Zur Geschichte der ldwährung. Ton Karl Helfferich. Motto: Fncta loqmintnv. BERLIN. Verlag von Leonhard Simion. 189G. I Vorwort. Nichts giebt einen besseren Blick für die Beurtheilung wirtschaftlicher Fragen, als die Kenntnifs der gescliichtlichen Entwickelung, welche zu den bestehenden Verhältnissen und Zuständen geführt hat. Das gilt ebenso sehr wie für jedes andere volkswirtschaftliche Gebiet ancb für die Währungsfrage. Nur wer die Verhältnisse und Umstände kennt, aus welchen heraus sich die Goldwährung mit historischer Notwendigkeit entwickelt hat, ist befähigt, sich ein begründetes Urtheil über die Währungsfrage zu bilden. Leider wird, je brennender eine Tagesfrage ist, desto mehr die ruhige Beschäftigung mit den historischen Thatsachen in den Hintergrund gedrängt. In der währuugspolitischen Tages-Literatur wird die Darstellung der Vorgänge, welche zu unseren jetzigen Währungsverhältnissen geführt haben, stark vernachlässigt, oder diese Vorgänge werden in tendenziöser Weise falsch dargestellt. Die vorliegende kleine Schrift will nun in kurzen Zügen eine Geschichte der Entstehung der Goldwährung und ihrer Ausbreitung über die wichtigsten Kulturländer geben, uud so einen Beitrag zur Beurtheilung der Währungsfrage liefern. Es wird dabei des öfteren notwendig sein, den Verdrehungen und ausgesprochenen Geschichtsfälschungen^ bimetallistischer Schriftsteller entgegenzutreten, welche stets < 4 mit ihrer „Wissenschaftlichkeit" und „Ehrlichkeit" renommiren, und — wie beispielsweise Herr Dr. Arendt — die genügende leherhebuni; licsit/en, um ihre Gegner in Schwindler und Ignoranten einzutheilen. Doch darüber brauche ich hier kein weiteres Wort zu verlieren: Die Thatsachen reden. Gardone-Riviera, Ende April 1896. **' Karl Helfferich. V i & [. W^enn man mit flüchtigem Blick die Währungsgeschichte unseres Jahrhunderts überfliegt, so springt sofort eine charakteristische Thatsache in die Augen: die Abkehr der wichtigsten europäischen und amerikanischen Staaten von der Silberwährung und Doppelwährung und die Annahme des Goldes als Grundlage des Geldwerthes. Zu Beginn des Jahrhunderts nahm England definitiv die Goldwährimg au. In den dreifsiger Jahren änderten die Vereinigten Staaten, deren Doppelwährung bis dahin auf dem Werthverhältnil's von 1:15 zwischen Gold und Silber beruhte, die gesetzliche Relation auf 1 : 1(). Bei der alten Relation war das Gold gegenüber dem Werthverhältnisse der beiden Edelmetalle auf dem Weltmarkt zu niedrig bewerthet, und in Folge dessen war die gesetzliche Doppelwährung thatsächlich eine ausschliefsliche Silberwährung. Die neue Relation bewerthete umgekehrt das Silber zu tief, und binnen kürzester Zeit wurde aus der thatsäehlichen Silberwährung eine thatsächliche Goldwährung. Aehnlich gestalteten sich die Verhältnisse in den Staaten der französischen Doppelwährung, welche auf dem Werthverhältnil's von 1: 15'/2 beruhte. Bis zu den fünfziger Jahren war auf dem Weltmarkt 1 Pfund Gold mehr werth als lö'/a Pfund Silber. Die Ausmüuzung von Silber war deshalb vortheilhafter als die Ausmünzung von Gold, Goldgeld war nur spärlich vorhanden und wurde mit Agio uotirt, die thatsächliche französische Währung war eine Silberwährung. Da kamen die grol'sen kalifornischen und australischen Goldfuude, welche den Werth des Goldes ver- riugerten, und gleichzeitig ein starkes Anwachsen des Silber- Iiciliirlt's für Indien, welches den Silberwerth steigerte. 15'/a Pfund Silber waren bald mehr werth als 1 Pfund Gold; es lohnte nun, < ioldgeld auszuprägen und Silbergeld einzuschmelzen, und während die gesetzliche Doppelwährung unverändert weiter bestand, verwandelte sich die thatsächliche französische Währung aus einer thatsächlicheu Silberwährung in eine thatsächliche Goldwährung. Als das neugegründete Deutsche Reich zu Besinn der siebenziger DO OD Jahre au die Ordnung seiner Münzverhältnisse herantrat, entschlofs es sich, seiu neues Geldwesen auf der Grundlage der Goldwährung aufzubauen. Die skandinavischen Staaten gaben gleichfalls das Silber preis und gingen zur Goldwährung über. Die Vereinigten Staaten von Amerika, welche inzwischen durch den Bürgerkrieg in eine Papiergeldwirthschaft gerathen waren, beschlossen im Jahre 1873 im Prinzip die Annahme der Goldwährung. Die Niederlande stellten die Silberprägung ein und gaben die Goldpräguug frei, und der Werth ihres Geldes ist seither vom Goldwerth abhängig. Aehnlich verfuhren die Staaten der lateinischen Münzuniou, Frankreich, Belgien, die Schweiz und Italien. Indem sie bereits 1873 die Prägung von Silberkurantgeld auf bestimmte Maximalbeträge limitirten, brachen sie mit der fast dreiviertel Jahrhundert bestehenden gesetzlichen Doppelwährung; indem sie 1878 die Prä- guug von Silberkurantgeld völlig einstellten, verknüpften sie deu Werth ihres Geldes völlig mit dem AVerth des Goldes. Seither haben diese Staaten eine analoge AVährungsverfassung wie Deutsch- ODO land, eine sogenannte hinkende Goldwährung. Auch Oesterreich nud Rufsland, ursprünglich Silberwährungslander, haben die freie Prägung von Silbergeld eingestellt. Diesen Staaten ist das gröfste und wichtigste Silberwährungsland, Britisch Indien, im Jahre 1893 nachgefolgt; indem die Prägung der Rupie im Juni 1893 aufgehoben wurde, löste sich der Werth dieses Geldes los vom Schicksal des Silber werthes, und wenn es auch noch nicht gelungen ist, den Gold werth des indischen Geldes DO ' festzulegen, so ist es doch gelungen, ihn um etwa 25 pCt. über dem Silberwerth zu halten. Oesterreich hat den Uebergang zur Goldwährung zu Aufaug dieses Jahrzehutes begonnen, und Rufsland nimmt neuerdings den Uebergang zur Goldwährung in bestimmte D Ö O O Aussicht, nachdem für diesen Schritt seit langer Zeit die umfassendsten Vorbereitungen getroffen worden sind. Ohne jede gesetzliche Mafsnahmeu ist es Rufsland in den letzten Jahren 7 bereits gelungen, den Goldwerth des Rubels ziemlich stabil zu erhalten. Man mag zu der Währungsfrage stehen wie mau will, die Thatsache dieser Entwickelung läfst