabrede 19 : «Was hat er in unserer Wissenschaft für Nutzen gestiftet, wieviel uns, wieviel einem jeden einzelnen, der von Lerneifer ergriffen warl Nicht nur als Mahner, sondern auch als Ratgeber, Helfer und Antreiber stand er jenen zur Seite, bei denen er etwas Scharfsinn der Begabung oder Willen zum Lernen erblickte. Nicht allein nur die Säumigen und Schlaffen, sondern auch die schon Entflammten und Eilenden stachelte er zum Studium der Wissenschaft auf und machte sie behender durch seine Worte.» Niccoli als gelehrter Privatmann und Dilettant, der beweglichen Geistes seine Freunde zu ihren Werken anregt und sie beurteilt, der die Jugend zur Wissenschaft begeistert, der war der Mann, nach dem sich Barbaro in wesentlichen Zügen richtete. Niccolis persönliche Beziehungen zu ihm waren ähnlich wie die Traversaris, auf dessen Erwähnungen in Briefen an Barbaro man angewiesen ist, da ein Briefwechsel zwischen Niccoli und Barbaro nicht erhalten ist. So schreibt Traversari einmal: «Unser Niccolus hat dir Ciceros Briefe an Atticus gesandt; ich glaube, du erhieltest sie schon. Er schätzt dich sehr, und als er vor einigen Tagen den Wunsch hatte, für dich die griechischen Worte der Pandekten abzuschreiben, mußte er, von der Schwierigkeit gehemmt, davon Abstand nehmen, denn jenes Buch wird wie aus dem Heiligtume der Minerva hervorgeholt, und man gestattet nicht, es ohne Erlaubnis der Behörden anzusehen, weil das unerfahrene Volk ich weiß nicht was von ihm glaubt. Er besteht aber doch darauf, dir in anderer Weise einen Gefallen zu tun und wird es nicht an Eifer der Ausführung fehlen lassen 24 .» Mit seinen eigenen schriftstellerischen Erzeugnissen in lateinischer Sprache war Niccoli niemals zufrieden. Sie hatten für ihn, nach Poggios Worten, noch nicht die letzte Politur. So gab er sie nie heraus, abgesehen von einem italienisch geschriebenen Buch über Interpunktion, das von Guarino angegriffen wurde. Aus seinem Zaudern und Zagen erwächst seine persönliche Bescheidenheit, ganz im Gegensatz zu Francesco Barbaro, der als Jüngling in wenigen Wochen kühn den großen Wurf wagte. Auch Niccoli äußerte sich sehr beifällig über Barbaros Werk. POGGIO BRACCIOLINI 115 Bedeutsamer und reicher sind Barbaros Beziehungen zu dem größten Humanisten seiner Zeit, zuPoggio Bracciolini. Ebenso ertragreich sind sonst nur seine Beziehungen zu Guarino und Flavio Biondo. Der Briefverkehr mit Poggio ist gedankenreicher als der mit Traversari. Es ist wie eine Aussprache der beiden italienischen Hauptstädte Florenz und Venedig durch ihre berufensten Vertreter über die wichtigsten Fragen des Ruhms, über Religiosität und Mönchstum. Uber die beiden letzten Fragen wird erst im nächsten Kapitel gesprochen, aber was Poggio an Barbaro über den Ruhm geschrieben hat, sei schon hier behandelt. Er behandelt diesen Gegenstand nicht in einem seiner Briefe, sondern in der Barbaro zugeeigneten Widmung des Traktates über den Geiz 25 . In mehrfacher Hinsicht hat es Bedeutung, daß Poggio diese Schrift gerade an Barbaro richtete: «Da ja die meisten Sterblichen, mein Franciscus, so beginnt Poggio, nicht leben, sondern das Leben laufen lassen (das eine können alle, das andre nur sehr wenige), so halte ich nur die für glücklich, denen das Gottesgeschenk zufällt, daß sie sagen können: Wir haben gelebt. Ich glaube, das trifft nur bei einigen Männern unserer Zeit zu, die wegen der von ihnen geschaffenen Werke sehr gepriesen und einen Jahrhunderte dauernden Namen haben werden.» Worin besteht nun nach Poggio der Ruhm ? Wir befinden uns in einer Periode, wo der Schriftsteller-Ruhm an erster Stelle steht und jede andre Ruhmestat erst durch den Künder unsterblich wird. So huldigt er vor allem den literarischen Verdiensten Barbaros, Brunis und Guarinos wegen ihrer Übersetzertätigkeit und ihrer eigenen Werke: «wodurch sie der lateinischen Muse höchste Ehre und Zier erwarben». Diese Vorstellung ist uns schon aus Francescos eignen Worten geläufig; neu ist aber Poggios Einschränkung: «Freilich glaube ich nicht, daß ihnen das sehr schwer gefallen ist, da sie in griechischer Rede gebildet sind und in jeglicher Art Wissenschaft hervorragen. Aber ich — so scheint es — muß einer beschwerlicheren Arbeitsweise den Vorzug geben, da ich nicht zu unserm Gebrauch aus der griechischen Sprache übersetzen kann und auch meine Fähigkeiten nicht derart sind, daß ich wagen könnte, jetzt etwas in die Öffentlichkeit herauszustellen.» Dies ist freilich etwas gespielte Autorenbescheidenheit. Da er seine Aufgabe darin sieht, das aus einem Gespräch mit Freunden erwachsene Wissen zum Werk zu 8 Il6 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN gestalten, macht hier deutlich der Humanismus einen Schritt über die bloße Übersetzungsliteratur und die Traktate, die hauptsächlich in Zitaten alter Schriftsteller bestehen, hinaus und glaubt dadurch ein neues Ruhmesblatt in seinen Lorbeerkranz zu flechten. Solange Barbaro lebt, knüpft sich an ihn alles in den humanistischen Wissenschaften fortschreitende Bestreben der Freunde, wenn ihm auch selber in unausgesetzten Staatsgeschäften, abgesehen von seinen Briefen, nicht mehr die Muße zu literarischer Arbeit bleibt. Er geht willig mit, auch als ihn einer der gelehrten Freunde, Biondo, auf das ihm ferner Hegende Gebiet der mittelalterlichen Geschichte lockt. Mag in Poggios Widmung wie in allen Widmungen viel Förmliches stecken, die Tatsache, daß der Florentiner keinem innerlich unbeteiligten Fürsten schmeicheln will, sondern den durchaus sachkundigen venezianischen Nobile als Empfänger wählt, beweist, daß es ihm mit dieser Widmung Ernst gewesen ist: «Dir aber, mein Franciscus, dem Manne, dem Heben Freunde und dem hervorragenden Geist, durch dessen Mühe und Fleiß unsere Sprache große Bereicherung erfahren hat, habe ich dies Büchlein, gleichsam die Erstlinge meiner Studien, gewidmet und unterbreite es deinem Urteil. BilUgst du es, so gib es heraus, weil ich das Vertrauen habe, daß es auch von andern gebüligt werden wird, wenn es sich auf dein Ansehen stützen kann. Wenn nicht, dann wirf es ins Feuer, wie etwas, durch dessen Verlust nicht viel Schaden entsteht, denn es ist dienHcher, der Freunde Irrtümer zu unterdrücken, als sie auszusprengen. Aber um deinen Spruch richtig fäUen zu können, höre, was die sagen, die sich hier unterhalten. Ich war mit dir vereint und auch sie, um in deiner Gesellschaft besten und erfreuHchstenUmgang zu pflegen. Auch wenn sie selbst nicht schreiben, so hörst du doch ihre Unterhaltung, und wenigstens ihnen zuHebe wirst du dies kleine Werk nicht verschmähen. Nimm es bitte an und sei ihm nicht so sehr herber Richter und strenger Schiedsmann als menschHcher und geschmackvoUer Beschützer.» Der eigentliche Briefwechsel zwischen den beiden beginnt unmittelbar nach Abschluß von Barbaros DE RE UXORIA mit einem vom JuH 1417 aus Venedig nach Konstanz geschickten Sendschreiben Barbaros 26 , das sich inhaltlich dem langen Brief an Lorenzo de'Monaci über die Verteidigung der griechischen Studien anschließt. Francesco POGGIOS HANDSCHRIFTENFUNDE steht hier unter dem starken Eindruck des größten geisügen Ereignisses seiner Zeit, der Wiederauffindung vieler verloren geglaubter antiker Schriftsteller, deren in deutschen und französischen Klöstern unbeachtet vermodernden Handschriften Poggio und sein Gefährte nachspürten. Der junge Francesco flammt in Begeisterung über die neuen Funde auf: sein Brief ist ein einziger Rausch. Worin Hegt nun für ihn der Wert des großen Ereignisses? Wieder ist es die Frage des Ruhms. Es ist seine persönliche Lebensfrage, wie der Lohn des Lebens zu erlangen sei: durch geistige oder durch politische Tat. Er ist von der Bedeutung der Stunde durchdrungen und überzeugt; er glaubt hier ein weltgeschichtliches Ereignis von größerer Bedeutung mitzuerleben, als es die Politik jener Zeit ihm bieten konnte. Auch andere hatten den gleichen Eindruck, denn Guarino schreibt an Traversari 27 , daß die Auffindung der Handschriften wohl das einzige Ergebnis sei, das die Synode gezeitigt habe. Dieser geistigen Tat spricht Francesco in seiner Jugend den Vorrang vor allen politischen zu, bis er selber in späteren Jahren den Ruhm seines Lebens doch in staatlichem Handeln findet, wie wir es in der Abschiedsrede von Brescia aus seinem Munde vernehmen werden. Hier im Brief sucht er nach Humanistenart nicht in der zeitgenössischen, sondern man merkt ihm an, daß er sich soeben eifrig mit römischer Geschichte beschäftigt, denn ihm fließen die Beispiele, die er dort findet, vom Munde. Jedoch ist es nicht mehr wie im Briefe an Monaci das hastige Hervorstoßen von einem Dutzend antiker Autoren, die ihm dem Namen nach bekannt sind; hier nützt er seine Belesenheit zu überraschenden Gedankensprüngen. So weiß er plötzlich etwas vom Kirschbaum zu sagen, der von Lukullus aus dem Pontus nach dem Mithridatischen Kriege in Italien eingeführt wurde, ferner wie Papinius die heute im Mittelmeergebiet weitverbreitete welsche Hagebutte aus Syrien brachte 28 . Wenn man diese Obstsorten cerasia Luculliana und zizipha Papiniana zubenannt habe, so sei es nur recht und billig, wenn man die Früchte, die Poggio aus Deutschland nach Italien bringe, Poggiana benenne. Ein gewisses Prunken mit merkwürdigen Einzelheiten, mit der Fülle seiner Lesefrüchte ist freilich nicht zu verkennen, zumal wenn man dies frühe Erzeugnis mit den an rhetorischem Zierat armen, dagegen mit Lebensweisheit gefüllten Briefen seines Alters vergleicht. In derselben Weise wird von 118 V B ARB ARO ALS FREUND DER HUMANISTEN Francesco gerühmt, daß Poggio die alten Schriftsteller von den Toten auferweckt habe. Wenn dem Äskulap, der den Hippolytus aus der Unterwelt zurückgerufen habe, Tempel geweiht wurden, «was sollte ich, wenn diese Gewohnheit nicht schon längst außer Brauch gekommen wäre, wohl meinen, das man euch antun müßte?» Die römischen Vorfahren hätten ihren Eroberern und Kriegshelden einen Triumphzug auf das Forum erlaubt. «Wenn ich — fährt Francesco fort — an Würde und Ansehen soviel vermöchte wie die Ansehnlichsten im geistigen Senat (in litterario senatul) und im Hause der Musen, so würde ich für dich als den eines Triumphes Allerwürdigsten stimmen.» Wir dürfen hier einen inneren Zusammenhang mit der Stelle aus Poggios Brief nach der Beilegung von Brunis Streit mit Niccoli annehmen: Erst beglückte Barbaro seinen Freund Poggio dadurch, daß er ihn der allerhöchsten Ehrung, die der römische Senat verlieh, für würdig erklärte, und später erwiderte Poggio mit derselben Höf lichkeit dem Freunde, als es diesem gelungen war, die Einigkeit unter den Gelehrten wiederherzustellen. Barbaro wünscht dem glücklichen Finder nicht nur vergangene Ehren, die nicht mehr zu verwirklichen sind, sondern macht ihm Hoffnung auf gegenwärtige, denn er rechnet wie alle seine übrigen humanistischen Freunde damit, daß aus dem bevorstehenden Konklave der den Humanisten günstige Kardinal Zabarella als Papst hervorgehen würde; das wurde jedoch durch den vorzeitigen Tod des Kardinals vereitelt. Damit fielen auch alle Erwartungen, von denen Poggio geträumt hatte, dahin — er verlieh ihnen noch einen letzten Ausdruck in der schönen Grabrede für Zabarella 29 . Man erwählte Kardinal Oddo Colonna und dieser gab ihm als Papst Martin V. kein Amt an der Kurie. Bald darauf schrieb Barbaro wieder an Poggio, wie wir aus dessen Antwort 30 ersehen, die erhalten blieb. Guarino hatte durch seinen Schüler anfragen lassen, ob nach der Papstwahl für ihn die Aussicht einer Anstellung als päpstlicher Sekretär bestünde; da er sich selbst im Amte nicht halten kann, muß Poggio durch Barbaro eine abschlägige Antwort erteilen. Dann weiht er den jungen venezianischen Freund in die politisch sehr unerfreulichen Verhältnisse der Neubildung der Kurie unter Martin V. ein. Barbaro hatte ihn zu der Wahl des neuen Papstes beglückwünscht, aber Poggio meint kühl, das sei ein Ereignis, das vielleicht von öffentlichem, aber von keinem privaten Nutzen für ihn sei. So sehr schwillt ihm der Ekel über den Geiz und die Habgier, die sich an der Kurie breitmachen, daß er ein neues Vaterland unter anderm POGGIO IN ENGLAND II 9 Himmelsstrich bei den Briten suchen will, deren Reich vom übrigen Erdkreis fast ganz abgeschnitten ist. Er war dorthin von dem reichen Bischof von Winchester, späteren Kardinal Henry Beaufort, eingeladen, der ihn dann aber durch seine Knauserigkeit bitter enttäuschte. Er riß sich schwer von der ihm unergiebigen Kurie los, der er von Konstanz über Genf noch bis Mantua folgte, um überstürzt nach England zu reisen. Von diesem Ringen um den Entschluß zeugt eine italienische Redensart — eine Seltenheit in einem humanistischen Brief; er klagt, daß die Prälaten der Kurie täglich von ihm Abschriften der Ciceroreden haben wollten, aber für seine Anstellung keinen Finger rühren, so daß er das Leben bei ihnen satt habe: Chi ne vuol piü, se ne peschi, che la mia rete e rotta 30 . Barbaro und die andern italienischen Freunde Poggios waren erschrocken und bestürzt über seinen plötzlichen Entschluß und schrieben ihm, daß er doch einen so verzweifelten Schritt unterlassen solle 31 , aber als Poggio durch die neue Kanzleiordnung Martins v. sein Amt und seine Einkünfte noch mehr geschmälert sah, riß ihm die Geduld und er reiste, ohne sich von den Freunden zu verabschieden, nach dem Norden. Der englische Aufenthalt ist für den Italiener damals — wir hören dieselben Klagen über dieses Land auch bei einem andern Freunde Bar- baros, Pietro del Monte, — eine trübe Zeit, in der ihm Gewissensskrupel kommen und er von der Sehnsucht nach dem geistvollen Umgang mit den heimischen Freunden verzehrt wird. Um über die geistigen Entbehrungen hinwegzukommen, mästet sich Poggio bei den endlosen englischen Gastereien ein Bäuchlein an, worauf er Freund Niccoli humorvoll vor der Heimkehr vorzubereiten für nötig befindet 32 . Poggio war noch nicht lange in England, so schreibt er schon an Niccoli 33 , er habe die Absicht, sich an Barbaro und einen andern ihm bekannten jungen Vene2ianer zu wenden, damit ihm diese eine Stelle in Venedig verschafften. Aber seine Bemühungen blieben vergebens. Worauf ist es wohl zurückzuführen, daß all den humanistischen Gelehrten jener Zeit eine Ruhelosigkeit und Unstetheit anhaftet, so daß ihre Lebensflamme so flackrig brennt, während der Erdenlauf unseres Venezianers immer gleichmäßig erleuchtet ist? Das ist nicht so sehr eine Frage der äußeren Lebensbedingungen, sondern mehr eine der verschiedenartigen Charaktere. Die eigentlichen Humanisten von Beruf, die Poggio, Guarino, Filelfo und Valla waren freilich — das muß immer wieder betont werden — alle von Haus aus Leute ohne Vermögen, die sich durch ihre Feder und durch wohlgesetzte Reden ihr Brot erwerben und nach Fürstengunst gehren mußten, während vornehme Herren wie Lorenzo de'Medici und Francesco Barbaro reich genug waren, um nicht gezwungen zu sein, aus ihren humanistischen Fähigkeiten, die sie als Liebhaber übten, eine Geldquelle zu machen. Infolgedessen kann ihr itcJm - des An i tl: Ii- 3et lin rat LI] eu d- Sil id v< .r- d :n nral E e- 1 ls -tu j- Wh dcrf ai A a- ein titat] erk »gc,] Mi AI 31 120 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN äußeres Leben, von derartigen Sorgen befreit, beharrlicher und stetiger verlaufen; aber auch ihre Charaktere mußten fester sein, denn dafür, daß ihnen das Geschick ein Übermaß von irdischen Gütern und Verantwortungen 2uteil werden ließ, belastete es sie mit ganz andern Erprobungen als die Humanisten von Beruf. Der eine wurde, freilich nur vorübergehend, mit seinem Bruder Cosimo aus der Heimat vertrieben, auf dem andern lastete als Einzelnem Geschick und Verantwortung einer jahrelang von übermächtigem Feind berannten und ausgehungerten Stadt, die zusammengebrochen wäre, hätte er sie nicht aufrecht erhalten. Poggio ist im Gegensatze zu Barbaro nie im stetig erhaltenen Gleichgewicht. Die englische Illusion treibt ihn ebensosehr von seinem örtlichen wie von seinem seelischen Gleichgewichtspunkt fort. Nur in Italien kann er gedeihen, und humanistische Studien sind ihm zuträglicher als religiöse Gewissensskrupel, die ihn im Lande des Nebels sichtlich plagen. Seine Art ist rasch aufwallend und leicht gereizt; abgesehen von seinen vielen Streitschriften zeigt das eine Anschuldigung, die er gegen Barbaro erhebt. Er hat sich über ihn geärgert und tritt dem Charakter des Freundes zu nahe, von dem er wissen mußte, daß er der unerschütterlichste von allen war. Poggio fuhr, wie wir hörten, zwischen dem Konstanzer Konzil und dem englischen Aufenthalt nicht mehr zu seinen Freunden nach Toskana. Seine Handschriftenfunde schickte er nach Florenz zu Niccoü, dieser hatte die aus Cluny stammenden neuentdeckten Ciceroreden dem erwartungsvollen Francesco Barbaro weitergegeben 34 . Jahre gingen darüber hin, Poggio kehrte aus England zurück und wurde ärgerlich, die Handschrift nicht vorzufinden, weil Barbaro sie während seiner Amtszeit in Treviso mit seinen Sachen in Venedig verstaut hatte. Darauf schrieb Poggio in dieser Angelegenheit an Guarino 35 einen empörten Brief: «Es tut mir leid, mein Guarino, genötigt zu sein, mich bei dir über den Verdruß, daß ich nicht sage über die Beleidigung zu beschweren, die mir Francesco Barbaro entgegen unserer freundschaftlichen Verbindung und zuwider der Pflicht eines anständigen Menschen angetan hat. Ich habe ihm schon zwei Briefe geschrieben... aber nicht ein Wort hat er geantwortet, geschweige daß er die Reden geschickt hätte; entweder ist das aus größter Nachlässigkeit geschehen, um mich persönlich zu beleidigen... POGGIO UND B ARB ARO 121 Jetzt (nach einem halben Jahre) würde ich ein drittes Mal an ihn schreiben, wenn ich nicht genau wüßte, daß mir das nichts hülfe. Allerdings wundere ich mich außerordentlich, daß er, der andern in den geringsten Dingen Lebensregeln gibt, es selber in den höchsten fehlen läßt.» Das ist deutlich ein Hieb gegen DE RE UXORIA. Barbaro war aber wirklich durch sein erstes Staatsamt ganz in Anspruch genommen, das sieht dann auch Poggio ein. Ein Jahr später erwähnt er in einem weiteren Brief an Guarino, daß er höre, Barbaro sei von seiner öffentlichen Tätigkeit (jetzt als Podestä von Vicenza) dermaßen in Anspruch genommen, daß er nicht mehr zum Schreiben käme. Diese Klage hören wir von nun an recht oft von den Humanisten, denn seine Anteilnahme wandte sich allmählich von ihren Dingen einem weiteren politischen Kreise zu, ohne ihn deshalb den Bahnen der alten Freunde, welchen er anfangs ausschließlich gefolgt war, zu entfremden. Die Beziehungen Poggios zu Barbaro in ihrem späteren Leben sind zu sehr mit andern Personen und Ereignissen verflochten, als daß wir sie hier im Zusammenhang berühren könnten, doch wird uns Poggio wie bisher so auch später noch manchmal begegnen. Da Guarino Veronese die Hauptrolle in der Jugend Francesco Bar- baros gespielt hat, ist seine Freundschaft zu dem Studenten bis zum Jahre 1415 in den früheren Kapiteln schon zur Darstellung gelangt. Guarino ist uralt geworden und überlebt den so viel jüngeren Freund noch um sechs Jahre. Er kann dessen ganzes Leben überschauen; an allen wichtigen Einschnitten seiner Laufbahn hören wir die bewundernde Stimme des alten Freundes. Guarino war ein hingebender Lehrer und fachte seine eigne Lebensflamme durch solche Begeisterung am Charakter und den Leistungen seiner Schüler immer von neuem froh an. Besonders erfreut es ihn aber, wenn Dritte seine Schüler lobten. In späteren Jahren ist sein Lieblingsschüler Lionello d'Este, wie in den früheren das venezianische Doppelgestirn Giustiniani-Barbaro. Einem befreundeten Staatsmann, den Barbaro erfolgreich bei seiner Bewerbung um das Amt des Podestä in Florenz unterstützt hatte 36 , schreibt Guarino 37 : «Nicht weniger erfreulich ist es mir, daß du die Arbeiten Giustinianis und Barbaros so sehr lobst (es sind die Plutarchüberset- zungen); ich sage das nicht deshalb, weil man behauptet, das den beiden 122 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN gespendete Lob fiele irgendwie auf mich zurück, sondern weil ich durch dein so ernstes und gelehrtes Zeugnis mein Urteil über jene bestärke. Ich habe sie immer so für die beiden Leuchten der Beredsamkeit gehalten, daß ich nicht sehe noch zu sagen wüßte, wem sie nachstünden. Etwas Eindrucksvolles ist wirklich bei beiden ihre vorzügliche Belesenheit (litteratura), Gelehrsamkeit und Kunst, in denen sie sich hervorragend bildeten. Und nun gar göttliche Tugend, Geistesgröße, feierliche Würde und Entschlußkraft, Unantastbarkeit, feine Sitten, Gerechtigkeit und ausnehmende Weisheit I Das sind alles Dinge, die an ihnen zu verehren und zu feiern sind.» Keiner der Humanisten hält mit seinen innigen Empfindungen für seine Freunde weniger zurück als Guarino. Die gleichen herzlichen Gefühle wie in seinem ersten Briefe bringt er auch dem nun ganz Erwachsenen entgegen, weiß er doch an Traversari 38 zu berichten: ob man nun Briefe dauernd wechsle oder nicht — die Freundschaft sei unabhängig davon und fest zwischen ihnen gegründet 38 . Bald nach dem Erscheinen des Werkes seines Schülers: DE RE UXORIA entschloß sich Guarino fast zur gleichen Zeit wie Francesco selber zum Heiraten 39 . In einem Brief Guarinos an Corbinelli 40 , seinen ehemaligen Gastgeber zu Florenz, zeigt sich, wie notwendig die Mahnung zum Ehestand, die Barbaro aussprach, für seine gebildeten Zeitgenossen war, denn auch Guarino, der in den besten Mannesjahren stand, muß sich erst verteidigen, daß er heiratet. Dies ist noch etwas anderes als bei Poggio, der erst in höherem Lebensalter eine Schrift zur Verteidigung seiner Ehe an seine Freunde richtete. Um den Widerrat des hagestolzen Corbinelli zu entkräften, der ihm wie üblich vorhält, daß die Ehefrau das freie Philosophenleben hemme, brauchtGuarino jetzt nur auf Barbaros Schrift zu verweisen. Ihm bedeutete die Gattin die Helferin für seine erzieherischen Aufgaben, denn zu seinen zahlreichen Söhnen nahm er noch mehrere Zöglinge ins Haus, die mit den eigenen Kindern erzogen und unterrichtet wurden. Im Briefwechsel der Freunde spielt bald der Neffe Barbaros, Ermo- lao, den er nach dem Tode des Bruders zu erziehen hatte, eine große Rolle 41 . Ermolao wird Schüler Guarinos, der infolge eines Lehrauftrags in seine Vaterstadt übersiedelte; in den Briefen jener Jahre klingen eigene Jugenderinnerungen nach, die in Francesco wach werden, da er GUARINO VERONESE 123 um das Wohlergehen und das Fortkommen dieses Neffen fast mehr besorgt ist als um den eigenen Sohn. So schreibt er im Sommer i42i 4a : «Ich kann nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin, daß er eine Zeitlang bei dir sein kann. . . Mit Maria (der Gattin Barbaras) weiß ich höchsten Dank auch Taddea (Frau Guarinos), die ihre treue Ergebenheit (pietas) gegen dich an unserm Ermolao deutlich zeigt, . . . ermahne Ermolao, er solle täglich bedenken, daß er bei dem besten und weisesten Lehrer ist, damit er leiste, was man von ihm erwarte»; eine ähnliche Ermahnung schreibt er auch an den Neffen selbst. Welchen sittigen- den und bildenden Einfluß Guarinos Unterricht auf seine Hörer jeden Alters hatte, gibt die Grabrede des Carbone 43 mit beredten und begeisterten Worten wieder: «Niemand hielt sich für edel, niemand der lauteren Seite des Lebens zugehörig, wenn er nicht Guarinos Schüler war; dadurch wurden in kurzem die Unsrigen aus den düstersten Finsternissen ins wahre und leuchtende Licht emporgeführt: über Erwarten ragten alle hervor an Beredsamkeit, Bildung, und machten sich durch ihre gefeilte Rede angenehm.» Von ähnlicher Sorgfalt in der Erziehung wie bei Ermolao hören wir auch bei dem Sohn Leonardo Giustinianis, Bernardo, den der Vater noch als Vierundzwanzigjährigen zur besonderen Ausbildung zu Guarino nach Ferrara schickt. Die Mühe hat in beiden Fällen gefruchtet, denn sowohl Ermolao Barbaro als auch Bernardo Giustiniani sind hochbedeutende Männer geworden, die in der Geschichte des Humanismus unvergessen blieben. Schon in seinem ersten Brief schreibt Barbaro während der Pest, die in Venedig wütet: «Ich möchte nach Verona reisen, um mit dir zusammen zu sein und mit den alten Bekannten wieder Freundschaft zu schließen, — d. h. mit den Büchern—aber diese viertägige Flußfahrt (stromaufwärts die Etsch) erscheint den Ärzten hier, die sich sehr weise dünken, zu gefährlich 42 .» Der nächste Brief weiß von noch größerer Sorge und Trauer zu berichten, «denn da in Venedig zu unserer großen Not die Pest wütet und unser guter und lieber Schwager Niccolö de'Priuli gestorben ist, so müssen wir nach besten Kräften dafür sorgen, daß uns Ermolao erhalten bleibe, zumal ich schon längst nicht mehr weiß, durch welches Verhängnis der Tod mir alle entreißt, die meinem Erdenlos eine Zierde und Hilfe sein können und wollen. Doch muß das mit großem und I2 4 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN unbesieglichem Geiste getragen werden, weil wir mit solchem Los geboren sind, daß wir alles, was uns Widriges 2ustößt, maßvoll und weise überstehen sollen. Aber ich kehre zu Ermolao zurück. Was 43 du von der Klugheit des Ermolao schreibst, ist mir sehr willkommen. Ich sehe, daß er der Natur und der Vernunft folgt, die Führer und Begleiter zu gutem Leben sein sollen 44 .» Die Klugheit des Neffen besteht darin, daß er zur Winterszeit, wo draußen zudem noch die Pest wütet, Heber bei seinem Lehrer Guarino in Verona bleiben will. Der Oheim sieht das gleich ein und läßt von dem Wunsche, Ermolao bei sich zu haben, ab. Um den beiden in Verona zu beweisen, daß er nicht nur an sich denke, sendet er Ermolao Wintersachen gegen die Kälte. Im nächsten Jahre, 1422, begleitet Ermolao den Guarino in den Sommeraufenthalt im Val Policella, das sich nicht weit von Verona ins Gebirge hinaufzieht, übersetzt dort aus dem Griechischen 3 3 Äsopfabeln ins Lateinische 45 und widmet sie Traversari. Er war damals 14 bis 15 Jahre alt. Von dieser Erstlingsleistung des neuen gelehrigen Sprosses des Hauses Barbaro machten die erfreuten Humanisten viel Rühmens. Guarino aber nannte seinen zweiten Sohn Äsop, vielleicht weil dieser gerade damals geboren wurde, als der Vater mit Ermolao die Fabeln las 46 . Die beiden Freunde scheinen sich darin gefallen zu haben, die Jugend Ermolaos in ähnliche Bahnen zu lenken, wie sie Francesco ehemals durchschritten hatte, denn auch sein Neffe wird in jungen Jahren nach Florenz geschickt, um sich am Hauptsitze des Humanismus den alten Freunden seines Vaters und seines Onkels vorzustellen. Wie jener dann nach der Rückkehr einem der Florentiner sein Werk DE RE UXORIA widmete, so widmet Ermolao seine Übersetzung dem alten Traversari I Als der Neffe aus Florenz heimkehrte, unterzog ihn Francesco einer strengen Prüfung seiner Kenntnisse 47 und da er zu seiner Freude bemerkte, daß dieser schon sehr vorgeschritten war, gab er ihm Anweisung, wie er sich noch weiter vervollkommnen könne 48 . Am Ende dieses Jahres hat Francesco wieder große Sehnsucht nach dem Neffen und nach Guarino; aber dieselben Gründe wie im vorigen Winter vereiteln wieder den Besuch der beiden. Guarino begründet es anschaulich: «Ich komme den Weg nur mit dem Schreiberohr. Zu dieser Jahreszeit, glaube mir, werde ich zu Fuß dorthin nicht kommen; du ERMOLAO BARBARO BEI GUARINO 125 weißt doch, welches Winterwetter bevorsteht, von oben Regen und unten schlüpfrige Wege mit stehendem Wasser und Schmutz, so daß ich mir vorkomme, als würde ich nicht zur Schlemmerei, sondern zum Schlamm geladen. (Im Lateinischen das Wortspiel zwischen coena und caenum.) Nicht weniger um mich als um Ermolao in Sorge werde ich daher die Reise auf eine andere Zeit verschieben. Je zarter noch sein Alter ist, um so weniger darf man ihn der Kälte, den Regengüssen und dem Straßenkote aussetzen. Es gilt mehr für die gute Gesundheit, als für das Vergnügen des Jungen zu sorgen 49 .» Guarino hatte vorläufig seineVergilhandschrift dem Ermolao geliehen. Im nächsten Brief kann er Francesco, der inzwischen dem Neffen die eigne geschickt hatte, deren Empfang bestätigen 50 . Wie einst Francesco bei dem älteren Trevisan, dem Podestä von Padua, Gastfreundschaft und Förderung erfahren hat, so weiß auch Guarino zu berichten: «Der tapfere, weise und vor allem leutselige Podestä (von Verona, Andrea Mocenigo, er war der Bruder des verstorbenen Dogen) befiehlt, daß ich ihm den Ermolao wenigstens an den hohen Festtagen zu Tisch schicken soll, worin ich ihm willfahren werde, damit er ihm die Freundschaft erhalte und mehre und außerdem ihn schon in frühem Alter an den Umgang mit bedeutenden Männern gewöhnte 61 .» Hatte Guarino im Drange seiner ihn sehr beanspruchenden Tätigkeit wohl einmal erklärt, es käme in der Freundschaft gar nicht darauf an, daß man sich häufig schriebe, so war das eine ihm gerade gelegene Entschuldigung, wenn er nicht zum Schreiben kam; doch die erhaltenen Briefe, man zählt an tausend, die über aller Herren Länder in Handschriften verstreut liegen, — wohl jeder seiner zahlreichen Schüler nahm als lebendiges Andenken an den verehrten Lehrer eine Abschrift einiger der schönsten mit — zeigen, daß er tatsächlich nicht darauf verzichten wollte, mit Nahen und Fernen in schriftlichem Gedankenaustausch zu bleiben. Vornehmlich gilt dies für Francesco Barbaro. Die Briefanfänge an ihn sind häufig enthusiastische Huldigungen 52 .«... er brachte mir deinen liebsten Brief — schon sein Anblick hat mich vom Scheitel bis zur Sohle überreich gemacht mit Jubel, Wonne und Süße. Kann ich doch nicht anders, als mich selber hochschätzen, der ich weiß, wie sehr ich von dir geliebt werde; warum soll ich nicht endlich auch einmal aus mir etwas machen, da ich dir wohl gefalle — du pflegst dich iz6 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN nämlich nur an echten Dingen zu erfreuen — und wenn ich mich selbst einschätze, kenne ich mich gar nicht wieder . . . Wenn man also in etwa dem Barbaro, dem ernsthaften und scharfsinnigen Menschen, glauben soll, so ist Guarino etwas, mag er auch von Fachgenossen für nichts oder gering geschätzt werden.» Hier sieht man, wie das Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein des Lehrers wächst durch Preis und Rühmen des Schülers, den er über sich hebt, nachdem er ihn zuerst selber erschlossen und geweckt hat. Was Francesco Barbaro für Guarino bedeutet, weiß dieser in ein Wort, in einen huldigenden Gruß zusammenzudrängen. Am Schluß eines Briefes Guarinos an Biondo 53 finden sich die Worte: «Leb wohl und empfiehl mich: «ji ßaoiXei |j.oo» Für Guarino war Francesco der Schüler, für Poggio, der zehn Jahre älter war als der Venezianer, ist er von Jugend an der mitstrebende Genosse; für den zwei Jahre jüngeren Flavio Biondo wird Barbaro ebenso wie für die noch jüngeren Humanisten Filelfo und den Griechen Geor- gios Trapezuntios zum Gönner. Der Verkehr mit Biondo fällt erst in die letzten 30 Lebensjahre Bar- baros, während der Höhepunkt der andern Freundschaften, die bereits besprochen wurden, früher hegt. Biondo, der bedeutendste Historiker seiner Zeit, ist also der Freund der reiferen Mannesjahre, und deshalb hat auch der Briefwechsel mit ihm ein anderes Gesicht. Der bescheidene Gelehrte betrachtet sich immer als Schützling des einflußreichen venezianischen Staatsmannes; so kommt es, daß die hin- und hergehenden Briefe sich fast ausschließlich um die Geschicke Biondos drehen. Was hat wohl Barbaro zu diesem rechtschaffenen Gelehrten hingezogen, der keine glänzende Erscheinung war wie Poggio und Guarino, und auf deren rhetorischen Prunk, deren leuchtenden lateinischen Stil Biondo verzich- ete ? Fehlte ihm auch die sprachliche Feinheit — selbst Griechisch verstand Biondo nicht — so empfahlen ihn doch manche anderen Vorzüge dem venezianischen Edelmann. Vor allem gehörte Biondo zeitlebens zu den Armen und Bedrängten dieser Erde; auch als er ins Amt nach Rom gekommen war, blieb er seinem äußeren Stande nach ein armer Kanzlist, da ihm wegen seiner Verehelichung die geistlichen Pfründen, die der Papst sonst erteilt hätte, versagt blieben. Allzeit war er des Schutzes und DIE BEKANNTSCHAFT MIT BIONDO I2 7 der Anteilnahme seines Gönners bedürftig. Das forderte unwillkürlich die Güte seines vermögenden Freundes heraus, ihm mit Tat 54 und ermutigendem Wort in seinen Nöten beizuspringen. Biondo verband mit seiner großen Gelehrsamkeit und seinem emsigen Forscherfleiß die Findigkeit und Eignung zum politischen Beamten: das empfahl ihn dem Staatsmann. Endlich wird es für Barbaro einen besonderen Reiz gehabt haben, durch den großen Geschichtsschreiber, den er in Biondo witterte, geistige Bereiche eröffnet zu sehen, die er in seiner Jugend noch nicht berührt hatte, ganz zu schweigen von der Freude, die jeder Renaissancemensch empfindet, wenn der Historiker sich zum Herold seiner Taten macht und die Kunde von ihm der Nachwelt erhält. Er lernte wahrscheinlich den Gelehrten durch Guarino kennen. Biondo wuchs von den Humanisten unbemerkt in seiner Vaterstadt Forll auf und kam erst im Jahre 1420 mit ihnen zu Venedig — wie wir hören: mit Guarino und Giustiniani — in Berührung. Nach seinem ersten Hervortreten hatte er bald eine gewichtige Gabe mitzubringen, die die Aufmerksamkeit auf ihn richten mußte. Ein Bischof von Lodi findet eine verschollene Handschrift von Cicero auf, die den ORATOR und den BRUTUS enthielt 55 . Biondo unterzieht sich, als er in amtlicher Eigenschaft 1422 von Forll nach Mailand gesandt wird, der Mühe, die Schrift Brutus zu entziffern und abzuschreiben, dann teilt er sie den genannten venezianischen Humanisten mit. Guarino ist wie immer entzückt über den Fund sowohl als auch über den Finder und nimmt Biondo in den engeren Kreis seiner Vertrauten auf, so daß er schon 1420 mit Barbaro bekannt sein kann. Guarino bedankt sich bei einem Dritten, der Biondo zu ihm gebracht hat: «Gute Götterl Was für ein Mann ist unser Flavius, den sie Blondus nennen 56 !»Wenn auch die schmückenden Beiworte, mit denen sich die Humanisten gegenseitig auszeichnen, zu stehenden Redensarten werden, die nichts Auffälliges bezeichnen, so kommt doch in den paar Worten Guarinos über Biondo zum Ausdruck, welchen Eindruck der stille Gelehrte aus Forll durch seine persönliche Bescheidenheit und durch seinen Bienenfleiß machte; schließlich erkannte Guarino hinter diesen schlichten Eigenschaften ein gut Teil Begabung, so daß er den Tag, an dem er ihn kennenlernte, in angenehmer Erinnerung behielt 57 . Biondo kehrte damals wieder in die Heimat zurück, wo er als Stadtschreiber tätig 128 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN war. Als er sich 1423 an einer mißglückten Verschwörung zur Befreiung Forlls von den Stadttyrannen, den Ordelaffi, beteiligte, — die Stadt fiel statt dessen dem Visconti von Mailand in die Hände — mußte er aus seiner Vaterstadt weichen und anderswo sein Brot suchen. Er wandte sich nach dem Norden. In diesem Jahre 1423 aber fand er in Venedig weder Guarino noch Barbaro vor. Dieser hatte seinen ersten Verwaltungsposten in Treviso angetreten, und jener war damals schon in Verona. Guarino erwartete den Flüchtling dort und machte ihm in einem Briefe Vorwürfe, daß er sich in seiner Not nicht gleich an ihn gewandt habe 58 ; aber Biondo scheint es vorgezogen zu haben, sich nur vorübergehend in Verona aufzuhalten und dann nach Treviso zu Barbaro zu gehen. Vielleicht hatte dieser ihn eingeladen, um ihm bei sich eine Beschäftigung zu geben, denn Guarino schreibt an Biondo befriedigt 59 : «Es gefällt mir, daß du den Weg zum Amt gefunden hast, in dem du deine Weisheit und Redlichkeit; ohne sie zur Schau zu tragen, still wirken lassen kannst.» Auch diese Worte beweisen, daß Biondo ein emsiger, aber mit seiner Leistung sich nicht vordrängender Beamter war. Von seinem Aufenthalte in Treviso wissen wir nur mittelbar, denn als Ende 1423 die einjährige Amtszeit Barbaros abgelaufen war, erkundigt sich Guarino bei Biondo, wo er eigentlich sei, in Treviso oder schon in Venedig 80 . In den nächsten Jahren bekleidet Biondo venezianische Staatssekretärposten in den Städten der Terra ferma 61 ; Barbaro hilft ihm bei Erwerbung des Bürgerrechtes 82 . Er fühlt sich als Venezianer, so daß er auch die Rückberufung in die Heimat ausschlägt, als 1425 seine Verbannung inForll aufgehoben wird. Am 22. Juni 1430 teilt Barbaro seinem Freunde Biondo mit, daß er soeben mit höchster Zustimmung der Räte (maximo consensu comitiorum — d. i. der Signorie und des venezianischen Senats) zum Podestä von Bergamo bestimmt worden ist: «Deswegen, fährt er fort, liegt mir viel daran, den Staat und alle Welt in ihrer großen Erwartung zufriedenzustellen. Da ich mir von deiner Treue, Klugheit und Tüchtigkeit so denkbar viel verspreche, so bitte ich dich inständig, mir während dieses Staatsamtes beistehen zu wollen 83 .» Barbaro macht darauf aufmerksam, daß das Amt eines Kanzlers bei den Venezianern an sich schon eine hohe Ehre sei.—Es war das einzige höhere Amt, das in Venedig an Nichtadelige verliehen wurde. — Er verspricht durch sein Zutun es noch ehrenvoller BIONDO BARBAROS SEKRETÄR IN BERGAMO I29 zu machen, als es sonst wäre. Biondo hatte schon damals die Absicht, in den Dienst der römischen Kurie zu treten; der Freund bittet ihn indes, diesen Plan noch um ein Jahr hinauszuschieben, er wolle ihm später dazu helfen. Zwar läßt es sich nicht beweisen, daß Biondo dieser dringenden Aufforderung des Freundes Folge geleistet hat — Biondo taucht das nächste Mal erst nach einigen Jahren in päpstlichen Diensten auf — aber es ist wohl sehr wahrscheinlich, daß er Barbaros Aufforderung gefolgt ist, denn sie war von dem stolzen, des eignen Wertes sich bewußten Worte begleitet: (Wieviel mein Wille bei dir gewöhnlich gilt, weiß ich, und wieviel er gelten sollte, weiß ich auch. Ich bitte dich daher, komm so rasch wie möglich: nichts Lieberes und nichts Freudigeres kannst du mir zu dieser Stunde antun.» Im Amtsjahre 1430/31 mögen also beide die Stadt Bergamo regiert haben; dann wird Barbaro seinen Kanzler dem Papst Eugen IV., der früher als Kardinal Gabriel Con- dulmieri sein Vertrauensmann an der Kurie gewesen war, empfohlen haben 64 . Jedenfalls ist Biondo später in päpstlichen Diensten und wird von Eugen rv. als apostolischer Sekretär zu vielen kirchenpolitischen Aufgaben verwendet, er begleitet auch seinen Papst nach dem Aufstand in Rom ins Exil nach Florenz. Die Schätzung, die er von Eugen IV., der sonst den Humanisten nicht günstig gesinnt war, erfuhr, beruht ebenfalls auf Biondos Zuverlässigkeit als Beamter. Im Jahre 1439, als Barbaro in Brescia eingeschlossen und belagert wurde, erörterten die in Rom an der Kurie beschäftigten Humanisten eine philologische Frage: ob es in der klassischen Zeit im alten Rom einen Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache gegeben habe 66 . Leonardo Bruni vertrat den Standpunkt, daß das Italienische aus dem gesprochenen Latein des gemeinen römischen Mannes im Altertum entstanden sei, und daß zwischen der gesprochenen und der gehobenen Rede- und Literatursprache schon eine ebensolche Kluft bestanden habe wie im XV. Jahrhundert zwischen dem Italienischen und dem Humanistenlatein. Ihm pflichtete der Viccntiner Dichter und älteste Abbreviator des kurialen Sekretariats, Antonio Loschi, bei, aber die Mehrzahl seiner Kollegen war entgegengesetzter Meinung, nämlich daß das Italienische aus der alten Buchsprache entstanden sei. Poggio in seiner historia disceptativa, Marsuppini, Filelfo und unter andern auch Biondo teilten diese Ansicht. In Form eines Briefes an Bruni schrieb Biondo eine Abhandlung: de romana locutione, in der er erwähnt, daß auch Barbaro in der Streitfrage auf seiner Seite stünde. Man hat sich übrigens über die Herkunft der romanischen Sprachen noch bis ans Ende des xix. Jahrhunderts gestritten 66 . 9 130 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN Das geschichtliche Hauptwerk Biondos, an dessen Werden die Freunde regsten Anteil nahmen, sind die Dekaden (HISTORTARUM AB INCLI- NATIONE IMPERI1 ROMANI DECADES). Die Entstehungsgeschichte 67 dieses bedeutenden, die geschichdichen Räume zwischen Altertum und Neuzeit zum erstenmal überspannenden Werkes wird aus dem Briefwechsel mit Barbaro besonders deutlich. Biondo hat in seiner Arbeit nicht mit den ersten Dekaden seit Untergang des Römischen Reiches begonnen, sondern mit der Erzählung seiner eigenen Zeit, und darin bilden die Taten seines Freundes Barbaro einen Glanzpunkt. Der Ruhm der eben vollbrachten Heldentat Barbaros in Brescia verbreitete sich, und im Chore der anderen Freunde hält Biondo mit seinem bewundernden Lobe nicht zurück. Außer seinem zur Veröffentlichung bestimmten Briefe wollte Biondo noch ein übriges tun und durch sein Geschichtswerk die Taten des Freundes der Ewigkeit überliefern. Dazu brauchte er quellenmäßige Unterlagen, um die er den Capitano von Brescia, Francesco Barbaro, bat. Der antwortet ihm am 31. März 1440 68 , nachdem der Sturm vorüber war, und seine Worte erinnern unwillkürlich an die imperatorische Geste des Caesar: «Damit ich im übrigen deinem ehrenden Wunsche nachkomme, habe ich befohlen, daß man Tagebücher (commentariolos) aufzeichne. Bei deiner Weisheit magst du sie sorgfältig durchlesen und sie nicht zum Redeprunk, sondern der Wahrheit gemäß einschätzen; verwende sie nach deinem Willen und Plan zur Zierde und Bereicherung deiner Geschichte.» Barbaro gab also seinem Mitkämpfer, dem Evangelista Manelmi aus Vicenza, den Auftrag, ein Kriegstagebuch zu schreiben, welches dieser mit einer Widmung an Biondo herausgab. Solche Vorarbeiten stehen nicht vereinzelt da; denn Biondo bat auch seine andern Freunde und Bekannten, daß sie ihm dokumentarische Darstellungen der Zeitereignisse als Material zu seiner Geschichtsschreibung verschafften. Bei König Alphons von Aragon in Neapel bittet er sich spanische Chroniken aus und bei Bracello holt er Auskunft über genuesische Geschichte. Als Barbaro endlich nach langem Ausharren auf seinem vorgeschobenen und gefährdeten Posten in die Heimat zurückkommt, begrüßt Biondo den Heimkehrenden und erhält darauf ein Dankesschreiben, in dem wieder etwas von dem Geschichtswerk steht: «Doch dir, der du Geschichte schreibst, danke BARBARO IN DEN DEKADEN BIONDOS I 3 I ich, wie ich muß, weil mein Name, so höre ich, in deinen Schriften gefeiert und verherrlicht wird. Wie wir für die gemeinsame Freiheit so lange auf das standhafteste gekämpft haben, so freuen wir uns, durch ein Denkmal im Schrifttum noch in diesem Leben der Unsterblichkeit zu genießen und unserm Nachleben beizuwohnen 69 .» In dieselbe Zeit, gehört auch ein längeres, wichtiges Schreiben Biondos an Barbaro, in dem er zunächst die öffentliche Meinung Italiens über die Taten Barbaros in Brescia schildert und dann auf das Fortschreiten seiner Arbeit an dem großen Werke der Dekaden eingeht. Auf Drängen der Freunde, die ihm, wie er sagt, das Manuskript fast aus den Händen rissen, hatte er die ersten vier Bücher vorschnell abgeschlossen und an mehrere, darunter Barbaro und Bruni, gesandt. Danach ändert er aber an seinem Werk und bittet nun Barbaro ebenso wie die übrigen, die erste Fassung zu verbrennen, weil auch die ursprüngliche Reihenfolge nicht innegehalten sei. Andernfalls wünsche er sie zurückzuerhalten. Vom geplanten neunten Buch schreibt er: «Das neunte, das zum größten Teile dein Buch sein wird, habeich nicht angerührt, da ich noch auf die Kommentarien von dir warte, damit ich jene saguntinische Belagerung nicht zu trocken oder zu wenig wahr beschreibe 70 .» Biondo denkt hier als Vorbild an Livius' berühmte Schilderung der Belagerung von Sagunt. Kaum passend scheint der Vergleich, wenn man bedenkt, daß Hannibal Sagunt eroberte und zerstörte, während Barbaro sich gegen Ansturm und Aushungerung hielt. Dann legt Biondo im einzelnen dar, wie er sich seine Quelle im einzelnen wünscht: «Ich bitte dich, du' mögest einem der mehr Erfahrenen unter den Deinen den Auftrag geben, zur Fertigstellung des neunten Buches die Kommentare so inhaltreich als möglich zu machen, nicht üppig mit (zierendem) Weinlaub, sondern als volles Rebenbündel zu liefern.» Bei solch gewählten Ausdrücken kamen den kundigenHumanisten allerlei Erinnerungen aus Cicero und andern klassischen Schriftstellern. Er gibt nun Anweisung, daß in diesen Kommentarien alle Ereignisse stehen sollen, die sich in dem Gebiet von Brescia-Bergamo und beim Gardasee abgespielt haben, seit die Landstädte das mailändische Joch abschüttelten. Aber Biondo mußte noch warten. Im August des nächsten Jahres 1441 71 hören wir aus einem Brief Barbaros, daß er sich über den bevorstehenden Abschluß von Biondos zeitgenössischer italienischer Geschichte freut 132 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN «nach soviel Niederlagen auf beiden Seiten, nachdem so viele Führer gefangen und Heere eher aus dem Felde geschlagen als überwältigt worden sind». Er glaubt den Zeitpunkt günstig für das Erscheinen von Biondos Werk, weil nach beendetem Krieg das Gedächtnis an die vollbrachten Taten schon zu schwinden drohe. Die Kommentarien zu seinen eigenen Kriegstaten sind jedoch noch nicht eingetroffen, da Manelmi sie auf Biondos Mahnung hin recht ausführlich verfaßte 72 . Barbaro will sich aber noch einmal um die Fertigstellung kümmern, damit sie so bald wie möglich in die Hände Biondos kommen. Endlich erhielt Biondo die dokumentarischen Unterlagen für sein neuntes Buch der dritten Dekade. Da es sich aber eng an die Darstellung des Manelmo hält und wir die Kommentarien desselben noch besitzen, brauchen wir auf Biondos Buch nicht näher einzugehen. Für die Verbreitung von Barbaros Ruhm waren freilich die im gesamten gebildeten Europa gelesenen Dekaden Biondos von viel größerer Bedeutung als die nur in Italien verbreiteten Kommentarien des Manelmi. Es genüge hier, an die Einführung Barbaros als handelnde Person zu erinnern, die das Erstaunen der Humanisten widerspiegelt, daß ihr gelehrter Freund Barbaro sich über Nacht als ein berühmter und gepriesener Kriegsheld entpuppt : «Der Kommandant der Besatzung mit dem Oberbefehl in der Stadt, Franciscus Barbarus, ein Mann, der vor dieser Zeit lediglich den Ruhm der wissenschaftlichen Begabung und der Gelehrsamkeit besaß oder, so zu sagen, nur durch Künste des Friedens glänzte, trat dem entgegen 73 .» In den nächsten sechs Jahren verstummt Biondo wohl aus politischen Gründen. Papst Eugen IV., an dessen Hof er zuerst eifrig die venezianische Sache vertreten hatte, — Manelmi lobt ihn in seiner Widmung an Biondo, weil er die Sache der Freiheit durch seine Ratschläge gefördert habe — trat während seiner letzten Regierungsjähre auf die Seite von Mailand und Neapel gegen Venedig und dessen Kondottiere, den Grafen Sforza, den er aus seinen Besitztümern im Kirchenstaat verdrängen sollte. Unter diesen Umständen war für einen Parteigänger der venezianischen Sache an der Kurie keine Wirkungsmögüchkeit, und auch Barbaro mußte sich als Beamter die Freude eines Briefwechsels nach Rom mit den päpstlichen Sekretären, wie mit den ihm nahestehenden Prälaten versagen, weil seine Standesgenossen in Venedig stets ein ANTEILNAHME AN BIONDOS ROMA IN STAU RATA 13 3 wachsames Auge einer auf den andern hatten. Vor dem Verdacht der Verschwörung mit dem Feinde waren selbst die berühmtesten und verdientesten Männer, wie noch kürzlich der Retter Venedigs, der Admiral Carlo Zeno, nicht sicher. Als dann aber Anfang 1447 Eugen IV. stirbt und Biondo vor der Vollendung des mittelalterlichen Teils seines Geschichtswerkes andere mehr archäologische Arbeiten vornimmt, hören wir gleich wieder die Stimme Barbaros, der mit Worten, die wie erste nach langem Schweigen klingen, seine verständnisvolle Anteilnahme am Schaffen des Freundes bezeugt. Vor sechs Jahren war er von Sorge um den Staat erfüllt: er wünsche mehr, als er es hoffen könne, — schrieb er 1441 — daß der siegreiche Friede, den die Vaterstadt seiner Stand- haftigkeit in Brescia und der Feldherrngabe Sforzas zu verdanken habe, ihr bleiben möge 74 . Nun war es sehr anders gekommen — man stand im vierten mailändischen Krieg, dessen Ende Barbaro nicht erlebte. Während einer kurzen Atempause zwischen zwei Ämtern in den oberitalienischen Städten, die er in Venedig zubrachte, spürte er plötzlich wieder seine humanistische Ader und schreibt: «Bin ich auch ein Barbar (Barbarus), so habe ich doch von römischen Künsten gelernt, für Bildung und Lehre (humanitas et doctrina) Sorge zu tragen. Und sintemalen ich nicht mit dir sein kann, nicht mit dir reden kann, sehne ich mich, daß du bei mir seiest und dich mit mir unterhalten mögest. Es wird nun Aufgabe deiner Humanitas sein, auch uns an der erneuerten Stadt (instauratae Urbis — ROMA INSTAURATA, das neue Werk Biondos) teilnehmen zu lassen, auf daß nicht nur die Latiner deinen Namen ehren, sondern auch die Griechen und die Barbaren deine Forschung und deinen Geist bewundern 75 .» Mit den Griechen meint er wohl besonders Guarino unter den des Griechischen mächtigen Humanisten, und mit den Barbaren sich selbst. Ende des Jahres tritt zwischen den beiden Freunden eine vorübergehende Trübung ein — es scheint die einzige gewesen zu sein — und sie hat fast den gleichen Anlaß, wie das schon besprochene Mißverständnis mit Poggio. So unähnlich auch Biondo in allem übrigen seinem römischen Kollegen Poggio ist, in dem Punkte der raschen Empfindlichkeit, wenn nicht alles nach ihrem Willen geht, sind sie beide echte Humanisten. Wieder einmal war in Venedig eine Seuche ausgebrochen, und Barbaro mußte mit seiner Familie vor der Ansteckungsgefahr 134 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN weichen; er hatte sich nach seiner Villa in San Vigilio bei Treviso begeben. Es war kurz nach dem Regierungsantritt Nikolaus' V. in Rom, und der neue Papst wünschte einige Bullen, die in Venedig aufbewahrt wurden, zu sehen. Biondo schrieb darum an den Sohn Francescos, Zacharias, ohne jedoch von diesem Antwort zu erhalten, weil ja niemand in Venedig war. Aus Verdruß über das vergebliche Warten und in Furcht vor seinem neuen Herrn, mit dem er nicht im besten Einvernehmen stand, ließ sich Biondo dazu fortreißen, den Zacharias Barbaro in recht unfreundlicher Weise für seine Versäumnis brieflich abzukanzeln. Der Vater Francesco schreibt darauf einen sehr gemessenen Brief an den alten Freund, Worte, denen man seinerseits Gekränktheit anmerkt, wenn er auch selbst hier seine zurückhaltende Beherrschtheit nicht verliert: «Mich hat dieser Brief nicht wenig verdrossen; denn während sonst alles, was du tust und schreibst, mit Salz gewürzt ist, so daß es nicht angemessener getan und geschrieben sein könnte, drängst du meinen Sohn in dieser einen geringfügigen obzwar bleiernen Sache so rücksichtslos, daß du ganz meine Natur und meine Gewohnheit zu vergessen scheinst. Durchaus jetzt willst du jene Bullen haben, die du zu diesem Zeitpunkt nicht haben kannst 76 !» Man wolle gerne Seiner Heiligkeit zu Diensten sein, aber die betreffenden Bullen seien in einem Schrank in Venedig verschlossen, wozu nur Vater und Sohn den Zugang hätten, und er, der Vater, erlaube dem Sohn nicht, sich deswegen in Lebensgefahr zu begeben. Auch in diesem Briefe schwenkt er bald auf ein ihnen beiden wohl angenehmeres Thema ab, auf die Roma instaurata, die er inzwischen erhalten und gelesen hat. Es scheint dazwischen ein Brief von ihm verloren gegangen zu sein, denn Barbaro nimmt darauf Bezug, daß er das Werk an anderer Stelle bereits ausführlicher besprochen habe und hier nur noch einmal den Dank der Freunde und der anderen Altertums kundigen dem Biondo abtragen wolle: (Alle wir Freunde des alten Roms schulden dir viel, weil du soviel Mühe daran gewandt hast, daß man wie von einem Punkte die Denkmäler der Alten anschauen kann, die teils aus Altersschwäche undBaufälligkeit, teils durch Dumpfheit und mangelnde Sachkenntnis untergegangen sind oder im Begriff waren, unterzugehen 77 .» Barbaro betrachtet es daher als seine Aufgabe, die Werke des Freundes zu verbreiten, damit er sowohl die Früchte BIONDOS ITALIA ILLUSTRATA J 35 seiner Mühen ernte, als auch die Gebildeten damit erfreue. Biondo scheint Barbaro noch ein zweites Mal aufgefordert zu haben, eine frühere Fassung seiner Historien zu verbrennen, und zwar in Anwesenheit eines Dritten, Barbaros Standesgenossen Girolamo Barbarigo, was aber nicht geschehen konnte, da dieser noch nicht eingetroffen war. Barbaro wundert sich über den ausdrücklichen Wunsch des Freundes, daß zu der Vernichtung des Entwurfs noch ein Zeuge beigezogen werden solle, aber er erklärt sich dessen Willen so, daß er vielleicht berechtigtes Mißtrauen in Barbaros freiwillige Ausführung des dringenden Wunsches setzen könne: «weil du dich bei meiner Liebe zu dir und meiner Hochschätzung deiner Schriften und meiner Begünstigung deines Ruhmes überzeugt hast, man könne mich wohl zwingen, dich zum Feuer zu verdammen, nicht aber leicht dazu verleiten 77 ». Die Roma instaurata, die 1446 vollendet wurde, war noch Papst Eugen IV. gewidmet, der aber auf literarische Werke keinen großen Wert legte. Was Biondo an Aufklärung der Ortskunde für das alte kaiserliche Rom geleistet hatte, sollte nun durch eine ganz Italien umfassende Topographie ergänzt werden: er nannte sie ITALIA ILLUSTRATA 78 . Leider Heß sich Biondos Verhältnis zu dem neuen Papst, der selber aus dem Humanistenstande hervorgegangen war, recht kühl an. Die Zeitgenossen waren erstaunt, und Pius II. (Enea Silvio Piccolomini) machte sich Gedanken, was seinen Vorgänger Nikolaus V. wohl zu seiner ablehnenden Haltung gegen den verdienten Mann veranlaßt habe. Pius kam zu dem Schluß, den er in seiner EUROPA 79 niederlegte, daß selten ein Papst diejenigen schätze, die sein Vorgänger begünstigt habe. Nikolaus, der große Gönner der Humanisten, hatte eine Vorliebe für die neuen griechischen Studien, und da Biondo sich darin nicht hervortun konnte, mußte er unbeachtet bleiben, bis er sich durch eine besondere Leistung bemerklich machte. Und wie so oft — wir nannten schon in ähnlichem Zusammenhang Thukydides, Cicero und Machiavelli — zeitigte auch hier die erzwungene Muße von den Staatsgeschäften hervorragende Werke auf wissenschaftlichem Gebiet. Weil er an der Kurie unter dem neuen Papst unbeschäftigt büeb, hatte er seinen ständigen Wohnsitz in Rom zeitweilig aufgegeben und während seines Wanderlebens für sein neues Werk überall an Ort und Stelle Stoff gesammelt. 134 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN weichen; er hatte sich nach seiner Villa in San Vigilio bei Treviso begeben. Es war kurz nach dem Regierungsantritt Nikolaus' V. in Rom, und der neue Papst wünschte einige Bullen, die in Venedig aufbewahrt wurden, zu sehen. Biondo schrieb darum an den Sohn Francescos, Zacharias, ohne jedoch von diesem Antwort zu erhalten, weil ja niemand in Venedig war. Aus Verdruß über das vergebliche Warten und in Furcht vor seinem neuen Herrn, mit dem er nicht im besten Einvernehmen stand, ließ sich Biondo dazu fortreißen, den Zacharias Barbaro in recht unfreundlicher Weise für seine Versäumnis brieflich abzukanzeln. Der Vater Francesco schreibt darauf einen sehr gemessenen Brief an den alten Freund, Worte, denen man seinerseits Gekränktheit anmerkt, wenn er auch selbst hier seine zurückhaltende Beherrschtheit nicht verliert: «Mich hat dieser Brief nicht wenig verdrossen; denn während sonst alles, was du tust und schreibst, mit Salz gewürzt ist, so daß es nicht angemessener getan und geschrieben sein könnte, drängst du meinen Sohn in dieser einen geringfügigen obzwar bleiernen Sache so rücksichtslos, daß du ganz meine Natur und meine Gewohnheit zu vergessen scheinst. Durchaus jetzt willst du jene Bullen haben, die du zu diesem Zeitpunkt nicht haben kannst 76 !» Man wolle gerne Seiner Heiligkeit zu Diensten sein, aber die betreffenden Bullen seien in einem Schrank in Venedig verschlossen, wozu nur Vater und Sohn den Zugang hätten, und er, der Vater, erlaube dem Sohn nicht, sich deswegen in Lebensgefahr zu begeben. Auch in diesem Briefe schwenkt er bald auf ein ihnen beiden wohl angenehmeres Thema ab, auf die Roma instaurata, die er inzwischen erhalten und gelesen hat. Es scheint dazwischen ein Brief von ihm verloren gegangen zu sein, denn Barbaro nimmt darauf Bezug, daß er das Werk an anderer Stelle bereits ausführlicher besprochen habe und hier nur noch einmal den Dank der Freunde und der anderen Altertumskundigen dem Biondo abtragen wolle: «Alle wir Freunde des alten Roms schulden dir viel, weil du soviel Mühe daran gewandt hast, daß man wie von einem Punkte die Denkmäler der Alten anschauen kann, die teils aus Altersschwäche und Baufälligkeit, teils durch Dumpfheit und mangelnde Sachkenntnis untergegangen sind oder im Begriff waren, unterzugehen 77 .» Barbaro betrachtet es daher als seine Aufgabe, die Werke des Freundes zu verbreiten, damit er sowohl die Früchte BIONDOS ITALIA ILLUSTRATA 135 seiner Mühen ernte, als auch die Gebildeten damit erfreue. Biondo scheint Barbaro noch ein zweites Mal aufgefordert zu haben, eine frühere Fassung seiner Historien zu verbrennen, und zwar in Anwesenheit eines Dritten, Barbaros Standesgenossen Girolamo Barbarigo, was aber nicht geschehen konnte, da dieser noch nicht eingetroffen war. Barbaro wundert sich über den ausdrücklichen Wunsch des Freundes, daß zu der Vernichtung des Entwurfs noch ein Zeuge beigezogen werden solle, aber er erklärt sich dessen Willen so, daß er vielleicht berechtigtes Mißtrauen in Barbaros freiwillige Ausführung des dringenden Wunsches setzen könne: «weil du dich bei meiner Liebe zu dir und meiner Hochschätzung deiner Schriften und meiner Begünstigung deines Ruhmes überzeugt hast, man könne mich wohl zwingen, dich zum Feuer zu verdammen, nicht aber leicht dazu verleiten 77 ». Die Roma instaurata, die 1446 vollendet wurde, war noch Papst Eugen IV. gewidmet, der aber auf Uterarische Werke keinen großen Wert legte. Was Biondo an Aufklärung der Ortskunde für das alte kaiserliche Rom geleistet hatte, sollte nun durch eine ganz Italien umfassende Topographie ergänzt werden: er nannte sie ITALIA ILLUSTRATA 78 . Leider ließ sich Biondos Verhältnis zu dem neuen Papst, der selber aus dem Humanistenstande hervorgegangen war, recht kühl an. Die Zeitgenossen waren erstaunt, und Pius II. (Enea Silvio Piccolomini) machte sich Gedanken, was seinen Vorgänger Nikolaus V. wohl zu seiner ablehnenden Haltung gegen den verdienten Mann veranlaßt habe. Pius kam zu dem Schluß, den er in seiner EUROPA 79 niederlegte, daß selten ein Papst diejenigen schätze, die sein Vorgänger begünstigt habe. Nikolaus, der große Gönner der Humanisten, hatte eine Vorliebe für die neuen griechischen Studien, und da Biondo sich darin nicht hervortun konnte, mußte er unbeachtet bleiben, bis er sich durch eine besondere Leistung bemerklich machte. Und wie so oft — wir nannten schon in ähnlichem Zusammenhang Thukydides, Cicero und Machiavelli — zeitigte auch hier die erzwungene Muße von den Staatsgeschäften hervorragende Werke auf wissenschaftlichem Gebiet. Weil er an der Kurie unter dem neuen Papst unbeschäftigt büeb, hatte er seinen ständigen Wohnsitz in Rom zeitweilig aufgegeben und während seines Wanderlebens für sein neues Werk überall an Ort und Stelle Stoff gesammelt. 136 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN Auch die Freunde mußten ihm dabei in mehrfacher Weise helfen. Wir besitzen einen Brief Barbaros an einen Abt, in dem er diesen bittet, für Biondos Italia historisches und topographisches Material aus der Gegend seines Klosters zu besorgen 80 . Als das Werk seiner Vollendung entgegenging, trafen zwei neapolitanische Gesandte von dem um die Humanisten so hochverdienten König Alphons von Aragon in Venedig ein. Es waren Puggio und der bekannte Humanist Panormita (BeccadeUi), von denen Barbaro durch Biondos Vermittlung eine ihn interessierende griechische Handschrift über das Kriegswesen erhielt. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm von den Gesandten der Vorschlag gemacht, ob er nicht die Sammlung seiner Briefe, die er gerade besorge, dem König Alfonso darbringen wolle. Zu gleicher Zeit wünschte der König Biondos Italia illustrata sich gewidmet zu sehen; dieser ehrenvollen Aufforderung kam Biondo gerne nach. Da er aber um eine schön stilisierte lateinische Widmung verlegen war, bat er Barbaro, sie für ihn zu verfassen, weil er eine schwungvollere Feder führe. Barbaro schreibt zwar das Prooemium im Namen Biondos, aber der erste Teil dieser Vorrede erhält erst Wucht und Gewicht, weil er es ist, der dahinter steht; dann scheint er sich besonnen zu haben, daß er doch auch im Geiste seines Freundes Biondo schreiben müsse. Den Übergang dazu bildet eine Huldigung vor König Alphons, der mit einigen der berühmtesten römischen Cäsaren den Ruhm teile, der Gönner der Historiker zu sein. «Ausnehmend erfreust du dich und mit Recht, erlauchter König Alfonso, nach Brauch und Lehre der Vorfahren an der Geschichte, so daß ich sehe, du erntest durch ihre Kenntnis keine geringen Früchte des Glücks. Doch es genügt dir nicht, aus Livius oder anderen griechischen oder römischen Schriftstellern von den vornehmlich in Italien vollbrachten Taten zu wissen, wobei sich doch die Leute von gelehrter Bildung in unserem Jahrhundert beruhigen, wenn du nicht auch die Orte, wo solches geschah, auch die Völker, die großen und kleinen Städte sozusagen mit der Hand greifen könntest. Aber das Los und die Vergänglichkeit der Dinge bewirkten es, daß in diesen fast zweitausend und fünfhundert Jahren, in denen wir lateinische Geschichte kennen, die einzelnen Ortsnamen selten noch mit den heutigen übereinstimmen, weil einerseits die großen Städte zerstört, die kleinen ganz B ARB ARO S VORREDE ZU BIONDOS ITALIA ILLUSTRATA 137 verschwunden sind, andererseits sich ihre Namen wie die der Berge, Flüsse und Seen, auch die der Völker und Landschaften wandelten, und 2war sich so vollkommen wandelten, daß wir nur den geringsten Teil der von den Schriftstellern überlieferten altertümlichen Namen in den Bezeichnungen unseres Zeitalters wiedererkennen können 81 .» In diesen Worten, die vom wiedererwachenden Interesse am Raum der Antike sprechen, erleben wir die Geburtsstunde der humanistischen Archäologie. Wenn wir der Widmung Glauben schenken wollen, war es König Alphons selber, der die Lücke in der Wissenschaft seiner Zeit schmerzlich empfand und zweimal Biondo auffordern Heß, das gewünschte Werk zu schreiben 82 . Die Italia illustrata hat auch für das äußere Leben Biondos eine Wendung zum Guten gebracht, wie wir aus dem Briefwechsel mit dem an seinem Wohl und Wehe teilnehmenden Barbaro erfahren. Es ist das letzte Briefpaar vor dem Tode Barbaros aus dem Spätjahr 145 3 83 . Seit 1449 etwa hatte ein böser Widersacher Biondo das Leben an der Kurie sauer gemacht und ihm die Gunst des Papstes vollends entfremdet. Den Namen dieses Feindes haben die Freunde in ihren Briefen wohlweislich verschwiegen 84 , weil alle Humanistenbriefe Gemeingut der Öffentlichkeit waren. Im Oktober 1453 trat aber ein Umschwung ein, den Biondo dem Freunde, der inzwischen Prokurator von San Marco geworden war, lebendig schildert. Er hatte, wie gesagt, Rom verlassen und Aufenthalt in Ravenna genommen. Von dort wurde er durch einflußreiche Freunde an die Kurie zurückgerufen, aber der Feind läßt nicht von seinem Haß ab und ist nicht zu besänftigen, so daß Biondo, zwischen Hoffnung und Angst schwebend, schon daran denkt, unver- richteter Dinge und mit seiner ganzen Familie wieder nach Ravenna zurückzukehren, — er hatte zehn Kinder — da macht ihm der Papst selber durch seine unerwartete Leutseligkeit beim Empfang am Hieronymustage neue Hoffnung 85 . Biondo war ein sehr frommer Mann, und da er gerade auf seinen Namenstag fällt, ist er überzeugt, daß die Sinnesänderung des Papstes auf die Fürbitte des hl. Hieronymus zurückzuführen sei. Hieronymus wäre während seiner Erdenlaufbahn selbst ein großer Gelehrter gewesen, und so werde er auch wohl den auf seinen Tag getauften Gelehrten im Himmel und auf Erden besonderen Schutz i 3 8 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN angedeihen lassen. Mit einer Sanftmut habe Nikolaus V. ihn angesprochen, als ob ihm niemals die verleumderischen Stimmen der Widersacher Biondos 2u Ohren gekommen wären. Dieser überreichte ihm die eben fertiggestellte Italia illustrata, und sie mußte ein Buch nach dem Ge- schmacke des Papstes sein. Biondo hat von andrer Seite gehört, daß er das Werk sehr gelobt habe. Um sein Glück voll zu machen, verschwindet auch noch in denselben Tagen sein alter Widersacher. «Aber, fügt Biondo an Barbaro hinzu, das sage ich nicht, weil ich mich freue, daß er die ewige Qual der Höllenstrafen antritt, da ich ja niemals seinen Untergang in der Zeitlichkeit gewünscht habe, sondern damit du vernimmst, es sei das, was du genau weißt, durch Beispiel erhärtet: die Menschen können nicht anders sterben, als sie gelebt haben.» Um die technische Seite, die Vervielfältigung von Biondos neuem Werk, hat sich sein Freund Barbaro augenscheinlich besonders bemüht, denn Biondo berichtet ihm, wie er seine Anweisungen befolge: ein Buchhändler sei schon bestimmt, und morgen würden auch die Bogen gerichtet werden. In diesem Briefe bittet Biondo den Freund, die drei Bücher seiner Dekaden, die schon in ganz Europa verbreitet seien, in Venedig noch weiter vervielfältigen zu lassen. «Obgleich du wohl weißt, daß die dritte dir besonders zu hoher Ehre gereicht, so wird es dir auch heb sein, die Ereignisse früherer Zeit zu lesen, in die du die Taten der Venezianer verstreut finden wirst, und das wird vielleicht nützlicher sein, als wenn sie in einem Stück abgesondert ständen.» Der Grund für diese Anordnung, den der Gelehrte seinem Landsmann und Freunde verrät, macht uns lächeln, wie schlau die Heimatliebe zu Werke geht. Biondo hat mit Stolz vermerkt, daß sein Geschichtswerk in ganz Europa gelesen werde — ein Vorzug, den damals, wie gesagt, nur die von allen Gebildeten gekannte lateinische Sprache verleihen konnte 86 — nun will er die Ausländer überlisten: «Weil in solcher Fülle der Begebenheiten der Engländer, Spanier, Franzose, Deutsche und selbst Italiens Feinde, wenn sie etwas, das zu ihrer eignen und der Freunde Ehre ausschlägt, aufsuchen werden, auch eure Taten sogar wider Willen zu lesen, zu bewundern gezwungen werden und das behalten müssen, was sie (aus Neid auf die venezianischen Ruhmestaten) zerreißen würden, wenn es für sich stünde.» Darauf antwortet Barbaro am 5. November BIONDO UNTER NIKOLAUS V. 139 1453 mit einem der letzten Briefe aus seiner Feder: «Wie deine Angelegenheiten standen, als du den Widersacher hattest, habe ich aus deinen Briefen erfahren, wie sie aber stehen werden ohne Widersacher, das bin ich nun begierig zu hören. Ich freue mich, daß dem römischen Pontifex deine Italia Wohlgefallen hat, die dank deiner Fülle und Fähigkeit so reich prangt, daß man sie wie die Athena des Phidias auf der Burg aufstellen könnte. Ich werde mich aber noch mehr freuen, wenn Papst Nikolaus, den Gott über die Völkerscharen und Königreiche setzte . . . alles andere hintansetzt und hartnäckig darauf besteht. . ., daß man mit stärkster Macht gegen die Türken. . . zum Kriege schreitet 87 .» Das war die große Sorge der letzten Lebenstage Barbaros, als die langbefürchtete Katastrophe des Falls von Konstantinopel zur Wirklichkeit geworden war. So vereinigen sich noch einmal in diesem letzten Brief an den gelehrten Freund die beiden Hauptströme seines rasdosen Lebens: der wissenschaftlichen und der staatlichen Taten. Bald darauf hatte Biondo das Hinscheiden des edlen Venezianers zu beweinen und in seinem spätesten Werk, der ROMA TRIUMPH ANS, blickt er mit ehrfürchtigen Worten auf ihre lange in Freundschaft gemeinsame Bahn zurück: «er, mit dem ich mich 30 Jahre hindurch einer wohlgegründeten wahrhaften Vereinung der Geister erfreut habe 88 ». Die Stadt Venedig wußte die Freundschaft des großen Staatsmannes und des großen Historikers über den Tod hinaus würdig zu ehren, indem sie die Gemälde ihrer beiden Bürger nebeneinander an der Wand des großen Ratssaales im Dogenpalast aufhing. Das Bild Biondos war von der Hand des Giovanni Bellini gemalt. Leider gingen diese Bilder bei dem großen Brande von 1577 zugrunde 89 . Unter den bedeutenderen Humanisten bleiben nun noch zwei, deren brieflicher Verkehr mit Barbaro wichtig genug ist, um eine gesonderte Betrachtung zu rechtfertigen. Es sind Francesco Filelfo und Georgios Trapezuntios. Man hat sie beide heftig als Blender gescholten, doch macht gegen solch absprechendes Urteil die ungewöhnliche Anerkennung bedenklich, die die Zeitgenossen namentlich dem ersteren zollten. Man wird ihnen aber wohl kaum zu nahe treten, wenn man sagt, daß sie beide mehr oder weniger erfolgreich den Stand des Humanisten 140 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN mit dem des Glücksritters zu verbinden trachteten. Uns geht hier nur an, wie Barbaro zu Menschen dieser Art stand. Züge innerer Unsicherheit, die wir bei Biondo nur ganz leise, bei Poggio stärker angedeutet fanden, gehen bei Filelfo ins Groteske. Wir sahen, wie Barbaro die Geduld seiner Freunde öfter durch Saumseligkeit im Beantworten von Briefen auf die Probe stellte. In der Jugend war er vielleicht etwas nachlässig und im Alter zu beschäftigt, um jede Briefschuld seiner weit- läuftigen Korrespondenz pünktlich zu erledigen. Er bekam deshalb immer wieder Ungelegenheiten und mußte sich häufig rechtfertigen; das tat er dann immer mit Anstand und Haltung. Jedoch ist es nicht nur bezeichnend, wie er sich in solchen Widerwärtigkeiten betrug, sondern auch aufschlußreich, hier das Verhalten derer, die ihm nahestehen, zu vergleichen. Der untadelige und liebende Guarino schreibt nur betrübt: «Francesco ist der Sache, nicht den Worten nach mein Freund.» Biondo in seinem Verdruß über die aus Venedig zurückgeforderten und nicht eintreffenden päpstlichen Bullen hat zwar zuviel Respekt vor Barbaro selbst, läßt aber statt dessen seinen Ärger an Zacharias, dem Sohne, aus. Poggio gar wird wegen der nicht rechtzeitig zurückgelieferten Handschriften, über die sich Barbaro ausschweigt, gegen ihn persönlich ausfällig, Filelfo aber poltert, weil er keine Antwort erhalten hat, gleich in zwei Sprachen los, auf lateinisch und griechisch 90 . Wir müssen ihm aber dafür dankbar sein, daß er sich so ungefüge betrug, denn er lockte dadurch eines der schönsten menschlichen Bekenntnisse aus Barbaro heraus, das wir von ihm besitzen: «Du weißt doch, daß, obwohl ich ein Barbar bin, mir seit früher Jugend nichts mehr am Herzen Hegt, als liebend denen zu erwidern, die Liebe aus mir hervorlocken, und daß ich in der Pflege der lebenden wie der toten Freunde kaum etwas in menschlicher Sorgfalt außer acht gelassen habe, was der beharrlichen Treue eines guten Menschen geziemt. Deshalb hättest du zuvor erwägen sollen, was du von mir verlangst, und dann, wenn du nicht das, was rechtens war, bekommst, dann erst hättest du Grund zur Klage gehabt; jetzt aber lag es eher an der Treulosigkeit der Briefbesteller als an der Treue des Freundes 91 .» Filelfo, sieben Jahre jünger als Barbaro, durchlief einen ähnlichen Bildungsgang wie Guarino. Mit 18 Jahren schon bestieg er das Katheder, mit FILELFO I 4 I 19 wählte ihn Leonardo Giustiniani zum Lehrer seines begabten Sohnes Bernardo. Im Jahre 1420 begleitete er den venezianischen Residenten, den , als Sekretär nach Konstantinopel, lernte Griechisch bei dem jüngeren Chrysoloras (Johannes), dessen Tochter er heiratete, und machte im diplomatischen Dienst des byzantinischen Kaisers Gesandtschaftsreisen nach Ungarn und zum türkischen Sultan. Als er nach Venedig zurückkehrte, war er schon ein angesehener Mann. Während seiner Abwesenheit schrieb ihm der ältere Giustiniani mehrmals 92 und drängte ihn zur Rückkehr, damit er in Venedig öffentlich Schule halte, weil damals in der Lagunenstadt das Bedürfnis danach groß war. Venedig, zu jener Zeit das Herz des Abendlandes, wo der Weltverkehr mehr als an irgendeinem andern Platz der Erde sich zusammendrängte, hatte für die heranwachsende Jugend zu viele Vergnügungen und Ablenkungen; so bemerkte der ernste Giustiniani mit Sorgen, daß die vornehmen Söhne der Stadt ihre Stunden unnütz vertaten und auf der großen Piazza di San Marco herumlungerten; wenn sie nachher in den Staatsdienst treten sollten, lag ihre Allgemeinbildung im argen. Den gleichen Mißstand erkannte zu jener Zeit in Florenz auch Niccoli und versuchte dem, wie wir hörten, durch Berufung hervorragender Lehrer zu steuern. Da sich jedoch diese immer nur für einige Jahre verpflichteten, fehlte für Venedig und Florenz die Stetigkeit des Unterrichts, die in den Universitätsstädten besser gewährleistet war. Durch die Vorstellungen Leonardo Giustinianis bewogen, hatte sich also Filelfo auf den Rückweg gemacht; bei seiner Ankunft fand er jedoch die Stadt wegen der Pest entvölkert, alle namhaften Patrizier waren auf ihre Landsitze geflüchtet. In der Nähe erreichbar war nur Giustiniani in seiner Villa auf Murano. Der Ton von Filelfos erstem Brief an Barbaro 93 verrät, daß er ihm damals schon nahestand; teils ist er enttäuscht, Barbaro nicht in Venedig anzutreffen, teils befriedigt, ihn außer Gefahr zu wissen, denn die wütende Pest verschone niemanden in der Stadt. Filelfo selber jedoch wartet noch ein halbes Jahr in der Hoffnung, nach Erlöschen der Seuche sein Lehramt antreten zu können, dann entschließt er sich doch zur Abreise. Ein Brief an Barbaro schildert anschaulich die Bedrängnis: «Ich habe beschlossen, nach längstens drei Tagen von hier zu scheiden, und das nicht nur, weil ich einsehe, daß mir überhaupt nichts von dem 142 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN gehalten wird, worauf ich bei der Rückkehr nach Italien meine Hoffnung setzte, sondern vielmehr, weil die Pest mich schon in meinem eignen Hause belagert. Gestern wurde mir plötzlich die Magd, ein ganz junges Mädchen, von der Krankheit ergriffen, weggerafft und mußte begraben werden. Wie sehr ich in Gefahr schwebe, kann dir nicht verborgen bleiben. Soviel an mir liegt, möchte ich nicht vor der festgesetzten Frist aus dem Leben scheiden, damit die Zahl der Jahre, die ich nach den Pythagoreern in zwei Menschenleben (utroque nomine) erreichen muß, nicht erst im zweiten nachgeholt werde 94 . Und daß ich deutlicher spreche: lieber will ich an ein Leben, statt an keins samt einer eitlen Hoffnung denken, denn wenn ich lebe, kann ich den Freunden und mir etwas sein; was im Tode ist, das weiß ich nicht. Wo ich mich aber auch befinden werde, stets werde ich gewiß der Deine sein 95 .» Drei Tage später bricht er also aus der verseuchten Stadt auf, wie uns ein kurzes Abreisebillet an Barbaro nochmals meldet 96 . Zu Schiff will er wie üblich nach Ferrara, dann nach Bologna, einer damals besonders unruhigen Stadt, weil sie sich jahrzehntelang gegen die päpstliche Oberherrschaft auflehnte. Filelfo gefällt es auch dort nicht und er strebt nach dem Paradies der Humanisten, nach Florenz. Seine faßlichen Briefchen von wenigen Zeilen versetzen uns durch ein treffendes Bild in die jeweiligen Zustände, wie die Erinnerung an die von der Pest dahingeraffte Magd, oder etwa wenn er Barbaro von Bologna und Florenz berichtet: «Was sollte ich länger in Bologna weilen, wo man, ohne bestraft zu werden, zum Schwerte greifen darf? Am meisten jammert mich die unglückliche Stadt, die aller Schandtat und greulichen Wildheit ausgesetzt ist . . . Deshalb, wenn ich auch nichts zu befürchten habe, da ich bei allen sehr behebt bin, so fürchte ich doch alles bei dem allgemeinen Morden der Bürger 97 .» So sah diese Stadt aus, die reif war für die sühnende und sänftigende Wirkung des heiligen Bernhardin, von dem wir bald hören werden. Was für ein gewaltiger Unterschied zwischen der Friedlichkeit innerhalb der venezianischen Grenzen und dem Unfrieden ringsum! Aus dieser Hölle bürgerlicher Zwietracht will nun Filelfo nach dem gelobten Florenz entweichen, dessen Bürger, wie er hört, der griechischen Literatur und Eloquenz wie wenige ergeben seien. Seine Antrittsvorlesung 98 ist des schmeichelnden Lobes für die Stadt voll — er bleibt immer der glänzende Redner von FILELFO ZU FLORENZ 143 hinreißender Gewalt. In der auch von allen seinen Gesinnungsgenossen geteilten Vorliebe für lateinische Wortspiele redet er die Florentiner als homines florentissimos an, nach denen ihn die Sehnsucht ergriffen habe, weil sie der Born aller guten Künste seien. Er habe vieler Herren Länder durchfahren, aber alle seien an Florenz gemessen große Dörfer und hätten nur vereinzelte Merkwürdigkeiten aufzuweisen. Seine Begeisterung für Florenz sollte nicht lange währen und schlug schließlich in den wildesten Haß um gegen die Medici, die ersten Bürger der Stadt. Das Zerwürfnis war wieder mit Niccoli entstanden, der sich mit den meisten Humanisten, ausgenommen Poggio und Barbaro, zankte. Barbaro wurde davon durch Traversari ausführlichst unterrichtet. Ein trosdoses Bild entwirft der seinerseits so verträgliche Mönch". Anfangs hätte größte Freundschaft zwischen den jetzt Streitenden geherrscht. Eine Beilegung des Zwistes, der sie nicht nur entzweit, sondern auseinandergerissen habe, sei nie mehr zu hoffen. Schuld trügen beide: Niccoli durch seine herausfordernde Kritik an den Werken des Filelfo und dieser durch seine maßlose Habgier. Schon bei seiner Anstellung gab es ein langes Feilschen. Traversari mußte zwischen den erschöpften Mitteln der Florentiner Staatskasse und den übermäßigen Forderungen des berühmten neuen Lehrers einen Ausgleich schaffen 100 , jetzt aber schreibt er an Barbaro, es vertrüge sich eben die Pflege menschlicher Beziehungen nicht auf die Dauer mit maßloser Geldgier. Wenn der Zank doch wenigstens auf seinen Herd beschränkt geblieben wäre, aber nein: der in seiner Schriftstellereitelkeit verletzte Filelfo habe eine Schmährede gegen Niccoü entworfen und sie Traversari vorgelegt. Dieser bot alles auf, ihn davon abzubringen, und war mit jedem Mittel der Überredungskunst und der Warnung in ihn gedrungen, daß ihm diese Unflätigkeit doch selber Unehre einbringen müsse 101 . Alle Vorwürfe, die er gegen den untadeligen Niccoli erhebe, könnten widerlegt werden 102 . Er solle ihm, Traversari, nicht den Schmerz antun, den nächsten Freund so schändüch beschimpft sehen zu müssen. Jedoch hatte Traversari wie bei dem früheren Zwist Bruni-Niccoli auch diesmal im Beschwichtigen der aufgehetzten Gemüter kein Glück, und seine Mühe erreichte gerade das Gegenteil von dem, was er wollte. Statt Vernunft anzunehmen, besaß Filelfo die Unverschämtheit, seinen ersten Brief an den Kamaldolenser 144 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN als Widmungsschreiben vor die Schmähschrift zu setzen, so daß Tra- versari in helle Verzweiflung geriet, weil sein geistlicher Stand durch diese Zueignung bloßgestellt sei und alle glauben müßten, er begünstige diese Scheußlichkeiten 103 . Am peinlichsten ist ihm aber der Gedanke, daß Barbaro derselben Meinung sein könnte, da Filelfo sein Machwerk wahrscheinlich auch ihm übersandt habe. Aber derselbe Verdruß wurde auch Barbaro bereitet, denn Filelfo widmete ihm seine zweite Satire gegen Niccoli 104 , wie es später Lorenzo Valla mit dem Antidoton gegen Poggio machte. Diesmal ist es Francesco Barbaro nicht geglückt, den Streit beizulegen, denn Niccoli starb darüber, und der Hader nahm in Florenz immer wüstere Formen an. Cosimo, der Schützer Niccolis, wurde hineingezogen, da Filelfo zürnte, daß er nicht für ihn Partei ergriff. Immer heißer wurde ihm der florentinische Boden unter den Füßen. Er fühlte sich überall eingeengt und ungerecht behandelt, besonders weil der gegen ihn eingenommene Rektor einen Straf befehl erließ, da Filelfo nicht zu einer Prozession erschienen war, an der die gesamte Dozentenschaft teilnehmen sollte. Dann kam es so weit, daß jener feindselige Rektor einen Meuchelmörder dang, dem Filelfo mit knapper Mühe entging. Kein Wunder, wenn er an Barbaro schrieb, daß er nicht mehr gern in Florenz sei, jedoch bis zum Ablauf seines Vertrages ausharren müßte 105 . Während der nur ein Jahr dauernden Verbannung der Medici nahm Filelfo Partei gegen sie und war so maßlos, ihre Feinde aufzustacheln, Cosimo hinzurichten, statt ihn in die Fremde zu schicken, wo er zu mächtig und gefährlich bliebe. Bei der Rückberufung Cosimos mußte Filelfo aus der Stadt weichen 106 und begab sich zur weiteren Kriegführung mit der Feder nach Siena. Als aber sein Widersacher auch dorthin den Mörder nachsandte, den man faßte und ihm eine Hand abhieb, da fühlte sich Filelfo seinerseits berechtigt, einen Meuchelmörder gegen Cosimo nach Florenz zu senden. Auch der wurde erkannt und beider Hände beraubt, um keinen Schaden mehr anrichten zu können. Als man durch das Verhör herausbekommen hatte, wer der Anstifter dieses Mordversuchs war, wurde Filelfo in contumaciam verurteilt, man werde ihm die Zunge herausschneiden wenn er im Stadtgebiet betroffen würde. Das Merkwürdige für uns — es läßt sich nur aus der Zeit und ihrer Gewöhnung an derlei Greuel erklären — hegt darin, daß Filelfo durch dieses Betragen FILELFOS CHARAKTER 145 sich nicht überall bei seinen alten Freunden unmöglich machte und wir ihn nach wie vor in freundschaftlichem Briefwechsel mit Barbaro finden, der doch den Medici so nahestand. Erst als er sich zu dem Erzfeind der Venezianer, dem Herzog Filippo Maria, begibt, wird Barbaro in seinen Briefen zurückhaltender und, wie es seine amtliche Stellung erforderte, vorsichtiger, zumal Filelfo kein Hehl daraus machte, daß er auch gesinnungsmäßig zur Gegenpartei übergetreten sei. Um sich Barbaro wieder zu nähern, behauptet er nach dem Ableben des Herzogs, er wolle nach Venedig übersiedeln, und Barbaro erklärt ihm ganz offen: vor einem Filelfo, der in Mailand säße, müsse er sich hüten, wenn er aber jetzt zurückkehren wolle, sei er bereit durch seinen Einfluß die Gefahr abzuwenden, daß die venezianischen Gläubiger Filelfo in Schuldhaft setzten, da er ja noch mit mancher alten Forderung belastet sei. Obwohl Filelfo wie kaum ein anderer Lehrer mit fürstlichem Honorar bedacht wurde, vergeudete er das Geld im Handumdrehen und machte überall Schulden 106 . Aus der Übersiedlung wurde nichts. Ein eigentümliches Licht auf seinen zweideutigen Charakter wirft auch eine dauernde Streitsache mit Leonardo Giustiniani und Barbaro, die sich durch ihr ganzes Leben und darüber hinaus hinzieht. Schon vor seiner Abreise nach Konstantinopel hatte Filelfo augenscheinlich bei beiden Edelleuten größere Geldbeträge geborgt und dafür als Pfand einige seiner Bücher hinterlegt. Dies war wenigstens deren Auffassung, während Filelfo immer nur von «Gewahrsam 107 » spricht und sein ganzes Leben grollt, weil er seine Bücher nicht zurückerhält. Auch als Giustiniani und Barbaro