Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen wird vorbehalten. enn wir die Sache, um die es sich bei diesem Vortrage handelt, statt uns in langen philosophischen Untersuchungen und Begriffszerlegungen herumzudrehen, recht bestimmt und praktisch angreifen wollen, so werde ich den Leser zunächst einmal ersuchen, in seine Tasche zu greifen und das Portemonnaie herauszuziehen; er wird in demselben Papier, Silber und Kupfer — wenn auch nicht im eigenen, indessen vielleicht in dem seines Nachbars — finden, und einen Monat später wird er hoffentlich auch schon einige Goldstücke bei sich tragen. Beim Anblick dieser verschiedenen Geldrepräsentanten wird er sagen, daß es doch eigentlich schwer zu begreifen ist, warum wir im Reichstage und im ganzen heiligen deutschen Reich uns so sehr herumplagen mit der Frage, wie man das Geld und namentlich aus welchem Stoff man es machen soll, da ja von diesen unter einander ganz verschiedenen Stoffen Geld nebeneinander in friedlichster Eintracht und in vollständig gleicher Berechtigung eristirt. Damit der Leser sich überzeuge, daß hier, wie bei allen sinnlichen Dingen, der erste Anschein leicht trügt, will ich ihn zunächst abermals nicht in eine abgezogene Begriffszerlegung hineinführen, sondern ihm ein paar historische Rückblicke vorführen; denn ich liebe nichts so sehr, als die Thatsachen, VII. 1» 16 mäßig, mit geringen Schwankungen, auf dem damals gesetzmäßig festgestellten Fuße von 15^:1, daß es Niemanden einfiel, an dieser gesetzlichen Bestimmung zu rütteln und sich über deren Wirksamkeit im Verkehr zu beklagen. In den Jahren 1849 und 1850 wurden nun die großen kalifornischen Goldminen entdeckt, und, wie es in der Welt sehr häufig geht, daß selten ein Phänomen bestimmter Art vereinzelt zu Tage tritt, kurz nachher wurden die großen australischen Goldminen entdeckt, die in ihrer Weise beinah eben so ausgiebig waren, wie die kalifornischen Minen. Alsbald ergoß sich ein reicher Goldstrom von Amerika und Australien aus über Europa, und die mit staats- und volks- wirthschaftlichen Dingen sich beschäftigenden Menschen geriethen in die größte Aufregung ob der Gefahr, die durch die ungeheuere Vermehrung des Goldmetalles in den Werthverhältnissen entstehen müßte. Die Franzosen waren auch diesmal als Systematiker voran, rasch allgemeine Schlüsse zu ziehen, und ein noch heute lebender Nationalökonom, Michael Chevalier, stieß damals zuerst in die Alarmtrompete und erklärte, daß alle Staaten, welche Goldmünzen beibehielten, dem Ruin aller Verhältnisse entgegengehen müßten, weil wir unfehlbar sehen würden, daß die große Menge Gold die schrecklichste Entwerthung dieses Edel- metalles herbeiführen und eine ganz bedeutende Steigerung der Preise hervorrufen würde. Wenn man die Sache nur so auf dem Papier ansah, so hätte man glauben müssen, daß er Recht hätte, und seine Ueberredungskraft und seine Ueberzeuguugszründe waren so mächtig, daß in einzelnen Staaten die leitenden Männer die Frage ernstlich in Erwägung nahmen, ja das Königreich Holland sich entschloß, die bisdahin bei ihm überwiegend vorhandenen Goldmünzen abzuschaffen und sich der Silberwährung allein zuzuwenden. Etwa 80 Millionen Gold wurden einge- fiSS) 17 schmolzen und zu den unvortheilhaften Preisen, die damals galten, verkauft. Das benachbarte Belgien folgte diesem Beispiele, und in Frankreich erörterte man eifrig und ängstlich die Frage, ob man nicht ebenfalls zu dieser Maßregel greifen und zur alleinigen Silberwährung zurückkehren sollte. Mittlerweile gestaltete sich das Phänomen so, daß das Gold eigentlich nicht im Preise fiel, daß das Werthverhältniß zum Silber dasselbe blieb und daß