sich nicht in Abrede stellen und die Bedeutung dieser Entwickelung kann kaum hoch genug angeschlagen werden. Die Währungsfrage selbst, wie sie gegenwärtig im Vordergrund des Interesses steht, läfst sich nur dann gebührend würdigen, wenn mau die Gründe kennt, welche zu dieser Entwickelung geführt haben. Die Vortheile und die Nachtheile der Goldwährung, ihre Nothwendigkeit oder ihre Ueberflüssigkcit läfst sich nur dann vollkommen beurtheilen, wenn mau die tiefereu Gründe jener gewaltigen Entwickelung kennt, welche die Goldwährung über die gesammte Kulturwelt ausgedehnt haben. Es fragt sich, ob diese Entwickelung mit Nothwendigkeit aus den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Menschheit hervorgegangen ist, oder ob es ein grofser Irrthum ganzer Völker war, welcher die Welt iu verkehrte Bahnen trieb, auf denen eine Umkehr nicht rasch genug erfolgen kann. II. Die Birnetallisten, welche die Goldwährung bekämpfen und die „Rehabilitation des Silbers" anstreben, müssen natürlich von vornherein die Entwickelung der Währungsverhältnisse, welche sich in unserem Jahrhundert, namentlich innerhalb der letzten 25 Jahre, vollzogen hat, höchst unvernünftig finden. Sie behauptet), dafs die Existenz der Goldwährung und die „Aechtung des Silbers" die wirthschaftlichen Iuteressen der ganzen Menschheit schwer schädige, und mit dieser Ansicht ist natürlich der Gedanke unvereinbar, dafs die Goldwährung mit Nothwendigkeit aus den wirthschaftlichen Bedürfnissen der Kulturwelt hervorgegangen sei. Demgemäis kommen bimetallistische Schriftsteller, welche die Währuugsgeschichte oder einzelne Theile derselben behandeln, zu dem Ergebuil's, die Einführung und Ausbreitung der Goldwährung sei verursacht durch deu falschen Doktrinarismus, oder gar durch selbstsüchtige Gewinnsucht eiuzeluer, und sie sei ermöglicht worden durch eine völlige Verblendung und Unwissenheit der grofsen Masse. Ich will in aller Kürze die Geschichte der Goldwährung skizziren, wie sie von Seiten der Doppelwährungsfreuude in einer 8 umfangreichen Literatur sich dargestellt findet. Natürlich sind sieh in einzelnen Punkten auch die Bimetallisten unter einander nicht einig, aber im Grol'scn und Ganzen entspricht die nachfolgende Darstellung der Geschichtsauffassung desjenigen Bi- uietallisinus, der politisch allein eine Rolle spielt. Die Engländer waren die erste Nation von Bedeutung, welche die Goldwährung einführten. Es ist deshalb von ganz besonderer Wichtigkeit, welcher Art die Vorzüge waren, welche die Engländer zur formellen und gesetzlichen Einführnug der Goldwährung- bestimmten. Dann Horton, ein amerikanischer Bimetallist, hat sich um die Darstellung der englischen Währuugsgeschichte grofse Mühe gegeben. Er hat ein grofses Buch geschrieben, welches den langen Titel trägt: „The Silver pound and Eugland's monetary policy since the restoration together with the history of the guinea illnstrated by contemporary documents." Er kommt in diesem Much zu dem Ergebnifs, dafs sich England bis zu der Papiergeldperiode, welche durch die napoleonischen Kriege verursacht wurde, einer Silberwährung erfreute, dafs es sich aber dann bei der Wiederaufnahme der Maarzahlungeu durch die falschen Argumente des Lord Liverpool verleiten liefs, ganz ohne jede Vorbereitung und jeden vernünftigen Grund an Stelle der Silberwährung die reine Goldwährung zu setzen. Das erste Auftauchen einer völlig O O ausgebildeten Goldwährung ist also nach Dana Horton auf einen völlig überflüssigen und unmotivirteu Willkürakt zurückzuführen, zu welchem sich die englische Gesetzgebung durch die theoretischen Schrullen eines Einzelnen hiureifsen liefs. Es dauerte lauge, bis sich ein zweiter Staat bereit fand, das englische Beispiel nachzuahmen. Dem Deutschen Reich gebührt der in den Augen der Bimetallisten mehr als zweifelhafte Ruhm, als zweites in der Reihe der Völker den Uebergaug zur Goldwährung unternommen zu haben. Bekannt ist ja, in welcher Weise von den Bimetallisten die Gründe des deutscheu Währuugs- wechsels dargestellt werden. Vernünftige Gründe für den Uebergaug zur Goldwährung gab es nach ihnen überhaupt nicht. Herr Mochussen, ein niederländischer Bimetallist, hat in seiner Schrift ..Keichsgold und Weltgeld" ausführlich nachzuweisen versucht, dafs die Regierung überhaupt keinen Beweggrund für die Annahme der Goldwährung gehallt habe, ja sogar, dal's die Goldwährung garuicht 9 auf die Initiative der Regierung, sondern — man wird die Schwere o o T dieses Vorwurfes kaum hinreichend würdigen können — auf die Initiative des Reichstags zurückzuführen sei; dal's ferner dieser Reichstag gleichfalls keine Gründe für die Goldwährung gehabt habe. OD durch die deutsche Müuzreform eine erhebliche Verschärfung erfahren hatte, so dafs nun von Neuem das Silber den lateinischen Münzstätten zuströmte, da hielten es diese Staaten für geboten, Mal'sregeln zum Schutze ihres Goldumlaufes zu ergreifen. Die zwei Jahrzehnte, welche die Länder der lateinischen Doppelwährung sich im Besitz eines weit überwiegenden Goldumlaufes befanden, waren genügend, um diesen Staaten die Vortheile und 29 Annehmlichkeiten eines Geldumlaufes klar zu machen und bei ihnen den Wunsch zu erregen, sich diesen Goldumlauf zu erhalten. Wir erinnern uns an die Vorgänge in England. Auch dort bestand ein thatsäehlicher Goldumlauf, sogar mit einem ausgesprochenen Mangel au Silbermüuzeu für kleinere Zahlungen; der erste gesetzliche Schritt zur Goldwährung wurde veranlaßt durch die Aeude- rung des Werthverhältnisses der Edelmetalle auf dem Weltmarkt, welche den Import und die Ausprägung von Silber vortheilhaft erscheinen lief's. Um zu verhindern, dafs der vorhandene Goldumlauf durch das einströmende Silber verdrängt werde, hob England im Jahre 1798 die freie Silberprägung auf. Genau so verlief die Entwickelung in der lateinischen Münzunion. Der erste gesetzliche Schritt zur Goldvaluta war auch hier veranlagt durch die Bedrohung des vorhandenen Goldumlaufes. Dieselben Staaten, welche zu Beginn der fünfziger