Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars. Erinnerungen und biographische Aufsätze von Otto, Hartwig. Mit dem Bildnis des Verfassers. Marburg N. G. Elwcrt'sche Verlagsbuchhandlung 1906. - W r ! "-Ek-'r-ZD ' ' ? MMU^l MSZW MLÄ? -ÄRZ Ld. Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars. Erinnerungen und biographische Aufsätze wm Htto Kartwig. Ältit dem Bildnis des Verfassers. Marburg N. G. Elwert'sche Verlagsbuchhandlung 1906 . Vorwort. Aus der langen Reihe der größeren und kleineren Aufsätze Otto Hartwigs werden in dem vorliegenden Band einige dargeboten, die untereinander in Zusammenhang stehen und in gewissem Sinne eine Einheit darstellen. In den meisten davon spricht der Verfasser als Augenzeuge oder den Ereignissen nahestehender Beobachter über Zustände und Geschichte seiner knrhessischen Heimat oder aber er berichtet, sei es über die eigenen Schicksale oder die der Freunde, die seinen Lebensweg kreuzten und ihm in der Verfolgung ähnlicher geistiger und politischer Ziele herzlich verbunden waren. Das Buch gliedert sich in drei Teile, von denen der erste die Bruchstücke einer Biographie umfaßt. Begonnen wurden diese Aufzeichnungen bald nachdem Hartwig nach seinem Ausscheiden aus dem Amte (1898) sich wieder nach Marburg zurückbegeben hatte. Leider war es dem Verfasser nicht vergönnt, das ganze Werk zu vollenden. Abgeschlossen lagen nur die beiden ersten Aufsätze vor; die übrigen Stücke des ersten Teiles (S. 65—127) sind einem umfänglicheren Manuskript entnommen, das den Titel „Die Arbeits- und Ruhejahre" führt. Hiervon scheint nur der erste Abschnitt „Mein Leben in Marburg 1867—1876" der Hauptsache nach fertig geworden zu sein. Auskunft aber über des Verfassers Absicht gewährt eine längere Vorbemerkung, deren Inhalt hier angedeutet werden mag. Daraus erfährt man, daß der Autor die Erzählung seiner persönlichen Erlebnisse nur als die Kette angesehen wissen wollte für die Schilderung der Zcitverhält- nisse, vornehmlich aber der bibliothekarischen Zustände und Wandlungen in der so wichtigen Epoche des letzten Drittels des verflossenen Jahrhunderts. Daran sollten allgemeinere Betrachtungen über deutsches Bibliothekswesen geknüpft werden, die sich Hartwig im Laufe seines langen und mit so großer Befriedigung ausgeübten Berufs aufgedrängt hatten. Aber eine solche auf Selbstanschauung beruhende Schilderung des inneren Betriebs an deutschen Bibliotheken galt ihm auch als ein wertvolles historisches Zeugnis für die Zukunft. Erst wenn mehrere oder viele derartige Darstellungen entworfen und der Öffentlichkeit übergeben würden, werde eine lebensvolle und lückenlose Geschichte der Entwicklung des deutschen Bibliothekswesens möglich sein! Muß dergestalt eine Darstellung der Neukatalogisierung der Halleschen Universitätsbibliothek aus Hartwigs Feder entbehrt werden, so ist es ihm vergönnt gewesen, in eben jenen Lebenserinnerungen seine Meinung über Hasscnpflug und dessen Haupthelfcrshelfer eingehend und mit rücksichtsloser Offenheit zu begründen. Hinzugefügt aber muß werden, daß sein Zorn Vilmar vornehmlich nur in seiner politischen Tätigkeit traf, während er ihn als Literarhistoriker ungemein schätzte und zu erzählen liebte, daß er als Hersfelder Gymnasiast auf die erste Auflage der „Geschichte der deutschen National- literatur" subskribiert habe. — Die biographischen Aufsätze des zweiten Teiles erweisen Hartwig als treuen Freund seiner Freunde und ergänzen zugleich, indem sie manches persönliche Erlebnis und Urteil mitteilen, die vorausgehenden Lebenscrinnerungen. Die im dritten Teile vereinigten Stücke beziehen sich auf des Autors kurhessische Heimat. Wenn übrigens hier und sonst an einigen Stellen sich kleine Wiederholungen einge- schlichen haben, so muß das billig mit in den Kauf genommen werden, da der Herausgeber Bedenken trug, sie willkürlich eingreifend zu beseitigen. — Von diesen drei letzten Aufsätzen V waren die beiden ersten vermutlich nur noch in einem Exemplar vorhanden,- ein Grund mehr, sie der Vergessenheit zu entreißen. Zudem gibt das unter dem Titel „Über die Zukunft der nationalen Partei in Preußen" mitgeteilte an H. v. Treitschkc gerichtete Sendschreiben eine Probe von der ausgedehnten publizistischen Tätigkeit, für die Hartwig neben seiner Berufs- und Gelehrtenarbeit bis zu seinem Lebensende stets Muße fand. Vor allem aber ist eben dieser aus dem Winter 1869 auf 1870 stammende Aufsatz eiu lebendiges Dokument aus der großen Zeit unserer nationalen Einigung. Er zeigt uns — gleichgültig ob der Verfasser die damalige Lage richtig oder unrichtig beurteilt hat — den Mann, der so treu zu seiuen Freunden und zu seiner engeren Heimat stand, als einen glühenden Patrioten, der die Zeichen des Tages zu deuten suchte und seinen Gesinnungsgenossen gegenüber in banger Sorge um des großen Vaterlandes Zukunft die Forderung erhob, daß sie der Förderung des Einheitswerks zu Liebe ihre prinzipiellen Bedenken zurücksetzen müßten! Und in dem Zusammenhang soll an ein anderes, nur Wenigen Bekanntes erinnert werden. Aus der hier mitge- eilten biographischen Skizze Ludwig Bambergers ist ersichtlich, mit wie geteilten Empfindungen Otto Hartwig den Gang der Bismarckschcn Politik in: Innern während der siebziger und achtziger Jahre verfolgt und beurteilt hat. Als aber im Jahre 1893 unter dem zweiten Reichskanzler die große Wehrvorlage zur Entscheidung kam, da ist gerade er es gewesen, der seinen näheren politischen Freunden mit guten: Erfolg das Gewissen schärfte, sich der Forderung des Vaterlandes nicht zu versagen. Wiesbaden, am 16. November 1905. Erich Liesegang. Inhalt. Seite I. Zur eigenen Lebensgeschichte. 1. Lehr- und Wanderjahre. 1—35 2. Marburg vor einem halben Jahrhundert . . . 36—64 3. An der Universitätsbibliothek zu Marburg. . . 65—87 ^ 4. Literarische Tätigkeit und geselliges Leben in Marburg. 88—98 5. Vilmar und Hassenpflug.99—127 II. Biographische Aufsätze. 1. Karl Hillebrand.131—177 2. Zur Erinnerung an Louise v. Fran?ois . . . 178—189 3. Ludwig Bamberger. 190—279 III. Zur kurhessischen und zur Zeitgeschichte. 1. Über die Zukunft der nationalen Partei in Preußen im Hinblick auf die allgemeinen Wahlen . . . 283—319 2. Die Schwercnotskommission. 320—349 3. Kurhessische Erinnerungen. 360—387 I. 2ur eigenen tedenzgeschichle. WWW WM SLWZZ M>'. MK- MKMMZRZ sZMWNM 7.ch-M« Lehr- und wanderjahre?) An manchen Orten — ich weiß es allerdings sicher nur von Basel — besteht die Sitte, daß bei Lcichenseierlichkeiten ein kurzer, von dein Verstorbenen selbst verfaßter Lebcnslanf verlesen wird. Zn diesem Zwecke schreibe ich diese Zeilen allerdings nicht nieder. Wohl aber wünsche ich, daß sie nach meinem Tode an der Spitze eines Heftes des von mir ins Leben gerufenen „Zentralblattes für Bibliothekswesen" als ein authentischer Lebensbericht, den doch niemand so gut als ich selbst wird schreiben können, znm Abdruck kommen mögen. Ich habe wohl in früheren Jahren, von manchen dazn aufgefordert, daran gedacht, eine ausführlichere Selbstbiographie zn schreiben, als diese Blätter bieten werden. Nicht als ob ich geglaubt hätte, daß mein Lebcnslanf, so Wechselreich er auch in seiner ersten Hälfte gewesen sein mag, einer besonderen Darstellung wert wäre und viele Menschen interessieren könnte! Nein, ich hatte mir diese Erzählung wesentlich als eine treue Schilderung von Land und Leuten, unter denen ich aufgewachsen und mit denen ich gelebt hatte, gedacht, und bildete mir ein, sie könne dadurch einmal ein gewisses geschichtliches Interesse beanspruchen. Denn bei dem Absterben so vieler Zustände, welches ich in meinem engeren Heimatlandc erlebt habe, bei der Kenntnis dieser schon jetzt zum guten Teil stark veränderten Lebensbedingungen eines Volksstammes im Herzen Deutschlands und bei meinem nicht ganz gemeinen Wissen über zahlreiche Personen und Vorgänge, namentlich Knrhessens im 19. Jahrhundert, er- 1) Als Manuskript gedruckt. Hartwiq, Aus dem Leben. 1 schien es mir fast als eine Pflicht, der Nachwelt ein wahrheitsgetreues Bild dieser Zustande zu hinterlassen, in dem die Erzählung meiner Lebensschicksale nichts weniger als Hauptsache behandelt werden, sondern nur zur Ausleihung der um sie sich ausbreitenden Verhältnisse dienen sollte. Ich habe diesen Plan einstweilen aufgegeben, weil das einzige mir gebliebene Auge sehr der Schonung bedarf. Dafür aber hoffe ich, diese kürzere Selbstbiographie, die vorzugsweise die Daten meines äußeren Lebens festlegen und die innere Entwickelung desselben nur andeuten soll, vollenden zu können. Damit entgehe ich auch der Alternative, die mein alter Lehrer und Freund, der Philosoph Johann Eduard Erdmanu in Halle, mir einst entgegenhielt, als ich ihn aufforderte, seine sicher sehr interessanten Lebenserin- nerungcn zu Papier zu bringen. „Um die Wahrheit über mich zu sagen, bin ich zu eitel, und um zu lügeu, zu stolz", ent- gegnete er mir. Ich bin geboren zu Wichmannshauscn in Niederhessen, am 16. November 1830. Das Dorf liegt am Fuße der alten Reichsburg Boyueburg, au der Sontra, einem kleinen Bache, der sein Wasser mit dem der Wohra vereint unterhalb Eschweges in die Wcrra ergießt. (Jetzt berührt die Eisenbahn von Göttingen nach Bebra den Ort.) Mein Vater, Hermann Hartwig, war seit August 1828 hier Pfarrer der reformierten Landeskirche. Einer alten hessischen Bauernfamilie, die aus Lispenhauseu bei Rotcnburg a. d. F. stammt, entsprossen, waren seit dem vorvorigen Jahrhundert seine Vorfahren „Kirchen- und Schuldiener" in Oberbeisheim bei Homberg a. d. E. und Besitzer eines Landgutes daselbst gewesen. Der Gewohnheit mehrerer Generationen folgend studierte ein Sohn des Schullehrers Theologie, ein anderer setzte den Beruf des Vaters am Orte fort. So bezog mein Vater 1818 die Universität Marburg, nachdem er bei einem Pfarrer Fischer in Sipperhausen die damals nötige Vorbildung erhalten und die Erlaubnis, zu studieren, von der Regierung als ein Kind nicht „schriftsässigcr" Eltern erbeten und erhalten hatte. Nach bestandenem theolo- Z fischen Examen ivar er mehrere Jahre Hauslehrer bei einem Förster Cornelius in Roushausen gewesen und hatte dann die Pfarrei Wichmannshausen, deren Jahreseinnahme nach Regelung der Pfarrgehälter auf 900 M. normiert war, erhalten. In Marburg herrschte zu seiner Studienzeit ein milder Supranaturalismus in der theologischen Fakultät; der Vertreter der Ethik und praktischen Theologie war jedoch ein ausgesprochener Rationalist. Mein Vater, einer Familie entstammend, in der evangelische Frömmigkeit und Gewissenhaftigkeit das geistige Lcbenselement bildeten, hatte sich mehr der ersten Richtung angeschlossen, der er mit einigen Schwankungen bis an sein Lebensende treu geblieben ist. Mehrere seiner Kommilitonen, welche wie er der deutschen Burschenschaft angehört hatten, haben mir später von der strengen Sittenrein- hcit seines Lebens erzählt. Ich selbst habe keinen Menschen gekannt, bei dem alles Handeln so sittlich-religiös normiert ivar, wie bei ihm. Er war daher auch ein sehr gewissenhafter Prediger und Seelsorger, dabei aber nichts weniger als ein Kopfhänger und Pedant. Genügsam in seinen Ansprüchen an das Leben und arbeitsfreudig war er ein Freund der Natur und machte ab und zu eine kleine Reise. Gern erzählte er wohl noch in spätercnJahren von einer lustigen Fußreise, welche er am Schluß seiner Studienzeit mit einer ganzen Anzahl Kommilitonen von Marburg über Frankfurt, Heidelberg, dann Rhein abwärts bis Köln und zurück durch das kölnische Sauerland gemacht hatte. Im Winter nahm er wohl auch an einigen Treibjagden teil. Auch hat er mich, als ich noch nicht recht laufen konnte, an Sonntagnachmittagcn, nachdem er schon an zwei Orten gepredigt hatte, auf seinem Rücken eine Stunde weit auf die Bohneburg getragen. Dort wurde mir der Harz, der Thüringer Wald und der Meißner gezeigt und nach der Wartburg hinübergeschaut. Später hörte ich hier zuerst vom Kaiser Rotbart, der auf dem „Königsstuhle" zu Gericht gesessen hatte, erzählen und vor meinen jungen Augen wurden die zahlreichen Sagen lebendig, die sich an 1 » 4 diese denkwürdige Burgruine knüpfen und von den Brudern Grimm in den „deutscheil Sogen" teilweise aufgezeichnet sind. Von ihr trotzen noch die drei hohen Seiten eines sechseckigen Turmes den Stürmen und bilden ein Wahrzeichen für die ganze Gegend. Jetzt soll eine Schutzhülle für die Wanderer dort oben erbaut sein. Auf diesen Gangen begleitete uns natürlich in der Regel auch meine Mutter Wilhelmine, eine schöne, stattliche Frau, die einer alten niederhessischen Pfarrerfamilie Cnrth, welche sich im vorigen Jahrhundert in Conradi umgetauft hatte, angehörte. Ängstlich und von melancholischer Anlage ist sie in ihren besten Jahren dahingerafft worden, worauf ihre Schwester Christiane, die schon längere Jahre bei uns wohnte, die Zügel des Haushaltes allein führte und uns drei Kindern, zwei Jungen und ein Mädchen, eine zweite Mutter wurde. Teil ersten Jugendunterricht, Klavierspielen mit eingeschlossen, erhielt ich vom i>. Lebensjahre an von dem Lehrer des Ortes. Ich hatte kaum den ersten Unterricht im Lateinischen nach der kleinen Bröderschcn Grammatik begonnen, als im Herbst des Jahres 1838 mein Vater auf eine etwas besser dotierte Pfarrerstellc nach Hnndclshansen im schönen Gclster- tale zwischen Großnlmervde und Witzenhausen versetzt wurde. Es hat sich meinem Gedächtnisse fest eingeprägt, das; wir unseren Umzug dorthin am Jahrestage der Schlacht von Leipzig bewirkten, ein Zeichen der patriotischen Gesinnung, die in dem elterlichen Hause herrschte. Hier, in Hnndelshausen, in einer durch einen nichtswürdigen Vorgänger arg verwahrlosten Gemeinde, ist mein Vater bis zu seinem Tode verblieben. Am letzten Tage des Jahres 185<> haben wir den von Haus aus gesunden, kräftigen Mann, der an einer schlecht ausgeheilten Pneumonie langsam zugrunde ging, auf dem Friedhofe des Torfes beerdigt, auf dem auch schon meine Mutter seit dem Sommer 1851 ruhte. Mein Unterricht im Schreiben, Rechnen und der Musik war in Hnndelshausen anfänglich mit Schwierigkeiten verbuu- den. Der alte Dorfschnllehrer war ihn zn erteilen unfähig. Ich mußte zweimal die Woche über einige Berge weg zu einem besseren Lehrer wandern, während mein Vater mich im Latein usw. unterwies. Den Religionsunterricht besuchte ich mit den Konfirmanden des Dorfes. Als ich nun l 1 Jahre alt war und den ganzen Cornelius Nepos schon ins Deutsche schriftlich übersetzt hatte, wurde beschlossen, mich nach Eschwege auf das dort ueucrrichtete Progymnasium zu schicken. Das geschah auch zu Ostern 1842. Ich wurde in die 2. Klasse aufgenommen und bei einem Konrektor Lieber- kuecht für 210 M. jährlich in Pension gegeben. Die leibliche Verpflegung, die ich hier erhielt, entsprach dem geringen Kostgeld. Geistig wurde ich in diesem Hause aber recht angeregt. Die Frau war begabt, verstand Französisch und Italienisch, der Mann schrieb an einem religiös-philosophischen Roman, der unter dem Titel: „Adclaidc" in Sondershausen bei Enpel erschienen ist, von mir aber niemals gelesen wurde. So sah ich früh vor meinen jungen Augen ein Buch entstehen und hörte im Anschluß an es von philosophischen Richtungen und Problemen sprechen. Im Glasschranke standen Hegels sämtliche Werke. Ich verstand von den Reden des Herrn Konrektors, namentlich mit einem meiner Lehrer Dr. Klingender, der als Direktor des christlichen Gymnasiums in Gütcrsloh gestorben ist, natürlich gar nichts. Aber ich horchte doch auf, wenn von Glauben und Unglauben, Rationalismus und Orthodoxie usw. die Rede war. llm einen Begriff von diesen Dingen zu bekommen, kam ich auf die Idee, mich mehr mit Geschichte zu befassen, über die ich schon immer gern gelesen hatte. Ich ließ meinem Vater keine Ruhe, bis er mir Beckers Weltgeschichte in 14 Bänden gekauft hatte. Nachdem ich in zwei Jahren das Progymnasinm durchlaufen hatte, brachte mich mein Vater Ostern 1844 auf das Gymnasium zn Hersfeld. Der Rektor der Stadtschule, ein Studienfreund meines Paters, nahm mich für 240 M. jährlich in Pension. t> Das Hersfelder Gymnasium stand während meiner Schulzeit ganz unter dem Einflüsse seines ausgezeichneten Direktors Wilhelm Münscher, einem Sohne des Dogmenhistorikers. Er war ein in klassischer Philologie, Geschichte und Theologie sehr unterrichteter Mann, nicht geistreich, aber charaktervoll, gerecht und voll von Liebe gegen seine Schüler, kein Bureaukrat, der als seine erste Amtspflicht die prompte Abfassung langer Berichte und Ausfüllung unendlichen Tabcllcnkrames ansah, sondern vor allen Dingen seinen Schülern etwas sein wollte. Seine kleinen Schwächen setzten ihn nicht in unseren Augen herab, sondern trugen nur dazu bei, ihn uns menschlich näher zu bringen. Ich habe nie von einer unehrerbietigen, geschweige frechen Widerrede irgendeines Schülers gegen „unseren Alten" gehört. Auch unter uns sprachen wir nur mit Respekt von ihm. Der Schüler achtete den Mann hoch, der für das klassische Altertum und das deutsche Vaterland iu gleicher Weise begeistert war. In religiösen Dingen gemäßigt freisinnig, war er der in Kurhessen herrschenden brutalen politischen und kirchlichen Reaktion verhaßt. Hatte er doch auch einmal eine Petition zugunsten der Deutschkatholiken unterschrieben, nachdem die Regierung des Nachkommens Philipps des Großmütigen die Leichen einiger Teutschkatholikeu in Hanan auf dem Friedhofe wieder hatte ausgraben und entfernen lassen. Uns galt er darum erst recht als ein Ehrenmann, dem es daher auch leicht gelang, seine Schüler im Revolutiousjahrc von 1848 vor manchen Torheiten zu bewahren, die an anderen hessischen Gymnasien damals in Blüte standen. Er hatte uns maßvolle Freiheiten gewährt, und brauchte uns darum keine Ausschreitungen zu gestatten. Waren wir auf rechtem Wege, so ließ er uns auch ganz gewähren. So haben wir in der Aula des Gymnasiums eine Festfeier zu Ehren des 100jährigen Geburtstages von Goethe 1849 ganz selbständig veranstaltet und die Lehrer und Honoratioren der Stadt mit ihren Damen dazu eingeladen. Sie begann mit dem „Gesang der Geister über den Wassern", wenn ich nicht irre nach einer Komposition von B. Klein, Rezitation von Goetheschen Gedichten nnd Liedern folgten, und ich hielt die Festrede über das Thema: „Goethe ein Kind des Glückes". Ich besitze sie noch. Einige Lehrer galten neben Münscher als fortgeschrittene Freisinnige, wie der in Zürich hochbetagt verstorbene gelehrte Theologe G. Volkmar, den ich nnr kurze Zeit als Geschichtslehrer gehabt habe, da er versetzt wurde, der Philologe und nationalökonomische Schriftsteller H. Wiskemann, der Geschichtslehrer Jakobi, der 1848 ins Frankfurter Parlament gewählt, sich der erbkaiserlichen Partei anschloß. Die politisch und kirchlich reaktionäre Partei waren im Lehrerkollegium nnr durch einen schlechten Lehrer der Mathematik, der in Geisteskrankheit verfiel, und den tüchtigen, aber persönlich sehr wenig angenehmen Philologen K. W. Piderit vertreten. Bei der Enge der Interessen, in der damals trotz aller politischen Erregung die Jugend gegen die heutige lebte, bei der stärkeren Konzentrierung alles Denkens auf die Schule, haben wir in Hersfeld etwas Ordentliches gelernt und daneben unseren Sinn für die idealen Güter des Lebens eifrig gepflegt. Meine persönliche Neigung zur Lektüre historischer Werke, Walter Scottscher Romane usw. konnte ich um so leichter befriedigen, als mich der Bibliothekar der Schule zu seinem Assistenten gemacht hatte. Doch entsinne ich mich auch, daß ich u. a. den großen Kommentar von M. L. Seyffert zu Liceros Imelius oder Oe nrnicitm privatim ganz durchgearbeitet habe. Die Ghmnasiastenjahre in Hersfeld sind für mein ganzes Leben von Bedeutung geworden, indem sie mir neben meinem Vater einen anderen ausgezeichneten Mann nahe brachten, der die besten Ideale der Jugend, den Glauben an die Wahrheit und die Gerechtigkeit der Macht, welche die Geschicke der Welt schließlich doch regiert, die Liebe zum Vaterlande und ehrliche Frömmigkeit in uns nährte. Nachdem ich im Frühjahre 1848, schon früh kurzsichtig geworden, eine Magenkrankheit, die ein Vorbote schlimmer Dinge werden sollte, glücklich überwunden, und Ostern 1850 8 das Matnritätsexamen wohl bestanden hatte, bezog ich die Universität Marburg, um Theologie und Philologie zu studieren. Hatte ich damals ganz meinen! Willen folgen können, so würde ich nach Göttingen gegangen sein, um Philologie und Geschichte zu studieren. Allein mein Vater wünschte, daß sein Erstgeborener seinem Berufe folge. Er sah in jenen Zeiten, in denen die Welt noch in einen! ganz anderen Maße als heute in ruhigem sozialen Beharren war, es als ein Zeichen von Unzufriedenheit des Vaters mit dem eigenen Berufe an, wenn der Sohn nicht dem des Vaters folge, und meinte, ich könne mich später ja noch immer entscheiden, ob ich Geistlicher oder Lehrer werden wolle. Durch einen Zufall hatte er für mich eine Stelle in der Marburger Stipendiatenanstalt erhalten und glaubte hierin, da ich dann wenigstens vier Jahre studieren müsse, eine Billigung seiner Pläne mit mir zu finden. Hatte er doch auch bei mäßiger Besoldung und geringem Vermögen noch für meinen jüngeren Bruder Theodor- auf dem Hersfelder Gymnasium zu sorgen. Und kärglich sollte ich aus der Universität auch nicht leben. Er hat unreinen für seine Verhältnisse guten Wechsel mitgegeben und mir gesagt, das Einzige, was er von mir in dieser Beziehung verlange, sei das, daß ich ihm später keinen Vorwarf darübermache, daß er mir soviel Geld auf der Universität gegeben habe. Ich söhnte mich daher auch bald mit Marburg aus. Und das um so leichter, als ein wirklich genialer Gymnasial- praktikant in Hersfeld namens Fuhrmann mir einredete, es werde mir ja doch nicht so sehr auf die Lehrer ankommen, jetzt könne man das Nötige leicht aus Büchern für sich studieren. Hätte ich auch allein auf die Tüchtigkeit der Lehrer sehen wollen, so waren damals in Marburg eine solche Zahl der ausgezeichnetsten jungen Gelehrten zusammen, wie sie kaum eine andere deutsche Hochschule jener Tage vereinigte. Man wird das nicht übertrieben finden, wenn ich die Namen Th. Bergk, R. Bunsen, I. Gildemeistcr, E. L. Th. Henke, I. Rubino, H. von Sybel, H. I. Thiersch, Th. Waitz und Ed. — !l - Zeller nenne. Ich bezog also, ohne vielen Widerstand zu leisten, die Universität Marburg und war auch nicht ungehalten, mich sofort mit Theologie ernstlich beschäftigen zu müssen. Denn ich mußte, da ich auf dem Gymnasium das Hebräische nicht getrieben hatte, mich zu einem kleinen Examen vorbereiten, das ich auch bei Gildemcister gut bestand, lind da ich mich stets aus innerer Nötigung auch für religiöse Fragen lebhaft interessiert hatte, stürzte ich mich rasch entschlossen in die Streitfragen hinein, die zwischen der Tübinger (Baurschen) Schule und der Orthodoxie, beide durch so ausgezeichnete Häupter wie Ed. Zeller und H. I. Thiersch in Marburg vertreten, damals verhandelt wurden. Ich studierte eben Theologie, nicht um Geistlicher zu werden, sondern um mich mit der religiösen Frage auseinander zu setzen, wie mir zwei Jahre später A. Tholuck in Halle auf den Kopf sagte. Die Macht des väterlichen Vorbildes, drückende Sorgen um das Wohl der schwer erkrankten Mutter und persönliche Erfahrungen hielten mich stärker, als ich ursprünglich gedacht hatte, auf der positiven Seite fest. Ich hörte bei Thiersch über den Römerbrief, und das folgende Semester, da man dem Jrvingianer die veiriu leALircli entzogen hatte, nur mit zwei anderen Studenten auf seiner Stube eine Vorlesung über den ersten Teil der Kirchen- geschichte, aus der sein bekanntes Buch über die älteste Kirche erwachsen ist. Auch trat ich in eine christliche Studentenverbindung, den Wiugolf, ein. Da sich diese aber als eine Clique von jungen Hasseupflng-Vilmarschen Parteigängern entpuppte, zu der ich in keiner Weise gehörte, verließ ich mit einer Anzahl Freunde im Winter 1850'51 diese Gesellschaft und half eine Burschenschaft begründen, der ich dann bis znm Schlüsse meiner Studienzeit mit großem Eifer und dem Aufgebot von viel Zeit und Geld angehört habe. Die Verbindung bildete mein erstes Versuchsfeld im praktischen Leben. Sie sollte Ideale darstellen und fördern helfen, für die einer für Freundschaft, Freiheit und Vaterland begeisterten Jugend zu schwärmen so wohl ansteht. Wenn ich auch einräumen 10 muß, daß ich der Verbindung mehr Zeit geopfert habe, als die Sache au sich wert war, so darf ich doch versichern, daß sie auf mein Leben einen wohltätigen Einfluß ausgeübt hat, und daß ich auf der Universität trotz ihrer doch auch gearbeitet habe. Die Stipendiatenanstalt hatte damals noch einen größeren Einfluß auf die Studien und trieb zu selbständigem Arbeiten an. Ich habe auch für jede von mir selbst gewählte Semesterarbeit, z. B. Über die Nachrichten der Griechen und Römer über den Ursprung des Volkes Israel, Prämien erhalten. Au eigentliches Arbeiten auf das Examen habe ich in den ersten vier Semestern allerdings nicht gedacht. Um mich mehr zu isolieren, bezog ich daher 1852 die Universität Halle. Hier habe ich, ohne mich viel um die studentischen Dinge zu kümmern, im Sommcrsemestcr die synoptischen Evangelien und die sich an sie anschließenden Fragen durchgearbeitet, im Winter des Morgens Schleiermacher studiert und des Abends mich auf die Vorlesung über Jesajas, die ich bei meinem Landsmannc H. Hupfeld hörte, gründlich präpariert. Das dogmatische Konvcrsatorinm bei I. Müller, der mir durch seine sittliche Vornehmheit viel mehr imponierte als der rhetorische A. Tholuck, der es mit seinen Vorlesungen wissenschaftlich recht leicht nahm, brachte mich in Verbindung mit einer Anzahl geistig angeregter Theologen, welche aber, wie ich später, teilweise wenigstens, von der Theologie sich losgesagt haben und Maler usw. geworden sind. Die Vorlesungen I. Ed. Erdmanns, musterhaft iu ihrer Form, imponierten mir anfänglich auch stark durch ihre Tendenz, die Versöhnung von Glauben und Wissen in orthodox Hegelscher Weise definitiv zu bieten. So sehr dies damals meinen religiösen Bedürfnissen entgegenkam, so durchschaute ich doch bald, daß auf diesem Wege die bestehenden Gegensätze nicht überwunden werden könnten. Am wenigsten gefiel mir die subjektive Willkür, mit der H. Leo die Geschichte behandelte. — Fast unklarer in meinen Zielen, als ich nach Halle gegangen war, kehrte ich 1853 nach Marburg zurück, gab das Hören philo- II logischer Vorlesungen ganz auf, nin mich auf die Theologie, namentlich die historische Theologie, zu konzentrieren. Doch wnrdc ein eigentliches Examenarbeiten noch nicht recht in Angriff genommen. Und das um so weniger als ich wieder aktiv in der Verbindung geworden war. Erst im 8. Semester dachte ich ernstlich an das Examen, das ich im ö. Semester machen wollte. In diesen: wurde ich aber von einem thphvi- dalen Fieber ergriffen, das mich mit seinen Nachwirkungen fast ein ganzes Jahr zurückwarf. So habe ich erst in: Frühjahre 1855 mein theologisches Examen mit dem besten Erfolge machen können, worauf ich dann, ausgerüstet mit einem Reisestipendinm, sofort nach Göttingen ging, um eine Dissertation zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde in Angriff zu nehmen. Was aus nur werden würde, lag dunkel vor mir. In den hessischen Kirchendienst zu treten, schien mir unmöglich. Die Kirchenleitnng, ganz von dem Einflüsse A. Vilmars beherrscht, war nur nicht hold. Das hatte ich bei der Ausstellung des Kandidatenscheines zu empfinden gehabt. Als ich mein Predigtamtsexamen bei den: ehrwürdigen Superintendentei: Schüler in Allendorf gemacht, und dieser nur beim Abschiede gesagt hatte, ich würde ein recht gutes Kandidatenzeugnis erhalten, sprach ich meine Zweifel hierüber aus, da mir das Kasseler Konsistorium (welches aus den Zeugnissen der Fakultät und des Superintendenten den Kandidatenschein zusammen zu stellen hatte) nicht gewogen sei. Der alte Mann meinte, das wolle er doch sehen. Als ich meinen Kandidatenschein erhielt, lautete mein Prädikat gut, während ein Neffe Vilmars, der ein schlechteres Examen gemacht hatte als ich, das Prädikat recht gut von: Konsistorium bekommen hatte. Ich erinnerte nun den Herrn Superintendenten an meine Voraussage und bat um Abschrift meiner Zeugnisse. Jetzt wendete sich der Ehrenmann an die theologische Fakultät und trug ihr die Sache vor. Professor Gilde- meister, der Dekan war, ergriff diese Gelegenheit gern, um an das Kasseler Konsistorium einen spitzen Brief zu schreiben. 12 Da mittlerweile Vilmar und Hassenpflng in Kassel gestürzt innren, zog das Konsistorium mildere Saiten auf, und ich erhielt nun einen Kandidatenschein, ausgestellt an demselben Tage wie der erste, aber mit dem Prädikat sehr gut! War nun auch A. Vilmar, der zwei Söhne beim Wingolf hatte und dem ich als ein Führer der Sezession aus diesem persönlich verhaßt war, gefallen, so herrschten seine Kreaturen doch noch im Kirchenregiment; es waren also wenig günstige Aussichten für mich vorhanden. Das verdarb mir aber einstweilen meine gute Laune nicht, da bei meiner Doktoren-Arbeit über Heinrich von Langenstein etwas Ordentliches herauskam. Nachdem ich die Göttinger Bibliothek ausgenutzt, dann seltene Bücher und Handschriften anderer Bibliotheken zu Hanse durchgearbeitet hatte, schloß ich im Sommer 1856 mein Manuskript ab und reichte es bei der philosophischen Fakultät zu Marburg mit der Bitte ein, aus demselben einen Teil zum Druck auszuwählen und als Dissertation zn genehmigen. Im Spätherbst des Jahres erhielt ich ein Schreiben Ed. Zelters, in dem er die Dissertation im Namen der Fakultät akzeptierte, da sie volle Anerkennung bei ihr gefunden habe. Mein Toktordiplom datiert aber erst vom 11. März 1857. Mittlerweile hatte ich mich, um endlich meinem Vater von der Tasche zn kommen, entschlossen, eine Hauslehrcrstelle in Reinhausen, in der Nähe von Göttingen, anzunehmen. Kaum hatte ich dieselbe aber zwei Monate bekleidet, als mich die Nachricht von einer schweren Erkrankung meines teuren Vaters traf, der er dann auch Ende Dezember erlag. Nun mußte ich wieder nach Hause, um die Familienangelegenheiten zn ordnen. Ich blieb den Winter bei meiner Tante und Schwester in Hnndelshansen, unsicher, was aus nur werden würde. Da wurde ich benachrichtigt, es werde eine Repetentenstelle an der Stipendiatenanstalt zn Marburg frei, zn der man mich vorschlagen werde. War der Gehalt, der mit ihr verbunden war, auch nur ein geringer — 600 M. —, so griff ich doch mit beiden Händen zn. Nach einem Besuche, den ich bei dem 13 Minister Scheffer, der mich im Schlafrockc empfing, gemacht hatte, wnrdc ich auch am 27. April 1857 znm 2. Repetenten Vvm Kurfürsten ernannt. Damit war mein Wunsch, weiter studieren zu können, erfüllt, wenn auch die Aussichten, mich für Kirchen- oder Profangeschichte zu habilitieren, nach dein Tode meines guten Vaters aus Geldmaiigel von vornherein nur schwache waren. Glücklich, wieder in Marburg zu sein, unterzog ich mich mit Liebe der Arbeiten meiner neuen Lebensstellung, erteilte den Stipendiaten Repetitorien in alt- und nentestamentlicher Exegese, mit Vorliebe aber in der Kirchen- geschichte, die ich nach Gieseler noch einmal ganz durcharbeitete. Damals gehörte es noch zu den Obliegenheiten der Repetenten, zwei Stunden täglich auf der Universitätsbibliothek zu arbeiten. Der Dienst hier war leicht und ließ mir Zeit zu privater Arbeit. Er führte mich, was fast noch wichtiger war, in engeren persönlichen Verkehr mit meinen früheren Lehrern, den Bibliothekaren Henke und Gildemeister. Dieser, ein Gelehrter, wie ich keinen zweiten an Umfang des Wissens und kritischer Schärfe auf alten philologisch-historischen und theologischen Gebieten kennen gelernt habe, gab mir dann und wann eine bibliothekarisch-literarische Untersuchung auf, um mich systematisch znm Bibliothekar auszubilden. Es gelang mir aber nicht immer seinen Wünschen zu genügen. Aber meine Literatnrkenntnisse wurden auf diese Weise sehr gefördert. Auch zu Zelter trat ich in nähere persönliche Beziehung. Der Gegensatz gegen A. Vilniar, der die protestantische Theologie Nils einen Zustand zurückschrauben wollte, den sie kaum im nachreformatorischen Jahrhundert geteilt hatte und der von Kritik der biblischen Bücher gar nichts wissen wollte, mußte alle, auch die friedliebendsten Geister, wie Henke, znm Widerstand gegen diese Rebarbarisiernng der Theologie vereinigen. Hatte ich schon 1855 in Aufsätzen der „Darmstädter Allgemeinen Kirchenzeitnng" und der „Zeitschrift für christliche Wissenschaft und Leben" zu schriftstellern begonnen, so setzte ich das jetzt in deic „Krenzboten" fort. Aber gegen die rückläufige Strömung 14 unter den Theologen, die von der Regierung unterstützt wurde, sowie gegen die rein willkürlichen Versuche, der niederhessischcn Kirche einen ganz anderen konfessionellen Charakter zu »indizieren, als sie jahrhundertelang sich selbst beigelegt hatte, halfen keine wissenschaftlichen Gründe. Im Kirchenregimenl zu Kassel saßen die Vilmarianer, und den zukünftigen Pfarr- herrcn war es bequemer, ihr Wissen mit dem Standpunkte der Konsirmanten in Einklang zu halten, als sich durch die Ergebnisse der Wissenschaft beunruhigen zu lassen. „Der Kampf zwischen Glauben und Unglauben wird nicht durch die Wissenschaft, sondern durch die Praxis entschieden werden," hatte schon H. I. Thiersch einmal gesagt. Mir aber war diese Verzweiflung an der Wissenschaft immer weniger nach Sinn. Sie schien allem Fortschreiten der menschlichen Kultur zu widersprechen und nur einem Ubergangsznstande der religiösen Entwickelung natürlich entsprungen zu sein. Ich arbeitete also weiter und besuchte wohl auch ein Kolleg. Mit großem Genusse und wirklichem Gewinne, namentlich in Erkenntnis der streng kritischen Methode, hörte ich mit K. und F. Jnsti, dem Orientalisten Ed. Vilmar und meinem Bruder Theodor ein Priva- tissimum, das uns Gildemeister auf meine Bitte in einem Wintersemester vierstündig über die johanneische Apokalypse las. Mit meinen Freunden, von denen ich nur den nachherigen Anatomen und Ästhetiker W. Henke, den Mediziner O. Hensingcr, den Kunsthistoriker K. Jnsti, den Physiker Ad. Wüllner nennen will, unterhielt ich einen regen wissenschaftlichen und heiteren Verkehr. In Verbindung mit ihnen und unter Unterstützung angesehener Professoren der Universität wurden damals auch in Marburg die ersten öffentlichen Vorlesungen vor einem gemischten Publikum zustande gebracht. Ich hielt am 3. Januar 1860 den 3. Vortrag über die Entstehung und die Fortbildung der Sage von der Wiederkunft Kaiser Friedrichs des Stanfers, in dem ich ganz bestimmt den Ausgang der Sage von der Person Kaiser Friedrichs II. darlegte. Der Gegenstand kam meiner patriotischen Stimmung entgegen und war mir durch eingehendere Beschäftigung mit der mittelalterlichen deutschen Geschichte nahe gelegt. Denn ich hatte seit 1858 schon beschlossen, — auf eine bis auf diese Tage noch nicht zur Ausführung gebrachte Anregung in Gieselers Kirchen- geschichte hin, — eine zusammenfassende Arbeit über die Kalandsgildcn in Angriff zu nehmen, und dazu fleißig die in allen möglichen Zeitschriften, seltenen Drucken usw. zerstreute Literatur gesammelt. Eine Untersuchung über die Entstehung dieser weltlich-geistlichen Bruderschaften führte rückwärts auf die Entstehungsgeschichte des Gildenwesens überhaupt. Ich vertiefte mich in die Anfänge des deutschen Städtewesens, das man damals mit dem Gildenwescn in Verbindung brachte, ja in die Anfänge der deutschen Verfas- snngszustände überhaupt. Daß ich, auf diese Art arbeitend, nicht rasch vorwärts kam, begreift sich leicht. Ebenso, daß von meinen Vorarbeiten nur ein kleiner Abschnitt, die Untersuchungen über die ersten Anfänge des Gildenwesens, zur Ausarbeitung und zum Druck gelangt ist. G. Waitz nahn: sie in das erste Heft der von ihm herausgegebenen „Forschungen zur deutschen Geschichte" auf und sprach sich in seinem Seminar sehr günstig über dieselben aus, wie denn der Aufsatz auch jetzt noch nicht vergessen ist, nachdem soviele eingehende Forschungen über das Gildenwesen im allgemeinen angestellt sind. Sicher hätte ich diese Studien auch fortgesetzt, wenn nicht eine totale Wendung in meinen Geschicken Plötzlich eingetreten wäre. Mich in Marburg zu habilitieren, hatte ich aus den oben angedeuteten Gründen aufgegeben. Eine Berufung als zweiter Bibliothekar nach Erlangen hatte, wie er mir selbst später sagte, der mir sonst persönlich zugetane H. von Sybel aus Rücksicht auf die ganz Prekäre Lage, in der sich sein Parteigenosse und mein Mitbewerber E. F. Rößler befand, schon 1858 durch seinen Einfluß in München mit schwerer Mühe vereitelt. Es ist das nicht das einzige Mal geblieben, daß mir sonst gute Bekannte und Freunde nicht förderlich gewesen sind. 1 «, sondern henunend in mein Fortkommen eingegriffen haben. Gerade als der geringe Rest meines väterlichen Vermögens ganz nnf die Neige gegangen war, traf mich eine Bcrufnng als Prediger der dentsch-evangelischen Gemeinde nach Messinn. Eine zufällige Besprechung mit einer Dame, die früher dort gelebt hatte und die ich beim Schillerfeste 1850 in Frankfurt a. M. kennen gelernt hatte, entschied meine Geschicke. Ich nahm die Berufung, dir unter für meine Verhältnisse günstigen Bedingungen erfolgte, um so leichter an, als schon früher zwei mir wohlbekannte Hessen dort Prediger und Lehrer gewesen waren, und ich wußte, daß ich dort nicht engherzigen Zuhörern zu predigen haben würde. Ich ließ mich znr Übernahme des Amtes erst jetzt ordinieren. Was nach Ablauf von vier Jahren, für die ich angenommen hatte, folgen werde, überließ ich einem gütigen Geschicke. Die Sehnsucht, Italien zu sehen, was damals noch mühevoller, kostspieliger und seltener war, als heutzutage, tat das Übrige, um mir die Trennung von der Universität zu erleichtern. Am 13. Mai 18<>0 verließ ich, von meinen Freunden in der Sonntags Frühe an den Bahnhof geleitet, doch etwas schweren Herzens Marburg. Die Nachricht, daß Garibaldi in Sizilien gelandet sei, erhielt ich zwar erst in Genua. Daß aber Sizilien im Aufstand begriffen sei, wußte man schon längst. Wirst Tu an das Ziel Deiner Bestimmung gelangen können? mußte ich mich stets auf der Reise au Bord des srauzösischeu Dampfers, der längs der italienischen Küste nach Livorno, Civitavecchia und Neapel fuhr, fragen, bis ich am 2?. Mai in Messiua, von dem Gemeindchaupte V. Gonzen- bach, dem Schweizerischen Konsul, vom Schiff abgeholt, aus Land gestiegen und in einer von einem Dünen gehaltenen Pension vorläufig untergebracht war. Ich habe cS niemals bedauert, dieses Anet, das von einer regelrechten Karriere seitwärts lag, angenommen zu haben. Leicht habe ich dasselbe auch nicht genommen. Auf meine Predigten habe ich mich sehr gewissenhaft vorbereitet und nie 17 etwas gesagt, von dessen Wahrheit ich nicht selbst überzeugt gewesen wäre. Das Memorieren der Predigten machte mir sehr viel Mühe. Da nach jahrelanger Übung mir das nicht leichter wurde, war ich daher, nachdem ich im April 1865 meine Abschiedsprcdigt gehalten hatte, entschlossen, nicht wieder eine Kanzel zu besteigen. Angenkrank habe ich wohl einem Freunde, in der Stube auf- und abgehend, die Predigt in einem Zuge diktiert. Sie auf der Kanzel dann zu halten, war niir aber doch ganz unmöglich, ohne daß ich sie mir Satz für Satz wörtlich eingeprägt hätte. Dabei blieb ich doch stets besorgt, stecken zu bleiben, da mir das Blut leicht in den Kopf stieg und es mir dann schwarz vor den Augen wurde. Wer so etwas jahrelang durchgemacht hat, wird es begreiflich finden, daß ich auf das Predigthalten gern verzichtete. Auch den Verkehr mit den Gcmeindemitglicdcrn habe ich mit Ernst betrieben und meiner Stellung als Geistlicher nichts vergeben. Grauenvolle sittliche Zustände habe ich damals kennen gelernt, aber doch viel mehr Erfreuliches erfahren. Ganze Familien sind mir treu verbunden geblieben. Mit den wenigen Angehörigen der älteren Generation von damals, die heute noch leben, stehe ich noch in freundschaftlichen Beziehungen, und Briefe gehen hin und her. Von meinen Schülern und Schülerinnen sind mir auch gar manche noch jetzt dankbar zugetan. Es lebten damals auch recht unterrichtete Kaufleute von guter deutscher Gesinnung in der Kolonie, von denen ich z. B. 1863—64 für Schleswig-Holstein schöne Gaben erhielt. Unter den Frauen gab es solche von großer Bildung. Die meisten beherrschten vier Sprachen. Mit den deutschen Ärzten und Hauslehrern fand ein reger wissenschaftlicher Verkehr statt. So neu nur mein Amt war — ich konnte freilich erst am 12. August 1860 zum ersten Male predigen —, was wollten alle die Eindrücke, welche ich davon empfing, gegen die besagen, die Land und Leute in Sizilien selbst auf mich machten! Und nun gar die großen Ereignisse, die sich um Hartwig. Aus dem Leben. 2 18 mich her auf diesem mir bisher so fremden Boden ganz fremd artig abspielten! Wir lebten mehrere Monate lang in einer Art von effektivem Belagerungszustand. Wenn die von den Neapolitanern besetzte Zitadelle einige Kanonenschüsse in der Richtung nach der in den Händen der Garibaldianer befindlichen Stadt abfeuerte, ging man kaum an das Fenster. Wurde das Schießen über den zwischen der Stadt und der Zitadelle gelegenen Exerzierplatz, Terra nnova, heftiger, so schlenderten wir des Abends nach dem Essen Wohl in dieser Richtung an dem von Schiffen leeren Hafen vor, um zn sehen, was los sei, bis eine rikvscheticrende Kanonenkugel den Balkon eines Hauses zn unserer Seite hcrabriß, worauf wir uns dann allerdings rasch in Sicherheit brachten. Als vor dem Abschluß des Vertrags zwischen den Neapolitanern und Garibaldi über die Abgrenzung der beiderseitigen Territorien die Dinge einen gar zu bedenklichen Charakter annahmen, flüchtete ich mich mit meinen Habseligkeitcn — 23.—25. Juli — auf das österreichische Kriegsschiff Tandolo, das in dem Kanal kreuzte. Die einzige größere kriegerische Aktion von Bedeutung, die hier vorkam, die Beschießung der Zitadelle von Messina durch die italienische Flotte und einen Belagernngspark von den Höhen über der Stadt, am 12. März 1861, habe ich von einen: kleinen Küstendampfer aus angesehen, mit den: ich von Catania kam und den ein gewaltiger Sturm zwischen die nicht antwortende Zitadelle und die in Bogen über uns wegschießende italienische Flotte getrieben hatte. Mit der größten Anstrengung hatte ich mich mit den zwei Armen auf Deck an eine Messingstange fest geklammert, um das seltene Schauspiel zu genießen. Aber fast noch mehr als die äußeren Vorgänge regte mich innerlich die ganze Situation auf, von der jene doch nur die Konsequenzen waren. Ich sah vor meinen Augen ein altes Königreich, das ein zahlreiches Landheer, eine Dampf- flottille und Geldmittel genug zur Verfügung hatte, von einen: Haufen von Leuten, unter denen sich allerdings hochachtbare 19 Patrioten, aber auch Abenteurer verschiedener Rationen ccnd Gesindel schliinmster Art befand, über den Haufen werfen, vhne daß die Sizilinncr in ihrer Mehrzahl eifrig dabei mitgewirkt Hütten. Verschiedene mißlungene Anfstandsvcrsuche hatten sie vorsichtig gemacht. Aber keine Partei hatte das bvnrbonischc Regiment in Sizilien für sich. Kanin einzelne Pfaffen und Mönche waren nicht revolntivnär gesinnt. Der selbstsüchtige Egoismus des regierenden Hauses, das in seinem von Rom aus genährten Legitimitätsdünkcl Versassnngsbrnch auf Versassnngsbrnch und Grausamkeit auf Grausamkeit gehaust hatte, und nach der Art solcher verkommenden Dhnastien nicht einmal in sich einig war, hatte schon seit langer Zeit hier jedes sittliche Band zwischen Regierenden und Regierten ausgelöst und dies Volk dann fast unregierbar gemacht. Die gesamte Beamtenschaft war ganz korrumpiert, die sozialen Grundlagen der Gesellschaft erschüttert. ' Auf fortbestehende mittelalterliche Verhältnisse war der Locke dlapolsoir gepfropft, — die kirchlichen Bestimmungen nur ausgenommen — und so ein Zwitterding von Rcchtszustand geschaffen worden, der nur der Prozeßsncht diente. Beim Ausbrnche der Revolution war zuerst die Polizei verschwunden, die Zivilverwaltnng hatte sv gut wie aufgehört. Weltknndigc Kaufherren, die schon länger als ein Menschenalter in Sizilien gelebt und sich dort große Vermögen erworben hatten, belehrten mich eingehend über diese Zustande. Mein politisches Nachsinnen über die Mittel und Wege, Staaten zu gründen und zu verderben, ist niemals sv lebendig gewesen als in der ersten Zeit in Messina. Über die Zukunft des Landes war man in meiner Umgebung nicht einig. Die einen waren Pessimisten, die anderen glaubten an die Macht der Freiheit. Ein aufgeklärter Absolutismus wäre wohl die beste Regiernngsform für die Insel gewesen. Zu ihr fehlte aber die Hauptsache, die tüchtigen Beamten. Es ist selbst unter dem korrumpierten parlamentarischen Regime nach der einen Richtung hin doch seitdem viel besser, nach der anderen hin allerdings schlimmer in Sizilien geworden. Die so lebendige, mich anlegende Gegenwart fährte mich dann bald anf die Vergangenheit zurück. Znnächst fing ich damit an, Reisebeschreibungen des 18. und 19. Jahrhunderts zu lesen, um mich zu orientieren. Dann begann ich Bücher zu ihr zu sammeln. Im Laufe von fünf Jahren habe ich auch eine Libliotdeca Licula zusammen gebracht, wie später wohl keine in Deutschland bestand. Sie ist erst zerstreut worden, als ich mich überzeugt hatte, daß ich die geplante Geschichte des mittelalterlichen llnteritaliens wegen meiner schwachen Augen doch nicht werde schreiben können. Einzelne besonders seltene Sachen sind nach Berlin und Rom gekommen, die Mehrzahl der Werke dann nach Straßburg. Aber nicht nur um die Gegenwart der Insel aus ihrer Vergangenheit begreifen zu lernen, begann ich sizilische Geschichte zu studieren. Hier wie kaum irgendwo anders wirkt die in den erhaltenen Monumenten der Vergangenheit noch sozusagen präsente Vorzeit aus jedes empfängliche Gemüt durch sich selbst ein. Im Sommer 18l>0 hatte ich nur die nächste Umgebung Messinas gesehen. Bei einem unschuldigen Spaziergange mit Bekannten wäre» wir beinahe von neapolitanischen Wachtposten erschossen worden. Erst am 24. Oktober kam ich nach Taormina. Wer heute dort in den opulenten, znm Teil deutschen Pensionen ein clolce kar irieirte führt, macht sich kaum eine Vorstellung davon, wie man damals hier reiste und dann wohnte, d. h. nicht wohnte. Denn man mußte am Fuße des Tanros in Giardini übernachten. Vielleicht trugen die Unbequemlichkeiten einer solchen Reise mit dazu bei, den mit ihr vcrbundeueu Genuß nur noch zu steigern. Wer im frühesten Morgengrauen von Giardini den steilen und steinigen Fußpfad hinaufgestiegen ist und dann von der Hohe des griechisch-römischen Theaters die ersten Strahlen der aus dem Meere aufsteigenden Sonne das blendendweiße Schncchaupt des Ätna umblitzcn gesehen hat, der mußte jeglichen Sinnes für Natnrschöuheit bar sein, wenn er hier nicht in Entzücken und Bewunderung ausgebrvchen wäre. Ich 21 war damals andächtig dankbar gestimmt, das; mir vergönnt gewesen, solche Herrlichkeit der Erde zu schauen. Stundenlang könnte ich noch heute von dieser Fahrt erzählen. Allein das geht hier nicht an. Nur eine echt sizilische Szene will ich vorführen. Bei unserem Mittagsmahle hatte die schöne sizilische Frau unseres Gastfrenudcs in Mola, einem Felsennestc hoch über Taormina gelegen, herausgebracht, das; ich der Prctc clei Deckesdri von Messina sei. Da forderte sie mich auf, in ihrer benachbarten Kirche eine Messe zn lesen, und ein Ehepaar, das soeben getraut werden solle, zusammen zu geben. Davon werde noch lange hier oben gesprochen werden; ihren Pretc werde sie schon dazu bringen, mich vi- kariereu zu lassen, versicherte sie. Ich konnte der Frau es kaum begreiflich machen, daß das nicht möglich sei. Als dann aber das nengetrautc Paar aus der Kirche kam, reichte sie uns eine kleine Mühle mit Weizen dar; ich sollte die Körner dem Ehepaare nach althellcnischer Sitte in das Gesicht werfen. Da ich hiervon nur spärlichen Gebrauch machte, umkrallte sie mit schnellem festem Griff mein Handgelenk und schlenderte die ganze Hand voll den gerade unmittelbar an mir Herschreitenden heftig ins Gesicht. Ich weis; nicht, ob ihnen dieses Bombardement wirklichen Kindersegen gebracht hat. Seit dieser ersten Taorminafahrt bin ich noch wiederholt tagelang dort oben gewesen, nachdem eine kleine Lo- canda von Floresta eröffnet war. Aber niemals mehr wirkten hier Natur und geschichtliche Erinnerungen wieder auf mich so stark als dieses erste Mal. Hatte ich doch mittlerweile auch die anderen Herrlichkeiten Siziliens gesehen. Im Jahre 1861 hatte ich amtlich zweimal in Catania und einmal in Palermo zu tun. Ich mußte hier acht Tage der Schiffsgclcgenhcit wegen verweilen. Im August bestieg ich unter den denkbar günstigsten Bedingungen den Gipfel des Ätna. Im Frühjahre 1862 bereiste ich mit einem klassisch gebildeten Freunde die Ost- und Südküste der Insel über Catania, Shracns, Terranuova, Girgcnti nach Palermo und 22 zu Schiff zurück. Im Herbst war ich zweimal iu Knla- brieu bis ailf den Moute Aspro, deu höchsten Gipfel des südlichsten kalabrcsischen Waldgebirges, iu dem Garibaldi 1862 sich ergeben mußte. Zwei Jahre spater, 1864, besuchte ich im Früjahre die Nordküste der Insel, von Palermo ausgehend, zu Wagen, auf Maultieren reitend und im Boote auf dem Meere fahrend. Im Herbste war ich iu Taormina und iu Knlabricu aus dem Moute S. Elia, von dem aus mau die herrlichste Aussicht über den sizilischen Sund bis zum Ätna hin und nach Norden iu den großen Olivenwald von Kalabricu hat. Im Februar 1865 machte ich mit Herren, Damen und Kindern, im ganzen 16 Personen, eine sehr vergnügliche dreitägige Fahrt über Taormina zu einer großen Ätna-Eruption unterhalb Piedimontes und trat, nachdem ich am 1. April des Jahres meine Abschiedspredigt gehalten hatte, eine große Schlußreise durch ganz Sizilien an. Von Catania aus umritt ich den Ätna, an dem ich in finstrer Nacht bis zur großartigen Eruption unter dem Moute Frnmento hinaufstieg, ruhte mich in Taormina aus, besuchte die Liparischcn Inseln, fuhr dann nach Shracus, wo ich in der Latomie des Marchese Landolina-Jnterlandi die fast an der Oberfläche liegenden Gebeine des Dichters A. von Platen eigenhändig nach und nach von Wurzelwerk reinigte, in der neuen, vorbereiteten Gruft in einem Steinsargc hermetisch verschloß und damit den Grundstein zu dem von mir angeregten Denkmale des hier verstorbenen Grafen legte. Ein Münchener Hanpt- komitec von Freunden des Dichters stellte bedeutende Mittel zur Verfügung. — Von da fuhr ich zu Schiff nach Scincca, besuchte Selinunt und Marsala, ging von hier über die Insel Pantellaria nach Tunis hinüber, studierte die Ruinen Karthagos und seiner Umgebung und bestieg, nach Sizilien zurückgekehrt, den Monte Sau Giuliano, den Erhx der alten Welt, mit seinen kolossalen Mauerrestcn und den Trümmern des internationalen Venustempcls. Über Segcsta kam ich glücklich in Palermo an. Ich fand hier die Straßen der 23 Räuberbanden wegen militärisch übernmcht, setzte eibcr die Reise von hier durch das Innere der Insel über Castro Giovanni, das alte Enna, nach Catania doch fort. Da überfiel auf der Sccsa von Vicari eine Bande renitenter sizilischer Rekruten in der Nacht des 20. Mai unsere beiden Postwagen, schoß die Pferde tot und raubte uns aus. Die herzu- sprcugeudeu Karabiuicri befreiten uns jedoch bald aus der sehr peniblen Lage. Als ich dem Amtsrichter in Villafrnti (?) das Protokoll über das Vorkommnis diktierte, meinte er, ich müsse wohl ans einem Lande sein, in dem dergleichen öfters vorkomme, da ich alles so ruhig erzählen könne. Ane 23. Mai kam ich wohlbehalten, nur nm mein absichtlich schwach bestelltes Portemonnaie, aber auch um die Taschenuhr, die mir mein Vater zur Konfirmation geschenkt hatte, erleichtert, in Mcssina an. -Obgleich man die Bande kurz darauf gefaßt hatte, habe ich nichts wieder bekommen. „Alles das ist jetzt in die Hände der staatlichen Briganti (bri§anti clel AovLriro) gefallen," sagte mir ein Amtsrichter in Messina, mit dem ich offiziell über die Sache zu verhandeln hatte. Ich habe diese meine sizilischcn Fahrten hier zusammengestellt, um damit den Beweis zu erbringen, daß nachdem ich die Geschichte Siziliens, soweit es die damals vorhandenen Hilfsmittel gestatteten, studiert und Land und Leute kennen gelernt hatte, ich Wohl ein Recht darauf hatte, über die Verhältnisse Siziliens ein Wort mit zu reden. Das habe ich denn auch in politischen Korrespondenzen, in der offiziösen Berliner sogenannten Sternzcitung, namentlich aber in Berichten und Aufsätzen in den Preußischen Jahrbüchern getan, die von 1860 an in Intervallen erschienen sind. Ich würde noch mehr geschrieben haben, wenn mich nicht ein Unglück getroffen Hütte. Der freundliche Leser dieser Zeilen hat vielleicht bemerkt, daß für das Jahr 1863 keine Fahrt durch Sizilien angemerkt ist. In ihm wurde ich nämlich schwer augenkrank und mußte nach Deutschland reisen, um mich hier rationell be- handeln zu lassen. Ich verließ Mcssina am 25. Mai mit Urlaub für den Sommer und kam erst am 3. November zurück. In Marburg und Heidelberg, wo ich mich von Knapp untersuchen ließ, wurde übereinstimmend eine Entzündung der Aderhaut, ein Chorioiditis, konstatiert, große Schonung empfohlen und lokale Blutentzichung verordnet. So unendlich schwer es mir wurde, habe ich mich ein halbes Jahr lang, nichts lesend und strenge Diät beobachtend, bei Verwandten und Freunden in Deutschland herumgetrieben, namentlich in Marburg bei meinem Bruder Theodor mich aufgehalten. Von hier aus besuchte ich auch am 21. August die große Versammlung deutscher Abgeordneter in Frankfurt a. M., die zu den Beschlüssen des gleichzeitig tagenden deutschen Fürstentages Stellung nehmen wollten. — Glücklicherweise ging die Erkrankung der Augen nach und nach zurück und ihre Sehkraft hob sich sogar wieder. Später meinte Alfred Graefe, wenn mich Knapp damals meine gewohnte Brille hätte wieder tragen lassen, so würde vielleicht ein Rezidiv vermieden worden sein! Zwölf Jahre habe ich dann ohne Brille gelesen und geschrieben, — und es war dessen nicht wenig, — bis das Elend 1876 von neuem losbrach, aber auch damals wieder gnädig, wenn auch nicht spurlos, an mir vorüberging. Große, weit aussehende literarische Pläne habe ich aber schon seit meinem 33. Lebensjahre, als die volle Schaffensfreude über mich gekommen war, und meine Arbeiten in weiteren Kreisen sich Beifall errangen, fallen lassen müssen. Nur einzelne Bruchstücke der Studien zur mittelalterlichen Geschichte Siziliens habe ich günstige Momente, sozusagen stehlend, ausführen können, und nichts mehr unternehmen dürfen, was ich nicht jeden Tag wieder abbrechen konnte. Doch ist es mir vergönnt worden, noch manches zu schaffen, was anderen und mir Vergnügen gemacht, sich in der Literatur behauptet und Nutzen gebracht hat. Ich bin dafür immer darkbar gewesen und habe meinem Geschicke nicht gegrollt. In Sizilien lernt man auch sich zu 25 bescheiden. Hat doch schon Cicero im Hinblick ans die zahllosen Rninenstädte der Insel ausgerufen: Hern iros lroinun- culi e>ui iirckiAirainur, 5i c>uis irostrum interne ant occisus est, c^unin uno loco tot oppickornin cackaveru prosecta saceant! Die erste größere Arbeit, die ich wieder übernahm, war die Herstellung eines Reisehandbuches für Sizilien für die Bädekersche Sammlung. Im Sommer l865, den ich noch in Messina als Gast der mir nahe befreundeten Familie Sarauw verbrachte, habe ich die unendliche Masse von Notizen über Sizilien, Tunis und einige Routen Unteritaliens in 21/2 Monaten zu Papier gebracht. K. Bädeker der Jüngere holte dann das Manuskript ab, auf Grund dessen er dann selbst in Sizilien reiste und die Wirtshäuser inspizierte. Am 28. August 1865 verließ ich darauf Sizilien, um die Reise durch Italien nach der Heimat anzutreten. Ich hatte mich schon von Messina aus um die zweite erledigte Stelle an dem Kasseler Staatsarchiv gemeldet, eine Stelle, die damals wie alle Archivar-stellen in Kurhessen so ziemlich als Sinekure galt. Da die zweite Stelle so besetzt worden war, daß dadurch die dritte frei wurde, meldete ich mich um diese, erhielt aber keine Antwort. Um so langsamer konnte ich meine Reise nach dem Norden fortsetzen. Ich besuchte zunächst Neapel und dessen nähere und entferntere Umgebung, bestieg den Besuv, der mir gegen den Ätna etwas winzig vorkam, Jschia usw. Über Caserta und Moutecnssiuo, wo ich einen hessischen, von Haus aus protestantischen Landsmann traf, der seit 1897 Abt des weltberühmten Klosters geworden ist, und den damaligen Fürstabt Tosti kennen lernte, ging es nach Rom. Dort verbrachte ich in der Cnsa Tarpea einen glücklichen Herbstmonat. Wenn es regnete, las ich I. Burckhardts Kultur der Renaissance. Durch meine hessischen Landsleutc, die Maler und Bildhauer JlMe, Kanpert, Gerhard und Ludwig in die Küustlerkreise eingeführt, lernte ich Böcklin, Dreber, Schöpf und andere kennen und spielte manchen Abend in 26 der unvergeßlichen Villa Malta bei billiger deutscher Ver- köstiguiig und gutem Rotwein doccün mit. Dann ging es, mit einem diplomatischen Passe versehen, da ich eine Depesche der preußischen Gesandtschaft in Angelegenheit der Kölner Erzbischofswahl bis zur Grenze des Kirchenstaates bei mir hatte, über Pisa nach Florenz. Bald Ware ich hier hängen geblieben. Die Stadt stand damals in ihrem Nmwandlnngsprozesse znr Hauptstadt Italiens. Überall wurde gezimmert und gehämmert; im Palazzo vecchio und den Uffizien sollten die parlamentarischen Körperschaften untergebracht werden. Da ich mit dein damaligen Minister des Innern, Baron Natoli, von Messina her näher bekannt war, auch an den preußischen Gesandten, Herrn von üscdom, schon früher eine Empfehlung Max Dunckers erhalten hatte, kam ich auf die Idee, in Florenz als Zeitnngskorrespondent zu bleiben. Ich fürchtete mich vor dem deutschen Winter. Doch zerschlugen sich zu meinem Glücke die mit einem großen liberalen Blatte Deutschlands angeknüpften Verhandlungen, und ich reiste über Bologna, Ferrara und Venedig der Heimat zu. Ich ärgerte mich noch, daß ich in den: damals noch österreichischen Verona kein Eisenbahn- billett nach der deutschen Stadt Bozen, sondern nur nach Bolzano erhalten konnte. Über den Brenner dauerte die Pvstfahrt bis Innsbruck eine Stacht und fast einen ganzen Tag. An: 30. Oktober kam ich in München an, wo ich einen längeren Aufenthalt nehmen und den Freunden Platens in: Liebigschen Auditorium Bericht über die Denkmalangclegenhcit erstatten mußte. Ich habe niemals vor einer vornehmeren Zuhörerschaft gesprochen und lernte dadurch viele höchst interessante Männer persönlich kennen. Liebig forschte mich stundenlang über die sizilischen Agrarvcrhältnisse aus, mit Giesebrecht hatte ich eingehende Gespräche über geschichtliche und politische Dinge, mit Pfcufer, Geibcl, Bodenstedt, die mich in die Gesellschaft der Krokodille mitnahmen, war der Verkehr sehr angenehm. Auch bei I. Braun, den ich mit seiner schönen und liebenswürdigen Frau in Rom kennen 27 gelernt hatte, verlebte ich eine» interessanten Abend. Als wir in Rom einmal von der Fürstin Wittgenstcin in reservierten Räumen des Vatikans herumgeführt wurden, erschienen die berühmtesten Kardinäle der damaligen Zeit, Antonelli und Merode, offenbar nur um die deutsche Schönheit zu bewundern. Mir trug das das Vergnügen ein, die frommen Kir- chenfürsten in der Nähe zu sehen. Von München zog ich über Hanan, Frankfurt, Marburg, wo ich meinen Geburtstag feierte, zu meinem Bruder nach Kassel, der damals eine Dienstwohnung im Hessenstcinschen Palais hatte, und langte am 1. Dezember 1865 in Witzcn- hnnsen an. Dort wohnte meine Schwester Mathilde, die mit dem Zigarrenfabrikanten Wilhelm Joseph verheiratet war, und meine Tante. Bei ihnen wollte ich den Winter über arbeiten und die Entwickelung meiner Persönlichen Geschicke abwarten und fördern. Es war zunächst »reine Absicht, eine Sammlung meiner Sizilien betreffenden schon gedruckten Aufsätze zu veranstalten und zu ihnen einige neue zu schreiben, so daß ich die Geschichte der Insel nach einigen ihrer wichtigsten Seiten hin auf Grund meiner Studien bis zu der dort von mir selbst erlebten Gegenwart vorlegen könne. Sobald meine Bücher, die den Seeweg über Hamburg gemacht hatten, angekommen waren, setzte ich mich fleißig an die Arbeit. Der überaus > milde Winter von 1865/66 brachte mir auch nur geringe Beschwerden. Das Bedürfnis, mich wenigstens mit einem wissenschaftlich hochgebildeten Manne zu unterhalten, konnte ich in Witzenhansen auch befriedigen. Es lebte dort ein scharfsinniger Sanskritkcnner, Dr. Bollenscn, der in Rußland Professor und Bibliothekar gewesen war. Die Nähe Göttingens gestattete mir auch Wanderungen dorthin zu unternehmen. Als ich dort G. Waitz aufsuchte, empfing er mich sehr freundlich und sagte: Wissen Sie denn, daß wir Sie einmal hierher haben berufen wollen? Da ich dieses verneinen konnte, erzählte er, daß er und A. Dörner, den ich 1855 kennen 28 gelernt hatte, mich anf Grund meiner Arbeiten als Professor für Kirchengeschichte ins Auge gefasst hätten, von der Durchführung des Planes aber hätten Abstand nehmen müssen, da ich reformierten Bekenntnisses sei. Wie weit die Sache gediehen war, weiß ich nicht. Sie muß aber doch schon über die Anfangsstadien hinaus gewesen sein. Denn Waitz stellte mich in der Bibliothek H. Sanppe als den Dr. Hartwig vor, welchen sie einmal hätten berufen wollen. Erfreute mich nach der einen Seite hin doch diese fehlgeschlagcne Berufung, so zeigte sie mir auch wieder die schöne Situation, in der ich mich befand. Im Auslande galt ich als Reformierter, im Jn- lande bei der herrschenden Cliguc war ich als Liberaler und Reformierter nicht möglich. Dazu kam jetzt noch ein anderes. „Glauben Sie denn," sagte ein Ministerialvorstand einem meiner Kasseler Freunde, der sich bei ihm nach meinen Aussichten erkundigt hatte, „Königliche Hoheit werden einen Mann, der fünf Jahre in dem revolutionären Italien gelebt hat, an dem Archive seines Hauses anstellen?" Vielleicht hätte er es doch getan, wenn auch nur um seine Minister mit Lügen zu strafen, wenn ich mich direkt an ihn gewendet hätte. Das wollte ich aber nicht. Wahrscheinlich hätte es auch nichts geholfen. Denn es wurde eben damals in Hessen viele Wochen lang gar nicht regiert. Das deutete mir persönlich ein anderer Ministerial- vorstand an, an den ich von einem gemeinsamen Bekannten empfohlen war. Der Mann, zur Führung des Ministeriums des Innern berufen, hatte sich in Kassel gar kein Privatlogis nehmen wollen, sondern hauste in einem Gasthofc. Als ich mich dort bei ihm anmelden ließ und ins Zimmer geführt wurde, verließ die Frau des Ministers wider Willen im tiefsten Neglige den Staatslenker und ich zog kurz darauf unverrich- teter Sache zur anderen Türe wieder hinaus. Ich lebte provisorisch in Witzenhanscn weiter, mit immer lebhafterer Spannung der Entwickelung der allgemeinen Zustände in Hessen und Deutschland folgend. 29 Die Zustände Knrhessens drängten schon seit Jahren auf eine radikale Entscheidung hin. Das Staatswescn war wipfeldürr geworden, während die Wnrzelfäule die Volkskraft noch nicht tief angefressen hatte. Sie stagnierte schon seit Jahrzehnten, nicht gefördert, sondern eher in jeder Weise gehemmt oon oben und verzehrte sich in trostlosen Verfassnngs- kämpfen, die von feiten des Kurfürsten in letzter Instanz nur geführt wurden, um für sich und seine nicht thronberechtigtcn Kinder so viel Geld als nur möglich aus dem schon reichlich ausgeplünderten Lande herauszuschlagen. Als nun im Frühjahr 1860 die deutsche Frage aufgerollt wurde, stand für mich nur das eine fest, daß, mochte dieselbe gelöst werden, wie sie wolle, das Ende des Knrstantes besiegelt sei. Doch ich habe nicht nötig, hier auf diese Dinge zurückzukommen, die ich schon einmal im Zusammenhange, wenn auch nicht so gründlich, als ich könnte, in meinen „Knrhcssischen Erinnerungen" im Jahre 1895') behandelt habe. Die immer bedrohlicher heraufziehende deutsche Krisis störte mich dann doch immer stärker in meinen Arbeiten. Schon in Italien hatte ich von unterrichteter Seite gehört, daß es demnächst zwischen Preußen und Österreich znm Kriege kommen werde. Die ganze Zukunft unseres Volkes schien mir auf dem Spiele zu stehen. Solange als der Kampf noch nicht ansgebrvchen war, hielt ich dafür, daß es patriotisch gehandelt sei, wenn man gegen den Bruderkrieg wirke. War doch auch das Vorgehen des Herrn von Bismarck in Preußen und in Schleswig-Holstein nicht darnach angetan, mich für ihn zu begeistern und das von ihm beherrschte Preußen, um dessen Vergrößerung es ihm damals offenbar ganz allein zu tun war, als das Ideal eines nationaldeutschen modernen Staatswesens erscheinen zu lassen. Ich schrieb in diesem Sinne einige Artikel in das „Frankfurter Journal", von denen die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hartnäckig behauptete, der Privat- I) Bergt, die hier später folgenden Aufsätze. 30 sekretär des Herzogs von Koburg, Dr. Tempcltey, habe sie verfaßt! Ich kannte diesen Herrn gar nicht. Als dann aber der Krieg ausgebrvchen war, konnte es für mich keinen Augenblick zweifelhaft sein, anf welche Seite ich mich als deutscher Patriot und Protestant zu stellen hatte. Es ist mir stets unbegreiflich geblieben, wie ehrliche patriotische Liberale, die nur einen Funken politischen Sinnes hatten, bei Entscheidung dieser Frage hatten zweifelhaft sein können. Es konnte uns nur darauf ankommen, den Ausgang des unvermeidlich gewordenen Krieges nach Kräften so zu verwerten, daß doch etwas für Deutschland Ersprießliches dabei herauskomme. Hierin war ich auch mit Friedrich Oetker einig, den ich damals in Kassel kennen und schätzen lernte. Nur ging mir, dem „Stvckhesscn", der ehrlose Znsammenbrnch des alten Kurhessischen Staatswesens doch vielleicht näher als ihm, der alles nur zu sehr von der formell juristischen Seite auffaßte. Meine Aufregung über den Ansbrnch des Krieges steigerte sich noch, als in meiner nächsten Nähe, unter dem Arenstein bei Witzenhansen, das erste Blut in ihm floß. Eine preußische Hnsareupatrouille uuter einem Rittmeister Hnndt von Hassten war in einen Zug schwerer hauuoverscher Kavallerie geraten und versprengt worden. Kurze Zeit nach denn Rencontre war ich znr Stelle und sah die vom Blute deutscher Krieger getränkte Stelle der Landstraße. Von da an konnte ich nicht mehr zu einem ruhigen Studium sizilischer Geschichte kommen, schrieb Korrespondenzen an verschiedene Zeitungen und entwickelte in einem Briefe an die „Preußischen Jahrbücher" meine Ansichten über die Zukunft Knrhessens. Meine persönlichen Geschicke sollten nun auch rasch eine andere Wendung nehmen. Nachdem der Regierungspräsident von Möller als Administrator von Knrhcssen im Namen des Königs von Preußen die Regierungsgewalt an sich genommen hatte, hätte ich diesen leicht um die noch unbesetzte Stelle am Staatsarchiv bitten können. Aber es widerstrebte meinem Gefühle, aus dem Ruin des alten Staatswesens meiner Heimat sofort persönliche 31 Vorteile herauszuschlagen. Anders empfand mein althessischer Konkurrent. Mein Bruder schrieb mir, wenn ich noch etwas erreichen wolle, müsse ich mich eilen. Ich ging nach Kassel und setzte Herrn von Möller die Sachlage auseinander. Er bedauerte, mir nicht mehr helfen zu können, denn an dem Morgen desselben Tages habe er das Anstellnngsdekret meines Konkurrenten unterschrieben, er wolle mir aber, als von Max Dnncker an ihn empfohlen, gern gefällig sein. Als ich ihm sagte, er möge mich an ein Gymnasium versetzen, wozu ich nach alter Tradition als ehemaliger Repetent ein gewisses Anrecht habe, versprach er mir das. Am 1. Angnst zog ich dann wirklich als Gymnasial-Hilfslehrer mit 1500 M. Gehalt nach Rinteln. Es sind zehn erfreuliche Monate gewesen, die ich in dein alten Univcrsitätsstädtchen an der Weser verbracht habe, obwohl ich nur eine noch dazu recht erbärmliche Jnnggesellen- wohnung in ihm finden konnte. Das Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen und eine bestimmte Aufgabe vor mir zu haben, trug wohl dazu bei, meine Stimmung zu heben und mich geschickt zur Arbeit zu machen. Der Gymnasial- dircktor Rieß, ein vielseitig gebildeter, ausgezeichneter Mann, nahm mich freundlich auf, und bald hatte ich mich in den neuen Beruf gefunden. Nach einer Seite hin waren die Zustände des Gymnasiums ideale zu nennen. Ich wurde Ordinarius in Quinta, der stärksten Klasse der Schule. Denn sie hatte 18 Schüler! die Realtertia hatte deren nur 5! Waren diese nun auch im allgemeinen nicht sehr begabt und etwas langsam, so hatte man doch mit der Disziplin keine Schwierigkeiten und brauchte nicht allzuviel häusliche Arbeiten aufzugeben. Denn man konnte die Aufmerksamkeit während des Unterrichts leicht erzwingen und sparte damit den Schülern Zeit und Mühe für die Präparation. Ich gab lateinischen, deutschen und Religionsunterricht in den unteren Klassen, von Ostern 1867 an Geschichte in den oberen. Mein Verhältnis zu den Lehrern, die sämtlich alter waren als ich, war 32 ein recht freundliches, und unter den Beamten der Stadt fand ich bald auch ansprechenden Verkehr. Ich hatte dort einen Verbindungsfreund, der damals Obergerichtsassessor, jetzt Landgerichtspräsident in Hanan ist, L. Koppen, vorgefunden, mit dem ich bei dem Gastwirt Bornemann, dein Schwager von Franz von Dingclstedt, wie ich gleich bei der ersten Begegnung erfuhr, — zu Mittag aß. Am Abend speisten wir abwechselnd auf unseren Stuben. An den Stadtkommandanten Oberst Weiß, einen tüchtigen Soldaten und sehr liebenswürdigen Gesellschafter, war ich empfohlen. Auch mit ihm wurde der Verkehr bald ein sehr freundschaftlicher. Er hatte Zeit genug. Denn die einzige Arbeit, die ihm sein Amt in vielen Jahren auferlegt habe, hatte darin bestanden, wie er selbst sehr launig erzählte, den italienischen Verschwörer Giuseppe Mazzini, der auf einem Weserdampfboote Rinteln passieren sollte, zu verhaften. Weiß war nahe daran gewesen, einen schwarzhaarigen Kandidaten der evangelischen Theologie dafür zu halten und seinem Gendarmen zu übergeben, hatte schließlich aber doch davon Abstand genommen, weil Pseudo-Maz- zini einen zu echten hannoverschen Dialekt sprach. Der Gen- darm war auch froh, dem Dolch des Italieners entgangen zn sein. Ihn hatte der Festnngskommandant erst von dem Landrate requirieren müssen. Denn es gab keinen einzigen Soldaten in der Festung mehr, die schon von dem Könige Jerome geschleift, nur noch auf dem Papiere fortbestand, um dem Kurfürsten die Möglichkeit zu schaffen, einen ihm besonders mißliebigen höheren tüchtigen Offizier als Kommandanten in die Verbannung dorthin zu schicken. Rieß, Koppen, Weiß und drei andere Herren hatten ein literarisches Kränzchen, in das ich aufgenommen wurde und in dem ich manche vergnügte Stunde verbracht habe. Da die Schularbeit mich nicht allzusehr drückte, — konnte ich doch die wöchentlichen Korrekturen Sonnabends von 11'bis l'Z Uhr erledigen —, so nahm ich die Schriftstellcrei bald wieder auf, verfaßte, von den politischen Veränderungen weiter lebhaft ergriffen. 33 Korrespondenzen und Leitartikel für die Weserzeitung, schrieb Briefe Wilhelm von Humboldts ab, die ich in dem Privat- archive einer Rinteln benachbarten hochinteressanten adligen Familie gefunden hatte, und ließ sie in den Preußischen Jahrbüchern drucken. Auch an meinen sizilischen Aufsätzen schrieb ich weiter. Als mir mein Direktor vor Ende des Sommerseinesters seine Befürchtung aussprach, der Kollege, der das Osterprogramm zu schreiben habe, werde, wie gewöhnlich, nicht damit fertig werden, unternahm ich, auch dieses zu verfassen. So entstand meine Ausgabe des ältesten Stadtrechtcs von Messina, das, mit einer rechtsgeschichtlichcn Einleitung versehen, als erstes Heft eines Lockex juris ir>unicipali5 Liciliae erschienen ist. Ich hatte mir nämlich die ältesten, zum Teil sehr seltenen Ausgaben der Stadtrechtc von Sizilien mitgebracht und von den ungedruckten Statuten Abschriften aus dem Palermitaner Staatsarchiv erhalten. Ich habe später dieses gesamte Material dem gelehrten Rechtshistoriker W. von Brünneck, der in Halle an der Bibliothek als Volontär arbeitete und jetzt dort als ordentlicher Honorarprofessor wirkt, zur Verfügung gestellt. Er hat dann 1881 auf Grund hiervon sein schönes Werk: „Siziliens mittelalterliche Stadtrechte" erscheinen lassen. Mit meiner damaligen Studie hingen noch einige andere Arbeiten zusammen, die 1866—67 ausgeführt wurden. Ich meine hier den Aufsatz: „Eine Konstitution König Konrads I V." in den „Forschungen zur deutschen Geschichte", ferner die „Beiträge zur Geschichte Siziliens im Mittclaltcr" im 20. Bande von Sybels „Historischer Zeitschrift", ferner den Essay: „Kaiser Heinrich VI. und die Geschichtsschreibung" in Gelzcrs „Protestantischen Monatsblättern", der im Anschlüsse an Th. Toechcs Werk über diesen Kaiser dessen geschichtliche Stellung zu zeichnen sucht. Während ich so in Rinteln nicht feierte, beschäftigte mich noch dazu eine für mich viel wichtigere Angelegenheit weit tiefer. Bei meinen unsicheren Lebensverhältnisscn hatte ich bisher nicht daran denken können, mich zu verloben oder gar Hartwig. AuS dem Lebe». 3 34 zu verheiraten. Sobald meine Zukunft einigermaßen in festere Bahnen einzulenken schien, beschloß ich, mich um die Hand meiner lieben Frau, Marie Müller, die ich schon in Marburg als Repetent gekannt hatte, zu bewerben. Sie war die Tochter des in Marburg 1850 gestorbenen Obergerichtsdirektors I. I. Müller und dessen zweiter Ehefrau geb. Wegner und lebte 1866 in Kassel bei einer damals schon verwitweten Schwester Henriette von Ran. Ihre Familie gehörte dem guten althessischen Beamtenstande an und zählte unter ihren Vorfahren u. a. auch eine Schwester Philipp Melanchthons. Im Herbst 1866 verlobten wir uns. Noch heute habe ich das große Glück, meine Frau an meiner Seite zu haben. Fünf Kinder wurden uns in der Ehe geschenkt, von denen uns leider vier in frühesten und frühen Jahren entrissen worden sind. Da ich 1866 noch nicht definitiv angestellt worden war, wollte ich nicht eher in die Ehe treten, als bis meine Existenz vollständig gesichert sei. Ich schrieb deshalb an den vortragenden Rat im preußischen Unterrichtsministerium 1). Ludwig Wiese und bat um feste Anstellung, während der Direktor Rieß meine Angelegenheit in Kassel offiziell betrieb. Schon sah ich mich in Rinteln nach einer Wohnung um, als eine abermalige und dieses Mal eine dauernde Wendung meiner Geschicke eintrat. Mein früherer Lehrer und Vorgesetzter, der Professor und Bibliothekar Dr. E. L. Th. Henke in Marburg, schrieb an mich, ob ich das durch den Tod des Professors Dr. K. Vorländer frei gewordene Sekretariat an der Marburger Universitätsbibliothek übernehmen wollte; es sei freilich nur mit 1800 Mk. jährlich dotiert und ich hätte täglich 4—5 Dienststunden, doch sei jetzt wohl Aussicht auf eine Aufbesserung vorhanden. Ohne Bedenken nahm ich an, nnd Geh. Rat Dr. I. Olshausen, der Referent in preußischen Universitätsangelegenheiten, schrieb mir in einem sehr freundlichen Briefe, ich könne der Ernennung sicher sein. Wäre dieser Zwischenfall nicht eingetreten, so würde ich als zweiter 35 Lehrer an ein altprenßisches Gymnasium versetzt worden sein, hörte ich später. Obgleich ich mit meiner Stellung in Rin- teln sehr zufrieden war und mir auch die Liebe meiner Schüler so erworben hatte, daß sie mir einen Lampion-Fackelzug bei meinem Abschied brachten, reiste ich vergnügt zu Pfingsten nach Marburg ab. In Hannöversch Münden traf ich mit meiner Braut und zufällig mit G. Waitz zusammen, der zu Fuß dort hingegangen war, mir herzlich gratulierte und zuredete, mich in Marburg noch zu habilitieren. — In Rinteln hat sich dann bald nach meinem Weggange am Gymnasium gar vieles geändert. Alle damaligen Kollegen sind jetzt schon tot. Bei dieser Gelegenheit überlege ich, daß von allen meinen Lehrern auf der Schule und Universität nur noch Ed. Heller lebt, den ich noch kürzlich in Stuttgart munter und frisch gefunden habe. Von R. Haym, bei dem ich in Halle nur hospitiert hatte, und mit dem ich seit 1860 durch die Preußischen Jahrbücher in Verbindung, und seit 1876 in immer mehr wachsenden freundschaftlichen Verkehr gekommen war, erhielt ich, während ich diese Zeilen schrieb (Juni 1899), einen ausführlichen Brief, der den 78jährigen Gelehrten noch in bester Kraft stehend zeigt. Noch liest er in Halle vor Hunderten von Zuhörern und hofft das hundertste Semester seiner akademischen Tätigkeit zu erreichen. (I O. b. v.! — Diese beiden Philosophen sind also noch die einzigen Repräsentanten der Männer, unter deren Führung ich meine Lehrjahre durchgemacht habe. Von der Generation, mit der mich meine Wanderjahre in Italien in Beziehung gebracht hatten, fand ich 1897 in Florenz und Rom nur noch drei, Böcklin, Gerhard und W. Helbig. 3 -, 2. Marburg vor einem halben Jahrhundert. (Bruchstück aus einer Selbstbiographie.) Am Nachmittage des 2. Mai 1850 kam ich iu Marburg au, nachdem tags zuvor die Strecke der Main-Weser- bahn von Kassel nach Marburg dem Verkehre übergeben worden war. Von hier nach dem Süden wurde die Bahn erst spater eröffnet. Die damals ankommenden Passagiere, die weiter wollten, mußten sehen, wie sie in allen möglichen und unmöglichen Vehikeln fortkamen. So sah ich um Pfingsten herum den berühmten General I. von Radowitz mit dem sogenannten Siebenmonatskindc oder Bahnhofsriesen, der als Portier fungierte, eifrig parlamcntiercn, um einen Wagen zu bekommen, der ihn wegen eines Trauerfalls iu der Familie rasch nach Frankfurt beziehungsweise Friedberg bringen solle. Das Haupthindernis der Bahnvollcndung lag nämlich zwischen Gießen und Butzbach, wo man an einer Stelle in Treibsand geraten war. Auf mich machte es damals einen fast komischen Eindruck, daß der steife Diplomat den Riesen mit „Mein Kind", anredete, um dessen Schritte zu beschleunigen. Der Bahnhof von Marburg lag iu jener Zeit noch mitten im Felde, einige Hundert Schritte von der hohen und schmalen Lahnbrücke, die in einem Bogen die Lahn übersetzte. Über sie war bisher der ganze Straßenverkehr gegangen, der sich auf der großen Route von Kassel nach Frankfurt bewegte. Da bei Hochwasser die Brücke den ganzen Wasserschwall nicht dnrchlassen konnte, so hatte man von ihr nach dein Stadt- eingange zu einen hoheu Damm für die Straße ausgemauert, uuter dem Kanäle das Wasser durchströmeu ließe». Liuks uud rechts von diesem Damm staudcu alte prächtige Kasta- uieubäume, die dcu Vordergrund des Stadtbildes mit der Angnstenruhe, dcu Türme» der Elisabethkirche uud dem hochgelegene» Schlosse liuks darüber bildete». Um so weniger erfreulich sah es unmittelbar zu den beide» Seite» des Dammes aus. Hier breitete» sich wüste Kiesfelder aus, in deren Lache», namentlich uuter den Durchlässen der Straße, sich im Sommer die „borstige Rüsselherde" Marburgs, mit der vor kurzem der Gymuasialdirektor der Stadt in einer seiner Schulredcu „die Zeitideen" verglichen hatte, sich grunzend uud quiekend gütlich taten. Denn jeden Morgen zog damals noch der lauge Mai, der göttliche Sauhirtc und Hüter der Nachtruhe Marburgs, auf seinem kleinen Horn blasend uud mit langer Peitsche knallend, durch die Straßen der Stadt, um die ihm anvertraute, keineswegs unbeträchtliche Herde auf den „Sauraseu", d. h. das Schvdderfeld neben unserer Straße, oder auf den „Kümpfraseu" zu treiben. Aus dein „Sauraseu" ist jetzt die „Rosenstraße" geworden, die schönen Kasta- uieubüume längs des Dammes sind gefallen, um modernen Bauten Platz zu machen, und, wo einst ein niedriges Haus, der sogenannte „haarige Ranzen", stand, in dem das Korps der Hasso-Nassoven damals seine Kneipe hatte, sind jetzt Neubauten, darunter eine Maschinenfabrik, erwachsen. Jenseits der Lahn, deren seichtes Wasser man im Sommer auf Schrittsteinen oberhalb der Brücke leicht durchquerte, lugte deutlicher als jetzt noch der „Kalte Frosch", ein kleines Landgut mit Sommerwirtschaft, aus den Obstbäumen hervor. Das waren die einzigen Gebäude vor der Stadt bis auf die Lotzsche Mühle, die rechts von der Straße um den Mühlen- arm etwas rückwärts vor dem Stadttore liegt, während links die sogenannte Insel, der ehemalige Fasanenhos der Dcntsch- Ordensherren, sich mit seinem niedrigen Gebäude hinter Garten und Obstanlage versteckte. Wenn man jetzt von dein Portale des Bahnhofs aus, in die lange Bahnhofstraßc mit ihren hohen Mietskasernen blickend, in eine Volk- und Verkehrreiche Stadt hinein zu schauen glauben könnte, sah man damals eine stille hochgebaute Stadt mit einem ihrer ganzen sonstigen Anlage entsprechenden ländlich malerischen Eingänge vor sich. Die Anlage des Bahnhofs, ein gutes Stück vor dem Nordende der schon so weit ausgedehnten Stadt, ist für deren Entwicklung verhängnisvoll geworden. Daß sie nicht zweckmäßig war, beweist schon allein die Tatsache zur Genüge, daß die Bahnverwaltung es doch für nötig gefunden hat, wenige Kilometer südlich von dem alten Bahnhöfe einen neuen kleineren für den Lokalverkehr anzulegen. Wäre der Bahnhof von Anfang an näher dem Zentrum der Stadt, nördlich oder südlich der Vorstadt Weidenhausen, erbaut worden, so würde die Stadt sich nicht noch weiter ganz unnatürlich und noch dazu teilweise in das Überschwemmungsgebiet der Lahn ausgedehnt haben und ihr große Kosten erspart worden sein. Man hat deshalb die Anlage auf persönliche und nicht- sachliche Gründe zurückgeführt. Es wurde allgemein erzählt, der Großwirt „zum Ritter" habe dem Oberingenieur des Eisenbahnbans, dein Belgier Splingard, bei einem lukullischen Male, das mit Sekt reichlich begossen war, die Entscheidung abgeschwatzt, den Bahnhof vor dem Nordende der Stadt, in günstiger Lage für seinen Gasthof, anzulegen. In der Tat haben nur die am Nordende erbauten Gasthöfe Vorteile von der unglücklichen Lage des Bahnhofs gezogen, den größten aber der Besitzer des ehemaligen Deutschordensgutes, auf dessen Grund und Boden nicht nur der Bahnhof sondern eine ganze Anzahl Privater und staatlicher Häuser erbaut werden mußten, für die die Nähe des Bahnhofs wünschenswert, ja notwendig war. Ich war bis dahin nie in Marburg gewesen und hatte hier auch keine mir näher bekannte Familie, bei der ich am 2. Mai 1850 hätte absteigen können. Ich war deshalb entschlossen, meine erste Nacht in einem Gasthofc der Museustadt zuzubringen. Aber der Zufall wollte es anders. In Treysa stieg ein alter Schulfreund in mein Coupe, der mit mir das Maturitätsexamen gemacht hatte, und nun auch in Marburg studieren wollte. Er hatte sich dort schon ein Logis besorgen lassen und lud mich ein, bei ihm die erste Nacht zuzubringen. Er konnte es um so leichter, als er mit einem Vetter zusam- menwohnte, dessen Bett noch leer stand. Ich nahin die Einladung dankbar an und so zogen wir dann freudig bewegt in Marburg ein. Ich war sehr gespannt auf die Stadt. Sie imponierte mir, als wir sie durch das Elisabethtor betraten. Da standen zwei, wenn auch nicht lange Reihen immerhin stattlicher Häuser. Unmittelbar rechts unter dem Berge lag ein großes Gasthaus, damals „Europäischer Hof" genannt. Ihm gegenüber machten einige ueugebante Häuser einen freundlichen Eindruck. Und dann die herrliche Elisabethenkirche, das Prachtportal von zwei schlank wie kristallinisch aufsteigenden Türmen flankiert! Der „Zahn der Zeit" schien an ihnen vergeblich genagt zu haben. Ich vergesse den Eindruck nie, den sie damals auf mich gemacht haben. Daß er sich immer wiederholt, so oft ich an ihr vorübergehe, beweist, wie tief er war. Gewiß, man hat wohlgetan, daß man ihre Umgebung in einen kleinen Park verwandelt und das niedrige Wirtshaus des Eisenkepplers mit dem ständigen Gaste, dem alten Fechtmeister Harms, dem Waterlvokämpfcr, abgetragen hat. Aber so etwas von dem mittelalterlichen Parfüm verlieren doch alle diese mittelalterlichen Dome, wenn man sie auf einen so glatt gemachten Präsentierteller setzt, und sie aller ihrer Ein- und Umbauten, seien sie an sich noch so häßlich, beraubt. Mittelalterlich im bösen Sinne sah es aber in Marburg sonst noch genug aus. Zwar imponierte dem Fuchs, der außer Kassel noch keine größere Stadt gesehen hatte, auch der „Ritter", der zweite Gasthof der Stadt, durch seine Größe. Auf meine Frage an meinen Begleiter, ob denn hier ein so starker Verkehr sei, belehrte mich dieser, in den Gasthöfen seien 40 große Säle eingebaut, in denen die Studenten ihre Ballfestlichkeiten abzuhalten pflegten. Unmittelbar neben dein Ritter sah es aber schon recht mittelalterlich dörflich aus. Denn hier streckten sich zwei lange Reihen niedriger Häuser in das Marbachtal hinein, zwischen denen ein tiefer, nur schlecht eingemauerter offener Graben hinlief, dessen Reinlichkeit viel zu wünschen übrig ließ. War es mir schon sofort aufgefallen, daß in der Universitätsstadt noch Häuser standen, die nicht beworfene rohe Lehmwände zeigten, was in Hersfeld eigentlich mir im „Bürloche" vorgekommen war, so steigerte sich meine Verwunderung, als ich dergleichen dörflich gehaltene Häuser auch am Steinwcg hinauf und in der inneren Stadt erblickte. Ist es heutzutage in dieser Beziehung viel besser geworden und sind einzelne recht geschmackvolle Häuser in .Holzarchitekturen, namentlich in der Wettergasse, entstanden, sv scheinen sich doch manche Bewohner Marburgs von den Lehmwänden ihrer Vorfahren auch jetzt noch nicht trennen zu können. So läßt z. B. ein Millionär an einer der fregucn- testen Straßen Marburgs einen Holzbau mit Lchmfüllung und schief herabhängenden Schaltern gerade noch ebenso stehen, wie er vor fünfzig Jahren stand. Die Baupolizei findet keinen Anlaß, eine solche öffentlichen Anstoß und Widerwillen erregende Strnßenzier zu beseitigen?) Auch der Vcr- schönerungsvcrein der Stadt fände hier eine seiner würdige Aufgabe, würdiger jedenfalls als die, unzählige Bäume der Wälder um Marburg herum mit farbigen Klexen beschmieren zu lassen, als solle eine neue Keilschrift eingeführt werden. Und hier wäre es um so angezeigter, in der Stadt Wandel zu schaffen, als solche Überreste der dörflichen Anlage Marburgs oder der „Pfahlbantenzeit", wie ein boshafter Archäologe sich einmal ausdrückte, jetzt den anständigen Neubauten gegenüber um so unangenehmer das Auge verletzen. Das tat es nun 1) Zur Freilegung des Umversitätsgebäudes und zum Zweck der Straßenverbreiterung mit Unterstützung der Universität 1ü04w abgebrochen. 