.-V ^ Herr von Msmarck von Ludwig Warnöerger, Mitglied des Zollparlaments. Aus dem Französischen übertragen von K. A. Von dem Verfasser durchgesehen und bis auf die neueste Zeit fortgesetzt. Als Einfettung: Deutschland, Irankreich und die Wevolution. Breslau, Ernst Günther's Verlag. 1868. Das Recht der Uebersetzung in moderne Sprachen wird vorbehalten. Deutschland, Irankreich und die Flevotution ^s könnte ungerechtfertigt, ja beinahe anmaßend erscheinen, die Studie, welche zur Belehrung eines französischen Leserkreises aus deutschen Quellen gearbeitet worden, nach Deutschland selbst hineintragen zu wollen. Auch hätte sich der Verfasser niemals dergleichen beikommen lassen, wäre nicht die Versuchung in Gestalt eifriger Ver- lags-Anträge wiederholt an ihn herangetreten. So lange' nur wohlwollende Rathschläge zur Uebersetzung aufforderten, hielten die entgegenstehenden Bedenken aus; allein die Anerbietungen der Leute vom Fach konnten schließlich nicht anders als über den Widerstand triumphiren. Denn wer möchte mit besserem Fuge verlangen, daß man seinen: Urtheil über die Wünsche und Bedürfnisse des Publikums Vertrauen schenke, als derjenige, welcher Jahr aus Jahr ein die Lesewelt beobachtet und ihr die Leistung eines Dritten nicht bieten kann, ohne seine eigene Haut dabei zu Markte zu tragen? — Mit jeder neuen Sonne, welche über die eben umgestaltete Lage IV der deutschen Dinge heraufgeht, gewinnen die Wechselbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland einen so zusehends wachsenden Einfluß auf den Gang unsrer eignen Geschicke, daß es nachgerade übrigens an triftigen Gründen nicht gebricht, um einer Darstellung, x welche dem gebildeten französischen Publikum gewidmet war und das Glück hatte, einiger Beachtung theilhaftig zu werden, das Auftreten in der Heimath zu gestatten. Auch darin theilt Deutschland das Schicksal Italiens, daß es weder sein Gebiet von Außen nach Innen zusammenlegen noch eben dadurch seine eingeborne Kraft entfalten kann, ohne bei dem französischen Nachbarn gegen die wahren oder eingebildeten, jedenfalls aber altüberlieferten Bedingungen der Selbsterhaltung heftig anzustoßen. Wie neuerdings oft erinnert worden, ist ja das System des , Europäischen Gleichgewichts wesentlich eine französische Schöpfung, welche vielmehr auf das Uebergewicht Frankreichs berechnet war. In dem Ausgangspunkt steckte von Geburt der Vorbehalt, Mittelpunkt zu werden. Natürlich muß deshalb dem französischen Anhänger des Systems auch jede Verringerung des Uebergewichts wie eine bedrohliche Untergrabung des Gleichgewichts selbst vorkommen. Der Gedanke, den Gang der Welt — und Europa war damals die Welt — wie wenn es sich um ein Uhrwerk handelte, mit Gewicht- - steinen in ein ewig gleichmäßiges Tiktak zu reguliren, entspricht übrigens dem Ordnung und Symmetrie liebenden Sinn dieser Nation, die so vielen Respekt vor Geist und Verstand hat, daß sie glaubt V Leben und Natur ganz mittelst der Methode beherrschen und einrichten zu müssen*). Zu dieser allgemeinen Lebensrichtung kommt noch die dem Franzosen eigenthümliche Rücksicht auf das wohlerworbene Recht, dessen Autorität bekanntlich vielleicht nirgends größer ist als bei diesem, für seine Wetterwendischkeit verrufenen, Volke. Am deutlichsten läßt sich das in der Gesetzgebung und Praxis des bürgerlichen Rechts verfolgen. Wer mit dem bei uns aus der römischen Rechtslogik her eingebürgerten Grundsatz groß geworden, daß jeder Mensch innerhalb der natürlichen Sphäre seiner Glieder sich nach Belieben drehen und wenden kann — gui surs suo utitur nerninom easckit —, wer einmal das Treiben und Ringen einer englischen oder amerikanischen Welt voll Selbsthülse vor Augen gehabt, dem kommt es hart an, wenn es ihm überhaupt gelingt, sich in die Beschränkungen hineinzufinden, welche zum Schutz des Ganzen, oder —was hier gleichbedeutend ist — zum Schutz wohlerworbenen Einzelrechts, der individuellen Bewegung auferlegt werden. Das vergleichende Studium der Patentgesetzgebung in England, Deutschland und Frankreich bietet einen lehrreichen Einblick in die Abstufung von Lebensmuth, mit welchem je eine der drei Nationen ihren Bürger dem Treiben der Wellen und *) Wie anschaulich spiegeln sich nicht die Licht- und Schattenseiten dieses heiligen Eifers auf dem Grundgedanken des noch uom Convent geschaffenen „Instituts": II pour tonte la köpulrligne un Institut national edargä gekommen, welche von den zwei Nationen der anderen in den Waffen überlegen sei? ; Aber neben und über den Schichten, welche nur nach höher tönenden Formeln für ihre banalen Empfindungen suchen, bewegen sich die Denkenden der Nation; zwar an Zahl und unmittelbarem Einfluß zurückstehend, aber nichtsdestoweniger in der Werkstätte ihres Geistes die Bereiter der Substanz, welche tropfenweise in das Meer der öffentlichen Meinung hinabfließend, im Verlauf der Zeiten dessen Inhalt umwandelt. Ein beträchtlicher Theil dieser auserwählten Bildungsklasse war es nun wiederum, die gänzlich unter die Herrschaft der Vorstellung gerieth, daß es europäische Menschenpflicht sei, der Wendung, welche die deutschen Dinge genommen hatten, entgegen XVI zu treten. Bereits seit langen Jahren von der Ueberzeugung durchdrungen, daß der wiederhergestellte Napoleonismus ihr eigenes Vaterland auf die Länge dem Verfall entgegenführe, und durch die Reihenfolge der vor ihren Augen vorübergezogenen Erscheinungen mit Untergangsideen erfüllt, waren sie natürlich aufs vollständigste dazu vorbereitet, in den Vorgängen jenseits der Grenzen die Bestätigung, die Ausdehnung, die Fortbildung der tödtlichen Krankheit zu sehen, von welcher erst ihre Heimath und nun mit Deutschland auch die andere Herzkammer des Festlandes ergriffen worden. Sie erhoben die warnende Prophetenstimme, daß unser Volk von dem, ihrem eigenen so verderblich gewordenen, Blendwerk, der brutalen Gewalt sich abwende; daß die bis dahin so geistig fromme Germania nicht auch vor dem bluttriefenden Moloch in den Staub sinke. Schmerzlichen Tones riefen die, welche das bücherschreibende und liedersingende Deutschland in ihrem sicheren Ueberlegenheitsgefühle aufrichtig verehrt hatten, uns ihr Lt tu Lruta! von der Seine über den Rhein herüber. Es kam ihnen das Alles um so natürlicher, als im Punkte unserer deutschen Angelegenheiten ihnen ja nichts am Herzen zu liegen brauchte als deren allgemein menschliche Wichtigkeit; nichts in die Augen stach als deren allgemein menschliche Physiognomie. Weder wußten sie, noch verlangten sie zu wissen, welchem häuslichen Elend besonderer Art unsere Kur galt. Sie gewahrten von dem Phänomen, welches die Vorgänge bei uns ihnen boten, nur die Seite, welche sie ob der Aehnlichkeit und Verwandtschaft mit ihrem eigenen Uebel interessirte und waren XVII halb bestürzt und halb erfreut uns von ihrer eigenen Krankheit ergriffen zu sehen, mit der hieraus folgenden Nothwendigkeit, nun entweder dem gemeinsamen Ende oder der gemeinsamen Rettung entgegen zu gehen. Auf diesen Punkt konzentrirten sich daher die Angreifer von allen Seiten, denn dies Gebiet war eben vor Allem ein gemeinsames. Hier stand der Eine wie der Andere über der Höhe der nationalen Befangenheit; hier war der Franzose nicht der Eifersucht, der Deutsche nicht der vaterlandslosen Partheisucht verdächtig, wenn sie einander gegen die Neuerer beistanden, welche das Heiligthum der Freiheit und Kultur in seinen Grundvesten bedrohten. Was da Ehrliches und Zweideutiges, Fanatisches und Mißvergnügtes unter den schreibgewandten Gegnern Deutschlands war, das warf sich darum mit aller Schlauheit und Energie des Partheigeistes aus die Ausbeutung dieser stets so dankbaren Kunst, sittliche Entrüstung und blinden Schrecken zugleich zu verbreiten. Den Unglücksprophezeiungen von der Seine antworteten die Weheruse vom Neckar her. Nichts war leichter, als das historische Analogon beizubringen, welches ein unentbehrliches Hilfsmittel der höheren Untergangsknude ist. Der Inbegriff aller freien Regung war aus gutem Grunde seit Menschengedenken auf dem europäischen Festlande in dem Symbol der Revolution zusammengefaßt worden; das Bekenntniß zu diesem Symbol knüpft natürlich immer an dessen ersten und mächtigsten Ausdruck an, d. h. an die große Umwälzung vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Einmal das 2a XVIII Thema gefunden, daß Preußen nur das Schwert gezogen habe, um das Prinzip und die Nachlassenschast der Revolution zunächst in Deutschland und dann im übrigen Europa zu befehden, ließ es sich mit einiger Phantasie in alle möglichen Einzelheiten durchführen. Wilhelm I. war der wiedererstandene Friedrich Wilhelm II., umgeben von den aus dem Grabe zurückgekehrten Ministern und Generalen der Invasion von 1792. Man muß eingestehen, daß von allen am meisten Herr von Bismarck zu diesem Spiel hilfreiche Hand geboten hatte. Nicht etwa, weil er zwanzig Jahre vorher in untergeordneter Stellung das Kreuz gegen die Revolution gepredigt; sondern weil er noch in der neuesten Gegenwart bei manchen Gelegenheiten sich der Stichworte vielfach bedient hatte, welche dem Fanatismus für die revolutionäre Ueberlieferung einen berechtigten Anhaltspunkt liefern, weil sie den Fanatismus auch gegen dieselbe verewigen. Obwohl zur Zeit längst über den engen Gesichtskreis dieses bornirten Standpunktes hinaus, hatte er es nach seiner Weise oftmals für gut befunden, mit solchen Redensarten da um sich zu werfen, wo er ihnen wirksame Zauberkraft zutraute und wo es ihm eben diente, Vertrauen einzuflößen, um die Aufmerksamkeit von den eigentlichen Zielpunkten seines Vorhabens abzulenken. Auch brauchte man nur die Hand auszustrecken um Belege die Menge herbeizuholen, mittelst deren darzu- thun war, daß es ihm mit solchen Aeußerungen bitterer Ernst gewesen sei. Die ganze lange Konfliktszeit von 1862 bis 1866 war überall nur in diesem Sinne verstanden worden, und was konnte bei XIX einer von nah und fern darauf vorbereiteten Denkart sicherer Eingang finden, als die Behauptung, Alles habe den: alleinigen Zweck gegolten, jeglichem Streben nach Freiheit den Fuß auf den Nacken zu setzen und ein System des Absolutismus herauszuführen, dem das Soldatenthum und nichts als dies, zugleich Mittel und Zweck sei. Damit war nebenbei im nämlichen Momente bewiesen, daß die Preußische Regierung ihre Arbeit als nur zur Hälfte gethan und folglich nicht als in Sicherheit gebracht ansehen konnte, so lange nicht auch die letzten revolutionären Kräfte in Frankreich mit Stumpf und Stiel ausgerottet wären. Zwar konnte sie nicht wohl dem Verdacht anheim fallen, in dein Kaiserthum einen prinzipiellen Gegner, ein Regiment zu erblicken, das bedenklichen Neuerungen oder gar dem Fortschritt hold und darum ihr ein Dorn im Auge wäre. Aber man weiß ja, wie gerade die in der Ueberlieferung der großen und kleinen Revolutionen vollständig aufgehenden Partheien in Frankreich auch zu aller Zeit sich am Vorabend eines neuen Ausbruchs fühlen. In dieser Gewißheit, auf die ihr ganzes Leben eingerichtet ist, mußte es ihnen als erste Pflicht fürsorglicher Selbsterhaltung erscheinen, bei Zeiten die Macht erdrücken zu helfen, von der es ihnen sicher stand, daß sie nur weiter rüste, um am Tage nach der Wiederaufrichtung der Freiheit im Sturmschritt gegen Paris zu marschiren. Für diejenigen endlich, welchen alle diese Eventualitäten nicht fest oder nicht nahe genug standen, um aus ihre Entschlüsse unmittelbar einzuwirken, waren andere Hilfsargumente 2a,' XX zur Hand. Man wies ihnen nach — und die deutschen Bundesgenossen des revolutionären Chauvinismus waren mit ihrer philosophischen Ader dazu besonders geschickt — wie auch im Kaiserthum immer noch genug von der Erbschaft des Convents stecke, wie namentlich vorn Grundsatz demokratischer Gleichheit noch so viel aus dem Bankerott der guten Zeit,gerettet sei, daß diese Ueberreste schon hinreichten, um selbst noch aus den: imperialen Frankreich für die übermüthigen und fanatischen Junker, denen das neueste Preußen mit Haut und Haaren zugefallen, einen Gegenstand des Gräuels zu machen. Dank diesem Aufwande von philosophischen und geschichtlichen Zusammenstellungen mußte es gelingen, einen großen Theil der tonangebenden freisinnigen Stimmen in Frankreich mit hinzureißen in den Schreckensruf: Ilanuibal ante xorktm!*) Wer da weiß, wie fest und glaubensstark der französische Geist überhaupt an einmal für ') Unter allen bei dieser Auseinandersetzung erhobenen Stimmen ist keine entfernt so berechtigt und fesselnd als die Edgar Quinet's, der Deutschland in Sprache, Literatur und Leben von lange her kennt. Wie er bei entschiedenem Freisinn sich einen unabhängigen Standpunkt zur französischen Revolution geschaffen hat, so schwang er sich auch zu einem freien Urtheil über die deutschen Ereignisse empor. Wenn schon seine Hauptrichtung und Gründe praktischer Opposition ihn dazu drängen, die für Frankreich gefahrvollen Ergebnisse der deutschen Machtenfaltung herauszukehren und dabei auch — an seiner Stelle mit vollem Recht — das unfreie Element in der deutschen Bewegung in den Vordergrund zu schieben, so entfaltet er, wie man sehen wird, doch für den wahren und lebensfähigen Inhalt derselben einen empfänglichen, gerechten, großen Sinn, von dem nicht ein einziges Körnlein in unseren katonischcn Landesprodukten zu finden ist. Unter dem Titel „Frankreich und Deutschland" veröffentlichte er (im „Temps" vom An- schön und rühmlich geltenden Lehrsätzen hängt, und ivie diese Neigung gerade den geheiligten Ueberlieferungen der großen Revolution zu gute fang Januar 1807) zwei große Aufsätze, welche, ihres anziehenden Inhalts wie der Meisterschaft der Behandlung wegen, der Zukunft aufbewahrt zu werden verdienen. Wir müssen uns hier leider darauf beschranken, die bezeichnendsten, unseren Gegenstand zunächst berührenden Stellen wiederzugeben. Den ersten Ausgangspunkt für seine Betrachtungen liefert Quinet eine Stelle aus einem älteren Werke, das er schon im Jahre 1831 schrieb (^Ilemagno vt Itallo, Th. VI). Die wahrhaft prophetischen, fünfunddreihig Jahre vor den: deutschen Kriege gesprochenen Worte verdienen auch hier vorausgeschickt zu werden. Sie lauten: „In Preußen geschah es, daß die alte Unparteilichkeit und das politische Weltbürgertum einem reizbaren und cholerischen Nationalittttsgefühl Platz machten. Hier zuerst hat die Parthei des Volkes ihren Frieden mit der regierenden Macht geschlossen. In der That giebt diese Regierung den Deutschen heut zu Tage das wonach sie am meisten trachten: die Selbstthätigkeit, das wirkliche Leben, ein Gemeinwesen mit Initiative. Sie befriedigt ihren rasch aufgekommenen Sinn für materielle Kraft und Geltung. „Der preußische Despotismus ist gescheit, regsam, unternehmend; es fehlt ihm nur an einem Mann, der bei Hellem Tag seinen aufgehenden Stern wahrnehme und erkenne; er lebt eben so sehr von Wissen als von Unwissenheit. Zwischen dem Volk und ihm besteht ein geheimes Einverständnis;, die Freiheit zu vertagen und in gemeinsamer Arbeit die Erbschaft des großen Friedrich zu vermehren. Daneben gereicht es dem preußischen Despotismus zu einem unbestreitbaren Vortheil, der zu seinen Gunsten tausend Fehler aufwicgt, daß er des Vorrechts theilhaftig ist, mit seiner Hand die Demüthigung Frankreichs vollbracht und ihm die langjährige Schmach des westphälischen Friedens zurück bezahlt zu haben; denn er weiß, daß er es ist, der bei Waterloo dem Genius Frankreichs die Flügel brach. „Die Einheit, das ist der tiefe, fortlaufende, nothwendige Gedanke, der dieses Land beschäftigt und nach jeder Richtung durchdrängt. Religion, Recht, Handel, Freiheit, Despotismus, Alles was jenseits des Rheins existirt, treibt auf diese Lösung hin. „Welches ist der herrschende Gedanke, der in diesem Augenblick unter jedem XXl! kommt, die ja in der That auf so viel gerechten Stolz Anspruch gibt, der mußte berechnen können, daß es ein überaus dankbares Bemühen Dache lebt? Dieser Gedanke ist die Einheit der Erde des deutschen Vaterlandes; der Ruf nach Beseitigung der künstlichen Grenzen, hinter welchen sie und ihre Erzeugnisse abgesperrt sind, ohne Band, ohne mögliche Industrie. „Diese Einheit ist nicht eine Uebereinstimmung von Leidenschaften, die jeder Tag zerstört, sondern das nothwendige Entwickelungsprinzip der Civilisation des Nordens. „Und wir, die so guten Grund haben zu wissen, welche Macht den Ideen zukommt, wir schliefen mit dem Gedanken ein, daß jenes Streben niemals den Ehrgeiz besitzen würde, aus dem bloßen Bewußtsein zum Willen, aus dem Willen zu Thaten überzugehen, und nach gesellschaftlicher wiepolitischer Gewalt zu verlangen. Nun kommt es dennoch, daß diese Ideen, statt unkörperlich zu bleiben, vor unsern Augen aufstehen wie der eigentliche Genius einer ganzen Nasse; und diese Rasse selbst ordnet sich der Diktatur eines Volksstammes unter, der zwar nicht aufgeklärter ist als sie, aber bcgehrungssüchtiger, hitziger, anspruchsvoller, geschäftstüchtiger. Sie legt in seine Hände ihren Ehrgeiz, ihr Gelüste nach Wiedervergcltung und Ländererwerb, nach schlauer Staatskunst, nach Gewaltthat, Ruhm und Herrschaft gegen Außen. Also ist es wahr, daß zu dieser Stunde der Norden im Begriff ist aus Preußensich ein Werkzeug zu schmieden? Ja, und wenn man ihn gehen ließe, so würde er langsam und von hinten es vortreiben zum mörderischen Anfall auf das alte Frankenreich. Die germanische Welt wartet nur noch auf eine Gelegenheit und nochmals, welches ist der Staat, der im Namen Deutschlands dazu aufgestellt ist, dieser Gelegenheit aufzulauern? Es ist derjenige, welcher an seinem Gurt die Schlüssel unseres Territoriums trägt und Frankreichs Glück in seinem Verließe gefangen hält." Nachdem Quinet sich mit diesem Citat aus alter Vergangenheit eine allerdings umviderlegliche Legitimation zur Urtheilsbefähigung über die heutigen Verhältnisse ausgestellt, fährt er fort: „Gestützt auf dieselben Ideen, die Alles bestätigt hat, bin ich versucht auch über die Gegenwart hinauszuschauen; und ich frage zunächst: Was wird aus dieser neuen Macht werden, die, gestern erstanden, heute schon alle Geister beschäftigt? Vor Allem halten wir für ausgemacht, daß diese Gestaltung der deutschen Einheit sein würde, diesen Nerv zu reizen. Noch immer ist in den Denkgewohn- heiten dieser systematischen Köpfe die Verwandtschaft mit ihren Vor- von keiner Gewalt der Erde mehr kann gehindert werden. Sie hat ihren Flug genommen mit der Wnrfkraft einer Kanonenkugel. Sie wird sich weder durch Zeitungsartikel noch durch diplomatische Noten aufhalten lassen, es fehlte ihr Nichts als an einer Gelegenheit in die Welt zu kommen; diese Gelegenheit ist ihr gegeben worden. Es handelt sich in Zukunft für sie nur noch um's Wachsen, und diese Schwierigkeit ist gar Nichts, verglichen mit der ersten. Fragt man, warum diese gewaltige Einheit, seit so lange vorbereitet und angekündigt, so viel Zeit gebraucht habe, um endlich sich zu verwirklichen, und was Preußen abhielt schon früher sein Glück zu versuchen, so antworte ich: Was die preußische Regierung so lange zurückhielt und ihr die Lust zu einem werthvollen Wagniß benahm, das war die Besorgniß irgendwo auf ihrem Wege der Revolution zu begegnen. Die Ab- schwächung der Gewissen müßte nur, dächte man, den Philosophen betrüben. Aber in Wirklichkeit war diese moralische Leere dazu angethan, indem sie täglich wuchs, einem großen Ehrgeiz freie Bahn zu machen. Die preußische Regierung hat das Verdienst und den Scharfblick gehabt zu verstehen, daß diese moralische Auflösung der Geister auch die Kraft der Intelligenz vermindert^ hatte; daß das ein kostbarer Augenblick sei, den man benützen müsse; daß die Gemüther dem gehören, der zuerst von ihnen Besitz ergreift; daß der Erfolg eines Tages über Alles entscheiden werde; daß die Feindseligsten die Diensteifrigsten werden würden, sobald sie nur die Kälte des Stahls gefühlt hätten. Preußen zog aus und siegte. Alsobald beugten sich die Geister. Die Einheit Deutschlands, die nicht in Recht und Gerechtigkeit zum Werden kommen konnte, entsprang aus einem Kriege, der anfänglich verabscheut, aber sobald er gelungen war, mit Beifall begrüßt wurde. — — — Wie dem auch sei, das deutsche Reich ist gegründet. Ich kann mir leicht denken, daß es in vielen Punkten gerade gegen das Ziel vorgehen wird, welches seine nächsten Urheber im Auge hatten. Sie glaubten den Interessen einer feudalen Adelsparthei zu dienen. Man wird nicht erstaunen dürfen, wenn das Gegentheil sich erfüllt. Keine Nationalität hat sich entfaltet, ohne daß die Industrie mit ihr zugleich gewachsen sei, und das Wachsthum der Industrie hat zur ersten Folge die Aristokratie einzuschränken und herabzudrücken. Deutschland wird dieser bis jetzt XXIV fahren zu entdecken, deren Parlamente und gelehrte Korporationen nicht blos die kleinsten religiösen, sondern auch wissenschaftliche Ketzereien mit Rad und Galgen verfolgt wissen wollten. ausnahmslosen Regel sich nicht entziehen. Die zerstreuten Theile des teutonischen Ganzen nähern und verschmelzen sich; der allgemeine Reichthum wird zunehmen, der erbliche Einfluß der großen Familien wird sich verlieren. „Die Junkerparthei wird sich mit ihren eignen Waffen verwundet haben. Welches kann übrigens der Charakter eines der deutschen Nasse auferlegten preußischen Despotismus sein? Ich würde mich sehr verwundern, wenn er dahin gelangte, aus dieser Rasse die geistigen Bedürfnisse auszurotten und sie am Denken zu verhindern. — — — — — — — — — - - — — — „Im Uebrigen opfern die Deutschen in diesem Augenblick die Freiheit nicht einzig dem zeitlichen Wohlergehen, dem Gewinn, sondern der Idee der nationalen Größe. Ueberzeugt auch, daß ihnen die Leitung der Geister in Europa anheim gefallen, halten sie längst für ausgemacht, daß Alles von ihnen ausgeht, Wissenschaft, Kunst, Dichtung, Philosophie; daß die Menschheit ihre Schülerin geworden. Was fehlte noch zu dieser intellektuellen Herrschaft, die zu besitzen sie sich einbilden? Die Macht. Sie haben sie jetzt erstritten. In ihren Augen handelt es sich nicht blos um ein Reich mehr, das in die Welt gekommen, sondern es gilt die Aera der Germanen an die Stelle der lateinisch-katholischen Aera zu setzen, deren Völker hinfüro in den Hintergrund gedrängt werden. — — — — — „Welche Veränderung wird das Erstehen eines deutschen Vaterlandes in die Welt einführen? Schwerlich wird es dem militärischen Geist gelingen, in germanischen Landen alle Kraft in sich aufzusaugen, wie das so leicht bei lateinischen Völkern geschieht. Selbst die Urplötzlichkeit mit der der Sieg von Sadowa vollbracht worden, wird verhindern, daß sich Legenden und Vergötterungen zu Gunsten des Siegers ausbilden. Der Schlag war so blitzähnlich, daß er den Persönlichkeiten nicht die Zeit ließ, in der Einbildungskraft der Massen den Grund zu ihrer Unsterblichkeit zu legen. Uebrigens artet bei den Deutschen der Kriegsruhm nicht in's Abergläubische aus, weil er von dem Ruhm der Reformatoren, der Dichter und der Künstler überstrahlt wird. Luther, Göthe, Schiller, Beethoven werden nimmer unter Blücher stehen. Der Glanz der Uniform, der andere Völker faszinirt, XXV In der Blüthezeit der Renaissance wurde der gelehrte Drucker Estienne Dolet gemäß Urtheils des Pariser Parlaments auf der Place ist jenseits des Rheins nicht die wirksamste der Zauberkräfte. Darum kann ich mir ein Reich denken, welches, obschon mit dem Zündnadelgewehr gegründet, doch nicht ganz im Militarismus aufgehen würde. Trotz ihm blieben noch andere Kräfte als das Schwert. Schwerer zu berechnen ist, was aus dem unermeßlichen teutonischen Stolz werden wird, wenn ihm Nichts im Wege steht und er von der Höhe seiner neuen Siege herab die lateinischen Nationen wie ebenso viele Zwerge am Fuße einer festen Burg erblickt. Ich sehe dann für diesen großen Körper die Gefahr der Selbstgefälligkeit. Wohin möchte sie ihn nicht verleiten? Wenn er zugleich an's baltische Meer und an die Donau anrühren wird, welche Gedanken, welcher Ehrgeiz wird da nicht in dem Riesen erwachen? Wie wird er der Verblendung entgehen? So gewaltig und so neu, welche Versuchung sich nun seinerseits mit der Welt zu messen und, aus dein Reich der Träume hinaustretend, nach Königreichen mit Händen zu greifen? Mit einer eisernen Stirnwehr von Holstein bis Tyrol, kommt es schwer an, nur bescheidene Gedanken zu hegen und darauf zu verzichten, daß man den Arm über den Rhein hinüber ausstrecke. Selbst wenn die Mäßigung den Sieg davon trüge, wer würde daran glauben wollen? Wie oft wird nicht Frankreich aus dem Schlaf auffahren, vermeinend die Tritte seines riesigen Nachbars zu hören! Oder gar wenn es ohne Vorsichtsmaßregel einschläft, so wird dies das Zeichen einer tätlichen Abspannung sein, und welche Versuchung alsdann für die deutsche Welt, daraus Vortheil zu ziehen! So ist in allen Fällen die Gefahr für uns gleich groß. Ob sie nun in den Einbildungen oder in der Wirklichkeit vorhanden sind, darauf kommt wenig an, die Gegenwart scheint der Zukunft unausbleibliche Stürme vermacht zu haben." Mit diesen Worten schließt Quinet das, was er den deutschen Gesichtspunkt nennt und geht zu dem französischen Gesichtspunkt über. Er schildert in seiner malerischen, erschütternden und doch natürlich fließenden Sprache, wie sich Frankreich ganz unvorbereitet im Geiste von der mächtigen Schicksalswendung habe überraschen lassen. Er warnt davor, sich dem Gedanken hinzugeben, daß das neue germanische Reich dem Westen zum Schutz zwischen ihn und den Osten getreten sei. Deutschlands Sympathien, sagt er, gehen noch immer nach Rußland hin, an dessen Seite es bei Leipzig gesiegt, und seinen alten Groll gegen Frankreich sei es noch nicht los geworden. Keine Rettung denkbar gegen die Gefahr, die für Frank- XXVI Mailbert verbrannt, iveil er fünf Worte ans einem Gespräche Plato's zwar ganz wörtlich und richtig, aber nicht in dem Sinn übersetzt hatte, wie die theologische Fakultät sie um der Unsterblichkeit der Seele willen verstanden wissen wollte. Und dennoch war dieser an sich schon unglaubliche Verdammungsgrund nur der Vorwand, um an dem Missethäter für ein anderes Verbrechen Rache zu nehmen, nämlich für die Sonderstellung, welche er in dem philologischen Streit über die ciceronianische Literatur (Scaliger, Erasmus rc.) zum Aer- ger der herrschenden Schule eingenommen hatte. In derselben Zeit geschah es, daß dem Philosophen Petrus Raums wegen der Behaup- reich aus dieser neu erstandenen Welt droht, als in der Zurückeroberung seiner verlorenen Freiheit: „Fragt Ihr worum es sich handelt? Das ist leicht zu sagen. Es handelt sich um den Anbruch einer neuen Welt, die sich eben offenbart und den sesten Vorsatz hat, in allen Dingen Euch überlegen zu werden. Allerdings versichern Euch die preußischen Liberalen des Gegentheils, und ich glaube gern an ihre Aufrichtigkeit. Sie betheuern Euch, daß diese großen Menschenmasscn längs und jenseits desRheius nur zu Euerem Vortheil in Bewegung gesetzt werden, und daß nur um Euern Schlummer zu hüten eine Million deutscher Soldaten schlagfertig dasteht an Euerer Schwelle und auf dem Fricdcnsfuß. Diese selbigen Liberalen erklären, Ihr könntet ruhig schlafen; sie stehen Euch für die Ereignisse, sie verbürgen Euch die Zukunft, als wenn zum Mindesten die Gegenwart ihnen gehörte. Ich würde gern ihre Bürgschaft annehmen, wenn sie die Herren im Hause wären. Aber sind sie es? Haben sie die Ereignisse gemacht? .... Alles ist ohne sie und trotz ihnen geschehen. Wer sagt Euch, daß es nicht morgen oder übermorgen ebenso gehen wird? .... Sie Habensich zu der Parthei des Stärker» bekehrt, und sie versprechen Euch die Gunst ihres Einflusses bei dem Verhängnis;, dem sie selbst sich unterwerfen. Aber wenn diesselbige Verhängnis; eines Tages Euern Untergang wollte, so hinderte Nichts, daß sie sich ihm mit noch mehr Geduld und Philosophie unterwürfen!" XXVII tung, Aristoteles habe die Logik nicht richtig definirt, der Prozeß gemacht und in den Straßen von Paris unter Tronunelschlag ein königlicher Urtelsspruch ausgerufen wurde, besagend, sothaner Ramus sei hiermit ob jener Aeußerung für einen verwegenen, anmaßenden, schamlosen, unwissenden, .böswilligen, lästersüchtigen, verlogenen Menschen erklärt. Und diesem Urtheil warf man nur das Eine vor, daß es zu gelinde ausgefallen sei, wie denn auch an König Franz I. eine Petition erging des Jichalts: „daß er bei seiner bewährten Liebe zu den Wissenschaften und feinern Wohlwollen für deren Lehrer doch jenen Menschen zu den Galeeren zu verdammen die Gnade haben wolle"! Es ist als ob auf die aus der Revolution hervorgegangene politische Bildungsform etwas von jenen: eifersüchtigen und unerbittlichen Geiste überkommen wäre, der allmählig aus der wiedergefundenen aristotelischen Weisheit die alleinseligmachende wissenschaftliche Religion des Mittelalters, und besonders des französischen, gemacht hatte. Hier wie dort war seiner Zeit der Welt ein unschätzbares Reich neuer Erkenntniß aufgethan worden, dessen Würdigung, vom Gefühl der Dankbarkeit ausgehend, aber gehegt von Selbstgefälligkeit, nach und nach ins Einseitige und Veraltete hinüberwucherte und damit die Nothwendigkeit einer Kritik und Emanzipation herausforderte, die ihrerseits wiederum von den strengen Anhängern der herrschenden Schule als Abfall und Entsittlichung verklagt wurde. Das geistige Vermächtniß der großen Revolution war in Frankreich allgemeines Nationaleigenthum und damit auch ein Heiligthum geworden; denn „heilig ist das Eigenthum". Jede XXVIII Abweichung, welche unter den folgenden Regierungsformen eingeführt wurde, erschien demzufolge den treuen Anhängern als ein Nückfall in die vorrevolutionäre Zeit und steigerte nur um so mehr ihre Treue und ihren Glaubenseifer. Diese feurige Ueberzeugung anzuschüren, waren in der neuesten Zeit noch mancherlei Anlässe- hinzugetreten. Jahrzehnte hindurch lebte man in der Gewohnheit, die Angriffe auf das revolutionäre Bekenntniß so zu sagen nur von hinten, d. h. nur von der Seite kommen zu sehen, welche der geistigen Aufklärung oder dem politischen Fortschritt mehr oder weniger abhold war. Allgemach hatte sich aber auch von vorne der Feind gezeigt. Es war in Frankreich eine junge Schule aufgekommen, welche im Namen der Freiheit zunächst mit den Ausschreitungen und den Urhebern der Schreckenstage aufs strengste zu Gericht ging, dabei jedoch nicht stehen blieb, sondern in verschiedenen Abstufungen mit ketzerischen Gedanken gegen die gesammte Leistung der Revolution sich hervorwagte. Die nächste Rechtfertigung nahm diese Kritik von der Thatsache, daß Frankreich nach Verlauf von achtzig Jahren sich in einer der kläglichsten politischen Lagen befand, deren die moderne Welt jemals Zeuge gewesen, also dem Ereigniß, welches als der Wendepunkt seiner neuen Geschichte dasteht, eben keine besondere Heilskraft innegewohnt haben könne. Die, welche sich noch am wenigsten gegen den herrschenden Kultus auflehnten, begnügten sich, in ihrer historischen Stellung die Parthei der Girondisten zu ergreifen; des Näheren ausführend, wie der unglückselige Verlauf der ganzen späteren Entwicklung vorn Direktorium an bis zum heutigen XXIX Kaisertum nur der Niederlage und der Austilgung der gemäßigten Republikaner zuzuschreiben sei. In den Reihen der Strenggläubigen, welche von dem Gegenstand ihrer Verehrung unmöglich soviel Preis geben konnten und welche — wie das zu gehen pflegt — eine Art Stolz hineinlegten, mit ihrer Sache durch dick und dünn zu gehen, riefen solche Vorbehalte schon große Entrüstung hervor. Gestützt namentlich auf die Spmpathieen der studirenden Jugend, erwuchs in kurzer Zeit eine ganze Literatur, die sich zur Aufgabe machte, den eigentlichen Sanskülottismns und seine Heroen zu verherrlichen. Dicke Bände wurden nach einander zur Verherrlichung von Klootz, St. Just, Robespierre, Marat, ja sogar von Hebert geschrieben, und Edgar Quinets Buch gegen den Derrorismus (Im Involution) rief einen Sturm von Widerlegung hervor. Während die kritischen Streiter um so manche subtilere und tiefer gelegene Frage dieses Problems im Schatten der Philosophie mit einander fochten, waren die eben geschilderten, leichter greifbaren Gegensätze auf den offenen Markt der landläufigen Meinung hinabgedrnngen; und es trug gerade dieser Streit dazu bei, die schon gereizten Geister bei dem Gedanken an eine Bedrohung der revolutionären Erbschaft durch die wiedererweckte Coalition noch einmal so lebhaft in Aufregung zu versetzen. Die Denkungsart, welche hier ins Spiel kam, obzwar nicht am Ruder des Staats, ist doch eine so herrschende, daß auch die obersten Gewalthaber nicht umhin können, ihr wenigstens äußerlich zu huldigen und gerne jede Gelegenheit ergreifen, um mit ihr zu liebäugeln, XXX wo es gefahrlos geschehen kann, wie auf dem Gebiet der auswärtigen Politik. Da war es nun für die nähere Einsicht in die deutschen Angelegenheiten gebieterische Pflicht, berichtigend und beruhigend gegen die befangene, mißtrauische und feindselige Auffassung einzutreten, welche sich in Frankreich so breit als lebhaft geltend machte. Doppelt und dreifach zwingend war diese Pflicht, weil wir Alle mehr oder weniger dazu beigetragen hatten, die uns jetzt anstößige und schädliche Auffassung zu begründen, und weil dieselbe in erster Linie von den deutschen Gegnern der neupreußischen Politik tagtäglich mit aller erdenklichen Vehemenz und Schärfe in die Franzosen hineinge- beizt wurde. Woher anders hatten diese letzteren ihr Urtheil über die ausschließlich antirevolutionäre, junkerhafte Tendenz der Bismarck'- schen Politik bezogen, als aus.Deutschland? Ob es nun die Schuld des Herrn von Bismarck selbst oder die Schuld eines unausweichlichen Verhängnisses gewesen, daß während eines vierjährigen Konflikts ganz Deutschland in seinen Veranstaltungen nichts zu gewahren vermocht hatte, als die Endabsicht, dem unumschränkten König- und Junkerthum zum Triumph zu verhelfen — gleichviel wie die Antwort auf diese Frage laute (welche im Text unsrer eigentlichen Studie zu lösen versucht wird)—,so viel steht immer fest: Jahre lang hatte das gesammte gebildete Deutschland die Politik des Herrn von Bismarck der Welt als schlechthin verderblich denunzirt, die öffentliche Meinung Enropa's aufgefordert, ihm in der Bekämpfung dieses heillosen Regiments mit ihrem moralischen Ansehen Beistand zu leisten. Der schließlich ausbrechende Krieg gegen Oesterreich, welcher für Deutschland sofort zum Wendepunkt in der Beurtheilung des seit Jahren Erlebten und des eben Geschehenden wurde, erschien aber dem fremden Theoretiker gradezu als die flagranteste Bestätigung alles Bösen, das man ihm stets von dieser Preußischen Staatsraison gesagt hatte. Wenn je, so dünkte ihm jetzt der Moment gekommen, den Deutschen zu Hilfe zu eilen; und an Aufforderungen dazu fehlte es bekanntlich nicht. War es nun nicht erstes Pflichtgebot, von den neu erwachsenen Zweifeln dem Ausland Kenntniß zu geben, dem wir nicht blos unsren Verdacht, sondern unser unwiderrufliches Verdam- mungsurtheil beigebracht hatten? Selbst wer die Wahrheit nicht genug liebt, um die Freude zu kennen, die in dem Eingeständniß eines gehegten Irrthums liegt, der mußte sich verbunden achten, der rasenden Fortpflanzung einer Ansicht entgegenzuarbeiten, die in seinem eigenen Sinn, wenn auch noch so leise, erschüttert war. Um wie viel mehr, wenn der angefachte Haß zur verzehrenden Flamme werden konnte! Saß schon in Deutschland der Kern der ganzen Frage in der Entscheidung, ob dem preußischen Unternehmen etwas Anderes zu Grunde läge, als das armselige und schlechte Verlangen, jeden Keim von Freiheit in Deutschland zu ersticken und in dem übrigen Europa ersticken zu helfen, so mußte die Lösung dieses Räthsels noch viel ausschließlicher den Franzosen beim Hereinbrechen unserer Krise ans Herz gehen. Denn wenn Preußen nichts, absolut nichts war, als der Geist der Finsterniß, so war es in ihren Augen der persönliche Feind ihrer XXXII Revolution, mit dem je eher je lieber anzubinden zum heiligen Gebot wurde. Hier galt es also den Franzosen, nachdem wir selbst zu anderer Ansicht gekommen, zu beweisen, daß der Feldzug Preußens gegen Oesterreich und seine Verbündeten, weder seiner tieferen geschichtlichen Entstehung, noch den persönlichen Triebfedern nach ein Werk der Reaktion, der Contrerevolution, daß er den sichtbaren und berechenbaren Folgen nach vielmehr das Gegentheil war. Das konnte ihnen nur bewiesen werden, indem auch zugleich erklärt wurde, welcher Weise sie durch uns Deutsche selbst vorher gegen diese berichtigende Vorstellung so widerspenstig gemacht worden waren. Bei so fortgesetzter Wechselwirkung und Rückströmung wird aber eine Klarlegung auch für die deutschen Köpfe so wünschenswerth als ergiebig. Denn, konnte in letzter Instanz das französische Urtheil über Deutschlands Verhalten in diesem besonderen Falle auf deutsche Autoritäten sich stützen, so hatten doch wieder die deutschen Autoritäten vorher die Elemente zu diesem ihrem Urtheil aus französischen Quellen bezogen, und gaben dasselbe nur, auf die letzten Ereignisse angewendet, eben dahin zurück, woher der Gang der politischen Bildung auf den: Kontinent ihnen vor längerer Zeit die allgemeinen Grundsätze zugeführt hatte. Der Gegensatz von Revolution und Contrerevolution hatte von Frankreich aus die Reise nur die Welt gemacht, und nichts war natürlich so sehr