a= Ve’^schaftiiche Zeitfragen, 1 ;• ^ ^ V erträge und Abhandlungen * herau*;gegeben von der Volks\virthschaftlichen Gesellschaft in Berlin- y;- Heft 128. (Jahrgang 16 , Heft 8.) Gegen den Währungs-Umsturz j j i Von Dr. Karl Helfferich. Mit einem Vorwort L. Bamberger. Pfcutsr.W 1 BERLIN. VERLAG VON LEONHARD SIMION. 1895. Jährlich erscheinen 8 Hefte zum Abonnementspreise von 6 Mark, Einzelpreis für jedes Heft 1 Mark. ei»L^ % w; v.kV,"**.. "gte-:v: .JsrJZ'- >■£*.- m^j,»7:r l ^ p /.;w,.ifi ’syMBSfc <*A^/ -»äff, »f •V •N ". ?>■ 'rr.^ ,rl f i. '.**£*V; -M-i im~~tmir n^Y^nfi <5^ Gegen den "Wahrungs-Umsturz Von Dr. Karl Helfferich. Mit einem Vorwort von L. Bamberger. 'npeutsc/iAj. I \srbciJi\Y! S/ttg frS'x rrrrrrt^ BERLIN SW. Verlag von Leonhard Simion. 1895 - «S*. ?T~f |i; % DAdW: s. - Berlin ]n:t. f. W,.L Jiaftswissenschoften Bibliothek /lflC"? Signatur: «SS ■mmv mm y*5 *■*£. fc^S: :ss#z*%ygm na ws. Vorwort, Die unübersehbare Zahl der Schriften über den Währungsstreit zu vermehren, könnte auf den ersten Blick als ein Beginnen von zweifelhaftem Werth angesehen werden. Ich habe trotzdem, nachdem ich das vom Verfasser mir vorgelegte Manuskript durchgelesen hatte, keinen Augenblick gezögert, ihn zu dessen Veröffentlichung zu veranlassen und ihm die Wege dazu zu bereiten. Eine vollständig neue Verschiebung in dem Stand der deutschen Währungsangelegenheit hat eine neue Lage geschaffen, und diese verlangt dringend nach neuem Aufgebot von Bemühungen zur Bekämpfung einer Gefahr, die, wenn auch in ihrer Ausgestaltung noch im weiten Felde, nicht grofs genug gedacht werden kann. Obwohl der Kampf um diese Dinge niemals zum Stillstand gekommen war, hatte der Gang der Thatsachen seit etwa Jahresfrist eine gewisse Beruhigung in den von der Güte unserer Geldverfassung überzeugten Kreisen zur Folge gehabt. Die Thatsachen sprachen so deutlich, dafs keine Zeit weniger als die gegenwärtige geeignet scheinen konnte, das Festhalten an dem Bestehenden in Frage zu stellen. Aber wenn die Thatsachen auf dem Gebiete des Geld- und Münzwesens selbst diese Beruhigung eingeben durften, so fiel das für die nur nach der Gunst der zeitweiligen politischen Konjunkturen fragenden Gegner des Bestehenden wenig ins Gewicht. Sobald ihnen die Zeit gekommen schien, mit mehr Wucht als früher einen politischen Druck auf die gesetzgebenden Faktoren auszuüben, erachteten sie auch den Moment gekommen, den 1 * Widerstand da über den Haufen zu rennen, wo er sich ihnen bis jetzt aufs Entschiedenste entgegengestemmt hatte. In der That haben denn auch die Organe der Reichsregierung und die grofse Mehrheit der nationalliberalen Partei, welche letztere sich niemals den Bimetallisten zu Diensten gestellt hatte, vor den Anstürmenden kapitulirt. Nicht zwar in endgültiger Form, aber sie haben sich zu Kapitulationsunterhandlungen herbeigelassen, die von einer unbegreiflichen Schwäche der Haltung in dieser so fundamentalen Lebensfrage des Volkswohls Zeugnifs geben. Je weniger die Erscheinungen auf dem sachlichen Gebiete des Währungswesens eine so veränderte EJaltung rechtfertigen, um so bedenklicher erscheint das Zurückweichen vor der Pression des bimetallistischen Angriffs. Zwar, die Vorkämpfer der Doppelwährung haben das Recht, ihre Theorie als das Produkt begründeter und aufrichtiger Ueberzeugung anerkannt zu sehen. Am wenigsten ihre Gegner könnten berufen sein, hiergegen Einwand zu erheben. Was aber nicht zugegeben werden kann, ist, dafs die Berufung auf den Druck von Massen, die ganz und gar unfähig sind, in diesem Streit eine Meinung zu haben, entscheidend ins Gewicht fallen dürfe. Und doch hat allein dieser Druck offenkundiger Weise die veränderte Stellung der Reichsregierung und der nationalliberalen Fraktion im Reichstag herbeigeführt. Das Zurückweichen vor solchen Faktoren in solcher Sache bezeichnet eine verhängnifs- volle Wendung, sie kann nicht als ein Werk des Zufalls angesehen werden. Es drängt sich der Rückschlufs auf, dafs der erste Schritt der Unterwerfung weniger aus Mangel an Gewissenhaftigkeit, als aus Mangel an Erkenntnifs zu erklären sei. Es scheint, man unterschätzt in den bezeichneten Kreisen den Ernst der Sache, um die es sich handelt. Ein hochstehender, sehr konservativer, sehr kompetenter Mann sagte jüngst bei diesem Anlafs: «Man hat Lust, mit dem Feuer zu spielen.» Die Gefahr dieses Spiels zu zeigen, hat sich der Verfasser zur Aufgabe gemacht. Er wendet sich nicht an breite Massen, um ihnen durch Vorspiegelung künftiger Herrlichkeiten den Wahn beizubringen, dafs der Umsturz der Währung ihr Loos verbessern werde. Er spricht mit verständlichen Thatsachen und Ausführungen zu 3 denen, die unbefangen der Lösung eines schweren Problems näher treten wollen und können. Im ersten Theil zeigt er aus dem historischen Gang der Dinge, wie ganz anders die Reform unseres Münzwesens vor dem jüngsten Umschlag behandelt worden ist, und wie aufserordentlich glücklich es sich dabei entwickelt hat; wie niemals weniger Grund vorhanden war, als jetzt, an demselben zu rütteln. Im zweiten Theil weist er nach, dafs die vom agrarischen Standpunkt gegen diese Währung erhobenen Anklagen mit ganz falschen Gründen operiren, dafs von der Einführung der Doppelwährung nicht entfernt die Heilung der agrarischen Nothstände zu erwarten wäre, viel eher das Gegentheil; mit einem Wort, dafs Deutschland, wenn es auf solche Vorschläge einginge, riskirte, den Klagen nicht abzuhelfen, aber uncrmefslichen Schaden in seinem eigenen Hause anzurichten; dafs aus diesem Schaden Yortheile im Grofsen nur für fremde, im Kleinen nur für ganz unberechtigte Interessen erwachsen würden. Die, welche glauben, durch scheinbar unverfängliche Zugeständnisse das Vorgehen gegen den festen Bestand unserer wirthschaftlichen Grundlage ermuntern zu dürfen, mögen sich bei Prüfung der nachfolgenden Darstellung der sie treffenden Verantwortlichkeit in ihrem vollem Umfang bewufst werden! März 1895. L. Bamberger. Am 16. Februar d. J. hat der Reichstag mit grofser Mehrheit beschlossen: «An die verbündeten Regierungen das Ersuchen zu richten, dieselben wollen baldthunlichst Einladungen zu einer Münzkonferenz ergehen lassen behufs internationaler Regelung der Währungsfrage.» Bei Gelegenheit der Debatte über diesen Antrag verlas der Reichskanzler eine Erklärung und gab der Staatssekretär des Reichsschatzamtes eine Motivirung dieser Erklärung, aus welchen Kundgebungen denkbarer Weise geschlossen werden kann, dafs die deutsche Regierung gesonnen scheint, mit der bisherigen Münzpolitik zu brechen und dem Bimetallismus Konzessionen zu machen. Im Nachfolgenden soll die Haltung, welche bisher die deutsche Regierung zur Währungsfrage eingenommen hat, klar gestellt und geprüft werden, und an der Hand der sich ergebenden Resultate soll untersucht werden, ob zur Zeit Gründe vorliegen, welche eine Aenderung des Kurses in der Münzpolitik rechtfertigen. I. Durch die beiden Münzgesetze von 1871 und 1873 hatte das Deutsche Reich gesetzlich seinen Uebergang zur Goldwährung vollzogen. Der Uebergang war praktisch zu verwirklichen durch die Abstofsung des umlaufenden Silbergeldes und seine Ersetzung durch Goldmünzen. Der Reichskanzler Fürst Bismarck kümmerte sich persönlich so gut wie nicht um diese Angelegenheiten, 7 sondern vertraute sie völlig der Leitung von Delbrück, von Camphausen und Michaelis an. Unbekümmert um die seit dem Jahre 1874 hauptsächlich von Frankreich ausgehende bimetallistische Agitation wurde die Abstolsung des Silbers bis 1879 ruhig, nur vielleicht etwas zu langsam und bedächtig durchgeführt. Als im Jahre 1878 die Vereinigten Staaten von Nordamerika an die europäischen Staaten Einladungen zu einer internationalen Münzkonferenz ergehen liefsen, zum Zwecke von Vereinbarungen über ein bimetallistisches Geldsystem, lehnte Deutschland es ab, die Konferenz zu beschicken. Man hatte keine Lust, die ihrem Abschlufs nahe Goldwährung zu Gunsten irgend eines anderen Systemes preiszugeben. Aber ehe die Einziehung der noch allein im Umlauf befindlichen Einthalerstücke beendigt war, griff der Reichskanzler selbst in den Gang der Dinge ein. Der Silberpreis hatte seit Mitte der sechziger Jahre und dann besonders stark seit Anfang 1872 eine sinkende Tendenz, ziemlich stetig und gleichmäfsig bis etwa Ende 1875. Anfang 1876 begann ein rapider Preisfall, der mit der bekannten Panik im Juli dieses Jahres bei einem Londoner Silberpreis von 4674 d. pro oz. st. seinen Tiefpunkt erreichte. Das Jahr 1877 brachte eine kolossale Silberausfuhr nach Indien, und diese hob den Preis des Silbers bis auf 58 V 4 d. im Februar. Darauf folgte wieder ein allmähliches Herabgleiten bis auf etwa 49 d. im Frühjahr 1879. Da zu diesen Preisen die Silberverkäufe der deutschen Regierung bedeutende Verluste ergeben mufsten, ging man immer langsamer zu Werke, und im Mai 1879 wurden auf die direkte Initiative des Fürsten Bismarck die Silberverkäufe eingestellt. Der Reichskanzler erklärte, für die sich aus den Silberverkäufen ergebenden Verluste die Verantwortung nicht länger übernehmen zu können, und der Reichsbankpräsident von Dechend sagte damals zur Vertheidigung der Mafsregel im Reichstag: «Dem Lande wie der