A'i GEFÄHI# DES NEUEN ZOLLTÄ Hermann t z k e Mitglied des gesdiäftsf „Deutschen Freihand Ehrenmitglied des C der Internat. Free T Ausschusses des E.V." Frankf. a.M. lubs in London und in Boston U.S.A. Herausgegeben von der n Liga für Menschenrechte E.V. Berlin W66. Wilhelmstr. 48 Im Oktober 1924 Aufruf an alle, die für billiges Brot kämpfen! Die „Deutsche Liga für Menschenrechte“ ist die Schwestergesellschaft der „Franz. L.M.“ in Frankreich und der „Fabian Society“ in England. Sie will gleich diesen soziale und wirtschaftliche Probleme auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen im Interesse der Allgemeinheit klären. Die D. L. M. will jetzt, wo die Schutzzöllner für Deutschland die alte Schutzzollpolitik wieder durchsetzen wollen, mit- arbeiten daran, daß diese Absicht nicht zur Verwirklichung kommt. Sie verbreitet zu diesem Zwecke zunächst die vorliegende, volkstümlich gehaltene Flugschrift an Gewerkschaften, Konsumgesellschaften, Verbraucher-Organisationen und an die Handelskammern. Die D. L. M. fordert weiter dazu auf, daß sich alle Freunde des Freihandels zusammentun, um die drohende Gefahr neuer Schutzzölle abzuwehren. Man wende sich dazu an die Liga. Die Liga wird nach Möglichkeit auch Redner für Vorträge stellen. Deutsche Liga für Menschenrechte E. V. Berlin W 66, Wilhelmstraße 48. Inhaltsübersicht Die Wirtschaftsordnung Deutschlands nach dem Friedens vertrag. * Die Ziele und Zwecke neuer Handelsverträge. ¥ Die Gefahr von Lebensmittelzöllen. ¥ Teure Kartoffeln, unerschwinglicher Blumenkohl, verhinderte Gemüseversorgung, verteuertes Brot. * Industriezölle verteuern die Herstellungskosten aller Fertigwaren. ¥ Niemand gewinnt durch Zölle. ¥ Alle verlieren. ¥ Interessentenpolitik oder Allgemeinwohl ? ¥ Der einzig mögliche Weg für Deutschland zur Wiederherstellung seiner Wirtschaft. * Die Wissenschaft stellt sich um. Der 10. Januar 1925. V erschiedentlich stand Deutschland in den letzten Jahren an einem Wendepunkt seines Geschicks, aber keiner dieser entscheidenden Tage ist mit dem kommenden 10. J a n u a r 1925 zu vergleichen! Denn mit diesem Zeitpunkt muß es sich entscheiden, ob Deutschland aus dem Zustand wirtschaftlicher Unruhe und sich überstürzender Krisen m das Fahrwasser gleichmäßiger, ruhiger, zur endgültigen Gesundung führender Verhältnisse hinüberschreiten will. Bis zu diesem Tage muß sich unser Volk darüber klar sein, in welchem Geiste unsere wirtschaftlichen Beziehungen mit den übrigen Völkern des Erdballs geregelt werden sollen. Am 10. Januar 1925 erlischt der Zeitraum von 5 Jahren, die für den Artikel 264 und folgende des Friedensvertrags von Versailles vorgesehen waren, und in denen bestimmt wurde, daß Deutschland die Natur- und Gewerbserzeugnisse irgendeines der alliierten und assoziierten Staaten bei der Einfuhr in das deutsche Gebiet ohne Rücksicht auf den Ort ihrer Herkunft keinen anderen oder höheren Lasten und Zöllen unterwerfen dürfe als denen, welchen die gleichen Natur- oder Gewerbserzeugnisse irgendeines anderen jener Staaten oder irgendeines anderen fremden Landes unterworfen sind. An diesem Tage gewinnt Deutschland also das Recht wieder, jede Einfuhr Zollsätzen zu unterwerfen, die es selbständig aufgestellt hat. Deutschland kann also mit Wirkung vom 10. Januar ab einen Zolltarif aufstellen, der nach seinem Ermessen eingerichtet ist (sog. Meistbegünstigungsrecht). Die Grundlage unseres jetzigen Zollsystems bildet der Zolltarif, der nach schweren parlamentarischen Kämpfen im Jahre 1902 ausgestellt wurde und am 1. März 1906 in Kraft trat. Auf ihm bauten sich die Handelsverträge auf, die Deutschland mit allen fremden Nationen vor dem Kriege abgeschlossen hatte. Bei normalem Verlauf wäre die Mehrzahl aller Handelsverträge im Jahre 1917 abgelaufen, während durch den Ausbruch des Krieges das Netz, das uns m die Weltwirtschaft eingliederte, vorzeitig zu unserm Unglück zerrissen wurde. Während bis jetz,t die Handelspolitik Deutschlands zwangsläufig durch den Friedensvertrag beeinflußt war, tritt nun der Augenblick an uns heran, in dem wir wieder mit den übrigen Völkern zu Übereinkommen auf handelspolitischem Gebiet kommen müssen. Handelsverträge sind die Gesetzbücher für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Nationen. Auf ihnen baut sich die Stabilität der Produktion, die Sicherheit des Handels auf. Ohne sie fehlt die Basis, auf der der Handeltreibende allein Geschäfte mit fremden Völkern tätigen kann. Es dürfte nicht nötig sein auseinanderzusetzen, daß der Handel mit fremden Staaten die Grundlage des wirtschaftlichen Wiederaufbaus ist. Denn dies eine ist wenigstens jedem klar geworden: daß die wirtschaftliche Inzucht der letzten Zeit der Ausfluß einer Krise war und zu einer 3 neuen Krise führte, die wiederum unseren Wirtschaftskörper fieberhaft in immer neue Zustände wirtschaftlicher Krisen werfen muß. Den Absatz im Inland zu pflegen und auf den im Ausland zu verzichten, war ein sehr ernsthafter, oft und gern wiederholter Vorschlag, während der Zeiten, in denen der letzte Zolltarif von 1902 entstand. Heute weiß jeder, daß Deutschland, um seinen Verpflichtungen aus dem Friedensvertrag und der kommenden Anleihe mit ihren Zinsen und Abzahlungen usw. gerecht zu werden, einen aufs Höchste gesteigerten Export zu treiben hat. Es erübrigt sich also, die Notwendigkeit eines Außenhandels und noch dazu eines auf den höchstmöglichsten Punkt getriebenen zu beweisen. Einfuhr und Ausfuhr sind aber untrennbar verbunden, und deshalb muß man, wenn man vom Außenhandel spricht, immer daran denken, daß er Import und Export umfaßt. Ebenso muß man me vergessen, daß ein deutscher Zolltarif, ein deutscher Handelsvertrag stets zwei Wirkungen auslöst, eine auf das Inland, eine auf das Ausland. Die Frage der gesteigerten deutschen Ausfuhr behandeln, heißt also die Frage der deutschen Einfuhrprüfen. Der neue deutsche Zolltarif ist nur bestimmt, die Norm aufzustellen, nach der Zölle auf alle eingeführten Güter erhoben werden können. Die Handelsverträge zwischen uns und anderen Nationen werden dann entscheiden, ob sich auf diesem Zolltarif ein Handelsvertrag auf bauen läßt. Von diesem Gedanken hat sich scheinbar auch die Regierung tragen lassen, indem sie als Resultat längerer Vorbereitung einen Tarif vorlegt, der in fast allen seinen Positionen so hoch über dem alten gültigen Tarif steht, daß man von vornherein annehmen muß, dieser neue Tarif sei gar nicht ernsthaft gemeint, sondern nur dazu bestimmt, den Gegnern, als die man die fremden Vertragschließenden betrachtet, die Möglichkeit zu geben, Abstriche zu fordern, die man ihnen dann gewähren will, um von ihnen Abstriche in ihren Tarifen zu fordern. Wir sehen also hier das Bild, das wir bisher stets beim Abschluß von Handelsverträgen sahen, ein Fordern hoher Sätze, einen Versuch, den Gegner zu schädigen und selbst die größtmöglichsten Vorteile herauszuholen, also ein widerliches Schachern um die Positionen der Tarife. Man versucht dabei sich und andern vorzutäuschen, daß derartiges Verhalten der Geist des Handels sei und findet leider im Volk genügend Menschen, die daran glauben, denn die Menschen gliedern sich nach Hume bekanntlich m oberflächliche und in abstrakte Denker, wobei die Zahl der oberflächlichen leider die Mehrzahl ist. Wenn also unsere Regierung einen neuen Zolltarif vorlegt, der in dem soeben geschilderten Geiste abgefaßt zu sein scheint, dann muß man die oberflächliche Denkungsart einer großen Anzahl unserer Mitbürger doch daran erinnern, daß sich der Handel nicht in der Form gegenseitigen Betrügens oder gegenseitiger Betrugsversuche abspielt, sondern daß im Handel Parteien sich gegenüberstehen, die miteinander Geschäfte machen wollen. Wohl kommt es häufig vor, 4 daß Gelegenheitsgeschäfte in der ausgesprochenen Absicht getätigt werden, den andern Teil zu schädigen. Wenn aber zwei