des französischen Krieges von Ludwig Äamberger. Zur Naturgeschichte des französischen Krieges von Ludwig Kamberger. Leipzig Ernst Günther's Verlag 1871. Borrede. Die folgenden Aufsätze wurden unter dein Titel „Material zur Völkerpsychologie" iu der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht, während der Krieg gegen Frankreich noch im Gange war. Die beiden ersten Nummern erschienen Anfangs November 1870, die späteren nach längerer Pause Ende Januar 1871, Niedergeschrieben wurde der größte Theil der Arbeit zwischen November nnd Deeember, vollendet drei Wvcben bevor Paris in die Hände des deutschen Heerführers eapitulirte. Die gesammte Schlußkatastrophe, die Herrschaft der Commune, liegt also ganz außerhalb des Gesichtskreises der Beobachtung und Betrachtung. Vielfacher Wechsel des Aufenthaltes und der Beschäftigung gestatteten mir leider nicht, allen zu- dem Zwecke zusammengetragenen Stoff mit beabsichtigter Vollständigkeit wiederzugeben, dock ist er überall zur Ziehung der Resultate mitverwerthet. Ihn bei dieser zweiten Veröffentlichung des weiteren auszunützen, würde über den gegenwärtigen Vorsatz einer einfachen Zusammenstellung der nacheinander erschienenen Theile allzuweit hinausführen. Was von Wahrnehmungen Dritter eingeflvssen, beruht auf frisch nach den Erlebnissen gemaebten Aussageu zuverlässiger Personen, die aus eigener Wahrnehmung Zeugniß gaben, und deren Mittheilungen ich sofort zu Papier brachte. Um mit dem richtigeil Blick das Charakteristische in den Manifestationen des öffentlichen Geistes zu gewahren (denn darum handelte es sich hier), mußte man die Franzosen ganz genau aus eigenem Erlebniß kennen und durste dennoch nicht Franzose sein. Wie ohne diese zweifache Vorbedingung die Aufgabe nicht gelöst — II — werden konnte, so lag in deren Vorhandensein die Aufforderung zum Versuch. Freilich konnte eingewendet werden, daß auch ein Deutscher seinerseits wieder zu sehr Partei sei. Aber einmal paßt das überhaupt nicht auf uusere so sehr zur Selbstkritik hinneigende Denkweise; und zum andern lebt nothwendig in der Empsiuduug eines Jeden, der lange uud gerne in jenem Lande geweilt, das Andenken an die jetzt total abgewandte Lichtseite des französischen Wesens nachhaltig fort, so daß ihm vorgefaßte Unguust zur moralischen Unmöglichkeit wird. Manches Urtheil übrigens, das vor zwei Monaten Einem oder dem Andern noch scharf erschien, erregt heute gewiß keiueu Anstoß mehr. Vor der Kritik, welche die Geschichte der Commuue zu der Geschichte des öffentlichen Geistes in Frankreich geliefert bat, erblaßt jeder geschriebene Kommentar. Denn er war es, der Geist dieser Commnne war es (wenn es erlaubt ist, hier vou Geist zu reden), der seit Ausbruch des Krieges, namentlich aber seit dem Sturz des Kaisers, die Mitherrschaft über Paris und dadurch über das Laud führte. Er drückte auf die Regierungen und auf die Regierten. So lange man im Kampfe mit den Deutschen lag, fanden Unterdrücker und Unterdrückte ihre Rechnung darin, die Spitze aller uneingestehbaren dunkleu Triebe gegen den Ausländer zu kehreu. Was vön Decla- matiou, Prahlerei, Rachegefühl, Bosheit und Eigennutz da war, richtete sich zunächst gegen die Deutschen. Jene Verachtung von Menschenwohl, mit der ein hoffnungsloser Widerstand noch Monde lang fortgesetzt wurde, hat sich iu dem fünften Akt dieser grausamen Tragödie nicht bloß als Gleichgültigkeit, sondern als Feindschaft gegen die gesammte bürgerliche Existenzweise enthüllt. Bis zur Kapitulation mit dem deutschen Hauptquartier ging das Alles als „admirabler Patriotismus" mit. Aber schou als Thiers Eude November in Versailles unterhandelte, sprach er un- verhüllt von den „Cvquius", während drinnen in Favre's Lobgesängen derselbe Urstoff als das sublime Volk figurirte, welches der Welt die bekannte unablässige Bewunderung abzwang. Regierung und Bürgerschaft vergoldeten sich mit diesem Wortgepränge die Ketten der schmählichen Sclaverei, die sie als gerechte Strase für die phrasenhafte Vergötterung aller niedrigen Volksleidenschaften trugen und hofften sich nnd das Ausland über ihre Erniedrigung zu tauschen. Man sollte es nicht glauben, uud doch ist es wahr, daß bis kurz vor dem Sturz der Commune viele Pariser, die ihrer Bildung und ihren Juteressen nach weit von dem tollen Wesen abstanden, doch von jener Horde kannibalischer Possenreißer als von den Vertretern eines politischen Gedankens sprachen und zu verstehen gaben, ohne die Dazwischenkamst gewisser principieller Meinungsverschiedenheiten wäre die Commnne nicht zum Bruch mit der Nationalversammlung gekommen! So war jede Urtheilsfäbigkeit schließlich abhanden gekommen und bloß das Bedürfniß der Selbsttäuschung ins Unendliche geblieben. Auch hatte der ewige und krasse Wechsel des Regiments jede Vorstellung von dem, was Sinn und Dauer in sich trägt, der Art verwirrt^ daß man mit jeglicher Herrschaft als einer möglicher Weise bleibenden seinen Frieden zu machen und zu halten Lust fühlte. Hoch und Niedrig haben viele klnge Worte verschwendet, um in die Commune einen tieferen Sinn hineinzulegen. Wer die treibenden Menschen und die Vorgänge mit einiger Sachkenntniß anschaute, konnte auch uicht einen Augenblick über die Inhaltslosigkeit des ganzen Beginnens im Zweifel sein. Das Anknüpfen an die 1793er Commune war nur eine äußerliche Wenduug, um in Paris eine socialistische Gewaltherrschaft zu rechtfertigen, welche niemals auf den Willen des Landes hätte gegründet werden können. Und nicht einmal eine sociale Theorie war in diesen leeren Köpfen, die eigentlich nur Paris so zu sagen in ihre Tasche — IV — stecken wollten, für den Fall des Gelingens auch noch einige andere Staate. Diese Absicht war sogar neben den Brandstiftungen des Schlusses die einzige originelle Seite in allen seit dem 4. September unternommenen Erperiinenten. Im Uebrigen nichts als ewige Plagiate ohne die geringste Schöpferkraft. Wie das zweite Kaiserthum das erste nachäffte, so eopirten die verschiedenen Parteischattirungen nach einander ihre alten Vorbilder; Diese die Girvnde, Jene die Jakobiner, Andere die Commune von 1793, und dann travestirten sie sich in ihrer kurzen Aufeinanderfolge wieder wechselseitig. Jules Favre lies; Napoleons Papiere veröffentlichen und . Assi die Papiere Favre'S. Alles Entrüstungsgeschrei, das Gambetra gegen Verrath, gegen die Verletzung der Genfer Convention, gegen die Tödtnng von Weibern und Kindern losgelassen hatte, ließen Assi und Consvrten wieder gegen Favre und Thiers los, lind die famose „gusri-s A, nutrÄuc«?", welche Gambetta gegen Deutschland gepredigt, wnrde schließlich das Feldgeschrei der Commune gegen Versailles. Clüseret und Rössel wurden eassirt wie Trochu und AurelleS, Thiers und Favre als Neproduetiou des „Tartuffe Guillaume" und „Mvustre Bismarck" dem Hasse der Mit- lind Nachwelt überliefert. Das Petroleum, welches die Republik dein Schwarzwald bestimmt hatte, wurde voll der Commune aufs Stadthaus applieirt. Es steht noch dahin, ob iu Frankreich selbst aus der Art, wie seit Jahresfrist obenauf geweseue Schichten stets von ihren jeweiligen Nachfolgern karrikirt wurden, das politische Urtheil einige Selbsterkenntniß schöpfe» werde; der historischen Kritik aber ist jedenfalls durch die Periode der Commune ein Beitrag geliefert worden, welcher für die Durchdringung und Würdigung des Verhaltens des französischen Volkes von der ersten Stunde des Krieges au die schätzbarsten Fingerzeige gibt. Berlin, 11. Juui 1871. ^ u einer Zeitgemäßen Preisfrage würde sich folgende Aufgabe eignen: erstens naturgeschichtliche Erklärung der mit dem Krieg im französischen Volksgeblüt zum Ausbrnch gekommenen Krankheit; zweitens Specialgeschichte der Mißhandlung und Ausbreitung der in Frankreich angesessenen Deutschen; drittens Begründung der bei Gelegenheit dieses Kriegs in verstärktem Maße zu Tage gekommenen Wahrheit, daß beinahe alle dritten europäischen Nationeu den Frauzosen günstig, den Deutschen mißgünstig gesinnt sich zeigen. An die Lösung der ersten Frage schlösse sich die in Nummer zwei folgerichtig an, als einer der eigenthümlichsten Wirkungen gewidmet, an welchen sich die Natur des zur Untersuchung kommenden Uebels beobachten und erkennen ließe. Und die dritte Frage paßte schon darum zum Schluß, weil sie uns zwänge darüber nachzudenken, um welcher Vorzüge und um welcher Fehler willen das eine Volk so viel Liebe, das andere so viel Abneigung im Laufe der Zeiteu sich zugezogen; ob etwa jene mehr um ihrer Laster als um ihrer Tugenden willen gern gelitten, uud ob wir aus ähnlicher Ursache vielleicht im umgekehrten Verhältniß zu uusern guten Eigenschaften schlecht angeschrieben seien. Ein Theil der Erklärung möchte sich wohl in dieser Hypothese finden, doch dürfen wir es uns gerade mit dieser nicht zu leicht macheu. Vielmehr können wir nur dann erwarten, auf die rechte Fährtc zu kommen, wenn wir auch ermitteln, welchen alten Vorzügen Frankreich seinen nicht zu entwurzelnden Credit, und welchen alten Mängeln wir unsern weitverbreiteten Mißcredit verdanken. Auf diese Weise würde die Betrachtung auf die beste Art, d. h. mit der Einkehr in uns selbst, ihren Abschluß finden. So viel steht fest: Niemand kann sich rühmen, vor dem 6. Juli 1370 die Franzosen gekannt zu haben. Was in den Schriften ihrer grimmigsten Hasser und Verächter zu lesen steht, erscheint unzureichend und lückenhaft, verglichen mit den Urtheilen, welche hellte der mildeste unparteiische Beobachter über diese Nation aus- zllsprcchen sich gezwungen sieht. Ist dies einerseits vernichtend für die, welche ihr ehedem gern viel Schönes nachrühmten, so gereicht ihnen andererseits zum Trost, daß selbst die Andersmeinenden noch ein Stück weit mit ihnen zusammen irrten. Beiden käme es insofern zu statten, wenn man der Annahme Raum lassen könnte, daß gewaltige Erschütterungen plötzlich ungeheuere Verheerungen in der französischen Natur angerichtet hätten, die zu den ältern Krankheitsanlagen derselben in gar keinem Verhältniß stünden. Doch widerstreitet eine solche Annahme von vornherein der richtigen Methode. In Frankreich allerdings, wo der ganze Sinn der Nation auf das Machen gerichtet ist im Gegensatz zum Werdeil, gewahreil sie auch im Größten wie im Kleinsten stets das Gemachte, ine das Gewordene. Die Tiefsten noch sind diejenigen, welche jetzt den Verfall dem zwanzigjährigen Kaiserthum zuschreibeil; die Masse, nicht blos die unterste, läßt sich nur zu Ursachen der bloßen und jüngsten Zufälligkeit herab, wie schlechte Verproviantirung oder schlechte Führung des Heeres, Ueberzahl des Feindes, oder das stets zur Hand liegende ultiinura i-stu^ium: Verrath! Unserer deutsche Anschauungsweise widerstreben solche Erklärungsweisen. Wir haben das Be- dürfniß, mehr in die Tiefe und in die Breite zu schauen, zumal gegenüber einer Erscheinung, welche so gewaltige Dimensionen ausfällt, welche mit so stauncnerregender Gleichförmigkeit von den Individuen aller Gegenden und aller Schichten in diesem großen Lande sich geltend macht. Typische Einförmigkeit der Bildungsund Denkweise war mau gewöhnt an den Franzosei; zu beobachten, allein daß der Gelehrte und Künstler von denselben grotesken Wahngebilden werde ergriffen werden wie das Höckerweib, und zwar von St. Quentin und Colmar bis Marseilles uud Nantes/") das gereicht uns täglich zu neuer Ueberraschnng. Und das gibt anch den entscheidenden Ausschlag für. die Lösung der Frage nach der Tiefe, in welcher das Uebel entspringt.' Solche mächtige Lager sind nicht das Ergebniß vorübergehender Anschwemmung. Sie wachsen langsam aus dem Schooß der Erde. Eiues ist noch, was uus besonders in dieser Hypothese befestigt. Beim Anblick der Herrschaft so thörichten und grausamen Wahns, kommt uus auf einmal der Gedanke an die Familienähnlichkeit zwischen der Physiognomie dieser Vorgänge und anderer, die wir aus der französischen Geschichte kennen, die wir nur unvollständig kannten, bis die eigenen Erlebnisse uns den richtigen Blick für die historischen Gründe gaben. Muß es nicht derselbe diabolische Aberglaube au Verrath und Bosheit, dieselbe himmel- stürmende Windbeutelei gewesen sein, welche zu deu Katastrophen von 1793 und 1794 führten? Und erkennen wir nicht auch in diesen Zügen die Abkömmlinge des Volkes, mit welchen sich die Widerrufung des Ediets von Nantes, die Bartholomäusnacht, die Monsterhcrenprocesse und der Albingenserkrieg im Schwünge durch- Selbst im äußersten Osten, in Japan, China und Cochiuchina, traten an jedem französischen Individnnm genau dieselben Kraniheitsstimptome ein wie in Paris. Ich werde in der Folge ein merkwürdiges Beispiel davon geben. 1» führeil ließen? Und werden wir, belehrt von unserer eigenen Erfahrung, nicht daran denken müssen, die ganze Geschichte dieser Nation, sofern sie auf deren eigener Darstellung beruht, eiuer Sichtung zu unterwerfen? Warum sollte in den Beschreibungen früherer Kriege beispielsweise weniger gelogen worden sein als diesmal, von. unvordenklichen Zeiten an bis auf Magenta und Solferino? Und wenn wir fehen, wie unendlich überlegen das wohlgeführte uud kaum geeiuigte Deutschland sich zeigt, müssen wir nicht rückwärts schließen, daß Frankreichs Stärke lange, lange auf der Schwäche der Auderu vorzüglich beruht hat? Dieß nicht einzusehen, ist ja einer der Hauptirrthümer, welcher die Verblendung jenseits so unheilbar erhält. Sie denken immer an die Siege, welche die erste Revolution über das deutsche Reich erfochten, und wollen zu Ehren ihrer Lieblingsheldensage nimmer glauben, daß uusere damals erbärmliche Verfassung einer der wesentlichsten Faetoren (wenn auch nicht der ausschließliche) ihrer Triumphe gewesen. Aber derselbe Grund, der uns zwingt die Wurzel der neuesten Erscheinungen nicht an der Oberfläche zu sucheu, verbietet auch die früher erworbenen Anschauungen sammt uud sonders mit einem Mal über den Haufen zu werfeu. So wie es jetzt sich zeigt, kann dieses Volk, so lange der Liebling uud Herrscher der Nationen, nicht die längste Zeit innerlich beschaffen gewesen fein. Ebenso wenig wie an urplötzlichen Umschlag durch reiu zufällige Anlässe, ebenso wenig mag von uns geglaubt werdeu, daß Jahrhunderte lang das Urtheil und die Empfindung der gesitteten Welt sich im Wesen einer Nation gröblich getäuscht habe. Die Macht und der intellec- tuelle Einfluß Frankreichs müssen in nationalen Vorzügen begründet gewesen sein. Und wäre auch ihre ganze Staatsgeschichte umzuschreiben — die Monumeute ihrer Literatur, die Leistungen ihrer Gelehrten und ihrer Gesellschaft bleiben doch als unwidersprechliche Zellgen stehen, als Zeugen, die hie und da noch zu den Lebenden gehören. So betrachtet, stellt sich uns das Verhältniß von selbst in der richtigen Sehlinie dar. Wir befinden uns einem Lande gegenüber, welches mit bedeutenden, ja stellenweise mit glänzenden Gabeil ausgestattet, auch die Keime zu großen Untugenden von jeher in sich trug, und dessen nationale Lebensweise im Laufe der Jahrhundertc Nahrung und Ueberwnchcrung der bösen Keime im Gefolge hatte. Seit waun und wodurch? Das zu ergründen wäre eben die Sache dessen , welcher den erstell Theil der Preisfrage übernähme. Das Eigenthümliche der Aufgabe, wie sie hier gedacht wird, läge eben darin: Aus den Symptomen der heute iu Frankreich wüthenden geistigen Krankheit, man könnte geradezu sagen Geisteskrankheit, auf iuduetivem Wege den culturhistorischcn Nachweis zu schöpfen; mit Hülfe des eben Erlebten ein scharfes Licht in die rückwärts liegenden Windungen des Entwickelungsganges zu werfen. Einer solchen allerdings schwierigen Arbeit möchte ich einiges Material liefern, dadurch, daß ich Vorkommnisse dieser Tage in möglichst viclcn und natürlich mich in möglichst bezeichnenden Einzelheiten sammle, um mittelst derselben wenigstens eineil Beitrag zu den Elementen eines umsassenden Krankhcitsbildes zu liefern. I. Das Hervorstechende ist die Lüge. Sie ist so allverbreitet, der Zeit wie dein Raume nach, daß man verflicht ist, alle andereil Erscheinungen uur als Nebensvmptvme, als abgeleitete Formen dieses einen Grundübels anzusehen. Wie bei allen großen histo- rischen Unwahrheiten dürfe» wir auch hier nicht anstehen, uns für diejenige Species von Vcrirrung zu erklären, welche unter Selbst- belügung verstanden wird. Die Gattung ist dieselbe, nur die Art verschieden, und auch da spielen so viele Kreuzungen in einander, daß es kaum der Mühe lvhncn dürfte, sich um etwaigen Einspruchs willen aufzuhalten. Denen, welche der Thesis der absichtlichen, bewußten Lüge ihre Rechtsansprüche wahren wollen, sei dieser ihr Vorbehalt eingeräumt. Auf Schuld oder Unschuld kommt es uns ja nicht an. Es handelt sich um Krankheit, und nicht um Sünde. Hiebei denken wir jedoch nur au die Masse und ihre dunklen Triebe. Daß die Regierungen und ihre Werkzeuge das Lügen mit vollem Bewußtsein handwerksmäßig betreiben, beweist der Augenschein. Vor allem stoßt uns eine Betrachtung auf. Es erklärt sich jetzt, wie die Regierungen, welche am meisten Gehorsam fanden, systematisch das Lügen als ein Regierungsmittcl handhaben konnten. So etwas ist nur möglich, wenn ihm eine entsprechende Anlage im Polkscharakter entgegenkommt. Nur wer sich so gern selbst belügt, ist auch gemacht, systematisch und mit Erfolg belogen zu werden. Beide Kaiser waren ja keine Franzosen, weder von Geblüt noch von Naturell. Darum konnten sie die Fehler der Nation viel künstlicher ausnützen, als einer aus deren Mitte. Die republikanischen Siegesbulletins von der Zeit nach Sedan sind nur Plagiate des imperialistischen Styls. Der Grundsatz der Regiernngs- kunst, aus Täuschung Kraft saugen zu wollen, ist derselbe geblieben, ja in noch viel stärkerem Maße zur Anwendung gekommen. Gleich in der ersten Minute der Geburt kam dieser Krieg als Lüge zur Welt. Eiuer so aberwitzigen Erfindung entsprang er, daß diese vermöge ihrer Abgeschmacktheit sofort in Vergessenheit gerieth. Wer denkt heute noch an Hohenzollerns Anspruch auf die spanische Krone? Das Gedächtniß weigert sich, solch schlechten Reim festzuhalten. Man muß sich besinnen, um wieder damit anzufangen. Noch schwebt Dunkel über dem Ursprung der Fabel: Ob sie eine von vornherein mit Hülfe sämmtlicher Hauptmitspieler augelegte Komödie war, oder ob sie nur vou den ungeduldig Wartenden mit Hast im Vorübersliegen ergriffen wurde? Ueber dieseu Theil der Verantwortlichkeit und der Intrigue, welcher historisch uud psychologisch nichts weniger als gleichgültig ist, dürfen wir hoffen, in nicht ferner Zeit einmal etwas genaueres zu erfahren. Conjccturen hätten hier eiu reiches Feld. Weun wir aber auch gauz von der Möglichkeit abstrahiren, daß der willkommene Kriegsvorwand absichtlich herbeigeführt worden, so können wir nicht die gleich enthaltsame Stellung einnehmen gegenüber dem überrascht thuenden Aufbrausen, mit welchem das Cabinet Gramont die bewußte angebliche Enthüllung aufnahm. Bei der Unzahl von Mittelsmännern untergeordneter Art, welche in Sachen der Leopold'schen Candidatur zwischen Spanien uud Deutschland über Frankreich reisten, bei den vielfältigen Verbindungen zwischen Madrid und Paris ist es von vornherein im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß der kaiserliche Hof, dazu noch bei seinem intimen Verkehr mit dem der flüchtigen Königin, von dem ganzen Verlauf wochenlang keine Witterung sollte bekommen haben. Gerade derlei Klatsch aufzuspüren und zu sammeln, ist ja die Stärke der diplomatischen Vertreter Frankreichs gewesen. Auch mußte Mereier de Lostende, wem: er sich so sträflicher Unwissenheit schuldig gemacht hatte, sofort nach der Entdeckung ab berufen werden. Statt dessen ließ man ihn ruhig auf seinem Posten, ohne Zweifel um so mehr, als die augenblicklichen Erfordernisse des kleinen Jntriguenstückes ihm die Pflicht auserlegteu, die Rolle des Gefoppteu zu spielen, und