eine Verschiebung nur in der Weise eintrat, daß in den Ländern, die früher Silber und Gold neben einander hatten, das Silber allmählich verschwand und das Gold an dessen Stelle trat. Eine gewisse geringe Verminderung des Goldes im Preise auf dem Weltmarkte der Edelmetalle ging natürlich nebenher; ohne eine solche wäre, das oben bezeichnete Phänomen nicht denkbar gewesen; sie war aber im Verhältniß zu dem in Kalifornien und Australien produzirten Golde äußerst gering. Frankreich sah im Laufe von 5 — 6 Jahren seine auf 3 —S000 Millionen geschätzte Geldcirkulation, die bis dahin beinah ausschließlich aus Silber bestanden hatte, nach und nach in eine Goldcirkulation sich verändern. Das Silber wurde immer seltener im täglichen Verkehr, bei Zahlungen sah man nur noch 10- und 20Frankgoldstücke und das Silber war ganz auf den Kleinverkehr der Scheidemünze zurückgedrängt, die allgemeinen Preisverhältnisse waren aber ungefähr dieselben, die zwischen Gold und Silber etwas geringer als 15:1, das Silber war ein bischen theurer geworden, aber nicht so sehr, daß man es im Kauf und Verkauf der gewöhnlichen Lebensbedürfnisse bemerkte. Man hatte also vollständig Grnnd, sich Glück zu wünschen, daß man dem Rathe der Männer vom Fach damals nicht gefolgt war, die Praxis hatte die Theorie bei Seite geschoben, und man machte die Entdeckung, daß das jetzt weit und breit zirkulirende Gold ein viel vortheil- VII. 161. 2 (5S9) 18 hafteres und bequemeres Umlaufsmittel sei als das Silber. Momentan traten dann wieder Umstände ein, welche geeignet waren, dem Hrn. Michael Chevalier und seinen Gesinnungsgenossen einigermaßen Recht zu geben. Durch politische Ereignisse verbunden mit Naturerscheinungen der verschiedensten Art, abermals zeigend, wie oft Phänomene verwandter Gattnng zusammentreffen, entstanden abnorme Bedürfnisse nach Silbergeld. Das erste Phänomen bestand in dem Ausbruch des Krieges zwischen den nördlichen und südlichen Staaten der amerikanischen Republik. Wir wissen, daß ganz Europa, namentlich England, den größten Theil vielleicht seiner Arbeiter mit der Verarbeitung der Baumwolle ernährt, daß diese Baumwolle beinah ausschließlich aus Südamerika kam. Der Krieg und die damit verbundene Blo- kade bewirkten, daß die Zufuhr von Baumwolle plötzlich aufhörte, und daß die Industrie von Nord- und Westfrankreich, in einem Theile von Deutschland, in England und den übrigen Ländern Europas, welche sich auf Baumwollenverarbeitung eingerichtet hatten, in der Millionen von Kapital steckten und Hundert- tauseude von Arbeitern beschäftigt waren, plötzlich dem Untergang geweiht schien. Man mußte sich nach anderen Bezugsquellen umsehen, und fand diese zum kleinen Theile in Nordasrika, namentlich in Aegypten, besonders aber in Ostindien. Dort hatten die Engländer, im Borgefühl jener amerikanischen Katastrophe, seit Jahren gesucht, sich vou der amerikanischen Baumwollen - Produktion zu emancipiren (es war ihnen jedoch beiläufig nicht gelungen, diejenige Art zu ziehen, welche für die feineren Zweige der Fabrikation nöthig ist, die sogenannte lonZ stalle). Da nun kein Rohmaterial von Amerika zu beziehen war, mau aber ohne Baumwolle nicht auskommen konnte, so wandte man sich volsus volsQs nach Indien. Hier trat nun die eigenthümliche csg») Erscheinung hervor, daß, während man Amerika theils mit Waaren, theils mit Gold bezahlt hatte, sich in Indien das Verhältniß ganz anders stellte. Der Austausch mit Waaren nach dem großen Indien ist nicht so bedeutend als nach dem civilisir- ten Amerika; aber abgesehen davon müssen wir das Phänomen festhalten, daß der weit entlegene Orient das Gold als Münzenmetall noch sehr wenig