Volkswirtschaftliche Zeitfragen, Vorträofe und Abhandlungen herausgegeben von der Volkswirthschaftlichen Gesellschaft in Berlin ’ und der ständigen Deputation des Cungresses lleutsvlier lolkswirtlie. Heft 3. AUS DER GESCHICHTE DER ENGLISCHEN KORNZÖLLE. VON H. B. OPPENHEIM. O KörissberEjff X£a'Strubs HanrUdDiivE BERLIN. VERLAG VON LEONHARD SIMION. 1S79- S » -f -V •7 ^ ' ^ r -~ / ty Aus cler Geschichte der Englischen Kornzölle. Von H. B. OPPENHEIM. Eörigsberger Magistrats- Handbibliothek BERLIN. VERLAG VON LEONHARD SIMION. .Jt.T SW v^obden sagte einmal im Unterhause: «Wenn unsere Finanzgesetze, unser Statutenbuch in den Mond gelangen könnten, ganz so wie sie sind und ohne irgend einen Commentar, so würden die Mondbewohner daraus erkennen, dafs dieselben das Werk einer den Grund und Boden besitzenden Aristokratie sind.» Dcmgemäfs hat z. B. auch die Grundsteuer in den englischen Finanzen stets nur eine geringe Rolle gespielt und einen auffallend kleinen, nicht einmal mit der allgemeinen Geldentwerthung nominell zunehmenden Antheil an den Staatsausgaben bestritten. Die eigentliche Land-tax wurde erst 1692, unter König Wilhelm III., der Aristokratie abgerungen; sie stand unter jährlicher Bewilligung bis zum St. 38, Geo. III. c. 60 (1798), welches sie perpetuirte und ablösbar machte. Die alten Taxirungen sind beibehalten und mit ihnen die äufserste Ungleichheit der Einschätzungen.*) Im Jahre 1706 betrug die Grundsteuer etwas unter und im Jahre 1841 wenig über 2 Millionen T. Die Erträge der Eingangszölle und Accise hatten sich in dieser Zeit ungefähr verzehnfacht und das ganze Budget die 25fache Summe der Grundsteuer erreicht.**) Von dieser Seite also war der englischen Landwirthschaft keine Fessel angelegt und der Getreidepreis nicht beeinflufst. Dagegen quälte man sich in England so gut, wie in anderen Ländern, von Alters her mit Ausfuhr- und Einfuhr-Verboten und anderen administrativen Beschränkungen, welche das unentbehr- *) Vergl. Blackston e - St ephen, 2. Bd. 1848, T. II. S. 528-—533 und R. Gneist, das englische Verwaltungsrecht, 2. Ausgabe 1867, Bd. II. S. 781 bis 783 und S. 790—793- **) Vergl. Bastiat, Cobden et la Ligue (T. III. der Oeuvres-completes) — Introduction S. 14 u. 15, Jr I 4 lichste Nahrungsmittel durchweg vertheuerten, selbst wenn die Absicht des Gesetzgebers nicht darauf gerichtet war. Im Jahre 1436 wurde, nach Aufhebung des absoluten Ausfuhrverbotes, gesetzlich bestimmt, dafs Weizen ohne besondere Licenz ausgeführt werden dürfe, wenn der Preis per Quarter (= 290,789 franz. Liter oder 4,77 Neuscheffel) nicht 6 2 / 3 Schilling (Schilling = Reichsmark) überstiege, und 29 Jahre später ward festgesetzt, dafs dann auch kein Weizen eingeführt werden dürfe. Indessen kam die erste dieser Verfügungen einem Ausfuhrverbote gleich und wurde demgemäfs unter Königin Elisabeth (1562) entsprechend modificirt. Da gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Getreidepreise beträchtlich fielen, theils durch gute Ernten, theils unter dem Einflufs der Werthabnahme der Edelmetalle, so setzten die Grundbesitzer 1670 ein Zollgesetz durch, das einem Korneinfuhr-Verbote gleich kam und die Ausfuhr-Beschränkungen abschaffte. Damit nicht zufrieden, brachten sie es 1688 zu einer Exportprämie auf Getreide! Der Durchschnittspreis war damals zu 28 sh. berechnet und die Prämie sollte erst bei dem Preise von 48 sh. in Wegfall gerathen! Wilhelm III. konnte dieser unerhörten Forderung keinen Widerstand leisten, weil er von der im Parlament übermächtigen Landaristokratie die erste Bewilligung der jährlichen Grundsteuer erlangen mufste. Die Grundaristokratie beabsichtigte, sich in diesem Handel nicht blos hohe Preise für ihre Producte, sondern auch gleichmäfsige, constant hohe Preise zu verschaffen. In guten Jahren erhöhte die Ausfuhrprämie den Brodpreis ganz beträchtlich; aber wenn die Ausfuhrprämie auch in Nothjahren suspendirt wurde, so wirkte sie trotzdem noch auf diese ein durch die vorhergehende Minderung der Vorräthe.*) In derselben Zeit, wo das englische Gesetz die Getreide-Ausfuhr beförderte, stand Frankreich (bis 1764) unter einem absoluten Korn-Ausfuhrverbot. In dem 18. Jahrhundert bestanden bis gegen sein stürmisches Ende für den englischen Getreidehandel ungefähr dieselben Zustände und Gesetze, wie am Ausgang des 17. Die Epoche der grofsen Kriege freilich liefs für die bisherige Zollpolitik keinen Raum. Schon 1795—96 und 1800 wurden erst Einfuhrprämien, *) Vergl. in Adam Smith’s grofsem Werk, Buch I. Cap. XI., die Auseinandersetzung Uber Silbervverth und Getreidepreise. 5 dann eine Preis- Garantie angeordnet, um gewisse Quantitäten ausländisches Getreide heranzulocken. Die später eintretenden allgemeinen Biokaden und die Con- tinentalsperre brachten weiterhin unberechenbare Ausnahms-Zustände mit sich. Diesen zu begegnen, kamen allerlei Brod-Surrogate auf; der Weizen wurde mit anderen Körnerfrüchten gemischt. Den Bäckern war bei hohen Geldstrafen verboten, frisches Brod (Brod, das nicht wenigstens 24 Stunden alt war) zu verkaufen.*) Trotzdem stieg der Weizen 1801 auf iiösh.; sein Durchschnittspreis in den Jahren 1801—1818 betrug 84 sh., während in den Jahren 1854—1874 der Durchschnittspreis auf 52 sh. kam. Als aber der Frieden gesichert war, trat auch der Grundbesitz mit seinen alten Ansprüchen wieder hervor. In der Thronrede vom Februar 1816 (Ministerium Liverpool-Vansittart) wurde auf den blühenden Zustand von Handel und Industrie hingewiesen, über die Landwirthschaft wurde geschwiegen. Danach durfte man erwarten, dafs bald ein Nothschrei der Landwirthe zu hören sein würde. «Die Noth der Landwirthe, das ist die Geschichte vom Ueberflufs der Landwirthschaft», wie Mifs Martineau bei dieser Gelegenheit sich ausdrückte; ihr Weheklagen betrifft die Wohlfeilheit der Lebensmittel, ihre Thränen gelten dem Wohlstand der arbeitenden Classen. Die in England damals herrschende öffentliche Meinung war noch weit entfernt, freihändlerisch zu sein; aber an Massenpetitionen gegen die vorliegenden Korngesetz-Entwürfe fehlte es keineswegs, so wenig wie nach Promulgation des Gesetzes an tumultuarischen Bewegungen, zu deren Bewältigung die bewaffnete Macht aufgeboten werden mufste. Doch selbst die sich zum Freihandels-Princip bekennenden Politiker wagten noch nicht, völlig freien Getreidehandei zu verlangen. Zwar wurden die exorbitanten Forderungen der Land- Interessenten erheblich ermäfsigt, aber die streitigen Sätze bewegten sich in einer Region, wo es auf ein Mehr oder Weniger kaum ankam. Nach einer Reihe von Verhandlungen während der Jahre 1813, 14 und 15 kam ein Gesetz zu Stande, welches dem von 1670 sehr ähnlich sah. Demzufolge blieben Grofs- britanniens Häfen fremdem Getreide verschlossen, bis der Preis des Weizens die Höhe von 80 Schilling erreicht hatte. Damals *) Vergl. Ashworth, Cobden and the League, 1876, p. 6. rr. v - ■ >W ß ' - y 6 herrschte Ueberflufs, einige Jahre später bitterer Mangel und die Kornpreise des Kriegs- und Hungerjahres 1812 wurden 1817—18 wieder bezahlt.*) Dafs der Krieg und die Absperrung während mehrerer De- cennien den Preis der unentbehrlichen Nahrung in die Höhe geschraubt hatte, weit über die auf dem Continent bezahlten Preise hinaus, wurde als ein triftiger Grund dafür vorgebracht, diesen Zustand künstlich zu verlängern.**) Huskisson, der berühmte Handelspolitiker , führte noch die auf den Erzeugnissen der Industrie lastenden Schutzzölle und Prämien als ein Argument für Kornzölle an, während er doch umgekehrt die hohen Getreidepreise als eine ebenfalls auf die Industrie drückende Last, ja als die schwerste ihrer Lasten hätte begreifen sollen. Er hatte eine wandelnde Scala (sliding scale) der Kornzölle vorgeschlagen, eine künstliche Einrichtung, die wir später in Function sehen werden. Dem Argument, dafs die hohen Einfuhrzölle die Brodpreise stetig und gleichmäfsig machen, trat damals schon Mr. Baring (später Lord Ashburton) entgegen mit dem Nachweis, dafs stetige Preise nicht durch künstliche Beschränkungen herbeigeführt werden können. Der Getreidehandel ist das schwierigste und risquirteste aller Speculationsgeschäfte. Durch jede fiscalische Einmischung werden die Berechnungen noch erschwert und verdunkelt, die Speculation wird wilder und das Publikum mufs sie theurer entschädigen. In der That zeigten gerade die nächsten fünf Jahre die aufserordentlichstenPreisschwankungen. Monopol und Speculation, im Kampfe mit einander, wirkten doch zusammen, um die Zustände möglichst unsicher und unbehaglich zu machen. Auch nach dem Durchbringen dieses Gesetzes klagte das «Land-Interesse» noch immer über «beispiellose Noth» und verlangte jammernd neuen Schutz. Damals hiefs es bereits, «dafs die iibermäfsige Besteuerung es nothwendig macht, allen Erzeugnissen des eigenen Bodens Schutz zu gewähren gegen ähnliche *) Für diese und die nächstfolgende Darstellung verweise ich auf Harriet Martineau’s Geschichte Englands von 1816 bis 1846. **) Damals war, nach Ricardo (vgl. seine Abhandlung über den «Schutz der Landwirtschaft», 1821, Kap. VII) der Durchschnittspreis auf dem Kontinente ungefähr 40 Shilling. 