Verein;um Schutz der deutschen Goldwährung. ^9 ürungs - Mivliotl) eK I. Serie — 3. Heft. Währung und Landwirtschaft. Gemcinfaßlich dargestellt vvn W- Karl Helfferich. Preis 50 Pfennige. Ä tuttgart. Dvmmissivns-Vrrlag vvn .Advlf Nun; & Cvm;>. 1395. Verein zum Schuh der deutschen Goldwährung. AD citjrungs - Aivtiotl) eK I. Serie — 3. Heft. Währung und Landwirtschaft. Gemeinfaßlich dargestellt von M- Karl Helfferich. preis 50 Pfennig. Stuttgart. Kommissionsverlag von Adolf 1895. Bonz ^ C o in p. Druck von Sl, Bonz' Erven in Stuttgarts Vorwort. Diese Schrift beabsichtigt, die wichtigste Seite der Währungsfrage, die agrarpolitischc, in gemeinverständlicher Wcise darzustellen. Den Hauptinhalt des 2. Abschnitts „Die Konkurrenz der Länder mit uuterwertiger Valuta aus deu Getreidemarkt", habe ich bereits in der National-Zeitung vom 21. Juni l. I. veröffentlicht. Folgende Pnblikationen sind bei Abfassung dieser Schrift hauptsächlich benutzt und im Tert teilweise zitiert; wer sich näher für den Gegenstand interessiert, wird in ihnen eingehendere Belehrung finden. Prof. Dr. Th. Frhr. von der Golz, Die agrarpolitischen Aufgaben der Gegenwart. Jena 1894. Prof. Dr. M. Sering, Das Sinken der Getreidepreise und die überseeische Konkurrenz. Berlin 1894. (Als Manuskript gedruckt.) Prof. Dr. Max Weber, Argentinische Kolomstcnwirtschaften, in Nr. 2 und 5 des Deutschen Wochenblattes 1894. Karl Ellstätter, Indiens Silberwährung. Stuttgart 1894. Otto Schwitz, Die Finanzen Argentiniens. Leipzig 1895. Karl Helfferich, Der argentinische Wührungsweizen, in der „Nation" vom 4. Mai 1895. Bezüglich der geschichtlichen Entwickelung der landwirtschaftlichen Verhältnisse in diesem Jahrhundert sei insbesondere auf die grundlegenden Werke von Prof. Dr. G. F. Knapp („Die Bauernbefreiung" und „Der Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit"), ferner auf die Werke von Prof. von der Golz verwiesen. Sils-Maria im Engadin, Ende August 1395. Karl Helfferich. Währung und Landwirtschaft. Die bimetallistische Bewegung in Deutschland wäre ohne die agrarische Frage kaum von Bedeutung, wir hätten heute keinen Wahrungsstreit, wenn nicht die Währungsfrage zu einer Hauptfrage der Agrarpolitik gestempelt worden wäre. Die deutsche Landwirtschaft befindet sich in einer schwierigen Lage, deren Bestehen allseitig anerkannt wird, und diejenigen, welche sich zur politischen Vertretung der Landwirtschaft berufen fühlen, haben als „große Mittel" zur Beseitigung des landwirtschaftlichen Notstandes vorgeschlagen: den Antrag Kanitz und den Bimetallismus. Der Autrag Kanitz ist durch den Widerstand von Regiernng und Parlament abgethan, und nun werfen sich die Agrarier mit aller Macht für ihre zweite Forderung ins Zeng, für die Doppelwährung. Man sucht den Landwirten einzureden, daß die Hauptursache der gegenwärtigen landwirtschaftlichen Krisis in den bestehenden Währnngsverhültnissen zu suchen sei, und daß die deutsche Landwirtschaft nach Ablehnung des Antrags Kanitz allein noch durch den Bimetallismus gerettet werden könne; für die Regierung deduziert man gerade aus ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem Antrag Kanitz die Verpflichtung, zum Bimetallismus die Hand zu bieten; nur auf diese Weise könne sie darthun, daß sie die Landwirtschaft nicht völlig gleichgültig ihrem sicheren Ruine überlassen wolle. Alle andern Gesichtspunkte, welche in der Diskussion über die Währungsfruge zu Gunsten der Doppelwährung vorgebracht werden, verschwinden völlig neben den rein agrarischen. Die politische Bedeutung des Bimetallismus wäre gleich Null, wenn ihn nicht die agrarischen Parteien