schon längst tot waren, behelligt er die Erben wegen der Pfandgabe, und es berührt werkwürdig, wie zäh er in hohem Alter noch an dem haftet, was vor 50 Jahren einmal sein Besitz gewesen war. Mit den Giustiniani scheint die Angelegenheit bösartigere Formen angenommen, zum Bruch der Freundschaft und zu gerichtlichem Nachspiel geführt zu haben. Als er sah, daß er hier mit Schroffheit nicht weiterkam, verlegte er sich aufs Schmeicheln und richtete nach dem Tode Leonardo Giustinianis trotz der unliebsamen Vorfälle, die zwischen ihnen gespielt hatten, ein langes Klagegedicht über dessen Hinscheiden an den Sohn Bernardo 108 . Und auch nach dem Tode Barbaros kommt am Ende von Filelfos Trauerbrief an den gemeinsamen Freund Pietro Tommasi die 10 146 V B ARB ARO ALS FREUND DER HUMANISTEN Aufforderung, bei den Testamentsvollstreckern der Erbschaft dahin zu wirken, daß ihm die geliehenen Handschriften zurückerstattet würden 109 . Noch zwei Jahre vor Francescos Tode hatte er versucht, diesen mit Schmeichelworten gefügig und zur Herausgabe der Handschriften bereit zu machen; wie er das tut, ist für ihn bezeichnend, denn die Absicht ist allzu deutlich: («Ich schäme mich fast, soviel mal jene Bücher zurückzuverlangen, die ich dir gegeben habe, als ich in Konstantinopel weilte. Ich sehe nämlich, daß du darauf bis zum heutigen Tag überhaupt nichts antwortest. Auch verstehe ich kaum deine Ansicht darüber. Ich glaube nicht, daß du deswegen schweigst, weil du mir meine Bücher nicht zurückgeben willst. Ich kenne doch deinen Ernst und deine Zuverlässigkeit, deine Treue und Unbescholtenheit! Dazu hast du eine solche Höhe des Geistes, die die Griechen [ArfaXcurpsitsia (Hochsinnigkeit), die Uns- rigen (die Lateiner) aber mit Recht magnidecentia benennen, daß du nicht nur nicht fremdes Gut gegen den Willen seines Herrn besitzen willst, sondern auch nicht einmal dein eigenes, das du einem andern freigebig überläßt, zumal wenn du genau weißt, wie sehr er dich verehrt. Deshalb bitte ich dich, , wieder und wieder, daß du meine Bücher, die schon 30 Jahre deine Gäste gewesen sind, unter der Bedingung meine Hausgenossen sein läßt, daß diejenige Handschrift, die du von allen am liebsten hast, für dauernd dein eigen sein möge 110 .» Wir stehen vor einem Rätsel. Barbaro ist auf diesen Vergleich nicht eingegangen, hat die Handschriften alle behalten und — geschwiegen. Wirft das ein schlechtes Licht auf ihn ? Wir besitzen nur die Anklage, nicht die Verteidigung, da er sich selber, wenigstens soweit unsere Kenntnis reicht, nie darüber geäußert hat. Weil wir aber über den, wie es scheint, ganz gleichartigen Fall Filelfos mit Leonardo Giusti- niani, der sich gegen die Übervorteilung von Filelfo zur Wehr setzen mußte, besser unterrichtet sind, so müssen wir wohl vermuten, daß auch Barbaro einen Grund dafür hatte, das fremde «Eigentum» dauernd zurückzuhalten. Zu unserm großen Erstaunen finden wir in der Briefsammlung Filelfos 20 Jahre nach dem eben erwähnten noch einen Brief über dieselbe Angelegenheit, der zeigt, daß sich der Gealterte immer noch nicht in den Verlust seiner Bücher schicken konnte. FILELFOS AN F. BARBARO VERPFÄNDETE BÜCHER 147 Er stammt vom 24. August 1473 111 unc ' ' st ^ ^ cn Sohn Zacharias Barbaro gerichtet, mit dem er sonst nicht verkehrte. Filelfo erinnert ihn, der inzwischen ein hoher venezianischer Staatsbeamter geworden war, an die nahe Freundschaft, die ihn vor vielen Jahren mit dem lange verstorbenen Vater verbunden habe. Nach einer schmeichelhaften Einleitung kommt er endlich mit seinem Wunsch heraus. «Du hast nach Erbrecht alle Güter des Vaters empfangen, die er bei seinem Tode hinterließ. Wenn du die väterlichen Freunde als Erbe vernachlässigst, dann beraubst du dich des schönsten Teiles der Erbschaft. Was gibt es im bürgerlichen Leben Ehrenhafteres als die Freundschaft, was Heitereres ? Recht hat jenes Sprichwort: Den Freunden ist alles gemeinsam. Ein deutliches Beweisstück dafür, daß ich meinerseits jenem ernsten und untadeligen Manne, deinem Vater Francesco, diesen Satz stets hoch und heilig gewahrt habe, bieten mir diese ihm von mir anvertrauten griechischen Handschriften, sofern er sie nach Freundschaftsrecht billigerweise und dauernd benutzt hat.» Vor zwanzig Jahren war Filelfo freilich noch anderer Ansicht. Inzwischen hat er niemals geruht. Als Ermolao Barbaro als Bischof von Verona und päpstlicher Legat vom französischen Hofe durch Mailand zurückkehrte, hatte auch er Filelfo versprechen müssen, sich bei seinem Vetter Zacharias wegen der Handschriften zu verwenden. Der ganze Ton des alten, habgierigen Filelfo ist scheinheilig, namentlich wenn er schließt: «Ich bin nun 75 Jahre alt und mit göttlicher Gnade werde ich morgen ins 76. eintreten. Daher beginne ich, meine Habe zu sammeln, da ich keine andern Schätze habe, die ich meinen Kindern zurücklassen könnte.» Noch näher durch sein Lebensschicksal an Barbaro gebunden ist ein Humanist, den wir zuletzt betrachten :GeorgiosTrapezuntios 112 . Er ist einer der Griechen, die nach dem Beispiel Manuel Chrysoloras' den Italienern die alten Schriftsteller ihrer Heimat näherbrachten. An seinem Lebenslauf können wir das planmäßige Vorgehen Barbaros verfolgen, wie dieser trotz der vielseitigen Beanspruchung seines späteren Lebens stets mit Bedacht die griechischen Studien in Italien förderte. Georg von Trapezunt stammt nur seiner Familie nach aus Trapezunt, er wurde unter venezianischer Oberhoheit in Candia geboren. Bald wird er ein Schützling Barbaros, der ihn aus Kreta nach Italien holt und zuerst kürzer bei Guarino, dann länger bei Vittorino da Feltre im Lateinischen unterrichten läßt. Als dann 1420 Filelfo seine Lehrstelle in Vicenza aufgab und nach Konstantinopel reiste, um dort Griechisch zu lernen, beauftragte Barbaro seinen vertrauten Hausarzt Pietro Tommasi, der damals in Vicenza seine Praxis ausübte, den Stadtbehörden nahezulegen, Trape- zuntios an Stelle Filelfos mit dem Unterricht der Jugend zu betrauen. Barbaros Wunsch wurde von den Vicentinern, um die er sich später als 10* 148 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN Podestä große Verdienste erwarb, sofort bewilligt, allein nach einiger Zeit zankte sich Trapezuntios mit seinem alten Lehrer Guarino und konnte sich deshalb dort länger nicht halten. Es ist ein echter Philologenstreit. Georgios, der Grieche, setzte seinen Stolz darein, besser Lateinisch zu können als Guarino, der Italiener. Nun sehen wir in der Tat, daß in jener Zeit jede jüngere Generation ein besseres Latein erlernt und schreibt als die vorangehende: ein Anlaß, sich maßlos zu überheben über die ungebildeten Vorgänger. Trapezuntios verbesserte den Stil seines Meisters Guarino in dessen Rede zu Ehren des Grafen Carma- gnola mit der abfälligen Bemerkung, daß Guarino nicht Lateinisch könne; wo dieser drei Sätze nebeneinander geordnet hatte, baute Trapezuntios durch Unterordnung von Satzteilen unter ein einziges Verbum eine lange kunstvolle ciceronianische Periode 113 . In späterer Zeit, 1436, als man in Ferrarazum Gegenkonzil gegen Basel rüstete, hören wir wieder, wie sich Barbaro für Trapezuntios um eine Stelle bemühte, diesmal beim Bischof von Trau (Dalmatien), Scarampo, der im nächsten Jahr schon Kardinal wurde und der Vertrauensmann Barbaros an der Kurie blieb. Diesem berichtet er, daß Trapezuntios von Hause aus zwar griechisch-katholisch gewesen, dann aber zur römischen Kirche übergetreten sei und nun Uterarisch gegen die Irrtümer und abweichenden Lehren der orthodoxen Kirche fechte. Das müsse ihn dem Papst Eugen IV. empfehlen, der die Union beider Kirchen betreibe. Barbaro bittet dann Scarampo, dem Papst einen der Briefe des Trapezuntios vorzulegen. Man konnte bisher aus den wenigen Briefen Barbaros an diesen Papst nicht wissen, ob bei ihm Barbaro wirklich solchen Einfluß hatte, daß er auf Gehör seiner Wünsche rechnen konnte. Ein neu gefundener Briefwechsel 114 aus der Kardinalszeit Eugens beweist, daß er unter dem Pontifikat Martins V. der politische Vertrauensmann Barbaros an der Kurie war, wie später, als Condulmieri selbst Papst geworden war, der Kardinal Scarampo so zu Barbaro stand. Im ganzen aber hatten, wie erwähnt, die Humanisten unter Eugen IV. keine gute Zeit: sie mußten feiern, wie Poggio klagt. Erst durch die Vorliebe seines gelehrten Nachfolgers Tommaso Parentucelli (Nikolaus V.), der die vatikanische Bibliothek bereicherte und ergänzte, bekamen sie vollauf zu tun, namentlich wenn sie griechische Texte ins Lateinische zu übertragen verstanden. GEORGIOS TRAPEZUNTIOS 149 So fandTrapezuntios mit Übertragungen reichliche Beschäftigung. Durch anmaßendes Wesen machte er sich bald unter seinen Kollegen unbeliebt. Man hat sogar die Vermutung ausgesprochen, Trapezuntios sei der geheime Feind Biondos gewesen, der nie mit Namen genannt wird und der diesen um die Gunst des Papstes brachte; jedoch ist das wenig wahrscheinlich, da Barbaro in seinen Briefen auch von diesem Widersacher spricht und es seinem Charakter nach das Gegebene gewesen wäre, die Feindschaft zweier ihm Nahestehender beizulegen.Trapezuntios Arbeiten waren flüchtig und fanden nicht den Beifall des Papstes; dazu kam noch ein unerhörter Vorfall, der sich zwischen den päpstlichen Sekretären abspielte: der greise Poggio äußerte sich scharf über die Übersetzungen des Trapezuntios, so daß es dieser, der nicht weit davon stand, hören mußte. In seiner Eitelkeit verletzt, sprang er auf Poggio zu und gab ihm eine Ohrfeige. Als das dem Papst gemeldet wurde, riß ihm die Geduld und er verbannte Trapezuntios aus Rom. Seitdem war der Stern des Griechen im Sinken, zumal sein Gönner Barbaro bald starb und ihn nicht mehr beschützen und empfehlen konnte. Mochte auch der Charakter des Georgios Trapezuntios sich gegen seine Nebenbuhler stachlig erweisen, Barbaro, dem er soviel zu verdanken hatte, ist er stets anhänglich und treu geblieben. Die Haltung seiner Briefe ist vernehmlich eine andere als die der übrigen Humanisten, die an den Venezianer wie an einen Gleichgestellten schreiben. Georg von Trapezunt gebraucht in Untertänigkeit gegenüber dem hohen Herrn Formeln z. B.: «wie es Deiner Exzellenz beliebt», die sich in den andern Humanistenbriefen nicht finden. Doch klingt bisweilen auch der Ton echter Dankbarkeit durch: «was immer in uns ist, hat seinen Ursprung in dir, durch dessen Hilfe und Werk wir zu Lateinern geworden sind 116 ». Es folgt jene uns schon bekannte Vorstellung, daß nicht nur der geistige Wirkungskreis eines antiken Schriftstellers durch den Übersetzer erweitert wird, sondern daß ihm dadurch ein sagen wir neues Bürgerrecht, wenn nicht gar eine Herrschaft verliehen wird, für die er dankbar sein muß. Damit ist eine feine Schmeichelei für Barbaro gesagt: daß er nicht nur den lebenden Griechen in Itaüen das Bürgerrecht erwirke, sondern auch den großen Toten; in der Jugend tat er das durch seine eignen Plutarchübersetzungen und im Alter durch seine Fürsorge, 150 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN in der er mit Papst Nikolaus wetteiferte, auch die neueren griechischen Schriftsteller in seinem Lande heimisch zu machen. In diesem Sinne ist das folgende Wort des Trapezuntios zu verstehen: «Chrysostomos (der Kirchenvater, dessen ÜbersetzungTrapezuntios 1450 anBarbaro schickte) und andere Griechen, die bald durch uns Lateinisch reden werden, schulden deshalb uns selbst nicht mehr als dir.» An die Freundschaft Barbaros mit Trapezuntios knüpft sich auch ein geistesgeschichtlich bedeutsamer Kampf um die Vormachtstellung Aristoteles' und Piatons in ihrer wechselnden Gewalt über den Geist der Menschen. Der Name des Trapezuntios als Humanist ist für die Aristoteles- Forschung bedeutsam geblieben. Doch hat Georgios zeitweise auch einen platonischen Standpunkt vertreten. Paulus Jovius charakterisiert ihn in seinen ELOGIA 116 : «Er hatte zur Arbeit (bis in die Nächte hinein = ad lucubrandum) eine äußerst tüchtige und starke Begabung, jedoch, wie sich bald herausstellte, war er voll finsterer Scheelsucht, denn da er sich als einen Peripatetiker ausgab und den Aristoteles allein in den Himmel hob, wurde er so unerträglich ausfällig, daß er nicht einmal das Ingenium des göttlichen Piaton konnte loben hören und dessen Sätze in einem berüchtigten Buche überscharf und unverschämt herunterriß.» Derartige Polemik war im Mittelalter nicht ohne Vorgang. In der gleichen Weise wie Trapezuntios hatte schon Barlaam, der kala- bresische Mönch und Bischof, von dem Petrarca Griechisch lernen wollte, Piaton angefeindet. Als Verfechter des Ruhmes Piatons trat ein anderer auf, wohl der berühmteste der in Italien heimisch gewordenen Griechen, der Kardinal Bessarion. Trapezuntios gehörte zu jenen eiden Gelehrten, die glauben, die Großen des Geistes und der Geschichte vor ihren Richterstuhl ziehen zu dürfen, um ihnen nach jeweiliger Laune tadelnde oder lobende Zeugnisse auszuteilen. Die vor allem rügt Bessarion in seiner Schrift: GEGEN EINEN VERLEUMDER PLATONS 117 . Zu den von Nikolaus V. dem Trapezuntios aufgetragenen Übersetzungen gehörten auch DIE GESETZE des Piaton. Er hatte sie, wie es sich ziemt, dem Papst gewidmet. Als er aber bei diesem in Ungnade fiel, änderte er geschwind die Widmung und schrieb eine Vorrede an Barbaro und den venezianischen Senat. Diesen plötzlichen Wechsel in der Widmung nimmt ihm der Kuriale Bessarion sehr übel und schwärzt es ihm als BESSARION GEGEN DEN VERLEUMDER PLATONS I 5 I wetterwendisch an — ob unter diesen Umständen mit Recht, bleibe dahingestellt. Die Vorrede 118 ist beachtenswert, wie ja manchmal nur noch die Vorreden der Humanistenübersetzungen, so bei Leonardo Bruni, von Bedeutung sind, weil sie die eigentümliche Stellungnahme der Übersetzer zeigen.Trapezuntios' Vorrede wurde später nie mit der Übersetzung gedruckt und sie fehlt in den meisten Handschriften. Das rührt daher, daß auch diese zweite Widmung nicht die endgültige blieb, denn fünf Jahre nach Barbaros Tode, im Jahre 1459, kam Trapezuntios nach Venedig und überreichte dort mit vielfach abgeänderter Widmung seine Übersetzung dem Dogen Pasquale Maüpiero, worauf er als Lehrer in Venedig angestellt wurde. Die Vorrede an Barbaro oder vielmehr durch ihn an den venezianischen Senat vergleicht den Platonischen mit dem venezianischen Staate. Bessarion findet nun den Umschlag von Lob zu Tadel, den Trapezuntios in der Beurteilung Piatons vollzieht, unerhört, und da die Vorrede, wie erwähnt, immer selten und wenig gekannt war, bringt er als Beleg für die frühere Meinung des Trapezuntios das Dankesschreiben Barbaros nach Empfang der Widmung, welches sonst nicht überüefert wäre. Dieses spinnt den Vergleich der beiden Staatsgedanken, wie ein Staat zu gründen ist, bedeutsam weiter, da die Auffassung des Trapezuntios Barbaro sehr einleuchtet und zu eignen Gedanken anregt. Der Brief gehört in die letzte Lebenszeit Barbaros. IJ2 KAPITEL VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG LAUFBAHN ALS STAATSMANN IN SEINER JUGEND ATMETE FRANCESCO BARBARO, WIE man sah, mit vollen Zügen die Luft des neuerschlossenen Altertums, während des Christentums wenig Erwähnung getan wird, wenn er auch immer den religiösen Pflichten nachgekommen sein mag. In seinem Ehebuch streifte Barbaro nur ganz kurz die christliche Eheauffassung; der Verkehr mit einem Kleriker während dieser Zeit, mit Ambrogio Traversari, ruhte auf gelehrter Grundlage, nicht auf religiöser. Aber schon in der Neigung zu den vorwiegend ethischen Schriftstellern des Altertums, zu Plutarch und Quintilian, während Vergerio und Leonardo Bruni in ihrer Jugend sich zur Nachfolge des Terenz hingezogen fühlten und etwas schlüpfrige Studentenkomödien wie den Paulus und die Poliscena schrieben, zeigte sich Barbaro von früh auf von Staatsernst und -Verantwortung durchdrungen. Denselben Gedanken äußerte bei der Betrachtung von Barbaros Entwicklung schon sein Zeitgenosse Mat- teo Bissario, der in einer Preisrede zu Vicenza von ihm sagte: «Vom Spiel und der Kinderstube eilte er zu den großen Studien der freien Künste und endlich zu der (Lebens)philosophie, der Mutter aller verhüllten Dinge, wo er mit wunderbarer Begabung alle Verführungen jenes Alters hinter sich ließ und die ganze Zeit, die andre an Spiel und Lust, an Feiertage und Gelage wenden, damit hinbrachte, diese Studien wieder und wieder zu treiben 1 .» So liegt es nahe, daß er auch die religiösen Aufgaben der Zeit vom Staatsgedanken aus ergriff, daß er mitten im tätigen Leben und Sorgen für die ihm Untergebenen selber von der mächtigen religiösen Welle, die durch sein Land flutete, gepackt und erschüttert wurde. Wohl ist die katholische Kirche ein festes Gefüge, das die Jahrtausende währt, aber sie bedarf nicht nur der Wahrer und Verwalter ihres geistigen und weldichen Gutes, sondern immer aufs neue der Erwecker und Erschütterer der Gemüter. Solch ein Erweckungssturm DER HEILIGE BERNHARDIN VON SIENA 153 ging damals mit der Predigt des heiligen Bernhardin von Siena durch das Land. Und es tat not. Einer, der von den Predigten in Florenz ergriffen wurde, der fromme, vielleicht kann man sagen bigotte, Vespa- siano da Bisticci, der beliebte Buchhändler, bekannte: «Zu seiner Zeit hatten sich die Laster derart vermehrt, daß weder der hl. Thomas noch der hl. Bonaventura ausreichten, es bedurfte des Auftretens neuer Schriftsteller, wie damals der hl. Bernhardin und der Erzbischof Antonin kommen mußten, welche schrieben und die Welt von solcher Blindheit, in der sie stak, befreiten 2 .»Dem Buchhändler scheint alles Wichtige nur in geschriebenen Büchern zu hegen, aber die Hauptwirkung dieser Männer der geistlichen Tat war doch das Wort, das sie von der Kanzel erschallen ließen, denn die Predigten, die Bernardino insbesondere schriftlich niederlegte, waren theologische Traktate, die nach dem verkünstelten scholastischen Predigtschema jener Zeit gebaut sind; sie blieben, gegen das gesprochene Wort gehalten, unlebendig. Einen unmittelbaren Eindruck erhält man von Bernardinos italienischen Predigten vom Sommer 1436 auf der weiten Piazza del campo in Siena. Man kennt sie, denn ein gläubiger Anhänger, ein Handwerker, der so lange sein Geschäft ruhen ließ, schrieb sie in Schnellschrift auf Wachs täfeichen nach. Allerdings sind diese franziskanischen Predigten des XV. Jahrhunderts wegen ihrer stark aufgetragenen Rhetorik schon weit vom Urbild, den schlichten Worten des hl. Franz, entfernt. Franciscus hatte ausdrücklich seinen Brüdern und Nachfolgern geboten, sich beim Predigen möglichst kurz zu fassen; aber die großen Wanderprediger des XV. Jahrhunderts, allen voran Bernhardin, dann Alberto da Sarteano und Giovanni Capistranö, der Kreuzzugsprediger in Ungarn während der Türkenkriege, alle dehnten ihre Reden häufig bis zu drei Stunden aus. Das Volk, auf dessen nächste Nöte sie eingingen, hörte ihnen zu, begeistert und gerührt; so eiferte Bernardino gegen die Parteien, die seit Jahrhunderten die Städte mit ihrem Haß und den mannigfachsten Greueln zerrissen: «... und ich sage dir: wer zugibt, daß er der Partei der Gibellinen oder Weifen angehört, wenn er stirbt mit jener Partei, der ist verloren. Wer mit dem Munde beichtet, er sei Weife oder Gibelline und er stirbt mit dieser Partei, der ist verdammt. Wer die weifische oder gibellinische Partei tätig unterstützt hat oder unterstützt, der geht zum Teufel und stirbt so 3 1» 154 RELIGIÖSE VERTIEFUNG Bernardinos Tätigkeit «ist zum größten Teile eine politische gewesen, Beschwichtigung von Parteikämpfen, Versöhnung von Blutfehden; denn wie im griechischen Altertum macht die Zerrüttung der bürgerlichen Gemeinwesen, die alsdann sich fortpflanzt bis in den Schoß der Familie, von Zeit zu Zeit den Entsühner notwendig, der eine gewaltige Erschütterung der Deisidaimonia hervorzurufen vermag 4 ». Die unmittelbare Folge war eine allgemeine Zerknirschung, so daß die Sünder augenblicklich in sich gingen, oft aber auch nur augenblicklich; es konnte nämlich geschehen, daß Bernardino nach drei Jahren in dieselbe Stadt wieder einkehrte, wo die Bürger, die er so erschüttert hatte, nicht nur wieder um das goldne Kalb tanzten, sondern sich aufs neue mit allen Freveln und Greueln von Mord, Notzucht und Schändung beladen hatten, was er dann selbst in donnernder Anklage von der Kanzel herab verkündete. Immer von neuem mußte er die Frevler entsühnen und die Wilden sänftigen. Jedoch fand er nicht überall die gleichen Aufgaben vor, noch waren allerorten die gleichen Laster zu bekämpfen. Kam er nach Venedig, das den sichersten Frieden seit jeher verbürgte, so hatte es dort keinen Sinn, wie andernorts über Eintracht zu predigen; deshalb redete Bernardino den Venezianern über die Moral des Handeltreibens ins Gewissen. Die politischen Verhältnisse waren zwar in der Hauptstadt Venedig selbst in vorbildlicher Ordnung, aber in den jüngeren Erwerbungen auf dem Fesdande mußten die venezianischen Statthalter erst für Ordnung und Gesittung sorgen; sie hatten also das gleiche Bestreben wie der Heilige, der z. B. in Brescia am Himmelfahrtstage gegen die uralte Volkssitte der Umzüge von Stieren und Huren auftrat. Ein Jahr später aber, als der Heilige nicht mehr von der Kanzel dräute, war alles wieder beim alten, und man ergötzte sich aufs neue am althergebrachten Umzug. In der Gleichartigkeit des Zieles bei Prediger und Podestä muß man den ersten Berührungspunkt zwischen Francesco Barbaro und Bernhardin von Siena suchen. Ihre Begegnung fand im Jahre 1423 in Tre- viso statt, wo Barbaro als Podestä seine Beamtenlaufbahn begann. Solange er lebte, bewahrte er dem berühmten Prediger und denen, die ihm folgten, die größte Verehrung. Zeitweise schien er wie sein Mitschüler aus der Schule Guarinos, Alberto da Sarteano, der Überzeugungskraft zu erliegen, mit der Bernardino sein christliches, vom humanistischen DIE VEREHRUNG DES NAMENS JESUS 155 abweichendes Lebensideal verbreitete. Aber die humanistischen Freunde, die ihn bisher zu den ihrigen zählten, wollten ihn nicht verlieren, und so entspann sich ein wahrhafter Kampf um seine Seele. Während er in Venetien predigte, bildete Bernhardin ein für ihn charakteristisches Zeichen der Frömmigkeit, das nicht unangefochten blieb. Im benachbarten päpstlichen Bologna herrschte nämlich die Spielwut, gegen die der Heilige so erfolgreich eiferte, daß die bekehrten Bürger alle ihre Karten zum Scheiterhaufen brachten und verbrannten. Da erschien vor dem Heiligen, während sich das Volk an dem Feuer ergötzte, der Hersteller der Spielkarten und beklagte sich, daß Bernardino ihn um seinen Verdienst bringe; doch da dieser als echter Volksmann nicht nur die seelischen, sondern auch alle wirtschaftlichen Bedürfnisse kannte, riet er dem Kaufmann, auch weiterhin Karten zu drucken, jedoch nur mit dem Aufdruck IHS; für den Absatz wolle er selber sorgen. Der geschädigte Kaufmann machte denn auch mit den neuen Karten bessere Geschäfte als zuvor; alles Volk kaufte, was der Heilige von der Kanzel empfahl. Bei den Franziskanern bestand von jeher eine besondere Verehrung des Namens Jesus, der schon von Franciscus und Bonaventura dem Namen Christus vorgezogen wurde, aber erst Bernhardin mit den Karten und Täfelchen gleicher Inschrift bildete durch seine Predigten namentlich in Venetien, wohin er von Bologna aus zog, einen wahren Kult ausschließlich mit dem Namen Jesus aus. Bernabaeus Senen- sis schrieb: «Den Namen unseres Herrn Jesus Christus ehrte er solchermaßen, daß alles Volk in Venetien bald auf den Wänden der Kirchen, bald auf den Mauern der Privathäuser den Namen unseres Heilands zu seiner großen Ehre mit goldnen Buchstaben und leuchtenden Strahlen malte 5 .» Der Brauch war auch in Frankreich verbreitet. In den nämlichen Jahren malte dort Jeanne d'Arc die Buchstaben auf ihre Standarte und schrieb sie über ihre Briefe. Solch äußere Zeichen tragen immer die Gefahr der Ausartung zum Aberglauben und Fetischismus in sich. Es war ein religiöser Taumel des magischen Einflusses, den man den Schriftzügen IHS zutraute, der selbst bis in die private Korrespondenz der vornehmen Venezianer drang. Auch Francesco Barbaro wurde davon ergriffen. Bisher hatte er die Gewohnheit gehabt, wie allgemein übüch, über seine Briefe Jesus Christus (Xps) zu schreiben. Nun entschloß er i $ 6 VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG sich auch zu dem alleinigen Zeichen IHS. Das erregte den Unwillen Poggios, der den Observanten nicht freundlich gesonnen war, weil er an der Kurie über jene Mönche, die Stifter der neuen Gebräuche, nicht dieselben Eindrücke gewonnen hatte wie Barbaro in Treviso. Die Verhältnisse lagen in Rom ganz anders, da Martin V. und Eugen IV. die Humanisten noch nicht begünstigten wie die folgenden Renaissancepäpste. Daher fühlten sich die Humanisten im Sekretariat der Kurie immer hinter den — wie sie schalten — duckmäuserischen und frömmelnden Mönchen zurückgesetzt. Die von Bernhardin in Oberitalien entfachte religiöse Volksbewegung schien nun sogar dem Papst der Ketzerei verdächtig, denn die Bevorzugung des Namens Jesus konnte eine häretische Spaltung vorbereiten, und so wurde Bernhardin vor den Richter- Stuhl der Kurie gefordert. Selbst so streng kirchlich gesinnte Leute wie Traversari wurden an ihm vorübergehend irre, bis er sich glänzend rechtfertigte. Poggio ist deshalb besonders unwillig über die Mönche, weil sie, wie er sagt, die Frömmelei fördern und trotz päpstlichen Verbotes überall für sich Klöster bauen. Da, wie wir schon wissen, humanistische Briefe nie ausschließlich Privatmitteilungen waren, sondern schnell und weit verbreitete Uterarische Dokumente, so ersah sich Poggio Francesco Barbaro als Briefempfänger, durch den er der gebildeten Welt kundtat, welche Stellung er in jener die Öffentlichkeit sehr erregenden Frage einnahm. Aus diesem Briefe geht hervor, daß Francesco bereits auf seine humanistischen Freunde Rücksicht genommen hatte, denn Poggio sagt: «Ich habe vernommen, daß du von der Unverschämtheit derer abgerückt bist, die den Namen Jesus allein verehren und eine neue ketzerische Sekte bilden wollen. Sie gieren bei dem gemeinen und ungebildeten Volk nach Spenden und preisen jenen Namen doch nur, um sich selber zu rühmen. Doch du verbindest, wie es sich nicht nur für einen Gelehrten, sondern auch für einen Weisen ziemt, Jesus und Christus und trennst nicht Worte, die nicht geschieden werden können 8 .» Gleich zu Anfang des Briefes hatte Poggio ausgerufen: «Endlich kann ich mich freuen, daß du wieder Christ geworden bist und jenen Jesuskult (jesuitas) verlassen hast, den du mit der Inschrift am Anfang deiner Briefe triebst. » Der Florentiner Humanist verfährt grob mit den Observanten, nennt sie zweifüßige Esel, die nicht auf seine historischen Erörterungen hören POGGIOS KRITIK AN DEN OBSERVANTENMÖNCHEN 15 7 wollen, daß der Name Christus, nach dem sich die Christen nennen, wichtiger sei als Jesus. Er sieht nur Auswüchse und Midäufer der Bewegung, der er mißtraut. Poggio hatte keine mystische Ader, wie Francesco Barbaro und noch tiefergreifend und dauernder Leonardo Giusti- niani. So verschloß er sich vor der Erkenntnis, daß dieser Bewegung als Ursprung nicht mönchische Machtgier zugrunde lag, sondern der mystische Hang zur Verinnerlichung der Religion: man konnte eine innigere Seelenzärtlichkeit dem ersten Namen Jesus als dem Hauptnamen Christus entgegenbringen. Noch ein zweites Mal hat Poggio an Barbaro über diesen Gegenstand geschrieben, in der Vorrede des, wie wir hörten, Barbaro gewidmeten GESPRÄCHES ÜBER DEN GEIZ 7 , das angeblich zwischen den humanistischen Sekretären an der Kurie Cincius und Luscus stattfindet. Hier unterhält man sich auch über den Führer der Bewegung, den heiligen Bernhardin selbst. Zunächst werden seine Vorzüge gepriesen: die starke Überzeugungskraft, um den Sinn der Menschen zu bekehren, sie zur Besserung ihrer Sitten anzuhalten und namentlich um ihre Zwistigkeiten beizulegen. Dem folgt der Tadel gegen ihn und die übrigen Prediger: sie lassen sich vom Schwung ihrer Rede hinreißen. Das lange Reden münde schließlich in Geschwätzigkeit aus. Manchmal behandelten sie vor ungelehrten Leuten sehr dunkle und dann wieder auch sehr gemeine Dinge. Manche geißelten das Laster so oft, daß es schiene, als wollten sie es die Leute lehren. Bei diesen Einwänden kommen auch grundsätzliche Gegensätze zum Vorschein. Der auf das Nur-Verstandesmäßige eingestellte Poggio rügt, daß die Hörer zwar die Predigten lobten, wenn man sie aber frage, was darin vorkäme, stockten sie und wüßten nichts mehr. Das ist ein bezeichnend verstandesmäßiger Einwand, während es der chrisüichen Predigt doch vor allem auf die Zerknirschung des Herzens, auf die Um- und Einkehr des Menschen ankommt. Welche Wirkung diese Einrede des befreundeten Humanisten auf Francesco Barbaro hervorbrachte, läßt sich nur erraten. Eigentlich lagen alle diese Gründe unterhalb seiner eigenen Seins- und Lebenssphäre. Die echte Überzeugungsmacht des großen Predigers hatte er unmittelbar an sich erfahren, und nur als staatüchen Menschen in seinem Amt als Statthalter ging ihn das sonstige Gebaren der Obser- vantenmönche etwas an. Gab er nur nach, um in dieser an sich nicht i 5 8 VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG wichtigen Schreibgewohnheit seinem Freund zu Willen zu sein, oder hielt er Unparteilichkeit in dem Streit für seine Statthalterpflicht ? Vielleicht enthielt er sich absichtlich einer Antwort auf Poggios Worte. Sicher ist nur, daß er trotz allem den Observanten immer gewogen blieb. In dem Streite zwischen den strengeren Observanten und dem Rest des Franziskanerordens, den Konventualen, bemühte er sich für die ersteren und beauftragte seinen Neffen Ermolao, der damals Protonotar an der Kurie war, beim Papst Eugen IV. für die Observanten einzutreten, da sie in schwerem Kampf um ihre Durchsetzung standen. Er bewundert an ihnen, wie sie, mit ihrem Körper behaftet, doch körperlos zu leben vermöchten 8 . Ein solch leibfremder Ausspruch, wie er ihn in seinem vorgeschrittenen Alter um 1440 tat, wäre in seiner Jugendschrift noch nicht möglich gewesen. So nah, daß er mit ihm Briefe gewechselt hätte, stand er dem hl. Bernhardin nicht — dieser mochte auch in seinem rastlosen, dem Kampf mit der Not des Alltags zugewandten Predigerleben nicht Zeit und Muße dazu finden. Ein namhafter Schüler Bernardinos, der schon genannte Alberto da Sarte- ano, stand zu Barbaro in engerer Beziehung. Während Männer wie Ber- nardino da Siena und Lorenzo Giustiniani, der Bruder Leonardos, eindeutig religiöse Genies waren — sie wurden darum auch von der Kirche heilig gesprochen—und von vorneherein die Bahn des asketischen Lebenswandels einschlugen, ist Alberto da Sarteano einer der charakteristischen Geistlichen jener Zeitwende, in denen sich asketische und humanistische Artung mischten, doch anders, als wir es bisher bei seinen Standesgenossen trafen. Er war schon seit längerem Observant, als er sich mit 3 7 Jahren noch entschloß, für 10 Monate Schüler Guarinos im Griechischen zu werden, denn nach Blondus' Worten galt damals in Italien der des Griechischen nicht Mächtige auch im Lateinischen für ungebildet. Bedenken und Mißtrauen seiner Oberen, die befürchteten, er werde ein eitler Rhetor werden, wußte er durch das Versprechen zu zerstreuen, er werde die erworbene Beredsamkeit in den Dienst der Frömmigkeit stellen. Freilich, wer es allzusehr darauf absieht, fromm und rechtgläubig zu sein, der wird leicht pfäffisch. Als Alberto da Sarteano davon hörte, daß Bernhardin und Barbaro beide in Treviso waren, litt es ihn nicht mehr bei dem humanistischen Lehrer in Verona, sondern in den Hundstagen des Jahres 1421 ALBERTO DA SARTEANO J 59 reiste er zu seinem Freunde Francesco Barbaro nach Treviso. Er freute sich auf die gelehrten Unterhaltungen mit ihm und hoffte vom Wissen Francescos beschenkt zu werden oder, wie er sich ausdrückt: «als ein Reicherer daraus hervorzugehen, als er bisher war 9 ». Aber stärker noch als Barbaros humanistischer Einfluß wirkte in Treviso die Fastenpredigt seines Ordensbruders Bernhardin, so daß er diesem Meister fortan als Jünger anhing und durch sein Vorbild selbst zu einem berühmten Prediger der Zeit wurde. Guarino war nicht böse, daß er den begabten Schüler so schnell wieder verlor, schmeichelte es ihm doch sehr, daß die Observanten ihm als gefeiertem Lehrer Ehrfurcht erwiesen. Auch nahm Bernhardin selbst die Gelegenheit wahr, sich als Hörer zu seinen Füßen zu setzen und an einem Lehrgang im Griechischen teilzunehmen. Guarino, wie wir ihn kennen, zum Lob seiner tüchtigsten Schüler leicht entflammt, war von den Predigten Albertos entzückt und pries sie «als süßen Schwanen- laut der himmlischen Nachtigall 10 ». Aber konnte diese durch Kanzelberedsamkeit entfachte Begeisterung die tiefen Gegensätze zur humanistischen Lebensauffassung verdecken, die sich gerade bei Alberto bald zeigten ? Guarino war auch für Menschen und Dinge, die sich nicht miteinander vertrugen, rasch begeistert. Er lobte in gleichem Atem die erbaulichen Predigten der Observanten wie die unerbauüchen, wenn auch mit höchst klassischer Eleganz geglätteten Verse im Hermaphroditus des Humanisten Panormita, so daß dieser mit vieler Freude seinem erotischen Büchlein den lobenden Brief Guarinos als Einleitung voranstellte. Dies war den sittenstrengen Observantenmönchen, die das Buch öffentlich verbrannten, ein Dorn im Auge, und Alberto redete Guarino ins Gewissen, daß er seine Billigung des schamlosen Büchleins widerriefe. Auch darauf ging der verträgliche Guarino ein, redete sich mit dem Unterschied zwischen Form und Inhalt heraus, und sagte, daß der Dichter über mancherlei singen möge, was er als Bürger nicht in die Tat umsetzen dürfe 11 . Poggio war in dieser Angelegenheit von vorneherein vorsichtiger gewesen. Auch er teilte die humanistische Freude an der Gefeiltheit der Verse, gab aber zugleich dem Verfasser den guten Rat, sich künftighin mit einem würdigeren Gegenstand zu befassen 12 .Wie Barbaro sich zum Hermaphroditus stellte, erfahren wir nicht; mit dem geistvollen Panormita verband ihn bis zuletzt eine herzliche Freundschaft 13 . i6o VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG Das Verhältnis, in demBarbaro zu Alberto da Sarteano stand, war anderer Art. Wie viele großen christlichen Ordensstifter, vor ihm Franz von Assisi und nach ihm Ignaz von Loyola, ergriff auch Alberto da Sarteano zu Beginn seiner Laufbahn die Sehnsucht nach dem Heiligen Land und der Wunsch, dort die Ungläubigen zum christlichen Bekenntnis zurückzugewinnen. Alle drei führten ihren Vorsatz aus, scheiterten und kehrten nach Europa zurück, weil sie drüben einsehen mußten, daß ihrer in der Heimat fruchtbarere und größere Aufgaben harrten. Ein kluger, weltkundiger Mann wie Barbaro, der obendrein noch Venezianer war, kannte aus Berichten seiner vielgereisten Landsleute die Verhältnisse im Orient zu gut, als daß er die religiöse Schwärmerei für Heidenmission in Palästina teilte. Schon vor den letzten Kreuzzügen waren die Venezianer nicht mehr überzeugt von den christlichen Waffen- und Missionserfolgen in Syrien, die nur ihre friedlichen Handelsbeziehungen zu den Muselmanen störten. Als nun Barbaro im Jahre 143 5 hört, daß Alberto sich zur Pilgerfahrt ins Heilige Land rüste, schreibt er an Lionello d'Este: den Vorsatz des Alberto finde er lobenswert, nicht aber den Entschluß, ihn auszuführen, denn wenn er nicht etwa vom Heiligen Geist inspiriert wäre, wie man von den Aposteln läse, daß sie während des Pfingstwunders in tausend Stimmen geredet hätten, dann müsse es ihm wegen seiner Unkenntnis der fremden Sprache in so vielen Dingen mangeln, daß er bei Stummen und Tauben eher für sprachlos als für beredt gelten werde, es sei denn, er wolle den Themistokles nachahmen, der vor dem Perserkönig von griechischen Dingen so lange schwieg, bis er die persische Sprache ganz beherrschte und sich ohne Dolmetsch verständigen konnte. Deutlich sehe er vor Augen, wie dieser geistesgewaltige Mann beim Anbück des Grabes des Herrn sich nicht beherrschen würde, und bevor er mit Worten Christus predigen könne, es mit Taten versuche. So befürchte er, daß Alberto in Syrien, ehe er predigen könne, zum Märtyrer werde; wenn es ihm so erginge, werde er glauben, es sei ihm gut ergangen. Barbaro aber ist der Überzeugung, daß ein solcher Mann nicht für sich, sondern für die Christenheit geboren sei. Wenn er zu Hause Gott diene und ihm mehr denn den Menschen gehorche, so werde ihm auch hier nicht die Märtyrerkrone fehlen. Lionello mit seinem Einfluß als junger Fürst solle verhindern, daß Alberto mit der venezianischen Flotte ALBERTO DA S ARTE AN O IM HEILIGEN LAND l6l über See fahre, denn schon von der verseuchten Mannschaft drohe ihm Ansteckungsgefahr 14 . Alberto ließ sich aber nicht abschrecken; er mußte erst selber in Syrien die Zwecklosigkeit eines Unternehmens, vor dem ihn Barbaro gewarnt hatte, erkennen. Im Heiligen Lande, wo er im Auftrage des Papstes die griechisch-römische Kirchenunion vorbereitete, entfernte sich Alberto von seiner humanistischen Ausgangsstellung noch mehr, so daß man sich wundert, daß die in ihrem Teuersten betroffenen Humanisten sich nicht ebenso wehrten wie früher gegen den Angriff des Lorenzo dei Monaci auf die Beschäftigung mit dem Griechischen. Freilich blieb der Angriff Albertos der Form nach eine Angelegenheit der Geistlichen unter sich. An dem Streit um den Vorrang Scipios oder Caesars, der zwischen Poggio und Guarino damals ausgefochten wurde, nahm auch Alberto aus der Ferne teil. Aus Jerusalem wendet er sich an den Bischof von Modena, Scipione Mainenti, dem Poggio seine Streitschrift gewidmet hatte: er denke an ihn im Gebet auf dem Kalvarienberg, «aber an den christlichen Scipio, nicht an jenen Africanus, dessen Taten dich so erfreuen». Die Namensübereinstimmung sei wohl an der absonderlichen Verehrung des Bischofs für den alten Heiden schuld. Ob das sich aber für einen Christen zieme? Auf den mögüchen Einwand, daß des Scipio Charakter, Seelengröße und gewaltige Taten verehrungswürdig seien, antwortet Alberto: «So wären wirklich die Taten eines Heiden, der Tiere und Ungeheuer statt Gott anbetete, so verehrungswürdig, daß Christen wegen Taten von dergleichen zum Tartarus verbannten Ungläubigen, wegen ihrer gewaltigen und berühmten, ja windigen und von teuflischer Prahlerei aufgeblasenen, geschwollenen, hocherhabenen Taten... in Italien sich schmählich streiten?... 15 >> Wir haben diese klerikale Gegenstellung gegen den Humanismus schon in mehreren Fällen und in verschiedenen Lösungen angetroffen, bei Traversari gemäßigt, bei dem Kardinal Dominici in ebensolcher Schärfe wie hier bei Alberto von Sarteano. In den von uns dargestellten humanistischen Kreisen vermied man es, die zweifellos vorhandenen Gegensätze zur Kirche auf die Spitze zu treiben. Wenn Alberto predigte, brach Guarino seinen Unterricht mit den Worten ab: «Ihr habt die Theorie gehört, gehen wir nun zur Praxis», und er duldete nicht, daß einer der Predigt IÖ2 VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG fernbliebe. Die unvereinbaren Gegensätze gärten unter der Oberfläche und kamen erst in einer späteren Humanistengeneration zum Ausbruch. Die Heißsporne und Eiferer in beiden Lagern mochten ihren Fanatismus und ihre Unbedingtheit immer mehr zuspitzen: jede blinde «Ver- absolutierung» eines Standpunktes blieb dem auf das Handeln in der Welt gestellten Sinn Barbaros fremd. Besonders deutlich wird dies an der Art seiner Frömmigkeit, der Pietas, einer der Grundtugenden, zu der sich die Venezianer bekannten. Barbaro hat sich oft darüber geäußert: seine Freundesliebe und Vaterliebe nennt er gleichermaßen pietas wie seine Kommandantenpflicht in Brescia, das er aus schwerer Bedrängnis retten wollte. Was wir im Deutschen unter Pietät, der Kindesliebe zu Älteren und Verstorbenen, verstehen, ist ein engerer Begriff. Wir übersetzen das Wort am treffendsten mit «tätiger Hingabe». Bei Francesco Barbaro bedeutet also pietas nicht nur aufschauende, sondern ganz besonders auch niederschauende Hingabe, ehrfürchtige Scheu sowohl vor den älteren Weg-weisenden Freunden als auch vor den ihm ergebenen Schutzbefohlenen aller Art. Darin hegt seine Religiosität; vom Dogmenstreit hat er sich zeitlebens vornehm ferngehalten, obwohl damals die Christenheit in den Zeiten des Konstanzer und Basler Konzils davon erfüllt war. Während er 1438 Capitano in Brescia war, trat, von Eugen IV. einberufen, das Gegenkonzil gegen Basel in Ferrara als römisch-griechisches Unionskonzil zusammen. Trotz vieler eigener Sorgen um die Brescia drohende Belagerung nahm er in den Briefen an seinen Vertrauensmann bei der Kurie, den Kardinal Scarampo, regen Anteil an der Einung der beiden Kirchen. Wie alle italienischen Humanisten, schließlich auch der politisch bedeutungsvollste unter ihnen, Enea Silvio Piccolomini, die das Papsttum als italienische Großmacht nicht geschmälert wissen wollten, stand er auf seiten des ihm befreundeten Papstes gegen das Konzil zu Basel. Ganz bezeichnend aber geht er niemals auf die Zänkereien und Spitzfindigkeiten der Theologen in beiden Lagern ein, sondern bedenkt und begrüßt nur die für Europa politisch heilsamen Folgen einer Beilegung des alten griechischen und des neuen Basler Schismas, das mit der Wahl eines Gegenpapstes drohte 16 . Barbaros Briefwechsel mit Priestern und kirchlichen Würdenträgern war, wie wir schon mehrmals feststellen konnten, teils vom wissenschaftlichen DIE PIETAS BARBAROS 163 humanistischen, teils vom staatlichen Leben durchdrungen. Der eingehegte Bezirk seiner Frömmigkeit galt seiner Familie. Als er im Juni 1440 nach schwerer Zeit immer noch nicht vom Kommandantenposten in Brescia abgelöst war, schrieb er an Giustiniani: «Nachdem es Gott so gefallen hat, trage ich es nicht nur mit Gleichmut, sondern beglückwünsche mich, daß meine Tochter Constanza alle Sorge und alle ihre Gedanken auf die Religion gerichtet hat, so daß sie, in Ewigkeit selig, die Hoffnungen ihres Jungfrauentums und ihrer Frömmigkeit lieber in das ewige selige Leben setzen will als in dies elende, sterbliche 17 .» Barbaro stand damals noch unter dem frischen Eindruck des grenzenlosen Elends, das er soeben während der Belagerung vor Augen gehabt hatte. Weil er selber noch von Venedig abwesend war, bittet er Giustiniani, unverzüglich die Aufnahme seiner Tochter in ein unter des Freundes Obhut stehendes Kloster zu veranlassen. Leonardo Giustiniani, der in seinem Alter unter dem Einfluß seines Bruders, des hl. Lorenzo Giustiniani, eine im Vergleiche zu der milden Barbaros schroffe und herbe asketische Richtung einschlägt, antwortet: «Mit dir freue ich mich außerordentlich, daß deine Tochter Constanza sich dem unsterblichen Gott geweiht hat, denn ob- schon es für uns höchst wünschenswert war, daß sie einst in der Ehe dem Vaterland viele dir ähnliche Söhne gebäre, so ist doch dieser Ausfall gleichmütig zu tragen, darf man doch hoffen, daß sie durch Gebet nicht weniger als durch Gebären unserm Staat nützen kann. Konnte unsere Constanza einen besseren Beweis erlauchter und erhabener Gesinnung geben, als sich auf den Kampfplatz zu stürzen, wo es gilt, mit dem stärksten und listigsten Feind ständig auf Leben und Tod zu kämpfen, wo weder dem Leib noch der Seele vor all den Geschossen Ruhe gegönnt wird, mit denen Jugend, Reichtum und Adel bestürmt zu werden pflegen. Deshalb beglückwünsche ich dich bei unserer unvergleichlichen und unsterblichen Freundschaft erstlich, weil du deinen übrigen prangenden Ehrenzeichen noch das hervorragendste eines solchen Sprosses hinzugefügt hast, und dann, daß du den Beschluß der Tochter nicht lau und widerwillig, sondern, wie es sich bei deinen sonstigen Taten ziemt, tapfer erträgst und billigst 18 .» Die Aufnahme ins Kloster muß noch etwas aufgeschoben werden, weil Platz mangelt und Leonardo erst für einen Anbau sorgen will. Inzwischen soll sie den frommen Verkehr der Nonnen IX 164 VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG pflegen. «Und auch du wirst es nicht ungern dulden, daß sie noch ein Weilchen bei dir bleibt, der du starken und unerschütterlichen Sinnes versprochen hast, sie auf immer von dir zu lassen.» Constanza, die er nach seiner Mutter genannt hatte, war die Lieblingstochter Francescos, auf deren gelehrte Ausbildung er großen Wert legte, denn er konnte ihr später, ins Kloster, einen langen lateinischen Brief voll humanistischer Anspielungen auf Personen des Altertums und der Gegenwart senden. Dieser Brief erlaubt uns, wie das eben erwähnte Briefpaar mit Giusti- niani, einen von ihm so selten gewährten Blick auf die religiöse Seite seines Familienlebens. Seine Nichte Luchina 19 ist nach langer standhaft ertragener Krankheit in Padua, wo sie verheiratet war, gestorben, und da die Kinder seines Bruders Zacharias, wie wir gleich hören werden, in seinem Hause wie eigene Kinder aufwuchsen und erzogen wurden, so will nun der Vater seiner Tochter Constanza beim Verlust der Base und Herzensfreundin Trost zusprechen. Die humanistische Stilisierung mit ihren bekannten Wendungen wird bald durch den eignen Gefühlsausdruck Francescos durchbrochen: «Obwohl sich mir dabei die Augen mit Tränen füllen und die Wunde, die durch Vernunft geheilt werden muß, durch die Erinnerung wieder aufbricht, so spüre ich doch im Schmerz ein Wohlgefühl, weil sie so heilig aus dem Leben schied, daß sie, noch im Körper haftend, schon über den Körper hinausschwebte... du kannst nämlich nicht fremde Tränen trocknen, wenn du nicht deine eignen zurückhältst. Du weißt doch, daß Gott uns Helfer ist; so wie wir es von Hiob lesen, können wir wohl verletzt, aber nicht überwunden werden. Deshalb, hoffe ich, beherrschst du deine Gefühle so, daß du nichts unterläßt, was man von einer guten Schwester wünschen muß, aber auch nichts tust, was unter Heiligen zu tadeln wäre. Meines Trostes bedarfst du nicht, weil du so mit Gott sprichst und Gott mit dir, daß es der Worte menschlicher Weisheit, um dich zu trösten, nicht bedarf. Und wie Nicht-Fühlen un-menschlich ist, so ist Nicht-Ertragen unwürdig des Weisen. Da also nichts unter der Sonne ewig, weniges von langer Dauer ist, und alles aufhört, weil es vergänglich ist, da sich das Naturgesetz nicht ändern läßt und allen der Untergang gemeinsam ist, so müssen wir mit Gleichmut tragen, was uns betroffen hat. . . ich weiß, du erwartest von mir kein Heilmittel und keinen Trost für deinen Schmerz, STELLUNG ZU ALTERTUM UND CHRISTENTUM 165 nicht etwa weil mein nüchterner und trockner Verstand, wenn ich hier bei mir Bücher hätte, nur unzureichend aus den Quellen der Schriften getränkt werden könnte, sondern weil dir alles bekannt ist, was sich sagen läßt und du selbst die Geduld besser durch Beispiel lehrst als durch Worte.» So tut es dem Vater wohl, der damals (November 1447) allein in seiner Villa San Vigilio weilte, wenigstens im Briefe mit der Tochter über Tod und Religion der Zwiesprache zu pflegen. Dabei spricht er sich auch über die all den Humanisten dauernd auf den Lippen schwebende Frage aus, wie sich das antike Heidentum und das gegenwärtig gültige Christentum miteinander vertrügen. Wir sind, sobald die Religion in Frage kam, sowohl bei ihm wie bei allen andern immer wieder auf diese Grundschwierigkeit gestoßen. In De re uxoria, erinnern wir uns, versuchte der junge Francesco die Lösung in der Weise, daß zwar die chrisdiche Religion und ihre Entscheidung für ihn und seinesgleichen an erster Stelle stehen und gebührend verehrt werden solle, daß aber daneben die Antike, an der sein Herz hing, wohl geduldet sei. Anfechtungen dieser Meinung von sehen fanatischer Mönche, wie bei Dominici und Alberto da Sarteano, machen ihn darin nie wankend. Hier in seinem Alter spricht er eine neue Lösung aus. Es war ihm wohl wesentlich, daß das eigne Kind, das er in seinem Sinne erzogen hatte, jetzt im Kloster nicht wegen der Vorüebe des Vaters für die alten Heiden Gewissensskrupel bekäme, ob der Vater auch den rechten christlichen Glauben teile. So schreibt er ihr: «... denn noch mehr soll Christi Jünger leisten als der weltliche Philosoph (mundi philosophus), wie es dem Hieronymus zu sagen behebt 20 ». Also besteht für ihn zwischen Christentum und Antike nie die schwer überbrückbare Kluft wie für viele andere. In seiner männlich-ernsten Art faßt er beides als Verpflichtung für sich auf: als christlicher Mensch trage er eben eine doppelte Verantwortung: «Und doch haben die Heiden, fährt er fort, die Gott nicht kannten und keine Hoffnung auf Auferstehung hatten, so tapfer und standhaft den Tod ihrer Söhne ertragen, um den Christen ein hohes Vorbild dafür zu bieten, daß der Tod der Guten nicht so sehr zu betrauern ist 20 .» Wir müssen vom Tode der Luchina, die ihm vor allem als hinterlassenes Kind seines verstorbenen Bruders teuer war, zurückgreifen und den Faden des persönlichen Lebens Francesco Barbaros dort aufnehmen, i66 VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG wo wir ihn nach der Veröffentlichung von DE RE UXORIA fallen ließen, um sein Uterarisches Schaffen, seine humanistischen Beziehungen, schließlich seinen religiösen Standpunkt im Zusammenhang darzustellen. Das Jahr 1419 war ein bedeutsamer Abschluß und Übergang in Barbaros Leben. In seiner Schrift über den Ehestand hatte er für sich und die ihm Gleichstrebenden die Richtlinien des häuslichen Lebens gezogen, um darüber Klarheit zu gewinnen, wie er sein eignes Leben einrichten solle. In diesem Jahre nun heiratet er Maria 21 , die Tochter des Pietro Loredano, eines einflußreichen venezianischen Staatsmannes, von dem wir noch hören werden. Aus Barbaros Ehe, von der wir so gut wie nichts wissen — einige Male wird in Briefen seine Frau Maria gegrüßt — ging neben vier Töchtern unbekannten Geburtsdatums im November 1422 als einziger Sohn Zacharias hervor 22 , den der Vater ganz in humanistischem Sinne erzog. Aber kurz nach der Hochzeit wurde ihm die Sorge für die hinter- lassene Familie seines älteren Bruders Zacharias, der ihn einst an Vaters Statt erzogen hatte, aufgebürdet. Wir sind über dieses bisher nicht einmal zeidich genau festsetzbare folgenschwere Ereignis im Hause Barbara jetzt näher unterrichtet, denn neben der eingangs untersuchten Commissaria di Ser Candiano Barbaro, die das wichüge Testament des Vaters enthielt, fand sich ein freilich halbverbranntes Heft mit der Commissaria des frühverstorbenen älteren Bruders Zacharias, für dessen unmündige Kinder die Prokuratoren von San Marco die Hinterlassenschaftsverwaltung übernehmen mußten 23 . Aus den gebräunten Schriftzügen läßt sich der Hergang des für die Familie erschütternden Ereignisses wohl so deuten: Der ältere Zacharias, ein Mann in den Dreißigern, auch er wie sein jüngerer Bruder Francesco eine Hoffnung der Humanisten, wird plötzlich von tödlicher Krankheit befallen und ruft am 4. März 1419 einen Notar zu sich, den er ersucht, nach seinem Ableben das Testament zu eröffnen. Zacharias hinterließ drei Söhne und zwei Töchter; von einer dritten schreibt er im Testament, daß sie schwer krank sei; von fremder Hand ist ihr alsbald darauf erfolgter Tod vermeldet. Noch trauriger ist die Erwähnung seiner Frau Lucrezia; sie sei, als er dies niederschreibe, schwanger, und die fremde Hand setzt hinzu: sie starb noch vor ihrem Manne. Da auch von dem Neugeborenen nichts in den Akten steht, so muß sie wohl an der Geburt des Kindes, BARBAROS FAMILIENSINN l6 7 vielleicht in Sorge um den todkranken Mann, gestorben sein. Die Kinder waren also zu gleicher Zeit des Vaters und der Mutter beraubt, und die ganze Sorge um ihre Erziehung fiel Francesco, dem Bruder ihres Vaters, zu. Hier hatte er die erste Gelegenheit, die pietas gegen den Bruder, dem er so viel verdankte, zu üben: er tat es sein ganzes Leben in beispielloser Weise. Besonders von seinem ältesten Neffen Ermolao hören wir immerfort in den Briefen, um dessen Fortkommen sich der Oheim fast mehr noch als beim eignen Sohn müht. Wir haben schon gehört, daß er ihn zu Guarino in die Schule schickte, und als der Neffe nachher Geisdicher wurde, erfaßte den Onkel, der für seine Person nicht übermäßig ehrgeizig war, ein fiebernder Ehrgeiz für seinen Neffen. Dieser verdiente es, daß man sich für ihn einsetzte, denn er war ein geistvoller und bedeutender Mensch, der als Bischof mit seiner geistlichen Familie eine Hochburg humanistischen Geistes innehatte. Francesco ließ alle seine weitverzweigten Beziehungen zu den Mächtigen Italiens spielen, bis er endlich ein Jahr vor seinem Tode erlebte, daß Ermolao Bischof von Verona wurde. Im Briefwechsel sind bei einer einzigen Gelegenheit 16 Empfehlungsschreiben erhalten 24 , die Francesco für seinen Neffen in kurzer Zeit schrieb. So hatte der sterbende Bruder Zacharias mit Recht seine ganze Zuversicht auf Francesco gesetzt. Darüber gibt uns das Testament noch wertvolle Aufschlüsse. Unter den Vermögensverwaltern wird Francesco an erster Stelle genannt. Dann bestimmt Zacharias — das Testament ist wie üblich mitAusnahme des lateinischen Mantels in derVolkssprache, dem Altvenezianischen, abgefaßt: «Ich will, daß das Mobiliar des Hauses ganz unbelastet meinem Bruder, Herrn Francesco, zufallen soll, dem ich Weib und Kinder anempfehle. Ich will, daß die Besagten mit meinem Bruder zusammenbleiben. Ganz sicher bin ich, daß Herr Francesco sie und meine Frau so behandeln wird, wie er es in seiner großen Güte stets getan hat, und Christus erhalte ihm lange die Gesundheit.» Das große väterliche Stadthaus sollen Francesco und seine männlichen Nachkommen erben. Von den älteren Geschwistern, die 28 Jahre zuvor das Testament des Vaters Candiano namhaft machte, scheint im Jahre 1419 niemand mehr am Leben gewesen zu sein. Die kleineren Häuser, die Zacharias vielleicht als Landhäuser auf den Inseln der Lagune besaß, sollen zur Aufbringung der Mitgift seiner Töchter verkauft werden. Wenn Francesco sie aber selbst erwerben wolle, so möge man sie ihm 10 Prozent billiger abgeben als fremden Käufern. Aus einer Abrechnung vom Jahre 1429 ersehen wir, daß Francesco aus eigenem Vermögen die Auslagen für die Familie seines Bruders bestritt und dann von den Prokuratoren von San Marco diese Summen aus der Vermögensmassc der Hinterlassenschaft wiedererstattet bekam. Da sich Francesco in Briefen niemals i68 VI LAUFBAHN ALS STAATSMANN über seinen Besitz und seine Häuslichkeit äußert, — nur in späteren Jahren besaß er ein Landhaus in SanVigilio bei Treviso — so enthält diese Testamentsverfügung seines Bruders das einzige, was wir darüber wissen. Francesco war 29 Jahre alt, als ihn der schwere Verlust des Bruders traf. Die Art, wie er den Schicksalsschlag trug, blieb den Zeitgenossen im Gedächtnis. Filelfo berichtet: Als die venezianischen Edelleute kamen und ihn trösten wollten, habe er ihnen gegenüber eine so gefaßte Haltung gezeigt, daß sie mit dem Eindruck weggingen, sie wären von ihm getröstet worden, nicht er von ihnen 25 . Im selben Jahre 1419 wurde Francesco Barbaro in den venezianischen Senat gewählt. Die staatsmännische Laufbahn der jungen Edelleute begann in Venedig in der Regel mit dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr. Dann begaben sie sich in Begleitung ihres Vaters oder Vormundes vor die Behörde der Balla d'oro, wo mit einer goldenen Kugel über die Aufnahme in den großen Rat abgestimmt wurde. Für Francesco muß diese Vorstellung im Jahre 1408 oder 1409 durch seinen Bruder Zacharias erfolgt sein, bevor er zum Studium nach Padua ging. Obwohl die venezianischen Behörden sonst schon seit dem Jahre 1406 ihre Listen bis an das Ende der Republik pünktlich geführt haben, findet sich in dem Buche der Balla d'oro auf dem venezianischen Archive die Aufnahme Francescos noch nicht verzeichnet, jedoch erscheint er später dreimal vor dieser Behörde mit zwei seiner Neffen und seinem Sohne und beschwört, daß die jungen Leute das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben und legitimer Herkunft sind. Wenn es anders befunden wird, so hat er 50 Dukaten Strafe zu zahlen 26 . Solche Anmeldungen geschahen das ganze Jahr hindurch, aber die Einführung der jungen Adeligen in den großen Rat wurde nur einmal im Jahre beim Fest der heiligen Barbara am 4. Dezember vorgenommen. Den ältesten Neffen Ermolao hat Francesco nicht zur Balla d'oro geführt, weil er für den geistlichen Stand bestimmt war und deshalb von den venezianischen Regierungsstellen ausgeschlossen blieb. Dies ist ein charakteristischer Zug der venezianischen Staatsverfassung im Gegensatz zu andern Staaten in diesen Jahrhunderten, in denen bekanntlich die Prälaten oft eine führende Rolle spielten. Bei aller Ehrerbietung vor den kirchlichen Würdenträgern und ungeachtet ihrer tiefen und echten Frömmigkeit ließen sich die Venezianer von DIE ANFÄNGE DER LAUFBAHN 169 den Geistlichen nicht das mindeste in ihre Staatsangelegenheiten hineinreden. Das führte häufig zu Konflikten mit der Kurie; doch selbst ein vom Papst verhängtes Interdikt machte die Venezianer nicht irre. Venedig verlangte sogar von den Geistlichen, die aus seinen Adelsfamilien hervorgingen, unbedingten Gehorsam. Gerade in der Familie Barbaro führte das später zur Katastrophe, und trotz generationenlanger höchster Verdienste um den Staat fiel sie in Ungnade, weil der Enkel Francescos, der wiederum Ermolao hieß und ein berühmter Philologe war, sich vom Papst während eines Auftrags der Signorie zur Würde des Patriarchen von Aquileia erheben ließ, ohne die Genehmigung Venedigs einzuholen. Sein alter Vater Zacharias, Francescos Sohn, der damals nach einem langen hochverdienten Leben ebenso wie dieser zuletzt Prokurator von San Marco war, wurde von der Signorie bedroht, daß man ihm diese lebenslängliche Würde entreißen werde, wenn sein Sohn den Befehlen der Regierung nicht gehorche. In der Aufregung darüber, daß dieser nicht nachgab, ist Zacharias Barbaro gestorben und so der Unehre, die man ihm und der Ca Barbaro antun wollte, entgangen 27 . Aber nicht nur die Geistlichkeit blieb in Venedig von den Räten und Ämtern ausgeschlossen, auch das Volk, denn der große Rat war «Ausdruck der Souveränität der venezianischen Aristokratie 28 ». Während des Mittelalters bemerkt man in ganz Italien eine gleichläufige Bewegung der Zurückdrängung des breiten Volkes von der Mitherrschaft, und zwar in den übrigen italienischen Staaten zugunsten der Stadtfürsten, während in Venedig die Versammlung der Bürger, die Vollgemeinde mit Namen Arengo, schon im XII. Jahrhundert der allmächtigen Aristokratie weichen mußte. Gasparino Contarini in seiner schon genannten Schrift über den venezianischen Staat 29 begründet die Ausschließung der Popolanen von der Regierungsgewalt mit dem Vergleich des Auf baus eines Körpers: «In einem lebendigen Wesen gibt es viele leblose Bestandteile, — er meint also wohl die Zusammensetzung des Organismus aus anorganischen Teilen — deren doch das Lebewesen bedarf, um leben zu können, so braucht man in der Gemeinde der Bürger viele Menschen, die aber durchaus nicht zur Bürgerschaft gehören oder in sie aufgenommen werden sollen; deshalb ist von unseren Vorfahren weise dafür gesorgt worden, daß nicht das ganze Volk die höchste Gewalt VI LAUFBAHN ALS STAATSMANN in dem Staate besitzt, den sie sich als den besten unter allen schaffen wollten; denn in denjenigen Staaten, bei denen die Obergewalt dem Volke zusteht, erregen Aufstände häufig die größte Verwirrung.» Auch wäre es gefahrvoll, wenn der Reichtum für die Beteiligung am Staatsleben ausschlaggebend sei, denn raffgierige Emporkömmlinge würden oft reicher als anständige Leute, die arm blieben, weil sie ihre Zeit für Studien verwendeten. In einem Staatsgebilde, wo sich die Besitzverhältnisse und demzufolge auch die Kreise, die sich am Staatsleben beteiligen dürfen, rasch ändern, gebe es leicht Umsturz und Unruhen. Um dies zu vermeiden, hätten die Vorfahren in Venedig die nobilitas generis, die adlige Herkunft, und nicht die census magnitudo, den großen Steuerzettel, für ausschlaggebend bei der Beteiligung an der Regierung gehalten.—Der Einwand, daß die venezianische Aristokratie immer nur wenige ans Staatsruder gelassen hätte, trifft nicht zu. In keinem andern Staat beteiligen sich zahlenmäßig so viele Personen an der Regierung. Während es anderswo nur die Minister und einige Abgeordnete sind, beschäftigte sich hier sehr tätig und mitwirkend die ganze Nobilität. Nirgends ist auch die Altersgrenze so niedrig gehalten wie in Venedig beim Eintritt der jungen Adeligen in den Consiglio maggiore. Beim Glockenzeichen vom Turm der Markuskirche versammelten sich die Nobili in der gewaltigen Halle des Dogenpalastes, der < ein Schatz griechischer Wissenschaft nahe der Stadt Rom aufgefunden wurde, den das Volk von Rom unter Moder und Schmutz verborgen liegen Heß». Nach diesem kurzen beglückenden Ausflug in sein humanistisches Jugendland muß Barbaro sich wieder den Staatsgeschäften zuwenden. Kehrte ein Gesandter nach Venedig heim, so meldete er sich noch am Tage der Ankunft auf der Dogenkanzlei und trug sich in eine Liste ein, die der Großkanzler der Republik in Verwahrung hatte. (Das Amt dieses Großkanzlers ist die höchste Stelle, die im venezianischen Staat einem Nicht-Adeligen zugänglich und vorbehalten war. Er steht im Rang höher als die Senatoren.) Nach 14 Tagen kam dann meist der große Tag für die Gesandten, wenn sie im prächtigen Saal des Senates vor den Purpurträgern Rechenschaft über die Ergebnisse ihres Auftrages abzulegen hatten. Beim Verlassen des Raumes legten sie ihren Bericht, die Relation, in die Hände des Großkanzlers, der sie sofort im geheimen i86 VI LAUFBAHN ALS STAATSMANN Staatsarchiv barg. Leider sind dem großen Brande des Dogenpalastes von 15 77, der auch das Gemälde Barbaros im großen Ratssaal vernichtete, alle älteren Relationen zum Opfer gefallen. Wie für andere Staatsämter, so waren auch für die Gesandtschaften Verbote vorgesehen, die Mißbräuche nicht aufkommen lassen sollten. Wer ins Ausland geschickt wurde, durfte dort kein Besitztum haben, und wer in staatlichem Auftrag nach Rom fuhr, dem war es, wie schon erwähnt, ohne Erlaubnis der Regierung nicht gestattet, für sich oder andere Benefizien zu erwirken; diese Bestimmung führte ja später unter dem Enkel Francescos, Ermolao, die Katastrophe des Hauses Barbaro herbei. Bei der Rückkehr mußten die Gesandten angeben, welche Geschenke sie empfangen hatten. Während der folgenden Jahre finden wir Barbaro in Venedig in der Behörde für die neuerworbenen Gebiete 64 , dann, 1430, schickt man ihn auf den am weitesten nach Westen vorgeschobenen Posten venezianischer Landmacht, nach Bergamo, das erst durch den letzten Krieg an Venedig gefallen war; dort waltete er mit Biondo als Sekretär seines Amtes 55 . 1432 wird er zum ersten Male in die oberste Behörde Venedigs, in den kleinen Rat, gewählt und ist dadurch eng mit der Katastrophe des Kon- dottiere Graf Carmagnola verknüpft, die in diesem Jahre eintrat 56 . Als Seemänner fühlten sich offenbar die venezianischen Edelleute der Führerschaft im Landkriege nicht gewachsen oder es erschien ihnen vielleicht zu gefährlich, daß ein Ehrgeiziger unter ihren Standesgenossen nach dem Vorbild Cäsars durch Siege sich persönlich ein Heer verpflichten könnte, um damit die Vaterstadt zu bedrohen und die Alleinherrschaft an sich zu reißen. Jedenfalls hielt man in Venedig an der Einrichtung der von der Signorie angeworbenen Soldtruppen und Söldnerführer fest, obwohl diese grenzenlos unzuverlässig waren und, wenn die Löhnung nicht rechtzeitig eintraf, immer Miene machten, zum Feind überzugehen, der sie vielleicht besser bezahlte. Den beiden Kondottieren Gattamelata und Colleoni, die ihnen dauernd treu ergeben blieben, war die Signorie um so dankbarer — das bezeugen für immer die herrlichen Standbilder in Padua und Venedig. Fast alle andern in der von uns betrachteten Zeitspanne haben Venedig verraten. Als die Signorie argwöhnen mußte, daß auch Graf Carmagnola, der nach seinem Siege bei Maclodio die venezianische Sache sehr lau betrieb, die Absicht habe, zu den Mailändern HINRICHTUNG DES GRAFEN CARMAGNOLA I8 7 überzugehen, unter deren Fahnen er seinen ersten Kriegsruhm erworben hatte, da riß ihr die Geduld. Vergeblich versuchte man ihn bei der Treue zu halten und überschüttete ihn mit Ehren. So fand am 27. Februar 1430 eine feierliche Belehnung des Grafen durch den Dogen statt, bei der Barbaro als Zeuge genannt wird 57 . Zwei Jahre später zieht sich das Ungewitter über dem Haupte des Heerführers zusammen, doch konnte es die Signorie nicht wagen, den Kondottieren mitten in seinem Lager verhaften zu lassen; so entschloß sie sich, ihn zu überlisten. Unter dem Vorwand einer Besprechung über die weitere Kriegsführung wird der Graf nach Venedig gelockt, und als er sich ahnungslos, doch nicht schuldlos auf den Weg macht, ergeht an die Podestä aller Städte, durch die er kommen mußte, der geheime Befehl, wenn er Verdacht schöpfen s ollte, mit allen Mitteln, nötigenfalls mit Gewalt, ihm die Flucht unmöglich zu machen. Doch Carmagnola kommt ohne Aufenthalt in Venedig an, betritt den Dogenpalast, um zu hören, daß die Signorie und der Doge zur Stunde verhindert seien. Man hatte ihn sorgsam von seinen Gefolgsleuten getrennt und führte ihn nun statt in sein Quartier über die Seufzerbrücke ins Staatsgefängnis. Erst jetzt erkennt er die Falle und jammert: «Ich bin ein verlorener Mann.» Als ihn die jungen Nobili, die ihn geleiten, beruhigen wollen, antwortet er nur dumpf: «Man fängt keinen Vogel, um ihn wieder fliegen zu lassen.» Unter der ersten Folter gesteht er schon und wird von den sechs Richtern, unter denen Barbaro saß, wegen Hochverrates zum Tode verurteilt. Tags darauf schlug man ihm zwischen den beiden Säulen auf der Piazzetta das Haupt ab. Seine Witwe flüchtete mit dem Leichnam nach Mailand, wo Herzog Filippo Maria ihn ehrenvoll bestattete. Keiner der Zeitgenossen hat an der Schuld Carmagnolas gezweifelt, aber wenn die Venezianer durch diese strenge Bestrafung ein abschreckendes Beispiel aufstellen wollten, so mißlang ihnen das, denn desselben Vergehens machten sich auch die nächsten Kondottieren, die sie in Dienst stellten, schuldig, nur ließen sie, gewarnt durch das Schicksal ihres Vorgängers, sich nicht mehr fangen. Nicht nur gegen Mailand im Westen hatten die Venezianer zu kämpfen, auch mit dem östlichen Nachbarn, dem Ungarkönig Sigismund, der später Deutscher Kaiser wird, lagen sie schon seit langen Jahren im Krieg. Während ungarischer Thronstreitigkeiten hatten sich die Venezianer 188 VI LAUFBAHN ALS STAATSMANN im Jahre 1409 von Sigismunds Rivalen Ladislaus das dalmatinische Zara verkaufen lassen und als Grafen dorthin den älteren Zacharias Trevi- sano geschickt. Zur Vergeltung brach Sigismund als deutscher König ins Friaul ein, um den Patriarchen von Aquileia, einen deutschen Kirchenfürsten aus dem Hause der Teck, der mit den Venezianern in Fehde stand, zu unterstützen. Wir haben von diesem Ungarkrieg schon einmal durch die Erwähnung in Barzizzas Brief vom Winzerfest gehört 88 . Er wurde für Venedig sehr bedrohlich, so daß die Räte daran dachten, König Sigismund durch Gift beseitigen zu lassen 69 . Auf der andern Seite beklagte sich der Ungarkönig, daß Venedig gegen ihn den Erbfeind der Christenheit, den Türken, aufhetze. Barbaro äußert sich später, als er im Namen der Stadt Brescia einen Dankbrief für geleistete Hilfe an den Markgrafen Niccolö d'Este sendet (1439), über dessen Hilfe bei der Abwehr der Ungarn im Jahre 1410 60 . Schon hatte Kaiser Sigismund mit großer Heeresmacht barbarischer Völker die Herrschaft Venedigs fast bezwungen, als die estensischen Hilfstruppen bei Treviso die Entscheidung zugunsten der venezianischen Waffen brachten. 1413 schließt man einen Waffenstillstand zu Triest, aber 1418 bricht durch die UnVersöhnlichkeit des Patriarchen von Aquileia, der auch die Venezianer auf dem Konstanzer Konzil verklagte, der Krieg wieder aus. Aber da Sigismund bald nach dem Konstanzer Konzil und der Verbrennung des Johannes Hus in die hussitischen Händel verstrickt wird, konnte er den Krieg im Friaul nicht mehr mit Nachdruck führen, und so ging diese Südmark dem Deutschen Reich endgültig verloren. Venedig erobert das Land, hebt nach Vertreibung des Teck die Territorialmacht des Patriarchates von Aquileia auf und sorgt dafür, daß dieser Posten fortan von einem Italiener besetzt wird. Dann fuhr im Jahre 1420 der Schwiegervater Barbaros, PierLore- dano, mit der Flotte zur Eroberung Dalmatiens aus. Erst 1433, als Sigismund zur Kaiserkrönung nach Rom wollte, schloß er einen Waffenstillstand mit den Venezianern. Um zum endgültigen Frieden zu kommen, hatten die Venezianer nicht an Gold gespart; am 29. November dieses Jahres schreibt die Signorie an ihren Gesandten am kaiserlichen Hofe: «Da wir wissen, wie sehr Herr Kaspar Schlick, der Kanzler Seiner Majestät, für uns und unsere Angelegenheiten gewirkt hat und wie er uns geneigt ist und wie sehr er bei der Kaiserlichen Majestät DER DEUTSCHE KANZLER KASPAR SCHLICK 189 in Gunst steht..., so bestimmen wir, daß ihr ihm 1000 Dukaten versprecht, um ihn auf jede Weise für unsere Sache zu gewinnen.» Dieser Kanzler des Deutschen Reiches, zu dem Barbaro in nähere Beziehung tritt, ist eine merkwürdige und glänzende Erscheinung. Er war dem Enea Silvio Piccolomini, während langer Jahre seinem Mitarbeiter in der Reichskanzlei, vertraut. Enea Silvios reizvolle Novelle, die Liebesgeschichte von Euryalus und Lucrezia, spielt gerade in diesem Jahr, als der Kaiser auf der Rückkehr von Rom sich in Siena aufhielt. Der schöne und galante Euryalus ist kein anderer als dieser Kanzler. Er hat unter drei deutschen Königen gedient, jedoch nicht ganz uneigennützig, denn man konnte später nachweisen 61 , daß er aus eigner Machtvollkommenheit sich mit großen Ländereien belehnte und dazu die kaiserlichen Siegel fälschte, so daß er schließlich unter Friedrich III. gestürzt wurde. Damals in Siena erhob ihn Sigismund zu seinem allmächtigen Kanzler, und nach persönlicher Bekanntschaft sehen wir Barbaro in den nächsten Jahren mit ihm in eingehendem politischem Briefwechsel. Nun mußte der Kaiser, um nach seinen Landen wieder heimzukehren, durch venezianisches Gebiet reisen, und die Signorie beauftragte zwölf Edelleute, ihm das Geleit bis an den Gardasee zu geben. An der Spitze stand ein älterer Nobile, Andrea Mocenigo, der Bruder des verstorbenen Dogen, der Sprecher aber war Francesco Barbaro 62 . Die Gesandtschaft zog feierlich dem Kaiser bis nach Ferrara entgegen. Der Doge trug ihr auf, zuerst dem Markgrafen Niccolö d'Este Beglaubigungsschreiben abzugeben — er war der nahe Freund der Venezianer — oder in dessen Abwesenheit seinem Sohne Lionello, der an seiner Stelle Regent war, solange er nicht in Ferrara weilte. Lionello, obwohl unehelicher Sohn des Markgrafen, ist der Kronprinz des Landes, denn Niccolö hatte den älteren Sohn, der ihm auf dem Throne folgen sollte, hinrichten lassen. Es ist eine dunkle Familientragödie, bei der ein Übermaß der Leidenschaften von Liebe und Haß zur blutigen Katastrophe trieb. Die Söhne Este waren außerordentlich schöne Menschen, wie besonders ein erhaltenes Bild Lionellos zeigt. Als der Vater noch einmal geheiratet hatte und die junge und schöne Parisina heimführte, entbrannte sein ältester Sohn in verbotener Liebe zur Stiefmutter, bis der Ort der Zusammenkünfte des Liebespaares dem Vater verraten wurde, 190 VI LAUFBAHN ALS STAATSMANN er sie belauschte, nachher verhaften und getrennt in die finstersten Kerker werfen Heß, die im Schlosse von Ferrara dicht neben den Prunkgemächern liegen. Der Zorn des vom eignen Sohn betrogenen Gatten war nicht eher besänftigt, als bis die beiden Liebenden ihre Tat mit dem Leben gebüßt hatten. Der von Guarino zum Idealfürsten der Renaissance erzogene zweite Sohn Lionello war anders geartet. Die Este Ferraras standen in einem noch engeren Schutzverhältnis zu Venedig als der etwas entferntere Gonzaga, der Markgraf von Mantua, der, wie wir sehen werden, sich dieser Oberhoheit zu entziehen wußte. So schärft der Doge Foscari seinen Gesandten ein, wie sie dem Kaiser nahelegen sollen, daß der Markgraf von Ferrara der vielgeliebte Sohn Venedigs sei und darum seine besondere Huld verdiene. So ganz sicher war aber dies betont väterliche Verhältnis zu dem Markgrafen nicht, zumal alle die kleinen Fürsten und ihre Söhne als Kondottieren in fremde Dienste traten und es ihnen nichts ausmachte, wenn ein Bruder dem andern im Kampfe gegenüberstand. Das ereignete sich einige Jahre später während des Kampfes um Brescia, als Taddeo d'Este der tapfere Mitkämpfer Barbaros war und sein Bruder Borso, später Lionellos Nachfolger, unter dem Todfeind Barbaros, Itali- ano Furlano, im mailändischen Heere diente. Da aber Barbaros Freundschaft zu Lionello, dem Thronfolger in Ferrara, der auch Schüler bei Guarino gewesen war, stets ungetrübt blieb, leistete er der venezianischen Sache in entscheidenden Augenblicken den wertvollen Dienst, durch seine persönliche Verbundenheit mitdenEstes auch den Vater, den Markgrafen Niccolö, Venedig treu zu erhalten. Die Aufgabe, die Barbaro 1433 in Ferrara gestellt war, erforderte besonderes diplomatisches Geschick. Venedig war in dem langen Kriege mit Sigismund Sieger geblieben, doch hatte dieser bisher auf das ihm abgenommene ungarische Dalmatien formell noch nicht verzichtet. Nun verlangte die schuldige Ehrerbietung vor dem römischen Kaiser, daß sich Venedig bei dem Glückwunsch zur Krönung als gehorsame Tochter des Reiches in Worten bezeigte, ohne den Kaiser durch schmerzliche Erinnerungen irgendwie zu verletzen. Der Doge hatte in seiner Weisung an die Gesandten empfohlen, das Gespräch bald auf andere Bahnen zu lenken und dem Kaiser Venedigs Wunsch und Erwartung zu unterbreiten, daß er auf dem gerade tagenden Basler Konzil die Ansprüche des Papstes Eugen IV., der ein REDE AN DEN KAISER SIGISMUND I 9 I Venezianer war, vertreten werde. Diese Erwartung erfüllte sich aber nicht. Barbaro, dessen Ansprache erhalten ist, steuerte glücklich um all diese Klippen und pries des Kaisers Verdienste um die ganze Christenheit deshalb, weil er gegen die Türken gestritten hatte. Der Kaiser nahm die Rede huldvoll auf, mochte er doch Barbaros Worte als einen freundlichen Trost auffassen, denn zu Beginn seiner Regierung, 1396, hatte er mit seinen Ungarn einen Kreuzzug wider die Türken unternommen, um das bedrängte Konstantinopel zu entlasten, war aber bei Nikopolis von den Türken schwer geschlagen worden. Zum Dank für seine Ansprache erhob Sigismund den venezianischen Orator Francesco Barbaro in den Ritterstand und erlaubte ihm neben seinem Familienwappen den kaiserlichen Adler zu führen. 192 KAPITEL VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA DAS WICHTIGSTE AMT, DAS BARBARO LÄNGER ALS ALLE anderen verwaltet hat, ist die Kommandantur von Brescia. Statt der üblichen einjährigen Frist dauerte es von Mitte 1437 bis Ende 1440. Es ist auch die schwerste Prüfung gewesen, die ihm in seinem Leben auferlegt wurde. Sein standhafter Mut, in größter Not bewährt, hat ihn zum Helden gemacht. Er stand auf Vorposten für seine Vaterstadt, und nur Barbaros fast übermenschlichem Ausharren hatte sie es zu danken, daß sich der gewaltige Ansturm der Feinde weit außen brach. Zieht die wildbewegte Geschichte dieser Jahre an uns vorüber, so scheint es ein Wunder, wie er durchgehalten hat, da alle, aber auch alle Vorbedingungen gegen ein Gelingen sprachen. Es ist ein erhabenes Schauspiel, wie sich in diesem einen Manne das Schicksal nicht nur der ihm anvertrauten Stadt, sondern seines Staates verdichtet, so daß ganz Italiens Augen auf seinen heldenmütigen Kampf gerichtet waren. Jedes Zeitalter bedarf einer solchen Bewährung in höchster Not; sonst bleibt es klein, und das alltägliche Treiben ist wert, von der Nachwelt vergessen zu werden. Aus seinem ganzen Aufstieg sahen wir, daß Francesco Barbaro der einzige war, der so sein Zeitalter bewähren konnte. Der sprachgewandte Humanist und der fromme Staatslenker zeigt sich in Brescia in seiner dritten Lebensform als eisengepanzerter Mann auf trotzigem Rosse, ein Bild, das der Menschheit unter dem Namen seines Mitstreiters Colleoni sinnenhaft eingeprägt bleibt. Auch überschreitet Barbaros Tat in jener Landstadt weit die scheinbar nur untergeordnete Bedeutung. Brescia war von jeher Schauplatz großer Ereignisse in der Weltgeschichte. An einen Hügel vor dem Südabhang der Alpen gelagert, wurde die Burg in vorrömischer Zeit von den Cenomanen besiedelt 1 . Cäsar und Augustus erscheinen als Mehrer der Stadt. Verona 2 , das von Brescia aus gegründet sein soll, überflügelt es; erst in Langobardenzeiten ist Brescia wieder Vorort eines Herzogtums. König Desiderius entsproß ihm damals und ehrte es mit reichen Klosterstiftungen, bevor er Land und Freiheit GESCHICHTE BRESCIAS 193 an den Frankenkönig Karl Verlor. In den blutigen Fehden des Mittelalters hat der Name des Arnold von Brescia einen besonderen Klang, der eine Weile (bis 113 2) für die Idee einer gereinigten Kirche seine begeisterten Mitbürger um sich scharte und mit bewaffneter Faust den Verzicht des Papstes auf weltliche Macht, die den Kommunen zustehe, forderte 3 . Seit jener Zeit hören die Bürgerkriege nicht mehr auf. Brescia teilt das Schicksal der andern oberitalienischen Städte. Im Bund mit Mailand konnte es sich gegen die Hohenstaufen-Kaiser halten und wird 1238 zwei Monate vergeblich von Friedrich n. belagert. Seit dem Ausgang des xi. Jahrhunderts wurde Brescia durch eigne Konsuln regiert, doch im xiv. Jahrhundert hatte die Selbständigkeit der Stadt ein Ende; bald wird sie von den Anjous beherrscht, bald von den Scala und am längsten von den Mailänder Visconti, ununterbrochen von 13 39 bis 1402 bis zum Tode des mächtigsten Fürsten aus diesem Hause, des Herzogs Gian-Galeazzo, der nahe daran war, sich zum König Italiens aufzuschwingen. Unter den Wirren der Mailänder Thronfolge hatte Brescia besonders schwer zu leiden. Die Gibellinen wurden dort nach blutigem Aufstand vertrieben, aber von den Visconti wieder eingesetzt. Brescia bekam jetzt einen eignen Stadttyrannen in Pandolfo Malatesta, der es zugleich bedrückte und schmückte (1404—21). Dann beginnt der Kondottiere Graf Carmagnola seine wechselvolle Politik, die ihm am Ende den Kopf kostete. Brescia vorzüglich war sein Spielball. In wessen Diensten er gerade stand, dem eroberte er die Stadt. 