Jahre ruhig zugesehen hatten, wie ihr ö O o o Silberumlauf von dem kalifornischen und australischen Golde ver- dräugt wurde, welche erst einschritten, als die unentbehrlichen kleinen Silbermünzen aus der Zirkulation verschwanden, und zwar nicht, indem sie zum Schutz des Silberumlaufs die Prägung von Gold beschränkten, sondern indem sie das Silbergeld minderwerthig ausprägten, — dieselben Staaten rührten sich sofort, als das Silber wieder anfing das Gold zu verdrängen. Warum das? —- Auf diese Frage bleibt die bimetallistische Anschauung jede Antwort schuldig, da sie Silber und Gold als vollkommen gleichwerthig behandelt, und nicht zugestehen will, dafs das Gold vermöge seines weit gröfseren Werthes im gleichen Gewicht sich für wirthschaftlich entwickelte Staaten besser zum Geldstoff eignet als das Silber. Aber gerade darin liegt der Schlüssel der währungspolitischen Entwickelung unseres Jahrhunderts. Wer ihn nicht sehen will, der sieht sich gezwungen, die Geschichte so zu vergewaltigen, wie es seitens bimetallistischer „Geschichtsschreiber" geschehen ist. VI. Weitaus am schönsten zeigt sich die bimetallistische Kunst des „corriger l'histoire" bei den Darstellungen über die Annahme der Goldwährung seitens der Vereinigten Staaten im Jahre 1873. Diese Darstellungen übertreffen an Kühnheit alles bisher Dageweseue. Natürlich ging es auch hier nicht mit rechten Dingen 30 zu. Doch hören wir die Schilderungen, wie sie Herr von Kardorff im Anschluß an seine amerikanischen Gesinnungsgenossen dem deutschen Publikum vorgelegt hat. (Die Goldwährung. Ihre Ursachen, ihre Wirkungen uud ihre Zukunft. 1880.) „Während in England die Einführung der Goldwährung . . . . eingehend erörtert war, während im deutschen Reichstage die Kruge vielleicht einseitig, aher doch umständlich besprochen wurde, bekam Amerika die Goldwährung, ohne es selbst zu wissen", so erzählt Herr von Kardorff, und diese Behauptung begründet er mit nachfolgenden Ausführungen. Dem Repräsentantenhaus lag ein Gesetzentwurf vor, der eine Statutenänderung für die Verwaltung der Münzstätten enthielt. Der Senat änderte nun einen Abschnitt dieses Entwurfes so ab, „dal's derselbe nunmehr die Demonetisirung des Silberdollars und den Uebergang zur Goldwährung enthielt, und diese Abänderung entging der Beachtung der Abgeordneten bei der Kückkehr des Gesetzes in das Repräsentantenhaus vollständig". Das Kongreßmitglied Kelley sagte in einer Rede vom 10. Mai 1879 über diesen merkwürdigen Fall Folgendes: „Das Gesetz ... ging durch das Haus, ohne dal's iu den Debatten irgend eine Anspielung auf Aufrechterhaltung oder Aufgeben des Standard silver dollar gemacht wurde." — „Ich selbst war Vorsitzeuder der Kommission, welche über den ursprünglichen Gesetzentwurf zu berichteu hatte, und ich bekunde auf mein Ehrenwort, dal's ich nichts davon wul'ste, dal's das Gesetz den Silberdollar fallen liefs." — «Wir haben hier ein hübsches Stück amerikanischer Parlamcntsgesehichte", meint Herr von Kardorff: und der Umstand, dafs Herr Kelley in dieser Rede äufserte, „er rechne es sich nicht zur Unehre au, dal's man vou Seiten der Regierung und der sonst bei der Abänderung betheiligten Kreise vermieden habe, ihn von derselben in Kenntnil's zu setzen", scheint Herrn von Kardorff darauf hinzudeuten, „dafs Kelley die von Oarey offen ausgesprochene Ansicht theilt, dafs die Ueberrumpe- lung mit der Goldwährung das Werk derjenigen interessirteu Kreise gewesen sei, die nuter dem Namen des Xewyorker Goldringes eine wenig beueidenswerthe Berühmtheit erlangt haben". Im Anschlnl's au diese Darlegung schreibt Arendt in seinem o o Leitfaden: „Ganz unbemerkt, wie behauptet wird durch Betrug, 31 •ward dort (in den Vereinigten Staaten) 1873 die Silberprägung abgeschafft." Jedem, der auch nur oberflächlich die amerikanische Währungs- geschichte kennt, mufs diese Darstellung von vornherein höchst unwahrscheinlich vorkommen. Seit dem Jahre 1834 — damals wurde die gesetzliche Relation der amerikanischen Doppelwährung von 1:15 auf 1:16 geändert — hatten die Vereinigten Staaten bereits thatsächliche Goldwährung. Die vollhaltigen Silbermünzen verschwanden allmählich völlig aus dem Umlauf. Der Bürgerkrieg stürzte die Vereinigten Staaten in Finanzwirren, welche den Zwangskurs für Papiergeld und ein bedeutendes Goldagio zur Folge hatten. Aber auch in der Papiergeldperiode betrachtete sich Nordamerika gewissermafseu als Goldwährungsland; es bevorzugte das Gold entschieden vor dem Silber, z. B. indem es ausschliefslich das Gold zu Zollzahluugen zuliefs. Als Frankreich anfing, für den Gedanken eines Weltmünzbundes Stimmung zu macheu und die Pariser Müuzkonferenz von 1867 berief, da war der offizielle Vertreter der Vereinigten Staaten Ruggles unter den eifrigsten Befürwortern der Weltmünzeinheit und der Goldwährung. Ueber die Währuugsfrage äufserte er sieh wie folgt: cj O O D „Die Gesetzgeber und das Volk der Vereinigten Staaten haben genugsam die Erfahrung gemacht, wenn nicht durch Studium, so doch durch die Praxis, aafa das System der Doppelwährung nicht nur eine Unklugheit, sondern eine Unmöglichkeit ist"; und der Vorsitzende des Finanzausschusses des Senats, Shermau, beantwortete den Bericht, welchen Ruggles über die Müuzkonferenz erstattete, mit einem Schreiben, in welchem die Zuversicht ausgesprochen war, Frankreich werde sicher „den unmöglichen Versuch" aufgeben, „eine doppelte Währung zu haben". Iu den folgenden Jahren waren Senat und Repräsentantenhaus unaufhörlich mit Anträgen über die Neuordnung des Münzwesens und den eventuellen Auschluls an ein internationales Münzsysteni beschäftigt. Kelley selbst, welcher zuerst die unglaublichen Geschichten über die Einführung der Goldwährung in den Vereinigten Staaten verbreitete, beantragte am "21. Juli 1868, den Golddollar von U/2 Gramm Feingehalt zur Grundlage des amerikanischen Münzs) T stems zu machen. Wir kommen nun zu dem Gesetz vom 12. April 1873, durch Avelches angeblich die Goldwährung iu Amerika eingeschmuggelt worden sein