zu ihrer vornehmsten Forderung gemacht hätten. Angesichts dieser Verhältnisse erscheint es angezeigt, die Währungsfrage eingehend speziell auf ihre agrarpolitische Bedeutung zu prüfen, zu untersuchen, welches die wirklichen Ursachen der landwirtschaftlichen Notlage sind, ob und wie weit die bestehenden Währungsverhältnisse zu derselben beigetragen, und ob die Doppelwährung wirklich die Notlage der Landwirtschaft beseitigen oder wenigstens erheblich mildern könnte. — 6 — l. ?ic Ursachen der landwirtschaftlichen Krisis. Der einzige Weg, auf welchem man zn einem wohlbcgründeten Urteil über die Notlage der deutschen Landwirtschaft und ihre Ursachen gelangen kann, ist die Kenntnis der Entwickelung, welche die Landwirtschaft in diesem Jahrhundert genommen hat. Es sei deshalb dieser Entwickelungsgang in Kürze vorgeführt. Allgemein wird behauptet und zugegeben, daß die Notlage am stärksten in den ostelbischen Provinzen Preußens sich geltend mache, während sie in Süd- und Westdeutschland zwar auch vorhanden sei, aber in erheblich schwächcrem Grade. Wir haben deshalb bei der Betrachtung dcr Entwickelungsgeschichte das Hauptgewicht auf die alten preußischen LaudeSteile, besonders auf die ostelbischen Provinzen zu lcgcn. In den auf die Freiheitskriege folgenden Jahren wurden die Grundlagen für ein mächtiges Aufblühen der deutschen Landwirtschaft geschaffen, welches sich bis in die siebenziger Jahre hinein erstreckte. Ans zwei verschiedenen Gebieten vollzogen sich damals die größten Umwälzungen, auf dem Gebiete der ländlichen Besitz- und Arbeitsverhältnisse und auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Technik. Im preußischen Staate wurde die Erb u n tc r t h ä n i g k e i t (Leibeigenschaft) aufgehoben, das mangelhafte Besitzrecht der Bauern wurde in Eigentum verwandelt, die dinglichen Lasten nnd Berechtigungen, weiche Gutsherrn und Bauern verbanden, und die nicht nur für die Bauern unerträglich, sondern auch für die Gutsherrn lästig genug waren, wurden aufgehoben. Allerdings hatte man bei der Gesetzgebung, welche diese Umwälzung durchführte, den guts herrlichen Interessen einen sehr großen Einflnß gestattet. Für die Opfer, welche die Gutsherren im Interesse der allgemeinen Entwickelung, welche ihnen nicht zum wenigsten zugute kam, anscheinend bringen mußtcn, hat man ihnen ans Kosten der Banern große Zugeständnisse machen müssen. Zunächst wurde der von Friedrich dem Großen mit aller Strenge durchgeführte „Bauernschutz" (das absolute Verbot, Bauern zu „legen" nnd ihr Land zn dem gutsherrlichcu Besitz zu schlagen) aufgegeben. Ferner wurden die Frohndienste :e. nur der „spannfähigen" Bauern nnd zwar nur eines sehr beschränkten Teiles derselben aufgehoben, und nur deren Besitzrecht in Eigentum verwandelt. Dagegen blieben die Lasten und Dienste der kleineren Bauern bis in die fünfziger Jahre hinein bestehen, und ihr Besitzrecht blieb in der alten maugelliaftcn Verfassung, welche es, da der Bauernschutz gefallen war, dem Gutsherrn ermöglichte, diese Klasse allmählich ganz und gar zu besitzlosen Tagelöhnern herabzudrückeu. Als die Gesetzgebung der fünfziger Jahre diese Versäumnisse nachzuholen suchte, indem sie auch den kleinen Mann „regulierbar" machte, da war der kleine Vaner in den östlichen Provinzen fast ganz verschwunden. Auch die spannfähigen Bauern mußten ihr Eigentum und ihre Befreiung — 7 — von Frohndiensten mit großen Opfern erkaufen, durch Zahlung einer Rente und Abtretung eines großen Teils ihres bisherigen Landbesitzes an den Gutsherrn. So vollzog sich die große Reform, welche für das Gedeihen von Gutsherrn nnd Bauern in gleicher