ganzen Welt würde ein wesentlicher Dienst geleistet, wenn der Markt von der Angst vor dem deutschen Silber dauernd befreit und überhaupt kein Silber weiter verkauft wird. Das Ausland wird uns dafür segnen, wenn wir den Alp, der nun schon länger als sechs Jahre auf allen Verhältnissen lastet, bleibend von ihm nehmen.» Das war das erste Mal, dafs die deutsche Münzpolitik um den Segen des Auslandes sich bemühte. Das Ergebnifs war, 8 dafs uns niemand auf der Welt für diese Mafsregel Dank wufste; dafs uns aber dieser Segen dauernd das Bleigewicht von 400 bis 500 Millionen Mark in Thalern an die Fiifse heftete, von denen wir uns jetzt nur noch mit einem Aufwand von ca. 250 Millionen Mark befreien können, der in den ersten Zeiten unserer Währung mehr als einmal gefährlich zu werden drohte und der deutschen Volkswirthschaft manche beträchtliche Diskontoerhöhung be- scheerte, wenn er auch heute bei unseren glänzenden Währungsverhältnissen nur mehr einen Schönheitsfehler darstellt, dessen Beseitigung nicht eines irgend erheblichen Aufwandes werth ist. Von 1879 ab hatte Bismarck unzweifelhaft die Zügel der Münzpolitik selbst in der Hand. Zu einer abschliefsenden Ueber- zeugung in der Währungsfrage ist er, nach öfter abgelegtem Be- kenntnifs, nicht gekommen. Er sprach wohl gelegentlich einmal das Wort von der «zu kurzen Decke», aber er rührte während seiner ganzen Kanzlerzeit mit keinem Finger an unsere Währung, trotz des Ungeheuern Sturmes, den Mitte der achtziger Jahre die Bimetallisten bei uns in Deutschland erregten. Die Silberverkäufe blieben zwar nach wie vor eingestellt, nur gelegentlich wurde der noch vorhandene Rest bereits eingeschmolzenen Silbers an die ägyptische Regierung abgegeben, und wurden geringe Summen von Thalern zu nothwendig werdenden Nachprägungen in Reichssilbermünzen aus den Beständen der Reichsbank entnommen. Aber andererseits — das kann nicht genug betont werden — ging Bismarck von dem bereits Erreichten keinen Zoll breit zurück, er hielt die Goldwährung aufrecht gegen eine bimetallistische Agitation, die schon sehr heftig auftrat. Vielleicht, könnte man denken, waren damals alle in Betracht kommenden Verhältnisse für die Goldwährung so günstig, dafs an ein Aufgeben derselben nicht gut gedacht werden konnte. — Nein, das Gegentheil war der Fall! Es war als ob alles sich mit den Bimetallisten gegen die Goldwährung verschworen hätte. Kaum ein einziges günstiges Moment war vorhanden, höchstens dafs an eine Betheiligung Englands an einem bimetallistisclun Weltbünde nicht einmal zu denken war. Die Goldproduktion nahm ab, in einer Weise, welche wirklich zu dem ernsthaftesten Bedenken Anlafs hätte geben können und Anlafs gab. Dieselbe betrug (nach Soetbeer): 9 1878 . .185 847 1879 . .167 307 1880 . .*63515 1881 . .J 58 864 01 00 00 .148 475 1883 . . 144 545 1884 . .14615 t Dazu kam, dafs eine Belebung der Produktion sich nicht ab- sehen liefs. Man glaubte in der von Suefs vorausgesagten Zeit angekommen zu sein, wo unaufhaltsam ein allmähliches Versiegen der Goldquellen Platz greife. Im Jahr 1882 schrieb Arendt in seinem «Offenen Brief an Ludwig Bamberger» (S. 69): «Die jetzige Goldproduktion ist eben noch immer exorbitant hoch, wir stehen noch immer mitten in jener wunderbaren Periode, von der Sie selbst sagten, dafs sie nicht andauern kann.» Hand in Hand mit dieser fortschreitenden Abnahme der Goldproduktion ging eine gesteigerte Verwerthung des Goldes zu nicht monetären Zwecken. Aufserdem änderte sich in diesen Jahren ganz und gar das Verhältnifs der Goldver- theilung zwischen Europa einerseits, den Vereinigten Staaten und Indien andererseits. Solange in den Vereinigten Staaten Papierwährung herrschte, konnte das Gold, welches in ihrem Gebiet produziert wurde, in erheblichen Massen abfliefsen. Nun wurden aber im Jahre 1879 die Baarzahlungen aufgenommen. Die Folge davon war, dafs Amerika nicht nur seine ganze Goldproduktion für sich selbst behielt, sondern dafs aufserdem noch eine starke Goldentziehung aus Europa stattfand. Im Jahre 1875 noch hatte die Mehrausfuhr von Gold aus den Vereinigten Staaten 53284184 § betragen; 1877 nur noch 344140 §; 1880 betrug die Mehreinfuhr der Vereinigten Staaten über 77 Milk Dollar; 1881 gar über 97 Milk Dollar. Von nun an besserten sich allerdings die Verhältnisse für Europa. Das Jahr 1884 wies sogar eine nicht unbeträchtliche Mehrausfuhr aus den Vereinigten Staaten auf. Aber im Jahre 1885 wurde fast genau derselbe Betrag wieder mehr eingeführt. Noch bedrohlicher gestalteten sich die Verhältnisse für das Gold in Bezug auf Indien. Dieses immense Land, das schon IO seit einem halben Jahrhundert in der Währungsfrage die gespensterhafte Rolle eines grofsen Unbekannten spielt, von dem man alles Fürchterliche erwarten kann, dessen Verhalten in Bezug auf die Absorption der Edelmetalle von allen Währungsgelehrten fortwährend mit der gröfsten Sorgfalt und Aengstlich- keit beobachtet ward, fing in jener Zeit an, fortschreitend gröfsere Quantitäten von Gold an sich zu ziehen. Während in den dreifsiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts die Netto-Gold- einfuhr nach Indien sich nicht viel über 3 Millionen Rupien erhob, stieg sie in den Jahren der überreichen Goldproduktion und des Silbermangels allerdings ganz gewaltig und erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1864/65 mit über 98 Millionen Rupien. Dann trat ein rapider Fall ein, bis zu einer Mehrausfuhr von Gold von fast 9 Millionen Rupien im Jahre 1878/79. Aber jetzt wendete sich das Blatt abermals. Bei fallender Goldproduktion, bei einem riesenhaften Goldverbrauch für die Vereinigten Staaten stieg die indische Gold-Mehreinfuhr von 1879/80 ab Jahr für Jahr auf 17'/ 2 , 36 1 /,, 48y 2 , 497 a, 54 1 / 2 Millionen Rupien; erst von 1884/85 ab trat wieder eine rückläufige Bewegung ein. Was diese Verhältnisse für Europa bedeuteten, ergiebt sich aus der nachfolgenden Uebersicht, welche ich nach den von Soetbeer gegebenen Zahlen in runden Summen zusammengestellt habe. Jahre A 3 £ 'V ** 0 t. f o C 0 .£ kg Goldproduk- c£f tion der Ver. Staaten. Goldprodukt, aufserhalb der! Ver. Staaten j Mehreinfuhr von Gold in den Ver. Staaten S k g 1878 185 800 76 800 109 OOO 4 126 000 = 6 200 1879 167 300 58 300 109 coo I 037 000 = 1 600 1880 163 500 54200 109 300 77 119 000 = 116 100 1881 0 0 C\ 00 ui 52 200 106 700 97 466 000 = 146 800 188z 148 500 48 900 99 600 1 789 000 = 2 700 1883 144 400 45 100 99 3 °° 6 133 000 = 9 200 1884 146 200 46 300 99 900 — 18 251 000 = - - 27 500 11 Jahre Mehreinfuhr von Gold in Indien Mehreinfuhr von Gold in den Ver. Staaten u. Indien Bleibt von der jährlichen Produktion für die übrige Welt 1000 Rup. k g') k g kg 1878 — 8 962 = — 5400 800 108 200 1879 17 505 = 10 700 12 300 96 700 1880 36 551 = 22 300 138 400 — 29 100 1881 48 440 = 29 400 I 76 200 — 69 500 1882 49 309 = 28 900 31 600 68 000 1883 54625 = 32400 41 600 57 700 rf- 00 00 46719 = 27 500 0 99 900 Ein Blick auf diese Ergebnisse zeigt, in welch prekärer Lage sich damals die Länder mit Goldwährung und Goldvaluta in Europa befanden. Die Goldzufuhren, welche in den siebenziger Jahren noch reichlich waren, wenn auch nicht mehr so reichlich wie in den fünfziger und sechziger Jahren, nahmen rapid ab. Im Jahre 1880 wurde Europa nicht nur kein Gold aus Amerika zugeführt, sondern Amerika und Indien entzogen der übrigen Welt aufser dem ganzen Ertrag ihrer Produktion in diesem Jahre noch über 29000 kg Gold aus ihrem Bestände, ebenso im Jahre 1881 die noch grüfsere Summe von fast 70000 kg. Man denke sich die zunehmende Verwendung des Goldes für industrielle Zwecke hinzu, und man wird begreiflich finden, was das vielmifsbrauchte Wort Goldknappheit bedeutet. Wenn überhaupt einmal, solange die Erde steht, von Goldknappheit gesprochen werden konnte, dann durfte man Anfang der achtziger Jahre davon reden; denn damals hatten wir nicht nur keinen oder sehr kärglichen neuen Goldzuflufs, sondern sogar zeitweilig ganz erhebliche Goldabzapfungen. Und auch diese Verhältnisse hielt man nicht für vorübergehend, wenigstens die Bimetallisten nicht. In dem bereits erwähnten «Offenen Brief» (S. 89) schrieb Arendt: «worauf ich Gewicht lege, das ist, dafs 1. die regelmäfsige Versorgung Europas mit amerikanischem Gold aufgehört hat, während gleichzeitig die australische Zufuhr sich vermindert, und dafs *) Errechnet nach dem durchschnittlichen Goldwerthe der Rupie in den einzelnen Jahren. 