7 Artikel, die von fremden Ländern, welche dieselben Lasten nicht zu tragen haben, erzeugt sind». Und darauf wurde die Forderung begründet, dafs fremdes Getreide auch nicht mehr zollfrei (in den Docks) solle aufgespeichert werden dürfen. Das hiefs, genau betrachtet, das Land bei erster Gelegenheit einer unabwendbaren Hungersnoth preisgeben! Die Classe, welche nach solchen Hülfsmitteln rief, war zum grofsen Theil in Ueppigkeit verwöhnt, mit den Untugenden und Ansprüchen einer aristokratischen Stellung behaftet, glaubte sich zum Herrschen und Geniefsen berufen und hielt es nicht einmal für Pflicht, den Grundbesitz mit allen Kräften der persönlichen Energie und der wissenschaftlichen Errungenschaften aufzubessern und zu verwerthen. Auch für die landwirtschaftlichen Nebenproducte wurden Prohibitivzölle erstrebt und teilweise erlangt. Während die britische Industrie nach Abschlufs des Weltfriedens sich anschickte, alle fremden Länder mit ihren Fabrikaten zu überschwemmen, machte die englische Zollgesetzgebung es dem Auslande unmöglich, Aequivalente dafür zu liefern. Das Ideal des Merkantilsystems, gegen baares Geld zu exportiren, war erreicht; welche Früchte es zeitigte, kam bald an den Tag. Nämlich die entgegengesetzte Wirkung trat ein, dafs England fremdes Getreide mit Baarmitteln erwerben mufste. Die ungeheure Handelskrisis von 1825, welche, wie jede Handelskrisis, ein Kind der Ueber- speculation, nach einigen Jahren teils wirklichen, teils eingebildeten Aufblühens aller Gewerbszweige mit unerhörter Vehemenz ausbrach, wies in ihren Grundzügen unmittelbar auf dieses Mifs- verhältnifs zurück. In den fremden Emporien waren die englischen Waaren wohlfeiler zu haben, als daheim an den Ursprungsstätten. Das darbende Volk sah mit Verzweiflung auf die in den grofsen Häfen unter Verschlufs aufgespeicherten Getreide-Vorräthe. Aufstände brachen hier und da aus. Das Ministerium verschaffte sich (im Mai 1826) die Zustimmung der beiden Häuser zu einer Zulassung des aufgestapelten Getreides bis zu 800 000 Quarter mit Durchbrechung des bestehenden Korngesetzes. Im Spätherbst desselben Jahres mufste das Ministerium auf seine eigene Verantwortung die Mafs- regel erweitern. Im Jahre 1828 ging, nach verschiedenen Anläufen, unter 8 dem Ministerium Wellington eine von der Regierung eingebrachte Korn-Bill durch, welche als eine Art von Compromifs zur Beruhigung der Gemüther dienen sollte. An die Stelle des absoluten Ausschlusses trat ein je nach den Durchschnittspreisen wechselnder Zoll, der den Weizen aut der Höhe von 64 sh. erhalten sollte. Mit diesem Gesetz (9. Gesetz IV. cap. 60) war das System der gleitenden Scala (sliding scale) inaugurirt. welches allerdings unter sehr verschiedenen Modificationen, schon in Frankreich (seit 1819 und 1821) bestand und bald darauf (1835) auch in Holland eingeführt wurde. Dem englischen Gesetz zufolge trat nun der Zoll an die Stelle des Einfuhrverbotes. Beim Preise von 66 sh. per Quarter betrug der Zoll 20 sh. 8 d\ der Zoll stieg um einen Schilling mit jedem Schilling, um welchem der Preis sank, und fiel, wenn der Kornpreis stieg, dies aber in einem stärkeren Verhältnifs; er betrug beispielsweise 18 sh. 8 d. beim Prfcis von 67 sh. und nur 1 sh. beim Preis von 73 sh. Trotzdem variirten die Preise in dem nächsten Jahrzehnt ärger als je;*) und zwar schon aus dem einfachen Grunde, weil nun die Importeure ein doppeltes Interesse hatten, die höchsten Preise abzuwarten. Die Scala wirkte, wie Roscher sagt, als eine förmliche Prämie für Abwartung der höchsten Preise. «Auch die Schifffahrt wurde dabei in den nachtheiligsten Wechsel von Ueberspannung und Abspannung versetzt.» (Roscher.) So trug diese letzte für zulässig erachtete Form der Kornzölle wesentlich dazu bei, das ganze Institut der allgemeinen Mifsbilligung preiszugeben. Handel und Schifffahrt litten darunter, die Ernährung des Volkes war, neben dem Wechsel der natürlichen Ursachen, dem Zufallsspiel einer wilden und ungeregelten Spekulation preisgegeben. Und auch das fiskaliche Interesse fand keine Befriedigung, denn selbstverständlich variirten die Zolleinnahmen fortwährend um Hunderte von Procenten. In den zunächst folgenden Jahren trat die Getreidezoll-Frage hinter der Wahlreform-Bewegung zurück. Nicht als ob ein innerer Zusammenhang zwischen diesen beiden Materien nicht bestanden hätte oder von den Politikern übersehen worden wäre! Seit dem Zollgesetz von 1815 begründeten radikale Schriftsteller, wie Henry *) Vergl. W. Roscher, Ueber Kornhandel und Theuerungspolitik. 3. Ausg. 1852, S. 150 und flgde. 9 Hunt und der populäre William Cobbett, den Ruf nach Parlamentsreform und allgemeinem Stimmrecht mit dem Hinweis auf die Classenherrschaft, welche sich in den Korngesetzen offenbarte. Der Aufstand in Manchester am 16. August 1819, in welchem die bewaffnete Yeomanry eine wehrlose Menge niederritt und zusammenhieb, bezog sich auf die beiden Punkte. Nach diesem sogenannten «Massacre von Peterloo» wurden Hunt und Genossen zu längeren Gefängnifsstrafen verurtheilt. Die Ungerechtigkeit der Korngesetze unterstützte die Reformbewegung ganz gewaltig, aber ohne die vorgängige Wahlreform wäre die Abschaffung der Korngesetze niemals möglich geworden. Erst 1835 meldete sich die «landwirthschaftliche Noth» wieder im Parlament und zwar ganz in dem Sinne, den wir schon früher diesem Ausdrucke beigelegt fanden, nicht als die Noth der Bedrückten und Ausgehungerten, sondern als die Noth der Bedrücker und Aushungerer, weil die Preise niedrig standen. Es liegt ja ganz in der Natur der Sache, dafs das Monopol sich durch die Verkehrung der Productionsbedingungen auch gegen seine Auserwählten wendet. Jedenfalls hatten die Pächter unter dem Schutzsystem mit Schwierigkeiten zu kämpfen, welche sich direct aus den unnatürlichen Preisverhältnissen ergaben. Dem ländlichen Arbeiter war das Leben vertheuert, wie dem städtischen. Der etwaige Vortheil des Systems konnte nur dem grofsen Grundbesitzer zufallen. Die Pächter aber in ihrer Verblendung fanden die Korngesetze noch zu mild und verlangten noch mehr «Schutz». Daneben waren ihre Beschwerden auch gegen die lokale Besteuerung, namentlich gegen die auf ihnen lastenden Kirchenzehnten und Armentaxen gerichtet, und selbst das Gesetz von 1819, welches die Goldwährung regelt, entging ihrem lang genährten Groll nicht, weil sie meinten, dafs es die Preise herabdrücke. Allerdings wurde die höhere Communallast des Grundbesitzes auch von manchem unparteiischen Politiker zur Rechtfertigung der Getreidezölle angeführt. Aber es waren doch eben wieder die Tories, welche das System der Kirchenzehnten in ihrem Standes-Inter- esse aufrechterhielten. — Auf Lord John Russell’s, des damaligen Staatsssecretärs des Innern, Antrag wurden die Beschwerden (1836) einem Untersuchungs - Committee überwiesen. Dieses Committee von 25 Mitgliedern kam deshalb zu keinem vereinbarten Resultate, weil die darin vorherrschende Majorität, welche aus so- 'Wß r - T' y IO genannten Freunden der Pächter bestand, das ihr ungünstige Facit der Zeugenaussagen nicht ziehen mochte. Als die Haupt- iibel stellten sich nämlich die durch die Korngesetze verursachten, jedenfalls durch sie beförderten und vermehrten Preisschwankungen heraus, welche den Pächter in fortwährender Unruhe und Unsicherheit erhielten. Gewifs ist, dafs sie bei schlechten Ernten sich bereicherten und in guten Jahren verarmten. Das Gesetz hatte also zweifellos seinen Vorgesetzten Zweck verfehlt. Und die Gesetzgebung hatte sich entweder mit der Noth der Pächter oder mit der Noth der anderen Classen zu beschäftigen. Die Jahre 1837 bis 1840 brachten ungewöhnlich schlechte Ernten und allmälig auch all’ das Elend über England, die Erneuten, Epidemien und Verbrechen, welche im Gefolge einer Hungers- noth aufzutreten pflegen. Der Chartismus, die Socialdemokratie jener Zeit, erhob drohend sein Haupt. Wenn man Englands geographische Lage, die Ausdehnung seiner Schifffahrt, die Anzahl seiner Colonien in allen Welttheilen, die Unermefslichkeit seines Reichthums erwägt, so kommt man zu der Ueberzeugung, dafs auch schon vor 40 Jahren die Folgen einer und selbst mehrerer Mifsernten durch eine energische Anspannung seiner Handelsmarine auszugleichen waren, wenn nicht seine Korngesetze das Land gegen die Natur seines Genius, aber im vermeintlichen Interesse einer bevorzugten Classe, zu einem geschlossenen Agrikulturstaat zu gestalten bestimmt gewesen wären. Selbst die Whigs standen noch so sehr unter dem Bann dieser Tradition, dafs Lord Melbourne damals im Oberhause erklärte, der Gedanke der Aufhebung der Korngesetze erscheine ihm als das Tollste, das man hören könne. In der ersten Plälfte der dreifsiger Jahre hatte der Weizen durchschnittlich ungefähr 35 sh. gekostet; 1837 stieg er gegen das Ende des Jahres auf 53 und von da im folgenden Jahre bis 77 sh. Trotz aller innerhalb des Korngesetzes zulässigen Anstrengungen brachten die nächsten Jahre nur geringe Preisfluctuationen. Während die überwiegende Mehrzahl der officiellen Politiker, selbst der damals am Ruder befindlichen Whig-Partei, den Zusammenhang zwischen den Korngesetzen und der Hungersnoth nicht einsah oder nicht eingestand, traten gegen Ende des Jahres 1838 einige noch wenig bekannte Männer in Manchester zusammen, um einen Verein gegen die Korngesetze (die Anti-cornlaw- 11 League) zu gründen. Dies war der bescheidene Anfang einer Bewegung, welche in kurzer Zeit die industrielle Welt umgestaltete und die arbeitenden Classen mit Wohlthaten überhäufte, — einer Bewegung, in welcher mit seltenem Glück und Geschick der gesunde Menschenverstand, ganz auf seine eigenen Waffen angewiesen, über Tradition, Vorurtheil und positive Macht triumphirte. Unter den acht Gründern der Ligue war nicht Einer von denen, welche später als Leiter und Hauptredner die Angelegenheit in die Hand nahmen, weder Richard Cobden, noch Pelham Villiers, weder Wilton, noch Milner Gibon, weder W. J. Fox, noch John Bright, weder Colonel Peronett Thompson, noch George Thompson. Doch zögerten diese Männer nicht, sich in allernächster Zeit dem Vereine an- zuschliefsen, der trotzdem erst nach fünf Jahren (1843) und nachdem er sich in den nördlichen Fabrikdistricterf organisirt und befestigt hatte, seine regelmäfsige, öffentliche Thätigkeit in London begann. Allerdings fanden sich schon im Beginn des Jahres 1839 eine Menge Delegirter aus Manchester, Birmingham, Glasgow und anderen Fabrikstädten in London ein, um die parlamentarische Action in Betreff der Korngesetze anzuregen und zu überwachen.