Preis 40 Centimes MEINE LONDONER MISSION 1912-1914 Von FÜRST LICHNOWSKY ehemaliger deutscher Botschafter in England (Originaltext) Mit einem Vorwort von Prof. Dr. O. Nippold und einem Porträt des Fürsten Lichnowsky Anhang: Erklärungen Sir Edward Greys am 3. August 1914 Denkschrift von Dr. Muehlon Erklärungen von Minister Pidion am 1. März 1918 Druck und Verlag: Art. Institut Orell Füssli / Zürich 1918 % y»!< .■waasr* ;V * 'ai' v "tT i£# ieaüaaa;^^ l&yfegp* „ Fürst Lichnowsky bei der Abreise von London, August 1914. (Momentaufnahme bei Verlassen der deutschen Botschaft.) mm a u Meine Londoner Mission 1912-1914 Von Fürst Lidmowsky, ehemaliger deutsdier Botschafter in England (Originaltext) Mit einem Vorwort von Prof. Dr. O. Nippold und einem Porträt des Fürsten Lichnowsky Anhang: Erklärungen Sir Edward Greys am 3. August 1914 Denkschrift von Dr. Muehlon Erklärungen von Minister Pichon am l.März 1918 Druck und Verlag: Art. Institut Orell Füssli / Zürich 1918 Vorwort Die Fehler, die die deutsche Politik in den Jahren vor dem Kriege gemacht hat, liegen für jeden Einsichtigen und Unbefangenen, der sich in politischen Dingen ein unabhängiges Urteil bewahrt hat, klar zutage. Nur in Deutschland selbst ist man sich in der Öffentlichkeit dieser Fehler bisher nicht bewusst geworden. Der Grund dieser mangelnden Selbsterkenntnis ist ein sehr einfacher. Die öffentliche Meinung wird in Deutschland als eine Angelegenheit angesehen, die von oben her gemacht wird. Und da Presse und Bevölkerung sich diesen Zustand bewusst oder unbewusst ohne weiteres gefallen lassen, so herrschen in Deutschland in allen Fragen der auswärtigen Politik eben diejenigen Anschauungen, die man an massgebender Stelle wünscht. Bei dieser Sachlage war es daher auch nicht schwer, die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit von den Fehlern, die die eigenen Staatsmänner in den letzten Jahrzehnten begangen hatten, abzulenken. Dies geschah natürlich am besten dadurch, dass man diese Fehler auf andere abwälzte. So wurde aus der Selbstauskreisung Deutschlands, die eine Schuld der deutschen Politik war, künstlich eine E inkreisung gemacht. Und so zog man für den eigenen Bedarf immer wieder die Schlagworte von der französischen Revanchelust, vom englischen Handelsneid, vom russischen Panslawismus hervor. Die Angst vor diesen Dingen musste im deutschen Volke stets lebendig erhalten werden, weil sie im gegebenen Moment nicht nur politischen Zwecken dienen, sondern auch die eigenen Staatsmänner vor Verantwortlichkeit decken mussten. Dass man durch diese Methode der Verständigung der Völker im Wege stand und auch den Weltfrieden gefährdete, spielte in den Augen der Vertreter dieses Systems keine Rolle. Das deutsche Volk aber liess sich durch diese Mittel tvillig leiten. Es bemerkte nichts davon, dass man es von der Wahrheit, schon lange vor dem Kriege, abgeschnitten hatte. Es wusste nichts davon, dass es ein Opfer von Suggestionen geworden war, durch die man es vollständig den jeweiligen Zwecken seiner politischen Leiter dienstbar zu machen suchte. Von der Wahrheit, von der Erkenntnis der eigenen Fehler, der eigenen Schuld abgeschnitten — ja, das war das deutsche Volk bereits lange vor diesem Kriege! Das haben alle diejenigen erfahren müssen, die den Versuch gemacht haben, eine Politik, in der sie nachgerade eine ernste Gefahr für den Frieden Europas erblicken mussten, zu bekämpfen. Jeder derartige Versuch musste misslingen, weil man die Verkünder anderer Anschauungen, als derjenigen, o die oben gewünscht wurden, einfach nicht zu Worte kommen Hess. Die deutsche Presse hatte keinen Raum für diejenigen, die sich dem zurzeit herrschenden politischen System nicht anzupassen wussten. Das hat auch der Schreiber dieser Zeilen erfahren müssen. Vergeblich suchte er wiederholt davor zu warnen, dass man in Deutschland österreichische Politik machte, weil er in dieser österreichischen Prestigepolitik eine Gefährdung des Friedens erblickte. Die deutschen Revuen und Tageszeitungen nahmen keine Artikel auf, die sich irgendwie eine Kritik dieser, wie Fürst Lichnowsky sie treffend kennzeichnet, „wahnsinnigen Dreibundspolitik“ erlaubten. So konnte das Märchen von dem „vitalen Interesse“ Deutschlands an der den Frieden gefährdenden österreichischen Balkanpolitik ungehindert seinen Lauf nehmen. Kein Mensch in Deutschland wagte es, an der Richtigkeit der offiziellen Darstellungen über die internationale politische Lage zu zweifeln. Und so hatten diejenigen, die auf eine Vermeidung des Weltkrieges hinarbeiten und einer solchen verderblichen Politik entgegenwirken wollten, von vorneherein verlorenes Spiel. So war es vor dem Kriege — und so ist es auch jetzt während des Krieges! Nur, dass das Gesagte jetzt, wo die Zensur herrscht und das Militär unbeschränkter als je regiert, noch in verstärktem Masstabe gilt. Das sprechendste Beispiel dafür ist wohl die Behandlung, die jetzt der Denkschrift des Fürsten Lichnowsky in Deutschland zuteil geworden ist. Diese Denkschrift enthält nichts als die schlichte Wahrheit, und zwar von seiten eines in jeder Hinsicht unverdächtigen und sachverständigen Zeugen, von seiten eines Mannes, der besser in der Lage war, die Wahrheit zu erkennen, als die meisten seiner Mitmenschen. Für die Eingeweihten bringt sie keine besonderen Enthüllungen. Sie bestätigt lediglich Dinge, die sich jeder von selbst sagen musste, der sich nur etwas intensiver mit den Fragen der auswärtigen Politik befasst hatte. Sie stellt auch keine tiefgründigen Betrachtungen an, sondern nimmt die Dinge, wie sie sind, und zeichnet die Ereignisse vom Standpunkte des praktischen Staatsmannes und Diplomaten. Sie stellt sich auf denjenigen politischen Standpunkt, von dem man wünschen müsste, dass auch der Herr von Bethmann Hollweg ihn eingenommen hätte, weil der Welt dieser Krieg dann erspart geblieben wäre. Es hat keinen Zweck, dass ich hier eine Analyse der Denkschrift gebe. Sie spricht in ihrer einfachen, klaren Deutlichkeit für sich selbst. Alles was Lichnowsky über Serbien, Österreich, England, Frankreich, Russland und — last but not least — Deutschland sagt, wird man rückhaltlos unterschreiben können. Wer die Verhältnisse kennt, weiss, dass auch dasjenige, was er insbesondere in seinem Rückblick zur Kritik des in Berlin herrschenden Systems sagt, in allen Punkten zutreffend ist. Niemand, der auch nur ein bisschen 3 einen Einblick in die englische Politik vor dem Kriege getan hat, kann ferner daran zweifeln, dass namentlich alles, was über die friedliche Politik Englands und Sir Edward Greys gesagt wird, durchaus den Tatsachen entspricht. Auch was über die Schuld am Kriege gesagt wird, enthält daher nichts als die einfachen historischen Tatsachen. Hier hat das deutsche Volk also eine Stimme der Wahrheit! Aus kompetentem Munde. Nicht aus Sensationslust hervorgegangen, sondern aus ernstem Verantwortlichkeitsgefühl für einen kleinen Kreis geschrieben. Aber was geschieht mit dem Verkünder der Wahrheit? Glaubt das deutsche Volk an ihn? Nein, es ruft: Steiniget, kreuziget ihn! Das deutsche Volk bleibt nach wie vor blind für die eigenen Fehler! Es sieht nach wie vor alle Schuld einzig und allein beim Gegner, und erkennt daher nicht, dass seine schlimmsten Gegner im eigenen Hause sitzen. Ich glaube, dass, wenn jetzt ein Engel vom Himmel herunterkommen und für die Wahrheit zeugen würde, dieses durch Schlagworte betörte Volk immer noch auf die Worte seiner Regierung schwören und den Engel zu steinigen suchen würde. Das System, nach dem man mit dem Fürsten Lichnowsky verfährt, ist im übrigen dasselbe, das in allen solchen Fällen zur Anwendung zu gelangen pflegt. Es besteht in der persönlichen Diskreditierung. Wenn man sachlich nichts Stichhaltiges zu erwidern hat, wendet man sich gegen die Person. So ist der Fürst Lichnowsky jetzt plötzlich ein Mann, der aus persönlicher Eitelkeit handelte und gekränkt ist, weil er seine eigene — verfehlte? — Politik nicht durchsetzen konnte. Gerade so wie der Dr. Muehlon jetzt ein kranker Mann ist. Krank, geistesgestört, überspannt oder verbrecherisch veranlagt > erkauft sind heute alle, die den Mut zum Bekennen der Wahrheit haben. Der brave „Demokrat‘ Payer — derselbe, der unseren schweizerischen Landsmann Theodor Curti, weil er ein wirklicher Demokrat war, in Frankfurt zu verdrängen gewusst hat — hat es sich nicht nehmen lassen, sich zum Anwalt dieses Disqualifizierungsverfahrens zu machen. Und das, trotzdem der im Jahre 1914 amtende deutsche Staatssekretär von Jagow Lichnowsky in den wesentlichen Punkten nicht hat widersprechen können, sondern vor aller Welt heute zugibt, dass England diesen Krieg nicht gewollt hat und dass die deutsche Politik sich als Schleppenträger der österreichischen Prestigepolitik gebrauchen liess. Wenn die deutsche Regierung doch wusste, dass England unschuldig war, weshalb hat sie dann während dieser 3 y 2 Jahre alle Schmähungen über England ergehen lassen? Und wie konnte Herr von Bethmann Hollweg angesichts dieser Sachlage in diese Schmähungen auch seinerseits mit gutem Gewissen einstimmen? Diese Fragen möchte man sich heute wohl vorlegen. 4 Doch nicht genug mit der persönlichen Diskreditierung, gibt es inDeutsch- land heute auch Leute, die sofort nach einem Disziplinär- oder Strafverfahren gegen den Fürsten Lichnowsky gerufen haben, und anscheinend leider nicht ohne Erfolg. Wer die Wahrheit sagt, soll also dafür bestraft werden, während man dem Verkünder der Legende von dem englischen Kriegsplan, dem Herrn Helfferich, in Deutschland gleichzeitig zujubelt. Wer es gut meint mit dem deutschen Volke, der kann nur wünschen, dass der Welt dieses beschämende Schauspiel erspart bleiben möge. Es ist schlimm genug, wenn in der -Politik, selbst in der besten Absicht, Fehler gemacht werden. Es ist schon schlimmer, wenn man diese Fehler abzuleugnen und auf andere, Unschuldige, abzuwälzen sucht; denn dadurch wird das moralische Konto zweifellos noch mehr belastet. Das Schlimmste von allem aber wäre, wenn man nun denjenigen, der, wie man ja ganz genau weiss, die Wahrheit gesprochen hat, nun dafür auch noch bestrafen wollte. Es wäre das eine Belastung des moralischen Kontos, die kaum wieder gut zu machen wäre. Möge die vernünftige Einsicht bei den heute in Deutschland massgebenden Kreisen daher die Oberhand behalten und sie vor diesem letzten Schritte zurückhalten. Der frühere amerikanische Staatssekretär Root hat einmal geschrieben: i,Die Nation, die die Zustimmung der Welt auf ihrer Seite hat, ist stark; jene aber, die von der Welt verurteilt wird, schwach, mag sie auch noch so viel materielle Macht haben.“ Die Zustimmung der Welt wird immer derjenige haben, der in einem Kriege moralisch als Sieger dasteht. Deshalb ist an dem moralischen Siege auch unendlich mehr gelegen, als an dem militärischen. Der moralische Sieg aber ist untrennbar von dem Siege der Wahrheit. Niemals wird ein System, das die Wahrheit zu verbergen sucht, als moralischer Sieger aus einem Kriege hervorgehen können. Niemals wird es aber auch gelingen, die Wahrheit auf die Länge zu verbergen. Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen. Von der Erkenntnis der Wahrheit hängt im übrigen nicht nur der moralische Sieg in diesem Kriege ab, sondern auch die Möglichkeit eines Friedens, der Dauer verspricht. Das neue Europa, die neue, bessere Welt, die wir alle nach diesem Kriege erhoffen, kann sich unmöglich auf einer Lüge aufbauen. Und deshalb haben auch wir Neutralen ein Interesse daran, dass die Wahrheit siegt. Alle, die den baldigen dauerhaften Frieden wünschen, müssen daher auch den Sieg der Wahrheit wünschen. Auch wir in der Schweiz, die wir so lebhaft an einem baldigen Friedensschluss interessiert sind, haben daher allen Grund, zu wünschen, dass die Erkenntnis der Wahrheit sich bald allenthalben Bahn brechen möge. Wir müssen auch unsererseits den Wunsch hegen, dass die Legenden, die man 5 über den Krieg zu verbreiten bemüht ist, gründlichst zerstört werden. Wir dürfen uns nicht darüber täuschen lassen, dass man uns häufig Legenden als Tatsachen und — wie kürzlich Friedrich Naumann in der „Neuen Zürcher Zeitung “ — Tatsachen als Legenden darstellen möchte. Daher müssen auch wir hoffen, dass die Denkschrift des Fürsten Lichnowsky möglichste Verbreitung finden möge, da sie mehr als alles andere geeignet erscheint, der Wahrheit zu dienen. Als gute Neutrale müssen wir uns dabei sagen, dass die Wahrheit immer neutral ist, auch da wo sie Fehler aufdeckt. Zum Mitschuldigen macht sich nur derjenige, der eine Wahrheit verdecken hilft. Der wahre Neutrale aber muss die Wahrheit ohne Voreingenommenheit suchen und darf dabei vor der Erkenntnis von Fehlern nicht zurückscheuen, sofern er nur mit ehrlicher Objektivität zu Werke gegangen ist. Aus allen diesen Gründen glaube ich, dass die Herausgeber mit der Veröffentlichung der Denkschrift des Fürsten Lichnowsky in der Schweiz in der Tat ein wahrhaft nützliches Werk getan und dadurch auch den eigentlichsten Intentionen des Verfassers der Denkschrift entsprochen haben. Diese Überzeugung hat mich auch bewogen, ihrer Einladung, ein Vorwort zu dieser Ausgabe zu schreiben, gerne zu entsprechen. Ich wünschte, dass jedermann, der sich ein Urteil über diesen Krieg bilden will, diese Denkschrift lesen möchte, und ich bin überzeugt, dass jeder, der sie gelesen hat, mit mir sagen wird: La verite est en marche! Thun, im April 1918. Professor Dr. 0. NIPPOLD. Meine Londoner Mission 1912-1914 Fürst Lichnowsky Meine Berufung. Im September 1912 starb Baron Marschall, der nur wenige Monate auf dem Londoner Posten gewesen war. Seine Ernennung, die wohl hauptsächlich wegen seines Alters und der nach London gerichteten Wünsche seines jüngeren Beamten erfolgten, gehören zu den vielen Missgriffen unserer Politik. Trotz eindrucksvoller Persönlichkeit und grossem Ansehen zu alt und zu müde, um sich noch in die ihm völlig fremde angelsächsische Welt einzuleben, war er mehr Beamter und Jurist als Diplomat und Staatsmann. Er war sofort eifrig bestrebt, die Engländer von der Harmlosigkeit unserer Flotte zu überzeugen, wodurch natürlich nur der gegenteilige Eindruck erstarkte. Zu meiner grossen Überraschung wurde mir im Oktober der Posten angeboten. Ich hatte mich nach mehrjähriger Tätigkeit als Personalreferent auf das Land zurückgezogen, da auch ein geeigneter Posten nicht zu meiner Verfügung war, und die Zeit zwischen Flachs und Rüben und auf Pferden und Wiesen verbracht, dabei auch manches gelesen und gelegentlich politische Aufsätze veröffentlicht. So waren acht Jahre vergangen und dreizehn, seitdem ich Wien als Gesandter verliess. Meine letzte politische Wirksamkeit war eigentlich dort gewesen, da man damals im Amte zu keiner Betätigung gelangen konnte, ohne nach den Weisungen eines Mannes, der an Wahnvorstellungen litt, schrullenhafte Erlasse mit krausen Instruktionen zu verfassen. Auf wen eigentlich meine Berufung nach London zurückzuführen war, w'eiss ich nicht. Auf S. M. allein keinesfalls, denn ich gehörte nicht zu seinen Intimen, wenn er mir auch stets mit Wohlwollen begegnete. Aus Erfahrung weiss ich auch, dass seine Kandidaten meist mit Erfolg bekämpft werden. Herr von Kiderlen wollte eigentlich Herrn von Stumm nach London schicken! Er begegnete mir sofort mit unverkennbarem Übelwollen und suchte mich durch Unhöflichkeit einzuschüchtern. Herr von Bethmann Hollweg brachte mir damals freundschaftliche Gesinnungen entgegen und hatte mich kurz vorher in Grätz besucht. So glaube ich, 8 dass man sich auf mich einigte, weil kein anderer Kandidat augenblicklich zur Verfügung stand. Wäre nicht Baron Marschall unerwartet gestorben, so wäre ich damals ebensowenig hervorgeholt worden, wie in den vielen vergangenen Jahren. Marokkopolitik. Der Augenblick war zweifellos günstig für einen neuen Versuch, um mit England auf besseren Fuss zu gelangen. Unsere rätselhafte Marokkopolitik hatte wiederholt das Vertrauen in unsere friedlichen Gesinnungen erschüttert, zürn mindesten aber den Verdacht erregt, dass wir nicht recht wussten, was wir wollten, oder dass wir beabsichtigten, Europa in Atem zu erhalten und die Franzosen gelegentlich zu demütigen. Ein österreichischer Kollege, der lange in Paris war, sagte mir: „Wenn die Franzosen anfingen, die Revanche zu vergessen, dann habt ihr sie regelmässig durch kräftige Tritte dran erinnert.