soll. Dieses Gesetz wurde bereits im Jahre 1870 vorgelegt. Schon im Jahre 18(if> hatte Knox, der damals die Leitung der Münzungelegenheiten im Schatzamt inne hatte, eine Revision aller Miinzgesetze empfohlen. Im Jahre 1869 arbeitete er mit Dr. Lindermann einen solchen Revisionsentwurf aus. Dieser wurde am 25. April 1870 dem Finauzcomite des Senats vorgelegt. Beigefügt war ein Report, welcher die Beseitigung des Stundard-Silberdollars empfahl. Am 10. Januar 1871 gelaugte die Bill im Senate zur Annahme. Sie erklärte den Golddollar als Grundlage des Miiuzwesens und strich den Silberdollar aus der Reihe der zu prägenden Stücke. Als das Gesetz zum ersten Mal an das Repräsentantenhaus gelangte, enthielt es — entgegen der r O O > OD liehauptuug des Herrn von Kardorff über eine nachträgliche Aenderuug — den Uebergang zur Goldwährung. Das Gesetz blieb in jener Session aus Zeitmangel unerledigt. — In der nächsten Session wurde es vom Repräsentantenhaus mit 110 gegen 13 Stimmen angenommen (Mai 1872). uud im Januar 1873 erhielt es die einhellige Zustimmung des Senats. Schon damit ist die Fabel der Herren Kelley und von Kardorff widerlegt. Es kommt aber noch besser. Amerikanische Biinetallisten haben angegeben, der ganze amerikanische Währungs- O O " o o Wechsel sei durch die blofse Auslassung des Staudard-Silberdollars entstanden, und diese Auslassuug uud ihre Bedeutung sei damals dem Repräsentantenhaus entgangen. Von einer blol'sen Auslassuug kann aber iu Anbetracht des Gesetztextes überhaupt nicht die Rede sein, denn im Gesetze Kiels es: -Die Silbermünzen der Vereinigten Staaten sollen sein: der Dollar, der halbe Dollar etc.....und diese Münzen sollen gesetzliches Zahlungsmittel sein für jeden Betrag bis zu fünf Dollar." Die Degradiruung des Dollar zur Scheidemünze war also ausdrücklich iu dem Entwürfe ausgesprochen, uud zwar bereits, als er zum ersten Male an das Repräsentantenhaus gelaugte. Ausserdem bestimmte ein anderer Absatz ausdrücklich, der Golddollar solle die Wertheinheit des amerikanischen Geldes sein. Trotz dieser Deutlichkeit ist man vielleicht geneigt, Herrn D O • Kellev auf sein Ehrenwort zu glauben, dafs er — trotz seines *l O ' Amtes als Vorsitzender der Kommission, welche über den Entwurf Bericht zu erstatten hatte — „nichts davon wufste, dafs das Gesetz den Silberdollar fallen liels". Das wäre allerdings ein uu- 33 begreiflicher und uuverzeilicher Leichtsinn gewesen, aber wenn sieh jemand auf sein Ehrenwort selbst einer solchen gröblichen Vernachlässigung seiner Pflichten beschuldigt, so kann man nicht umhin, auch das Ungeheuerlichste zu glauben. Dafs aber anderen Mitgliedern des Repräsentantenhauses die Beseitigung des Silberdollars nicht entgangen war, und dafs sie auf diese Beseitigung die Aufmerksamkeit des Hauses hinlenkten, dafür ist folgender Passus aus der Rede des Abgeordneten Hooper ein unanfechtbarer Beweis. Herr Hooper sagte: „Abschnitt ](i bestätigt die Bestimmungen der bestehenden Gesetze über die Silbermünzen und ihre Gewichtsverhältnisse, aufser den Bestimmungen über den Silberdollar, dessen Gewicht von 412'/ 2 auf 384 Grän herabgesetzt ist und der so, wie die kleinereu Silbermüuzen, zur Scheidemünze gemacht wird". Horace White, dessen Schilderung der in Frage stehenden Vorgänge (in „Mouey and Banking") ich hier folge, citirt noch weitere Stellen aus damaligen Parlamentsreden, in welchen deutlich ausgedrückt ist, dafs das Gesetz nur „Münzen aus einem Metall — statt wie bisher aus beiden Metallen — zum gesetzlichen Zahlungsmittel mache", und dafs es au der Zeit sei, den Golddollar ausdrücklich zur Währungsbasis zu machen. Weitaus am interessantesten aber sind die Worte, welche Kelley selbst, der von nichts gewufst haben will, damals im Bepräsentantenhaus über diesen Gegenstand sagte. Der Abgeordnete Potter hatte über die minderwerthige Ausprägung des Silberdollars einige Bedenken geäufsert. Da erhob sich Herr Kelley und sprach: „Ich erlaube mir meinen Vorreduer zu fragen, ob er auf der ganzen Welt eine Regierung kennt, welche ihre Scheidemünzen voll werthig ausprägt? Die Silberniüuzeu Englands sind 10 pCt. unterwertbig; und im letzten Jahr hat Japan, indem es nach den Kathschlägen der Fachleute unseres Landes und derjenigen Englands und Frankreichs handelte, seine Silbermünzen 12 pCt. unter- werthig gemacht, und zwar aus folgendem Grund: Es ist unmöglich, die Doppelwährung aufrecht zu erhalten . . . Alle Erfahrung hat gezeigt, dafs wir eine eiuzige Währungs- münze haben müssen, welche für alle anderen gesetzliches Zahlungsmittel ist, und dann können wir für die Bequemlichkeit unseres inneren Münzumlaufs sorgen, indem wir Silberscheideinünzen schaffen, welche im ganzen Lande als gesetzliches Zahlungsmittel MI für beschränkte Beträge umlaufen und von der Regierung zn ihrem O OD Nenn Werth eingelöst werden sollen." Dieser selbe Herr Kellcy, welcher die Degradirung des Silberdollare zur Scheidemünze gegenüber einem anderen Abgeordneten vertheidigte und dabei das ganze System der Goldwährung entwickelte und begründete, versicherte sieben Jahre später, nachdem er sicli zum Bimetallismus bekehrt hatte, dem Repräsentantenhaus auf sein Ehrenwort, er habe damals keine Ahnung gehabt, dafs jenes Gesetz den vollwerthigeu Silberdollar beseitigte; und in Deutschland finden sich Leute, welche die unglaublichsten amerikanischen Schauergeschichten gruselud nacherzählen und gar zu gern glauben möchten, dal's die amerikanische Goldwährung ihre Existenz dem schwarzen Betrug oiues Goldringes verdanke. Dabei haben diese Leute die bewundernswerthe Fähigkeit, alles absolut zu ignoriren, was zu dieser unglaublich frech erfundenen Legende nicht palst. Sie bemühen sich absolut nicht, über die von ihnen nacherzählte höchst merkwürdige Geschichte Aufklärung zu er- o o halten, im Gegentheil, sie streuben sich gegen jede Aufklärung und schwören auf ihren Gesinnungsgenossen Kelley, um unbeirrt durch das Licht der Thatsachen an eine dem Bimetallismus er- spriel'sliche