Wir und öle Engländer Offener Srief an einen englischen Zreunö von Dr. Gtto Menöt MitglieS Ses Reichstages unS oes Hauses oer flbgeoroneten I^^It^S^ Verlagsanftalt unö Suchoruckerei G>m»b>H> H^VA»»»r Herein W S7 . Sulowftraße6b -> » 4> 1H16 Politik, Verlagsanstalt und Buchdruckerei, Berlin w 57 Die Entente - eine Gefahr für England Von einem österreichischen Seeoffizier Preis 1.— Mk. Der Krieg 1914 Englands wirtschaftlicher Ruin Von Hartwig Schubarl Hauptmann a. D. Preis 1.— Mk. ir und die Engländer. Offener Brief an einen englischen Freund von Dr. Otto Arendt, Mitglied des Reichstags und des Hauses der Abgeordneten, s»sif^ Verlagsanstalt und Buchdruckerei G. m. b. H. ^ Berlin W 57, Bülowstrahe 56. :: :: I9lS. Verehrter Freund! Es war mir eine große Freude, nach so langer Zeit wieder ein Lebenszeichen von Ihnen zu erhalten und zu hören, daß Sie mir Ihre alte Freundschaft treu bewahren. Auch ich überschrieb diese -Zeilen nicht der Form wegen, sondern aus innigster Empfindung ebenso wie in den langen Jahren, wo wir unsere Gedanken austauschten und so erfreulich oft eine Übereinstimmung unserer Ziele und Gesinnungen feststellten. Ich sehe Sie vor mir mit Ihrem klugen und gütigen Gesicht, das untrüglich wahre Menschenfreundlichkeit kündet. Ich fühle und weiß, wie weh Ihnen die Ereignisse dieses Weltkrieges tun und ich begreife die Empfindungen, die Ihnen die Feder in die Hand zwangen, um mir zu schreiben. Sie haben den gleichen Glauben zu mir wie ich zu Ihnen. Sie können sich nicht vorstellen, daß ich den Ausammenhang der Dinge anders auffasse als Sie. „Es gibt doch nur ein Recht, nur eine Wahrheit, wir sind beide immer für Recht und Wahrheit eingetreten, deshalb müssen wir doch jetzt auch uns zusammenfinden können, wir müssen über nationale Vorurteile hinweg die objektiven Tatsachen ergründen und dann unzweifelhaft — so weh es uns auch tun mag — das Unrecht des eigenen Vaterlandes einsehen". Sie sind so gütig nur zuzugestehen, daß es schwer sei, in Deutschland die Wahrheit zu erfahren. Um so leichter verfalle man der Täuschung. Dieser arglistigen Täuschung, die das deutsche Volk zum Haß gegen England verführte, würde auch ich wohl verfallen sein. Eben deshalb wollten Sie mir die Wahrheit enthüllen. Niemals in der Geschichte habe ein Volk so. rein und selbstlos zum Schwerte gegriffen wie das englische. Nur zum Schutze des Rechts, zum Schutze der Schwachen gegen brutalen Überfall kämpfe Großbritannien. Ohne den Überfall Belgiens hatte kein Englander den Krieg gebilligt. Deutschland allein trage die Blut- _ 4 — schuld, nicht das deutsche Volk, das irregeführt sei, sondern der Kaiser und die Militärpartei. „Kein Friede mehr für die Welt, ehe der deutsche Militarismus vernichtet ist". Sie schreiben mir dann eine lange, gewiß geschickte Darlegung der Kriegsursachen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß mir nichts darin neu ist, daß aber alles mir nur beweist, daß die Voraussetzungen, die Sie bei mir machten — bei Ihnen zutreffen. Es scheint sehr schwer zu sein, in England die Wahrheit festzustellen, wenn Sie — der einsichtige, weltgewandte, vorurteilsfreie Mann — so böswilliger Tauschung zum Opfer fallen konnten. Ich habe viel darüber nachgedacht — Sie gewiß auch —, wie es möglich ist, daß solche Verschiedenheiten der Auffassungen unter ganzen Völkern entstehen und sich aufrechterhalten können. Es gibt doch nur eine Wahrheit, nur ein Recht. Sie und die Englander sind ebenso überzeugt, daß das Recht auf Ihrer Seite ist, wie die Deutschen mit mir das Recht bei uns, das Unrecht bei Ihnen sehen. Sie werden gewiß auch heute noch an dem von Ihnen so hochverehrten Kant festhalten. Seine Weisheit laßt uns das scheinbar Unbegreifliche begreifen. Wir vermögen eben das Ding an sich nicht zu erkennen. Wir müssen uns begnügen, die Erscheinungen nach unseren Wahrnehmungen zu begreifen. Unsere Wahrnehmungen sind abhangig von den Kategorien, unserer Sinne. Ich will das nur andeuten, die Nutzanwendung ziehen Sie selbst. Aber ich möchte hier anfügen: zu den Kategorien unseres Denkens gehört auch unsere Nationalitat. Mit Sprache und Erziehung Kultur und Wissen, mit Land und Leuten, Abstammung und Überlieferung, mit gleicher Geschichte und vollster Interessengemeinschaft gibt uns die Nation ohne unser eigenes Jutun, ohne daß wir es sogar empfinden und wissen, eine bestimmte Richtung für unsere Gesinnung und für unsere Anschauungsweise. So und nur so erklärt sich, daß Ihnen schwarz erscheint, was ich für weiß halte. Unser Urteil ist eben abhängig von der Kategorie der Nationalität, die ich der Kantschen Lehre von Raum und Zeit anfügen möchte, nicht zwar als Allgemeingesetz, denn der größte Teil der Menschheit ist noch nicht über das bloße Stammesbewußtsein bis zur Nationalität emporgestiegen, wohl aber für die entwickelten Kulturvölker, zu denen ich vorerst noch Deutsche und Engländer zähle. Und nun hoffe ich, werden Sie mir darin beistimmen, daß wir beide an die nationalen Kategorien bei der Beurteilung des Weltkrieges gebunden sind, daß wir beide nicht objektiv die Dinge sehen, sondern daß wir ohne es zu wissen farbige Brillen vor den Augen haben, die uns die Dinge im nationalen Licht und zwar jeden, in der Beleuchtung seiner Brillenfarbe zeigen. So ist es denn nicht mehr unbegreiflich, daß wir Wahrheit und Recht verschieden beurteilen. Bis hierher sind wir sicher einig. Nun aber kommen Sie mit einem Einwand, der mich nach Ihrer Meinung mit meinen eigenen Waffen schlagt. Gut, sagen Sie, Meinung steht gegen Meinung, aber da sind die Unbeteiligten, die Neutralen. Die haben keine Brille vor und die sehen die Dinge doch englisch und nicht deutsch! Der Beweis ist nur ein Trugschluß. Das Urteil der Neutralen ist dadurch entstanden, daß der Dreiverband es geschickt verstand, seine Brille überall vorzuhalten — durch seine Nachrichten. Erst das Urteil der Geschichte wird vorurteilsfrei sein. Wer das lesen könnte! Wer überhaupt das Ende dieses Weltkrieges und seine Folgen, deren Tragweite hellte unübersehbar ist, noch erleben und wahrnehmen kann. Aber wir wollen es doch einmal ehrlich versuchen, der historischen Unparteilichkeit vorzuarbeiten und so weit es möglich ist, unsere Brille der nationalen Vorurteile wegzuschieben und klar zu sehen. Ich weiß von Ihnen, daß Sie Ihr Vaterland und Ihr Volk mit ganzer Seele lieben. Sie wissen das gleiche von mir. Diese gegenseitige Erkenntnis war immer die Grundlage unserer freundschaftlichen Beziehungen. Wir wußten aber auch beide von uns, daß jeder das Volk des andern anerkannte und voll würdigte und daß wir beide den Krieg zwischen unseren Völkern als das denkbar größte Unglück ansahen. Wir hofften, daß die Annäherung zwischen Deutschland und England für immer den drohenden Weltkrieg unmöglich machen würde. Und das ist noch heute meine Meinung. Eine Annäherung Englands an Deutschland hätte den Weltkrieg unmöglich gemacht. Eben deshalb macht Deutschland England für den Weltkrieg verantwortlich, eben deshalb hassen wir nicht Russen und Franzosen, sondern allein die Engländer, die Anstifter des Krieges. Und nun rücken Sie mal ein wenig an Ihrer Brille. Konnte Belgien wirklich die Kriegsursache werden, wenn Englands Politik jede Kriegsmöglichkeit hätte ausschließen können? Ein Mann wie Sie wird doch nicht Anlaß und Ursache verwechseln. Ein Funke bringt ein Pulverfaß zur Erplosion, aber nicht der Funke verschuldet die Erplosion, sondern der, welcher das Pulver anhäufte und nicht gegen den Funken sicherte. Vor langen Jahren habe ich Ihnen einmal erzahlt, welchen Wert Bismarck auf gute deutsch-englische Beziehungen legte, denen zur Liebe er ja auf dem Berliner Kongreß den „ehrlichen Makler" spielte und — 6 — dadurch die erste Trübung unseres Verhaltnisse? zu Rußland hervorrief. Es war nach dem Beginn unserer kolonialen Entfaltung in Afrika, als Fürst Bismarck mich zu sich bestellte. Er sagte mir, daß er sich freue über unsere überseeische Ausbreitung, daß er aber immer erwarten müsse, daß wir ihm in Afrika seine europaischen Zirkel nicht störten. Unsere Lage in Europa ist eine sehr schwierige, sagte er. Wir stehen immer der Möglichkeit einer Koalition gegenüber. Jur Aufrechterhaltung des Friedens ist uns der Dreibund unentbehrlich. Auf Italien aber können wir nur solange sicher zählen, als England nicht gegen uns ist. In England neigen, die Liberalen zu den franzosischen Radikalen, wahrend die Tones mit ihrer imperialistischen Politik uns als Stütze auf dem Kontinent nicht entbehren können. Deshalb liegt die Aufrechterhaltung des Tory-MinisteriumS im deutschen Interesse, und wir dürfen ihm keine Schwierigkeiten wegen Afrika machen". Die englischen Tones sind ja später nicht minder deutschfeindlich geworden, aber schließlich waren es doch die englischen Liberalen, die den Dreiverband und damit den Weltkrieg verschuldeten. . Nach dem Rücktritt BismarckS wahrend der Ära Caprivi bespracb einmal der damalige Staatssekretär von Marschall mit nur unsere Stellung zu England genau so wie der große Kanzler. Als ich — ein scharfer Caprivi-Gegncr — ihn hierauf hinwies, antwortete er, „sehen Sie, wir arbeiten doch nocb in BismarckS Geist." Wie oft haben wir Beide in der Folgezeit die deutsch-englischen Beziehungen besprochen. Sie batten stets die vollste Anerkennung für die Friedenstätigkeit unseres Kaisers und seiner Ratgeber. War es nicht der Kaiser, der sich unter Aufopferung vieler Sympathien seines Volkes der elementaren Burenbegcisterung entgegenstellte und so England vielleicht von einer Katastrophe rettete? Das Krügertelegramm, das in England so sehr mißdeutet wurde, stammte übrigens von Marschall, dessen englandfreundliche Politik ich Ihnen eben auswies. Es begann die unselige „Einkreisungspolitik" Eduards VII. Wieder war es ein deutscher Staatssekretär, Freiherr v. Richthofen, der mir eamals sagte: Eduard VII. ist der letzte Deutsche auf dem englischen Thron, sein Sohn ist der erste Jingo, der König wird, erst mit ihm entsteht eine wirkliche Kriegsgefahr. Herr v. Richthofen erzählte mir, daß bei einem Frühstück, zu dem er beim Hofe in London geladen war, fast nur deutsch gesprochen wurde; als er seiner Nachbarin, einer englischen Prinzessin, eine Bemerkung hierüber macbte, antwortete sie: „Was wollen Sie, wir sind ja hier doch eigentlich alle Deutsche". König Eduard VII. hat übrigens noch den sachsischen Hausordcn verliehen, so sehr hing er noch mit seinem Stammhause zusammen. Erst sein Sohn scheint vergessen zu haben, daß sein Großvater ein guter Deutscher war — und die Englander haben das wohl auch vergessen. Sicher lag es im deutschen Interesse, gute Beziehungen zu England zu halten, aber weder der Kaiser, noch einer seiner Ratgeber haben das verkannt, alle haben sie das Mögliche getan nach dieser Richtung. Auch die öffentliche Meinung Deutschlands war durchaus für ein deutsch-englisches Einvernehmen. England brauchte nur in die ihm oft dargebotene Hand einzuschlagen. Sie haben die Worte Bethmann- .Volwegs gelesen? Wahrend seiner fünfjährigen Kanzlerschaft war er unausgesetzt bemüht, die Freundschaft mit England zu pflegen. Was bedeutete die Sendung Marschalls und dann Lichnowskys nach London anders als den ernstesten Versuch Deutschlands, das gute Einvernehmen mit Großbritannien zu starken. Was aber tat England? Immer enger schloß sich England dem Aweibund an, bis der Dreiverband zur offenen, nicht mehr wegzuleugnenden Tatsache wurde. Sie haben mir das oft dahin erklärt, daß England, indem es sich das Vertrauen Frankreichs und Rußlands erwarb, diese von kriegerischen Abenteuern fernhalten wolle — denn England, so meinten Sie, hätte ein Lebensinteresse an der Ausrechterhaltung des Weltfriedens und des europäischen Gleichgewichts, wie es sich durch Dreibund und Dreiverband herausgebildet. Ich bezeichnete Ihnen damals die englische Politik als gefährlich. Deutschland und der Dreibund, so führte ich Ihnen aus, sind friedlich, sie baben keine Ausbreitungsziele, sie wollen nur sich und den Frieden