“ Nachdem wir die Versuche des Herrn Delcassö, sich mit uns über Marokko zu verständigen, zurückgewiesen und vorher feierlich erklärt hatten, keine politischen Interessen dort zu besitzen — eine Haltung, die wohl den Überlieferungen der Bismarckschen Politik entsprach — entdeckten wir plötzlich in Abdul Asis einen zweiten Krüger. Auch ihm verhiessen wir, wie den Buren, den Schutz des mächtigen deutschen Reiches mit demselben Aufwand und dem gleichen Erfolge. Denn beide Kundgebungen endeten, Avie sie enden mussten: mit dem Rückzug, falls Avir nicht entschlossen waren, schon damals den Weltkrieg zu führen. Daran vermochte auch der traurige Kongress in Algeciras nichts zu ändern, noch Aveniger der Sturz des Herrn Delcasse. Unsere Haltung förderte die russisch-japanische und später die russisch-britische Annäherung. Gegenüber der deutschen Gefahr — “the German peril” — traten alle anderen Gegensätze in den Hintergrund. Die Möglichkeit eines neuen deutsch-französischen Krieges Avar augenfällig geworden, und ein solcher konnte, anders Avie anno 70, weder Russland noch England unberührt lassen. Die Wertlosigkeit des Dreibundes hatte sich bereits in Algeciras gezeigt, die der dortigen Vereinbarungen aber bald darnach durch den Zusammenbruch des Sultanats, der natürlich nicht zu Liclinowsky, Meine Londoner Mission — 2 9 verhindern war. Im deutschen Volke jedoch verbreitete sich der Glaube, dass unsere Auslandspolitik schwächlich sei und vor der „Einkreisung“ zurückweiche, und dass hochtönenden Gebärden kleinmütige Nachgiebigkeit folge. Es bleibt das Verdienst des Herrn von Kiderlen, der als Staatsmann sonst überschätzt wird, dass er die marokkanische Erbschaft liquidierte und sich mit den Tatsachen abfand, an denen nichts mein' zu ändern war. Ob freilich die Welt durch den Coup von Agadir erschreckt werden musste, lasse ich dahingestellt. In Deutschland wurde das Ereignis lebhaft begrüsst, in England aber hatte es um so mehr beunruhigt, als die Regierung durch drei Wochen vergeblich Aufklärung über unsere Absichten erwartete! Die Rede Mr. Lloyd Georges, die uns warnen sollte, war die Folge. Vor dem Sturze Delcasses und vor Algeciras wären Hafen und Gebiet an der Wetsküste zu haben gewesen, nachher aber nicht mehr. Sir Ed. Greys Programm. Als ich nach London kam im November 1912, hatte man sich über Marokko beruhigt, da inzwischen in Berlin eine Vereinbarung mit Frankreich erfolgt war. Die Mission Haldanes war zwar gescheitert, da wir die Zusage der Neutralität verlangten, statt uns mit einem Vertrage zu begnügen, der uns vor britischen Angriffen und vor Angriffen mit britischer Unterstützung sichern sollte. Sir Ed. Grey aber hatte den Gedanken, mit uns zu einer Verständigung zu gelangen, nicht aufgegeben und versuchte es zunächst auf kolonialen und wirtschaftlichen Gebieten. Durch Vermittelung des befähigten und geschäftskundigen Botschaftrats von Kühlmann waren Besprechungen über eine Erneuerung des portugiesischen Kolonialvertrages und über Mesopotamien (Bagdadbahn) im Gange, die das unausgesprochene Ziel verfolgten, sowohl die genannten Kolonien, wie Kleinasien in Interessensphären zu teilen. Der britische Staatsmann wollte, nachdem sowohl mit Frankreich wie mit Russland die alten Streitfragen geregelt waren, auch mit uns zu ähnlichen Abmachungen gelangen. Nicht uns zu vereinsamen, sondern uns möglichst zu Teilnehmern an der bestehenden Genossenschaft zu machen, war seine Absicht. Wie es gelang, britisch-französische und britisch-russische Gegensätze zu überbrücken, so wollte er 10 auch die britisch-deutschen möglichst beseitigen und durch ein Netz von Verträgen, zu denen schliesslich wohl auch eine Vereinbarung über die leidige Flottenfrage gehört hätte, den Weltfrieden sichern, nachdem unsere frühere Politik zu einer Genossenschaft, der Entente, geführt hatte, die eine gegenseitige Versicherung gegen Kriegsgefahr darstellte. Das war das Programm Sir Ed. Greys. In seinen eigenen Worten: unbeschadet der bestehenden Freundschaften (zu Frankreich und Russland), die keinerlei agressive Zwecke verfolgen und keinerlei bindende Verpflichtungen für England in sich schliessen, mit Deutschland zu einer freundschaftlichen Annäherung und Verständigung zu gelangen. “To bring the two growps nearer” (die beiden Gruppen einander näher bringen). Es gab damals in England wie bei uns in dieser Hinsicht zwei Richtungen: die der Optimisten, die an die Verständigung glaubten, und die der Pessimisten, die den Krieg früher oder später für unvermeidlich hielten. Zur erstem gehörten die Herren Asquith, Grey, Lord Haldane und die meisten Minister des radikalen Kabinetts, sowie die führenden liberalen Organe, wie “Westminster Gazette”, “Manchester Guardian”, “Daily Chronicle“. Zu den Pessimisten namentlich konservative Politiker, wie Mr. Balfour, der mir dies wiederholt zu verstehen gab, dann führende Militärs, wie Lord Roberts, die auf die Notwendigkeit der allgemeinen Wehrpflicht hinwiesen. {“The Writing on the Wall”.) Ferner die Northcliffepresse und der bedeutende englische Journalist Mr. Garvin (“Observer“). Während meiner Amtszeit haben sie sich jedoch aller Angriffe enthalten und persönlich wie politisch eine freundliche Haltung eingenommen. Unsere Flottenpolitik und unsere Haltung in den Jahren 1905 , 1908 und 1911 hatten bei ihnen aber den Glauben erweckt, dass es doch einmal zum Kriege kommen werde. Erstere werden heute in England gerade so, wie es auch bei uns geschieht, der Kurzsichtigkeit und Einfalt geziehen, letztere gelten als die wahren Propheten. Albanische Frage. Der erste Balkankrieg hatte damals zum Zusammenbruch der Türkei und damit zu einer Niederlage unserer Politik geführt, die 11 sich mit den Türken seit Jahren identifizierte. Nachdem die Türkei in Europa nicht mehr zu retten war, gab es zwei Möglichkeiten gegenüber der Regelung ihrer Hinterlassenschaft: entweder wir erklärten unser völliges Desinteressement an der Gestaltung der Grenzen auf dem Balkan und überliessen die Regelung den Balkanvölkern, oder aber wir unterstützten unsere „Bundesgenossen“, trieben Dreibundpolitik im Orient und traten dadurch aus der Rolle des Vermittlers heraus. Ich befürwortete von Anfang an die erstere Lösung, das Auswärtige Amt aber vertrat um so entschiedener die letztere. Der springende Punkt war die albanische Frage. Unsere Bundesgenossen wünschten die Gründung eines selbständigen Staates Albanien, da Österreich die Serben nicht an die Adria und Italien die Griechen nicht nach Valona, ja, nicht einmal nördlich von Korfu gelangen lassen wollte. Im Gegensatz hierzu förderte bekanntlich Russland die serbischen und Frankreich die griechischen Wünsche. Mein Rat ging nun dahin, diese Frage als ausserhalb des Bündnisses stehend zu betrachten und weder die österreichischen noch die italienischen Wünsche zu unterstützen. Ohne unsere Förderung aber wäre die Errichtung Albaniens, dessen Lebensunfähigkeit vorauszusehen war, unmöglich gewesen. Serbien wäre an das Meer gelangt und der jetzige Weltkrieg vermieden. Frankreich und Italien hätten sich über Griechenland ernstlich entzweit und die Italiener, falls sie nicht gegen Frankreich allein kämpfen wollten, sich mit der Ausdehnung Griechenlands bis nördlich von Durazzo abfinden müssen. Die Zivilisation in dem grössten Teil Albaniens ist griechisch. Die Städte sind es im Süden vollkommen, und während der Botschafterkonferenz kamen Abordnungen aus grösseren Städten nach London, um die Angliederung an Griechenland durchzusetzen. Auch im heutigen Griechenland leben albanische Volksteile und die sogenannte griechische Nationaltracht sogar ist albanischen Ursprungs. Die Einverleibung der überwiegend orthodoxen und islamitischen Albaner in den griechischen Staat war daher die beste Lösung, die natürlichste wenn man etwa Skutari und den Norden den Serben und den Montenegrinern überliesse. Für diese Lösung war auch S. M. aus dynastischen Gründen. Als ich den Monarchen brieflich in dieser Richtung bestärkte, erhielt ich vom Reichskanzler erregte Vorwürfe, ich gälte als „Gegner Österreichs“ und er müsste sich solche Eingriffe und die direkte Korrespondenz verbieten. 12 Orient und Dreibundpolitik. Wir mussten uns von der verhängnisvollen Überlieferung endlich lossagen, Dreibundpolitik auch im Orient zu treiben, und den Irrtum erkennen, der darin lag, uns im Süden mit den Türken und im Norden mit den Austro-Madjaren zu identifizieren. Denn die Fortsetzung dieser Politik, die wir beim Berliner Kongress begonnen und seither mit Eifer gepflegt hatten, musste mit der Zeit und namentlich, wenn die nötige Gewandtheit an leitender Stelle fehlte, zum Zusammenstoss mit Russland und zum Weltkriege führen. Statt uns mit Russland auf Grundlage der Unabhängigkeit des Sultans, den man auch in Petrograd nicht aus Konstantinopel entfernen wollte, zu einigen und uns, unter Verzicht auf militärische und politische Eingriffe, auf wirtschaftliche Interessen im Orient zu beschränken und mit der Zerlegung Kleinasiens in Interessensphären zu begnügen, ging unser politischer Ehrgeiz dahin, am Bosporus zu dominieren. In Russland entstand die Meinung, der Weg nach Konstantinopel bzw. ins Mittelländische Meer führe über Berlin. Statt die kräftige Entwicklung der Balkanstaaten zu fördern, die, einmal befreit, alles eher sind als russisch, und mit denen wir die besten Erfahrungen machten, stellten wir uns auf Seite der türkischen Unterdrücker. Der verhängnisvolle Irrtum unserer Dreibund- und Orientpolitik, die Russland, unseren naturgemässen besten Freund und Nachbar, in die Arme Frankreichs und Englands gedrängt und von der asiatischen Ausbreitungspolilik abgedrängt hatte, war um so augenfälliger, als ein russisch-französischer Überfall, die einzige Hypothese, die eine Dreibundpolitik rechtfertigte, aus unserer Berechnung aus- scheiden konnte. Über den Wert des italienischen Bündnisses erübrigt sich ein weiteres Wort. Italien braucht unser Geld und unsere Touristen auch nach dem Kriege mit oder ohne Bündnis. Dass letzteres im Kriegsfälle versagen würde, war vorauszusehen. Das Bündnis war daher wertlos. Österreich braucht unseren Schutz in Krieg und Frieden und hat keine andere Anlehnung. Die Abhängigkeit von uns beruht auf politischen, nationalen und wirtschaftlichen Erwägungen und ist um so grösser, je intimer unsere Beziehungen zu Russland sind. Das hat die bosnische Krise gelehrt. Seit dem Grafen Beust ist noch kein Wiener Minister so selbstbewusst gegen uns aufgetreten, wie Graf Ährenthal in den letzten Jahren seines Lebens. 13 Bei richtig geleiteter deutscher Politik, die die Fühlung mit Russland pflegt, ist Österreich-Ungarn unser Vasall und auf uns angewiesen, auch ohne Bündnisse und Gegenleistungen, bei falsch geleiteter sind wir auf Österreich angewiesen. Das Bündnis war daher zwecklos. Ich kannte Österreich zu genau, um nicht zu wissen, dass eine Rückkehr zur Politik des Fürsten Felix Schwarzenberg oder des Grafen Moritz Esterhazy dort undenkbar war. So wenig die dortigen Slawen uns lieben, so wenig wollen sie in ein deutsches Kaiserreich zurückkehren, selbst mit Habsburg-Lothringer Spitze. Sie streben den Föderalismus innerhalb Österreichs an auf nationaler Grundlage, ein Zustand, der im Rahmen des Deutschen Reiches noch viel weniger Aussicht auf Verwirklichung hätte wie unter dem Doppeladler. Die Deutschen Österreichs aber erkennen in Berlin den Mittelpunkt deutscher Macht und Kultur, und wissen, dass Österreich niemals wieder Präsidialmacht werden kann. Sie wünschen einen möglichst intimen Anschluss an das Reich, nicht aber eine antideutsche Politik. Seit den siebziger Jahren hatte sich die Lage von Grund aus verändert in Österreich wie etwa in Bayern. Wie hier eine Rückkehr zum grossdeutschen Partikularismus und zur altbayerischen Politik nicht zu befürchten ist, so war dort ein Wiederaufleben der Politik des Fürsten Kaunitz und Schwarzenberg nicht zu gewärtigen. Unsere Interessen aber würden durch einen staatsrechtlichen Anschluss Österreichs, das auch ohne Galizien und Dalmatien nur etwa zur Hälfte von Germanen bewohnt ist, also etwa ein grosses Belgiendarstellt, ebenso leiden wie andererseits durch Unterordnung unserer Politik unter Wiener und Pester Gesichtspunkte — d’epouser les querelies de l’Autriche (sich mit den österreichischen Zwistigkeiten zu vermählen). Wir brauchten daher keine Rücksichten auf die Wünsche unserer „Bundesgenossen“ zu nehmen, sie waren nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich, weil sie zum Zusammenstoss mit Russland führten, wenn wir orientalische Fragen durch österreichische Brillen betrachteten. Die Ausgestaltung des Bündnisses aus einem unter einer einzigen Voraussetzung geschlossenen „Zweckverbande“ zu einer „Gesamtgemeinde“, zu einer Interessengemeinschaft auf allen Gebieten, war geeignet, eben dasjenige herbeizuführen, was das Rechtsgeschäft verhindern sollte — den Krieg. Eine solche Bündnispolitik musste ausserdem den Verlust der Sympathien 14 junger, kräftiger, aufstrebender Gemeinwesen auf dem Balkan nach sich ziehen, die bereit waren, sich an uns zu wenden und uns ihre Märkte zu öffnen. Der Gegensatz zwischen Hausmacht und Nationalstaat, zwischen dynastischer und demokratischer Staatsidee musste zum Ausfcrag kommen, und wir standen wie gewöhnlich auf falscher Seite. König Karol hat zu einem