12 2. ein Goldabflufs nach Amerika eingetreten ist, der konstanten Ursachen entspricht und deshalb zu einer dauernden wirthschaftlichen Erscheinung zu werden droht. Wir verlangen, dafs uns die Möglichkeit gegeben werde, Amerika in Silber zu bezahlen, die Amerikaner erklären sich bereit, das zu nehmen, nur so können wir die dauernde Versorgung Europas mit Brot ermöglichen.» Nun, verhungert ist Europa inzwischen nicht. Im Gegcn- theil, die Versorgung Europas mit amerikanischem Brot ist den Herren Bimetallisten inzwischen wohl etwas zu intensiv geworden. Der Goldabflufs aus Europa nach Amerika hat völlig aufgehört, an seine Stelle ist seit Jahren ein sehr erheblicher Goldabflufs von Amerika nach Europa getreten. Aber dadurch ist die schwierige Situation, wie sie Anfang der 8oer Jahre bestand, nicht aus der Welt geschafft. Es fragt sich nun, wie sind die Goldwährungsländer über diese Zeit hinweggekommen r Selbst der eingefleischteste Bimetallist wird zugeben müssen: verhältnifsmäfsig sehr gut. Der Diskontsatz war zwar in allen Ländern etwas angespannt, nicht gerade sehr. In England stand er im Jahre 1882 eine Zeit lang auf 5 ,3 /ir> %■> ’ n Deutschland im selben Jahre auf 6 %. Der höchste Durchschnittsdiskontsatz der in Frage stehenden Jahre war für England 4,12 %, für Deutschland 4,54 %, beides im Jahre 1882; und diese hohen Diskontsätze waren nicht durch die veränderte Edelmetallbewegung zwischen der alten und neuen Welt allein hervorgerufen, sondern in erster Linie durch eine der glänzendsten Finanzoperationen der Welt, die italienische Metallanleihe von 644 Millionen Lire behufs Aufnahme der Baarzahlungen. Beträchtlich über 400 Millionen Lire gingen in Gold ein, und diese riesige Operation vollzog sich in der Zeit von 1881 bis 1883, also gerade in den Jahren, in welchen es um die europäische Goldversorgung am schlechtesten bestellt war, mit einer Leichtigkeit, die auf alles eher als auf Goldknappheit schliefsen liefs. Kam doch das Konsortium, welches die Anleihe übernommen hatte, bei der italienischen Regierung nachträglich darum ein, auch einen Tlieil der ursprünglich in silbernen Fünffrankenstücken bedungenen Summe in Gold liefern zu dürfen. Ich bin in der glücklichen Lage, mich auch hier wieder auf Arendt beziehen zu können. Er schrieb 1881 mit Bezug auf diese italienische U3 Anleihe in der Denkschrift «Deutschlands Währungspolitik» (S. 4h «Wenn das Haus Rothschild diese Anleihe bewilligt, so könnte es das nur thun, um eine grofsartige Geldkrisis zu provozieren», Und als Anmerkung fügte er noch hinzu: «Für die Bimetallisten wäre das Zustandekommen dieser Anleihe ein sehr erfreuliches Kreignifs, denn dadurch würde der Kampf ums Gold erheblich verschärft. Scheitert die Anleihe, so ist die Existenz des Goldmangels nachgewiesen.» — Gescheitert ist die Anleihe nicht, sondern glänzend gelungen, ein «erfreuliches Kreignifs» für die ganze zivilisierte Welt, nur nicht für die Herren Bimetallisten. Herr v. Kardorff schob allerdings die Schuld an diesem glänzenden Ergebnifs gelegentlich einer Währungsdebatte im Reichstag nicht etwa auf mangelnden Geldmangel, sondern — auf das ungewöhnliche Geschick des italienischen Finanzministers. Wie dem aber auch sein mag: Zu leugnen ist nicht, dafs niemals zu irgend einer Zeit die Goldwährung so sehr mit der Ungunst aller natürlichen Verhältnisse zu kämpfen hatte als in diesen Jahren. Die überzeugtesten Anhänger der Goldwährung konnten sich den schwersten Bedenken nicht verschliefsen. Zu keiner Zeit hätte man es der deutschen Regierung weniger verdenken können, wenn sie dem Bimetallismus Konzessionen gemacht hätte. Aber das that sie nicht. Betrachten wir den Gang ihrer Politik. Im Jahre 1881 liefsen Frankreich und die Vereinigten Staaten abermals Einladungen zu einer Münzkonferenz ergehen. Diesmal sandte Bismarck zwei Vertreter. Aber diese begnügten sich mit einer theoretischen Erklärung, dafs sie eine Rehabilitation des Silbers für nützlich und bei Freigabe der Silberprägung in einer Anzahl gröfserer Staaten für möglich hielten. Nur sei Deutschland nicht gesonnen, dabei mitzuthun. Es werde höchstens die anderen Staaten unterstützen durch die Verpflichtung, eine bestimmte Reihe von Jahren hindurch kein Silber zu verkaufen und durch die Zürtickziehung der goldenen Fünfmarkstücke und der Reichskassenscheine zu fünf Mark der Cirkulation von Silber mehr Raum zu schaffen. Auch könne man die silbernen Zwei- und Fünfmarkstücke umprägen lassen auf Grund der Relation von 1 : 15,5. Lexis schreibt mit Recht über diese Konzessionen: «Trotz der theoretischen Anerkennung des bimetaliistischen Prinzips liefen die Vorschläge der deutschen Delegirten praktisch M auf die volle Durchführung der deutschen Goldwährung unter möglichst günstigen Bedingungen hinaus.» Die Doppelwährungsstaaten hätten den Silberpreis hoch gehalten und Deutschland nach Ablauf der vertragsmäfsigen Zeit, in welcher es kein Silber verkaufen durfte, eine relativ günstige Abstofsung seines Thaler- silbers ermöglicht. Aber sogar diese unschuldigen Konzessionen gingen dem Fürsten Bismarck in der Form zu weit. In einem Entscheid, der zum gröfsten Theil von der Hand Bismarck’s selbst geschrieben ist, und den Graf Caprivi im Reichstag am 12. Dezember 1892 vorgelesen hat, heifst es: «Die Verheifsungen gehen über die vorgezeichnete Verhaltungslinie bedenklich hinaus. Sie enthalten nichts, was von uns nicht bewilligt werden könnte; aber die Kundgebung der Bereitwilligkeit dazu ist verfrüht und in der Form fast ein Versprechen . . .» und ferner: «Bezüglich Ihres Verhaltens auf dieser Konferenz wollen Sie sich zur Richtschnur dienen lassen, dafs Deutschland an den Grundlagen seines Münzwesens Aenderungen vorzunehmen nicht beabsichtigt und keinen Anlafs erkennt, durch Eingehen vertragsmäfsiger Verbindlichkeiten sich in der freien Selbstbestimmung über seine Münzangelegenheiten Beschränkung aufzuerlegen.» Das war die Stellung Bismarck’s zur Währungsfrage im Jahre 1881, in dem Jahre, welches, was die Goldversorgung anlangt, das ungünstigste war, das Europa jemals gesehen; und an dieser Politik des Abwartens hat die deutsche Regierung seither festgehalten, bis auf den heutigen Tag. Bei allen Währungsdebatten im Deutschen Reichstage, und fast ein jedes Frühjahr brachte eine solche, nahmen die Vertreter der Regierung entweder eine vollständig gleichgültige oder eine dem Bimetallismus direkt feindselige Haltung ein. Besonders der preufsische Finanzminister Scholz vertheidigte jederzeit mit grofser Wärme unsere Goldwährung. Ob vielleicht damals die Opposition gegen die bestehenden Währungsverhältnisse geringer war als heute? Ob ein Anwachsen des Bimetallismus und der bimetallistischen Agitation vielleicht heute eine andere Stellungnahme der Regierung nöthig machen könnte? Niemals hat der Bimetallismus in Deutschland einen gröfseren Aufschwung erlebt als im Jahre 1880 und den direkt folgenden i5 Jahren. Damals stand Arendt aui, von Cernuschi überzeugt, und entfaltete eine riesige publizistische und agitatorische Ihätigkeit. Damals griff Adolf Wagner mit Energie in den Streit ein, von Arendt bekehrt. Schäffle, Neuwirth und Lexis bekannten sich zum Bimetallismus. Im Jahre 1882 wurde der «Deutsche Verein für internationale Doppelwährung» begründet. Mit der Börsenzeitung verbreiteten der «Kampf um die V ährung» und die «Bi- metallistische Korrespondenz» das neue Evangelium. Dieselben rheinischen Industriekreise, welche heute bimetallistisch gesinnt sind, forderten auch damals schon Rehabilitation des Silbers. Die Landwirthschaft wurde durch eine ruhelose Agitation immer mehr für den Bimetallismus gewonnen. Wohl schon in den Jahren 1884 und 1885 hatte die bimetallistische Agitation auf dem Lande das denkbar Mögliche an Extensität erreicht. Was noch dazu kam, konnte niemanden mehr bekehren, höchstens verbittern. In welcher Weise diese Agitation betrieben wurde, mag man ersehen aus dem folgenden Titel einer Flugschrift, verfafst vom Grafen v. Mirbach im Jahre 1886: «Die schwere Schädigung der Landwirthschaft, des Gewerbes, der Industrie, des Handwerks, aller körperlichen und geistigen Arbeit durch die Goldwährung», und durch den Schlufs eines mir vorliegenden bimetallistischen Aufrufes aus dem Jahre 1885, welcher lautet: «Es ist Pflicht eines jeden Bimetallisten, überall in der Privatunterhaltung, in Versammlungen und Vereinen, in den Zeitungen und wo sonst immer sich Gelegenheit findet, die alleinige Goldwährung zu bekämpfen. . . Wo immer, insbesondere in Vereinen sich Gelegenheit bietet, da mögen unsere Gesinnungsgenossen unablässig bei Reichstag und Regierung mit Petitionen und Adressen dem Rufe Gehör verschaffen: Die Folgen dieser, man kann ruhig sagen: Eanatisirung der Landwirthschaft — denn anders kann man eine derartige tiberheitzte Agitation in Kreisen, welche absolut unfähig zur Beur- theilung des in Rede stehenden Gegenstandes sind, nicht nennen — waren, dafs Reichstag, Regierungen und Bundesrath mit Petitionen überschüttet wurden. Den Höhepunkt erreichte diese Bewegung entschieden im Jahre 1886. Befördert worden sein mag diese Fieberhitze durch die Plaltung, welche die Reichsregierung im Wiederherstellung des Silberwerthes!» 