verteidigen. Stellt sich England hinter den Dreibund, wie es bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich der Fall war, so wäre ein europäischer Krieg unmöglich. Im Gegensatz zum Dreibund war der Aweibund nicht ohne Ausbreitungsziele. Rußland strebte nach dem „eisfreien Hafen", nach der Öffnung der Dardanellen. Es machte sich die französischen Revanchewünsche, die Hoffnungen auf Aurückeroberung von Elsaß-Lothringen zu nutze. Jeder Einsichtige mußte sehen, daß nur hier die Kriegsgefahr drohte. England aber trat nicht diesen gefährlichen Jettelungen entgegen, sondern stärkte sie. Ganz offen wurden die Kriegspläne verhandelt. Die Landung der englischen Truppen auf dem Kontinent ist lange vorbereitet und vorgesehen, ehe die Verletzung der Neutralität Belgiens durch uns in Frage stand. Hier kommen wir — 8 — )crz geben konnte. Es ist für mich ganz selbstverständlich, daß, wenn die Dinge umgekehrt gelegen hätten, die Engländer ohne Zögern in Belgien einmarschiert wären. In solchen nationalen Lebensfragen hat noch niemals ein Staat bestehende Verträge respektiert. Not kennt kein Gebot — rigdt 0r n-ronA' m^ eounti'^ — wie kann das Land, das nacb diesem Wahrspruch immer gehandelt hat, eS den Deutschen zur Todsünde anrechnen, daß sie in einem Augenblick, wo von allen Seiten Einbrechein das Vaterland einfallen, das Recht der Notwehr angewendet haben. Wir haben dabei offen und ehrlich gehandelt, andere Nationen hätten Vorwände gesucht und gefunden, der Reichskanzler von Bcthmann- Hollweg erkannte an, daß wir ein Unrecht begingen, aber wir wären dazu gezwungen. Das war ein unglücklicher Ausdruck für einen richtigen Gedanken. Wir haben kein tatsächliches, sondern nur ein formelles Unrecht begangen. Das hat auch der Kanzler sagen wollen. Wie aber hat eine gewissenlose Hetze sein ehrliches Wort ausgebeutet. Das wird nur übcrtroffen durch den Mißbrauch mit den? Wort „ein Fetzen Papier" von der belgischen Neutralität. Findet man doch in England jetzt Todesanzeigen gefallener Offiziere mit dem Satz „auch er starb für einen Fetzen Papier". Hätte England Frankreich den Krieg erklärt, wenn die Franzosen in Belgien einmarschiert wären? Das „neutrale" Belgien hat mit Eng- — 13 — land gegen Deutschland Abreden getroffen, wo sind die Abreden gegen -Frankreich? Mit Frankreich war man eben im Einvernehmen. Deutschland mußte unbedingt mit der Gegnerschaft Englands und Belgiens in diesen, Kriege rechnen, deshalb kam es seinen Feinden zuvor, verdarb diesen ihre Plane und schuf sich in Belgien selbst eine Opcrations- basis, deren Besitz sonst den Englandern den Krieg gegen Deutschland unendlich erleichtert hatte. Wäre Leopold noch König der Belgier gewesen und hatte die belgische Regierung nicht so tief in den Netzen des Dreiverbandes gesteckt, so würde man unter Protesten den deutschen Truppen den Durchmarsch gestattet oder wenigstens nach der Einnahme Lüttichs den nochmals angebotenen Frieden angenommen haben. Statt dessen ist Belgien durch einen erbitterten Widerstand schwer geschädigt und erst dadurch an Gut und Blut wirklich ernst mitgenommen worden. Daö Beispiel Luxemburg zeigt, wie Belgien hatte verfahren sollen. Aber auch wenn man Krieg führen wollte, warum in dieser Form? Warum mit Meuchelmord und Franktireur-Unwesen? Dagegen muß jedes Heer scharf einschreiten. Wie würden englische Soldaten verfahren, wenn bewaffnete Bürger ihnen im Hinterhalt auflauern, aus den Hausern schießen, sie in den Straßen überfallen! Welch ein widerliches Geschrei über deutsche Grausamkeiten ist da erhoben worden. Hunnen und Barbaren wurde unser Volksheer genannt, das doch ein Volk in Waffen und keine Soldateska ist. Vandaliscb sollten wir Kunstwerke vernichten, ein Vcrleumdungsfeldzug infamster Art wurde in allen neutralen Ländern gegen die Deutschen eröffnet und inzwischen drangen die Russen in Ostpreußen ein und verübten die unmenschlichsten Greuel, ohne daß ihre Verbündeten dafür Worte des Tadels fanden. Wie Sie über Rußland denken, weiß ich ja, Sie sehen in Nußland eine Kulturwidrigkeit. Sie jubelten über die Siege der Japaner, die Europa vor den Kosaken schützten. Wie ist das alles so anders geworden! Mit dem wachsenden Deutschenhaß vergaß man in Paris und London die Sympathien für die geknechteten Polen und Juden. Jetzt können die Russen im Namen der Freiheit und Kultur ihre Progrome verüben, denn angeblich ist es der Dreiverband, der für Freiheit und Kultur kämpft — wider den Militarismus. Der Militarismus, das ist das deutsche Volksheer, aber beileibe nicht die moskowitische Soldateska. Die Freiheit wird vom Aarismus vertreten, gegenüber dem deutschen Rechtsstaat. Ja, der gemeinsame Haß führt sonderbare Bettgenossen zusammen, sind das haltbare Bündnisse? — 14 — Ob eine Besiegung Deutschlands möglich ist, darüber wollen wir uns noch unterhalten. Aber wenn sie möglich ist, was soll dann werden?- Nur der deutsche Sieg kann der Kulturwelt Rettung bringen! Eine Niederlage Deutschlands führt niemals zum dauernden Frieden! Da ist zuerst der Streit um die Beute. Lassen sich die Interessen Rußlands und Englands unter einen Hut bringen? Wie wird die Schlußabrechnung mit Japan? Mit der brutalen Naivität, die manche Englander kennzeichnet — der Ausdruck kann Sie nicht verletzen, denn Sie haben ihn selbst einmal auf diese Kreise Ihrer Landsleute angewendet — hat Kipling ausgesprochen, daß es nicht der Wunsch Englands sei, Deutschland zu vernichten. Im Gegenteil, nachdem Deutschland für England ungefährlich gemacht sei, brauche nian seine Hilfe zur großen Auseinandersetzung mit Rußland. Natürlich das deutsche Volk muß es als Gunst des Schicksals betrachten, britischen Interessen als Werkzeug dienen zu dürfen. Das ist brutal, aber zugleich naiv. Denn durch diesen Krieg hat England in Deutschland einen Haß wachgerufen, der niemals wieder verschwindet. Das ist für England an sich so schlimm wie ein verlorener Krieg. Sie wissen am besten, wie frei ich von Haß gegen die Engländer war, wie gern ich die guten und großen Eigenschaften Ihres Volkes anerkannte, wie sehr ich hoffte, daß die Engländer Herr ihrer Fehler und Schwächen werden würden. Jetzt ist das nicht mehr möglich. Das Verhängnis hat sich erfüllt und der Gerechte muß mit dem Ungerechten leiden. Denn selbstverständlich besteht das englische Volk nicht ausschließlich aus Böscwichtern. Es umfaßt gute und schlechte, kluge und törichte Menschen wie jede Nation. Aber die öffentliche Meinung, also die Zusanimenfassung der Einzelnen zu einer Gesamtheit, ist auf eine schiefe Ebene geraten, auf der es keinen Halt mehr gibt. Noch niemals seit die Welt steht, hat ein Volk sich dauernd ungestraft anmaßen dürfen, die W eltherrschaft zu führen. Weil England glaubt hierzu ein Recbt zu haben, ist sein Sturz sicher. Selbst wenn es Deutschland bezwänge und dann erst recht, müßte es fallen. Denn dann würde sein Hochmut keine Grenzen mehr kennen und die Vergewaltigung aller würde schließlich alle gegen England einen. Ein siegreiches England würde keinen Feind mehr haben können, mit dem sich nicht Deutschland verbinden würde. Der Krieg gegen Deutschland, der völlig unnötig lind vermeidbar war, entstand nur aus der Furcht, die Vorherrschaft zur See zu verlieren und muß damit enden, daß diese Seeherrscbaft beseitigt wird. Wenn Frankreich an das Ziel seiner Wünsche gelangt und Elsaß- Lothringen zurückgewinnt, so ist das das denkbar größte Unglück für Frankreich. Es ist jetzt ein Nierteljahrhundert her, als ich eine Schrift veröffentlichte, „Ein deutsch-französisches Bündnis?" Ich empfahl damals den Franzosen entweder gleich nochmals zu kämpfen oder endgültig zu verzichten und wirtschaftlich und kolonial sicb mit Deutschland zu verständigen. Das Bündnis- mit Rußland würde Rußland niemals veranlassen, für Elsaß-Lothringen zu kämpfen, aber eS mache Frankreich abhängig von Nußland und schließlich würden die Franzosen für russische Interessen bluten müssen — wie es jetzt geschieht —. Wenn aber Elsaß- Lothringen jemals wieder französisch wird, dann wird niemals das deutsche Volk ruhen bis wieder und immer wieder der Völkerkrieg beide Reiche verwüstet. Wenn man das deutsche Volk nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten will, dann muß ihm der Platz an der Sonne zu teil werden, der ihn? gebührt. Dazu gehören die deutschen Reichslande, welche Frankreich uns für Ml> Jahre geraubt hatte. Dazu gehört aucb unsere koloniale Entfaltung, der Deutschland nie wieder entsagen wird. Aber kein Mensch in Deutschland denkt an die Möglichkeit einer Niederlage und im Auslande sollte man, wenn man die Dinge nicht ganz einseitig ansieht, doch endlich begreifen, daß die Niederwerfung Deutschlands unmöglicb ist. Ein halbes Jahr dieses Weltkrieges ist vorüber. Deutschland hat erfolgreich den Krieg ins Feindesland getragen. Die Russen und Franzosen sind am Ende ihrer Kraft. Und die Engländer? Sie wissen das vielleicht besser als ich. Ihre Landsleute lieben das Bluffen, sie werfen mit großen Worten und großen Zahlen um sich. Das macht bei uns gar keinen Eindruck. Das deutsche Volk ist durch diesen Krieg ganz und gar und sehr zum Vorteil verändert. Au seiner überraschenden Einigkeit kommt eine unbedingte Entschlossenheit. Jedes Opfer will die Nation bringen, nur muß unbedingt durchgchaltcn werden bis zu einem Frieden, der unsere Opfer lohnt. Wir halten diesen Krieg aus, solange er nötig ist. Und er ist nötig, bis eine Grundlage für den Frieden gefunden ist, die die Welt vor der Wiederkehr der furchtbaren Erlebnisse dieser Tage schützt. Es ist merkwürdig, alle Völker wollen dasselbe: den Frieden, der ihnen dauernden Schutz vor neuen Kriegen gibt, doch glauben beide Parteien diesen Frieden nur erreichen zu können, wenn sie »»» — 16 — die lindere Partei zertrümmern. Würde das unseren Feinden gelingen, so fänden sie erst recht nicht den Frieden, sondern umgekehrt dauernden Krieg. Ein erfolgreiches Deutschland dagegen vermag der Welt den Frieden zu bringen. Die Deutschen werden so wenig wie nach 1870 übermütig ihre Macht mißbrauchen. Gibt Frankreich seine Bestrebungen auf Elsaß-Lothringen auf, so wird es bald in Deutschland nicht mehr eine Gefahr, sondern einen Schutz sehen. Entsagt Rußland der europäischen Ausbreitungspolitik, so können unsere Beziehungen zu ihm wieder die alten, freundschaftlichen werden. Aber England! In seiner Besiegung liegt zugleich das Ende seiner Gefährlichkeit. Sein Weltreich kann eine Niederlage nicht überdauern. Ob es noch für England möglich ist, durch einen rechtzeitigen Frieden einer völligen Niederlage zu entgehen, das ist die Frage. Wird die Einsicht oder die Verbissenheit größer sein? Es ist meine feste Überzeugung, daß, wenn die Engländer die Entwicklung der Dinge vorausgesehen hätten, sie Ende Juli den Krieg verhindert haben würden. Selbst ein Sieg über Deutschland kann den Schaden nicht wieder gut inachen, den England schon bis heute erlitt. Und wir stehen erst im Anfang. Was ich von der nächsten Zukunft im wohlverstandenen Interesse unserer Feinde boffe, ist, daß sie ihre Illusionen verlieren. Noch heute stehen Sie und mit Ihnen alle tonangebenden Männer des Dreiverbandes fest in dein Glauben, daß der Dreiverband siegen muß. Ein hervorragender Franzose hat den Ausammenbruch Deutschlands für den Juni vorausgesagt. Bis dahin würden die Russen über die Warthe und die Franzosen über den Rhein gekommen sein. Wir gehen ja den? Juni entgegen. Vielleicht ist bis dahin der Zusammenbruch in Rußland und Frankreich erfolgt. Aber der Rhein und die Warthe werden nur von gefangenen Franzosen und Russen überschritten. Legen Sie es mir nicht als nationalen Hochmut aus, Sie wissen, ich bin frei davon, aber ich will Ihnen nicht verhehlen, daß nur der bisherige Krieg die Überzeugung zur Gewißheit machte, daß die deutschen Truppen allen anderen überlegen sind. Hätten wir noch Kriege wie früher mit offener Feldschlacht, der Widerstand unserer Feinde wäre langst gebrochen, nur der Schützengrabenkrieg hält unseren Sieg