kennt; China, Japan, Indien kennen eigentlich nur Silbermünzen. Daher kam es, daß man, um diese Baumwolle zu beziehen, die so nöthig ist wie das tägliche Brod, sich Silber verschaffen mußte, um sie zu bezahlen, und nun wurde es in allen Ritzen, Löchern und Spalten, wo es nur aufzufinden war, ausgesucht, aufgekauft und nach Indien zu Millionen versandt. — Ein zweites, fast gleichzeitiges Phänomen war die Krankheit der Seidenwürmer in Italien. Bis dahin hatte Europa für seine Seidenverarbeitung, also namentlich Süd- frankreich, besonders die Provinz Lyon, unsere rheinischen Provinzen, besonders Krefeld, Elberfeld:c., selbst England den größten Theil der Rohseide aus Italien bezogen, wo in verschiedeneu Provinzen, in Piemont und der Lombardei, Jstria und Friaul, im Kirchenstaat und in der Provinz Neapel, in Sicilien, namentlich um Palermo, Messina und Catanea, ein ganz bedeutender Seidenbau besteht. Die Krankheit der italienischen Seidenwürmer zwang die Industrie nun wieder, sich des Rohmaterials wegen nach dem Orient zu wenden, wo China und Japan Seide produziren. Zur Bezahlung der Produzenten war wieder Silber nöthig, nnd es entstand eine Schwankung der Edelmetallpreise, welche das Silber im Verhältniß zum Gold gegen die Durchschnittspreise der letzten 50 Jahre etwa um 3 pCt. hinaustrieb. Dies war ein momentaner Triumph für die Unglückspropheten Chevalier und Genossen, aber es währte nur so lange, bis der 2 * (SSl) 20 amerikanische Krieg beendigt und die schlimmste Noth der Seidenwürmer in Italien vorüber war, umsomehr als die Engländer gezwungen auch den Versuch gemacht hatten, die Asiaten mit dem Golde als Münzmetall zu befreunden. Dieser Versuch gelang indessen nicht, es gingen einmal 100 Millionen nach Indien, aber es griff nicht durch. Trotzdem der Anblick des Goldes für uns einen größeren Reiz hat, konnten sich die zäheren Orientalen, die an das Silber gewöhnt waren und au dem Althergebrachten mehr hängen, nicht damit befreunden, und es mußte in letzter Zeit der Versuch wieder aufgegeben werden, die Goldmünzen im fernen Orient weiter einzubürgern. Mitte der sechsziger Jahre, als die beiden Katastrophen der Hauptsache nach überstanden waren, waren auch Gold und Silber wieder in das alte Preisverhältniß gekommen. In jene Zeit und etwas früher fielen nun die in nächster Nähe gemachten Versuche, eine praktische Münz-Reform und Organisation einzuführen theils in Europa, theils im eigenen Vaterlande. In Deutschland war ja die kleinstaatliche Misere in Alles eingedrungen, und nicht am wenigsten in das Geldwesen, und nur durch den Beschluß, den der deutsche Reichstag in dieser Sache gefaßt hat, können wir hoffen, Dank der Schaffung eines neuen deutschen Reiches auch diesem Unwesen ein seliges Ende zu bereiten. Wir hatten bis 1857 ich weiß nicht mehr wieviel verschiedene Münzgattungen, und an jedem Schlagbaum begann eine neue Rechnung und ein noch häßlicheres Geld, namentlich im Punkte der Scheidemünze und des Papiergeldes, die an Häßlichkeit nicht ihres Gleichen haben aus beiden Hemisphären. Im Jahre 1857 vereinigten sich nun die deutschen Staaten, um in dem Wirrwarr wenigstens etwas auszuräumen; auf der Münz- konserenz zu Wien in genanntem Jahre wurden unter anderem (5S-) die sogenannten Doppelthaler gleich 3^ Gulden vereinbart, die uns Allen ja bekannt sind, in denen ein gewisses gemeinsames Maß lag; statt der alten Mark, auf die 14 Thaler gingen, wurde ein modernes Maß festgesetzt, das Pfund, aus dem einzelne 30 Silberthaler geprägt werden sollten; ferner wurde den Staaten die Verpflichtung auferlegt, schlechte Mnnzgattungen einzuziehen und „die aus ihren Münzstätten