Weise unbedingt notwendig war, lediglich auf Kosten des Bauernstandes. Diese geschichtliche Erinnerung sollten sich die wirklichen Bauern stets gegenwärtig halten, wenn sich der Junker als „Bauer" aufspielt nnd von der „Gemeinsamkeit der Interessen" des großen uud kleinen Grundbesitzes predigt. — Aber gerade die damalige gutsherrliche Selbstsucht rächt sich heute an den Nachkommen der früheren Gutsherrn. Dnrch die Beseitigung des kleinen Bauernstandes, zn welcher sie dnrch ihren Landhunger getrieben wurdeu, haben sie auch die Wurzeln eines gesunden Arbeiter stand es beseitigt, nnd die heutigen schlimmen Arbeiter- Verhältnisse — nicht nur schlimm für den Arbeiter sondern vielleicht noch schlimmer für den Gutsherrn — sind die naturgemäße Folge der damaligen Sünden. Ein brauchbarer Landarbeiterstand kann nur im sozialen Zusammenhang mit einem gesunden Bauernstand gedeihen, am besten im Verband des Dorfes. Sobald dieser soziale Zusammenhang fehlt, sobald der besitzlose Tagelöhner, wie der „Inste"*) in den östlichen Provinzen, unvermittelt dem großen Grundbesitzer gegenübersteht, mnß der ländliche Arbeiterstand verkrüppeln. In richtiger Erkenntnis dieser Thatsache wird von Kennern der östlichen Verhältnisse die teilweise Zerschlagung von Rittergütern uud die Einsprengung von Bauerndörfern als einziges Mittel zur Schaffung befriedigender Arbeitsverhältnisse verlangt. Größere technische Verbesserungen waren vor der Neuordnung des Besitzrechts so gut wie unmöglich. Die Fesseln, welche Gutsherrn und Bauern verbanden, hemmten jeden gesnnden Fortschritt. Jetzt ersuhr der landwirtschaftliche Betrieb eine gänzliche Umgestaltung. An Stelle der reinen Dreifelderwirtschaft und FeldgraSwirtschaft wurden verbesserte Systeme eingeführt, besonders Fruchtwechsclwirtschaft. Die Brachhnltung wurde erheblich eingeschränkt und dafür der Bau von Futtergewächsen beträchtlich vermehrt. Während im Gebiet des Deutschen Reiches zu Anfang dieses Jahrhunderts die Brache noch etwa 33°/o des ganzen Ackerlandes ausmachte, betrug sie im Jahre 1883 nur wenig über *) Der Inste wohnt isoliert auf dem Gute seines Arbeitsherrn in sog. „Käthen" (Hütten), die oft in dem elendesten Zustande sind. Der Guls- herr überläßt ihm etwas Land zum Kartoffel- und Gemüsebau. Der Inste hält meist ein paar Schweine, manchmal auch eine Kuh. Außerdem bezieht er einen kleinen Anteil an der Getreideernte in natura und einen sehr niedrigen Geldlohn. Er ist stets verheiratet, da er seine Frau und außerdem einen „Scharwcrker" zur Arbeit auf dem Gute mitbringen mnß. Der „Scharwerker", ein junger Bursche, ist häufig ein Sohn oder ein anderes Familienmitglied, häufig wird er auch von dem Inste eigens gemietet. — Das Jnstentum ist im Aussterbcn begriffen, da die heranwachsende Jugend das industrielle Arbeiler- lum in den Städten dem Jnstenverhältnis vorzieht. - 8 - 7°/o. Dazu tam die Anwendung künstlicher Dungmittel, welche den Landwirt in stand setzt, je nach der Bodenart die Stallmistproduktion mehr oder weniger zu beschränken, und welche dadurch den Ackerbau von der Stallmistproduktion bis zu einem gewissen Grade unabhängig machte. Alle diese Verbesserungen hätten schon bei gleichbleibenden Getreide- zc. Preisen die Lage der Landwirtschaft bedeutend heben müssen. Aber die Preise fingen sogar an, eine steigende Richtung einzuschlagen. Die Gctreidepreise, welche im Jahrzehnt von 1821—30 ganz außerordentlich niedrig standen (in Preußen Weizen 121 Roggen 87 ^ pro Tonne), stiegen in den beiden folgenden Jahrzehnten allmählich, aber anhaltend. Das Jahrzehnt von 1851—60 brachte eine rapide Preissteigerung, das