geeignet, auf die französische Vorstellnngsweise einen siegreichen Eindruck hervorzubringen, als die Aussprüche, welche, ihrem XXXIII eigenen Blut und Fleisch entsprossen, ihr ebenso verständlich als angenehm klangen. In ähnlicher Weise kommt es manchmal vor, daß naive Unwissenheit sich einbildet eine fremde Sprache zu verstehen, weil der Ausländer sie in ihrer eigenen Sprache, nur mit fremdem Accente, anredet. Das hohe moralische Ansehen, zu welchem in der Ueberlieferung der gebildeten Welt die große französische Revolution gekommen, war ja in Deutschland eben so vollberechtigt als irgendwo anders; die Gründe der Dankbarkeit gegen sie wirkten vielleicht noch stärker als in dem Lande des ursprünglichen Kampfes. Eingelebt in diese geschichtlich unangreifbare Geltung, hatte — zumal bei dem fast gänzlich mangelnden politischen Eigenleben ,— die Masse der Gebildeten sich auch dicht zur Fährte des späteren französischen Jdeengangs gehalten. Selbst auf den Abweg der Schwärmerei für Napoleon Bonaparte waren ganze Striche von Deutschland dem Liberalismus der Nestaurationszeit gefolgt (man denke nur an die Bilder in den Wirthshäusern weit über den Rhein hinaus!) — wieviel mehr mußte ein höheres Urtheil versucht sein, alle Stichwörter des später wieder aufgenommenen Revolutionskatechismus sich anzueignen! Was dem deutschen Geiste an natürlichem Beruf zum starren Formel- und Autoritätswesen abging, das ersetzte er reichlich durch seine stärkere Richtung auf die pure Abstraktion, welche sich darin gefällt, die aufgefundene Theorie zn ihren äußersten Konsequen- XXXIV zen mit idealer Verachtung aller praktischen Hindernisse durchzuführen *). So geschah es, daß bei verschiedenen Verstandesanlagen doch ungefähr in beiden Nationen dasselbe Ergebniß herbeigeführt wurde. Das Festhalten nicht blos am Inhalt sondern auch an der bestimmten Form im politischen Vorgehen wurde zur moralischen Pflicht. Indem so die kurze Epoche, welche sich jener Form bedient hatte, als verlorenes und wiederzuerreichendes Ideal dastand, verfiel der auf höhere Entwickelung bedachte Geist der Gefahr, selbst in eine rückläufige Bewegung zu gerathen, alle Fehler reaktionärer Bestrebungen sich anzueignen, das Geschehene und Werdende zu übersehen und sich romantisch in die Wiederherstellung vergangener Zustände zu verlieben. Je mehr durch Ausbreitung von Wohlstand und Unterricht die Theilnahme am politischen Denken sich nach und nach erweiterte, desto schärfer mußte sich diese reaktionäre Tendenz der revolutionären Gesinnung ausbilden, da in dem Verkehr mit den Massen das standhafte Festhalten an den einmal ausgepflanzten Formeln, welches schon vorher als sittliche Pflicht gegolten hatte, nun auch zur äußeren Ehrensache wurde, und unter dem hinzutretenden Einfluß des Temperaments die politische Ansicht zur Religion sich erwärmte. Auf den Deutschen, *) In diesem Augenblick erleben mir ein Beispiel an dem Unfug, welcher sich in Deutschland der von den praktischeren Franzosen schon wieder verlassenen sozialistischen Quacksalberei bemächtigt. XXXV war er einmal so weit gekommen, wirkte dabei, mit dem Quadrate der Entfernung wachsend, dasselbe Gesetz, welches heutzutage so manchen Franzosen dahin bringt, die Aufhebung der deutschen Kleinstaaterei von seinem humanen Standpunkt aus noch aufrichtiger zu beweinen, als ein Deutscher von gleicher Gesinnung. Aus der Ferne und jeder Einwirkung auf die praktischen Interessen beraubt, vermögen sogar die wunderlichen Reize eines bückeburgischen Residenzlebens, geschweige denn die erhabenen Züge der Freiheitsgöttin, das Auge zu blenden. Kein Wunder nun, daß auch die deutsche Version des strenggläubigen Revolutionsbekenntnisses den Artikel von dem unbedingt reaktionären Beruf Preußens, von dem unvermeidlich befreienden Beruf Frankreichs in ihren Grundtext aufgenommen hatte. Wie vortrefflich und wahrhaftig aber mußte solche Betheuerung aus deutschem Munde den Ohren der Franzosen klingen! Alle Künste der Bestechung drangen hier auf sie ein, gröbste, ihrer Nation gewidmete Schmeichelei und Selbstanklage der anderen Nation, von deren eigenen Angehörigen vorgebracht. Schaut die lebende Generation um ein bis zwei Menschenalter in unserer Geschichte zurück, so beschleicht sie Etwas wie tiefes Mitleid mit dem Pflanzenschlaf, in dessen Bann das Vaterland jener Zeit ihr erscheint. Und dennoch könnte sie beim Nachblättern finden, daß vor einem halben Jahrhundert schon die treibenden Geister in Deutschland am Vorabend einer allgemeinen revolutionären Erhebung zu stehen wähnten. Es sind genau fünfzig Jahre, XXXVI daß Görres sein „Deutschland und die Revolution" sch«eb, welches mit dem donnernden Mahnruf an die Fürsten schloß: vis- eito snstitiam inoiiiti, et von temnore vivos! Nichts kann belehrender sein für die Emanzipation von allen Stimmungen und Strömungen als der Einblick in diese Blätter, in welchen das Hereinbrechen eines erbarmungslosen Orkans mit urgewaltigem Ueberzeugungsbrausen angekündigt ist. „Das Herz der Nation", heißt es z. B. da, „ist von der Institution des Bundestags, die man nur für ein Provisorium zu nehmen sich gewöhnt hat (1819!) abgewendet; auch nach einem Schattenkaiser ohne Kammer hat sie nicht die geringste Sehnsucht. Nur einmal ist die günstige Gelegenheit an den Mächtigen vorübergegangen; nun sie den Augenblick versäumt, hat sie sich zum anderen Orte hingewendet. Was vermag alle diplomatische Kunst gegen die mächtige Naturgewalt, die sich in den Völkern täglich mehr entdeckt? .... es treibt mit allen Trieben zur Gewaltthat und zu allgemeinem Umstürze, und es geht der Ruf durch alle Lande: das Schwert der Ideen über Alle, die des Widerstandes sich unterwinden"*)! — *) Es war die Zeit, in welcher Sand eben den Koßebue umgebracht und ein andrer Student mit Namen Löning einen Mordversuch gegen den nassauischcn Staatsminister Jbell gemacht hatte. Eine Menge von Schriften besprach die Frage der für Deutschland angekündigten Revolution Unter diesem ausdrücklichen Titel erschien sogar eine umfangreiche Brochüre, die mehrere Auflagen erlebte: „Hat Deutschland eine Revolution zu fürchten? von I. Weitzcl. Wiesbaden 1819". Sie enthält viel noch heute Lesenswerthes: „Man sagt uns", heißt es zum Eingang, „daß wir mit raschen Schritten unserem Untergang entgegeneilen und selbst XXXVII Und in welche Idylle der Knechtschaft verlief dieses Weltgericht! Von den vier und dreißig Fürsten, welche diese Donnerstimmen zur dem Ausland Gefahr drohen, weil man nicht wissen könne, wo eine Revolution, die doch einmal bei uns unvermeidlich sei, in ihrem verheerenden Lauf stehen bleibe". An einer andern Stelle kommt der Verfasser, der seiner Totalansicht nach eher zum Föderalismus neigt, gleichwohl, nachdem er bewiesen, daß nur Preußen berufen sein könne, dem deutschen Wirrwarr ein Ende zu machen, zu folgendem noch heute zutreffenden Schlüsse: „Ist Preußen für Deuschland so bedeutend, wie wir oben sagten; steht unsere Erhaltung oder unser Untergang wenigstens zum Theil mit seinem künftigen Schicksal in Verbindung; können beide in freundschaftlicher Vereinigung uur ihren Vortheil, in feindseliger Trennung nichts als Gefahr und Nachtheil finden; dann ließe sich auch vielleicht erklären, warum grade gegen Preußen von mancher Seite mit Mund und Feder so rüstig gefochten wird. Aus vielen Theilen Deutschlands sieht man den Meinungskrieg gegen diese Macht mit solcher Erbitterung führen, daß er gerade darum Verdacht erregen könnte. Ein bedeutendes Zeichen ist auch, daß die Gegner Preußens bei den Fremden gefälligen Beifall und Hilfe finden. Die Franzosen befolgen auch in unseren Tagen noch, selbst in ihren Zeitschriften, die herrliche Regel des Theilens gegen uns". Der Verfasser begehrt eine Volksvertretung beim Bundestag und beruft sich auf eine andere anonym erschienene Schrift: „Die Stimme des Zeitgeistes an das deutsche Volk", welche die ganze militärische Unbrauchbarkeit des Bundes auseinandersetzt.—Zwei Jahre später schrieb Görres sein: „Europa und die Revolution, Stuttgart, bei Metzler 1821 (das Buch von 1819 „Teutschland und die Revolution" war in mehreren Auflagen ohne Angabe des Druckorts erschienen: „Deutschland 1819") ein Werk voll Geist und Feuer, zwar mit den herrschenden naturphilosophischen Anschauungen ins Ueberschwängliche gesättigt und bereits von Kryptokatholizismus angehaucht, aber voll tiefer Gedanken und manchmal mit weittragendem Blick in die Zukunft. Den deutschen Bund nennt er den verwirklichten Lontrat 8veial freilich nur zwischen den Fürsten, deren jeder Einzelne sich auch die von Rousseau vorbehaltene Freiheit gelassen, zu jeder Zeit wieder in den Naturzustand zurückzutreten; Oesterreich findet er bereits seit 1609 dem neuen Deutschland fremd geworden; Preußen, weil es seine Bestimmung seit 1616 verkenne, bedroht mit Verlust seiner sozialen Stellung in Deutschland und seiner politischen Bedeutung in Europa. An einer andern Stelle verlangt er nach der Aufhebung der inneren Zollschranken: „Sie XXXVII l Bekehrung oder zum Opfer ausersahen, hat kein Einziger auf sie gehört, ist jeder, von den treuen Unterthanen beweint, in Frieden zur Gruft seiner Vater hinabgestiegen. Bis auf die Wenigen, welche als viel zu geringer Ersatz für das auf den böhmischen Feldern geflossene Blut endlich von der deutschen Erde vertilgt worden, sitzen die Söhne noch immer leidlich fest und wenig gebessert auf ihren Thronen und Thrönchen. Und wie oft hat sich nicht noch seit 1819 der Tag der Rache angekündigt und mit ingrimmiger Verachtung auf die herabgesehen, die nicht an seinen Morgen glauben wollten! Es ist gut, daß der Mensch die Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit beschaue und prüfe, aber es ist ein verhängnißvoller Irrthum, wenn er diesen Spiegel mit der Thüröffnung verwechselt, durch welchen die Zukunft kommen soll. Dieser Irrthum ist das gemeinsame Erbe einer Periode, in welcher Herrschende wie Beherrschte sich in die Ansicht theilten, daß der Kampf zwischen ihnen grade an dem Punkt wieder aufzunehmen sei, wo der Sturz des Konvents in Frankreich ihn gelassen habe, weil die Einen dachten, er sei zu früh, die Andern, er sei zu spät gestürzt worden. Die Machthaber selbst trugen das Ihrige und das (die Fürsten) haben die Länder wie Thiergärten abgehegt, an alle Grenzen Wegelagerer hingelegt. . . . Hier würde der Segen des Bundes Allen sichtbar werkthä- tig erscheinen, wenn sie in ihm die Möglichkeit fänden. Hülfe auszumitteln, nicht dadurch, daß, wie man ohnlängst einmal insinuirt, jede Regierung in /christlicher Gesinnung jede Uebervortheilung der Mauthen des Nachbars mit aller Macht zu verhindern suche, sondern indem jede den Verkehr der Unterthanen des benachbarten Staats befreit, damit dieser den der ihrigen gleichfalls freigeben könne".— XXXIX Meiste dazu bei, daß aller Kampf sich auf diesen Punkt einbiß. Die Revolution hieß ihnen Alles, was sie zu vernünftiger Einsicht bringen sollte, und als die fleischgewordene Revolution haßten sie Frankreich und alles was in der Politik mit Frankreich zusammenhing. Was aber den Feinden der Freiheit als ein Gräuel, das mußte den Freunden derselben nothwendig als eine Gottheit dastehen. So rieben und quälten sich einander die Gegensätze im einseitigen Hinblick auf ein Vergangenes und nicht bedacht der unabsehbaren Veränderung, welche unter ihren Augen in der Welt herausgewachsen war. Zwischen der Zeit, daß der Buchdrucker Dolet auf der Place Maubert verbrannt und der Philosoph Ramus für ehrlos erklärt worden war, zwischen der Zeit der Bartholomäusnacht und dem Anbruch der Revolution liegen nicht mehr als zwei Jahrhunderte; denn die Revolution datirt von der Erhebung der amerikanischen Kolonien gegen das Mutterland, dem ersten Mal, daß eine große politische Empörung, wenn auch noch von historischen Rechtsansprüchen ausgegangen, doch auf Grund eines philosophischen Bekenntnisses zu allgemeinem Naturrecht durchgeführt wurde. Zwischen diesem großen Wendepunkt und der Gegenwart aber liegt wieder ein Jahrhundert. Es ist wahrlich nicht zu stark gerechnet, wenn wir annehmen, daß die Entwicklung der Menschheit innerhalb dieses letzten Zeitabschnitts mit der doppelten Kraft gearbeitet hat, wie in der vorausgegangenen. Sollte daher nicht endlich beherzigt werden müßen, daß die Probleme nicht mehr auf demselben Flecke stehen und daher nicht mehr nach derselben Methode gelöst werden können wie vor drei Menschenaltern? Frankreich steht vor andern Aufgaben als zur Zeit da sich die Notabeln versammelten, und Deutschland hat lange genug geglaubt, es müsse sein Mittelalter genau aus dieselbe Art los werden, wie Frankreich die Bour- bonen. Zahllose neue Bedingungen und Anforderungen sind inzwischen hinzugekommen, um eine Revolution in der Einfachheit des Augenmerks irre zu machen, welche das erste Erforderniß ihres Gelingens ist. Die vernünftige Förderung der großen bürgerlichen Angelegenheiten hängt jetzt in Deutschland davon ab, daß den Regierenden nicht länger die Revolution als ein Gespenst erscheine, welches jeden Abend seinem Grabe' zu entsteigen droht; noch den Regierten als eine Erlöserin, die jeden Morgen zum Leben wieder zu erwachen verspricht. Gelingt es über die schroffen und blinden Gegensätze hinweg, die in ihrer wechselseitigen Befangenheit verharren, oben wie unten die freieren Bildungselemente zum Ansehen zu bringen, die einander ohne Aberglauben ins Auge sehen können, so wird die Politik den Weg betreten, welchen die Wissenschaft ihr seit lange vorge- zeichnet hat. Denn die Wissenschaft hat den aristotelischen Schulzwang gesprengt" und statt vorgefaßter Naturbegriffe das Leben studirt. Sobald die Preußische Monarchie sich zu einer Politik verstand, die, sei es aus welchen Triebfedern immer, sie zwang, sich am starren Buchstaben des alten Rechts zu versündigen und in die freie Luftströmung der neuen Welt einzutreten, verrieth sie wenigstens zum wiederholten Male so viel innere Möglichkeit, sich höheren Aufgaben XUI zu widmen, daß es, bei der endlosen Wüstheit deutscher wie französischer Heilsversuche, Gebot war, ihr von der andern Seite mit entsprechender Vorurtheilslosigkeit entgegenzukommen. Und war dieser Versuch einen Moment lang gerechtfertigt, so gilt es mehr als je, nachdem mit dem Ansang das Schwerste erfüllt ist, sich nicht beirren zu lassen von denen, welche ums Leben gerne Alles auf den Weg ihrer süßen, so wenig Kopfzerbrechen und so viel Beifall eintragenden Routine zurückbringen möchten. Selbst die geschichtliche Wissenschaft ist bei uns nicht frei geblieben von Mitverantwortlichkeit an der verderblichen Verewigung derselben Streitformel. Unter dem Druck momentaner Strömungen warf sie sich mit der Ungerechtigkeit feindseliger Schärfe auf die Kritik der Revolution. Drei Ursachen hauptsächlich trieben sie zu diesem Angriffe. Die erste bestand darin, daß bis vor zwanzig Jähren die altherkömmliche Mode sowie der Mangel an eigner eleganter Geschichtsliteratur den französischen Historikern und Memoirenschreibern allgemeinen Eingang und tonangebenden Einfluß in Deutschland verschafft hatte. Die zweite Ursache lag in dem Wunsch, das nationale Wesen aufzurühren und ihm eine selbst- ständige Entwicklungsbahn nach rück- und vorwärts zugleich zu zeichnen. Drittens und letztlich floß nicht wenig von der gelehrten Ruheliebe mit ein, welche von den Erschütterungen der achtundvierziger Jahre widrig berührt, deren Quelle selbst für immer zu verschütten sich be- - mühte, indem sie darauf ausging, die ganze Offenbarungsgeschichte der neunziger Jahre als von Grund aus falsch und verwerflich zu XI.II vorarbeiten. Bei dem philologisch kritischen Auflösungstalent, mit dem unsre deutsche Gelehrsamkeit begabt ist, fiel es nicht schwer, alsbald an dem ganzen Tempel, welcher derRevolution auf deutschem Boden stand, Stein für Stein zu Staub und Asche zu zerreiben. Das Verfahren war um so leichter, als es nur galt, die bis dahin in Schwung gewesenen idealen Gesammtanschauungen durch zersetzende Behandlung der Details zu vernichten. Jede einzelne Persönlichkeit, jedes einzelne Motiv wurde unter das Mikroskop gebracht, in seiner schlechten und beschränkten Endlichkeit gezeigt und damit aus die einfachste und verkehrteste Art von der Welt das Verständniß einer ungeheuren Begebenheit aufgehoben. Wir brauchen nur die Kritik der Tagespresse gegen Menschen und Zustände der allerneuesten Zeit vorzunehmen, um zu erfahren, wie so bequem als falsch es ist, diesen kleinlichsten aller Maßstäbe an große historische Vorgänge zu legen. Und was ist z. B. einfacher, als die deutsche Reformationsgeschichte in die Beschreibung des gemeinsten fürstlichen Eigennutzes zu zerlegen? Aber im Leben ist bekanntlich das Ganze ebenso wirklich wie die Theile, das Gefühl wie der Verstand, das Konkrete wie die Abstraktion, und Keinem wird es gelingen, die Dinge dieser Welt richtig und gerecht zu beurtheilen, der nicht stets die beiden Maßstäbe zugleich zur Hand hat, um je nach der Seite und je nach der Zeit, welche der einen oder andren Lebensthätigkeit zugewandt ist, auch so oder anders zu messen. Der Abweg, auf den unsre junge historische Schule gerieth, indem XUIII sie solcher Maßen den Feldzug der deutschen Legitimität gegen die französische Republik auf dem Papier erneuerte, ist auch in Frankreich nicht ohne Echo geblieben. Verwandte Ursachen haben verwandte Wirkungen hervorgebracht, und ein freilich auserlesener Kreis, welcher von deutscher Wissenschaft genährt ist, findet Gefallen daran, die Aufhebung der Revolution noch bis hinter die Grenzen zurückzuführen, zu welchen die deutsche Negation bereits vorgedrungen war. Wir können hier z. B. dem Ansspruch begegnen, daß im Sinne des höheren Fortschritts auch das ganze System der bürgerlichen Ordnung mit seiner Erbgleichheit und Gewerbefreiheit vom Uebel, das legitime Herrscherthum die einzige vernunftgemäße Staatsverfassung, mit einem Worte, daß die Verbindung der Zukunft mit der Vergangenheit vor 1789 anzuknüpfen sei, um zur wahren Freiheit vorzudringen*). Wie die blinde Reaktion sich in den Gedanken verfahren hatte, man müsse und könne die ganze Revolution mit der Wurzel ausraufen; die Bewegungsparthei, man müsse die ganze Revolution wörtlich wiederholen, so hatte auch die geschichtliche Kritik sich durch das Beispiel der politischen Praxis anstecken lassen. Festgebannt von der Zaubergewalt der titanischen Erscheinung und die Starrheit des eigenen Blickes auf den betrachteten Gegenstand übertragend, vergaß sie, daß ihr Auge nicht zu einem unübersteiglichen Fels empor, sondern in den ewigen Fluß der Geschichte hinabschaute. Es handelt sich eben darum *1 S, z B. Iieii3.ii, Huestioils eontenixoraines, namentlich die Vorrede, und ?IiiIo8oj>liie I'tiibloire conteiiijioiLine. Xl.IV zu fassen, daß die starke Neuerung, welche vor hundert Jahren in den Gang der menschlichen Gesellschaft eingriff, weder auszumerzen, noch zu wiederholen, sondern sortzuleiten ist; daß sie tagtäglich sich von selbst fortsetzt; daß mehr oder weniger jede nützliche Thätigkeit mit das Programm der Revolution erfüllen hilft, wenn auch auf ganz andere Weise und in ganz anderen Resultaten, als die Verfasser der Menschenrechte es sich gedacht hatten. Wenn wir es nur einmal so weit gebracht hätten, zwischen dem Rechtsinhalt und der bloßen Prozedur der Revolution zu unterscheiden, so wäre schon ein Wesentliches geleistet für die Lichtung des Weges. Aber die theologische Erziehung der Welt, die kaum mit Mühe aus der Wissenschaft ausge- trieben, bringt es einmal mit sich, daß jede Ueberzeugung ein Kultus wird, an dem sich kein Jota rauben läßt; daß sogar das bestimmte revolutionäre Rituale von der revolutionären Priesterkaste gerade so festgehalten wird wie die Substanz des Glaubens selbst. Ihr gilt es für moralischen Verfall, auf die glückliche Umformung eines gegebenen Staats in gegebener Lage durch etwas Anderes als durch Massenaufstand zu rechnen. Wehe dem gar, der heute glaubt, durch etwas zum Ziele zu kommen, das er einst verwarf! Das ist so durch und durch Theologie und zwar von der schlechtesten Sorte, wie sie nur je ein Dominikaner formulirte. >Was würde man von der Urtheilsfähigkeit desjenigen denken, der einem Mediziner einen sittlichen Vorwurf daraus machte, daß er die Krankheit jetzt mit Eisen und Jod behandelt, welche er vor zwanzig Jahren mit Aderlaß zu kuriren versucht XI.V hatte, — und nun noch gar, wenn nicht blos die Arzneikunde fortgeschritten, nicht blos der Charakter der Krankheit bedeutend nrodifizirt ist, sondern auch die vor zwanzig Jahren mit Blutentziehung behandelten Kranken an der Heilmethode gestorben sind! Wenn wir einmal weder im Schooß der Urschöpfnng noch am ätherblauen Himmel des von der Erde abgezogenen Denkens unsere Programme für die Weltzustände zu suchen uns gewöhnt haben werden, sondern im Studium der Vervollkommnungen, die sich Tag für Tag auf dem Gebiet des Lebens erreichen lassen, dann werden wir die Politik auf den Boden gebracht haben, auf dem die moderne Wissenschaft steht, und aus dem sie weder dem Unveränderlichsten noch dem Meistversprechenden blüht. Damit wird nicht die Herrschaft der Prinzipien aufgehoben, noch viel weniger ihr Halt im Geist der Massen erschüttert. Letzteres geschieht vielmehr umgekehrt in dem Falle, wo die Doktrin mit den Zähnen solche Anschauungssormeln festzuhalten sucht, welche ihr die Ereignisse längst entrissen haben. In solchen Konflikten geschieht es, daß die Massen beginnen über die Machtlosigkeit dessen, was man ihnen als das einzig Heilige hinstellt, die Achseln zu zucken und an jedem Prinzip zu verzweifeln. Ihre Sittlichkeit, d. h. der Glaube an allgemeine erhaltende Wahrheiten wird umgekehrt nur dann sicher stehen, wenn sie mit den thatsächlich bewährten Lebensregeln und dem dunklen Gefühl von der Strömung der Zeit in Einklang sich befindet. Auch die Prinzipien sind nicht in allen ihren Bestandtheilen ewig. Nachdem die Kulturepoche der Humanität durch die der Nationalität verdrängt XI.VI worden, sehen wir schon jetzt diese zu einer Konsequenz getrieben, welche deutliche Anzeichen der erreichten Grenze verräth. Prinzipien werden nicht erfunden, sondern sie werden aus den Bedürfnissen und Erfahrungen der Menschheit abgeleitet, zusammengefaßt. Nichts ist daher so thöricht als die Warnung, nicht an Prinzipien zu rütteln, nicht die Köpfe der großen Menge mit den Zweifeln bekannt zu machen, welche in den Köpfen Einzelner aufsteigen. Namentlich in einer nach allen Richtungen so von Bewegung durchfurchten Zeit steht die Ari- stokratie des Urtheils aus schwachen Füßen, und jede Erkenntniß, durch welche überlieferte Anschauungen angebohrt werden, transpirirt rasch in die Breite. Wer will sich z. B. der Wahrnehmung verschließen, daß die Lehren des Jahres 1866 in Deutschland bereits auf die in der Masse lebenden allgemeinen Ueberzeugungen umgestaltend eingewirkt haben? Der sittliche Beruf bei Wendepunkten dieser Bedeutung besteht gerade darin, den prinzipbildenden Prozeß zu fördern, den Uebergang aus dunklen Empfindungen und Gleichgewichtsstörungen des Gewissens in bewußte Erkenntniß zu beschleunigen. Dieser Aufgabe entsprechen diejenigen, welche das Erhaltende und Belebende in den Erscheinungen aufsuchen und es vorn Zufälligen und Verderblichen zu reinigen suchen. Sie sind es, welche der Entwickelung dienen, nicht aber die, welche stolz darauf sind, das Tödtliche in den Ereignissen zu suchen und die Moral mit dem herrschenden Bewußtsein, wie es ist und wie es sich nun einmal nicht dekretiren läßt, in Widerspruch zu setzen. XUVII Dieses ist der leitende und versöhnende Gesichtspunkt, von welchem die nachfolgende Schrift, zunächst im Hinblick auf den spezifisch französischen Jdeenkreis, ausgeht. Der technischen Behandlung wie der praktischen Auseinandersetzung war hier ein außerordentlicher Vortheil geboten in der besondren Fügung der Umstände. Statt die Ereignisse in ihrem unpersönlichen Neben- und Nacheinander schildern zu müssen, befand sich der Darsteller gegenüber einer einzigen lebenden, individuellen Figur, welche die Substanz des Geschehenen in ihrem Fleisch und Blut trug und bereits auch in den Augen der Welt repräsentirte. Doppelt verführerisch war diese Form, wo es galt zu Franzosen zu sprechen; zu einer Nation mit dem lebhaften dramatischen Sinn, der sich längst in der Memoiren-, Roman- und Komödienliteratur zum gespannten Interesse am psychologischen Problem im Menschen verfeinert hat. Hier war Aufmerksamkeit wie Verständniß am sichersten zu gewinnen, wenn es gelang, durch Zusammenstellung und übersichtliche Ordnung des persönlichen Materials den psychologischen Schlüssel zu einer Individualität zu finden, welche eine so dominirende Stelle in den Ereignissen eingenommen, daß sie nach dem allgemein verbreiteten Urtheil ihren persönlichen Charakter zu deren Gepräge gemacht hatte. In dem eben Erlebten erschien That und Ereigniß in Eins verschmolzen und der Thäter so sehr als ein ropresentativa man im vollsten Sinne des Wortes, daß die umgestaltete Welt ganz als das Produkt des Menschen, der Mensch gar nicht als das Produkt der umgestalteten Welt angesehen wurde. XI. VIII Darum war hier auch andrerseits wiederum für die kritische Darstellung berichtigend einzugreifen, den Verhältnissen ihr wahres und gerechtes Theil von Macht über den Menschen zu vindiziren. Das psychologische Räthsel konnte nur gelöst werden, wenn es gelang nachzuweisen, daß der Einzelne die Welt von der Stelle zu rücken wußte, weil er mehr als alle Andren ihre thatsächlichen Gewichtsverhältnisse zu beurtheilen und mit Geschick zu benützen verstand. War aber diese hier so nahe liegende Möglichkeit, die Ereignisse in einer lebenden Figur zu versinnlichen, schon für jede Darstellungsaufgabe ein höchst günstiges, unter keinen Umständen zu vernachlässigen- desMoment und war sie es besonders Franzosen gegenüber, so fügte es sich schließlich noch, daß die charakteristischen Züge des Mannes wie dazu geschaffen waren, der Sinnesweise dieser bestimmten Nation zu imponiren. Aus ähnlichen Ursachen wie in der Geschichte das Per-, sönliche, interessirt sie in der Person wieder vor Allem das Diplomatische, das heißt die kunstvoll gewagte und geheimnißvoll verschlungene Behandlung der Staatsgeschäfte. Von allen Verfeinerungen, welche mit der italienischen Kultur im 16. und 17. Jahrhundert an den französischen Hof hinübergezogen waren, hatte keine mehr Wurzel gefaßt als der Sinn für die Handhabung der Politik nach innen und außen. Alle die subtilen Gifte hoher Staatskunst, welche Priesterherrschaft, Handelsgeist, Galanterie und Optimateneifersucht in den Laboratorien von Nom, Venedig, Florenz und Genua ausdistillirt hatten, wurden in den Gemächern der Vonrbonen zusammengebraut und zu Experimenten XlckX nach allen Weltgegenden verwendet, unter dem Einfluß raffinirter Weiberherrschast ins Unendliche getrieben. Da der Hof ohnehin dem ästhetischen Geschmack der Gesammtheit die Richtung gab, so wuchs auch ihr gleichmäßig das Verständniß für die dramatische Schürzung der Europäischen Angelegenheit. Dieser diplomatische Zug ist auch in der Anlage der meisten Nacine'schen Stücke zu erkennen. Der Impuls wirkte uni so stärker als, wie schon bemerkt, die ganze eminente Verstandesbegabung der Nation sie mit der Geschicklichkeit und Lust ausstattete, den freiwilligen Gang der Geschicke unter die Macht ihrer Berechnung zu bringen, den rollenden Ereignissen ihre Bahn vorzuzirkeln. Der Charakter und die Sprache der modernen Europäischen Diplomatie sind in letzter Instanz französischen Ursprungs. Talleyrand war in gewissem Sinne etliche Zeit eine populäre Figur. Was Napoloen III. bis vor Kurzem an saszinirender Macht über die große Menge besaß, das schrieb sich von dem Respekt her, welchen sie vor seiner Staats-Geschicklichkeit und Klugheit empfand. Eine politische Erscheinung wie die des Herrn von Bismarck mußte daher auf die Franzosen eine bestrickende Gewalt ausüben. Hatte er doch ihrem Kaiser, der so lange für den gewandtesten Spieler gegolten, Schlag auf Schlag die Parthie abgewonnen. Niemals ist Cavour in solchem Grade in Frankreich bewundert worden wie Bismarck. Cavour, ein so seiner Kopf, daß er jedenfalls die Vergleichung mit allen Lebenden aushält, arbeitete mit liberalen und nationalen Mitteln, die ihn weniger zum Zickzack der Bewegung verurtheilten, seiner Politik weni- I. ger das Gepräge der rein persönlichen Initiative aufdrückten. Er konnte sich natürlich größerer Sympathieen in Frankreich rühmen, als der preußische Minister, aber er brachte es dort nie zu demselben Grade von Popularität wie dieser. Und ist auch hier das Wort populär nicht im Sinne der Allbeliebtheit, sondern des Lebens in Aller Vorstellung und Mund zu verstehen, so liegt doch gerade in der ironischen und protestirenden Bewunderung, mit welcher der Name Bismarck in Frankreich von Groß und Klein genannt wird, ein um so größeres Zeugniß des Erfolges, weil es die Spuren der Gewalt an sich trägt, mit der es erst abgetrotzt werden mußte. Bei aller sichtbaren Eifersucht auf die Lorbeeren des Krieges wird man ohne Uebertreibung annehmen können, daß die staatskluge Ueberlegen- heit des Diplomaten einen noch stärkeren Eindruck bei den Franzosen hinterlassen hat als alle Waffenthaten der preußischen Armee. Jedenfalls war hier in den beiden Künsten, der des Krieges wie der des Kabinets, für deren Leistungen dies Volk so über die Maßen empfänglich ist, ein Meisterstück unter seinen Augen vollbracht worden, welches ihm gewaltigen Respekt vor dem deutschen Nachbarn abnöthigte, denn dies waren solche Fächer, in denen es bis dahin sich der Nebenbuhlerschaft am wenigsten versehen hatte. Die Franzosen mußten nun auf den Gedanken gerathen, daß sie uns von einer ganz neuen Seite kennen zu lernen hätten, und nichts war natürlicher, als daß sie sich berufen fühlten, auch die Schattenseiten der eben an uns entdeckten Eigen- schasten hervor zu ziehen. Die nächste Auslegung war die, daß nur mit Erlangung dieser weltlichen Fertigkeiten auch so manche sonst an uns gepriesenen idealen Vorzüge im Laufe der Zeit eingebüßt haben mußten, ein Text, welcher vortrefflich zur Predigt paßte, daß der deutsche Krieg von 1866 ein Hauptnagel zum Sarg der Europäischen Freiheit und Kultur geworden sei. Besonders hart wurden wir ob des Verlustes unserer Bescheidenheit angelassen, und die Denunziation der Geringschätzung, mit welcher der Deutsche jetzt auf den Franzosen herabsehe, wurde als scharf eindringender Stachel in das Fleisch ihrer Landsleute von allen denen getrieben, welche aus hunderterlei Gründen auf eine kriegerische Entzweiung hinarbeiteten. Mit dem Grade von Achtung, welche die deutsche Nationalität bei den Franzosen genießt, ist es ein sehr komplizirtes Ding. Wir waren zu lange ,die Klotzköpfe, tot68 aarreos, Sauerkrautesser, die Gefoppten in der Posse und die Geschlagenen im Cirkus, als daß bei der langsamen Umbildung allgemeiner Anschauungen nicht noch viel von diesem Urtheil sollte zurückgeblieben sein. Die Sorte von Franzosen ist noch immer nicht ausgestorben, welche auf der Reise durch Deutschland halb mit Befremden und halb mit Unwillen ein Zeichen deutscher Unbeholfenheit darin erblickt, daß nicht Jedermann ihre Sprache versteht. Aber tausendfache Berührung und namentlich, in den besten Schichten der Gesellschaft, die Begegnung auf dem Felde der Wissenschaft und Liiteratur haben auch in hohem Grade ausgleichend gewirkt. Die Kreise, welche uns geradezu für ebenbürtig halten, sind verhältuißmäßig kleiner, als die, welche begeistert von deutscher Wissenschaft und deutschem Fleiß, mit einer Art von Unwillen gegen ihre eigene Nation, bereit sind, der unserigen die Palme zu reichen. Seitdem die Franzosen uns näher kennen lernten, begannen sie in vielen Dingen uns niehr Achtung zu zollen, aber zugleich gewissen stillen Tugenden, die wir selbst uns nachrühmten und die sie uns auf's Wort geglaubt hatten, auf die Schliche zu kommen, darunter vor Allem unserer sehr zweideutigen Bescheidenheit. Vor mehr als zwanzig Jahren erschien in Paris ein Buch, welches damals nicht unbemerkt blieb, unter dem Titel: Das ^Ilollianäs pur un kruutzais*). Mit außerordentlich genauer Kenntniß unserer damaligen Zustände und Richtungen geschrieben, rührt es von einem Franzosen her, der seine Studien in Deutschland gemacht hatte und sich mit vielem Erfolg eines unparteiischen Urtheils befliß. Schon in dieser Darstellung begegnet man vielfach der stark ausgesprochenen Anklage, daß der Deutsche mit Verachtung auf den Franzosen herabsehe**); seit den letzten zwei *) Bei Amyot. 1646. Der auf dem Titel nicht genannte Verfasser bl. 6» lebt noch, aus dem Staatsdienst zurückgezogen, in der Provinz. **) Von zahlreichen hierher gehörigen Stellen seien beispielsweise nur zwei aus dem Schlußkapitel angeführt, welches als Ueberschrift trägt: „Einiges Nähere über das patriotische Vorurtheil in Deutschland." „Man hat aus dem Vorausgehenden ersehen können, wie die Deutschen sich beurtheilen und uns beurtheilen; welche Meinung sie von sich selbst in ihrem Verhältniß zu uns, und von uns in unserem Verhältniß zu ihnen haben; und ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Glieder dieser Verglei- Jahren aber ist viel von diesem Verdacht in die allgemeine Anschauung der Gebildeten übergegangen. Man hat aus Quinet's oben angeführtem Briefe sehen können, wie die stärksten Anklagen gegen den teutonischen Hochmuth seitdem als selbstverständlich aufzutreten wagen konnten, und im Gespräche über politische Materien muß der Deutsche jetzt gewärtig sein, in den Worten oder wenigstens in den Mienen feingebildeter Franzosen zu erkennen, daß sie ihm zutrauen, er sehe mit einer Art stillen Mitleids von oben auf sie herab. Wir waren so sehr gewöhnt, bei dem Verkehr mit der französchen Gesellschaft, das Bewußtsein gerade des umgekehrten Verhältnisses in uns zu tragen, daß in der Wahrnehmung, dem Verdacht der Unbescheidenheit und Ungerechtigkeit verfallen zu sein, ein geheimer Kitzel liegt. Es beschleicht uns dabei Etwas wie Gefühl der Wiedervergeltung für lang erlittene Unbill, verbunden mit dem Eindruck, daß jedenfalls Viel auf unserer Seite geschehen sein mußte, bis wir dahin gelangen konnten, in der chung durchschnittlich für sie untrennbar seien, daß sie sich im Allgemeinen nur achten, nach Maßgabe der Ueberlegenheit, die sie sich über uns zutrauen. — — „Die Deutschen sind weit entfernt, sich eine hohe Vorstellung von unserem Geiste zu machen. Im Gegensatz zu ihrer Tüchtigkeit und Tiefe, sind Oberflächlichkeit und Unwissenheit die Worte mit denen sie uns charakterisiern und besten Falls räumen sie uns ein gewisses Verständniß für die Dinge des alltäglichen Lebens ein. Das wird von Allen als eine ausgemachte Sache betrachtet; es wird als über allem Zweifel erhaben angesehen, gilt aber doch als patriotische Pflicht, dies bei jeder Gelegenheit zu konstatiren und mit allen Mitteln immer noch mehr das nationale Bewußtsein damit zu durchsetzen." Vorstellung unserer hundertjährigen Verächter nicht so sehr wie von verblendetem, als wie von lieblosem und unbilligem Stolz erfüllt dazustehen. Nicht Alles ist unbegründet an dieser Anklage. Scheinbar oder in Wirklichkeit ihr Nahrung zu geben, Beides kann den Deutschen nur zu äußerem und innerem Schaden gereichen, nicht blos im Verhältniß zu ihren Nachbaren sondern auch im Verhältniß zu ihren eigenen Zuständen und Aufgaben. Vortrefflich sagt ein deutscher Schriftsteller*) über das Verhältniß beider Völker zu einander: „Man kann die ästhetische, die politische und in gewissem Betracht selbst die sittliche Bildung eines Menschen ziemlich sicher nach der Art und Weise beurtheilen, wie er über Frankreich denkt. Denkt er hochmüthig, geringschätzig, wegwerfend, so ist er im günstigsten Falle roh und unwissend; und spricht in seinem Urtheil wohl gar der Haß sich aus, so ist es wohlgethan, vor ihm auch auf der Hut zu sein. Selbst gebildete und gute Menschen zeigen einen Mangel, wenn sie zu Frankreich gar kein Verhältniß haben. Wem die Geschichte, Literatur und besonders die wundervolle Sprache der Franzosen ganz unbekannt sind, wer keine Ahnung hat von der unendlich mannigfaltigen Anmuth, der sie immer und immer wieder schmückenden Convention, bei dem sind Härte und Formlosigkeit hier oder dort ganz sicher anzutreffen, der gehört zu der Klasse derjenigen, die an keine Wahrheit glauben, wenn sie nicht hart und formlos an sie *) Der zu früh verstorbene Karl Stahr in einem Aufsätze der „Deutschen Jahrbücher für Literatur und Politik." kommt, derjenigen, die vor der Anmuth und Freiheit und vollends vor der Eleganz der Mittheilung auf ihrer Hut sind, ächte Biedermänner, welche die Grobheit munter, Höflichkeit aber unendlich traurig zu machen pflegt. Dagegen welche Fülle von Genuß und Förderung werden dem zu Theil, der zu diesem Volk, seiner Geschichte und Sprache ein Verhältniß hat. Wenn ein solcher Mensch sich der Höhe des Lebens nähert oder über dieselbe schon hinaus ist und wenn er dann bei sich einmal erwägt, was ihn denn eigentlich gefördert, was ihn erheitert, was seinem Geiste Kraft und Munterkeit verliehen, ihm mit durch's Leben geholfen — und es ist nützlich dergleichen zuweilen zu erwägen —, so wird er mit dankbarem Herzen erkennen müssen, daß seine Liebe und sein Verhältniß zu dieser hochangelegten Volksnatur ihm diese Güter zu einem großen Theil zu Wege gebracht. Bewahre mich der Himmel von einem Volk geringschätzig zu denken, dessen schöpferischer Geist dem deutschen beinahe ebenbürtig und dessen anwendender Geist ihm überlegen ist." Wenn Etwas dazu geeignet ist, die Gefahr verderblicher Ueber- schätzung unserer Kraft und Fortschritte von uns abzuwenden, so möchte es die Gedankenarbeit sein, zu welcher ein Versuch wie der folgende nöthigt. Um dem Fremden ein gerechtes und klares Verständniß für die letzte Wandelung deutscher Geschicke beizubringen, muß man ihm vor Allem begreiflich machen, daß sie sich nur aus dem Wust der bis dahin über alle Maßen zurückgebliebenen Zustände erklären läßt. Eine Vergleichung zwischen der Masse des Veralteten, das wir zu schildern haben, und der Dimension des Neuen, welches Fuß gefaßt hat, muß vor Allem die Ueberzeugung hervorrufen, daß noch unsäglich Viel und Schwieriges zu thun bleibt. Endlich auch wird der Gesammteindruck sich nicht umgehen lassen, daß die Lösung der Dinge für die Meisten und die Besten der Nation weder auf gewußtem noch auf gewalltem Wege herbeigekommen ist; so daß im Munde Vieler das Prunken mit der vollbrachten That sich ausnimmt, wie das was ein italienisches Sprichwort bezeichnet als: stolz thun mit der Hitze des Monats Juli. b'ursi dello ckel sola cki Im§lio. Es ist ein Glück, daß die Zeit gekommen, aber gekommen ist immerhin die Zeit, uns selbst die Mahnung zuzurufen, mit welcher der alte Görres, sich an unsere Fürsten wendend, vor fünfzig Jahren sein Buch über Deutschland und die Revolution schloß: daß es gelte bescheiden Gerechtigkeit zu lernen und Furcht vor der ewigen Macht, welche die Uebermüthigen züchtigt. Wiesbaden, im September 1868. Als am Morgen des 8. Mai 1866 der Telegraph verkündigte, daß Tags vorher fünf Revolverschüsse auf die Brust des Herrn von Bismarck abgefeuert worden, ohne ihn auch nur zu verletzen, lies mehr denn ein ehrlicher Mann Gefahr, über einem Ausruf ertappt zu werden, der vor dem Richterstuhl der strengen Moral nicht hätte bestehen können, denn er beging eben jenes Gedankenverbrechen, welches in der Zauberkunst des Mittelalters auf die Art ausgeübt wurde, daß man ein wächsernes Herz unter gewissen Formeln und Nennung der im Wege stehenden Person durchstach*). Deutschland sah damals ein grausames Geschick über sich hereinbrechen, ohne es einer andern Ursache zuschreiben zu können, als dem Frevelsinn, ja dem frivolen Uebermuth, so schien es beinahe, eines einzigen Menschen. War doch Preußen's Minister zweifellos der alleinige Anstifter des brudermörderischen Kampfes, dessen Ansbruch Europa nur mit einem aus Entsetzen und Ungläubigkeit gemischten Gefühl entgegensah! War es denn zu fassen, daß die Söhne dieses gemüthlichen, friedfertigen Deutschlands übereinander herfallen sollten? Und warum? Um dem größten Feinde der Freiheit, dem Verfechter *) Die Franzosen nennen es: tusr Is iVlsnäariii, in lakonischer Anspielung auf I. I. Rousseau's kasuistische Frage: Was würdest Du thun, wenn Dein Glück von dem Tod eines Mandarinen in China, also einem ganz Unbekannten und Entfernten, abhinge und der bloße Gedanke hinreichte, um ihn aus der Welt zu schaffen? 