sich darob' eine Weile selbst von den offi- eiösen französischen Blättern hänseln zu lassen. Solche Dulderleistung mußte schließlich doch wenigstens mit Erhaltung in Am — 8 — und Würde belohnt werden. Eine Version, die aus Madrid stammt, behauptet sogar, Mercier habe sich früher gerühmt, die hohen- zolleru'sche Candidatur aufgcthan zu haben, um die orleauistische aus dem Felde zu drängen. Bezeichnend bleibt jedenfalls neben der unverminderten Gunst Mereiers das kaum berührte, ja rasch erhöhte herzliche Einvernehmen zwischen Paris und Madrid. Ferner steht fest: Prim hatte ausdrücklich lange vorher eine» Candidaten w petto als solchen öffentlich proclamirt, und wer wollte glauben, daß weder der Botschafter, noch sein Kaiser, noch die mit diesem vertraute und mit nichts anderem beschäftigte Jsabella, noch der italienische Hof, welcher am meisten in dieser Thronspeculation machte, sie nie ganz aufgab, der auch durch seinen Gesandten wiederum mit den Tuilerien eng zusammenhing — wer wollte glauben, daß alle diese Kreise, seit beinahe Monatsfrist officiell benachrichtigt vom Anzug eines weiteren Candidaten, nicht dessen Ngmen zu wissen begehrt, nicht ihn ermittelt haben sollten? Mehr als das! Ein französischer Journalist, John Lemoinne, ohne besondere Verbindung und Stellung zu diplomatischen Kreisen, hatte uuumwunden den Namen Hohenzollern als die Lösung des Prim'schcn Geheimnisses ausgesprochen, und zwar in einem Artikel auf der ersten Seite des „Journal des Debats" vom 17. Juni (Nr. 189), also drei Wochen vor der angeblichen urplötzlichen Entdeckung des Geheimnisses durch das Cabinet Gramont. Das „Journal des Dsbats" ist kein Winkelblatt, dessen Mittheilungen unbemerkt vorübergehen, es hatte sogar von jeher die Specialität der spanischen Politik. Was Lemoinne wußte, konnte schon vorher für alle dynastischen und diplomatischen Interessen unmöglich ein Geheimniß sein, konnte noch viel weniger nachher eines für sie bleiben. Bedürfte diese Annahme noch eines ergänzenden Belegs, so'verdiente als solcher eine nachträgliche Aussage beigebracht zu werden, welche in der Münchener „Süddeutschen Presse" vom 6. August (Nr. 182) veröffentlicht wurde, uud deren von der Redaetion auf vertraulichem Wege genannter Autor sich durchaus als ein verläßlicher und unparteiischer Zeuge qualificirt. In einem Brief aus Madrid vom 25. Juli erzählt dieser Berichterstatter zuerst genau den Hergang der Sache am 11. Juni, in der Sitzung, in welcher Prim den Candidateu in petto verkündete. Offen eingestanden waren die verschiedenen Parteihoffnungen auf den Herzog von Genua, auf Montvensier, auf den König von Portugal. „Nachdem," sagt Prim, „alle diese Versuche fehlgeschlagen, wurde ich noch ein Mal beauftragt, einen König zu suchen, und ich fand einen vierten Kandidaten. Die Herren Deputirten mögen mir erlauben, seinen Namen nicht zu ucunen, weil es inoiseret wäre; es könnte Verwicklungen erzeugen, und außerdem habe ich mein Wort gegeben, ihn noch nicht zu nennen. Leider fanden sich zwei Mal die Beauftragten dieses Fürsten, die Spanien besuchten, durch ungünstige Umstände beunruhigt, und in Folge dessen ist seine Kandidatur für den Augenblick zurückgezogen. (Und das alles hätte der französischen Diplomatie nicht auf die Spur geholfen, während sie von dem vorausgegangenen Wechsel des Entschlusses bei Hoheuzolleru unterrichtet war!) Aber — setzte der Ministerpräsident hiuzu — ich werde die Unterhandlungen fortsetzen, und hege die Zuversicht! daß ich den Cortes in kurzein einen Kandidaten vorschlagen kann, der in seiner Person alle geforderten Eigenschaften vereinigt." „Allerdings" — fährt der Gewährsmann des Münchener Blattes fort — „nannte General Prim keinen Namen, doch was er bei dieser Gelegenheit sagte, darüber war das Gerücht bereits laut geuug, daß jeder, welchen die Angelegenheit interessirte, wußte, daß es sich um den Prinzen von Hohenzollern handelte, nnd in der That nannten die Zeitungen den Namen einen oder zwei Tage — 10 — später. Während der Rede Prim'S war die Diplomatenloge in den Cortes angefüllt mit aufmerksamen Lauschern, nnd als von dem vierten Cnndidatcn die Nede war, neigte sich einer der Anwesenden in dieser Loge zu seinem Nachbar und fragte: Wen meint er? Die Antwort war: Wen fönst, als den Prinzen von Hohenzollcrn! Wer meinen Sie — schließt der Corrcspvndent — waren diese Personen? Niemand anders, als der britische Gesandte, welcher die Frage stellte, und Baron Mercier, der französische Gesandte, welcher so rasch Antwort gab!" Derselben Mittheilung entnehmen wir auch die an sich äußerst wahrscheinlich klingende Angabe, daß Prim mit diesem Porhaben vor Napoleon gar kein Geheimniß gemacht, vielmehr es bereitwillig auf dessen erste mißfällige Aeußerung aufgegeben hätte. Seitdem alle diese Umstände ans Licht getreten, seitdem sich in diesem Kriege noch ungleich mehr als zuvor herausgestellt, daß iin heutigen Frankreich das Aufschneiden als das eigentliche Ar- cannm der Regiernngskunst gilt, kaun daher als ausgemacht angenommen werden, daß die erste Scene des Vorspiels zu deu Feindseligkeiten, charakterischer Weise für alles Folgende, in einer groben Erfindung bestand. ' Das französische Cabinet wußte seit Monatsfrist um die Caudidatur Leopold's, wußte mithin auch, daß sie nicht von ehrgeizigen Plänen des preußischen Köuigs, soudern von verschiedenen spanischen Projeetenmachern ausgegangen war. Aber andere, zum Theil geahute, zum Theil vielleicht heute noch ungeahnte Gründe hatten endlich den schon so lange hin und her gewälzteu Beschluß, Krieg auznfangen, zur Reife gebracht, und fo mußte der plumpe Lügenvorwand herhalten. Am 5. Juli des Morgens brachte der „ Constitutioncl," Gramont's Leiborgan, aus heiterm Himmel eine wuthschnaubende Notiz über diese nagelneue bedrohliche Borfallenheit. Sie enthielt bereits — 11 — dieselbe gelehrt sei,: sollende Parallele, welche Tags darauf Gra- mvnt im gesetzgebenden Körper auftischte, daß das Haus Hvhen- zvllern danach strebe, den Thron Karls V. herzustellen — eine aberwitzige Phrase, aber tönend und daher wohl berechnet auf den unwissenden, nachschreienden Hausen der Börsen-, Kaffeehaus- und Bonlcvards-Besucher. Wenige Eingeweihte des Hofes mußten an besagtem Dienstag noch von der beabsichtigten Komödie etwas wissen, denn die Reute fiel nur um ein halbes Procent. Das eigentliche Stück sollte am folgenden Mittag aufgeführt werden. Am Morgen war Jörome David, das Haupt der bouapartistischeu Heißsporne uud Neactivnäre, die Verkörperung der militirendcn Kirche vom 10. December, der von der Civilliste pcnsionirte natürliche Blutsverwandte (wie Morny und Walcwski) des Kaiserhauses, zur Pri- vataudieuz in St. Cloud und nahm seine Verhaltungsbefehle in Empfang. So waren die Getreuen unter Gramer von Cassagnac und Duguö de la Faucouuerie voraus gewitzigt und postirt, vorbereitet, an der einschlagenden Stelle auf das Zeichen des Chefs der Claque in patriotischem Sturm loszubrechen. Herru Cocherv war die Rolle des iudiscreten Fragestellers zugetheilt worden. Wie in Carnevalsstücken die Höhe der Komik darein verlegt wird, daß ein unter die Zuschauer gemischter Schauspieler plötzlich nach der Bühne hin interpellirt, so hatte Cocherv an demselben Dienstag, an welchem des Morgens die Notiz des „ Cvnstitutionel" erschieu, auch schon Mittags im gesetzgebenden Körper eine Interpellation eingereicht, zu dem Zweck, Beruhigung über Preußens Absichten auf den spanischen Throu zu erhalten. Mit einer Schnelligkeit, die weder den Gewohnheiten des kaiserlichen noch sonst eines auswärtigen Miui- sterinms zuzumuthen gewesen wäre, steht schon am Beginn der folgenden Sitzung, Mittwoch den 6., Gramont mit der Antwort bereit. Alles deutet au, daß ein großer Coup einstudirt ist. Präsident — US — Schneider bittet, vor allen Tagesgeschäftcn den Minister zu hören. Dieser besteigt die Rednerbühne. Seines Zeichens ein Lebemann, der keinen andern Ruhm gesammelt, als den, die Couplets sämmtlicher Vaudevilles auswendig zu wissen und in der Unterhaltung anzubringen, einer jener Sportsdiplomaten, welche ihren Beruf aus Geburt, elegantem Wuchs und Bartschnitt ableiten und die würdigen Vertreter dieser heutzutage ziemlich überflüssigen Gesandschaftsappa- rate sind, war er eben frisch von Wien gekommen, noch mit der Glorie der Liebes- und Jnnigkcitsbezeugungen umstrahlt, uuter welchen man ihn daselbst eutlasseu hatte. So war er ganz und gar geschaffen, in diesen: traurigeu Possenspiel die Haupt- und Heldenrolle auszufüllen, während Emil Ollivier den naiven ^suns prswisr, den gefühlvollen und — im Ernst — getäuschten Liebhaber des Friedens darstellte. Noch hat sich niemand die Mühe gegeben, durch einen Rückgriff auf ältere Ereignisse nachzuweisen, wie ganz ohne Vorgang die Erklärung Gramonts in der Geschichte der Diplomatie ist. Seitdem Parlamente bestehen, ließ sich schwerlich jemals ein Minister beikommen, gegen eine Macht, mit der sein Land seit einein halben Jahrhundert bis zur Stunde in Friede uud Freundschaft gelebt, ohne voraufgegangenen Notenwechsel, ohne abgewartete Erklärung, ohne Versuch der Ausgleichung auf vertraulichein Weg, ohne Anfrage, in der beleidigendsten Form mit eiuer öffentlichen Deuuneiation vorzugehen, die nichts weniger bedeutete, als daß die angeklagte Regierung sich mit rechtswidriger, vorbedachter Treulosigkeit benommen habe. Nicht als ein Verdacht, sondern als eine Thatsache war dies ausgesprochen, und vou vornherein damit bedeutet: Nicht Einwendungen, sondern nur feierliche Abbitte und Genugthuuug werde helfeu können, sofern nach den ausgesprochenen Drohungen so etwas überhaupt noch denkbar gewesen wäre. Da die Wucht des in der Zwischenzeit Erlebten die — 13' — Erinnerung an jene ersten Begebenheiten verwischt hat, so wird es nicht überflüssig sein, wenigstens den Schluß jenes Auftritts ins Gedächtniß zurückzurufen. „Wir glauben nicht," so lautete der letzte Satz der ministeriellen Erklärung, „daß die Achtung vor den Rechten eines benachbarten Volks uus verpflichtet, zu dulden, daß eine fremde Macht, indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setzte, zu unserm Nachtheil das gegenwärtige Gleichgewicht der Kräfte in Europa störe (starker und lebhafter Beifall) und sowohl die Interessen als die Ehre Frankreichs in.Gefahr bringe (neuer Beifall und anhaltendes Bravo). Diese Eventualität, so hofften wir bestimmt, wird nicht eintreten. Um sie abzuhalten, zählen wir zugleich auf die Weisheit des deutschen Volkes und auf die Freundschaft des spanischen Volkes. Granier von Cassagnae: Und auf unsere Entschlossenheit! Der Minister: Sollte es anders kommen, stark durch Ihre Unterstützung und durch die der Nation — Laroche-Joubert: Sie würde Ihnen nicht ausbleiben! Der Minister: würden wir unsere Pflicht zu erfüllen wissen ohne Zaudern und ohne Schwäche." (Langer Applaus. Wiederholter Beifallsruf. Bewegung und Widerspruch auf etlichen Bänken.) Das war die Sprache eines händelsuchenden Raufboldes, der sich vorgenommen, den friedfertigen Nachbar diesmal nicht zu Worte kommen zu lasseil. Also nicht blos die .ganze Gruudangabe zur Feindseligkeit war eine Lüge, sondern die zweite Unwahrheit folgte sogleich auf dem Fuß. Unter dem Schein, genugthuende Erklärung hervorzurufen, schnitt man die Möglichkeit jeder Erklärung von vornherein ab. Man heuchelte Uebcrraschnng, man heuchelte die Absicht der Verständigung, eines so gröblich wie das andere, mit derselben knabenhaften Oberflächlichkeit, welche in allen Stücken die Einleitung und Führung des Krieges kennzeichnet. Mau glaubte an nichts als an dcu Schall seines eigenen Wortschwalls, und sorgte nur für das eine, daß unter möglichst betäubendem Geschrei keine Stimme der Vernunft im Jnlande hörbar werde. Demgemäß wnrde auch, wie durch Jsrüme David und Conforten vorbereitet, der Schluß der ministeriellen Tirade von den in: Saale richtig vertheilte!? Claqueurs mit einem Douner von patriotischein Beifall bedeckt, daß die ehrlichen und halbwegs unabhängigen Mitglieder der Mittelparteien den Kopf verloren. Wenige Tage darauf schilderte mir einer derselben den Hergang genau wie ich ihn hi.er erzählte, und fetzte hinzu: „Als der Sturm vorüber war, sahen wir uns einander an, und fühlten etwas, wie wenn wir eine Dummheit gemacht hätten; aber was wollen Sie, wer wagt im Aligenblick zurückzubleiben, wenn eine große Versammlung in patriotische Begeisterung ausbricht!" So weit war das erste^Kunststück gelungen. Vergeblich riefen einige von der Linken sofort, diese Erklärung sei gleichbedeutend mit einem Kriegsmanifest gegen Preußen, vergeblich suchte Arago das zu motiviren. Die Janit- scharen schrieen sie nieder, und nachdem die größte aller diplomatischeil Ungebührlichkeiteu zum bestimmten Zweck begangeil war, verschanzte man sich wegeil jeder weitern Rechenschaft hinter die internationale Schicklichkeit. Die feile und tolle Ncgieruugspresse, die Leichtgläubigkeit und die Unwissenheit der Massen sorgten für den Nest. Wenige Tage zuvor erst hatte die Verhandlung über den Gvtthard gespielt, ob als Vorbereitung oder als schüchterner Versuch, ist nicht zu sageil. Der ganze Strom der mühsam der- — 15 — haltenen Poltersucht brach jetzt los, die eben noch mit Mühe bewahrte schönrednerische Mäßigung dürstete nach Ausgleichung. Die viel ventilirte Frage über den eigentlichen verantwortlicheil Urheber dieses Krieges ist von der öffentlichen Meinung Deutschlands und von allen Sachverständigen, die sich darüber anssprachcn, einmüthig laugst dahin beantwortet: daß keinem der in den Prozeß verwickelten Theile die Schuld abgenommen werden kann, weder dem Kaiser, noch seiner Regierung, noch dein Lande im Großen und Ganzen. Einstweilen haben wir es hier mit der kaiserlichen Regierung, zunächst mit dem Ministerium Gramont, zu thun, denn dieser war trotz oder vielmehr wegen seiner geistigen Geringfügigkeit vom 5. Juli an die Seele des Cabinets, und nicht Ollivier. Die Hauptillusionen des ganzen Jntriguenstückes, die Speeulationen auf Dänemark, Italien, Oesterreich, die deutschen Südstaaten, cvncentrirten sich in Gramonts leichtfertiger, noch mit dein Gas der Wiener Cavaliers-Atmosphäre angeblasener Persönlichkeit. Er war auch der Mann, den nichtsnutzigen Zeitungen die Losung zum Halali gegen Preußen auszutheilen, der Ignorant, freilich nicht mehr der einzige, der sich einbilden konnte, das deutsche Volk werde sich sein Märchen von den iberischen Gelüsten des Königs Wilhelm aufbinden lassen und zu Frankreich halten. So erscholl denn am andern Mvrgen die Lärmkanone, die ganze Kette der Journale entlang. Und hier ist der Ort, eine weitere Lüge dieser Negierung festzuhalten. Sie behauptet, .von der öffentlichen Meinuug zum heftigen Auftreten wegen des spanischen Zwischenfalls gezwungen worden zu sein. Damit sagt sie eine wissentliche Unwahrheit. Sie, die Negierung, hat im besonderen Fall die ganze Hetze angestiftet, gerade wie sie auch die ganze Ueberraschung, die ihr als Vorwand dienen mußte, erfunden hat. Hätte Gramont sich nicht von Cochery interpelliren lassen, nicht die famose Erklärung ab- — 16 — gegeben, nicht seine Meute losgelassen, keinem Menschen in Frankreich wäre es eingefallen, die Leopold'schc Candidatur für etwas anderes anzusehen, als sämmtliche Präcedenzfälle derselben Gattung von Belgien bis Rumänien; niemand wäre auf die barocke Idee gekonnnen, Deutschland wolle jenseits der Pyrenäen mittelst des jüngern Sohnes eines inediatisirten Fürstenhauses den Grund zu einer Universalmonarchie legen, das Deutschland, welches aus Rücksicht auf die französische Einmischungslust aus Luxemburg abgezogen war und nicht einmal seine Bundesverfassung auf Südhessen auszudehnen sich entschließen konnte. Ich selbst war zur Zeit dieser Vorfälle iu Paris, wohlbekannt mit dem politische«: Leben und sämmtlichen Elementen der öffentlichen Meinung, und ich kann es nicht fest und bestimmt genug betonen: nein, in diesem besondern Falle war nicht die geringste Nöthigung vou unten her gekommen. Alles, was vor und nach im gegenthciligcn Sinne gesagt worden, ist grundfalsch. Die öffentliche Indignation war eine ganz und gar von oben künstlich angezettelte, angeblasene, natürlich unter freiwilliger, eifrigster Mitwirknng derer, welche seit Jahren im Dienst ihrer srivolen und leidenschaftlichen Verblendung einen solchen Krieg gesucht hatten. Wie viel von dieser Anzettelung auf den Kaiser fällt, ob er theilweise von Gramont, David und Genossen mittelst der Journale über die Spontaneität der öffentlichen Meinung getäuscht worden — das ist eine andere Frage, auf welche im Lauf unserer Betrachtung wohl noch einiges Licht fallen wird. Daß aber die Agitation mit blitzschnellem Erfolg um sich griff, und ganz Frankreich, mit wenigen Ausnahmen, in Brand setzte, das ist andererseits nuläugbare Thatsache; daß es auf diese Weise geschehen konnte, ist mir durch die Unwissenheit, Abergläubigkeit und puerile Erregbarkeit des öffentlichen Geistes möglich gewesen. Unter den 38 Millionen mögen vielleicht tausend Menschen, — 17 — wenn so viele, gewesen sein, welche Gramoitts spanische Fabel nicht glaubten. Die skeptischen, regierungsfeindlichen Blätter, auch die, welche, weil es die Regierung wollte, jetzt gerade nicht in die Kriegstrompete mitblasen mochten, gössen am meisten Oel ins Feuer, indem sie das Ministerium als das von Preußen überlistete verhöhnten. „Das habt ihr geschehen lassen, so wenig wißt ihr, was in der Welt vorgeht, Bismarck hat euch schön über den Löffel barbirt!" So lautete die beliebte Wendung auf Seiten der Linken und äußersten Linken. Auch der Abgeordnete Cremieux, obgleich er sofort am 6. Juli gegen diese Einschmuggelung einer Kriegserklärung sich verwahrte, nimmt nicht den geringsten Anstand zu glauben, daß Bismarck schuldig sei: „Herr von Bismarck, dieses große Genie (sagt er ironisch), das man heute als das Jahrhundert beherrschend hinstellt, hat die Idee gehabt, einen preußischen Prinzen auf den spanischen Thron zu setzen." Zu der Vorstellung, welche der französische Wunderglaube sich von Bismarck zurecht gemacht, gehörte ganz diese Auffassung. Wie alles in der Welt „gemacht" wird, so braucht auch dieselbe Denkungsweise einen „Aller- weltsmacher," und dieser ist und war seit 1866 Bismarck! „^.Ii ZsAnt es kismarelc!" sagte andern Tags zu mir Herr Leopold, der radicale Friseur in der Rue de Luxembourg, und zog dabei seine ihn nie verlassende Nummer des „Rappel" aus der Tasche. Was vom Nordpol bis zum Südpol auf der Welt geschieht, hat Bismarck gethan, und natürlich ist es eitel Werk des Ehrgeizes, der Bosheit, der Schadenfreude und vor allem teuflischer Schlauheit. Sämmtliche Malesizhelden von Balzac, Eugen Sue, Alexander Dumas und Victor Hugo sind in ihm verschmolzen. Daß er auf die Reclamatiou die einzig richtige Antwort gab: Die ganze Leopold'sche Throncandidatur mache ihm weder heiß noch kalt, und gehe weder den preußischen Staatsminister noch den nord- s — 18 — deutschen Bundeskanzler etwas an, das war natürlich erst recht der unwiderlegliche Beweis seiner tiefangelegten Mine und unergründlichen Bosheit. Die regierungsfeindlichen Organe, die sich triumphirend die Hände rieben über die Falle, in welche das Ca- binet gegangen zu sein vorgab, dienten diesen: an? meisten, und so gab es Niemand, der nicht in der einen oder der andern Weise dazu beigetragen hätte, die Urheberschaft des spanischen Zwischenfalls allein in Berlin und Varzin zu suchen, und folglich auch eine,: unerlaubten und wohlberechneten Uebergriff preußischen Ehrgeizes darin zu erblicken; Niemand, der nicht als selbstverständlich ansah, diese Kandidatur sei ein Schaden, eine Gefahr und ein Schabernack für Frankreich, während sie doch für Preußen und Deutschland in der That höchst gleichgültig, höchstens Grund zur Besorgniß