1421 vertreibt er den Malatesta und erwirbt die Stadt mit mailändischen Truppen dem Herzog Filippo Maria. Fünf Jahre später steht er in venezianischen Diensten und nimmt Brescia dem Mailänder wieder ab. Barbaro war damals auf seiner römischen Gesandtschaft, und wir hören, daß er den Eintritt der Stadt in den venezianischen Staat sehnlichst erhoffte. Bei der Besitznahme durch die Venezianer spielt schon die bedeutendste Brcscianer Gestalt eine Rolle, die später bei der Belagerung Barbaro wertvolle Dienste leistete: Pietro Awogadro, das Haupt einer der beiden Brescianer Parteien. Im März 1426 war er der Führer der Verschwörung gegen die Mailänder Regierung. Traute wohl der Herzog Maria Filippo dem Frieden nicht recht ? Genug, er hatte die Zeit seiner Herrschaft seit 1421 dazu benutzt, Brescia mit großen Festungswerken zu versehen. Die Mittel dazu mußten die Brescianer durch erhöhte Steuern und Umlagen aufbringen. Das rief große Unzufriedenheit unter der Bürgerschaft hervor; man sandte eine Abordnung an den Herzog, die aber im Mailänder Kastell nicht vorgelassen wurde. Jetzt sannen die Brescianer darauf, sich dem drückenden Joch der Mailänder zu entziehen und den Schutz Venedigs zu suchen. In der nahegelegenen Ortschaft Gussago versammelte Pietro Awogadro seine Mitverschworenen, einige Bürger des Ortes wurden ins Vertrauen gezogen, um das Holz zu liefern, dessen man zum Brückenbau für das venezianische Heer bedurfte, sowie um Leitern zum Ersteigen der Stadtmauer bereitzustellen. Man wußte nun unauffällig während der Nacht das Holz in das Haus eines der Verschworenen zu bringen, der damit angeblich ein neues Haus bauen wollte. Inzwischen warb Awogadro in den nahen Alpentälern zuverlässige Mannschaften, ohne ihnen zu verraten, was er mit ihrer Hilfe unternehmen 13 i 9 4 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA wollte. Der so sorgfältig vorbereitete nächtliche Überfall von außen wie von innen gelingt, die überraschten mailändischen Truppen ziehn ins Kastell zurück, die Bürger verbarrikadieren die Tore und warten ängstlich auf das Eintreffen Carmagnolas, der bald an der Spitze des venezianischen Heeres einrückt. Bis Oktober 1421 ziehen sich noch Kämpfe hin, dann ergibt sich die Zitadelle. Schon in diesen Kämpfen treten zwei Hauptpersonen auf, die auch inden späteren Kämpfen um Brescia (von 1438 bis 1440) eine Rolle spielen, aber ihre Rollen sind gerade vertauscht; auf Venezianerseite kämpft damals der Fürst von Mantua, der Marchese Gianfrancesco Gonzaga, der nach der Enthauptung Carmagnolas 1432 venezianischer Generalissimus wird, während der Herzog Filippo Maria den größten und genialsten Heerführer jener Zeiten, den Grafen Francesco Sforza, zum Entsatz der Bresciancr Burg herbeisendet. Er kann jedoch hier nicht mehr viel ausrichten. Brescia blieb dem Herzog für immer verloren; er hat diesen Verlust nie verschmerzen können. Neujahr 1427 wurde der Friede geschlossen. Papst Martin v. vermittelte, und wir wissen schon, wie Barbaro als venezianischer Bevollmächtigter in Rom mit den mailändischen Abgesandten verhandelte. Später wurde Kardinal Albergati ausgesandt, um im Mailänder Kastell den Herzog zum Nachgeben zu überreden. Dieser klagt: So lange seien die Venezianer seine Bundesgenossen gewesen, und nur von den Florentinern aufgehetzt, überfielen sie ihn grundlos. Dem sich Sträubenden bedeutet der Kardinal, daß er ohne Zweifel noch schlechter führe, wenn er sich jetzt nicht füge. Mit dem abgeschlossenen Vertrage reitet der Kirchenfürst sodann, einen Ölzweig in der Hand, nach Brescia, wo er von Bischof und Domherren unter Standarten feierlich eingeholt wird. Hierauf leistet die Bürgerschaft im Dom den Venezianern das Treuegelöbnis. Jedoch der Olivenzweig des Kardinals verdorrte bald. Weil der Herzog die Burgen im Brescianer Gebiet nicht herausgeben wollte, entbrannte kurz darauf der Kampf von neuem, ihm folgte nach kurzem Frieden ein dritter, der heftigste der Kriege mit Mailand. Der Herzog schürte venedigfeindliche Umtriebe in Bologna und unterstützte die Verschwörung des letzten verbannten Carrara, der sich wieder in den Besitz von Padua setzen wollte. Darin sah Venedig den Anlaß zum Kriege, in dem Barbaro einer der Hauptbeteiligten wurde. Vom Beginn der Feindseligkeiten im Jahre 1437 besitzen wir eine Relation aus Barbaros Feder über die politische Lage Anfang Mai, die er an den Kanzler des deutschen Reichs Kaspar Schlick sandte 4 . Diese Relation ist für sein politisches Denken recht aufschlußreich. In Ligurien sei der Krieg ausgebrochen, die Genuesen in die Verteidigung gedrängt; der Herzog unterließe nichts, um in Genua innere Schwierigkeiten hervorzurufen. Barbaro sucht den Kanzler für die res romana ac libertas zu gewinnen. Gegen die mailändische Feuersbrunst sind ihm alle Mittel recht; man dürfe sogar denen Schutz und Straffreiheit gewähren, die unter kaiserlicher Oberhoheit Umsturz in feindlichen Städten treiben * BARBAROS EINSICHT BEIM ERSTEN MAILÄNDISCHEN KRIEG 195 wollen («sub cuius umbra si novos motus exciverint, tuti sint»), denn wer unterdrückt sei, bräche wie ein wildes Tier aus seinem Kerker. Dann müsse man verhüten, daß die Bundesgenossen des Visconti, die sich nicht der gemeinsamen Sache der Feinde Mailands anschließen wollten, ihm Hilfe brächten, sollten sie nicht den Blitzstrahl des Römischen Reiches gewärtigen. So sucht er Kaiser und Reich durch den Kanzler auf seine Seite zu bringen und gegen den Rebellen zu entflammen; doch muß ihm bei diesen Ratschlägen selber nicht ganz wohl gewesen sein; er mochte empfinden, daß sie wenig zu seiner eignen Lebenshaltung und zu seinem Charakter stimmten, und daß er darin dem Zeitgeist der politischen Intrigen zu sehr nachgegeben habe, denn er fährt fort: «Ich aber, der ich über die Wunden der Christenheit häufig und nicht ohne frommen Schauder nachdenke, möchte dem erhofften Sieg einen sicheren Frieden ohne allen Hinterhalt vorziehen.» Jedoch könne der Feind nur dann in Schach gehalten werden, wenn man die Addaübergänge in der Hand behielte. Zertrete man so der Schlange den Kopf, dann möchte sie vergebens mit dem Schwänze drohen. Hier bricht unverhohlen sein Haß gegen den Herzog heraus, doch ist er gleich wieder bemüht, über den italienischen Länderzwist hinauszukommen und eine europäische Politik zu erstreben. Damit spricht er den Gedanken aus, der seit den Kreuzzügen unter allen Einsichtigen nicht mehr verstummt: «Wenn der Herzog aber die Friedensbedingungen annimmt, so sollte Italien, das vom Mord, von Feuer und Schwert allenthalben verwüstet wird, verschont bleiben, damit es, vom innern Kriege befreit, mit so vielen kriegsberühmten Männern, mit so vielen Legionen und Flotten gegen die treulosen Feinde der Christenheit unter den Auspizien des allerunbezwinglichsten Kaisers kämpft und nach Sieg und Zähmung von Barbaren und Ungläubigen zu Lande und zu Wasser ruhmreich triumphiert 5 .» Hier wandelt Barbaro in den Spuren Dantes und Petrarcas, mit der Mahnung an den Kaiser, Italien, das sich selbst zerfleischt, zu befrieden und die gesammelten Kräfte gegen die Ungläubigen zu führen, eine Mahnung, welche die wachsende Türkengefahr sehr zeitgemäß machte, und die er durch sein ganzes Leben immer wieder ausgesprochen hat, doch ist sein Ruf stets vergebens verhallt. Kaiser Sigismund hatte zwar in seiner Jugend als König von Ungarn ein 196 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA abendländisches Kreuzheer gegen die Türken geführt, war aber bei Niko- polis unterlegen. Dies Hegt damals schon über 40 Jahre zurück, und als der neue Mahnruf des Venezianers sein Ohr traf, stand der Kaiser schon am Ende seiner Laufbahn und starb nach einem halben Jahr. Immerhin äußerte er den Wunsch, daß Barbaro zu ihm als Gesandter seiner Republik über die Alpen käme, und auch die Signorie hatte ihn schon dazu ausersehen, doch Barbaro warf gerade damals ein heftiges Fieber nieder, so daß er von der Gesandtschaft zurücktreten mußte; er entschuldigt sich deshalb bei Kaspar Schlick 6 . So hat jenes Fieber den Ausschlag gegeben, daß man ihn anders verwandte, als ursprünglich von seiner Regierung geplant war, und er an der gefährdetsten Stelle in diesem schicksalhaften Ringen eingesetzt wurde. Die erste Aufgabe wartet seiner imFelde. Barbaros SchwiegervaterPietro Loredano, der als venezianischer Provveditore dem Generalissimus Marchese di Gonzaga zur Seite stand, war erkrankt. An seine Stelle tritt Barbaro. Die Provveditoren waren eine Art staatlicher Aufsichtsbehörde im Kriegsheer. Barbaro mußte sofort Streitigkeiten im Offizierskorps beilegen und Übergriffe der Soldateska zügeln. Daß der italienische Ausdruck Soldateska europäisch geworden ist und sich neben vielen andern italienischen kriegstechnischen Ausdrücken dauernd in den fremden Sprachen erhalten hat, zeigt neben der Überlegenheit der italienischen Kriegführung zugleich die Schwäche der Söldnerheere, die für das eigne Land zur Geißel wurden. Die kurze Zeitspanne, die Barbaro als Provveditore beim Heer zubringt, ist wie ein Vorspiel zu seiner größeren Brescianer Tätigkeit: Unbotmäßigkeit in Schach zu halten, Verzagte zu ermutigen, dem Verrat entgegenzuarbeiten. Der zweithöchste Offizier, Gattamelata, muß wegen Krankheit zur Erholung nach Brescia. Nach seiner Abreise droht eine Panik auszubrechen, weil der feindliche Heerführer Piccinino von Süden heranrückt. Barbaro tritt dem erfolgreich entgegen, und das venezianische Heer zieht sich geschlossen hinter die Brenta zurück 7 . Das Schlimmste aber war, daß Barbaro den Oberfeldherrn, den Marchese von Mantua, beargwöhnen mußte. Insgeheim setzt er die Signorie in Venedig von seinem gegründeten Verdacht in Kenntnis, doch will man im Dogenpalast diese Nachricht noch nicht glauben. Das Vorspiel ist beendet, das Drama beginnt: Barbaro wird als militärischer Befehlshaber auf den wichtigsten Außenposten BARBARO: PROWEDITORE IM LAGER *97 vene2ianischer Landmacht als Capitano nach Brescia berufen. Zunächst war die Gefahr noch fern, so daß er seinen 15 jährigen Sohn Zacharias dorthin kommen lassen konnte. Hier aber wird der Junge auf den Tod krank und der Vater zweifelt schon an seinem Aufkommen. Davon spricht ein schöner Dankbrief Barbaros für die Teilnahme, die ihm der Dogensohn Giacomo Foscari bezeugt hat 8 . Besonders schmerzlich war für den Vater die erste Zeit, wo er noch im Lager war, der Sohn aber in Brescia krank lag: «Als ich in Zacharias in Brescia starb und Zacharias im Lager in mir um das Leben kämpfte.» Wie der Strom antiker Philosophie und christlicher Frömmigkeit in diesem Manne sich zwanglos mischen, zeigt das Weitere. Giacomo Foscari hatte in der größten Not die befreundeten Mönche von San Michele in Venedig angerufen, daß sie durch ihre Gebete den himmlischen Beistand herabflehen möchten. Dafür ist ihm Francesco dankbar: «Du hast uns nicht nur geholfen, sondern auch bewiesen, was die Würde unserer Freundschaft und Verbundenheit vermag... Du weißt, Unglück geteilt und gemeinsam getragen wird leichter.» Wenige Monate später hat Foscari Francesco noch einmal Trost zuzusprechen für einen Verlust in seiner Familie, der ihn gerade in dieser bedrohlichen Zeit traf 9 . Sein ältester Neffe, an dem er Vaterstelle vertrat, Lodovico, welkte mit 24 Jahren dahin: er muß schon immer kränklich gewesen sein, denn der Oheim hatte ihn erst mit 21 Jahren und später als seinen jüngeren Bruder Daniel, der das vorgeschriebene Alter von 18 Jahren hatte, zur balla d'oro, der goldenen Kugel der Awogaria del comun, führen können, mit der über die Aufnahme der jungen Adeligen in den großen Rat abgestimmt wurde 10 . Wie sehr Bar- baro den hochgebildeten Sohn des Dogen schätzte, zeigt erneut sein herzlicher Dankbrief : «So würdig ernst hast du mich getröstet, daß im Schmerz die Liebe und Treue, im Rat die Tugend und Weisheit erkannt werden können 9 .» Im Juni und Juli fand der jährliche Amtswechsel der venezianischen Behörden in Brescia statt. Podestä, also das Haupt der Zivilverwaltung, wurde der rechtschaffene Cristoforo Donato. Er tritt ganz hinter seinem bedeutenderen müitärischen Amtsgenossen, dem Kommandanten der Stadt, Francesco Barbaro, zurück, dessen Titel capitaneus oder capitano war. Seit dem 6. Juli 1437 läuft seine Amtsperiode; jedoch hat er, wie schon erwähnt, statt der gesetzmäßigen Dauer von 1 bis iVa Jahren über drei Jahre, genau 40 Monate, auf diesem gefährlichen Posten ausharren müssen. Die Zustände in der Stadt waren bei seiner Ankunft äußerst verworren, es war ja überall in Italien seit Jahrhunderten die Regel, daß sich innerhalb der Mauern die Parteien auf das bitterste befehdeten. Eine Ausnahme machte nur Venedig. Bedrohüch mußte dies werden, wenn einer so zwieträchtigen Stadt wie Brescia eine aller Voraussicht nach 198 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA sehr schwere Belagerung bevorstand. Wohin aber die Venezianer drangen, dahin brachten sie den inneren Frieden. Für Francesco Barbaro galt es gleich zwei Fehden zu beschwichtigen. Der einflußreiche Pietro Avvo- gadro, der die Venezianer früher bei ihrer Besetzung von Brescia unterstützte, hatte sich seit langem mit zwei den Venezianern ebenso wichtigen Männern und ihrem Anhang überworfen. Das Haupt einer der angesehensten Brescianer Familien, Leonardo Martinengo, zeigte sich unversöhnlich, und neuerdings war zwischen ihnen wegen eines Brunnens der offne Streit ausgebrochen. Auch Herr Paris von Lodrone, der über die jede Zufuhr sperrenden nördlichen Alpentäler gebot, war dem Avvo- gadro feind. Barbaro gewann sich durch Leutseligkeit erst alle zumFreund, und dann war es nicht schwer, sie untereinander auszusöhnen. So machte er von vorneherein die Hoffnungen des Feindes zuschanden, der bei der Uneinigkeit der Stadt leichtes Spiel zu haben glaubte. Im Mailänder Archiv der Visconti liegt ein Aktenstück, in dem sich am 16. Juni, also noch vor dem Eintreffen Barbaros in Brescia, der Herzog Filippo Maria berichten läßt, daß die Venezianer nur den Pietro Avvogadro begünstigten, worüber die Gegenpartei empört sei 11 . Nachdem Barbaro sogleich zu Anfang die streitenden Parteien befriedet und besänftigt hatte, war die Ruhe in der Stadt ein für allemal hergestellt. Nur ein einziges Mal während der Belagerung drohte von anderen Schichten her ein Bürgerzwist auszubrechen, den Barbaro jedoch durch seine Geistesgegenwart sofort niederschlug. Bei einer Streiterei wurde von einem Söldner ein Müllerknecht erstochen. Ein gewisser Balduccio geriet darüber in Zorn und wiegelte das Volk auf, daß es sich unter seiner Führung Genugtuung verschaffen solle. Barbaro hört den Tumult von dem Markte, geht sofort hin und stößt vor San Domienico auf den aufgeregten Balduccio mit dem Volkshaufen. Es wird ihm erklärt, daß Balduccio Rache an jenem Totschläger nehmen wolle. Da wirft er sich den aufgeregten Massen entgegen und herrscht sie an, er werde es auf keinen Fall an Gerechtigkeit fehlen lassen, auch wenn er gegen einen die Todesstrafe verhängen müsse, der einen Bürger verletze. Ihm sei die Sorge vom Senate übertragen worden, daß er Freiheit und Gesundheit der Bürgerschaft nicht minder hoch halte als sein eignes Leben. «(Warum du, Balduccio, dir dieses Amt der Behörde anmaßest, verstehe ich nicht; BARBARO STELLT DEN INNEREN FRIEDEN IN BRESCIA HER 199 und wenn du nicht um den Staat so wohl verdient wärest, ... so müßte dein Kopf die Brescianer lehren, daß, solange ich lebe, weder Balduccio noch irgendein unbeamteter Bürger mehr vermag als die Majestät des Staates (publica maiestas).> Und so schalt er mit rollenden Augen die Unverschämtheit des Mannes, daß dieser auf der Stelle um Verzeihung bat und sie auch erhielt. Und da war keiner, der nicht seine Schärfe, Majestät und Klugheit gelobt und die Wildheit jenes parteiischen Menschen getadelt hätte. Kurz darauf und ohne Zeugen ermahnte er gütlich den Balduccio, daß er nicht daran denken solle, die eigne Macht zu steigern, sondern von nun an die Würde des Staates zu mehren.» So der Bericht eines Augenzeugen, des Evangelista Manelmi, des Mitkämpfers Barbaros, der in seinem Auftrag ein Tagebuch über den damaligen Krieg abfaßte 12 . Während Barbaro auf dem gefährdeten Außenposten stand, saß in der Regierung Venedigs der zweite bedeutende venezianische Staatsmann der Zeit, Leonardo Giustiniani, sein Freund und älterer Mitschüler bei Guarino, mit dem er in seiner Jugend in der Plutarchübersetzung gewetteifert hatte. Barbaro sah seine Giustiniani ergänzende staatsmännische Aufgabe unter dem Bild des gemeinsamen Dienstes in der Seeschlacht. Er selber stehe im Kampf auf dem Vorderdeck des Staatsschiffes, — vielleicht dachte er dabei seines heldischen Vorfahrs Marco, der vorne auf seinem Schiff kämpfend der Familie Ehrennamen und Wappen errungen hatte — Giustiniani aber stehe hinten auf dem Hinterdeck am Staatsruder des allgewaltigen kleinen Rates, der Signorie. Wenn Barbaro vorne oft die Wogen über dem Kopf zusammenschlugen, so rief er während der schweren Zeit nach hinten: Ihr auf dem Hinterdeck unseres Schiffes, schlaft ihr und laßt mich vorne in meiner Not im Stiche ? Aber die Signorie hielt unbeirrt wie immer das Steuer in den Händen, verbat sich empört die Zumutung, daß sie schliefe in solcher Zeit, half, wo sie konnte, und schwieg und ließ ihren Barbaro vorne im Sturme aushalten, denn sie wußte, daß er der einzige Mann war, der standhalten und den Staat retten konnte. Als sie noch vor dem Sturm hören muß, daß Barbaro krank darniederliege, da bemächtigt sich doch eine innere Erregung dieser unerschütterlichen Staatslenker und sie bestellten schleunigst einen Vertreter für die Zeit seiner Krankheit. Kurz nach der entscheidenden Senatssitzung 13 schreibt Giustinani 200 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA einen langen besorgten Brief an den vom Fieber geschüttelten Barbaro. Die Angst um die Gesundheit des Freundes mischt sich mit der Sorge um den Staat. «Jetzt, da der Staat von der Gefahr befreit werden soll, war nichts unerwünschter als deine Krankheit.»Der erste der vielen bevorstehenden Kämpfe müsse jetzt bei Barbaro die Überwindung der eigenen Krankheit sein, denn seine Gesundheit und das Staatswohl seien zu ein und derselben Sache geworden. «Der Senat fordert vieles und großes von dir. Damit du für dich sorgen kannst, schickt er dir den Thomas Duodo als Provisor zu deiner Hilfe.» Aus den geheimen Senatsakten erfahren wir, daß dieser Duodo sich nur für einen Monat verpflichtete. Nach dem Geschäftsgang des Senates wurde abgestimmt, welcher Nobile ein bestimmtes Amt zu übernehmen hätte, mit dem Zusatz: falls er ablehne, müsse er eine Buße von 200 Dukaten zahlen. Da nun die venezianischen Nobili meist Handelsherren waren, kam es häufig vor, daß sie sich von ihren Privatgeschäften unabkömmlich glaubten, ablehnten und lieber die erkleckliche Buße als Geschäftsunkosten buchten, als sich einen noch größeren Handelsgewinn entgehen zu lassen. So hatte Thomas Duodo dringende Geschäfte und bat den Senat, ihn nur für einen Monat zu verpflichten; zum Ersatz will er Amt und Reiseaufwand aus eigener Kasse bestreiten. Über den Vorschlag wird abgestimmt, und man nimmt ihn an 14 . Diese Verhandlung gewährt uns einen interessanten Einblick in die fiskalischen Eigentümlichkeiten der venezianischen Regierung, wie die Nobilität sich untereinander zu besteuern wußte, so daß der Staatskasse auch außerordentlich Einnahmen zuflössen. Daß in der ganzen Amtslaufbahn von Francesco Barbaro nie ein solcher Fall zu Akten genommen wurde — Amtsverweigerung wegen Krankheit blieb bußefrei, — läßt vermuten, daß er selbst ungleich seinem Vater niemals Handelsherr gewesen ist, abgesehen davon, daß sonst nirgends dergleichen erwähnt wird und er auch bei seinen vielen Amtsposten außerhalb Venedigs kaum dafür hätte Zeit finden dürfen, im Gegensatz zu Leonardo Giustiniani, der meistens in den verschiedenen Ratskollegien in Venedig saß und daneben, wie man weiß, große Handelsgeschäfte tätigte. Der oben erwähnte Vorfall zeigt, daß Barbaro den Übeln gegenüber durchaus kein stoischer, fühlloser Charakter war. Fieber und böse Nachrichten über das Zurückgehen der venezianischen Truppen drücken ihn DIE HEILIGEN VON BRESCIA: GIOVITA UND FAUSTINUS 201 tief nieder; er kann sich heftig über die Säumigkeit der Staatslenker beschweren — aber in der Not überwindet er nicht nur schlechte Stimmung, sondern sogar seine Krankheit, und steht fest auf seinem Posten. Darüber kam das Jahr 1438, das Jahr der Bewährung für Barbaro. Es beginnt mit einer bedeutsamen Festlichkeit, einem symbolischen Gelöbnis zwischen der Stadt, ihrem irdischen und ihren himmlischen Führern. In Italien haben sich, wie man weiß, manche heidnisch-antiken Kulte in kaum abweichender Form die christliche Zeit hindurch erhalten. Die Namen wechselten, der Kern blieb gleich. Kastor und Pollux, das Brüder- und Kämpferpaar, wurden im Altertum besonders als Helfer in der Not verehrt. Wo wir, wie am Forum zu Rom, christliche Kirchen finden, die einem Heiligenpaar geweiht sind, kann man auf eine darunterliegende antike Kultstätte des Kastor und Pollux schließen, an deren Stelle die beiden Heiligen getreten sind. Die Schutzheiligen der Stadt Brescia sind die hl. Giovita e Faustinus. In der Not des Sturmes auf die Stadt erscheinen sie hoch zu Pferde in goldner Ritterrüstung schirmend auf der Stadtmauer; die Brescianer selbst haben sie nicht gesehen, aber die Feinde sind von ihnen zurückgeschreckt worden, und der mai- ländische Generalissimus Piccinino soll ausgerufen haben: Iocombatto contra i fanti non contra i santi! (Gegen Soldaten kämpfe ich, nicht gegen Heilige!) Diese Legende erzählte man zehn Jahre später, als der staatsmännische Schüler und ehrfurchtsvolle Freund Barbaros, Lodovico Fos- carini, als Kommandant Brescias sein Nachfolger geworden war 15 , der die Stadt gegen erneute Belagerung zu verteidigen hatte, und Trost daraus schöpfte. Am 15. Februar war also das Fest der beiden Heiligen, das Anno 1438 im Angesicht der großen heraufziehenden Not besonders inbrünstig begangen wurde. Nach altem Brauch überreichte man in der Kirche dem Kommandanten, der die Stadt schützen sollte, einen «pilleus», einen Ehrenhut, worauf dieser zum Dank eine Ansprache an die Gemeinde der Bürger hielt. Uns beschäftigen vor allem die Gedanken, die das uralte Fest in ihm weckt, wie sich hier Irdisches und Überirdisches in seinem gegenwärtigen Amte verknüpft. Er erinnert sich, daß von jeher alle Lenker eines wohlgegründeten Staatswesens Heil, Freiheit und Würde des Staates mit der ihm eigentümlichen Religion verbanden.«Daher bemühten sich erhabene Könige und große Fürsten stets zu ihrem Ruhme, 202 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA daß sie nicht so sehr mit Hilfe von menschlichem Ratschluß,als vielmehr der göttlichen Religion ihr Reich wahren und mehren könnten.» In der Sicherheit, die fromme Überlieferung verleiht, fährt er fort:«Seit unserem und der Väter Gedenken sehen wir daher oft, daß den Folgern Gottes alles glücklich gedeiht, seinen Verächtern aber widrig.» Zu den ehrwürdigen alten Sitten gehöre es, daß die obersten Beamten von den überirdischen Schirmherren der Stadt beschenkt und geschmückt würden. Durch die Gabe «sollen sie inne werden, daß für die Verteidigung der Kirche nicht nur ewiger Lohn gesetzt ist, sondern höchste Auszeichnung zu erwarten steht». In Vorausahnung dessen, was kommen wird, und mit dem stillen Gelöbnis, sich, wenn es not tut, selbst zu opfern, deutet Barbaro auf das Vorbild der Heiligen, die bei gefährlicher Bestürmung der Stadt durch die Heiden einstmals als Märtyrer mit ihrem Opfertod die Rettung brachten. Zuversichtlich nimmt er den Spruch des Predigers auf, der ihm in der Kirche eben das Bibelwort (121. Psalm) zugerufen hat: Am Tage verbrenne uns nicht die Sonne noch der Mond in der Nacht, und er schließt mit dem Gelöbnis, er wolle sich mühen, daß die Heiligen die Ehrenspende ihm mit gutem Recht verliehen hätten 16 . Vor der Einschließung der Stadt versuchte Barbaro zunächst die kirchlichen und religiösen Verhältnisse der von ihm betreuten Bürgerschaft zu ordnen, zumal der berufene kirchliche Oberhirte, der Bischof Francesco de Marerio, in der Not bei seinen Städtern nicht ausharrte, sondern es vorzog, in Rom zu bleiben. Das verdroß die Brescianer so sehr, daß sie ihn nach der Befreiung nicht mehr haben wollten 17 , ihm seine reichen Pfründen sperrten und trotz hoher Fürsprache lieber päpstliche Ungnade auf sich nahmen und, der Empfehlung Barbaros folgend, dessen Freund Pietro del Monte als Bischof verlangten (dieser hatte bisher die wichtige Stellung eines päpstlichen Kollektors des Peterspfennigs in England eingenommen 18 ). Die Brescianer waren also in schwerer Zeit ihres Oberhirten beraubt, und Barbaro dachte daran, um ihre Zuversicht wie auch ihre Moral zu heben, ihnen wenigstens einen zeitweiligen Ersatz 2u bieten. In glühender Erinnerung standen ihm noch die Predigten des heiligen Bernhardin von Siena zu Treviso; er selbst hatte von ihnen einen dauernden Eindruck behalten, und auf die zerknirschten Bürger übten sie, wenigstens für eine Zeitlang, eine sittigende Wirkung aus. Barbaro VERSUCH ALBERTO ALS PREDIGER ZU GEWINNEN 203 wendet sich nun an den ihm näherstehenden Alberto da Sarteano, um ihn als Fastenprediger einzuladen. Bei diesem Anlaß findet er warme Worte der Verbundenheit zu seinen Schützlingen. Er Hebte diese Leute wie eigne Kinder und Glieder seines Körpers, Teile seiner Seele, und möchte sich dadurch bestens um sie verdient machen, daß er ihnen Alberto als Lehrer gebe. Er habe zwar, seit er in die Provinz gekommen, alles für sie Dienliche und für ihre Feinde Abträgliche getan, aber wenn ihn jetzt noch Alberto mit seiner Predigt unterstütze, dann werde er sich um sie nicht nur große Verdienste, sondern auch ein ewiges Gedächtnis schaffen. Merkwürdig ist der Ton des Briefes, weil er sich ganz an den ehemaligen Humanisten und nicht an den gegenwärtigen Prediger, der die früheren Ansichten weitgehend abgeschworen hatte, wendet. Barbaro zitiert in seinem Briefe zahllose Heiden, zum Beleg, wie man durch Kriegs- und Friedenstaten irdischen Ruhm erwerbe. Die eigentliche Aufgabe Albertos soll aber sein, der sittlichen Verwahrlosung der Bürger und namentlich ihrer Kinder Einhalt zu tun. Geiz und Luxuria macht Barbaro als die häßlichsten Herren namhaft, die über die Brescianer Gewalt haben. Er wünscht, daß sein Volk, in Waffen mutig und wild, durch den Seelensänftiger im Gemüt zum Gleichmaß komme. Das blieb nur ein Wunsch. Obwohl der Amtsgenosse Barbaros, der Podestä Donato, ihm ebenfalls schrieb, j a ihn sogar mit einer ganzen Reihe von Briefen überschüttete, antwortet Alberto, er dürfe wegen der Ordensdisziplin nicht festlegen, wann er käme. Bald darauf ist in der belagerten Stadt von diesem seelischen Ausgleich nicht mehr die Rede; man muß jetzt sein nacktes Leben verteidigen. Als acht Jahre später Alberto endlich auch für die Brescianer Zeit findet, erinnert er sich der Worte Barbaros: die schwere Drangsal der Belagerung hatte den sittlichen Stand der Brescianer nicht gehoben; die Übriggebliebenen waren eher roher und gewalttätiger gegeneinander geworden, und Alberto hat eine große Mühe, die verwahrlosten Seelen wieder zu reinigen 19 . Einstweilen geht es draußen im Krieg den Venezianern schlechter und schlechter; von der Grenzstellung gegen Mailand am Oglio werden die Truppen zurückgedrängt. Giustiniani schiebt in dem schon erwähnten Brief alles auf die Feigheit der Söldner. Dazu kommt noch, wie bald offenbar wurde, die UnZuverlässigkeit des Oberfeldherrn. Die Signorie ordnet 204 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA die umsichtigsten Provveditoren zum Heere ab, aber umsonst; Giusti- niani spottet bitter, es habe den Anschein, als ob die Söldner Füße nur zum Davonlaufen hätten und die Waffen statt gegen den Feind nur zur Bedrängnis der Venedig noch treuen Bundesgenossen gebrauchten. Da der Feind sichtlich näher rückte, mußte Barbaro die Stadt in Verteidigungszustand setzen. Bei der Verproviantierung bemerkt er, daß habgierige Leute versuchen, Getreide zu verschieben, öffentlich brandmarkt er die Habgier der Unterbeamten, die den Hunger und das Verderben der Stadt heraufbeschwören. Nur seiner Voraussicht war es zu danken, daß zwei große mit Getreide gefüllte Scheuern, die der venezianische Provisor für die Verfütterung an die Pferde vorgesehen hatte, gegen dessen Willen auf Befehl Barbaros unangetastet blieben und als eiserner Bestand für die Soldaten bis zum äußersten aufbewahrt wurden. Ohne diese Maßnahme hätte sich die Stadt während der letzten Monate der Einschließung unfehlbar wegen Hungers ergeben müssen. Als dann das Futter für die Pferde knapp wird, lobt Barbaro immer im Bestreben, seine Leute gutwillig zum Notwendigen zu veranlassen, die Reiter, die den Ruhm höher achteten als ihre Gäule, die ihr eigner Besitz waren. Andererseits fordert er die Bürger auf, ihre Streu als Pferdefutter und Lager für die Bespannungen herzugeben, «damit sie versuchen sollten, in Pflichttreue (pie) mit den Reisigen zu wetteifern und sich in Dienstwilligkeit zu übertreffen, wenn sie für die Pferde ihre Bequemlichkeit und jene für die gemeinsame Freiheit Pferde, Waffen und ihre Habseligkeiten opferten». Sodann schritt er zur Bewaffnung der Bürgerschaft. Schon vor seiner Ankunft hatten die Brescianer vier maestri di guerra gewählt, die sich stets in der Begleitung von Podestä und Capitano halten sollten, um deren Befehlen gewärtig zu sein. Die beiden Rektoren — so werden die venezianischen Stadtoberhäupter in den Provinzstädten genannt — wählen sich unter diesen vier Kriegsmeistern den Pietro Sala als ihren Adjutanten aus, der immer mit ihnen ausreiten soll. Er erhält die besondere Aufgabe, einen bekannten Unruhstifter, dem man Arges zutraut, zu überwachen. Den Brescianern wurde von der Signorie und dem Dogen bestätigt, daß sie von persönlichen Diensdeistungen befreit sein sollten. In Kriegszeiten wird aber die Ausnahmebewilligung hinfällig. In der ABFALL DES MARCHESE VON MANTUA 205 Ratssitzung fordert der Podestä außer der Cernide, der Bürgerwehr, die Aufstellung von weiteren 300 Fußsoldaten aus den Reihen der Bürgerschaft selbst; unter diesen müßten etwa 100 geschickte Bogenschützen sein. Die Ratsherren antworten mit Höf lichkeit, daß sie dazu nach ihrem Privileg durchaus nicht verpflichtet seien, aber in ihrer aufrichtigen Zuneigung zu der Serenissima wollten sie für diesmal gerne auf die frühere Vergünstigung verzichten. Kampfesmutig waren die Brescianer Bürger wohl, aber zu Anfang gänzlich undiszipliniert. Ohne einen Befehl abzuwarten, liefen sie bei jedem Lärm zu den Waffen. Wie oft mußte Barbaro mit wenigen Gefolgsleuten die Aufregung der unerfahrenen Menge beruhigen. Dann waren sie bisweilen aber auch verzagt, wenn sie zu den Waffen greifen sollten, und mußten erst von ihm ermutigt werden; ein anderes Mal hatte er sie zu beschwichtigen, wenn sie knabenhaft aufjauchzten. Kurz: im Unglück mußte er sie fröhlich machen, im Glück besonnen. (Manelmi) 20 . Was Barbaro als Proweditore im Heere schon befürchtet hatte, trat bald ein. Der venezianische Generalissimus, der Marchese von Mantua, Gianfrancesco Gonzaga, hatte den Vorteil der Venezianer gleich von Anfang des Krieges an schlecht gewahrt. Von heimlichen Verhandlungen des Markgrafen mit dem Feinde hatte Barbaro schon längst dem Senate Mitteilung machen müssen; aber als der bevorstehende Abfall des Gonzaga in Brescia ruchbar wurde, fürchtete er doch so sehr den niederschlagenden Eindruck, den das Gerücht auf die Bevölkerung machen müßte, daß er den Verbreiter dieser Nachricht ergreifen und auf dem Markt zum abschreckenden Beispiel mit dem Ohre an einen Pfahl nageln ließ, weil er den Oberfeldherrn mit unflätigen Schimpfworten geschmäht habe. Er beabsichtigte aber mit diesem scharfen Vorgehen, das der Chronist Manelmi 21 (dem selbstverständlichen Tone nach zu schließen, mit dem er die Sache berichtet) augenscheinlich billigt, die unerfahrene Menge davon zu überzeugen, daß der Markgraf z u und nicht gegen Venedig stehen werde. Sich selbst aber machte Barbaro Luft durch eine abschätzige Bezeichnung dieser kleinen Fürsten und Kondottieren mit ihrer schlauen Schaukelpolitik: er nannte sie reguli, die Königlein. Daraus spricht der ganze Stolz des Angehörigen einer Aristokratie, die großzügige Weltpolitik treibt 22 . Mit der Wahl ihrer Oberfeldherren 20Ö VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA hatten die Venezianer in jenen Zeiten kein Glück. Den Grafen Carma- gnola hatten sie hingerichtet, weil er des Einverständnisses mit dem Feinde überführt war, der nächste, der Marchese von Gonzaga, fiel jetzt von ihnen ab, und der dritte, der vielgepriesene Graf Sforza, wurde gar Mailänder Herzog und damit ihr grimmer Feind; allein den beiden Kondottieren, die ihnen auf die Dauer treu blieben, Gattamelata und Colleoni, errichteten sie, wie bekannt, herrliche Standbilder, die den Dank der Signorie auch heute noch verkünden. Dies beweist gerade, welche Ausnahme die Gefeierten waren. Der Marchese Gonzaga scheint ohne erfindlichen Grund von Venedig abgefallen zu sein. Zwar behauptet der Geschichtsschreiber des Hauses Gonzaga, Piatina 23 , zur Verteidigung, er habe es nach dem Mißerfolg am Oglio nicht mehr wagen dürfen, sich nach Brescia in die Hand der Venezianer zu begeben, die ihm ein gleiches Schicksal wie seinem Vorgänger Carmagnola hätten bereiten wollen. Das wird aber durch zwei Briefe von venezianischer Seite widerlegt. Die Handlungsweise, die sich nachher der Marchese gegen eine venezianische Schiffsmannschaft zuschulden kommen Heß, sieht eher nach schlechtem Gewissen aus. Vor einem unglücklichen Gefecht der venezianischen Po-Flotille hatten die erbosten Matrosen gerufen: Ewiva San Marco! Muoia il traditore Marchese di Mantova! Dafür ließ ihnen nach der Gefangennahme der Marchese Hände und Zungen abschneiden. Unter den obenerwähnten Briefen findet sich einer an Gattamelata, der zu jener Zeit erster Offizier unter Gonzaga war, in dem die Signorie bekennen muß, daß Barbaro und auch Gattamelata weitsichtiger gewesen seien; sie selbst aber hätte damals gegen den Marchese keinen Argwohn aufkommen lassen wollen: «Die guten Worte, die er uns gab, und die väterliche Zuneigung, die wir zu ihm hatten, haben uns getäuscht... Doch endlich, wie Eurer Magnifizenz zweifellos schon bekannt ist, hat sich der Marchese offen für den Herzog von Mailand erklärt. Deswegen lassen wir aber den Mut nicht sinken und sind entschlossen... männlich und hochsinnig das zu tun, was getan werden muß 24 ...» In solch heroischer Haltung gegenüber der Gefahr besteht von jeher die Größe Venedigs. Auch von dem am meisten bedrohten Barbaro ist ein Brief aus jener Zeit unmittelbar an den Markgrafen erhalten. Der Gonzaga hatte ihm über BARBARO AN DEN MARCHESE VON MANTUA 207 einen Brief seines fünfzehnjährigen Sohnes Zacharias, worin dieser seinem Onkel Ermolao von einer Ruhmestat des Marchese im Stile Casars berichtete, lobend geschrieben. Jetzt lehnt Barbaro jede Vertraulichkeit ab und antwortet kurz angebunden: «Zu deinem Brief über meinen Sohn Zacharias ist nichts mehr zu schreiben. Da vom Recht abgewichen wurde und göttliches und menschliches Recht dadurch schwer verletzt ist, daß wir überfallen wurden, ehe uns Fehde angesagt war, so habe ich mit Deiner Exzellenz nicht mehr über Recht zu streiten, sondern, wie ich zu sehen glaube, mit Dir mit Waffen um die Entscheidung zu kämpfen.» Soweit der erzürnte Kommandant Brescias. Der Rest des Briefes zeigt wieder Barbaros weise Mäßigung. Er läßt seine unbezwing- liche Liebenswürdigkeit zugunsten seiner staatsmännischen und diplomatischen Ziele spielen. Der Mantuaner gehörte nicht zu den frevelhaften Renaissancefürsten; Barbaro hatte mit ihm seit jeher freundschaftliche Beziehungen gepflegt, zumal der allerseits verehrte Vittorino da Feltre Prinzenerzieher an seinem Hofe war. Barbaro fährt fort: «Persönlich aber habe ich seit früher Jugend immer Deine Hoheit geliebt und verehrt, und von Amts wegen habe ich nie etwas unterlassen, was ich in Treuen und Würden deinem Lobe und Ruhme schuldig war, solange du ein Freund meines Vaterlandes sein wolltest. Nach bestem Können und Müssen betraure ich, daß etwas zwischen uns getreten ist, was deinen Sinn dem Feinde zuwandte und unserer ruhmvollen Republik entfremdete, die doch deinen und deines erlauchten Vaters Staat — laß mich von den übrigen Vorfahren schweigen — in zweifelhaften und gefährlichen Zeitläuften ebenso schützen und schirmen zu müssen glaubte als unseren eignen. Bei wem aber die Schuld liegt, wird besser verschwiegen als niedergeschrieben. Doch ich wünsche, daß bei dir und mir mehr das Gedächtnis an die alten Verdienste vermöchte als das an die neue Unbill 25 , t Diese versöhnliche Haltung ermöglichte es Barbaro später (1443) als Gesandter seiner Republik an den Hof des Marchese zu gehen. Gonzaga hatte seinen Abfall nur allmählich vollzogen. Zuerst hörten die Brescianer, daß der Marchese in der Winterkälte seine Truppen von den Vorposten, die Brescia am Oglioübergang deckten, zurückgezogen hätte, so daß Barbaro schleunigst die Bürgerwehr hinausschicken mußte. Dann, als die diesjährige Condotta mit Venedig abgelaufen war, ritt der 208 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA Marchese nach Mantua heim und lehnte eine neue Beauftragung angeblich aus Gesundheitsrücksichten ab. Erst als Piccinino vorrückte, erklärte er sich offen für die Feinde der Republik und ermöglichte diesen unter Umgehung der Brescianer Wacht den Übergang über den Oglio. Der schlaue Visconti hatte den Gon2aga damit zum Übertritt verlockt, daß alle Eroberungen venezianischen Gebietes in der Nähe Mantuas dem Markgrafen zufallen sollten, als dann aber im weiteren Verlauf der Kämpfe vorübergehend Verona in mailändische Hände fiel, gönnte der Mailänder dem Mantuaner diesen fetten Bissen nicht und sah es lieber wieder den Venezianern anheimfallen. An die Stelle des abtrünnigen Oberbefehlshabers trat Gattamelata, der mit seinem rechten Namen Erasmo da Narni heißt. Wie Piccinino «das Kleinchen», Sforza «die Kraft», so ist Gattamelata ein Katzenspitzname 26 , den die Soldaten ihrem Kondottiere anhängten, wie einstmals die römischen Legionäre Gaius, den Sohn des Germanicus, der später ihr Kaiser wurde, Caligula «das Stiefelchen» nannten. Barbaro hätte den Feind gern am Oglio festgehalten. Am 7. Mai verlangt er in der Ratssitzung von den Brescianern Gespanne, Maurer und andre Arbeiter, um den Flußübergang befestigen zu können. Die Consiglieri erklärten sich sonst zu allem bereit, was ihr Kommandant von ihnen fordern würde, aber in diesem Falle erhoben sie Einspruch, da die verlangte Leistung Sache der Landschaft, nicht der Stadt sei. Man einigt sich schließlich auf eine Geldunterstützung für die Ausführung der Arbeiten an die armen Angrenzer, die die Wacht am Oglio haben. Bis zum 29. Juni kann man die Uferstellung halten. Da überlistet Piccinino den Gattamelata; während er scheinbar im Angesicht der venezianischen Verschanzungen den Übergang erzwingen will, setzt er mit der Hauptmacht seines Heeres auf Schiffsbrücken, die ihm der Gonzaga stellte, weiter unten über den Fluß. Ein Überläufer hinterbringt dies dem Gattamelata und warnt ihn, wenn er sich nicht noch in dieser Nacht zurückzöge, sei er morgen verloren. So zieht sich das venezianische Heer in aller Stille ohne Trompetensignale unter die Mauern Brescias zurück. Bei dem Rückzug Gatta- melatas bemächtigt sich eine allgemeine Panik der Bevölkerung der Brescianer Landschaft, die zu Scharen hinter die festen Mauern der Stadt flüchtet und zum Teil auf Erntewagen ihr frischgeschnittenes Getreide RÜCKZUG DES VENEZIANISCHEN HEERES AUF BRESCIA 209 mitführt. Aber der größte Teil der Ernte fällt in die Hände des Feindes, so daß man in Brescia von Anfang an Knappheit an Brot hat 27 . Beim Einmarsch des Heeres gab es Schwierigkeiten. Barbaro mußte immer die Partei im Zügel halten, die es noch seit der Herrschaft der Visconti mit den Mailändern hielt. Diese wollte jetzt den Rat veranlassen, mit Waffengewalt die Tore vor dem venezianischen Heere zu schließen. Es bedurfte der ganzen Beredsamkeit Barbaros, um die Mehrheit von dem schädlichen Vorschlag abzubringen. Kaum war diese Gefahr überwunden, so verlangten die unzuverlässigen Teile der Bürgerschaft, daß man ihnen Schutz und Besatzung der Stadttore überlassen solle. Gatta will nachgeben, aber Barbaro durchschaut die Tücke und überträgt die gesamte Bewachung der Stadt den venezianischen Söldnern 88 . Jedoch vermeidet er jeden herrischen Befehl und überzeugt die Bürger, daß diese Verfügung nicht einer «Tyrannis» entspringe, sondern nur die wahre Sicherheit der Stadt gewährleiste. Wenn man nur einen Teil auf Wache schicke, würde die Zurücksetzung den andern Teil offen zum Feinde drängen. Gütliche Überredung allein reichte bald nicht mehr aus. Barbaro mußte auch ein warnendes Exempel statuieren. Fünf Verräter, die schon ein venezianisches Schloß an den Feind ausgeliefert hatten, jetzt nach Brescia kamen und auch hier Verrat üben wollten, ließ er gefangennehmen und auf dem Markte hinrichten. Es ist ganz kennzeichnend für Barbaro und in seinem Sinne, daß Manelmi auch hier den Zusatz macht, daß dies more maiorum, nach der Väter Sitte, geschehen sei. Bei der Vollstreckung des Urteils bricht aber ein Tumult aus, und Barbaro wirft sich mehrere Male in den dichtesten Haufen; zuerst waffenlos zu Fuß und dann zu Roß mit gezücktem Schwerte zerstreut er mit Gattamelata den Auflauf, «damit alle sehen sollten, daß, solange Barbaro lebt, es nicht an Mut und Entschlußkraft fehlen werde, die Herrschaft in Majestät aufrechtzuerhalten 29 ». Er blieb auch weiter Herr der Stadt. Als es einmal ganz schlimm um Brescia bestellt schien, versammelten sich viele reiche und angesehene Bürger in der Kirche San Francesco, um ohne Ermächtigung der Behörde die Übergabe der Stadt zu beraten und durch Mehrheit zu beschließen, daß man bei einer so verzweifelten Lage, die innerhalb der Mauern ebenso schlecht war wie außerhalb, ohne Zaudern das Joch der Knechtschaft 2IO VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA auf sich nehmen müsse. Barbaro, der von diesen Umtrieben Kunde erhält, versammelt zunächst in der Burg seine ersten Offiziere zum geheimen Kriegsrat. Es waren dies bis auf den Fürstensohn Taddeo d'Este alles venezianische Nobili; aber selbst der tapfere Taddeo wird bedenklich und glaubt, daß das Schlimmste bevorstehe. Barbaro gelingt es, den Offizieren wieder Mut einzuflößen. Gott und dem Vaterland weiht er sein Leben. Um den Brand sich nicht ausbreiten zu lassen, vertraut er die Bewachung der Burg in seiner Abwesenheit einem verläßlichen Hauptmann an und eilt mit kleinem Gefolge nach S. Francesco. Schon in der Vorhalle trifft er einige Bürger im geheimen Gespräch. Er tritt unversehens unter sie und schilt die Erblaßten heftig als Rädelsführer ; dann befiehlt er einem der ihn begleitenden Offiziere, sie zu verhaften. Er selber steigt zu Pferde, reitet zur Überraschung der versammelten Unzufriedenen in den Klosterhof, zeigt ihnen seine Gefangenen, die Urheber der Verschwörung, und jagt ihnen dadurch einen ungeheueren Schrecken ein. Unbehelligt kehrt er sodann mit den Verhafteten in die Burg zurück. Dort wird beraten, was mit den Aufrührern geschehen solle. Nachdem sich alle Offiziere für ein Todesurteil ausgesprochen haben, wird Barbaro gebeten, den Spruch zu tun. Doch er hält es für das Heilsamste, die Schuldigen nochmal auf das heftigste zu schelten, weil sie ohne Befehl der Behörden über den Staat befunden hätten und in Angst für ihren Geldsäckel den Mut sinken ließen. Er schont sie, damit die andern, die die Übergabe der Stadt geplant hätten, nicht mit dem Feinde um ihr Heil, sondern mit ihm um die Freiheit streiten möchten. Das Kriegsgericht, das sich noch gegen diesen Spruch sträubt, überzeugt er, daß die Vollstreckung von Todesstrafen den Sinn der Bürgerschaft entfremden und die Stadt sicher ins Verderben ziehen müsse. Die Missetäter aber sind froh, mit dem Leben davongekommen zu sein; sie werden durch die unerwartete Milde Barbaros ganz für ihn gewonnen und erklären, daß sie sich schämten, gegen seinen Willen gehandelt zu haben. Dadurch daß er diese letzte Verschwörung so klug im Keime zu ersticken wußte, nahm Barbaro dem Feinde abermals die Hoffnung, sich durch Verrat der Stadt bemächtigen zu können 30 . Kehren wir zurück zum Beginn der Kriegsereignisse, die sich um Brescia abspielten. Nach dem Oglioübergang hatte Piccinino die Bergamasker VERSCHWÖRUNG UND TREUE DER BRESCIANER 211 und Brescianer Landschaft besetzt, — das von der Heerstraße nach Vene- tien abgelegene feste Bergamo blieb im ganzen Feldzug vom Feinde un- belästigt — während im Rücken der Gonzaga von Mantua aus ins verone- sische Gebiet einfiel und der Stadt Brescia die rückwärtigen Verbindungen nach Venedig abschnitt. Der wohlausgedachte Kriegsplan des Mailänder Kondottieren suchte dem venezianischen Heer im Raum von Brescia alle Rückzugs- und Versorgungsstraßen in der Ebene zu sperren und es durch die bald zu erwartende Hungersnot zur Übergabe zu zwingen. Diese Sorge lastete auch auf den Regierenden in Venedig, und in der letzten Zeit vor der vollkommenen Abschließung Brescias von der Außenwelt lief ein lebhafter Briefwechsel zwischen den Brescianer Rektoren, dem Oberfeldherrn Gattamelata und der venezianischen Signorie. Die Sorge der Signorie ging nach zwei Seiten, sie wollte sowohl das Heer als auch Brescia retten. Wenn aber das Heer in Brescia blieb, war beider Verlust unabwendbar. Da faßte Barbaro den kühnen heldenhaften Entschluß, auch ohne Hilfe des großen Heeres der überlegenen Macht des Feindes zu trotzen, nur mit Unterstützung der zuverlässigen Besatzung und der wildentschlossenen Bürgerschaft. In diesem Sinne schrieb er an die Signorie, erhielt jedoch zunächst unbestimmten Bescheid; man wollte dort die große Verantwortung nicht auf sich nehmen, denn wie sollte sich Brescia ohne den Beistand des Heeres halten ? Gattamelata beharrte aber auf seinem Entschluß, abzuziehen, und so willigt schließlich auch die Signorie ein. Von dem über Erwarten schönen Opfermut der Brescianer ist sie gerührt, denn Barbaro hatte durch seine häufigen Berichte die Regierung zu Hause nicht nur auf dem laufenden gehalten, sondern ihr auf das entschiedenste nahegelegt, sich für solche außerordentliche Treue erkenntlich zu zeigen. Demzufolge setzte man am 12. Juli im Dogenpalast ein allergnädigstes Schreiben auf «an die Edlen und Getreuen, unsre viellieben Bürger und Gemeinde unserer Stadt Brescia». Keine Worte finde der Senat, um seiner Genugtuung Ausdruck zu verleihen, so wolle er sie durch die Tat bezeugen und überlasse den Brescianern für immer die Einnahmen in Höhe von 20000 Dukaten 31 , die dem venezianischen Staatsschatz aus dem Erträgnis der Brescianer Mühlen zuflössen. Das gefiel den Brescianern wohl, und sie nahmen zu Protokoll: «Es wurde im Rat der Dogenbrief verlesen, voll von honigsüßem Tau der Liebe 32 .» 14* 212 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA Mit dem Entschluß Gattamelatas, abzurücken, allein war es nicht getan, man mußte auch Weg und Zeitpunkt so günstig wie möglich wählen. Die Hauptstraße am Südende des Gardasees entlang war vom Feind gesperrt, desgleichen die Zufahrtswege von Süden. Nur nach Norden war dem Heere die Möglichkeit gegeben, aus der Umklammerung zu entschlüpfen; hier aber waren die Alpen vorgelagert, durch deren enge Täler ebenso wie über die hohen Pässe nur Saumpfade führten. Der Herzog Filippo Maria hatte mit seiner politischen Einkreisung Bre- scias auch diese Gebiete zu sperren gesucht. In den Alpentälern saß Herr Paris von Lodron, ein Feudalherr mittelalterlicher Prägung, der Lehnsmann des Herzogs von Österreich. Die weiteren für den Durchzug in Betracht kommenden Straßen östlich und nördlich des Gardasees standen unter der Botmäßigkeit des deutschen Bischofs von Trient. Herr Paris war stets der Freund Venedigs gewesen, aber in diesem Jahre, als die Venezianer überall an Boden verloren, war auch er in Besorgnis um sein Land wankend geworden. Die Mailänder glaubten ihn schon für sich gewonnen zu haben, denn am 2. August läßt sich der Herzog Filippo melden, daß der Ring um Brescia geschlossen sei, und auch Paris von Lodron wird unter seinen Anhängern genannt 33 . Jedoch blieben die Venezianer in dem diplomatischen Ringen um die für sie so wichtigen Alpenpässe nicht untätig. Am 11. September schrieben sie an Paris von Lodron einen schlauen Brief 34 . Obwohl sie ganz genau unterrichtet waren, daß auch er Verhandlungen mit dem Herzog gepflogen hatte, taten sie so, als ob sie an seiner Treue niemals gezweifelt hätten. Um auch ihrerseits an der alten Treue festzuhalten, teilen sie ihm mit, daß ihr gemeinsamer Nachbar Alexander, der Bischof von Trient, ein Auge auf das angrenzende Ländchen des Lodron geworfen habe und ihnen freien Durchzug durch sein Gebiet anbiete, freilich unter der Bedingung, daß ihm gestattet sei, im Vorübergehen die Täler dem Herrn von Lodron für dauernd wegzunehmen. Die Signorie denke jedoch nicht daran, auf diesen Vorschlag einzugehen und ihren alten Freund so zu kränken... Die Drohung war deutlich! Andererseits hatte die Signorie ihren Rektoren in Brescia aufgegeben 35 , unmittelbar über den Durchzug mit dem Lodron zu verhandeln, was Barbaro in seiner durch Liebenswürdigkeit verpflichtenden Weise ausführte, hatte er doch gleich anfangs die MARSCH GATTAMELATAS DURCH DIE ALPEN 213 Unstimmigkeit zwischen Pietro Avvogadro und Herrn Paris aus dem Wege geräumt. Avvogadro wird als erprobter und ortskundiger Führer für den schwierigen Marsch ausersehen. Damit er sich aber nicht benachteiligt fühlt, weiß Barbaro auch seinen städtischen Rivalen Martinengo mit einem auswärtigen Auftrag von der Stadt fernzuhalten. Barbaro überlegt sich nun, wen er als ausdauernden Mitkämpfer bei sich behalten will. Den Abmarsch der Truppen hatte er selbst gewünscht, da er das Heer auf jeden Fall seiner Vaterstadt zu erhalten wünschte. Barbaro ist damals so beschäftigt, daß er mehrere Nächte nicht zum Schlafen kommt. Alle waffenfähigen Bürger unterzieht er einer Musterung, sein Platz war am Stadttor und von den Vorbeimarschierenden werden nur die von ihm herausgelassen, die bei der Verteidigung entbehrlich sind. Das war zugleich die Säuberung von lichtscheuem Gesindel, das denn auch draußen nach acht Tagen schon auseinander lief. Als alle Truppen durch das Tor marschiert waren, blieb er allein mit Gattamelata zurück und eröffnete ihm: Größte Eile sei beim Abzug geboten, denn der Feind werde auf der Stelle folgen 36 . Die Signorie hatte zuletzt selber gedrängt, daß der Abmarsch vonstatten gehe, solange noch Piccinino die Burg Orzinuovi (Oglio) belagere 37 . Nun war Barbaro zur Stunde schon der Fall dieser Burg gemeldet worden, und das Anrücken des Feindes auf Brescia war täglich zu erwarten, aber dies verheimlichte er Gatta und dem abziehenden Heere, um sie nicht unnütz zu beunruhigen. Wollte er doch verhindern, daß die Soldaten nicht noch im letzten Augenblick vor dem schwierigen Unternehmen zurückschreckten und zum allgemeinen Verderben dablieben. Der Abschied fällt Gattamelata, dem tapferen Soldaten, schwer. Er fürchtet, daß er den Barbaro als eine sichere Beute den Klauen des Feindes überliefern muß. Der aber bleibt unverzagt, er denkt nicht an die Gefahr, die ihm selber droht, und ist nur von Sorge für den Staat und die Erhaltung des Heeres erfüllt 36 . Barbaro spricht das stolze Wort aus: Er ziehe es vor, lieber von seinem Staat im Stiche gelassen zu werden, als daß er seinen Staat im Stiche ließe 38 . Dann rät er noch zum Schluß dem Kondottiere, alle Brücken in den Alpentälern hinter sich abzubrechen, damit keinem der Gedanke käme, nach Brescia zurückzukehren: in die Hoffnungslosigkeit auf eine Rückkehr solle er alle Hoffnung seines Marsches setzen 39 . Beiden Kriegern, die hier voneinander schieden, stand jetzt die 214 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA größte Prüfung ihres Lebens bevor; beide bestanden sie. Der Zug Gatta- melatas gehört zu den meistgerühmten kriegerischen Unternehmungen des XV. Jahrhunderts, dieser Marsch durch die Judikarischen Alpen reiht sich den berühmten Alpenübergängen Hannibals, Suworows und Napoleons würdig an; unter ähnlichen Schwierigkeiten wie diese hatte auch er zu leiden; den ungewöhnlichen Strapazen und dem Futtermangel erlagen 300 Pferde dieses größtenteils aus Reitern bestehenden Heeres. In der Nacht vom 24. September war er in aller Stille aufgebrochen; die Verpflegung in dem dünnbesiedelten Lande war kärglich, die Straßen durch Wildbäche zerstört, so daß er erst die Brücken wiederherstellen mußte, und die Gebirgler hatten sich mißtrauisch in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen, von wo aus sie die durchziehende Truppe belästigten. Vom Westufer des Gardasees mußte er sich unter häufigen Gefechten durch feindliches Land durchschlagen 40 . Aber endlich erreichte er Vero- neser Gebiet, und so war das Heer im ganzen unversehrt ans Ziel gekommen und für Venedig gerettet, wenngleich die Angriffe, die es von Verona in Richtung auf Brescia machte, im ganzen weiteren Krieg keine große Rolle mehr spielten: dazu war es zu schwach, und Gattamelata mußte warten, bis starker Ersatz unter Sforza, freilich erst ein Jahr später, heranrückte. Barbaro harrte unterdes allein in Brescia aus, einem Feinde preisgegeben, der doppelt erzürnt war, weil ihm mit dem Entrinnen des venezianischen Heeres eine scheinbar sichere Beute entgangen war. Um die bedrückten Bürger wieder aufzumuntern, rief er ihnen am nächsten Morgen mit einer feurigen Ansprache ins Gedächtnis, was sie schon wußten, nämlich daß das Heer wegen der Lebensmittelknappheit aus der Stadt nicht geflohen, sondern auf sein Drängen abgezogen sei. Nun bliebe den Bürgern allein die Ehre der Verteidigung! Er weckt ihren Stolz, indem er ihnen erklärt, daß der Senat sein Vertrauen einzig in die Bre- scianer Bürgerschaft setze und nicht in die angeworbenen Soldaten. Einen Tag später erscheint Piccinino von Norden, von der Ortschaft Mompiano her, unter den Mauern. Der kühne Zug Gattamelatas traf ihn unerwartet, glaubte er ihn doch in der Falle, nachdem er einen Durchbruchsversuch über den Mincio südlich des Gardasees vereitelt hatte. Eine Verfolgung über die Gebirgspfade mit Brescia im Rücken schien ANRÜCKEN DES FEINDES VOR BRESCIA 215 ihm jedoch zu gefährlich, so ließ er Gatta unbehelligt ziehen. Gleich auf den ersten Stoß warf er die Brescianer Bürgerwehr, die zur Aufklärung ins Gelände gezogen war, hinter die Mauern zurück. Da es jetzt Ernst wurde, erließ der Stadtrat 20 Provisionen (Erlasse) 41 erhöhter Gefechtsbereitschaft, die dem Kommandanten durch die Kriegsmeister als Richtlinien für die Hilfe der Bürgerschaft eingereicht wurden. Dies geschah am 28. September, und die Bürger verzeichneten in ihren Akten, daß Barbaro von ihren Vorkehrungen in hohem Maße befriedigt sei. Da der Kommandant vier venezianische Adeligebei sich hatte, machte er sie zu den Befehlshabern der vier Forts der Stadt. Besonders wird diesen Offizieren die Auswahl der Wachmannschaften ans Herz gelegt, weil schon eine Zahl von vier Verrätern genügt hätte, den Feind durch ein Tor unbemerkt einzulassen. Deshalb darf kein Mann vorher wissen, mit wem er auf Wache zieht; außerdem verteilt Barbaro immer unter die unzuverlässigen Leute einige vertrauenswürdige Bürger 42 . Das erste, was der Feind tut, ist die Ableitung der Bäche, um die Brescianer Mühlen stillzulegen. Barbaro ruft aber die technische Nothilfe auf, wie man heute sagen würde. Teils wird der Hausbedarf mit Handmühlen gedeckt, teils wird das Mehl in einer Stadtmühle hergestellt, die durch ein in der Siele laufendes Pferd angetrieben wird. Diese Mühle stand abwechselnd den einzelnen Stadtvierteln zur Verfügung, und so schuf die Ableitung der Bäche zwar eine Unbequemlichkeit, aber keine Gefahr für Brescia 43 . Keiner der drei apokalyptischen Reiter Hunger, Krieg und Pest verschonte die belagerte Stadt. Das Traurigste und Entmutigendste war wohl die Seuche, die die tapfern Kämpfer von innen anfiel. Während der ganzen langen Belagerung sprechen die Berichte immer wieder von neuen Opfern der Pest, die glücklicherweise an Barbaro selbst vorüberging. Die ersten, die man zu Grabe trug, waren der Arzt und seine ganze Familie. Als die ansteckende Krankheit am 7. August auftrat, hatte man angeordnet, die Familienglieder der Kranken in einem abgelegenen Seuchenheim zu isolieren; ihre Häuser wurden verriegelt und mit Ketten abgeschlossen, damit niemand mehr hereinkönnte; doch diese Vorsichtsmaßregeln halfen nichts, weitere Familien wurden von der Krankheit vertilgt 44 . Die ganze furchtbare Not des Massensterbens, wie wir sie aus 2l6 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA den grandiosen Schilderungen der italienischen Pest von Boccaccio und Manzoni kennen, brach über die Stadt herein. Zu Ende des Jahres wird mit Trompetenschall ausgerufen, daß kein Althändler alte Kleider, Tücher und Laken ankaufen dürfe, da durch diese Gegenstände die Ansteckung immer von neuem verbreitet würde. Auch die Totengräber der an Seuchen Gestorbenen wurden zerniert, und man verbot ihnen, sich unter die Gesunden zu mischen, namentlich in den Kirchen. Standhaft und lakonisch teilt Barbaro einmal seinem Sohne Zacharias mit: «Hier wütet bei weitem schlimmer als gewöhnlich die Pest; doch weder Todesfurcht noch irgendeine andere Bedrängnis zieht unser Gemüt von der bangen Sorge um den Staat ab, dem ich nächst Gott mein Leben geweiht habe 45 .» Acht Tage nach ihrer Ankunft begannen die mailändischen Kanonen das Bombardement aus 80 Schlünden; das war für damalige Zeiten viel. Aus der Stadt erwiderte man das Feuer auf die feindlichen Batterien. Barbaro stellte für die in die Wälle geschossenen Breschen Material bereit und ließ i3Ver- teidigungstürmchen auf der Umwallung außerhalb der Mauer anlegen 46 . Auf vielerlei mußte er in dieser schlimmen Zeit verfallen, um seine Mitkämpfer bei Mut und guter Laune zu halten. Bald erhielt er, wie Manelmi erzählt, Briefe erfreulichen Inhalts, die er aber selber an sich geschrieben hatte, bald waren es Boten, die angeblich von außen die frohe Kunde brachten, daß man in Venedig schon an den Entsatz Brescias dächte, dann wieder hatte Barbaro bedeutsame Träume, die er seinen Bürgern erzählen konnte; als ein vom göttlichen Hauche Inspirierter deutete er daraus das der Stadt Heilsame 47 . Während des heißen Kampfes schweigt natürlich der sonst so gern und rege geführte Briefwechsel. Aber im Oktober erhielt er zu seiner Überraschung aus dem feindlichen Lager einen anteilnehmenden Brief. Dort befand sich, man weiß nicht, zu welchem Behufe, ein Studienfreund Barbaros aus seiner Paduaner Universitätszeit, der Abt eines im Gebiete von Ferrara gelegenen Klosters, Zambeccari. Dieser schrieb ihm besorgt, daß Barbaro an seine Gesundheit und sein Heil denken möge. Barbaro mochte den guten Rat zu diesem Zeitpunkt nicht gerade für passend halten; er antwortet aber doch sehr höflich, froh, sich für einen Augenblick in eine andere Gedankenwelt versetzen zu dürfen, er entsänne sich noch gerne der Zeit, wo er Zambeccari bei Zacharias Trevisan in Padua getroffen habe. Später, als Zambeccari DIE BESCHIESSUNG BRESCIAS 2I 7 ins Unglück gekommen wäre, hätte er ihm wohl geholfen und er, Barbara, würde sich freuen, wenn der Abt, der doch wohl ins feindliche Lager nicht mit unfreundlichen Absichten gegen ihn, sondern in seinem Ordensgewande gekommen wäre, auch etwas für ihn auszurichten vermöchte; aber es handle sich ja nicht um seine eigne Person, sondern um die gemeinsame italienische Sache, die auf dem Spiele stehe. Wegen der Belagerung um ihn sich zu sorgen, sei wirklich nicht nötig, ruft Barbaro dem Abte zu, denn mit dem Beistand Gottes habe er das Vertrauen, daß sie für Italien zum großen Nutzen und zum Ruhme der freien Völker ausgehen werde 48 . Der Mangel an Lebensmitteln macht sich immer bedrohlicher bemerkbar. Im großen Rat der Bürger wird sogar ernstlich die Frage erwogen, ob man Frauen und Kinder nicht heraus ins feindliche Lager schicken solle, um weniger Menschen in der Stadt sättigen zu müssen. Man kann sich nicht einigen und legt die Fragen den Rektoren vor, weil die Räte die Verantwortung eines so folgenschweren Schritts allein nicht glauben tragen zu können. Barbaro und Donato entscheiden gegen die Austreibung, weil sie der Stadt eher schade als nütze. Von der Wut der Belagerer mußte man auch, wie sich bald herausstellen sollte, das Schlimmste für die wehrlosen Angehörigen erwarten. Die größte Freude über diesen Entscheid zeigten die von Angst befreiten Frauen, und die Kinder auf dem Arm, zogen sie froh ihren aus der Ratssitzung heimkehrenden Männern entgegen 49 . Unter ihrer Anführerin Braida Awogadro, dem berühmten Heldenmädchen von Brescia, das auch in Venedig unvergessen blieb, betrugen sich diese Frauen heldenhaft. Doch spielt Braida ihre Rolle erst im nächsten Monat November, als die Not am höchsten stieg. Zuerst griff Piccinino wieder vom Norden her an, und die am nächsten bedrohte arme Bevölkerung der Unterstadt floh bestürzt und in hellen Haufen in die obere Stadt hinauf, als ob ihnen der Feind schon auf den Fersen folgte. Das verbreitete schlechte Stimmung und mißfiel Barbaro, aber er vermochte im Augenblick gegen die Feigheit der Leute nichts. Fürs erste legte er einen Kondottiere mit Wachmannschaft in das verlassene Quartier, bis sich nach einem Monat die Leute wieder in ihre Häuser zurückwagten; sie hatten eingesehen, daß die Wehr stark genug war, um sie vor plötzlicher Überrumpelung und Niedermetzelung zu schützen. Die 218 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA trübe und wankelmütige Stimmung in der Stadt wußte Barbaro meisterhaft zu leiten und vor Erschütterungen zu hüten. Nach einer Schlappe der Söldnertruppen bei einem Ausfall schärft er den Soldaten ein, nichts davon in der Stadt zu erzählen, damit die Bürger nicht mutlos würden; er stärkte mit seinem gütigen Zuspruch den Mut der Kämpfer so, daß sie in gehobener Stimmung zurückmarschierten, obwohl sie sich schlecht geschlagen hatten. Nun trug es sich zu, daß bei einem unglücklichen Gefecht ein Feigling seinen Posten verließ, in die Stadt rannte und dort Bestürzung unter den Fragern hervorrief; er selbst gab vor, krank zu sein. Barbaro läßt vor der Menge diesen Entschuldigungsgrund gelten, damit sich nicht die Angst in der wankelmütigen Menge verbreite; später wird der Deserteur auf seinen Befehl zum abschreckenden Beispiel hingerichtet. In dieselbe Richtung geht auch Barbaros Vorsicht, das Gemüt seiner Bürger zu schonen und ihnen Aufregung, wie auch jeden überflüssigen traurigen Anblick zu ersparen. Der allgemeine Begräbnisplatz war so gelegen, daß man die Toten, die die Pest und der feindliche Sturm hinraffte, mitten durch die Stadt tragen mußte, um sie zu bestatten. Der stündlich sich wiederholende Anblick der vorübergetragenen Bahren wirkte auf die Zuschauenden auf die Dauer so niederdrückend und der Jammer der Angehörigen so herzzerreißend, daß Barbaro den Trägern verbot, den Weg durch die Stadt zu nehmen; sie sollten die Toten der Schlacht vorläufig in einer Kapelle aufbahren 50 . Die Zahl der Verwundeten bei diesen Abwehrkämpfen übertraf bei weitem die der Gefallenen. Erwähnt sei noch das Allheilmittel, das damals die Brescianer Ärzte allen Kranken und Verwundeten verordneten, und von dem man sich außerordentliche Heilwirkung versprach: Zucker; in jenen Zeiten noch ein kostbares Kolonialprodukt, das jedoch der Handelsmacht Venedig in so großen Mengen zur Verfügung stand, daß sie ihre Untertanenstädte reichlich mit diesem Nahrungs- und Kräftigungsmittel versorgen konnte. Einen Monat lang bombardierte Piccinino ununterbrochen die Stadt und suchte die Mauern zu zertrümmern, um zum Generalangriff schreiten zu können. Am 22. November verlangen die Rektoren von der Bürgerschaft die größte Kraftanstrengung für die unmittelbar bevorstehende Zeit. Weil die Beschießung unter den wehrhaften Männern schon zu große Verluste gerissen hat, müssen nun auch die Frauen und Mönche DIE SCHANZARBEIT DER FRAUEN 219 zur Arbeit herangezogen werden. In den städtischen Akten, den Prowi- sioni, ist die Braida oder Brigida Avvogadro nicht genannt; außer einer ehemaligen Inschrift am Stadthaus, die ihrem Gedächtnis geweiht war, erzählt noch Manelmi: Als die Not höher gestiegen sei und man in Bürgerkreisen heimlich schon von Übergabe der Stadt sprach, habe Bar- baro die Braida de Advocatis, «ingentis Spiritus mulierem», eine Frau von gewaltigen Geistesgaben, zu sich gerufen und sie und andre edle Frauen ermahnt, eine Versammlung ihrer Nachbarinnen und Freundinnen einzuberufen, um zusammen bei Nacht zur Arbeit herauszuziehen und teils aus Liebe zur Freiheit, teils auch um Lohn die Mauern und Wälle, die der Feind tagsüber zusammengeschossen habe, unter dem Schutz der Dunkelheit wieder aufzubauen 51 . Während der ganzen Nacht wurde am Schanzwerk ohne jede Unterbrechung gearbeitet. Weder Mann noch Weib durften in diesen gefährlichen Tagen schlafen, wo alles darauf ankam, ob man sich hielt. Barbaro Heß straßenweise von den Frauen eine Stammrolle aufnehmen, und wie Manelmi mit Cäsars Stil wetteifernd schreibt, befahl er Legionen und Kohorten der Frauen aufzustellen, die nicht nach der Sitte der Vorfahren durch musische Gesänge, sondern durch militärische Pfeifensignale zum Schanzdienst aufgerufen werden sollten 52 . Als der Feind an den Feuern merkte, daß nachts gearbeitet würde, suchte er durch Pfeile und andre Geschosse zu stören. Barbaro läßt darauf vom Arbeitsplatz entfernt die Feuer anzünden, um den Feind zu täuschen; wo aber wirklich geschanzt wurde, befiehlt er größte Stille in der Dunkelheit. Wenn er nicht allgegenwärtig gewesen wäre und Bürger und Soldaten ständig ermuntert hätte, so wäre es mehr als einmal um die Stadt geschehen gewesen, versichert Manelmi. Aber solches Wunder wirkte seine Autorität und die hohe Meinung von seiner Tüchtigkeit, daß man unter seiner Führung und seinem Befehl nicht glaubte, zu Hause irren noch draußen besiegt werden zu können. So tun seine Leute alles, was er sagt. Als er die Schanze Bagnolo im Nordw-esten zu befestigen wünscht, täuscht er wieder einmal Briefe vor, die er über die von dort drohende Gefahr erhalten haben will. Dadurch ist eine harte Maßregel gemildert, denn die Häuser, die dort vor der Stadtmauer lagen, müssen von den Bürgern selber geschleift werden, damit sie dem Feind nicht als Deckung und Unterstand während 220 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA des Winters dienen. Schier unerschöpflich war Barbaro im Ausdenken neuer Listen, um die Bürger seinen Befehlen gefügig zu machen. Eine Zeidang fanden sie jeden Morgen außen an der Mauer Zettel, die Barbaro selber in der Nacht dorthin hatte bringen lassen; dadurch wurde der Anschein erweckt, als hätten die Bürger draußen, wohl gar im feindlichen Lager Freunde, die ihnen verrieten, was sie des Tages gerade tun müßten. Aber Barbaro beglückte nicht seine Bürger allein, sondern auch die Feinde mit täuschenden Briefen, die, voll falscher Nachrichten, von diesen abgefangen wurden; dann wußte er auch Geleitbriefe zu fälschen, damit seine Boten vom Feinde unbehelligt nach Verona, Ferrara und von dort nach Venedig gelangen könnten 52 . Vom Geld, das zur Kriegführung nötig war, haben wir bisher nie gesprochen, aber unter vielen vordringlicheren Sorgen Barbaros war die Sorge um die Auslöhnung der Soldtruppen in der abgeschnittenen Stadt nicht die geringste, denn es konnten seit langem keine Geldsendungen mehr von Venedig durchkommen. Das Letzte, was ihm die Signorie darüber mitgeteilt hatte 53 , war, daß sie ausreichende Gelder für Brescia und Bergamo an die Rektoren von Verona geschickt hätte, von dort sollte sie Barbaro abholen lassen; aber das war unmöglich, seit der Feind die Straßen beherrschte und sperrte. Die Kassen waren leer, die Soldaten mußten aber ihre Löhnung bekommen, sonst wurden sie aufsässig. Da fand Barbaro einen Ausweg. Da die Brescianer Bürger durch das Privileg der Serenissima von Zöllen und Tributen befreit waren, durfte er nicht wagen, eine Umlage von ihnen zu erheben, denn wenn das venezianische Joch irgendwie drückend empfunden worden wäre, so hätten die Brescianer bei der äußeren Drangsal der Belagerung wahrscheinlich auf die venezianische Schutzherrschaft verzichtet und sich dem Herzog von Mailand ergeben. Venedig besaß aber noch das Salzmonopol, das der Staat zu allen Zeiten in Italien für sich in Anspruch nahm; außer den schon erwähnten beträchtlichen Zuckerbeständen waren auch große Salzvorräte aufgestapelt. In einem Augenblick, wo er zur Wiederherstellung der Wälle dringend Geld brauchte, berief Barbaro das Volk zur Versammlung und erklärte ihm, daß sich jetzt jeder für ein ganzes Jahr mit seinem Vorrat an Salz eindecken könne und daß er gnädig schon jetzt diesen Einkauf gestatte auch über das Maß der DIE BESCHAFFENHEIT DES MAILÄNDISCHEN HEERES 221 einem jeden zukommenden Ration hinaus. Eine über Erwarten große Summe Geldes kam dadurch in die Kasse der Rektoren 54 . Die Heeresorganisation des mailändischen Feindes war ganz ähnlich derjenigen, wie sie uns 200 Jahre später vonWallensteins Armee vertraut ist: eine nichtmilitärische oberste Stelle, die in der Hauptstadt saß und an den Kämpfen nicht teilnahm, doch alle Fäden der Herrschaft über die Oberfeldherren zäh und eifersüchtig in der Hand hielt, — ebenso wie dort der Kaiser in Wien mit seinem Hofkriegsrat, machte es hier der Herzog in Mailand, von dem man sagte, daß er sitzend siege — dann an der Spitze des Heeres der auch im einzelnen von seinem Fürsten in allen Entschlüssen überwachte Oberfeldherr, hier Piccinino, dort Wallenstein, beides hervorragende Kondottieren oder Söldnerführer; auch ihr Schicksal und ihre Tragik weist Ähnlichkeit auf. Sie dürfen nicht frei nach ihren ehrgeizigen Plänen handeln, im Augenblick vor dem höchsten Erfolg wird ihre Tatkraft vom eignen Fürsten gedrosselt, um sie nicht übermächtig für den Thron werden zu lassen. Schließlich ist beiden das Heer nicht einheitlich untergeordnet, sondern es unterstehen ihnen halbselbständige andre Kondottieren, die mit ihrem Oberfeldherrn in Rivalität stehn und es an Gehorsam gegenüber seinen Befehlen häufig fehlen lassen. Im mailändischen Lager ist da Luigi di San Severino, ferner ein Kondotüere aus Brescianer Haus, Cesare Martinengo, und vor allem der gefährlichste und grimmigste Feind der Brescianer, der wilde Italiano Furlano aus Forll in der Romagna, aus dem Mutterland der wildesten, aber auch tatkräftigsten Söhne Italiens; er war kurz zuvor aus venezianischen Diensten herübergewechselt und tat es an erbitterter Grausamkeit allen zuvor. Sein Ende war gewaltsam wie sein ganzes Leben; als er wieder einmal an der Partei, der er zuletzt angehörte, Verrat üben wollte, wurde er gefangen und auf Befehl Sforzas und des päpstlichen Legaten enthauptet. Er war besonders unbotmäßig und hielt sich bei seinem tollen Draufgängertum kaum an die Gefechtspläne Piccininos. Da Barbaro von der Uneinigkeit und den Eifersüchteleien der feindlichen Heerführer wußte, verschmähte er es nicht, sie durch geheime Machenschaften noch mehr zu schüren und einen gegen den andern aufzuhetzen. Als hingegen ein «Bravo» sich bei ihm meldete und ihm anbot, den Piccinino, zu dessen Dienerschaft er gehöre, meuchlings zu 222 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA beseitigen, vorausgesetzt, daß man ihm in Venedig eine hohe Belohnung aussetze, antwortet Barbaro stolz: Wenn Piccinino lebt, werde ich mit größerem Ruhme leben und siegen! Diese Haltung, fügt Manelmi hinzu, sei um so lobenswerter, als ihm zuverlässig gemeldet wurde, daß bei Piccinino nicht der Wille, nur die Gelegenheit gefehlt habe, den Barbaro umzubringen 55 . Das Meucheln und Vergiften der Gegner war in jenem Jahrhundert im Schwange. Auch Venedig macht keine Ausnahme davon und hätte gerne seine jeweils gefährlichsten Gegner auf diese Weise beseitigt. Wie man in amtlichen Rechnungen gefunden hat 56 , hat sich die Signorie die Giftmischer etwas kosten lassen: während des Ungarkrieges um das Friaul gegen den König Sigismund und später gegen den Herzog von Mailand, Francesco Sforza. Beide Anschläge mißlangen, und als der Mörder selbst seinen Auftrag verriet, ließ sich Sforza gleichmütig nur das Gift ausliefern, um es gegebenenfalls selbst einmal weiter zu verwenden. Gegen diese Unbedenklichkeit der Zeitgenossen beim Gift- und Meuchelmord sticht Francesco Barbaro nur um so heller ab, da die Versuchung nicht gefehlt hat. Während andere nur erbauliche Reden im Munde führten und sich in ihren Taten nicht an sie hielten, machte er wirklich Ernst und tat als erster, was er von seinen Mitmenschen erwartete. Sein fester Entschluß war, in dieser Haltung zu siegen oder unterzugehen. Er ließ sich auch niemals von der Grausamkeit seiner Gegner verleiten, auch mit Grausamkeit Vergeltung an den Gefangenen zu üben. Er duldete nicht, daß gegen den Feind eine Treulosigkeit begangen würde, auch nicht in den gefährlichsten Augenbücken, denn er pflegte zu sagen, die Feinde sollten von ihm gute und ehrenhafte Haltung und Art übernehmen können, wenn sie nur wollten 57 . Vor den entscheidenden Kämpfen schießen die Mailänder Pfeile in die Stadt mit verführerischen Briefchen, alle Bürger, die nicht die Waffen ergriffen, sollten straflos bleiben. Um dem entgegenzuwirken, läßt Barbaro unter den Häuptern der mailändischen Partei in Brescia verbreiten, daß der wilde Italiano kein Pardon geben werde und alle Einwohner niedermetzeln, die Häuser plündern und verbrennen wolle. Dies habe Italianos Schreiber selbst gesagt, und um das Gerücht zu bekräftigen, ließ Barbaro Briefe desgleichen Inhalts auffinden, die angeblich vom Feinde ebenfalls hineingeschossen worden waren. VOR DER ENTSCHEIDUNGSSCHLACHT 223 Piccinino stellte am 29. November sein Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen Hügel, um zu sehen, wie weit seine Verführungskünste gelungen sind und in welcher Zahl wohl die Bürger noch ihre Stadt verteidigen. Barbaro hatte inzwischen in der Kirche die Messe angehört und das Gelöbnis abgelegt, so zu handeln, daß sein Vaterland und ganz Italien ihm danken solle, ob er nun leben bleibe oder falle 58 . Er teilte sich dann in die Aufgaben des Tages mit seinem Amtsgenossen Donato; dieser möge durch die Stadt gehen und die Schwachen und Waffenlosen veranlassen, auf die nicht besonders gefährdeten Stellen der Stadtmauern zu treten, damit dem Feinde nirgends die Möglichkeit gegeben wäre, sich Brescias durch Verrat zu bemächtigen. Barbaro selbst als oberster Befehlshaber stieg in glänzender Rüstung auf sein Schlachtroß, sprengte zu den Verteidigern und sprach ihnen Mut zu, so daß sie aus seinen Worten und seiner Gestalt die Hoffnung auf ihr Heil und ihre Freiheit leuchten zu sehen glaubten. Wo er hinritt, wollte der laute Jubel nicht enden, womit sie ihn als Vater der Stadt empfingen, die Feinde draußen aber meinten, es sei an diesen Stellen gerade Verstärkung eingetroffen. Piccinino war von dem Anblick wenig erfreut, und es wuchs in ihm eher die Bewunderung für seinen tapferen Gegner Barbaro als die Hoffnung, die Stadt ohne große Anstrengung zu gewinnen. Er Heß deshalb für diesen Tag noch einmal zum Rückzug blasen, Barbaro dagegen erhob mit seinem Lobe die Bürger und Soldaten, die sich um ihn scharten: die Feinde hätten weniger ihnen einen Schrecken eingejagt als selber einen Schrecken von ihnen empfangen 59 . Man hatte damals erst begonnen, sich allgemein des Pulvers zu bedienen, das noch wenig mehr als 100 Jahre im Abendland bekannt war. Die Stadt war von Anfang an spärlich damit versehen; schon drohte es auszugehen, als Barbaro erspähte, wann der Feind aus den nahen Pulvermühlen einen Transport ins Lager abgehen ließ; diesem lauerte er auf und schnappte ihn so glücklich weg, daß der Feind nun seinerseits im entscheidenden Augenblick kein ausreichendes Pulver für seine Kanonen hatte, in die es zu damaliger Zeit noch lose eingeschüttet wurde. Beiderseits übte man eifrig die Kunst der Minen und Gegenminen; einmal gelang es dem Taddeo d'Este, mailändische Sappeure in die Luft zu sprengen, aber dann hatte Italiano Furlano unbemerkt von den Brescianern 224 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA unter den Hauptbefestigungsturm im Norden bei Mombello eine schwere Mine getrieben, die er kurz vor seinem Sturmangriff am Morgen des 30. November springen ließ, so daß an dieser Stelle vor ihm Wall, Graben und Mauer eingeebnet wurden 60 . Verschärftes Artilleriefeuer setzte ein, um die schon klaffenden Breschen zu erweitern und durch starke Rauchentwicklung des Pulvers den Belagerten zu verschleiern, wie man den Angriff im Lager vorbereitete. Zwei feindliche Kolonnen greifen an, die eine klettert mit Italiano an der Spitze über den geborstenen Turm bei Mombello und ist schon im Gebiet der Stadt, ehe die Bürger es gewahr werden. Zuerst bemerken die Frauen und Greise, die, wie wir hörten, auch auf der Stadtmauer Aufstellung genommen hatten, den Einbruch des Feindes und erheben ein markerschütterndes Geschrei, so daß die nächststehenden Wachmannschaften aufgeschreckt werden und von allen Seiten nach der Bastion von Mombello stürzen. Dort entwickelt sich ein blutiger Nahkampf. Der Feind wird nach vierstündigem Ringen zurückgeschlagen. Die Städter hatten 40 Tote und einige Hunderte von Verwundeten, von denen noch viele starben, zu beklagen, doch beim Feind waren weit größere Verluste, so daß er keine Lust mehr zeigte, am Nachmittag noch einmal an dieser Stelle anzugreifen. Den ganzen Tag aber dauert bei San Appolonio das Gefecht mit den Hauptstreitkräften Piccininos. Wiederum tut sich Italiano mit Ungestüm hervor; er erkämpft sich seitlich des Forts Mombello einen Weg über die zerrissenen Mauern und gewinnt Einblick in die Stadt; schon glaubt er sich ihrer bemächtigen zu können. Um sein Rachewerk zu beginnen, zielt er mitten in eine Schanzkolonne von Arbeitern und Frauen, die zwischen Mombello und Ravarotto ein anderes festes Vorwerk baute, und richtet unter den Wehrlosen ein großes Blutbad an; aber keinen Augenblick lassen sich die Tapfern dadurch in ihrer Arbeit stören. Durch das Einstürzen der Mauern war das Gelände so eingeebnet, daß die feindlichen Reiter vom Wall ohne weiteres in die Stadt hereinreiten konnten. Bei diesem furchterregenden Anblick bekamen doch manche Angst und murmelten zwischen den Zähnen, daß es jetzt zur Übergabe Zeit sei, um dem äußersten Verderben zu steuern. Doch reißen 400 auserwählte Krieger, die zur Hilfe herbeistürmen, die Furcht- DIE BESTÜRMUNG BRESCIAS 225 samen mit sich nach vorne; man hält die zweite Schanze, von der alles Heil abhing. Vor dieser lagen einige Fässer mit Steinen und Schutt, die jetzt den Verteidigern zur Deckung dienen. Italiano greift immer wieder vergeblich an und muß sich schließlich bei Einbruch der Nacht voll Wut zurückziehen, da er sieht, daß auch Piccinino zurückgeht 61 . Nach diesem ersten großen Angriff trat kaum eine Ruhepause ein. Das Bombardement dauerte ununterbrochen an. Unterdes mußten die Belagerten ihre Stadtmauern wieder in einen leidlichen Verteidigungszustand setzen. Am 10. Dezember tritt Taddeo d'Este vor den Rat und erklärt in Anwesenheit der Rektoren, er könne bestimmt sagen, daß der Feind in zwei bis drei Tagen einen neuen Angriff unternehmen werde, und zwar an drei Stellen, deren Lage ihm bekannt sei. Barbaro begibt sich darauf sofort an die drei genannten Plätze, die er noch ganz zerfallen findet. Er vermeidet es, die Gefahr zu übertreiben, weil er die Bürger nicht überflüssig aufregen möchte, doch mahnt er alle Einwohner, ohne Ansehen der Person, des geistlichen Standes oder des Geschlechtes an dieses neue Werk Hand anzulegen 62 . Jetzt tagt statt des Rates einAusschuß von 13 Bürgern in der Loggia wie in einem neuen Prytaneion, denn keiner darf sich, auch nicht zum Essen, entfernen, damit man stets beschlußfähig bleibe. Als vierzehnter wird ihnen der Abt von Leno beigegeben, der sich um die Verteidigung die größten Verdienste erwarb. An den drei Stellen verfügt Barbaro die Anlage eines noch stärker befestigten zweiten Grabens. Er mußte auf alle Möglichkeiten gefaßt sein, denn die Bürger wurden durch die ständige Beschießung schon mürbe und begannen an ihrem Los zu verzweifeln. Aber im mailändischen Lager steht es nicht besser. Piccinino hatte im ganzen Feldzug wohl schon 5000 Mann verloren. Der Winter war kalt und neblig und die Truppen unzufrieden über die mißglückten Stürme. Auch machte nun das Heer des Gatta- melata, das den Markgrafen von Mantua aus dem Gebiet von Verona verjagt hatte, im Mantuanischen Fortschritte. So bereitet Piccinino einen letzten großen und allgemeinen Angriff gegen Bresciavor und lockt seine murrenden Truppen mit dem Versprechen der Plünderung der Stadt und mit der Aussicht auf große Beute. Auf der andern Seite war den Rektoren von Brescia die bedrängte Lage des Feindes wohlbekannt, und sie verfehlten nicht, darauf hinzuweisen und ihre niedergeschlagenen '5 zz6 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA Städter zu ermutigen: Der bevorstehende Angriff sei sicher der letzte und entweder für die Stadt verhängnisvoll oder ruhmreich, weil sie sich dann endgültig des Feindes erwehrt hätte. Am 13. Dezember bricht, wie erwartet, erneut der Sturm los 63 . Nun muß Brescia auch den letzten Mann an seine Verteidigung setzen. Der Podesta späht in der Stadt nach noch Unbewaffneten aus, um mit ihnen ein letztes Aufgebot zusammenzustellen. Barbaro hält sich bereit, immer an den gefährdetsten Platz zu eilen. Taddeo d'Este steht gefechtsbereit an der Spitze der Reiterei bei Ravarotto, und dem Kondottieren Jacopo Catalano wird das Kommando der Bastion Mombello, die noch in Trümmern lag, anvertraut. Inzwischen hatte sich im Schutze der Nacht Italiano an die notdürftig wiederaufgerichteten Stadtmauern bei Mombello herangeschlichen, sie unterwühlt und künstlich durch Stützbalken gehalten. Er dachte, daß die Mauern, wenn er am andern Morgen diese Stützbalken in Brand steckte, stadtwärts einfallen würden, aber die Bürger waren auf ihrer Hut und wußten es durch Stangen so einzurichten, daß die Mauern nach außen auf die Befestigungswerke der Feinde stürzten. Piccinino hatte nach den großen Verlusten der früheren Angriffe nur noch 15 000 Mann zum Sturm anzusetzen. Zunächst griff er zwischen Mombello im Norden und dem Fort San Appolonio an, verbreiterte aber die Front schnell auf die drei den Brescianern schon verratenen Stellen. Bisher hatte der mailändische General Schar für Schar ins Gefecht geschickt und dann wieder von frischen Truppen ablösen lassen. Da er aber sieht, daß er damit nicht zum Ziele kommt, weil zwischendurch die Verteidiger immer wieder Zeit hatten, sich zu erholen und die Mauern auszubessern, ändert er seine Taktik und wirft nun alle seine Truppen auf einmal in den Kampf, so daß die Angreifer viel dichter gestaffelt waren als vorher und dadurch den Brescianer Schützen ein besseres Ziel gaben. Einem geschickten Kanonier gelingt ein Volltreffer in den dichtesten Haufen, der 19 Soldaten zerschmettert und viele verwundet; dadurch wird der Angriff an dieser Stelle zum Stehen gebracht. Beim Nahkampf schweigen auf beiden Seiten die Geschütze, und die Brescianer wehren sich mit allen spitzen Gegenständen, deren sie habhaft werden können. Frauen eilen auf die Bastionen und schütten auf die zwischen den Trümmern herauf kletternden Feinde kochendes DER 13. DEZEMBER 1438 227 Wasser, ungelöschten Kalk, auch siedendes Pech, das durch die Spalten und Ritzen der Helme durchsickert und auch die kühnsten Eindringlinge kampfunfähig macht. Da alle Deckung verschwunden war, denn es gab keine Mauern, Gräben und Wälle mehr, mußten die Bre- scianer sich jetzt ungedeckt dem Feinde entgegenwerfen, und da, wie Barbaro später seinem Neffen berichtet 64 , kein Geschoß mehr sein Ziel verfehlte, galt es, zu streiten und zu fallen. Im heißesten Ringen kommt den Brescianern unvermutet von außen Entsatz. Der Kommandant von Bergamo, Scaramuccia di Forll, hat von der Not der Schwesterstadt Brescia gehört und kommt ihr zu Hilfe; freilich nur mit 29 Mann, aber die moralische Wirkung auf die Brescianer war ungeheuer, da das Gerücht sich verbreitete, daß von Bergamo Hilfe heranmarschiere. Namentlich die Frauen auf der Mauer brechen auf diese Nachricht hin in ein Freudengeschrei aus, das spornt die Männer an und erfüllt sie mit Mut. Die Soldaten Piccininos beginnen, nachdem sie den ganzen Tag vergebens gekämpft haben, zu murren und gegen ihren General zu schelten, daß er aus reiner Habgier so viele tapfere Männer hingeopfert habe. Noch vor Abend wird bei Mombello der Kampf abgebrochen, doch will Picci- nino seine Sache noch nicht verloren geben und befiehlt den Nahkampf an einer Stelle, wo bisher nur aus der Ferne gestritten worden war, bei Torlonga. Um seine Leute besser zum Angriff anfeuern zu können, begibt sich der General selbst in diesen Kampfabschnitt. Während dort hart gekämpft wird, verbreitet sich das Gerücht, der Feind sei bereits in die Stadt eingedrungen und die Brandschatzung habe begonnen. Daraufhin raffen sich die letzten schwachen Greise, Frauen und Kinder, die in der Stadt zurückgebheben waren, auf und stürzen zu den Kämpfenden. Der Anblick dieser Schar, die ja nichts ausrichten konnte, rührte die Brescianer so, daß ihnen noch einmal neue Kraft zufloß und sie mit einem letzten Aufschwung den Feind vollständig vertrieben. Dann sank die Nacht herab; doch da die Brescianer nun des Schutzes, den ihnen sonst die Mauern gewährt hatten, beraubt waren, mußten sie die ganze Nacht vor einem feindlichen Überfall auf der Hut sein. Doch erst beim Morgendämmern befiehlt Piccinino einen Reiterangriff. Er verlockt seine Leute wiederum mit dem «sacco di Brescia» und macht sie auf das Geld der Venezianer lüstern, das diese angeblich in der Burg verwahrt hielten, 15' 228 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA um ihre Söldner zu löhnen — eine, wie wir wissen, eitle Hoffnung. Außerdem verspricht er die Brescianer Frauen, deren Männer und Väter sie erschlügen, ihnen preiszugeben. Schließlich verheißt er, daß nach der Eroberung Brescias noch andere, ertragreichere Unternehmungen folgen würden. Das alles wissen wir freilich nur aus Feindesmund (Ma- nelmi). Da auch die Brescianer wußten, was ihnen bevorstand, wurde an diesem letzte Schlachttage mit unbeschreibücher Erbitterung gekämpft. Ein zweistündiger Angriff der Mailänder bei Torlonga bringt sie nicht vorwärts, aber danach bricht bei Ravarotto weit gefährlicher und stärker Italiano hervor; er setzt plötzlich seine mit schweren Ritterrüstungen gewappnete Reiterei ein, an deren starkwandigen Brünnen und Helmen die von den Brescianern geschleuderten Geschosse abprallen. Diese Ritter waren mit Spezialtruppen zu Fuß untermischt, die mit langen Haken alle diejenigen herunterzerrten, die sich auf dem Walle zur Verteidigung zeigten. Außerdem bestrichen Arkebusiere mit ihren Geschossen den Wall. — Das Gewehr, das wegen seines Gewichtes zum Zielen auf eine Gabel gelegt werden mußte, war damals noch nicht allgemeine Waffe der Infanterie. — Endlich schleudern die Feinde auch Brandpfeile auf den Wall und richten damit große Verheerungen an; doch wendete gerade dies eine große Gefahr für die Brescianer ab, denn der durch die Brandpfeile verursachte dichte Rauch verschleierte den Angreifern die Sicht. Sie merkten nicht, daß eine große Strecke des Walles von Verteidigern ganz entblößt war; erst wieder auf das Geschrei der Frauen hin wurden diese Lücken von den sobenannten 400 Unsterblichen bemannt. Diese waren eine Kerntruppe, deren Verluste immer sofort aufgefüllt wurden, um sie in Vollzähligkeit jederzeit schlagbereit zu halten. Im übrigen verteidigten sich die Brescianer mit denselben Mitteln wie am Tage zuvor, nur daß noch beim Ausgießen der Pechfässer der Wind einen so beizenden Rauch in die Augen der Angreifer blies, daß diese nicht mehr zielen konnten und ihre aufs Geratewohl geschleuderten Geschosse nicht mehr trafen. Als Barbaro bemerkte, wie die Feinde schon müder und schwächer wurden, machte er mit einer auserlesenen Schar einen Ausfall aus der Porta di Torlonga und zwang dadurch die Angreifer, ihre Schanzen zu verlassen. Die Brescianer stürzen sich nun auf die feindlichen Gräben und zerstören sie. Nach seiner Niederlage zieht DER 14. DEZEMBER 1438 229 sich Piccinino in sein Lager zurück, die Brescianer in ihre Stadt. Hinter ihnen läßt Barbaro die Tore schließen und verbietet, daß noch jemand herausgeht, denn die siegestrunkenen Verteidiger wollten am liebsten den Angreifern auf dem Fuße ins Lager folgen und sie dort niederhauen. Es wäre sie aber nach so viel Verlusten noch teuer zu stehen gekommen, hätten sie sich zu dem Wagnis hinreißen lassen. So war am Abend des 14. Dezember Brescia endgültig von der Bestürmung befreit. Der Feind wagte niemals mehr einen Angriff wie in den beiden letzten Tagen. Damit war jedoch erst die Hälfte der Mühen überwunden, weil jetzt der Gegner die Stadt auszuhungern versuchte. Tags darauf fanden auf Veranlassung des Podestä Dankprozessionen des gesamten Klerus statt, die durch die ganze Stadt ziehen. Währenddessen wird aber die Bewachung nicht vernachlässigt. Man vernichtet die vom Feinde im Stich gelassenen Belagerungsgerätschaften und geht, wo gerade die Bresche am meisten klafft, an den Wiederaufbau der zerstörten Mauern. Jetzt bewilligten die Brescianer eine Umlage, um den Söldnern den wohlverdienten Lohn auszubezahlen, und zur Belohnung wurde allen Verwundeten und Nichtverwundeten eine besondere Ration Zucker gespendet, denn die Verluste waren für damalige Verhältnisse beträchtlich. Etwa 800 Bürger waren gefallen, 200 von der venezianischen Besatzung und über 5 00 Bauern, Handwerker und Arbeiter. Piccinino hingegen verlor bei seinen vergeblichen Anstürmen 2000 Mann, darunter allein 200 vornehme und bekannte Personen. Am 17. Dezember bricht er sein Lager ab und führt die Truppen in die weitere Umgebung. Im Hinterhalt läßt er noch zwei Kompagnien zurück, um die aus der Stadt herauskommenden Brescianer zu überfallen und sich an ihnen zu rächen. Aber vergebens; Barbaro war zu wachsam und hatte zu gute Späher. Auch in dieser letzten Hoffnung getäuscht, legt Piccinino seine erschöpften Truppen in das von ihm befestigte Mompiano. Die Brescianer schleifen sogleich die Befestigungen des verlassenen Lagers. Damit schließt das denkwürdige Jahr 1438. Das nächste Jahr ist nicht mehr, wie das letzte, durch blutigen Kampf um Brescia ausgezeichnet, sondern durch den geistigen Kampf. Man mag es eine humanistische Invektive heißen mit Rede, Gegenrede und Widerrede, doch unterschied sich dieser geistige Kampf von früheren Rügeschriften, die wir kennengelernt haben, bei denen es nur um unbeträchtliche 230 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA Privatangelegenheiten ging; hier handelt es sich um einen Gegenstand, der der Mühe des Redestreites wert war: das Ringen Mailands um die Herrschaft Oberitaliens gegen Venedig und dessen Vorkämpfer Francesco Barbaro. Als der Herzog von Mailand einsah, daß er sich der Stadt Brescia nicht mit Gewalt bemächtigen konnte, versuchte er es mit List und gedachte sie zu beschwätzen. Es mutet uns an, wie die Fabel vom Wolf im Schafpelz, denn eines Tages wurde nach Brescia ein Pfeil mit einer Botschaft hineingeschossen. Als Barbaro sie entfaltete, sah er vor sich ein vom 21. Februar 1439 datiertes Schreiben der Mailänder an die Brescianer 65 . Man wußte bis heute nicht, wer der Verfasser des Briefes war, da man die humanistisch gewandte Feder, die es verfaßt hatte, weder «den Mailändern» noch ihrem Herzog, am wenigsten aber einem rauhen Kriegsmann wie Piccinino zutrauen wollte, jedoch hat sich der Verfasser in dem letzten der drei hier zu besprechenden Schreiben als eine bekannte Persönlichkeit enthüllt. Es war Pier Candido Decembrio, Humanist am Hof des Mailänders 66 . Den Anfang des Briefes machte eine schmeichelhafte Anerkennung der Tapferkeit Brescias, das dem siegreichen Heere des Herzogs Filippo Maria, dem nicht einmal das große Bologna standhalten konnte, Widerpart geleistet habe. «Daraus könnt ihr den Beweis der großen Liebe des Caesar Philippus für euch entnehmen»; der Herzog wolle nicht, daß sie zugrunde gingen, nachdem sie das venezianische Heer treulos im Stich gelassen hatte. Was sie bisher getan hätten, wäre die Tat von weisen und tapferen Männern; wenn sie aber so fortführen, müsse man sie halsstarrig nennen. Warum hätten sie den Schaden der Herrschaft zuliebe auf sich genommen, die sie durch einen Köder von ihm weglockte ? Der Herzog, unter dessen milde Herrschaft sie zurückkehren sollten, wolle ihnen nichts nachtragen, denn er freue sich über sie wie das Himmelreich über einen reuigen Sünder. Als seinen Gesandten schicke er ihnen den Cesare Martinengo, der als Kondottiere in seinen Diensten stehe, der als ihr Mitbürger ihr Unglück beklage und beweine und der ihre Ehren und ihr Glück wie sein eignes erwünsche. «Ihr seid eingeladen: der Tisch ist euch aufs passendste gedeckt, wenn ihr nur wollt. Was zögert ihr noch, ihr Söhne, zum Vater zu kommen ?» Zum Schluß dieses väterlichen Schreibens fehlt nicht der Hinweis, daß die Stadt bald ausgehungert sein werde, wenn sie noch weiter BRIEFSTREIT PIER CANDIDO DECEMBRIO-BARBARO 231 zu den Venezianern hielte. Dieser, man kann wohl sagen, heuchlerische Brief rief die helle Empörung der Brescianer wach. Barbaro selber, den sie alleihren wahren Vaternannten,antwortet in ihremNamen.KeinBriefunter den vielen Hunderten seines verzweigten Briefwechsels hat die heldische Größe dieser Erwiderung, die von seinen eben vollbrachten Taten widerleuchtet und einen unbeugsamen Willen zeigt, auch unter den schwersten Drangsalen bis zum letzten auszuharren. Dem unbekannten Mahner aus Mailand ruft er zu: «Wer du auch seist, wir würden dir großen und ewigen Dank wissen, wenn wir deiner Mahnung zur Zeit bedürften 67 .» Der erlauchte Herzog von Mailand sei von Kind auf Filippo Maria genannt worden, und er wisse nicht, warum er ihn auf einmal Caesar Philippus nennen solle. Seine Überzeugung, auf die wir schon bei der Relation an den Kanzler Kaspar Schlick stießen, beruht auf der Verachtung des tyrannischen Mailänder Regimentes. Daher die Klagen der Brescianer über die frühere mailändische Regierung. Wir kommen bei der Antwort des Mailänders noch darauf zurück. Der Kondottiere Cesare Martinengo solle eher zu seinen Mitbürgern herüberkommen, als gegen seine Vaterstadt kämpfen. — Gegen Ende des Krieges fiel er den Bre- scianern wirküch in die Hände. — Es folgt das Lob des venezianischen Staates als letzter Zuflucht der Brescianer. «Wir Brescianer aber wollen das wenige Blut, das wir noch besitzen, wahren, und haben erlauchte und ausgezeichnete Männer (die Venezianer) angefleht, die allen Sterblichen unserer Zeit in Gerechtigkeit, in Milde und in der Heiligkeit ihrer Sitten vorangehen müßten, die so viele Jahrhunderte hindurch nicht allein ihr geheiligtes Reich durch gute Sitte und ehrbare Künste zu erhalten wußten, sondern es auch noch zu Wasser und zu Lande und zum großen Ruhme der Christenheit mehrten . . .» Die beiden ersten Briefe waren seit jeher bekannt und wurden schon von Evangelista Manelmi in sein Kriegstagebuch aufgenommen. Nun hegt in Perugia eine bisher noch unbeachtete Handschrift der beiden erwähnten Briefe, doch einzig in diesem Codex Perusinus folgt ihnen noch ein langer dritter aus der Feder des Pier Candido Decembrio vom 1. August 1439 68 , der Satz für Satz eine Entgegnung des Mailänder Humanisten auf den letzten Brief Barbaros enthält. Es gibt zu denken, 232 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA warumdiesebedeutsameletzteErwiderungdes Mailänders ganz unbekannt nur in einer versteckten Handschrift auf einer abliegenden mittelitalieni- schenKommunalbibliothek erhalten blieb. Man möchte vermuten, daß sie Manelmiwillentlich totschwieg, denn nachdem er Mailands ersten Brief und Barbaros hochsinnige Antwort bekanntgegeben hatte, konnte ihm nicht daran Hegen, dem Feinde das letzte Wort in diesem Drama zu lassen. Bar- baro als Sieger sprach nicht mehr in Briefen, sondern durch die Tat. Aus Pier Candido Decembrio spricht die Untertanentreue zum angestammten Fürstenhaus der Visconti, dem schon sein Vater Uberto, ein Schüler des Manuel Chrysoloras, diente. Seit jungen Jahren hatte Pier Candido diplomatische Aufträge für seinen Herzog ausgeführt 66 , deren einer ihn im November 1425 nach Venedig führte. Er hatte sich sehr darauf gefreut, Guarino und Barbaro kennenzulernen, aber er war durch eilige Depeschen seines Herzogs abberufen worden, ohne diesen Wunsch erfüllt zu sehen. Man stand kurz vor Ausbruch der Feindseligkeiten im ersten mailändischen Kriege. Nach Hause zurückgekehrt, schrieb er einen überaus herzlichen Brief an Guarino mit dem Bedauern, ihn und Barbaro, der damals in Vicenza Podestä war, in Venedig nicht gesehen zu haben. Diese anfangs herzlichen Beziehungen wurden durch die Kriegsereignisse, die die Mailänder schädigten, getrübt, und Decembrio wird bald zum literarischen Widerpart unserer venezianischen Humanisten. Als 1428 Guarino ein Lobgedicht auf den siegreichen venezianischen Feldherrn, den Grafen Carmagnola, verfaßte, in dem er Venedig preist und Mailand tadelt 69 , beauftragte der gekränkte Herzog Filippo Maria seinen Sekretär und Orator Pier Candido mit der Gegenschrift Dieser widerlegte nun in einem langen Schreiben an den uns schon bekannten Abt Zambeccari die Angriffe Guarinos, den er im Gegensatz zu seinen Ehrfurchtserklärungen vor drei Jahren jetzt einen: vir in dicendi facultate mediocris nennt 70 . Decembrio wendet in diesem Briefe schon dieselbe Art wie später an, nämlich Satz für Satz der Gegenschrift zu zerpflücken, ebenso wie in der jetzt aufgefundenen Entgegnung an Barbaro. 