hervorgegangenen Münzen, wenn sie durch den Umlauf allmählich unter das zulässige Passirgewicht herabgesunken sind, — sofern sie nur keine Spuren absichtlicher oder gewaltsamer Beschädigung an sich tragen — zum vollen Nennwerth einzulösen und auf diese Weise den gesetzlichen Münzfuß, soweit menschenmöglich, unverändert aufrecht zu erhalten". Bis zu einem gewissen Grade wurden so Verbesserungen und auch eine gegenseitige Ueberwachung eingeführt. Seitdem hat eigentlich die offizielle Politik die Sache nicht weiter in die Hand genommen, bis der norddeutsche Reichstag sich in Verfolg der Maß- und Gewichtsordnung damit befaßte. Der Bundesrat!) des norddeutschen Bundes hatte dann die einheitliche Regelung der Münzverhältnisse nicht nur für Norddeutschland, sondern für Gesammtdeutschland in Aussicht genommen, und zur Vorbereitung dieser Gesetzgebung durch Beschluß vom 3. Juni 1869 für den Herbst 1870 eine umfassende Enquste über die Münzfrage angeordnet. Der Krieg verhinderte die Ausführung dieses Beschlusses. Während die Sache offiziell ruhte, ruhte um so weniger der volkswirthschaftliche Geist, der mächtig rege geworden ist in Nord- und Süddeutschland. Alle volkswirtschaftlichen Kongresse nahmen in eingehender und lebhafter Diskussion die Sache in die Hand und verlangten für ganz Deutschland die Unifikation und rationelle Einrichtung des Münzwesens. Damals beschäftigte mau sich noch nicht mit der Frage, ob Gold- oder (SS3> 22 Silber- oder Doppelwährung, und wenn man diese Verhandlungen liest, so muß man gestehen, daß dabei in Aussicht genommen war, daß Deutschland ausschließlich Silberwährung haben sollte. Wieder trat die Sache in eine politische Phase. Von Frankreich, das nach seinen Launen bald .Krieg, bald Bruderliebe der Welt dekretirte und das auch das schöne Ideal eines sämmtlichen civi- lisirten Völkern gemeinsamen Münzweseus in die Welt hineinwarf, wurde im Jahre 18K5/6K ein Kongreß behufs Regelung dieser Frage nach Paris berufen, mit den üblichen Beglückwüu- schungsansprachen eröffnet, und versucht, alle europäischen und amerikanischen Staaten zur Festsetzung eines allgemeinen, internationalen Münzsystems zu veranlassen. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Reihe von Grundsätzen aufgestellt, deren erster war, daß man nicht ausschließlich Silber, sondern gerade ausschließlich Gold, nicht beide neben einander zur Grundlage der Münzsvsteme der modernen Staaten machen solle. Das klingt einigermaßen überraschend nach den Ueberzeugungen, die 15 Jahre früher von Frankreich ausgegangen waren, allein Thatsachen beweisen und die Erfahrung belehrt auch die hartnäckigsten Systematiker und so auch die Gegner der Goldwährung, daß das Gold eine unwiderstehliche Gewalt hat, sich in den Gebrauch der modernen Welt einzuführen. Wie illusorisch und unberechtigt die Befürchtung war, daß die große Produktion von Gold den Werth des Silbers Herabdrücken müßte, dafür will ich, um nicht das Gedächtniß des Lesers mit vielen Zahlen zu belasten, von denen ich eine ganze Reihe aufführen könnte, nur eine Ziffer anführen. Im Jahre 1851 war die jährliche Gesammtförderung von Gold nach sorgfältig angestellten Untersuchungen auf 50 Millionen Thaler geschätzt, im Jahre 1867 war dieselbe angewachsen auf etwa 400 Millionen Thaler, also ungefähr auf das Achtfache. Nehmen cs»4) 23 wir aber den Preis, zu dem eine Unze Silber auf dem Welt- und Geldmetallmarkte in London ge- und verkauft wurde, so war derselbe im Jahre 1851, bei einer Produktion von 50 Millionen, 6I/^Peuce per Unze und im Jahre 1867, bei der achtfachen Produktion, KI^Pence per Unze: also bei der achtfachen Goldproduktion sogar eine