1 2 des Mittelalters, dem Volksverächter, einen sichern Triumph zu bereiten, ihm, der mit eiserner Stirn laut und offen zu bekennen gewagt, daß in der Welt nur ein Gesetz gelte, — die Gewalt? Von solcher Klage hallte es aller Orten wieder, in Preußen sowohl wie in allen andern deutschen Landen und jenseits der Gränzen. Viele große Städte der Monarchie, die loyalsten Vereine und Körperschaften entsandten Deputationen nach Berlin, um den König unter den beweglichsten Bitten zu beschwören, daß er auf jenes unheilvolle Unternehmen verzichte. Vielfach weigerten sich die einberufenen Soldaten zu marschiren. Wehklagende Mütter und Frauen folgten den Kolonnen - der Scheidenden und schickten ihre Verwünschungen zum Himmel ge- ^ gen den Urheber dieses unglückseligen Krieges. Ferdinand Cohn, oder auch Blind (nach seinem Stiefvater Karl Blind sich nennend), der fanatische Jüngling, welcher kalt sein Leben eingesetzt hatte, um den Gang der Ereignisse aufzuhalten, war wie Karl Sand, der Mörder Kotzebue's, wie Oscar Becker, der Unternehmer des Attentats gegen den König von Preußen, einer jener deutschen Studenten, deren Geist den Gedanken des politischen Meuchelmords mitten in der Zurückgezogenheit eines ruhigen, arbeitsamen Lebens ausbrütet. Es ist ein charakteristischer Umstand, daß in Frankreich, wo die Politik in Form der Leidenschaft, schon seit lange die Massen durchdrungen hat, die zum Attentat greifenden überspannten Köpfe beinahe ausschließlich der arbeitenden Klasse angehören, während sie in Deutschland, wo das politische Bewußtsein noch nicht ins Geblüt gedrungen, sondern viel mehr eine Verstandessache ist, aus der studirenden und denkenden Jugend hervorgehen. — Herr von Bismarck, den der plötzliche Ueberfall nicht außer Fassung zu bringen vermocht, hatte selbst seinen Angreifer festgehalten und der Polizei überliefert. Der Thäter öffnete sich nach dem ersten mit ihm vorgenommenen Verhör die Pulsadern und starb mit der stolzen Unerschütterlichkeit eines alten Römers. Dieses tragische Ende eines so jungen und bis dahin fleckenlosen Lebens mußte die allgemeine Bestürzung nur um so mehr steigern. Es lag eine Art grausamer Ironie darin, daß das herrschende allgemeine Bewußtsein gleichsam mit dem Verbrechen in Einverständniß war, dieweil die Gerechtigkeit nothwendiger Weise für den großen Schuldigen Partei ergreifen mußte. — Wenige Monate später hielt derselbe Mann, der so viel Ingrimm auf sein Haupt geladen, unter dem Geläute der Glocken, dem jubelnden Zuruf der Menge, begrüßt von weißgekleideten Jungfrauen, umgeben vom ganzen Apparat eines öffentlichen Triumphators, seinen feierlichen Einzug in Berlin. Und man mußte anerkennen, daß hier mehr als ein bloßes Ceremonie!! entfaltet war. Obwohl körperlich angegriffen, man könnte sagen: leidend, durfteHerr von Bismarck nicht daran denken, sich dieser Ovation zu entziehen. Während der letzten Monate hatte er seine angestrengte, schon zu gewöhnlichen Zeiten erstaunliche Thätigkeit verdoppelt, die Durchführung seiner Entwürfe überall persönlich zum Aeußersten und bis auf's Schlachtfeld verfolgt, vom Pferde steigend den Vorsitz im Rathe geführt, mit einer unwiderstehlichen Ueberlegenheit alle Fäden der durch eine Menge von widerstreitenden Interessen und Verwicklungen erschwerten Friedensverhandlungen in seinen Händen zusammengefaßt, und die gewaltige Arbeit mit einer erstaunlichen Schnelligkeit einem guten Ende zugeführt. Dieses Uebermaß von Thätigkeit hatte endlich seine eiserne Constitution erschüttert, nur mit großer Anstrengung vermochte er sich zusammenzuhalten während des festlichen Tages, dessen Held, trotz aller dem Könige und den Prinzen dargebrachten Kränze, doch zunächst er allein war. Schon bewunderte ihn Preußen. Noch folgten Deutschland und Europa langsam und von ferne, mit Widerstreben gleichsam, und mit dem geheimen Gefühl, daß sie hier eine außerordentliche, vielleicht doch weniger schädliche Kraft vor Augen hätten, als sich bis dahin hatte ahnen lassen. Sollte Herr von Bismarck dennoch Recht gehabt haben, als er, vier Jahre früher, in der Stunde, da er Frankreich verließ, um die Führung des preußischen Staates zu übernehmen, zu einer hohen russischen Dame sagte, daß er in kurzer Zeit der populärste Mann, der Cavour Deutschlands sein würde? Die Analogien zwischen beiden Ländern sind so zahlreich und schlagend, daß jeder Abschnitt ihrer Geschichte auf ganz natürliche Weise zu der Versuchung einlädt, Vergleichungen anzustellen. Diejenige, welche man zwischen dem Gründer des italienischen Statuto und dem Verderber der preußischen Verfassung durchzuführen versucht sein könnte, würde gewiß der Mühe lohnen. Aber ehe man zu Vergleichungen schreitet, muß man das nöthige Verständniß des Materials besitzen, und grade aus dem Grunde, weil diese erste der Bedingungen zur Fällung eines ernsthaften Urtheils so unzureichend erfüllt ist, erscheint es unentbehrlich, zunächst einmal alle Aktenstücke zusammenzustellen, welche in möglichst erschöpfender Weise die maßgebenden Vorgänge vor den Augen der öffentlichen Meinung an einander reihen. Wir wollen also die sehr oberflächlichen Angaben, mit welchen sich die große Masse bisher bei ihrer Würdigung eines der interessantesten Männer der Gegenwart genügen ließ, zu vervollständigen suchen. Wie indessen immer bei näherer Betrachtung das Urtheil ausfallen möge, so ist schon an dieser Stelle jedenfalls die Bemerkung statthaft, daß der Minister König Wilhelms sich zu viel vermaß, wenn er behauptete, mit einem Sprunge die Popularität des Ministers Victor Emanuels erreichen zu können. Auch war er sich ohne Zweifel des Unterschieds zu deutlich bewußt, um nicht nach seiner Gewohnheit dem Ausdruck seines im Grunde ganz ernsthaft gemeinten Gedankens etwas Ironie beigemischt zu haben. Weder am Tage seines feierlichen Einzugs in Berlin war Herr von Bismarck einer der Männer nach dem Herzen des Volkes, noch ist er es seitdem geworden. Ganz abgesehen von der höheren Temperatur, welche die Sonne und das Geblüt der Heimath dem Italiener auf den Weg des Lebens mitgaben, ist dieser große Herr, auf dessen Lippen einschneidende Schärfe und Menschenverachtung zu Hause sind, nicht dazu gemacht, jemals der Liebling einer Nation zu werden. Die Quintessenz seiner Persönlichkeit und seine ganze Vergangenheit spannen eine tiefe Kluft zwischeu ihn und den Genius der Volksgunst. Ueberdies war es Cavour vergönnt, dem unvergleichlichen Ruhme, sein Land aus dem Nichts gezogen, das noch größere Verdienst hinzuzufügen, auch den Tempel der Freiheit ausgerichtet zu haben, ein Ruhm, in dem er den Neubegründer des deutschen Staates weit hinter sich zurückläßt. Jener Tag des Triumphs wurde, wie sehr auch neuer Schmerz und altes Mißtrauen ihre Stimme mit dem Jubel des Einzugs vermischten, nichtsdestoweniger für Herrn von Bismarck der Ausgangspunkt eines denkwürdigen Umschwungs in der öffentlichen Meinung. Von der Stunde an war in den Augen Deutschlands und Europa's die Lebensfähigkeit seiner Schöpfung und die Kraft seines Geistes in stetem Wachsen begriffen, und Tausende von Menschen, die ihn vordem mit Verwünschungen bedacht, haben sich darein gefunden, in ihm, — lassen wir vorerst noch unerörtert, ob mit oder ohne Grund — den Schöpfer einer neuen Ordnung der Dinge zu sehen, dessen Willenskraft und Ausdauer dazu befähigt erscheint, die deutsche Nation, vielleicht noch durch viele Prüfungen hindurch, einer glücklicheren Zukunft entgegen zu führen. Die Stimme des öffentlichen Gewissens konnte jedoch dieser veränderten Anschauung nicht beipflichten, ohne daß ' dieses sich tief betroffen fühlte von dem Umschwung, welchen es gleichsam wider seinen Willen an sich selbst erlebt hatte. Sicherlich hat es den moralisch-bedenklichsten Erfolgen zu keiner Zeit an einem zahlreichen Anhang gefehlt. Niemals ist das treffender gesagt worden als in dem bekannten Ausspruch Cromwell's. Da einst der Protector mit großem Gepränge durch die Straßen von London zog, und einer seiner Gefährten in freudiger Verwunderung über den Zulauf der Menge ausbrach, flüsterte ihm Oliver zu: „Wenn man mich zum Galgen führte, würde es noch großartiger sein." — Dennoch bleibt noch ein großer, wenn auch nicht auf der Oberfläche so sichtbarer Unterschied zwischen dem, der blos den großen Haufen hinter sich herzieht und dem, der das öffentliche Gewissen seines Landes bezwingt. Unsre Zeit hat Unternehmungen erlebt, welchen, vom Glück gekrönt, alle Früchte des Sieges in den Schooß fielen, ohne daß sie sich rühmen konnten, die Begriffe des Guten und Bösen um sich her verkehrt zu haben. Gerade eine Verirrung dieser Art aber, also der schwersten und unheilvollsten eine, ist es nun, welche von vielen Seiten in allzuschnell fertiger Weise Deutschland vorgeworfen wird, und welche gerade die aufgeklärtesten Theileseiner Bevölkerung, beispielsweise die weit überwiegende Majorität der Liberalen in Preußen und Baden, mittreffen müßte. Eine solche Erscheinung genügt schon, um das große Interesse zu rechtfertigen, welches eine Untersuchung über die Ideen und die Entwickelung des Mannes gewähren muß, der als der Urheber dieser ganzen Bewegung dasteht. Wenn schon sein gewaltiges Auftreten an sich, und daß es ihm gelungen, mit unvergänglichen Zügen seinen Namen in das Buch der Geschichte eingeschrieben zu haben, ihn werth machen, der Gegenstand genauer und ernster Würdigung zu sein, so nöthigt vollends die moralische Verantwortlichkeit, welche von seinen Thaten nachträglich auf eine ganze Nation zurückgefallen ist, zu solcher Untersuchung als einer gebieterischen Pflicht. Aie Politik ist keine Wissenschaft, höchstens ist sie eine Kunst. Folglich geräth sie nicht leicht in größere Gefahr, als wenn sie sich feststehenden, hergebrachten Formeln überläßt. Die unberechenbare Wohlthat der französischen Revolution konnte der Welt nicht lauter Vortheile zugeführt und hinterlassen haben. Die menschlichen Dinge sind nicht von so absoluter Natur. Weil nun aber der Vorbehalt des bonotieium invontarii nicht im Codex der Geschichte steht, so konnte es nicht ausbleiben, daß wir eine Masse von Formeln erbten, denen zur Zeit, da ein Strom neuer Wahrheiten zum Durchbruch kam, eine übertriebene Heilkraft zugeschrieben wurde. Festgebannt in den Zauberkreis der großen Gegensätze, welche damals an einander geriethen, glaubten die folgenden Geschlechter, nicht immer mit Recht, ein Problem des wirklichen Lebens zu lösen, indem sie es auf die allzu einfache Alternative ansahen: entweder Revolution oder Contre-Re- volution. Herr von Bismarck hatte bei seinem ersten Auftreten in der Politik diesen Irrthum getheilt. Er büßt ihn einigermaßen, seit er ihm nicht mehr opfert; denn diejenigen, welche einzig in der strengen Anwendung der revolutionären Formeln das Heil sehen, sind gerade die unerbittlichsten Gegner desjenigen, der einst kein anderes Ziel kannte als die Contrerevolution. Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen ist am Isten April 1815 auf dem Schlosse Schönhausen, von dem er einen Theli 8 seines Familiennamens herleitet, geboren. Schönhausen ist eine in der Provinz Sachsen belegene Besitzung. Die Familie stammt aus der Mark Brandenburg, dem Herzen des preußischen Staates, und gilt für sehr alt; seit mehreren Jahrhunderten kommt ihr Name in den Ranglisten der Armee vor. Um den Typus dessen zu bezeichnen, was die deutschen „Junker" nennen, bedienen sich die Franzosen des Wortes „üodoroau". Doch deckt sich die Bedeutung beider Ausdrücke nicht ganz: Für den Begriff lwberoau haben die Deutschen das ganz passende Wort „Krautjunker", während der echte Junker, vor Allem der Sprößling einer adlichen Soldatenfamilie, wie aus einer Mischung von stuartischem Cavalier, von preußischem Leutenant, von deutschem Feudal-Herrn und von spanischem Don Quixote zusammengesetzt erscheint. Diese Aristokratie hatte bis zum Ende des 18ten Jahrhunderts das Vorrecht die Offiziersstellen zu bekleiden. Man weiß, daß sie thatsächlich noch heute die Mehrzahl derselben ausfüllt. Selbst der Vater Friedrich des Großen, der nüchternste Realist, der je auf einem Throne gesessen, jener spießbürgerliche Korporal, der, wenn er am Tage irgend einem Emporkömmling den Adelstitel verkauft, Abends in sein Wirthschaftsbuch schrieb: „Wieder einen Hasen gefangen: macht 600 Thlr.", konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ein Mann aus dem Volke in sein Offiziercorps zugelassen würde. Sein Sohn, in jeder Beziehung der vollkommene Gegensatz zum Vater, ein ebenso loser Freidenker als jener ein orthodoxer Christ war, dieser philosophische Humanist, war vollgepfropft von aristokratischen und militärischen Vorurtheilen. Wir besitzen einen Brief von ihm, in dem er das Vorhaben eines Leutenants, sich mit einer Bürgerlichen zu verheirathen, wie einen unerhörten Scandal behandelt. Er decretirte, daß ein einfacher Leutenant, der einen Feldzug mitgemacht, den Vortritt vor einem königl. Rathe haben sollte und nur aus ganz besonderer Gunst ernannte er den Geheimerath Mayer, den bür- gerlichen Vorsitzenden des Rechnungshofes zum Leutenant, damit er wenigstens nicht gezwungen sein sollte, den jüngsten Offizieren den Vorrang zu lassen. Diese zärtliche Besorgtheit für den Adel konnte nicht verfehlen, in demselben die ergebenste Stütze des Thrones zu erziehen, obwohl bei Gelegenheit das unbändige Vollgefühl bevorzugten Standesbewußtseins von Zeit zu Zeit Conflikte zwischen dem Prinzip des Königthums und dem des Adels herbeiführte. Ein Herr von Schlubhut, der wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder verurtheilt, den Unwillen des Königs Friedrich Wilhelm I. herausgefordert hatte durch die Worte, daß noch nie ein Galgen für einen Edelmann errichtet worden sei, wurde auf ausdrücklichen Befehl noch an demselben Tage gehenkt. Nichtsdestoweniger ließ sich noch oftmals später und bis auf unsere Tage mancher seiner Genossen beikommen, den vom Thron begünstigten Neuerungen mit der vielsagenden Mahnung zu begegnen, daß, bei Lichte betrachtet, die Großen die Herren gewesen seien noch ehe die Burggrafen von Nürnberg ins Land gekommen. Herr von Bismarck, wenn auch der Sohn eines Majors, trat doch nur auf die Dauer des einen Jahres, welche die allgemeine Dienstpflicht vorschreibt, in die militärische Laufbahn ein. Er bestimmte sich dem Verwaltungsfach, zu welchem er sich durch das Studium der Rechtswissenschaften vorbereitete. Uni so rückhaltloser blieb er festgewurzelt in der anererbten feudalistischen Anschauungsweise, und bei jener angeborenen türia, von der er seither so viele Proben abgelegt, konnte es nicht ausbleiben, daß er sich bald zum Urbild des übermüthigen, unduldsamen, herausfordernden Junkers ausbildete. Eine kraftstrotzende Natur, ein in strammgeregelten Verhältnissen eingeengter, durch seine noch dunkel schlummernde Gewalt heimlich gestachelter Ehrgeiz thaten das Ihre, um ihn rasch auf den äußersten Flügel seiner Parthei zu treiben; und als er in einem Alter von 32 Jahren in das öffentliche Leben trat, verlor Herr von Bismarck keinen Augenblick nm den ganzen Haß seiner Gegner auf sich zu ziehen. Wenn die Extreme sich berühren, so kommt es daher, daß sie alle seitwärts von der Wahrheit ablaufen. Wie die Ultra-Protestanten sich dem Papstthum nähern, so haben die Ultra-Preußen der feudalen Parthei stets eine starke Hinneigung zu Oesterreich gehabt. Getreu dieser Ueberlieferung begann der Mann, der später Oesterreich aus dem deutschen Verbände hinausdrängen sollte, seine Laufbahn damit, daß er nicht nur die Sache jener Macht verfocht, sondern die Dinge so weit trieb, die gehorsame Unterordnung Preußens unter die gesetzmäßige Oberhoheit des Hauses Habsburg zu predigen. Um die ganze Bedeutung dieses innern Widerspruchs zwischen der Verehrung für Oesterreich und der natürlichen Tendenz des preußischen Staats zu verstehen, ist es unumgänglich nothwendig, wenigstens ein Jahrhundert zurückzugehen. Vergegenwärtigen wir uns demnach auf einen Augenblick die hervorragendsten Zwischenfälle dieses dynastischen Antagonismus, welcher bald in blutigen Kriegen zum Ausbruch kam, bald unter dem trügerischen Schein eines herzlichen Einverständnisses fortglimmte, um endlich in unsern Tagen zu der gewaltsamen Lösung zu gelangen, welche den wirklichen Charakter dieser tödtlichen Feindschaft enthüllte. Das Turnier zwischen den beiden Höfen ist so sehr der eigentliche Mittel- und Ausgangspunkt der Ereignisse des Jahres 1866, daß man weder die wahre Bedeutung noch die wirklichen Triebfedern derselben festzuhalten vermöchte, ohne sich vorher mit der Geschichte der vorausgegangenen Zeiten vertraut gemacht zu haben H. Das Prinzip der Feindseligkeit zwischen Oesterreich und Preußen Vgl. besonders das höchst lehrreiche Buch von Ad. Schmidt: Preußens deutsche Politik. Leipzig 1867, aus welchem die Schilderung der Episoden von 1765 bis 1606 vorzugsweise geschöpft ist. 11 datirt, wenn auch schon zu Zeiten des Großen Kurfürsten Spuren wahrnehmbar sind, doch bewußter Weise von der Regierung Friedrichs des Großen, aber es tritt weder ganz gleichbedeutend, noch gleichzeitig mit der Nebenbuhlerschaft um die Leitung Deutschlands auf. Von den vier Kriegen, welche Friedrich gegen Oesterreich führte und aus denen sein Königreich vergrößert, befestigt und mit dem fruchtbaren Keim zu seiner ganzen außerordentlichen Entwicklung hervorgegangen ist, hatten der erste und der dritte nur die territoriale Ausdehnung zuni Zweck, die schlechterdings erforderlich war, um das neue Königreich auf dauerhafte Grundlagen zu setzen. Bei dem Jntriguenspiel, das sich um die Theilung Polens drehte und besonders während des zweiten Aktes dieses trübseligen Schauspiels, war der Widerstreit zwischen den beiden Mächten zu einem Grad von Heftigkeit gestiegen, der nur in den gewaltsamen Erscheinungen des letzten Jahres seines Gleichen findet, ohne daß es sich dabei im mindesten um die Frage des Vorrangs im deutschen Reich, um die nationale Suprematie gehandelt hätte. Es war einfach und allein der Zusammenstoß zweier raubsüchtigen Gewalten, die ohne irgendwelchen verschämten Vorwand um die Beute rangen. Abwechselnd jedoch mit diesen aus nachbarlicher Händelsucht entsponnenen Streitigkeiten, tauchten Feindseligkeiten von höherer Tragweite und tieferem Sinne auf. In dem sogenannten österreichischen Erbfolgekriege spielte in Wahrheit die Anerkennung der pragmatischen Sanction nur eine ganz untergeordnete Rolle neben der Erwerbung Schlesiens; in dem darauf folgenden zweiten schlesischen Kriege trat die Absicht zur Erreichung eines Uebergewichts in deutschen Angelegenheiten schon sichtbar hervor. Nach der Wiederaufnahme eines Krieges von rein dynastischer und europäischer Bedeutung, dem siebenjährigen, pflanzte Friedrich in dem letzten seiner Feldzüge wiederum, und zwar schon sehr offen, die Fahne des innern und nationalen 12 Kampfes auf. Aber selbst in den nach dem ersten Anschein diesem höheren politischen Gedanken ganz fernstehenden Verwicklungen, drängte sich derselbe ganz oon selbst allen Denen auf, welche Ernst genug besaßen, den Dingen auf den Grund zu schauen. Trotz aller entgegen^ gesetzten Anstrengungen Friedrichs, hatten der Tod Karl's VII. von Bayern und die Bemühungen der Diplomatie zweimal die Krone des heiligen deutschen Reiches auf das Haus Oesterreich, in der Person Franz I. und Josephs II., zurückgeführt. Der König von Preußen hatte sich mit einigen Gebietserweiterungen abfinden lassen, welche ihm die nöthige Stärke verleihen sollten, um im geeigneten Moment seine vertagten, aber deutlich formulirten und seiner vertrauten Umgebung schon seit Beginn des siebenjährigen Krieges bekannten Pläne wieder aufzunehmen. Schon damals empfahl General Winterfeld, der Vertraute des Königs, frei heraus, ganz Deutschland zu erobern und ihm durch die Vereinigung in einen einzigen Staat gegen das Ausland Widerstandskraft zu verleihen. Im Mai 1757 erklärte er jedem der es hören wollte, daß man „in weniger als zwei Jahren die ganze Reichsverfassung umgestoßen und Friedrich auf dem Throne der deutschen Kaiser erblicken würde". Wenn wir hinzufügen, daß er zu gleicher Zeit rieth, nach Ungarn vorzudringen und dort einen Aufruf an die Mißvergnügten zu erlassen, so wird man hier das ganze Programm Bismarck's mit Einschluß der Verhandlungen mit Kossuth und Klapka, hundert und zehn Jahre rückwärts bereits aufgestellt finden. Seit jener Zeit war Friedrich fest entschlossen, um keinen Preis eine Gebietsausdehnung der Habsburger in Deutschland zuzulassen. Er hielt diese Politik siegreich aufrecht, als er die Pfalz bei der bayerschen Erbfolgefrage, nach dem Tode des kinderlosen Kurfürsten Maximilian Joseph, 1777, gegen die österreichischen Ansprüche unterstützte, und im Frieden von Teschen ward die Sache zu seinen Gunsten entschieden. Aber Oesterreich fühlte nur um so lebhafter die Nothwendigkeit, seinen Einfluß im Süden Deutschlands auszubreiten. Bayern und Württemberg sollten ihm, damals wie noch unlängst, als natürliche Operationsbasis bei der Bekämpfung des preußischen Ehrgeizes dienen. Da es nicht gelungen war, sich dieser Länder mit den Waffen in der Hand zu bemächtigen, so wurde der Weg der Verhandlungen eingeschlagen. In Württemberg wurde leise angeklopft, dagegen dem neuen Kurfürsten von Bayern gradezu der Vorschlag eines Ländertausches unterbreitet. Damals eben tauchte zum erstenmal jenes famose Projekt aus, Bayern gegen Belgien einzuhandeln, welches Oesterreich mit seiner sprüchwortlichen Zähigkeit durch alle Wechsel der Ereignisse hindurch verfolgte, ein Projekt, welches bis in die Verhandlungen mit dem Convent und dem Direktorium hinein, immer wieder auftauchte. Gerade dieses systematische Verfahren Oesterreichs zur Ausbreitung seiner Macht in Deutschland spornte Friedrich an, nach einem ebenso wohlüberlegten Plan zu Werke gehend, eine auf einer gesunden entwicklungsfähigen Grundidee beruhende Neuerung ins Leben zu rufen. Zum ersten Male seit dem Westphälischen Frieden, welcher thatsächlich die politische Existenz der deutschen Nation vernichtet hatte, trat hier der Gedanke von der Herstellung einer dauerhaften und sachgemäßen Verbindung der deutschen Staaten zu einem größeren Ganzen in einer bestimmten Form auf. Friedrich und seine Minister versuchten es mit einem Entwurf, dessen eingestandener Zweck vor allem der Widerstand gegen die Uebergriffe Oesterreichs war. Preußen kehrte damals dasselbe Argument heraus, welches, in ähnlicher Lage, Oesterreich seither gegen Preußen geltend gemacht hat. Es zeigte den kleinen Fürsten die Gefahr, die ihnen der unersättliche Appetit Oesterreichs bereitete, und rief sie an, sich unter den Schutz des Königs zu stellen, um ihre Souveränetät zu retten. In einem an seine Minister gerichteten Briefe drückt sich Friedrich 14 folgendermaßen aus: „Es ist von der höchsten Wichtigkeit für uns alle unsre Kräfte dahin zu richten, daß im Reiche eine Art von Bund hergestellt werde, wie ihn ehemals der Schmalkaldische bot. Der Zweck dieser Vereinigung soll, den berechneten Nebergriffen Oesterreichs gegenüber, die Aufrechterhaltung der Fürstenrechte sein. Man muß, fügt der König hinzu, diese Leute (die Fürsten) fühlen lassen, daß sie auf unsre Hülfe rechnen können und daß es ihr eignes Interesse ist, was diese Institution nothwendig macht; aber mit gekreuzten Armen darf man nicht stehen bleiben. Diese Leute werden nie etwas aus sich selbst herausschaffen. Schmiedet daher das Eisen, so lange es heiß ist". Dieser Brief ist vom 6. März 1784. Keinen Tag ließ er von da ab vorübergehen, ohne hinter seinen Ministern her- zusein, daß sie ihm so bald als möglich einen Verfassungsentwurf vorlegen sollten und endlich, des Wartens überdrüssig, bringt er ihnen am 24. Oktober selbst eine Arbeit, betitelt: „Entwurf zu einem Bund der deutschen Fürsten nach dem Muster des Schmalkaldischen". Die Sache ging jedoch nicht so rasch von Statten, wie es seiner Ungeduld entsprochen hätte. Es bedurfte sechsmonatlicher Unterhandlungen, um sich auf diplomatischem Wege mit den deutschen Fürsten zu verständigen, der vom Auslande geschmiedeten Hemmnisse nicht zu gedenken. Damals wie heute beobachteten Frankreich und Preußen einander mit mißtrauischen Blicken, suchten ihre gegenseitigen Projekte zu errathen und zu durchkreuzen. „Der französische Hof", schrieb Freiherr v. G oltz, der preußische Gesandte in Paris, im März 1785 „der französische Hof wird diese Vereinigung nie nach seinem Geschmacke finden, und es vorziehen die süddeutschen Fürsten in seiner ausschließlichen Abhängigkeit zu erhalten". Friedrich antwortete umgehend: „Ob Frankreich eine Allianz zwischen deutschen Fürsten billigt oder nicht, muß uns im Grnnde egal sein. Die Sache an sich ist gut, und das ist, was man 15 vor Allem im Auge behalten muß. Ich meine, daß wir weder die gehorsamen Diener der Franzosen, noch der Oesterreicher, noch der Russen sein sollten". Endlich im Monat Juli 1785 kam es zur Unterzeichnung des Bündnisses von Seiten Sachsens, Hannovers und Preußens, mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß nachträglich die andern Fürsten sollten zum Beitritt aufgefordert werden. Es war ein Allianzvertrag in ziemlich allgemeinen Ausdrücken, aber mit mehreren geheimen Artikeln versehen, die sich hauptsächlich auf den Widerstand bezogen, der jedem Tauschprojekt zwischen Belgien und Bayern, sowie der Wahl eines österreichischen Prinzen bei der nächsten Besetzung des deutschen Kaiserthrons entgegenzustellen sei. Vierzehn Fürsten traten in den Bund und, was im Hinblick aus die Ähnlichkeit mit den neuesten Ereignissen besonders hervorgehoben zu werden verdient, sobald die ersten drei Unterschriften gesichert waren, ergriff Friedrich Maßregeln um niit den andern Fürsten Militär-Conventionen abzuschließen, kraft deren die Truppen dieser Staaten unter gewissen Bedingungen an Preußen abgetreten, d. h. seiner Armee einverleibt und aus seinem Schatz besoldet werden sollten! Aber schon stand er dem Ende seines Lebens zu nahe, um durchgreifende und dauerhafte Veränderungen in die europäischen Verhältnisse einzuführen. Das Jahr darauf wurde der Fürstenbund mit ihm begraben. Wir haben nicht erst nöthig hervorzuheben, wie wenig von der Genialität des großen Monarchen auf diejenigen überging, welche das von ihm erweiterte und befestigte Reich erbten. Die preußische Hof- und Staats-Geschichtsschreibung hat keine Mühe gescheut, um uns die Gestalten dieser Nachfolger in idealisirter Darstellung zu hinterlassen. Aber trotz aller Anstrengung, welche angeborene oder anempsundene Pietät aus diese Arbeit verwendet hat, bringt sie uns nicht über die Wahrnehmung hinaus, daß nach Friedrichs Tode nur Regenten folgten, denen in Ermangelung jeder Charakterfestigkeit ein 16 übertriebener geistiger Werth oder in Ermangelung geistigen Werthes eine übertriebene Charakterfestigkeit beigelegt worden ist. Alle waren in gleichem Maße erfüllt von jener unleidlichen Selbstvergötterung, welche aus der wörtlichen Auffassung des Gottesgnadenthums allerdings sich von selbst darbietet. Als Gesalbte des Herrn waren sie zunächst sich selbst der Gegenstand der höchsten Verehrung, gleich nach sich selbst kam ihnen allen ebenso unfehlbar der Gamaschenknopf. In unerfreulicher Reihenfolge sehen wir bald wollüstigen Mysticismus, bald dürre Strenggläubigkeit oder romantische Anwandlungen und unausrottbaren Kleinmuth an uns vorüberziehen und als letztes Resultat eine herumtastende, überschlaue, schließlich unfähige Diplomatie. Man vermochte weder sich gegen die österreichische Suprematie zu erheben, noch sich ruhig in sie zu fügen. Die Eifersucht und das Mißtrauen aus Friedrichs kampfbewegter Zeit blieben zurück, aber die Thatkraft war entwichen. Man bekriegte an Oesterreichs Seite die Revolution, während man ihm gleichzeitig in Polen in offener Feindseligkeit gegenüberstand. Wie die Cabinette, bissen sich die Generale unter einander herum, jeden Augenblick weigerte sich Einer auf den Ruf eines verbündeten Anführers zu marschiren, erbitterte ihn durch allerlei kleinliche Schikanen, Beschuldigungen und Geld-Bedingungen. Diese feindliche Brüderschaft fand ihr natürliches Ende in dem Separatfrieden von Basel. In der Reihe der Epigonen war derjenige, welcher am längsten regierte, wohl der unbedeutendste. Friedrich WilhelmIII.,derZeitgenosse der französischen Revolution, des Kaiserreichs, der Restauration und der Julimonarchie, also eine so lange wechselvolle und tiefbewegte Zeit hindurch im Vordergrund der Ereignisse, erscheint von Ansang bis zu Ende als ein dürftiges Naturell, ohne Geistes- und ohne Charakterschwung. Die offiziellen Lobredner haben seine trockene Nüchternheit, welche übrigens unter Umständen zur finsteren Härte aus- 17 — arten konnte, zur Bedeutung einer ehrlichen Straffheit zu erheben versucht. Nach 1815 gab er eines der größten Beispiele von Undank, den je ein Volk von einem Könige erfahren hat, und das will viel sagen. Ein Sieg, zu dem er anfänglich gezwungener Weise hatte fortgerissen werden müssen und der nur durch die unglaublichsten Opfer, das kostbarste Blut gewonnen worden (die Blüthe der Jugend aller Stände war in die Reihe der gemeinen Soldaten eingetreten), führte unter seinem Regiment schließlich zur Wiederherstellung eines unfruchtbaren Absolutismus, zu Verfolgungen gegen diejenigen, deren Hingebung seinen Thron gerettet, zu einer stupiden Unterwerfung unter die Knute des Kaisers Nicolaus, zum offnen Bruche des gegebenen Wortes; denn niemals gewährte er die Repräsentativ-Versassung, die er im Augenblicke der Gefahr feierlich versprochen hatte. Wenn Herr von Bismarck sich bisweilen über das Mißtrauen beklagt, welchem er in den großen von ihm unternommenen Dingen begegnet, so sollte er sich erinnern, daß es eine Zeit gab, wo er mit einer Art von Hochgenuß diesen Argwohn herausforderte dadurch, daß er sich zum Vertheidiger des schreienden Unrechts von ehedem auswarf. Als er im Jahre 1847 vor dem Vereinigten Landtag das Wort nahm, erklärte er, daß die Opfer von 1813 dem preußischen Volke nicht den Anspruch auf eine Verfassung gegeben hätten; daß die preußischen Herrscher nicht von Volkes sondern von Gottes Gnaden regierten, und daß Alles, was sie zu bewilligen beliebten, nur ein Akt ihrer freiwilligen Großmuth sei. Der Mann, welcher zum allgemeinen Stimmrecht griff mit dem Ruf, daß es gelte, Deutschland „in den Sattel zu heben", würde jene Sprache heute wohl nicht mehr führen; aber das Leben wäre zu schön, wenn man durch eine Meinungsänderung mit allen Sünden seiner Vergangenheit abschließen könnte. Die Nemesis übernimmt es, den Menschen an die Einheit seines ganzen Sein's zu erinnern, da wo sein Interesse ihn — 18 Versuchung führt, dieselbe aufzuheben. Es ist eben unvermeidlich, daß jener Bismarck von 1847 sich zwischen den Bismarck von heute und diejenigen drängt, deren Zutrauen manchmal eine werthvolle Sache für ihn sein würde. Ehe wir uns jedoch eingehender mit der persönlichen Geschichte des Staatsmannes beschäftigen, bleibt uns noch die Aufgabe, eine der merkwürdigsten Episoden zu erzählen, welche als geschichtliche Vorspiele zu der von ihm endlich ins Werk gesetzten Politik betrachtet werden müssen. Im Sommer des Jahres 1806 wurde die gänzliche Unterwerfung Süddeutschlands unter die französische Botmäßigkeit besiegelt. Der Rheinbund war nichts als eine besondere Form der Knechtschaft. Die Fürsten, welche sich in die Livree des Protektors gesteckt, wurden in Gehalt und Rang erhöht, ihre Länder auf Kosten ihrer unterdrückten Nachbarn erweitert. Preußen hatte der Beilegung Oesterreichs zugesehen und sich von England zurückgezogen, um den Besitz Hannovers, den Preis seiner Neutralität, in Ruhe zu genießen. Der Augenblick war verführerisch, um einen Schritt vorwärts zu versuchen. Das besiegte niedergeworfene Oesterreich hinterließ einen freien Platz in dem vormaligen Reich; alle Vettern waren aufgerückt, der Landgraf zum Herzog, der Herzog zum Großherzog, der Großherzog zum König; auch Preußen mußte auf eine Rangerhöhung sinnen. Dazu kani, daß es offenbar darauf hingewiesen war, entweder sich an Macht auszudehnen um widerstehen zu können, oder auch über sich das allgemeine Gesetz der Unterwerfung ergehen zu lassen. Denn die Stunde mit dem Löwen abzurechnen, dem mehr als je der Appetit während des Essens gewachsen war, rückte heran; das Gebot der Selbsterhal- tnng, wie der wohlverstandene Trieb nach Vergrößerung, drängten zu ein und demselben Entschluß hin: man mußte die Anschläge Friedrichs des Großen wieder in die Hand nehmen, den Plan von 1785, mutatis mutnmiis, verwirklichen. Der König selbst war allerdings 19 nicht der Mann, den Sporn zu solchen Gedanken in sich zu suhlen; aber in seiner Umgebung sah es damit besser aus. Es befand sich unter den Prinzen der übersprudelnde, hochherzige Louis Ferdinand und unter den Rathgebern der Freiherr vom Stein, der unermüdliche Gegner Napoleons, der Mann, der mehr als irgend Einer, stets die Nothwendigkeit betont hatte, ein deutsches Vaterland zn begründen; der Alaun, welcher schon zu jener Zeit oft viel weiter zu gehen willens war, als man noch heutigen Tages zu gehen gewagt hat. Seit 1801 hatte die Karte Europa's so viel Umgestaltungen erfahren, daß in dem Kopfe manches Patrioten der Gedanke erweckt worden war, es sei die Zeit gekommen, aus der allgemeinen Verwirrung Nutzen zu ziehen, um ein mehr oder weniger geschlossenes und mehr oder weniger großes Deutschland aufzurichten. Dem Könige überreichte Denkschriften, Broschüren und Journale hatten aus die günstige Gelegenheit des Augenblicks hingewiesen. In Betreff der Wahl des wahren Heilmittels war man ebenso uneins wie heute. Man discutirte darüber, ob es ein großes, vollständiges Deutschland, oder nur ein Norddeutschland sein sollte (die im Frieden von 1795 vorläufig gezogene Demarkationslinie hatte die erste Anregung zu jener Theilung gegeben); ob man die kleinen Fürsten mediatisiren oder sie in einen Bund vereinigen möchte. Im Jahre 1804 war die Versuchung von der entgegengesetzten Seite herangetreten. Napoleon, im Begriff, sein erbliches Kaiserreich zu proklamiren und innerlich danach lüstern, sich von den alten Herrscherhäusern als ihres Gleichen aufgenommen zu sehen, hatte Friedrich Wilhelm III. in's Vertrauen gezogen und ihn aufgefordert, sich ebenfalls den Kaisertitel zuzulegen. Der König hatte den ersten Consul zur Einführung dieser Veränderung in Frankreich lebhaft ermuntert, ohne sich jedoch über seine Absichten in Betreff seiner eigenen Lage aus- zusprechen, und nach einem mehrere Monate hindurch fortgesetzten Mei- S' 20 nungsaustausch endlich erklärt „daß er mit seinem Loose zufrieden sei und nichts weiter verlange, als die Stellung zu behalten, zu der die Vorsehung sein Haus erhoben habe". In dieser Antwort finden sich die beiden Elemente wieder, die sowohl den Menschen wie die ganze Lage bezeichnen: begründetes Mißtrauen gegen alle Lockungen eines gefährlichen Versuchers, und Widerwillen gegen jeden irgend gewagten Schritt, besonders wenn er von ferne mit einem revolutionären Ursprung zusammenhing. Ein Regent, welcher den Trieb zu großen Dingen in sich gespürt, hätte wohl dieser Versuchung nicht so nüchtern widerstanden, und der ganze, selbstbefriedigt trockne Ton, mit dem diese Enthaltsamkeit hier auftritt, sieht dem innern Wesen Friedrich Wilhelm's III. zu ähnlich, als daß wir einzig und allein in seiner Vorsicht und nicht auch in seinem Mangel an Thatendrang die Erklärung suchen müßten. Wäre das Mißtrauen gegen Napoleon das alleinige Motiv der Zurückweisung gewesen, so hätte man während des Krieges von 1805 auf 1806 nicht zwischen Oesterreich und Frankreich, zwischen Einverständniß und Widerstand, zwischen einer Politik kleiner Kunstgriffe und einer Politik der sittlichen Entrüstung hin- und hergeschwankt, vor Allem darauf bedacht, sich der neuen Erwerbung des Kurfürstenthums Hannover zu versichern. Endlich kam das Jahr 1806. Frankreich machte, nachdem der Rheinbund hergestellt war und Kaiser Franz II. die deutsche Kaiserkrone niedergelegt hatte, Preußen aufs Neue den Vorschlag, sich an die Spitze eines norddeutschen Bundes zu stellen. Am 22. Juli 1806, unmittelbar nach der Unterzeichnung des Rheinbunds, sandte Talley- rand an Lasorest, den französischen Gesandten in Berlin, die Abschrift der Gründungsakte, welche er mit folgender Erläuterung begleitete: „Für Preußen ist der Augenblick gekommen, eine so günstige Gelegenheit zu benutzen, um seine Stellung zu vergrößern und zu befestigen; es wird den Kaiser Napoleon geneigt finden, seine Ansichten 21 und Projekte zu fördern. Es kann vermittelst einer neuen Bundesverfassung die Staaten, welche noch zum deutschen Reiche gehören, wieder vereinigen und die Kaiserkrone an das Haus Brandenburg bringen. Es kann, wenn es dies vorziehen möchte, einen Bund der norddeutschen Staaten, welche mehr in seiner Sphäre liegen, bilden. Der Kaiser billigt im Voraus jede derartige Anordnung, die Preußen belieben würde". Der König ließ darauf ein in den lebhaftesten und wärmsten Ausdrücken abgefaßtes Antwortschreiben ergehen: „Der König, sagte Herr v. Haugwitz zu Laforest ist hoch erfreut; er betrachtet sich nicht nur als den Alliirten Frankreichs, sondern als den persönlichen Freund des Kaisers Napoleon". Immerhin weigerte er sich von Neuem, diesen Vorschlägen für jetzt Folge zu geben; nicht daß er das Sachliche des Vorschlags verschmähte, sondern seine dynastischen und legitimistischen Gefühle empörten sich gegen den Gedanken, die Neuerung aus etwas andres als die Zustimmung der andern Fürsten, seiner Brüder, selbst Oesterreichs, welches zu diesem Zweck auf Umwegen sondirt wurde, zu gründen. Es waren, wie man sieht, dieselben Bedenken, welche sich drei und vierzig Jahre später zwischen seinen Sohn und die Frankfurter Natio- nal-Versammlung stellten, als diese ihm die deutsche Krone anzubieten kam. Der Bruch zwischen Preußen und Frankreich kam auf dem Boden der Verhandlungen mit den deutschen Kleinstaaten zum Ausbruch, ganz wie es sich 1866 zwischen Preußen und Oesterreich begeben sollte. Schon vor den durch Herrn von Talleyrand gemachten Eröffnungen, hatte Preußen die Höfe von Sachsen und Kurhessen eingeladen, mit ihm einen norddeutschen Bund zu schließen unter Vorbehalt den Beitritt aller andern nicht zum Rheinbund gehörigen Staaten ferner- weitig zu betreiben. 