1435 arbeitet Pier Candido als mailändischer Diplomat am Hofe des Kaisers Sigismund gegen Venedig. Decembrio schreibt ferner im Jahre 1439 noc h vor dem 1. August (dem Datum seines Rügebriefes an Barbaro) einen Brief an den Mailänder Gelehrten Ambrogio PIER CANDIDO DECEMBRIO Crivelli, den wir später 1444 während Barbaros Gesandtschaft nach Mailand in freundschaftlichen Beziehungenzu diesem sehen. Darin übt Decem- brio heftige Kritik an dem Stil Francescos. Er nimmt sich den Brief an Leonardo Giustiniani vor, den wir oben erwähnten 71 , und tadelt das, was uns gerade als besonders wirksam erscheint: die Bildersprache. Decembrio findet es unangebracht, daß Barbaro, der doch mitten im Fesüand in Brescia säße, dauernd Seemannsausdrücke gebrauche, deren in der Tat eine ganze Reihe in seinen Briefen nachzählbar sind. Wir erinnern uns des Ausrufs Francescos, wie er vorne am Bug des Staatsschiffs im Sturme stehe, während Giustiniani am Heck das Steuer führe. Das Ausspinnen dieses Bildes findet Decembrio lächerlich: «Du siehst einen Mann, schreibt er, der nicht nur im Geiste, sondern mit Schreiberohr und Papier zwischen den trockenen Felsen Brescias Schiff fährt und sich nicht von seiner Künstelei abbringen läßt. Hör den Barbaro selber, der als Venezianer an nichts anderes denkt als an Schilfe und Ruder 72 .» Merkwürdig ist immerhin diese Neigung zu Seemannsbildern, denn soviel wir wissen, hat Francesco nie größere Seefahrten unternommen, war nie in der Levante und scheint auch nicht besonders seetüchtig gewesen zu sein, denn auf der kurzen Fahrt über Meer von Ferrara zur Po-Mündung und die Küste entlang nach Venedig ist er seekrank geworden 73 . Aber wer als Kind in Venedig aufwuchs, dem mögen die Seemannsausdrücke der Stadt im Meer so in Fleisch und Blut übergegangen sein, daß er sie zeitlebens auch nach langem Aufenthalte auf dem Festlande im Munde führte. Während Decembrio, wie wir hörten, den ersten mit einem Pfeil nach Brescia hineingeschossenen Brief im Namen der Mailänder geschrieben hatte, entdeckt er im zweiten seinen wahren Namen und äfft sodann Barbaros Eingangsworte nach, die dieser in seiner Antwort an den ihm noch Unbekannten gerichtet hatte. Erst an den Worten des Feindes können wir die ganze Größe der Gefahr, in der Barbaro in der belagerten und ausgehungerten Stadt schwebte, ermessen, denn er hatte doch nicht nur Leib und Leben zu verHeren, sondern auch seinen guten Namen und Ruf vor Gegenwart und Nachwelt. An der Stelle, an der er vermutete, daß Barbaro zu verletzen wäre, greift er ihn an. Decembrio spricht ihm die Uneigennützigkeit ab. Statt sich in diesem Augenblick 234 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA um die venezianischen Staatsgrundlagen der Vergangenheit zu kümmern, solle Barbaro lieber an die unmittelbar bevorstehende schlimme Zukunft denken, die er dadurch heraufbeschwöre, daß er die um Venedig wohlverdienten Brescianer in den Tod treibe. Das tue er nur aus unersättlicher Ruhmgier, und nach dem unfehlbar bevorstehenden greulichen Gemetzel der unschuldigen Bürger werde er im Gedächtnis Italiens bei weitem der verhaßteste Mann sein. Natürlich glaubt Decembrio mit seinen Darlegungen den Rechtsstandpunkt zu vertreten, oder vielmehr: da die Mailänder mit den Waffen sich nicht mehr durchzusetzen vermögen, erheben sie jetzt um so lautere Klage über das Unrecht, das man ihnen zufügt. Entscheidend und für die Venezianer sprechend ist wohl nur die Tatsache, daß die Untertanenstädte der Terra ferma wie Brescia die mailändische Oberherrschaft als drückend empfanden und es vorzogen, bei Venedig zu bleiben. Sie wollten sogar eher die harte Kriegsnot ertragen, als unter die Herrschaft des Herzogs zurückfallen. Hingegen scheint es in der Tat, als ob die Venezianer formal nicht das Recht auf ihrer Seite hatten. Außer dieser mailändischen Verteidigung des Pier Candido haben wir von florentinischer Seite eine eigentümliche Äußerung, die sich auf den Ursprung dieser ganzen Kriege bezieht. Wir erinnern uns, daß es gerade Florenz gewesen war, das Venedig nach langem Frieden in den Krieg gegen Mailand hineinzog. Als ausschließliche Seemacht legte Venedig früher keinen Wert auf Besitz auf dem Festlande. Bis 143 8 blieben Florenz und Venedig Bundesgenossen, dann trat vorübergehend eine Abkühlung zwischen den beiden Städten ein, und Florenz zog sich vom Kriege zurück. Dadurch verschärfte sich die Lage vor Brescia erst so bedrohlich. Die getrübten florentinisch-venezianischen Beziehungen haben dann einen Uterarischen Niederschlag in den Fazetien des Poggio gefunden 74 . Als sich einmal ein venezianischer und ein florentinischer Bürger unterhielten, prahlte der erstere: «Uns schuldet ihr eure Freiheit, denn durch unsere Hilfe seid ihr frei geblieben.» «Das ist durchaus nicht wahr, entgegnete der Florentiner, um die Anmaßung des andern zurückzuweisen, nicht ihr habt uns frei gemacht, sondern wir haben euch zu Verrätern gemacht.» Nicht erhalten hat sich ein Pamphlet, das aus Schmähversen gegen Barbaro bestand. Man fand es eines Morgens innen an einem der Stadt- BARBARO WIRD NICHT ABGELÖST tore angeklebt, und es ging wohl aus unzufriedenen Teilen der Bürgerschaft hervor. Darüber geriet die ganze Stadt in Aufregung und Empörung; man erklärte den Vorfall als Majestätsbeleidigung, setzte auf die Fahndung des Täters eine hohe Belohnung und drohte dem Schuldigen eine schwere Bestrafung an. Der Stadtrat hielt es überdies für seine Pflicht, eine Ehrenerklärung für Barbaro abzugeben. In den Akten vom 12. Juni 1439 heißt es: «Zu Schutz und Wahrung der Stadt verhielt er sich nicht wie ein auswärtiger Kommandant, sondern wie der Vater und liebste Beschützer (protector dulcissimus) des Brescianer Volkes; er fürchtet nicht Pest, nicht Krieg, weder Mühe noch Gefahr oder Schaden 76 .» Da man weiter von dem Vorfall nichts hört, hat man wohl kaum den Verfasser der Schmähverse ergriffen. Die verleumderische Satire erbitterte wohl die Bürger, aber Barbaro selber berührte sie nicht im mindesten. Seine Autorität und sein Ruhm stiegen eher noch dadurch. Nach dem heißen Ringen des vergangenen Spätjahres war der Waffenlärm um Brescia verstummt. Es brachen die langen Monate ängstlichen Harrens und Darbens an, für Barbaro eine Zeit schweren inneren Ringens und Überwindens. Als jetzt nach den übermenschlichen Anstrengungen der Beschießung bei ihm doch eine Erschöpfung der Kräfte eintrat, meinte er hinreichend seine Pflicht getan zu haben. Er machte in Briefen an seine Freunde in der Regierung wiederholt den gesetzmäßigen Anspruchauf Ablösung geltend. Doch Monate hüllte sich Venedig in Schweigen. Barbaros Briefe werden immer erregter und vorwurfsvoller: es ist das einzige Mal in seinem Leben, daß er außer Fassung gerät und gegen seinen Staat die bittersten Anklagen schleudert; er fühlt sich in der Sommerhitze elend und krank und wünscht, sich in einer ruhigeren Umgebung erholen zu können. «Wieviel aber mein Wachen und Sorgen frommte, um Brescia zu halten und die gemeinsame Freiheit zu schirmen, so schreibt er an Giustiniani und Donati, das weiß Gott, und uns fehlten auch nicht ehrenvollste Zeugnisse der Feinde. Obwohl mich aber das Bewußtsein freut, mein Amt bis heute gut verwaltet zu haben, und ich mich in der Erinnerung an die großen Verdienste um den Staat tröste, so trage ich es doch schwer, und ich ergrimme, daß Neid und Undankbarkeit soviel vermögen, daß der Senat für so zahlreiche und so große Mühen und 236 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA Gefahren nie etwas beschlossen hat, was nach einem Lob für uns klingt: in fünf Monaten hat er kein einziges Mal geantwortet, weder auf meine Briefe noch auf die meines Amtsgenossen.» Dann ereifert sich Barbaro noch mehr: «Ihr (meine Freunde) lehnt in meinem Namen ab — das heißt, ich will noch deutlicher sprechen — ihr legt diese Provinz in die Hände des Senates zurück, damit ich für mein Leben und für meine Gesundheit sorgen kann und mich um die Begabung und die guten Sitten des Zacharias kümmere, dem ich mehr schulde als allen diesen Undankbaren, die es nicht ertragen können, wenn ein um den Staat wohlverdienter Mann gelobt wird. Dies schreibe ich ungern, aber ich muß es schreiben 76 .» Er droht sogar: wenn er nicht bald in Ehren abgelöst werde, müsse er trotz aller Standhaftigkeit in kurzem mit seiner Stadt Brescia zusammenbrechen. So Barbaro schon im ersten seiner Klagebriefe Mitte Januar. Es sind Notschreie, die einem bedrängten Gemüte Luft machen sollen; er will damit jedoch nicht ein endgültiges und letztes Wort gesprochen haben. Er mußte noch lange aushalten. Glücklicherweise wurde er durch die Arbeit des Tages und seine Anteilnahme an den ferneren Kriegsereignissen, von denen wir noch hören werden, abgelenkt. Nachdem er fast 8 Monate ohne Nachricht aus der Heimat geblieben war, beginnt er am Wohlwollen der alten Freunde zu zweifeln. Auch seine häufigen Eingaben an den Dogen und den Senat blieben unbeantwortet, so daß sein Stolz ihm rät, der Behörde gegenüber sich künftig schweigend zu verhalten 77 . Doch als man ihn zehn Monate ohne alle Unterstützung gelassen hatte und der Mai verstrichen war, bricht seine Empörung abermals los. Sucht man in der Weltgeschichte nach einer der seinen ähnlichen Schicksalslage, so könnte man etwa an Hannibal denken, auf dessen Mannheit allein das punische Heer sich stützen mußte, während es im feindlichen Lande lange Zeit ohne die geringste Unterstützung von Karthago blieb. Man merkt es den Worten Barbaros an, daß es zum Äußersten gekommen ist. «Doch während durch größte Feigheit oder Pflichtvergessenheit diesem (Brescianer) Volke die Hoffnung geraubt wurde, daß seiner Treue und der Würde des venezianischen Staates je Genüge geschehe, ist mir einzelnem alle Last aufgebürdet, daß ich ohne die geringste menschliche Hoffnung dieses Volk in Treuen aufrecht erhalten muß. Ich habe dafür zu stehen, daß die Garnison ohne BARBARO WIRD NICHT ABGELÖST 237 Löhnung, ohne Versorgung, ohne Futter und ohne irgendeine Hilfe bei Pest und Hunger sich doch um den Staat wohl verdient macht. Wie das aber geschehen kann, das sehen die nicht ein, die den Staat in dieses Unglück gestoßen haben. Wahrlich, mir tut das Vaterland leid, das heute weder seine Gesittung hochhält noch seine Würde und Majestät nach Brauch der Vorfahren wahrt. Ich schriebe noch mehr, wenn der Bote nicht Eile hätte. Ich bemitleide euch aber, daß die Gewalt des Sturmes so mächtig gewesen ist, daß ihn die Väter unseres Staats nicht mehr ertragen konnten oder daß ihr Gemüt eher geschwächt als aufgepeitscht wurde, den Staat zu seiner einstigen Würde wieder aufzurichten. In großer und standhafter Gesinnung denke ich aber hier an nichts anderes als an des Vaterlandes Freiheit, und inmitten so vieler Strudel und Klippen nehme ich mir vor, den rechten Kurs zu steuern, wenn ich auch nicht zum Hafen gelangen kann: und weil ein Mann, ein Steuermann, not tut, verlasse ich das Steuerruder nicht, mag ich auch durch die Schuld des Senates oder anderer Leute schon fast versunken sein. Dennoch muß ich, so Gott will, entweder mich emporarbeiten, oder aufrechten Mutes zugrunde gehen, und wenn das Vaterland seine Würde nicht vergessen hat, mag es mir, ob ich nun lebe oder tot bin, seinen Dank abstatten. . . . Meine großen Verdienste um den Staat werden mich trösten, mein Leben, das ich der Natur schulde, dem Vaterland, allen Wohlgesinnten und vor allem Gott hingegeben zu haben 78 . »Noch in späteren, ruhigeren Jahren, als der Sturm umBrescia längst verbraust war, hat sich Barbaro dieser Gemütsverfassung erinnert und geäußert:«das,was damals in der Drangsal kaum erträglich schien, heute ist es süß in der Erinnerung. «Blieb auch noch für längere Zeit eine Äußerung des Dankes und der Hilfe von Seiten der Regierung aus, schließlich rührten sich doch wenigstens die nächsten Freunde, die er in Venedig zurückgelassen hatte, zuerst der wackere Pietro Tommasi, der als Hausarzt während der Abwesenheit Francescos über die Gesundheit der Seinen wachte. Auf Barbaros Drängen nach einem Nachfolger gibt er die erste Nachricht aus der Hauptstadt 79 . Der Senat habe in langer Beratung niemand finden können, der so kühn, so verwegen wie Barbaro wäre und der gewagt hätte, statt seiner, bei solchem Sturm und in ihm unbekannten Gewässern, an den Bug des Staatsschiffes zu treten. — Man sieht, auch Tommasi ist Venezianer und bedient sich wie sein Freund 2 3 8 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA ausgiebig der Bildersprache des Seevolkes. — Dann fährt er fort: «Wenn dir aber jetzt auf dem Vorderdeck scheint, die Fluten seien besänftigt und die Winde ruhten und es sei jetzt die Zeit für dich gekommen, zum Heck und Steuerruder zurückzukehren, glaub mir, es ist noch nicht Zeit, denn schon, schon gellen noch stärkere und stürmischere Wirbelwinde um unser Schiff, deren Tosen du vielleicht noch nicht hören konntest. Eine Weile mußt du noch warten, bis die Wolken sich zerstreut haben, bevor der Senat einwilligen wird, daß du ihm Brescia in den Schoß legst 80 .» Erst als Barbaro wirklich krank wird, kommt ein würdiger und warmer Brief Leonardo Giustinianis 81 . «Obwohl ich wußte, daß du alle Qualen, die ein zorniges Schicksal gegen Belagerte wüten läßt, so lange als möglich ausgekostet hast und noch auskostest, so erfrischte mich, abgesehen von deiner unbesiegbaren Seelengröße, der Glaube, daß du dich unangetasteter Gesundheit erfreutest; jetzt aber leide ich unheilbaren Schmerz persönlich und um des Staates willen, denn wie sollte ich nicht leiden, da ich den krank und hinfällig weiß, auf dem zumeist mein Glück und das Heil Brescias ruht?» Wie schon vor Beginn der Belagerung fürchten die venezianischen Großen nichts mehr als das körperliche Versagen Barbaros, während sie glauben, seiner Seele jede Belastung zumuten zu dürfen. Immerhin mag es ihm tröstlich geklungen haben, wenn er in jenem Brief weiterhin las: «Bei Gott, dem Unsterblichen, wer ist so schamlos, zu leugnen, daß dein hervorragender Heldenmut und deine Weisheit am meisten jene Stadt in ihrer Treue gefestigt, sie aus dem Schlünde der Feinde gerissen und für uns bewahrt haben ? Dies unsterbliche Lob, mein Franciscus, wird dir vom Senat einstimmig zuerkannt.» Solche Briefe, in denen die Freunde in vornehmer Haltung und edlem Wort miteinander wetteifern, sind die seelischen Untertöne zu den bewegten äußeren Ereignissen dieses Jahres. Der Feind hatte sich von Brescia weiter nach Osten gewandt, und der treue Bundesgenosse Venedigs, Herr Paris von Lodron, mußte in seinen Alpentälem jetzt die ganze Wucht des Vorstoßes aushalten. Italiano Furlano — Barbaro bezeichnet ihn als «bellicosissimus» — schnappte den von den Brescianern sehnlichst erwarteten Lebensmitteltransport weg, den Gattamelata vom Nordende des Gardasees durch die Alpentäler sandte; dies ergrimmte die Städter und ihren Kommandanten so sehr, daß sie auf schleunige Vergeltung sannen. Der Historiker für diesen Rachezug ist kein anderer als Barbaro selber. Im Augenblick nämlich, als von ihm der Druck KÄMPFE IN DEN ALPENTÄLERN 239 angespanntesten Handelns zur Abwehr der feindlichen Stürme genommen war, regte sich wieder seine literarische Begabung; nicht nur zu ermunternden, dankenden und tröstenden Briefen an die bedrängten Herren von Lodron, sondern rein aus der Lust an der Darstellung verfaßt er einen Kampfbericht für die Stadt Bergamo 82 , die, auch zu Venedig gehörig und noch weiter gen Westen auf Mailand zu gelegen, jedoch seitab, nicht den feindlichen Hauptstoß wie Brescia auszuhalten hatte. Wir hörten, wie sie während des feindlichen Sturms auf Brescia die Schwesterstadt unterstützte 83 . Unter den vielerlei Seiten seines Briefstils zeigt er hier die des Chronisten der Kampfhandlungen. Zum Jahresbeginn 1439 hatte er Pietro Avvogadro mit Hilfstruppen in die Alpentäler zu Paris gesandt. Damit der Lodron aber in seiner gefährlichen Lage nicht wankend würde, weiß Barbaro ihm zu hinterbringen, daß sein besonderer Feind, der Bischof Alexander von Trient, schon mit den Mailändern verhandle und das Versprechen erhalten hätte, daß er nach Unterwerfung des Paris dessen Ländchen einstecken dürfe, nach dem es ihn schon so lange gelüstete. Jetzt aber lockt Barbaro den Paris Lodron: die Bergbewohner der Brescianer Landschaft dürften es sich nicht entgehen lassen, den vor Brescia geschlagenen Feind in den engen Alpenschluchten zu überfallen; dies zu vollbringen sei wahrlich leichter als die Heldentaten der Brescianer Städter auf den zusammengeschossenen Mauern 84 . Den Bergamasken erzählt Barbaro in knappen, den Berichten Casars ähnlichen Sätzen von dem geglückten Uberfall: «Wir handelten schnell, 500 auserwählte Soldaten zu Fuß (darunter die bekannten 400 Brescianer Unsterblichen) wurden unter Gherardo Dandolo, einem Edelmann und unserem Mitbürger, eiligst nach Lodron gesandt; zwischen hier und der Nocia warfen sie den Feind und hieben ihn zusammen, stießen mit solcher Geschwindigkeit bis zum (Bergstädtchen) Castel Romano vor, daß Italiano Furlano, der kampfwütige, von etwa einer Legion unter dem erlauchten Paris von Lodron und unsern Soldaten nach erbittertem Kampf geworfen und in die Flucht geschlagen wurde. Dabei wurden so viele Feinde getötet und gefangen, daß, wer lebend davonkam, von Furcht und Entsetzen vor dem Krieg oder auch durch die Beschwerlichkeit der Wege aufgerieben wurde 86 .» Das war die Rache, die Barbaro an seinem grausamen Widersacher nahm. Bei dem Gemetzel wurden auch die deutschen Hilfstruppen erschlagen, die der Bischof von Trient dem Italiano zugesandt hatte. In Siegesfreude brachte man den Grafen Galeazzo von Arco (am Gardasee) samt hundert seiner Reisigen als Gefangene nach Brescia. Den Italiano hätte Barbaro bei dem Handstreich gerne gefangen; der schlug sich aber mit dem Rest seines Heeres über unwegsame Bergpässe durch, und niemand wußte, wo er hingeraten war, als Barbaro sich nach ihm bei Paris erkundigte. Bei der Rückkehr ihrer Unsterblichen zündeten die Brescianer Freudenfeuer an, läuteten die Glocken und veranstalteten drei Tage hintereinander feierliche Prozessionen. Doch bedeutete diese günstige Wendung nur ein Aufatmen, denn der Oberfeldherr Piccinino wollte die Schlappe wettmachen und zog mit seinem Hauptheer und der Artillerie vor Lodron, das er noch mitten im Winter zur Übergabe Zwang. Jedoch das letzte feste Schloß, auf das sich Paris und seine Söhne zurückzogen, konnte er wegen der Kälte nicht erobern. Als dann nach einigen Wochen Herr Paris stirbt und seine jungen 240 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA unerfahrenen Söhne hinterläßt, bedeutet der Verlust des treuen Mannes, der die Schlüsselstellung für Brescia unter großer eigner Einbuße gehalten hatte, einen schweren Schlag für Barbaro. Als äußeres Zeichen ihrer Trauer um Herrn Paris sandten die Bre- scianer den Söhnen zum Anfertigen der Trauerkleider ein großes Stück schwarzes Tuch, das sie früher aus England bezogen hatten. Barbaro fühlte sich verpflichtet, wie ein Vormund für die jungen Herren von Lodron zu sorgen, zumal der Herzog von Österreich Miene machte, das Land als erledigtes Lehen einzuziehen; er richtet im Namen der jungen Erben ein beredtes Schreiben an den Herzog, um sie in ihren angestammten Rechten zu schützen 43 . Nachdem sie wieder belehnt sind, erobern die Brüder Lodron imFrühjahr ihrverlorenes Gebiet, das den Venezianern so wichtig war, und es gelingt ihnen, die feindliche Besatzung aus der Burg Lodron zum Abzug zu bewegen. Trotz der heldenmütigen Verteidigung Brescias mußte sich der venezianische Senat sagen, daß die Stadt schließlich doch noch durch Hunger fallen werde, wenn man sie nicht rechtzeitig entsetzte und ihr Vorräte schickte. Die drei großen Zufahrtsstraßen zur Stadt waren von Piccinino durch Schanzen abgesperrt und im Süden der Po durch Pfahlwerke und Geschütze gegen die 60 Galeeren starke Flotte gesichert, die unter dem Befehl von Barbaros Schwiegervater Pietro Loredano den Fluß heraufruderte. Dies erste venezianische Unternehmen zum Entsatz Brescias war ergebnislos, denn obwohl Loredano das Hindernis brach, mußte er unverrichteter Dinge wieder heimfahren, weil der Margraf von Mantua die Deiche durchstach und dadurch das Wasser des Flusses ableitete. Den Kummer über den Mißerfolg, daß er seinem Tochtermann nicht helfen konnte, überlebte der alte Seeheld Loredano nicht 86 . Auf die Todesnachricht schreibt Francesco kurz an seinen Sohn: «Ich wünsche, daß alle, die uns teuer sind, ebenso lobenswert leben, wie er rühmlich gestorben ist 87 .» Loredano war ein einflußreicher Staatsmann und einer der schärfsten Gegner der Politik des Dogen Francesco Foscari, der Venedigs Ausbreitung auf der Terra ferma förderte und dadurch diese langwierigen Kriege mit Mailand heraufbeschwor, während Loredano an der von jeher geübten venezianischen Seepolitik festhalten wollte, ohne Einmischung in die Händel Oberitaliens zu suchen. Der jetzt erfolgte Tod des politischen Gegners Heß dem Dogen die Hand frei, künftig ungehemmter seine Pläne zu verwirklichen 88 . Das zweite Unternehmen Venedigs, das wenigstens vorübergehend für den Hunger der Brescianer Linderung schaffte, war die Aussendung einer Flottille auf den Gardasee. Da der unmittelbare Wasserweg über VENEDIGS VERSUCHE BRESCIA ZU HELFEN 241 Po und Mincio in Feindeshand war, fuhren die Venezianer die Etsch hinauf bis zur engsten Stelle nach dem Gardasee, rollten ihre Galeeren auf Walzen an Land und über die schmale Gebirgsbrücke nach dem Hafen von Torbole hinunter; das war ein technisches Unternehmen, das in jenen Zeiten für eine seither nie mehr nachgeahmte militärische Großtat galt 89 . Doch Barbaro in Brescia sah, daß auch er die Hände rühren mußte, um sich den auf den Schiffen bereitliegenden Proviant zu verschaffen; zudem hielt er es für nötig, daß in diesem Augenblick der Bedrängnis etwas unternommen werde, um nach abermaliger Enttäuschung über angekündigte, aber nicht eingetroffene Vorräte den Mut und die Hoffnung der Bürger wieder anzuspornen. So reifte in ihm der Gedanke, mit bewaffneter Hand sich selbst einen Durchzug ins venezianische Gebiet zu balinen. Da er aber seinen Posten nicht verlassen durfte, stellte er den heimgekehrten Pietro Awogadro erneut an die Spitze mutiger Brescianer, die lieber das Brot für sich und ihre zurückgelassenen Mitbürger erkämpfen, als gemeinsam mit ihnen in der Stadt dem Hunger und der Seuche erliegen wollten. Über das rückgewonnene Lodrone bricht diese Schar an das steile Westufer des Gardasees durch. Abermals gelingt ein kühner Überfall auf den in Maderno ahnungslos lagernden Italiano, der in die Zange genommen wird. Von der Seeseite greift die venezianische Flotte an, und im Rücken stürmen die Brescianer von den Bergen herab. Viele Gefangene werden gemacht, doch leider entwischt ihnen wieder Italiano, den sie lieber als alle andern gefangen hätten. Nun endlich zum ersten Male nach so langer Zeit dürfen die Brescianer erwarten, daß Lebensmittel in ihre Stadt kommen 90 . Pietro Awogadro, der es mit den Bewohnern der Alpentäler gut verstand, brachte sie alle wieder dazu, sich der Serenissima zu unterwerfen. Nun begeben sich viele Bürger, die es nicht erwarten können, in die Alpentäler, um schon eher etwas vom Proviant zu erlangen. Es war auch höchste Zeit, daß Hilfe und Nahrung kam. Es wird berichtet, daß die Ärmsten der Bevölkerung jeden Morgen vor die Tore gingen und ausschauten, ob der Zug mit den Lebensmitteln von den Bergen herabkäme, das hieß für sie, ob sie an diesem Tage noch leben oder schon sterben müßten. Und wenn sie dann enttäuscht sich zurückschleppten, waren erbarmenswürdige Bilder in den Straßen Brescias 242 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA zu sehen: verschmachtende Kinder lagen am Boden, und aus den Häusern hörte man Verzweiflungsschreie der Verhungernden. Die Endastung durch die endlich eingetroffenen Vorräte war nur von kurzer Dauer. Hatten die Brescianer gehofft, daß nunmehr die Versorgung regelmäßig auf dem von Awogadro geöffneten Wege vor sich gehen werde, so wurde diese Hoffnung bald getäuscht, denn der Feind war nicht ganz geschlagen. Italiano baute inzwischen am Südufer des umstrittenen Sees eine Mailänder Flotte, die den venezianischen Schiffen an Zahl und auch an Führung überlegen war, denn der Senat hatte bei der Auswahl des Admirals, der üblicherweise aus den Reihen der Nobili gewählt wurde, einen Mißgriff begangen, indem er den wenig fähigen Pietro Zeno an die Spitze der Flotte setzte, nur weil er ein Sohn des berühmten Admirals Carlo Zeno war und man annahm, daß er die Tüchtigkeit seines Vaters geerbt hätte — ein Fall der Art also, wie ihn Barbaro schon in seinem Werk De re uxoria als natürliche Fehlerquelle bei Aristokratien bedauert hatte 91 . Als Barbaro nun bemerkte, daß Italiano auf dem See der Stärkere wurde und daß Piccinino größere Kräfte am rechten Seeufer versammelte, sah er die Gefahr voraus und empfahl Zeno wiederholt und eindringlich, sich in acht zu nehmen. Statt im offenen Maderno seinen Stützpunkt zu suchen, möge er sich Heber in das enge, fjordähnliche obere Nordende des Sees nach Torbole zurückziehen; dorthin solle er auch dieBrescianer Besatzung Madernos übersetzen. Die Warnungen verhallten ungehört, und das Verhängnis brach herein. Piccinino griff mit überlegenen Streitkräften Maderno an; jetzt taten die Mailänder am selben Platze, was ihnen früher von den Brescianer Truppen geschehen war; Taddeo d'Este, der nicht genügend Leute bei sich hatte, mußte sich ergeben.Die vor Anker Hegende venezianische Flotte wurde von der Landseite von Piccinino, von der Seeseite durch die Schiffe ItaHanos beschossen und in den Grund gebohrt. Unter den Gefangenen, die mit Taddeo nach Peschiera abgeführt wurden, befand sich auch Barbaros treuer Mitstreiter und Chronist EvangeHsta Manelmi. Jetzt war die Reihe am mailändischen Heer, Freudenfeuer anzuzünden, denn man glaubte, daß mit dem Verlust der Flotte auch das Schicksal Brescias besiegelt sei 92 . Für Barbaro war es eine schwere Aufgabe, das Volk schonend auf die Niederlage vorzubereiten, damit nicht durch Verzweiflung aUes VENEZIANISCHE NIEDERLAGE BEI MADERNO 243 verlorenginge. In diesem gefahrvollen Augenblick erprobte er wiederum seine geistige Macht über die Seelen der Mitmenschen. Manelmi schreibt ergriffen: «So starken Geistes tröstete er sie, daß er wie von der Gottheit angehaucht weissagte: diese Niederlage werde in kurzem und gegen jegliche Hoffnung den Ruhm und die Freiheit aus sich gebären 93 .» Um die Bürger nicht in dumpfes Brüten über ihr Ungemach verfallen zu lassen, machte er ihnen die, wie er selbst wohl wußte, trügerische Hoffnung, daß, wenn sie rasch auszögen, sie den Feind vielleicht noch einholen und ihren Taddeo, den Liebling des Volkes, befreien könnten. Die kleineren Gefechte und Scharmützel der folgenden Zeit fallen wieder günstig für die Brescianer aus. Um die Stimmung zu heben, läßt Barbaro alle Gefangenen, die man in den Alpentälern macht, nach Brescia bringen und im Triumph den Bürgern zeigen. Obwohl der Senat Weisung gegeben hatte, daß man alle Gefangenen gefesselt in den Kerker werfen soll, läßt sie Barbaro doch menschlich behandeln, so daß sie sich später bei ihm bedanken, weil sie sich in seiner Schuld fühlten 94 . Alle diese zuletzt beschriebenen Ereignisse, so wichtig und unmittelbar entscheidend sie auch für Brescia sein mochten, sind doch nur Nebenkriegsschauplätze des Jahres 1439. Der feindliche Oberfeldherr Piccinino bleibt zwar immer derselbe, aber auf venezianischer Seite wechseln die Hauptpersonen, gegen die er zu kämpfen hat; zuerst war es Gattamelata, dann Barbaro und zuletzt Francesco Sforza. Die beiden berühmten Kondottieren Piccinino und Sforza sind ein rechtes Beispiel der Kriegführung dieser Abenteurer; sie stehen sich ihr ganzes Leben auf wechselnden italienischen Kriegsschauplätzen gegenüber. Für den Herzog Filippo Maria waren beide die Hauptfiguren seines diplomatischen Schachbrettes: er spielte dauernd den einen gegen den andern aus, weil er aus Furcht für seinen Thron keinen der beiden Heerführer zu mächtig werden ließ. Wenn der eine zu großes Übergewicht gewann, unterstützte er den andern, gleichviel ob dieser auf Feindesseite stand. Zu Beginn der dreißiger Jahre des XV. Jahrhunderts hatte sich Francesco Sforza ein eigenes Fürstentum in der Mark Ancona auf Kosten des Kirchenstaates gewonnen und vom Papste erpreßt, solange dieser zur Abwehr anderer Kondottieren seiner bedurfte. Als Eugen IV. sich etwas freier bewegen konnte, suchte er den Grafen Sforza aus den usurpierten i6' 244 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA Landen wieder zu vertreiben. Soweit diplomatische Verhandlungen dabei zu führen waren, beauftragte er damit seinen Sekretär Biondo. In dieser Zeit zu Beginn des dritten mailändischen Krieges nahm die Republik Venedig den Grafen in ihren Sold, doch stand er bereits in heimlichem Einvernehmen mit ihrem Feind, dem Herzog Filippo Maria, dem er sich verpflichtet hatte, nicht über den Po vorzurücken. Seit Jahren versprach nämlich der Herzog dem Grafen die Hand seiner Tochter Bianca; sie war zwar nur sein uneheliches Kind, aber sie blieb die einzige Erbin des Herzogtums 95 . Weil das erste Heer der Venezianer unter Gattamelata nicht viel ausrichtete, setzte die Signorie alle Hoffnung des Kriegs auf Sforza, der als der bedeutendste Feldherr seiner Zeit galt und dem tollkühnen Piccinino durch Bedachtsamkeit überlegen war 96 . Seit Herbst 1437 spielt Sforza in den Briefen Barbaros eine Rolle. Auch Barbaro sucht von Brescia aus in das diplomatische Spiel der italienischen Mächte einzugreifen; er läßt durch seinen Vertrauensmann, den Kardinal Scarampo, den Papst erfolgreich bestimmen 97 , Sforza von Rom aus nicht zu belästigen, damit er Brescia, wie versprochen, entsetzen könne. Sforza hatte sich gerade dieses Vorwandes für sein Zaudern bedient. Damals schreibt Barbaro unmittelbar an den Grafen zwei Briefe 98 , die zu seinen berühmtesten und gelesensten gehören. Wir werden später noch auf das Verhältnis der beiden Männer näher eingehen müssen. Hier nur soviel: Barbaro erwartete von Sforzas Eingreifen in den Kampf vor allem, daß dessen Ansehen als siegreicher Feldherr auch die noch Schwankenden zum Abschütteln des mailändischenjoches ermutigen werde.Doch täuschte er sich in dem Grafen, der letzten Endes mit Erfolg auf nichts anderes als auf den Erwerb eigner Macht ausging. Barbaro sah hier, wie schon früher mit seinen Gedanken, die er dem Kanzler Schlick mitteilte 99 , mit weitem Bück große geschichtliche Aufgaben seiner Zeit; die Tragik war, daß kein Mann sich fand, der sie erfüllte. Trotz aller Enttäuschungen aber bemühte er sich bis zuletzt, die Männer, auf die er seine Hoffnungen setzte, anzuspornen, die große Tat zu vollbringen, nach der sein Land lechzte: die Einung Italiens; er glaubt diesem Ziel auch hier mit der Zurückdrängung des ränkevollen Visconti einen Schritt näher zu kommen. Der Herzog Filippo Maria hielt, wie erwähnt, seine Tochter dem Sforza wie einen Köder hin, um zu verhindern, daß sein künftiger Schwiegersohn DAS ENTSATZHEER UNTER SFORZA 245 den Feinden helfe. Schließlich mußte er es aber erleben, daß Sforza sein Spiel durchschaute und im Frühjahr 1439 doch den Po überschritt. Piccinino war schon über die Etsch vorgegangen, während sich Gatta- melata hinter die Kanäle bei Padua zurückzog. In kurzer Zeit gelingt es nun Sforza, seinen Gegner zurückzudrängen, und die Hauptkämpfe entwickeln sich rings um den Gardasee, während sich der Markgraf von Mantua vor Sforzas 40000 Mann starkem Heere in Mantua einschließt. Nach der Vernichtung der venezianischen Flotte bei Maderno erkannte der venezianische Senat, daß die Gefahr für das nun wieder ganz abgeschnittene Brescia so drohend war, daß er dem Grafen Sforza den Befehl gab, es unverzüglich zu entsetzen. Dieser antwortet, daß er den einzig gangbaren Weg nördlich um den Gardasee, wie ihn Gattamelata genommen hatte, erzwingen könne, dann aber bliebe Verona ungedeckt, in dessen Nähe bei Peschiera der Feind sich verschanzt habe. Venedig erwidert, des Grafen Aufgabe sei es nicht, Verona zu schützen, das würden die Stadtkommandanten schon selber besorgen, und für die dortigen Ereignisse wäre er nicht verantwortlich. Um die Brescianer zu trösten und zum Ausharren zu ermuntern, hatte Sforza ihnen schon mehrmals verkleidete Boten gesandt; einmal einen Mönch, dem die Brescianer zum Dank eine weiße Kutte verehrten 100 . Als dort die Verzweifelung unerträglich wurde, hatte Barbaro auch sein altes Mittel angewandt, einen vorgetäuschten Brief von dem baldigen Herannahen des Retters vorzuweisen. Jetzt schreibt aber Sforza eigenhändig, daß man ihn in Brescia im November erwarten dürfe. Um diesem Brief noch größeren Wert zu verleihen, hatte ihn Pietro Awogadro, der in sein Feldlager gekommen war, gegengezeichnet. Darüber herrscht in Brescia eitel Freude; man berät schon, wie man den Retter trotz der bösen Zeiten prunkvoll empfangen wolle. Zunächst lassen die Bürger ein Bild des Kondottiere zu Pferde malen und stellen es an dem Stadttor auf, durch welches er einreiten muß: sie wollten sich durch diesen Anblick eine Vorfreude verschaffen 101 . Aber auch der Feind traf seine Vorkehrungen. Die vereinigten Streitkräfte Piccininos und des Markgrafen von Mantua schifften sich bei Peschiera am Ausfluß des Gardasees ein und landeten am oberen Ende bei Riva. Piccinino legte dann in die nahe Sperrfeste Tenno, die auf einem Felsen am Ausgange des Sarcatales Hegt, eine starke Besatzung, 246 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA um dem Feind hier den Durchzug zu wehren. Sforza hatte aber an Bar- baro melden lassen, daß er ihn unterstützen und den Feind von hinten anfallen möge. So waren die Brescianer im geheimen ausgerückt und hatten sich auf abgelegenen Bergpfaden bis nach Tenno herangeschlichen, und als nun Sforza, der sein großes Gepäck in Verona zurückgelassen hatte und in der Ebene zwischen Riva und Arco lagerte, von Piccinino angegriffen wurde, erhob sich plötzlich in dessen Rücken ein gewaltiger Lärm, da die Brescianer von der Bergeshöhe Felsen herabrollten und das ganze mailändische Heer so sehr in Verwirrung brachten, daß es Hals über Kopf nach den Schiffen floh oder sich im dichten Gehölze verbarg. Piccinino selber rettete sich mit 10 Reitern in die Burg Tenno und wurde dort eingeschlossen. Das behagte aber dem beweglichen Feldherrn nicht, und da er, wie sein Spitzname besagt, von kleiner Gestalt war, wagte er den tollkühnen Streich, sich während der Nacht in einem Sack auf dem Rücken eines breitschultrigen deutschen Müllersknechtes mitten durchs feindliche Lager nach Riva schleppen zu lassen. Dort wird der angebliche Mehlsack in ein Boot geworfen, und noch während der Nacht war Piccinino wieder in Peschiera, seinem Haupdager. Ehe sich die Venezianer versahen, überfällt er mit einigen zusammengerafften Truppen des Markgrafen von Mantua die große Stadt Verona und nimmt sie ohne Widerstand 102 . Diese Ereignisse überstürzten einander so, daß die Brescianer sich eben noch am Siege vor Tenno, der ihnen am 9. November gemeldet wurde, freuten, als auch schon bei Barbaro die Unglücksbotschaft einlief. Italiano Furlano und ein anderer mailändischer Kon- dottiere, Luigi di San Severino, schrieben ihm einen höhnischen Brief, in dem sie die Überrumpelung Veronas mitteilten und ihn einluden, nun seinerseits auch Brescia zu übergeben. Barbaro in gewohnter Würde antwortet, daß er keine Bedingungen annehmen werde, die dem Ruhm des Senats und den Waffen der Republik entgegen seien 103 . Große Sorge machte es ihm aber, wie seine anvertrauten Städter diese Niederlage, die schlimmer schien als alles Vorhergehende in diesem erbitterten Kriege, aufnehmen würden. In der Hoffnung, daß vielleicht doch noch bessere Nachrichten kämen, verheimlicht er ihnen die Wahrheit; das war um so schwieriger durchzuführen, als die Brescianer täglich nach den Boten mit den ersehnten Nahrungsmitteln ausspähten. KÄMPFE AM GARDASEE UND UM VERONA Graf Sforza belagerte indessen schon 11 Tage vergeblich das feste Tenno, konnte es aber ohne Geschütze nicht nehmen. Dort erreichte ihn die Botschaft von dem Verlust Veronas. Die Winterkälte hatte jetzt eingesetzt, und im Kriegsrat rieten schon einige, sich durch die Berge auf Vicenza zurückzuziehen; aber Sforza gab den Feldzug dieses Spätjahres noch nicht verloren. Auch ging es gegen seine soldatische Ehre, daß der von ihm eben Besiegte die Siegesbeute behalten sollte. So rückte er in Eilmärschen auf Verona zu; die Vorhut führte er selbst, während Gattamelata die Nachhut deckte. In der Annahme, daß der Feind die Ebene gut gesichert hätte, legte er das letzte Stück vor Verona nicht am Fluß, sondern durch die Berge zurück. Nun hatte Piccinino bei seinem Handstreich auf Verona nur die Stadt nehmen können; die aufgescheuchten venezianischen Behörden zogen sich in die Forts zurück und hielten sie bis zur Ankunft Sforzas. Am Abend des 20. November erreicht die Vorhut des venezianischen Heeres unbemerkt von den Feinden das in der Hand der Besatzung gebliebene Fort San Feiice. Von dort dringt Sforza in die Stadt und überrennt am Etschufer eine mai- ländische Abteilung. Die Neue Brücke bricht unter der Masse der Fliehenden zusammen; viele ertrinken, die übrigen werden zusammengehauen oder gefangengenommen. Bevor Sforza zum Angriff gegen die andere Stadtseite übergeht, um sie im Verein mit Gattamelata zu erobern, bemerkt er, daß Piccinino und Gonzaga sich in die Zitadelle zurückziehen. Unaufhaltsam dringen nun die Venezianer vor, entwaffnen die noch in der Stadt befindlichen Soldaten und rücken gegen die Burg. Der Feind gibt sie sogleich auf und zerstreut sich in regelloser Flucht in die Ebene. Ganze Kompagnien streckten die Waffen und wurden als Gefangene abgeführt. So hatte nach vier Tagen Sforza dem Piccinino das wichtige Verona wieder abgejagt. Es scheint, daß diese Wendung der Dinge dem Herzog Filippo Maria nicht ganz unlieb kam, da er vertragsmäßig verpflichtet war, Verona dem Marchese von Mantua zu überlassen, und ihm dies nicht gönnte 104 . Dieser endgültige Sieg der venezianischen Truppen brachte jedoch zunächst den hungernden Brescianern noch keine Entlastung, denn Piccinino erschien mit seinem Heer plötzlich wieder vor der Stadt und suchte sie ebenso wie Verona durch Überrumpelung zu nehmen; aber 248 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA Barbaro hatte Späher ausgestellt und vereitelte den Überfall, der gefährlich hätte werden können, da in jenen Tagen die Kälte so heftig war, daß die Stadtgräben zufroren und die Brescianer sie jeden Morgen wieder aufhacken mußten. Durch die neuen Bedrängnisse waren die enttäuschten Bürger von neuem so niedergeschlagen, daß Barbaro eine Volksversammlung einberief und ihnen eine lange befeuernde Rede hielt. Die Mailänder waren in die Alpentäler weitergerückt und hatten dort grausam Rache genommen. Diese Wut schien Barbaro ein sicheres Zeichen, daß der Feind in seiner Verzweiflung zum Äußersten gekommen sei. Er überzeugte daher auch seine Städter, daß in der Unmenschlichkeit des Feindes, der weder Weib noch Kind schonte, nur offenbar werde, daß er nicht siegen könne. Aus diesem schweren Schaden, den die Lässigkeit der Brescianer heraufbeschwor, weil sie Barbaros Befehl nicht gehorchten und Hilfstruppen zum Schutze der Täler auszuschicken versäumten, werde aber bald die Freiheit hervorbrechen. Die Brescianer hätten jetzt keinen andern Ausweg mehr, als sich durchzuringen oder unterzugehen, denn von sicheren Boten erführe er, daß der Feind geschworen habe, Brescia dem Erdboden gleichzumachen und weder Mann noch Weib zu verschonen, wenn er die Stadt in seine Hand bekäme 105 . Dem Italiano Fur- lano, der noch zwischen Brescia und Verona stand, schrieb Barbaro nun seinerseits einen Brief, daß er in die Zange genommen werde, wenn er sich nicht schleunigst aus dem Staube mache. Italiano hatte ein schlechtes Gewissen vor Freund und Feind, weil er aus Eifersucht gegen den Oberfeldherrn Piccinino in Verona nicht unterstützt hatte und dadurch mit die Schuld am Verlust der Stadt trug. Das Ergebnis dieser aufregenden Kämpfe war schließlich, daß sich die Brescianer noch einen Winter allein behelfen mußten, weil Sforza seine Truppen wegen der ungünstigen Witterung in der Umgegend von Verona ins Winterlager legte, ohne daß es ihm gelungen war, bis Brescia durchzustoßen. Der zähe Piccinino gab ungeachtet so vieler Niederlagen seine Sache noch nicht verloren und brachte Brescia noch einmal hart an den Rand des Verderbens; nur die maßlose Habsucht seiner Leute vereitelte die Aushungerung, da sie heimlich aus reichen Gegenden in das ausgeraubte Brescianer Land Getreide zu Wucherpreisen verkauften 106 . Aber dies kam durch Schleichhandel nur den ENDE DES JAHRES T439 IN BRESCIA Reichsten zugute. Die Armen zogen wiederum durch die Straßen, und ihre Kinder schrien nach Brot, das Barbaro ihnen nicht zu geben vermochte. Die Feinde aber spotteten der Eingeschlossenen und nannten sie Mäusebürger, weil es ruchbar geworden war, daß sie alles verzehrten, selbst Mäuse 107 . Barbaro ritt jeden Tag durch die Straßen und den Mauern entlang und tröstete den Schwärm halbtoter Männer und Weiber, die sich um ihn drängten. Über ein kurzes würden sie mit den heutigen Leiden die dauernde Freiheit erkaufen und ewigen Ruhm erwerben. Die Türen seines Hauses standen für jedermann stets offen. Wenn ein Bürger oder Soldat ihn zufällig beim Mittagsmahl antraf, dann konnte er sehen, daß sein Kommandant nichts Besseres aß als ein aus Gerste und Schoten hergestelltes Brot, und er ging mit mehr Gleichmut fort, da er gesehen hatte, daß der Führer der Stadt nichts Besonderes für sich haben wollte 108 . Wenn aber die Verzweiflung in Tollkühnheit umzuschlagen drohte und man ihm nahelegte, unter ungünstigen Aussichten den Feind anzugreifen, behielt Barbaro auch solchem Ansinnen gegenüber seinen kühlen Verstand und lehnte ab 109 . Brescia stand nahe vor dem Fall; auch Graf Sforza spürte das. Im kalten Dezember bricht er noch einmal mit wenigen Truppen an den See auf und belagert Arco. Er kann es zwar nicht erobern, aber er schafft dadurch den Brescianern doch etwas Luft, da sich Piccinino genötigt sieht, die Verheerung der Umgegend der Stadt aufzugeben und nach Riva zu Hilfe zu eilen. Wenigstens eine kleine Freude hatten die gequälten Brescianer zu Weihnachten, denn am 21. Dezember gelang es einer kleinen Abteilung vom Heere Sforzas, sich nach der Stadt durchzuschlagen, wo sie festlich empfangen wurde 110 . Das neue Jahr 1440 begann etwas hoffnungsvoller, da von Venedig her die Versorgung Brescias mit äußerster Energie betrieben wurde und da Sforza Proviantlager in der Veroneser Klause und in Torbole anlegte, die über den See verfrachtet wurden. Am Neujahrstage kann Barbaro den Stadträten mitteilen, daß im Ledrotal eine große Menge Weizen aufgestapelt sei und es nur an Maultieren fehle, sie weiterzutragen. Als aber die Sendung eintrifft, ist man über ihre Geringfügigkeit enttäuscht, da sie nicht ausreicht, so viele hungrige Münder zu sättigen. Jetzt wird Pietro Avvogadro nochmals ausgesandt. Bevor er abreist, spricht er 2JO VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA in öffentlicher Ratssitzung und verkündet dem Volke, daß er nun ins Lager zu Sforza und nach Venedig zum Senat gehen werde, um sein möglichstes für die Vaterstadt zu erreichen; er erwarte aber auch, daß sich die Bürger in der Zeit, bis er zurückkäme, tapfer hielten, da er, wie er sicher hoffe, die Befreiung mit sich bringen würde. Mit lauten Beifallsrufen legt das Volk das Gelöbnis der Treue ab, und er kann beruhigten Herzens seines Weges ziehen 112 . Monate bittersten Harrens und Darbens folgten. Wie im Vorjahre fiel die Entscheidung über das Schicksal Brescias auf dem Gardasee. Italiano Furlano suchte mit aller Kraft die venezianische Querverbindung, auf der die Lebensmittelschiffe kreuzten, abzuschneiden. Als es bekannt wurde, daß sich Brescia nur noch drei Tage halten könnte 113 , kam es hier zur Entscheidungsschlacht. Italiano lag mit der mailändischen Flotte in Riva; ihr Kommandant war der genuesische Admiral Biagio Assereto, der früher im Seegefecht von Gaeta den König Alfonso d'Aragona von Neapel besiegt und gefangengenommen hatte. Als zwei mailändische Lastschiffe auf dem Wege von Salö nach Riva unter den Augen der Venezianer in Torbole vorbeifuhren, entschloß sich der venezianische Admiral Stefano Contarini, sie zu kapern. Daraus entwickelte sich ein allgemeiner Kampf zwischen der genuesisch-mailändi- schen und der venezianischen Flotte. Um sechs Uhr abends griffen vier wohlbewaffnete venezianische Galeeren die weit überlegene Schiffsmacht der Feinde an und schlugen sie vernichtend 114 . Ein tapferes Mädchen, Bona, das auf den Schiffen mitgekämpft hatte, wurde ausersehen, die Siegesbotschaft zu Sforza und nach Venedig zu bringen. Die Flagge Italianos, die sie von seinem Schiffe gerissen hatte, führte sie als Siegeszeichen mit sich. Die vom sicheren Tode erlösten Brescianer aber jubelten und veranstalteten sogleich eine Dankprozession, und auch in Venedig stellte man anderntags in feierlichem Aufzug eine Fahne Brescias in San Marco mit der stolzen Inschrift auf: Brixia magnipotens suae fidei caeteris urbibus testimonium tulit. (Brescia, die hochmögende, gab Zeugnis ihrer Treue den anderen Städten 115 .) Bis in den Juni mußten die Brescianer noch warten, da endlich brachte Awogadro die Nachricht, daß das Heer Sforzas ihr Gebiet betreten habe. Diesmal freuten sich die Brescianer nicht mehr zu früh. Von vielen ENTSETZUNG BRESCIAS 251 Bürgern umgeben zog Barbaro dem Retter und siegreichen Feldherrn vor die Stadt hinaus entgegen und sagte ihm feierlich Dank. Den Schlußakkord der denkwürdigen Belagerung bildeten zwei große Festlichkeiten in Brescia und Venedig, als nach den drei härtesten Jahren seines Lebens Barbaro von seinem Posten abgelöst wurde. Der Bre- scianer Stadtrat beschloß am 20.Oktober 1440, ihm einen Ehrenschild und eine Standarte zu schenken, in die ein Löwe eingewebt war. Um diese Ehrung einzigartig erscheinen zu lassen, wurde verfügt, daß in Zukunft den venezianischen Rektoren keine solche Geschenke gemacht werden sollen, wer aber doch einen dahin zielenden Antrag im Rat stelle, der müsse 50 Dukaten Buße zahlen 118 . An einem Sonntag fand vor dem Hochaltar des Domes die feierüche Überreichung statt. Der Rechtsgelehrte Ambrogio Avvogadro hielt Barbaro die Ansprache. Schon viele Prätoren seien durch Abschiedsreden gefeiert worden, so daß der gewöhnliche Wortschatz für solche Gelegenheiten erschöpft sei. Nicht so diesmal, denn die Taten Barbaros gäben neuen Stoff. «Ich sehe, — so redet er den scheidenden Kommandanten an — daß in dir zwei Tugenden vereinigt sind, die sonst getrennt bleiben . . . Strenge und Milde. Bist du schon unwandelbar hohen Sinnes und vollkommen unantastbar, so bist du in deinem ganzen Leben der liebenswerteste Mensch, und du giltst auch dafür, denn was ist schwerer, als in solchem Kampf von allen geliebt und bewundert zu werden? ... Noch bewundernswerter ist: Obwohl du keine Entscheidung um des Dankes willen fällst, so ist doch alles, was du entscheidest, Dankes gewiß 117 .» Und Barbaro antwortete: «Seit frühester Jugend habe ich stets geglaubt, mit höchstem Eifer das erstreben zu müssen, woraus nicht leeres Lob, sondern wahrer Ruhm hervorgehen kann.» Der heutige Tag bringe ihm die Antwort. Es ist die Pietas, das fromme Sich-Versenken und-Verschenken an die Menschen, die unter seiner Obhut stehen. Ihre Ergebenheit für ihn sei die Erfüllung seines Strebens. Wie dem Feldherrn der Sieg, dem Arzt die Gesundheit, so sei ihm, Barbaro, die Freiheit der Brescianer anempfohlen gewesen. Jetzt danke er ihnen für den Ehrennamen eines Vaters des Vaterlandes. Dann fuhr er fort: «Da dem so ist, so nehme ich diese hochgesinnte Stadt in meinen Schutz und in meine Klientel auf. Für euch und eure Freiheit habe ich mich 40 Monate Tag und Nacht an eurer Seite 252 VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA gemüht, und ich habe nie geglaubt, daß ich mein eigenes Leben schonen müßte, bevor ihr gerettet wart 119 .» Auch wenn er wieder im Purpur- gewande im Senate in Venedig sitze, werde er Brescia nicht vergessen, und er wolle auch fürderhin der Stadt beweisen, daß sie die Ehrenzeichen dem rechten Manne verliehen hätten. Filippo da Rimini, der später Barbaros Grabrede hielt, weiß als besonderes Zeichen der stolzen Bescheidenheit Barbaros zu rühmen, daß er beim Scheiden aus der Stadt darauf verzichtete, irgendeine Inschrift oder ein Erinnerungszeichen an seine Taten in Brescia zu hinterlassen, was andere bei viel geringeren Verdiensten nicht versäumt hätten 120 . Dann brach er auf; die Volksmenge wälzte sich durch die Stadttore und wollte ihn im Jubel bis nach Venedig begleiten, aber da Barbaro das Unschickliche spürte, wenn sie in hellen Haufen den weiten Weg mitliefen, so überredete er sie nach einigen Meilen, als sie ihrer überschäumenden Freude Genüge getan hatten, gütlich zur Rückkehr und trat nur mit einem Ehrengeleite von 100 Edelleuten vor den Senat in Venedig. Der treue Pietro Avvogadro hielt die Rede, die Barbaros Verdienste um den Staat feierte, und der Doge umarmte den Helden unter Tränen. Die hundert Begleiter erhielten für sich und ihre Nachkommen Steuerfreiheit, während der Brescianer Bürgerschaft die schon in Aussicht gestellten Privilegien bestätigt wurden, daß hinfort die Einkünfte aus ihren Mühlen in Höhe von 20 000 Dukaten ihnen selber zufallen sollten. Die Feinde verbreiteten indes allerorten, daß sie nur durch die Stand- haftigkeit Francesco Barbaros den schweren Krieg verloren hätten 121 . KAPITEL VIII 2J5 ALTERSWEISHEIT Filippo Maria Visconti — Francesco Sforza — Cosimo de'Medici — Ermolao Donato — Leonardo und Lorenzo Giustiniani — Zacharias Trevisano der Jüngere — Lodovico Foscarini — Kardinal Scarampo — Eugen iv. — Nicolaus v. DIE JAHRE IN BRESCIA BEDEUTEN IM LEBEN BARBAROS den Höhepunkt. Die 13 folgenden, die ihm danach noch zu leben blieben, sind äußerlich weniger bewegt, zeigen aber eine noch stärkere geistige Durchdringung der politischen Verhältnisse um ihn her, über die er seine Ansichten in Briefen niederlegt. Die meisten seiner Mit- und Gegenspieler haben wir bereits handelnd gesehen. An erster Stelle steht sein Erzfeind, der Herzog von Mailand, Filippo Maria Visconti. Seit Ausbruch des ersten Mailänder Krieges bis zum Tode des Herzogs 1447 beschäftigt sich Barbaro immer wieder mit diesem Gegner. Er haßt ihn glühend, aber er verkleinert ihn niemals, weil der Haß sein Auge nicht blind macht; sein Gerechtigkeitsgefühl ist so stark, daß er unverhohlen den Wert des Feindes anerkennt. Schon 1426 hörten wir aus einem Briefe an Lorenzo de'Medici von der Abneigung Barbaros gegen Charakter und Politik des Herzogs : «Dieses Bündnis (zwischen Venedig und Florenz) ... wird jenen Menschen, der aus allzu großer Herrschsucht Italien seinem Befehle unterwerfen möchte, zwingen, einen Frieden anzunehmen, der für ihn mehr notwendig als ehrenvoll ist. Ich weiß, ohne Gold und Eisen kann man diese Schlange nicht niederwerfen oder abwehren, doch habe ich das Vertrauen, daß alle Guten, die des lateinischen und römischen Namens würdig sind, soviel Seelengröße besitzen, daß ihnen in Zukunft nichts wichtiger und teurer ist als das Heil und die Freiheit.. M In diesen Worten sind schon die großen Gegensätze ausgedrückt. Auf der einen Seite der Herzog, der durch Ränke und Übermacht Italien unterjochen will — wie unbeliebt die mailändische Herrschaft war, haben wir an Brescia gesehen — auf der andern Seite das Selbstbewußtsein, die romana dignitas der vereinigten Venezianer und Florentiner. In der kurzen 254 VIII ALTERS WEISHEIT Atempause zwischen dem zweiten und dem dritten mailändischen Krieg kam es in Mailand zu einem denkwürdigen Ereignis, zu dem auch Barbaro Stellung nahm. König Alphons von Aragon hatte in Neapel Fuß gefaßt, war aber im Seegefecht bei Gaeta von den Genuesen, die damals unter mailändischer Oberhoheit standen, besiegt und gefangengenommen worden. Deshalb mußten sie den König an den Herzog von Mailand ausliefern. Zur großen Überraschung der ganzen Welt gelang es aber dem gewandten Alfonso d'Aragona, den mißtrauischen Visconti davon zu überzeugen, daß es dem Herzog mehr nützen werde, den König zum tatkräftigen Bundesgenossen als zum gefangenen Feinde zu haben. So entließ Filippo Maria seinen Gefangenen mit allen Ehren. Barbaro, der sich damals im Dezember 143 5 in Ferrara auf dem Wege zu Papst Eugen IV. befand, um mit diesem, Florenz, und dann auch mit dem sich gegen Mailand empörenden Genua ein Schutz- und Trutzbündnis gegen den Visconti abzuschließen, verfolgt gespannt diese Ereignisse 2 . Er kann der Großmut des Herzogs die Anerkennung nicht versagen. Der Herzog habe seine Macht vergrößert, da er wohl wisse, daß es ein schönerer Sieg sei, die Feinde durch Schonung für sich zu gewinnen als sie niederzuringen; aber Barbaro bleibt im Zweifel, ob jene neu geschlossene Freundschaft sich nicht gegen Venedig und Florenz kehren werde: «Es ist uns nicht unbekannt, schreibt er an Giustiniani, welch hervorragend geschickten Geist der Herzog besitzt und welche Hilfskräfte ihm zu Lande und zu Wasser zur Verfügung stehen. Gerade, weil man sich fast niemals ohne großen Verlust mit ihm geschlagen hat, müssen wir vorbeugen, daß er uns wenigstens nicht schaden kann, wenn ihm einmal das Glück mehr lächelt, als uns nützlich ist. Mein Wunsch geht dahin, daß der Herzog von Mailand nicht imstande sein möge, unsere Freiheit zu schädigen, denn es ist kaum zu hoffen und zu erwarten, daß er dazu nicht die Absicht hätte. Da er kein Unternehmen gegen unsere Republik unversucht läßt, müssen wir ihm, ehe es zum Waffenentscheid kommt, bemerklich machen, daß er mehr zu fürchten als zu erwarten hat. So sollte ihm nicht Gelegenheit geboten werden, zu entscheiden, ob er mehr Gewicht auf sein Glück als auf Freundschaft und Frieden zu legen habe 3 .» Ein halbes Jahr später sendet er an seinen andern staatsmännischen Freund Ermolao Donato, der als Gesandter an den Mailänder Hof gereist war, einen merkwürdigen Brief, AUSGANG DES DRITTEN MAILÄNDISCHEN KRIEGES 25 5 der so mit Ehrfurchtsbezeugungen vor dem Herzog erfüllt ist, daß die Vermutung naheliegt, Barbaro habe vorsichtig sein wollen, da der Brief nach Mailand ging und in die Hände des Herzogs hätte fallen können; vielleicht hofften aber auch die Venezianer damals noch, durch Nachgiebigkeit den Herzog zum Frieden bewegen zu können: «Ich, ruft Barbaro aus, dem Italien Mutter und nicht Stiefmutter bedeutet, bitte Gott, daß der Erlauchteste Herzog von Mailand bei den Verhandlungen einen Entschluß fasse, der der Zukunft von ganz Italien am meisten zum Heil und zum Ruhm gereicht 4 .» Wie es anders kam, zeigte das letzte Kapitel. Bei Barbaros Rückkehr 1440 aus Brescia war der dritte mailändische Krieg noch nicht zu Ende. Der Herzog nahm wieder seine Zuflucht zum alten diplomatischen Spiel und schickte den Markgrafen Niccolö d'Este, der bei ihm in Mailand war, zu Sforza mit der Botschaft, Bianca Visconti sei schon in Ferrara und warte nur, daß Sforza zu den Mailändern überginge, um Hochzeit mit ihm zu halten. Sforza aber wußte, daß Bianca dem Lionello d'Este angetraut werden sollte, weigerte sich auf die Verlockung einzugehen, und teilte das Anerbieten des Herzogs den venezianischen Proweditoren mit, welche erfreut über den neuen Beweis der Treue des Grafen zu den Venezianern ihn zu den Festlichkeiten einluden, die Sforza und Barbaro zu Ehren in Venedig angekündigt waren. Nicht ohne Besorgnis betrat Sforza die Lagunenstadt, denn es ging das Gerücht, es werde ihm ebenso ergehen wie dem Grafen Carmagnola. Dieses Gerücht machte sich der schlaue Piccinino zunutze und erzählte seinen Soldaten, daß Sforza bereits hingerichtet sei und sie jetzt nichts mehr zu befürchten hätten. Als man eben in Venedig auf dem Höhepunkt der Feier und der Festesfreude stand, traf die Nachricht ein, daß Piccinino den Oglio wieder überschritten und bei Chiari 8000 Reiter Sforzas überrumpelt und auseinandergejagt habe. Die Nachricht von Sforzas angeblichem Tode verbreitete solche Bestürzung auch bei den venezianischen Truppen, daß der Feldherr schleunigst zum Heere eilen mußte, um sich seinem Heere zu zeigen. Der wiederbeginnende Krieg zieht sich noch Monate hin, da Piccinino einer Entscheidungsschlacht auswich. In seiner Ungeduld machte Sforza einen Vorstoß und geriet dabei in eine ihm von Piccinino gestellte Falle bei der Bergfeste Martinengo, die zwischen Brescia und Bergamo liegt. Endlich 256 VIII ALTERSWEISHEIT glaubte Piccinino über seinen Gegner triumphieren zu können, aber in seiner altbekannten Weise ließ ihn Herzog Filippo Maria nicht zum letzten Sieg kommen, sondern schickte während der Nacht seinen Vertrauten Guidoboni da Tortona ins Zelt des schlafenden Sforza. Dieser weckt den Grafen und stellt ihm seine verzweifelte Lage vor Augen; der Herzog habe sich aber trotzdem entschieden, ihn zum Schwiegersohn zu nehmen, denn er wolle nicht, daß sein Feldherr Piccinino zu stark werde. Als dieser am andern Morgen sah, daß ihm die sichere Beute wieder entronnen war, weigerte er zuerst den Gehorsam, gab aber dann doch den ausdrücklichen Befehlen des Herzogs nach und versöhnte sich mit seinem Gegner. Eine allgemeine Verbrüderung der feindlichen Heere fand statt, und der Friede zwischen ihnen wurde geschlossen. Am 24. Oktober 1441 wurde endlich die Hochzeit zwischen Sforza und der erst 16 Jahre alten Bianca gefeiert 8 . Als Mitgift gab der Herzog seiner Tochter die Stadt Cremona. Ein Genueser Freund bittet damals Barbaro, sich brieflich zu äußern, wie er die herzogliche Staatskunst beurteile, und Barbaro antwortet tags darauf in einem klug abgewogenen Brief: «Da du mich nicht nur bittest, sondern sogar zwingst, mein Urteil abzugeben, obwohl man nach zweierlei Richtung ernst und ausführlich disputieren könnte, so ist meine Meinung: der erlauchte Herzog von Mailand wird mit seiner Tochter dem Grafen Francesco Cremona geben, wenn er den Frieden wünscht oder den Krieg wählt, der unter dem Namen des Friedens verhüllt ist. Warum mir dies so scheint, versteht man leichter, als man es auseinandersetzen könnte; doch lasse ich mich von der Hoffnung leiten, daß mit Gottes Hilfe die Grundlagen gelegt sind, die die Freiheit Italiens erhalten können. Denn, wie Livius sagt, das stärkste Band der menschlichen Gesellschaft ist der gemeine Nutzen, und der Graf Francesco, der ebensoviel Weises vollbringt als Tapferes, weiß, daß er gehorchen muß, wenn er herrschen will, auch wird er nicht diejenigen für seine Freunde halten, denen er es selbst nicht ist (also die Mailänder), damit jene ihm Freund bleiben, denen er Freund war (also die Venezianer) . . . doch bin ich überzeugt, daß bei ihm nichts mehr vermögen darf als seine Würde und sein Glück 6 .» Barbaro weiß, daß das Glück des Grafen Sforza zu Lebzeiten des Herzogs nicht ohne venezianischen Rückhalt bestehen kann. Dies bestätigten die folgenden Jahre. VERBINDUNG DER HÄUSER VISCONTI UND SFORZA 257 Zuerst wollte der Herzog sich die beiden ihn beunruhigenden Kondot- tieren Sforza und Piccinino vom Halse schaffen und sie von Oberitalien fernhalten. Er ließ Sforza gegen Alfonso d'Aragona ziehen, so daß dieser des Grafen neapolitanische Lehen einzog, dann gab er zu, daß Papst Eugen IV. Piccinino in seinen Sold nahm, damit er Sforza aus der Mark Ancona vertriebe; zugleich schleuderte Eugen einen donnernden Kirchenfluch gegen den Räuber und Kirchenschänder Sforza und gab damit das Zeichen zum Abfall der Mark. Diese Kräfteverschiebung im politischen Gleichgewicht war den Venezianern und Florentinern, die mit Genua und dem Herzog von Mailand eine Liga zur Erhaltung des Friedens in Italien geschlossen hatten, nicht genehm, denn der Hauptzweck dieses Bündnisses war, den Besitzstand ihres siegreichen Kon- dottiere Sforza zu gewährleisten. So ist die allgemeine Lage zu Beginn des Jahres 1444. Nichts Festes kennt die Politik dieser Zeit. Man trachtet auf allen Seiten nach dem gleichen Ziel, aus der dauernden Friedlosigkeit herauszukommen und in einem ruhigen Italien zu leben; aber die Sonderinteressen kreuzen sich, und so traut keiner der Staaten dem andern. Besonders schwierig war das Verhältnis Venedigs zu Mailand und zu seinem Herzog, dem Feind von gestern, dem Bundesgenossen von heute und wahrscheinlich wieder dem Feinde von morgen. Um die Liga zu erhalten, gibt sich Venedig alle erdenkliche Mühe und schickt nur Männer, die in die geheimen Verhandlungen der letzten Jahre eingeweiht waren, wie Ermolao Donato und Francesco Barbaro, als Gesandte nach Mailand. Die Einrichtung ständiger Gesandtschaften an fremden Höfen war im XV. Jahrhundert noch nicht üblich — die ersten ständigen Botschafter waren die päpstlichen Nunzien. Nur in schwierigen Zeitläuften sandte man sie mit festumrissenen diplomatischen Aufträgen aus, und die großen venezianischen Familien wie die Ca Barbaro setzten ihren besondern Stolz darein, daß in jeder Generation ihren Mitgliedern vom Großvater über den Sohn zum Enkel die wichtigen Legationen nach Mailand und Rom übertragen wurden. Barbaro saß in diesen Jahren meistens am Steuerruder des Staates als einer der fünf bis sechs sapientes consilii rogatorum. Diese sapientes consilii oder auf italienisch savj grandi waren der geschäftsführende Teil des Senates, die Signorie. Die Senatoren trugen Purpurtoga, sie hatten die Tracht der 17 VIII ALTERSWEISHEIT Scharlachtoga. An der Spitze des Verhandlungsberichtes des Senates werden sie namentlich aufgeführt, zusammen mit den savj di terra ferma, die über das Finanz- und Kriegswesen wachten, doch sind bei den einzelnen Sitzungen nicht immer alle Räte vollzählig anwesend. Unter den Sitzungsberichten ist das Ergebnis der Abstimmung innerhalb des Senates angegeben. De parte—die bejahenden Stimmen, de non — die ablehnenden, und die ungültigen oder unentschiedenen Stimmen werden als — non sinceri bezeichnet. Nach einjähriger Amtsdauer wechselten die savj und durften erst im zweiten Jahr wiedergewählt werden. Diese, wie schon erwähnt, contumacia benannte Frist wurde von Barbaro im Jahre 1444 mit einer Gesandtschaft nach Mailand ausgefüllt. Während seiner Abwesenheit waren unter den sapientes consilii, welche die Weisungen an ihn absandten, seine Freunde Leonardo Giustiniani und Ermolao Donato. Ernennung, Beglaubigungsschreiben und Instruktion des Gesandten ergeht im Namen des Dogen selbst, der übrige diplomatische Verkehr geht vom kleinen Rat aus, dessen Vorsitzender der Doge ist. Herzog Filippo Maria hatte bei der Rückkehr des vorigen Gesandten Ermolao Donati um einen neuen nachgesucht, und die Signorie willfahrte ihm: «erbötig, was Eurer Erlauchten Brüderlichkeit genehm ist 7 ». Am 7. Januar 1444 wird Barbaro ernannt. Es wird ihn erfreut haben, zu hören, daß er mit seinem floren- tinischen Jugendfreund Angelo Acciaiuoli in engstem Einvernehmen in Mailand wirken soll, da dieser von der FlorentinerRepublik zum Gesandten an den Herzog bestimmt war. Eigentlich hätte man annehmen sollen, daß der Herzog seinem Schwiegersohn Sforza in der NoJ aus freien Stücken beispringen werde, aber Venedig und Florenz müssen ihn erst zu tatkräftigem Eingreifen drängen; wohl hat er für Sforza Truppen in Bewegung gesetzt, doch diese säumen unterwegs in der Romagna dermaßen, daß sie bei den von den Venezianern mit dem päpstlichen Orator verabredeten Friedensverhandlungen in Siena kaum mehr ins Gewicht fallen werden, wenn Filippo Maria sie nicht zu schleunigem Vorrücken antreibt. Es finden sich in der Instruktion auch privatwirtschaftliche Angelegenheiten, finanzielle Interessen venezianischer Bürger im Herzogtum Mailand. Die Signorie aber schärft ihrem Gesandten ein, mit diesen Dingen dem Herzog nicht zu ungelegner Zeit zu kommen, sondern abzuwarten, bis er sich mit den politischen Aufträgen bei ihm wohl eingeführt habe. GESANDTSCHAFT BARBAROS NACH MAILAND 259 Doch nicht nur für den Herzog bekommt Barbaro Aufträge. Einer der Mailänder Kon- dottieren, den wir unter den Gegnern vorBrescia genannt haben, Luigi di San Severino, hat bei der Signorie angefragt, ob er und sein Sohn in ihre Dienste treten könnten. Es war in jenen Zeiten der Soldtruppen nichts Seltenes, daß die Söhne mit oder auch ohne die Einwilligung ihrer Väter im gegnerischen Heere kämpften. Auf Severinos Gesuch erteilt die Signorie abschlägigen Bescheid, aber ohne alle Schärfe; sie übermittelt Barbaro sehr ausführlich einen wortreichen Schwall freundlicher Entschuldigungen, womit er den enttäuschten Kondottieren vertrösten soll: man sei zwar hocherfreut über seine und seines Sohnes angebotene Dienste und man würde auch mit Vergnügen («alacri animo») seinen Sohn und die von ihm angeführten Scharen in Sold nehmen, da man seiner besten Dienste versichert sei, aber er müsse doch wissen, daß die Republik schon lange sehr große Ausgaben habe und gegenwärtig soviel Kriegsvolk unterhielte, daß sie eher daran dächte, es abzubauen als es zu vermehren; aber er solle sich versichert halten, daß man gegebnenfalls, wenn man wieder jemand brauche, auf ihn zurückgreifen werde. Kurz: im Frieden bedarf Venedig keiner neuen Kondottieren, aber für den Kriegsfall will man sie sich immerhin warm halten. Der Abschnitt schließt folgendermaßen: «.. .und mit diesen und andern Worten, die dir gut scheinen, wirst du dich bei ihm entschuldigen 7 .» Ebenso bezeichnend für die militärischen Sitten der Zeit ist der nächste Punkt. Ein genuesischer Offizier: Blasius de Cerreto, der wahrscheinlich vom venezianischen ins gegnerische Lager übergegangen war, hatte bei Ermolao Donata angefragt, ob er bei seiner unvermindert großen Zuneigung zur Signorie für vergangene Vorfälle von ihr Verzeihung erhielte, wenn er verspreche, daß er von nun ab ihr ganz zu Willen sein wolle; da zeigt sich die Signorie gnädig und gewillt, das Vergangene zu vergessen. Bald nach dem 7. Januar 1444 muß sich Barbaro auf den Weg nach Mailand gemacht haben. Sein Gefolge bestand diesmal aus einem Notar — dazu wählte er seinen Schutzbefohlenen Febo Capella 8 —, nebst dessen Gehilfen und den Bediensteten, wie wir sie schon von der römischen Gesandtschaft her kennen. Nun zog er in die Hauptstadt seines mächtigen Feindes, dessen Scharen er jahrelang erbitterten, heldischen Widerstand in Brescia geleistet hatte. Der Herzog lebte stets in seiner Zwingburg inmitten der Stadt, im Mailänder Kastell, durch Höfe und Mauern weit von der Außenwelt abgeschlossen, teils weil er für sein Leben fürchtete, teils weil er in seinem Alter so abschreckend häßlich geworden war, daß er sich wie weiland Kaiser Tiberius nicht mehr dem Volke zeigen wollte. Die Begegnung der beiden Männer war etwas so Außerordentliches für die Midebenden, daß sich die Legende um den Auftritt gesponnen hat. Es ist dem Inhalt nach wohl anzunehmen, daß die Geschichte von Mailänder Seite stammt. Sie hat sich in den folgenden 17' z6o VIII ALTERSWEISHEIT Jahrhunderten zusammen mit einer andern noch weniger glaubwürdigen Erzählung über Barbaro vererbt und findet sich in den Enzyklopädien erwähnt 9 . Im XV. Jahrhundert berichtet sie schon Crinitus 10 , und andere wissen noch ausschmückende Einzelheiten dazuzusetzen. Bei dem feierlichen Empfang habe Barbaro seine Begrüßungsrede mit solchen Worten begonnen: Magnum est nomen tuum, princeps maxime in universa terra..., aber weiter sei er nicht gekommen, da ihn sein Gedächtnis plötzlich im Stich ließ. Er wiederholte dieselben Worte noch einmal, aber auch diesmal sei er nicht weiter gekommen und wäre verwirrt gewesen. Nun habe der Herzog, ein kluger Mann wie er war, in ganz bescheidner Weise Barbaros Hand ergriffen und ohne Förmlichkeit angefangen, ihn über dies und das zu befragen, bis er ihn in seinem wankenden Gedächtnis wieder gefestigt habe. Solche Erzählungen, die eine Zeitlang durch den Volksmund weitergetragen werden, bis sie jemand aufzeichnet, knüpfen sich mit Vorliebe an große Männer mit hervorstechenden Eigenschaften, die sonst von allen gelobt werden, von denen dann aber gerade ein Ereignis ihres Wandels hervorgehoben, wenn nicht erdichtet wird, durch das gezeigt wird, wie sie in ihrer Stärke versagten. Es sei nur erinnert an entsprechende Geschichtchen von Karl und Friedrich dem Großen. An der Verbreitung dieser Erzählung haben gewiß neidische Humanisten Anteil gehabt. Sollte man aber dem Zwischenfall Wahrheit beimessen, dann würde er auf so starke innere Abneigung Barbaros gegen den Herzog deuten, daß ihn beim Anblick des früheren Gegners trotz aller Selbstbeherrschung, die ein venezianischer Orator besaß, die gewohnte Beredsamkeit verließ. Es ist auch die Vermutung ausgesprochen worden 11 , daß Barbaro durch sein Stocken nur erproben wollte, ob der Herzog friedlich gestimmt sei. Seit seiner Ankunft in Mailand wurden von Barbaro zahlreiche Depeschen (dispacci) nach Hause gesandt, die jedoch nicht erhalten sind. Wir wissen aber dem Inhalte nach, was er schrieb, weil die venezianische Signorie vor ihren Antworten, die sie zu Akten nahm, kurz seine Anfragen zusammenfaßte. Barbaro hatte von einem Angebot des Herzogs nach Hause berichtet, ob die Signorie nicht den Kondottiere Piccinino samt seinen Truppen in Sold nehmen wollte. Dies war die ewige Verlegenheit; im Frieden wußte man nicht, wohin mit diesen Heerführern, BEGEGNUNG BARBAROS MIT HERZOG FIL1PPO MARIA 261 die den Krieg zu ihrem Handwerk machten und während des Friedens überall Unruhe stifteten. Die Signorie entschuldigt sich wieder mit ihren großen Ausgaben für Sforza und mit der Beteuerung, daß einstweilen ihr Bedarf an Kriegsvolk gedeckt sei. Vor endgültigem Entscheid wolle sie aber erst noch mit dem Genossen der Liga, Florenz, beraten. Am selben Tag schickt die Signorie noch einen zweiten Brief an Bar- baro 12 . Wieder das diplomatische Gleichgewichts spiel; der venezianische Bevollmächtigte dürfe im Verhandeln mit Dritten nicht bei den Bundesgenossen Anstoß erregen. Seine Aufgabe ist, mit aller Geschmeidigkeit in heiklen Fällen die gute Laune des Partners zu erhalten. «Volumus et mandamus, ist das stete Schlußwort der Signorie an Barbaro, per illos cautos et discretos modos, quae sapientiae vestrae videantur...» (Wir wollen und tragen euch auf, in jener vorsichtigen und klugen Art vorzugehen, die eurer Weisheit als die richtige erscheint.) Es haben sich von mailändischer Seite die Schriftstücke dieses diplomatischen Verkehrs erhalten 13 . Die herzogliche Staatskanzlei bediente sich im Unterschied zu der venezianischen des Italienischen, oder vielmehr der lombardischen Mundart. Der Kanzler Jakob Becchetti schrieb nach dem Diktat seines Herzogs, dem das Lateinische nicht sehr geläufig war, ließ er sich doch für seinen Hausgebrauch von Pier Candido Decembrio die antiken Schriftsteller ins Italienische übersetzen. Vergleicht man die Erlasse des venezianischen Senats und des Herzogs auf ihren Stil hin, —beides sind Niederschriften nach der gesprochenen Rede — so nimmt man wahr, daß der Gedankenfluß bei den Venezianern getragener und geordneter ist, während der flackrige Geist des Mailänder Herzogs regellos herumfährt und plötzlich wieder auf das alte Thema zurückspringt. Diese Lücken und Gedankensprünge begründet der Kanzler damit, daß er mitten im Text neu anhebt: Mein Herr sagt, daß... Die Briefe sind überschrieben: Missere Francesco. Es kann jedoch nicht zweifelhaft sein, daß Barbaro gemeint ist. Becchetti ist seiner Bildung nach Humanist, ging aber seit geraumer Zeit im diplomatischen Dienst der Mailänder Kanzlei auf. Einer der