Geschichtsfälschung glauben und sie weiter verbreiten zu können, Die Eti<|iiette ist nach wie vor „Wissenschaftlichkeit und Ehrlichkeit". VII. Die bisherigen Ausführungen bedürfen eigentlich kaum mehr einer Ergänzung. Das gebotene Material ist völlig ausreichend, um ein Bild zu geben sowohl von der Geschichte der Goldwährung als von der bimetallistischen Geschichtsschreibung. Lediglich der Vollständigkeit halber seien noch einige Worte über die Valuta- regulirung in der österreichisch-ungarischen Monarchie beigefügt. O o Oesterreich hatte in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts wie fast alle anderen deutschen Staaten Silberwährung. Die D Wirren des Jahres 1848 führten zur Verleihung des Zwangskurses an das Papiergeld und zu einem bedeutenden und beträchtlich schwankenden Silberagio. Eine Reihe von Versuchen, die Barzahlungen wieder aufzunehmen und das Agio zu beseitigen, blieben 35 erfolglos. Natürlich richteten sich die Bestrebungen der österreichischen Regierung zunächst auf die Wiederherstellung der ge- DO ÖD setzlichen Silberwährung; aber bereits früher als in anderen deutschen Staaten zeigte Oesterreich Sympathien für das Gold. Schon im Jahre 1853, als die Verhandlungen über den deutsch-österreichi- schen Münzverein eingeleitet wurden, beantragte Oesterreich die Annahme der Goldwährung, allerdings ohne die Unterstützung auch nur eiues einzigen deutschen Staates zu linden. Späte] - , im Jahre 1867, sprach sich auf der Pariser internationalen Münzkonferenz Freiherr von Hock, der österreichische Delegirte, mit Eifer und Nachdruck für die Goldwährung aus, ja es kam noch im selben Jahre zu einem Präliminarvertr'ag zwischen Frankreich und Oesterreich, nach welchem Oesterreich sein Münzwesen auf der Grundlage der Goldwährung neu ordnen wollte. Dieser Präliininarvertrag wurde jedoch nicht ratifizirt, weil in Frankreich die Entscheidung über die Währungsfrage immer wieder verschoben wurde. Oesterreich selbst war durch den Zustand seiner Finanzen nach wie vor an der Wiederherstellung einer metallischen Valuta verhindert. Mit Beginn der siebziger Jahre kam die Silherentwerthung o O o mit ins Spiel. Der in Gold ausgedrückte Silberpreis sank mehr und mehr, während der österreichische Wechselkurs auf Goldländer, also der Goldpreis des österreichischen Papierguldens, ver- hältnifsmäfsig stabil blieb. So kam es, dafs die Werthdifferenz zwischen dem österreichischen Silber- und Papiergulden, das ..Silberagio." durch die Silherentwerthung immer geringer wurde 77 O > D O O und schliesslich völlig verschwand. Durch die Silherentwerthung hatte sich also von selbst herausgebildet, was man früher mit grofsen Anstrengungen, aber vergeblich zu erreichen versucht hatte: Das Silberagio war beseitigt, der Papiergulden und der Silbergulden standen auf Pari. Aber Oesterreich war mit dieser sogen. ..Selbstrcgulirung" seiner Valuta keineswegs sehr zufrieden. Das Silber setzte seine sinkende Bewegung fort und drohte nun, die österreichische Valuta mit sich herabzunehmen. Es erschien den Edehnetallhändlern vorteilhaft, von der freien Prägung für Silber Gebrauch zu machen, und die österreichischen Münzstätten wurden mit Prägeaufträgen überhäuft. Aber die österreichischen Staatsmänner erkannten damals klar, dafs ihnen mit den Silber- guldeu und mit einer Silberwährung nicht mehr gedient war; sie 3* 36 hatten «Ii«; klare Einsicht, dafs Oesterreich früher oder später definitiv werde zur Goldwährung übergehen müssen, und ein solcher Uebergang mul'ste um so schwieriger werden, je mehr Silberguldeu vorbanden waren. All das Silber, welches jetzt auf private Rechnung ausgeprägt wurde, mul'ste bei einem Uebergang zur Goldwährung auf Rechnung des Staates gegen Gold ausgetauscht werden. Aus solchen Erwägungen heraus ist es zu erklären, dafs zu Beginn des Jahres 1879 durch Befehl des Fiuanzminislers den Münzstätten die weitere Annahme von Prägeaufträgen für Silber untersagt wurde. Damit war die österreichische Silberwährung definitiv aufgegeben und der erste Schritt für die gesetzliche Anna Inno der Goldwährung gethan. Da Niemand mehr einen Au- O ö spruch darauf hatte, für '/ 45 Pfund Silber, den Silbergelralt eines Guldens, einen geprägten Gulden zu bekommen, so konute sich der Werth des österr. Guldens über seinen Silbergehalt erheben, und das geschah. Der österr. Silherguldeu und Papiergulden standen von nun an auf Pari, aber ihr Werth erhob sich immer mehr über den Werth des Silbergehaltcs eines Guldens, ähnlich wie der Geldwerth unserer deutscheu Silbermünzen bedeutend gröfser ist als ihr Metallwerth, nur dafs bei uns sich der Geldwerth der Silbermünzen vom Golde herleitet, während er in Oesterreich vollkommen frei iu der Luft schwebte. Das konnte natürlich nur ein L'ebergangszustand sein, welcher sein Ende in einer Tarifirung des Guldens in Gold, in einer Freigabe der Goldprägung und Aufnahme der Baarzahlungen in Gold finden mufste, kurz in der definitiven Annahme der Goldwährung. Diese Ziele verfolgt die im Jahre 18Ü0 eingeleitete Valutareguliruug, welche jetzt ihrem Ende entgegengeht. Wir sehen also, dafs die österreichische Regierung seit Jahrzehnten mit Konsequeuz auf die Goldwährung hinarbeitet. Wenn die Durchführung der Goldwährung bis auf den heutigen Tag nicht völlig gehülsten ist, so liegt das ausschliefslich an deu finau- O O o I O zicllen Schwierigkeiten, mit welchen Oesterreich zu kämpfen hat und vielleicht auch au seiner allzusehr zaudernden Finanzpolitik. Die Gründe, von welchen sich Oesterreich bei seinen währungspoliti- scheu Mafsnahmeu leiten liefs, sind klar ersichtlich: Man hat auch in Oesterreich längst erkauut, dafs namentlich handelspolitisch die < ioldwährung das einzig befriedigende und mögliche Währungssystem ist. 37 Sehen wir nun, wie von bimetallistischer Seite die österr. Valntaregulirung geschildert und beurtheilt wird. Arendt schreibt in seinem Leitfaden: „Ganz besonders eigenartig liegen die Dinge in üester- 7' O Ö ö D reich-Ungarn, wo man sich eben den Anschein