22 Am 12. Juli erschien ein erster ausgearbeiteter Entwurf unter dem Titel: „Ideen zu einem norddeutsch en Reichsbund " und nach zweimaliger Umarbeitung, Mitte August,, der definitive Entwurf, aus 24 Artikeln und einem Nachtrags-Paragraphen bestehend. Im Artikel 2 übernimmt der König von Preußen „auf die Einladung der Kurfürsten von Sachsen und Hessen" die Würde eines „Kaisers von Norddeutschland"; die beiden Kurfürsten nehmen den Königstitel an. Die Contingente der Bundesarmee werden festgestellt. In Kriegszeiten hat der Kaiser den Oberbefehl. Es wird eine aus Delegirten der verbündeten Höfe bestehende Bundesversammlung eingesetzt. Bis dahin ist die Uebereinstimmung mit den jüngsten Schöpfungen auffallend ; es giebt aber einen Punkt, den wichtigsten, wo sich die beiden Organisationen scheiden. Es ist nämlich keine Rede von einer gewählten Volksvertretung. Es giebt nur ein Ober-Bundesgericht. Wir wollen hier nicht bei der Schilderung aller Umwege und Förmlichkeiten verweilen, welche dieser Entwurf, der bestimmt war, nie in Kraft zu treten, durchzumachen hatte. Während Napoleon und Friedrich Wilhelm die herzlichsten Versicherungen wechselten, führten sie auf dem Gebiete der Diplomatie einen versteckten und erbitterten Krieg gegeneinander. Der Eine um seinen Bund ohne die Mitwirkung Frankreichs zu errichten, dessen Wohlwollen immer unzuverlässiger wurde; der andere um dem Potentaten, welchen er so manchesmal zum Vorgehen aufgefordert hatte, den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Napoleon schreckte bald den Kurfürsten von Sachsen bald den von Hessen mit jenen Einflüsterungen und kalten, zweischneidigen Drohungen, deren er sich so gern zu bedienen pflegte. Es bedurfte nicht so viel um die preußischen Pläne scheitern zu machen, welche den Fürsten, die gegen Preußen wie untereinander nur eifersüchtige Gesinnungen nährten, schon an sich zuwider waren. Man weiß, welch ein frühzeitiges Ende aller dieser vergeblichen 23 Anstrengungen wartete; wie der Hof von Berlin, den geheimen Wünschen Napoleons entgegenkommend und in einer unbegreiflichen Täuschung über seine eigne Stärke befangen, sich in jenes traurige Wag- niß von Jena stürzte, welches ihn mit einem Schlage wegfegte. Aber die Ideen, welche unter den Trümmern des Königreichs begraben wurden, gewannen nichts desto weniger an Bedeutung, indem sie zum zweiten Male erschienen, und zwar unter bestimmteren Formen, als sie aus dem Kopfe des großen Friedrich hervorgegangen waren. Ring an Ring durchzieht die Kette dieses traditionellen Berufs die neuere Geschichte Deutschlands, und ohne zu behaupten, daß die Thatsache dieser historischen Vorgänge allein ein entscheidendes Recht auf die Zukunft begründen könne, ist es doch von außerordentlicher Wichtigkeit, den Zeitgenossen zu zeigen, daß die Unternehmungen unsrer Tage nicht aus zufälligem persönlichen! Ehrgeiz oder aus willkürlicher Begehrlichkeit ihren ersten Ursprung herleiten. Wir stehen da, wohl oder übel, vor einer Idee, welche sich seit mehr als hundert Jahren dem Geiste der besten Patrioten jedesmal, wenn die Ereignisse Deutschland aus seiner Trägheit und seiner widersinnig zerstückelten Lage emporrüttelten, aufdrängte. Was die Beschuldigungen gegen den angeblich Alles überwuchernden Eigennutz der hohen- zollerschen Dynastie, und das dagegen aufgestachelte Mißtrauen ganz besonders entkräftet, ist: daß, den großen Friedrich ausgenommen, die Häupter dieser Dynastie jener Idee immer am unzugänglichsten waren. Nicht die Könige geben den Anstoß, sie folgen ihm nur, und wenn sie ihm folgen, so geschieht es widerwillig und gezwungen, unter Rückfällen und halben Maßregeln. Der einzige, welcher davon eine Ausnahme machte, war der einzige, der sich mit den allgemeinen Ansichten zu identisiciren wußte. Nach seinem Tode übernahmen die Denker der Nation, die Patrioten, die Schriftsteller und Gelehrten die Erbschaft seines Gedankens. Was die Könige betrifft, so erhob 24 sich ihr Geist nicht über jenes denkwürdige Geständniß: Wir begnügen uns mit dem Loose und dem Rang, zu welchem die Vorsehung unser Haus erhoben hat. — Im Jahre 1813 führte die großartige Erhebung des Volkes gegen die Fremdherrschaft natürlich wieder die Gedanken der Patrioten auf die Entwürfe von 1806 zurück, und darüber hinaus. Die Unterdrückung der kleinen Fürstlichkeiten stellte sich um so zwingender wie ein Gebot der Logik und Gerechtigkeit dar, als sie Alle den Heeren des Eroberers gegen Deutschland selbst gefolgt waren. Aber Friedrich Wilhelm zog es vor sich mit diesen Fürsten zu verbünden, und gelangte später folgerichtig dahin, diejenigen, welche ihn zur Schilderhebung hatten drängen müssen, ins Gefängniß zu schicken. Ist es doch oft genug beschrieben worden, wie er bei der Nachricht von der Konvention von Tauroggen, starr vor Entsetzen, im ersten Augenblick nichts Geringeres vor hatte, als den General Dort, welcher den Vertrag geschlossen, um ihm sein Königreich wiederzugewinnen, vor ein Kriegsgericht zu stellen; und wer weiß, was geschehen wäre, hätten ihn nicht die verschworenen Vaterlandsfreunde den Einflüssen der ihn umlagernden französischen Diplomatie entrückt. Es wird sogar erzählt, man habe ihm beigebracht, der französische Gesandte träfe Anstalten, um ihn nächtlicherweile aus Berlin zu entführen; und dadurch nur sei er dazu bestimmt worden, sich nach Breslau zu begeben, wo es seiner Umgebung gelang, ihn zum offnen Bruch mit Napoleon zu bewegen. So sehr fehlte es jenem Manne, der oft Beweise gegeben, daß er, wie Alle seines Geschlechts, den gewöhnlichen Soldatenmuth vollauf besaß, an jener edleren Tapferkeit, welche der höhere politische Sinn dem König wie dem Bürger eingibt. Endlich erneuerte sich dasselbe Schauspiel zum vierten Male im Jahre 1849. Im März 1848, nach dem Siege des Volkes, ergriff Friedrich Wilhelm IV. das dreifarbige Banner, zog durch die Stra- 25 ßen von Berlin und ließ sich als Kaiser von Deutschland begrüßen. Ein Jahr später, nach dem Triumph der europäischen Reaktion, stößt er geringschätzig die ihm vorn Frankfurter Parlament zuerkannte und durch eine deutsche Deputation angebotene Kaiserkrone zurück. Es ist demnach klar, daß der Gedanke einer Wiederherstellung der deutschen Nation durch die Erhöhung Preußens nicht als eine vom Königshause festgehaltene Ueberlieferung angesehen zu werden vermag ; daß sie edlerer Herkunft ist. So oft der Hochgang der Geschichte einen Aufschwung in die große Masse der Nation und deren Ideen zur Geltung brachte, so oft kam auch jener Gedanke zum Vorschein; sobald der Druck von unten nachließ und die Macht des Thrones sich wieder befestigte, wurde derselbe Gedanke wieder unterdrückt. Gerade weil es thöricht wäre, der Nation zuzumuthen, daß sie die Bürgschaft ihrer Zukunft in den Sinn dieses oder irgend eines andern mit der Suprematie über Deutschland bekleideten Königsgeschlechtes verlege; gerade weil es nur endlich gelingen konnte, dies Königthum auf dem bedenklichsten und unheilvollsten Wege zur Wiederaufnahme eines höheren Berufs hinzuführen, gerade darum nöthigt die tiefere und aufrichtige Einsicht in den Zusammenhang älterer und neuerer Vorgänge zur Erkenntniß, daß die Idee, deren Verwirklichung Herr von Bismarck unternahm, aus freiem und edlem Triebe des großen Volksgeistes und nicht aus der Eigensucht dynastischer Gelüste emporgewachsen ist. Wenn wir bei dieser Betrachtung verweilten, so geschah es, weil sie von wesentlichem Einfluß auf unser Urtheil sein muß über den Mann, welcher der siegreiche Träger dieser Idee geworden. Der sich der Aufgabe unterzieht, das Werk des großen Friedrich, des freien Denkers und Erbfeindes der Habsburger,- der sich der Aufgabe unterzieht, die patriotische Ueberlieferung von 1806, 1813 und 1848 in die Hand zu nehmen und zu einem glücklichen Ziele zu führen, derselbe 26 kann nicht mehr der Mann sein, welcher von 1847 bis 1851 der Verfechter des abenteuerlichsten Feudalismus, der Verkleinere der großen nationalen Erhebung war. Manche Wandlung muß seit damals in seinen Anschauungen und Ueberzeugungen vor sich gegangen sein, und gerade diese unvermeidliche Wandlung, wenn schon oft verdeckt und verunziert von jenen abstoßenden Formen, welche das Erbtheil des preußischen Staats- und Junkerthums sind, gerade dieser innere, aber unverkennbare Sinneswechsel ist es, der besonders dazu beiträgt, die Anziehungskraft, welche der Schöpfer der neuen Ordnung auf die öffentliche Meinung ausübt, erklärlich zu finden. Was auch die ob ihrer Seelenreinheit und Unerschütterlichkeit sich Brüstenden sagen mögen, diese öffentliche Meinung ist nicht so leichtfertig und thöricht, als ihnen beliebt sie hinzustellen; sie hat durchaus nicht eine gewaltige, blinde und vertrauensvolle Neigung zu Herrn von Bismarck gefaßt. Sie sieht in ihm nichts Anderes als was er ist, nämlich einen Mann, begabt in hohem Grade mit der in der Welt und besonders in der Geschichte Deutschlands so seltenen Eigenschaft: dem großen Ganzen aus der Kraft seines Willens heraus einen mächtigen Anstoß geben zu wollen und zu können. Seine Fehler kennt sie; wenn sie der Versuchung nachgeben wollte, sie zu übersehen, sie vermöchte es nicht; er selbst sorgt nur zu sehr dafür, dieselben bei jeder Gelegenheit herauszukehren, au sie zu erinnern. Er charakterisirte sich eines Tages selbst durch jenes vielleicht zu unbedingt und allgemein formulirte aber immerhin höchst bezeichnende Geständniß: „daß er nicht das Geschick zu inneren Angelegenheiten in sich fühle"; ein Geständniß, das wohl zunächst dahin auszulegen ist, daß sein verwegener und ungeduldiger Geist sich nicht den Forderungen der Gesetzlichkeit und der Achtung vor den Einzel-Interessen anzubequemen vermöge, welche in unserm auf vielhundertjähriger Civilisation begründeten Gemeinwesen auch bei 27 aller Willkür-Regierung auf die Länge es unmöglich machen, der Verfolgung eines Zieles querfeldein durch die vielverwachsenen bürgerlichen Institutionen nachzugehen, ohne nach rechts oder links umzublicken. Allerdings findet sich ein solches Temperament in der schließlich auf den offenen Krieg hinauslaufenden auswärtigen Politik viel leichter zurecht. Dies Geständniß und die Erklärung, welche wir ihm geben, bilden den Schlüssel zur Beurtheilung der Aergernisse, welche vor wie nach der Krisis von 1866 Herr v. BiSmarck im Zusammenwirken mit den Vertretern der Gesetzlichkeit gab und empfing. Er gehört zu denen, von welchen man gesagt hat: „Um große Dinge auszurichten, muß man den Teufel im Leibe haben." Wenn das aber auch wahr ist, so ist es doch nicht genug. Große Dinge sind nur Dinge von Bestand; sie bestehen aber nur dann, wenn sie einem allgemeinen Bedürfniß, einer höheren Nothwendigkeit entsprechen: hierin liegt der Unterschied zwischen dem Staatsmann und dem Abenteurer. Der eine läßt sich in seinen Unternehmungen von dem großen Gang der Ideen und Ereignisse leiten, der andere beutet eine vorübergehende Situation aus; der eine zieht das Gesetz des ewigen Werdens zu Rathe, der andere die Gunst des Augenblicks. Wie und wo er auch Irrthümer oder Fehler begangen haben möge, in diesem Sinne hat Herr von Bismarck unbestreitbar das Recht ein Staatsmann genannt zu werden. Kaum ist über ein Jahr verflossen, seit Deutschland, Dank seiner Initiative, in eine neue Entwickelung getreten ist, und schon fragt sich Niemand mehr, ob die Erhaltung des nun Gewonnenen vom Leben oder Tod des Neuerers abhängt. -- vÄ- Als Herr von Bismarck im Jahre 1862 sein Ministerium antrat, sah die Welt in ihm gradezu den Reaktionär, der mit dem Kopf durch die Wand rennt. Nach einer etwas wilden Jugend, während der er, niit dem aus seiner ganzen Naturanlage leicht zu errathenden Ungestüm den Freuden des Lebens und darunter auch, wie man behaupten will, altgermanischem Herkommen zufolge, denen des Bechers seinen Tribut entrichtet hatte, war er, jeder Zoll ein Heißsporn, in die Schranken des politischen Kampfes getreten. Ein unparteiischer, oder vielmehr ein eher zu günstig für ihn eingenommener Schriftsteller sagt über ihn: „Es ist notorisch, daß Bismarck in der Zeit seiner parlamentarischen Thätigkeit von 1847 bis 1851, bei hoher und seltener Geistesbildung, der Führer der conservativen Partei in ihrer schroffsten und widerwärtigsten Richtung war, das Haupt der äußersten Rechten, der Verfechter der Patrimonialgerichtsbarkeit und des.Zunftwesens, der energischste Widersacher der Demokratie wie des Parlamentarismus und der eifrigste Vergötterer der Solidarität des autonomen Königthums und der privilegirten Aristokratie"'). In einer 1850 gehaltenen Rede erklärte er ganz offen, daß seiner Ansicht nach der Beruf Preußens in der Ausgabe der Unter- ') Vgl. Schmidt, a. a. O. 29 ordnung unter Oesterreich liege, um an dessen Seite die deutsche Demokratie zu bekämpfen. In derselben Rede betonte er die Nothwendigkeit, mit der damaligen Okkupation Schleswig-Holstein's ein Ende zu machen, indem er dieselbe nur für ein „dummes Abenteuer" erklärte, in welches die unglückliche Politik oon 1848 Preußen hineingezogen habe. Und um Allem die Krone aufzusetzen, läßt er sich zum Schluß so verlauten: „Vermöge einer sonderbaren Bescheidenheit vermeidet man es, Oesterreich eine deutsche Macht zu nennen, weil es das Glück hat, seine Herrschaft auch aus andre Völker auszudehnen. Was mich betrifft, so möchte ich nicht zugeben, daß, weil die Slaven und Ruthenen auch Oesterreich Unterthan sind, sie es wären, welche vorzugsweise diesen Staat repräsentirten, indem sie dem deutschen Element nur die zweite Rolle zu spielen übrig ließen. Umgekehrt vielmehr, verehre ich in Oesterreich den Repräsentanten einer alten, deutschen Macht". So sprach der Mann, welcher zehn Jahre später dem Wiener Kabinet zu wissen thun sollte, daß seinem Monarchen nichts übrig bleibe, als seine Stellung in Deutschland aufzugeben und sein einziges Heil darin zu suchen: „daß er den Schwerpunkt des Reichs nach Ofen verlege". So sprach damals der Mann, welcher später nicht ruhte noch rastete, bis der Kaiser auf jede Einmischung in deutsche Angelegenheiten feierlich verzichtet hatte. In Sachen der Herzogthümer, in Sachen der Zoll- und Handelspolitik, vom allgemeinen Stimmrecht gar nicht zu reden, war ihm vorbehalten den gleichen Gegensatz an sich zu erleben. Die Ereignisse, welche ihm Veranlassung geboten hatten, sich also für Oesterreich und gegen die Herzogthümer auszusprechen, waren die letzten Ausläufer der deutschen Bewegung von 1848 gewesen. Während des revolutionären Interregnums hatte sich Herr von Bismarck vom parlamentarischen Leben zurückgezogen, aber 1849 30 erschien er sofort wieder, um sich an dem Vernichtungskampf gegen die verzweifelten Versuche zu betheiligen, welche die in den letzten Zügen liegende nationale Partei, nimmer müde, ihre Hoffnungen auf die preußische Krone zu setzen, angestrengt hatte. Die letztere hatte sich soeben wieder alt gewohnter Maßen, mit einer ihrer halben Maßregeln hervorgewagt, um aus Grund dynastischer Verträge die preußische Suprematie festzustellen, welche, aus den Händen des Parlaments anzunehmen, sie sich nicht getraut hatte. Man unterhandelte grade wie 1806 mit den Höfen von Sachsen und Hannover, welche wiederum wie damals, nichts sehnlicher wünschten, als die Verhandlungen in den Sand verlaufen zu sehen. Schon war Oesterreich bei der Hand und machte sich bereit, den alten Bundestag in Frankfurt wieder zu installiren. Während Sachsen und Hannover die Feder ansetzten, um dasOnit Preußen abgeschlossene sogenannte Drei-Königsbündniß zu unterzeichnen, waren sie mit dem Herzen bei Oesterreich; grade so wie 1806 Hessen und Sachsen den Allianzvertrag mit Friedrich Wilhelm III. auswechselten, während Napoleon sie bereits in der Tasche hatte. Der Verfassungskampf, den die Kurhessen gegen ihren Fürsten, das Urbild eines kleinen deutschen Despoten, unternommen hatten, bot die eifrig ergriffene Gelegenheit, jeder Zweideutigkeit ein Ende zu machen, auch den schüchternsten liberalen Hoffnungen das Lebenslicht auszublasen. Es galt jetzt, die geheiligte Tradition des alten Bundestags wieder einzuweihen, welche stets den Fürsten Recht und den Ständen Unrecht gab. Die österreichische Armee marschirte heran, um zu diesem Zweck das Kurfürstenthum zu besetzen und dem Verfassungsbrecher hülfreiche Hand zu leisten. Während der Dauer einiger Stunden ließ sich Preußen herbei, dem unter die Füße getretenen Gesetz und Recht scheinbar zu Hülse zu kommen. Seine Armee setzte sich in Bewegung. Es kam zum Zusammenstoß der beiden Mächte in "jener famosen Schlacht von Bron- zell, die einem Schimmel das Leben kostete, so als Märtyrer der Aufopferung eines Königs von Preußen für die gute Sache eines Volkes zur ewigen Unsterblichkeit einging. Nach dieser schmerzlichen Sühne hielten beide Herrscher den Augenblick für gekommen, deni Blutbade Einhalt zu thun und einander in die Arme zu sinken. Herr von Manteuffel, der preußische Premier-Minister, reiste nach Olmütz und unterzeichnete dort den Akt der Unterwerfung unter den Willen des Kaisers, welchen Herr von Bismarck für das letzte Wort einer guten Politik erklärt hatte. Der alte Bundestag wurde unter dem Vorsitze Oesterreichs wieder eröffnet. Die deutsche Geschichte zeichnete abermals ein Beispiel, und das allerkläglichste vielleicht das sie erlebt, von der Vergeblichkeit der Hoffnungen, welche sie auf das preußische Königshaus gegründet hatte, in ihr Gedenk- buch ein. Herr von Bismarck empfahl sich natürlich ganz von selbst dem Augenmerk einer Regierung, die so buchstäblich sein Programm befolgt hatte, um so mehr, als er nicht nur durch die Vehemenz seiner Ueberzeugung, sondern auch durch die Lebhaftigkeit und Schnellkraft seines Geistes sich bereits hervorgethan hatte. Herr von Bismarck ist sicherlich kein Redner im üblichen Sinne des Worts, aber trotz mancher Unvollkommenheit im Vortrag, beherrscht er sein Auditorium durch die fühlbar durchgreifende Gewalt seiner Gedankenarbeit. Es scheint übrigens, als ob die Gewohnheit öffentlich zu sprechen und namentlich die einer solchen Aufgabe so förderliche, ihm jetzt verbürgte Sicherheit, das Ohr der Zuhörer zu besitzen, in den letzten Jahren zur Entwicklung seiner parlamentarischen Befähigung nicht unwesentlich beigetragen hätte. Denn noch im Jahr 1866 entwirft einer seiner Bewunderer, welcher einer Sitzung des Reichstages beigewohnt hatte, sein Bild in folgenden Zügen: „Nichts von red- 32 nerischem Schmuck, kein Wortreichthum, nichts wah den Zuhörer fortreißt. Sein Organ, obwohl deutlich und vernehmlich, ist trocken und wenig sympathisch, der Klang seiner Stimme ist einförmig; er unterbricht sich und hält oft inne, manchmal widerfährt es ihm sogar, daß er stottert, wie wenn die widerstrebende Zunge den Gehorsam verweigerte, und gleich als wäre er genöthigt, die seinen Gedanken entsprechenden Ausdrücke mühsam zu suchen. Seine unruhigen, etwas schaukelnden und nachlässigen Bewegungen kommen in Nichts der Wirkung seiner Rede zur Hilfe; indessen, je weiter er spricht, je mehr überwindet er diese Schwierigkeiten, gelangt zu einem präciseren Ausdruck und endigt oft in einem gut vorgetragenen, kräftigen, ja, wie allbekannt, manchmal zu kräftigen Schluß." Wer ihn jetzt hörte, der würde finden müssen, daß diese Schilderung Bismarck dem Redner nicht ganz gerecht wird. Noch immer zwar rückt sein Wort langsam stoßweise, oft zögernd voran; allein für den, welcher nicht gerade den melodisch gleichmäßigen Fluß des Vertrags für dessen vollkommenste Form hält, ist diese Sprechweise nicht ohne Reiz, denn sie gestattet dem Zuhörer der Denkanstrengung des Redners zu folgen und fesselt ihn damit ernster, als manche glatte, tönende oder auch klappernd dahin rollende Diktion, die keine innere Schwierigkeit zu besiegen hat. Häufig gelingt es ihm, seinen Gegenstand scharf und witzig zu packen, die Argumente mit überraschender Keckheit aus dem realen Leben herauszugreifen; namentlich indem er mit einer Art von kalter Vorurtheilslosigkeit herkömmlichen, stille Verehrung genießenden Anschauungen unter Hinweis auf die nackte Wirklichkeit den Boden einschlägt. Es muß hinzugefügt werden, daß seine Sprache, obwohl kunstlos, oft der Bilder nicht ermangelt. Sein klarer, scharfer Geist verschmäht nicht das Colorit, ebenso wie seine kräftige Constitution nicht von nervöser Reizbarkeit frei ist. Herr von Mantensfel hatte demnach allen Grund, die Kräfte 33 eines so überzeugten und so fähigen Anhängers zu verwenden. Im Mai 1851 schickte er ihn in der Eigenschaft eines ersten Gesandt- schaftssecretärs an den restaurirten Bundestag in Frankfurt, und drei Monate später ernannte er ihn bei der Versetzung des Herrn von Rochow zum Gesandten an demselben Posten. Herr von Bismarck bekleidete diese Stellung acht Jahre bis zum Frühling 1859, und innerhalb dieses langen Zeitraumes machte seine Denkweise den Prozeß jener theilweisen Umgestaltung durch, deren überraschende Wirkungen die Welt seitdem erfahren sollte. Wie hat diese Umwandlung stattgefunden und unter welchen Einflüssen? Können wir der Spur des Weges nachgehen, auf welchem sein Geist zu diesem Ziele allmälig voraugeschritten ist? Erst neuerdings hat sich die Aufmerksamkeit diesen Fragen zugewandt. Vor der großen Entscheidung von 1866 hatten weder das Publikum noch Herr von Bismarck das Bedürfniß empfunden, sich über diese Seite der Frage auszusprechen. Unbestimmte Gerüchte liefen nur in Betreff der wenig freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Vertretern der beiden deutschen Großmächte in Frankfurt; der politische Klatsch erzählte sich allerhand Wunderliches über die Reibereien zwischen den beiden Diplomaten und wollte sogar wissen, daß es einstmals zu einem mehr als figürlichen Zusammenstoß gekommen sei. Die Persönlichkeiten, welche sich damals, in der Eigenschaft als Vertreter ihrer Höfe beim Bundestag, so heftig einander anfeindeten, waren dieselben, welche sich später als Ministerpräsidenten in dem entscheidenden Kampfe gegenüber stehen sollten, zu dem ihre wechselseitigen kleinen Bosheiten nur sanft präludirt hatten. Der Kollege des Herrn von Bismarck war nämlich Herr von Rechberg. Erst seitdem vor zwei Jahren durch die Ereignisse die ganze Tragweite der von so langer Hand vorbereiteten Pläne offenbart worden, hat auch das, hinter den großen Zügen der geschichtlichen Katastrophe von 1866, verborgene psychologische Problem zum 3 34 Nachdenken aufgefordert. Sind auch die Akten über diese Untersuchung noch nicht geschlossen, so enthalten sie doch schon viele Urkunden von unbestreitbarem Interesse, welche wohl der Mühe lohnen, zu Rathe gezogen zu werden, wenn auch nur unter bedächtiger Prüfung des ihnen gebührenden Ansehens. In einer Unterhaltung ziemlich neuen Datums, welche wir, gerade aus diesem Grunde, erst im späteren Verlauf unserer Darstellung wiedergeben werden, legt Herr von Bismarck großen Nachdruck darauf, daß bei seiner Ankunft in Frankfurt seine Sympathien für Oesterreich noch in der jungfräulichsten Blüthe gestanden haben. Er hatte dem Hohepriester des konservativen Nihilismus, dem Fürsten Metter- nich auf seinem Schlosse Johannisberg einen Besuch gemacht; und dort, an den Ufern des klassischen Stromes, zu dessen Fluthen die dem poetischen Genius der Nation so theuren Rebenhügel hinabschauen, hatte das, der Niederhaltung des deutschen Volkes gewidmete, Herzens- bündniß der beiden Monarchieen seine letzte Idylle gefeiert. Herr von Bismarck und seine unbedingten Lobredner gefallen sich in der Darstellung, daß er, von damals an das österreichische System erst aus der Nähe beobachtend, in die Lage gekommen wäre, dessen verwerfliche und unheilvolle Politik zu durchschauen, kurz, daß die Bekehrung des Diplomaten vorwiegend das Ergebniß der moralischen Entrüstung des Menschen gewesen. Wir kennen zur Stunde die Persönlichkeit, welche wir hier studiren, schon genugsam, um angesichts von Erklärungen, die ein wenig stark mit Idealismus versetzt sind, auf unserer Hut zu bleiben. Verständig gewürdigt, bedeutet obiges Bekenntniß, ohne deswegen an Werth zu verlieren, daß der neue Gesandte, mit dem Thätigkeitstrieb und den Anlagen, welche wir an ihm kennen, von der Zeit seines Eintritts in die Geschäfte an, den gebieterischen Drang empfand, in seinem Wirkungskreis Etwas zu sein, Etwas zu bedeuten. Es bedurfte noch lange nicht so viel Kraft und Feuer als ihm innewohnte, um einen Zusammenstoß mit dein österreichischen Starrsinn herbeizuführen; um so mehr als diese, von jeher auf die Macht des trägen Beharrens gegründete, Aufgabe des Widerstands, diesmal ausnahmsweise sich in den Händen von Persönlichkeiten befand, denen es an Kampflust nicht gebrach. Es sagte weder dein Charakter des Premierministers, Fürsten Schwarzenberg, noch dem seines Vertreters, des Herrn von Rechberg, zu, sich hinter die treuherzige Schafsmiene und anbiedernde Gemüthlichkeit zu verstecken, unter deren Maske weiland Kaiser Franz der Welt seine boshafte und abgefeimte Diplomatennatur verborgen hatte. Man war damals in Wien, nach dem zu leichten Siege von Olmütz, an einem jener Momente der Verblendung angelangt, in welchen sich die österreichischen Jnspirirten, trunken von Erinnerung an ihr altes sprüchwörtliches Glück, den Anfällen jener unbändigen Prahlerei hingeben, von denen die Tagesbefehle des Generals Benedek seitdem ein so merkwürdiges Beispiel geliefert haben. Fürst Schwarz enberg hatte in den Salons der Hofburg diePhrase losgelassen: „II kaut nvilir 1a ?ru886 ck'adorck pour on- 8niro In cko inolir" — man muß Preußen erst erniedrigen, um es dann zu zermalmen. — Die kleinen bundesstaatlichen Fürsten sogen dergleichen mit Begierde aus, und wetteiferten in dem Genuß, die Pfeile ihres Humors gegen dieses Preußen loszulassen, die kleinste der Großmächte, wie man es zu nennen pflegte, welche sich hatte bei- kommen lassen, eine Rolle in Deutschland spielen zu wollen. Nun denke man sich einen Mann vom Temperament des Herrn von Bis- marck in der Rolle eines gefoppten Masetto vor der durchlauchtigsten Frankfurter Bundes-Versammlung, und man wird begreifen, daß das genügte, um ihn aus Rand und Band zu bringen, und ihm über die Verächtlichkeit der Politik, die er vertrat, die Augen zu öffnen. Schon vorher hatte man sich erzählt, daß Gras Branden- 36 bürg, ein natürlicher Sohn Friedrich Wilhelms II., der General, unter dessen Ministerium Ende 1848 der Staatsstreich gegen die Berliner Nationalversammlung stattgefunden hatte, am Verdruß über die Erniedrigung des Tages von Olmütz gestorben sei. Auf Herrn von Bismarck war die Wirkung eine ganz entgegengesetzte: sie ward für ihn der Ausgangspunkt zu einem neuen Leben, welches von Erfolg gekrönt werden sollte. In einem, aus Nheinfelden in Pommern im Jahre 1856 geschriebenen Briefe, finden wir ihn schon freimüthig gegen Oesterreich auftretend und voller Theilnahme für die Herzogthümer. In einem zweiten aus Frankfurt vom 2. April 1858 datirten Briefe steht er bereits mitten in der Hauptfrage. Vor Allem ist es der Zollverein, welcher ihn zur Klarheit über die Erbärmlichkeit der deutschen Zustände bringt; seine Ansichten, wie er sie in diesem Aktenstück formulirt, fassen sich in Folgendem zusammen: „Unsere Stellung im Zollverein ist ganz verpfuscht, ich bin fest überzeugt, daß wir den Vertrag kündigen müssen, sobald der Termin dazu gekommen ist. Die Fortdauer desselben ist sachlich unmöglich, wenn neben den 28 Regierungen noch einige 50 ständische Körperschaften, geleitet von sehr partikulären Interessen, ein tiboruin voto ausüben. Der Gleichheitsschwindel der deutschen Regierungen drängt dahin, durch Anwendung desselben sich wichtig zu machen. Ich glaube, daß wir in einem nach 1865 umzubildenden Zollverein, um diesen Klippen zu entgehen, für die Ausübung des ständischen Zustimmungsrechtes in Zollvereinssachen, den Unionsprojekten von 1849 eine Einrichtung entnehmen, eine Art von Zollparlament einrichten müssen .... Die Regierungen würden schwer daran gehen, aber wenn wir dreist und konsequent wären, könnten wir viel durchsetzen. Kammern und Presse könnten das mächtigste Hilfsmittel unserer auswärtigen Politik werden, sie müßten die deutsche Zollpolitik breit und rückhaltlos aus dem preußischen Standpunkte discutiren; dann würde sich ihnen die ermattete Aufmerksamkeit Deutschlands wieder zuwenden und unser Landtag für Preußen eine Macht in Deutschland werden." Man bemerke wohl, dies wurde in einem Privatbriefe geschrieben, ein ganzes Jahr vor dem Ausbruch des italienischen Krieges, welcher zum Weckruf für die seit 1849 erstarrten Nationen des Continents wurde. Genügt es, solchen Zeugnissen gegenüber einen so gewaltigen Gesinnungsumschlag aus einigen Anfällen von Mißlaune über das Verfahren der österreichischen Diplomatie zu erklären? Ist es nicht augenscheinlich, daß Herr von B ism ar ck selbst ergriffen wurde von der unwiderstehlichen Wirkung, welche die Versetzung aus der engen und steifen Potsdamer Welt in die offene Luft, auf seinen triebkräftigen Geist ausüben mußte? Spiegelt sich nicht deutlich in den Zügen, die er auf das Papier wirft, der Reflex einer inneren Gedankenarbeit ab, welche unvermeidlich zu der Erkenntniß hindrängt, daß der himmlische Thau des Gottes-Gnadenthums allein nicht ausreicht, um eine Macht, ein Königshaus zu regeneriren; daß letzteres vielmehr zu seinem Wachsthum nothwendig der lebendigen Kräfte des Bodens bedarf, in welchem seine Wurzeln sprießen? Sein Ausgangspunkt war ohne Zweifel das dynastische Interesse. Nach der aus seiner royalistischen Erziehung hervorgegangen«:» Denkweise mußte ihm die Größe des Vaterlandes zunächst als in der Größe des Königthums verkörpert erscheinen. In dein Maaße als sich seine Anschauungen erweiterten, schritt er auf dem inductiven Wege der Erfahrung vor und gelangte so schließlich an den Fuß der Grundwahrheiten, zu denen wir andern gewöhnlichen Sterblichen unbehindert von überlieferten Vorurtheilen auf geradem Wege gelangen; auch ist nicht daran zu zweifeln, daß er im Grunde seiner Seele derselbe geblieben ist, der er war. An seinem ganzen Thun und Lassen wird stets Etwas haften bleiben, das sowohl an seinen ersten Ausgangspunkt als an seine experimentirende, vom Besonderen znm Allgemeinen sich erhebende Art zu prozediren, erinnern muß. Er ist ein Empiriker, in Sachen des allgemeinen Wohls, aber grade jener höhere Jnstinct, welcher überhaupt den großen Emprriker macht, hat ihn zur Entdeckung der Gesetze hingeführt, welche die freie wissenschaftliche Forschung auf dein umgekehrten (synthetischen) Wege findet. Seit langer Zeit hatte die nationale Parthei sich die Ueberzeugung gebildet, daß in dem preußischen Königthum eine nützlich zu verwendende Hebelkraft sitze: endlich fand sich auch ein Mann, welcher, ausgehend vom Königthum, begreift, daß es gelte, zu dem Nationalitätsprincip und Allem was daraus folgt, zurück zu greifen. Aus diesem Zusammentreffen sind die großen Ereignisse hervorgegangen. Schon der Umstand an und für sich, daß er die Angelegenheit der allgemeinen Erwerbsthätigkeit so lebhaft und verständnißvoll aufgriff, genügt um zu zeigen, wie weit Herr von Bismarck damals bereits den Kleingeist feiner alten Partei, welche in dein Fortschritt der Industrie stets die Annäherung eines tödtlichen Feindes gewittert, weit hinter sich gelassen hatte. Unter der vorhergehenden Regierung z. B. hatte der Oberprästdent der Rheinprovinz, Herr von Kleist- Retzow, einer der Führer und zugleich eines der gelungensten Vorbilder der Mitglieder des Herrenhauses, keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne dem frommen Abscheu, den ihm der blühende Zustand dieser intelligenten und arbeitsamen Provinz einflößte, Luft zu machen. Auf seinen Rundreisen verhehlte er nicht, daß ihm der Lärm der Fabriken, der Anblick der hohen Schornsteine, die er für ein Werk des Teufels erklärte, Herzweh verursachten. Soldaten und Bauern, das ist ja Alles was man braucht, um glücklich zu sein, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob auch die einen hinreichen um die andern zu ernähren. Ist nun zu läugnen, daß ein Mann, der aus solcher Schule hervorgegangen, eine gute Strecke zurückzulegen hatte, bis er so weit war, aus der Zollgesetzgebung deu Mittelpunkt seines eifrigsten Nachdenkens, den Gegenstand seiner weitblickenden Fürsorge zu machen und mit lauter Stimme deren Reform unter Mitwirkung der Kammern und der Presse zu begehren? Ueber solchen Gedanken fand ihn der Italienische Krieg, und man erräth ohne Mühe, in welchem Fahrwasser er gern dabei seine Regierung gesehen hätte. Deutschland schwebte damals in der Gefahr, einen ungeheuren, folgeschweren Fehltritt zu begehen. Einen Augenblick lang drohte, besonders im Süden, eine falsche Sentimentalität und ein künstlicher, zu Gunsten Oesterreichs gemachter Patriotismus, Deutschland dazu fortzureißen, daß es für diese Macht die Waffen ergreife. Der Berliner Hos war von dieser Bewegung nicht unberührt geblieben. Er schwankte während der ganzen Dauer des Krieges zwischen seinen! vernünftigen Interesse, welches gegen, und seinem legitimistischen Jnstiuct, welcher für Oesterreich war, hin und her. In demselben Maße als die Nation nach und nach zur richtigen Einsicht kam und sich Italien zuwandte, neigte die preußische Krone zu Habsburg, dessen Sache im Potsdamer Schlosse durch den Einfluß allerhöchster Personen unterstützt wurde. Die 'Niederlage von Magenta kam diesen Machinationen wie gerufen, um dem Priuzregeuten (jetzigen König) das revolutionäre Princip als ganz Europa bedrohend, vorzuhalten. Preußen erließ ein Rundschreiben an die deutschen Höfe, in welchen! es sein Vorhaben einer bewaffneten Vermittlung zu Gunsten Oesterreichs anzeigte, und die Erhaltung dieser Macht in ihrem territorialen Status guo zum Ausgangspunkt nahm. Nni diese Demonstrationen zu unterstützen, ruobi- lisirte es sechs Armee-Corps, 250,000 Mann. Gleichzeitig schlug Preußen dem Bundestag vor, zwei Armeecorps der übrigen Staaten aus Kriegsfuß zu setzen und sie unter seinen Oberbefehl zu stellen. 