Aie Geschäftswelt angesichts der OerchÄtslW i>, Mutschlaml. Von Dr. Mmlwig Omnberger liei^siogsalgeonlneier. Ein Vertrag, gehalten im Kaufmännischen Verein zu Mainz am 4. März 1875. -- Mainz 1875. I. Diemer's Commissions-Verlag. I» LudwigSstratzc. Die Geschäftswelt angesichts der OeschiM-M iif HMjchlM. Von Dr. L^uäwig Oamberger ReichstagSabgeordneter. Ein Vertrag, gehalten im Kaufmännischen Verein zu Mainz am 4. März 1875. s/s Mainz, 1875. I. Diemer's Commissions-Verlag. 10. iudwigsstraße. A^eine sehr geehrten Herren! So gerne ich dem Rufe Ihres geehrten Vorstandes gefolgt bin, so wenig bin ich eigentlich unbedenklich über die Erfüllung der Aufgabe, Ihnen einen Vortrag zu halten. — Nicht als wäre ich des Redens ungewohnt oder schüchtern, aber die Aufgabe ist nachgerade schwieriger geworden, als sie früher war. Vor einigen Jahren noch schien es mir wenig bedenklich, einer solchen Aufforderung nachzukommen. — Damals war es im Ganzen noch ein Dilettantengeschäft, Vortrüge zu halten. — Allmälig haben sie sich aber in unsere deutsche Sitte zu einer ständigen Uebung herausgebildet und es werden in allen größeren Centren regelmäßig derartige ernste Abend- nnterhaltnngen gepflogen. Es hat sich, wie immer, auf Grund einer solchen Sitte auch eine Kunst, oder wenn Sie lieber wollen, ein Handwerk gebildet, das in England schon lange von „Lecturer" ausgeübt wird, Persönlichkeiten, die, wenn sie aus solchen Vorlesungen kein ausschließliches Geschäft machen, doch einen Theil ihrer regelmäßigen Thätigkeit darauf verwenden, und so hat sich denn diese Sitte, wie gesagt, zur Kunst oder zum Handwerk — denn jede Kunst hat ihr Handwerk und jedes Handwerk seine Kunst — herausgebildet. Ich selber stehe dieser Aufgabe gewissermaßen als Dilettant gegenüber, denn dieser Theil der öffentlichen Eloquenz ist mir nicht geläufig; es ist nicht mein Geschäft, von Stadt zu Stadt reisen und die Quintessenz desjenigen, was mir an Betrachtungen und Kenntnissen zur Verfügung steht, der Aufmerksamkeit des Publikums darzubringen. Ich muß Sie also, obwohl ich sonst lieber Umgang davon nehme mit der vorschriftsmäßigen Kaptation des Wohlwollens anzufangen, doch bitten, einen anderen Maßstab anzulegen an das, was ich die Ehre haben werde, vorzutragen, als an die kunst- und schulgerechten Vorlesungen, die Sie hier zu hören gewohnt sind. Es ist eine ganz vortreffliche Sitte, die sich bei uns in dieser Weise ausgebildet hat, die dem überall rege gewordenen Bedürfnisse entspricht, die Bildung, die man in den Schulen nothwendigerweise in nur etwas kümmerlichem Vorrath empfangen kann, auch im Leben fortzupflegen; und es wäre zu wünschen, daß bei dem, was man bis jetzt als Sitte eingeführt, nicht stehen bleibe. Es ist eigentlich unrichtig von mir, mit der Moral anzufangen, mit der man den Vortrag schließen soll. Aber ich will gleich sagen, warum ich die Gedanken, die mir bei dieser Gelegenheit kommen, nicht auf das Ende verschieben will. Das Schwierigste bei solchen Vortrügen ist das richtige Zeitmaß einzuhalten. — Die Herren, welche die Routine der Sache haben, wissen ganz genau, wie viel Stoff für solch eine stündliche Unterhaltung verbraucht wird, was an materiellem Inhalt zusammenzubringen, und wie viele Arabesken sie sich erlauben dürfen, und kommen so auch immer, wie die Eisenbahn im richtigen Momente, an der richtigen Stelle zu Ende. Unser Einem, der mit dieser Gewohnheit nicht vertraut, passirt gewöhnlich, daß er sich mit zuviel Fracht belastet, und gewöhnlich sieht er die Geduld seiner Zuhörer oder die Stunde zu Ende, bevor er eigentlich sein Schiff ausgeladen. Eben weil ich die Sitte solcher Vorlesungen nur außerordentlich billige und sie gerne überall ermuntern möchte, gestatte ich mir die Bemerkung, daß meines Trachtens deren höhere Ausbildung darin bestünde, eine einzige Disciplin — fortgesetzt in einer Reihe von Abenden — vorzutragen. 5 Allerdings hätte dies auch Nachtheile; es wäre nicht so unterhaltend, wenn Sie z. B. den Lehrer einer Universität engagirten, der jede Woche oder alle 14 Tage herüberkäme, um Vorlesungen über Nationalökonomie zu halten, welche dann ini Laufe des Winters in einem Cursus absolvirt werden könnten. Es wäre das' allerdings nicht so unterhaltend, wie wenn auf jetzige Weise sämmtliche Wissenschaften: Naturgeschichte, Volkswirthschaft, Aesthetik u. s. w. an Ihnen vorüberziehen. Aber für die eigentliche Ausdehnung der menschlichen Kenntnisse, für die höhere Ausbildung, für die ernsteren Zwecke Dessen, was Sie eigentlich im Auge haben, wäre es empfehlenswerth, darüber nachzudenken, ob das, was ich angedeutet, nicht mit dem zu verbinden sei, was die ständige Sitte herausgebildet. Sie werden, ich bitte darum, meinem großen