auf. Aber dieser Schützengrabenkrieg macht auch unsere Niederlage zur Unmöglichkeit. Nicht eine, zehn Armeen Kitcheners würden sich vor unseren Schützengräben verbluten und uns doch weder aus Frankreich, noch aus Belgien vertreiben. So haben wir ein Faustpfand und können ruhig ab- - 17 — warte», wie lange die Franzosen sicb für Englands Interessen opfern wollen. Das wird wesentlich, wie ich glaube, von der Entwickelung ini Osten abhängen. Daß die Dampfwalze der russischen Massen versagt hat, darüber besteht wohl heute kein Zweifel mehr. Das „zusammengebrochene" Österreich-Ungarn steht im Begriff die eingedrnngcnen Russen aus seinen Grenzen zu vertreiben und Hindcnburg hat in Polen die Dampfwalze so festgelegt, daß sie statt vorwärts rückwärts flutet. Bricht der Widerstand des russischen Heeres zusammen, dann wird auch den Franzosen der Mut zu längerem Widerstand fehlen. Ich hörte neulich eine lebhafte Unterhaltung darüber, ob wir zuerst mit Rußland oder mit Frankreich zu einem Sonderfrieden kommen würden. Da sagte ein hervorragend kluger Mann: „Ich glaube, der erste Frieden kommt mit England zustande." Was meinen Sie hierzu? Es wäre die Rettung Englands. Die Bedrohung Englands liegt nicht nur bei unserer Flotte, nicht nur in der Möglichkeit, daß wir die französische Küste besetzen, was wir ja leider anfangs September versäumten, sondern in der Entwickelung, die der Krieg des Islams gegen England langsam aber sicher nehmen wird. Denken Sie sich deutsche Armeekorps mit den Türken vereint im Anmarsch gegen Ägypten! Ein sehr genauer Kenner Englands sagte mir einmal, England schließt Frieden nur in London — oder in Kairo oder Bombay. Lassen wir einmal in Frage, ob London bedroht ist, Kairo und Bombay sind sicher bedroht. Begreift man in England nicht den ganzen Ernst der Lage! Der Dreiverband hat keine Möglichkeit, den Islam niederzuschlagen, schon rücken die Türken unaufhaltsam in Persien vor, schon brandet die Flut an den Grenzen Indiens und Ägyptens. Dort sind die Achillesversen der englischen Macht, wir werden sie treffen. Aber eine Hoffnung muß dem Dreiverband noch genommen werden die auch Sie andeuten. Das Eingreifen der Neutralen Italien und Rumänien. Damit ist es jetzt vorbei. Das war im Anfang des Krieges möglich, heute wäre es Selbstmord für beide Länder. Ich nehme hier meine nationale Brille ganz ab und stelle mich voll auf den italienischen bzw. rumänischen Standpunkt. Als Italiener würde ich selbstverständlich die Vereinigung aller Italiener mit Italien wünschen und mit allen Mitteln anstreben^ Ich begreife deshalb das Streben der Italiener nach den'. Trento. Doch auch in Nizza und Savoyen und in Korsika gibt es Italiener. Was aber Crispi zum Abschluß des Dreibundes führte, waren Gründe von bleibender und ausschlaggebender Bedeutung. — 18 — Fürst Bismarck, dessen Ansichten über England und Italien übrigens ebenso wie ich sie oben wiedergab, sich auch bei Hofmann, „Fürst Bismarck" Band I S. .825 finden, äußert sich hierüber in demselben Buche (I S. 351) in der folgenden auch heute höchst beachtenswerten Weise. Er hält einen Revanchekrieg Frankreichs damals (1891) solange für unmöglich als es „den Bemühungen der Diplomatie gelingt, Italiens Lostrennung vom Dreibund bzw. dessen Alliierung mit Frankreich zu verhindern. Diese Aufgabe ist, namentlich unter Mithilfe Englands, nicht schwer zu lösen, weil Italien kaum darüber im Zweifel ist, daß es ein Bündnis mit Frankreich mit der Preisgabe seiner jetzigen unabhängigen Großmachtstcllung zu bezahlen habe und zum Vasallen Frankreichs herabsinken würde." War das zu Crispis und Bismarcks Zeit richtig, so ist es noch viel mehr heute zutreffend. Ein Sieg des Dreiverbandes ist die schwerste Gefahr für Italien — und für Rumänien — Frankreichs und Englands Übergewicht müssen im Mittelmeer, Nußland auf dem Balkan und an der Adria die Entfaltung Italiens und Rumäniens ausschließen. Deshalb wäre es nur als Selbstmord zu bezeichnen, wenn diese beiden Staaten einen solchen Sieg hätten herbeiführen helfen. Giolitti bewies sich als wahrer Vertreter Crispischer Politik als er in seinem offenen Brief darauf hinwies, daß eine Nation nicht Gefühlskriege führe, und daß Italien ebenso gut diplomatisch wie strategisch erreichen könne, was es wünsche. Ich möchte fast hinzufügen: nur diplomatisch und nicht strategisch, aber das hat wohl auch Giolitti gemeint, wenn er auch so diplomatisch war, es nicht auszusprechen. Italien und Deutschland haben sich gemeinsam die Einheit errungen. Preußens Siege 1866 und 1870 verschafften den Italienern Venedig und Rom. Frankreich hat sich die durchaus selbstisch geleistete Hilfe von 1859 mit Nizza und Savoyen bezahlen lassen und sich — sogar mit Waffengewalt, „die Wunder von Mentana" — der Einverleibung Roms als italienische Hauptstadt widersetzt. Wer wie ich Italien wiederholt bereist hat, kennt den wunderbaren Aufschwung, den das Land genommen hat. Als Freund Italiens und der Italiener freue ich mich aufrichtig über die italienische Politik. Man tut den Italienern Unrecht, wenn man ihnen bei uns vorwirft, daß sie dem Dreibund die Treue brachen, weil sie nicht mit uns marschierten. Der Vater des Dreibundes Bismarck spricht sie frei, indem er Englands Haltung uns gegenüber als maßgebend für Italien ansieht. Aber wenn die Italiener sich zum Kriege gegen die Aentralniachte würden — 19 — fortreißen lassen, dann allerdings hatten sie einen schweren Treubrucb begangen und unzweifelhaft wäre in Deutschland Hieralis ein dauernder Haß gegen Italien entstanden. Das hatte für alle Zukunft, vor allen, auch wirtschaftlich den Italienern den schwersten Schaden gebracht. Italien und Rumänien konnten nur bei Kriegsbeginn crfolgreicb gegen uns eingreifen. Jetzt ist die Kriegslage so weit geklart, daß ein großer Schaden für die Zentralmächte durch sie nicht mehr zu befürchten stände. Wollte Italien wirklich seine Söhne nach Frankreich schicken, es wäre ein nutzloses Blutopfer, das den Widerstand der Franzosen und damit den Krieg verlängerte, sehr im Gegensatz zu den Interessen Italiens, die nach Abkürzung des Krieges drängen. In den schwierigen Geländen Tirols würde Österreich den Italienern leicht Widerstand leisten. In Afrika aber würde die Türkei einen neuen, heftigen Kolonialkrieg gegen Italien entfachen und auf der Balkanhalbinsel kämen die Italiener in die denkbar falscheste Front an die Seite ihrer natürlichen und konfessionellen Feinde gegen Österreich, mit dem sie gleiche Ziele, gleiche Feinde, gleiche Religionsintcrcssen gerade hier einen. Nur im Bunde mit Österreich kann Italien auf dem Balkan und in der Adria seinen Standpunkt wahren, nur im Einverständnis mit der Türkei und dem Islam sein afrikanisches Kolonialreich erhalten, nur im Gegensatz zu England und Frankreich seine Großmachtstellung im Mittelmeer und überhaupt behaupten. Ist Italien scbon jetzt außerstande gegenüber England selbständige Politik zu führen, wie ohnniächtig würde es dann erst bei einem Siege Englands über Deutschland. Für die Neutralen ist der wünschenswerteste Alisgang des Weltkrieges, daß die Partie remis endet; jeder volle Sieg einer Seite hat für sie Bedenken, immerhin aber der deutsche Sieg weniger als der des Dreiverbandes, denn die deutschen und italienischen Interessen decken sich überall und auch mit Osterreich besteht — abgesehen von Trento — eine Interessengemeinschaft lind über Südtirol wird schließlich eine friedliche Verständigung wohl zu erreichen sein — wie Giolitti es offenbar im Auge hat. Welche Verblendung wäre es gewesen, wenn unter solchen Umständen die Italiener — verführt von radikalen Phrasen — gegen uns zu Felde gezogen wären, um entweder eine verhängnisvolle Niederlage zu erleiden oder lim einen Sieg zu erfechten, der sie selbst nur hätte schädigen können. Ganz gleichartig lagen die Dinge für Rumänien, nur daß dieses begreifliche Ausdehnungswünsche nicht nur gegenüber Österreich- Ungarn, sondern auch gegenüber Rußland hat. Wohnen doch Millionen — 20 — Rumänen in beiden Nachbarstaaten. Aber auch hier gilt das oben gesagte. Ein Sieg Nußlands ist das Ende einer selbständigen, rumänischen Politik, er gefährdet sogar die Unabhängigkeit des Landes, das dann von Nußland und dem halbrussischen Serbien eingedrückt wird. Zudem würde , Numänien den Krieg mit zwei Fronten führen müssen. Denn Bulgarien würde dann sofort eingreifen und Rache für den zweiten Balkankrieg fordern. Von allen Balkanstaaten hat Bulgarien die großzügigste und klügste Politik geführt. Im ersten Balkankrieg war es Bulgarien, das die größten Leistungen aufwies, und die schwersten Opfer brachte. Es ist dann um die Früchte dieser Opfer betrogen worden. Die Koalition gegen Bulgarien trägt jetzt ihre Früchte. Bulgariens Bündnis mit der Türkei, mit der es eben auf Tod und Leben gekämpft, die mehr oder minder freiwiilige Rückgabe Adrianopels haben Bulgarien eine Rückendeckung verschafft, die ihm eine ausschlaggebende Stellung auf dem Balkan sichert. Die Türken haben mit Recht auf weitere Ausbreitung in Europa verzichtet. Die Griechen ließen sich bisher nicht zu dem gefahrlichen Wagnis eines neuen Krieges verleiten, bei dem sie alle ihre Erwerbungen aufs Spiel setzen würden, während sie bei der Aufteilung Albaniens auch auf Gebietszuwachs hoffen dürfen. Die albanische Frage, die einstmals den europäischen Brand zu entzünden drohte, wird schließlich vielleicht umi Hilfsmittel, diesen Brand zu löschen. Hier können Österreich und Italien sich gemeinsame Ziele schaffen, hier können für Griechenland und Bulgarien Austauschsmöglichkeiten sich finden und schließlich wird Serbien der wohlverdienten Strafe nicht entgehen, wodurch Bulgariens Vergrößerung sich von selbst vollziehen dürfte. Rumänien aber, das Bessarabien verlor zum Lohn dafür, daß es Rußland vor Plewna rettete, wird seine Ausbreitung an der Donaumündung und am Schwarzen Meer zu suchen haben. Es ist eine Verblendung sondergleichen, wenn Numänien eine russenfreundliche Politik zugemutet wird. Man nennt ja hohe Summen, die hierfür bezahlt sind, aber sie sind doch zu niedrig gegenüber dem Vaterlandsvcrrat, den diejenigen begehen, welche Rumänien durch einen Angriff gegen die Habsburgische Monarchie ins Verderben führen wollten. Die Gefahr kann jetzt als abgewehrt gelten, wahrscheinlich hat sie nie bestanden, denn die Interessen Rumäniens für den Dreibund sind so unzweifelhaft, daß verantwortliche Staatsmänner sich für die Abenteurerpolitik eines Anschlusses an den Dreiverband schwerlich gefunden hätten. Man — 21 — behauptet, daß König Karol, der Monarch, dem Rumänien seine ganze Entwicklung verdankt, ein politisches Testament hinterließ, indem er ausführt, daß er und sein Haus den Thron Rumäniens verlassen würden, wenn Rumänien einen Krieg gegen Deutschland führte. Der jetzige König soll das Aktenstück gleichfalls unterschrieben haben. Es bedarf aber so zwingender Unistande nicht. Wie in Italien, so wird auch in Rumänien das Verdienst der Staatsmanner bald allseitig anerkannt werden, die den Anschluß an den Dreiverband hinderten. Nur wird Rumänien auf der Hut sein müssen, daß es nicht den richtigen Augenblick versäumt, wo es nicht im Interesse des Dreibundes, sondern im Selbstinteresse sich seinen Anteil bei dem Ausammenbruche Rußland sichert. Wann das zu geschehen hat, hängt von Hindenburg und dem Waffenerfolg der Jentralmachtc ab. Nicht einmal Portugal hat dem Dreiverband noch die versprochene recht wertlose Hilfe leisten können. Blicken wir uns in der Welt um.