unserer Vertreter gesagt, er habe das Bündnis mit uns unter der Voraussetzung geschlossen, dass wir die Führung behielten, ginge diese aber an Österreich über, so ändere das die Grundlage des Verhältnisses, und er werde unter solchen Umständen nicht weiter mitmachen können. Ähnlich lagen die Dinge in Serbien, wo wir gegen unsere eigenen wirtschaftlichen Interessen die österreichische Erdrosselungspolitik unterstützten. Wir haben stets auf das Pferd gesetzt, dessen Niederbruch vorauszusehen war, auf Herrn Krüger, auf Abdul Asis, auf Abdul Hamid, Wilhelm Wied und — der verhängnisvollste von allen Irr- tümern — schliesslich den grossen plunge auf den Stall Berchtold gemacht. Botschafierkonferenz. Bald nach meiner Ankunft in London Ende 1912 regte Sir Ed. Grey eine zwanglose Besprechung an, um zu vermeiden, dass aus dem Balkankriege sich ein europäischer entwickelt, nachdem wir leider die Aufforderung der französischen Regierung, einer Desinberessementserklärung beizutreten, bei Ausbruch des Krieges abgelehnt hatten. Der britische Staatsmann nahm von Anfang an die Haltung ein, dass England an Albanien kein Interesse habe, wegen dieser Frage also nicht gewillt sei, es auf einen Krieg ankommen zu lassen. Er wollte als „ehrlicher Makler“ lediglich zwischen den beiden Gruppen vermitteln und Schwierigkeiten beilegen. Er stellte sich daher keineswegs auf Seite der Ententegenossen und hat während der Dauer der etwa achtmonatlichen Unterhandlungen durch guten Willen und seinen massgebenden Einfluss nicht unwesentlich zur Einigung beigetragen. Statt dass wir eine der englischen analoge Haltung einnahmen, vertraten wir 15 ohne Ausnahme den Standpunkt, der uns von Wien aus vorgeschrieben wurde. Graf Mensdorff führte den Dreibund in London, ich war sein „Sekundant“. Meine Aufgabe bestand darin, seine Vorschläge zu unterstützen. In Berlin schaltete der kluge und erfahrene Graf Szögyenyi. Sein Refrain war: „Und dann tritt der casus foederis (der Bündnisfall) ein“, und als ich die Richtigkeit dieses Schlusses einmal anzuzweifeln wagte, wurde ich wegen „Austrophobie“ ernstlich verwarnt. Unter Anspielung auf meinen Vater hiess es auch, ich sei „erblich belastet“! Bei allen Anlässen: Albanien, serbischer Adriahafen, Skutari, ferner bei der Bestimmung der Grenzen'Albaniens stellten wir uns auf den Standpunkt Österreichs und Italiens, während Sir Ed. Grey fast niemals den französischen oder den russischen unterstützte. Er trat vielmehr meist für unsere Gruppe ein, um keinen Vorwand zu schaffen, wie ihn später ein toter Erzherzog liefern sollte. So gelang es mit seiner Hilfe, den König Nikita aus Skutari wieder herauszulocken. Schon über diese Frage wäre es sonst zum Weltkrieg gekommen, da wir sicher nicht gewagt hätten, „unseren Bundesgenossen“ zur Nachgiebigkeit zu veranlassen. Sir Ed. Grey leitete die Verhandlungen mit Umsicht, Ruhe und Takt. Wenn eine Frage sich zu verwickeln drohte, entwarf er eine Einigungsformel, die das Richtige traf und auch stets Annahme fand. Seine Persönlichkeit genoss bei allen Teilnehmern gleiches Vertrauen. Wir hatten tatsächlich wieder einmal eine der vielen Kraftproben, die unsere Politik kennzeichnen, glücklich überstanden. Russland hatte überall vor uns zurückweichen müssen, da es niemals in der Lage war, den serbischen Wünschen Erfolg zu verschaffen. Albanien war als österreichischer Vasallenstaat errichtet und Serbien vom Meere verdrängt. Der Verlauf der Konferenz war daher eine neue Demütigung für das russische Selbstbewusstsein Wie 1878 und 1908 hatten wir uns schon dem russischen Programm entgegengestellt, ohne dass deutsche Interessen im Spiele waren. Bismarck wusste den Fehler des Kongresses durch den geheimen Vertrag und durch seine Haltung in der Battenbergfrage zu mildern; die in der bosnischen Frage wieder betretene abschüssige Bahn wurde in London weiter verfolgt und später, als sie zum Abgrund führte, nicht rechtzeitig verlassen. Die Misstimmung, die damals in Russland herrschte, kam während der Konferenz durch Angriffe gegen meinen russischen 16 Kollegen und die russische Diplomatie in den russischen Blättern zum Ausdruck. Seine deutsche Herkunft und katholische Konfession, sein Ruf als Deutschenfreund, und der zufällige Umstand, dass er sowohl mit dem Grafen Mensdorff, wie mit mir verwandt ist, kamen den unzufriedenen Kreisen zustatten. Ohne eine sehr bedeutende Persönlichkeit zu sein, besitzt Graf Benckendorff eine Reihe von Eigenschaften, die einen guten Diplomaten kennzeichnen: Takt, gesellschaftliches Geschick, Erfahrung, verbindliches Wesen, natürlichen Bück für Menschen und Dinge. Er war stets bestrebt, eine schroffe Stellungnahme zu vermeiden und wurde durch die Haltung Englands und Erankreichs auch darin bestärkt. Ich sagte ihm später einmal: Die Stimmung in Russland ist wohl sehr antideutsch. Er entgegnete: Es gibt auch sehr starke und einflussreiche prodeutsche Kreise, man ist aber allgemein anti österreichisch! Es erübrigt sich, hinzuzufügen, dass unsere Austrophilie ä outrance (Österreich-Ereundschaft bis zur äussersten Grenze) nicht gerade geeignet war, die Entente zu lockern und Russland seinen asiatischen Interessen zuzuführen! Balkankonferenz. Gleichzeitig tagte in London die Balkankonferenz, und ich hatte Gelegenheit, mit den Leitern der Balkanstaaten in Fühlung zu treten. Die bedeutendste Persönlichkeit war wohl Herr Venizelos. Er war damals nichts weniger als deutschfeindlich, besuchte mich wiederholt und trug mit Vorhebe und sogar auf der französischen Botschaft das Band des Roten Adlerordens. Von gewinnender Liebenswürdigkeit, mit weltmännischem Auftreten, wusste er sich Sympathien zu verschaffen. Neben ihm spielte Herr Danew, der damalige bulgarische Ministerpräsident und Vertrauensmann des Grafen Berchtold eine grosse Rolle. Er machte den Eindruck eines verschlagenen und energischen Mannes, und es ist wohl nur dem Einfluss seiner Wiener und Pester Freunde zuzuschreiben, über deren Huldigungen er sich gelegentlich belustigte, dass er sich zu der Torheit des zweiten Balkankrieges verleiten liess und die russische Vermittelung ablehnte. Auch Herr Take Jonescu war öfters in London und besuchte mich dann regelmässig. Ich kannte ihn von der Zeit her, da ich Sekretär 17 in Bukarest war. Er gehörte auch zu den Ereunden des Herrn von Kiderlen. In London war er bestrebt, durch Verhandlungen mit Herrn Danew Zugeständnisse für Rumänien zu erreichen und wurde dabei von dem sehr befähigten rumänischen Gesandten Misu unterstützt. Dass diese Verhandlungen an dem Widerstande Bulgariens scheiterten, ist bekannt. Graf Berchtold (und wir natürlich mit ihm) war ganz auf Seiten Bulgariens, sonst wäre es wohl gelungen, den Rumänen die gewünschte Genugtuung durch einen Druck auf Herrn Danew zu verschaffen und uns Rumänien zu verpflichten, das durch die Haltung Österreichs während des zweiten Balkankrieges und danach den Mittelmächten endgültig entfremdet wurde. Zweiter Balkankrieg. Die Niederlage Bulgariens im zweiten Balkankriege und der Sieg Serbiens, sowie der rumänische Einmarsch bedeuteten naturgemäss für Österreich eine Blamage. Der Gedanke, diese durch einen Waffengang gegen Serbien auszugleichen, scheint bald in Wien Eingang gefunden zu haben. Die italienischen Enthüllungen beweisen es, und es ist anzunehmen, dass Marquis San Giuliano, der den Plan als eine „pericolosissima aventura“ (äusserst gefährliches Abenteuer) sehr treffend kennzeichnete, uns davor bewahrt hat, schon im Sommer 1913 in einen Weltkrieg verwickelt zu werden. Bei der Vertrautheit der russisch-italienischen Beziehungen wird die Wiener Anregung auch wohl in Petersburg bekannt geworden sein. Jedenfalls hat Herr Sasanow in Konstanza, wie Herr Take Jonescu mir erzählte, offen gesagt, dass ein Angriff Österreichs auf Serbien für Russland den Kriegsfall bedeutet. Als einer meiner Herren im Erühjahr 1914 von Urlaub aus Wien zurückkehrte, erzählte er, Herr von Tschirschky erklärte, es gäbe bald Krieg. Da ich aber über wichtige Vorgänge stets in Unkenntnis gelassen wurde, hielt ich diesen Pessimismus für unbegründet. Seit dem Bukarester Erieden scheint tatsächlich in Wien die Absicht bestanden zu haben, eine Revision dieses Vertrages auf eigene Faust durchzuführen, und man wartete anscheinend nur auf einen günstigen Anlass. Auf unsere Unterstützung konnten die Wiener Staatsmänner selbstverständlich rechnen. Das wussten sie, denn es war ihnen schon wiederholt „Schlappheit“ vorgeworfen worden. Man drängte in Berlin sogar auf eine „Rehabilitierung“ Österreichs. 18 Liman von Sanders. Als ich im Dezember 1913 nach längerem Urlaub nach London zurückkehrte, hatte die Präge Liman von Sanders zu einer neuen Verschärfung unserer Beziehungen zu Russland geführt. Sir Edward Grey machte mich nicht ohne Besorgnis auf die Erregung aufmerksam, die darüber in Petersburg herrsche! “I Tiave never seen them so excited“ (ich habe sie niemals so aufgeregt gesehen). Ich wurde von Berlin aus beauftragt, den Minister zu bitten, m mässigendem Sinne in Petersburg zu wirken und uns bei Beüegung des Streites behilflich zu sein. Sir Edward war hierzu gern bereit, und seine Vermittlung hat nicht wenig dazu beigetragen, die Angelegenheit zu ebnen. Meine guten Beziehungen zu Sir Edward und sein grosser Einfluss in Petersburg wurden auf ähnliche Weise wiederholt benutzt, wenn es galt, dort etwas durchzusetzen, da unsere Vertretung sich hierzu als völlig ungeeignet erwies. In den kritischen Tagen des Juli 1914 sagte mir Sir Edward: „Wenn Sie etwas in Petersburg erreichen wollen, wenden Sie sich regelmässig an mich, wenn ich aber einmal Ihren Einfluss in Wien anrufe, so versagen.Sie mir Ihre Unterstützung.“ Kolonialvertrag. Die guten und vertrauensvollen Beziehungen, die es mir gelang, nicht nur in der Gesellschaft und mit den einflussreichsten Persönlichkeiten, wie Sir Ed. Grey und Mr. Asquith, sondern auch bei public dinners (bei öffentlichen Diners) mit der Öffentlichkeit anzuknüpfen, hatten eine merkliche Besserung unseres Verhältnisses zu England herbeigeführt. Sir Edward war aufrichtig bemüht, diese Annäherung weiter zu befestigen, und seine Absichten traten besonders in zwei Prägen hervor: dem Kolonial- und dem Bagdadvertrag. Im Jahre 1898 w 7 ar zwischen dem Grafen Hatzfeld und Herrn Balfour ein geheimes Abkommen unterzeichnet worden, das die portugiesischen Kolonien in Afrika in wirtschaftspolitische Interessensphären zwischen uns und England teilte. Da die portugiesische Regierung weder die Macht noch die Mittel besass, ihren ausgedehnten Besitz zu erschliessen oder sachgemäss zu verwalten, hatte sie sich früher bereits mit dem Gedanken getragen, ihn zu veräussern und 19 ihre Finanzen dadurch zu sanieren. Eine Einigung zwischen uns und England war zustande gekommen, welche die beiderseitigen Interessen begrenzte, und die um so grösseren Wert besass, als Portugal sich bekanntlich in völliger Abhängigkeit von England befindet. Dieser Vertrag sollte wohl äusserlich die Unversehrtheit und Unabhängigkeit des portugiesischen Reiches sichern, und er sprach nur die Absicht aus, den Portugiesen finanziell und wirtschaftlich behilflich zu sein. Er stand daher dem Wortlaut nach nicht im Widerspruch zu dem alten englisch-portugiesischen Bündnis aus dem 15. Jahrhundert, das zuletzt unter Karl II. erneuert wurde und den gegenseitigen Besitzstand verbürgte. Trotzdem war auf Bestreben des Marquis Soveral, der vermutlich über die deutsch-englischen Abmachungen nicht in Unkenntnis blieb, ein neuer Vertrag, der sogenannte Windsorvertrag, im Jahre 1899 zwischen England und Portugal geschlossen worden, welcher die alten, niemals ausser Kraft gesetzten Vereinbarungen bestätigte. Die Unterhandlungen zwischen uns und England, die bereits vor meiner Ankunft begonnen hatten, bezweckten, unseren Vertrag von 1898, der auch hinsichtlich der geographischen Abgrenzung manche Unzuträglichkeiten aufwies, umzugestalten und zu verbessern. Dank der entgegenkommenden Haltung der britischen Regierung gelang es mir, dem neuen Vertrag eine unseren Wünschen und Interessen durchaus entsprechende Form zu geben. Ganz Angola bis an den 20. Längengrad wurde uns zugesprochen, so dass wir an das Kongogebiet von Süden gelangten, ausserdem noch die wertvollen Inseln San Thome und Principe, die nördlich des Äquators liegen un d dadurch eigentlich dem französischen Interessengebiet zufielen, eine Tatsache, die meinen französischen Kollegen zu lebhaften, wenn auch vergeblichen Gegenvorstellungen Veranlasste. Ferner erhielten wir den nördlichen Teil von Mosambik; der Licango bildete die Grenze. Unseren Interessen und Wünschen wurde seitens der britischen Regierung das grösste Entgegenkommen gezeigt. Sir Ed. Grey beabsichtigte, uns seinen guten Willen zu bekunden, er wünschte aber auch unsere koloniale Entwicklung überhaupt zu fördern, da England die deutsche Kraftentfaltung von der Nordsee und von Westeuropa nach dem Weltmeer und Afrika abzulenken hoffte. “We don’t want to grudgeGermany her colonial development" (Wir wollen Deutschland 20 seine koloniale Entwicklung nicht missgönnen) sagte mir ein Mitglied des Kabinetts. Der Kongostaat sollte auf britische Anregung ursprünglich auch in den Vertrag einbezogen werden, was uns ein Vorkaufsrecht und die Möglichkeit gegeben hatte, ihn wirtschaftlich zu durchdringen. Angeblich mit Rücksicht auf belgische Empfindlichkeiten lehnten wir aber dieses Angebot ab! Vielleicht sollte mit Erfolgen gespart werden ? Auch hinsichtlich der praktischen Verwirklichung des eigentlichen unausgesprochenen Zweckes des Vertrages, der späteren tatsächlichen Teilung des portugiesischen Kolonialbesitzes bot die neue Fassung wesentliche Vorteile und Fortschritte gegen die alte. Es waren nämlich Fälle vorgesehen, die es uns ermöglichten, zur Wahrung unserer Interessen auf den uns zugewiesenen Gebieten einzuschreiten. Diese Voraussetzungen wurden so weit gefasst, dass es eigentlich uns überlassen blieb, selbst zu bestimmen, wenn „vitale“ Interessen Vorlagen, so dass es bei der völligen Abhängigkeit Portugals von England nur darauf ankam, die Beziehungen zu England weiter zu pflegen, um mit englischer Zustimmung unsere beiderseitigen Absichten später zu verwirklichen. Die Aufrichtigkeit der britischen Regierung in ihrem Bestreben, unsere Rechte zu achten, zeigte sich darin, dass Sir Ed. Grey, noch ehe der Vertrag fertiggestellt oder unterzeichnet war, englische Unternehmer, die m dem uns durch den neuen Vertrag zugewiesenen Gebieten Kapitalanlagen suchten, und dafür die britische Unterstützung wünschten, an uns verwies, mit dem Bemerken, dass das betreffende Unternehmen in unsere Interessensphäre gehöre. Der Vertrag war schon zur Zeit des Königsbesuches in Berlin, also im Mai 1913, im wesentlichen fertig. In Berlin fand damals unter dem Vorsitz des Herrn Reichskanzlers eine Besprechung statt, an der auch ich teilnahm, und bei der noch einzelne Wünsche festgelegt wurden. Bei meiner Rückkehr nach London gelang es mir mit Hilfe des Botschaftsrats, Herrn von Külilmann, der mit Mr. Parker die Einzelheiten des Vertrages bearbeitete, auch unsere letzten Vorschläge durchzusetzen, so dass der ganze Vertrag schon im August 1913, vor Altritt meines Urlaubs, von Sir Ed. Grey und mir para- graphiert werden konnte. Nun sollten aber neue Schwierigkeiten entstehen, die die Unterzeichnung verhinderten, und erst nach einem Jahre, also kurz vor Kriegsausbruch, konnte ich die Ermächtigung erhalten zum end- 21 gültigen Abschluss. Zur Unterzeichnung aber ist es nicht mehr gekommen. Sir Ed. Grey wollte nämlich nur unterzeichnen, falls der Vertrag mitsamt den beiden Verträgen von 1898 und 1899 veröffentlicht würde. England besitze sonst keine geheimen Verträge, und es sei gegen die bestehenden Grundsätze, bindende Abmachungen zu verheimlichen. Er könne daher keinen Vertrag eingehen, ohne ihn zu veröffentlichen. Über Zeitpunkt und Art der Veröffentlichung sei er aber bereit, unseren Wünschen Rechnung zu tragen, vorausgesetzt, dass die Veröffentlichung in längstens Jahresfrist nach Unterzeichnung erfolge. Im Auswärtigen Amt aber, wo meine Londoner Erfolge zunehmendes Missvergnügen erregten, und wo eine einflussreiche Persönlichkeit, die die Rolle des Herrn von Holstein spielte, den Londoner Posten für sich in Anspruch nahm, erklärte man, die Veröffentlichung gefährde unsere Interessen in den Kolonien, da die Portugiesen uns alsdann keine Konzessionen mehr geben würden.