wegen irgendeiner künstig möglichen Verlegenheit sein konnte. Die auswärtige Diplomatie, die englische zumal, stets liebedienerisch gegen jede französische Regierung, wagte auch kaum über den Grund zur Beschwerde etwas einzuwenden. Sie vereinigte sich dahin: Frankreich habe ein Recht diese Kandidatur zu perhorreseiren, aber mit ihrem Verschwinden freilich jeden Anlaß zur Beschwerde verloren. Weil man in St. Cloud sich bei Zeiten auch mit Unzufriedeuheits- gründen gegen Belgien versehen wollte, behaupteten die ofsieiösen Organe, der Brüsseler Hof habe ein wenig seine Hand bei der spanischen Sache im Spiele gehabt. Das war so eine kleine Nebenlüge, die kaum bemerkt eingeflochten wurde. Jedem der politisch zu rechnen verstand, war inzwischen ein Umstand klar geworden: Mit oder ohne geheime Einwirkung des preußischen Ministeriums und Hofes mußte der fürstliche Candidat zu dem Entschlüsse gelangen, seine Ansprüche dem europäische!? Frieden zu opfern. War alles nur Vorwand von kaiserlicher Seite, so mußte dieser Prinz erst recht ihn beseitigen, sei es um — 19 — den tückischen Plan zu vernichten, sei es um ihn in seiner Lügenhaftigkeit hinzustellen. Die Unschuldigen, und dazu gehörte ein Theil der europäischen Diplomatie, der Börsenwelt und der Journalistik, glaubten aus diesen: Grund an die friedliche Lösung. Andere Diplomaten, welche intimere Beziehungen zu dem Tuilerien- Hof unterhielten, wußten wie viel die Stuude geschlagen, uud verbreiteten geflissentlich im Dienste der hohen Gönnerschaft das Geheimniß, mit dem Rücktritt Leopolds werde alles sein seliges Ende finden. Durch diesen Canal ging auch der deutscheu Presse eine gute Dosis Opium zu. Die kaiserliche»: Kriegsdränger ihrerseits fürchteten die Gefahr einer Ausgleichung und suchten durch das wüthende Ge- bahren in der Presse nach beiden Seiten hin den Riß unheilbar zu machen. Wer den von Gramont, wenn auch uicht geschriebenen, doch geleiteten „Cvnstitutiouel," wer die von Olliviers Protector Girardin geführte „Libertß" und das allmächtige Organ des Stadtklatsches, den „Figaro," in jenen Tagen las, dem mußte unzweifelhaft sein, daß die Regierung den Krieg wolle, und daß bei dein bevorstehenden Rücktritt Leopolds eine neue Chicane auftauchen werde. Emanuel Arago, einer der wenigen, welche zu keiner Zeit und unter keinen Umständen den Krieg gegen Deutschland gewünscht oder gepredigt, der sogar kurz vor dein Ausbruch des ganzen Zwischenfalls bereits eine umfangreiche Demonstration zu Gunsten der Freundschaft mit Deutschland vorbereitet hatte, beschloß nach Besprechung mit einigen Freunden, dieser erwarteten Chieane die Spitze abzubrechen. In der Sitzung vom Montag, den 11. Juli, richtete er au das Ministerium im gesetzgebenden Körper die Anfrage: ob es für den Fall des Rücktritts Leopolds die ganze Verwicklung als erledigt betrachte? Die wvhlberathenen Spießgesellen des Ministers, die Cassagnac und und Dugus, sprangen unter dem Gebrüll ihres Anhangs entrüstet von ihren Sitzen auf und riefen jenem zu: „Antworten Sie nicht! s* — 20 — Antworten Sie nicht!" Und der Minister, der mahnenden Stimme der großen Vaterlandsfreunde gehorchend, hüllte sich in patriotisches Schweigen.*) Der folgende Tag, Dienstag den 12.Juli, war die große ^onrnss äss Oupss, an welcher die Naivetät der Börse durch Olliviers Naivetät grausam mißbraucht wurde. Von dem Hause der Abgeordneten auf dem Döuhoffsplatz in Berlin geht ein Dienst in den Stadt-Telegraphen. Im Palais Bourbon, dem ungleich prächtigeren Sitze des gesetzgebenden Körpers, fehlt diese Vorrichtung. Die Verbindung zwischen der Versammlung und der Börse wäre auch gefährlich, doch diesem Mangel wird durch zahlreich ab- und zugehende Boten möglichst nachgeholfen. Au besagtem Dienstag bot der Palast einen merkwürdigen Anblick dar. Man sah den Nachrichten aus Deutschland mit Gewißheit entgegen, und eine ungeheure Menschenmenge belagerte schon von außen das Gebäude. In der großen Vorhalle, der s. g. Lalls äss ?a.s xsrckus, in welcher die Abgeordneten ihre Besuche empfangen, war aber nahezu das ganze Parlament versammelt. Kaum zwei Dutzend Menschen konnten im eigentlichen Sitzungsraume zurückgeblieben sein. Da standen sie in Gruppen, dort wandelten sie zu zweien oder mehreren in starken Schritten und mit lebhaften Gebärden auf und nieder. Zwischen der Pforte des Palastes und dem offenen Thürbogen zur Vorhalle standen in Haufen die nicht zugelassenen Börsengalopins mit ihren Notizen und Bleifedern, zwischen welchen die Auserwählten des abgesonderten Raumes bedeutsam ab- und und zugingen. Dazu Journalisten aller Farben, Zeitungsboten und dgl., nnd alles mit dem Ausdruck der höchsten Spannung auf dem Gesichte. Von gut unterrichteter uud bis dahiu friedeusgläubig *) Belmontet, der Versisex des Hofes, rief Arago zu: „Man sieht wohl, daß Sie Gesandter in Berlin waren." — 21 — gestimmter Seite war mir eine halbe Stunde zuvor die positive Mittheilung zugegangen, daß alle Hoffnung verschwunden, der Krieg eine beschlossene Sache sei. Ich vermuthete also, daß im gesetzgebenden Körper eine entsprechende Kundgebung erfolgen werde. Wie erstaunt war ich, als beim Eintritt in die Lalle clss ?as psräus mich die Nachricht empfing: Ollivier habe an dieser nicht amtlichen Stelle ein Telegramm des Fürsten von Hohenzollern, Vater, mit lauter Stimme verlesen, in welchem dieser den Verzicht seines Sohnes meldete. Und damit, habe Ollivier geschlossen, ist die ganze Schwierigkeit erledigt, l'inciäsnt est viäö, wie man sich in der Gerichtssprache ausdrückt. Officiell jedoch, hieß es, sei uichts derart erklärt worden, und einige Abgeordnete wollten — mit wie gutem Grund! — uicht in die allgemeine Beruhigung einstimmen. Von dein Palais Bourbon begab ich mich uach dem Boulevard zu, und hier strömte mir nun die ganze Friedensgewißheit entgegen, die sich von der Börse aus verbreitet hatte. Als ich sagte, daß ich aus dem Gesetzgebenden komme, verlangte man, daß ich den Text und die Umstände der feierlichen und officiellen, soeben verkündeten Friedenserklärung wiederhole. Vergebens betheuerte ich, daß die Dinge in solcher Gestalt nicht vor sich gegangen. Man entschied, ich müsse blind uud taub gewesen sein, da an der Börse die authentische Mittheilung gemacht worden, daß Herr Ollivier in der Kammer die Zufriedenheit der Regierung mit der eingegangenen Genugthuung erklärt habe. Aber noch war ich mit einem halben Dutzend Personen im Streit über die Zuverlässigkeit meiner Sinneswerkzeuge, als eine Schaar von Boten schon wieder mit Hiobs- gesichtern und entsprechenden wankenden Coursen angesprengt kam. Und so war es. Der Ollivier'sche Friedensaccord selbst war uur ein eben ausgesprochener, sofort auch beseitigter Zwischeufall gewvrdeu. Mein Gewährsmann der Mittagsstunde war gut uuter- — 22 — richtet gewesen. Damals schon war an entscheidender Stelle beschlossen, sich mit dem fürstlichen Verzicht nicht zu begnügen und eine ueue Herausforderung ins Werk zu setzen. Den unschuldigen Ollivier ins Geheimniß zu ziehen war versäumt oder für überflüssig erachtet worden, und so konnte der Arme in frommer Zuversicht die Flüche der getäuschten Börse auf sich laden. Ob noch mehr Kunst dabei im Spiele war, das Spiel mit noch mehr Kunst getrieben wurde, ob man sich der Unschuld des Großsiegelbewahrers absichtlich bediente, um, wie es in der Börsensprache heißt, gewisse Positionen möglichst vortheilhaft zn liquidiren — darüber, wie über so mauches Staatsgeheimniß, können nur die Bücher der Wechselagenten Aufschluß geben. Aber Ollivier selbst — sein Hanpt ist 6uch ohnedieß genug beladen — ist von diesem Verdachte gewiß freizusprechen. Hat er nicht den Kopf des großen Großsiegelbewahrers von Verulam, so hat er auch nicht dessen Hände. Einige Tage später sprach College Gramont in öffentlicher Sitzung über dieses unstaatsmännifche Verhalten das vernichtende' Urtheil, „daß er sich um den im Flur umlaufenden Klatsch nicht kümmere." Das war die Strafe für den seltenen Moment unbewachter Ehrlichkeit, dem sich ein Minister überlassen hatte. Gramont, der Held des Tages, fühlte sich um so größer. Ollivier, einst dem Namen nach der Chef des Ministeriums, hatte den „dummen Jungen" ruhig eingesteckt. Das Fabuliren nach Belieben kam nun erst recht in Zng. Aus dem in die telegraphischen Mittheilungen übergegangenen Bericht der „Nordd. Allgem. Ztg." über Benedetti's letzte Abweisung in Ems machte Ollivier, im Namen des ganzen Cabinets sprechend, am 15. Juli ein offizielles Rundschreiben des norddeutschen Bundeskanzlers, und auf diese neue Phantasie ward auch sofort die der Kriegserklärung gleichbedeutende Eröffnung in der Kammer gesetzt. In kaum acht Tagen — 23 — und mit Hülfe von kaum einem halben Dutzend amtlicher Lügen war Europa in den blutigsteu Krieg der Neuzeit hineingetollt worden. Und von welchen Menschen! Die schriftlich aufgesetzte, in Abwesenheit seines „Freundes und Collegen Gramont" Namens des ganzen Cabinets verlesene Kriegsmanifestation, welche dringlich einen Credit von 50 Millionen für die Bewaffnung begehrte, enthielt übrigens, als würdigen Schluß der ganzen Reihe, auch mehr als nur eine einzige Unwahrheit. Richt bloß machte sie aus der „Nordd. Allgm. Ztg." ein mntliches Rundschreiben, sondern sie wiederholte auch auf Rechnung des englischen Ministeriums eine Lüge, gegen welche Lord Lyons bereits ein erftesmal feierlich Protest eingelegt hatte. Es heißt nämlich in besagter Note: „Die meisten auswärtigen Cabinete hätten mit mehr oder weniger Wärme (es wäre interessant die mit der meisten Wärme zu kennen!) die Berechtigung der französischen Beschwerde anerkannt." Da Frankreich officiell und heuchlerischer Weise die englische Vermittelung angerufen hatte, so mußte hier zuerst an England gedacht werden. Und dennoch hatte England sich bereits gegen eiue falsche Aussage, gleichlautend an Form und Bedeutung mit der angeführten, sich verwahrt. Am 11. Juli schon hatte Gramont in der Kammer betheuert, alle Mächte erkennten die Legitimität seiner Beschwerde an. Das nun war selbst dein über die Maßen ängstlich und zärtlich auftretenden Grafen Granville zu viel. Er beauftragte seinen Gesandten in Paris, Lord Lyons, sich bei dem edlen Herzog deshalb zu beschwere!:. Graf Grauville hatte es für seine Pflicht gehalten sich dumm zu stellen und an die erlogene Gefahr wie an die heuchlerische Bitte um Vermittlung zu glauben; ja als er später nicht umhin konnte den Wortbruch des französischen Cabinets zu beklagen, welches sich mit dem Rücktritt Leopolds nicht befriedigt erklärte. trotzdem, daß es wenige Tage zuvor das Gegentheil feierlich zugesagt hatte, hielt er es für nöthig, diese bittere Pille mit einer Anspielung auf die „Leidenschaften Deutschlands (!)" zu versüßen (Document Nr. 30 des Blaubuchs). In seiner Depesche Nr. 15 vom 8. Juli nämlich schließt Lord Lyons den Bericht an Gran- ville über seine Unterredung mit Gramont wie folgt: „Es gäbe noch eine Lösung, und der Herzog hat mich gebeten auf diese die besondere Aufmerksamkeit von I. Maj. Regierung zu lenken. Der Prinz von Hohenzollern könnte aus freien Stücken seine Ansprüche auf den spanischen Thron fahren lassen. . . Ein freiwilliger Rücktritt des Prinzen wäre, wie der Herzog v. Gramont erklärt, eine äußerst friedliche Lösung dieser schwierigen und verwickelten Frage. Er ersucht I. M. Regierung, deren ganzen Einfluß aufzubieten, um dahin zu gelangen." Das war am 8. Juli, und fünf Tage später, da, theilweise als Erfolg dieser englischen Bemühung, der französ. Minister die freiwillige Verzichtleistung des Prinzen in der Hand hatte, verkündete er, daß Frankreich sich damit nicht zufrieden geben könne, und stellte dem König von Preußen jene lächerlich impertinente Zumuthung, daß er schriftlich gelobe sich zu bessern und uicht rückfällig zu werden — eine Art Revers, sich unter Frankreichs polizeiliche Aufsicht zu begeben. Und, so unerhört das Ansinnen war, im unmöglichen Fall der Annahme wären ohne Zweifel neue, unerhörtere Anforderungen von Seiten dieser Ueber- müthigen nachgekommen. Mit solchem Verfahren öffentlich sich als einverstanden erklären zu lassen, war mehr als selbst Graf Granville's Anhänglichkeit an die kaiserlich französische Politik auf sich uehmen konnte, und sein Gesandter reichte am Abend des 14. Juli ein Memorandum auf dem französischen Ministerium des Auswärtigen zu Paris ein, in welchem umständlich und nachdrücklich über jene Fälschung vom 11. d. M. Klage geführt ward. Nichtsdestoweniger — 25 — verlas am folgenden Tag, am 15., nach 3 Uhr Abends, Ollivier statt des Ministers des Auswärtigen die Erklärung an die Kammer, in welcher dieselbe Unwahrheit in noch stärkeren Worten wiederholt wurde. Als nach .der Sitzung Lord Lyons dm Herzog v. Grainont deßhalb zur Rede setzte, versicherte dieser ganz dreist, er habe allerdings, indem er jene Behauptung ausgestellt, die englische Negierung dabei im Auge gehabt, und that ganz überrascht, daß diese nicht damit einverstanden sein wollte. Und als ihm der Lord unwider- leglich bewies, daß er so unschuldig nicht sein könne, verwickelte sich der Herzog in so unverständliche und unzusammenhängende Redensarten, daß er sich schließlich nur mit der Ausflucht zu helfen wußte: er werde seinen Gesandten in London, Herrn v. Lavalette, beauftragen das Weitere dem Grafen Granville zu erklären. Mit diesem Trost, daß der Sinn dieser Auseinandersetzung über seinen, des Lords, Horizont gehe, ließ dieser sich auch absiuden, und setzte in seinem Bericht hinzu: „Ich enthalte mich daher der Angabe weiterer Einzelheiten aus Furcht irgend welchen Irrthum zu begehen (äs xsnr äs tcnndsi- äg.ns HruzlHus evntusioii)!" Auch ein hübscher Beitrag zum praktischen Nutzen der Gesandtschaften. Freilich kam es hauptsächlich darauf an, daß die kaiserlich napoleonische Regierung nicht au der Liebe des Ministeriums Granville zweifle. Und so schließt der Gesandte seinen Bericht an den Minister mit nachstehendem erbaulichen Satze: „Ich könne nicht läugnen, sagte ich, daß die Regierung Ihrer brittischen Majestät Ursache habe sich unangenehm enttäuscht zu fühlen (cks 3ö ssQtir äössPxoints). Sie war veranlaßt worden zu glauben, daß die Verzichtleistung des Prinzen von Hvhenzolleru auf den spanischen Thron alles sei, was Frankreich verlange. Jetzt heißt es wieder: Frankreich begehre mehr als das. Aber, wie dem auch sei, fügte ich zum Abschied hinzu, das wird gewiß nicht den freundschaftlichen Gefühlen Abtrag thun, die das glück- — — liche Ergebniß des herzlichen Einvernehmens gewesen sind, das seit vielen Jahren zwischen unsern beiden Regierungen und Nationen bestanden hat." Und damit gab England seinen Segen, vollkommen das Vertrauen rechtfertigend, welches ein Leitartikel des „Journal officiel" am Morgen des 6. Juli, einige Stunden vor Gramonts Erklärung, zum Lobe des englischen Premier gebracht hatte. Dieser wohlverdiente Paneghrikus schloß mit den Worten: „I^e omnts ctö Ai'knvills cl'llillenrs clspuis lougtömxs 1'Iionusur äe ovn- naitrs izsrsonnelleniöut 1'^mxsrsur I^Äpolsou. II prokesss pour 8. N. 1's,tt,g,ekeniöiit 1s plus röspsetuervx. lLn vutrs ckss i s1ntior>8 cls eourtoisie st cl'amitiö i^ni rsmonieut cl^ü, trös lain, nuisssut 1e eluzk äu ?c>ri-g.l)1s) als die Nationalitäten (natürlich außer der französischen)." Frankreichs Aufgabe ist, die Kleinstaaten zu unterstützen. „Und wenn man euch zuruft", donnert er hervor, „daß ihr im Innern Deutschlands alles geschehen lassen müßt, daß ihr nur um diesen Preis den Frieden erhalten könnt, ist das eine — 40 — Frankreichs würdige Stellung?" Ungeheurer Beifallserguß von allen Seiten. In der folgenden Session finden wir Thiers wie immer mit denselben Ansichten bei der Berathung des Kriegsbudgets wieder. „Man hat Deutschland seine Einheit machen lassen", sagt er; „was mich betrifft, bin ich darüber untröstlich ^'sn suis inoonsolakls), ich empfinde um meines Landes willen darob einen tiefen Schmerz." So stand der höchsten, unabwendbaren, allgemein anerkannten Aufgabe der deutscheu Nation der Mann gegenüber, welcher Ende Octobers 1870 in ganz Frankreich als der bestgeeignete auserlesen ward, um versöhnend und vermittelnd zu unterhandeln zwischen seinem Land und dem deutschen Lager, in welchem eben das Fundament der deutschen Einheit gelegt wurde. Wenn um 4 Uhr Hr. Thiers deu Bundeskanzler verließ, so trat eine Viertelstunde später der Minister von Baden oder Württemberg ein, um in demselben Gemach, auf demselben Sessel, in dem eben Hr. Thiers plädirt hatte, die Paragraphen der deutschen Bundesacte zu besprechen, welche der französische Unterhändler als ein Unglück für seine Nation, als einen Nagel zu seinem Sarge hingestellt hatte. Und das war uoch der einsichtsvollste, neutralste, räsonnabelste Staatsmann, welchen die Regierung der Nationalvertheidigung aufzutreiben vermochte. Kann etwas bezeichnender sein für die Stellung der beiden Nationen gegen einander, kann uns etwas unwiderleglicher zeigen, daß bei dem gebieterischen Einheitsdrang unsrerseits und der verblendeten Gegnerschaft andrerseits dieser Zusammenstoß unvermeidlich war? Vervollständigen wir uns das Bild, indem wir auch in die Acten des ersten Friedensunterhändlers zurückgreifen. Am 31. Oct. war Hr. Thiers in Versailles erschienen, etwa sechs Wochen früher Jules Favre in Ferneres. Jener das Haupt der orleanistischen Partei, dieser das Haupt — 41 — der gemäßigt republicanischen; beide zusammen also der vollkommenste Gesammtausdruck der gebildeten, maßgebenden Mittelklassen bis in ihre höchsten Schichten hinein, beide als die natürlichen Stützen der Situation vorangestellt, Thiers für die auswärtige Diplomatie, Favre für die Politik nach innen. Wie Thiers dachte und sprach, wissen wir; hören wir jetzt Jules Favre. Ebeuso regelmäßig wie Thiers begegnen wir ihm überall, wo es eine Gelegenheit gibt, der seit 1866 im Werke begriffenen Gestaltung Deutschlands entgegenzutreten, beinahe jedesmal folgt er Thie.rs auf der Tribüne, um aus einer andern Tonart dieselbe Melodie aufzuspielen. Auch er rühmt sich stets, daß er bereits 1864 zu Gunsten Dänemarks gegen Deutschland aufgetreten sei. Die deutschen Kleinstaaten sind auch ihm, ihm noch viel mehr, dem großen Tribunen, die Stammsitze der höchsten Freiheit. Fürchterlich schildert er am 14. März 1367 die Aetion Preußens in 1866. „Da wendet sich Preußen (nachdem es in den Herzogtümern gesiegt) gegen Deutschland, und mit seinem erfolgreichem Schwerte stürzt es nicht bloß die Throne um (wie verbrecherisch in Favre's Augen!), sondern es zerreißt auch die Constitutionen der Staaten, spannt die unterworfenen Nationen (im Plural Iss irations sudjnZnsss, die Nation der Nassauer und die Nation der Oberhessen) an seinen Triumphwagen, führt die Volksphantasie auf Irrwege, predigt die deutsche Einheit, um in Wahrheit die preußische Einheit zu machen." (Sehr gut, sehr gut! auf Seiten der Linken.) „Vergeblich", fährt der heutige Minister der Republik fort, „vergeblich protestirt der alte König von Hannover in beredten Worten!" Niemand, heißt es weiter, kann schmerzlicher als ich den Stoß empfinden, den uns der Sieg von Sadowa beigebracht hat, „xsrsonns ns psnt ssntir plus oruslls- rQsnt 1'g.ttöints cls la, viotoirs <1s 8g.