Schwankung zum höheren Preise hin! Woraus ist dieses Phänomen zu erklären? Ganz einfach daraus, daß das Gold auch sehr geeignet ist, sich dem Gebrauche in un- seiem modernen Geldverkehr anzupassen, daß es auf einer sehr viel größeren Fläche, als jemals angenommen werden konnte, Eingang fand und auch im größten Maße zur Verwendung kam, und daher auch die Nachfrage nach demselben in noch größerem Maßstabe zuuahm als die Erzeuguug desselben. Die Gründe liegen auf der Hand, weshalb Gold sich soviel mehr dazu eignet, als Geld verwandt zn werden, denn Silber. Der einzige Grund kann schon genügen, daß es soviel mehr werth ist, daß man soviel geringere Gewichtsmengen zu dem gleichen Geldzweck braucht. Dies ist von Bedeutung sowohl für nns, die wir es in den Taschen tragen müssen, wie in noch höherem Grade für den Baarverkehr im Welthandel, denn es liegt auf der Hand, daß die Summe, die der jetzige Geldverkehr in Anspruch nimmt, in Gold soviel leichter hin- und hergeworfen werden kann, als Silber, und damit im Handel und Verkehr große Transportkosten und Schwierigkeiten erspart werden. Im Welthandel ist eine Million Thaler nicht viel, und da wird es vielleicht nicht uninteressant sein, zu hören, wieviel deren Gewicht in Silber und wieviel es in Gold beträgt. Hat man die im Weltverkehr um mäßige Summe von einer Million Thaler zu versenden, so hat man ein Gewicht von 36V Centner Silber, oder mit Verpackung etwa 400 Ctr., zu dessen Fortbewegung man drei Volles) geladene Eisenbahnwagen haben muß; wogegen dieselbe Sendung Gold nur circa 23 Centner wiegt und entsprechend geringere Kosten macht.*) Ein großer Vortheil der Goldmünzen ist auch der, daß die Goldmünzen viel schöner bleiben, sich weniger abnützen und sich vollkommener ausprägen. Dies Alles erklärt uns das Phänomen, daß das Gold gegenüber den modernen Bedürfnissen eine so allmächtige Gewalt hat, und so ist es nicht mehr in Frage zu ziehen und kaum mehr in Frage gestellt, daß das Gold das Münzmetall der Zukunft ist. Die Bemühungen der Pariser Konferenz vom Jahre 1865 waren vergeblich, insofern man eine internationale Münze einzuführen bestrebt war; die Franzosen sagten einfach: wir wollen ein internationales Münzsystem machen; Europa möge unser System annehmen. Das ist sehr bequem. Allein nur die der sogenannten lateinischen Münzkonvention nach Frankreichs Vorgang beigetretenen Staaten Italien, Belgien und die Schweiz adoptirten das Frankensystem; die großen Handelsvölker Amerika, England und namentlich auch Deutschland erklärten nach gewissenhafter Untersuchung, die Annahme dieser oder einer anderen bestehenden Münze als international sei mit zuviel Schwierigkeiten verbunden. Von deutscher Seite wurde auch besonders das Bedenken geltend gemacht, daß nicht alle Staaten, so z. B. England und die Staaten der lateinischen Münzkonvention, die Pflicht zur Einlösung der durch die regelmäßige Abnutzung zu leicht gewordenen Goldmünzen anerkennten. Bereits ehe der französische Krieg ausbrach hatten alle Sachverständigen die Ueberzeugung, daß es ein vergebliches Bemühen sei, nach Erreichung des idealen Zustandes im Münz- wesen, einer Weltmünze zunächst zu streben, bei allem Reiz, ') Prince Smith, Stenographische Berichte, Seite 25->!