*) Zu ihrer Ueberraschung hatte die Thronrede diesen Punkt gar nicht berührt. Darum kündigte Villiers (am 7. Februar) eine Motion an, dafs über die Wirkungen der Korngesetze Sachverständige vernommen werden möchten. In herber Form wies Lord John Russell diesen Antrag zurück, obgleich er selbst erst vor Kurzem seinen Wählern bekannt hatte, dafs die Korngesetze nicht lange mehr zu halten sein würden. Einige Mitglieder der Regierung stimmten übrigens (am 18. Febr.) mit Villiers für eine Untersuchung. Die Motion blieb mit 172 gegen 361 Stimmen in der Minderheit. Im Oberhaus kam sie, obgleich von Lord Brougham lebhaft befürwortet, gar nicht einmal zur Abstimmung. Lord John Russell hatte aber ein neues Korngesetz versprochen und auch für die Session von 1841 vorbereitet. Sein Vorschlag bestand darin, einen festen Zoll von 8 sh pro Quarter auf Weizen, von 5 sh. auf Roggen, von 4 1 /* sh. auf Gerste und von 3V3 sh. auf Hafer zu legen. Allein das Whig-Ministerium, das mit kurzer Unterbrechung bald zehn Jahre lang regiert hatte, war abgewirtschaftet; es kämpfte vergebens gegen ein Deficit von nahebei ') Martineau 1. c., Buch V., Cap. 9 . 12 zwei Millionen £, seine Steuerpläne begegneten allgemeinem Widerspruch, und am 4. Juni d. J. erlag es einem von Sir Robert Peel ein- gebrachten Mifstrauensvotum, welches mit einer Stimme Majorität (mit 312 gegen 311 Stimmen) angenommen ward. Das Parlament wurde aufgelöst und in den allgemeinen Wahlen siegten die Tories. Peel bildete das neue Ministerium, allerdings ein Mann, der schon in entscheidenden Momenten thatsächliche Bürgschaft dafür geleistet hatte, dafs seine Einsicht, wie seine Vaterlandsliebe ihn weit über die engen Schranken der Partei-Dogmen hinaushoben, und dafs er jeden Augenblick bereit war, das Standesinteresse der Tory-Partei dem Interesse des Landes zu opfern. Mit Spannung erwartete ganz England den Finanzplan des neuen Cabinets; doch wurden die Erwartungen getäuscht, indem Peel zunächst nur eine Anleihe (von 2 1 / 2 Millionen) zur Deckung des Deficits ankündigte und sich sein Programm für die nächste Session vorbehielt. Indessen steigerten sich die erschütternden Berichte über den Nothstand in den Fabrikdistricten. Die Folgen der schlechten Ernten wurden Verstärkt durch die kurzsichtige Zoll- und Handelspolitik, und diese wurde befestigt durch ein schon seit 1837 bestehendes Zerwürfnifs mit den amerikanischen Vereinsstaaten, mit denen man sich sonst wohl über einen beiderseits förderlichen Handelsvertrag geeinigt hätte. Das Land brauchte jährlich für drei Millionen £ fremdes Getreide, welche grofsentheils baar bezahlt werden mufsten. Das neue Cabinet hatte ein Deficit vorgefunden und nur geminderte Einnahmen zu erwarten. Die arbeitenden Classen hatten bei geringeren Arbeitslöhnen höhere Brodpreise zu entrichten. Die Maschinen standen still, die Armenlast wuchs entsetzlich; eine ministerielle Untersuchungs - Commission vom Herbst 1841 veröffentlichte herzzerreifsende Thatsachen über das Massen-Elend.*) Ein Nothstand von solcher Höhe arbeitete selbstverständlich dem Radicalismus in die Hände. Bei allen Versammlungen, welche Tendenz sie auch vertreten mochten, fanden sich die Chartisten störend ein, — .mit derselben Taktik, welche die Socialdemokraten unserer Tage befolgen. Gleich diesen, sahen auch *) Vergl. Reinhold Pauli, Geschichte Englands etc. 1875, T. III, S. 10 und flgde. Und Martineau 1 . c., Buch IV, Cap. 3. 13 Jene in dem gemäfsigten Liberalismus ihren gefährlichsten Gegner; sie behelligten vor Allem die Korngesetzvereinigungen und waren auch schon bei den Wahlen eher mit den schutzzöll- nerischen Tories, als mit diesen gegangen.*) Nicht minder wurden die Männer der Antikorngesetz-Ligue von den Konservativen gehafst, gehafst und verfolgt, verfolgt und verdächtigt. Der Fanatismus der Parteiungen ging weiter, als sonst wohl in diesem politisch geschulten Lande, — weil es sich eben unmittelbar um pecuniäre Interessen handelte. Das Attentat eines Wahnsinnigen, dem R. Peel’s Privatsecretär zum Opfer fiel, diente dazu, die Cobden und Genossen selbst der Mitschuld mit Meuchelmördern zu zeihen. Uebertreibung war es allerdings auf beiden Seiten, wenn Peel und Cobden einander gegenseitig für die Noth des Landes die «persönliche Verantwortlichkeit» zuschoben. Richard Cobden war unterdessen das unbestrittene Haupt der Ligue geworden und Stockport hatte ihn ins Parlament geschickt. Die Ligue war mächtig gewachsen, an Mitgliederzahl, an Einflufs, an Geld und anderen Machtmitteln; sie hatte ihr eigenes Organ in der Presse und eine gesicherte Vertretung in vielen grofsen Zeitungen. Sie war wunderbar organisirt und gewann Anhänger in allen Parteien, denn ihre Stimmführer hatten von Anfang an sorglich darauf gehalten, sich mit keiner einzelnen politischen Partei zu indentifiziren. Wenn eine grofse Sache reif ist, so gelingt ihren überzeugten Anhängern jede Mafsregel. Vergebens versuchten damals die Gegner ähnliche Organisationen ins Leben zu rufen; sie scheiterten kläglich. Auch das religiöse Gefühl warb der League eifrige, ja begeisterte Genossen, natürlich nur in der sogenannten «niederen Kirche» und unter den freien Secten, denn die anglikanische Hochkirche war mit dem Toryismus enge verwachsen und schon um des Kirchenzehnten willen für hohe Kornpreise eingenommen. — Die Sitzungen der League wuchsen zn Volksversammlungen an und die Reden ihrer Führer verbreiteten eine Fülle volkswirthschaftlicher Kenntnisse, deren Besitz noch heute manchem kontinentalen Staatsmann wohl zu Statten käme. Greifen wir z. B. auf gut Glück heraus, was einer ihrer Redner über den gemäfsigten whigistischen Vorschlag einer niedrigen fixen Getreidesteuer sagte. Das klingt zum Theil, als ob es durch *) S. Hy Ashworth, 1. c. S. Iio und folgende. V 14 die Irrungen der neuesten Gegenwart veranlafst wäre, und doch hat es Mr. James Wilson am 30. März 1843 Theatersaal von Drury-Lane zu London gesprochen.: «In letzter Zeit hat das System des festen Zolls viele Ver- theidiger gefunden. Das Schutzzollsystem ist von ihnen aufgegeben und sie empfehlen ihren Zoll nur noch als Finanzzoll. Aber auch dagegen erhebt die Ligue einen entscheidenden Einwand, nämlich den, dafs ein solcher Zoll den Grundsätzen zuwiderläuft, nach welchen die Staats-Einnahmen erhoben werden dürfen. Der erste dieser Grundsätze ist, dafs die gröfstmögliche Summe von Einnahmen mit der möglichst geringen Belastung der Bevölkerung durch die Steuern beschafft werden soll. Aber in diesen beiden Beziehungen verfehlt der fixe Zoll den Zweck, denn er kann nicht Einnahmen beschaffen, ohne als Schutzzoll zu wirken, indem er den Preis des Getreides um seinen ganzen Betrag erhöht. In den Zeiten, wo er wirksam wäre, würde er Einnahmen abwerfen, aber auch das Getreide vertheuern. In den Zeiten, wo er den Getreidepreis nicht beeinflufst, wirft er auch für den Schatzkanzler (Finanzminister) Nichts ab. — Man hat gesagt, der Zoll würde von den Fremden getragen und nicht von den Bewohnern dieses Landes! Ja, dann frage ich, warum fixirt Ihr ihn auf 8sh., warum nehmt Ihr den Fremden nicht 10, 15 oder 20 sh. ab? Es ist unlogisch, darauf zu antworten: über 8 sh. hinaus beschränkt der Zoll die Einfuhr; zu 20 sh. würde er einem Einfuhrverbot gleich kommen. Ergiebt sich daraus nicht Folgendes: 8 sh. gestatten der Einfuhr mehr Raum, als 10 sh.? Und habe ich dann nicht das Recht, zu sagen: mit einem Zoll von 5 sh. wäre die Einfuhr noch gröfser, noch viel gröfser mit einem 2 sh.-Zoll und am gröfsten bei absoluter Freiheit? Ich würde wohl begreifen, dafs man den fixen Zoll als Schutzzoll vertheidigt, aber ich gebe nicht zu, dafs man ihn als Quelle des öffentlichen Einkommens empfiehlt. Ein fester Zoll kann zuweilen dem Fiskus Geld abwerfen, aber das kann ein wechselnder Zoll (sliding scale) auch. Die Frage ist aber, ob das eine gerechte Art der Steuererhebung ist. Die Anhänger des festen Zolls geben selbst zu, dafs man bei einem Preis von 70 sh. den Zoll aufheben mufs. Damit ist aber eingestanden, dafs der feste Zoll auch alle Nachtheile der beweglichen Scala in sich schliefst, dafs er uns alle Schwierigkeiten der zu ermittelnden i5 Durchschnittspreise und alle Nachtheile des gegenwärtigen Systems bringen würde» —• — «Das Getreide, dieses erste Lebensmittel, ist der letzte Gegenstand, der besteuert werden sollte. Es ist einer der wichtigsten volkswirthschaftlichen Grundsätze, dafs die Rohstoffe nicht besteuert werden dürfen. Darum hat unsere Handelsgesetzgebung die Zölle von allen Rohstoffen herabgesetzt. In einer unserer letzten Sitzungen hat Mr. Ewart nachgewiesen, dafs Korn ein Rohstoff ist, und mit Recht. Aber noch mehr, es ist der erste und wesentlichste Rohstoff der ganzen Industrie. Nehmen Sie z. B. einen unserer Exportartikel, etwa Stahlwaaren, von dem Moment an, wo das Erz der Erde entnommen wurde, bis zur Vollendung der Stahlwaare. Die Summe menschlicher Arbeit, welche in dem Product steckt, ist wahrhaft enorm. Nun, diese Arbeit repräsentirt Lebensmittel; die Lebensmittel sind also ein Rohstoff der Industrie. Die ackerbauende Classe ist in dieser Beziehung blind, wie sie auch nicht sieht, von welchem Interesse der Handel und die Industrie des Landes für sie sind, obgleich die Thatsachen des vorigen Jahres deutlich genug sprechen. Im Jahre 1842 haben unsere Ausfuhren um 4 1 j? Millionen £ abgenommen. Dies ist der wahre Grund des Elends in unseren Ackerbau Districten; denn für wie viel zählen wohl die