Handelsleute einen Vertrag miteinander schließen, dann ist dieser nicht auf kurze Sicht gedacht, sondern entsprechend dem Wunsche beider Vertragschließenden so abgefaßt, daß er jedem sein Recht zukommen läßt, und es ist im Handel nicht üblich, anfänglich 100% mehr zu fordern, um dann auf einen angemessenen Preis herunterzugehen. Diese üble Sitte ist leider im Nachkriegs- und Inflations-Deutschland zu großer Verbreitung gekommen, aber sie ist im Ausland beim ernsthaften und ehrbaren Kaufmann unbekannt und war auch in Deutschland vor dem Kriege nicht bekannt. DieRegierung darf also allgemein nicht geachtete Methoden nicht im Verkehr mit Vertragsgegnern anwenden. Vielleicht gilt aber der Entschuldigungsgrund, den man für die hohen Sätze vorbringt, gar nicht, und vielleicht ist es der Regierung bitterer Ernst mit ihren Vorschlägen, denn schließlich ist in Deutschland ein Zolltarif nicht die Arbeit der Regierung, sondern vielmehr der Kreise, die an bestimmten Zollsätzen, seien es hohe oder niedrige, ein persönliches Interesse haben. Die Arbeit dieser Interessentenkreise sehen wir an den Sätzen des neuen Tarifs. Es ist nicht die Absicht dieser Schrift, einen Abdruck des neuen Zolltarifs zu bringen, und deshalb können nicht alle Positionen besprochen werden, besonders weil es einem einzelnen Menschen nicht möglich ist, alle Beweggründe für Erhebung oder Erhöhung von Zollsätzen zu kennen. Es kann im Rahmen dieser Zeilen nur an Hand einzelner besonderer Fälle das System und seine Gefahren gezeigt werden. Wenn wir zuerst einmal auf die Frage der Lebensrnittel eingehen, so sollte es eigentlich klar sein, daß die Versorgung der heimischen Bevölkerung mit wohlfeilen Lebensmitteln die Hauptsorge der Regierung sein müßte. Eine Zollerhebung auf Lebensmittel dürfte überhaupt nicht in Erwägung gezogen werden, wenn nicht Kreise vorhanden wären, die an Lebensmittelzöllen ein Interesse hätten. Worin besteht dies Interesse? Der Reichsernährungsmimster Graf Kamtz hat im Juli eine Erklärung über die Gründe abgegeben, die für die Erhebung von Zöllen sprechen. 1. Die deutsche Volksernährung müßte sich in Zukunft vorzugsweise auf die heimische Scholle stützen. 2. Maßvolle Agrarzölle würden nicht nur die heimische Agrarproduktion, sondern mit dem Steigen der Kaufkraft der Landwirtschaft auch die industrielle Produktion heben und somit bessere Arbeit und Lohnbedingungen auch bei der Industrie schaffen. Der erste Grund ist sehr national gedacht, und es fällt schwer, dagegen anzugehen, aber dieser Grund kann nur bei einem sehr oberflächlich denkenden Menschen verfangen. Die deutsche Scholle war schon im Frieden nicht imstande, die deutsche Bevölkerung zu ernähren. Allein in Weizen haben wir in den 5 Jahren 1911—1913 eine Mehremfuhr von 20,67 Millionen Doppel- Zentnern gehabt. Nach Kuczynski haben wir in den Jahren 1912 und 1913 im Durchschnitt 12% Millionen Tonnen menschlicher und tierisc her Nah rungsmittel eingeführt. Diese uns fehlenden 12% Millionen Tonnen können wir heute nach dem Verlust der polnischen, nordschleswigschen und westpreußischen ausschließlich landwirtschaftlichen Gegenden noch weniger aufbringen. Die deutsche Landwirtschaft hatte im Zolltarif von 1902 ein Instrument, mit dem sie in der Lage hätte sein sollen, die Produktion auf der heimischem Scholle so zu stärken, daß wir uns aus den Erträgnissen unseres Bodens hätten ernähren sollen. Nach Brentano hat sich die Bevölkerung des Deutschen Reiches im Jahre 1913 auf 67 Millionen Menschen gestellt gegenüber rund 62 Millionen im Jahre 1922. Die Gesamtfläche Deutschlands ist von rund 54 Millionen Hektar im Jahre 1913 auf rund 47 Millionen Hektar im Jahre 1924 gesunken. Verloren gingen hauptsächlich ländliche Gegenden, die die Korn- und Gemüsekammern des Landes waren. Gleichzeitig aber setzte ein Rückstrom von deutschen Bewohnern abgetretener Gebiete ein, so daß die Bevölkerungsdichte auf 1 Quadratkilometer heute 131 Köpfe beträgt gegenüber nur 123 Köpfen im Jahre 1910. Wir haben also verhältnismäßig mehr Menschen im Lande bei gleichzeitig verringerter Anbaufläche. Wir können also die Volksernährung trotz des Vertrauens des Herrn Reichs- ernährungsmimsters nicht auf den Ertrag der heimischen Scholle stützen. Wenn wir aber auf den 2. August 1914 zurückgreifen, so sehen wir, daß wir auch damals trotz der hohen Zölle von 5 M. pro dz auf Roggen und 5,50 M. für Weizen nicht in der Lage waren, unsere Bevölkerung zu ernähren, denn an ]enem Tage wurde nach den Kriegserklärungen Deutschlands an Rußland und Frankreich als erste Kriegsverordnung der damaligen Bethmann Hollwegschen Regierung die Bestimmung in Kraft gesetzt, daß alle Zölle auf Lebensmittel zu fallen haben. Jene, noch heute m Kraft befindliche Bestimmung bezweckte, einen Anreiz zu schaffen, dem Lande, das durch den Kriegsausbruch von den Weltmärkten abgeschnitten war, lebensnotwendige Bedürfnisse zuzuführen. Mit welchem Erfolge dies geschehen, wissen wir alle, und die Statistik der Sterbefälle an Unterernährung, die Verelendung der Alten und Kinder, das Massenschlachten der Schweine, für die man kein Futter hatte, und das ganze Ernährungselend des Krieges haben uns gezeigt, wohin uns die Zollpolitik von 1902 geführt hatte. Der alte Zolltarif hatte die Preise für landwirtschaftliche Produkte wohl so erhöht, daß der Landmann sein Auskommen fand, aber er hatte nicht den Anreiz gegeben, die Produktion auf eine Höhe zu bringen, die der Bevölkerung ein Auskommen gab bei Ausfall ausländischer Einfuhren. Um wieviel schlimmer die Lage heute wäre, zeigen uns die Ziffern der verlorenen Gebiete und des Bevölkerungszuwachses im Verhältnis zu der verringerten Bodenfläche . Wenn die Regierung also den alten Zolltarif als Schema für kommende Handelsvertragsverhandlungen hervorholt und uns wieder Weizen- und Roggenzölle in der alten Höhe bescheren will, so können wir ermessen, 6 welchem Elend unsere nicht im Geldüberfluß schwimmende Bevölkerung entgegengeht, und wir kommen damit zu dem Punkt 2 der Kanitzschen Erklärungen, die in dem Steigen der landwirtschaftlichen Kaufkraft günstige Folgerungen für die Industrie und die Arbeiterschaft sehen. Selbstverständlich müßte der Landwirt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei erhöhtem Verdienst in der Lage sein, erhöhte Aufwendungen für seine Bedürfnisse zu machen. Wir wollen annehmen, daß beide Kategorien an den höheren Erträgnissen ihren Anteil haben und daß mit etwaiger intensiverer Bearbeitung des Bodens, hervorgerufen durch den dadurch winkenden höheren Lohn, der Landwirt und der Landarbeiter erhöhte Bestellungen in der Industrie machen bzw. erhöhte Einkäufe tätigen. Wie wirkt sich denn aber der höhere Gewinn der Landwirtschaft auf die Industrie aus? Wenn der Landwirt infolge erhöhter Zölle die Konkurrenz des Auslands ausschaltet, so wird, wie gesagt, die Einfuhr erschwert oder unmöglich gemacht. Es kommt also weniger Weizen und Roggen ins Land. Der Preis des heimischen Getreides steigt bis zu dem Punkt (Inlandspreis plus Zoll), bei dem es ausländischem Getreide bei genügender Nachfrage und Kauffähigkeit des Inlands möglich wäre, wieder hereinzukommen. Daß diese Grenze nicht erreicht wird, dafür sorgt der Landwirt, indem er seine Preise ein wenig unter dem Preise des ausländischen Produkts plus' Zoll hält. Das Inland ist also bei der heutigen Finanzlage auf die Erträgnisse der heimischen Scholle angewiesen. Der Preis ist gestiegen. Der Industriearbeiter muß mehr für sein Brot anlegen. Er muß also mehr an Lohn bekommen, und die höheren Gestehungskosten der Industrie müssen von dem Landwirt und seinem Arbeiter beim Kauf der Industrieerzeugnisse aufgebracht werden. Dadurch, daß der Landwirt aber für das, was er von der Industrie kauft, mehr zu zahlen hat, steigt seine Kaufkraft nicht, und er ist gar nicht in der Lage, erhöhte Aufwendungen für