'hschnftjwissensd)^' i6 Jahre 1885 eingenommen hatte. Bei der Währungsdebatte hatte sie jede Stellungnahme vermieden, und in unterrichteten Kreisen glaubte man, Fürst Bismarck sei zu einer Schwenkung in der Münzpolitik bereit. Durch nichts wird eine Agitation mehr befruchtet, als durch Schwäche und Unentschlossenheit, und so lagen dem Reichstag im Jahre 1886 nicht weniger als 1161 Petitionen, darunter über 800 von landwirthschaftlichen Vereinen vor, alle genau im gleichen Wortlaut: «Ein hoher Reichstag wolle in Anbetracht, dafs die auf dem Gebiete der Landwirthschaft und Industrie bestehende Krisis sich durch ein' weiteres Sinken der Preise seit Jahresfrist verschlimmert hat, in Anbetracht, dafs der Hauptgrund für das Sinken der Preise in der Silberentwerthung und der dadurch herbeigeführten Goldvertheuerung zu suchen ist, auf das Zustandekommen der internationalen vertragsmäfsigen Doppelwährung hinwirken.» Damals, Ende- Januar 1886 war es, dafs Finanzministcr von Scholz im preufs. Abgeordnetenhause ganz und gar unerwartet aufstand und eine flammende Verurteilung der bimetallisti- schen Agitation auf dem Lande aussprach, dafs er in der entschiedensten Weise eine Erklärung zu Gunsten der Goldwährung abgab und die Unterzeichnung eines bimetallistischen Vertrags durch einen preufsischen Minister einen Verrath am Vaterlande nannte. Damit war Klarheit in der Situation geschaffen, und diese übte sofort eine stark beruhigende Wirkung. Bis auf den heutigen Tag war die bimetallistische Agitation nicht mehr zu einem derartigen Höhepunkt gekommen. Die Politik der Regierung wurde von nun an nicht mehr falsch aufgefafst, und sie wurde konsequent durchgeführt. Wo man von dem Thalersilber in annehmbarer Weise etwas ver- äufsern konnte, geschah es; so wurde noch im Jahre 1886 ein ziemlich bedeutendes Quantum an die ägyptische Regierung verkauft, wurden hier und da kleinere Beträge den Münzstätten überwiesen, und schlicfslich wurde unter Caprivi ein Theil der österreichischen Vereinsthaler, 26 Millionen Mark, nach Oesterreich abgeführt und ein weiterer Theil zur Prägung von Reichssilbermünzen im Betrage von 22 Millionen Mark bestimmt. Dieses Beharren in denselben Bahnen war durch die Ent- Wickelung aller in Betracht kommenden Verhältnisse nicht nur gerechtfertigt, sondern auch in denkbar höchstem Mafse begünstigt. Mitte der 8oer Jahre war die Prüfungszeit überwunden, und in fortschreitender Entwickelung trug alles dazu bei, unsere münzpolitische Situation zu heben und zu stärken, bis herab auf den heutigen Tag. Vom Jahre 1885 an nahm die Goldproduktion wieder eine aufsteigende Bewegung. Allen Unglücksprophezeiungen zum Trotz ist sie Jahr für Jahr derartig gestiegen, dafs heute mehr Gold produziert wird, als zu irgend einer Zeit produziert worden ist. Während im Jahre 1883 nicht ganz 145 000 kg Gold produzirt wurden, war das Ergebnifs der Goldproduktion des Jahres 1893 nach dem neuesten amerikanischen Münzbericht ca. 236 800 kg, und es ist unzweifelhaft, dafs die noch nicht endgültig festgestellten Resultate für das Jahr 1894 sogar diese Summe noch erheblich übertreffen. Es kommt hierzu, dafs wir es bei diesem Aufschwung nicht mit Goldfunden analog den kalifornischen im Jahre 1848 zu thun haben. Der Goldbergbau in Transvaal ist neben der Goldgewinnung in Nordwestaustralien der hauptsächlichste Faktor bei der Produktionssteigerung. Dieser Goldbergbau hat aber ganz andere Aussichten, als sie jemals eine Ausbeutung von Schwemmland gehabt hat und haben kann. In seinem bekannten Bericht erklärte Herr Bergrath Schmeifser für wahrscheinlich, dafs sich die Goldproduktion von Witwatersrand in etwa zehn Jahren mehr als verdoppeln wird. Wenn sich dann die Produktion ungefähr auf gleicher Höhe hält, dann würde eine Erschöpfung bei Erreichung von 800 m Saigerteufe etwa nach 25 Jahren, bei Erreichung von 1200 m Saigerteufe nach etwa 40 Jahren eintreten. Die Aufstellung basiert auf Mindestzahlen, welche für einen genau abgegrenzten Eeldestheil, in dem die gröfsten Bergwerke des Witwatersrandes liegen, errechnet sind. — Wir haben also nicht nur gegenwärtig eine noch nie dagewesene Goldproduktion, sondern auch die günstigsten Aussichten, und zwar nicht nur für die allernächste Zukunft. Die Vertheilung des Goldes hat sich für Europa womöglich noch günstiger gestaltet, als die Goldproduktion. Alle europäischen Länder zeigen starke Mehreinfuhr von Gold; die Vereinigten Staaten exportiren seit 1889, allerdings hie und da etwas nachlassend, enorme Quantitäten, im Jahre 1893, dem Jahr der i8 Aufhellung der Shcrmanbill, allein 86 897 000 In das Jahr 1893 fiel aufser der Aufhebung der Shermanbill die Einstellung der Silberprügung in Indien. Von beiden Mafsregeln befürchtete man einen starken Goldabflufs aus Europa. Statt dessen schickt uns jetzt sogar Indien Gold zu, in nicht unerheblichen Beträgen. Deutschland speziell, das von 1880—1884 entschieden unter Goldabflufs litt, hat seit 1885 einen ununterbrochenen und zeitweise sehr starken Uebersclnifs der Goldeinfuhr. Die Goldankäufe der Rcichsbank, welche 1884 beispielsweise nur 13 Millionen Mark betrugen, erreichten 1888 die riesige Höhe von 236 Millionen Mark, und sie haben im Jahre 1894 sogar diese Summe übertroffen. Von 1887—1893 wurden nicht weniger als ca. 700 Millionen Mark in deutschen Goldmünzen ausgeprägt. Der Bestand der Reichsbank an Gold erreicht gegenwärtig die niemals dagewesene Höhe von gegen 800 Millionen Mark. Diese glänzenden Verhältnisse, dieses enorme Anwachsen unserer Goldzirkulation vor Allem ist es, welche sogar den vielleicht schwersten Fehler, welcher in unserer Münzpolitik gemacht worden ist, ich meine die Einstellung der Silberverkäufe im Jahre 1879, in seinen Folgen unschädlich gemacht haben. Durch das starke Anwachsen unseres Goldbestandes verschwinden die noch vorhandenen Thaler relativ immer mehr, und sie sind vor Allem bezüglich unserer Bankpolitik nicht mehr im Stande, die unangenehmen Wirkungen, besonders auf den Diskont, auszuüben, wie sie das Anfang der achtziger Jahre — v. Dechend erkennt das in seiner bekannten Denkschrift ausdrücklich an — thaten. In Folge dieser Verhältnisse haben wir einen Zinsfufs und einen Bankdiskont, der an Billigkeit und Stetigkeit nichts zu wünschen übrig läfst. Aber nicht nur bei uns in Deutschland, sondern in ganz Europa, ist die Geldflüssigkeit so enorm, dafs die Vereinigten Staaten von Nordamerika bei geschickter Leitung der Operationen mit Leichtigkeit die Mittel finden werden, ihre durch verfehlte Experimente total ruinirten Währungsverhältnisse in Ordnung zu bringen. Dahin gehen die Interessen Europas, und wenn die deutsche Politik die Amerikaner zu einer Verbesserung ihrer Valuta bringen könnte, so hätte sie der Welt einen grofsen Dienst geleistet. Wenn aber die deutsche Politik auch nur eine scheinbare Schwenkung zum Bimetallismus hin vollzieht, dann erzielt sie gerade das Gegentheil; dann ermuthigt sie die Silber- 19 leute drüben über dem Weltmeer, verhindert die so nothwen- dige Gesundung der amerikanischen Geldverhältnisse und trägt unabsichtlich vielleicht dazu bei, die Währungswirren, welche sie beseitigen will, zu vergrüfsern. Blicken wir zurück! — Seit der Ueberwindung der vorübergehenden Krisis in den Jahren 1880—1884 haben sich alle Verhältnisse in einem so hohen Grade günstig für die Goldwährung entwickelt, wie es selbst die hoffnungsfreudigsten Anhänger unserer bestehenden Münzverhältnisse nicht ahnen konnten. Die Politik Bismarck’s und Caprivi’s, bestehend im strikten Festhalten an der Goldwährung und in der gelegentlichen scharfen Abwehr und Verurtheilung übertriebener bimetallistischer Agitation, ist durch die Entwickelung der Dinge in einer Weise gerechtfertigt worden, dafs man annehmen mufste, für absehbare Zeit sei ein Ablenken von dieser Politik gänzlich ausgeschlossen. Ich kann nur wiederholen, und Freund und Feind wird mir dabei recht geben: von rein-währungspolitischem Standpunkt aus waren die deutschen Geldverhältnisse noch nie in einer so vorzüglichen Verfassung, wie gegenwärtig; deshalb wäre, wenn nicht andere, sehr gewichtige Gründe vorliegen, gerade jetzt eine Preisgabe der deutschen Goldwährung, welche ein Bismarck in der schwierigsten Zeit aufrecht erhalten, ein Vertauschen unserer sicheren und soliden Währungsbasis gegen unbekannte und im Voraus absolut nicht zu berechnende Verhältnisse — man erschrickt bei dem blofsen Gedanken an die ungeheuere Tragweite eines solchen nicht mehr gutzumachenden Schrittes — mehr als Hazardspiel. II. Man führt nun allerdings aufserhalb des währungstechnischen Gebietes liegende Gründe ins Treffen, die sehr gewichtig erscheinen. Ich will nur die am schwersten wiegenden hervorheben; die nebensächlicheren, z. B. die Nachprägungsgefahr für unsere Silbermünzen und auch den angeblichen Ruin unseres Silberbergbaus, glaube ich mir erlassen zu dürfen. Die grofsen Gesichtspunkte, von welchen aus Bimetallisten und Monometallisten die Frage behandeln, sind drei: ein handelspolitischer, 2 * 20 ein agrarpolitischer und ein allgemein wirtschaftlicher; alle drei hängen miteinander sehr eng zusammen. i. Der handelspolitische Gesichtspunkt der Bimetallisten ist: Die Silberwährung gibt den Silberwährungsländern eine Exportprämie für ihre Ausfuhrwaren und einen Schutzzoll gegen unsere Einfuhrartikel. Aufserdem erschweren die durch die Werthschwankungen zwischen Gold und Silber hervorgerufenen Schwankungen in den Wechselkursen zwischen Gold- währungs- und Silberwährungsländern den Handel. Theoretisch etwas Neues zu dem Streit über die Wahrheit dieses Satzes beizubringen, halte ich für unnöthig, zumal da ich selbst bis zu einem gewissen Grade diese Thatsachen zugebe. Entschieden bestreite ich aber die mafslosen Folgerungen, welche die Bimetallisten aus diesen Thatsachen ziehen, die von einem Ruin der deutschen