diplomatischen Aufträge für Barbaro handelt von der Hochzeit des Marchese di Ferrara, Lionello d'Este, der 1441 seinem Vater auf dem Thron gefolgt war, mit der Tochter des Königs Alfonso d'Aragona. Da der Herzog von Mailand früher daran 2Ö2 VIII ALTERSWEISHEIT gedacht hatte, sich Lionello durch die Hand seiner Tochter Bianca zu verpflichten, war ihm diese Verbindung, durch die König Alphons in Oberitalien größeren Einfluß gewann, nicht lieb. Die Signorie läßt sich durch Barbaro entschuldigen, sie könne daran auch nichts mehr ändern, sie sei von dem Marchese erst nach vollzogener Verlobung unterrichtet worden und habe nichts anderes tun können, als ihm Glück zu wünschen. — Barbaro als Lionellos Freund war dazu ausersehen gewesen, die Grüße im Namen Venedigs zu überbringen, aber dann war aus unbekannten Gründen die Botschaft einem andern Edelmann übertragen worden. — Filippo Maria meinte darauf, die Stadt Venedig solle ihren guten Freund Lionello veranlassen, seine Hochzeit mit Rücksicht auf die politischen Verhältnisse ganz Italiens wenigstens etwas hinauszuschieben, aber Venedig ist auch dazu nicht mehr imstande, da es dem Markgrafen auf seine Bitten bereits zwei Galeeren als Abordnung zu seiner Hochzeit zugesagt hatte. Dann nörgelt der Herzog wieder eifersüchtig und mißtrauisch, weil Lionello nach Venedig kommen will und dort nach altem Brauch feierlich empfangen werden soll, wie alle Markgrafen von Ferrara, wenn sie zum ersten Male nach ihrem Regierungsantritt in die befreundete Stadt kommen. Darauf erhält Barbaro den Auftrag, dem wegen seiner Gemütsart schwierig zu behandelnden Herzog gütlich zuzureden, daß er omnem suspectum et rancorem penitus reiecre velit (daß er allen Verdacht und Verdruß von Grund aus von sich werfen solle). Inzwischen trifft bei Barbaro wieder ein Schreiben seiner Regierung ein 14 , die ihn davon unterrichtet, was er im Hauptverhandlungsgegenstand über den Grafen Sforza sagen solle. Der Herzog hatte durch seinen Kon- dottiere Luigi di San Severino erklärt, daß es keinen Frieden geben könne, ehe Sforza nicht die usurpierte Mark Ancona verlassen hätte. Venedig hält diese Äußerung des Herzogs kurz vor Verhandlungsbeginn in Siena für das Ansehen des Grafen schädlich und macht auf den Zweck der Liga aufmerksam, demzufolge man doch den Grafen in seinem Besitzstande schützen wolle, damit man einen «quietem ac paeificum statum Italiae» erhalte. Das diplomatische Hin und Her, die Gespräche, die Ende Februar 1444 in Mailand stattfinden, lassen sich genau verfolgen. Becchetti, Acciaiuoli und Barbaro kommen zusammen, und ersterer sagt, sein Herzog rege sich auf, weil der venezianische Senat auf seine Anfragen keine Antwort schicke 15 ; er sei wieder mißtrauisch, daß man seine Vorschläge übel aufnähme. Barbaro schickt sogleich am 27. oder 28. Februar eine Depesche nach Hause und wird angewiesen 18 , in Gegenwart des floren- tinischen Gesandten dem Kanzler die Erklärung zu geben, daß man sich wegen der Wichtigkeit und Mannigfaltigkeit der herzoglichen DIPLOMATISCHE VERHANDLUNGEN BARBAROS IN MAILAND 263 Vorschläge Zeit zur Entscheidung nehmen müsse und daß der Verdacht, man sei mit ihm nicht einverstanden, grundlos sei. Die Glieder der Liga schoben sich wechselweise die Kondottieren zu, die sie im Augenblick nicht verwenden konnten, diesmal ist es Nikolaus Piccinino. Sein Gönner Herzog Filippo Maria, dem seine Unterhaltung zuviel Geld kostete, versuchte ihn erst den Venezianern ganz zuzuschieben, was diese, wie wir sahen, dankend ablehnten. Dann machte der Herzog den Vorschlag, die Liga im ganzen solle Piccinino übernehmen, d. h. Venedig, Florenz und Mailand sollen sich zu dritt in die Kosten teilen. Auch dazu hat der venezianische Senat keine Lust; er bespricht sich zuerst mit den Florentinern, wodurch soviel Zeit vergeht, daß der Herzog schon ungeduldig wird, und schließlich sind die Venezianer froh, den ganzen Handel dadurch ablehnen zu können, daß Barbaro dem Herzog hinterbringt, König Alphons von Aragon und Neapel habe Piccinino bereits in Sold genommen. Mit dieser Lösung ist aber der Herzog nicht zufrieden, denn einerseits wollte er dem König von Neapel, der bald nachdem er ihn freigelassen hatte, wieder zum Gegner geworden war, nicht seinen besten Feldherrn überlassen und andererseits schien ihm Piccinino gegenüber Sforza wieder zu mächtig zu werden. So rief er ihn kurzerhand vom Heere ab. In Mailand empfing der Herzog den alten General mit großen Ehren, und dabei sah auch Barbaro seinen zweiten großen Feind von Angesicht. Er wollte schon heimreisen, aber die Signorie schlägt ihm bei aller Anerkennung seiner hohen Verdienste auch diesmal den Wunsch zur Rückkehr ab, denn sie ist gegen Ende Juli viel zu gespannt darauf, wie die Rückberufung Piccininos nach Mailand auslaufen werde, und sie verlangt, daß Barbaro noch den Schluß der Tragödie zwischen dem Herzog und seinem Kondottiere beobachten solle, denn solche plötzlichen Rückberufungen der Generale hatten, wie wir es an Carmagnolas und Sforzas Einladung nach Venedig sahen, stets einen dramatischen Verlauf von großer politischer Tragweite. Die Signorie wünschte ausdrücklich, daß Barbaro seinem ehemaligen Feinde Piccinino «mit allen jenen menschlichen und wohlwollenden Worten, die seiner Klugheit anstünden», begegne 17 . Im September unterbreitet der Herzog der venezianischen Signorie neue Pläne 18 , nach denen Piccinino und Sforza Seite an Seite den landfremden König 264 VIII ALTERSWEISHEIT von Aragon, Alfonso, aus Neapel vertreiben sollen, jedoch benutzt Sforza die Abwesenheit Piccininos, um über dessen führerloses Heer herzufallen und es vernichtend zu schlagen. Als dies der alte Piccinino in Mailand erfährt, rührt ihn der Schlag, und er stirbt am 15. Oktober. Bald nach diesem Ereignis muß Barbaro nach Venedig heimgekehrt sein, denn wir finden ihn am r. November erneut im kleinen Rat sitzen. Während der langen Monate seines Mailänder Aufenthaltes wurde er von den dortigen Humanisten sehr gefeiert; auch knüpfte er, ohne etwas nachzutragen, ein freundschaftliches Verhältnis mit Pier Candido Decem- brio an, von dem aus der Folgezeit wieder herzliche Briefe an Barbaro erhalten sind 19 . Als es im Mai schien, daß Barbaro seine Heimreise bald antreten werde, verfaßte ein Schüler des Filelfo, der Mailänder Gelehrte Leodrisio Crivelli, in Betrübnis darüber, daß Barbaro die neuerworbenen Freunde in Mailand schon wieder verlassen wollte, ein Gedicht an seinen Bruder Francesco Aleardo 20 . Uneingedenk des angeblichen Versagens von Barbaros Beredsamkeit beim Empfang dichtet der Mailänder: Italici princeps Barbarus eloquii Barbarus ingenii cui vim natura supremam Pulsaque barbaries nomina clara dedit. Qui patriam splendore suo celeberrimus ornat Cuius habet nullos fama colenda modos. Es ist eine Huldigung der früheren Feinde, nicht ohne Anspielung auf die heldische Bewährung während seiner Brescianer Statthalterschaft: Et foris imperium et duris in rebus opimas Virtutis laudes nactus ... Noch größere Ehre wird ihm angetan: Sic modo res Venetum totis te Barbare poscit Vocibus ut redeas orba parente suo. Die Heimat Venedig, ihres Vaters beraubt, ruft ihn mit allen Stimmen zurück, das betrübte Mailand, das eines solchen Mannes auch bedürfte, muß ihn aber missen. Solche Lorbeeren konnte Barbaro sich nur in der Fremde holen, denn zu Hause machten er und seine gleichgestellten Genossen untereinander nicht so viel Wesens von sich. Jedoch war Barbaro jetzt schon ein so berühmter Mann, daß seine Gesandtschaftsreisen MAILÄNDISCHE EHRUNGEN FÜR BARBARO 265 Triumphzügen glichen: wo er nur durchreiste, jubelten ihm nicht nur die Gelehrten, sondern auch das Volk zu, denn er war durch seine Kriegstaten in Italien eine volkstümliche Gestalt geworden. Auch wußte er in allen Lagen das Ziemliche und die Würde zu wahren. Bezeichnend dafür ist ein Zwischenfall, der sich auf einer dieser Reisen zutrug 21 . Sein junger Neffe Daniel begleitete ihn und geriet aus irgendeinem Grunde in ein Zerwürfnis mit dem Zahlmeister der Gesandtschaft, der ein jähzorniger Mann war und den Jüngling tätlich bedrohte. Daniel flüchtete zu seinem Onkel, der gerade in die Lektüre eines griechischen Werkes vertieft war. Barbaro beschied den Zahlmeister vor sich, um ihm wegen seines Benehmens Vorhaltungen zu machen; der aber kümmerte sich nicht darum und unter Hintansetzung allen Respektes beschimpfte er jetzt Barbaro selbst. Alle Anwesenden waren entsetzt über den unerhörten Auftritt und erwarteten, daß nun über den ungebärdigen Untergebenen ein Un- gewitter hereinbrechen werde. Aber Barbaro sagte nur: «Scher dich im guten und sieh dich für die Zukunft besser vor, denn ich möchte nicht um deinetwillen wegen deines Geschimpfs meine Geduld, die mir abzuringen mühsam war, verlieren.» Dann ließ er den Menschen stehen, ging in sein Schlafgemach, um bequem zu lesen, mit einem Gesicht und einer solchen Ruhe des Gemüts, als wäre er gar nicht bei einem derartigen Wortwechsel dabei gewesen. Zwei Jahre noch seit der Rückkehr Barbaros aus Mailand hielt der Friede, doch suchte der Herzog währenddessen seinem Schwiegersohn, wo er nur konnte, zu schaden. Nachdem Sforza seinen neapolitanischen und römischen Besitz eingebüßt hatte, wollte der über ihn erzürnte Herzog, den die Geburt eines Enkelkindes, des Galeazzo Maria Sforza, nur vorübergehend besänftigen konnte, dem Grafen auch noch die oberitalienischen Besitzungen entreißen. Unter dem Vorwand, er habe seiner Tochter Bianca nur 100000 Lire als Mitgift versprochen und dafür die Städte Cremona und Pontremoli nur als Pfand gegeben, schickte der Herzog seine Truppen zur Besetzung dieser Städte aus. Den Venezianern bot er aber an, die strittige Summe für Sforza bei ihnen zu hinterlegen. Venedig sandte sofort den Lodovico Foscarini, den jüngeren Freund Barbaros, an den Herzog, um ihn zu warnen, in seiner Bestürmung Cremonas fortzufahren, da er sich sonst ganz Italien zum Feinde mache. Der junge 266 VIII ALTERSWEISHEIT Gesandte fragte zuvor den mit den Mailänder Verhältnissen vertrauten Barbaro, der sich zur Erholung auf seiner Villa San Vigilio bei Treviso befand, um seine Meinung über die politische Lage. Barbaro, besorgt um die Erhaltung seines Werkes, des Friedens, und froh, in seiner erzwungenen Muße durch Rat helfen zu können, antwortet Foscarini in einem Brief, der einen Bück in sein reifes staatsmännisches Denken gestattet. Er sieht die politischen Entscheidungen, die die Mächtigen treffen, aus demWider- streit von ratio und fortuna, von Vernunft und Glück, hervorgehen. Diesen beiden sind zugeordnet fides und perfidia, Treue und Untreue. Die Stunde der Entscheidung über Krieg und Frieden rücke abermals heran. Zu welcher von diesen beiden eben genannten sich ausschließenden Haltungen der Herzog sich entschlösse, davon hänge das Wohl Italiens ab: «Wenn deshalb der erlauchte Herzog von Mailand bei sich bedenkt, wie oft Treu und Glauben und die Ruhe ohne irgendwelche Schuld unsererseits verletzt wurden und wie wir gezwungen sind, eher zu seinem Schaden als zu unserem um Herrschaft und Ruhm rechtlich und fromm zu streiten, so möge er nach so vielen empfangenen und geschlagenen Wunden eher der Vernunft als dem Glücke Folge leisten.» Wenn er aber doch einsähe, daß er, Cremona zu erobern oder Sforza auf seine Seite zu ziehen, nicht erreichen könne, «so möge er alle anderen Sorgen ruhen lassen, daß nicht ein so gehäuftes Leid einbreche, und er möge das sich ausbreitende Feuer ersticken, damit nicht diese ungeheuerliche Fackel bald ganz Italien in Brand setze. Der Krieg, einmal ausgebrochen, läßt sich weder leicht beenden noch ohne große Verluste aufrechterhalten ... da einmal vom Recht abgewichen ist, so glaube ich, daß er, obwohl alles zu fürchten ist, sich vor nichts mehr hüten muß als vor Treulosigkeit 22 ». Barbaro kannte die Ängste des Herzogs wohl, der sich so sehr von der Außenwelt abschloß, weil er ständig von der Furcht gepeinigt wurde, daß man ihn durch Meuchelmord beseitigen wolle. Nur ein so beliebter und guter Fürst wie Federigo da Montefeltro konnte es sich leisten, allein und ohne Waffen durch die Straßen seiner Hauptstadt Urbino zu gehen, da die Landleute, die ihm begegneten, niederknieten und sagten: Dio ti mantenga, Signore 23 ! Der Visconti dagegen verbreitete immer Furcht und Mißtrauen um sich. Barbaro hatte seinen Brief an Lodovico Foscarini, wie er gleichzeitig an Giustiniani mitteilt, so abgefaßt, daß MAILAND UND VENEDIG 267 er auch in die Hände des Herzogs Maria Filippo fallen konnte. «Eius mores forte mihi notiores sunt, seine Sitten sind mir vielleicht bekannter, schreibt er, als diejenigen, die zu ihm gehen sollen.» Obwohl Hippokrates verbiete, den unheilbar Kranken Heilmittel zu reichen, habe er in jenem Briefe doch so gesprochen, daß der Herzog ihn zu allgemeinem Nutzen beherzigen könne. «Sollte dies nämlich geschehen, so würde ich mit dem Manne bei Plutarch, der statt des Hundes seine Stiefmutter mit dem Steine traf, sagen: ou2s toüto xa%ci>€ (auch nicht schlecht!). Nicht, weil ich das Vertrauen hätte, daß ich mit meinen Worten jemand zur Vernunft bringen könnte, der friedliche Ruhe nicht minder fürchtet als wir die Waffen. Wer jedoch weder Glück noch Unglück ertragen kann und genau wie im Frieden auf den Krieg, so im Krieg auf den Frieden lauert, wer. . . niemals mit sich eins ist, der könnte vielleicht, da er andere Windstöße gesehen und drohende Stürme im Geiste gewahrt hat und dem Ungewitter ausgewichen ist, diese Fluten und Strudel scheuen und, bevor der Würfel gefallen ist, (schon) im Hafen den möglichen Schiffbruch bedenken 22 .» Barbaro überließ Giustiniani die Entscheidung, ob er diesen Brief verbrennen oder auch an Foscarini nach Mailand schicken wollte, in der Erwartung, daß ihn der Herzog ebenfalls abfinge. Bei einer Unterhaltung über den Staat und die Macht des Herzogs Filippo Maria äußerte sich Barbaro einmal in bedeutsamer Weise 24 : «Ich weiß, welchen Ausschlag das Glück gibt, und welches Gewicht die Vernunft und der Fleiß der Menschen haben. Je größer nämlich die Herrschaft ist, um so wilderen Sturz ziehen zuweilen die Schicksalschläge nach sich. Doch mögt ihr eine Erzählung hören: Einst wurde ein Kürbis neben eine Pinie gepflanzt, die ziemlich hoch mit weitausladenden Ästen dastand. Als die Kürbispflanze aber durch viele Regengüsse und mildes Klima gewachsen war, fing sie an, übermütig zu werden und ihre Ranken kühner auszustrecken. Schon rankte sie sich an der Pinie empor, schon wagte sie, hinaufzuklettern und mehr und mehr sich zu verzweigen und mit Laub sich breit zu machen, sie zeigte dichtere Blätter, schimmernde Blüten, übergroße und strotzende Früchte. Da schwoll sie von Dünkel und Unverschämtheit so an, daß sie sich vermaß, den Pinienbaum anzugreifen. Siehst du, sagte sie, ich überflügle dich, ich tue es an breiten Blättern und an Kraft dir zuvor und strebe bereits über deinen Wipfel empor. 268 VIII ALTERSWEISHEIT Die Pinie, die von Altersweisheit im Kernholz stark war, wunderte sich durchaus nicht über die maßlose Frechheit des Kürbisses, sondern antwortete so: Ich habe viele Winter und Sommergluten, auch mannigfaches Unglück durchgekämpft und stehe bis jetzt unversehrt. Du aber wirst beim ersten Frost deine Kühnheit einbüßen. Deine Blätter werden fallen und alle Kraft wird zusammensinken. So gibt es in Italien überaus viele Kürbisse, die sich gewaltig mühen, die Pinie anzugreifen, doch haben sie mehr Mut als Kraft, weshalb sie in kurzem vertrocknen und absterben; die Pinie aber läßt sich wohl belästigen und stören, jedoch entwurzelt werden oder vertrocknen wird sie auch in längster Zeit nicht.» So Barbaros Auffassung von Mailand und Venedig. Andererseits kennzeichnet nichts besser die Gesinnung des Herzogs, sein lauerndes, haßerfülltes Abwarten im Frieden, bis er wieder losschlagen kann, als seine 1444 zu Barbaro geäußerte Auffassung des venezianischen Staates: «Con- siderato che la vostra Signoria e immortale e Ii altri signori sono mortali et stando a uidere vegnerli a vincere 25 .»(In Anbetracht, daß Eure Signorie unsterblich ist, und die andern Herren sterblich sind und darauf sehen müssen, daß sie zum Sieg kommen.) Die stets sich wieder verjüngende Aristokratie an der Regierung Venedigs mache immer Miene, als könnte sie lange zuwarten, aber die andern Stadtfürsten ringsum haben nur ein Leben und lauern, wann der Zeitpunkt gekommen ist, über Venedig herzufallen. «Jedoch — lenkt der Herzog ab, denn er will dabei nicht an sich, sondern an andere gedacht wissen — die Signorie, die ja unsterblich ist, denkt häufig einmal zu siegen, beim Ausbrechen eines Krieges aber könnte sie vielleicht doch verlieren und durch ihren Verlust gelegentlich die anderen Herren groß machen, die sich durch die Menge ihrer Söhne und Brüder. . . auch unsterblich dünken könnten, wie zum Beispiel gerade der Marchese von Ferrara, der jetzt noch klein ist, aber durch euren Verlust und eignen Gewinst groß werden könnte und sich auch fast für unsterblich halten dürfte; und was man von ihm sagen kann, könnte man von vielen andern auch behaupten.»Die Tücke solcher Einflüsterungen ist gar zu deutüch. Der Neid des Herzogs liegt darin, wie er das Wort «Unsterblichkeit» ausspricht, da er selbst keine männlichen Erben hat und mit ihm sein Haus im Mannesstamme ausstirbt. Zugleich benutzt er die Gelegenheit, den treuen Lionello d'Este den Venezianern verdächtig zu machen. BEGINN DES VIERTEN MAILÄNDISCHEN KRIEGES 269 Da der Herzog den venezianischen Gesandten Foscarini gar nicht vorläßt und sich weigert, von der Belagerung Cremonas Abstand zu nehmen, so treten gegen ihn die Vertragsgaranten für den Besitz Sforzas, Florenz und Venedig, in den vierten mailändischen Krieg ein, der sich so lange hinzog, daß Barbaro sein Ende nicht mehr erlebte. Zunächst trugen die Venezianer am 28. September einen großen Sieg im Kampfe um Cremona bei Casalmaggiore davon; dadurch wurde der mailändische Kondot- tiere Francesco Piccinino, Sohn des verstorbenen Niccolö, mit dem der Herzog dasselbe Spiel gegen Sforza trieb wie mit seinem Vater, bis auf Mailand zurückgeworfen; die venezianischen Truppen drangen plündernd bis vor die Tore der Stadt. Noch in keinem der bisherigen Kriege rückte dem Herzog die Gefahr so nahe wie in diesem vierten und letzten Kampfe mit Venedig. Barbaro, der seit den Strapazen von Brescia in seiner Gesundheit erschüttert war, wurde in diesen Jahren von Gelbsucht (itterizia) geplagt. Im Jahre nach der mailändischen Gesandtschaft mußte er deshalb die angebotene Prä- tur von Padua ausschlagen, aber im Dezember 1446 ging es ihm besser, und er konnte eine Gesandtschaft an Lionello d'Este nach Ferrara ausführen, um diesen für die Sperrung seines Gebietes gegen ein den Venezianern feindliches Heer zu gewinnen. Im übrigen mußte er bei seinem Neffen Ermolao, der damals Bischof in Treviso war, und dann in seiner Villa San Vigilio aus der Ferne das Geschehen in der Lombardei beobachten, doch nimmt er auch jetzt an den einzelnen Kriegsereignissen regen Anteil, die sich in strategischen Ratschlägen seiner Briefe widerspiegeln. So richtet er sein Augenmerk 26 auf den wichtigsten Punkt in diesem Feldzug, den Brückenkopf bei Lecco, wo die Adda den Comersee verläßt. Wenn mögüch, sollten die Venezianer ihn besetzen, aber ein Fehlschlag dürfe dieses Unternehmen auf keinen Fall sein; sonst solle man es ganz unterlassen, damit nicht die Alpenbewohner durch ein unrichtiges Beginnen in ihrer feindlichen Gesinnung eher bestärkt als abgeschreckt würden. Als dann Lecco durch eine Kriegslist mit starken Verlusten des Feindes gefallen ist, wünscht Barbaro, man solle sich auch Comos und des ganzen Sees bis hinauf ins Veltlin bemächtigen, damit der Feind fühlen soll, wie der Brand in seinen Geweiden frißt (sentiret hostis ali incendium in visceribus suis!). In seiner Not sucht der bedrängte 270 VIII ALTERSWEISHEIT Herzog vergeblich überall nach Hilfe, und weil es nicht mehr anders geht, bietet er seinem Schwiegersohn Sforza den Oberbefehl über alle mailän- dischen Truppen an, zugleich stellt er ihm eine beträchtliche Geldsumme in Aussicht; aber da er nicht aufhört sich vor ihm zu fürchten, verbietet er ihm, nach Mailand zu kommen, schickt auch das Geld nicht, so daß Sforza den Kirchenstaat nicht verlassen kann. Inzwischen erregen die Venezianer Unruhen im Innern der Stadt Mailand — auch auf diese spielte Barbaro mit seinem Wort vom Brand in den Eingeweiden an. Dann aber tritt der folgenschwere Umschwung ein. Der unbestritten größte Feldherr seiner Zeit, GrafSforza, der den Venezianern so lange die besten Dienste geleistet hatte, erklärt sich gegen sie und wird von nun an zu ihrem bittersten Feinde. Nachdem er in Venedig so gefeiert worden war, hatte Sforza die Absicht, sich dort dauernd niederzulassen, und legte am Canal le grande den Grundstein zu einem prächtigen Marmorpalast. Der Bau war kaum mannshoch gediehen, als die Nachricht vom Abfall Sforzas in Venedig ruchbar wurde. Die erzürnte Signorie Heß sofort die Arbeiten einstellen, und die unberührt gebliebenen Grundmauern der Ca Duca erinnern noch heute als ein Wahrzeichen an diesen unheilvollen politischen Umschwung. Es ist für uns wesentlich, zu verfolgen, welchen Eindruck dieses Ereignis mit seinen sich immer noch verstärkenden unabsehbaren Folgen auf Barbaro hervorbrachte. Zuerst (am 28. Juni 1447) meint er, der Herzog Filippo Maria werde schon durch die Umtriebe im Innern der Stadt zum Friedensschluß gezwungen werden, «auch wenn die Veteranenlegion mit dem Grafen Franciscus zu ihm stieße 27 ». Am 2. Juü: «Ich wünsche, daß der Graf Franciscus so erschöpft und ausgeplündert ist, daß er nicht nach Gallien — hier ist wieder Gallia cisalpina, die Lombardei, gemeint — kommen kann, doch ich habe den Argwohn, er muß von anderer Seite Geld geschickt bekommen, so daß der Lauf unseres Glücks von denen gehemmt oder gehindert wird, die ohne Schuld des Senates zu dem Glauben kommen, daß sie durch die Größe oder den Ruhm unserer Herrschaft geschädigt würden... Wir müssen uns hüten, wenn wir nach neuen Bundesgenossen suchen, die keine Waffen besitzen, daß wir — mehr will ich nicht sagen — alte, aber bewaffnete und um uns wohlverdiente verlieren. Schwerlich aber werde ich zum Glauben verleitet, daß der Erlauchte TOD DES HERZOGS FILIPPO MARIA VISCONTI 2 7 I Herzog von Mailand sich neulich nach Pavia zurückgezogen habe, da er so hartnäckig den Krieg führt, daß er, scheint es, alle Hoffnung nur auf das eine setzt: auf die vollständige Verzweiflung am Frieden 28 ». Um aus Mittelitalien loszukommen, verkaufte Graf Sforza zuerst die Stadt Jesi, die ihm gehörte. Mit dem Erlös konnte er seine alten Truppen für den Marsch nach Mailand löhnen, wohin er sich im August in Bewegung setzte. Da, am 13. August, stirbt Herzog Filippo Maria nicht von Mörderhand, wie er erwartet hatte, sondern eines natürlichen Todes. Mit ihm erlischt das Haus Visconti, das 170 Jahre Mailand beherrscht hatte. Über die Erbfolge ordnete er nichts an, denn er pflegte eine ähnliche Gesinnung wie später Ludwig XV. mit seinem bekannten: Apres nous le deluge! und selbst auf dem Sterbebett weigerte er sich, etwas über seine Nachfolge zu bestimmen, weil es ihm ingrimmige Freude machte, daß nach seinem Tode alles in größter Wirrnis zusammenbrechen werde, (wie Pier Candido Decembrio in der Lebensbeschreibung des Verstorbenen, vor dem er sich nicht mehr zu hüten brauchte, vermutet). Auf den mailändischen Thron wurde von vier Seiten Anspruch erhoben. Das Haus Orleans war mit dem verstorbenen Herzog verschwägert; doch hat dieser Anspruch erst zwei Generationen später wirksam gemacht werden können, als Ludwig XII. aus diesem Hause König von Frankreich geworden war und den letzten Sforza, Lodovico il Moro, stürzte. Dann versuchte der deutsche Kaiser Friedrich III. durch den Kanzler Kaspar Schlick Mailand als erledigtes Reichslehen einzuziehen, doch verfügte er längst nicht mehr über genügende Macht in Italien, um diesen Anspruch durchzusetzen. König Alfonso d'Aragona stützte sich auf ein angebliches Testament, in dem der Herzog ihn als seinen Erben eingesetzt habe; das wurde aber von den Anhängern Sforzas, der die nächsten Erbansprüche als Schwiegersohn geltend machte, bestritten. Die Umgebung des sterbenden Herzogs hatte die Krankheit bis zu seinem Tod verheimlicht; nun hißte die aragonesische Partei die Fahne des Königs. Schließlich wurde von der Bürgerschaft verfochten, daß Mailand ursprünglich eine Republik gewesen sei, bevor die tyrannischen Visconti die bürgerlichen Freiheiten unterdrückt hätten. Ein neuer bedeutsamerWendepunkt war erreicht,und noch am selbenTage, als die Botschaft eintraf, sendet Barbaro einen langen, klugdurchdachten 272 VIII ALTERSWEISHEIT staatsmännischen Brief an einen seiner hochgestellten Freunde in Venedig, den Prokurator von San Marco: Federigo Contarini 29 . Der Tod des Erzfeindes beschäftigte ihn so stark, weil er die mannigfachsten Aussichten auf die Zukunft eröffnete. Barbaro beginnt mit dem Bekenntnis: In jedem Augenblick, sei es bei der Arbeit, sei es beim Ausruhen, könne er nicht anders, als für den Staat sorgen. Er hört, daß die Mailänder nach dem Tode des Herzogs die Waffen nicht wider die Venezianer ergriffen haben, sondern gegen die habgierigen, grausamen und dreisten Beamten des Herzogs, deren Joch sie abschütteln wollen, um sich frei zu machen und in Frieden leben zu können. Es gäbe aber eine Richtung in der Stadt, die eine Staatsumwälzung anstrebe und lieber sich an Venedig anlehnen als für sich bleiben wolle (.. .et sub umbra nostri auxilii tegi quam suis legibus vivere malint). Mit Scharf bück überschaut Barbaro die Möglichkeiten einer venezianischen Politik für diesen Augenblick. Man müsse sich entscheiden, ob man das eigne Herrschaftsgebiet erweitern, oder die Sache der italienischen Freiheit führen und dadurch den Frieden festigen wolle. Die Mehrzahl der venezianischen Staatsmänner zwar dächten, jetzt sei die günstige Gelegenheit gekommen, die eigenen Grenzen über die Adda vorzustecken. Im Gegensatz zu dieser Einstellung möchte aber Barbaro lieber durch Venedigs Ansehen und seine unbestechbare Rechtlichkeit die Macht der Lombardei zum Bundesgenossen gewinnen, als sie sich durch Waffengewalt entfremden. Wenn Venedig uneigennützig bliebe, habe es im Kriege das Recht auf seiner Seite. «Wir haben diesen Krieg doch nicht aus Herrschgier (dominandi libidine) unternommen, ruft er aus, sondern um Gewalt mit Gewalt zu unterdrücken und einen Frieden ohne Hinterhältigkeit zu erstreben. Wir haben auch die Mailänder zur Freiheit aufgerufen und erheben Anspruch auf diesen ruhmvollen Ehrentitel, nicht damit alles unserer Herrschaft unterworfen werde, sondern damit wir selber frei die Sache der Freiheit der anderen führen. Darum scheint mir diejenige Meinung die beste zu sein, die die sicherste ist, die zwar weniger Beute, aber um so mehr Lob und Ruhm einbringt.» Die Politik der Rechtlichkeit ist ihm auch die der Klugheit, denn es sei leicht einzusehen, was den Venezianern ihr Vormarsch über die Adda eingebracht habe: Venedig sei ringsum von Neidern umgeben, undFreund undFeind könnten bezeugen, daß die jüngsten venezianischen MÄSSIGUNG BARBAROS NACH DEM SIEGE 273 Waffenerfolge nicht etwa ihre, sondern der Feinde Kräfte verstärkt hätten. So würden auch jetzt alle, die aus Mangel an Vertrauen in die eigene Kraft der Aufstieg der venezianischen Macht schreckte oder die sich durch heimtückische Machenschaften um Venedig übel verdient gemacht hätten, glauben, es sei um ihre Herrschaft geschehen, wenn Venedig im Krieg Glück habe. Mit allen diesen werde man Händel bekommen, wo man Frieden erwarte. Insbesondere sei das gute Verhältnis zu Florenz bedroht, das nach dem Tod des Herzogs keinen Grund mehr zum Kriege habe. Wenn Florenz jetzt sähe, daß mit seiner Hilfe nur Venedig sich ausbreite, könne das Bündnis nicht mehr länger bestehen. Die «reguli finitimi», die Este und Gonzaga, würden auf die Seite der Gegner treten. Bedrohliche Heere ständen ringsum; was die Prätendenten auf den Mailänder Thron, König Alfonso und Graf Sforza, für Ansprüche machten, wisse man ja. Auch könne man sich vorstellen, wie Genua vor Empörung aufschäumen werde, wenn Venedig den Versuch machen sollte, Genuas Bundesgenossen und Nachbarn Gesetze aufzuerlegen. Der Senat müsse weise handeln und sich nicht von eitler Hoffnung eines trügerischen Glückes ködern lassen, sondern den Lauf der Unternehmungen so lenken, daß man sähe, wie die Venezianer mit vollem Recht, aber für einen undankbaren Bundesgenossen — gemeint sind die Florentiner — den Krieg unternommen und dann zu gemeinsamem Nutz und Frommen dem Frieden zuliebe die Waffen niedergelegt hätten. Dies sei das einzige Mittel, um einen ständigen Frieden zu erhalten, und die Nachkommen würden die Heutigen in den Himmel erheben, weil sie der Ratio und nicht der Fortuna gefolgt wären. «Doch falls jener Sforza, der Führer (Sfortianus iste dux), ein Mars, wie sie sagen, beabsichtigt für seine eigne Tyrannis zu kämpfen, so wird er eher noch auf andere Feinde außer uns stoßen, als wenn wir nur für unsere Herrschaft in den Kampf gingen.» Die Mailänder schließlich würden sehr viel lieber für ihre eigne Freiheit als für die Knechtschaft unter Sforza kämpfen. Da nur die Wahl gelassen sei, ob man Mailand gegenüber Freund oder Feind werde, so beantrage er, daß man Mailands Freundschaft suche und dauernd festhalte. Leider drang der Rat Barbaros, der seine tiefe Einsicht zeigt, nicht durch. Der Senat, den er beschworen hatte, weise zu handeln, verfiel 18 274 VIII ALTERSWEISHEIT trotz seiner eindringlichen Warnung der Versuchung. Der feilschende Handelsgeist und die Herrschgier behielten in der Republik die Oberhand. Die Venezianer wollten nicht auf ihre Eroberungen jenseits der Adda verzichten, die ihnen das Kriegsglück in die Hände gespielt hatte, und Mailand sollte auch noch die Kriegskosten rückerstatten. Damit war die beste Friedensmöglichkeit für die Venezianer auf lange verspielt, denn fast alles trat so ein, wie es Barbaro dem Prokurator Contarini und damit der gesamten regierenden Adelsschicht Venedigs vorausgesagt hatte. Mailand sah sich außer von Venedig auch noch von dem neu in den Krieg eingreifenden Herzog von Orleans und dem König von Neapel bedroht und wußte sich nicht anders zu helfen, als den Grafen Sforza unter denselben Bedingungen zu seinem Generalkapitän zu berufen, wie der verstorbene Herzog es getan hatte. Seit Graf Sforza an der Spitze der mailändischen Truppen stand, rollte das Glücksrad für die Venezianer wieder bergab, beharrten sie doch gegen Barbaros Rat darauf, das wankelmütige Glück einem dauerhaften Frieden vorzuziehen. Contarini hatte dem Barbaro seine Befriedigung ausgesprochen, daß die Städte der Lombardei, vor allem Lodi, sich von Mailand losgesagt hätten, um Anschluß bei Venedig zu suchen. Barbaro riet darauf, die Lodeser zwar nicht im Stich zu lassen, aber auch nicht zu sehr an sich zu fesseln, damit sie nicht ein Hindernis für den Frieden würden. In den sich nun entspinnenden Kämpfen bis Frühjahr 1448 drängt Sforza die Venezianer wieder hinter die Adda zurück; nur Lodi bleibt ihnen. Die Absichten des Grafen zeigten sich deutlich beim Einmarsch in die ebenfalls von der Republik Mailand abgefallenen Städte Pavia und Tortona, die ihm die Tore geöffnet hatten. Er ließ sie nicht Mailand, sondern sich selbst die Treue schwören mit der Begründung, es sei besser, daß zwei Städte, die nun einmal nicht zu der Republik Mailand gehören wollten, einem Freunde gehorchten als dem Feinde. Barbaro muß jetzt feststellen, daß des Herzogs Tod den Venezianern noch mehr geschadet habe als sein Leben. Er begreift die Mailänder nicht, wie sie sich gerade dem, der ihrer Freiheit nachstellt, in die Arme werfen können, sie, die die Zwingburg ihres früheren Herrn, das Kastell in Mailand, gebrochen hatten. «Die guten Leute merken wohl nicht, daß sie selber den Brand in ihren Eingeweiden schüren, SFORZA KÄMPFT GEGEN DIE VENEZIANER 275 der sich kaum ohne ihren Untergang löschen läßt 30 .» Bald darauf, am 3o.November 1447, schreibt er an Ermolao Donato entsetzt über die grausame Erstürmung Piacenzas durch Sforza 31 : «Stell dir vor, weder Kirchen noch Jungfrauen noch Kinder haben sie geschont; alles diente ihnen zur Beute und zu ihrer Wollust. Es wurden, wie ich höre, selbst die, die noch nicht begonnen hatten zu leben, gezwungen zu sterben... Wenn dies auch schwer und herb ist, so mahne ich doch, daß man es hohen Sinns und mit Würde ertrage, damit der Feind merkt, daß wir durch Unglück eher erbittert als verstört werden.» — Bei solchen Worten taucht vor uns wieder Barbaros Bild auf, wie er seinen Staat sieht: als die windgepeitschte Pinie, die im Sturme ächzt, aber nicht entwurzelt wird. Böse Worte findet er gegen jene Senatoren, die seinen Rat verworfen haben. «Ich würde darauf eingehen, mit welchen Künsten man dem Schicksal widerstehen könnte, wenn nicht die meisten unserer Väter (die Senatoren) ihre Größe Heber durch Reden und Beschließen als durch Hören zeigen wollten!... Jetzt, jetzt wo der Staat zu Boden gestürzt scheint, müßte man ihn über die Niederlage hinaus aufrichten, nicht minder durch Gold als durch Eisen, und jetzt müßte man mit jeder Kunst verbindlichen Wohlwollens alle diejenigen anlocken, die bisher die Anmaßung und Habgier des Feindes nur widerwillig ertrugen.»Wir kennen bereits von Brescia her diese im Unglück feste Haltung Barbaros; damals erhob er seine Stimme, um den Mut der belagerten Stadt anzufeuern; seither ist seine innere Würde noch gewachsen, so daß er in seinen Altersjahren den echten Ton des Warners und Sehers hat. Aber das Schwerste stand noch bevor. Mitte Juli 1448 greift Sforza die venezianische Po-Flottille an und setzt sie durch Artilleriefeuer außer Gefecht. Der venezianische Admiral steckt seine Schüfe in Brand und läßt sie flußabwärts auf die mailändische Flotte zutreiben. Sforza kann die Zügellosigkeit der eigenen Mannschaft, die die venezianischen Schiffe plündern will und dadurch sein Lager von Wachen entblößte, nur so eindämmen, daß er die feindlichen Wracks in die Luft sprengt. Dann schreitet er zur Belagerung von Caravaggio. Um es zu entsetzen, zieht das venezianische Heer herbei. Der Senat hatte seine einflußreichsten Staatsmänner, Federigo Contarini und Ermolao Donato, als Provvedi- toren ins Lager abgesandt. Barbaro, der jetzt als Statthalter (luogotenente) 18 • 276 VIII ALTERSWEISHEIT des Friaul in Udine weilt, setzt auf ihre Umsicht sein besonderes Vertrauen. Sie hätten nicht nur Gold, Silber, sondern auch Eisen, Salz und vor allem Mut ins Lager mitgebracht 32 . Er glaubt, jetzt stehe die große Entscheidung bevor. Die bedeutende Gestalt des großen Feldherrn, der zum Feinde geworden ist, tritt für lange in den Vordergrund aller seiner Gedanken. Überschauen wir im Fluge, welche Haltung er bisher zu Sforza eingenommen hatte. Die erwartungsvollen Anfänge im Jahre 1437 vor der Belagerung von Brescia und während dieser haben wir noch vor Augen. Das soldatische Genie dieses Feldherrn war die Hoffnung und der Stolz der Venezianer. In seinem früher erwähnten Brief an Sforza 33 faßt Barbaro seine Ansicht über ihn so zusammen: «Tua fides, aequitas et virtus universae Galliae notissima est (deine Treue, Billigkeit und Tüchtigkeit sind in ganz Oberitalien weit bekannt).» Das sind keine hohlen Worte, mit denen er den Grafen umschmeichelt: Barbaro nahm ernst, was er einmal ausgesprochen hatte. Nur wenn spätere Ereignisse vollkommen dawider sprachen, wich er von seiner einmal gefaßten Meinung ab. Treue und Billigkeit kann ein so großartiger Abenteurer wie Sforza der Stadt Venedig, wo er nie heimisch wurde, nicht halten; seinen Tadel darüber vom venezianischen Rechtsstandpunkt aus hat Barbaro nicht verhehlt. Seine Enttäuschung über den Abfall Sforzas wird nur von seinem Unwillen über die ungeschickte venezianische Politik übertroffen, die Sforza scheinbar ins Recht setzte. Wie für Barbaro die folgenschweren Entscheidungen vor Cara- vaggio zu einer göttlichen Prüfung werden, zeigt ein Brief vom 18. August 1448 34 . Er ringt damals mit sich, ob er gegen oder zum Kampf raten soll, und fragt, ob Gott den gerechten Waffen (pia arma) der Venezianer gnädig sein werde. Im Augenblick, als er sich innerlich dazu entscheidet, daß er sich diese Gnade erwünschen dürfe, weil auf den eigenen Fahnen Treue, Gerechtigkeit und Freiheit ständen, auf denen des Gegners aber Treulosigkeit, Ehrgeiz und Herrschgier, da fällt ihm die neuste, durchaus nicht uneigennützige Politik seiner Landsleute ein, und er betont noch einmal seinen ursprünglichen Standpunkt: «Das wünsche ich nicht, damit unsere eigene Herrschaft sich noch weiter ausbreite, sondern damit endlich einmal die Willkür der Waffen, die Straflosigkeit (beim Ziehen) der Schwerter, Mord und Raub, Brandschatzung von Städten und VENEZIANISCHE NIEDERLAGE BEI CARAVAGGIO 277 Ächtungen von Bürgern aufhören, und damit in Italien diejenigen Leute, die nicht siegen können, ohne viele zu vergewaltigen, und die auch nicht gelernt haben, über sich und andere gut zu herrschen, Friedensbedingungen annehmen.» In der Vorstellung Barbaros hat Sforza schon ganz den Platz des Herzogs Filippo Maria eingenommen, deshalb treffen ihn auch die nämlichen Vorwürfe. Dies kommt aber nur der gleichen Gegnerschaft zu, denn Barbaro weiß wohl, daß Sforza eine viel freiere und großzügigere Gestalt ist als der letzte Visconti. Im fernen Udine ergreift Barbaro erneut die Unruhe um das Schicksal des venezianischen Heeres; sie raubt ihm den Schlaf: «so wie wir es von Samuel lesen, als sein Volk in den Streit auszog», schreibt er an die beiden Proweditoren im Lager 35 . Ein seltsam ahnungsvoll gewähltes Beispiel! Sollte Barbaro ebenso wie Samuel im Tempel von der Vorahnung der Niederlage der Seinen gequält worden sein ? Der Brief läßt es vermuten, denn während Barbaro noch am Vortage zum Kampf anspornte, scheint es ihm jetzt, als ob es Sforza nicht so sehr auf die Eroberung der unbedeutenden Festung Caravaggio abgesehen habe, als auf dieZusammenballung aller seiner Streitkräfte an diesem Punkte, um bei günstiger Gelegenheit loszuschlagen. Die Proweditoren sollten sich j a hüten, ihm diese zu bieten! Hellsichtig versetzt sich Barbaro in die Gedankengänge Sforzas: diesem könne aus keinem andren Grunde an dem elenden Flecken gelegen sein, als um vielleicht den Namen Caravaggio durch eine gewaltige Niederlage der Feinde zu adeln. Es gehe dem Sforza jetzt ums Ganze, um die Herrschaft in Oberitalien; mit seinem unanzweifelbaren Mut werde er die Gefahr nicht meiden und selbst sein Leben einsetzen, wenn ihm solcher Ruhm winke. Barbaro, der aus der Ferne so klar wie keiner der Beteiligten aus der Nähe sah, warnt eindringlich vor vorschnellen Entschlüssen: vor allem solle man nichts tun, was der Feind wolle und wozu er offenbar herausfordere; man dürfe sich von ihm nicht das Gesetz des Handelns vorschreiben lassen. Fabius Maximus Cunctator habe den Ausspruch getan, daß weder leere Ruhmsucht noch falsche Furcht vor Schande den Feldherrn vom wahren Wege abbringen dürfe. — Nach einem unentschiedenen Scharmützel lagen sich die beiden Heere vier Wochen lang untätig gegenüber, bis sich die Venezianer zu der Unvorsichtigkeit hinreißen ließen, einen Überfall auf das feindliche Lager zu unternehmen, 27 8 VIII ALTERSWEISHEIT der ihnen teuer zu stehen kam, denn sie gingen dort in die Falle und wurden vernichtend geschlagen, nooo Reiter, sowie das ganze Fußvolk, bis auf den letzten Mann, gerieten in Gefangenschaft; das ganze Kriegsgepäck und -gerät ging an die Feinde verloren. Unter den Gefangenen waren auch die beiden Proweditoren Contarini und Donato. Wieder muß Barbaro beklagen, daß man auf seinen Rat nicht gehört hat; oft habe er vertraulich und in der Öffentlichkeit ausgesprochen, daß nirgendswo weniger als im Kriege der Ausgang den Erwartungen entspräche, deshalb seien minder gefahrvolle Entschlüsse stets vorzuziehen; er wolle es aber nicht wie jene Ärzte machen, die nach dem Tode der Freunde gewöhnlich sich über die möglichen Kuren verbreiteten. Trotz der schweren Niederlage sei kein Grund zumVerzweifeln vorhanden; denn nun habe sich das Verhältnis umgekehrt: viele, die einen besiegten Sforza nicht im Stiche gelassen hätten, würden einen siegreichen mit Argwohn betrachten. Was die Zukunft bringe, wisse er nicht, aber er verzweifle nicht; wenn man von allen Seiten neue Truppen herbeizöge, könne man sich durch Zögern halten. Der Neid, der auf Venedig so gedrückt habe, solange es siegreich war, dürfte jetzt bei veränderter Lage in Hilfsbereitschaft für die bedrängte Stadt umschlagen. Doch vor allem sei innere Einkehr vonnöten (si coram Deo prosternamur !) 36 . Barbaros Freund, der Arzt Pietro Tommasi, der uns schon manchmal begegnet ist, hatte damals die unangebrachte Laune, die recht unrühmliche Niederlage der Venezianer zum Gegenstand eines prunkvoll stilisierten und gefeilten Rundschreibens in der bekannten Art der Humanistenbriefe zu machen; er sandte es auch an Barbaro. Diesem aber ging das Mißgeschick der venezianischen Waffen viel zu nahe, als daß er sich durch wohlklingende Humanistenworte über die harte Wirklichkeit hinwegtäuschen konnte. Solche Schönrednerei am unrechten Platze empörte ihn. Er antwortet darauf mit einem formal wie immer ausgeglichenen, aber inhaltlich entgegen seiner sonstigen Verbindlichkeit doch sehr scharfen Brief 37 . Die ganze Wahrhaftigkeit und Strenge seines Wesens tritt in dieser Antwort zutage. Tommasi scheine in seiner Meinung beträchtlich vom karthagischen Volke abzuweichen, das seine Führer, wenn man sich mit dem Feinde schlecht geschlagen hatte, ans Kreuz schlug; er aber lobe und hebe diejenigen in den Himmel, die an dieser schändüchen und BESONNENHEIT BARBAROS NACH DER NIEDERLAGE 279 unheilvollen Flucht schuld seien, als ob sie den Staat nicht beinahe an den Abgrund gebracht, ihn vielmehr gerettet und gemehrt hätten! «Ge- s chichte dieser Staatsaktion »nenne er das, ob er aber wirklich Geschichte geschrieben habe, das überlasse er, Barbaro, dem Urteil anderer. Die Vorfahren hätten freilich zum Gesetz der Geschichtsschreibung erklärt: nichts Wahres verschweigen, nichts Falsches behaupten. Für Barbaros Beurteilung eines Feldzuges ist mehr der vorbereitende Plan für die Führung als der schließliche Ausgang des Kampfes maßgebend. Wer aber den Oberbefehl im Kampfe mit dem Feinde führe, dem stehe nichts schlechter an als unbesonnene Tollkühnheit. Tommasi entschuldigte sich sofort für seinen unwahren Bericht, aber Barbaro bleibt bitter 37 : was einmal in aller Welt verbreitet sei, das könne man nicht mehr ungesprochen machen, es sei denn, er wolle nach Art des Augustinus öffentlich widerrufen. Tommasi hatte sich dadurch blenden lassen, daß man in Venedig seinen Brief sehr schön fand; dafür wird er jetzt um so schonungsloser von Barbaro angegriffen: «Was zu tun ist, wirst du wohl von selber wissen; du kannst dich ja mit jenen hochernsten Leuten beraten, die — um deine Worte zu benutzen — so hoch gelobt haben, daß eine von andern schlecht geführte Sache von dir vortrefflich behandelt worden sei!» Tommasi solle sich hüten, die Venezianer in seinem Schlachtgemälde heldenhafter kämpfen zu lassen, als es sich mit der Wahrheit vertrüge und sie selber im offnen Felde sich betragen hätten, da doch allgemein kund sei, wie die venezianischen Kräfte teils aus Unklugheit teils aus Feigheit zusammengebrochen seien. Auf der andern Seite wäre es gar zu billig, die Taten des Feindes zu verkleinern. Wenn Parma, Tortona und Alessandria zum Grafen Sforza abgefallen seien, so habe der Graf dies wirklich nicht etwa dem Glück — wie Tommasi schriebe, sondern vielmehr das Glück dem Grafen Sforza zu verdanken. — Barbaro macht es tiefen Eindruck, und er preist die Hochsinnigkeit des Grafen, daß diese nach einer glücklichen Schlacht sich gleich zum Frieden mit den Venezianern herbeiläßt. Die Adda sollte künftig die Grenze sein, und Venedig verpflichtete sich, dem Grafen zur Erlangung des Mailänder Herzogshutes behilflich zu sein. Auch Barbaro läßt jetzt die Mailänder, die in Feindseligkeit gegen seine Vaterstadt verharren, fallen. Weil sie sich in inneren Parteikämpfen zerreißen, 28o VIII ALTERSWEISHEIT sieht er voraus, daß sie nicht mehr lange ruhig werden schlafen können, da die Schlange (Sforza) ihnen so nahe sei. Wie nicht anders zu erwarten, wendet nun Sforza, dessen Heeresmacht nach der Einigung mit Venedig frei wurde, seine Hauptkraft gegen Mailand, in dessen Dienst er noch eben stand, und belagert es, bis die Hungersnot in der Stadt die uneinigen Bürger zu einem Entschluß treibt. Am 25. Februar 1450 versammeln sich in Mailand die Regierungsmitglieder in der Kirche Santa Maria della Scala. Um nicht dem Sforza in die Hände zu fallen, übertragen sie die Oberhoheit ihrer Stadt an Venedig; aber das war jetzt zu spät. Die Stunde dazu, in der man durch großmütiges Nachgeben die Mailänder für Venedig hätte günstig stimmen können, war schon damals durch die Unnachgiebigkeit der Venezianer versäumt worden, als der Senat Barbaros Rat nach dem Tode des Mailänder Herzogs in den Wind schlug. Das feindliche Heer stand vor den Mauern, und man konnte sich nicht länger halten. Ein Volksaufstand brach los, der Pöbel erschlug den venezianischen Gesandten, die republikanische Regierung wurde gestürzt, und der Humanist Filelfo Heß sich an der Spitze einer Gesandtschaft an den Grafen Sforza nach Pavia schicken, um ihn in wohlgesetzter Rede als neuen Herzog willkommen zu heißen. Der Friede mit Sforza als Herzog war nicht von langer Dauer. Schon im Oktober 1451 befürchtet Barbaro 38 , daß dem Herzog die Quellen des Goldes und Silbers reichlicher als gewöhnlich zuflössen und er schon wieder an Krieg denke, weil er überall Truppen anwerbe. Im Jahr danach bricht dann der Krieg von neuem los. Inzwischen war Barbaros Einfluß auf die Staatsleitung, aus der er durch Eifersucht von Nebenbuhlern einige Jahre lang verdrängt war, wieder gewachsen, und in seiner neuen Würde als Prokurator von San Marco konnte er sich durch klugen Rat, der diesmal auch befolgt wurde, nochmals große Verdienste um den Staat erwerben. Der Bruder des Gattamelata, Gentile da Leonessa, ist jetzt venezianischer Oberbefehlshaber. Gattamelata selber war schon einige Jahre zuvor gestorben, und Barbaro hat seinem treuen Kriegsgefährten in lateinischen Versen 39 die Grabschrift gedichtet. Nun richtete er am 16. Juni 1452 an den neuen Kondottieren einen wundervoll klar durchgeformten Staatsbrief von der Länge einer Abhandlung, das Glanzstück BRIEF AN GENTILE DA LEONESSA 28l seines Briefwechsels, in dem die gereifte venezianische staatsmännische Überlieferung in der jungen humanistischen Form vom persönlichen Temperament Barbaros durchglüht erscheint 40 . Ähnlich wie er früher die Wahl zwischen Ratio und Fortuna stellte, so zeigt er dem Feldherrn hier die doppelte Möglichkeit der Kriegführung durch «consi- lium» und «arma». Nicht nur durch rohe Waffengewalt könne man zum Siege gelangen, häufiger noch durch bedachte Kriegslist. Noch im vorhergehenden Jahre hatte Biondo seinem Freunde Barbaro aus Neapel leihweise mehrere griechische Bücher über die Kriegskunst gebracht, und als er sie an Panormita zurückgab, schrieb Barbaro dazu 41 : «Diese kampflustigen Bücher hielt ich gewissermaßen als (Kriegsgeräte und Adjutanten» sozusagen gefesselt bei mir im Hause der Musen, damit sie nicht durch Hoffnung auf Sieg, den sie zu verleihen versprechen, das Zeichen zur Schlacht gäben und Ruhe und Frieden störten zur großen Erregung von ganz Italien.»Solche Beschäftigung mit den antiken Kriegsschriften, die ihn zum Nachdenken über die gegenwärtigen Verhältnisse anregen, kommt ihm jetzt zugute. In seinem langen Sendschreiben ruft er dem Gentile da Leonessa die großen Kriegshelden des Altertums ins Gedächtnis, weil sie mit Umsicht (consilio) gehandelt haben, Pyrrhus, Alexander, Hannibal, Cäsar und andere römische Feldherren und von den heutigen «großen Männern > vor allem Carmagnola und Niccolö Piccinino, «der weder ein gutes noch ein schlechtes Geschick ertragen konnte: er war nicht minder wild als Besiegter denn als Sieger». So ehrte Barbaro seine Gegner über den Tod hinaus. In seinem ganzen Schreiben müht er sich, durch die schlimmen Erfahrungen von Caravaggio gewitzigt, um jeden Preis eine zweite solche Niederlage zu verhüten. Gentile sei vom Senat aufs beste ausgerüstet, und er dürfe Venedig die Wahl, ihn zum Führer erhoben zu haben, nicht bereuen lassen. «Mit einem Feinde aber kämpfst du, der in der Kriegskunst und durch die Geschicklichkeit seiner Begabung sehr viel vermag. Sein Ansehen ist ein so gewaltiges, wie es ihm, der von Jugend im Waffendienst erzogen, nur alterprobte Heere, die Schätze Italiens und der Ruhm seiner Taten erwerben konnten. Aber vielleicht beginnt, wie von den Seinen berichtet wird, die Kraft seines Geistes und Körpers teils durch seine Zügel- losigkeit in allen Dingen, teils durch die Eigenart des Emporkömmlings 282 VIU ALTERSWEISHEIT und durch vorgeschrittenes Alter und durch Sattheit etwa an Ruhm so zu verblühen und zu altern, daß er aus einem scharfen Kriegsmann gleichsam ein Zauderer geworden ist; vornehmlich deshalb, weil er jetzt mehr die Unberechenbarkeit menschlicher Zufälle fürchtet und verlernt hat, mitten im Getriebe gewaltigster Dinge zu hoffen.» Auf jeden Fall dürfe man ihn nicht unterschätzen. Barbaro spricht es nicht offen aus, aber er hat aus der Niederlage von Caravaggio ernstlich die Lehre gezogen, daß die Venezianer in offener Feldschlacht der genialen Kriegführung des Herzogs nicht gewachsen sind. Deshalb warnt er wie vor Caravaggio: Niemals den Kampf annehmen, wenn der Gegner ihn anbietet! Das Draufgängertum ziehe die schlimmsten Folgen nach sich. Erst wenn der Feind zum Kampf nicht mehr gewillt sei, dann solle man ihn angreifen, erst wenn er in Verpflegungsschwierigkeiten gerate, dann wäre es Zeit, loszuschlagen. Wiederum handle es sich für den Herzog nicht um die paar elenden Burgen, die er einnehmen könne, sondern um die Entscheidung über den Besitz eines großen Teiles von Oberitalien. Kurz: Gentile müsse den Gegner auf jede Weise zermürben, ohne dabei Gold zu verschmähen, womit er Eisen, auf das sich Sforza verlasse, stumpf mache, zumal der Herzog sich in Mailand nur eine Gewaltherrschaft aufgerichtet habe, die mit dem Erfolg stehe und falle. Barbaro hatte alles vollkommen richtig vorausgesehen. Herzog Sforza versammelte seine ganze Heeresmacht und hätte gar zu gern durch ein zweites Caravaggio den Krieg schnell und siegreich beendet; so schickt er einen Herold nach Ritterart mit einem Handschuh, einer blutigen Lanze und dem Fehdeschreiben an den feindlichen Feldherrn. Gentile da Leonessa empfing ihn höflich und scheinbar zuvorkommend und setzte ihm Wein und Backwerk vor. Beim Abschied gab er dem Herold für den Herzog seinen eignen Handschuh mit, er solle melden, daß Gentile am nächsten Tage die Herausforderung annehmen werde; aber eingedenk der Warnung Barbaros läßt Gentile zur großen Entrüstung der Mailänder seine Truppen am nächsten Tage nicht aus den Verschanzungen heraus. Die Entscheidungsschlacht verlief in einem Wortgefecht, bis dichter Nebel die Fechtenden trennte.» Als die Venezianer dann abzogen, errichtete Sforza im Grimm, daß ihm die sichere Beute entgangen war, den Venezianern ■für ihre Feigheit auf dem Felde von Montechiaro eine Schandsäule. Aber Gentile, der bald darauf durch BARBAROS BEURTEILUNG SFORZAS 283 einen Pfeilschuß getroffen sein Leben ließ, hatte den Venezianern das Heer unversehrt erhalten, wie es Barbaro von ihm verlangte. Der Brief an Gentile hatte noch ein Nachspiel. In Venedig, wo die Abschrift gegen des Verfassers Willen als ein humanistisches Prunkstück herumgereicht wurde, nahm man Anstoß, daß Barbaro die Vorzüge des feindlichen Herzogs ehrend erwähne, statt ihn zu beschimpfen und als Verräter an der venezianischen Sache zu brandmarken. Wir hörten schon, wie erzürnt man in Venedig auf Sforza war; nicht nur den Bau des Palastes stellte man ein, man sandte auch Giftmörder gegen ihn aus. — Barbaro verteidigt sich gegen jenen Vorwurf, er vergegenwärtigt noch einmal, was er über den Herzog gesagt hat, und fügt zu, daß all dies vor gerechten Richtern wahr sei. Die unanzweifelbaren Vorzüge des Herzogs könne auch er «salvo officio» nicht leugnen. Im übrigen sei es nicht seine Aufgabe gewesen, mit Schmähungen jemandes Ruf zu verletzen und gegen die Wahrheit herabzuziehen, sondern es sei seine Pflicht gewesen, den Feldherrn des venezianischen Heeres zu mahnen, sich nicht durch Waffen besiegen oder durch List überwinden zu lassen. «Auch vor dem Feinde im Kriege ist ein gewisses Recht zu achten, das man ohne große Tücke nicht verletzen darf.» Dafür biete die altrömische und auch die zeitgenössische Geschichte Beispiele genug 42 . — Es ist eine alte Wahrheit, daß Urteile ebensoviel über den Beurteiler als über den Beurteilten aussagen. Ein schöneres Zeugnis für vornehme Gesinnung als sein Urteil über Sforza in all den wechselvollen Lagen, bei denen er nie den großen und heldischen Menschen im Gegner vergaß, konnte sich Francesco Barbaro nicht ausstellen. Nach dem Verhalten Barbaros den Feinden seiner Vaterstadt, den Herzögen von Mailand, gegenüber, gilt es noch, seine Stellung zu den politischen Freunden zu betrachten. Der Name, der für die Nachwelt hier den besten Klang hat, ist der des großen Cosimode'Medici, der von Jugend auf mit dem venezianischen Freund in Treue verbunden war und ihn noch lange überlebte. Von ihren gemeinsamen Jünglingsträumen, wie sie zusammen mit Niccoli auf die Handschriftensuche nach Palästina reisen wollten 43 , haben wir früher schon gehört; Cosimos Vater war dagegen, weil er des Sohnes Hilfe in dem großen von den Medici betriebenen Bankhaus bedurfte. Bald (1420) sahen wir Cosimo auf seiner ersten 284 VIII ALTERSWEISHEIT Gesandtschaftsreise zu Filippo Maria, und auf einer weiteren traf er in Rom mit Barbaro zusammen. Als sein Vater Giovanni dei Bicci de'Medici, der in Florenz eine nach innen und außen versöhnliche Politik befürwortet hatte, 1429 gestorben war, spitzten sich die schon schwierigen florentini- schen Parteiverhältnisse noch mehr zu, weil seine jungen Söhne Cosimo und Lorenzo ehrgeizigere Pläne in der Politik verfolgten, als er sie gehabt hatte; jedoch zunächst schlugen sie fehl. Man legte den jungen Medici zur Last, zum unglücklichen Kriege gegen Lucca geraten zu haben, und infolgedessen sollten sie auch für die Niederlage verantwortlich sein. Während des ersten mailändischen Krieges nämlich hatte der Herzog Filippo Maria seine beiden Kondottieren Piccinino und Sforza gemeinsam zur Entsetzung von Lucca gesandt, so daß die Florentiner eine schwere Niederlage erlitten. Der Todfeind der Medici, Rinaldo degli Albizzi, hoffte nun, die Gewalt in der Stadt an sich reißen zu können, und setzte durch, daß beim jährlichen Amtswechsel 1433 eme den Medici feindlich gesonnene Signorie gewählt wurde. Cosimo reiste sogleich aufs Land, um nicht durch seine Anwesenheit die Erbitterung noch zu steigern; dort erreichte ihn die Vorladung nach Florenz. Die Freunde warnten ihn, ihr Folge zu leisten, aber er stellte sich mit dem Bewußtsein eines guten Gewissens seiner Behörde, die ihn unverzüglich in den Kerker warf. Aus Furcht, vergiftet zu werden, enthielt er sich vier Tage aller Speise. Unter den maßlosen Feinden, die seine Hinrichtung verlangten, war auch der haßerfüllte Filelfo; doch drang seine Meinung nicht durch, zumal aus Cosimos Geldbörse eine erhebliche Zuwendung in die Taschen des Gonfaloniere floß. Dies hatte zunächst den Erfolg, daß dem Gefangenen ein sicherer Wächter bestellt wurde, damit ihn seine Feinde nicht im stillen umbrächten; sodann redete ihm der Kerkermeister gütlich zu, wieder Nahrung zu sich zu nehmen: er wolle zu Cosimos Sicherheit selber mit ihm speisen. Um den Medici in seiner düsteren Laune aufzuheitern, ließ er sogar einen Spaßmacher ins Gefängnis kommen 44 . Als Barbaro von den verhängnisvollen Ereignissen in Florenz hörte, war er erschrocken und um das Schicksal seiner Freunde besorgt. Er schrieb sogleich an Angelo Acciaiuoli 45 , den er schon auf seinen ersten Florentiner Reisen mit den Brüdern Medici ausgesöhnt hatte; (vorher waren sie nämlich durch lange Familienfehde mit ihm entzweit VERBANNUNG DER MEDICI NACH VENEDIG 285 gewesen). Er nehme an dem bedauerlichen Ereignis, sagt Barbaro, ebenso von Staats wegen wie persönlich Anteil; da er um das Wohlergehen der Republik Florenz nicht minder besorgt sei als um das Leben seiner Freunde, so könne er Acciaiuoli nicht verhehlen, welch großen Schaden Florenz durch den Verlust seiner besten Bürger erleiden werde, denn er, Barbaro selber, sei Zeuge gewesen, in welchem Maße Cosimo seine Person und seinen Besitz in den Dienst der Vaterstadt Florenz gestellt habe, und auch jetzt müsse er die im Mißgeschick feste Haltung des Cosimo loben, denn er und sein Bruder Lorenzo wollten nur für und nicht gegen ihr Vaterland streiten. «Du weißt doch, es läßt sich keine ausreichend gerechte Ursache finden, daß wir gegen Vaterland oder Eltern Gewalt mit Gewalt beantworten dürften (wenn freilich die Rotte noch fürs Vaterland gelten kann, die aus Parteisüchten oder aus irgendeinem andern Grund mehr vermag als Gesetze und Senat) 45 .»In dieser Drangsal freut sich Barbaro der gemeinsamen Freundschaft Acciaiuolis, der sich tapfer für Cosimo einsetzt, und er beglückwünscht sich, daß es ihm, Barbaro, früher gelungen ist, die Versöhnung zunächst mit Lorenzo de'Medici und dann auch mit dessen Bruder zustande zu bringen. Inzwischen ist Rinaldo degli Albizzi in Florenz erzürnt, weil man Cosimo am Leben lassen will: Wenn man nicht ganze Arbeit leisten wolle, so sollte das Unternehmen ganz unterblieben sein. Ein lebender Cosimo bedeute für das florentinische Volk die Knechtschaft und für die Gegner der Medici eine schwere Gefahr, rief er aus, und hatte damit nicht so ganz unrecht. Doch sprachen die Richter über Cosimo und die Seinen nur die Verbannung aus; um aber die den Medici feindliche Regierung zu festigen, hielt man es für ausreichend, wenn man unter diejenigen, die gegen Cosimo gehetzt hatten, eine Geldspende verteilte. Auf seinem Weg in die Verbannung wurde der Medici allerorten wie ein Fürst geehrt, so besonders vom Markgrafen von Ferrara, Niccolö d'Este. Dieser und Venedig hatten auf die Kunde von der Verhaftung Cosimos Gesandte zu seinen Gunsten nach Florenz geschickt, und Venedig verbürgte sich, daß es auf Cosimo einwirken werde, nichts gegen die florentinische Signorie zu unternehmen. Obwohl diese Gesandtschaft ihn nicht frei bekam, «pure la venuta loro giovö assai, perche c'erano di quelli che confortavano fussi morto, ed ebbono promissione non mi 286 VIII ALTERSWEISHEIT sarebbe fatto offensione (allein ihre Ankunft half mir sehr, denn manche beteuerten, ich wäre des Todes, und sie [die Venezianer] erhielten das Versprechen, es solle mir kein Leides angetan werden)», wie Cosimo selber in sein Tagebuch eintrug 46 . Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir behaupten, daß auch Barbaro neben den anderen venezianischen Freunden, die die Gesandtschaft veranlaßten, Cosimo das Leben gerettet hat. Am ii. Oktober 1433 traf dieser in Venedig ein. Er bemerkt in seinen Aufzeichnungen, daß er nicht wie ein Vertriebener, sondern wie ein Gesandter empfangen ward. Sein Bruder Lorenzo, der schon tags zuvor angekommen war, fuhr ihm, umgeben von venezianischen Senatoren, unter denen sich auch Francesco Barbaro befand, entgegen. Um sich für seine Errettung zu bedanken, sucht er die Signorie auf und wird dort mit großen Ehren empfangen; man beklagt sein Unglück und verspricht, sich in jeder Weise in Florenz für ihn einsetzen zu wollen. Abermals schickte Venedig Gesandte nach Florenz, um zu erwirken, daß sich die Brüder Medici frei in den venezianischen Landen bewegen dürften, freilich in einer gemessenen Entfernung von Florenz. Während seines Aufenthaltes machte sich die Signorie häufig Cosimos ungemeine politische Erfahrung zunutze, indem sie ihn zu ihren Beratungen zuzog und ihn um seine Meinung befragte. In Florenz nannte man ihn darum noch lange den homo venetianus. Im Freundeskreis um Barbaro fühlten sich die Brüder Medici so wohl, daß Cosimo einmal äußerte, er entbehre die Heimat nicht. Seine Feinde hatten darauf gerechnet, daß seine Bank zusammenbrechen würde, wenn sie ihn gefangensetzten, aber die fremden Kaufleute sperrten ihm deswegen nicht den Kredit; im Gegenteil, eine große Summe Geldes wurde ihm aus dem Ausland angeboten und nach Venedig gesandt. Im geheimen und sehr geschickt bereitete er unverzüglich seine Rückkehr vor, denn er hörte in der Verbannung nicht auf, für Florenz zu sorgen, und ließ der Regierung, die ihn vertrieben hatte, geheime politische Nachrichten von großer Bedeutung zukommen; von seinen weitverbreiteten Faktoreien erfuhr Cosimo nämlich die wichtigsten Begebnisse der Welt schneller als irgendwer sonst. Schon Ende Januar des nächsten Jahres konnte die florentinische Regierung nicht anders, als ihn für seinen Eifer in der Fremde beloben, und ihn ermuntern, darin fortzufahren. Um sich auch den Venezianern erkenntlich zu zeigen, COSIMO DE'MEDICI IN VENEDIG 287 überträgt Cosimo dem Architekten Michelozzo den Bau der Bibliothek im Benediktinerkloster San Giorgio Maggiore, und als er Venedig verläßt, schenkt er da2u auch seine zurückgelassenen Bücher. Seinen Wohnsitz aber nahm Cosimo, nachdem er zuerst in dem Patrizierhaus der Donato Gast gewesen war, draußen in der Lagune im Kartäuserkloster San Andrea del Lido. Bekanntlich hebte er auch zu Hause nach anstrengender Arbeit die stille klösterliche Zurückgezogenheit, und noch heute zeigt man in Florenz in San Marco, dem späteren Kloster Savonarolas, die stille Zelle, in die sich Cosimo vor der lärmenden Welt zurückzuziehen pflegte. Als zehn Jahre später Barbaro zum Prokurator von San Andrea del Lido gewählt wurde, bat er Cosimo, da es jetzt zu seinen Pflichten gehöre, für die Ausschmückung des seiner Obhut anvertrauten Klosters zu sorgen: «Obwohl du dort (zu Hause in Florenz) für die Nachwelt viele Denkmale deiner Freigebigkeit zurücklassen wirst, durch die du deinen Namen, ich möchte sagen, der Unsterblichkeit geweiht hast, so wird es dir doch nicht geringes Lob eintragen, wenn er auch von uns, gleichsam von einer Warte deiner Anhänger auf irgendeine andre Weise in alle Welt wandern wird 47 .» Zudem hätten Barbaro neulich die Mönche erzählt, daß Cosimo während seines Aufenthaltes im Kloster versprochen habe, eine Zelle dort zu bauen oder die Kirche auszuschmücken. Nun mahnt ihn Barbaro freundlich an seine Pflichten gegenüber dem heiligen Andreas und erinnert ihn, daß er zur gefährdetsten Stunde seines Lebens dort wie in sicherem Hafen Zuflucht gefunden habe. Während der Abwesenheit Cosimos von Florenz betrieb Angelo Acci- aiuoli die Rückberufung der Medici; in einem Briefe riet er, Cosimo müsse sich nur mit gewissen einflußreichen Leuten in Florenz verständigen und dann irgendeinen Krieg anzetteln, — damit war man damals leicht bei der Hand! — um Gelegenheit zu haben, die arme florentinische Staatskasse mit seinen reichen Mitteln zu unterstützen. Der Plan schlug fehl, weil man in Florenz den Brief abfing und Acciaiuoli zu zehn Jahren Verbannung verurteilte. Aber im September 1434 beim nächsten Amtswechsel änderten sich die Verhältnisse, weil den Medici günstig gesinnte Staatsmänner ans Ruder kamen. Vergeblich setzte Rinaldo degli Albizzi einen Aufstand ins Werk. Papst Eugen IV., der seit kurzem seinen Sitz in Florenz genommen hatte, legte sich ins Mittel und rief die streitenden 288 VIII ALTERSWEISHEIT Parteihäupter vor sich. Inzwischen waren aber so viele Anhänger der Medici herbeigeeilt, daß Albizzi sich nicht mehr traute, sein Hauptquartier im Dominikanerkloster Santa Maria Novella zu verlassen, um die Stadt zu betreten, sondern bei Nacht und Nebel mit seinem ganzen Anhang aus Florenz entwich. Noch bevor sein Gegner zurückberufen wurde, ist Rinaldo förmlich verbannt worden. Darauf begab er sich an den Hof des Herzogs Filippo Maria Visconti, den er von nun ab ohne Aufhören gegen die Florentiner aufstachelte. Inzwischen hatte sich Cosimo in Venedig durch einen Vertrauten über die bevorstehende Umwälzung in Florenz unterrichten lassen und verließ daraufhin am 29. September 1434 die gastliche Stadt. Die florentinische Signorie gab ihm Weisung, heimlich bei Nacht und auf Umwegen zum Palazzo Vecchio zu kommen, da man fürchtete, die begrüßende Volksmasse würde sich in den engen Gassen zu sehr stauen. Gegen seine Feinde verfuhr Cosimo nach seiner Rückkehr streng. Einige, die sich nach Venedig geflüchtet hatten, wurden von dort an ihm ausgeliefert und in Florenz hingerichtet. Andere wurden verbannt, auch der gelehrte und verdiente Palla Strozzi mußte aus Florenz weichen und nahm für seinen Lebensabend Wohnsitz in Padua, wo wir ihn bei feierlichen Doktorpromotionen an der Seite seines alten Freundes Barbaro treffen. Cosimo war nach der Rückkehr der eigentliche Herr von Florenz, ohne es nach außen fühlen zu lassen. Nach der ersten notwendigen Strenge führte er ein mildes Regiment in der Stadt. Er brachte die vielbestaunte Blüte des Humanismus und der bildenden Künste zur Entfaltung, die unter seinem Enkel zur Frucht ausreifte, so daß man dem Renaissancezeitalter zu Recht den mediceischen Namen verliehen hat. In der Politik hatten Florenz und Venedig auf lange Zeit hin denselben Feind, der sie zusammenschmiedete, den Herzog Filippo Maria. Im Streit mit ihm stützte sich Cosimo besonders auf den in Toscana geborenen und in Florenz großgewordenen Francesco Sforza; an ihm hielt er unbedingt fest, trotz der wechselvollen Politik des Grafen. Das mußte mit der Zeit Schwierigkeiten mit Venedig heraufbeschwören. Noch 1437, als Barbaro eben sein Amt in Brescia angetreten hatte, schrieb er an die beiden Medici zwei mitfühlende, um sie und Florenz besorgte Briefe, da am Arno Krieg und Pest wüteten. Aber schon in diesen Briefen kündigen sich die Wirren DIE POLITIK DES COSIMO DE'MEDICI 289 an, die die staatlichen Beziehungen zwischen Florenz und Venedig trüben sollten. Im nächsten Jahre verhandelte Cosimo als Gesandter seiner Heimatstadt mit dem Dogen Foscari darüber, ob Venedig einwilligen und Geld geben wolle, damit Graf Sforza den Florentinern in ihrem noch unentschiedenen lang sich hinziehenden Kampfe gegen das streitsüchtige Lucca zu Hilfe kommen könne. Die Lucchesen stützten sich auf Picci- nino, der sogar offen gedroht habe, ganz «Etrurien.» knechten zu wollen. Der Doge lehnte jedoch ab und meinte, daß die florentinischen Bundesgenossen ein so ausschließlich toskanisches Unternehmen wie das gegen Lucca auf eigne Kosten führen müßten. Diese Absage gab der Freundschaft Cosimos mit den Venezianern den ersten Stoß, als er unverrich- teter Sache die Stadt verlassen mußte. Auf dem Rückwege besuchte er das Unionskonzil von Ferrara; in frommer Begeisterung unter dem erhebenden Eindruck der Einigung, der zwischen den beiden Kirchen zustande zu kommen schien, berichtet er an Barbaro, wie die beiden Kardinäle Cesarini und Bessarion die gemeinsamen Glaubenssätze verlasen, und wie alle Hörer und Zuschauer freudig und ergriffen waren 48 . Cosimo überredete damals den Papst, wegen der in Ferrara herrschenden Seuche das Konzil nach Florenz zu verlegen. Da er gleichzeitig auch die Bankgeschäfte des Konzils zu Basel führte, mußte er sich sehr vorsichtig zwischen den Gegnern hindurchschlängeln, um bei keinem von ihnen anzustoßen. Den hier befolgten geschäftlichen Grundsatz, bei streitenden Parteien gleichzeitig seinen Vorteil zu suchen, übertrug Cosimo auch auf die floren- tinische Staatspolitik; das ging aber nur so lange, als Sforza sich nicht zum offnen Gegner Venedigs erklärte. Das Jahr 1438 brachte die bekannte Umlagerung der Kriegsschauplätze. Florenz wurde von der Bedrohung durch Piccinino frei; dieser zog dafür gegenBrescia, während Sforza,statt Barbaro zu Hilfe zu eilen, mit König Rene von Anjou, der Erbansprüche auf den neapolitanischen Thron machte, gegen Alfonso d'Aragona in Süditalien focht. Cosimo, selbst vom Kriege verschont, hielt jetzt mit dem Finger das Zünglein an der Wage der italienischen Politik, zumal Graf Sforza ihn um Rat fragte, wie er sich zu den italienischen Händeln stellen solle. Cosimo entgalt jetzt seinem Freunde Barbaro, daß dieser vor wenigen Jahren zu den Rettern seines Lebens gehört hatte; er veranlaßte, 19 290 VIII ALTERSWEISHEIT daß Sforea mit seinem kampferprobten Heere ihn vor dem Untergange in Brescia errettete. Der Medici beabsichtigte damit zunächst, dem Visconti vor Sforza Angst einzujagen, dann aber wollte er großmütig zeigen, daß er trotz Ablehnung seiner Wünsche die Venezianer nicht im Stiche ließe. Der Herzog von Mailand war wegen des Mißerfolges seiner Waffen besonders über die Florentiner erzürnt, in denen er die Hauptschuldigen vermutete. Als daher Piccinino in Oberitalien geschlagen war, gab er ihm im Februar 1440 den Befehl, jetzt die Florentiner wieder anzugreifen; Rinaldo degli Albizzi und andere Verbannte schlössen sich dem mai- ländischen Heere, das mit 6000 Reitern über den Po ging, an; sie ließen Cosimo wissen, daß sie nicht schliefen, worauf er schlagfertig antwortete, er glaube gerne, daß er ihnen den Schlaf raube. Albizzi hatte dem Herzog Filippo Maria vorgespiegelt, beim Einrücken Piccininos in Toskana würden die Florentiner von den Medici abfallen, aber der erwartete Aufstand brach nicht los, da das breite Volk an seiner für Cosimo günstigen Gesinnung festhielt und er selber dafür gesorgt hatte, daß die städtischen Behörden mit zuverlässigen Leuten besetzt wurden. Sforza wollte mit Gewaltmärschen den Florentinern zu Hilfe eilen, aber die Venezianer vermochten ihn durch viel Geld davon abzuhalten, denn noch war ja der Feldzug für sie selbst nicht beendet; doch schickt Sforza seinem Freunde Cosimo wenigstens einige Hilfstruppen, die zum Siege der Florentiner über Piccinino bei Anghiari am Fuße des Appenins erheblich beitrugen. Der auch hier geschlagene Kondottiere mußte aus Toskana weichen, und Cosimo veranlaßte, daß über diejenigen Florentiner, die den Feind unterstützt hatten, die lebenslängliche Verbannung ausgesprochen wurde. Als sein Todfeind Rinaldo degli Albizzi dies erfuhr, traf ihn beim Mittagsmahle in Ancona, wohin er geflüchtet war, der Schlag. Nach dem Tode des Herzogs Filippo Maria erkaltet die Freundschaft zwischen Florenz und Venedig schnell. Zwar schreibt Barbaro noch in einem Empfehlungsbrief 1447 an Cosimo, daß ihre Freundschaft in derselben Haltung (eodem tenore) schon 3 4 Jahre unverletzt dauere 49 , aber im nächsten Jahre nach der Niederlage bei Caravaggio verhehlt ihm Barbaro nicht, daß ihre persönliche Zuneigung von der Staatspolitik her schwerer Belastung unterworfen sei. Sie hatten miteinander verabredet, solange der Krieg zwischen Venedig und Sforza andauere, sich nicht zu schreiben. BARBAROS LETZTER BRIEF AN COSIMO 291 Nur die äußerste Not zwingt jetzt Barbaro, das vereinbarte Schweigen zu brechen: «Auf dem Spiele steht mein eigenes Heil, das aus guten Gründen auch dir sehr angelegen sein muß, wenn du bedenkst, wie sehr ich einst mit deinem teuersten Vater Giovanni, deinem liebsten Bruder Lorenzo, und wie eng ich mit dir befreundet war.» Beim Zusammenbruch von Caravaggio war, wie erwähnt, unter vielen Gefangenen auch Bar- baros Freund, der Provveditore des Heeres, Ermolao Donato, dem Herzog Sforza in die Hände gefallen und in Ketten geworfen worden. Das schmerzt Barbaro besonders; aus seinem Innern ringt sich ein tiefes Bekenntnis zu Ermolao, das er in diesem Briefe Cosimo 50 anvertraut: «An ihn (Ermolao) bin ich durch alle Menschen- und Freundespflichten so gefesselt, daß seine Seele mit der meinen nur eine einzige Seele zu bilden scheint, und dies in dem Maße, daß meine Freiheit, wenn er in Banden ist, nicht von Dauer sein kann. Wie heilig ich die Freundschaft verehre, ist dir bewußt, und vielleicht wird auch die Nachwelt Zeuge dafür sein. Wie fromm ich Ermolao selber lieben muß, das weiß nur ich.»Dieses von der Nachwelt erwartete Zeugnis können wir ihm mit gutem Gewissen ausstellen, denn wie ein roter Faden zieht sich durch unsere Darstellung der immer wieder erneute Ausdruck der aufopfernden Sorge dieses Mannes für seine vielen Freunde seit der ersten Verkündung solcher Grundsätze im Jugendwerk DE RE UXORIA. Wie die Pythagoreer Dämon und Phintias ihr Leben füreinander einsetzten, so möchte Barbaro auch in Lebensgefahr für Ermolao Donato stehen. «Wenngleich ich ein barbarus bin und an Gaben der Natur und des Glückes von andern übertroffen werde, glaub mir, in der Liebe kann ich nicht besiegt werden. Ja in dieser Beziehung überwinde ich eher andere und auch mich selbst, so daß ich bei den Teuersten der Meinen, den toten wie den lebendigen, das erfahren habe, was der König der Mazedonen der Mutter des Darius gestand, es sei ihm vom Freunde widerfahren: 93 sei, «wie es unter vielen berühmten Männern nach unserem und der Väter Gedenken in einem freien Volke zuweilen geschieht». Alle sollen sehen, wie weit die Großmut Cosimos reiche, daß er gerade im Unglück seiner Gegner die früher erlittene Unbill vergesse. «Nichts steht einem großen und berühmten Manne besser an als Versöhnlichkeit und Milde, und es gibt nichts im Leben, was größere Bewunderung erweckt und den Menschen ehrwürdiger macht, als wenn er diejenigen durch Wohltaten besiegt, die er durch Wohlwollen allein sich nicht verbinden konnte.» Voll sei die antike und jüngere Geschichte von Beispielen der Großmut, die sich am Feinde nicht rächte, der in ihrer Gewalt war. Diese Mahnung hatte Erfolg; Cosimo gab sie weiter an den Herzog Sforza und beide Männer verschlossen sich der hochsinnigen Bitte Barbaras nicht. Auch herrschten jetzt in Mailand andere Sitten als unter dem verstorbenen Herzog. Wenn der bösartig gesinnte Filippo Maria den Er- molao Donato in seine Gewalt bekommen hätte, so würde er vielleicht, wie er es mit einem andern ihm verhaßten Venezianer machte, ihn für tot ausgegeben und heimlich in die berüchtigten Öfen von Monza gesperrt haben; das waren Käfige, in denen die Gefangenen nur hocken konnten, und um ihnen auch das Sitzen schmerzhaft zu machen, standen aus dem Boden Pflöcke hervor. Bis zum Tode des Herzogs schmachtete hier auch Colleoni. Aber Sforza war menschlicher und entließ Ermolao Donato auf Aufforderung Cosimos, so daß ihn Barbaro schon am 8. November zu seiner Rückkehr nach Venedig beglückwünschen konnte. Der Krieg mit Herzog Sforza dauerte noch viele Jahre bis über den Tod Francesco Barbaros hinaus. Wie sie übereingekommen waren, haben sich deshalb Cosimo und Barbaro nie mehr geschrieben. Aber das letzte Wort Francescos hallt nach. Wer in der Begegnung zweier bedeutender Menschen auf Erden nicht ein zufälliges Gehen und Kommen sieht, sondern eine innewohnende Gesetzmäßigkeit erahnt, der wird fühlen, daß diese beiden vornehmsten Geister ihres Jahrhunderts sich nicht nur äußerlich aus politischen Gründen, sondern auch innerlich Schweigen auferlegen mußten, nachdem sie einmal die Höhe ihrer Freundschaft erstiegen hatten, als das Äußerste, was Freunde sich sagen können, in Francescos Brief wunderbaren Ausdruck gefunden hatte; da durfte Cosimo nicht anders, als stumm mit Tat antworten. In dieser eindrücklichen iker Eir e ital nnigl auch arcal stellt! e dej : An] 'ublij Berli ratuj :euc SÜ vubl Berlik 1 ratufl reudT Sirg :mmi als raul I lded ai'f A| r e l sntl M [tigl M kla* 298 VIII ALTERSWEISHEIT vermerkt der weltzugewandte Bernardo mit sichtlicher Befriedigung. Zuerst zeigte er sich gegen den Kleiderluxus der venezianischen Damen streng, aber damit konnte er nicht durchdringen, da der auffahrende Doge Francesco Foscari ihn vor sich rufen Heß und geistlichen Eingriff in die Sitten der Stadt sich verbat. Mehrfach beobachteten wir schon diese Haltung der venezianischen Regierung, die trotz aller Frömmigkeit nie einen Übergriff der Kirche auf ihre Staatsangelegenheiten duldete. Hier zwar wußte Lorenzo den Dogen durch sein mildes Wesen zu besänftigen, so daß dieser nach den Worten Bernardos die Tränen der Rührung nicht zurückzuhalten vermochte, sich an die daneben Stehenden wandte und ausrief: «Ein Engel, kein Mensch hat gesprochen. Geh, Vater, und walte deines Amtes !» 