giebt, als wolle mau den Zwangskurs abschaffen. Merkwürdig ist es, dafs die Ungarn, die bisher als Getreide-Exporteure der Valutalierstellung widerstrebten, jetzt plötzlich für die Goldwährung schwärmen. Bs geschieht dies deshalb, weil man eine sehr niedrige Relation der neuen Währung zu Grunde legt, d. h. die alte Währung ist zu einem niedrigen o ' D O Kurs in die neue umgerechnet, was für die verschuldeten Klassen ein Vortheil ist. Die Relation wird 1,70 Mk. für den Gulden betrageu, während bei der Rückkehr des alten Silberpreises der Gulden 2 Mk. werth wäre."' Der Uebergaug zur Goldwährung in Oesterreich-Ungarn ist also nach Arendt veranlafst durch ein plötzliches Schwärmen der ungarischen „Getreide-Exporteure" — soll heifsen Grofsgrund- besitzer — und der „verschuldeten Klassen"; also auch hier verdankt die Goldwährung ihre Einführung der Iuteressenpolitik einzelner Stände. Merkwürdig ist nun, dafs bei uns dieselben Grofs- griuulbcsitzer und verschuldeten Klassen für das Gegeuthcil der Goldwährung schwärmen. Aulserdem ist nach Arendt in Oesterreich augenscheinlich das schlecht, wofür diese Leute schwärmen, bei uns ist es gut; natürlich! Denn hier ist es der Bimetallismus, dort die Goldwährung. Wunderbar ist der Grund der österreichischungarischen Getreide-Exporteure- und Schuldner-Schwärmerei. Der neuen österreichischen Währung ist eine „sehr niedrige Relation" zu Grunde gelegt, nämlich ein Gulden im Werth von 1,70 Mk., während beim alten Silberpreis der Gulden 2 Mk. werth wäre. Einmal vergil'st hier Herr Dr. Arendt völlig, dafs seit 1848 das eigentliche österreichische Geld nicht der Silbergulden war, sondern der Papier- gulden, der stets beträchtlich weniger werth war als der Silbergulden. Dann vergifst Herr Dr. Arendt, dafs die gewählte Relation nicht willkürlich zu Gunsten der Getreide-Exporteure und Schuldner gegriffen wurde, sondern dafs sie dem durchschnittlichen Gold werth des österreichischen Guldens einer Reihe von Jahren vor der Va- lutaregulirung entspricht, dafs eine höhere Relation als diese „sehr niedrige" also eine ausgesprochene Benachteiligung aller Schuldner 38 gewesen wäre; und schliel'slich vergifst Herr Dr. Arendt, — dafs er Bimetallist ist, und dafs er stets behauptet hat, das Gold und mit ihm das Geld der tioldwährungsländer sei seit Heginn der siebziger Jahre beträchtlich im Werthe gestiegen. Nach den Errechnungen von Sauerbaok, welche von den Bimetallisten stets ins Feld geführt werden, haben heute etwa 1,30 Mk. denselben Werth wie 'i Mk. oder 1 Gulden zu Anfang der siebziger Jahre. Wenn dem wirklich so wäre, dann stellt doch die Relation von 1.7d Mk. für den Gulden nicht, wie Arendt behauptet, eine Bc- VOrzugunff der verschuldeten Klassen dar, sondern eine (ranz er- O O ' O hebliehe Benachtheiligung. Aber Herr Dr. Arendt beliebt in diesem Kalle, im Gegensatz zu seinen sonstigen Aufstellungen, das deutsehe Goldgeld als unverändert in seinem Werth anzusehen, nur damit l imarns Grofsgrundbesitzer und Schuldner einen Grund o o haben, für die Goldwährung zu schwärmen, und damit er selbst einen Grund hat, auch die Entstehung der österr.-unsarischen I DO Goldwährung nicht als das Ergebnifs einer wirtschaftlichen Noth- wendigkeit, sondern als das Produkt anrüchiger Interessenpolitik hinzustellen. VUl. Dafs auch Ru Island alle Vorbereitungen zur Beseitigung a o O seiner Kapierwährung und zu einem Uebergaug zur Goldwährung treffe, ist schon seit langer Zeit von verschiedenen Seiten immer wieder behauptet worden. Namentlich hat man auf den Umstand hingewiesen, dafs die russische Regierung einen kolossalen Goldbestand ansammle und erhalte. Die russische Regierung selbst hat aus ihren Absichten niemals eiuen Hehl gemacht. Aber unsere Bimetallisten, welche auf die gröfsten Entfernungen das Gras wachsen hören, haben stets versichert, Rufsland denke nicht im entferntesten an die Goldwährung, dazu verstehe es die Vortheile, welche seine einheimische Produktion, die industrielle und landwirtschaftliche, durch die unterwerthige russische Kapiervaluta gegenüber den Gold Währungsländern geuiefse, viel zu gut zu würdigen. W enn Bui'slaud einen Goldschatz ansammle, so geschehe das lediglich als Vorbereitung für den nächsten europäischen K rieg. Zu einer solchen Verkennung der russischen Absichten gehörte 39 immerhin einiger Mnth in Anbetracht der Thätsache, dafs die russische Regierung nicht nur einen Goldschatz ansammelte, sondern auch durch eine systematische Unterbindung der Ruhelspekulation auf den europäischen Börsen und durch andere Maisnahmen den Goldkurs des Rubels seit Jahren auf etwa 2 Mark 20 Pf. befestigt hat. Dieses Verfahren des russischen Finanzministeriums liel's docli unmöglich den Schlufs zu, dafs sich Rul'sland in einer schwankenden Papiervaluta besonders gut gefalle und wohl fühle. Neuerdings ist nun offiziös der genau ausgearbeitete Plan veröffentlicht worden, nach welchem Rul'sland den schon längst ' D angebahnten Uebergang zur Goldwährung vollenden will. Damit haben alle bimetallistischeu Ausstreuungen ihr Ende erreicht. Dafs Rul'sland mit seinem Streben nach der Goldwährung Erfolg haben wird, kann in Anbetracht des gegenwärtigen Standes der Vorbereitungen zu diesem Schritte nicht wohl bezweifelt werden. Die Verhältnisse stellen sich folgeudermal'sen dar: Rufsland hat zur Zeit einen Papierumlauf von etwa 1 Milliarde Rubel. Will es au die Steile dieses Papierumlaufs eine Goldwährung setzen, so sind diese Papierrubel gegen metallisches Geld, überwiegend gegen Gold zurückzuziehen. Man darf wohl annehmen, dafs Rufslaud einen Silberumlauf von mindestens 200 Millionen Rubel beuöthigen wird (Deutschland hat gegen 800 Millionen Mark an Silberscheidemünzen in Umlauf, und aul'serdeni noch 400 Millionen Mark in Thalern). Es bleiben also ca. 800 Millionen Rubel durch Gold zu ersetzen, das sind nach dem neuen Rubelwerth, welcher der russischen Goldwährung zu Grunde gelegt werden soll (1 Rubel = 2,10 Mk. = 2 2 / 3 Frcs.), etwa 2130 Millionen Francs. Nach dem offiziellen Ausweis vom 28. März dieses Jahres stellte sich der Goldvorrath Rul'slands folgendermal'sen: Gold der Hank und des Auswechsclungsfonds . 