Anschaffung industrieller Erzeugnisse zu machen. Auf der anderen Seite ist durch die Zollerhöhungen aber der Brotpreis gestiegen, mit ihm der Lohn der Industriearbeiter und der Lebenshaltungsbedarf des Industriellen selbst. Das Fabrikat der Industrie ist im Preise gestiegen, weil die Kosten des teureren Brotes im Preise des Erzeugnisses zum Vorschein kommen müssen. Der Industrielle kann an die Landwirtschaft nicht mehr absetzen, und er wird nun auch noch durch die höheren Preise im Absatz nach dem Ausland gehindert. Selbst wenn es sich nur um Weizen und Roggen handeln würde, müßte die Auswirkung auf Inlands- und Auslandsmarkt sich bereits störend fühlbar machen. Aber es kommt noch etwas hinzu, und das ist die Absatzstockung im Ausland selbst. Dieses Ausland hatte bisher von dem Industriellen Maschinen bezogen, die es mit der Ausfuhr seines Weizens nach Deutschland bezahlte. Durch die inzwischen eingetretene Zollerhöhung auf diesen Weizen in Deutschland kann der Ausländer nicht mehr exportieren, und infolgedessen kann er mangels Erlös an dem Weizen auch nicht mehr die Maschinen in Deutschland kaufen. Dies war nur m rohen Umrissen an dem Produkt Brot die Wirkung der Zölle gezeigt. Eine weitere unweigerlich eintretende Folge wäre die Vergeltung des Auslands für die gehinderte Weizeneinfuhr und die Absatzstockung im Ausland, das nun einen erhöhten Zoll auf 7 deutsche Maschinen erhebt oder auf irgendeinen bisher von Deutschland bezogenen Artikel. Es leiden also nicht nur Landwirt, Maschinenbauer und ihre Arbeiter, sondern auch ein nicht in ursächlichem Zusammenhang mit ihnen stehender dritter Berufszweig, der seinen Hauptabsatzmarkt in jenem Ausland hatte. Die Frage des Exports ist also abhängig von der de's Imports. Es handelt sich aber nicht etwa nur um Roggen un dW eizen, sondern neben den Zöllen auf diese Produkte laufen andere Zolltarif-Positionen, die nicht nur ein Einsetzen in den alten Zustand aufweisen, sondern darüber hinaus eine starke Zollerhöhung bringen. Betrachten wir die vorgeschlagenen Zollerhöhungen auf einige Lebensmittel. Zolltarif 1902 Neuer (zurzeit frei) Vorschlag: für l dz für 1 dz Kartoffeln, frische: Mark Mark in der Zeit vom 15. Februar bis 31. Juli . . . 2,50 4,— in der Zeit vom 1. August bis 14. Februar . . frei frei Zichorien, frische. frei frei getrocknet.*. 0,80 2,— Rotkohl, Weißkohl, Wirsingkohl . 2,50 4,— Blumenkohl. 4,— 20,— Weintrauben. 4,— 30,— Äpfel, Birnen, Quitten vom 25. 9. bis 25. 11. . . frei 2,— „ 26. 11. bis 24. 9. . . 2,50 6,— Aprikosen, Pfirsiche. 8,— 50,— getrocknete Feigen . 8,— 24,— getrocknete Mandeln. 4,— 30,— Ananas, frisch . 4,— 50,— Fruchtsäfte, nicht äther- oder waingeisthaltig . . . 6,— 12,— Kaffeezusatzstoffe, wie gemahlene Zichorie usw. . 10,— 40,— Bier aller Art in kleinen Gebinden. 8,— 10,— in größeren Gebinden .12,—■ 15,— Verschiedenes Backwerk einschließlich Keks, Zwieback, Oblaten usw. 60,— 125,— Teigwaren, Nudeln und nicht gebackene gleichartige Erzeugnisse aus Mehl und Gries, auch Kartoffelnudeln ..... 25,— 40,— Apfelsinen. 3,25 12,-— Zitronen. frei 12,— usw. Wenn wir uns nur diese Posten betrachten, so sehen wir bei dem in unserm Volke wichtigsten Nahrungsmittel, der Kartoffel, eine Verteuerung, die im Großhandel schon 2 Pfennig pro Pfund ausmacht. Daß 2 Pfennig für 1 Pfund Kartoffeln im Etat eines industriellen Arbeiters eine Rolle spielen, wird niemand bestreiten. Die Zollerhöhungen auf Rotkohl usw. müssen die Einfuhr aufs stärkste erschweren und den Preis des inländischen Kohls gewaltig steigern. Sie haben dann aber die weitere Wirkung, daß der so stark gesteigerte Kohl aus der Küche der 8 ärmeren Bevölkerung überhaupt verschwindet und daß die Landwirtschaft an diese Klassen Gemüsesorten absetzen kann, die heute vielleicht als Viehfütter Verwendung finden. Ein Wieder aufleben von Kohlrübenwintern muß eine Selbstverständlichkeit sein , wenn bessere Kohlarten, die Dauerware für den Winter sind, unerschwinglich werden. Blumenkohl wird bei einem um 500% höheren Zollsatz ein Luxuslebensmittel gleich dem Kaviar werden. Hier müssen wir uns aber ansehen, wer denn der Importeur von Blumenkohl ist. Infolge der klimatischen Verhältnisse Hollands ist der Anbau von Gemüsen und Blumen besonders günstig und deshalb ist Holland der fast alleinige Lieferant dieser Ware. Die Wirkung auf den holländischen Exporteur muß bei einem Zollsatz von 10 Pfennig auf 1 Pfund katastrophal sein und es besteht kein Zweifel, daß sie dies auch sein soll. Der holländische Bauer soll eben diesen Kohl nicht mehr nach Deutschland bringen können, damit die deutsche Landwirtschaft ihre Erzeugnisse um so besser absetzen kann. Wenn wir dann in dem neuen Tarif sehen, daß andere Waren, für die Holland als Lieferant stark in Betracht kommt, auch mit solchen Prohibitivzöllen (d. h. Zöllen, die einem Einfuhrverbot gleichkommen), belegt werden, so scheint es, daß es sich bei diesem Tarif überhaupt um eine völlige Ausschaltung des Auslandsmarktes handelt. Blumenzwiebeln und Knollen werden in Zukunft 30 M. anstatt 10 M. kosten. Die nördlichen Nachbarn unseres Landes müßten sich also auf den Verlust des deutschen Marktes vorbereiten, wenn diese Pläne durchgehen sollten. Aber nicht nur Erzeugnisse, die wir vielleicht im eigenen Lande hersteilen können, sollen derartigen Zöllen unterworfen werden, sondern auch Produkte des Feld- und Gartenbaus jeder Art, soweit sie zur menschlichen Ernährung geeignet sind. Die vorstehende Liste zeigt einige ■ der bekanntesten Genußmittel, wie Apfelsinen und Zitronen, mit den alten und den jetzt vorgeschlagenen Zollsätzen. Was wird Italien tun, was Spanien, wenn die Vervierfachung der Zollsätze auf Apfelsinen in Kraft tritt? Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die verweigerte Apfel sineneinfuhr von den deutschen Fabriken für Fahrräder und Spielzeug ausgebadet werden muß. Keines dieser Länder kann auf den Export eines ihrer hauptsächlichen Produkte verzichten, und selbst wenn sie es wollen, so wäre ihre Kauffähigkeit für deutsche Industrieerzeugnisse derart geschwächt, daß wir ebenso wie sie unter diesem Auf hören des Warenaustausches leiden müßten. Es scheint also, als ob die Befürworter agrarischer Zölle nur den Vorteil sehen, der ihnen aus dem scheinbaren Steigen der Preise für ihre heimischen Produkte erwächst, ohne gleichzeitig zu sehen, daß dieses Steigen der Preise ihrer Bodenfrüchte Hand in Hand mit einem Steigen aller Preise geht. Nehmen wir aber einmal an, daß wir in Deutschland in der Lage wären, die Interessen des Auslands unberücksichtigt lassen zu können. Wir kämen dann zu dem Ergebnis, daß uns 12% Millionen Tonnen menschlicher und t.enscher Lebensmittel fehlen. Allerdings haben wir früher an Roggen einen Uberschuß gehabt, den wir besonders nach Rußland exportierten. Wenn wir also diesen Roggen im Lande behalten, so könnten wir das Minus an Weizen durch Roggen ersetzen und könnten unter Zuhilfenahme anderer Feldfrüchte vielleicht den 9 Bedarf decken. Die Regierung hat diese Ansichten bisher schamhaft verschwiegen. Aber eine weit rechtsstehende Zeitung setzte vor kurzem auseinander, daß an der starken Mehreinfuhr von Weizen „der verfeinerte Geschmack der Stadtbevölkerung“ schuld sei und daß bei einer Umkehr zu stärkerem Roggenverbrauch die Ernährung der deutschen Bevölkerung gesichert werden könnte. Man will also den Bedarf an be- stimmten Nahrungsmitteln einschränken, um Ersatz dafür in andern Mitteln zu geben. Man vergißt, daß gewisse Mengen von Getreide oder anderen Feldfrüchten, die man als Ersatz oder Streckmittel verwenden möchte, der Verfütterung für das Vieh dienten und daß man diese fehlenden Mengen dann in Form von Viehfutter einführen müßte. Man würde also ein Loch auf reißen, um ein anderes zuzudecken. Man kann sich in den Kreisen der Befürworter neuer Getreidezölle wenden wie man