Interesse, das ich an dem Gedeihen Ihres Vereines nehme, diese Digression zu Gute halten. Ich komme jetzt zu meinem eigentlichen Gegenstände, der zunächst Ausgang nimmt von dem Verlangen, das Jeder von uns in sich trägt, am Schlüsse — und ich hoffe, wir sind ja am Schlüsse — einer Periode, die zu etwas zerknirschenden Betrachtungen über den Gang des deutschen Geschäftslebens Anlaß lieferte, uns einigermaßen Rechenschaft zu geben über die Sachlage, über die Ursachen, und damit über die Art, wie aus dieser Sachlage herauszukommen, nicht blos für den Augenblick — das ist vielleicht die mindest schwierige Aufgabe, die sich durch den Verlauf der Dinge von selbst ergibt, sondern herauszukommen für die Zukunft. Es ist dies um so wichtiger für Sie als Kaufleute und zum Theil angehende Kaufleute, als es sich hier nicht blos um die leibhaftigen, greifbaren, nächsten Vortheile handelt, sondern um die höheren, idealen Vortheile, um die Vortheile der ganzen Lebensstellung. Wir können uns nicht verbergen, daß der Kaufmanns- stand unter der Katastrophe, an der er zunächst betheiligt war durch das Zusammenstürzen von Geschäften, auch moralisch an seiner Reputation gelitten hat; und da diese üble Empfindung auf sein Selbstbewußtsein zurückwirken mußte, so kam seine ganze Stellung in sich selbst und im öffentlichen Leben der Nation dadurch zu Schaden. Es ist dies um so schmerzlicher, wenn wir bedenken, daß es keinen Stand in der Nation gibt, der so verdient ist um ihre politische Hebung, der in seiner Quintessenz so sehr diejenige Richtung vertritt, die sich gänzlich iden- tifiziren darf, die sich gänzlich zusammenhält mit dem, was wir als Wiederaufstehen der Nation in politischer und socialer Größe anerkennen und lobpreisen. Die Bestrebungen, welche das Reich begünstigt, in's Leben gerufen, sie sind überall getragen von dem Kanfmannsstand! Allerdings ist Manches auf der anderen Seite erklärlich gerade aus dieser Stellung; denn alle diejenigen, welche der Entwicklung des nationalen Wesens in den letzten 6 bis 7 Jahren entgegenstehen, begrüßen mit Freuden die Gelegenheit, die ganze Bewegung in dem Kaufmannsstande anzugreifen; und wir sehen, daß von der einen Seite die Reichsfeinde, von der andern Seite die Socialistenparteien mit allen Kräften loshämmern, die Geschäftswelt in Mißkredit zu bringen. Aber wir dürfen uns sagen, daß, wenn auch momentan eine Mißstimmung herrscht über die ungünstige Wendung, welche das Geschäftslebeu in Deutschland genommen — nicht ohne Verschulden aller Derer, oder doch eines großen Theiles Derer, die dabei betheiligt waren, — im Gegensatze zu den großen Kreisen, über die die Geschichte uns berichtet, kaum eine Krisis so wenig tief, so wenig erschütternd war, wie die, welche wir eben in Deutschland gesehen. Wir haben jetzt einen Rückgang, einen Stillstand der Geschäfte, eine große Verminderung an Werthen, die zum Theil in der Imagination bestanden, die nichts destoweniger große, wirk- 7 liche Verluste nach sich zogen. Aber wenn wir auf frühere Zeiten zurückblicken, auf unser Nebenland Oesterreich, mit dem wir in dieser Beziehung keine Solidarität zu übernehmen haben, so müssen wir sagen, daß eigentlich das große Geschrei über den schlechten Stand der Geschäfte und die Niederlage die wir erlitten, nur theilweise begründet ist. Es ist nur z. B. kaum bekannt, daß die Anzahl der Fallimente, welche nach den Jahren 1872 und 1873 eingetreten, sich erheblich vermehrt hätte gegen die früheren. Und halten wir uns z. B. die Dinge vor Augen, wie sie die große Krise von 1825 mit sich gebracht — eine der berüchtigsten der neueren Geschichte, — so erscheint das, was wir erleben im Ganzen glimpflicher Natur. Nachoem in den Jahren 1812 bis 1824 ein ungeheurer Aufschwung der Geschäfte vorangegangen war, erschien damals die Katastrofe so, als wollte sie die Welt aus den Fugen treiben; man glaubte, daß nichts mehr etwas werth sei, daß aller Besitz unter den Händen zerrinne, und fürchtete, daß jeden Augenblick das Volk aufstehen und alles zertrümmern werde. Wenn Sie eine Beschreibung dieser Krise lesen wollen, « so finden sie eine sehr amüsante in dem bekannten englischen Roman John Halifax, der in jener Zeit spielt und eine ausführliche Scenerie der Erlebnisse enthält, dann auch in dem volkswirthschaftlichen Buch der Miß Martineau einer empfehlenswerthen volkswirthschaftlichen Schriftstellerin — deren England ja mehrere auszuweisen hat. Wie groß, oder minder groß das Uebel heute sein mag, ein Uebel ist es immerhin und es ist des Kanfmannsstandes würdig, sich von dieser Situation und von deren Ursachen Rechenschaft zu geben. Wenn wir uns fragen, wie eigentlich die letzte Krisis herbeigeführt wurde, so kommen wir darauf, daß, wie