40 Glücklicherweise wurden diese Maßregeln, welche Deutschland viel zu weit in die streitige Angelegenheit hineingezogen hätten, von Oesterreich nicht genehmigt. Es sandte den Fürsten Windischgrätz mit der Erklärung nach Berlin, daß es sich für Preußen weder um eine Vermittlung noch um den Oberbefehl handle; daß es dagegen seine Pflicht sei, an der Seite Oesterreichs ins Feld zu ziehen, welches nicht daran dächte, so fügte er hinzu, auch nur ein einziges lombardisches Dorf auszugeben. Alle diese Quer- und Kreuz-Züge, die niit derselben Schnelligkeit wie die Ereignisse aufeinander folgten, spannen sich rasch so fort bis sie mit der Schlacht von Solferino zusammen- geriethen, und während der österreichische Unterhändler Preußen zur Beschleunigung seiner Kriegserklärung an Frankreich drängte und nach Verona telegraphirte, daß die Allianz sicher sei und daß man nicht Frieden schließen solle, hatte sich bereits der Kaiser Franz Joseph Napoleon in die Arme geworfen und den Frieden von Villafranka unterzeichnet. Die Besorgniß, Preußen möchte dazu kommen, anders denn als Vasall aufzutreten; die, der wankelmüthigen und überklugen Politik des Berliner Hofes gegenüber wohl verzeihliche, Furcht, selbst zwischen Thür und Angel zu gerathen, wenn es sich mit ihm zu einem Kampfe gegen Frankreich verbände, hatten Oesterreich dazu vermocht, sich schleunigst mit Letzterem auszusöhnen. Es zog den Frieden aus der Hand Napoleons III. vor, wie es neuerdings vorgezogen hat, Vene- tien in dessen Hände zu legen. Nun aber wandte es seinen Zorn gegen Preußen. Ein von Schloß Laxenburg (25. Juli 1859) da- tirtes Manifest, klagte den Berliner Hof in den heftigsten Ausdrücken an, die Niederlage allein dadurch herbeigeführt zu haben, daß er seinen alten Alliirten feiger Weise im Stiche ließ. Ein österreichisches Journal fügte das naive Geständniß hinzu, daß Oesterreich lieber drei Lombardeien verloren haben würde, als Preußen die Ge- legenheit zu bieten, eine größere Stellung in Deutschland einzunehmen ft. Dieser heftige Ausbruch der alten Nebenbuhlerschaft fand Herrn von Bismarck nicht mehr am Sitze des Bundestags. Seit dem Beginn des Krieges hatte Preußen im Verlauf der herkömmlichen Schwenkungen, die seine Politik durchgemacht, auch für gut gehalten, einen Mann mit so gewaltiger Persönlichkeit aus der unmittelbaren Nähe der Ereignisse zu entfernen, und hatte ihn zum Gesandten am Petersburger Hof ernannt, der seinerseits ganz geneigt war, zu Gunsten Italiens gemeine Sache mit ihm zu machen. Er trat sein neues Amt im April 1859 an. Kaum an Ort und Stelle, schrieb er am 12. Mai, vierzehn Tage nach dem Uebergang der österreichischen Armee über den Ticino, an Herrn von Schleinitz, den Minister der äußern Angelegenheiten in Berlin, einen Brief, eines der denkwürdigsten Aktenstücke, welche uns einen Rückblick in die Pläne gewähren, die, nachdem sie so lange und geduldig in der Stille gezeitigt worden, der Welt so mächtige Ueberraschung bereiten sollten. In diesem Briefe, welcher eher eine Denkschrift zu nennen wäre, beginnt Herr von Bismarck mit der Auseinandersetzung, daß seine achtjährigen, an dem Sitze des Frankfurter Bundestags gesammelten Erfahrungen sich in Kürze dahin zusammenfassen ließen: in allen großen und kleinen, innern und äußern Fragen, werden die Wünsche oder Bedürfnisse Preußens in der Majorität erstickt, über die Oesterreich, Dank seiner Solidarität mit den andern Fürsten, verfügt. „In der orientalischen Frage", sagt er, „erklärten die Fürsten von vornherein, daß sie mit Oesterreich gehen würden, obwohl dies ohne Zweifel ein gänzliches Heraustreten aus dem Bundesrecht, eine Gewaltthat gegen dasselbe war. Thaten sie jemals ein Gleiches zu 9 Die neue Aera, Sondershausen 1862. 42 Gunsten Preußens? Gewiß nicht, denn es liegt in ihrem Interesse, sich jeder Entwicklung Preußens zu widersetzen, und nie werden wir über diesen Widerstand zu siegen im Stande sein, wenn wir uns nicht aus der Lage, die uns der Status guo der Verträge geschaffen hat, befreien". Und nachdem er diesen Gedanken des Weiteren entwickelt hat, fügt er hinzu: „Die Gelegenheit zur Abstreifung dieser Fesseln wird nicht so bald wiederkehren, wenn wir es vernachlässigen aus der gegenwärtigen Situation Nutzen zu ziehen, und in der Zukunft werden wir, wie wir es in der Vergangenheit thaten, uns in die Ueberzeugung ergeben müssen, daß eine Einführung von Veränderungen zu gewöhnlichen Zeiten unmöglich ist. Wenn die süddeutschen Staatsmänner uns in einen Krieg (gegen Frankreich) hineinzuziehen wünschen, so thun sie es vielleicht nicht ohne den für sie tröstlichen Hintergedanken, daß es für einen kleinen Staat leicht ist, je nach der Richtung, welche die Ereignisse nehmen müssen, Front zu machen". Die nun folgende Stelle zeichnet schon buchstäblich das Programm von 1866 vor. „Ich meine", sagt er, „daß wir uns beeilen sollten den Handschuh aufzunehmen, und glaube kein Unglück, sondern eine heilsame Krisis und einen Fortschritt darin zu sehen, wenn die Majorität in Frankfurt einen Beschluß faßt, in welchem wir einen Angriff aus das bundesstaatliche Princip, einen Mißbrauch der Gewalt und einen Bruch der Verträge finden könnten". Es war dies, Wort für Wort, das Argument unter dessen Anrufung, sieben Jahre später, sich die Armee gegen Böhmen in Bewegung setzte, nachdem der Bundestag den Vorschlag zur Mobilmachung dreier Armeecorps zum Beschluß erhoben hatte. „Je greifbarer die Verletzung sein wird", führt der Briefschreiber fort, „desto kostbarer wird sie sein; in Oesterreich, in Frankreich, in Rußland werden wir nicht leicht wieder so günstige Bedingungen zu einer Verbesserung unsrer Lage in Deutschland finden, und unsre Bundesgenossen sind auf dem 43 besten Wege, uns die gerechtesten Motive zu liefern, ohne dost wir nöthig hätten sie zu iveitern Ausschreitungen zu ermuntern. Sogar die Kreuzzeitnng fängt an sich gegen diese Vorgänge in Harnisch zu werfen". Und in seinen wettern Auslassungen über diese Zeitung, stellt er sie unbedingt unter die Zahl seiner Gegner, der Zuhälter Oesterreichs. Er gießt seinen Unwillen über die Haltung der, wie er sagt, von Oesterreich subventionirten Blätter aus, und beschwert sich über die Aengstlichkeit andrer, welche die Sache Preußens nur zu verfechten wagen, indem sie ihren Gedanken in deutsche Tenden zen einkleiden. „Man müßte den Muth haben, offen die Fahne einer preußischen Politik aufzupflanzen; militärische Maßregeln müßten diese Propaganda unterstützen". Der Brief schließt mit folgenden höchst merkwürdigen Auslassungen: „Was das Wort deutsch anstatt preußisch betrifft, so möchte ich jenes nur dann auf unsrer Fahne stehen sehen, wenn wir mit unsern andern Landsleuten auf eine engere und wirksamere Weise geeint sein werden; es verliert seinen Reiz, wenn man es von Anfang an mißbraucht, indem man es auf den durch die Bundesversammlung repräsentirten Stand der Dinge anwendet. Ich fürchte, daß Ew. Excellenz mich bei dieser Abschweifung auf das Gebiet meiner ehemaligen Thätigkeit mit dem Rufe unterbricht: Xo svtor ultra eroMam! Auch hatte ich nicht die Absicht einen amtlichen Bericht zu erstatten, sondern nur den Ausspruch eines Sachverständigen gegen den Bundestag abzugeben. Ich erblicke in unsrer Stellung im Schooße des Bundes etwas mangelhaftes, welches nur früher oder später genöthigt sein werden kerro 6t igna zu heilen, wofern wir es nicht bei Zeiten und bei günstiger Gelegenheit einer ernsthaften Behandlung unterziehen. Ich glaube, daß wenn heute der Bundesstaat beseitigt würde, selbst ohne daß er durch etwas anderes ersetzt würde, nur dieses eine negative Resultat genügte, nur binnen Kürzern bessere 44 und naturgemäßere Beziehungen zwischen Preußen und seinen deutschen Nachbarn herzustellen". Hier haben wir buchstäblich, im Frühjahr 1859, das Programm von 1866. Nichts fehlt hier, sogar der'Satz nicht, welcher später, vor einem Ausschuß der preußischen Kammer wiederholt, die allgemeine Entrüstung gegen dessen Verkünder heraufzubeschwören berufen war, der Satz vom Blut und Eisen. Aber die interessanteste Stelle ist diejenige, in welcher der Schreiber die brennende Frage berührt: Das Aufgehen Preußens in Deutschland oder das Ausgehen Deutschlands in Preußen? Welches war damals der eigentliche letzte Grundgedanke des Herrn von Bismarck? Nahm er nicht, indem er darauf anspielte, daß später das Wort Deutschland an die Stelle des Wortes Preußen treten müsse, seine Zuflucht zu jenem ewigen Kunstgriff der Regierungen, welche, indem sie ihren Ländern die schwersten Opfer zumuthen, dieselben mit der Aussicht aus die Vortheile trösten, die nach Ablauf einer unbestimmten Zukunft ihrer warten? Gedachte er vielleicht nur, indem er diese Lösung gleich einer Meßstange ans Ende des Wegs hinauspflanzte, der libe- ralisirenden Weise seines Vorgesetzten, des Freiherrn von Schlei- nitz, an welchen der Brief gerichtet war, des Ministers aus jener Zeit der bescheidenen Illusionen, welche man „die neue Aera" nannte, zu schmeicheln? oder war es ihm Ernst damit? Begnügen wir uns für jetzt diese Frage gestellt zu haben. Es ist grade die Ausgabe unsrer Studie, in dem Maße als sie voranschreitet, die Antwort zu ertheilen. Wir haben gesehen, wie Preußen das ganze Zwischenspiel des italienischen Krieges hatte zu Ende gehen lassen, ohne ans den Rathschlägen des Herrn von Bismarck Nutzen zu ziehen. Von liberaler Seite hatten sie ebenfalls nicht gefehlt. All der Zorn und Ingrimm, mit dem das Wiener Kabinet über das Berliner hergefallen war, hatten dieses letztere eher eingeschüchtert als aufgestachelt. Der Geist des Hofes und die schon bezeichneten Einflüsse wirkten zusammen, um eine Annäherung herbeizuführen, indem sie dem deutschen Patriotismus einige Scheingründe entlehnten, welche während des Krieges einen tiefen Eindruck aus die öffentliche Meinung gemacht hatten. Die südlichen Alpenübergänge, sagte man, wären zur Vertheidigung Deutschlands unerläßlich, und wenn man die Schwächung Oesterreichs zugäbe, so wäre das, fügte man hinzu, nicht anders, als ob man sich den einen Arm abhauen lasse, vorbehaltlich den andern in dem ungleichen Kampf zu verlieren, den Frankreich nicht zögern würde in nächster Zukunft aufzunehmen. So gestellt, hatte das Argument um so größere Aussicht durchzudrängen, als es Frankreich damals wie seitdem nicht an übelberufenen Rathgebern fehlte, die eifrig darauf aus waren, die Frage der Rheingrenze bei jeder Gelegenheit aufzufrischen. Gegen Ende Juli 1860 hatte die Zusammenkunft der Souveräne von Oesterreich und Preußen in Teplitz, Anlaß zu zahlreichen Glossen über geheime Absprachen gegeben, die den Zweck haben sollten, dem Habsburgischen Hause den Besitz Venetiens zu garantiren. Den 22. August schrieb Herr v. Bismarck einen Brief aus Petersburg, in welchem er die Besorgnisse aussprach, die jene Gerüchte in ihm erweckt hatten. Es heißt darin: „Der heimischen Politik bin ich gänzlich entrückt, da ich außer Zeitungen fast nur amtliche Nachrichten erhalte, die den Untergrund der Dinge nicht bloslegen. Nach ihnen haben wir in Teplitz nichts Definitives versprochen, sondern unsre Leistungen für Oesterreich davon abhängig gemacht, daß letzteres sein Wohlwollen für uns auf dem Gebiet deutscher Politik zunächst praktisch bewähre; nachdem dies geschehen, werde es auf unsre Dankbarkeit rechnen können. Damit wäre ich sehr zufrieden; eine Hand wäscht die andere, und sehen wir 46 nur die Wiener Seife erst schäumen, so werden wir gerne die Wüsche erwiedern. Jndirecte Nachrichten, die von andern Höfen hierher gelangen, laitten allerdings anders. Wenn sie richtig sind, so hätten wir zwar keinen schriftlichen Garantievertrag geschlossen, uns aber doch vermöge mündlichen Worts gebunden, Oesterreich unter allen Umständen dann beizustehen, wenn es von Frankreich in Italien angegriffen werde; sehe Oesterreich sich zum Angriff genöthigt, so sei unsre Einwilligung erforderlich, wenn unser Beistand erwartet werden soll. Diese Version klingt unverfänglicher, als sie in der That sein würde. Hat Oesterreich die Sicherheit, daß wir für Venedig eintreten werden, so wird es den Angriff Frankreichs zu provoziren missen, wie denn schon jetzt behauptet wird, daß Oesterreich seit Teplitz in Italien dreist und herausfordernd auftrete... Ein wohlunterrichteter aber ziemlich bonapartistischer Correspondent schreibt mir aus Berlin: „Wir sind in Teplitz mit Wiener Gemüthlichkeit glänzend über den Löffel barbiert, für nichts, nicht einmal für ein Linsengericht, verkauft"— Was wird die Kammer zu Teplitz, was zur Armee-Reorganisation sagen! In letzterer werden gewiß alle Vernünftigen zur Regierung stehen, der Eindruck der auswärtigen Politik wird sich aber erst berechnen lassen, wenn man genauer weiß, was Teplitz bedeutet". Und bei Gelegenheit der Erwähnung jener „ein wenig bonapar- tistischen Correspondenz" beklagt er sich in den lebhaftesten Ausdrücken, daß die liberale Presse „einen systematischen Verläumdungsseldzng gegen ihn führe". „Er sollte russisch-französische Zumuthungeu wegen einer Abtretung der Rheinlande gegen Arrondirung in Innern offen unterstützt haben". „Ich zahle", so ruft er aus, „demjenigen 1000 Friedrichsd'or baar, der nur nachweisen kann, daß dergleichen rnssisch-französischeAbtretungen jemals von irgend Jemand zu meiner Kenntniß gebracht seien. Ich habe in der ganzen Zeit meines deutschen Aufenthalts nie etwas anderes gerathen, als uns auf die eigene und im Kriegsfalle von uns anfzu bietende nationale Kraft Deutschlands zu verlassen. Dieses einfältige Federvieh der deutschen Presse merkt gar nicht, das; es gegen das bessere Theil seiner eigenen Bestrebungen arbeitet, wenn es mich angreift. Darauf sich gegen die feudale Partei wendend, sagt er: Wenn ich ein österreichischer Staatsmann oder ein deutscher Fürst und österreichischer Reaktionär wie der Herzog von Meiningen wäre, so würde unsere Kreiszeitung mich so gut in Schutz genommen haben wie Letzteren. Die Lügenhaftigkeit jener Verdächtigungen ist keinem unserer politischen Freunde unbekannt. Da ich aber nur ein alter Parteigenosse bin, der obenein das Unglück hat, über manche ihm genau bekannte Dinge eigene Ansichten zu haben, so läßt man mich mit Herzenslust begeifern. Es geht nichts über Ketzerrichter im eigenen Lager; und unter Freunden die lange aus einem Topfe gegessen haben ist man ungerechter, als gegen Feinde." Herr von Bismarck hatte also doch, obwohl in das Hintertreffen der deutschen Verwickelungen zurückgeschoben, nicht nur nicht aufgehört, sich eifrigst damit zu beschäftigen, sondern es war ihn: sogar gelungen, die allgemeine Aufmerksamkeit für seine Theilnahme an denselben auf sich zu ziehen. Der Gährnngsstoff, welchen der Friede von Villafranka zurückgelassen hatte, sorgte schon dafür, daß der Berliner Hof nicht in seine Nichtigkeit zurückfalle. Die Venetianische Frage war eine offene Wunde, und jeder Versuch sie zu heilen, mußte die aus der bequemen Unklarheit aufstörende Alternative aufs Tapet bringen: entweder Oesterreich gegen Frankreich und Italien beistehen, oder die Verwickelungen benützen, nur einen Schritt vorwärts zur Erlangung der von einem Theile der Nation so heiß begehrten deutschen Suprematie zu thun. Ein Jahr nach den: so eben von uns eingeschalteten Briefe hatte Herr von Bismarck eine Unterredung mit dem Könige in Baden-Baden. (Die Bäder haben es an 48 sich, als ein Stimulans auf den politischen Sinn zu wirken); er hatte seine Ansichten auseinandergesetzt und Eindruck gemacht. Alle Diejenigen, welche einmal Gelegenheit gehabt haben sich mit Herrn von Vismarck vertraulich zu unterhalten, erkennen ihm jene, den höher angelegten Menschen und besonders Staatsmännern eigenthümliche Gabe zu, in solchem Zwiegespräch den Sinn des Hörers in den Zauberkreis ihrer geistigen Uebermacht und zwingenden Liebenswürdigkeit zu bannen. Man denke sich nun einen Mann von Bismarcks Beruf und Geschick, überströmend von allen Betrachtungen, die ihn seit lange erfüllten, gegenüber dein Fürsten, dessen Mitwirkung zu gewinnen, es vor Allem galt. Der König blieb nicht taub, war aber auch nicht leicht geneigt sich fortreißen zu lassen. Beim Beginn seiner Regentschaft hatte er einer wohlfeilen Kaufs erworbenen Popularität genossen, und wie jeder Andere an ihr Geschmack gefunden. Die Königin hatte, während sie noch Prinzessin von Preußen war, stets sichtbare Anstrengungen gemacht, die Sympathieen der Bürgerlichen durch jene kleinen Zuvorkommenheiten, die den Großen so gut vergolten werden, zu gewinnen. Vielleicht mußte man unter die eigenthümlichen, zu der ganzen Situation beitragenden Umstände auch den Zwischen- fall des Attentats zählen, dessen Opfer König Wilhelm in Baden- Baden beinahe geworden wäre. Der junge Oscar Becker hatte geglaubt, etwas Verdienstliches zu unternehmen, indem er versuchte, einen den Volkswünschen unzugänglichen Fürsten aus dem Wege zu räumen. Wer weiß, ob dieses verzweifelte Beginnen nicht Betrachtungen in der Seele dessen hervorgerufen, welchen der überspannte Jüngling zum Opfer ausersehen hatte? Die neuere Geschichte entsinnt sich eines Falles, in dem Etwas von einem solchen inneren Zusammenhang mitspielte. Endlich sogar war auch die ganze Atmosphäre des Landes, in welchem der Minister und der König einander begegneten, den Ideen des Neuerers hold. Die Bewohner des Groß- herzogthums erfreuen sich länger als die der meisten deutschen Staaten des Genusses moderner politischer Freiheiten. Der Großherzog, des Königs Schwiegersohn, in der Zeit der schlimmsten Reaktion zur Regierung gelangt und anfänglich ihr vollständig zugethan, war in raschem Umschlag, wie kraft innerer Erleuchtung, zu freisinniger Ueberzeugung gekommen, und von Stunde an der beliebteste, man könnte sagen der weitestgehende Mann seines Landes geworden, der die Süßigkeiten einer wohlverdienten Popularität in vollen Zügen schlürfte. Alles vereinigte sich somit, den Sinn des Königs den Plänen zukünftiger Größe, welche der Minister vor seinen Augen entrollte, zu erschließen. Indessen „eilte er nur langsam" darauf einzugehen. Von wenigbiegsamem Geiste, erwachsen im strengsten Militärismus, stets verfolgt vom Gespenste der Revolution, welches im Jahre 1848 ihm erschienen war, fühlte er wenig Beruf sich nach unbekannten Ufern einzuschiffen, an denen seiner, wie er ahnte, zu viel des Neuen wartete. Schließlich forderte er Herrn von Bismarck aus, ihm in einer Denkschrift den wesentlichen Inhalt ihrer Unterhaltung zu Papier zu bringen. Am 18. September 1861 theilt derselbe einen kurzen Auszug dieser Arbeit einem Freunde mit, indem er ihn von Stolpemünde aus mit einem Schreiben, nicht minder merkwürdig als die vorhergehenden, begleitet. Er betont vor Allem, wie wenig ein rein couservatives Programm an der Zeit sei, welches die Zukunft Preußens in Deutschland dem unbändigen Souveränetäts-Schwindel der kleinen, von Hochmuth aufgeblasenen Fürsten zum Opfer bringe. Statt der Wuthausfälle gegen die deutsche Republik, in welcher sich die reactionären Blätter ergehen, würde er lieber positiven Vorschlägen zu einer zweckmäßigen Umgestaltung der nationalen Organisation in ihren Spalten begegnen. „Wir brauchen eine straffere Konsolidation der deutschen Wehrkraft so nöthig wie das tägliche Brod, wir bedürfen einer neuen und bildsamen Einrichtung auf dem Gebiete des 50 Zollwesens, und einer Anzahl gemeinsamer Institutionen um die materiellen Interessen gegen die Nachtheile zu schützen, die aus der unnatürlichen Consignration der deutschen innern Landesgrenzen erwachsen. Daß wir diese Dinge ehrlich und ernst fördern wollen, darüber sollten wir jeden Zweifel heben. — Ich sehe außerdem nicht ein, warum wir vor der Idee einer Volksvertretung, sei es am Bunde, sei es in einem Zoll- und Vereinsparlament, so zimperlich zurückschrecken. Eine Institution, die in jedem deutschen Staate legitime Geltung hat, die wir Conservative selbst in Preußen nicht entbehren möchten, können wir doch nicht als revolutionär bekämpfen! Aus dem nationalen Gebiete würden bisher sehr mäßige Concessionen immer noch als werthvoll erkannt werden. Alan könnte eine recht conservative National- vertretung schaffen und doch bei den Liberalen Dank dafür ernten. Der Lärm der Vorbereitungen zu meiner Abreise verhindert mich fortzufahren. Für den Fall, daß Sie noch Gelegenheit hätten unseren Freunden meine Ansichten über diese Dinge auseinanderzusetzen, füge ich diesem Briefe das Concept bei, welches ich Ihnen vorlas, aber mit der Bitte, den Wortlaut nicht zu verbreiten, da ich nicht weiß, ob es dem Könige genehm sein wird, daß dieser auf seinen Befehl flüchtig zu Papier gebrachte Inhalt einer Unterredung mit Se. Majestät bekannt wird, besonders nachdem er schon, wie ich höre, der Gegenstand gewisser Discusstonen geworden ist." Vierzehn Tage nachher zeigt er demselben Freunde unter dem Datum des 2. Oktober 1861 an, daß er in Coblenz (wo sich der König damals befand) gewesen und daß sein Aufenthalt für die deutsche Politik nicht ohne Nutzen geblieben sei; daß ihn der König beauftragt habe, den kurzen in Baden-Baden überreichten Entwurf auszuarbeiten und zu vervollständigen. Am 15. desselben Monats mußte er sich zum Krönungsfest begeben, und dort geschah es wahrscheinlich, daß er seine Denkschrift über die Nothwendigkeit einer durch- 51 greifenden Neugestaltung der deutschen Angelegenheiten in die Hände des Königs legte. Es ist vorauszusetzen, daß er in dieser Auseinandersetzung bestrebt war, seinen Gedankengang so viel als möglich dem Jdeenkreis eines Fürsten anzupassen, der an demselben Tage die Mitwelt durch die Formel überraschte, mit der er sich die Krone aufs Haupt setzte. „Ich nehme sie", sagte er, „vom Tische des Herrn", damit kund thuend, daß er über jede menschliche Satzung erhaben sei, was gleichzeitig und ausdrücklich die Erhabenheit über jede Verantwortlichkeit in sich schließt. So war der Monarch beschaffen, den es dahin zu bringen galt, daß er sich an die Spitze einer nationalen, einheitlich vorwärtsdrängenden Bewegung stelle, welche auf die breiteste Unterlage des allgemeinen Stimmrechts und auf das richtige Verständniß der wirthschaftlichen Interessen gegründet werden sollte. Der hierin liegende Widerspruch genügt noch nicht um das ganze Verfahren des Herrn von Bismarck zu rechtfertigen, aber er erklärt vielleicht, warum allein ein Mann seines Schlags einige Aussicht hatte, den Sinn des Königs vertraut zu machen mit der Nothwendigkeit, das Gottes-Gnadenthum an der Seite Garibaldi's und Kos- suth's zu bekämpfen. 4 * Aie constitutionelle Regierungssorm ist bis heute in Deutschland selten etwas Anderes gewesen als ein leeres Wort. In der Praxis haben sich die Regierungen beinahe niemals dem klarstausgesprochenen Willen der Majoritäten untergeordnet. Der Fall eines vor einer parlamentarischen Niederlage zurücktretenden Ministeriums hat sich in der Gesammtheit der großen und kleinen Bundesstaaten im Laufe der vierzig Jahre, daß sie Repräsentativkammern besitzen, vielleicht ein- oder zweimal zugetragen. Die Anschauungen der regierenden Familien stehen in diesem Betreff ein für allemal fest. Es dünkt ihnen eine empörende Ungeheuerlichkeit, an Stelle der souveränen Entscheidung des Fürsten den Willen der Regierten setzen zu wollen. Namentlich in Berlin hat das Königthum es stets für eine lächerliche Anmaßung erklärt, daß man sich einbilden könne, ein preußischer Herrscher werde sich seine Minister von den Erwählten des Volkes aufdringen lassen. Welchen Sinn verband König Wilhelm damit, wenn er, trotz dieser unbedingten Ueberzeugung, in seinen, freilich immer in den vagsten Ausdrücken sich bewegenden, Ansprachen erklärte, daß er die Verfassung treu beobachten wolle? Welches war, nach ihm, die Verfassung, die ihm erlaubte, vier Jahre lang, ohne die Zustimmung der Kammern, über die Steuern zu verfügen? Seitdem die constitutionelle Verfassungssorm auf dem Papier existirte, hatten sich die liberalen Parteien immer mit der Hoffnung 53 getröstet, dieselbe allgemach in die Sitte der Regierenden eindringen zu sehen. Aber der schneidende Ton, den der König bei Gelegenheit seiner Krönung angenommen hatte, konnte keinerlei Illusionen bestehen lassen. Er bedeutete kurz und gut die Verkündigung des persönlichen und unumschränkten Regiments. Eine gesetzliche Maßregel als das persönliche Werk des Herrschers einführen, hieß darum soviel als im Voraus das ganze Mißtrauen und den äußersten Widerstand des Landes dagegen heraufbeschwören, während der König gemäß der ihm eigenthümlichen Anschauung, jede Opposition zum Schweigen bringen zu können glaubte, wenn er eine Neuerung als das Werk seiner Initiative und seiner eignen Beobachtung anpreisen ließ. In diesen Worten liegt die Geschichte jener vielberufenen militärischen Reorganisation, welche den Mittelpunkt des mit so großer Leidenschaft zwischen dem preußischen Volke und seiner Regierung geführten Confliktes bildete; ein Conflikt, der bis zu einem solchen Grade von Erbitterung und Hartnäckigkeit gedieh, daß der Krieg von 1866 in der Meinung der Welt lange Zeit nur wie ein Ableitungsmittel erschien, dazu bestimmt, die Aufmerksamkeit von dieser Principienfrage abzuwenden, um mit Hilfe der äußern Verwicklungen dem Lande die Zustimmung zu den Veränderungen im Innern abzunöthigen. Allerdings ein schweres Mißverständniß, das aber ausschließlich der Haltung zuzuschreiben ist, welche der König und seine Minister seit der Krönung bis zu den Ereignissen des vorletzten Jahres angenommen hatten. Was die Frage anlangt, ob das Reorganisationsprojekt, dessen geistige Urheberschaft König Wilhelm in Anspruch nahm, dem Zwecke, das Vertheidigungssystem des Landes zu verbessern, entsprach, so ließ sich die öffentliche Meinung gar nicht herbei, ernstlich darauf einzugehen. Sie sah in der Vermehrung der Linienregimenter und der Verlängerung der Dienstzeit nur eine Maßregel, welcher die geheime Absicht zu Grunde lag, das aus der volksthümlichen Bewegung 54 von 1813 hervorgegangen Institut der Landwehr zu unterdrücken; ihr zufolge handelte es sich nur darum, das bürgerliche Element dem militärischen zu opfern und die Offiziersstellen, die altgewohnten Zufluchtsstätten der Söhne des Adels, zu vermehren. Niemand sah in Wirklichkeit eine kriegerische Absicht darin. Die Kammer verwarf das Budget, welches die nöthigen Mittel zur Durchführung dieser Neuerung gestatten sollte. Es erfolgte daraus, am 6. März 1862 eine jener, seitdem noch oft und immer mit demselben Resultat wiederholten, Landtags-Auflösungen. Zu gleicher Zeit wurden die Minister, welchen noch die letzten schwachen Spuren liberaler Anwandlungen aus der Zeit der Regentschaft anhafteten, durch ein Kabinet ersetzt, welches fest entschlossen war, dem was man in der Hofsprache die königliche Prärogative nennt, zum Siege zu verhelfen. Der König erinnerte sich der Ueberlegenheit und der unternehmungslustigen Thatkraft, die er an Herrn von Bismarck zu beobachten Gelegenheit gehabt, berief ihn aus Petersburg herbei und bot ihm den Eintritt ins Ministerium an. Indessen lehnte dieser' fürs Erste ab. Die Einen geben als Grund dafür an, daß er sich nicht Herrn von der Heydt habe unterordnen wollen, einer einflußreichen Persönlichkeit, welche die letzte Krisis überdauert hatte. Die Andern vermuthen, und zwar allem Anschein nach mit mehr Grund, daß der vorsichtige Rechner, bevor er seine großen Entwürfe in Angriff nahm, das Bedürfniß fühlte, die Gesinnungen des Tuilerien-Hoses aus der Nähe zu erforschen und sich dessen Mitwirkung für den eintretenden Fall zu sichern. Schon zur Zeit seiner Gesandtschaft in Rußland hatte er sich vorübergehend in Paris aufgehalten und große Neigung verrathen, innigere Beziehungen zur französischen Diplomatie anzuknüpfen. Aber das den Versuchungen einer regsameren Politik wenig zugängliche Ministerium Schleinitz hatte, dem verwegenen Charakter des Mannes mißtrauend, ihm in dürren Worten zu verstehen gege- ben, seinen Eifer zu mäßigen und auf seinen Posten nach Rußland zurück zu kehren. Dieses Mal kostete es Herrn von Bismarck keine Mühe, seinen Vorschlägen Gehör zu verschaffen. Er wurde zum Gesandten in Paris ernannt, oder vielmehr er ernannte sich selbst dazu; denn von dieser Z.eit an befand er sich thatsächlich an der Spitze der Regierung, und nur von ihm hing es ab, den Augenblick zu bestimmen, an dem er die Präsidentschaft des Kabinets antreten wollte. Einmal in Paris, wußte er alsbald seine Zeit zu benützen. Ein einziger Sommer reichte hin, um die französische Diplomatie in das Einverständniß hineinzuziehen, welches ihr seither so schwere Verlegenheiten zu bereiten bestimmt war. Man hat schon sattsam sich in Vermuthungen ergangen über die geheimen Machenschaften, welche den Aufenthalt des Herrn von Bismarck in Paris und besonders in Biarritz bezeichneten. Da wir indessen hier nur das berichten wollen, was man vernünftigerweise in Erfahrung bringen kann, versuchen wir es nicht in das Allerheiligste jener vertraulichen Unterredungen einzudringen. Daß die Intimität groß, die Verhandlungen ernsthaft waren, läßt schon der eine bedeutungsvolle Unistand vermuthen, daß Herr von Bismarck, als er im Herbst desselben Jahres nach Berlin berufen wurde, um definitiv die Leitung des Ministeriums zu übernehmen, nicht auf die Ehre verzichten wollte, noch einmal für einen Augenblick aus seinen Gesandtschaftsposten zurückzukehren, um in aller Form Abschied zu nehmen, und ohne Zweifel auch mit der Aussicht auf eine letzte Auseinandersetzung au maßgebender Stelle. Wir müßten fürchten den Leser zu ermüden, wenn wir ihm zu- muthen wollten, uns durch alle Wendungen dieses langen und pein- vollen Kampfes zu folgen, welcher die öffentliche Meinung der civi- lisirten Welt drei und ein HalbesJahr lang gegen Herrn von Bis- 56 marck aufwühlte. Jetzt, da wir dem fünften Akte dieses Drama's beigewohnt haben, und die Triebfeder der Haupthandlung kennen, sind wir vielleicht versucht, die Ausschreitungen, zu denen der Minister sich hinreißen ließ, etwas weniger streng zu beurtheilen. Man muß ihm zugestehen, daß er, genöthigt sein Spiel nicht nur seinem Hauptgegner, sondern auch seinem natürlichen Bundesgenossen zu verdecken, sich in einer mehr als schwierigen Lage befand. Vielleicht wird man ihm auch zu Gute halten müssen, daß er, ganz von der ihn beherrschenden Idee erfüllt und von ihrer schließlichen Berechtigung überzeugt, mit Unrecht aber in gutem Glauben einem Wide^ stände gegenüber die Geduld verlor, welcher ihm nicht viel besser denn als eine Verblendung erschien. - Aber wie dem auch sei, die Geschichte wird ihm nie dieJndem- nitätsbill votiren, welche er von der Volksvertretung erlangt hat. Diese mußte der Nothwendigkeit weichen und sich auf den Boden der vollbrachten Thatsache und der Zukunft stellen. Ihr Votum war nur eine Ausgleichung zwischen den Fehlern von Gestern und den Interessen des Morgen. Die Geschichte hat andere Pflichten. Auch sie hat wie jener Gerichtshof das Recht zu sagen: daß ihr Amt ist, Urtheile zu fällen, nicht aber Dienste zu leisten. Und wie weit man auch in der Berücksichtigung der Umstände gehen möchte und selbst wenn man bis zu einem gewissen Punkt die Nothwendigkeit anerkennen wollte, in welcher sich Herr von Bismarck befand, unter mißliebigem Auftreten Entwürfe zu großen Zwecken zu verbergen, so bliebe noch immer die Frage übrig: ob der aristokratische Sinn und die Geringschätzung der Gesetzlichkeit, welche seiner ganzen Handlungsweise zu Grunde liegen, nicht zu sehr dem Wesen seiner Persönlichkeit angehören, als daß er die Verantwortlichkeit dafür auf die Verkettung der äußern Umstände zurückwerfen könnte? In einer gehässigen Rolle hat er zuviel natürlichen Schwung entfaltet; in der Kunst mit 57 der öffentlichen Moral umzuspringen, hat er zu großes Talent verrathen, um uns glauben zumachen, daß seine Denkart nicht den Ausschreitungen, welche ihm durch die Lage der Dinge aufgedrungen sein konnten, auf halbem Wege entgegengekommen sei. Seitdem man sich gewissermaßen mit der Revision der Akten seines Prozesses beschäftigt hat, ist von seiner und seiner Lobredner Seite behauptet worden, er habe sich zur Zeit seines Eintritts in das Ministerium am 24. September 1862 ernstlich eingebildet, es werde ihm gelingen, die liberale Bevölkerung des Landes auf seine Seite zu bringen und in Uebereinstimmung mit ihr vorgehen zu können. Diejenigen, welche dieser Auslegung das Wort reden, fügen sogar hinzu, daß, als er zum ersten Male das Portefeuille zurückwies, er einzig und allein unter dem Eindruck handelte, der aus dem Militärgesetz entstandene Conflikt würde nicht von langer Dauer sein, und im Interesse seiner großen Pläne thäte er besser, erst nach der Hebung dieser Schwierigkeit in das Ministerium zu treten, mit der Aussicht sich den guten Willen der Kammer zu sichern. In keiner Weise konnte ihn die Haltung der Fortschrittspartei zu dieser Hoffnung berechtigen. Zu glauben, daß sie auf die Idee einer Propaganda mit bewaffneter Hand eingehen würden, hieß sich arg täuschen über ihre wahre Sinnesart. Man konnte nicht einmal sagen, daß sie mit Entsetzen jene Idee zurückgewiesen: nein, sie waren noch lange nicht so weit, weil sie Niemanden zutrauten, einen solchen Gedanken ernstlich gefaßt zu haben, so ungeheuerlich und unmöglich erschien er ihnen. Sie hielten noch immer bei der von der Regentschaftszeit her- datirenden Ueberlieferung der moralischen Eroberungen; sie hatten die feste Ueberzeugung, daß Preußen, sobald es die liberale Parole aus seine Fahne setzen wollte, unwiderstehlich sein, und daß Oesterreich sowohl wie die kleinen Fürsten in diesem Falle vor ihm die Waffen strecken würden, ohne nur einen Schuß zu thun. Sie hielten an der Hoffnung fest, das Hcmpt derHohenzolleru werde offenbar nnd bewußter Weise die Sache des deutschen Volks in die Hand nehmen. In all dem war Herr von Bismarck der ganz entgegengesetzten Ansicht, und es mag sein, daß er sich trotz seines Scharfblicks der Selbsttäuschung hingab, seine Ueberzeugung der andern Partei beibringen zu können. Denn auch er entzieht sich nicht jenem Natur-Gesetz, welches den auffallendsten Widersprüchen gestattet, sich in einem und demselben Individuum zusammenzufinden. Er hat die Welt ebenso sehr durch seine Offenheit wie durch seine Verschlagenheit in Erstaunen gesetzt; man hat erlebt, wie er bald von Weitem die Ereignisse mit ausgeklügelter Umsicht vorbereitete, bald denselben mit unbegränzlem Leichtsinn entgegenging. Es liegt übrigens in der Art unternehmender Naturen, ihr Ziel auf weite Entfernungen: hin abzustecken und sich in Betreff aller dazwischen auftauchenden Hindernisse auf die Macht ihres Stegreifs-Genies zu verlassen. Für Herrn von Bismarck waren die Schwierigkeiten, auf die er im Parlament, in der Verfassung, in der öffentlichen Meinung stoßen konnte, nur Ncbenumstände, beiläufige Zwischenfälle aus dem Bereich jener inneren Fragen, um die er sich aus Mangel an natürlichen: Beruf wenig kümmerte, über deren Tragweite er also sich in einer gefährlichen Weise zu verrechnen ausgesetzt war. Er bedachte auch nicht, daß bei den Umständen, unter denen er ans Ruder gekommen, und dem Ruf, der ihm vorangegangen, Alles dazu angethan war, die öffentliche Meinung zu erschrecken, und daß er, statt aus ihre entgegenkommende Stimmung zu zählen, das Unmögliche hätte aufbieten sollen, un: ihr Zuversicht einzuflößen. Die intimen Beziehungen endlich, die zwischen ihm und den Tuilerien bestanden, hatten seine schon so große Unpopularität aufs Höchste gesteigert. Alan warf ihn: öffentlich vor, das Einverständniß zwischen den: Feudalkönigthum und den: modernen Cäsarismus fester gekittet zu haben. Gewisse ihn: entfallene, und alsbald in Umlauf gesetzte 59 Anspielungen ließen ihn nicht allein als den Urheber eines finstern, gegen alle Fortschrittsideen geschmiedeten Complotts erscheinen, sondern auch als einen gelehrigen Schüler der Kunst, das demokratische Princip in der Anwendung zu fälschen. Selbst aus dem allgemeinen Wahlrecht sollte er sich, vermuthete man, eine Waffe gegen die Freiheit machen wollen. Anstatt das Berechtigte dieses Argwohns zu begreifen, verlor Herr von Bismarck gleich bei dem ersten Widerstände die Geduld. Er hatte die richtige Empfindung, wie viel Schonung und Behutsamkeit er dem Königthum gegenüber bedurfte, aber er