56 Aber die Frauen gaben sich nicht zufrieden, wandten sich an den Papst und erreichten die Aufhebung der sie einengenden Verfügung ihres neuen Bischofs. Von seinem Vorsatz, das elterliche Haus zu betreten, wich er auch jetzt nur in zwei Fällen ab. Sein Bruder Marco siechte dahin, und über ein Jahr war sein heißester Wunsch, den frommen Bruder noch einmal vor seinem Tode zu sehen. Auf das häufige Drängen Leonardos und Bernardos gibt Lorenzo nur den Bescheid, er werde kommen, wenn es Zeit sei. Erst in der Todesstunde des Bruders, die er voraus wußte, betrat er das Sterbehaus und gewährte dem Sterbenden den Trost, in seinen Armen zu verscheiden. Dasselbe wiederholte sich neun Jahre darauf beim Tode Leonardos. Dies Vorauswissen und seine Haltung beim Hinscheiden der Brüder machte auch auf Barbaro tiefen Eindruck. In jenem schon früher erwähnten Brief an die Tochter Constanza über den Tod der Nichte Luchina schreibt er: «Was der heilige Bischof Lorenzo Giustiniani, unser Vater, beim Hingang seiner Brüder Marco undLeonardo tat, weißt du wohl. Damals mußte man seinen gefaßten und beruhigten Sinn rühmen, so daß alle staunten, wie er lebe, weil er bei seiner besonderen Bruderliebe (cum singulari pietate) weder ächzen und jammern wollte, noch zu weinen und seufzen vermochte 58 .» Der Kreis der venezianischen humanistischen Staatsmänner erfuhr durch die Verehrung der nicht zu ihnen gehörigen heiligen Männer wie Lorenzo und Bernardino eine dankbar empfundene Erhebung über das Irdische hinaus. Ganz deutlich sieht man an Lorenzo Giustiniani, wie für ihn das asketische Leben nur Mittel zu einer Art von 1 LEONARDO GIUSTINIANI 299 Vergeistigung ist, die die oberflächliche Schicht des gewöhnlichen Welttreibens durchbricht und tiefer den geheimen Ablauf von Werden und Vergehen spüren lehrt. Auch die Antwort, die der Heilige seinem Neffen gibt, als dieser als Weltkind aus der Ebene der Beweisbarkeit der Dinge heraus ihn fragt: Woher weißt du, daß mein Vater Leonardo jetzt unter den Seligen ist? ist bezeichnend; denn solches Wissen, das aus innerlicherer Sphäre stammt, ist unmittelbare Eingebung, und es wäre nichts gewonnen, wenn es sich anderswie in die Zone der Beweisbarkeit verschieben ließe. Deshalb sagt Lorenzo nur dies eine: <, und Fos- carini weiß zu berichten, daß man noch täglich von Barbaro in Brescia spreche: «Denn sooft ich von deinen Taten höre, und ich höre fast jeden Tag davon, scheinen sie nicht die Entschlüsse eines ein2elnen berühmten Mannes zu sein, sondern die des gesamten Senates. Ich würde also fehlgehen und vom ganzen Plan meines Lebens abweichen, folgte ich nicht deinem Rate. Dich habe ich mir als Beschützer, Leiter und Lenker für jede gute Tat, die ich vollbringen will, erwählt. Ja, dir und deinen verehrungswürdigen Sitten suche ich, soweit meine Kräfte (ingenii mei vires) reichen, stets nachzueifern und ich höre niemals auf, sie zu preisen. Weil ich dich unter den Besten mir erlesen habe, mehr als Cato den Fabius Maximus, so habe ich mich ganz deinen heiligen Mahnungen hingegeben und verehre stets deine Spuren. Aus diesem Grunde halte ich beständig für das Gerechteste und Sicherste, was du in deiner höchsten Weisheit zu tun beschlossen hast 75 .» — Mit solcher Treue, wie sie ihm Zacharias Trevisano und Lodovico Foscarini bewiesen, wurde die Pietas des Francesco Barbaro gelohnt, wurde seine unermüdliche Fürsorge für die heranreifenden venezianischen Staatsmänner erwidert, die den Eindruck seiner großen Persönlichkeit unverblaßt bewahrten und weiterleiteten. Das nämlich ist der wahre Sinn des Nachruhmes, daß der überragende Mensch sich so wie Francesco Barbaro im Leben verdoppelt und vervielfacht und in andern ihn hebenden und verehrenden Menschen nach seinem Tode fortlebt. Eine wichtige Seite der politischen Wirksamkeit Barbaros ist bisher nur gestreift worden: sein Verhältnis zur kurialen Politik, seine Einflußnahme auf die Entschlüsse der Päpste und Kardinäle. Obwohl er während seiner ganzen Staatslaufbahn mit Rom in regem Gedankenaustausch stand, sei seine politische Haltung erst hier an letzter Stelle zusammenfassend gewürdigt, weil sie mehr als die venezianische Politik über die italienischen Landesgrenzen hinausdeutet und ihn gegen Ende seines Lebens zu einem Staatsmanne reifen läßt, der die gesamt-europäische Politik im Auge hat und überschaut. Ebenso wie Barbaro in Florenz stets einen Vertrauensmann hatte, der ihm über die dortigen Ereignisse Nachricht gab, so steht er seit dem Beginn seines Wirkens mit den einflußreichsten Staatsmännern der Kurie in Verbindung: zuerst mit dem KARDINAL VITELLESCHI 309 Kardinal Gabriele Condulmieri und, als dieser Papst Eugen iv. wurde, mit dessen Bruder Francesco. Am nächsten aber stand ihm Kardinal Scarampo; mit ihm pflegte er bedeutsamen politischen Briefwechsel. Es ist auffallend, daß er gerade diejenigen Kardinäle für den brieflichen Austausch bevorzugte, die von der kirchlichen Geschichtsschreibung als weltlich getadelt werden. Barbaros Verkehr mit Päpsten und Kardinälen berührt nie religiöse Fragen, gelegentlich die Kirchenverwaltung, hauptsächlich aber die kuriale Italien- und Weltpolitik. Während der unruhigen Zeit des Pontifikates Eugens IV. bedurfte die aufsässige Stadt Rom tatkräftiger Gouverneure und soldatischer Kardinäle, um die Kondottieren aus dem Felde zu schlagen, die den Kirchenstaat als Beute unter sich verteilen wollten. In den vergangenen Jahrzehnten zu Petrarcas Zeiten war es der kriegstüchtige spanische Kardinal Albornoz, der dem Papst den abtrünnigen Kirchenstaat zurückeroberte; zu Barbaros Zeit sind es die Kardinäle Vitelleschi und Scarampo, die für die Kirche das Schwert ziehen. Vitelleschi 76 war ursprünglich Soldat und wurde unter Martin V. Priester. Unter Eugen IV. durcheilte er eine wildbewegte und jäh abbrechende Laufbahn. Auch im priesterlichen Kleide blieb er Krieger und hat dem Papst dadurch wertvolle Dienste geleistet. Als rasch aufbrausender und jähzorniger Mann war er an der Kurie sehr unbeliebt. Biondo, der als sein Untergebener diplomatische Aufträge mit ihm auszuführen hatte, haßte ihn besonders. An mehreren Stellen seiner Dekaden äußert er sich abfällig über diesen Kirchenfürsten: in ihm habe das Glück einen Unwürdigen in die Höhe gebracht. Leider schätze ihn Papst Eugen übermäßig und höre auf niemanden, der ihm etwas über die schlimmen Eigenschaften und die Untaten seines Günstlings hinterbringen wolle 77 . Nachdem er die Feinde des Papstes niedergeschlagen hatte, führte Vitelleschi in Rom ein drückendes und grausames Regiment. Barbaro sah aus der Ferne nur die Waflenerfolge der Schlüsselsoldaten und stellt 1436 mit Befriedigung fest, Vitelleschi habe durch seinen Sieg bei Priverno gelehrt, daß die Feinde der Kirche auch besiegt werden könnten 78 . Er schreibt an den Sieger, der damals noch Patriarch von Alexandria (in partibus infi- delium) war, lobend und beglückwünschend. Die Tatsache, daß der Legat die gefangenen feindlichen Heerführer habe hinrichten lassen, trage VIII ALTERSWEISHEIT zur Verwirrung der gemeinsamen Feinde bei 79 . — Vitelleschi kämpfte gleich glücklich gegen die römischen Adelsgeschlechter der Orsini und Colonna und wurde deshalb zum Dank vom Papste zum Kardinal erhoben. Nach einem neuen blutig unterdrückten Aufstand zieht Vitelleschi als Sieger in Rom ein, und das Volk beschließt unter diesem Zwang, ihm auf dem Kapitol eine marmorne Reiterstatue zu errichten mit der Aufschrift: Dem dritten Vater der Stadt Rom nach Romulus. Ein Andenken an diesen machtsüchtigen Kardinal bewahrt seine Vaterstadt Corneto, wo er sich im Winter 1437 einen spätgotischen mächtigen Palast bauen ließ. Über sein gewaltsames Ende und die Gründe, die es herbeiführten, ist man nicht ganz im klaren. Es scheint, daß der Kardinal auf eigne Faust, ohne Ermächtigung des abwesendenPapstes, Politik trieb; die Florentiner sollen verräterische Briefe von ihm abgefangen und an den Papst weitergeleitet haben. Am 19. März wird der Kardinal auf der Engelsbrücke vom Kommandanten der Engelsburg verhaftet und, als er sich wehrt, verwundet in die Engelsburg geschleppt, aus der zwei Wochen später sein Tod gemeldet wird. Wahrscheinlich hat dieser Kommandant, der sich bedroht fühlte, sich zum Werkzeug des allgemeinen Hasses gemacht, und der Papst hieß nachträglich die Tat gut, bestrafte den Täter nicht und gab ihm die Absolution 80 . Der Nachfolger Vitelleschis als Gouverneur Roms wurde Scarampo 81 . Auch er war ursprünglich nicht Priester, sondern Arzt und soll als solcher dem Papst Eugen IV. in einer schweren Krankheit beigestanden haben. Seitdem stieg er in der Gunst dieses Papstes. Neben Vitelleschi tat Scarampo sich als Kriegsmann hervor, so daß ihm nach dessen Tode die Stadt Rom anvertraut wurde. In der Schlacht von Anghiari, in der Niccolö Piccinino aus Mittelitalien zurückgeschlagen wurde, führte Scarampo die päpstlichen Truppen und gab den Ausschlag zum Siege 82 . Um ihn zu ehren, setzten die Florentiner unter Führung Cosimos de'Medici beim Papst durch, daß er am 1. Juli 1440 zum Kardinal erhöht wurde. Da Scarampo gebürtiger Paduaner war, stand er den Venezianern besonders nahe. Eine Zeitlang nach dem Sturze des Gegners Venedigs, Ludwigs von Teck, war er Patriarch von Aquileia, dann auch Erzbischof von Florenz. Über seinen Charakter gehen die Berichte sehr auseinander. Die klerikale Geschichtsschreibung wirft, wie schon KARDINAL SCARAMPO 311 erwähnt, einen bösen Seitenblick auf ihn 83 . Er sei von Gestalt klein gewesen, habe stolz und finster dreingeblickt, in Rom habe er mit derselben Strenge regiert wie sein Vorgänger Vitelleschi; er habe üppig und verschwenderisch gelebt, so daß er an der Kurie den Namen Kardinal Lu- cullus trug. Von anderer Seite wird aber gerühmt, daß er sich große politische Verdienste um Papst Eugen IV. erworben habe. Von den florentinischen Humanisten stand ihm hauptsächlich Poggio nahe. Dieser widmete ihm die Sammlung seiner Briefe, die nach der Rückkehr aus England entstanden waren, und erwähnt, daß der Kardinal dafür gesorgt habe, daß seine, Poggios, Briefe dem Papst vorgelesen würden. Der Verkehr mit Barbaro ist bis auf einen späten Glückwunschbrief des Kardinals zur Erhebung des venezianischen Freundes zum Prokurator von San Marco nur einseitig in den an den Kirchenfürsten gerichteten Briefen Barbaros erhalten. Er beginnt 1436, als Scarampo durch Martin V. zum Bischof von Trau in Dalmatien erhoben worden war. Eine Reihe dieser Schreiben sind Empfehlungsbriefe, wie wir sie schon bei Tra- pezuntios und Zacharias Trevisano dem Jüngeren erwähnten. Da Barbaro unzählige Empfehlungsbriefe zu schreiben hatte, — die Hilfsbereitschaft für andere Menschen gebot ihm seine pietas — bildete sich bei ihm allmählich eine besondere Kunstform des Empfehlungsbriefes heraus, ähnlich wie bei humanistischen Kondolenzbriefen. Weil er stets dem Schablonenmäßigen abhold war, durchdringt sein reger und gestaltender Geist immer wieder aufs neue die zu erstarren drohende Form. Betrachten wir einen solchen Brief an Scarampo, den Barbaro nicht lange vor seinem Tode geschrieben hat, einen der letzten nach vielen derselben Gattung. Barbaro empfiehlt hier den Taddeo Quirino 84 , den Sohn eines Jugendfreundes: «Petrus Quirinus, ein Mann von patrizi- schem Stande, war mir unter meinen Altersgenossen von Jugend an sehr verbunden; weil ich, wie du weißt, die Freundschaft mit den Lebenden unentwegt pflege und mich auch den Toten niemals entziehe, so hielt ich es für meine Pflicht, aus Liebe zu seinem Vater auch Taddeo zu fördern, damit er durch die Tat erkenne, daß auch Freunde, die fern sind, gegenwärtig sein und, was noch wunderbarer ist, daß auch Verstorbene noch mit uns leben können.»Alsdann lobt Barbaro die Vorzüge des jungen Taddeo, der in den Dienst der Kirche treten will. «Darum, 312 VIII ALTERSWEISHEIT weil mir scheint, ich kann durch mein Schreiben seiner Erwartung und mir selbst kaum genugtun, wenn ich in dieser Angelegenheit Worte gebrauche, wie wir sie tagtäglich anwenden, so möchte ich wünschen, aus dem innersten Quell der Redekunst eine ganz wunderbare Art der Empfehlung schöpfen zu können. Falls mir das nicht geüngen sollte, so bemühe du dich bitte mit deinem gewandten Geist, daß Taddeo glaubt, es sei durch meine neue und ungewöhnliche Schreibweise erreicht worden, daß er deine herzliche Zuneigung zu mir und meine zu ihm und seinem Vater erkenne und darüber staune, daß ein Kunstwerk ohne Kunst entstanden sei.» Wenn aber einmal eine Empfehlung, die ihm sehr am Herzen lag, nicht fruchtete, konnte Barbaro auf seinen Freund, den Kardinal, auch böse werden. Wir hörten schon von Barbaros Fürsorge und Ehrgeiz für seinen Neffen Ermolao. Zweimal bemühte er sich vergeblich, diesen zum Bischof von Bergamo und später von Padua zu machen. 1437 war Ermolao von den Kanonikern und dem Volk der Bergamasken bereits erwählt, aber von der Kurie noch nicht bestätigt worden. Infolge einer nicht aufgedeckten Intrige hatte man einen Unwürdigen ihm vorgezogen und an seine Stelle gesetzt. Barbaro empfindet diese Zurücksetzung als eine Schmach, die man der Ca Barbaro angetan habe. Selbst Papst Eugen, dessen Familie dem Hause Barbaro früher so viel zu verdanken gehabt hätte, habe dem Ermolao denBergamasker Bischofsstuhl versprochen. In seiner uns wohlbekannten venezianischen Ausdrucksweise ruft Barbaro deshalb dem Kardinal zu: «Ich hätte nicht geglaubt, daß, während du am Steuerruder der römischen Kirche sitzt, wir im Hafen bei glücklichen und günstigen Winden noch Schiffbruch erleiden könnten 1»Nachdem er seiner Entrüstung über die Benachteiligung freien Lauf gelassen hat, beruhigt er sich mit den Worten, daß er gleichmütig ertragen wolle, was ohne seine Schuld geschehen sei. An seiner Haltung gegenüber dem Heiligen Stuhl, seiner persönlichen Treue zum Papst und zu Scarampo werde sich nichts ändern, aber er erwarte auch, daß die letzte Zurücksetzung bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder gutgemacht würde 86 . Durch seinen Neffen Ermolao war Barbaro stets mit der römischen Kurie verbunden. Als Privatmann wußte er durch seine Verträglichkeit und entwaffnende Liebenswürdigkeit die meisten Streitigkeiten beizulegen, zum BARBARO UND DIE KURIE 313 Bei spiel unter den Humanisten, als Staatsmann aber, als Vertreter des venezianischen Staates, darf er nicht immer seinen persönlichen Neigungen Raum geben, weil er selber in die politischen Schicksale seines Jahrhunderts verflochten ist und sich nach ihnen richten muß. Barbaros außervenezianische Beziehungen wurden immer wieder durch die Wechselfälle der großen Staatspolitik durchkreuzt. So war es mit dem Einvernehmen, das er 1444 mit dem Herzog Filippo Maria hergestellt hatte, ebenso auch mit Francesco Sforza und selbst mit Cosimo de'Medici. In allen diesen Fällen läßt sich voraussagen, wann die treibenden politischen Kräfte das persönlich gute Verhältnis Barbaros zu jenen Staatsmännern sprengen mußten. Wir faßten gerade diese Punkte ins Auge, weil in der von der Not erzwungenen Entscheidung, die Barbaro treffen mußte, sich die unerschütterliche Haltung seines Charakters am schönsten offenbarte. Der selbe Vorgang spielte sich auch in seinen Beziehungen zu der Kurie unter Eugen IV. ab. Während dieser Papst Venedigs Freund blieb, dauerte die Verbindung Barbaros zu Rom in unverminderter Herzlichkeit. Als aber Eugen in seiner schwankenden Politik auf die Seite der Gegner Venedigs trat (er wollte den Grafen Sforza, der damals noch auf die Venezianer sich stützte, aus dem Kirchenstaat verdrängen, wie es uns schon aus andern Zusammenhängen bekannt ist), da brachte er Barbaro in eine sehr schwierige Lage. Solange Venedig in Rom einen Verbündeten sah, war Barbaros Vertrautheit mit den Machthabern an der Kurie willkommen; mußte man aber im Papst den politischen Gegner befürchten, so waren eben diese Beziehungen für Barbaro gefährlich und machten ihn zu Hause verdächtig. Noch darüber hinaus wurde hiermit ein Keil in die eigne Familie getrieben, denn der von ihm auf seiner Laufbahn stets betreute Neffe Ermolao stand als Untergebner des Papstes gezwungenermaßen auf der Gegenseite. Wie verhält sich nun Francesco Barbaro in dieser schwierigen Lage, in die er ohne seine Schuld geraten ist ? Ermolao selber hatte sich für die Kurie entschieden. Diesen Schritt nahm man dem apostolischen Protonotar im venezianischen Senat sehr übel, wie ihm sein Onkel Francesco am 8. November 1442 86 schreibt. Ermolao solle doch versuchen, ob er nicht vom Papst als Legat nach Florenz oder Venedig gesandt werden könnte, damit er sich dabei auch um sein Vaterland verdient machen 3'4 VIII ALTERSWEISHEIT könne. Bei solchen Verhandlungen könne Ermolao Klugheit und Treue zur Heimat mit dem Nutzen der römischen Kirche verbinden, freiüch müsse er als Legat Zeugnis von der Milde und Freundlichkeit des Sum- mus Pontifex ablegen, nicht von dessen Strenge. Der Papst war aber nicht willens, nachzugeben, und so verschärften sich die Gegensätze zwischen Rom und Venedig. Im nächsten Brief muß Barbaro dem Neffen mitteilen, daß die Signorie allen geistlichen Würdenträgern aus venezianischem Gebiet, welche sich jetzt zur Kurie hielten, also auch Ermolao, die Pfründen sperre. Barbaro will mit seinem Neffen nicht darüber rechten, ob diese Verfügung richtig und der Ordnung gemäß ergangen sei. «Ich schreibe es dir aber, daß du deiner Einsicht entsprechend entscheidest, was du tun mußt. Es lassen sich nämlich viele Gründe nach beiden Seiten vorbringen, denn was du an der Kurie ohne Benefizien und ohne Kurie mit Benefizien ausrichten kannst, das weißt du sehr viel besser als ich. Sed ego is sum qui patriam colo et amo summa cum pietate. (Ich bin einer, der das Vaterland hochhält und mit stärkster Hingabe Hebt.)» Dann regt sich der Zorn Barbaros gegen die Günstlingswirtschaft an der Kurie. Er könne die Undankbaren nicht hochschätzen, die den Neffen schon viele Jahre mit leerer Hoffnung hinhielten und (Plebejer), sogar wenn diese durch Laster berüchtigt seien, dem Ermolao, dem Sproß aus patrizischem Hause, dem sie in keiner Hinsicht gewachsen seien, vorzögen. Er schreibe dies nicht, weil er ihr Feind sei, sondern nur, weil er sie für minder würdig der Freundschaft Ermolaos halte, besonders wenn sie auf Seiten der Staatsfeinde träten. Im übrigen müsse Ermolao selber entscheiden. Francesco meint, daß es dem Neffen unfehlbar wie jenem Jüngüng ergehen werde, der Sokrates fragte, ob er heiraten solle oder nicht. Nachdem er dies nach den zwei Möglichkeiten erörtert habe, sei Sokrates zu dem Schlüsse gekommen: Was von beiden du auch tun wirst, du wirst es bereuen! Er schließt: «Nimm es nicht übel, wenn ich meinen Rat nicht näher ausführe, denn wenn du schon überlegt hast, dann ist er nicht mehr nötig, wenn du aber noch nicht überlegt hast, dann ist es, glaube ich, besser, du hast der eigenen Schuld zu verzeihen, als meiner.» Barbaro läßt die Frage offen, da es nach seiner Meinung eine befriedigende Lösung nicht gibt. Bei allem Verständnis für die schwierige Lage des Neffen gibt er ihm doch deutlich zu verstehen, daß er, Francesco, weder EUGEN IV. den Schritt Ermolaos noch die gegenwärtige Politik der Kurie irgendwie billigen könne. Diese Mißhelligkeiten waren aber nicht von langer Dauer, denn Ermolao erhielt schließlich nach langem Warten das BistumTreviso. Eugen IV. war nach allem, was wir von ihm schon hörten, ein eigenwilliger Kirchenfürst, mit dem schwer auszukommen war. In seiner Kardinalszeit war Barbaro noch enger mit ihm verbunden, wie aus einer Reihe bisher noch unbekannter Briefe hervorgeht 87 , als später. Der damalige Kardinal Gabriel Condulmieri war sein Vertrauensmann an der Kurie, an den er wie später an Scarampo seine Wünsche für die Kirchenpflege der von ihm verwalteten Städte sowie die Empfehlungen für Schützlinge richtete. Das Urteil des Pius II. über seinen dritten Vorgänger Eugen iv.: er sei hochherzig gewesen, aber mit dem schlimmen Fehler, daß er kein Maß kannte und sich in seinen Handlungen nicht durch seine Kraft, sondern durch sein Wollen bestimmen Heß, macht verständlich, daß sich Barbaro während des Pontifikates seines venezianischen Standesgenossen größere Zurückhaltung als früher auferlegte, denn er sah, wie durch die plötzlichen Entschlüsse dieses Papstes, der in zähem Kampfe sich gegen das Konzil zu Basel wehrte, für die Kirche mehr als einmal größte Gefahren heraufbeschworen wurden. Barbaro, der immer zur Versöhnlichkeit neigte, begrüßte es, daß der Papst das Konzil anerkannte. Freilich dauerte die Versöhnung Eugens mit den in Basel versammelten Konzilvätern nicht lange, aber wir erfahren bei dieser Gelegenheit, wie Barbaro in der die ganze damalige Christenheit bewegenden Frage stand. «Ich wünsche dir und allen Guten Glück, schrieb er an Piero del Monte, daß die Kirche nach dem Anschluß des Papstes jetzt von Furcht und Gefahr des Schismas befreit ist. Es hätte nichts Heilsameres geschehen können, als daß das Schiff lein Petri, das in so vielen Stürmen fast schon unterzugehen schien, am Gestade des Konzils wie mit einem Ankerseile festgebunden wird. Dies bringt nicht nur der Gegenwart reichsten Nutzen, sondern es wird auch vorbildlich sein. Es bleibt also noch übrig, daß die, welche auf dem Deck des Schiffes sitzen und das Steuer in der Hand halten, so ruhig fahren, daß sie nach geänderter Segelsetzung die Strudel meiden und sich in den Schoß des sichersten Hafens zurückziehen 88 .» Als wichtigsten Grundsatz für die kuriale Politik nennt Barbaro: «Wenn das geschehen ist, so werden sie der 316 VIII ALTERSWEISHEIT Christenheit (rempublicam christianam) eine göttliche Wohltat erweisen und ewigen Ruhm erlangen, sobald sie die privaten Streitigkeiten beiseite lassen und ans gemeinsame Heil und die Würde denken.» Die Jahrhunderte dauernde, vielbeklagte und heißumstrittene Zwiespältigkeit der päpstlichen Politik rührte von den gegensätzlichen Zielen her, die- der Papst als Fürst eines italienischen Staates und als geistliches Haupt der Christenheit verfolgen mußte. Diese Zwangslage brachte die an sich entgegengesetztesten Charaktere der Männer, die den Stuhl Petri bestiegen und die ganz verschiedene Neigungen hatten, immer vor dieselben hemmenden Schwierigkeiten. Bei dem Eigensinn Eugens IV. verzichtete Barbaro auf nähere persönliche Fühlungnahme. Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit diesem Kirchenfürsten (z. B. Haß und Abneigung gegen den Mailänder Tyrannen Visconti), die wohl von der gemeinsamen venezianischen Abkunft herrührten, war Barbaro doch zu sehr Humanist, um nicht 1447 beim Tode Eugens aufzuatmen, als aus dem Konklave ein Altersgenosse, der ihm durch gleiche humanistische Gesinnung verbunden war, hervorging: der erste Renaissancepapst, Nikolaus V. Gerne hätte Barbaro die venezianische Huldigungsbotschaft nach Rom geführt, aber die Staatsgrundsätze seiner Vaterstadt verboten das, weil Ermolao jetzt Bischof von Treviso war, ein Verwandter eines kirchlichen Würdenträgers jedoch keine Gesandtschaft nach Rom übernehmen durfte. Die in frühere Zeit fallenden römischen diplomatischen Aufträge Francescos waren daher nur solange möglich, als Ermolao noch keine kirchliche Würde bekleidete. Da Francesco also in Person nach Rom nicht reisen konnte, gab er wenigstens dem venezianischen Gesandten seinen Sohn Zacharias als Begleiter, damit dieser dem Papste seine Huldigungsgrüße überbringe 89 . Nach dem vergangenen stürmischen und kriegerischen Pontifikat setzte Barbaro seine Hoffnung in Nikolaus, daß dieser «ohne Waffen Israel in die alte Würde einsetzen wolle». Barbaro schrieb einen Brief an den neuen Papst, der mehr ein Mahn- als ein Huldigungsschreiben ist 90 . Der gewichtige Ton als Ratgeber zeigt, welches Ansehen Barbaro an der Kurie genoß. Er glaubt, nun sei das Zeitalter angebrochen, das Plato herbeigesehnt habe, in dem die Weisen Herrscher seien und die Herrscher Weise. Nikolaus war als Tommaso Parentucelli der vertraute Freund und NIKOLAUS V. 317 Ratgeber des allerseits verehrten Kardinals Niccolö Albergati, in dessen familia spiritualis er an erster Stelle stand. Dem Verstorbenen zu Ehren, der fest gehofft hatte, daß Parentucelli den Stuhl Petri besteigen würde, nahm dieser als Papst den Namen Nikolaus an. Die Verehrung, die er seinem einstigen Meister Albergati zollte, schien Barbaro die beste Gewähr für ein dem Frieden zugewandtes glückhaftes Pontifikat. In der Tat gelang Nikolaus bald nach seinem Regierungsantritt das, was der Halsstarrigkeit seines Vorgängers nicht glücken wollte: die endgültige Beilegung des Schismas innerhalb der römischen Kirche. Das Wesen des Friedensfürsten, das Barbaro dem Papst empfiehlt, läge darin, daß dieser den Menschen mehr durch Beispiel als durch Geheiß nütze. «Du weißt, was für einen Stellvertreter Christi du immer gewünscht hast, und du wirst uns nichts anderes von dir sehen lassen als das, was man von einem andern verlangen mußte. Du weißt, wie du befehlen sollst, der du früher, als du gehorchen mußtest, über die allerheiligsten Päpste und christlichen Könige richtig geurteilt hast. Es wird aber gut um uns bestellt sein, wenn du dich entschließt, alles aus deiner Weisheit heraus zu lenken und zu zügeln, wenn du viel mit dir selbst sprichst, dich hörst, dir gehorchst, wenn du mit dir selber zu Rate gehst, wenn du niemandem Glauben schenkst, der eher mit deiner Glückseligkeit als mit dir redet. Deshalb, Heiliger Vater, mahne ich dich, das Glück möge nichts in deinem Innern verändern und niemals mögest du vergessen, daß du schon eher des römischen Volkes Vater gewesen bist, als du es (als Papst) wurdest und daß dir von Gott das weiteste Reich übertragen wurde, damit du es wahrest und an Tugend mehrest, nicht an Schätzen und Waffen; also das tust, was du als Privatmann nicht hättest vollbringen können.» Durch seine Anteilnahme an der kurialen Politik erweitert sich Barbaros Blickfeld über Italien hinaus, und er fühlte sich gedrungen, für die Geschicke der ganzen Christenheit zu denken und zu sorgen. Mehr als der Italiener des Binnenlandes war der Venezianer gewöhnt, nach dem Osten zu sehen und die Wandlungen, die sich im Orient vorbereiteten, zu beobachten. Während seines ganzen Lebens hörte das Wetterleuchten am östlichen Himmel Europas nicht auf. In seiner Jugend wurde Konstantinopel schon einmal von den Türken berannt 91 . Francesco sah Manuel 3x8 VIII ALTERS WEISHEIT Chrysoloras, der ins Abendland kam, um an den europäischen Höfen Hilfe für Ostrom zu erbitten. Doch war die Gefahr noch einmal abgewandt, als 1402 die Macht der Türken vor den mongolischen Horden Timurs erlag. Der Sultan Bajazeth, der das ungarische Kreuzzugsheer unter König Sigismund sechs Jahre vorher vernichtend geschlagen hatte, geriet in die Gefangenschaft der Mongolen. Seither lag Konstantinopel lange Jahre abseits der großen Kämpfe zwischen Islam und Christenheit. Schon lange hatten die Türken Fuß gefaßt auf europäischem Boden. Von ihrer Hauptstadt Adrianopel wandten sie sich zunächst nach Norden. Das eigentliche Bollwerk der christlichen Staaten war daher Ungarn, nicht mehr Byzanz. Mit wechselndem Kriegsglück stritt dieses Volk unter seinem Nationalhelden Hunyadi an der serbischen Grenze wider die Türken. Die Beunruhigung über die Ereignisse wuchs bei den vorausschauenden Männern des Abendlandes von Jahr zu Jahr. In einem früher erwähnten Brief an den Kanzler Kaspar Schlick hatte Barbaro im letzten Lebensjahr Kaiser Sigismunds versucht, diesen noch einmal zum Kreuzzug aufzurufen. Seither war das Kaisertum in die noch schwächeren Hände des Habsburgers Friedrich III, übergegangen, so daß von dieser Seite für die Abwehr der allgemeinen Gefahr nicht mehr viel zu hoffen war. Deshalb richtete Barbaro sein Auge auf den Papst. Dieser hatte für die gemeinsame Sache schon vergebliche Anstrengungen gemacht und einen seiner fähigsten Kardinäle, Giuüano Cesarini, der auf dem Basler Konzil eine hervorragende Rolle gespielt hatte, als Legaten zum Kreuzzugsheer nach Ungarn gesandt. Aber die Christen wurden 1444 bei Varna von den Türken vernichtend geschlagen, und der Kardinallegat selber kam auf der Flucht um. Cesarini war ein Gönner der Humanisten und wurde von ihnen tief betrauert; das zeigt eine Gedächtnisrede für ihn aus der Feder Poggios. Mehr Erfolg schien Eugen IV. mit seinen Unionsbestrebungen auf dem Konzil zu Ferrara-Florenz zu haben, denn die Wiedervereinigung der griechischen mit der römischen Kirche sollte die Vorbedingung sein für die Hilfe, die der Westen für Ostrom leisten wollte. Der byzantinische Kaiser konnte zwar die widerstrebenden Theologen seines Reiches, die aus Ferrara heimlich entweichen wollten, zwingen, dort zu bleiben, aber als die griechischen Konzilteilnehmer nach Abschluß der Union wieder in der DIE TÜRKENGEFAHR 319 Heimat waren, hetzten sie gegen Rom und verhinderten, daß die griechische Kirche ihre Selbständigkeit aufgab, so daß der Kaiser nicht mehr gegen das fanatisierte Volk durchdringen konnte. Solche Feindseligkeit der Massen gegen das Abendland hemmte unheilvoll die Hilfeleistungen des Westens, denn nicht nur die Massen, sondern auch manche der ersten Würdenträger dieses Reiches äußerten sich offen, sie wollten lieber dem Türken als dem Papst gehorchen. So rannten die Oströmer sehenden Auges in den Abgrund. Die Katastrophe wurde schließlich durch ihre Anmaßung gegen Sultan Mehemmed II. heraufbeschworen. Dieser legte am Bosporus auf europäischer Seite ein Sperrfort an, um die Zufuhr vom Schwarzen Meer abzudrosseln. Das bedrohte auch die westlichen Handelsmächte, vor allem Genua und Venedig, die dadurch von ihren blühenden Niederlassungen am Schwarzen Meer, insbesondere auf der Krim abgeschnitten wurden. Sie hätten gerne Konstantinopel geholfen, aber zu gleicher Zeit wollten sie auch vermeiden, mit den Türken in Krieg zu geraten. Eines schloß das andere aus. Barbaro, für den die Handelsinteressen nicht an erster Stelle standen, sieht die gefahrvolle Zwiespältigkeit einer solchen Politik voraus und erhebt seine Stimme dafür, daß jeder Eigennutz jetzt zurücktreten müsse und Ostrom für die Christenheit erhalten bleiben müsse. Zuerst wandte er sich an Scarampo 92 , der in den Papst dringen solle, damit durch dessen Einfluß die schwebenden Streitigkeiten zwischen den italienischen Staaten beigelegt würden. Dadurch sollten Kräfte zum gemeinsamen Rettungswerk frei werden. Der Papst solle der drohenden Wirrnis steuern: «deshalb, weil ihn der Herr über sein Volk gesetzt hat, auf daß er Recht und Gerechtigkeit schaffe, daß er ausrode und zerstöre, daß er baue und pflanze, und so lerne er in Wahrung seiner Majestät nach Sitte, Brauch und Beispiel der Vorfahren zu regieren». Barbaro will aber nicht dazu raten, daß der Heilige Vater gegen die Söhne der Kirche zu Felde ziehe, es genüge schon, wenn die Ruhestörer durch eine Kriegsdrohung geschreckt würden. Scarampo hat die ihm von Barbaro angesonnene Rolle an der Kurie nach besten Kräften durchgeführt. Er vor allem war es, der den zu Ruhe und Gemächlichkeit neigenden Papst immer wieder zur Tat anspornte. Zunächst, als die Kurie selber bedroht war, durch die Verschwörung des Stefano Porcari, der nach dem Vorbilde des Cola 320 VIII ALTERSWEISHEIT di Rienzo noch einmal vergeblich versuchte, der Stadt Rom ihre alte republikanische Freiheit zurück2uerobern. Nach Aufdeckung der Verschwörung — man hatte bereits eine goldne Kette zurechtgelegt, um damit den Papst gefesselt wegzuführen — bewegte Scarampo den noch zögernden Nikolaus V., endlich Strenge walten und den Schuldigen hinrichten zu lassen. Die Händel der italienischen Staaten wurden jedoch erst, als es zu spät war, beigelegt, denn diesem von Barbaro ersehnten Ziel standen die Interessen des Papstes als italienischem Landesfürsten entgegen. Behauptet doch Gianotto Manetti in einer Lobrede auf Nikolaus, daß dieser 1453 selber den Frieden verhindert habe: «denn seine Klugheit sagte ihm, daß Kriege unter den Fürsten Italiens die Wohlfahrt der Kirche förderten, daß dagegen die Eintracht der Fürsten der Ruhe der Kirche gefährlich sei». So vielfältig verschlungen war die Politik damals, daß selbst das Beste wollende Männer wie Nikolaus V. durch die Umstände zu krummen Wegen gezwungen wurden, die sie die Abwehr der Hauptgefahr für das Abendland versäumen ließen. Einer wartet immer auf den andern. Venedig wollte mit seiner Flotte zur Hilfe Konstantinopels nicht ausfahren, ehe nicht die päpstlichen Galeeren zur Stelle seien. Als endlich im April 145 3 die vereinigte Flotte in See stach, war es zu spät. Bevor die Hilfsflotte, die noch dazu die Weisung hatte, nur die Griechen zu unterstützen und den Türken gegenüber, mit denen man in Frieden lebte, sich nicht feindlich zu zeigen, an den Dardanellen eintraf, war im Mai die Stadt gefallen. Beim letzten Sturm verrichteten einige abendländische Hilfskräfte, die schon rechtzeitig eingetroffen waren, an der Seite des tapferen Kaisers Konstantin Paleologos Wundertaten der Tapferkeit, die selbst dem Sultan Achtung einflößten; aber die Verteidiger erlagen bald der Übermacht. Das griechische Volk benahm sich feig. Es war tief in Aberglauben verstrickt und wartete auf die Erfüllung einer Weissagung, daß die Erzengel die durch die Tore dringenden Ungläubigen zurückschlagen würden. Statt dessen zogen die Türken ein und zerrten die Feigen aus den Kirchen heraus, und was sie nicht abschlachteten, schleppten sie in die Sklaverei. Diese Greuel hatte Barbaro kommen sehen: sie bedrückten ihn tief. Vergeblich hatte er noch einmal gehofft, daß Kaiser und Papst sich zusammenschließen würden, aber als Friedrich III. nach Rom kommt, DER FALL KONSTANTINOPELS 321 kann Barbaro sich nicht des Gedankens erwehren, daß dieser Zug nur wegen des «aurum coronarium» des Krönungsgeldes erfolgt sei, das der Kaiser in Italien einsammle, um zu Hause besser regieren zu können. Friedrich III. versuchte wenigstens auf seiner Durchreise zwischen Venedig und Mailand zu vermitteln, aber alle diese Schritte blieben halbe Maßnahmen, bis die Katastrophe im Osten ihre Schrecknisse verbreitete und das Abendland zur Einkehr und zur Besinnung zwang. Barbaro fürchtet mit Recht, daß die Türken nach der Einnahme der Schlüsselstellung am Bosporus zwischen Orient und Okzident nicht stehen bleiben würden. Vielleicht würden die Türken, wenn sie hörten, daß alle westlichen Staaten gegen sie in Waffen stünden, von der Belagerung ablassen. Alle Befürchtungen wurden durch den unglücklichen Ausgang übertroffen. Barbaro empfindet es als eine persönliche Schande, daß zur Zeit seines Lebens die Christenheit diesen Verlust erlitten hat. Aber wie schon in der Gefahr der eignen Vaterstadt nach der Niederlage von Caravaggio, wird auch hier durch das schwerste Unglück die Tatkraft Barbaros nicht gelähmt, sondern er rafft sich jetzt um so mutiger auf, um in der Stunde der Not ganz Europas zu helfen: «ut magna pars Europae metu barbarorum et Servitute liberetur 93 », also schnell und weise und tapfer muß vorgesorgt werden, daß dieses verderblichste Übel nicht weiterkrieche und die römische Kirche und die gesamte Christenheit in äußerste Gefahr bringe. Endlich solle jetzt der Papst den Frieden in Italien wiederherstellen; unterdes dürfe keine Zeit verloren werden. Es gelte, den Krieg gegen die Türken vorzubereiten. Der Papst solle Geldmittel flüssig machen und durch sein Vorbild die christlichen Länder zu Spenden für die gemeinsame Sache ermuntern. Barbaro rät dem Papst, überallhin Legaten zu senden und alle durch sie zur Beteiligung am Kriege aufzurufen, um den großen Brand, der alle angehe, zu löschen. «Doch lobe ich es, daß nicht allein mit großen Massen der Krieg geführt wird, sondern mit Besinnung und Tatkraft, denn wir sind (das letztemal) durch eine ungeheure Niederlage Gefahr gelaufen (1396 bei Nikopolis und 1444 bei Varna), daß die Kampfwut der Franzosen und Deutschen gegen die Türken mehr Drohung als Kraft war. Ich mahne deshalb: wer nicht mit Waffen helfen kann, der helfe mit Geld, damit zu Lande und zu Wasser nicht nur tapfer, sondern auch glücklich gekämpft werde. Zum 21 322 VIII ALTERSWEISHEIT Einsammeln der Gelder sollen mit Sorgfalt solche Leute geschickt werden, die sich dabei nicht bereichern, sondern die Schätze zum Sieg und Triumph der Christen einbringen wollen. Janus, der Führer der Ungarn (d. i. der Reichsverweser Johann Hunyadi), der im Kriege unbesiegte, muß mit den Ungarn und ihren Nachbarn, mit jenen kriegerischen Scharen teils durch Ehren und Belohnungen, teils durch Sold angelockt und zum Krieg gegen die Türken veranlaßt werden... Wenn zu Lande und zu Meer in gemeinsamem Geist und Plan der Krieg geführt wird, dann sollen die Türken wahrlich nicht meinen, daß sie gesiegt haben und daß die Christen unterlegen sind.» Die Mazedonen (also in Wirklichkeit die Bulgaren), rät Barbaro, sollen durch einen päpstlichen Legaten und durch Geschenke zum Aufstand gegen die türkische Oberhoheit aufgestachelt werden. Die Leitung in diesem Kriege stehe Rom zu. An den König von Frankreich, der nach Besiegung des englischen Feldherrn Talbot in Bordeaux eingezogen sei, möge ein Kardinal geschickt werden. Karl VII. solle seinen Titel als allerchristlichster König dadurch wahr machen, daß er nach dem iooj ährigen Kriege den Engländern annehmbare Friedensbedingungen vorschlage, um sich selbst am Kriege gegen die Türken beteiligen zu können. Nikolaus V. kam den Franzosen weiterhin entgegen und hob 1456 das kirchliche Fehlurteil von Rom auf, das Jeanne d'Arc als Ketzerin zum Feuertode verdammt hatte. Ferner werde der mächtige Herzog von Burgund (Philipp der Gute), von dem Barbaro erwähnt, daß er die inneren Unruhen seines Landes nicht nur durch eine einzelne Schlacht, sondern durch einen ganzen Krieg niedergeworfen habe, bei seinem sprichwörtlichen Reichtum der Kirche nicht fehlen. Auch Kaiser Friedrich III. ist von neuem zu mahnen, daß er an seine Pflichten gegenüber dem römischen Reiche denken solle. «Sein Gold brauchen wir mehr als sein Schwert; daher scheint es, daß man ihn zusammen mit den übrigen Fürsten und Prinzen und Städten Deutschlands (regulis et princibus et civitatibus Germanorum) gütigst einladen sollte. Die einzelnen Provinzen des Kirchenstaates hingegen sind zu Abgaben für die Flotte heranzuziehen. Sowohl Perugia als auch Bologna und selbst die Marken (Picenum), um von den übrigen zu schweigen, mögen zur Verteidigung des Wohles und Würde der Kirche nicht weniger beisteuern, als Sforza und Braccio zur Verwüstung Italiens und zur Schwächung der BARBARO RÄT ZUM TÜRKENKRIEGE 323 römischen Kirche beitrugen! Von den Venezianern will ich schweigen, weil sie, wie ich zu sehen glaube, so gestimmt sind, daß man von ihnen, wenn sie nur mit ihren Nachbarn Frieden haben können, nach der Überlieferung ihrer berühmten Vorfahren Großes im Türkenkrieg erwarten darf. Auch werden sie keine Gefahr verschmähen, die der Christenheit Heil, Freiheit, Lob und Ruhm bringen wird.» Ferner begrüßt es Barbaro, daß bereits die Leute von Rhodos, Ragusa und Ancona nach eignen Kräften Flotten bauen, um in der allgemeinen Gefahr nicht mit ihrer Hilfe zurückzubleiben. Es ist, als ob Barbaro kurz vor seinem Tode noch ein neues Blatt Weltgeschichte mit weithin deutenden Aufgaben europäischer Politik aufgeschlagen hätte. Über 200 Jahre hinaus blieben die von ihm aufgeworfenen Fragen stets im Vordergrund der Ostpolitik; wir sind erstaunt, zur Zeit des weitesten Ausgreifens türkischer Großmacht, während der Belagerung von Wien 1683, von dem berühmten Prediger damaliger Zeit, Abraham a Sancta Clara, ganz ähnliche Klagen zu hören, wie sie Barbaro erhob. In seiner handgreif liehen Weise schilt Abraham: «Wer hat die Türken, diesen Erbfeind, gezogen in Asiam, in Europam, in Hungarn ? Niemand anderer als die Sünd, nach dem S im ABC folgt das T, nach der Sünd folgt der Türk.....Aber doch weiß ich, und du weißt es auch, und er weiß es desgleichen, daß unter anderen Ursachen des türkischen Aufnehmens und Christen Abnehmens die meiste sei unsere eigene Uneinigkeit und zertrennte Gemüter. Es mögen andere hochver- standige Statisten viel Ding beylegen, die vonnöten waren, dem ottomanischen Mondschein ein Finsternuß zu machen, meines wenigsten Verstandes nach manglet nur eins, und so nur eins bei uns Christen wäre, würde der Türk wenig Reis mehr essen zu Konstantinopel: wir Christen sollten eins miteinander sein, solchergestalten könnten die vereinigte christliche Potentaten die ausgebreitete ottomannische Macht stutzen. Aber die Einigkeit ist bei uns so beständig, wie bei dem Jonas die Kürbisblätter, denen ein kleines Würmlein die Liberey ausgezogen, also ihr Grünen nur etliche Stund ge- tauret. Bei uns findt man warm, arm, und daß Gott erbarm in einem Tag und ist unser Fried so weit von krieg wie Sachsenhausen von Frankfurt. Der tolle Mars schlafft bei uns so sacht, daß ihn auch ein geringe Hausgrüllen kann aufwecken. Was blutige Krieg haben wir in der Christenheit gesehen, offt wegen etlicher Klafter des Erdbodens, offt wegen eines eytlen Tituls, offt aus eigenen Mutwillen, und Kitzl eines Ehrgeizs 81 ---» Papst Nikolaus nahm die Ratschläge des erfahrenen Prokurators von San Marco, Francesco Barbaro, freudig auf und verfuhr nach ihnen, doch hat Barbaro nicht mehr erlebt, daß Kardinal Scarampo als Oberbefehlshaber 21 * 3 2 4 VIII ALTERS WEISHEIT der venezianisch-päpstlichen Flotte gegen die Türken erfolgreich focht 95 . Mitten aus diesen ernst in Angriff genommenen neuen Aufgaben ist Francesco Barbaro von kurzer Krankheit dahingerafft worden, im Alter von 63 Jahren. Den reinsten Nachklang dieses Ereignisses besitzen wir in einem Brief, den der treue Lodovico Foscarini an den Bischof von Verona, Ermolao Barbaro, den Neffen Francescos, richtete 96 . Foscarini kehrt bald nach Barbaros Tod zu Anfang des Jahres 1454 von seiner Brescianer Prätur nach Venedig zurück und tiefe Trauer erfaßt ihn, seinen Meister nicht mehr unter den Lebenden zu finden. Sein zu früher Tod hatte bei ihm und andern einflußreichen Venezianern den Wunsch zunichte gemacht, Barbaro an der höchsten Stelle des venezianischen Staates, als Dogen, zu sehen, da man ihn schon als wahrscheinlichen Nachfolger des uralten Dogen Francesco Foscari bezeichnete. War doch Barbaro in seiner letzten Würde als Prokurator von San Marco, die er zwei Jahre lang bekleidete, der angesehenste, einflußreichste und weiseste Staatsmann, den Venedig damals besaß, so daß Foscarini schmerzlich ausruft : «Einen edleren als ihn können wir nicht wünschen... Niemals stellte ich Francesco in einer noch so großen, unvorhergesehenen und neuen Sache eine Frage, auf die er nicht alles, was die Klügsten darüber denken könnten, rasch, überreich und gewichüg vorbrachte. Diesem göttlichen Ingenium waren keine Grenzen gesetzt... So groß war Francescos Ansehn, daß, wohin er sich nur wandte, Auge und Mund der Fürsten und Völker gespannt auf ihn gerichtet waren. Nichts wurde unterlassen, was man sich für das Gepränge und die Ausschmückung seiner Straße ausdenken konnte. Alle Zugänge waren voll Menschen, um einen so großen Mann zu sehen. Wenn er im Staatsauftrag oder als Privatmann reiste, konnte man glauben, er sei nicht in der Fremde, sondern er ziehe im Triumphzug daher. Bekannt war seine Tugend; sie übertraf noch seinen Ruf. Ganz glücklich waren diejenigen, bei denen er zu Gast weilte. Wenn er schied, folgten sie ihm mit Segenswünschen,Tränen und Umarmungen, wie man sie reichlicher den würdigsten Königen nicht hätte darbringen können.... Wenn Francesco von Gesandtschaften und Präturen heimkehrte, haben wir ihn froh empfangen. Also wollen wir uns freuen, wenn seine frommste Seele aus den Drangsalen des Lebens während der stürmischsten Zeiten, von Hieronymus und Augustinus, seinen Ver- BARBAROS TOD 325 trauten, von Engeln, Propheten und Heiligen lange erwartet, freudig aufgenommen wird.» Im Senat wurde nach Barbaros Ableben eine feierliche Sitzung zu seinem Gedächtnis gehalten. Man wußte bisher nicht, wer die Trauerrede gehalten hat und ob sie erhalten sei. Doch ruht sie unbeachtet an einem versteckten Platze mitten in einer Handschrift der Markusbibüothek. Verfaßt und gehalten hat sie Filippo da Rimini 97 , der dem Prokurator in seinen letzten Lebensjahren nahestand und zu seiner Klientel gehörte, wie aus auf uns gekommenen Briefen hervorgeht. Wir erfahren daraus, daß Barbaro noch am Tag vor seinem Tode in voller Kraft (pridie firma valitudine) im Senat eine seiner berühmten Entscheidungen gefällt hat. Stets herrschte atemlose Stille, wenn er zu sprechen begann. Der unerwartete Verlust preßt Filippo da Rimini die Worte ab: «O elendes Leben der Sterblichen, je mehr es versucht, sich durch Geist hervorzutun, je mehr es sich anstrengt, durch entschlossen vollbrachte Taten dem Himmel nahezukommen, um so mehr wird es zu Boden gedrückt. O unsre vergeblichen Mühen, die alle dahin zielen, daß sie ein Erdhügel, ein wie spärlicher, schließlich zudeckt 98 !» — Auch Filippo ist einer der vielen, in denen Barbaro so tiefen Eindruck hinterlassen hat, daß sie, gleichsam von seiner Lebenssubstanz durchdrungen, fast sterben, wenn er stirbt, aber dann doch sein Wesen in sich lebendig erhalten und dankbar Zeugnis davon ablegen. Ich weiß nicht, wer heute auf Erden unglücklicher lebt als ich. Mich, mich, Barbaro, der du lebendigen Lebens, nicht des Todes würdig bist, hast du entseelt, als du sterbend deinen edlen Geist aufgabst, hast du schier meinen Untergang herbeigeführt 99 .» Mit diesem Ausdruck ehrfurchtsvollen Gedenkens, mit dem die Freunde ihm nachsahen, als er ihnen entschwand, wollen auch wir, bevor er uns schweigt, uns noch einmal besinnen, weshalb wir heute diesen Mann aus halbtausendjähriger Vergessenheit emporsteigen lassen. Am Beginn dieses Buches verhießen wir, ihn als den (typischen Venezianer) erstehen zu lassen; wir bereuen nicht, ihn als Blickpunkt für seine ereignisreiche Zeit gewählt zu haben. Denn soweit wir uns auch umsahen, nirgends fanden wir in der Zeit des erwachenden Humanismus 326 VIII ALTERSWEISHEIT ein so untrügliches Maß, um die Umwelt zu bewerten, wie in ihm. In heutiger Zeit, in der man einzusehen beginnt, daß über alle Einzelfähigkeiten hinaus dem Staatsmann eins not tut: die Fähigkeit, die geistige Haltung eines ganzen Volkes unverfälscht zu verkörpern, wird sich eine Gestalt wie Francesco Barbaro nicht nur erneut Achtung erwerben, die ihn aus dem Dunkel der Vergessenheit heraushebt, sondern es wird auch Barbaros geheime Sehnsucht, die manchmal aus seinen Briefen spricht, in Erfüllung gehen, daß er von neuem unter lebenden Menschen zu wirken beginne. Longo postliminio in patriam redeat 100 , in ein erweitertes Vaterland, das an seiner Humanitas teilhat, dessen Raum nicht durch Politik eingeengt, sondern durch einen wiederaufblühenden Humanismus erfüllt wird. ENDE 33° ANHANG ZEITTAFEL 1390-1454 Die Ziffern in Klammern weisen auf die Seitenzahlen des Buches hin. 1390 Geburtsjahr Francesco Barbaros (16). ißpi April Tod des Vaters Candiano Barbaro (2 Testamente) (16). Er war zweimal verheiratet (14) und hatte 5 Söhne, 2 Töchter bei seinem Tod (15). Die Mutter Francescos : Constanza. 1396 Niederlage des ungarischen Kreuzzugsheeres unter König Sigismund gegen die Türken unter Bajazethl. bei Nikopolis (191 und 318). Barbaros Erziehung im Hause des älteren Bruders Zacharias (20). 1400 23. Nov. Tod des Dogen Antonio Venier; Nachfolger Michele Steno. 1401 Der deutsche König Ruprecht von der Pfalz wird vom Herzog von Mailand Gian Galeazzo Visconti bei Brescia vernichtend geschlagen. 1405—08 Barbaro lernt bei Giovanni Conversino da Ravenna Latein (21). 1408(09?)4. Dez. Barbaros mutmaßliche Aufnahme in den großen Rat durch die Abstimmungsbehörde der balla d'oro (168). 1408 Barbaro Schüler Gasparino Barzizzas (21). Barbaro erhält sein restliches Erbteil (17). 1409—1414 Barbaros Studienzeit in Padua (25—3 5). Rückkehr Guarinos aus Konstantinopel 1409 (35). 14 10 Venedig kauft von König Ladislaus, dem Rivalen Sigismunds auf den ungarischen Thron, Zara in Dalmatien (188); Zaccaria Tre- visano wird dort venezianischer Graf (Amtstitel des S tatthaltcrs). ZEITTAFEL 331 1410 Beginn des Ungarkriegs im Friaul mit König Sigismund (188). Barbaro Magister artium (25). Disputation mit Barzizza (30—33). 1412 5. Okt. Barbaro Doctor artium (33). 1413 31. Aug. Auffindung der angeblichen Gebeine des Livius in Padua (35); Tod des Zacharia Trevisano (45). 1413 26. Dez. Ende des Dogates Michele Steno. Nachfolger Tom- maso Mocenigo (7.1. 1414—4. IV. 1423). 1413 Waffenstillstand in Triest mit den Ungarn (190). 1414—19 Barbaro Schüler im Griechischen bei Guarino Vero- nese (37). 1414—19 Konstanzer Konzil. 1414 27. Sept. Barbaros Rede zu Ehren des Peruginers Alberto Gui- daloto bei dessen juristischer Promotion (33). 141 j ij. April Tod des Chrysoloras in Konstanz während des Konzils (37)- 141J Poggios Handschriftenfunde in süddeutschen und burgundischen Klöstern (117). 1415 Sommer Barbaros Reise nach Florenz (Anbahnung der Versöhnung zwischen Guarino und Niccoli) (37). Barbaros Plutarchübersetzung, dem Bruder Zacharias gewidmet (Aristides und Cato) (54—57). 1415 DE RE UXORIA, Hauptschrift Barbaros (61 ff.). 1416 Barbaros Grabrede für den Arzt Giovanni Corradino (f 26. August) (34). 1416 Barbaros beabsichtigte Reise nach Palästina mit Cosimo de'Medici und Niccoli kommt nicht zur Ausführung (107 f.). 1417 26. Sept. Tod des Kardinals Zabarella in Konstanz (86). 332 ZEITTAFEL 1418—1433 Fortsetzung des Ungarkrieges; Venedig erobert das Friaul, hebt die Territorialmacht des Patriarchates von Aquileia auf; Verjagung des letzten deutschen Patriarchen Ludwig von Teck; dessen Klage beim Konstanzer Konzil vergeblich ist (188). 1418 Barbaros Sommeraufenthalt in Padua. 1419 Barbaros Heirat mit Maria, Tochter des Pietro Loredano, Schwester des Giovanni Loredano (166). 1419 (April) Tod des älteren Bruders Zacharia Barbaro (166). 1419 Barbaro Senator (168). 1420 Der Schwiegervater Barbaros, Pietro Loredano, erobert mit der venezianischen Flotte Dalmatien (188). 1422 Nov. Geburt des Sohnes Zacharia Barbaro (166). 1422 10. Dez.— Barbaro Podestä in Treviso (272—274). (Ernannt 1423 12. Dez. am 13. August.) 142) Juli Dort hält Bernardino da Siena 40 Tage hindurch die Fastenpredigt. — Tiefer Eindruck auf Barbaro (154). 1423 Aug. Eintreffen des Alberto da Sarteano (159). 1423 4. April Tod des Dogen Tommaso Mocenigo (174). 142} 1j.Apr.-14j/D0gat des Francesco Foscari (175—176). 1423 Dez. BarbarobegrüßtmitLeonardoGiustiniani den Kaiser Johannes Palaeologus bei seiner Ankunft in Venedig mt einer griechischen Rede (178). Barbaro im Rate der Zehn (179). 1424 24. Febr.— Barbaro Podestä in Vicenza (24. Febr. Abreise Febr. 1426 von Venedig nach Vicenza) (179—182). 1425 Neue Statuten für die Stadt, beendet pridie non. jan. 1426 (more veneto). Guarinos Einleitung dazu (180 f.). ZEITTAFEL 333 1425 26. Febr. Lobrede des Matteo Bissario in Vicenza (181). 1425 5. Dez. Abschluß des Bündnisses Venedig-Florenz (182). 1425 21. Dez. Der große Rat in Venedig setzt einen Ausschuß, den Rat der Hundert, für die Kriegsereignisse mit Mailand ein. 1426 Frühling— Erster mailändischer Krieg im Bunde mit Floren^ gegen 19. April 1428 den Herzog Filippo Maria Visconti (253). 1426 20. April Barbaros Abreise von Venedig als Gesandter mit Andr. Morosini (gewählt am 12. April) an Papst Martin V. nach Rom via Bologna, Florenz, Siena (183—186). Dort vergebliche Unterhandlung mit den Mailändern. 1426 Eroberung Brescias für die Venezianer durch Graf Carmagnola (194). 1427 11. Okt. Sieg Carmagnolas über die Mailänder bei Maclodio am Oglio (186). 1427 Barbaros Flucht vor der Pest aus Venedig (141). Ankunft Filelfos aus Konstantinopel; kann wegen der Seuche in Venedig keinen Unterricht halten (142). 1428 19. April Friedensschluß in Ferrara: Venedig behält Bergamo und Brescia durch Vermitdung des Kardinals Niccolö. Albergati (Santa Croce) (194). (Erster Podestä von Brescia: Marco Giustiniani.) 1428 Frühjahr— Barbaros Gesandtschaft nach Ferrara, dann Mai nach Rom; er wird unterwegs am 10. Mai aus Florenz zurückgerufen, weil bereits Frieden geschlossen ist. 1428 3. Okt. Barbaro erwählt als einer der sapientes terrarum de novo aquisitarum (savi di terra ferma) (186). 334 ZEITTAFEL 1429 1. Juli— Barbaro nochmals sapiens terrarum de novo 31. Dez. aquisitarum (savi di terra ferma). 1430 27. Febr. Barbaro als Zeuge bei der Belehnung des Grafen Carmagnola durch den Dogen (187). 1430 Barbaro Podestä in Bergamo; (Ernennung 22. Juni; Abreise im August) (186). — Blondus sein Sekretär (128). 1431 20. Febr. Tod Martins V.— 3. März: Gabriel Condulmieri (junger venezianischer Adel) wird Papst Eugen iv. Jan. 1431—ßß Zweiter mailändischer Krieg. Barbaro Provveditore im Lager. 23. Juli 1431— Basler Konzil (315). 7. Mai 1449 1431 Verbrennung der Jungfrau von Orleans durch die Engländer in Rouen. Das kirchliche Urteil, das sie als Ketzerin verdammte, wird 1456 von Nikolaus aufgehoben (322). 1431 27. Aug. Seesieg Pietro Loredanos vor Rapallo-Portofino über die Genuesen. 1432 Barbaro Consegliere im kleinen Rat. 1432 5. Mai Hinrichtung Carmagnolas, Barbaro einer der 6 Richter (187). 1433 April Zweiter Friede zu Ferrara mit Mailand und später mit Kaiser Sigismund. Dieser leistet keinen formellen Verzicht auf Dalmatien (190). 1433 8. Mai BarbaroalsConsiliarius(consegliere)nachweisbar; 1433 30. Juli Barbaro sapiens super terris de novo aqui- sitis. I4ßß ß. Okt. Verbannung Cosimo de'Medicis aus Floren^ und Aufenthalt in Venedig. Rückberufung nach einem Jahre (284—288). ZEITTAFEL 335 1433 Besuch des Ambrogio Traversari in Venedig auf der Visitationsreise der Klöster seines Ordens (108). 1433 16. Okt. Barbaro als einer der 12 Gesandten vom Senat erwählt, um den von der Krönung in Rom zurückkehrenden Kaiser Sigismund durch das venezianische Gebiet zu leiten. Seine Rede vor ihm in Ferrara. Er wird vom Kaiser in den Ritterstand erhoben und darf den kaiserlichen Adler im Wappen führen (191). 1433 29. Nov. Die Signorie läßt dem Reichskanzler Kaspar Schlick für seine Verdienste um Venedig 1000 Dukaten anbieten (188 f.). 1434 Papst Eugen flieht verkleidet nach Florenz; vertrieben von dem Kondottiere Fortebraccio. i434Mai Barbaro wieder in Ferrara. 1434 13. Okt. Barbaro Podestä in Verona. — Er studiert die Kirchenväter. 1435 Seegefecht bei Gaeta: Alfonso d'Aragona wird Gefangener des Visconti und freigelassen (254). Deswegen fällt Genua von der mailändischen Herrschaft ab (sein Doge: Tommaso Fregoso). 1435 Dez. Barbaro Gesandter in Ferrara und geht von dort als Anfang 1436 Gesandter an Eugen IV. nach Florenz. Als venezianischer Bevollmächtigter schließt er das Bündnis mit Genua und Florenz (Cosimo de'Medici) gegen Mailand ab. 1436 Auflösung des Basler Konzils vom Papst beschlossen. 1436 Alberto da Sarteano predigt im Heiligen Lande (160). Er bereitet im Auftrag Eugens IV. die Kirchenunion mit den orientalischen Kirchen vor. 336 ZEITTAFEL 1437 April Frühjahr 1437— 20. Nov. 1441 1437 1437 6. Juli 1437 9. Dez. 1438 28. April 1438 Sommer 1438 1438 24. Sept. S.Jan. 1438 — 42 1438 24. Sept. 1438 3. Okt. Barbaro zum Gesandten an Sigismund ernannt, erkrankt und muß dispensiert werden (196). Dritter mailändischer Krieg (194—256). Barbaro Vize-Provveditore im Felde (196), er löst dort seinen Schwiegervater Pietro Loredano ab, der erkrankt ist und zur Erholung nach Brescia geht. Barbaro CAPITANO VON BRESCIA als Nachfolger seines Schwiegervaters Pietro Loredano (197). Tod Kaiser Sigismunds (196). Graf Sforza vermittelt den Frieden zwischen Florenz— Lucca—Mailand. Florenz zieht sich von der Liga zurück (289). Venedig bleibt allein. Der Marchese Gianfrancesco di Gonzaga, bisher venez. Oberbefehlshaber, tritt zum Feind über (207). Kämpfe zwischen Gattamelata und Niccolö Piccinino und Gonzaga (208). Rückzug Gattamelatas nach Brescia (208). Ferrara-Florentiner Konzil (Union mit der griechischen Kirche) unter dem Vorsitz des Kardinals Niccolö Albergati (162). Mit den griechischen Konzilteilnehmern kehrt Alberto da Sarteano aus der Levante zurück. Barbaro entläßt Gattamelata, der auf kühnem Zuge nördlich um den Gardasee herum Verona erreicht (214). Der mailändische Kondottiere erscheint vor Brescia (214); Bestürmung bis Mitte Dezember (218— 229). Tägliches Bombardement der Stadt. ZEITTAFEL 337 143 8 11. Nov. Pietro Loredano, Befehlshaber der venezianischen Po- Flotille, hat einen Mißerfolg und stirbt (240). 1439 Febr. Bündnis: Venedig—Florenz—Papst Eugen IV.—Francesco Sforza (289). 1439 Sommer Feldzug Fr. Sforzas (mit venezianischen, florentini- schen und genuesischen Truppen) (295) gegen Picci- nino, der aus dem Räume um Verona zurückweicht. Invektive Decembrio-Barbaro um Brescia (229—234). 1439 25. Juni Das Konzil zu Basel versucht Papst Eugen IV. abzusetzen. 1439 Nov. Ausfall Barbaros aus Brescia und zugleich Angriff Sforzas. Niederlage und Zurückweichen Piccini- nos nach der Burg Tenno bei Arco (Gardasee) (246). Abenteuerliche Flucht Piccininos über den See. Vorübergehende Wegnahme Veronas. 1439 15. Nov.—1449 Gegenpapst Felix v. (Herzog Amadeus von Savoyen), aufgestellt vom Konzil zu Basel. 1439 T 9- Nov. Piccinino durch Sforza in Verona besiegt. 1440 2. Febr. Wahl Friedrichs III. zum deutschen König. 1440 Sforza entsetzt Brescia und erobert die ganze Terra ferma (250). Piccinino, der die Florentiner in Toscana angegriffen hat, wird bei Anghiari geschlagen (290). 1440 23. Sept. Tod des Lorenzo de'Medici in Florenz (104). 1440 13. Nov. Feierlicher Abschied aus dem befreiten Brescia mit Rede des Ambrogio Avvogadro. Verleihung des Ehrenschildes (251). Im Dezember in Venedig Empfang im Senat durch den Dogen (252). 1441 27. Febr. Barbaro Savio di Terra ferma. 1441 März BarbaroaußerordentlicherProvveditorevon Verona. 338 ZEITTAFEL 1441 24. Aug. Waffenstillstand im Lager Sforzas (Cavriana bei Crema) (256). 1441 20. Nov. Friede: Die Adda-Grenze zwischen Mailand und Venedig. Francesco Sforza heiratet am 24. Oktober Bianca Maria Visconti (256) und erhält als Mitgift Cremona. Kommt nach Venedig und wird mit einem großen Empfang geehrt (255). Grundsteinlegung der Ca. Duca am Canal grande, die unvollendet blieb (270). 1441 6. Dez. Tobia dal Borgo hält die Abschiedsrede in Verona; Barbaros Antwort (181). Niccolö Loschi w'dmet Barbaro eine Ekloge über den Brescianer Sieg. 1442 22. April Barbaro Consegliere (im kleinen Rat). 1442 2. Juni Barbaro zum Procuratore der Certosa von St. Andreas in Lido gewählt (287). Papst Eugen kehrt nach Rom zurück. 1443 Der Neffe Ermolao Barbaro wird Bischof von Treviso (315). ' Barbaro Savio del Consiglio (257). Barbaros Gesandtschaft an den Marchese Gonzaga von Mantua (207). 1442 16. Dez. Tod des Niccolö Marchese d'Este: Nachfolger Lio- nello (26). 1444 7. Jan. Nachdem er ausgeschlagen hat, als Gesandter zur Hochzeit Lionellos nach Ferrara zu gehen (262), wird er an Herzog Filippo Maria nach Mailand gesandt (258—265). 1444 15. Okt. Tod Niccolö Piccininos (264) in Mailand auf die Kunde, daß sein Heer, von dem ihn der Herzog abberufen hatte, in Mittelitalien von Sforza geschlagen worden ist. ZEITTAFEL 339 1444 1. Nov. Barbaro wieder Consegliere. 1444 10. Nov. Niederlage eines abendländischen Kreuzzugheeres unter ungarischer Führung durch die Türken. Der Kardinallegat Cesarini kommt auf der Flucht um (318 und 321). 1445 9. Mai Barbaro wieder Consegliere. 1445 17. Juni Barbaro zuletzt als sapiens consilii aufgeführt. 1445 5. Aug. Barbaro kann wegen Gelbsucht die Prätur von Padua nicht annehmen. Genesung in Verona. 1446 Juli Barbaro amtlich in Treviso. 1446 Juli/Aug. Barbaro in seiner Villa San Vigilio (bei Treviso) zur Erholung von Krankheit (265). 1446—14JJ Vierter mailändischer Krieg (269). 1446 28. Sept. Sieg der Venezianer bei Casalmaggiore; sie dringen plündernd bis vor die Tore Mailands (269). 1446 Dez. Barbaro Gesandter in Ferrara, um Lionello die Verweigerung des Durchzugs Venedig feindlicher Heere zu raten (269). 1447 2}. Febr. Tod des Papstes Eugen iv. (316). 144/ 6. Mär^ Inthronisation Nicolaus' v. 1447 iß. Aug. Tod des Herzogs Filippo Maria Visconti (271). Errichtung der Republik in Mailand (272). 1447 Ende Barbaro in San Vigilio bei Treviso. Seit 1448 Bartolomco Colleoni venezianischer Heerführer. 1448 Anfang Barbaro zuerst in Venedig. 1448 Heirat seines Sohnes Zacharia mit der Tochter des Andrea Vendramin. Hochzeitsgedicht von Janus Pannonius. 34° ZEITTAFEL 1448 Mitte Juli — Okt. 1449 1448 16./17. Juli 1448 ij. Sept. 1448 18. Okt. 1448 Oktober 1448 Anfang November 1449 30. Sept. Ende 1449 1450 12. April 1450 1450 1450 25. Febr. 14JO zj. März 26. März Barbaro Luogotenente im Friaul (277). Giovanni Spilimbergo hält die Abschiedsrede in Udine(i8i). Sforza schießt die venezianische Po-Flottille in Brand (^75). Schwere venezianische Niederlage durch Sforza hei Cara- vaggio (277). Der venezianische Proweditore Ermolao Donato gerät in Gefangenschaft (278). Vertrag von Rivoltella zwischen Venedig und Sforza, daß die Adda künftig die Grenze bilden soll; Venedig will Sforza zur Herzogwürde verhelfen (279). Sultan Murad besiegt Hunyadi auf dem Amselfelde in dreitägiger Schlacht. Freilassung Ermolao Donatos durch Herzog Sforza auf Verwendung Barbaros bei Cosimo de'Medici(293). Barbaro im Consilium rogatorum (Senat). Barbaro erwählter Princeps senatus (302). Hunyadi besiegt die Türken bei Belgrad und dämmt ihr Vordringen ein. Barbaro Präfekt in Padua; bald zurück. Schwere Belagerung Mailands durch Sforza; Hungersnot (279). Die republikanische Regierung in Mailand entschließt sich, die Oberhoheit Venedigs anzuerkennen, aber ein Volksaufstand ermordet den venezianischen Gesandten (280). Francesco Sforza zieht in Mailand ein und wird zum Herzog ausgerufen (280). Entfremdung Venedig—Florenz (293); Bündnis Venedigs mit Alfonso d'Aragona, König von Neapel. ZEITTAFEL 341 14JO Nov. Ermordung Ermolao Donatos in Venedig (294). 1450—51 Barbaro in Venedig und San Vigilio. Der Kondottiere Jacopo Piccinino in Diensten Venedigs (3°5)- Der Kondottiere Bartolomeo Colleoni von den Venezianern abgesetzt, tritt in die Dienste Mailands (304). 1451 Erneute Kämpfe mit dem Herzog Sforza (280 f.). 1452 Friedensbemühung Kaiser Friedrichs Iii. bei seinem Aufenthalt in Venedig (321). 1452 16. Jan. Barbaro Prokurator von San Marco (324) (vom großen Rat gewählt, ohne daß er darum eingekommen wäre). 1453 Ende des 100jährigen Krieges zwischen England und Frankreich (322). 1453 i.April Der venezianische Oberbefehlshaber Gentile da Leo- nessa, Bruder des verstorbenen Gattamelata, wird von einem Pfeil getroffen und fällt (282). 14J} 29. Mai Fall von Konstantinopel. Untergang des griechischen Kaisertums (320). 1454 Jan. Tod Francesco Barbaros (243) (17. Januar Wahl seines Nachfolgers). Trauerrede von Philippus Arimeneus (Filippo da Ri- mini) im Senat (325). 1454 Colleoni kehrt in venezianische Dienste zurück (304). 1457 23. Okt. Absetzung und Tod des Dogen Francesco Foscari I.November (176). 342 LEBENSDATEN DES XIV./XV. JAHRHUNDERTS LEBENSDATEN DER WICHTIGSTEN ERWÄHNTEN PERSONEN DES XIV./XV. JAHRHUNDERTS DOGEN Antonio Vcnier......* um 1325,-j-23. XI. 1400, Doge seit 21. x. 1382. Michiel Steno.......*i33i,f26. im. 1413, Doge seit i.xn. 1400. Toramaso Mocenigo .... * 1343, f 4. IV. 1423, Doge seit 7.1. 1414. Francesco Foscari.....* 1373, f 1. xj. 1457, Doge 15. iv. 1423-(gestürzt) 23. x. 1457. PÄPSTE Johann xxm. (Baldassarc Cossa).........* um 1370 Neapel, f als Kardinal 23. vn. 1419 in Florenz, Papst 17. v. 1410—1415 (abgesetzt 29. v. in Konstanz). Martin v. (Oddo [oder Od- done] Colonna).....* 1368 in Gennazzano, f 20. 11. 1431 in Rom, Papst seit 11. XI. 1417. Eugen iv. (Gabriele Condul- mieri).........* 1383 in Venedig, f 23. 11. 1447 in Rom, Papst seit 4. in. 1431. Nikolaus v. (Tommaso Parentucelli)......* 15.XI. 1397 in Sarzana, f 24. in. 1455 in Rom, Papst seit 19. in. 1447. Pius 11. (Enea Silvio Piccolo- mini).........* 18. X. 1405 in Corsignano-Pienza, f 15. vin. 1464 in Ancona, Papst seit 27. VIII. 1458. DEUTSCHE KÖNIGE Ruprecht von der Pfalz ... * 5. m. 1352, f 12. v. 1410 (gewählt 21. vin. 1400). Sigismund von Luxemburg . * 14. 11. 1368, f 9. xn. 1437 (gewählt 20. ix. 1410), endgültig 21. vi. 1411, (seit 1433 Kaiser). Friedrich in. von Habsburg. * 21. ix. 1415, f 19. vin. 1493 (gewählt 2. 11. 1440), (seit 1452 Kaiser). KANZLER Reichskanzler Kaspar Schlick * um 1395 Eger.f 5. vn. 1449 (Kanzler spätestens seit 1422). LEB ENS DATEN DES XIV./XV. JAHRHUNDERTS 343 ITALIENISCHE FÜRSTENHÄUSER Visconti, Herren von Mailand, seit 1395 Herzöge Gian Galeazzo.......* 15. x. 1351, f 3. ix. 1402 in Marignano. Gian Maria........* 1388—16. v. 1412 (ermordet in Mailand). Filippo Maria.......* 1391 in Pesaro, f 13. VI II. 1447 in Mailand. Este, Markgrafen von Ferrara, seit 1452 Herzöge von Modena etc. Niccolö.........* 1383/4 in Ferrara, f 2. xn. 1441 in Ferrara. Lionello.........* 1407, f 1. x. 1450 Ferrara Borso..........* 1413, f 2. Vit. 1471 Ferrara Gonzaga, Herren von Mantua, seit 1433 Markgrafen Francesco 1......... * 1363, f 17. m. 1407. Gianfrancesco 1.......* 1394, f 23. ix. 1444. Lodovico in........* 5. vi. 1414, f 12. vi. 1478. Medici, Herrscher in Florenz Cosimo..........* Sept. 1389 in Florenz, f i.m 1464 in Careggi. Lorenzo d. Ältere.....* 1395 in Florenz, f 23. ix. 1440. Montefeltro, Herr von Urbino, seit 1474 Herzog Federigo.........* 1410 (oder 1422??),! 10. ix. 1482. KLERIKER Bernardino (Albizzeschi) da Siena, der Heilige . ... * 8. ix. 1380 Massa Marittima, f 20. v. 1444 Aquila. Alberto (Berdini) da Sarteano * 1385 Sarteano, f 15. vm. 1450Mailand. Ambrogio Traversari (Camal- dulenser General) . . . . * 16.IX. 1386 Portici b. Florenz, f2i.x. 1439 Florenz. Giovanni Dominici .... * 1356/7 Florenz, f 6. oder 9. x. 1419 Budapest (Kardinal 1408). Francesco Zabarclla .... * 1339 Padua, f 26. ix. 1417 Konstanz (Kardinal 1411). Lorenzo Giustiniani, der Heilige..........*i. vii. 1381, f8.1.1456, Patriarch von Venedig (1451) Lodovico ScarampoMezzarota * 1402 Padua, f 22. III. 1465 (Kardinal 1440). Pictro Donato.......* 13. .,f 1447, 1415 Bischof von Kreta, 1425 Bischof von Castello, 1428 Bischof von Padua—1447. Ermolao Barbaro.....* 1410 Venedig, -j- m. 1471 Verona, 1443 Bischof von Trcviso, 1453 von Verona. VENEZIANISCHE STAATSMÄNNER Zacharia Trevisano d. Ältere 1370—1413. Lorenzo de Monaci .... ? —1429. LEB ENS DATEN DES XIV./XV. JAHRHUNDERTS Leonardo Giustiniani.... Ermolao Donato...... Admiral Carlo Zeno . . . . Manuel Chrysoloras .... Giovanni di Conversino da Ravenna........ Coluccio Salutati (Florent. Staatskanzler seit 1375) Niccolö Niccoli...... Guarino Veronese..... Vittorino da Feltre..... Gasparino Barzizza..... Francesco Filelfo...... Flavio Biondo....... Leonardo Bruni Aretino . . Poggio Bracciolini..... Giorgios Trapezuntios . . . Lorenzo Valla....... Bartolomeo Fazio..... Antonio Panormita (Becca- delli)......... Pier Candido Decembrio . . Ciriaco d'Ancona(Pizzicolli) . Francesco Bussone, Graf von Carmagnola...... Francesco Sforza...... Niccolö Piccinino..... Gattamelata (Erasmo da Narni)........ Bartolomeo Colleoni . . . . 1383-1446. ? —1450 (November ermordet). 1334-1418. HUMANISTEN * um 1350 Konstantinopel, f 15. iv. 1415 Konstanz. * 1343 Ravenna, ■{• 1408 Venedig. * 16. n. 1331 Stignano, f 4. v. 1406 Florenz. * 1363 Florenz, f 4. n. 1437 Florenz. * 1374 Verona, f 4. xn. 1460 Verona. * um 1379 Feltre, f 2. n. 1447 Mantua. * um 1360 Barzizza, f Anfang des Jahres 1431 Mailand. * 25. vir. 1398 Tolentino, f 31. vr. 1481 Florenz. * 1392 Forll, f 4. vi. 1463 Rom. * 1370 Arezzo, f 9. in. 1444 Florenz. * 11. n. 1380 Terranova Valdarno, f 30. x. 1459 b. Florenz. * 1395 Kandia (Kreta), f 1484. * 1407, f virr. 1457 Neapel. * 1400, f 1457 Neapel. * 1394 Palermo, f 19.1. 1471 Neapel. * 1399 Pavia, f 12. xi. 1477 Mailand. * 1391 Ancona, f nach 1449 Cremona. • KONDOTTIEREN * 1390 in Carmagnola (Piemont) —5. v. 1432 (hingerichtet in Venedig). * 23. VII. 1401 San Miniato (Toscana), seit 26. III. 1450 Herzog von Mailand, f 6. m. 1466 Mai land. 1375 (Perugia)—15. x. 1444 (Mailand). * nach 1350, f 16.1. 1443. * 1400 Bergamo, f 1475 Bergamo. ANHANG 345 ANMERKUNGEN VORBEMERKUNG Die Anmerkungen beschränken sich in der Regel auf Literaturnachweise des benutzten Materials, sowie auf die Angaben der zitierten Stellen, soweit es sich um ältere in den Bibliotheken zugängliche Drucke handelt; wo jedoch aus noch unzugänglichen handschriftlichen Quellen geschöpft wurde, stehen die im Text übersetzten lateinischen Stellen, soweit sie nicht im zweiten Band ganz veröffentlicht werden. Die Anlage der Veröffentlichungen über Francesco Barbaro, die der Verfasser plant, entlastet diesen ersten Darstellungsband von der Verpflichtung, gleich alles über Barbaro Vorhandene zu bringen, was ihn mit zuviel Ballast beladen würde. Der zweite Band bringt Exkurse, die im ersten nicht Platz fanden, sowie eine Dokumentensammlung unveröffentlichter Stücke, die Ausbeute der Handschriftenforschung, die den ersten Band illustriert. Um einen Einblick in das literarische Hauptwerk Barbaros zu gewähren, wird gesondert eine Ubersetzung DE re uxoria erscheinen. Endlich ist eine neue Gesamtausgabe des Briefwechsels von Barbaro beabsichtigt. Der Bedeutung der Persönlichkeit Barbaros entspricht die Pflicht, seinen brieflichen Nachlaß in wissenschaftlich einwandfreier Form zu bergen. Die bisherigen Ausgaben sind weder vollständig, noch textlich befriedigend, zum Teil sind einzelne Briefe durch Streueditionen an verborgenen Plätzen verzettelt. Dazu haben sich noch in vielen europäischen Bibliotheken verstreut 100 Inedita des Barbarobriefwechsels gefunden, die nur in vereinzelten wichtigen Stücken im zweiten Band des vorliegenden Werkes publiziert werden können. Statt nun zu den vielen Nachtragseditionen noch eine weitere hinzuzufügen, habe ich mich zur Gesamtedition entschlossen, zumal es geglückt ist, die für den Text maßgebende Handschrift, die unter der Aufsicht Barbaros selber entstanden ist und seither zwei Jahrhunderte verschollen war, in London wiederaufzufinden (in der Privatsammlung Chester Beatty als Western manuscript 101). Ausgaben des Briefwechsels: Kardinal Angelo Maria Quirini Diatriba praeliminaris ... ad Francisci Barbari epistolas, Brixiae 1741 (anonym erschienen); Franc. Barbari et aliorum.. . . epistolae, Brixiae 1743; ergänzend: Remigio Sabbadini: Centotrenta lettere inedite di Francesco Barbaro precedute dal ordinamento critico cronologico dell'intero suo epistolario, Salerno 1884; vgl. A. Wilmanns, Gotting, gelehrt. Anz. 1884, pag.-8. L. Frati, Archivio veneto, Nuova Serie, vol. xxxv, 1888, pag. 135. Uber die Abkürzungen A, B, C, siehe Bibliographie unter Sabbadini. Alle in den Anmerkungen erwähnten Werke sind alphabetisch unter den Autoren in der Bibliographie zu finden. Deshalb konnte bei Abkürzungen auf Rückverweisungen verzichtet werden. VORWORT 1 So Leopold v. Ranke: Venezianische Verfassungsgeschichte und Kretschmayr siehe Bibliographie. KAPITEL I 1 Über den Genealogen Marco Barbaro: siehe Artikel in der Encidopedia italiana 1930. Archivio di Statodi Venezia: Cod. misc. 894, pag. 189: Marco Barbaro: Arbori di patrizi veneti (von Giovanni degli Agostini in seinen Scrittori viniziani benutzt). 346 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL I, 2-5 Der Genealoge begann dieses Buch der Stammbäume, das von andern in die späteren Zeiten fortgesetzt wurde. Marco Barbaro schrieb bis 1537. 2 Cod. Marc. ital. vn, 15 (8304); Archivio di stato di Venezia Cod. misc. 894. G. A. Capellari Vivaro, Vicentincr aus dem XVIÜ. Jahrh.: II campidoglio veneto vol. primo, alphabetisch unter Barbaro: L'antichitä del suo origine e cosl remota che la maggior parte degli autori la rintracciono fra la nobiltä di Roma, trovandosi nei fasti di quella gran metropoli alcuni consoli rimarcati con questo cognome. Giacomo Zabarella nell'Aula Heroum (parlando di Antonio Barbaro) la deduce dalla gente Catellia: «Origo familiae suae a Catellis romanis fuit, qui ad Fabios Herculeos genus suum referebant; Venetias translati summam ipsius urbis tenuerunt inter tribunos cooptati.» Dann taucht die Familie in Triest auf: e cautissima perö la partenza di questa famiglia dalla cittä di Trieste, ma variano gli autori nel tempo del suo staccamento; asserisce il Freschot: Nouvelle relation de la ville de Venise, partie troisieme: Les familles nobles de V. pag. 16 (Utrecht 1709) ciö essere seguito nel prineipio dell'ottavo secolo e il Palladio (Francesco) Historia Friuli lo registra nell'anno 869. Andere Gelehrte bestreiten dies und glauben die Barbaro schon früher in Venedig suchen zu müssen, vgl. Cronaca veneta des Dandolo (Bibliot. marciana cronaca ms. C 30, n° 93. Vgl. auch Venezia Museo civico Correr cod. Cicogna 3375. Cicogna: La famiglia Barbaro; Fra Ireneo della Croce: Storia della cittä di Trieste, Venezia 1725, lib.vin, cap. 2,11, carta 674. Eine ähnlich alte Herkunft hat die Familie von Barbaros Freund und Amtsgenossen Leonardo Giustiniani, die zu den 24 adeligen Familien gehört, die vor dem Jahre 800 bezeugt sind. Die Giustiniani leiten sich von dem byzantinischen Kaiser Justinian 11. her (nach Berthold Fenigstein, Züricher Dissen. Halle 1908: Leon. Giustiniani). 3 Die Zeitschrift l'omnibüs i, Venezia 1848, pag. 28, gibt eine andere Darstellung der Türkenschlacht, in der Marco den Ehrennamen Barbaro gewann. Die venezianische Flotte sei in die Flucht geschlagen worden und Marco Magadezzi habe sich mit seinem Schiff allein nochmal gegen die Feinde gewandt und das türkische Admiral- schiff geentert. Er sei allein mit seinem Schwerte in der Faust auf das feindliche Schiff gesprungen und habe einem Mohren den Kopf abhauen wollen; der sei aber ausgewichen, so daß der Hieb nur seinen Arm vom Rumpfe trennte. Mit der Trophäe des Armes und des Turbans habe sich Marco zurückgezogen... und nun geht die Erzählung wie bei Marco Barbaro weiter: «La bataglia dipinta da Santa Peranda (xvi. Jahrh.) vedesi nella detta dello scrutinio nel palazzo ducale di Venezia e vi si scorge lo stendardo di nuova invenzione.» Eine dritte Version der Entstehung des Wappens der Barbaro: Cod. Marc. ital. vu, 791, Cronaca Veniera (Wappen: Barbari) questi veneno dalle contrade furno homeni Vallesani anticamente se atrovavano del conseglio fin del 982 come appar per uno instromento tra Ii imperatori Tasilio a mis. Don Zuane Morecin.... il tondo rosso in campo bianco imperche essendo la guerra in Romania questi de'cha'Barbaro levorno l'arma al modo che la portano al presente presa e persa in bataglia e siando uno che haveva nome Marco Barbaro ferido lui tolse uno faciulo che haveva in testa pien di sangue e messolo in campo d'una lanza per bandiera e perche aveva forma de tondo rosso in campo bianco e per esser stato in campo ferido perö rimasc da quel tempo in qua alli ditti da cha'Barbaro l'arma... Wir hören außer dem genannten Marco von einem andern gleichen Namens, der 1229 gegen Ezzelino da Romano focht. In den Kämpfen gegen den griechischen Kaiser Palaeologus tat sich ein Donato Barbaro als Admiral über 40 Galeeren hervor. 4 Ep. Barb. ed. Quirini pag. 32: memoriae enim proditum est, maiores nostros nomine victae a se gentis enim nobilitatos esse et Barbaros inde appellatos. 5 Vgl. Cicogna e altri: Storia dei Dogi (ohne Jahreszahl). — Briefe des Francesco Petrarca übersetzt vonH.Nachod und P. Stern. VerlagDie Runde, Berlin 1931, pag. 209. ANMERKUNGEN ZU KAPITEL I, 6-14 347 6 Über den Vater Candiano Barbaro bringen hier zum ersten Male archivalische Studien im Archivio di stato di Venezia, dem ausgiebigsten und großartigsten der Welt, nähere Kunde, denn aus dieser reichen Quelle haben die Gelehrten, die seit 200 Jahren über Barbaro schrieben, noch niemals geschöpft. Venedig, Biblioteca civica del MuseoCorrer Cod. Cicogna 3575 (La famiglia Barbaro) 1380: Centumviri creantur in bello ligustico inter quos Matheus Barbaro, Candianus Barbaro, Donatus Barbaro. Candiano ist 1382 Elettore del doge Venier, 1384 Consigliere della cittä e senatore. 7 Den Dukaten zu 100 Mark Kaufwert gerechnet. 8 Uber Capcllari s. Anm. 2. 9 Arch. ven. Procuratori di San Marco de ultra 112 (Atti depositati nell'Archivio di Stato in Venezia daH'Aministrazione dei pii istituti riuniti, per la Casa di Ricovero ed Ospizii sparsi nel 1877) Quaterno: Ser Candiani Barbaro, sanete Marie matris domini. Die Testamente kommen im zweiten Bande zur Veröffentlichung. Das ältere nicht zur Ausführung gekommene Testament fand sich unter hundert andern uneröffneten Testamenten mannigfacher Mitglieder des Hauses Barbaro vom xn.—xvn. Jahrhundert ; es ist in altvenezianischem Dialekt geschrieben; auch das zweite, das Haupttestament, ist in derselben Mundart; jedoch sein Mantel, die Eröffnung vor dem Dogen, ist lateinisch verfaßt, wie alle Aktenstücke der venez. Regierung jener Zeit. 10 Die heutigen Palazzi Barbaro sind diesseits des Kanals und wurden von der Familie erst nach der Zeit Francescos erworben. Vgl. Ferriguto, Almorö Barbaro, pag. 68, der feststellt, daß die Familie B. diese Palazzi erst 1460 käuflich erwarb. 11 Der Vorname Candiano tritt auffallenderweise zur gleichen Zeit in mehreren Familien, z. B. der Bollani, auf (Mitteilung des Prof. Lazzarini in Padua), während er später wieder verschwindet. Die Möglichkeit, die Bevorzugung dieses Vornamens mit einem historischen Ereignis in Verbindung zu bringen (nämlich der Niederwerfung des großen kretischen Aufstandes von 1363), trifft auf Candiano Barbaro nicht zu, da er, wie sein erstes Testament zeigt, schon erheblich früher geboren sein muß. Wie der fünfte Bruder Francescos hieß, läßt sich aus den Akten nicht ermitteln. Hingegen zählt der Stammbaum Capellaris alle fünf auf. Es findet sich darunter ein Daniel 1 und ein Daniel 11. Es ist schwer zu sagen, was damit gemeint ist. Im mittelalterlichen Deutschland kam es bisweilen vor, daß man nach demselben Paten Geschwister mit dem gleichen Vornamen taufte, doch was in Venedig der Grund hierfür sein könnte, entzieht sich unserer Kenntnis. Über das doppelte Auftreten eines Vornamens in derselben Familie vgl. Bruno Kuske: Quellen zur Gesch. des Kölner Handels und Verkehrs im Mittelalter, in, pag. 194 f. K. stellt fest, daß die gleiche Benennung auf die Patenschaft zurückzuführen sei, da ein reicher Pate den Kindern testamentarisch bedeutende Zuwendungen machen konnte. Sabbadini hingegen (nach einer schriftlichen Mitteilung) vermutet zwei Zwillinge des Namens Daniel. 12 Dieser von der heutigen Übung abweichende Gebrauch findet sich auch in Kölner Testamenten des gleichen Jahrhunderts, wo Eltern ihr Söhnchen Johännchen erwähnen, das später ein Hans wird (nach Kuske). 13 In der ziemlich weitgehenden Gleichläufigkeit der einzelnen Punkte der beiden Testamente kann man desungeachtet, daß vielleicht ein fester Formelstil allgemein üblich war, auch einen Beweis für die Identität des Erblassers sehen. Es fällt ferner ins Gewicht, daß die Stiftungen an fromme Gemeinschaften in beiden Testamenten die gleichen Empfänger haben; ferner spricht für die Echtheit dieses ersten Testamentes, daß Capellari in seinem Stammbaum, der auf andere, mir unbekannte Quellen zurückgeht, als Gemahlin auch Maddalena und als Tochter Lucia hat; diese muß wohl in den 20 Jahren zwischen den beiden Testamenten verstorben sein. Siehe auch Stammbaum. 14 Warum aber spricht Francesco immer nur von seinem Bruder Zacharias und nie von seinen beiden ältesten Brüdern Ermolao und Daniel, von deren Dasein bisher * 34 8 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL I, 15-21 niemand wußte, bis es die Akten erschlossen ? Daniel war zwar 1402 nicht mehr am Leben, aber das schon erwähnte venezianische Standesamtsregister Avvogaria del Comun Cronaca dei matrimoni oder liber nuptiarum, in dem die seit 1400 stattgefundenen Hochzeiten venezianischer Nobili familienweise aufgezeichnet sind, gibt an, daß der Älteste, Almorö, der für uns zum erstenmal 1368 im früheren Testament seines Vaters als Moreto auftaucht, dann bei dessen Tode volljährig als Almorö bei der Testamentseröffnung auftritt, erst 1402 im Alter von mindestens 35 Jahren vermählt hat, ein Jahr später als sein schon bekannter jüngerer Bruder Zacharias, der 1401 die Tochter Lukrezia des Francesco Lion, des Schwagers des vorigen Dogen Antonio Venier, zum Weib nahm. Wir stellten schon fest, daß nicht nur ein beträchtlicher Altersunterschied zwischen den beiden älteren und den beiden jüngeren Brüdern bestand — von dem fünften Bruder, jenem angeblichen zweiten Daniel, fehlt jede weitere Spur — sondern daß sie auch Söhne verschiedener Mütter, also nur Stiefgeschwister waren. Ich vermute, daß darin der Grund zur Fremdheit zu suchen ist, und demzufolge auch für das Schweigen von Seiten Francescos. Jedoch sind die Akten in dieser Beziehung so farblos, daß sie diese Vermutung weder widerlegen noch beweisen. Die väterliche Erbschaft war unter den fünf Söhnen in ebensoviel Teile geteilt. Nach dem Tode des Daniel hatte der ältere Bruder Ermolao zwei Fünftel in Händen und wird durch richterlichen Entscheid angehalten, daraus die Aussteuer seiner Schwester Polissena zu zahlen. Es ist nicht auszumachen, ob dem betreffenden notariellen Dokument, das ich vorlege, ein Familienzwist voranging, so daß Ermolao erst gezwungen vom Gericht das Geld herausrückte, oder ob man sich gütlich auseinandersetzte und der besagte Akt nur eine notariell beglaubigte Quittung darstellt. 15 F. B. De re uxoria (ed. Gnesotto), pag. 12. 16 Sabbadinis letzte Äußerung: Dalle nuove lettere di Gasparino Barzizza in R. istituto lomb. di Seien, e lett. Vol. lxii, fasc. 16—20, 1930, pag. 890, läßt F.B. 1413 mit kaum 17 Jahren (also geb. 1396) heiraten. Sabbadini hält diese Annahme nicht aufrecht und weist mich brieflich auf Poggio ep. ed. Tonelli, 1 pag. 54 hin, aus dem hervorgeht, daß das alte Hochzeitsdatum Frühjahr 1419 bestehen bleibt, vgl. Kap. vi Anm. 21. 17 Die Rede des Tobia dal Borgo, die bisher nur in Auszügen in Quirinis Diatriba passim und C 378 f. bekannt war, soll im Band 11 vollständig veröffentlicht werden. Rom: Cod. Vat. lat. 5108 fol. 90; Florenz: Cod. Laurent. Ashburnham 270fol. 87-92; Brescia: Cod. Querin. C vn fol. 139 (ohne die Antwort Barbaros). 18 Die Vita Francisci Barbari (s. Bd. 11) stammt aus dem Archetypus der Briefsammlungen Barbaros (vgl. Vorbem.). 19 Ärchivio di Stato di Venezia Procuratori di San Marco de ultra 112 (Quaterno: commissarie Ser Candiani Barbaro). Date pro desiderio Francisci Barbari olim filii nostri commissarii Anno mcccc octavo mense Julii die xiii temporis nobilis et egregius vir ser Mauro procuratorum d(omino) Francischo Barbaro uni ex quinque filiis nostri commissarii totum suum residuum dicti quondam patris sui eidem contingentem secundum factum testamenti.. . patris usque ad diem presentem. Quod. .. vigore. .. summe residui complete et robore manus Antonii de Vataciis.. .de murano plebani venetorum notarii. Quam ipse ad curiam dominiorum et iudicum procuratorum in mcccc octavo mense junii die xx ob- tinuit in dicti suae partis residuo ut in dicta sua summa continetur, et cetera cartam securitati generalem manus presbyteri Alberti plebani saneti Vitt et dictam summam incisam: ducat. 837 de 18 o 15 ad aur. valunt libras 83 grossi 15 medii 7 piecoli 16. 20 Ferner 30 Dukaten für die Seelenmessen, 15 für Messen in der Kirche seines Sprengeis, in St. Christophorus für den gleichen Zweck weitere 10 Dukaten. Für «la senola di Santa Maria dell caritade» 30. 21 Es haben sich mehrere Originale der Prozeßakten der Erben Candiano Barbaro aus den Jahren 1392—1402 erhalten, die von den venezianischen Notaren auf länglichen • ANMERKUNGEN ZU KAPITEL I, 22-32 349 Pergamentstreifen ausgefertigt wurden. Das längste und das für unsere Kenntnis der ■wirtschaftlichen Familienverhältnisse während der ersten Lebensjahre Francesco Barbaras aufschlußreichste Aktenstück datiert vom 26. Juni 1392, also noch nicht 1V2 Jahre nach dem Tode des Vaters Candiano. Ein späteres notarielles Aktenstück datiert vom 5. Juni 1402. Damals ist einer der fünf Söhne der Constanza, Daniel, schon gestorben und der Älteste, Ermolao, der nun zwei Fünftel der väterlichen Erbes in der Hand hat, ist, wie ihn der Vater in seinem Testament verpflichtete, gehalten, der Schwester Polissena, die an Nikolaus de'Priuli verheiratet war, die Mitgift auszuzahlen. Auch das Alter der Schwester Polissena ist angegeben, aber etwas ungenau: sie ist über zwölf Jahre und unter achtzehn. Nehmen wir noch hinzu, daß Vater Candiano in seinem Testament bestimmt, daß seine Töchter nicht unter vierzehn Jahren heiraten dürften, so verengert sich diese Zeitbestimmung. 22 Im Brief an Battista Bevilaqua ed. Sabbadini, C 94. 23 An Papst Eugen IV. vom 25. Aug. 1437, Quir. ep. B. 41, und an den Neffen Pietro Barbo (späteren Papst Paul 11.) ed. Sabbadini 130 lettere. 103. 24 F. B. De re uxoria, pag. 12. 25 Petrarcabriefe, a. a. O. pag. 263. 26 Ep. Guarini A 115 Padua, Ende Juni 1416, Guar, an Zach. Bar. 27 Ep. Guarini A 376, 24, Verona August 1423, Gua. an F. B. 28 Abreise Guarinos von Konstantinopel 1403, vgl. C 5. 29 Zeugnisse dafür, daß Francesco zuerst bei Giovanni da Ravenna Latein lernte: a) Mittarelli: Bibliotheca S.Michaelis, p. xviii, erwähnt einen zu der Bibliothek Barbaras ehemals gehörigen Codex mit der eigenhändigen Eintragung: Iste über est Francisci Barbari, quondam d. Candiani, quem emit a commissaria doctissimi viri Johannis de Ravenna praeeeptoris sui. b) Gian Piero Feretti (zitiert nach dem Padre degli Agostini): über die berühmten Männer Ravennas nennt Francesco unter den Schülern Giovannis. Vgl. auch R. Sabbadini: Giov. da Ravenna, Como 1924. Es kommen für die Schulzeit bei ihm die Jahre 1405—1408 in Betracht, da Conversino seit 1405 im April in Venedig nachweisbar ist, wohin er aus Padua nach dem Untergang der letzten Carrara zog. 30 Sabbadini in Studi ital. filol. class. xi, pag. 321, n. 1 und C 8 f. Barzizza im März 1418 in Venedig, Gast des Hauses Barbaro. 31 Ep. Guar. pag. 7 aus Konstantinopel vom 12. Juni 1408. Dieser Brief befindet sich nur in einer einzigen Handschrift Cod. vatican. 5223 f. 94; er wurde von Sabbadini entdeckt und erstmals in La Scuola e gli studi di Guarino, Catania 1896, pag. 165 veröffentlicht. Die Freude über diese Perle der humanistischen Briefschreibekunst, durch die er zuerst Francesco Barbaro kennen und schätzen lernte, wurde dem Verfasser zum Anlaß des ganzen Werkes. Er möchte es nicht unterlassen, Sabbadini für das Geschenk dieses schönen Fundes zu danken. Remigio Sabbadinis Lebenswerk hat die hier vorgelegte Arbeit erst ermöglicht. Ich hatte mich auch seiner persönlichen Hilfsbereitschaft zu erfreuen. Vor allem danke ich aber ihm und von deutschen Gelehrten Ludwig Bertalot, daß sie mich zur Vollendung des Francesco Barbaro ermutigten. 32 Zur Haltung Guarinos in diesem Briefe vgl. die Grabrede, die Ludovico Carbone 1460 dem toten Lehrer hielt (ed. Müllner: Reden italienischer Humanisten, Wien 1899); pag. 92 heißt es: cum autem ad quintum et vigesimum suae aetatis annum per- venisset tener atque omnia egregie quae ad Iatinitatis rationem pertinent, existimans, id quod certe verum est non posse se plenissimam Latinae linguae cognitionem asse- qui, nisi etiam graecos fontes hauriret, 1 a quibus omnia nostra fluxerunt, amicos parentes patriam ipsam et caetera quae putantur in vita dulcissima relinquere non dubitavit, ut perfectionem quam cupiebat nancisceretur. 35° ANMERKUNGEN ZU KAPITEL I, 33-11,4 33 «Videre videor»Tercntius Ad.Iii. 3,30 «audire aut reddere voces» Verg. Aen. vi689. 34 Leere Kassen waren das Erbübel der Humanisten, aber während andereeine unmittelbare Geldunterstützung in Anspruch nahmen, schreibt Guarino nur: tuo igitur ruo- rumque suffragio opus erit. „suffragium" bedeutet hier Fürsprache, Empfehlung. Doch fand Guarino in Venedig keine Stelle; vielleicht haben sich die Brüder Barbaro aber bei Zacharias Trevisan für Guarino verwandt, denn als dieser als Podestä nach Verona ging, begleitete ihn Guarino in diese Stadt und hielt ihm die Preisrede. Carbone in seiner schon erwähnten Grabrede erläuterte Guarinos Rückkehr aus Byzanz so (Müllner, pag. 93): scd cum iam satis in Graecis profecisset, domum redeundi consilium cepit, ut secundum Piatonis sententiam (Cic. de fin. n, 45) non modo sibi sed multo etiam magis et amicis et propinquis maxime vero patriae prodesset. reversus ergo in Italiam primum Venetias petivit, ut in republica omnium praeclaris- sima virtutis suae periculum sumeret. ubi publica mercede conductus ad tradendas ingenuas et legitimas litteras omnis ülos patricios eleganti doctrina expolivit, inter quos maxime clarucrunt Franciscus appellatione quidem Barbarus, sed ingenio atque cruditione Latinus. Leonardus lustinianus vir eloquentissimus.. .uterque eques insignis et Sancti Marci procurator, quae est apud Venetos dignitas maxima. 35 «he he he ha ha» Ter. En. m 2, 47. 36 Über einige erhaltene Gedichte von Guarino selbst und seine Gewohnheit, in die Briefe Verse einzustreuen, siehe Sabbadini: La scuola e gli studi di G. V. Catania 1896, pag. 81. 