folgende einen kleinen Rückschlag, das Jahrzehnt von 1871—80 eine Preissteigerung, welche diejenige von 1851—60 noch übertraf (Durchschnittspreis für Weizen 220 , für Roggen 170 Die Preise für Weizen und Roggen standen in dieser Zeit etwa doppelt so hoch wie 1821—30. Eine ähnliche Preisbewegung zeigen die tierischen Produkte der Landwirtschaft, namentlich Fleisch und Butter; nur war hier die Preissteigerung noch größer als bei den Ackcrbauerzeugnisseu. Die Wolle allein, deren Preis von 1821—60 ein hoher war, sank von 1860 ab ziemlich bedeutend. Diese Preissteigerung der landwirtschaftlichen Produkte wurde hauptsächlich durch folgende Umstünde hervorgerufen: Der industrielle Aufschwung Deutschlands in jeuer Zeit, verbunden mit einer bedeutenden BevölterungSznnahme, steigerte den Nahrungsmittelbedarf in weit höherem Grade, als damals neue Prodnktionsgcbietc erschlossen wurden. Die Verkehrsverhältnisse in denjenigen Ländern, welche heute als GetreioeprodultionSgebiete die wichtigste Rolle spielen, waren derartig unentwickelt, daß sie den Weltmarkt mir schlecht mit Getreide versorgen tonnten. Ferner war damals England dasjenige Land, welches die höchsten Getreidepreise hatte, und zugleich der wichtigste Abnehmer für deutsches Getreide. Nach den englischen Preisen richteten sich auch die deutschen, sie standen nm die Transportkosten nach England niedriger als die dortigen. Je näher durch die fortschreitende Ausdehnung des deutschen Eisenbahnnetzes :c. das deutsche Getreide dem englischen Markte gebracht wurde, desto geringer wurde die Differenz zwischen dem deutschen und dem englischen Getreidepreis. Dnrch diese Verhältnisse wurde in noch höherem Maß, als die Getreideprcise sich hoben, ein Steigen der landwirtschaftlichen Reinerträge herbeigeführt. Das zeigt sich schlagend an den preußischen Domüuenpachtpreisen. Während in den älteren Provinzen der Pachtpreis pro .Nektar nukbarer Fläche im Jahre 1849 13,90 Mark betrug, war er 1879 36,63 Mark. Die fast ununterbrochene Blütezeit von 1830 bis 1880 rief die feste Ueberzeugung hervor, die bisherige Entwickelung werde eine dauernde 9 — sein; man rechnete mich für die Zukunft nicht bloß auf gleichbleibende, sondern sogar auf fortgesetzt steigende Reinerträge. Während der industrielle Unternehmer vorsichtig genug ist, Jahre außerordentlich guten Geschäftsgangs zn starken Abschreibungen zu verwenden, thaten die Landwirte das umgekehrte. Sie kapitalisierten ihre abnorm hohen Renten, und nicht znfrieden damit, sie kapitalisierten sogar die noch höheren Reuten, welche sie für die Zukunft erwarteten. „Infolgedessen sind die für Güter gezahlten Preise schon seit einem Jahrzehnt nicht nur dem zukünftig zu erwartenden sondern anch dem gegenwärtigen ErtragS- wert nicht entsprechend; sie sind nach einem so hohen Ertragswcrt bemessen, wie sie ihn auch iu der Vergaugeuhcit niemals gehabt haben." (von der Goltz.) Entsprechend dieser willkürlichen Ueberschätzuug des Ertragswertes wurden viele Güter bei Käufen durch Kmifgcldrester, bei Erbteilnngen dnrch Anteile der Miterben hypothekarisch viel zu hoch belastet. So lange das Steigen der Reinertrüge anhielt, konnte diese ungesunde Ueberlastung durch die Preisgestaltung der landwirtschaftlichen Produtte unschädlich gemacht werden. Sobald aber mir ein Gleichbleiben der Reinerträge eintrat, und noch mehr natürlich, sobald dieselben eine sinkende Bewegung nahmen, mnßtcn sich die schlimmen Folgen der Ueberschuldung in aller Schürfe zeigen. Die Periode steigender Getreidepreise und steigender Reinerträge erreichte ihren Höhepunkt in der ersten Hälfte der siebenziger