- Hie Nichtigkeit des Einwandes erhellt aus der Erwägung, dass der alte Vertrag den Portugiesen höchst wahrscheinlich ebenso längst bekannt war, wie unsere neuen Abmachungen, angesichts der Intimität der portugiesisch-englischen Beziehungen, und dass bei dem Einfluss, den England in Lissabon besitzt, die dortige Regierung einem deutschbritischen Einverständnisse gegenüber völlig willenlos ist. Es galt also, einen anderen Vorwand zu finden, um den Vertrag scheitern zu lassen: Hie Bekanntgebung des Windsorvertrages, der zur Zeit des Pürsten Hohenlohe geschlossen wurde, und der nur eine Erneuerung des niemals ausser Kraft getretenen Vertrags Karls II. war, könne die Stellung des Herrn von Bethmann Hollweg gefährden, als Beweis britischer Heuchelei und Perfidie! Ich wies darauf hin, dass die Einleitung zu unseren Verträgen ganz dasselbe besage, wie der Windsorvertrag und wie andere ähnliche Verträge, nämlich, dass wir die souveränen Rechte Portugals wahren, und die Unversehrtheit seines Besitzes schützen wollten. Vergebens! Trotz wiederholter Unterredungen mit Sir Ed. Grey,. bei denen der Minister immer neue Vorschläge machte, für die Veröffentlichung, beharrte das Auswärtige Amt auf seinem Standpunkt, und verabredete schliesslich mit Sir Ed. Goschen, dass alles so bleiben sollte, wie es bisher gewesen! Her Vertrag, der uns ausserordentliche Vorteile bot, das Ergebnis 22 einer mehr als einjährigen Arbeit, war somit gefallen, weil er für mich ein öffentlicher Erfolg gewesen wäre. Als ich im Frühjahr 1914 gelegentlich eines Diners auf der Botschaft, an dem Mi’. Harcourt teilnahm, den Gegenstand berührte, erklärte mir der Kolonialminister, er befinde sich in Verlegenheit und wisse nicht, wie sich zu verhalten. Der gegenwärtige Zustand sei unerträglich, da er, Air. Harcourt, unsere Rechte berücksichtigen wolle, andererseits aber im Zweifel sei, ob er sich nach dem alten Vertrage oder dem neuen zu richten habe. Es sei daher dringend erwünscht, Klarheit zu schaffen und die Sache, die sich nun schon so lange hinziehe, zum Abschluss zu bringen. Auf einen diesbezüglichen Bericht erhielt ich einen sehr wenig höflichen, aber um so erregteren Erlass, demzufolge ich mich jeder weiteren Einmischung in der Sache zu enthalten hätte. Ich bedauere es heute, dass ich nicht daraufhin nach Berlin gefahren bin, um dem Monarchen meinen Posten zur Verfügung zu stellen, und dass ich immer noch den Glauben an die Möglichkeit einer Verständigung zwischen mir und den leitenden Persönlichkeiten nicht verloren hatte, ein verhängnisvoller Irrtum, der sich wenige Monate später in so tragischer Weise rächen sollte! So wenig ich auch damals das Wohlwollen des obersten Reichsbeamten noch besass, da er fürchtete, ich strebe nach seinem Posten, so muss ich ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er bei unserer letzten Unterredung vor Kriegsausbruch, Ende Juli 1914, auf die ich später noch zurückkomme, seine Zustimmung zur Unterschrift und Veröffentlichung erteilte. Trotzdem bedurfte es noch wiederholter Anregungen meinerseits, die von Herrn Dr. Solf in Berlin unterstützt wurden, um endlich Juli 1914 die Genehmigung zu erwirken. Da aber die serbische Krisis damals schon den Frieden Europas bedrohte, musste die Vollziehung des Vertrages verschoben werden. Auch er gehört zu den Opfern dieses Krieges. Bagdadvertrag. Gleichzeitig unterhandelte ich in London, dabei wirksam unterstützt durch Herrn von Kühlmann, über den sogen. Bagdad vertrag. Dieser bezweckte tatsächlich die Einteilung Kleinasiens in Interessensphären, obwohl dieser Ausdruck mit Rücksicht auf die Rechte des 23 Sultans ängstlich vermieden wurde. Sir Ed. Grey erldärte auch wiederholt, dass keine Abmachungen mit Frankreich und Russland beständen, die die Aufteilung Kleinasiens bezweckten. Unter Zuziehung eines türMschen Vertreters, als welcher Hakki Pascha erschien, wurden alle wirtschaftlichen Fragen, die mit den deutschen Unternehmungen in Verbindung standen, im wesentlichen den Wünschen der Deutschen Bank entsprechend geregelt. Das wichtigste Zugeständnis, das Sir Ed. Grey mir persönlich gemacht hatte, war die Verlängerung der Bahnstrecke bis Basra. Dieser Standpunkt war nämlich unsererseits auf gegeben worden zugunsten des Anschlusses nach Alexandrette; Bagdad bildete bisher den Endpunkt der Bahn. Für die Schiffahrt auf dem Schatt-el-Arab sollte eine internationale Kommission sorgen. Auch an den Hafenbauten in Basra wurden wir beteiligt und erhielten ferner Rechte an der Tigrisschiffahrt, die bisher ein Monopol des Hauses Lynch war. Durch diesen Vertrag wurde ganz Mesopotamien bis Basra unser Interessengebiet, unbeschadet älterer britischer Rechte an der Tigrisschiffahrt und den Wilcox-Bewässerungsanlagen, ferner das ganze Gebiet der Bagdad- und Anatolischen Eisenbahn. Als britischer Wirtschaftsbereich galten die Küsten des Persischen Busens und die Smyrna-Aidin-Bahn, als französischer Syrien, als russischer Armenien. Würden beide Verträge vollzogen und veröffentlicht, so war damit eine Verständigung mit England erreicht, die allenZweifeln an der Möglichkeit einer “Anglo-German Cooperation” (eines englisch-deutschen Zusammenwirkens) für immer ein Ende machte. Flottenfrage. Die heikelste aller Fragen war und blieb die Flottenfrage. Sie Avird nicht immer ganz richtig beurteilt. Die Schaffung einer mächtigen Flotte am anderen Ufer der Nordsee, die gleichzeitige Entwickelung der bedeutendsten Militärmacht des Festlandes zur bedeutendsten Seemacht desselben musste in England zum mindesten als Unbequemlichkeit empfunden werden. Hierüber kann billigerweise kein Zweifel bestehen. Um den nötigen Vorsprung zu behalten und nicht in Abhängigkeit zu geraten und die Herrschaft der Meere zu sichern, die Britannien benötigt, um 24 nicht zu verhungern, musste es zu Rüstungen und Ausgaben schreiten, die schwer auf dem Steuerzahler lasteten. Eine Bedrohung der britischen Weltstellung ergab sich jedoch, wenn unsere Politik die Möglichkeit kriegerischer Entwickelungen gewärtigen liess. Diese Voraussetzung war bei den Marokkokrisen und der bosnischen Frage in sichtbare Nähe getreten. Mit unserer Flotte nach den bestehenden Festlegungen hatte man sich abgefunden, sie war den Briten gewiss nicht willkommen und bildete einen der Gründe, aber nicht den einzigen und vielleicht auch nicht den wichtigsten, für den Anschluss Englands an Frankreich und Russland; aber wegen der Flotte allein hätte England ebensowenig zum Schwerte gegriffen, wie etwa wegen unseres Handels, der angeblich den Neid und schliesslich den Krieg gezeitigt hat. Ich vertrat von Anfang an den Standpunkt, dass es trotz der Flotte unmöglich sei, zu freundschaftlicher Verständigung und Annäherung zu gelangen, wenn wir keine Novelle brächten und eine zweifelsfreie Friedenspolitik trieben. Auch vermied ich es, von der Flotte zu sprechen, und zwischen Sir Ed. Grey und mir ist das Wort überhaupt nicht gefallen. Sir Ed. Grey erklärte gelegentlich in einer Kabinettssitzung: “ The 'present German Ambassador has never mentioned the fleet to me” (Der gegenwärtige deutsche Botschafter hat vor mir nie die Flotte erwähnt) Während meiner Amtszeit regte bekanntlich Mr. Churchill, der damalige Erste Lord der Admiralität, den sogenannten “naval holiday” (Flottenfeiertag) an und schlug aus finanziellen Gründen und wohl auch, um der pazifistischen Richtung in seiner Partei entgegenzukommen, eine einjährige Rüstungspause vor. Amtlich von Sir Ed. Grey wurde der Vorschlag nicht unterstützt, zu mir hat er nie davon gesprochen, Mr. Churchill redete mich aber wiederholt darauf an. Ich bin überzeugt, dass seine Anregung aufrichtig gemeint war, wie überhaupt Winkelzügigkeit nicht im Wesen des Engländers liegt. Es wäre für Mr. Churchill ein grosser Erfolg gewesen, dem Lande mit Ersparnissen aufzuwarten und den Rüstungsalp, der auf dem Volke lastete, erleichtern zu können. Ich entgegnete, es würde aus technischen Gründen schwer sein, auf seinen Gedanken einzugehen. Was sollte aus den Arbeitern werden, die für diese Zwecke geworben seien, was aus dem technischen Personal? Unser Flottenprogramm sei einmal fest- 25 Lichnowsky, Meine Londoner Mission — 3 gelegt und daran liesse sich schwer etwas ändern. Wir beabsichtigten es andererseits auch nicht zu überschreiten. Er kam aber wieder darauf zurück und machte geltend, dass die für ungeheure Rüstungen aufgewendeten Mittel auch besser für andere, nutzbringende Zwecke Verwendung fänden. Ich entgegnete, dass auch diese Ausgaben der heimischen Industrie zugute kämen. Es gelang mir auch durch Unterredungen mit Sir W. Tyrrell, dem Kabinettschef Sir Edwards, die Frage von der Tagesordnung abzusetzen, ohne zu verstimmen, obwohl sie im Parlamente wiederkehrte, und zu verhindern, dass ein amtlicher Vorschlag erging. Es war aber ein Lieblingsgedanke Mr. Churchills und der Regierung, und ich glaube, dass wir durch Eingehen auf seine Anregung sowie auf die Formel 16: 10 für Grosskampfschiffe einen greifbaren Beweis unseres guten Willens geben und die bei der Regierung vorherrschende Tendenz, mit uns in nähere Fühlung zu kommen, wesentlich befestigen und fördern könnten. . Aber wie gesagt, es war möglich, trotz der Flotte und auch ohne ,,naval holiday“ zu einer Verständigung zu gelangen. In diesem Sinne hatte ich meine Mission von Anfang anfgefasst, und es war mir auch gelungen, mein Programm zu verwirklichen, als der Ausbruch des Krieges alles Erreichte vernichtete. Handelsneid. Der Handelsneid, von dem bei uns so viel die Rede ist, beruht auf unrichtiger Beurteilung der Verhältnisse. Gewiss bedrohte das Emporkommen Deutschlands als Handelsmacht nach dem siebziger Kriege und in folgenden Dezennien die Interessen der britischen Handelskreise, die mit ihrer Industrie und mit ihren Exporthäusern eine Art Monopolstellung besassen. Der zunehmende Warenaustausch mit Deutschland aber, das an der Spitze aller britischen Exportländer in Europa stand, eine Tatsache, auf die ich in meinen öffentlichen Reden immer hinwies, hatte den Wunsch, mit dem besten Kunden und Geschäftsfreund in guten Beziehungen zu bleiben, gezeitigt und alle andern Erwägungen allmählich zurückgedrängt. Der Brite ist matter of fact, er findet sich mit Tatsachen ab und kämpft nicht gegen Windmühlen. Gerade in den kaufmännischen Kreisen fand ich das lebhafteste Entgegenkommen und das Bestreben, 26 die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen zu fördern. Tatsächlich interessiert sich niemand dort für den russischen, italienischen, österreichischen, ja nicht einmal für den französischen Vertreter, trotz seiner bedeutenden Persönlichkeit und seiner politischen Erfolge. Nur der deutsche und der amerikanische Botschafter erregten die öffentliche Aufmerksamkeit. Ich habe, um mit den wichtigen Handelspreisen Fühlung zu bekommen, den Einladungen der vereinigten Handelskammern sowie der Londoner und Bradforder Kammer entsprochen und war Gast der Städte Newcastle und Liverpool. Überall war ich der Gegenstand herzlicher Huldigungen. Manchester, Glasgow und Edinburg hatten mich gleichfalls geladen und ich wollte später dorthin gehen. Es wurde mir von Leuten, die britische Verhältnisse nicht kennen, und die Bedeutung der „public dinners“ nicht würdigen, und auch von solchen, denen meine Erfolge unerwünscht waren, der Vorwurf gemacht, ich habe durch meine Reden geschadet. Ich glaube vielmehr, dass mein öffentliches Auftreten und die Betonung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen nicht unwesentlich zur Besserung der Beziehungen beigetragen hat, abgesehen davon, dass es ungeschickt und unhöflich gewesen wäre, alle Einladungen abzulehnen. Auch in allen andern Kreisen habe ich die liebenswürdigste Aufnahme und ein warmes Entgegenkommen gefunden, bei Hof w r ie in der Gesellschaft und bei der Regierung. Hof und Gesellschaft. Der König, wenn auch nicht gerade sehr gebildet und bedeutend, aber ein harmloser und wohl wollender Mann mit einfachem, gesundem Sinn, common sense, war bestrebt, mir Wohlwollen zu zeigen und aufrichtig gewillt, meine Aufgabe zu fördern. Trotz der geringen Macht, die die englische Verfassung der Krone lässt, vermag der Monarch, kraft seiner Stellung, die Stimmung doch sehr zu beeinflussen, sowolil in der Gesellschaft, wie auch bei der Regierung. Die Krone ist die Spitze der Gesellschaftspyramide, von ihr geht der Ton aus. Die Gesellschaft, überwiegend unionistisch (konservativ), befasst sich, mit Einscliluss der Damen, von jeher eifrig mit Politik. Sie ist im House of Lords (Oberhaus), wie bei den Commons (Haus der Gemeinen) und daher auch im Kabinett vertreten. Der Engländer 27 gehört entweder zur Society (Gesellschaft) oder möchte zu ihr gehören. Sein Streben ist und bleibt, ein vornehmer Mann, ein Gentleman zu sein, und selbst Leute bescheidener Herkunft, wie Mr. Asquith, verkehren mit Vorliebe in der Gesellschaft und mit schönen, eleganten Damen. Der britische Gentleman beider Parteien geniesst die gleiche Erziehung, besucht dieselben Colleges und Universitäten, betreibt die nämlichen Sports, sei es nun Golf, Cricket, Lawn-Tennis oder Polo. Alle haben in der Jugend Cricket und Fussball gespielt, sie haben dieselben Lebensgewohnheiten und verbringen das Week End (Ende der Woche) auf dem Lande. Keine soziale Kluft trennt die Parteien, sondern nur eine politische, die sich in den letzten Jahren nur insofern zu einer sozialen entwickelte, als die Politiker beider Lager sich gesellschaftlich mieden. Man durfte selbst auf dem neutralen Boden einer Botschaft beide Lager nicht mischen, da die Unionisten seit der Veto- und Homerulebill die Radikalen ächteten. Als wenige Monate nach meiner Ankunft das Königspaar bei uns speiste, verliess Lord Londonderry nach Tisch das Haus, um nicht mit Sir Ed. Grey zusammen zu bleiben. Aber es ist kein Gegensatz, der in der Kaste und Erziehung liegt, wie in Frankreich, es sind nicht zwei getrennte Welten, sondern dieselbe Welt, und das Urteil über einen Ausländer ist ein gemeinsames und nicht ohne Einfluss auf seine politische Stellung, ob nun Mr. Asquith regiert oder Lord Lansdowne. Ein Gegensatz der Kaste besteht in England nicht mehr, seit der Zeit der Stuarts und nachdem die Welfen und die Whigoligarchie im Gegensatz zu dem toristischen Landadel die bürgerlich-städtischen Kreise emporkommen Hessen. Es ist vielmehr ein Gegensatz der politischen Meinungen über staatsrechtliche Fragen oder über Steuer- pohtik. Gerade Aristokraten, die sich der Volkspartei, den Radikalen anschüessen, die Grey, Churchill, Harcourt, Crewe, wurden von der unionistischen Aristokratie am meisten gehasst. Niemals begegnete man einem dieser Herren in den grossen aristokratischen Häusern, ausser bei den wenigen Parteifreunden. Wir wurden in London mit offenen Armen aufgenommen und beide Parteien überboten sich in Zuvorkommenheit. Es wäre fehlerhaft, gesellschaftliche Beziehungen bei dem engen Verhältnis, das in England zwischen Politik und Gesellschaft besteht, zu unterschätzen, selbst wenn die grosse Mehrheit der obern Zehntausend sich in Opposition zur Regierung befindet. 