41 1860 in der That weniger als heute. Denn damals war die Bautätigkeit in Marburg fast ganz erloschen. Jahrzehntelang entstand fast kein einziger Neubau. Als in den fünfziger Jahren eine chirurgische Klinik erbaut werden mußte, soll es daher Schwierigkeiten gehabt haben, einen Marburger Maurermeister zu finden, der den Bau nach den Plänen des Universitätsarchitekten auszuführen bereit gewesen wäre. — Unstreitig ist, daß das gesamte Banhandwerk in Marburg erst durch die von Professor Lange geleitete Restauration des Inneren der Elisabethenkirchc, die von einem 1847 in dem Marbachtale niedcrgcgangencn Wvlkenbruch arg verwüstet worden war, einen segensreichen, noch heute fortwirkenden Anstoß erhalten hat. Wer die Stadt 1850 gekannt hat, wird nicht leugnen können, daß sich ihr Aussehen auch in ihren inneren Teilen bedeutend zu ihrem Vorteile verändert hat. Daß das hier und da nur auf Kosten ihres malerischen Aussehens geschehen konnte, mag bedauerlich sein. Aber selbst der verbissenste Altertümler und Romantiker würde sich heute zehnmal besinnen, das Alte für jetzt znrückzubegehren. Ein Freund früherer Zeiten kann heutzutage seine Freude aber noch an dem alten Pflaster haben, das fast noch schlimmer ist als in den fünfziger Jahren, als der Ästhetiker Fr. Bischer seinem Freunde Eduard Zeller gesagt haben soll, Marburg komme ihm vor, als wie mit Stiefelknechten gepflastert. Anderes ist besser geworden. Ich kann wenigstens versichern, daß am 2. Mai 1850 die Stadt als solche, abgesehen von ihrer unvergleichlichen Lage und ihren herrlichen monumentalen, aber mittelalterlichen Bauwerken einen höchst unerfreulichen, durchaus rückständigen Eindruck aus mich machte. Als wir an jenem Maitage den Steinweg erklommen und uns durch die damals noch überall sehr enge Wetterund Marktgasse hindurchgewnnden hatten, zeigte mir zuerst der Marktplatz ein erfreulicheres Stadtbild. Wie erstaunt war ich aber, als wir denselben schief kreuzend neben dem Rathaus in ein enges Gäßchen einbogen, eine alte, stark ausgetretene 42 Treppe hinabstiegen und dann in ein anderes Gäßchen gelangten, das bergabführend in seinem unteren Ausgang kaum Mannesbreite hatte. Fast noch erstaunter war ich aber als wir in unser Quartierhaus eintraten mit einem dunklen Flur, von dem nicht klar ersichtlich war, ob er gedielt, gepflastert oder gar nicht belegt war, und eine uralte Holztrcppe hinaufstiegen und von freundlichen, aber ärmlich aussehenden Hausleuten in unser Zimmer geführt wurden. An ihm war nichts Erfreuliches als der Ausblick aus den zwei kleinen Fenstern auf ein von Häusern und engsten Gassen eingeschlossenes Gärtchen, in dem unter einem blühenden Birnbaum ein Färber frisch gefärbte Garnsträuge an einer langen Stange trocknete. Ich war wahrlich kein verwohnter junger Mann, das elterliche Pfarrhaus entstammte dem 16. Jahrhundert aber auf der Schule in Hersfeld hatte ich doch viel freundlicher gewohnt. Mein Entschluß stand rasch fest: In eine gleiche oder ähnliche Bude ziehst du als Mnsensohu nicht. Und das geschah auch nicht; denn ich fand am folgenden Tage auf der Hofstndt ein gutes Zimmer mit Kabinett, wenn ich nicht irre, zu 16 Taler für das Semester, in dem ich dann meine ganze Marburger Studienzeit gewohnt habe. Denn auch mein Hauswirt war ein guter Philister, wie ihn ein Student braucht. Schon sein Vater hatte eine Kolonie von Studenten bei sich beherbergt und er wußte daher, wie man init Studenten umzugehen habe. Obwohl er ein vielbeschäftigter Schneidermeister war, bekümmerte er sich persönlich um seinen Studenten, kochte selbst ihm den Kaffee, besorgte ihm alle möglichen Dinge, offenbar weil ihm das von Jugend auf zur anderen Natur geworden war und es ihm Freude machte. Da er auf regelmäßige Bezahlung der Miete und des Hauspumps rechnen konnte und er ein ordentlicher Mann war, so übervorteilte er mich nicht, brannte auch im Winter nicht in seinen Ofen von meinem aus dem städtischen Holzmagazin akquirierten Buchenscheitholze, machte vielmehr das Feuer mit seinen eigenen Spänen an, kurzum, war ein braver Philister, der mich auch 43 vorsorglich pflegte, als ich einmal schwer krank geworden war. Mir ihn gab es auch die vier Marburger Ideale, die 1867 ein spöttischer Berliner als die einzigen der Marburger Philister entdeckt haben wollte: Ein Häuschen, ein Gärtchen, ein Schweinchen und einen Studenten! Da ich nun hier einmal von einem alten echten Marburger Philister geredet habe, so will ich dieser Skizze gleich die einer anderen, für jene Zeiten charakteristischen Persönlichkeit anschließen, die heutigentags, glaube ich, keine Nachfolge mehr gefunden hat, ich meine die meiner guten Stiefelwichserin, der braven Frau Jung. Nachdem John Tyndall in seinen Marburger Erinnerungen dem „Mariechen", d. h. dem Stiefel- wichser Steinmetz, einen ehrenvollen Denkstein gesetzt und ein anderer weniger lobenswerter Wichsier in einem Roman Julius Rodenbergs eine Rolle zugeteilt erhalten hat, darf ich wohl auch der alten Frau gedenken, die jeden Morgen, Sommer und Winter, zwischen drei und vier Uhr, ihr Stäbchen mit Laterne, Bürsten und Ausklopfstock verließ nnü ihren Rundgang bei ihren Kunden antrat. Sie hatte den schweren Dienst für sich nicht nötig, aber ihre einzige kränkliche Tochter war an einen versoffenen Stiefelwichser verheiratet, der sich um Iran und Kinder nicht bekümmerte, die also die alte Mutter ernähren mußte. Und wie sie gegen ihr eigenes Fleisch und Blut voll Treue und Aufopferung war, so auch für ihre Studenten. Sie hatte nicht lauter Tugendspiegel unter ihrer Kundschaft. Fand sie ihre Kunden des Morgens noch nicht zu Hause, oder waren sie betrunken gewesen, dann nahm sich die Frau Jung heraus, dem jungen Tunichtgut in das Gewissen zu reden, und half das nichts und wurde die Bummelei und Unordnung immer größer, dann wußte sie Mittel und Wege zu finden, das dem Vater des Tunichtgut zu stecken. Man wußte das, aber die Frau Jung hatte doch immer bis in das höchste Alter, wo sie sich kaum noch über die Straße schleppen konnte, eine gute Kundschaft, und gar mancher ist ihr für die Strafreden, die sie ihm gehalten, dankbar geblieben. ! i - :> !i 44 Sie hat ivirklich viel Gutes gestiftet im Gegensatz zu ihren Konkurrenten, dem Tambour Braun und Hans Fetten, die bedenklichere Metiers trieben und Possenreißer waren. Einer anderen für das Marburg jener Tage charakteristischen Figur mag auch gleich hier gedacht werden, der des Ausrufers Nill. Marburg hatte damals natürlich noch keine täglich erscheinende Zeitung; es gab nnr ein offizielles Wochenblatt, wenn ich nicht irre fiir den ganzen Regierungsbezirk. Was nun aber von Privaten bekannt zu machen war, wurde ebenso wie lokale Polizeiverordnnngen durch den Ausrufer veröffentlicht, der ein Virtuose in seiner Art war. Mit lauter deutlicher Stimme verkündete der Nill, nachdem er sich durch seine Schelle Ruhe verschafft hatte, welche Bäcker am Sonntag das „Frischbacken" in den einzelnen Quartieren hatten oder, daß der „Schwindel" im Museum des schlechten Wetters wegen ausfalle usw. Der Ruf des alten Nill war so weit bekannt, daß man sagte, er habe mehr Berufungen nach außen abgelehnt, als manche Professoren. Man sieht, es herrschten damals noch fast ländliche Verhältnisse in Marburg. Von Handel und Industrie war fast gar keine Rede. Nnr die „Marbnrger DiPPerchen" wurden noch nach der alten Väterweise gedreht und am Steinweg auf langen Gestellen vor dem Brande getrocknet. Die Bürger der Stadt lebten fast nur von der Universität und den kärglich bezahlten Beamten. Und einen Studenten sich in das Häuschen zu verschaffen, war damals dem Marbnrger Philister allerdings nicht ganz leicht. Denn es gab deren nicht allzu viele. In den Jahren l850 bis 4866 schwankte die Anzahl der Mnsensöhne nach dem offziellen Stndcntenverzcichnis zwischen 315 und 227. Faktisch waren aber nur ganz ausnahmsweise über 220 Studiosen in Marburg wohnhaft. Einzelne längst Abgezogene wurden vielfach ruhig in den Listen fortgeführt und selbstverständlich mitgezählt; ebenso die, welche im Ansang des Semesters ihr Examen gemacht hatten usw. Man „kratzte^ eben zusammen was man konnte, um die Frequenz der Universität in einem besseren Lichte erscheinen zn lassen. Und wieviel wohlhabende Studenten, sagen wir, die einen Jahreswechsel von t OOO Mark hatten, gab es unter diesen? Die meisten Studiosen Marburgs stammten aus Knrhessen, einige wenige Norddeutsche, die der berühmte Chemiker Robert Bunsen hierher gezogen hatte, studierten sreilich damals hier. Aus Nassau stammten wohl 10 bis 20, einzelne aus Waldeek und Westfalen. Zuweilen verlief sich ein Detmolder hierher, der ein von Tonopsches Bcnefizinm hatte. Aus gleicher Veranlassung kamen einige protestantische Ungarn oder Siebcnbnrger. Knrhessen war nun ein keineswegs wohlhabendes, geschweige denn ein reiches Land. Es herrschte in ihm, wie man wohl gesagt hat, eine „honnette Panverto", also auch bei der Mehrzahl der Studiosen von Marburg. Waren auch die lieben Eltern bereit, den Herrn Söhnen, eingedenk der schönsten Jahre ihres eigenen Lebens, einen so großen Wechsel zu geben, als sie vermochten, sie konnten eben nicht allzuviel geben. Es war natürlich eine Anzahl vorhanden, welche keine Unterstützung aus Benefizien, Areitischgeldern usw. bezogen; aber ich meine doch, wenn man die Familienstiftnngen mit in Anschlag bringt, so bildete diese doch nicht die Hälfte der Mnsensöhne. Es ist mir bis auf den heutigen Tag ganz unerfindlich, wie sich nicht wenige mit ganz Wenigem haben durchschlagen können, Hono- rarerlassc wurden, meine ich mich zu entsinnen, solchen nicht gewährt, die Benefizien in müßiger Höhe hatten. Schulden wurden freilich gemacht, aber doch nicht übermäßig hohe. Die Philister kannten die Höhe des regulären Pumps, den sie beim Universitätsgcricht einklagen konnten und auf Grund dessen sie die Abgangszeugnisse zn belegen berechtigt waren, sehr genau. Sie konnten sich ja auch leicht sichere Kunde über den Geldbeutel der Eltern ihrer meist dem engeren Vaterlandc entsprossenen Schuldner verschaffen. Es kam daher auch nur selten vor, daß das Schuldenkarzer besetzt war. Nur ein späterer knrhessischer Bnndestagsgcsandter, über den man R. v. Mohls Selbstbiographie nachlesen möge, hat dort allerdings 46 seine Examensstudien gemacht. Ein Onkel von ihm, der seinen Fleiß aufmuntern wollte, hatte einige Schuldfordernngen von Manichäern aufgekauft und ihn auf Grund dieser „einspun- den" lassen. Und doch führten trotz dieser „Pauverte" die Studenten ein ganz munteres und vergnügtes Leben. Freilich es war auch nicht so teuer wie heutzutage in Marburg. Es gab Mittagstische von 3 Silbergroschen an für den Tag, an denen man sich satt essen konnte. Ein Mittagstisch für 5 Silber- groschen galt schon als etwas üppig; bezahlte man doch im ersten Gasthofe der Stadt für ein opulentes Mittagsessen, freilich mit Weinzwang, 6 Thaler für den Monat. Wer sich den Luxus gestatten und warm zur Nacht essen wollte, konnte das sehr gut auf dem Museum schon für 25 Pfennige. Der Schoppen Bier kostete 8 Pfennige. Waren so die Preise für Essen, Trinken und Wohnen gar niedrige, so waren auch die Ansprüche, die die Studenten an das Leben machten, noch ganz unverhältnismäßig geringer, als die sind, welche heutzutage erhoben werden. Namentlich machte das Verbindungsleben noch keine so exorbitanten Ansprüche an den Geldbeutel als gegenwärtig; dafür war das Verbindnngsleben, selbst bei den beiden Korps, die hier existierten, ein viel freieres und seinem ursprünglichen Zweck, den geselligen Verkehr der Studierenden in Anlehnung an die älteren Universitätssitten in anständigen Formen zu Pflegen, weit entsprechender als heutzutage. Mau trat in eine Verbindung, sei es Korps oder Verbindung, ein, um sich besser mit guten Kameraden zu amüsieren und in den Gewohnheiten und Formen, die einmal vorhanden waren, seine Studentenzeit, die für so manche den Höhepunkt ihres Lebens bildete, munter und fröhlich zu genießen. Da war noch nichts von jener Drillung zu verspüren, in der jetzt die Hauptaufgabe des Verbindungstreibens gesucht wird. Das Wertlegen auf Patentheit und geziertes Auftreten war damals noch wenig entwickelt, wenngleich natürlich, wie schon das 47 Alter der Studiosen und die Rücksicht auf das schöne Geschlecht es mit sich brachte, mau auch damals das äußere Auftreten zu schätzen wußte. Aber geschwänzcltes und gebügeltes Wesen, wie man es jetzt so häufig trifft und es jetzt für ein notwendiges Requisit eines modernen Verbindungsstudenten gilt, war damals noch wenig beliebt. Man machte schlechte Witze über die, welche in dieser Beziehung etwas Besonderes herausbeißen wollten. Sie spielten in ihren Verbindungen keine Rolle; die Korps fühlten sich auch damals noch keineswegs als die Vertreter des aristokratischen, konservativen Prinzips auf den Hochschulen. Es waren auch zu viele arme Studenten unter ihnen, und sich die Verbindungsschulden von den alten Mitgliedern des Korps bezahlen zu lassen, war damals noch keine Sitte. Aus den Korps sind Radikale und Konservative hervorgegangen wie aus den Burschenschaften, die allerdings etwas mehr als die Korps politisch gerichtet waren. Aber gerade wie aus der alten Burschenschaft die ärgsten Reaktionäre hierzulande erwachsen sind, z. B. die Hassenpflug, Vilmar, Scheffer usw., so sind aus sehr radikalen jungen Burschenschaften oder Verbindungen, wie die Franken es waren, hochkonservative Staatsdiener hervorgegangen. Während umgekehrt der Sozialistenführer Liebknecht einem Marburger Korps angehört hat. Das konfessionalistische Element, das bis dahin auf den Universitäten noch keine Rolle gespielt hatte, machte sich zuerst kurz vor der Mitte des Jahrhunderts in Marburg geltend. Man muß überhaupt daran erinnern daß die Bildung konfessioneller Studentenverbindungen — denn tatsächlich sind doch die Wingolfverbindnngen rein evangelische Vereine, wenn auch anfänglich keineswegs mit ausgesprochen schroffer Tendenz — von protestantischer Seite ausgegangen sind. Der Ausschluß der Juden aus den Studentenverbindungen begann damals im Anschluß an diese konfessionellen Velleitätcn. Im ganzen aber waren diese zur Zeit noch schwach. Es war doch z. B. in jener Zeit ein Jude gefeierter Senior der Saxoborussen in Heidelberg. Hier traten die wenigen hier saldierenden Jnden im Studenten- lebcn sehr zurück. Und doch befanden sich gerade unter den Wenigen junge Männer, die sich als Gelehrte, Schriftsteller und Großindustrielle einen bedeutenden Namen gemacht haben. Auch fachwissenschaftlichc Vereine bestanden damals noch nicht oder waren in ihrer ersten Bildung begriffen. Daß die Pharmazeuten, die ja immer eine gewisse Sonderstellung an den Universitäten einnahmen, sich zuerst zu derartigen Verbindungen zusammenschlössen, ist begreiflich. Selbstverständlich trugen sie damals noch keine Farben. Ich habe es bedauert, wenn sich solche konfessionelle oder rein fachwisscnschaftliche Vereine oder Verbindungen bildeten. Sie konnten nur als Nährboden für Vorurteile und Einseitigkeitcn wirken. Wir standen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts unter den: Eindruck der Definition, die damals ein konservativer und kirchlicher Professor, A. von Schadow, von dem deutscheil Studenten gegeben hatte, „er sei ein durch Freiheiten erkennendes und durch Erkenntnis freies Wesen." Die akademische Freiheit ist in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts im Vergleich mit der erstell dieses Säkulnms den Studierenden kaum von den Regierungen verschränkt worden. Wo sind die Demagogenhetzer und die Mainzer Zentraluntcrsuchungskommission geblieben? Und doch wieviel unfreier und gebundener ist die akademische Jugend von heute gegen die jener schweren Zeiten! Sie hat sich aber selbst gebunden durch eine Menge von Äußerlichkeiten, durch größeren Aufwand und Beschränkungen aller- art, soweit sie sich noch in Korporationen zusammenfaßt. Waren diese früher ein Mittel zum Zwecke, nämlich sich das Leben auf der Universität heiter durch freundschaftlichen Verkehr und Zusammenstehen in freien Formen — die nur den jugendlichen Überschwang bändigen sollten — genuß- und lehrreich auszugestalten, so ist jetzt vielfach an die Stelle des freien, ungezwungenen Komments ein Drill, eine Steifigkeit des Verkehrs, eine Wertschätzung äußerer Disziplin, ein Luxus 49 getreten, der bis dahin dem Wesen des deutschen Stndenten- tnins fern lag. Doch ich will hier nicht anf diesen Gegensatz von sonst und jetzt im äußeren Stndentenleben, so schwer er sich auch jedem, der sich der alten Zeiten noch lebhaft zu erinnern vermag, von selbst aufdrängt und zu einer dnrchgeftthrtcren Darstellung unwillkürlich auffordert, näher eingehen. Die Entstehung desselben ist ja auch eine zum Teil ganz unvermeidbare gewesen. Wir sind in Deutschland in dem letzten halben Jahrhundert viel wohlhabender geworden und der äußere Zuschnitt der Gesellschaft ist durch den Einfluß des Militärs, dem so viele Studenten selbst angehören, und die ganz veränderte Stellung, die dieses namentlich seit 1870 im Leben der Nation einnimmt, ein anderer geworden. Er hat namentlich auch aus das Stndentenleben sehr stark eingewirkt. Und wie hat sich die gesamte geistige Atmosphäre von damals bis anf den heutigen Tag verändert und verändern müssen, nachdem unsere gesamten politischen, sozialen und kirchlichen Zustände vielfach von Grund aus umgestaltet worden sind! Und wenn die Jugend auch nicht neue Geistesströmnngcn schafft, so stellt sie sich doch ihnen gern und laut zur Verfügung und fördert sie. Wir schwärmten vor 50 Jahren für Ideale, die jetzt Realitäten geworden sind. Aus den engen äußeren Verhältnissen eines Kleinstaates hervorgegangen, schauten wir nach dem großen deutschen Reiche sehnsüchtig aus. Die große Bewegung der deutschen Volksseele, die zur Revolution des Jahres 1848 geführt hatte, war 1850 schon sehr stark im Abflauen begriffen. In Kurhcssen war der Kampf auf Leben und Tod zwischen Hassenpflug und der Stündekammcr entbrannt, der Sieg der Reaktion in Kirche und Staat kaum noch zweifelhaft. Die Marburgcr Studentenschaft, die 1848—49 wenn auch nicht gerade revolutionär, jedenfalls aber in ihrer Majorität radikal gesinnt gewesen war, so daß doch einige Hitz- köpfe sich an dem badischen Aufstande mit den Waffen be- Hartwig, Aus dem Leben. 4 50 tciligt hatten, war ruhiger worden. Es war freilich keineswegs ein Umschlag in das entgegengesetzte Extrem erfolgt, man verwünschte die neue Wendung der deutschen Geschicke, die Preisgabe Schleswig-Holsteins und das Vorgehen Hassen- pflugs gegen die Verfassung, jedoch ohne sich stärker darüber aufzuregen. Eine Abspannung der Gemüter war eingetreten. Sie kam den Studien zu gute. Ich stürzte mich wirklich in sie, von der Neuheit des hier mir Gebotenen lebhaft angeregt. Nach einigem Bedenken war ich in die Verbindung Wingolf eingetreten und fand in ihr eine ganze Anzahl tüchtiger, fleißiger und nichts weniger als kopfhängerischer Freunde. Die Verbindung hatte insofern einen spezifisch christlichen Charakter, als es unmöglich gewesen wäre, Juden in sie aufzunehmen, an denen sich damals weder die vornehmsten Korps noch die Verbindungen stießen. Auch würde es auf die Dauer kaum einem Katholiken möglich gewesen sein, in den Wingolf einzutreten, obwohl es in einzelnen Fällen dennoch geschehen ist. Aber eine starre Orthodoxie herrschte damals im Wingolf nicht. Freilich waren einzelne Wingolfiten, Schüler A. Vilmars, von dessen politischen und kirchlichen Grundsätzen durchdrungen. Aber sie übten doch keine Alleinherrschaft. Als sie diese an sich reißen wollten und im Winter 1850 auf 1851 — als die Strafbahern Marburg besetzt hatten und deren Kommandeur alle Vereine und Verbindungen aufgefordert hatte, um ihr Fortbestehendürfen sich bei ihm zu melden — der erste Chargierte, ohne den Konvent zu fragen, dieser Aufforderung, die sich nicht auf Studentenverbindungen beziehen konnte, aus politischer Liebedienerei nachgekommen war, erklärte eine ganze Anzahl von Mitgliedern ihren Austritt. Sie wollten sich nicht als Anhänger der reaktionären Partei bekennen und begründeten dann eine Burschenschaft „Germania". Spezielle politische Zwecke wollte man in ihr nicht verfolgen, sondern unter sich den nationalen Gedanken Pflegen und sich gegenseitig wissenschaftlich fördern und amüsieren. Es kennzeichnet die Stimmung in ihr, daß der einzige Marburger Student, der im Herbste 1850 den Schlcswig-Holstcincrn zu Hilfe zog, Ludwig von Starck, dieser Verbindung angehörte. Natürlich waren dieser Austritt aus dem Wingolf und die Bildung einer neuen Vereinigung den Studien nicht allzu förderlich gewesen. Nichtsdestoweniger kann ich doch ohne Ruhmredigkeit sagen, daß wir damals redlich gearbeitet haben. Hatte ich mich auf dein Gymnasium schon mit allerlei Fragen herumgeschlagen, von denen in der Schule nicht viel die Rede war, so gingen mir doch auf der Universität gar bald neue Horizonte auf. Über die Anfänge der christlichen Religion hatten wir nnr dürftigen Unterricht gehabt, von Philosophie wußten wir nur, was an die Lektüre eines Platonischen Dialogs oder ciccronianischer Schriften sich angeschlossen hatte. Neuere Philosophie war terrn incoKnitn. Nun waren unter unseren Marburger Lehrern zwei Häupter ganz entgegengesetzter Schulen, wenn man so sagen kann, der Hegelianer Ed. Zeller und der Schüler Schelling-Baaders H. I. Thiersch. Beide waren auch schroffe Gegner in ihren kritischen Ansichten über die Echtheit der neutestamentlichen Schriften und die Entstehung der christlichen Kirche. Thiersch vertrat sehr scharf die hergebrachte orthodoxe Auffassung, Zeller, der Freund von I. D. Strauß, war der gelehrteste Jünger seines Schwiegervaters Ferdinand Baurs, des Hauptes der sogenannten Tübinger Schule. Einige Theologen hörten nun Vorlesungen bei Zeller, andere bei Thiersch. Infolge davon platzten dann die Geister heftig aufeinander. Wer, wie ich, von diesen Gegensätzen bis dahin kaum etwas gehört hatte, mußte sich nun rasch zu orientieren suchen, um von den Gesprächen der Älteren etwas verstehen zu können. Selbst die Vorgerückteren hatten, Not sich auf dein Laufenden zu erhalten. Schleier- machers, Schweglers usw. dicke Bücher waren nicht im Handumdrehen zu erledigen, von den Aufsätzen der „Theologischen Jahrbücher" ganz abgesehen. Für mich erweiterten sich diese Kontroversen bald sehr. Ich suchte mir an der Hand der „neueren Philosophie seit Kant" von Chalybäns doch einige Ein- 52 ficht in die Entwicklung der modernen Philosophie zn schaffen und kam, ich weis; nicht mehr recht wie, sofort auf Fragen nach der Entstehung der Religionen überhaupt. Mir war es schon früher ein Problem gewesen, dein ich nachgrübelte, wie die Hellenen sich ihre Götterstatnen verfertigt und sie dann hatten anbeten können. Jetzt erweiterte sich mir das Problem ganz allgemein auf die Entstehung des religiösen Glaubens und der dann daraus erwachsenden Verehrung des Göttlichen. Wir diskutierten derartige Fragen häufig untereinander ohne allzu große Leidenschaftlichkeit. Bei der Macht der kirchlichen Tradition und Lebensgcwohnheit, in der wir größtenteils aufgewachsen waren, blieben aber diese Fragen immer noch mehr lusus in§enü, als daß sie uns aus den Bahnen des christlich-religiösen Empfindens und Handelns herausgeworfen Hütten. Ich führe diese Dinge hier auch nur an, um zn zeigen, daß wir weit über das theologische Brotstudium hinaus (ich z. B. mußte in meinem ersten Semester noch ein hebräisches Privatissimum nehmen, um in die theologische Stipendiatenanstalt aufgenommen werden zu können) unsere Gedanken auf verschiedenen Gebieten llmblick halten ließen und in heißem Bemühen nach persönlich sich anzueignender Überzeugung abmühten. Mir wurde das sehr erschwert durch die bald gewonnene Überzeugung, daß ich nicht imstande sei, den Ansprüchen, welche die Fanatiker Vilmarischer Observanz an die stellten, welche den wahren Glauben haben wollten, jemals zn genügen. Mein historischer Sinn, ich darf auch wohl sagen mein sittliches Bewußtsein, bäumte sich gegen die Lehre von Männern auf, denen das Christentum nur in ganz orthodoxen Formeln und als die Religion des politischen Absolutismus wertvoll zu sein schien. Und diese selbst über protestantische Grundbegriffe hinausgehende Richtung — unter meinen Bekannten durch einige Schüler Vilmars vertreten, die nicht zu den liebenswürdigsten Kommilitonen gehörten — war ja jetzt in Hessen durch Hassenpflng zur herrschenden geworden. 53 Freilich im Sommer 1850 hatte man von ihr in der Praxis noch nicht allzuviel zu verspüren. Hatte doch das Ministerium Hassenpflug-Nilmar noch um seine Existenz zu kämpfen und mit viel wichtigeren Dingen zu tun, als sich in die Univcrsitätsangelegenheiten tiefer einzumischen. Blieb die Preußische Politik sich selbst getreu, so mußte Hassenpflng schließlich auch das Feld räumen oder wenigstens auf eine Durchführung seiner extrem reaktionären absolutistischen Ideen verzichten. Soviel war mir aber damals schon klar, daß es nichts Ungcschichtlichercs geben könne, als diese sich allen Zeit- strömungen und Fortschritten selbst im äußeren Leben widersetzende Rcprcssionspolitik. Verschrieen doch ihre Anhänger selbst die Eisenbahnen als Werke des Teufels! Es ahnte mir damals schon, daß der innerste Kern dieser angeblich konservativen Rcaktionspartei aus einem bodenlosen Subjektivismus, der Folge persönlicher Herrschüegierde, seine Nahrung ziehe und deshalb auch überall, wo sie zur .Herrschaft gelange, auflösend, zersetzend werde wirken müssen. Als dann aber.Hassenpflng als Sieger aus dein großen Streite mit Preußen hervorgegangen war, die „Strafbahern" das Land überschwemmt und ansgcsogen hatten, und kein Hindernis der Verwirklichung des absolutistisch-thcokratischen Staatsidcals der Hassenpflng und Vilmar entgegenzustehen schien, da mußte sich das auch bald für die Hochschule des Landes bemerklich machen. Wie hätte der Zelot Vilmar auch eine Gelegenheit vorübergehen lassen können, die erste Bildnngs- anstnlt des Landes und die Schicke für die Geistlichen der Landeskirche nicht in seinem Sinn zu beeinflussen und nach Kräften umzugestalten! In dem Lehrkörper der Universität befanden sich um 1850 eine Reihe ausgezeichneter Dozenten, wie sie damals keine der kleineren deutschen Hochschulen auszuweisen hatte. Die Kasseler Regierung war unschuldig au diesem glücklichen Zustande. Manche Berufung war ihr in den Schoß gefallen, z. B. die des ausgezeichneten Chemikers Robert Bnnsen, den mau nnr von der polytechnischen Schule 54 Kassels hierher zu versetzen brauchte. Bei der Berufung Heinrich von Sybels und Johannes Gildemeisters von Bonn 1846 hatte man den Kurfürsten geradezu hinter das Licht geführt. Die Kasseler Buchhändler wurden zur Zeit, als die Ernennung schwebte, bewogen, die Exemplare der Streitschriften der genannten Gelehrten gegen den heiligen Rock zu Trier aus ihren Schaufenstern zu entfernen, damit der Hof nicht zufällig Kunde von ihnen erhalte. Der treffliche Philosoph Theodor Waitz hatte sich hier als Privatdozent habilitiert. Nur während des Interregnums des Märzministeriums hatte man mit Verständnis für die Ergänzung des Lehrkörpers gesorgt. An die Stelle des so früh verstorbenen Kirchenhistorikers Rettberg hatte man 1849 den Tüchtigsten der Tübinger Theologenschule Ferdinand Baurs, Eduard Zelter, berufen, den einzigen heute noch lebenden Lehrer dieser Zeit. Die Vilmarsche Partei erhob einen Sturm gegen diese Berufung in die theologische Fakultät, so daß sich das Ministerium Eberhard veranlaßt sah, Zelter in die philosophische Fakultät zu versetzen. Doch behielt er das Recht, theologische Vorlesungen zu halten. Einen der bedeutendsten Gegner der Banrschen Schule besaß damals, wie schon erwähnt, die theologische Fakultät in Heinrich Josias Thiersch. Dieser gelehrte und sittlich vornehme Mann übte einen großen Einfluß auf die Positiv gerichtete theologische Jugend aus. Denn er war ein ausgezeichneter Lehrer und ganz darnach angetan, mit seiner mächtigen und doch liebenswürdigen Persönlichkeit auf die unsicheren Geister zu wirken. Unglücklicherweise war der im Geist seiner philosophischen Lehrer etwas phantastische Mann in die Hände eines Apostels der englischen Sekte der Jrvin- giancr gefallen; und da er die Tendenzen und Eigentümlichkeiten ihrer Lehre mit seiner Auffassung des Urchristentums in Übereinstimmung stehend zu finden glaubte, zu ihr übergetreten. Die Folge davon war, daß er sein Amt als Professor der theologischen Fakultät niederlegte, sich aber als Privatdozent wieder habilitierte und Vorlesungen hielt. Statt — 55 — nun diesen tüchtigen Dozenten gewähren zu lassen, entzog ihm das Hassenpflugsche Ministerium die kacultas, theologische Vorlesungen zu halten (1850). Mich empörte das so, daß ich auf seiner Stube mir mit zwei Jrvingianern ein Privatissi- mum über die älteste Kirchengeschichte lesen ließ. Aus diesem Unterricht ist dann das Buch von Thiersch über diese Epoche hervorgegangen. Später hat Thiersch, der eigentlich nur äocencko produzieren konnte, wissenschaftlich nichts mehr geleistet. Obwohl er sich nach dem Sturze Hasseirpflugs noch in der philosophischen Fakultät habilitieren durfte, hatte man ihm seine geistige Lebensader so kräftig unterbunden, daß sie ganz einschrumpfte. An seine Stelle berief man 1850 in die theologische Fakultät den bayrischen Landpfarrer Ernst Ranke, den jüngsten Bruder Leopolds Ranke. Es war ein gutmütiger, damals aber wissenschaftlich wenig bedeutender Mann, der den besten Teil seines Wissens und Könnens allein der Schulpforte verdankte. Er war natürlich nicht imstande, Thiersch zu ersetzen, so daß der Kampf der Meinungen über die Entstehung der Anfänge der christlichen Literatur und des Urchristentums überhaupt um so rascher verstummte, da auch Zeller sich von dem Halten theologischer Vorlesungen bald ganz zurückzog. Der geistvolle Kirchenhistoriker E. Henke, ein Schwiegersohn und Schüler des Philosophen Fries, der jeder prinzipiellen Entscheidung über diese Probleme gern auswich, war nicht imstande, uns in dieselben einzuführen. So anregend sonst seine mit historischen Aphorismen und gelegentlichen philosophischen Betrachtungen durchsetzten kirchengeschichtlichen Vorlesungen auch waren, so wenig vermochte er uns bestimmend zu leiten. Seine Einwirkung beschränkte sich auf einzelne, namentlich ästhetisch angelegte Naturen. — Neben diesen älteren, immerhin doch hochbedeutenden Gelehrten, darf der Name von Johannes Gildemeister nicht vergessen werden. Denn er war ohne Zweifel der gelehrteste und scharfsinnigste von allen. Einer wohlhabenden, streng 56 kirchlichen Familie Bremens entsprossen, hatte er vorzugsweise unter H. Ewald seine Studien gemacht. Mit großem Scharfsinn, einer reichen Sprachbegabung ausgestattet, hatte er sich den orientalischen Sprachstudien in ausgedehntester Weise mit dem größten Erfolge zugewendet. Aber nicht nur in der arischen wie semitischen Philologie durchaus zu Hanse, hatte er die Entwicklung der Theologie, jedoch ohne alles kirchlichpraktische Interesse, verfolgt. Er war dann als Nachfolger H. Hupfelds hier Professor der alttestamentlichen Theologie geworden. Daneben las er aber über alle möglichen orientalischen Sprachen und vergleichende Grammatik, so daß er später für diese Fächer als Lassens Nachfolger nach Bonn berufen wurde. Ihm war es nur um Erforschung der Wahrheit zu tun und er arbeitete sich mit unglaublicher Raschheit in die ihm bis dahin entlegensten Gebiete ein. So z. B. in die Geschichte des heiligen Rocks zu Trier, wie in die Entwicklung des Bekcnntnisstandes der hessischen Kirche. Durchaus kritisch gerichtet, auch gegen sich selbst, hat er nicht allzuviel produziert. Daher ist er in weiteren Kreisen nicht so bekannt geworden, wie einzelne seiner hiesigen Kollegen, während er sich bei seinen näheren Fachgenvssen bis auf den heutigen Tag des größten Rufes erfreut. Er war aber nicht nur ein großer Gelehrter, sondern auch ein guter Lehrer, bei dem man wie bei kaum einem anderen wissenschaftliche Methode lernen konnte. Die große Gelehrsamkeit, die ihn auszeichnete, hatte ich später noch Gelegenheit, ganz kennen zu lernen, als ich unter ihm, der das geistige Haupt der Bibliothcksverwaltnng war, als Repetent zu arbeiten hatte. Bei der ihm eigenen Schärfe und den großen Anforderungen, die er gelegentlich machte, war er kein liebenswürdiger Vorgesetzter, wie denn Liebenswürdigkeit — wenn er auch durch große Gefälligkeit und Wohltätigkeit sich auszeichnete — keineswegs seine starke Seite war. Er konnte hassen und unerbittlich sein gegen alle Gegner dessen, was er für Recht und Wahrheit hielt, wie ich keinen zweiten Menschen kennen gelernt habe. 57 Neben Gildemeister als ausgezeichneten Vertreter der orientalischen Philologie cxzcllierte hier 1850 noch Theodor Bcrgk als feiner Kenner der griechischen und römischen Literatur. Man hatte ihn bom Gymnasiallehrer in Kassel nur hierher zu versetzen nötig gehabt. Aber für das Altertum und seine Ideen vermochte er uns nichb zu begeistern. Seine Vorlesungen waren unendlich trocken und bestanden in ihrer Hauptsache ans kritischen Textübungen und gelehrtem Kleinkram. Mir hat er das Studium der klassischen Philologie ganz verleidet. Er nahm dann bald einen Ruf nach Frci- bnrg i. B. an, weil man in Hessen keinen Philologen mehr zu gebrauchen schien. In der Tat wurden allerlei Leute in die Lehrerstellen der Gymnasien eingeschalten. Als seinen Nachfolger zwang dann Vilmar den Direktor des Kasseler Gymnasiums, Karl Fr. Weber, die verwaiste Professur anzunehmen. Weber war ein guter sächsischer Philologe alten Schlages, aber für eine Professur schon viel zu alt. Vilmar wollte ihn nur von Kassel los sei», um seine Stelle mit -einem gläubigen Manne zu besetzen. Dazu war einer seiner schroffsten Anhänger Dr. Piderit anscrsehen, der aber die Stelle schließlich doch nicht bekam, da seine Frau so unvorsichtig gewesen war, die Fenstcrvorhängc im I^ceunr bUckerimunum zu früh aufzustecken, ehe ihr Mann ernannt war. Der Kurfürst, der vom Palais das gesehen hatte, verweigerte nun die Ernennung und Dr. Piderit mußte nach Hauau wandern, von wo dann ein wenig brauchbarer Mann nach Kassel kam. Der Nachfolger Bergks in Marburg konnte sich mit dessen Gelehrsamkeit entfernt nicht messen. Noch schlimmer geriet der Ersatz, den der Nationalökomom Bruno Hildebrand fand. Dieser ideenreiche Gelehrte, dessen wissenschaftliche Bedeutung erst viel später voll anerkannt worden ist, hatte sich zu tief in die politische Bewegung von 1848 eingelassen, war von seiner radikalen Frau stark beeinflußt, 184!) mit der Linken des Frankfurter Parlaments nach Stuttgart übergesiedelt 58 und dann nach dein Siege der Reaktionäre in Hessen hier unmöglich geworden. Er verließ daher Marburg und siedelte nach Bern über. Sein Professur war also frei. Mail besetzte sie mit einem Dr. Ilse, einem nicht unbegabten, aber moralisch durchaus verworfenen, wenig unterrichteten journalistischen Abenteurer, der sich Hassenpflug als literarischer Schildknappe angetragen hatte und nebenbei noch das Verdienst besaß, der Schwager eines einflußreichen hohen Beamten in Kassel zu sein, dessen Schwägerin er als Student geheiratet hatte. Die Universität suchte sich dieses Kollegen natürlich zu erwehren, der noch dazu ein Trunkenbold war. Aber es half ihr nichts; daß seine neuen Kollegen ihn schmählich behandelten, kümmerte den Realpolitiker nicht. Er war bei all seinem ausgesprochenen Selbstbewußtsein froh, einen Unterschlupf gefunden zu haben. Nach 1866, als er ein Parteigänger Bis- marcks geworden war, tauschte er mit dem Königsbcrger Kollegen Glaser seinen Lchrstnhl, ist dann aber in Königsberg auf dem Disziplinarwcge abgesetzt worden. Eine andere Berufung, die Hassenpflug vornahm, war besser, wenn auch gerade nicht besonders zweckmäßig. Die juristische Fakultät war zweifelsohne die dürftigste der Hochschule. Die alten Herren, von denen einer noch aus der westfälischen Zeit stammte, arbeiteten wissenschaftlich nichts mehr und lasen ihre alten Kollegienhefte unverdrossen immer wieder von neuem ab. Das Strafprozeßheft Löbells hat wenigstens fünf neue Strafprozeßordnungen Hessens überdauert; und die Kolleghefte des geistreichen und beliebten alten Platners waren so gelb und verbogen, daß sie kaum noch leserlich waren. Der Staatsrechtslehrer Vollgraff trug einen bösen Spitznamen nicht mit Unrecht; und der gelehrte Röstell lebte geistig immer mehr in Berlin und Rom als in Marburg. „Konrad" Büchel, der scharfsinnige Pandektist, war als ein eitler Fant, der jetzt mehr ins Weinglas als in die neue Literatur sah, eine lustige Figur geworden. Als er vor 1848 einmal Rektor war, hat ihn der freche 8tuck. jur. Heise, der spätere Heraus- 59 geber der „Hornisse", bei einem Fackelständchen als den größten „Renommisten" des Jahrhunderts gefeiert. Der einzig bedeutendere Jurist war der Prozessualist Wetzell aus Hofgcismar, der später als mecklenburgischer Minister v. Wetzell geendet hat. Moralisch durchaus nicht einwandfrei, gebärdete er sich als streng kirchlich, paßte also vortrefflich in das Land der Obotriten. Um dieser juristischen Fakultät einiges neue Leben einzuflößen, berief man den Germanisten Paul Roth von München, der sich durch sein Buch über Bcnefizialwesen einen Namen gemacht hatte. Roth, einer orthodoxen Familie angehörig, hatte sich schon dadurch Hassenpflug empfohlen. Er machte aber keinen Gebrauch von seinem ererbten Konservativismus, sondern war ein heiterer, lustiger Geschichtenerzähler, der aberkennen wissenschaftlichen Einfluß auf die Studenten gewann, da er ein schlechter Dozent war, der seinen prononciertcn bayrischen Dialekt nicht ablegen konnte. Er arbeitete hier an einem hessischen Partiknlarrecht, ging dann aber bald über Rostock und Kiel nach München zurück. Eine viel bessere Akgnisition gelang der Regierung für die medizinische Fakultät in der Person des Schwaben Wilhelm Roser zu machen. Einen ganz brauchbaren Chirurgen hatte das Märzministerinm sich durch Pensionierung vom Halse zu schaffen gewußt. Einen Extraordinarius Robert wollte man nicht befördern. Da verwendete sich spontan der berühmte Chirurg Baum in Göttingcn für den ausgezeichneten Operateur und Schriftsteller Roser in Kassel. Er wurde 1850 wirklich nach Marburg berufen und ist eine Zierde dieser Hochschule wohl ein halbes Jahrhundert geblieben. Mit dem schwer gelehrten Kliniker Friedrich Heusinger und dem Anatomen Fick war er die Säule der medizinischen Fakultät lange Jahre hindurch und hat viele tüchtige Chirurgen ausgebildet. Überblickt man die Anzahl der tüchtigen, ja ausgezeichneten, meistens noch jugendlichen Dozenten, die Marburg um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zählte — ich wiederhole die Namen der Bergk, Bnnsen, Gildemeister, Henke, Hilde- l>0 brand, von Sybcl, Thiersch, Waitz, Zelter, dar älteren Gcr- ling, Heusinger, Rnbino ustv. nicht zu gedenken — so wird man sagen müssen, daß es in Wahrheit damals kaum eine andere kleinere deutsche Universität gab, die eine solche Menge wissenschaftlicher Kapazitäten vereinte. Entsprach aber die Wirksamkeit dieser hervorragenden geistigen Größen auf die Studiosen ihrer Begabung und Gelehrsamkeit? Man wird hierauf keineswegs mit einem unbedingten Ja antworten können. Auf die Mehrzahl der Studenten wirkt natürlich besonders der Name der Dozenten, der Ruf, den sie weit und breit genießen. Eines großen Ansehens werden sich daher naturgemäß nur ältere Gelehrte erfreuen können. Die Majorität der damaligen Marburgcr tüchtigen Professoren waren aber noch verhältnismäßig junge Leute, deren Renommee in der gelehrten Welt noch nicht so fest stand, als dieses später der Fall war, wo sie die Leuchten großer deutscher Universitäten geworden waren. Dazu kam, daß einzelne von ihnen entschieden Parteimänner waren, um deren Ansehen der Streit wogte und gegen die der Rückschlag gegen die große Bewegung von 1848 sich persönlich richtete. Ferner hatten sich einzelne von ihnen noch nicht als Dozenten so ausgebildet. So kam es z. B., daß Heinrich von Shbcl sich 1850 keines großen Zulaufs von feiten der Studenten erfreute. Er sprach damals noch nicht leicht. Henke behauptete, er benutze die Sitzungen des akademischen Senats, um sich zum Redner auszubilden. Bon den Radikalen wie den Reaktionären gleichmäßig gehaßt, litt er unter den Zcitvcrhältnissen, arbeitete aber um so eifriger an dem Werke über die französische Revolution, das seinen Ruf als großer Historiker fest begründete. Nicht viel anders lagen die Dinge bei Zcller. Er war kein beredter Dozent, diktierte seine Hanptvorlesungcn, selbst die über die Geschichte der griechischen Philosophie, fast wörtlich und erregte immerhin doch einigen Anstoß durch seinen ausgesprochenen schwäbischen Dialekt. Gefährlicher für ihn waren aber die kirch- 61 liehen und kulturellen Zustände Kurhesseus mich 1850. In der Kirche herrschte die Orthodoxie Vilmars, Philologen gab es nur noch sehr wenige. Wer sollte nun bei Zelter hören? Es gehörte für einen Theologen schon ein gewisser Mut dazu, die Vorlesungen Zelters zu besuchen. Vilmar hatte überall seine Zuträger. Marburg war doch trotz seiner ausgezeichneten Gelehrten nur Landcsuniversitüt des kleinen Kur- staats geblieben. Nicht besser, eher noch schlimmer als Zelter erging es Theodor Waitz, der sich unendliche Mühe mit seinen Vorlesungen gab, sie wirklich memorierte. Er klagte daher auch am meisten über die große Arbeit und die geringe Wirksamkeit. Nimmt man nun noch hinzu, daß sich, ich kann es mir nicht anders erklären, die Abspannung des gesamten öffentlichen, politischen und geistigen Lebens in Hessen, die naturgemäß nach den Ereignissen Pon 1850 eintreten mußte, als eine drückende Atmosphäre auch nach und nach über die gesamte Hochschule des Ländchens lagerte und das wissenschaftliche Leben auf ihr stark beeinflußte, so wird man es begreifen, daß die nicht allzu folgenreiche Wirksamkeit der bedeutenden Lehrer nicht twn ihnen verschuldet war und manche Disziplin auf ihr kaum wissenschaftlich betrieben wurde. Die Juristen waren es ja schon längst gewohnt, ihre Hanptvorlcsnngen in Heidelberg und Berlin zu hören. Die Mediziner besuchten zur Ergänzung ihrer Studien auch vielfach fremde Hochschulen. Sie brachten Wohl allerlei Anregungen mit. Die armen Theologen und Philologen trieben in Marburg dagegen ihr Brotstudium von 1850 an immer einseitiger und beschränkter. Nur im chemischen Laboratorium entwickelte sich nach des ausgezeichneten Lehrers R. Bunsen Abgänge 1851 unter dessen Nachfolger Herman Kolbc noch eine dauernde Nachblicke. Und nicht dem persönlichen Verhalten der Professoren gegen ihre Zuhörer waren deren Mißerfolge, wenn ich so sagen darf, zuzuschreiben. Sie lasen eifriger und länger als 62 das heutigentags der Fall zu sein scheint. Allerdings war ihre Lehrweisc noch eine andere als jetzt. Der Unterricht in den seminaristischen Anstalten war noch nicht sehr entwickelt. Es gab freilich schon ein philologisches, ein historisches nnd ein homiletisches Seminar und ein Dozent übte die Juristen in praktischer Arbeit. Aber alles das war noch nicht so entwickelt lote in neuerer Zeit. Dagegen war der Verkehr der Studenten mit ihren Lehrern, wie nur scheint, damals ein ungezwungenerer. Die Professoren luden ihre Zuhörer ein, gaben kleine Tanzgesellschaften und trafen auf dem Kasino oder Museum mit ihnen zwangloser zusammen. Ich habe als krasser Fuchs öfter mit den Berühmtheiten Billard gespielt, ohne daß daran Anstoß genommen worden wäre. Der Umstand, daß die Universität damals so wenig zahlreich besucht war, die Professoren also ihre Zuhörer leicht übersehen und kennen lernen konnten, mag dazu beigetragen haben, den Verkehr beider zu erleichtern nnd gemütlicher zu gestalten. Ebensowenig steif war das Verhältnis der meisten Professoren zu den übrigen Honoratioren der Stadt. Die Gesellschaft war damals (1850) in zwei Teile gespalten: das Museum und das Kasino. Dieses hatte sich aus jenem gebildet, da die Studenten es durchgesetzt hatten, ordentliche d. h. vollkommen gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Da also die Mehrheit von Leuten gebildet wurde, die kein Interesse an einer soliden Verwaltung hatten, sah sich die Mehrzahl der Professoren veranlaßt, eine neue Gesellschaft zu gründen, in der die Studenten auch ihre Rechte hatten, aber über das Vermögen nicht abstimmen konnten. Nur wenige Professoren, die sich zur demokratischen Partei zählten, wie der Anatom Fick z. B., blieben der alten treu. Von den Studierenden traten dem Kasino nur der Wingolf und einige einzelne bei. Die Hassenpflugiancr suchten sich nun im Museum unterzubringen, was unter anderen auch dem Regierungsdirektor Wegner gelang; den Professor Ilse nahm man aber nicht auf. Als sich der Minister Hassenpflug 63 selbst nach seinem Sturze in das Kasinv meldete, fiel er bei dem Ballotcment durch. Das legte der damalige Polizeidirektor Sunkel als eine politische Demonstration aus und „versunkelte" d. h. schloß die Gesellschaft. Auf direkten Befehl des Kurfürsten wurde sie aber sofort wieder geöffnet und ein Festessen veranstaltet, dem der Polizeidirektor selbst beiwohnen mußte. Es ist einigermaßen verwunderlich, daß das Hoch auf den Kurfürsten, das bei dieser Gelegenheit ausgebracht worden ist, von den heutigen Apologeten (1902) des Kurfürsten nicht als ein sprechender Beweis der Beliebtheit des hohen Herrn im ganzen Lande angezogen worden ist! Bei der immerhin geringen Zahl der Mitglieder der beiden Gesellschaften kam natürlich keine von ihnen auf einen grünen Zweig: das Museum wurde immer mehr, wie mau heute sagen würde, eine Juxgesellschaft, in der die alten Herren des Abends kneipten, die Studenten Billard spielten, billig zur Nacht aßen und im Sommer im Garten des Museums kleine Theaterstücke und selbst Operetten aufführten. Das Kasino war vorzugsweise eine Lesegesellschaft, in deren Räumen sich abends zum Kartenspiel und zur Konversation Professoren, Beamte und Pensionäre zusammenfanden. Alle fünf bis zehn Jahre wurden Versuche gemacht, die beiden Gesellschaften wieder zu verschmelzen; die denn auch zeitweise gelangen, aber nie dauernden Bestand hatten. Erst nach manchen Fehlschlügen scheint es jetzt gelungen zu sein. Eine dritte exklusivere Gesellschaft, die aber kein besonderes Lokal hatte und die nur monatlich zu einem Ball oder einer Theateraufführnug zusammenkam, übte keinen großen Einfluß aus. Zu ihren Festen konnten Studenten nur als Gäste mitgebracht werden. Diese „Sonntagsgesellschaft" ging anfangs der fünfziger Jahre auch ein. In allen diesen Gesellschaften verkehrten die Mitglieder der Universität, des Beamtenstandes, die Offiziere der Garnison, die hier vorübergehend in einem Bataillon, dann nur in einer Kompanie bestand, und die größeren Kaufleute ohue 64 Zwang und Standesvornrtcile miteinander. Das Jahr 1848 nnd die Not der Reaktionszeit hatten diese ausgetrieben. Im ganzen aber herrschte, so will es mir scheinen, damals noch in den weiteren Kreisen der Stadt ein größerer persönlicher Respekt vor dem Stande der Professoren als heutigentags, wo das Geld einen bedeutenden Faktor der Wertschätzung selbst an den Universitäten bildet. Das Eindringen von Luxus und Üppigkeit in den stark erweiterten Universitätskreis, die sich stets steigernde Vereinsmeierei, das hohe Wertlcgen auf Rang und Stellung, welches seit 1866 überall in den annektierten Provinzen eingezogen ist, hat die Gesellschaft des an Einwohnerzahl sehr stark gewachsenen „Univcrsitätsdorfes" in immer zahlreicher werdende Gruppen aufgelöst und damit den alten gemütlichen Zustand, wo man jedermann sozusagen kannte, stark beeinflußt und gesprengt. 3. An der Universitätsbibliothek zu Marburg. 1867—1876?) I. Als ich nach Pfingsten 1867 meine Stelle als Sekretar der Universitätsbibliothek in Marburg — nach hessischem Staatsrecht für ein Jahr provisorisch bestellt — antrat, befand sich die ganze Universität in einen: Umbildungsprozeß begriffen. War sie doch aus einer Landesuniversität des Kurstaats Hessen in die Neunzahl der Hochschulen des Königreichs Preußen eingereiht worden, — und innere und äußere Veränderungen waren an ihr schon eingetreten, andere größere standen ihr noch bevor. Die erste Protestantische Universität Deutschlands, von dem hervorragendsten hessischen Landgrafen Philipp dem Großmütigen begründet, hat niemals einen maßgebenden Einfluß auf die Entwicklung des deutschen Geisteslebens ausgeübt. Sie hat wohl ausgezeichnete Gelehrte und hervorragende Lehrer zahlreich unter ihren Professoren besessen, dieselben aber, wie schon Treitschke bemerkt hat, nicht festzuhalten verstanden. Das Landgrafentum Hessen-Kassel, das noch dazu in der lutherischen Duodezunivcrsität Rinteln eine zweite Hochschule besaß, war nicht bevölkert und reich genug, die von ihrer Entstehung air nicht besonders gut dotierte Universität mit Lehrern und Studiosen zu füllen. Das besserte sich auch nicht viel, als Marburg — nur durch den Einfluß Johannes von Müllers in der westfälischen Zeit vor der 1) Angefangen an: 24. Januar 1901. Hartwig, Aus dcm Lcbcu. 5 66 drohenden Aufhebnng gerettet — die einzige Universität des Kurstnatcs geworden war. Die Konkurrenz der den Landesgrenzen nur allzu nahen Universitäten Göttingen und Gießen konnte die knrhessische Hochschule nicht überwinden, selbst wenn die Herrscher des Landes bessere Einsicht und besseren Willen zur Hebung der von ihrem Ahnherrn gegründeten hohen Schule gehabt hätten. Man darf wohl behaupten, daß es kaum in Deutschland in diesem 19. Jahrhundert einen Kleinstaat gegeben hat, in welchem so wenig ein inneres Verhältnis zwischen dem Herrscherhause und der Landesnniversität bestand, als in Knr- hessen unter dessen drei letzten Regenten. Namentlich unter dem letzten Kurfürsten war dieses der Fall, obwohl er sich selbst eine Zeitlang in Marburg studierenshalber aufgehalten hatte und sein Erzieher ein angesehener Lehrer an der Universität gewesen war. Ihm fehlte jede Ahnung von der Bedeutung der wissenschaftlichen Studien, ja man darf sagen, er haßte die wissenschaftliche Bildung, weil er ihre Vertreter als Träger liberaler Ideen, also als Gegner der fürstlichen Allgewalt, beargwöhnte. Seinen eigenen Kindern wollte er nur eine Bildung beibringen lassen, wie sie für ihre äußere Stellung durchaus erforderlich war. Als einer seiner Söhne darauf bestand, eine Universität zu beziehen, hatte er lange Zeit gegen den Widerstand des Vaters anzukämpfen, der keine „Stubenhocker" aus seinen Kindern gemacht sehen wollte. Er war der Meinung, daß das Studium auch der körperlichen Entwicklung schade und wollte eigentlich nur eine Vorbereitung für den Militärdienst bei ihnen gelten lassen. Das schloß nun freilich nicht aus, daß, wenn es ihm gerade Paßte, er sich der Unterstützung von Gelehrten gern bediente und dann mit einer Art von Hochachtung von deren Kenntnissen sprach. „Sehr gelehrter Mann sein," hob er dann von dem Verfasser eines Gutachtens hervor, als wisse er das zu schätzen. Aber gelehrte und tüchtige Männer nach Marburg zu berufen, das lag ihm gänzlich fern. Und wenn nun doch um 67 die Mitte des Jahrhunderts sich in dein „deutschen Universi- tütsdorse Marburg", wie Leopold v. Ranke wohl bei den Besuchen bei seinem jüngsten Bruder Ernst die hessische Universitätsstadt gelegentlich genannt hat, sich eine Reihe ausgezeichneter jüngerer Gelehrter zusammengefnndcn hatte, wie sie kaum eine andere deutsche Hochschule besaß, so war dieses dem Zufall zu verdanken, oder bei ihrer Berufung der Kurfürst hinter das Licht geführt worden. Da nun aber die meisten der vom Kurfürsten mit der Leitung der Geschäfte betrauten Minister keine Einsicht in die Aufgaben der Wissenschaften besaßen und der hyperkirchlichen und absolutistisch gesinnten Hassenpflng- Bilmarschcn Partei angehörten, so war es wirklich fast Zufall, wenn eine Berufung glücklich ausfiel. So hatte man es leicht, den Lehrstuhl der Chemie 1841 mit Robert Bansen zu besetzen, der Lehrer dieser Wissenschaft an der polytechnischen Schicke in Kassel war. Der Philolog Th. Bergk ferner war vor seiner Berufung Gymnasiallehrer in Kassel bis 1842 gewesen. Als im Jahre 1845 die Professuren für mittelalterliche Geschichte und alttestainentliche Theologie zu besetzen waren, bewirkte der Professor der Nationalökonomie Bruno Hildebrand, der damals die Universität in Kassel bei dem Landtage vertrat, daß sich die Aufmerksamkeit auf H. v. Sybel und Gildemeister richtete. Damit aber der damalige Kurprinz und Mitrcgent nicht an der Berufung gestört werden könne, wurden die Kasseler Buchhändler veranlaßt, die Schrift der beiden Gelehrten gegen den heiligen Rock zu Trier aus ihren Schaufenstern weg zu nehmen, damit von ihr keine Kunde in das Palais dringe. Nach dem Weggang Sybcls nach München 1856 hatte der Senat als dessen Nachfolger Reinhold Pauli vorgeschlagen. Der betreffende Referent, der dem Kurfürsten die Bernfungs- urknnde unterbreitete, bemerkte dabei, es sei zu hoffen, daß der Universität in ihm ein tüchtiger Dozent gewonnen sei. Als er aber auf die Frage des Kurfürsten, woher er das wisse, antwortete, der Herr v. Sybel habe ihm das gesagt, 5 * 68 so verweigerte der Kurfürst mit derben Worten seine Unterschrift. Es war wie eine Ironie des Schicksals, daß Pauli zehn Jahre später doch nach Marburg kam, aber erst, als der Kurfürst dcpossedicrt war. Die Berufung Eduard Zelters nach Marburg (1849) durchzusetzen, hat dem Märzministcrium bekanntlich die größte Mühe gemacht. Die Berufung von dessen Landsmann Wilhelm Roser im Jahre 1850 war nur dem Persönlichen Eingreifen des berühmten Göttinger Chirurgen Wilhelm Baum bei dem Minister Hassenpflug zu verdanken gewesen. Alle diese berühmten Männer hatten, mit Ausnahme Rasers, bis in den Anfang der sechziger Jahre hinein die Hochschule verlassen und waren Berufungen an große deutsche Hochschulen gefolgt, ohne daß nur von Kassel aus der Versuch gemacht worden wäre, sie zu halten; was bei einzelnen von ihnen durchaus nicht aussichtslos gewesen wäre. An die Stellen der Ausgeschiedenen waren, mit Ausnahme des Chemikers Kolbe, nur höchst mittelmäßige Ersatzmänner oder gar unwürdige Subjekte, wie Ilse und Weißenborn, berufen worden. War so der Lehrkörper der Universität in seinem Werte gesunken, so geschah auch nur wenig zur Hebung ihrer Institute. Angesichts der Unmöglichkeit, die Klinik für innere Krankheiten noch in demselben Gebäude mit der chirurgischen Klinik zu belassen, war für diese ein neues Gebäude errichtet worden, dessen Kosten aber zum größten Teile wenigstens aus dein Universitütsvermögen bcstritten wurden. Wie wenig indessen der Minister Hassenpflug auch nur den Besitzstand der Universität zu achten willens war, bewies er dadurch, daß er ihr die sogenannte Propstei, das ehemalige Kloster der Kngel- hcrren, in dem die Stipendiatenanstalt gehaust hatte, kurzerhand trotz aller Proteste abnahm und in sie die Amtsgerichte und deren Gefängnis verlegte. Kein Wunder daher, daß auch die Stndentenzahl immer mehr zusammenschrumpfte. Ihren größten Tiefstand er- reichte sie im Wintersemester 1862/63, in dem die Znhl der Studierenden mich dem offiziellen Verzeichnisse ouf 227 gesunken war. Wenn man nun weiß, mit welchen Mitteln man die Frequenz der Hochschule in diesen Verzeichnissen hinaufzuschrauben suchte, wie man die Kandidaten, die im Anfang des Semesters ihre Prüfungen absolvierten, fortführte usw. usw., so wird nian kaum irren, wenn man die Zahl der wirklichen Hörer von Vorlesungen um diese Zeit auf durchschnittlich 180—200 anschlägt. Da diese fast ausschließlich aus Kurhcssen stammten, das Land aber keineswegs wohlhabend war, so hatten die Musensöhnc keine allzu reichlichen Wechsel zu verzehren. Die Wohnungen waren billig, ebenso die Nahrungsmittel. Man zahlte in den fünfziger Jahren für ein recht gutes und reichliches Mittagsessen im ersten Gasthofe der Stadt noch 18 Mk. monatlich. Diesen Geldverhaltnisscn entsprechend waren die Wohnungen usw. der Studenten natürlich auch recht einfach. Nicht minder die Kneipen der verschiedenen Verbindungen, die man von Semester zu Semester mietete. Schulden wurden zwar auch gemacht, aber nicht allzu hohe. Waren die Philister doch über die Zahlungsfähigkeit der Studiosen meist gut unterrichtet; auch hatten sie durch das Recht, ihnen die Abgangszeugnisse zu belegen, ein Schutzmittel gegen das Durchbrenncu. Die Einnahmen der Philister, die ja fast nur von der Universität lebten, waren daher auch keine hohen. Es gab wenig wohlhabende Leute unter ihnen, wenigere als in mancher anderen hessischen Stadt. Eine Folge war natürlich, daß auch die Stadtverwaltung eine ärmliche war. Neubauten wurden nicht aufgeführt; wenn dennoch einmal einer unternommen wurde, war das ein Ereignis für die betreffende Straße, ja die ganze Stadt. Notdürftig suchte man die alten Gebäude vor dem Einstürze zu bewahren und auszubessern. Als die neue chirurgische Klinik gebaut werden sollte, hielt es schwer, in Marburg einen Maurermeister zu finden, der den Neubau uuteruchmcu wollte. Und doch hatte das Haubwerk, namentlich das Knnsthandwerk, durch die Arbeiten, welche die Restauration der durch einen Wolkenbrnch im Innern arg verwüsteten Elisabcthkirche nötig machten, mancherlei Anregung und Förderung empfangen. II. In diese Stagnation, wie sie in der Universität nnd in der Bürgerschaft der Stadt herrschte, brachte nun der Übergang des Kurstaates Hessen unter die Herrschaft Preußens im Jahre 1866 neues Leben. Nicht als ob sich dieses rasch nnd nach allen Richtungen hin segensvoll entwickelt Hütte! Waren doch auch die Zustände an den preußischen Universitäten keineswegs überall glänzende. Die Ausgaben, die der Staat hier für höhere und niedere Schulen zur Verfügung stellte, beziehungsweise stellen konnte, waren nur recht mäßige. Die Institute der stark besuchten Universität Halle, namentlich die medizinischen, standen z. B. in mancher Beziehung bis in die siebziger Jahre hinein hinter denen Marburgs zurück. Auch die Dotation der Preußischen Universitätsbibliotheken war keineswegs durchschnittlich eine höhere als die für Marburg. Desgleichen die Verwaltung, der Zustand der Kataloge war durchaus nicht besser als hier. Die Selbstverwaltung, deren sich die nichtprcußischen Bibliotheken immerhin in noch höherem Grade bis dahin zu erfreuen gehabt hatten, hatte doch einige gute Früchte getragen, da man an ihnen sich für das eigene Wohl stärker zu regen nnd tätig zu sein gewohnt geblieben war. War doch z. B. die Idee, die Univcrsitüts- schriftcn regelmäßig miteinander auszutauschen und dadurch den Bestand der Bibliotheken zu sichern, von einem Professor des kleinen Marburgs ausgegangen und durch die Durchführung der Wissenschaft ein wirklicher Dienst erwiesen worden, — ohne daß irgend eine Regierung sich darum zu kümmern nötig gehabt hätte. 71 Die Überleitung der gesamten Schulvcrwaltnng der ncuerworbcnen Provinzen Preußens in die preußische hätte sich nun viel zweckmäßiger und für beide Teile vorteilhafter vollziehen können, wenn nicht 1866 an der Spitze des preußischen Untcrrichtswcsens ein Mann gestanden hätte, der durch die Beschränktheit seiner politischen und kirchlichen Ansichten für eine solche große Aufgabe ganz unqualifizicrt war. Statt sich an Ort und Stelle von dem Stand der Dinge in den neuen Provinzen persönlich zu überzeugen, regierte er vom grünen Tisch in Berlin aus und verkannte die politische Seite der Frage völlig. Er kokettierte mit den Trägern der bisher in den Einzclstaatcn herrschenden antipreußischen Partei, — ohne sie gewinnen zu können; er stieß dadurch die große Masse der damals noch national und liberal denkenden Bevölkerung vor den Kopf. Da er sich auch bei seiucu Kollegen im Ministerium keines besonderen Ansehens erfreute, konnte er auch kaum etwas durchsetzen, wenn er materieller Mittel bedurfte. Mit dem leitenden Staatsmann war er kurze Zeit nach der Annexion schon über eine knrhcssischc Unterrichtsfrage in einen schweren Konflikt geraten. Da man zudem bald erfuhr, welchen Einfluß er seiner Ehehälfte namentlich in Pcrsoncnfragen gestattete, war es mit dem Ansehen des Ministers auch in Hessen bald schlecht bestellt. In den: ersten Jahre nach der Einverleibung des Kurstaats in das Königreich Preußen, dem Diktaturjahrc, in dem das Land von einem ausgezeichneten Berwaltungsbeamten, dem Administrator von Möller, regiert wurde, geschah für die Universität nur das Notdürftigste. Einige erledigte oder dringend zu besetzende Professuren wurden neubesetzt, an den: Organismus der alten Universität ward nichts geändert. So kam es auch, daß ich mit demselben Gehalt, den mein Vorgänger als Bibliothckssckretär zuletzt gehabt hatte, also mit 1800 Mk., angestellt wurde. Da, wie schon gesagt, nach kur- hcssischem Staatsrechte die erste Anstellung eine provisorische für ein Jahr war, so fand das auch bei mir statt, obwohl 72 ich schon früher als Repetent der Stipendiatenanstalt bereits wirklicher von dem Kurfürsten ernannter Staatsbeamter gewesen war. Ich machte das jedoch nicht geltend, da es mir nur eine Formalität zu sein schien, und mein Vorgesetzter ebensowenig,- so daß ich erst einige Jahre später durch den inzwischen in Marburg eingetroffenen Regierungsbevollmächtigten bei der Universität, den Konsistorialpräsidcntcn Roedeu- beck, meine definitive Anstellung von dem Unterrichtsministerium ausgefertigt erhielt. War doch mit dem 1. Oktober 1867 der Unterrichtsminister ermächtigt worden, „über das gesamte Schulwesen, einschließlich der Universitäten, der neu- erworbenen Landesteile in demselben Maße Verfügung zu treffen, wie in den älteren Landcsteilen". Obwohl man nun in Berlin prinzipiell der Ansicht war, daß es in den neuen Provinzen, namentlich in Kurhessen keine „berechtigten Eigentümlichkeiten", die man schonen zu wollen anfänglich erklärt hatte, gebe, so mochte man die Organisation der Universität nicht ohne näheres Studium ihrer alten Einrichtungen kurzerhand umgestalten und nach preußischem Muster ummodeln. Waren doch auch die altpreußischen Hochschulen nicht ganz konform konstituiert und hatte eine jede ihre eigenen Statuten. Deswegen beschloß auch Herr v. Mühlcr, sich über die Verwaltung der Universität Marburg und deren Einrichtungen eingehender zu unterrichten und sandte deshalb in der Person des bisherigen Konsistorialrats Rocdenbeck in Posen einen Vertrauensmann nach Marburg zum Berichte an ihn. Da dieser Herr, der am 29. 'April 1891 im Alter von 69 Jahren gestorben ist, späterhin an die Spitze der Universitätsverwaltung gestellt wurde und dann auch von 1876 an bis 1883 als Kurator mein Vorgesetzter war, möchte ich ihm hier einige Worte widmen. Roedenbeck war der Sohn eines Berliner Kaufmanns und Fabrikanten, der sich als Sammler einer bedeutenden Bibliothek znr preußischen Geschichte, als Herausgeber von Aktenstücken zu ihr und als uationalökouomischer Schriftsteller 73 eine» ehrenvollen Namen gemacht hatte. In der „Allgemeinen deutschen Biographie" (Band 1!), S. 11) hat ihm v. L. (E. Graf zur Lippe) einen Nekrolog gewidmet. Die patriotische Gesinnung des Vaters war auf den Sohn Übergängen, nicht aber seine literarische Neigung. Doch hatte diese eine andere Richtung genommen. Als Studierender der Rechte war er ein begeisterter Anhänger von Stahls Rechtsphilosophie geworden und hatte sich mit Schellings letztem philosophischen System zu befreunden vermocht. Kirchlich und Politisch dergestalt hochkonservativ, hatte er früh die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf sich gezogen, denen er sich durch seine Kenntnisse, seine Gewissenhaftigkeit und seinen Fleiß empfahl. Nachdem er in Schlesien als Staatsanwalt fungiert hatte, übernahm ihn der Minister v. Mühler in sein Ressort, versetzte ihn an das Konsistorium in Posen und übertrug ihm die Abfassung von Gutachten namentlich in Fragen der Ehegesetzgebnng. Ganz besonders mit seinem Vertrauen beehrt, glaubte der Preußische Kultusminister keinen besseren Mann finden zn können, um ihn über die verworrenen kirchlichen Zustände des Kurstaats aufzuklären und gleichzeitig ihn in die Verhältnisse der Universität Marburg einzuführen. Roedenbeck wurde daher im Winter 1867 auf eine längere Studienreise nach Hessen gesendet und nahm seinen Aufenthalt in Marburg. So ungeeignet Roedenbeck in mancher Beziehung für diese Aufgabe war, so besaß er doch auch nicht wenige Eigenschaften, die ihn hierzu nicht nur vom Standpunkt des Herrn v. Mühler aus als durchaus geeignet erscheinen lassen. Etwas schwerfällig und steif im persönlichen Verkehr, dazu etwas burcaukratisch angehaucht, war es dem auf einem prononcierten Partcistandpnnkte stehenden Juristen, der bisher nur die Zustände des preußischen Ostens kennen gelernt hatte, nicht leicht möglich, ein objektives Urteil über die von jahrzehntelangen politischen und kirchlichen Parteikämpfen aufgewühlten hessischen Verhältnisse zn gewinnen. Waren doch 74 die in Preußen so übel ungesehenen Liberalen in Hessen die einzigen Freunde der neuen Zustünde, während die kirchlichen und politischen Konservativen Hessens die grimmigsten Feinde Preußens waren und ihre ehemaligen schwarzweißcn Bundesgenossen von der Krcnzzeitungspartei als falsche und übcrzeugungslosc Lcgitimisten, von ihrem Standpunkt aus mit vollem Recht, geradezu verachteten. Namentlich dem fanatischen Führer des hessischen reaktionären Partiknlarismus, dein Konsistorialrat Vilmar, waren gerade „die christlichen Preußen" die verächtlichsten. Nach ihn: steckte ja auch in Preußen „etwas vom Antichristen". Es half daher auch dem guten Rocdcnbeck nichts, wenn er sich ihm gegenüber als „sehr lutherisch ausspielte". Ein größerer Gegensatz, als zwischen diesen beiden Männern schon rein äußerlich bestand, läßt sich übrigens kann: denken. Der vierschrötige, schweratmende Vilmar mit dem zerrissenen Gesichte, der Michel Angclo für eine seiner Gestalten des jüngsten Gerichts als Modell hätte stehen können, und dieser zarte, feine, blonde Rocdenbcck, der nichts Imponierendes an sich hatte und auch durchaus nicht darnach strebte, - etwas vorzustellen und „den Festochsen aus sich zu machen", wie er wohl zu sagen pflegte! Und in dieser Richtung lagen alle die Vorzüge des Mannes. Er war ein fleißiger, gewissenhafter Arbeiter von ehrlicher Überzeugung, wahrheitsliebend und wohlwollend, treu und ohne Falsch. Ein guter Geschäftsmann, sorgte er dafür, daß in seinem Bureau Ordnung herrschte; er überließ die Arbeit nicht den Subalternen und war seinen hohen Vorgesetzten gegenüber keineswegs allzu ängstlich. Hatte er etwas für richtiger erkannt, so erhob er Wohl gegen nicht zutreffende Verfügungen höheren Orts Einsprache und monierte, wenn die Sachen nicht recht vorwärts zu bringen waren. Obgleich er Wohl wußte, daß ich Politisch und kirchlich ganz anderen Überzeugungen huldigte als er, hat er mich das geschäftlich nicht nur nicht empfinden lassen, sondern, nachdem wir uns auf dem Boden der amtlichen Tätigkeit gefunden hatten, mich mit seinem persönlichen Vertrauen geehrt und mir allerlei Vorgänge in seinem amtlichen und privaten Leben offenherzig erzählt. Hatte er einzelne, fast schrullenhafte Ansichten, so traten diese doch sehr zurück gegen seine schönen Kenntnisse in dein Fach der Literatur und Geschichte. Seine höchsten Interessen lagen allerdings fast ganz auf dem Gebiete der Kirche, der er ja auch die letzten Jahre seines Lebens als Konsistorinlpräsidcnt zu Magdeburg, keineswegs im Dienste einer Partei, seine besten Kräfte ausschließlich gewidmet hat. Zur Zeit als Rocdenbeck als Vertrauensmann des Kultusministers v. Mahler nach Marburg kam und an die Spitze des Konsistoriums gestellt wurde, Herbst 1867, wurden in Berlin allerlei Pläne, die sich auf die Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse in den neu erworbenen Provinzen bezogen, in den maßgebenden Kreisen ventiliert. Der einflußreiche Gencralsupcrintcndent Hoffmann wollte die Gelegenheit benutzen, um eine bessere Zusammenfassung des Protestantismus anzubahnen. Es war dabei keineswegs auf Herstellung einer dogmatisch fundierten Kirche abgesehen, sondern er wollte bei vollkommener Wahrung des Konfessionsstandcs der Einzclkirchen der annektirtcn Provinzen nur eine Angliederung des Kirchcn- regimcnts an das der alten Provinzen hergestellt wissen. Er hatte den König Wilhelm, der, wie er selbst sagte, kein protestantischer Papst sein wollte, für seine Idee gewonnen. Sie mußte aber fallen gelassen werden, da der Graf Bismarck mit seiner Entlassung drohte, wenn man ihm noch kirchliche Schwierigkeiten bereite. „Ich habe nirgends Ruhe", sagte er zu Hofsmann, „weder am Hofe, noch im Ministerium, noch im Parlament, noch mit meinen alten Freunden, nur noch in meinem Hanse; stört Ihr mir auch die, dann scheide ich aus." So erzählte Hoffmann selbst bei Reinhold Pauli sehr ausführlich und drastisch. Zur Erklärung muß man wissen, daß die F-ran v. Bismarck, wie die ganze Familie Puttkamer, streng lutherisch, nnionsfeindlich gesinnt war. War doch eine Puttkamer mit dem Haupte der separierten Lutheraner in 76 Preußen verheiratet, so daß später auch die hessischen renitente» Pastoren wohl ihre Hoffnung anf die Einmischung Bismnrcks beziehungsweise der Familie Pnttkamcr in die hessische Kirchen- frage setzen konnten. Nun so weit wie diese Ideen Hoffmanns reichten die Plane des Herrn v. Mähler vielleicht nicht. Aber er hat doch wohl daran gedacht, die evangelischen Kirchengemeinschaftcn der Provinz Hesscn-Nassan unter ein Konsistorium zu stellen, dessen Sitz Marburg werden solle. Da die nassauische Landeskirche eine nnicrte war und von den drei evangelischen Gemeinschaften, die im Kurstnat Hessen bestanden, auch eine schon seit 1817 uniert war, so hätte ja das an sich keine prinzipiellen Schwierigkeiten gehabt, wenn man nicht mit dem hinter allerlei formellen Einwendungen sich verbergenden kirchlichen Fanatismus, sowie mit persönlicher Herrschsucht und politischem Fanatismus zu rechnen gehabt hätte. So schrumpften die anfangs hochfliegendcn Pläne der Berliner Kirchenmänner bald zusammen nnd man war zufrieden, wenn man nur für die kirchenreginientliche Leitung der reformierten, lutherischen nnd nnicrten Kirchengcmein- schaftcn des neuen Regierungsbezirks Kassel eine einheitliche Oberbehörde, nicht etwa unter dem Oberkirchcnrate in Berlin, sondern dem Preußischen Kultusministerium in Kassel zustande bringen und eine Synodalordnnng einführen konnte. Und nicht einmal Das wurde erreicht, ohne daß eine Anzahl Pastoren aus ihren Ämtern entfernt werden mußte. Auch erwies es sich als notwendig, daß man Rocdcnbcck, den nicht nur Mähler, sondern auch der liberalere Minister Falk au die Spitze des Kasseler Konsistoriums hatte stellen wollen, falle» ließ. Einzelne der Spitzen der althessischen Kirchenbehördcn zeigten sich bei dieser Gelegenheit von einer Doppelzüngigkeit und Ungcuiertheit in der Wahl ihrer Mittel — man korrespondierte z. B. unter falschem Namen in die „Allgemeine Zeitung", — daß der Minister Rocdenbeck gegenüber äußerte, ihm sei eine solche Verlogenheit, wie die ihm gegenüber bewiesene, noch 77 nicht vorgekommen. Falk, dar sich in Hessen persönlich zu instruieren gesucht hatte, sah daher von Roedenbeck ab, was ihm dieser in Berücksichtigung der Umstände nie nachgetragen hat. Hat er ihm doch nach seinem Sturze noch einen Abschiedsbesuch gemacht und ihm für alles Persönliche Wohlwollen gedankt. Da sich Roedenbeck, der seinen kirchlichen Ansichten nach mit den Anhängern Vilmars sehr weit hätte gehen können, diese prinzipiell versagten, und er weder an dem Kasseler Oberpräsidinm, wenigstens solange der Herr v. Möller an dessen Spitze stand, noch an den hessischen liberalen Abgeordneten in Berlin eine Stütze fand, wäre er in der Tat in Hessen kaum haltbar gewesen. Hatte doch auch schon einmal in dem Abgeordnctcnhause eine aus Konservativen, Zentrnms- lenten und Radikalen gebildete Majorität dem Minister v. Mähler die nötigen Geldmittel zu der von Roedenbeck 1870 auf einer außerordentlichen Shnode mit großer Mühe zustande gebrachten Kirchenverfassnng versagt. Solange Herr v. Mähler an der Spitze der Unterrichtsverwaltung stand und im Hanse der Abgeordneten eine liberale Majorität vorhanden war, hörte der Krieg zwischen beiden nicht auf. Übrigens hatte der Minister keine Stütze an dein leitenden Staatsmanne, der ihn wohl längst schon gerne beseitigt hätte. Das mußte auch Roedenbeck empfinden. Hatte er früher das Kuratorium der Universität Marburg im Nebenamt als Präsident des Gesamtkonsistorinms in Marburg führen sollen, so war daraus wenigstens vorläufig nichts geworden. Herr v. Mähler suchte nun aus dem Kuratorium der Universität eine selbständige Stelle zu machen: natürlich sollte Roedenbeck Kurator werden. Dagegen wäre bei der allgemeinen Bildung des Mannes nichts einzuwenden gewesen, während die dauernde Verbindung der Kuratorialstelle mit dem Präsidium des Konsistoriums doch etwas Unnatürliches hat. Die freie Hochschule unter die Leitung des Präsidenten des Kirchenregiments zu stellen, muß schweren Bedenken unter- 78 liegen, die ich damals auch in verschiedenen Aufsätzen, namentlich der „Grenzboten", ausführte. Diese Sorgen waren unnötige gewesen! Denn nun bewilligte das Abgeordnetenhaus kein Geld für die neu zu kreierende Stelle eines Kurators für die Universität Marburg. Roedeubecks längerer Aufenthalt in Marburg war damit unmöglich geworden. Sein Gönner versetzte ihn daher 1871 nach Halle, Ivo durch den Tod des bisherigen Kurators dessen Amt erledigt war. Der Plan war, ihn dann später doch noch nach Kassel an die Spitze des Konsistoriums zu stellen, ein Gedanke, den auch der Minister Falk noch hegte, aber, wie schon erläutert, nicht zur Ausführung zu bringen vermochte. Roedenbeck ging ungern von Marburg weg und man sah ihn auch von feiten der Universität nicht gern scheiden. Hatte er auch bei dem Übelwollen, von dem sein hoher Chef bei der Kammer zu leiden hatte, nicht allzuviel materiell für die Universität durchsetzen können, so erkannte doch die große Mehrheit der Professoren das Wohlwollen, die Gerechtigkeit nnd die angenehmen Formen des ersten preußischen Kurators der Universität Marburg bei seinem Abschiede gern an. Waren doch vor dem großen Kriege mit Frankreich die Mittel für die Universitäten und Schulen vom Finanzminister überhaupt viel schwerer zu erlangen als in späteren Jahren. Ich habe hier diese Dinge, wenn auch in aller Kürze, erzählt, weil sie doch vielleicht einiges Interesse für solche haben, die sich einmal mit der Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse der Heimat beschäftigen und sie — neben Roedenbeck — kanm jemand so genau gekannt hat als ich. Denn eben er hat mir in Halle, als die Wasser abgelanfen waren, sebst viel davon erzählt und mir auch die Privatbriefe nnd Aktenstücke zum Teil vorgelesen. Er war zufrieden mit seinem Geschick. Nur wenn er auf die Treulosigkeit nnd Borniertheit mancher hessischer kirchlicher Würdenträger zu sprechen kam, regte er sich auf und sein sonst freundliches Gesicht nahm einen bittern Zug an. Widerspruch konnte er vertrage», wie ich ihm denn meine Bedenken gegen die Berguickung des Kuratoriums einer Universität mit der Stelle eines Konsistorial- präsidentcn nie verhehlt habe. Seine Berichte über die Zustände der Universität Marburg für den vorgesetzten Herrn Minister habe ich nicht zu hören bekommen. Er hat mir wohl einzelnes post keMunr gelegentlich daraus mitgeteilt und meinte, ich dürfe sie lesen. In Wirklichkeit können sie nicht sehr ungünstig gelautet haben. Es sind ja auch der Universität manche Eigentümlichkeiten den altprenstischcn Hochschulen gegenüber erhalten geblieben. Neue Statuten sind ihr freilich verliehen worden: die bestehenden waren tatsächlich veraltet. Aber man hat hier doch auch z. B. den Senat nicht als einen Ausschuß aus der Gesamtzahl der ordentlichen Professoren der Universität konstituiert, sondern ihn als Versammlung aller Ordinarien beibehalten. Diesen hat man auch kein besonderes Amtsornat, die sogenannten Talare, vnlgo Kittel, aufgedrängt, die der romantische Friedrich Wilhelm IV. an seinen Universitäten eingeführt hat und die wesentlich znr Steigerung der Professoraten Exklusivität und Eitelkeit beigetragen haben. Ebensowenig ist eine Veränderung in betreff der Honorare für die Vorlesungen beziehungsweise der Befreiung von ihnen beliebt worden. Auf den altprenßischen Universitäten herrscht bekanntlich das Stun- dnngsprinzip, d. h. man stundet den unbemittelten Studenten die Zahlung der Honorare bis zu deren Anstellung, während man in Marburg den wirklich Unbemittelten die Honorare sofort ganz erließ. Nachdem im Ministerium längere Zeit hindurch die altpreußische Gewohnheit für die bessere gehalten worden war, hat man sich jetzt dort von dem Gegenteil überzeugt, wie mir glaubhaft erzählt wurde. III. Auch in der Verwaltung der Universitätsbibliothek wurde zunächst gar nichts geändert. Man hielt dieselbe im Ministerium für wohlgeordnet, wie einmal der Ministerialreferent 80 Or. Jnstus Olshansen einem der beiden Bibliothekare in meiner Anwesenheit versicherte. Zins die Äußerlichkeiten dieser Verwaltung und deren Entstehung hier einzugehen, habe ich nicht nötig. Besitzen wir doch in der „Geschichte der Universitätsbibliothek zu Marburg von 1527 bis 1887" von Gottfried Zcdler') eine sehr solid gearbeitete und alles Wesentliche vollkommen erschöpfende Darstellung der Entwicklung dieser relativ unbedeutenden, aber wohlgeordneten Büchcrsammlung, wie sie wenige große Bibliotheken Deutschlands auszuweisen haben. Nur auf die Persönlichen Verhältnisse und das innere Leben der Bibliothek mag hier näher eingegangen werden. An der Spitze der Bibliotheksverwaltnng standen bei meinem Eintritt in die Geschäfte eines Bibliothekssekretärs, Pfingsten 1867, zwei ordentliche Professoren, die ihr Amt als Bibliothekar gleichberechtigt nebeneinander führten: der Professor der Theologie Ephorus der Stipcndiatenanstält, E. L. Th. Henke und der Professor der klassischen Philologie I. Caesar. Der erste von ihnen hatte seine Dienstwohnung in einem ncu- erbantcn Ncbenflngel der Bibliothek, so daß er die Dicnsträumc fast direkt aus seinem Wohnzimmer betreten konnte. Im unentgeltlichen Besitz dieser Wohnung bestand die Besoldung, welche er als Bibliothekar bezog, während Caesar für seine Mühewaltung ursprünglich nur 200 Taler erhielt; ein Betrag, der später, wenn ich nicht sehr irre, erhöht wurde. Ich als Bibliothekssekretär erhielt 600 Taler; neben mir fungierte als Gehilfe der Bibliothekare der Or. plril. W. Lotz mit einem Gehalt von 400 Talern. Zu diesen Beamten traten noch die zwei Repetenten der Stipendiatenanstalt, von denen jeder täglich zwei Stunden an der Bibliothek zu arbeiten hatte, und ein Diener. Diese Stellcnbcsetzung bestand seit 1859, nachdem der vorzügliche zweite Bibliothekar, Professor I. Gilde- meister, Marburg verlassen hatte, und Lotz seit 1864 an die 1) Marburg, N. G. Clwcrt. 1896. 81 Stelle des nach Kassel versetzten Germanisten Dr. Grein getreten war. Ich erhielt die Stelle des verstorbenen außerordentlichen Professors der Philosophie Dr. K. Vorländer, der der Bibliothek seit k854 in seiner Weise gedient hatte. Die beiden Häupter der Bibliotheksverwaltung waren sehr verschiedene Naturen. Henke, bei aller nicht gewöhnlichen Gelehrsamkeit in der historischen Theologie philosophisch wohl vorgebildet und in den modernen Literaturen sehr gut belesen, so daß ihm stets für alle vorkommenden Fälle ein klassisches Zitat zur Verfügung stand. Er war ein geistvoller Gelehrter, aber kein Geschäftsmann, wie er an die Spitze einer Biblio- theksverwaltnng gehört. Momentanen Eindrücken und Launen zugänglich, war ihm jede feste Ordnung und regelmäßige Tätigkeit vom Übel. So gewissenhaft er in der Vorbereitung und im Halten seiner Vorlesungen war, so wenig sagte ihm der strenge Dienst an der Bibliothek zu. Er war ja jeden Tag 2—3 Stunden auf der Bibliothek anwesend und arbeitete auch in seiner Weise, trug die theologischen und kuusthistorischcn Anschaffungen in den Realkatalog ein, führte die Korrespondenzen mit den auswärtigen Buchhändlern, schrieb auch Titel auf die Rücken der Bücher, da er eine schöne Handschrift hatte, usw. Aber das ging alles so sprunghaft und ohne Einhaltung der Stunden vor sich, daß er dabei viel Zeit verlor. Auch in der Auswahl der anzuschaffenden Bücher folgte er häufig mehr subjektiven Gesichtspunkten als den Bedürfnissen des Instituts. Darüber war es zwischen ihm und Gildemeister, der mehr als ein Jahrzehnt die treibende Kraft der Bibliothcksverwaltung gewesen war, nicht ganz selten zu unangenehmen Szenen gekommen, die dann aber bei der Weichherzigkeit und der Friedensliebe Hcnkes, wenn auch innerlich nicht ganz, so doch äußerlich bald wieder überwunden waren. Der rein geschäftliche Ton Gildemeisters, seine ganze Art, still und konsequent bei der Arbeit zu sitzen und kurz und ungebunden Antworten zu geben, waren Henke ganz unsympathisch. „Wir sind doch nicht auf einem Bremer Kontor", Hartwig. Aus dem Leben. 6 82 pflegte er wohl zu klagen, wenn er unter anderem darauf zu sprechen kam, daß Gildemeister ohne Gruß das gemeinschaftliche Arbeitszimmer betrat und schon auf seinem Stuhle sitze und in seinen Papieren krame, ehe man nur recht zum Bewußtsein davon gekommen sei. Dafür katalogisierte Gildemeister einen ganzen Stoß Bücher und Broschüren, während Henke um die große Tafel, auf der im Bibliothekarzimmer die zu erledigenden neuen Bücher aufgestellt waren, herumging, sich die dicksten Bände aussuchte und mich dabei mit einem verschmitzten Lächeln ansehend meinte: Das fleckt besser als die dünnen Scharteken. Kein so großer Gelehrter als Gildemeister war dessen Nachfolger Caesar, aber als Geschäftsmann und bibliothekarischer Fachmann ihm ähnlich. Es war Caesar (geboren 1816) schwer geworden, in die Höhe zu kommen. Als Schüler K. Fr. Hermanns hatte er sich eine tüchtige klassische Bildung angeeignet, seine Kräfte aber früh verzettelt. Bergk hatte ihn bei der Redaktion der „Zeitschrift für Altertumswissenschaft" arg mißbraucht; dann war er seit 1858 mit vier täglichen Dicnststunden in den Bibliotheksdienst getreten. Schon an sich nicht leicht produzierend nahmen ihm die Nebenbeschäftigungen fast alle Muße zu größeren schriftstellerischen Arbeiten. Doch hat Bohsen in dein ansprechenden Nachrufe, den er seinem verstorbenen Vorgesetzten gewidmet hat, eine ganze Reihe von Publikationen von ihm nachgewiesen. Z Nachdem er dann endlich Ordinarius geworden war (1863), nahm er den lebhaftesten Anteil an der Universitäts- verwaltnng. Voll Eifer für alles, was seiner geliebten Alma Philippina zur Ehre und Vorteil gereichte, stellte er die Rücksichten auf seine Zeit und seine persönlichen Interessen hintan, immer bereit für die Universität zu arbeiten und deren Interessen zu fördern. Er kannte ihre Geschichte, ihre Statuten, 1) Zentralblatt für Bibliothekswesen, Band 3, S. 620 ff. 83 die Tradition des Senats wie kein anderer, schwärmte daher lange Jahre für die Selbstverwaltung der Universitäten und suchte jeden Eingriff von oben in sie abzuwehren. — Dreimal war er Rektor der Universität, viermal Dekan der philosophischen Fakultät, Mitglied aller möglichen Kommissionen usw. Schließlich gestand er mir aber doch einmal ein, die Selbstverwaltung der Universitäten sei nicht mehr so wie früher zu behaupten, weil der Universitütsinstitutc zu viele geworden seien; auch hätten die Professoren keine Lust und keine Zeit mehr zu umfangreichen Nebenbeschäftigungen, wie sie die Selbstverwaltung erfordere. Die Abnahme des Sinnes für eine Tätigkeit, die über den nächsten Berns hinausgeht, schmerzte ihn dennoch tief und er stemmte den sich mehrenden Eingriffen von Oben in Univcrsitätsangelegcn- heiten sich stets entgegen. „Diesmal bekomme ich wohl eine bessere Note als sonst," sagte ihm darum einmal beim Abschied von Marburg ein Miuisterialrefereut, als er während seiner Anwesenheit keine neuen Veränderungsvorschlägc gemacht hatte. Unter der Vielgeschäftigkeit Caesars hatte natürlich die Bibliothek auch etwas zu leiden: Manches UniversitätsProgramm ist auf der Bibliothek entstanden. Da er jedoch rasch arbeitete und stets von großem Eifer erfüllt war, blieben doch die Dinge in gutem Gange. Erst nachdem er seit 1874 einziger Chef geworden war und das Alter und die langsam sich vorbereitende Auszehrung ihn körperlich heruntergebracht hatten, gingen auch die Leistungen der Bibliothek zurück. Ich habe wenige Männer kennen gelernt, die so in ihrem Berufe aufgegangen wären wie Caesar. Da er kinderlos war und seine Frau ihm alle Sorgen des Haushalts abnahm, lebte und webte er nur in seiner vielgestaltigen amtlichen Tätigkeit. Gerade und ehrlich, voll Wohlwollen gegen alle Menschen wie auch seine Beamten, konnte ich ihm nie anf die Dauer böse werden, selbst als er meine persönlichen Interessen aus Rücksicht anf seine geliebte Univcrsitäts- g* 84 bibliothek empfindlich geschädigt hatte. Es war keine Eitelkeit, die mich ihm gegenüber mild stimmte, als er hinter meinem Rücken eine für mich vorteilhafte Versetzung hintertrieb, da ich ihm schwer zn ersetzen zu sein schien,- vielmehr war es die Erwägung, daß man einem Alaune gegenüber, der sich selbst im öffentlichen Dienst aufrieb, eine solche Nichtberück- sichtigung persönlicher Wünsche nicht so hoch anschlagen dürfe, die mich das mir zugefügte Unrecht leichter verzeihen ließ. Er meinte Wohl, es sei meine Schuldigkeit, in Marburg zu bleiben und einmal sein Nachfolger zn werden. Einstweilen hatte ich in Marburg als Bibliothekssekretär bei täglich fünf Dienststundcn schwer zu arbeiten. Man hatte mir dasselbe Arbeitspensum auferlegt, das man meinem Vorgänger, dem Professor Dr. Vorländer, ein wenig ab irato aufgebürdet hatte. Wie dieser harmlose, wissenschaftlich durchaus nicht unbedeutende Gelehrtes an die Bibliothek gekommen war, hat Zedler (a. a. O. S. 133) ausführlich erzählt. Daß sich der Mann, der nach unüberlegter Gründung seines Hausstandes sich in bitterer Not sah und kein Aufrücken in ein Ordinariat und Zulage mehr zu erwarten hatte, nach ehrlichem Gelderwerb umsah und dann — von seinem intriganten Schwiegervater auf die einige Hundert Taler eintragende, nicht definitiv besetzte Stelle des Bibliothekssekretärs aufmerksam gemacht — sich nun in Kassel um diese bewarb, war ihm an sich nicht zu verübeln. Ebenso wenig ist aber auch der Zorn unverständlich, der die Bibliothekare, namentlich Gildcmeister, ergriff, als ihnen Vorländer in der brutalsten Weise 1854 durch Hassenpflng oktroyiert und der tüchtige bisherige Beamte, Dr. naecl. Möller, entfernt wurde. Wäre Vorländer als Bibliothekar brauchbar gewesen, so würde sich das Mißverhältnis zwischen seinen Vorgesetzten und ihm wohl rascher ausgeglichen oder doch abgeschwächt haben. 1) Siehe den Artikel von Hcinze in der Allgemeinen deutschen Biographie, Band 40, S. 306. 85 Bei allem Fleiß und gutem Willen war aber der unpraktische, etwas schwerhörige Gelehrte sehr wenig verwendbar; und Gildemeister war nicht der Mann, leicht zu verzeihen. Vorländer wurde also schlecht behandelt und mußte doch schwer arbeiten. Mit philosophischer Geduld ertrug er alle Unbilden im Amte und später schwere körperliche Leiden. Ich habe ihn immer bedauert, nachdem ich als Repetent Einblick in seine Lage erhalten und begriffen hatte, daß er sein Amt nicht besser ausfüllen könne, als er es tat. Er wurde für mich eine der rührendsten Professorcngestalten, die mir begegnet sind. Ehrenfest und übcrzeugungstreu wich er auch von seinen gemäßigt liberalen religiösen und Politischen Anschauungen, obwohl er in den Zeiten der Reaktion sich leicht dadurch hätte Vorteil schaffen können, nicht zurück. Um so mehr gönnte ich es ihm von Herzen, daß doch auch einige Lichtblicke in sein Leben fielen. Daß Robert v. Mohl sein bedeutendstes Werk „Geschichte der philosophischen Moral-, Rechts- und Staatslehre der Engländer und Franzosen mit Einschluß Macchiavells" usw. sehr anerkannt hatte, gehörte zu den Freuden seines Daseins. Die Tübinger „Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft" stand ihm von da an stets offen. Als ich das Amt, das dieser Mann dreizehn Jahre bekleidet hatte, antrat, wurde es mir leichter als ihm, mich hineinzufinden. War mir doch die Bibliothek schon von meinen Repetentenzeiten her bekannt und hatten mich doch meine Vorgesetzten geradezu aufgefordert, mich um meine Stelle zu melden! Aber die Last war doch auch so nicht unerheblich, die ich auf meine Schultern gelegt erhielt. Viererlei war es, was mir besonders zu tun oblag. Zunächst hatte ich die Akzessionskataloge zu führen. Es waren dieser drei: ein nach den Abteilungen des Realkatalogs geordneter, ein alphabetischer kürzerer und ein dritter für die 1) Marburg, Elmcrt l8S5. 86 Buchhändler, von denen Bücher gekauft waren. Hiermit hing es dann zusammen, daß ich, als bei jeder Rechnung die Nummern der Akzessioncn beigeschrieben werden mußten, auch das zu besorgen hatte. Einmal im Jahre wurde dann noch ein systematisch sorgfältig geordnetes Verzeichnis aller im Laufe des Jahres erworbener Werke aufgestellt, das bei den ordentlichen Professoren zirkulierte. Hatte ich so glücklich jede der Akzessionen, deren Zahl im Durchschnitt mindestens 1200 betrug (im Jahre 1869 sogar 1693) viermal gebucht, so kam zweitens der Verkehr mit dem Buchbinder hinzu, für den ich die Titel auch noch zweimal, wenn auch in kürzester Form, schreiben mußte. Die Ordnung des Zeitschriftenschrankes, der angefangenen Werke und die Führung einer Kontinuations- liste mag hier auch erwähnt werden. Drittens hatte ich das Ausleihejournal zu führen und dabei auch das gesamte Ausleihegeschüft zu überwachen. Die Nachsicht, mit der die vorgesetzten Bibliothekare die Unordnungen einzelner ihrer Professoren-Kollegen behandelten, bereitete mir hierbei mancherlei Ärger. Kam es in einem Falle doch so weit, daß die Staatsanwaltschaft in Tätigkeit gesetzt und das Zimmer eines Professors amtlich erbrochen werden mußte, um wieder in den Besitz von wertvollen Werken zu kommen, die der längere Zeit verreiste und auf kein Schreiben reagierende Professor jahrzehntelang im Hause gehabt hatte. Viertens mußten von mir die fünf Lesezirkel, in denen die auf der Bibliothek gehaltenen wissenschaftlichen Zeitschriften gegen besondere Bezahlung zirkulierten, in Ordnung gehalten werden; auch war der Bote, der sie herumtrug, zu kontrollieren. Außer diesen ständigen Arbeiten waren noch andere kleinere vorgesehen, die nach der Instruktion mir aufgebürdet werden konnten. Ich habe sie alle erledigt. Damals konnte ich noch rasch arbeiten und ich setzte meine Ehre darein, keine Reste zu haben. Ja, ich habe noch Antiguariatskntaloge gelesen und habe Allotria auf der Bibliothek treiben können, Vvn denen es besser ist zn schweigen. Kleine Zeitungsartikel nnd Notizen sind damals in den Dienststnndcn genug geschrieben worden. Da meine Arbeiten auf der Bibliothek sich so flott und regelmäßig abwickelten, war ich meinen Vorgesetzten natürlich ein erwünschter Untergebener. Ein angenehmer kann ich aber, wenigstens für Henke, nicht sagen. Ich hielt ihm zu stramm auf Ordnung, z. B. im Aussuchen der Novitäten. Er wurde auch gelegentlich eifersüchtig, wenn Professoren sich um Auskunft an mich wendeten, ob dieses oder jenes neue Buch schon angeschafft sei, oder aber, ob irgendwelche alte Bücher vorhanden und nicht ausgesehen seien. Er machte dieser Stimmung in halb scherzhafter, halb ärgerlicher Weise Luft. Er stellte mich einmal in einer Gesellschaft meinen Freunden als die Dorische Säule vor, auf der die Bibliothek ruhe; und sagte meiner Frau, sie beide müßten gut zusammenhalten, da sie mir doch parieren müßten. Doch das tat unseren persönlichen Beziehungen, die schon von meiner Studentenzeit her datierten und durch den ältesten Sohn des Hauses, den späteren bekannten Anatomen Wilhelm Henke, mit dein ich befreundet war, noch nähere geworden waren, kaum Eintrag. Literarische Tätigkeit und geselliges Leben in Marburg. Obwohl die Arbeiten auf der Bibliothek meine Kräfte sehr in Anspruch nahmen, empfand ich doch das Bedürfnis, neben ihnen mich doch mit meinen Lieblingsstudien weiter zu beschäftigen. Ich hatte freilich den in Sizilien gefaßten Plan, eine Geschichte Unteritaliens im Mittelalter zu schreiben, meiner Augen wegen aufgeben müssen. Aber die Erinnerung an Sizilien und seine wechselvolle Geschichte ließ mich doch nicht los. Da im Jahre 1867 zwei Werke des trefflichen palermitanischen Archivdirektors Jsidoro La Lumia zur Geschichte seiner Heimat unter dem letzten normannischen Könige Wilhelm dem Guten (gestorben 1190) und der sogenannten vier Statthalter (Vicari), das heißt der Adelsführer, welche sich nach dem Tode König Friedrichs III. im Jahre 1377 in die Herrschaft der Insel geteilt hatten, erschienen waren, beschloß ich sie in der „Historischen Zeitschrift" eingehend zu rezensiren.') Diese meine Besprechung fiel so umfangreich aus, stellte namentlich über die Entwicklung der normannischen Gesetzgebung in Unteritalicn so neue Gesichtspunkte auf, daß sie die Redaktion als selbständigen Aufsatz unter dem Titel: „Beiträge zur Geschichte Siziliens im Mittelalter" veröffentlichte?) Sie ist dann auch ins Italienische übersetzt und 1) Ltoria clslla Licilia sotto OuAÜsImo il Luono. Virenxo 1867. — II guattro Vicari, stucli cli storia Liciliana clel XIV se- colo. lUrenre 1867. 2) Historische Zeitschrift Band 20(1868), S. 1 ff. 89 von I. La Lumia selbst einer längeren, wie ich auch hentc noch glaube, nicht zutreffenden freundschaftlichen Entgegnung gewürdigt worden. Doch damit war meine schriftstellerische Tätigkeit des Sommers 1867 noch nicht erschöpft. Hatte ich schon in Rinteln angefangen, politische Berichte für die „Weserzeitnng", die aus Kassel datiert waren, zu schreiben, so setzte ich das in Marburg fort. Bei der Wichtigkeit, die es damals haben mußte, die Stimmung der hessischen Bevölkerung den wirklichen Mißgriffen der preußischen Berwaltung gegenüber ungeschminkt und wahrhaftig in einem Blatte zum Ausdruck zu bringen, das der Neugestaltung Deutschlands freundlich zugetan war, hielt ich es für eine patriotische Pflicht, nicht zu schweigen. Ich habe maßvoll damals manche Maßregel namentlich des llnterrichtsministers v. Mühler angreifen müssen. Auch hatte ich die Genugtuung, daß man auch höheren Orts in Berlin meinen Berichten Aufmerksamkeit schenkte, wie mir die Redaktion der Weserzeitnng einmal schrieb. Doch nicht nur politische Artikel schrieb ich für das Blatt. Ich habe in den Jahren 1867—70 und vereinzelt wohl auch noch darüber hinaus, zahlreiche Feuilletouartikel für es geschrieben. Sie knüpften in der Regel an ein kürzlich erschienenes Buch an, aus dem ich den wesentlichen Inhalt hervorhob und Betrachtungen anschloß. Auch in das „Beiblatt" znr damals „Allgemeinen Angs- bnrger Zeitung" habe ich in meiner Marbnrger Zeit derartige Aufsätze geschrieben; wie ich auch in die Wochenschriften die „Grenzboten" und dann später in die von G. Frehtag begründete „Im neuen Reich" ähnliche Besprechungen geliefert habe. Wissenschaftliche Rezensionen habe ich auch in der „Jenaer Literatnrzeitung", in der „Historischen Zeitschrift" und in der R.evue lristoric^rie, die schon in ihrer ersten Nummer einen Aufsatz von mir gebracht hatte, veröffentlicht. Auf die Aufforderung des mit mir befreundeten W. Wehrenpfennigs hin habe ich auch einige Artikel für die von ihm redigierte 90 „Spenersche Zeitung" beigesteuert, die ich wie manches andere, was ich damals geschrieben habe, gar nicht mehr besitze, also auch hier nicht einzeln aufführen kann. War bei der Abfassung meiner politischen Korrespondenzen das Verlangen, meinem Vatcrlande an meinem bescheidenen Teile nach Kräften zu dienen, die treibende Kraft, so wurde ich bei der Inangriffnahme von Feuilletonaufsätzen durch die Rücksichten auf Gelderwerb beeinflußt. Eine Kleinigkeit, 3000 Mk., hatte ich mir während meines fünfjährigen Aufenthalts in Messina doch ersparen können. Aber die Zinsen davon kamen kaum in Betracht. Da auch meine Frau nur ein geringes Vermögen besaß, reichten mit dem Gehalt von 1800 Mk. jährlich meine Einnahmen nicht aus, um bei den bescheidensten Ansprüchen eine Familie standesgemäß ernähren zu können. Freilich war das Leben damals in Marburg noch billig und man hatte geringere Bedürfnisse als ein Menschenalter später. So kostete unsere erste Wohnung, die Raum genug hatte, aber sehr unbequem disponiert und oft mit Ranch gestillt war, nur 276 Mk. Jahresmiete. Dennoch war mit 2500 Mk. Einnahmen nicht gut auszukommen, wenn man nur einige Geselligkeit mitmachen und sich nicht alles Reisen versagen wollte. Da hieß es denn sich etwas hinzuverdienen. Und das habe ich durch meine Schriftstellerei in der anständigsten Weise getan. Als im Jahr 1868 einmal von dem Kurator die Universitätskasse gestürzt und der nicht unbedeutende Überschuß an die Universitütsangehörigcn verteilt wurde, bekam ich auch 300 Mk. Dafür mir ein kleines Papier zu kaufen, hat mir wirklich Freude gemacht. Bei 1800 Mk. Gehalt noch zurückzulegen, war aber auch nur möglich, weil meine Frau recht arbeitsam und haushälterisch, aber nie geizig war. So haben wir nie Mangel zu leiden gehabt, selbst als uns Kinder geschenkt waren. Es kamen auf diese Weise doch immer mehrere Hundert Mark jährlich ins Haus, bis ich 2400 91 und später 9000 Mark Gehalt hatte, über die ich hier nicht hinausgekommen bin. Zu meinen Studienreisen nach Italien habe ich allerdings bis 1876 zweimal vom Königlichen Unterrichtsministerium Unterstützungen erhalten. Unter diesen Arbeiten ging mir der Sommer 1867 rasch vorüber, ich wohnte während desselben bei der Witwe eines Banrats Hunrath in der Untergasse, einer recht braven und tüchtigen Fran, der es aber mit ihren Kindern sehr knapp ging. Verwöhnt wurde ich daher in keiner Weise. Des Morgens setzte mir die Aufwartefrau, die sie bediente, nur den Kasse um 6 Uhr früh auf den Tisch. Stand ich später auf, so hatte ich ihn kalt zu trinken. Ich scherzte wohl einmal mit ihr und ' meinte, sie wolle mir Wohl die Sehnsucht nach dem eigenen Hausstände noch mehren. Um diesen zu begründen, hatte ich natürlich auch noch mancherlei Arbeit und Lauferei. Da mußte ein Logis ausgesucht, da mußten Möbel für mein Zimmer bestellt werden und dergleichen mehr. Da Reinhold Pauli, mit dem ich im Sommer im Ritter zusammen zu Mittag aß, sich in einer halbwegs ähnlichen Situation befand wie ich, da seine Familie erst im Herbst hier eintraf, so besorgten wir unsere Geschäfte zuweilen gemeinschaftlich, was dann ab und zu zu ergötzlichen Szenen führte. So hatten nur einmal gemeinsam eine Magd für ihn gemietet, ein Unternehmen, das sehr wenig glücklich ausfiel, aber viel Stoff zur Heiterkeit gab. Bei meinen Hanshaltungssorgcn stand mir aber treuer und unermüdlicher Rat bestens zur Seite. Schon während meines Aufenthalts in Marburg in den Jahren 1857—60 hatte ich mir in dem pensioniert hier lebenden Oberstleutnant Georg v. Cochenhansen einen Freund erworben, der es wirklich Wert ist, daß ich ihn hier dankbar nicht nur erwähne, sondern auch den Lesern nahe bringe. Einer Stralsnnder Patrizierfamilie entstammend, die in den schwedischen Adelsstand erhoben und dann mit dem Groß- 92 vnter in hessische Kriegsdienste gekommen war, wnrde mein Freund in Kassel geboren. Sein Vater, der erste konstitutionelle kurhessische Kriegsminister, war ein sehr gebildeter Mann, der mehrere moderne Sprachen beherrschte. Als er Gouverneur des Kasseler Kadettenhauses war, verkehrte viel in seiner Famile der nachher so berühmt gewordene I. von Radowitz. Mit einer Frau der französischen Kolonie in Kassel, wenn ich nicht sehr irre, einer geborenen Raffn: i) nicht glücklich verheiratet, lebte er später von seiner Familie getrennt. Aber glückliche Jngendjahre hatte mein Freund doch noch im elterlichen Hanse genossen und etwas von leichten: französischem Blute regte sich noch in dem sonst ernsten, stets irgendwie beschäftigten Manne. War er besonders guter Laune in seiner Familie, z. B. an einen: Silvesterabend, dann ließ sich der hohe Sechziger etwa eine alte Gitarre holen, rückte sein Käppchen auf ein Ohr und sang alte französische Chansons, die seine Vorfahren wohl noch aus Frankreich mitgebracht hatten, als sie bei der Aufhebung des Edikts von Nantes von dort flohen. Mich rührte das nin so mehr, als ich mir sagte, daß der greise Sänger vielleicht der letzte Hngcnottensprößling sei, der in Hessen solche Lieder, die von Mund zu Mund von den Cevennen oder der Loire her sich forterhalten hatten, zu singen verstand, denn ich habe sonst nie von Refugics solche Liebchen singen hören. Sie klangen mir wie der letzte Aushauch eines nicht unbedeutenden, aber doch fremden Lebenselements in meiner Heimat. Väterlicherseits, wie gesagt, einer der norddeutschen Landsknechts- familicn ungehörig, die in der hessischen, übermäßig zahlreichen Armee als Offiziere dienten, — sein Großvater hatte bei Culloden mitgefochten, war mit in Amerika gewesen und 1799 in den Niederlanden geblieben — war natürlich auch G. von Cochenhausen, wie sein Bruder, in den Militärstand getreten und bald zu kartographischen Aufnahmen neben dein Oberst l) Vielleicht auch Nassem. !)Z Wiegrcbe verwendet worden. Als ein gewandter und unterrichteter Offizier wurde er 1848 nach Kopenhagen geschickt, um die hessischen dort lebenden Prinzen, den präsnmptivcn Thronfolger mit eingeschlossen, aufzufordern, sich von da zu entfernen, nachdem der Krieg von Deutschland gegen Dänemark erklärt war. Von der Torheit und Beschränktheit, die dieser Erbprinz schon damals ihm gegenüber entwickelt habe und die er dann noch 1866 in entscheidender Stunde hinlänglich zu seinem Schaden entwickelte, pflegte Cochenhausen einige sehr drastische Anekdoten noch lange Jahre später zu erzählen, um seine Ansicht zu begründen, daß es ein wahrer Segen für Knrhessen gewesen sei, daß dieser Prinz nicht den Thron bestiegen habe. Von dieser Mission zurückgekehrt, wurde er in das Reichskriegsministerium nach Frankfurt kommandiert. Hier lernte er viele Kameraden aus den verschiedensten deutschen Ländern kennen und erwarb sich manche tüchtige Männer zu Freunden. So war er mit dem General von Peucker, dem sächsischen Militärbevollmächtigten von Witzleben usw. näher bekannt. Auch mit dem Prinzen von Preußen war er in Baden und Frankfurt in Beziehungen getreten. Als er von Hassenpflug zurückgerufen, sich von dein damals zufällig in Frankfurt anwesenden, nachherigen Kaiser Wilhelm verabschiedete und dabei frug, ob ihm der Prinz nicht an seinen Vetter, den Kurfürsten, Aufträge zu erteilen habe, wies ihn dieser scharf ab: „Nach Kassel habe ich gar nichts sagen zu lassen." Im Herbst 1850 reichte Cochenhausen wie fast das gesamte knrhessische Offizierkorps seinen Abschied ein, wurde aber doch als hessischer Generalstabsoffizier den von Süden her in das Land einziehenden österreichischen und bayerischen Truppen entgegengeschickt, um ihnen als ortskundiger Führer zu dienen. Er stellte sich in dem Hauptquartiere des Fürsten von Thurn und Taxis als einen Kamerad vor, der seinen Abschied eingereicht habe, wurde aber deshalb von den Offizieren nicht argwöhnisch behandelt. Einzelne bayerische Offiziere, wie der später so be- 94 kannte General von Bothnicr, sprachen sich privatim ihm gegenüber rückhaltslos über die tranrige Rolle ans, die die Bayern hier zn spielen hätten, während der österreichische Generalstabschef, Baron v. H., geradezu unanständige Auskünfte von ihm verlangte. Als das Recht in Hessen niedergeschlagen war, trat Cochcnhausen mit der großen Mehrzahl seiner Kameraden wieder in den Dienst. Sein rechter Better, der sehr einflußreiche Berliner Polizeipräsident von Hinkeldey, hatte ihm auf Grund seiner Frankfurter Vergangenheit den Übertritt in die preußische Armee zu vermitteln angeboten. Aber Cochenhansen lehnte ab und blieb im hessischen Gencral- stabe, dessen Chef er vorübergehend interimistisch wurde. An eine definitive Ernennung zu dieser Charge war aber nicht zu denken. Denn Cochenhansen war als liberal bekannt und mit den besten, dem Kurfürsten jedoch verhaßtesten Kameraden, den Weiß, Beß, v. Baumbach, Engelhardt, v. Titfurth usw. nahe befreundet. Um ihn los zn werden, versetzte der Kurfürst den kurzsichtigen Offizier, der lange Jahre nicht im Frontdienste gestanden hatte, als Bataillonskommandeur nach Marburg. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als um seine Pensionierung einzukommen. Er erhielt sie sofort und zog mit einer Jahrespcnsion von 2700 Mk., von der er sechs Kinder, darunter fünf Söhne, erziehen sollte, nach Marburg. Vermögen besaß er gar nicht. Ganz unbedeutend war das seiner beiden ältesten Söhne; die zweite Frau hatte ihm nichts mitgebracht, obwohl sie die Tochter des zu seiner Zeit so beliebten Bonner Pandektisten Mackeldey war. Aber sie war eine kluge, feingebildcte, überaus tätige Fran, die sich wie ihr Mann, tapfer in ihr Schicksal fand und sich wacker durchschlug, bis nach einigen Jahren ihr ein Legat von 36000 Mk. von feiten des reichen Hamburger Großkaufmanns Jänisch zufiel. Sie war bei ihm vier Jahre Gesellschaftsdame gewesen. In dieser Situation war es, daß ich Cochenhansen kennen und bald hoch schätzen lernte. Er war ein Mann von großem Wissen in historischen und geographischen Dingen und über hessische Verhältnisse nnd Personen unterrichtet, wie knnm ein anderer. Mit einen: bewunderungswürdigen Gedächtnisse ausgestattet, besaß er natürliches und scharfes Urteil über Menschen und Dinge und machte aus seinen Überzeugungen auch keine Mördergrube. Dabei hielt er sich in den Formen seines Standes und bewunderte die Grobheit, mit der sich zuweilen Professoren untereinander behandelten. Leicht beweglichen und mitleidigen Herzens war er teilnehmend gegen alles Elend der Menschen. Als die Professoren H. von Sybel und Ed. Zelter, die mit ihm wohlbekannt waren, hier einen Armenverein gegründet hatten nnd den Vorsitz in ihm wegen ihrer Wegberufung von hier niederlegten, wurde er dessen Vorstand und nahm seine Pflichten so ernst, daß man erzählte, er habe einer armen, vereinsamten und kranken Persoi: in Weidenhausen selbst das Bett gemacht. Dagegen verstand er auch charaktervoll zu verachten und zu hassen. Es hat wenig Menschen in Hessen gegeben, welche die Hassenpflng, Vilmar und Genossen so durchschauten und mit Ingrimm verfolgten als er. War er wahrlich auch kein legitimistischcr Verehrer des Kurfürsten, so sah er in diesen herrschsüchtigen und fanatischen Dienern eines noch dazu persönlich wenig achtbaren nnd selbstsüchtigen Absolutsten doch noch eine verächtlichere Spielart des menschlichen Geschlechts. Daß sie dazu den Staat heruntergebracht und seine ganze Existenz auf das Spiel gestellt hatten und ihn in ihren Nachwirkungen zum Bankerott führen würden, stand für ihn fest. Da seine Frau die Frau des Kurfürsten als Fräulein Falkenberg und Frau Lieutenant Lehman:: in Bonn gekannt hatte — ihre Eltern wohnten in den: Hanse der Eltern der Fürstin, — so war er auch nach dieser Seite hin mit der wenig hochachtbaren Hofhaltung wohl bekannt. Ich bedauere, daß ich hier nicht alles erzählen kann, was ich da gehört habe. Denn Cochcnhansen schenkte nur bald alles Vertrauen. Ich kam auch sehr oft zu ihm in das Hans, da ich einen: seiner Söhne, der an Koxalgie litt, lateinischen Unterricht gab und ihn, der einen Winter schon an Augenentzündung erkrankt war. 96 häufig in der Dämmerung besuchte. Als ich im Mai 186N dann nach Messiua fuhr, kam er kurz vor meiner Abreise zu mir und überreichte mir ein Heftchcn, das ich noch besitze, in den: er mir eine große Anzahl Bibelstellen abgeschrieben hatte, über die ich, seiner Meinung nach, in Messina predigen solle. Ich blieb natürlich mit ihm in lebhaftem Briefwechsel. Es war für mich eine große Freude und ein wahrer Genuß, seine ausführlichen, humorvollen, nach jeder Richtung hin ausgiebigen Briefe zu erhalten. Hat er mich doch z. B. zuerst auf den Darwinismus aufmerksam gemacht. Als ich darauf 1863 angen- krank in Marburg mehrere Monate bei meinem Bruder lebte, nahm sich die ganze Familie meiner freundlich an, machte mir eine Dunkelkammer znrecht und sorgte für meine Unterhaltung. Aus Italien zurückgekehrt, wohnte ich dann 1865 bei ihr eine Woche. Die Freude darüber, daß ich 1867 nach Marburg dauernd zurückkommen konnte, war daher eine große. Ich habe im Sommer dieses Jahres fast jeden Abend ein Stündchen im Hause Cochenhauseu zugebracht und wurde ein Freund seiner Verwandten und Familie. Er und seine Frau nahmen sich dann bei Gründung meines Hausstandes unserer so freundlich au, daß sie in der Stadt Hartwigs Schwiegereltern genannt wurden. Unser Verhältnis wurde im Laufe der Jahre durch nichts gestört, blieb ein intimes, Leid und und Freude haben wir miteinander getragen. Als ich 1876 nach Halle versetzt wurde, blieb anfänglich der Briefwechsel bestehen. Aber bald konnte der Freund nicht mehr schreiben. Wiederholt habe ich ihn dann noch hier aufgesucht und ihm, als er am 14. August 1884 über 82 Jahre alt gestorben war, in der „Hessischen Morgenzeitung" vorn 24. August einen Nachruf gewidmet. Neben der Familie Cvcheuhausen verkehrten wir, nachdem ich meine Frau, wie schon früher berichtet, Ende Oktober 1867 heimgeführt hatte, noch mit einer ganzen Anzahl hiesiger Familien freundschaftlich und behaglich, wenn auch mit keiner nur annähernd, wie mit ihr. Denn meine Frau, die den größte» Teil ihrer Müdchcnjahre hier verlebt hatte, besaß hier eine» Onkel und eine Tante und viele Jngendfrenndinnen. Auch ich hatte ja von meiner Repetentenzeit her noch zahlreiche Bekannte und Freunde. Man lud sich fast ausschließlich zum einfachen Abendessen ein. Das Hausmädchen besorgte die Einladungen, indem es tags zuvor mit einer Liste der Einzuladenden durch die Stadt geschickt wurde. Da der Gesellschaften noch nicht so viele waren nnd sie sich nicht auf einen relativ kurzen Teil des Jahres zusammendrängten, so konnte man doch darauf rechnen, nicht allznviele Körbe für die Gesellschaften zu erhalten. Da wir durch Cochenhausens mit einer Anzahl von hier lebenden althessischen Offiziersfamilien bekannt geworden waren, luden wir auch diese ein, so daß sich bei uns Angehörige von ihnen und Professoren trafen. Seit dem Frühjahr 1869 hatten nur auch eine bequemere Wohnung in einem umgebauten Hause der Barsüßerstraße bezogen, für die nur 450 Mark Jahresmiete zahlten. Meine untergeordnete Stellung an der Bibliothek war hierbei kein Hindernis. Wir verkehrten eben rein persönlich mit unseren Gästen, nicht als Repräsentanten irgend einer Schicht der Gesellschaft. Ich entsinne mich noch sehr wohl, daß eines Abends, als ich meinem Ehef Henke eine Exzellenz als Tischnachbarin zugedacht hatte, er ernstlich daran dachte, sich wegen Unwohlseins zu entschuldigen und durchzubrennen. „Es sei ihm zu vornehm bei uns," meinte er, nicht etwa aus Verdruß wegen der Nachbarschaft, der ihm zugedachten Dame, sondern weil er überhaupt fast nur an Professorcngesellschaften gewöhnt war. Allerlei Persönliche Beziehungen waren auch dadurch entstanden, daß ich mich hier wieder an den Vorlesungen beteiligte, welche im Winter in dem Rathaussaale für wohltätige Zwecke vor einem gemischten Publikum gehalten wurden. Hatte ich sie doch als Repetent 1850 mit »reinem Freunde Adolf Wüllner, dem bekannten Physiker, unter dem Protektorate Ed. Zelters ins Leben rufen helfen. Dreimal habe ich mich noch an ihnen aktiv beteiligt, indem ich 1868 über die 98 „Topographie und Geschichte Karthagos", dessen Ruinen ich 1805, besucht hatte, über „Märchen" 1869 und „die sizilianische Vesper" las. Der erste Vortrug ist in „Westermanns Illustrierten Monatsheften" Juli 1868 abgedruckt worden. Der zweite, der im Anschluß an die von mir veranlaßte, eingeleitete und herausgegebene Sammlung „Sizilianischer Märchen" von Laura Gonzenbach (Leipzig, Engelmann 1870. 2 Bände) entstanden war, ist, ich weiß nicht mehr aus welchem Grunde, ungcdruckt geblieben, obwohl er damals vollkommen auf der Höhe der Forschung stand. Der dritte Bortrag dagegen ist Juli 1870 in Gelzers „Protestantischen Monatsblättern" erschienen. 3. vilmar und Hassenpflug. i. Neben diesen Arbeiten begann meine Tätigkeit auf dem Gebiete der praktischen Politik, wenn auch nicht unausgesetzt, so doch Periodenweise znr Zeit der Wahlen, die freie Zeit immer mehr in Anspruch zu nehmen. Wenn ich hierauf näher eingehe, so geschieht das nur, um einen Beitrag zur Geschichte der Umwandlung der Politischen Stimmung und Parteigestaltnng meiner Heimat zu liefern. Diese wenigstens zu skizzieren, verlohnt sich allerdings der Mühe, denn kaum ist in einem Territorium im Laufe eines Jahrzehnts ein solcher Wechsel in den politischen Meinungen, in der ganzen Politischen Denkweise eingetreten wie in dem ehemaligen Knr- hcsseiü War nämlich bis zur Annexion des Staates durch Preußen eine gemäßigt liberale und nationale Partei so herrschend gewesen, wie kaum in einem anderen deutschen Kleinstaat, so entwickelte sich hier auch zuerst die Strömung, welche dann später und bis auf unsere Tage nach und nach fast das ganze übrige Deutschland ergriffen hat und — wesentlich unpolitischer Natur im engeren Sinn — von sozialen Einflüssen beherrscht ist. Denn es ist eine Tatsache, daß zuerst voll Knrhessen aus das Agrariertnm und der mit ihm enger zusammenhängende Antisemitismus ihren Einzug in die deutsche Politik gehalten und das Parteiwcscn gänzlich ungestaltet haben. Kaum lassen sich aber auch für eiu anderes deutsches Territorium die Ursachen dieses Umschwungs so klar machen, wie es für das ehemalige Knrhessen möglich ist. Mit solcher inneren Folge- 100 richtigkeit und Durchsichtigkeit entwickeln sich hier die Dinge, daß schon deshalb es von Interesse ist, sie auch für die Zukunft festzulegen. Der unglückliche Vcrfassnngskampf, der das letzte Men- schcnalter der selbständigen Existenz des Kurstaates ausgefüllt und soviel zu dessen Untergänge beigetragen hat, drehte sich weniger um Politische Prinzipien, als um sehr reale klingende Dinge. War der Kurfürst auch ein Absolutist, so war er das weniger aus theoretischen Gründen, aus seiner Überzeugung von dem göttlichen Ursprung seines Rechts als Landesherr heraus, als auS praktischen Erwägungen. Morgana- tisch verheiratet, wie er war, sah er seine zahlreiche Nachkommenschaft von dem Thron seiner Väter ausgeschlossen. Für sie zu sorgen war sein eifrigstes Bemühen, dabei wurde er von seinem geldhungrigen Weibe, das niemals einen Funken von Gefühl für die Stellung, in die es doch nun einmal gekommen war, gehabt hat, auf's eifrigste bestärkt. Sie hielt den Kurfürsten sehr knapp, so daß er sich z. B. einem Bekannten von mir gegenüber einmal in einem Bade beschwerte, seine Frau wollte ihm nur zwei reine Hemden die Woche geben. Wollte sie einen Roman lesen, so ließ sie sich die schmierigsten Leihbibliotheksexemplare gefallen! Also für den Kurfürsten gab es nur einen oder richtiger gesagt den höchsten Wunsch, Geld für seine Kinder auf Kosten des Landes znsammenznhänfen. Waren ihm doch Bater, Großvater usw. hierbei als Mnstervorbilder vorausgegangen insofern, als sie für ihre Maitressen und deren zahlreiche uneheliche Kinder eine ungeheure Geldmasse aus dem armen Lande gezogen und an diese verschenkt hatten. So hatte namentlich die Gräfin Reichenbach, um nur eine zu nennen, dem Lande Millionen gekostet. Das Silberzeug endlich, das das letzte Weib des Vaters des Kurfürsten, eine geborene von Berlepsch — später an den Grafen Hohcnthal in Sachsen verheiratet — aus dem Nachlaß bekommen hatte, wurde nach vielen Zentnern berechnet! — IM — Dieser Ausbeutung des Landes durch den Kurfürsten stand die Verfassung entgegen, durch die der hessische Staatsschatz festgelegt war. Ebenso wollte der Kurfürst aus dem Aus- sterbeu der Hcssen-Rotcnburgischeu Lnndgrafeulinie für sich uud seine Familie pekuniäre Vorteile herausschlagen und sich der Domänen, der sogenannten Rotcnbnrger Quart, bemächtigen. Gegen dieses sein Vorhaben lehnte sich in Hessen eigentlich das ganze Volk mit mehr oder weniger klarein Bewußtsein auf. Den Kämpfen der Männer, die sich für konstitutionelle Theorien und für die Herstellung einer besseren Einigung Deutschlands erwärmten und stritten, schaute die Mehrzahl jahrelang mit Gleichgültigkeit zu. Da diese Männer aber auch gegen die Ausbeutung des Landes durch den Kurfürsten und sein „Trudchcn" indirekt kämpften, so waren sie der Zustimmung, auch der Kreise des Volkes sicher, die sich um die Politik nicht sonderlich kümmerten. Der Radikalismus hatte zwar im Lande 1848 große Fortschritte gemacht und war infolge der Mißachtung, in die der Kurfürst durch seinen Charakter, seine ehelichen Verhältnisse und persönlich geraten war, im Jahre 185,0 zu einer Höhe gestiegen, daß er sich in seinen journalistischen Äußerungen in der „Hornisse" nicht mehr überbieten konnte. Aber die große Majorität der Bewohner des Landes und der kleineren Städte wollte von diesen Ausschreitungen eines rabiat gewordenen Radikalismus doch nichts wissen. Die im Grunde sehr konservative, langsame und schwer bewegliche Bevölkerung, in der viel soldatischer Sinn erblich war, fand keinen Geschmack an solchen Maßlosigkeiten, über die man Wohl einmal lachte, sie aber eigentlich wenig in der Ordnung fand. Da in dem Volk noch seit alten Zeiten viel Rechtssinn lebendig war und man gern Prozessierte, so erschien ihm der Streit, den die Ständckammcr mit den wechselnden Ministern des Kurfürsten um die Verfassung führte, als ein Rechtsstreit, in dem schließlich das Oberapellationsgericht das letzte Wort zu sprechen habe. 102 Der Bauer sagt zwar iu Hessen, wenn er einen Prozeß verloren hat, „er hat verspeelt." Aber dieses „Prozeßspiel" hatte doch nicht dazu geführt, den Glauben an die Gerechtigkeit der Justiz in den höheren Instanzen zn erschüttern. Und in der Tat war dieser gnte Glaube gerechtfertigt, so wunderliche „Amtmänner" im Anfang unseres Jahrhunderts und noch in spateren Zeiten hinein hier Recht gesprochen und gebrochen haben. Überhaupt war der höhere hessische Beamtenstand in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein tüchtiger und ehrenhafter. Die sittlichen Defekte, die den Hof des Königs Jeromc in einen so schlechten Ruf gebracht haben, gingen fast ausschließlich vom Adel aus und am althessischen Lnnd- grafenhofe, von dem neugebackenen kurfürstlichen ganz zn schweigen, war die Maitresscnwirtschaft ja eine althergebrachte. Dagegen herrschten im Beamtenstande noch strenge Anschauungen, die als ein Niederschlag der althessischcn reformierten Kirchenzucht anzusehen sind. Erst infolge des Hassenpflng- schen Regimentes sind schlechte Elemente in der Verwaltung und in der Justiz in die Höhe gekommen, die man früher nicht gekannt hatte. Die seit 185,0 herrschende Clique mußte ihre Werkzeuge nehmen, wo und wie sie sie fand. So kam es, daß unter „den Getreuen im Lande", die mit der rotweißen Kokarde am Hute Paradierten, sich Spitzbuben befanden, die als Richter stahlen und abgesetzt werden mußten, wie das Haupt des hessischen Trcnbunds, den der Kurfürst als seinen lieben Amtmann Tassius angesprochen hatte. Oder Leute, wie jener Musenmsinspektor, der wertvolle Medaillen usw. stahl. Natürlich wurden auch die höheren Richterstcllen seit 1850 vielfach nicht nach sachlichen, sondern nach politischen Gesichtspunkten besetzt und an die Spitze der Regierungen waren Männer berufen, unter denen sich manche räudige Böcke befanden, die durch ihr Vorleben keineswegs den politisch-orthodoxen Kreisen nahe gestanden hatten. Nicht mit 103 Unrecht sah man in weiten Volkskreisen mit größter Verwunderung die tüchtigsten Beamten und Militärs zurückgesetzt und erblickte hierin einen weiteren Grund, sich der Opposition anzuschließen. Ganz uninteressiert war diese letztere übrigens in manchen ihren Vertretern auch nicht. Die Verfassung von 183l, und was mit ihr zusammenhing, hatte den Staatsbeamten nicht nur vielfachen Schutz gegen Willkürregimcnt von oben verliehen, sondern sie auch mit vielfachen Rechten ausgestattet, deren sie sich 1830 nur in wenigen deutschen Staaten in gleicher Weise erfreuten. Es war für Pensionen, für Wit- wengehälter usw. den Zeiten nach besser gesorgt als anderswo. Das führte die Beamten natürlich auf die Seite der Opposition, deren Grundsätze ja dem herrschenden Geist der Zeit entsprachen. Überzeugungen und Interessen wirkten zusammen, um die Widerstandskraft des Volkes gegen die rein egoistischen, das Gemeinwohl schädigenden Tendenzen des Herrschers zu stärken. Nicht wenig trugen dazu auch die Persönlichkeiten bei, mit denen der Landesherr seine Pläne durchsetzen wollte: die Werkzeuge, die er sich wählte und nie anders wie als Werkzeuge ansah und sie darnach behandelt hat. In einem kleinen Staate, wie Knrhessen, kannte man ja solche Menschen von Jugend auf; man war daher imstande, sie auf ihre sittliche Würdigkeit und ihre Fähigkeiten richtig zu beurteilen. Das Gesamturteil lautete aber wenig glänzend, so geneigt man auch war, die geistigen Fähigkeiten einzelner von ihnen hoch einzuschätzen. II. Unter ihnen zählte an erster Stelle Hans Daniel Has- senpflug, ein herrschsüchtiger, Politischer Abenteurer und legi- timistischer Don Qnixote. Diesen Mann hier zu schildern, der einer der anerkanntesten Persönlichkeiten aus der Zeit der Politischen Reaktion des neunzehnten Jahrhunderts war, und nächst dem Kurfürsten selbst am meisten znm Untergänge 104 der Selbständigkeit des alten hessischen Staatswesens beigetragen hat, ist überflüssig, nachdem Heinrich v. Sybel in einen: seiner glänzendsten und unbefangensten Essays auf Grund der sämtlichen politischen Akten nnd persönlicher Erfahrung sein Porträt schon im Jahre 1893 für die Nachwelt gezeichnet hat.') Nur eine kleine Illustration zu dem Bilde des unparteiisch auf ganz vergangene und schon für viele unserer Zeitgenossen in gewisse unsichere Beleuchtung hinabgesunkene Tage zurückblickenden Historikers mag hier geliefert werden. H. v. Sybel erzählt unter anderem, daß der Kurprinz seinem Premier „in: stillen gern Schabernack angetan habe" und ihn 1837 endlich vor einer Anzahl von Stallmeistern und Stallknechten wegen seiner Dummheit und Flegelei ausführlich beschimpft habe. Beiläufig bemerkt, soll derselbe Herr 1866 iu Anwesenheit seines Stallmeisters auf dem Bahnhof unmittelbar vor seiner Abreise nach Stettin seinen letzten Ministern eine ganz gleiche Szene aufgeführt haben, bei der sich der Stallmeister entfernen wollte, aber von: Kurfürsten zurückgehalten wurde. Die submisse Einrede des Ministers Aber, der an die treuen Dienste erinnerte, soll nur den Zorn gesteigert haben. Ob H. v. Sybel zu den: Schabernack das folgende Stücklcin gerechnet hat, weiß ich allerdings nicht. Hasscnpflug war bekanntlich mit einer Schwester der Gebrüder Grimm in erster Ehe verheiratet. Früh Witwer geworden, wollte er sich mit einer Tochter des hessischen Adels verbinden und wählte hierzu ein Fräulein v. Münchhausen, die sich als eine ausgezeichnete Frau bewährt hat. Um ihre Kinder erziehen zu können, hielt sie als arme Witwe in den sechziger Jahren einen Studententisch. — Hasscnpflug begann als Minister den: jungen, üppigen schwarzen Mädchen auf einen: Hofball die Kur zu machen, was natürlich von den l) Vortrüge und Abhandlungen. Mit einer biographischen Einleitung von C. Varrentrapp (München u. Leipzig 1897), S. 216. 105 jungen Offizieren bemerkt wurde. Als er wieder mit ihr tanzte, machte ein Adjutant den Kurprinzen darauf aufmerksam, der nun seinerseits dem Kapellmeister sofort befehlen ließ, beim Tanzen seines Premiers ein immer rascheres Tempo zu nehmen, so daß sich dieser mit seiner Schönen ganz abhetzte. Ein preußischer Oberappellationsgerichtspräsidcnt, der nach solchen Erfahrungen mit seinem früheren „Dörchläuch- ting" sich zum zweiten Male dazu hergibt, dessen Premier zu werden, muß doch eine gute Dosis Herrschsucht und ein höchst eigentümliches Ehrgefühl gehabt haben! III. Von anderer Art in vielfacher Beziehung war der wichtigste Helfershelfer Hasscnpflugs August Friedrich Christian Vilmar, bis 1850 Gymnasialdirektor zu Marburg. Auch über diesen hochbegabten Mann besitzen wir zahlreiche Arbeiten. Keine von ihnen reicht aber nur annähernd au die H. v. Sybels über Hasscnpflug heran. Shbel, der ihn von Marburg her wohl kannte, hat sein Bild nur ganz gelegentlich in dem eben angeführten Aufsatz über Hassenpflng skizziert. Er nennt ihn „einen geistreichen und leidenschaftlichen Parteimann, von großer Gestalt, düsterein Blick und unbedingter Selbstsicherheit". Diese Charakteristik ist richtig, leider aber zu kurz, so daß mau sich doch keine Vorstellung von dem Manne darnach machen kann. Da er in wiederholten Veröffentlichungen über sein Leben sich über sich selbst in einer Weise ausgesprochen hat, die uns nach einer Seite hin allerdings tiefe Einblicke in sein Seelenleben gestattet, wahrend sie nach der anderen hin nicht weniges von ihm verschüttet und uns nur das aus ihm offen sehen läßt, was er — sei es nun klar oder unklar bewußt — auf die Nachwelt über sich wollte kommen lassen, mag hier auf Grund unverwerf- lichcr Zeugnisse glaubhaftester Altersgenossen und Bekannter — 106 von ihm etwas näher auf seine komplizierte Natnr eingegangen werden. Die Daten von A. Vilmars äußerem Leben, die z. B. in dem Artikel der Allgemeinen deutschen Biographie«) ziemlich richtig angegeben sind, setze ich voraus und berichtige hier nur die Behauptung, Vilmar sei Dr. tlreol. gewesen und es wäre seine wissenschaftliche Entwicklung vielleicht eine andere geworden, wenn er 1855 in die philosophische Fakultät zu Marburg übernommen worden wäre. Vilmar wäre das erstere wohl sehr gerne gewesen, aber er konnte von keiner lutherischen Fakultät promoviert werden, da er ja nominell reformierten Bekenntnisses war; und die unicrten und reformierten Theologen hüteten sich wohl, den konfessionell lutherischen Hierarchcn zu ehren. Der Kurfürst von Hessen hatte ihn schon 1855 als Literarhistoriker in die philosophische Fakultät versetzt und nur auf seinen eigenen Wunsch wurde er dann der theologischen oktroyiert. Vilmar entstammt einem evangelischen Pfarrhanse Alt- hessens, in dem spartanische Einfachheit, kirchliche Frömmigkeit und strenge Zucht herrschten. Der Vater erfreute sich allgemein des Rufes eines ernsten, gewissenhaften Geistlichen. Die Mutter hatte einen poetisch gemütreichen Zug. Der Erstgeborene, der dem Ehepaar am 21. November 1800 geschenkt wurde, war ein früh entwickeltes, höchst sensitives Kind. Vom dritten und vierten Lebensjahr an will Vilmar nicht vereinzelte Vorgänge, sondern ganze Erzählungen und Schilderungen im Gedächtnisse lebendig behalten haben. Die Eindrücke, die der Krieg von 1806 und die Vernichtung des alten hessischen Staates auf den sechsjährigen Buben gemacht haben, schildert er uns äußerst lebendig und drastisch. Es ist mir kaum zweifelhaft, daß ihm trotz seines ausgezeichneten Gedächtnisses die Phantasie hierbei noch geholfen und er ein- 1) Band 89, S. 716. 107 zelnc Eindrücke sich später zu einem Gesamtbild ausgemalt, das er für ursprünglich, schon in der Jugend vorhanden, annahm, das in der Wirklichkeit aber so nicht existiert hat. Poetisch begabt, lvic er war, ist er hierbei aber wohl sremdcn Mustern gefolgt. Solche Gesichtstäuschungen entstehen unwillkürlich. Beispiele hierfür sind namentlich die Jünger der Romantischen Schule. Bei Vilmar kam noch ein anderes hinzu. Er war nicht nur ein „Dichter und Träumer", sondern ein willensstarkcr, energischer, sehr selbstbewußter Mann. Solche Naturen bewegen nicht nur den Acheron, sondern auch die Wahrheit. Selbst sie hat sich ihnen zu fügen. Sie reflektieren augenblickliche Stimmungen in die Vergangenheit hinein, finden von diesen aus manches, was sie getan und gesagt haben, mit den jetzt bei ihnen vorhandenen Überzeugungen unvereinbar, unbegreiflich, verwerflich! Dann wird der nächste Schritt getan: die Sache muß sich damals doch etwas anders verhalten haben, sie war eigentlich ganz anders. So verkehrt sie sich nach und nach sanft in ihr Gegenteil, wenn sie überhaupt existiert hat. Nur so viel bleibt von den Tatsachen bestehen, als znr Fnndamentiernng für die spätere, höhere Lebensentwicklnng brauchbar und notwendig erscheint und zum Nachruhm, znr Nachahmung für andere, znr Erweiterung des eigenen Selbst, znr Schnlcn- bildnng sich als erforderlich erweist. Große Feldherren und Staatsmänner haben ihren Lcbcns- genossen so viel Gewalt angetan, daß für sie die Versuchung nahe liegt, auch die Vergangenheit zu vergewaltigen und sie so darzustellen, wie sie sie von der Nachwelt angesehen wissen wollen. Wir haben im neunzehnten Jahrhundert Napoleon, Mctternich und Bismarck an diesem Werke beobachtet. Herrsch- lustige, Willensstärke Männer, die nicht so gewaltig auf die Welt eingewirkt haben, weil ihr Lebenskrcis ein beschränkterer war oder die ihrem Metier nach auf ganz andere Sphären angewiesen waren, Kirchenmänner, Gelehrte, Künstler, sind dennoch häufig mit der Wahrheit nicht viel besser umgesprungen 108 als diese „Gewaltigen des Herrn". Noch kürzlich hat man von einem der größten Künstler aller Zeiten sagen müssen, „daß seine Erinnerungen nur einen lockeren Zusammenhang mit der Wirklichkeit bewahrten, sobald der Affekt sich einmischte." Und wo mischt sich bei solchen Naturen der Affekt nicht ein, sobald sie die Feder in die Hand nehmen und der Nachwelt über sich erzählen wollen! Wer aber könnte in jedem einzelnen Falle analysieren, wo die Selbsttäuschung aufhört lind die bewußte Unwahrheit anfängt? Hieran möchte ich auch Vilmar gegenüber festhalten, wenn er uns von dem ersten Erwachen seiner Liebe, von seiner vita nuova erzählt, bis zu der Behauptung, daß er mit dem Teufel in höchsteigener Person leibhaftig gerungen habe. Ein mit der Bildung des neunzehnten Jahrhunderts ausgestatteter Mann, der uns einen im besten Falle inneren Vorgang seines Lebens so in die äußere Wirklichkeit der Tatsachen projiziert, ist doch kein einwandfreier Zeuge für seine eigene Vergangenheit! Beginnen wir mit den liebenswürdigen Mitteilungen aus seiner Vergangenheit, mit seinem Liebcsleben, um einige kritische Bemerkungen hinzuzufügen. Nach seiner eigenen Erzählung — und ich bezweifle deren Wahrheit nicht im geringsten, wenn auch wohl der rechte Ausdruck für die Empfindung erst später gefunden ist — hat er, noch nicht dreizehn Jahre alt, „das wunderbare, hcrzdurchgreifende Gefühl empfunden, welches man die erste Liebe nennt und den wohlbekannten elektrischen Schlag erfahren, der so im Leben nur einmal vorkommt und vorkommen kann." In seinem vierzigsten Lebensjahr — freilich noch immer früh für autobiographische Aufzeichnungen — hat der Schnlmonarch, der schon in zweiter Ehe lebte, uns eine Schilderung „des aus Granen und Wonne gemischten Gefühles" gemacht, das ihn in ein ganz anderes Lebenselement eintauchte, welche einen: wahren Dichter alle Ehre macht. Dante kann seiner Beatrice gegenüber nicht lebhafter empfunden 109 haben, als Vilmar gegeit Sophia Wenderoth.ft Diese wurde natürlich nicht seine Braut und Frau, sondern starb als Braut eines anderen 1822, nachdem auch er sich, noch nicht zwci- undzwanzig Jahre alt, mit einer anderen verlobt und sich damit „in die erste Trunkenheit der vollen wahrhaften Liebe eingetaucht" hatte. Nicht ganz so poetisch wie seine vila iruova nach dem Anblick Sophie Wenderoths beschreibt Vilmar seinen vierjährigen Brautstand mit Karoline Wittekind; obgleich immer noch in hohen Tönen. Er hat die Tage notiert, an denen er sie znm ersten Male gesehen und wann er sie zuerst geküßt hat. Er berichtet jedoch auch von „Unbequemlichkeiten, Verdrießlichkeiten und Anstößen, mit denen diese Jahre des Brautstandes angefüllt waren, die von solchen Verlöbnissen unzertrennlich sind". Sie haben aber nach ihm niemals seine Liebe, die „keusch und rein, als sei sie nicht aus sündigem Fleisch und Blut, sondern aus dem Tau des Äthers und dem Licht der Sonne gewoben, der Engel seiner Jugendjahre war", gemindert oder gar aufgehoben. Ganz anders als diese ganz besonders für seine Tochter Hedwig bestimmte Schilderung der anmutigen und holdseligen Mutter lauten die Nachrichten, die mir von glaubhaftester Seite über sie und ihr Verhältnis zu ihrem Manne überkommen sind. Mein Vater, der mit Vilmar gleichzeitig in Marburg studierte und auch Mitglied der Burschenschaft gewesen war, später auch noch mit ihm in Rotenbnrg und Hersfeld verkehrt hatte, hat mir erzählt, Vilmar sei ein Mann mit starken sinnlichen Neigungen gewesen. Als Student habe er auf seinen Pfcifcnköpfen und Dosen die Bilder üppiger Frauen gehabt und damit Anstoß erregt. Über diese Zeit gleitet Vilmar in seiner Selbstbiographie bei Strieder-Ger- land^) auch kurz genug hinweg, obwohl er allerlei davon mit- 1) Hessische Blätter vom 21. November 1000. 2) Grundlage zu einer Hessischen Gelehrtem und Schriftsteller- Geschichte, Band 20, S. 182. 110 zuteilen gehabt hätte. Über sein Verhältnis zu seiner ersten Frau erzählte mir derselbe Gewährsmann ferner, sein Vater habe ihm lange Zeit nicht die Einwilligung zur Verlobung mit Karoline Wittekind geben wollen, da sie ihm nicht zusage. Als aber sein Sohn nach mehrjähriger Verlobung sein Verhältnis habe lösen wollen, da habe ihm der ehrenhafte Mann zugerufen: „August, Du hast mir die Einwilligung zu Deiner Verlobung abgezwungen; das sage ich Dir, ich werde niemals Dir meine väterliche Einwilligung zu einem Verlöbnis mit einer anderen geben."") . . . Ich -habe diese Dinge hier ausführlich erzählt, immerhin aber nicht so ausführlich als ich gekonnt hätte, weil sie in weiten Kreisen Hessens fest geglaubt wurden und das öffentliche Urteil über die Tätigkeit des zelotischen Kirchen- mannes beeinflußten. Sind sie richtig, — und es besteht für mich kein Zweifel an ihnen — so gestatten sie auch einen tiefen Einblick in sein inneres Wesen. Die ganze Zwiespältigkeit seiner Natur tritt auch in ihnen zutage. Vilmar war ein nach verschiedenen Seiten hin hochbegabter Mensch. Er besaß einen auf die Realität der Dinge gerichteten scharfen Verstand, ein vorzügliches von Jugend auf geübtes Gedächtnis und eine große Arbeitskraft. Daneben war ihm ein tief poetischer Sinn verliehen. Sein warmes Natnrempfinden bricht bei allen Gelegenheiten in lebendigen und farbenreichen Schilderungen hervor. Er freute sich der Schönheit der hellen Buchenwälder seiner hessischen Heimat, der einsamen Linde, des roten Klees, der Bergwiese mit ihrer kristallencn Quelle. Und auf ein solches in Naturstimmnngcn aufgehendes Gemüt hätten nicht auch die Reize der weiblichen Schönheit wie auf alle seine romantischen Gesinnungs- brüder einen gewaltigen Eindruck machen sollen? Von scincr 1) Hier folgen im Manuskript etwa zwei Druckseiten, die sich zumeist auf die beiden Frauen Vilmars beziehen und schwerlich von allgemeinerem Interesse sind. L. b. 111 Kuabenzeit an finden wir ihn, wie schon erwähnt, für sie empfänglich. Des sinnlichen Reizes, der seiner Bewunderung, seiner Anbetung eines zwölfjährigen Mädchens zugrunde liegt, war er sich, so scheint es fast, freilich noch gar nicht bewußt. Aber die robuste Sinnlichkeit erwachte auch in ihm und zwar mit großer Gewalt. Er stieß mit ihr aber sofort auf die puritanisch-strengen Anschauungen, die in seinem Elternhanse in der noch in strenger Zucht regierten Kirche herrschten, heftig zusammen. Es entwickelte sich in ihm ein Kampf, der zunächst sein eigenes Leben für sich erfüllte, ihm aber dann auch die ganze übrige Welt als in diesem wilden und alles beherrschenden Kampfe stehend erscheinen ließ. Sinnlichkeit und kirchliches Gebot, subjektives Verlangen und feste Zucht, rationelles Denken und absolute einmal gegebene Satzung, fleischliches Begehren und hyperüsthetisches Empfinden verdichteten sich immer mehr für ihn zu neuen Gegensätzen von gut und böse, von jenseits und diesseits, von Gott und Satan. Über deren Verhältnis zueinander, ihren möglichen oder unmöglichen Kausalzusammenhang nachzusinnen und ihn nicht als einen faktischen eben gegebenen, unbegreiflichen hinzunehmen, schien ihm schon einfach unchristlich zu sein. Der Zweifel ist für ihn der „unglücklichste und zerrüttendste, wahrhaft männermordende Zustand". Das um so sicherer, als nach ihn: jeder Zweifel scn- sualistischen Ursprungs war und schon darum als mit sündlicheu Regungen befleckt galt. Steht das aber einmal fest, so begreift sich leicht, wie Vilmar die ganze moderne Theologie leicht überwinden konnte. Jeder Versuch, die Wahrheit zu erforschen, ist ihm hier schon ein Verbrechen, denn die Wahrheit ist eine gegebene. Und diese absolute Wahrheit war ihm in der dualistischen mittelalterlichen Weltauffassung wieder lebendig geworden, die allerdings ihre altchristlichen Vorbilder hatte. Es ist recht bezeichnend für Vilmar, daß er Tertullian besonders hochschätzte, den realistisch und juridisch denkenden Kircheumann. Aber so 112 einfach kann man dvch die Kultur seiner eigenen Zeit nicht negieren. Was dort naiti war und der Zeitbildung entsprach und durch mehr oder weniger humorvollen oder inkonsequenten Zusatz sich ausglich, war hier durch die nicht zu vermeidende Einmischung und nicht abzuweisende unwillkürliche Legierung mit modernen Gedanken gestört und in einem Gühruugs- prozcß erhalten, aus dem der moderne Fanatismus um so stärker resultierte und explodierte, je zweifelhafter der Sieg im eigenen, aber mit der Sache Gottes identifiziertem Kampfe wurde. Von christlicher Liebe auch gegen die Feinde findet sich dann bei ihm keine Spur mehr. So sehr er sich auch dagegen verwahren würde, er hat wohl über seine Gründe nicht anders gefühlt als Nietzsche. Denn das Mitleidsvolle gegen Gegner war ihm nur Schwäche, eine „wahre Bekehrung" ganzer Völker durch Krieg und Blutvergießen zum Christentum durchaus nicht ausgeschlossen. Zuletzt „wird doch nicht selten bei manchen Gemütern gerade durch die schärfste Zucht, wenn erst der wilde Trotz gewaltsam gebrochen ist, die treneste, innigste Liebe erzeugt". Je näher ihm aber die „borstige Rttsselherde der Zeitidee", wie er die moderne Kulturentwicklnng zusammenfassend genannt hat, in einer großen wissenschaftlichen Leistung, in einer kirchlichen oder politischen Bewegung auf den Leib rückte, desto leidenschaftlicher schlug und stach er mit seinem scharfen Jagdspieß um sich. Das sichere Gefühl, daß er hier und da einem allzu vordringlichen Ferkel einen ordentlichen Stoß versetzt habe, steigerte natürlich nur das von Haus aus starke Selbstgefühl noch mehr. Hatte er lauge mit sich uud seinen Leidenschaften gerungen, war er aus dein Kampfe, den gleichheiß glücklicher Weise nicht allzuvicle auszufechten haben und in dem manche dann erliegen, — mit dem Bewußtsein hervorgegangen, daß er doch Sieger geblieben sei, so erfüllte ihn das mit einem Selbstgefühl und einer Selbstsicherheit über die Schwachen, die solches nie erlebt hatten, oder gar den Söhnen des Satans gegenüber, die nur zu gut wußten, um was es sich handele, die kaum noch einer Steigerung fähig waren. 113 „Was ich je ward, bin ich durch mich geworden," heisst es in einem seiner Sonette. Dazu hatte auch seine harte Jugend und seine ihm ganz widerwärtige Tätigkeit als Lehrer einer Stadtschule mit „grindigen Kindern" bei ihm mitgewirkt. Er fühlte sich zurückgesetzt von der Welt und obgleich er doch früh Gymnasialdircktor geworden war und große Erfolge als Lehrer hatte, schien ihm doch sein Beruf seiner nicht würdig. Er war ungern Lehrer, wie er selbst in seinen biographischen Aufzeichnungen wiederholt hervorhebt. Er wäre gern Professor der Theologie geworden. Sein solange zurückgedrängtes Selbstbewußtsein steigerte natürlich seine Herrschbegierde. Und als er diese dann, wenn auch in Hessen in immerhin engen Grenzen, endlich befriedigen konnte, da erwuchs sie ihm zu einem Verlangen, alles ihm Widerstrebende zu beugen oder zu brechen. IV. Vilmar kämpfte angeblich für die Satzungen der Kirche seiner Väter. Da er aber die lutherische Abendmahlslehrc mit ihrem realistischen Beigeschmack für die allein richtige hielt, überhaupt für Luther, im Gegensatz zu Zwingst und Calvin, schwärmte, — freilich nicht für den Luther der drei großen Reformatiousschriftcn, sondern für den Marburger Luther und den Todfeind der Bauern — die niederhessische Landeskirche aber sich aus einer uniouistisch gerichteten zu einer reformierten entwickelt hatte, so unterwarf er sich nicht dieser geschichtlichen Tatsache, sondern behauptete einfach, die „niederhessische Kirche bilde sich nur ein, reformiert zu sein, in der Tat sei sie lutherisch". Denn Vilmar war lutherisch, also auch die niederhessische Kirche! Natürlich mußte ihn ferner die logische Konsequenz seiner kirchlichen Grundanschauungen über das geistliche Amt und die Kirchengcwalt — Anschauungen, die wiederum auf seine persönlichsten Vorstellungen über den Wert der Zucht des allen subjektiven Überzeugungen entrückten statutarisch konfessionell Festgesetzten ruhten, so fern sie ihm paßten, — über Hartwig, Aus drin Lcbcu. 8 114 den Kirchenbegriff des gesamten Protestantismus Hinaustreiben, so daß ihn katholische Polemiker für echt römisch anerkennen konnten. Aber das focht den Mann so wenig an, als die Konsequenzen seiner dualistischen, fast manichäischen Weltanschauung, die ihn soweit fortriß, daß er an einen persönlichen Kampf mit dem leibhaftigen Satan, der ihm in Gestalt eines Geisteskranken entgegentrat, glaubte und, einen solchen Kampf bestanden zu haben, zu seinen geistlichen und sittlichen Ruhmestiteln zählte! Und nicht anders, ja vielleicht noch ärger als auf dem kirchlichen Gebiete, hat er in politischen Dingen seinen persönlichen Trieben und Leidenschaften freien Lauf gelassen! Gewiß er hat sein Heimatland Hessen warm geliebt. Aber er wollte es nur auf seine Weise haben und darum beherrschen. Einen: Mann von dem Selbstbewußtsein, wie es Vilmar besaß, der sich in geistlicher und sittlicher Beziehung der großen Menge seiner Mitmenschen, den: Herrn Sinnes, wie er mit Luther zu sagen liebte, unendlich weit überlegen glaubte, mußte jede Form von Liberalismus, nach dem eine immer größere Ausgleichung zwischen den Rechtei: und Pflichten der Staatsbürger zu erstreben ist, aufs höchste verhaßt sein. Für ihn gab es nur geschichtlich bestehende politische Verhältnisse. Daß auch diese einmal anders gewesen waren und sich entwickelt hatten, war für ihn gleichgültig; ebenso wie es für ihn keine moderne wissenschaftliche Theologie gab. Was in den Bckenntnisschriften als Lehre niedergelegt war, galt für ihn als durchaus feststehend; jede Abänderung, wenn sie sich nicht in der Richtung bewegte, der er persönlich zugetan war, d. h. der hierarchischen, als ein Werk des Teufels, als ein Abfall in das ewige Verderben. So nun auch in allen Verfassungsfragen. Im Grunde war Vilmar Wohl die verhaßteste Staatsform die konstitutionelle. Die Idee des Rechtsstaates erschien ihm als eine Ausgeburt des Blödsinns und der Hölle. Er nannte sie mit Bezugnahme auf eine bekannte Schrift des ausgezeichneten Juristen Otto Bähr eine „bärenhafte". Ihm war der Absolutismus die kon- 115 genialste Staatsform. Romantische Neigungen und modernste legitiniistische Ideen der dc Maistre und Halter, sowie die in einem ölten Kleinstnat besonders nahe liegenden Vorstellungen von patrimonialcn Rcchtsbcfngnissen der Landesherren, die ja eigentlich jede Auffassung der bürgerlichen Gemeinschaftsbildnng als eines Staatswescns ausschließen, hatten bei ihm zusammengewirkt, um eine Auffassung der monarchischen Gewalt zu erzeugen, die aus Groteske streifte. Sie hatte nur eine Schranke: Das war die Kirche und ihre Gewalt. War das Fürstentum von Gott eingesetzt und „als die Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat", unantastbar, so hatten doch die fürstlichen Gewalten an den Gesetzen und Institutionen der Kirche ihre ganz bestimmte Grenze, vor der sie Halt zu machen haben. Der Cäsaropapismns war und mußte ihm die verhaßteste Form des Verhältnisses von Kirche und Staat sein. Daß er selbst in dem Konflikt zwischen der von ihm in eigener Person wieder mithergcstcllten fürstlichen Willkürherrschaft und der ihm feststehenden Auffassung der hessischen kirchlichen Ordnungen, die er jedoch falsch in seinem Sinne interpretierte, schließlich zu Falle kam und zu Falle kommen mußte, darin besteht die Tragik seines Lebens. Wenn Vilmar dann nach dem Untergänge des zu einem nicht geringen Teile durch seine Schuld zugrunde gerichteten und um seine Existenz gebrachten Staates als ein wütender blinder Hesse gegen den „Preußischen Antichrist" sich über den letzten Kurfürsten von Hessen dahin aussprach, „daß dieser nach hundert Jahren als der ausgezeichnetste Fürst seiner Zeit bezeichnet werden werde,"') so verrät diese Weissagung doch nur die vollkommenste Unfähigkeit jeglichen politischen und sittlichen Urteils. — Vilmar war mit den weitaus meisten Mitgliedern der Burschenschaft in seiner Jugend politisch liberal gesinnt gewesen. Als Liberaler war er auch noch nach 1830 von der Stadt .Hersfeld in die Stündekammcr nach Kassel gewählt l) Hessische Blätter vom 21. XI. 1900. Brief von, 7. Juli 1806. 8 * 116 worden. Da erlebte er bald seinen Tag von Damaskus. Der Mann, der ihm dazu verhalf, war Hans Daniel Hassen- pflng. Dieser, immerhin von einer wesentlich andersartigen Struktur als Vilmar, hatte zwar eine analoge Entwicklung durchlebt. Aus radikalen Freiheitshelden und Burschenschaftlern waren beide zu Absolutsten und orthodoxen Kirchcu- männern geworden. Herrschsüchtig und gewaltsam, im Grunde ganz radikale Naturen, war ihnen jeder religiös weiche und pietistische Zug fremd. Den liberalen Zeitgeist glaubten sie nur durch Zurückgehen auf das formal bestehende Recht in Kirche und Staat bändigen zu können. Daß von dem Geiste, den sie vermeinten, schon starke Elemente in beide eingedrungen waren und sich festgesetzt hatten, war ihnen unerträglich, wie eine täglich faßbare Schranke ihrer Weltauffassung und persönlichen Herrschsucht. Das brachte sie trotz ihres angeblichen Konservatismus in Streit mit den bestehenden faktischen und rechtlichen Zuständen. Der eine stellte sich zur Lebensaufgabe, die hessische Verfassung — wie kaum eine andere auf legalem Wege zwischen Fürst und Volk vereinbart — um jeden Preis zu beseitigen oder doch faktisch unschädlich zu machen; der andere wollte die nicderhessische Kirche, in der (man muß es zugestehen) ein geistloser Rationalismus und Cüsaropapismus seit mehr als einem Menschenalter herrschend geworden war, nicht nur von diesem befreien, sondern auch deren Bckenntnisstand mit Zur- hitfenahme rein katholischer Anschauungen so fälschen, daß seine Eigenart ganz verwischt werden mußte. Es war ein hartes Stück Arbeit, das sich beide Männer zu leisten unterfangen hatten und an dem sie, da sie sich doch auf keine wirklichen positiven Gewalten zur Mithilfe stützen und verlassen konnten, schließlich scheitern mußten. Zugleich aber rissen sie im Verfolg ihrer Taten das von ihnen mißhandelte Staatswesen mit in den Untergang. Nur mit auswärtiger Hilfe setzte Hasseupflug die Zerstörung der legitimen hessischen Verfassung vorübergehend durch. Vilmar aber mußte I 117 den in der Person des Kurfürsten verkörperten Traditionen der niederhessischen Kirche weichen und zog mit seinem Sturz den seines Herrn und Meisters nach sich. Ich sage: seines Herrn und Meisters. Denn so muß man doch schließlich das Verhältnis beider Männer auffassen, so wenig Vilmar auch sich sonst meistern zu lassen gemeint und gewillt war. Ohne Hassenpflug hätte Vilmar iu den entscheidenden Jahren politisch, ich will nicht sagen nichts, aber doch nur wenig zu bedeuten gehabt und vielleicht wäre es für Hassenpflug vorteilhafter gewesen, wenn er sich nicht mit dem kirchlichen Fanatiker zu tief eingelassen hätte. Hassen- pflng war ein bedeutender scharfsinniger Jurist, der als Schriftsteller, namentlich aber als Reorganisator des hessischen Justiz- wesens während seines ersten Ministeriums sich unbestreitbare Verdienste erworben hat. Aber sein juristischer Scharfsinn artete im Interesse seiner Herrschsucht nur zu leicht in Ra- bulistcrei und Rechtsverdrchnng aus. An verschiedenen Orten tätig gewesen, hatte er sich eine große Geschäftskenntnis, Einblick in zahlreiche Verhältnisse und namentlich in die preußischen Vcr- fassnngsznstünde unter Friedrich Wilhelm I V. erworben. Überall, wo er gelebt und dominiert hatte, war er durch seine Rechthaberei, Willkür und Brutalität verhaßt geworden. Die zahlreichen persönlichen Konflikte, in die er dadurch geriet, machten ihn gegen die Beobachtung streng rechtlicher Formen nach und nach gleichgültiger. Er vernachlässigte sie und wurde immer frivoler gegen sie, da ihm so vieles durchgegangen war und er sich immer über Wasser behauptet, ja große Dinge durchgesetzt hatte. Schließlich spielte er mit allen Grundsätzen des öffentlichen Rechts und scheute in Behandlung seines Fürsten ebensowenig wie in der der Rechte des Landes vor einer Lüge. Auch Vilmar war in der Wahl seiner Mittel nicht skrupulös. Leidenschaftliche Naturell — von der Richtigkeit und Gottwohlgefälligkeit ihrer Meinungen durchdrungen — sind in bczng auf den Weg, den sie einzuschlagen haben, um ihre Überzeugungen in Taten umzusetzen und zu den herrschenden 118 zu machen, niemals engherzig und penibel gewissenhaft. Zwecke und Mittel verwischen sich: dein verachteten, widerborstigen Gegner gegenüber hält man alles für erlaubt. Der große Hanfe selbst, wenn er in unfreundlicher Stimmung beharrt, wird je nach dem mit Schmeicheleien, freundlichem Entgegenkommen, Eingehen auf seine Schwächen und Torheiten betrogen oder genasführt. Diese Kunst verstand auch Vilmar vortrefflich und ihr ist es besonders zuzuschreiben, daß er selbst hartgesottene Rationalisten an seinen Wagen spannen konnte. Er erzählte ihnen die schönsten Anekdoten, wußte über ihre Familien ihnen alle mögliche Auskunft zu geben, stärkte ihr Amtsbewnßtsein den Gemeinden gegenüber und ließ an dem alten Kirchcnregimcnte mit seinen Konsistorialräten, die sich jedem Anspruch der Regierung fügten und klein beigaben, wenn sie einmal Miene gemacht hatten, kirchliche Interessen dem Staate gegenüber zu vertreten, kein gutes Haar. Es war in dieser Beziehung in Hessen allerdings von den fürstlichen Oberbehördcn schwer gesündigt worden. Bei der Maitresscnwirtschaft der beiden ersten Kurfürsten hatten die ersten Geistlichen des Landes sich als sehr schwach erwiesen. Sollte doch der Gcneralsupcrintcndent Rommel das Fräulein von Berlepsch, nachherige Gräfin von Hessenstein, geradezu bestimmt haben, sich zur Maitrcsse des Kurfürsten machen zu lassen. Desgleichen hielt der Schloßprediger von Wilhelmshöhe bei der Konfirmation einer Tochter des Kurfürsten und der Gräfin Reichenbach eine allerdings gegen seinen Willen gedruckte Rede, in der der Konfirmandin ihre Eltern als Vorbilder vorgehalten wurden. Solchen Elendigkeiten gegenüber hatte Vilmar bei den Pastoren leichtes Spiel. Und als nun nach dem Ansbrnch der Revolution von 1848 die Trennung der früher in Hessen mit seinem Fürstcnhanse so eng verwachsenen Kirche vom „religionslosen" eine Notwendigkeit wurde, war Vilmar gleich den Führern der ultramontanen Partei eilfertig bereit, die Folgerungen daraus zu ziehen und die Kirche von jeder Ein- Mischung der Staatsgewalt unabhängig zu konstituieren. Anfänglich mag er wohl — von der unitarisch-nationalen Richtung der Märzbewegnng 1848 an seine bnrschenschaftlichen Ideale erinnert — der Revolution nicht schroff entgegengetreten sein. Er hatte in Marburg erklärt, er werde „treu, offen und ehrlich mit der Bewegung gehen". In seinem „Volksfreund" hatte er sich in ähnlicher Weise ausgesprochen. Aber dem Marbnrger Radikalisinus hatte er sich in den Jahren, wo er Gymnasialdirektor in der Universitätsstadt gewesen war, durch seine gesamte Haltung, durch seine Schul- reden usw. so verhaßt gemacht, daß man ihn: nicht nur nicht traute, sondern ihm als dein geschworenen und schlimmsten Feinde der neuen Freiheit entgegentrat. Man brachte ihm Katzenmusiken ohne Ende und nur mit Mühe konnte die Erstürmung seiner Wohnung im Gymnasium durch einige Bürger verhindert werden. Seitdem war er wieder ganz in seine alte absolutistische Stimmung verfallen und galt als Haupt der Reaktion in Hessen; vorzugsweise aber als Führer der kirchlichen Reaktion. Er war aber doch von Haus aus mehr Kirchcninann als Politiker. Auf einer Versammlung zu Jcsberg scharte er im Februar 1849, nachdem die deutschen Grundrechte den Staat für religionslos erklärt hatten, seine Getreuen um sich und überraschte sie mit einen: Antrage, die Trennung von Kirche und Staat hier sofort in einer Erklärung aus- zusprechen. Das geschah auch. Als er dann mit mehreren Bekannten und Freunden zurückfuhr und ein alter Studienfreund, der Metropolitan Führer in Frankenberg, ihm doch Bedenken gegen diese überhasteten Beschlüsse äußerte und meinte, er habe nicht recht getan, die Versammlung zu einer so tief eingreifenden Resolution, die gründlich zu überlegen, Pflicht gewesen sei, zu verleiten und fortzureißen, da cntgegnete er mit dem ihm eigenen Zynismus, es sei ja doch ganz gleichgültig, wie man sie, die Pastoren, einsänge! War er so in der Wahl seiner Mittel nicht ängstlich, so noch weit weniger in seinen politischen Deduktionen, als die über Hessen von Hasscnpflug und ihm im Jahre 1850 heraufbeschworene Krise ausbrach. Er erörterte in seinem „Volksfreunde" die Geltung und Bedeutung des Verfassungs- werkcs in einer Weise, die die schwersten sittlichen Bedenken erregen mußte und deren sich kein Jesuit zu schämen haben würde. Die Ratschläge, die er 1866 seinem Sohne in betreff des Huldiguugscides an Preußen gab, erinnern auch lebhaft au die Kasuistik der frommen Väter Jesu.i) Vilmar hatte nicht nötig, den Minister Hasscupflug über die Gültigkeit von Eidschwüren auf eine in ganz legitimer Weise zustande gekommene Verfassung zu belehren und ihm theologische Gründe für das Recht der Regierung, eine solche Verfassung zu brechen und zu beseitigen zu Gemüte zu führen. Scheute dieser doch vor ganz Positiven Lügen gegen die Volksvertretung und gegen seinen Landesherr» nicht zurück. Hat er doch z. B. nur durch eine solche, daß nämlich die braven hessischen Soldaten in den Kasernen gegen ihren Kriegsherrn meuterten, den Kurfürsten bewogen, in der Nacht vom 12. auf den 13. September 1850 aus Kassel zu fliehen! Aber in einer anderen Beziehung war Vilmar für Has- senpflug wichtig, ja unentbehrlich geworden. Hnssenpflug hatte nämlich in den Jahren, während deren er von Kassel fort war, also seit 1837, sehr wenig Fühlung mit dem Heimat- lande gehabt. Es war in jenen dreizehn Jahren doch namentlich ein großer Personenwechsel in Hessen eingetreten. Durch die Revolution von 1848 war ein neues Geschlecht in die Höhe gekommen. Bei seiner großen Kenntnis Hessens war der in der Heimat gebliebene Vilmar nicht nur imstande, jenem anderen in dieser Beziehung die nötigen Winke zu geben. 1) Hessische Blätter vom 4. November 1900. Die dvrt nb- gedruckten Briese sind auch sonst sehr instruktiv über ihn. 121 vielmehr konnte auch er allein dem treueil Minister eine, wenn auch kleine Schaar von politischen und kirchlichen Parteigängern zuführen. Es befanden sich unter diesen allerdings sehr bedenkliche Leute, von denen einige, sogar hervorragende, wegen Diebstahls und Unterschlagung verurteilt werden mußten. Das Volk nannte den hessischen Treubund „Stehlbund". Viele von der Gesellschaft waren moralisch sehr zweifelhaften Wertes, man kann sagen, es klebte den von Hassenpflng verwendeten Zivilstaatsdienern eine notn maculae an. Im Troß der Gesellschaft befanden sich aber auch Kerntrnppen. Das waren vor allem die orthodoxen Geistlichen, zum Teil recht hcrrschsüchtige Gesellen, die aber von der Wahrheit und Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt waren. Es befanden sich unter ihnen auch einige wahrhaft fromme Seelsorger, die bei ihren beschränkten und ganz engen politischeil Anschauungen mit der Reaktion gingen, weil sie ihnen die stärkste Bürgschaft für die Verwirklichung ihrer persönlich gut gemeinten „kirchlichen Ideale" zu bieten schien. Es befanden sich Männer voll einer unglaublichen Rttckständigkeit in den einfachsten Knltnrfragen unter ihnen. Man predigte z. B. gegen die Feuerversicherungen, weil durch diese Gott in seiner Straf- justiz gehemmt werde. Nicht minder gegen den Ban der Eisenbahnen. Ein hieran anknüpfender Aufsatz muß sich auch im „Hessischeil Volksfreund" von 1850 finden, den man damals dem Dr. Otto Vilmar, dem Sohne August Vilmars, zuschrieb. Ich habe wohl in ihren Kreisen Bedenken gegen die Ehe des Kurfürsten aussprechen hören. Aber man war ja bei der Maitressenwirtschaft seiner Vorfahren schon an noch Schlimmeres gewöhnt worden. Immerhin lieferten sie aber doch den zuverlässigsten Teil der Anhängerschaft Hasscnpflngs. Auf dem platten Lande, wo der Pfarrer mit dem Fürsten einen gewissen Einfluß ausübt, war er in der Tat nicht unbedeutend. Jedenfalls war er stärker, als der des größtenteils unbemittelten Adels, der noch dazu keineswegs in allen seinen Angehörigen für Hassenpflug eingenommen war, oder gar für ihn schwärmte. Im Gegenteil waren Angehörige der angesehensten Familien des althessischen Adels, wie z. B. der Familie Schenk zu Schweinsberg, von Banmbach und anderer entschiedene Gegner Hassenpflugs. Und unter dessen Anhängern gab es keinen einzigen einigermaßen hervorragenden Mann von Adel, der als höherer Beamter die Geschäfte des Staates mit einigem politischen Weitblick und — mit den nötigen positiven Kenntnissen ausgerüstet — hätte führen können. Die drei hessischen Kurfürsten hatten eben alle Stände des Landes geschädigt. Aber nicht nur durch seinen Anhang und seine Kenntnis aller hessischen Verhältnisse war Vilmar Hassenpflug viel wert. Seine ganze Persönlichkeit war für ihn eine Stütze. Sogar bei dem Kurfürsten. Bekannt ist ja, wie Vilmar den Zusammenbruch des ganzen von Hassenpflug auf Lüge und Gewalt aufgebauten politischen Systems im September 1850 verhindert hat. Auf der Flucht des Kurfürsten von Kassel über Hannover nach Hanau wollte der Kurfürst, da er selbst bei Ernst August von Hannover keine Billigung seines Regie- ruugsshstems fand, sich von Hannover nach Berlin zu seinem rechten Vetter König Friedrich Wilhelm wenden und diesen nur Hilfe gegen seine Untertanen angehen. Wäre das geschehen, so würde das in diesem Augenblicke einen Umschwung in die gesamte deutsche Politik gebracht, dem Bundestag seine Einmischung in die kurhessischen Verhältnisse unmöglich gemacht haben. Da war es Vilmar, der den Kurfürsten mit der strafenden Hand Gottes bedrohte, wenn er seine fürstliche Ehre so weit vergesse und mit Preußen statt mit Österreich und seiner Gefolgschaft gehen wolle. Der Kurfürst unterwarf sich dem Zeloten, der in dieser Stunde den Grund des Zerwürfnisses zwischen Preußen und dem Knrstaat legte, das zu dessen Untergang führte. Bei diesen Verdiensten Vilmars um die Hassenpflugsche Politik, war es kein Wunder, daß der Meister seine kräftigste 123 Stütze nicht wollte fallen lassen, als sie durch einen Zusammenstoß mit dem Kurfürsten arg ins Schwanken geraten war. Dieser hatte dem geistlicheil Fanatiker nie vergeben, daß er ihm seinen Willen in einem entscheidenden Moment seiner Regierung auferlegt hatte, und war durchaus nicht gewillt, seine Kirchcngewalt sich irgendwie kürzen zu lassen. Als daher Vilmar von einer sehr großen Majorität von Geistlichen zum Generalsuperintendenten der niederhessischeil reformierten Kirche gewählt war, bestätigte ihn der Kurfürst nicht in dieser Würde. Als Hassenpflng aus dieser Bestätigung eine Kabinettsfrage machte, mußte daher auch er gehen. Has- senpflug zog als Pensionär nach Marburg, wo die erste Gesellschaft der Universitätsstadt, das sogenannte Kasino, sich weigerte, ihn nun als Mitglied aufzunehmen. Daraufhin vom hnssenpflugisch gesinnten Landrat wegen politischer Demonstration geschlossen, wurde es auf ausdrücklichen Befehl des Kurfürsten wieder geöffnet. Als eine Art Vogelscheuche sah man den blassen und hagern Mann mit der großen Nase in den Alleen vor der Stadt einsam herumgehen, mitunter wankend als wäre er betrunken. Er erlebte noch die Vernichtung seiner Verfassung von 1352 und die Wiederherstellung der legitimen Verfassung von 1831 im Jahre 1862. Als er 1850 in die Dienste des Kurfürsten zurückgetreten war, hatte ihm dieser für den Fall der Entlassung aus der Ministcrstcllung die Erhöhung der Staatspension bis zum vollen Ministergehalt aus seiner Privatschatnlle garantieren müssen. Der Kurfürst hatte ihm bei den unausgesetzten Reibereien, in denen er mit seinem Minister lebte, wiederholt gesagt, er opponiere ihm nur so eigensinnig und biete ihm seine Entlassung an, weil er ja seines vollen Ministergehaltes doch sicher sei. Dieser Anzapfungen müde, hatte Hassenpflng dem Kurfürsten die Urkunde zurückgegeben, die seine Privatschatnlle belastete. Dieser nahm sie zurück, und vernichtete sie. Die Folge war, daß nun Hassenpflng eine nur mäßige Pension bezog und daß 124 seine zahlreiche Familie sich recht einschränken mußte. Und das nm so mehr, als der Hausherr für seine Verpflegung große Ansprüche machte, z. B. jeden Mittag eine Flasche teuren Weines trank. Nach seinem am 10. Oktober 1862 erfolgten Tode befand sich die Familie in recht dürftiger Lage. Die brave beschränkte Witwe, eine geborene v. Münch- hansen, mußte, wie schon gesagt, nm sich und ihre nnerwach- scnen Kinder zu ernähren, einen Mittagstisch für Studenten einrichten und wurde deshalb unter anderem einmal mit den übrigen Speisewirten zur Abgabe einer Steuerdeklaration auf das Rathaus zitiert. Das soll der armen Frau das Schmerzlichste gewesen sein. Dergestalt hatte der politische Hazardspieler in allen öffentlichen und privaten Beziehungen Bankerott gemacht. Nicht so schlimm ist es seinem Genossen Vilmar ergangen. Da er nicht Gcneralsnperintendent werden sollte, wollte ihn der Kurfürst zum Prafessor für Germanistik und deutsche Literatur in Marburg ernennen. Das Dekret soll schon vollzogen gewesen sein, da wußten seinen Wünschen entsprechend seine Freunde am Hof durchzusetzen, daß er znm Professor der Theologie an der Landesnniversität gemacht wurde. Die theologische Fakultät war natürlich mit keinem Worte befragt worden und man kann sich leicht vorstellen, mit welchen Empfindungen die Männer, die noch kurz vorher in einem von dem Dekan Gildemeister abgefaßten gelehrten Gutachten sich gegen die von Vilmar in die Mode gebrachte Auffassung des konfessionellen Charakters der niederhessischen reformierten Kirche ausgesprochen hatten, den neuen Kollegen aufnahmen! Und der selbstbewußte streitsüchtige Mann sorgte dafür, daß sein Verhältnis zu den Kollegen kein freundliches werden konnte. In einer Schrift, die er gleichsam als Programm für seine Professorate Wirksamkeit erscheinen ließ und die er „Theologie der Tatsachen wider die Theologie der Rhetorik"") IjBckenntnis undAlnvchr.Marburg >854. Anst.8, ebcndort 18üt>. 125 benennt, einer Arbeit, die schon in ihrem logisch schiefen Titel die ganze Verschiebung des Streitobjekts zwischen der wissenschaftlichen modernen Theologie und einer über das orthodoxe Luthertum hinausgehenden katholisierenden Richtung verrät, verunglimpfte er unter durchsichtiger Verschleierung einzelne seiner Kollegen aufs schlimmste. Da er ihnen auch in einem anonymen Flugblatt Verrat an der lutherischen Kirche und Schmähung ihrer Abendmahlslehre vorwarf, verklagten ihn seine Kollegen auf Beleidigung, deren er im August 185!) auch vom weltlichen Richter für schuldig befunden wurde. Stand er so seinen Amtsgenossen persönlich feindlich gegenüber, so war der Gegensatz zwischen seiner Behandlung der theologischen Disziplinen und der jener fast ein noch tiefergehender, Vilmar war ein Feind aller und jeder wissenschaftlichen Betrachtung der Bibel, wie sie im achtzehnten Jahrhundert aufgetreten war. Nicht minder war für ihn jede systematische Zusammenstellung der christlichen Dogmatik und Ethik, wie sie sich unter dem Einfluß der philosophischen Schulen Deutschlands gebildet hatte, von: Übel, ein Verrat an der ein für allemal feststehenden Wahrheit, deren sich Vilmar durch einen Willcnsakt bemächtigt zu haben glaubte. Diese absolute Wahrheit war in den Bckenntnisschriften und Kirchcnordnungen des Reformationszeitalters ein für allemal festgelegt. Nur in der Lehre von der Kirche war sie noch einer Entwicklung fähig, die sie von ihrem Verhältnisse zum Staate loslösen und zu einer neuen Geistlichkeitskirche machen sollte. In der Lehre, welche die tiefste Kluft zwischen dem römischen Katholizismus und Protestantismus darstellt, der Lehre von der Kirche, stand Vilmar ganz bestimmt auf katholischer Seite, wie ihm das auch von rechtgläubigen römischen Katholiken verschiedentlich bezeugt worden ist. Wäre Vilmar in der katholischen Kirche geboren und Priester geworden, er wäre sicher einer der hervorragendsten Hierarchen seiner Tage geworden. Bei der engen Kirchengemeinschaft, in der er aufgewachsen war, und die seinen Gesichtskreis eben so wenig 126 sich ausweite» ließ, wie die Beschränkung seiner politischen Wirksamkeit auf den kleinen Knrstnnt ihn zu keiner wirklichen staatsmännischcn Einsicht kommen ließ, ermöglichten diese begrenzten Verhältnisse allein die Entstehung seiner ganz rückständigen und fanatischen, staats- und kirchenrechtlichen Anschauungen und Bestrebungen. Seine Ideale lagen schließlich so rückwärts von allem modernen Leben, daß er sich nur noch feindlich mit ihm berühren konnte und sein Fanatismus nur immer düsterer und verbissener wurde, je weniger er sich Hoffnung auf Erreichung seiner Ziele machen konnte. Er hat dann noch das Jahr 1866 erleben müssen und man darf sagen, die Ereignisse dieses Jahres haben ihm das trotzige Herz gebrochen. Wie in unserer Zeit die führenden aller Hicrarchcn in der katholischen und protestantischen Kirche leicht eine Gefolgschaft finden, die sie womöglich noch in ihren kulturfeindlichen Bestrebungen übertrumpft und die gar nichts mehr mit der Bildung des 18. und der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, von der sie immerhin noch beeinflußt waren, gemein hat, so hatte auch Vilmar in Marburg unter den Studiosen der Theologie einen festen Anhang: die Söhne seiner Freunde unter den Geistlichen und zahlreichen Verwandten, die Mitglieder des „Wingolf", schworen zu seiner Fahne. Da das kurhcssische Kirchenregimcnt nach wie vor in den Händen seiner Parteigenossen lag, schlössen sich gar manche Streber ihm an; von denen ganz abgesehen, denen es, da sie doch einmal Pfarrer werden wollten oder mußten, das bequemste war, sich der modernen Theologie fern zu halten und auf sie mit geistlichem Hochmut und sicherer von ihrem „großen" Lehrer ihnen eingeimpften kirchlichen Überlegenheit herab zu blicken. So war der Einfluß Vilmars bei seinen Lebzeiten auf einen guten Teil Studiosen der Theologie ein bedeutender und nach seinem Tode versuchten ihn seine wenigen ganz Getreuen durch Herausgabe seiner Vorlesungen festzuhalten. Auf die weitere Entwickelung der Theologie, selbst 127 der orthodox protestantischen, hoben diese Opera keinen Einfluß gehabt. War er doch auch mit diesen letzteren seit 1866 ja schon früher innerlich ganz zerfallen und sprach das in seinen Briefen an die Vertrauten leidenschaftlich aus. Einem Getreuen sendete er am 24. Dezember 1866 „aus dein Elend in das Elend einen Gruß; im Elend, elelenti im fremden Lande in der Verbannung leben wir im allerbuchstäblichsten Sinn." Und was ihn „am aller meisten" empörte, das ist das „preußische Thcologengesindel, welches nur um ein kleines alle Theologie für immer verleidet hätte; daß man sich in diese Kategorie des äußersten Abschaums muß rechnen lassen, ist mehr, als zu ertragen steht."') In dieser verzweifelt wütenden Stimmung über das entsetzliche Jahr ist der Mann bis an sein Ende geblieben, der sein Heimatland mit christlichem Geiste neu beleben wollte. Legt man an den hochbegabten, aber von bösen Leidenschaften durchwühlten Menschen den Maßstab an, der doch für einen evangelischen Theologen das nächste ist, vergleicht man sein Denken und Wirken mit dem Vorbilde, dein er nachzustreben bekannt hat, welch eine Kluft, welch ein Widerspruch, welch ein prinzipieller, unlösbarer Gegensatz tritt für jeden Unbefangenen zutage! Es gibt wunderbare Christen! l) Hessische Blätter, 21. Nov. 1900. II. öiogfaphizche Mfzätte. twig, Aus dem Leben. g 1. Karl Hillebrand?) Gebore» am 17. Sepleniber 1829, gestorben am 18. Oktober 1884. Jede»:, der sich anschickst einem Freunde ein, wenn auch noch so bescheidenes, literarisches Denkmal zn setzen, wird eine zwiefache Lösung der schmerzlichen Aufgabe vor die Seele treten. Es kann der Versuch gewagt werden, ein Gesamtbild des Verstorbenen, mit mehr oder weniger subjektiven Zusätzen und persönlichen Erinnerungen durchsetzt, für sich und die Überlebenden zu entwerfen, und damit eine bleibende Bcr- gegenwärtigung des Verstorbenen, seines Wesens und Wirkens in den Grnndzngen für uns geschaffen werden. Es ist zuzugeben, daß ein derartiger Nachruf dem Freunde sich wie von selbst auf die Lippen drängt, nachdem man bei sich klar geworden, warum wir den Verstorbenen geschützt und geliebt haben, was uns der Freund war. Und in der Tat muß einem Manne, wie Karl Hillcbrand gegenüber, das Bedürfnis sich doppelt geltend machen, in dieser Weise ihm einen Nachruf zu widmen. Denn es hat wohl wenige geistig bedeutende Männer in unseren Tagen gegeben, welche von einer solchen persönlichen, herzgewinnenden Liebenswürdigkeit waren wie er. Was liegt da näher, als denen, die nur den Schriftsteller Karl Hillcbrand gekannt haben, es zn sagen, wieviel mehr ihnen der Mensch gewesen sei, und wie alle die Eigenschaften seiner schriftstellerischen Muse, die ihm so zahlreiche Freunde gewonnen haben, nichts gewesen seien gegen die 1) Beilage znr Münchener Allgemeinen Zeitung. 1885. Nr. 98, 99 und 109. 0 * 132 sozialen Tugenden, die er seinen nächsten Angehörigen, seinen Freunden nnd allen, die ihm mit Anliegen nahten, mochten sie hoch nnd niedrig im äußeren Leben gestellt sein, in Wort nnd Tat entgegenbrachte? Und doch gibt es noch eine andere für den Augenblick geringer nnd untergeordneter erscheinende Lösung der Aufgabe, die in der Tat aber bon einer größeren Auffassung derselben getragen wird. Wer, einem Bedürfnisse seines Herzens folgend, einfach und wahr der Welt sagt, was ihm ein bedeutender Mensch war, wird damit freilich auch der Zukunft nnd dem Andenken des Freundes in ihr dienen. Er wird einen Beitrag zu dessen Würdigung, ein mehr oder weniger wichtiges historisches Zeugnis über ihn liefern. Aber die Zukunft nnd das endgültige Urteil der Geschichte verlangt noch nach anderem als nach dein Ausdrucke des Schmerzes und dem warmherzigen Urteile über den Freund. Sie verlangt nach Taten aus dem Leben des Verstorbenen, um zu erklären, soweit das individuelle Wesen überhaupt erklärbar ist, unter welchen äußeren Umständen und Bedingungen sich eine Persönlichkeit in der einmal von ihr eingeschlagenen Richtung entwickelt und so ausgestaltet hat, wie sie uns entgegentritt, nm darnach ihr die richtige Stellung in der Gesamtentwicklung des Prozesses, an dem sie teilgenommen, anzuweisen. Das Bedürfnis nach der Sammlung von Tatsachen aus dem Leben eines Einzelnen, welcher bei seinen Lebzeiten der Welt nur durch seine Taten als Schriftsteller wert gewesen ist, setzt allerdings aber, wenn wir von der Nötigung absehen, die eine mehr äußerliche Beschäftigung mit dem Schrifttum bedingt, bestimmt voraus, daß das Leben dieses Einzelnen doch noch ein ganz besonderes, wichtigere s Moment in der Gesamtentwicklung der Zeit abgibt, also eine gewisse historische Bedeutung gehabt hat. Und diese möchten wir allerdings auch Karl Hillebrand prädiziercn. Unser Freund war ein Deutscher von Geburt und geistiger Veranlagung. Aber er hat nur die ersten zwei Dezennien 138 seines Lebens in Deutschland verbracht. Die wichtigste Lebens- epoche, in der die Jngend sich zur vollen Manneskraft entwickelt und der Mensch die Prägung seines Daseins erhält, hat er in abermals zwei Dezennien in Frankreich zugebracht. Nicht ganz mehr anderthalb Jahrzehnte hat er dann nvch in der heiteren, freundlichen und kunstgcsättigten Stadt am Arnv verleben dürfen, die Ivie kaum eine andere gleichzeitig uns anregt und zum Ausruhen einladet. Als Hillebraud dem Moute Olivcto gegenüber sich häuslich einrichtete (1870), war er aber schon ganz, was er werden sollte, wenn er selbst auch meinte, er sei erst seit 1874 eigentlich ein Schriftsteller „srn Aeneris" geworden. Sein Leben und Empfinden war schon damals über den Gegensatz, in dem sein durch und durch deutsches Naturell zur französischen Ausbildung desselben sich befinden mußte, hinweg und zu einer harmonischen, in sich geschlossenen einheitlichen Persönlichkeit entwickelt. Wie das aber geschehen war, darin spiegelt sich die Gesamtent- wicklung der Beziehungen wieder, in die deutsches und französisches Geistesleben überhaupt in unseren Tagen getreten ist. Und das in mehr als einer Hinsicht. Es waren vor Karl Hillebraud schon eine große Anzahl Deutscher nach Frankreich übergetreten, um ein möglichst neutrales Wort zu gebrauchen. Die einen hatten die Zufälligkeiten des Lebens dort hingeführt und die höhere Kultur des Daseins sie festgehalten. Die anderen waren als halbe oder ganze Flüchtlinge, als Ansgestoßenc des Batcrlands, dorthin gekommen. Ganz verschieden aber hat sich das Verhältnis derselben vom Baron Grimm an, um nur einen bekannten Namen von ihnen zu nennen, bis auf die Vertreter des jungen Deutschlands und ihre Zeitgenossen zu Frankreich und zu Deutschland gestaltet. Manche von ihnen wurden ganz zu Franzosen, ohne dabei ihr Vaterland verachten zu lernen, andere bliebe» ihrem geistigen Empfinden nach Deutsche, glaubten sich aber in ihrem Schelten auf die Heimat nicht genug tun zu können. Ganz anders Karl Hillebraud. Wie kaum 134 ein anderer hatte er sich in Frankreich eingelebt. Nicht nnr französischer Vollbürger und Staatsdiener war er geworden, sondern unter die Zahl der angesehenen französischen Schriftsteller, die ihre Stimme im „Journal des Debats" und in der „Reime des deux Mondes" erheben durften, war er als vollberechtigt mitanfgcnommeu. Und doch fühlte er sich seiner ganzen inneren Natur nach als ein Deutscher, wenn ihm auch sein Vaterland bei seiner Flucht statt der Abschieds- grttße Kugeln nachgesendet hatte. Und das nicht etwa erst seitdem die Entscheidung der Waffen die Superiorität Deutschlands über Frankreich auf dein politischen Gebiete entschieden hatte. Auch nicht erst seit Sadowa, wenn auch ihm, gleich vielen anderen, die Auseinandersetzung Preußens und Österreichs im Jahre 1866 erst die Gewißheit gebracht hatte, daß es jetzt mit der Einheit Deutschlands Ernst werde. Die Überlegenheit Deutschlands über Frankreich auf dem Gebiete der Wissenschaften stand ihm schon früher fest. Schon 1865 ließ er in Paris drucken: „je crois cgu'uire Arancle Partie cles Oeuvres cke l'eruckition alleirmncle est clestiiree a passer le Ulriir." Aber gerade diese Überzeugung bestimmte ihn, soviel als in seinen Kräften stand, dein drohenden Bruche zwischen Frankreich und Deutschland entgegenzuarbeiten, die Franzosen über Deutschland aufzuklären und sie zu einem nnr friedlichen Wettkainpfe mit demselben zu bestimmen. Es war das zwar ein vergebliches Unternehmen, wie es denn Hille- brand auch ansspricht, daß großen nationalen Konflikten nicht durch Belehrungen und einen Appell an die Vernunft vorgebeugt wird. Aber wie diese Gesinnung dein deutschen Flüchtling, der in Frankreich eine angesehene Stellung sich errungen hatte, persönlich doch alle Ehre macht, so dokumentiert sich in dieser Stellungnahme Hillcbrands der ganze Wechsel der inneren und äußeren Beziehungen Deutschlands und Frankreichs. Wahrend früher fast alle die nach Frankreich gekommenen Deutschen die französische Kultur als eine höhere, der deut- 135 sehen überlegene anerkannt emd sich in ihr verloren hatten, stellt er, ein stimmfähiger Kenner und Beurteiler beider, bei vollkommener Abwesenheit von jeglichem Chauvinismus und jedwedem Teutouismus, die deutsche höher als die französische und handelte, nicht vor eine äußere, sondern nur vor eine moralische Entscheidung gestellt, beim Beginne des Kampfes beider Nationen ohne Besinnen nach seiner inneren Überzeugung. Diese seine stille Abstimmung haben ihm die Franzosen nie verzeihen können, obwohl gerade er so gerecht war, nicht nur seinen wiedergewonnenen Landsleuten die wirklichen Vorzüge der von ihm verlassenen Nation theoretisch darzulegen, sondern durch seine Schriften tatsächlich zu erweisen, daß man von ihnen in der Tat etwas lernen könne. Die Art, in der dies geschehen ist und die eine merkwürdige Verschmelzung französischer Formgewandtheit mit deutscher Gei- stesfreihcit und umfassendster literarischer Bildung auswies, wird eben in Verbindung mit seiner persönlichen Stellung zu beiden Nationen Karl Hillebrand nach unserer Meinung eine über die Gegenwart hinausgehende kulturgeschichtliche interessante Stellung zuweisen, über deren Bedeutung wir, die wir im Anfange des geschichtlichen AuseinandersetzungsProzesses der beiden Völker stehen, jetzt allerdings noch nicht abschließend urteilen können. Aus diesem Grunde halte ich eine möglichst korrekte und eingehende Darstellung des äußeren Lebens unseres Freundes, die jetzt noch leichter gegeben werden kann als selbst nur einige Jahre später, für einen ebenso wichtigen Dienst, den man dem Verstorbenen zu leisten hat, als wenn man uns sein Bild in der durch den Schmerz über den Tod des Freundes immerhin umflorten Beleuchtung vor die Seele stellt. Gar manche Leser dieser Blätter, die sich noch der geistvollen Aufsätze erinnern — es sind freilich schon mehr als zwei Lustrcn her, als sie zum ersten Male hier erschienen — werden auch gern etwas von. dem äußeren Leben ihres Autors erfahren, das ich jetzt, einer freundlichen Aufforderung der Redaktion entsprechend, hier erzählen will. Karl Hillebrand ist geboren am 17. September 18L!l zu Gießen, wo sein Vater als Direktor des Gymnasiums (Püdagogiarch) und als Professor der Philosophie wirkte. Dieser, aus niedersächsischem katholischen Bauernstände entsprossen, war ursprünglich zum Priester bestimmt gewesen, dann aber zum Protestantismus übergetreten und in Heidelberg 1818 bei dem Abgänge Hegels nach Berlin dessen Nachfolger als Professor der Philosophie geworden. Joseph H. Hillebrand war eine feine, auf die höchsten Ideale gerichtete Persönlichkeit, die in ihrem äußeren Auftreten keine Spur von bäuerlichem Wesen verriet, sich vielmehr in ihrer Form- gewandtheit selbst über die Mehrzahl ihrer Standesgenossen erhob. Ein ausgezeichneter Kenner der neueren deutschen Literatur, über deren Entwicklung im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert er ein mehrbändiges, in verschiedenen Auflagen verbreitetes Werk veröffentlicht hat, hatte er sich selbst wiederholt in historischen Romanen mit lehrhafter Tendenz versucht, ohne jedoch durch sie eine Wirkung auf das große Publikum auszuüben, die der analog gewesen wäre, welche er auf die studierende Jugend zu Gießen durch seine mündlichen Vortrüge entwickelte. Kam ihm bei diesen auch seine politische und kirchliche, liberale.Richtung, welche in der akademischen Jugend Gießens in den beiden Dezennien, welche der Revolution von 1848 vorausgingen, trotz mancher nltra- montanen Gegenwirkung, die dominierende war, zu gute, so war es doch vor allem die charaktervolle, edle und vornehme Haltung, die rastlose, sich nie genugtnende wissenschaftliche Energie des Mannes, welche die Jugend an ihn fesselte. Jetzt ergraute Männer sprechen noch heutigentags dankbar und freudig bewegt von dem sittigendcn und veredelnden Einflüsse, den der „alte Hillebrand" auf die akademische Jugend Gießens ausgeübt habe. Ein solcher Mann war selbstverständlich der nltramon- tanen Reaktion, die sich unter den Fittigen des Ministers v. 137 Dallwigk seit 1850 über das Großherzogtnm Hessen verbreitete, ein Dorn im Auge. Er wurde deshalb auch bald widerrechtlich im administrativen Wege aus dem Amte verdrängt. Hochbctagt ist er erst 1871 bei seiner ältesten Tochter, welche in Rödclhcim und dann bei Soden im Taunus berühmte Er- ziehnngsinstitute für junge Mädchen begründet hatte, verstorben. Der Vater Hillebrand war zweimal verheiratet gewesen. Die zweite Frau, einer rheinfränkischen Familie aus Rödel- heim bei Frankfurt entsprossen, fand schon vier Kinder, zwei Knaben und zwei Mädchen, im Hause vor. Sie schenkte ihrem Gatten noch drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, von denen Karl der jüngste war. Es war eine geistig hochbegabte, ja merkwürdige Frau, diese Mutter Karl Hillcbrands, voll eigentümlicher Ideen und selbständiger Überzeugungen, wohlunterrichtet, voll einfacher biblischer, nicht kirchlicher Frömmigkeit. Bei großer Einfachheit und Natürlichkeit wird ihr eine Anmut der Erscheinung und des ganzen Wesens nachgerühmt, die besonders auf ihren jüngsten Sohn übergegangen sei. Leider war sie eine kränkliche Frau, welche furchtbar von Kopfschmerzen geplagt war, bis sie die Schlvindsneht, die in der Familie noch andere Opfer dahingerafft haben soll, erfaßte und 1847 früh ins Grab warf. ' Die älteste Tochter des Hauses, Marie, eine tatkräftige und in sich klare Natur, übernahm nun die Führung des Hausstandes und die Pflege ihrer jüngeren Geschwister. Wie es in so manchen Häusern von Gelehrten zu gehen pflegt, welche bei ihren Studien und Berufsgeschäften sich nicht allzuviel um die Schulbildung der Kinder bekümmern können, waren auch die Söhne des Professors Hillebrand auf sich selbst angewiesen. Sämtlich wohlbegabt, selbständigen Willens, mochte vielleicht auch der Vater seinen Söhnen nach seinen pädagogischen Grundsätzen eine größere Freiheit zubilligen, als sonst der Jugend in der Regel gewährt zu werden pflegt. Wäre das Ghmnasinm in Gießen, dessen Direktor in den Jahren, in denen die jüngeren Söhne des Hauses 13« heranwuchsen, der Vater nicht mehr war, besser gewesen, so würde durch seinen Einfluß schon ein regelmäßigerer Fleiß bei den Schülern erwirkt worden sein. Aber die Knaben hatten in den Unterrichtsstunden einiger Lehrer die Freiheit, zu tun, was sie wollten; vor anderen war wegen ihres Privatlebens die persönliche Achtung eine minimale. Karl Hille- brand war in der Prima der Schule der Redakteur einer Schulzeitnng, welche die Schwächen dieser Herren nicht schonte, und genugsam ist es bekannt, daß die Schulhumoresken E. Ecksteins auf tatsächliche Vorkommnisse des Gießener Gymnasiums jener Jahre zurückzuführen sind. So war denn Karl Hillebrand für seine Jugendbildnng wesentlich auf die Elemente angewiesen, welche ihm Eltern und Geschwister allerdings in reichlicher Weise unwillkürlich zuführten. Dazu kam noch, daß im elterlichen Hanse wiederholt Knaben aus guten englischen Familien als Pensionäre lebten. Die Vertrautheit mit dem praktischen Gebrauche der englischen Sprache datiert also Wohl bei ihm aus früher Zeit. Nicht minder seine Vorliebe für eine Art der Lebensführung, wie sie bei englischen Knaben damals Wohl schon selbstverständlich, bei uns aber noch unerhört war. Es wird uns berichtet, wie er nach der Lektüre des Bnlwerschen „Pelham" sich auch englisch getragen habe. Nahm unser Freund bei seinen Mitschülern wegen seiner geistigen Gaben, seiner großen körperlichen Gewandtheit, seiner Selbständigkeit und Unbekümmertheit um die Schulfnchserei eine leitende Stellung ein, so stand er bei der weiblichen Jugend als ein neckischer und übermütiger Geselle nicht in großer Gunst. Eine Hausgenossin von ihm hat mir wiederholt versichert, sie hätten sich alle vor ihm gefürchtet. Aber auch Männern spielte er gern einen Possen. Der älteste Stiefbruder Julius, der sich als Germanist einen Namen in der Rechtswissenschaft gemacht hat und in jungen Jahren (1868) als Professor der Rechte in Freibnrg im Br. gestorben ist, war in Gießen als Privatdozent habilitiert. In den ersten Tagen des Semesters, als der angehende Dozent sehnsttch- 139 — tig auf Anmeldung vau Zuhörern wartete, klopfte es au seine Türe. Der jugendliche Gelehrte wirft sich in Position, um den zukünftigen Schüler der Wissenschaft würdig zu empfangen. Aber hcreintritt — nur der Bruder Karl?) Hätte dieser länger in Gießen ausgehalten, so würde er allerdings auch ein Zuhörer seines Bruders haben werden können; denn im Frühjahre 1848 ließ er sich als Studiosus der Rechtswissenschaft immatrikulieren. Ich denke mir aber, daß er in dem Sommersemcster 1848, dein unruhigsten, das wohl die deutschen Hochschulen je erlebt haben, keine tiefen Studien in den Institutionen des römischen Rechts gemacht haben wird. Das Stndentenleben übte auf den unter Studenten Aufgewachsenen seinen gewaltigen Zauber aus. Er habe sich auch auf der Mensur „herumgehanen", wie er mir einmal später unwillig erzählte. Doch ging er nicht in diesen I. tö (1885,) abgedruckt. 142 aufgehört," so hat er schon am 20. Oktober (Nr. 297 B.) berichten können: „Gestern entrann ein badischer Unteroffizier, Bcnder, der nächstens vor das Standgericht kommen sollte, bei der Arbeit seinen Wachen; vor einigen Tagen sind zwei andere Gefangene entkommen, unter ihnen der Sohn des Professors Hillebrand in Gießen." Wahrscheinlich hängt es mit diesem gelungenen Fluchtversuche zusammen, daß für die Spitäler und Krankenhäuser eine neue drakonische Aufsichtsordnung erlassen wurde, von der jener Berichterstatter gleichfalls Nachricht gibt (a. a. O. Nr. 300). Hillebrand begab sich wieder nach Straßburg, wo er mit seiner Retterin zusammentraf, und von dort mit ihr nach Paris, das die Schwester schon von einem früheren Aufenthalt her kannte. Da er von zu Hanse nicht auf pekuniäre Unterstützung rechnen konnte, mußte er daran denken, sich auf eigene Füße zu stellen. Da traf es sich glücklich, daß .Heinrich Heine, an den ihm sein Vater einen Empfehlungsbrief gesendet hatte, eines Sekretärs bedurfte. Heine bot seinem jungen Schützling die Stelle an und dieser schlug ein. Aber längere Zeit litt es ihn nicht bei Heine. Alles Denken des jungen Studenten war damals noch auf die politischen Dinge gerichtet, literarische Tendenzen lagen ihm noch ganz fern. Daraus erklärt es sich, daß er von seinem Zusammenleben mit Heine wenig Förderndes erfahren, gar nichts aufgezeichnet hat. Doch wußte er natürlich mehr, als er in seinem bekannten Briefe an Hüffcr, den dieser in seinem Buche über Heine mitteilt, gesagt hat. In einer guten Stunde, welche ich in Gemeinschaft mit Th. Heyse und ihm bei einem kleinen Symposion in Florenz verbrachte, taute er einmal auf und erzählte Gutes und Häßliches von Heine, von seinem Dichten, das er doch genau beobachtet, da ihm ein guter Teil des „Romanzero" in die Feder diktiert wurde, und von seinem Privatleben — Dinge, die er nicht weiter verbreitet haben wollte. Er schloß mit der Bemerkung: „Ich bin Heine zu großem Danke verpflichtet; denn er ist es gewesen, 143 welcher mir von Anfang an, da ich als blutjunger, unerfahrener Mensch nach Paris und in Berührung mit ihm kam, zugeredet hat, alle Examina in Frankreich zu machen, welche zur Ergreifung einer regelrechten Karriere dort notwendig sind. „Sie haben alle Brücken hinter sich abgebrochen," sagte er zu mir, „und müssen hier festen Fuß fassen, wollen Sie nicht ein Leben führen, wie die Mehrzahl der hiesigen deutschen Flüchtlinge; das geht aber nicht ohne die üblichen Prüfungen." Das habe ich Heine nie vergessen und stets dankbar seines Rates gedacht." Zunächst war aber Hillcbrand diesem guten Rate nicht so zugänglich. Er ließ sich wieder in Verbindung mit allerlei radikalen Genossen ein, die noch immer Deutschland zn revolutionieren gedachten. Die Schwester Marie, die in Paris geblieben war und das beobachtet hatte, fand es geraten, ihn von dieser seiner Umgebung zu befreien. Nahe befreundet mit einer Dame, welche eine Nichte in Bordeaux verheiratet hatte, bat sie jene, dort hinzuschreiben und zu fragen, ob sich in dieser konservativsten Stadt des damaligen Frankreichs nicht Gelegenheit finde, deutschen Unterricht zn erteilen. Die Borde- laiserin antwortete sofort, es sei gerade jetzt ein Lehrer des Deutschen dort sehr erwünscht; der Herr, welcher bisher in Bordeaux deutsche Stunden gegeben habe, Ad. Laun (der bekannte Moliere-Forscher), sei soeben abgegangen, und die Lücke, die er in Bordeaux gelassen, werde dort schmerzlich empfunden. Die Dame, die diese Nachricht ihrer Tante mitteilte, ist 29 Jahre später, nach dem Tode ihres ersten Mannes, die Gattin und aufopferndste Pflegerin Hillebrands geworden. Auf diese gute Nachricht hin, bestimmte Marie Hille- brand ihren Bruder, nach Bordeaux überzusiedeln. Er tat es nur mit schwerem Herzen und schrieb seiner Schwester: „Auf Dich kommt es, wenn das Vaterland an mir nicht hat, was ich ihm sein könnte." Aber bald befand er sich in Bordeaux (seit dem August) wohl, wenn auch das Heimweh an 144 ihm nagte. Er bekam in den wohlhabenden deutschen Knnf- mannsfamilien der Stadt viel zu tnn und übernahm auch an einigen Colleges den Unterricht in der deutschen Sprache. Ein junger Mann, der als würdiger Repräsentant germanischer Schönheit gelten konnte, heiter, im Verkehr mit Männern und Frauen sehr gewandt und mit all den Borzügen ausgestattet, welche ihren Grund in der Liebenswürdigkeit des ganzen inneren Wesens haben, wurde er bald ein Liebling der besten Kreise der reichen Kaufmannsstadt. Er drohte ganz in der Geselligkeit unterzugehen. Indessen fehlte es ihm bald auch nicht an ernsterer nachhaltiger Freundschaft. Frau Jessie Lnnssot, welche durch ihren Brief an die Tante sein Schicksal mitbestimmt hatte, nahn: sich jetzt ihres einnndzwanzigjährigen Schützlings aufs treneste an. War sie auch nicht älter als er, so war sie doch weit welterfahrcner und lebenskundiger als der junge Mann, der vor einem Jahre noch die bunte deutsche Stndentenmütze getragen hatte. „Sie war in den ersten Jahren seines Aufenthaltes in Bordeaux seine Egeria," schreibt mir ein alter Freund Hillcbrands aus Bordeaux. Übrigens verließ sie schon 1853 Bordeaux für immer. Doch auch treue Freunde waren Hillebrand bald gewonnen. In Blähe hatte er Giovanni Merlo, einen jungen, in Wien gebildeten Obcritaliener, kennen gelernt, den die Revolution gleichfalls aus seiner Heimat vertrieben und an die Ufer der Garonne verschlagen hatte. Das Verhältnis mit ihn: hat bis zum Tode bestanden. Merlo ist der letzte der alten Freunde Hillcbrands gewesen, der ihn noch wenige Tage vor seinem Tode auf der Durchreise durch Mailand gesehen hat. Aber auch Franzosen und Engländer schlössen sich an Hillebrand an. Vor allen waren es drei Bekannte, mit denen er namentlich in den letzten Jahren seines Aufenthaltes in Bordeaux fast täglich verkehrte, und deren Namen ich hier schon deshalb nenne, weil er mit ihnen in innigem Verkehr verblieben und ihnen seine Bücher gewidmet hat: I. Henri Desbats, Charles Lcspine und Kcnelm Digby Wingsield. 145 Wingfield, der Sohn eines brittischcn Staatsarchivars, des Master ok tlre Holls in London, lebte als einfacher Kaufmann in Bordeaux, hatte aber ernste wissenschaftliche Neigungen von seinem Vater ererbt. Er ist seinem Freunde, der ihm den 2. Band seiner französischen Geschichte gewidmet hat, schon im Januar 1880 im Tode vorausgegangen. Ein ausgezeichneter Kenner der italienischen Literatur war Charles Lespine, von dein Hillebrand am Schlüsse der Vorrede zu seinem Buche über Dino Conrpagni rühmt, daß seine Unterstützung ihn: bei schwierigen Stellen der Chronik und der Gedichte des florentinischen Priors vom größten Nutzen gewesen sei. Ein einfacher Mann, ein Philosoph, wie ihn seine Freunde nennen, war er von diesen wegen seiner großen Kenntnis, Bescheidenheit und Gefälligkeit hoch geschätzt. Nickt anders auch I. H. Desbats, kein Mann von der Feder, ohne alle literarische Prätensionen, aber ein philosophisch gebildeter, das Leben ernstnehmender Kopf, welcher Hillebrand wohl zuerst mit der Entwicklungstheorie bekannt gemacht und dafür gewonnen hat. Diesen seinen an Jahren älteren Freunden galt Hillebrand damals als ein den Nichtigkeiten und Eitelkeiten des geselligen Lebens noch zu sehr ergebener Mann. Von der Gesellschaft verwöhnt, habe er in den ersten Jahren seines Aufenthaltes in Bordeaux den ernsten Studien wenig obgelegen; sein Leben sei geteilt gewesen zwischen dem Erteilen von Unterricht und den Vergnügungen des sozialen Lebens. Erst mit dem Winter 1857 habe er ernsthaft zu arbeiten begonnen, seine Unterrichtsstunden eingeschränkt und nur so viele erteilt als zur Erwerbung des Lebensunterhaltes nötig gewesen sei. So sagt ein Freund. Aber offenbar ist diese Nachricht nicht ganz richtig. Hillebrand hat auch in den ersten Jahren seines Aufenthaltes in Bordeaux sich sehr fleißig den ernstesten Studien gewidmet; nur daß diese sich ihrer Natur nach der Kenntnisnahme seiner französischen Bekannten entzogen. Vertiefte er sich doch in ihnen auf eine von seinem Hartwig. AuS dem Leben. 