will, man kommt nicht um die Tatsache herum, daß 12% Millionen Tonnen an menschlichen und tierischen Nahrungsmitteln fehlen. Das heißt: sie fehlten schon in den Jahren 1912—1913 bei der um mehr als 7 Millionen Hektar größeren Grundfläche unseres Landes! Da in diesen 7 Millionen Hektar ein großer Teil landwirtschaftlicher Boden war, so muß das Fehlquantum heute weit größer sein. Nach Brentano betrug die Erntefläche pro Kopf in Ar: 1913 1922 für Roggen.. . . . .9,60 6,60 für Weizen. .2,95 2,20 für Spelz. .0,41 0,20 für Gerste. .2,47 1,86 für Kartoffeln. .4,31 4,39 Aus diesen Ziffern sehen wir, daß em Einholen der fehlenden 12% Millionen Tonnen nicht möglich und daß auch em Ersatz von fehlendem Weizen durch Roggen ausgeschlossen ist, weil die Erntefläche auch in Roggen bedeutend zurückgegangen ist. Die einzige Zunahme sehen wir bei Kartoffeln, und diese Ziffer ist die betrübendste, weil aus ihr die Not der deutschen Bevölkerung am klarsten hervorgeht, denn man mußte diese, die Hauptnahrung des Volkes bildende Frucht, der allgemeinen Not wegen, am stärksten im Anbau steigern. Mit der sinkenden Anbaufläche und dem sinkenden Ertrag muß auch die Aufzucht von Vieh sinken, und sie bedeutet eine neue schwere Gefahr für die Ernährung unseres Volkes. Daß hohe Getreidepreise hohe Brotpreise bedingen, wird von niemand mit Ausnahme agrarischer Kreise bestritten. Der Reichsernährungsminister hat allerdings in seiner Begründung für seine Zollvorschläge bestritten, daß hohe Getreidezölle auf den Brotpreis eine ausschlaggebende Wirkung haben. Aber es ist nicht anzunehmen, daß jemand, der nicht daran glaubt, daß bei der Regierung alle Weisheit, bei den Bürgern aber nur beschränkter Untertanenverstand vorherrscht, dieser Behauptung seine Zustimmung gibt, und so müssen wir leider erwarten, daß mit steigenden Zöllen für Getreide auch die Brotpreise steigen. Nach den Berechnungen zur Zeit der Einführung des letzten Zolltarifs beträgt die Belastung eines Arbeiters bei einem Zoll von 5 M. für 100 Kilo das Arbeitseinkommen von 12 Tagen. Da das Einkommen des deutschen Arbeiters in Ziffern wohl höher als 1914 ist, aber infolge der gesunkenen Kaufkraft des Geldes geringere Erstehungsmöglichkeiten der für das Leben notwendigen Dinge vorhanden sind, so ergibt sich, daß mit der Wiedereinführung von Getreidezöllen, um nur von diesen zu sprechen, eine Verschlechterung in der Lebenshaltung der schaffenden und verbrauchenden Bevölkerung eintreten muß. Um nochmals den Zweiflern mit wissenschaftlichem Material zu kommen, muß erwähnt werden, daß nach den Berechnungen Prof. Brentanos im Jahre 1911 81%derBevöTkerungKäufervon Getreide waren. Diese 81 % wurden also unmittelbar durch erhöhte Zollsätze in der Verwendung ihrer Einkommen geschädigt, indem sie mehr für Brot auszugeben hatten als ohne diese Zölle, während nur 19%VorteilvonhohenZöllen hatten. Zugunsten von diesem Prozentsatz soll also die überwiegende Mehrheit des Volkes in seiner Lebenshaltung benachteiligt werden. Es wurde aber schon vorstehend gezeigt, daß es ein Trugschluß ist, anzunehmen, der Landwirt hätte wirklich einen Vorteil von höheren Preisen. Nehmen wir an, daß der Landwirt heute ein Einkommen von 100 (nur um eine runde Zahl zu nehmen) aus seinem Betriebe hat, wovon er, um nur ein Beispiel zu geben, 10 für die Bekleidung seiner Person und seiner Familie ausgibt. Durch die Wiedereinführung der Zölle erhöht sich sein Einkommen um sagen wir 10%. Der Landwirt kann also nach Ansicht oberflächlicher Denker 10 % mehr für seine Bedürfnisse ausgeben. Da aber der Schneider, von dem er bisher für 10 kaufte, jetzt infolge der Brotverteuerung und der damit untrennbar verbundenen allgemeinen Lebenshaltung-Verteuerung mehr für sein Brot und seine für seinen Beruf benötigten Materialien ausgeben muß, so kann er dem Landwirt nicht mehr wie bisher, sagen wir, 4 Anzüge für 10 machen, sondern nur noch 3 %> Anzüge und der Landwirt muß also von seinem Mehreinkommen bereits einen guten Teil an den Schneider abgeben. Dieser verdient aber nicht etwa dadurch, daß er nun 12,50 vielleicht für 4 Anzüge erhält, mehr, sondern bleibt im günstigsten Fall auf der alten Stufe stehen. Die Berechnung ist aber falsch, denn der Landwirt muß bei verstärktem Bedarf des Inlands durch Fortfall ausländischer Einfuhren mehr Hände in seinem Betrieb beschäftigen und wird einen weiteren Teil seines Einkommens für Mehrlöhne ausgeben müssen, da ihn der Unterhalt von mehr Köpfen wieder mehr kosten würde. Da die Absicht der Zollerhöhung aber nicht dahin geht, andern als dem Landwirt Vorteil von diesen Zöllen zukommen zu lassen, so wird der Landwirt wahrscheinlich auf dem bisherigen Lebensstandard stehen bleiben, während die Masse der Bevölkerung in ihrer Lebenshaltung gedrückt wird. Die unausbleibliche Folge neuer landwirtschaftlicher Zölle ist eine Steigerung der Preise der Industriefabrikate, und dies in einer Zeit, da von allen Seiten versucht wird, das Preisniveau herabzusetzen. Die Versuche der Regierung, von sich aus durch künstliche Maßnahmen die Produktionsund alle übrigen Kosten herabzudrücken, können also nicht besser verhindert werden als durch die eigenen Maßnahmen der Regierung, die Brot- und Lebensmittelpreise durch neue Zölle zu erhöhen. Wenn man schon Getreide und Feldfrüchte mit Zöllen belegen will, so ist es doch ganz unfaßbar, daß man Lebens- oder Genußmittel wie Apfelsinen durch Prohibitivzölle von den deutschen Grenzen überhaupt fernhalten will. Will die Landwirtschaft durch Ausschluß der Südfrüchte einen besseren Absatz für ihre Gartenfrüchte erzielen? Es wurden bisher nur die Erzeugnisse der Landwirtschaft behandelt, weil deren Zollerhöhungen an ehestem eine Wirkung auf die Bevölkerung ausüben müssen; aber der neue deutsche Zolltarif macht ganze Arbeit, und die Zollsätze für Industriefabrikafe stehen hinter denen der Landwirtschaft nicht zurück. Nehmen wir den Fall des baldigen Abschlusses eines Handelsvertrages mit Großbritannien. Greifen wir nur einige der Artikel heraus, die Großbritannien vor allem in Vorkriegszeiten nach Deutschland eingeführt hat und sehen wir die alten und die neuen Sätze. Baumwollgarn von Nr. 11 englisch bis Nr. 102 englisch: . Kammgarn, eindrähtig. zweidrähtig. mehrdrähtig. Mohär- u. Alpakagarni eindrähtig . . . mehrdrähtig . . Hanfgarn, emdr. roh. bis Nr. 6 englisch bis Nr. 10 „ über Nr. 10 Leinengarn, ungefähr. Kunstseide. Gemusterte Tülle . Spitzenstoffe usw. Schmuckfedern .. Seidenstoffe. Baumwoll-Stückware. Leinenwaren. Taschentücher . Handschuhe . bisher jetzt Mark Mark 6—40 12—68 3,50 6,50 4- 7,— 24,-. 43,- 2- 3,50 20,— 36,- 8,— 14,50 9,- 16,- 10.— 18,- 6,— 12,— 30 — 90,- 4800,— 9600,— 3200,— 9600,— 4000,— 40000,— 6000,— 12000,— 30,- 100—180,— 14,- 30—130,— 160—290,— 240—440,— 160,— 240,— Wir wollen uns mit dieser Liste, hauptsächlich für das Exportgut britischer Industrien zusammengestellt, begnügen. Deutschland war vor dem Krieg Englands größter Kunde. Gleichzeitig war England der beste Abnehmer Deutschlands. Wir können das englische Mutterland natürlich nicht allein in dieser Frage betrachten, sondern müssen das gesamte britische Imperium mit heranziehen. Die nachstehende Liste zeigt uns den Uberschuß im Bezug von Waren und Rohstoffen aus diesem Weltreich: 12 Großbritanniens, seiner Dominien und Kolonien: Importe aus Jahr Exporte nach Uberschuß de: Deutschland Deutschland Exportziffern (I n 1000 Pfund gerechnet): 40165 1899 53 697 Plus 13 532 42 875 1900 53 994 11119 41 756 1901 50 004 8248 43 837 1902 47 372 3 535 46131 1903 58039 11 908 60 228 1904 63 302 3 074 65 792 1905 61 608 Minus 4 184 70 990 1906 70 672 318 78 077 1907 84 377 Plus 6 300 68857 1908 74 796 5 938 72 598 1909 81 928 9 330 82119 1910 95160 13 041 87 429 1911 96 540 9111 95 522 1912 101 514 5 992 107 301 1913 109 739 2 438 Wir müssen hierbei bedenken, daß in diesen