37 «lepidum mihi capitulum» Ter. Eun. m 3, 25. 38 «non me rides, verum iocaris?» Cic. ad. fam. vn 11, 3. Zu dieser Belcsenheit Guarinos vgl. eine Stelle aus dem Barbaro-Briefwechsel: Ep. Barbari pag. 129, 14: non quia jejunum et aridum ingenium meum, si libros hic mecum haberem, non abunde irrigari possit ex fontibus scripturarum. Dies zeigt, wie die Humanisten solche Stellen wohl in der Regel nicht auswendig bereit hatten, sondern in ihren Büchern nachschlugen. 39 Ep. Guar. A 11, 123 nam familiarissimm id iudicat amititiam cum in jocos audatiam praebet amor. 40 Vgl. Huizinga: Erasmus von Rotterdam, deutsch von W. Kaegi, Basel 1928. KAPITEL II 1 Acta graduum academicorum Gymnasii Patavini ab anno 1406—1450 curantibus C. Zonta et Joh. Brotto Padova 1922. Erwähnungen Francesco Barbaras: Franciscus scol. art. 88; lic. art. 257, 258, doct. artium 263, 264, 323, 378. Franciscus miles 1648, 1649, 1943. 2 Vgl. Acta graduum 1648 und 1649. Das Doktorexamen des jüngeren Zacharias Trevisano fand am 26. August 1442 statt. 3 Zuerst weiden der Doktorand und seine Examinatoren aufgeführt, dann: Paduae in maiori ecclesia presentibus rev. patribus; folgt der Erzbischof von Patras (patracensis) und von Korfu und andere geistliche Würdenträger. Dann doct. d. Franciscus de Zaba- rellis, dann drei Magister aus venezianischen Nobilifamilien, ein Giustiniano, ein Contareno et magister Francisco Barbaro de venetiis scolaribus. Uber Zabarella siehe G. Zonta: Francesco Zabarella Padova 1915. 4 Jährliche Prozession zur Erinnerung der venetianischen Herrschaft in Padua. Mss. bibl. univers. di Padova, cod. 1675, vol. IT, pag. 8. In un codice ms del sec. xv esistente presso S. E. il Sign. Ball Farsetto nel quäle si contengeno i statuti di Padova uno si legge del 1420 che dice cosi: Ad perpetuam memoriam victorie qua serenissimum ducale dominium Venetiarum habuit civitatem Paduae, quod fuit anno nativitatis dorn. J. Chr. 1405 die 17 nov. ANMERKUNGEN ZU KAPITEL II, 5-11 351 statuimus et otdinamus approbando et affirmando consuetudinem iam inceptam, quod quolibet anno die 17 nov. cantetur una missa solemnis Padue in ccclesia Cathedrali et in continenti celebrata missa fiat per dfTn (=dominum) episcopum cum omni clero, sequentibus domino potestate cum militibus, doctoribus scholaribus et universis civibus processio honorabilis, recedendo de ecclesia cathedrali et eundo circum circa plateas Palatii juris et Sti. Clementis et revertendo ad ecclesiam catedralem. 1405. Nach einem Vizepodestä schickten die Venezianer als ihren ersten Capitano den gelehrten Zacharias Trevisano mit dem Auftrage, die Paduaner Universität zu betreuen. 6 Barzizza ist eine Ortschaft in der Nähe von Bergamo; deshalb wird der Humanist bald Barzizius, aber noch häufiger Gasparinus Bergomensis (oder Pergamensis) in den Handschriften genannt. 6 Vgl. C 9. 7 Queriniana di Brescia Cod. C. v. 11 aus dem früher in San Daniele befindlichen codex Vatic. Rossi 377 für Kardinal Quirini kopiert. Der Brief wird in der Neuherausgabe von Barzizzabriefen, die Ludwig Bertalot besorgt, Aufnahme finden, sowie in der geplanten Barbarobriefsammlung. Zur Zeitbestimmung sei bemerkt: Man weiß nicht, was hier ein für allemal gesagt sei, ob venezianische Briefe, die im Januar oder Februar geschrieben sind, dem angegebenen oder dem darauffolgenden Jahre angehören, denn da das venezianische Verwaltungsjahr vom 1. März zum 1. März lief, rechnete man «more Veneto» etwa das Jahr 1409 vom 1. März 1409 bis zum 1. März 1410, so daß die ersten zwei Monate von 1410 auch noch 1409 zugerechnet wurden und entsprechend zurückdatiert werden. Wenn diese Gepflogenheit in allen amtlichen Schriftstücken der Venezianer innegehalten wird, so ist bei Privatbriefen nur manchmal nachweisbar, daß sie more Veneto datiert sind, während in der Regel die Rechnung nach dem Kirchenjahr eingehalten wird. Sabbadini läßt den Brief in seinem chronologischen Verzeichnis pag. 9 aus Padua datiert sein. In der Brescianer Handschrift steht aber Venedig. S. schreibt: Saluta gli amici di Venezia, doch trifft das meiner Ansicht nach nicht zu, denn es steht da: tui valent. Damit kann nur der Bruder Zacharias mit seiner Familie gemeint sein, den Barzizza wohl zu dieser Zeit vorübergehend besuchte und von dort an Francesco, der in Padua zurückgeblieben war, schrieb. Weiter sagt Barzizza, daß er nicht besonders an Petrus Donatus schriebe, weil der Brief an Francesco halb und halb auch an diesen gerichtet sei. Pietro Donato ist, wie es aus weiterer Nennung im Brief hervorgeht, in Padua. 8 Queriniana di Brescia Cod. C. v. 11. Venedig d. 11. Januar 1409.......Ita est cius lectio jocundissima ita dulcis ita cara tui memoriaque gratissima. Est illic maximus dicendi lepos, urbanitas non exigua, gravitas quae senectutem excedat, iocunditas vero quae adolescentiam. 9 Gasparini Barzizii.. .opera ed. AI. Furiettus. Roma 1723, pag. zu. 10 Auch Guarino und Sicco Polentone wissen über die Trinkfestigkeit der Paduaner etwas zu erzählen, vgl. ep. Guar. cd. Sabbadini A 20, 31 und C 27 f. 11 Da diese Rede und Gegenrede augenscheinlich beim Hören mitgeschrieben wurde, ist ihre Überlieferung ungleich schwieriger als die der Briefe, die von vornherein schriftlich waren. Drei voneinander abweichende Fassungen fanden sich an verschiedenen Plätzen Italiens: in Venedig, Florenz und Rom. Der schlechteste Text in der Marciana cod. Marc. lat. xi, 123, fol. 9, zeigt deutlich, daß der Nachschreiber nicht mitgekommen ist, große Lücken gelassen hat und dann seine hingesudelte Abschrift selber nicht mehr verstehen konnte. Glücklicherweise sind die beiden anderen Hs. Firenze Bibliotcca nazionale cod. Magliabechianus vi, 134, fol. 46 und Roma Bibliotcca Angelica 1139, fol. 118—119, zwar auch voneinander abweichend. 352 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL II, 12-22 aber doch lesbar, so daß uns jetzt ein verständlicher und einwandfreier Text vorliegt. Ich verdanke den Hinweis auf die florentinische und die römische Hs. Ludwig Bertalot. Die Rede soll im zweiten Band veröffentlicht werden. 12 In der venezianischen Handschrift folgt Francescos Rede der von Barzizza; in der römischen geht sie voraus, und dort ist eine ursprüngliche kürzere Überschrift, die vielleicht den Namen Barbaros enthielt, ausradiert und statt dessen von späterer Feder auch dieses Stück dem Barzizza zugeschrieben, doch da es seinem Inhalte nach nicht von einem Professor, sondern von einem Studenten stammen muß, bleiben wir dabei, es für Francesco Barbaro in Anspruch zu nehmen. 13 5. Okt. 1412. Licentia privati examinis nobis v. d. Francisci Barbaro q. d. ***(Can- diani) hon. civis — Venetiarum de Confinio ***(Sanctae Mariae Mat[er] Dom[ini]) (in scientia artium) sub — art. et med. doct. mag. Jac. de la Turre de Furlivio et luliano de Rodigio promotoribus suis, presente art. doct. mag. Nicholao de Luca rect. artistarum. (Die *** sind Stellen, die Zonta e Brotto in Padua nicht lesen konnten, die sich aber nach den venezianischen Archivakten ergänzen lassen.) Paduae in ep. pal. presentibus d. Oppizone de Polenta capitaneo et Fantino Dandulo i. u. doct. clarissimo potestate Paduae, domino Marino Karavello proc. S. Marci, d. Pandulfo de Malatestis archidiac. bononiensi, excell. u. i. doct. d. Tadco de Vicomer- cato de Mediolano, d. Raphaelo de Fulgosio de Placcntia et d. Raphaele de Raymundis de Cummis spect. milite d. Henrico de Scrovegnis de Padua, Petrus Donato pro- thonotario ap. in hac parte vic. dedit licentiam... 14 Acta graduum, pag. viii— ix und Fr. Maria Colle: Storia dello studio di Padova 1824, vol. 1, pag. 103. 15 Die Rede auf den Peruginer Juristen Alberto Guidaloto, gedruckt in Quirini Diatriba prael. pag. ct.xii—ci.xvii. Cod. Ambros. F. S.V21 D 20 fol. 5 T Janus Cora(dinus) suavissimo Fran Bar s. Ex Antonio Overario . . . sospitatem tuam. Vale. Zitiert: . . . Et si litteris graecis adeo implicitus es, ut latine scribere nequeas te rite hisdem litteris et intelligam illas mihi siguificarc sospitatem tuam. Die Trauerrede auf den Arzt Corradino von Francesco Barbaro bei Quirini Diatriba pag. CLVI—CLX[. 16 Die Beschreibung der Auffindung der Gebeine des Livius nach einem Briefe von Sicco Polentone an Niccoli, gedr. A. Segarizzi, La Catinia, le Orazioni e le Epistole di Sicco Polenton, Bergamo 1899, pag. 77—84. Der Brief ist ferner gedruckt in: Cavacci (Cavacius), Historia coenobii Divae Justinae in Corpus Inscriptionum latinarum v, 2865, editio altera Patavii 1696. 17 Ep. Guar. A 25, Florenz, 22. Dez. 1411, dem amantissimo Lodovico nach Venedig ... re quidem non verbis amicum, cum ternis meis litteris ne unicum verbum red- diderit. 18 Diese Bezeichnung Niccolis stammt von Georg Voigt: Wiederbel. d. cl. Altertums 1 296. Uber die Invektive Guarinos gegen Niccoli (abgedruckt A3jff.) siehe C 25ff. 19 Vgl. Sabbadini: Storia e critica di testi latini, Catania 1914, pag. 29: La gita di Francesco Barbaro a Firenze nel 1415. 20 Ep. Guar. A 151, siehe Kap. v, Seite 122 und Anm. 38. Unsere Darstellung muß hier berichtigt werden. Guarino war schon 1414 nach Florenz abgereist, Prof. Sabbadini klärte mich freundlichst über diesen Irrtum und seine Gründe, leider erst während der Drucklegung, auf und verwies mich auf C. 29, das seine früheren Angaben im Giornale Ligustico, xvm, 1891, § 50, berichtigt. 21 Sicna 17. Dez. 1407 Brief Brunis an Niccoli ed. Hans Baron, Leonardo Bruni Aretino. Humanistisch-philosophische Schriften. Teubner 1928, pag. 111, Z. 26. 22 Den Bericht von der Seefahrt gibt Sabbadini, steht C. 29; vgl. Anm. 19; danach sind die beiden Reisen von Guarino und Chrysoloras gemeinsam 1414 und die von ANMERKUNGEN ZU KAPITEL II, 23-31 353 F. B. 1415 zu scheiden, da zur Zeit der letzteren Chrysoloras schon gestorben war. Daß F. B. unmittelbarer Schüler des Manuel Chrysoloras gewesen sei, verbreitet Vespasiano di Bisticci, Flavius Blondus (Italia illustrata, pag. 347), später Paulus Jovius u. a. Das neu festgelegte Geburtsdatum schließt diese Möglichkeit nicht aus, wie Voigt Wiederbel. d. class. Altertums, Berlin 1893 3 , I, pag. 420 (1) behauptet. Vgl. auch Sabbadini: la Scuola e gli Studi di Guarino Veronese, pag. 173. 23 Quirini: Diatriba cxxxv und auszugsweise C 30. 24 Ludovici Carbonis Oratio in funere Guarini ed. K. Müllner: Reden italienischer Humanisten. Wien 1899. 25 C 76 nach Apostolo Zeno, Dissert. Voss, n, pag. 312. 26 Baptista, der Sohn Guarinos, der nach dem Tode des Vaters dessen Schule weiterführte, verfaßte ein Büchlein, in dem die Methode des Unterrichts, die sein Vater und er befolgte, niedergelegt ist: Baptista Guarinus: De modo docendi et discendi, Argen- toratum 1514. Die Lehrweise Guarinos erwähnt auch Leonardo Giustiniani in der Vorrede seiner Plutarchübersetzung. Daraus bei C63. Nec hoc in loco alienam iudico praeeeptoris nostri Guarini eruditissimi viri sententiam, qua dicere solet in instituendis hominum moribus imitandos esse pictores qui non modo verbis et praeeeptis novos suarum rerum diseipulos, verum etiam praestan- tissimis sibi propositis imaginibus erudire contendunt... 27 Das Amt des Großkanzlers von Kreta ist eines der wenigen wichtigen Ämter, die auch von Bürgerlichen besetzt werden konnten, aber auch den Adeligen freistanden, wie hier dem Lorcnzo dc'Monaci. Vgl. Molmenti: La storia di Venezia e la vita privata (Deutsche Übersetzung pag. 66). Giov. degli Agostini, Scritt. vin. 11, pag. 363: Lorenzo de Monaci; und Marco Foscarini: Litterat. ven. passim (vgl. auch C 82f.). Weitere Nachrichten zusammengefaßt bei: Lino Lazzarini: Paolo de Bernardo (in Biblioteca dellArchivium romanicum. Genf 1930, pag. iogf.). 28 Lino Lazzarini eod. loco. Die Biblioteca Marciana teilt mir in zuvorkommender Weise über die betreffende Handschrift folgendes mit: Im Katalog: Graeca D. Marci bibliotheca codicum mss. per titulos digesta (von Zaneti e Bongiovanni) 1740, pag. 315, heißt es: Codex dcxii in — 8. chartaceus, foliorum 28 saeculi circiter xiv. — Homeri Ilias. Nota latina in initio codicis habetur: «Ilias Homeri, est Francisci Barbari, patritii Veneti, quam sibi dono dedit doctissimus vir Laurentius de Monacis cancellarius Cretae». Ein solches Geschenk war in jeder Weise kostbar und teuer, denn die venezianische Behörde hatte auf die Einfuhr griechischer Handschriften einen Zoll gelegt. Dieser Eintrag fehlt heute. Eine handschriftliche Bemerkung im heutigen Katalog der Marciana besagt: Hic codex ob inscitiam in 2 partes divisus fuit. Primam constituit Codex 459, hic descriptus pag. 245 Secundam vero Cod. App. ix, 3. 29 Ep. B. pag. 179—190, dazu Diatriba cxxix. Chronolog. Einordnung bei Sabbadini: 130 lettere inedite di F. B. Ordinamento critico cronologico zu 1415, pag. iof. 30 Bruni hat sich neben seinen zahlreichen Übersetzungen aus dem Griechischen auch theoretisch über die Übersetzungskunst geäußert, so bei seiner Übertragung von Aristoteles' Nikomachischer Ethik und besonders de recta interpretatione ed. H. Baron, pag. 81-96. 31 Laurentii Monachi Veneti Cretae cancellarii: Cronicon de rebus Venetorum ab u. c. ad annum 1354 sive ad coniurationem ducis Faletri. Nach gelegentlichen Jahresangaben ist es zwischen 1413 und 1428 verfaßt. Aus der Vorrede geht hervor, daß Lorcnzo de'Monaci ein am erprobten Alten festhaltender Mann war, der die neueren Strömungen ablehnte. Teile publiziert von Muratori, Bd. vin. =3 354 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL II, 32-46 32 Biographie bei Giov. degli Agostini I, 310—325. 33 Venezianische Gesetzesbestimmungen. 11. Jan. 1273: Nobiles Veneti non possunt esse rectores in locis alienis. 30. Mai 1283 : Nobiles Veneti electi rectores in locis alienis sine licentia Domini acceptare non possunt. Im Jahre 1356 wurde dieses Verbot erneut. So konnte Trevisan 1398 die Florentiner Podesteria nur mit Erlaubnis seines Dogen annehmen. Vgl. Krctschmayr: Geschichte Venedigs, pag. 89: Die Dogensöhne dürfen seit 1229 kein Regierungsamt in andern als venezianischen Untertanenstädten annehmen. 34 FlaviusBlondus: Italia illustrata. Baseli53i, pag. 373: habuit Semperhactenus urbs Veneta viros maritimorum bellorum et mercaturae gloria claros. Sed ante patrum aetatem nullo decorata est viro praeter quam Andrea Dandulo duce, quem Fr. Petrar- cae testimonio doctum fuisse seimus.....fuit et paulo post Zacharias Tarvisanus vir doctrina consilioque celeberrimus, oratio cuius extans coram Gregorio Pont. Max. habito pro ecclesiae unione suadenda illum eloquentissimum fuisse ostendit. Zwei Reden Trevisanos sind abgedruckt bei Mittarelli, pag. 1150. 35 C 10; publiziert von Sabbadini: La scuola e gli studi di Guarino pag. 170, quare cum aliae multae civitates, tum vero tibi testis est Roma, olim rerum domina, quam summa sapientia consilio vigilantia et fortitudine ex gravissimo terrore et imminenti periculo liberasti. Vgl. über die römischen Zustände damals Bartholomaeus Piatina: Vitae pontificum 361 (Bonifatius ix.), Colonia 1568. Vgl. Lino Lazzarini: Paolo de Bernardo pag. 121—131 und I32f., der ein umfassenderes Urteil über die humanistisch interessierten venezianischen Patrizier des xiv. Jahrh. gibt. 36 Leonardo Bruni Aretino ed. Mehus. n, 15, pag. 51 f. 37 Vgl. L. v. Pastor: Gesch. d. Päpste. Freiburg I902 3u - 4 ,1, pag. 176. 38 Barzizza ist wieder seit dem Altertum der erste Gelehrte, der ein Lehrbuch der Rhetorik verfaßt hat, die in ihren wesentlichen Zügen auf die berühmte römische Rhetorik ad Herennium zurückgeht und die bei der Ausbreitung des Humanismus über die Grenzen Italiens hinaus ihren Einfluß auf das erste Werk des deutschen Frühhumanismus, die Margarita poetica des Albrecht vonEyb, geübt hat. Vgl. Max Herrmann: Albrecht von Eyb, Berlin 1893, pag. 177. 39 Gasparinus Barzizza an Z. Trevisano über seine Rede vor Gregor xii. Ep. ad. Z. T. ed. Mittarelli 1779, col. 437. 40 Leon. Bruni Aret. ed. Mehus, pag. 52. 41 Sabbadini: La scuola e gli studi di Guarino Veronese, pag. 170: G. V. laudatio in praeclaros viros Zachariam (Trevisano) et Albanum (Badoer) Venetiarum cives. 42 Marco Foscarini: Deila letteratura veneziana. Padova 175z, pag. 605. 43 Die endgültige Klarstellung der in der handschriftlichen Uberlieferung (siehe Sabbadini Centotrenta lettere... di F. B., pag. 10) sich widersprechenden Adressatenfrage verdanke ich brieflicher Mitteilung Sabbadinis. 44 Quir. ep. B., pag. 189. Die ablehnende Haltung des Lorenzo de'Monaci ist um so merkwürdiger, als gerade die venezianische Kolonie Kreta eher als das Mutterland oder selbst Florenz den griechischen Humanismus museal pflegte. So gab es dort schon 1415 sogenannte Antikengärten. Vgl. Gerland: Das Archiv der Herzöge von Candia und Flaminius Cornelius: Creta sacra. 45 L. Bruni, ep. iv, 14, Mehus 1, 125; ebenfalls A, pag. 194. Es ist nicht bekannt, ob Bruni diesen Plan wirklich ausgeführt hat. Auch Leonardo Giustiniani äußerte sich (C 63) (vgl. Anmerkung Kap. n, Anm. 26). Nec me fugit... fore ut quidam nec ii admodum, aliquorum opinatione indocti hunc nostrum laborem vanis reprehensionibus arguant. Quorum ineptiis breviter hic a nobis respondendum esset nisi Franciscus Barbaras noster praestantissimi vir ingenii confutata illorum sententia hunc locum seorsum accuratissime disputasset (gegen Lorenzo de'Monaci). 40 Baron, a. a. O., pag. 102, 8—11. ANMERKUNGEN ZU KAPITEL III, 1-6 355 KAPITEL III 1 Die neuste Bibliographie der Renaissance-Frage befindet sich in J. Huizinga: Das Problem der Renaissance, im Juli- und Augustheft (1928) der Zeitschrift «Italien» (Niels Kampmann-Verlag, Heidelberg); oder H. W. Eppelsheimer: Petrarca, Bonn 1926, pag. 208; ausführlich auch bei Alfred von Martin: Coluccio Salutati und das humanistische Lebensideal, 1916, 1—17. Außerdem Joachimsen im Jahresber. f. deutsche Geschichte 1 (1925) und Hans Baron daselbst Ül, iv (1921 und 1928), Baron in den gleichen Jahrgängen des Archivs für Kulturgeschichte. Besonders zu erwähnen wäre: Walter Goetz: Mittelalter und Renaissance, in Historische Zeitschrift 98, 1907. Werner Weisbach: Renaissance als Stilbegriff in Hist. Zeitschrift, 120,1919, pag. 250, und Karl Borinski: Die Weltwiedergeburtsidee in den neueren Zeiten; in Sitzungsber. der bayr. Akad. philol-philos. Kl. 1919. Werner Jäger: Antike und Humanismus. Leipzig 1925. (Wertvoll durch seinen Hinweis, daß die Römer mit dem Wort humanitas (ircttSeia) auch die humanistische Haltung geschaffen haben.) Philippe Monnier: Le Quattrocento, z Vol., Paris 1912. (Das Werk fußt auf dem Burckhardtschen Standpunkt der prinzipiellen Scheidung von Mittelalter und Renaissance. Nicht sehr tiefschürfend.) Paul Joachimsen: Renaissance, Humanismus und Reformation in «Zeitwende» 1 (1925) pag. 402-425. Paul Joachimsen: Aus der Entwicklung des italienischen Humanismus. Hist. Zeitschrift 121 (1920) pag. 185—233. A. v.Martin: Petrarcaund die Romantik der Renaissance. Hist. Zschft. 138 pag. 3 28-344. Vladimir Zabughin: Storia del rinascimento cristiano in Italia. Milano, Treves 1924. Giov. Gentile: Storia della filosofia. Huizinga: Wege der Kulturgeschichte. München 1930. 2 Zuerst darauf hingewiesen, daß Renaissance Wiedergeburt des eignen Lebens bedeutet, hat 1892 Rudolf Hildebrand; alsdann namentlich Konr. Burdach in verschiedenen Schriften, z. B. Reformation, Renaissance, Humanismus, Berlin 1918. 3 Besonders verfehlt: Samuel Singer: Mittelalter und Renaissance. (Sprache und Dichtung, Heft 2, Tübingen 1910.) Unbrauchbar die Theorie: Im MA. sei schon alles dagewesen, was die Renaissance gebracht habe: Individualismus (gelegentliche Selbstbiographien), weltliche Gesinnung (Fabliaux, Troubadours, schlechte Behandlung des Kaplans im Nibelungenlied). Wenn Singer nachweisen will, daß es im MA. auch Renaissance-Menschentypen gegeben habe: Karl d. Gr. und Hagen (sie!), so ist das eine Verkennung des Urgermanisch-Reckenhaften und der Staatsraison des principe. Dadurch, daß vereinzelt früher auch schon verwandte Erscheinungen vorkamen, wird das Beginnliche in der Ren. nicht weggeredet. Es kommt auf die Wirkung an, durch die eine ganze Zeit ein anderes Gesicht annimmt, und nicht darauf, ob vereinzelt früher ähnliche Erscheinungen entdeckt werden können. 4 Marcus Antonius Sabellicus, Opera omnia, Basel 1560, Tom. iv, col. 322, nach Apost. Zeno Istorie venez. (1718) pag. 29—47: non rem ipsam umbram tarnen et verum latinitatis adhuc nomen retinemus. 5 Eod. 1. Victi Italis finibus barbari cessere: sermonis foeditas quae passim involuerat, non cessit, reeepit aliqua ex parte Roma suum cultum et nitorem, loquendi proprie- tatem non reeepit. 8 Barbaro und Giustiniani werden als Zwiegestirn immer zusammen genannt. So auch in der Grabrede des Carbone für Guarino ed. Müllner: Reden ital. Humanisten, pag. 93: Franciscus appellatione quidem Barbarus ingenio atque eruditione plus quam latinus, 23* 356 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL III, 7-14 Leonardus Iustinianus vir eloquentissimus quorum uterque latine graeceque perdoctus plutima ingenii sui monumenta reliquit. Ferner: Giov. degli Agostini, a. a. O. Vita Iustiniani. Janus Panonius (ein ungarischer Schüler Guarinos, später Bischof von Fünfkirchen) in seinem Panegyrikus auf Guarino: Inde duplex Venetae processit gloria gentis Barbarus et plectro celeber Leonardus eburno. Uber ihn: Berthold Fenigstein, Züricher Dissertation, Halle 1908. 7 Man hat sogar behauptet, daß das Latein nach dem Altertum, also das mittelalterliche und das Humanisten-Latein, dem Leben zu vergleichen sei, das Haare auf dem Leichnam nach dem Tode wachsen ließe. Der Ausspruch stammt von Paul de Lagarde; Zitiert bei L. Traube, Vorlesungen und Abhandlungen 11 (1911) 44; vgl. besonders Paul Lehmann: Vom Leben des Lateinischen im Mittelalter in Bayrische Blätter f. d. Gymnasialschulwesen lxv, 65 m Andere erkannten dem Mittel-Latein noch einiges Leben zu, aber das künstliche Zurückgehen der Humanisten auf Cicero habe alle Lebendigkeit ertötet. 8 Raphael Mapheius Volaterranus: Commentariorum urbanorum 38 libri, Basel 1559, fol. 489. His successit Johannes Ravennas qui ea tempestate post longo tempore ludum in Italia apperiret: unde tamquam ex equo Troiano viri praestantes plurimi prodierunt, qui postea scholis ac literis omnia referserunt. Hos ita iam latinis legitime literis imbutos Manuel Chrysoloras schola e rursus excepit, qui praeeeptor graecae diseiplinae... in Italiam venerat. Aus dieser Stelle glaubt Karl Neumann (zitiert nach Borinski, a. a. O. pag. 11) etwas Abträgliches gegen den byzantinischen Einfluß auf die Italiener herauszulesen: «Bei der Berührung des Einflusses der gelehrten Griechen in Italien — des M. Chrys. und seiner Übernahme der Schule des Joh. von Ravenna — drängt sich dem zeitgenössischen Literarhistoriker Raph. Maffei eher das Bild vom trojanischem Pferd auf, als das von der Renaissance.» Diese Schlußfolgerung ist zweifellos unrichtig, denn der Vergleich mit dem trojanischen Pferd, der, übrigens aus Cicero De oratore 11, 94, stammend, durchaus lobend gemeint ist, (man trifft ihn vielfach bei den Humanisten als eine stehende Redensart etwa in dem Sinne, daß das Pferd mit den durch die humanistische Bildung bewaffneten Männern in die Stadt des finstern Unwissens eingeschmuggelt wird) bezieht sich nach dem Wortlaut jedenfalls auf Johannes Ravennas und nicht auf Manuel Chrysoloras. 9 Auch Poggio: De infelicitate prineipum. Opp. cd. Basel 1513, pag. 152. Cuius (Dantis) extat poema praeclarum neque si literis latinis constaret ulla ex parte poetis superioribus (sc. den Alten) postponendum (zitiert nach Burckhardt, Kulturgesch. d. Ren. 3. Abschnitt, 9. Kap. Anm.). 10 In päpstlichem Auftrage hielt zwar Lorenzo Valla auch einmal eine Prunkrede auf Thomas von Aquino, cf. Mittarelli Bibliotheca S. Michaelis Venet. 1779, pag. xvn. neuere Ausgabe: hrsg. von Vahlen in Geigers Vierteljahrschrift für Cultur der Renaissance 1 1886, pag. 390—396. 11 Cod. Marc. lat. xin, 70 (Morelli 2); Petrarca ep. rer. fam. xxi, 12; auch zitiert bei Voigt: Wiederb. d. cl. Altert. 1893 3 , 1,423; vgl. über die Petrarca-Handschrift Paul Piur: Ein Redaktionsexemplar aus Petrarcas Schreibstube. Exkurs zu K. Burdach: Vom Mittelalter zur Reformation 11 2 pag. 340—350. 12 Antonio Loschi (Luscus) aus Vicenza, Dichter, Humanist und päpstlicher Sekretär an der Kurie; cf. C 65. 13 E. Walser: Poggius Florentinus, Leipzig 1914, pag. 434, ineditum 6. 14 Sabbadini:Lascuola... pag.134, hat Barbaros Ubersetzung der Aristides-Biographie nebst seinen andern Versionen auf ihren Stil hin geprüft und ist zu negativem Urteil gekommen: II Barbaro nelPAristide dä un'intonazione tutta declamatoria alla traduzione y ANMERKUNGEN ZU KAPITEL III, 15 - IV, 18 357 ne ampliando e dilavando il testo. Wenig reine Sprache, Neologismus und die Syntax der Tempora und Modi hinkend. Die Übersetzungen aus dem Griechischen ins Lateinische hatten außer den von Bar- baro beigebrachten Gründen, die er in seiner Invektive dem Lorenzo de'Monaci vorhält, noch den rein praktischen Zweck für das Erlernen der fremden Sprache; denn da es noch keine griechischen Wörterbücher gab, mußte man sich mit diesen Ubersetzungen zum Verständnis des Textes helfen. (Sabbadini: La Scuola di Guarino Veronese, Catania 1896, pag. 125 sqq.) 15 Venedig Ende 1414. Ad cl. v. Fr. B. Venetum oratoris singularissimi Guar. Ver. pro- hemium in vitamDionis exPlutarchoCheronensi in latinum traductam.Ep.Guar. A 57. 16 Martene et Durand: Vet. Script, ampliss. collcctio Tom. m, Paris 1724, col. 570. Ambrogio Traversari an Barbaro:.. . Ciceronis epistolas ad Atticum quibus noster Manuel restituit graecas litteras. 17 Diatriba cxxxv sq. 18 Ep. Guar. A 7. 19 Ep. B. 187 sq. 20 Quintiiianus: Institutio oratoria, lib. 1, cap. 1. KAPITEL IV 1 Die alten Drucke: dere uxoria sind auf Seite 9 9 am Schluß des Kapitels aufgezählt. Benutzt die: Nuova edizione ed. A. Gnesotto in Atti e memorie della r. Accademia di scienze lettere ed arti di Padova. Nuova serie vol. xxi, 1915. 2 Piaton Symposion, pag. 209 E: o'jv %ixi tspä TtoXXä rfit\ y&yove Siä toüc. toioü- xouc itaEÄaj, oiä oh toüg ävfrpcuiü/ouc; oü^svoc, ircu. 3 Aristoteles: Politik 1 ij,pag.i26ob 19: avemtalov hihwupkasiv' at (liv fap fiivanez y|U.cou [J-Epot; tüjv sXEufKpiuv, iv. 3s tüjv rcaiocuv ot xotvmvoi fivov'ai T-fjq TtoXixetat;. 4 Hieronymus: Adv. Iovinianum 1, 47, Migne, Patrologia latina 23,276 . 5 Vgl. auch: Valmaggio: Lo spirito antifeminile nel medio evo. 6 Hugo de Sancto Victore: De nuptiis, Migne P. L. 176, 1201. 7 Herodot: Lib. t 8 De re uxoria: pag. 62, 9. 9 De re uxoria: eod. 1. pag. 6, 3. 10 Augustinus: De bono conjugali, Migne P. L. 61, 375. 11 Matthaeus xix, 9 (Vulgata). Dico autem vobis: quia quicunque dimiserit uxorem suam, nisi ob fornicationem et aliam duxerit, moechatur et qui dimissam duxerit, moechatur. 12 lad Cor. 7, 8f. 13 Petrus Lombardus: Sententiarum lib. iv, distinctio xxvi. 14 De re uxoria, pag. 8, 23, 8. 15 Herodot Hist. 1, 1. Über die alten Veneter: Gröber: Grundriß der rom. Philologie, 1, pag. 336. Deeke: Die italischen Sprachen. 1888. Reste der venetischen Sprache sind außer Orts- und Personennamen besonders in den (neuen) Ausgrabungen in Este, und zwar in einem eignen Alphabet griechisch- chaldäischen Ursprungs Zu Tage gekommen. 16 Nach Valerius Maximus lib. 11, cap. ix, 1. De re ux. pag. 7, 1; 20, 18. 17 An die Mailänder aus Brescia am 7. März 1439 m Evangelista Manelmi: Commen- tariolumdequibusdamgestis in belloGallicoill. Francisci Barbari, Brixiae 1728, pag. 40. 18 Gasparinus Contarenus: De republica Vcnetorum. Venedig 1628. Vgl. Eberhard Gothein: Die Weltanschauung der Renaissance im Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts Frankfurt, 1904, pag. 95—131. 35« ANMERKUNGEN ZU KAPITEL IV, 19-32 19 P. Augustin Rösler: Kard. Johannes Dominicis Erziehungslehre und die übrigen pädagogischen Leistungen Italiens im xv. Jahrh. Freiburg 1894. Sein uns hier angehendes pädagogisches Buch ist auf italienisch geschrieben: Regola del governo di cura familiäre. 20 Auch in der Weltgeschichte hat er als Kardinal Johannes von Ragusa und hetzerischer Ratgeber des alten Willensschwächen Papstes Gregor xn., den er in den schlimmen Zeiten der großen Kirchenspaltung vom Nachgeben und der Versöhnung abhielt, eine unheilvolle Rolle gespielt. Schließlich ist aber Dominici noch bekannt als erster literarischer Widersacher des Humanismus, der eine in scholastischer Paragraphenmethode geschriebene Streitschrift, die Nachtleuchte (lucula noctis), gegen Coluccio Salutati verfaßt hat. 21 Leonardo Bruni Aretino, hrsg. von Hans Baron, Teubner 1928, pag. 22 Dereux.pag. 74, 2 5. Die Haltung des Zutrauens zur Menschennatur hat schon in den großen kirchenpolitischen Kämpfen des v. Jahrhunderts eine Rolle gespielt. Gegen den rigorosen Vertreter des Lebenspessimismus der Erbsünde, Augustinus, vertritt diese Meinung Pelagius, der aber von der Kirche, die der andern Richtung zuneigt, exkommuniziert wird und im Morgenlande Schutz suchen muß. Jedoch ging der Kampf dieser zwei sich befeindenden Grundmeinungen über das Leben im Semi- pelagianismus des Mittelalters weiter, bis die Reformatoren, die sich wieder stärker auf Augustinus stützen, in der Annahme der Ur-Bosheit als Charakter des Menschengeschlechtes wieder den Grundpfeiler der christlichen Religion erneuern, was bis zu Kant hin zu spüren bleibt, der diese Einstellung vom Pietismus übernommen hat. 23 Selbst die Kinderspiele verfälscht Dominici durch Frömmelei: «Laß sie versuchen, spricht er zu Frau Bartolomaea, wer am höchsten springen kann oder am besten laufen. Dabei kann als Bedingung aufgestellt werden, daß, wer verliert, soundso viel Vaterunser oder Ave Maria bete oder vor dem Bilde des Herrn irgendeine Ehr- furchtsbezeigung mache oder die Kapelle eine Zeitlang nicht betreten dürfe.» Dominici konstruiert die weltliche Familie nach der geistlichen Familie der Ordensgemeinschaften; so sollen die Kinder keinen eignen Besitz haben und den selbsterworbenen den Eltern abgeben. 24 Vgl. Baccio Ziliotto: La cultura letteraria di Trieste e dell'Istria. Cap. n, Pier Paolo il vecchio pag. 37 sqq. 25 Petrus Paulus Vergerius: De ingenuis moribus, ed. Gnesotto, Atti accad. Padova, 1918. Gnesotto setzt das Erscheinen des Werkes auf 1402. 26 Max Herrmann: Albrecht von Eyb und die Frühzeit des deutschen Humanismus. Berlin 1893, pag. 325. 27 P. P. Vergerio Epistole in den Mon. stor. publ. dall v. deput. Veneta di storia patria. Serie IV. Mise. vol. v. Venezia 1887, pag. 67. Konstanz d. 3. April 1416 an den Venezianer Niccolö Leonardo. 28 Ep. Poggi ed. Tonelli 1, pag. 20. 29 Poggius Florentinus: An seni sit uxor ducenda. Ausgaben von Shepherd Liverpool 1805 und Florenz typis Magherinis 1823. 30 Martene et Durand, ep. xm. Traversari an Barbaro vom 1. Juni 1416. 31 Seit dem Erscheinen von Barbaros Schrift scheint es unter den venezianischen und Florentiner Freunden gang und gäbe geworden zu sein, wenn von Heiratsdingen die Rede war, den ciceronianischen Ausdruck: de re uxoria zu verwenden, der auch im römischen Recht eine Rolle spielt als Mitgift und Ehestand. Guarino schreibt an einen Florentiner Freund Antonio Corbinelli, der sich zu seiner bevorstehenden Hochzeit geäußert hatte: «In deinem Briefe bemerke ich, was du über de re uxoria bald scherzhaft bald ernsthaft schreibst, aber in beiden bist du angenehm.» Venedig, 22. Nov. 1418. Guarino an Ant. Corbinelli ep. Guar. A 213. 32 Cod. lat. Monacensis 426, fol. 21 v . ANMERKUNGEN ZU KAPITEL IV, 33 -V, 2 359 33 Leon Battista Alberti: Deila famiglia, vgl. Girolamo Mancini: Vita di Leon Bat- tista Alberti. Firenze 1882. Was wir bei Niccoli angetroffen haben in seinem Tadel gegen den jungen Pazzi, das treffen wir wieder bei Alberti, die Anschauung: per gentiluomo che sia di sangue senza lettere non sarä mai se non rustico reputato. (L. B. Alberti, Op. volg. vol. ir, pag. 101. 34 De re ux. 73, 13. 35 Ähnlich verhält es sich auch bei Leonardo Giustiniani. Fenigstein (Züricher Dissertation, Halle 1908, m) äußert sich darüber: «Die Frauen erwähnt Leonardo in seinen Briefen nirgends, weder Mutter noch eigene Gemahlin. Vielleicht folgt er darin der venezianischen Sitte seiner Zeit, die Frauen mit Stillschweigen zu übergehen. Doch dürfen wir das eine nicht übersehen, daß uns eben nur die lateinischen Briefe erhalten sind; also Briefe, die schon im voraus für die Nachwelt bestimmt waren. Es scheint mir nun aber undenkbar, daß man sich in einer venezianischen Familie, in der das Venezianische tägliche Umgangssprache war, nun wirklich in der intimen Korrespondenz eines fremden Idioms bedient hätte. Wir müssen vielmehr annehmen, daß alle venezianischen Briefe, die rein familiären Charakter trugen und deshalb nicht für die Nachwelt zur Aufbewahrung bestimmt waren, bald nach Empfang vernichtet wurden.» Auch die Frauen der Familie Francesco Barbaros waren des Lateins mächtig, wie der erwähnte Brief Barbaros an seine Tochter Con- stanza beweist. 36 Ep. Barb. ed. Quir. Appendix, pag. 115. 37 Bernardo Giustiniani an Ludwig XI. in Bettinelli, Risorgimento d'Italia. Bassano 1786, pag. 25. Vos enim memores latinas litteras ab Italis aeeepisse, Italis etiam designavisti collegium amplum..... 38 Vgl. Marie-Josephe Pinet: Christine de Pisan (1364—1430). Paris 1927. 39 Vgl. Marie Luise Gothein: Eberhard Gothein: Ein Lebensbild. Anhang 2. Stuttgart 1930. *° Lud. Bertalot: Eine humanistische Anthologie. Dissertation. Berlin 1908. Wie Eyb sammelt auch der Freisinger Domherr Johannes Heller ital. Humanistenbriefe, darin fünf Stücke an und von Barbaro; siehe Register dort. Wie eine Zitatensammlung aus Barbaro: De reuxoria aussieht, zeigt: Perugia: Bibl. communale Cod. Ci, 118, fol. 27 v — 28 v . Hec a F(rancisco) Barbaro Veneto latina facta sunt. Voran gehen andere antike Zitate. Duellus qui primus Rome navali certamine triumphavit Iliam virginem duxit uxorem . . . dicere non potest. Martia Catonis filia minor cum quereretur ab ea . . . semel nubit. Dido Pygmalionis soror multi auri et argenti pondere . . . devolavit incendium. Certe quanto honore romanas p. virgines . . . solitus est. Indi ut omnes pene Barbari uxores pulcherrimas habent (Gattenverbrennung mit der Leiche des Gemahls) nuptias non requirit. 41 Petrus Paulus Vergerius: Paulus, comoedia ad iuvenum mores corrigendos; gedruckt in Wiener Studien 1901. Vgl. Creizenach, Geschichte d. neueren Dramas 2 Bd. 1. Niemayer 1911, pag. 535fr. KAPITEL V 1 Barbaro sammelte seine Briefe in der Mußezett von 1450 an, bevor er zum Prokurator von San Marco erwählt wurde. Vgl. Quir. ep. B. pag. 157. Die neapolitanischen Gesandten Puggio und Panormita antworten Barbaro auf die Dedikation seiner Briefsammlung an König Alfonso d'Aragona. Auch bei Ant. Panhormita epist. Venetiis 1553, fol. ii7 v . 2 Ed. Quirini Diatriba cclvi und Sabbadini: Storia e critica di testi latini pag. 54. 360 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 3-9 3 FranciscusPhilelphusliber de exilio (zitiert nachFabronius Magni Cosmi vita).Pisai78c). Genauer aber bei Klette: Beiträge m, pag. 5 4; Poggius: Bos est Laurentius Medices... Laurentii latcra aspice palearia, incessum considera, nonne cum loquitur mugit ? Os vide et linguam e naribus mucum lingentem. Caput cornibus insigne est___Ita medius fidius bovem mihi videor aptissime definire esse Laurentium Medicem, ut et lupum Averardum et vulpem Cosmum. Nam et ille für et latro et hic fallax et subdolus. Über die Bezichtigungen Filelfos gegen die Brüder Medici schreibt Fabronius Vita Cosmi pag. 86: Si Philelphum audis non tarn corporis quam animi in Laurentio erat deformitas et insatiabilis alienorum appetitio. (Filelfo, der selber als sehr habgierig berüchtigt war, schloß wohl von sich auf andere!) Fabronius sagt von Filelfo:___et homo impotentissimus ardensque odio non minus ei quam Cosmo dat crimini, quod omniaFlorentinorum vectigalia parvo pretio redempta haberent, propterea quod Ulis licentibus contra liceri auderet nemo; et his rebus non modo sed et gravissimis usuris et damnatorum poenis facultates maximas tum ad largiendum tum ad obstringendos aere alieno amicos sibi comparasse ait, omnia demum honesta neglexisse, dummodo potentiam consequerentur. Andere hätten aber billiger geurteilt. Als später sich Filelfo in höherem Alter dem jüngeren Lorenzo dei Medici (il Magni- fico) wieder näherte, war dessen Bedingung, daß die Schmähschrift gegen die Mediceer vernichtet würde; das geschah auch, so daß heute nur noch Filelfos Handexemplar in der Biblioteca nazionale in Rom sich befindet. Vgl. Voigt, Wiederbelebung, pag. 367, Anm. 5. Die Hs. ist ausführlich beschrieben von Klette, Beiträge in, pag. 5off. 4 Lorenzo de'Medici. Grabrede Poggios. Papst Eugen iv., der ja ein Asyl in Florenz bei der Familie Medici gefunden hatte, ehrte Lorenzo besonders, schickte bei seiner Beerdigung seine Nepoten und ließ das Grab mit den päpstlichen Insignien schmücken. Lorenzos Leben war so untadelig, daß er den Verleumdern keinen Stoff abgab. Qui ita vixit: ut ne curiosis quidem oculis daretur occasio detrahendi. 5 De re ux. 6 Fabronius. 7 Barbaro an Cosimo de'Medici: Brescia, 15. Okt. 1440, ed. Sabbadini: Centotrenta lettere inedite di Francesco Barbaro pag. 105. 8 Die bisher unbekannten Briefe Barbaros an Traversari stehen in: 1. Cod. Berol. lat. fol. 667, fol. I3 V — I4 r ; derselbe British Museum additional ms 15974, fol. 66. 2. Brit. Mus. add. ms 15974, fol. Ö7 V . 3. Brit. Mus. add. ms 15974, fol. Ö9 V . 4. Brit. Mus. add. ms 15974, fol. -jz r . 5. Brit. Mus. add. ms 15974, fol, 72 v . 6. Brit. Mus. add. ms 15974, fol. 73'. 7. Florenz Bibl. Laurentiana cod. pluteus XC, sup. 34, fol. 2 V . 8. Desgl. 9. Mailand Cod. Ambros. Y 97, sup., fol. 23 v und 53 r . 10. Mailand Cod. Ambros. Y 97, sup., fol. 54 v . Der einzige bekannte ist der von Wilmanns in Gotting, gelehrte Anz., 1. Nov. 1884, pag. 854, herausgegebene aus cod.Vatic. 5221, fol. 15 9 V . Das Datum dieses Briefes steht in British Museum add. ms. 15974, fol. Ö4 V , nämlich: xn. kal. decembris (1421). Der Brief Traversaris an Barbaro bei Martene et Durand in 0 , col. 555—586; für die Chronologie der Traversaribriefe: F. P. Luiso: Riordinamento dell'epistolario di Ambr. Traversari, in Rivista delle biblioteche e degliarchivi ix, 1898, pag. 106—109, 135—137, und Sabbadini: Centotrenta lettere d. F. B. Appendici pag. 132—135. Sabbadini: La scuola di Guarino, pag. 99, nota 2. 9 Der Brief Traversaris an Niccoli: Martene et Durand in 0 , ep. xxn, col. 551. Id tibi persuadeas velim, amice fidissime, nunquam meliore nos fuisse animo ad ista sectanda ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 10-20 361 honesta studia, quam suraus modo; numquam liberiores a cupiditatibus noxiis, etsi numquam eis cervicem subiicere dignati sumus, miseratione divina freti. 10 Martene et Durand m 576 ep. Ambrosii Traversari xvn, 15. 11 Wilmanns, Gotting, gel. Anz. i.Nov. 1884, pag. 855, stellt fest, daß der am t. Mai 1421 verstorbene Prior des Klosters S. Maria degli Angeli in Florenz Matthaeus Guidonis hieß. (Siehe Register.) 12 Martene et Durand in, 575 ep. xrv vom 13. Juli 1417. 13 Die Antwort Barbaros in British Museum additional ms. 15974, fol. 69: Ornatissimo et humanissimo Angelo Acciaolo mihi amicissimo et tibi et mihi et doctissimo ac disertissimo Feraldo congratulor, talem sibi discipulum et praeceptorem darum, ut utrinque laus ac dignitas expectari potest... y.al AüSov itpoc 8p6|j.ov ut aiunt, -/.aXsaui ut eius opere ac industria in Angelo meo doctior et ornatior sim. 13a Martene et Durand ep. n vom 3. Okt. 1417. 14 Eod. 1. ep. xi. 15 Eod. 1. ep. xvi. 16 Ambr. Traversari: Hodoeporicon ed. Dino-Traversari 1912, pag. 1433 (61) als Anhang seines Buches über Ambrogio Traversari; nach Voigt: 1, 3 20, siehe dessen Anm. 1, die Stelle aus Poggii: Dialogus contra hypoerisim nachweist. 17 Traversari: Martene et Durand ep. xvin. Firenze, Okt. 1420. Legi litteras quas proxime ad Niccolaum nostrum dedisti, quibus illum cum Leonardo Aretino redire in gratiam vehementer cupis, id ipse quoque votis Omnibus aveo. Verum cum hanc ipsam reconciliationem frustra tentaverim, operamque impensam per- diderim, coeptis destiti, ne incassum laborarem: eo enim haec ipsorum contentio indueta est per alterius intemperantiam, ut desperandus illorum in gratiam reditus meo quidem iudicio sit. 18 Sabellicus, De Linguae lat. reparatione,Basel op.omniaiv, col. 326: ...sed omnium, qui sub id tempus extitere, Leonardus Aretinus praeeipue dignus laude occurrit, vir philosophiae studiis eloquentia clarus. Über Bruni außer in den drei allgemeinen Werken von Voigt, Gaspary und Burck- hardt besondere Studie: C. Monzani: Discorso di Leonardo Bruni in Arch. stor. it. nuov. ser. tom. 5, pag. 29 und Hans Baron, Leonardo Bruni Aretino, Humanistische philosophische Schriften. Schließlich Ludwig Bertalot, Brunistudien 1931, siehe Bibliographie. 19 Streit mit Bruni, in den Barbaro hineingezogen wird. Ep. Bruni iv, 23, an Poggio und dessen Antwort ep. Poggii (ed. Tonelli) 1,197, und an Barbaro in der gleichen Angelegenheit in de varietate fortünae Lut. Par. 1723, pag. 161. Wotke, Beiträge zu Leonardo Bruni aus Arezzo, Wiener Studien XL, 1889, pag. 300. Wotke bemerkt dazu: Daß diese Invektive dem Niccoli und seinen Freunden sehr unlieb war, erhellt wohl am besten daraus, daß Poggios bekannte Leichenrede dieselbe fast Punkt für Punkt zu widerlegen sucht. 20 Ep. Bruni, Mehus iv, 23. Vgl. Wotke, pag. 296. Bruni hat es übrigens nicht bei dieser einen Invektive bewenden lassen, sondern noch eine zweite geschrieben: In nebulonem maledicum, die aber später nicht gedruckt wurde. Wotke hat sie in dem Codex Urbinas 1164, fol. 150b—164a gefunden und beschrieben. Bruni karikiert darin Niccoli: nam et inflat se ipsum per vias incedens et supercilium levat quasi alta considerans et labris nescio quid insulsum turnet et am- bulat composita quadam modestia. Es wirft auf die Händelsüchtigkeit Niccolis ein schlechtes Licht, wenn er selbst bekannt friedfertige Männer wie den würdigen Manuel Chrysoloras, den er wegen seiner byzantinischen Barttracht Lausebart gescholten haben soll, und Guarino, den Bruni einmal (in seiner von Wotke, Wiener Stud. 11, beschriebenen Invektive gegen Niccoli : In nebulonem maledicum) bezeichnet, als homo patientissimus et innocentissimus 362 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 21 - 30 von Florenz wegekelte, so daß Guarino erbost auch eine Invektive gegen ihn schleuderte; publiziert A 33—46. Die darin angegriffene angeblich von Niccoli herrührende Schrift über die Orthographie soll aber nach Sabbadini nicht ihn als Urheber haben (?), vgl. C 25. 21 Bruni an Poggio. Ep. Bruni ed. Mehus. 22 Poggio an Barbaro. Rom, 25. Sept. 1426. Poggii ep. ed. Tonelli 1, pag. 197. 23 Martene et Durand Iii 584 epp. A. T. xvn, 22. 24 Martene et Durand Iii 5 61 epp. a. t. xvii, 3; Mehus,Vita Ambr.Traversarii, pag. 3 84. Hac innixus mente ac rogatu Francisci Barbaro patr. ven. transcribere moliebatur in hoc tempore Nicolaus Niccolus (vide Mehus üb. vi ep. vm, col. 284) graecas litteras Pandectarum ex vetustissimo exemplari quod in florentino palatii veteris adservatur gazophylacio totaque maxime Europa celebratum est. Vgl. dazu Brockhaus Konversationslexikon: Pandekten oder lat. Digesten der Hauptteil des Corpus iuris, welcher die aus den Schriften der römischen Juristen abgeschriebenen Stellen wiedergibt. Der Text ist hauptsächlich durch eine Hs. aus dem vii. Jahrhundert überliefert, die berühmte florentina, welche sich ursprünglich in Pisa befand, weshalb ihre Lesart als littera pisana bezeichnet wurde, später nach Florenz kam und sich noch dort (in der Laurenziana) befindet. Auf ihr beruht vornehmlich der Text der heutigen Ausgaben, namentlich der von Mommsen als Teil des Corpus iuris. Erst Ende des xv. s. wurde der griechische Text ins Lateinische übersetzt durch den Humanisten Angelo Poliziano. 25 Poggius Florentinus: De avaritia in den Opera Basileae 1538. 28 Ep. Barbari pag. 1, eod. loc. pag. 4. Ignominia etiam notandi sunt illi Germani, qui clarissimos viros quorum vita ad omnem memoriam sibi commendata esse debuit, quantum in se fuit, vivos diuturno tempore sepultos tenuerunt. Quod si imprudenter factum est, quid neglegentius ? Si ex sententia quid crudelius ? Nicht überall waren aber die alten Codices so schlecht verwahrt wie in St. Gallen. Als Poggio auf seiner vierten Streife bis nach Köln gelangte (im Sommer 1417), traf er dort zwei Dombibliotheken an, von denen ihm aber nur die jüngere zugänglich war, wo er den größten Fund, die verschollenen ciceronianischen Reden machte. Walser: Poggius Florentinus, pag. 58, bemerkt dazu: Zwar konnte er die ehrwürdige Bibliothek, die der Minister Karls des Großen, Erzbischof Hildebald am Ende des 8. und zu Beginn des 9. Jahrhunderts angelegt hatte, wegen der Abwesenheit des Kustos nicht benützen und mußte sich an den Wunderdingen begnügen, die man ihm davon erzählte: ein doppelter Beweis, daß es mit der schlechten Hut und der Verachtung, welche die «deutschen Barbaren» den Büchereien ihrer Vorfahren zuteil werden ließen, nicht so arg bestellt war. 27 Ep. Guar. A 15 2, 44. 28 Ep. Barbari pag. 6. 29 Poggius Florentinus, Oratio in funere card. Zabarallae. Poggii opera Basileae 1538, pag. 252. 30 Konstanz, Herbst 1417, Poggio an Barbaro ed. A. C. Clark in The Classical Review xra, London 1899, pag. 125: linquo crudeles terras et littus avarum quaeroque patriam alio sub pole iacentem et penitus toto divisos orbe Britannos. Nam de gratulatione pontificis quod erat in primo capite epistolae (sc. Barbari) non admodum laboro. Iucunda est mihi quidem propter rem publicam, nam si privata respicio malo vivat ut inquit ille Augusto. Zu dieser Anspielung bemerkt Clark: The reference as Prof. Sabbadini points out to me is to the saying of Tiberius (Sueton ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 31-40 363 Galba iv) vivat sane, ait, quando id ad nos nihil pertinet. Poggio is purposely using guarded language, which would be intelligible to bis correspondent. Chi ne vuole piü.... Wer mehr haben will, der mag nur fischen — mein Netz ist gerissen I Diesen italienischen Ausruf hat Walser a. a. O., pag. 46, Anm. 4, aus den von Clark nicht benutzten Handschriften beigefügt. 31 Walser, Poggius (ineditum), pag. 428 (teilweise auch bei Clark a. a. O.); Mantua, Herbst 1418, P. an Fr. B. (in der orthographisch nicht berichtigten Schreibweise): Heri reddite sunt mihi tue et Guarini littere, ex quibus id quod animus vester postulabat cognovi vos sane commotos propter novum consilium meum verentes ne disperatione mei curiam relinquam. Sed liberabo vos hac solicitudine. Idem sum qui fueram. Vale. 32 Vgl. Walser: Poggius, pag. 73. 33 Ep. Pog. ed. Tonelli, pag. 57, 60. 34 Poggio traf die Bücher halb verschimmelt und vermodert in den Gerümpelkam- mern der Klöster an. So entriß er in Cluny dem baldigen Untergang einen Cicerokodex, in dem zwei in Italien noch unbekannte Reden (pro Roscio Amerino und pro Murena) standen. Diesen halb verrotteten Band schickte er an Niccoli, wo ihn Barbaro sah und selbst eine Abschrift davon nahm und Guarino nach Venedig brachte. Dieser schrieb zur ersten Rede einen Kommentar; in der Einleitung steht folgender Satz anläßlich einer Lücke im Texte: Wiederum fehlt nicht ein kleines Stück des Textes, was von der Aufbewahrung und der Altersschwäche des Exemplars herrührt, das der sehr gelehrte Poggio uns von den Galliern zurückbrachte, der zu unserer Zeit der Finder dieser Rede und der andern pro Murena war. Wie aber der sehr erlauchte und gelehrte Franciscus Barbaras zu sagen und zu beklagen pflegt, hatte er in Florenz die Schrift des Exemplares so erblindet gefunden, wo diese Rede aufgezeichnet ist, daß er auf keine Weise an diesen Stellen ein Wort entziffern konnte. Lassen wir übrigens das Klagen. Seht eher zu, was ihr habt, als daß ihr beweint, was ihr nicht habt. Cf. La gita di Francesco Barbaro in Sabbadini, Storia e critica di testi latini, Catania 1914, pag. 29. 35 Rom, 13. Nov. 1423, ep. Poggii ed. Tonelli 1, pag. 95; sonst noch mehrfach gedruckt, z. B. ep. Guar. A 384 und Quir. Diatriba xxxm. 38 Darüber handeln die Briefe (Quirini) pag. 22—27 aus dem Jahre 1418 und Diatriba cxvmi sq. 37 Ep. Guar. A 132. Venedig, 2. Febr. 1417. 38 Venedig, 4. Okt. 1417, ep. Guar. A 151, Guarino an Traversari. (13) Amor noster ille integerrimus, cuius iacta sunt a virtute fundamenta nec augetur verbis nec comminuitur silentio. Ad haec cum egregia quaedam mihi cum Barbaro familiaritas et antiqua consuetudo eo dedueta sit, ut solo videamur diferre nomine &OTS %a uiv o(j!)[j.aTa 8uo, ty|V oe ijiuy^v [u'otv tlvai, quiequid ab eo scriptum, a me quoque scriptum arbitror. Nihil enim interesse censeo suis a me aut meis a se litterae manibus describantur. Quae cum ita sint, multotiens a te mihi et a me tibi missas littcras intelligas velim. Vgl. Zielinski: Cicero im Wandel der Jahrhundertc 1912, pag. 201. Traversari und Guarino Wiederholung des Urbildes Cicero—Atticus (Ciceros Theorie der Freundschaft im Laelius und seine Praxis in den Atticusbriefen). «Hatte Guarino die ketzerische Ansicht geäußert, unter Freunden sei ein Briefwechsel nicht nötig, so wurde er von Traversari eines Besseren belehrt: das sei zwar ein stolzes und philosophisches Wort, aber gar zu hoch und eher kastilianisch als ciceronianisch zu benennen : < du weißt ja,wie lästig jenem Manne die Schweigsamkeit abwesender Freundewar».» 39 Vgl. C 88. 40 22. Nov. 1418. Guarino an Ant. Corbinelli, ep. Guar. A 214. Nach längeren Ausführungen zugunsten von Ehe und Frauen, die auf Barbaros Werk fußen, schließt Guarino ab: (48) Vides igitur nuptias ab divinis institutis approbari, 364 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 41-51 quas sanctissimos et religiosissimos viros laudasse atque exereuisse constat. Quidni ? Cum magnarum virtutum custodes, civitatum et humanae magna ex parte societatis conciliatrices sint, uti latius a Barbaro nostro disputatum est in eo libro, qui ab eo de re uxoria acute et vere et eloquenter conscriptus extat. 41 Uber das Geburtsdatum des Ermolao 1410 (nicht wie Sabbadini, C 142: 1408), siehe Kap. vi, Anm. 22. 42 Padua, 6. Aug. 1421. F. B. an Guarino, ep. Guar. A 319. 43 Siehe Bibliographie. 44 Sossano, Aug./Sept. 1421. F. B. an Guar., ep. Guar. A 321, 26. i5 Oft erwähnt: Vgl. imZusammenhangderÜbersetzungen vonAesopfabeln im xv.s. Vgl. Mancini: Leon Battista Alberti, pag. 195; Quirini Diatriba, pag. cix; Tiraboschi, Lett. ital. vol. vi, pag. 755 und 988; C 142; Kodex heute im Britischen Museum: ms. add. lat. 33782. 46 C 148; C 90: Nach Cittadella: I Guarini, pag. 27, besaß im Val Policella (in Pcrtinenza di Castelrotto) Guarino ein Landhaus und Liegenschaften, die zur Mitgift seiner Frau gehörten. Dort war er zum Sommeraufenthalt mit Ermolao Barbaro. 47 II padre Giovanni degli Agostini, 1, pag. 235. In fatti Francesco Barbaro... gli fece una rigorosa disamina, e conosciutolo molto bene avanzato nella cognizione delle due lingue, alcuni precetti novellamente gl'impose per quindi perfezionarlo. 48 Pantheus (Giannantonio Panteo De Balneis), Sammelwerk über antike und arabische Bäder. Venedig 1553, pag. 113, col. 1: quem (sc. Erm. B.) crescentibus annis eius avunculus Franciscus Barbaras suae aetatis omnium litteratorum litteratissimus, limata eraditione confirmavit expolivitque ut extra omnem iudicii aleam Hermolaus esset. Dieser Panteo war eine Veroneser Lokalgröße und wurde dort 1484 zum Dichter gekrönt : ex aulicis Hermolai est, ex familiaribus unus a secretis eius dictata annotatione demandat; also Geheimschreiber und Vorleser des Erm., als dieser später Bischof von Verona wird: Agostini Panteo, sacerdote Veronese.... a favellare ne'suoi dialoghi intorno a'bagni di Caldiero tanto Ermolao quanto il celebre medico Aleardo Pindemonte fa che il primo confessi, cssere stato diseepolo nella scuola di Guarino. 49 Ep. Guar. A 359, 19. Brief des Onkels über den Neffen. Padua, 6. Aug. 1421. Fr. Barbaro an Guarino, ep. Guar. A 319: (6) Hermolao nostro respondi; tu ne quid sibi desit cura et in- genium eius cole ut necessitudo nostra postulat. Dicere non possum quam mihi ipsi gratulor illum aliquandiu apud te fore, ut melior et eruditior redeat quam accesserit. Tadee optime maximas cum Maria gratias habeo, que suam erga te pietatem in Hermolao nostro significat et declarat. Postquam pestis saevire cepit in eo agro, quo me reeipere constitueram, nihil certi deliberavi. Veronam proficisci cuperem ut tecum essem et cum veteribus amicis idest cum libris redirem in gratiam; sed hec quatridiana navigatio physicis istis qui suo iudicio valde sapientes sunt nimis suspecta est. Si quid certi statuam, quod prope diem futurum puto, per litteras meas tc certiorem faciam. Vale a Maria et humanissime Taddee salutem die et Hermolao, et illum mone ut cottidie secum cogitet sc apud Optimum ac sapientissimum praeeeptorem esse, ut ea prestet, quae ab eo expectantur. 50 Verona, Aug. 1423, ep. Guar. A 376, 14: Mutuavi Hermolao Virgilium, quem sua imprimis gratia proxime incohavi. Quid gaudes nostrae in Hermolaum diligentiae, quom neglegentiae potius sit condolendum? Ei vel unica, et quidem minima, causa devinetus sum, ut si pro eo ornando ac vestiendo me ipsum exuero, non dicam vestibus sed vita, non satis pro animi mei iudicio fecero. Die Bestätigung der von F. B. erhaltenen Vergilhandschrift A 380, 31. 61 A 377, 46. Derselbe Andrea Mocenigo wird schon als anwesend bei dem feierlichen Zug mit den Gebeinen des Livius in Padua genannt. Vgl. Kap. n, Anm. 19. ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 52-57 365 Die Einladung erwähnt Guarino noch in einem folgenden Brief: Verona, 8. Sept. 1423. Guarino an Barb., A 380: Praefectus praesidii ... dies festos persaepe ab Hermolao secum celebrari instituit, quo conviva mirifice delectatur; ego autem prandia illi concedo, ut suae in vos pietati morem geram. Hic annus huic urbi ... felix illucescit, tarn iustos integros severos dementes sortiti sumus gubernatores. Die Lehrzeit Ermolao Barbaros bei Guarino in Verona dauerte von 1421 bis Sommer 1424, vgl. C 134. 52 Verona, Aug. 1423. G. an B. A 375: Attulit litteras tuas suavissimas, quarum vel aspectus a vertice, ut aiunt, ad calcem me refertum reddidit et iocunditate et suavitate et dulcedine... Nec mc non amare vehementer possum, qui tantopere abs te me amari sciam; quin nunc denique aliquanti me faciam, cum tibi complaceam, soles enim solidis delectari rebus; et in me existimando non me quidem recognosco....; ita si quid Barbaro gravi et acuto homini credendum est, Guarinus aliquid est, licet a rerum inexperto nihili fiat aut parvi. 63 Verona, erste Hälfte Juli 1425. Guar, an Biondo, ep. Guar. A 476. 64 Literatur über Flavio Biondo: Scritti inediti e rari di Biondo Flavio con introduzione di Bartolomeo Nogara. Roma 1927. Studi e Testi 48. Als dieses Werk dem Verf. verspätet zur Kenntnis kam, war ihm leider kein Exemplar mehr zugänglich. Für die Jahre 1420—1430. Rem. Sabbadini cpistolario di Guarino Veron. passim, siehe Register dort. A. Masius, Flavius Blondus, sein Leben und seine Werke. Tcubner 1879. A. M. Kemeter: Fl. Biondos Verhältnis zu Papst Eugen IV. Wien 1896 (Jahtesber. d. k. k. Staatsgym.). Über Blondus' wissenschaftliche Bedeutung in methodischer Hinsicht siehe Ed. Fueter, Geschichte der Historiographie, im Handbuch der mittleren und neueren Geschichte, Abt. 1. Bd. 1. Auf eine materielle Unterstützung von Seiten Barbaros weist eine Stelle aus Biondos letztem Brief an ihn hin, aus der hervorgeht, daß Barbaro auf eigne Kosten Schreiber für die Geschichtswerke Biondos angestellt hat, da dieser infolge der in ihren Auswirkungen auch finanziellen Schädigung durch einen Widersacher an der Kurie nicht zum Bezahlen imstande war. Quir. ep. B. pag. 307: Si esset maior copia aut librariorum aut salariorum dandorum facultas, te illo levassem onere, quod tuum esse superius de- picti hominis malignitas facit. 85 Gerardo Landriani, Bischof von Lodi. Die Geschichte des Fundes bei Sabbadini: Le scoperte dei codici. Firenze 1905, pag. 100 sq. 5(i Verona, 13. Okt. 1420, ep. Guar. A 306. An Andrea Giuliano: Dii bonil qualem virum Flavium nostrum quem Blondum vocant. Hieraus ersieht man, daß Flavius nicht Vorname, sondern Übersetzung des italienischen Stammnamens ins Lateinische ist. Der Brauch der Vornamen ist Anfang des xv. Jahrhunderts noch nicht allgemein üblich. Die Leute nannten sich noch Guarino dei Guarini oder Biondo dei Biondi. Verona, Sommer 1423, ep. G. A 238. Biondo hat häufig aus verschiedenen Plätzen seiner Wanderschaft in Oberitalien (Verona, Ferrara, Treviso, Venedig als Stationen) Briefe an Guarino geschrieben, der sehr an ihm Anteil nimmt und ihm mit einer liebenswürdigen Anspielung aus Tercnz dankt: Non possum quin «tibi demuleeam caput» humanissime Flavi, qui tarn liberaliter mecum agis in mittendis litteris.... Placet praeterea te viam ad magi- stratus invenisse in quibus sapientiam et integritatem tuam exerceas verius quam demonstres. 67 Ep. Guar. A 306, 9: Eius amicitiam tanti facio, ut hunc ipsum diem qui me sibi devinxit «Semper honoratum sollemnemque sim habiturus». 3 66 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 58-66 58 Dazu Sabbadini, C 150 und A 372. Si puö con molta veromiglianza congetturare che il Barbaro allora podesta a Treviso abbia invitatio Biondo per offrirgli un'occupazione presso di se. 59 Eod. 1. A 374, 25. 60 A 387 (1—8). Folglich muß er in Gesellschaft Barbaros an beiden Plätzen gewesen sein. Cf. C 156. 61 Cf. C 215; Biondo war bei dem Stadtkommandanten Francesco Barbarigo in Padua Kanzler; dann 1425—1426 in derselben Stellung bei Pictro Loredano, dem Schwiegervater Barbaros, in Brescia. 62 Quir. ep. B. pag. 305 (F. B. an Nie. Barbo), Venedig, 25. Mai 1453. Cf. Molmenti: La storia di Venezia e la vitaprivata. (Deutsche Ubersetzung, pag. 65.) Das Bürgerrecht besaß man durch Geburt oder durch Verleihung. Altbürger (cittadino ordinario) nannte man in der Stadt einen in einer rechtmäßigen Ehe Geborenen, dessen Vater und Großvater gleichfalls Bürger der Stadt gewesen war und kein mechanisches Handwerk betrieben hatte. Das verliehene Bürgerrecht (cittadino per grazia) war zweierlei Art: de intus und de intus et extra. Die Inhaber der ersten durften, einmal im Besitze dieses Titels, jedes Amt in der Stadt annehmen und bekleiden und jedes Gewerbe ausüben. Die Bürger de intus et extra besaßen das Schiffahrtsrecht unter dem Schutze der Fahne San Marco und waren berechtigt, an Orten und Häfen der venezianischen Handelsplätze mit venezianischen Privilegien Handel zu treiben. Es war also für Biondo unerläßlich, das Bürgerrecht de intus zu erwerben, um ein venezianisches Staatsamt zu bekleiden. 63 Venedig, 22. Juni 1430. Quapropter magnae mihi curae est, ut reipublicae et tantae omnium expectationi satisfaciam et quia de tua fide prudentia virtute tantum mihi spondeo quantum possum, te etiam atque etiam rogo ut in hoc magistratu mecum esse velis. Ed. August Wilmanns, Gotting, gel. Anz. 1879,1492, Nogara, Scritti inediti di Biondo Flavio, pag. lv, 1 927 (Fortsetzung). Quamquam enim cancellarii officium apud nostros homines per se satis honestum sit tuum tarnen apud me et mecum longe honestius erit quam forte consuevit. Quantum voluntas mea apud te valere soleat scio, et quantum valere debeat non ignoro. 64 Auch Kemeter, a. a. O., macht es durch Aufzeigen der Verbindung der Häuser Barbaro Condulmieri wahrscheinlich, daß sich Fr. Barb. bei Eugen iv. für den Übergang Biondos aus venezianischen Diensten an die Kurie verwendet hat, da Kardinal Capranica, für den sich Masius ausspricht, weil er in der letzten Regierungszeit Martins v. in den Marken als Legat tätig war, nicht in Betracht kommt, einmal weil er abgereist war und dann weil er mit dem neuen Papste nicht gut stand. Biondo stand in Fori) zuerst in Diensten des Kardinals Capranica (cf. C 216) und später in Rom als Sekretär bei Kardinal Francesco Condulmieri, dem Bruder Eugens. Cf. Giorgio Viviano Marchesi: Vitae virorum illustrium Foroliviensium, Forolivii 1726, pag. 206: Dum ideo FlaviusVeneti regiminis felicitatem toto animi nisu procuraret, ab Eugenio iv. qui spectatissimi viri consilium fidem et doctrinam in minori fortuna longo usu cognoverat cancellarius a secretis dictus est. (Zitiert nach Kemeter a. a. O.) 65 Leon. Bruni Aretino ed. Mehus cp. vi, 10, Tom. 11, 1741, 62—68. Filelfo ep. ix, 6, vgl. Voigt, Wiederbel. 11, pag. 447. 66 Gröber: Grundriß der romanischen Philologie, 1, pag. 9. Walser: Poggius, pag. 260, charakterisiert das Sendschreiben Biondos (ed. Mignini in II Propugnatore N. S. (1890) P. I. pag. 135—160). Wie Flavio Biondo mit bewundernswürdigem Scharfsinn in seinem Namen und in demjenigen von Poggio usw. auseinandersetzt, sprachen in der ältesten Zeit in Latium alle, Gebildete und Ungebildete, eine einheitliche Sprache: das Latein. Diese allgemeine Volkssprache wurde allmählich von den höheren Ständen etwas feiner ausgebildet und reiner gesprochen durch ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 67- 73 367 Fernhalten aller Provinzialismen und Barbarismen, welche die aus aller Welt in Rom zusammenströmenden Menschen mit sich brachten. Aber der Unterschied dieses Literarlateins vom Vulgärlatein war nie so stark, daß das Volk nicht ohne weiteres seine Oratoren und Schauspieler verstanden hätte.... Dieser Zustand dauerte fort bis zum Einbruch der Barbaren: dann geriet die lateinische Volkssprache in Unordnung: aus dem Vulgärlatein wurde das Italienische. 67 Kemeter a. a. O. Erster Entwurf für die Zeitgeschichte beginnt mit dem Tode Martins v., also mit der Zeit, von der an etwaBiondo vom Mittelpunkt des geschichtlichen Lebens Italiens, der Kurie, aus die Geschehnisse beobachten konnte, erscheint somit seine für genaue Beobachtungen günstige Stellung als solche erkannt zu haben. 68 Ed. Sabbadini, 130 lettere ined., pag. 102. 69 Venedig, 4. Jan. 1441, Diatriba ccccxliv (vgl. über die Jahreszahl Sabbadinis chron. Verz.). 70 Florenz, 13. November 1440, ed. Wilmanns in Gotting, gel. Anz. 1884, n, pag. 876. Ebendort: Quare velis, oro te, cuipiam ex tuis peritioribus negotium dare, commen- taria noni quam referti conficiendi, nedum pampinis lascivientia, sed sarmentis vcpribusque colligatis fascem complentia. Erit vero in his cumulandum quicquid gestum est ubique in Brixiensibus Bergomensibus et Benaci lacus classe a prima oppi- dorum rebellione in hanc diem. Nach Masius a. a. O. Außerdem noch an Guarnerio. Barbaro sandte den Codex nach 8 Monaten wieder zurück, nicht ohne die sorgfältige Arbeit mit hohem Lobe anerkannt und den gelehrten Freund zu weiteren Studien ermutigt zu haben. Guarnerio hatte sein Exemplar nach dreimonatiger Lektüre an Pier Candido Dccembrio gesandt. Dccembrio stand als Kanzler des Herzogs Filippo Maria Visconti und Historiograph zweier mailändischcr Herzöge auf der Gegenseite. Mit ihm hatte Barbaro während der Belagerung als Gegner einen amtlichen Briefwechsel gehabt (vgl. Seite 230 ff.), und Biondo war den Visconti nicht wohlgesinnt, schon weil sie sich nach dem mißglückten Aufstand in Forll dieser Stadt bemächtigt hatten, und dann war Biondo, obwohl er sich an der Kurie befand, immer venezianischer Bürger geblieben und stets Parteigänger ihrer Politik. Bruni zögerte noch mit seiner Antwort auf das Manuskript, sprach sich dann aber auch anerkennend aus, was den hocherfreuten Biondo zur Fortführung seines Werkes anspornte. Über den Charakter dieser ersten Fassung siehe Kemeter a. a. O.: Er schreibt seine Memoiren, welche in ihrer ersten Fassung nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Er knüpft dieses literarische Unternehmen also nicht an seine wissenschaftlichen Studien an, sondern an seine Erfahrungen im politischen Leben. 71 Verona, 13. Aug. 1441, ep. B. app. pag. 3: ... nec ullum tempus aptius inveniri potuisset quam finiti belli memoria deleta esse videatur. 72 Manelmi datiert freilich seine Widmung schon vom 23. Nov., aber nach '/ 4 Jahren hat sie Barbaro noch nicht erhalten. 73 Blondus: Hist. ab incl. Rom. imperii, Decas m, liberix, Basel (Froben), pag. 528F: . . . praefectus praesidii cum imperio in civitatem Franciscus Barbarus, vir ante id tempus sola ingenii atque doctrinae gloria, vel solis, ut ita dixerim, pacis artibus clarus, obstitit, ostendens si portae melioribus.. .committerentur... Die übrigen namentlichen Nennungen in der dargestellten Geschichte der Belagerung Brescias 532H; 534H; 536F; 537C und D; 540G; 547D. Kemeter a. a. O. bemerkt dazu: Vergleichen wir die von Eugen handelnden mit den zum Lobe Barbaros geschriebenen Stellen, so zeigt sich mit Deutlichkeit, daß das große Geschichtswerk nicht zum Preise des Papstes verfaßt wurde. Alle möglichen andern Persönlichkeiten werden von ihm erwähnt, daß sie Interesse an seinem Werk genommen hätten, nur der Papst nicht. 3 68 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 74-85 74 Verona, 13. Aug. 1441. Quir. ep. B. app. pag. 4: .. .ita suspensus animo sum, ut optem potius quam sperem, pacatae istius Italiae gloriam per id tempus nobis contigisse. 76 Venedig, 2. Januar 1447. Barbaro an Biondo, Diatriba dxviii: Etsi barbarus sim tarnen artibus didici curam habere humanitatis et doctrinae. Et postquam tecum esse, tecum loqui non possum, aveo ut tu mecum sis mecumque loquaris... Erit itaquc humanitatis tuae nos quoque participes facere instauratae Ürbis, ut non solum Latini colant nomen tuum, sed etiam Graeci et Barbari tuum Studium et ingenium admirentur. 76 San Vigilio, 4. Nov. 1447. Barbaro an Biondo, Quir. ep. B. pag. 123 f.: Ex eis (sc. tuis litteris) autem non mediocrem molestiam cepi; nam cum omnia quae facis, quaeque scribis sale condita sint, ut vix fieri et scribi aptius possint, in hac una levi re, licet plumbea sit, sie importune urges filium, ut et naturae meae et consuetudinis oblitus esse videaris. Bullas illas omnino nunc vis habere, quas per id tempus habere non potes. 77 Eod. loco. Libros quoque illius historiae tuae non combussimus sicut tu manda- veras, si patricius Hieronymus Barbardicus sicut a me et meis saepe monitus fuit ad me venisset. Quare in tua culpa mihi ignosce, quia cum tantam provinciam mihi minime credendam putaveris, nisi illius testimonium accessisset non omissum sed alteri tem- pori servatum hoc munus et officium est. Hoc autem forte voluisti, quia cum te diligam et quae a te scribuntur magni faciam et faveam existimationi tuae, tibi per- suasisti, ad te damnandum ad ignem me cogi posse, adduci non posse. Ein noch enthusiastischeres Urteil über das Werk ist das Lob des Jacopo Bracello aus Genua, der noch nie in Rom war und nun meint, so klar und deutlich stehe ihm die Weltstadt vor Augen, als sähe er sie im Spiegel mit ihren Monumenten und höre sie mit ihren Bürgern reden (zitiert nach Masius a. a. O.). ,s Blondus, Flavius opera Basilaea 1559. An zwei Stellen der Italia illustrata, pag. 373 (über Venedig) und pag. 362 (über die Lombardei) erwähnt Biondo lobend Barbaro. Fr. B. excellentissimi vir ingenii cuius lit- terarum graecarum et latinae doctrinae an eloquentiae editis operibus celebratae aut in administranda republica sapientiae et pietatis aut gestarum praesertim apud Brixiam rerum gloriam anteponens haud facile possis discernere. 79 Pii secundi (Enea Silvio Piccolomini) Europa. 80 An Guarnerio dArtena. Venedig, 20. Mai 1451. Quir. ep. B. app. pag. 114: Quia eloquentissimus Flavius noster Forliviensis valde diligenter et accurate Italiam descri- bere coepit et ad illam exornandam ac illustrandam nihil praetermittit ut priscae illius vetustatis testimonia in lucem revocet et memoriam faciet doctissimorum hominum aut rerum illustrium, quae in unaquaque provincia fuerunt, mea interesse putavi, te per litteras monere, ut quidquid antiquitatis aliquando collegisti, quod intra fines illius patriae dignum sit mentione, ad nos mittas. 81 Diatriba clxxi. 82 Nach Masius a. a. O. 83 Rom, 26. Okt. 1453. Biondo an Barbaro, ep. B. pag. 306. Venedig, 5. Nov. 1453. Barbaro an Biondo, ep. B. pag. 285. 84 Es fällt auf, daß sowohl Biondo als auch Barbaro bei Dingen und Personen, die sehr aufregen und schädigen, die betreffenden Namen in ihren Briefen verschweigen. Vgl. dazu den Brief an den Kartäusermönch Francesco aus Treviso vom 8. Aug. 1447, Quir. ep. B. app. pag. 4. 85 Rom, 26. Okt. 1453. Biondo an Barbaro, Quir. ep. B. pag. 306: Fui Romae.. .ab amicissimis summis viris... vocatus cuius temporis partem primam inter spem metum- que dubiam patientissime egi, non ignarus qualis mea esset causa et quem iudicem nacta esset, adversarium tibi pridem notissimum, qui nec ullis deliniri placari aut deti- neri posset rationibus et artibus; quod omnia fraude agens et malignitate partim rem manifestam negaret, partim simulatione tegeret, partim me totis viribus oppugnaret. Quae cum viderem, volui Ravennam re infecta redire, sed prineeps cui alia quam vellet ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 86-94 369 ostendere mens, alius esset animus, detinuit, datis manu sua in alimoniam distri- butionibus.. . Nuper enim Italiam legit et per ea quae unus retulit amicus laudavit. 86 Vgl. Jakob Burckhardt a. a. O. pag. 224. Wieweit wäre z. B. Blondus gelangt, wenn er seine großen gelehrten Werke in einem halb romagnolischen Italienisch verfaßt hätte? Sie wären einer sicheren Obskurität verfallen, während sie lateinisch die allergrößte Wirksamkeit auf die Gelehrsamkeit des ganzen Abendlandes ausgeübt haben. Eod. loc. wie 85. Tres historiarum mearum decades, quae iam disseminatae in omni Europa sunt, ut scribi facias hortor. Nam etsi tertiam privatim tibi esse honorimaximo non ignoras iucundum erit superioris temporis gesta legere in quibus Venetorum monumenta invenies digesta et fortassis utilius, quam si in unum corpus separentur. Quod in tanta multitudine rerum Anglicus Hispanus Gallus Germanus et hostis quisque Italicis cum suo et amicorum honori cedentia quaeret, vestra quoque vel invitus legere admirarique et conservare compelletur, quae separata fuerat lace- raturus. Die Stelle bei Quirini verderbt, emendiert von B. Nogara a. a. O., pag. 168. 87 Venedig, 5.Nov. 1453. Barbaro an Biondo, Quir. ep. B. pag. 285 : Quo in loco res tuae fuerint, cum adversarium haberes, ex tuis litteris cognovi, quem autem statum sine adversario habiturus sis, nunc aveo scire. Laetor Italiam tuam valde placuisse Romano Pontifici, quae sie ornata sie illustrata est copia et facultate tua, ut quasi Minerva Phidiae in arce poni possit. Laetabor autem magis si Nicolaus papa quem Deus constituit super gentes et regna.. .caeteris posthabitis constantissime suseeperit ut.. .ad propulsandum ac inferendum summa vi bellum Turchis terra marique sicut est necesse undique coneurratur. 88 Flavius Blondus, Roma triumphans, lib. ix, pag. 109: is cum quo annis triginta soli- dam veram animorum coniunetionem habuisse gaudeo. Dieses Werk ist später unter Pius 11. geschrieben worden, als Biondo schon über 70 Jahre alt war. Er hat Barbaro neun Jahre überlebt. 89 Cf. Fr. Sansovino: Venezia cittä nobilissima etc. Venetia 1581, lib. 5, pag. 131. 90 Venedig, 1. März ??, Barbaro an Filelfo, Quir. ep. B. app. pag. 113. Barbaro beginnt damit, daß er zwei Briefe von Filelfo auf einmal bekommen habe, die halb lateinisch, halb griechisch geschrieben waren und in denen Filelfo dasNichtantworten Barbaros heftiger als verdient tadelt. 91 Eod. loco. Scis enim, ab ineunte aetate mihi etiam Barbaro nihil antiquius fuisse quam respondere in amore iis a quibus provocarer et in colendis amicis et vivis et mortuis fere nihil in rebus humanis praetermisisse quod ad fidem et constantiam boni viri pertineret. Quare primum indicare debuisses, quid a me desiderares; postea si non impetrares quod iustum esset, merito queri potuisses. Unde potius... in tabellariorum perfidiam quam in amici fidem crimen erat transferendum. 92 Vgl. Giov. degli Agostini, Vita di Leonardo Giustiniani in Istoria degli scritt. viniz. pag. 135—176. Considerando fräse abbenche involto ne'maneggi politici, quali effetti maravigliosi producea la dottrina, in guisa veruna potea darsi pace che molti e molti del suo caratterc si consumassero i loro giorni nell'ozio. Quindi affine di remediare a si dannosa trascuratezza, scrisse piü volte al Filelfo persuadendolo di restituirsi da Constantinopoli c di riaprir nuova scuola di lettere alla nobile gioventü viniziana. 93 Ep. Philelphi, Venedig 1502, pag. 1. 94 Venedig, 10.Febr. 1428, ep. Philelphi, pag.4: Ad triduumusquead summumsolvere hinc decrevi, idque non solum quia eorum mihi quorum spe duetus reverteram in Italiam, nihil omnino observatum iri intelligo, verum etiam quod pestilentia iam me intra eubiculum obsedit. Heri mihi serva eaque puellula subito morbo et correpta et interempta sepulta est. Quanto igitur verser in periculo non te latet. Nolim quanto in me fuerit ante diem constitutam a vivis decedere, ne qui annorum numerus secundum Pythagoricos utroque homine mihi sit explendus, altero expleatur. Et ut apertius 34 37° ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 95-99 loquar, vitae malo quam inani spei nullique consulere. Nam si vixero amicis et mihi esse potero. In morte enim, quid insit, nihil intelligo. 95 Venedig 10. Febr. 1428 ep. Philelphi pag. 4. Ad triduum usque ad summum solvere hinc decrevi, idque non solum quia eorum mihi quorum spe ductus reverteram in Italiam nihil omnino observatum iri intelligo, verum etiam quod pestilentia iam me intra cubiculum obsedit. Heri mihi serva eaque puellula subito morbo et correpta et interempta sepulta est. Quanto igitur verser in periculo, non te latet. Nolim, quanto in me fuerit, ante diem constitutam a vivis decedere, ne qui annorum numerus secundum Pythagoricos utroque nomine mihi sit explendus, altero expleatur. Et ut apertius loquar, vitae malo quam inani spei nullique consulere; nam si vixero amicis et mihi esse potero. In morte enim, quid insit,nihil intelligo.Ubicumqueautemsumfuturus, tuuscerteSemperfuturussum. 96 Venedig, 13. Febr. 1428. ib. 97 Ep. Philelph. pag. 8 V . Imola, 7.April 1429: Quid enim diutius Bononiae expectarem ? in tanta gladiorum impunitate. Me plurimum miseret illius afflictae urbis, quae omni facinori omni immanitati est diritatique exposita. Ibi quidquid cuique collibuerit, licet. Nullus est clementiae nullus commiserationi locus. Quare et si nihil mihi metuen- dum erat, quippe qui omnibus essem carissimus, tarnen omnia metuebam in tanta civium caede. Er hofft auf Florenz als den Ort der doctrina und innocentia. 98 Francisci Philelphi oratio de visendae Florentinae urbis desiderio in suo legendi principio habita Florentiae, ed. Müllner. Reden ital. Humanisten. Wien 1899, pag. 148. Seine Antrittsvorlesung in Florenz im Jahre 1429: Sed quo vos homines florentissimos et viserem et die noctuque studiosissime praesens contemplarer, quos omnium bonarum artium quasi fontis, quos omnium lautissi- marum et inlustrium disciplinarum thesauros praedicant, existimant admirantur. Der Wissensdurst geht über alle andern Begierden. Natura enim insenita est hominibus maxima sciendi quaedam incrcdibilisque cupiditas. Divitiarum voluptatum ambitionis cetcrarumque rerum omnium, quarum fortuna dominatum possidet, facile nos ingenuosque animos satietas capit, investigandi cogno- scendique veri Studium adeo mortalibus dulce. . .ut quo magis profecerint, eo id magis et incendatur et in cumulum crescat. Das schmeichelhafte Lob der Florentiner. Er hat vieler Herren Länder durchfahren. Nam qui homines Florentinorum praesentia consilio sapientia et ductu vacant, ii etsi potentes locupletesque sunt, nihil tarnen habent insigne aliud quod ostendant praeter rusticitates egregias et ineptias singulares. 99 Florenz, 1430. Martene et Durand in, col. 562, ep. Traversari ad Barbarum 4: Quanta fuerit inter Franciscum et Nicolaum ipsum coniunctio, nullus fere qui illos norit ignorat. Ea vero ipsa coniunctio tarn cara tarn celebris tarn rara iampridcm non dissuta sed discissa atque disrupta est, ut resarciendae spes nulla reliqua esse videatur. Eius autem adeo pertinacis dissidii, uterque fortassis quorumdam iudicio causa fuerit. Ego alteri tantum id crimen impingo, Francisco scilicet. Cum enim nihil ante illud quod ego reminisci possum manarit praeter indicia summae benivolentiae, summum Studium observationemquc submissam, ut servituti fere propinqua videretur, ille (fas enim mihi sit vera apud te loqui) iamdiu congregandae pecuniae studiosior quam servandae amicitiae, immo illius appetentissimus, neglegentissimus istius, atque adeo studiis humanitatis, quibus nulla umquam cum immodica cupiditatc convenientia esse potuit infestus, causas immo occasiones, levissimas licet aucupari studiose nisus est, quae discordiae possent esse seminaria. Solitam enim viri libertatem quae vel sola digna amicis est, et qua sublata amicitia nihil aliud quam foeda adulatio, aegre ferens, et quod ille scriptis suis ut solitus erat non per singula verba acdamaret, immo im- probaret apud cum plurima indignans atque substomachans, illum iam non clam sed aperte atque in publicum lacessere cocpit, amicitiae violatorem, ignarum litterarum, ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 100-105 371 suis beneficiis ingratum, quia is litteris suis alias ignorandum saeculo fecisset illustrem, ceteraque id genus exprobare. Quid plura? empit tandem in odium in intimis con- ceptum visceribus in apertiores atque in immaniores inimicitias, evomuitque orationem in illum, alteri licet inscriptam, omnium quas umquam legerim teterrimam impuden- tissimam atque acerbissimam. 100 Bologna, 31. Aug. 1428. Filelfo (ep. 24, 36 der Traversari-Briefe) schreibt an Tr., daß man ihm in Venedig 500 Goldgulden jährlich versprochen habe. Florenz, 20. Mai 1429. Trav. (ed. Cannetus vi, 34 an Leon. Giustiniani): Quadringentos ante petierat, mirarique vix satis possum, illum pretii excessum intolerabilem aeque passum esse. Einzelheit über die weitere Herabminderung des Honorars in Florenz siehe bei Klette, Beiträge in, 28ff. 101 w/j e Anm. 99. Ut ista non efferret in publicum, admonens illum amicitiae prae- teritae, fidei suae, iudicio non vulgari, sed doctissimorum integerrimorumque virorum fore, ut ista oratio summum sibi dedecus indignationemque bonorum omnium pareret, quibus et nota vita Nicolai est hactenus, iam tunc a pueritia pudicissime acta Semper atque honestissime. 102 Ibidem. Plurima autem fere omnia ipsius crimina reprobari posse facillime falsita- tisque convinci. Non placere sobriis auribus maledicta tarn foeda tarn turpia, ne si in scurram aliquem et circumforanum nebulonem iaciantur____Quid autem istis adhor- tationibus, quibus furibundi insaniam excantare nitebar, profecerim, audi, atque dementem furiosumque hominem mecum obstupesce. 103 Ibidem. Ut scilicet scirent omnes me conscium scelerum, quae impurus ille in amicum mihi bonisque omnibus carissimum congerit, probare me. 104 jvi enus: Vita Ambrosii Traversari 1759, pag. lxi. Altera vero satyra ad Fr. Barbarum huiusmodi titulum prae se fert: eiusdem SATVRA AD CLARISSIMUM VIRUM FRANCISCUM BARBARUM IN SCELLERATUM ADUL- terum etc. nicolaum cognomento margum. Huius initium tale est: Scire cupis quidnam Leonardo, Barbare, Margum Infestum durumque dedit, quid in arma poetam Impulit auricutem ? paucis hanc aeeipe causam: Benvenuta fuit...... In hac autem satyra recensens causas irarum inter Leonardum Aretinum et Nicolaum Niccolum eadem de Benvenuta refert, quae narrat ipsemet Leonardus in epistola ad Poggium Bracciolinum. Es wird Barbaro sehr unangenehm gewesen sein, die alte Geschichte des Zwistes zwischen Bruni und Niccoli, die er doch schon vor Jahren gütlich beigelegt hatte, hier nochmal aufgewärmt und gereimt zu lesen. 105 Venedig, i.Märzi4j2 (?), ex Quir. ep. B. app. pag. 113. Barbaro an Filelfo. (Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß dieser von Sabbadini undatiert gelassene Brief ins Jahr 1452 fällt, da in diesem Jahre Venedig die Kriegserklärung an den mailändischen Herzog Francesco Sforza erneuert.) Vgl. auch Gaspary n, pag. 115. Unter Fr. Sforza war Filelfo mit seiner Lage in Mailand nicht mehr zufrieden; lange mußte er auf die Fixierung seiner Provision warten ... er drohte zu den Venezianern, den Feinden des,Herzogs, zu gehen, die ihm 700 Dukaten angeboten hätten. Dieses war im Sommer 1452. Praeterea quia omnia utrinque in bonam partem aeeipienda sunt in hac turbatione et expectatione rerum et in hac varietate opinionum pacis aut belli, si quoque mea taciturnitas intervenisset, etiamsi censor amicitiae in aede Musarum declaratus esses indicta causa sententiam contra me ferre non opporteret: quia ex more institutoque maiorum ab officio senatoris et honesti civis alienum videri posset, tibi nunc aut alteri »4* ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 106-111 scribere: ne specie reram privatarum tentari quidquam istic publice videretur...... quod tibi peregrino Mediolani cavendum sit satis constat. Quare mea vel potius tua causa silentium excusari potuisset. Nunc autem cum aperte intelligam te ad nos tuto vellc proficisci, ne gravatus aere alieno cogaris, satisfacere nostris hominibus operam dabo, si fieri poterit, ut intercedente autoritate Senatus tibi morem geram. 106 Filelfo behauptete, daß er der Eifersucht der Niccoli und Marsuppini habe weichen müssen, anders das amtliche Dokument der Florentiner Regierung nach den Schmähungen gegen den venezianischen Staat zur Ausweisung aus Florenz Anlaß gegeben hätte. Fabronius Vita Cosmi Medicaci Ii (Adnotationes), pag. 69. Florenz, 10. März 1431. Praefati DD PP etc. Considerantes quod Franciscus Philelphus qui legit Dantem in civitate Florentiae coram dictis DD inhoneste et temere locutus fuit contra dominationem Venetorum et contra oratorem dictae dominationis (gegen den er besonders erbost war, weil er auf seine Veranlassung in Schuldhaft gesetzt worden war) ad hoc ut sit exemplum cunetis, servatis servandis deliberaverunt quod.. bulla.. .debeat confinare et mittere ad confines pro tribus annis dictum Franciscum Philelphum in civitate Romana sub pena indignationis dominationis nostrae. 107 Dunkle Geschichte des Zerwürfnisses mit Giustiniani. Quellen: 1. Einige darauf bezügliche Briefe Filelfos an Giustiniani. 2. Aus der Invektive Poggios gegen Filelfo. 