immer bei tief eingreifenden Erscheinungen nicht eine Ursache allein, sondern ein Zusammenwirken von Ursachen verschiedener Natur dabei im Spiele war. 8 Zwei Umstände haben wesentlich mitgewirkt. Der Eine, der glückliche Ausgang des Krieges. Es ist natürlich, daß solche erhebende politische Ereignisse, welche eine seit Jahren befürchtete Gefahr beseitigten und das Bewußtsein der Nation in noch nie dagewesenem Maßstabe hoben, verbunden mit der Erscheinung der kolossalen Kriegsentschädigung, an die auch die menschlichen Zahlenbegriffe nicht gewöhnt waren, auf die Fantasie einen verführerischen Eindruck machen mußten. Dazu kommt, wie die Kriegsentschädigung in der That behandelt wurde. Es ist ein oft beregter Gegenstand, den ich nur im Vorübergehen wiederholen will, daß nicht so gehandelt worden ist, wie nach Vorsicht und Welterfahrung hätte gehandelt werden sollen. Die ganze Nation war eigentlich zu sehr verblendet von dem Eindrucke einer solchen Kriegsentschädigung und zu ungeduldig, sich dieselbe anzueignen. Wir sind nicht reich in Deutschland, und haben die Nachtheile davon damit bezahlen müssen, daß wir in einen Irrthum verfielen, in den arme Leute verfallen, wenn sie zu einem großen Schatze kommen. Wir benahmen uns wie ein armer Schuhmacher der in der Lotterie gewonnen. Der Kollekteur sagt ihm: Sie können den ganzen Gewinn in 6 Monaten haben, aber auch gleich, wenn sie sich einen großen Abzug gefallen lassen; und ungeduldig stürzt er sich sogleich auf das Geld. Ich erinnere mich noch aus der Zeit, da jene Kriegsentschädigung uns gewährt wurde, daß in Berlin, wo ich mich gerade damals befand, ich auf der Straße von jedem Bekannten aufgehalten wurde mit der Frage: „Glauben Sie, daß wir unsere 5 Milliarden ganz bekommen?" Und derselbe Sinn, der damals im Allgemeinen in der Nation herrschte, war auch in unserer Regierung. Unsere Reichsregierung war ganz ähnlich gestimmt. Sie zitterte vor dem Gedanken, es möchte irgend Etwas in der Welt 9 passiren, bevor sie die letzte Million in die Hände bekam, und hielt es für Gewinn, je schneller, desto lieber das Geld zu erhalten. Ich kann mich hier nicht darauf einlassen, den Zusammenhang zu erklären, wieso dieses rasche Herbeiziehen der enormen Summen verderblich war. Ich bin fest überzeugt, daß wenn wir eingewilligt hätten, in der Zeit von 1871—73 nur 3 Milliarden zu bekommen, die 2 Milliarden später, selbst mit der Gefahr sie vielleicht zu verlieren, wir immer noch ein besseres Geschäft gemacht hätten, als durch das rasche Hereinziehen dieser großen Summe von Geld, die so verderblich auf die Handlungsweise der ganzen Welt, nicht nur der Geschäftswelt gewirkt hat. Zu dieser speciellen Erscheinung kam nun aber die allgemeine Situation des Geschäftslebens, wie es sich nicht blos seit Jahren, sondern seit Jahrhunderten — mindestens seit anderthalb Jahrhundert — entwickelt hat. Ich glaube, daß überhaupt etwas krank ist, in unserer Art der Konstruction der Geschäftswelt. Ich glaube nämlich, daß wir zwei Principien zu weit getrieben; ich möchte sie nennen: den Collectivismus und Repräsentativsystem. Wir geben uns zu viel ab, um es mit einem Worte zu sagen, mit dem was durch das Gesell- schaftsweseu hervorgebracht werden kann, und in Folge davon mit den fietiven Werthen, die aus den Gesellschaften hervorgehen. Es hängt dies zusammen mit der - ganzen modernen Richtung, die überhaupt darauf hinausgeht, das Leben zu durchgeistigeu und vielleicht darin, namentlich in diesen praktischen Dingen zu sehr von der natürlichen Grundlage der Dinge abweicht. Um es recht deutlich zu machen, erlaube ich mir ein recht triviales Beispiel. Greifen Sie in Ihre Tasche, so haben Sie zwei Fächer darin; in dem einen haben Sie Papier, in dem andern Visitenkarten: zwei Abstraktionen eigentlich für Dinge, die 10 mehr oder weniger körperlich sind. Statt Geld einen Schein, auf dem steht: das bedeutet Geld, und im anderen Fache haben Sie ein Stück Pappdeckel, mit einem Namen und das bedeutet einen Besuch. Statt des Körperlichen, Natürlichen, demgemäß man zu Jemand geht, um Freundschaft oder Ehrerbietung zu bezeigen, gibt man den Pappdeckel ab, und trifft man ihn nicht, und will man seine Freude darüber ausdrücken, macht man noch eine Ecke hinein. Wie sich in dieser Weise unser Leben nach der Seite der Abstraction ausgebildet hat, so hat es sich auch im Geschäftsleben geltend gemacht und Schaden hervorgerufen durch die Uebertreibung, zu welcher eben abstracte Dinge durch die Elasticität der Vorstellung, die hier viel bedeutender ist als bei der Körperlichkeit der Welt, am leichtesten verführen. Sehen Sie die Aktiengesellschaften; sie beruhen auf der Voraussetzung, daß eine gewisse Gemeinschaft von Menschen nicht