28 Zwischen Herrn Asquith und dem Duke of Devonshire besteht eben nicht die unüberbrückbare Kluft wie etwa zwischen Herrn Briand und dem Duc de Doudeauville. Sie verkehren zwar in Zeiten erregter Spannung nicht mit einander, sie gehören zwei gesonderten gesellschaftlichen Gruppen an, es sind aber doch Teile derselben Gesellschaft, wenn auch verschiedener Stufen, deren Mittelpunkt der Hof ist, sie haben gemeinsame Freunde und Lebensgewohnheiten, sie kennen sich meist von Jugend an und sind auch oft verwandt und verschwägert. Erscheinungen wie Mr. Lloyd George, der Mann des Volkes, kleiner Advokat und Selfmademan, sind Ausnahmen. Selbst Mr. Burns, Sozialist, Arbeiterführer und Autodidakt, suchte Fühlung in der Gesellschaft. Bei dem verbreiteten Bestreben, als Gentleman zu gelten, als dessen unerreichtes Vorbild der grosse Aristokrat noch immer erscheint, ist das Urteil gerade der Gesellschaft und ihre Haltung nicht zu unterschätzen. Nirgends spielt daher die gesellschaftliche Eignung eines Vertreters eine grössere Rolle wie in England. Ein gastreiches Haus mit freundlichen Wirten ist mehr wert als die profundesten wissenschaftlichen Kenntnisse, und ein Gelehrter mit provinziellem Wesen und allzu kargen Mitteln würde trotz alles Wissens keinen Einfluss gewinnen. Was der Brite hasst, ist a bore, a schemer, a prig (ein langweiliger Kerl, ein Ränkeschmied, ein Fant), was er liebt, ist a good felbw (ein guter Gesell). Sir Edward Grey. Sir Ed. Greys Einfluss war in allen Fragen der auswärtigen Politik nahezu unbeschränkt. Zwar sagte er bei wichtigen Anlässen: “I must first bring it before the cabinet” (Ich muss das erst im Ministerrat Vorbringen), doch schloss dieses sich seinen Ansichten regelmässig an. Seine Autorität war unbestritten. Obwohl er das Ausland gar nicht kennt und ausser einer kurzen Reise nach Paris niemals England verlassen hatte, beherrschte er alle wichtigen Fragen durch langjährige parlamentarische Erfahrung und natürlichen Überblick. Französisch versteht er, ohne es zu sprechen. In jungen Jahren in das Parlament gewählt, hatte er bald angefangen, sich mit Auslands- 29 politik zu befassen. Unter Lord Roseber y parlamentarischer Unterstaatssekretär des Auswärtigen, wurde er 1906 unter Mr. Campbell- Bannermann Staatssekretär und bekleidet diesen Posten nunmehr seit zehn Jahren. Aus einer alten, im Norden Englands begüterten Familie stammend, die bereits den bekannten Staatsmann Grey geliefert hatte, schloss er sich dem linken Flügel seiner Partei an und sympathisierte mit Sozialisten und Pazifisten. Man kann ihn einen Sozialisten im idealen Sinne nennen, denn er überträgt die Theorie auch auf sein Privatleben, das sich durch die grösste Einfachheit und Anspruchslosigkeit auszeichnet, obwohl er über reichliche Mittel verfügt. Jede Repräsentation liegt ihm fern. Er hatte in London nur ein kleines Absteigequartier, gab niemals Diners, ausser dem einen amtlichen im Foreign Office (Auswärtigen Amt) zu Königs Geburtstag. Wenn er ausnahmsweise einige Gäste bei sich sah, so war es zu einem einfachen Essen oder Frühstück in ganz Meinem Kreise und mit weiblicher Bedienung. Auch mied er grosse Geselligkeiten und Feste. Das Weekend verbringt er, wie seine Kollegen, regelmässig auf dem Lande, doch nicht mit eleganten, grossen Parties. Meist bleibt er allein in seinem Cottage im New Forest, wo er lange Spaziergänge macht, um Vögel zu beobachten als leidenschaftlicher Naturfreund und Ornithologe. Oder aber er ging nach Norden auf sein Gut, wo er Eichhörnchen fütterte, die den Weg durch das Fenster fanden, und verschiedene Arten Wasservögel züchtete. Mit Vorliebe setzte er sich gelegentlich nach Norfolk in die Sümpfe, um seltene Reiherarten beim Brüten zu beobachten, die nur dort nisten. In seiner Jugend ein berühmter Cricket- und Racketspieler, treibt er jetzt als Hauptsport das Angeln nach Lachs und Forellen in den schottischen Gewässern — in Begleitung seines Freundes Lord Glen- conner, des Bruders von Mr. Asquith. “All the rest of the year I am looking forward to it” (Das ganze Jahresende warte ich darauf). Er hat ein Buch über den Angelsport herausgegeben. Als wir ein week-end mit ihm allein bei Lord Glenconner in der Nähe von Salisbury verbrachten, kam er auf dem Zweirad angefahren und kehrte ebenso nach seinem etwa dreissig englische Meilen entfernten Cottage zurück. Die Einfachheit und Lauterkeit seines Wesens verschafften ihm auch die Achtung seiner Gegner, die mehr auf dem Gebiete der innern 30 als der auswärtigen Politik zu suchen waren. Lügen und Intrigen sind ihm gleichmässig fern. Seine Frau, die er zärtlich liebte, und von der er sich niemals trennte, starb infolge eines Sturzes aus einem Wagen, den sie selbst lenkte. Einer seiner Brüder wurde bekanntlich durch einen Löwen getötet. Wordsworth ist sein Lieblingsdichter, und er konnte ihn auswendig vortragen. Der kühlen Ruhe seines britischen Wesens fehlt nicht der Sinn für Humor. Als er bei uns frühstückte in Gesellschaft der Kinder, und deren deutsche Unterhaltung hörte, meinte er: “I can’t help thinking how clever these children are to talk German so well” (Ich muss immer denken, wie klug sind diese Kinder, dass sie so gut deutsch sprechen) und freute sich über den Witz. So sieht der Mann aus, der als Lügen-Grey und als Anstifter des Weltkrieges verschrien wird. Mr. Asquith. Mr. Asquith ist ganz anderer Art. Jovialer Lebemann, Freund der Damen, namentlich der jungen und hübschen, hebt er heitere Gesellschaft und gute Küche, und wird dabei von seiner lebenslustigen Gattin unterstützt. Ehemals bekannter Advokat mit reichem Einkommen und langjähriger Parlamentarier, dann Minister unter Mr. Gladstone, Pazifist wie sein Freund Grey, und Freund einer Verständigung mit Deutschland, behandelte er alle Fragen mit der heiteren Ruhe und Sicherheit eines erfahrenen Geschäftsmannes, dessen gute Gesundheit und vortreffliche Nerven durch fleissiges Golfspiel gestählt sind. Seine Töchter gingen in deutsche Pensionate und sprachen fliessend Deutsch. Wir waren nach kurzer Zeit mit ihm und seiner Familie befreundet und seine Gäste auf dem Lande in dem kleinen Hause an der Themse. Um auswärtige Politik kümmerte er sich nur in seltenen Fähen, wenn wichtige Fragen Vorlagen; dann war natürlich die letzte Entscheidung bei ihm. In den kritischen Tagen des Juli kam Mrs. Asquith wiederholt zu uns, um zu warnen, und war schliesslich ganz verzweifelt über die tragische Wendung. Auch Herr Asquith war am O 1 oi 2 . August, als ich ihn besuchte, um einen letzten Versuch im Sinne einer abwartenden Neutralität zu machen, ganz gebrochen, wenn j auch vollkomen ruhig. Die Tränen liefen ihm über die beiden Wangen ' hinunter. 1 Nicolson. Im Foreign Office (Auswärtigen Amt) hatten neben dem Minister Sir A. Nicolson und Sir W. Tyrell den stärksten Einfluss. Ersterer war nicht unser Ereund, aber seine Haltung gegen mich war immer durchaus korrekt und zuvorkommend. Unsere persönlichen Beziehungen waren die besten. Auch er wollte den Krieg nicht, als wir aber gegen Erankreich zogen, hatte er zweifellos im Sinne des sofortigen Anschlusses gearbeitet. Er war der Vertrauensmann meines französischen Kollegen, mit dem er in dauernder Eühlung j stand; auch wollte er Lord Bertie in Paris ablösen. : Bekanntlich war Sir Arthur vorher Botschafter in Petersburg : und hatte den Vertrag des Jahres 1907 abgeschlossen, der es Russ- ‘ land ermöglichte, sich dem Westen und dem nahen Orient wieder j zuzuwenden. ! i Tyrell. Viel grösseren Einfluss als der permanente Unterstaatssekretär, besass der Kabinettschef oder “'private secretary” Sir Edwards: Sir W. Tyrell. Dieser hochintelligente Mann hatte in Deutschland das Gymnasium besucht und sich nachher der Diplomatie zugewandt, war aber nur kurze Zeit im Ausland gewesen. Zunächst schloss er sich der damals unter den jüngeren britischen Diplomaten modernen antideutschen Richtung an, um später ein überzeugter Befürworter der Verständigung zu werden. In diesem Sinne hat er auch Sir i Ed. Grey beeinflusst, mit dem er sehr intim war. Seit Ausbruch des Krieges hat er das Amt verlassen und im Home Office (Ministerium des Innern) Anstellung gefunden, wohl infolge der gegen ihn wegen seiner germanophilen Richtung erhobenen Kritik. 32 Haltung des Amtes. Die Wut gewisser Herren über meine Londoner Erfolge und über die Stellung, die ich mir in kurzer Zeit machen konnte, war unbeschreiblich. Schikanöse Erlasse wurden ersonnen, um mein Amt zu erschweren; ich blieb in völliger Unkenntnis der wichtigsten Dinge und wurde auf die Mitteilung belangloser, langweiliger Berichte beschränkt. Geheime Agentennachrichten über Dinge, die ich ohne Spionage und die nötigen Fonds nicht erfahren konnte, waren mir niemals zugänglich, und erst in den letzten Tagen des Juli 1914 erfuhr ich zufällig durch den Marine-Attache die geheimen englischfranzösischen Abmachungen über das Zusammenwirken beider Flotten im Falle eines Krieges. Auch andere wichtige und dem Amt längst bekannte Vorgänge wie der Briefwechsel Grey-Cambon wurden mir vorenthalten. Kriegsfall. Ich hatte bald nach meiner Ankunft die Überzeugung gewonnen, dass wir unter keinen Umständen einen englischen Angriff oder eine englische Unterstützung eines fremden Angriffes zu befürchten hätten, dass aber unter allen Umständen England die Franzosen schützen würde. Diese Ansicht habe ich in wiederholten Berichten und mit ausführlicher Begründung und grossem Nachdruck vertreten, ohne jedoch Glauben zu finden, obwohl die Ablehnung der Neutralitätsformel durch Lord Haldane und die Haltung Englands während der Marokkokrise recht deutliche Winke waren. Dazu kamen noch die bereits erwähnten und dem Amte bekannten geheimen Abmachungen. Ich wies immer darauf hin, dass England als Handelsstaat bei jedem Kriege zwischen europäischen Grossmächten ausserordentlich leiden, ihn daher mit allen Mitteln verhindern würde, andererseits aber eine Schwächung oder Vernichtung Frankreichs im Interesse des europäischen Gleichgewichts und um eine deutsche Übermacht zu verhindern, niemals dulden könne. Das hatte mir bald nach meiner Ankunft Lord Haldane gesagt. In ähnlichem Sinne äusserten sich alle massgebenden Leute. 33 Serbische Krise. Ende Juni begab ich mich auf Allerhöchsten Befehl nach Kiel, nachdem ich wenige Wochen vorher in Oxford Ehrendoktor geworden war, eine Würde, die vor mir kein deutscher Botschafter seit Herrn von Bunsen bekleidet hatte. An Bord des „Meteor“ erfuhren wir den Tod des Erzherzogthronfolgers. S. M. bedauerte, dass dadurch seine Bemühungen, den hohen Herrn für seine Ideen zu gewinnen, vergeblich waren. Ob der Plan einer aktiven Politik gegen Serbien schon in Konopischt festgelegt wurde, kann ich nicht wissen. Da ich über Wiener Ansichten und Vorgänge nicht unterrichtet war, mass ich dem Ereignisse keine weitgehende Bedeutung bei. Ich konnte später nur feststellen, dass bei österreichischen Aristokraten ein Gefühl der Erleichterung andere Empfindungen über wog. An Bord des „Meteor“ befand sich auch als Gast S. M. ein Österreicher, Graf Felix Thun. Er hatte die ganze Zeit wegen Seekrankheit, trotz herrlichen Wetters, in der Kabine gelegen. Nach Eintreffen der Nachricht war er aber gesund. Der Schreck oder die Freude hatte ihn geheilt! In Berlin angekommen, sah ich den Reichskanzler und sagte ihm, dass ich unsere auswärtige Lage für sehr befriedigend hielt, da wir mit England so gut ständen, wie schon lange nicht. Auch in Frankreich sei ein pazifistisches Ministerium am Ruder. Herr von Bethmann Hollweg schien meinen Optimismus nicht zu teilen und beklagte sich über russische Rüstungen. Ich suchte ihn zu beruhigen und betonte namentlich, dass Russland gar kein Interesse habe, uns anzugreifen, und dass ein solcher Angriff auch niemals die englisch-französische Unterstützung finden würde, da beide Länder den Frieden wollten. Darauf ging ich zu Herrn Dr. Zimmermann, der Herrn von Jagow vertrat, und erfuhr von ihm, dass Russland im Begriff sei, 900,000 Mann neuer Truppen aufzustellen. Aus seinen Worten ging eine unverkennbare Misstimmung gegen Russland hervor, das uns überall im Wege sei. Es handelte sich auch um handelspolitische Schwierigkeiten. Dass General von Moltke zum Krieg drängte, wurde mir natürlich nicht gesagt. Ich erfuhr aber, dass Herr von Tschirschky einen Verweis erhalten, weil er berichtete, er habe in Wien Serbien gegenüber zur Mässigung geraten. Auf meiner Rückreise aus Schlesien auf dem Wege nach London hielt ich mich nur wenige Stunden in Berlin auf und hörte, dass 34 | Österreich beabsichtigte, gegen Serbien vorzugehen, um unhaltbaren j Zuständen ein Ende zu machen. ! Leider unterschätzte ich in dem Augenblick die Tragweite der I Nachricht. Ich glaubte, es würde doch wieder nichts daraus werden ! und, falls Russland drohte, leicht beizulegen sein. Heute bereue ich, , nicht in Berlin geblieben zu sein und sogleich erklärt zu haben, dass ich eine derartige Politik nicht mitmache. Nachträglich erfuhr ich, dass bei der