3. Ein Brief Ambrogio Traversaris. Aus allen diesen Nachrichten schält Agostini den Sachverhalt folgendermaßen heraus: Giustiniani habe bei der Abreise nach Konstantinopel dem Filelfo Geld mitgegeben zum Einkauf von Büchern, was dieser aber für sich verwendet habe; darauf habe Giustiniani Codices und Winterkleider, die er von Filelfo zur Aufbewahrung erhalten habe, zurückgehalten. Auf mehrfaches Drängen konnte Filelfo seine Sachen nicht heraus bekommen. Poggio behauptet darüber hinaus, daß Giustiniani Filelfo gerichtlich belangt habe, dieser aber sich der Verhaftung durch Abreise aus Venedig entzogen habe, die ihm aber in Florenz auf Veranlassung des dortigen venezianischen Orators betroffen habe. Traversari schreibt in der Pfandangelegenheit an Giustiniani zugunsten Filelfos, der das Geliehene zurückgeben will. Vom weiteren Verlauf berichtet Agostini von einem heftigen Brief Filelfos aus Siena an Giustiniani; später nach Ableben des Lionardo spielt die Rückgabe immer noch eine Rolle, da auch Bcrnardo Giustiniani nicht damit herausrückt. 108 Das Klagegedicht Filelfos an Bernardo, in dem Leonardo gepriesen wird, ist in Hexametern verfaßt. 109 Mailand, 17. Febr. 1454, ep. Philelph. pag. 82 v Filelfo an PietroTommaso: Trauerbrief um Francesco Barbaro. Die geliehenen Codices: Tu velim nomine meo cum iis verba facias, quos ille sibi haeredes instituit, repetasque meos illos Codices graecos quos Barbarus habuit a me mutuo et totiens ut scis per litteras teque internuncium, repetivimus. 110 Mailand, 19. Febr. 1451. Ep. Philelph', pag. 61. 111 Mailand, 24. Aug. 1473. Filelfo an Zacharias. Quanta mihi Semper fuit cum patre tuo, viro sapientissimo et optimo familiaritas atque amicitia, existimo te non latere. Quod eam nullis post eius obitum offieiis vel incrementis tecum sim prosecutus, partim conditio temporum fuit in causa, partim quod non per literas sed praesens coramque id muncris cogitabam obire, cum persaepc instituissem Venetias petere.....Cupio idem esse tecum, mi praestantissime Zacharia qui fui dum vixit cum patre tuo Francisco quo uno neminem vidit aetas nostra nec humaniorem nec meliorem, hoc est familiaritatc amicitiaque coniunetus. Nach der ganzen schmeichelhaften Einleitung, wo man schon immer vermutet, daß Filelfo einen bestimmten Wunsch hat, für den er sich seine Adressaten gefügig machen möchte, kommt er endlich darauf zu sprechen: ANMERKUNGEN ZU KAPITEL V, 112 —VI, 5 373 Excepisti hacrcditario iure caetera bona patris quae reliquit moriens. In iis si amicos paternos haere neglexcris, privabis te haereditatis portione pulcherrima. Quidne in vita civili honestius amicitia ? quid iucundius ? Nam recte ac vero dicitur vetere illo proverbio: quae amicorum sunt ea esse communia. Id autem sancte ac diligenter me Semper observavise cum viro illo et gravi et innocenti patrc tuo Francisco. Non obscurum argumentum afferunt mei isti Codices graeci quos a mc illc habuit commodatos: cum eis aeque ac Semper usus est pro amicitiae iure. Qui vero ii sunt, si fortassis ignoras, scriba (scribo ?) tibi quaeque eorum nomina tradidi amplissimo Uli integerrimoque viro, Hermolao Barbaro antisiti Veronensi patruo tuo. Ago nunc aetatis annum 75 cras initurus pro divina benignitate 76. Itaque sarcinulas meas colligere incipio. Cum aliae mihi divitiae nullae sunt quas relinquam liberis meis, non parum me fecisse existimabo, si hos et litteris locupletabo et libris. Deshalb soll Zacharias die Bücher nun endlich zurücksenden. 112 Über Georgios Trapezuntios siehe Apostolo Zeno, Dissertationes Vossianae n, pag. 2; Giovanni degli Agostini H, pag. 56. 113 Georgios Trapezuntios, Rhetoricorum libri v, pag. 140 sq. Basel 1522. 114 Florenz, Biblioteca Nazionale II, vni, 129 cf. Mazzatinti, Inventari dei mano- scritti delle bibliotheche d'Italia,Torino 1887 sqq. xi, 247/48. 115 Beispiel für den Stil des Trapezuntios: Georgios Trapezuntios an Barbaro. Rom, 26. April 1450 (ed. A. M. Bandini Cat. codd. bibl. Med.-Laur. iv, pag. 441). Nunc vero quoniam legato Venetorum librum commendavimus, ut ad te ipsum transmittat has scripsimus, quibus illud etiam Exccllentiae tuae significare placuit, alia quoque multa hoc biennio nos vertisse volumina......Sed quidquid in nobis est, id abs te initium habuit, cuius ope ac opera latini facti sumus. Qua re non magis nobis et Chryso- stomus et alii Graeci, qui modo per nos latine loquuntur, quam tibi certe debebunt. 116 Paulus Jovius in Elogia virorum litteris illustrium, Basel 1575. Erat enim ingenio ad lucubrandum maxime valido vehementique sed uti mox apparuit tetrici livoris pleno; nam cum sc Peripateticum profiteretur, unumque Aristotelem extollendo celebraret, usque adeo superba aure fuit, ut nec divini quidem Piatonis ingenium laudari pateretur: cuius etiam dogmata et more peracerbe ac insolenter edito famoso volumine laceraret. Die Urteile über seine ihm von Nikolaus v. übertragene Euseb.-Übersetzung lauten alle ungünstig. 117 Bessarion in calumniatorem Piatonis. Venetiis 1516. Siehe Bibliographie. 118 Inedita: Praefatio in libros Piatonis de legibus ad Franciscum Barbarum sena- tumque Venetum. Ex codice Vaticano 5220, fol. 32 v . KAPITEL VI 1 Cod. Marc. Vener. XI, 3 (4351) f. 37 r chart. saecl. xv; cf. C 181. Rede des Matteo Bissario vgl. unten Anm. 46. Atque ex ludo et pueritie diseiplinis ad magna liberalium artium studia et ad ipsam deni- que philosophiam omnium velatarum rerum parentem est profectus, ubi mira indole cunetis superatis illecebris illius ctatis, quod alii ad ludos ad voluptates ad dies festos ad convivia conferunt, id omne temporis ad hec et colenda et recolenda studia consumpsit. 2 Vespasiano da Bisticci, Vite d i uomini illustri dcl secolo xv, Firenze 1859. 3 Uber Bernardino daSicna: P.Thureau-Dangin, S.Bernardin deSienne, Paris I92Ö 2 . — F. Alessio, Storia di S. Bernardo de S. e del suo tempo, Mondovi, 1899. — A. Zanelli, Predicatori a Brescia nel quattrocento, in Arch. stor. lomb. xxvin, 1901, pag. 85/87. 4 Eberhard Gothein, Die Weltanschauung der Renaissance. Im Jahrbuch des freien deutschen Hochstifts, Frankfurt 1904, pag. 110. 5 Thureau-Dangin, pag. 80, Anm. 1: Nomen Domini nostri Jesu Christi tantum hono- ravit, quod omnes populi Venetorum tum sanetorum templis, tum privatis domibus, 374 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VI, 6-n aureis quidem litteris rutilantibus radiis nomen sanctum Salvatoris nostri parietibus honoratissime pinxere. 6 Poggii Ep. ed. Tonelli 1, pag. 261. 7 Vgl. Kapitel v, Anm. 25. 8 Venedig 1440, F. B. an Ermolao Barbaro, ed. Sabbadini, 130 lettere... pag. ioyf. Francisci sanctam paupertatem et humilitatem sequantur dicere non est necesse, sed profecto magno animo abnegando semet ipsos in corpore extra corpus vivere videntur et inter ceteros cum ingenti virtutis gloria philosophantur. 9 Albertus a Sarthiano, Opera ed.Haroldus i688,ep.in, pag. i6j,Veronai422, Alberto da Sarteano an Johannes Bezino. Dieser geht nach Treviso mit Bernardino da Siena und Alberto gibt ihm den Auftrag: «Franciscum Barbarum in ibi praetorem oret, ut ipsum Albertum litterarum suarum communione ditiorem faciat.» Alberto da Sarteano. Literatur. Walser (1914): Poggius pag. 110. Poggio und die Observanten. Voigt: Ii 3 , pag. 229fr. Holzapfel: Manuale historiae fratrum minorum §§ 10 u. 15. Wadding: Annales Minorum, Romae 1734, x, 74, neuere Ausgabe 1806. Facezie e motti dei secoli XV e xvi in Scelta di curiositä, Disp. 138, Nr. 4. Poggi ep. (Tonelli) an Traversari xxiv, 8; an Niccoli xxv, 41. Haroldus ep. 20, 21 und Poggios Antwort vom 21. Febr. 1430. Aberto stammte aus Sarteano in der Diözese von Chiusi (Umbrien). 10 1447 predigt Alberto da Sarteano das Oktavarium von Himmelfahrt. Guarino sagt (ep. Guar. B 483, 14): «illa videlicet philomena caelesti et Alberti (Cic. de or. Iii, 6) qua tot simul aures irnplentur deliniuntur et perinde ac instillato melle condiuntur.» 11 Der Hermaphroditus (editio Coburg 1824) des Panormita, der Cosimo de'Medici gewidmet war, kam in Bologna im September 1425 heraus (C 197). Der Humanist Lamola, der für die Verbreitung sorgte, schickte das Buch an Guarino in Verona. Guarino antwortete (ep. Guar. A 505, 6) über das Buch: «Mirari profecto licet sua- vissimam carminis harmoniam, dicendi facilitatem, inelaborata verba et inoffensum compositionis cursum. Nec idcirco minus Carmen ipsum probarim et ingenium, quia iocos lasciviam et petulcum aliquid sapiat.» Als Alberto 1434 in Ferrara Fastenpredigt hielt, bewog er Guarino zum Widerruf. Aus einem Brief an die Jugend von Ferrara weiß man, daß Alberto da Sarteano die Absicht hatte, ein eigenes Werk zu schreiben, um den verhängnisvollen Einfluß Bec- cadellis (Panormita) zu bekämpfen (nach Enciclopedia Treccani, 1929 sqq.). (Ep. Guar. B 209) Guarino an Johannes Lamola. Er tadelt Lamola, daß er seine, Guarinos, Briefe zu unvorsichtig verbreitet habe, so daß sie entstellt worden wären. (B 210, 25) «Ea nonnullis truncata membris,.....apud minus considerantes ignarosve mihi vituperia pariat, ab quibus me purgcm necesse esse video, ne quid sinistre de me boni sentiant, quibus placere studeo, et de musis nostris male mereri pergam, si me auctore turpes illis inurantur maculae.....» Weiter verteidigt sich Guarino (B 212, 97): «Nequis sese fallat, oro: an quia versum mihi complacitum idoneamque scribentis venam testatum me facit, idcirco eius aut materiam aut obscenitates probem ? an et praecepta commendo ? Hui I minime. Nun- quid et ad religionem facere dicet quispiam ? Nihil magis contra religionem. At enim Persius, Horatius, Iuvenalis obscena efferunt: fateor, illi ad instruendam mortalium vitam et ad maius vitiorum fastidium ante oculos obiciunt; quorum tarnen cum dictio probetur, turpitudo improbatur, quae et ipsi displicet poetae.» Sabbadini C 321 kann nicht umhin, dazu zu bemerken: La ritrattazione, ci spiace dirlo, e di un ingenuita puerile. Die bekannten Stellen aus dem Altertum, auf die sich ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VI, 12-22 375 Guarino berufen konnte, stehen: Catull. xvi; Ovid, Trist. n, 354; Martial, 1, 4; Apuleius, Apol. XI. 12 Poggio an Panormita über dessen Hermaphrodirus (ep. Poggii üb. 11, 40). Delectatus sum mehercle varietate rerum et elegantia vcrsuum, simulque admiratus sum, res adeo impudicas, adeo ineptas, tarn venuste tarn composite a te dici, atque ita multa exprimi turpiuscula ut non enarrari, sed agi videantur, neque ficta iocandi causa ut existimo sed acta existimari possint. ... Pro caritate tarnen, qua omnibus debitores sumus unum est, quod te monere et debeo et volo, ut scilicet deinceps graviora quaedam mediteris. Haec enim quae adhuc edidisti vel aetati concedi possunt, vel licentiae jocandi. Res serias describere ne arguatur vita impura libelli obscoenitate. Scis enim, non licere idem nobis, qui Christiani sumus, quod olim poetis qui deum ignorabant. 13 Der letzte Brief Barbaros an Panormita vom 24. September 1453 (ep. B. pag. 313) beginnt: «Quia familiaritas nostra multis cognita et perspecta est.....» 14 Quirini ep. B. 16—18. Barbaro an Lionello d'Este am 22. August 1435. 16 Albertus a Sarthiano ed. Haroldus ep. 43, pag. 269, 23. März 1435. Alberto an Sci- pione Mainenti, Bischof von Modena. 16 Brescia, den 13. Februar 1438. Barbaro über das Konzil von Ferrara an Kardinal Scarampo, ed. Sabbadini 130 lettere.. .pag. 91. 17 San Vigilio, 30. November 1447. F. B. an seine Tochter Constanza, ep. B. pag. 127. 18 Venedig, 8. Juli 1440. Ep. B. pag. 95. Leonardo Giustiniani an F. B. 19 Luchina war nicht, wie Agostini und Sabbadini (130 lettere .... pag. 44 unten) annahmen, die Tochter F. Bs., sondern die seines Bruders Zacharias Barbaro. Im Standesamtsregister: Archivio di Venezia. Avvogaria del Comun: Cronaca dei matrimonii. Petri Barbaro: Liber nuptiarum nobilitatis Venetae ab anno 1400. Bd. 36, fol. 211: 1428 Ser Francesco Miani de Ser Vidal de Scr Zuanne in la fia de Zaccaria Barbaro. Auf der ersten Seite des Testamentes des Bruders Zacharias (Commissaria di Zaccaria Barbaro) steht der Eintrag über die Mitgift der Luchina zu lesen: Dare pro dote Luchine filie quondam huius nostri commissarii. Anno 1428 mens, aprilis die quarto dcdimus nos Nicholaus Contareno et Petrus Lauretano proc(uratores) viro Francisco Miani filio nobilis viri Ser Vitalis Miani tamquam viro domine Luchine filie qd. huius nostri comiss. pro parte dotis predicte domine Luchine ducatos octingentos et sexa- ginta tres.... 20 Ep. B. p. 128, 12: Plus enim, sicut Hieronymo placet, debet Christi discipulus praestare, quam mundi philosophus. Et tarnen gentes, quae non noverunt Deum nec spem habuerunt resurrectionis, ita fortiter, ita constanter tulerunt mortem filiorum, ut magno documento esse possint Christianis, minime lugendam esse mortem bonorum. 21 Archivio Venet. Petri Barbaro Liber nuptiarum, Bd. 35, fol. 8. 1419 Ser Franciscus Barbaro cl(arus) doctor q(uondam) Candiani q. Adam q. Zulian in la fia Ser Piero Loredan q. Alvise procurator. Vgl. Kap. 1, Anm. 16. 22 Das Geburtsdatum des Sohnes Zacharias Barbaro läßt sich auf den Monat genau feststellen nach Arch. Venet. Avvogaria del Comun Balla d'oro vol. 11 (sulla voce Barbaro). 1441 die tertio decembris vir nobilis ser Franciscus Barbarus miles presentavit coram dominis Andrea Mauroceno, Fantino Viaro et Zacharia bcmbo advocatoribus comunis nobilem juvenem serZachariam eius filium quem intendit scribi facere ad ballotam aureatam pro veniendo de maiori consilio in festo Set. Barbare quem suo sacramento affirmavit esse etatis annorum xvm completorum et hoc sub pena librorum 200 si aliter inveniretur. Similiter suo sacramento affirmavit dictum Ser Zachariam esse eius filium legitimum et natum ex legitimo matrimonio ex ipso ser Francisco et ex domina Maria Lauredano eius uxori legitima, et hoc sub pena librarum 50 si secus reperiretur. Pro quibus omnibus penis (= pocnis) se constitucrunt plezios viri nobiles Aluisius Lauredano quondam Ser Johannis et ser Hermolaus Donato qui 376 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VI, 23-27 iuraverunt. Also der Sohn Zacharias wurde im November 1422 geboren und die Hochzeit der Eltern war 1419 und Zacharias Barbaro selber heiratet später mit 26 Jahren Anno 1448. 23 Arch. Venet. Procuratori di San Marco de ultra 112: Commissaria di Ser Zacharia Barbaro. Wird veröffentlicht in Bd. n. Datiert vom 4. März 1419. Die Geburtsdaten der drei Söhne des Zacharias Barbaro: Ermolao, Lodovico, Daniele lassen sich auf verschiedene Art feststellen, die beiden letzten einfach durch Ausrechnung des Geburtsjahres, wie bei dem Sohne Zacharias, vgl. Anm. 22 nach dem amtlichen Eintrag in der Balla d'oro. Danach wurde Lodovico 1414 geboren, Daniele 1415. Diese beiden Söhne traten in den großen Rat ein, während ihr ältester Bruder Ermolao sich dem geistlichen Stande widmete und deshalb nicht vor die Behörde der Balla d'oro geführt wurde. Jedoch läßt sich aus der Commissaria Zachariae Barbaro folgendermaßen das Geburtsjahr seines ältesten Sohnes Ermolao erschließen: Im Testament bestimmt der Vater Zacharias: E lo residuo di mie beni mobelli e stabelli chaduchi e desordenadi e per chadaum muodo me podesse.... (verbrannt) lasso a mie fioli Almoro Aluise Daniel cum questa condicion che non possi essere suo Signori avanti Si.....(hanno cumplido)... .de anni xx. Man muß also in der im Hefte der Commissarie folgenden Vermögensverwaltung forschen, an welcher Stelle der Vormund aufhört genannt zu werden und wo Ermolao als Erbe auftritt: Dare pro victu filiorum huius nn comiss. 1429 mens, aprilis die octavo dedimus nos Anthonius Contarcnus et Petrus Lauretano (die beiden mit der Vermögensverwaltung der Hinterlassenschaft betreuten Prokuratoren von San Marco) procuratores Ser Francisco Barbaro fratri quondam huius nostri commissarii pro ex- pensis per ipsum factis familie huius nostri comissarii videlicet calciamentorum et vestimentorum vigore....... 1431 mens. aug. die octavo in presentia nobilis viri Vielmi Quirino unius de 40 (d. i. die Finanzbehörde der Quarantia) sedentis loco domini Petri Lauretano proc. domino ser Hcrmolao olim filio huius nri com. ducatos c auri pro expensis et libris emptis.... Aus diesen drei Aktenstücken läßt sich das Geburtsjahr des Ermolao annähernd erschließen. Am 8. Aug. 1431 muß er nach der Bestimmung des väterlichen Testamentes 21 Jahre und mehr gewesen sein; am 8. April 1429 war Francesco Barbaro noch sein Vormund, Ermolao also noch nicht 21; also fällt seine Geburtszeit zwischen April 1409 und August 1411, vielleicht 1410, cf. C 142: Sabbadini sucht das von Agostini: Scrittori viniziani 1, pag. 229 auf 1410 angesetzte Geburtsdatum des Ermolao aus verschiedenen Gründen, die ihm wahrscheinlich schienen, auf 1408 heraufzusetzen, besonders weil er bei Ambrogio Traversari (ep. vi, 24 an Leonardo Giustiniani) als Altersgenosse (aequalis) des Bernardo Giustiniani (geb. 6. Januar 1408) genannt wird, doch ist nach obigen Dokumenten die Annahme Sabbadinis nicht zutreffend. Darauf hingewiesen sei noch, daß einer der Prokuratoren der Hinterlassenschaft des Zacharias Barbaro, Petrus Lauretanus (Pietro Loredano), der Schwiegervater F. Bs. ist. 24 San Vigilio vom 11. September 1447 an, siehe Ordinamento crit. cron. in 130 lettere di F. B. pag. 43 sq. 25 Fr. Philelfi Orationes, Brixiae 1488, f. n 3 : «Ubi vero diem obiit Zacharias, primarii urbis cives ad Franciscum venere consolandum, quos ita ille excipiebat et oris tran- quillitate et gravitate sermonis, ut qui consolaturi venerant, consolandi fuisse vide- rentur.» (Nach C 94.) 26 Vgl. Anm. 22. 27 Zacharias Barbaro (Sohn), geb. 1423. Capellari: IIcampidoglio Veneto (vgl. Kap. r, Anm. 2) Zaccaria figliuolo dell'insigne Francesco nel 1470 fo spedito ambasciatore ä Ferdinando Re di Napoli per incitarlo contro i Turchi. Ebbe la dignitä di cavalliere e nel 1476 fu capitano di Verona; nel 1477 passö ambasciatore alli Duchi di Milano, nel 1477 fu podestä di Padova e nel 1482 di Brescia; nella guerra di 1483 con Ii prineipi ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VI, 28-43 377 d'Italia contra la reppubblica collegati fu Provvcditore in campo e ncl 1484 uno di due Commissari mandati a Cescna per trattarc la pace, che non sortl; ncl 1485 fu uno de cinque Correttori che in vacanza del Doge governarono la rep. poi Ii i4marzo del 1487 fu crcato procurator di San Marco dclla Procuratia de Citra; soccorse con il proprio danaro il pubblico errario; ma ncl 1491 cssendo stato dal papa conferito il patriarchato di Aquileia contro le leggi della patria ad Almorö suo figliuolo, gli minacciö il senato di levarli la veste procuratoria, se il figliuolo non rinunciava a quella prefettura, di che prese tanto cordoglio che venne a mortc l'anno 1492; sepolto in San Francesco dclla Vigna appresso il Padre nella capella Barbaro dove si leggono le glorie di ambcdue il suo epitafio cosl (vgl. Kap. vm, Anm. 98). ZACCARIE BARBARO FRANCISCI F(ilio) EQUITI PROCURATORI DIVI MARCI VIRO HUMANISSIMO ET CLARISSIMO HERMOLAOQUE FILIO EIUS INTEGERRIMO Do(ctoH) DlSS(ertatissimo) LINGUARUMQUE PERITIA CELEBRATISS(mo) FRANCISCUS NEP0S. Cf. Ferriguto Almorö Barbaro, L'alta coltura del settentrione d'Italia nel '400. 28 Zur venetianischen Staatsverfassung hauptsächlich benutzt: Krctschmayr, Geschichte Venedigs, Bd. 2, 1920, in allgemeiner Staatengeschichte Abt. 1, Werk 35; ferner Armand Baschet, La diplomatie venitienne, Paris 1862. 29 Gasparinus Contarenus, De re publica Venetorum, Venetiis 1628. 30 Darüber Kretschmayr, pag. 86ff. 31 Kretschmayr, pag. 92. 32 Tobia dal Borgo zufolge, zitiert von Giovanni degli Agostini 11, pag. 44. Agostini fügt hinzu, daß in Zeiten öffentlicher Bedrängnis, wie damals 1419 und später 1510, die vorzeitige Aufnahme in den Senat von einer Geldspende zu öffentlichen Zwecken abhängig war. Jedoch trifft das alles auf F. B. nicht zu, weil er damals das vorschriftsmäßige Alter (etwa 30 Jahre) schon erreicht hatte, abgesehen davon, daß sein väterliches Erbteil für eine solche besondere Ausgabe nicht gereicht hätte. Vgl. Kap. 1, Seite 17. 33 Vgl. Kap. I.Seite 13. 34 Tobia dal Borgo, Oratio populi Veronensis ad splendidissimum equitem dominum Franciscum Barbarum per Tobiam Veronensem, Cod. Vatic. 5108, fol. 9C, Cod. Ashburnham Florentinus 194 und Cod. Quirinus (Brescia) c VII, 1, fol. 139; im Auszug Quirini Diatriba cliv, kommt im 2. Band vollständig zum Abdruck. 35 Cividale, Barbaro an das Volk von Treviso, 8. Februar 1449, ep. B. pag. 151. Über die Amtsführung Barbaros in Treviso weiß Bissario, siehe Anm. 46, fol. 38 v : «Declaravit modo hec urbis tarvisiae splendidissima pretura, quam cum summo senatus consensu aeeepisset tanta innocentia tanta equitate tanta fide tanta huma- nitate gessit, ut Tarvisini cives ipsum non pretorem sed patronum, non rectorem sed parentem, non unum hominem communem omnium portum ac refugium predicent. 36 Molmenti, La vita privata di Venezia, pag. 290. Reggimenti von 1593—1618, über die Einrichtung der Gouverneursgebäude. 37 Vgl. Kap. 11, Seite 42, nach Kretschmayr, pag. 89. 38 Brescia, den 3. März 1438, F. B. an den Dogensohn Giacomo Foscari, ep. B. pag. 64. 39 Vgl. oben Anm. 19 und 20. 40 T. dal Borgo, vgl. Anm. 34. G. degli Agostini, Istoria degli scrittori viniziani. 41 Ep. B. pag. 65 und ep. Guar. B 332. 42 Bissarios Rede, siehe Anm. 46, fol. 38 v . Accedit et illud memorabile testimo- nium huius sue justitie et integritatis, ut enim ex pretura in urbem rediit, statim ad supremam decem virorum dignitatem errectus est singulare laudis et glorie decus. Nam cum majestatis et universe rei publicae Status in ea potestate maxime fixus et locatus sit nihilo minus ex senioribus integerrime homines ex longa rerum ex- perientia prudentissimi ad id munus obeundum solent eligi. Quibus hic etate licet inferior, virtute tarnen et fide par cognitus est. 43 Nach Kretschmayr a. a. O. 378 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VI, 44-VII, 3 44 Quirini Diatriba ccn sqq. auch ep. Guar. A 500t". dazu C 192. 45 Aus der Rede des T. dal Borgo: Brescia, Cod. Querin. c vn, 1 fol. 141 v u. Cod. Laurent. Ashb. 270, fol. 87'. Et enim inveterata odia civiles simultates (Cod. Vat. lat. 5108 civilis simultas) ac atrocissimas factiones commemorabili sapientia tua non solum elisisti (desisti, Vaticanus), verum sie (si, Vet.) sedasti, ut domum tuam pacis edem et concordiae templum una voce nuneuparent. 46 Oratio nobilis jurisconsulti Mathei Bissarii vicentini quarto kl. martias 1425 laudi- bus Francisci Barbari pretoris, in Cod. Marc. Venet. XI, 3 (4351) fol. 36, chart. saecl. xv. Sabbadini hat in C 181 einige Sätze im Auszug publiziert. Die Rede des Tobia dal Borgo vgl. oben Anm. 34. — Die Rede des Ambrogio Av- vogadro nach Brescia 1440 ed. Manelmi, Commentariolum belli Gallici. — Clari et doctissimi viri Johannis Spilimbergensis, oratio de laudibus ill. viri Francisci Barbari, locum tenentis nomine totius provincie Forojuliensis, in Cod. Marc. XI, 72, fol. I39 v , steht auch in San Daniele di Friuli 99, fol. 72 v und 102, ferner Cod. Lat. Monacensis 8482, fol. ii9 v —i24 r (ohne Uberschrift). — Die drei ungedruckten Reden kommen in Band 2 zum Abdruck. 47 Vgl. Kap. v, Seite 128. 48 Vicenza, 12. Februar 1426, ep. B. 8—9, F. B. an Lorenzo de'Medici. 49 Arch. Venet., Senato secreti reg. 9, carta 98, 8. April 1426. 50 Bruni verfaßte eine Relation seiner Gesandtschaft an Papst Martin v., veröffentlicht im Arch. stor. ital. S. V. T. II, 1857. 51 Venedig, 22. November 1426, in 130 lettcre inedite.....pag. 70. Über Barbaros Anteilnahme an der Roma instaurata Biondos siehe Kap. v, Seite 134. 52 53 Eod. loc. ad dexteram templi cella et libris et Libero patri dicata est, ubi vasa vinaria sunt et libri graeci et numero et dignitate praestantes omnes sacri et tanta cum elegantia scripti, ut in bibliotheca Varronis aut Ptolomaei potius quam in hac cella penaria collocandi sint.... Das Wortspiel «libris et Libero patri» läßt sich im Deutschen nicht wiedergeben. 54 Arch. Venet. Secretario alle voci: 3. Oktober 1428, erwählt als einer der sapientes terrarum de novo acquistarum; 1. Juli 1429 bis 31. Dezember 1429 nochmals sapiens terrarum de novo acquistarum. 55 Vgl. Kap. v, Seite 128. 56 Nach Giovanni degli Agostini a. a. O. 57 Libri commemoriali della repubblica di Venezia, Regesti, Venezia 1876—83x11, 104. Daß F. B. einer der 6 Richter über Carmagnola gewesen ist, berichtet Agostini n, 66 zufolge Sanuto, col. 1013. 68 Vgl. Kap. n, Seite 29. 59 Geiger, Exkurs C(entum) zu Jakob Burckhardt, Kulturgeschichte der Renaissance, 7. Aufl. 11, pag. 396. 60 Brescia, 8. Juni 1439, Barbaro an den Markgrafen Niccolö d'Este von Ferrara im Namen der Stadt Brescia, Manelmi pag. 57 und ep. B. pag. 85. 61 A. Penrich: Die Urkundenfälschungen des Reichskanzlers Kaspar Schlick, Gotha 1901, pag. 33. 62 130 lettere, ed. Sabbadini, pag. 136. KAPITEL VII 1 Über Brescia: Antonio Ugoletti: Brescia in: Collezione di monografie illustrate, Bergamo 1909. Über die Cenomanen bei Livius, v, 35. 2 Verona als Kolonie von Brescia: Catull 67, 34. 3 Auf der Synode zu Sens wird der in Frankreich geborene Arnold von Brescia zusammen mit seinem Lehrer Abälard verurteilt und wird auf die Piazza del Popolo in ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VII, 4-17 379 Rom hingerichtet. Als im xix. Jahrhundert seine Absichten sich erfüllt hatten, errichtete die papstfeindlich gesinnte Stadt ihrem Mitbürger ein Standbild. 4 F. B. an Kaspar Schlick: Ed. Sabbadini, 130 lettere, pag. 85. 6 Eodem 1. pag. 86. Si conditiones pacis igitur acciperet, ita Italiae, quae caedibus igni ferro utrimque vastatur, meo judicio parcendum esset, ut domesticis armis liberata, cum tot inclitis bello viris, cum tot legionibus, cum tot classibus, si mihi crederetur, adversos perfidos hostes nominis Christiani sub invictissimi Caesaris auspiciis feliciter pugnet et de Barbaris et infidelibus victis ac domitis more majorum terra marique gloriossissime triumphet. Vgl. S. 321. 6 7. Mai 1437, F. B. an Kaspar Schlick, Entschuldigung, daß er nicht als Gesandter nach Deutschland kommt, ed. Sabbadini, 130 lettere, pag. 87. 7 Nach Antonio Brognoli: Memorie aneddote spettanti all'assedio di Brescia dell'anno 1438, Brescia 1780. 8 Ep. B. pag. 42. 9 Brescia, den 21. Oktober 1437, F. B. an Giacomo Foscari, ed. Sabbadini, 130 lettere, pag. 89f. Ita graviter me consolaris, ut enim maerore Caritas et fides et in consilio virtus et sapientia cognosci possit. 10 Vgl. Kapitel vi, Anm. 26. 11 RegestenbeiVittani 1, i684,(incipit)Salomonebreo. . . Sic ego dicere nunc posse videor: in hac communi et foeda clade non solum Hermolaus captus est, sed in Hermolao quoque Franciscus.» 52 Ep. Guar. A 492: «. . . ut eius discessus nobis aculeum infixerit.» j3 Cividale, 18. November 1448, F. B. an Ermolao Donato, ep. B., app. pag. 46. 54 Auch Filclfo schrieb über den Tod Ermolao Donatos an Barbaro, Mailand, 4. Oktober 1450, ep. Philelphi, pag. 48: «Accedit ad rem oovot; auffä^ßp 00 ooü quo te non mediocriter angi puto. Sed tu velim omnia tua sapientia modereris operamque des, quoad eius ad te praestari potest, ut omnes intelligant, nulli esse Venetiis seditioni et civili discordiae locum. Nec enim te latet Agathonis dictum: solo uno privari deum: infecta facere quae facta sint. Malum praeterea malo cumulare non est prudentiae. Itaque te magnum et prudentem virum et moderatum, ut praesentibus posterisquc ostendas opere pretium arbitror.» 55 Verona, 13. Dezember 1450, Lodovico Foscarini an F. B., ep. B., pag. 247. 56 Acta Sanctorum, unter dem 8. Januar, 1, 551. Vita Sancti Laurentii Iustinian auctore Bernardo Iustiniano. 57 Nach Berthold Fenigstein, Leonardo Giustiniani, Zürcher Dissertation, Halle 1908. 58 Vgl. Kap. vi, Anm. 19. u9 Das Briefpaar zwischen F. B. und Leonardo Giustiniani über den Tod des Marco Giustiniani wurde am 26. März und 5. April 1438 aus Brescia und Venedig geschrieben. Ep. B., pag. 70 und 171. 80 Vgl. Kap. 11, Anm. 2. Über Zacharias Trevisano d. J.: Giovanni degli Agostini, Scritt. viniz. I, pag. 373—385. Der Brief an Scarampo von 1436, 130 lettere, pag. 84 (F. B. Ludovico cardin. Aquileiensi). 61 Vgl. Seite 142. 62 Venedig, 15. Mai und 4. Juni 1445, 2 Briefe des F. B. an Zacharias Trevisano, 130 lettere, pag. 119. 63 Venedig, 7. Juni 1452, F. B. an denselben, ep. B., pag. 242. 64 Über Lodovico Foscarini: Giovanni degli Agostini, scritt. viniz. 1, pag. 45—107. 65 Genua, September 1449, L. Foscarini an F. B., Diatriba, pag. ccccxxvi. 66 Venedig, 5. Juni 1451, F. B. an den Podestä von Verona Lod. Foscarini, Ep. B., app. pag. 87. 67 Verona, 1. Juli 1451 (vgl. Diatriba cccclxxviii), L. Foscarini an F. B., ep. B., pag. 248. 68 Eodem loc.: Sed quia pro tua sapientia tibi notiora esse debent, ad te piissimum patriae parentem, Veronensium patronum, qui dignitatem tuam venerantur et colunt exorandum me convertam ut nos militibus, immo verius pracdonibus, gravius non oneritis, qui nostros hostium numero habent, quorum crudelitati et avaritiae nihil iam super est. 09 Über Colleoni: B. Belotti, La vita di Bartolomeo Colleoni, 1923. 70 Venedig, 8. Oktober 1448, Pietro Tommasi an F. B., ep. B., app. pag. 36. 39° ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VIII, 71-81 71 Udine, 8. Oktober 1448, F. B. an Pietro Tommasi, ep. B., pag. 145. 72 Udine, 13. Oktober 1448, F. B. an denselben, ep. B., app. pag. 38. 73 Brescia, 15. Februar 1453, Gabriel Concorigio an F. B., ep. B., pag. 330. 74 Venedig, 22. Februar 1453, F. B. an Lod. Foscarini (Empfehlung des Concorigio), ep. B., pag. 331. 75 Brescia, 15. März 145 3, Lod. Foscarini an F. B., ep. B., pag. 264. Erwähnt sei noch der Besuch Foscarinis bei dem alten Mitkämpfer Barbaros, Pietro Avvogadro in Brescia: «Ad horum et similium animos allicicndos non alienandos veni et tuo fretus consilio pridie quam urbem ingrederer, ipsius hospes fui, quod ex communi nostra sententia optime successit. Nam patronus ille magnus qui se a publicis negotiis ab- dicaverat iam dies noctesque nihil aliud cogitare dicit, nisi ut hostes agris nostris pellantur et saepissime suarum cogitationum mihi partem facit quod laudo et probo.» 76 Über Kardinal Vitelleschi siehe Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom, vn, und Papencordt, pag. 481. 77 Blondus: Decades, pag. 563 B und C. Über Biondos Verhältnis zu dem Kardinal, siehe Kemeter, pag. xxi. 78 Venedig, 23. Mai 1436, F. B. an Scarampo, Bischof von Trau, 130 lettere, pag. 78. 79 Venedig, 25. Mai 1436, F. B. an Giovanni Vitelleschi, 130 lettere, pag. 79. 80 Rom, 19. März 1440, Antonio de Rido, Kommandant der Engelsburg, an die Stadt Florenz. Von Pastor, Gesch. d. Päpste i 3 , pag. 802, nach dem Staatsarchiv von Florenz veröffentlicht. Am Tage nach der Gefangennahme Vitelleschis rechtfertigte sein Vorgehen de Rido in einem Brief an die Florentiner, damit diese über das Vorgefallene nicht erstaunt sein sollten: «Chomo monsignor el cardinale legato de N. S. hora fa doi anni (also seit 1438), non una volta ma piü con sue versutie et inganni ha cerchado con grandissimo detrimento de Nro. S. et de s ta eclexia et mia vergogna et danno de levarme de le mani castelo de s'° Agnolo et piü ho cognosudo apertamente e tochado con le mano questui esser expresso nemico de papa Eugenio.» Dagegen hat er, der Festungskommandant, sich wehren müssen. Er hat ihn nun gefangengenommen, freilich ohne Befehl des Papstes, weil er nicht genügend Zeit gehabt habe, Seine Heiligkeit von den Umtrieben des Kardinals in Kenntnis zu setzen und auf seine Antwort zu warten. Vgl. Walser, Poggius, pag. 186 ff. 81 Über Kardinal Scarampo siehe August Wilmans, Die Briefsammlungen des Poggio Bracciolini in Zentralblatt xxx, 1913, pag. 312—313, sowie Georg Eggs, Purpura docta, München 1729. Der Gegner Scarampos war der Nepot Eugens rv., Pietro Barbo, nachmals Papst Paul 11. Als er beide zu Kardinälen erhob, habe Eugen gesagt, daß er zwei Kardinäle kreiert habe, aber den einen um seiner Verdienste willen, den andern wegen seiner Blutsverwandtschaft. Barbo nahm es übel, daß ihm, dem ven. Patrizier und päpstlichen Nepoten: sibi hominem alienigenam et obscuri generis tarn aperte praeferri. Auch unter den folgenden Päpsten dauerte der Streit an. Barbo wollte die Kirche von Padua haben. Scarampo hintertreibt das, indem er unter dem Vorwand einer Badereise sich dorthin begibt und intriguiert. Dagegen sucht Barbo den Nebenbuhler von der Kurie zu verdrängen und hält ihn dadurch von Rom fern, daß er die Päpste Eugen iv. und seine Nachfolger veranlaßt, Scarampo auf auswärtige Legationen zu schicken. Unter Pius 11. kehrt Scarampo zurück; von seinem Gegner Barbo, der danach zum Papst Paul 11. wird, reich ausgezeichnet, soll er dessen Pontifikat nicht mehr ertragen haben. Er siechte hin und starb am 22. März 1465. Über sein Begräbnis schreibt Eggs: «Funus Ludovici iussu Pauli Pontificis, summo cum honore et pompa in templo S. Laurentii in Damaso curatum, ibidemque tumulatum, effracto noctu a latruneulis sepulchro ingentis pretii annulo, tiara, vestibus spoliatum est. Ea propter tumulus eius diu plane neglectus, liberalitate tandem Henrici Hunii (Hunius archi- episcopus Tarentinus) e marmore reparatus fuit» (40 Jahre nach seinem Tode). I m ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VIII, 82-94 39 ] 82 Florcntinische Ehrung Scarampos nach der Schlacht von Anghiari. Fabronius, Vita Cosmi, pag. 84: «Ea propter supplicationes decretae, munera templis oblata vota soluta et amplissimis premiis fuerunt qui victoriae ipsius auctores fuisse putabantur, intcr quos legatus Pontificis Ludovicus Scarampius Patavinus cardinalis et archiepi- scopus Florentiae postulante Cosmo creatus est.» 83 Pastor, I, pag. 295. 84 Venedig, 29. September 1453, F- B. an die Kardinäle Scarampo und Francesco Condulmieri (Empfehlung für Taddeo Quirini), ep. B., pag. 328. Uber Taddeo Quirini vgl. Agostini n, pag. 314—321 u. Jöchcr: Ein Historikus, seine oratio gratu- latoria ad Fridcricum in., imperatorem Roma a coronatione venientem nomine venetae rei publicae, steht in Freheri rer. germ. tom. n, fol. pag. 28. 8a Brescia, 15. August 1437, F. B. an Scarampo, ep. B., pag. 39. 86 Ep. B., pag. 109. 87 Diese Briefe stammen aus den Jahren 1423—25 und liegen in Florenz, Biblioteca nazionale 11, vni, 129, fol. 1—7 V , und sind überschrieben: R mo in christo patri et dno excellentissimo dno miseratione divina Cardinali Senensi ac Marchie Anconitane et Bononie legato dignissimo dno prestantissimo. Kardinal von Siena und der Marie Ancona sowie Legat in Bologna ist damals Gabriel Condulmieri. Barbaro hat diesen Brief augenscheinlich später, als er seine Briefsammlung zusammenstellte, nicht mehr wie die andern in Kopien besessen. Eugen, oder damals noch Kardinal Gabriel Condulmieri hat sie auch nicht aufbewahrt, sondern ihre Erhaltung ist dem Umstand zu verdanken, daß Barbaro am Schluß dieser Briefe stets einen gewissen Rinucius (Rinu- cini) grüßen läßt, der sich in der familia spiritualis des Kardinals befand. Voll Stolz, daß er im Briefwechsel dieser mächtigen und berühmten Männer erwähnt wurde, hat Rinucini sie sich säuberlich abgeschrieben und so gehören diese Briefe zu den wenigen, die in der für Humanistenbriefe so wichtigen Empfängcrüberlieferung erhalten blieben. Sie werden herausgegeben und erläutert in Band n, 88 Ferrara, Dezember 1433, F. B. an Pictro del Monte, 130 lettcre, ed. Sabb., pag. 73. 89 Venedig, 14. April 1447, F. B. an den Theologen Domenichi, 130 lettere, pag. 127. 90 Venedig, 23. März 1447, F. B. an Nikolaus v., ep. B., pag. 116. 91 Die erste Belagerung von Konstantinopel durch die Türken im Jahre 1422. 92 San Vigilio, 17. Oktober 1451, F. B. an Scarampo, ep. B., pag. 163. 93 Venedig, 2. September 1453, F. B. an Gasparo da Lucca, den Vertrauten des Papstes Nikolaus v., ep. B., pag. 276. Die Haltung der Italiener den Ereignissen gegenüber blieb zwiespältig, da Mehem- med n. dem abendländischen Geist mehr als seine Nachfolger und Glaubensgenossen entgegenkam. Er hatte den Ehrgeiz, ein Lorcnzo de'Medici des Ostens zu werden. Nur er hat es verhindert, daß bei der Besetzung Athens 1456 diese Stadt von den Türken zerstört wurde. In seiner nächsten Umgebung war ein venezianischer Privatsekretär. Namentlich war an seinem Hofe ein namhafter Humanist, der Begründer der Archäologie, Ciriaco d'Ancona, den auch Barbaro kannte, da ihn Filelfo (ep. Philelphi, pag. 32) dem Venezianer empfahl, als er von einer seiner archäologischen Reisen aus Kleinasien und Griechenland zurückkehrte. Ciriaco zog mit dem Sultan in Konstantinopel ein; später findet man berühmte Künstler Italiens, wie Bcllini und Bertoldo am Hofe dieses Sultans. Vgl. E. Jakobs: Mehemmed II. und Cyriacus von Ancona, in Byzantinischer Zcitschr. Bd. xxv, 1930, und derselbe: Die Bcrtoldomedaille des Mehemmed im Jahrbuch der preuß. Kunstsammlungen, 1927. Politisch dauerte es auch nicht lange, bis die Venezianer sich als erste gezwungen sahen, mit dem Sultan Verträge abzuschließen oder zu erneuern, um ihren Handel von ihm nicht lahmlegen zu lassen. Darüber vgl. Kretschmayr, Geschichte Venedigs. 94 Abraham a Sancta Clara (nach Wilh. Scherer, Vorträge und Aufsätze, pag. 147/148): aus «Auf, auf ihr Christen». CA ikenl EiJ e itaj nnigl aucl! "a 5 teilt] * 3erUr! "Ti :ratu| reue Sit VC £ de r Bl ■ 4 aige ildcci 1 ai' :s e lent W stig eng kla Kas 3 ANMERKUNGEN ZU KAPITEL VIII, 95-100 95 1456 wird Kardinal Scarampo gegen die Türken nach Ungarn geschickt. Er siegt bei Belgrad mit kleiner Schar über die Türken. 96 Cod. Vindob. lat. 441, im Auszug: Diatriba dxxxxi, Lodovico Foscarini an Ermolao Barbaro über den Tod des F. B. 97 Cod. Marc. lat. xiv, 250, fol. 8 V —I2 r . Philippi Arimenei oratio in funus illustris Francisci Barbari. Wird im 2. Band veröffentlicht. Ein Brief des Filippo da Rimini, ep. B., pag. 213. Einige Notizen über ihn bei Sabbadini: Andrea Contrario, in Nuov. Arch. venet. xxxi, 389 (1916). 98 Eodem loc. fol. 8 V : O miscram mortalium vitam quc quanto animis conatur excellere, quanto rebus strenue gestis se celo nititur admoverc, eo magis dcprimitur (fol. 9 r ) humi. O conatus nostros frasta susceptos, qui huc omncs exeunt, ut eos terre tumulus et quidem perexiguus complectatur. 99 Eodem loc. fol. 9 V : Equidem quis me hodie in terris infclicior vivat nescio; me, me Barbare moriens exanimasti vita vitali digne, non morte, cum tuum spiritum illum nobilcm amisisti ad interitum pene me vocasti. 100 ]yi; t ähnlichen Worten redete Francesco Barbaro den Aristides an, dessen Plutarch- Biographie er übersetzte. Vgl. Diatriba, pag. cxxxvin. Der Todestag Barbaros steht nicht fest, jedoch muß er Mitte des Monats Januar erfolgt sein, da sein Nachfolger als Prokurator von S. Marco am 17. Januar 1454 gewählt wurde. Eine Ehreninschrift befindet sich in San Francesco della Vigna. Diese Kirche wurde im jetzigen Zustande erst 1534 erbaut und die Inschrift ist vom Urenkel gesetzt. Das Grab befindet sich aber in der Frari-Kirchc (Santa Maria Gloriosa de'Minori Conventuali). Palferi überliefert eine jetzt wohl verschwundene Grabschrift. Auch bei Agostini 11, 109. Si quis honos si fas lacrimis decorare sepultos Flere super moestisque locum complere querclis Franciscus cui prisca parem vix secla tulerunt Barbaras hic situs est linguac decus omne latinae Fortia facta viri pro libertate senatus Brixia quam magno renuit sudore fatetur Hic summi ingenii scriptis monumenta reliquit Graecaque praeterea fecit Romana tenet nunc Spiritus astra sacros tumulus complectitur artus. Über das Leben seines Sohnes vgl. Seite 168 f. Über das Aussterben des direkten auf Francesco Barbaro gehenden Zweiges der Ca Barbaro um 1700 vgl. Freschot, Nouvelle Relation de la Ville et Republique de Venise, Partie troisieme, Lcs familles nobles de Venise, pag. 16, Utrecht 1709: «Sa branche particuliere a fini de nos jours dans la personne d'Antoine Barbaro qui fut General de Candie et ambassadeur ä Rome et qui n'ayant point de successeurs a qui laisser ses richesses en employa une grande partie ä faire rebätir l'eglise de S. Maria Zobenigo qui etait sa paroissc et ä y faire construire cette magnifique facade toute de marbre grec.» ANHANG 393 BIBLIOGRAPHIE Der Schriftgrad zeigt die Häufigkeit der Benutzung an. Abraham a Sancta Clara: Auf, auf ihr Christen, siehe Scherer. Acta graduum academicorum gymnasii Patavini ab anno 1400—50 curan- tibus C. Zonta et Joh. Brotto. Padova 1922. Agostini, Giov. degli: Notizieistorico-criticheintornola vita ele opere degli scrittori Viniziani T. I, II. 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II, VIII, 129: Briefwechsel mit dem Kardinal Gabriel Condulmieri. SAN DANIELE DI FRIULI Biblioteca Guarneriana Cod. lat. 99, fol. 72 v & 102. LONDON Britisches Museum Brit. Mus. add. ms. 15974, fol. 67—73 : Barbaros Briefe an Traversari. Brit. Mus. add. ms. lat., 33782: lateinische Version der Äsop-Fabeln von Ermolao Barbaro. MAILAND Biblioteca Ambrosiana Cod. misc. Ambr s. F. S. V, 21, D, 20. Cod. Ambros Y, 97, sup., fol. 23 & 35 & 54: F. B. an Traversari. QUELLENNACHWEIS Staatsarchiv Archivio Visconteo. MÜNCHEN Bayrische Staatsbibliothek Cod. lat. Monac. 426, fol. 21 v : Humanistische Hochzeitsschriften. Cod. lat. Monac. 8482, fol. ii9 v —i24 r : Oratio Johannis Spiümbergensis de laudibus F. B. (ohne Überschrift). PADUA Universitätsbibliothek Cod. 1675, Vol. II. PERUGIA Biblioteca Communale Cod. CI, 118: 1. Zitatensammlung aus Barbaro: De re uxoria; 2. In- vektive des Pier Candido Decembrio gegen F. B. in Brescia. ROM Biblioteca Vaticana Cod. Vat. lat. 5108, fol. 9c/: Oratio populi veronensis ad splendidissi- mum equitem dominum Franciscum Barbarum per Tobiam Vero- nensem (1441). Cod. Rossi 377 = Ep. Barzizzii. Cod. Vat. 5221, fol. 159 V : F. B. an Traversari. Cod. Vat. lat. 5220, fol. }z v : Georgii Trapezuntii praefatio in libros Piatonis de legibus ad Franciscum Barbarum senatumque Venetum. Biblioteca Angelica Cod. lat. 1139, JI % s 1- : Paduaner Studentendisputation (Barzizza- Barbaro). VENEDIG Biblioteca Marciana Cod. Marc. ital. VII, 15 (8304): G. A. Capellari Vivaro, Vicentiner aus dem 18. Jahrh.: II campidoglio veneto, vol. primo. Cronaca ms. C 30, n° 93. Cod. Marc. ital. VII, 791, Cronoca Veniera (Wappen: Barbari). 26' 4°4 QUELLENNACHWEIS Cod. Marc. lat. XI, 123, fol. 9: Paduaner Studentendisputation (Bar- zizza-Barbaro). Cod. dcxii : Homeri Ilias. Cod. App. IX, 3: Homeri Ilias. Cod. Marc. lat. XIII, 70 (Morelli 2); Petrarca ep. rer. fam. Cod. Marc. XI, 3 (4351), fol. 36—39: Rede des Matteo Bissario auf F. B. Cod. Marc. lat. XI, 72, fol. 139: Clari____viri Johannis Spilimbergensis oratio de laudibus... .F. B____ Cod. Marc. lat. XI, 71 & 72: Epistulae Barbari. Cod. Marc, lat., X, 209 (3537), fol. 6: Gedicht des Leodrisius Cribellis über F. B. in Mailand 1444. Cod. Marc. lat. XIV, fol. 8 V —i2 r : Philippi Arimenei oratio in funus illustris Francisci Barbari. Cod. Marc. lat. XIV, 250, fol. 8 V —i2 r . Museo civico Correr Cod. Cicogna 3375: La famiglia Barbaro. Staatsarchiv Cod. misc. 894, Marco Barbaro: Arbori di patrizi veneti. Procuratori di San Marco de ultra, 112, Quaterno: Ser Candiano Barbaro. Avogaria del Comun, Cronaca dei matrimonii: Petri Barbaro, Liber nuptiarum nobilitatis venetae ab anno 1400, Band 35 und 36. Senato secreti reg. 9 und 14. Avogaria del Comun, Balla d'oro. Segretario alle voci. WIEN Nationalbibliothek Cod. Vindob. lat. 441: Briefwechsel des Lodovico Foscarini. 1 ANHANG tCA PERSONEN VERZEICHNIS für Seite 7 — 326 ACCIAIUOLI, Angelo, florentinischer Staatsmann und Anhänger der Medici. 106f., 258, 262, 284, 286, 287, 294. ÄSKULAP. 118. ÄSOP. 124. AGOSTINI, Giovanni degli, Biograph der venezianischen Schriftsteller 1701 -1755- 15, i 6 > 301, ALBERGATI, Niccolö, * Bologna 1375, f Sicna 10. v. 1443, Bischof von Bologna 1417—1443, Päpstlicher Nuntius in Frankreich 1426, Kardinal 1438, Kardinallegat auf demKonzil inFerrara. 194. 3i7- ALBERTI, FrauBartolomaea, bittet Kardinal Dominici um eine Anweisung zur Erziehung ihrer Kinder. 82. — Leon Battista, florentinischer Architekt und Schriftsteller, * Florenz 1404. ■j- Rom 25. IV. 1472. 91 f. — Adovardo und Leonardo, Personen aus Deila Famiglia des L. B. Alberti. ALBIZZI, Rinaldo degli, Gegner der Medici. 82, 284, 285, 288, 290. ALBORNOZ, Kardinal. 309. ALEARDO, Francesco, Mailänder, Bruder des L(e)odrisio Crivelli. 264. ALEXANDER de Masovia, Bischof von Trient (1424—44), Gegner der Venezianer und des Paris von Lodron. 212, 239. ALEXANDER der Große. 54,281,291. ALFONSO d'Aragona, König von Neapel, * 1396, bestieg den Thron 1416, bei Gaeta von den Genuesen besiegt und gefangengenommen, an Filippo Maria Visconti ausgeliefert, von diesem freigelassen. Er läßt sich von F. B. dessen Briefsammlung widmen. 131, i36, 137, 250, 354, 257, 261 f., 263, 264, 271, 273, 289, 305. ANGELO, Jacopo di. 54. ANJOU, französisches Geschlecht. 193. — König Rene von, sucht vergeblich seine Ansprüche auf den Thron von Neapel gegen Alfonso dAragona durchzusetzen; Graf Sforza unterstützt ihn 1438. 289. ANTONIN, der hl., Erzbischof von Florenz, 1389—1459. 153. AQUINO, Thomas von, mittelalterlicher großer Theologe, 1227—74. 52, 153. ARC, Jeanne d', die Jungfrau von Orleans. 155, 322. ARCHIAS, Aulus Licinius, griechischer Dichter aus Antiochia in Syrien, seit 102 v. Chr. in Rom. Verfaßt Kriegsgedichte zu Ehren des Marius und des Lucullus, die nicht erhalten sind. 62 v. Chr. verteidigt Cicero (Pro Archia) das römische Bürgerrecht des Dichters. 37- ARETINO, Carlo siehe MARSUPPINI. ARETINUS, Leonardus siehe BRUNI. ARNOLD von Brescia, xr./xn. Jahrhundert, kirchlicher und politischer Reformator, tritt gegen die weltliche Gewalt des Papstes auf; wurde gefangen Einl mkeq 2 le it inn: r auej rarcaj stellt te de r An Pubiii BerllrJ :ratuj xeudl Sinj ve edq n r r : alj >rau| riige ilderi 1 ai. fl An- s ein| entaq Werl !ti gl sngea klai Cassel RM, ] 406 PERSONENVERZEICHNIS und auf der Piazza del Popolo in Rom Ii54 hingerichtet. 193. ARISTIDES. 56, 57. ARISTOTELES. 57, 64, 150. ASSERETO, Biagio, genuesischer Ad- miral in mailändischen Diensten, Sieger in der Schlacht von Gaeta. Er hatte auf Befehl des Herzogs den König Alfonso freigelassen und wurde dadurch in seiner Vaterstadt unbeliebt und verbannt, als Genua sich 1435 von dem Herzog "Visconti löste. Asscreto steht dann in mailändischem Dienst, befehligt 1440 die Gardasecflottille, wird aber in der Entscheidungsschlacht geschlagen. 1448 nochmals Admiral der mailändischen Po-Flottille im Dienste des Herzogs Sforza, schlägt die Venezianer bei Casalmaggiorc. 250. AUGUSTINUS, Kirchenvater. 52, 67f., 69, 83. AUGUSTUS. 192, 324. AVVOGADRO, Ambrogio, Brescianer Rechtsgelehrter, der die Abschiedsrede auf F. B. hielt. 181, s5i. — Braida, Heldenmädchen von Brescia. 217. 219. — Pictro,BrescianerParteiführer. 193,198, 213, 239, 241, 242, 245, 249, a 5o, 252. BACCHUS. 29, 185. BAJAZETH L, Sultan. 318. BALDUCCIO, ein Brescianer. 198 f. BARBARIGO, Givolamo. 135. BARBARO, Adamo cavaliere, Großvater des F. B. um 1350, siehe Stammbaum. 14. — Candiano, Vater des F. B., siehe Zeittafel und Stammbaum, legt 1368 sein erstes Testament nieder. 1380 in der Behörde der 100 Männer während des Chioggiakrieges. 1381 einer der 40 Dogenwähler des Dogen Antonio Venier. 1389 sein Test. 14, i5f., iji., 167. — Constanza, Zweite Frau des Candiano B., Mutter des Francesco B. 14,15,17f. — Constanza, Tochter des F. B., wird Nonne. i63f., 177, 298. — Daniel, Bruder des F. B., tritt mit der Vollmacht seiner Mutter Constanza vor das Prokuratorengericht. 14, 18. — Daniel, Neffe des F. B., begleitet den Onkel auf einer Gesandtschaftsreise. 197, 265. — Donato, Admiral in Venedig. — Ermolao (venez. Almorö oder Moreto) ältester Bruder von F. B. 14, 15, 18. — Ermolao, Enkel des F. B., Philologe. 1453—1493 (t m Rom). Gegen den Willen der Signoric zum Patriarchen von Aquileia ernannt (1491). 49, 50, 169, 186. — Ermolao, Neffe des F. B., Bischof von Verona, Schüler des Guarino, päpstlicher Protonotar, Bischof von Treviso, Bischof von Verona, als päpstlicher Legat nach Frankreich gesandt. 122 bis 125, 147, 158, 167, 168, 207, 269, 3i2—3i5, 324. — Franceschina Clara, Schwester des F. B. 14, 15- — Francesco, siehe Zeittafel. — Giovanni, Vorfahr des F.B., war 1276 Avvogadore, siehe Stammbaum. 14. — Lodovico, Neffe. 197. — Luchina, Nichte. 164, 165, 298. — Lucia, ältere Tochter des Candiano B. 14, 15- — Lucrezia, Frau des Bruders Zacharias B. Sie stirbt im Kindbett beim Tode ihres Mannes. 166. — Maddalena, Tochter des Niccolö Fo- scarini, erste Gemahlin des Vaters Candiano B. 14. PERSONENVERZEICHNIS B ARB ARO, Marchesina. 14. — Marco, erwarb in der Seeschlacht bei Ascalon 1123 den Ehrennamen und das Wappen der Familie, nf., 19, 199. — Marco, der reichste der Ca Barbaro im Jahre 1379, er ist ein Vetter des Vaters Candiano B. und erscheint bei dessen Testamentseröffnung vor dem Dogen. 14, 15- — Marco, Genealog. 11, 15. — Maria, geb.Loredan, die Gattin des F.B. 123, 166. — Paolo, der älteste mit Namen bekannte Vorfahr des F. B., war Prokurator von San Marco 837, siehe Stammbaum der Familie B. 14. — Polissena, Schwester des F. B. 14, 15. — Zacharias, älterer Bruder des F. B., erzieht Francesco, ist auch schon Schüler Guarinos. 14, 15, 20, 37, 106, 164, 166, 167, 168. — Zacharias, Sohn des F. B. 1423—1491, venezianischer Staatsmann. 16,17,134, 140, 147. 166, 169, 197, 207, 216, 236, 316. BARBARIGO, Girolamo, venezianischer Patrizier. 135. BARLAAM, kalabresischer Mönch im xiv. Jahrhundert, griechischer Lehrer Petrarcas. 150. BARZIZZA (Gasparinus Pergamensis), 1360—1431 (stirbt in Mailand), Humanist aus Bergamo, Lateinlehrer des F.B. in Padua. 21, 25, 26—32, 43, 50, 100, 188. BASILIUS der Große, griechischer Kirchenvater. 105. BEAUFORT, Henry de, Sohn des Herzogs John of Gaunt von Lancaster.Nach Teilnahme amKonzil inKonstanz 1426 Kardinal. * 1377 (?), f Winchester 11. IV. 1447. 119. BECCHETTI, Jakob, mailändischer Kanzler. 261, 262. BELLINI, Giovanni, venezianischer Maler, 1429—1516. 139. BENTIVOGLIO, Annibale. 301. BENVENUTA, Niccolis Haushälterin. 110 f. BERNABAEUS Senensis. 155. BERNARDINO da Siena, der Heilige (Albizeschi), Observantenprediger, seine Predigten in Siena, in Brescia, Zusammentreffen mit F. B. in Treviso. 25, 142, i53—158, 159, 172, 202, 297, 298. BERTUCCIO, Israello 12. BESSARION, Kardinal, * Trapezunt um 1403, f Ravenna 18. xi. 1472, hatte in Konstantinopel 1415—22 Fr. Filelfo zum Mitschüler. 1423 wird er Mönch und ändert den Taufnamen Johannes in B-rpaap'.iuv, dann Schüler des Ge- mistos Plethon. Tätig auf dem Unionskonzil von Ferrara - Florenz. Unterschreibt das Unionsdekret am 6. vil. 1439, kehrt nach Griechenland zurück; kommt aber gegen die der Kirchenunion feindliche Volksstimmung nicht auf. Flüchtet nach Italien, tritt zur römischen Kirche über und wird vom Papst Eugen iv. am 8. XU. 1439 zum Kardinal erhoben. Im letzten Lebensjahre Barbaros schickt dieser an den Kardinal eine Tacitushandschrift mit einem herzlichen Schreiben, worauf Bessarion antwortet: vidisse me Bäf>- ßapov oo^äiTaiöv xe Xo-fiiitaTOV. i5o, iji, 289. BEVILAQUA, Battista, venezianischer Offizier, Freund des F. B. (Über seinen unedierten Briefwechsel mit F.B .siehe Bd. 2.) BIONDO (Flavius Blondus), päpstlicher Sekretär, Geschichtsschreiber, Freund 408 PERSONENVERZEICHNIS B. s. 42, 43, 115, 116, 136-139, 140, 149, T 5^> x 79> l82 > I ^4, 186, 244, 281. BISSARIO, Matteo, hält in Vicenza eine Rede auf B. 152, 181. B1STICCI, siehe VESPASIANO. BLASIUS de Cerreto, genuesischer Offizier, will in venezianische Dienste eintreten. 259. BOCCACCIO. 51, 97, 216. BOETHIUS, spätantiker Philosoph. 78, 296. BONA, ein tapferes Mädchen, das sich in der Gardaseeschlacht hervortut und die Sicgcsnachricht nach Venedig bringt. 250. BONAVENTURA, der heilige, mittelalterlicher Theologe. 153, 155. BONIFAZ IX., Papst (PietroTomacelli), erwählt 1389, f 1404, muß 1392 und 1398 aus Rom fliehen, Rückkeht 1400 zur Feier des Jubeljahres auf Wunsch der Römer. Es gelingt ihm, als Senator den Venezianer Zacharias Trevisano durchzusetzen. Unterdrückung der Autonomie der römischen Bürgerschaft. Kampf gegen das Schisma; seine Gegenpäpste Clemens vir. und Benedikt xm. 43, 52. BORGO, Tobia dal, hielt dem F. B.1441 die Abschiedsrede in Verona. 16, 181. BOSSORNIUS, Suerius, Professor der Eloquenz an der Universität in Leiden im xvii. Jahrhundert, dem ein Druck De rc uxoria gewidmet ist. 99. BR ACELLI, Sacopo, genuesischer Kanzler. 130. BRACCIOLINI siehe POGGIO. BRUNI (Leonardus Aretinus), bedeutender florentinischer Humanist und Staatsmann. 1370 in Arezzo geboren. Schüler des Chrysoloras in Florenz. Kurz auf dem Konstanzer Konzil. Trifft mit F. B. als Gesandter in Rom 1426 zusammen. Staatskanzler der Republik Florenz. 37, 39, 41, 42, 43, 44, 46, 50, 54, 83, 96, 110—112, 113, 115, 118, 129, 131, 151, 152, 184, 185. BUSIRIS, eine burleske Nebenfigur des Heraklesmythus, Ägypterkönig, der die ins Land kommenden Fremdlinge opferte, bis er von Herakles auf den eignen Altären geschlachtet wurde. 40. BYRON, Lord. 178. CALIGULA. 208. CAESAR, Gaius Julius. 77, 130, 161, 186, 192, 207, 219, 281. CAMILLUS, Marcus Furius, zweiter Gründer Roms nach der Zerstörung durch die Gallier, Diktator undCcnsor. 7i- CANDIDO, Pier = DECEMBRIO. CAPELLA, Febo, Schutzbefohlener des F.B. 259. CAPELLARI, Genealog der venezianischen Adelshäuser, lebt im XTDX Jahrhundert. 14, 15. CAPISTRANO (Abruzzen), Giovanni, Schüler des hl. Bernhardin v. Siena, Kreuzzugsprediger gegen die Türken in Deutschland, Böhmen, Ungarn und Polen. Er suchte in einem Brief die Freundschaft des F. B. 153. CARACALLA, römischer Kaiser. 74. CARBO, Ludovicus, Schüler des Gua- rino, hält diesem 1460 die Grabrede. 38. 123. CARMAGNOLA, Graf von, venezianischer Kondottiere. 148, 184, 186, 187, 193, 194, 206, 232, 255, 263, 281. CARRARA, Stadtfürsten von Padua. 26, 33> 42, 44, 86, 179, 194. — Ubertino da, wird von Pier Paolo Vergerio erzogen; ihm ist dessen De PERSONENVERZEICHNIS ingenuis moribus et liberalibus studiis gewidmet. 86, 96. CASTIGLIONCHIO, Lapo da, Schüler des Filelfo. 54. CASTIGLIONE, Graf Baldassare, italienischer Staatsmann der Hochrenaissance, Verfasser des Buches II Corte- giano. 88. CATALANO, Jacopo, venezianischer Kondottiere während der Belagerung von Brescia. 226. CATO, Marcus Porcius, römischer Cen- sor. 57, 65, 66, 91. CELSO, Lorenzo, venezianischer Doge 1361—65. 191. CESARINI, Kardinallegat auf dem Konzil zu Basel und Ferrara, später beim Kreuzzugsheer in Ungarn; er kommt auf der Flucht nach der Niederlage gegen die Türken um. Poggio hält ihm die Gedenkrede. * Rom um 1398, f 8. xi. 1444. 289, 3i8. CHALLANT, Antoine de, Kardinal, Freund des Zacharias Trevisan d. Alt. 1404 Kardinal,f Lausanne 4. ix. 1418.45. CHRISTINE de Pisan, französische Dichterin, * Venedig 1363, f in Frankreich (1431—40), wo sie seit 1368 lebte. 94- CHRYSOLORAS, Johannes, Neffe des Manuel. 54, 141, 232. — Manuel, byzantinischer Gelehrter und Staatsmann, lehrt die Italiener Griechisch in Florenz, Gesandtschaftsreise an die westeuropäischen Höfe, um Unterstützung für das griechische Kaiserreich gegen die Türken zu erhalten, -f 1416 auf dem Konzil zu Basel. 20, 36f. 38, 49, 50, 52, 54, 56, 86, 88, 147, 318. CHRYSOSTOMOS, griechischer Kirchenvater des IV. Jahrhunderts. 150. CICERO, Marcus Tullius. 21, 28, 30, 31, 38, 53, 56, 59,65, 70, 76, 110,114,120, i 2 7. I3 1 » 135- CINCIUS (Cenzi), päpstlicher Abbrevia- tor und Humanist. 157. CLEMANGIS, Nikolaus, französischer Humanist des XV. Jahrhunderts. 59,93. COLLEONI, Bartolomeo, aus Bergamo, venezianischer Kondottiere. 8, 186, 192, 206, 293, 3o4f., 306. COLONNA, römisches Adelsgeschlecht. 310. — Oddo, Kardinal, siehe Papst MARTIN V. CONCOREGGIO. 307. CONDULMIERI, Gabriele, siehe Papst EUGEN IV. CONTARINI, Federigo, Prokurator von San Marco, staatsmännischer Freund Barbaros, venezianischer Proweditore im Heere mit Ermolao Donato, wird mit diesem bei der Niederlage von Ca- ravaggiö von Herzog Sforza gefangen. 272, 2 74, 2 75> 278. — Gasparino, venezianischer Kardinal während der Gegenreformation. Verfasser eines Buches über den venezianischen Staat. 75, 76, 80, 169. — Niccolö, venezian. Patrizier, spricht bei der Paduaner Disputation vor Barzizza und F. B. 30. — Stefano, siegreicher venezianischer Ad- miral auf dem Gardasee. 250. CONVERSINO, Giovanni da Ravenna, erster Lateinlehrer des F. B. 21, 30, 52- CORBINELLI, Ant., Florentiner. 122. CORNELIUS, P. Cornelius Scipio Afri- canus. 37. CORRADINI, Giovannino, Arzt und Freund des F. B., der im August 1416 seine Grabrede hält. 34. 37 PERSONENVERZEICHNIS CRINITUS, Petrus. 260. CRIVEIXI, Ambrogio, Mailänder Rechtsgelehrter. Es scheint sich bei Ambrogio und Lodrisio um zwei Persönlichkeiten zu handeln, von denen aber unseres Wissens nur Lodrisioi444 in freundschaftliche Beziehungen zu F. B. trat. 233. — Leodrisius (Cribellis). 264. CUSANUS siehe KUES. DANDOLO, Fantino, venezianischer Staatsmann, wird später Bischof von Padua. 183. — Gherardo, venezianischer Nobile, Offizier in Brescia, überfällt den Italiano Furlano in den Alpentälern. 239. — Andrea, venezianischer Doge, Freund Petrarcas. 42. DANTE Alighieri. 8, 11, 51, 52, 78, 79, 195. DECEMBRIO, Pier Candido, der Ältere, Humanist und Diplomat in mailän- dischen Diensten. Seine Invektive gegen Barbaro während der Belagerung von Brescia (232fr.). Später wieder in freundschaftlichen Beziehungen zu F. B. 230—234, 261, 264, 271. — Uberto. 232. DEMETRIUS, alter griechischer Klosterbruder des Ambrogio Traversari. 106. DEMOSTHENES. 30. DERKYLL1DES, spartanischer Feldherr. 72. DESIDERIUS, langobardischer König. 192. DION, syrakusanischer Fürst. 55. DOMINICI, Johannes, Kardinal von Ragusa, Gegner der Humanisten. Sein Werk Lucula noctis gegen Coluccio Salutati und die Regula del governo di cura familiäre an Frau Bartolomea Al- berti. 82, 83, 84, 87, 161, 165. DOMINICUS der Heilige aus Calahorra (Spanien). 60. DONATO, Cristoforo, Podestä von Brescia, Amtskollege F. B.s. 197, 203. 217, 223. — Ermolao, einflußreicher venezianischer Staatsmann. 178, 235, 254, 257, 258, 259. 2 75. 2 78, agi-agS, 302. — Pietro, Studienfreund des F. B. in Padua, nachmals Bischof daselbst. 28. 33- DUODO, Thomas, venezianischer Nobile. 200. ENEA Silvio Piccolomini siehe PIUS II. ENNIUS, römischer Dichter. 37. ERASMUS von Rotterdam. 24, 94. ESTE, Borso d', Markgraf von Ferrara. 190. — Lionello d', Markgraf von Ferrara. Mit 23 Jahren Schüler im Griechischen bei Guarino Veronese. 23, 121, 160, 189, 1 9°> 255, 261 f., 268, 269. — Niccolö d', Markgraf von Ferrara. 188, 189, 255. — Parisina d', Gattin des Markgrafen Niccolö d'Este. 189. — Taddeo d', Offizier Barbaros in Brescia. 190, 210, 223, 225, 226, 242, 243, 257. EUGEN IV., Papst. (Gabriele Condul- mieri.) Ist während seiner Kardinalszeit Barbaros Vertrauensmann an der Kurie. 19,109,112,129,132,133,135, 148, 156, 158, 162, 190, 243, 254, 287, 2 97. 3°9« 3 IO > 3 11 . 3i4-3i6, 318. EURYALUS siehe SCHLICK. 189. EURIPIDES. 66. EYB, Albrecht von, Domherr in Eichstädt, studiert in Italien; er verfaßt ein Ehebüchlein. 94ff., 97, 98. PERSONEN VERZEICHNIS 411 FABIUS Maximus Cunctator, römischer Feldherr im 2. punischen Kriege. 277. FALIER, Marino, venezianischer Doge, der am 17. iv. 1355 wegen staatsverräterischer Umtriebe enthauptet wurde. Vorher 1352—54 als venezianischer Gesandter in Avignon mit Petrarca bekannt. 12, 13, 175. FAUSTINUS siehe GIOVITA. FAVORINUS, spätrömischer Philosoph. 91. FELTRE, Vittorino da, Fürstenerzicher in Mantua. 23, 30, 60, 112, 147, 207. FERALDUS, florentinischer Lehrer des Angelo Acciaiuoli. 107. FERRANTE = FERDINAND (König v. Neapel). 305. FICINO, Marsilio, * Florenz 13. x. 1433, f Coreggi 1. x. 1499, Begründer der platonischen Akademie unter Cosimo und Lorenzo dem Prächtigen. 48, 105. FILELFO, Francesco, Humanist. 54, 102, 119, 129, i3g—147, 168, 280, 300. FILIPPO Maria siehe VISCONTI. — da Rimini, jüngerer Freund des F. B., Zu seiner Klientel gehörig, hält nach Barbaros Tode die Trauerrede auf ihn im Senat. 252, 325. FLAVIO siehe BIONDO. FOSCARI, Francesco, venezianischer Doge. 74. 174—178, 182,190, 240, 289, 298, 324. — Jacopo, Sohn des Dogen Fr. Foscari. 177. ^S, 197» 2 94- FOSCARINI, Lodovico, staatsmännischer Schüler des F. B. 182, 201, 265fr., 269, 295, 300, 3oi—3o8, 3a4., — Marco, gelehrter Doge des xvm. Jahrhunderts, verfaßte ein Werk über die venezianische Literatur. 44. — Niccolö, Schwiegervater des Vaters Candiano B. 14. FRANCISCUS, der hl., von Assisi. 153, 155, 160. FRANZ, Herzog v. Orleans, siehe ORLEANS. FRIEDRICH IL, von Hohenstaufen, römischer Kaiser. 193. — III. 189, 271, 301, 318, 320, 322. FURLANO siehe ITALIANO. GALEAZZO von Arco (Gardasee), kämpft auf mailänd. Seite, wird von den Brescianern gefangengenommen. 239. GASPARINUS Pergamensis siehe BAR- ZIZZA. GATTAMELATA (Erasmo da Narni), venezianischer Kondottiere. 8, 186, 196, 206, 208, 209, 210, 211, ai3f., 215, 225, 238, 243, 244, 245, 247, 2 8o. GELLIUS, Aulus, römischer Schriftsteller des iv. Jahrhunderts. 32. 91. GENTILE da Leonessa, Bruder des Gattamelata, venezianischer Kondottiere, ist auf Barbaros Rat so vorsichtig, sich nicht mit dem Herzog Sforza in einen Kampf einzulassen. Er wird von einem Pfeile getroffen und stirbt. 280 —a8a, 304, 305. GEORGIOS siehe TRAPEZUNTIOS. GIOVANNI da Ravenna siehe CON- VERSINO. GIOVITA e FAUSTINUS, Stadtheilige von Brescia. Sie waren Soldaten, die die Stadt bei einer schweren Belagerung beschützten. 201, 302. — aus Rovigo, Examinator bei der Doktorprüfung des F. B. 33. GIUSTINIANI, Bernardo, Sohn des Leonardo, Geschichtsschreiber und venezianischer Gesandter am Hofe Ludwigs XI. Er schreibt eine Vita seines Onkels Lorenzo. 93, 108, 123, 141. 145. 2 95> 2 9 6 > 2 97> 2 98- 412 PERSONENVERZEICHNIS GIUSTIANI, Leonardo, Schülerdes Gua- rino, venezianischer Patrizier, übersetzt Plutarchbiographien. 39, 50, 51, 54, 106, 108, 121, 127, 141, 145, 146, 157, 163, 164, 178, iggf., 203, 204, 233, 235, 238, 254, 258, 266, 2g5—3oo, 304. — Lorenzo, der Heilige, erster Patriarch von Venedig. 108,158,163,296—299. — Marco Staatsmann, Bruder Leonardos und Lorenzos. Erster venezianischer Podestä in Bergamo, wo ihn Barbaro ablöst, nachdem er ihn vorher brieflich gebeten hat, ihm das schwierige neue Amt durch gute Vorarbeit in Bergamo zu erleichtern. 108, 297, 298, 299. GOETHE, Wolfgang. 20, 8 5 . GONZAGA, Gianfrancesco di, Markgraf von Mantua, venezianischer Generalissimus, dann auf der Seite der Mailänder. Später wieder in freundnachbarlichen Beziehungen zu Venedig. 23, 190, 194, 196,205—208, 207, 210, 247. GREGOR von Nazianz, griechischer Kirchenvater. 109. — XII., Papst. 43. GRIMANI, Raphael, Advokat der vermögensverwaltenden Prokuratoren in deren Erbschaftsprozeß der Mutter Constanza B. 18. GUARINO Veronese, berühmter Humanist und Lehrer, Freund des Hauses Barbaro, fährt nach Konstantinopel, um Griechisch bei Manuel Chrysoloras zu lernen, 1403. Nach der Heimkehr 1408 lehrt er in Florenz, wird 1415 von F. B. abgeholt und im Hause B. in Venedig aufgenommen. Bearbeitet Chrysoloras' Erotemata zum Schulbuch für F. B. Später lehrt er in Verona und Fcrrara. 20, 21—24, 25, 26, 27, 30, 35ff., 38, 39, 41, 42, 43, 44, 47, 50, 54, 55 f., 57, 60, 89, 100, 112, 114, 115, 117, 118, 119, 120,123— 12 6,127, 128, 133, 140, 147, 148, 158, 159, 161, 167, 178, l8of., 184,185, 190,199, 232, 294,297. — Äsop, 2. Sohn. 124. — Battista, Sohn des Guarino Veronese, setzt seine Schule fort, schreibt über die Lehrmethode seines Vaters. 49. — Taddea, die Frau des Guarino Veronese. 123. GUICCIARDINI, norentinischer Staatsmann und Geschichtsschreiber, Freund Machiavellis. 77. GUIDALOTO, Alberto, Jurist aus Perugia, bei dessen Promotion F. B. eine Rede hält. 33. GUIDOBONI da Tortona, Vertrauter des Herzogs Filippo Maria. 256. GUIDONIS, Matthaeus, Abt des Klosters, in dem Traversari lebte (Santa Maria degli Angeli). Er starb am 1. v. 1421. 106. GYGES, König von Lydien. 66. HANNIBAL. 131,214,236,281. HEPHAESTION, Freund Alexanders des Großen. Bei der Gefangennahme der Familie des Darius hielt ihn Atossa für Alexander. 291. HERMAPHRODITOS, Titel der erotischen Gedichte des Humanisten Panormita. 159. HERODOT. 66, 70 (s. Anm. 15). HIERONYMUS, der Heilige, Kirchenvater. 64, 137, 165, 324. HIOB. 164. HIPPOLYTUS. 118. HIRTIUS, A. 65. HUGO, von Sankt Viktor, mittelalterlicher Gelehrter. 65, 66, 67, 69, 82. HUNY ADI, Johann, UngarischerReichs- verweser. 318, 322. HUS, Johannes. 188. PERSONENVERZEICHNIS 413 IGNATIUS von Loyola. 160. ISRAELLO (Bertuccio), venez. Admiral. I2f. IT ALI ANO Furkno, mailändischer Kon- dottiere. 190, 221—225, 228, 238, 23g, 241, 242, 246, 248, 250. JEANNE D'ARC siehe ARC. JESUS CHRISTUS. 68, i55, i 5 6f., 160. JOHANNES (ex Foro Julii). 32. — siehe SPILIMBERGENSIS. JOLY, Claude, Bischof, als Canonicus übersetzt er 1667 De re uxoria und schreibt eine Vorrede. 99. JOVIUS, Paulus, Bischof von Nok, Humanist des xvi. Jahrhunderts. 150. JUST1NIAN, römischer Kaiser in By- zanz. 181. JUVENAL, römischer Satiriker, in Gua- rinos Schule gelesen. 38. KALLIKLES, spartanischer Feldherr 72. KANDAULES, König von Lydien. 66. KARL der Große. 193. — V., der Weise, König von Frankreich. 94. — VII., König von Frankreich. 322. — VIII. von Frankreich, sein Zug zur Eroberung Neapels 1492. 93. KUES, Nikolaus von (Nikolaus Krebs), Kardinal und Philosoph, * Kues (Mosel), f 11. vin. 1464; Kardinal 1448. 30, 48. LACTANTIUS, lateinischer Kirchenvater. 105. LADISLAUS, König von Ungarn und Neapel, Nebenbuhler Sigismunds auf den neap. Thron, verkauft den Venezianern Zara (Dalmatien). 44, 188. LAMOLA, Humanist und Schüler des Guarino. 95. LATINI, Brunetto, florentinischer Staatskanzler während der Jugendzeit Dantes. Arzt und Paduaner Studienfreund des F.B. 78. LEONARDO, Aretino, s. BRUNI. LEONARDI, Niccolö. 28. LEONESSA, Gentile da, siehe GEN- TILE. LIVIUS, Titus, römischer Geschichtsschreiber. Auffindung seiner angeblichen Gebeine in Padua. 34f., 74, 131, 136, 256. LODOVICO gen. il Moro, Herzog von Mailand, aus dem Hause der Sforza, wurde von Ludwig XU. als Gefangener nach Amboise geschickt. 271. LODRON, Paris von, Feudalherr in den Judikarischen Alpen, Bundesgenosse Venedigs. 198, 212, 213, 238, 239, 240, 306. LOLLIO, Alberto. 99. LOMBARDUS siehe PETRUS. LOREDANO, Pietro, Schwiegervater des F. B., venezianischer Staatsmann und Krieger, erobert Dalmatien, besiegt die Genuesen bei Portofino. 19, 167, 172, 188, 196, 240. LOSCHI, Antonio (Luscus), Humanist und Dichter aus Vicenza. Sekretär an der päpstlichen Kurie. 129, 157. LUCREZIA siehe SCHLICK. LUCULLUS, römischer Staatsmann und Feldherr, begünstigte den Dichter Archias. 37, 117, JH. LUDWIG XL, König von Frankreich. 93. — XII., König von Frankreich. 271. — XV., König von Frankreich. 271. LUIGI siehe SAN SEVERINO. LUNA, Pedro da (Gegenpapst in Avi- gnon Anf. xv. Jahrb..). 43. LUSCUS siehe LOSCHI. LYKURG. 72. lag RcJ lankerJ m Ein] :he ital lannigl :r aucl trarcal 1 stellt! ite dej er AnJ Pubiii , Berlirj :eratu freue 1. Sk i VC ie d^ 1er :r e arauä •nige] lilder n z\.i ;s ei lentsj We stiga enge kM Kasselfi RM,' 414 PERSONENVERZEICHNIS MACHIAVELLI. 73 f., 76, 77L, 80,135, 292. MACROBIUS, spätrömischer Schriftsteller. 97. MAFFEI, Raphael, aus Volterra. 51. MAGADEZZI, dei, früherer Name der Familie Barbaro, siehe Marco BAR- BARO. MAINENTI, Scipione, Bischof von Mo- dena. 161. MALATESTA, romagnolisches Geschlecht. 183. — Pandolfo, Stadttyrann von Brescia.193. — Baptista. Ihr widmet Bruni sein De studiis et litteris. 83. MALIPIERO, Pasqualc, venezianischer Doge. 151. MANELMI, Evangelista, aus Vicenza, Mitkämpfer Barbaros in Brescia und Verfasser der Kommentare zu diesem Kriege. 130, 132, 199, 205, 209, 216, 219, 222, 228, 231, 232, 242, 243. MANETTI, Giannozzo, Florentiner Gelehrter und Vertrauter des Papstes Nikolaus v. 320. MANUEL siehe PALEOI.OGOS. MANZONI, italienischer Dichter. 216. MARC(US) ANTON(IUS), römischer Triurnvir. 47. MARERIO, Francesco de, Bischof von Brescia. 202. MARSIGLI, Luigi, Augustiner in Florenz. 104. MARSUPPINI, Carlo Aretino, floren- tinischer Staatskanzler. 91, 129. MARTIAL, römischer Satiriker. 26. MARTIN V., — Papst (als Kardinal Oddo Colonna). 118, 119, 148, 156, 182, 183, 184, 194. MARTINENGO — Leonardo, Bresciancr Parteiführer. 198, 213. MARTINENGO, Cesare, mailändischer Kondottiere aus Brescianer Familie, ■wird von den Brescianern gefangen. 221, 230, 231. MATTHAEUS, Evangelist. 67. MEDICI — Averardo. 102. — Cosimo, Begründer der Herrschaft seines Hauses in Florenz. 36, 91, 102, 103, 104, 107, ii2, 120, 143, 144, 145, 182, a83—293, 313. .— Giovanni de Bicci, dei, florentinischer Bankier und Staatsmann, Vater des Cosimo und Lorenzo. 36, 182,284,291. — Lorenzo de', jüngerer Bruder Cosimos, nächster Jugendfreund des F. B. 36, 55, 61, 90,100-104, 182, 191, 253, 285, 286. — Lorenzo, der Prächtige, Enkel Cosimos de'Medici. 36,105,305. MEHEMMED II., Sultan, erobert Konstantinopel. 319. MEUNG, Jean de, Fortsetzer des Roman de la Rose im xiv. Jahrhundert. 94. MIANI, Pier, Bischof von Vicenza. 43. — Luchina, s. BARBARO, Luchina. MICHELOZZO, Architekt. 287. MINOS. 181. ( MOCENIGO, Andrea, venezianischer Staatsmann, Bruder des Dogen Tom- maso. 35, 125, 189. — Tommaso, venezianischer Doge. 174. MONACI, Lorenzo de', venezianischer Großkanzler in Kandia (Kreta) und Chronist der altvenezianischen Geschichte. 38, 39—41, 45—47, 53, 59, 61, 116, 117, 161. MONTEFELTRO, Federigo da, Herzog von Urbino. 266. MONTE, Picro dei, päpstlicher Kollektor des Peterspfennigs in England, später Bischof in Brescia, studiert in PERSONENVERZEICHNIS 415 Padua, dort Studentenpräses. Als er auf einer Reise in Kriegsgefangenschaft gerät, verwendet sich Barbaro um seine Freilassung. 94, 96, 119, 202. MONTREUIL (Johannes de Monster- dis), Jean de, französischer Humanist des xv. Jahrhunderts, wird beim Einzug der Burgunder in Paris erschlagen. 59. 93- MONZANI (C.) MORUS, Thomas, englischer Humanist und Kanzler im XVI. Jahrhundert. 94. MOROSINI (Maurocenus), Andrea, Kollege Barbaros auf der Gesandtschaft nach Rom. 183. NAPOLEON Bonapartc. 55,81,214. NICCOLI, Johann, Bruder des Niccolö. 110. — Niccolö, florentinischer Humanist, Vertrauter der Medici, sein Streit mit Bruni. 36, 90, 91, 104, 105, 107, 108, 109, 110 f., II3f., 114, 118, 119, izo, 141, 143 f. NIKOLAUS V., Papst (Tommaso Parentucelli). 134, 135, 138, 139, 148, 150, 316-323. ORDELAFFI, romagnolisches Geschlecht, Stadttyrannen von Forll. 128. ORLEANS, Franz von. 99. ORSINI, römisches Adelsgeschlecht. 310. OVID. 85. PALEOLOGOS, Konstantin, letzter byzantinischer Kaiser. 320. — Manuel, byzantinischer Kaiser. 178. PANORMITA, Antonio (Beccadelli), aus Palermo, Humanist am neapolitanischen Hofe, Verfasser des Herm- aphroditos. 136, 159, 281. PAOLI, korsischer Freiheitsheld im xvm. Jahrhundert. 55. PAOLO Veroncse, venezianischer Maler des xvi. Jahrhunderts. 62. PAPINIUS (= L. Papirius Cursor, römischer Diktator). 117. PARENTUCELLI s. NIKOLAUS V. PAULUS, Apostel. 68. — Studentenkomödie von Pier Paolo Vergerio. 96, 152. PEDRO DE LUNA s. LUNA. PERIKLES. 77. PETRARCA, italienischer Dichter und erster Humanist. Sein Brief über die Enthauptung des Dogen Marin Falier, über die Siegesfeierlichkeiten nach der Niederwerfung des Aufstandes in Kreta 1364. 13, 19, 22, 34, 43, 48, 49, 5°. Ji. 52. 53» 59. 97. !5°. *95- PETRUS Lombardus, mittelalterlicher Gelehrter. 68. 69. 82. PHIDIAS. 139. PHILIPP der Gute, Herzog von Burgund. 322. — König von Mazedonien. 65, 66. PICCININO — Jacopo, Sohn des Niccolö. 269, 302, 305. — Niccolö, maiiändischer Kondottiere und Generalissimus. 196, 201, 208, 210, 213, 214, 217, 218, 221—229, 230, 239, 240, 242,245-249,255,256, 257, 260, 263, 269, 281, 284, 290, 310. PICCOLOMINI, Enea Silvio, Humanist, siehe Papst PIUS II. PIUS II. (Enea Silvio Piccolomini). 135, 162, 189, 315. PLATINA, Bartholomeus, Geschichtsschreiber. 206. PLATO. 30, 48, 57, 64, 150. PLOTIN, antiker Philosoph, Begründer des Neuplatonismus. 48. 416 PERSONENVERZEICHNIS PLUTARCH aus Chaeronea. 28, 38, 53, 54. 5 6 > 58, 66, 81, 152. POGGIO, Bracciolini, Humanist und Handschriftensucher, päpstlicher Sekretär. 50, 59, 89, 92, 94, 102, 104, 110, mf., 113, 114, 115—121, 122, 126, 129, 133, 140, 143, 144, 148, 149, 156, 157. i5 8 > 159, 161, 234, 311. POLISCENA, dramatische Figur des Leonardo Bruni. 96,152. POLYKRATES,gricchischerSophist.4o. POMPEIUS, römischer Feldherr und Triumvir. 37. PORCARI, Stefano. 319. POSTUMIUS, römischer Censor. 71. PRIULI, Niccolö de', Schwager des F. B., stirbt an der Pest. 123. PTOLOMAEUS. 185. PUGGIO, neapolitanischer Gesandter. 136. PYRRHUS. 281. QUINTILIAN, römischer Lehrer der Rhetorik, Bedeutung seines Werkes Institutio oratoria. 28, 30, 41, 49, 53, 58, 59, 60, 81, 90, 152. QUIRINO. — (Petrus). 311. — (Taddeo). 311. RAVENNAS, Johannes, siehe CONVERSINI. RENE siehe ANJOU. RICHARD III., König von England. 24. RIENZO, Cola di. 320. ROHAN, Jacqueline de, Gemahlin des Franz von Orleans. 99. RUPRECHT von der Pfalz. 86. SABELLICUS, Marc Anton, venezianischer Geschichtsschreiber 1436—1506. 49, 5°, $!• SALA, Pietro, Brescianer. 204. SALUTATI, Coluccio, florentinischer Staatskanzler. 42, 47, 93, 104. SAMUEL. 277. SANCTA Clara, Abrahama, Prediger des XVII. Jahrhunderts. 323. SAN SEVERINO, Luigi di. 221, 246. SARTEANO, Alberto da (Albertus a Sarthiano), Observant, Schüler des hl. Bernhardin von Sicna. 153, 154, i58—161, 165, 172, 203. SAVONAROLA. 287. SCALA, Fürsten von Verona. 114, 179, 193. SCARAMPO, Kardinal. Scarampo, ursprünglich Arzt, zum geistl. Stande übergetreten (1436—37 Bischof von Trau), 1438 Erzbischof von Florenz, auf das er aber schon im folgenden Jahre zugunsten des Bart. Zabarella verzichtet. — Nachfolger des Kardinal Vitelleschi im Regiment der ew. Stadt. Staatsmännische Verdienste um Eugen iv. 1440 Kardinal von S. Pras- sedo, Patriarch von Aquileia, Came- rarius der Kirche, später Kardinal von S. Lorenzo in Damaso. 148, 162, 244, 3iof., 300, 309, 319, 320, 323. SCARAMUCCIA di Forll, venezianischer Kommandant von Brescia. 227. SCHEDEL, Hartmann, Nürnberger Arzt. 95- SCHLICK, Kaspar, deutscher Reichskanzler; Hauptfigur der Novelle des Enea Silvio Piccolomini: Euryalus und Lucrctia. 188, 194, 196, 231, 244, 271, 3x8. SCIPIO siehe auch CORNELIUS. 161. SENECA. 31. SERVIUS, Virgilkommentator. 38. SEVERINO, Luigi di San, mailändischer Kondottiere. 221. PERSONENVERZEICHNIS 417 SFORZA, Graf Francesco, später Herzog von Mailand. 132, 133, 194, 206, 214, 221, 222, 343, 244, 245, 246, 247, 248, 249, 250, 255, 256, 257, 258, 260, 261, 262, 263, 265, 267, 269, 270—283, 284, 288, 289, 290, 293, 302, 313. — Galeazzo Maria, Herzog von Mailand, Sohn des Francesco. 265. - Lodovico il Moro, siehe LODOVICO il Moro. SHAKESPEARE. 94. SIGISMUND, ungarischer König, später Deutscher Kaiser. 29, 44, 187— 191, 195, 222, 232, 318. SKALIGER, die Herren von Verona della Scala, siehe SCALA. SOKRATES. 40, 56, ioif., 314. SOLON. 181. SPILIMBERGO, Giovanni da, Humanist und Schulmeister um Friaul. 181. STROZZI, Palla, reicher Florentiner, Gegner der Medici, wird nach der Rückkehr Cosimos verbannt und zieht sich nach Padua zurück. 182, 288. SUWOROW, russischer General. 214. SYMMACHUS, Schwiegervater des Boethius. 79. TECK, Ludwig von, letzter Patriarch von Aquileia, der deutscher Herkunft ist. 188, 310. TERENZ. 152. THEMISTOKLES. 160. THEOPHANES, Dichter. 37. THEOPHRAST, griechischer Philosoph, Schüler des Aristoteles, sein sog. gold- nes Buch über die Ehe, eine kurze Stelle, die bei Hieronymus steht. 64. 65. 70. 95- THOMAS siehe AQUINO. THUKYDIDES. 76, 135. THUREAU-DANGIN. TIBERIUS, römischer Kaiser. 259. TIMUR. 318. TIRAQUEAU, Andre, Freund Rabelais', ließ De re uxoria drucken. 98. TIZIAN. 81. TOMMASI, Pietro, Philosoph und Hausarzt Barbaras. S2f., 145, 147, 237, 278£, 306, 307. TORRE, Jacopo della, doctor artium et medicinac aus Forll, Examinator des F. B. bei der Doktorprüfung. 33. TRAPEZUNTIOS, Georgios, aus Kreta, Schutzbefohlener Barbaras, Humanist. 126, 139, 147—i5i, 311. TRAVERSARI, Ambrogio, Kamaldu- lensermönch, später General des Ordens, Freund des F. B. 36, 60, 90, 104—110, 112, 113, 114, 115, 117, 122, 124, 125, 143. I 44, 152» 156. 161. TREVISANO, Zacharias, der Ältere, glänzender venezianischer Staatsmann, Vorbild des F. B. 25, 34, 35, 42, 45, 46, 80, 188, 216, 3oof., — Zacharias, der Jüngere, Schützling und staatsmännischer Schüler des F. B. 26, 42, 43, 44, 46, 3oof., 302, 311. UDINE, Giovanni da. 32. VALERIUS Maximus, antiker Schriftsteller. 71, 97. VALLA, Lorenzo, Humanist, widmet sein Antidoton gegen Poggio dem F. B. 119, 144. VARRO, M. Terentius, römischer Gelehrter. 185. VENIER, Antonio, venezianischer Doge. 14. VERGERIO, Pier Paolo, Humanist, Freund Manuel Chrysoloras' und des Kardinals Zabarella. Verfasser: De ingenuis moribus et liberalibus studiis lag RC. anket m Ein| :he ita lannig :r aucil trarcal 1 stellt ite dei er Anl Publil , Berli es ei! ientat| Werk stigerj rengej klaJ Kassel! 4i8 PERSONENVERZEICHNIS und der Studentenkomödie Paulus. 50, 82, 8f>f., 88, 91, 92, 96, 152. VERGIL Maro, römischer Dichter, aus Mantua gebürtig. 34, 38, 51, 53, 83, 97- VESPASIANO da Bisticci, florenti- nischer Buchhändler, der Lebensbeschreibungen berühmter Zeitgenossen verfaßte. 113, 153. VISCONTI, Bianca, Tochter des Herzogs Filippo Maria, Erbin des Herzogtums Mailand, wird dem Francesco Sforza angetraut. 244,255,256. — Herzog Filippo Maria. 128, 145, 184, 187, 193—198, 208, 209, 212, 230, 231, 2 3 z > 2 43, 244, 247» üä3f., 271, 277, 284, 288, 290, 293, 313. — Gian Galeazzo. 193. VITELLESCHI, Giovanni, Kardinal. 3<>9f., 311. VITTORINO siehe FELTRE. VIVARO, G. A., siehe CAPELLARI. WALLENSTEIN. 221, 305. WOTKE. XENOPHON. 106. ZABARELLA, Francesco, Kanonist. Professor in Padua und Kardinal. 26, 45, 86, 88, 118. — Giacomo. ZAMBECCARI, Abt, studierte in Padua und lernte F. B. im Hause des Podestä Zaccaria Trevisano kennen, der ihn später sich durch eine Hilfeleistung verpflichtete. Schreibt an F. B. während der Belagerung von Brescia aus dem feindlichen Lager. 2i6£, 232. ZANELLI (A.). ZENO, Carlo, venezianischer Admiral. Im Chioggiakriege, als die genuesische Flotte Venedig angriff, erschien er mit der venezianischen Flotte aus der Levante und schlug die Genuesen zurück. Später wurde er bezichtigt, von dem letzten Carrara eine Geldzuwendung angenommen zu haben, und wurde, obwohl unschuldig, schwer bestraft. In seinem zurückgezogenen Alter den humanistischen Studien zugetan. Guarino widmet ihm eine seiner Übersetzungen der Plutarchbio- graphien. 8, 43, 133, 242, 296. — Pietro, Sohn des Carlo, Admiral, wird auf dem Gardasee besiegt. 242. INHALTSVERZEICHNIS 419 INHALTSVERZEICHNIS EINLEITUNG........................... 7 I: HERKUNFT UND JUGEND.................. 11 II: BILDUNGSMÄCHTE..................... 25 III: HUMANISTISCHE ARBEITEN BARBAROS: PLUTARCHÜBER- SETZUNGEN......................... 48 IV: DE RE UXORIA. IDEEN- UND LITERARGESCHICHTLICHE ZUSAMMENHÄNGE..................... 61 V: FRANCESCO BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN . . 100 Lorenzo de'Medici (100) — Ambrogio Traversari (104) — Leonardo Are- tino Bruni (110) — Niccolö Niccoli (113) — Poggio Bracciolini (115) — Guarino Veronese (121) — Flavio Biondo (126) — Filelfo (139) — Georgios Trapezuntios (147) VI: RELIGIÖSE VERTIEFUNG - LAUFBAHN ALS STAATSMANN 152 VII: DIEBELAGERUNG VON BRESCIA..............192 VIII: ALTERSWEISHEIT......................253 Filippo Maria Visconti (253) — Francesco Sforza (270) — Cosimo de'Medici (283) — Ermolao Donato (291) — Leonardo und Lorenzo Giusti- niani(29j) — Zacharias Trevisano d. J. (300) — Lodovico Foscarini (301) Kardinal Scarampo (310) — Die Päpste Eugen iv. und Nikolaus v. (315) ANHANG: STAMMBAUM........................ 329 ZEITTAFEL......................... 330 TABELLE DER LEBENSDATEN................ 342 ANMERKUNGEN....................... 345 BIBLIOGRAPHIE....................... 393 QUELLENNACHWEIS DER BENUTZTEN HANDSCHRIFTEN . 402 PERSONEN VERZEICHNIS.................. 4°5 Im gleichen Verlag erscheint demnächst FRANCESCO BARBARO DAS BUCH ÜBER DIE EHE (DE RE UXORIA) Zum erstenmal verdeutscht von Percj Gothein Nach vielen fachlichen Ausführungen von Medizinern über die Ehe ist es von besonderem Interesse, auch einmal die Ansichten des jungen venezianischen Patriziers zu vernehmen, der vor mehr als 500 Jahren seinem Freunde Medici als Hochzeitsgeschenk seine Ratschläge in dieser bedeutungsvollen Frage niedergeschrieben hat. Hier haben wir endlich das Buch, das wir schon immer als Geschenk bei der Verehelichung unsrer Freunde uns wünschten! Denn wer läse nicht mit geheimem Lächeln, wieviel Kluges und Schönes dieser junge Humanist schon über das Problem aller Probleme zu sagen weiß. Und je länger wir lesen, desto ernster werden wir gestimmt, weil wir erkennen, wie unendlich wichtig es ist, in den Grundfragen des Lebens zur Klarheit und Festigkeit zu kommen. Hier sind die Ursprünge unsrer Kraft: denn nur, wenn das Abendland wieder den Mut aufbringt, die tiefen und großen Gedanken seiner Vergangenheit für die neue Gestalt des Menschen fruchtbar zu machen, wird es alle Auflösung von Osten und Westen bezwingen. Die allgemeine Anteilnahme an Büchern ethischen und erzieherischen Charakters zeigt uns aber auch, wie sehr die Jugend über die Relativierung des letzten Jahrhunderts, wo jeder in der eigenen Problematik ohne Führung sich zurechtfinden mußte, wieder hinausstrebt. Francesco Barbaro stand an der bedeutsamen Wendung vom Mittelalter zur Neuzeit, und wer ihn nach diesem seinem_einzigen Schriftwerk liebgewonnen hat, kann in der gründlichen umfassenden Monographie Gotheins im gleichen Verlag noch Näheres über ihn erfahren. Umfang etwa 7 Bogen PREIS IN LEINEN GEBUNDEN ETWA RM. 5.- i iieHMlfgJlMIUlMl^g Früher erschien im gleichen Verlag ■ Briefe des FRANCESCO PETRARC/1 eine Auswahl übersetzt von Hans Nachod und Paul Stern Der getroffenen Auswahl ist es zu dankenl daß sie das universale Genie zu vollem Ein] druck kommen läßt und diese Epoche itaj lienisch-abendländischer Größe in mannig] fachen Farben illustriert, zugleich aber aucll die große nahe Menschlichkeit Petrarca« mit gutem Recht in den Vordergrund stellt, Quellennachweise, selbst für die Zitate dei Briefschreibers, gibt ein umfangreicher Ani hang und verleiht auch dadurch der Publi; kation wissenschaftlichen Rang. Volkskonservative Stimmen, Berlir Das Buch ist für jeden Freund von Literat"" und Geschichte durch seinen Inhalt freud volles Ereignis und köstlicher Genuß. Sin doch diese Briefe zum ersten Male vct deutscht, und zwar in einer Weise, die dei Geist der lateinischen Vorlagen ungehemmt weiterfließen läßt und in zuchtvoller Bfi herrschung der deutschen Sprache musterhaft erscheint. — Den Briefen vorauf geschickt ist eine Einleitung, die in wenig Zügen die Persönlichkeit Petrarcas schilde und mit einigen falschen Beurteilungen ai rV zuräumen sucht. In umfänglichen Art merkungen wird am Ende des Buches e : sorgfältiger, wissenschaftlicher Komment»' gegeben. So ist das Buch zugleich ein Werls ernster Wissenschaft und schöngeistige! Literatur, das mit Recht wieder zu Strenge! Sachlichkeit und Formstreben des klaj sischen Humanismus zurückweist. Hessischer Kurier, Kassel XLVIII u. 404 Seiten, in Leinen geb. 18 RM| ; [UlPMUPM^PMlilÖ Ii ,A |- m