äo^a." Wenn damals die Regierung, sagt er gleich Thiers, Geld verlangt hätte, so hätte — 42 — die Kammer ihr Hülfsquellen bewilligt zur Vertheidigung aller Rechtsansprüche, welche unserer auswärtigen Politik zukommen. Deutschland ist für das Föderativsystem wie gemacht; es zieht große Vortheile daraus, besonders aber den, ftinen Nachbarn nicht unbequem zu sein. Hören wir seinen Schluß: „Wir habeu nur ein Mittel, um, sofern es überhaupt möglich ist zur Wiederauf- lösuug dessen zu kommen, was man fälschlich die deutsche Einheit nennt und das ich die preußische Einheit nenne, wir haben nur ein einziges Mittel, sage ich: wir müssen uns zu Mitschuldigen (eoinxliess) der Feinde dieser Einheit machen. Und die Feinde dieser Einheit, das sind die Völker, welche hingeopfert worden sind, es sind die Könige, deren Gebiet man mit feindlicher Gewalt überzogen hat!" Das alles ist stärker, als was wir von Thiers, dem Historiker des Kaiserreichs, dem Altliberalen, anführen können. Ein Gleiches gilt von dem folgenden Passus aus deu Budgetverhandlungen desselben Jahres (1867): „Ja", rnft Favre, „wir haben uns gedemüthigt vor dem Sieger von Sadowa. Diese Schlacht hatte so eben mit der Schärfe des Schwertes alle Fragen durchschnitten, Frankreich war tief ergriffen von diesen Ereignissen, an welchen sich zu betheiligen ihm nicht gestattet gewesen war; es that sicherlich seinen kriegerischen Jnstincten Gewalt an, seiner heroischen Natur, die zugleich voll Edelmuths ist und es in die Stimmung versetzen mußte, uur mit größter Ungednld zu ertragen, daß es eben an diesen Ereignissen nicht theilgenommen hatte (man merke im Vorübergehen dieses Geständniß); aber es. begriff sehr wohl, daß theilweise jener Friede (von Prag) gegen es gerichtet war und seine Sicherheit gefährden konnte, und damals, sagte ich, ergreift der Minister die Feder, um Frankreich zu beruhigen." Hier eitirt er nun die bereits oben mitgetheilte Stelle aus Lavalette's Brief. Allerdings, auch Favre versäumt nie hinzuzusetzen: um — 43 — Gotteswillen fangen wir jetzt keinen Krieg gegen Deutschland an, er könnte nur um so mehr die Deutschen zur Einheit antreiben. Diese Wendung war natürlich von der einfachsten Parteiklugheit geboten. Selbst wenn sie den Krieg wünschten, mußten sie ihre Polemik so einrichten, daß sie ihn zu verabscheuen schienen, daß er aber mittelbar aus ihrer Operationsweise hervorging. Wünschten sie den Krieg? Jedenfalls sind wir berechtigt zu erwiedern: Ja, sie wünschten den Krieg. Sie wünschten ihn, weil alles zeigt, daß auch sie durch und durch vom französischen Nolksgeist eingenommen sind, weil wir ihr eignes Zeugniß dafür haben, daß dieser Volksgeist längst nur mit der größten Gewalt vom Kriege zurückgehalten wurde; sie wünschten ihn, weil bei dem unausrottbaren Glauben an die Unüberwindlichkeit ihrer Waffen sie im Kriege das natürliche und einzige Mittel sahen, um das, was sie als ein ungeheures Nationalunglück betrachteten, wieder auszutilgen; sie mußten den Krieg wünschen, weil ihr eigenthümlicher Patriotismus mit lauter Stimme ihnen zurief, wie sie hundertmal feierlich auf der Tribune versichert haben, daß Preußens Werk zertrümmert werden müsse im Interesse Frankreichs. Vor allem aber — und das ist die Hauptsache, darauf allein kommt es uns an, indem wir den Theil der Verantwortlichkeit der liberalen, gebildeten Mittelelassen am gegenwärtigen Kriege festzustellen suchen — vor allem mußten die, welche in der oben geschilderten Weise mit allen Kunstmitteln ihrer angebeteten Eloquenz vor dem versammelten Frankreich sprachen, vor allem mußten sie die Wirkung dieser ihrer Reden berechnen können und berechnet haben. Gegen diesen EinWurf gibt es gar keine stichhaltige Aus- noch Einrede. Hingestellt einerseits zwischen eine Regierung, die als den härtesten Vorwurf empfinden mußte, die Stellung Frankreichs auf den: Fcstlande heruntergebracht zu haben — denn das Gegen- — 44 — theil war ihr Adelsbrief — und andererseits eine Nation, welche, wie alle Zeugnisse sagen, ihrem kriegerischen und empfindlichen Temperament nur mit der äußersten Verstandesanstrengung nach der Schlacht von Sadowa Ruhe auferlegte; hingestellt zwischen eine Regierung, welche zwei siegreiche Feldzüge hinter sich hatte, und eine Nation, die sich überhaupt für unüberwindlich hielt, wie konnten da die Redner der Opposition von ihren brennendsten Vorwürfen, von ihren Denunciationen, von ihrem Wehklagen, daß der Norddeutsche Bund ein unberechenbares Unglück für Frankreich sei —- wie konnten sie, sage ich, etwas anderes erwarten als daß Regierung und Nation Hand in Hand dem Kriege zustürzen müßten? Ein Jahr nach den eben geschilderten Reden konnte Thiers, wie immer die Gelegenheit benutzend, im April 1869, wenige Tage vor Auflösung der Kammer, angesichts der neuen Wahlen, dem Minister Lavalette, welcher die Gestaltung der deutscheil Dinge als eine natürliche und unaufhaltsame Entwicklung dargestellt hatte, von neuem darob den Fehdehandschuh hinwerfen: „Wir haben euch 1866 angefleht, den in Deutschland sich entwickelnden Ereignissen Halt zu gebieten, Ihr konntet sie aufhalten mit einem einzigen Wort. Wie sehr wir auch in euch drangen, ihr thatet's nicht. Wir können also auch um unserer Ehre und um unserer Verantwortlichkeit willen euch nicht erlauben zu sagen, daß ihr nicht die seid, welche den gegenwärtigen Stand der Dinge in Deutschland geschaffen. Ich antworte: ihr habt ihn geschaffen!" Wenn in solcher entscheidenden Stunde, aus so maßgebendem Munde, dieser Vorwurf der Regierung gemacht wird, der Regierung eines solchen Volkes, müßte sie nicht von Holz und Stein sein, wenn ihr ganzes Sinnen und Trachten auf etwas anderes ginge als diese furchtbaren Fehler wieder gut zu machen? Und auf welche andere Weise als durch einen Krieg? Wahrlich, so — 45 — kurzsichtig können wir uns weder Thiers, noch sonst ein Mitglied der Opposition denken, nicht die unausbleibliche Folge solcher Angriffe mit Bestimmtheit vorauszusehen. Und wenn sie sich schmeicheln konnten, daß die Regierung diesen ewig bohrenden, brennenden, hetzenden Recriminationen widerstehen, daß sie fallen würde, — denn das war ja ihr Hauptzweck - weil sie in Deutschland hatte geschehen lassen, würde die nach diesem Sturz kommende Regierung nicht eben deshalb das Kriegsprogramm gegen Deutschland habe» aufnehmen müssen? Aber sie wußten es nur zu gut, die bonapartistische Regierung würde nicht fallen, ohne das letzte Reinigungsmittel gegen ihre Vorwürfe ergriffen zu haben; sie wußten, daß, je erfolgreicher ihre Angriffe waren, sie desto gewisser den Kaiser in den Krieg trieben; und was dabei trotz aller theoretischen Friedensliebe und trotz öffentlicher Moralpredigten in ihrem Innern spielte, das war bei den einen die stille Hoffnung, daß der Krieg das Empire stürzen werde (s. u, a. Gambetta), bei den andern die eigene geheime Lust am Krieg, der eigene Haß gegen Preußen, die " Antipathie gegen Deutschlands wachsende Größe. Alle diese unverkennbar in ihrer Brust arbeitenden Triebe befriedigten sie, indem sie die Regierung unter der Last ihrer Vorwürfe wegen der frühern Nichteinmischung erdrückten, Frankreich tagtäglich das hereingebrochene und noch bevorstehende Unheil vor Augen hielten, und dabei sich gleichwohl noch mit der Rolle der. Friedensfreunde bedachten, sich, der Verantwortlichkeit ihrer Urheberschaft entzogen, indem sie jedesmal am Schluß ihrer Tiraden ausriefen: „Aber jetzt ist's zu spät, jetzt um Gotteswillen keinen Krieg, Friede, Friede, Friede!" Wer zweifeln wollte, daß gerade die äußerste radicale Partei selbst den Krieg nicht scheute als ein Mittel zu ihrem souveränen Zweck, dem Sturze des Kaisers, der frage die Leute, welche den 4. September 1870 in Paris miterlebt haben. Paris schwamm — 46 — in einem Freudenmeer; keiner, der es nicht gewußt, hätte je von fern errathen, daß diese Stadt soeben die Niederlage und Gefangennahme ihres schönstes Heeres, ihres einstigen Stolzes vernommen hatte. Nein, es war eine Siegesfeier. Triumph und Freude auf allen Gesichtern, Frohlocken und Händedrücken bei allen Begegnungen. Der Verhaßte war gestürzt, die Adler wurden abgerissen, die Anfangsbuchstaben N und L an allen Thüren ausgekratzt; der unanshaltsame, unreflectirte Ausbruch gerade dieses Gefühls war so mächtig, daß das, was sonst für diese Menschen — uud für wen nicht? — das furchtbarste gewesen wäre, im Taumel der ersteu Befriedigung vergessen, und ohne Ueberlegung der innersten eigenen Natur gefröhnt wurde. Wer will uns da noch weismachen, daß diejenigen Unversöhnlichen, welche Napoleon die Erniedrigung Frankreichs vorgeworfen hatten, den Krieg nicht wollten? Im vorletzten Augenblick, wohl fühlend, welchen ungeheuern moralischen Antheil sie an dem europäischen Unglück hatten, in Gegenwart des furchtbaren Geschicks, die Möglichkeit der schreckliche!: Zukunft eutferut ahuend, im Augenblicke, da das Spiel gelungen war, das sie so lange gespielt, zwang sie das böse Gewissen und rieth ihnen die Lebensklugheit, noch schnell einmal ihre Hände in Unschuld zu waschen. Herr Thiers bestieg die Tribüne und sprach erschütternde, warnende, muthige Kassandra-Worte gegen den Krieg. Er wußte, daß er ihn nicht mehr aufhielt; er wußte, daß er unwiderruflich beschlossen war, daß die ganze Kaiserpartei, und alles was in ihrem Schlepptau hing, durch seinen Widerspruch nur noch mehr würde angestachelt werden. Wenn auch der thörichte Pöbel ohue Zweifel vou einigen December-Männern geführt, Abends vor sein Hotel zog und dem „?rus8isii" drohte*), so kann in den Augen *) Ein Beweis mehr, wie der Geist der Commune schon in den patriotischen Schaaren steckte! Als sie die Herren von Paris wurde», beeilten sie sich, — 47 — der geschichtlichen Kritik dadurch die Verantwortlichkeit des Hauptanstifters nicht ausgewischt werden. Nicht alle von der Linken hatten, wie I. Favre, die Klage wegen des Jahres 1866 zur Hauptgrundlage ihrer Angriffe gegen die Negierung geinacht; nicht alle hatten, wie Jules Ferry, in ihr Wahlprogramm die Feindschaft gegen Preußen aufgenommen; die wenigsten gingen, wie Guyvt de Montpeyroux, bei der Hohenzolleru'schen Candidatur mit dem Ministerium. Doch alle unterzeichneten seiner Zeit das Wahlmanifest, in welchem Sadowa als das neue Watcrloo denuncirt war, und die beiden Hauptagitatoren der bald folgenden Republik begrüßten den Krieg mit Freuden, Gambetta nämlich und Ksratry. Der letztere war es, welcher die blödsinnige Zeitlingsente von Badens Sprenggeschossen mit Wollust aufnahm, um daraus ein Piedestal für seineu Patriotismus zu bauen; ihm verdanken wir jene denkwürdige Erklärung an Baden, welche auf eine solche kindische Erfindung sofort, ohne zu zaudern, amtlich die Schändung der Frauen und Töchter insinuirte. Und das einem Lande gegenüber, mit welchem Frankreich wie mit keinem andern hätte eng vertraut sein müssen, dem nächsten Grcnznachbar, dessen Dynastie, mit der kaiserlichen verwandt, noch dem entsprechende Beziehungen unterhielt; dessen Bevölkerung, wenn irgend eine, den Franzosen bekannt sein mußte, an Sanftmnth und Cultur aber ihres Gleichen sucht. Wie Thiers und Favre, die beiden Friedensunterhändler, zu den Haupturhebern des Kriegs gehörten, so charakterisirten sich zwei Führer der nachmaligen Republik als dessen eifrigste Anhänger. Köratry leitete die barbarische Austreibung der Deutschen und Gambetta ward der pateutirte Erfinder aller Gräuel und Barbareien, dasselbe Thierische Haus zu zerstören, auf welches sie zehn Monate zuvor einen Angriff gemacht, grade wie sie auch die gegen den Schwarzwald gerichteten Petroleumsvisionen an den Tuilerien und dem Stadthause verwirklichten. — 48 — die dem deutschen Heere angedichtet wurden, Gambetta erließ nach v. d. Tanns wohlberatbenem lind heldenmüthigem Rückzüge von Orleans jenen Tagesbefehl, worin die deutschen Truppeu beinahe als feig stiebend und jedenfalls den Franzofen an Tapferkeit weit nachstehend geschildert werdeil. Gambetta verordnete, daß in den Taschen der deutschen Ofsieiere nach gestohlenen Kostbarkeiten gesucht werde. Wenn es so mit der Blüthe der Freigesinnten und politisch Gebildeten stand, wie mußte die Masse beschaffen sein? Zur Antwort auf diese Frage haben wir einen untrüglichen Weg. Wir alle haben staunend miterlebt, wie diese Massen auch nach den furchtbarsten Niederlagen nicht an ihre Besiegbarkeit glauben konnten; wie Unwissenheit, Dünkel und Fabelsucht alle Erfahrungen bis zu den bittersten sofort im Volksinstinct zu Erscheinungen umbildeten, welche mit dem unentbehrlichen Glauben an die eigene Ueberlegenheit sich wieder vereinigen ließen. Wo gar nichts anderes helfen wollte, mußte es der Verrath thun. Einfach der Schwächere zu sein an Tapferkeit oder Geschicklichkeit — dieser Gedanke hat noch bis auf diese Stunde in kein französisches Gehirn Eingang gefunden. Ueberall, mit den geringsten Ausnahmen, waren die Kämpfenden auf beiden Seiten in der ersten Periode des Kriegs an Zahl einander gleich, und überall hieß es: Ihr Deutscheu wäret fünf-, sieben-, zehnmal stärker als wir Franzosen. Wie oft hörten wir das nicht von den Gefechten um Metz sagen, wo unsere Deutschen in so entsetzlicher Minderzahl mit einigen Divisionen eine ganze Armee eine Zeit lang festhielten, und wo, wie die Zahl der Gefangenen bei der Kapitulation ergab, uns stets gleiche, wenn nicht überlegene Massen gegenüber gestanden hatten. Am Abend nach der Schlacht von Gravelotte, am 19. August, sah ich die Gefangenen in Pont-a.-Mousson einbringen. Man weiß, welch ein heißes Ringen das war, wie unsere Truppen, namentlich — 49 — auch wieder die Reiterei, am 16. August das Unmenschliche an Tapferkeit geleistet hatten. Wir büßten an diesen drei Tagen, vom 14. bis 17. August, wohl über 30,000 Mann Todte und Verwundete ein. Während ich dem damals noch ungewohnten traurigen Schauspiel zusah, wie die Gefangenen bei einbrechender Duukelheit in eine Kirche durch die enge Thür hineingedrängt wurden, unterhielt sich ein Deutscher neben mir mit einem der französischen Offieiere. Ich mußte in mich hineinlächeln über die Naivetät, mit welcher mein deutscher Nachbar den Angeredeten fragte: was er von der Tapferkeit der deutschen Soldaten denke? Aber ich war doch noch mehr verblüfft von der unverschämten Antwort, die der Gefangene gab: „Wir können's nicht beurtheilen," sagte er, „ja, wenn wir nur einmal Eure Truppen in der Nähe zu sehen bekämen; aber sie wagen sich nie an uns heran, und schießen nur aus der Ferne."*) Und das nach jenen Schlachten, wo die Deutschen gerade durch die größere Tragweite des Chassepots am meisten gelitten, wo die Franzosen durch wohlgewählte und geschickt benützte Stellungen und Deckungen uns am meisten zu schaffen gemacht hatten. Solche Aeußerungen sind nicht einzelne Zufälligkeiten. Sie liegen im Blute. Was jener alberne Officier am 19. August sagte, das wiederholten kürzlich zwei Jünger der Wissenschaft, französische Aerzte, welche eonstatirten, duß die Deutschen nie den Franzosen nahe genug kämen, um Hieb- oder Stichwunden beizubringen. Nein, sie hielten sich für unbesiegbar, groß und klein, für unvergleichlich viel tapferer und geschickter, als die Deutschen, und darum 5) Uebrigens bedeuten Trochu's Worte, in der Versailler Nationalversammlung im Monate Juni gesprochen, genau dasselbe: er habe vor Paris die Deutschen nie zum Jnfanteriegefecht bringen können, sonst hätte er sie sicherlich geschlagen. 4 — 50 — ergriff die meisten, auch solche, die den Krieg von vornherein nicht wollten, sobald der Krieg einmal erklärt war, nur noch ein Gedanke: der an den bevorstehenden glänzenden Sieg! Die Reden, welche der sanfte, gewerbfleißige Präsident des gesetzgebenden Körpers, Herr Schneider, hielt, die Nede Rouhers, des Hauptes der Friedenspartei seit einem Jahrzehnt —- alle diese Reden, die überflössen von Siegesgewißheit, sie waren nicht vom Servilismus eingegeben, sondern sie kamen aus dem Herzen. Die tausendzüngige Presse posaunte nur in gesteigertem Chorus was alle fühlten. Der Kaiser allein empfand eine dunkle Beklommenheit. Er antwortete denen, die von einer kurzen Promenade nach Berlin sprachen, mit der Wahrscheinlichkeit eines ernsten und langen Kriegs. Sie Horten's mit Unglauben. Auch hier war er vernünftiger und unterrichteter als die meisten seiner Unterthanen. Um aber in der That eine annähernde Vorstellung von dem Zustande der Geister in der ersten Woche nach der Kriegserklärung zu haben, muß man von Augenzeugen Einzelnheiten aus dem Privatleben hören; wie, mit seltenen Ausnahmen, die sonst ruhigsten und liberalsten Leute, Mäuner, Frauen und Kinder in lichter Kriegslohe entbrannt waren und im Vorgenuß der beginnenden Zerschmetterung Preußens schwelgten. Heute, wenn wir den Franzosen die von unglaublichem Uebermuth angeschwollenen Gaseonnaden ihrer Presse aus jener Zeit vorhalten, seufzen sie wohl und sagen: „Ja, jene schändlichen Journalisten, sie sind an allem Schuld." Aber Jeder, dem es möglich ist, durch eigenes Entsinnen oder durch Nachforschen sich in das Schauspiel zurückzuversetzen, welches damals das Privatleben — wenigstens in Paris — darbot, ist durchdrungen von der Einsicht, daß die Zeitungen nur den Widerschein der thatsächlichen Empfindung der großen Mehrheit verstärkt wiedergaben. In den Familien, in den Schulen, in den geselligen — 51 — Vereinen, im Sprechzimmer der Professoren, natürlich in den öffentlichen Localen und auf den Straßen herrschte derselbe Geist. An dem glorreichen triumphalen Ausgang zweifeln war so viel als Vaterlandsverrath. Wer an einem Tisch äußerte, daß vielleicht die deutschen Truppen nicht so leicht zu schlagen seien, wurde mit Unwillen vertrieben. Aus diesem Glauben an die nationale Unfehlbarkeit, aus dieser unausrottbaren Fatuität erfließen alle andern Ungeheuerlichkeiten, denen wir staunend zusehen, ohne sie mit unserm früher«: Urtheil über dieses Volk vereinbaren zu können. Ist denn eine Nation, die wir so lange als verständig, skeptisch, menschlich kannten, im Handumdrehen thöricht, leichtgläubig, grausam^ gewordeil? Nicht das, aber der breunende Schmerz an der einen wunden Stelle hat sie in einen Paroxysmus versetzt, der alle audern Fähigkeiten aufhebt. Jeder aus der Zeit vor dem Krieg entnommene Beweis von der Mitschuld der Nation am Angriff gegen Deutschland ist entbehrlich. Das Verhalten von Volk und Führern seit dem Kriege spricht deutlicher als alles dafür, daß sie sich für unüberwindlich hielten, noch heute nicht an ihre Besiegbarkeit glauben können, und ein solches Volk trägt eben die Versuchung zum Angriff jahraus jahrein im Leibe. Wenn die Thiers, Favre, Gambetta den Krieg nicht gewollt hätten, ist ihre Schuld um so größer. Denn wie durften sie solch ein Volk mit ihrer Taktik und Beredsamkeit stets an den Rand des Kriegs führen, und da angekommen seinem Jn- stinct und der Einwirkung jener Parteien preisgeben, die aus übelberathenem Imperialismus seit Jahren zum Krieg trieben? „Mein Patriotismus glaubt an die natürlichen Grenzen," rief einmal Gramer de Cassagnac im gesetzgebenden Körper, uud als Favre eines Tages aussprach, daß er für Frankreich weder Belgien noch Luxemburg begehre, schrie derselbe Gramer: „L'sst uns konts!" 