entscheidenden Besprechung in Potsdam am 5. Juli die Wiener Anfrage die unbedingte Zustimmung aller massgebenden Persönlichkeiten fand, und zwar mit dem Zusatze, es werde auch nichts schaden, wenn daraus ein Krieg mit Russland entstehen sollte. So heisst es wenigstens im österreichischen Protokoll, das Graf Mensdorff in London erhielt. Bald darauf war Herr von i Jagow in Wien, um mit Graf Berchtold alles zu besprechen, j Dann bekam ich die Weisung, darauf hinzuwirken, dass die eng- j lische Presse eine freundliche Haltung einnehme, wenn Österreich ! der gross-serbischen Bewegung den „Todesstoss“ versetze, und durch j meinen Einfluss möglichst zu verhindern, dass die öffentliche Meinung | gegen Österreich Stellung nähme. Die Erinnerungen an die Haltung Englands während der Annexionskrise, wo die öffentliche Meinung für die serbischen Rechte auf Bosnien Sympathie zeigte, sowie auch an die wohlwollende Förderung nationaler Bewegungen zur Zeit Lord Byrons und Garibaldis, dieses und anderes sprach so sehr gegen die Wahrscheinlichkeit einer Unterstützung der geplanten Strafexpedition gegen die Fürstenmörder, dass ich mich veranlasst sah, dringend zu warnen. Ich warnte aber auch vor dem ganzen Projekt, ! das ich als abenteuerlich und gefährlich bezeichnete, und riet, den Österreichern Mässigung anzuempfehlen, da ich nicht an Lokalisierung des Konfliktes glaubte. Herr von Jagow antwortete mir, Russland sei nicht bereit, etwas Gepolter würde es wohl geben, aber je fester wir zu Österreich ständen, um so mehr würde Russland zurückweichen. Österreich beschuldigte uns schon so der Flaumacherei und so dürften wir nicht kneifen. Die Stimmung in Russland würde anderseits immer deutschfeindlicher, und da müssten wir es eben riskieren. Angesichts dieser Haltung, die, wie ich später erfüllr, auf Berichten des Grafen Pourtales fusste, dass Russland unter keinen Umständen sich rühren werde, und die uns veranlassten, den Grafen Berchtold zu möglichster Energie anzufeuern, erhoffte ich die Rettung 35 von einer englischen Vermittlung, da ich wusste, dass Sir Ed. Greys Einfluss in Petersburg im Sinne des Friedens zu verwerten war. Ich benutzte daher meine freundschaftlichen Beziehungen zum Minister, um ihn vertraulich zu bitten, in Russland zur Mässigung zu raten, falls Österreich, wie es schien, von den Serben Genugtuung verlangte. Zunächst war die Haltung der englischen Presse ruhig und den Österreichern freundlich, da man den Mord verurteilte. Allmählich aber wurden immer mehr Stimmen laut, welche betonten, dass, so sehr eine Ahndung des Verbrechens nötig sei, eine Ausbeutung desselben zu politischen Zwecken nicht zu rechtfertigen wäre. Österreich wurde eindringlich zur Mässigung aufgefordert. Als das Ultimatum erschien, waren alle Organe, mit Ausnahme des stets notleidenden und von den Österreichern anscheinend bezahlten „Standard“ einig in der Verurteilung. Die ganze Welt, ausser in Berlin und Wien, begriff, dass es den Krieg, und zwar den Weltkrieg bedeutete. Die britische Flotte, welche zufällig zu einer Flottenschau versammelt war, wurde nicht demobilisiert. Ich drängte zunächst auf eine möglichst entgegenkommende Antwort Serbiens, da die Haltung der russischen Regierung keinen Zweifel mehr an dem Ernst der Lage liess. Die serbische Antwort entsprach den britischen Bemühungen, denn tatsächlich hatte Herr Paschitsch alles angenommen, bis auf zwei Punkte, über die er sich bereit erklärte zu unterhandeln. Wollten Russland und England den Krieg, um uns zu überfallen, so genügte ein Wink nach Belgrad, und die unerhörte Note blieb unbeantwortet. Sir Ed. Grey ging die serbische Antwort mit mir durch und wies auf die entgegenkommende Haltung der Regierung in Belgrad. Wir berieten dann seinen Vermittlungsvorschlag, der eine beiden Teilen annehmbare Auslegung dieser beiden Punkte vereinbaren sollte. Unter seinem Vorsitz wären Herr Cambon, Marquis Imperiali und ich zusammengetreten, und es wäre leicht gewesen, eine annehmbare Form für die strittigen Punkte zu finden, die im wesentlichen die Mitwirkung der k. u. k. Beamten bei den Untersuchungen in Belgrad betrafen. In einer oder zwei Sitzungen war alles bei gutem Willen zu erledigen, und schon die blosse Annahme des britischen Vorschlages ! hätte eine Entspannung bewirkt und unsere Beziehungen zu England weiter verbessert. Ich befürwortete ihn daher dringend, da sonst der Weltkrieg bevorstehe, bei dem wir alles zu verlieren und nichts zu gewinnen hätten. Umsonst! Es sei gegen die Würde Österreichs, auch 36 wollten wir uns in die serbische Sache nicht mischen, wir überliessen sie unserem Bundesgenossen. Ich solle auf „Lokalisierung des Konfliktes“ hin wirken. Es hätte natürlich nur eines Winkes von Berlin bedurft, um den Grafen Berchtold zu bestimmen, sich mit einem diplomatischen Erfolg zu begnügen und sich bei der serbischen Antwort zu beruhigen. Dieser Wink ist aber nicht ergangen. Im Gegenteil, es wurde zum Kriege gedrängt. Es wäre ein so schöner Erfolg gewesen. Nach unserer Ablehnung bat Sir Edward uns, mit einem Vorschlag hervorzutreten. Wir bestanden auf dem Kriege. Ich konnte keine andere Antwort erhalten, als dass es ein kolossales „Entgegenkommen“ Österreichs sei, keine Gebietserwerbungen zu beabsichtigen. Sir Edward wies mit Recht darauf hin, dass man auch ohne Gebietserwerbung ein Land zum Vasallen erniedrigen kann, und dass Russland hierin eine Demütigung erblicken und es daher nicht dulden werde. Der Eindruck befestigte sich immer mehr, dass wir den Krieg unter allen Umständen wollten. Anders war unsere Haltung in einer Frage, die uns doch direkt gar nichts anging, nicht zu verstehen. Die inständigen Bitten und bestimmten Eiklärungen des Herrn Sasonow, später die geradezu demütigen Telegramme des Zaren, die wiederholten Vorschläge Sir Edwards, die Warnungen des Marquis San Giuliano und des Herrn Bollati, meine dringenden Ratschläge, alles nützte nichts, in Berlin blieb man dabei, Serbien muss massakriert werden! Je mehr ich drängte, um so weniger wollte man einlenken, schon weil ich nicht den Erfolg haben sollte, mit Sir Edward Grey den Frieden zu retten ! Da entschloss sich letzterer am 29. zu der bekannten Warnung. Ich entgegenete, dass ich stets berichtet hätte, wir würden mit der englischen Gegnerschaft rechnen müssen, falls es zum Kriege mit Frankreich käme. Wiederholt sagte mir der Minister: “If war breaks out, it will be the greatest catastrophe the world has ever seen” (wenn ein Krieg ausbricht, gibt es die grösste Katastrophe, die die Welt je erlebt hat). Die Ereignisse überstürzten sich bald darauf. Als endlich Graf Berchtold, der bis dahin auf Berliner Weisungen den starken Mann spielte, sich zum Einlenken entschloss, beantworteten wir die russische Mobilmachung, nachdem Russland eine ganze Woche vergeblich 37 unterhandelt und gewartet hatte, mit dem Ultimatum und der Kriegserklärung. Englische Kriegserklärung. Noch immer sann Sir Edward Grey nach neuen Auswegen. Am 1. August vormittags kam Sir W. Tyrell zu mir, um zu sagen, sein Chef hoffe noch immer, einen Ausweg zu finden. Ob wir neutral bleiben wollten, falls Frankreich es auch täte? Ich verstand, dass wir dann bereit sein sollten, Frankreich zu schonen, er hatte aber gemeint, dass wir überhaupt, also auch gegen Russland, neutral bleiben. Das war das bekannte Missverständnis. Sir Edward hatte mich für den Nachmittag bestellt. Da er sich gerade in einer Kabinettsitzung befand, rief er mich an das Telephon, nachdem Sir W. Tyrell gleich zu ihm geeilt war. Nachmittags aber sprach er nur mehr von der belgischen Neutralität und von der Möglichkeit, dass wir und Frankreich uns bewaffnet gegenüber ständen, ohne uns anzugreifen. Es war also überhaupt kein Vorschlag, sondern eine Frage ohne Verbindlichkeit, da, wie ich früher schon gemeldet, bald darauf unsere Besprechung stattfinden sollte. Die Nachricht wurde aber in Berlin, ohne erst die Unterredung abzuwarten, zur Grundlage einer weitgehenden Aktion gemacht. Dann kam der Brief des Herrn Poineare, der Brief Bonar Laws, das Telegramm des Königs Albert. Die Schwankenden wurden im Kabinett bis auf drei Mitglieder, die austraten, umgestimmt. Ich hatte bis'zum letzten Augenblick auf eine abwartende Haltung Englands gehofft. Auch mein französischer Kollege fühlte sich keineswegs sicher, wie ich aus privater Quelle erfuhr. Noch am 1. August hatte der König dem Präsidenten ausweichend geantwortet. In dem Telegramm aus Berlin, das die drohende Kriegsgefahr ankündigte, war aber England schon als Gegner mitgenannt. Man rechnete also bereits in Berlin mit dem Kriege gegen England. Vor meiner Abreise empfing mich am 5. Sir Edward Grey in seiner Wohnung. Auf seinen Wunsch war ich hingegangen. Er war tief bewegt. Er sagte mir, er werde stets bereit sein, zu vermitteln: “We don’t want to crush Germany” (wir wollen Deutschland nicht zerschmettern). Diese vertrauliche Unterredung ist leider veröffentlicht worden. Damit hat Herr von Bethmann Hollweg die letzte Möglichkeit zerstört, über England den Frieden zu erlangen. 38- Unsere Abreise vollzog sich durchaus würdig und ruhig. Vorher hatte der König seinen Equerry (Stallmeister) Sir E. Ponsonby zu mir gesandt, um sein Bedauern über meine Abreise auszusprechen, und dass er mich nicht selbst sehen konnte. Prinzess Louise schrieb mir, die ganze Familie betrauere unseren Fortgang. Mr. Asquith und andere Freunde kamen zum Abschied in die Botschaft. Ein Extrazug brachte uns nach Harwich. Dort war eine Ehrenkompagnie für mich aufgestellt. Ich wurde wie ein abreisender Souverän behandelt. So endete meine Londoner Mission. Sie scheiterte nicht an den Tücken der Briten, sondern an den Tücken unserer Politik. Auf dem Bahnhof in London hatte sich Graf Mensdorff mit seinem Stabe eingefunden. Er war vergnügt und gab mir zu verstehen, dass er vielleicht dort bliebe, den Engländern aber sagte er, Österreich habe den Krieg nicht gewollt, sondern wir. Rückblick. Wenn ich jetzt nach zwei Jahren mir alles rückwärts schauend vergegenwärtige, so sage ich mir, dass ich zu spät erkannte, dass kein Platz für mich war in einem System, das seit Jahren nur von Tradition und Routine lebte und das nur Vertreter duldet, die so berichten, wie man es lesen will. Vorurteilslosigkeit und unabhängiges Urteil werden bekämpft, Unfähigkeit und Charakterlosigkeit gepriesen und geschätzt, Erfolge aber erregen Missgunst und Beunruhigung. Ich hatte den Widerstand gegen die wahnsinnige Dreibundpolitik aufgegeben, da ich einsah, dass es zwecklos war, und dass man meine Warnungen als Austrophobie (Feindschaft gegen Österreich), als fixe Idee hinstellte. In der Politik, die nicht Akrobatentum oder Aktensport ist, sondern das Geschäft der Firma, gibt es keine Philie oder Phobie (Freundschaft oder Feindschaft), sondern nur das Interesse des Gemeinwesens. Eine Politik aber, die sich bloss auf Österreicher, Madjaren und Türken stützt, muss in Gegensatz zu Russland geraten und schliesslich zur Katastrophe führen. Trotz früherer Irrungen war im Juli 1914 noch alles zu machen. Die Verständigung mit England war erreicht. Wh’ mussten einen wenigstens das Durchschnittsmass politischer Befähigung erreichenden Vertreter nach Petersburg senden und Russland die Gewissheit geben, dass wir weder die Meerengen beherrschen, noch die Serben erdrosseln wollten. ,,Ldchez l’Autriche et nous lächerons les Franfais“ (lasst 39 Österreich fallen, und wir werden die Franzosen fallen lassen), sagte uns Herr Sasonow. Und Mr. Cambon sagte Herrn von Jagow: ,, Vous n'avez fas besoin de suivre VAutriche fartout “ (Ihr braucht mit Österreich nicht alles mitzumachen). Weder Bündnisse noch Kriege, sondern nur Verträge brauchten wir, die uns und andere schützten undemen wirtschaftlichen Aufschwung sicherten, der in der Geschichte ohne Vorgang war. War Russland aber im Westen entlastet, so konnte es sich wieder nach Osten wenden, und der anglo-russische Gegensatz trat alsdann automatisch und ohne unsere Mitwirkung hervor, nicht minder aber der russisch-japanische. Wir konnten auch der Frage der Rüstungsbeschränkung nähertreten und brauchten uns um österreichische Wirrnisse nicht mehr zu kümmern. Österreich-Ungarn war dann der Vasall des Deutschen Reiches, und ohne Bündnis und namentlich ohne Liebesdienste, die schliesslich zum Kriege führten für die Befreiung Polens und die Vernichtung Serbiens, obwohl die deutschen Interessen gerade das Gegenteil heischten. Ich hatte in London eine Politik zu unterstützen, deren Irrlehre ich erkannte. Das hat sich an mir gerächt, denn es war eine Sünde wider den heüigen Geist. Ankunft. In Berlin angekommen, sah ich sofort, dass ich zum Sündenbock für die Katastrophe gemacht werden sollte, die unsere Regierung im Gegensatz zu meinen Ratschlägen und Warnungen verschuldet hatte. Von amtlicher Seite wurde geflissentlich verbreitet, ich hätte mich durch Sir Ed. Grey täuschen lassen, denn wenn er den Krieg nicht gewollt, würde Russland nicht mobilisiert haben. Graf Pour- tales, auf dessen Berichterstattung man sich verlassen konnte, sollte geschont werden, schon wegen seiner Verwandtschaft. Er habe sich „grossartig“ benommen, er wurde begeistert gelobt, ich um so schärfer getadelt. „Was geht denn Serbien Russland an?“ sagte mir dieser Staatsmann nach achtjähriger Amtszeit in Petersburg. Die ganze Sache sollte eine britische Tücke sein, die ich nicht gemerkt. Im Amte erklärte man mir auch, im Jahre 1916 wäre es doch zum Kriege gekommen, dann wäre Russland „fertig“, daher sei es besser jetzt. 