Naturalproducte in dieser Summe? Das Eisen, die Seide, Wolle, Baumwolle können nicht höher, als auf 1 J / 2 Millionen £ geschätzt werden; der Rest von 3 Millionen mufs auf die menschliche Arbeit gerechnet werden und die Arbeit repräsentirt, wie gesagt, Nahrungsmittel oder Acherbau-Producte, so dafs von einem Deficit von 4 1 /- Millionen die Landwirthschaft 1 / 3 trägt.» «Man hat viel von der Abhängigkeit gesprochen, in welche die Einfuhren uns zu den fremden Ländern versetzen würden. Aber das englische Volk ist das letzte, welches sich eines solchen Argumentes bedienen dürfte; denn selbst gegenwärtig giebt es nicht viele Gegenstände, die wir nicht von Aufsen beziehen, und der auswärtige Handel ist sicherlich die Grundlage unseres Wohlstandes und unserer Gröfse. Ich freue mich darüber, dafs Lord Wharncliffe, der Präsident des Ministerraths, endlich dieses unhaltbare Terrain aufgiebt und anerkennt, dafs der Schutzzoll nicht mehr durch die falschen Ansichten über nationale Unabhängigkeit gerechtfertigt werden kann. Aber der edle Lord stützt sich jetzt darauf, dafs die Landwirthschaft seit 25 Jahren Fortschritte ge- macht habe, um zu dem Schlüsse zu gelangen, dafs der Schutz überhaupt zum Gedeihen der nationalen Industrie unentbehrlich sei. Aber in Wirklichkeit hat seit 25 Jahren kein Zweig der nationalen Thätigkeit so geringe Fortschritte gemacht, wie die Landwirtschaft. Wer hat denn jemals von landwirtschaftlichen Meliorationen gehört, aufser seit der jüngsten Epoche, wo der Schutzzoll in Frage gestellt ist? Man kann nun erkennen, dafs die freie Concurrenz bewirkt hat, was der Schutz nicht vermochte, und dafs die Ligue dem Ackerbau nützlicher war, als der Zoll. Die Beweisführung, welche sich auf die Notwendigkeit des Schutzes der nationalen Arbeit stützt, beruht auch auf einer Täuschung. Ich kann keinen Unterschied sehen zwischen dem Getreide, das aus Amerika kommt, und dem, was der Grafschaft Kent entsprossen, um es gegen britische Fabrikate einzutauschen. » — — Nach dieser Abschweifung kehren wir zur parlamentarischen Geschichte der Kornzölle zurück. Am 9. Februar 1842 sollte Peel seinen Plan darlegen. Eine ungeheure Erregung hatte das Publikum ergriffen; alle Zugänge zum Unterhaus waren dicht besetzt. In der Menge unterschied man 600 Delegirte der Korn- gesetz-League, welche in geschlossener Reihe den eintretenden Abgeordneten ihren Willen zuriefen. 994 zahlreich unterschriebene Petitionen waren ihnen vorangegangen. Der leitende Minister begann seine Rede mit einer Auseinandersetzung der Ursachen des schwindenden Nationalwohlstandes, als welche er die Ueber- speculation im Lande, das verschärfte Zollsystem der Vereinigten Staaten, die Unterbrechung des chinesischen Handels und die Unsicherheit des europäischen Friedens bezeichnete. Den Kornzoll wollte er nicht als Ursache des Elends gelten lassen; er behauptete, der Gefreideconsum per Kopf sei in England höher, als in Preufsen, und der Zuckerverbrauch in England auf den Kopf gröfser, als in Frankreich; die Arbeitslöhne seien auf dem Continent niedriger, als in England. Eine gänzliche Aufhebung des Korngesetzes würde das Elend der Ackerbau-Districte dem der Pabrikdistricte hinzufügen, ohne das letztere zu lindern. Auch müsse man sich vom Auslande unabhängig zu erhalten suchen; absolute Unabhängigkeit sei zwar unmöglich, dem Mangel daheim müsse Zufuhr begegnen können. Unter diesen Voraussetzungen sei immerhin die «gleitende Scala» dem festen Zoll vorzuziehen, denn dieser lasse sich in Nothjahren 17 nicht behaupten und erfülle überhaupt nicht den gewünschten Zweck. Sein Vorschlag gehe also dahin, den Weizenpreis zwischen 54 und 58 sh. sich bewegen zu lassen; darum wolle er den beweglichen Zoll, der sich zur Zeit auf höchstens 36Y3 sh. stellte, auf 20 sh. reduciren, so dafs der Zoll um einen Schilling abnehme, wenn der Preis um diesen Betrag zunehme, und bei dem Preis von 73 und darüber überhaupt nur noch 1 sh. betragen solle. Für die anderen Körnerfrüchte sollten entsprechende Mafs- regeln vorgeschlagen werden. — Man sieht, dafs es sich bei den Schutzzöllnern in dieser Materie stets, wie bei den Socialisten, um eine künstliche Preisbestimmung durch den Staat, gleichsam um ein Preis-Maximum, wie in der ersten französischen Revolution, handelt. Das ist gerade das Wesen der gleitenden Scala, dafs sie willkürlich einen beliebigen Ausgangspunkt für die Preisbestimmungen annimmt. Peel war kein Feind der Handelsfreiheit; nur für Getreide und Zucker wollte er sie nicht gelten lassen, — beides aus politischen Gründen, die mit der Volkswirthschaftslehre unmittelbar Nichts zu thun hatten. Das verführte ihn zu den Inconsequenzen seiner Beweisführung und seiner Handlungsweise. Von den Whigs wurde der feste Zoll, von einem Hoch-Tory eine höhere Zoll-Scala, von den Leaguisten die Zollfreiheit beantragt. Der Redner der Whigs (Russell) sprach diesmal ganz freihändlerisch und bekämpfte namentlich den von dem Oekonomisten Malthus verbreiteten Irrthum, dafs ein Land in Bezug auf die ersten Nahrungsmittel sich vom Auslande unabhängig halten müsse. Korn sei als Handelsgegenstand keine andere Waare, als z. B. Baumwolle, und wie könne man etwa England für diesen so überaus wichtigen Artikel von der Fremde emancipiren?! Noch schärfer, als Russell, sprach sich Palmerston gegen das «Prohibitivsystem» der Regierung aus, und auch der berühmte Macaulay erklärte sich als einen Feind der Korngesetze, deren allmälige Abschaffung er wünsche. Cobden, der bereits im August vorigen Jahres über denselben Gegenstand gegen Peel seine Jungfernrede gehalten und dabei von der Majorität auf das Schnödeste unterbrochen und verhöhnt worden war, wurde auch diesmal nicht ruhig angehört, als er das Cabinet für ein blofses Werkzeug der Grund-Aristokratie erklärte. Er widerlegte und verhöhnte ferner den Trugschlufs der Tories, dafs hohe Getreide preise hohe Löhne zur Folge haben müssen 2 i8 und dadurch eine Wohlthat für das Land werden. Kein Arbeiter in Nordengland sei so unwissend, wie diese Staatsmänner, welche dem Verkehr die Preise dictiren wollten, wie zu den Zeiten der Eduarde. Warum denn der Minister nicht dasselbe für die Baumwolle und Wolle versuche?! Nach mehrtägigen Debatten siegte das Ministerium in beiden Häusern. Peel’s Vorschlag wurde Gesetz. Dafs damit die Ent Wickelung der Angelegenheit zu keinem eigentlichen Ruhepunkt gediehen war, wurde bereits von den verschiedenen Parteien empfunden; es war ein Nothbehelf in einer Krisis. Im englischen Handelsamt (Board of trade) selbst safsen ansehnliche Gegner der Korngesetze, z. B. der erfahrene langjährige Secretair desselben, James Deacon Hume, welcher schon im Jahre 1839 vor einer parlamentarischen Untersuchungs-Commission erklärt hatte, die Kornzölle zögen dem Volke jährlich mehr Geld aus den Taschen, als das ganze Jahres-Budget Grofsbritanniens betrage. Am 8. December 1842 fafste der Gemeinderath der Stadt London die Resolution: «Dafs die fortwährende und zunehmende Bedrückung der Fabrik-, Handels- und Ackerbau-Interessen und das weit verbreitete Elend der arbeitenden Classen höchst beunruhigend sind; die Industrie ohne Absatz, die Handelsmarine ohne Fracht, das Capital müfsig, der Handel ohne Gewinn und die Pächter gegen ein System zu hoher Pachten ankämpfend; Getreidegesetze, welche die Zufuhr der Lebensmittel beschränken und ein dahinsiechendes Volk mit einem lebhaften Gefühl von der Ungerechtigkeit der Landesgesetze erfüllen. Darum verlangt diese Behörde dringend und angelegentlich von dem ersten Mi- -nister der Krone, dafs er seine zu Gunsten des Freihandels abgegebenen Erklärungen bewahrheite und so bald als möglich Mafsregeln einbringe, welche dem Volke die unbeschränkte Zufuhr von Nahrungsmitteln sichern und Arbeit verschaffen, um ein Elend zu mindern, welches die Sicherheit unserer socialen und politischen Einrichtungen bedroht.» Eine solche Sprache, geführt von der ersten und mächtigsten Municipal-Corporation des Landes, konnte nicht überhört werden. Uebrigens bot die Ausführung des Peel’schen Gesetzes, auch abgesehen von dem Princip desselben, noch Schwierigkeiten genug. Dazu gehörte vor allen Dingen die gerechte Ermittelung der Durchschnittspreise. Die bisher hierzu angewandte Methode ( 19 war bereits veraltet; jede ansehnliche Stadt, die einen Kornmarkt hatte, sollte künftig herangezogen werden. Es hatte sich bei allen hier einschlägigen Berechnungen viel Betrug eingeschlichen, zumal es ja den Kornhändlern Vortheil brachte, die Preise möglichst emporzuschrauben. Die Parteien blieben bewaffnet gegen einander stehen, die alten Parteien in den alten Positionen; nur die League machte, wie die parlamentarischen Abstimmungen erwiesen, von Jahr zu Jahr sichere Fortschritte. Das Jahr 1842 brachte in England eine reiche und auf dem Continent gute Ernten. Die Kornfrage zeigte sich damals von einer neuen Seite, nämlich im Zusammenhang mit dem britischen Colonialsystem. Die Landesvertretung von Canada petitionirte um die freie Zulassung ihres Getreides in Grofsbritannien. Die Regierung zeigte sich nicht abgeneigt, fürchtete jedoch, falls nicht Canada einen Eingangszoll auf Getreide und Mehl aus den Vereinsstaaten legte, das Mutterland über Canada mit amerikanischen Lebensmitteln «überschwemmt? zu sehen. Die Canadier gingen darauf ein und bequemten sich zu einem Zoll von 3 sh. per Quarter an ihrer amerikanischen Grenze.