Exportindustrie nun schon seit anderthalb Jahrzehnten sprechen, die uns jetzt sogar allen Ernstes mit einer Ueberfluthung unseres heimischen Marktes mit den «Erzeugnissen der gelben Rasse» drohen. Es sei gestattet, mit wenigen Worten die Wirkungen der Währungsverschiedenheit zwischen den alten Kulturländern und den Ländern des Ostens auseinanderzusetzen und dabei ausnahmsweise die Medaille von ihren zwei Seiten zu betrachten, nicht, wie die Bimetallisten es thun, nur von der einen. Gewifs kann nicht geleugnet werden, dafs die Silberwährungsländer bei fallendem Silbenverthe, da die Arbeitslöhne und die übrigen Produktionskosten sich nicht dem gesunkenen Geldwerth entsprechend sofort erhöhen, im Stande sind, nach Goldwährungsländern ihre Produkte billiger zu liefern, da sie nun für weniger Goldgeld mehr Silbergeld erhalten, als bisher, und ihre Produktionskosten in Silbergeld nur langsam zu steigen beginnen. Ein Preisfall des Silbers wird also mit Sicherheit eine der Exportprämie analoge Wirkung hervorbringen. Dadurch wird natürlich unter sonst unveränderten Umständen ein wirtschaftlicher Aufschwung der Silberländer begünstigt. Uns Europäern kann diese Art von Exportprämie nur so weit einen Schaden zufügen, als wir in denselben Produkten mit den Silberländern konkurrieren müssen. Einen reinen ungetrübten Gewinn ziehen wir dagegen aus derselben in Hinsicht aller PTzeugnisse, welche 21 bei uns nicht hergestellt werden können, insbesondere in Hinsicht auf Baumwolle, Jute, Kaffee, Gewürze etc. Aber diese Exportprämie ist nur eine von zwei Wirkungen der Währungsverschiedenheit und des gesunkenen Silberwerthes. Sie hat allerdings die Tendenz, die gesammte Wirthschaft der Silberländer, Landwirthschaft und Industrie zu begünstigen; aber aus denselben Verhältnissen, aus welchen diese Begünstigung her- vorgegangen ist, ergibt sich auch eine diametral entgegengesetzte Wirkung. Wenn die Silberländer zur Ausdehnung ihrer Produktion — und das ist thatsächlich der Fall — im weitesten Mafse auf das Kapital der europäischen Goldwährungsländer angewiesen sind, auf das Kapital von Leuten, welche ihren Kapitalgewinn in Goldwährungsländern verzehren und also in Gold empfangen \yollen, dann liegt in dem Sinken des Silberpreises ein bedeutendes Hindernifs für die wi rthschaftliche Entwicklung der Silberländer. Die ganze indische Produktion beispielsweise, soweit sie für den inländischen Konsum arbeitet, zahlt nicht nur ihre Arbeitslöhne etc. in Silber, sondern sie verkauft auch ihre Erzeugnisse nach wie vor gegen Silber zu Preisen, welche sich dem gesunkenen Silberwerthe erst langsam anpassen. Der Engländer aber, welcher den Gewinn seiner indischen Unternehmungen in England verzehren will, braucht Gold, und er wird bei sinkendem Werthe der Silberrupie für das gleiche Quantum Silber immer weniger Gold erhalten. Die Gefahr des sinkenden Rupienwerthes wird also das vorsichtige und solide Kapital der Goldwährungsländer, auf welches Indien, wie auch China und die anderen Silberwährungsländer unbedingt angewiesen ist, in sehr bedeutendem Mafse von Unternehmungen in den Silberländern abhalten; was dieser Umstand speziell für die Ausdehnung des Eisenbahnnetzes bedeutet, wird unter 2. des Näheren dargethan werden. Die Sache sieht also doch etwas anders aus, als sie gewöhnlich dargestellt wird. Allerdings gewährt die Silberentwerthung den Silberländern vorübergehend eine «Exportprämie» für ihre Erzeugnisse, meinethalben auch einen «Schutzzoll» gegen unsere Erzeugnisse; aber die Silberentwerthung verschafft ihnen auch einen Schutzzoll gegen das Kapital der Goldwährungsländer, einen Schutzzoll, wie er nachtheiliger für die gesammte wirthschaftliche Entwicklung 22 der Silberländer gar nicht ersonnen werden könnte; und ich glaube, diese zweite Wirkung der Währungsverschiedenheit ist für das Wachsthum dieser Wirthschaftsgebiete ein weit gröfseres Hemmnifs, als die Exportprämie andererseits eine Förderung. Diese Ansicht wird bestätigt durch die Zahlen unserer Handelsstatistik. In derselben spiegelt sich nicht der «Ruin der Exportindustrie», nicht einmal eine Abnahme unseres Exportes nach Silberländern, sondern das genaue Gegentheil. Die Ausfuhr Deutschlands nach den Silberwährungsländern (Britisch Indien, China, Japan, Mexiko) betrug nach dem «Deutschen Handelsarchiv»: im Jahre 1881 : . 20 156 000 Mk. (0,6 % der Gesammtausfuhr) 1885 . . 29236000 - (1,1 % - ) 1889 . . 90123000 - (2,9^ - ) 1893 . . 116 515 000 - (3,8 % - ) Also nicht nur absolut ein stetiges Anwachsen des deutschen Exportes nach den Ländern mit Silberwährung (in 12 Jahren eine Steigerung auf das Sechsfache!), sondern auch eine relativ ganz bedeutend stärkere Entwicklung gerade dieses angeblich der Vernichtung preisgegebenen Exportzweiges, als die des Gesammtexportes! Die Ausfuhr aus den Silberländern nach Deutschland entwickelte sich in derselben Richtung, eine Nuance stärker, von 0,6 % des Gesammtimportes im Jahre 1881 auf 6 % im Jahre 1893. Unser Gesammthandel mit den Silberländern stieg von 38'/ 2 Millionen Mark i. J. 1881 auf 35i 3 /i Millionen Mark i. J. 1893, von 0,6 % des gesammten deutschen Aufsenhandels auf 5 %'.') ') Diese Zahlen bedürfen einiger einschränkender Worte. Die Entwickelung des deutschen Handels mit den Silberländern spiegelt sich in ihnen aus zwei Gründen zu grofs. Einmal ist es wahrscheinlich, dafs im Jahre 1881 noch von den für die Silberländer bestimmten Waaren mehr durch englische Vermittelung ging oder als Ausfuhr nach England deklarirt wurde, als es heute geschieht. Dann aber, und dieses zweite Moment ist entschieden das wichtigere, ist eine einschneidende Verschiebung in den statistischen Zahlen für den überseeischen Handel Deutschlands durch den Anschlufs von Hamburg und Bremen an das deutsche Zollgebiet, welcher am I. Oktober 1888 erfolgte, hervorgerufen worden. Sichere Rückschlüsse gestatten daher nur die Zahlen von 1889 ab, aber auch aus diesen Zahlen ergibt sich eine beträchtliche Steigerung unserer Ausfuhr nach und unserer Einfuhr von den Silberländern. 2. Wir kommen zu dem Gesichtspunkt, welchen wir in agitatorischer Beziehung unbedingt als den treibenden ansehen müssen: zu dem agrarpolitischen. Man gibt der Goldwährung Schuld an dem niederen Preisstand der landwirthschaftlichen Produkte, welcher in absehbarer Zeit den Ruin der deutschen Landwirthschaft herbeiführen müsse. Diesen Preisniedergang erklärt man erstens durch eine Steigerung des Goldwerthes, zweitens durch die bereits oben besprochene Exportprämie, welche die Länder mit unter- werthiger Valuta uns gegenüber geniefsen. Die erste Aufstellung ist ihrer Natur nach allgemein wirtschaftlichen Inhalts, ich werde sie deshalb nicht hier, sondern unter dem allgemein wirtschaftlichen Gesichtspunkt behandeln. Der zweite Punkt ist ein Spezialfall der unter i. behandelten Thatsachen. Man hat dabei hauptsächlich den indischen Weizenexport im Auge. Von vornherein mufs hier die Einschränkung gemacht werden, dafs Indien seit 1893 keine eigentliche Silberwährung mehr hat. Die Prägung von Silber ist eingestellt, und die geprägte Rupie steht etwa 20 % über dem Werth des in ihr enthaltenen Silbers. Dann darf man die Rolle, welche die indische Weizenausfuhr spielt, nicht überschätzen, von der gesammten europäischen Weizenversorgung macht sie nur etwa den zehnten Theil aus. Schliefslich darl man den Aufschwung, welchen der indische Weizenexport in den letzten Jahrzehnten genommen hat, und das andauernde Sinken seines Preises nicht, wie es die Bimetallisten thun, fast ausschliefslich auf Rechnung der Silberentwerthung setzen. Es kommen da noch ganz andere Faktoren in Betracht. Doch davon später! Betrachten wir zunächst einmal die übrigen Länder, welche Mitteleuropa und England hauptsächlich mit Weizen versorgen; es sind die Papierwährungsländer Rufsland und Argentinien, und das Goldwährungsland Nordamerika. Die Konkurrenz dieser Länder hauptsächlich ist es, welche unsere Landwirthschaft unterdrückt, und bezüglich dieser Länder ist sowohl der Niedergang, als auch eine Hebung des Silberpreises gänzlich bedeutungslos. Eine Verschlechterung unserer Valuta könnte uns vielleicht dem Niveau der russischen und argentinischen Währungsverhältnisse etwas nähern, aber Nordamerika würde diese 24 Verschlechterung mitmachen, hier blieben die Konkurrenzbedingungen genau dieselben. \\ ürden wir also durch eine Münzverschlechterung, denn nur eine solche kann überhaupt etwas erreichen, mehr als eine nur nominelle Erhöhung der Getreidepreise erzielen, würden wir der deutschen Landwirthschaft eine erheblich gestärkte Konkurrenzfähigkeit gegen das Ausland geben? —• Ich glaube nein! Der Grund dieser meiner bestimmten Ueberzeugung ist: Die Ursachen der landwirthscliaftlichen Krisis liegen allermindestens zum erdrückend gröfsten Theil auf anderen Gebieten als auf dem der Währungsverhältnisse. Ich stehe mit dieser Ansicht nicht allein; sie wird vielmehr von sehr vielen, und ich glaube ruhig sagen zu können, den ersten wissenschaftlichen Kennern unserer landwirthscliaftlichen Verhältnisse verfochten. Ich begnüge mich, von der Goltz zu nennen, der in seinen «Agrarischen Aufgaben der