Ziffern natürlich die gewaltigen Rohstoff Importe stecken, deren Deutschland bedarf, um seine Schornsteine zum Rauchen zu bringen, und wir müssen bedenken, daß in den zu Stoffen verarbeiteten Rohmaterialien ein größerer Verdienst steckt, so daß aus der anscheinenden Passivität (dem Uberschuß der Einfuhr über die Ausfuhr) nicht etwa hervorgeht, daß Deutschland der Verlustträger war, sondern wir wissen im Gegenteil, daß Deutschland in den obigen Jahren sich eines ständig wachsenden Wohlstandes erfreute. Die Höhe der Importe ist der beste Gradmesser für das Wohlergehen eines Landes. Je mehr wir einführen können, um so größer ist unser Reichtum, unser Einko mmen. Je größer die Industrie eines Landes, umso größer auch die Einfuhr von Fertigwaren. Kein Land kann sich selbst genügen, weder in Rohstoffen noch in Fertigwaren. Weder selbst kann Nordamerika alle Rohstoffe auf seinem Boden hervorbringen, noch kann England in seinem Weltreich der Rohstoffe anderer Nationen, noch der Fertigwaren fremder Völker entbehren. Wir in Deutschland können am besten sehen, daß wir nicht auf uns selbst gestellt leben können, denn es wäre doch ein Unding, wenn z. B. Oberschlesien sich von den an Polen gefallenen Kohlengruben keine Kohlen liefern lassen wollte, um sie statt dessen aus Westfalen zu beziehen. Wenn wir uns aber die obigen Positionen ansehen, so können wir doch erkennen, daß es sich nicht um sogenannte Luxusimporte handelt, sondern um zum Teil unentbehrliche Rohstoffe. Garn jeder Art ist ein Material, das unsere Weber nicht entbehren können. Unsere Textilfabriken müssen Leinen, Hanf und Woll- sowie Baumwollgarn beziehen, und der Einfluß der deutschen Spinner muß sehr groß sein, wenn es ihnen möglich ist, in den neuen deutschen Tarif Sätze für einzuführendes Garn zu bringen, die um rund 100% über den früheren Zollsätzen liegen. Der Leinenweber und der Tuchmacher haben nur e 1 n Interesse: ihr Garn möglichst billig zu kaufen. Der Spinner aber hat das umgekehrte Interesse: möglichst hoch zu verkaufen. Solange der Spinner Konkurrenten hat, die ihn vielleicht unterbieten, regelt sich der Preis im freien Wettbewerb durch Angebot und Nachfrage. Heute hat der Spinner keine Konkurrenz zu fürchten. Mit den neuen Sätzen, selbst bei Aufhebung etwaiger noch bestehender Einfuhrverbote, schließt der um 100% höhere Zollsatz die Einfuhr ausländischen Garns aus. Wenn wir diese Gedankengänge verfolgen, so erhellt sich das Dunkel, das über den Sätzen des neuen deutschen Zolltarifs und über ihr Zustandekommen waltet, und wir sehen, daß die UrsachederProhibitivzölle in dem Eigeninteresse deutscher M onopolinhaber wurzelt. Je stärker in einem Lande der Zollschutz, um so mehr wird die Bildung von Kartellen gefördert. Nun brauchten Kartelle absolut nicht eine Gefahr für die Allgemeinheit bedeuten. Aber leider erleben wir, daß mächtig gewordene Kartelle sich nicht darauf beschränken, die Interessen ihrer angeschlossenen Mitglieder zu wahren; sondern sie gehen darüber hinaus und schalten vor allem auf dem Inlandsmarkt jede Konkurrenz aus. Solange sie nun noch die Konkurrenz des Auslandes zu scheuen haben, wird dieser Versuch in sich zusammenbrechen. Bei uns m Deutschland hat der unglückselige Krieg aber ein Erstarken der Kartelle und Syndikate gebracht, das die größte Gefahr für unser wieder aufstrebendes Land ist. Durch den Krieg zuerst von der Regierung in den damaligen Zentralstellen der Industrie zur Selbstverwaltung ihrer Berufszweige berufen, später mit der Regelung der Ausfuhr in den Außenhandelsstellen betraut, waren die Kartelle in der Lage, den Verbrauchern Preise, Konditionen und alles übrige so vorzuschreiben, wie es ihnen richtig erschien. Der Verbraucher war den allmächtigen Syndizi der Verbände auf Gedeih und Verderb ausgehefert. Man erzählt sich, daß in den letzten Wochen die Verbraucher eines bestimmten Fabrikats, das in einem Kartell zusammengefaßt war und zur Verarbeitung in anderen Industrien verwendet wird, bei der Regierung vorstellig wurden, um die Öffnung der Grenzen zu fordern und durch die Konkurrenz des Auslandes eine Senkung der Preise herbeizuführen. Veranlaßt wurde der Schritt durch die im Zeichen des Preisabbaues beschlossene 15 %ige Preiserhöhung jenes Kartells. Die Folge war, daß das Kartell erklärte, gegenüber den niedrigen Auslandspreisen könne es nicht existieren, und wenn die Grenzen für fremde Waren geöffnet würden, dann müßten die deutschen Kartellfabriken einfach ihre Belegschaften entlassen und die Betriebe schließen. Gegenüber dieser rücksichtslosen Drohung mußte man trotz Kartellgesetzes die Segel streichen, und das betreffende Fertigfabrikat kann nur auf dem Inlandsmarkt zu hohen Preisen abgesetzt werden, und der Export ist wegen der billigeren Auslandspreise unmöglich. Soweit die Kartelle aber selbst an das Ausland verkaufen, sind sie durch ihr Monopol auf dem Inlandsmarkt in der Lage, dem heimischen Verbraucher so hohe Preise vorzuschreiben, daß sie ihre Unkosten zum größten Teile aus den Verkäufen auf dem Inlandsmarkte decken und sie können dann nach dem Ausland zu weit niedrigeren Preisen veikaufen. Man sehe sich nur einmal die Konsulatsrechnungsformulare der Vereinigten Staaten an und man sieht, daß U.S.A. mit niedrigeren Auslandspreisen deutscher Verkäufer rechnet. Ein als „wahr und richtig“ (true and correct) zu unterschreibender Passus dieser Formulare fordert die Angabe, um wieviel niedriger (oder höher) der Auslandspreis gegenüber dem Preis in Deutschland ist. Bei niedrigeren Preisen wäre das Eingangszollamt m Nordamerika berechtigt, den Zoll vom Wert der Ware auf den deutschen Inlandspreis zu erheben. Es ist also die Selbstsucht, die hohe Zölle fordert, um durch Ausschaltung der Konkurrenz ungestört die Gewinne zu erzielen, die ihr bei freiem Wettbewerb nicht zufallen könnten. Von diesem Standpunkte aus ist also die Forderung nach hohen Garnzöllen zu verstehen. Ebenso ist es verständlich, daß die Weber nunmehr den Ausschluß fremder Gewebe unterbinden möchten. Aber nicht ganz so klar ist es, warum man die Einfuhr von Straußfedern, Reiherfedern und zugerichteten Schmuckfedern von einem Friedenssatz von 4000 M. auf den zehnfachen Betrag von 40 000 M. steigert. Man kann natürlich einwenden, daß Schmuckfedern ein Luxus sind, den sich das arme Deutschland nicht gestatten kann. Wir müssen aber bedenken, daß es sich nicht lohnen würde, in einem armen Deutschland derartige Schmuckfedern einzuführen, um sie im Inland zu verwerten, und es ist deshalb sicher, daß die Einfuhr hochwertiger Schmuckfedern lediglich für die Wiederausfuhr bestimmt ist. Bei der Schwerfälligkeit unserer Zoll- und Finanz- bureaukratie ist aber die Einfuhr mit etwa angeborenem Nachweis späterer Wiederausfuhr und Rückvergütung sichergestellten Zolls unmöglich, denn niemand ist bei der herrschenden Geldknappheit in der Lage, auf längere oder auch nur auf kürzere Zeit größere Zollbeträge zu hinterlegen. Er braucht sein Geld, um damit zu arbeiten. Die Folge dieses 1000%igen Zollzuschlages wäre also die Abwanderung der verarbeitenden Schmuckfeder-Industrie in andere Länder einerseits und eine Verärgerung der Federn exportierenden Länder andererseits. Was wird Südafrika, was Australien tun, wenn Deutschland durch einen um 1000% höheren Zoll die Einfuhr der Federn, auf deren Ausfuhr diese Länder angewiesen sind, unmöglich macht? Bei der Stellung Australiens zu den wirtschaftlichen Weltproblemen sind Repressalien selbstverständlich. Wir sehen also, daß derartig unsinnige Zollforderungen, die lediglich aus dem Gedanken resultieren, daß wir einen Zolltarif nur nach unseren Interessen aufstellen können, einen weiteren schweren Schaden für unser Land bedeuten. Wir sind nicht in der Lage, der Welt die Bedingungen vorzuschreiben, unter denen wir mit ihr die alten wirtschaftlichen Beziehungen wieder aufnehmen