> unten. (sss) ^ welchen ein einheitliches, über die ganze gesittete Welt verbreitetes Münzsystem dem menschlichen Geiste bietet. Unter solchen Umständen trat an uns die Aufgabe heran, endlich auch die sieben im deutschen Reiche bestehenden Münz- systeme, und zwar sind dies: I. Der Thalerfuß, der Thaler eingetheilt in 30 Groschen zu 12 Pfennigen, in Preußen (mit Ausschluß der Ho- henzollernschen Lande und Frankfurt a. M.), Lauen- burg, Anhalt, Braunschweig, Oldenburg, Sachsen- Weimar, Schwarzburg-Sondershausen und Rudol- stadt Unterherrschaft, Waldeck, in den Reußischen Fürstenthümern, Schaumburg-Lippe, Lippe; II. Der Thalerfuß, der Thaler eingetheilt in 30 Groschen zu 10 Pfennigen, im Königreich Sachsen, Sachsen-Gotha, Sachsen-Altenburg; III. Der Thalerfuß, der Thaler eingetheilt in 48 Schillinge zu 12 Pfennigen, in Mecklenburg-Schwerin und Strelitz; IV. Die Kurantwährung, die Mark-Kurant eingetheilt in 16 Schillinge zu 12 Pfennigen, in Lübeck und Hamburg — wo außerdem für den Großhandel eine aus Feinsilber in Barren begründete besondere Hamburger Bankvaluta, 59^ Mark auf das metrische Pfund Feinsilber, besteht —; V. Der Süddeutsche Münzfuß, der Gulden eingetheilt in 60 Kreuzer, in Bayern, Württemberg,Baden,Hessen,Hohen- zollern, Frankfurt a.M., Sachsen-Meiuingen, Sachsen- Coburg, Schwarzburg-Rudolstadt Oberherrschaft; VI. Die Thaler-Goldwährung, der Louisd'or oder die Pistole, gerechnet zu 5 Thaler und der Thaler eingetheilt in 72 Grote zu 5 Schwären, in Bremen; (S97) ^; VII. Das Französische Frankensystem, der Frank eingetheilt in 100 Centimen, in Elsaß-Lothringen, zu einem zu verschmelzen und auf ein rationelles System zurückzuführen. Ein rationelles System in Maßen, Gewichten und Münzen nennt aber die Gegenwart übereinstimmeudermaßen heute das sogenannte Dezimalsystem, d. h. ein Zählungssystem, welches sich ganz an unser Rechnungssystem anschließt, welches ja seine Additiousreihen nach I, 10 und 100 macht. Es würde uns das Rechnen auf dem Papier und im Kopfe ja ganz außerordentlich erleichtern, wenn wir nicht mehr wie bisher mit den Unterabteilungen 12, 30, 60 zu rechnen brauchten, sondern mit 1, 10, 100, 1000, so daß wir ans dem Papier die verschiedenen Werthmengen nur mit Hülfe der Kommas zu unterscheiden haben. Das war also ausgemacht, nachdem auch in Deutschland die Ueberzeugung durchgedrungen war, daß ein internationales System keine Aussicht auf Verwirklichung und Durchführung habe, weder in Amerika, noch in England, daß wir auf unsere nächsten Bedürfnisse sehen müßten und uns der Bequemlichkeit des Ueberganges aus dem alten in ein neues Münzsystem auch nicht wegen der geringen Hoffnung auf ein künftig noch zu erzielendes universelles System berauben dürften. Aus diesen Gründen beschloß man die Schaffung einer nationalen Münze, beschloß aber auch, dafür nicht den alten Thaler anzunehmen, weil er sich nicht dem rationellen Systeme anschließt, aber doch eine Münze, die möglichst wenig Unzuträglichkeiten im Verhältniß zu den alten Münzen dem deutschen Volke auferlegen und die Gewöhnung an die neue Münze möglichst erleichtern sollte. So sind wir zu der Mark, gleich 10 Silbergroschen, als Rech- nungseinheit gekommen; es werden also in Zukunft aus einem Pfunde Silber 90 Mark ausgebracht werden, statt wie bisher 30 Thaler. Der norddeutsche Thaler, der süddeutsche Gulden, (598) ^7 der Bremer Goldthaler, der Hamburger und Lübecker Schilling, sie alle werden aufhören. Das Werthverhältniß der neuen Münzen zu den eben genannten wird folgendes sein. Es wird gerechnet das Zwanzig-Mark-Stück zum Werth von Thalern oder 11 Fl. 40 Kr. süddeutscher Währung, 16 Mark 10z Schilling Lübischer und Hamburgischer Kurantwährung, 6 Thaler 1^5 Grote Gold Bremer Rechnung; das Zehn-Mark-Stück zum Werthe von 3^ Thalern oder 5 Fl. 50 Kr. süddeutscher Währung, 8 Mark 5^ Schilling Lübischer und Hamburgischer Kurantwährung, 3 Thaler ^ Grote Gold Bremer Rechnung. Es ist ein wenig bekannter Umstand, der sogar in den Debatten des Reichstages unerwähnt blieb, daß in dem Hamburger Amt Ritzebüttel die Mark genau in