Gegenwart» klipp und klar ausspricht, dafs die Goldwährung «keinen oder doch nur einen verschwindend geringen Antheil» an dem Sinken der Getreidepreise hat, obwohl er selbst für eine internationale Vereinbarung einer festen Relation zwischen Gold und Silber eintritt. Die wahren Ursachen der Krisis sind: Die europäische Landwirthschaft hat sich in nothwendiger Entwickelung an höhere Produktionskosten für ihre Erzeugnisse gewöhnt, theils an wirkliche, theils an eingebildete. Sie hat mit immer steigenden Produktionskosten, durch immer intensivere Bewirtschaftung des Bodens das gröfser und gröfser werdende notwendige Quantum an Nahrungsmitteln produzirt und in noch etwas höherem Grade steigende Preise für ihre Produkte erzielt. Das ist eine allgemein zugegebene Thatsache, und ihre unmittelbare Folge war: ein stetiges Anwachsen der Reinerträge. Ueber die Wirkung dieses Anwachsens schreibt v. d. Goltz in dem erwähnten Werk (S. 44): «In der ganzen Periode von etwa [830 bis 1880 haben sich die Gutsbesitzer wie die Pächter an die durch die bisherige Erfahrung hervorgerufene Meinung gewöhnt, dafs die Reinerträge fortdauernd steigen mtifsten. Hiernach wurden die Gutspreise von Käufern wie Verkäufern, von Erben wie Erblassern bemessen .... Infolgedessen sind die für Güter gezahlten Preise schon seit einem Jahrzehnt nicht nur dem zukünftig zu erwartenden, 25 sondern auch dem gegenwärtigen Ertragswerth nicht entsprechend; sie sind nach einem so hohen Ertragswerth bemessen, wie sie ihn auch in der Vergangenheit niemals gehabt haben.» Gemäfs diesen übertriebenen Gutspreisen wurden die Güter auch bei Erbtheilung und auch sonst hypothekarisch belastet. Als ersten Grund der landwirthschaftlichen Krisis haben wir die aus diesen Verhältnissen resultirende Ueberschuldung. Diese Ueberschul- dung ist vielleicht die Hauptursache; v. d. Goltz und viele Andere sehen sie dafür an. Die Folgen dieser Ueberschuldung wären in Erscheinung getreten schon durch ein blofses Stehenbleiben der Reinerträge. Es trat aber sogar ein Rückgang derselben ein, durch das Sinken der Preise eines grofsen Theiles der landwirthschaftlichen Produkte, hauptsächlich der Getreidepreise. Dieses Sinken der Preise sehen die Bimetallisten als die Hauptursache der Krisis an, und sie führen den Preisfall auf die Goldwährung zurück. Dieses Sinken der Preise würde aber ohne die Verschuldung und Ueberschuldung, welche schon vorher vorhanden war, von der Landwirthschaft verhältnifsmäfsig leicht ertragen, und wird de facto verhältnifsmäfsig leicht ertragen von nicht im Uebermafs verschuldeten Grundbesitzern. 1 ) Aber sehen wir nichtsdestoweniger nach den Ursachen dieses Preisrückganges. Da giebt es doch neben der gekünstelten Erklärung desselben durch Goldknappheit und Goldvertheuerung, auf welche ich des Näheren unter 3. zurückkommen werde, und aufser der den Silberländern zugeschriebenen Exportprämie ganz andere Verhältnisse, so grofse Verhältnisse, dafs ihre Einwirkung alle Wirkungen der Währungsverhältnisse weit überwiegen und fast völlig verschwinden lassen müssen. Ich habe bereits ausgeführt, wie die europäische Landwirthschaft im Laufe dieses Jahrhunderts durch die nothwendige Deckung des Nahrungsmittelbedarfes gezwungen war, mit immer höheren Produktionskosten zu wirthschaften, und dafs sie entsprechend diesen und dem wachsenden Bedarf, der sie hervor- J ) Von der Goltz, a. a. O. S. 45-46: «Durch den Rückgang der Preise der landwirthschaftlichen Produkte ist die Krisis zwar beschleunigt und namentlich sehr verschärft worden, aber ihre Hauptursachc liegt in der davon unabhängigen, schon früher vorhandenen zu hohen Verschuldung.» 2 6 gerufen, immer höhere Preise für ihre Produkte erzielte, etwa bis zum Jahre 1880. Das ist die nothwendige allgemeine Entwickelung jeder Landwirthschaft bei wachsender Bevölkerung, und auf dieser Thatsache beruht der richtige Kern der Ricardo'sehen Grundrententheorie. Der wachsende Bedarf einer immer gröfser werdenden Bevölkerung mufs gedeckt werden durch eine Ausdehnung des Anbaues auf einen Boden, der mehr Bewirthschaf- tungsaufwand oder höhere Kosten für den Transport auf den Markt fordert, oder durch eine intensivere Bebauung des bereits kultivirten Bodens, welche ebenfalls im Verhältnifs zum Ertrag höhere Produktionskosten verlangt. Diese Entwickelung führt zu einer Preissteigerung der landwirthschaftlichen Produkte, wenigstens wenn man den grofsen geschichtlichen Gang der Dinge überschaut. An und für sich ist das für die Landwirthschaft natürlich ein Vortheil und kein Nachtheil. — Wie aber, wenn plötzlich diese Entwickelung unterbrochen wird? Wenn plötzlich weite Flächen, wo die Produktionskosten ganz minimale sind, dem Anbau erschlossen werden, ohne dafs — was ja ganz unmöglich ist ■— gleichzeitig eine ebenso plötzliche Vermehrung des Brotbedarfcs eintritt? — Dann werden diese neuerschlossenen Gebiete in scharfe Konkurrenz mit den bisherigen Anbauflächen treten. Die Preise der landwirthschaftlichen Produkte werden dementsprechend fallen, der Reinertrag des alten Landes sich dementsprechend vermindern. Der Gutsbesitzer, welcher unter den alten, höheren Reinerträgen bis an die Grenze der damals zu tragenden Verschuldung gegangen ist, ist durch diese Entwickelung ruinirt, wenn er nicht auf andere Weise dieses Schicksal zu vermeiden versteht. Diese Erschliefsung neuer Gebiete hat in den letzten 25 Jahren in riesigem Mafsstabe stattgefunden. In der neuen Welt wurden kolossale Flächen jungfräulichen Bodens erschlossen, der fast ohne Gegenleistung okkupirt wurde und ohne Düngung, fast ohne Kosten bebaut wird. Der Preis dieser Produkte auf dem Weltmärkte braucht nicht die Zinsen für den Verkehrswerth des Bodens, nicht die Zinsen für grofse Hypotheken, kaum die Kosten der Bebauung in sich zu schliefsen. Nur ein Moment kommt in Betracht, und dieses wiegt Anfangs allerdings beträchtlich: die Transportkosten zum Markte. Diese Transportkosten sind es, welche in enger 27 Wechselwirkung den Preis der landwirtschaftlichen Produkte auf dem Weltmarkt noch lange Zeit nach der Entdeckung der weitesten Flächen des fruchtbarsten Bodens auf ihrer Höhe hielten, ja sogar eine Steigerung möglich machten, und welche andererseits dadurch, dafs sie den ganzen Ertrag verschlangen, den Anbau ungünstig gelegenen Bodens oder wenigstens die Versorgung des Weltmarktes mit auf solchem Boden gewonnenen Produkten verhinderten. Aber in steigender Ausdehnung wurden seit Beginn der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts Eisenbahnen und Kanäle gebaut, und zwar nicht nur in der neuen Welt und in Indien. Oesterreich-Ungarn und Kufsland sind schon seit Ende der sechziger Jahre mit rapider Schnelligkeit darin vorangegangen. Es sei gestattet, diese Entwickelung mit einigen statistischen Zahlen zu beleuchten. Ende des Jahres 1860 war die Eisenbahnlänge in Oesterreich- Ungarn 5160 km, 1889: 26501 km, also eine Steigerung auf das Fünffache. Für Rufsland sind die Zahlen für dieselben Jahre 1589 km und 30 140 km, ein Anwachsen auf das Zwanzigfache; für die Vereinigten Staaten 49255 km und 259687 km, eine Ausdehnung um mehr als das Fünffache. Für Britisch Indien schliefslich erhalten wir folgendes Bild: Im Jahre 1860 war die Länge der Bahnlinien 839 engl. Meilen, 1870: 4775 engl. Meilen, 1880: 9308 engl. Meilen, und Anfang der neunziger Jahre etwa 17000 engl. Meilen; also auch für dieses wichtige Gebiet eine Ausdehnung der Bahnen um das Zwanzigfache in drei Jahrzehnten. — Es erübrigt nur, Deutschland daneben zu stellen, dessen Bahnlinien von 11 088 km im Jahre 1860 auf etwa 42000 im Jahre 1890 angewachsen sind. Wir haben hier also nicht einmal ganz eine Vervierfachung. Für Grofsbritannien und Irland ergibt sich in dem Zeitraum von 1860 bis 1890 kaum eine Verdoppelung der Eisenbahnlänge. Von der Goltz (Landwirthschaftliche Taxationslehre S. 506) hat nun errechnet, dafs die Kosten für den Transport von einem Zentner Roggen auf mäfsig guten Wegen etwa 13 Pfennige für 10 km, bei schlechten Wegen etwa doppelt so viel, per Eisenbahn dagegen nicht einmal ganz 2 Pfennige betragen. Man kann sich aus diesen einfachen Zahlen einen Begriff davon machen, was es bedeutet, dafs die russischen und insbesondere auch die indi- 28 sehen Eisenbahnen heute eine etwa zwanzigmal so grofse Streckenlänge haben, als 1860. Es wäre geradezu unbegreiflich, wenn dieser riesige Aufschwung in den Verkehrsverhältnissen den Getreidebau und die Getreideausfuhr dieser Länder nicht enorm gesteigert und die Getreidepreise nicht aufserordentlich verbilligt hätte. Wie stände es aber erst, wenn die Ausdehnung des indischen Eisenbahnnetzes seit 1860 sich nicht nur verzwanzigfacht, sondern sich vielleicht verdreifsigfacht oder vervierzigfacht hätte? Wäre dann nicht die den Anbau lohnende Fläche in Indien in demselben Grade mehr gewachsen, wäre dann nicht der indische Weizenexport in weit höherem Mafse gestiegen, wäre er nicht der europäischen Konkurrenz in noch ganz anderer Weise als jetzt verderblich geworden? — Ich glaube, das gibt jedermann zu. Wenn dem so ist, dann kann der europäische, insbesondere der deutsche Getreideproduzent dem Himmel für die