4* — 52 — Henri Didier schrie ihm nach: .,O'ö8t uus ivtarniö!" und Belmontet setzte den Trumpf darauf: „Vons n'sts8 xg.8 ?rantzais!"; der Präsident Graf Walewski sah sich genöthigt, um deu Sturm zu bewältigen, Favre ins Gewissen zu reden: er sehe doch, daß er das Gefühl der Kammer verletze, und möge sich Zwang auferlegen. (Sitzung vom 14. März 1867.) Noch wüthender als die confervativen Parteigänger des Kaisers waren die liberalisirenden. Das Unglaublichste leistete bekanntlich der famose Emile v. Girardin, der Journalist, der von allen Lebenden am besten verstand, des Pariser Publikums Aufmerksamkeit zu fesseln. Auch er predigte zeitweise Frieden, auch er spielte unter Umständen die sanfteste Hirtenflöte, auch er könnte ohne Zweifel, wie der Kaiser, wie Thiers, Favre und alle andern, Hunderte von Artikeln beibringen, in denen er dem reinsten Humanismus und der liebevollsten Nachbarschaft mit Deutschland das Wort geredet. Aber als mit dem Jahre 1869 die Bestimmbarkeit der kaiserlichen Entschlüsse aus dem schwankenden, erschlaffenden, tastenden Wesen des Imperators immer merkbarer geworden, als gleichzeitig der Glaube an die vollendeten Rüstungen immer mehr Nahrung aus dem Kriegsministerium bezog, hielt er den Moment für gekommen, das grobe Geschütz aufzufahren. Das Signal gab die mit jenen Angaben zusammenhängende Phrase der Thronrede vom 18. Januar 1869, welche deu Stoff zu einer breiten Zeitungspolemik lieferte, und uns heute wie das Präludium zum Juli 1870 erscheint. Die Stelle der Thronrede lautet: „Das Wehrgesetz und die von Ihrem Patriotismus bewilligten Geldmittel haben dazu beigetragen, das Vertrauen des Landes zu befestigen und im gerechten Gefühl seines Stolzes hat dasselbe eine wahre Genugthuung empfunden an dem Tage, an welchem es wußte, daß es sattsam vorbereitet, um allen Eventualitäten ins Angesicht schauen zu können." — 83 — Diese Stelle umschrieb Girardin nun wie folgt: „Für Jeden, der lesen kann, bedeutet dieser Satz deutlich, daß die Fehler von 1866 wieder gut gemacht werden sollen bei der ersten günstigen Gelegenheit, die sich darbieten wird. Die Erhaltung des Friedens, ja wvhl, aber mit Rückgabe unserer alten Grenzen von 1801, unserer natürlichen und nothwendigen Grenzen; ja wohl! mit der Theilung des Rheins in zwei gleiche Hälften: den Germanen das rechte Ufer, den Galliern das linke Ufer, Jedem das Seinige!" So redete der Mann, welcher auf der Liste stand, um am 15. August 1870 zur Anerkennung für seine dem Kaiserthum geleisteten Dienste in den Senat befördert zu werden, und welchem Olliviers Emporkommen zu einem beträchtlichen Theile zugeschrieben werden muß. Bald darauf brach der franco-belgische Eisenbahnstreit aus. Nachdem das Manöver mit Luxemburg nur halb gelungen war, wurde in verjüngtem Maßstabe etwas Aehuliches mit Belgien versucht, natürlich nicht, ohne daß hier wie dort gewisse Finanzhebel von unten her die ersten Anstöße gegeben. Die belgische Kammer war jedoch nicht geneigt, die französischen Machenschaften stumm gehorsam einzuregistriren, und der darüber ausgebrochene Zornesanfall klagte, wie immer, Preußen als den geheimen Uebelthäter an. Das halboffinelle „Pays" gab damals folgenden Erguß zum Besten, welcher' unter den Hunderttausenden seinesgleichen wohl als Muster aufbewahrt und namentlich jetzt wieder aufgefrischt zu werden verdient. „Zwanzig Jahre lang mußtet ihr geschlagen werden, o ihr Söhne der Besiegten von Jena, um endlich jenen Koloß zu erschöpfen, welcher Frankreich benannt wird. Habt ihr denn vergessen, daß der vielhundertjährige Haß gegen England sich verwandelt hat in den Haß gegen Preußen? 1815 und Waterloo tönen noch in unsern Ohren, und die Stunde der Rache wird mit Ungeduld erwartet. Wir kennen ihn — den Weg, der zu Euch hinführt. Wie — 54 — leichtsinnig seid ihr doch, nicht zu begreifen, daß die kaiserliche Regierung seit drei Jahren alles Erdenkliche thut, um unsern patriotischen Unwillen zu bezähmen, bloß im Juteresse des Friedens!" In diesem Bekenntniß war viel Wahrheit und Aufrichtigkeit enthalten. Bemerkenswerth ist nicht nur die Wendung, welche dem Kaiser das Verdienst zuschreibt, den Krieg bisher vermieden zu haben, sondern auch das Geständniß, daß an die Stelle des einen Hasses sofort ein anderer getreten war. Der Kaiser — und dies gehört zu seinen Verdiensten — hatte den bornirten Haß gegen England mit großer Anstrengung ausgetrieben, den Haß, welcher noch zu Ludwig Philipps Zeit in seiner grotesken Rohheit flvrirte, mit der Muttermilch eingesogen ward. Für dieses Bedürfniß irgendein Volk anzufeinden, mußte an Stelle des wegfallenden Englands ein anderes Objekt treten, uud dieses Objekt bildete uaturgemäß Deutschland, welches zur Geltung in Europa kam, während England sich in seine Privatwirthschaft zurückzog. Feindschaft ist natürlich hier nur eine Umschreibung für Eifersucht. Denn wie im Innern das französische Staatsleben sich stets um das Problem dreht, wie eine besiegte Partei die herrschende vom Ruder verdränge, so hat von allen Zeiten her es auswärtige Politik sich zur Aufgabe gemacht, den einflußreichsten Staat Europas offeu oder heimlich anzufeinden. Es ist dasselbe Princip ruheloser Eifersucht, und zur Stunde schon kann mau hören, wie mit Inbrunst gelobt wird, die künftige Generation im Haß gegen Deutschland großzuziehen. So auch folgten einander Legitimisten, Orleauistcn und Bonapartisten im Erbhaß. Anlage zur Leidenschaft und Intrigue brauchen stets einen Gegenstand für das politische Getriebe nach innen und außen, welchem das öffentliche Leben nicht Mittel zum Zweck, sondern ein emotionsreiches Drama mit unterlaufender Posse ist. Jedem, der ans Ruder will, bietet sich die Ausbeutung dieser nationalen Eifersucht als das — 55 — Nächstliegende Mittel dar. Wie die Linke auf Sadowa herumreitet, so macht auch der Nebenbuhler Olliviers in der kaiserlichen Gunst die Angriffe aus Deutschland zu einer seiner Hauptoperationsbasen. Element Duvernois, das jüngste Schooßkind der kaiserlichen Schwäche, war seiner Zeit in Algier ein Journalist der feuerrothen Republik und wegen Opposition gegen das Militärgouvernement ausgewiesen worden. In Paris tritt er in die Redaetion der „Libertö" ein und schmeichelt sich so sehr in die Gunst des Regenten, daß er nach Olliviers Fall gerade noch vor Thorschluß deu Friedcnsmarschallstab, den jeder Journalist im Ranzen trägt, ein Ministerportefeuille, erwischt. Auch dieser Element Duveruois, der seinen geheimen Eintritt durch die Tapetenthür des kaiserlichen Cabinets hat, ist längst einer der Hauptkriegshetzer gewesen und hat sich namentlich in dem belgischen Conflict mit Angriffen und Verdächtigungen gegen Preußen hervorgethan. Wenn die verschiedenen Schattirungen der Opposition das ihrige zur langjährigen Vorbereitung des Kriegs beigetragen haben, so darf eben nicht außer Augen gelassen werden, daß die nächste Umgebung der Tuilerien es war, welche die Fackel in den angehäuften Brennstoff geworfen hat. Zwischen der Erledigung des belgischen Eisenbahnstreits im Frühjahre 1869 bis zum Ausbruche des Krieges war gerade eine Zeit friedlicher Stimmung eingetreten, dergleichen seit 1866 nicht mehr dagewesen. Eben in jenem Frühjahre 1869 aber wollten zur Abwechslung wieder einmal die Regierungsblätter uud der Senat bei Gelegenheit der Wahlen es mit der Kriegsfanfare versuchen. Als Michel Chevalier am 11. April im Senat bei Berathung des Kriegsbudgets bat, man möge doch nicht durch die Haltung dieses hohen Staatskörpers zum Krieg aufreizen, flogen ihm von allen Seiten Injurien an den Kopf, und er ward „Prussien" gescholten, wie seitdem Jeder, der Vernunft zeigte. — 56 — Segur rief ihm zu: „Das ist nicht zum Aushalten, Sie verletzen die patriotischen Jnstincte der Nation." Rouland, der Bankdireetor, und der Marschall Vaillant stimmten ein. Die kriegerische Diversion mißlang dennoch, und die Verstärkung der Opposition drängte die kaiserlichen Ultras noch einmal in den Hintergruud. Jöröme David, der Führer der Hofjanitscharen, ein Mann von Verstand und Keckheit, früher erster Vicepräsident der Kammer, so lange der Kaiser noch die Vorsitzenden ernannte, kam mit knapper Noth bei der Wahl an der fünften Stelle durch. Solche Erlebnisse und die Besetzung einer Menge von Stellen mit den Freunden und Günstlingen des Ministeriums Ollivier-Daru brachten ohne Zweifel die combinirte Partei Jsröme David und Element Duvernois zum Entschluß, einen neuen Versuch uach der kriegerischen Seite zu machen. Man hat immer die Frage nach den Ursachen des Ausbruchs so gestellt: War die Dynastie dermaßen bedroht, daß ihr gar keine andere Zuflucht blieb als dieser Sprung ins Dunkle? Die Frage, so gestellt, sucht die Antwort am falschen Orte. Die Dynastie war noch so schlimm nicht bedroht, und Napoleon hatte alle Aussicht, iu den Tuilerien zu sterben. Aber bedroht war der Einfluß und das Aemtermonopol der bisherigen Hospartei, seitdem die Orleanistcn und Olliviers Freunde sich in die Stellen zu theilen anfingen. Man weiß, wie treu Letzterer sich an die beliebte Tradition anschloß. Seine Umbra Mauriee Richard setzte er nach einander an die Spitze verschiedener Ministerien, seine alten Cameraden zu Direc- toren ein, und den letzten Act seiner öffentlichen Laufbahn bezeichnete er damit, daß er, zum Gelächter von Paris, am Tage vor seinem Sturz, noch fchnell seinen Zahnarzt mit der Ehrenlegion bedachte. So mancher jener schnell emporgeschossenen Günstlinge hat die kurz gemessenen Augenblicke, da die Fluth ihn emporhob, — 37 — benützt, um mit seinem Excellenztitel eine reiche Erbin an sich zu fesseln. Solche auf diesem Boden durchschlagende Mittel forderten den Widerstand der Benachtheiligten heraus. Nicht der Kaiser war bedroht, die Kaiserlichen waren es. Als sie das Plebiscit, ihre eigentliche Höllenmaschine, durchsetzten, war der Beweis noch nicht erbracht, daß das liberale Empire nicht bestehen könne, aber ihre eigene Partei war in die Enge getrieben, und sie sahen — um auch ihnen den denkbaren Anspruch auf Ehrlichkeit nicht zu verkürzen — ohne Zweifel im Zusammensturz ihrer persönlichen Machtstellung neben dem Thron das untrügliche Vorzeichen des stürzenden Thrones selbst. Die Kaiserin konnte den Emporkömmling Ollivier nicht ausstehen, welcher sich die Genüsse der vfficiellen Glorie noch zu würzen suchte durch die Affectation, mit der er in den Hof- cirkeln auch den Stolz des schlichten Bürgerlichen herauskehrte. Um die Kaiserin schaarten sich die Unzufriedenen. Das Cvmplott des Plebiscits, so ganz gemacht, dem Kaiser zu gefallen, gelang. Ollivier, statt sich mit Büffet, Daru und Talhoust abdrängen zu lassen, blieb am Leim des Portefeuille's kleben, konnte sich nicht trennen von der kaum erklommenen Stellung, gerieth unter die Botmäßigkeit der Hofpartei uud mußte das schmähliche Schicksal erleben, daß er zum köpf- und willenlosen Werkzeug eines David und Gramont herabsank, um für immer seinen Namen an die gräßlichste That des Jahrhunderts zu fesseln, er, der emporgekommen war als der Anwalt friedlicher Versöhnung zwischen Dynastie und Fortschritt, zwischen Frankreich und Deutschland. Nie hatte der Glanz äußerer Machtstellung einen talentvollen Menschen so jäh geblendet und zum Abgrund geführt. III. Es heißt, der Krieg sei begonnen worden ohne genugende Vorbereitung, und Niemand erklärt sich das Räthsel, wieso gerade diejenige Voraussetzung, welche nothwendig jeder für die bestimmende Triebfeder zum französischen Angriff hielt, die endlich vollendete Kriegsbereitschaft nämlich,, sich als nichtig erweisen konnte. Aber auch diese Frage braucht nur richtig gestellt zu werden, um ihre richtige Beantwortung zu finden. Es ist ein Irrthum, daß die Rüstungen nicht vollendet gewesen seien. Sie waren so weit gediehen, wie sie bei dem obwaltenden Schlendrian und Leichtsinn oben und unten überhaupt gedeihen konnten. Es war nicht die Zeit, die gefehlt hatte. Ein Jahr oder zwei später hätte man sich wahrscheinlich bei fortdauernden Kriegsabsichteu nicht besser gerüstet befunden als im Juli 1870. Es waren gezogene Kanonen und Chassepots genug für die ganze Armee vorhanden, Mitrailleufen in großer Zahl, die Truppen, welche bei Ausbruch des Kriegs ins Feld rückten, und die wir nach Gefangenen und Todten auf wenigstens 500,000 Mann berechnen können, erreichten das Effectiv von allen früher für diesen Fall aufgestellten Ziffern, die für das erste Kriegsaufgebot nie mehr als 635,000 Mann auf dem Papier ergaben. Die Mobilgarde war nicht vorbereitet, weil der ganze Plan überhaupt ins Wasser gefallen und vor dem Massenaufgebot nie wieder zu belebeil war. Nicht Mangel au Zeit, sondern Mangel an Ernst, Arbeit und Gewissenhaftigkeit in der Ausführung waren die organischen Gebrechen, an welchen die ganze Heeresleitung laborirte. Der frivole Leichtsinn, mit welchem die herrschenden Classen in den Krieg gingen, zog sich durch die Reihen aller Betheiligteil, vom obersten Generalstabschef bis zum lumpigsten Börsenspeenlanten, welcher in die Marseillaise mit einstimmte. Was — 59 — die preußische Kriegsführung so über die Maßeu auszeichnet, das ruhelose Verfolgen jeder Aufgabe bis in ihre geringste Einzelheit, das Zuendedenken jedes Vorhabens bis in den letzten Stift der dazu nöthigen Anstalten, das gewissenhafte Nachsehen und Selbstsorgen, mit dem Hoch und Niedrig sich Tag und Nacht abquält, wobei jeder nur auf sich zählt und darum so felsenfest auf den andern zählen kann, mit einem Wort, das Mark und Bein durchdringende Pflichtgefühl war dort ungefähr in sein Gegentheil umgekehrt. Der Leichtsinn, die Lebsucht, die Unwissenheit und besonders die Verachtung des Feindes im Bunde mit der Selbstverherrlichung bettete Groß wie Klein auch bei halber Arbeit auf bequeme Ruhepolster. ' Der Kaiser, ein phlegmatischer, ermatteter Lebemann, verließ sich auf seinen Kriegsminister, dieser auf seine Bureauchefs und so fort herab bis. zum Unterintendanten jedes Regiments. Nicht das Material fehlte, sondern die richtige Handhabung; nicht von unten fehlte es, sondern von oben. Und auch dieser Umstand verdient mit in Betracht gezogen zu werden, wenn die Frage nach der Verantwortlichkeit für den Angriff gestellt wird. Aus allem, was wir bereits gesammelt haben, wie aus dem, was wir noch sammeln werden, ergibt sich nach und nach, daß es vorzugsweise die oberen und mittleren Schichten der Gesellschaft waren, welche das Unselige verschuldet haben. Nicht das Volk der Massen war vom Wahn der nationalen Eifer- und Ruhmsucht ergriffen. Es folgte nur mit seinen wüsten Umwälzungstrieben dem Impuls, der ihm von oben gegeben wurde. Vor allen Dingen dem göttlichen Paris, d. i. den . geräuschvollen, schreienden, ruhmredigen, eitlen, emotionsbedürftigen und tonangebenden Schaaren feines zeitungschreibenden und zeitunglesenden Publieums. Diese schloffen aus dem Auftreten der Regierung, „man sei fertig, ^u.'on statt xröt," wie die Formel lautete, und freuten sich auf die großen Illuminationen, die siegreichen Einzüge der von — 60 — Berlin heimkehrenden Soldaten. Man braucht nur zu sehen, wie der Pariser während der Belagerung für jeden Rattenschwanz, den er in irgendeiner Mayonnaise verzehrt, die Bewunderung von ganz Europa auf sich zu ziehen überzeugt ist, um zu berechnen, daß diese Bevölkerung in ihrer Siegesgewißheit sür den Krieg schwärmeu mußte. Die Provincialstädte folgten Paris, und was der Bauer denken soll, muß erst der Präfect ihm sagen. Schwerlich wollten die stillen Provinzbewohner, noch weniger die Bauern, wirklich den Krieg, die letzteren schon nicht, weil sie damals noch allein die Blutsteuer zahlten, wie sie noch immer den gräßlichsten Theil der Kriegsleiden zu trageu haben. Obwohl man den Verkündigungen der September-Regieruug mehr als denen der Kaiserlichen zu trauen durchaus keinen Grund hat, so könnte es doch wahr sein, daß die Präfecten, vor dem Krieg zu Rathe gezogen, nicht viel von kriege- , rischer Stimmung auf dem vlatteu Lande zu berichten hatten. Nur das ist schwer glaublich, daß viele Präfecten den Muth gehabt haben sollten, ihrem Ministerium unerwünschte Antwort zu ertheilen. Die Telegramme aber, welche man in St. Cloud aufgefunden, sind wieder ein schlagender Beleg mehr zu dem ganzen Verhältniß zwischen Ursache und Wirkung. Wie immer die Präfecten vorher berichtet haben mochten, fowie der Krieg beschlossene Sache war, ertönten ihre Botschaften vom Wiederklang, welchen der Pariser Jubel in der Provinz wachrief. Mag auch ein Theil dieser Schilderungen von Augendienern eingegeben sein, vieles da- . von ist wahr; man braucht nur die Erzählungen der Provincial- blätter aus der zweiten Hälfte des Juli zu lesen, um festzustellen, daß in Bordeaux, Marseille und beinahe allen großen Städten theilweise die Triumphprocessionen von Paris überboten wurden. Die Provinz hatte keinen Krieg gewollt, aber sowie Paris nur den Impuls des Kaisers, so hatte die Provinz nur den Impuls von — 61 — Paris gebraucht, um den schlummernden Geist des Uebermuths zu entfesseln. Ollivier selbst ist das getreue Spiegelbild jener alles mit sich fortreißenden Fluth. Thatsächlich mit friedfertigen Absichten zur Macht gelangt, noch an dem Tage der Abdankung Hohenzollerns überzeugt, daß der Conflict vermieden sei, ergriff ihn, sobald er den bacchantischen Ausbruch von Paris und dessen Wirkung auf Frankreich gewahr ward, der allgemeine Taumel; auch er sah sich im Geiste schon auf irgendeinem hohen Balcon, umrauscht von Fahnen und Musik, seinen Theil am Ruhm und Verdienst der heimkehrenden Sieger ernten. Am K. Juli schrieb er jenen in den kaiserlichen Papieren vorgefundenen Rapport, der, noch zwischen einem gewissen Bangen vor dem Friedensbruch und dem Vorgefühl der unwiderstehlichen Uebermacht der nationalen Kriegslust schwankend, schon ahnen läßt, auf welche Seite er fallen wird: „Die Gramont'sche Erklärung hat große Aufregung und ungeheuren Beifall hervorgerufen. Selbst die Linke, mit geringen Ausnahmen, hat sich für das Gouvernement erklärt. Die Bewegung drohte sogar im ersten Augenblick übers Ziel hinauszuschießen. Man konnte denken, es handle sich bereits um eine Kriegserklärung. Doch durfte ich nicht zugeben, daß man uns als mit Vorbedacht Krieg wollend ansehe. Auch im Publicum ist Aufregung, aber diese Aufregung ist edel und patriotisch. Ja, dies Volk hat das Herz auf dem rechten Fleck. II ^ a äu oosur äans es psupls." Damals schon der Stromschnelle nahe, die ihn fortreißen sollte, wehrt er sich noch mit einem Arm. Zehn Tage später bethört, trunken wie alle, schreit er: „Mit leichtem Herzen gehen wir in diesen Krieg hinein!" Die oberen und mittleren Schichten der Pariser Gesellschaft, obgleich ihrer Stellung und Bildung nach verantwortlicher, betrugen sich frivoler und leichtsinniger als das Volk. Wie Ollivier sich - 62 - darauf verließ, daß nicht er, sondern andere die Preußen schlagen würden, so die ganze Gesellschaft, welche für sich vorerst den theatralischen Theil des Geschäfts zurückbehielt, und in der Oper vor den Bänken des Parterre's und den Sesseln der Logen sich von den Damen Saß und Teresa die Marseillaise vorsingen ließ. Gerade in der Armee war verhältnißmäßig der Glaube an den leichten Sieg am wenigsten vertreten. General Trochu, zu seiner Ehre sei es gesagt, war außer sich über die Kriegserklärung; er schrie so zu sageu auf offener Straße: dieser Krieg sei ein wahnsinniges Verbrechen. Und noch manche Stimme lautete bang und mißbilligend in den Reihen der Officiere. Die Masse der Soldaten war nicht begeistert bei ihrem Auszug. In den Straßen, namentlich an den Bahnhöfen, sah man sie matt und müde herumlungern und lagern, und die Völlerei, welche seitdem eine so auffällige Erscheinung in den Reihen der Armee dieses sonst mäßigen Volkes ward, zeigte sich von der ersten Stunde an. Karl Vogt ist nicht verdächtig, den Franzosen zu uahe zu treten. Es scheint die ganze Umwandlung, die Deutschland und die europäische Politik seit 1859, und namentlich seit 1866, durchgemacht, ist ihm über dem Verkehr mit seinen Lacustervölkeru und hinter deren Pfählen unbemerkt vorübergegangen; er redet zu uns aus dem Jdeenkreise der einstmals recht witzigeu, aber jetzt gewiß veralteten „Thierstaaten" heraus; und wir verstehen den nicht mehr, welchen die weltumwälzenden Ereignisse dazu begeistern, Fastnachtsknittelverse zum Spott auf die deutschen Heere in den Bieter „Handelseourier" zu dichten. Sein Zeugniß also, wenn es gegen die Franzosen geht, ist classisch. Und auch er sagt uns, daß die Berichte über massenhafte Völlerei in ihrer Armee ihm von allen Seiten zu Ohren gekommen. Auch mag er recht haben, wenn er dies als einen Beweis anführt, daß der gemeine Soldat nicht willig ins Feld zog. — 63 — Man mußte, meint er, denselben erst betrunken machen. Jedenfalls ist ihm in beiden Punkten beizustimmen, daß Nöllerei und Kriegsunlust in dieseu Reihen vielfach vorkamen, ob in dem Zusammenhang, den er angibt, stehe dahin. Ueberall in den östlichen Provinzen erzählen die Bewohner von dem maßlosen Saufen, dem sich der französische Troupier beim Auszug hingab, und zu dem ihn die wohlhabende Bevölkerung durch endlose Spenden stimulirte. Im Elsaß hört' ich aus unverdächtigein Muude, daß namentlich die Pfarrer sich an solchen berauschenden Liebesgaben überboten. Und auch in Paris ist durch mehrere strenge Tagesbefehle die Thatsache der rottenweise vorkommenden Betrunkenheit im Dienst constatirt. In einem Artikel, überschrieben „Iiö Viu", enthielt die„Opi- nion nationale" vom 8. November einen Aufruf an die Nationalgarde, sich doch nicht zu betrinken, in den beweglichsten und zärtlichsten Redewendungen abgefaßt. Im December wurde eine Compagnie wegen Betrunkenheit der Officiere nnd Soldaten beim Ausmarsch aufgelöst.