40 Schuldfrage. Wir haben, wie aus allen amtlichen Veröffentlichungen hervorgeht und auch durch unser Weissbuch nicht widerlegt wird, das durch seine Dürftigkeit und Lückenhaftigkeit eine schwere Selbstanblage darstellt, 1. den Grafen Berchtold ermutigt, Serbien anzugreifen, obwohl kein deutsches Interesse vorlag und die Gefahr eines Weltkrieges uns bekannt sein musste — ob wir den Wortlaut des Ultimatums gekannt, ist völlig gleichgültig; 2. in den Tagen zwischen dem 23. und 30. Juli 1914, als Herr Sasonow mit Nachdruck erklärte, einen Angriff auf Serbien nicht dulden zu können, die britischen Vermittlungsvorschläge abgelehnt, obwohl., Serbien unter russischem und britischem Drucke nahezu das ganze Ultimatum angenommen hatte und obwohl eine Einigung über die beiden fraglichen Punkte leicht zu erreichen und Graf Berchtold sogar bereit war, sich mit der serbischen Antwort zu begnügen; 3. am 30. Juli, als Graf Berchtold einlenken wollte und ohne dass Österreich angegriffen war, auf die blosse Mobümachung Russlands hin ein Ultimatum nach Petersburg geschickt und am 31. Juli den Russen den Krieg erklärt, obwohl der Zar sein Wort verpfändete, solange noch miterhandelt wird, keinen Mann marschieren zu lassen, also die Möglichkeit einer friedlichen Beilegung geflissentlich vernichtet. Es ist nicht zu verwundern, wenn angesichts dieser unbestreitbaren Tatsachen ausserhalb Deutschlands die gesamte • Kulturwelt uns die alleinige Schuld am Weltkriege beimisst. Feindlicher Standpunkt. Ist es nicht begreiflich, dass unsere Feinde erklären, nicht eher ruhen zu wollen, bis ein System vernichtet ist, das eine dauernde Bedrohung unserer Nachbarn bildet? Müssen sie nicht sonst befürchten, in einigen Jahren wieder zu den Waffen greifen zu müssen und wieder ihre Provinzen überrannt und ihre Städte und Dörfer vernichtet zu sehen? Haben diejenigen nicht recht behalten, die weissagten, dass der Geist Treitschkes und Bernhardis das deutsche Volk beherrschte, der den Krieg als Selbstzweck verherrlicht und Lioluiowskf, Meine Londoner Mission — 4 41 nicht als Übel verabscheut, dass bei uns noch der feudale Ritter und Junker, die Kriegerkaste regiere und Ideale und Werte gestalte, nicht aber der bürgerliche Gentleman, dass die Liebe zur Mensur, die die akademische Jugend beseelt, auch denen erhalten bleibt, die die Geschicke des Volkes leiten? Hatten nicht die Ereignisse in Zabern und die parlamentarischen Verhandlungen des Falles dem Ausland gezeigt, wie staatsbürgerliche Rechte und Freiheiten bei uns bewertet werden, wenn militärische Machtfragen entgegenstehen? In die Worte Euphorions kleidete der geistvolle, seither verstorbene Historiker Cramb, ein Bewunderer Deutschlands, die deutsche Auffassung: „Träumt ihr den Krieg? Träume wer träumen mag, Krieg ist das Losungswort 1 Sieg, und so klingt es fort.“ Der Militarismus, eigentlich eine Schule des Volkes und ein Instrument der Politik, macht die Politik zum Instrument der Militärmacht, wenn der patriarchalische Absolutismus des Soldatenkönigtums eine Haltung ermöglicht, die eine militärisch-junkerlichen Einflüssen entrückte Demokratie nicht zulassen würde. So denken unsere Feinde, und so müssen sie denken, wenn sie sehen, dass trotz kapitalistischer Industrialisierung und trotz sozialistischer Organisierung die Lebenden, wie Friedrich Nietzsche sagt, noch von den Toten regiert werden. Das vornehmste feindliche Kriegsziel, die Demokratisierung Deutschlands, wird sich verwirklichen! — Bismarck. Bismarck, gleich Napoleon, liebte den Kampf als Selbstzweck. Als Staatsmann vermied er neue Kriege, deren Sinnlosigkeit er erkannte. Er begnügte sich mit imblutigen Schlachten. Nachdem er in rascher Folge Christian, Franz Joseph und Napoleon besiegt, kamen Arnim, Pius und Augusta an die Reihe. Das genügte ihm nicht. Gortschakow hatte ihn wiederholt geärgert, der sich für grösser hielt. Er wurde bis hart an den Krieg bekämpft, sogar durch Entziehung des Salonwagens. So entstand der traurige Dreibund. Zum Schluss folgte der Kampf gegen Wilhelm, in dem der Gewaltige unterlag, wie Napoleon gegen Alexander. Politische Ehen auf Tod und Leben geraten nur im staatsrechtlichen, nicht im völkerrechtlichen Verbände. Sie sind um so bedenk- 42 licher mit einem brüchigen Genossen. So war das Bündnis von Bismarck auch niemals gemeint. Die Engländer aber hat er stets schonend behandelt; er wusste, dass es so klüger war. Die alte Viktoria wurde von ihm besonders ausgezeichnet, trotz des Hasses gegen die Tochter und gegen politische Engländerei, der gelehrte Beaconsfield und der welterfahrene Salisbury umworben, und auch der sonderliche Gladstone, den er nicht mochte, hatte sich eigentlich nicht zu beklagen. Das Ultimatum an Serbien war die Krönung der Politik des Berliner Kongresses, der bosnischen Krise, der Londoner Konferenz; doch noch war die Zeit zur Umkehr. Was vor allem zu vermeiden war, der Bruch mit Russland und mit England, das haben wir glücklich erreicht. Unsere Zukunft. Heute nach zweijährigem Kampfe kann es nicht mehr zweifelhaft sein, dass wir auf einen bedingungslosen Sieg über Russen, Engländer, Franzosen, Italiener, Rumänen und Amerikaner nicht hoffen dürfen, mit dem Mederringen unserer Feinde nicht rechnen können. Zu einem Kompromissfrieden gelangen wir aber nur auf Grundlage der Räumung der besetzten Gebiete, deren Besitz für uns überdies eine Last und Schwäche und die Gefahr neuer Kriege bedeutet. Daher sollte alles vermieden werden, was denjenigen feindlichen Gruppen, die für den Kompromissgedanken vielleicht noch zu gewinnen wären, den britischen Radikalen und den russischen Reaktionären, ein Ein- lenken erschwert. Schon von diesem Gesichtspunkte aus ist das polnische Projekt ebenso zu verwerfen, wie jeder Eingriff in belgische Rechte oder die Hinrichtung britischer Bürger, vom wahnwitzigen U-Boot-Plane gar nicht zir reden. Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser. Richtig, also nicht in Polen und Belgien, in Frankreich und Serbien. Das ist die Rückkehr zum heiligen Römischen Reich, zu den Irrungen der Hohenstaufen und Habsburger. Es ist dies die Politik der Plantagenets, nicht die der Drake und Raleigh, Nelson und Rhodes. Dreibundpolitik ist Rückkehr ziu Vergangenheit, Abkehr von der Zukunft, dem Imperialismus, der Weltpolitik. Mitteleuropa ist Mittelalter. Berlin-Bagdad eine Sackgasse, nicht der Weg ins Freie, zu unbegrenzten Möglichkeiten, zur Weltmission des deutschen Volkes. 43 Ich bin kein Gegner Österreichs oder Ungarns oder Italiens und Serbiens oder irgendeines anderen Staates, sondern nur ein Gegner der Dreibundpolitik, die uns von unseren Zielen ablenken und auf die schiefe Ebene der Kontinentalpolitik bringen musste. Sie war nicht deutsche, sondern k. u. k. Hauspolitik. Die Österreicher hatten sich daran gewöhnt, das Bündnis als einen Schirm zu betrachten, unter dessen Schutz sie nach Belieben Ausflüge in den Orient machen konnten. Und welches Ergebnis des Völkerringens haben wir zu gewärtigen ? Die Vereinigten Staaten von Afrika werden britisch sein, wie die von Amerika, Australien und Ozeanien. Und die lateinischen Staaten Europas werden, wie ich schon vor Jahren sagte, in dasselbe Verhältnis zu dem Vereinigten Königreich geraten, wie die lateinischen Schwestern Amerikas zu den Vereinigten Staaten. Der Angelsachse wird sie beherrschen. Das durch den Krieg erschöpfte Frankreich wird sich nur noch enger an Grossbritannien anschliessen. Auf die Dauer wird auch Spanien nicht widerstehen. Und in Asien wird der Russe und der Japaner sich ausbreiten mit seinen Grenzen und Sitten, und der Süden wird den Briten bleiben. Die Welt wird den Angelsachsen, Russen und Japanern gehören und der Deutsche allein bleiben mit Österreich und Ungarn. Seine Machtherrschaft wird die des Gedankens und des Handels sein, nicht aber die der Bureaukraten und Soldaten. Es war zu spät erschienen, und die letzte Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen, ein Kolonialreich zu gründen, hat der Weltkrieg vernichtet. Denn wir werden die Söhne Iah wes nicht verdrängen, das Programm des grossen Rhodes wird sich erfüllen, der in der Ausbreitung des Briten tum s, im britischen Imperialismus das Heil der Menschheit erblickte. Tu regere ünperio populos Romano, memento. Hae tibi erunt artes: pacisque imponere morem, Parcere subjectis et devellare superbos. (Du sollst die Völker im Römerreiche regieren. Derne Kunst wird sein, Friedenssitten zu erzwingen, die Unterworfenen zu schonen und die Hochmütigen des Krieges zu entwöhnen.) Anhang Fragmente aus der Rede Sir Edward Greys im Unterhause am 3. August 1914. [Nach diesen Enthüllungen des Fürsten Liehnowsky gewinnt die Rede Sir Edward Greys vom 3. August 1914 im Unterhaus erneute Aktualität. Wir geben im Nachfolgenden die wichtigsten Stellen aus dieser Rede wieder. Sie hilden den besten Beleg für die Darstellung Lichnowskys über Englands Haltung und Aktion in der kritischen letzten Juliwoche 1914, genau so wie Lichnowskys Denkschrift das glänzendste Zeugnis für die ehrliche und unermüdliche Anstrengung Sir Edward Greys für die Erhaltung des Friedens liefert.] ,,.. . Lassen Sie mich Ihnen zuerst in Kürze sagen, dass wir unablässig in dem einzigen Gedanken und mit aller nur erdenklichen Hingebung für die Erhaltung des Friedens arbeiteten. Das Haus kann in dieser Beziehung vollkommen beruhigt sein. Und es wird der britischen Regierung nicht schwer fallen, zu beweisen, dass sie, soweit es sie betrifft, in den letzten Jahren wirklich zugunsten des Friedens handelte.“ „Wir werden sobald als möglich Dokumente über die Ereignisse der letzten Woche und über uasere Tätigkeit zur Erhaltung des Friedens veröffentlichen. Wenn diese Dokumente bekannt sein werden, so zweifle ich nicht, dass sie jedem denkenden Menschen klar machen werden, wie unermüdlich , wie lauter und aufrichtig unsere Anstrengungen für den Frieden waren; und sie werden jedermann die Möglichkeit geben, sich über die Kräfte, die gegen den Frieden arbeiteten, ein Urteil zu bilden.“ „Die heutige Krise hat nicht ihren Ursprung in dem Marokkohandel; ebensowenig in irgend einer Frage, über die wir mit Frankreich Spezialabkommen getroffen haben, noch in einer Sache, die in erster Reihe Frankreich angeht. Die heutige Krise ging aus dem Streit zwischen Österreich und Serbien hervor. Ich kann mit absolutester Bestimmtheit erklären: Keine Regierung und kein Land wünschen weniger als Frankreichs Regierung und Volk, durch einen Konflikt zwischen Österreich und Serbien in den Krieg verwickelt zu werden. Sie sind in ihn verwickelt durch eine Ehrenpflicht, die ihnen eine unter 46 genauen Bestimmungen mit Russland geschlossene Allianz auferlegt. Nun, ich halte es für angezeigt, dem Hause zu sagen, dass diese Ehrenpflicht nicht in gleichem Masse auf uns zutrifft. Wir sind an der französisch-russischen Allianz nicht beteiligt. Wir kennen nicht einmal die Bestimmungen dieser Allianz. Ich glaube nun, soweit die Situation hinsichtlich der Frage der Verpflichtung ehrlich und vollständig geklärt zu haben.“ * * * „Wir begreifen vollkommen, dass Frankreich berechtigt war, zu •wissen — und unverzüglich zu wissen —, ob es im Falle eines Angriffs auf seine ungeschützten Nord- und Westküsten auf britische Hilfe rechnen könnte. Angesichts dieses Ereignisses und unter diesen dringlichen Umständen gab ich gestern Nachmittag dem französischen Botschafter folgende Erklärung: „Ich bin ermächtigt, (der französischen Regierung) die Versicherung zu geben, dass im Falle die deutsche Flotte in den Kanal oder durch die Nordsee kommt, um gegen die französischen Küsten oder Schiffahrt feindselige Operationen zu unternehmen, die britische Flotte mit allen ihren Kräften ihnen (Frankreichs Küsten) ihren Schutz gewähren werde. Diese Zusage ist natürlich der Billigung des die Politik der Regierung unterstützenden Parlaments unterworfen und kann nicht als bindend für die britische Regierung betrachtet werden, solange nicht die oben angedeutete Eventualität einer Aktion der deutschen Flotte eintritt.“ * ie * „Die Ereignisse jagen einander von Stunde zu Stunde. Fortwährend kommen neue Nachrichten, und ich kann keine absolute Erklärung abgeben. Aber wenn ich richtig verstehe, wäre die deutsche Regierung, wenn wir uns zur Neutralität verpflichten, bereit, auf einen Angriff ihrer Flotte gegen die Nordküste Frankreichs zu verzichten. Diese Mitteilung erfuhr ich kurz vor meiner Ankunft im Hause, aber sie ist weit entfernt, uns eine Bürgschaft zu gewähren. Und es gibt, meine Herren, eine viel ernstere Erwägung für uns, eine Erwägung, die mit jeder Stunde ernster wird: das ist die Frage der Neutralität Belgiens. 47 Ich will dem Hause unsere Stellung zu Belgien des näheren auseinandersetzen. Der leitende Faktor ist der Vertrag von 1839, al)er dieser Vertrag hat seine Geschichte, eine Geschichte, die mit der Zeit angewachsen ist. Im Jahre 1870, da der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland herrschte, trat die Frage der belgischen Neutralität an die Oberfläche, und es wurden darüber verschiedene Ansichten laut. Unter anderem gab Fürst Bismarck, in Bekräftigung seines mündlichen Versprechens, Belgien eine schriftliche Versicherung, die er übrigens im Hinblick auf den bestehenden Vertrag als überflüssig bezeichnete, dass der Norddeutsche Bund und seine Verbündeten die belgische Neutralität respektieren werden, unter der seit jeher bestehenden Voraussetzung, dass diese Neutralität auch von den anderen kriegführenden Mächten respektiert würde. Das ist eine wertvolle Erklärung, denn damit anerkannte Deutschland 1870 die Heiligkeit der Verträge.“ * * * ,,In der letzten Woche wurden wir befragt, ob wir uns zufrieden geben würden, wenn uns die Garantie geboten wird, dass Belgiens Integrität nach dem Krieg gewahrt bleibt. Wir erwiderten, dass wir uns weder über unsere Interessen noch unsere Verpflichtungen gegenüber der belgischen Neutralität in Diskussionen einlassen können. Kurz bevor ich im Hause eintraf, wurde ich verständigt, dass unser König vom König von Belgien folgendes Telegramm erhalten hatte: „In Erinnerung an die zahlreichen Freundschaftsbeweise Eurer Majestät und seiner Vorgänger sowie an die freundschaftliche Haltung Englands im Jahre 1870 und auch an den neuesten Freundschaftsbeweis, den es uns darbot, richte ich einen höchsten Appell an die Regierung Eurer Majestät, damit sie durch ihre diplomatische Intervention die Unverletzlichkeit Belgiens rette.“ * * * „Man wird uns möghcherweise sagen, dass wir abseits bleiben könnten und unsere Kräfte sparen, und dass wir, unbekümmert um den Verlauf des Krieges, am Schluss intervenieren sollen, um die Dinge zu ordnen und nach unserem eigenen Standpunkt zurechtzumachen. Wenn wir uns in einer Krise wie diese unseren Ehren- 48 pflichten und dem Interesse an dem belgischen Vertrag von 1839 entziehen, so zweifle ich sehr, ob unsere materiellen Kräfte, und seien sie noch so bedeutend, am Ende des Krieges den Verlust auch nur annähernd aufwiegen, den wir erlitten haben werden.“ * * „Für welche andere Politik bleibt dem Hause die Wahl ? Es gibt nur ein Mittel, die es der Regierung in dieser Stunde mit Bestimmtheit ermöglichen würde, sich vom Kriege fernzuhalten: das wäre der sofortige Erlass einer Proklamation, worin sie ihre bedingungslose Neutralität ankündigt. Das können wir nicht tun. Wir haben Frankreich die hier im Hause verlesene Erklärung gegeben, und diese hindert uns es zu tun. Wir haben die Sache Belgiens in Erwägung gezogen, und auch diese hindert uns an bedingungsloser Neutralität, und wenn diese Bedingungen nicht in absolut befriedigender Weise erfüllt werden, dürfen wir nicht davor zurückschrecken, alle in unserer Macht befindlichen Kräfte in Anwendung zu bringen. Wenn wir uns dafür entscheiden, zu sagen: „Wir wollen mit dieser Sache unter keinen Umständen zu tun haben,“ nichts wissen von den Verpflichtungen an dem belgischen Vertrag, von der eventuellen Lage im Mittelmeer, von der Schädigung der britischen Interessen und von allem, was durch das Ausbleiben unserer Hilfe für Frankreich mit diesem Lande geschehen möge, — wenn wir sagen würden, dass uns alle diese Dinge nichts, rein gar nichts angehen und dass wir abseits stehen wollen, so würden wir, denke ich, unser Ansehen, unsern guten Ruf und Namen vor der Welt opfern und den ernstesten und schwersten wirtschaftlichen Folgen nicht entgehen.