bequemte sich zu keinerlei Vorsichtsmaßregeln, um die öffentliche Meinung zu gewinnen. Von diesem Zeitpunkt an warf er sich kopfüber in die Arme der Junker-Partei, deren Nichtigkeit er in lichten Augenblicken doch vollständig durchschaut hatte. Dieser Partei konnte natürlich nichts willkommener sein, als ihres alten Lieblings wieder habhaft zu werden. Fast immer war es das Militärgesetz, um welches der parlamentarische Conflikt sich drehte. Zweimal wurde die Kammer aufgelöst, ein drittes Mal wurde sie einfach mit der Erklärung nach Hause geschickt, daß man zur Feststellung des Budgets ihrer entrathen könne. Herausforderungen und Beschimpfungen aller Art wurden dem Lande in's Angesicht geschleudert. Herr von Bismarck und sein angesehenster College, Herr von Roon, der Kriegsminister, hatten Momente von dreistem Cynismus. Eines Tages, als ein Redner schwere Anklagen gegen die Minister erhob und Herr Virchow begehrte, daß diese behufs ihrer Verantwortung den Verhandlungen beiwohnten, trat Herr von Bismarck vornehm nachlässiger Weise aus einem anstoßenden Kabinet und warf der Versammlung einige geringschätzige Worte hin, betonend, daß es überflüssig sei, wieder von vorn anzufangen, da man in dem Zimmer, wo er sich aufgehalten, genug von dem vernähme, was unter den Herren vorgehe. Ein anderes Mal 60 rief er in öffentlicher Sitzung den Abgeordneten in's Gesicht: „Wenn wir für nothwendig halten, Krieg zu führen, fo werden wir ihn führen, mit oder ohne Ihre Einwilligung." Als der Präsident eines Tages dem Kriegsminister bei einem ^parlamentarischen Ausfall das Wort entziehen wollte, erwiderte dieser, daß der Präsident nicht das Recht habe, ihn zu unterbrechen, daß ein Minister der Disciplin des Hauses nicht unterworfen fei und über der Controls des Präsidenten stehe. Es entstand daraus ein langer Streit, welcher mit einer Verletzung des constitutionellen Princips endigte; der König sandte der Kammer eine Botschaft ohne jede ministerielle Gegenzeichnung. Gleichzeitig wurden die Kammern entlassen (27. Mai 1863). Einige Tage nachher erschienen die Preßverordnungen. Gegen die Journale wurde das offenbar dem Ausland entlehnte System der Verwarnungen und Confiscationen in Anwendung gebracht; auf alle Beamten wurde ohne Hehl ein rücksichtsloser Druck ausgeübt. Wer den Muth hatte, sich nicht zu beugen, wurde bis aufs Aeußerste verfolgt, gemaßregelt, in irgend einen entlegenen Winkel der Provinz versetzt. Von allen Seiten erhob sich der Schrei der Entrüstung so laut, daß selbst derKron- prinz sich der allgemeinen Aufregung nicht entziehen konnte. In einer öffentlichen Versammlung zu Danzig erklärte er, daß die Preßverordnungen ohne sein Vorwissen erlassen worden und daß er sie mißbillige. Er schrieb sogar dem König, seinem Vater, um gegen ein Regiment zu protestiren, welches, wie er sagte, seine Rechte auf die Krone gefährde. Sein Bries hatte den Erfolg, daß er einige Zeit vom Hose fern gehalten wurde. Endlich wurde das Maaß voll durch das famose Urtheil des Berliner Obertribunals, dessen eigenthümliche und zweckdienliche Zusammensetzung an jene Gerichtshöfe erinnern konnte, die man unter Jakob II. „paelrecl snr^" nannte. Die in erster und zweiter Instanz erlassenen Freisprechungen der Abgeordneten, welche man wegen einiger in der Kamnier gegen die Minister 61 gerichteten Angriffe verfolgt hatte, wurden kassirt, die parlamentarische Redefreiheit, durch einen Artikel der Verfassung ausdrücklich gewährleistet, wurde im Strafwege unterdrückt. Jener Nichterstand, der — wenn auch etwas zu leichten Kaufs — zum sprichwörtlichen Ruf der Unbestechlichkeit gekommen war, jene Beamtenwelt, welche, obwohl steif und pedantisch, bei aller Unterwürfigkeit eine Art von strenger Geradheit bewahrt hatte, kurz Alles, was von nah oder fern mit der amtlichen Welt zusammenhing, schien einer fpstematisch-demoralisirenden Behandlung Preis gegeben. Der Gewissensfchacher trat in volle Wirksamkeit; ein neues Wort bezeichnete die jungen Beamten, welche rasch aufstiegen, ohne ein anderes Verdienst als das, für ein wenig Beförderung zu Allem bereit zu sein. Man nannte sie „die Streber." Der Augenblick schien gekommen, da die Pessimisten mit ihren Voraus- sagungen Recht behalten sollten. Man sollte es erleben, daß alle Mißbrauche des aneisn reZima sich begatteten mit allen Abgefeimt- heiten des modernsten Despotismus, daß die Vorurtheile der alten Strenggläubigkeit sich verquickten mit der laxen Anschauung eines grundsatzlosen Realismus. „Jede einzelne der offenbaren VerfassungsVerletzungen aus dieser Zeit", so drückt sich ein Gelehrter von sehr gemäßigter Gesinnung aus, „hätte hingereicht, bei einem weniger kaltblütigen Volke eine Revolution zu entzünden." Wenn alle diese Maßregeln nicht das persönliche Werk des Herrn von Bismarck waren, wenn die gehässigsten darunter vielleicht gerade ohne sein Zuthun durch seinen Kollegen, den Justizminister, einen dem Könige nahe stehenden Feudalen vom reinsten Wasser, vorbereitet wurden, so fiel nichtsdestoweniger in den Augen der Welt die Verantwortlichkeit für Alles was vorging aus den Ministerpräsidenten, und in Ansehung seiner anerkannten Ueberlegenheit durfte er sich darüber nicht beklagen. Da wo er nicht selbsthandelnd auftrat, ließ er wenigstens geschehen. Seine Aufmerksamkeit war ganz und aus- 62 schließlich auf die Beobachtung der auswärtigen Verwickelungen gerichtet; er suchte den längst ersehnten Vorwand, um eine Verletzung des Bundesrechts zu constatiren und daraus den Ausgangspunkt zu einem Bruche mit Oesterreich zu machen. Um dahin zu gelangen, nahm er für's erste seine Zuflucht zu jener ihm eigenen Methode, die auf Anwendung einer bis zum Extrem gehenden Freimüthigkeit begründet ist. Im Dezember 1862, zwei Monate nach seinem Eintritt ins Ministerium, führte er eine Auseinandersetzung mit dem österreichischen Gesandten in Berlin, Grafen Karolyi, herbei, über welche wir die Berichte seitens eines jeden der beiden Diplomaten besitzen. Diese Berichte sind übrigens ziemlich übereinstimmend und in hohen: Grade belehrend. In einem an die deutschen Höfe gerichteten Rundschreiben oom 24. Januar 1863 sagt Herr von Bismarck, daß er Herrn von Karolyi erklärt habe, daß seiner Ueberzeugung nach, die Beziehungen zwischen den beiden Mächten nicht auf dem Status guo bleiben könnten; sie müßten sich entweder zum Besseren oder zum Schlimmeren kehren. Es sei der aufrichtige Wunsch der Königlichen Regierung, daß die erstere Alternative eintrete; wenn sie aber das hierzu nöthige Entgegenkommen des kaiserlichen Kabinets nachhaltig vermisse, so sei es für Preußen nothwendig, die andere in's Auge zu fassen und sich auf dieselbe vorzubereiten. Er habe den Grafen Karolyi daran erinnert, daß in der Zeit vor 1848 ein stillschweigendes Abkommen zwischen beiden Mächten vorwaltete, kraft dessen Oesterreich an den europäischen Fragen der Unterstützung Preußens sicher war, diesem dagegen in Deutschland einen durch Oesterreichs Opposition unver- kümmerten Einfluß überließ, wie er sich in der Bildung des Zollvereins manifestirte. „Ich habe unerörtert gelassen", so fährt er fort, „durch wessen Schuld analoge Beziehungen nach der Neuconstituirung des Bundes- 63 tages nicht wieder zn Stande gekommen sind, weil es mir nicht auf Recriminationen für die Vergangenheit, sondern auf eine praktische Gestaltung der Gegenwart ankam. In letzterer finden wir geradem den Staaten, mit welchen Preußen, der geographischen Lage nach, aus Pflege freundschaftlicher Beziehungen besonderen Werth legen muß, einen zur Opposition gegen uns aufstachelnden Einfluß des kaiserlichen Kabinets mit Erfolg geltend gemacht. Ich gab dem Grafen Karolpi zu erwägen, daß Oesterreich auf diese Weise, znm Nachtheil für die Gesammtverhältnisse im Bunde, die Sympathien der Regierungen jener Staaten vielleicht gewinne, sich aber diejenigen Preußens entfremde. Der Kaiserliche Gesandte tröstete sich hierüber mit der Gewißheit, daß in einem für Oesterreich gefährlichen Kriege beide Großstaaten sich dennoch unter allen Umstünden als Bundesgenossen wieder finden würden. „In dieser Voraussetzung liegt meines Erachtens ein gefährlicher Irrthum, über welchen vielleicht erst im entscheidenden Augenblick eine für beide Kabinette verhängnißvolle Klarheit gewonnen werden würde, und habe ich deshalb den Grafen Karolyi dringend gebeten, demselben nach Kräften in Wien entgegenzutreten. Ich habe hervorgehoben, daß schon im letzten italienischen Kriege das Bündniß für Oesterreich nicht in dein Maaße wirksam gewesen sei, wie es hätte der Fall sein können, wenn beide Mächte sich nicht in den vorhergehenden acht Jahren auf dem Gebiete der deutschen Politik in einer schließlich nur für Dritte Vortheil bringenden Weise bekämpft und das gegenseitige Vertrauen untergraben hätten. Dennoch seien damals in dem Umstände, daß Preußen die Verlegenheiten Oesterreichs im Jahre 1859 nicht zum eigenen Vortheil ausgebeutet, vielmehr zum Beistande Oesterreichs gerüstet habe, die Nachwirkungen der früheren intimeren Verhältnisse unverkennbar gewesen. Sollten aber letztere sich nicht neu anknüpfen und beleben lassen, so würde unter ähnlichen 64 Verhältnissen ein Bündniß Preußens mit einem Gegner Oesterreichs ebenso wenig ausgeschlossen sein, als im entgegengesetzten Falle eine treue und feste Verbindung beider deutschen Großmächte gegen gemeinschaftliche Feinde. Ich wenigstens würde mich, wie ich dem Grafen Karolyi nicht verhehlte, unter ähnlichen Umständen niemals dazu entschließen können, meinem allergnädigsten Herrn zur Neutralität zu rathen; Oesterreich habe die Wahl, seine gegenwärtige antipreußische Politik mit dem Stützpunkte einer mittelstaatlichen Coalition fortzusetzen, oder eine ehrliche Verbindung mit Preußen zu suchen. Zu letzterer zu gelangen, sei mein aufrichtigster Wunsch. Dieselbe könne aber nur durch das Aufgeben der uns feindlichen Thätigkeit Oesterreichs an den deutschen Höfen gewonnen werden. „Graf Karolyi erwiderte mir, daß es für das Kaiserhaus nicht thunlich sei, seinen traditionellen Einflüssen auf die deutschen Regierungen zu entsagen. Ich stellte die Existenz einer solchen Tradition mit dem Hinweis in Abrede, daß Hannover und Hessen seit hundert Jahren, vom Anbeginn des siebenjährigen Krieges, vorwiegend den preußischen Einflüssen gefolgt seien, und daß in der Epoche des Fürsten Metternich die genannten Staaten auch von Wien aus im Interesse des Einverständnisses zwischen Preußen und Oesterreich ausdrücklich in jene Richtung gewiesen worden seien, daß also die vermeintliche Tradition des österreichischen Kaiserhauses erst seit dem Fürsten Schwarzenberg datire, und das System, welchem sie angehöre, sich bisher der Consolidirung des deutschen Bündnisses nicht förderlich erwiesen habe. Ich hob hervor, daß ich bei meiner Ankunft in Frankfurt im Jahre 1851 nach eingehenden Besprechungen mit dem damals auf Johannisberg wohnenden Fürsten Metternich gehofft habe, Oesterreich selbst werde es als die Aufgabe einer weisen Politik erkennen, uns im deutschen Bunde eine Stellung zu schaffen, welche es für Preußen der Mühe werth mache, seine gesammtc Kraft 65 für gemeinschaftliche Zwecke einzusetzen. Statt dessen habe Oesterreich mit Erfolg dahin gestrebt, uns unsere Stellung im deutschen Bunde zu verleiden und zu erschweren, und uns thatsächlich auf das Bestreben nach anderweiten Anlehnungen hinzuweisen. Die ganze Behandlungsweise Preußens von Seiten des Wiener Kabinets scheine auf der Voraussetzung zu beruhen, daß wir mehr als irgend ein anderer Staat auswärtigen Angriffen ausgesetzt seien, gegen welche wir fremder Hülfe bedürfen, und daß wir uns deshalb von Seiten der Staaten, von welchen wir solche Hülfe erwarten könnten, eine rücksichtslose Behandlung gefallen lassen müßten. Die Aufgabe einer Preußischen Regierung, welcher die Interessen des Königlichen Hauses und des eignen Landes am Herzen liegen, werde es daher sein, das Jrrthümliche jener Voraussetzung durch die That nachzuweisen, wenn man ihren Worten und Wünschen keine Beachtung schenke. „Unsere Unzufriedenheit nnt der Lage der Dinge im deutschen Bunde erhalte in den letzten Monaten neue Nahrung durch die Entschlossenheit, mit welcher die mit Oesterreich näher verbundenen deutschen Regierungen in der Delegirtenfrage angriffsweise gegen Preußen vorgingen. Vor 1848 sei es unerhört gewesen, daß man am Bunde Fragen von irgendwelcher Erheblichkeit eingebracht habe, ohne sich des Einverständnisses beider Großmächte vorher zu versichern. Selbst da, wo man auf den Widerspruch minder mächtiger Staaten gestoßen sei, wie in der Angelegenheit der süddeutschen Bundesfestungen, habe man es vorgezogen, Zwecke von dieser Wichtigkeit und Dringlichkeit viele Jahre unerfüllt zu lassen, anstatt den Widersprechenden mit dem Versuch der Majorisirung entgegenzutreten. Heutzutage werde dagegen der Widerspruch Preußens nicht nur gegen einen Antrag, sondern gegen die Verfassnngsmäßigkeit desselben als ein der Beachtung unwerther Zmischenfall behandelt, durch welchen man sich in entschlossenem Vorgehen auf der gewählten Bahn nicht 5 66 beirren lasse. Ich habe den Grafen Karolyi gebeten, den Inhalt der vorstehend angedeuteten Unterredung mit möglichster Genauigkeit, wenn auch aus vertraulichem Wege zur Kenntniß des Grafen Rech- berg zu bringen, indem ich die Ueberzeugung aussprach, daß die Schäden unserer gegenseitigen Beziehungen nur durch rückhaltslose Offenheit zu heilen versucht werden könnten". Einige Tage nachher, am 13. Dezember hatte Herr von Bis- marck eine zweite Unterredung mit demselben Diplomaten. Indem wir die bei dieser Gelegenheit gewechselten Worte prüfen, können wir nicht umhin zu bemerken, daß schon im Ansang des Jahres 1863 Deutschland, ohne die geringste Ahnung davon zu haben, nur noch um Haaresbreite von der End-Katastrophe entfernt war, die damals nur allein durch den Tod des Königs von Dänemarck und den Schles- wig'schen Krieg vertagt wurde. Herr von Bismarck suchte den Grafen Karolyi auf und bemerkte ihm, daß nach den Depeschen seines Gesandten in Frankfurt zu schließen, die Dinge bei dem Bundestage eine sehr ernste Wendung nähmen. „Ich verhehlte dem Grafen Karolyi nicht", so reserirt er in dem erwähnten Rundschreiben vom 24. Januar 1863, „daß das weitere Vorschreiten der Majorität auf einer von uns für verfassungswidrig erkannten Bahn uns in eine unangenehme Stellung bringe, daß wir in den Consequenzen desselben den Bruch des Bundes voraussähen, daß Herr von Usedom über diese unsere Auffassung dem Herrn von Kübeck und dem Freiherrn von der Pfordten kaum Zweifel gelassen, auf seine Andeutungen aber Antworten erhalten habe, die auf kein Verlangen nach Ausgleichung schließen ließen, indem Freiherr von der Pfordten auf beschleunigte Abgabe unseres Minoritätsvotums dränge. „Ich bemerkte hiergegen, daß unter solchen Umständen das Gefühl der eigenen Würde uns nicht gestatte, dem von der anderen 67 Seite herbeigeführten Conflikt ferner auszuweichen, und daß ich deshalb den Königlichen Bundestagsgesandten telegraphisch zur Abgabe feines Minoritätsvotums veranlaßt habe. Ich stellte in Aussicht, daß wir die Ueberschreitung der Competenz durch Majoritätsbeschlüsse als einen Bruch der Bundesverträge auffassen und dem entsprechend verfahren würden, indem diesseits der Königliche Bundestagsgesandte ohne Substitution abberufen werden würde, und deutete die praktischen Konsequenzen an, welche sich aus einer solchen Situation in verhältnißmäßig kurzer Zeit ergeben müßten, indem wir natürlich die Wirksamkeit einer Versammlung, an welcher wir uns aus rechtlichen Gründen nicht mehr betheiligten, in Bezug auf den ganzen Geschäftskreis des Bundes nicht weiter für zulässig anerkennen könnten. Wir würden also auch die preußischen Garnisonen in den Bundesfestungen nicht mehr den Beschlüssen der Bundesversammlung unterstellen können. Unwahr ist, daß ich für diesen Fall von der Zurückziehung dieser Garnisonen gesprochen haben soll. Ich habe im Gegentheil auf die Conflikte aufmerksam gemacht, welche das Verbleiben derselben nach sich ziehen könne, nachdem ihre Befehlshaber der Autorität der Bundesversammlung die Anerkennung zu versagen haben würden"! Schließlich erklärt die Depesche, daß, gegenüber dem Versuche „auf dem Wege neuer und dem Inhalt der Bnndesverträge Gewalt anthuender Interpretationen" Maßnahmen durchzusetzen und „aufzudrängen", Preußen „lediglich denjenigen Bundesregierungen, welche die Einigkeit im Innern des Bundes durch ihr agressives Verfahren in Frage stellen, die Sorge für die Beilegung oder die Verantwortung für die Folgen der von ihnen heraufbeschworenen Conflikte überlassen" müsse. In dieser Wendung lag bereits die Formel verborgen, deren Preußen sich, drei Jahre später zur Vorbereitung seines easus delli bediente; angesichts dieser auffälligen Uebereinstimmung ist nicht mehr 5 ' daran zu zweifeln, daß von damals an die bewußte Absicht im Geiste des Ministerpräsidenten fest stand, die Sachen aufs AeUßerste zu treiben. Einzig und allein das Dazwischentreten unvorhergesehener Ereignisse bewirkte, daß er diesen seinen Feldzugsplan aufgab, jedoch nur um dessen Allsführung aus neuen und viel künstlicher verschlungenen Umwegen zu verfolgen. Der vom Grafen Karolyi einen Monat nach dem Erlaß des Bismarck'schen Rundschreibens an Herrn von Rechberg adressirte Bericht (18. Februar 1863), vervollständigt obiges Actenstück, indem er uns mit dem österreichischen Standpunkt in dieser Frage der Nebenbuhlerschaft bekannt macht. Herr v. Karolyi findet, daß die Ansprüche Preußens auf einen überwiegenden Einfluß in den inneren Angelegenheiten Deutschlands jeder rechtlichen Begründung entbehren, daß Preußen, indem es nur auf Koste« Oesterreichs dazu gelangen wolle, diesem zumuthe, eine Stellung aufzuopfern, welche ihm kraft hundertjähriger Ueberlieferung, zufolge von Verträgen und in Ansehung der Größe seiner Dynastie zukomme. „Endlich", fügt der Gesandte hinzu, und der historisch gewordene Ausspruch datirt von diesem Tage, „endlich hat er uns buchstäblich vor die Alternative gestellt, uns entweder aus Deutschland zurückzuziehen und den Schwerpunkt unserer Monarchie nach Ofen zu verlegen, oder Preußen bei Gelegenheit des ersten entstehenden europäischen Confliktes in den Reihen unserer Gegner zu finden". Die Depesche schließt mit folgenden Worten: „Es steht uns zu, bei Zeiten den Vorwand zu entschleiern, dessen sich Preußen bedienen möchte, um zu seinem Endziel zu gelangen". Oesterreich, das ist wahr, hatte es selbst übernommen diesen Vorwand zn liefern, indem es das Werk, welches die Führer der Kleinstaaten unter dem Namen „Delegirtenprojekt" ausgearbeitet hatten, sich aneignete, um eine Art von diplomatischer Contre-Gue- rilla auf die Beine zu bringen, welche dazu bestimmt war, die ein- 69 heitlichen Bestrebungen des Herrn von Bisnrarck zu durchkreuzen. Der Mangel an ernster Absicht in dieser sein sollenden Reform war so augenscheinlich, daß ihr Niemand ins Netz ging, wenn nicht etwa diejenigen, welche sie ausgesonnen hatten. Das Ganze lief auf den Vorschlag hinaus, versuchsweise eine aus Delegirten der Kammern der verschiedenen Staaten gebildete Versammlung zu berufen, um über einige Gegenstände der bürgerlichen Gesetzgebung mit blos berathender Stimme zu verhandeln. Das hieß Herrn von Bisnrarck gewonnenes Spiel geben, und er nahm auch alsbald den Vortheil wahr, seine Gegner platt zu schlagen, indem er ihrer armseligen Spottgeburt von Verfassung ein ganz andere Kühnheit athmendes Programm entgegenstellte. In einer motivirten Stimmabgabe vorn 28. Januar 1863 drang sein Gesandter beini Bundestage auf ernsthafte Reformen, namentlich auf die Berufung eines wirklichen deutschen Parlaments. Unter diesen Bedingungen sicherte er die Mitwirkung Preußens zu. Aber wenn die Mehrheit Miene mache, ihm halbe Maßregeln aufzuzwingen, so würde er die Autorität des Bundestags nicht länger anerkennen. Diese Drohungen brachten die Majorität in's Wanken. Die deutschen Regierungen, immer glücklich, in das süße Behagen ihrer hergebrachten Unthätigkeit zurück zu sinken, opferten ohne viel Kummer ihre resormatorischen Anwandlungen auf dem Altare der Eintracht. Nach alter Gewohnheit gaben Hannover und Hessen zuerst das Zeichen zum Ausreißen. Aber Oesterreich hielt sich noch nicht für geschlagen. Seit es die Lombardei verloren und sich in Venedig bedroht sah, hatte es sich mehr als je in den Kopf gesetzt, daß sein Heil von der Oberherrschaft in Deutschland abhänge. Nachdem es gemerkt, daß das Delegirtenprojekt an seiner Unzulänglichkeit gescheitert war, sann es daraus, Deutschland durch etwas Großartiges und nie Dagewesenes in Erstaunen zu setzen. Wenn ihr Geist einen 70 ebenso hohen Flug hätte nehmen können, wie ihre Pläne, so hätte die österreichische Monarchie diesen Moment leicht ergreifen können, um sich der edlen Rolle zu bemächtigen. Denn des Herrn von Bis- marck Verkündigungen hatte Niemand ernst genommen. Die der Volksvertretung und der Nationalität geltenden Betheuerungen eines Ministers, welcher sein Land mit einer Willkür ohne Gleichen mißhandelte, wurden wie bittere Verhöhnung angesehen. Ein Oesterreich, das sich beherzt der Tradition von 1849 bemächtigt, ohne Umschweife ein Parlament auf der Grundlage der Frankfurter Reichsverfassnng zusammenberusen, und die Fürsten genöthigt hätte, sich der Autorität der nationalen Einheit unterzuordnen, würde wenigstens einige Aussicht auf Erfolg gehabt haben. Anstatt so zu handeln, vermeinte es, daß die vorausgegangene Delegirten-Komödie nur in Folge unzureichender Ausstattung seitens des Unternehmers ihre Wirkung verfehlt habe. Den Glanz des Schauspiels zu erhöhen, das schien ihm Alles, was nach Lage der Dinge geboten war. Oesterreich hielt es für einen Geniestreich, in Frankfurt einen Fürsten-Congreß zu versammeln, bei welchem sämmtliche gekrönte Häupter Deutschlands in Person erscheinen sollten, um allda die Rolle der Väter des Vaterlandes zu spielen. Einem solchen dramatischen Knall-Effect würde gewiß das Publikum nicht widerstehen können. Es hatte für dieses Programm nicht allein die Zustimmung aller kleinen Fürsten, die immer bereit sind zu Paraden und sonstigem Zeitvertreib, sondern auch die Mitwirkung einer Klasse von Politikern, welche Dank dem Einflüsse Oesterreichs selbst und ihrer Geistesverwandtschaft mit seinen Koryphäen, bei einigen fürstlichen Regierungen zu Ministerposten und, man wüßte kaum zu sagen warum, in den Ruf von Staatsmännern gekommen waren. Alle diese Leute, welche sich für so klug und überlegen hielten, waren also übereingekommen, aus den Augusttagen 1863 das 71 Meisterstück einer blendenden und berauschenden Festseierlichkeit zu machen. Da gab es nun in Frankfurt nichts als prächtige Auffahrten, feierliche Einzüge, Standreden, Uniformen, Karossen, Majestäten, Hoheiten und Durchlauchten, Alles auf solche Weise herausstaf- firt, daß so viel als möglich die Erinnerungen an die Kaiserkrönungen der guten alten Zeit heraufbeschworen wurde. Zur Ehre des Publikums muß gesagt werden, daß die Zuschauer-Galerie in einer großartigen Theilnahmlosigkeit verharrte. Angesichts aller dieser großen Herren mit ihrem Gefolge vergoldeter Lakaien, konnte der Bürger nicht umhin, ihrer kläglichen Vergangenheit zu gedenken, und trotz der Antipathieen, die sich Preußen zugezogen hatte, ließ sich Niemand durch die von seinen Gegnern in's Werk gesetzten hohlen Demonstrationen narren. In der Hauptsache war der dem Congreß vorgelegte Reorganisationsplan nichts anderes als das alte Delegirtenprojekt, nur neu angestrichen und frisch vergoldet. Die sichtbarste Verschönerung bestand in der Einsetzung einer österreichischen Präsidentschaft, mit mehreren aus den anderen Fürsten gewählten Direktoren verziert. Der König von Preußen war der letzte zu dieser Versammlung eingeladen worden, vier Tage nach den andern Fürsten. Herr von Bismarck antwortete, daß Vorschläge dieser Art nothwendig näher geprüft werden müßten, und daß man eine Zusammenkunft für den Monat Oktober annehmen würde; daß auf diese Weise der König Zeit hätte, die verschiedenen Artikel mit seinen Ministern vorzube- rathen. Aber der Congreß ging darüber hinweg und nahm in einem Zuge, nach einer summarischen Verhandlung den ganzen österreichischen Entwurf an; es wurde eine Note an Preußen gerichtet, die ihm anheim stellte, entweder beizutreten, oder sich von der neuen Organisation ausgeschlossen zu sehen. Am 15. September antwortete Preußen mit einer Ablehnung, deren Argumente der Unzulänglichkeit der 72 vorgeschlagenen Aenderungen entnommen waren. Es wiederholte zugleich seine hauptsächlichsten Bedingungen: Theilung der Suprematie zwischen ihm und Oesterreich auf dem Fuße vollständiger Gleichberechtigung und eine Volksvertretung mit gesetzgebender Gewalt. Oesterreich und die anderen Staaten antworteten in identischen Noten. Zuletzt, nach einer Reihe von wechselseitigen Demonstrationen, deren eine die andere an Heftigkeit übertraf, kamen die Diplomaten der verbündeten Staaten in Nürnberg zusammen, um über Präventivmaßregeln gegen Preußen zu berathen, welches von easus betli gesprochen hatte. Indem wir diese bedeutungsvolle Thatsache dem Leser wieder vorführen, muß es befremden, daß damals die öffentliche Meinung für diese Vorgänge weder mehr Aufmerksamkeit noch mehr Besorgniß übrig hatte. Im ganzen Deutschland, sowohl am Sitze des Bundestags wie in Berlin und in Wien, sahen die Zeitungsleser über die Berichte von den gegenseitigen Zumuthungen und Bedrohungen zwischen Oesterreich und Preußen, namentlich auch -über die geschäftige Wichtigthuerei der kleinstaatlichen Conventikel mit nicht mehr Theilnahme und Aufregung hinweg, als handelte es sich um Reibungen zwischen Serbien und der Türkei. Diese Gleichgültigkeit gegenüber von Drohungen, deren ernsten Charakter wir jetzt würdigen können, erklärt sich durch den Skepticismus, mit welchem das deutsche Volk seit einem halben Jahrhundert das Geplänkel zwischen seinen Großmächten anzusehen gewohnt war. Jedesmal, wenn die Eine verlangte, nran solle gegen die Andere sich auf ihre Seite schlagen, war es selbstverständlich, daß man darüber die Achseln zuckte. „Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus", pflegte man zu sagen. Trotz aller gewechselten Derbheiten, dachte ganz Deutschland wie Oesterreich ; daß im entscheidenden Augenblick die Solidarität der freiheits- widrigen Bestrebungen am Ende doch zur Wiederaussöhnung führen 73 würde. An politischen Ernst im Haupt der Preußischen Regierung zu glauben, wo es sich nicht um innere Reaktion handelte, kam weder Freund noch Feind entfernt in den Sinn. Aber von jener Zeit an würden die Dinge ohne Zweifel eine ernste Wendung genommen und das deutsche Volk über diese irrige Voraussetzung aufgeklärt haben, wenn der Gang der Ereignisse nicht auf unvorhergesehene Weise wäre unterbrochen worden. In der Nacht vom 14. auf den 15. November starb zu Kopenhagen Friedrich VII., König von Dänemark. Diese Begebenheit sollte durch die Umstände eine außerordentliche Wichtigkeit erlangen. Nachträglich überschaut, stellt sich das Zwischenspiel des Nordischen Krieges (von 1864) seinen: gesammten Verlause nach als eine so wohl gelungene dramatische Intrigue dar, als eine so wohl geschürzte, wie man sie nur jemals über die politische Schaubühne hat gehen sehen, dergestalt daß Freund und Feind schon lange übereingekommen sind, darin den Meisterstreich des Herrn v. Bism arck zu erblicken. Wenn es richtig wäre, daß die Reihe von Begebenheiten, die seit dem plötzlichen Tode des Königs von Dänemark bis zu dem böhmischen Feldzug einander folgten, das Resultat eines im Voraus entworfenen Planes gewesen, so müßte man gestehen, daß der Machiavellismus in seinen kühnsten Conceptionen zu keiner Zeit Aehnliches auszuweisen hat. Oesterreich, damals auf dem besten Wege zur Popularität, getragen von der ganzen Ergebenheit der deutschen Fürsten, fest eingenistet im Bundestag dem es präsidirte, dieses selbige Oesterreich, den Vertreter der Legitimität, den alten Freund und Verbündeten der Großmächte, nach Verlauf von zwei Jahren von aller Welt losgelöst, alles Vertrauens nach unten beraubt, mit den Fürsten und dem Bunde auf den Tod verfeindet, es zur Verleugnung des legiti- mistischen Princips und Mißachtung der Bundesgewalt verleitet und es in Widerspruch nicht allein mit Frankreich und England, sondern auch mit seiner eigenen Politik gebracht, es solcher Weise wider Wil- 75 len ins Schlepptau genommen und von Unbesonnenheit zu Unbesonnenheit fortgerissen zu haben, um zu guter Letzt gegen dasselbe Kehrt zu machen und über es herzufallen, da es allen inneren Haltes beraubt, weder Freunde noch Verbündete, weder System noch Richtung mehr hatte: das würde allerdings für die höchste Leistung in jener Kunst des Nasführens gelten müssen, welche ehedem als die Quintessenz diplomatischer Geschicklichkeit bewundert wurde. Man muß jedoch der Versuchung widerstehen, welche uns so gern verlockt, die Ereignisse zu dramatisiren. Die Wirklichkeit ist gewiß sehr oft erfinderischer in Verwicklungen als es jemals ein Poetengehirn gewesen; und diese Fruchtbarkeit des Lebens selbst sollte uns mißtrauisch machen gegen die Neigung unserer Einbildungskraft, welche sich darin gefällt, hinter jedem Zusammentreffen von Ereignissen die menschliche Hand zu suchen, die solche mit Kunst vorbereitete. Im sechzehnten Jahrhundert würde alle Welt darüber einig gewesen sein, daß Herr von Bismarck den König von Dänemark vergiften lassen, weil er aus diesem plötzlichen Todesfall einen so großen Vortheil für die schließliche Verwirklichung seiner Entwürfe zu ziehen verstand. Wenn man indessen den Wechselgang der Ereignisse in diesem Zeitabschnitt näher ins Auge faßt, so gelangt man vielmehr zu der Ueberzeugung, daß der preußische Minister weder jene Einheit der Methode noch jene diabolische Vorausberechnung gezeigt hat, denen diejenigen überall begegnen, deren willige Phantasie allerwegen aus der Geschichte und der Verkettung der Begebenheiten einen Roman herausliest. Im Verlauf der Dinge riß ihn die diplomatische Strömung bisweilen in so starke Widersprüche mit sich selbst hinein, daß man ihn beschuldigen könnte, allzu leichtsinnig sich aus die Hilfsmittel seines Jmprovisationstalentes verlassen zu haben. Seine Art die Umstände zu benutzen erinnert manchmal an das Wort jenes Romanschreibers, welcher zur Charakterisirung seiner Erfindungs- 76 kirnst sagte: „Wenn es an die Thüre meines Helden klopft, so weiß ich selbst noch nicht, wer eintreten wird." Sobald die Nachlassenschaft der Herzogthümer eröffnet wurde, beeilte sich Herr von Bismarck natürlich die Gelegenheit zu ergreifen um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: einen Conflikt mit dem Bundestage heraufzubeschwören und zugleich ein werthvolles Gebiet zu erwerben. Oesterreich blieb denkbarer Weise zweierlei zu zu thun übrig: entweder sich streng an die im Jahre 1852 unter seinen Auspicien zu London geschlossenen Verträge zu halten, indem es das dynastische Recht des Königs von Dänemark anerkannte, oder sich an die Spitze der allgemeinen deutschen Bewegung zu Gunsten der Unabhängigkeit der Herzogthümer zu stellen. Herr von Bismarck, welcher gerade das entgegengesetzte Interesse hatte, der die Herzogthümer weder Dänemark überlassen, noch dem Ausspruch des Bundes — das sicherste Mittel sie Preußen versagt zu sehen, — unterwerfen wollte, manövirte so gut, daß Oesterreich ihm durch alle gewundenen Wege folgte, die er nacheinander einschlug, um zu seinem Ziele zu gelangen. Die Angelegenheit der Herzogthümer war stets für die kleinen Fürsten des deutschen Bundes ein Mittel gewesen, auf billige Weise in Patriotismus zu machen. Sie bot eine gefahrlose Ableitung für volksthümliche Aufwallungen, einen immer willkommenen Vorwand Soldat zu spielen. Im gegenwärtigen Falle sollte zu diesen beiden Beweggründen noch ein dritter von ganz besonderen: Reiz hinzutreten. Die verbreitetste und beim Volk beliebteste Anschauung nahm die Herzogthümer für den Prinzen von Augustenburg in Anspruch. Es war das zugleich eine Anerkennung des Prinzipes der Legitimität und der kleinen Landeshoheiten, deren Zahl sich durch die Beigesellung eines neuen Mitbruders vermehrt gefunden hätte. Der Bundestag hatte die Herzogthümer durch ein, aus Sachsen und Hannoveranern bestehendes Armeecorps besetzen lassen. Herr v. Bis- 77 marck, vor Allem von dem Werth der vollendeten Thatsache durchdrungen, besann sich keinen Augenblick und schickte seine Preußen unter einem beliebigen Vorrvand nach Schleswig um neben Jenen Posto zu fassen. Oesterreich seinerseits, als es Preußen marschiren sah, sagte sich, daß es nicht unthätiger Zuschauer einer solchen Occupation bleiben dürfe und beschloß gleichfalls in Schleswig einzurücken. In dieser Sachlage bot ihm Herr von Bismarck an, des Haders zu vergessen und sich über gemeinsames Vorgehen zu verständigen. Er warf damit eine Lockspeise aus, welcher der Wiener Hof nicht zu widerstehen vermochte. Unter dem Vorwande,^daß die Bundesfürsten, indem sie gemeinsame Sache machten mit den ungestümen Forderungen der lauten Menge, den Bundestag aus den abschüssigen Weg der Revolution und der nationalen Ansprüche fortrissen, wies er Herrn v. Rechberg darauf hin, welchen verderblichen Folgen sich die Monarchie durch die Anerkennung dieses auf den Umsturz hinauslaufenden Prinzips aussetze. Er gab ihm zu bedenken, um wie viel weiser und würdiger es wäre, auf dem Boden der höheren Diplomatie zu bleiben, die turbulente Dazwischenkunft des Bundestages, welcher dem Drucke der öffentlichen Meinung gehorche, zurückzuweisen, demzufolge sich mit den europäischen Großmächten in Verbindung zu setzen, nicht in der Eigenschaft von Mandataren des deutschen Bundes, sondern auf Grund ihrer Stellung als selbstständige deutsche Großmächte. Eine Aussöhnung mit Preußen auf dieser reaktionären Grundlage schien Herrn von Rechberg einen doppelten Vortheil zn bieten, und flugs ging er in die Falle. Indem er mit Lust die Rolle, welche ihm Herr von Bismarck zugewiesen hatte, übernahm, beauftragte er seinen Vertreter beim Bundestag, diesem eine Proposition zu unterbreiten, nach welcher dem Prinz-Prätendenten der Befehl zum Verlassen der Herzogthümer gegeben und gleichzeitig alle öffentlichen Demonstrationen zu dessen Gunsten in den Bundesstaaten untersagt werden sollten. Der Bundestag lehnte ab. Nun verlangten Oesterreich und Preußen vereint, daß man sie wenigstens zur Besetzung Schleswigs in ihrer Eigenschaft als Großmächte autorisiren solle. Neue Weigerung von Seiten des Bundestages. Nach diesem zweifachen im Januar 1864 vergeblich unternommenen Anlauf, beschlossen die beiden Regierungen sich in offenen Widerspruch mit dem Bundestage zu setzen und trotz ihm in Schleswig einzurücken. So hatte sich denn Oesterreich, welches während eines halben Jahrhunderts sein ganzes System aus die Solidarität mit den Bundesfürsten zweiten und dritten Ranges und auf die Institution des Bundestages gegründet hatte, dazu verführen lassen dieses Band zu zerreißen und mit Preußen, welches doch von ganz entgegengesetzten Interessen geleitet wurde, gemeinsame Sache zu machen. Als die beiden Armeen sich in Marsch setzten, war der Con- flikt aus den Punkt gekommen, daß das Königreich Sachsen, welches bestimmt war, zwei Jahre später sich an der Seite Oesterreichs bei Sadowa zermalmen zu lassen, der kaiserlichen Armee, welche deshalb einen Umweg durch Preußen machen mußte, den Durchzug verweigerte. Um das Maaß der Ungeschicklichkeit voll zu machen, erklärte ein Staatssekretär (Herr von Biegeleben) in der Wiener Abgeordnetenkammer, förmlich im Namen der Regierung, daß Oesterreich diesen Feldzug nur gegen die in Deutschland erhobene Volksbewegung zu unternehmen gedenke, dieweil es nimmer das Nationalitätenprin- cip anzuerkennen vermöge. Nachdem Herr von Bismarck auf diese Weise den Bundestag thatsächlich unterdrückt und Oesterreich zur Mißachtung von dessen Autorität verleitet hatte, sah er sich wohl oder übel in die Nothwendigkeit versetzt, den Londoner Vertrag über Bord zu werfen, welcher nicht minder wie das Bundesrecht der Annexion der Herzogthümer im Wege stand. Als gewandter Feldherr hatte er zuerst ausschließlich den Einen seiner Gegner aufs Korn genommen, und nun, da 79 dieser zu seinen Füßen lag, wandte" er "sich gegen den Anderen. Zu wiederholten Malen hatte er das Zurechtbestehen besagten Vertrages anerkannt, was ihn jedoch nicht hinderte, sich in dem gegebenen Momente dessen zu entledigen. Am 15. Mai 1864 erklärte er, daß er sich nicht länger durch den Vertrag von 1852 gegen Dänemark gebunden betrachte, weil diese Macht den Vertrag selbst gebrochen, und die Vortheile desselben daher nicht mehr für sich in Anspruch nehmen könne. Einen Tag nach dieser offiziellen Erklärung, am 16. Mai 1864, gestand er in einem an einen Freund gerichteten Briefe, daß die Rechtsfrage nur ein Vorwand sei, um auf eine oder die andere Weise zu der Einverleibung der Herzogthümer zu gelangen. Der ins con- servative Lager gehörende Freund war über den Adreßentwurf der preußischen Kammer, welche sich kräftig gegen Dänemark aussprach, erschrocken gewesen. Herr von Bismarck antwortet ihm: „Ich begreife Ihre Bedenken gegen die Adresse, welche nichtsdestoweniger, meiner Ansicht