*) Sonderbarer aber bezeichnender Weise war von dem Laster, dem sonst die Germanen so viel mehr ergeben sind, den ganzen Krieg hindurch im deutschen Heere nichts zu entdecken und zwar obgleich unsere vielfach nur an Bier oder höchstens an sauren weißen Wein gewöhnte«: Soldaten in das Land kamen, wo die Keller, angefüllt mit den edelsten Gewächsen aus Burguud und Bordelais, oft gewaltsam erbrochen werden mußten. Ich habe während meines Aufenthalts in Lothringen, im Elsaß, vor Paris, mit Ausnahme eines einzigen Mannes, niemals einen betrunkenen deutschen Soldaten gesehen. Und für die zweite Annahme, daß *> Während der Herrschaft der Commune kehren von allen Seiten die Klagen über Völlerei wieder. der gemeine Mann nicht mit Leib und Seele für den Kampf war, spricht der Gang des Feldzugs Anfangs August. Die Franzosen kämpften tapfer bei Weißenburg, Wörth, Spichern. Aber die Schnelligkeit, Auflösung und Unaufhaltsamkeit der Rückzüge bis Metz und Chalons waren ohne eine gewisse Demoralisation in den Massen nicht erklärlich, standen nicht im Verhältniß zu der erlittenen Einbuße und Verfolgung. Man versteht sie nur, wenn man von Augenzeugen die Beschreibung der Flucht nach dem Treffen bei Wörth vernimmt; wie die Regimenter in buntem Knäuel, den blassen Schrecken auf den Gesichtern, durch die Straßen von Hagenau sich zurückwälzten, und der Ruf: „I-ss ^russisus, Iss ?ru8si6ns!" wie flammende Geißelhiebe ihnen vor- und nachjagte. IV. Nichts ist bezeichnender für den Zustand von Gemüth und Verstand als das ewige Geschrei über Verrath. Nur nichts selbst verschuldet haben, immer ein Opfer suchen, das büßen muß für Unglück oder Schmach. So ging es von der ersten Stunde bis zur letzten. Die ersten Gefangenen, die ich am 8. August sah, schimpften über ihre Officiere bis hinauf zum General, und sagten sich verrathen. So ging es fort bis zu Bazaiue, welchen Gam- betta binnen acht Tagen als den Ruhmreichen und als den Verräther proklamirte; so war es noch zuletzt mit Trochu.*) Ein vor mir liegender Privatbrief aus Paris vom 29. Dec. ruft aus: *) Und erst in der Commune! — 65 — „(üs sa-Lrikitkiv äs ?roonu nous srapvcl^s äs eombatti-L." Drei Wochen früher war der Schreiber voller Bewunderung über denselben Trochu. Der Präfect von Lyon, der gelehrige Schüler des Kriegsministers, schämt sich nicht, die gräuelvolle Ermordung des Commandanten Arnaud in Lyon durch einen rasenden Haufen dem „fremden Geld" zuzuschreiben,*) und das erste Wort der von den Preußen über die Schweizer Grenze getriebenen Marsciller Rächerlegion an die entwaffnenden Milizen ist: ..Xous soinrnss vsnäns." Derselbe Characterzug tritt sofort bei Ausbruch des Krieges den in Frankreich wohnenden Deutschen gegenüber auf. Sie waren natürlich die erste Zielscheibe dieses blöden Verrathsgeschreies. Um ähnliches aufzutreiben, müßte man in die finstersten Zeitalter zurückgreifen, in denen ein gefallenes Stück Vieh auf Schuld des bösen Auges einer Hexe geschoben ward und diese zum Scheiterhaufen führte, oder die Quelle einer ausbrechenden Pest in böswilligen Brunnenvergiftern gesucht wurde, die der Pöbel steinigte. Nur die grauenvolle Ermordung der Protestanten in? Neapolitanischen als Urheber der Cholera weist in unsern Tagen auf ähnliche Gemüthszustände hin, wie sie aus den jüngsten Verfolgungen gegen die Deutschen in Frankreich hervorblicken. Um den Aberwitz in seinem ganzen Umfang zu ermessen, muß man in Frankreich, und zwar mit den daselbst angesiedelten Deutschen gelebt haben. Begeisterte sich der Deutsche früher überhaupt leicht für die Fremde, in der er lebte, ward er draußen bald strenger Anglomane, bald übermüthiger Dankes, so wirkte die französische Umgebung noch mit ganz besonderm Zauber auf diese seine Neigung. Es gab keine dankbareren, anhänglicheren, anerkennenderen Ansiedler als die Aehnlich später Trochu in geheimniszvollen Andeutungen über den Zusammenhang zwischen Bismarck und der Commune. S ? — K6 — Deutschen in Frankreich. Sie trieben es vielfach ins Komische, und so Mancher ist unter schnöden Mißhandlungen ausgetrieben worden, dessen alte Neigung die harte Prüfung überlebt hat. Von solchen Leuten fürchteten die Franzosen verrathen zu werden! Wie sie die deutsche Einheit machen halfen, so machten sie auch bei dieser Gelegenheit viele deutsche Patrioten, die sie erst mit Gewalt hinaus und zu lebhafterem Anschluß an die Heimath trieben. Der wortfübrende gemeine Journalismus, welcher in erster Reihe den Kriegswahnsinn aufgestachelt, leitete auch die Hetze gegen die Deutschen ein. Vielfach waren schmutzige Beweggründe mit im Spiel. Das Wort .,e^g.ntg.As", im Französischen ein viel gebrauchter Ausdruck, können wir nur umschreibend übersetzen. Es bedeutet so viel wie durch Bedrohen mit Enthüllung wahrer oder erdichteter Schimpflichkeiten jemandem Geld abpressen. Solchen Absichten ist es ohne Zweifel zuzuschreiben, wenn sofort nach Ausbruch des Krieges in öffentlichen Blättern deutsche Bankhäuser der Rache des Pöbels denuncirt wurden, weil sie angeblich den Preußen Geld schickten. JnFricdenszeiten bestand das Manöver darin, neuen Unternehmungen Geld abzupressen durch Drohen mit lästernden Angriffen, welche jene discreditiren würden. Jetzt ward das Naubsystem auf den Kriegsfuß umgewandelt. Die deutschen Bankhäuser sollten ihren Tribut zahlen, wenn sie nicht der Plüuderung bezeichnet werden wollten. Solch' Geschrei — das wußten die löschpapierenen Piraten sehr wohl — fiel auf einen wohlpräparirten, fruchtbaren Boden. Von jeher war Frankreich das Land, in welchem willig Gehör fand, wer predigte, daß die Hungersnöthc von den Bäckern gemacht werden. Hatte doch fchon bei Handelskrisen die Negierung selbst, diesen blöden Eingebungen folgend, die Ausfuhr der Metalle als einen unpatriotischen Act verfolgt, mittelalterliche Edicte aus der Zeit barba- — «7 rischer Begriffsverwirrungen erneuernd. So fand auch diesmal die verrückte Fabel willkommene Aufuahme, daß deutsche Geschäftsleute der preußischen Regierung aus Frankreich das Gold und Silber schickten, dessen sie zur Kriegführung bedürfe. Das Schönste an der Sache war, daß der größte Theil der denuucirten Operationen, die Geldausfuhr, für Rechnung der Bank von Frankreich von Dritten vorgenommen wurde. Die Bank tauschte nämlich in Brüssel Silber gegen Gold ein und bediente sich zur Wegsendung ihres Goldes dahin u. a. eines belgischen Geldwechslers, Namens Hirsch aus Antwerpen. Diesem Hirsch, einem ehemaligen belgischen Officier, welcher Gold für die Bank von Frankreich nach Brüssel schickte, stürmte und verwüstete der Pöbel sein im elegantesten Viertel von Paris gelegenes Comptoir, Ecke der Rue Richelieu und des Boulevard des Italiens, auf Anstehen solcher patriotischen Blätter wie der „Gaulois" und „Figaro", weil er als deutscher Verräther dem König von Preußen Geld nach Berlin schicke. Um die ihre Taschen noch immer verschlossen haltenden Bankiers in Angst zu setzen, uannte ein Blatt beliebige Namen mit dem Zusätze: „Sie ziehen Geld aus der französischen Bank, um die gefälligen Vermittler des scheinheiligen Wilhelm und des unverschämten Bismark zu machen" (wörtlich). Und die aufgeklärte Regierung, um den Spnren dieses edlen patriotischen Eifers zu folgen, verkündigte im „Moniteur", daß solche Geldsendimgeu (an den scheinheiligen Wilhelm) nach Art. 77 des Strafgesetzes als Hochverrath mit dem Tode bedroht seien! Die Bank von Frankreich, von demselben Geiste getrieben, weigerte sich, ferner Wechsel zu discontiren, welche ein deutsches Giro trugen. Nach solchen Vorgängen darf man sich nicht wundern, wenn der Sturm alsbald gegen die ganze deutsche Bevölkerung losbrach uud vollends m Tobsucht umschlug, als die ersten Niederlagen nicht s* — 68 — mehr zu verheimlichen waren. Jeder deutsche Schneidergeselle der Rue Favart hatte nun dazu beigetragen, den Marschall Mac Mahon zu verrathen, die Geheimnisse des Feldzugs auszuplaudern. Schon unter dem Kaiserthum begann die Verfolgung und Austreibung; in volle Blüthe kam sie aber erst unter der generösen Republik. Man müßte Folianten schreiben, wollte man das Material zusammentreiben, und eine übersichtliche Arbeit kann erst nach dein Frieden zu Stande kommen. Zum Verständniß der ganzen rabiss gehört die Vergegenwärtigung der engen Ansicht, welche mehr als irgendwo in Frankreich die Menge, auch der Gebildeten, in volks- wirthschaftlichen Dingen beherrscht. Die Arbeit, welche viele hunderttausend Deutsche in Frankreich verrichteten, erschien als ein Verhältniß, das nur dem Arbeiter, nicht dem Lande, von Interesse sei. Wenn Augenärzte aus unserer streng wissenschaftlichen Schule die französischen Empiriker verdrängten, so hatten nicht diejenigen den Nutzen, welchen die Sehorgane gerettet wurden, sondern allein diejenigen, welche das Honorar empfingen; und sofort durch alle Stufen der Arbeit. Man müßte eine Beschreibung des Handels und der Industrie von Frankreich und der sich ergänzenden Fähigkeiten beider Nationen liefern, um nachzuweisen, wie der Vortheil mindestens auf beiden Seiten gleich war. Für Jeden, der eine Ahnung von ökonomischen Begriffen hat, versteht sich das von selbst. Nur der einzige Michel Chevalier versuchte, den Franzosen ihre bornirte Auffassung auszureden; aber er predigte in der Wüste, wie damals, als er im Senat vor dem Kriege warnte. Leute, die auf diesem wirthschaftlichen Standpunkte sich befinden, hätten wenigstens con- sequenter Weise diejenigen, welche „ihr Geld in Frankreich verzehren", als Gönner und nicht als Begünstigte ansehen sollen; aber es ward alles in einen Topf geworfen und jeder Deutsche als ein Undankbarer proelamirt, der Frankreichs „Wohlthaten" mit — 69 — Verrath lohne. Und „Wohlthat" widerfuhr einem Deutschen überall da, wo er sich einein Franzosen nähern durfte. War er als Arbeiter in Frankreich, so lebte er ja von dem „Gelde", das ihm die Franzosen für seine Leistungen bezahlten; war er aber Kapitalist oder Rentier, so empfing er umgekehrt die Wohlthat in Form der Leistungen, welche ihm die Franzosen für sein Geld überließen. Wie er sich auch anstellte, er blieb stets der Beglückte und einseitig Vortheil Ziehende. Danach hätte man wenigstens denken sollen, es sei der Boden das Entscheidende, und wenn demnach Franzosen in Deutschland lebten, so komme endlich auch einmal an sie die Pflicht der Dankbarkeit. Weit gefehlt! Nun werden wir erst recht undankbar. Noch nach Abschluß des Friedens schrieb eine sehr gebildete Französin an einen deutschen, im Großherzogthum Baden wohnenden Freund: „Von den Badensern, bei denen die Franzosen Jahr aus Jahr ein so viel Geld verzehrten, hätte man doch zum Allerwenigsten erwarten dürfen, daß sie sich in diesen: Kriege neutral erklärten." Ich lachte herzlich über das, was ich anfänglich für einen Ausbund weiblicher Weltanschauung ansah, bis ich entdeckte, daß die viel lesende Dame wahrscheinlich ihre völkerrechtliche Weisheit aus tieferer Quelle geschöpft haben mochte. Die „Nsvns äö8 Äsnx wouÄss" nämlich enthält im Heft vom 15. Nov. 1370 einen Aufsatz von Mezisres über die Invasion des Elsasses. Darin heißt es wörtlich: „Man mochte in Straßburg schon deshalb nicht an die Möglichkeit einer Beschießung glauben 'wollen, weil die Belagerungsarmee zum großen Theil aus Badensern zusammengesetzt war, d. h. aus Nachbarn, welche von Frankreich leben (e'sst g. ckirs äe vvi8ir>8 pni vivsut äs 1a ?rg.nc:s), welche ihre Prvducte auf die Märkte des Elsasses bringen und dafür französisches Geld einstecken, welche Jahr aus Jahr ein in ihren Badeorten, in ihren zahlreichen Kuranstalten und den lachenden Dörfern — 70 — des Schwarzwaldes (dem bereits lange vor dem Hotel äs Ville der Segen des Petroleums zugedacht war) eine wahre französische Kolonie bei sich sahen. Wie konnte man sich vorstellen, daß diese freundnachbarlichen Gäste und Wirthe vom Tage zuvor sich plötzlich in unerbittliche und grimmige Feinde verwandeln würden?" Wenn man früher die wenigen Franzosen bezeichnen wollte, welche in Paris mit deutscher Wissenschaft und deutscher Kultur vertraut seieu, so nannte man unter den fünf oder sechs meist Eingeweihten wohl Professor Mszieres, den Verfasser obigen Blödsinns. Danach möchte man versucht sein auszurufen: „Wie mag es erst mit den Stockfranzosen aussehen!" Allein das wäre eben ein Irrthum. In diesem Punkte stehen sie Alle auf demselben Standpunkte, und jeder Bildungsunterschied verschwindet vor der befangenen Eigenliebe. Es ist damit oben nicht besser als unten und unten nicht schlimmer als oben. Selbst Ernst Renan betete dieses thörichte Geschwätz den Zeitungen nach, die wegen mißlungenen Erpressungsversuchs uur um so schäumender lärmten. Auch die bittersten Erfahrungen sollen uns nicht verleiten, des liberalen Verhaltens der Franzosen in einstigen guten Friedenszeiten jemals uneingedenk zu werden. Welchen Nutzen und welche Interessen sie immer dabei gehabt, sie verfuhren wirklich von jeher äußerst freisiuuig, z. B. bei Anstellung von Ausländern im öffentlichen Dienst; auch im geselligen Verkehr verhielt sich nie ein Volk weniger ausschließend gegen die Fremden. Da Deutsche ihnen (wie allen) am besten dienstbar, nützlich und verständlich sich zu macheu wußten, so waren es auch die Deutschen, welchen jene Vorurteilslosigkeit am meisten zu gute kam. Gäbe es in solchen Dingen eine Compensationsrechnuug, die Franzosen hätten uns Böses genug gethan, um den Dank auszugleichen. Aber es handelt — 71 — sich hier für uns nicht um Rechnungsaufstellung, sondern nur um die Charakterstudie, und da ist es vor allem belehrend zu sehen, wie sie in diesen: GegenseitigkeitSvcrhältniß, in diesem Austausch von Leistungen aller Art, sich nur als die Wohlthäter, uns als die Begnadeten und im nächsten Augenblick als die Verräther ansahen. Erst wollten sie die Dienstpflichtigen zurückhalten, dann jagten sie dieselben mit Wuth davon. Im vorigen Jahrhundert faßen die Franzosen in Deutschland fest, nicht in Massen dienend, arbeitend, lehrend, sondern überall an den Höfen tonangebend, regierend, genießend. Es hat das wahrlich keinen von ihnen jemals auf den Gedankeil gebracht, daß um deßwillen Ludwig XV., die Revolution und das Kaiserthum nicht hätten Deutschland bekriegen sollen. Noch uuendlich viel thörichter waren die Vorstellungen von Verrätherei, welche mit diese,: Deutschen verbunden wurden. Was um's Himmelswillen sollten sie verrathen? Die berühmten Pläne von Bazaine? Oder die Wege und Festungswerke von Frankreich, deren Karten in Berlin viel besser vorhanden waren als in Paris, und welche sich französische Ofsiciere im Laufe des Feldzugs aus Deutschland kommen lassen mußten, weil sie nur die berühmten Karten hatten, welche von Sraßburg und Saarbrücken bis Königsberg gingen; „denn" — schrieb man am 23. Juli aus Paris dem „Nouvelliste de Roueu" — „der Kaiser soll im Laufe des Abends zu einigen Generalen, welche sich wegen des bevorstehenden Kriegs beunruhigten, gesagt haben: „„Meine Herren, ich werde den Frieden in Königsberg unterzeichnen."" Welches auch die Authenticität dieser Worte sei, so bestätige ich (setzt der Berichterstatter hinzu), daß sie seit gestern Abend in allen militärischen Kreisen die Runde machen." Um nur eiu Beispiel von der boshaften Verrücktheit zu gebe,:, mit welcher diese Hetze betrieben wurde, sei hier eiu Actenstück ein- — 72 — gefügt, welches von einein der bekanntesten Pariser Schriftsteller, Alfred Assolant, herrührt. Auf Antrag des Bürgers Assolant also wurde in eiuer Generalversammlung seiner Landsleute (der aus dein Creuse-Departement Gebürtigen) folgende Adresse angenommen: „Siebenmalhunderttausend Deutsche, die man seit 1815 darauf dres- sirt hat, uns zu hassen und auszuspioniren, rücken über die Grenze. Bei der Avantgarde marschiren als Plänkler 30,000 jener Spione, die wir unter dem Namen von Arbeitern, Handlungsgehülfen oder Werkführern wie Brüder aufgenommen hatten. Heute nun dienen sie ihren Landsleuten als Führer. Rücken sie in eine Stadt ein, sofort gehen sie, ohne sich zu besinnen, auf die Stelle zu, wo man die Schlüssel aufbewahrt, zur Casse oder zum Keller. In den Dörfern wissen sie, wo die Vorräthe liegeil, wie viel Ochsen jeder besitzt, wie viel Schafe, Geflügel, wie viel Säcke Getreide. Will der Eigenthümer, arm oder reich, etwas davon für sich behalten, so lassen sie ihm Prügel aufzählen, widersteht er, ihn erschießen und sein Haus niederbrennen. Was die Frauen angeht, so möge Gott die, welche wir ehren, davor bewahren, daß sie je mit diesen Barbarenhorden zusammentreffen." Beiläufig fei zu letzterer Anklage bemerkt, daß die doch nicht zaghafte Lügcnkunst unserer Feinde iin Laufe des ganzen Feldzuges nicht einen einzigen Vorwand fand, um nur die Erdichtung eines solchen Exeesses darauf zu bauen. Ein Pariser Gelehrter, ein alter Herr, dessen Humor noch etwas vom 18. Jahrhundert an sich trägt, schreibt vielmehr in einem mir zu Gesicht gekommenen Brief von seinein Landsitz in der Champagne an eine Freundin: er habe über das Benehmen der Preußen keine Klage zu führen, als daß sie zur Kreuzung der Racen gar nichts beitragen wollten; da würden es die Franzosen in ähnlichein Fall doch besser gemacht haben! — 73 — Die Austreibung der Deutscheu begann noch unter dem Ministerium Palikao, unter den Auspieieu Chevreau's, des Ministers des Innern. Damals protestirte noch Pelletan, einer der Wenigen, die sich nicht zum Fanatismus sortreißeu ließen. Aber der Volkswahnsinn trieb alle Regieruugen und Behörden vor sich her; eine nach der andern schleuderte ihre Bannstrahlen. Wiederholt hatte man, der Natur der Sache entsprechend, für alle, die sich genügend rechtfertigen mochten, Aufenthaltserlaubniß gewährt. Aber der regelmäßige Verlauf dieser Maßregel war, daß nach wenigen Tagen dem Begünstigten vom Commissär seines Viertels insinuirt ward: „formell habe er zwar die Ermächtigung zum Bleibeu, aber thatsächlich müsse man ihn doch auffordern, zu gehen, denn man könne ihm nicht verbürgen, ihn vor der Volkswuth zu schlitzen." Leute, die zehn Jahre friedlich mit denselben Nachbarn auf demselben Flur gewohnt hatten, wurden alsbald mißtrauisch von diesen angeschielt uud bedroht. Die harmlosesten, ruhigsten Familien konnten nicht aus- und eingehen, ohne von dem Gesinde des Hauses mit unheimlichen Reden und Schimpfworten bedacht zu werden. Auf dem Lande, in Provinzialstädten trieb der bösartige Unsinn sein Wesen natürlich noch grasser. Eine bekannte Schriftstellerin, einer alten französischen Familie angehörig, mußte vou ihrem eigenen Landsitze flieheu, weil sie ihre» Bauern als „Spionin" verdächtig ward. „Denn, sagten diese, was hätte sie nöthig so viele Briefe und Zeitungen zu bekommen, weun sie es nicht mit dem Auslande hielte?" Ein in Frankreich naturalisirter deutscher Gelehrter wurde iu der Stadt seiues langjährigen Wirkens auf der Straße mißhandelt, weil er einen Brief nach Deutschland zur Post geben wollte, uud eutkam mit knapper Noth. Die Verrücktheit ging so weit, daß bald jeder Ausländer als Verräther bedroht war. Zwei ledige englische