- > Neue Kämpfer für die Aentralmächte überall, für den Dreiverbands nirgends. Langsamer als bei uns entwickeln sich die Dinge im Orient; ' aber sie entwickeln sich. Immer mehr und mehr nähert sich der Weltkrieg Ägypten und Indien. Persien und Afghanistan treten jetzt — wie es heißt — in den Krieg ein, deutsche Offiziere sollen dort sein, was ich glaube. Was wird aus England, wenn der Suezkanal in türkische Hände kommt? Wenn ich den Einsatz überdenke, den England mit diesem Weltkrieg gemacht hat, dann wird mir das Verhalten der verantwortlichen Leiter der englischen Politik zur Unbegreiflichkeit. Die „deutsche Gefahr" war ein Gespenst, erst dieser Krieg gab ihr Fleisch und Blut, lind was kann England gewinnen? Selbst im Falle des Sieges und der Niederwerfung Deutschlands doch nur die Zerstörung des europäischen Gleichgewichts, das auf der Stärke der Aentralmächte beruht. Ohne diese ist Rußland schrankenlos und selbst Frankreich, das sich an seinem Ruhm so leicht berauscht, so gefährlich wie früher. Nie wieder kann England eine für seine Interessen so nützliche Gruppierung der europäischen Mächte zurückgewinnen, wie die war, welche durch seine Schuld der Weltkrieg beseitigt. Daß man das in England nicht einsieht, liegt an zwei Gründen, einen theoretischen und einen praktischen. Praktisch sieht man in den „Preußen" die Friedensstörer, trotz 44 Friedensjahre seit Sedan, die das Gegenteil beweisen, theoretisch glaubt man für „Recht und Freiheit" zu kämpfen und das im Bunde nüt Nußland, das Recht und Freiheit mit Füßen tritt. Nichts Unnatürlicheres als der Bund des westlichen — 22 — Radikalismus mit dem östlichen Zarismus, die Erklärungen englischer und französischer Sozialisten gegen Deutschland sind die denkbar schwerwiegendsten Dokumente menschlicher Einseitigkeit und Verblendung. Diese Radikalen und Sozialisten mit ihren unklaren und verwirrten Begriffen tragen eine schwere Mitschuld an den Pogromen und den sibirischen Greueln ihrer russischen Verbündeten. Freiheit und Recht herrscht bei den Zcntralmächtcn, ihre Banner sind es, die Kultur und Zivilisation hochhalten. Wir kämpfen gegen englische Überhebung und Weltherrschaft für die Rechte der Kleinen, wie für Fortschritt und Freiheit gegen Moskowitische Zwingherrschaft. Die „deutschen Greuel" waren der schlimmste Humbug, der je erfunden wurde, die russische Greuel sind Tatsache, wenn auch der Dreiverband kein Wort des Abscheus davor findet. Belgiens Schicksal bedauere ich, aber es ist selbst verschuldet. Warum widersetzte sich Belgien unseren! Truppendurchmarsch mit Gewalt statt mit Protesten? Hätte es sich einem französischen oder englischen Durchzug ebenso widersetzt? Sie, verehrter Freund, sind ein ehrlicher Mann. Ich wünschte, Sie säßen mir hier gegenüber. Ich würde Sie dann fragen, Hand aufs Herz, was hätten die Engländer getan, wenn Sie an Stelle der Deutschen gewesen wären? Ganz sicher müßten Sie antworten, die Engländer würden die harte Notwendigkeit bedauert haben und in Belgien eingerückt sein. Warum also dann die Vorwürfe gegen die Deutschen, nur um sich eine Entschuldigung zu schaffen und die Schuld, die man selbst trägt, uns zuzusckiebcn. Wir sieben in einem uns aufgedrängten Kampf um die Existenz und dürfen dcsbalb nach Notwehr handeln. Das haben wir getan und werden wir auch künftig tun, kein Protestgcschrei wird uns daran bindern und wenn wohlgesinnte Männer wie Sie dadurcb irregeführt werden, so ist das bedauerlich, aber nicht zu andern. Noch weiß niemand, wie der Weltkrieg endet, aber eins steht doch schon fest, England wird sich für uns als Teil von jener Kraft erweisen, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Blicken Sie auf die bewunderungswerte Einigkeit, Begeisterung und Opferfreudigkeit des deutschen Volkes. Das deutsche Volk ist ein anderes geworden durch den Weltkrieg. Wir werden viele Fehler ablegen, z. B. die Nachbeterei und Schwärmerei für alles Ausländische, unser Selbstbewußtsein ist ein größeres geworden. Wir wollen nicht mehr betteln darum, daß man unsere Existenz zuläßt und uns ein Plätzchen an der Sonne gönnt, wir fordern unser Recht und haben die Kraft eS durchzusetzen. Ich frage immer und immer wieder, was kann ein so klug rechnendes Volk wie das englische für sich von diesem Kriege erhoffen. Deutschland den ..Militarismus" austreiben? Das ist eine Phrase, die man doch nicht in die Friedensbedingungen setzen kann. Was man im Auslande unter Militarismus versteht, ist der ureigne Geist des Deutschtums, der nur mit diesen, stirbt. Will England das deutsche Volk ausrotten mit Stumpf und Stiel, mit Weib und Kind? Soll der Frieden uns vorschreiben, daß wir keine Schiffe bauen, keine Soldaten unterhalten dürfen? Das geschah nach Jena und führte zu Leipzig. Das deutsche Volk würde jeden ungünstigen Frieden, das mögen sich unsere Feinde merken, nur als Waffenstillstand ansehen und wieder losschlagen, sobald es möglich ist. Will England einen ewigen Krieg? Bietet die Welt nicht Raum genug für Deutsche und Engländer? Ich bejahe diese Frage unter der Voraussetzung, daß die Englander nicht die ganze Wetl allein für sich in Anspruch nehmen. Eine solche englische Weltherrschaft dulden wir nicht und je mehr die Völker erkennen, daß England nicht für ..das unglückliche Belgien", sondern für seine Weltherrschaft kämpft, um so mehr wird die Welt auf die deutsche Seite treten. Es gibt ein Volk, das mehr leidet, als das belgische und ohne eigene Schuld — das ist das polnische. Was tut England für Polen? Es hilft seinen grausamen Unterdrückern den Russen, Und die Untaten gegen die russischen Juden? Sie geschehen unter stiller Duldung des Dreiverbandes, der dann gegen die „deutschen Hunnen" aufruft und dabei zuweilen Bilder von Pogromen mit falscher Unterschrift zu Ausschreitungen deutscher Soldaten stempelt. Mit dem Lügenfeldzug gegen Deutschland hatte man naturgemäß nur vorübergehende Erfolge. Auf die Dauer wirken Verleumdungen immer gegen ihre Urheber und zugunsten der Verleumdeten. Unsere Landsleute haben draußen schwer leiden müssen. Es wird ihnen indes gehen wie .1870. Die deutschen Erfolge öffnen den, Auslande doch schließlich die Augen. Mit unbedingter Zuversicht sehen wir Deutsche in die Zukunft. Immer neue Truppenmassen stellen wir ins Feld in unerschöpflicher Zahl mit dem unbedingten Willen zum Sieg. Unsere Schuljungen werden jetzt schon militärisch vorgebildet, wenn ihre Zeit herankommt, treten sie als militärisch ausgebildete Soldaten ins Heer. Unser Offizierersatz ist unerschöpflich. Die gesamte waffenfähige Intelligenz unseres Volkes steht in, Felde, alle alten, ausgedienten Offiziere ziehen wieder — 24 — des Königs Rock an. Kein Volk macht uns das nach. Mag man unseren „Militarismus" immerhin schelten, besiegen wird man ihn nicht. Die Nüssen und Franzosen sind am Ende ihrer Kraft, alle Neutralen haben der Verführung des Dreiverbandes widerstanden, die jungen englischen Truppen gegen unsere Linien in Frankreich zu führen, wird den Englandern große Verluste und wenig Ruhm bringen, draußen aber breitet sich der Widerstand gegen England aus. In unsern Kolonien finden die Englander unerwarteten starken Widerstand, wie die Dinge sich in Südafrika noch gestalten, wollen wir abwarten. Es ist bei der immer verzweifelteren Lage des Dreiverbandes selbstverständlich, daß man Hilfe flehend nach Japan blickt. Aber was kann von Japan kommen? Vielleicht statt der Hilfe das Gegenteil. In Deutschland hat man für die „Preußen" des Ostens lange besondere Snmpatbie gehabt. Das japanische Ultimamm wurde deshalb bei uns schwer empfunden. Ein heftiger Jorn erfüllte die Nation und dankbar nahmen wir es auf, daß die kleine Besatzung des nur schwach befestigten Tsingtau tapfer die Fahnenehrc rettete und die Taten unserer Flotte, die „Emden" voran, unser Ansehen in Asien zum mindesten unvermindert aus diesen Ereignissen bervorgehen ließ. Die Beteiligung Japans an einem europäischen Kriege hatte von England verhindert werden sollen. Statt dessen wird behauptet, habe England Japan zu dieser Beteiligung gedrängt. Es gibt eine Art von Schlauheit, die leicht in ihr Gegenteil umschlagt. Diese Schlaubcit baben die jetzt leitenden englischen Staatsmanner in letzter Zeit nicht selten bewiesen. Hierhin zable ich auch die englische Stellung gegenüber Japan. Der Dreiverband hatte in Asien seine schwächste Stelle. Ein Angriff Japans auf Rußland war von diesem nicht abzuwehren, ohne eine verhängnisvolle Schwächung seiner europäischen Front. England aber war außer Stande, der japanischen Flotte eine ausreichende Schiffsmacht entgegenzustellen, ohne die Übermacht gegen die deutsche Flotte einzubüßen. Japan hat also dank der antideutschen Politik Englands das asiatische Heft in die Hand bekommen und wenn es klug ist und die Interessen der Vereinigten Staaten im Stillen Ozean berücksichtigt, wird es auch namentlich während des Weltkrieges von amerikanischer Seite nichts zu fürchten haben. Sind nun wirklich die Japaner auf den englischen Köder von Tsingtau hereingefallen und haben für ein Linsengericht ihre Erstgeburt weggegeben oder lag es unigekehrt — entsprach es Japans und nicht — 2,'> — Englands Wünschen, zunächst sich durch die Wcgnabmc von Tsingtau cinc Stellung im Weltkrieg zu sichern. Wie deni auch sei, die Art, wie Japan den Krieg gegen uns führte, war ebenso ritterlich, wie die Kriegsführung aller unserer übrigen Gegner unritterlich ist. Die Asiaten beschämen die Europäer an Gesittung und Kultur. Dafür sind wir Deutsche sehr empfanglich und so ist bei uns unzweifelhaft in der öffentlichen Meinung ein Umschwung zugunsten Japans eingetreten. Ist das von Japan beabsichtigt? Wünscht man dort einen Sonderfrieden und hat man noch weitere Pläne? Von Deutschland kann Japan nichts mehr holen, bei allen Dreiverbandsstaaten winkt ihm reiche Beute. Überraschungen werden uns die Japaner wahrscheinlich noch bereiten, wenn der Weltkrieg sich in die Länge zieht, daß sie aber im Sinne des Herrn Pichon ihr Blut auf europäischen Schlachtfeldern für fremde Interessen vergießen, das zu glauben, dazu gehört die ganze große französische Unwissenheit über ausländische Verhältnisse. Die Verwendung japanischer Truppen in China liegt naher und ist ungleich wahrscheinlicher. Die Doppelnatur der Englander oder der Widerspruch, der sich so oft bei ihnen zwischen Worten und Taten findet, zeigt sich auch in ibrem Verhalten gegen die fremden Rassen. Kein Volk ist so bis zur Überspannung rassenstolz wie die Engländer, und doch sind es die Engländer, die in diesem Weltkrieg der weißen Rasse einen gar nicht wieder gutzumachenden Schaden zufügten. In Asien haben sie die Japaner, die sie ursprünglich nur als Werkzeuge gegen Nußland benutzen wollten, zu einer Macht emporgehoben, die schließlich für England eine viel ernstere Gefahr werden wird, als es je die Deutschen geworden waren, wenn England sie nicht mutwillig sich zu Feinden gemacht hatte. Was aber ist in Afrika geschehen, wo bisher die Einigkeit der Weißen die Voraussetzung für die Niederhaltung der äthiopischen Gefahr war. Warum mußte der Weltkrieg auch in Afrika entbrennen. Die Entscheidung fällt doch in Europa, warum also unnütz in Afrika Blut vergießen, Werte zerstören, das Ansehen der Weißen zugrunde richten. Das Verhalten gegen friedliche Deutsche, ihre Auslieferung an die Schwarzen ist eine dauernde Schande für Großbritannien. Bisher wurden Kriege zwischen zivilisierten Nationen so gefübrt, wie Kultur und Völkerrecht es vorschreiben. Die bewaffnete Macht bekämpfte sich, der friedliche Bürger und das Privateigentum blieben unverletzt. Warum ist dieser Weltkrieg nicht ebenso gefübrt worden? Die Schuld daran tragt nur England. — 26 — Es ist eine vernichtende Anklage, welche Alfred Lohmann, der Präses der Handelskammer in Bremen, gegen England veröffentlicht hat. Die Hanseaten galten bei uns früher als Halbenglander! Ruhig, sachlich und um so vernichtender zählt Lobmann die Tatsachen aus. Was läßt sich dagegen sagen? Lohmann schreibt, nacbdem er darauf bingewiesen, daß Japan eine den Begriffen des modernen Völkerrechts entsprechende Haltung eingenommen habe, über die im schroffsten Gegensatz hierzu stehende .nandlungSweisc Großbritanniens. „l. Sofort nach der Kriegserklärung wurden alle männlichen deutschen und österreichisch-ungarischen StaatSangebörigen zwischen dem 17. und 55. Lebensjahre in England und den Kron-Kolonien, mit Ausnabme der SelbftvcrwaltungS-Kolonien Australien, Kanada sowie Neu-Seeland, in Konzentrationslager abgefübrt. ^. Deutschen und österreichisch-ungarischen Firmen wurde verboten, neue Geschäfte zu machen. Mit der Abwicklung ihrer laufenden Geschäfte mußten sie englische oder neutrale Angestellte beauftragen, wenn sie nicht selbst über 55 Jahre alt waren. Vereinzelt wurde bei sehr großen Geschäften den bisherigen Inhabern gestattet, selbst ihre Geschäfte abzuwickeln, unter der Bedingung, daß sie ibr Ehrenwort abgäben, weder direkt noch indirekt mit Deutschland zu verkehren. Z. Im November kam die unglaubliche Nachricht, zunächst aus .Hongkong, dann aber auch aus anderen Kron-Kolonien, daß dort kurzerhand alle Deutschen interniert seien, und zwar im chinesischen Gefängnis. Die Geschäfte seien unter Zwangsverwaltung gestellt und sollten unter englischen Liquidatoren, meistens Konkurrenten der Firma, ohne Rücksicht auf die Folgen, schleunigst liquidiert werden. 