“ * * „Wir haben bis zum letzten Augenblick, mehr als bis zum letzten Augenblick, für den Frieden gearbeitet. Mit welcher Zähigkeit, Ausdauer und Hingebung wir in der • letzten Woche für den Frieden kämpften, das wird das Haus aus den Dokumenten ersehen können, die wir ihm vorlegen werden.“ 49 Der Brief Dr. Muehlons Neben der Lichnowskyschen Denkschrift ist im deutschen Reichshaushalts-Ausschuss auch der aufsehenerregende Brief des Herrn Dr. Muehlon, der bis zum Kriegsausbruch Mitglied des Direktoriums der Kruppwerke war, zur Sprache gebracht worden. Der Brief lautet: „Mitte Juli 1914 hatte ich, wie des öfteren, eine Besprechung mit Dr. Helfferich, dem damaligen Direktor der Deutschen Bank in Berlin und heutigen Stellvertreter des Reichskanzlers. Die Deutsche Bank hatte eine ablehnende Haltung gegenüber einigen grossen Transaktionen eingenommen (Bulgarien und Türkei), an denen die Firma Krupp aus geschäftlichen Gründen (Lieferung von Kriegsmaterial) ein lebhaftes Interesse hatte. Als einender Gründe zur Rechtfertigung der Haltung der Deutschen Bank nannte mir Dr. Helfferich schliesslich den folgenden: Die politische Lage ist sehr bedrohlich geworden. Die Deutsche Bank muss auf jeden Fall abwarten, ehe sie sich im Ausland weiter engagiert. Die Österreicher (sic!) sind dieser Tage beim Kaiser gewesen. Wien wird in acht Tagen ein sehr scharfes, ganz kurz befristetes Ultimatum an Serbien stellen, in dem Forderungen enthalten sind, wie Bestrafung einer Reihe von Offizieren, Auflösung politischer Vereine, Strafuntersuchungen in Serbien durch Beamte der Doppelmonarchie, überhaupt eine Reihe bestimmter, sofortiger Genugtuungen verlangt wird, andernfalls Österreich-Ungarn an Serbien den Krieg erklärt. Dr. Helfferich fügte noch hinzu, dass sich der Kaiser mit Entschiedenheit für dieses Vorgehen Österreich-Ungarns ausgesprochen habe. Er habe gesagt, dass er einen österreichisch-ungarischen Konflikt mit Serbien als eine interne Angelegenheit zwischen diesen beiden Ländern betrachte, in die er keinem andern Staat eine Einmischung erlauben werde. Wenn Russland mobil mache, dann mache auch er mobil. Bei ihm aber bedeute Mobilmachung den sofortigen Krieg. Diesmal gäbe es kein Schwanken. Die Österreicher seien über diese entschlossene Haltung des Kaisers sehr befriedigt gewesen. Als ich Dr. Helfferich daraufhin sagte, diese unheimliche Mitteilung mache meine ohnehin starken Befürchtungen eines Welt- 50 krieges zur völligen Gewissheit, erwiderte er, es sehe jedenfalls so aus. Vielleicht überlegten sich aber Russland und Frankreich die Sache doch noch anders. Den Serben gehöre entschieden eine bleibende Lektion. Dies war die erste Mitteilung, die ich erhielt über die Besprechungen des Kaisers mit den Bundesgenossen. Ich kannte Dr. Helfferichs besonders vertrauensvolle Beziehungen zu den Persönlichkeiten, die eingeweiht sein mussten, und die Verlässlichkeit seiner Mitteilung. Deshalb unterrichtete ich nach meiner Rückkehr ' von Berlin unverzüglich Herrn Krupp von Bohlen und Haibach, J dessen Direktorium in Essen ich damals als Mitglied angehörte. Dr. Helfferich hatte mir dies übrigens ausdrücklich erlaubt. (Es bestand damals die Absicht , ihn in den Aufsichtsrat der Firma Krupp zu nehmen), v. Bohlen schien betroffen, dass Dr. Helfferich im Besitze solcher Kenntnisse war, machte eine abfällige Bemerkung, dass die Leute von der Regierung doch nie ganz den Mund halten könnten, und eröffnete mir alsdann folgendes: Er sei selbst beim Kaiser dieser Tage gewesen. Der Kaiser habe auch ihm von der Besprechung mit den Österreichern und deren Ergebnis gesprochen, jedoch die Sache als so geheim bezeichnet, dass er nicht einmal gewagt haben würde, seinem Direktorium davon Mitteilung zu machen. Da ich aber einmal Bescheid wisse, könne er mir sagen, die Angaben Helfferichs seien richtig. Dieser scheine freilich noch mehr Details zu wissen, als er, Bohlen, selbst. Die Lage sei in der Tat sehr ernst. Der Kaiser habe ihm persönlich gesagt, er werde sofort den Krieg erklären, wenn Russland mobil mache. Diesmal werde man sehen, dass er nicht umfalle. Die wiederholte kaiserliche Betonung, in diesem Falle werde ihm kein Mensch wieder Unschlüssigkeit vorwerfen können, habe sogar fast komisch gewirkt. Genau an dem mir von Helfferich bezeichneten Tage erschien denn auch das Ultimatum Wiens an Serbien. Ich war zu dieser Zeit j wieder in Berlin und äusserte mich gegenüber Helfferich, dass ich ! Ton und Inhalt des Ultimatums geradezu ungeheuerlich fände. Dr. Helfferich aber meinte, das klinge nur in der deutschen Übersetzung so. Er habe das Ultimatum in französischer Sprache zu sehen bekommen und da könne man es keineswegs als übertrieben empfinden. Bei dieser Gelegenheit sagte mir Helfferich auch, dass der ; Kaiser nur des Scheins wegen auf die Nordlandreise gegangen sei. | ihr keineswegs die übliche Ausdehnung gegeben habe, sondern sich in . jederzeit erreichbarer Nähe und in ständiger Verbindung halte. Nun 51 müsse man eben sehen, was komme. Hoffentlich handelten die Österreicher, die auf eine Annahme des Ultimatums natürlich nicht rechneten, rasch bevor die andern Mächte Zeit fänden, sich hineinzumischen. Die Deutsche Bank habe ihre Vorkehrungen schon so getroffen, dass sie auf alle Eventualitäten gerüstet sei. So habe sie das einlaufende Gold nicht mehr in den Verkehr zurückgegeben. Das lasse sich ganz unauffällig ein richten und mache Tag für Tag schon sehr bedeutende Beträge aus. Alsbald nach dem Wiener Ultimatum an Serbien, gab die deutsche Regierung Erklärungen dahin ab, dass Österreich-Ungarn auf eigene Faust gehandelt habe ohne Vor wissen Deutschlands. Bei dem Versuch, diese Erklärungen mit den oben genannten Vorgängen überhaupt vereinigen zu wollen, blieb nur etwa die Lösung, dass der Kaiser sich schon festgelegt hatte, ohne seine Regierung mitwirken zu lassen und dass bei der Besprechung mit den Österreichern deutscherseits davon abgesehen wurde, den Wortlaut des Ultimatums zu vereinbaren. Denn dass der Inhalt des Ultimatums in Deutschland ziemlich genau bekannt war, habe ich oben gezeigt. Herr Krupp von Bohlen, mit dem ich über diese wenigstens der Wirkung nach lügnerischen deutschen Erklärungen sprach, war davon gleichfalls wenig erbaut, weil in einer so schwerwiegenden Angelegenheit Deutschland doch keine Blankovollmacht an einen Staat wie Österreich hätte aus stellen dürfen, und es Pflicht der leitenden Staatsmänner gewesen wäre, sowohl vom Kaiser wie von den Bundesgenossen zu verlangen, dass die österreichischen Forderungen und das Ultimatum an Serbien auf das eingehendste diskutiert und festgelegt werden und gleichzeitig das genaue Programm des weitern Vorgehens überhaupt. Gleichviel auf welchem Standpunkt man stehe, man dürfe sich doch nicht den Österreichern in die Hände geben, sich Eventualitäten aussetzen, die man nicht vorher berechnet habe, sondern hätte an seine Verpflichtungen entsprechende Bedingungen knüpfen müssen. Kurz, Herr von Bohlen hielt die deutsche Ableugnung eines Vorwissens, falls in ihr eine Spur von Wahrheit stecke, für einen Verstoss gegen die Anfangsgründe diplomatischer Staatskunst und stellte mir in Aussicht, er werde mit Herrn von Jagow, dem damaligen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, der ein besonderer Freund von ihm war, in diesem Sinne reden. Als Ergebnis dieser Besprechung teilte mir Herr v. Bohlen folgendes mit: Herr von Jagow sei ihm gegenüber fest dabei geblieben, dass er an dem Wortlaut des österreichisch-ungarischen Ultimatums nicht mit- 52 gewirkt habe, und dass eine solche Forderung von Deutschland überhaupt nicht erhoben worden sei. Auf den Einwand, das sei doch unbegreiflich, habe Herr v. Jagow erwidert, dass er als Diplomat natürlich auch daran gedacht habe, ein solches Verlangen zu stellen. Der Kaiser habe sich aber in dem Zeitpunkt, in dem Herr v. Jagow mit der Angelegenheit befasst und hinzugezogen wurde, schon so festgelegt gehabt, dass es für ein Vorgehen nach diplomatischem Brauch schon zu spät und nichts mehr zu machen gewesen sei. Die Situation sei so gewesen, dass man mit Verklausulierungen gar nicht mehr habe kommen können. Schliesslich habe er, Jagow, sich gedacht, die Unterlassung werde auch ein Gutes haben, nämlich den guten Eindruck, den man in St. Petersburg und Paris deutscherseits mit der Erklärung machen könne, dass man an dem Wiener Ultimatum nicht mitgearbeitet habe. Die Erklärungen des Ministers Pidion. [Es dürfte von Interesse sein, hier auch die wichtigen Erklärungen des französischen Ministers des Äussern, Herrn Stephan Pichon, wiederzugeben, die er am 1. März 1918 bei der Erinnerungsfeier an den Protest der Abgeordneten von Elsass- Lothringen in der Nationalversammlung zu Bordeaux vom März 1871, in der Sorbonne gemacht hat.] „Siebenundvierzig Jahre sind seit dem Tage verflossen, an welchem die Bevölkerung Elsass-Lothringens unter das Joch des Siegers gebeugt wurde. Aber niemals ist ihr Wille zur Wiedervereinigung mit dem Vaterlande, von dem sie gewaltsam losgerissen wurde, deutlicher und einmütiger gewesen wie heute. Der auf der Tribüne der Nationalversammlung von Bordeaux im Namen der Bevölkerungen der Departements Niederrhein, Oberrhein, Mosel und Maas verlesene Protest bleibt das Symbol der unwandelbaren Forderungen der unter Verachtung des Völkerrechts von Deutschland annektierten Bevölkerung. Nach der Behauptung des deutschen Kanzlers sind es rein deutsche Länder, die ihren rechtmässigen Besitzern entrissen und unter jahrhundertelanger Bedrückung gehalten wurden, bis die französische Revolution „den früher begangenen Raub“ als ihr Eigentum proklamierte. Sonderbare Geschichtsschreibung, die noch mehr verblüffen würde, wenn sie nicht von den Nachfolgern des Mannes ausginge, der die Emser Depesche fälschte, und des Chefs der Regierung, die, um ihren Einbruch in Belgien zu rechtfertigen, den Zynismus besass, das kleine Königreich eines Komplotts zum Angriff auf die Vernichter seiner Neutralität zu beschuldigen ... Eher lege ich Ihnen ein Dokument vor, das meine Behauptung in allen Punkten unwiderleglich bestätigt: Es ist das bereits teilweise bekannte Schreiben, dessen Empfängerin, Kaiserin Eugenie, kürzlich in freundlichster Weise das Original den nationalen Archiven über- mittein liess. Es war von dem Grossvater Wilhelms II. am 26. Oktober 1870 aus Versailles an sie gerichtet worden, und hatte folgenden Wortlaut: ,Nach den Ungeheuern Opfern, die Deutschland für seine Ver- 1 teidigung gebracht hat, will es sich versichern, dass der nächste An- ; griff, auf den wir gefasst sein können, sobald Frankreich seine Kräfte wiederhergestellt und Alliierte erworben hat, es besser vorbereitet finde, ihn zurückweisen zu können. Diese traurige Rücksicht allein, und nicht der Wunsch, mein Vaterland zu vergrössern, dessen Gebiet 54 gross genug ist, zwingt mich, auf der Abtretung von Ländergebieten zu beharren, die keinen andern Zweck hat als den Aufmarschpunkfc der französischen Heere, die uns später angreifen werden, zurüekzu- schieben/ Kann man gründlicher mit der Legende aufräumen, der Graf Hertling Glauben verschaffen will, nämlich, dass die Annexion Eisass- Lothringens den Willen bedeutet, Deutschland deutsche Länder zurückzugeben, deren es durch französische Vergewaltigung beraubt worden sei ? Warum verkündete der König von Preussen seinen Entschluss, sich unserer Provinzen zu bemächtigen ? Weil sie deutscher Boden seien? Keine Spur! Nein, sondern weil er durch ein Vorrücken auf französisches Gebiet den deutschen Boden gegen einen Angriff von unserer Seite sichern wollte. Sie wissen das sehr wohl, die Männer, die, nicht zufrieden, den entsetzlichsten Krieg entfesselt zu haben, auch noch an dem Tage, wo sie ihn mit Vorbedacht unvermeidlich machten, uns durch die feigste Mitschuld an der Falle, in welche sie Europa hineingezogen, zu entehren versuchten. Ich stelle das hiermit fest durch die Enthüllung eines Dokuments, das die deutsche Reichskanzlei schmiedete und nunmehr in ihren geheimsten Archiven verborgen hält. Es trägt die Unterschrift von Bethmann Hollweg und ist vom 31. Juli 1914 datiert. Man weiss bekanntlich aus der offiziellen Veröffentlichung des deutschen Weissbuches, dass der Reichskanzler an jenem Tage Herrn von Schoen beauftragte, uns die Gefahr eines Kriegszustandes mit Russland zu notifizieren und von uns zu verlangen, neutral zu bleiben, und uns eine Frist von 18 Stunden für unsere Antwort zu lassen. Was man aber nicht weiss und v r as ich jetzt enthülle, ist, dass die Depesche, die diese Instruktionen enthielt, mit den Worten schloss: ,Wenn die französische Regierung erklärt, neutral zu bleiben, dann wollen Eure Exzellenz ihr erklären, dass wir als Garantie für ihre Neutralität die Übergabe der Festungen Toul und Verdun fordern müssen, die wir besetzen und nach Beendigung des Krieges mit Russland zurückerstatten werden. Die Antwort auf diese letzte Frage muss bis Samstag 4 Uhr nachmittags hier eintreffen.' Solcherweise wollte Deutschland den Frieden in der Stunde, wo es den Krieg erklärte! So sieht seine Ehrlichkeit aus, wenn es 55 behauptet, dass wir es gezwungen haben, zu seiner Verteidigung zu den Waffen zu greifen; mit diesem Preis sollten wir auf seine Zumutung unsere Niederträchtigkeit bezahlen, wenn wir so verworfen gewesen wäre, ihm Russland, unsern Alliierten, auszuliefern und unsere Unterschrift zu verleugnen, wie Preussen die seinige verleugnet, indem es den Vertrag, der die Neutralität Belgiens garantiert, zerreisst. Wer kann sagen, wo Deutschland stehen geblieben wäre, wenn wir so niedrig gewesen wären, uns von dem groben Köder seiner schmachvollen Hinterlist fangen zu lassen?!-- Für uns ist die Sache abgetan.. Umsonst versuchen die Urheber des Krieges durch Fälschungen oder Unterdrückungen von Dokumenten, von denen die Geschichte erzählen wird, sich dem Richterstuhl der Völker und dem Urteil der Nachwelt zu entziehen. Nicht bloss die nationale Volksvertretung Frankreichs sagt zu Eisass und Lothringen: ,Ihr werdet zu eurem Vaterlande zurückkehren“; die gesamte Koalition, die sich gebildet hat, um den Störern des Weltfriedens den Weg zu verlegen und die Organisation der freien Völker auf dem Recht aufzubauen; die Stimme der alten und der neuen Welt, des Orients und des Okzidents, die rächende und prophetische Stimme, die den Lärm der Schlachten übertönt und die Einmütigkeit der Seelen, in denen die Gerechtigkeit lebt, für sich hat: sie alle rufen den Mächten des Todes, die gegen die Mächte des Lebens im Kampf stehen, zu: ,Ihr dürft den Sieg nicht erringen, denn er würde den Untergang der Menschheit bedeuten!‘ ‘‘ 56