*) Das «Land-Interesse» schlug Lärm, aber auch im Oberhaus gewann das Colonial-Amt die Majorität für eine Mafsregel, welche in der That in das alte System Bresche legte. Ein interessantes Manöver wurde seit dem Jahre 1844 von der League ausgeführt. Ihre Stimmen im Unterhause nahmen, wie schon erwähnt, mit jeder Session zu, und sie konnte darauf rechnen, sich bei den nächsten allgemeinen Wahlen noch ganz anders zu verstärken. Die Stärke ihrer Gegner lag in den Grafschaftswahlen, und bei diesen wurde das Land-Interesse noch gestützt durch die sogenannte Chandos-Clausei der Reform-Akte, welche die nach Willkür entlassbaren Pächter (tenants-at will) unter leichten Bedingungen mit dem Wahlrecht ausstattete und es also den grofsen Landeigenthiimern ganz bequem machte, auf kurze Zeit Wähler zu schaffen. Dem gegenüber warfen sich die Männer der League auf ein genaues Studium der städtischen Wahllisten und fanden ihr Heil in der sogenannten «Fourty-shil- ling-freehold-clause». Sie verschafften den Arbeitern und kleinen *) Aufserdem erhob noch die englische Douane 1 sh. Zoll vom Canadischen Getreide-Import. 2 20 Handwerkern zu freiem Eigenthum bescheidene Häuschen, welche ihnen nach dieser Clausel Wahlrecht gewährten, zu den billigsten Preisen, wie sie etwa von Sparkassen-Einlagen zu bestreiten waren. Somit war die Chandos-Clausel auf gesetzlichem Wege reichlich übertrumpft, und zwar wurden die Arbeiter dadurch auf eine Bahn gewiesen, die sie später zu ihrem Heile selbstständig weiter verfolgten. Die um die Mitte der vierziger Jahre in Irland wüthende Hungersnoth trug erheblich zur Widerlegung der schutzzöllne- rischen Ansichten bei. Von Huskisson bis Peel hat das System der Handelsfreiheit fast ununterbrochen gewaltige Fortschritte gemacht. Peel ging nun auf dieser Bahn systematisch vorwärts. Handel und Gewerbe blühten auf; auch die Staats - Finanzen besserten sich, besonders durch die von Peel wieder eingeführte Einkommensteuer, welche seit dem Frieden von 1815 abgeschafft worden war. Dazu kam der Aufschwung durch die Eisenbahnen. Jetzt fielen die letzten Ausfuhrzölle, darunter der auf Kohlen, welcher zuletzt nur dazu gedient hatte, die Kohlenpreise im Inlande zu fälschen. Die Einfuhr der Rohstoffe wurde fast ganz freigegeben und aus dem Zolltarif wurden 4—500 unbedeutendere Gegenstände gestrichen. Auch der Zuckerzoll wurde weiter herabgesetzt; die Differenz zwischen fremdem und Colonialzucker blieb freilich noch bestehen und wurde mit der Nothwendigkeit vertheidigt, die freie Arbeit gegen die Concurrenz der Sclaven- arbeit zu beschützen. Peel hatte längst das Vertrauen der Parteigänger des «Land-Interesses» verloren und stützte sich bei den wichtigsten Abstimmungen auf Diejenigen, welche früher seine Gegner gewesen. Wenn es sich aber gar um irgend ein landwirtschaftliches Interesse, z. B. die Zulassung holländischer Butter oder amerikanischen Specks handelte, da gerieth das alte Tory- Blut in Wallung und die edlen Grundherren schrieen laut auf über das angebliche Unrecht, welches — ihren Pächtern geschehen sollte! Schon hatte es der Führer der Whig-Partei, bei Gelegenheit der Adresse von 1845, ausgesprochen, dafs der Schutzzoll das Verderben der Landwirthschaft sei. Da stellte^Cobden (am 13. März 1845) den Antrag auf Einsetzung eines Comites, welches die Ursachen und den Umfang des landwirtschaftlichen Notstandes und die Wirkungen der Schutzzölle auf die Lage der Grundherren, Pächter und ländlichen Arbeiter untersuchen solle. Er 21 versprach den Gegnern, sie sollten selber die Mehrheit in diesem Untersuchungs-Ausschusse bilden dürfen. Er warnte den englischen Adel, dafs er durch Widerstand gegen den Geist der Zeit und die Bedürfnisse der Gegenwart seine Stellung in der Nation verwirken werde. Cobden’s Antrag fiel, weil sich auch die Regierung dagegen erklärte. Auch die Villier’schen Motive für Aufhebung der Kornzölle hatten in diesem Jahre kein besseres Schicksal, als in den vorhergehenden. Doch ward der Widerstand auf allen Seiten schwächer und Cobden konnte in einem Meeting ausrufen: «Drei Wochen Regenwetter, wenn der Weizen blüht oder reift, und die Korngesetze sind weggeschwemmt!» Die böse Zeit trat bereits im folgenden Jahre ein: Ueberall Regengüsse und Ueberschwemmungen, das Getreide verfaulte auf dem Felde. Die Kartoffelkrankheit brach aus und wiithete besonders im Norden England’s, etwas später, aber mit furchtbarer Vehemenz in ganz Irland. Der Weizen stieg um fast ein Drittel seines bisherigen Preises; das Geld wurde knapp, es reservirte sich für die Getreide-Speculation und zog sich von den andern Geschäften zurück. Aber die gleitende Scala wollte nicht mehr gleiten, und der bewegliche Zoll bewirkte die beabsichtigte Ausgleichung in keiner Weise. Der alte Erfahrungssatz, der in England schon vor Adam Smith (von Gregory King) constatirt worden war, dafs die Getreidepreise nicht im Verhältnifs zum wirklichen Vorrath variiren, sondern multiplicirt je nach den Vorstellungen des Publikums darüber, und dafs namentlich bei einem Ausfall die Preise in geometrischer Progression zur arithmetrischen Ziffer der Abnahme steigen, — dieser Satz bewährte seine furchtbare Wahrheit unter den stümperhaften und charlatanischen Einwirkungen der Gesetzgebung; er verliert einen Theil seiner Geltung erst durch die Entfesselung des Getreidehandels, aber auch das nicht in gegebenen Augenblicken, sondern wenn der Getreidehandel sich seit langer Zeit eingelebt und mit allen Conjuncturen vertraut gemacht hat. Je niedriger die Culturstufe eines Landes, desto ärger sind gewöhnlich die Preisschwankungen des Getreides. Noch versuchte die torystische «Central-Gesellschaft der Ackerbau-Interessen» optimistische Ansichten zu verbreiten, denNothstand abzuleugnen; Niemand hörte mehr darauf. Cobden donnerte in zahlreichen Meetings gegen die Unmenschlichkeit der Regierung, welche in ihrem hartnäckigen Festhalten an dem mörderischen 22 Kornzoll hinter allen europäischen Regierungen, hinter dem Sultan und dem Czaren zurückstehe. Lord John Russell ging in einem offenen Briefe mit klingendem Spiel zur League über; seine Partei folgte ihm. Die «Times», das Organ der City und zugleich das leitende Blatt des ganzen Landes, bekannt dafür, dafs es die Zeichen der Zeit versteht und seine Kraft nicht an aufgegebene Interessen verschwendet, erklärte sich nun auch rückhaltlos für die Aufhebung der Kornzölle. Durch das Cabinet ging die Spaltung: Lord Ripon und selbst Wellington, dieser als treuer Diener der Krone und besonders auch durch das himmelschreiende Elend Irlands umgestimmt, waren mit Sir Robert Peel zu dem entscheidenden Schritte bereit; in Widerspruch verharrten Lord Stanley (der spätere Earl of Derby) und der Herzog von Buccleugh. Nach einem mifs- lungenen Versuche, ein Whig-Ministerium mit der grofsen Aufgabe zu betrauen, übernahm Peel ritterlich wieder die schwere Mission und zog auch den gröfseren Theil seiner bisherigen Col- legen, darunter Wellington, Buccleugh, Sir James Graham nach sich; an Stanley’s Stelle trat der kürzlich zurückgetretene Glad- stone wieder ein und übernahm auch das Colonial-Amt, dessen Stanley gewaltet hatte. Am 27. Januar 1846 entwickelte Sir Robert Peel im Unterhause sein neues Finanzprogramm, das vorzugsweise, aber nicht ausschliefslich, die Getreidezölle betraf. Es war im Ganzen der Ausbau des bisher angebahnten Systems der Handelsfreiheit und muthete auch der Industrie in dieser Hinsicht manches zu, was diese aber, in Anbetracht des Gesammtzweckes und im Zusammenhang damit, gar nicht als Opfer empfand. Nur war es eine arge Enttäuschung für die Liga, dafs, unter allerdings sehr bedeutenden Reductionen, die Aufhebung der Kornzölle bis zum 1. Februar 1849 verschoben blieb. Eine Modification des Armengesetzes zum Zweck der theilweisen Entlastung des Grundbesitzes, sowie andere Reformen in Bezug auf die locale Selbstverwaltung, welche dem Stand der Landwirthe zu Gute kommen sollten, waren in Aussicht genommen. Das ganze Interesse drehte sich aber ausschliefslich um die Kornzölle. Alle landwirthschaftlichen Producte, die vorzugsweise zum Viehfutter dienen, wie Mais und Buchweizen, daneben auch Kartoffeln, viele animalische und andere Nahrungsmittel sollten alsbald zollfrei eingehen. Alles Co- 23 lonialgetreide sollte nur einen nominellen Zoll tragen; hierdurch wurde das australische Getreide dem canadischen gleichgestellt. Alles andere ausländische Getreide sollte noch drei Jahre damit warten müssen. Bis dahin ein Zoll von io sh., wenn der Weizen unter 48 sh. kostet; die Steigerung des Preises sollte am Zoll abgezogen werden, bis zum Zoll von 4 sh. auf den Preis von 58 sh.