4. In den von den englischen und französischen Truppen besetzten deutschen Kolonien in West-Afrika wurden die deutschen Männer und Frauen, einschließlich der Missionare, kurzerhand verhaftet und dem Gespött der Neger ausgesetzt. Die Manner wurden in Konzentrationslager verbracht, die Frauen und Kinder unter der Obhut von Negern wie Vieh unter ganz unglaublichen sanitären Verbältnissen, die jeder menschlichen Zivilisation Hebn sprechen, auf Frachtdampfern nach England verladen. 5. Die Plantagen und Niederlagen der Deutschen wurden unter Zwangsliquidation gestellt und zwangsweise zu ein Zehntel bis ein Fünftel ihres Wertes veräußert. Erst drei Monate nach Kriegsausbruch bat die deutsche Regierung im Einvernehmen mit der durch das Verhalten unserer Gegner em- — 27 — Porten öffentlichen Meinung sich entschlossen, kraft des WiedervergcltungS- rechteS ihrerseits Maßregeln gegen England, Frankreicb nnd Nußland zu ergreifen. Arn 6. November erschien der Erlaß, wonach alle feindlichen Staatsangehörigen zwischen dem 17. und 50. Lebensjahre in Konzentrationslager zu bringen waren. In Anbetracht der den bisherigen Gepflogenheiten besser angepaßten Behandlung der Deutschen in den englischen Selbstverwaltungs-Kolonien, den Dominions von Australien, Neu-Seeland und Kanada, wurde nur mit den sich in Deutschland aufhaltenden Angehörigen dieser Kolonien eine Aufnahme gemacht. Diese können sich nach wie vor in Deutschland bewegen und brauchen sich nur in ihrem Ortsbezirk bei der Polizei zur Kontrolle zu melden, genau wie es den Deutschen in den oben bezeichneten englischen Kolonien ergebt. Am 7. Dezember wurde in den Straits SettlementS und in Hintcr- Indien der Text eines neuen Gesetzes veröffentlicht: ,Alicn Enemie5 (Winding up) Ordinance 1914". Dieses Gesetz bestimmt, daß alle feindlichen Firmen sofort zwangsweise zu liquidieren sind. Unter feindlichen Gesellschaften werden auch solche verstanden, die in den Königlich Großbritannischen Besitzungen als Aktiengesellschaften oder sonst eingetragen sind, falls wenigstens ein Drittel des Aktienkapitals oder der Aufsichtsrate deutsch oder österreichisch-ungarisch sind. Der Liquidator hat die Aufgabe, alle Werte zu verkaufen und die Firma oder Aktiengesellschaft aufzulösen. Er bekommt hierfür 2^ Prozent Kommission. Er hat dann seine Abrechnung einzuliefern und den Überschuß an eine von dem Gouverneur bestimmte Bank einzuzahlen. Sobald dieses geschehen ist, sind alle Bücher, Briefe und Belege, Abrechnungen und Dokumente, die einem derartigen Feinde oder der feindlichen Gesellschaft gehört haben, ebenso wie die Abrechnung des Liquidators selbst zu zerstören. Diese letztere Bestimmung ist bezeichnend für den Geist des Ganzen! Der Liquidator mag das ihm anvertraute Gut in schamloser Weise vergeuden, ohne befürchten zu müssen, daß er nach Beendigung des Krieges von den Geschädigten zur Verantwortung gezogen werden könnte: Die Beweise seines Naubco werden kraft Gesetzes vernichtet! Es muß hier hervorgehoben werden, daß die Kron-Kolonien nicht dem englischen Parlament unterstehen, sondern lediglich dem Kolvnial- amt, welches im Namen des Königs seine Verordnungen erlaßt. Das Vorgehen Englands zeigt einen Verfall der Rechtsanschauung der allerschlimmsten Art. Es ist den Machthabern der jetzigen englischen — 28 — Negierung vorbehalten geblieben, im Namen des Königs diese schlimmste Rechtsbeugung, die seit Bestehen der Zivilisation vorgekommen ist, vorzunehmen. Was heute den Deutschen widerfährt, kann morgen in einem anderen Kriege einer amerikanischen, italienischen, holländischen, dänischen, schwedischen oder norwegischen Firma passieren, ja, wenn einmal Frankreich oder Rußland Feinde der Engländer sind, ebensogut den Firmen dieser Länder. Der Aufenthalt in den Kron-Kolonien bietet keine Sicherheit mehr für irgend eine nicht englische Firma. , Die jetzige englische Regierung, die mit scheinheiliger Miene als Schützerin verbriefter Rechte in den Krieg eingreifen zu müssen behauptet hat, gibt durch den Erlaß dieser Verordnung zu erkennen, daß sie vor keinem Rechtsbruch zurückscheut." .... .... „Wie Indien, so wurde Irland behandelt. Millionen von Iren sind von ihrem Lande nach Amerika vertrieben. Was aber jetzt in Indien und den Kron-Kolonien sowie in den besetzten deutsch-afrikanischen Kolonien sich ereignet hat, ist nur mit dem Worte „Straßenraub" zu bezeichnen; nicht mehr dem Vorgehen eines zivilisierten Staates stehen wir gegenüber, sondern einer Horde Räuber, welche selbst ihrem Staate das Grab gegraben haben! England ist gerichtet, wird gerichtet bleiben, einerlei, wie dieser Krieg ausgeht. Der Geist, der aus den Verfügungen Englands spricht, zeigt den Verfall. Die Lügen, die mit Hilfe der britischen Kabel in die Welt gesetzt werden, zeigen Englands Schwäche. Nur der Starke kann sich der Lügen erwehren, der Schwache greift nach den? Strohhalm und versucht, sich an der Lüge zu halten! Englands Macht ist gebrochen, weil es nach den Willkürakten, die jetzt vorgenommen sind, als Staat aufgehört bat, unter den zivilisierten Staaten zu existieren." Soweit Herr Lohmann. Wie schmerzlich müssen Sie als modernen: Kulturmenschen diese Feststellungen des deutschen Kaufmanns berühren, gegen welche jede Verteidigung Englands unmöglich ist. Das Vorbild Englands erst gab den Franzosen und Russen willkommenen Anlaß, wehrlose Deutsche in einer bisher in der zivilisierten Welt unbekannten barbarischen Weise zu mißhandeln. Wenn auch nur ein Teil von dem wahr ist, was glaubhaft berichtet wird, so haben die — 29 — Hunnen cin Recht, sich gekränkt zu füllten, wenn man von modernen Hunnen spricht. Der Völkerhaß hat zu Handlungen geführt, die wir in unserer Zeit für unmöglich halten mußten. Das deutsche Volk hat nach der Richtung der Grausamkeit keine Vergeltung geübt, aber der von England entfachte Volks- und Wirtschaftskrieg mußte zu Gegen- maßrcgcln führen, die wir soweit möglich mit den Gesetzen der Menschlichkeit in Übereinstimmung halten. Ich glaube nicht, daß die Weltgeschichte ein Begebnis ausweist, das den frivolen und ungeheuerlichen Versuch Englands unser 70-Millionen- Volk auszuhungern, an die Seite gestellt werden könnte. Unmenschlicher und rücksichtsloser ist niemals ein Krieg geführt worden. Diese eine Tatsache rechtfertigt jede Gegenmaßregel Deutschlands gegen England Und damit wende ich mich dem Seekrieg zu. Daß England von seiner Übermacht zur See jeden Gebrauch macht, der die Deutschen schädigt, das ist sein gutes Recht. Hätten die Engländer unsere Häfen blockiert, unsere Flotte angegriffen, bombardiert und zerstört, was sie konnten, wir hätten uns nach Kräften gewehrt, und wenn wir unterlegen wären, war es Kriegsschicksal. Die Engländer haben unsere Häfen nicht blockiert, unsere Flotte nicht angegriffen, unsere Küsten nicht bombardiert — statt dessen haben sie lins die Zufuhr abgeschnitten, nicht nur an Kriegsmaterial, sondern auch an Nahrungsmitteln, nicht nur soweit unser Handel in Betracht kam, sondern auch unter einer Vergewaltigung der Neutralen, wie sie in dieser Brutalität völlig beispiellos ist. „Für Recht und Freiheit der Kleinen" will das „selbstlose" England den Krieg führen und wehe den Kleinen, die sich nicht blindlings den englischen Interessen fügsam zeigen. Entweder sie müssen Ausfuhrverbote gegen Deutschland erlassen, oder sie erfahren wider alles Völkerrecht die rücksichtsloseste Vergewaltigung ibres eigenen Seehandels. Da ist es denn begreiflich, daß den Neutralen die Augen aufgehen und sie Englands wahres Gesicht und seine wirkliche Absicht erkennen. Gelingt es England, Deutschland auf die Knie zu zwingen, so würde eine Zwingherrschaft über die Welt beginnen, wie sie nie zuvor bestand. Deutschland ist deshalb die Vormacht der Freiheit und des Rechts in der ganzen Welt. Je länger der Krieg dauert, um so allseitiger wird das erkannt werden. Wenn wir auch in der Notwehr Belgiens Neutralität verletzen mußten, so hat Deutschland doch stets bewiesen, daß seine Politik maßvoll blieb und alle internationalen Rechte und Pflichten achtet. Man kann das deutsche Volk verleumden, aber berechtigte — 30 — 'Angriffe, wie wir sie gegen England erheben, sind gegen uns unmöglich. Doch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird. Einem so rücksichtslosen Feinde wie England gegenüber, der unsere Vernichtung zum Ziele hat, müssen auch wir bis zur Vernichtung kämpfen. In einen, solchen Kampf ist jedes Mittel zulassig ^ durch Englands Schuld. ?u den merkwürdigen Eigenarten der Englander gehört es auch, daß sie es als selbstverständlich ansehen, daß sie alles tun, was ihnen nützt und ibren Feinden schadet. Wenn ihnen aber mit gleicher Münze heinigezahlt wird, dann schreien sie Zetermordio und erfüllen die Welt mit Klagen über Unbill, wäbrend sie selbst sich gebärden, als ob sie kein Wässerchen trübten. Wie lange die Welt sich durch dies Gebaren täuschen läßt, kann uns nebensächlich sein. Die Deutschen jedenfalls bleiben ganz kühl. Alles Schimpfen, alle Wut verfängt nicht mehr. Wir haben von den Engländern gelernt, alles zu tun, was unseren Feinden schadet und uns nützt. Wir brauchen unsere Waffen ebenso rücksichtslos wie die Engländer, bis wir ihnen das Schicksal bereiten, das sie uns zugedacht. Wir sind im zweiten Halbjahr des Weltkriegs. Was hat die englische Flotte bisher geleistet? Der Nubm der deutschen Marine erfüllt die Welt. Hat England Taten auszuweisen, die denen unserer Unterseeboote, der „Emden" nnd ihrer Restmannschaft, unserer Kreuzer und Hilfskreuzer gleichkommen? Wir baben die englische Küste beschossen, die deutsche ist noch unbeschädigt, London zittert vor unseren Luftschiffen, Berlin ist sicher. Und die Ausbungerung? Vorerst ist Englands Handel und Industrie durch den Krieg schwerer betroffen als Deutschlands Handel und Industrie, Teuerung und Arbeitslosigkeit herrscht bei Ihnen, nicht bei uns. Wie militärisch so halten wir auch wirtschaftlich und finanziell durch, das werde ich noch dartun. Englands Standpunkt ist, für sich alle Rechte, keine Pflichten, aber für die andern alle Pflichten, keine Rechte. Wir verlangen für uns, die gleichen Rechte, die England in Anspruch nimmt und wir werden das durchsetzen. Wenn England mit irgend einer Waffe uns so voraus wäre wie wir ihm mit Zeppeline und Unterseeboote, welchen Gebrauch würde England davon uns gegenüber machen? Mag man also vor Wut schäumen, das beirrt uns nicht, unsern Vorteil wahrzunehmen. Und die Neutralen? - 3l — Mögen sie Engtand in seine Schranken weisen, dann werden wir gewiß diese Schranken von selbst achten. Aber daß wir uns absperren und aushungern lassen, ohne jedes Mittel der Gegenwehr, dessen wir fähig sind, anzuwenden, das kann niemand billigerweise von uns fordern. Als der deutsche Admiralstab bekannt gab, daß die englische Admiralität den englischen Handelsschiffen geraten habe, neutrale Flaggen zu hissen, erfüllte mich große Besorgnis. Ich sagte nur, das kann nicht möglich sein - ich fürcbtete, daß unsere Marine falsch unterrichtet war. Aber jetzt ist die „Lusitania" auf Anordnung der englischen Admiralität unter