blos ebensogut, sondern, wie man lange geglaubt hat und zum Theil noch glaubt, viel besser geeignet wäre, die Geschäfte der Welt zu führen, als ein einzelnes Individuum. Das ist meiner Ansicht nach ein Verstoß gegen die ganze Grundlage des Geschäftslebens. Zunächst fehlt dieser Societät, dieser Gemeinschaft von Menschen, die sich zu einem bestimmten Zwecke gruppiren, dasjenige, was ich für das wichtigste in allen zu erreichenden praktischen Zielen ansehe, nämlich der Wille. Der Wille ist etwas ganz Individuelles; er kann durch die Mehrheit von Menschen nicht ersetzt werden. Sie können den Verstand von verschiedenen Menschen kombiniren, aber dasjenige eigenthümliche Facit des menschlichen Handelns hervorzubringen, das in unserer Willenskraft liegt, kann durch die Collection nur auf Umwegen, oder nur annähernd hervorgebracht werden. Solange ich im praktischen Leben stand, habe ich mich oft gefragt, wenn ich einen recht dummen Kerl sah, der es im gewerblichen Leben sehr weit gebracht, — und das passirt sehr häufig — 11 wie kommt Der mit seinem geringen Verstände dazu, so zu reussiren, wo es doch viel klügere Menschen nicht so weit bringen konnten; und wenn ich der Sache auf den Grund ging, fand ich regelmäßig, es war die Energie des Willens, die solche Erfolge erzielte, die nicht immer mit hoher geistiger Begabung verbunden ist; ja es gibt eine Willensenergie, die unter Umständen abhängt von einer gewissen Beschränktheit. Ich habe Menschen gefunden, die nur darum im Leben mit Erfolg arbeiteten, weil ihre Gedanken sich auf wenig Dinge beschränkten, weil sie immer nur von dem lieben Ich durchdrungen waren, während gescheitere Leute sich mehr auf den Verstand verlassen. Indem wir in der modernen Entwicklung auf gemeinsame Thätigkeit einen solchen Nachdruck legen, haben wir uns von der eigentlichen Grundlage, von der wahren, nützlichen Arbeit entfernt. Wahrscheinlich auch durch die Politik sind wir zu den gemeinschaftlichen Formationen gekommen. Das sind aber entgegengesetzte Pole. Die Politik geht von der Gemeinschaft aus, von einem Zusammengehen Vieler; es herrscht viel weniger Willenskraft als Verstand in Reguli- rung des politischen Lebens; aber Mein und Dein sind Pronomina xossosiva, zueignende Fürwörter, die sich auf das Subject „Ich" — auf das „persönliche Fürwort ich" — beziehen. — Das „Ich" will berücksichtigt sein, und alles was dazu dienen kann, die Kräfte abzuschwächen, rächt sich in allen weiteren Consequenzen. Es mag Ihnen dies etwas schattenhaft, vielleicht zu philosofisch vorkommen, aber folgen Sie mir auf das reale Gebiet, und Sie werden sehen, daß ich nur aus der Wirklichkeit herausgegriffen. Nehmen Sie die Aktiengesellschaft wie sie vor uns steht. Die Aktiengesellschaft fängt damit an, daß sie sich konstituirt. Man kommt zusammen und ernennt einen Verwaltungsrath; überall in den Statuten ernennen die „Aktionäre" den Verwaltungsrath. 12 Ich setze eine Prämie auf einen Verwaltungsrath, der von den Aktionären ernannt ist. Ich habe noch nie einen solchen gesehen! Er wird gemacht von Leuten, die die Gesellschaft machen; die schlagen vor. Bei jeder künftigen Ernennung die wirklich nach den Statuten gemacht werden soll, sind es bloß die Verwaltungsräthe, die sich selbst ernennen. Hier beginnt von vorn herein die Unwahrheit. Ich erinnere mich einer praktischen Lebensgeschichte, die sehr bezeichnend ist. Dieselbe spielt in Frankreich, man kann also ungenirter darüber sprechen, aber die Dinge sind sich so ziemlich ähnlich überall. Ich hatte Gelegenheit eines Tages der Sitzung eines Verwaltungsrathes beizuwohnen, wo es galt, eine Verwaltungsrathstelle zu besetzen. Es war eine Eisenbahngesellschaft, und da sagte ein einflußreiches Mitglied des Verwaltungsrathes: Meine Herren, ich möchte Ihnen Jemanden vorschlagen für die Stelle, thun Sie mir den Gefallen ihn gutzuheißen. Es ist ein junger Husaren offizier. Er liegt in einer Provinzialstadt in Garnison. Seine Schwiegermutter — ihre einzige Tochter war die Frau des Offiziers — hat in Paris ein großes Hotel. Die arme Frau, sie bewohnt es ganz allein, die arme Frau langweilt sich. Nun möchte dieser Husarenoffizier gern seine Demission geben, um nach Paris zu kommen. Dazu braucht er einen anständigen Grund, eine Art Beschäftigung. Der junge Mensch ist wirklich zum Verwaltungsrath ernannt worden. Es ist dies eine wahre Geschichte; und er war nicht schlechter als die andern Verwaltungsräthe. Er hat im Grunde dasselbe gethan, was die andern auch gethan. Er hat „ja" gesagt zu Allem, was der Direktor wollte, und das haben die Erfahreneren auch gethan. Das Eigenthümliche des Fictiven und Falschen in dieser Organisation ist, daß diejenigen Leute, die allein Stimme haben, nämlich