Jahre. Vom Ende der siebenziger Jahre mi folgte eine Periode mit umgekehrter Tendenz. Schon in früheren Jahren, so zu Beginn der 50er und Mitte der 60er Jahre hatte die deutsche Landwirtschaft schlimme Krisen durchzumachen, ebenfalls infolge der Preisgestaltung; aber hier handelte es sich mir um vorübergehende Erscheinungen, während der Preisrückgang der landwirtschaftlichen Produkte, welcher in der zweiten Hälfte der 70er Jahre begann, auf dauernden Ursachen beruht. Die industrielle Entwickelung hatte aus dem bisherigen Ackerbanlande, welches von seiner Ge- trcideprodnktiou an das Ausland abgeben konnte, im wesentlichen einen Industriestaat werden lassen, welcher zur Befriedigung seines Brotbedarfes Getreide aus dem Ausland beziehen mußte. Die Agrarier, welche während der Zeit, in welcher Deutschland Getreideerportlcmd war, i» welcher sie also ein Interesse daran hatten, möglichst ungehindert ihre Produkte exportieren zu können, Freihändler gewesen waren, hatten sich damit in Schntzzöllner verwandelt, denn jetzt lag ihnen daran, möglichst die Getrcideimporte aus dem Ausland zu erschweren, um dadurch möglichst hohe Preise im Jnlande erzielen zu können. Sie schloffen sich der von der Industrie (vornehmlich der Eisen- und Spinnereiindustrie) ausgehenden Schutzzollbewegung an. Aber die Einführung der Getreidezölle und ihre späteren Erhöhungen erwiesen sich als unwirksam, dem Sinken der Getreidepreisc entgegenzutreten. Alle diejenigen, welche in der Spekulation auf fernerhin steigende Reinerträge ihre Güter überschuldet hatten, wurden dadurch in die schlimmste Lage versetzt. — 10 — Tie Hvpolhetcuzinsen nahmen allmählich einen immer größeren Bruchteil der Reinerträge ein. Wo eine Ueberschnldung nicht vorliegt, macht sich natürlich der Rückgang der Preise gleichfalls bemerkbar, indem das Einkommen der betreffenden Besitzer zusammenschrumpft, aber dieses Zusammenschrumpfen, von beispielsweise 50 000 auf 30 000 Mark, mußte noch lange nicht den Rnin des Landwirtes herbeiführen. Die landwirtschaftliche Krisis der Gegenwart ist also augenscheinlich in der Hauptsache auf das Zusammentreffen zweier U m stände zurückzuführein auf das Zusammentreffen einer durch Ucberschätzung deS Ertrags wertes der Güter hervorgerufenen Ueb ersehn lduug und eines Sinkens der Preise der wichtigsten lnn dwirisch aftli chcn Produkte. Es bleibt zu untersuchen, wodurch der Preisfall der laudwirt- schastliebcn Erzeugnisse hervorgerufen wurde. Den Anstoß zum Rückgang der Getreidepreise seit Eudc der 70er Jahre gab die ivachseudc Konkurrenz der Vereinigten Staaten und Indien s. R ußland spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Was Nordamerika anlangt, so kann diese Konkurrenz augenscheinlich uicht durch die Währung-Verhältnisse hervorgernfen und begünstigt worden sein, denn Amerika hat seit 1879 Goldvaluta, wie wir in Deutschland auch. Die wahren Ursachen der Entwickelung, welche die überseeische Getreidetonknrrenz genommen hat, müssen hier also — ungetrübt von den Währnngswirren — klar hervortreten. In den fünfziger Jahren begann die Kolonisation der Prairie! a n d s ch aste n im Innern von Nordamerika. Diese weiten Wehen sind für den Getreidebau wie geschaffen. Der waldlose und steinfreie Boden ermöglicht die rascheste Urbarmachung der größten Flächen mit den denkbar geringsten Kosten. Außerdem begünstigte das amerikanische Heimstättengesetz von 1862 die Besiedclnng dieses Bodens in hervorragender Weise, indem es einem jeden Bürger der Vereinigten Staaten das Recht auf kostenlose Uebcrwcisnng von 160 Acres — 253 prcuß. Morgen öffentlichen Landes gewährte