*) In der That hat sich der Durchschnittspreis von 54 sh. noch Jahrzehnte lang nach Aufhebung der Kornzölle bewährt. Vom 1. Februar 1849 an sollte der feste Zoll von 1 sh. per Quarter auf Weizen, Hafer, Gerste, Erbsen u. s. w. die ausländischen wie die colonialen Erzeugnisse treffen. Am 9. Februar 1846 begann eine zwölftägige Debatte, die an Ausführlichkeit, Beredtsamkeit, Heftigkeit wohl in keiner Parlamentsgeschichte ihres Gleichen findet. Die alten Tories, stark durch jugendliche Redner vertreten, verfochten ihren Standpunkt mit den bittersten persönlichen Angriffen und wichen auch in der Specialdebatte nur Schritt für Schritt. Sie wehrten sich mit allen Mitteln der Leidenschaft und der parlamentarischen Routine. Es kam ihnen nicht darauf an, selbst die Noth in Irland abzustreiten, oder Coalitionen mit den Irländern (über andere Gesetzentwürfe) in Aussicht zu stellen. Eine theils widerwärtige, theils possierliche Rolle spielte Disraeli, der erst vor Kurzem zu den Tories übergegangen war und seinen Renegaten-Eifer durch die boshaftesten Anzapfungen des ihm früher befreundeten Sir Robert Peel zu bethätigen suchte. D en Meinungswechsel des Staatsmannes, dem eben erst als dem einzigen Manne der Situation die Zügel der Regierung in die Hand gedrängt worden waren, zum Gegenstände des Gespöttes zu machen, war um so geschmackloser, als Peel nicht entfernt daran dachte, den Eindruck desselben abzuschwächen oder widerwillige Anhänger durch Ueberredung festzuhalten. Wie 1819 bei der Währungsfrage, wie 1829 bei der Katholiken-Emancipation, so erklärte er auch diesmal offen den Bruch mit der Partei aus der Tiefe seiner Ueberzeugungen, deren Ernst und Aufrichtigkeit Niemand auch nur anzweifelte. Auch Sir James Graham, der noch vor wenig Jahren, wie Ashworth berichtet, einer Deputation *) Dies betrug gleich nach Promulgation des Gesetzes eine Zollherabsetzung von 12 sh. Für die anderen Getreidearten war die Scala nach analogen Mafs- stäben geregelt, z. B. für Gerste, Roggen u. a. m. zwischen 5 und 2 sh., für Hafer von 4 bis 1 1 i sh. -f T"‘ 24 gegenüber die Kornzolle als das Eigenthum der Grundaristokratie vertheidigt hatte,*) bekannte offen die Motive seiner Umkehr und betonte namentlich die dem Minister des Innern sich aufdrängende Wahrnehmung, dafs die hohen Kornpreise die Zahl der Verbrechen steigerten. Kein Anderer beklagte mehr, als er, die Auflösung seiner Partei und der durch sie hergestellten Administration, aber das Alles überwog der Trost, die Nation vor Anarchie, Elend und Untergang zu retten. Wer hätte sich eines solchen Gesinnungswechsels zu schämen! Zumal da ein sehr beträchtlicher Theil der Nation dieselbe Bekehrung durchmachte! Am fünften Tage der Debatte sagte Peel in einer seiner mehrstündigen Reden, die mit lauschender Theilnahme bis zu Ende !! gehört wurden: «Wird es Ihnen nicht Befriedigung gewähren, : wenn Sie sich von der drückenden Verantwortlichkeit, die Lebens- > mittelfrage zu lösen, befreien können? — ■— «Wenn Sie wieder einmal das hungernde Volk zur ausharrenden Geduld ermahnen müssen und Ihre leidenden Mitbürger ermuntern, die Schickungen der Vorsehung ohne Murren zu ertragen, mögen Sie dann durch Ihre Pintscheidung in dieser Nacht sich das beruhigende Bewufst- sein gewahrt haben, dafs solche Nothstände in Wahrheit Schickun- I gen der Vorsehung sind, dafs sie weder verursacht, noch gesteigert worden sind durch menschliche Gesetze, welche in der Stunde des Mangels die Zufuhr der Nahrung hemmen!» Die grofse Haupt-Debatte endete am 27. Februar mit dem Siege der Regierung, d. h. das gegnerische Amendement des Herrn Miles wurde von 337 Stimmen gegen 240 verworfen. Am 2. März zum Beginn der zweiten Lesung stellte Villiers sein altes radicales Amendement: die sofortige gänzliche Abschaffung der Kornzölle. Peel verhehlte das wichtigste Motiv seines Widerstrebens nicht, welches darin bestand, dafs die Landwirthe die dreijährige Frist zu Meliorationen benutzen sollten, um später die Concurrenz des Welt- 1 i marktes bestehen zu können. Die Anhänger der Liga blieben auch diesmal mit ihren 70 Stimmen isolirt. *) Wie man heute bei uns manchmal sagen hört, dafs die Producenten ein Recht auf den inländischen Markt haben, — woraus folgen würde, dafs die Konsumenten der Gegenstand monopolistischer Besitzrechte wären. Hat nun der Müller ein Recht auf meinen Magen, oder habe ich ein Recht auf gutes Mehl für mein Geld? Hat der Schuhmacher ein Recht auf meine Füfse, oder habe ich ein Recht auf preiswürdige Stiefel? 1 25 Auch in der zweiten Lesung wurden von den Hauptgegnern alle Argumente noch einmal, wo möglich in noch schärferer Tonart und mit heftigeren Ausfällen vorgeführt; über Treubruch und Eigenthumsverletzung wurde gejammert uud gespöttelt, die Personen und die Aufgaben wurden herabgezogen. In einer ab- schliefsenden Rede resümirte Peel die Ziele seiner gesammten öffentlichen Laufbahn dahin: das Monopol zu zügeln, die Nachfrage nach gewerblicher Thätigkeit zu steigern, die Plandels- schranken zu entfernen, die Steuerlast auszugleichen und die Lage des Arbeiterstandes zu verbessern.» Ueberall, wo von Kornzöllen die Rede ist, sollte jeder betheiligte Staatsmann sein Gewissen und seine Handlungsweise nach diesen Zielen prüfen. — Mit 302 gegen 214 Stimmen wurde die zweite Lesung zugelassen. Die dritte Lesung fand erst im Mai statt und dauerte mit Unterbrechungen vom 4. bis 16. Mai, wo endlich eine Majorität von 98 Stimmen die Korneinfuhrbill votirte. Neben 223 Whigs und sogenannten Radicalen standen 106 Conservative auf Peel’s Seite, gegen ihn waren 222 Tories und 6 Wilde. Im Oberhaus ging unter Wellington’s Führung die Sache verhältnifsmäfsig glatt; nach dreitägiger Debatte (zur zweiten Lesung) ergab sich eine Mehrheit von 47 Stimmen; die letzte Abstimmung erfolgte zugleich mit der über den neuen Zolltarif am 25. Juni, und Tags darauf die königliche Sanction. Als St. 9 und 10 Vict. cap. 22 steht das befreiende Gesetz in den Statuten. In Anbetracht der grofsen Schwierigkeiten und des herrlichen Sieges, sowie der unmittelbar bevorstehenden Erleichterungen, durfte die kleine Verzögerung um zwei Jahre und acht Monate mit in den Kauf genommen werden. In einer feierlichen und wahrhaft weihevollen Sitzung sprach die Anti-cornlaw-League sich dahin aus, dafs sie nach erreichtem Ziel die Waffen niederlege und sich auflöse, freilich mit dem Vorbehalt, dafs bei dem ersten Anzeichen drohender Gefahr das bisherige Executiv -Comite die Mannschaften berufen und die Cadres ausfüllen solle. Die kleinen Eingangszölle von 1 sh. pro Quarter Getreide und von 4 1 j 1 d per Cwt. (englischen Centner) Mehl, welche vom 1. Febr. 49 an unterschiedlos bevorstanden, galten ihres geringen Betrages wegen zunächst allerdings nur für eine Art von Controlgebühren. Doch wurden sie im Jahre 1864 (durch 27. Vict. cap. 18) 2 6 noch einmal beträchtlichst herabgemindert und der Quarterzoll in einen Gewichtszoll — von 3 pence per Cwt. — verwandelt. Aber auch diese äufserst kleine Gebühr wurde im Jahre 1869 in Folge des Handelsvertrages mit Oesterreich (durch Gen.- Ordre vom 31. Mai 1869) beseitigt. Der Curiosität halber sei hier noch erwähnt, dafs die Corporation der City von London kraft eines alten Privilegiums für alles in ihren Häfen eingehende Getreide eine Gebühr von 3 pence per Cwt. erheben darf, welche im Laufe der Zeiten von einem alten Wägungs-Zwangsrechte übrig geblieben ist. Der vorhin erwähnte Vorbehalt der scheidenden League war nicht so überflüssig, als er im ersten Augenblick erscheinen mochte. Denn nach sechs Jahren, als Ende Februar 1852 eine merkwürdige politische Komplication die Tories wieder für eine kurze Frist ans Ruder führte, nnd zwar mit Derby und Disraeli an der Spitze, warf der Erstere alsbald die Frage auf, ob nicht doch wieder an die Besteuerung fremden Getreides zu denken sei. Doch kaum war das unvorsichtige Wort seiner Zähne Zaun entflohen, so war es wie die Drachensaat, der geharnischte Männer entspriefsten. Am 2. März standen die alten rüstigen und ehrenhaften Streiter der Liga wieder in glänzender Rüstung unter den Waffen, am 15. März interpellirte Villiers, und die Minister legten sich auf’s Leugnen. Sie appellirten an das Land und zogen den Kürzeren. Aus der Majorität des neuen Parlaments ging ein Coalitions-Ministerium hervor, in welchem sich Peeliten und selbst ein Radicaler, aber kein eigentlicher Tory mehr befand*) Dieses kurze und episodenhafte Nachspiel bestätigte und erhöhte noch den grofsen Sieg von .1846. Es bewies, dafs ein reifes Volk wahre Wohlthaten wohl zu würdigen und zu be haupten weifs. Die «Korngesetze» waren unter dem Fluch der Nation gefallen und begraben. Von der mächtigen Partei, welche sie gestützt hatte, vermochte sich in der Meinung des Volkes nur der Theil zu retten, der sie frühzeitig genug aufgab. Wo jemals von der egoistischen Ausbeutung der Gesammtheit durch Standes-Interessen die Rede ist, denkt der Engländer an seine alten Getreidezölle. In der Geschichte seines Vaterlandes gilt ihm das Jahr 1846 fast als die wichtigste Epoche dieses Jahrhunderts, bezeichnet durch die Namen Peel und Cobden, deren *) Vergl. Pauli, 1. c. T. III. S. 480 u. 481. 27 Andenken gesegnet sein wird, so lange Engländer sich ihrer Landesgeschichte erinnern.*) Man wird bald die Möglichkeit solcher Steuern gar nicht mehr begreifen, und schon jetzt spricht man in England kaum anders von den Getreidezöllen, als von den Hexenprocessen und Gottesurtheilen einer noch dunkleren Vergangenheit, oder wenigstens so, wie von den barbarischen Jagdgesetzen des Mittelalters oder von den unter Elisabeth und Jacob I. den Vornehmen eingeräumten Handelsmonopolen. Der Aufschwung, der dem Befreiungsact von 1846 folgte, übertraf die kühnsten Prophezeihungen. Auch die Arbeiterfrage nahm eine andere Gestalt an, und der Chartismus verlor seine Anhänger haufenweise. Nun erst war für England, und selbst für Irland, die Aera der Aufstände geschlossen. Die revolutionären Zuckungen von 1848 waren ein letztes Aufflackern, durch ihre innere Nichtigkeit der Lächerlichkeit verfallen. Galten damals die Korngesetze noch, so stand ganz England nebst Irland in Flammen! Darüber waren damals auch die bisherigen Anhänger der Kornzölle nicht im Zweifel. Seitdem hat sich der Wohlstand und das Wohlergehen der Volksklassen in England constant gehoben, die politischen und socialen Gegensätze haben sich fortwährend gemildert und abgeschwächt. Die parlamentarische Vertretung der verschiedenen Gesellschaftsklassen bedeutet nicht mehr den blofsen Streit gemeiner Geld-Interessen. Dafs die politische Unabhängigkeit des Staates durch die vermehrte, ja vervierfachte, oft verfünffachte Getreide-Einfuhr leiden könnte, war selbst von den ärgsten Allarmisten des Torysmus nicht wieder behauptet *) Peel selbst sagte in seiner letzten Rede jener grofsen Debatte: »Keiner einzelnen Partei ist das Verdienst dieser Malsregel zuzuschreiben; für immer wird der grofse Erfolg verknüpft sein mit dem Namen des Mannes, der, aus reinen und uneigennützigen Triebfedern handelnd, mit unermüdlicher Energie stets an die Vernunft appellirend, die Nothwendigkeit der Mafsregcl dargethan, und zwar mit einer Beredtsamkeit, die um so bewunderungswürdiger, je einfacher, schmuckloser und ungezierter sie war; der Name, an den sich der Erfolg unserer Mafsregeln heftet, ist, der Richard Cobden’s.» Dieses Zeugnifs betrachtete Peel zur Zeit als den Ab- schlufs seiner politischen Laufbahn, indem er noch Uber sich selbst hinzufügte: «Mein Name wird immerdar verflucht sein von jedem Monopolisten, der aus Eigennutz nach Schutz schreit; aber er mag mit Wohlwollen ausgesprochen werden in den Heimstätten Jener, die im Schweifse ihres Angesichts ihr tägliches Brod ernten, wenn sie ihre erschöpften Kräfte mit unbesteuertem Brode wiederherstellen können und ohne das bittere Gefühl zu ertragender Ungerechtigkeit dabei zu hegen.» 