die Mitglieder des Verwaltungsrathes, in Wirklichkeit nichts zu sagen haben und daß der, der keine Stimme 13 hat, nämlich der Director, Alles gilt. Und das ist ganz natürlich. Jemand, der an der Spitze eines Geschäftes steht, es technisch versteht, Morgens und Abends darin ist, hat eine berechtigtere Autorität mitzureden, als Jemand, der noch so gewissenhaft ist, und ferner steht, von dem es dann, nähert er sich den Dingen auf einen Moment, wie der Franzose sagt, heißt: „II n'^ voit gno än Ion" — „er sieht nur grelle Lichter vor sich." Ich habe oft die Sünde begangen, über Actionäre mich lustig zu machen, und habe mich dadurch über mich selbst lustig gemacht; denn wer ist heute nicht ein bischen Actionair? Wir machen aber Alle gezwungener Weise denselben Fehler und es geht nicht anders. Sie sind z. B. betheiligt an einem Geschäfte, das vortreffliche Bleiminen in Asturien hat. Was sollen Sie drein reden, wenn eine Versammlung gehalten wird? Werden Sie nach Spanien reisen? Der Aktionär ist verurtheilt dumm zu sein, und es ist eine wahre Ironie, daß das passivste Wesen in der Sprache nach der „Action" benannt wird. In Wahrheit werden die Gesellschaften nur von den Direc- toren geleitet und ich hätte nichts dagegen, daß man solche Gesellschaften gründete, wenn überhaupt immer erst ein guter Director gefunden wäre; wenn man erst den Director hätte, und dann die Aktiengesellschaft dazukäme. — Im praktischen Leben ist's aber gerade umgekehrt. Man hat erst die Gesellschaft und dann frägt man sich, wo nehmen wir den Director her? — Für meine Anschauung ist das das Loch, um das die Kanone gemacht wird; denn eine Gesellschaft ist leicht zu finden; aber die Leute, die eine Gesellschaft gut dirigiren, sind ungeheuer selten. In den Zeiten geschäftlicher Ueberstürzung, wo die Phantasie besonders angeregt war, und man den Himmel voller Baßgeigen sah, hat man zwei Verfahren beobachtet. Entweder man verdarb gute Geschäfte, indem man sie zur 14 Aktiengesellschaft umwandelte, oder man erhob schlechte Geschäfte zu einer besonderen Position, durch eben diese Gesellschaftsbildung. Im Jahre 1871 und 72 ging man, wenn Jemand ein großes Privatgeschäft, z. B. einen Eisenbahnwagenbau hatte, zu dem Manne hin, der bisher sein Geschäft im Schweiße seines Angesichtes als eigen vortrefflich leitete, und beredete ihn zur Umwandlung in eine Aktiengesellschaft; man dis- interessirte den Mann, der sein Schäfchen im Trocknen hatte, indem man ihm den Nutzen auf ewige Zeiten kapitalisirte, man verdarb das Geschäft, indem man es von dem „Ich" hinüberleitete auf die Collection! Oder es war ein Geschäft wurmstichig; Jemand wollte es gerne los sein, und da suchte er Aktionäre, denen er es gerne aufhängte, und die ihm dasselbe bezahlten. Sehr berühmt ist der Fall von Overend Gurney in London, der den ganzen Zusammensturz von 1866 her- hervorrief. Eine alte Bankfirma, die innerlich faul geworden — wie dies oft vorkommt, konstituirte sich zu einer Aktiengesellschaft, die mit vielen Millionen arbeitete, um dann eine umso stärkere Katastrophe herbeizuführen. Wenn Sie mir bis jetzt gefolgt, werden Sie gerne zugeben, daß ich nicht zu viel gesagt, indem ich behauptete, das Aktienwesen, das moderne Gesellschaftswesen bewege sich zu sehr im Reiche der Abstraction. Zu dieser Abstraction kommt noch eine zweite, zur Fiction eine zweite Fiction. Das ist nämlich die Kapitalisirung des Werthes, der in der Sache steckt auf lange Zeit hinaus. Wenn Jemand ein Privatgeschäft treibt, wird es ihm nie einfallen, weil er in Einem Jahre mal einen guten Nutzen gehabt, zu sagen, nun bin ich so reich wie derjenige, der jedes Jahr ebensoviel Zinsen von seinem Kapital bezöge; er wird vielmehr sagen: auf die guten Jahre folgen die 15 schlechten, und wird von dem Gewinn soviel nehmen, als er zu seinem Leben braucht. Die ganze Verwerthungsart des Aktienwesens steht dazu im Gegensatze. Wenn heute bekannt wird, daß eine Eisenbahn in den letzten 8 Tagen 20,000 Thaler mehr eingenommen als vorher, so wird die ganze Einnahme dieser Aktien mit 52 mal 20000 mehr multiplizirt, die Rente zum Kapital erhoben, und der einzelne Aktienbesitzer sagt, nun ist meine Aktie plötzlich um diesen ganzen Kapitalzuschuß gestiegen. Der Aktionär ist gewissermaßen immer in der Lage jenes Menschen in irgend einem Lustspiele, der einen Hundertthalerschein findet, ihn sofort ausgibt und behauptet, er habe jetzt 36,000 Thaler jährlicher Revenuen: in der Voraussetzung, jeden Tag einen solchen Thalerschein zu finden. Durch diese falsche Multiplikation, durch diese falsche Abstraktion des Werthes, der täglich kapitalisirt wird, wird fortwährend die Zukunft discontirt, und auch dadurch beruht die ganze industrielle