10 146 Vater ausgehende Anregung hin in die deutsche Philosophie. Er erzählt uns selbst in einer Anmerkung zu seinem Essay über A. Schopenhauer, wie er 1852 — noch ganz in Hegel versenkt — zuerst auf Schopenhauer aufmerksam gemacht sei, sich nicht ohne Schwierigkeit in den Besitz der Hauptwerke des Philosophen gesetzt und im Herbst 1854 zwei Monate lang in einem einsamen Försterhause im Kiefernwalde von Mcdoc, das ehemals den Turm der vom Meercssandc begrabenen Kathedrale von Sonlac bildete, nichts als diese gelesen habe. Wer die Energie besitzt, sich Monate lang einsam nur mit einem philosophischen Schriftsteller zu beschäftigen, der ist noch nicht zu sehr in der Geselligkeit aufgegangen. Aber richtig mag es sein, daß Hillebrand von 1857 an entschiedener daran dachte, seine Studien auf ein praktisches Ziel zu richten und seinen Eintritt in den französischen Staatsdienst vorzubereiten. Die nähere Verbindung, in welche er mit einigen ausgezeichneten französischen Familien von Bordeaux trat, mag hierbei besonders mitgewirkt haben. Vor allem verkehrte er damals im Hause eines Herrn Delprat, eines ausgezeichneten Rechts- anwaltes, dessen Frau als eine der geistreichsten und gebildetsten Damen von Bordeaux mit Recht galt. Durch den Sohn des Hauses, Herrn Edouard Delprat, einen Mitarbeiter an dem von Fer dinand Duval geleiteten „Courrier du Dimanche," bekam Hillebrand Fühlung mit den Kreisen der liberalen Opposition gegen das Kaiserreich. Nicht minder befreundet war er mit einer Familie Dezeimeris. Daß in dieser Familie, die ansehnliche Verbindungen besaß, auch deutsche Beziehungen vorhanden waren, möchte ich aus dem Namen Rcinhold De- zcimeris erschließen, dem Namen des Mannes, von dem Hillebrand die erste Anregung zur Abfassung seiner Übersetzung der griechischen Litcratnrgcschichtc Otfried Müllers erhalten zu haben bekennt und dem er deßhalb dieses Werk gewidmet hat. Wie dem nun auch sein möge, das Verhältniß zu der Familie Dezeimeris würde auch ohne diese landsmänuische Beziehung leicht haben entstehen können, daReinholdDezeimeris ein tüchtiger 147 Philologe war — er hat n. a. Scaligers griechische Briefe herausgegeben — und in jenen Jahren in Bordeanx noch nicht die geringste Animosität zwischen Angehörigen der deutschen und der französischen Nation bestand. Um so tiefer hat es Hillebrand, und ich darf Wohl auch sagen die Familie Dczeimcris, geschmerzt, das; auch hier die Ereignisse bon 1870 einen Riß herbeigeführt haben, den jedoch nur der unerwartete Tod Hillebrands nicht wieder hat ausfüllen lassen. Mit anderen Freunden aus jenen Tagen, zu denen ich den bekannten Journalisten und späteren Diplomaten Andre Laver- tnjvn, mit dem Hillebrand durch seine Mitarbeiterschaft an dem Journal „La Girondc" in Verbindung gekommen war, nicht rechne, wohl aber den bekannten Historiker Geffrop, der als Direktor der Akademie de France zu Rom sich auch einen Namen gemacht hat, zählen möchte, ist unser Freund auch nach den Ereignissen von 1870 in guten persönlichen Beziehungen geblieben. Mit Geffroh, der damals Professor an der Universität von Bordeaux war, wie mit den Univer- sitütskreisen überhaupt, war Hillebrand zunächst wohl durch das Examen cko liocnrce es-Iettreo bekannt geworden, das er an ihr 1858 ehrenvoll bestand. Die höchste Staffel akademischer Würden, das Doktorat, konnte Hillebrand aber nicht in Bordeanx erklimmen. Denn nur die Doktoren von Paris gelten in Frankreich etwas. Die Vorarbeiten zu dem Doktor- Examen, beziehungsweise zu den beiden hierzu erforderlichen Dissertationen, von denen die eine in lateinischer, die andere in französischer Sprache abgefaßt werden mußte, nahmen Hillebrand in den Jahren 1858 bis 1801 in Anspruch. Auch dieses Examen wurde im Juli 1801' an der Sorbonne glücklich bestanden, nachdem die lateinische Dissertation, in welcher Dante, Milton und Klopstock in Parallele gestellt wurden, unter dem Titel „Oe sncro npuck clrriMmnos cnrrnnro epico Uissertntio seu Onirtis, iVliltorns, Klopstockü pooMrurri cok- Intio" schon 1800 in Paris erschienen war. Schon die Wahl dieses Gegenstandes zeigt, daß unser Freund in seinen Stu- 10 * 148 dien sich mitnichten nnf die Literatur seines Adoptivvater- landes beschränkt hatte. Noch weit deutlicher tritt das in der Arbeit hervor, welche er als seine französische Doktor-Dissertation der Sorbonne vorlegte und verteidigte und deren Vorrede daher im August 1861 von Paris aus datirt ist. Das mehr als 400 Seiten starke Buch: „Diiro LolirpaZiri. stucke IriMoriciuL at litteraire mir I'epoigue cle Dante pur X. 14.," welches 1862 in Paris bei A. Dnrand erschien, ist die Frucht sehr eingehender Studien, die ihren Autor nach Florenz geführt hatten, um hier urkundliches Material zu sammeln. Wenn Hillebrand von ihm sagt, das; „le ironr inscrit eir tete cke ce travail ir'eot §uere «grünn pretexte," und ausführt, daß dasselbe uur dcu ersten Teil einer Geschichte der Stadt Florenz im 14. Jahrhundert seit der Einführung der Ordnungen der Gerechtigkeit (1282) bilde, der ein zweiter nachfolgen müsse, welcher in ähnlicher Weise die Villani, Donato Vcllnti und Gino Capponi, d. h. die bedeutendsten Florentiner Historiographen des 14. Jahrhunderts zu behandeln haben werde, so ist er uns die Ausführung dieses Planes schuldig geblieben. Und das wohl aus gutem Grunde. So veranlagt Hillebrand für literarischc Kritik war, so wenig war er geschult in der strengsten historischen Methode der Qnellen- nntersuchung oder gar in den Künsten textkritischer Ausgaben. Er hat bei der ihm eigenen vollkommenen Wahrhaftigkeit und klaren Selbsterkenntnis; dieses auch stets von sich eingestanden. Und ich habe um so weniger nötig, dem Freunde Vorzüge nachzurühmen, die dieser selbst nicht besitzen wollte, als sie in meinen Augen auch keineswegs in dem Maße bedeutend sind, als sie vielleicht von dem geschätzt wurde», der sie an sich vermißte. Denn es gibt Größeres an einem Historiker zu rühmen als das Geschick zu minutiösen Quellennntersuchungcn, und unzweifelhaft hat es sehr bedeutende Gcschichtsschreibcr gegeben, die von den sogenannten methodischen Quellcnnntcrsnchnngen gar nichts verstanden haben. 149 Wenn Hillebrand in seiner Übersicht über die ältesten, in italienischer Sprache geschriebenen Chroniken, mit der er seine Arbeit über die Chronik Dino Compagnie eröffnet, mehrere von diesen unbedenklich als echt angenommen hat, die sich einer tiefer eindringenden Kritik gegenüber als Machwerke einer spateren Zeit herausgestellt haben, so fallen die etwa hierüber zn erhebenden Klagen in gleicher Stärke anf das Hnnpt von Gervinns, der in seiner Geschichte der „Flvren- tinischen Historiographie" sich des gleichen Versehens schuldig gemacht hat. Und was die Hauptsache betrifft, ob die sogenannte Chronik des Dino Compagni ein echtes Werk des Florentiner Priors Dino Compagni sei, eine Frage, welche bekanntlich eine Zeit lang sehr zuungunsten dieses Autors entschieden zn sein schien, so hat Hillebrnnd nicht nur in Verwerfung der unbegründeten Angriffe, die von der sprachlichen Seite her erhoben wurden und die er zuerst in seinem Werke der gelehrten Welt aus einem bisher unbeachtet gebliebenen Winkelblättchen mitgeteilt hatte, vollkommen Recht behalten, sondern auch wohl in der Hauptsache selbst. Denn wenn auch die Chronik in der uns jetzt vorliegenden Fassung nicht anf den Prior Dino Compagni zurückgehen kann, so ist doch der Kern oder, wenn man lieber will, die Grundlage derselben als echt und, einige Übertreibungen in Betreff ihres schriftstellerischen Wertes abgerechnet, als ein hervorragendes und durchaus charakteristisches Produkt des florentinischen Geistes anzusehen. Aber so weitherzig war Hillebrand und so sehr jedem sachlichen Widersprüche zugänglich, daß er dem Verfasser dieser Zeilen, der auf einen mit virtuoser Meisterschaft anf die Chronik geführten Angriff hin von der Un- echthcit derselben überzeugt war, ohne Widerstreben gestattete, dieses auch in dem von ihn: selbst herausgegebenen Jahrbuch „Italic" an erster Stelle ansznsprcchen. Hillebrand behielt sich seine Privatmeinnng über die Frage vor, ließ mich aber doch, da er die von nur entwickelten Gründe augenblicklich zu widerlegen nicht imstande war, rnhig gewähren und 15N dieses Werk, welchem er seine erste wissenschaftliche Arbeit gewidmet hatte, in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift rnhig als eine Fälschung hinstellen! Wie viele würden das über sich gebracht haben? Aber er war weder eitel noch stolz, sondern jedem ehrlichen Widersprüche zugänglich. Als ich mehrere Jahre spater meine wissenschaftliche Ansicht in dieser Frage modifiziert und auch öffentlich ausgeführt hatte, schrieb er mir zu einer Zeit, da die tödliche Krankheit ihn schon erfaßt hatte, einen zwölf Seiten langen Bries, in dem er seine Freude darüber aussprach, daß wir nun doch in dieser Frage einig geworden seien. — Dieses Werk über Dino Compagni, das Hillebrand seinem Vater zueignete, war, wie seine erste größere historische Arbeit, so auch die erste, welche er in französischer Sprache veröffentlichte. Feine Kenner des französischen Stils finden an ihm zu tadeln, daß es nicht leicht genug geschrieben sei und der Stil doch noch den Ausländer verrate. Ich weiß nicht, ob sie hierin Recht haben, ob nicht der Inhalt des Werkes, der eine Behandlung verlangte, die von der damals in Frankreich üblichen doch wesentlich abwich, unwillkürlich das Urteil über dessen Sprache beeinflußt hat. Ich bin hierzu um so mehr geneigt, als dasselbe Urteil über den Stil eines Werkes wiederholt wird, das mehrere Jahre später ein echt deutsches Geistesprodukt den Franzosen zugänglich zu machen bestimmt war und das darum auch in seiner Anlage, nicht in seiner Sprache, ein mehr deutsches Gepräge an sich trug. In den Jahren, welche zwischen dein Erscheinen der Dissertation über Dino Compagni und der Übersetzung von Otfried Müllers griechischer Literatnrgeschichtc (l8l>ö bei Dnrand in Paris in zwei starken Bänden erschienen) verstrichen, hatte unser Freund eine Prcisanfgabc der Akademie von Bordeaux gelöst. Obwohl er nur zwei Monate auf die Beantwortung der Fragen: „()uels etnieirt l'etnt des moeurs ei In Uispositioir cles esprits nux epoignes oü drilln In dornre conräüie?" „Des elemoirts nnnlc>§ue5 existent-ils 151 ausourckRui en Trance?" verwenden konnte, erkannte ihm die Akademie doch den Preis', für seine Arbeit zn und hob namentlich hervor, daß diese trefflich geschrieben sei. Hier, wo Hillebrand sich ganz frei bewegen konnte, zeigt er sich also nach dem Urteile von Kennern als der französischen Sprache vollkommen Meister geworden, wahrend er selbst noch nicht mit der Form zufrieden war, in der er dem französischen Publikum das ausgezeichnete Werk eines unserer ersten Philologen über die griechische Literatnrgeschichte zugänglich gemacht hatte. Namentlich sprach er sich über seine eigene, 350 Seiten umfassende Einleitung, zu demselben hart aus. In ihr hatte er versucht, seinen neuen Landslcnten nicht nur das Leben O. Müllers zn erzählen und eine gelehrte Charakteristik seiner umfassenden wissenschaftlichen Tätigkeit zn geben, sondern denselben auch in einen: „^.per^u kristori^ue cke la pliilolo§:e" die Entwicklung der deutschen Altertumswissenschaft und deren Grundsätze näher zn bringen gesucht. Aber gerade diese Arbeit nennt er in einem Brief an einen französischen Freund 1884 ihrer Form nach rrmuvume, eiriputee und hebt hervor, daß sein Buch geschrieben gewesen sei, ehe er durch die Schule von Ed. Berlin (von: „Journal des Debats") und F. Buloz (von der „Revue des deux Mondes"), denen er dafür immer dankbar geblieben, hindurchgegangen sei. Aber ich glaube fast, daß Hillebrand sich auch in dieser Beziehung zu streng beurteilte. Jedenfalls ist die Arbeit selbst vortrefflich. Der Neuherausgeber und Fortsetzer des Werkes von O. Müller, der Straßbnrger Professor E. Heitz, der auch die französische Form wohl zn beurteilen versteht und also der kompetenteste Richter zur Sache ist, sagt iu der Vorrede zur dritte:: deutschen Ausgabe über unser Werk, nachdem er hervorgehoben, daß die italienische Übersetzung nichts Eigentümliches biete: „Vorzüglich ist dagegen die französische von Hillebrand, die sich durch eine Reihe wertvoller Zugaben, hauptsächlich eine Studie über O. Müller selbst, auszeichnet". Ein größeres Lob könnte der Arbeit eines Mannes, der sich nie- 152 mals zu den Philologen von Profession zählte, wohl nicht gespendet werden. Aber wie kam Hillebrand, der wenige Jahre vorher sich ganz in das Studium der Geschichte von Florenz und seiner Historiker versenkt zu haben schien, zu dieser hiervon so weit abliegenden Arbeit? Gewiß würde ein solcher Wechsel in Ergreifung und Bewältigung so ganz heterogener Stoffe nicht stattgehabt haben, wenn nicht eine vollkommene Veränderung seiner Lebensstellung eingetreten wäre, die ihn gezwungen hätte, sich mit Litcraturgeschichte im weitesten Sinne zu beschäftigen. II. Nachdem Hillebrand, wie schon bemerkt, im August 1861 die Doktorwürde an der Sorbonne errungen hatte, kehrte er nach Bordeaux zurück. Zwar war ihn: seit 1858 in Folge der allgemeinen Amnestie in Baden die Rückkehr in die Heimat nicht mehr verschlossen; er zog es aber doch vor, in seinem Adoptivvaterlandc zu verbleiben, um in Deutschland nicht nochmals von vorn anfangen zu müssen. Durfte er doch in Frankreich jetzt sicher auf eine Staatsanstellung rechnen. Denn nachdem ihm schon 1857 das Wohnrecht in Frankreich verliehen war, wurde ihm 1860 durch Erteilung des Bürger- rechts der Genuß aller politischen Rechte gewährleistet. Er hielt zunächst in Bordeaux noch 1862 einige Vortrüge über Goethe, welche aber bei der mehr banausischen und wenig ernsten Gesinnung der Majoriät der Bordelaisen nur einen Achtungserfolg errangen. Da wurde ihm von feiten der Regierung der Antrag gemacht, Lehrer der deutschen Sprache an der berühmten Militärschule von Saint Chr zu werden. Es war eine bescheidene Stelle, namentlich für einen Oocteur so lettreZ, die man ihm damit anbot. Er war auch geneigt, sie auszuschlagen. Auf den dringenden Rat seiner Freunde E. Delprat und Desbats griff er aber doch zu. Er hatte es nicht zu bereuen; denn nachdem er einmal in den Staats- 153 dienst gekommen war, rückte er anch rasch anf. Im Sommer 1863 wnrde Viktor Duruy, ein Mann von weitem Blicke nnd den besten Absichten, vvm Kaiser Napoleon III. zum Untcrrichtsminister ernannt. Ich weiß nicht ob es nötig ist, anzunehmen, daß er durch eine Empfehlung der Familie Dezeimeris in Bordeaux auf den jungen deutschen Gelehrten aufmerksam geworden sei. In Frankreich, wo die Protektion eine sehr große Rolle spielt, ist man vielleicht auch nur zu geneigt, dieselbe bei Beförderungen zu suchen, wo sie nie bestanden hat. Duruy, welcher die deutschen Schuleinrichtungen genauer kennen lernen wollte, konnte leicht auf Hillebrand als eine sehr geeignete Persönlichkeit, diese Vermittelung anzubahnen, aufmerksam werden. Jedenfalls fand der Minister in ihm den Mann, wie er ihn brauchen konnte, nnd ernannte ihn schon 1863 zum Professor der auswärtigen Literatur an der Akademie von Donay. Als solcher hatte der junge Professor in einem jeden Kurse wöchentlich einen Vortrag über einen Gegenstand der englischen, italienischen oder deutschen Literatur zu halten, welcher sich allerdings sowohl in der Form weit über die an deutschen Universitäten üblichen Vorlesungen erheben, als anch seinem Inhalte nach viel gewählter sein muß, als dies bei unseren mehr anf die zusammenfassende Darstellung einer ganzen Disziplin gerichteten Katheder- vorträgen der Fall ist. Ich kann hier kein Verzeichnis der Vorlesungen geben, die Hillebrand in Donay gehalten hat, die Ausarbeitungen dazu sind aber, wie ich weiß, sämtlich im Manuskript erhalten. Hört man nun, daß er z. B. 1865 fünfundzwanzig Vortrüge über den englischen Roman des 18. Jahrhunderts gehalten hat, von denen einzelne nach stenographischen Aufnahmen von Zuhörern veröffentlicht wurden, so wird man schon hieran den Unterschied zwischen den Vorlesungen an deutschen Universitäten und französischen Akademien leicht sich vergegenwärtigen können. Daß Hillebrand bei der Vorbereitung auf diese Vortrage die sorgfältigsten Einzelstudien gemacht hat, zeigt jeder Blick anf dieselben, soweit sie 154 in der „Hevno cles cours littöraires" oder in deutscher Überarbeitung veröffentlicht sind. Da aber das rechte Verständnis für die Entwicklung der modernen Literaturen nicht möglich ist ohne eine sorgfältige Kenntnis der klassischen, der Bildungsgang Hiltebrands ihn aber bisher noch nicht auf diese geführt hatte, so sehe ich in der Übersetzung und Verarbeitung der griechischen Literatur-geschichte Otfried Müllers ein Zeichen von dieser seiner auf klassische Studien gerichteten Tätigkeit. Denn wenn er auch die erste Anregung zu jenem Werke auf seinen freund R. Dezeimeris zurückführt, so müssen es doch sehr starke innere Gründe gewesen sein, welche ihn eine so umfassende und zeitraubende Aufgabe unternehmen hießen. ünd sollten auch die Ansänge hiervon auf die Zeit des Aufenthalts in Bordeaux zurückgehen, so ist die Arbeit jedenfalls in Dvnay im Frühjahr 1865 abgeschlossen worden. Welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden waren, zeigt zur Genügc die einzige Zeile des Vorworts, in der es heißt, daß die Bibliotheken von Donay fast keines der Bücher, die zur Abfassung des Werkes in reichem Maße nötig waren, besaß und also alle literarischcn Nnchweisnngen in Paris und von ausländischen Bibliotheken während der Ferien herbeigeschafft werden mußten. Diese absolute Armut an literarischcn Hülfsmitteln für seine Disziplinen — die Bibliothek der zu Donay 1562 von König Philipp II. von Spanien gegründeten und den Jesuiten überlieferten Universität ist in bezng auf handschriftliche Schütze älterer Zeit nicht unbedeutend — und wohl auch die Kärglichkeit des geistigen Lebens in dieser zopfigen Provinzial- stadt, welche kaum 25,000 Einwohner zählt, machten den Aufenthalt dort dem jungen lebhaften Professor, der in Bordeaux doch in ganz anderen belebten Kreisen verkehrt hatte, auf die Dauer fast unerträglich. Das Leben in Paris, wo er die kürzeren Ferien zubrachte, oder die Reisen zu den Scinigen in Deutschland, oder nach Italien, wo er 1865 als einer der Vertreter der llni- versitä cke Trance bei dem fünfhnndertjährigen Dante-Jnbi- 155 länm zu fungieren Hütte, und von da au die Herbstvakauzeu regelmäßig zu verbringen pflegte, mußten ihm den Aufenthalt in Donah erst recht verleiden. Dazu kam noch ein Anderes. Hillcbrand hatte sich in Frankreich bisher aller Politik fern gehalten. In Bordeaux hatte er zwar Beziehungen zu dem liberalen Journal „La Gironde" gehabt und sein Verkehr hatte ihn mit freisinnigen Gegnern des Kaisertums im Verbindung gebracht. Seine literarischen Bestrebungen, welche höher hinausgingen als auf raschen Brodcrwcrb im Dienste mittelmäßiger und literarisch zweifelhafter Tagesblätter, mußten ihn in Paris wieder in Beziehung zu oppositionellen Kreisen bringen. Denn es war Napoleon III. nicht gelungen, die beiden großen Blätter, welche in Sachen des guten Geschmacks in Frankreich noch immer die Führung behaupteten, und in der Tat die besten Traditionen der höheren französischen Publizistik aufrecht erhielten, das „Journal des Debats" unter der Redaktion von Ed. Berlin und die „Revue des denx Mondes" von Bnloz geleitet, für sich und seine Politik zu gewinnen. Jeder angehende französische Iromme cle lettres, der sich seinen Eintritt in die Elite der französischen Schriftsteller erwerben wollte, mußte aber in einem dieser beiden Blätter Boden zu gewinnen suchen. Das gelang Hillebrand zwar vollkommen; aber nicht ohne große Anstrengung. Er sagt selbst, ehe er die Schule von Berlin und Bnloz durchgemacht, habe sein französischer Stil noch „la coupe Aerrrmrnigue" gehabt. Wie weit er aber in der Anerkennung dieser beiden Kenner feinsten französischen Stils und gewähltester Form kam, beweist uns die Anekdote, welche er uns gelegentlich erzählt: Bnloz habe ihm einst sein Bedauern ausgesprochen, daß die Kunst, einen guten Essay zu schreiben, jetzt bei den Franzosen ganz abhanden komme; nur zwei verwünschte Preußen verständen sich noch auf den Essay; der eine von ihnen sei Rudolf Lindau; den Rainen des anderen habe er vergessen, fügt Hillebrand schalkhaft hinzu. Bei der hohen Achtung, welche man in 156 Frankreich noch immer dem ernsten Schriftstellertnm entgegenbringt, auch wenn es sich nicht in den Bahnen des zünftigen Gclehrtcntnms bewegt nnd nicht gerade der jeweilig herrschenden Politischen Richtung huldigt, hatte Hillebrand von feiten des Imperialismus keine Anfechtungen darüber zu leiden, daß er mit der oppositionellen Presse in Verbindung stand, llnd das um so weniger, als seine Arbeiten sich bis dahin auf rein litcrarische Gegenstände bezogen hatten. Das aber wurde mit dem Jahre 1866 anders. Der Aufschwung welcher durch den großen Krieg dieses Jahres nnd die mit ihm begonnene Umgestaltung Deutschlands das nationale Bewußtsein aller guten Deutschen nahm, mußte auch den Patriotismus des französischen Professors, der in dem heißen Dränge seiner Jugend zweimal für seine politischen Ideale die Waffen ergriffen und seine Haut zu Markte getragen hatte, in die lebhafteste Bewegung setzen. War er nun auch ein anderer geworden nnd sah dem Spiele der miteinander ringenden feindlichen Gewalten ohne das Bedürfnis zu, sich daran irgendwie aktiv zu beteiligen, so litt es ihn nun doch nicht mehr in der stillen Prvoinzinlstadt, fernab von dem garenden Treiben des Tages. Er siedelte nach Paris über und fuhr wöchentlich einmal nach dem doch ziemlich entfernten Douay, um seinen Amtspflichten zn genügen. Es erschien ihm dieses Leben in Paris um so nötiger, als er sofort klar erkannte, daß wenn er seinem Adoptivvaterland nnd seiner Heimat die Dienste leisten wolle, welche er gerade vielleicht am besten beiden widmen könne, er in der Hauptstadt Frankreichs wohnen müsse. Es ist ja vollkommen richtig, daß welthistorischen Konflikten nicht mit kleinen Mitteln vorgebeugt werden kann. Aber wer vermag die Form solcher Konflikte und ihre Zeit vorher genau zn bestimmen nnd kann sich von der persönlichen Verpflichtung, ihren: Ansbruche entgegenzuwirken oder doch ihre Schärfe herabzumildern, befreit erachten? Daß es nach der Schlacht von Sadowa leicht zn einem Zusammenstoße zwischen Frankreich nnd Preußen kommen könne. 157 daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spreche, daß dieser Znsammen- stosj in nicht ferner Zeit erfolgen werde, das war eine diesseits wie jenseits der Vogesen oiclllerbreitete bestimmte Meinung. Dem kriegerischen Ubermnte vieler französischer Berufssoldaten und dem noch viel gefährlicheren Hass der Mitglieder der streitenden Kirche Roms gegen den in dem Hvhenzollern- geschleehtc siegreichen Protestantismus schien nicht ohne großes Blutvergießen Genüge geschehen zu können. Aber wie Napoleon III., an dem Tage, da ihm die Nachricht von dem Aus- gange der Schlacht von Sudowa zukam, doch noch ganz anderen Ideen zugänglich war, als denen der Furcht und der Rache, er vielmehr einen deutschen Gelehrten auf seiner Durchreise durch Paris ruhig empfing und mit ihm seine Gedanken nach ganz anderen Seiten gehen ließ, konnten nicht vielleicht doch noch auch die Geschicke der zwei großen Kulturvölker französischer und deutscher Zunge längere Tage freundlich nebeneinander hergehen und ein erträgliches Verhältnis zwischen beiden sich herausbilden? Der Zündstoff, der zwischen Frankreich und Deutschland aufgehäuft war, war damals doch noch nicht so gewaltig und gefährlich, als daß er sofort eine Explosion herbeiführen mußte. Es gab in Frankreich auch noch starke Elemente, die der Konflagration entgegenarbeiteten. Namentlich in den Kreisen der Gelehrten hatte eine Richtung um sich gegriffen, die der Überschätzung französischen Wesens und französischer Leistungen eine gerechtere und billigere Beurteilung Deutschlands und seiner Verdienste um die Wissenschaft entgegensetzte. Der große Teil der Landbevölkerung Frankreichs war auch nicht kriegerisch gesinnt. Auf diese ruhigeren Elemente zu wirken, eine bessere Erkenntnis der politischen und sozialen Zustünde Deutschlands in Frankreich allgemeiner zu verbreiten, hielt Hillebrand für seine Pflicht, für seine persönlichste Pflicht als geborner Deutscher und französischer Bürger. Er begann im „Journal des Debats" eine Reihe von Artikeln zu veröffentlichen, die es sich zur Aufgabe stellte», den Franzosen die Einigung Deutschlands unter der 158 Führung Preußens ins rechte Licht zu setzen und in ihrer inneren Notwendigkeit begreiflich zu machen. Aus jenen Aufsätzen ist dann das Buch entstanden, das unter dem Titel „Im Lrusse coirtenrporaüre" 1867 in Paris erschien und den Franzosen, welche der Belehrung zugänglich waren, zum ersten Male einen deutlicheren Begriff von der Natur des preußischen Staates beibrachte. Wie wenig diese Aufsätze und dieses Buch Hillebrand in den leitenden Kreisen Frankreichs verübelt wurde, das beweist der Auftrag, den er, man hat mir so gesagt, auf persönliche Anregung Napolons III., durch den Minister Dnrny erhielt. Der französische Kaiser, auf einem deutschen Gymnasium vorgebildet, war mit seinem Unterrichtsministcr einig, daß ein guter Teil der Überlegenheit, die Deutschland seit einigen Jahrzehnten auf allen Gebieten der Wissenschaft entwickelt hatte, und zu der jetzt nun auch die kriegerischen Erfolge noch hinzugekommen waren, auf seinen Bildungseinrichtungen beruhe. Sie sorgfältig zu studieren und darüber einen eingehenden Bericht zu erstatten, wurde noch im Jahre 1867 Hillebrand aufgegeben. Er besuchte Deutschland und überzeugte sich von den Fortschritten, welche überall dort die wissenschaftlichen Anstalten, namentlich die der Universitäten, zu einer allseitigen Vervollkommnung und Erleichterung der Studien gemacht hatten. Die Resultate seiner Beobachtungen legte er in der großen Abhandlung nieder, welche 1868 unter dem Titel „Oe In Ilslorine cla IMirscü^- irement superieur" in Paris bei Germer Baitliäre erschienen ist. Er riet, auf dem von Dnrny eingeschlagenen Wege, die von Napoleon 1/ herrührenden durch und durch bureankrati- schen Institutionen des französischen Schulwesens, die sich in der Ulrivarsite cle I'raircs zu einer vielglicdrigen Einheit zusammenfassen, durch Aufnahme deutscher Schnleinrichtnngen zu regenerieren, nur weiterzugehen und namentlich deutsche Unterrichtsmethoden, wie sie in den philologischen, historischen u. s. w. Universitätsseminarien eingeführt waren und hier die Forschnngslust der Jugend belebt hatten, herüberznnehmen. 159 Jedoch nicht auf diesem praktisch litcrarischen Gebiete allein war Hillcbrand in den Jahren vor dein Ausbrnchc des großen Volkskrieges tätig. Wer in Frankreich wirken will, kann dabei der persönlichen Verbindungen noch viel weniger entbehren, als in anderen Landern. Die gesellige Natur des Volkes, der Einfluß der Frauen, die seit Jahrhunderten ausgebildeten Formen des Verkehrs bedingen es, daß hier kaum jemand Einfluß gewinnt und ihn behauptet, der nicht in den llmgangsformen vollkommen gewandt, durch sein persönliches Auftreten Stimmung für sich und die von ihm vertretenen Ansichten zu machen imstande ist. Und dies verstand Hille- brand sehr gut. Hatten ihm seine Mitarbeiterschaft am „Journal des Debats" und der „Revue" den Zutritt zu den unter dem Kaiserreiche, wenn auch nicht mehr so glänzenden, immerhin aber doch noch einflußreichen Salons hervorragender Damen verschafft, so wußte er sich dort vollkommen zu behaupten und zur Geltung zu bringen. Ich habe ihn nicht sich in den Salons der Madame de Pcyronnet, die, eine Engländerin von Geburt, gleich der Gattin unseres Landsmannes Jules Mohl, jahrelang die Spitzen der mit dein Kaiserreiche frondierenden Gelehrten- und Schriftstcllcrwclt bei sich empfing, bewegen sehen; aber auch ohne das Zeugnis Bambergcrs, der mit ihm hier verkehrte und seine großen geselligen Gaben zu bewundern Gelegenheit fand, wird das jeder glauben, der ihn in seinem eigenen Hause in Florenz beobachtet hat, wie er die Polyglotte Gesellschaft, welche sich hier zu versammeln Pflegte, durch sein vielgcwandtes, sich nie ausgebendes, immer, selbst unter körperlichen Leiden, aufgelegtes, geschmeidiges Talent der Konversation und des Verkehrs zusammenzuhalten und zu beleben verstand. In den Salons der Madame de Pcyronnet hatte Hillebrand ja auch nicht die ersten Studien in diesem uns Deutschen sonst so schwer zugänglichen Gebiete der Canscrie gemacht. Leichten, unendlich rezeptiven und rasch produzierenden Geistes und mit der Willcuseuergie ausgerüstet, ohne die keine soliden 160 Kenntnisse erworben werden dabei durch sein männlich schönes, freundliches und gewinnendes Aeußere unterstützt — hatte er ja schon in Bordeaux Männer und Frauen für sich zu gewinnen verstanden. Jetzt in Paris, im vollkommenen Besitze von Allem, was einem jungen Manne den Verkehr erleichtert, wusste er in Verbindung mit zahlreichen ausgezeichneten Männern und Frauen aller Nationen zu kommen und sie in ihren persönlichen Eigentümlichkeiten und den feinen Nüan- cicrnngen ihres national bestimmten Geisteslebens sorgfältig zu beobachten. Ohne diese aus dem lebendigen Verkehre mit Angehörigen aller Völker geschöpfte große Menschenkenntnis würde es Hillebrand nicht gelungen sein, die Linien und Farben zu finden, welche seine Völkerpsychologischen Studien zu so sprechenden Gemälden des innersten Geisteslebens ganzer Nationen gemacht haben. — Man kann es auffallend finden, daß die französische Regierung Hillebrand mehrere Jahre als Dozent an der unbedeutenden Akademie zu Donay beließ, daß sie ihn nicht nach Paris zog. Ob sein deutscher Ursprung seine Politische Haltung, der durch den Verkehr in dem oppositionell gestimmten Salon der Madame de Peyronnet der Stempel aufgedrückt war, dazu doch veranlaßt hat, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls hatten seine Bücher, und da diese zum Teil nur überarbeitete Vorlesungen reproduzierten, auch seine Vortrüge sich großen Beifalls zu erfreuen. Kein Geringerer als Gaston Paris bedauert es, daß von dreißig in Donay gehaltenen Vortragen zur italienischen Literaturgeschichte ihr Autor in den ststuckes Iristorchues et litteraires. Dorne I: „Dtnckeg litternires" (Paris 1868) nur acht veröffentlicht habe, und versichert, es gebe keine bessere Einführung in das Verständnis Dantes, als die erste dieser Vorlesungen. Ob es in der italienischen Literatur eine bessere Arbeit über die italienische Komödie gebe, als die hier gebotene, bezweifelt der französische Kritiker, in der französischen sei jedenfalls keine vorhanden. Hatte Hillebrand diesen italienischen Studien einen anderen Band folgen lassen wollen, der Abschnitte der deutschen 161 Literatur in ähnlicher Weise behandeln sollte, so kam dieses nicht zur Ausführung. Dagegen begann er in der „Revue des deux Mondes" eine Reihe von Essays unter dem Ge- samttitel: „Oe In sociöte de Berlin cle 1789 n 1815, d'apräs des correspondnnces et des inärnoires du iernps pudliäes de 1859 n 1869." Von der auf umfassenden und eingehenden Vorarbeiten beruhenden Arbeit sind jedoch in der „Revue" nur die drei ersten Aufsätze erschienen. L. Bam- berger, der damals viel mit Hillebrand verkehrte, kannte die ganze Arbeit und hofft, daß dieselbe noch veröffentlicht werden wird. Vielleicht wird dieser Wunsch schon bald seiner Erfüllung entgegengehen, da, wie mir mitgeteilt wird, ein siebenter Band der „Zeiten, Völker und Menschen" demnächst erscheinen soll. Daß Buloz den Schluß nicht mehr in der „Revue" veröffentlichte, war durch die Rücksicht diktiert, welche er seinen französischen Lesern gegenüber nehmen zu müssen glaubte. Denn Buloz, welcher die beiden ersten Abschnitte der Arbeit vor dem Ausbrnch des Krieges anstandslos gebracht hatte, getraute sich nur noch den dritten, „Be räveil d'uire rmtioir" überschrieben, abdrucken zu lassen; aber mit einer Redaktionsbemerkung versehen, nach der er den Franzosen nur zeigen solle, wie die Erhebung Preußens gegen Napoleon I. ihnen ein Vorbild gebe, sich der deutschen Jn- vasionsarmee zu erwehren. Der französische Professor, der beim Ausbruche des Krieges zwischen seiner Nation und der französischen es gewagt hatte, den Konflikt der widerstreitenden Gefühle dadurch zu lösen, daß er seinen Abschied erbat, um sich auf ein neutrales Gebiet zurückzuziehen, durfte in der französischen „Revue" danach nicht mehr als Mitarbeiter zugelassen werden! Nicht genug damit, man sprengte aus, Hillebrand habe seine Entlassung nur „gezwungen" genommen und diesen Zwang darauf zurückgeführt, daß er in Lille von einem Volkshaufen als Spion fast umgebracht worden wäre. Das ist aber entschieden falsch. Hillebrand, der ja schon 1867 im „Journal des Dcbnts" ganz offen seine Sympathien für Hartwig. AuS drin Lcbrn. 11 162 das unter Preußens Führung neu aufgerichtete Deutschland ausgesprochen hatte, ohne deshalb irgendwie belästigt worden zu sein, folgte nach dem Ausbruche des Krieges nur seiner inneren Stimme, als er um seinen Abschied bat. Es spricht wohl die persönlichste Erfahrung aus seinen Worten: „Ja, es bedarf für den in Frankreich lebenden Deutschen nicht einmal solcher Katastrophen, um sich manchmal recht hinauszu- sehnen aus den weichen Formen des schönen Scheines in die Atmosphäre schroffer Wahrheitsliebe, aus der Heiterkeit und den: verfeinerten Lebensgenuß in die ärmliche Einfachheit und den Ernst des Vaterlandes", wo er zwar nicht gelebt hat „wie Gott in Frankreich", wo er aber wußte, daß unter der rauhen oder geschmacklosen Außenseite doch ein gar edler, idealer Kern sich verbarg. Ist es ja doch selbst einem Heine so gegangen, als er das schöne Lied sang: „Deutschland, du meine ferne Liebe, Gedenk' ich deiner, wein' ich fast; Der blaue Himmel wird mir trübe, Das leichte Volk wird mir zur Last". Ja, von diesem „leichten Volke" könnte Hitlebrand auch ein Lied singen. Als er nach Niederlegung seines Amtes in Douay, im Begriff von Lille nach England abzureisen, aus dem Eisenbahnwagen einen vergessenen Brief nach Darmstadt dem Schaffner znm Einwerfen in den Postkasten überreicht hatte, glaubte dieser und andere Bahnhofsgäste aus der Tatsache, daß Jemand einen Brief nach Darmstadt schicke, die Gewißheit schöpfen zu dürfen, daß man in dem Absender einen preußischen Spion vor sich habe. Der vermeintliche Spion wurde aus seinem Coupe gezerrt, nach der Präfektnr geschleppt und ihm die Kleider vom Leibe gerissen. Nur der Energie des Präfekten hatte er es zu danken, daß er nicht gelyncht wurde und am anderen Tage auf Umwegen seine Reise fortsetzen konnte! Er begab sich nach England, um mit dem Editor der „Times" einen Vertrag abzuschließen, in Folge dessen er als Korrespondent nach Italien ging; er -- 163 — sollte zunächst der Eroberung der ewigen Stadt durch die Truppen Viktor Emauucls beiwohnen. In dem altbefrcundetcn Florenz angekommen, traf er H. Homberger, der als Korrespondent der „Allgemeinen Zeitung" die Truppen des Generals Cadorna zu begleiten im Begriffe war. Es mögen nicht leicht zwei bessere Korrespondenten zusammen gewesen sein, als diese beiden hessischen Landsleutc. Mit wehmütiger Freude gedenkt Homberger der in der Campagne mit Hillcbrand verlebten glücklichen Tage in dem gedankenreichen Nachrufe, den er dem Freunde in der „Nation", Jahrgang 2 Nr. 9—11/) gewidmet hat. Auf die Dauer sagte das Amt eines Korrespondenten des großen Cityblattes Hillcbrand aber nicht zu. Er hätte seine ganze Kraft im Dienste des politischen Journalismus einsetzen und noch dazu in einer Sprache schreiben müssen, die ihm aber doch, wie er mir einmal selbst sagte, nicht so geläufig war als die deutsche oder französische. Die dauernde Übernahme der Timeskorrespondenz hätte ihm auch eine Übersiedlung nach der neuen Hauptstadt Italiens auferlegt, während er nicht gern sein geliebtes Florenz verlassen wollte. So kam es, daß Hillcbrand auf die reich dotierte Stelle verzichtete und nun zu einem deutschen Schriftsteller wurde. III. Denn nichts hatte er bis dahin in seiner Muttersprache veröffentlicht. Um so reicher sollte aber noch für das Jahrzehnt, das ihm noch in ungeschwüchter Kraft zu verleben be- schieden war, die Ernte werden, die er für unsere Literatur einbrachte. Nur bei dem lebhaften persönlichen Kontakte, in den bei diesem Manne die verschiedenen stimmführenden Literaturen Europas gekommen waren, nur bei seiner auf Autopsie und gründlicher historisch-philosophischer Bildung aufgebauten Kenntnis der sozialen und politischenLebensbedingnngen 1) Auch im Separatabzuge bei Meidinger in Berlin erschienen. — Ich erlaube mir auf diesen Nachruf, wie auf den L. Bambergers im Dezemberheft der „Deutschen Rundschau" ausdrücklich hinzuweisen. 11 * 164 der europäischen Nationen ist es ihm möglich geworden, unsere Literatur in einem Jahrzehnt mit einer solchen Fülle geistvoller Arbeiten zu bereichern, wie ihm dieses gelungen ist, und noch dazu in ihr ein Genre auszubilden, das bis dahin nur in den rudimentärsten Formen vorhanden gewesen war. Denn wenn auch von der deutschen Nation mit Recht gerühmt worden ist, das; sie, wie keine andere, veranlagt und geneigt sei, den Verdiensten fremder Völker gerecht zu werden, und das von ihnen der menschlichen Kultur Erworbene nicht nur neidlos anzuerkennen, sondern auch bei sich einzubürgern, wenn es auch gewiß nicht zufällig ist, daß bei uns die Wissenschaft der Völkerpsychologie entstanden ist, die Charakterisierung der verschiedenen europäischen Nationen war doch bei uns bisher nur gelegentlich versucht, jedenfalls nicht mit dem freien Verständnisse und dem künstlerischen Sinne geübt und bis in die feinsten Züge verfolgt worden, ohne die sie nur schablonenhafte, halb richtige, halb falsche, des wahren Lebens entbehrende Umrisse liefert. Abstraktionen, die nur ans der Betrachtung des geschichtlichen Lebens einer Nation gewonnen sind, können keine Vorstellung von dem wahren, frisch pulsierenden Leben eines Volkes geben. Nur an solchen geradlinigen Zeichnungen, die auf den Kenner den Eindruck der Karikaturen machen, hatten wir in unserer Literatur schon abschreckende Beispiele genug, bis Hillcbrand es versuchte, nicht ganze Nationen in ihren durchgehenden Ähnlichkeiten oder Verschiedenheiten zu charakterisieren, sondern ihren gesamten Lebensprozeß in einer bestimmt gegebenen Zeit nach den verschiedensten, wichtigen Funktionen hin zur Anschauung zu bringen. Daß ihm dieses für Frankreich in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts in einer Reihe von Aufsätzen gelungen ist, welche zuerst in diesen Blättern erscheinen durften und die dann wiederholt in Buchform ausgegeben sind, dürfte durch das allgemeine Zeugnis derer, die Frankreich und die Franzosen unserer Zeit kennen, festgestellt sein. Daß er den Franzosen nach ihren schönen und liebenswürdigen Seiten 1l>5> — gerecht geworden ist, und unser Volk mit Aufzeigung seiner schwachen und angreisbaren Stellen gezeichnet hat, war für einen billig denkenden, aus voller Kenntnis der Dinge herausarbeitenden Schriftsteller schon ein Erfordernis seiner künstlerischen Natur. Denn nicht kontrastierende Zusammenstellungen, sondern die Abtönung der zu einer Einheit zusammengefaßten Kontraste verraten die Wahrheit und zeigen den Künstler, lind ein Schriftsteller, der die Form nach künstlerischen Gesichtspunkten handhabte, war Hillebrand in Frankreich geworden. Der Sinn für Wahrhaftigkeit, das Bedürfnis, den Dingen rücksichtslos auf den Grund zu gehen, hatte er aus seiner Heimat mitgebracht. Es ist hier, wo wir das Leben Hillebrands erzählen wollten, nicht der Ort, näher auf den Inhalt seiner essayistischen Arbeiten einzugehen oder gar eine Darstellung der sie durchziehenden Grundanschaunngcn zu geben. Es würde das auch keine leichte Aufgabe sein. Denn so feststehend für ihn auch gewisse Grnndzüge zu sein scheinen, so wenig einfach ist es, diese zu einer Gesamtanffassnng der Dinge zusammenzufassen. Die Neigung, die hier und da zutage tritt, die Resultate seines Denkens zu einer möglichst scharfen Pointe zuzuspitzen, die Paradoxien, in denen seine zuweilen höchst subjektive Beurteilung von Zuständen und Personen sich Luft machte, erschweren es noch dazu, den Kern seiner Lebensanschaunngen sicher und rein aus der schönen Hülluug herauszuschälen. Hillebrand wollte ja auch nicht lehrhaft wirken, während er allerdings belehren, vor allem aber anregen und im besten Sinne des Wortes unterhalten wollte. Dabei war die erste Voraussetzung: das Vermeiden jeder Verletzung des guten Geschmackes, jedes taktlosen Sichgehenlassens. Die großen gesellschaftlichen Gaben des Autors machen sich auch in seinen literarischen Essays geltend. Er selbst schrieb sich „uir cerlmiir imturek cke cuuserie kairüliere" zu. Bei einer cuuserie ist es aber nicht auf die Entwicklung und Begründung von letzten Wahrheiten und Überzeugungen ab- 16 «; gesehen, sondern auf eine geistreiche, reizvolle Darstellung der augenblicklich durch die Unterhaltung lebendig gewordenen Ideen. Ein rechter Essay muß die Wirkung eines guten Briefes ausüben, und nicht ohne guten Grund besitzt die französische Literatur neben den besten Essayisten die vortrefflichsten Briefschreibcr. Daß die Aufnahme, welche Hillebrands Essays in Deutschland fanden, ihm zur Genugtuung gereichen und ihn nach der subjektiven Seite befriedigen mußte, davon gibt es mehr als ein Zeugnis. Aber er selbst glaubte doch, sich mit diesen Arbeiten nicht genug getan zu haben und nach einer höheren Palme greifen zu dürfen. Das Vorwort zu dem zweiten Bande seiner unter dem Titel: „Zeiten, Völker und Menschen" gesammelten Essays überraschte im Jahre 1875 die meisten seiner Freunde mit der Erklärung, daß ihr Verfasser im Begriffe stehe, „dem literarischen Journalismus, dem er sich nahezu fünf Jahre gewidmet, auf lange Zeit, vielleicht auf immer, Valet zu sagen". Was war die Ursache dieser plötzlichen Abwendung von einem Genre, in dem der Autor doch wirklich große Erfolge davongetragen hatte und für das er wie geschaffen zu sein schien? Der äußere Zufall, daß ihm ein berühmter Historiker und ein unternehmender Verleger die Abfassung eines größeren historischen Werkes angetragen und er sich zn dessen Ausarbeitung hatte bereit finden lassen, hat ihn gewiß nicht zu deni Entschlüsse bestimmt, sich der Geschichtsschreibung zu widmen. Das Jahr 1874 war gerade für die essayistische Tätigkeit Hillebrands ein außerordentlich fruchtbares und glückliches gewesen. Es hatte ihm auch die Möglichkeit ganz nahe gelegt, sich eine gegen die Zufälligkeiten des äußeren Daseins geschützte und angesehene Lebensstellung zu gründen. Die Übernahme einer Professur für moderne Literatur an der Universität München war ihm unter ehrenvollen Bedingungen angetragen worden. Hätte er in den ersten Jahren seines Aufenthalts in Florenz wohl nicht ungern eine ähnliche 167 Stellung in dem dortigen Istituto snperiore angenommen, so war er jetzt doch sofort entschlossen, die an ihn von München aus gestellte Anfrage abzulehnen. Ich habe Hille- brand im Oktober 1874 bis an die Türe des Ministerialrats Dr. Völk in München begleitet, als er diesem Herrn persönlich für den an ihn crgangencn Ruf seinen Dank abstatten wollte, kann also die hier und da bezweifelte Tatsache einer Berufung ausdrücklich bekräftigen. Aber wie merkwürdig, während der Mann auf ein Amt verzichtete, das ihn: nach den in Deutschland geltenden Anschauungen auch äußerlich eine Stellung in der Gelehrtenznnft verschafft Hütte, empfand er das innere Bedürfnis, ein großes, nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen gearbeitetes Werk zu schreiben, durch das er sich dem deutschen Gelehrtcnstande nicht als unebenbürtig erweisen wollte. Wollte? Ich glaube allerdings, daß etwas von dieser Absicht bei ihm wirksam war. Hillcbrand hatte so wiederholt auf die schwachen Seiten des zünftigen deutschen Gelehrtenstandes hingewiesen, namentlich in allen möglichen spitzigen und ironischen Wendungen darauf hingedeutet, wie man hier vor lauter Methode die Sache nicht mehr zu sehen beginnt, wie die landesübliche Vernachlässigung der Form allen Erfolg verderbe, da die Geschichtschreibung keine Wissenschaft, sondern eine Kunst sei. Bei einer so durch und durch noblen Natur, in der das Chevnlereske im besten Sinne des Wortes prüvalierte, machte sich das Bedürfnis geltend, nun auch einmal selbst zu zeigen, daß er nicht nur zu tadeln und zu spotten verstehe, sondern auch imstande sei, das, was er bei anderen vermißte, selbst zu leisten. Es lag gewiß etwas in ihn:, das es ihm unangenehm machte, von Fcrner- stehenden zu jener nicht ganz seltenen Spezies von Neid- hämmeln gezählt zu werden, die sich an der zünftigen Ge- lchrtenwelt reiben, weil sie bei ihrem Versuche, in sie aufgenommen zu werden, Schiffbruch gelitten haben. Aber diese Empfindung wird doch auch nur akzessorisch bei ihm mitgewirkt haben, als er sich an ein Werk setzte, dessen Aus- 168 arbeitung jahrelange Vorarbeiten, bisher ungeübte Aktenstudien und unbequemen Aufenthalt in verschiedenen Hauptstädten Europas voraussetzte. Nur der innere Trieb, etwas von bleibenderem Werte zu schaffen, als die wenn auch noch so glänzende Lösung der leichteren Aufgabe, einen guten Essay zu schreiben, ihm immerhin abwerfen konnte, hat ihn bestimmt, die nach mancher Seite hin doch voraussichtlich auch undankbare Arbeit auf sich zu nehmen, eine französische Geschichte der ereignisreichen Jahre von 1830—70 anzugreifen. Dazu kam noch, daß Hillebrand um diese Zeit, wie wir aus seinen eigenen Mitteilungen wissen, zu bemerken glaubte, daß erst jetzt sein eigenstes Wesen sich vollkommen ausgestaltet habe, daß sowohl in seiner Gesamtanffassuug des geschichtlichen Prozesses der Dinge, als in seiner Art, diese darzustellen, er nun erst er selbst geworden sei. „laut le temps igui s'est ecouls nvnnt 1875 , je lavais pnsse, soit en clonnnnt pour irnen, ce 9 — allem anderen abgesehen, ein schwerer, ja man darf ohne Übertreibung sagen, unersetzlicher Verlust für die Kunde des zweiten Kaisertums geworden. Denn es gibt wohl keinen Kenner dieses merkwürdigen Produktes der französischen Geschichte, der durch persönliche Verbindung mit französischen und nichtfranzösischen Staatsmännern und Gelehrten, durch Beziehungen zu fürstlichen Personen wie großen Geldmännern und durch seinen gleichzeitigen Aufenthalt in Frankreich, in der Provinz sowohl als in Paris, eine solche genaue Kenntnis dieser Epoche und ein durch seine Stellung so objektives Urteil über sie besaß, wie Karl Hillebrand. Man kann in der Tat nicht ohne lebhaften Schmerz daran denken, was allein in dieser Beziehung für die Mit- und Nachwelt mit ihm un- widcrbringlich verloren gegangen ist. Mit welchen sicheren Zügen würde er das Bild des dunklen Charakters geschildert haben, der die Geschicke Europas umgestaltet hat und hat umgestalten lassen, mit welchen satten Farben würde er die wunderbare Gesellschaft gezeichnet haben, die sich um den abenteuernden Fürsten gelagert hatte. Wenn natürlicherweise eine derartige Schilderung auch bei der in sich gespaltenen Parteistellung, die das Publikum noch heutigen Tages einnimmt, nicht auf eine allgemeine Anerkennung würde haben rechnen können, sie würde sicher doch das Hervorragendste geworden sein, was die Feder Hillebrands geschaffen hätte: sie würde manche Leser der beiden ersten Bände auch noch zu lebhafterer Anerkennung der Leistung fortgerissen haben, als dies im allgemeinen der Fall war. Man wird nicht sagen können, daß eine großangelegte Geschichte des neuesten Frankreich unmittelbar nach dem Kriege mit ihm in Deutschland auf ein sehr empfängliches Publikum unbedingt rechnen konnte. Die Neugicrdc der großen Menge etwas Genaueres über unsere unruhigen Nachbarn jenseits der Vogcsen zu hören, war durch das Werk „Frankreich und die Franzosen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts" zur Genüge befriedigt. Hatte man doch daneben das Gefühl, 17N die Haupt- und Staatsaktiouen Louis Philipps und Napoleons III. hinlänglich zu kennen. Hier und da war auch das beschämende Gefühl verbreitet, früher vielleicht zuviel nach der Seine hinübergehorcht zu haben. Jetzt, nach den glorreichen Siegen, erschien es manchen, namentlich denen, die an der Erringung dieser Siege keinen Anteil gehabt hatten, nicht mehr ganz patriotisch — da eine ncne Weltära begonnen habe — sich eingehend um das zu bekümmern, was in Frankreich vorgegangen sei. Die Gründlichkeit, mit der Hillcbrand z. B. die Debatten des Parlaments, wahrscheinlich mehr der Fülle des Geistes und der rednerischen Kunst wegen, die dabei entwickelt wurde, als um ihres wirklichen Effektes willen, so ausführlich geschildert hatte, erschien dem erwachenden Tento- nismns als über das Maß hinausgehend, das man jetzt noch den französischen Vorkommnissen entgegenzubringen habe. Hatte er geglaubt, nach der Methode unparteiischer Geschichtsschreibung verfahren und Ursache und Wirkung der Vorgänge gleichmäßig verteilt zur Darstellung bringen zu müssen, so wurde ihm dies jetzt von einzelnen zum Vorwurf gemacht, deren patriotisches Gewissen ein solches Verfahren nicht mehr für genügend gerechtfertigt erscheinen ließ. Daß die Franzosen an der Darstellung ihrer Geschichte durch einen Deutschen allerhand auszusetzen fanden, der sie so intim kannte und der bei ihnen herrschenden Richtung entgegen sich als einen Gegner der nivellierenden Demokratie aufs bestimmteste ausgesprochen hatte, kann nicht wundernehmen. Denn der Männer, welche es vertragen können, daß ihnen ein Ausländer eine Wahrheit sagt, welche sie von einem Landsmanne ruhig hinnehmen würden, gibt es in Frankreich noch immer weniger als in anderen Ländern. Aber im großen und ganzen konnte Hillcbrand doch mit der Aufnahme, die sein Werk gefunden hatte, wohl zufrieden sein. Trat doch gar bald die Notwendigkeit an ihn heran, eine zweite Ausgabe in Angriff zu nehmen, welcher er nun auch als eine Einleitung zur Geschichte des Juli-Königtums einen Überblick über die Zeit der 171 Restauration vorausschickte. Und daß ein Historiker, wie Heinrich v. Sybel, der wie kaum ein anderer durch seine Kenntnis Frankreichs und sein fein gebildetes ästhetisches Urteil das Recht hatte, sich zur Sache zu äußern, Hillebrands Auffassung des Ganges der Entwicklung Frankreichs, seine Darstellung der Ereignisse und die Zeichnung der handelnden Personen mit lebhaftem Beifalle begrüßte, mußte Hillebrand schon allein die Gewißheit geben, daß er ein Werk zu schaffen im Begriffe sei, das länger als ein nur der Gegenwart dienendes Schriftwerk seinen Namen unter den deutschen Geschichts- schrcibcrn verewigen werde. Der eine Satz der Sybelschen Besprechung des Buches in der „Historischen Zeitschrift" (Bd. 45 S. 154): „Bei einer Erörterung der literarischen, religiösen, sozialistischen, ökonomischen und geselligen Bewegung zur Zeit des Juli-Königtums, einer Zeit also, wo in Frankreich auf allen jenen Gebieten die Geister mit beispielloser Energie und in zahllosen Parteischattirnngen aufeinander platzten — bei einer solchen Erörterung wird kein Verfasser der Welt auf ungeteilte Zustimmung zu jedem Punkte seiner Auffassung und Beurteilung rechnen dürfen. Um so entschiedener aber ist zu betonen, einmal die Gründlichkeit des Studiums, auf welchem die Darstellung beruht, die Masse des darin verarbeiteten Materials, die Zuverlässigkeit der einzelnen tatsächlichen Angaben, und sodann die Richtigkeit des leitenden Gesichtspunktes, unter welchem die wechselvolle Bewegung beobachtet und in ihren: Gesamtergebnis charakterisiert wird." Dieser eine Satz mußte Hillebrand die volle Sicherheit geben, daß er nicht umsonst gearbeitet habe und sein Werk für alle die, welche in Zukunft die Geschichte Frankreichs studieren und begreifen wollen, eine der ersten Quellen bleiben werde. Trotzdem daß unser Freund von 1875 au ganz in den Vorbereitungen zu seinem Werke aufzugehen schien und in diesen Jahren mehrere größere Reisen machte, um dafür in Turin und Berlin die Archive auszubeuten, sich in die unendliche Memoirenliteratur, die ihm glücklicherweise das 172 Kabinett Vicussenx in Florenz so vollständig wie kaum eine andere Sammlung der Welt darbieten konnte, versenkte, so litt es ihn doch nicht, sich nur ganz allein mit ihm zn beschäftigen. Sei es, daß manches neu erscheinende Werk, oder irgend ein älteres, auf das er jetzt erst bei seinen Studien stieß, ihn so interessierte, daß er das Bedürfnis empfand, sich über dasselbe ansznsprechen, sei es, daß er, der ganz von seiner Feder lebte, die essayistische Arbeit doch für befriedigender hielt als die Abfassung von politischen Berichten für die angesehensten Blätter Deutschlands, Englands und Amerikas, er begann sehr bald wieder seine Tätigkeit auf dem Gebiete des literar- und kulturhistorischen Versuchs. Wie wenig aber doch hierbei die äußeren Rücksichten den Ausschlag gaben, kann man allein schon an dem Unternehmen beobachten, welches er seit 1874 ins Leben gerufen hatte. Hatte ihn nach seinem Weggange von Frankreich Italien freundlich aufgenommen, er in Florenz und Rom und überall, wohin er kam, unter Staatsmännern und Gelehrten neue Freunde sich erworben, so empfand er es gleichsam als eine Pflicht der Dankbarkeit gegen seine neue Heimat, nun auch diese mit seinem Geburtslande inniger zn verbinden. Deshalb beschloß er, ein Unternehmen ins Lebe» zu rufen, das schon wiederholt versucht, aber noch niemals dauernd gelungen war: ein periodisch erscheinendes Sammelwerk herauszugeben, das den Deutschen eine genauere Kenntnis des modernen Italien vermitteln sollte, als er sie in der Regel bei seinen so zahlreich nach Italien gekommenen Landslenten glaubte bemerkt zn haben. Als Hillebrand im Oktober 1874 den ersten Band seiner „Jtalia" an die Öffentlichkeit treten ließ, wußte er, daß er kein lukratives Unternehmen mit ihr inauguriert habe. Das hinderte aber doch nicht, es zn versuchen. Als nach viermaliger Wiederholung des Jahrganges das deutsche Publikum nicht dafür zu erwärmen war, ließ er es mit dem Gefühle fallen, daß er nur seine Schuldigkeit getan habe, weitere Anstrengungen zu machen, aber nicht mehr verpflichtet sei. 178 Die politischen Kämpfe, welche in Deutschland in jenen Jahren das Interesse so vieler Kreise ganz absorbierten und natürlicherweise die Blicke vieler von der Fremde weg auf die .Heimat allein zurückwendeten, schadeten sicher dem wohlgemeinten und trefflich ausgeführten Unternehmen. Hätte Hillebrand in jenen Jahren in Deutschland gelebt und die sich dort vollziehende Wandlung der Geister genauer beobachten können, als ihm dies von seiner immerhin doch zu entfernten Zuschaucrloge in Florenz aus möglich war, er würde wahrscheinlich den Versuch überhaupt nicht gewagt haben. Aber bereut hat er ihn sicher doch nicht. Nachdem die „Jtalia" 1877 znm letzten Male ausgegeben worden war, konnte sich unser Freund den Studien znr französischen Geschichte, von welcher der erste Band 1877 und der zlveite 1879 erschien, und seiner regelmäßigen Mitarbeiterschaft an der „Deutschen Rundschau" ausschließlicher widmen. Doch füllte ihn das noch nicht vollständig aus. Bei der ungemeinen Leichtigkeit, mit der er las und produzierte, wurde es ihm bei nicht allzu großer täglicher Arbeitsdauer doch möglich, nicht nur gelegentliche Arbeiten für das beste nordamerikanische Wochenblatt „The Nation," die „Rassegna Settimanale," die angesehensten deutschen und italienischen Journale, die „Nnova Antologia" und die „Fortnightly Review" zu schreiben, sondern er fand noch die Zeit und die Kraft, diese Arbeiten nach einigen Jahren wieder verändert und verbessert in der Sammlung: „Zeiten, Völker und Menschen", von denen jetzt sechs Bände vorliegen, von neuem herauszugeben. Einige kleinere anonyme Schriften, von denen eine sogar eine zweite Auflage erlebt hat, will ich hier gar nicht weiter erwähnen. Ebenso wenig die in englischer Sprache veröffentlichten, in London gehaltenen sechs Vortrüge über die Entwicklung der deutschen Idee von dem siebenjährigen Kriege bis znm Tode Goethes. Überblickt man diese staunenswerte litterarische Tätigkeit, welche Hillebrand so in zehn Jahren entfaltete, diese ganz sin- gnlärc Schaffensfreudigkeit und Lust, seine Ideen gleichzeitig 174 je nach äußerer Anregung in vier Sprachen seinen Zeitgenossen mitzuteilen, dann wird uns bei einen: solchen Rückblicke das frühe Ende des hochbegabten Mannes fast wie eine Naturnotwendigkeit erscheinen, lind doch hatte er sich bis zu seinem fünfzigsten Jahre ganz kräftig gefühlt, wenn auch wohl Schlaflosigkeit ihn früher gepeinigt hatte. Seine elastische Natur hatte die schweren, aufregenden Krisen, die er durchlebt hatte, glücklich überwunden. Das anmutige, gesellige Leben, das er in dem Hause seiner Schwiegermutter in Florenz führte, die Pflege, welche ihm seine geistig ebenbürtige, nur für ihn lebende Frau, angedeihen ließ, die regelmäßig unternommenen Reisen im Sommer, die ihn nach der Schweiz, nach Deutschland und England führten, schienen ihm die nötige Erholung von seiner angestrengten Tätigkeit zu bieten und ihn das Begonnene glücklich vollenden zu lassen. Da erfaßte ihn im Winter 1880/81 die tückische Krankheit, der seine Mutter und sein Bruder erlegen waren. Er wurde heiser und verlor fast ganz seine Stimme. Anfänglich hielt man es für ein vorübergehendes Unwohlsein. Am 21. April 1881 empfing er noch einmal an dem offenen Abende seiner Schwiegermutter die zahlreichen Gäste. Es war wie immer eine Polyglotte Gesellschaft. Männer und Frauen der höchsten Stände, in Florenz wohnhaft oder auf der Durchreise befindlich, Gelehrte und Künstler bewegten sich noch einmal in den gastlichen Räumen des bekannten Hauses an: Luugaruo Nuovo. Aber schon sprach mau ängstlich über das Befinden des verehrten Mannes, der die Seele dieser Gesellschaft war. Ich fand ihn wohl etwas matt aussehend, geistig aber ganz unverändert. Am folgenden Tage wollte er an die See abreisen, um sich von seinem „Katarrh" zu erholen. Einige Tage später reiste er in der Tat. Aber das Übel nahm jetzt einen rapiden Verlauf; weit kränker kehrte er zurück. Der tüchtige Arzt, der ihn behandelte, konnte nicht länger zweifeln, daß sich schon in Hals und Lunge Tuberkeln gebildet hatten. Es handelte sich nur darum, ob dem raschen Fortschreiten des 175 Übels durch eine rationelle Kur noch Einhalt geboten werden könne. Alles geschah, was man zurzeit für das Beste hält, um das furchtbare Leiden zu bekämpfen. Reisen im Sommer nach Badenweiler, der Schweiz und im Winter nach Südfrankreich unternahm die treue Frau mit dem kranken Gatten. Alles, was ihn irgendwie erregen konnte, wurde ängstlich fern gehalten, es umgab ihn eine Atmosphäre von Liebe und Hingebung, die den Kranken fast sein Leiden vergessen ließ, wie er mir schrieb. Gesunder fester Schlaf stellte sich wieder ein und manchmal schienen die spärlichen Hoffnungen, welche die Familie gehegt, sich doch verwirklichen zn wollen, obwohl schon ein Lungenflügel ganz zerstört war. So schwankte durch drei lange bange Jahre das Zünglein seiner Lebenswage auf und nieder; er ganz still und gefaßt, dem Tode mit der heiteren Ruhe eines antiken Weisen scharf ins Auge sehend. Da schien im Frühjahr 1884 sich sein Zustand zu bessern. Er griff noch einmal zur Feder, um seinem alten Freunde Theodor Heyse ein Wort übers Grab nachzurufen und einige Betrachtungen zu fixieren, die sich ihm bei der Lektüre zahlreicher alter und neuer Romane auf seinem langen Krankenlager aufgedrängt hatten. Erscheint der Nachruf für Heyse in der „Gegenwart" vom 22. März 1884 fast ganz unberührt zu sein von den Einwirkungen des Leidens, so verrät der Aufsatz der „Rundschau" neben vielen richtigen Bemerkungen doch einen krankhaften Zug. Es sollte auch das Letzte sein, Ivas Hillebrand selbst zu veröffentlichen beschieden war. Die Sommerreise nach der Schweiz, Baden-Baden und Schlangenbad hatte diesmal nicht die Kräftigung gebracht, wie sonst; die Rückkehr wurde unter den schlimmsten Befürchtungen angetreten. Es schien so, als wolle Hillebrand nur noch nach Florenz zurück, um dort zu sterben. Aber vielleicht hätte er sich doch noch erholt, oder es wäre wenigstens sein Leben noch länger hinzuhalten möglich gewesen, wenn nicht eine Erdrutschung an der Gotthardbahn den Schwerkranken gezwungen hätte, am frühen Morgen eine Strecke Wegs über 17 « Steinblöcke und Geröll zu Fuß zurückzulegen. >) Ganz ermattet und todmüde kam der Arme in Florenz an. Noch einmal flackerte das Lebenslicht Hoffnung spendend auf, nur aber um so rascher zu erlöschen. Am 18. Oktober 1884 gegen 2 Uhr nachmittags verschied er ruhig und schmerzlos. Der Bildhauer Adolf Hildebrand in Florenz hat die Züge seines Freundes in einer trefflich gelungenen Erzbüste der Nachwelt aufbewahrt. Der edelgebildete formvollendete Kopf ist aber schon etwas nach vorn überhängend, das Profil scharf, die anmutsvollen Züge etwas schlaff. Es ist nicht der Karl Hillebrand, den die Boulcvardiers, weil er in der Regel mit zwei ebenso stattlich schönen Freunden in Paris zu promenieren Pflegte, einen der drei Mousquetaires zu nennen liebten. Es ist auch nicht der geistsprühende, lebhafte, immer maßvolle Weltmann, wie ich ihn in Florenz gekannt habe. Und doch ist er es selbst, Wohl getroffen, Ivie er sich, die Summe seines Lebens ziehend, in einem Briefe an einen seiner intimsten Freunde drei Vierteljahre vor seinem Tode selbst gezeichnet hat. „Uieu u'est etrau§e couuus le seu- tiiueut cgu'ou eprouve, cjuaucl, arrivö a la bouue route et cgu'ou croit gme ruaiuteuaut ou va luarcber, ou se retourue et trouvs czue Is vo^a^e est kirn et ) Es war aber nicht nur edles Hugcnottenblut, aus dem Louisc von Fraiwois stammte. Ihr Großvater hatte sich mit Louise von Brück aus dem Hause Niemegk, einer Nachfahrin des berühmten Kanzlers Brück und Lukas Kranachs des Älteren, verheiratet. Als ihr Vater, der das von der Mutter hcrstammende Gut Niemegk mit einem Bruder gemeinschaftlich besaß, im November 1818 seinen Tod herankommen fühlte, setzte er einen Verwandten, Herrn von R., zum Vormund seines Sohnes und einen Pfarrer zum Vormunde von Louise ein. Beide sollten zusammen das Vermögen der Geschwister als sogenannte (von der Rechnungslegung) befreite Vormünder verwalten, auch für den Fall, daß das Gut verkauft werden würde. Das Konsistorium erteilte den: Pfarrer M. nicht die Erlaubnis zur Annahme dieser Vormundschaft, und das Pu- pillengericht übertrug nun eigenmächtig dem Herrn von R. die Vormundschaft auch über Louise, und ließ es dabei bewenden, daß Herr von R. auch allein befreiter Vormund blieb. Da das Gut Niemegk 1819 an die Gemeinde Niemegk in der Tat verkauft wurde, kam Herr von R. in den Besitz der den beiden Geschwistern zustehenden Kaufsummcn. Er lieh dieselben ohne Pupillarische Sicherheit an insolvente Zahler aus und geriet selbst 1832 in Konkurs, aus dem sich für seine Mündel 1) Aus dem Briefe des Adjutanten des Generals über dessen letzte Augenblicke an die Witwe. » — 182 — nichts rcttcn ließ. >) Diese verklagten nnn den Vorsitzenden des Pupillenkollegiums von Naumburg, einen Herrn von G., und den Dezernenten des Gerichts, einen Herrn von S., erhielten 1849 ein obsiegendes Erkenntnis in der zweiten Instanz bei dem Oberappellationssenate des Königl. Kammer- gerichts, wurden aber definitiv durch das Obertribunal mit ihrer Klage abgewiesen. Dieses Urteil ist seinerzeit von juristischer Seite lebhaft kritisiert wordeu, aber es blieb doch dabei; Louise von Fraiwois und ihr Bruder hatten ihr ganzes für jene Zeiten nicht unbedeutendes Vermögen verloren. Als Louise diesen Spruch des Gerichtes erfahren hatte, war das Erste, was sie tat, daß sie ihre seidenen Kleider in einen Koffer wegschloß, damit sie nun niemanden mehr auch nicht durch den Schein der Wohlhabenheit täusche. Ein wahres Glück für die beiden Geschwister war es, daß ihre Mutter, die uns als eine sehr schöne Frau geschildert wird, sich schon 1819 mit dem Kreisgerichtsrate Herbst in Weißenfels wieder verheiratete. Dieser sah die Kinder seiner Frau aus erster Ehe durchaus als die seinigcu an und gründete ihnen so eine neue Heimat. Anfänglich haben sie wohl auch noch aus dem Erbe des Vaters Unterstützung erhalten. Ihr Vormund hat sich aber wenig um sie gekümmert, noch weniger ihnen Rechnung gelegt. Er sei, so erzählte Louise später, einmal iu Weißenfels erschienen, und habe, mit der bürgerlichen Erziehung seiner Mündel nicht zufrieden, verlangt, daß sie wenigstens Harfe spielen lerne. Nachdem der Vormund traurig geendet und die beiden Geschwister aussichtslos um ihr Vermögen gebracht waren, mußte ihr Leben freilich ein einfaches werden. Und das um so mehr, als auch die Mutter ihr Vermögen schuldlos verloren hatte, und die Herbstsche Familie sich um zwei Söhne, Bernhard und Arthur, vermehrte. Beide hat, um das gleich hier vorweg zu nehmen, Louise zu ihrem 1) Herr von R. soll sich entleibt haben. Das Übrige nach Prozeßakten. 183 größten Schmerze (1884 und 1876) vor sich her sterben sehen müssen. Denn sie liebte beide, die Militärs geworden waren, wie rechte Brüder. Deren Witwen, ihre Nichten und den einzigen Neffen'umfaßtc sie mit starker, fast mütterlicher Sorge. Von dem Unterrichte, den Louise in Weißenfels genossen, ist nicht allzuviel bekannt. Sie hat keine öffentliche Schule besucht, sondern nur Privatunterricht erhalten. Der aber war nicht immer der beste. Mit der ihr eigentümlichen Lebendigkeit und ihrer großen Gabe, andere Menschen auch in ihren Äußerlichkeiten zu vergegenwärtigen, erzählte die Greisin wohl noch höchst humoristische Anekdoten aus ihrem Jugendunterrichte. Den besten, den sie erhielt, genoß sie bei einen: Archidiakonus Heydenreich. Er trug ihr und einigen Genossinnen besonders Geschichte vor und ließ sie dann über das Vorgetragene schriftlich Bericht erstatten. Da Louise alles gar zu gründlich wissen wollte, gaben ihr die Freundinnen den Spitznamen: Fräulein Grundtext. Schon von frühester Jugend an hatte sie sich auch für die Vergangenheit namentlich ihrer Heimat interessiert, eine Neigung, die noch dadurch bestärkt wurde, daß sie ihrem augcnschwachen, später ganz erblindeten Vater, viele historische Werke, besonders alle auf die Freiheitskriege bezüglichen, deren man nur habhaft werden konnte, abends vorlesen mußte. Bei ihrem trefflichen Gedächtnisse und ihrem großen inneren Anschanungsvermögen belebten sich ihr schon von früher Jugend an alle geschichtlichen Größen und trieben sie zu dichterischer Produktion an. Fast noch als Kind hat sie sich daher schon in dramatischen Dichtungen versucht und ein Trauerspiel in neun Akten verfaßt, in dem es recht blutig zugegangen sein soll. Ein äußerer Anstoß, der sie auf solche Wege drängte, war in Weißenfels ja auch vorhanden. Lebte doch hier der Dichter der „Schuld", der Autor zahlreicher Lustspiele und Tragödien, Adolf Müllner. Wäre dieser Mann, der sich gegen Louise als ein früh entwickeltes, bildschönes Kind stets sehr freundlich erwiesen hat, nicht schon 1829 auf demselben (alten) Friedhofe beigesetzt worden, auf dem Novalis 184 seit 1801 ruht, so hätte bei aller Gegensätzlichkeit der Naturen doch unsere Dichterin gerade von ihm die Technik des Schauspiels lernen können. Bestimmteren Einfluß auf Louise als Müllner hat Wohl die zu ihrer Zeit, namentlich von der Frauenwelt, hoch geschätzte Romanschriftstellerin Fanny Tarnow ausgeübt. Diese Frau hatte sich, nachdem sie Petersburg verlassen, wo sie die Freundschaft des alten Klinger genossen, seit 1828 für eine Reihe von Jahren in Weißenfels festgesetzt. An einem Abend jeder Woche empfing sie junge Leute bei sich, welche sich für Literatur interessierten, und las mit ihnen. Zu ihnen gehörte auch Louise. Da Fanny Tarnow in der englischen und französischen Literatur sehr bewandert war und vielfach aus ihr übersetzte, wird ihre junge Freundin wohl bei ihr mancherlei kennen gelernt haben, was sie sonst in dem abgelegenen Weißenfels nicht zu kosten bekommen hätte. Louise hatte ihren Geschmack freilich vor allem an den Werken unserer großen Literaturepoche gebildet. „Goethe und ganz Weimar fühle ich mich zu unendlichem Danke verpflichtet," hat sie noch in einem ihrer letzten an mich gerichteten Briefe geschrieben. Doch wußte sie auch die großen Autoren fremder Völker zu würdigen. Von modernen Romanen schätzte sie kaum andere so hoch als die von George Sand, aus deneu sie ganze Seiten für sich kopiert hat. Unter den jungen Herren, welche die zu einem bildschönen Mädchen herangewachsene Louise bei Fanny Tarnow traf, befand sich auch ein liebenswürdiger Offizier der Weißen- felser Garnison, ein Graf G.-W. Die jungen Leute lernten einander schätzen und lieben. Aber nur zu rasch ging für die schon früh von dem Geschick so schwer Geprüfte auch dieses Glück zu Ende. Da der Bräutigam kein Vermögen besaß, sein Charakter auch keine Bürgschaft für eine dauernde Vereinigung versprach, und Louises Prozeß noch unentschieden war, wurde das Verlöbnis bald wieder gelöst. Der Bräutigam trat dann später aus der Armee aus und ist in Amerika verschollen. 185 Eine mehrjährige Unterbrechung erlitt der Wciszenfclser Aufenthalt der Dichterin durch die Aufforderung ihres Onkels Karl, der seine Gemahlin 1848 verloren hatte, bei seiner unverheirateten Tochter Gesellschafterin zu werden. Louise begab sich deshalb nach Minden, wo damals Karl von Fran^ois Festungskommandant war. Als er sich hatte pensionieren lassen und nach Potsdam übergesiedelt war, zog Louise ihm dorthin nach und hat den tapferen Mann in der rührendsten Weise bis zu seinem 1855 erfolgten Tode gepflegt. Nach Weißcnfels zurückgekehrt, hatte sie sich bald neuer Pflege zu widmen. Ihr Vater erblindete immer mehr, die Mutter war gelähmt, die Mittel zur Haushaltungsführuug wurden immer knapper. Traurigste Jahre hat unsere Freundin damals in Weißenfels verbracht. Es ist nach dem Zeugnisse ihrer nächsten und fast einzigen noch lebenden Jugendfreundin, der Frau Mathilde Thümmel, geb. Graefe >), allerdings vollkommen richtig, daß Louise damals zur Feder griff, um mit ihr sich Geldmittel zur besseren Verpflegung ihrer Eltern zu verschaffen. Aber ebenso richtig ist es, daß sie auch, ohne daß sie etwas geschrieben Hütte, eine Dichterin gewesen wäre. Waren ihre ersten von dem Cottaschen „Morgenblatte" veröffentlichten Erzählungen nicht gerade hervorragend, so verrät doch das Hauptwerk, das unter dem Drucke der bittersten äußeren Verhältnisse entstanden ist, „Die letzte Reckenburgcriu," nicht das geringste von diesem Drucke, sondern bewegt sich auf den freien Höhen einer reinen idealistischen Anschauung des Menschenlebens. Die tapfere, edle Seele Louiseus, die noch dazu damals selbst von einen: nicht unbedeutenden körperlichen Leiden heimgesucht war, unterwarf sich nicht pes- 1) Dieser trefflichen Dame, der Witwe des bekannten Shakespeare-Kenners Dr. Julius Thümmel, eines Weißenfelser Kindes, verdanke ich sehr viele meiner Mitteilungen über Louise von Fran^ois, wie denn auch Frau Thümmel meine persönliche Bekanntschaft mit der Dichterin vermittelt hat. — Die Mutter Louisens starb 1871, der Vater 1874. — 186 — simistischen Anwandlungen — zu denen doch sie wie wenige andere Frauen äußeren Grund genug gehabt hätte. Konnte die Ärmste doch kaum einen Verleger für „Die letzte Recken- burgerin" finden. Dr. Julius Thümmel, der sich für sie um einen solchen bemühte, hatte sonderbare Erfahrungen hierbei zu machen. Der Besitzer einer viel gelesenen Wochenschrift, dem Thümmel den Roman angetragen hatte, machte ihm schließlich nach dessen Erscheinen und dem großen Beifall, den er fand, noch Vorwürfe, daß er denselben nicht ihm offeriert habe! Schließlich hat eine warmherzige Berliner Dame den Verkauf des Romans an einen bekannten Berliner Buchhändler für 300 Mark vermittelt. Zu allen ihren Leidensgeschichten hat Lonise auch die einer angehenden deutschen Romanschriftstellerin bis zur Neige ausgekostet. Nachdem aber einmal der Bann durch „Die letzte Reckenburgerin" gebrochen war, hat sie noch viel Freude an ihrer Schriftstellerci erlebt, wenngleich sie auch selbst nicht verkannte, daß ihr nie wieder ein Wurf so gelungen sei, wie mit diesem Romane. Der einzige Versuch, den sie mit der Dramatisierung eines ihr besonders nahe liegenden Stoffes in dem „Posten der Frau" gemacht, hat ihr freilich dann noch Schmerzen bereitet. Die sorgfältige Aufführung des Stückes, für das sich Frau von Heldbnrg warm interessiert hatte, brachte ihm trotz seiner wirklichen hoch poetischen Schönheiten nur einen Achtungserfolg, A. Förster, O. Devricut, I. Thümmel und andere hatten das vorausgesehen, da dem Stücke die bühnengerechte Form mangelte. Niemand hat das besser ausgeführt als H. Hornberger in einem seiner feinsinnigsten Essays. In dieser Zeit ihres wachsenden Ruhmes als Schriftstellerin habe ich Louise von Frankens kennen gelernt. Aus den ersten Blick mußte man sehen, daß man in ihr eine wirklich bedeutende, echt vornehme und daher freie Persönlichkeit vor sich habe. Über Mittelgröße schlank emporgewachsen, war die über sechzig Jahre alte Dame noch voller Schönheit; das ovale, bleiche Gesicht wurde ganz von den großen, leb- 187 hafte», dunkelbraune» Augen beherrscht. Bis kurz vor ihrem Tode ist ihr starkes Haar tiefschwarz geblieben. Voll höflichen und freundlichen Entgegenkommens, kam man bald mit ihr in ein bedeutendes Gespräch, in dem sie den Widerpart nicht lange im unklaren über ihre wahre Meinung lies;. Humorvoll und dem Scherz nicht abgeneigt, beurteilte sie die Menschen nicht hart. Nur wo sie glaubte, auf Gemeinheit zu stoßen, da konnte sie auch heftig im Ausdrucke werden. Von deutsch-protestantischer Gesinnung erfüllt, wußte sie wohl, daß jede der etablierten christlichen Kirchengemeinschaften ein gutes Stück irdischen Ballastes mit sich schleppe, und war daher über die dogmatischen Gegensätze hinweg. Der Antisemitismus unserer Tage erfüllte sie geradezu mit Abscheu. Sie sprach den Predigern desselben, auch wenn sie Hofprediger waren, das Verständnis des wahren Christentums ab. Die ihren Erzählungen eigentümliche Mischung von konservativen Überlieferungen und freien Standpunkten, die Konrad Ferdinand Meyer so homogen berührte, trat auch überall in ihren Gesprächen hervor. Nicht minder der warm patriotische Hauch, der sie durchdringt. — Es ist hier nicht der Ort, eine Analyse und kritische Würdigung der Hauptwerke der auch persönlich so hoch achtbaren Dichterin zu geben. Dazu fehlt Zeit und Raum. Was könnte auch mein Lob zum Ruhme der von den vorurteil- freiestcn Kritikern und angesehensten Dichtern unserer Tage gepriesenen Erzählerin beitragen! G. Freytag, der sie persönlich nicht kannte, hat sie „eine Dichterin von Gottes Gnaden" genannt, und der beste Kenner der modernen Weltliteratur, Karl Hillebrand, preist „Die letzte Reckenburgerin" als „ein in unserer Literatur fast einzig dastehendes Werk". Noch jetzt erinnert sich Frau Jessie Hillebrand gern, ihrem Gatten mit diesem Buche, auf das sie ihn aufmerksam gemacht, eine höchste Freude bereitet zu haben. Und wie diese Kritiker haben auch zwei ausgezeichnete Erzähler unserer Tage genrtcilt. Konrad Ferdinand Meyer, 188 mit dem sie cin inniges Freundschaftsverhältnis seit 1881 verknüpfte, nennt sie „die ihm unentbehrliche" Beraterin und Beurteilern: seiner Schöpfungen; und Frau Marie von Ebner- Eschenbach wird mir verzeihen, wenn ich hier wiederhole, was sie einmal im Eifer für die Freundin gesagt, daß sie nämlich bereit sei, alle ihre Werke für „Die letzte Reckenburgerin" hinzugeben. Die Dichterin selbst hat bescheidener über ihre literarischen Leistungen geurteilt. Doch war sie stolz darauf, daß diese ihr die nicht von ihr gesuchte Freundschaft eines solchen Mannes und einer solchen Frau eingetragen hatten. Bei persönlichen Zusammenkünften auf dem Kilchbcrge bei Zürich und in Reichenhall wird Lonise dann Wohl den Vertrauten auch Antwort auf ihre Fragen, wie sie ihre Romane komponiere und deren Fabel finde, gegeben und ihnen lächelnd mitgeteilt haben, wie gerade die beiden einzigen ihrer Erzählungen, zu der ihr wirkliche Menschen gesessen hatten („Natur und Gnade" und „Geschichte einer Häßlichen"), von der Kritik wegen ihrer Nnwahrscheinlichkeit beanstandet worden seien, während das einzige Faktum, das zur Ausgestaltung „Der letzten Rccken- burgerin" geführt, darin bestanden, daß cin hergelaufener Strolch sich einer ehrbaren Dame in Weißenfels als früh ausgesetzter Sproß habe oktroyieren wollen. Stolz war Lonise auch darauf, daß fast alle bedeutenden deutsch-österreichischen Schriftsteller ihr zu ihren: siebzigsten Geburtstage ein Prächtiges Album mit eigenhändigen Widmungen verehrten. Erfreulich war es ihr, daß die deutsche Schiller-Stiftung sie zu ihrer Pensionärin ernannte. Von dieser Pension und dem Ertrage ihrer Werke konnte die Dichterin das letzte Jahrzehnt ihres Lebens auch bcquemer leben, ja einzelne weitere Reisen unternehmen. Das Ziel ihrer Sehnsucht, Italien, hat sie aber nicht erreichen sollen. Als sie einmal schon die Paßhöhe der Alpen erstiegen hatte, trieb sie der Ausbruch der Cholera nach ihrer Heimatstadt zurück, in der sie immer mehr vereinsamte. Niemand stand ihr dort mehr nahe. Als eine sehr schwere Krankheit sie twr langer als einem Jahrzehnt überfallen hatte, drangen ihre Hallenser Freunde in sie, zn ihnen herüber zu ziehen. Auch ich redete ihr noch vor einigen Jahren einmal in Weißenfels zu. Da zeigte sie mir den bor ihrem Fenster ruhig dahin fließenden Saalearm, die grüne mit hohen Bäumen jenseits bestandene Insel und fragte mich, ob sie denn ihre Vögel, die so lustig musizierten, verlassen dürfe. Sie wollte in Weiszenfels sterben. Nachdem sie noch in diesem Frühjahre die Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar besucht hatte, erschreckte sie das völlige Erblinden eines Auges. Darüber konnte sie Alfred Graefe, der sie von Jugend an gekannt und geschätzt hatte und jetzt zu ihr geeilt war, insofern beruhigen, als er auf dem zweiten Auge noch keine Entwicklung des Staarleidens konstatieren konnte. Aber lange sollte ihr das Licht dieser Welt nicht mehr leuchten. Ende August erfaßte sie ein krebsartiges Magenleiden heftiger und warf sie aufs Krankenlager. Dieser Krankheit ist dann, umgeben und treu gepflegt von ihrer ältesten Schwägerin und deren zwei Töchtern, die vielgeprüfte, aber ihrer selbst sichere, siegreiche Dulderin und Dichterin in der Frühe des 24. Septembers erlegen. 3. Ludwig Bamberger. Eine biographische Skizze?) I. Der am 14. März 1899 in Berlin verstorbene Ur. jur. Ludwig Bamberger war sein Leben lang einer der eifrigsten, konsequentesten, werktätigsten und aufopferndsten Freunde und Förderer des Werkes der Einigung Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Vicrtcljahrhundert gehörte er als ein hervorragendes Mitglied dem Zollparlamente und dem Reichstage an, war einer unserer besten Publizisten und Essayisten und nahm unter seinen Zeitgenossen durch eine seltene Verbindung wissenschaftlicher Kenntnisse und praktischer Tüchtigkeit, die er in der Heimat wie in der Fremde bewährte, eine besondere Stellung ein. Alles das wird es rechtfertigen, wenn in diesem immerhin kurzen Lcbens- abrisse von einem Zeitgenossen und Freunde versucht wird, sein Bild für die Zukunft festzuhalten. — Ludwig Bamberger ist am 22. Juli 1823 in Mainz geboren. Seine Eltern gehörten einer der schon längere Zeit in der Stadt ansässigen angeseheneren Familien jüdischer Abstammung an, waren jedoch „nur müßig begütert". So heißt es in den „Erinnerungen" 2) des Sohnes. Da es diesem bei seinen Aufzeichnungen vor allem darauf ankam, den Gegensatz der Zeiten, in welchen er aufgewachsen und empor- 1) Als Manuskript gedruckt. Marburg, llniversitäts-Buch- druckcrei (C. L. Pfeil). 1900. (VIII, 85 S.) 2) Ich zitiere im folgenden sie mit der Abkürzung: Er.; die Gesammelten Schriften: Ges. Schr. 191 gekommen war, mit denen zu schildern, in welchen er schrieb, so lag es ihm ferner, uns in sein Elternhaus und seine Familie einzuführen. Wir erfahren daher in ihnen nur ganz gelegentlich über diese etwas Genaueres und sind auf Nachrichten Dritter angewiesen. Die Familie Bamberger war eine langlebige. Der Großvater, ein milder, freundlicher, bis in sein hohes Alter geistes- frischer Mann, von dem einzelne Züge auf seinen Enkel übergegangen sein sollen, ist 99 Jahre alt geworden. Der Vater, August Bamberger, war zur Zeit der französischen Revolution in Paris gewesen und dann nach Mainz zurückgekehrt, wo er offiziell als „Handelsmann" bezeichnet wird. Er scheint kein bedeutender Mensch gewesen zu sein. Er starb am 4. Februar 1858 nach längeren schweren Leiden. Ganz anderen Geistes war seine zweite Frau, Amalie geb. Bischoffshcim, mit der er sich am 23. Dezember 1818 verheiratet hatte. Diese, Mutter von sechs Kindern (drei Söhnen und drei Töchtern), von denen Ludwig das Zweitälteste war, bildete den geliebten Mittelpunkt der Familie. Sie erzog ihre Kinder in großem Respekt vor ihrem Vater, dessen geringere Rolle diese erst erkannten, als sie erwachsen waren, und pflanzte ihnen treue Geschwisterliebc ein. Alle verzogen namentlich die „Benjaminc" der Familie, die, mit dem berühmten Linguisten M. Breal in Paris verheiratet, am frühesten von ihnen starb. Es kennzeichnet den Geist, der in dieser Familie herrschte, daß Frau Breal noch in ihren letzten Willensaufzeichnungen ihre Söhne ermähnte, niemals zu vergessen, daß sie eine deutsche Mutter gehabt hätten. Diese Gesinnung hatte sie wiederum von ihrer Mutter überkommen, die, eine echte Mainzern:, voll lebhaften, beweglichen Geistes in jedem Augenblicke bereit war, mit einer frischen, treffenden, volkstümlichen Wendung die Situation zu zeichnen. Ihr Sohn Ludwig, dessen Schriften uns einen Teil dieses mütterlichen Wortschatzes erhalten haben, sagte mir einmal, wenn er Zeit fände, wolle er noch in seinem Alter ein Mainzer Idiotikon nach den Worten seiner Mutter herstellen. Die treffliche Frau starb hochbetagt am 9. März 1877 in Paris, von allen ihren Kindern tief betrauert. In seinen „Erinnerungen" hat ihr Sohn Ludwig ihrer uur gelegentlich gedacht, fast als scheue er sich, das Bild der geliebten Mutter der Welt, die sie nicht gekannt, vor die Augen zu stellen. Dagegen hat er ein sehr lebhaft gezeichnetes Porträt von seiner Großmutter, der „alten Bischoffsheimerin", dem „alten steinernen Frauerl", entworfen. Eine seltene Energie, große Verstandesschärfe, unbeugsame, mehr als patriarchalische Strenge gegen alle Familienangehörigen und gleichfalls eine deutsche, gegen das leichtlebige Frauzosentum gerichtete Gesinnung zeichneten diese merkwürdige Frau aus. Früh zur Witwe geworden, erzog sie ihre Schar von Kindern in schwierigen Verhältnissen so, daß ihre beiden Söhne zu hoch angesehenen Bankherren von europäischem Rufe heranwuchsen (Er. S. 224 u. f.). Hat mau diese Seiten gelesen, dann überkommt einen eine Ahnung von der geheimnisvollen Kraft, durch die der jüdische Volksstamm bis in unsere Tage hinein seine Eigenart und Abgeschlossenheit behauptet, nicht minder aber auch seine großen Erfolge in der Welt sich errungen hat. Ich möchte fast glauben, daß diese Beherrscherin ihrer Familie es auch gewesen ist, die ihren begabten Enkel Ludwig -Ostern 1842 zum Studium der Jurisprudenz „bestimmte". Über seine Schuljahre hat uns Bamberger in den „Erinnerungen" nur ganz kurze, ihn persönlich kaum näher berührende Mitteilungen gemacht. Er hat es z. B. im Gegensatz zu manchen modernen Selbstbiographen verschmäht, uns über das Ergebnis seiner Abgangsprüfung zu unterrichten, obwohl er sich dessen wahrlich nicht zu schämen gehabt hätte, es vielmehr vorgezogen, uns uur den Geist, der damals auf der Schule und in der Stadt herrschte, mit wenigen charakteristischen Strichen zu zeichnen. Da er ein schwacher, „faden-- artig" aufgewachsener Junge war, ist seine Entwicklung als Schüler während der 8^ Jahre, in denen er das Gymnasium besuchte, keine ganz gleichartige gewesen. Seine Zeugnisse 193 schwanken. Doch war seine Ausbildung schon auf höhere Ziele gerichtet. Er hatte z. B. neben dem Gymnasialunterricht bei einer Französin Privatunterricht in deren Muttersprache und trieb Italienisch. Als Primaner hat er dann fleißig gearbeitet und Ostern 1842 verließ er als der mit dem besten Zeugnisse unter 11 Abiturienten ausgestattete Schüler die Anstalt. Hatte er doch im Deutschen, im Lateinischen, im Griechischen, im Französischen, in der Geschichte und im Italienischen (Nebenfach) das Prädikat vorzüglich, in der Mathematik und Naturkunde sehr gut erhalten. Sein Talent und sein Betragen wird als vorzüglich bezeichnet, i) Obwohl die Mainzer sich noch nicht so recht als Untertanen des Großherzogs von Hessen fühlten, verstand es sich doch für sie fast von selbst, daß, wenn einer von ihnen studieren wollte, er in den ersten Semestern die Landesuniversität Gießen besuchte. Diese Hochschule, damals durch I. Liebig weltberühmt, erfreute sich sonst keiner besonders hervorragenden Lehrkräfte. Die Stadt selbst war, wie Bam- berger sich ausdrückt, damals „ein abscheuliches Nest, von aller Kultur unberührt". Die Sitten der Studiosen und die Zustände innerhalb der Professorenschaft sind aus den drastischen Schilderungen, die.Karl Vogt in seiner Selbstbiographie von ihnen entworfen hat, bekannt genug. Bamberger schildert sie mehr von ihrer humoristischen Seite, findet aber an ihnen im Gegensatz zu dem heutigen Universitätslebeu mancherlei Lobenswertes, hat der Stadt und Universität ein gutes Andenken bewahrt und sie zwanzig Jahre später einmal mit seiner Frau aufgesucht. Denn es reizte ihn, den Ort wieder zu sehen, „an dem er die ersten anderthalb Jahre seiner 1) Unterschrieben ist dieses glänzende Zeugnis, dessen Abschrift ich der Freundlichkeit des heutigen Herrn Gymnasialdirektors G. Weihrich verdanke, von dem Oberstudienrat Dr. I. Hillebrand, dem Vater Karl Hillebrands, der als Gießener Professor das Examen leitete, und von dem Oberstudienrat Dr. Steinmetz, dem Direktor des Mainzer Gymnasiums. Hartwig, Aus dem Lebeu. 13 194 Studienzeit in eigentümlicher und zugleich in bestimmender Weise für seine eigene künftige Gcistesrichtung zugebracht hatte." Diese Einwirkung auf ihn ging nicht von den Lehrern der juristischen Fakultät aus, obwohl deren Kollegien pünktlich besucht und in ihnen fleißig nachgeschrieben wurde. Man kann auch nicht sagen, von den Professoren der philosophischen Fakultät, wenn auch die Vorlesungen I. Hillebrands gehört wurden. Bamberger „dürstete" wie einige Freunde, die von der Schule her Politisch und radikal aufgelegt waren, allerdings vor allem „nach philosophischer Erkenntnis". Sie zu gewinnen, lasen sie eifrig die Schriften der damals herrschenden Hegelschen Schule und disputierten auf ihren Stuben und Spaziergängcn über deren kaum verstandene Weisheit; zu ihrem persönliche,: Führer erkoren sie sich aber merkwürdigerweise hierbei M. Carriere. Bamberger brachte dem liberalen und patriotisch gesinnten Privatdozenten, den Heidelberg von sich gestoßen hatte, die Kollegien mit zustande und blieb mit ihm auch bei allen späterhin sich noch steigernden Differenzen in den Lebensanschanungen freundschaftlich verbunden. Die Hauptsache war, daß ein heiliger Eifer nach Erkenntnis und ein heftiges Suchen nach Wahrheit die Gemüter dieser jungen Gießener Studenten erfüllte. Die jungen Leute, und unter ihnen auch Bamberger, wurden damals allerdings auch „zu früh fertig" (Er. S. 12), aber das in einem ganz anderen Sinne als heutigen Tages. Wenn man liest, was der körperlich keineswegs starke, von Bluthusten und Schleimfieber heimgesuchte Studiosus Bamberger neben den juristischen Vorlesungen an philosophischer und belletristischer Lektüre verschlungen hat, dann staunt man doch über diesen Fleiß und diese Rezeptivität. Auch in Heidelberg, wohin er im Herbste 1843 übergesiedelt war, setzte er diese Studien fleißig fort. In Gießen lag damals das politische Leben ganz darnieder und die Studien waren nur abstrakteren Gegenständen zugewendet gewesen, in Heidelberg nahmen sie schon eine mehr praktische Wendung. So wurde hier die National- 105 ökonomie nicht vernachlässigt, daneben aber auch durch den Eintritt in eine freie burschcnschaftliche Verbindung, die sogenannte Walhalla, der Betätigung der politischen Überzeugungen einiger Raum geschaffen und persönliche Verbindungen für das ganze Leben angeknüpft. Daß das Gewicht positiven juristischen Wissens am Schliche des fünften Semesters nicht allzu schwer sei, wußte Bambergcr sehr wohl. Das Geschlecht von „Einpaukern" gab es damals noch nicht. Er beschloß deshalb sich an eine Universität zurückzuziehen, die im Rufe stand, daß man auf ihr „ochsen" könne. Mit zwei Bekannten ging er daher in: Herbste 1844 nach der Mnsenstadt an der Leine und bezog mit ihnen ein gemeinschaftliches Logis. Die drei guten Kameraden lebten noch mit einander befreundet, als Bambergcr seine „Erinnerungen" niederschrieb. In diesem Semester wurde nun von früh sieben Uhr an bis zum Mittagessen Ins getrieben, von 3 bis 8 Uhr abends ebenso, später musiziert und gelesen, ein Kolleg aber nicht gehört. Bei solch intensivem Studium der Jurisprudenz, bei dein allen ihren Teilen die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wurde, konnte es nicht fehlen, daß sich dem Kandidaten die Pforten derselben weit genug auf- taten, so daß er im Frühjahre 1845 in Gießen „ohne Beklemmung" sein Faknltätsexamen, bei dem er die Kosten für das Doktordiplom nur zuzuzahlen hatte, bestand. Darauf wurde er zum „Rechtsakzessisten" (Referendar) ernannt und der Kanzlei des Appellhofes zu Mainz zugeteilt. Da galt es nun ganz neue Studien zu machen. War die juristische Ausbildung bis dahin nur eine rein theoretische gewesen, so mußte sich der junge Akzessist nun in die Formalitäten des Gerichtswesens hineinarbeiten. Und damit nicht genug! Im linksrheinischen Hessen galt noch die französische Gesetzgebung des Code Napoleon, von der Bambergcr bis dahin gar nichts gehört hatte. Doch fand er sich nicht allzu schwer in dieses Recht hinein. Er machte nicht nur hier sondern auch später in Paris die Erfahrung, daß alle die Jn- 13* risten, welche sich eingehend mit dem römischen Recht beschäftigt hatten, sich nicht mir leicht in das französische hineinarbeiten konnten, sondern spater auch die tüchtigsten Rcchtsanwälte wurden. Da es in der Kanzlei in Mainz sehr kurzweilig und amüsant zuging — die Zeichnungen von den verschiedenen Beamten derselben, die Bamberger in den „Erinnerungen" entworfen hat, sind wahre Kabinettsstücke —, so gingen die sechs Monate, die der Akzessist in diesem „fidelen Gefängnis" verbrachte, rasch vorüber. Er trat darauf bei einem Advokat-Anwalt zur weiteren Ausbildung ein. Jetzt galt es, sich des ganzen geltenden Rechtes in zwei Jahren praktisch zu bemächtigen und sich auf das Staatsexamen vorzubereiten. Wiederum tat sich Bamberger mit einem Freund zusammen, mit dein er namentlich in den Wintermonaten 1846 und 1847 gemeinsam arbeitete. Er bestand dann auch dieses Examen „ohne Beschwerde" im Frühjahr 1847. Da im Großherzogtum Hessen kein Jude ine Staatsdienst angestellt zu werden Pflegte und die Advokatur nicht frei war, vielmehr die Stellen der Advokat-Anwälte der Anciennität nach besetzt wurden, waren die Aussichten auf ein sicheres und baldiges Vorankommen für den jungen Juristen keineswegs günstige. Denn auf eine Wartezeit „manchmal bis zu 15 Jahren" mußten die Aspiranten gefaßt sein. Das war wenig lockend. Da Bamberger neben seinen juristischen Studien die philosophischen fortgesetzt, vor allein aber die bedeutendsten englischen und französischen Nationalökonomcu und die Schriften Friedrich Lifts durchgearbeitet hatte, lag ihm die Versuchung, sich ganz einer rein wissenschaftlichen Carriere zu widmen, um so näher, als er schon in Heidelberg in nahe Berührung mit jungen Gelehrten, wie H. B. Oppenheim und I. Moleschott, geraten war. Aber es sollte anders kommen! In: Februar 1848 hatten die beiden Göttinger Kameraden, die in Heidelberg ihre Studien fortgesetzt hatten, ihren Freund zu einem längeren Besuche eingeladen. Er saß auf ihrer Stube und studierte 197 Prichards Untersuchungen über die Naturgeschichte der Menschen, als ihm ein Landsmann von der Straße aus zurief, in Paris sei eine Revolution ausgebrochen und Louis Philipp sei verjagt. Diese Nachricht wirkte auf Bambcrger wie auf viele seiner Zeitgenossen, die zwar der Entwicklung der Dinge in Frankreich mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt waren, aber gar nicht an aktive Bctätigung an dem politischeil Leben gedacht hatten, dennoch geradezu berauschend und erschütternd. Sicher einer der begabtesten unter seinen Altersgenossen, von den Grundsätzen der französischen Revolution durchtränkt und von den Lehren der radikalen deutscheil Philosophie erfüllt, stürzte sich von da ab Baniberger mit dem Feuereifer der Jugend, die nur der Wahrheit lind der Reinheit ihrer Überzeugungen ohne Rücksicht auf das Bestehende folgen zu müssen glaubte, in die Bewegung. Zunächst wollte er freilich nur sehen, wie sich die wiedergewonnene Freiheit in Frankreich selbst ausuehine und machte mit seinen beiden Kameraden einen Ausflug nach dem gut republikanischen Straßburg. Da die drei neugierigen Reisenden aber dort als eine Deputation der deutschen studierenden Jugend gefeiert wurden, zogen sie es doch mit Rücksicht auf die heimischen Verhältnisse vor, dieser ihnen aufgedrängten Rolle rasch zu entsagen und heimzukehren. In Mainz war die Bewegung unterdessen auch in lebhaften Fluß geraten. Die Mainzer hatten noch keine Anhänglichkeit an die ihnen vom Wiener Kongresse aufgedrungene Dynastie der hessischen Landgrafen. Die ältesten unter ihnen hatten die Zeiten noch erlebt, da ihre Erzbischöfe Kurfürsteil und Erzkanzler des deutschen Reiches gewesen waren, und die französische Revolution mit durchgemacht, die mittlere Generation, die nichts von den Schattenseiten dieser Persönlich mehr empfunden, war liberal gesinnt, die Masse der Jugend dagegen radikal. Alle sahen auf Darm- stadt mit seinem Großherzog etwas verächtlich herab. Und das um so mehr, als in Mainz, das ja Bundcsfcstc war, der Landesherr nicht einmal durch sein Militär imponierte. 