Damen mußteu eine Pension in — 74 — Meudou verlassen, weil man ihnen das Lebeil verbitterte;*) mehrere dänische Familien mußten aus Cette flüchten; in den unbedeutendsten Provinzialstädten wurden gewöhnliche deutsche Mägde, welche bei französischen Herrschaften dienten, als der Spionage für die preußische Armee verdächtig denuncirt. Es war in der That ein Glück und vielleicht von Humanitäts- rücksichten dictirt, daß Erömieux als eine, seiner ersten Regicrungs- maßregeln in Tours die Austreibung aller Deutschen anordnete. Vielen mag dadurch das Leben gerettet worden fein. Aber die Art, wie diese Maßregel vollzogen ward, wie sich thierische Wuth dabei offenbarte, bleibt ein häßliches Andenken an den auf der Oberfläche gut und liebenswürdig befundenen Charakter der Nation. Angenommen auch, die letzten Austreibungen aus Paris hätten die Verminderung der zu ernährenden Belagerten zum Zweck gehabt, so entsprach die Art der Ausführung nur den Antrieben niederer Leidenschaft. Die schwächsten Kranken wurden rücksichtslos fortgejagt. Ohne nur besonders umgefragt zu haben, kenne ich drei Fälle von wahrhaft empörender Unmenschlichkeit. Ich habe vor mir den Brief einer deutschen Lehrerin liegen, die seit vielen Jahren paralysirt auf ihrem Schmerzenslager von einem kleinen Kreis unterhalten wurde. Sie schreibt mit zitternder Hand: „Paris, den 11. September 1870. Es betrifft mich ein Unglück, aus dem ich mich schwerlich wieder erholen kann. Ich muß Paris verlassen. Wohin mich wenden, weiß ich nicht. Allein reisen in meinem Zustand ist mir auch nicht möglich. Ich habe einige Aetien, die ich in einem Testament, das sich in meinem Zimmer befindet, der Gesellschaft, die mich bisher so treu erhalten, vermacht habe. Lassen *) In derselben Pension versicherte ein französischer Oberst, authentisch zu wissen, Frankreich habe den Krieg erklart, weil der König von Preußen in EmszuBene- dctti gesagt habe, die Kaiserin Eugenie sei eine —! - 75 — Sie gefälligst nach mir fragen. Ich habe auf die Polizei geschrieben — hingeschickt — nichts hilft! Ich muß ohne Säumen fort. Ihre ewig dankbare M. E. S."") — Hr. N., Korrespondent einer österreichischen Zeitung, seit drei Jahren paralyfirt, mußte sich ebenfalls fortschaffen lassen. Die Mutter des Malers K. mußte, obgleich auf den Tod krank, weggebracht werden und starb auf dem Wege zur Eifenbahn. Deutsche, die als Kinder nach Frankreich gekommen waren, gar keine andere Heimath mehr besaßen, mußten fort. Man ließ Vielen nicht einmal die Zeit, ihre Einlagen aus der Sparkasse zu holen. Der normale Fall, einer der günstigeren, war folgender. Ich lasse den Betreffenden selbst sprechen, wie er mir ohne die geringste Animosität, mit der Absicht, sobald als möglich nach Paris zurückzukehren, harmlos und einfach die Geschichte feiner Vertreibung erzählt hat: „Ich heiße H. W., bin 32 Jahr alt, aus dem Großherzog- thum Baden gebürtig und wohne seit sieben Jahren in Paris. Ich kam als Werkführer zuerst in ein Parfümeriegeschäft in Pantin, heirathete im verflossenen April die Tochter meines Patrons, des französischen Parfümeurs in der Straße St. Denis. Als nach Sedan Trochn's Befehl erging, daß Deutsche nur gegen persönliche Aufenthaltsbewilligung bleiben dürften, erhielt ich eiue solche vom Polizeieommissär meines Viertels. Darauf erschien ein zweiter Befehl Trochu's, der nochmals einschärfte: es müsse binnen drei Tagen fort, wer nicht von der Regierung selbst eine besondere Erlaubniß auswirke. Ich begab mich auf die Polizeipräfectur. Daselbst war eine Verordnung angeklebt, nach der jeder Deutsche, der bleiben wolle, eine Bürgschaft stellen müsse in Person von drei notablen Angesessenen. Ich verschaffte mir die drei Bürgen. An Niemand hat seitdem ermitteln können, was aus der Aermsten geworden. denselben Abend neuer Erlaß des Polizeipräfeeten Köratry: daß alle Deutschen binnen 24 Stunden fortmüßten. Wiederholt begab ich mich auf die Präfeetur in Begleitung meines Schwiegervaters und meiner Bürgen. Ich erhielt eine neue, vollständig ausgefertigte Erlaubniß zum Bleiben, vom Oberseeretär Ksratry's, Hrn. Bar- tholy, unterzeichnet. Das war am 6. Sevtbr. Am 11., einem Sonntag, waren wir bei der Großmutter meiner Frau in Maifon Laffitte gewesen und hatten dieselbe mit uns in die Stadt gebracht. Nach Hause gekommen, begeben wir uns ermüdet zu Bette. Da reißt es Nachts um 12>/» Uhr an der Klingel. Es ruft: „Oeffnct, in? Namen des Gesetzes!" Ich werfe rasch ein Kleidungsstück um und öffne. Hereinstürzen ein Commissär und fechs Mann Nativnalgarde. Ersterer herrscht mich an: Haben Sie eine Ermächtigung, in Paris zu bleiben? — Ja wohl! — So zeigen Sie her. — Ich Präsentire meinen Schein. Er schiebt ihn in seine Tasche, ohne nur einen Blick hineinzuwerfen. Nun gab er feinen Leuten Befehl, alles zu durchsuchen. Meiue sämmtlichen Effecten und Möbel wurden geöffnet und durchwühlt, alle meine deutsch geschriebenen Briefe weggenommen, ebenso ein kleiner Revolver. Das alles ging in Gegenwart meiner vor Schreck halb todten Frau vor, die in gesegneten Umständen war und in demselben Zimmer im Bette lag. Man verhaftete mich nun und führte mich trotz alles Flehens weg. Es war eine jammervolle Seme, wie meine Frau uud die alte Großmutter klagten, als ich ohne jede Erkläruug, vhue jeden Verzug, mitten in der Nacht von ihnen weggerissen ward. Unten an der Thüre warteten noch 30 Mann Nationalgarde, umringt von einein Volkshaufen. Von allen Seiten rief es „Llsxion prnssien" ohne den Schutz der Wache hätte mich die Menge sicher todt geschlagen. Zuerst brachte man mich auf den Posten des Boulevard Bonne Nouvelle. Hier ward ein Pro- — 77 — tokoll aufgenommen, in dem es hieß, man habe Waffen bei mir entdeckt, und ich sei ein gefährlicher Mensch. An diesem Posten standen noch mehrere Zcllenwagen, alle mit auSgehobenen Deutschen angefüllt. Man schob mich auch in einen, und nun ging es nach der Präfectur. Alle Straßen ertönten vom Lärm der Nationalgarden und Zellenwagen, die solche Gefangene einbrachten. In der Präfectur angekommen, wurden wir reibenweise im Hofe aufgestellt. Viele waren nur aufs dürftigste mit dem Nachtkleide bedeckt, in dem sie aus dem Bette gerissen worden. Als ich mit meinem Nachbar ein Wort sprechen wollte, herrschte mich der Aufseher an: „Maul halten, da hinten!" Nun kam die Reihe an mich vorgeführt zu werden. Von allen Seiten rief es um mich her: „Das ist ein rechter, der kommt auch nicht wieder heraus; ja er kommt heraus, aber um gehenkt zu werden." Man durchsuchte mich, nahm mir Geld und Uhr ab und schickte mich in Zelle Nr. 86. Ich war noch glücklich. Viele Hunderte kamen in eine Art von großen Stall auf Stroh. Vergeblich reclamirte mich mein Schwiegervater, der sich in seiner Uniform als Nationalgardist auf die Präfectur begab. Sechs Tage hielt man mich in der Zelle eingesperrt. Nur zweimal gelang es meinem Schwiegervater, mir durch die Luke einige Worte zu sagen. Am sechsten Tag erklärte man mir, daß ich über Rvuen fort müsse, und ließ mich unter Begleitung von zwei Agenten noch auf eine Stunde nach Hause gehen. In der folgenden Nacht ward ich dreimal aus meiner Zelle geholt, um weggebracht zu werden, und dreimal wieder hineingeschickt. Zugleich amüsirten sich die Nationalgardisten der Wache, mich auf jede erdenkliche Weife zu foltern und zu hänseln. Ich wandte ihnen den Rucken. „Ah, er kehrt den Rücken; schon gut, er wird ja füsilirt — nein, man soll ihn an den Füßen aufhängen." Endlich zum viertenmal ward ich in den Hof geführt, um mit vielen andern in — 78 — einem Zellenwagen zur Eisenbahn transportirt zu werden. Hier erlebte ich etwas Gräßliche?. Ein Deutscher, ein kranker alter Mann, wand sich verzweifelt an der Erde. Er hatte nichts auf dem Leib als ein Hemd und ein Nachtcamisol. Er rief auf französisch: „Ich bin 64 Jahre alt, wohne seit S4 Jahren in Frankreich, ich bin mit einer Französin verbeirathet, ich habe zwei Söhne in der französischen Armee." Händeringend fiel er auf die Kniee und bat ihn da zu lassen. Aber nichts half. Er fiel in Ohnmacht; der Commandant schrie: „Man bringe ihn weg." Nun bekam er einen furchtbaren Nervenanfall. Man legt ihn an die Wand, schüttet ihm eiuen Eimer Wasser über den Kopf. Er bleibt unempfindlich. Einer öffnet ihm den Mund und ruft: „Ich denk' er ist fertig" ^'«z ordis yu'il c-st üni). So verließ ich den Unglücklichen, als man mich in den Zellenwagen schob. Wahrscheinlich ist er gestorben. Diese Schreckensseene und die Wildheit der Umgebung wird mir nie aus dem Gedächtniß schwinden. Es war entsetzlich. Bis zum letzten Augenblick wurde ich aufs roheste behandelt. Der Eisenbahnzug war vollgepfropft mit Leidensgefährten. Jeder hatte von andern Mißhandlungen zu erzählen. Zwei Wagen waren ganz angefüllt mit Frauen. Eine derselben war am Sonntag auf dem Spaziergang vom Arin ihres Mannes weggerissen worden. Ich traf unter andern auch den zweiten Diener des deutschen Hülfsvereins. Man hatte zuerst ihn verhaftet, später auch seine Frau und Kinder vertrieben, er wußte nicht, was aus ihnen geworden war. Sein Hauseigenthümer in der Rue d'Allemague (wo die unbemittelten Deutschen wohnten) hatte ihn und seine Möbel auf die Straße geworfen, wo er vom Pöbel die ärgsten Mißhandlungen zu erdulden hatte. Drei Tage lang hielt man ihn auf dem Posten gefangen, wo er unter den Augen seines Miethsherrn, der zugleich Offizier in der Nationalgarde ist, die ganze Zeit über mit Kolbenstößen — 79 — tractirt wurde. Mit Mühe und Gefahr gerieth ick in Havre, wo mich wieder die Menge bedrohte, fährt Hr. W. fort, aufs Dampfschiff nach London, wo ich endlich Athem schöpfte. Ich bedürfte vieler Tage, ehe ich körperlich und geistig wieder zu mir kam. In einer Londoner Restauration, wo die Ausgetriebenen zusammenkamen, traf ich eine Menge junger Leute, die kein Wort Deutsch konnten. Sie waren aber als Söhne von Deutschen dennoch fortgeschafft worden." So weit die Erzählung W's., der am Schluß beinerkt, es sei ihm noch durch die Protection seines Schwiegervaters verhältnißmäßig gut gegangen; von seiner Frau habe er nichts mehr gehört. Er vermuthe, es schmachte noch mancher Deutsche in Pariser Gefängnissen. Zu dieser Nachtseite des Pariser Volkscharaeters, von dessen Sublimität wir jetzt so viel hören, möge ein ebenso authentischer Zeuge wie der vorstehende das Gegenstück kölnischer Art liefern. Nichts vermag uns so schlagend über das Verhalten der Nation im ganzen Kriege aufzuklären als solche auf frischer That erfaßte und in voller Naivetät wiedergegebene Schilderungeu. Auch dieses Erzählers Name beginnt zufällig mit einein W. „Ich verließ Schanghai auf einem französischen Dampfschiff Anfangs August, um nach Europa zurückzukehren. Als wir abfuhren, war noch nichts bekannt vom Ausbruch des Krieges. Die ersten Nachrichten erfuhren wir, als wir nach Saigon kamen. Die Jubelausbrüche der au Bord befindlichen Franzosen waren unbeschreiblich. Des Abends ward in Saigon selbst ein großer Ball zu Ehren des Ereignisses gegeben. Im Hauptsaale war ein Transparent angebracht, worauf in folgender Ordnung, mit Blumen umkränzt, die Namen standen: Alma. Sebastopol. Magenta. Solferinv. Berlin. — 80 — Von Saigon bis Singapur war es vor Renommiren und Jul'iliren uicht auszuhalten. Wie wir in Singapur aukamen, ging ich ans Land und hörte von den ersten deutschen Siegeu. Ich ließ uichts verlauten, als ich aufs Schiff zurückkam, aber die Franzosen mochten auch etwas vernommen haben und singen an, spitze Bemerkungen einzustreuen, über die Preußen und die Deutschen zu schimpfen und mir das Leben sehr unbehaglich zu machen. So kamen wir nach Suez und dort erfuhren wir die Kapitulation von Sedan. Nun brach aber die Wuth gegen Deutschland so gewaltig los, daß mir anfing, für mein Leben bange zu werdeu und das Essen am gemeinsamen Tisch mir geradezu unmöglich wurde. Ich erklärte dem Capitän, daß ich lieber den Rest meines Fahrgeldes bis England verlieren als länger an Bord bleiben wolle, da ich der einzige Deutsche auf dem Schiffe sei, er selbst müsse einsehen, wie bedenklich meine Lage geworden. Der Capitän, ein Ehrenmann, beschwor mich, ihm das nicht anzuthun, ich stehe unter seinem Schutz und er werde mich zu vertheidigen wissen. So blieb ich; aber kaum waren wir wieder in See, so bereute ich es bitter. Das Toben gegen die Deutschen mit persönliche,: Anzüglichkeiten auf mich wurde schlimmer als je und das Einschreiten des Capitäns blieb fruchtlos. Mehrfach erhielt er zur Antwort, in Frankreich sei jetzt die Republik erklärt und man habe sich auch von ihm nichts mehr befehlen zu lassen. Auf deu Kaiser wurde maßlos geschimpft, ebenso wie in Saigon ihm Vivats ausgebracht worden waren. Als wir glücklich in Alexandria ankamen, hatte ich die Sache überdrüssig. Trotz wiederholten Einspruchs des braven Capitäns ließ ich mein Fahrbillet für den Rest der Reise uutergehen und bestieg den englischen Dampfer." — 81 — V Im Eingang der gegenwärtigen Zusammenstellung habe ich behauptet: Die charakteristische Erscheinung während des ganzen Krieges sei die unübersehbare Entwicklung des Lügenunkrauts, und alle andern Phänomene hingen mit der Wurzel oder deu Ranken dieses Riesengcwächses zusammen, welches den französischen Boden überdeckt hat. Ich habe Schritt für Schritt gezeigt, wie die kaiserliche Negierung, mit Erfindungen hantirend, zum Angriff vorging. Man kann aus den letzten Capiteln entnehmen, welchen Antheil das wilde Fabuliren an der Haltung der Nation überhaupt hatte. Zur Vervollständigung des Bildes müßte man die Chronik der Lügen schreiben, welche jede Phase der Ereignisse nach innen und außen umschlangen. Ihr Name ist Legion. Keine sagenhafte Periode der dunkelsten Urzeit ist mit so vielen und grundlosen Erdichtungen durchwebt und umwölkt, wie die Geschichte dieser vor den Augen der Gegenwart abgesponnenen Begebenheiten. Historiker und Philosophen haben sich die Köpfe zerbrochen über die Art wie der Mythus entspringt. Hier können sie die Natur an der Arbeit überraschen; hier können sie beobachten, wie die Fabel nicht vom Einzelnen künstlich erfunden wird, sondern spontaner Weise von dem Ingenium der Massen aus den unsichtbarsten Keimen mit wundersamer Gleichzeitigkeit ausgebrütet wird. Man braucht nicht mehr zu forscheu, wieso in Hochasien und iu Griechenland derselbe Hercules, in Norwegen und der Schweiz derselbe Wilhelm Tell vorkommt, wenn man miterlebt hat, wie in Mühlhausen und in Avignon zu derselben Stunde, ohne sichtbare Uebertragung, die uämlichen Erfindungen auftauchten. Die Franzosen behaupten, iu ein heroisches Zeitalter eingetreten zu sein, jedenfalls auch in 6 ^ - 82 — das Zeitalter der Märchen. Hier nur die flüchtige Recapitulation der bekanntesten Züge aus dem Stegreif. Den Reigen eröffnet die in französischen Blättern, aber sonst nirgends wahrgenommene Illumination des dänischen Uebungslagers beim Eintreffen der Kriegserklärung. Darauf ^folgt die bekannte Schlacht von Saarbrücken vom 2. August, die als ein großer Sieg über die preußischen Waffen gefeiert wurde. Viel interessanter waren die Vorgänge am 5. August. An diesem Tage, der auf die Schlacht von Weißenburg folgte, verbreitete sich plötzlich Nachmittags 1 Uhr auf der Börse in Paris die Nachricht eines großen französischen Sieges. Viele Augenzeugen haben mir diesen Moment genau geschildert. Alle stimmen darin überein, das Schauspiel, welches Paris in jenem Augenblick geboten, spotte aller Beschreibung. Es hieß: 20,000 Preußen seien geblieben, 30,000 gefangen, darunter der Kronprinz. Kein Mensch zweifelte. Im Nu war Paris ein Jubelmeer, der ganze Börsenplatz vollgepropft mit Menschen, ein Bild jauchzender Ausgelassenheit. Die Wechselagenten auf ihrem erhöhten Standort stimmten die Marseillaise an; die ganze Börse, und von da der ganze Platz, fiel weithin schallend mit ein; alle Häupter entblößten sich. In Zeit von einer Viertelstunde waren alle Fenster wie auf einen Zauberspruch mit Fahnen behängen, sogar die Pferde der Omnibus und der Fiaker erschienen mit Fähnlein geschmückt auf den Straßen. Man hatte sich gut vorgesehen. Alles dieß war geschehen in so viel Zeit als nöthig, um von der Börse in ein Ministerium zu fahren und zurück. Da kam der erste Bote wieder und erzählte schüchtern, auf der Regierung wisse man noch nichts von dem großen Sieg. Zweifel stiegen auf. Dann erschien ein Abgesandter der Polizeipräfectur und bestätigte, daß nichts Offtcielles bekannt sei. Man will ihn widerlegen, fragt nach der ersten Quelle der Siegesbotschaft, sucht, forscht, findet sie — 83 — nicht. Finstere Zweifel bemächtigen sich der Menge. Plötzlich bricht der Unwille über die geahnte Täuschung aus, begleitet von dem entsprechenden panischen Schrecken unter den Börsenleuteu. Es entwickelt sich eine Scene der Wuth und der Verwirrung ohne Gleichen. Wilde Volkshaufen brechen herein, alles vor sich her- treibeud oder niederwerfend. „Verrath, Verrath!" schreit es auch hier. Doch wer soll der Verräther sein? Lynch ist nicht lange verlegen um einen Thäter. Der erste beste genügt ihm. Diesmal sind es die Wechselagenten, die selbst mit am meisten Gefoppten. Das eiserne Gitter, welches ihren Platz umgibt, wird niedergerissen, ihre Sitze und Pulte werden zertrümmert. Sie müssen fliehen, um nicht persönlich mißhandelt zu werden. Die Behörde, auf den Ge- daukeugang der Massen eingehend, verspricht dem großen Verbrecher nachzuspüren, um ihn zur Recheuschaft zu ziehen, als wenn jemand anders als die nationale Thorheit das Verbrechen ermöglicht und begangen hätte! Der Bewohner einer Vorstadt erzählte mir: Ich hatte zu Hause das vage Gerücht, von einem großen Triumph vernommen, werfe mich rasch in einen Wagen und fahre nach dem Boulevard. Wie ich dahin komme, sehe ich nur noch vereinzelte Fahnen, hie und da eine, die gerade ins Fenster zurückgezogen wird. Ich verstehe nichts von dem, was vor meinen Augeu vorgeht, und wende mich verlegen an eine Frau um Erklärung. „Ach, mein Herr", sagt sie wüthend, „welche Schändlichkeit! Das ist wieder der Bismarck, welcher uns diesen infamen Streich gespielt hat!" (di'sst snovrs es Lismarok Mi nous a. Mis es tour inkg-ms.) Diese paar Worte enthalten eine ganze Fundgrube von Geschichtserklärung. An den zwei folgenden Tagen kamen die Hiobsposten. Die Niedergeschlagenheit war groß, aber nicht von langer Dauer. Es kamen bald die berühmten Plane Bazaine's in Schwung, und die 6* — 84 — Losung war, daß die Franzosen in den drei Schlachten vom 4. und 6. Aug. unendlich viel ruhmreicher gefochteil als die Deutschen. Damit Niemand daran zweifle, ward beschlossen, dem Marschall Mac Mahon einen Ehrendegen auf Nationalsubscription zu widmen. Allgemeiner Beifall. Alle Zeitungen legen Listen auf. Gewiß, nun waren die Deutschen beschämt. Darüber kamen die Schlachten um Metz heran. Der echte Franzose zweifelt noch heute nicht, daß es drei Siege für feine Landsleute waren. Damals galt dieß für ausgemachte Sache. In diese Zeit fällt die vielleicht merkwürdigste Fabel der ganzen Reihe; es ist die Sage von den Steingruben von Chaumont. Als ich Ende Septembers mit den ersten Franzosen in der Schweiz zusammenkam, war eine der ersten an mich gerichteten Fragen stets: Wie es sich denn des genaueren mit den „Carrisres de Chaumont" verhalten habe? Anfangs verstand ich die Frage nicht. M hatte aber damit folgende Bewandtniß. Um die Zeit, da jene Schlachten vor Metz geliefert wurden, verbreitete sich eines Morgens in Paris die Nachricht, große preußische Truppen- massen seien von Bazaine absichtlich, auf ein Terrain gelockt worden, das sich rückwärts von den Steinbrüchen von Chaumont in jener Gegend ausdehne. Der Marschall nun habe dieses Erdreich künstlich aushöhlen und mit Balken stützen lassen. Wie also die Preußen, nichts Böses ahnend, aufmarschirt waren, fingen die