amerikanischer Flagge in Liverpool eingelaufen und England hat den Flaggenbetrug amtlich zugestanden und zu rechtfertigen versucht. Wohin sollen wir kommen? Lassen sich die Neutralen von England alles gefallen, um sofort aufzubegcbrcn, wenn Deutschland sein Recht wahrt. Kein anderes Land würde durch eine Niederlage Deutschlands so schwer betroffen wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Und doch gibt es Yankees, die über den Einmarsch der Deutschen in Belgien nicht hinausblicken. Es ist als ob sie unter einer englischen Suggestion stehen. Ich fürchte fast, daß auch mein alter Währungsfrcund William Bryan zu diesen Kurzsichtigen gehört, obwohl gerade er in den Währungskämpfen das „perfide Albion" genau genug kennen gelernt hat. Aber Bryan gehört zu den Radikalen, welche über bestimmte Schlagworte nicht hinauskommen. Er ist Fricdensmann und als solcher Antimilitarist. So erscheint ihm der deutsche Militarismus als das Grundübel, wäbrend es in Wahrheit der militärischen Stärke Deutschlands allein zuzuschreiben war, Laß die Welt fast ein balbes Jahrhundert in Frieden verlebte. Als ich Bryan in Berlin ini Reichstagsgebäude herumführte, zog mit klingendem Spiele Garde vorüber. Das erregte Bryans Mißvergnügen, worauf ich ihm sagte, die dort unten wirken mehr für den Frieden als Sie mit all Ihrer Beredsamkeit. Jetzt ist Bryan Staatssekretär und er der Friedensmann duldet, daß die Vereinigten Staaten Waffen und Munition nach Europa senden und dadurch den Krieg ins Unendliche verlängern. Die Erbitterung, die über diese einseitige Begünstigung unserer Feinde in Deutscb- land immer stärker wird, kann schwere Nachteile in Zukunft für die > Vereinigten Staaten zeitigen. Bryan, einstmals der Vorkämpfer gegen Trustes und Großkapital, heute der Hörige der Waffenlieferanten! Die deutsche Bewegung in den Vereinigten Staaten ist im Begriff ein politischer Macbtfaktor zu werden. Verbunden mit den Jrländern — 32 - und den Juden sind die Deutschen nußer Zweifel imstande, die Wahlen ausschlaggebend zu beeinflussen. Die Fortsetzung der Waffenlieferung muß den Demokraten die Mehrheit kosten. Wie sich aber drüben die Gegensatze noch verschärfen können, bleibt abzuwarten. Wir sind den Deutschen dankbar, daß sie treu zu ihrem alten Vaterlande halten. Ihr Führer Barthold war immer ein nicht minder eifriger Friedensfreund wie Bryan. Er war auf allen interparlamentarischen Kongressen anwesend. Er ist ein echter Deutscher geblieben und ein treuer Amerikaner geworden. In der Bekämpfung der Waffenausfuhr verbinden sich die deutschen und die amerikanischen Interessen. Der Profit der Waffcn- fabrikanten kann nicht ini Verhältnis stehen zu den Schäden, ivelcl'c die Verlängerung des Krieges den Vereinigten Staaten bringt. Wie aber, wenn unvorhergesehen die Vereinigten Staaten selbst in den Weltkrieg hineingezogen werden, würden ihnen dann die Waffen und Munitionsvorräte nicht empfindlich fehlen, deren Ausfuhr zum einseitigen Vorteil einer der Kricgspartcien sie jetzt dulden, ohne zu erwägen, wie sehr das gegebene Beispiel künftig gegen sie angewendet werden kann. Man denke sich einen amerikanisch-japanischen Krieg und deutsche Waffen- vcrkäufc an Japan. Was du nicht willst, daß man dirs tu, das fug' auch keinem andern zu! Hofft man wirklich darauf, Deutschland aushungern zu können? Man hat uns die überseeische Zufuhr abgeschnitten, aber die deutsche Wissenschaft und die deutsche Technik sichern uns den Sieg. Wenn der Dreiverband nicht ohne amerikanische Munition auskommen kann, die deutsche Munitionsversorgung ist gesichert. Wir sind in der Lage noch abzugeben. Erst später wird einmal die Welt staunend erfahren, was die deutsche Industrie während des Weltkriegs geleistet hat. Wir werden auch nicht Hungers sterben, würden aber insgesamt lieber hungern als vor England kapitulieren. Die Vorsichtsmaßregeln der Behörden werden nirgends getadelt, weil sie störend empfunden werden, vielmehr nur, weil sie nicht weit genug gehen. Das Volk verlangt nach unbedingter Sichcrstellung der Ernährung, weil unter keinen Umstanden unsere Feinde uns auf diesem Umwege zu einem ungünstigen Frieden zwingen dürfen. Wir halten durch daheim, wie unsere Feldgrauen in den Schützengräben. Wir verlangen die Einschränkung der Ernährung, die Ausbreitung der Produktion, damit wir mir starken Vorräten in die neue Ernte hineingehen und auch die größte Mißernte überwinden können. Künftig ist unsere Ernährung vom Beginn der Ernte ab organisiert und damit unbedingt sichergestellt. Die Kartoffel — 33 — hilft uns jetzt und künftig durch. Die Deutschen sind ein Kartoffel essendes Volk. Wir haben gar keine Besorgnis, daß Englands Aue- bungerungspläne gelingen könnten. Aber ganz unbeabsichtigte, für Deutschland überaus günstige Wirkungen hat Englands Handelskrieg bereits gezeitigt, und wird er in verstärktem Maße auch künftig zeitigen. Zunächst ist zu wünschen, daß die durch den Krieg gebotene Einschränkung eine Rückkehr zu größerer Einfachheit und Bescheidenheit mit sich bringt. Dann aber zwingt England uns förmlich, uns auf die eigenen Füße zu stellen. Man macht uns zum „geschlossenen Handelsstaat". Das ist gerade für Deutschland mit seiner bisherigen Vorliebe für das Fremde und Auswärtige sehr segeno- reich. Welche Verblendung Englands, man will Deutschlands Handel schädigen und ruinieren und man stärkt ihn und gibt ihm noch viel festere Wurzeln. Das Freihandelsland England, das Land, das namentlich vorn Freihandel anderer Länder den größten Vorteil hat, wird durch den Weltkrieg den Freihandel völlig begraben. Bei uns in Deutschland ist sicher der Kampf um die Wirtschaftspolitik beendet. Was wären wir jetzt ohne unsere erfolgreiche Agrarpolitik. Sie hat die deutsche Landwirtschaft so leistungsfähig gemacht, daß die Aushungerung mißlingen muß. Und unsere Industrie, wo bliebe sie heute, wenn sie ausschließlich auf die Ausfuhr zugeschnitten wäre und die inneren Märkte ihr nicht durch den Schutzzoll gesichert waren. Ein fortschrittlicher Führer sagte mir kürzlich: „In den wirtschaftlichen Fragen müssen wir nach den Erfahrungen des Weltkrieges völlig umlernen". Ich zweifle nicht, daß das Wort auch für die Sozialdemokratie zutrifft, wenn nicht für die Führer, so doch jedenfalls für die Arbeiter, welche die hohe Bedeutung einer leistungsfähigen Landwirtschaft ebenso praktisch kennen lernten wie die Unzuverlassigkeit aller ausländischen Markte für unsere Industrie. Es ist schwer, sich die Zeit nach dem Weltkrieg vorzustellen. Nur das eine glaube ich sicher, daß, wie auch immer der Frieden ausfallen möge, die Folgen dieses Krieges nicht mit ihm selbst enden. Wir stehen mitten in der gewaltigsten Umwälzung, welche vielleicht jemals die Menschheit erfaßt hat. Der Riß, den Englands engherzige, kleinliche Politik des Neides gegen Deutschland in der ganzen Welt hervorrief, kann sich nicht so leicht wieder schließen. Daraus werden für England und seinen Handel schwere Nachteile entstehen müssen. Ein Zeitalter des Hochschutzzolls wird kommen. Aber das natürliche Austauschbedürfni? von Land zu Land wird bleiben. Und hier ist Deutschland England unendlich überlegen. Der europaische Kontinent mit Ausnahme des nach — 34 — Asien bingeneigten Nußland, hat nahezu übereinstimmende wirtschaftliche Bedingungen. Ganz anders die großbritannischcn Inseln, diese werden nicht auf die überseeische Aufuhr verzichten, gegen welche die kontinentale Produktion sich zur Wehr setzen muß. Hier ist Deutschland die natürliche wirtschaftliche Vormacht. Unsere enge Bundesgenrssen- schaft zu Österreich-Ungarn und der Türkei wird eine engere wirtschaftliche Verbindung mit diesen Landern zur Folge haben. Damit ist ein Wirtschaftsgebiet von ausschlaggebender Bedeutung geschaffen. Wie nach der Begründung des Jollvereins werden ganz von selbst dem Gebote der Selbstcrhaltung folgend die europäischen Staaten sich diesem großen Wirtschaftsgebiet angliedern müssen. Hierbei werden wir Gelegenheit finden, die Haltung der Staaten wahrend des Weltkrieges den Bedingungen zugrunde zu legen, welche wir ihnen in ihrer Stellung zu unserem Wirtschaftsgebiet gewähren. Wir werden langsam aber sicher die Ausschließung Englands von unserem Wirtschaftsgebiet erreichen, eine neue Kontinentalsperre auf der modernen Grundlage der freien Handelsbewcgung. Aber nicht nur wirtscbaftlich werden wir auch nach dem Kriege das „Los von England" fordern, sondern ebenso finanzpolitisch. Für uns muß London aufhören, der Weltbankier zu sein. Die Englander sind auch hier unsere Lehrmeister. Sie haben uns gezwungen, ohne ihren allmacbtigen Geldmarkt durchzukommen und wir sehen, es geht auch so. Auch hier beginnt eine neue -Zeit. Das deutsche Kapital hat schweres Lehrgeld zahlen müssen. Die Vorliebe der Kapitalsanlage im Auslande bat sich bitter geracht. Die deutschen Anleihen und Werte kommen wieder zu Ehren, auch der so schwer betroffene Ncalkredit wird schließlich bierauS Vorteil ziehen. Die ungeheure Sparkraft Deutschlands, der ausländischen Kapitalsanlage so gut wie beraubt, ermöglicht ohne Zerrüttung unserer Finanzen die Milliardenkosten des Weltkrieges aufzubringen. Unsere finanzielle Rüstung ist hinter unserer militärischen Rüstung nicbt zurückgeblieben, die Reichsbank hat dank der Vorbereitungen, die seit HavenstcinS Amtsantritt getroffen wurden, den Weltkrieg besser überstanden als die Banken von Frankreich und England. Wir balten auch hier durch. Sicher sind die finanziellen Anforderungen über alles bisherige Maß hinausgehend, aber das sind sie nicht bloß bei uns, das sind sie bei unseren Femden ebenso. Was diese leisten, leisten wir auch. , Wie kann der Weltkrieg enden? Einige meinen, so plötzlich, wie er begonnen hat. Das glaube ich nicht. Der Weltkrieg wird nur enden, wenn die Einsicht bei unseren — 35 — Feinden durchbricht, daß Deutschland nicht niederzuringen ist. Eigentlich sollte das heute schon jeder Einsichtige erkennen. Diese Erkenntnis aber müßte zu der weiteren Einsicht führen, daß alle weiteren Opfer nur die eigene Lage verschlechtern. Gewiß würden Nußland oder Frankreich heute bei einem Sonderfrieden besser fortkommen, als wenn sie einen Krieg fortsetzen, der, wenn die Niederringung Deutschlands unmöglich ist, nicht mehr ibren, sondern höchstens englischen Interessen dient. Allein auch England vergrößert mit jeder Kriegsstunde seinen Einsatz. Denn immer naher rückt die Gefahrdung des Suezkanals und der Angriff auf Indien. Mir scheints, als ob man in England Vogelstraußpolitik treibt. Man will die Gefahr nicht sehen und denkt, daß sie dann nicht existiert. Uns kann das recht sein. Wir vertrauen auf unsere Kraft. Unser Heer wird seine schwere Aufgabe weiter erfüllen, unsere Reichsgrcnzen schützen und Nußlands und Frankreichs halbzermürbte Heere vollends erledigen. Dabei werden wir auch mit den englischen Verstärkungen fertig. Unsere Flotte hat Großes geleistet. Indem sie bei Helgoland die Wacht halt, bleibt die Ostsee frei für uns und unsere Hafen blieben unblockicrt. Ein halbes Jahr nach Kriegsausbruch gibt es noch eine deutsche Flotte! Wer von den englischen Großsprechern hätte das vor dem Kriege als denkbar anerkannt, wenn selbst ein Mann von Ihrer vornehmen Jurüct- baltung immer und immer wieder seit langen Jahren als seine felsenfeste Überzeugung mir aussprach, daß das erste Iiel eines Krieges für England sein müsse, „die deutsche Flagge von der See zu entfernen". Und heute rät die englische Admiralität den britischen Schiffen betrügerischerweise die neutrale Flagge zu zeigen! Und England ist von den deutschen II-Boten blockiert! Wie weh muß das einem altbritischen Patrioten Ihrer Art tun. Ist es noch möglich auf Besserung zu hoffen, zu hoffen, daß dieser furchtbare Weltkrieg ein befriedigendes Ende finde, dem ein dauernder Friede folgt, in welchen! der Haß zwischen den Völkern wieder schwindet und wir wieder zu der Kulturgemeinschaft zurückkehren, die durch den Weltkrieg so furchtbar zerstört ist. Ich habe wenig Hoffnung