nach, uns einen Dienst erzeigt, indem sie einen gewissen Druck auf den Gang der diplomatischen Handlungen ausübt. Ich kann mich allerdings darin täuschen, denn je länger ich in der Politik arbeite, desto geringer wird mein Glaube an menschliches Rechnen, und wenn Sie ein innerliches Widerstreben fühlen, so rede ich um so weniger zu, als ich gern mit gutem Gewissen möchte behaupten können, daß es keine von der Regierung gemachte Stimmung ist, die sich darin wiederspiegelt. Die augenblickliche Lage ist aber so geartet, daß es mir zweckdienlich scheint, gegen das Dänenthum auf der Conferenz alle Hunde loszulassen, welche bellen wollen (verzeihen Sie diesen Jägervergleich); das gesammte Geläut der Meute wirkt dahin zusammen, daß die Unterwerfung der Herzogthümer unter Dänemark den Ausländern unmöglich erscheint und daß Letztere genöthigt werden, Programme in Betracht zu ziehen, 80 welche die preußische Regierung ihnen nicht bringen kann. ... Ich rechne in der letzteren Beziehung zu diesen Ausländern auch die Hol- steiner selbst nebst dem Angustenburger und allen „ewig Ungedeckten" bis zur Königsau. Die Herzogthümer haben sich bisher an die Rolle des Geburtstagskindes in der deutschen Familie und an den Gedanken gewöhnt, daß wir uns auf den Altar ihrer Particular-Jnteressen willig zu opfern und für jeden einzelnen Deutschen im Norden von Schleswig die Existenz Preußens einzusetzen haben. Diesem Schwindel wird die Adresse entgegenwirken;. Einen so starken Effekt, daß er uns Verlegenheit bereitet, befürchte ich von der Adresse nicht. Würde bei uns die Nation so stark von preußischem Ehrgeiz erfaßt, daß die Regierung nicht mehr belebend, sondern mäßigend sich dazu zu stellen hätte, so würde ich diesen Zustand durchaus nicht beklagen. Sie sehen daraus wie ich nach Menschenwitz die Sache auffasse; im Uebrigen steigert sich bei mir das Gefühl des Dankes für Gottes bisherigen Beistand zu dem Vertrauen, daß der Herr auch unsere Irrthümer zu unserem Besten zu wenden weiß; das erfahre ich täglich zu heilsamer Demüthigung. „Zur Beleuchtung der Situation bemerke ich noch schließlich, daß mir die preußische Annexion nicht der oberste und nothwendige Zweck ist, wohl aber das angenehmste Resultat." Und zu gleicher Zeit, da er auf diese Weise seinen wahren Gedanken Ausdruck gab, begnügte er sich nicht, sie Dänemark gegenüber bei der Verhandlung über einen sehr streitigen Rechtspunkt zu verhüllen, sondern spielte, wie zu seiner Belustigung, noch ein drittes Spiel mit England. Lord Woodhouse, der zu einem letzten Ausgleichsversuch von London gesandt worden war, erwiderte er, daß Preußen sich niemals mit Dänemark verständigen könne, solange letzteres seine demokratische Regierung bewahre, daß ein Staatsstreich in Kopenhagen das einzige Mittel zur Vermeidung des Krieges sei! Alle diese Winkelzüge öffneten Oesterreich endlich die Augen, welches von diesem Moment an sich entschieden nach der Seite des Prätendenten zu neigen begann. Herr von Bismarck seinerseits, dem die Situation zur Aufdeckung seines Spiels noch nicht genügend vorbereitet schien, glaubte nichts Besseres thun zu können, als sie noch mehr zu verwirren. Er folgte Oesterreich auf dem von ihm eingeschlagenen Weg und gab sich das Ansehen, als ob er die Rechte des Prinzen von Augustenburg in Erwägung nähme, während er eigentlich nur Zeit zu gewinnen suchte, um aus neuen Zwischenfällen Nutzen zu ziehen. Endlich, nachdem er in Kopenhagen den Londoner Vertrag, in London die Kopenhagener Demokratie und in Wien den Herzog von Augustenburg vorgeschoben hatte, war ihm der Moment gekommen, da er sich erlauben durfte, dieses dreifache Versteckenspiel auszugeben. Der Krieg gegen Dänemarck, ein erstesmal durch die Londoner Conferenz unterbrochen, war vonNeuem in Gang gekommen, nachdem der zur diplomatischen Thätigkeit bestimmte Termin resultatlos verlaufen war. Der zweite Feldzug mit seinen entscheidenden Erfolgen und der Besetzung Jütlands führte den Wiener Frieden herbei, welcher am 30. Oktober 1864 die Herzogthümer zur unbeschränkten Verfügung der beiden verbündeten Großmächte stellte. Sofort bemächtigte sich Preußen dieses neuen, einzig aus der vollendeten Thatsache gezogenen Rechtspunktes, um alle pergamentenen Fragen zu beseitigen und das Land ausschließlich kraft des Eroberungsrechts in Beschlag zu nehmen. Wieder einmal war diese Interpretation, welche die bloße Gewalt jeder Anrufung des Prinzips entgegenstellte, zu sehr nach dem Geschmacke Oesterreichs, als daß es nicht seine Zustimmung hätte geben sollen. Man ließ sich dort also unter dem Titel von Mitbesitzern nieder, indem man dem Bundestag wissen ließ, daß die Sache ihn weiter nichts angehe. Von da ab begannen nothwendiger Weise die Feindseligkeiten zwischen den beiden Nebenbuhlern. Oesterreich versuchte von Neuem seine Verbindung mit dem Bundestage herzustellen, welcher mehr als je den Prätendenten ausrecht hielt, während Herr von Bismarck der Zulassung dieses letzteren alle erdenklichen Schwierigkeiten entgegenstellte. Es kam bald so weit, daß, während ganzer drei Monate, die Verhandlungen zwischen den beiden Höfen von Wien und Berlin unterbrochen blieben. Endlich im Monat Juni 1865 wieder aufgenommen, liefen sie am 22. Juli 1865 in ein preußisches Ultimatum aus. Schon am 15. hatte Herr von Bismarck in Karlsbad zum Herzog von Grammont gesagt, daß der Krieg zwischen Oesterreich und Preußen unvermeidlich geworden sei; daß er wünsche, es käme so bald als möglich zum Klappen, und daß Preußen dazn berufen sei, die Geschicke Deutschlands in seine Hand zn nehmen. Indessen ward ihm für diesmal noch nicht gestattet, die Entscheidung der Waffen anzurufen. Die beiden regierenden Familien empfanden, trotz aller ihrer Gereiztheit, den äußersten Widerwillen, gegen einander das Schwert zu entblößen. Hegen sie auch eine starke Vor- liebefürdas militärische Regiment, sosind sie im Grunde dochnicht kriegerischer Natur. Die Scheu vor der Zerreißung des Bandes der heiligen Allianz, und ein wenig wohl auch vor dem Vergießen deutschen Blutes, erfüllte sie mit Entsetzen. Aus diesemZaudern im letzten Moment ging ein letzter Ausgleichungsversuch hervor. Am 17. August schuf die Gasteiner Conserenz ein Interim, welches dazu bestimmt war, den gemeinsamen Besitzstand als solchen aufhören zu lassen. Den Oesterreichern wurde vorläufig ausschließlich Holstein eingeräumt, den Preußen aber Schleswig, was weniger günstig war, weil dieses durch Holstein von jeder direkten Verbindung mit Deutschland abgeschnitten wird. Doch derjenige, welcher alle diese Verwicklungen aufeinander gethürmt hatte, um einen Bruch herbeizuführen, konnte eine mit so vieler Mühe zu diesem Punkt der Reife gebrachte Situation nicht mehr unbenutzt seinen Händen entwinden lassen. Man hatte den italienischen Krieg und 83 den Fürstencongreß vorübergehen lassen, ohne einen Schritt zur entscheidenden Lösung vorwärts zu thun; diese dritte Gelegenheit nicht ergreifen, hieß die Gunst des Schicksals ermüden. Die Erwerbung zweier neuen Provinzen war ohne Zweifel dazu angethan, dem Königthum weit mehr zu gefallen als jeglicher nationale Standpunkt, und diese Aussicht in Gemeinschaft mit den eben errungenen militärischen Erfolgen, mußte esHerrn von Bismarck möglich machen, sich endlich der Zustimmung desjenigen zu bemächtigen, der bisher stets vor jeder äußersten Maßregel zurückgewichen war. Von diesen! Augenblick an, war das Uebrige nur eine Frage des Wie? Das preußische Kabinet erneuerte nun nicht allein seine Forderungen in Betreff gewisser Bedingungen, denen der zukünftige Herzog sich zu unterwerfen habe, sondern es ließ auch durch seine Kronjuristen eine Denkschrift ausarbeiten, welche die Rechte des Prätendenten auf eine entschiedene Weise bestritt. Und um mit allen Angriffsmitteln zugleich vorzugehen, wiederholte es den Vorschlag zur Berufung eines deutschen Parlaments, begleitet von einem diplomatischen Rundschreiben, welches Deutschland in den feierlichsten Ausdrücken beschwor, sich um die Fahne der Einheit zu schaaren, so es nicht einen: Verhängnisse wie Polen verfallen wolle (24. März 1866). Auch diesmal blieb die öffentliche Meinung ungerührt. In Folge seines Auftretens gegen die preußischen Kammern hatte Herr von Bismark bei Allen, die es redlich «meinten, jeden Schatten von Zutrauen eingebüßt. Wenn er noch irgend welchen Glauben an seine Versicherungen hätte beanspruchen wollen, so mußte er nicht mit der dreisten Beschuldigung hervortreten, daß Oesterreich kriegerische Absichten gegen Preußen im Schilde führe, hoch und theuer sich verschwörend, daß, was ihn anlange, niemals ein feindlicher Gedanke in seinem Geiste Eingang gefunden. Das hieß der Gläubigkeit, selbst der unschuldigsten Gemüther, allzuviel zumuthen. Es ist wahr, 6 * 84 daß sich Oesterreich in jener Zeit bereits in einem vertraulichen Rundschreiben (16. März 1866) an seine getreuesten Anhänger gewandt hatte, um sie zu Rüstungen aufzufordern, aber wir brauchen wohl nicht hinzuzufügen, daß eine solche Vorsicht mehr als je damals angezeigt war. Das Bündniß zwischen Preußen und Italien, dessen Spuren bis zum Jahre 1863 hinaufreichen, war so weit gediehen, daß drei Wochen nach dem oben erwähnten preußischen Rundschreiben, der förmliche Vertrag zwischen Viktor Emanuel und König Wilhelm in Berlin unterzeichnet werden konnte (8. April). Oesterreich seufzte schon lange bei der Erinnerung an den ungeheuren Fehler, den es begangen hatte, indem es sich von seinen alten Genossen trennen ließ. Es hatte schließlich reumüthig Buße gethan, um wieder im Schooße des Bundestags zu Gnaden aufgenommen zu werden. Schon Anfang des Jahres 1865 hatte Herr von Schmerling, der österreichische Staatsminister, in aller Form eingestanden, daß sich die österreichische Politik in der Schleswig-Holstein'schen Frage vollständig verfahren habe. Indem es ihm nunmehr paßte, das Prinzip der Selbstbestimmung an Stelle des rohen Eroberungsrechtes zu setzen, berief Oesterreich die Stände der Herzogthümer, um sich mit ihnen über ihre Wünsche zu berathen; zu gleicher Zeit erschien es im Büßergewande vor dem Bundestage, und legte der so lange verläugneten Bundes- Kompetenz das Entscheidungsrecht über diese unsterbliche Streitfrage zu Füßen. Das war am 1. Juni 1866. So war es dahin gekommen, daß Preußen und der Bundestag sich unmittelbar als Feinde einander gegenüber standen. Auf Oesterreichs Vorschlag beschloß der Bundestag, als Demonstration gegen Preußens Drohungen, die Mobilmachung dreier Armeekorps, und dieser Beschluß ward für Preußen das seit Jahren ersehnte Signal, den Bundesvertrag als durch den Bundestag selbst gebrochen zu erklären (14. Juni). 85 Und so war denn für Herrn von Bismarck endlich der entscheidende Moment gekommen, den Streit um die Oberherrschaft in Deutschland mit Blut und Eisen auszusechteu. Nicht ganz ein Jahr vorher, am 23. Juli 1865, hatte er zu Salzburg bei einer Unterredung mit dem bayrischen Minister, Herrn von der Pfordten, sich vernehmen lassen, daß der unvermeidliche Zweikampf zwischen Preußen und Oesterreich nicht mehr lange aufzuschieben, daß er aber rasch beendet sein werde: „Ein einziger Zusammenstoß, eine entscheidende Schlacht und Preußen wird es in der Hand haben, die Bedingungen vorzuschreiben". Niemals ist ein Programm deutlicher angekündigt und buchstäblicher ausgeführt worden. man die Gewandtheit des Herrn von Bismarck nach der Stellung bemessen, in welcher ihm gegenüber das deutsche Volk vor dem Momente da der Krieg von 1866 ausbrach, hineingetrieben, so wäre man versucht, nicht nur ihm jede Art geistiger Ueberlegenheit abzusprechen, sondern nian müßte auch zugeben, daß er nach vier Jahren, in denen er den Boden für den Kampf vorbereitet, eine feinen Absichten gerade entgegengesetzte Wirkung erreicht hätte. Seine letzten Aussichten, in der Theilnahme des Landes eine Stütze zu finden, hatte er selbst zerstört. Man würde nimmer zum Verständniß der wahren Triebfedern dieser mühseligen Arbeit, dieser endlosen Schachzüge gelangen, wenn man sich damit begnügte, die Erklärung in Anstrengungen zu finden, durch welche Herr von Bismarck die öffentliche Meinung zu gewinnen gesucht hätte. Ihm stand der Sinn nach ganz anderen Dingen. Seine realistische Art die großen Fragen in's Auge zu fassen, trieb ihn, seine Stütze anderswo zu suchen, als in der theoretischen Zustimmung der Massen; und jedesmal, wenn man ihn auf frischer That anscheinenden Widerspruchs zu ertappen glaubt, muß man darauf gefaßt fein, daß er sich auf gewisse geheime Schwierigkeiten beruft, deren Sinn sich in dem Satz zusammenfassen läßt: daß zwischen zwei Uebeln ihm stets dasjenige als das geringere erschien, welches ihn nöthigte, die moralische Mitwirkung des Landes der thatsächlichen Mitwirkung der bestehenden Macht zum Opfer zu bringen. So viel steht fest, daß er im entscheidenden Momente in der Nation keinen moralischen Stützpunkt fand. Zu was hatte es ihm gedient, daß er Oesterreich aufs Eis geführt und blosgestellt, indem er es mit dem deutschen Bunde und mit der öffentlichen Meinung verfeindete? An dem Tage, da er den Wiener Hof beschuldigte den Krieg zu wollen und zu diesem Zwecke gerüstet zu haben, zwang dieser grausame Hohn, diese Herausforderung des gesunden Menschen Verstandes jeden Unpartheiischen, Oesterreich gegen die mehr noch lächerliche als gehässige Unterstellung in Schutz zu nehmen. An dem Tage, da Preußen gegen Oesterreich auszog, erblickte das deutsche Volk, stets bereit die politischen Dinge von der empfindsamen Seite zu nehmen, für einen Augenblick in diesem Streite nur das Ringen eines im Voraus ausersehenen Opfers gegen einen schuldvollen Angreifer. Die Masse der Nation hatte den Gedanken an diesen Krieg als etwas moralisch Unmögliches nie in sich aufkommen lassen. So geschah es, ihr denn, daß sie angesichts der sich vollziehenden Thatsache gänzlich verblüfft da stand. Es gab Leute, die derart in ihre Ueberzeugung verrannt waren, daß sie noch laut verkündeten, Preußen werde es niemals wagen, als dieses schon mehrere Treffen geliefert hatte. Die öffentliche Meinung war also in die Nothwendigkeit versetzt, eine der schwierigsten taktischen Operationen, eine Frontveränderung auf dem Schlachtfelde selbst auszuführen. Die ersten, die sich dazu entschlossen, waren diejenigen, welche, nachdem einmal der Kampf ausgebrochen war, die Frage dadurch für von Grund aus vereinfacht hielten. Von diesem Augenblick an, fragten sie nicht mehr darnach, wer der Angreifer sei, noch wer der liberalen Partei am meisten wehe gethan. Sie sahen in Preußen und Oesterreich nur zwei verkörperte Prinzipien und entschieden sich für Preußen. In zweiter Reihe kamen diejenigen, für welche die Existenzfrage, die zwischen den beiden Regierungen ausgesuchten wurde, an sich nicht bestimmend war. Sie mußten erst die Augen austhun und auf der einen Seite alle Intelligenz und Kraft, auf der andern alle Unfähigkeit erkennen, um zu begreifen, wo Leben und Zukunft zu suchen sei. Der Beitritt dieser kam mit dem Siege. Die Letzten endlich waren diejenigen, welche Alles mit Händen greifen, eine neue Ordnung der Dinge mit Augen sehen mußten, — gestürzte Throne, Norddeutschland mit einer Verfassung ausgestattet, den Süden zu einer demnächstigen Wiedervereinigung berufen —, um einzugestehen, daß ein großer Schritt nach vorwärts geschehen, daß keines Falls mehr daran zu denken sei, Deutschland in diesem Anlauf nach dem Ziele seiner wahren und vollständigen Einheit zurückzuhalten. Die Zahl dieser letzteren ist noch nicht geschlossen; sie wächst von Tag zu Tage. Wenn Herr von Bismarck auch weit davon entfernt war, diese volksthümliche Sache in ihrer ganzen Reinheit zu vertreten, so konnte man ihm wenigstens nicht bestreiten, daß er seit dem Anfang seiner politischen Laufbahn sich gewaltig entwickelt und zu höheren Gesichtspunkten aufgeschwungen habe. Der Mann, welcher den Frieden von Nikolsburg diktirte und gleichsam noch auf dem Schlachtfelde die Nothwendigkeit neuer Eisenbahnen, neuer Absatzwege für den Handel, die Freiheit des Verkehrs und der Industrie verkündete, war augenscheinlich nicht mehr derselbe, welcher am 18. Oktober 1849, in einer Berathung über die Gewerbefreiheit gefordert hatte, daß man die Zahl der Lehrlinge in jedem Handwerk beschränke und daß die Innungen befugt sein sollten, die Qualität und den Preis der Erzeugnisse festzustellen und vorzuschreiben. Seit der Allianz mit Viktor Emanuel gehörte er bestimmt nicht mehr seiner alten Parthei an, welche dem Könige von Neapel einen vergoldeten Schild übersandt hatte. Der- 89 selbe Mann, welcher sich im Jahre 1849 als den prinzipiellen Gegner einer jeden Amnestie gezeigt hatte, war bestimmt, im Jahre 1866 noch in der Nacht vor dem Einzug der Truppen in Berlin, dem Könige das Dekret zu entringen, welches alle wegen politischer Vergehen erlassenen Strafurtheile außer Kraft setzte. Ihm einen elastischen, für die Ideen des Fortschritts empfänglichen Geist zuerkennen, hieß ihm ein Zugeständniß von um so größerer Tragweite machen, als man einem Menschen von seinem Scharfblick nicht wohl die Gabe absprechen kann, die Consequenzen seiner eigenen Handlungen vorauszusehen. Ihm mußte — das ist nicht zu bezweifeln — klar sein, daß Venedig befreien so viel hieß als Rom angreifen; Oesterreich schlagen so viel als das Konkordat untergraben und Un gärn aufrichten; Deutschland einigen soviel als mit der Legitimität brechen. Wenn aber er entschlossen war, vor den Folgen seiner Unternehmung nicht zurückzuweichen, so hatte er in erster Linie mit Persönlichkeiten zu thun, die von einem sehr verschiedenen Geiste beseelt waren. Anspielungen auf diese Verhältnisse finden sich nicht in denjenigen Bekenntnissen des Herrn v. Bismarck, die seinem Eintritt ins Ministerium vorangehen; aber sie kehren, und in immer stärkerer Betonung, wieder, in dem Maße als seine Politik ihrer endlichen Lösung entgegenschreitet. Damals galt es mit allen lebendigen Kräften des Volkes zu rechnen, sich der Mitwirkung der aufgeklärten Patrioten und des Aufschwungs der liberalen Meinung zu versichern. Denn er mußte die Möglichkeit einer Niederlage mit in Erwägung ziehen. Herr von Bismarck hatte während des über die Militär-Reorganisation und die Budgetfrage entstandenen Conflikts keine persönlichen Beziehungen zu der parlamentarischen Opposition gehabt. Aber Anfang Juni 1866, als der Krieg unvermeidlich geworden, suchte er 90 mit einigen seiner einflußreichsten und intelligentesten Gegner Unter- handlungen anzuknüpfen. Er ließ sie auf die bedeutungsvollste Art zu vertraulichen Besprechungen zu sich bitten, iuwelcheu er ihnen die Frage vorlegte, ob sie die nöthigen Mittel zum Kriege bewilligen und ob sie ihn im Falle einer ersten ungünstigen Wendung unterstützen würden. Er beschwor sie, für eine kurze Zeit ihre feindselige Haltung aufzugeben und nur an das Vaterland zu denken. Man erwiderte ihm, daß er es gewesen, der einen Abgrund zwischen dem Volke und dem Königthum gegraben, durch die unsinnige Art, mit der er beharrlich die öffentliche Meinung gereizt und jede Rückkehr zum Vertrauen in die Regierung unmöglich gemacht habe. Herr von Bismarck bestritt nicht das Gewicht dieser Anklagen, aber er verschanzte sich hinter die unlösbaren Schwierigkeiten seiner Stellung neben einem den modernen Ideen widerstrebenden Herrn und Meister, der von ultra-aristokratischen Einflüssen umgeben, bei seinem vorgerückten Alter wenig zu Meinnngsänderungen geneigt sei. Er forderte sie auf, für jetzt nur an den Staat und das große Vaterland zu denken, und setzte auseinander, wie man, ohne sich eitlen Selbsttäuschungen hinzugeben, von der Zukunft das Beste hoffen könne. Er erkannte ohne Umschweife an, daß einige seiner Kollegen im Ministerium es wohl verdienten entfernt zu werden, und daß man bei Gelegenheit des Militärgesetzes Unrecht gethan, nicht mehr wie geschehen, zu einer Verständigung mit der Kammer die Hand zu bieten; daß er für seine Person diese beiden Resultate zu erreichen gewünscht, daß man aber seinen Einfluß überschätze, daß er mit unübersteiglichen Hindernissen zu kämpfen habe. Der König, sagte er, wolle von einem versöhnlichen Schritte, welcher irgend eine Reduktion der Armee zur Folge hätte, nichts hören, und es wäre Verlorne Mühe, ihm eine Veränderung in der Zusammensetzung des Kabinets anzusinnen. 91 Bei dieser Lage der Dinge, sagte der Minister, hätte er Alles seinen! großen, seit acht Jahren verfolgten Zwecke opfern müssen. Dieser Zweck war die Ausschließung Oesterreichs, die wesentlichste Bedingung zur Bildung eines deutschen Staats. Oesterreich im italienischen Kriege beizustehen, wäre ein Selbstmord gewesen, und mit diesen nämlichen Worten behauptete er seiner Zeit dem Könige von jenem Entschluß abgerathen zu haben, der für einen Augenblick die größte Aussicht hatte, angenommen zu werden. Mein größter Triumph, rief er mehrmals in diesen Unterredungen aus, ist, vorn Könige von Preußen die Kriegserklärung gegen Oesterreich und die Berufung eines deutschen Parlaments erlangt zu haben. Ueberlassen Sie das Uebrige der Zukunft und fragen Sie mich nicht, warum ich dies höchste Ziel nicht erreichen konnte, ohne die Presse und die Kammer gegen mich auszubringen. Es giebt große Dings, die man nicht mit Reden und Abstimmungen durchsetzen kann. Man muß dazu füns- malhunderttausend Bajonuete haben. — Herrn von Bismarck fiel es nicht schwer, die Männer, welchen er auf diese Weise unter den interessantesten Bekenntnissen sein Herz ausschüttete, zu überzeugen, daß sie in diesem entscheidenden Momente seinen Rücktritt unmöglich wünschen konnten; er andrerseits, fügte er hinzu, könne die Schwierigkeit seiner Stellung nicht noch dadurch vermehren, daß er aus eine Politik eingehe, welche von derjenigen der vier letzten Jahre von Grund aus verschieden wäre. Ich kann von meinen Posten zurücktreten, sagte er, aber ich kann mich nicht dem Schein aussetzen, von heute auf morgen umgesattelt zu haben, um so weniger, als ich dadurch alle Widersacher meiner großen Politik gegen mich entfesseln würde. — Solche, inr Tone einnehmender Offenherzigkeit gegebene Erklärungen bahnten eine schließlicheVerständigung an zwischen dem Minister und einem einflußreichen Theile der Opposition, welcher sich ihn 92 zu unterstützen entschied, nicht nach dem errungenen Siege, sondern bevor noch der Kanonendonner von Königgrätz seinen Argumenten zu Hülfe gekommen war. Wer die von dem Minister von Bismarck in Noten und offiziellen Reden ausgegangenen Erklärungen zusammenstellen wollte, würde darin dem Kern der eben geschilderten Unterhaltung, derselben stramm in einandergreifenden Gedankenkettung begegnen: dem Willen, die Wiedergeburt des deutschen Staatskörpers herauszuführen, bedingt durch die Nothwendigkeit über große materielle Kräfte zu verfügen, um Oesterreich aus dem Felde zu schlagen, und parallel mit dieser Grundidee immer wiederkehrend dem unausgesprochenen Gedanken, daß die größte Schwierigkeit darin bestehe, den König für seine Sache zu gewinnen. Es war um so mehr eine heikle Aufgabe, als der König, ehrlich auf seine Weise, sich stets im Rechte glaubte, wenn er auf den größten Ketzereien gegen das konstitutionelle System bestand. Er fand es ungeheuerlich, daß eine parlamentarische Opposition sich bekommen lasse, in die Wahl seiner Minister eingreifen und die Ausgaben für die Armee überwachen zu wollen, was ihn aber nicht im Entferntesten hinderte seine unerschütterliche Verfassungstreue nach wie vor zu betheuern. Bis zum Jahre 1848 gab es für ihn im Staat nur zwei Dinge: Das Königthum und das Heer; und seine Ansichten galten für so absolutistisch, daß zur Zeit der Revolution der Hof selbst ihn gebeten hatte, dem allgemeinen Unwillen aus dem Wege zu gehen. Lange Zeit hindurch sah man in großen Buchstaben auf seinem Palast die Aufschrift: „National-Eigenthum". Er war damals nur präsumtiver Thronerbe. Das quälende Andenken jener Tage machte ihn zum natürlichen Haupt der Gegenrevolution. Er führte den Feldzug gegen die badische Erhebung von 1849, und mit eigner Hand unterschrieb er die zahlreichen Todesurtheile, welche auf jene Episode so dunkle Schatten werfen, ohne sich weder durch den Ruhm 93 der Patrioten, noch durch den Edelsinn der Bürger erweichen zu lassen, noch durch das selbst zarte Alter der Jünglinge, deren Blut die Standgerichte forderten. Seit jener Epoche, wenn es von Zeit zu Zeit geschah, daß das Murren der berliner Bevölkerung zum Palast der preußischen Monarchen aufstieg, pflegten sie zu sagen, sie wüßten wohl, daß die Revolutionäre sie mit dem Loose Ludwig des XVI. bedrohten. Glaubt man, es sei ein Leichtes gewesen, auf diesem Boden das Bündniß mit Italien und Ungarn gegen die Habsburger und Welsen aufzubauen? Und während der König unter der Herrschaft der aus seinem legitimistischen Sinn hervorgegangeneu Bedenken stand, entging er auch nicht den Einwirkungen des Abscheus, mit welchem der Krieg die liberale Parthei erfüllte. Die Königin, eine Enkelin des fürstlichen Mäcenas von Weimar, den neueren Ideen zugänglicher, theilte die widerstrebenden Gefühle, welche die Nation selbst bestürmten. Herr von Bismarck sah sich also genöthigt, den Sinn des Königs nicht nur gegen ihn selbst, sondern auch gegen seine ganze nächste und vertrauteste Umgebung zu erobern. Der Krieg war schon erklärt, und noch unterhandelte der Hof hinter dem Rücken des Ministers, aber mit Wissen des Königs, mit Oesterreich. Gezwungen, allen Schwierigkeiten dieser Lage die Stirn zu bieten, war der Minister ohne Zweifel stets eher dazu bereit, die Anforderungen des Landes als diejenigen der Krone Preis zu geben; nichts destoweniger blieb sein Ohr den Einwänden der Gegenpartei nie ganz verschlossen. „Ich bringe mein Leben damit hin, zwischen dem Könige und den Liberalen den Puffer zu machen", pflegte er zu sagen. Dieser Dualismus zeigte sich nicht allein in der Verschiedenheit der Ansichten zwischen dem Könige und seinem ersten Minister, sondern auch in den: vielleicht noch größeren Auseinandergehen des Letzteren mit seinen einflußreichsten Collegen, welche Conservative von: reinsten Wasser waren. Diese 94 Meinungsverschiedenheit im Schooße einer und derselben Regierung, anderwärts ganz undenkbar, hat nichts was dem Herkommen des berliner Hofes zuwider liefe. Der preußische Staat ist vor Allem das persönliche Werk Friedrich Wilhelms I. und seines Sohnes, des großen Friedrich. Das ganze System trägt noch heute das Gepräge dieser beiden starken Persönlichkeiten. Der Eine wie der Andere waren die einzigen und unumschränkten Herren des Reiches; sie kannten und übersahen allein die Gesammtheit der Geschäfte, wachten selbst mit einer gewissen Eifersucht darüber, daß die Minister die Einsicht in die Geschäfte nicht über ihr Departement hinaus ausdehnten'). Nach dem Tode Friedrich's fand sich sogar die Finanzverwaltung unter so verschiedene Behörden zersplittert, daß kein Gesammtüberblick der Lage möglich war, und sich im Publikum das ungereimte Gerücht verbreitete, der König habe mit Absicht die Rechnungsbücher zerstört, um seinem Nachfolger Verlegenheiten zu bereiten. Sein Vater hatte nie gestatten wollen, daß die fremden Gesandten mit einem Minister verkehrten und der Sohn folgte diesem Beispiel. Nie vereinigten sich die Minister zu einer Berathung, noch tauschten sie ihre Meinungen aus; oft sahen sie während sehr langer Zeiträume sogar den König nicht, mit welchem sie nur Schriften wechselten, und das nur über Angelegenheiten von ganz untergeordneter Bedeutung. Man erzählt von Friedrich Wilhelm III-, welcher 1840 starb, daß er während einer Dauer von zehn Jahren seinen aufgeklärten Minister, Herrn von Altenstein nicht ein einzigesmal empfing; unter seinem Nachfolger, dem vorigen Könige hörte man nicht selten einen Minister sich darüber beklagen, daß er nicht zu seinem Fürsten vordringen könne, um ihm über irgend eine Angelegenheit Bericht zu st Tmesten, der preußische Beamtenstaat. 95 erstatten. Unter Friedrich Wilhelm II., dem Zeitgenossen der französischen Revolution, behandelten die sehr zahlreichen, aus Abenteurern jeder Art bestehenden Günstlinge die Minister von oben herab; und sogar unter der gegenwärtigen Regierung haben dieNach- wehen dieses Unfugs erst seit Kurzen! zu verschwinden angefangen. Es ist nicht länger als zwei Jahre her, daß eine Anzahl hoher Offiziere, die das sogenannte, ganz außerhalb der Verfassung neben dem Ministerium bestehende, Militärkabinet bildeten, den Einfluß des letzteren vollkommen lähmten. In diesem Militärkabinet wurden alle großen Fragen in der vertraulichsten und entscheidendsten Weise durch- berathen; und man begreift wie dieser Dualismus uiit der in der Familie der Hohenzollern bewahrten Tradition übereinstimmte, daß der Staat vor Allem aus Soldaten besteht und daß die Soldaten ihnen gehören. Noch heut zu Tage kommt es bisweilen vor, daß der König seine Arbeit mit den Ministern unterbricht, wenn ihn: ein Oberst gemeldet wird. Bei solchen Anschauungen und Gewohnheiten, kann man sich vorstellen, wieviel Inhalt nach der Auslegung eines Königs von Preußen im konstitutionellen Regiment zurückblieb, und nian wird ohne Mühe glauben, daß der Herrscher seine Minister wie seine persönlichen Diener betrachtete und nicht zugab, daß er etwas anderes als seinen Geschmack zu Rathe zu ziehen habe, um sie zu wählen oder wegzuschicken. Wenn man ihm klar machte, daß der oder jener seiner Minister das Volk, ohne Nutzen für die Krone, erbittere, daß er nicht nur eine Plage für das Land, sondern auch unfähig und träge sei, so antwortete der König, daß das Benehmen des Mannes ihm nicht mißfalle und daß er daran gewöhnt sei mit ihm zu arbeiten. Wenn man dabei beharrte, so klagte der König, daß man ihn, den Siebzigjährigen, von einem treuen Diener trennen wolle, und wenn man auch aus dieses Bedenken nicht einging, so erzürnte er sich und wandte den Rücken. 96 Im Jahre 1866 bestand das Ministerium aus drei verschiedenen Elementen. Die Herren v. Bismarckund v. Roon vertraten den Geist der aufgeklärten, thätigen, den Ideen der Zeit und des Fortschritts ver- hältnißmäßig zugänglichen, Aristokratie; neben ihnen Herr von der Heydt, der Finanzminister, ein großes Talent in seinem Fache, der alle Regierungen überdauert, nach Umständen in Liberalismus oder in Reaktion gemacht hatte; endlich das reine Feudalwesen, repräsen- tirt durch den Minister des Innern Grasen Eulenburg und den Justizminister Grafen zur Lippe, beide bei Hofe sehr wohl gelitten. Die Vorsteher des Cultus, des Handels und der landwirtschaftlichen Angelegenheiten spielten nur eine untergeordnete Rolle. Diejenigen, welche nach wie vor 1866 in Herrn von Bismarck nichts als das Haupt der europäischen Reaktion sehen wollen, haben sich immer etwas darauf zu Gute gethan, die stillen Reibungen zu leugnen, die seit lange zwischen ihm und den am weitesten hinter der Zeit zurückgebliebenen seiner Kollegen stattfanden. Namentlich haben sie stets behauptet, daß die Feindseligkeit, welche der Ministerpräsident gegen den Grafen zur Lippe, den Justizminister, zur Schau trug, nichts als Komödie sei, sie haben daraus die Zielscheibe ihres Spottes gemacht'). Aber die Thatsachen haben sie vollständig Lügen gestraft. Denn der Justizminister ward schließlich, nachdem ihn der Ministerpräsident in öffentlicher Parlamentssitzung, am 10. Oktober 1867, angegriffen, ge- - tadelt und übel zugerichtet hatte, seines Amtes enthoben, hauptsächlich ohne Zweifel um den unsinnig verbissenen Verfolgungen gegen die Redefreiheit ein Ende zu machen. Seitdeni hat ein neuer Zwischensall den Conflikt zwischen Herrn v. Bismarck und dem Grafen Eulenburg weiter entwickelt. Die Frage des hanuoverschen Provinzialfonds schien einen ') Aus diesem Anlaß wurde das Wort „Zwei-Seelen-Ministerium" erfunden, indem man einen wohlbekannten Vers darauf parodirte. 