französischen Kanonen an, auf die stützenden Balken zu feuern, uud im Moment stürzte die ganze preußische Truppenmasse in den Abgrund, wo sie durch den Fall und die Kanonen zu Brei zermalmt wurden. Die Angaben der da Geopferten schwanken zwischen der bescheidenen Ziffer von 20,000 und dem etwas angezweifelten Maximum von 100,000. Aber daß die Blüthe der deutschen Jugend da kläglich zu Grunde ging, ist gewiß. Ich habe leider immer vergessen, zu fragen, ob es etwas gibt, was den Namen „Steinbrüche von Chau- — 85 — inont" führt. In Frankreich selbst ist der Hergang als geschichtliches Factum vollständig aufgenommen und wird wahrscheinlich in viele historische Lehrbücher übergehen. Die Nachricht war durch große Placate mit allen Einzelheiten in Paris angeschlagen, und die Zeitungen sprachen wochenlang davon. Die Zeit zwischen dem 19. Aug. und dem 3. Sept. ward ausgefüllt mit den Nachrichten über die glücklichen Combinationen zwischen Bazaine und Mac Mahon, um die Preußen in dem großen Netz zu fangen. Daß Bazaine selbst in Metz gefangen sei, ward nicht geahnt. Am 3. Sept., als Napoleon bereits auf dem Wege nach Kassel war, verbreitete sich abermals die Nachricht über Paris, daß der große Coup gelungen. Ein deutscher Arzt schrieb am 3. Sept. au seinen Bruder, der sich über ihn beunruhigt hatte, aus Paris nach Hause, die Franzosen würden ihm wohl jetzt nichts zu leide thun, da sie ja im vollen Siegeszuge seien. So beglaubigt war die Sache, daß einer meiner Bekannten am 3. Sept. Mittags in die Kammer ging, um der officiellen Verkündigung beizuwohnen. Statt dieses Sieges kam die große Katastrophe von Sedan und damit über Nacht die Republik. Saul hat Tausend geschlageu, David aber Zehutauscnd. Was sind die Lügen des Kaiserthums, verglichen mit denen Gambetta's? Die Geburt selbst dieser Republik wurde mit einein Mythus umkränzt, welcher dem französischen Volk und der Welt einreden sollte, sie sei aus einer „Revolution" hervorgegangen. Die Pariser machten sich weis, sie hätten den Kaiser gestürzt und wollten noch ganz besondere Anerkennung dafür, daß sie diese „Revolution" ohne Blutvergießen durchgeführt, übersehend, daß sie mit dem Blute von Weißenburg bis Sedan begossen war. Es wäre schwer gewesen, sie in Paris anders als unblutig zu machen. Wie der Kaiser, müde und matt, sich in die Gefangenschaft gestürzt hatte, so folgte der ganze Anhang in einer Nacht — 8tt — ihm hoffnungslos und freiwillig ins Exil. Die Kaiserin entfloh aus den Tuilerieu, ehe eine Stimme, geschweige denn eine Hand, sich gegen sie erhoben; der gesetzgebende Körper stob auseinander vor einem Haufen unbewaffneter Schreier, sein Präsident bedeckte sich wie bei einer beliebigen Störung, packte seinen Koffer und folgte der Kaiserin. Jules Favre sprang auf die Tribüne und lud die Lusttrageuden ein, mit aufs Stadthaus zu gehen, um daselbst die Republik zu machen; der Senat gar löste sich selbst auf, erklärend, daß er doch jetzt nicht zu gebrauchen sei. So zerfloß diese zwanzigjährige Macht, vor der Europa gezittert hatte, wie ein Schattenbild. Die Republik zog in das verlassene Haus ein. Sie hatte vielleicht Recht. Aber diesen Einzug als eine große Revolution zu stempeln, als einen Volks- und Freiheitssieg, das war — man kann es nicht anders nennen — Humbug. Im Felde wie im Ca- binet hat sie seitdem practisch dein Grundsatze gehuldigt: daß man durch passende Erdichtungen den Volksgeist zum Widerstand großziehen müsse. Unter dem Kaiserthum war die Lüge eiue Hülfswissenschaft des Regierens, unter der Republik ward sie zum System erhoben. Als Jules Favre aus der Couferenz von Ferneres heimkam, verkündete er: Bismarck habe ihm erklärt, Frankreich müsse zu einer Macht zweiten Ranges herabgedrückt werden.*) Nachträglich mußte er einräumen, daß diese Sensationsphrase seinem eigenen Gehirn entstiegen sei. Niemals bis jetzt hat die republikanische Regierung eine ungünstige Nachricht sofort oder ungeschminkt ver- *) Auch eine Formel von alter französischer Herkunft! Sie bildete den stehenden Vorwurf der Opposition gegen Ludwig Philipp und wurde schon 1340 von Thiers in seinen diplomatischen Controversen wegen Mchemet Ali den Europäischen Mächten gegenüber verbraucht. ,,Ori vsut t'kirs ässveriilrL lg, ?rs>vvs s,u i-ANA cl'uns xuissanos <1s ssoorul orärs." Sie entsprang ihrem eigenen Gehirn gerade wie die Petroleumbomben. — 87 — öffentlicht. Stets wurde sie möglichst lange verborgen gehalteil und dann unkenntlich gemacht. Geben wir in diesem Punkt einem unverdächtigen Zeugen das Wort. Der republikanische Historiker Lanfrey, gewiß nicht der Anhänglichkeit an die Bonapartes verdächtig, schreibt Anfangs Iauuar in der „Gazette du Peuple" von Chambörh: „Man sagt nicht dem Lande die Wahrheit, man hat sie ihm niemals gesagt über uusere eigene Lage. Nur aus den fremden Journalen haben wir stets die Nachrichten erfahren, die zu kennen für uns am wichtigsten war. Nur von ihnen erfuhren wir der Reihe nach die Kapitulationen von Toul, Verdun, Schlettstadt, Neubreisach, Lafsre, Amiens, Thionville, Nouen, Dieppe, Montmödv und Pfalzburg. Drei Tage bereits kannte ganz Europa die traurige Capitulation von Metz, und uns unterhielt man noch mit den ruhmvollen Ausfällen des Marschalls Bazaine. Man hat uns Ausfälle aus Paris erzählt, die nie anderswo als auf dem Papier existirt haben; man hat Truppen auf geographischen Punkten sigu- riren lassen, wo sie nie erschienen sind. Und war man einmal gezwungen, einen Theil der Wahrheit einzugestehen, so trug man Sorge/ sie vorerst den sonderbarsten Umgestaltungsproeeduren zu unterwerfen. Ja, das wird eines Tages ein curioses Studium sein vom Standpunkte der Geschichtsschreibung, diese Bülletins nämlich nachzulesen, welche eingeleitet wurden mit der famosen Legende von den drei Särgen." Diese Legende verdient in der That neben der von den Steinbrüchen von Chaumont aufbewahrt zu werden. Wenn man einem Franzosen auf die Frage über die Steinbrüche zu verstehen gegeben hat, daß man ihm gar keinen Aufschluß zu ertheilen vermöge, so resignirt er sich schließlich dahin, eine zweite Frage zu stellen: Und wie war es mit den drei Särgen? War daran auch nichts? — Von dieser Legende ist mehr nach Deutschland gedrungen als von — 88 — der ersten. Drei Särge, mit Goldbroeat behängen, begleitet vvn allen erdenklichen Ceremonien der Auszeichnung und der Trauer, waren vom Hauptquartier nach Deutschland transportirt worden. Sie enthielten nach vertrauenswürdiger Angabe die Leichen des Königs, des Kronprinzen und Moltke's. Nach und nach kamen die Angaben ins Schwanken; bald waren es nur zwei Särge, bald auch nur einer, bald war Friedrich Karl darin gebettet, bald Moltke. Als die drei absolut nicht todt sein wollten, ward der „Großherzog" vvn Nassau hineingelegt, der nicht bei der Armee und folglich auch da nicht mit bloßem Auge sichtbar war. Das Interessanteste aber an der ganzen Legende ist, daß sie höchst wahrscheinlich von Gambetta selbst fabricirt wvrden, den wir, nach seitdem abgelegten Proben, wohl solcher Leistungen für fähig halten dürfen. Ich weiß, daß er einem französischeil Deputirten ein Telegramm mit der Meldung von den drei Särgen zugeschickt hat. Wer erinnert sich nicht noch des merkwürdigen Vorfalls bei der Kapitulation von Straßburg. Noch am Tage nach der in ganz Europa bekannten Uebergabe veröffentlichte die Regierung von Tours ein Telegramm ihres Consuls aus Basel (an den Thoren Straßburgs!), daß die Festung glorreich aushalte. Es ist unmöglich, alle einzelnen Fälle ähnlicher Natur aufzuzählen. Unvergeßlich in der Geschichte werden nur einige der ungehmerlichsten offieiellen Lügen Gambetta's bleiben. So vor allen das berühmte Rundschreiben an die Provinz, dessen Anfang man im Gedächtniß behalten wird wie den Anfang berühmter Bullen: „O'sst avsc uns inäisidls Mg." Mit einer unsagbaren Freude verkündet der eben aus den Lüften niedergefahrcne Minister, daß die ganze Belagerungsarmee rund um Paris aus ihren Stellungen vertrieben, ihre Positionen von den Franzosen besetzt seien. Die ganze Cer- nirungslinie ist meilenweit zurückgeworfen und gelockert! Nie hat — 89 — er auch nur eine einzige Andeutung seitdem vorgebracht, welche ihn zu einem Irrthum hätte berechtigen können. Während der Fahrt im Ballon hatte er so recht eigentlich die ganze Geschichte aus der Luft gegriffen. Und weßhalb gerade damals? Seine Erfindungen haben stets einen bestimmten practischen Zweck. Zu seiner Ankunft aus Paris brauchte er eine starke Wirkung. Die Reise im Luftballon an sich war schon eine nicht zu verachtende Beigabe (bezeichnend überhaupt das besondere Talent für die so geschickte Benützung dieses luftigen Wesens). Aber um die Dictatur in die Hände nehmen zu können, bedürfte es mehr als dieses „Prestige." Er war gekommen, die Wahlen zu einer Nationalversammlung zu hintertreiben, welche die Regierung von Tours auf den 16. Oct. anberaumt hatte. Er war gekommen, um durch diese Hintertreibung seine Dictatur zu gründen. Hinter sich den zahlreicheren und angeseheneren Theil seiner College« in Paris abgesperrt, vor sich nur den 75jährigen Crsmieux und die Glais-Bizoin genannte Null, öffnete sich ihm von der Höhe seines Windschiffes herab die Herrschaft über ganz Frankreich, wenn er diesem zurufen konnte: Nur um Gotteswillen nicht die Nation jetzt durch Wahlen mitten in ihrem Siegeslauf aufhalten! Darum erfand er die „mit unsagbarer Freude" verkündete Durchbrechung der Pariser Linie. Diesem System ist er treu geblieben. Als er Tours räumen mußte, schämte er sich nicht nach Paris zu telegraphiren: die Regierung gehe nach Bordeaux, um nicht die strategischen Bewegungen der Armee zu „geniren" — in demselben Augenblick, da Tours die weiße Flagge aufzog, um nicht länger beschossen zu werden. Verhängnißvoll für die Loire-Armee ward sein Manöver Ende November, als er den General Aurelles mit gefälschten Depeschen bestimmte, bei Orleans anzugreifen, weil, wie er verkündete, den Parisern der Durchbruch nach Süden gelungen sei. Die Nachricht von diesem Durchbruch — 90 — machte denn auch mit Blitzesschnelle die Runde durch alle französischen und von Franzosen bewohnten Gebiete. Glückwunschdepeschen strömten zuhauf in der französischen Schweiz unter den Gefluchteten hin und her, man umarmte und beglückwünschte sich — bis der traurige Schwindel entdeckt war. Ganz das Gleiche wiederholte sich zum drittenmal bei der Einnahme des Mont Avrou. Diese fand am 27., 28. und 29. Dec. statt. Auf den 1. Jan. hatte Gam- betta in Bordeaux sich eine große Huldigung veranstaltet. Hier sollten durch eine große Straßendemonstration alle die friedlichen Velleitäten seiner Collegen und anderer politischen Köpfe erdrückt werden. Was geschah? Ein in der Nähe von Le Maus am 31. Dec. niedergefallener Ballon hatte bereits die Nachrichten vom 30. Dec. aus Paris über ganz Frankreich und Europa mittelst der französischen Telegraphie verbreitet. Am 30. Dec. berichtet die französische Telegraphie aus Le Maus die Einnahme des Mont Avron durch die Preußen und die Niedergeschlagenheit, welche diese Thatsache in Paris verbreitet habe. Aber am 31. Dec. berichtete Gambetta's Telegraphie'aus Bordeaux zunächst dieser Stadt und dann Europa wie folgt: „Der Augriff der Preußeu gegen Avron ist glorreich zurückgeschlagen worden, 7000 bis 8000 Preußen todt. Am Abend gaben die Mobilen ein großes Concert. Paris ist magisch, antik, neugeboren (raaZicius, anticius, röAsnörß) u. f. w." Gambetta hat nie erklärt, von wem ihm dieses Telegramm von Paris am 31. d. Abds. zugekommen. Die Blätter von Bordeaux durften erst zwei, drei Tage später die Depeschen vom 30. d. aus Le Mans veröffentlichen, welche den wahren Sachverhalt gaben. Inzwischen hatte Gambetta am 1. Jan. seine große Parade in Bordeaux abgehalten, vom Balcon aus das Volk angeredet, sich zujauchzen lassen, und urdi st ordi verkündet-, daß Frankreich ihm allein sich anvertrauen wolle. Zu diesem Schauspiel bedürfte er — 91 — des Hoeuspocus des magischen und antike» Paris mit den 8000 erschlagenen Preußen im Hintergrunde. Waren dagegen die beiden Napoleon nicht Stümper? VI. Frankreich war seit Jahrhunderten der vornehme Mann nnter seinen Mitvölkern. Alle Abzeichen und Geschmacksrichtungen der Vornehmheit waren, wie die Sprache der großen Welt, französisch, namentlich auf dem Continent. Frankreich repräsentirte eben älteren Reichthum und ältere Cultur, d. h. es war Aristokrat. Es war zuletzt auch der Aristokrat unter den Revolutionären und Liberalen, zu dem die neuen Geschlechter derselben Richtung emporschauten. Die Franzosen selbst unterließen nichts, was dazu beitragen konnte, ihnen diese Ausnahmsstellung zu erhalten. Aristokratische Prätensionen verfehlen um so weniger ihre Wirkung, als sie dem davon erfüllten Subjekt eine Selbstachtung einflößen, die auf seine eigene Führung vortheilhaft zurückwirkt. Wenn wir uns fragen, warum bei den meisten dritten Völkern eine innere Hinneigung zu den Franzosen sich kund giebt, so ist die Erklärung dafür vielfach in jener Bcwandtniß zu suchen. Wir Deutschen fangen eben erst an, Emporkömmlinge zu werden, waren seit zwei bis drei Jahrhunderten die armen Schlucker und selbst dein neuen deutschen Kaiser wird es noch nicht vergessen, daß er eigentlich der „Marquis de Brandebourg" ist. Auch in den internationalen Beziehungen von Volk zu Volk giebt es etwas wie den gesellschaftlichen Snobism, und es ist nicht mehr als natürlich, daß dieser Charakterzug den kleineren Staatsgebilden eher zukommt als den großen. Die politischen Snobs unter den Menschen wie nnter den Völkern haben sich in diesem Kriege etwas Besonderes darauf zu Gute gethan. — 92 — ihre schönen Gefühle für Frankreich an die Oesfentlichkeit zu bringen. Es schmeichelte ihnen, mit diesem, wenn auch heruntergekommenen, vornehmen Herrn Arm in Arm über die Straße zu gehen, besonders da ihn die Umstände veranlaßten, jetzt so äußerst herablassend gegen sie zu sein. Wer in irgend ein Blatt eine Huldigung einrückte, konnte gewiß sein, mit einer gnädigen Anerkennung belohnt zu werden. Mancher dachte bei sich, er werfe die Wurst nach der Speckseite und werde in wieder besseren Tagen dafür auch bei der hohen Herrschaft um so besser angeschrieben sein. Dieselbe Rolle wie die Franzosen unter ihren Mitvölkern spielt Paris in Frankreich. Es war der Aristokrat, bewußt seiner höhern Abstammung, seiner Ueberlegenheit und von den anderen darob entsprechend verehrt. Paris ertrug die Verlegenheiten und Prüfungen, denen es ausgesetzt war, mit der Eleganz, der Fassung und der vvrnehmeu Verachtung eines vornehmen Herrn, der sich ins Unvermeidliche zu schicken weiß und um keinen Preis der Canaille das Schauspiel gönnen will, sich an seiner Herabwürdigung zu ergötzen. Es liegt alles Gute und alles Falsche, alles Nützliche und alles Eitle in dieser Haltung, was dem aristokratischen Wesen zukommt. Verdorben wird nur viel darau durch die unersättliche Begierde nach Bewunderung, welche in jedem Wort, in jeder Geberde sich Luft macht. Seit drei Monaten schreibt kein Pariser einen Brief oder einen Artikel, worin nicht wenigstens dreimal vorkommt, wie ack- rnii^dle er und seines Gleichen seien. Alle Proclamationen der Behörden schließen mit der bereits stehend gewordenen Formel: daß jedenfalls Paris, wenn es auch nichts anderes erreicht, der Welt die höchste Bewunderung bis zuletzt abnöthigen werde.*) Paris *) Und getreu diesem System verkündet jetzt nach allen schmähiichen Demüthigungen der communalistischen Epoche Thiers von Neuem der Welt die Glorie der Stadt und der Armee, „zu welcher die Welt bewundernd emporschaut!" — 93 — hat die Entbehrung des Ochsenfleisches, des Leuchtgases, der Butter und anderer civilisirten Bedürfnisse ertrageil ohne zu jammern, und sich dafür mit dem Bewußtsein getröstet, daß die Welt anbetend vor ihm im Staube liege. Der Entbehrung des Mehls und des Brennstoffes konnte es natürlich nicht Stand halten. In Wahrheit haben die Bewohner des übrigen Frankreichs für ihren verzweifelten Widerstand viel mehr Anspruch auf Anerkennung als die eigentlichen Pariser der Boulevards, welche die Glorie für sich abrahmen. Aber so will es die aristokratische Stellung der Hauptstadt. Paris muß die Lorbeeren ernten. Für Paris lassen sich die Provinzen abschlachten. Gambetta war das für die Provinz fleischgewordene Paris. Ohne die Losung von Paris hätte in der Provinz längst die Vernunft zur Nachgiebigkeit gerathen. Paris dictirte die famose Formel: „Nicht einen Stein, nicht eine Scholle!" Dies ist der Wahlspruch des alten Frankreichs, des Aristokraten unter den Völkern, der lieber sich verblutet, als daß er den Anspruch auf seine Vorrechte, Unverletzlichkeit, Unbesiegbarkeit aufgebe. Leopold de Gaillard, der bekannte Redacteur der legitimistischen Revue „Le Correspondant", schreibt in einem offenen Briefe vom 9. Januar ä. ä. wörtlich: „Andere Nationen können sich bald in ihre Niederlagen finden und ihr Prestige überleben; Frankreich kann dies nicht. Man weiß zu gut und es selbst weiß es auch zu gut, das Geheimniß seiner Kraft liegt in der Vorstellung seiner Ueberlegenheit, die es sich und andern beigebracht hat." Der wahre Franzose ist noch nie besiegt worden. Fünfzig Jahre lang galt es ihm für ausgemacht, daß er die Schlacht von Waterloo ohne Grouchy's Verrath gewonnen hätte. Wenn nichts mehr sein Selbstbewußtsein rettet, schiebt er es auf den Verrath. Zuletzt verrathen ihn die Götter selbst. „Die Wissenschaft," sagte Gambetta in der Rede zu Bordeaux, „mittelst deren die Deutschen uns be- — 94 — siegen, sie haben sie uns gestohlen, ils nous 1'ont cksi-obss." Selbst in der Mathematik sind sie verrathen worden. Die Franzosen sind tapfer und patriotisch, andere Völker waren es vor ihnen und werden es nach ihuen sein, aber im Punkte der Eitelkeit und Selbstvergötterung sind und bleiben sie unerreicht. Ihrer verletzten Eitelkeit sind alle Ausschreitungen uud Thorheiten, deren sie sich in diesem Kriege schuldig gemacht, zuzuschreiben, und ihr entsetzliches Schicksal würde noch viel mehr Mitleid einflößen müssen, wenn diese unausrottbare Selbstvergötterung uicht alles Elend und alle Niederlagen überlebt und mitten unter den traurigsten Bilden? so viele burleske geliefert hätte. Das alte Fraukreich lebt und stirbt mit der Formel der unverletzlichen Grenze, des heiligen Paris. Die Gambetta-Republik, indem sie diese Formel zuerst an ihre Fahne genagelt und festgehalten, offenbarte sich als der Kampf des Alten gegen das Neue. Ein neugeborenes Frankreich würde von der Erkenntniß ausgehen, daß die Nation ihre Kraft weder in der Unentreißbarkeit des Elsasses noch in der Suprematie von Paris hat, nicht, mit einem Wort, in ihrer alten aristokratischen Überlegenheit über Europa, sondern in eigener Tüchtigkeit und innerer Vollendung. Deutschland ist der dritte Stand, um dessen Gleichberechtigung jetzt gegen Frankreich gekämpft wird. In Paris sitzt die Romantik katholischen Geblüts/) in Versailles d. h. im deutschen Hauptquartier der Radicalismus eines neuen Emporkömmlings. Paris ist die Bastille, die gestürmt wird, Favre und Gambetta vertreten die Legitimität, Wilhelm uud Bismarck die Revolution. Das klingt paradox, aber es ist doch so. *) Wie richtig diese Diagnose im Punkte des katholischen Elementes war, hat seitdem sich bereits zur Genüge enthüllt und wird noch mehr zu Tage kommen. Druck von Alexander Waldow in Leipzig. In demselben Verlage erschien ferner: Herr von Bismarck. Eine politische Biographie von Mmwig Mmberger. 1 Thlr. d? I^uÄMiA LaniderKer. ?1'ÄN8lg.töä krolll tos AKIWÄN bx ' v. I.. 1 rklr. Vertrauliche Orie^e au8 äem Jokkpaekament (1868—1869 — 1870) von Ludwig Bamlicrnrr. 20 Sgr. RilM-Mn und , die osteuropäischen Interessen. Ein Mahnruf an das Jahrhundert von c?_ KSgr. Druck von A. Waldow in Leipzig,