nach dieser Richtung. Die Voraussetzung wäre eine Umkehr des öffentlichen Geistes in England. Die Engländer müßten das Unheil begreifen, das sie angerichtet haben, sie müßten den Betrug oder Selbstbetrug aufgeben, daß sie für Belgien, für Recht und Freiheit, gegen den Militarismus kämpfen. Das englische Volk müßte einsehen, daß es kein Vorrecht vor anderen Völkern, keinen Anspruch auf die Weltherrschaft zur See hat. Eine solche Gesundung der englischen — 36 — Volksseele halte ick nicht für möglich. Der sehr ernste Hintergrund dieses Weltkrieges scheint mir vielmehr eine imnier zunehmende geistige Zerrüttung des englischen Volkes. Das Treiben der Wahlwciber, die Ulstcr- krisiS waren bereits recht bedenkliche Anzeichen. Wird doch behauptet, daß die Furcht, daß die Ulsterkrisis zum Bürgerkrieg und zum Sturz des englischen Kabinets führen müßte, eine der Hauptursachen des Weltkriegs sei. Jedenfalls müssen Sie mir gestatten, so schmerzlich mir das Ihnen gegenüber ist, auch hierauf hinzuweisen. Vereinzelt dämmert auch in England die Erkenntnis des Kommenden. Es ist ein englischer Sozialdemokrat Walter Newbold, der im „Labour Leader" schreibt: „England habe sich zum Kriege entschlossen, weil sich die Scharfe der fremden Konkurrenz auf den: Weltmärkte schwer fühlbar machte. Wahrend Belgien und Frankreich ihre Arbeiter in den Schützengraben schicken, prunken wir mit dem Motto: „Geschäft wie gewöhnlich wahrend der Änderungen der Landkarte Europas". Unsere Verbündeten werden subventioniert, und Nationen, die sich durch alte Rassenfehden zum Abgrund treiben lassen, werden mit Anleihen und Versprechungen zur Beteiligung an dem Konflikt angespornt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß am Ende des Krieges die europaischen Nationen bis an den Hals bei uns verschuldet sein werden oder daß sie von unseren Kapitalisten den Wiederaufbau ihrer Industrie und ihres Handels erwarten werden. Unsere ganze Geschichte schreit zum Himmel, daß es immer so war. Die deutschen Ökonomen, Staatsmanner und Militärs haben diese Lehre in unserer Geschichte gefunden, und die Franzosen werden, wenn ihre Finanzleute mit den unscrigen um die Fleischtöpfe Nußlands, Afrikas und des Orients wetteifern werden, diese Lehre wieder entdecken. Belgien wird uns einst noch verfluchen. Alle Nationen beginnen uns zu durchschauen, und wenn sie sich zusammentun, wird keine Flotte und kein Heer dieses durch das Schwert gewonnene und durch das Schwert zusammengehaltene Weltreich vor dem Untergang retten. Wir verteidigen Belgien, weil es das jenseitige Ufer des Kanals und die Mündungen der Schelde und des Rheins überwacht. Wir sind Verbündete Portugals, weil es uns eine Hintertür nach Spanien offen- bält. Wir begönnerten Italien, weil es eine Drohung gegen Frankreich und Österreich-Ungarn bildete. Wir waren der Pate Japans, weil es eine Fehde mit Rußland hatte und weil es jetzt die Vereinigten Staaten in, Auge behält. Wo sind aber unsere Bemühungen für Finnland, für die kleinen Balkanvölkcr, für Persien, für die Ägypter, für - 37 — die Mauren und die Buren? Wir mögen manche Völker allezeit und alle Völker eine Zeitlang zum besten halten, aber wir werden nicht mehr sehr lange alle Völker zu Narren halten." Ich möchte hier noch ein anderes Beispiel anfügen zum Beweise, daß die gesunde Vernunft in England doch noch zu ihrem Rechte kommt. In den liberalen „Daily News" findet sich ein offener Brief, den ich Ihnen zuschreiben würde, wenn Ihr Brief an mich nicht leider so entgegengesetzte Auffassungen enthielte. In diesen? Brief wird der entscheidende Punkt hervorgehoben. Die gewissenlose Hetzprcsse trägt eine Hauptschuld an diesem furchtbarsten aller Kriege. Daß auch hier England in erster Reihe steht, beweisen die nachfolgenden Ausführungen Ihres Landsmanns in den „Daily News" über Lord Northcliffe als Kriegsstiftcr: „Wer die Laufbahn Nortbcliffes überblicke, werde schwerlich eine Tat für das allgemeine Wohl, für die Ideale der Menschheit darin finden können; „aber er wird keine Schwierigkeit haben, auf die Kriege hinzuweisen, die Sie angestiftet haben, auf den Haß, den Sie gesät, auf die Sache, die Sie verlassen haben, auf Ihre Fälschungen, die Sie überall verbreiteten. Sie haben all das getan, nicht weil Sie irgendeinen Glauben batten, nicht, weil Sie irgendein Prinzip hochhielten. Sie haben das alles getan, weil Sie den Erfolg suchten, und der Erfolg ist das einzige, wovor Sie Achtung haben unter all den Geheimnissen und Heiligkeiten des Lebens. Als Sie den Krieg gegen die Buren predigten, war es nicht, weil Sie die Buren haßten und England liebten; es war nur, weil Sie Ihre Zeitungen zu verkaufen verstanden. Als Sie den Krieg gegen Frankreich predigten und verkündeten, wir würden Frankreich „mit Schmutz und Blut bedecken" und seine Kolonien Deutschland geben, geschah es nicht, weil Sie irgend etwas gegen Frankreich hatten, sondern weil Sie wußten, wie man die Augenblicksleidenschaftcn des britischen Pöbels ausbeutet. Als Sie auf die schwersten Maßregeln gegen Rußland drangen, wegen des Unfalls in der Nordsee, da wußten Sie sehr wohl, daß da nur ein Versehen vorlag. Aber Sie wußten auch, daß das Kriegsgeschrei Ihnen eine gute Reklame für Ihre Zeitungen gab. Als Sie im vergangenen Frühling durch Ihre Zeitungen von den „Times" abwärts den „Bürgerkrieg" prophezeien ließen, da kümmerten Sie sich nicht um das Wohl des Landes und um die Parteien. Das Vaterland schiert Sie nicht, und Sie haben mit allen Parteien kokettiert. Ja sogar Ihre Neigungen reißen Sie so ohne jeden Grund aus Ihren, Herzen wie Ihren Haß. Als Sie den Kaiser mit kriechender Bewunderung umgaben, als Sie ilm „unsern Freund in der Not" nannten und für ein Bündnis mit Deutschland eintraten, da geschah das nur, um Ihre Predigt zum Krieg gegen Frankreich wirksamer zu machen. Mit einem Wort: Sie waren durch zwanzig Jahre der journalistische Brandstifter in England, ein Mann, stets bereit, die Welt in Flammen zu versetzen, um daraus ein Ieitungsplakat zu machen." Der Verfasser führt dann weiter aus, wie der jetzige Weltkrieg eine Lieblingsidee des Aeitungsmagnaten gewesen sei, und wie er jetzt triumphiere, daß er und seine Zeitungen richtig prophezeit haben. Aber die Anklageschrift schließt mit den Worten: „Der Krieg wird vielen Dingen ein Ende bereiten, und unter diesen wird sich, so dürfen wir hoffen, auch das Ende des unheilvollsten Einflusses befinden, der jemals die Seele des englischen Journalismus verdorben und vergiftet hat." Wie ist noch eine Hoffnung auf rechtzeitige Hilfe, wenn die Möglichkeit einer richtigen Einschätzung der Verhältnisse in England fehlt? Dann muß eben das Verhängnis seinen Gang gehen. Deutschland ist jugendlich stark und kerngesund, der Weltkrieg hat unsere Lebenskraft auf allen Gebieten gesteigert, England ist in? Niedergang, sein Weltreich ist überall ini Zerfall. Noch pocht es auf Macht und Reichtum, wie einst Karthago. Wir sind das Rom der Neuzeit, England das moderne Karthago. Und was im Altertum geschah, wird jetzt sich wiederholen. French ist kein Hannibal, aber selbst wenn er es wäre, das Schicksal laßt sich nicht aufhalten. Der Sieg ist bei Rom und Deutschland! Wesseu das Herz voll ist, geht nicht nur der Mund, sondern auch die Feder über. Aus einem Brief ist eine Schrift geworden. Ich wollte Ihnen meine Gedanken darlegen, um Ihnen zu zeigen, wie man in Deutschland während des Weltkrieges denkt und empfindet. Sie kennen mich seit lange und wissen, wie frei ich mich von nationalen Vorurteilen zu halten suchte. Gewiß das gelingt niemand ganz, das beweisen mir Ihre Darlegungen, die mich zu dieser Schrift veranlaßten. Es wurde mir dann beim Schreiben selbst zum Bedürfnis, unseren deutschen Standpunkt denen darzulegen, die über den Weltkrieg namentlich im Auslande auf einseitige deutschfeindliche Darstellungen angewiesen sind. Ich hoffe daß die zahlreichen Männer, mit denen ich so oft auf den interparlamentarischen Konferenzen bemüht war, die Schrecken des Weltkrieges von uns fernzuhalten, nun da wir mitten im Gewitter stehen und das Ende des Unwetters noch nicht abzusehen vermögen, doch meine Stimme gern hören werden, wie ich auch von Ihnen — verehrter Freund — erwarte, daß Sie, so schmerzlich Sie meine Worte empfinden, doch — 39 —I wie bisher so auch künftig mit mir das Banner der Menschenliebe hochhalten, das keine Grenzen und keine Volker kennt, sondern nur das Streben zum Guten und Edlen. Lassen Sie uns nicht zu sehr trauern über den Weltkrieg, er ist vielleicht gerade der Weg, den die Vorsehung einschlagen mußtc/M durch ein Feuerbad die Menschheit zu reinigen. Die deutsche Menschheit ist sicher reiner und besser geworden durch den Krieg. Auch das eMM mich mit Zuversicht für die Zukunft. Ein Volk, das leisten konnte; was das deutsche Volk in den ersten acht Monaten des Weltkrieges geleistet hat, kann nicht zugrunde gehen. Deutschland geht aber lieber zugrunde, ehe es den Weltkrieg ohne Sieg abschließt. Deshalb halte ich den deutschen Sieg für sicher. Wie unsere Feinde sich mit diesen Tatsachen abfinden, ist ihre Sache. Noch scheinen sie voller Illusionen m sein, es wird ihr Vorteil sein, wenn sie sich davon frei machen. Sie haben mir geraten, zur Rettung Deutschlands beizutragen, indem ich für den Frieden arbeite, durch den Deutschland nutzloses Blutvergießen ein Ende machen könnte. Ich wünsche, daß Deutschland bis zum letzten Blutstropfen kämpft, ehe es vor seineu Feinden schimpflich kapituliert. Ein Frieden ist erst möglich, wenn die UiwesiegbarkeitDeutschlands von allen seinen Feinden anerkannt wird. Sie können Ihrem Vaterland keinen größeren Dienst erweisen, als wenn Sie wenigstens dos' Ihrem Volke klar machten: „Wir müssen Deutschland vernichten, wenn wir nicht einen Frieden schließen, der Deutschland vor ähnlichen Kriegen schützt, wie der gegenwärtige." Kann England Deutschland vernichten? Das halte ich für ebenso unmöglich, wie mir das Umgekehrte möglich erscheint, nämlich daß Deutschland England vernichten kann. Englands Feindschaft gegen Deutschland hatte so wenig tatsächlichen Grund und war so verderblich für das englische Volk, haß ich keine andere Erklärung dafür finde als das alte Worte, wen die Götter verderben wollen, den verblenden sie. Vom Kriegsbeginn an beweist alles eine unbegreifliche Verblendung der sonst so nüchternen und berechnenden Engländer. Verblendung, Verblendung, nichts als Verblendung die ganze cnglischePolitik, die den Weltkrieg herbeigeführt. So wird denn auch der Verblendung das Verderben folgen, so muß sogar das Verderben als Strafe für die furchtbare Blutschuld des Weltkrieges folgen, sonst gibt es keine himmlische Gerechtigkeit. Berlin, Anfang März 1915. Gestatten Sie, daß icy als Anhang einen Aufsatz anfüge, den ich nach Beginn des Türkenkrieges schrieb und der am 29. November 1914 im „Tag" erschien. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich beim Schreiben an Sie und an unsere häufigen Unterhaltungen über die orientalische Frage dachte. Anhang, von Disraeli bis Grep. Englands Niedergang. Ob der Krieg der Türken gegen den Dreiverband nicht doch noch bei vielen Englandern Erinnerungen wachrufen wird an die ruhmreiche Vergangenheit Großbritanniens? Welche Verwirrung aller Begriffe muß an der Themse eingetreten sein, um es dahin zu bringen, daß England als Verbündeter Rußlands diesem den Weg nach Konstantinopel zu öffnen bereit ist und einen Kampf auf Tod und Leben mit dem Islam beginnt! Hat man in London nicht gewußt, daß der Krieg mit Deutschland hierhin führen muß, dann war man blind, hat man es gewußt und dennoch den Weltbrand entzündet, dann war man verblendet, und die Götter verblenden, wen sie vernichten wollen. Ein Mcnschenalter liegt zurück, da war der letzte Russisch-Türkische Krieg schließlich mit Hilfe der Rumänen siegreich für die Russen verlaufen. Angesichts Konstantinopels aber fielen den russischen Siegern die Engländer in die Arme. Disraeli, der weitblickende Imperialist und Tory-Führer, war zum Kriege bereit, uni den Russen den Jutritt zum Mittelmccr zu verwehren, wozu ihnen Grey jetzt helfen will. Waren doch im Krimkriegc die Westmächte nach Sebastopol gezogen und hatten Glut und Blut daran gesetzt, die Öffnung der Dardanellen zu hindern. — 41 — Gegenwärtig aber kämpfen Engländer und Franzosen an der Seite der Russen, um ihnen den ersehnten Durchgang durch die Dardanellen zu gewinnen. Wohin hat der Deutschenhaß in London und Paris geführt? England, „die größte mohammedanische Macht" unter Disraelis kluger Leitung, der mächtige Schutz des Islams, ist heute durch Grey in einen unabsehbaren Gegensatz zu der gesamten islamitischen Welt gebracht. Hat die Schicksalsstunde Großbritanniens geschlagen? Auf der Berliner Konferenz erschienen Disraeli und Gotschakow als Gegner, und Bismarck war es, der als . ehrlicher Makler" den drohenden Krieg zwischen England und Rußland hinderte. Dadurch wurde für die Welt und für England damals der Friede gerettet, aber auch der erste Riß in die bis dahin so feste russisch-deutsche Freundschaft gebracht. Warum hat Grey nicht 1914 gehandelt wie Bismarck 1878? England batte die Macht, aber nicht den guten Willen, um 1914 wie Deutschland 1878 den Weltkrieg zu verhindern; schon dadurch ist es der Schuldige am Kriege, der ohne die Dreiverbandspolitik König Eduards und Greys niemals gekommen wäre. Was kann England von diesem Kriege erwarten? Die Möglichkeit seiner vernichtenden Niederlage liegt offen zu tage. Die Übermacht zur See hat nicht zur Vernichtung der deutschen Flotte geführt, die eines Tages siegreich sein könnte, und das wäre der Todesstoß für das britische Weltreich. Englands Seegeltung ist durch die deutschen Kreuzer Minen und Unterseeboote bereits schwer erschüttert, sein Handel empfindlich geschädigt. Das englische Landheer kämpft im Norden Frankreichs einen Verzweiflungskampf, indische Hilfsvölker heranzuziehen, war nicht nur vom Standpunkte der Kultur aus ein Verbrechen. Aber freilich das Bündnis mit Japan wird dereinst die Weltgeschichte noch schwerer verurteilen. Es ist eine jener Taten, die schon an sich selbst ihre Strafe enthalten — wie die Wechsel, die ein Bankrotteur dem Wucherer in vielfacher Höhe der erhaltenen Summe ausstellt. Das allein sichere Ergebnis für England aus diesen, Kriege ist der nie wieder auszugleichende Haß des gesamten deutschen Volkes. Kann es einen Siegespreis geben, der das ausgleicht? Das deutsche Volk kann man nicht vernichten, und solange es Deutsche gibt, sind diese unversöhnliche Feinde der Engländer. Dieses furchtbare Verbängnis hat Grey heraufbeschworen; um der nur eingebildeten Gefahr von Deutschland zu entgehen, hat er die wirkliche deutsche Gefahr geschaffen. Denken wir uns die Verbündeten siegreich, obwohl dies heute kaum noch denkbar erscheint. — 42 — Nehmen wir aber an, das Unmögliche wird möglich. Die Englander zwingen Deutschland auf die Knie, der erhoffte „Friede in Berlin" wird geschlossen. Welchen Siegespreis hat England zu erwarten? Die Beseitigung des „deutschen Militarismus"? Kann man ein Gespenst töten? Der deutsche Militarismus ist ein Spuk in den verwirrten Köpfen unserer Feinde. Eine Tatsache aber ist bei uns das Volk in Waffen. Das kann keine Niederlage, kein Friede beseitigen. Das deutsche Volk müßte vom Erdboden verschwinden, sonst wird es nie aufhören, ein Volk in Waffen zu sein. Man möge sich in England der Vorgänge vor hundert Jahren erinnern. Aus der Niederlage vön Jena heraus entstand bei uns das Volk in Waffen, das bei Leipzig Napoleon schlug und bei Waterloo die Englander rettete. Das deutsche Volk würde nach einer Niederlage nur noch furchtbarer für seine Feinde werden. Eine Niederlage Deutschlands beißt nicbt, den Krieg beenden, sondern ihn verewigen. Nur der deutsche Sieg kann der Welt wieder den Frieden bringen, wie der deutsche Sieg von 187V mehr als vier Jahrzehnte Weltfrieden brachte, bis England die „Einkreisung" Deutschlands zum Aiel einer ebenso verblendeten wie verhängnisvollen Politik machte. Die Weltstellung, die England bisher hatte und im Einvernehmen mit Deutschland kampflos dauernd behaupten konnte, wird es niemals wieder zurückgewinnen können. Mit Deutschland würden nun auch Österreich-Ungarn und die Türkei zerschmettert. Damit aber wäre das europäische Gleichgewicht zerstört, dessen Aufrechterhaltung für England eine Lebensbedingung ist. So arbeitet und kämpft England für seinen eigenen Untergang. WaS ein siegreiches Nußland für England bedeuten würde, ahnen ja bereits noch nicht ganz verblendete Engländer. Sie wollen Deutschland nur vom „Militarismus" befreien und dann Mit Deutschland vereint den großen Kampf gegen Nußland kämpfen. Daß die siegreichen Verbündeten England und Rußland ebenso wie die Balkanstaaten nach dem Balkankrieg schon bei der Verteilung der Beute zum Kampfe untereinander kommen müßten, ist sicher, ebenso sicher aber ist, daß das besiegte Deutschland in jedem künftigen Kriege Englands der Bundesgenosse seiner Feinde sein würde. Außer Rußland wartet auch Japan auf seine Stunde. England hat ihm die Wege geöffnet, England trägt die Verantwortung für die Völkerkriege, die durch Japans Hereinziehung in den europäischen Krieg noch nötig werden. Aber vielleicht wird hier wenigstens den Engländern — 43 — unrecht getan. Vielleicht waren sie es nicht, die Japan riefen, vielleicht war Japan es, das sich drohend aufdrängte, und England war bereits so weit am Niedergang, daß es sich die verderbliche Freundschaft der Japaner gefallen lassen mußte, eine Freundschaft, die gar leicht und vielleicht schneller, als man heilte ahnt, zur Feindschaft wird. Denn wenn Englands Sterne sinken, werden die Japs die ersten sein, die sich zum Raube einstellen. Zu spat wird man in England einsehen, wieviel gefährlicher für Großbritanniens Weltherrschaft die Japaner sind im Vergleich zu den friedliebenden Deutschen. Disracli machte Großbritannien zur Weltmacht, ließ Konigin Viktoria zur indischen .Kaiserin krönen und machte den Schutz des Islams zum Angelpunkt der britischen Politik. Noch bei Faschoda trat England Frankreich entgegen, dann begann die Angst vor Deutschland die Geister zu verwirren. In der Marokkopolitik beging England den ersten, verhängnisvollen Fehler, denn um sich mit Frankreich gulzustellen, überließ man es den Deutschen, für den Islam einzutreten. In dem Maße, wie sich England auf die Einkreisungspolitik einließ, suchte Deutschland seine Stellung in der Türkei zu festigen. Der Dreibund ini Einvernehmen mit der Türkei war unangreifbar. Auch als der deutschfreundliche Sultan Abd-ul- .Vamid gestürzt wurde, waren die Jungtürken viel zu einsichtig, um zu verkennen, daß die Türkei verloren ist, wenn die Deutschen dem Ansturm Rußlands erliegen. So mußte der Balkanbund als Mine fliegen. Und diesmal hatte die Niederlage der Türkei den Dreiverband zum -Ziel gefübrt, wenn nicht der Kampf um die Beute entstanden wäre. Der zweite Balkankrieg fübrtc zur Wicderaufrichtung der Türkei durch die Zurückeroberung von Adrianopcl und zur unversöhnlichen Feindschaft zwischen Bulgaren einerseits und Serben und Griechen andererseits. Dadurch war eine einheitliche Haltung der Balkanstaatcn unmöglich gemacht und den Türken wieder Bewegungsfreiheit gegeben. War Grey sich im unklaren über die Rückwirkung des europäischen ^rieaec- auf dem Orient, oder hat er unter der Suggestion der deutschen Gefabr die erste Eigenschaft eines leitenden Staatsmannes verloren, die Forderungen des Tages an dem Maßstabe der dauernden VolkS- intcrcsscn zu messen? Bezeichnet DiSraclis Politik den Aufstieg Englands und war im Hinblick auf die imperialistische Politik die Freundschaft mit dem Islam die Grundlage seiner Erfolge, so hat Grey durch seinen Haß gegen Deutschland diese Grundlage beseitigt und damit die Axt an das großbritanniscbc Imperium gelegt. In Indien und Ägypten, in Nord- und Mittelafrika, in Persien und Arabien droht zugleich der — 44 — Kampf des Islanis gegen England. In Südafrika ist die Burenbewegung wiedererstanden. In Australien wird die gelbe Gefahr früher oder später die Strafe für das jetzige Gcwährenlassen der Japaner bringen. Die Vereinigten Staaten von Amerika aber erkennen auö der brutalen Vergewaltigungspolitik Englands, was sie von einein siegreichen England zu erwarten haben. Auf Grey wird die Geschichte den Niedergang des britischen Weltreiches zurückführen. Vielleicht kam auch ihm der Orakelspruch, wenn er den Krieg begönne, würde ein Reich zerstört werden, aber das Reich war nicbt das deutsche, sondern das englische, das an eigener Schuld und unter der Wucht verhängnisvollster politischer Versündigungen dem Untergänge entgegengeht. Das, nicht die Beseitigung des ..deutschen Militarismus", bringt der Welt wieder Frieden und ein Zeitalter kultureller Blüte. Politik, Verlagsanstatt und Buchdruckerei, Berlin VV S7 Was lehrte uns bisher der Weltkrieg militärischNeues? Eine zeitgemäße Betrachtung von einem hohen Offizier Einzelpreis: 1 Mark Die englische Invasion in Deutschland Von einem französischen Generalstabsoffizier Mit einer Karte. 2. Auflage. Die erste Auflage war in S Tagen vergriffen. Fm ganzen ist die Broschüre jedenfalls ein erneuter Beweis von dem Geiste erstarkter Zuversicht und Aktivität, von dem das französische Volk und siecr neuerdings wieder beseelt ist. Angesichts dieser sich Häusenden Snmptome gilt es für uns Deutsche mehr als je auf der Wacht zu sein, um strategischen und politischen Angriffsabsichten etwaiger Gegner, seien sie vereinzelt oder kombiniert, mit Ruhe entgegensehen zu können. Politik, Verlagsanstatt und Buchdruckerei, Berlin VV S7 25. und 26. Tausend: Englands Weltherrschaft und die deutsche „Luxusflotte" von Lookout Preis 80 Pfg. Einige Preßstimmen: Die „Tägliche Rundschau" schreibt über die Broschüre In einem Leitartikel! „Englands Weltherrschaft und die deutsche Luxusflotte." Unter diesem Titel ist soeben eine Schrift erschienen, die zur passenden Stunde einen flammenden Mahnruf an das deutsche Volk richtet, den englischen Zreundschaftsbewerbungen gegenüber aus der Yut zu bleiben und um der Liebe zu Heimat, Haus und Herd unsere» bewährten Rüstungspvlitii treu zu bleiben, deren sicherer Lohn uns schon in wenigen gahren winkt. Wer ist „Lookout", der Versasser dieser mit packender Beredsamkeit geschriebenen Blätter? Er verschweigt uns seinen wahren Namen, aber schon vom Lesen der ersten Zeilen an zeigt es sich, datz hier ein starker, weitichauender Geist zu uns spricht. Aus einer reichen Fülle von Wissens-rfahrung und Beobachtungsgabe heraus welsz er es uns von Anfang an In den Bann sslner Ideen zu zwingen, feinem Seherblick zu folgen, der Ihn aus den Lehren vergangener Zeiten die ernsten gelchen und Gefahren der Gegenwart klar zu deuten gelehrt hat. Der „Berliner Lokalanzeiger" urteilt über die Schrift In einem „Eine Meister» feder" betitelten Artikel- Jeder Bekannte, der ein halbwegs eifriger Leser ist, stellt seit einigen Wochen beim Begegnen die Frage: „Wer ist Lookout, der Verfasser der Schrift „Englands Weltherrschaft und die deutsche Lurusslotte?" Klareres, Deutscheres und Männlicheres Ist wohl lange nicht geschrieben worden. Die „Magdeburgische Zeitung" schreibt: Möcht« die vvrtresfllche Schrift von vielen gelesen und zum Gegenstand« de» Ueber- legung gemacht werden. Die „Dresdener Rachrichten" schreibt: VIe Broschüre kommt zur rechten Zelt, sie ergänzt In weitestem Matz« die bisher vorliegenden Arbeiten über unsere Beziehungen zu England, sie ist angesichts der schwebenden Verhandlungen über ein neues deutsch-englisches Abkommen «in Weckruf, der sich an das ganze deutsch« Volk richtet. „Der Tag" schreibt: ......aber bis In diesen Tagen erschienene Broschüre von Lookout mutz man unter allen Umständen kennen: die knappen öv Selten, die sie umsatzt, liest man In «>n«r guten halben Stunde herunter. Unser Anonymus verfügt außerdem über eine geradezu beneidenswerte Belesenheit, und darum allein schon möchte Ich da» Büchlein iederniann «mplehlen.