Thätigkeit des Aktienwesens zum Theil auf falschen Voraussetzungen, die mit der menschlichen Natur im Widersprüche sind, und hierin liegt das zweite Krankhafte im modernen Geschäftsverkehr. Nachdem ich Ihnen dieses Bild entrollt, erlauben Sie mir ganz kurz zu fragen, wie denn die Dinge so gekommen, wie denn sie sich historisch entwickelt haben. Dieses abstrakte Wesen, welches die Natur der modernen Zeit bildet, hat das Alterthum nicht gekannt. Das Alterthum hat weder in seiner Politik noch in seinem wirthschaftlichen Leben solche Abstraktionen gemacht, wie wir. Dieß hätte seiner ganzen Anschauungsweise widersprochen. — Wie seine Götterwelt körperlicher, persönlicher war, wo unsere vergeistigter ist, war das ganze politische und wirthschaftliche Leben körperlicher, weniger vergeistigt. Nehmen wir unser Repräsentativ-System. Die Alten haben keine Repräsentation gekannt, sie hatten nur Urver- sammlungen. Nie ist in der griechischen oder römischen Geschichte die Rede davon, daß Vertreter für die Nation in unserem Sinne wären gewählt worden. Der ganze Parlamentarismus ist eine Ausgeburt der modernen, vielleicht soll ich sagen, der christlichen Abstraktion. — Deshalb, weil die antike Welt das Repräsentativsystem nicht kannte, hat sie auch nicht gekannt, was wir als ganz natürlich ansehen, das Amende- ment, das sich in jeder berathschlagenden Versammlung zeigt. Sie stimmten blos ab mit Ja und Nein, im Zusammenhang mit der Natur der direkten Betheiligung ohne Vertretung. Gehen wir von der politischen Welt auf die wirth- schaftliche über. Analog dem, haben die Alten auch weder Wechsel noch Aktien gekannt. — Beide verdanken ihre Entstehung dem Ausgang des Mittelalters, und wenn ich sage beide, so muß ich hinzufügen, daß die Wechsel viel älter in ihrem Ursprünge sind, als die Aktien. Es ist ziemlich bekannt, daß die erste Spur des Wechsels sich im 12. Jahrhunderte, in der Mitte desselben zeigte; zwar war die Wechseloperation noch sehr unbestimmt und auch sehr zweifelhafter Natur. — Im 13. Jahrhunderte finden wir — ich spreche immer mit Rücksicht auf Italien, das der Ausgangspunkt dieser ganzen Civilisation und viel früher reif war, als der ganze Norden, namentlich als Deutschland — da finden wir das Wechselgeschäft schon ziemlich entwickelt, und im 14. Jahrhundert finden wir die ganze Wechseloperation wie heute. Wenn ich Ihnen ein Formular eines solchen Wechsels vorlegte, wie es durch eine juristische Streitschrift aus dem 14. Jahrhundert — 1380, 1390 — bekannt wurde, so würden Sie erstaunen, über die Aehnlichkeit des Formulars mit dem heute, nach 500 Jahren gebräuchlichen. — Das uns aus einer solchen Streitschrift eines Juristen erhaltene Formular eines Wechsels von Mailand auf Venedig — oder umgekehrt, ich entsinne mich nicht — gezogen, fängt gerade mit der heutigen Formel an: 17 n äi Lrimo äi ksbrnso volsts xg.Ag.rs xsr gusstn priivg. litsrg.; am 1. Februar bezahlen Sie gegen diesen Prima- Wechsel — und endigt wie im Deutschen: xonsts in conto, setzen Sie auf Rechnung. Man fand das ganze Dokument in einem „Protestacte" eines Notars, es fehlte auch nicht die Unterschrift zweier Zeugen und es knüpfte sich an das Ganze ein sehr interessanter Prozeß wegen des Regresses, den der Inhaber des Wechsels auf den Aussteller zu haben behauptete, weil der Acceptant in Bankerott gerietst Der Ursprung des Wechsels hängt zusammen mit dem Wucher- resp. Zinsverbot. Bekanntlich hat die Kirche ihrerzeit, auf eine einzelne Stelle der Bibel fußend, behauptet, es sei widerrechtlich und unmoralisch, Zins zu nehmen. Man stützte sich auf das Kapitel Lucas, wo es in einer Stelle heißt: mntmnm änts, llibil illäs 8psrg.ntsg —; der ganze Passus lautet: Liebet Eure Feinde, thut ihnen Gutes, Gebet Anleihe, und erwartet nichts davon. — Es ist dies eine allgemein humanitäre Vorschrift, bei der schwerlich an Zinsen gedacht wurde, welche aber allerdings von der geistlichen Gerichtsbarkeit in dem Sinne interpretirt wurde, daß es widerrechtlich sei, Zins zu nehmen. Das scheint klein und anekdotenhaft zu sein, aber machen Sie sich klar, daß in diesem Vers sich die ganze Rechtsentwicklung und die Entwicklung des wirthschaftlichen Lebens während — ich kann sagen 5—6 Jahrhunderte herumgedreht hat. Jeder praktische Kaufmann weiß, daß noch vor einiger Zeit ein sehr großer Unterschied gewesen zwischen dem s. g. Platzwechsel und dem Wechsel, der von einem Orte auf den andern gezogen wurde. — Es wurde uns immer eingeprägt: der wahre Wechsel ist nur der Wechsel, der von einem Orte auf den andern gezogen wird. Der Wechsel derselben Stadt auf dieselbe Stadt ist kein Wechsel. Dahinter steckt, dachte man, ein sehr tiefer commerzieller und handelspolitischer Grund. 