wollen; sondern es verhält sich mit uns und der Welt immer noch so wie Adam Smith, der Vater des Freihandels, es vor 150 Jahren bereits ausdrückte: „Dem Erzeugnis inländischen Gewerbefleißes in irgendeiner besonderen Kunst oder Arbeit, das Monopol des heimischen Marktes zugestehen, heißt gewissermaßen nichts anderes, als Privatleuten die Art vorzuzeichnen, wie sie ihre Kapitalien an wen den sollen, und es ist des- halb in fast allen Fällen entweder eine nutzlose oder eine schädliche Maßnahme. Kann da£ Produkt des heimischen Gewerbefleißes ebenso wohlfeil geliefert werden wie das des fremden, so ist die Maßnahme offenbar nutzlos; kann es das aber nicht, so muß sie in der Regel schädlich sein. Bei jedem klugen Hausvater ist es eine Regel, niemals etwas im Hause machen zu lassen, was ihn weniger kosten würde, wenn er es kaufte. Dem Schneider fällt es nicht ein, seine Schuhe zu machen, sondern er kauft sie vom Schuhmacher; dem Schuhmacher fällt es nicht ein, seine Kleider selbst zu machen, sondern er kauft sie vom Schneider, und dem Landmann fällt es nicht ein, sich eines oder das andere zu machen, sondern er setzt jene beiden Handwerker in Nahrung. Alle diese Leute finden es in ihrem Interesse, ihren Gewerbefleiß ganz auf diejenige Art anzuwenden, in der sie etwas vor ihren Nachbarn voraus haben und dann ihren übrigen Bedarf mit einem Teil ihres eigenen Erzeugnisses oder, was dasselbe ist, mit dem Preise eines Teiles zu kaufen. Was aber in der Handlungsweise einer Familie Klugheit ist, das kann in der eines großen Reiches (oder sagen wir lieber der Völkerfamihe) wohl schwerlich Torheit sein.“ Um aus dem Elend der Jetztzeit herauszukommen, um unseren Verpflichtungen aus dem Londoner Abkommen, um unsere Schulden zu bezahlen und der kommenden Samerungsanleihe nicht nur im Zinsendienst, sondern vor allem auch in der Tilgung gerecht werden zu können, müssen wir uns nicht auf wirtschaftliche Inzucht, auf einen möglichst geschlossenen Handelsstaat einstellen, sondern wir müssen rationelle Wirtschaft führen und dürfen nicht aus angeblich' vaterländischen Gründen unproduktiv arbeitende Betriebe nur deshalb aufrecht erhalten, weil sie einmal vorhanden sind. Friedrich II. von Preußen konnte es sich noch erlauben, seine Porzellanmanufaktur dadurch in Tätigkeit zu halten, daß er die jüdischen Untertanen seines Landes zwang, die Erzeugnisse der Manufaktur abzunehmen. Wir können uns den Luxus einer Erziehung neuer Industrien im Augenblick nicht gestatten, denn unsere so wohl ausgebildete Industrie kann nur die Ziele erreichen, die sie erreichen muß, um der Gesamtheit zu helfen, wenn ihr der Schutz vor der Konkurrenz, der zur Trägheit führt, genommen wird. Wir können nicht Experimente machen wie sie der Irische Freistaat im Augenblick vornimmt, der z. B. auf Glasflaschen einen Wertzoll von 33 1 / / 3% einführt und zwar ausschließlich zum Schutz der einen Fabrik, die in Ringsend m Dublin besteht. Es würde für Irland besser sein, die für seinen Gebrauch benötigten Flaschen aus England oder Deutschland zu beziehen, denn die heimischen Flaschen werden Preise erzielen, mit denen jede Ausfuhr irischen Whiskys unmöglich werden wird. Ganz gleich liegt die Sache bei uns. Wir können uns nicht den Luxus gestatten, zugunsten einzelner einen Schutz einzuführen, der der Masse der Bevölkerung schwere Lasten aufbürdet. Wir dürfen also einen Zolltarif nicht auf stellen, der nach den Wünschen der Interessenten geformt ist. Maßgebend für jede Staatshandlung muß das Interesse der Allgemeinheit sein. Um also zu resümieren: Der neue Zolltarif auf Lebensmittel ist eine Gefahr, die, wenn der Tarif m Kraft treten könnte, zu neuem Zusammenbruch führen müßte. Es fehlen uns rund 12% Millionen Tonnen menschlicher und tierischer Nahrungsmittel. Die deutsche Landwirtschaft ist 16 heute weniger denn je in der Lage, diese 12% Millionen Tonnen auf der heimischen Scholle zu produzieren. Die Folge wäre also die, die wir aus dem Kriege kennen. Die Lebensmittel müssen gestreckt, das Vieh abgeschlachtet werden, und von Tag zu Tag würde die Lebenshaltung schlechter. Da ein derartiges Experiment wohl einmal im Kriege gemacht werden konnte, aber nicht ein zweites Mal, so würde das Durchhalten nicht wieder gelingen, sondern innere Klassenkämpfe und Zusammenbruch der neuen Währung wären das Resultat. Das ausländische Kapital würde sich, wenn es auch jetzt in die deutsche Anleihe hineingeht, bei einem Gelingen der schutzzöllnerischen Pläne zu lösen versuchen; es würde einem Lande, das seine Fremdenfeindlichkeit in dieser noch dazu sinnlosen Form einer Selbstblockade zeigt, keine weitere Unterstützung leihen. Das vom Handel mit uns ausgeschlossene Ausland wäre dank billigerer Preise in der Lage, uns auf jedem anderen Auslandsmärkte aus dem Felde zu schlagen, und es könnte selbst dort, wo es deutsche Fabrikate gebrauchen müßte, nicht in nennenswertem Umfange von uns kaufen, weil ihm die Möglichkeit fehlt, diese Exporte Deutschlands mit seinen Im- porten zu bezahlen. Die Versuche Deutschlands, einen Unterschied zwischen lebensnotwendigen Waren und Luxuswaren zu machen, müssen fehlschlagen, weil das Ausland selbst von uns als Luxus betrachtete Waren oder Produkte an uns absetzen muß, da diese vielleicht einen Hauptbestandteil seiner Erzeugnisse bilden. Was würde in Deutschland für ein Geschrei erhoben, wenn England zum Beispiel die Silbererzeugnisse Hanaus als Luxuswaren mit einem Prohibitivzoll belegen würde? Daß Hanauer Silberwaren Luxuswaren sind, wird niemand bestreiten. Was würde geschehen, wenn England Solinger Stahlwaren ausschließen würde, weil es in der Lage ist, in Sheffield selbst genügend Stahlwaren herzustellen? Die Geschichte des englischen Weltreichs gibt uns die Antwort. Seit der Einführung des Freihandels ist England das geworden, was es ist. Vor allem der Geldmarkt der Welt, der Umschlagsplatz vieler fremder Exportwaren, das beherrschende Handsisland dss Globus. Zwei Ziffern mögen die Entwicklung zeigen: Die Handelsstatistik Englands zeigt 1855/59 und 1923 folgende Zahlen: In Millionen Pfund: Im Zeitraum Einfuhr Ausfuhr brit. Waren Wiederausfuhr import. Waren Gesamt- Ausfuhr 1855—59 169 116 23 139 1922 1003 719 103 823 1923 1098 767 118 885 Diese Zahlen zeigen uns für 1922 einen Einfuhr-Uberschuß von 213 Million en Pfund Sterling. Alle Einwände mit Bezug auf den Wohlstand Englands sind verfehlt, denn im Frieden wurde bei uns hinsichtlich der Schutzzölle mit den gleichen Mitteln gearbeitet wie heute. In einem sind sich die Anhänger der Schutzzölle gleich geblieben: Sie arbeiten stets mit den gleichen Argumenten. Die Vermehrung der Produktion, die Hebung der Arbeitslosigkeit und der Schutz der nationalen Arbeit oier die Vaterlandsliebe oder ähnliche hohe das Herz rührende Argu- *7 mente sind stets hervorgeholt worden, wenn es galt, den Hauptgrund zu verschweigen* um dessentwillen auch der leichtgläubigste und oberflächlichste Denker nicht den Schutzzollplänen zugestimmt hätte. Dieser Hauptgrund ist stets und nicht nur in Deutschland der Vorteil des eigenen Portemonnaies. Es ist die einzige Tüchtigkeit der alten Schutzzöllner gewesen, daß sie das Wort Schutzzoll erfanden, denn eine richtige Bezeichnung des Zustandes, der durch hohe Zölle erzielt wird, müßte im Gegensatz zum Freihandel — Behinderter Handel lauten. Wenn wir aber dem Volke die Frage vorlegen würden, ob es Freihandel oder Behinderten Handel haben will, so würde das gesunde Empfinden sich für die Freiheit entscheiden. Wir stehen mitten in neuen Han d t e lsvertragsverhandlungen. Am 12. Oktober, an dem diese Zeilen geschrieben werden, läuft die Wolf-Depesche durch die Presse, daß die nach Paris gereisten Unterhändler nach Berlin zurückgekehrt sind, um mit den „Interessenten“ zu beraten. Hier hören wir es offiziell, daß nicht das Wohl des Ganzen die Tarife