28 worden; auch diese Drohung hat sich nicht bewahrheitet. Selbst mit den Ländern, aus welchen das Getreide hauptsächlich impor- tirt wird, Rufsland und Amerika, hat England die Conflicte nicht gescheut.*) Einer der englischen Historiker der League, dem wir werthvolle Mittheilungen verdanken (Henry Ashworth) stellte neuerdings in einem «Anhang» zu seinen «Erinnerungen» mancherlei beweiskräftige statistische Zahlen zusammen. Danach hat in dem Vierteljahrhundert seit 1841 die Bevölkerung um 17 1 / 3 % zugenommen, der Pauperismus aber, so weit man das aus den Armengesetz-Lasten beurtheilen kann, um mehr als 25 ^ abgenommen. Es mag erwähnt werden, dafs ebenso, wie beim Getreide, auch beim Vieh die freigegebene Einfuhr einen mehr als vervierfachten Consum zur Folge gehabt hat und dafs trotzdem Schlächterwaare fortwährend im Preise gestiegen ist, was doch sicherlich auf eine starke Steigerung des allgemeinen Wohlstandes und Erhöhung des Lebensniveaus hindeutet. Was fiir Korn und Vieh gilt, wäre auch an Butter, Käse, Speck und allen anderen Nahrungsmitteln nachzuweisen. Die englische Ausfuhr hat selbstverständlich in demselben Verhältnisse zugenommen; die Veröffentlichungen des britischen Handelsamtes lassen keinen Zweifel darüber. In 1840 betrug der Import über 60 Millionen £ und der Export über 51 Millionen £. In den Jahren 1872 — 74 betrug der durchschnittliche Import über 365 Millionen £ und der Export über 250 Millionen £. Der «Finanzreform-Almanach» von 1876 zieht eine Parallele in Bezug auf den Verbrauch per Kopf, soweit er durch Einfuhr befriedigt wird, zwischen den Jahren 1842 und 1874. Demnach hätte England per Kopf bezogen an: im Jahre 1842 Speck und Schinken . Butter. Käse. Weizen und Weizenmehl im Jahre 1874 0,2 U. 7,84 U 0,75 » 5 5 0,74 » 5 i °3 s 52,41 » 162,11 » *) David Ricardo, der schon 1815 die Mafsregel von 1846 verlangt hatte, — was der vielgeschmähten «Theorie der Volkswirthscliaft» nicht zur Schande gereicht, — hatte schon damals, gleich nach den grofsen Kriegen, in einer vorzüglichen Schrift «über den Einflufs niedriger Kornpreise« ausgeführt, dafs die Exportländer abhängiger seien, als das Importland. 29 im Jahre 1842 im Jahre 1874 Kartoffeln. 0,05 * 1 3 j 77 7 > Reis. I ,OI » 10,18 * Zucker . I 6,04 * 5^,37 Thee. 1,38 * 4i 2 3 » diesen Zahlen spiegelt sich die segensreiche Wirkun: ganzen Freihandels - Systems, nicht blos die der aufgehobenen Kornzölle. Aber die Aufhebung der Kornzölle war der Angelpunkt des ganzen Systems. Ein System der Handelsfreiheit ist bei der Verzollung des ersten Lebensmittels nicht denkbar. Immerhin aber ist auch ohne Getreidezölle ein industrielles Schutzzollsystem noch möglich; davon haben denn die Land- wirthe vorzugsweise die Kosten zu tragen; ihnen werden die Werkzeuge, die Waaren, die Arbeiter vertheuert und die Absatzwege verkümmert. Wenn die Landwirthe dagegen einen Ersatz in dei Wiedereinführung von Getreidezöllen suchen, so mögen sie nach Englands, Deutschlands und anderer Länder wiederholten und immer wieder bestätigten Erfahrungen bedenken, dafs die Zollgesetze bei Mifsernten dem Drang und Druck der öffentlichen Meinung nicht widerstehen. In England ist seit 1846 die Landwirtschaft erst recht aufgeblüht, indem sie sich auf die einträglichsten Culturarten con- centrirte. Das bringt mehr als ein Zoll. Eine Rückkehr zum Schutzsystem würde, dort wie hier, eine Rückkehr zu den einfacheren Culturarten bedeuten. Ein Volk, das sich um seiner Sicherheit willen ausschliefslich von der selbst gebauten Körnerfrucht glaubt ernähren zu müssen, steht nicht auf der Höhe der Weltcultur; sein Ideal ist die Rückkehr zur Naturalverpflegung primitiver Zeiten. Es meint sich von den Handelsconjuncturen unabhängig zu erhalten, und ist von jedem Ungewitter abhängig. Erst seitdem diese Theorien veranlafst wurden, haben die Mifsernten ihre Schrecken verloren. Aber hier und da. hört man Staatsmänner und Interessen-Vertreter argumentiren, als ob der Welt-Verkehr noch auf die alte Fuhrmannskarre angewiesen wäre! — Wir haben in kurzen Umrissen nur die wesentlichsten Momente aus der Geschichte der englischen Korngesetzgebung zusammengestellt und namentlich an den Punkten, welche sich mit ferner liegenden politischen Fragen combinirten, uns äufserster 3 ° Kürze befleifsigt. Wir haben überwiegend die Thatsachen sprechen lassen und denselben nur die unentbehrlichsten Erklärungen hinzugefügt. Doch glauben wir, dafs für den aufmerksamen Leser alle Seiten der Kornzollfrage zur Erscheinung kamen und dafs die Thatsachen keinen Zweifel unbeantwortet lassen. Kein einziges der für den Getreidezoll angeführten Argumente bleibt thatsächlich unerschüttert. Man kann Nichts auf die Verschiedenheit der Verhältnisse schieben, denn der Getreidezoll schafft die Verhältnisse und läfst nur die quantitativen Unterschiede bestehen. Dafs es nur wenig auf die Höhe des Zolls ankommt und dafs der Zoll an sich vom Uebel ist, dafs die temporäre Aufhebung desselben in Theuerungszeiten die verursachten Uebel nicht , beseitigt, das Alles lehrt uns die englische Geschichte unwiderleglich. In dem ungehemmten Getreidehandel liegt mehr Versicherung gegen die Hungersnoth, als in dem auskömmlichsten Getreidebau. Gerade die reinen Ackerbauländer sind zeitweise den ärgsten Crisen unterworfen. Je mehr ein Land an Bevölkerung und Cultur zunimmt, desto mehr bedarf es des Welthandels zu seiner Ernährung und Befriedigung. Eben darum ist die freie Getreide-Einfuhr der Angelpunkt des ganzen Freihandelssystems, und der Landwirth, der thöricht genug ist, einen Schutz zu verlangen oder anzunehmen, hat damit seinen Anspruch auf die Segnungen des Freihandelssystems verwirkt. Für Deutschland kommt noch ein wichtiges Verhältnifs in Betracht, welches bei England wegfällt, nämlich der Getreidehandel im Transit. Deutschland ist durch seine geographische Lage auf ein beträchtliches und höchst einträgliches Durchfuhr- Geschäft angewiesen. Durch Mischungen aller Art combinirt sich unsere Getreide-Ausfuhr, welche doch wohl vor den Augen der Schutzzöllner Gnade findet, mit der Zufuhr fremden Getreides. Das reine Transitgeschäft hat daneben keine Bedeutung. Das ungeheure Geschäft, welches in der bezeichneten Weise vor sich geht,*) wird durch die geringste Zollerhebung gehindert, wenn nicht unmöglich gemacht. Eine Rückvergütung wäre unthunlich, sie könnte entweder den Verlust nicht ausgleichen, oder die Ansprüche des Fiscus nicht sichern. Ein wesentlicher Theil *) Vergl. No. III. und IV. der «Mittheilungen des Vereins zur Förderung der Handelsfreiheit». 3i unserer grofsen Gewerbsthätigskeit miifste also zerstört werden für eine reactionäre Schrulle, von der sich kein Mensch einen sicheren Vortheil versprechen kann, für einen Schritt, den man jedenfalls in wenigen Jahren mit schwerem Schaden wird zurücknehmen müssen, für eine Mafsregel, welche uns in der Achtung des Auslandes nicht erhöht, die uns aber das Recht entzieht, uns über irgend eine feindselige handelspolitische Mafsnahme zu beschweren! Anhang, (Aus den Verhandlungen der Anti-cornlaw-League). i. Aus einer Rede Milner Gibson’s, gehalten auf einem der wöchentlichen Meetings zu London am 5. April 1843. — — «Da ich vom festen Zoll gesprochen habe, mufs ich jener sonderbaren Behauptung begegnen, dafs der Kornzoll von dem Ausland bezahlt werde. Wenn dem so wäre, mlifsten wir unsere Zölle erhöhen, um unsere Lasten auf das Ausland abzuwälzen. Ja, wenn alle unsere Einfuhren etwa aus einer kleinen Insel wie Guernsey kämen, so begriffe ich, dafs ihre geringe Quantität zu dem Verbrauch des Landes in einem solchen Mifs- verhältnifs stünde, dafs ein Zoll auf denselben den Kornpreis im Ganzen nicht beeinflussen würde. «In diesem Falle wäre die Abschaffung des Zolls ein Geschenk an den Eigenthümer von Guernsey. Aber bei freiem Handel würden die Zufuhren uns aus allen Welttheilen kommen und dem inländischen Preis eine genügende Concurrenz machen. Unter solchen Umständen erhöht der Eingangszoll den Preis des inländischen Getreides und belastet das Volk mit einer viel schwereren Steuer, als die ist, welche dabei der Staatskasse zu Gute kommt. — — «Ein anderer Trugschlufs besteht darin, uns zu sagen: Schaffe die Kornzölle nicht ab, bevor nicht das Ausland seine Industriezölle herabsetzt! Als ob ein Land seinen Zolltarif nach den Wünschen der anderen einrichtete! Danach miifsten wir unsere Reformen von denen der anderen Länder abhängig machen. Aber welches ist in einem Volke die Kraft, die Privilegien zerstört? 