18 Der wahre Ursprung ist, daß man überhaupt Wechsel nur machte, um das Ziusgeschäft zu verkleiden. Die Juristen des Kirchenrechtes sagen: Ihr dürft eine „Belohnung" nur nehmen, bei einem Wechsel von einer Stadt auf die andere. — Aus diesem Grunde spinnt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert das Interdikt gegen den „Platzwechsel" fort und wirkt auf die heutige Jurisprudenz. So könnte ich Ihnen noch viele Momente nennen, die heute noch in diesen Dingen nachwirken. Die Kirche hat dies sehr lange festzuhalten versucht, schon aus dem Grunde, weil alle Prozesse, die sich daraus entspannen, vor ihr Forum kommen mußten. Ich hätte gerne noch länger über die interessante Entwickelung des Wechselwesens gesprochen — ich komme vielleicht ein anderes Mal darauf zurück; für jetzt fürchte ich zu sehr ins Detail zu kommen. Gestatten Sie mir noch ein Paar Worte über das Gesellschaftswesen. Das Gesellschaftswesen ist jünger als das Wechselwesen. Die Alten haben auch die Aktiengesellschaft nicht gekannt, nur die persönliche Gesellschaft von einzelnen Genossen, die mit ihrer Person einstanden. Das abstracte Wesen der Aktiengesellschaft war ihnen fremd. Die ersten Spuren reichen nicht so früh hinauf, wie die Wechsel. Im 15. Jahrhunderte, abermals in Italien, hatte merkwürdigerweise gerade die Kirche, die überall Streit führte gegen das Geschäft, das aus Zinsen hinauslief, welche für ungerecht erklärt wurden, die Hand im Spiele bei denjenigen Geschäften, welche darauf hinausliefen, das Verbot zu umgehen, indem man ein anderes Geschäft an die Stelle des wahren Zinsgeschäftes setzte. Der Wechsel war ursprünglich nur eine scheinbare Operation von Platz zu Platz, um Zinsen zu'ziehen, unter der Form, daß man das Geld nach einer andern Stelle schaffte, durch den s. g. Rückwechsel. Die Kirche verbot zwar das Zinsgeschäft, allein am Wechselgeschäft, das nur dazu diente, das Zinsgeschäft zu umgehen, hat sie sich mit am ersten betheiligt. Die ersten Wechsel, von denen die Geschichte weiß, kauften die päpstlichen Legate, um die Gebühren, die die Pfründner nach Rom zu bezahlen hatten, an den Papst zu befördern. So ist's auch mit deu Bankgeschäften. Die erste uns bekannte Gesellschaft war die s. g. Loeietus sueri oklleü, die Gesellschaft der heiligen Aemter. — Der Papst hatte eine Anzahl Aemter, die er verkaufte. — Wie in Frankreich bis auf unsere Zeiten gewisse Aemter zu lausenden verkauft wurden, um der Regierung Einnahmen zu verschaffen, so hat auch der Papst in seinem nie gänzlich zu befriedigendem Bedürfnisse nach Einnahmen eine Anzahl von Stellen immer verkauft. Um die Stellen gut verkaufen zu können, konnte man sich nicht an einzelne Individuen wenden, die große Summen nicht aufbringen konnten; es bildeten sich Gesellschaften, die für den einzelnen Mann gewisse Stellen erkauften, gewisse Verwaltungsstellen am päpstlichen Hofe. Dies erinnert lebhaft an die ^snts äs vbünAö in Paris, wo sich oft 16 Leute zusammengethan, um die Stelle eines Börsenmäklers zu kaufen und mit Nutzen zu betreiben. — Geradeso war es im 15. Jahrhundert mit der Aemterver- gebung durch die päpstliche Curie. Daraus bildete sich das erste Schema für die Gesellschaft, was denn auf die sogenannte „Commenda" führte, aus der später die „Commandita" entstand, bei der man Geld einlegte und die Juristen des kanonischen Rechtes sagten, wenn man sich an einer Gesellschaft betheiligt, so sei dies nicht so schlimm, als wenn man Zinsen nähme. — Die- heutige Commaudit-Gesellschaft hat darin ihren Ursprung Das praktische Leben zwang noch zu einer Menge solcher Sophistereien. Da ein Kulturleben nicht möglich war, ohne Eigen- thmnsverwerthung, für welche die Ziehung von Zins verboten war, so mußten Schleichwege, Umwege gemacht werden, um dennoch vom Kapital Zins zir ziehen, ohne in das Zinsverbot zu fallen. Wir kommen nun auf die Art, wie das moderne Bank- wesen entstand. Die ersten Banken hiesen Nontas, ein Wort, welches noch übrig ist in dem französischen Nont äs küetö. Im 12. u. 13. Jahrhunderte wurden Zwangsanleihen gemacht, und dafür wurden Zinsen, oder Renten gegeben. Aus den Zwangsanlehen entwickelte sich ein größerer Komplex von Geldanlagen, der Nons genannt ward, und erst im 17. Jahrhundert finden wir den Ausdruck „banonm" z. B. in Genua und Benedig. Um zur heutigen Entwicklung zu führen kam noch etwas Ferneres hinzu: das Negoziiren von Actien ursprünglich „looa'* genannt und das Papiergeld, die Anweisung auf die Banken. Diese erschienen, nachdem es erlaubt war, Depositen zu machen, in Form von osäulao ban- eariao, esüols äi baneo, woraus unsere heutige Zettelbank entstanden. Es wurden Papiere übergeben, die ein Recht auf Kapitalsantheile ausdrückten und von Hand zu Hand