diktiert, sondern die Eigeninteressen gewisser Kreise. Für den gesunden Menschenverstand sollte es selbstverständlich sein, daß ein Handelsvertrag nur von der Rücksicht auf das Gesamtwohl unseres Landes diktiert sein darf, aber Regierungskunst hat vielleicht mit gesundem Menschenverstand weniger zu tun, denn sonst könnte man doch nicht urbietorbi verkünden, daßVerhandlungen abgebrochen werden, um zuerst Verhandlungen mit den Interessenten zu führen. Die privatwirtschaftlich eingestellten Interessenten werden selbstverständlich Prohibitivzölle fordern — denn man kann von einem privatwirtschaftlich denkenden Menschen nicht volkswirtschaftliches Denken fordern. Der Privatwirtschaftler steht auf dem Standpunkt, daß es dem Staat gut gehen muß, wenn es ihm gut geht. Eine Widerlegung dieses privatwirtschaftlichen Unsinns ist überflüssig. Es ist nötig, unausgesetzt darauf hinzuweisen, daß die Interessenten nur privatwirtschaftlich denken und fühlen. Die reinen Interessenten können gar nicht anders, als jede Staatshandlung vom Standpunkt ihres Berufszweiges (manchmal sogar nur vom Standpunkt ihres eigenen Geschäfts) aus zu betrachten, und so werden wir nach der Rückkehr der deutschen Handelsdelegierten aus Paris das alte Spiel sehen: das Fordern hoher Zölle, damit bei dem zukünftigen Schachern wenigstens bei größeren Abstrichen noch etwas bleibt. Wenn man bei den jetzt begonnenen Pariser Verhandlungen den Begrüßungsworten gefolgt wäre, dann hätte man die Interessenten nicht zu Rate ziehen dürfen. Die Begrüßung der Franzosen drückte die Wahrheit aus: „Ohne einen normalen wirtschaftlichen Verkehr zwischen unsern beiden Ländern kann es weder den wahren Frieden noch den Aufbau Europas geben.“ Die deutsche Delegation dankte: „Gleiches Vertrauen und möglichste Freiheit soll an die Stelle von Differenzierung, Mißgunst und Prohibition m der ganzen Welt treten.“ Gleiche Sonne, gleicher Wind —■ eine alte freihändlerische Forderung, der selten entsprochen wird. Es klingt recht schön, aber was soll man dann sagen, wenn man den von Mißgunst, Differenzierung und Prohi- 18 bitionsgelüsten strotzenden neuen Tarif sieht?? Die kurze offizielle Nachricht über den Abbruch der Verhandlungen sagt uns nichts über die Aufnahme etwa vorgelegter deutscher Forderungen. Aber ist es anzunehmen, daß man gern 300% mehr Zoll für Kunstseide, 300% mehr für Spitzen usw. zugestehen wird? Niemand wird dies glauben, und deshalb müssen Verhandlungen mit dem neuen Zolltarif unglücklich auslaufen. Was soll geschehen? Deutschland muß erstens den heutigen Zolltarif nicht als Basis für etwaige Verhandlungen mit anderen Staaten benutzen, sondern es muß erkennen, daß nach diesem verlorenen Kriege seine Rettung nur in einer Abkehr von den Methoden bestehen kann, die mit zu unserm Unglück beigetragen haben. Wir können uns nicht die Experimente erlauben, auszuproben, ob wir mit den alten Zollsätzen oder mit einigen neuen, die um 100% oder 300% oder gar 1000% höher sind, unsere Wirtschaft wieder aufrichten können. Wir können vor allem unsere Lebensmittel nicht verteuern lassen, indem wir zugunsten unserer Landwirte Getreide-, Nahrungs- und Genußmittelzölle einführen. Wir können keinem Berufszweig weiter Monopolstellung zugestehen, sondern müssen, um exportieren zu können, unsere Rohstoffe dort hernehmen, wo wir sie am wohlfeilsten bekommen können. Wir müssen uns klar darüber sein, daß es nicht bloß Worte sind, wenn gesagt wird, daß wir unsern Export ms Ungemessene steigern müssen, um unsern Verpflichtungen nachzukommen. Wir müssen auch verstehen, daß die Exportmöglichkeit abhängig vom Frieden ist und daß Kampftarife leicht zu Streitigkeiten führen, die nicht immer mit den Waffen ausgefochten werden brauchen, sondern eben so leicht und genau so katastrophal als Handels- und Zollkriege wirken. Der Schutzzoll hat in 50jährigftr Praxis den Ertrag des deutschen Bodens nicht so gesteigert, daß die deutsche Landwirtschaft die Bevölkerung ernähren kann. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, heute für diese Landwirtschaft neue Schutzzölle zu fordern. Auf dem Gebiete der Lebensmittelversorgung kann uns nur schrankenloser Freihandel retten. Nur bei schrankenlosem, radikalem Freihandel in des Wortes wahrster Bedeutung kann die Ernährung unseres Volkes finanziell auf das niedrigste Maß gebracht werden. Die Positionen, die Erzeugnisse des Acker?, Garten- und Wiesenbaus betreffen, sind in Zukunft von jedem Zoll frei zu lassen. Hierüber noch mit den Interessenten verhandeln, heißt Selbstmord begehen. Wir können unsere Lebensmittel nicht zugunsten der Taschen einer kleinen Minderheit unseres Volkes verteuern lassen. Die Mehrheit des Volkes braucht billige Nahrungsmittel, und 12 Y> MillionenTonnen fehlender Nahrungsmittel können unsere Agrarier nicht aus der Erde stampfen. Schwerer wird die Frage über die Industriezölle zu lösen sein, denn es gibt viele Industrielle, die wohl an segensreiche Folgen eines Übergangs von dem verfehlten System der Schutzzölle zum Freihandel glauben; aber es gibt mehr und vielleicht einflußreichere, die nicht so überzeugt 19 davon sind und denen es bisher verhältnismäßig gut ging. Diese Kreise erwarten durch die Anleihe neues Blut im Wirtschaftkörper und damit die Möglichkeit neuen Fortwursteins. Die schweren Lasten, die uns durch die Verwirklichung des Dawes- Gutachtens auf erlegt sind, können wir nicht tragen, indem jeder Berufszweig für sich versucht, diese Lasten abzuwälzen. Wir müssen alle an diesen Lasten tragen. Die starken Schultern viel, die schwachen Schultern wenig, ein jeder nach seinen Möglichkeiten, und um dies durchzusetzen, muß gleiche Sonne, gleicher Wind über alle scheinen und alle umwehen. Ungeheuer sind die Aufgaben, die dem neuen Deutschland als Folgen des Zusammenbruchs des alten Reichs und der alten Wirtschaftspolitik, die in der Bevorzugung einzelner Klassen bestand, erwachsen. Die höchste Kraft in der Produktion ist notwendig, um diese Aufgaben zu lösen. Wir können uns nicht den Luxus erlauben, Zuschüsse an konkurrenzfähige Berufszweige zu geben. Wir können also keinen Zolltarif gebrauchen, der zugunsten einzelner Berufe gemacht, von den Interessen einzelner Berufe diktiert, die Gesamtinteressen des deutschen Volkes außer Acht läßt. Maßgebend für die Frage eines Zolltarifs darf nur das Interesse des Allgemeinwohls sein. Gegen dieses höchste Gebot der Moral, die keine Bevorzugung oder Benachteiligung kennen darf, verstößt der Interessententarif der deutschen Regierung. Man kann aus den einzelnen Positionen herauslesen, ob die Sätze von Profitgier, Unwissenheit, Konkurrenzneid oder aus welch andern selbstsüchtigen Motiven eingegeben wurden, und wir müssen von einer Regierung, die nicht Sachwalter der Interessen einer Partei, eines Berufszweiges sein will, fordern, daß sie einen klügeren, den Interessen des Gemeinwohls förderlichen Tarif aufstellt. Wir stehen am Wendepunkt unseres Geschicks. Mögen alle Berufenen die Frage prüfen, ob wir einzelnen Klassen Sondervorteile auf Kosten der Gesamtheit einräumen können, oder ob wir nicht vielmehr uns nur von dftm Wohle der Allgemeinheit leiten lassen können. Diese Frage läßt sich durch das Motto ausdrücken: Freihandel, Frieden und der gute Wille unter den Nationen. Die deutsche Wissenschaft stellt sich um! Im Deutschland der Vorkriegszeit bestand einseitige Bevorzugung der Landwirtschaft, weil diese sich immer auf den „Schutz der nationalen Arbeit“ berief, mit der es allein möglich sein sollte, die Sicherheit des Vaterlandes durch Versorgung der Bevölkerung im Falle eines Krieges zu gewährleisten. Es erschien deshalb damals unmöglich, gegen das System der Selbstblockade durch Schutzzölle anzugehen. Hierin ist ein Wandel eingetreten. Seit einiger Zeit hat sich gerade bei einsichtsvollen Männern des praktischen Lebens und bei Wissenschaftlern