'ST T'~ 32 Es sind nicht die Ansprüche des Auslandes, sondern die eigene Energie und Eintracht. Wer hält denn die Schutzzölle bei uns aufrecht? Der Egoismus und die Entschlossenheit unserer Monopolisten. Glauben Sie, dafs die Knatchbull, Buckingham, Richmond den Gesuchen der fremden Völker sich besonders nachgiebig erweisen würden? Und wenn wir von den Fremden die Herabsetzung ihrer Eingangszölle verlangen würden, so haben die auch ihre Knatchbull, Buckingham und Richmond, welche dort ihre Privilegien in der Industrie ebenso tapfer vertheidigen, wie unsere ihr Monopol in der Landwirthschaft. Ich rathe Ihnen also nicht, sich durch den alten Trugschlufs der Reziprozität beirren zu lassen oder hinhalten zu lassen von den Märchen über Unterhandlungen durch ordentliche oder aufserordentliche Gesandte.» — •— 2. Richard Cobden am 5. Mai 1843. — — «Das Monopol ist nicht neu in diesem Lande, es blühte vor 250 Jahren und das Korngesetz ist nur eine feinere Abart desselben. Allerdings nahm es in jenen Zeiten gröbere Formen an; man hatte damals noch die Finessen der gleitenden Scala nicht erfunden. Die Herzoge jener Zeit erbaten sich Patentbriefe vom König, um sich den Alleinhandel von Salz, Leder, Fischen und dergl. zu sichern. Dieses System wurde so weit getrieben, dafs das Volk es nicht mehr ertragen wollte, gerade wie heuer. Es wandte sich an seine Vertreter im Parlament. Wir haben die Protokolle der dadurch veranlafsten Verhandlungen, wenn auch nicht die ausführlichen Reden. Da war ein Herr Martin, vielleicht Vertreter von Stockport und sicherlich Mitglied der League von damals, denn er sprach, wie ich zu sprechen pflege. Er sagte: Ich spreche für eine Stadt, die unter dem Druck der Monopole erliegt. Ihr Handel ist vernichtet, und wenn man diesen Menschen noch gestattet, ihre Hand auf die Früchte der Erde zu legen, was soll dann aus uns werden, die man schon um die Früchte ihrer Arbeit gebracht hat und die Nichts vermögen gegen Menschen, welche sich auf die höchste Gewalt im Staate stützen?! — Dann kam die Liste der angeklagten Privilegien, da sehen wir Eisen, Zinn, Tuch, Kohle, Glas, Salz, Oel, Essig, Früchte, Wein, Fische. Also was Lord Stanhope und die Morning-Post den «Schutz der nationalen Arbeit» nennen, war auf das Vollständigste durchgeführt. Der boshafte Bericht- 33 erstatter erzählt, nach Verlesung dieser Liste hätte eine Stimme gerufen: «Und die Spielkarten!» Worauf Sir Walter Raleigh er- röthet sei, denn die waren eines seiner Monopole. Die Leute waren damals sehr nervös, denn obgleich im Unterhaus ein prachtvoller Kronleuchter hängt, habe ich da niemals einen Monopolisten erröthen gesehen. Das Protocoll fährt fort: Nach der zweiten Lesung rief ein Herr Hakewell, der wahrscheinlich auch zur Ligue jener Zeit gehörte: «Fehlt das Brod auf dieser Liste»? — «Das Brod», rief ein Anderer, «seltsam» ein Dritter. Merkt Euch wohl, sagte Hakewell, wenn das länger geduldet wird, so kommt auch das Brod daran! — Und das Brod ist daran gekommen, und darum sind wir hier versammelt! «So waren die Privilegien ehemals; heute haben die Pri- vilegirten mit grofser Feinheit die Bezeichnung der Dinge verändert, sie sprechen von gleitender Scala und vom Schutz der nationalen Arbeit. Die Aristokratie des Landes hat sich in eine grofse Actiengesellschaft verwandelt, von deren Mitgliedern die P-inen das Korn, die Andern den Zucker, die Dritten das Holz ausbeuten.» 3. Colonel Thompson auf einem Meeting zu Greenock am 15. Januar 1844. — — «Folgen wir Ihren Waaren auf die fremden Märkte. Was geschieht? Ich nehme an, Sie verschicken nach Hamburg. Der Capitain ladet aus und sagt zu einem Hamburger Kaufmann: Ich habe da so und so viele Ballen aus Greenock zu verkaufen. — Gut, sagt der Hamburger, 10 Thaler per Ballen. — Angenommen, sagt der Capitain, was kann ich aber mit dem Gelde kaufen, um Rückfracht zu haben? — Kaufen Sie Getreide, sagt der Hamburger, das ist hier billiger, als in England. — O, antwortet der Capitain, das kann ich nicht, wir haben ein Gesetz, welches uns das verbietet. — Nun, nehmen Sie Bauholz! — Dagegen haben wir auch ein Gesetz. — Verzeih’ mir Gott, sagt der Hamburger, Eure Gesetze verbieten Euch wohl alles Nöthige und gestatten nur das Ueberflüssige, etwa Pfeifchen und Zahnstocher. — Ich fürchte, dafs dem so ist, sagt der Capitain, und ich sehe ein, dafs ich mit Ballast heimkehren mufs und nicht wieder hierher kommen kann. — So enden unsere Geschäftsverbindungen mit Hamburg und wahrscheinlich nach und nach auch mit 3 den anderen Hafenplätzen des Auslandes, und sehen Sie nicht, dafs die Industrie danach zurückgeht, die Arbeit schlechter bezahlt und das Brod theurer wird?» — — 4. W. J. Fox am 25. Jan. 1844 zu Coventgarden (London). — — «Es kann Fälle geben, wo der feste Zoll noch mifs- licher wirkt, als der bewegliche. Was macht Ihr mit Eurem Zoll von 10,8 oder 5 sh, wenn Hungerpreise eintreten? — Die Antwort lautet: «Dann suspendirt man ihn.» Aber wer hat die Entscheidung darüber? Versetzen sie sich in die Lage eines Ministers, der diese Entscheidung treffen soll. Mufs er nach den Zeitungen berechnen, wie viele menschlische Wesen schon an Entkräftung gestorben sind? Wie viel Hungertyphus ist erforderlich, um den Erlafs des Zolls zu rechtfertigen? — — Ein fester Zoll ist immer ein Schutzzoll, und was soll beschützt werden? Der Ackerbau, sagt man; aber welcher Theil desselben? welche Menschenklasser — Sagen wir es gerade heraus und ohne Umschweife, nur der die Rente erhebt und den Pachtschilling einstreicht, soll beschützt werden! — Schutz für den Pächter? Aber welcher Pächter hätte jemals davon Vortheil gezogen! Für den ländlichen Arbeiter! O, den habt Ihr beschützt, bis ihm die Kleider in Fetzen am Leibe hingen, bis seine Hütte zusammenfiel, und seine P'amilie aus Mangel an Kleidung der Kirche fern bleiben mufste.»-Und welches besondere Recht hat der Rentenbesitzer, um auf Kosten des Gemeinwesens beschützt zu werden?» — — 5. James Wilson, am 14. Mai 1844 (zu London). — — «Es wird uns oft ein scheinbarer Widerspruch in unseren Behauptungen vorgeworfen, und dieser Vorwurf in und aufser den Kammern so oft wiederholt, dafs ich ihn näher ins Auge fassen mufs. Unsere angebliche Inconsequenz soll wesentlich darin bestehen, dafs wir, wenn wir zu der Fabrik- und Handels- Bevölkerung sprechen, die Korngesetze als verderblich darstellen, weil sie dem Consumenten das Brod vertheuern; während wir der ländlichen Bevölkerung vorstellen, dafs die Handelsfreiheit ihre Interessen nicht schädigen wird, in Bezug auf die wirklichen Preise und noch, weniger in Bezug auf die relativen Preise. Ich gebe zu, dafs diese Behauptungen sich zu widersprechen scheinen, 35 und dennoch sind beide wörtlich aufrecht zu halten. Man rnufs sich nur immer vergegenwärtigen, dafs Theuerung und Wohlfeilheit, hohe und niedrige Preise, die Wirkung entgegengesetzter Ursachen sein können. Der hohe Preis kann die Folge des Waarenmangels sein oder des starken Consums. Im ersteren Fall übersteigt der Preis die Kaufkraft des Consumenten, im anderen Fall bezeichnet er einen Fortschritt des- allgemeinen Wohlstandes. Ebenso kann auch der niedrige Preis aus verschiedenen Ursachen hergeleitet werden: wenn er vom Ueberflufs der Waare kommt, ist er eine Wohlthat für Alle, aber er kann auch mit der abnehmenden Kaufkraft Zusammenhängen. Nun behaupte ich, dafs die Monopole und die Plandelsbeschränkungen jene Theuerung schaffen, welche der Seltenheit der Waare zuzuschreiben ist; während die Handelsfreiheit eine Theuerung schaffen wird, welche mit der erhöhten Consumtionsfähigkeit zusammenhängt. Ebenso können die Zollbeschränkungen wohl auch den Preis drücken, aber nicht durch den Ueberflufs der Waare, sondern durch die Verarmung der Käufer. Die erste Tendenz der Korngesetze geht dahin, die Quantität zu mindern; dadurch erhöhen sie allerdings den Preis. Aber dadurch vermindern sie auch die industrielle Productivität, dadurch die Consumtionsfähigkeit der Bevölkerung und drücken somit schliefslich doch auf die Kornpreise selbst. Indessen hat der Pächter einen Pachtvertrag unterzeichnet, welcher auf den Anfangs hohen Preis berechnet war; aber im Verlauf der Dinge ruiniren die Korngesetze die industrielle Arbeit und deren Ruin wirkt auf die Pächter zurück. «Nehmen wir dagegen das System der Handelsfreiheit. Anfangs würde die freie Einfuhr die Preise drücken; aber mit dem zunehmenden Angebot wird die Arbeit zunehmen, die Beschäftigung in den Werkstätten und auf den Handelsschiffen, an und auf den inneren Verkehrslinien wachsen, und damit würde die Nachfrage nach den Lebensmitteln sich enorm steigern. Man sieht daraus, dafs es keine absoluten Preise giebt, sondern nur relative. Wenn man uns fortwährend einwendet: «Was macht denn für den Einzelnen ein Pfennig mehr oder weniger am Pfund?» so übersieht man, dafs es nicht sowohl auf den Preis selbst ankommt, sondern auf die Waarenmenge, die zu diesem Preise in Circulation tritt. 36 «Wir haben im vorigen Jahre bemerkenswerthe Belege für die Wahrheit dieser Regeln gehabt. Im Anfang des Jahres waren alle Preise sehr gering, die landwirtschaftlichen, wie die Industrie-Producte wohlfeil, die Rohstoffe billiger als je. Die Folge war ein Aufschwung der Industrie. Im Laufe des Jahres stiegen deshalb alle Einfuhren, und besonders die der Wolle. Der Herzog von Richmond beschwert sich darüber, dafs Sir Robert Peel den Zoll auf Wolle abschaffen will; er fürchtet davon die Entwertung seiner nordschottischen Schaafheerden. Aber wenn er die Handelsstatistik des Landes studirt hätte, so wiifste er, dafs die stärkste Woll-Einfuhr stets mit den höchsten Wollpreisen im Inland zusammenfiel und dafs die inländischen Preise fallen, wenn die Einfuhr aufhört. Aber das ist nur die eine Seite der Frage, die andere Seite besteht in der erhöhten Ausfuhr unserer Woll-Fabrikate; darin liegt die Lösung des Problems. Wir können doch nicht kaufen, ohne zu verkaufen, unsere Plinkäufe nicht vermehren ohne die Verkäufe. Jeder Import beweist einen entsprechenden Exports. Druck von Kerskes & Hohmann in Berlin. T