97 Augenblick auch den Minister des Innern in seiner Stellung unleugbar erschüttert zu haben, und bei derselben Gelegenheit kam die Spaltung zwischen Herrn v. Bism ar ck und der ganzen ultraconservativen Par- thei sichtbarer Weise zu Tage. Außer diesen Thatsachen von gewisser Tragweite könnten wir noch manche andere von geringerer Wichtigkeit aber gleicher Bedeutung anführen, um zu zeigen, daß die, Herrn von Bismarck durch die reaktionäre Umgebung des Hofes geschaffenen, Schwierigkeiten nicht blos in der Einbildung bestehen, daß der bei jeder Gelegenheit in seinen vertraulichen Unterredungen wiederkehrenden Versicherung etwas Wahres zu Grunde liegt: es stehe seine Macht im Innern in gar keinem Verhältniß zu seiner Rolle in der großen Politik. Soll damit gesagt sein, daß inmitten eines feudalen Hofes und unter einem noch immer mehr oder weniger persönlichen Regiment Herr von Bismarck die Gerechtigkeit oder die Freiheit vertritt? Nach allem Gesagten scheint es überflüssig, sich gegen den Verdacht eines solchen Paradoxons zu vertheidigen. Ueberdies ist es in der Geschichte wie im Romane besser am Platz, die Personen handelnd auftreten zu lassen als sie begrifflich auseinanderzulegen. Es handelt sich nur darum, sie nahe und von allen Seiten zu beleuchten, damit sie selbst sich die Mühe geben sich zu zergliedern. Herr von Bismarck eignet sich um so mehr zu dieser Behandlungsweise als er nichts von jenem Schauspielerwesen in sich hat, dem man so oft an hervorragenden politischen Menschen begegnet. Nicht etwa, daß man Ursache hätte, dem freimüthigen Auftreten, durch welches er sein Publikum in Erstaunen zu setzen pflegt, einen blinden Glauben entgegenzubringen. Alle Diejenigen, welche mit ihm zu thun gehabt haben, wissen vollkommen, was sie zu halten haben von jenen überraschend vertraulichen Auslassungen, die, je nach Umständen, bald durch ein Uebermaß von Offenheit, bald durch das Uebermaß des Gegen- 7 > » — 98 — theils irre zu führen, berechnet sind. Wenn er sich verstellt, so übertreibt er dermaßen, daß er die Wirkung verfehlt; und man kann sagen, daß er seine Gegner öfter durch die Wahrheit als durch Vorspiegelungen getäuscht hat. Ist es ihm gelungen, irgend Jemanden hinter's Licht zu führen durch jene diplomatischen Rundschreiben vom April und Mai 1866, in welchen er über die kriegerischen Vorbereitungen des streitsüchtigen Oesterreich wehklagte, das um jeden Preis über das harmlose Preußen herfallen wolle? oder damals, als er vor den Kammern versicherte, daß er, wenn auch ohne Budget wirthschaftend, innerhalb der Verfassung zu bleiben glaube (er, der später die Indemnität verlangte)? Er läugnet vielleicht ohne viel Bedenken, aber auch ohne viel Kunst. Hinter seinem polternden Auftreten blickt hie und da der lächelnde Schalk hervor. Einem Gegner gegenüber kann er herausfordernd, boshaft, sogar bösartig sein, aber er ist nicht falsch; er kann Moral und Gerechtigkeit verletzen, aber nicht durch pathetische Geberden den guten Geschmack. Er gehört nicht zu dem Geschlecht der Proklamationsschreiber, die da glauben, daß man die Welt mit schönklingenden Phrasen leite oder daß man allgemeiner Mißstände Herr wird, indem man sie in prunkvolle Gemeinplätze einwickelt. Er gehört im Gegentheil zu Denen, die ein Vergnügen darin finden, die Kontraste im Ausdruck zu verschärfen, und dadurch über das Ziel hinauszuschießen. Was zwang ihn in jener Ausschuß-Sitzung sich zu dem Grundsatz von Blut und Eisen zu bekennen? Diejenigen welche sich wirklich von solchen Grundsätzen innerlich leiten lassen, sind nicht die, welche sich damit brüsten, sondern vielmehr die, denen der Mund überfließt von Milde und Menschenliebe. Sein launiges Sichgehenlassen erstreckt sich bis auf den mangelhaften Zustand seines Huts und seiner Halsbinde. Etwas in ihm erinnert an den im deutschen Studenten verkörperten Typus mit seinem aus Trutzigkeit und Gemüth zusammengesetzten, anmaßenden, rauflustigen, jovialen und dabei in den Winkeln der Seele von Empfindsamkeit nicht freien Wesen. Nach Sadowa sagte er zu einem Freunde, daß der Anblick des grausigen Schlachtfeldes ihn während einiger Tage für den Genuß seines Triumphes unempfindlich gemacht habe. Zuweilen taucht für einen Augenblick in seinen Briesen ein Schatten von Melancholie aus. Am Schluß des oben citirten Briefes aus St. Petersburg in dem er sich über die Verdächtigungen der Kreuzzeitungspartei beklagt, sagt er: „Es geht nichts über Ketzerrichter im eigenen Lager; und unter Freunden, die lange aus einem Topfe gegessen haben, ist man ungerechter, als gegen Feinde. Mir ist's recht, man soll sich nicht auf Menschen verlassen, und ich bin dankbar für jeden Zug, der mich nach innen zieht." Ein anderes Mal klingt es beinahe Ossianisch, wenn er schreibt: „Ich habe fast Heimweh nach meiner Wohnung am Huui avZIais (in St. Petersburg) mit ihrer beruhigenden Aussicht auf das Eis der Newa!" Man hat oft den Scherz vom Oelblatt erzählt, welches er eines Tages aus seiner Cigarrentasche zog, indem er zu einem Mitglied der liberalen Parthei sagte, daß er es zu Avignon gepflückt habe um es der Opposition anzubieten, daß aber der Augenblick noch nicht gekommen und daß er es für künftige Zeiten aufbewahre. Er ist ein ziemlich starker Cigarrenraucher und diese Gewohnheit trägt zur Ungebundenheit seines Wesens bei. Während er Gesandter in Frankfurt war, berief eines Tages sein intimer Feind, Herr von Rechberg, die Mitglieder des Bundestages zu sich und empfing sie im Schlafrock. Herr von Bismarck, um ihn mit gleicher Münze zu bezahlen, zog sofort sein Etui aus der Tasche, nahm eine Cigarre, bot seinem Nachbar eine zweite an und sagte, die sei- nige anzündend, ohne die Antwort abzuwarten: „Nicht wahr, lieber Gras, Sie erlauben?" — Diese Ungebundenheit, welche unter Umständen die Leute auch vor den Kopf stößt, hängt vor Allem mit der Eigenthümlichkeit seines thätigen und beweglichen.Geistes zusammen, 100 der Alles selbst zu thun, selbst zu sehen, selbst zu misten begehrt. Er hat Presse und Kammern mit allen erdenklichen Plackereien gequält und aufs Aeußerste getrieben. Aber sobald er einen Abgeordneten oder einen Journalisten auf dem Wege der Vertraulichkeit oder der Verständigung zu gewinnen hoffte, bemühte er sich, ihn herbeizuziehen, und bei solchen Anlässen erging er sich nicht selten auf die ungezwungenste oft sogar ganz rückhaltlose Weise in Gesprächen über das ganze Räderwerk der Staatsmaschine. Im Jahre 1849 schickte er eine Herausforderung an den Redakteur des Kladderadatsch, und später, während seiner Gesandtschaft am Bundestage, hatte ihn das Publikum sehr stark im Verdacht, manchmal an demselben Blatte verstohlenerweise mitzuarbeiten, besonders wenn dasselbe irgend eine gelungene Karrikatur eines österreichischen Diplomaten brachte. Am liebsten aber ließ er seiner bald herausfordernden, bald vergnüglichen Laune in den Sitzungen der Kammerausschüsse die Zügel schießen. Das zwanglose Plaudern, dem er sich bei geschlossenen Thüren hingeben konnte, entsprach seinem Ingenium viel mehr als die öffentliche Beredsamkeit. „In solchen Momenten", sagt ein Zeuge dieser Diskussionen, „eilte au unseren Augen Alles in kaleidoskopartiger Verwirrung vorüber, und mit solcher Schnelligkeit, daß es unmöglich war zu folgen. Es war ein merkwürdiger Abstand zwischen dem Ernst der in Ziffern und positiven Thatsachen versenkten Commissionsmitglieder und dem mit Fremdwörtern stark versetzten Geplauder des Ministers." Um das Bild zu vervollständigen, können wir uns nicht versagen, dem Zeugniß der Thatsachen und der Beobachter, das Aktenstück hinzuzufügen, in welchem der Minister es eines Tages unternahm, sich selbst vor dem Publikum und insbesondere vor dem französischen zu charakterisiren. Es ist damit schon gesagt, daß es sich hier nicht um ein Bekenntniß handelt, welches ohne Vorbehalt hinzunehmen wäre. Aber ohne zu vergessen, daß eine Vertheidigung in eigener Sache 101 vorliegt, dürfen wir, gilt es einmal sich über Herrn von Bismarck ein Urtheil zu bilden, ihm nicht das Wort verweigern, wenn er sich selbst erklären will. Wir werden ihn selbstverständlich nicht darauf vereidigen, und uns die Freiheit vorbehalten, ihn nur als Jnformations- zeugen zu vernehmen. Ein französischer Journalist, Herr Vilbort, welcher sich dem Feldzug der preußischen Armee angeschlossen hatte, erbat sich vor seiner Rückkehr nach Frankreich eine Audienz beim Minister und hat im „Adele" vorn 10. Juni 1866 einen Bericht über seine Unterredung abgestattet. Wie sehr auch der Verfasser bemüht gewesen sein mag, während und nach diesem Besuche seine geistige Unabhängigkeit zu bewahren, so müssen wir doch andererseits voraussetzen, daß er nicht zur Veröffentlichung geschritten sein wird, ohne sich der Zustimmung des Ministers versichert zu haben. Wir gehen demnach nicht zu weit, wenn wir sagen, daß in den folgenden Zeilen Herr v. Bismarck selbst zu dem Leser spricht. Die hohe Protektormiene, mit welcher der französische Journalist dem deutschen Volke seine Anerkennung zu Theil werden läßt, kommt natürlich auf dessen eigene Rechnung. Herrn Vilbort's Bericht lautet wie folgt: „Bei meiner Ankunft in Berlin, malte man mir Herrn von Bismarck als einen unzugänglichen Menschen. Man sagte mir: „Suchen Sie nicht erst mit ihm zusammenzutreffen, es würde verlorene Mühe sein. Er empfängt Niemanden, er lebt zurückgezogen hinter dreifach geschlossenen Thüren. Er verläßt sein Zimmer nur um zum Könige zu gehen, und nur mit großer Mühe können seine vertrautesten Räthe bis zu ihO gelangen." Dennoch erbat ich eine Audienz bei dem ersten Minister des Königs von Preußen. Herr von Bismarck ließ mir sogleich sagen, daß er mich noch an demselben Abend empfangen werde. „Beim Eintritt in sein Kabinet, wo der Friede Europa's gleich- 102 sam an einem Faden hängt, dessen Thüre jedoch nur mittelst eines Schiebers schloß, sah ich einen Mann von hoher Gestalt mit einer stark und heftig hervorspringenden Gesichtsmuskulatur; auf seiner hohen, breiten und gewölbten Stirn entdeckte ich nicht ohne Ueberraschung viel Wohlwollen, gepaart mit Hartnäckigkeit. Herr von Bismarck ist blond, seine Haare sind aus dem Scheitel nur noch sehr dünn gesät; er trägt einen militärischen Schnnrrbart, und in seiner Rede liegt mehr die Geradheit des Soldaten als die Behutsamkeit des Diplomaten. Er ist daneben auch ganz der vornehme Herr und Hofmann, im Besitze aller Verführungskünste einer ausgesuchten Höflichkeit. Er kam mir entgegen, reichte mir die Hand, führte mich zu einem Fauteuil und bot mir eine Cigarre. „— Herr Minister, sagte ich nach einigen einleitenden Worten, es liegt mir wie vielen meiner Landsleute am Herzen, mich soviel als möglich über die wahren Interessen der deutschen Nation aufzuklären. Erlauben Sie mir also mit voller Freimüthigkeit zu sprechen. Ich erkenne gern an, daß Preußen in seiner auswärtigen Politik heute den, der französischen Nation in hervorragender Weise sympathischen, Zielen entgegenzustreben scheint, nämlich: Italien vollständig und für immer von Oesterreich zu befreien, Deutschland auf der Grundlage des allgemeinen Stimmrechts zu konstituiren. Aber besteht nicht zwischen Ihrer preußischen Politik und Ihrer deutschen ein schreiender Widerspruch? Sie proklamiren ein nationales Parlament als die einzige Quelle aus der die Wiedergeburt Deutschlands hervorgehen könne, als die einzige Macht, die fähig wäre die neuen Geschicke zu vollenden; und zu gleichst Zeit behandeln Sie das Abgeordnetenhaus in Berlin nach der Weise Ludwig des XIV., als er mit der Reitpeitsche in der Hand in das Pariser Parlament trat. In Frankreich will uns eine Ehe zwischen Absolutismus und Demokratie nicht in den Kopf. Und um die ganze Wahrheit auszusprechen, 103 muß ich Ihnen sagen, daß die öffentliche Meinung in Paris Ihr Projekt eines National-Parlaments nicht ernst nahm: man hat darin nur eine wohlersonnene Kriegsmaschine gesehen, und man glaubt allgemein, daß Sie der Mann sind, dieses Werkzeug, nachdem Sie Sich desselben bedient, zu zerbrechen, und zwar an demselben Tage, wo es unbequem oder unnöthig geworden." „— ^ In bouuo liLure, erwiderte Herr von Bismarck, das nenne ich gleich auf den Grund der Sache eingehen. In Frankreich, das weiß ich sehr wohl, bin ich gerade so unpopulär wie in Deutschland. Ueberall macht man mich allein für eine Situation verantwortlich, die ich nicht geschaffen habe, sondern die mir wie Allen auf- genöthigt war. Ich bin der Sündenbock der öffentlichen Meinung, allein das macht mir wenig Kummer. Ich verfolge mit durchaus ruhigem Gewissen einen Endzweck, den ich als für mein Land und Deutschland nützlich ansehe. „Was die Mittel betrifft, so habe ich in Ermangelung anderer mich derer bedient, die sich mir darboten. Ueber die innere Lage Preußens wäre vieles zu sagen. Um sie unparteiisch zu beurtheilen, muß man den besonderen Charakter meiner Landsleute gründlich stu- diren und kennen lernen. Während Frankreich und Italien heute einen großen von gleichem Geiste und Sinn beseelten Körper bilden, herrscht dagegen in Deutschland der Individualismus vor. Jeder lebt hier für sich in seinem Winkel, allein mit seiner Ansicht, im Kreise von Weib und Kind, in stetem Mißtrauen gegen die Regierung sowohl, wie gegen seinen Nachbarn. Alles beurtheilt er stets von seinem persönlichen Standpunkt? niemals von dem der Masse aus. Das individuelle Bewußtsein und das Bedürfniß des Widerspruchs sind im Deutschen bis zu einem unglaublichen Grade entwickelt. Zeigen Sie ihm eine offene Thür, statt daß er durchgeht, wird er sich lieber darauf verbeißen, hart daneben ein Loch durch die Mauer zu 104 brechen. Darum wird auch nie in Preußen eine Regierung — sie thue was sie wolle — populär werden. Die große Mehrzahl wird immer entgegengesetzter Meinung sein. Schon deshalb allein, weil sie Regierung ist und als Autorität dem Individuum gegenüber tritt, wird die Regierung stets von dem Widersprüche der Gemäßigten, von dem Höhne und der Verleumdung der Exaltirten heimgesucht. Dies war das gemeinsame Schicksal aller Regierungen, welche seit dem Beginn der Dynastie aufeinander gefolgt sind. Die liberalen Minister sowohl wie die reaktionären haben vor unseren Politikern nie Gnade gefunden...." „Und indem Herr von Bismarck alle Regierungen und Ministerien der Reihe nach durchging, wies er in sehr malerischer, bilderreicher und von geistreichen Wendungen überschäumender Sprache nach, daß die Auerswald und die Manteuffel das gleiche Geschick gehabt, daß Friedrich Wilhelm III., den man den „Gerechten" nannte, vergeblich alles aufgeboten, um seine Preußen zufrieden zu stellen, und ebenso sei es Friedrich Wilhelm IV. gegangen. „— Den Siegen Friedrichs des Großen, fuhr er fort, jauchzten sie zu, aber bei seinem Tode rieben sie sich die Hände vor Freude, von diesem Tyrannen befreit zu sein. Neben diesem Antagonismus besteht aber eine tiefe Anhänglichkeit an die Dynastie. Kein Herrscher, kein Minister, keine Regierung kann sich die Gunst des preußischen Individualismus erwerben; allein alle zusammen rufen sie aus vollem Herzen: „Es lebe der König"! Und wenn der König befiehlt, gehorchen sie." „„Es gibt doch Leute, Herr Minder, die da behaupten, daß die Unzufriedenheit bis zum Aufruhr sich steigern könnte"". — „Die Regierung glaubt das nicht fürchten zu müssen und fürchtet es auch nicht. Unsere Revolutionsmänner sind nicht so fürchterlich. Ihre Feindseligkeit macht sich hauptsächlich in kräftigen Ausdrücken 105 gegen die Minister Lust, allein vor dem Könige haben sie Respekt. Ich allein habe alles Unheil angerichtet und nur mir allein gilt all ihr Groll. Wären sie etwas unparteiischer, so würden sie vielleicht einsehen, daß ich nur, weil ich nicht anders konnte, so gehandelt habe. Bei der gegenwärtigen Lage Preußens in Deutschland und Oesterreich gegenüber, mußten wir vor Allem eine Armee haben. Das ist in Preußen die einzige disciplinirbare Macht.... Ein Preuße, der sich auf der Barrikade einen Arm entzwei schießen ließe, würde sehr kleinlaut nach Hause schleichen, und seine Frau würde ihn für einen Verrückten halten; aber in der Armee ist er ein prächtiger Soldat und schlägt sich wie ein Löwe für die Ehre des Landes. Diese durch die Umstände auferlegte Nothwendigkeit einer großen bewaffneten Macht hat, so augenscheinlich sie auch war, eine trutzköpfige Politik nicht anerkennen wollen. Ich meinerseits konnte nicht zaudern: durch meine Familie, meine Erziehung, bin ich vor Allem der Mann des Königs. Nun aber hielt der König an dieser Militär-Organisation wie an seiner Krone, weil auch er, nach seinem besten Wissen und Genüssen, sie für unentbehrlich hielt. Niemand konnte ihn dazu bringen, darauf zu verzichten oder sich davon abhandeln zu lassen. In seinem Alter und mit seinen Traditionen hält man an einer einmal gefaßten Idee fest, besonders wenn sie Einem gut scheint. Uebrigens theile ich in Betreff der Armee ganz seine Ansicht. „Vor fechszehn Jahren lebte ich ruhig als Land-Edelmann, da mich der Wille des Königs als Bundestags-Gesandten nach Frankfurt rief. Ich war auferzogen in der Bewunderung, ich möchte sagen: in der religiösen Verehrung der österreichischen Politik. Aber ich brauchte nicht viel Zeit, um meine Jugendillusionen über Oesterreich zu verlieren, und ich wurde sein erklärter Gegner. Die Erniedrigung meines Heimathlandes, die Preisgebung Deutschlands gegenüber fremden Interessen, eine hinterlistige, treulose Politik, alles das war nicht 106 dazu angethan, mir zu gefallen. Ich wußte nicht, daß die Zukunft mir eine Rolle zugedacht hatte; aber damals schon faßte ich den Plan, den ich jetzt auszuführen suche, nämlich Deutschland von dem österreichischen Drucke zu befreien, wenigstens denjenigen Theil Deutschlands, der durch Geist, Religion, Sitten und Interessen mit dem Geschicke Preußens eng verbunden ist, Norddeutschland. In den Plänen, die ich im Voraus entwarf, ist keine Rede davon, Throne umzustürzen, diesem sein Herzogthum, jenem sein Ländchen zu nehmen. Der König würde sich überdies nie dazu hergeben. Und dazu kommen noch die Familien-Verbindungen, Vetterschaften, eine Menge feindlicher Einflüsse, gegen die ich täglich und stündlich anzukämpfen hatte. „Alles das, in Gemeinschaft mit der Opposition, gegen welche ich in Preußen zu ringen hatte, konnte mich nicht abhalten, mich mit Leib und Seele der Idee zu widmen: Norddeutschland in seiner vernunftgemäßen und natürlichen Gestalt unter der Aegide Preußens herzustellen. Um dieses Ziel zu erreichen, würde ich Allem trotzen, dem Exil und selbst dem Schaffst; und ich habe dem Kronprinzen, der durch Erziehung und Tendenzen mehr der Mann der parlamentarischen Regierung ist, einmal gesagt: „Was liegt daran, wenn man mich aufhängt, wenn nur mein Strick Ihren Thron fest an das neue Deutschland bindet". „„—Darf ich auch fragen Herr Minister, wie Sie den freien Beruf einer Nationalvertretung in Einklang zu bringen gedenken mit der strengen Behandlung, die Sie der Berliner Kammer angedeihen ließen, und vor Allem, wie Sie den König, den Repräsentanten des göttlichen Rechts dahin gebracht, auf das allgemeine Stimmrecht, welches doch nichts anders ist als der beste Ausdruck des demokratischen Prinzips, einzugehen""? Herr von Bismarck erwiderte mir lebhaft: „Dieser Sieg hat mich einen vierjährigen Kampf gekostet. Als der König mich vor 107 vier Jahren berief, war die Lage im höchsten Grade schwierig. Se. Majestät legte mir eine lange Liste liberaler Zugeständnisse vor, aber im Punkte der Militärfrage war keiner zu erwarten. Ich sagte zum König: ich nehme an: je liberaler sich die Regierung zeigen kann, desto besser. Allein von der einen Seite hat sich die Kammer, von der andren die Krone hartnäckig gezeigt, und in diesem Konflikte stand ich auf Seite des Königs, meine persönliche Ehrfurcht vor ihm, meine ganze Vergangenheit, alle meine Familienüberlieferungen machten mir das zur Pflicht. Allein daß ich von Natur oder aus System der Gegner der Rationalvertretung, der Feind des parlamentarischen Wesens sein soll, das ist eine ganz grundlose Unterstellung. Ich wollte mich nicht vom Könige trennen, als die Berliner Kammer einer Politik entgegentrat, die sich Preußen als eine Nothwendigkeit ersten Ranges aufdrängte. Aber daß ich Deutschland mit meinem Parla- mentsentwurfe zu mystifiziren gedenke, diese Beleidigung hat Niemand das Recht mir entgegen zu werfen. An dem Tage, an welchem meine Aufgabe erfüllt ist und meine Pflichten gegen meinen Souverän nicht mehr mit meinen Pflichten als Staatsmann sich vereinigen ließen, könnte ich mich zum vollständigen Rücktritte entschließen, ohne deshalb mein Werk verläugnen zu müssen". „Das sind im Wesentlichen, schließt Herr Vilbort, die politischen Anschauungen, welche Herr von Bismarck vor mir entwickelt hat. Seine Gedanken konnten unter meiner Feder vielleicht eine stärkere oder schwächere Färbung annehmen, ich habe es mir jedoch angelegen sein lassen, sie so getreu als möglich wiederzugeben". In dieser geistreichen Ergehung hat Herr von Bismarck Aufschlüsse über die Natur des deutschen Charakters geboten, welche an mehr als einer Stelle nicht ohne Vorbehalt hingenommen werden dürfen. Man muß ihm indessen zugeben, daß unter den Zügen die er hervorhebt, einer vorkommt, den er mehr als jeder Andre zu beurtheilen im Stande ist; und er hatte Recht vorauszusetzen, daß der Geist seines französischen Zuhörers besonders für die Betrachtungen empfänglich sein würde, die diesem Jdeengang angehören. Es handelt sich nämlich um die Frage, wieviel Wichtigkeit man in dem deutschen Entwicklungsgang dem Eingreifen des revolutionären Elements zuzuschreiben habe. Schließlich haben wir auf diesem Boden allein die praktische Erklärung Alles dessen zu suchen, was sich seit zwei Jahren zugetragen hat. Den ersten Erwägungsgrund zu dem zwischen der Nation und dem preußischen Minister abgeschlossenen Vergleich muß man sich also gefaßt denken: „In Anbetracht daß, sei es in Folge natürlicher Anlage, sei es aus Gewohnheit, gleichviel ob zu seinen: Glück oder Unglück, das deutsche Volk bis auf unsere Tage in keiner Art den Beweis seines revolutionären Berufes geliefert hat...." — Herr von Bismarck selbst war wohl im Stande den Mangel dieser natürlichen Anlage herauszufühlen, denn er besaß dieses Element, welches den Massen, mit denen er es aufnehmen wollte, abging. Man kann keinen Augenblick daran zweifeln, daß er ein geborener Revolutionär ist. Denn man wird als Revolutionär geboren, wie als Legitimist, durch die Bildung des Gehirns; während der Zufall allein entscheidet, ob die Lebensumstände aus demselben Menschen einen Schwarzen oder einen Rothen machen werden. Wenn wir diesen Aristokraten bei jeder Gelegenheit die Gewalt der vollendeten Thatsache, das Heilmittel von Blut, Eisen und Feuer, proklamiren hören, zwingt sich uns da nicht unwillkürlich der Gedanke an jene berühmten Donnerer einer anderen Zeit auf, welche zu sagen pflegten, daß man Revolutionen nicht mit Lavendelwasser mache, daß man mit Brod und Blei ans Ende der Welt marschire? Das revolutionäre Bewußtsein ist dasjenige, welches sich im Besitz eines heroischen Mittels glaubt, um zum höchsten Gut zu gelangen. Diese Ueberzeugung formulirte Herr von Bismarck eines Tages gegen Herrn Virchoiv in den Worten: 109 „Sie glauben vielleicht besser als ich die nationale Politik zu verstehen, aber ich weiß, daß ich besser wie Sie und die ganze Kammer das verstehe, was ich die politische Politik nenne". Und je weiter er vorwärts schritt, desto mehr befestigte sich in ihm dieses Gefühl der Sicherheit. Man könnte sein Verfahren mit dem der Ingenieure vergleichen, welche eine Eisenbahnbrücke über einen Strom bauen. Ehe sie ihr das Geschick der Reisenden anvertrauen, beschweren sie sie mit einem Gewicht, beträchtlicher als das Maximum einer jeden Ladung, welche die Lokomotive jemals darüber führen könnte, und dann beobachten sie um wie viel Millimeter sich der Träger gesenkt hat. Ebenso hatte Herr von Bismarck das Land mit einer ungeheuren Last willkührlicher Maßregeln überbürdet, und das Land hatte in seiner Bewegung den Druck nur in den kleinsten Verhältnissen angezeigt, welche die Statik nicht mehr berücksichtigt. Die Probe war gemacht, daß der Zug den König sammt seinen Soldaten mit Sack und Pack getrost hinübertragen konnte. Von diesem Augenblicke an war die Wahl des Verfahrens getroffen, welches einzuschlagen war um zur Lösung des Problems der deutschen Einheit zu gelangen. Was Herr von Bismarck dem französischen Journalisten in der Vertraulichkeit einer Unterredung unter vier Augen sagte, das schleuderte sein College Herr von Roon eines Tages der Kammer gradezu ins Angesicht. Als einst ein Abgeordneter auf die Möglichkeit einer allgemeinen Empörung anspielte, rief der General, sich gegen die von der oppositionellen Majorität besetzten Bänke wendend: „Ich sehe hier viele ehrliche und ernste Gesichter, aber kein einziges, welches geeignet wäre, mir diese Furcht einzuflößen"; und Herr von Bismarck ließ sich selten eine Gelegenheit entgehen um zu zeigen, wie im Jahre 1848 die Demokratie aus Mangel an Energie und praktischer Anstelligkeit, sowie durch ihr kindliches Vertrauen in die theoretische Propaganda unterlegen war. 110 Man würde sich aber nichtsdestoweniger eines großen Irrthums schuldig machen, wenn man den Grad der Reife des deutschen Volkes ausschließlich von dem Gesichtspunkte aus beurtheilen wollte, . welchen wir so eben aufgestellt haben. Dieses persönliche und monarchische Regiment von oben und diese Fügsamkeit von unten (in Preußen ebenso wie, für das bloße Auge nur weniger sichtbar, in den Kleinstaaten) bestehen neben einer geistigen Entwickelung und einem allgemeinen Sittlichkeitsgefühl, über die sich kein anderes Land der Welt erhebt. Der Staatsmann, dessen Erfolge den guten Ruf der Nation aufs Spiel setzten, ist sicherlich am wenigsten dazu geneigt, ihr diesen inneren Werth zu bestreiten. Er sprach sich einmal in seiner sarkastischen Weise darüber aus, als er in einem parlamentarischen Ausschuß die Behauptung aufstellte, daß Deutschland vielleicht zu weit vorgeschritten sei, um eine Verfassung zu ertragen. Aber was er bei seiner ungeduldigen Thatenlust und seinem praktischen Wesen vor Allem ins Auge faßte, das war der eben obwaltende stakns t. 1868, sind nur mit gewisser Vorsicht zu gebrauchen. **) Der Feldzug oon 1866 in Deutschland. Redigirt von der kriegsgeschicht- lichen Abtheilung des großen Generalstabs. Berlin 1867. 156 einer Zeit für gut befunden, Winke dieses Sinnes bei Frankreich fallen lassen, so mußte doch jetzt etwas'Vesseres vorliegen als solche gewagte Rechenexempel; und dieses Etwas wird später zu Tage kommen, wenn, nicht die Archive, welche in diesem Punkte wenig wissen möchten, sondern die persönlichen Denkwürdigkeiten es an der Zeit halten werden, die Geheimnisse der Besprechungen von Plombieres und Biarritz zu entsiegeln. Mit großer Freimüthigkeit und Umständlichkeit dagegen ist geschildert, wie lebhaft und entscheidend die offiziell von Oesterreich angerufene französische Dazwischenkunft seit der Schlacht von Königgrätz eingriff; wie sie die Hauptarbeit der Vereinigung der Partheien verrichtete; wie ihre bedenkliche Haltung bereits so viel Rücksicht auferlegte, daß man gewissermaßen zur Rechtfertigung wegen Nichtannahme österreichischer Vorschläge am 14. Juli die Akten einer ersten gescheiterten Unterhandlung aus dem Preußischen Hauptquartier Brünn mit einem Gesandten von hohem Rang, Fürst Reuß, nach Paris schickte. Wegen aller näheren Umstände muß hier der Hinweis auf die ausführliche Darstellung des mehrgenannten Werkes dienen, aus dessen Sprache auf's unzweideutigste hervorgeht, daß die Preußische Regierung nicht voreilig zu der Abfindung von Nikolsburg und Prag griff, daß sie sich der Schattenseite des Friedenswerkes ziemlich bewußt war und daß sie schließlich nur dem Bedenken wich, einen Krieg mit Frankreich zu beschwören, welcher nach der ganzen Gestaltung, den die Verhandlungen seit dem 4. Juli unter den Auspizien Napoleons angenommen hatten, zu erwarten stand. Ueber diesen Punkt drückt sich der „Feldzug von 1866" wie folgt aus: „So kam der Entwurf der Präliminarien zu Stande. „Es war eine ernste und wichtige Entscheidung, welche damit an Se. Majestät den König herantrat, ähnlich der über den Beginn des Krieges. „Sollte dieser fortgesetzt werden in der Hoffnung auf noch größere Resultate? Die Armee stand vor Wien. Preßburg war schon nahezu in der Hand der preußischen Streitkräfte gewesen. Auf den Ausfall einer zweiten Schlacht, wenn sie erforderlich werden sollte, blickte man ohne Vesorgniß und möglich war der Einzug in Wien ohne allzu große Opfer. „Die militärischen Bedingungen also waren für den Augenblick günstig, und von diesem Standpunkte aus die Wünsche natürlich, den Sieg bis an die äußerste Grenze zu verfolgen und der bewährten Kraft des preußischen Heeres volle Entfaltung zu gestatten. — Ein Ziel, welches der erste Napoleon sich nie versagt hatte — die Hauptstadt des Gegners — lag in verlockender Nähe, ihre Thürme waren den Blicken der Vorposten sichtbar. „Andererseits aber blieb wohl zu erwägen, daß Oesterreich, selbst nach dem Verlust von Wien, nicht genöthigt war Frieden zu schließen. Sein Heer konnte auf Ungarn ausweichen und die Komplikationen Europäischer Politik abwarten. Kam auf der vom Kaiser Napoleon vorgeschlagenen und dem Wesen nach öffentlich bekannten Basis ein Friede nicht zu Stande, so verletzte dieses die Interessen nicht minder, wie die Würde Frankreichs. — Ein großes Ziel war erreicht, sollte man, um ein größeres zu gewinnen, neue Opfer und äußerste Anstrengungen dem preußischen Volke auferlegen, das Errungene nochmals in Frage stellen? Eine weise Politik bemißt ihre Ziele nicht nach dem Begehrenswerthen, sondern nach dem Nothwendigen. Deutschlands nationale Entwickelung unter Preußens Führung war durch den dargebotenen Frieden gesichert, weiter gehende Projekte der Eroberung, wie man sie Preußen zuzuschreiben gern geneigt ist, lagen nicht in dem Willen seiner Regierung." Zur unpartheiischen Darstellung der Wahrheit gehört jedoch hier andererseits die Erwähnung, daß die Mainlinie, wenn nicht für den Fall des vollkommenen Gelingens als letztes Ziel der Wünsche, doch als Eventualität frühzeitig in's Auge gefaßt ward, wie sie überhaupt seit Jahren ja oft am Horizonte sich gezeigt hatte. So begegnen wir, während die ersten das Vorrücken gegen Wien aushaltenden Dispositionen vom 19. Juli 1866 datiren, schon am 11. einem sehr deutlichen Symptome, daß die Mainlinie bereits das sehr feste Hauptaugenmerk der siegreichen Parthei geworden war. An diesem Tage ließ Herr von Bismarck dem General Vogel vonFalcken- stein, der damals noch den Oberbefehl über die Armee in Südwestdeutschland führte, aus dem Hauptquartier der großen böhmischen Armee telegraphiren: „Taktische Okkupation der Länder nördlich des Mains für vor- 159 aussichtliche Verhandlungen auf statrw Mo jetzt politisch wichtig." (S. 614 des Feldz. v. 1866). Wir können also für ausgemacht ansehen, daß bereits im ersten Stadium der Unterhandlungen mit Frankreich und Oesterreich die Preußische Diplomatie sich rasch mit dem Gedanken eines Stillstands am Alain befreundet hatte. Weniger reif war dagegen in jenem Augenblick die Frage, ob das Prinzip der Eroberung auf die Staaten, welche ihre Waffen gegen Preußen gekehrt hatten, nördlich des Mains durchgreifend zur Anwendung kommen solle, nach welchem nicht blos ganz Hannover, sondern auch ganz Sachsen geradezu der preußischen Monarchie wäre einverleibt worden. Allen Anzeichen zufolge war die Absicht des Preußischen Kabinets hierauf gerichtet, und ohne Zweifel wäre man damit dem Ziel der gänzlichen Verschmelzung Deutschlands in Einen Staat um ein Beträchtliches näher gerückt. Allein dieser Machtzuwachs war zu sehr geeignet, Frankreichs lebhaftestes Widerstreben hervorzurufen, als daß es nicht bereitwillig und nachdrücklichst Oesterreichs Wünsche in diesem Punkte unterstützt hätte. Obwohl der König von Hannover es an Gesinnungstreue und Opfern für die österreichische Sache nicht hatte fehlen lassen, so gab doch eine Reihe von politischen, dynastischen und strategischen Gründen so sehr den Ausschlag zu Gunsten Sachsens in den Augen der französisch-österreichischen Unterhändler, daß Preußen auch den Vorschlag fallen zu lassen sich genöthigt sah, nur einen Theil von Sachsen gegen Verzicht auch einen Theil von Hannover einzuverleiben. 160 So blieb also das seit dem holsteinischen Kriege oft erwähnte Debella- tionsrecht, das Recht der faktischen Eroberung gegen einen auf dem Schlachtfelde besiegten Feind, nördlich des Mains nur noch gegen Hannover, Kurhessen und Nassau anwendbar (der eigenthümliche Fall von Frankfurt, das strenggenommen keinen Krieg geführt hatte, wird, wohl ob der unbequemen Erinnerung, die sich an das Auftreten des General Manteuffel und seiner Offiziere knüpft, mit Stillschweigen Übergängen). War dies wirklich der maßgebende Ausgangspunkt für den Entschluß zur Unterdrückung jener drei Landeshoheiten, so muß sich Deutschland Glück wünschen, daß der Herzog, der Kurfürst und der König den noch im letzten Augenblick gemachten Neutralitätsvorschlägen Preußens widerstanden und ihren Untergang damit besiegelt haben. Es ist natürlich von einem mehr oder weniger offiziellen Werk wie die hier in Betracht gezogene „Geschichte des deutschen Feldzugs" nicht zu erwarten, daß es den Boden der Rechtstheorie, auf welchen die Preußische Regierung sich vor Ausbruch des Krieges gestellt hatte, durchbrechen und rein von der freien Grundlage der nationalen Ansprüche aus, die Ent- hung der Ereignisse erklären werde. Aber, wie in allen seit dem Kriege ergangenen großen öffentlichen Bekenntnissen, so machte sich auch hier unabweisbar die Nothwendigkeit fühlbar, vor sich selbst, vor Deutschland und der Welt eine höhere und schlagendere Rechtfertigung aufzusuchen als die in einer ebenso pedantischen wie zweifelhaften Auslegung von geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen und Ueber- einkünften zu finden war. Und so kommt denn namentlich zu Ein- 161 gang und Schluß auch in diesem Buche die lebendige Wahrheit zu ihrem Recht, in der Berufung auf Grundsätze, welche der deutschen Nation einen Anspruch auf Emanzipation zuerkennen. Bei dieser Doppelstellung zu dem Geiste des Geschehenen kann es allerdings nicht ausbleiben, daß die Töne oftmals nicht zusammenstimmen und das Ohr durch Mißklänge verletzt wird. Gleich die erste Seite beginnt mit einem solchen falschgegriffenen Akkord: „Ein tiefer Drang nach Einigung lebte zwar in der ganzen Nation, aber es wollten weder die Fürsten ihre Rechte, noch in angeborenem Sondertrieb die Völker ihre Eigenthümlichkeiten dafür opfern. Fünfzigjährige Erfahrung hatte gezeigt, daß jenes Ziel auf dem Wege der „„moralischen Eroberung"" niemals zu erreichen sei, und daß es dazu einer zwingenden Nöthigung und zwar von Seite einer deutschen Macht bedürfe." Die „Oräros äs bataille" und Aufstellungen aller Armeen hat der Generalstab in einem besondern Bande als Anlagen beigebracht; aber das Verzeichniß der moralischen Eroberungsversuche ist er selbstredend schuldig geblieben. Man kann die Ueberzeugung hegen (welche wir für falsch halten), daß auch ein fünfzig Jahre lang fortgesetzter Versuch, mit moralischen Eroberungen zum Ziele zu kommen, (die abgewiesene Kaiserkrone von 1849!) nichts gefruchtet haben würde, aber eine fünzigjährige „Erfahrung" von angestellten Versuchen dieser Gattung anrufen, das heißt doch die Beweisführung in nicht militärischen Sachen sich leichter machen, als selbst einem Generalstab er- 11 laubt ist, und die politische Geschichtschreibung muß gegen diese Eingangsformel ihren feierlichsten Protest einlegen. Besonders unglücklich nimmt sich das gleichzeitige Einhalten dieser zweierlei Richtungen auch in der Besprechung der schleswig-holstei- nischen Angelegenheit aus. Während hier von der einen Seite das muthige und würdige Bekenntniß abgelegt ist, daß es der reine Aberwitz gewesen wäre, dies Land, nachdem es zu Deutschland geschlagen worden, in die Hände eines selbstständigen Fürstleins zu geben, das Prinzip der Kleinstaaterei zu heiligen und die alte Schwarte der Legitimität für wichtiger zu erklären als die Fruchtbarmachung des wichtigsten und lang ersehnten deutschen Küstenstrichs in der Hand des einzigen, des Namens würdigen, deutschen Staats, soll doch von der andern Seite demonstrirt werden, daß man ewig still gehalten hätte, wäre nicht dieser oder jener geringe Verstoß gegen den Buchstaben des Gasteiner Vertrags von Oesterreich her zu Hilfe gekommen. Mag man es noch begreifen, daß, so lange es galt mit Oesterreich und den Mächten Versteckens zu spielen, die Preußische Diplomatie mit Erbfolgepergamenten und Demagogenbekämpfung schön that; aber noch nachträglich, mehr als unbedingt nöthig, diese Tonart hören lassen, das hieß seinen besten Vortheil übersehen, wenn man doch einmal der Zeit des Konflikts und der Auseinandersetzung mit der Opposition einen Rückblick widmen wollte. Denn die Parteinahme für den Augustenburger, für sein göttliches Recht oder — noch kindlicher — für seine liberalen Gesinnungsbürgschaften, war zu allen Zeiten 163 ein wunderlicher Einfall von Seiten einer radikalen Parthei gewesen. Nur der, allen staatlichen Sinnes baare, sich föderalistisch nennende Absonderungstrieb, der auch 1859 für Oesterreich gegen Italien die Narrenrolle übernommen hatte, konnte für den Herzog gegen Deutschland sich ins Feuer schicken lassen. Jedem andern Politiker von irgend welcher Farbe mußte die schlechthinige Einverleibung Schleswig-Holsteins in Preußen zu aller Zeit als das unbedingt einzig Zulässige erscheinen. Diesen Gedanken führt nun allerdings die offizielle Darstellung auch aus, aber sie verdirbt ihn sofort wieder, indem sie die bekannte Melodie von dem in Schleswig-Holstein zu bekämpfenden Demagogenthum danebenstellt und schließlich z. B. den Vertragsbruch Oesterreichs darin konstatirt, daß durch Berufung der holsteinischen Stände (11. Juni 1866) der gemeinsame Besitzstand „deteriorirt" worden sei. Das Ministerium des Grafen Mensdorff- Pouilly als demokratischer Landverderber, sorgt für den Humor in der offiziellen Geschichtsschreibung. Aber solche Inkonsequenzen liebt einmal der Geist der ins Weite und Breite führenden Entwicklungen. Aus solchen widerstreitenden Prinzipien war seiner Zeit der Sinn der Reformatoren zusammengesetzt, aus solchen ist Englands Freiheit aufgewachsen. So rankt sich ein keim- kräftiges Leben durch alle Gegensätze der alten und verworrenen Welt hindurch und hält schließlich durch alle Windungen doch eine siegreiche Richtung ein. Ueberblickt man das Ganze der Menschen und Begebenheiten 164 aus der jüngsten Geschichte, so mag der Gedanke wohl Raum finden, daß von den spröden Gegensätzen, welche eine moderne Entwicklung in Preußen zu verarbeiten hat, der militärische noch der schlimmste nicht ist. Ganz abgesehen von dem bürgerlichen und demokratischen Prinzip, das wenigstens von unten der Armee zu Grunde liegt, ist in dem Geiste des Krieges selbst neben dem Element der Barbarei doch auch das Element der Civilisation vertreten, besonders seitdem die Benutzung der großen Entdeckungen der Neuzeit aus der Kriegs- geschicklichkeit halb eine technische Kunst, halb eine physikalische Wissenschaft gemacht hat. Auch wird eine Armee nur im langen Frieden dumm, wie in langen Kriegen roh, während die nothwendig kurzen Kriege der Gegenwart diese beiden Gefahren zugleich vermeiden und wie von Handwerkswegen der Intelligenz, so von Geld- und Menschenbedarfswegen der öffentlichen Meinung anheimfallen. Einiges von dieser Wirkung spiegelt sich in dem Geschichtswerke des preußischen Generalstabs. Das militärische Wesen hat der Nation diesmal doch Etwas geleistet — ob das Gute nun auf dem moralischen Wege hätte besser kommen mögen oder nicht— und je mehr es sich dessen rühmt, desto besser; desto eher ist Hoffnung, daß es einen Sporn vielleicht zu künftiger Veredlung darin findet. Wie anders dagegen das pfäs fische Element im Reich der Gegensätze zur Entwicklung! Hier ist von keiner Seite Zusammenhang mit der Bildung der Zeit, durch keinen Zugang Verständniß, durch kein Band Interesse an der Erhaltung von irgend Etwas, das zum 165 Leben gehört. Hier ist alles Tod und Finsterniß. Das schlimmste Gift, das noch im Blute des Preußischen Staates sitzt, ist das pfäf- fische Lutherthum. Der Fluch der Macht, die es in den obersten Regionen ausübt, läßt sich beinahe vergleichen mit dem Fluch der katholischen Pfaffenherrschaft, an welcher Frankreich auf seiner Basis leidet. An dieser Stelle ist es auch, wo jede Gemeinsamkeit zwischen der großen Zeit von Einst und der Zeit von Jetzt aufhört. Die, welche einigermaßen sich würdig und fähig glauben, die Erbschaft Friedrichs II. anzutreten, sollten bedenken, daß die preußische Monarchie auf dem Höhepunkt ihrer Genialität die absolute Befreiung von der protestantischen Orthodoxie zur untersten Voraussetzung angenommen hatte. Hier gilt es, sich, wenn irgendwo, an das viel gründ mißbrauchte Wort Machiavells zu erinnern, daß Gewalten mit denselben Mitteln forterhalten werden, durch die sie ins Leben traten. Den Militärstaat des großen Königs übernehmen und seinen Staat des freien Gedankens zurückstoßen, das heißt für Vergangenheit und Zukunft sich gleich blind machen, das heißt von dem Urbilds, an dessen Anblick sich die Nachkommen begeistern sollen, nur den Rahmen anstarren und nicht den Inhalt erfassen. Wer mit den Vertretern des Soldatenthums in Preußen rechtet, kann, — zumal in Zeiten wie die jetzigen— an mancher Stelle schwach befunden werden; denn wir sind nicht in der Lage mit schönen Grundsätzen allein uns nach rechts und links zu schützen. Aber wer mit den Vertretern des protestantischen Pfaffenthums rechtet, der hat Alles für, nichts gegen 166 sich. Es wäre nicht der Mühe werth, noch könnte es gelingen, die Nation zur Einheit und Stärke, zur höheren Form des äußern Lebens zu erheben, wenn ihr dabei der Beruf zur geistigen Freiheit abhanden kommen sollte, dem sie ihre beste Kraft verdankt. Nicht so sehr der Soldatengeist steht zwischen Preußen und Deutschland, als der Geist einer hochmüthigen Kirchenzunft, die an allem Leben und aller Entwicklung unbetheiligt ist. Man denke sich diese mit ihrem ganzen Gefolge aus dem Rath und den Werkstätten des Gemeinwesens verdrängt, und tausend neue Kanäle führen die frischsten Bildungssäfte der Nation in's Herz des Staates hinein. Glücklicher Weise liegt hier der Trost dicht neben dem Uebel. Denn was der Verstandesarbeit der Zeit am feindlichsten gegenübersteht, das wird auch täglich von ihr am meisten besiegt. MKWW 'WWD EM 8^ MW? ME LßE SWWSW