übergingen, und wir finden schon im 15. Jahrhunderte Papiere, die an xortonr lauteten auf den Inhaber, in denen zu lesen stand: „Es wird bezahlt demjenigen, der diesen Zettel vorweisen wird": gui «labil baue oartam. Um zu verstehen, wie sich das moderne Bankwesen mit der Zettelorganisation auf das alte impfte, muß noch ein anderer Punkt erwähnt werden. Was uns dazu führte, unsere Münzeinheit, Bankeinheit durchzuführen, war ein noch größeres Bedürfniß in jener Zeit, wegen der Verschiedenheit der Länder, der Münztypen und der Unsicherheit der Straßen. Im 13. und 14. Jahrhunderte fühlte man lebhafter als je das Bedürfniß, fiktives Geld zu 21 schaffen. Dies führte zum Lentrw inarebarum; von Ersterem kommt der heutige eeu her, genannt nach dem „Wappen" das sich eingeprägt findet; von letzterem unsere heutige Mark. Man kam überein, daß für die Zahlungen auf den großen Messen bloß fictives Geld sein solle. Dieser 8outu3 marobarnm vom 13. bis 16. Jahrhunderte kombinirte sich nun mit den Zetteln, die die Bank ausgab und so entstanden Banken, welche unseren modernen Banken das Urbild abgaben. Die erste nördlich der Alpen entstandene war die Bank von Amsterdam im Jahr 1609. Auch aus dem Mittelalter hat man von einzelnen Handelskrisen zu berichten. Ende des 16. Jahrhunderts hatten einzelne Banken so viel in Wechsel speculirt, daß sich eine furchtbare Insolvenz ergab, die sich über ganz Italien erstreckte und zum Theil auch in Deutschland verheerend wirkte. Wir vermissen in der Geschichte der antiken Welt die großen Krisen. Diese datiren bezeichnenderweise erst her von der Zeit, wo die eigentliche Zettel-, die Papierwirthschaft in Verbindung mit der Gesellschaftwirthschaft und der großen Aktienschöpfung in Europa ihr Wesen treibt. Diese Zeit beginnt ganz deutlich und nachfühlbar, nachdem die erste moderne Bank gegründet worden war in England, Ende des 17. Jahrhunderts (1697) nämlich die heutige englische Bank, die zugleich begann mit Anlehen an die Regierung. Kaum war dies geschehen, so begann der heutige schwindelhafte Unternehmungsgeist. Im Anfange des 18. Jahrhunderts, gleich im Beginne der großen schwindelhaften Periode kam die sogen. Südseespeculation, die überseeische Speculation, die das Unglaublichste leistete. Sie können sich ein Bild von dieser Zeit machen, wenn Sie bedenken, daß, als die Fantasie des Publikums auf das allerhöchste gesteigert war, es einer Gesellschaft von Spitzbuben gelingen konnte zu anonciren: eine Subscription für ein Geschäft „das wir erst nennen, wenn alles subscribirt 22 ist", und noch an demselben Tage war die Subscription zum Theil gedeckt. Trotz allem, was die heutige Zeit an Ofenheimiaden geleistet hat, wäre es doch nicht mehr möglich, solche Gimpel aufzubringen. Der große Papierschwindel von Law in Frankreich in Scene gesetzt, trieb ebenfalls zu einer so furchtbaren Krise, wie wir sie in unserer Erfahrung nicht kennen. Wir kommen zur Folgerung. Was ist zu thun? Soll man das Gesellschaftswesen ausgeben, die Repräsentativwerthe ausmerzen aus dem Geschäftsleben? Es wird ernstlich niemand daran denken; die Sache ist zu stark, zu weit entwickelt, zu sehr berechtigt. Es können unsere Bemühungen nur daraus hinauslaufen, die Dinge auf denjenigen Punkt zu setzen, wo sie hingehören. Wir müssen sagen: das Aktien-, das Gesellschaftswesen ist nicht bestimmt, die individuelle Thätigkeit zu ersetzen. Wir sind auf Abwege gerathen. Die Geschäfts-Fantasie ist in einer Zeit, z. B. in den 30er Jahren in Frankreich darauf hinausgekommen, zu meinen, das Wahre sei, die gesellschaftliche Thätigkeit an die Stelle der Einzel-Thätigkeit zu setzen. Und doch ist das Aktien-, das Gesellschaftswesen vor allen Dingen bestimmt, nur zwei Aufgaben zu erfüllen. 1) solchen Zwecken zu dienen, die nur mit einem ungeheuren Kapital erreicht werden können, zu denen das Kapital eines Einzelnen unmöglich ausreicht, 2) bei solchen Fällen einzutreten, die für den Einzelnen ein zu großes Risico involviren, das leichter in verschiedenen Antheilen zu übernehmen ist. Nehmen Sie nur die Unternehmung des submarimen Kabels an — des ersten — denn heute wissen wir genau, wie das unterseeische Kabel gelegt wird, und wir können uns einigermaßen Rechenschaft geben von der Gefahr und von der Belohnung, die wir davon zu erwarten haben. Bei der Unternehmung des ersten submarimen Kabels wäre es für das einzelne Individuum toll gewesen, ein solch kolossales Vermögen dieser Sache zu widmen. Immerhin bleibt jede gesellschaftliche Thätigkeit mit Mißtrauen zu prüfen und als Ausnahme zu behandeln, und die erste Regel des Erwerbs steckt ein für allemal in dem Grundsätze: „Selbst ist der Mann!" Schluß des Vortrages 9^ Uhr. Druck von H. Prickarts in Mainz. NWS