gegen die bloße Verpflichtung, dieses Land zn bewohnen und zu bebauen. Die Erzeugnisse dieses Bodens brauchten also nicht die Zinsen für einen überschätzten Ertragswert und für große Hypotheken zu erbringen, sondern lediglich die geringen Wirtschaftskosten und die Kosten für den Transport auf den Marlt. Allerdings mußten die Transportkosten ans dem fernen Westen nach dem dichter bevölkerten Osten nnd nach Europa bedeutend iuS Gewicht fallen, ja die Ausdehnung des Getreidebans direkt unmöglich machen, solange nicht in hinreichender Weise für Verkehrsmittel gesorgt war. Erst durch den Bau von Eisenbahnen und Kanülen konnten die fruchtbaren P r a i ri c l a nd sch aften für den Anban erschlossen werden. Diese AnSdehnuug der VertelnSmittel hat nun in den letzten Jahrzehuten in geradezu riesenhaftem Umfang stattgefunden. Teilweise wurde sie befördert durch das für den Eisenbahnban außerordentlich geeignete Terrain der Prairie, — II — vor allem aber durch die Begünstigungen, welche die BundeSregicrnng den Eiscnbahnbangescllschaften gewährte. Diesen Gesellschaften wurden breite Streifen Landes zu beiden Seiten der von ihnen hergestellten Bahnlinien kostenlos überwiesen. Mit dem Eisenbahnbau wurde dadurch auch die Besiedelung der von den ncueu Eisenbahnen durchzogenen Gegenden sehr beschleunigt, denn die Eisenbahngesellschasten, welche jetzt zugleich Besitzer großer Bodcnflächen waren, hatten ein doppeltes Interesse daran, zur Besicdcluug dieses Bodens Einwanderer durch möglichst günstige Bedingungen heranzuziehen. So dehnte sich das amerikanische Eisenbahnnetz von nicht ganz 50 000 Km im Jahr 1860 auf über 275 000 Km aus, und dem entsprechend mich die Anbaufläche, welche sich alleiu in den 3 Jahrzehnten von 1850—80 um fast 100 Millionen Hektar, um das doppelte der gesamten land- nnd forstwirtschaftlich benutzten Flüche des deutschen Reiches, erhöhte. Die Bedeutung dieser Berhältnisse für die Preisbildung des Getreides wnrde erhöht durch eine starke Verminderung der Eisenbahn- und Wasserfrachten. Es kommt hinzu, daß in Amerika rationeller gewirtschaftet wird, als bei uns. Der amerikanische Landwirt macht sich alle technischen Hilfsmittel der Neuzeit zu nutze, während der europäische bei der mehr Arbeit erfordernden althergebrachten Wirtschaftsmethode bleibt. Für die vorzügliche Organisation des amerikanischen Ackerbaus ist die rationelle Einrichtung des nordamerikanischen Silonetzes, dem wir in Europa nichts gleichartiges an die Seite stellen können, ein glänzender Beweis. Ein Zweifel darüber, durch welche Verhältnisse die erdrückende Konkurrenz Nordamerikas herbeigeführt wurde, welche im Verein mit den indischen ErPorten den Preis des Getreides start herabdrückte, bis zu einem Ticfpnnkt von 161 Mark für Weizen im Durchschnitt der Jahre 1885—87, kann also nicht bestehen. Die Währnngsver- hältnisse kommen für die amerikanische Konkurrenz nicht in Betracht, diese wurde, klar ersichtlich, lediglich durch die günstigeren Produktionsbcdingnngen und die rationellere Betriebsweise hervorgerufen, mit welchen der amerikanische Farmer gegenüber dem europäischen Landwirt sein Getreide erzengt, durch die Aufschließung kolossaler Flächen jungfräulichen Bodens, welche durch die riesige Ausdehnung des Eisenbahnnetzes herbeigeführt wurde. Dieselben Verhältnisse, welche die nordamerikanische Konkurrenz hervorriefen, gelten nun aber auch für alle die andern großen Getreide- crportländcr, welche gleichzeitig mit oder nach Nordamerika in die Schranken traten. Indien hat in den drei Jahrzehnten von 1860 bis 1890 fein Eisenbahnnetz verzwanzigfacht, ebenso