indische Silberwährung und den Preisfall des Silbers nicht genug dankbar sein. Das klingt wie ein Paradoxon, aber es klingt nur so, weil von den Bimetallisten auch hier immer nur die eine Seite gezeigt wird, genau wie bei der Handelspolitik, weil es ihnen dadurch gelungen ist, Gebildeten und Ungebildeten, Landwirthen, Gelehrten und Politikern die Verderblichkeit des Sinkens der indischen Valuta für die deutsche Landwirthschaft als unumstöfsliches Axiom zu suggeriren. Hören wir, was ein englischer Bimetallist, der von den deutschen Bimetallisten seit einiger Zeit fast vergötterte und überall zitirte — meist mit einem sehr deutlichen politischen Seitenblick auf das Centrum zitirte — Erzbischof Wal sh von Dublin über diesen Punkt sagt, allerdings ohne sich der Tragweite seiner sehr richtigen Ausführungen für die europäische Landwirthschaft bewufst zu werden. In seiner Schrift «Bimetallismus und Monometallismus», übersetzt und herausgegeben von Wilhelm von Kardorff-Wabnitz, heifst es S. 27 ff.: «Hierzu kommt in Indien ein weiterer schwerer Nachtheil, der aus der gegenwärtigen Lage des Geldumlaufs hervorgeht. Es folgt aus der heute bestehenden Verwirrung, dafs es für Indien unmöglich geworden ist, die Anleihen zu erhalten, welche für die 29 Entwickelung der Htilfsquellen des Landes absolut nothwendig sind. Beachten Sie folgende klare Darlegung dieses Punktes: «Die Gesamratmeilenlänge der Eisenbahnen in Indien beträgt nur i6996Meilen, wobei noch zu beachten ist, dafs viele dieser Bahnlinien nur strategischen Zwecken dienen: die englischen Geschäftsleute und die am besten mit den Bedürfnissen Indiens vertrauten Herren haben daher seit Jahren ihre Stimme sehr laut für eine Ausdehnung des Eisenbahnnetzes erhoben. Aber die indische Regierung hat, obschon die aufeinanderfolgenden Statthalter das Bediirfnifs vollständig anerkannten, gleichwohl dieses Werk nur in dem gelängst denkbaren Umfang beginnen können. Die Erklärung hierfür ist eine sehr einfache. Es ist so gekommen, weil die indische Regierung die Kosten der Anlagen durch Goldanleihen zu decken hat, die Zinsen solcher Schulden in Gold gezahlt werden müssen, und andererseits die indischen Staatseinnahmen in Silber erhoben werden.» (What is the Birne- tallic Question. London, Manchester 1892.)» In demselben Werkchen ist ein Artikel der Times vom 8. März 1892 zitirt, in welchem es heifst: «In Wahrheit wartet die Entwickelung des Eisenbahnwesens wie die Entwickelung jedes anderen Zweiges von Unternehmungen in Indien auf die Regulirung der Zukunft der Rupie in irgend einer Form.» Und der Erzbischof selbst fügt die Bemerkung hinzu: «Jede Meile Eisenbahn, die in Indien fertig gestellt wird, erleichtert den Export des Landes. . . .» Hier spricht also ein überzeugter Bimetallist rückhaltslos aus, wie sehr der Aufschwung und der Export Indiens durch, die Währungsverhältnisse hintan gehalten worden ist. Allerdings, er betrachtet diesen Umstand nur vom indischen Standpunkt, er beklagt es tief, «dafs die Währungsverschiedenheit Indien nur langsam und zögernd zur Entwickelung seiner Hülfsquellen» kommen läfst. Für Indien ist das zweifellos ein grofser Mifsstand. Aber wie stellt sich die Sache für uns Europäer, besonders für unseren deutschen Getreidebau? Was Indiens Nachtheil ist, das bedeutet in diesem Fall unseren Nutzen. Aber die bimetailistischen Agitatoren fanati- siren den deutschen Getreidebauer immer nur mit der «Export- 30 prämie», welche die Silberwährung dem indischen Getreidebauer verschafft und welche ihm gestattet, sein Getreide billiger auf den Markt zu liefern; und daher überall unausrottbar die Ueberzeugung, dafs unsere Landwirthschaft durch die Währungsverhältnisse ruinirt werden müsse. Davon, dafs dieselben Währungsverhältnisse, wie den gesammten wirtschaftlichen Aufschwung Indiens, so auch die bei stabilem Goldkurs der Rupie sicher in ganz anderem Mafse bewirkte Verbesserung der Verkehrsmittel in einer für Indien unerträglichen Weise verzögern, dafs dieselben Währungsverhältnisse es der indischen Regierung kaum ermöglichen, die als durchaus notwendig anerkannten Eisenbahnbauten in dem gelängst denkbaren Umfange zu beginnen; davon, dafs auch hier der «Einfuhrzoll für Kapital» die Exportprämie für Getreide nicht nur aufhebt, sondern sogar stark überwiegt, davon redet man einfach nicht. Nein! Wenn überhaupt die Währungsverhältnisse auf die Gestaltung der landwirtschaftlichen Produktion einen erheblichen Einflufs ausgeübt haben, dann kann es nur der sein, dafs sie den Aufschwung der indischen landwirtschaftlichen Produktion und Getreideausfuhr, welcher eine historische Notwendigkeit war und ist, in einer für die europäische Landwirtschaft aufserordentlieh wohltätigen Weise verzögert haben; und deshalb darf der deutsche Landwirth die von ihm vielgeschmähten Währungsverhältnisse glücklich preisen. Es kommt zu den geschilderten Verhältnissen hinzu, dafs auch die Ozeandampfer ihre Frachtsätze erheblich herabgesetzt haben. So teilte Herr Bankdirektor Biising in der Silberkommission mit, dafs der Transport des Weizens aus dem Innern Nordamerikas nach England heute um 22 Mk. pro Quarter billiger möglich ist, als vor zwanzig Jahren. Der Durchschnittspreis des Quarters in den siebziger Jahren war 54 Mark! Und dabei sucht man nach Gründen für das Sinken des Getreidepreises! — Hier liegt der Grund für den Preisrückgang der landwirtschaftlichen Produkte, hier der Grund für die gesunkenen Reinerträge, in dieser mächtigen Konkurrenz der durch neue Verkehrsmittel dem Anbau erschlossenen Flächen jungfräulichen Bodens, in dieser Riesenentwickelung, gegen die das bifschen 3i Exportprämie der Silberländer und sogar das bedeutend mehr Exportprämie der Papierwährungsländer so gut wie ganz zurücktritt, zumal sie durch gegentheilige Wirkungen reichlich überboten wird. Aenderungen auf dem Gebiete der Währung sind hier nutz- und zwecklos. Gehen wir heute zur Doppelwährung über, Amerika thut mit, unser Verhältnifs zu diesem wichtigsten Lande ist in nichts geändert, unsere Konkurrenzfähigkeit in nichts gebessert. Indien wird seine Weizenexportfähigkeit nicht einbiifsen, eher vielleicht dieselben verstärken, und auch bezüglich Rufslands und Argentiniens bliebe es cum grano salis beim Alten. Man wende hier nicht ein, dafs diesen Ländern die Rückkehr zur Baarzahlung durch die Anerkennung des freien Prägerechts für Silber erleichtert würde. Die argentinischen Verhältnisse sind derartig zerfahren, dafs nicht an einen derartigen Schritt zu denken ist; und Rufsland könnte bei seinem riesigen Goldschatz schon morgen die Baarzahlungen aufnehmen. Aber es ist ein altes Stück russischer Politik, das nicht zu wollen. Die Agrarkrise ist also nicht hervorgerufen durch unsere Währungsverhältnisse, soweit sie aus der Konkurrenz des Auslandes hervorgegangen ist: sie kann also, was diese ausländische Konkurrenz angeht, unmöglich durch eine Aen- derung unserer Währungspolitik gelöst werden. Plier- auf mufs politisch das Schwergewicht gelegt werden; denn, wenn sich heute die deutsche Reichsregierung zu einer Aenderung der Währungspolitik entschliefst, so ist kein Zweifel, dafs sie es in allererster Linie aus agrarpolitischen Beweggründen thut. Es kann also nicht genug hervorgehoben werden, dafs eine bimetallistische Aktion der deutschen Landwirthschaft nicht dort helfen würde, wo es ihr fehlt, und wo ihr in loyaler Weise geholfen werden könnte. Der Ueberschuldung könnte allerdings durch eine bimetallistische Aktion abgeholfen werden, denn der Bimetallismus würde eine Geldverschlechterung nothwendig herbeiführen, wenn die Relation zwischen Gold und Silber so gewählt wird, dafs man überhaupt etwas erreicht. Aber eine solche Schuldentlastung kann man unmöglich zu den loyalen Mitteln rechnen. Will man eine solche herbeiführen, dann ist es bei Gott einfacher und weniger nachtheilig in wirthschaftlicher und sozialer Beziehung, 32 wenn die Gesetzgebung alle bestehenden Schulden um einen gewissen Prozentsatz herabsetzt, oder wenn der Staat aus den Mitteln der Gesammtheit einen gewissen Prozentsatz aller Schulden bezahlt. Dann bleiben wir wenigstens von all den schlimmen Rückwirkungen, welche eine Geldverschlechterung, wie unten gezeigt werden wird, insbesondere auf den Arbeitslohn ausübt, verschont. Wenn man eine solche Schuldentlastung aber nicht bezweckt, dann kann nicht genug gewarnt werden vor einer Mafs- regel, welche in agrarischen Kreisen nur aussichtslose Hoffnungen erregen, deren Enttäuschung einen fürchterlichen Rückschlag erzeugen würde, und welche überdies von den unberechenbarsten Folgen für unser ganzes Wirthschafts- leben begleitet sein miifste. Zu entwickeln, ob und wie die deutsche Landwirthschaft in glimpflicher Weise durch die jetzige Krisis geleitet werden kann, ist nicht meine Aufgabe. Was noth thut, hat von der Goltz in seinem mehrfach angezogenen Werke vortrefflich dargestellt. Aber unter seinen Mitteln findet sich der B imetallismus nicht. 