dem Werthe gilt, wie wir sie einführen wollen; sie hat dort eben bis jetzt als ein verborgenes Veilchen im Stillen geblüht. Es ist bis jetzt allerdings noch nicht beschlossen, diese Silbermünzen, die das Geld der deutscheu Zukunft sein werden, schon nächstens auszuprägen und einzuführen, indeß das dem letzten Reichstag zur Beschlußfassung vorgelegte Gesetz war eben auch nur ein Gesetz, betreffend die Ausprägung von Reichsgoldmünzen; und daß dieses zuerst vorgelegt wurde, liegt in der eigenthümlichen Konstellation, die der französische Krieg, resp, der darauf folgende Friede in Europa herbeigeführt hat. Dadurch daß Frankreich auferlegt ist, eine so große Kriegsentschädigung wie 5,000,000,000 Franks innerhalb weniger Jahre auszuzahlen, ist in den Schuldverhältnissen von Land zu Land die Lage entstanden, daß die Wechselkurse zu Gunsten Deutschlands sich mit großer Beharrlichkeit stellen müssen. Es sei mir erlaubt, mit ein paar Worten zu erklären, wie dieses im ganzen mystisch klingende Verhältniß, das sehr viele prakticiren, aber nur wenige verstehen, eigentlich beschaffen ist. Der Austausch der Dinge im internationalen, im (5SS) W Welthandel wird nur zum geringen Theile durch Baarzahlungerc vermittelt; keine Summe der vorhandenen Edelmetalle würde genügen, um die außerordentlichen Massen von Natural- und Industrie-Produkten, welche unter den verschiedenen Ländern und Erdtheilen zugleich ausgetauscht werden, baar zu bezahlen. Die Ausgleichung geschieht so, daß sämmtliche Länder der Welt auf den verschiedensten Kreuz- und Umwegen mit einander kompen- siren: es findet im Großen statt, was im Kleinen im sogenannten L!IsÄrillA-Iiou8s in London stattfindet. Die englischen Bankiers haben in den Geschäften die Erleichterung eingeführt, daß im Laufe des Tages keiner den anderen bezahlt, sondern über die etwaige Forderung an den Berechtigten eine schriftliche Anweisung ausstellt. Am Abend kommen die Bankiers oder deren Clerks zusammen im (AsarillA-bonss und tauschen die Checks aus, A eine Anweisung auf B, C eine solche auf D ?c., und so findet sich, daß von 100,000 L Schulden und Forderungen vielleicht 99,000 L sich ausgleichen, ohne daß man den Geldbeutel zu öffnen braucht. Ganz so geschieht es durch Wechsel im Weltverkehr. Eine Forderung für in ein anderes Land gelieferte Waare wird dadurch besorgt, daß der Verkäufer einen Wechsel auf den ausländischen Empfänger ausstellt, den dieser zu zahlen hat; die Wechsel werden dann unter einander kompensirt, ge- und verkauft, und so bilden die Wechsel eigentlich die Hauptsubstanz der Austauschmittel, das Geld des großen Weltverkehrs — baare Ausgleichungen sucht der Handel in der Regel zu vermeiden. Ist nun das Verhältniß zwischen zwei Ländern so, daß sie von einander nahezu gleichviel kaufen, so werden sich die Forderungen im Laufe bestimmter Fristen ausgleichen, und der Wechselkurs steht dann so, daß man nicht die Kosten daran setzen kann, das wirkliche Metallgeld in das andere Land zu schicken, sondern weil es wohlfeiler ist, Papier per Post zu schicken, dieses für (600) ^9 Zahlungen ankauft. Tritt aber der Fall ein, daß ein Land mehr kauft, als es an andere Theile der Welt verkauft, so daß es also keine genügenden Kompensirmittel hat, so muß es zu dem äußersten Mittel greifen, daß es nämlich in Geld bezahlt resp. Barreu dorthin schickt. Eine Folge dessen ist, daß das Geld in dem betreffenden Lande rar wird, der Zinsfuß steigt, die Preise fallen, und erst nach und nach, wenn die Preise wieder soweit gewichen sind, daß auch fremde Länder wieder von demselben kaufen können, stellt sich allmählich das alte Niveau zum Ausland wieder her. Ich habe