2 130 400 000 Frcs. Gold im Depot bei der Rank......... 440 800000 - Summa 2 557 200 000 frcs. Dazu kommen noch 1G 800 000 Millionen Francs im Auslande placirten Goldes. Die gröfste Schwierigkeit, welche bei einem Uebergang zur Goldwährung zu überwinden ist, nämlich die Geldbeschaffung, hat Rufsland also bereits hinter sich. Sein Goldbestand ist gröfser, als der Umlauf au Papierrubelu, die in Gold eingelöst werden 40 müssen. Es stellt also zu erwarten, dafs sich in Rufsland der üebergang zur Goldwähraug programmgemäfs vollziehen wird, und dal's auf diese Weise auch Hul'shind bald zu dem Kreise der Goldwähmngeländer gehören wird. Für unsere Bimetallisten ist das natürlich höchst unangenehm, denn einmal sind ihre kühnen Behauptungen üher Rufslands währungspolitische Absichten gründlich Bügen gestraft, und aul'ser- dem verlieren sie an der russischen Papierwährung einen ihrer llauptagitationsstoffe gegen die deutsche Goldwährung. Aus welchen Gründen die Bimetallisten Ruislauds Uebergaug zur Goldwährung erklären werden, darauf kann man nach dem Vorausgegangenen wirklich gespannt seiu. Bis jetzt haben sich die himctallistischen Wortführer, welche sonst mit grofser Promptheit zur Stelle sind, den russischen Plänen gegenüber ganz ungewohnt stumm und reservirt gehalten. Es scheint, dafs es ihnen noch nicht ganz gelungen ist, diese neueste Nufs zu knacken. Bis sie auch hier das erlösende Wort gefunden, können wir uns einstweilen ruhig der Ueberzeugung hingeben, dafs Rufslands lange und o O O ö 1 o gründliche Erfahrungen mit einer schwankenden Papierwährung nicht die von den Bimetallisten behauptete Bevorzugung der Industrie und namentlich der Laudwirthschaft durch eine unter- werthige Valuta ergeben haben; dafs vielmehr auch die russische O O ' Begicrung der Ansicht ist. dafs sulide AYährungsverhältnisse eine o o » o der ersten Vorbedingungen für das wirtschaftliche Gedeihen sind, O O ' und dafs ferner die einzige Gewähr für solide und befriedigende Währungsverhältnisse die Annahme der Goldwährung ist. IX. Nachdem wir die Kntstehuug der Goldwährung für jeden einzelnen der gröfseren Staaten gegenüber den bimetallistischen Legenden klargestellt haben, nachdem wir in jedem einzelnen Falle nachgewiesen haben, dal's nicht doktrinäre Verblendung, Dummheit und Schlechtigkeit zur Goldwährung geführt haben, sondern eine vernünftige und notwendige Eutwickelung, erübrigt es uns noch, in kurzen Worten den grofseu und allgemeinen Kern der währungspolitisehen Bntwickelung unseres Jahrhunderts zusammenzufassen. Wir stellen dabei den unbestreitbaren Satz voraus, dafs das 41 Gold, weil es selbst unter der französischen Doppelwährung in dem gleichen Gewicht einen /..fachen und in gleichen Volumen fast den 30fachen Werth besafs wie das Silber, zur Verrichtung der Geldfunktionen in Staaten, welche auf einer höheren Stufe der wirtschaftlichen Eutwickelung stehen, weit geeigneter und tauglicher ist als das Silber. Dieser Satz ist auch von Seiten der Theoretiker stets anerkannt worden, nur haben diese ihm oft jede gröfsere Tragweite für die währuugspolitische Eutwickelung abgesprochen. Man hat gesagt, die gröfsere Bequemlichkeit des Geldumlaufs, welcher das Gold besser gerecht wird als das Silber, sei nur ein ganz untergeordneter Gesichtspunkt; das Wichtigste sei die sogenannte Werthbeständigkeit des Geldes, und Leute wie Wolowski haben durch Argumente und Gleichnisse von zweifelhaftem Werth den Nachweis versucht, die Werthbeständigkeit des Geldes werde am besten Bewahrt durch ein bimetallistisches o System. Nun mag man aber theoretisch die praktischen Vorzüge eines Goldumlaufs für uoch so geringfügig und subaltern halten, ein O O OD Blick auf die thatsächliche Eutwickelung der Währuugsverhält- nisse zeigt, dafs diese Vorzüge von der gröfsten Bedeutung sind. Diejenigen Leute, welche in ihrem Beruf am meisten mit dem Gelde zu thun haben, haben ein sehr deutliches Verständnils für die praktischen Vorzüge eines Goldumlaufes; dagegen können sie sich unter Abstraktionen wie der Werthbeständigkeit des Geldes überhaupt nichts denken, während sie allerdings auf der anderen Seite gegen die Folgen einer Werthveränderung des Geldes sehr DD D O empfindlich sind. So kommt es, dafs kein Land, welches jemals die Annehmlichkeiten und Vorzüge eines überwiegenden Geldumlaufes o o kennen gelernt hat, seinen Goldumlauf willig preisgiebt. Die Engländer ergriffen keine Mal'sregelu. als bei ihnen das Silber durch D D ' das Gold verdrängt wurde; die Franzosen, Belgier etc. rührten sich nicht, als das kalifornische und australische Gold bei ihnen eindrang und das Silber abflofs. Als aber gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in England durch den Rückgang des Silberpreises nach den Gesetzen der Doppelwährung Silber einzuströmen anfing, da beeilte mau sich zur Erhaltung des Goldumlaufes Mafsregeln zu treffen: mau gab die gesetzliche Doppelwährung preis, sobald sie zur thatsächlicheu Silberwährimg zurückzuführen drohte. Ganz ebenso verliefen die Dinge drei A'iertel Jahrhundert später in den 42 Staaten lies lateinischen Müuzbuudes. Das bimetallistische System ist in beiden Fällen verkracht, weil die praktischen Vorzüge eines Geldumlaufes mächtig genug waren, um die Allgemeinheit für die Aufrechterhält ung des Geldumlaufs zu gewinnen, weil aber andererseits das bimetallistische System uicht die Garantie für einen gleiehy.eitigen und zweckentsprechenden Umlauf der beiden Edelmetalle bieten konnte. Dabei war der Gesichtspunkt der Werthbeständigkeit des Geldes nicht ohne Einflufs. Sowohl England als Frankreich waren im Laufe der Zeit durch die thatsächliche Entwickelang ihrer gesetzlichen Doppelwährung von selbst zu einem überwiegenden und fast ausschliefslichen Goldumlauf gelangt. Für alle diejenigen Staaten, welche mit bewufster Absicht zur Goldwährung übergingen, legten