198 Sv wurde Mainz rasch in die revolutionäre Bewegung hineingelassen und ihr Führer, der Advokat Franz Zitz, ward bald eines der angesehensten Häupter des rheinischen Radikalismus. Dieser kam hier auch schnell und ohne Kämpfe znm Ziele. Die damals üblichen Forderungen des Volkes wurden in Darmstadt bewilligt und man feierte schon am 8. März pompös den Sieg der Revolution. Der Großhcrzog besuchte dann kurz darauf seine getreue Stadt Mainz und wurde festlich empfangen. Bambcrger konnte bei diesem Gange der Ereignisse nicht tatenlos zur Seite stehen bleiben. Noch zu jung und unbekannt, um sich irgendwo als Volksvertreter aufstellen lassen zu können, lag es ihm nahe, seinem Tatendurst in der Presse Luft zu machen. Er fühlte sich persönlich in seinem ganzen Wesen noch dadurch gehoben, daß er an dem Tage jenes Siegesfestes der Mainzer sich mit seiner späteren Frau, seiner Cousine Anna Belmont, als seiner Verlobten wenigstens verstohlen zeigen konnte. Das Blatt, dem Bamberger seine ganze jugendliche Kraft widmete, war die „Mainzer Zeitung", die einem Herrn von Zabern gehörte, welcher mit einem der Großherzoglichen Minister dem Staatsrat Jaup, nahe verwandt war. Der junge Journalist entpuppte sich nun rasch als ein sehr entschiedener nationaler Unitarier. In einem seiner ersten Leitartikel schrieb er: „Der einstimmige Ruf nach einem deutschen Parlament ist bloß der Ausfluß der allgemein und ohne Widerspruch anerkannten Wahrheit, daß nichts wünschenswerter sei, als Deutschland in einen einzigen Staat verwandelt zu sehen." Da er damals sich die deutsche Einheit nicht in einem föderativen Staate verkörpert vorstellen konnte, und andrerseits den ganz sicheren Politischen Instinkt hatte, daß jetzt ein Nationalstaat nicht ohne die Beseitigung der einzelnen Dynastien herzustellen sei, wurde er von Anfang an skeptisch und pessimistisch in Betreff des Ausganges der Revolution. Und das nm so mehr, als er die bisher angesehensten Führer der Bewegung in eine zu vertrauensselige, jeder durch- — 199 — greifenden Tatkraft entbehrende Stimmung verfallen glaubte. Gewiß hatte auf ihn die radikale, sozialistisch angehauchte Schule, die von Frankreich ausgegangen war, einen tiefen Eindruck gemacht. Aber ihn: lag doch die Herstellung eines deutschen Einheitsstaates mehr am Herzen als die einer Republik, welche für ihn nur Mittel zum Zwecke war. Es entspricht vollkommen der Wahrheit, wenn der Schreiber der „Erinnerungen" fünfzig Jahre nach diesen Ereignissen versichert, daß er, Ivie unzählige Andere damals sich nicht darüber zur Klarheit gekommen sei, „ob der zu gründende Einheitsstaat eine unitarische Monarchie oder Republik werden sollte" (Er. S. 39). Daß er sich darüber getäuscht habe, daß nicht die Fürsten die schlimmsten Feinde eines deutschen Einheitsstaates gewesen seien, sondern die partikularistischeu Neigungen der Majorität des deutschen Volkes, hat er später dann offen eingestanden und sich darum auch mit der nachherigcn Ausbildung des deutschen Reiches aussöhnen können. Er war durch sein Leben, durch Studium und Erfahrung, politisch reifer geworden und hatte die den bestehenden Staaten innewohnende Macht besser schätzen gelernt. Damals aber blieb ihm bei der früh gewonnenen Einsicht, daß man auf dem von der führenden gemäßigten Partei beschrittenen Wege nicht zur Aufrichtung des deutschen Nationalstaates gelangen, sondern nur in die alte Misere zurückfallen werde, nichts anderes übrig, als entweder die Hände in den Schooß zu legen, oder sich weiter revolutionärer Mittel zur Erreichung des Zieles zu bedienen. Mau glaubte sich hierzu um so berechtigter, als ja die deutschen Regierungen bisher unter der Führung Österreichs in der Wahl ihrer Mittel, den absoluten Staat aufrecht zu erhalten, auch nicht wühlerisch gewesen waren und feierlich gegebene Versprechen nur durch die Slot gezwungen eingelöst hatten. Was Bamberger, nachdem die ersten Tage des Freiheitsrausches vorüber waren, in seiner Vaterstadt als die frühesten praktischen Früchte der neuen Zeit sah, hätte ihn über die 200 politische Reife seiner Landsleute stutzig machen können. Überall regten sich die Gelüste der Interessenten, die Kultur- mittel der Neuzeit, wie Eisenbahnen, Schleppdampfer, ja die freie Rheinschifffahrt usw. zu beseitigen. So lebhaften Eindruck das auf den jungen Freiheitsschwärmer machte, so wenig beirrte es ihn zunächst in seinen Ansichten über die großen Fragen der Zeit. Nachdem er schon zweimal im engeren Kreise demokratischer Abgeordneter in Frankfurt improvisierte Ansprachen gehalten hatte, trat der Redakteur der „Mainzer Zeitung" am 16. April zum ersten Male in einer großen Volksversammlung seiner Vaterstadt als Redner auf. Es handelte sich um den Wahlmodus der zur Frankfurter Nationalversammlung zu entsendenden Deputierten. Obwohl nicht förmlich zu einer Rede vorbereitet, strömten dem jungen Volkstribunen, der zweimal in die Debatte eingriff, die Ideen doch frei und wohlgefaßt zu. Die Versammlung entschied sich besonders auf seine Ausführungen hin für die republikanische Ausgestaltung des zukünftigen deutschen Einheitsstaates. Damit hatte er, der mit einem Schlage ein populärer Mann in Mainz geworden war, seine Politische Stellung für die nächste Zeit festgelegt. Eine Reaktion gegen die immer stärker hervortretende republikanische Tätigkeit des jugendlichen Journalisten blieb dann auch nicht aus. Die behäbigen, „wohldenkenden" Bürger der Stadt waren mit den überspannten Freiheitsideen des jungen Mannes, der noch nicht einmal das aktive oder passive Wahlrecht besaß, nicht einverstanden. Der Verleger der „Mainzer Zeitung" sah es daher gern, daß sein Redakteur ihm, auch um ihn nicht in fortwährende Konflikte mit dem Schwiegervater Jaup in Darm- stadt zu bringen, freundschaftlich kündigte. Eine neue Zeitung gemäßigter, konstitutioneller Richtung war schon gegen ihn ins Leben getreten. Um der demokratischen Partei das bis dahin unbestrittene Übergewicht zu erhalten, mußte sie sich jetzt besser organisieren. Es wurde daher ein „demokratischer Verein" gegründet, dessen Seele Bamberger wurde, während 201 der Abgeordnete zum Frankfurter Parlamente, Franz Zitz dessen nominelles Haupt blieb. Doch fand Bamberger in Mainz auch so nicht das ihm zusagende Terrain für seinen politischen Tätigkeitsdrang. Er siedelte nach dem benachbarten Frankfurt als parlamentarischer Berichterstatter der „Mainzer Zeitung" über. Fünfzig Jahre später hat er noch ausdrücklich bezeugt, daß er durch seine Tätigkeit im demokratischen Vereine" und in der Panlskirche „sich für das Politische Leben eingeübt und für alle Folgezeit den Grund gelegt habe!" Durch sein Leben in Frankfurt kam der junge Journalist in Verbindung mit den hervorragendsten Mitgliedern der linken Seite des Parlaments. Die meisten dieser Beziehungen sind für ihn von dauernder Bedeutung geworden. Denn geriet er mit ihnen zum guten Teile später auch in starke politische Differenzen, so blieb er doch „von feiten des Gemütes immer unempfindlich für solche Divergenzen, aber oft ohne Gegenseitigkeit". War ihm jemand einmal nahe gekommen, so hielt er an ihm fest. „Denn das stille persönliche Urteil ist eben in der Welt viel freier als alles, was mit der Öffentlichkeit zusammenhängt". Und wie manchem dieser alten Bekannten hat Bamberger später unter die Arme gegriffen, wenn sie in Verlegenheiten waren! Doch ich kann hierfür, wie auf so vieles andere, das für die Gesinnung des vermeintlich „herzlosen Manchestermannes" charakteristisch ist, nur auf die „Erinnerungen" verweisen. Nachdem der Erzherzog Johann von Österreich an die Spitze der Provisorischen Reichsgewalt berufen worden war, schwand für Bamberger das Interesse an den parlamentarischen Verhandlungen in Frankfurt: die Hinfälligkeit des ganzen dortigen Treibens war ihm schon znr „unerschütterlichen Gewißheit" geworden. Gleichzeitig machte er noch eine andere ihm unangenehme Entdeckung. Er mußte sich überzeugen, daß die radikale, republikanische Bewegung, die ihm bisher nur zur Herstellung eines nationalen Einheitsstaates 202 hatte dienen sollen, immer stärker zu einer rein sozialistischen wurde. Das trat namentlich auf dem demokratischen Kongresse hervor, der im Sommer 1848 in Frankfurt unter der Ägide Julius Fröbels abgehalten wurde und auf dem die geistigen Häupter der heutigen Sozialdemokratie, die Marx, Engels usw., den Ton angaben. Stand Bamberger damals den sozialistischen Ideen nicht so abweisend entgegen als später, nachdem er Lebenserfahrungen gesammelt hatte, so berührte ihn doch schon damals der „herausfordernde kalte Diabolis- mns" der Marxisten peinlich. Ihm gegenüber fühlte er sich in Mainz unter seinen leichtlebigeren radikalen Landsleuten weit wohler und zog sich deshalb bald darauf nach Mainz zurück. Die „Mainzer Zeitung" geriet wieder ganz unter seinen Einfluß, und der demokratische Verein, den er auf dem platten Lande weit verbreitete, Ivar das vorzüglichste Feld seiner Tätigkeit. Die besten Früchte davon hat er ein Menschenalter laug zu genießen gehabt. Denn der sonst so zerrissene, aus kurmaiuzischen und pfälzischen, also auch konfessionell verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzte Wahlkreis Bingen-Alzey, blieb Bamberger bis zur Niederlegung seines Reichstagsmaudates unverbrüchlich treu. Auch an dem Turnwescn beteiligte sich der loenig zur praktischen Turnerei geschickte Agitator. Er präsidierte sogar einer großen deutschen Turnerversammlung in Hanau und hielt in Mainz bei der Übergabe einer Fahne, welche die Mainzerinnen dem Turnverein gestickt hatten, eine große Rede, die wie wenig andere den Umschwung der Zeiten, den wir seitdem erlebt haben, uns verdeutlicht. Für das Großherzogtum Hessen und speziell Mainz machte sich dieser in seinen Anfängen schon seit dem August 1848 recht deutlich fühlbar. Die vertrauensseligen Konstitutionellen in Darmstadt hatten zum Regierungspräsidenten in Mainz den Freiherrn von Dalwigk ernannt, einen der eifrigsten aller Reaktionäre, der dann das Großherzogtum von 1850—71 im ultramontauen, undeutscheu Interesse regiert hat. Natürlich bekam Bamberger sogleich Händel mit ihm, 203 — da er dessen ganzes Wesen sofort durchschallte. Diese haben sich fortgesetzt, bis der Minister schließlich doch 1871 der Macht der veränderten Verhältnisse erlag. An dein unseligen sogenannten Psingstweidcnanfstande, der nach dem Abschlüsse des Malmöer Waffenstillstandes im September 1848 in Frankfurt ansbrach, war Bainberger nicht beteiligt. Doch übten dessen Folgen eine Einwirkung auf seine Geschicke. Mehrere seiner politischen Freunde, darunter Zitz und I. Friedrich Schütz, der Vorsitzende des demokratischen Vereins in Mainz und Mitredaktcnr der „Mainzer Zeitung", waren flüchtig geworden. Die von ihnen geleistete Arbeit mußte nun Bainberger ganz übernehmen. Das führte ihn auch nach Berlin, wo im Oktober der demokratische Kongreß zum zweiten Male zusammentrat. Nachdem auf ihm der erste Präsident Fein den Vorsitz niedergelegt hatte, mußte ihn Bainberger übernehmen. Nur mit Mühe konnte auch er die parlamentarische Ordnung einigermaßen aufrecht erhalten. Sozialistische und anarchistische Elemente drängten sich rasch so stürmisch hervor, daß der Vorsitzende froh war, aus dieser Gesellschaft auszuscheiden, nachdem er bei einer wichtigen Abstimmung in der Minderheit geblieben war. Die Versammlung löste sich dann von selbst auf. Immer mehr häuften sich die Zeichen des Abstcigcns der revolutionären Flut des Jahres, immer stärker erhoben die Gewalten, die in dem Frühjahre sich selbst kopflos aufgegeben hatten, wieder ihre Häupter. In Berlin wurde die Nationalversammlung nach Brandenburg verlegt, in Wien der Aufstand blutig niedergeschlagen und Robert Blnm standrechtlich erschossen. Diese Tat verbreitete nicht sowohl Schrecken unter den Radikalen Deutschlands als eine furchtbare Wut gegen die Reaktion und deren Trägerin, die Monarchie. Dieser Empfindung gab auch Bainberger in einer leidenschaftlichen Rede Ausdruck, welche er am Abend des 15. November in Mainz vor einer großen Trauerversammlnng fast improvisiert Hielt. So pathologisch den kühlen Leser von heute diese Rede 2N4 nach Form und Inhalt anmuten mag, „so war sie doch der volle und nicht künstlich gesteigerte Ausdruck des grenzenlosen Jammers und Zornes von Unzähligen über diese Bluttat." Bamberger, der übrigens selbst R. Blum nicht gerade sehr hoch veranschlagte, meinte, kein Mann sei damals mehr vom Volke geliebt gewesen als R. Blum; in ihm, dem für unantastbar gehaltenen Volksvertreter, habe man die Freiheit selbst dahin gemordet gesehen. Bamberger folgerte in seiner Rede daraus, nun sei die Monarchie erst recht verloren und wendete sich zu einem furchtbaren Angriff gegen die tieferen Urheber und Mitschuldigen des Mordes, die Volksfeinde im Parlamente und in der Rcichsregiernng, an deren Spitze der „edle" Heinrich von Gagern stehe. Diese Trauerrede, die so in eine leidenschaftliche Anklage ausklang, trug Bamberger damals keine Unbequemlichkeiten ein. Wurden doch zahllose andere Tranerfcierlichkeitcn in Stadt und Land gehalten und die republikanische Partei durch diese Gewalttat der Reaktion zunächst nur gestärkt. Erst nachdem die Ausstände in der Pfalz und Baden 1849 niedergeschlagen waren, wurde Bamberger auch wegen dieser Rede in Anklagestand versetzt und zu zweijähriger Gefängnisstrafe in contumaciam verurteilt. „Es ging damals mit den schwereren Verurteilungen in einem hin." Vergeblich suchte die radikale Partei die rückwärts flutende Strömung durch immer neue Organisationen aufzuhalten. So wurde ein sogenannter Märzverein gegründet, dem auch Bamberger seine Kräfte widmete. Im stillen von der Fruchtlosigkeit aller Anstrengungen überzeugt, suchte er doch an der von ihm einmal eingenommenen Stelle seine Schuldigkeit zu tun und gegen die nunmehr um sich greifende Resignation den Mut der Tatkräftigen aufrecht zu erhalten. So feierte man am 24. Februar 1849 in Mainz den Jahrestag des AuSbrnchs der Pariser Revolution durch ein großartiges Bankett. Trotzdem daß sich so in Mainz noch eine zuversichtliche Stimmung in den Kreisen der Stadt- und Landbevölkerung behauptete, sagte Bamberger schon im März in Leitartikeln 205 voraus, daß in zwei Monaten die Ära des Bundestages wieder angebrochen sein werde. Denn daß init der von der Nationalversammlung vorgenommenen Wahl eines erblichen deutschen Kaisers gar nichts erreicht werden werde, war nach allen schon erfahrenen Enttäuschungen nur denen nicht zweifelhaft, welche sich das ganze Jahr über im besten Glauben und nach besten Kräften abgemüht hatten, eine Versöhnung der Revolution mit den lcgitimistischcn und partikularistischcn Anschauungen der deutschen Fürsten zustande zn bringen. Daß das auf friedlichem Wege zu erreichen unmöglich sei, daß die deutsche Frage nur „durch Blut und Eisen" gelöst werden könne, sahen die gemäßigten Patrioten der Panlskirche nicht ein, während der Radikalismus das klar erkannt hatte und in seiner Weise durchzuführen bereit war. Daß die törichten Versuche, schon damals die Herstellung der deutschen Einheit durch Waffengewalt zu erzwingen, kläglich scheiterten, war ein Glück für unser Volk. Denn viele furchtbare Erschütterungen sind ihm dadurch sicher erspart geblieben. Wenn aber jetzt viele auf die Bestrebungen und Taten von Männern, die in ihrer Mehrzahl lediglich von selbstlosen, patriotischen Empfindungen getrieben für ihre politischen Ideale zn den Waffen griffen, nur verächtlich und höhnisch herabblickcn, so wird demgegenüber eine unbefangene Betrachtung der Dinge jenen die Anerkennung nicht versagen dürfen, daß sie es waren, die zuerst erkannt hatten, daß mit theoretischen Erörterungen und Gesinnnngspatriotismns solche Machtfragen, wie die Sprengung des Bundestages und die Neugestaltung Deutschlands es doch waren, nicht zu lösen seien. Daß die Radikalen für die Reichsverfassung, die sie nicht einmal geschaffen hatten, mit Energie und Darangabe ihrer Existenz aufstanden, nur um doch etwas von der Bewegung von 1848 zu retten, sollte man ihnen doch auch nicht zn einem Verbrechen machen. Sie zogen eben die Konsequenz der Vorgänge von 1848, während die Gemäßigten, die auf demselben revolutionären Boden wie sie ihre Verfassungsbantcn auf- 206 gerichtet hatten, aus guten Gründen, die auch nicht verlästert zu werden verdienen, es vorzogen, vor der wieder erstarkten Reaktion zu kapitulieren. Ich glaube, es ist billig und gerecht, was Bambcrger ein halbes Jahrhundert später über den Ursprung der revolutionären Erhebungen des Jahres 1849 zusammenfassend gcurteilt hat: „Wenn man die Enttäuschung, Verwirrung und Aufregung jener Tage in den Verhandlungen und Stimmen der Zeitgenossen wieder nachliest, so begreift man, wie das alles mit einer wenn auch noch so aussichtslosen Volkserhebung ausgehen mußte. Selbst die Gemäßigten und Friedliebenden konnten es nicht fassen, daß alles so ganz und gar mit dem kahlen Nichts, der Wiedereinsetzung des alten Bundestages enden sollte, und wagten nicht zu widersprechen, wenn die Notwendigkeit des Widerstandes in irgendeiner Form sich Luft machte" (Er. S. 171.) Man wird Bamberger in diesem Urteile nach seiner subjektiven Seite hin wenigstens um so mehr beistimmen dürfen, als er ja selbst lediglich in Konsequenz seines bisherigen Handelns an einer solchen Volkserhebung zwar aktiv teilgenommen hat, dann aber auch sofort den Mut zeigte, die vollkommene Aussichtslosigkeit eines solchen Versuches in Deutschland zu Nutz und Frommen aller, die ihn nochmals wagen könnten, durch eine wahrheitsgetreue, ungeschminkte Schilderung seiner eigenen Erlebnisse während des pfälzischen Aufstaudes voin 9. Mai bis 26. Juni 1849 nachzuweisen. Mau wird ihm auch darin glauben dürfen, wenn er, der mitten in der revolutionären Bewegung stand, in seiner Schrift: „Erlebnisse aus der Pfälzer Erhebung" schon im Jahre 1849 versichert: „Selbst ein preußisches Kaisertum, nach den Beschlüssen der Nationalversammlung eingesetzt, hätte nicht den geringsten Empörungsversuch erfahren." (Ges. Sehr. III, 68.) Wir haben hier nicht die Geschichte dieser in ihrer Ausführung burlesken pfälzischen Erhebung zu schreiben und bemerken daher nur, daß Bamberger am 9. Mai mit Zitz und einem Haufen Rheiuhesscu Mainz verließ, um einer Auf- 207 fordernng zu folgen, einer Schar von 30 000 aufständischen Rheinbayern zuzuziehen, und dann am 22. Juni mit demselben Zitz nach unsäglichen Enttäuschungen, aufreibenden Anstrengungen und schweren Kümmernissen „ohne den Schatten eines Schattens von Hoffnung auf den badischen Aufstand" in Basel auf den sicheren Boden der Schweiz übertrat. - II. In Basel blieben die Flüchtlinge nur kurze Zeit, um sich dann, von einem schweizerischen Stndicngenossen Bambergers mit einigem Geld versehen, nach Zürich zu begeben. Nachdem hier rasch die Erlebnisse-aus der Pfälzcr Erhebung zu Papier gebracht waren, ging es mit fünf andern Flüchtlingen zu Fuße durch das Berner Oberland und das Rhonetal nach Genf weiter. Dort wollten Zitz und Bamberger die Entwicklung ihrer Geschicke zunächst abwarten. Da der Heidelberger Universitätsfreund und Parteigenosse Friedrich Kapp hier bei dem berühmten russischen Flüchtling Alexander Herzen als Hauslehrer fungierte, wurde Bamberger natürlich auch mit diesem eine Zeitlang für Rußland so einflußreichen Manne bekannt. In seinem Kreise trat ihm dann auch wieder Moritz Hartmann entgegen, den er in Frankfurt nur flüchtig kennen gelernt hatte. So anregend und amüsant an sich dieses Leben in Genf auch war, so stand bei Bamberger doch die Sorge um die Zukunft ständig hinter der Türe. Einmal wollte er doch seiner nur mäßig begüterten Familie nicht dauernd zur Last fallen. Der Drang, sich eine eigene gesicherte Existenz zu gründen, wurde noch besonders durch die eigentümliche Lage der Braut gesteigert. Ihr Vater, ein Handelsmann in Alzey, den der Schwiegersohn selbst fabelhaft geizig, einen Harpagon in des Wortes verwegenster Bedeutung, nennt, lebte von seiner Frau, einer Schwester der Mutter Bambergers, seit langen Jahren getrennt. Ihr Kind war unter den abenteuerlichsten Verhältnissen bei dem Vater, beziehungsweise einem Pflege- Vater, der ein Dorfmusikante war, aufgewachsen. Später kam das junge Mädchen in ein Mannheimer Pensionat. Glänzend begabt, hatte Anna Belmont die Lücken in ihrer Bildung rasch nachgeholt, so daß sie später einen Pariser Salon beherrschen und die gefeiertsten Schriftsteller durch die lebendigen Erzählungen aus ihrem Jugendleben entzücken konnte. War es schon für ihren Bräutigam eine schwere Sorge gewesen, wie und wann er seine Verlobte einmal werde heimführen können, als er noch ruhig in Mainz auf eiue Anwaltsstellc lossteuerte, so mußte er jetzt, vou der Heimat losgerissen und einer ganz unsicheren Zukunft preisgegeben, für die Geschicke seiner Geliebten, die in ihm die einzige feste Stütze ihres Lebens in der Heimat verloren hatte, für sie und sich um so mehr bangen. Und wenn diese Verhältnisse es ihm schon sehr schwer gemacht hatten, sich von Mainz zu entfernen und die Waffen zu ergreifen, so mußten sie ihn jetzt erst recht antreiben, bald wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. In Genf und später in Bern schmiedete er daher mit den Freunden bald ernsthafte Zukunftspläne. Er beschloß mit Kapp und Zitz nach Nordamerika auszuwandern und in New Jork gemeinschaftlich eine internationale Advokatur zu gründen. Die beiden ersten reisten auch dorthin ab, Bamberger sollte nachkommen. Da traf ihn ein Brief seines jüngeren Bruders, der in London in dem Bankhause seines Onkels Bischosfsheim angestellt war und ihn zu einem Besuche einlud. Da der Weg nach Amerika über London führte, beschloß Bamberger die Einladung anzunehmen. Auf einer abenteuerlichen Reiseroute mußte der deutsche Flüchtling die schon damals polizeilich aufs sorgfältigste überwachte Republik Frankreich durchqueren. Im Herbste des Jahres kam er glücklich in London an, um Europa nicht zu verlassen. Zwei Brüder der Mutter Bambergers, „wirklich geniale Finanzleute," wie sie ihr Neffe nennt, waren durch eigene Tüchtigkeit in die Höhe gekommen und hatten mehrere große 209 Geschäfte auf den wichtigsten Handelsplätzen Westeuropas gegründet, die einander in die Hände arbeiteten. Von Amsterdam ausgehend, hatte der ältere der Brüder den jüngeren in Antwerpen etabliert, der dann nach der Trennung Belgiens von Holland nach Brüssel übersiedelte und dort ein hochan- gesehcner Bankherr und Politiker wurde. Der ältere Bruder begab sich 1848 nach Paris und errichtete dort ein rasch erblühendes Geschäft. Um den Ring zu schließen, wurde auch in London ein großes Geschäft unter der Firma Bischosfs- heim, Goldschmidt und Avigdor eröffnet, in das jetzt L. Bam- berger wohl oder übel als Lehrling eintrat. Leicht wurde ihm dieser Schritt nicht. Hatte er früher den stillen Wunsch gehegt, eine rein wissenschaftliche Karriere zu ergreifen, und sich dann mit dein Berufe eines Rechtsanwalts in Mainz abgefunden, so hatte er jetzt aus dem Schiffbrnche seines äußeren Lebens nur die Aussicht auf eine Anwaltpraxis in Amerika gerettet. Der Versuch, den er anstellte, sich in London in die Geheimnisse des englischen Rechts einweihen zu lassen, war nicht verlockend ausgefallen. Da sattelte er notgedrungen um und trat als 26 jähriger Lehrling in das Londoner Bankhans seiner Verwandten ein. Dieser Entschluß wurde ihm dadurch leichter gemacht, daß der eigentliche Leiter des Londoner Hauses, Goldschmidt, ein Heidelberger Or. jur. und ein Mann von gründlichster wissenschaftlicher Vorbildung war, also Verständnis für seinen Lehrling besaß. Wenn diesem auch die Ausführung der Komorarbeiten und Berechnungen nicht erspart blieb, so hatte er bei einer allerdings recht angestrengten Tätigkeit sich doch besonderer Berücksichtigung in der Behandlung zu erfreuen. Elastischen Geistes, wie er war, konnte er die Sonntage zu journalistischen Arbeiten in deutscher und französischer Sprache benutzen. Doch befand er sich in London, bei den damals noch besonders engherzigen Lcbensgewohnheiten und Gebräuchen der Engländer, durchaus nicht wohl und ergriff deshalb im Sommer 1850 gern die Gelegenheit, nach Antwerpen überzusiedeln. Sein Hartwig, Aus dcm Lcbcu. 14 210 — jüngerer Bruder war nämlich inzwischen von London znm Chef des dortigen Hauses avanziert und berief nun den Lehrling zu sich. Im Juli 1850 landete der Flüchtling wieder auf dem Kontinente, um zunächst einige glückliche Tage mit der Braut und deren Mutter in Ostende All verbringen. Wäre es aber nach dem Willen der französischen Polizei gegangen, so wäre seines Bleibens in Belgien nicht lange gewesen. Denn sie verlangte die Ausweisung aller Flüchtlinge selbst der deutschen, aus dem neutralen Königreiche. Nur durch die Intervention seines angesehenen Onkels in Brüssel gelang es, den Ausweisungsbefehl unschädlich zu machen. Auch der Aufenthalt in Belgien behagte Bamberger sehr wenig. Er nennt die Bewohner des Landes „eine überaus nüchterne, realistische Rasse, mehr als die Holländer". Wäre sein Freund H. B. -Oppenheim, der damals als Flüchtling in Brüssel lebte, ihm nicht nahe gewesen, so hätte er sich geistig ganz vereinsamt gefühlt. Seine Beschäftigung, zu der jetzt der regelmäßige Besuch der Börse hinzukam, sagte ihm hier ganz besonders nicht zu. Auch später war ihm dieser Zweig seiner Tätigkeit sehr wenig erfreulich. Sobald er nur konnte (1863), hat er sich von ihm ganz befreit. Aber vorläufig mußte er noch aushalten. Das Jahr vom Juli 1850 bis dahin 1851 war ihm aber doch „das trübseligste seines Lebens". Es war nicht die schwere Anklage und Verurteilung, die in diesem Jahre gegen den Flüchtling ausgesprochen wurde, welche ihm traurige Gedanken machte. Darin hatte er schon einige Erfahruyg. War er doch schon iin November 1849 wegen Beleidigung der deutschen Nationalversammlungen (bei der Blumfeier begangen) zu zwei Jahren Gefängnis und wegen Amts- und Ehrverletzung der hessischen Armee zu vier Monaten Korrektionshaus verurteilt worden. Jetzt wurde er am 21. März 1851 von den Mainzer Assisen wegen einer ganzen Reihe der schwersten Verbrechen, wie Hochverrat usw. mit der „mäßigen Strafe" von acht Jahren Zuchthaus bedacht und in dem folgenden Jahre von den Pfälzer Assisen — 21 l — in Zweibrückeu sogar zum Tode verurteilt. Alledeur konnte er von dem sicheren Porte aus ruhig zusehen. Nein, was ihn aufregte, waren schwere Bedenken gegen den jetzt ergriffenen Lebcnsberuf im fremden Lande und unter ihm un- shmpathischcn Menschen. „Er empfand nichts von dem heiligen Durst nach Gold und seine Lcbensgewohnhcitcn drängten nicht, ihn zu erwecken" (Er. S. 251). Er meinte auch, seiue Fähigkeiten lägen nicht auf der Seite des geschäftlichen Talentes. Wenn er sich auch nicht für zu gut für die geschäftliche Laufbahn hielt, so empfand er doch noch immer den Bruch mit seinen Wünschen und Hoffnungen auf eine wissenschaftliche Laufbahn zu tief; er wurde ganz melancholisch und körperlich leidend. Doch die Verwandten, die ihn und seine Fähigkeiten schätzen gelernt hatten, ließen ihn nicht wieder los. Nachdem er noch einige Wochen in dem Amsterdamer Mntterhanse gearbeitet hatte, wurde er, mit einem kleinen Kapitale unterstützt, in Rotterdam etabliert und gründete hier im September 1851 ein eigenes Bankhaus unter der Firma L. A. Bam- bergcr L Co. Die Anfänge waren sehr bescheiden und das Leben in der nicht sehr zivilisierten Handelsstadt hatte wenig Reiz für ihn. Sobald die Aussicht vorhanden lvar, daß das Geschäft sich gut behaupten werde, beschloß er nun seine Braut heimzuführen. Das war aber leichter gesagt als getan. Denn der Vater der Braut wollte nichts von der Verheiratung seiner Tochter wissen, um nicht wenigstens etwas Geld herausrücken zu müssen. Der väterliche Konsens mußte also gerichtlich erzwungen werden, und der liebevolle Vater sendete statt der Ausstattung seinen Fluch. Spater söhnte er sich jedoch mit der Ehe aus und wollte sogar zu seinen Kindern nach Paris ziehen. Auch gerichtsseitig stellten sich der Trauung allerhand Schwierigkeiten entgegen, da der Flüchtling keinerlei Papiere über sich znr Stelle schaffen konnte. Erst nach Überwindung aller dieser Hindernisse traute der Bürgermeister von Rotterdam in Anwesenheit weniger Verwandter und Freunde am 5. Mai 1852 das alte Brautpaar. Bambcrger 14* 212 fühlte sich nun viel wohler in der neuen Heimat, wahrend seine Frau ihr keinen Geschmack abgewinnen konnte. Sie sollte auch in Holland nicht recht warm werden. Schon im folgenden Jahre erhielt Bamberger von seinem Onkel in Paris den Antrag, in sein Bankhans als Prokurist mit einem allerdings kleinen Gewinnanteil einzutreten. Da die Frau sehr energisch dafür eintrat, überwand der Mann rasch sein Bedenken. Aber so leicht wurde auch diesmal die Ausführung des Planes nicht. Bamberger konnte als deutscher Revolutionär und Flüchtling nicht nach Frankreich hinein. Ein Amsterdamer Freund verschaffte ihm hierzu von dem holländischen Ministerium des Auswärtigen eine fingierte Depesche, die er als Kurier nach Paris bringen sollte. Erst einmal mit ihrer Hülfe glücklich jenseits der Grenze angekommen, verblieb er unangefochten als Fremder in der großen Stadt. Er wurde jedoch Polizeilich sorgfältig überwacht und war so wenig gut bei der Regierung angeschrieben, daß man ihm später nicht einmal das Oroir cke ckomicile civil, das, von der Naturalisation ganz verschieden, nur die Rechte des dauernden bürgerlichen Wohnsitzes in sich begreift, bewilligte. Er konnte auch noch als Chef des angesehenen Bankhauses Bischoffsheim jeden Tag polizeilich ausgewiesen werden. Das ist ihm nicht widerfahren. Denn wenn er auch vorzugsweise die dem Kaisertum Louis Napoleon feindlichen Salons besuchte, so hat er sich natürlich nicht aktiv an dem politischen Leben Frankreichs beteiligt, dafür aber alle künstlerischen und wissenschaftlichen Genüsse der Stadt in sich aufgenommen, die bis zum Jahre 1870 hierin in Europa die reichste war. Es ist bezeichnend für Bamberger, daß er den Teil seiner „Erinnerungen", der sich mit seinem Leben in Paris beschäftigt und der meines Erachtens den inhaltvollsten und kulturgeschichtlich wichtigsten Teil derselben bildet (S. 226 bis 498), nicht etwa mit der Darlegung seiner Stellung in dem Bankhause seines Onkels, und seiner Tätigkeit und seiner Erfolge in demselben beginnt, sondern mit einer Schilderung seines 213 sozialen Lebens, seines Verkehrs mit den alten Freunden, H. B. Oppenheim und M. Hartmann, nnd allem andern, was sich hieran knüpfte, anhebt. Denn wenn er auch mit ganzem Ernste, großem Fleiße nnd gutem Erfolge alle ihm anfgetragcucu uud selbsterwählten Obliegenheiten seiner Stellung im Bankhause erfüllte, sein Sinn war doch mehr in den literarischen und künstlerischen Interessen befangen als in den rein geschäftlichen. Daher nimmt auch in den „Erinnerungen" die Schilderung jener einen so breiten Raum ein. Nicht als ob er von seiner Tätigkeit im Geschäfte gering gedacht hätte! Im Gegenteil! Er wußte die geistigen Kräfte, die zu einer erfolgreichen kaufmännischen Tätigkeit im großen Sthlc erforderlich sind, sehr wohl zu schätzen. Niemand hat den Handelsstand gegen sozialistische Weltverbesserer, hochmütige Aristokraten und die Weisheit der Gelehrten und Büreaukraten so zu vertreten gewußt wie er. Aber neben seiner Arbeit um materiellen Gewinnes willen wollte er sich von seinen Studien uud höheren Genüssen nicht abdrängen lassen. Dazu suchte er in den besten literarischen und artistischen Kreisen der Seinestadt persönlichen Umgang nnd fand ihn zur Genüge. Daß ihm das gelang hatte er nicht dem Luxus zu verdanken, mit dem er die französischen Gelehrten und Künstler bei sich bewirtete. So etwas konnte nur sein Onkel, bei dem z. B. Lamartine sehr hoch in der Kreide stand. Er selbst war nach den ersten sechs Jahren, in denen er mit an der Spitze eines reichen Bankhauses gestanden hatte, noch „ein armer Schlucker". Denn er hatte nur eine fixierte Jahrcscinnahme von 12 000 Fr. Nach acht Jahren, von denen er drei Jahrelang dem Geschäft fast ganz allein vorgestanden hatte, betrug sein Vermögen nicht mehr als 77 000 Fr. (Er. S. 407.) Als bessere Zeiten gekommen waren und er einen größeren Geschäftsanteil erhalten hatte, hob sich dann sein Wohlstand so rasch, daß er bei seiner Rückkehr nach Deutschland 1867 „ganz gut von seinen Renten leben konnte". Das Hans Bischoffsheim machte eben nicht nur sichere Bankgeschäfte, sondern hatte sich vielfach in große Bergwcrksunternehmnngen eingelassen, bei denen Jahrelang nicht nur nichts verdient, sondern sogar zugesetzt wurde. Bei der Inszenierung und Verwaltung von zwei derartigen Versuchen war Bambcrger persönlich in erster Linie beteiligt und hat uns das ausführlich erzählt. (Er. S. 373 u. f. und 383 n. f.). Schlug einmal ein solches Unternehmen ein, so wurde dann rasch viel Geld gemacht. Aber immerhin war Bambergcrs Vermögenslage nicht ganz sicher. Als er deshalb einmal mit seinem Onkel über die Sichcrstellung seiner Frau für den Todesfall verhandelte, und dieser zwar anerkannte, daß er die Last der Geschäfte fast allein trage, meinte jedoch der Geschäftsmann, sein Neffe entziehe dem Kontor doch einen guten Teil seiner Kräfte durch seine schriftstellerische Tätigkeit. Man wird sich daher nicht wundern, daß das Geschäft sich 1867 auflöste, als dieser Arbeiter aus ihm austrat und kein geeigneter Stellvertreter für ihn zu finden war. Bam- bergcr hat sich dann später an keinem anderen finanziellen Unternehmen mehr persönlich beteiligt als an der Gründung der „Deutschen Bank", deren Organisation er in Verbindung mit Adalbert Dclbrück Ende der sechziger Jahre schuf, und der er den ersten brauchbaren Direktor verschaffte. Doch schon 1872 trat er aus dem Verwaltungsrat der Deutschen Bank aus, „als er die Ära der Verleumdung und Verunglimpfung jeder geschäftlichen Tätigkeit, die sich seitdem so mächtig entfaltet hat, von weitem kommen sah" (Er. S. 386). Das allgemein- giltige Resultat seiner Erfahrungen auf dem Gebiete seines erfolgreichen Geschäftslebens, — Erfahrungen die seine ganze spätere politische Tätigkeit mitbestimmen sollten — faßt er dahin zusammen: „Bcamtenfach und kaufmännischer Beruf sind so himmelweit von einander entfernt. Daher gibt es nichts horribleres als Regierungseinmischnng in die Geschäfte; aber Regierungslente sind noch erfahren und wohlmeinend, verglichen mit der Überzahl der Parlamentarischen Gesetz- macher". (Er. S. 386). — Liest man in den „Erinnerungen", welche Bekanntschaften Bamberger in Paris gemacht, welchen Verkehr er gepflegt und was er an politischer Schriftstellerei und Agitation während der Jahre von 1853—1866 geleistet hat, so wird man den Vorhalt des gestrengen Herrn Onkels nicht ganz unbegründet finden. Nur ein Mann von außergewöhnlichen Talenten, großer Arbeitskraft und vielseitigsten Interessen konnte alles das bewältigen, was Bamberger in Paris auf seine Schultern genommen hatte. Er hat wie wenige Gauz-Paris studiert und kennen gelernt. Von den Gassen der Pariser Straßenkehrer an, die zum größten Teile seine engeren Landsleute aus Oberhessen waren und deren Leben und Treiben er 1867 eine eingehende Abhandlung (Ges. Sehr. I, 213 u. f.) gewidmet hat, bis hinauf in die Salons der großen Geldfürsten, Künstler und Gelehrten hat er alle möglichen Schichten der Bevölkerung in ihren spezifischen Eigentümlichkeiten und Lebensgewohnheiten zu ergründen gesucht und sie uns in drastischen und launigen Schilderungen, nach ihren markantesten Zügen durch Erzählung eigener Erlebnisse und lustiger Anekdoten in seinen „Erinnerungen" vorgeführt. Da ihn, wie er selbst von sich bekennt, „die Menschen immer und überall mehr interessierten als die Dinge" (Er. S. 357), ziehen in ihnen eine Menge Leute der verschiedensten Stände, Künstler, Gelehrte, Gcldmänuer, Dichter, Schriftsteller, Schriftstellerinnen, Salon- damen, Schauspieler und Schauspielerinnen usw., in buntem Durcheinander mit ihren Freuden und Leiden, Sitten und Unsitten, Ansprüchen und Naivitäten in scharfen, aber immer von einem wohlwollenden Humor und von überlegener Skepsis umrahmten Momcutbildern an uns vorüber. Ein Knlturhistoriker wird diese Zeichnungen aus den Zeiten des zweiten Empire stets dankbar begrüßen und mancher Freund der Literatur ihnen einzelne wertvolle Notizen entnehmen können. Wenn ich von Malern die Namen Ricard, Fromentin, Chenavard, Heilbuth, Güterbock, von Gelehrten die Namen 216 Renan, Littre, Jules Simon, Sainte-Beuve, Henri Martin, Taine, Lanfrey, Mortimer Ternaux, von Schriftstellerinnen die George Sand, die Gräfin d'Agoult, Juliette Adam, von Dichtern Lamartine, Alfred de Muffet, von Bankiers die Königswarter, Baron Hirsch, von Journalisten Nefftzer, Mazade, Lavertujon nenne, von unzähligen anderen interessanten Persönlichkeiten, wie Berryer, d'Alton-Shee etc., ganz abgesehen, so kann man sich eine Vorstellung von der bunten Gesellschaft machen, in der sich Bamberger bewegte. Hatte er es natürlich sich und seiner Frau in erster Linie zu verdanken, daß er mit so viel hervorragenden Menschen bekannt und mehr oder weniger befreundet wurde, so ward ihm das natürlich auch durch seine freie Stellung in dem großen Bankhause und durch seine Beziehungen zu Moritz Hartmann und dem Romancier Louis Nlbach sehr erleichtert. Lernte er bei seinem alten Freunde, der längere Zeit in Paris krank darniederlag, die diesen zahlreich besuchenden literarischen und künstlerischen Größen Frankreichs und des Auslandes kennen, so fand sich in dem Salon Ulbachs ein lustiges Völkchen von echten Parisern zusammen, die ihn in andere Kreise weiter einführten. Auf diese Weise erhielt er Eintritt in die Salons der Madame Didier, der Frau Planat de Lafaye, der Gräfin d'Agoult und vor allem in den der Schwester des Grafen d'Alton-Shee, einer Madame Zaubert, mit der das Ehepaar Bamberger eine Freundschaft für das Leben schloß, die sich auf deren Tochter und Enkelin weiter bis zum Tode Bambergers erstreckte. Und neben diesem großen geselligen Verkehre fand der viel geplagte Geschäftsmann noch Zeit, sich um die deutsche Politik zu kümmern und literarische Unternehmungeit zu fördern, welche in die neu begonnene Bewegung einzugreifen bestimmt waren! In dem Jahrzehnt der allgemeinen europäischen Reaktion hatte er sich in die Geschäfte einarbeiten müssen. Die Aussichtslosigkeit jeder Politischen Tätigkeit hatte ihm das erleichtert. Sobald aber nur Zeichen auftauchten, die den umschlagenden Wind verrieten, regten sich auch bei ihm wieder sofort die alten Interessen und Neigungen. Dem Anstoße, den die deutsche Frage durch den Wechsel der Regierung in Preußen erhielt, legten die Flüchtlinge zwar zunächst keine große Bedeutung bei. Stand bei ihnen doch der Prinz von Preußen noch in zu böser Erinnerung, namentlich von Baden her. Daß in Europa, und mittelbar dadurch in Deutschland, sich große Dinge vorbereiteten, fühlte Bamberger viel deutlicher aus der berühmten Ncujahrsredc heraus, die der Kaiser Napoleon III. 185!) an den österreichischen Gesandten richtete. Der alte Habsburgische Kaiserstaat galt ihm als der Hort aller Politischen und kirchlichen Reaktion. Wurde er aus Italien herausgedrängt, so schien ihm eine Rückwirkung hiervon auf Deutschland unausbleiblich. Nun fand der scharfsichtige Politiker aber, daß die Stimmung des deutschen Volkes, namentlich im Süden, in dem sich immer schärfer entwickelnden Konflikte zwischen Frankreich und Österreich sich nach der österreichischen Seite hinneige, ja daß viele seiner eigenen Parteigenossen in unklarer Gefühlsaufwallung gegen die gerechten Aspirationen der Italiener sich ereiferten. Das drückte ihm die Feder in die Hand und er schrieb anonhin eine Broschüre: „Juchhe nach Jtalia!", die leidenschaftlichste Streitschrift, die Bamberger verfaßt hat. „Das böse Prinzip Deutschlands", die österreichische Hausmacht und alles, was mit ihr zusammenhängt, „die Vielherrschaft, die Zerstückelung, die Dunkelheit, der Jesuitismus, der Rückschritt und die Luder- wirtschaft des patriarchalischen Polizeistaates" wird hier in Tönen angegriffen, die kaum jemals so schrill und scharf vernommen worden sind. An diese Broschüre knüpfte sich natürlich eine literarischc Polemik, die im weiteren Fortgangs zu dem Entschlüsse führte, ein periodisch erscheinendes Organ zur Belebung der öffentlichen Meinung in Deutschland nach der demokratischen Seite hin ins Leben zu rufen. In Verbindung mit seinen Pariser Freunden Ludwig Simon, Moritz Hart- mnnn und H. B. Oppenheim, denen sich dann rasch andere 218 anschlössen, wurden die „Demokratischen Studien" gegründet und zur Herausgabe derselben L. Walesrode gewonnen. Da dieser sich wenig geeignet erwies, eine derartige Sammelschrist zu redigieren, und H. B. Oppenheim nach Berlin zurückgekehrt war und sich anschickte, die „Deutschen Jahrbücher" herauszugeben, so ließ Bambergcr die „Demokratischen Studien" fallen und beteiligte sich an dein neuen Unternehmen. Seine erste Arbeit über die später von ihm mit so großem Erfolge behandelte ^,Gold und Silberfrage" veröffentlichte er hier in jener Zeit. Zahlreiche andere Aufsätze haben einen Neudruck in den „Gesammelten Schriften" gefunden. Damit aber nicht genug, lieferte der deutsche Bankier noch an die anfangs der sechziger Jahre entstandene und von August Nefftzer geleitete Tageszeitung „Le Temps" und an die „Revue moderne" Artikel literarischen und politischen Inhalts. Der alte Eifer und die Sehnsucht nach politischer Tätigkeit war wieder ganz über ihn gekommen. „Was ist das Leben ohne Geisteskampf?" frug auch er sich, wie einer seiner sich kümmerlich in Frankreich durchschlagenden Schicksalsgenossen. Da nun aber sich in Frankreich an dein öffentlichen Leben zu beteiligen, gar nicht in der Geistesrichtnng Bambergers lag, selbst wenn es für ihn möglich gewesen wäre, so mußte er seine Blicke um so bestimmter und ausschließlicher auf Deutschland richten. Manche der aus ihm Vertriebenen waren infolge der in Preußen verkündeten Amnestie nach dort zurückgekehrt. Andere, wie Fr. Kapp, bereiteten ihre Rückkehr vor, nachdem sie sich in Deutschland von dem dort neu erwachten politischen Leben überzeugt hatten. Dazu kamen Persönliche Berührungen mit angesehenen deutschen Politikern, wie mit H. V. von Unruh, und mit Männern der Presse. Deutschland wiederzusehen, wurde daher auch ihm zu einem immer lebhafter sich gestaltenden Wunsche. Die Aussichten dazu zeigten sich anfänglich nicht gerade günstig. Als aber infolge einer Bittschrift seiner Mutter, die von alten guten Freunden, selbst ultramontan gewordenen, unterstützt wurde, 1862 eine Erlaubnis zum Besuche von Mainz einlief, 4 219 wollte er sie doch nicht benutzen. Er konnte schlechterdings vom Ministerium Dalwigk keine Gnade annehmen und bekannte sich in der Gedächtnisrede, die er im Oktober 1862 zur Erinnerung an Heinrich Simon am Wallcnsee hielt, zu seiner demokratischen Vergangenheit. Aber die Sehnsucht, wieder einmal in die Heimat zu kommen, wurde durch die ihm gezeigte Möglichkeit doch gestärkt. So reiste er denn 1863 mit seiner Frau nach Baden und verweilte dort einige Wochen. „Die Freude, wieder einmal in Deutschland zu leben, erfüllte ihn mit wahrem Wonnegefühl" (Er. S. 518) und trieb ihn an, sich weiter im Lande umzusehen. Er besuchte Gotha und Thüringen, wagte sich sogar in die Höhle seines Feindes Dalwigk und reiste nach Gießen. Auch Dresden und Berlin wurde ein Besuch abgestattet. Die ganze Reise hatte in Bamberger den Gedanken einer Übersiedelung nach Deutschland neu belebt und seine Frau, die sehr gern in Paris lebte, fing an sich mit ihm zu befreunden. Bestärkt wurde er durch eine bald darauf erfolgende Geschäftsreise, die er nach Berlin zu machen hatte. Doch war es nicht möglich, die Hindernisse rasch zu beseitigen, die einer dauernden Rückkehr in die Heimat entgegenstanden. Sein Geschäftshaus in Paris war ja vor allein auf seine Arbeitskraft angewiesen. Die Zustände Deutschlands während der Konfliktszeit in Preußen waren auch nicht sehr danach getan, einem Manne wie Bamberger den Drang, sich von neuem in die politische Bewegung zu stürzen, zu einem uuüberwindbaren zu machen. Und das um so weniger, als er der damals rührigsten und durch ihre nationale Tendenz ihm am nächsten stehenden politischen Partei, die sich in dem „Natioualverein" organisiert hatte, doch keinen Glauben entgegenbringen konnte. Schon 1860 hatte er sich in einem Schreiben an die „Berliner Volkszeitung" (Ges. Sehr. IV, 58 u. f.) in diesem Sinne ausgesprochen, weil „die Stiftung zur Erreichung ihrer Zwecke keine besonderen praktischen Mittel und Wege vorgezeichnct habe und sich also nur auf dein Boden einer theoretischen Propaganda bewegen wolle". Ihm war es klar geworden, daß die „unbestreitbaren Wahrheiten", anf die hin sich der Nationalverein gegründet hatte, keiner weiteren Beweisführung bedurften, sondern nur praktische Durchführung heischten. Woher sollte diese kommen? Das war die große Frage der Zeit, die Bamberger einstweilen noch von Paris aus studierte. Gleichzeitig beteiligte er sich hier lebhafter als früher an dem reich entwickelten Vereins- lcben der zahlreichen Landsleute. Als dann aber mit dem großen Siege Preußens über Österreich im Jahre 1866 die entscheidende Wendung in den Geschicken Deutschlands eingetreten war, da litt es ihn nicht mehr an der Seine, sondern er begab sich kurz nach dein Frieden von Nikolsburg an den Rhein, um an altvertranter Stätte seine politische Wirksamkeit wieder aufzunehmen. Er trat aus dem Pariser Bankhanse Bischoffsheim aus, das sich in Ermangelung eines geeigneten Ersatzes für ihn auflöste. Die Pariser Flüchtlingszeit lag hinter ihm. So oft er auch noch nach der Scincstadt zurückkehren sollte, er hat dort nur als Gast bei seinen Geschwistern geweilt. — III. Der Abschied von Paris war Bamberger nicht leicht geworden. Abgesehen von den materiellen Interessen, die ihn mit der Stadt verbanden, fesselten ihn doch auch viele Freunde, die er sich daselbst erworben hatte. Dazu kam, daß sich seine Frau sehr schwer von dort trennte. Sie hatte sich dort so eingelebt, daß sie dauernd kaum wo anders leben zu können glaubte. Sie hat sich auch nie ganz wieder in Deutschland heimisch gefühlt. Ein Krebsleiden, dem sie, freilich erst acht Jahre später, unerwartet am 19. Dezember 1874 in Wiesbaden in den: Augenblick erlag, als sie sich zu einer dauernden Niederlassung am Rheine entschlossen hatte, war Wohl schon längst in ihrem Körper vorbereitet und ließ sie zu keiner rechten Ruhe mehr kommen. Aber auch ganz abgesehen von all diesen privaten Schwierigkeiten, die ihm die — 221 Loslösnng von Paris bereitete, mußte ihul nicht auch seine ganze Zukunft iu Deutschland und die politische Tätigkeit, die er dort wieder aufnehmen wollte, als eine sehr schwierige und in ihren Resultaten sehr Problematische erscheinen? Er hatte eine ganz klare Vorstellung hiervon. Im Herbste 1806 schrieb er von Wiesbaden aus: „Kein Preis winkt unserer Mühe, kein Parlamentssitz ladet uns zur Ruhe ein. Hcimats- verlnstig zu Hanse, nie in der Versuchung gewesen, heimisch zu werden in der Fremde, deutsche Bürger in partibus iii- kiclelinirr und korrespondierende Ehrenmitglieder mehrerer vaterländischer Zuchthäuser, dein Süden zustimmend durch Empfindung, dem Norden durch die Besinnung, so treten wir die Wanderschaft an, um das übel gelittene Wort der Einigung zu predigen" (Ges. Sehr. III, 313). Ja, diese Einigung des Vaterlandes war nach 1860 bei vielen noch übel gelitten, trotz allen lauten Geschreies für sie. Sobald nur persönliche Interessen, alte Vorurteile und Liebhabereien ins Spiel kamen, verstummte es nicht nur, sondern schlug in sein Gegenteil um. Damals machte sich die Gesinnung noch etwas ungenierter von rechts und links her Luft als das heutigen Tages vielen rätlich erscheint. So wäre Bamberger, kaum in seiner Vaterstadt kurz nach dem Frieden von Nikolsburg angelangt, fast ein Opfer der Polizei geworden. Ein übereifriger Diener der öffentlichen Sicherheit konnte kaum abgehalten werden, ihn zu verhaften. Was aber bedeutete die Gesinnung eines solchen Polizeibüttels, der formell in seinem Rechte war, gegen den Haß, den ihm seine alten demokratischen Freunde bei seiner Arbeit für die Einigung Dcutsch- ands bald entgegenbrachten? Bei der durch nichts zu beirrenden Sicherheit ihrer Überzeugungen und der bei vielen von ihnen doch sehr fadenscheinigen katonischen Tugcndstrenge, mußte er ihnen bald als ein Abtrünniger, als ein Verräter an seinen besten Traditionen, als ein Machtanbeter erscheinen und von ihnen dem entsprechend in der Presse behandelt werden. Daß die elendesten, von Österreich bezahlten Sold- schreiber sich hierbei am stärksten in die Brnst werfen würde», sah der Mann, der diese Lenke kannte, klar voraus. Im Gründe hatte anch diese ganze Gesellschaft alle Ursache zu ihrem Hasse und ihren Verleumdungen. Denn niemand hat bei aller Liebenswürdigkeit im persönlichen Verkehre, ja bei aller durch die Tat bewiesenen Bereitwilligkeit, alten Politischen Freunden und neuen Widersachern, die in Verlegenheit oder Not geraten waren, mit seinen pekuniären Mitteln unter die Arme zu greifen, den wüsten Phantastereien und selbstgerechten, tatenlosen Tiraden der großdcutscheu Demokratie durch eine unerbittliche Logik, mit feiner Ironie und, wenn es ihm nötig schien, mit vernichtendem Witze und derber Grobheit schärfer zugesetzt, als er. Schon 1859 hatte seine Schrift „Juchhe nach Italien" ihrem Verfasser die Anschuldigung seines alten Freundes, des weit umhergeworfcnen Julius Fröbcl, eingetragen, er habe eine von der französischen Regierung bezahlte Arbeit geliefert. Fröbel stand damals in österreichischem Dienste, und deshalb mußten ihm Sätze wie die folgenden höchlichst mißfallen: „Welche geringe Vorstellung man immer von dem Verhältnis habe, in welchem das gegenwärtige preußische Herrschergeschlecht seiner deutschen Aufgabe gewachsen ist, Ivie viel Wahres auch an der süddeutschen Antipathie gegen märkischen Jntelligenzdünkel sei, — das ist und bleibt doch der einzige Ausweg aus Deutschlands Jammerzustand, daß Preußen möglichst weit das Raubstaatcnsystem absorbiere." Jetzt (1866) waren nun einige der schlimmsten dieser Kleinstaaten von der Landkarte verschwunden. Freilich waren nach Bambergers Ansicht noch zu wenige dieser „Jnfusorien- staaten" „als viel zu geringer Ersatz für das auf den böhmischen Schlachtfeldern geflossene Blut endlich von der deutschen Erde vertilgt worden"^. Nur ein gesegneter Anfang mit dem Aufräumen unter den deutschen Kleinstaaten sei 1866 gemacht worden. Doch hatte sich Preußen dem l) Herr von Aismarck. Deutsche Ausgabe S. XXXVIII. Berufe, die deutsche Einheit herzustellen, gewachsen und ergeben gezeigt. Da Bamberger wohl wußte, daß man zehnmal leichter einem alten Feinde als einem alten Anhänger vergibt und sachliche Kritik am wenigsten verziehen wird, wenn man sie nicht aus Voreingenommenheit herleiten kann (Ges. Schr. V, 49), so fand er es ganz überflüssig, ja für seine Zwecke schädlich, die gegnerischen Ansichten zn schonen. „Denn Kampf ist Kampf, und nicht Gerechtigkeit, sondern nur galante Waffen kann man von einem guten Kampfe erwarten." Hatte er schon 1860 in einer mehr abstrakt gehaltenen, wenn auch sehr lebendig geschriebenen Auseinandersetzung (Ges. Schr. III, 252) die Frage aufgeworfen: Welcher Staat hat außer Preußen etlvas Bleibendes in Deutschland gewirkt? und war er zur Erkenntnis gekommen: „Parlamente — mit einem Worte — sind da, um Erobertes zu bewahren und zu entwickeln, aber nicht, um zu gestalten, was nie dagewesen. Sie sind ein Bollwerk, aber keine Mauerbrecher" (Ges. Schr. III, 224), so mußte er 1866 dieser Wahrheiten ganz besonders inne werden und sie gegen die süddeutsche Demokratie um so energischer und lebhafter zu verteidigen sich angetrieben fühlen. Entbehren doch auch die Klagen derselben jedes positiven politischen Gedankens, hoben einander vollkommen auf und dienten nur dazu, dem deutschen ruhcbedürftigen Philister einen gern akzeptierten Vorwand zu bieten, seine Hände in den Schoß zu legen und alles besseren Zeiten zu überlassen! Hiergegen mit allen Waffen einer unüberwindlichen Logik, eines nie sein Ziel verfehlenden überlegenen Spottes zu kämpfen, hielt Bamberger für den ihm zunächst liegenden Beruf. Aus ihm heraus sind 1866 die fünf Aufsätze entstanden, die in dem Zeitraum veröffentlicht wurden, welcher zwischen dem preußisch-österreichischen und dem preußisch-sächsischen Friedensschluß verstrich, und die in der Gesamtausgabe unter dem Titel: „Alte Parteien und neue Zustände" (Ges. Schr. III S. 296 u. f.) zusammengefaßt sind. In ihnen sagte er sich von der süddeutschen Demo- 224 kratie tos und erklärte es für die Pflicht jedes deutschen, namentlich süddeutschen Patrioten, an dem Werke der deutschen Einheit nach Kräften und Einsicht mitzuarbeiten. Nachdem erden süddeutschen Partikularsten vorgehalten, daß nach ihrem Ideale ein jeglicher Mensch sein eigener Staat sein müßte, und die Frage aufgeworfen hat: „Sagt Ihr, der Norden werde nicht sein Junkertum überwinden, so fragen wir: Hat denn bis jetzt der Süden sein Perücken-Despotentnm überwunden?", faßt er seine Auffassung der deutschen Lage dahin zusammen: „Wer da meint, es könne gelingen, in Bayern, in Württemberg und Baden einen grünen Garten der Freiheit anzulegen, während das Land nördlich voin Main unter einer Decke von Schnee und Eis erstarren werde, dein haben wir allerdings nichts zu sagen; und wer sich von der Positiven Unansführbarkeit solcher Hirngespinste Rechenschaft gibt und versichert, es sei dennoch nichts zu tun, als seinen Grundsätzen gemäß zu protestieren und zu hoffen, dem überlassen wir ohne Neid sein otiuin cunr ckiAiritats. Möge er, sich Ehrcnkrünzc flechtend, weiter singen: 'Hoffnung, du sollst uns im Leben liebend und tröstend umgeben.' Nicht jedem ist es erlaubt, sich zur reinen Priesterschaft geweiht zu halten und die Arbeit zu verschmähen, weil sie der Erniedrigung und Herabsetzung nicht entgeht." Und an dieser seiner Stimmung dem ewig räsonnierenden, nichts aber produzierenden groß-deutschen Dcmokratcntum gegenüber hat Bambergcr bis in die letzten Jahre hinein festgehalten. Ihm gegenüber ruft er nach schwersten Enttäuschungen doch: Bismark kor ever! Im November 1866 kehrte Bamberger nach Paris zurück, um seine definitive Übersiedlung nach Deutschland vorzubereiten. Noch während er dabei war, seine geschäftlichen Verbindungen mit Paris abzuwickeln, eine Aufgabe, die er, von sachlichen, naheliegenden Gründen abgesehen, schon darum für ganz unerläßlich hielt, damit ihm nicht der wohl zu erwartende Vorwurf bei seinen politischen Aktionen gemacht werden könne, er handele in Abhängigkeit von seinen Pariser 225 oder irgend anderen geschäftlichen Interessen, griff er zur Feder und schrieb für den Berliner Zentralausschuß zur Er- zielung liberaler Wahlen zum Norddeutschen Reichstage eines der von diesem ausgegebenen zwanzig Flugblätter. Es ist das im Januar 1867 in Paris verfaßte kurze, leidenschaftlich beredte Mahnwort an die zaudernden und mißmutigen Freunde: „Eine Stimme aus der Fremde" (Ges. Schr. V, 5—9). Sein Inhalt ist ersichtlich aus dem vorgesetzten Motto: „Augen haben sie und sehen nicht, Ohren haben sie und hören nicht" und der Schlußapostrophe: „Wählet freie Männer! Lasset sie geloben, sich festzuklammern an das große Gut, das ihren Händen anvertraut wird, an die Zukunft Deutschlands. Dies ist der Wendepunkt seiner Geschichte. Dies ist: Leben oder Tod." Die politische Schriftstellerei genügte seinem Tatendrangc bald nicht mehr. Im Vorsommer 1867 nahm er schon an einer Versammlung politischer Notabeln aus Süddeutschland teil, welche unter dem Vorsitze Hölders in Stuttgart tagte. Um einen festen Boden für seine politische Aktion zu haben, mußte er sich den Eintritt in eine der neugcbildeten parlamentarischen Körperschaften Deutschlands zu verschaffen suchen. Das war ihm nach seiner vollständigen Amnestierung nur in seiner engeren Heimat möglich. Von der hessischen Laudesversammlung der Liberalen, welche die Wahlkreise an die Kandidaten für das Zollparlament verteilte, wurde er auf einen der gefährdetsten Posten gestellt. Er sollte den Wahlkreis seiner Vaterstadt Mainz den vereinten Schildknappen des Ministers von Dalwigk und des Bischofs von Ketteler von Mainz, des Führers der deutschen Ultramontanen — welche sich jetzt mit der radikalen Demokratie geeinigt und einen ihrer Mainzer Führer, den Rechtsanwalt Dumont, auf ihren Schild gehoben hatten — entreißen. Viel lieber hätte er im Wahlkreise Alzey-Bingen kandidiert, wo seine Wahl gesichert war. Da man aber behauptete, er allein könne Mainz der nationalen Partei sichern, stürzte er sich im Januar 1868 in einen der lebhaftesten Hartwig. Aus dem Leben. 13 226 Wahlkämpfe, die damals in Deutschland ausgesuchten worden sind. Die Regierungsmaschinerie, der Beichtstuhl und die Phraseologie leidenschaftlicher Demokraten arbeiteten vereint gegen ihn an. Aber sie unterlagen doch der ungewöhnlichen Energie ihres Gegners, der an einem Tage an verschiedenen Orten zwei, ja dreimal sprach, und den großartigen Anstrengungen von dessen politischen Freunden. Die gehobene Politische Stimmung, die in dieser Zeit noch in Deutschland herrschte, riß die Massen mit fort und Bamberger schlug seine Gegner, wenn auch nur mit der knappen Majorität von 34 Stimmen. Damit war er an „einem sehnlichst erstrebten Ziele", an „einem Wendepunkte seines Lebens", angekommen. Er war zum ersten Male Mitglied einer großen deutschen parlamentarischen Körperschaft geworden. Es ist sehr erwünscht, daß Bamberger die Kandidatenrede, in der er sich am 27. Februar in einer großen Volksversammlung um die Stimmen der Mainzer Bürgerschaft bewarb, nach einer stenographischen Aufzeichnung in seine gesammelten Werke aufgenommen hat. Denn diese Rede ist ein Muster volkstümlicher Beredsamkeit und doch ganz individuell gehalten. Sie geht den gegnerischen Parteien scharf zu Leibe, ist aber ungleich ruhiger und weniger verletzend als manche schriftliche Äußerungen aus jener Zeit. Er glaubte damals noch an die werbende Kraft des gesprochenen Wortes Unentschiedeuheiten und Gegnern gegenüber und hat sich in diesem Falle auch sicher nicht geirrt. Darum berührt er auch die rein persönliche Seite seiner Bewerbung, namentlich da man ihm vorgeworfen hatte, er bemühe sich nur aus Ehrgeiz um einen Parlamentssitz. Mit aller Offenheit antwortet er hierauf: „Wer, der einmal ernstlich in seine Brust greift, kann sagen: ich bin frei von Ehrgeiz? — Wer vor seinem Volke an wichtigen Angelegenheiten der Nation teil zu nehmen wünscht und dabei glaubt, er sei frei von Ehrgeiz, der irrt an sich selbst. Und ich glaube, daß es erlaubt ist, nach der Ehre zu dürsten, einer guten Sache mit Erfolg dienen zu 227 können; und der Ehrgeiz, aus dem Vertrauen seiner Mitbürger Vertrauen in sich selbst und dadurch Sporn und Spannkraft zu nützlicher Tätigkeit zu gewinnen — diesen Ehrgeiz, ich besitze ihn! und ich will hinzusetzen, daß ich deswegen nicht mich eitler Selbstüberschätzung hingebe" (Ges. Schr. IV, 55). Eine solche Sprache verstand man zu jener Zeit noch. Denn in weiterenKreisen als heutzutage lebte damals das heiße Verlangen, seinen: Vaterlande ohne äußere Persönliche Interessen zu dienen und mit dabei zu sein, wenn über seine Geschicke verhandelt werde. Und weil dieser patriotische Sinn in der Menge noch vorhanden war, traute man ihn auch noch den Männern zu, die sich als Volksvertreter anboten. Erst nachdem die Politik der materiellen Interessen in den Vordergrund des öffentlichen Lebens gehoben wurde, hat das Volk auch den Glauben an die Jnteresscnlosigkeit seiner Vertreter verloren; und damit ist dann unter der stillen und offenen Nachhilfe absolutistischer Staatsmänner das Ansehen des Parlamentarismus untergraben worden. Auch Bamberger hat hierunter zu leiden gehabt. Man kann es beklagen, daß für einen Politiker von der positiven Leistungsfähigkeit Bambergers kein Raum in der Bcamtenhicrarchie des deutschen Reiches vorhanden war. Sicher ist aber, daß dieser das Mißverhältnis nicht aus persönlichen Gründen so beklagt hat, wie er es als eine Unvollkommenheit unserer Politischen und sozialen Zustünde ansehen mußte. Ihm kam es vor allem seiner ganzen Natur nach auf die Wahrung seiner individuellen Freiheit und der allein durch sie zu ermöglichenden Einwirkung auf das öffentliche. Leben in seinem Sinne an, nicht auf äußere Ehren und eine Stellung in der Bureaukratie. Es ist daher ganz töricht, wenn man gesagt hat, seine scharfe Opposition gegen Bismarcks innere wie äußere Politik vom Jahre 1878 an stamme daher, daß er seinen Ehrgeiz nicht befriedigt erhalten habe. Diese Insinuation heißt noch mehr den Verstand als den Charakter Bambergers beleidigen. Als ob der kluge, der Personen und Verhältnisse 16 * 228 so kundige Mann hätte glauben können, er, der zum Tode verurteilte Teilnehmer an dem badisch-pfälzischen Aufstande, der über König Friedrich Wilhelm III. in härtester und spöttischster Weise sich öffentlich ausgesprochen und 1871 eine Schrift mit den Worten abgeschlossen hatte: „In Paris sitzt die Romantik katholischen Geblüts, in Versailles, d. h. im deutschen Hauptquartier, der Radikalismus eines Emporkömmlings. Paris ist die Bastille, die gestürmt wird, Favre und Gambetta die Legitimität, Wilhelm und Bismarck die Revolution. Das klingt paradox, ist aber doch so"—'), als ob dieser Mann, der noch dazu dem mosaischen Bekenntnisse durch seine Geburt angehörte, je hätte glauben können, es zu einer äußerlich hervorragenden Stellung im deutschen oder preußischen Staatsdienste zu bringen! Ferner hatte er Bismarcks Art, die Menschen zu benutzen und wegzuwerfen, früh genug erkannt und wußte nur zu wohl, daß der Reichskanzler in Personeu- fragen mit Nichten alles bei dem Kaiser Wilhelm durchsetzen konnte. Nach dieser Richtung hin lag sicher Bambergers Ehrgeiz nicht. Und wenn man cntgegcnhält, daß noch klügere Leute als er sich in der Beurteilung ihrer persönlichen Stellung geirrt und über naheliegende Hindernisse hinweggesehen hätten, so darf man das dem kühlen, kritischen und ganz unabhängigen Manne, den der Machtbcsitz nie schwindlig gemacht hatte, nicht zutrauen. Richtig ist, daß er stets viel lieber den Staatswagen mit der Regierung den Berg in positiver Mitarbeit hätte hinaufziehen helfen, als bei der Talfahrt als Hemmschuh zu dienen und sich zerreiben zu lassen. Aber er wollte lieber sich und den Interessen des Reiches, wie er sie verstand, treu bleiben, als mit dem Strome schwimmen. Er wußte sich hierbei mit anderen zu trösten, denen es nicht besser als ihm ergangen ist. Nur auf seine soziale Stellung in den besten, wenn auch nicht offiziellen Kreisen Berlins legte er in den späteren Jahren noch Wert. Und 1) Zur Naturgeschichte des französischen Krieges. S. 94. 229 auf sie konnte er eben so stolz sein wie auf sein Ansehen ün Reichstage. Er galt als einer der am aufmerksamsten gehörten Redner des Hauses. Sprach er auch zu verschiedenen Ver- handlungsgegcnständen stets eingehend und sachkundig, so beanspruchte er doch für sich ausdrücklich nur in zwei allerdings wichtigen Fragen vollkommene Compctenz: in den Währnngs- nnd Bankfragen. Diese hatte er theoretisch wie praktisch studiert, und im Parlamente wenigstens hatte er keinen Rivalen, der ihm in ihnen gewachsen gewesen wäre. Wäre man bei ihnen, namentlich in den späteren Jahren, seinem Urteil gefolgt, so wären dem Reiche manche schwere pekuniäre Verluste und dem Reichstage viele vergeudete Stunden erspart geblieben. Ist er es doch auch gewesen, der die traurigen Folgen der so plötzlichen Überleitung der französischen Milliarden in den deutschen Bolkskörper, der eine solche Zufuhr uicht werde ohne Erkrankung aufnehmen und solid verarbeiten können, ganz bestimmt vorhergesehcn und davor rechtzeitig gewarnt hat! — Ehe wir nun auf die politische Tätigkeit, die Bamberger iu den nächsten Jahren im Interesse des Reiches entfaltete, und auf die einzelnen parlamentarischen Aktionen eingehen, mögen die literarischen Arbeiten, die in den ersten Jahren nach der Rückkehr in die Heimat entstanden, zusammengefaßt werden. Denn aus ihnen sind die Voraussetzungen seines Wirkens am besten zu erkennen. Über die politische, namentlich die parlamentarische Situation in den Jahren 1868—70 geben die 161) „vertraulichen Briefe aus dem Zollparlamente", die Bamberger formell an seine Wähler richtete, aber in verschiedenen Zeitungen veröffentlichte, erwünschte Auskunft. Der an Arbeit von jeher gewöhnte, lebhafte, durch die neuen Aufgaben stark angeregte Mann wollte auch außerhalb des Parlamentes auf die gesamte Volksstimmung einwirken. Und da seine Feder, wie 1) Die ersten 15 stehen in Band IV der Gesammelten Schriften, der sechzehnte ist Band I S. 444 nachgeholt. 230 cs in der Vorrede zu der Arnold Rüge gewidmeten Sammlung dieser ungezwungenen Berichte heißt, „nun einmal leider nicht aus dem Holze geschnitzt ist, auf welchem die wohlbeleibten Bände wachsen", so ließ er sie „für die ihn besitzende Gegenwart" laufen. Dadurch verdanken wir ihm lebhafte Bilder aus diesen drei Vorbereitungsjahren der Gründung des deutschen Reiches, in denen das Zollparlament sich zum Vollparlament auswachsen sollte. Gleichzeitig erfahren wir aus ihnen, welchen Eindruck die deutschen Angelegenheiten auf Bamberger machten, als er sie nun aus nächster Nähe beobachten konnte. Die süddeutschen Partikularisten schwarzer und roter Färbung waren durch das Jahr 1866 keineswegs eines Besseren belehrt, ja hier und da noch trotziger geworden. Ihnen gilt daher zunächst der ganze Zorn des Bricfschreibers. Kaum ist wohl auch diese aus Jesuiten und Demagogen zusammengesetzte Gesellschaft mit ihrer Antipathie gegen jeden lebenskräftigen Staat, der sich von ihrem persönlichen Getriebe nicht befriedigen und beherrschen läßt, besser gezeichnet und vor der Welt gegeißelt worden, als in dem ersten Brief (Ges. Sehr. IV, 181) geschehen ist. Man verzichtet heutigen Tages doppelt ungern darauf, die schlagenden Ausführungen auszuhebern Aber auch vieles fand er an dem Preußischen Staatsorganismus, seiner gegenwärtigen Regierung und der Art, wie man das Parlament behandele, zu tadeln. Dem Frci- geiste, der „die Freiheit als die Tochter der Philosophie ansah", und der sich für Friedrich II. erwärmte, erschien „das pfäffische Luthertum als das schlimmste Gift im Blute des preußischen Staates". Die Macht, die es in den obersten Regionen ausübe, galt ihm als eine für jede gesunde Weiterentwicklung höchst gefährliche. Sprach er sich ferner entrüstet über „den Götzendienst aus, der jetzt wieder mit dem Kriege getrieben werde", so war er jedoch keineswegs ein Gegner des preußischen Soldatentums. Wie alles in seiner Weise Tüchtige wußte er auch dieses zu schätzen, und daß es nn- 231 entbehrlich sei, hatte er den mit dein Pfeil und Bogen kokettierenden süddeutschen Brüdcrn oft genug sagen müssen. Auch den echten preußischen Junker, „diese Mischung von stuartischem Kavalier, von preußischem Leutnant, von deutschem Feudalherrn, von spanischem Don Quixote"^, wollte er doch von dem französischen Hobereau geschieden wissen. Das mußte er schon Bismarcks wegen tun, der doch aus ihm hervorgegangen und damals wahrlich kein „Krautjunker" war. Doch fand er, daß der süddeutsche Adel im allgemeinen „eine viel wärmere Temperatur besitze, die ihn viel menschlicher mache als den des deutschen Nordens und namentlich Preußens", lind doch hatte eben ein Mitglied von diesem es ihm angetan wie kein anderer Mensch. Denn man darf wohl sagen, daß kaum ein anderes Problem den beweglichen und scharfen, billig denkenden und feinfühligen Geist Bambergers so lange und so tief beschäftigt hat, als das, den Gründer des deutschen Reiches richtig zu erfassen und ihm gerecht zu werden. Als er seine politische Schriststellerei wieder aufgenommen hatte, trieb es ihn zunächst an, den Franzosen das Verständnis für den Mann, der das neue deutsche Reich schaffen sollte, und damit zugleich ein Verständnis für die nationale Einheitsbewegung der deutschen Nation zu ermöglichen. Aus Deutschland im Spätherbst 1867 nach Frankreich zurückgekehrt, schrieb er in dem Seebade Trouville seinen Essay: Nonsienr cke Lisinarcir, „ein Buch, auf das ich stolz bin", wie der Geschilderte in der Reichstagssitzung vom 14. Juni 1882 selbst sagte^). In der Revue moderne im Februar 1868 zuerst erschienen, wurde im Juni des Jahres eine Separatausgabe von ihm veranstaltet, die dann im 3. Bande der „Gesammelten Schriften" wieder abgedruckt ist. Eine deutsche Übersetzung, welche Bamberger durch eine inhaltsvolle Einleitung, „Deutschland, Frankreich und die Revolution" und durch einen Nach- 1) Herr von Bismarck, S. 8. 2) Bismarcks politische Reden Band ö S. 41S. 232 trag vermehrte, erschien in Breslau im Herbste desselben Jahres i). Eine englische Übersetzung, die Charles Lee Lewes besorgte, erst im folgenden. Das Werkchcn beruht nur auf dem Eindrucke, den die Taten und Reden Bismarcks auf seinen Autor gemacht hatten. Mündliche Mitteilungen von Eingeweihten waren freilich hinzugekommen. Nichtsdestoweniger ist die „wunderbare Richtigkeit" der Zeichnung schon hier frappant. War Bismarck für Bamberger, schon ehe er ihn gesehen hatte, „ein höchst interessanter Mensch" geworden, was nachgerade, wie er etwas spöttisch hinzusetzt (1867), auch seine Gegner einräumen würden, so wurde er für ihn, nachdem er ihn an der Arbeit gesehen und mit ihm zeitweise intim verkehrt hatte, ein noch viel wichtigeres Objekt seines intensivsten Nachsinnens. Und das schon aus dem einfachen Grunde, weil er sein eigenes politisches Verhalten auf einer möglichst vollkommenen Erkenntnis der Natur dieses Mannes aufbauen mußte. Das stille Vergnügen des nachschaffenden schriftstellerischen Künstlers hat dann noch dazu beigetragen, ihn immer wieder zu neuem Eindringen in die äußerst komplexe Natur des großen Mannes anzuregen. Ihn reizte dabei noch die schon früh gemachte Beobachtung, daß auch Bismarck sich nicht dem Naturgesetze entziehen konnte, „welches den auffallendsten Widersprüchen gestattete, sich in ein und demselben Individuum zusammenzufinden". So hat er denn auch, nachdem ihm selbst der Tod schon leise gewinkt hatte, noch seine letzte schriftstellerische Arbeit der Charakteristik seines größten Zeitgenossen nach dessen Tode gewidmet. Gewiß, es lassen sich Schwankungen in dem Urteile Bambergers über Bismarck nachweisen. Bei keinem Menschen bewegt sich das Urteil über einen Zeitgenossen, mit dem man ein Meuschenalter lang zu leben und viel zu streiten gehabt hat, in einer Richtung und auf derselben Höhe der Stimmung. Und wie wäre das einem t) Wegen dieser Zutaten zitiere ich nach dieser Ausgabe. 233 Kämpfer gegenüber möglich gewesen, „der sich sehr klar bewußt war, daß er einem politischen Gegner gegenüber nicht gerecht sein darf, solange er mit ihm streitet" (Ges. Schr. V, 47), und der in der Wahl seiner Waffen nicht ängstlich war. Doch sind diese Schwankungen keineswegs schr tiefgehende gewesen. Sie liegen in der ersten Schrift schon angedeutet vor. Aber niemals ist Bamberger von seiner Bewunderung der Großtaten Bismarcks zurückgekommen. Bedenkt man, daß er 1890 nach der Entlassung Bismarcks gegen dessen Verkleinercr schreiben mochte: „Preußen hätte drei Moltkes und dreimal so große Heere haben können: ohne den Kopf Bismarcks wäre die Tat (die Gründung des Reiches) nie vollbracht worden", und nimmt hinzu, was er nach dem Tode „des geistbegnadigten Mannes" in seinem „Bismarck posthumns" (z. B. S. 56) ausgeführt hat, so wird man ihn wahrlich nicht in die Klasse der Thersites verweisen dürfen. Aber die deutsche Liebe ist heiß und leidenschaftlich, und die naive Unwissenheit in politischen Dingen bei uns noch schr groß. Dazu kam das Verlangen in den weiten Kreisen des deutschen Philisteriums, einen Unfehlbaren zu haben, dessen Führung man sich zur eigenen Bequemlichkeit ruhig überlassen könne. Es wurde daher bald jeder, der irgend eine nach den bisher geltenden sittlichen Anschauungen noch so begründete Ausstellung an dem „gewaltigen Erdensohne" zu machen hatte, des Verrates an der Nation geziehen und dessen Einsprache auf die kleinlichsten Motive zurückgeführt. Sicher, wenigstens was Bamberger betrifft, mit vollem Unrecht. Denn in diesem Punkte hat es vielleicht kaum zwei entgegengesetztere Naturen gegeben als Bismarck und Bamberger. Wird man von dem einen sagen dürfen, daß es schwerlich einen größeren Hasser als ihn gegeben habe, so wird man dein anderen glauben können, daß er bei allem Eifer, aller Zähigkeit und Geschicklichkcit, seine Überzeugungen zu verteidigen und die schwachen Seiten seiner Gegner zu erkennen und anzugreifen, doch vom persönlichen Hasse weit 234 entfernt war. Mit vollkommener Wahrhaftigkeit hat er in seiner Selbstbiographie (S. 125) hierüber gesagt: „So heftig auch noch in spätere Jahre hinein das Feuer der Polemik in Rede und Schrift auflodern konnte, einen persönlichen Haß, dessen Ingrimm bei der Niederlage oder dessen Wonne beim Sieg über den Feind ausbrach, habe ich nie an mir erprobt. Ich hatte mich von lange her auf dem Wege des Nachdenkens zu sehr darauf dressiert, in dem Individuum keine cuusu srii zu erblicken, und diese Gewohnheit schadete mir nicht selten, weil sie mich hinderte, mich wahrhaft zu erbosen." Deshalb war er auch darin sehr behutsam, seinen Gegnern rein persönliche Motive unterzuschieben. Als einmal in meiner Gegenwart im kleinen Kreise die Frage aufgeworfen wurde, ob nicht gewisse Führer der deutschen Silberleute von den Besitzern der großen amerikanischen Silberminen bezahlt würden, verneinte er das mit dem Bemerken: „Ich bin sehr vorsichtig mit solchen Beschuldigungen, seitdem man mir nachgesagt hat, ich sei an Nickelbergwerken beteiligt, weil ich für die Einführung des Nickels in unser Münzsystem gewirkt habe." Er empfand in allen diesen Beziehungen ganz anders als die leichtfertigen Erfinder derartiger Unterstellungen, die Bücher, Busch und Konsorten. Und nur selten erboste er sich über Verläumdungen in dem Maße, daß er von der „rheinischen Ooacu irmxiirm" derselben reden konnte. Dieser philosophische Gleichmut — eine Frucht seiner spinozistischen Studien — mit dem er den Gang der Welthandel betrachtete und seine persönliche Stellung zu ihnen nahm, verhinderte ihn aber nicht im geringsten, tätig und rührig in sie einzugreifen. Nichts war ihm verhaßter als quietistische Ruhe und Weltflucht. Er war und blieb ein Optimist, aber keiner, der da meinte, die Dinge würden sich von selbst machen, mau dürfe sie nur laufen lassen. Wäre das Unheil auch nicht ganz zu verhindern, das war seine Maxime, so müsse man ihm doch immerhin so viele Gräben als möglich verschließen, daß es sich nicht allzuweit verbreite. War auch das nicht mehr 235 möglich, sv dachte er wohl mit Machiavelli, den er so eifrig studiert hatte: Wenn Unheil naht, Wohl naht's zu jeder Stunde, Schling es hinab wie bittere Arzenei: Ein Tor ist's, der sie kostet mit dem Munde. Und wenn er am Ende seiner Tage auf die Entwicklung des deutschen Reiches in seinen ersten drei Jahrzehnten zurückblickte, durfte er dann nicht trotz so vielem, das ihm um des Vaterlandes willen nicht gefiel, doch mit einigem Selbstgefühl sagen, daß er das Kommen davon bestimmt, wenn auch nicht in so schreckhafter Ausdehnung, vorhergesagt habe? Im Jahre 1868 (Herr von Bismarck S. 127) hatte er in scherzhaft-warnendem Tone geschrieben: „Aber gesetzt, der sieg- beladene Gebieter dächte in der parlamentarischen Verfassung auch nur seine Magd geheiratet zu haben, welche ihm zu Hause bescheiden im Kleinen dienen sollte, damit er draußen im Großen erobere, so sollte er nicht vergessen, daß selbst wer seine Magd znm Weibe nimmt ihr von Rechts- und Naturwegen um seiner selbst willen ebenbürtigkeitsgemäße Achtung gelobt, und daß die gemeinsame Nachkommenschaft nur verwildern und verwahrlost werden kann, wenn die Mutter im Hause nicht geehrt wird." Und als nun der Schöpfer des deutschen Reiches am Ende seiner politischen Laufbahn sich auf immer von dem deutschen Reichstage trennen mußte, in dem „die Reichsfeinde", das Zentrum, schon seit Jahren „Trumpf" geworden waren, die Sozialdemokraten in hellen Haufen saßen und das Nesthäkchen des alten Kanzlers, die agrarische Demagogie, mit allen Untugenden eines verzogenen Kindes sich breit machte, als der deutsche Reichstag an jenem Märztage 1890 lautlos und still die Abdankung seines Urhebers einfach zur Kenntnis nahm, und dieser tief grollend nach dem Sachsenwalde abfuhr, durfte sich da nicht Bam- berger fragen: Ist diese unter deiner Pflege erwachsene Nachkommenschaft in der Tat nicht verwildert und verwahrlost? 236 und zur Überzeugung gelangen, daß auch für Bismarck, nach mehr als für ihn, die Dinge ganz anders gekommen seien, als er sie sich je gedacht habe? Aber nur mit kümmerlicher Genugtuung hat ihn das erfüllt, namentlich da er die Schuld vor allem weniger in der Hybris des einen, „als in der mangelhaften politischen Veranlagung des deutschen Bürgertums" erkannte (Bismarck Posthumus S. 63). In der Hoffnung auf dieses hatte er sich allerdings in der Zeit stark getäuscht, als ihm Bismarck im Jahre 1868 im Zollparlament zu seinem ersten parlamentarischen Siege verhalf. IV. Bambergcr war der in: November 1866 von seinen Freunden von Unruh usw. gegründeten nationalliberalen Fraktion beigetreten. Bald gehörte er zu deren einflußreichsten Mitgliedern. Zwei Fragen besonders zu betreiben, lag ihn: sofort nahe. Der Wahlkreis, in dem seine Wiege gestanden hatte, gehörte zu dem Großherzogtum Hessen dessen politische Lage durch die Ereignisse von 1866 wie keine andere eines deutschen Staates zu einer monströsen geworden war. Halb zum norddeutschen Bund gehörig, halb außer ihm liegend, durch eine Militärkonvention ganz an Preußen gekettet und durch das Zollparlament mit dem übrigen Deutschland verbunden, war es gänzlich zerrissen. Nichtsdestoweniger behauptete sich in ihm unter dem Minister von Dalwigk ein Regiment, das zu den antinationalsten von ganz Deutschland gehörte. Das war für den Unitarier Bambergcr Grund genug, immer von neuem auf die Unhaltbarkeit dieser Zustände hinzuweisen. Konflikte zwischen der Gesetzgebung des Groß- herzogtums und der des Zollvereins blieben nicht aus. Mit Bezug auf einen solchen stellte Bambergcr am 18. Mai 1868 im Zollparlamente den Antrag, den Bundesrat des Zollvereins zu ersuchen, den Beschwerden abzuhelfen, zu denen die Herabsetzung der Weinzölle durch das Zollparlament gegen- über dem im Grvßherzogtum bestehenden Systeme der indirekten Steuern geführt habe. Da der württembergischc ultramon- tanc Demokrat Probst in diesem Antrage eine Beeinträchtigung der süddeutschen Souveränität entdeckte und mit der Lawine drohte, die an den Bergen über Dentschkand hänge, führte das zu einer der bewegtesten und stolzesten Kundgebungen, welche die Geschichte des deutschen Parlamentarismus zu verzeichnen hat. Bisinarck rief dem Schwaben entgegen: „Der Appell an die Furcht hat in deutschen Herzen niemals Wirkung", und der gefeiertste Redner Süddentschlands, Volk, verkündete: „Jetzt ist Frühling geworden in Deutschland". Bam- bergers Antrag drang darauf leicht durch. Aber nicht nur mit den Angelegenheiten seiner engeren Heimat beschäftigte sich der Abgeordnete von Mainz im Zoll- parlamente. Sein Sinn war auf Höheres gerichtet. Er warf sich auf die Frage, mit der dann später sein Name für immer verbunden bleiben sollte, auf die deutsche Münzreform. Diese war schon von dein deutschen .Handelstage auf Betreiben Dr. Ad. Soetbecrs hin angeregt worden, und eine auf sie bezügliche Petition lag dem Zollparlamente 1869 vor. Eine kleine Fraktion süddeutscher nationalgesinnter Abgeordneter nahm sich ihrer besonders warm an und trat für die Herstellung der Münzeinheit auf Grund des Dezimalsystems und für die Anbahnung der Goldwährung, womöglich nach Verständigung mit den übrigen Nationen über sie, ein. Allein es fehlte die Zeit, diese schwerwiegende Petition in einer ihrer würdigen Weise zu behandeln. Da der Schluß des Parlaments auf den 22. Juni festgesetzt war, so beschränkte sich Bamberger darauf, an diesem Tage mit wenigen Worten die Petition zu empfehlen und eine Fürsprache für die Jnbetracht- nahme der Goldwährung einzulegen. Seine Worte fielen auf so guten Boden, daß die verbündeten Regierungen aufgefordert wurden, „sich endlich einmal mit einer deutschen Münzreform ernstlich zu befassen" (Ges. Sehr. IV, 177). Dazu waren sie auch gern bereit. Hatten sie doch schon durch Beschluß vom 238 3. Juni 1869 für den Herbst 1870 eine umfassende Enquete über die Münzfrage angeordnet. Der große Krieg verhinderte zwar die Ausführung dieses Beschlusses, erleichterte dann aber die Durchführung der Sache bedeutend. Nachdem im Mai 1870 die dritte Tagung des deutschen Zollparlaments geschlossen war, begab sich Bamberger im Juni nach Paris, um alte Angelegenheiten zu ordnen (Ges. Sehr. I, 418). Schon Anfang Juli war es ihm nicht mehr zweifelhaft, daß der Krieg gegen Deutschland in den entscheidenden Kreisen Frankreichs eine beschlossene Sache sei. Da die deutschen Zeitungen die spanische Affaire nicht ernst genug nahmen und Bamberger unmöglich über sie telegraphieren konnte, schrieb er an einen Freund, den Geh. Justizrat Bulling — einen seiner zwei Göttinger Stnbengenossen —, der in Oberstein, der französischen Grenze benachbart, wohnte, damit er sofort über die Gefahren der Lage an den Bankier Adalbert Delbrück, den Vetter des Präsidenten des Bundeskanzleramtes, nach Berlin telegraphiere. Das ist auch geschehen. Auch noch auf anderem Wege verbreitete Bamberger die Kunde von dem drohenden Ausbruchc des Krieges. Um ihm zu entgehen, eilte er selbst rasch nach Deutschland zurück und begab sich nach Mainz. Hier wirkte er zunächst nur im patriotischen Sinne in der Tagespressc und verkündete den Wegfall der Mainlinie innerhalb Deutschlands: „Die Lokomotive am Main hat Kohlen und Wasser gefaßt; Napoleon hat gepfiffen, wir fahren zu, und glückliche Reise, Kronprinz von Preußen!" Am 2. August kam dann König Wilhelm mit seinem Hauptquartiere und dem Bundeskanzler in Mainz an. Sofort setzte sich Bamberger mit diesem in Verbindung und hatte wiederholt vertrauliche Besprechungen mit ihm. Am 7. August stellte Bismarck ihm dann den Antrag, mit dem Hauptquartiere in Frankreich einzuziehen; er sollte dessen Verbindung mit der Presse unterhalten. Trotz schwerer Bedenken nahm Bamberger an und fuhr in einem Eisenbahncoupe mit dem Kanzler von Mainz ab. Die Motive, welche ihn bestimmten, 239 jetzt feindlich gegen Frankreich aufzutreten, hat er uns selbst entwickelt (Ges. Schr. I, 424). Diese Aufzeichnungen enthalten überhaupt wertvolle Beiträge zur intimen Geschichte dieser Tage und legen uns die damaligen politischen Ansichten des Kanzlers dar. Vom 14. bis 20. August befand sich das Hauptquartier in Pont ü Mousson. Von dort wurde Bambergcr mit dem zum Präfekten von Nancy designierten Grafen Renard dorthin gesendet und dann nach Hagenau beordert, um eine offizielle Zeitung für das Elsaß einzurichten. Nachdem dieses besorgt war, ging Bamberger nach Baden-Baden und dann nach Heidelberg. Unter den Bureaukraten in Hagenau behagte es ihm nicht. Er stand dort auch den großen Welthändeln zu fern, während er von Heidelberg aus mit seinen nächsten Parteigenossen und Freunden, die damals Süddeutschland bereisten, um den Anschluß desselben an Norddeutschland und die Gründung des deutschen Kaiserreiches vorzubereiten, einen lebhaften Briefwechsel unterhielt. Um auf diese auf eigene Faust politisch tätigen Volksvertreter Einfluß zu gewinnen und nicht etwa einander entgegenwirkende politische Aktionen aufkommen zu lassen, berief Bismarck Bamberger am 27. Oktober zu sich nach Versailles. M. Busch hatte diese Aufforderung als eine Erwiderung auf einen Brief Bambergers schreiben müssen, der u. a. die Verhaftung Dr. Jakobys mißbilligt und den Kanzler aufgefordert hatte, seinen entscheidenden Einfluß wenigstens auf Herstellung eines einheitlichen Bundesstaates geltend zu machen. Über die Verfassungsfrage und die gesamte politische Situation unterhielt sich dann auch Bismarck sehr eingehend wiederholt mit Bamberger. Der politische Idealismus Laskers, der alle tatsächlichen Schwierigkeiten überflog und doch wieder auf der anderen Seite dem Partikularismus zuviel konzedierte, war Bismarck besonders verhaßt. Um ihn und die übrigen Führer der nationalen Partei im Reichstage, die gegen die abgeschlossenen Verträge zu stimmen willens gewesen waren, hiervon abzuhalten, sendete Bismarck dann anfangs Dezember Bamberger hinter dem 240 Freiherr» von Roggenbach her nach Berlin. Als Bambergcr am 7. Dezember dort ankam, fand er schon alle Gefahren zerstreut und ging dann nach Mainz und von da zu Weihnachten zu seiner Frau nach Lausanne, wo sich ihm eine Gelegenheit aufdrängte, sich in die angebahnten Friedensverhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich einzumischen. Der Versuch verlief aber resultatlos im Sande. Für den 3. März 1871 waren die Neuwahlen zu dem deutschen Reichstage, in dein sich nun die Vertretungen des Norddeutschen Bruches und des Zollparlamcnts auf Grund der neuen Reichsvcrfassnng zusammenfanden, ausgeschrieben. Dank der gehobenen patriotischen Stimmung wurde es jetzt nicht so schwer, die Wahl Bambergers in Mainz durchzusetzen, als drei Jahre zuvor. Der Gewählte begab sich nach Berlin in der Absicht, nun dort an den: Mittelpunkte der deutschen Politik seinen Wohnsitz dauernd aufzuschlagen. In der stillen Margarethenstraße Nr. 18 mietete er sich in einem freundlichen zweistöckigen Hause ein, das er später erwarb und bis zu seinem Tode bewohnt hat. Nachdem er sich im Sommer 1875 in Jnterlakcn eine kleine, durch schöne und dichte Koniferen von dem Fremdentrubel abgesperrte Villa gekauft hatte (Ges. Sehr. I, 452), pflegte er in ihr die Sommerzeit, in der die Staatsmänner und Parlamentarier „umgekehrt zum Dachs und ähnlichen Geschöpfen ihren periodischen Schlaf abhalten" (Ges. Schr. IV, 264), zu verbringen. Er hat sich dort unter seinen neuen Mitbürgern gute Freunde zu verschaffen gewußt und dem Gemeinwesen so gute Dienste erwiesen, daß die Jnterlakener ihn gern zu ihrem Ehrenbürger gemacht hätten. Das scheiterte jedoch daran, daß der deutsche Rcichsbürger kein schweizerisches Jndigenat erwerben, also auch nicht Ehrenbürger von Jnterlakcn werden konnte. — In der ersten Session des deutschen Reichstages (4. März bis 15. Juni 1871) trat Bambcrger parlamentarisch nicht besonders hervor. So wichtig ihre Verhandlungen an sich waren, so konnten sie den an sie geknüpften Erwartungen 241 nicht entsprechen. Litten sie doch natürlich unter der Nachwirkung „der alles Maßes spottenden Ereignisse" des Vorjahres erheblich. Um ihnen gegenüber den rechten Maßstab finden zu lassen, schrieb daher Bamberger in Holtzendorffs „Jahrbuch für die Gesetzgebung des deutschen Reichs" 1871 eine Art räsonnierenden Bericht über sie, der weit entfernt von der Lebhaftigkeit der „Vertraulichen Briefe aus dem Zollparlamente", fast geschäftsmäßig belehrenden Inhalts ist und die Beschlüsse des Reichstags von dem Standpunkte der Majorität aus beleuchtet. Bedeutender als iu der ersten Reichstagssession war die Tätigkeit und das persönliche Eingreifen in die parlamentarischen Verhandlungen von feiten Bambergers in der zweiten, die vom 16. Oktober bis zum 1. Dezember dauerte. Kam doch in ihr eine Frage zur Entscheidung, in der im Parlament kein anderer so kompetent war als eben er. Am 7. November erfolgte die Vorlage des Münzgesetzes für das deutsche Reich. Am 17. und 18. November war die zweite und am 23. die dritte Lesung. Es ist hier gewiß nicht der Ort, die Tätigkeit zu schildern, welche Bamberger für die Durchdringung und Ausgestaltung des neuen Münzgesetzes im Reichstage entfaltete, und auch nicht nötig, die zahlreichen Aufsätze, Reden und Journalartikel, in denen er für dasselbe gegen die Angriffe, namentlich von feiten der Feinde der Goldwährung, bis an sein Lebensende durchaus sieg- und erfolgreich eintrat, im einzelnen aufzuzählen. Es würde das hier einen zu großen Raum beanspruchen und ist zur Zeit auch um so weniger notwendig, als wir in dem vortrefflichen, alles Nötige aktenmäßig belegenden Buche von K. Helfferich, Geschichte der deutschen Geldreform, schon hierüber unterrichtet siudZ. 1) Seitdem dieses geschrieben ist, hat Helfferich sich um das Andenken B.'s dadurch verdient gemacht, daß er eine Sammlung von dessen parlamentarischen Reden über Währung und Bankwesen mit einer großen Einleitung: „Bamberger als Währungspolitiker" herauszugeben begonnen hat. Hartwig, Aus dem Leben. 