dies nur angedeutet, um zu zeigen, wie die Kursverhältnisfe zu Gunsten Deutschlands stehen, und daß an Geldexport nach fremden Ländern unsererseits nicht gedacht werden kann, denn wir haben das Geld nicht nur von Frankreich zu bekommen, sondern auch von den dritten Nationen, die sich leihweise an der Schuld Frankreichs an uns betheiligen, und wir werden sobald nicht in die Lage kommen, Metall nach dem Auslande zu schicken. Dieser Umstand erleichtert uns die Einführung des neuen Münzsystems. Bisher bestand immer die Besorgniß, daß, wenn wir Gold als Münze einführten, wir stets fürchten müßten, sehr bald dies ins Ausland wandern zu sehen. Das Moment nun, daß durch die Zahlung der Kriegsentschädigung die Wechsel und Kursverhältnisse bedeutend modifizirt — nicht, daß wir durch die Kontribution bereichert sind, denn ein großer Theil derselben wird für die Armeebedürfnisse angewiesen werden müssen, und, die indirekten Opfer einbegriffen, hat der Krieg uus wohl mehr als die 5 Milliarden gekostet — macht es Deutschland so bedeutend leichter, zu einer guten Münzreform vorzuschreiten. Die in nächster Zeit auszuprägenden Münzen werden zuvörderst die Zehn-Mark-Stücke gleich 3^ Thaler und die Zwanzig-Mark-Stücke gleich 6z. Thaler sein. Was die Prägung betrifft, so wissen wir sSVU aus den Debatten des Reichstages, daß es sich darum handelte, ob das Bildniß des Kaisers auf allen Münzen zu schauen sein solle oder ob sie das Bildniß des Landesherren, beziehungsweise das Hoheitszeichen der freien Städte, in deren Münzstätten resp, für deren Rechnung die Münzen geprägt werden, tragen sollen. Ich hätte eigentlich am liebsten vorgeschlagen, das Bildniß derjenigen Landesherren, die solches nicht verlangen, darauf zu setzen, allein da dieser Vorschlag wahrscheinlich nicht den Beifall der Mehrheit des Hauses gefunden hätte, so verzichtete ich darauf, und es wurde allen einzelnen Fürsten überlassen, sich zu verewigen. Die neue deutsche Neichsgoldmüuze, die wir demnächst begrüßen werden, wird also auf der einen Seite den Reichsadler mit der Inschrift „Deutsches Reich" und mit der Angabe des Werthes in Mark, sowie mit der Jahreszahl der Ausprägung, auf der anderen Seite das Bildniß des Landesherrn, beziehungsweise das Hoheitszeichen der Städte, mit einer entsprechenden Umschrift und dem Münzzeichen tragen. Der Durchmesser des Zehn-Mark-Stückes wird wahrscheinlich 1'^ Millimeter, der des Zwanzig-Mark-Stückes 2^ Millimeter sein. Sie werden die Vorläufer der neuen Silbermünzen sein, über deren Ausprägung hoffentlich im nächsten Frühjahr ein Gesetz vorgelegt werden wird, das uns dem großen Ziele zuführen soll, endlich für den Verkehr des deutschen Volks im Handel und Wandel eine den Anforderungen gesunder Wirthschaft und guten Geschmackes angepaßte Zeichensprache in einheitlicher Gemeinverständlichkeit zu besitzen. («--)__ Drnck von Gebr. Nnger (Th. Grimm) in Berlin, Tchöiiebcrgsrur.iße I7->. In demselben Verlage sind erschienen: Die Neuen Reichs-Goldmünzen und äie Deutle Mark als Rechnungs-Einheit. Von K. I. Kamecke. Verfaffcr des Scdnellrcchncrs:c. Preis 6 Sgr- Aiisfübrliche Z l n s - T a d e!! e n fiir die neue Deutsche Mark. Von A. F. Kauiecke. Verfasser des Schncllrechncrs, der metrischen Quadrat- und Knbiktabellcn :c. Preis 10 Sgr. aass unä Gewirkt in alten nnd neuen Systemen. Von vr. G. Karsten. Preis 6 Sgr. Das W e t e r - W a a sz in seiner Anwendung für Deutscükanä. Darstellung des decimalen metrischen Systems von Dr. W. K MHN. Zweite Auflage. Preis 6 Sgr. Hierzu außer dem Text 2 Tafeln. ^ Taf I. Meter oder Stab. ^ „ II. Lrter, Barometer und Preis 6 Sgr. I Thermometer. Grundlinien einer decimalen