3. Ich komme zum dritten Punkte, ln allgemein wirth- schaftlicher Beziehung schreibt man der Goldwährung eine gesteigerte Kaufkraft des Goldes, ein tiefes Fallen aller Waarenpreise und eine dauernde Depression der ganzen Volkswirthschaft zur Fast. Diese Thatsachen würden natürlich alle Erwerbszweige, Fandwirthschaft und Industrie, in gleichem Mafse treffen. Die Bimetallisten nehmen die Goldvertheuerung als erwiesen an. Sie stützen sich dabei auf die Sauerbeck’schen Tabellen, welche die Preisbewegung einer Reihe von Handelsartikeln verfolgen, und im Durchschnitt einen erheblichen Rückgang der Waarenpreise konstatiren. Es ist nicht zu leugnen, dafs die meisten Grofshandelsartikel erheblich im Preise gesunken sind. Aber fast für jeden einzelnen läfst sich ein Grund des Preisrückganges aufserhalb des Geld- metalles mit aller Bestimmtheit nachweisen. Für die landwirth- schaftlichen Produkte ist das oben bereits geschehen. Für Roheisen, um ein Beispiel aus der gewerblichen Produktion zu wählen, finden wir die folgenden Daten in den statistischen Jahrbüchern für das Deutsche Reich: Produktion Tonnen mittlere Helegschalt Kopie ]861/65 798 700 20 963 1871/75 1 945 700 24 906 1881 2 914 000 21 387 1886 3528700 . 21 470 1890 4 658 500 24 846 1891 4 641 200 24 773 1892 4 937 5°o 24 325 Die jährliche Produktion, welche nach diesen Zahlen auf den Kopf des Arbeiters kommt, ergibt in Tonnen Roheisen für die oben angegebenen Perioden und Jahre folgende Zahlenreihe: 38; 78; 139; 164; 186; 186; 203; oder die Produktion von 38 Tonnen pro Kopf gleich i gesetzt 1; 2; 3,6; 4,3; 4,9; 4,9; 5,3. Ein Arbeiter produzirt also heute 5,3 mal soviel Roheisen als in der Periode 1861/65. Was können unter diesen Verhältnissen gesunkene Roheisenpreise für eine Geldvertheuerung beweisen ? Zugleich geben die Zahlen ein schlagendes Bild der riesenhaft gesteigerten Produktion. Seit 1861/65 ist die Roheisenproduktion auf das 6fache, seit 1871/75 auf das 2'/^fache gestiegen. Jedenfalls beweisen diese Zahlen alles eher, als einen fortdauernden wirthschaftlichen Niedergang seit 1873, während sic es allerdings hinreichend erklärlich erscheinen liefsen, wenn durch Ueberpro- duktion eine Depression hervorgerufen worden wäre. Aber für diese Depression der europäischen Volkswirth- schaft wären noch hinreichend andere Gründe vorhanden, und hierher gehört auch die Entwicklung der Industrie in Indien, Japan etc. Diese Länder sind ■ in dem Plntwickelungs- stadium angekommen, wo sie sich von der europäischen Versorgung mit Manufakturwaaren allmählich zu emanzipiren beginnen. Warum soll die indische Baumwolle nach England verschifft, dort versponnen und verwebt und schliefslich als Manu- fakturwaare nach Indien zurückgebracht werden? Der englische Industrielle selbst findet es vorteilhaft, für den indischen Konsum in Indien zu arbeiten. P!r spart die doppelte Fracht und den indischen Eingangszoll für Manufakturwaaren. Die Ursachen 34 dieser Entwicklung liefen in der Natur der Dinge. Die Dimetallisten machen mit Unrecht die Währungsverhältnisse dafür verantwortlich. England hat eine solche Entwicklung, eine solche Emanzipation von industriellen Vasallenländcrn bereits mehrfach durchgemacht, ohne dafs Währungsverhältnisse dabei im Spiel gewesen wären. Es gab eine Zeit, wo es den ganzen Kontinent versorgte, und es gab eine Zeit, wo ein britischer Minister das grofsc Wort sprach: Nicht einen Schuhnagcl sollen sie in Amerika fabriziren! — Europa wird auch die Entwicklung, in welcher wir jetzt stehen und die nicht aufgehalten werden kann, überdauern. Kritisch ist ein solches Entwickelungstadium immer, und cs handelt sich nur darum, wie Europa am besten durch diesen Zustand geleitet werden kann. Auf alle Fälle wird die Entwicklung für unser europäisches Wirthschaftsleben um so weniger schmerzhaft sein, je langsamer und allmählicher sie sich vollzieht. Es bleibt zu prüfen, wie die bestehenden Währungsverhältnisse in dieser Hinsicht einwirken, und wie eventuelle Aende- rungen einwirken würden. Wie immer stellen die Jlimetallisten auch hier die «Exportprämie» der Silberländer nicht nur in den Vordergrund, sondern sic zeigen überhaupt nur die Exportprämie. Dafs dieselbe an und für sich den wirtschaftlichen Aufschwung der Silberländer begünstigen miifste, ist klar. Aber andererseits machen die Währungsverhältnisse, wie schon zu verschiedenen Malen betont, den Silberländern das europäische Kapital, auf welches sie unbedingt angewiesen sind, viel schwerer zugänglich. Ich erinnere nur an die Ausführungen des Erzbischofs Walsli über die mangelhafte Entwickelung der indischen Eisenbahnen. Dieses letztere Moment steht zweifellos der «Exportprämie» an Wichtigkeit weit voran. Die Währungsverschiedenheit scheint mir also dadurch, dafs sie die Investirung europäischen Kapitals in den Silberländern in erheblichem Mafse verhindert, die Emanzipation dieser Wirtschaftsgebiete eher zu mildern und zu verlangsamen, als zu beschleunigen und zu verschärfen. Um zur Kaufkraft des Goldes zurückzukommen: Nicht gefallen ist eine Anzahl von Detailpreisen; aber diese können wir aus dem Spiel lassen; vor Allem jedoch sind nicht gefallen 35 die Gehälter und die .Arbeitslöhne. Im Gegcntheil, wenn sich in den Arbeitslöhnen eine Bewegung vollzogen hat, so war es eine steigende. Aber die Beweiskraft dieser Thntsache ist es, welche die Bimetallisten konsequent übersehen; und doch hätten sie hier eine Probe auf das Exempcl machen können. Alle haben sie Anfang der achtziger Jahre einen Rückgang der Arbeitslöhne vorausgesagt. Die Waarenpreise sinken durch die gesteigerte Kaufkraft des Goldes, «eine allgemeine Handels- und Wirthschaftskrisis ist das Ende der Bewegung». Der Arbeiter sucht Arbeit und findet keine; er bietet sie zu niedrigeren Preisen an. «Das allgemeine Elend kann schliefslich auch politisch nicht ohne Wirkung bleiben, der Unzufriedene macht Opposition, der Hungernde wird zum Revolutionär.» (Arendt.) So prophezeit man. Statt dessen erhielt der Arbeiter nominell einen gleichen oder gar höheren Lohn wie früher. Da die meisten Waarenpreise gesunken sind, erhielt er in Waaren ausgedrückt einen höheren Lohn. Andererseits wird wohl allseitig zugegeben, dafs die Unternehmergewinne gegen früher gesunken sind. Der Angelpunkt der ganzen Entwicklung liegt also nicht in der Währungsfrage, sondern auf einem ganz anderen Gebiete. Pis hat sich eine Verschiebung auf dem Gebiete der Verkeilung des Nationaleinkommens vollzogen, eine Bewegung zu Gunsten des Arbeiters, zu Ungunsten des Unternehmers; und daran ist nicht etwa eine Goldvertheue- rung schuld, sondern diese Verschiebung erklärt sich hinreichend aus dem gesteigerten Selbstbewufstsein des Arbeiterstandes, aus seinem gewachsenen Gefühle der Zusammengehörigkeit und aus seiner höheren geistigen und intellektuellen Bildung. Plätte die Goldwährung wirklich diese Entwicklung begünstigt, so könnten wir ihr dankbar sein; sie hätte dann ein grofses Stück kulturhistorischer Arbeit gethan. Wohin streben denn alle unsere sozialen Reformen: den Arbeiterstand geistig und materiell zu heben; der An- theil des Arbeiters vom Gesammteinkommen kann aber nur unter der Bedingung gröfser werden, dafs der An- tlieil des Unternehmers kleiner wird. Nun zum Schlüsse die Wirkungen, welche auf diesem eminent sozialwirthschaftlichen Gebiet ein L T ebergang zum Bimetal- .SG lismus halte. Die Bimetallisten wollen und erwarten Preissteigerung. Diese würde eintreten, das gebe ich zu, denn der Bi- metallismus bezweckt Werthverringerung unseres Geldes. Daraus ergeben sich zwei Folgen, eine dauernde und eine vorübergehende. Alle Schulden würden erleichtert. Das wäre für alle Schulden, besonders für die landwirthschaftlichen mit unkündbaren Hypotheken ein Vortheil —- auf Kosten der Gläubiger, auch auf Kosten der vielen Sparkassengläubiger, die man gewifs nicht zu den «wirthschaftlich stärkeren» Klassen rechnen kann. Die vorübergehende Folge wäre: der Arbeitslohn — insbesondere der landwirtschaftliche, denn dieser ist am wenigsten bewegungsfähig — würde erst langsam der allgemeinen Preissteigerung der Waare folgen. Bis dieser Ausgleich sich vollzogen hat, ist der Unternehmer im Stande, auf Kosten des nicht im gleichen Verhältnifs gestiegenen Arbeitslohns von den erhöhten Waaren- preisen zu profitiren. — Das wären die Folgen des Bimetallismus: eine Schuldentlastung einerseits, und ein vorübergehend gesteigerter Unternehmergewinn auf Kosten des Arbeitslohnes andererseits. Das ist des Pudels Kern! Hier stellen sich die Interessen schroff gegenüber. Hier ist der einzige Vortheil, welchen sich die Grundbesitzer vor Allem von der Doppelwährung versprechen können. Blicken wir zurück. In den Währungsverhältnissen selbst lag niemals weniger Grund als jetzt, von der Goldwährung abzugehen. Vom wirthschaftlichen und sozialen Gesichtspunkte aus läfst sich hundert gegen und nicht eines für eine Aenderung der Währungspolitik Vorbringen. Alle, welche sich nicht fanatisch in eine falsche Theorie verbohrt haben, können daher nur wünschen, dafs unsere Regierung auf dem bisherigen erspriefs- lichen Wege ihrer Münzpolitik zum Wohle des ganzen deutschen Volkes unbeirrt und beharrlich weiterschr •^0! I- MrtschöhsViwäli''' Druck von Leonhard Simion, Berlin SW. SJ-Nr. iilif® as» äBssT&äswä? ^s&ü &#*<%< K > i :s ^Tj ;if 7 A » 1 f' ■' •V.-'i.;- tjfc&rv* iäÜl^itt