16 242 Nur das Schlußurteil dieses Autors, iu dem er die Verdienste Bambergers zusammenfaßt und darauf mit denen eines anderen ausgezeichneten Münzpolitikers, des Dr. Soct- bcer, vergleicht (S. 175), mag hier eine Stelle finden: „Im Reichstage hatte die Goldwährung an Ludwig Bambcrger einen energischen, sachkundigen und gewandten Vertreter, dessen Autorität auch von seinen Gegnern — wenigstens damals noch — völlig anerkannt wurde. Seine führende Stellung in der stärksten Partei des damaligen Reichstages, seine Beredsamkeit und schließlich auch das Ansehen, welches er bei den leitenden Männern der Reichsregierung, insbesondere bei Delbrück und bei Bismarck selbst genoß, sicherten ihm einen großen Einfluß auf die Münzgrsetzgebung." Konnte Bamberger mit dem Erfolge auf diesem Gebiete seiner Tätigkeit durchaus zufrieden sein, so nicht weniger auf einem anderen, das hiermit aufs engste verknüpft war. Um die Münzfrage, über welche keine allzu große Meinungsverschiedenheit damals, weder bei den Regierungen noch innerhalb des Reichstages, bestand, vorwärts zu bringen, hatte man die Reform des Papiergeldes und der Notenbanken zurückstellen müssen. Nachdem aber jene gelöst war, galt es, auch diese unter Dach zu bringen. Und hierbei hat auch wieder Bambcrger die größten Dienste im Interesse der Sache und der Verwirklichung der Reichseinheit geleistet. Der preußische partikularistische Fiuanzminister Camphausen wollte nichts von einer Reichsbank, welche das zentrale Geldinstitut Deutschlands bilden sollte, wissen, sondern strebte eine Erweiterung der Preußischen Bank an. Als aber nach Erledigung der Pnpiergeldfrage im Mai 1874 ein hierauf gerichteter Gesetzentwurf nach langen Beratungen, deren Gcheimgeschichte uns Bamberger in seinen beiden Aufsätzen: „Zur Embryologie usw." und „Zur Geburt des Bankgesetzes" erzählt hat (Ges. Schr. IV, 251 u. f. und 277 u. f.), dein Reichstage endlich zuging, und im November 1874 zur Verhandlung kam, beschloß die vom Reichstage znr Vorberatnng eingesetzte Kommission 243 nach einer „bedeutenden" Rede Bambergers die Schaffung einer deutschen Reichsbank. Auf die Anträge dieser Komis- sion hin, als deren Referent Bambergcr fungierte, erklärte sich dann der Reichstag in dritter Lesung für die Schöpfung einer deutschen Reichsbank (30. Januar 1875). Der Bundesrat ließ sich überzeugen und am 14. März 1875 wurde das hierauf bezügliche Gesetz vom Kaiser vollzogen. Mit Recht durfte Bambergcr damals schreiben: „Der Parlamentarismus ist am Ende doch nicht jenes fünfte Rad am Wagen, als welches eine wohlfeile Kritik ihn zu verspotten liebt", und nach dem fünfzehnjährigen Walten der Reichsbank konnte er von dem Werke sagen, daß die kühnste Erwartung von ihm keinen besseren Erfolg hätte verlangen können (Ges. Schr^ V, 229). Und abermals zehn Jahre später hat man nach seinem Tode nur Unwesentliches daran zu ändern gewußt. Selbstverständlich hätten Bambergcr und seine politischen Freunde diesen Erfolg nicht erringen können, wenn sie nicht von dem Bundeskanzleramte unterstützt worden wären, und Bismarck sie nicht hätte gewähren lassen. In der ersten Hälfte der siebenziger Jahre vollauf von dem sogenannten Kulturkämpfe in Anspruch genommen, mit den Polen und den Sozialisten beschäftigt, zeitweise auch von schmerzhaften körperlichen Leiden ergriffen, überließ Bismarck dem Minister Delbrück die Bearbeitung der inneren Reichsangelegenheiten: namentlich die der handelspolitischen und Währnngsfragcn. Es war damals bei der Regierung und der Reichstagsmehrheit noch der Geist lebendig, der bei der Schaffung des Reiches gewaltet hatte. Denn darauf hatte die Größe dieser Zeit beruht, daß sich in ihr die verschiedensten und kräftigsten Individuen zur Erreichung eines Zieles, zur Durchsetzung eines Zweckes zusammengefunden hatten. Dieses war nur dadurch möglich geworden, daß man einander gegenseitig Konzessionen gemacht hatte. Man wird es in der menschlichen Natur begründet finden, daß die Neigung hierzu nicht dauernd eine gleichmäßige blieb, namentlich wenn die einen glaubten, die anderen entbehren 10 * 244 zu können, und die Machtvcrhältnisse der miteinander Kompromittierenden sich verschoben. Wenn nun auch Bismarck den Absolutismus, selbst den aufgeklärten, für eine nicht mehr mögliche Staatsform erklärt hatte, so war er doch keineswegs ein überzeugter Freund parlamentarischer Einrichtungen. „Der Genius" des Reichskanzlers war ein anderer als der des Reichstages, wie das Bamberger schon am 6. Juli 1872 in der „Gegenwart" ausgeführt hatte. Der Schöpfer des Deutschen Reiches war „ganz Energie"' zum Ausbau des Reiches fehlte ihn: die Ruhe und Geduld. Während das Parlament sich an die positiven Bestimmungen der Gesetze als dauernder Staatseinrichtungen gebunden erachtete, war der geniale Hof- und Staatsmann nur zu sehr geneigt, die Gesetze nach den augenblicklichen Bedürfnissen zu interpretieren oder umzugestalten. Bleibende Institutionen zu schaffen, durch die die Macht des Reichstages gefestigt werden könnte, lag auch gar nicht in seiner Meinung. Eher war er darauf bedacht, die Reichsregierung vom Parlamente immer unabhängiger zu machen. Diese Tendenz mußte zum Bruche zwischen Bismarck und der bisherigen tonangebenden Mehrheit des Reichstages führen, wenn und soweit diese an ihren freiheitlichen Tradition festhalten wollte. Da das die Absicht Bambergers war, ist er in schwere Konflikte mit hineingezogen worden und hat alle deren Bitternisse auskosten müssen. Differenzen zwischen dem Reichskanzler und den Nationalliberalen hatten in einzelnen Fragen immer bestanden. Durch gegenseitiges Nachgeben hatte man sie in den ersten Jahren aber stets zu beseitigen gewußt. So hatten Bamberger und Miguel am 30. November 1871 einen Antrag auf Bewilligung eines zweijährigen Pauschquantnms für den Militäretnt eingebracht, während die Regierung einen dreijährigen forderte und schließlich erhielt. In Sachen der Reichseinheit stand Bamberger stets auf feiten des Reichskanzlers. So am 14. Juni 1873, als es sich um die Schaffung des Reichs- cisenbahnamtes handelte, und er meinte, die Bayern würden » 245 wohl noch freiwillig onf ihre Reservatrcchte verzichten. Den Plan, die Eisenbahnen im Interesse des Reiches zu verstaatlichen, hielt übrigens Bamberger, der hierüber eine lange Unterredung mit Bismarck hatte, für undurchführbar. Bekanntlich ist das Projekt nicht an dem Widersprüche des Reichstags, sondern dem der Einzelregierungen gescheitert. Die Ansichten über die Verstaatlichung der Bahnen waren damals auch noch sehr ungeklärt und keineswegs zur Parteifrage geworden. Bekannte sich doch z. B. Herr von Kardorff, sonst einer der schärfsten Widersacher Bambcrgcrs, als prinzipieller Gegner der Verstaatlichung. Allmählich wurden aber die Gegensätze zwischen Bismarck und Bamberger und seinen nächsten Freunden unüberbrückbar. Denn Bismarck vollzog allmählich seit 1874 eine Wendung in seiner gesamten inneren Politik, welche, scharfsichtigeren Kennern seiner Methode vorzugehen durch die Entlassung Delbrücks (1876) schon ganz durchsichtig geworden, seit 1878 mit der ihm allein eigenen Energie und Rücksichtslosigkeit so durchgeführt wurde, daß nur die, welche in solchen Fragen keine eigene wohlerwogene Meinung hatten, ihm zu folgen imstande waren. — Es kann hier nicht einmal versucht werden, die gesamte parlamentarische Tätigkeit Bambergers von der Zeit an, wo dieser Gegensatz gegen die neue Bismarcksche Wirtschaftspolitik sich herausbilden mußte und seine politische Stellung immer stärker beherrschte, in ihren Einzelheiten darzustellen, llm diese Kämpfe vollkommen klar zu legen, die sich auf den Gebieten der Zoll-, Währnngs-, Kolonial- und Sozialpolitik abspielten, müßte man sonst eine Geschichte der gesamten Reichspolitik bis zum Rücktritte des ersten Reichskanzlers schreiben. Ebensowenig kann hier auf eine Würdigung dieser Opposition tiefer eingegangen und ihre Berechtigung eingehend untersucht werden. Es würde hierbei das Urteil nur von dem persönlichen Standpunkte, den man zu den einzelnen Fragen einnimmt, abhängen. Denn ein objektives, abschließendes Urteil über eine ganze Reihe von Fragen läßt 240 sich heutzutage, wo wir noch vielfach iiu Kampfe der Meinungen und im Flusse der durch sie heraufbeschworenen Vorgänge stehen, nicht abgeben. Wer die Wandlungen kennt, welche die uationalökonomischeu Theorien in den letzten Jahrhunderten durchgemacht haben, wird den heutzutage in Deutschland herrschenden Schultheorien — oder herrschen sie schon nicht mehr? — um so skeptischer gegenüberstehen, als viele ihrer Vertreter sich darin gefallen, wahre Karrikatur- bilder von den nationalökonomischen Anschauungen der sogenannten Manchesterschule, der Bamberger angehörte, zu entwerfen. Für diesen war aber noch eine persönliche Erfahrung, die ihn zwang, der neuen Wirtschaftspolitik besonders scharf entgegenzutreten, maßgebend. Bamberger hatte lang genug in Frankreich, diesem klassischen Lande der Schutzzölle und Monopole, gelebt, um die verderblichen Folgen, die eben sie auf die moralische und soziale Entwicklung des Volkes ausgeübt hatten, zu durchschauen. Er hatte gefunden, daß hierdurch der politischen Korruption, der Ausbeutung der Schwachen durch die Geldmächte, der Ansammlung riesiger Kapitalien, der Bildung voll sogenannten Ringen der geschützten Produzenten usw. nur Vorschub geleistet werde, daß die Schutzzollschraube, einmal in Bewegung gesetzt, eine Schraube ohne Ende sei. Zu ganz anderen Schlüssen war Bismarck durch seine viel kürzere und weniger eingehende Beobachtung der französischen Zustände gekommen. Er hatte den Reichtum des Landes gesehen und bewundert, wie rasch selbst die revolutionäre Regierung große Geldsummen und die riesige Kriegsentschädigung aufgebracht hatte. Das schrieb er alles dem französischen Handels- und Schutzzollsystem zugute und meinte, durch dessen Übertragung nach Deutschland hier dieselben Resultate rasch erzielen zu können. Er glaubte, seine Heimat verarme unter „der Delbrückscheu Krankheit", wie er jetzt die bisher in Preußen und in dem Zollvereine herrschend gewesene Zollpolitik nannte (Busch, „Tagebuchblätter" II, 588). Hierin wurde er durch 247 seinen Mephisto Bücher aufs lebhafteste bestärkt, der bei seinem Ingrimm gegen alles, was aus England kam, die bedenklichsten Mittel nicht scheute, ihn in seiner neuen Abneigung gegen den Freihandel und die deutschen Freihändler namentlich zu bestärken. Und hinzu kam noch ein anderes. Durch das Protektionssystem wird unzweifelhaft die Macht der Staatsgewalt vermehrt. Von allem anderen abgesehen werden durch es die Interessen der bei ihm persönlich Beteiligten an die Regierung gewiesen und diese wird von manchen Rücksichten auf idealpolitische Forderungen der Regierten befreit. Die liberalen Bestrebungen werden von den materiellen Forderungen aufgesogen, wie das auch L. Bücher schon längst erkannt hatte. Welche Konsequenzen ein Vorgehen der Reichsregieruug in dieser Richtung in Deutschland, namentlich aber in Preußen, haben mußte, sah Bamberger nur zu klar vorher. Er war von seinen alten Freunden höhnisch stets auf das Preußische Junkertum, dem er nur Vorspann leiste, hingewiesen worden. Jetzt sah er nach der Aussöhnung Bismarcks mit den Männern, die ihn anfangs der siebziger Jahre aufs heftigste und schändlichste bekämpft hatten, die KreuzzeitungsPartei und die Agrarier drohender als je wieder ihre Häupter erheben. Und was das für einen zu gründenden modernen Kulturstaat zu bedeuten habe, wußte er nur zu gut: erleben wir aber erst ganz in unseren Tagen! Für die Schaffung eines neuen, auf nationaler Basis erbauten modernen Staatswesens hatte Bamberger seine ganze Kraft einsetzen wollen. Als er einsehen mußte, daß die Konsequenzen der jetzt eingeschlagenen Entwicklung auf die Wiederherstellung der Macht des preußischen Junkertums mit seinen lediglich agrarischen und selbstischen Interessen hinauslaufen müßten, da meinte er, sich dem überall entgegenstellen zu sollen. Als der Reichskanzler, der noch am 26. November 1875 sich für die Aufhebung aller Zölle — mit Ausnahme hoher Finanzzölle auf 10 bis 15 Artikel — erklärt hatte, sich in dem berühmten an den 248 Bundesrat gerichteten Briefe von: 15. Dezember 1878 zum Prinzip „der Zollpflichtigkeit aller über die Grenze eingehender Gegenstände mit Ausnahme der unentbehrlichen Rohstoffe" ausgesprochen hatte, erkannte Bamberger, daß er jetzt nicht mehr mit dem Reichskanzler, sondern in den wichtigsten Fragen als ein prinzipieller Gegner gegen ihn zu arbeiten haben werde. Was das heißen wolle, konnte er leicht vorher- sehen. Denn der Reichskanzler verlangte nicht nur unbedingte Hecresfolge und rasche Bekehrung zu seinen neuen Überzeugungen, sondern sah einen jeden, der diese aus besten Gründen und — lediglich von patriotischen Motiven getrieben — nicht leisten konnte, als seinen persönlichen Feind an, behandelte ihn darnach in seinen Parlamentsreden und ließ ihm in der Presse durch Bücher, Busch und bedenklichste Lohnschreiber das Übelste nachsagen. Und wie wurde diese politische Gegnerschaft in den Privatverkehr übertragen! Bamberger selbst hat mir wunderbare Dinge von dem Verhalten hoher Reichsbeamten gegen ihn erzählt, nachdem er ganz besonders sich den Zorn des eisernen Kanzlers zugezogen hatte. Daß durch dieses Vorgehen Bismarcks der Kampf ein imnier heftigerer werden mußte, und am Ende auch der gelassenste und sachlichste Opponent in Verbitterung hineingetrieben wurde, begreift sich nur zu sehr. Bamberger schrieb schließlich doch im Hinblick auf solche Art von Kriegsführung gegen ihn: „Das Kraftgeheimnis dieser Art politischer Genialität wurzelt in der unbefangenen Verachtung aller menschlichen und gesetzlichen Rücksichten, in dem unbegrenzten Gefühle der Berechtigung des eigenen Willens, gestützt auf die eigene Intelligenz. Alles, was der von unten Hinaufschauenden Menschheit wie Ideal vorkommt, existiert für solches Hcrrenbewußtsein nur als Inhalt des eigenen Ich" (Ges. Schr. V, 343). V. Nach der Entlassung Delbrücks im Mai 1876 trat die Veränderung in der Wirtschaftspolitik Bismarcks äußerlich 249 noch nicht sofort ganz deutlich hervor. Das alte Verhältnis der nationalliberalen Partei zu ihm schien vorübergehend sogar ein festeres werden zu sollen. Von Bambergers Wohnung aus, in der eine Besprechung der nationalliberalen Parteiführer stattgefunden hatte, trat im Dezember 1877 Herr von Bennigsen die ominöse Reise nach Varzin an, um mit dem Reichskanzler über den Eintritt von hervorragenden Mitgliedern seiner Partei in das Ministerium zu verhandeln. Jetzt weiß man, daß es Bismarcks Plan gar nicht war, solche zu gewinnen, sondern nur den Herrn von Bennigsen zu sich herüberzuziehen. Nachdem diese Kombination gescheitert war, trennten sich die Wege der bis dahin ausschlaggebenden Fraktion des Reichstages immer mehr von denen des Kanzlers. Bam- berger, der — seiner unitarischenRichtung getreu — am 21. März 1877 im Reichstage sehr entschieden für die Verlegung des zu schaffenden Reichsgerichts nach Berlin gesprochen hatte, beschäftigte sich in dieser Zwischenzeit vorwiegend mit der immer dringender werdenden sozialen Frage. Damals schrieb er verschiedene Aufsätze über sie für die „Deutsche Rundschau", die 1877—78 erschienen und dann in der Schrift: „Deutschland und der Sozialismus", mit Zusätzen vermehrt, in verschiedenen Auflagen wieder abgedruckt worden sind. Wie wenige sah er die Gefahren, die aus der Agitation der Sozialdemokratie für die bürgerliche Gesellschaft erwuchsen, klar ein, glaubte aber nicht, daß gegen sie mit drastischen Mitteln zu helfen sei, da die Wurzel des Übels in Deutschland zu tief sitze. Denn hier hätten die Lehren der Sozialdemokraten nur einen so empfänglichen Boden gefunden, weil sie eine in so viele Klassen zerklüftete Gesellschaft vor sich gehabt hätten (Er. S. 20). Aus diesem Grunde war er auch gegen „das Gesetz zur Abwehr sozialdemokratischer Bestrebungen", das dem Reichstage nach dem Attentate Hödels gegen das Leben des Kaisers Wilhelm (11. Mai 1878) zugegangen war. Als aber nun ein womöglich noch scheußlicheres Attentat gegen das Leben des ehrwürdigen Monarchen durch den Dr. Nobiling am 250 2. Juni verübt worden war, beschloß Bismarck, sofort den Reichstag aufzulösen. Jetzt schlug die öffentliche Meinung zugunsten von Ausnahmemaßregcln gegen die gefährliche Gesellschaft stark um. Unter dem Drucke dieser Vorgänge trat nun auch Bamberger in der großen Debatte, die am 16. September 1878 begann, für das neue Gesetz gegen die Sozialdemokratie ein. Er meinte zwar auch jetzt, daß man durch es rasche Erfolge nicht erzielen werde, glaubte aber doch, es könnte vielleicht dadurch gelingen, dem Weiterumsichgreifen der Irrlehren Einhalt zu tun. Am 19. Oktober wurde dann das Gesetz, das die darauf gesetzten Hoffnungen keineswegs erfüllt hat, endgültig von: Reichstage genehmigt. Bismarck, mit diesem parlamentarischen Erfolge keineswegs zufrieden, wollte das Eisen schmieden, solange es noch warm war. Er hoffte nun seine neugewonnenen Ansichten über die Zollgesetzgebung des Reichs mit den mürbe gemachten Nationalliberalcn oder gegen sie, wenn es nötig sei, durch das neugewonnene Zentrum durchzusetzen. Gegen diese Wendung des Kanzlers, welche in seinem schon erwähnten Schreiben an den Bundesrat vom 15. Dezember 1878 einen so schroffen Ausdruck gefunden hatte, lehnte sich jetzt bei Bamberger alles auf. Hatte er schon am 11. Januar 1879 in der „Volkswirtschaftlichen Gesellschaft" einen Vortrug gegen die hier ausgesprochenen Grundsätze gehalten, so trat er in einer meisterhaft populär abgefaßten Streitschrift: „Was uns der Schutzzoll bringt" (Berlin 1879) gegen die drohenden Kornzölle usw. auf. Obwohl damals auch noch H. von Treitschke gegen den Kornzoll sprach, war gegen die von der Reichsregierung entfesselte und unterstützte pro- tektionistische Strömung nicht mehr aufzukommen. Eine andere gesellte sich bald zu ihr: die Bewegung gegen die Münzgesetzgebung des Reiches, die noch nicht ganz zum Abschlüsse gekommen war. Hatte die Regierung schon mit dem Verkaufe der deutschen Silbervorräte gezögert und dadurch schwere Geldverluste herbeigeführt, so wurden jetzt durch persönliches Eingreifen des Reichskanzlers die Silberverkäufe ganz eingestellt. Eine Interpellation deshalb an den Reichstag zu richten, widerriet Bamberger. Er fürchtete den Zorn Bismarcks damit zn. reizen und ihn ganz in das Lager der Silberleute zu treiben. Als nun aber kurz darauf in einem englischen offiziellen Berichte gesagt war, man nehme in den Kreisen der Berliner Bankiers an, die Regierung stcure auf eine Doppelwährung, ähnlich der in Frankreich bestehenden, los, so beschlossen die Abgeordneten Delbrück, Bamberger und Harnier doch, die Regierung zu interpellieren. Das geschah am 1!). Juni 1879. Da ergoß sich die ganze Schale des reichskanzlerischen Zornes über das Haupt Bambcrgers, der durchaus sachlich und vorsichtig in seiner Rede vorgegangen war. Da er angedeutet hatte, daß die Angaben des englischen Berichtes sich wohl auf die Aussagen des englischen Generalkonsuls Blcichröder stützten, genügte das Bismarck, diese Vermutung als eine Insinuation zu bezeichnen, die an die „Reichsglocke" und deren Verurteilung erinnere. Denn nach ihm sollte damit auf Machenschaften angespielt werden, die er mit seinem Privatbankier in dieser Sache getrieben habe. Er rief dem Abgeordneten zn: „Herr Bamberger mag fürchten, was er will, ich werde ihn nicht beruhigen"'). Ich führe diese Dinge nur au, um zu zeigen, wie es schon damals allen Parlamentariern, die den Zorn Bismarcks erregt hatten, fast unmöglich war, mit diesem über politische Fragen noch sachlich zu. verhandeln. Man möchte fast glauben, daß das um so unmöglicher wurde, je mehr das Recht auf feiten der Gegner Bismarcks war, und je weniger er gegen die Macht der wider ihn ins Feld geführten Tatsachen aufkommen konnte. In dem Jahre 1880 war Bamberger dann besonders tätig bei Verwerfung der Samoavorlage. Auf der bis auf diesen Tag soviel genannten Inselgruppe des Stillen Ozeans t) Helfferich, Reform rc. S. 437. 252 hatte das Großhandlungshaus I. C. Godeffroy in Hamburg bedeutende Plantagen angelegt, war aber bankerott geworden. Man hatte nun dem Reichskanzler nahe gelegt, die Rechte und Besitzungen dieses Hauses dadurch für Deutschland zu sichern, daß man einer mit einem Aktienkapitals von 10 Millionen Mark in Berlin zu gründenden „Deutschen Seehand- lungsgesellschaft" für 20 Jahre einen Zinsertrag von bis zur Höhe von 300000 Mk. garantiere. Bamberger, von Frankreich her prinzipiell ein Feind aller Einmischung des Staates in Handelsgeschäfte, betrachtete die Frage von rein kaufmännischem Standpunkte aus und meinte, das Reich werde hierbei schlechte Geschäfte machen. Nicht anders urteilten andere Sachverständige, z. B. der große Reeder H. H. Meier aus Bremen. „Bei diesem Unternehmen," sagte er, „werden wir keine Ehre und keinen Ruhm gewinnen, wir werden nur unser Geld verlieren." Der Reichstag verwarf denn auch die Vorlage am 27. April 1880, aber eine nichtsubventioniertc deutsche Handelsgesellschaft bildete sich dann doch. In weiten Kreisen hat man damals wie noch heutigentags Bamberger diese seine Haltung verübelt. Sie hängt aber mit seiner Stellung zur gesamten Kolonialpolitik zusammen und ist auch wohl von seiner Gesamtauffasfung der neuen Reichspolitik abhängig gewesen. Von persönlicher Ranküne war auch hierbei nicht die Rede, wie Bismarck, ohne Beweise beibringen zu können, behauptete. War er doch selbst früher gegen die Erwerbung von Kolonien gewesen. Am 8. Februar 1871 sagte er nach Busch („Tagebuchblätter" II, 157): „Ich will auch gar keine Kolonie. Die sind bloß zu Versorgungsposten gut. In England sind sie jetzt nichts andres, in Spanien auch nicht. Und für uns in Deutschland — diese Koloniegeschichte wäre für uns genau so wie der seidene Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben." Bamberger mußte es als ganz widersinnig erscheinen, wenn man gegen die ganze Welt zu Hause Zollschranken aufrichtete und nun auf einmal eine Welthandelspolitik mit Kolonialbesitz usw. inaugurieren 253 wollte, ein Widersinn, den aber selbst heutzutage nicht wenige noch nicht begriffen haben. Über die Samoafrage war, wie schon bei manchen prinzipiell noch wichtigeren Vorlagen der Regierung, die nationalliberale Partei geteilter Ansicht gewesen. Es fanden sich, selbst nach dem Ausscheiden von 18 süddeutschen Fraktionsgenossen, die in allem Bismarck folgten, noch genug Streitpunkte, die auf eine Zersetzung der bis vor kurzem noch so mächtigen Partei hindrängten. Unzweifelhaft hatten der Umschwung der gesamten inneren Reichspolitik und die immer stärker hervortretenden autokratischen, inkonstitutionellen Neigungen des Reichskanzlers hierzu das Meiste beigetragen. Immer deutlicher sonderte sich ein rechter und ein linker Flügel unter den Nationalliberalcn ab. War Herr von Bennigsen, der Führer der einen, auch manchen Stenerplänen des Reichskanzlers, z. B. dessen „letztem Ideale", dem Tabaksmonopole, mit aller Energie entgegengetreten, und dabei, vielleicht ganz verhängnisvoll für die weitere Entwicklung der Dinge, Sieger geblieben, so stand er doch seiner ganzen persönlichen Haltung nach und in einer ganzen Anzahl von nicht untergeordneten Fragen der reichskanzlerischen Politik näher als die prinzipiellen Freihändler, wie Bambcrgcr, Forckenbeck, Lasker, Stauffenberg usw. Diese konnten vor allem der Ansicht nicht beipflichten, daß volkswirtschaftliche Meinungsverschiedenheiten in keiner Weise die Angehörigkeit zur Fraktion beeinträchtigen könnten und als „offene Fragen" anzusehen seien. Mit Recht konnten sie hiergegen einwenden, in Zeiten, in denen in Deutschland der Kampf um die materiellen Interessen noch ein untergeordneter gewesen sei, wie im Jahre 1848, oder der nationale Gedanke sich noch so kräftig geregt habe, wie 1870, hätten Tarif- und Zollfragen in einem Parteiprogramm als untergeordnet freigegeben werden können, jetzt dagegen, wo eine Reaktion in der gesamten inneren Politik durch das Aufrühren der materiellen Interessen gefördert werden solle, sei es für eine politische Partei ganz ausgeschlossen, zu den Streitpunkten 254 keine bestimmte Stellung zn nehmen, die recht eigentlich die ganze Situation beherrschten. Aber selbst die verschiedene Auffassung dieser Frage trat noch gegen den Gegensatz zurück, der sich innerhalb der Partei in betreff ihrer Stellung zum Reichskanzler herausgebildet hatte. „In diesen: Gegensatze liegt der Zersctzungsgrnnd für die Partei, jeder andere ist unzureichend." Unter diesem Gesichtspunkte hat Bamberger nach vorausgegangener Besprechung mit von Forckenbeck, von Stauffen- berg und anderen namhaften Führern der Partei, die Spaltung der Nationallibcralcn in einer Broschüre unter dem Titel: „Die Sezession" dargestellt. Sie erschien im Herbste 1880 zunächst anonym in Berlin und erlebte in wenigen Wochen vier Auflagen (Ges. Sehr. V, 41—134). Und das mit Recht. War ihre nächste Aufgabe allerdings nur die, den durch ein Manifest vom 30. August 1880 veröffentlichten Austritt von 28 Mitgliedern aus der nationalliberalcn Partei zu erklären und zu rechtfertigen, so war doch ihre Bedeutung eine größere. Sie ist die bedeutendste der publizistischen Schriften Bambergers und wird sicher einmal als eines der wichtigsten historischen Dokumente aus der Zeit der rückläufigen Bismarckschen Ära angesehen werden. Denn sie legt in ruhiger, durchsichtiger Sprache nicht nur die Gedanken der nächsten politischen Freunde des Autors dar, sondern bringt, mit allgemeinen politischen Betrachtungen und Reflexionen durchsetzt, die Ideen Vieler zum treffendsten Ausdruck, die, wenn auch keineswegs zu den nationalen Zielen der Politik des Reichskanzlers im Gegensatz stehend, nicht glaubten, die neueingeschlageue Richtung der inneren Politik und noch weniger die Methode in ihrer Durchführung billigen und unterstützen zu können. Nur in einem Punkte waren schon damals die Meinungen derer, welche Bamberger im allgemeinen zustimmten, im Lande geteilt. So sehr mau auch den Wunsch hegte, daß eine „große liberale Partei", von der schon Rickert im Sommer 1880 geredet hatte, entstehen möge (Ges. Schr. V, 57): die 255 Bildung derselben etwa durch eine Verschmelzung mit der alten Fortschrittspartei, welche dann wirklich auch vorübergehend zustande kam, erschien damals schon manchem als ein ebenso starker Rückfall in glücklich überwundene Zustände, als die Aussöhnung des Reichskanzlers mit Herrn von Kleist-Retzow und dessen Freunden. So sehr nun auch Bismarck mit dem Ausscheiden seiner prinzipiellen Gegner aus der nationalliberalen Partei einverstanden schien, um den Rest desto gefügiger zu haben, so ergrimmt war er doch über die sogenannten Sezessionisten. Man mag darüber jetzt nachlesen, was Busch im Anfang des dritten Bandes seiner „Tagebuchblätter" zu berichten weiß, welche Bosheiten und Lügen Lothar Bücher sogar in sozialdemokratischen Blättern über „die nationalliberalen Sezessionisten" verbreitete, und welche Witze dem edlen Busch zufolge über „die Bamberge, Laskere und Rickert, die Streber", gemacht wurden. Diese Stimmung des „Chefs", die in den Artikeln von Bücher und Busch dann noch einen groteskeren Ausdruck erhielt — das Schlimmste wurde freilich nur mündlich verbreitet — konnte natürlich bei den Verlästerten auch gerade keinen versöhnenden Eindruck machen. So verschärften sich die Gegensätze immer mehr. Der philosophische Gleichmut, mit dem Bamberger die Dinge mehr als kaum ein anderer behandelt hatte, hielt daher auch nicht immer bei ihm vor. Doch mußte Bismarck ihm in der großen Rede, welche er am 14. Juni 1882 einer Auseinandersetzung Bam- bcrgcrs entgegenstellte, einräumen: „Der Herr Abgeordnete Bamberger vermeidet auch seinerseits diese Klippe (des Grob- werdens); ich kann ihm die Anerkennung nicht versagen, daß er mit sehr gewandter Dialektik immer die Formen der guten Gesellschaft seinerseits beobachtet. Es sollte das geschehen von allen Seiten (Heiterkeit). Aber im übrigen, in bczug auf das dadurch betätigte Wohlwollen, kann ich nur mit dem Sprichwort antworten: äiable ir'^ psrck rieir. Seine Pfeile, die er mit seinem Wohlwollen unter dem wohltuenden Mantel der Sanftmut und der leidenschaftslosen Sprache abfeuert, 256 sitzen um so fester." Wenn der Reichskanzler diese vornehme Haltung Bambergers ihm gegenüber eingestand, nachdem er ihn in einer allein auf ihn persönlich sich beziehenden Antwort als ein Lujst mixte stigmatisiert hatte, das, wenn es möglich wäre, sich auch in Paris sein Bürgerrecht — das er ja nie besessen — gewahrt hätte, so kann man schon daraus erkennen, von welcher Seite die verletzenden persönlichen Angriffe ausgingen. Durch alle Anzapfungen dieser Art im allgemeinen doch unbeirrt und durch parlamentarische Mißerfolge nicht Pessimistisch gestimmt, ließ sich Bamberger in der Vertretung seiner durch Erfahrung und Nachdenken gewonnenen politischen Überzeugungen nicht einschüchtern, sondern verteidigte sie bei jeder ihm passend erscheinenden Gelegenheit in seiner Weise im Reichstage und in der Presse. Fast keine wichtige parlamentarische Verhandlung fand statt, in der er nicht in längerer Rede das Wort ergriffen und unter vollster Aufmerksamkeit des Hauses gesprochen hätte. Da er uns selbst in einem Exkurse seiner Selbstbiographie einen, seinen eigenen praktischen Erfahrungen entnommenen, kleinen Katechismus für Parlamentsredner hinterlassen hat (S. 55 u. f.), so haben wir nicht nötig, uns über seine Redeweise näher auszulasten. Theorie und Praxis stimmten bei ihm zusammen und es hat in der Tat nicht viele Redner des Reichstages gegeben, denen dieser so willig und andauernd, wenn auch oft widersprechend, gelauscht hätte als dem Abgeordneten von Alzcy-Bingen. So hielt er bei der Etatsberatung für 1884/85 im Mai 1883 eine große Rede, in der er sich über die Mißachtung des Parlaments von feiten der Reichsregierung beklagte und damit schloß, daß er zu bedenken gab: „Der deutsche Reichstag und der deutsche Kaiser sind im Sinne des Volkes an einem Tage geboren, sie leben zusammen und einer trägt den anderen; wir sind, welche Opposition wir auch machen mögen, immer Seiner Majestät allergetreueste Opposition, und in diesem Sinne werde ich mir auch erlauben, gegen die 257 sozialpolitische» Projekte zu stimmen." Gegen diese „orato- rische Leistung" Bambergers, wie sie selbst politische Gegner genannt haben, fiel die Entgegnung des Finanzministers Scholz ziemlich kläglich aus. Die „sozialpolitischen Projekte", auf die Bamberger in dieser Rede anspielte, waren durch die kaiserliche Botschaft vom 14. April 1883, die an die frühere pom 17. November 1881 anknüpfte, zu einer akuten politischen Frage von großer Bedeutung geworden. Hatte. Bismarck zur Einleitung der gründlichen Umgestaltung des gesamten Zolltarifs seine» von ihm allein unterzeichneten Dezemberbrief von 1878 für genügend erachtet, so glaubte er bei der Durchführung seiner ganz neuen sozialpolitischen Projekte des direkten Eingreifens des ehrwürdigen Kaisers nicht entraten zu können. Die Gewinnung des Kaisers für diese Botschaft war dem Reichskanzler auch nicht so schwer geworden, als für manche andere. Jeder für das Wohl seiner Mitmenschen besorgte Bürger konnte auch den landesväterlichen Absichten des Kaisers beipflichten. Es handelte sich nur darum, wie diese in der Form von Gesetzen ausgestaltet werden sollten. Gegen jene sozialpolitischen Gcsetzesvorlagen richtete sich nun die Opposition Bambergers und seiner politischen Freunde. Der Reichskanzler hatte eingesehen, daß durch seine Aus- nahmegesetzgcbnng gegen die Sozialdemokratie diese nicht überwunden werde. Er wollte deshalb der gefährlichen sozialistischen Agitation dadurch den Boden entziehen, daß er Beschwerden des sogenannten vierten Standes soweit als möglich gerecht werde, und Härten, die die ungleiche Verteilung des Vermögens im Gefolge hatte, nach Möglichkeit ausgleiche. Eine Stärkung der Regiernngsgcwalt dem Parlamentarismus und der bürgerlichen Freiheit gegenüber verfolgte Bismarck bei seinen sozialpolitischen Projekten noch nebenbei. Das war es denn auch, was Bamberger ganz besonders bestimmte, ihnen entgegen zu treten. Er hatte in seiner Jugend die Schriften der französischen Kommunisten studiert und sozialistische wie Hartwig. A»S dcm Lcbcit. 17 258 schutzzöllnerische Anwandlungen gehabt. Jetzt fand er die damals als ganz revolutionär angesehenen Lehren von deutschen Theoretikern wissenschaftlich begründet und salonfähig gemacht. Unter dem Titel: „Zeitströmungcn in der Wirtschaftslchre" hatte er 1872, 1873 und 1874 in der Beilage zur „Allgemeinen Zeitung" über den Wechsel, der in den sozialpolitischen Anschauungen Platz gegriffen hatte. Bericht erstattet und sich gegen ihn ausgesprochen. Jetzt schien ihm nun der Reichskanzler die Theorien der Sozialisten oder sogenannten Kathedersozialisten mit allerlei Hintergedanken und Nebenabsichten in die Praxis des Staatslebens einführen zu wollen. Er war ein Gegner des Sozialismus in seinen verschiedenen Formen, weil er in ihm den schlimmsten Feind der individuellen Freiheit und eine Gefahr für die richtige Absteckung der Grenzen der Staatsgewalt und der bürgerlichen Gesellschaft erblickte. Die Initiative der Einzelnen im Erwerbsleben, die spontane Tätigkeit und die Energie des Bürgertums den vom Staate begünstigten regierenden aristokratischen Klassen gegenüber, das Gefühl der Verantwortlichkeit für die Ausgestaltung der eigenen Lebensgeschicke schienen ihm unter den sozialpolitischen Projekten des Reichskanzlers leiden zu müssen. Und würden sie, durchgeführt, dem angedrohten Umstürze der bürgerlichen Ordnung einen festen Halt entgegenstellen? Das Gegenteil erschien wahrscheinlicher. Denn die sozialdemokratischen Agitatoren würden nur ein neues Argument aus ihnen für sich ziehen, indem sie die neuen Einrichtungen nur als einen Ausfluß des bösen Gewissens der herrschenden Klassen dem Proletariate gegenüber hinstellten. Die Gesellschaft, nicht der Staat, die private und kommunale Tätigkeit habe gegen die Notstände in den niederen Volksschichten anzukämpfen, und wenn man jetzt von der Betätigung des „praktischen Christentums" durch den Staat rede, so treibe man mit ihr das Gegenteil der wahren Armenpflege, indem man sie zu einer gesetzlichen, erzwungenen mache. Von Humanität und christlicher Mildherzigkeit sei bei ihr gar nicht mehr die Rede. 259 „Demi wer sich (jetzt) nicht für Prügeln und Köpfen begeistert, steht im Berdacht schwächlicher Humanität. Dagegen ist derselbe Mann ein unbarmherziger Individualist, wenn er Not und Elend nicht auf dem Wege mechanischer Güter- vcrteilung, sondern durch Hebung der moralischen und intellektuellen Kräfte der Einzelnen zu überwinden empfiehlt" („Gegen den Staatssozialismus" S. 10). Diese und ähnliche Jdecn- gänge hat Bamberger in allen seinen Schriften und den parlamentarischen Reden ausgesprochen. Er hielt noch dazu die legislatorischen Projekte des Reichskanzlers auch für praktisch unausführbar. Er nannte sie 1884 „chimärische". Hierin hat er sich geirrt und die Tüchtigkeit der unteren deutschen Verwaltungsbehörden, welche die sozialen Gesetze, das Alters- und Jnvalidengesetz usw., ausführten, wie er selbst später eingestand, unterschätzt. Ein Endurtcil über die soziale Gesetzgebung läßt sich aber heute, wo wir noch mitten in der nenbcgonncnen Entwicklung stehen, noch nicht mit absoluter Sicherheit fällen. Nur das läßt sich sagen, daß sowohl Hoffnungen als Befürchtungen, die an sie geknüpft wurden, sich nicht erfüllt haben. Die Kraft der sozialdcmo- kratischen Agitation ist, wie die Reichstagswahlen beweisen, durch sie nicht gebrochen worden. Aber auch mancherlei Befürchtungen, die Bamberger hegte, sind nicht wahr geworden. Der Unternehmungsgeist und die Leistungsfähigkeit der Kaufleute und Fabrikanten ist in Deutschland durch die soziale Gesetzgebung nicht geschwächt worden, und Leichtsinn und Trägheit hat bei der Arbciterbevölkernng seit ihr und durch sie nachweisbar nicht zugenommen. Die Sorge, die Regierung möchte, nachdem sie durch die soziale Gesetzgebung ihr Gewissen gegen die unteren Volksklasscn entlastet habe, zu Gewalt- maßregeln gegen sie schreiten und ihnen ihre staatsbürgerlichen Rechte verkürzen, sobald sie sich nun nicht beruhigten und in ihrer drohenden Haltung gegen die bestehende Staatsordnung verharrten, hat sich bisher als eine unbegründete erwiesen- Dagegen lassen sich die Wohltaten nicht verkennen, 17 * 260 welche die soziale Gesetzgebung vielen Annen und Gedrückten schon gebracht hat und noch bringt. Würde sich Bambergcr von der Durchführbarkeit der Gesetze haben überzeugen können nnd die segensreichen Früchte, die sie gebracht haben, gesehen haben, er würde sich sicher nicht mit der sachlichen Schärfe gegen sie gewendet haben, wie das geschehen ist. War doch gerade er kein Verehrer der Theorien, nach denen die große Masse der Menschen nur da ist, um einigen bevorzugten Geistern zum Schemel ihrer Füße zu dienen. Nicht viel anders würde er sich meiner Meinung nach in einer anderen wichtigen Frage gestellt haben, wenn er sie heutigentags vor sich hätte. Hatten Nachdenken nnd Erfahrungen ihn znm Gegner alles Experimcntierens in sozialen Fragen gemacht, so war er seinem eigenen Bekenntnisse nach auf dieselbe Weise zu einem Gegner der Kvlonialpolitik des Reiches geworden (Er. S. U70). Der Geschäftsmann in ihm empörte sich gegen die nebelhafte Kvlonialpolitik, in der ihm die Charlatanerie hoher Herren und absichtliche Täuschungen von Spekulanten eine große Rolle zu spielen schienen. Den» „die meisten Aristokraten haben eine Schwäche für Menschen, die sich mit ihren Plänen über die Prosa der bürgerlichen Berechnung Hinwegheben. Daher sind auch heute noch Fürsten nnd Grafen an der Spitze unserer Kolonialgesellschaften, daher leben die Wunderdoktoren am meisten von dem Aberglauben der vornehmen Leute." Und welche Dinge hatten sich in Frankreich in dieser Beziehung vor seinen Augen abgespielt! Die Kolonien verschlangen dort einen schönen Teil der Staatseinnahmen, ohne etwas dafür einzutragen, sie waren zu einer Quelle der Korruption und der Bereicherung zweifelhafter Individuen geworden, von der Verwilderung des Heeres durch die Kämpfe mit »»zivilisierten Völkern ganz abgesehen. Die Anfänge der kolonialen Bestrebungen nnd Anzettelungen in Deutschland waren in der Tat auch nicht verlockend. Bankerotte oder halbbankerotte Firmen, wie die von I. C. Godeffroy nnd von Lüderitz, suchten von dem Deutschen Reiche unter 261 allerlei fragwürdigen Angeboten Gelder herauszuschlagen, während der solide deutsche Kaufmann zufrieden sei, wenn ihm die Bureaukratie und die Zollgesetzgebung nicht allzu große Hindernisse in den Weg lege. Er sei bisher gut vorwärts gekommen und werde bei dem großen Ansehen des Deutschen Reiches und seines Kanzlers auch ferner ohne territoriale Besitzungen des Reiches in fernen Weltteilen vorwärts kommen. Die Welt sei überdies ziemlich aufgeteilt, alle guten und fruchtbringenden Länder seien in festen Händen, und nur ungesunde oder unfruchtbare Landstrecken noch zu besetzen. Unsere gesamte streng geregelte Verwaltungsorganisation mitsamt der Oberrechnnngskammer sei auch 'für Kolonial- nnternehmungen wenig geeignet. Mit der Kolonialfragc verquickte sich nun sofort noch eine andere. Um die Verbindung mit den seit 1884 in Besitz genommenen Landstrichen in Afrika und weiter mit Ost- asien und Australien zu heben, hatte die Reichsregiernng die sogenannte Postdampfervorlage eingebracht. Nach ihr sollten für die Dauer von 15 Jahren jährlich bis zu 4 Millionen Mark Subventionen aus Reichsfonds an Privatgesellschaften gezahlt werden dürfen, welche sich verpflichteten, alle Monate von Hamburg oder Bremen Dampfer nach bestimmten Hafenplätzen jener entfernten Länder abgehen zu lassen. Über diese Vorlage fand im Juni 1884 eine große Debatte im Reichstage statt, in die auch nach einer Rede Bambergers der Reichskanzler eingriff. Bamberger wollte die Reedereien nicht verstaatlicht wissen, wie man die Eisenbahnen verstaatlicht habe, und berief sich auf Frankreich, wo derartige Subventionen nur zur Verschleuderung von Staatsgeldern geführt hätten. England mit seinem ungeheuren Kolonialreiche zahle kaum mehr an derartigen Subventionen, als jetzt für die viel geringeren deutschen Handelsintcrcsscn verlangt würde. Hierüber kam es nicht nur im Plenum des Reichtags, sondern namentlich in der Budgetkommission, der Bamberger angehörte, zu sehr lebhaften Auseinandersetzungen, die sich über das 262 ganze Feld der Kolonialpolitik ausdehnten. Bismarck sah in der Opposition gegen sie, wie immer, nur persönliche Motive durchblicken und bekämpfte die FraktionsPolitik, die er der Na- tionalpolitik entgegenstellte, lebhaft. Als ob Bambergcr ein Feind nationaler Handelsintcrcsscn gewesen wäre! Doch würden diese Debatten nicht mit einem ganz negativen Resultate abgeschlossen haben, und die Vorläge wäre nicht im Schoße der Kommission begraben worden, wenn Vertreter der Staats- regieruug den Fürsten Bisinarck nicht noch in ihren Angriffen auf die Opposition übertrumpft und offiziöse Zeitungen nicht ganz entstellte Berichte über die Kommissionsvcrhand- lungeu gebracht hätten. Denn mit dem, was Bismarck selbst damals als die Aufgaben und Ziele seiner Kolonialpolitik hinstellte, erklärte sich die Opposition ausdrücklich durchaus einverstanden. Zu einer fast noch lebhafteren parlamentarischen Erörterung der deutschen Kolonialpolitik als im Jahre 1884 kam es dann im Januar 1889. Mittlerweile hatten sich die Flaggenhissungen deutscher Kolonialfreunde in Afrika, Asien und Australien ins Ungemessene gesteigert, und schon hatte man traurige Erfahrungen mit derartigen Besitzergreifungen, die unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt worden waren, gemacht. Aufstände waren in West- und Ostafrika ausgebrochcn und der Streit mit Spanien über die Karolinen- uud Palao-Jnseln hatte zu der nicht gerade für Deutschland sehr ehrenvollen Entscheidung des Papstes geführt. Bismarck selbst gab zu, daß eine Änderung in seiner Kolonialpolitik eingetreten sei; er sei von Haus kein Kolonialmensch gewesen, habe gerechte Bedenken gehabt>) und nur vor dem Druck der öffentlichen Meinung kapituliert und sich untergeordnet, das empfehle er auch dem Abgeordneten Bambergcr zu tun. Dieser, den Bismarck wieder in längeren Ausführungen angegriffen hatte, ließ sich nicht hierzu herbei. Wahrscheinlich 1) Siehe oben S. 2!>2. 263 das um so weniger, als er überzeugt war, daß, wenn Bismarck jetzt nicht die Kolonialbewegung gewollt hätte, er, nach seinen ganzen Antezedentien und oft wiederholten Äußerungen über den Wert der öffentlichen Meinung, der letzte gewesen sein würde, der sich dem Drängen von feiten des Volkes gebeugt hätte. Die Heftigkeit, mit der Bismarck bei dieser Debatte Bambcrger persönlich befehdete, bewirkte es, daß dieser sich ihm gegenüber selbst Recht zu schaffen suchte, da der Präsident versagte. Der Reichskanzler hatte am 15. Januar Bambcrger u. a. vorgeworfen, „daß er wohl mit dem Bewußtsein gesprochen habe, einem deutschen Mitbürger zu schaden." Hierauf cntgegnete der so Angegriffene, „nach seiner Meinung sei eine solche Insinuation parlamentarisch nicht erlaubt, ja noch etwas Schlimmeres, sie sei nicht anständig." Hierauf erfolgte der Ordnungsruf des Präsidenten und Bamberger replizierte: „Herr Präsident, das ist zum erstenmale seit meiner 21 jährigen parlamentarischen Laufbahn, daß ich zur Ordnung gerufen werde, es ist aber auch das erstemal, daß solche Bemerkungen, wie die des Herrn Reichskanzlers, in der Sache unbeanstandet durchgegangen sind." Wie Unrecht Bismarck, der seine Energie durch solche persönliche Angriffe auffrischen zu müssen schien, darin hatte, daß Bamberger nur aus persönlichem Hasse gegen ihn seiner Kolonialpolitik opponiere, zeigte die Zukunft znr Evidenz. Denn Graf Caprivi fand im März 1892 dieselbe Gegnerschaft. Vor allem drang Bambcrger darauf, daß man das Schutzgebiet von Südwest- Afrika, mit dem der Patriot Lüderitz Deutschland beglückt hatte, aufgebe; es sei schlechterdings unproduktiv und koste dem Reiche nur Geld und Blut. Bedenkt man, daß die Ge- samtausfuhr> dieses riesigen Landstriches z. B. im Jahre 1894 ganze 106 000 Mk. betrug, und welche Not er uns immer von neuem macht, so wird man Bamberger in diesem Punkte nicht Unrecht geben können. Anders gestaltete sich seitdem die allgemeine Frage. Sie zuungunsten Bambergers zu beantworten, ist von dem heutigen Stande der Dinge aus, 264 der damals schlechterdings nicht voraus zu sehen war, leicht genug. Denn wer konnte die großen Politischen Veränderungen, die namentlich in Ostasien Platz gegriffen haben, und die großartige Entwicklung des deutschen Handels und Seeverkehrs im Jahre 1892 ahnen? Die Unannehmlichkeiten, Unkosten und Gefahren, die ihm für uns durch den kuror coloiÜLlis sicher zu drohen schienen, sind uns auch nicht erspart geblieben. Auch in betreff unserer Kolonialpolitik ist noch alles im Flusse, und die Zukunft kann erst ihr endgültiges Verdikt sprechen. Das nur scheint nur höchst wahrscheinlich, daß Bamberger heute, angesichts einer ganz veränderten Weltlage, und nach den ganz neuen Anforderungen des Weltverkehrs, sich wie seine nächsten politischen Freunde nicht mehr so ablehnend gegen die heutige Kolonialpolitik und alles, was mit ihr zusammenhängt, aussprechen würde. Hat er es doch als eine Erfahrung seines vielbewegten Lebens bezeugt, „daß er nur selten Menschen mit eiserner Konsequenz gesehen habe, welche mit scharfem Verstände begabt gewesen wären" (Er. S. 174). Nur gegen eine Welthandelspolitik, die gleichzeitig Deutschland mit einer Zollmaner umgeben will, würde er sich nach wie vor energisch gewehrt haben. Diese seine Opposition gegen die innere Politik des Reichskanzlers und die Kolonialbestrcbungen trugen Bamberger den Haß der unbedingten Verehrer der neuen Reichspolitik ein. In ihm taten sich namentlich einzelne Univcrsitätspro- fessoren, „Prachtexemplare der Kanzlervergötternng," hervor. War er früher schon auf „den Servilismus, der sich auf den Universitäten breit mache", nicht gut zu sprechen, so konnten ihn die Erfahrungen, welche er jetzt zu machen hatte, in seinem Urteile nicht milder stimmen. Aber er erlebte auch Erfreuliches. Sein Wahlkreis Alzeh- Bingen, mit dem er seit seiner Jugend in Verbindung gestanden hatte, blieb ihm unverbrüchlich treu. Bei den Reichstagswahlen von 1887 wurde er trotz aller Anstrengungen seiner Gegner mit großer Majorität von 11076 Stimmen gewählt. Als 265 er am 22. Juli 1893 seinen siebzigsten Geburtstag feierte, ehrten ihn seine politischen Freunde und angesehene Korporationen durch festliche Grüße und Adressen. Die volkswirtschaftliche Gesellschaft in Berlin und der Verein für Handelsfreiheit überreichten ihm eine silberne Votivtafel und 23 deutsche Handelskammern schickten eine kunstvoll ausgeführte Adresse, deren Deckel mit dem Wappen ihrer Städte in Gold, Silber und Emaille geziert war. Vielen Privatpersonen, die unter dem Drucke Bismarcks und der von ihm geschaffenen Verhältnisse zu leiden hatten, galt er als ein zuverlässiger Vertrauensmann in delikaten und schwierigen Lagen. War er den Antisemiten ein Dorn im Auge, so schätzten ihn die von ihnen Verfolgten um so höher. Selbst ihm persönlich ganz Fernstehende wendeten sich an ihn um Beistand. So fuhr z. B. der bekannte Dr. Geffken nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis direkt bei ihn: zu einer Besprechung vor, obgleich er nie Beziehungen zu Bambergcr gehabt hatte. Und noch weit höher stehende Kreise bedienten sich seines Rates. Als der unglückliche Kronprinz Friedrich Wilhelm in Sau Remo schmachtete, stand Bamberger mit dessen Umgebung in lebhafter Korrespondenz, die unter einer Deckadresse über London ging. Wenn einmal das Tagebuch, welches er über die Vorgänge der Jahre 1887 und 1888 geführt hat, veröffentlicht werden wird, dürften sicher manche interessante Aufschlüsse über dunkle Vorgänge dieser Zeit aus Licht kommen. Auch die Gesandten auswärtiger Mächte in Berlin konsultierten ihn gelegentlich vorsichtig durch ihre Attaches. Das persönliche Vertrauen, das Bamberger so entgegengebracht wurde, die Freundschaft und Hochschätzung, welche er in geistig hochstehenden Kreisen der guten Gesellschaft genoß, konnten ihn jedoch nicht für das Unbehagen entschädigen, das ihm die Veränderung der allgemeinen Richtung des öffentlichen Lebens in Deutschland einflößte. Er hatte sich eine andere Entwicklung der Dinge gedacht, als er hoffnungsfreudig wieder nach Deutschland zurückkehrte. „Es war die Zeit des 266 Werdens," so schreibt er in seinen „Erinnerungen" (S. 519), „die so oft schöner ist als die der Erfüllung. Und gerade darum zog mich alles so lebhaft herüber. Wer mir damals das Bild der Dinge in der Perspektive gezeigt hätte, welches drei Jahrzehnte später mir vor Augen stehen würde, den hätte ich für hirnverbrannt gehalten. Wer mir damals gesagt hätte, es werde die Zeit kommen, wo man mir nachsagen würde, ich verträte französische Interessen oder persönliche Vorteile oder gar jüdische Auffassung in deutschen Angelegenheiten!" Hatte nach seiner Meinung zu dieser Entwicklung der Dinge Bismarck keinen geringen Anstoß gegeben, so war er doch stets mehr geneigt, das deutsche Bürgertum anzuklagen, das, charakterlos und kurzsichtig zugleich, sich als unfähig zur Wahrung seiner eigensten Interessen gezeigt hatte. Der Sieg der preußischen Feudalpartei über das liberale Bürgertum war einmal entschieden und an der ganzen Situation für absehbare Zeit wenig zu bessern. Deshalb machte auch der Sturz des Fürsten Bismarck im Frühjahre 1890 keinen tiefen Eindruck auf ihn. Er hat ihn weder „bejubelt, noch bedauert". Daß die Politik des Fürsten seit 1878 keine nennenswerten Erfolge mehr auszuweisen hatte, daß ihr bei seiner steigenden Nervosität schon längere Zeit nichts mehr recht gelinge, hatte er schon seit Jahren deutlich zu sehen geglaubt, und auch ausgesprochen. Mißerfolge würden ihn aber nicht stürzen, und nur vor der Krone, nicht vor dem Parlamente werde er weichen, schrieb er 1888 („Die Nachfolge Bismarcks" S. 26). Daß er hierzu werde gezwungen werden können, sprach Bamberger zwar schon Anfang Februar 1890 gegen einen Freund aus, glaubte aber selbst nicht daran (Ges. Schr. V, 323). Und als nun das an sich Unwahrscheinliche doch wirklich geworden war, da wiederholte er sich wohl die 1889 geschriebenen Worte, daß das freie Bürgertum keine Ursache zu dem Wunsche habe, den Kanzler von dem Schauplätze seiner Tätigkeit verschwinden zu sehen. „Denn einen Nachfolger im Sinne der Gleichwertigkeit für den ersten deutschen Reichskanzler gibt es nicht, und kann 267 es nicht geben." „Das nicht unbegründete Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit macht die Nation in ihrer Breite lustlos, die Geschäfte selbst in die Hand zu nehmen," schrieb er mir in einem ausführlichen Briefe kurz nach dem Sturze des Kanzlers, ohne irgendein Wort der Befriedigung über ihn auszusprechen. Mit den: von dem zweiten Reichskanzler eingeschlagenen „Kurse", der 1891 zu den Handelsverträgen mit Österreich- Ungarn, Belgien, der Schweiz und anderen Staaten und zuletzt (1894) zu den: wichtigsten von allen, zu dem russischen, führte, konnte Bamberger nur einverstanden sein. Auch der Ton, der von dem Grafen Caprivi gegen den Reichstag angeschlagen wurde, war ein ganz anderer als der von Bismarck beliebte. Doch blieben auch mit ihm tiefgehende Differenzen, wie schon erwähnt, nicht aus. Gegen die Kolonialpolitik der Regierung, die, doch einmal begonnen, nicht wieder abzubrechen war, glaubte sich Bamberger damals noch ablehnend verhalten zu müssen und sprach sich am ü. März 1892 bestimmt gegen sie aus. Auch über den Militäretat konnte sich der Reichstag mit der Regierung nicht verständigen. Da ihre Forderungen an: 1. Mai 1893 abgelehnt wurden, löste diese den Reichstag auf und es kam zu Neuwahlen, — bei denen Bamberger nicht wieder zu kandidircn beschloß. War er es wohl mit in erster Linie gewesen, der die unglückliche Verschmelzung der Sezessionisten mit der alten Fortschrittspartei betrieben hatte, um eine große liberale Partei zustande zu bringen, und war er seit dem Bestehen dieser Koalition stets bemüht gewesen, Konflikte in ihrem Schooße auszugleichen, so fiel jetzt die Partei auch äußerlich vollkommen auseinander. Eine Anzahl der näheren politischen Freunde Banibergers hatte für die Vorlage der Regierung gestimmt, die alten Fortschrittsmünner unter der Führung Eugen Richters dagegen. Das führte zu den: vollkommenen Bruche, den die Persönlichkeit des eigenwilligen Führers der Fortschrittspartei schon längst unvermeidlich gemacht hatte. Die Reibungen innerhalb der eigenen Partei und das Auseinandergeheu 26,8 derselben verleideten nnn Bamberger ganz die parlamentarische Tätigkeit. War er doch auch nicht mehr so widerstandsfähig als früher. Der plötzliche Tod seines Freundes Heinrich Hornberger (1860), dem wenige Monate darauf der seiner Schwester, Frau M. Brcal in Paris, nachfolgte, hatte ihn tief erschüttert. Ein unangenehmes körperliches Leiden, das ihm die Ruhe raubte, plagte ihn noch dazu. Davon befreit, befiel ihn im Frühjahre 1898 eine anfänglich recht bedrohlich auftretende Augenkrankheit, die jedoch wieder glücklich gehoben wurde. Alles das wirkte zusammen, um ihn müde zu machen. Am 9. April 1893 schrieb er mir: „Meine Kampfeslust ist nicht mehr gar groß und ich fühle auch wohl etliche Versuchung mich auf den bewußten Meilenstein zu setzen. Aber es wird einem sehr schwer gemacht, anszusteigen. Meine Wähler haben bereits angekündigt, sie würden meine Kandidatur noleim volens wieder aufstellen, und mich davon dispensiert, selbst auf dem Schlachtfelde zu erscheinen." Ich glaubte ihm zureden zu sollen, ihrem Rufe von neuem zu folgen. Einen Monat später schrieb er mir jedoch fest entschlossen, sich ganz aus dem parlamentarischen Leben zurück zu ziehen: „Tausend Dank für Ihren lieben Brief. Sie werden inzwischen aus den Zeitungen ersehen haben, daß ich doch gehe. Um meiner treuen Wähler willen, die ich damit überraschte, schmerzt es mich. Aber dieser letzte scheußliche Vorgang in der Fraktion schlug dem Faß den Boden aus. Ich hatte schon lange Liebe, Glauben und Hoffnung zur Sache verloren. Nun ist sie mir zu widerwärtig geworden. Und gerade der Antisemitismus treibt mich mit fort. Wenn sie die letzten vier Monate an meiner Stelle gesessen Hütten, würde auch Sie der Ekel und Abscheu, nicht vor den Böckcl und Liebcrmann, sondern vor den drei Vierteln der sämtlichen Kollegen, die das gar nicht stört, ergriffen haben. Doch sage ich das nicht laut, um die Methode nicht zu unterstützen. Meine schwache Konstitution deckt ja alles. Wäre es eine Lust dabei zu sein, ich könnte noch ganz gut meinen Mann stehen. Aber ich käme mir fast wie ein Narr vor, wenn ich mir Arbcik zumutete — mehr Sishphism als je —, um noch freudloser uud innerlich verstimmter als je zuvor das undankbare Handwerk fortzusetzen." VI. So hat die parlamentarische Tätigkeit Bambergers, den Theodor Mvmmsen in seinem Nachrufe einen der glänzendsten Redner des neunzehnten Jahrhunderts genannt hat, keinen harmonisch ansklingenden Abschluß gefunden. In Deutschland ist das Bürgertum nicht dankbar gegen seine Vertreter, uud man darf sich manchmal Wundern, daß sich noch immer uninteressierte Leute finden, die für es in den Parlamenten eintreten mögen. Der Staat erweist seine Ehren nur denen, die im Dienste der Regierung und in Übereinstimmung mit ihren jeweiligen Tendenzen ihren Beruf als Volksvertreter auffassen. Nun, nach diesen Ehren und nach Befriedigung persönlicher Interessen hatte Bamberger nicht gestrebt, als er sich 1K67 in das parlamentarische Leben hineinstürzte, „um das übel gelittene Wort der Einigung zu predigen." Aber eine ganz andere Entwicklung der Dinge hatte er sich doch für die Zukunft versprochen. Das Reich war aufgerichtet. Dabei hatte Bamberger die unerwartetsten Erfahrungen gemacht. Denn daß die früher von ihm so scharf angegriffenen Regierungen der kleinen Einzclstaaten sich rcichsfreundlicher und liberalen Ideen fast freundlicher gesinnt erweisen würden als der zu voller Herrschaft in Preußen und Deutschland gekommene kleine Adel, daß die Regierungen überhaupt im großen und ganzen sich verständiger zeigen würden als die Majoritäten der Parlamente, das hatte er nicht für möglich gehalten, lind daß man ihm bald offen, bald versteckt seine Abkunft, seine Vergangenheit und seine Bestrebungen in einem Tone vorhalten werde, der ihn nur kränken und beleidigen konnte, das hatte erst recht ganz außerhalb der Voraussicht des optimistisch gesinnten, sich der Ehrlichkeit seiner Absichten und seiner nicht 270 ganz unbedeutenden Verdienste um das Wohl des Vaterlandes nicht mit Unrecht bewußten Mannes gelegen. Hieran erkannte er besonders den Wechsel der Zeiten. Da stellte er sich nun der neuen Zeit zwar mit Resignation, aber dennoch keineswegs mit einem gebrochenen Selbstbewußtsein und in pessimistischer Verzweiflung entgegen. Und das durfte er auch, weil er sich selbst, trotz der Gegensätze in seinem äußeren Leben und trotz mancher Schwankungen in seinen politischen Bestrebungen, doch stets treu geblieben war, weil er nur aus sich heraus gelebt hatte und nie fremden Einflüssen unterlegen war. Bei der Gelassenheit seines Wesens, der philosophischen Betrachtung der Zusammenhänge alles Geschehens fand er doch auch noch immer beruhigende Erklärungsgründe für die ihm so unsynrpathische Entwicklung der deutschen Verhältnisse. Selbst die Schwächlichkeit des deutschen Bürgertums betrachtete er gelegentlich in milderem Lichte. Mit Recht sagt er in dem Aufsätze „Die Nachfolge Bismarcks": „Während aristokratische, kirchliche, proletarische Parteien über die Kraft verfügen, welche der Egoismus erzeugt, hat sich das moderne Bürgertum, im Gegensatz zu dem vergangener Jahrhunderte, die leibhaftige Vertretung der unterschiedslosen Gesamtheit aller Klassen zur Pflicht gemacht — le tisrs etat est Wut — und schließt auch die nicht aus, die sich im Gegensatz zu ihm auf ein besonderes Recht zur Erreichung besonderer Zwecke stützen." Die Elastizität seines Geistes, der Glaube an die Wahrheit und Gerechtigkeit der von ihm bekannten politischen Grundanschauungen waren so groß, daß er an ihrem endgültigen Siege nie Verzlveifclt hat. Darum kam es ihm auch niemals in den Sinn, nachdem er sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte, die Hände in den Schoß zu legen. Er ist seinen politischen Freunden stets ein treuer Helfer und Ratgeber geblieben und hat mit seiner Feder an dem Kampfe nach wie vor den lebhaftesten Anteil genommen. „Ich glaube, mein Mund und meine Hand werden mir bis zum Tode nicht versagen," sagte er mir einmal. Die Muße, die ihm seit 1893 geworden war, gestattete ihm, seinen ältesten und tiefsten Neigungen jetzt noch mehr nachzuleben, als das früher bei der Menge von Geschäften, denen er sich hatte unterziehen müssen, möglich war. Jetzt konnte er fast ungestört, namentlich in seinem Tuskulum zu Jnterlaken, der Schriftstellcrei leben. In Berlin, wo er nach wie vor den Winter zubrachte, wurde er immer von zu vielen Seiten in Anspruch genommen. Auf Reisen nach Frankreich, die er erst einige Jahre nach 1870 wieder aufnahm, fand er wohl Zeit zu Beobachtungen, aber nicht zu Arbeiten. Nach Italien, das er 1872 mit seinem Freunde Heinrich Hornberger ganz durchzogen hatte, ist er wenigstens auf längere Zeit nicht wieder gekommen. Auf Betreiben seiner Freunde richtete er zunächst sein Augenmerk darauf, die Ernte seines schriftstellerischen Lebens in die Scheunen zu bringen und die zahlreichen, an vielen Orten zerstreuten Aufsätze und Essays, soweit sie ihm der Erhaltung wert schienen, in einer Gesamtausgabe zu sammeln. Diese ist denn auch von 1894—98 unter der Beihilfe eines „jüngeren sachverständigen Freundes" (P. Nathan) zu Berlin bei Rosenbaum L Hart in fünf Bänden erschienen. Der erste Band wurde zuletzt ausgegeben, weil er für die Selbstbiographie des Autors reserviert worden war. Aber nicht nur Altes ist in diesen Jahren redigiert und mit Einleitungen versehen worden, sondern noch gar manches Neue wurde dem schon vorhandenen Schatze hinzugeschaffen. Bamberger hat sich wohl selbst mit im Auge, wenn er einmal sagt: „Die Menschen gebrauchen die Sprache viel weniger, um anderen Mitteilungen zu machen, als um zum eigenen Vergnügen laut zu denken" (Ges. Sehr. I, 329). Und diesem Vergnügen hat er noch manche Stunde seiner letzten Jahre gewidmet. Ernste und heitere Aufsätze hat er in ihnen verfaßt, in denen er über einzelne Erlebnisse berichtet, die wichtig genug waren, um für die Zeitgeschichte aufgehoben zu werden. So hat er uns von seiner Anteilnahme an den Ereignissen von 1870, seiner 272 Fahrt mit dem deutschen Hauptquartier nach Frankreich und seinem Verkehr mit dem Fürsten Bismarck in Versailles erzählt (Ges. Schr. I, 417). Über Fragen der aktuellen Politik, über die er sich ein Urteil zutraute, z. B. über das Verhältnis Frankreichs zu Rußland, sprach er sich (Ges. Schr. k, 453) aus; auch setzte er seine „Weihnachtsbriefe" fort, welche seit 1888 zur Freude zahlreicher Leser und Leserinnen die Wochenschrift „Die Nation" gebracht hatte (Ges. Schr. I, 5). DaS Wort Corncillcs, das er dem ersten dieser Essays: „Die Kunst zu schenken", als Resume vorgesetzt hat: „Un kn^oir cko clonner vnut iriieux cjue ce cpa on clonne", könnte man auch als Motto für alle diese reizenden Feuilletons vorschlagen. Denn sind die Ideen, Reflexionen und Maximen, die Bam- berger in ihnen entwickelt, Früchte eines feinen und hochgebildeten Geistes, der vieles selbst erlebt und gelesen hat, das Schönste an ihnen ist doch fast die reizende Form, in der er sie uns nahe bringt. Neckisch und launig, mit Anekdoten und Anspielungen durchsetzt, die der erlesensten Literatur entlehnt sind, trägt er uns hier keine tiefgründigen Wahrheiten, wohl aber fein abgewogene Lehren einer Lebensweisheit vor, die die Grundlage einer hohen geselligen und sozialen Kultur bildet. Und das in einer Fassung, der die Arbeit des Heransholens und Ziselierens der Gedanken nicht mehr anhaftet, und die, von leichten Arabesken humorvoll umrahmt, wirklicher Grazie voll ist. Ich wüßte nichts in der deutschen Literatur, das diesen nicht gesucht geistreichen, wohl aber geistvollen Plaudereien ebenbürtig wäre. Die umfangreichste und wichtigste Arbeit, die Bamberger in den letzten Jahren seines Lebens begonnen, leider aber nicht vollendet hat, sind jedoch die 1899 nach seinem Tode erschienenen „Erinnerungen". Führen sie doch die Erzählung seines Lebens nur knapp bis zu seiner definitiven Rückkehr aus Frankreich herab. Er hat sie 1894 zu schreiben begonnen. Ursprünglich wollte er keine Autobiographie geben, sondern nur znr Einführung in seine Schriften einige Ab- 273 schnitte seines Lebens ausführlich behandeln. Als er aber daran kam, wuchs ihm unter der Hand der Stoff doch zu einer, wenn auch nicht regelrechten und gleichmäßig gehaltenen, Erzählung seines Lebens aus. Mit großen Unterbrechungen hat er vier Jahre lang in Berlin und Jnterlaken daran geschrieben, wie er Zeit und Laune fand. Die letzte Feile hat er nicht an sie gelegt und nur einzelne kleine Abschnitte aus ihr, die er schon bei Lebzeiten in der „Nation" veröffentlichte, sind stilistisch vollkommen ausgearbeitet. Den großen Rest hat dann P. Nathan, ohne Veränderungen an dem Texte vorzunehmen, aus der Handschrift pietätvoll herausgeben können. Sind diese „Erinnerungen" ein wertvolles Dokument für die Zeitgeschichte, insofern die Stimmung eines großen Teiles des deutschen Volks in der Jugendzeit ihres Verfassers daraus uns aufs deutlichste entgegentritt, entrollen sie uns ferner höchst treffende Kulturbilder aus dem Pariser Leben der Glanzzeit des zweiten Kaisertums, so sind sie für jeden, dem die innere Entwicklung einer so eigenartigen Persönlichkeit wie die Bambergers ein interessantes Problem ist, doch noch wichtiger. Denn in ihnen gibt er sich ganz wie er war. Nicht als ob sie Konfessionen und intime Bekenntnisse enthielten. Diese abzulegen, war nicht in seiner Absicht. Moralische Nuditäten zu zeigen, ist geschmacklos; sein eigenes Ich dramatisch vor den Augen des großen Publikums in Szene zu setzen, dazu war der Lebenskünstler Bamberger nicht angetan; und Zynismen niederzuschreiben, wie z. B. H. Leo und K. Vogt das fertig gebracht haben, lag außerhalb seiner Natur und Bildung. Mit der Wahrhaftigkeit hat er es darum aber erst recht genau genommen. Wie er nicht davon abzuhalten war, aus Parteirücksichten die Narr- heiten und die Erbärmlichkeiten des ganzen Pfälzeraufstandes im Jahre 1849 sofort nach dessen Zusammenbruche unbarmherzig aufzudecken, sondern die volle Wahrheit über ihn sagte, so hat er auch in den „Erinnerungen" die Zu- Hartwig, Aus dem Leben. 18 274 stände seiner Umgebung, die Natur seiner Freunde und Gegner und nicht zuletzt sich selbst in ihnen rückhaltslos gezeichnet. Man ist manchmal verblüfft über einzelne Indiskretionen, über manche scharfe Ausdrücke. Und doch gewinnt man bald die Sicherheit, daß weder Malice noch Leidenschaftlichkeit hierbei das Wort geführt haben. Dinge und Personen, die der Erzähler mit scharfem Blicke durchschaut und für die er das rechte Wort gefunden zu haben glaubte, sollten nur mit ihm behaftet bleiben. Und dabei ist doch trotz mancher scharf beobachteten Blöße seiner Umgebungen sein Gcsamturteil über Freund und Feind im ganzen ein mildes. Sein Humor ließ ihm die Torheiten der Menschheit, und bis zu einem gewissen Grade auch ihre Schlechtigkeiten, in einem heiteren Lichte erscheinen. Nur Roheit und Gemeinheit der Gesinnung, Hochmut ohne Verdienst, pfäffische Heuchelei und Herrschsucht konnten ihm kräftige Verdammungsurteile entlocken. In religiösen Dingen höchst skeptisch angelegt, war er gerade deshalb sehr behutsam, das Empfinden anderer hierin zu verletzen. Als ein Angehöriger eines Volkes, welches von der Unduldsamkeit Andersgläubiger Unsägliches zu leiden gehabt, wollte er sich daher, ebensowenig wie sein Freund Lasker, an dem sogenannten Kulturkämpfe aktiv beteiligen, obwohl ihm die katholische Klerisei mindestens ebenso gefährlich erschien als die lutherische Orthodoxie. Und noch in einer ganz anderen Weise tritt in den „Erinnerungen" seine Wahrhaftigkrit hervor. Man hat wohl gesagt, ihr Autor sei seinem Vorsätze untreu geworden, in ihnen vor allem den Gegensatz von einst und jetzt, zwischen der Zeit seiner Jugend und seines Alters, heraus zu arbeiten. Statt dessen schiebe er überall seine Person in den Vordergrund, die er besser hätte zurücktreten lassen. Man sollte denen, die so urteilen, wünschen, sie möchten, wenn sie in die Lage kämen, ihr eigenes Leben zu erzählen, nicht in den gerügten Fehler verfallen. Denn es ist nur zu natürlich, daß jeder Autobiograph sich selbst in Helles Licht zu 275 setzen sucht und leicht manches Gute an sich entdeckt, das Fremde nicht in demselben Maße finden. Um sich selbst wirklich schlecht zu machen, ist, glaube ich, noch niemand Selbstbiograph geworden. Wirklicher Vorzüge durfte sich Bam- berger aber doch auch bewußt sein. Und daß er sich indirekt ihrer rühmt und seine Erfolge hervorhebt, wer möchte ihm das verdenken, ihm, dem äußere Erfolge im Leben nicht in dem Grade bcschieden waren, wie sie unter anderen Verhältnissen einem so hochbegabten Menschen nicht versagt geblieben wären! Er hat sich auch in diesem Punkte in seinen „Erinnerungen" nicht selbst besser machen wollen, als er war, und hat nichts unterdrückt, was ihn bewegte, erfreute und mit Hochgefühl erfüllte. Er ist ganz naiv und ehrlich hierbei verfahren und hat sich noch dazu, mit anderen Selbstbiographen unserer Tage verglichen, in recht bescheidenen Grenzen gehalten. Neben dieser seiner Wahrhaftigkeit tritt in den „Erinnerungen" ein anderer konstitutiver Zug seines Wesens hervor: die Liebe und Treue, die er gegen seine Freunde stets bewahrt hat. Wie er seinen Grundsätzen stets getreu geblieben ist, so auch seinen persönlichen Freundschaften. Wer im zweiten Bande seiner Schriften die Worte gelesen hat, die er verstorbenen Freunden nachgerufen hat, wußte es freilich schon, wie tief er für die empfand, die seinem Herzen nahe gestanden hatten. Auch allen seinen Kameraden von der Universität her ist er bis in sein Alter nahe verbunden geblieben. Anderen, mit denen ihn gemeinsame politische Überzeugungen im Laufe der Jahre zusammengeführt hatten, und die ihm einmal persönlich befreundet geworden waren, hat er stets ein gutes Andenken bewahrt, auch wenn sich ihre Wege wieder trennten und sie in feindlichen Heerlagern einander gegenüber standen. Er kannte sie und wußte sich aus ihrer Natur heraus alles zurecht zu legen. Und nicht nur ein gutes Andenken hat er gar manchem von denen bewahrt, die ihm nicht immer Gleiches mit Gleichem vergolten hatten, er l8* 276 hat sie, wie gar manchen ihm persönlich unbekannten Parteigenossen, in der delikatesten Weise tatkräftig unterstützt. Daß er Söhnen von Freunden in deren Studienzeit pekuniär nachhalf, gelegentlich wohl auch die Töchter ausstattete, verstand sich für ihn, den Kinderlosen, von selbst. Und noch in seinen: letzten Willen hat er zahlreiche Freunde und Freundinnen mit Geschenken reichlich bedacht. Denn er hatte sich in seinen: Leben nicht nur Freunde, sondern auch viele hochgebildete Frauen zu Freundinnen gewonnen. Der gesellige Verkehr mit ihnen bildete für ihn einen besonderen Reiz seines Lebens, den er nicht entbehren mochte. Bon Paris her an ihn gewöhnt, hatte er ihn in Berlin wieder gesucht als eine Erholung und Erheiterung von den rauhen Kämpfen des politischen Lebens. Auf solche Ausgleichungen im Leben war sein Sinn überhaupt gar sehr bedacht. Neben der Arbeit, in: Geschäft und Parlament, hatte er für Poesie sich das feinste Verständnis bewahrt und kannte die Meisterwerke aller Zeiten. Aber auch die Lektüre eines guten modernen Romans war für ihn ein Genuß wie die Betrachtung guter Gemälde. Es ist ganz bezeichnend für ihn, daß er besonders ein Freund der Musik Mozarts war. Kunstkenner zu sein, beanspruchte er übrigens keineswegs. Aber er liebte alles Schöne. In Paris hatte er ein Jahrzehnt lang mit Wenigen: haushalten müssen, sich aber doch keinen höheren Kunstgenuß versagt. Als er dann ein reicher Mann geworden war, schmückte er sein Heim mit guten Bildern — ein ausgezeichnetes Porträt Döllingers von Lenbach zierte u. a. sein Arbeitszimmer in Berlin — Büsten und Kunstgegenständen. Sein Stolz waren seine auserlesenen Büchersammlungcn in Berlin und Jnterlaken. Sonst blieb seine Lebensführung eine relativ einfache. Aller Pomp und aufdringlicher Luxus waren ihm zuwider. Seinen von Jugend auf schwächlichen Körper hatte er nur durch strenges Maßhalten sich so lange dienstbar erhalten; nur durch eine weise Verteilung von Arbeit und Genuß war er imstande sein Leben für sich und 277 seine Mitmenschen so fruchtbringend zu gestalten, wie er das erreicht hat. Mit seltenen Fähigkeiten, einem scharfen Verstände und einer fast unverwüstlich erscheinenden geistigen Elastizität ausgestattet, hatte er sich durch langjähriges Studium und Übung eine philosophische und weltmännische Bildung erworben und eine wahre Herzensgüte bewahrt, die jene heitere, gelassene, humorvolle und doch sichere und feste Grundstimmung seines Wesens erzeugte, in der er sich ausgelebt hat. Bamberger würde seine Selbstbiographie wohl rascher gefördert haben, wenn ihn nicht wiederholte Anfälle von katarrhalischen Leiden heimgesucht hätten. Auch starb ihm plötzlich sein bewährter Sekretär. Im Frühjahr 1898 trat eine noch gefährlichere Hemmung seiner Tätigkeit ein. Er meldete mir in einem diktierten Briefe von 18. April: „ . . . Am Mittwoch, den 23. März, spürte ich plötzlich des Nachmittags beim Ordnen von Briefen und Papieren einen Ruck im Kopfe auf der rechten Seite. Alsbald verbreitete sich Unbehagen über den ganzen Körper, es folgte eine schlechte Nacht, und am anderen Morgen scheint mein Aussehen und Gebahrcn so beängstigend gewesen zu sein, daß meine Umgebung nach dem Arzte schickte, den ich zu berufen für überflüssig gehalten hatte. Nun ahnte ich, was geschehen sei. Ein Schlaganfall, ein gemäßigter, war über mich gekommen. Allmählich stellte sich ein gewisses Unvermögen der linken Extremitäten und eine gewisse Schwerfälligkeit im Sprechen ein. Der Arzt bestätigte meine Vermutung. Mit Medizin ist in solchen Fällen nichts zu machen und die einzige Arznei ist Ruhe und Bewahrung vor aller Anstrengung des Kopfes. Nach einigen Tagen trat eine kleine Besserung ein, die seitdem weitere Fortschritte gemacht hat." Schließlich erzählt er, daß der Arzt ihm Hoffnung gegeben habe, daß er doch seine übliche Sommerreise über Mainz, zu seinem dort noch lebenden ältesten Bruder Rudolph, nach Jnterlaken werde machen können, und schloß: „Ich höre das gern, einstweilen ohne absoluten Unglauben au." Wirklich hatte sich der Arzt nicht geirrt, und 278 der Kranke schien sich in den Bergen vollkommen zu erholen. Nach einigen diktierten Briefen erhielt ich am 8. September wieder einen ausführlichen von seiner Hand mit Nachrichten über das Befinden: „Alle Welt behauptet, ich sei wieder wie vorher. Nur mir will es nicht scheinen. Aber auf dem Wege der Suggestion, die in unseren Tagen besonders zu Ehren kommt, lasse ich mich doch auch bereden, an das Bessere zu glauben. Was ich noch mehr fühle als die draußen es sehen können, ist die geringere Widerstandskraft der Gehirntätigkeit. Jede etwas lebhaftere Reizung bringt das Organ noch aus dem Gleichgewicht und verlangt eine Ruhepause zur Wiederherstellung." Man begreift es, wie ihn dieses Mal, besonders nach „einem sagenhaft schönen Sommer" der Abschied von seinem Tuskulum besonders schwer wurde, daß er „mit mehr Wehmut als sonst" von ihm schied. Nach Berlin zurückgekehrt, besserte sich sein Zustand dauernd. Als ich ihn im Laufe des Winters besuchte, ging er wieder ganz fest und sicher. Nur die Straßenkreuzungen mied er. Auch geistig war er ganz wieder der alte. Der Tod Bismarcks regte ihn an, noch einmal seine Meinung über den Mann zusammenfassend auszusprechen, dessen Bewunderer und Gegner er wie wenige gewesen war. Die Schriften des „Büschchens" und vor allem die „Gedanken und Erinnerungen" des großen Toten selbst steigerten das Bedürfnis dazu in ihm noch stärker. So entstanden die sechs Aufsätze in der „Nation", die er „Bismarck Posthumus" überschrieb. Er wollte in ihnen der Nachwelt ein Zeugnis über den „eigenartigen und gewaltigen Mann, dessen Ruhm fest steht für alle Zeiten", hinterlassen, das von einem Mitlebenden herrührt, der ihn wie wenige studiert hatte und den Kern seiner Persönlichkeit zu erfassen aufrichtig und ehrlich bemüht gewesen war. Noch einmal durfte er sich bei dieser Arbeit seiner alten geistigen Frische erfreuen. Die Anerkennung, welche die auch im Separatabzuge erschienenen Artikel weit und breit fanden, erhöhten noch einmal sein Lebensgefühl. 279 Aber der stets schwache, und doch so zähe Körper versagte endlich endgültig. Am 14. März 1899 starb Ludwig Bamberger an Altersschwäche. „Ein Organ nach dem anderen hatte in wenigen Tagen den Dienst eingestellt," sagte mir am 17. März der alte treue Diener mit Tränen in den Augen. Ergreifende Worte der Erinnerung sprach an diesem Morgen in dem Studierzimmer des Verstorbenen sein greiser Freund Theodor Mommsen vor einer zahlreichen Versammlung von Verwandten, Freunden und Freundinnen. Darauf wurde sein Leib auf dem israelitischen Friedhofe in der Reihe der Ehren- gräber neben seinem Freunde Ed. Lasker in die Erde gesenkt. Am Abend desselben Tages hielt dann im großen Saale des Künstlerhauses ein ihm persönlich und politisch ganz nahestehender jüngerer Freund, der Abgeordnete Th. Barth, vor einer nach Hunderten zählenden Versammlung ihm die weihevolle Gedächtnisrede. Das offizielle Berlin war hier nicht vertreten. Nur über der Tür des Saales hing ein großer Kranz, den die Kaiserin Friedrich dem Toten gewidmet hatte. Um sein Bild der Nachwelt inmitten eines Instituts zu erhalten, an dessen Zustandekommen er hervorragenden Anteil genommen hatte, hat am 7. November 1899 eine Anzahl seiner Freunde seine Marmorbüste im Lesesaale der deutschen Reichsbank aufstellen lassen. MM^W Ex^iW M-'rM > 5 -;^ WM III. 2m kuchessischen unä rur Mlgerchichte. ?/>" L- .> r -i 1. Über die Zukunft der nationalen Partei in Preußen im Hinblick auf die allgemeinen Wahlen. Vier Sendschreiben an Professor H. v. TreitschkeZ) I. Wenn Sie diese Briefe erhalten werden, erinnern Sie sich vielleicht zunächst eines kräftigen Wortes, welches der Herzog von Wellington einmal gegen die Schreiber und Absender anonymer Schriftstücke gerichtet hat. Und in der Tat, l) sVergl. H. v. Treitschke, „Zehn Jahre deutscher Kämpfe" (Aufl. 3) Bd. I S. 289 s. und S. 297 f. — Die Schrift erschien auch als Separatabdruck aus der Weser-Zeitung. Bremen, C. Schünemanns Verlag 1870 (26 S.), mit folgender Vorbe- merkungs: Diese vier Sendschreiben, welche ich mir im Hinblick auf die nächsten allgemeinen Wahlen im Norddeutschen Bunde und Preußen an Herrn Professor H. von Treitschke in Heidelberg zu richten erlaubte, sind in den Wochen niedergeschrieben worden, die der Annahme der Tarifvcränderung im Zollparlamente und dem Zustandekommen des Strafgesetzbuches vorausgingen. Gleichzeitig mit dem Schlüsse des Zollparlaments begann ihr Abdruck in der „Weser-Zeitung", und als das Strafgesetzbuch gesichert war, konnte ich noch einen Passus über das Verdienst der Männer Anschieben, die mit Hintansetzung prinzipieller Bedenken dieses so überaus wichtige nationale Werk hatten gelingen machen. In gewisser Beziehung tragen die vier Briefe die Signatur der Tage an sich, in denen sie entstanden sind. Sie sind in der bangen Sorge geschrieben, das Zollparlamcnt sowohl als der Reichstag müßten nach Hause gehen, ohne das Werk unserer nationalen Einigung durch ihre Beschlüsse gefördert zu haben. Glücklicherweise hat sich diese nicht erfüllt und durch ganz Deutschland ist die Hoffnung auf ein Fortschreiten in der nationalen Entwicklung neu belebt worden. Wenn nun auch darum sich die nächste Zukunft der nationalen Partei in 284 auch ich würde mich diesem Vcrdammuugsurteile anonymer Schriststellerei nicht ausgesetzt und diese au Sie adressierten Briefe nicht gleichsam vaterlos abgeschickt haben, wenn nicht äußere Umstände das so erforderten. Ich bin nämlich preußischer Beamter. Und wenngleich der Inhalt dieser Briefe nicht gegen Preußen, oder das gegenwärtige Ministerium als solches, oder gar gegen die von dessen leitendem Staatsmanne vertretene äußere Politik gerichtet ist, so werde ich doch so viele Ausstellungen an Regierungsmaßregeln zu machen haben, daß mir bei den in Preußen über Subordination herrschenden Staatsmaximen nur die Alternative übrig bleibt, Sie entweder gar nicht mit diesen Zeilen zu behelligen oder mich allerlei ernsten Unannehmlichkeiten auszusetzen. Da ich Preußen augenblicklich besser gestaltet, als es noch vor wenigen Wochen den Anschein hatte, so lasse ich doch diese Briefe bis auf Kleinigkeiten unverändert noch einmal wieder abdrucken, um sie auch in Kreise zu bringen, denen die „Weser-Zeitung" nicht zugänglich ist. Denn—und das ist der einzige Vorteil, welchen die anonyme Schriftstellerei mit sich bringt — ich habe selbst so viele unbefangene mündliche Urteile über dieselben gehört, die besagten, daß die Stimmung, die in den von Preußen neuerworbenen Provinzen entschieden vorherrsche, hier ganz richtig und treu wiedergegeben sei. Hierauf aber alle die hinzuweisen, und wiederholt hinzuweisen, welche es angeht, schien mir eine Pflicht zu sein, die, so unangenehm sie sein mag, doch darum nicht aufhört, eine Pflicht zu sein. Denn ich fürchte nicht, daß noch viele andere wie die Redaktion der „Neuen Preußischen Zeitung" aus ihnen herauslesen werden, in den neuen Provinzen habe das Volk im Grunde zu den preußischen Beamten viel mehr Vertrauen und Neigung, als zu seinen bisherigen Führern. Daß den Kreuzzeitungsmännern meine Art zu sehen und darzustellen nicht zusagen werde und sie darum sich in ihrer Weise über meine Briefe hermachen würden, wußte ich vorher. Aber ich hatte doch nicht geglaubt, daß sie so unfähig seien, anderer Leute Gedanken richtig wiederzugeben, wie sich bei dieser Gelegenheit herausgestellt hat. In der Zuversicht, daß eine solche babylonische Sprachverwirrung noch nicht allgemeiner um sich gegriffen hat, mögen die vier Sendschreiben noch einmal ihren Weg in das große Vaterland nehmen und sich Gehör suchen bei allen, denen es mit der Liebe zu ihm, und nur zu ihm, wahrhaft ernst ist. Pfingstsonntag 1870. Der Verfasser. 285 nun nicht schweigen mag, weil mir meine Pflicht als Bürger des preußischen Staates in diesem Falle sittlich höher zu stehen scheint, als die des Beamten, ich mich aber auch nicht in der Lage befinde, sofort mein Amt zu quittieren, so muß ich deu Ausweg ergreifen, Ihnen diese Briefe anonym, wenn auch von der Flagge der „Weser-Zeitung" gedeckt, zuzusenden. Wird aber schon der Umstand, daß Ihnen gegenüber die „Weser-Zeitung" die Verantwortung für meine Worte übernimmt, dazu wesentlich beitragen, der Anonymität den odiösen Beigeschmack zu nehmen, der ihr einmal anklebt, so hoffe ich noch dazu, daß der Inhalt meiner Briefe Ihnen vollends beweisen wird, daß ich nicht verpflichtet bin, Ihnen mit meinem Namen entgegen zu treten. Denn es ist bei diesen Betrachtungen über die Zukunft der nationalen Partei in Preußen, die der Hinblick auf die nächsten Wahlen mir nahe legte, nicht auf eine Polemik mit Ihnen abgesehen, sondern vielmehr auf die Mitteilungen von Tatsachen und die Darlegung von Befürchtungen, die jetzt von einer großen Anzahl patriotisch gesinnter Männer geteilt werden. Damit sollen dann Vorschläge verbunden werden, welche zur Beseitigung dieser Befürchtungen und der ihnen zugrunde liegenden tatsächlichen Verhältnisse dienen könnten. Daß ich aber diese Vorschläge zunächst an Sie adressiere, hat einen persönlichen Grund. Es ist Ihnen in der letzten Zeit mehrfach begegnet, daß die publizistischen Organe der preußischen Regierung sich auf Sie, als auf einen klassischen Zeugen gegen die Forderungen der nationalen und liberalen Opposition berufen haben. Dafür sind Sie dann umgekehrt von einem Teil der Presse unserer Parteigenossen hart angegriffen worden. Das eine wie das andere wird Sie im ganzen persönlich wenig berührt nnd nur insofern betrübt haben, als Ihnen daraus die Erbitterung des neubelebten Streites zwischen der Regierung und einem Teil der nationalgesinnten Liberalen Preußens recht fühlbar entgegengetreten ist. Aber gerade diesen Streit durch Ihr ^kräftiges Wort 286 wieder mit beseitigen zu helfen, möchte ich Sie durch diese Briefe ganz besonders auffordern, gleichzeitig aber auch Sie und alle diejenigen, welche jetzt ähnlich denken wie Sie, durch eine offene und rückhaltslose Darlegung der vielen Klagen und Beschwerden, welche namentlich in den nenerworbenen Provinzen des preußischen Staates laut werden, darauf hinweisen, wie hochnötig eine kräftige und einmütige Verurteilung vieler Regierungsmaßregeln von feiten aller derer ist, die an den großen nationalen Beruf Preußens fest glauben. Denn würden Sie und die Gleichgesinnten in den Staaten und Stäätchcn, welche der preußischen Verwaltung nicht unmittelbar unterstellt sind, deren wahre Natur und die durch sie hervorgebrachte Stimmung der Bevölkerung nicht kennen und demgemäß auch der Regierung nicht in der Weise entgegentreten, wie es doch so viele ihrer Maßnahmen und die durch diese hervorgebrachte Stimmung gerade des Teiles der Bevölkerung, welche gern regierungsfreundlich sein möchte, erforderlich machen, so würden Sie nur an Ihrem Teil dazu beitragen, die böse Nachrede zu befestigen, daß man Preußen nur pur clistance lieben könne, und den Riß vergrößern helfen, der sich in den neuen Provinzen zwischen der nationalen Partei und der Regierung allmählich immer mehr vertieft und erweitert! Daß aber das doppelt bedenklich ist, werden Sie gewiß nicht in Abrede stellen. Denn abgesehen davon, daß die nationalgesinnten Vertreter der neuen Provinzen doch bisher wirklich bedeutend dazu mitgewirkt haben, die Gegensätze, welche sich in der Konfliktsperiode zwischen dem Ministerium Bismarck und einer guten Zahl tüchtiger, nationalgesinnter Männer gebildet hatten, zu mildern, was soll es in den neuen Provinzen geben, wenn diese Männer entweder weiter nach links geschoben werden oder ganz aus dem politischen Leben ausscheiden müssen, da sie dem Gros der Bevölkerung zu preußenfreundlich erscheinen; und nun in den neuen Provinzen, in denen die Abneigung gegen die neuen Zustände nicht durch das stolze Gefühl des: „Ich bin ein 287 Preuße" immer wieder doch in etwas wenigstens korrigiert werden kann, sich die Majorität der Bevölkerung in eine erbitterte Opposition wirft? Ich meine, die Schleswig-Holsteiner und Hessen z. B. haben hinlänglich gezeigt, wessen eine erbitterte Opposition fähig ist, die noch dazu gewiß dadurch nicht abgeschwächt werden wird, daß sie sich auf enttäuschten Hoffnungen auferbaut. Daß aber Sie, der Sie, wie kaum ein anderer, den deutschen Einheitsstaat schon ganz deutlich heranwachsen sehen, besonders großes Gewicht darauf legen müssen, daß es Preußen gelingt, die neuerworbenen Provinzen sich so einzuverleiben, daß sie nicht nur gezwungen und widerwillig, sondern in nicht allzu ferner Zeit mit dem freien Geständnisse, durch Preußen in allen ihren Interessen gefördert und gehoben zu sein, in den Großstaat aufgehen, gerade dieser Umstand ist uns ganz besonders zur Veranlassung geworden, diese Briefe mit Ihrer Adresse zu schmucken. — Doch zur Sache! Sie haben völlig recht, wenn Sie wiederholt in Ihren Schriften auf das beispiellose Glück hinweisen, das bisher der Gründung des Norddeutschen Staatskörpers gelächelt habe. Hat Preußen seine Siege im Jahre 1866 der Überlegenheit der Bildung seiner Armee über die österreichische in erster Linie zu verdanken: das Wort des großen italienischen Diplomaten und Heerführers, daß von allen Zufälligkeiten nichts zufälliger sei als der Ausgang einer Schlacht, verliert auch in seiner Anwendung auf die Kämpfe in Böhmen seine Anwendbarkeit nicht. Und wie günstig hat sich seit jenen großen Tagen, deren Gefahren man nur mit dem Glauben tapfer entgegentreten konnte, daß die ganze Entwicklung unseres Vaterlandes eine große Lüge gewesen wäre, wenn sie nicht siegreich bestanden werden würden, die ganze Weltlage gestaltet! Von den beiden Erbfeinden der einheitlichen Gestaltung Deutschlands ist der eine durch innere Zerwürfnisse nach den ungeheuren Verlusten des letzten unglücklichen Krieges so schwach, daß er selbst in seiner Agonie nicht mehr allzu gefährlich werden könnte, und der andere noch nicht so weit 288 herunter, daß er, um den Gefahren seiner inneren Zustände zu entgehen, alles auf eine Karte setzen müßte. Und ehe Rußland, das allerdings deutschnationale Interessen in seinen Ostseeprovinzen verletzt, ernstlich mit uns anbindet, müssen gleichfalls seine eigenen Zustände sich ganz anders gebessert haben, als es für ein Menschenalter dazu Aussicht vorhanden zu sein scheint. Und wie ist nun von uns diese günstige Zeit benutzt worden? Anfänglich gewiß mit der nötigen Energie und auch mit dem besten Erfolge. Denn wenn auch die norddeutsche Bundesverfassung allzusehr den Stempel des Mannes trägt, der die ganze Bewegung geleitet hat, wenn sie auch, was allerdings viel schlimmer ist, für die Zukunft stets solche Staatsmänner erfordert, um sie im Gange zu halten, welche dem Grafen Bismarck an gebietendem Ansehen, klarer Einsicht und rücksichtsloser Willenskraft gleich stehen, so ist sie doch immerhin ein großes Werk und vielleicht das beste, das unter den gegebenen Umständen zu erreichen war. Aber genügt es schon jetzt, wird es die Reibungen, in die es mit anderen gegebenen Größen kommen muß, so überwinden, daß es nicht, selbst in seiner Entwicklung zurückgehalten, bald einrostet und unbrauchbar wird? Wie stehen die treibenden Kräfte unseres Volkslebens zu ihm? Was sagen ihm die verschiedenen Parteien nach? Es ist ja zwar natürlich, daß die Morgensonne, die dein Emporblüheu unseres jungen Staatslebens allzu glänzend und freundlich gelächelt hat, bald wieder von Nebeln verdunkelt werden mußte. Daß aber die Aussicht in die Zukunft so trübe und unerfreulich in kurzer Zeit werden könne, als sie jetzt selbst nicht allzu begehrlichen Geistern erscheint, das hatten doch wenige erwartet. Man hat sich, um das allgemeine Mißvergnügen zu erklären, auf allerlei Parallelen aus der Geschichte berufen und namentlich auch die allgemeine Verstimmung in England angeführt, die dem Freudenräusche nach der Ankunft des großen Orauiers und der Vertreibung der Stuarts so rasch gefolgt sei. Die Bemerkungen, die Macaulay 289 hierüber gemacht habe, seien auf die Gegenwart völlig anwendbar. Und in der Tat lassen sich hier wie dort analoge Vorgänge nachweisen. Aber die Situation Englands nach der glorreichen Revolution und die Deutschlands von heute ist doch eine grundverschiedene. Die Umstände liegen für uns und die weitere Entwicklung des Begonnenen viel günstiger, nur das Mißvergnügen der Beteiligten ist ein ziemlich gleiches. Alle politischen Parteien des Landes sehen der Zukunft mit Besorgnis entgegen. Nur mit Widerwillen hat die konservative Partei Preußens in den Krieg mit Österreich gewilligt. Die konsequenten, energischen Köpfe unter ihr haben sich nie mit ihm befreunden können, und H. Leo ist ja soweit gegangen, die Auflösung der Partei als solche völlig anzuerkennen und zuzugeben, daß sie sich an die Person Bismarcks und sein Tun gekettet habe. Aber wie lange hat die Verleugnung der Prinzipien, das Handeln „mit schwerem Herzen", die Unterordnung von Staatsinteressen unter die Staatsräson, die Anerkennung der Konsequenzen des einmal Geschehenen bei dieser Partei angehalten? Wer die Vorgänge im Herrenhanse nicht vergessen hat und den Widerstand bedenkt, den so manche Regierungsvorlage im stillen gerade bei der Partei findet, welche sich die sogenannte Regierungspartei nennt und deren Angehörige fast nur Aussicht auf Beförderung in höhere Staatsämter haben, wer die Preßorgane jener Partei liest, die — statt vermittelnd zu wirken — sich stets gcrieren, als sei die gegenwärtige Grundlage der Staatsverfassung die Ursache alles Übels, und nicht eher werde es besser werden, bis selbst die konstitutionellen Formen wieder abgestreift und wir wieder zu einem mit Ständen und Zünften verbrämten Patriarchalischen Absolutismus zurückgekehrt sind, — der weiß es, wie groß die Übereinstimmung dieser konservativen Partei mit der Regierung ist. Und dazu noch das Liebäugeln dieser Blätter mit den Feinden der bürgerlichen Gesellschaft und das Aufhetzen der Extreme von rechts und links gegen die Mittelparteien, welche eine ruhige Hartwig, Au« dcm Lcbcu. IN 290 Weiterentwicklung auf der einmal gelegten Basis wünschen. Was aber das Betrübendste an dieser Erscheinung ist, kann man in ihrer Naturgemäßheit finden. Fast so zerrissen als der preußische Staat vor 1866 seiner geographischen Lage nach war, standen sich auch innerlich die beiden großen Hälften desselben einander gegenüber. In den östlichen Provinzen der Monarchie hatte der Landadel einen Einfluß auf die Geschicke der Monarchie gehabt, den die westlichen nicht kannten. Und fast erscheint der Wechsel von großartiger Hebung der Volkskraft und ihrem plötzlichen Erschlaffen, welchen die Geschichte des preußischen Staates, wie kaum die eines anderen Landes zeigt, mit der inneren Natur, der ganzen Struktur der bisher die Geschichte des preußischen Staates fast ausschließlich bestimmenden östlichen Hälfte desselben, zusammenzuhängen. Preußen ist durch seine Armee in erster Linie groß geworden. Nichts ist mit der Bravour und der Hingebung zu vergleichen, mit der die Söhne der zahlreichen armen Adelsfamilien der Mark, Pommerns usw. ihr Blut für die preußische Waffenehre vergossen haben. Nur 1806 ist diese nicht von ihnen gewahrt worden. Aber was diese kleinen Herren in den Kriegen gcsäet haben, das wollen sie im Frieden mehr als reichlich wieder ernten. Wie ein Bleigewicht haftet sich dann ihr Einfluß an die Entwicklung des Staates. Unbedenklich übertragen sie militärische Einrichtungen auf bürgerliche Verhältnisse, wie sie auf ihren Gütern über die Kossäten schalten, wollen sie das ganze Land regieren; die Krone ist dazu da, das Füllhorn ihrer Gnaden- und Gunstbezeugungen nur über sie auszugießen. Da nun aber die rauhe Wirklichkeit doch mit der Zeit allzustark in diese Wünsche und angeblichen Berechtigungen hineingefahren ist, da die naiven Zeiten, in denen in Ostpreußen dieses alles als selbstverständlich angesehen wurde, längst vorüber sind, hat man sich eine mystische Theorie von dem Königtum von Gottes Gnaden und den Vorzügen des Adels ersonnen, welche mit einer religiösen Richtung Hand in Hand geht, die, wie 291 jene Theorie auf mittelalterlichen Vorbildern ruht, so selbst konsequenterweise zu dem römischen Katholizismus zurückführen muß. Ist es nun ganz bezeichnend, daß die legitimistischen Theorien neuerer Zeit vor allem in den Kreisen vater- landsloser Emigranten entstanden und in ihnen mit aller Energie ausgesprochen sind, so wird man auch wohl bezweifeln dürfen, daß - dieselben zur Stärkung nationalen Sinnes überall da beitragen, wo sie sich zeigen und mehr oder weniger zur Herrschaft kommen. Die Geschichte Preußens im Jahre 1850 usw. gibt Belege genug dazu, und daß unter der konservativen Partei Preußens gar ein Verständnis für deutsche, nationale Aufgaben und Interessen vorhanden wäre, wird niemand behaupten wollen. Ist doch die Vergrößerung Preußens, abgesehen von den legitimistischen Bedenken gegen die Entthronung gekrönter Fürsten, schon darum in den Augen vieler Konservativen vom Argen, Iveil dadurch Elemente in den Staat neu eingeführt werden, die nun einmal für diese nen- Preußischen Ideen kein Verständnis haben und sie auch da, wo sie noch im Schwange sind, zurückdrängen helfen könnten. lind hat nicht noch unlängst die „Kreuzzeitung" der Regierung ihre Unterstützung nur für den Fall zugesagt, daß sie sich von den chimärischen Plänen auf Süddcutschland ganz fern halte? Damit tut die Partei freilich nur, was sie nicht lassen kann, wenn sie nicht ihre eigene Zukunft aufgeben will. Aber sie muß darauf verzichten, sich irgendwie eine nationale, deutsche Politik vindizieren zu wollen. Denn diese kann doch nur auf eine staatliche Wiedervereinigung — über die Form derselben läßt sich verschiedener Ansicht sein — von Nord- und Süddcutschland gerichtet sein. Und das weiß auch der Graf Bismarck so gut wie kein anderer. „In der deutschen Politik", heißt es in seinem Briefe an den Fürsten von Put- bns, „sind der Regierung so tiefe und feste Geleise vorgezeich- net, daß sie ohne schwere Schädigung des Staatswagens garnicht aus denselben herauskann." Härter könnte hiermit nichts zusammenstoßen als eine Äußerung, die vor kurzem ein 19* 292 namhaftes Mitglied des Herrenhauses tat, als Bismarck hier über die deutsche Politik Preußens sprach: „Nun will er uns gar noch einreden, daß es eine deutsche Politik gäbe; ich kenne nur eine preußische." Und doch, trotz dieses Zusammenstoßes geht Graf Bismarck in den meisten Fragen der inneren preußischen Politik mit seinen Gegnern in der deutschen Frage; trotz prinzipieller Differenzen der weitgehendsten Art werden alle höheren Verwaltungsämtcr jetzt wieder nur mit Männern besetzt, deren beste Eigenschaft die ist, daß sie der Kreuzzcitungspartei angehören! Nur im ersten Anlauf von 1866 wurde vorzugsweise auf Tüchtigkeit und Brauchbarkeit Rücksicht genommen. Für Ministerposten werden auch allerdings jetzt noch nur Männer auserkoren, welche die deutsche Politik der Regierung zu unterstützen geneigt und geeignet sind. Die Umgestaltung Preußens und Deutschlands soll offenbar mit „Kreuzzeitungsmaterial" bewerkstelligt werden. Was dabei bisher herausgekommen ist, darüber gestatten Sie mir in meinem nächsten Brief Ihnen zu schreiben. II. Die Tugend der Mäßigung kennen ausgesprochene Partei- regierungen nicht. Denn in demselben Maße, als diese Tugend sich geltend macht, tritt die Parteiregierung zurück. Darum können wir auch unserer Regierung nach den Ereignissen von 1866 nicht vorwerfen, sie sei eine reine Parteiregierung gewesen. Mögen manche den Grafen Bismarck deshalb besonders bewundern, daß er in Nikolsburg fast der einzige Mensch gewesen sei, den die Erfolge der Peußischen Waffen nicht berauscht hätten und der den Feinden den Frieden zn annehmbaren Bedingungen geboten habe, mir ist er noch größer erschienen, als er nach dem Friedensschlüsse mit Österreich nun auch Frieden in Preußen zn stiften sich anschickte. Hätte Graf Bismarck nicht das Ganze im Auge gehabt, souderu uur das Interesse der Partei, aus welcher er selbst hervor- gegangen war, er würde nicht nm die Jndemnitütserklärung nachgesucht haben, sondern in Neuwahlen die augenblickliche Aufwallung des Moments über das Gewissen des Volks den Sieg haben davontragen lassen! Hierüber sind Sie und alle nicht von Parteileidenschaft verblendeten Patrioten mit mir einverstanden. Aber seit jenen Tagen hat sich doch wieder vieles verändert und es kann von einer Mäßigung der Regierung nicht gut mehr gesprochen werden, sondern nur von einer Unsicherheit und Konsequenzlosigkeit. Es hat viele Liberale in Deutschland gegeben, welche nur der allgemeinen menschlichen Schwäche huldigten, als sie den Umgestaltungen von 1866 entgegenjubelten. Sie versprachen sich von der Zukunft goldene Berge, die diese ihnen nimmer gewähren konnte. Daß sie gründlich enttäuscht sind, jetzt murren und klagen, wer wird sich darüber wundern? Aber auch viele, die mit weit richtigerem Urteil, ja selbst mit der klaren Einsicht, daß eine so grandiose Umwälzung des ganzen deutschen Staatswesens eine große Menge von Unannehmlichkeiten, persönlichen Verlusten usw. und ein stellen- weises Zurückgehen mancher trefflicher Institutionen in den annektierten Ländern zur Folge haben müsse, den kommenden Umgestaltungen entgegen gesehen haben, sind doch jetzt, wo dieselben vollzogen sind oder sich zu vollenden im Begriffe stehen, über die Maßen verstimmt und mißmutig. Etwas von dieser Mißstimmung mag freilich auch die Folge einer menschlichen Schwäche sein: Etwas zn wollen, ohne die notwendigen Konsequenzen dieses Etwas zn wollen. Aber solcher Schwäche ist zweifelsohne die Regierung noch mehr erlegen, als jene mißvergnügten Regierten. Sie freute sich des großen Sieges, den sie erfochten, weil er ihr und ganz Preußen zn gute kommen müsse. Aber, wie es so oft zu gehen pflegt, die Schlacht zu schlagen, hatte weniger Mühe gemacht als die Beutestücke einzusammeln und mit den früher gewonnenen zu vereinen. Beides war auch mühevoll genug. Die widersprechendsten Interessen und Bestrebungen machten sich geltend. 294 Legitimistische Rücksichten und nationale Bedürfnisse, spezifisch preußische Forderungen und die Interessen der neuen Provinzen waren zu versöhnen. Die Minister, welche für die Konfliktsperiode gewühlt waren, und deren Majorität schon vor 1866 die Last der Geschäfte auf die Schultern einiger weniger Kollegen abgewälzt hatte, waren für die neuen großen Verhältnisse garnicht gerüstet; an allen rächte sich doch die eigene Vergangenheit, die Parteistellung, in der sie vordem Kriege gestanden hatten. Auch die Hemmungen, welche die innere Entwicklung des preußischen Staates in der zweiten Hälfte der Regierungen von Friedrich Wilhelm III. und IV. erfahren hatte, machten sich gar schmerzlich bemerkbar. Altes und neues war reformbedürftig, und nun sollte man dieses beides, das auf verschiedenem Boden erwachsen war, gleichzeitig in eine Form zusammengießen! Wir geben gern zu, daß unter solchen Verhältnissen allen Anforderungen auch nur annähernd zu genügen fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Und doch glauben wir Recht zu haben, wenn wir behaupten, daß sich die preußische Regierung, namentlich in Beziehung auf die neuen Provinzen, die an sich so schwierige Aufgabe doch etwas zu leicht gemacht hat. Nach zwei Richtungen hin wird sich das bewahrheiten lassen. Wir meinen, die Regierung hat zu viel borussifiziert, wo es nicht nötig tat, und sie ist, namentlich von feiten des Kultusministeriums aus, zu sehr als Partciregierung aufgetreten. Ein Staat, der in vielfacher Beziehung eine so ausgeprägte Individualität besitzt als der preußische, kaun ebensowenig von seiner Art lassen, wie eine in sich geschlossene Einzelpersönlichkeit. Dies soll er auch nicht. Es tat gar mancher Provinz, die er 1866 sich erworben hat, gut, daß sie mit etwas preußischem Geiste getränkt wurde. In Schleswig- Holstein hatte der nationale Widerstand gegen Dänemark einen Provinziellen Separatismus groß gezogen, der mit der Zeit sich auch ebenso scharf gegen Deutschland gekehrt haben würde. 