sich die Rücksichten auf eine Werthveränderuug des Ueldes gebieterisch von selbst auf. Jede Ueberstürzung in der Ausbreitung der Goldwährung findet einen Damm au den o o Folgen einer Goldvertheuerung, namentlich au den Schwierigkeiten der Goldbeschaffung selbst. Es ist also durch die Natur der wirth- schaftlicheu Gesetze, welche hier in Frage kommen, dafür gesorgt, dal's die währungspolitisehe Entwickeluiig nicht auf eine Zerstörung der Werthbeständigkeit des Ueldes, namentlich nicht auf eine Goldvertheuerung hinauskommen kann. Wäre das uicht der Fall, dann hätten schon längst die praktischen Vorzüge des Goldumlaufs zur allgemeinen Annahme der Goldwährung geführt. So aber findet die Ausdehnung der Goldwährung ihre Schranken au dem für Gehlzwecke verfügbaren Goldvorrath, während andererseits jede erhebliche Yergröfserung dieses Goldvorrathes auf eine weitere Ausdehnung der Goldwährung hinwirkt. Die gesteigerte Goldgewin- O D ODO nung zu Ende des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, namentlich die brasilianischen Goldfunde dieser Zeit, haben Anteil an der Einführung der Goldwährung in England. Die kolossale Gold- prodnktion in Kalifornien und Australien seit 1848 hat Frankreich mit Belgien und der Schweiz. Deutschland mit den Niederlanden und den skandinavischen Staaten, und auch den Vereinigten Staaten von Amerika zur Goldwährung oder wenigstens zur Goldvaluta verhelfen: und die enorme Steigerung der Goldproduktion in den letzten Jahren wird nicht verfehlen, die Goldwährung, wo sie bereits besteht, zu befestigen, und wo sie noch nicht besteht, z. B. in Oesterreich-Ungarn und Rufsland, wird sie zweifellos deren Ein- 43 führung erleichtern. So beruht auf der gröfsereu Tauglichkeit des Goldes für Geldzwecke ein für die Erkenntnis der währungs- politischen Entwickelung nicht hoch genug anzuschlagender Unterschied zwischen den beiden Metallen: Steigt die Silberproduktion unter sonst gleichen Umständen, so wird dadurch der Werth des Silbers im Verhältnifs zu dessen Gewicht kleiner und das Silber in Folge desseii für Geldzwecke weniger tauglich; steigt jedoch die Goldproduktiou, so wird dadurch Staaten mit Papier- oder Silberwährimg die Einführung der Goldwährung erleichtert und die Ausdehnungsfähigkeit der Goldwährung erhöht. Von diesem Gegensatz ist die ganze Währuiigsgeschichte unseres Jahrhunderts O O OD beherrscht. Nicht das Bestehen der französischen Doppelwährung war es, wodurch ein erheblicher Rückgang des Goldwertlies in » OD Folge der kalifornischen Goldfunde verhindert wurde, sondern lediglich der Umstand, dafs die Staaten der französischen Doppelwährung das neuproduzirte Gold an Stelle ihres bisherigen Silber- umlaufes aufnahmen, dafs also die Vergrößerung der Goldproduktiou die Ausdehnungsfähigkeit der Goldwährung erhöhte. Aller- DD O dings war die automatische Verwandlung des thatsächlichen Silberumlaufs der erwähnten Staaten in einen Goldumlauf die W irkung des binichillistisrhen Systems, eine Wirkung, die man D J ' O» sich in Frankreich, wie vorher in England gefallen liefs. Als i OD aber das bimetallistische System bei der Steigerung der Silberproduktion von Beginn der siebziger Jahre alt und unter der Minwirkung des deutschen Währungswechsels zur thatsächlichen Silberwährung zurückzuführen drohte, da wurde es suspendirt, weil eben eine Steigerung der Silberproduktion nicht die Ausdehnungsfähigkeit der Silberwährung erhöht, und weil keiu Land, welches die Vorzüge einer thatsächlich vorhandenen Goldwährung kennt, diese muthwillig preisgiebt. So kommt es, dafs die kalifornischen und australischen Goldfunde der fünfziger Jahre den Werth des Goldes nicht beeinträchtigten, sondern die Goldwährung erheblieh weiter ausdehnten, während die Steigerung der Silberproduktion seit 1870 stark zur Entwerthung des Silbers und zu seiner Preisgabe als Währungsnietall beitrug. O DO Die enorme Ausdehnung der Goldwährung in den letzten Jahrzehnten mul'ste natürlich in dem gegenseitigen \\ erthverhält- o o c? uil's der beiden Edelmetalle eine völlige L mwälzung hervorbringen. D O D Während die Steigerung der Goldproduktiou durch den thatsäch- 44 liehen oder gesetzlichen Uebergang einer Reihe der wichtigsten Staaten zur Goldwährung sofort eine entsprechend gesteigerte Nachfrage fand, beschränkte sie eben dadurch gleichzeitig die Silberverwerthung. Die seit 1870 von 2 Millionen auf 5 Millionen gesteigerte Silberproduktion konnte deshalb in monetärer Hinsicht nicht nur unmöglich ein entsprechend erweitertes Absatzfeld finden, sie mul'ste im Gegentheil auf ein verkleinertes Absatzfeld wirken, und dadurch wurde der Preisrückgang des Silbers so ausserordentlich ö o stark. Jetzt aber, nachdem in der währungspolitischen Entwickelung sowohl als auch in der Steigerung der Silberproduktion ein gewisser Stillstand eingetreten ist, ist der Silberpreis wieder zu einer verhältnifsmälsigen Festigkeit gelangt, auf etwa 31 d gegen 61 d vor Beginn der grol'sen Umwälzung in den Währungs Verhältnissen, und es ist Aussicht vorhanden, dafs sich der Silberpreis auf dieser durch die neuen Verhältnisse bedingten Höhe ohne grofse Schwankungen erhalten wird, falls nicht durch künstliche Mafsnahmen und währungspolitische Quacksalbereien der Silbermarkt wieder in spekulative Unruhe versetzt wird. Wer einmal den wahren Gang der Währungsgeschichte und die Gesetze, nach denen er sich vollzogen, erkannt hat, der ist ein für alle Mal gefeit gegen alle bimetallistischen Sophistereien, der wird nicht den Versuch unternehmen oder mit den A T ersuchen sympathisiren, welche die währuugspolitische Entwickelüng zurückschrauben wollen. Die biinetallistische Theorie ist durch das Versagen aller Doppelwähruugsversuche, welche jemals gemacht worden Bind, widerlegt; und alle Versuche, dem Silber wieder zu einer Rolle zu verhelfen, welche es definitiv ausgespielt hat, müssen mit derselben Notwendigkeit scheitern, mit welcher die Kulturwelt zur Goldwährung geführt wurde. Druck von Leonhard Simion in Btriia BW