eine andere Erkenntnis Bahn gebrochen. Die Lehren des Krieges, der Zusammenbruch der Ernährung, das Versagen der agrarischen Kreise und die am 2. August 1914 notwendig gewesene restlose Öffnung der Grenzen haben dazu geführt, daß man das System 20 des Schutzzolls als das erkannte, was es stets war, als eih Mittel ein - zelnerKreise unseres Volkes, sich selbst auf Kosten der Mehrheit ungerechtfertigte Gewinne zu verschaffen. Daß diese Ansichten nicht ausgestorben sind, sehen wir an den neuen Bestrebungen, den alten Zolltarif auf leben und für einzelne Posten neue und erhöhte Zollsätze einzuführen. Am interessantesten wirkt sich aber die gegenteilige Bestrebung in der Automobilindustrie aus. In einer Eingabe an den Reichswirtschaftsrat werden die Gründe für die Aufhebung der jetzt bestehenden Einfuhrverbote, die nun natürlich nicht durch hohe Zölle ersetzt werden dürfen, auseinandergesetzt. Vor allem wird in dieser Eingabe festgestellt, daß eine Verlängerung der Einfuhrsperre weder im Interesse der Verbraucher noch der Industrie selbst liegt. Wenn von seiten der Fabrikanten erklärt wird, daß die jetzigen Löhne und Materialpreise sowie die steuerlichen Belastungen einer Verbilligung entgegenstehen, so muß dem entgegengehalten werden, daß in den Ländern der Hauptkonkurrenz, England und den Vereinigten Staaten, die Materialpreise nur unwesentlich niedriger sind, während die Löhne das sechs- bis achtfache der bei uns gezahlten Sätze ausmachen. Insofern ist die deutsche Industrie günstiger gestellt, und hier liegt auch die Erklärung für die zum mindesten eigenartig anmutende Erscheinung, daß bedeutende deutsche Automobilfabriken mit Offerten im Auslande auf treten können, die in ihren Preisen bis zu 40% unter den deutschen Inlandspreisen liegen. Deutsche Automobilhändler machen sich das zunutze und kaufen fabrikneue deutsche Wagen billiger im Auslande, als direkt ab Werk. Wie ist das zu erklären? Entweder verkaufen die Fabriken im Ausland unter den Gestehungskosten und holen die Verluste im deutschen Geschäft durch entsprechend höhere Preise wieder ein; dann ist diese Verschleuderung deutscher Arbeit nicht scharf genug zu verurteilen. Oder aber sie verdienen selbst bei den billigen Auslandsofferten; dann ist nicht zu verstehen, warum die Inlandspreise auf ihrer Höhe gehalten werden. Die Nachfrage würde ohne Zweifel eine erhebliche Steigerung erfahren, wenn die Inlandspreise mit den Ausfuhrpreisen in Einklang gebracht werden, und aus dem gesteigerten Umsatz würde letzten Endes ein größerer Gewinn zu erzielen sein. Die augenblickliche Preisstellung übt einen lähmenden Einfluß auf den deutschen Inlandsverbrauch aus. In England hat man im August die Zölle auf Automobile trotz des Widerspruchs der Industrie aufgehoben und die Folge ist nicht der Zusammenbruch der Automobilfabriken, den diese wie immer prophezeiten, sondern im Gegenteil eine Belebung des Geschäfts. Unter dem Druck der einsetzenden ausländischen Konkurrenz haben jene Fabriken sich den neuen Verhältnissen anpassen müssen und erzielen heute bessere Umsätze als je. Die Beschäftigungsziffer in dieser Industrie ist gestiegen. Der Einfluß der Freiheit des Handels hat die segensreichsten Folgen gehabt. Am bedeutsamsten aber für uns in Deutschland ist die veränderte Stellung unserer Wissenschaft. Bei der kürzlich stattgefundenen Tagung des „Vereins für Sozialpolitik“ (in Stuttgart, September 1924), hat sich einer der bisherigen stärksten Vertreter von Schutzzöllen, Herr Professor Sermg, für den Freihandel bekannt und wörtlich erklärt, daß der Land- 21 Wirtschaft mit dem Schlagwort von dem Schutz der nationalen Arbeit gar nicht gedient sei. Zur Frage der Agrarzölle wurde aus der Mitte der Versammlung von einer großen Anzahl Hochschullehrer der Volkswirtschaft folgende Entschließung bekanntgegeben: ,,Die neue Wirtschaftsstruktur Deutschlands, die Auswirkung des Londoner Protokolls und wesentliche Änderungen in der Gruppierung der Kräfte am Weltmarkt haben Deutschland vor eine von Grund aus neue handelspolitische Lage gestellt. Die Unterzeichneten Vertreter der Wirtschaft und Sozialwissenschaft, darunter eine Anzahl Gelehrter, die die Grundgedanken der deutschen Handelspolitik vor dem Kriege verteidigt haben, machen insbesondere mit allem Nachdruck darauf aufmerksam, daß Deutschland mehr denn je gezwungen ist, namentlich auch zwecks voller Ausnutzung der zu erstrebenden Rationalisierung unserer Industrie, sich die Vorteile der internationalenArbeitsteilungzu eigen zu machen. Sie vermögen daher Zölle nur soweit zu billigen, als sie ein unentbehrliches und erfolgversprechendes Mittel für eine möglichst freiheitliche Gestaltung des internationalen Güter* austausches bedeuten. Eine künstliche Verteuerung der Lebens* haltung durch wirtschaftspolitische Maßnahmen ist aus sozialen Gründen im Deutschland der Gegenwart ganz besonders be* denklich. Auch sind die Unterzeichneten überzeugt, daß d i e schwierige Lage der Landwirtschaft, der mit geeigneten Mitteln entgegengewirkt werden muß, durch bloße Fortsetzung des vorkriegszeitlichen Agrarschutzes nicht entscheidend gebessert, eher verschlechtert werden kann.“ Wir müssen also zu der Erkenntnis kommen, daß die verderbliche, fremdenfeindhche Schutzpolitik Deutschlands nicht wiederkehren darf. Ein Wiederaufbau unseres Landes ist nur möglich bei Abkehr vom Schutzzollsystem und Übergang zum Freihandel. Freihandel bessert die Lebenshaltung des Volkes. Er allein gibt uns die Möglichkeit, unsere Bedürfnisse dort am reichlichsten zu decken, wo wir sie am wohlfeilsten bekommen können. Er führt durch Abhängigkeit jedes Volkes vom andern zu einem gesicherten Zustand des Friedens und schafft die Stimmung des guten Willens, den wir brauchen, um zum Weltfrieden zu kommen. Der neue deutsche Zolltarif führt aber im Gegenteil zu Zerwürfnissen mit andern Völkern und es wäre der größte Erfolg für unser Volk, wenn dieser Zolltarifentwurf schleunigst verschwände. Nur im freien, ungehinderten Austausch der W aren liegt die. Sicherheit für das Wohlergehen der Völker. Möge unser Volk dessen eingedenk sein und den Schicksalstag des 10. Januar 1925 nicht zu betrauern haben. Dieser Tag kann der Tag der Wiedergeburt sein, er kann aber auch, wenn es nach dem Willen der Väter dieses Tarifs geht, zu einem von ihnen nicht beabsichtigten bitteren Ende für Deutschlands Wirtschaft und Bevölkerung führen.. / Empfehlenswerte Flugschriften und Bücher für Mitglieder der D.L.M. und für solche, die es werden wollen. 1. Informationsschrift von Dr. Robert Kuczynski und Hans Schwann (24 S.) über die Reparationszahlungen Deutschlands und die Wiederaufbauleistungen Frankreichs, mit einer kritischen Würdigung des Dawes- Gutachtens, sowie mit einer Darlegung über die Frage des Völkerbundsanschlusses und der Mihtärkontrolle. (Auf Wunsch kostenlos erhältlich.) 2. „Die Tragödie Deutschlands. Im Banne des Macht- gedankens bis zum Zusammenbruch des Reiches.“ Von einem Deutschen. Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart. Brosch. M. 5,50, in Leinen geb. ,, 8,—. Dieses hervorragend besprochene Werk (eines Generalstäblers) war lange Zeit vergriffen. Die D. L. M. ermöglichte die Herausgabe einer zweiten Auflage, der jetzt sehr bald eine dritte gefolgt ist. 3. Dr.RobertKuczynski „Deutschland und Frankreich“. Ihre Wirtschaft und ihre Politik. Mit Beiträgen erster Mitarbeiter aus Deutschland und Frankreich. Brosch. M. 9,—, geb. M. 10,20. 4. General Freiherr Dr. von Schoenaich. „Vom vorigen zum nächsten Krieg.“ Mit Vorwort des englischen Generals Jan Hamilton und des französischen Generals Percin. Geb. M. 2,—. Mitglieder der D.L.M. und Organisationen, die diese Bücher verbreiten wollen, erhalten wesentliche Preisermäßigung. Deutsche Liga für Menschenrechte E.V. Berlin SW 66, Wilhelmstr. 48. •Druck der Globushaus-Druckerei, Berlin.