295 Die Frankfurter glaubten schon völlig, daß Deutschland nur um ihrer Bürgerschaft willen da sei. In Hessen und Nassau war der Respekt vor der Krone gänzlich abhanden gekommen. In Hannover war man auf dem besten Wege dazu. Allgemeine nationale Zwecke wurden in keinem der Länder irgendwie gepflegt, in einzelnen die Entwicklung der Volkskraft geradezu gehemmt. Da ist nun Preußen mit seinem strammen Regiment dazwischen gefahren, hat harte Anforderungen an die Steuerkraft der Länder und Ländchen gestellt, die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, dein Beamtenstand in manchen von ihnen Vorteile entzogen, die er in alten Zeiten hatte, dafür ihn aber noch mit mehr Arbeit belastet usw. Gewiß hat alles das vielerlei Unwillen in den neuen Provinzen bei Alt und Jung erzeugt. Der müßige Hofadel grollt in Hannover und Kassel und der Frankfurter Kaufmannsjüngling will den „Kuhfuß" nicht tragen. Die Bauern sind Gegner jeder Steuererhöhung wie die Philister der Städte. Aber schließlich können doch alle auf diese Neuerungen gegründeten Klagen zurückgewiesen und so widerlegt werden, daß sie Wohl noch in dieser oder jener Herzensfalte nicht verstummen, sich aber doch nicht mehr ungescheut an das Tageslicht wagen. Andere Beschwerden dagegen sind nicht zu widerlegen. Auch in den einzelnen neuen Provinzen kannte man früher die „Steuerschraube". Wenn nun jetzt die Steuern erhöht wurden, so nahm das ein großer Teil der Bevölkerung als etwas Selbstverständliches hin. Warum nun aber auf einmal hier und da der ganze Modus der Steuererhebung z. B. abgeändert werden mußte, ist schlechterdings nicht zu begreifen. Denn die neue Art ist offenbar schlechter als die frühere. Damit, daß man schlechtere Einrichtungen in die neuen Provinzen einführt, bloß weil sie preußisch sind und dieser oder jener Behörde die Übersicht erleichtern, macht man gewiß die Bevölkerung nicht preußisch gesinnt. Wenn man einem Beamten mehr Arbeitsstunden auferlegt, weil auch in Preußen dieselbe Kategorie so viele hat, so wird er sich mit dem horazischen 296 Trostspruche zu behelfen wissen und nach gut deutscher Art aus der Not eine Tugend machen. Wenn aber derselbe Beamte nun seine Zeit mit Schreibereien ausfüllen muß, die er früher einfacher und doch zweckentsprechender, kürzer und doch sicherer besorgte, dann wird man ihm nicht einreden können, es sei besser geworden. Und glauben Sie mir nur, in dieser Beziehung haben wir fast in allen neuen Provinzen, Schleswig- Holstein ausgenommen, Rückschritte gemacht. Sie haben einmal gesagt, das Schelten auf die Bureaukratie sei jetzt zu einer Mode geworden. Ich meine, wenn alle Moden so gut wären als diese, sollten wir uns nicht grämen. Denn es geht wirklich in das wahrhaft Lächerliche, was in Preußen alles registriert, rubriziert, klassifiziert, moniert, inventarisiert, kalkuliert usw. ge-icrt werden muß, ohne das jemand einen anderen Zweck dabei absehen kann als den, die Nummer des Ordnungsregisters recht hoch hinauf zu schrauben. Man sucht den Beamten in ein Netz von Zwirnfäden so einzuspannen, daß er ja nicht nach einer Seite hin von der Bahn des Rechtes und der Pflicht abweichen könne, statt sich auf sein Pflicht- und Ehrgefühl zu verlassen. Und was ist die Folge davon? Wenn jemand einen solchen Zwirnfadeu beseitigt hat, was doch nicht schwierig ist, glaubt er sich von seiner Pflicht befreit; daher wird alles formell erledigt, statt sachlich. Die vielen Vorschriften und Tabellen usw. werde» einfach zu Fallstricken für die Beamten. „Sind wir denn über Nacht sämtlich Spitzbuben geworden", sagten in Ehren ergraute Männer, als sie dieses Überwachungssystem sich in täglich neuen Kontrollierungen entwickeln sahen. „In Preußen müssen viel Spitzbuben sein", meinten die anderen. Ein Glück war es, daß dann altpreußische Beamte in nicht anzulangen Zwischenräumcn hinter den Gesetzen und Verordnungen herkamen, welche die undeutlich gefaßten Bestimmungen und deren logische Fehler in ihrer praktischen Bedeutung erklärten und das Ganze als das, was es ist, schilderten: in den meisten Fällen unnütze, weil ihren Zweck nicht erreichende, sondern demselben geradezu entgegenwirkende Formalitäten, die man in Altpreußen selbst nicht streng nähme. Ich habe Ihnen nur an zwei Beispielen von vielen naheliegenden zeigen wollen, welches die von allgemeinem Standpunkte aus zuweilen kleinlich erscheinenden Ursachen von Unzufriedenheit in großen Bevölkerungsklassen sind. Daß diese Klagen aber auch für die alten Provinzen nicht unbegründet sind, dafür könnte ich keinen besseren Zeugen aufrufen, als den Grafen Bismarck selbst. Denn hat dieser nicht schon gar oft über die Vielschreiberei geklagt, und die Aufhebung der Portofreiheit unter anderem auch damit motiviert, daß hoffentlich dann nicht so viele Dienstbriefe geschrieben werden würden, als jetzt? Und was ist nun bei dieser Gelegenheit geschehen? Wir sind mit einer Masse von sich durchkreuzenden Verordnungen über das Verfahren bei Portosendungen heimgesucht worden, bei deren Übersendung schon einzelne Beamte wieder gegen die Instruktionen handelten, welche sie übersendeten! Doch alle diese Klagen, welche sich auf einen verkehrten Verwaltungsmechanismus, Vielschreiberei, übertriebene, alles verflachende und nivellierende Bureaukratie u. dgl. beziehen, treten zurück hinter jenen anderen, die auf direkte Beschädigung der Interessen einzelner Provinzen durch neue Gesetze und verkehrte Einrichtungen gehen. Und hierfür sei z. B. aus die Gesetzmacherei des Grafen zur Lippe in dem Diktaturjahre hingewiesen, durch die ohne allen Grund in einzelnen der annektierten Länder Prozeßordnungen usw. beseitigt wurden; die nach dem allgemeinen Urteil in einzelnen der mit ihnen beglückten Landesteile die Justizpflege wieder einen Schritt zurückwarf, während sie in anderen doch nur ein Provisorium schuf und in dritten gar nicht eingeführt wurde. Wären diese Gesetzesveränderungen nur durch irgend ein politisches Interesse indiziert gewesen, hätten sie eine größere Rechtseinheit hergestellt, dann würden sie schon Verteidiger gefunden haben. Aber in diesem Falle, wo das irierum arbürium eines weder durch seine juristischen Kenntnisse, noch 298 durch seine organisatorische Geschicklichkeit hervorragenden Mannes allein ausschlaggebend war, fühlte man sich in den von seinen gesetzgeberischen Experimenten betroffenen Landesteilen allen Stimmen nach auf das Tiefste verletzt. Sie werden Wohl sagen, daß ja der Graf zur Lippe glücklicherweise jetzt unschädlich gemacht sei, man ihn also samt seinen Taten in Ruhe lassen möge. Aber diese Taten lassen die Bevölkerung nicht in Ruhe und dienen Übelwollenden nur zu einem allzu schwer zu beseitigenden Aufreizungsmittel nicht nur gegen die neuen Zustände, sondern auch gegen die Partei, die bisher die staatliche Vereinigung mit Preußen gut geheißen hat! Und soll ich Ihnen nun noch über die Einführung einzelner Einrichtungen in den Provinzen klagen, deren Zweckmäßigkeit in den alten Provinzen schon längst auf das lebhafteste bestricken worden ist und die doch nun unverändert in die neuen hinübergcschleppt worden sind? Es würde das zu weit führen. Und dann soll auch nicht übersehen werden, daß, wenn irgendwo es auf die Personen ankommt, welche mit der Ausführung von Einrichtungen betraut siud, um das Urteil über deren praktischen Wert festzustellen, dieses gerade da der Fall ist, wo sie ganz neu eingebürgert werden. Eine Institution kann trefflich sein, wird aber durch den Beamten, der ihr vorsteht, in Übeln Ruf gebracht und im öffentlichen Urteil geschädigt. Und dieses war in der Tat gar häufig in den neuen Provinzen der Fall. Denn abgesehen von einzelnen wirklich ausgezeichneten Beamten, die aus Altpreußen nach den neuen Provinzen versetzt worden sind und welche sich hier auch bald allgemeine Anerkennung verschafft haben, selbst wenn ihre Politische Richtung der Mehrzahl der Landesangehörigen nicht zusagte, — sind doch auch eine ganze Menge von Leuten dorthin versetzt worden, welche weder durch ihre Fähigkeiten, noch durch ihren Fleiß sich diese Anerkennung erwerben können und deren Bevorzugung vor anderen preußischen Beamten oder einheimischen Angestellten man nur auf leider zu oft maßgebende persönliche Einflüsse oder auf Gesinnnngstüchtigkeit zurückführen kann. Und indem mail nun so aus der politischen und religiösen Richtung jener Bevorzugten auf die ihrer Anstellung zugrunde liegende Tendenz des Ministeriums Rückschlüsse machte, begegnete man ihnen mit immer größerer Abneigung: und der Argwohn, daß man es hier nicht mit vorübergehenden Strömungen zu tun habe, sondern der unvertilgbaren Natur des preußischen Regiments nahe getreten sei, befestigte sich immer stärker. Soll ich Ihnen vorzählen, wie viele der höchsten Regierungsbeamten in den neuen Provinzen der Feudal- partei angehören? Welche Landräte zu Regierungspräsidenten ernannt sind und wer zu Verwaltungsbeamten befördert ist? Die Absicht tritt zu deutlich hervor, und mit ihrem Hervortreten schwindet ein guter Teil Hoffnungen und macht Befürchtungen ernsterer Art Raum. „Zu einem Lager der Kreuzzeitungspartei sollen die neuen Provinzen gemacht werden, nicht zu Gliedern eines nationalen Staates", hört man öfters sagen. „In Kirche und Schule soll der Grund der Herrschaft derselben gelegt werden; zum Gehorsam, nicht gegen den Staat, sondern gegen eine herrschende Kaste sollen unsere Kinder erzogen werden. Denn wenn die Regierung das Interesse Preußens und nicht das einer Partei im Auge hätte, so würde sie ganz anders Verfahren." Solche und ähnliche Stimmen werden überall laut, wenn das Verhalten der Regierung im großen und ganzen und das Auftreten vieler ihrer Vertreter in den neuen Provinzen einer Kritik von Männern unterzogen wird, die weder demokratischer noch Partikularistischer Gesinnungen beschuldigt werden können, sondern einfach preußisch gesinnt sind. Sie selbst haben in einer Ihrer jüngsten Abhandlungen wiederholt auf den großen Schaden hingewiesen, der Preußen durch die Verwaltung des Herrn v. Mühler täglich zugefügt werde. Ich kann dem, was Sie gesagt haben, als ein diesen Dingen näher stehender Beobachter nur beistimmen. Herr v. 300 Mühler tritt viel weniger als ein preußischer Staatsmann, denn als Vertreter einer religiösen Richtung auf, der zum Siege zu verhelfen für ihn eine heilige Christenpflicht sei. Und doch, wenn Sie mich fragen, welches die kirchliche Richtung sei, der Herr v. Mühler huldige, wer kann das genau sagen? Jedenfalls steht Herr v. Mühler auf den Standpunkte, den die „Kreuzzeitung" mit so gutem Erfolge ausbeutet, dem nämlich, der unter Christentum nur orthodoxes Kirchentum versteht. Aber innerhalb der Orthodoxie selbst, und namentlich innerhalb der preußischen, gibt es doch jetzt noch viele Schattierungen. Innerhalb dieser schwankt Herr v. Mühler offenbar bald von der einen zur anderen. Wie kein anderer Minister hat er sich früh der Angelegenheiten seines Departements in den einzelnen neu erworbenen Landesteilen bemächtigt und seine schützende Hand über die kirchlichen Parteigänger der alten, vorzugsweise um dieser Parteigänger willen verhaßten Regierungen gehalten. Die Konfessionellsten hatten überall Oberwasser; hier wurde die Volksschule unter geistliche Oberleitung gestellt und die mißliebigsten Schulbücher den Gemeinden aufgedrungen, dort fanatische Geistliche und Gegner jeder Union der protestantischen Kirchen in die Leitung der kirchlichen Oberbehörden berufen. Nicht lange aber, so trat ein Rückschlag ein und man versucht es gegenwärtig mit einer milderen Praxis. Aber was ist nun die Folge dieses Schwankens in der Leitung der kirchlichen Angelegenheiten? Die „Kreuzzeitung" hat einmal die Publikation eines Schriftchens auf das lebhafteste bedauert, durch das eine ähnliche Unsicherheit in der Leitung der kirchlichen Angelegenheiten in den alten Provinzen durch Aktenstücke belegt wurde, weil dadurch der Respekt vor der Kirche schwinde. In einer Zeit, in der das zwanzigste ökumenische Konzil tagt, will das aber nicht viel heißen. Dagegen wird der politische Schaden, der durch ein solches Verhalten angerichtet ist, nicht hoch genug zu veranschlagen sein, denn Herr v. Mühler hat es nun mit allen Parteien verdorben und wenn einst die „Kreuzzeitung" sagte. 301 Herr von der Heydt sei gefallen, als er keine der politischen Parteien mehr für sich gehabt habe, so dürfte es wahrlich jetzt auch an der Zeit sein, ihn fallen zu lassen. Und doch hat er den in richtiger Erkenntnis der unüberwindlichen ihn umgebenden Schwierigkeiten vor zwei Monaten erbetenen Abschied nicht erhalten! III. Bei der Lektüre meines zweiten Sendschreibens wird Ihnen und manchem anderen Leser, so hoffe ich wenigstens, zwischen den Zeilen heraus die Empfindung entgegengetreten sein und sich Ihnen auf alle Weise fühlbar gemacht haben, die mich bei dessen Abfassung nicht verließ. Wenn die Dinge, welche du da zu berichten hast, so dachte ich, nicht angenehm zu lesen sein werden, so sind sie doch noch viel unangenehmer niederzuschreiben; und in diesem Falle ist es, wie so oft im Leben, viel schmerzlicher, an etwas erinnern zu müssen, als daran erinnert zu werden. Und doch war es unumgänglich nötig, an diese Schattenseiten des preußischen Gouvernements, wenn auch nur mehr andeutend als ausführend und die Daten mehr auswählend als aufzählend, zu erinnern. Denn man muß sich doch alles das vergegenwärtigen, wenn mau die Stimmung begreifen will, die sich eines großen Teiles der Bevölkerungskreise bemächtigt hat, welche entweder gleichgültig den politischen Umwälzungen von 1866 zugeschaut haben oder ihnen sympathisch entgegengekommen sind. Daß ich hier keine Rücksicht auf die prinzipiellen Feinde der Neugestaltung Deutschlands nehme, werden Sie bei dem Zwecke meiner Briefe leicht begreiflich finden. Derselben sind ja auch, wenn wir von einigen Zentren des Preußenhasses absehen, verhältnismäßig viel weniger als man im allgemeinen zu glauben geneigt ist; und von Einfluß aus die allgemeine Stimmung und bei den Wahlen gefährlich werden sie nur da, wo die Masse der politisch Indifferenten, durch ver- 302 kehrte Maßregeln der Regierung oder durch besondere Zufälligkeiten bestimmt, sich ihnen anschließen. Aber auch noch ein anderer Grund war für mich bestimmend, auf diese Dinge einzugehen. Auf der Rednerbnhnc des Abgeordnetenhauses wie in der feudalen Presse hat man die Behauptung aufstellen hören, die Ursache der Abnahme des Einflusses, dcq die nationale Partei bis dahin in den neuerworbenen Provinzen vielfach geübt habe, sei daraus zu erklären, daß die Bevölkerung jetzt einsehe, die Nationalliberalen hätten zu große Versprechungen gemacht, die sie nun zu erfüllen nicht imstande seien. Abgesehen von der Frage nach der Richtigkeit dieser Beobachtung im allgemeinen, kann man in der Tat doch nur staunen über den perfiden Zynismus, welcher sich in dieser Erklärung des Grundes jener Erscheinung ausspricht. Denn selbst für den Fall, daß die Na- tionallibcralen die Zukunft zu rosig ausgemalt hätten, sie hätten es doch nur in einem zu günstigen Vorurteile von dem Preußischen Staate befangen und in der Hoffnung getan, daß jetzt nun auch die Partei in ihm, welche bisher ihr Interesse dem Staatswohle übergeordnet habe, sich zu einer wahrhaft nationalen Politik bekehren werde! Daß aber jemand einen Dritten deshalb verhöhnt, weil er besser von ihm gedacht hat, als sich dann bei näherer Bekanntschaft herausstellte, dieser Zynismus dürfte doch im politischen Leben bisher nur vereinzelt vorgekommen sein. Aber die nationale Partei hat auch nicht mehr versprochen, als was die Ereignisse seitdem verwirklicht haben. Sie, die nicht an der Regierung des Landes teilnahm, hat in den neuen Provinzen der Bevölkerung keine Erleichterungen geweissagt, die mit dem preußischen Regiment kommen würden, wohl aber auf die großen Erfolge hingewiesen, welche die Umgestaltung Deutschlands auf das Empfinden der gesamten deutschen Nation im In- und Aus- lande ausüben müsse. Und darin hat sie sich doch wahrlich nicht getäuscht. Auf eine mehr theoretische Darstellung ihrer Prinzipien als auf eine praktische Geltendmachung derselben 303 im Staatsleben von vornherein dadurch hingewiesen, daß die preußische Regierung, die sich bisher in ganz anderen Bahnen bewegt hatte, zwar jetzt in ihrer äußeren Politik zu nationalen Grundsätzen bekehrt war, in ihrer inneren dagegen nach einigen Schwankungen auf ihren alten Standpunkt mehr oder weniger rasch zurückfiel: hat die nationale Partei sich allerdings vielleicht doch nicht ganz genügend zu dem Pessimismus Herabdrücken lassen, welchen die Feudalpartei und das von ihr zum guten Teil regierte Preußen sich gegenüber damit herausfordert, daß sie die verhöhnt, die geglaubt haben, die preußische Regierung werde in den neuen Provinzen geschickter auftreten, als sie das in der Tat getan hat. Oder ist jene Behauptung nur eine Unwahrheit, deren Grundlosigkeit ihre Vertreter selbst einsehen, sie aber nun doch aufrecht erhalten, um sich selbst als unbeteiligt hinzustellen, und die Verantwortung für das, was man selbst verschuldet hat, auf die Schultern seiner politischen Gegner abzuwälzen? In dem einen wie in dem anderen Falle beruht die Anklage, daß die nationale Partei in den neuen Provinzen allzu große Hoffnungen bei der Bevölkerung an die Ereignisse des Jahres 1866 geknüpft und darum jetzt an Ansehen verloren habe, auf einer Gesinnung, für die kein Ausdruck zu stark ist. Aber gerade, weil sie von denen ausgegangen ist, die es der Wahrheit gemäß an ihrem Teil mit verschuldet haben, daß viele jetzt weniger von Preußen und seiner Regierung halten als noch vor einigen Jahren, muß konstatiert werden, aus welchen Gründen die Bevölkerung der neuen Provinzen statt sich mit den neuen Verhältnissen zu befreunden und in sie hinein zu wachsen, ihnen antipathischer oder doch vielfach apathischer gegenüber steht, als früher. Daß aber dieses in der Tat der Fall ist, dafür sprechen nur zu viele Anzeichen. Die Verwechslung, welche die liberale Presse gar häufig begeht, indem sie ihre Stimme unbesehen mit der der großen Majorität des Volkes identifiziert, ist mir so durchsichtig, daß 304 Sie nicht zu befürchten haben, auch ich gäbe das, was ich selbst über die Regierung dächte, für das Urteil des Volkes aus. Wenn nun auch in der Tat es sehr schwer sein mag, das durchschnittliche Mittel der Stimmung unseres Volkes richtig festzustellen, da ja diese bei der großen Kluft, welche in Deutschland zwischen den sogenannten gebildeten Ständen und der großen Volksmasse sich immer mehr auftut, sich in ganz entgegengesetzter Weise geltend machen kann und gewiß nur in großen Krisen sich einheitlich aussprechen wird, so glaube ich doch auch wieder, daß man mit Hilfe von Analogien, wenn die Beobachtungen, wie selbstverständlich ist, in möglichst verschiedenen Kreisen exakt gesammelt sind, der Wahrheit nahe kommen und selbst schon für die Gegenwart die Bewegungen der Volksseele richtig beobachten kann. Und doch muß man einige Kategorien der Bevölkerung sofort ausschließen, auf die das Urteil sich nicht erstrecken darf. Von der politisch ganz teilnahmslosen Menge, die nur soziale Interessen verfolgt und sich jetzt erst zu deren Lösung politischer Hebel zu bedienen beginnt, von jener unzurechnungsfähigen Masse ganz abgesehen, die heute für einen Tyrannen und morgen für die Republik schwärmt (wenn beide nur der „Magenfrage" Rechnung tragen), kann auch die Partei nicht in betracht gezogen werden, die den neuen Zuständen mit grundsätzlicher, durch religiöse und Politische Prinzipien gebotener Feindschaft entgegen getreten ist und noch entgegen tritt. Ihr kann die Regierung nichts recht machen, eben so wenig als den verbissenen Demokraten in den alten Provinzen. Für sie ist die Existenz des preußischen Staates allein schon Grund zur Klage genug. Und wenn die Regierung sich noch so viele Mühe gibt, diese Partei zu versöhnen, und es hier und da ihr auch gelingen sollte, einige ihrer Genossen zu gewinnen, so gehören dieselben gewiß nur zu den Ausschäumungen der Partei, an denen dann, selbst wenn sie nicht den gewöhnlichen Karrieremachern und Strebern zuzurechnen sein möchten, fast mehr verloren als gewonnen wird. Die preußische Regierung sollte 305 sich in dieser Beziehung das Lessingschc Wort merken: Was, wünschest du zu werden dessen Freund, dem ein Wesen, wie du bist, im Stillen ein ewiger Vorwurf ist! Und wenn wir nun so von diesen Extremen absehen, welche politische Strömung beherrscht jetzt unser Volk im großen und ganzen? Man kann schon diese Fragestellung als unrichtig verwerfen und zugleich damit die Antwort auf die Frage geben. Denn offenbar gibt es in der Gegenwart keine herrschende politische Strömung bei der großen Volksmasse. Es macht sich vielmehr augenblicklich eine Stimmung geltend, die zu allen Zeiten dann einzutreten pflegt, wenn eine vorzugsweise theoretische, ideale Richtung längere Zeit gegen die bestehenden politischen Gewalten angekämpft hat, ohne sie überwinden zu können, während umgekehrt die Regierung nicht die Kraft hat, diese Tendenz der Zeit innerlich zu überwinden; es herrscht jene unglückliche geteilte Empfindung in der Seele unseres Volkes, die dann entsteht, wenn es, um die Interessen der Partei über die der Nation zu stellen, noch zu patriotisch, und um sich den Anforderungen und Zumutungen der herrschenden Richtung zu unterwerfen, noch zu über- zeugnngstren ist. Die Folge eines solchen Konflikts ist dann bei den politisch weniger angeregten Massen jene Apathie und Gleichgültigkeit gegen das politische Leben, welche in der Regel zunächst zu einem augenblicklichen Siege der Regierung führt und darauf wieder zu einem Gcgenschlag des von ihr allzu übermütig provozierten Volkswillens hindrängt. In demselben Maße, als nun aber die große Masse in ein mißmutiges, nicht verzweifelndes, indessen doch auch nichts weniger als hoffnungsreiches Gewährenlassen zurücksinkt, in demselben Maße Pflegt doch bei allen denen, die dem öffentlichen Leben eine selbstbewußte und charaktervolle Teilnahme entgegenbringen, eine gereizte Stimmung immer stärker und allgemeiner sich zu verbreiten, so daß auch, so viel an ihnen liegt, die Kluft zwischen Regierung und Regierten sich immer mehr erweitert. Freilich liegen bei uns die Vcr- Hartwig, Aus dem Leben. 20 » 306 hältnisse noch komplizierter. Denn unsere politischen Freunde wissen sich eins mit der Regierung in einem Teile ihrer Politik, während sie zu ihrer sonstigen Richtung im ausgesprochensten Gegensatze, stehen. Aber Pflegen nicht gerade solche verschrobene und in der Tat ganz unnatürliche Zustände erst recht jenen trägeren und gleichgültigen Massen zum Vor- wande zu dienen, um sich von jeder politischen Tätigkeit, an die unser Volk sich überhaupt erst kaum zu gewöhnen beginnt, ganz zu dispensieren? Und sehen wir nicht, wie schon bei einem Teile unserer politischen Freunde in dem Abgeordncten- hause und dem Reichstage jene Mißstimmung sich immer be- merklicher macht, die kaum darauf hoffen läßt, daß ein leidliches Verhältnis zwischen ihnen und der Regierung auch fernerhin znm Nutzen des Vaterlandes und des Ausbaues unserer überall unfertigen deutschen Zustände bestehen werde? Und wenn nun gar in der Frage, in der sich unsere Partei doch mit dem Leiter der auswärtigen Politik Preußens einig weiß oder doch einig wissen könnte und sollte, in der nationalen, ein Konflikt zwischen ihr und der Regierung so unüberlegt provoziert wird, wie dieses durch die bekannte Lasker'sche Interpellation in betreff Badens doch geschehen ist, was soll erst dann bei der Behandlung der Fragen für ein Verhältnis zwischen der nationalen Partei und der Regierung Platz greifen, bei denen jene zu Gunsten der großen gemeinsamen nationalen Interessen der Regierungspolitik im Innern Opposition machen muß? Allzu erklärlich ist freilich dieser Mißmuth, der sich der altpreußischen Parteigenossen bemächtigt. Denn einmal wirken doch die alten Feindschaften aus der Konfliktsperiode noch stärker fort, als sich viele ein- gestchen mögen: die politischen Gegensätze haben sich in persönliche Antipathien verwandelt. Dann sind die Reibungen zwischen der feudalen Regierungspartei der alten Provinzen und unseren national gesinnten Freunden dort viel unangenehmer und zahlreicher als in den neuen, in welchen keine Regierungspartei existiert und auch die Regierung selbst in 307 vielen Personellfragen doch rücksichtsvoller auftritt. „Es geht uns", so schrieb neulich recht bezeichnend mir ein politischer Freund von dort, „wie so manchen Kranken, die sich im Vollbesitz der Lebenskraft fühlen, aber von täglich sich wiederholenden Krankheitsanfällen, welche an sich zuweilen ganz unbedeutender, aber doch sehr schmerzlicher Art sind, geplagt, zur Verzweiflung um so sicherer getrieben werden, als die Krankheitsursachen zu entfernen, durchaus nicht in ihrer Macht steht." Und wie lange wird es dauern, bis daß sich diese so erzeugte, unglückliche erbitterte Stimmung auch in den neuen Provinzen bei denen festsetzt und fast zur anderen Natur wird, die die einzigen zuverlässigen Freunde der neuen Regierung in ihnen sind? Denn man glaube nur nicht, daß einige Regierungswahlen dort vielleicht dieselbe Bedeutung haben, wie in den alten Provinzen. Mögen in ihnen diese Wahlen zum Teil recht künstlich zustande gebracht werden, eben sie sind doch immerhin ein Beweis von der Stärke der vereinigten Parteien der Feudalen und der Regierungsmänner. In den neuen Provinzen dagegen sind die einzelnen streng gouvernementalen Abgeordneten, die sich dann auch zur äußersten Rechten gehalten haben, nur aus rein persönlichen Gründen hier und da bei einer ganz fatalistischen Auffassung der politischen Gesamtlagc erkoren worden. Ein Beispiel dazu ist allzu charakteristisch, als daß ich es nicht erzählen sollte. In dem Hause eines Schulzen saß eine große Anzahl angesehener Bauern, die Vertreter einer ganzen Reihe von Dörfern zusammen, um über eine Eingabe an die Regierung zu beraten, in der um die Anlage einer Haltestelle der Eisenbahn in ihrem Distrikt gebeten wurde. Man hatte diese Petition mit wenig Aussicht auf Erfolg unterschrieben, da die zunächst vorgesetzte Behörde angeblich schon erklärt hatte, die Regierung habe gewiß nichts gegen den Plan auf der verhältnismäßig langen Strecke eine Haltestelle für einzelne Züge zu errichten, wenn die Gemeinden die daraus entstehenden Kosten decken würden. Alle waren darüber einig, 20 * 308 daß man früher weniger Steuern bezahlt habe, als jetzt, und die Regierung nunmehr noch dazu auf jeden Wunsch cntgegne: „Baut es Euch auf Eure Kosten". Während die Bauern noch so die Not der Gegenwart im Vergleich mit den guten alten Zeiten beklagten, trat der katholische Pfarrer des Ortes zu ihnen und sagte, da er die Stimmung seiner Bauern günstig fand: „Ich bin 72 Jahre alt und habe nun schon fünf Potentaten gehorchen müssen; rechnet es Euch aus, wie viele Jahre auf einen kommen". Sagt's und verschwand. Die Bauern rechneten sofort aus, es würden auf den „Preußen" vierzehn Jahr und einige Monate fallen, und gingen erleichterten Herzens nach Hause. Nach einiger Zeit war eine Nachwahl in demselben Kreise vorzunehmen und die Bauern wählten — den preußischen Verwaltungsbeamten. Denn, sagten sie, so wie es ist, kann es nicht bleiben; die paar Jahre wollen wir es uns aber nicht noch schlimmer machen, als wir es schon mit den Steuern und Schreibereien haben; wir wühlen den, der uns am meisten nützen und schaden kann, wenn er gewählt sein will. So sieht es bei den Bauern aus, und wenn auch nicht in allen Gegenden der neuen Provinzen bei den Bauern solch nackter Egoismus herrschen mag, die Stimmung ist im allgemeinen nicht besser. Und in den Städten? Der liberale Philister ist doch noch zum guten Teile partikula- ristisch gesinnt und folgt seinen bisherigen Führern nur mit geteilten Empfindungen, wenn er ihnen überhaupt noch folgt. Der andere Teil ist ergrimmt über die Haltung der Regierung in der Angelegenheit des Celler Denkmals, über die Begünstigung der Mucker usw. usw. und meint, mit den Nationalliberalen komme man doch zu nichts. Und nun die Führer unserer Partei in den neuen Provinzen? Bisher haben sie sich in der Tat noch weniger nach links abdrängen lassen, als ihre Freunde aus den alten Provinzen. Aber je mehr die Zustände in den neuen Provinzen denen der alten ähnlich werden, je länger Herr v. Mühler hier auf kirchlichem Ge- biete die Gegensätze aufwühlt, die zwischen den Konfessionen und innerhalb derselben vorhanden sind; je mehr mit einem Worte die Regierung wieder in das Kreuzzeitungsfahrwasser gerät, desto weniger wird eine Aussicht vorhanden sein, das; sich in den neuen Provinzen die nationalgesinnte Partei behauptet. Die Gegensätze werden immer schroffer werden, der Partikularismus, statt zu verschwinden, wird durch seine Versetzung mit demokratischen Elementen sich lebensfähig erhalten. Geht die Regierung darauf aus, solche Zustände herbeizuführen, oder sucht sie ihnen nur nicht auszuweichen, wenn sie sich indirekt, infolge ihrer Regierungsweise mit Naturnotwendigkeit ergeben? Meiner Überzeugung nach will das Ministerium weder absichtlich dieselben heraufbeschwören- noch sie mit Gleichgültigkeit ertragen,' wenn sie sich ohne seinen Willen nur als eine Konsequenz seiner Maßregeln entwickeln sollten. Die Zeiten sind vorüber, in denen man jeden Kammcrherrn für einen Schuft und jeden Minister für einen Feind der bürgerlichen Gesellschaft und der Nation ansah. Weil wir aber glauben, daß dem Staatsmanne wenigstens, der bei uns an der Spitze der Geschäfte steht, die Durchführung großer nationaler Pläne vor der Seele schwebt, so gut als nur wir dieselbe in unseren Herzen tragen mögen, so leben wir auch der Überzeugung, daß ihm jede Hemmung in der Ausführung dieser Pläne unangenehm und widerwärtig sein wird. Ohne Zweifel gehört er namentlich nicht zu den Männern, die — durch einen augenblicklichen vorübergehenden Erfolg (wie doch z. B. der eines zweifelhaften Wahlsieges wäre) geblendet — einen sicheren Schaden und die Aussicht auf neue hartnäckigere Kämpfe eintauschen möchten. Dürfen wir aber dieses mit gutem Grund voraussetzen bei dem Manne, der als das Wesen des konstitutionellen Systems wiederholt den Abschluß von Kompromissen zwischen den einander widerstrebenden, verschiedene Interessen vertretenden Parteien hingestellt hat, dann kann es auch jetzt noch nicht schwer werden, eine Basis für unser zukünftiges 310 Zusammengehen mit ihm zu fiudeu uud so das Auseinandcr- brcchen von Beziehungen zu verhüten, welche das gemeinsame Streben nach einem Ziele geknüpft hat, und die nur die verschiedene Auffassung des rechten Weges, eben jenes Ziel zu erreichen, wieder zu zerreißen droht. Ich denke wenigstens, daß so wenig uns mit einem feudalen partikularistischen Minister an der Stelle des Grafen Bismarek gedient sein wird, auch Graf Bismarck an dem Heranwachsen einer partikularistischen Demokratie in den alten und neuen Provinzen keinen Gefallen finden wird. Schon diese Abneigung gegen die Extreme, die an der Zerstörung des Werkes von 1866 Tag und Nacht arbeiten, könnte uns für ein gut Stück Weg zusammenführen. IV. Wir alle, welche wir seit Jahrzehnten an die Aufrichtung des deutschen Nationalstaates durch Preußen geglaubt und gearbeitet haben, und in diesem unseren Glauben durch eine Politik nicht irre geworden sind, die den Staat unserer Hoffnung an den Rand des Verderbens zu führen schien, haben nach den Ereignissen von 1866 gewiß keine Ursache, nun jetzt daran zu zweifeln, das Preußen die ihm gewordene Aufgabe lösen werde. Und deshalb haben wir auch keinen Grund, um die Zukunft der nationalen Partei in Preußen besorgt zu sein. Wird das große Ziel erreicht, so tragen auch diejenigen die Siegesprcise mit davon, welche alles vorbereitet hatten, um den Sieg zu ermöglichen, auch wenn sie dann im Wettkanrpfe selbst aus irgend einem Zufall zurückgeblieben sein sollten. Aber gleichgültig ist es doch nicht, in welchem Zustande unser Volk zum Ende gelangt, wie lange es sich noch abmühen muß, ehe es in den sicheren Port einläuft, und wie viele seiner Söhne auf der Fahrt verloren gehen. Sie sind freilich nicht allzu ängstlich, daß durch die „Verpreußung" Deutschlands unserem Volke ein guter Teil der Vorzüge werde abhanden kommen, durch die es auch 311 jetzt schon in seiner staatslosen Existenz sich eine geachtete Stellung unter den Nationen errungen habe! Ja, Sie hoffen, und ich möchte diese Hoffnung mit Ihnen teilen, daß durch die Einschränkung jenes zu einer deutschen Antinomie gewordenen, sich in sich aufhebenden Treibens unseres Volkes, bald nur nach idealen Gestaltungen zu ringen und dann wieder die beste Kraft in Minutien zu vergeuden, und durch die Überleitung der noch unverdorbenen und in überschüssiger Menge vorhandenen elementaren Kräfte unserer Nation in den Dienst eines großen und reichen Staatswescns, — selbst jene Vorzüge die ihr noch anhaftenden Schwächen verlieren und sich um so reiner und glänzender entwickeln werden. Aber auch darin sind wir miteinander einig, daß dieses nicht auf dem Wege geschehen kann, den man jetzt in Preußen verfolgt: indem man in allerdings schwacher Nacheiferung des vatikanischen Konzils der deutschen Kultur, wie sie sich seit einem Jahrhundert ungefähr gestaltet hat, den Krieg erklärt und den konfessionellen Hader eben dadurch groß zieht, daß man ihn in die Schulen wieder einpflanzt und die evangelische Kirche — statt sie von den Fesseln der Staatsgewalt zu befreien — unter die von dem Staat garantierte und gedeckte Herrschaft einer nur rückwärts schauenden, täglich schroffer auftretenden einseitigen Partei zwingt, lind wie viele Windungen werden wir, ganz von diesen und ähnlichen Hemmungen abgesehen, noch zu durchlaufen haben, ehe wir jenes Ziel erreichen? Und wie oft wird die nationale Partei, deren Geschicke darum, weil sie eben die nationale ist, von dem Lose unseres Volkes in ganz anderer Weise abhängen, als die einfachen politischen, nach Doktrinen geschiedenen Schattierungen, — wie oft sage ich, wird unsere Partei äußerlich zu unterliegen scheinen, ehe sie als „allezeit Sterbende, und siehe wir leben", doch die Vollendung des deutschen Staates mit herausführen hilft und sich seines Glanzes freuen darf? Aber eben weil ich die Überzeugung habe, daß wir in unserer Entwickelung an einem solchen Punkte angelangt sind, 312 an dem die nationale Strömung, statt nach dem Ziel zuzuschießen, sich in allerlei Wirbeln bricht und eine Strecke wieder rückwärts zu laufen droht, so halte ich dafür, daß wir ganz besonders aufmerksam die Gründe dieser Erscheinung prüfen und nicht nur bei anderen, sondern auch bei uns selbst anklopfen und fragen, was die Ursache derselben sein dürfte und wie sie etwa entfernt werden könnte. Die allgemeinen Gründe dieser rückläufigen Bewegung, jener Mißstimmung unseres Volkes über den bisherigen Verlauf der Entwickelung seit 1866, jener politischen Apathie der Massen nicht nur, sondern eines guten Teiles unserer intelligenten Bevölkerung, habe ich Ihnen nach meiner Auffassung schon dargelegt. Aber ich glaube damit nicht genug getan zu haben. Unsere Partei im engeren Sinne, die Mitglieder der nationalliberalen Fraktionen im Reichstage und Abgeordnetenhause, haben auch selbst einen guten Teil jener Mißerfolge mit zu verantworten, und ich fürchte gar sehr, daß in Zukunft die nämlichen Fehler begangen werden. Wie oft hört man nicht doch das Wort sagen: „Ja, man muß mit den Nationalliberalen in den Zielen einverstanden sein, aber ihre Taktik, ihre Taktik!!" Und wenn eine Partei in der Tat nötig hätte, gerade sich vor taktischen Fehlgriffen zu hüten, so wäre es doch unsere. Bei der Schwierigkeit unserer Aufstellung, die stets von zwei Seiten bedroht ist, sollten wir nur dann nach einer Seite losschlagen, wenn wir ganz bestimmt wüßten, daß wir den uns gegenüberstehenden Flügel unserer Feinde auch wirklich zu überwinden imstande wären. Aber was ist geschehen? Es ist unleugbar, daß wir uns in alle möglichen Händel gemischt haben, selbst wenn gar keine Ursache vorhanden war; daß wir siegesgewiß schwache Minister angegriffen haben, die es verdient hatten, aber nicht sehr ehrenvoll haben abziehen müssen, ohne das Geringste erreicht zu haben; daß wir starken Ministern in Fragen zu Leibe gegangen sind, über die keine prinzipiellen Differenzen bestanden und zu denen wir aus Unkenntnis von dritten in Betracht 313 kommenden Faktoren augenblicklich nichts neues beibringen noch erfahren konnten. Aber lassen wir das, was hinter uns liegt! Derartige retrospektive Erörterungen haben keinen praktischen Zweck, wenn sie nicht zugleich für die Zukunft nützlich gemacht werden können. Aber leider vermögen wir in diesem Falle nicht ganz von dem abzusehen, was der Vergangenheit angehört, da sich der Vorstand der nationalliberalen Partei selbst für die Zukunft auf die Vergangenheit der Partei berufen hat. Denn in seiner Ansprache, welche die Resultate der Besprechungen des Laudesausschnsses der nationalliberalen Partei mitteilt, heißt es u. a.: „Viel wichtiger, als der Erlaß eines allgemeinen Programms, so wurde ausgeführt, wird es sein, wenn die einzelnen Abgeordneten in ihre Wahlkreise gingen und ihren Wählern über ihre und der Partei Tätigkeit Rechenschaftsbericht erstatteten. Die nationale Partei habe praktische Politik getrieben und sei handelnd in den gesetzgebenden Versammlungen aufgetreten. Die Berufung auf die Leistungen der Vergangenheit biete den Wählern eine bessere Garantie, als die schönsten Versprechungen für die Zukunft." Es unterliegt nach diesen Worten keinem Zweifel, daß die Partei nach der Ansicht ihres Vorstandes sich all den Fragen gegenüber, die in den nächsten Sessionen des Reichstages und des Abgeordnetenhauses an sie zur Entscheidung herantreten werden, freie Hand halten will. Die Gründe dieser Politik liegen klar zutage. Die Schwierigkeit, ja, in einzelnen Fällen die Unmöglichkeit, der Menge von Gesetzen gegenüber, die der endgültigen Fassung harren, schon jetzt feste Stellung zu nehmen, ist gar nicht zu verkennen. Wären wir in unserer Entwicklung so weit als die Engländer, bei denen sich der Wahlkampf der Parteien in der Regel um eine leicht und scharf zu formulierende Frage dreht, dann könnten wir wohl auch mit reinlich umrissencn Parteiprogrammen in unseren Wahlkampf eintreten. Oder hätten wir nur für ein Parlament zu wählen, oder für die beiden par- 314 lamentarischen Körperschaften nach einem Wahlgesetze unsere Vertreter zn ernennen. Oder ständen wir nur einem in sich einheitlichen Ministerium gegenüber, so daß man dessen Intentionen nach allgemeinen politischen Grundsätzen und nicht nach den persönlichen Neigungen der einzelnen Ministerial- twrstände zu ergründen imstande wäre! Alles das ist leider nicht der Fall. Und so scheint es fast unmöglich, daß sich unsere Partei um ein präzises Programm scharen kann. Und doch muß es versucht werden, und in der Tat gibt es eine Frage, über welche sich dieselbe meiner Meinung nach hätte schlüssig machen können und sollen, die Frage, welche die nächste Session des Reichstages wenigstens beherrschen wird und bei den Wahlen gewiß daher auch eine der ersten Rollen spielen wird, die Militärfrage. Jedermann weiß, welche Vergangenheit diese Frage hat, wie sie ihres Abschlusses durch ein Gesetz harrt. Konnte man nach den Siegen von 1866 sich nicht über die Frage einigen, was werden dann jetzt wieder für Wunden aufbrechen, nachdem der Luxus, welcher in der Militärverwaltung nach einzelnen Seiten (Militärkasinos etc.) hin im Vergleich mit der Knauserei in anderen Verwaltungsbranchen herrscht, in den weitesten Kreisen sehr unangenehm berührt hat, und die Uber- hebung einzelner Militärpersonen über die bürgerlichen Gesetze nicht die Zurückweisung gefunden hat, die das Rechtsgefühl allgemein verlangte! Und trotz alledem hätte sich die nationale Partei entschließen sollen, in dieser Frage eine feste Stellung zu nehmen. Denn die im Laufe des Sommers zu wählenden Abgeordneten werden das Jnterimistikum in ein definitives Gesetz überleiten müssen, und schon seit längerer Zeit beschäftigt sich die öffentliche Meinung lebhaft mit der Militärfrage. Gerüchte tauchen auf, die Regierung werde eine bedeutende Erhöhung des Militäretats verlangen. Die „Kreuzzeitung" dementiert diese, wie uns scheint, nur im Interesse der Wahlen. Würde ihre Partei die Mehrzahl in den Kammern gewinnen, dann können wir sicher sein über 315 das, was sich alsbald ereignen wird. Im schärfsten Gegensatze hiermit verlangt die Fortschrittspartei die Abrüstung unserer Armee. Diesem Begehren kann unsere Partei in keinem Falle nachgeben. So wenig wir mit Heeresmacht in anderer Herren Länder einfallen wollen oder die süddeutschen Staaten irgendwie zwingen möchten, sich in den Norddeutschen Bund aufnehmen zu lassen, so wenig können wir uns den Prätensionen anderer Staaten gegenüber waffenlos machen. Und wenn wir erklären, wir wollten jeden einzelnen süddeutschen Staat in den Bund aufnehmen, wenn er aufgenommen sein wolle, so müssen wir auch die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit setzen, daß wir vorkommenden Falles dann Krieg haben werden, oder den Krieg nur nicht haben werden, weil wir gerüstet sind. Wenn wir über den Main hinaus wollen, so müssen wir auch die Mittel wollen, die die Mainbrücke verteidigen können. Es scheint das so selbstverständlich zu sein, daß hierüber unter uns kein Streit herrschen sollte. So gern wir auch die großen Geldsummen, welche die Aufrechterhaltung unserer Militüreinrichtung kostet, in den Taschen der Steuerzahler lassen oder sie zu Werken des Friedens verwenden möchten: wollen wir nicht auf unser nationales Programm verzichten, dann heißt es sich hier schlüssig zu machen, das Geschrei der Menge hintan zu setzen und unserem Volke begreiflich zu machen, daß, wenn es zur Einheit gelangen will, kein anderer Weg zum Ziele führt. So viel Zugkraft traue ich dem nationalen Gedanken bei der großen Majorität aller Urteilsfähigen in Norddeutschland und auch in Baden noch zu, daß er zu diesem Opfer die Gemüter noch wird willig machen. Und dann gewinnen wir doch der Regierung oder wenigstens der Krone und dem leitenden Kopfe der Regierung gegenüber eine viel sicherere Position, wenn wir bestimmt von vornherein erklären, wir werden für eine definitive, gesetzliche Regelung der Organisation des Bundesheeres auf deren bisher 316 schon gewonnenen Grundlagen einstehen, vorausgesetzt, daß hierdurch dem Lande keine höheren Kosten zugemutet werden und auch die Verheißung erfüllt wird (Z 61 der Verfassung), daß dem Reichstage ein umfassendes Bundes- Militärgesetz vorgelegt werden soll. Daß dieses unter anderem von dem Grundsätze ausgeht, daß Militär-personen außer dem Dienste denselben Gesetzen unterliegen, wie jeder andere Staatsbürger, dürfte selbstverständlich sein. Dieses zu erklären, stände der nationalen Partei um so eher an, als ja jene Anträge, durch welche das gegenwärtige Jnterimistikum geschaffen und auch jene Erwartung in der Verfassung des Norddeutschen Bundes einen Ausdruck erhalten hat, von ihr veranlaßt sind. Andere Fragen noch in dem Zusammenhange mit dieser im Programme zu berühren, z. B. die Vorlage eines Zivilprozcßgesetzes usw., wäre gewiß nicht nötig. Für diese und ähnliche Einzelfragen könnte die Partei sich auf ihre Vergangenheit berufen, welche gewiß jetzt nicht dadurch zu Schanden gemacht wird, daß ein Teil von ihr, mit Hintansetzung persönlicher Überzeugungen, für das Zustandekommen des Strafprozeßbuches eingetreten ist und trotz alles aufgerührten Staubes das Bessere doch hinnimmt, weil sie das Beste nicht erreichen kann. Würde aber unsere Partei mit der bestimmten Erklärung, sie wolle dem Bunde die Mittel verwilligen, welche zur Durchführung des nationalen Programms erforderlich sind, in den Wahlkampf eintreten und damit ihren nationalen Charakter gewahrt haben, dann könnte sie auch um so schärfer auf der anderen Seite ihren liberalen dokumentieren. Liberale Manchestermänner können keinen Staat auf der Höhe des Ansehens behaupten, auf die ihn andere gehoben haben. Noch weniger können sie den Umbildungsprozeß eines losen Volkskonglomerats in eine staatlich organisierte Nation nach ihren Grundsätzen leiten. Aber wir wollen auch nicht zu denen gehören, welchen das augenblickliche Befinden der einzelnen Individuen, aus denen sich die Nation zusammensetzt, den einzigen Maßstab für ihr politisches Urteil abgibt, sondern nnser Volk als ein ganzes ansehen, für dessen Zukunft wir mit verantwortlich sind. Und wollen wir darum unser Vaterland nicht schutzlos werden lassen, so wollen wir es auch nicht in eine Bahn drängen sehen, auf der es die teuersten Güter seiner Vergangenheit verlieren muß und in einen bureaukratischen alles gleich machenden Mechanismus eingespannt wird, der die Freiheit unseres geistigen Lebens durch pfäffischen Druck und Einführung einer Art von militärischer Zucht in alle Gebiete des Volkslebens ertöten möchte. Hiergegen sich auf das Schärfste zu erklären und der Befreiung von Zentralisation und Einschnürung der Schule und Kirche in unerträgliche Fesseln energisch das Wort zu reden, hat die nationale Partei um so mehr das Recht Ivie die Pflicht, als sie ja noch immer fast ausschließlich auf eine Geltendmachung ihrer Überzeugungen durch das geschriebene wie gesprochene Wort beschränkt ist und sie selbst, ohne tätlich eingreifen zu können, es gar oft mit ansehen muß, daß das, was sie seit Jahren angezettelt und in den Gedanken unseres Volkes lebendig verknüpft hat, von der Regierung rücksichtslos wieder in seinem inneren Zusammenhange auseinander gerissen wird. Würde aber so unsere Partei auf der einen Seite zeigen, daß ihr zur Erreichung des nationalen Zieles nicht die Spfer- frendigkeit abgeht und sie auch den Mut hat, weitverbreiteten, auf nur materielle Verbesserung des Volkswohlstandes gerichteten Bestrebungen entgegenzutreten, auf der anderen dagegen ebenso bestimmt bekunden, daß sie nichts gemein hat mit einer Richtung, welcher die gesamte moderne Kultur- entwicklung ihrem inneren Wesen nach ein Greuel ist, so wird ihr die Zukunft, und zwar eine große Zukunft gehören. Um aber zu ihr aus der drückenden Gegenwart zu gelangen, um die Gefahren zu vermeiden, die von rechts und links drohen, bedürfen wir nicht nur guter Programme, sondern auch guter Ausleger derselben. Nicht als ob wir Mangel an Männern hätten, die nicht geistig befähigt und kenntuis- 318 reich genug wären, um das Richtige im einzelnen zu erkennen und dem Erkannten anch den treffenden Ausdruck zu geben. Nein im Gegenteil, wir haben der Steuermänner zu viele und im kritischen Momente wird zuweilen keine Stimme gehört, der sich die anderen unterordnen möchten. Wären wir eine Regierungspartei, dann möchte es Wohl leichter gehen, sich über viele Einzelheiten zu verständigen. Aber selbst in diesem Falle, das wissen Sie ja aus nächster Nähe, wird es uns politisch ungeschickten Deutschen noch gar schwer, persönliche Verstimmungen und Differenzen im einzelnen dem Wohle des Ganzen hintanzusetzen. Und doch müssen wir den Versuch machen, unsere Partei mehr monarchisch zu entwickeln. Sie muß einen anerkannten Führer gewinnen, der gleichsam die auswärtige Politik derselben leitet und vertritt. In einer ganzen Anzahl Fragen kann und soll die Freiheit der politischen Überzeugung der einzelnen Mitglieder gewahrt werden. Es hieße, von unseren Landsleuten verlangen, Nichtdeutsche zu sein, wenn wir ihnen ansinnen wollten, sich einer Parteidisziplin zu fügen, die selbst in England nicht mehr durchführbar ist. Aber wie wir in einzelnen Punkten, in denen sich die Partei einig sein muß, wenn sie nicht auf den Namen und das Wesen einer Partei verzichten will, die Aufstellung eines bestimmten Programms verlangen und die Politik der freien Hand als die verwerflichste bezeichnen müssen, weil bei ihr weder Freund noch Feind wissen, wie sie mit uns stehen, so müssen wir auch die Durchführung dieses Programmes dann mehr, als bisher geschehen, einzelnen Persönlichkeiten anvertrauen. Die Vorteile einer solchen Geschäftsführung liegen auf der Hand. Man wird einem Parteiführer mit ganz anderem Vertrauen begegnen, als einer in jedem einzelnen Falle ack Iioc ernannten Auskunftsperson oder einem Vermittler; ein viel größerer Zusammenhang, eine viel größere Leichtigkeit wird in alle Parteioperationen kommen! Und sollten uns die Männer fehlen, welche eine solche Stellung znm allgemeinen Besten bekleiden würden? Ich glaube nicht. 319 Mögen auch einige Empfindlichkeiten im Anfange mit unterlaufen, ja mögen einzelne begabte Parteigenossen darum sich von uns lossagen, wenn die hier angeregten Fragen in die Praxis unserer Partei übergeleitet werden sollten, es werden diese Nachteile von dem Guten weit überwogen werden, das uns aus einer solchen Konsolidation unserer Partei erwächst. Ich weiß wohl, das Sie über die nächste Zukunft unseres Vaterlandes weniger pessimistisch denken als ich, dagegen an der Möglichkeit, der großen nationalen Partei in Preußen eine festere Form zu geben, fast ganz verzweifeln. Die Zukunft wird entscheiden, wer von uns das Rechte gesehen hat. Allein selbst für den Fall, daß meine Auffassung der politischen Stimmung, namentlich in den neuen Provinzen, nicht die richtige sein sollte und wir uns weniger Sorgen machen dürften, daß der nationale Gedanke bald wieder ganz hinter die Streitigkeiten doktrinärer politischer Parteien zurücktreten werde und nur die extremen Parteien gestärkt aus den Wahlen hervorgehen werden, so sind Sie doch gewiß mit mir über die Vorteile einig, welche eine straffere einheitlichere Haltung unserer Partei zweifelsohne dem großen Ganzen sowohl als der Partei selbst zuführen würde. Und da ich überzeugt bin, daß eben ein guter Teil unserer nächsten Zukunft davon abhängt, wie unsere politischen Freunde sich organisieren werden, so habe ich diese Briefe an Sie gerichtet, damit auch Sie Ihre Stimme mit mir zu einer kräftigeren, schärferen Parteibildung unserer politischen Freunde vereinigen mögen. Sollte es dazu des Antriebes bei Ihnen gar nicht bedürfen, so werden Ihnen doch meine Ausführungen ein Zeugnis davon sein, wie in ganz verschiedenen Lcbenskreisen ein und dasselbe Bedürfnis empfunden wird, und Sie und andere unserer politischen Freunde sich doch vielleicht stärker angetrieben fühlen, das was Ihnen bisher als fast ganz unmöglich erschienen ist, doch ins Leben rufen zu helfen. 2. „Die Schwerenotskommission". Ein Stück kurhessischer Geschichte und Teuerungspolitik') (t873). Wie rasch wir Deutsche jetzt leben, erkennen wir am deutlichsten an der Stellung, welche wir unserer eigenen jüngsten Vergangenheit gegenüber einnehmen. Politische Institute 1) Separatabdruck aus der Hessischen Morgenzeitung. Kassel, Friedr. Scheel 1881. (31 S.j. — Dieser Aussatz, der vor acht Jahren geschrieben ist, kam äußerer Verhältnisse halber damals nicht zum Druck. Durch den Vorschlag einer Zeitung, den Getreidehandel zu monopolisieren und den Händen der Staatsgewalt zu übergeben, wieder daran erinnert, hielt ich es nicht für unzeitgemäß, ihn jetzt zu veröffentlichen. Derselbe wird hier ganz so abgedruckt, wie er damals niedergeschrieben wurde. — (Eingeleitet wurde er seinerzeit durch die folgende Vorbemerkung aus der Feder H. v. Sybelss: Auf den Wunsch des geehrten Verfassers des nachfolgenden Aufsatzes teile ich über die Materialien, aus welchen derselbe geschöpft hat, folgendes mit: „Im Herbste 1848 wurde ich von der damals wahlberechtigten Universität Marburg zu ihrem Vertreter auf den: kurhessischen Landtage ernannt. Trotz der Pariser Junischlachten, trotz der Niederwerfung des Frankfurter Septemberaufstandes war in den deutschen Landen die Zeit noch äußerst gespannt, unruhig und gärungsvoll. Auch in Kassel befand man sich in wenig beruhigten Zuständen. Zwar hatte Kurfürst Friedrich Wilhelm sich im März das liberale Ministerium Eberhard gefallen lassen, aber alle Welt wußte, daß dieses eigentlich in permanenter Ministerkrisis lebte, Tag für Tag seine Anträge nur durch stetes Begehren seiner Entlassung durchsetzte, in hundert kleinen Dingen bei dem Eigensinn des Regenten ohnmächtig war. Für die revolutionäre Partei, die im Lande stark und mit den süddeutschen Gesinnungsgenossen in enger Verbindung war, bot ein solches Verhalten des Fürsten die erwünschtesten Handhaben; kaum eine Woche verging, ohne daß das Treiben derselben geräuschvolle Blasen auswarf. Dazu kam die tiefe Unsicherheit der allgemeinen Lage. In Frankfurt verwickelten sich die Fragen und die Partciungen immer hoffnungsloser; in Berlin begannen Mantenffel 321 und Persönlichkeiten, welche vor knnm einem Jahrzehnt noch die Entrüstung jedes Patrioten wachzurufen imstande waren, und Wränget die monarchische Restauration; der Ausgang aber ivar geraume Zeit nicht zu ermessen, und aus mehr als einer preußischen Provinz hörte man von drohenden Symptomen der Unzuverlässigkeit, wenn nicht der Linientcuppen so doch der Reservisten und Landwehren. Wenn es wahrscheinlich genug war, daß die Revolution ihren Höhepunkt hinter sich hatte, so mochte am wenigsten in den deutschen Kleinstaaten irgend jemand sich dem Gefühle völliger Sicherheit überlassen, oder die Möglichkeit in Abrede stellen, daß irgend ein Anlaß plötzlich neue Umwälzungen herbeiführen könnte. An einem finstern und stürmischen Abend dieses Novembers saß ich einsam in meinem Zimmer, als mir ein Besuch gemeldet wurde: der Herr sei ein guter Bekannter, hieß es, ivolle sich aber mir mir selbst nennen. Er trat dann ein, nicht bloß gegen das Schneegestöber tief vermummt; als er ablegte, erkannte ich den früheren Minister Koch, der zu wiederholten Malen lange Zeit hindurch das Steuer des hessischen Staates geführt, und unter schwierigen Verhältnissen sich stets den Ruf eines wohlgesinnten und umsichtigen Mannes bewahrt hatte. Er sagte, daß er das Vertrauen zu mir habe, daß ich in einer für ihn und vielleicht für das Land bedeutenden Frage ein unbefangenes Urteil geben würde. Dann erzählte er mit verhaltener Entrüstung, wie gegen ihn, der ein Mcnschen- alter alle Kräfte mit redlichster Hingebung dem öffentlichen Dienste gewidmet, jetzt die Freunde und Agenten des Kurfürsten aller Orten niederträchtige Gerüchte ausstreuten, als wenn er, Koch, der eigentliche Urheber aller jener Fehlgriffe und Gehässigkeiten gewesen, welche dem Fürsten die Gunst der öffentlichen Meinung entfremdet hatten. So sei er aus Notwehr gezwungen, zur Rettung seiner Ehre das Wort zu ergreifen. Er habe Memoiren über seine Amtsführung verfaßt, und wünsche, daß ich Einsicht davon nehme, und ihm dann meine Ansicht mitteile, ob der jetzige Zeitpunkt zur Veröffentlichung derselben geeignet sei. In einigen Tagen werde er wiederkommen, um sich meine Antwort zu holen. Gleich nach seinem Weggang setzte ich mich zur Lektüre des dicken Manuskripts, fand mich sofort in der stärksten Weise gefesselt, und stand nicht eher vom Tische auf, bis ich den Band bis zum Schlüsse gelesen. Es waren nicht eigentlich Memoiren, die ich vor mir hatte, sondern etwas Besseres: Kopien oder Analysen von Aktenstücken, nach den darin behandelten Fragen gruppiert, überall mit den Nummern der betreffenden Archivrepositur versehen, dazwischen Hartwig, Aus dem Leben. 21 322 sind für die Gegenwart schon gänzlich in dem Strome der Vergangenheit untergetaucht oder „gemahnen uns wie nur so viel Erzählung als für das Verständnis des Zusammenhangs unerläßlich war. Der Inhalt überstieg alle Begriffe. Um das stets sich wiederholende Verhältnis kurz zu bezeichnen, irgend eine Laune, eine kleine Bequemlichkeit, ein Privatoorteil des regierenden Herrn war stets ausreichend gewesen, um für die wichtigsten Landesinter- cssen Zerstörung oder doch Jahre lang Verschleppung herbeizuführen, trotz der nachdrüellichsten Anstrengungen des Ministers. Ich erwog die mir vorgelegte Frage stundenlang, und erklärte endlich Herrn Koch, ich könne die Verantwortung nicht auf mich nehmen, unter dcu vorliegenden Verhältnissen zur Herausgabe der Memoiren zu raten. Denn ich vermöchte nicht abzusehen, wie nach der Veröffentlichung des Buches ein Ausbruch der allgemeinen Entrüstung und der sosortige Sturz des Kurfürsten ausbleiben könnte; die Folgen aber einer solchen Explosion bei der damaligen Gesamtlage Deutschlands vermöchte niemand voraus zu berechnen, während bei der Fortdauer des Märzministeriums ein, wenn auch mühsames Voran- schreiteu in zweckmäßigen Reformen, immerhin möglich sei. Herr Koch stimmte zu und die Veröffentlichung unterblieb. Meine Hoffnung auf allmähliche Besserung erwies sich allerdings anderthalb Jahre später als eine jugendliche Täuschung, und oft genug, gestehe ich, hat sich mir später die Frage erhoben, ob ich damals im November das Richtige getan. Indessen schließlich kam ich doch stets zu der Überzeugung zurück, daß ich unter gleichen Umständen mich wieder in gleichem Sinne entscheiden würde. Es sind nun eben diese Kvchschen Memoiren, aus welchen hier, in abkürzender und zusammenfassender Bearbeitung, ein Abschnitt mitgeteilt wird. Das Manuskript, welches ich im Jahre 1848 durchsah, enthielt manche pikantere und skandalösere Dinge, vor denen aber das vorliegende Bruchstück, wenn ich nicht irre, ein allgemeineres Interesse voraus hat. Der Kurfürst zeigte sich hier derselbe wie allerorten sonst. Aber auch der Minister verniag sich bei dem besten und redlichsten Willen nicht von alten Irrtümern loszumachen. Als der letzte Grund der leidigen Ergebnisse tritt überall die Enge der kleinstaatlichen Verhältnisse hervor, welche dem Fürsten auch die Launen des Plantagenbesitzers berechtigt erscheinen lassen und dem Staatsmanne das richtige Urteil über ein einigermaßen verwickeltes Problem fast unmöglich machen. So ist der Aussatz höchst geeignet, den Gewinn, welchen Hessen durch den Eintritt in ein großes Staatswesen gezogen hat, von neuem anschaulich zu machen." ein Märchen aus alten Zeiten". Als anlangst die Nachricht durch die Zeitungen lief, der weinberühmte Gasthof „Zu den drei Mohren" in Augsburg, in dem der deutsche Bundestag sein seliges Ende gefunden habe, sei an ein Konsortorium verkauft worden, haben sich Wohl nicht wenige gefragt, wann sie zum letzten Male an diese erst vor acht Jahren begrabene Repräsentation der deutschen Uneinigkeit gedacht haben, und diesen Zeitpunkt nicht mehr auffinden können. — Ebenso ergeht es bei anderen Veranlassungen und, wenn es irgendwo nicht möglich ist, ein Politisches Institut so ganz zu vergessen wie den Bundestag, so hat sich die Stimmung ihm gegenüber doch schon so wesentlich verändert, daß lvir uns für befähigt halten, denselben schon jetzt ganz objektiv historisch zu beurteilen. Die deutsche Gutmütigkeit Pflegt dabei schon häufig, selbst mehr als recht ist, sich geltend zu machen und für mildernde Umstände zu plädieren, so daß vielfach statt eines historisch gerechten Urteils schließlich ein humoristisch gefärbtes zum Vorschein kommt. So ergeht es uns namentlich in dem ehemaligen Kurstaate Hessen. Wir sehen, lvie billig, von den wenigen ab, welche hier ihre deutsche Treue am besten dadurch dokumentieren zu können glauben, daß sie fortwährend die Regierung Kaiser Wilhelms mit dem Scptennat des Königs Jerome Napoleon vergleichen. Wir lassen auch jene außer acht, deren geistiges Sehvermögen sich in dem nicht selten vorkommenden krankhaften Zustande befindet, daß ihnen die mancherlei kleineren oder größeren Unannehmlichkeiten der Gegenwart, an den Ungeheuerlichkeiten der Vergangenheit gemessen, doch als das größere Übel erscheinen. Bei dein großen übrig bleibenden Reste der hessischen Bevölkerung, der nicht zu diesen Lobrednern der vergangenen Zeiten gehört, hat doch die früher allgemein herrschende Verbitterung über das unqnalifizierbare Regiment unserer letzten „angestammten" Fürsten und ihrer Helfershelfer einer weniger herben und schneidenden, kaum anders als mit humoristisch zu bezeichnenden Beurteilung 324 Platz gemacht. Wäre freilich ein Atom von Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß die Herrschaft unseres verflossenen Landes- vatcrs wieder hergestellt werden könnte, so würde Wohl die frühere Entrüstung über seine Regiernngsweise in verstärktem Maß wieder erwachen. Hat es doch dies Regiment dahin gebracht, daß die Bevölkerung Hessens, die kaum wie eine andere in Deutschland ihr Stammesbewußtsein und die Liebe zu ihrer Vergangenheit bewahrt hat, dem Zusammenkrache des hessischen Staatswesens im Jahre 1866 mit Gleichgültigkeit, Befriedigung oder Schadenfreude zuschaute. Aber da zu solcher Restauration nichts weniger als alle Aussichten fehlen, so bedauern wohl auch manche persönlich den letzten unglücklichen Nachkommen Philipps des Großmütigen, während sie Gott danken, daß in Deutschland die Zustände, welche allein sein Regiment möglich machten, doch unwiderbringlich vorüber sind. Selbst den einzelnen, wenn auch noch so verkehrten Regiernngshandlungen jenes Fürsten gegenüber macht sich diese Stimmung geltend. So habe ich schon wiederholt, wenn das Gespräch unter Männern, die sich des Teuerungsjahres 1846—47 und der Maßnahmen genau zu erinnern wissen, durch die die damalige hessische Regierung der Not unter dem armen Volke zu steuern dachte, kaum noch ein hartes, wenn auch gerechtes Wort über die Verkehrtheiten, die damals begangen worden sind, gehört. Die Sache wird in der Regel mit der Bemerkung abgetan: „Das war damals, als die Schwerenotskommission in dem Lande umherreiste". So mag denn auch die eingehende, auf durchaus zuverlässigem Material beruhende Darstellung der TeuerungsPolitik, welche die kurhessische Staatsregiernng damals befolgte und der Rolle, welche Kurfürst Friedrich Wilhelm bei ihr Persönlich gespielt hat, sich bei dein geneigten Leser unter diesem Titel einführen, und wäre es nur, nur den Standpunkt anzudeuten, von dem aus diese Erzählung unternommen ist. Nachdem die Erkrankung der Kartoffel im Herbste 1845 zum ersten Male in einer Schrecken erregenden Weise aufge- 32Ü treten war und die Not sich in -Hessen, wo die Bewohner der armen Bergdörfer zum guten Teil auf die Ernährung durch die Früchte dieses Gewächses angewiesen sind, schon in dem auf diese erste Mißernte folgenden Winter zu einer bedeutenden Höhe gesteigert hatte, schien im Frühjahr des folgenden Jahres eine noch größere Kalamität für den nächsten Winter zu drohen, denn man wollte auch in den: Roggen die Anfänge einer Krankheit entdeckt haben- Daß die Erkrankung der Kartoffelstaude sich in diesem Jahre nicht wiederholen werde, wagte niemand zu hoffen- Es war also die Pflicht der knrhessischen Regierung, gegen die drohende Hungersnot rechtzeitig Vorsichtsmaßregeln zu treffen, durch welche sie wenigstens eingeschränkt werden könnte. Dieser Pflicht, der bor allen anderen Zweigen der Staatsverwaltung der Minister des Innern gerecht zu werden oblag, ist sich derselbe auch rechtzeitig bewußt geworden und hat sie, freilich in seiner Weise, nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen getrachtet. Denn der damalige Vorstand des kurfürstlichen Ministeriums des Innern, Staatsrat Koch, war ein kluger, wohlwollender und gewissenhafter Beamter. Man hat ihm, und nicht ganz mit Unrecht, vorgeworfen, daß er sich zu lange dazu hergegeben habe, dem Willkürregiment des damaligen Kurprinzen und Mitregenten Friedrich Wilhelm zu dienen. Doch darf dabei nicht vergessen werden, daß er es gewesen ist, welcher vielen Gewaltakten seines Monarchen die schärfsten Spitzen abgebrochen hat und znm Wähle des Landes in den damals überall schwierigen politischen Verhältnissen, so viel als es nur möglich war, sein Ministerium verwaltet hat. Schon seit 1821 in dem Staatsministerinm beschäftigt, war er dessen Generalsekretär, dann vortragender Rat im Kabinette des Kurfürsten und endlich, nach dem Abgänge von Hausteins, Ministerialvorstand geworden. Da er infolge seiner Vermögenslage ein durchaus unabhängiger Mann war, so zeigte sich der schon damals höchst mißtrauische und argwöhnische Regent viel eher geneigt, das Urteil sowohl als die 326 Person dieses Ministers zu respektieren, als er das manchen anderen seiner Minister gegenüber zu tun sich verpflichtet fühlte; weil er von diesen annehmen zu dürfen glaubte, daß sie ihm nur um ihres Gehaltes willen dienten. Koch hatte dem Kurprinzen auch schon wiederholt gezeigt, daß er keineswegs gesonnen sei, um jeden Preis sein Ministerportefeuille zu behaupten, und so war er in den Jahren vor 1848, in denen der Kurprinz-Mitregent noch nicht ganz in die Hände einer kirchlich-politischen Clique geraten war, vollkommen der Mann der Situation gewesen. Wenn wir nun aber sehen werden, daß selbst dieser Minister die unglücklichsten, von der heutigen Wissenschaft einstimmig verurteilten Maßregeln ergriff, um dem drohenden Notstände entgegenzuwirken, so darf ihm das in keiner Weise als Übelwollen ausgelegt werden. Koch, ohne alle wissenschaftliche Kenntnisse in den nationalökonomischen Fächern, in den niederen Justizdienst als Amtsaktuar eingetreten, war durch den damaligen Generalsekretär des Staatsministeriums, Eggena, in die Ministerialkanzlei berufen worden und hatte sich dann als tüchtiger Beamter und Mann von guten Formen im praktischen Staatsdienste emporgearbeitet. Daß er in Amt und Würden stehend keine Veranlassung mehr fand, das einmal Versäunite, selbst wenn er die Zeit dazu gefunden hätte, nachzuholen, wird jeder, der die hessischen Staatszustände unter Kurfürst Friedrich Wilhelm nur einigermaßen kennt, begreiflich finden. Gelehrte Staatsdiener, und dann erst recht, wenn diese es etwa gar sich bcikommen ließen, Bücher zu schreiben, waren dem Landesherrn von vornherein als nicht vollkommen gesinnungstüchtig suspekt. Höchstens bei Professoren und Schulmännern wurde die Neigung zu schriftstellerischer Tätigkeit als verhältnismäßig ungefährlich angesehen. Koch teilte diese Anschauungen seines Gebieters keineswegs. Er hatte vollkommen den Nutzen, den die Nationalökonomie und Statistik auch dem praktischen Staatsmanne allein leisten können, erkannt und hat sich dadurch vor vielen seiner Amtsvorgänger und Nachfolger aus- 327 gezeichnet. Als er während der Teuerung des Jahres 1843 bemerkt hatte, daß sich im Ministerium des Innern gar keine offiziellen statistischen Nachrichten über Hessen fanden, aus denen man eine Übersicht über die Bodenproduktion und den Getreidekonsum in Kurhessen gewinnen könne, so hatte er schon im Dezember 1843 die Einsetzung einer statistischen Kommission beantragt. Es wurden damals in sie mehrere höhere Beamte und der bekannte Nationalökonom B. Hildebrandt von Marburg berufen. Bis zum Juni 1844 hatten diese Männer eine Instruktion für sich entworfen und sie ans Ministerium zur Genehmigung eingesandt. Hier ruhte sie unerledigt bis zum April 1846. Als sie dann von Koch, der damals das Ministerium des Innern wieder übernahm, genehmigt war, starb der Präsident der Kommission, Hildebrandt trat außer Funktion, und der Kurfürst weigerte sich standhaft, neue Mitglieder zu crnenneu. In konsequenter Weise ist darauf die Statistik, welche gerade auf der Landesuniversität Marburg durch Achenwall zuerst, wenn auch nur vorübergehend, in die Reihe der Universitätsdisziplincn aufgenommen worden war, bis zum Untergang des Kurstaates als eine Neuerung mit argwöhnischen Blicken an höchster Stelle verfolgt worden. Entbehrte man aber in den leitenden Kreisen Hessens in dieser Weise gar vielfach jedes Verständnisses für die Wichtigkeit statistischen Materials, wie könnte man an dieser Stelle eine nur halbwegs verständige Einsicht in die nationalökonomischen Gesetze vermuten? Roschcrs bahnbrechendes Buch über „Kornhandel und Tcuernngspolitik" war damals noch nicht erschienen und prinzipiell unterschieden sich die Maßregeln, die 1847 in vielen deutschen Staaten, das Königreich Sachsen ausgenommen, zur Bekämpfung des Notstandes ergriffen wurden, keineswegs von denen, mit welchen Koch in Hessen ihm begegnen zu können glaubte. Bringt man nun noch dazu in Anschlag, mit welchen Hindernissen ein hessischer Minister in Kassel stets zu kämpfen hatte, und — 328 — die auch Koch, wie unsere Darstellung zeigen wird, in hinlänglichem Maße zu kosten bekam, so wird man demselben die Anerkennung nicht versagen dürfen, daß er unter den gegebenen Umständen alles Mögliche zu leisten versucht hat. Schon bei dem Notstände im Jahre 1843 hatte Koch mit dem Übeln Willen des Kurprinzen und Mitregenten in den verschiedensten Richtungen zn kämpfen gehabt. Am 4. Juli dieses Jahres hatte das Gesamtstaatsministerimn bei dem Regenten den Antrag gestellt, zur augenblicklichen Befriedigung der Not, welche die Regierung von Niederlassen für den Landkreis Kassel und das Amt Grebenstein konstatiert hatte, eine Ermächtigung zum Ankauf von 3500 Viertel Roggen*) zu geben. Am Tage darauf übersandte Koch die weiter eingegangenen Berichte der übrigen hessischen Provin- zialregierungen dem Kurprinzen. Scharf betonte er, wie der Zustand selbst in der „Fruchtkammer des Landes," auf der Schwalm, ein geradezu bedrohlicher geworden sei, und wie jeder Tag, ja jede Stunde der Verzögerung der zur Milderung dieses Notstandes nötigen Maßregeln eine unberechenbare Verantwortlichkeit mit sich bringe, die er nicht auf sein Gewissen kommen lassen könne. Der Kurprinz aber schenkte solchen dringenden Vorstellungen kein Gehör. Die formalen Gründe, die er dein Begehren seines Ministeriums entgegensetzte, gehen aus dem Entlassungsgesuchc hervor, das Koch damals, am 5. Juli, einreichte und welches lautet: „Durchlauchtigster Kurprinz usw. Bei einer solchen Rcgiernngsweise wie sich in dem Verfahren in Beziehung aus den untertänigsten Ministerialbericht über den dermaligen Notstand vom 4. d. M. ausgesprochen hat, — da der höchste Landesherr den Vorstellungen seines Ministeriums über den znr Höhe der Verzweiflung gestiegenen Notstand seiner Untertanen das Gehör versagt, weil in dem deshalbigen Berichte ein Minister mit seiner eigenen Handschrift eine die Bezugnahme auf ein Gesetz 1) Ein Viertel Roggen wiegt 240 Zollpfund. 329 enthaltende Bemerkung beigefügt nnd von der Hand eines Ministerialborstandes vier (nur eine sonst vielleicht angenommene Unbestimmtheit beseitigende) Worte übergeschrieben sind, während anzunehmen ist, daß ein Ministerium, welches in solchem Falle durch Ausfertigung eines anderen Berichtes eine Verzögerung veranlassen wollte, sich einem gerechten Tadel seines um das Wohl seiner Untertanen besorgten Landesherrn aussetzen würde, — fühle ich mich außerstande, das Ministerium des Innern ferner zu verwalten, und bitte deshalb dringend Ew. Hoheit untertänigst um gnädige Entlassung. In tiefster Ehrfurcht usw." Infolge dieses gerade nicht mnstergiltig stilisierten, aber doch hinlänglich deutlichen Entlassungsgesuches, wurde Koch noch an demselben Tage nach Wilhelmshöhe, wo der Kurprinz seine Sommerresidcnz aufzuschlagen pflegte, befohlen. Erst durch die Intervention der damaligen Gräfin von Schaumburg (nachmals Fürstin von Hanau), der Gemahlin des Kurprinzen, so scheint es wenigstens, setzte Koch, der sein Entlassungsgesuch zurücknehmen mußte, es durch, daß sein Antrag auf Ankauf von Roggen genehmigt wurde. Damit es aber nicht scheinen könne, als habe der Kurprinz hierbei in allem nachgegeben, so hielt dieser nun daran fest, daß wenigstens in Hanan nichts von dein angekauften Roggen verteilt werde! Da bei dem Verkaufe des damals erworbenen Roggens der Staat Verluste erlitten hatte, beziehungsweise immer noch Reste davon in den Staatsmagazinen lagerten, so mochte Koch jetzt, 1846, wohl annehmen, daß er bei einem Antrage auf Genehmigung eines ähnlichen Geschäfts womöglich auf noch größere Schwierigkeiten stoßen werde. Um die Bedenken des Kurprinzen gegen die von Koch befürwortete Teuerungspolitik, die keineswegs, wie der Fortgang unserer Erzählung zeigen wird, von richtigen volkswirtschaftlichen Anschauungen getragen waren, sondern lediglich in der eigenwilligen, teilweise auch unentschlossenen Sinnesart des Regenten wurzelten, rechtzeitig überwinden zu können, suchte 330 sich Koch deshalb beizeiten den Boden vorsorglich zu ebnen. Schon im Mai 1846 erließ er also an den leitenden Aus- schuß des landwirtschaftlichen Vereins von Kurhessen eine Aufforderung, dafür zu sorgen, daß in den verschiedenen Gemeinden des Landes zuverlässige Beobachtungen über die an den Roggenstauden sich zeigende Krankheit angestellt würden. Sollte sich daraus ergeben, daß eine genügende Ernte für dieses Jahr nicht zu erwarten sei, so möge ihm dieses schleunigst berichtet, zugleich aber sollten auch Vorschläge zur Bewältigung der alsdann voraussichtlich zu erwartenden Hungersnot mitgeteilt werden. Die Krankheit des Roggens erwies sich glücklicherweise als nicht so gefährlich, wie man im Nachwinter befürchtet hatte; doch war die Ernte keineswegs eine gute, und im August des Jahres konnte man schon deutlich ersehen, daß die Kartoffelernte wieder ganz ungenügend ausfallen werde. Deshalb wurde in diesem Monat den Kreisämtern von dem Ministerium des Innern aufgegeben, über die Ernteergebnisse baldtnnlichst zu berichten und, falls eine Teuerung zu erwarten sei, die Maßregeln zu bezeichnen, durch welche ihr begegnet werden könnte. Gleichzeitig forderte das Finanzministerium die Rentmeister auf, gleiche Ermittelungen anzustellen. Durch dieselbe Behörde wurde dahin gewirkt, daß die zollfreie Einfuhr des Getreides, sowie auch des amerikanischen Mehles bis auf weiteres beibehalten, oder aber von: 1. September an angeordnet werde. Gegen diese Maßregeln wird gewiß nichts einzuwenden sein. Aber es folgten ihnen jetzt unmittelbar bedenklichere. Man suchte den sog. wucherischen Fruchtanfkauf zu verhindern, so weit als dieses nur gesetzlich anging. Durch die Regierungen wurde schon Ende August ein Verbot des An- und Verkaufes von Kartoffeln zum Zwecke des Branntwcinbrennens erlassen, wie das auch schon 1843 geschehen war. Ja man überlegte schon, ob nicht ein Ausfuhrverbot für alle wichtigerer: Lebensrnittel gegen die Zollvereinsstaaten zu erlassen, und jeder Verbrauch von Kartoffeln zum Branntweinbrennen zu verbieten 331 sei. Einige zweckmäßige Maßregeln erließ dagegen das Finanzministerium. Man gab den Bauern die freie Benutzung der Mast, den unentgeltlichen Bezug von Strenzeug aus den Staatswaldnngen frei und gestattete für die Zahlung von Holzgeldern und sonstigen öffentlichen Abgaben angemessene Fristen. Anfangs Oktober reichten nnn die Provinzialregiernngen die Berichte der Kreisämter über den Ertrag der Getreide- und Kartoffelernte ein. Das Ergebnis derselben lautete dahin, daß die Ernte hinsichtlich des Körnerertrags etwas mehr als die Hälfte einer Durchschnittsernte gebracht habe, aber wegen des größeren Mehlreichtums der Körner sie doch auf eine Zweidrittelernte anzuschlagen sei. Die Ermittelungen des Finanzministeriums stimmten wesentlich hiermit überein. Die Oberfinanzkammcr erklärte in ihrem Berichte, daß ein allgemeiner Notstand, etwa mit Ausnahme von fünf kleinen Ren- tereibezirken, nicht zu besorgen sei. Die augenblickliche (6. Oktober) Teuerung der Kartoffeln erkläre sich daraus, daß die überstarke Nachfrage, die aus bis jetzt noch unbegründeter Besorgnis hervorgehe, in keinem Verhältnis zu dem bei noch nicht beendigter Ernte geringen Angebot stehe. Schließlich glaubte aber die Obersinanzkammer es für rötlich erklären zu sollen, daß für alle Fälle vorsorgliche Maßregeln ergriffen wurden. Mit Recht fügte sie aber hinzu, daß nach ihrem Dafürhalten dieses nicht in einem Staate allein ohne Verbindung mit den Nachbarn geschehen könne. Der Minister Koch sah das auch ein. Nichtsdestoweniger versuchte er in dieser Richtung nicht einen Schritt zu tun. Bei der Schwierigkeit, die Ansichten seines Herrn und Gebieters mit den Anschauungen der benachbarten Regierungen in Einklang zu bringen, war es vorauszusehen, daß aus einem solchen Versuche nur eine Menge Verdrießlichkeiten resultieren würden, und die Zeit zwecklos verloren gehen werde. Koch suchte sich daher in seiner Weise zu helfen. Ihm war erzählt worden, die Fruchtmäkler reisten im Lande umher, fingen die Bauern, die ihre Vorräte in die Städte zu Markte bringen wollten, vor den Toren derselben ab, suchten ihnen 332 auch in ihren Wohnungen die noch vorhandene Frucht auf jede Weise feil zu machen und verleiteten die Verkäufer dadurch zu den ungemessensten Forderungen. So beschloß er einen Entwurf zu einem Gesetze, „den Handel mit Früchten" betreffend, fertigstellen zu lassen, durch das aller Handel mit Getreide auf bestimmte, von der Regierung festzusetzende Fruchtmärkte beschränkt werden sollte; H 2 dieses Entwurfs gestattete Ausnahmen von dieser Regel nur zugunsten der Angehörigen des Ortes, an dein die Frucht sich befand, für inländische Gemeinden znm Zwecke der Versorgung ihrer Einwohner, von landesherrlichen Fruchtböden oder aus dem Aus- lande bezogenen Früchten. Glücklicherweise stieß die Vorlage auf den Widerstand des Ausschusses der hessischen Ständeversammlung. Dieser erstattete am 13. November einen, die Hauptbestimmungen des Gesetzes abweisenden Bericht. Da einige Tage später die Auflösung der Stäudeversammluug ausgesprochen wurde, kam der Gesetzentwurf gar nicht zur Beratung im Plenum; die Stände konnten sich über die Bedürfnis- frage gar nicht aussprechen. Weil sich die Kammer der von dem Staatsrate Scheffer mißhandelten Dcutschkatholiken infolge eines von dem Abgeordneten Henkel erstatteten Ausschußberichtes anzunehmen drohte, ward dieselbe, da sie nicht „zu einem Herde und Tummelplätze religiöser Demagogie t) Eine Verordnung Hassenpflugs vom 6. Oktober 1854 (Gesetzsammlung 1854. S. 69) geht noch ganz von denselben nationalökonomischen Gesichtspunkten aus. Das Getreide darf nur auf inländischen Marktplätzen verkauft werden; die Getreidehäudler haben erst nach 11 Uhr morgens das Recht, Frucht auf denselben aufzukaufen. Nur Bäcker dürfen ihren Bedarf auch direkt bei den Produzenten kaufen. Für den eigenen Bedarf kann man nur bis zu drei Vierteln auf einmal kaufen. Wer mehr kaufen will, muß eine Bescheinigung beibringen, daß er wirklich nur für seinen Bedarf kaufen wolle. Fruchthändler müssen eine Konzession haben. Erst wenn Frucht auf inländischen und hessischen Märkten keinen Käufer gesunden hat, darf sie gegen Bescheinigung nach dem Auslande exportiert werden rc. rc. 333 werde» solle," aufgelöst. Tast mau ihres Rates und Beistandes zur Bekämpfung der drohenden Teuerung mehr als bedürftig sein werde, war vorauszusehen, aber doch unberücksichtigt geblieben. Koch, der in dieser kritischen Zeit schon längst nicht mehr der schiebende, sondern der geschobene war, hätte in seinem eigenen Interesse damals besser getan, den undankbaren Beruf, Minister des Kurprinzen von Hessen zn sein, definitiv aufzugeben. Statt dessen ließ er sich immer wieder bestimmen, auf seinem Posten auszuharren, obwohl er sich nicht auf eine Majorität in der Stänveversammlnng stützen konnte und in der Gunst der Hofpartei von den prinzipiellen Gegnern jedes geordneten, konstitutionellen Ver- fassnngslebens, von Scheffer, Bickell usw. schon längst überholt war. Er durfte sich allerdings auch die Frage vorlegen: „Wer bleibt, wenn ich gehe", und im Hinblick auf die kirchlichen und politischen Fanatiker, die schon damals längst geplant hatte», was sie 18ö<> unter anderer Führung und mit Hilfe österreichischer Bajonette ausführten, sich sagen, daß diese Gattung von Staatsmännern schwerlich etwas leisten werde, was dem Vaterlande und seinem Fürsten zum Vorteile gereichen könne. Aber die Rücksicht auf sein persönliches Interesse, das in solchen Fällen stets mit dem wohlverstandenen Interesse des gesamten Staatswescns zusammenfällt, hätten die Abdankung Kochs vollkommen gerechtfertigt. Jetzt, nachdem die Ständckammer aufgelöst war, glaubte Koch, daß, wenn er nicht die nächsten Pflichten gegen das Land, dessen Minister des Innern er noch immer war, versäumen wolle, er für den Ankauf von Brotfrüchten auf die Verantwortung des Staatsministerinms hin sorgen müsse. Da stellte sich ihm aber der Mann, der bisher in der Ständekammcr alle verfassungsmäßigen Rechte des Landes mit Füßen getreten hatte, in der vom Kurprinzen Präsidierten Sitzung des Ministerrates als Verteidiger der konstitutionellen Doktrin entgegen! Staatsrat Scheffer erklärte am 29. November, zwei Tage nach der ganz formlos durch ihn vollzogenen Auflösung 384 der Ständekammer, die zum Ankauf von Getreide nötigen Geldsummen seien ins Budget aufzunehmen; da dieses aber vor dem Zusammentritt der Stände nicht festgestellt werden könne, so sei jetzt ganz von der Sache abzusehen. Scheffer bediente sich dieses Argumentes nur, um im Sinne des Kurprinzen zu sprechen, und dieser, dem jeder Fruchtankanf zuwider war, hatte gegen Koch sachlich geltend gemacht, es sei gar keine Not im Lande zu befürchten, nur die Wucherer Hütten die Fruchtpreise in die Höhe getrieben, die Forderungen des Ministers „gingen ins Blaue hinein," da er keinen Nachweis über den Bedarf liefern könne usw. Koch konnte sich hiergegen auf das Gutachten der Oberfinanzkammer berufen, die Bedenken Schef- fers leicht beseitigen, da nicht unbedeutende Geldsummen noch disponibel waren; doch kannte auch er seinen Herrn zu gut, als daß er nicht hätte wissen sollen, daß, wenn derselbe einmal ein formelles Bedenken gegen irgend eine ihm nicht zusagende Maßregel erhoben hatte, er sich nicht damit aussöhnte, bis dieses Bedenken, und wenn auch nur wieder ganz formell, gehoben war. Auf die Gefahr hin, daß, wenn der verlangte Nachweis geliefert sei, der Kurfürst einen neuen, rein äußerlichen Grund finden werde, um die von seinem Minister betriebene Angelegenheit auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben, beschloß Koch doch genaue Erhebungen über die Fruchtvorräte des Landes anstellen zu lassen. Denn eine Berechnung des drohenden Defizits an Brotfrüchten, welche von dem durch die Behörden oberflächlich festgestellten Ernteertrag des Jahres 1846 aus versucht worden war, hatte ein solches Ergebnis geliefert, daß Koch sich gar nicht getraute, es dem Kurfürsten vorzulegen, wenn er überhaupt etwas zu erreichen hoffen wollte. Da Koch im Durchschnitt ein Pfund Brot täglich für jeden Kopf zur Ernährung für notwendig hielt, — eine Annahme, welche nach den Aufstellungen der tüchtigsten, dem Minister übrigens unbekannt gebliebenen Nationalökonomcn, z. B. Dureau's de la Malle, nicht zu hoch gegriffen ist, — so berechnete er, daß er zur Ernährung der Bevölkerung Kurhessens 335 in einem Jahre 1 131 448 Viertel Roggen nötig seien?) Dabei wurde angenommen, daß ein Viertel Roggen 240 Pfund Brot gebe und die Bevölkerung Hessens sich auf 746 705 Seelen belaufe. Wenn nun aber die Ernte von 1846 nur zwei Drittel eines Durchschnittsertrages geliefert habe, so würden also 377 149 Viertel fehlen, welche — das Viertel nur zu acht Talern gerechnet — eine Summe von weit über 3 000 000 Talern repräsentierten. Koch konnte sich nicht verhehlen, daß in dieser Rechnung mehr als ein Fehler stecken müsse. Er erließ daher am 20. November einen Beschluß an die Provinzial- regierungen, „die Vorräte an Weizen, Roggen und Kartoffeln alsbald aufnehmen zu lassen und eine Übersicht hierüber binnen 14 Tagen einzusenden." — Ferner wurden die Kreisämter aufgefordert, über die Preise der Frucht in ihren Kreisen, sowie im benachbarten Auslande, über etwa drohenden Mangel an Lebensmitteln, über deren Ein- und Ausfuhr und die Art des Handels, der mit ihnen getrieben werde, usw. von vierzehn zu vierzehn, und später von acht zu acht Tagen, zu berichten. Die Aufzeichnung der Fruchtvorräte sollte Ende des Februar und des April 1847 wiederholt werden, um die Verminderung der Vorräte und damit die Höhe des Konsums und des Bedarfs bis zur Ernte annähernd festzustellen. Mittlerweile war es Koch durch wiederholte persönliche Sollizitationen doch gelungen, den Kurprinzen zu bewegen, die Ermächtigung zum Ankauf von ungefähr 4500 Viertel Roggen zu geben. Das Geld dafür war in der Staatskasse disponibel. Aber was bedeutete diese Quantität dem Bedürfnisse gegenüber, wenn man einmal an dem Prinzipe festhielt, daß der Staat für die Lebensbedürfnisse seiner Untertanen in dieser Weise zu sorgen habe. Da dem Ministerium neue Berichte zugingen, daß die Gemeinden, auf deren Unterstützung man gerechnet hatte, sich weigerten, auf ihre Rechnung Getreide- 1) Die Roggenernte des Jahres 1847 betrug nach den stattgehabten Ermittelungen 1086 333 Viertel. 336 aufkaufe zu machen, so beschloß Koch sofort einen neuen Antrag auf Erweiterung der ihm gegebenen Vollmacht an höchster Stelle einzureichen. Nach Besprechungen mit orts- und sachkundigen Personen erschien ihm ein Ankauf von 20 000 Vierteln als durchaus unbedenklich. Die hierzu nötigen Geldsummen schienen leicht geschafft werden zu können, wenn nur verschiedene Lieferungszeiten für die Frucht in dem Kaufkontrakt stipnliert würden; man hoffte dann die neu eintreffenden Sendungen mit dem Erlös aus den schon verkauften älteren Lieferungen bezahlen z» können. Indessen war diese Rechnung ohne den Wirt gemacht; Kochs Vorschlag, zunächst weitere 2000 Viertel auf Lieferung im Monat April znm Preise, von 9 Talern das Viertel zu kaufen und dann mit dem vom Verkaufe eingenommenen Gelde weiter je nach Bedürfnis neue Frucht zu kaufen, wurde von dem Kurprinzen dahin schriftlich beantwortet, daß diese 2000 Viertel von den znm Ankauf bewilligten 4500 Vierteln abzuziehen seien, die weitergehenden Anträge aber abgelehnt würden. Hierauf erklärte Koch seiner Königlichen Hoheit in der Hanptsitzung des Staatsministerinms vom 3. Dezember: „Der Beschluß auf seine Anträge habe ihn tief betrübt; es sei sehr übel, daß Seine Königliche Hoheit den Ansichten ihrer Minister so wenig Vertrauen schenkten; in vielen Verhältnissen würde dadurch, daß erst formelle Beweismittel beschafft werden müßten, die richtige Zeit unwiederbringlich zum allgemeinen Schaden vorübergehen; er könne die Nichtgenehmignng seiner Anträge nur dem Umstände zuschreiben, daß er die Sache zu leicht gemacht habe; in keinem anderen deutschen Staate würde ein Minister des Innern die Verantwortlichkeit übernehmen, mit so geringen Mitteln, wie er aus der Staatskasse in Air- sprnch genommen habe, für die Beseitigung des Notstandes zu sorgen; er könne nur von Herzen wünschen, daß man die Nichtgenehmignng seines Antrages nicht demnächst zu bereuen nötig habe." Das war nun zwar in den Wind gesprochen. Jedoch genehmigte auf die dringenden Berichte der Regie- 337 rungen von Fulda und Hanau hin der Kurprinz am 13. Dezember den Ankauf von 2000 Vierteln Roggen, nachdem Koch in der Hauptsitznng vom 10. Dezember hierauf als auf einem Minimum bestanden hatte. Ausschreiben, welche der Minister am 8. Dezember erlassen hatte, in denen die Bildung von Hilfsvereinen angeregt war, die Gemeindebehörden aufgefordert wurden, den Armen auf Bons hin, die später auf Kosten von Stiftnngs- oder Gemeindekasscn einzulösen seien, Brot, Kartoffeln, Hülsenfrüchte aus zu errichtenden Ortsmagazinen abzugeben usw. usw., hatten natürlich ebensowenig praktischen Erfolg, als die Ermahnung an die Ackerbautreibenden in den Landgemeinden, der Ortsverwaltnng angemessene Quantitäten von Getreide, das sie zu verkaufen hätten, zur Disposition zu stellen. Die bureankratisch geleitete Staatsmaschine, selbst wenn sie nicht stets von oben gehemmt worden wäre, erwies sich als vollkommen unzureichend, den sozialen Notstand erfolgreich zu bekämpfen. Aber in der Annahme befangen, das; dieser nur auf dem einmal von ihm betretenen Wege zu beseitigen sei, ruhte und rastete Koch nicht, seine Pflicht zu erfüllen. Er bestimmte das Finanzministerium, die Branntweinbrennerei weiter einzuschränken sowie die fiskalischen Frnchtvorrüte auf den Rentereiböden bis zum nächsten Frühjahre ruhen und dann nur an Bedürftige abgeben zu lassen. Und doch hätten ihn die Berichte der Regierungen über die im Lande noch vorhandenen Borräte von neuem überzeugen müssen, daß auf diese Weise der drohenden Not nicht zu steuern sei. Nach ihnen waren nämlich im Lande noch vorrätig: 229 676 Viertel Roggen und 1078 789 Viertel Kartoffeln. War darnach allerdings für die nächsten Monate noch nicht das Äußerste zu befürchten, so stellte sich doch heraus, das; ein verhältnismäßig ungeheures Defizit an Nahrungsmitteln bis znr Ernte noch zu decken sei. Selbst wenn aus einem Viertel Roggen 260 Pfund Brot gewonnen und auf den Kopf täglich nur V-c Pfund Brot gerechnet wurden, ergab sich, das; bis zur Ernte (7. August 1847) doch 287 272 Viertel Roggen fehlen würden, H urtwig, Aus dem Leben. 22 zu deren Beschaffung ungefähr 2 300 000 Taler nötig waren. Koch konnte noch dazu mit-solchen Angaben auf den Kurprinzen um so weniger Eindruck zu machen sich versprechen, als bei diesem unmittelbar die Eingabe eines Gutsbesitzers (von Butt- lar?) eingelaufen war, in der ausgeführt wurde, die Ortsvorstände seien bei der Aufzeichnung der Fruchtvorräte in ganz leichtsinniger Weise Verfahren und es sei ihnen deshalb durchaus kein Vertrauen zu schenken. Da aber nun doch von den verschiedensten Seiten immer bedrohlichere Nachrichten über den eintretenden Kornmangel eintrafen, und Koch sich gar nicht mehr zu helfen wußte, beantragte er in der letzten Sitzung des Staatsministeriums des Jahres 1846 (30. Dezember), weitere 2500 Viertel Frucht aufkaufen zu dürfen. Um den Widerstand des Kurprinzen gegen diese Maßregel zu brechen, schlug er vor, eine Kommission aus Staatsdienern zu ernennen, die sich des besonderen Vertrauens Sr. Königlichen Hoheit erfreuten, „um mittelst einer Umreise durch das Land ermitteln zu lassen, ob und an welchen Orten ein Notstand bis zur nächsten Ernte mit Recht zu besorgen und in welcher Weise demselben vorzubeugen oder derselbe zu vermindern sei, ohne zu große Opfer für die Staatskasse." Zu dieser Kommission wurden gewählt der Staatsrat Scheffer, der Oberfinanzrat Gschwind und der Ober- baudircktor Bromcis. Der letztere sollte namentlich begutachten, „ob und welche öffentliche Bauten, und mit welchen Kosten, in den verschiedenen Kreisen vorzunehmen sein möchten." Der Ausschuß der Stündekammer hatte nämlich bei Verwerfung des proponierteu Gesetzes über den Fruchthandel mit Recht darauf hingewiesen, daß das beste Mittel, der drohenden Hungersnot entgegenzutreten, die Beschaffung von Arbeit für die ärmeren Klassen sei und dazu namentlich die Inangriffnahme von nützlichen Straßenbauten vorgeschlagen. Bei der politischen Spannung, dse damals in ganz Hessen infolge der Auflösung der Stäudekammcr herrschte, konnte es natürlich nicht fehlen, daß man dem Ministerium bei Er- 339 nennung einer Kommission, die das Land bereisen solle und an deren Spitze der Staatsrat Scheffer gestellt war, sofort politische Motive unterschob. Die Regierung, welche in einer Antwort an den Stadtrat in Rütteln, der um Beschäftigung der arbeitenden Klassen durch Staatsarbeiten gebeten hatte, gleichzeitig ihr Befremden darüber aussprach, daß eben jener Stadtrat dem oppositionell gesinnten Vertreter der Stadt in der Ständekammer eine Zustimmnngsadresse habe zugehen lassen, konnte sich in der Tat nicht darüber beschweren, daß man im ganzen Lande die Aussendung dieser Männer als ein Wahl- manöüer ansah. Bald wurden denn auch angebliche Äußerungen des Staatsrats Scheffer über die nächsten Wahlen von Mund zu Mund getragen, man erzählte sich, wie die „Drei- männcrgesellschaft" es sich an den Wirtstafeln gut schmecken lasse, von Hunger und teueren Zeiten nichts erführe, während die armen Leute Not litten, und der Spitzname der „Schwere- notskommission" war fertig. Am 22. Januar 1847 wurde den drei Vertrauensmännern der Regierung der höchste Beschluß, durch den sie mit dem Kommissarinm betraut wurden, nebst genaueren Reiseinstruktionen von feiten des Ministeriums eingehändigt. Eine etwas naive Auffassung der Sachlage spricht sich in diesen aus, wenn z. B. ein Mann wie Scheffer aufgefordert wurde, „die zu besorglichen Gemüter zu beruhigen, die Besitzer größerer Vorräte von Zerealien zu veranlassen, dieselben teils gegen angemessene Preise an die Gemeinden zu veräußern, teils unentgeltlich oder gegen geringe Preise an Bedürftige abzugeben." Ehe diese Herren ihre ersten Reiseberichte aussendeten, hatte Koch schon allerlei vorbereitet, um die durch jene Berichte formell zu begründenden, nach seiner Ansicht weiteren dringlichen Maßregeln znr Bekämpfung der Not im voraus treffen zu können. Er hatte sich mit dem hessischen Generalkonsul in Bremen in betreff von Getreideliefernngen in Verbindung gesetzt, erließ Ausschreiben an die Verwaltungsbehörden, durch welche diese aufgefordert wurden, das ärmere 22 * 340 Volk auf Surrogate der gewöhnliche» Lcbeusmittel, z. B. Rapskohl u. dergl., hinzuweisen, und beantragte die Vornahme von Wegearbeitcn in verschiedenen Kreisen. Da er schon oft die Erfahrung gemacht hatte, „daß man bei seiner Königlichen Hoheit das, was man in einem allerdings notwendigen größeren Umfange nicht zu erlangen vermochte, in kleineren Quantitäten nach und nach erreichte," sollizitierte er fortwährend nm Genehmigung zum Ankauf von kleineren Frucht- guantitäten. War diese Genehmigung auch eines schönen Tages erfolgt, so gereute sie den Kurprinzen wieder am nächsten Morgen. In welchem Lichte dadurch Koch den größeren Kaufleuten wie dem hessischen Generalkonsul in Bremen gegenüber erscheinen mochte, da er bald Orders erteilen konnte, bald sie wieder limitieren oder zurückziehen mußte, kann sich jedermann leicht vorstellen. Der Kurprinz wußte es dann aber immer so einzurichten, daß wenn er seinem Minister einen Antrag abgeschlagen hatte, er ihm einen anderen genehmigte, sobald er mit seinem Abschied drohte. So setzte Koch am 11. Februar in einer Staatsministerialsitzung ein Verbot des Branntweinbrennens im Lande für die nächsten drei Monate vom 1. März an durch solche Drohung durch; so glaubte er wieder für einige Zeit wenigstens freies Fahrwasser gewonnen zu haben. Wenn man bedenkt, daß im Kreise Witzenhanscn allein täglich soviel Frucht in den Branntweinbrennereien verbraucht wurde, als zur Ernährung von 10 000 Menschen erforderlich war, so wird man diese Maßregel Kochs, die übrigens verschiedene deutsche Staaten, Preußen, Hannover, Hessen- Darmstadt bald darauf nachahmten, von seinem Standpunkte aus als notwendig anerkennen müssen. Wie wenig aber Koch sich bei seiner rastlosen Tätigkeit zur Bekämpfung der Not der Unterstützung seines Gebieters zu erfreuen haben solle, zeigte sich fast unmittelbar nach diesem glücklich erwirkten Verbote. Gleichzeitig mit dem Antrage, dasselbe zu erlassen, hatte er nämlich einen anderen eingebracht: Die Laudeskredit- kasscndircktion zu ermächtigen, den Gemeinden, die zur Be- 341 schaffnng von Brotfrüchten Anleihen bei ihr machen wollten, diese Anleihen zu gewähre». Das hatte seine Königliche Hoheit in Gnaden abzuschlagen geruht, vielmehr verlangt, daß jedes einzelne derartige Gesuch einer Gemeinde ihm zur landesherrlichen Genehmigung unterbreitet werde. Wenn nun solche Gesuche einliefen, konnte der Minister seinen Herrn nicht bestimmen, die Genehmigung dazu zu geben; es erforderte in einzelnen Fällen achtmaliger persönlicher Jnterzession Kochs, nur den Kurprinzen zu bestimmen, seinen Namens- zng unter das ausgefertigte Schriftstück zu setzen. Glücklicherweise konnten derartige Fälle nicht allzuviele vorkommen. Die meisten Landgemeinden waren nämlich schon Schuldner der Landeskreditkasse, bei der sie für Zehntablösungen und dergleichen Geld aufgenommen hatten, und schon früher hatte Koch seinem Gebieter eine Verfügung abgerungen, wonach die Direktion dieser Kasse ermächtigt wurde, den Gemeinden, die schon einmal Anleihen bei ihr erhoben hatten, nach eigenem Ermessen weitere ohne ausdrückliche Allerhöchste Erlaubnis zu bewilligen; so erfuhr der Kurprinz jetzt gar nicht, wie viele Gemeinden zu dein gedachten Zwecke neue Anleihen machten. Diese wurden einfach ohne die kurprinzliche Genehmigung einzuholen verwilligt. Endlich lief auch der erste Bericht der „Notstandskommission", wie ihr offizieller Titel lautete, ein. Nachdem sie neun nieder- und oberhessische Kreise durchzogen hatte, wurden darin die Eindrücke, die das Dreimännerkolleg auf seiner Reise durch Unterredungen mit „Rcntmeistern, Landbaumeistern, Landräten, Bürgermeistern, Forstbeamten, Geistlichen, Jnstizbeamten und sonstigen Personen" erhalten habe, geschildert. Hiernach durfte mit Sicherheit angenommen werden, „daß, einzelne Orte ausgenommen, es in den bereisten Bezirken an Produkten znr Ernährung nicht fehle, daß diese znm großen Teile ausreichen würden, das Bedürfnis bis znr nächsten Ernte zu befriedigen, zum Teil aber auch in dieser Beziehung erhebliche Bedenken rege seien, zum Teil sogar 342 wirklich baldigst Fürsorge werde getroffen werden müsse, bnrch Herbeischaffnng von Lebensmitteln unter Mitwirkung des Staates Abhilfe für die Bedrängten herbeizuführen." „Fast an allen Orten" leide die ärmere Volksklasse, während in einigen Kreisen bei den größeren Gutsbesitzern noch bedeutende Fruchtvorräte lagerten. Überall spreche sich das Verlangen aus, der Staat möge den Arbeitern Verdienst durch öffentliche Bauten schaffen, „was unstreitig als das wirksamste Mittel, wahrer Not zu begegnen, erkannt werden muß." Dieser so unbestimmt gehaltene Bericht konnte Koch natürlich nicht znr Grundlage für eine Schätzung des Bedarfs an Getreide dienen. Noch weniger konnte er dein Kurfürsten gegenüber verwertet werden, um dessen rein formale Bedenken zu beseitigen. Nur um die Dringlichkeit der Inangriffnahme öffentlicher Bauten, namentlich der für das Land höchst nötigen Stcaßenbauten zu motivieren, bot er eine bestimmte Handhabe. Diese wurde auch sofort ergriffen und eine Reihe von Vorschlägen zum Ban von Straßen und Vizinalwegen gemacht. Aber seine Königliche Hoheit fand sich nicht veranlaßt, auf dieselben, welche vorläufig nur die Summe von 13 000 Talern in Anspruch nahmen, einzugehen. Später wurde dann allerdings ein Teil jener Summe auf einen neuen Antrag Kochs hin verwilligt, weitere Beschlußfassung aber bis auf den Schlußbericht der Notstandskommission vertagt. Dieser konnte nun vor Ende März kaum erwartet werden, wie denn in der Tat ihr sechster und letzter Bericht, der sich mit den Kreisen Hanau und Gelnhausen beschäftigte, erst am 23. März einlief. Im wesentlichen lauteten alle Berichte ziemlich gleich unbestimmt. Nur in einem Teile des Kreises Schmalkalden und im Kreise Schlächtern wollte man einen wirklichen Notstand bemerkt haben und hatte auch eine Petition auf eine kleine Quantität Getreide für Schlächtern gestellt. Auf Grund sämtlicher Berichte stellte nun Koch in der Hauptsitzung des Staatsministeriums vom 25. März den Antrag, öffentliche Arbeiten, namentlich Straßenbauten, bis zur Höhe Vvn 46 680 Talern vornehme» zn lassen, nicd wies nach, daß das hierzu erforderliche Geld vorhanden sei. Der Kurprinz, der wieder einmal sich konstitutioneller zeigen wollte, als sein Minister, strich 13 800 Taler an dieser Summe, welche von Verpflcgungsgcldern bestellten werden solle, die von Preußen für die durch Hessen maschiereuden Soldateu bezahlt worden waren, aber noch nicht an die verpflegenden Bürger hatten abgeliefert werden können; „denn ehe das Budget vorgelegt sei, dürfe aus dieser Fiuanzperiode keine Verwendung stattfinden." Gleichzeitig mit diesem Antrage hatte Koch sich noch vorbehalten, weitere Anträge auf Fruchtaufkäufe zn stellen. Mit diesen schon jetzt hervorzutreten, war unmöglich, denn auch die Angaben, die jetzt über die zweite Aufnahme des im Lande noch vorhandenen Getreides einliefen, zeigten sich als unzuverlässig. Nach dieser nämlich waren in achtzig Tagen von den im Besitz von Privaten befindlichen Vorräten nur 92 870 Viertel verbraucht worden, so daß auf jeden Kopf ungefähr 13 Lot Brot täglich gerechnet werden mußten. Setzte man die Richtigkeit dieser Rechnung voraus, so würde man für die fünf Monate bis znr Ernte noch 165 000 Viertel nötig gehabt haben; ging man dagegen von den Angaben der Regierungen aus, die mindestens ^ Pfund für den täglichen Konsum angesetzt hatten, so erhielt man die Summe von 316 875 Vierteln. Da Koch mit Rechnungen, die solche Differenzen auswiesen, bei seiner Königlichen Hoheit nichts erreichen konnte, suchte er durch kleine Mittelcheu wenigstens den Bedürftigen zu helfen. Da die Branntweinbrenner annahmen, nach drei Monaten würde das gegen sie erlassene Verbot wieder aufgehoben werden, und darum mit ihren Kartoffeln zurückhielten, wurde dieses Verbot auf drei weitere Monate verlängert. Um dem drohenden Mangel an Pflanzckartoffeln und Getreide zur Sommcranssaat entgegenzutreten, konnten allerlei zweckentsprechende Maßregeln getroffen werden. Als jedoch Koch sich zn dein Vorschlage verstieg, man möge doch schon jetzt eine Kommission einsetzen, um 344 die Mittel und Maßregeln zu beraten, welche zu ergreifen sein möchten, um der Wiederkehr eines Notstandes, wie derselbe dermalen bestehe, in Zukunft vorzubeugen, wurde dieses rundweg abgeschlagen. Mittlerweile mehrten sich aber die Klagen, die aus dem Lande über den herrschenden Notstand einliefen, zu einer Besorgnis erregenden Höhe. Koch suchte deshalb jetzt den Kurprinzen zu bestimmen, ihm die Erlaubnis zum Ankauf einer größeren Menge Getreide zu geben. Aber vergeblich war sein Bemühen! Da die Ökonomen in Beschwerdeschriften über das gegen die Fabrikation von Branntwein erlassene Verbot ge- legentlicht bemerkt hatten, wenn der Staat ihnen die Verwendung' der Kartoffeln und des Getreides verbiete, so habe er auch die Pflicht, ihnen dasselbe gegen angemessene Entschädigung abzunehmen, so wurde dadurch der Gedanke, ein Expro- Priationsverfahrcn gegen sie einzuleiten, nahe gelegt. Da das Volk hungerte, kein Geld hatte, sich die nötigen Nahrungsmittel zu kaufen, und der Minister verhindert wurde, Getreide auf Staatskosten von auswärts zu beziehen, so kann man sich nicht Wundern, daß ihn: die Idee, für das hungernde Volk Nahrung auf dem Expropriatiouswcge zu schaffen, als ein Ausweg aus seinen Nöten erschien. Auf diesen Bahnen seinem Minister zu folgen, war der Kurprinz auch sofort bereit. Nachdem am 26. April eine Verfügung erlassen worden war, die den Fruchthandel sehr erschwerte, dann noch eine, dieses Mal sehr sorgfältige Aufstellung über die noch im Lande vorhandenen Vorräte vorgenommen war, und der Kurprinz endlich am 26. April die Genehmigung zu einem Ankauf von 10 000 Vierteln Roggen gegeben hatte, glaubte Koch mit einer Veröffentlichung vor das Land treten zu sollen, durch welche die übermäßigen Befürchtungen vor der noch bis zum Beginne der neuen Ernte drohenden Hungersnot gehoben und die Fruchtpreise etwas heruntergedrückt werden könnten. Als Bedarf für die drei Monate Mai, Juni, Juli, hatte man nach den jetzt vorliegenden detaillierteren 345 Angaben und verschiedenen Berechnungen 125 330 Viertel festgestellt. Da der Roggenvorrat im Lande am 1. Mai 80 145 Viertel betrug, so waren mithin noch 45 185 Viertel zu beschaffen. Von diesen waren aber die Getreidemengen abzuziehen, welche schon bisher mit der Genehmigung des Kurprinzen angeschafft oder doch wenigstens bestellt waren. Diese beliefcn sich jetzt auf 39 765 Viertel. Denn zu den Ankäufen, die Koch nach und nach bei seinem Gebieter in kleineren und größeren Posten durchgesetzt hatte, kamen noch 10 800 Viertel Roggen, die das Finanzministerium für die Arbeiter an den Staatscisenbahnbanten angekauft hatte. Hiernach blieb also nur noch ein Bedarf von 5420 Vierteln zu decken. Diese, und dazu noch ein Reservevorrat von weiteren 3000 Vierteln zu kaufen, wurde nun am 12. Mai beantragt. Koch ging hierbei von der Erwägung aus, es könnten Lieferungen, die er kontrahiert hatte, entweder gar nicht effekrniert werden, oder doch wenigstens verspätet eintreffen. Ferner mochte ihn doch auch Wohl die Härte des einzuleitenden Expropriationsverfahrens bestinjinen, dasselbe auf einen möglichst geringen Umfang zu beschränken. Denn hierzu hatte er schon zwei Tage früher die nötigen Anordnungen getroffen. Mit Beziehung auf Z 16 des Gesetzes vom 30. Oktober 1834 verfügte er, „die alsbaldige Beschlagnahme und Expropriation der im Lande befindlichen Vorräte au Weizen, Korn, Gerste, Hafer, Hülsenfrüchten und Kartoffeln, insoweit solche das eigene Bedürfnis der Besitzer bis zur nächsten Ernte übersteigen, einzuleiten, sowie die solchergestalt zu erlangenden Früchte zur Beseitigung des stattfindenden Mangels zunächst, insofern es nötig scheint, zum Besten der Gemeinde, in welcher die Expropriation eintritt, und nach Deckung von den Bedürfnissen dieser für andere bedürftige Gemeinden zu verwenden." In einer ausführlichen Instruktion wurden den Kreisämtcrn noch nähere Verhaltungsmaßregeln mitgeteilt und die Landwirte aufgefordert, sich der Leitung der Expropriationen „wo tunlichst selbst an Ort und Stelle zu unterziehen". 346 Koch hätte jedoch kaum nötig gehabt, zu dieser exorbitanten Maßregel zu schreiten. Es kam ihm jetzt von einer Seite Hilfe, von der er sie bisher entweder ganz vergeblich provoziert oder doch nur in unzureichendem Maße erhalten hatte. Auf seine Angabe an Seine Königliche Hoheit vom 12. Mai erhielt Koch am 19. dieses Monats ein vom 14. datiertes Reskript, in dem ihm „gnädigst aufgetragen wurde, Uns darüber Vortrag zu erstatten, ob nicht mit Rücksicht darauf, daß nach den eingereichten Überschüssen der Bedarf an Früchten nur bis Ende Juli d. I. gedeckt, während die Erntezeit regelmäßig erst Mitte Augusts eintritt, ein weiterer Ankauf von Brotfrüchten aus dem Auslande und in welchem Maße erforderlich sei." Man kann sich das lErstan- nen Kochs nach Empfang dieses Schriftstückes vorstellen! Auf Erkundigung nach den Motiven, die eine so plötzliche Willens- ändcrung seines Souveräns herbeigeführt hatten, erfuhr er, man habe dem Kurprinzen Schmeicheleien darüber gesagt, daß Knrhessen das einzige deutsche Land sei, in welchem kein Exzeß wegen des Notstandes vorgekommen sei; das Land habe die Überzeugung gehabt und auch praktisch erfahren, wie die Regierung Sr. Königlichen Hoheit für die Milderung der Not gesorgt habe. Was die dringenden Vorstellungen des Ministers des Innern, der Notschrei so vieler hungernden Untertanen nicht hatten bewirken zu können, das erreichte spielend das vielleicht gar nicht ernsthaft genommene, an die ganz falsche Adresse gerichtete Lob irgendeines diplomatischen Schwätzers! Obwohl nun Koch nicht fürchtete, daß die Ernte sich bis zur Mitte August hinausziehen werde, glaubte er doch auf die vom Kurprinzen angeregte Idee eingehen zu sollen. Es wurde ihm deshalb sofort am 20. Mai abends die Ermächtigung gegeben, 13 700 Viertel Roggen zur Deckung des Defizits und als Reserve zu kaufen. Weitere 15 000 Viertel sollte er erstehen, wenn sich die Ernte über den Monat Juli hinaus zu verzögern drohe. Mit Rücksicht auf die ungeheure Preissteigerung, die der Roggen innerhalb weniger Tage — vom 347 20. April bis zum 6. Mai war in Bremen die Last Roggen von 174 bis zu 250 Talern Gold in die Höhe gegangen — erfahren hatte, hat Koch aber gar keinen Versuch gemacht, diese letzte Quantität zn kaufen. Er wollte in keinem Falle so hohe Preise in Bremen zahlen als andere Regierungen, z. B. die preußische, welche mit ihren Fruchtaufkänfcn noch länger gezögert hatten, als der Kurprinz von Hessen. Da sich herausstellte, daß im Monat Mai nicht so viel Getreide im Lande gebraucht worden sei, als in den beiden vorangehenden Monaten, wurde ferner nicht nur der Auftrag zum Ankauf von 250—450 Last Roggen zur Reserve zurückgezogen^), sondern auch der kur- hessische Generalkonsul in Bremen, welcher die Ankäufe vermittelt hatte, angewiesen, alles Getreide, das über die stipu- lierte Lieferungszcit ausbleibe oder nicht vorschriftsmäßig geliefert werde, streng zurückzuweisen, und keine Ersatzkänfe für diese Ware vorzunehmen. Koch hatte wohlgetan, diese Maßregeln zn ergreifen. Dem: es wurde ihm jetzt abgeschlagen, bei der auf den 7. Juni einberufenen Ständekammcr eine Vorlage über die zur Beseitigung des Notstandes getroffenen Maßnahmen einzubringen. Er konnte sich wegen derselben weder im einzelnen persönlich rechtfertigen, noch auch sicher werden, daß der Staatskasse keine Verlegenheiten wegen der Geldmittel znr Bezahlung der angekauften Früchte erwachsen würden. Hatte man doch auch jetzt weniger Rücksicht auf ihn zu nehmen. Am 2. Mai hatte er wiederholt um seine Entlassung als Minister des Innern gebeten, und sich dieses Mal in seinem Entschlüsse durch nichts beirren lassen, da ihn Seine Königliche Hoheit behandelt hatte, „wie kein Fürst den geringsten seiner Diener behandeln sollte." Obgleich Koch das Recht auf den Bezug von Pension hätte geltend machen können, so unterließ er dieses doch zu tun. Ein Nebengrund seines Demissionsge- 1) Es waren jedoch schon 200 Last gekauft, die übernommen werden mußten. 348 suches, von dem der Kurprinz selbst befürchtete, er möge Aufregung und Unzufriedenheit im Lande gegen ihn erregen, da er einen Ehrenpnnkt des hessischen Bürgcrgardc-Jnstituts betraf, hätte in weiteren Kreisen bekannt werden müssen, wenn er auf Auszahlung einer Pension bestanden, beziehungsweise sie auf dem Rechtswege hätte erstreiten wollen. Der Kurprinz ließ den Mann ruhig fallen, der gegen den Willen seines Vaters zur Niederwerfung des Nationalfeindes als „Freiwilliger für Fürst und Vaterland" 1813 ins Feld gezogen war, dem Staate 35 Jahre lang zum Teil iu deu höchsten Stellungen treu gedient und für das Leben seines Fürsten, als dieses von Mordversuchen bedroht erschien, einzutreten sich bereit gezeigt hattet) * Wenn auch im Jahre 1848 verschiedene verleumderische Anklagen gegen Koch im Publikum und der Presse laut wurden, welche insofern eine Praktische Tendenz verfolgten, als sie einen angeblich bevorstehenden Wiedereintritt Kochs in die Staatsgeschäftc verhindern sollten, so hat doch die öffentliche Meinung über den sittlichen Wert dieses Staatsmannes in Hessen nie geschwankt. Hatte ihm doch sein langjähriger „Herrendienst" so wenig das Vertrauen seiner Mitbürger entzogen, daß ihn am 8. Februar 1848 ein Mitglied des Kasseler Stadtrats, der nachherige Staatsrat Wippermann, heimlich befragte, ob er eine auf ihn fallende, am 9. Februar zu vollziehende Wahl znm Oberbürgermeister der Stadt Kassel annehmen werde. Im Hinblick auf die von ihm im öffentlichen Leben gemachten Erfahrungen und die Unmöglichkeit, daß er unter der., des Herrn Staatsrats Scheffer stehen könne, lehnte jedoch Koch diese Anfrage ab. Wenn dann später der Vorwarf gegen Koch erhoben worden ist, er sei „dem zeitigen Ankaufe von Brotfrüchten von feiten des Staates im Jahre 1840 entgegen gewesen und 1) Es sind verschiedene Mordversuche gegen den Kurprinzen denunziert oder aber angedroht worden. Im Jahre 1848 stellte es sich heraus, daß einer von ihnen von einem Beamten fingiert war. 349 habe dadurch den 1847 zu so außerordentlicher Höhe gewachsenen Notstand verschuldet," so wissen wir nun, was von dieser Anklage zu halten ist. Sieht man von den nach unserer heutigen nationalökonomischen Erkenntnis theoretisch nicht zu rechtfertigenden Maßregeln ab, welche Koch im guten Glauben an ihre Vortrefflichkeit ergriff, so werden keine begründeten Ausstellungen gegen sein Verfahren zu erheben sein. Selbst seine Berechnungen haben sich nicht als unrichtig erwiesen. Wenn in einem Ausschußberichte der hessischen Ständekammer vom Oktober 1848 angegeben wird, daß von den angekauften Früchten 21549 Viertel übrig geblieben und dem Staate hieraus große Verluste erwachsen seien, so erklärt sich dieser Überschuß lediglich dadurch, daß die Roggenerute im Jahre 1847 ausnahmsweise statt Ende Juli, schon in der Mitte dieses Monats vorgenommen werden konnte. Die Richtigkeit der Berechnungen Kochs, der nicht auf einen solchen Glücksfall zählen durfte, wird daher durch das Vorhandensein dieses Überschusses weit eher bestätigt als umgestoßen. 3. Kurhessische Erinnerungen?) i. Der Zufall hatte es gefügt, daß ich im Mai 1860 fast gleichzeitig mit Garibaldi in Sizilien aus Land stieg. Obwohl ich mich vorher durch Lektüre und mündliche Berichte über die Zustände Unteritaliens und Siziliens im allgemeinen unterrichtet hatte, so sah ich mich doch, nachdem ich mich nur ein wenig orientiert hatte, in Messina nicht nur ganz neuen, sondern völlig ungeahnten und bis dahin von mir nicht für möglich gehaltenen Verhältnissen gegenüber. Vor meinen Augen brach ein altes, nicht unbedeutendes Staatswescn, das ein Landhcer von über 100 000 Mann, eine Kriegsflotte und gute Finanzen besaß, vor dem Ansturm einer wenig disziplinierten und mit keineswegs ausgezeichneten Waffen ausgerüsteten Freischar ehrlos zusammen. Das war nur möglich geworden, weil alle Kräfte dieses Königreichs vollkommen desorganisiert waren. Weder die Armee noch die Zivilverwaltung hatten noch Glauben an die Zukunft ihres Staats. Der Hof, von Familienzwistigkeiten zerrissen, mit einem halbblödsinnigen, nur pfäffisch erzogenen König an der Spitze, war ein Abbild der allgemeinen Auflösung. Zwischen Regierung und Regierten bestand nicht nur ganz allgemein kein Vertrauen, sondern grimmiger Haß und Erbitterung. Unzählige Anfstandsversuche waren freilich bis dahin an ihrer eigenen 1) Besprechung von Otto Bahr, Das frühere Kurhesscn, (Kassel, 1895) in „Die Nation" Jahrg. 12 (1894/95) Nr. 52 u. Jahrg. 13 Nr. 1, 2 u. 3. 351 Verrücktheit ober der Tapferkeit fremder Söldner-scharen gescheitert. Jetzt aber, wo eine immerhin organisierte oberitalienische Freischar auf dieses Königreich einstürmte, da brach es zusammen wie ein Gebäude, das der Hausschwamm laugst zerfressen hatte, für die Welt ein wundersames und lehrreiches Schauspiel. Hatte ich aus der Geschichte deu Untergang größerer und kleinerer Staatsgebilde kennen gelernt und die Ursachen desselben studiert, wie ganz anders wirkte hier die lebendige persönliche Erfahrung, die ich nunmehr bei diesem Zusammenbruch aller Ordnungen und Dienste eines Staats- wescns machte, auf mich ein! Fünf Jahre darauf kehrte ich in mein Heimatland Kurhessen, dessen Staatsdienst ich mit Urlaub verlassen hatte, zurück. Ich war in enger Verbindung mit ihm geblieben, hatte es 1863 wiedergesehen, war aber vom Frühjahr 1865 bis zum Spätherbst auf Reisen in den Mittelmeerländern gewesen und hatte den Zusammenhang in der politischen Entwicklung der Verhältnisse Deutschlands während dieser Zeit doch etwas verloren. Nun hatte ich von wohlunterrichteter Seite gehört, daß, wenn der Vertrag von Gastein nicht zum Abschluß gekommen wäre, der Bruch und Krieg zwischen Österreich und Preußen unvermeidlich gewesen sei und die ganze deutsche Frage aufgerollt werden würde, sobald die beiden deutschen Großmächte sich nicht verständigen könnten. In Florenz vernahm ich, daß die Regierungskreise Italiens auf den Zusammenstoß der beiden rechneten. Unter diesen Eindrücken war ich nach Hause gekommen und erkannte rasch, daß ich auch hier bald wieder Zeuge des Zusammenbruchs eines Staatswesens werden würde, das mir doch ganz anders aus Herz gewachsen war, als das freilich politisch wichtigere Königreich Neapel. Wenn auch, so sagte ich mir, Kurhessen nicht so rasch von der Landkarte verschwinden sollte, wie verschiedene italienische Kleinstaaten, so kann doch wenigstens seine gegenwärtige Regierung nicht mehr allzulange so weiter wirtschaften, wie sie dieses seit Jahren getan hat, ohne daß sie 352 schließlich ein Ende mit Schrecken nimmt. Persönliche Erlebnisse, die ich zu machen hatte, und die allgemeine Stimmung, auf die ich mit wenigen Ausnahmen bei jnng und alt stieß, konnten mich in meinem Urteile nur bestärken. „So geht es nicht lange mehr weiter!" „Aber was dann?" so hörte ich von allen Seiten fragen. Nicht als ob bei den so Fragenden irgendwie eine revolutionäre Stimmung geherrscht hätte. Nichts weniger als das. Man war auch nicht aufgeregt. Man stand den kommenden Ereignissen vielmehr zweifelnd und ratlos gegenüber. Daß große Dinge hereinbrechen würden, fühlte man mehr oder weniger allüberall. Daß sie auf die Geschicke Kurhessens von entscheidender Bedeutung werden müßten, das war gar vielen nach der jüngsten Vergangenheit des Landes und seiner geographischen Lage zweifellos. Aber man wußte doch nicht recht, zu welcher der beiden großen, um die Vorherrschaft in Deutschland ringenden Mächte man sich schlagen, welche Partei man ergreifen solle. Vielen lag die Erinnerung an das Jahr 1850 noch auf der Seele. Allgemein war damals die Empfindung verbreitet gewesen, daß Preußen das kurhessischc, nur sein Recht verteidigende, Volk im Stiche gelassen habe. Und schien jetzt nicht in Preußen die Partei am Ruder zu sein, die damals das gute Recht hatte beugen und unterwerfen helfen, schien nicht Herr von Bis- marck mit der Preußischen Verfassung umzugehen und umgehen zu wollen, wie weiland Hassenpflug mit der kurhessi- schen? Er hatte diese freilich wiederherstellen helfen, aber man glaubte hierin nur einen rein politischen Schachzug zu erblicken, dem ebensogut ein entgegengesetzter hätte folgen können, wenn es die Verhältnisse ihm im Interesse Preußens würden rätlich haben erscheinen lassen. Nur ganz vereinzelte Wenige, die sich damals aber noch nicht öffentlich hervor- wagten, hatten einiges, wenn auch nicht unbedingtes Vertrauen zu den Plänen Bismarcks. Überwog im allgemeinen die Stimmung, daß man sich eher an das benachbarte protestantische Preußen, als au das katholische Österreich, das 353 Hessen drei Lustren vorher so tief geschädigt hatte und für das Kurhessen nur ein Kompensationsobjckt sein konnte, anzuschließen habe, so war man doch über das Wie und Wann völlig unsicher und dabei nichts weniger als von sanguinischen Hoffnungen erfüllt. Und doch, so wie es war, konnte es nicht bleiben, denn noch drückender als die Unsicherheit in den großen deutschen Fragen empfand man die traurige Lage des Kurstaats infolge der schon mehr als ein Menschenalter andauernden inneren Verwicklungen. Man wird es vielleicht etwas sonderbar oder gar lächerlich finden, wenn ich sage, daß mir nach meiner Rückkehr in die .Heimat die Erfahrungen wieder ganz besonders lebendig wurden, welche sich mir wenige Jahre zuvor in Unteritalien lebhaft aufgedrängt hatten. Denn himmelweit verschieden sind ja, Ivie hier auseinanderzusetzen überflüssig ist, Land und Leute Unteritaliens und Hessens und alle politischen und sozialen Verhältnisse beider Länder nicht minder. Aber ein jedes Staatswesen, sei es ein größeres oder kleineres, hat, wie jedes organische Naturprodukt, bestimmte Lebensbedingungen, ohne die es nicht auf die Dauer fortexistieren kann. In monarchischen Staaten gehört zu diesen fundamentalen Voraussetzungen einer bleibenden Existenz ein gewisses sittliches, vertrauensvolles Verhältnis zwischen der herrschenden Dynastie und dem von ihr regierten Volke. Mag dann auch, wenn dieses einmal vorhanden ist, ein Monarch in einem solchen Staate nicht den an ihn zu stellenden Forderungen entsprechen - H. Leo hat einmal geäußert, „die schlimmsten Feinde der Monarchie seien die Monarchen selbst" —, so werden dessen Taten oder Untaten durch die im Volke fortwirkende Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit, die es mit seinen Vorfahren durchlebt hat, sei es mit Recht oder Unrecht, zugedeckt werden und in einer gemilderten Beleuchtung erscheinen. Denn so oft man auch den Völkern Undankbarkeit vorwerfen mag, so macht sich diese doch fast immer nur augenblicklich und nicht ausdauernd geltend. Hartwiq. Aus dem Lkbcn. 2.3 364 Daß in dem stets unruhigen Unteritalien kein sittliches Verhältnis zwischen dem Volke und der ihm im vorigen Jahrhundert durch die Diplomatie aufgedrungenen fremden bour- bonischen Dynastie bestanden hat und seit der Wiederherstellung derselben nach dem revolutionären Interregnum infolge des wiederholten Verfassungsbruches von feiten des Königtums gar nicht wieder aufkommen konnte, ist jedermann bekannt. Aber lagen nun in Hessen nur entfernt analoge Verhältnisse vor? Der hessische Volksstamm hat einen durchaus konservativen Charakter, dies Wort hier natürlich nicht in seiner politischen Parteibedeutung genommen. Seit den Anfängen der deutschen Geschichte hat er fast ganz unverändert dieselben Wohnsitze inne. Er hat sich in seinem Hauptbestandteil fast ganz unvermischt mit fremden Stammesgcnossen erhalten und hat die relativ geringe Beimischung ganz fremden Blutes, die ihn: durch hugenottische Einwanderung auch auf dem Lande zugekommen ist, fast ganz aufgesogen. Nur in den Zeiten seiner Urgeschichte hat der chattisch-hessische Volksstamm eine große Expansionskraft bewährt. Die Bataver, aus denen sich bekanntlich die salischen Franken, dre Begründer der fränkischen Weltmonarchie, entwickelt haben, nennt Tacitus ausdrücklich Chattcn. Im 5. Jahrhundert nach Christus zog eine Abteilung Hessen lahnabwärts und besiedelte wieder die menschenleer gewordenen Mosellandschaften bis Metz hinauf. Das älteste fränkische Volksrecht hat seine Wurzeln in Hessen. Seit jenen alten Zeiten ist der Stamm stationär geblieben. Seine Söhne haben sich im Mittclalter in unzähligen Fehden gerauft und in der neueren Zeit ihr Blut auf fast allen Schlachtfeldern Europas gelassen. Der Dreißigjährige Krieg und der Siebenjährige haben das Ländchen furchtbar verwüstet und entvölkert. In unseren Tagen haben nicht ganz unbedeutende Auswanderungen nach Nordamerika die Bevölkerung etwas gelichtet. Die Unzufriedenheit mit ihrer ökonomischen Lage und die Erzählungen der zahlreichen Soldaten, die im Solde Englands die Rebellion 355 dcr Vereinigten Staaten niederschlagen helfen sollten und zurückgekehrt die Schönheit und Fruchtbarkeit der neuen Welt priesen, hatten für lange Zeit die Wanderlust der Dörfler erregt, obwohl doch auch sie nur mit schwerem Herzen die Heimat verließen. Selbst der kosmopolitische Nachtwächter Franz Dingelstedt, der in seinem „Auswandererlied" gesnngen: „Und was da ganz unmöglich scheint Nach menschlichem Ermessen, Der arme Bursch aus Heimweh weint, Aus Heimweh nach — Kurhessen," hat sich doch nie ganz von dem tiefen Heimatsgefühl, das den Hessen ganz besonders eigen ist, losmachen können. Die unzweifelhaften Beziehungen und Einflüsse, die sich zwischen einer Landschaft und dem Volksstamm, der sie Jahrtansendc bewohnt hat, herausbilden, erklären wohl die Stärke dieses Heimatgefühles am einfachsten, welches auch in der Festigkeit alter Volkssitten und Gebräuche, in dem Fortleben uralter Sagen und Märchen hier wie kaum irgendwo anders in Deutschland sich ausspricht. Dem hessischen Volksstamm fehlt sonst ein lebhaftes künstlerisches Empfinden. Wenn auch das Volk hier gern seine Weisen singt, so ist doch kein großer Tondichter ihm entsprungen. Auch religiöse Fragen regen es nicht rasch und tief auf. Ein ausgezeichneter Kenner hat nicht ohne Grund gemeint, ohne die Energie und den Eifer Philipps des Großmütigen würde die Reformation so rasch kaum Boden gefunden und sich durchgesetzt haben. Sind aus Hessen auch in neuerer Zeit nicht wenige namhafte Gelehrte, darunter auch tüchtige Naturforscher, entsprungen, so können sich diese doch nicht mit den Männern vergleichen, welche, in Hessen geboren, die deutsche Altertumswissenschaft geschaffen, an ihr fortgearbeitct haben und noch an ihr fortarbeitcn. Mag diese Tatsache mit dein hier besonders innigen Fortleben deutschen Volksgcfühls zusammenhängen oder nicht, zwei Eigenschaften sind es ganz besonders, die dein hessischen Bolkscharakter sein Gepräge 23 * 356 geben. Tapferkeit und militärische Tüchtigkeit einerseits und ein stark entwickeltes Rechtsgcfühl hat die Hessen von jeher ausgezeichnet. Über die erste dieser Eigenschaften viel Worte zu machen, erscheint mir überflüssig. Aus dem vorigen Jahrhundert bezeugt Seuine, daß die Hessen geglaubt hätten, sie müßten überall dabei sein, wo es zum Schlagen komme, und noch heutigentags sind sie stolz auf ihre Tapferkeit und deren Anerkennung. In dem Kriege mit Frankreich haben wenige Regimenter so furchtbare Verluste erlitten wie das 83. Infanterie-Regiment, das ehemalige dritte hessische, das man in meiner Jugend „Konräderchen" nannte. Nach den Kämpfen um Orleans mußte es nach Versailles zurückgenommen werden. Als der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm die stark gelichteten Reihen musterte, sagte er: „Bei diesem Regiment hätte ich auch stehen mögen." Mehr als ein Jahrzehnt darauf erzählte mir dieses ein alter hessischer Bauer und fügte charakteristisch hinzu: „Das hat dem Kronprinzen einen guten Namen bei uns gemacht." Neben jenem tapferen soldatischen Sinne bildet das ausgesprochene Rechtsgefühl des Volkes eine seiner hervorragendsten Eigenschaften. Ich weiß nicht, ob sich dieses ausgebildet hat, weil das Volk sich seit lange einer trefflichen Gerichtsverfassung und Rechtsprechung erfreute, oder, was natürlicher ist, daß es sich dieser erfreute, weil es mit einem tiefen Rechtsgefühl von Hans aus ausgestattet war. Jedenfalls hat es seit Jahrhunderten in Hessen ausgezeichnete praktische Juristen gegeben. Aus der Universitätsstadt Marburg ist auch das Buch hervorgegangen, welches von einen: einer lothringischen Familie ungehörigen, aber in Hessen angesessenen Rechtsgelehrten herrührte und für die juristische Wissenschaft ganz epochemachend geworden ist. Die Entscheidungen des hessischen Oberappellationsgerichts haben sich über ein Jahrhundert lang eines guten Rufes in der wissenschaftlichen Welt zu erfreuen gehabt. Es würde einseitig geurteilt sein, wenn man nicht neben diesen guten Eigenschaften auch andere weniger erfreuliche 357 hervorheben wollte. Eine gewisse Schwerfälligkeit, Langsamkeit nnd starres Festhalten an alten hergebrachten Gewohnheiten ist namentlich seiner Landbevölkerung, d. h. dem weitaus größten Teile seiner Einwohner, eigen. Denn von Handel nnd Fabriktätigkeit nährt sich, von einigen wenigen Städten wie Hanan und Kassel abgesehen, nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung. Da nun das Land ein in: allgemeinen keineswegs fruchtbares zu nennen ist, was schon der Umstand beweist, daß sein Boden zu ungefähr zwei Fünftel mit zum Teil allerdings herrlichein Wald bestanden ist, so konnte sich hier in unserem Jahrhundert kein Wohlstand entwickeln wie in den angrenzenden anderen Ländern. Von feiten der Regierung geschah in der Tat auch sehr wenig, um die Betriebsamkeit der Einwohner zu heben, die schlecht und recht, sparsam und genügsam in der Weise der Altvorderen weiterlebten und froh waren, wenn sie die Bureaukratie mit Schreibereien verschonte nnd nur ruhig gewähren ließ. Wie diese Bevölkerung im allgemeinen zwar etwas langsam, aber doch solid dahinlebte, war auch der Beamtenstand, der ihr Recht sprach, ihr predigte, sie belehrte, ein zuverlässiger nnd tüchtiger. Untcrschleife nnd Vergehungen anderer Art kamen in ihm überaus selten vor, obwohl die Gehalte desselben nicht hoch, kaum auskömmlich waren. Bereicherungen im Dienste gehörten zu ganz seltenen Ausnahmen und waren im ganzen Lande verrufen. Da auch der Adel des Landes keineswegs wohlhabend war nnd vielfach erst, wie mir selbst Adlige versichert haben, durch die Ablösungssummen, die ihm seit 1830 und 1848 zugeflossen waren, sich von drückenden Schuldenlasten befreit hatte, so herrschte im Militär- nnd Beamtenstand eine „honnette Panvrets", wie sich einmal ein Zugewanderter ausdrückte. Dafür waren aber auch die Ausgaben gering — man wird staunen, wenn man hört, daß im Budget von 1865 von den Gesamtausgaben nur ungefähr 17 »/» aus direkten nnd 2«/» aus indirekten Steuern, das Übrige aus dein Staatsverinügen aufgebracht wurde — und 358 für Pensionen der in den Ruhestand getretenen Staatsdiener und Waisen war gesetzlich gesorgt. Wenn die Grundlinien dieser Skizze richtig gezeichnet sind, und ich glaube das versichern zu können, so wird man daraus den Schluß ziehen dürfen, daß in Hessen auch in politischen Dingen man nicht besonders neuerungssüchtig oder gar revolutionär gesinnt war. Ebensosehr wird man von vornherein für wahrscheinlich halten müssen, daß das Volk seinem angestammten Fürstenhaus anhänglich und treu war, denn das Haus Brabant, das durch seine Abstammung von der heiligen Elisabeth von Thüringen bei dem Zerfalle der großen thüringischhessischen Landgrafschaft im 13. Jahrhundert Erbe des Landes geworden war, war im Laufe der Jahrhunderte so mit Hessen verwachsen, daß die Familie schließlich nur nach ihm den Namen führte. Aus ihr war auch eine Reihe trefflicher Regenten hervorgegangen. Die Wcltstellung, man darf es wohl so ausdrücken, die Hessen im Rcformationszeitalter durch Philipp den Großmütigen eingenommen hat, ist jedermann bekannt. Auch unter dessen Nachfolgern finden sich Landgrafen, die sich um ihr Land große Verdienste erworben haben. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begannen die Fürsten, in denen sämtlich ein Zug von Sinnlichkeit und Neigung zum Jähzorn schon lange hervorgetreten war, ihre Geschicke von dem Wohle ihrer Untertanen zu trennen. Landgraf Friedrich II. trat heimlich gegen die ganze Tradition seines Hauses zum Katholizismus über und verhandelte von allen deutschen Fürsten wohl am stärksten seine Soldaten in den Dienst Englands zur Niederwerfung der nordameri- kanischen Freistaaten. Er war ein prunkliebender, baulustiger Fürst, doch auch nicht ohne Sinn für die Hebung der Wissenschaften in seinem Lande. Das Gegenteil hiervon in allen Beziehungen war sein Sohn, der Landgraf Wilhelm IX., später der erste Kurfürst von Hessen. Von seinem Großvater vor dem Konfessionswechsel bewahrt, regierte er zunächst die an Hessen angefallene Grafschaft Hauau, dann die gesamte Landgrafschaft, wurde bekanntlich, nachdem er kurz zuvor die Kurfürstenwürde angenommen hatte, von Napoleon aus seinem Lande vertrieben, kehrte aber unter dem größten Jubel seines Volkes im Spätherbst 1813 nach Kassel zurück. Die allgemeine Freude ob dieser Rückkehr sollte aber ihren bitteren Nachgeschmack bekommen. Hatte das hessische Volk das Königtum Jerome Bonapartes als das, was es war, also als Fremdherrschaft empfunden, während viele vom Adel sich trefflich mit ihm zu arrangieren wußten, so hatte es doch dem Lande auch manchen Nutzen gebracht. Es hatte unter manchen noch bestehenden mittelalterlichen Einrichtungen aufgeräumt und Grundsätze des modernen Staatswesens zur Geltung gebracht. Es ist bekannt, in welcher Weise Kurfürst Wilhelm I. gegen diese und überhaupt gegen alles, was während seiner Abwesenheit von Hessen geschehen war, eine ganz sinnlose Reaktion eintreten ließ. In zynischer Weise erkannte er nur au, was ihm nud seinen Geldinteressen Vorteil brachte, bestrick dagegen alle während der Fremdherrschaft wohl erworbenen Rechte dritter Personen aufs heftigste. Trotz seines für die damalige Zeit kolossalen Reichtums, der durch die geschickte Verwaltung des Hauses Rothschild vergrößert worden war, während er umgekehrt die Weltstellung auch des Hauses Rothschild begründet hatte, war er schmutzig geizig und nur auf Vermehrung seiner Schütze unter Benachteiligung seiner Untertanen bedacht. Konnte ihm dieses deren Liebe nicht erwerben, so war sein Privatleben noch weniger einwandfrei. In einem Lande, in dem die reformierte Kirchenzucht nicht nur bloß noch auf dem Papiere stand und in den mittleren Ständen wenigstens durchaus ein solides Familienleben herrschte, konnte die Maitressenwirtschaft, die schon von Hanau her an seinem .Hofe eingenistet war, nur den ärgsten Anstoß erregen. Von drei Maitressen stammen drei noch jetzt fortlebende Familien ab. Die Mutter der einen von ihnen, welche zur Eingehung des unerlaubten Verhältnisses gezwungen worden war, hatte dem Kurfürsten an zwanzig 360 Kinder geboren, sämtlich ohne Liebe, wie die alte Dame selbst ihren Gästen zu erzählen Pflegte. Auf sechzig wurde die Gesamtzahl der unehelichen Kinder des Landesvaters von Kennern der okroirigriö scunckulsuss des hessischen Hofes berechnet. Man muß Geistliche und andere in streng sittlichen Anschauungen auferzogene Männer und Frauen des kleinen Landes über diese Dinge haben reden hören, um die Lockerung des Verhältnisses zwischen Volk und Fürst, die eintrat, verständlich zu finden. Denn auch unter dem Sohn Wilhelms I. dauerte diese Maitressenwirtschaft nicht nur fort, sondern nahm noch, wenn möglich, schamlosere Formen an. Während die Truppen auf dem Friedrichsplatze Wilhelm II. huldigten, bezog die kurfürstliche Maitresse, die Gräfin Reichenbach, die Tochter einer Berliner Waschfrau, mit ihrem Torus das fürstliche Palais an demselben Platze. Bei ihrem Tode soll dieses Weib ein Kapitalvermögen von 14 Millionen Gulden hinterlassen haben. Von ihnen bilden die immerhin großen Geschenke, welche ihre Tochter den Universitäten Marburg und Jena und Wohltätigkeitsanstalten gemacht hat, einen Nestbestand. Als Frau und Maitresse gestorben waren, verheiratete sich der alte Sünder noch einmal mit einer jungen adligen Dame, die ihrem zweiten Gemahl, einem sächsischen Grafen, u. a. Silberzeug, das nach Zentnern geschätzt wurde, iu die Ehe einbrachte. Diese Vergeudung eines Vermögens, dessen Ursprung aus dem Blutgeld stammte, welches die hessischen Landgrafen für die ans Ausland gelieferten Soldtruppen erhalten hatten, empfand man doch aufs tiefste und schmerzlichste im Lande, wenngleich seit 1831 durch die Verteilung der angeblich nicht mehr intakt vorhandenen Gesamtmasse desselben in einen Haus- und Staatsschatz wenigstens den gröbsten Eingriffen gesteuert worden war. Kurfürst Wilhelm II. hatte infolge der Julirevolution von 1830 mit seinen Landständen, die von 1816 an nicht einberufen waren, eine Verfassung vereinbart, die die konstitutionellen Grundsätze der damaligen Zeit Wohl am reinsten 361 zur Durchführung gebracht hat. Um die Aufrechterhaltung dieser Verfassung von 1831 hat sich nun das politische Leben Kurhessens bis zur Annexion durch Preußen gedreht. Dem: noch in demselben Jahre entsagte Kurfürst Wilhelm II. dem Throne seiner Vater und der Regierung seines Landes, um seiner Maitresse Emilie -Ortlcpp willen, welche die Kasseler Bürgerschaft dort nicht dulden wollte, und übertrug die Mit- regentschaft seinem einzigen Sohne Friedrich Wilhelm I. Seitdem dieser Herrscher die Regierung des Landes angetreten hatte, begann sofort der bald stille, bald offne Kampf gegen die von seinem Vater herrührende Verfassung. Und das um eines offenen und eines versteckten Zweckes willen. Der absolutistisch gesinnte Herrscher wollte sich der seiner Herrscher- willkür durch die Verfassung gezogenen Schranken ganz entledigen, vor allem aber die Teilung des früheren Gesamt- vermögens in einen Haus- und Staatsschatz, von denen ein jeder ungefähr 900 000 Mark jährliche Rente abwarf, zu Gunsten der Krone wieder aufheben. Das Ende dieses Kampfes war die Auflösung des sittlichen Bandes, welches das hessische Volk mit seinem Fürstenhause verknüpfte, und der politische Untergang des Kurstaates. II. Es sind in neuerer Zeit Auffassungen des Verhältnisses des Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu seinem Lande lind Volke ausgesprochen worden, die mit der hier vertretenen in mehr oder weniger schroffem Widerspruch stehen. Der letzte der hessischen souveränen Fürsten von Hessen-Kassel hatte natürlich eine, wenn auch ganz kleine Zahl von Anhängern im Lande. Dieselben sind heutzutage noch nicht ganz ausgestorben und haben sich durch Kind und Kindeskinder und wohl durch einige neugewonnene Anhänger ergänzt. Denn es ist begreiflich, daß es, ganz abgesehen von den in jedem deutschen Kleinstaate vorhandenen Partikularsten aus Neigung, auch Leute geben — 202 — muß, welche durch die Eiuvcrleibuug dieser Kleinstaaten in ein größeres Staatswesen in ihren materiellen Interessen geschädigt worden sind. Aus den Reihen dieser Partei, die sich selbst die „Rechtspartei" nennt und in Hessen publizistisch geschickt vertreten ist, sind und werden nun Darstellungen des Verhältnisses zwischen Fürst und Volk in Knrhcsscn während der letzten dreißig Jahre der Existenz des Knrstaates jetzt veröffentlicht, welche mit alledem, was während der Zeit der Regierung des letzten Kurfürsten selbst fast ganz allgemein verlautete und durch die, nach verschiedenen Wahlgesetzen gewählte Volksvertretung des Landes, als öffentliche Landesmeinung konstatiert worden Ivar, im schreiendsten Widerspruch stehen. Danach wäre der letzte Kurfürst im Grunde ein keineswegs verwerflicher Landesvater gewesen, sondern nur ein auf Wahrung seiner Regentenrechte und das Wohl seines Landes bedachter Fürst, der allerdings in häufigen Konflikten mit seinen Landständen gelegen habe; hieran seien aber die Landstände, in denen der revolutionäre und unkirchliche Geist des Jahrhunderts zur Erscheinung gekommen sei, fast ebensosehr, wenn nicht, noch mehr schuld, als der auf seinem göttlichen Rechte bestehende Landesherr. Ob man denn in Hessen bis 1860 sich nicht wohler gefühlt hätte als heutzutage, da das Land eine geringe Steuerlast getragen und jedem sein Recht erreichbar gewesen und billig gesprochen sei? Wo das Land von Beamten regiert worden sei, die seiner Gesetze, seines Herkommens und seiner Sitten kundig gewesen wären, während inzwischen gar manche Beamte aus entfernten Gegenden Preußens, hier nach Hessen versetzt, sich vielfach ein Vergnügen daraus gemacht hätten, das hessische Wesen zu verhöhnen, aus bewährte Einrichtungen im Staats- und Gemeindeleben stolz von oben als auf verrottete und verkommene Zustände herabzusehen? Man sieht, daß hier Zweierlei zusammengeworfen wird. Es wird versucht, vorhandenen Mißmut über Zustände der Gegenwart zur Beurteilung der Vergangenheit zu verwerten. 363 Es liegt auf der Hand, daß dabei keine wahrheitsgetreue Darstellung der Vergangenheit möglich ist, selbst wenn man sie zu geben beabsichtigt hätte. Ganz abgesehen von dein prinzipiellen Gegensatz der politischen Auffassung, in dein jeder nationalgesinnte Deutsche zu diesen Partikularsten, welche noch niemals eine deutsche Verfassung, die narionaleu Ansprüchen genügen könnte, auch nur theoretisch aufzustellen versucht haben, stehen muß, ist es nicht möglich, sich mit dieser sogenannten Rechtspartei über vergangene Dinge zn verständigen. Leichter wird dieses möglich sein mit jüngeren Männern, die die Zeiten vor 1866 noch nicht mit politischem Bewußtsein durchlebt haben und Politisch nicht partikularistisch gesinnt sind, wohl aber es als eine Art Kränkung empfinden, wenn von feiten solcher, die vielfach gar keine Ursache haben, auf die politischen Zustände ihrer eigenen Heimat besonders stolz zu sein, über die Zustände des alten Hessens mit Verachtung und Spott geredet wird. Sie Pflegen dann im Bewußtsein, dem Hochmute und der Unwissenheit gegenüber eine gute Sache zu vertreten, leicht über das Ziel hinauszuschießen und glauben in der Hitze des Disputs auch Personen und Zustände verteidigen zu können, die nicht zu retten sind. Unter dem Vorgeben, die Dinge echt historisch und unparteiisch darzustellen, verbirgt sich vielfach nur eine opportunistische Auffassung der Vergangenheit, die man durchlebt haben muß, um die in ihr effektiv wirksam gewesenen Kräfte richtig verstehen zu können. Es freut mich, daß ich in der Beurteilung derselben im großen und ganzen mit einen: Manne übereinstimme, der, in ganz Deutschland als ein ausgezeichneter praktisch und wissenschaftlich gebildeter Jurist bekannt, diese Zeiten auch durchgelcbt hat, und jetzt in einer Schrift, die ebensosehr sein echt deutsches nationales Empfinden, wie sein starkes hessisches Heimatsgefühl verrät, noch nach seinem Tode zu uns spricht. Otto Bähr, dessen oben zitiertes kleines Werk über den Ausgang des Kurstaates Hessen und dessen Einverleibung 364 in das Königreich Preußen stets ein höchst wichtiges Dokument für die innere deutsche Geschichte unserer Tage bleiben wird, hat in ihr ein möglichst objektives Referat über den historischen Prozeß, dem die Selbständigkeit eines alten deutschen Stammesstaates zum Opfer gefallen ist, und über die nächsten. Folgen dieses Umsturzes zu geben versucht. Man darf wohl sagen, daß es mehr ein Bericht über die hierauf bezüglichen Vorgänge als ein „Geschichtsbild" sei. Denn es fehlen in seiner Darstellung fast ganz die Charakteristiken aller handelnd in ihr auftretenden Personen. Nur eine einzige, allerdings die wichtigste, ist in ihr zu zeichnen versucht, nämlich der letzte Kurfürst von Hessen. Doch möchte ich glauben, bei aller Hochachtung vor dem Urteile Bährs, daß ihn hierbei das Gefühl, eine gefallene Größe nicht zu dunkel zu färben, stärker beeinflußt hat, als ein objektives Urteil es erlauben würde. Die Zeichnung des Charakters des Kurfürsten bewegt sich in folgenden Linien: „Friedrich Wilhelm, der letzte Regent Kurhessens, das er 35 Jahre lang beherrschte, war keine glücklich organisierte Natur. Wohl nicht mit günstigen Anlagen geboren, aber auch aufgewachsen inmitten der zerrütteten Familienverhältnisse seines Hauses, schon als Jüngling mit einem Vergiftungsversuche heimgesucht, der, statt ihn selbst, seinen Kammerdiener wegraffte, und dessen Täter nie ermittelt worden ist, dann durch die Verhältnisse Hinausgetrieben in die Fremde, wo er jahrlang bald hier bald dort weilte, wo ein unglücklicher Zufall ihn in die Arme einer tief unter ihm stehenden Frau führte, bei der er die überall sonst vermißte Liebe fand oder doch zu finden glaubte, die aber zu einer schweren Fessel seines Lebens wurde, übernahm er, schon schwer geprüft und verbittert, im dreißigsten Lebensjahre die Regierung. Es fehlte ihm vor allem das, was man doch von einem Fürsten, in dessen Hand das Geschick von Hunderttausenden gelegt ist, noch mehr als von jedem anderen erwartet, das menschliche Wohlwollen. Und ebenso war das Bewußtsein fürstlicher Pflichten nur in sehr einseitiger 365 Weise bei ihm ausgebildet." Dieses Urteil möchte ich jedenfalls für zutreffender halten, als die einige Seiten später gegebene Erklärung, warum das Urteil über den Fürsten allgemein so hart gelautet habe. Bähr spricht hier von den „vielen nicht liebenswürdigen Eigentümlichkeiten" des Kurfürsten und versichert, es habe sich auch die alte Erfahrung bestätigt, „daß dem Menschen am wenigsten persönliche Unliebenswürdig- keit verziehen wird." Was Bähr nun weiter hier zur Zeichnung des Kurfürsten beibringt, widerspricht zwar der früheren Charakteristik keineswegs, ergänzt sie vielmehr. Aber man sieht doch, daß er gern für den Kurfürsten auf mildernde Umstände plädieren möchte, wenn er hervorhebt, daß man ihm seine Unliebenswürdigkeit besonders hoch angerechnet habe. Denn Liebenswürdigkeit ist keineswegs eine Eigenschaft, die man in erster Reihe von einem Fürsten verlangt, nnd deren Mangel eine Regierung unmöglich macht. Will man den Kurfürsten mit einem Wort charakterisieren, so darf man ihn einen unglücklichen Herrscher nennen: unglücklich veranlagt, unglücklich durch Erziehung, durch die Verhältnisse seiner Eltern nnd durch seine Eheschließung, unglücklich aber auch seinem eigenen Lebcnsgefühl nach. Wer kann bei einem so widrigen Zusammenwirken aller in Betracht kommenden Lebcnsbedin- gnngen hier Verhängnis und persönliche Schuld richtig abwägen wollen. Nur daran muß als an einer Tatsache festgehalten werden, daß dieser unglückliche Fürst durch seine Taten als Regent nnd Mensch das sittliche Verhältnis, das zwischen Fürst und Volk einmal bestehen muh, zerstört hat. Wer dieses leugnet, fälscht die Tatsachen. Es kann natürlich nicht meine Absicht sein, hier die 35 jährige Regierung Friedrich Wilhelms von Hessen, die, von geringen Unterbrechungen abgesehen, von einem fortdauernden Kampf zwischen ihm und der nach verschiedene» Wahlgesetzen erkorenen Volksvertretung ausgefüllt war, auch nur in flüchtigen Umrissen zu skizzieren. Dazu fehlt der Raum und Wohl auch das Interesse bei den Lesern. Wer — 366 — diese Dinge nicht noch aus eigener Erfahrung kennt, findet sie bei Bahr und in der dort angezogenen Literatur übersichtlich dargestellt. In einem Werke, welches nach der Abfassung des Bährschen Berichtes — dieser ist schon um 1887 niedergeschrieben — erschienen ist, und das von einem Freunde der Hassenpflng und Vilmar, welcher aber nach 1866 seinen Frieden mit Preußen gemacht hatte, herrührt, in Friedrich Mün- schers „Geschichte von Hessen" *) wird in einem Magistralen, altvaterischen Tone freilich eine etwas andere als die den Tatsachen vollkommen entsprechende Darstellung gegeben. Nur der warme Ton, mit dem auch dieser Sohn Hessens won seiner Heimat spricht und die von seinem Standpunkte ans immerhin anzuerkennende Unbefangenheit einzelner Ausführungen vermag unser Urteil über das auch für die älteren Partien der Geschichte Hessens wissenschaftlich wenig bedeutende Werk zu mildern. Im schärfsten Gegensatz zu der in ihm vertretenen Richtung steht ein an Aufschlüssen reicher Aufsatz H. v. Shbels?) über Hans Daniel Hassenpflng. Sein Verfasser, der als Marbnrger Professor die Revolutions- und ReaktionsPeriode in Hessen 1848 und später politisch mit- handelnd erlebt hat und über die Akten des preußischen Staatsarchivs verfügte, hat auf wenigen Seiten eine erschöpfende Darstellung der Gcheimgeschichte des Verfassungsnmstnrzes in Kurhesscn 1850/51 geliefert, und in seiner Weise meisterhafte kurze Charakteristiken der bei ihm mitwirkenden mächtigen Personen des Kurfürsten, Hassenpflugs und Vilmars entworfen. Kam es H. v. Sybel mit diesem Aufsatz im wesentlichen nur darauf an, diese unglücklichste Periode der hessischen Geschichte in ihrem inneren Zusammenhange darzulegen, und richtet sich seine Spitze gegen die mythenbildende Geschichts- darstellung der heutigen Nachfahren der Vilmar und Hassen- pflug, so hatte er nicht nötig, auf vorhandenen guten 1) Marburg, Elwert 1894. 2) Vergl. oben S. 104. 367 Seiten des hessischen Staatswescns und die mancherlei Verdienste, welche sich Hassenpflug während seines ersten Ministeriums erworben hatte, hervorzuheben. Hätte er dieses getan, so würde die Wirkung seines Aufsatzes, in Hessen wenigstens, eine stärkere gewesen sein. Denn nun fielen die journalistischen Verteidiger des Kurfürsten in bekannter Weise über H. v. Sybel her, entblödeten sich nicht, dein großen Geschichtsschreiber unter anderem vorzuhalten, auch er habe einmal hessisches Brot gegessen und dergleichen mehr. Aber auch Otto Bähr wurde durch diesen Aufsatz so gereizt, daß er in den „Grenzboten" Sybel zur Rede stellte und als, wenn auch sehr bedingter Lobredner der vergangenen Zeiten auftrat. Es versteht sich von selbst, daß dies von Bähr in einer anderen Sprache geschah als es die Parteigänger Hassenpslugs und einige Ehattomanen für angebracht hielten. Setzen wir also hier eine allgemeine Kenntnis der Zustände und Einzelheiten in Hessen während der Regierung des letzten Kurfürsten voraus, so wollen wir doch wenigstens die wichtigsten Punkte hervorheben, welche schließlich zu dem Untergang Kurhessens als eines selbständigen Staates geführt haben. Da ich hier nur vorzugsweise von den inneren Verhältnissen Hessens sprechen werde, so wende man nicht ein, daß ohne das Eingreifen Preußens von außen trotz alledem der Kurstaat noch lange fortbestanden haben würde. Denn abgesehen davon, daß ein Eingreifen Preußens in der stattgehabten Weise nicht möglich gewesen wäre, wenn die inneren Zustände Hessens eben andere gewesen wären, so ist doch nicht zu vergessen, daß durch die Regierung Friedrich Wilhelms 1. und seiner Helfershelfer schon 1850 das Land in einen Zustand gebracht war, der ohne Eingreifen von außen die Herrschaft des Fürsten lahm gelegt oder völlig beseitigt hätte. Soweit hatte man damals schon dieses ruhige uud treue Volk, das Militär, die Beamten und die Bürger des Landes fast ohne Ausnahme gebracht. Wären nicht die Strafbaycrn gekommen, deren Heldentaten im Lande noch 368 lange unvergessen bleiben werden, so wäre es mit der Herrlichkeit, wohl nicht des letzten Kurfürsten von Hessen, wohl aber mit der Friedrich Wilhelm I. schon damals zu Ende gewesen. Wenn ein lebendiges Bewußtsein von den Rechten und der Würde seiner fürstlichen Stellung für jeden Herrscher auch des kleinsten Staates ein notwendiges Requisit ist, so ist doch die Überspannung dieses Gefühls überall Regierenden und Regierten zum Unheil, ja zum Fluche ausgeschlagen. Und das namentlich in den deutschen Kleinstaaten, wo in Ermangelung eines jeden politischen Sinnes für das Mögliche Patrimoniale Anschauungen herrschend geblieben waren, die doch überall mit den Bedürfnissen und Forderungen der modernen Zeit in Konflikt geraten mußten. Wenn nun gar diese Bedürfnisse und Forderungen, man möchte hier fast sagen, durch einen glücklichen Zufall eine vollkommen legale Basis gewonnen hatten, sich ihnen aber ein durchaus auto- kratischer Wille entgegenstellte und sie aus persönlichen Gründen verneinte, so mußte ein nicht zu lösender Kampf aus- brechen. Tritt noch dazu, daß in der unmittelbaren Nähe des Thrones sich eine Gesinnung zur Geltung bringen durfte, welche nicht nur der fürstlichen, in mancher Beziehung selbst der bürgerlichen Respektabilität ermangelte, so kann man sich schon die Formen denken, in denen dann dieser Konflikt zur Erscheinung kommen mußte. Das schlimmste aber ist, wenn eine durchaus autokratische, nicht auf das allgemeine Wohl gerichtete Regierungsweise und der daraus erwachsene Kampf mit den Interessen der Regierten, von einer kleinen Minorität derselben, die selbst gern mitregieren wollte, als ein Gott wohlgefälliges Tun, als eine wahrhaft fürstliche Gesinnung gepriesen und damit der Brand nur leidenschaftlicher angefacht wird. Ein solch verzehrender Brand war über Kur- hessen mit der Regierung Friedrich Wilhelms I. gekommen. Es hat wohl in neuerer Zeit in Deutschland kaum einen Fürsten gegeben, der eine größere Vorstellung von seinen landesrcchtlichen Rechten gehabt hätte, als Kurfürst Friedrich 369 Wilhelm von Hessen. Nichts, was in Hessen mit der Regie- rnngsgcwalt nnr einigermaßen in Zusammenhang gebracht werden konnte, sollte in dem Lande ohne seinen Willen geschehen. Großes und kleines waren in gleicher Weise wichtige Staatsangelegenheiten. Über Pläne für ein Ladenfenster in der Königsstraße in Kassel z. B. wollte der Kurprinz selbst entscheiden, wie über die wichtigsten Verfassungsfragen; namentlich in allen militärischen Dingen sollte alles von seiner persönlichen Entschließung abhängen. Es war nur eine Konsequenz dieser Einmischung in kleinliche und kleinste Dinge, wenn er noch in den letzten Tagen seiner Regiernngszeit, wie wir aus einer authentischen Mitteilung ersehen, sich um die Fntterration des Pferdes einer seiner Söhne mit dem Kriegsminister herumstritt. Von Hans eine stolze, durchaus eigenwillige, starrsinnige Natur, war er in dem ehelichen Konflikte zwischen Vater und Mutter ausgewachsen und hatte alle Konsequenzen davon früh zu ertragen gehabt. Hatte bei ihm der Mangel einer wirklichen gründlichen Bildung und Erziehung manche gute Naturanlage vielleicht nicht znr Reife kommen lassen — er besaß z. B. ein recht gutes Gedächtnis und war auch nicht ohne treffendes Urteil —, so hatten die traurigen Erlebnisse seiner Jugend seinen Charakter schon früh verdüstert und ihn mißtrauisch gegen alle Welt gemacht, die nur darauf ausgehe, ihm seine Herrscherbefngnissc zu beschneiden und ihn zu hintergehen. Am schwersten empfand er aber die Einschränkungen seiner fürstlichen Macht, welche ihn, die von seinem Vater verliehene Verfassung des Jahres 183l auferlegte. Daß durch sie auch das große Staatsvcrmögcn zur Hälfte für rein staatliche Zwecke reserviert war, ertrug er von Anfang an um so schwerer, als er seit der Bestellung znm Mitregcnten des Landes keine allzu große Revenne besah und damals noch Neigung zu fürstlicher Repräsentation hatte. Durch seine ganze Regiernngszeit zieht sich daher ein stiller oder offener Kampf gegen die Verfassung und für die Wiedererlangung jener abgetretenen Millionen. Nin diesen zu führen, Hartwig, A»S dem Leben. 24 370 bedurfte er natürlich tatkräftiger und rücksichtsloser Helfershelfer, die er auch in den Hasscupflug, Scheffer usw. fand. Aber diese Männer hatten auch ihren eigenen Willen und so- fehlte es nicht an Zusammenstößen mit ihnen, die der Kurfürst um so lebhafter empfand, als sie ja ihm theoretisch die fürstliche Allgewalt seinen übrigen Untertanen gegenüber rechtfertigten. Da er nun im Laufe der Jahre neben dein Streite mit seinen Landständen anch noch fortwährend Konflikte mit seinen Ministern zu bestehen hatte, sich schließlich nach der Wiederherstellung der Verfassung von 1831 von der Vergeb- lichkeit seines Kampfes gegen diesen Stein des Anstoßes überzeugen mußte, er ferner doch immer mehr einsehen lernte, daß seine ganze Herrscherlaufbahn eine verkehrte gewesen sei, sein Starrsinn ihm aber unmöglich machte, irgendwie einzulenken, so fühlte sich Friedrich Wilhelm mehr und mehr als ein unglücklicher Mann. Die Folgen hiervon blieben natürlich für die Regierung des Landes nicht aus. Er wurde immer mißtrauischer gegen alle Welt, verlor die Entschließungsfähig- keit und wurde, wie es Bähr sehr höflich ausdrückt, immer unliebenswürdiger, wir möchten sagen, immer hämischer und menschenfeindlicher. Es war daher in Hessen eine ganz allgemein verbreitete Meinung, daß, wenn man von dein Kurfürsten etwas erreichen wolle, z. B. die Versetzung oder Nicht- versetzung eines Beamten, man ihm nur das Gegenteil von dem, was man wirklich wollte, auf irgend eine Weise zu Ohren bringen müsse. Nach diesem Rezepte soll er auch vielfach von seiner nächsten Umgebung behandelt worden sein. Man stellte ihm z. B. vor, daß er dieses oder jenes doch tun werde, was er eigentlich nicht wollte, wobei er aber auf Widerstand gestoßen war, dann konnte man sicher sein, daß er nun auf seiner ursprünglichen Meinung beharrte. So soll z. B. einer seiner Söhne dadurch wesentlich znr zweiten Entlassung Hasseu- pflngs beigetragen haben, daß er seinem Vater gegenüber immer behauptete, er werde schließlich gegen seinen Willen den bekannten Literarhistoriker A. Vilmar doch znm General- 371 snperintendenten ernennen, weil Hassenpflng von dieser Ernennung sein Verbleiben im Amt abhängig gemacht hatte nnd er doch ohne diesen nicht auskommen könne. Ähnliche Erzählungen wurden in Menge im Lande kolportiert. Sie trugen wahrlich nicht dazu bei, das Ansehen des Kurfürsten zu stärken. Dieses litt auch ferner darunter, das; man die materiellen Interessen des Landes von der Regierung nnd dem Kurprinzen zu wenig gefördert sah. Kleinlichste Hindernisse wurden namentlich der Industrie in Kassel entgegengestellt. Die Geschäftsleute waren oft in der größten Verlegenheit, weil auf eingereichte Bauanträge keine fürstliche Entscheidung zu extrahieren war. Daß der Wohlstand des Landes, dessen Steuerkraft allerdings sehr wenig angestrengt wurde, unter solchen Verhältnissen nicht zunahm, läßt sich ebenso leicht denken, wie die Zunahme des Mißvergnügens über diese unfruchtbare Regierung bei dem intelligenteren Teile der Bevölkerung. Dieses spitzte sich naturgemäß vor allem gegen die Person des Herschers zu, dem man mit Recht alle Hemmnisse zuschrieb. Aus diesem Grnndcharakter des kurfürstlichen Regimentes entwickelten sich nun von selbst allerlei Konsequenzen, deren relative Vorteile für das Land Otto Bähr, namentlich im .Hinblick auf spätere Zeiten, kräftig hervorhebt. Patronage- wesen, Eliqncnwirtschaft, Strebertum sei unter dem kurfürstlichen Regiment nicht vorhanden gewesen; die Ansprüche der katholischen nnd protestantischen Hierarchie habe der Kurfürst mit seinem festen Willen einzudämmen gewußt. Gewiß alles Dinge, die dem Lande zu statten gekommen sind, aber sich bei der selbstherrlichen Natur des kurfürstlichen Regimentes von selbst verstehen. Es lag nicht im Eharakter des Kurfürsten, dankbar für empfangene Wohltaten zu sein nnd sich den Spendern derselben und deren Angehörigen darum wohlwollend zu erweisen. Im Gegenteil, er sah alles, was ihm seine Untertanen Angenehmes erzeigen konnten, als schnldige Dienste an. Einzelne Männer, die in der Notlage des Jahres 24 * 372 1848 persönlich ihn vor Unbilden geschützt hatten, mochte er nm so weniger leiden, als sich mit ihnen die Erinnerung an unangenehme Auftritte unlöslich verknüpfte. Aber auch auf seine getreuesten und liebsten Diener nahm er durchaus keine Rücksicht. Als er seinen langjährigen Generaladjutanten von Loßberg in einer hochwichtigen politischen, für diesen auch persönlich sehr bedeutenden Frage hintergangen hatte, soll er auf eine Vorstellung hierüber gesagt haben: „Wenn einen Koup machen wollen, keine Rücksicht auf Loßberg nehmen können." Daß ein Fürst, wie der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der voll Mißtrauen und Argwohn gegen alle Menschen war, auf jedes Strebertum verächtlich hcrabblickte, läßt sich leicht begreifen. Gegen Menschen, welche, wie die Eunuchen der byzantinischen Zeit, auf jede eigene männliche Überzeugung verzichten, nur um sich empor zu bringen, war er schon deshalb eingenommen, weil er so viel Welterfahrung hatte, nm einzusehen, daß sie ihn schließlich doch im Stiche lassen würden, sobald er nicht alle ihre Ansprüche erfülle. Seinen Willen in irgend einer Weise binden zu lassen, lag nie in seiner Absicht. Dagegen verfolgte er alle die, welche sich einmal gegen seinen Willen aufgelehnt und seinen Interessen, wie er sie verstand, entgegengetreten waren, nicht nur bis an ihr Lebensende, sondern auch noch in ihren Kindern mit so dauerhaftem Hasse, daß er manche Familien ganz aus dein Lande getrieben hat. Ein solcher selbstherrlicher, starrsinniger Fürst, dessen ganze Regierung fast nur mit Kämpfen gegen die legitimen Vertreter seiner Untertanen und der Verfassung des Landes ausgefüllt war, konnte sich selbst unmöglich wohl fühlen. Man erzählte sich, daß er seinen Vertrautesten gegenüber sich auch gelegentlich als unglücklich bezeichnet habe. Dazu trug noch eine Tat seines Lebens wesentlich bei, welche auf sein Verhältnis zu seinem Lande von verhängnisvollster Bedeutung geworden ist: ich meine seine Verheiratung mit Ger- trude Lehman», gebornen Falkenberg. 373 III. Als Friedrich Wilhelm sich als Kronprinz mit seiner Mutter in Bonn aufhielt, soll ihn diese auf einem Balle ganz absichtslos auf die elegante uud schöne Erscheinung der Fran eines jungen Offiziers aufmerksam gemacht haben. Der Prinz entbrannte darauf rasch in so heftiger Leidenschaft zu dem schönen Weibe, daß er beschloß, mit Hintansetzung aller Rücksichten, diese schon mit zwei Söhnen gesegnete Fran zu seiner Gemahlin zu machen. Sie willigte ein und verließ die katholische Kirche. Ihr Mann ließ sich angeblich mit 40 000 Talern abfinden; er verklagte seine Frau auf böswillige Verlassnng und die Ehe wurde geschieden. Die Akten hierüber dürften sich noch jetzt bei dein königlichen Kammergericht zu Berlin finden. Gertrud Lehmann wurde zur Gräfin von Schaumbnrg und später znr Fürstin von Hanau erhoben. Selbstverständlich waren die aus dieser Ehe hervor- gegangenen sechs stattlichen Prinzen von Hanau nicht suk- zessionsfähig. Daraus entwickelte sich sofort eilt Doppeltes. Die Gräfin von Schaumbnrg mußte daran denken, für ihre eigene und für ihrer Kinder Zukunft zu sorgen, ohne dabei auch nur irgendwelche Rücksichten auf das Kurfürstentum und seine Interessen All nehmen. Andererseits konnte es der Kurfürst nicht verschmerzen, daß seine Deszendenz von dem Throne seiner Väter ausgeschlossen werden solle lind ein entfernterer Vetter sein Nachfolger werde. Auf einem zwiefachen Wege konnte er sich dieser drohenden Eventualität entziehen, entweder durch eine Ncnverheiratung mit einer ebenbürtigeil Frau, oder durch Erlangung der Anerkennung seiner Söhne als sukzessionsberechtigt. Zwischen beiden Wegen hat er lange Zeit hin- und hergeschwankt. Erschien der letzte als der fast ungangbare, so haben ihn denselben doch österreichische Diplomaten in geeigneten Augenblicken als nicht aussichtslos hingestellt. Nur weiln der legitime Thronfolger Prinz Friedrich Wilhelm von Hessen-Rumpenheim Miene 374 machte, sich in Kassel dauernd niederzulassen, dann ließ er ihn Wohl mit der Nachricht bedrohen, er werde sich demnächst standesgemäß verheiraten. Wie weit dieses wirklich im Plane des unglücklichen Mannes gelegen hatte, wird sich schwerlich entscheiden lassen. Es ist kürzlich erzählt worden, der Kurfürst habe lange Jahre ein genaues Verzeichnis aller deutschen ebenbürtigen Prinzessinnen bis zu deren 35. Lebensjahre geführt, wie er nach seiner Vertreibung aus Hessen (1866) ein Verzeichnis über die Personen eigenhändig geführt hat, die nach seiner Rückkehr nach Kassel seinen Zorn am schwersten empfinden sollten. In den früheren Jahren ihrer Ehe hat die Gräfin von Schaumburg selbst sehr lebhaft an die Möglichkeit einer Trennung ihrer Ehe' gedacht. Sie ließ sich von ihrem Gemahl für sich und ihre Kinder eine Anweisung auf 500 000 Taler ausstellen, die aus dem fürstlichen Fidci- kommisvcrmögen genommen werden sollten, eine Transaktion, die auch der noch lebende Vater des damaligen Kronprinzen anerkannt hat. Allein es ist nie zu einer Scheidung gekommen. Der Fürst hat seiner Frau die Treue gewahrt, es ist von einer Maitressenwirtschaft, wie sie sein Vater und Großvater getrieben hatten, während seiner Regierung in Kassel nie im Entferntesten die Rede gewesen. Mochten bei dein Jähzorn des Gatten sich auch noch so viele leidenschaftliche Szenen im Palais abspielen, so wurde der eheliche Friede immer wieder hergestellt, ja, wie vielfach versichert wird, vom Fürsten oft mit klingender Münze erkauft. Als die Söhne der Fürstin heranwuchsen und viel Geld verbrauchten, gab das auch die Veranlassung zu sehr lebhaften Erörterungen zwischen den Ehegatten, namentlich da die Söhne aus ihrer ersten Ehe, welche nach einem alten, ausgcstorbenen hessischen Adelsgcschlcchte zu Freiherren von Schöllet) ernannt worden waren, die besondere Liebe der Mutter besaßen. Die Heirats- affären der Söhne des Kurfürsten, von denen der älteste sich z. B. mit der Tochter des Komikers des Kasseler Hoftheatcrs verheiratete, trugen auch nicht dazu bei, den Familienfrieden 375 zu kräftigen. Mit den unklaren Fainilienverhältnissen des fürstlichen Hauses hing es ja auch zusammen, daß der älteste Schwiegersohn des Kurfürsten, Graf Pseuburg-Wäch- tersbach, den Premierminister seines Schwiegervaters, Hassen- pflug, vor dem Theater in Kassel anfiel und mit einem Stocke mißhandelte. Alle diese Dinge, die ganz öffentlich vorgegangen waren, und vieles andere, das durch Indiskretionen der Söhne des Kurfürsten in Kassel und damit im Lande bekannt geworden war, konnte natürlich nicht dazu beitragen, die Achtung vor diesem Herrscherpaare zu erhöhen. War schon der Abschluß jener Ehe für viele ernste Männer im Lande ein Stein des Anstoßes gewesen, so erschien das Anwachsen des Einflusses der Fürstin auf ihren Gemahl für die weitesten Kreise noch bedenklicher. Daß die Fürstin keinen Sinn für die Interessen des Landes, sondern nur für die ihrer Familie haben könne, war die allgemeine Überzeugung. Ebenso fest stand aber auch bei vielen, daß die Fürstin ihren Einfluß auf ihren Gemahl in wenig uneigennütziger Weise verwerte. Hinterließ doch auch die Fürstin ein bedeutendes Gelderbe, während der Kurfürst seinen neun Kindern ein Privatvermögen von weit über 7 000 000 Mark, die große Herrschaft Horzowitz in Böhmen nicht mit einbegriffen, angesammelt hatte. Bähr bemerkt einmal, „daß in den Völkern die Tatsache, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird, wenig zum Bewußtsein komme," und meint, daß in Hessen ein tiefer Mißmut über die Regierung des Kurfürsten in der Masse der Bevölkerung sich nicht fühlbar gemacht habe. Ich kann dagegen versichern, daß ich in meiner Jugend in den vierziger Jahren schon Bauern über die finanzielle Ausbeutung des Landes durch die kurfürstliche Familie habe klagen hören, und daß selbst in den kleineren Städten Spießbürger sich hierüber, wie über die ganze Regierungsweise des Fürsten, sehr drastisch aussprachcn. Wenn auch nicht bei dem ganzen Volke eine tiefgehende Mißstimmung gegen die Regierungsweise des Kurfürsten geherrscht hätte, wie wäre es möglich 376 gewesen, daß sich schon 1860 ein solcher Widerstand zur Verteidigung der Verfassung gegen den Willen des Landesherrn organisiert hätte. Selbst mit der oktroyierten Verfassung Hasscnpflugs, deren Wahlgesetz kaum noch einen Schein der Wahlfrciheit aufrecht erhielt, konnte ja auch dieser keine gefügige Volksvertretung zustande bringen. Als nun 1866 die Regierung des Kurfürsten zusammenbrach, machte sich da etwa eine tiefgehende Erregung im Volke bemerkbar? Die einberufenen Soldaten schlichen sich pflichtschuldigst zu ihren Regimentern durch, aber es wurde auch darüber gescherzt, man werde Wilhelmshöhe zu einem zweiten Gaeta machen. Der Satz von der ewigen Anmaßung der Tyrannen, welche verlangten, daß ihre Untertanen ihnen gegenüber Sklaven, aber Helden zu ihrer Verteidigung sein sollten, den Pictro Colletta einmal in Beziehung auf neapolitanische Verhältnisse ausgesprochen hat, bewahrheitete sich auch hier. Es ist wohl kaum ein alter deutscher Staat so in sich zusammengebrochen, wie das ehemalige Kurfürstentum Hessen. Als die knrhessischc Ständeversammlung, welche sich mit großer Majorität am 16. Juni 1866 für die Nichtmobilisiernng der Truppen, d. h. für das Zusammengehen Hessens mit Preußen beim Bundestage, ausgesprochen hatte, vertagt werden sollte, beschloß ich im sicheren Vorgefühl, daß die letzte Sitzung einer kurhessi- schen Ständeversammlung gekommen sein möge, diesen: Akte beizuwohnen. Ich war noch nie in dem Ständehause gewesen, und mußte mich in den: Gebäude, „das viele Fenster, aber wenig Licht hatte," zurechtweisen lassen. Außer nur war nur noch eine Person auf der Znschauertribüne. Als der Landtagskommissar die fürstliche Vertagungsordre ganz geschäftlich und tonlos verlesen hatte, ertönte kein Hoch auf den Landesherr::. Der Präsident schloß die Sitzung tiefernst mit den Worten: „Gott beschütze unser deutsches Vaterland." Wenige Tage darauf zogen an einem frühen Morgen preußische Truppen in Kassel ein. Es kamen Soldaten, mit ihren Ein- quatierungsbilletten versehen, die Königsstraße herunter und 377 verlangten Eintritt in das kurfürstliche Palais. Sie pochten mit ihren Kolben an die verschlossenen Tore, bis an einem Fenster Lakaien erschienen, welche den Soldaten zuriefen, sie müßten irre sein, hier sei das kurfürstliche Palais. Als darauf die Soldaten Miene machten, abzuziehen, traten einzelne Kasseler Bürger, die schon auf den Beinen waren, an sie heran, und meinten, sie sollten sich nur nicht irre machen lassen, in diesem Hause fänden sie gutes Quartier. Aber hatte der Kurfürst in Hessen gar keine Anhänger und Freunde? Gewiß gab es im Lande unter den sogenannten gebildeten Ständen einige hundert Männer, welche absolutistischen Theorien huldigten, bei dem Verfassnngsumsturz von 1850 und den ihm nachfolgenden Ereignissen mehr oder weniger direkt beteiligt gewesen waren und die durch Preußen bewirkte Wiederherstellung der Berfassung von 1831 als ein dein Kurfürsten zugefügtes schweres Unrecht ansahen. Obwohl die verschiedenen hessischen Ministerien, welche der Kurfürst seit 1850 gebildet hatte, dieser Partei angehörten, war es ihr doch nicht gelungen, im Lande zu einigem politischen Ansehen und Einflüsse zu gelangen. Ihr einstiger Vorkämpfer Hans Daniel Hassenpflug war, vom Kurfürsten in vollkommener Ungunst beiseite geschoben, 1862 elend zugrunde gegangen. Neben ihm war der bekannte Literarhistoriker A. Vilmar, seit dem Sturze Hasscnpflugs Professor der Theologie in Marburg, das geistige Haupt der Partei, die er auch in seinem „Hessischen Bolksfrcnnd" journalistisch am besten vertrat, ein hochbegabter aber leidenschaftlicher und herrschsüchtiger Mann, der den extremsten theologischen und kirchlichen Ansichten huldigte. Sein Ansehen war aber nur bei den politisch einflußlosen Pastoren der Landeskirche, welche er für eine lutherische erklärte, die sich nur eingebildet habe, reformiert zu sein, groß. Wie hätte auch ein Mann, der behauptete, den Teufel in Person und sein Zähnefletschen aus der Hölle mit leiblichen Augen gesehen zu haben — man sagte in einer allerdings unwirtlichen Gegend bei Frankenau, — der einen von 378 echten Katholiken als gut katholisch anerkannten Kirchenbegriff als den des Protestantismus ausgab, der in Anspielung an ein Buch Otto Bährs „über den Rechtsstaat" von der „bärenhaften Idee eines Rechtsstaats" redete und in seinen: Blättchen gegen Eisenbahnen und Feuerversicherung zeterte oder zetern ließ, in unserem Jahrhundert und in einem deutschen Lande, dessen Grenzen doch nicht mit Brettern zuzunageln waren, von bestimmendem und leitendem Einfluß auf die große Mehrheit des Volkes sein und bleiben können!^) Der klerikale Absolutismus, den Vilmar vertrat, hat in Hessen wie überall, wo er einmal zur Herrschaft gelangt ist, dieselben Wirkungen hervorgebracht, die das Morphium auf den leiblichen Organismus des Menschen ausübt: anfänglich anregend und belebend, dann aber um so rascher alle gesunden Kräfte erschlaffend und zerstörend. Welchen Dienst dieser Mann seinem Hcimatlandc und seinem Fürsten in entscheidender Stunde geleistet hat, war freilich bis vor wenigen Jahren nur in cingcwcihtercn Kreisen bekannt. Durch den oben erwähnten Aufsatz H. v. Shbels ist derselbe jetzt aktenmäßig festgestellt worden. Da er mit einem Wendepunkt der deutschen Geschichte aufs innigste zusammenhängt, mag er hier mit wenigen Worten nochmals erzählt werden. Als im September 1850 Hassenpflng mit seinen Mitteln gegen den gesetzlichen Widerstand des hessischen Volkes zu Ende war und beschlossen hatte, den von Österreich restaurierten Bundestag zum Eingreifen in Hessen anzurufen, mußte er den schwankend gewordenen Kurfürsten von Kassel entfernen. Es gelang ihm dies nur durch die Lüge, die er seinem Fürsten vortrug, die Soldaten meuterten in der Kaserne, das Palais solle angesteckt werden. Ohne sich von der Richtigkeit dieser Behauptung zu überzeugen, 1) In: Jahre 1851 schrieb Vilmar u. a. den Hessen vor, am Landetzbußtage zu beten: „Laß den Geist der Kraft auf dem Kurfürsten ruhen, damit er nach Deiner Vollmacht die Frevler strafe." „Frevler" waren alle, die über Kirche und Staat anders dachten als dieser Zelot. — 379 — floh der Kurfürst noch (am 12. September) in derselben Nacht, von Vilmar begleitet, nach Hannover. Hier fand nun aber der flüchtige Landesherr bei dem Welsen Ernst August nicht die erwartete Unterstützung. Vielmehr meinte der greise König in seinem Kauderwelsch: „das Hassenpflng fort muß." Der Kurfürst, hierüber betreten, wollte nun nicht nach Frankfurt Weiterreisen, sondern nach Berlin fahren, nur sich mit seinem rechten Vetter, dem König Friedrich Wilhelm IV. zu verständigen. Dem warf sich aber der Willensstärke Vilmar entgegen und beschwor den Kurfürsten, von diesem Plane abzustehen, und blieb Sieger, r) Politischer Fanatismus und Selbsterhaltungstrieb übermannten den Rest von vernünftiger politischer Einsicht, den sich der Kurfürst aus den Traditionen seines Hauses heraus noch bewahrt hatte. Es keuuzcichnet aber die ganze Unnatur des Vorgehens der Hassenpflng und Vilmar, daß infolge einer angeblich konservativen Politik ein Fürst aus seiner Residenz herausgelogen und znr Aufgabe der seit Jahrhunderten traditionellen, durch die Lage und gesamte Vergangenheit seines Landes bedingten Politik herausgerissen werden mußte, um den schwindelnden Bahnen dieser Dioskuren zu folgen und Hessen den Truppen der beiden katholischen Mächte Deutschlands znr Anssangung auszuliefern. Es ist nicht abzusehen, welches die Folgen gewesen sein würden, wenn der Kurfürst, statt nach Frankfurt zu reisen, sich an Preußen angeschlossen hätte. Wenn man den weiteren Verlauf der kurhessischen Dinge überblickt, kann man jedoch mit Sicherheit behaupten, daß Vilmar damals in Hannover der Existenz des Kurstaates Hessen einen Stoß versetzt hat, der schließlich dessen Untergang herbeiführte. Die geschichtliche Nemesis hat es gefügt, daß Hassenpflng noch die Wiederherstellung der Verfassung von 1831 und der Konsistorialrat Vilmar den Untergang der Selbständigkeit des Kurstaatcs 1) Vilmar selbst hat den Vorgang nur mit Verschmelzungen erzählt. 380 erlebt haben. Sie werden wohl beide sich nicht von der Verkehrtheit ihres Tuns überzeugt haben, aber die Geschichte hat dasselbe verurteilt, wie das ihrer wenigen Anhänger. Beide waren politische Fanatiker, die, wie sie in ihrer Jugend radikale Burschenschaftler n la. Heinrich Leo gewesen waren, wie dieser sich zu Vertretern eines klerikalen Absolutismus in einem Lande herausgebildet hatten, zu dessen Betätigung hier alle Vorbedingungen, sogar eigentlich auch bei dein Fürsten desselben, fehlten. Denn von einer relativ kleinen Anzahl von Männern abgesehen, welche den gleichen kirchenpolitischen Ansichten der Hassenpflng und Vilmar huldigten, bestand ihre Gefolgschaft aus sehr zweifelhaften Elementen. Man hatte in Nachahmung des preußischen Treubnndes einen kur- hessischen gebildet und der Kurfürst hatte den Vorsitzenden desselben mit einem Schreiben: „an meinen lieben Amtmann Tassins" beehrt. Aber dieser Richter mußte bald darauf wegen Unterschlagung von Gerichtsgebühren kassiert werden. Ein anderes Mitglied, ein Beamter des Museums in Kassel, veruntreute wertvolle Gegenstände daraus usw., alles Vorgänge, welche das Ansehen der spezifisch kurfürstlichen Partei nicht gerade zu heben imstande waren. Es ist gewiß nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß die namentlich durch Vilmar verteidigte Theorie des fürstlichen Absolutismus im Hinblick auf die tatsächliche Darstellung im Lande nicht wenig dazu beigetragen hat, das monarchische Gefühl abzustumpfen und die Glcichgiltigkeit gegen die Fortexistenz des Kurstaates zu fördern. IV. Ich bedauere diese meine, wie ich glaube, vorurteilslose und wahrlich aus keiner antihessischen Gesinnung erwachsene Auffassung der Regierung des letzten Kurfürsten von Hessen nicht durch weitere Einzelheiten, die in meiner Erinnerung in Hülle und Fülle fortleben, hier belegen zu können. Aber bei der so vielfach beobachteten Gedächtnisschwäche zahlreicher Zeitgenossen, die schon heute vergessen, was sie selbst vor wenigen Jahrzehnten erlebt haben, und dein Unvermögen und der Unlust unserer Jugend, sich in die Zeiten vor 1866 zurückzuversetzen, ein Mangel, aus dein eine ganz falsche Vorstellung von der Vergangenheit und Gegenwart erwächst, scheint es mir doch geraten, auf einige markante Züge aus den letzten Jahren des Kurfürstentums noch mit wenigen Worten hinzuweisen. Es könnte freilich genügend erscheinen, hierfür auf „die Erinnerungen aus dem Jahre 1866," welche die „Illustrierte Zeitung" von: 2. Juli 1892, offenbar von einer sehr gilt unterrichteten Seite gebracht hat, aufmerksam zu machen. Da aber in ihnen auf die Kundgebungen der öffentlichen Meinung des Landes, wie sie sich in den fast einstimmigen Beschlüssen der Ständekammer wiederholt und deutlichst ausgesprochen hat, nicht Rücksicht genommen ist, so mag hier das Nötigste ganz kurz zusammengestellt werden. Mit Naturnotwendigkeit mußten sich bei dem alternden Kurfürsten die Konsequenzen seiner verkehrteil Anschauungen von seinen landesherrlichen Rechten und seinen eigenen Taten im öffentlichen wie im privaten Leben immer unheilvoller entwickeln. Er wurde immer mißtrauischer gegen jedermann, tonnte gar keinen ruhigen Entschluß zu irgend etwas mehr finden, vermochte großes und kleines, politisches und persönliches nicht mehr voneinander zu unterscheiden, so daß wie mit Recht gesagt worden ist, zeitweise in Kurhcssen schließlich keine Mißregiernng bestand, weil einfach gar nicht regiert wurde. Einen Minister des Innern entließ der Fürst, weil jener den Dienstmänuern Kassels eine Art Uniform zu tragen gestattet hatte, ohne die hohe landesherrliche Meinung über sie einzuholen. Um der seit Jahren auf allen Gebieten der Gesetzgebung durch Schuld der Regierung eingetretenen Stockung ein Ende zu machen, beschloß am 28. Oktober 1864 die Stäudekammer einstimmig, einen Ausschuß niederzusetzen, 382 der aus Vertretern der Ritterschaft, der Höchstbesteucrteu, der Städte und Landgemeinden gleichmäßig zusammengesetzt war, damit dieser geeignete Vorschläge mache, um die notwendigsten Neuerungen in den Gang zu bringen. Am 24. November nahm die Ständekammer eine kräftige Adresse dieses Aus- schusses an den Kurfürsten an, welche die traurige Lage des Landes schilderte und schließlich sagte: man habe hier nicht alles vorgebracht, was man hätte vorbringen können; aber das Gesagte werde genügen: „um einen Regenten, der das Bewußtsein seines hohen Berufs und seiner heiligen Pflichten besitze, zu den entsprechenden Entschließungen zu veranlassen." Der Kurfürst nahm diese Adresse, die ihm persönlich überreicht werden sollte, nicht an, sie wurde durch den Landtagskommissar entgegen genommen und — ml nein gelegt. Am 17. Oktober des folgenden Jahres berichtete der landständische Ausschuß der Kammer, daß auch während der Vertagung der Stände beinah auf allen Gebieten des Staatslebens vollständiger Stillstand geherrscht hätte, und der Referent fügte hinzu: „Die Minister möchten doch bedenken, daß die Beschwerden des Landes schwere Anklagen enthielten, die, wenn sie nicht bald Abhilfe fänden, dahin führen könnten, Umwälzungen zu veranlassen, bei welchen die Selbständigkeit Kurhesseus verloren gehen könnte." Darauf wurde die Stäude- versammluug auf unbestimmte Zeit vertagt. Als sie am 24. Januar 1866 wieder zusammentrat, konstatierte der landständische Ausschuß den andauernden Stillstand des Staatslebens durch Schuld der kurfürstlichen Regierung, und im März desselben Jahres wurden abermals keine Vorlagen gemacht, da der Kurfürst beharrlich seine Genehmigung zu solchen verweigerte. In einer ausführlichen Erklärung vom 14. März verwahrte sich die Ständeversammlung „gegen die unausbleiblichen Folgen solcher Mißregierung" mit 42 gegen 5 und 44 gegen 1 Stimme, und 33 Mitglieder erklärten gegen 14: „sie wollten nicht den Vorwurf der Mitschuld auf sich laden, sondern die Stimme des Landes laut erheben und vor 383 aller Well gegen die Folgen einer fortgesetzten Miszregierung Verwahrung einlegen." Damit mag man den Satz Bährs (Seite 50) vergleichen: „Es ist daher ganz unrichtig, wenn man die Verhältnisse Knrhessens so darstellt, als ob das ganze Volk unter einem schweren Drucke geseufzt hätte." Daß die Zustände in Kurhessen damals höchst bedenkliche waren, hatte sich auch die nächste Umgebung des Kurfürsten gesagt, und die Agnaten der Familie waren gleichfalls nichts weniger als beruhigt über sie. Und nun ging die große deutsche Frage über sie unaufhaltsam auf! Man kann sich leicht vorstellen, wie der Kurfürst und seine willfährigen Minister ihr zunächst ratlos gegenüberstanden. Die Stände drängten znm Anschluß an Preußen. Das war genügend für den Kurfürsten, von allem anderen abgesehen, zu Österreich hinzuneigen, das mit allen möglichen Versprechungen bei der Hand war. Die Fürstin von Hanan, die jetzt gegen den früheren Brauch die Gesandten Österreichs und Bayerns persönlich empfing, fürchtete für die Fa- miliengüter in Böhmen. Die Entscheidung der großen Frage war damit den Intriguen in der Familie Hanan preisgegeben. Diese war in sich gespalten, aber ihre antipreußischen Glieder siegten. Am 14. Juni Mittags telegraphierte die fanatisch antipreußische Fürstin Wächtcrsbach, die älteste Tochter des Kurfürsten, nach Frankfurt: „Wir haben gesiegt", und der Kurfürst ließ an demselben Tage für den österreichischen Antrag stimmen. Ein Sohn des Kurfürsten, der wenige Tage darauf den österreichischen Gesandten Grafen Paar bei dein Aufräumen seiner Siebensachen traf, soll dagegen diesem gesagt haben: „Da packen Sie wohl auch die Armeekorps mit ein, die Sie meinem Vater versprochen baben?" Als an: 15. Juni die große Angelegenheit in einem Ministerrate stundenlang noch einmal verhandelt wurde, und die Minister sehr kleinlaut geworden waren, fing der Kurfürst zu schwanken an. Schließlich begab er sich in das Zimmer der Fürstin von Hanau und kehrte nach einer Viertelstunde mit den Worten in das Kouseil 384 zurück: „Ich kann doch nicht, nein es geht nicht." So erzählt auch Bahr ausführlich. Die Gewalten, die den Kurfürsten während seiner ganzen Regierung in ihrem Bann gehalten hatten, ließen ihn auch jetzt nicht los. Welches der Gemütszustand des unglücklichen Fürsten an diesem Tage war, ersieht man am Besten aus seiner in der „Illustrierten Zeitung" in Faksimile mitgeteilten Entscheidung auf einen Antrag, die hessischen Truppen nach Mainz zu verlegen: „Der Wunsch (korrigiert aus Antrag), die Bestellung der hessischen Truppen zur Besetzung von Mainz zu stellen, ist hiesigen Orts nicht gestellt worden, weil ich eine Stellung ohne Ehre, mit Hungertyphus (aus Typhus korrigiert) Händeln mit der Reservedivi- sion nicht beabsichtigte zu wünschen, nur um den Nassauer das Kommando der zweiten Divisionen des l). Armeekorps...." Doch wäre mit der Entscheidung voin 15. Juni noch nicht alles für den Kurfürsten verloren gewesen, wenn er nur gewollt, oder sagen wir besser, seiner Natur nach gekonnt hätte. Preußen ließ ihm noch wiederholt Ancrbietungen machen, die ihm die Rückkehr auf den Thron seiner Vätcr erlaubt hätten. Aber er vermochte sich nicht zu entschließen. Daß eine solche Entscheidung nicht durch die Drohungen und Versprechungen herbeigeführt worden ist, welche der Preußische Gesandte in Kassel, General von Räder, ihm am 15. Juni im Namen seiner Regierung vortrug, begreift sich allerdings sehr leicht. Wenn Herr von Räder im Auftrag seiner Regierung so gesprochen hat, wie jetzt in einem kürzlich veröffentlichten, vom Kurfürsten seiner Zeit unterzeichneten Aktenstücke behauptet wird, so hat man in Berlin damals die Denk- und Sinnesweise des Kurfürsten gar nicht richtig gekannt. Schlössen die noch späteren Anträge Preußens den Verdacht, man habe den Kurfürsten nur brüskieren »vollen, nicht kategorisch aus, so könnte man bei der Lektüre dieses Schriftstücks wohl auf solchen Verdacht kommen. So ungeschickt waren die Zureden des Gesandten. Wenn aber der Kurfürst in seiner Entgegnung sich auf das Wohlwollen Friedrich Wilhelm III. „dem er schon als 385 Kind nach der Schlacht bei Leipzig für die Erhaltung und Wiederanfrichtnng habe danken müssen" usw. usw. beruft, so hatte er offenbar dabei vergessen, wie er Preußen und seinen Vettern Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. diesen Dank durch seine Politik faktisch abgetragen hatte. Mir ist es unzweifelhaft, daß neben dem legitimistischen Starrsinn die feste Zuversicht, er werde wie sein Großvater doch einmal als ganz souveräner, von keiner Macht auf Erden abhängiger Fürst nach Hessen zurückkehren, den Kurfürsten bestimmt hat, alle Anerbietungen, selbst des siegreichen Preußens, abzulehnen. Daß die Einmischung Frankreichs in die Nikolsburger Verhandlung den Entschluß, Hannover, Kurhessen usw. zu annektieren, erst zu einem unwiderruflichen gemacht hat, ist bekannt genug. Der Kurfürst verkündete trotzdem am 1. Januar 1867 seinen um ihn im „Englischen Hof" in Frankfurt versammelten Getreuen, er werde demnächst nach Kassel zurückkehren. Aber hätte nicht der mutmaßliche legitime Thronfolger, der Prinz Friedrich von Hessen-Rumpenheim, leicht an die Stelle des unzugänglichen Kurfürsten geschoben werden und dadurch die weitere Selbständigkeit Knrhessens ohne Gefährdung der preußischen Interessen aufrecht erhalten werden können? Auch das hatte Preußen versucht, war aber bei diesem Prinzen, dem durch das Londoner Protokoll schon die dänische Königskrone entgangen war, auf eine Fülle von legitimistischer Selbstverblendnng gestoßen, welche der des Kurfürsten gar nichts nachgab, sie vielleicht noch übertraf. Man hatte den Prinzen nach Berlin kommen lassen und ihm angetragen, er solle mit den preußischen Truppen für den Fall, daß der Kurfürst sich gegen Preußen entscheide, in Kurhessen einmarschieren und die Regierung provisorisch übernehmen. Der Prinz, bei seiner Abreise von Rumpenheim von seiner ganz legitimistisch gesinnten Gemahlin, der Tochter des Prinzen Karl von Preußen, ermähnt, sich ja nicht etwa in Berlin gegen das Haupt seiner Familie gebrauchen zu lassen, und hierin Hartwig, Aus dcm Lcbcn. 25 386 in Berlin von seinem Schwiegervater kräftig bestärkt, entsprach an entscheidender Stelle diesen Ermahnungen nur zu sehr, verließ Berlin am 15. Juni Abends, suchte Morgens Vs6 am 16. den kurhessischen Minister des Auswärtigen auf, fuhr mit ihm nach Wilhelmshöhe zum Kurfürsten, der ihn hocherfreut aufnahm und ihn sofort zum Höchstkommandierenden der an diesem Tage nach Frankfurt abziehenden kurhessischen Truppen ernannte. Durch sein wenig taktvolles Auftreten — er wollte gleich den Hans- und Staatsschatz mit nach Frankfurt nehmen usw. — brachte er aber den Kurfürsten so außer sich, daß dieser ihn noch an demselben Tage seines Kommandos wieder enthob. Nichtsdestoweniger beteiligten er und seine Gemahlin sich in der Nähe Frankfurts noch an feindseligen Demonstrationen gegen Preußen, z. B. der Schmückung der Fahnen des 9. Armeekorps der Bundesarmee mit rot-schwarz-goldenen Bändern. Dieses soll man der preußischen Prinzessin in Berlin besonders übel genommen haben. Sie wurde daher auch, als sie unmittelbar vor der Verkündigung der Annexion Hessens nach Berlin reisen und dort womöglich das Festbeschlossene wieder rückgängig machen wollte, in Magdeburg durch den Polizeipräsidenten an der Weiterreise verhindert. Das Hans Brabant hatte aufgehört, in Kurhessen zu regieren. Über die Art und Weise, wie Preußen den alten hessischen Stammesstaat sich in den nächsten Jahren angegliedert hat, gibt die Schrift Otto Bährs zur Genüge Auskunft. Anscheinend kühl und objektiv referierend berichtet er über alle wichtigen Vorgänge dieser Aktion. Aber man merkt doch dem Referate an, wie sein Verfasser innerlich über die vielen.Mißgriffe, welche hierbei die Preußische Regierung unter der Leitung des Herrn von der Heydt, des Grafen von der Lippe und des Herrn von Mühler gemacht hat, aufs Tiefste erzürnt ist. Er verschweigt auch nicht, wie hessische Volksvertreter allzu vertrauensselig bei diesen Vorgängen, ganz gegen ihre Absicht freilich, mitgewirkt und die Interessen Kurhessens aufs Empfindlichste geschädigt haben. ARGS 387 So sehr diese Darstellung der Einverleibung Hessens in den preußischen Staat durch ihre Präzise und genaue Fassung von bleibendem Werte sein und unzweifelhaft die geschichtliche Auffassung dieser Vorgänge stets beeinflussen wird, so enthält sie doch nur eine Seite der Dinge. Die Darstellung muß für jeden Fernstehenden — teilweise wenigstens — unverständlich bleiben, weil eben die bei diesem Drama mithandelnden Männer uns nicht nach ihrer Persönlichkeit und ihren Beziehungen zueinander vorgeführt werden. Dieser Mangel des Bährschen Buches muß bald ergänzt werden. Denn immer rascher stirbt die Generation ab, welche als Mitlebende diese Zeiten und Personen gekannt haben und ein treues Bild von ihnen zu entwerfen imstande sind. Druck von August Pries iu Leipzig. - .1 "E N. G. Elwert'sche Verlagsbuchhandlung in Marburg. In unserem Verlage erschien: Personen- und OrtsreMer ZU der Matrikel und den Annalen der Mtversttät Marburg. 1827 — 1652 . Von ve. Wilhelm Jalkenheiner. Mit einem Nachwort von Edward Schröder. Mit Unterstützung aus Universitätsmitteln zum Philipp-Jubiläum herausgegeben. gr. 8». XIV, 281 S. M. 7.— gebunden M. 8.50 l!M>0M ÄMoMIM IlMWW per anno8 1527—1628 ässorixtng. üttiäit FllNus 4". XXIV, 528 8. N. 1!>.50 6g.t8.1o§18tuäi080rumLiVui§6ü8iuiü eum brsvibuo annulibus oonMueti ssseieulus XV annv8 ab 1629 aä usgus 1636 eompleotsna. 4». IV, 66 8. U. 2.40 Gescbtcbtlicke Wilder aus ridarburgs Idergsngenkeit. Bon Oe. Wilhelm Mcking. gr. 8°. IV, 197 S. M. 1.60, gebunden M. 2.40. N. G. Elwert'sche Verlagsbuchhandlung in Marburg. In unserem Verlage erschien: Geschichte der" Universitätsbibliothek zu Marburg von 1527—1887. Von Dr. Gottfried Zedler. Mii drei Tafeln gr. 8». XI, 16V S. M. 4.50. Hessisches Enthaltend: , Nachweis aller bisher bekannt gewordenen Snchdruckereien des Ucgiernngs-Scstrks Üasscl und des Lreiscs Siedenkopf. Im Auftrage des Marburger Gcschichtsvercius bearbeitet und herausgegeben von vr. Gustav Könnecke. Mit Abbildung von 06 Buchdruckerzeichen. gr. 8". 366 S. und 87 Einzelblätter. M. 12.—, in Ganzleinen M. 13.30. Die iiltesien Drucke aus Marburg 1527—1586. Von 0r. A. v. Aommer. gr. 8». XII, 32 u. 182 S. M. 7.—. Gedruckt bei August Pries in Leipzig.