Rußland; desgleichen hat Argentinien seine Bahnen seit 1870 nm das Zwanzigfache vermehrt. Man vergegenwärtige sich, welche Flächen dadurch dem Getreidebau erschlossen und mit dem Weltmarkt in Verbindung gebracht wurden. Wer die Beschaffenheit der Straßen in Rußland kcnni, welche oftmals durch einen einigermaßen anhaltenden Regen für Wochen völlig unpassierbar werden, der wird die geschilderte Ausdehnung des Eisenbahnnetzes in ihrer oollen Wirkung auf den russischen Getreideban und Getreiderport zn würdigen verstehen. Was Indien anlangt, so hat man in den 80er Jahren die von diesem Lande drohende Konkurrenz bedeutend überschätzt. Die Produktionskosten des Getreides sind dort verhältnismäßig große. Die Technik ist eine rückständige, und vor allem sind zur Kultivierung neuer Gebiete meist nmfnugreiche Bewässerungsanlagen nötig. Die infolge der Aufschließung des Landes durch Eisenbahnen seit den siebenziger Jahren stark anwachsenden WeizenauSfuhreu sind eher im Rückgang begriffen, auch die Anbaufläche hat infolge der sinkenden Weltmarktpreise abgenommen — ein deutlicher Beweis dafür, daß Indien trotz seiner un t e rw er t i g c n Valuta diese sinkenden Preise nicht veranlaßt haben kann. Neuerdings ist Argentinien in den Vordergrund geschoben worden. Der enorm angewachsenen argentinischen Konkurrenz ist der neuerliche Rückgang der Getreidepreise in erster Linie zuzuschreiben. Argentinien Produziert sein Getreide unter den günstigsten Bedingungen, die man sich deuten kann. Es hat eine große Fläche des fruchtbarsten Getreidebodens, welche erst in geringem Umfang in Anbau geuommeu ist. Der Boden ist von einer Humusschicht (9.80—2,50 m dick) bedeckt, welche auf lange Jahre hinaus die Düngung überflüssig macht. Die Arbeitstiere sind infolge des reichlichen Weidelandes von einer unglaublichen Billigkeit. Der Preis des Bodens ist außerordentlich niedrig. In den besten Provinzen mit Ausnahme von Buenos-Aires kostet das Hektar ausgezeichneten Bodens in günstigster Lage 25 Gold K—100 Mk. im Marimum. Die Ernten sind meist sehr reichlich und die Qualität des Getreides ist eine vorzügliche. — Die Ucberlcgenheit der argentinischen Konkurrenz ist also einleuchtend, wir haben nicht nötig, zu ihrer Erklärung auf die WährnngSvcrhältnisse zurückzugreifen. Fassen wir die Resultate dieser Untersuchung zusammeu, dann finden wir: Der Rückgang der Getreidepreise ist veranlaßt durch die überseeische Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Diese überseeische Konkurrenz ist hervorgerufen worden durch die Aufschließung von Anbauflächen, welche mit weit geringeren Produktionskosten als die europäische Landwirtschaft imstande sind, Getreide zu Produzieren. Ursache für die geringen Produktionskosten sind: die vorzügliche Qualität des jungfräulichen Bodens, welcher für Jahre hinaus keiner besonderen Pflege, vor allem keiner Düngung bedarf; meistens enorme Billigkeit des Arbeitsviehs; die Möglichkeit einer sehr extensiven Wirtschaft und schließlich die außerordentliche Billigkeit des Bodens. Diese Flüchen wurden in den letzten drei Jahrzehnten dem Weltmarkt allmählich durch eine — 12 — — 13 - riesenhafte Ausdehnung des Eisenbahnnetzes zugänglich gemacht, zudem wurden die Frachtkosten für Land- und Wassertranspart fortwährend erheblich herabgesetzt, und dadurch wurde es diesen neuen Länder ermöglicht, ihr Getreide mit minimalen, stets sich vermindernden Transportkosten belastet, ans den Weltmarkt zu werfen. Bezüglich der indischen Konkurrenz speziell ist außerdem die Eröffnung des Suezkanals in Betracht zu ziehen, welcher den Weg von Indien nach Europa erheblich abkürzt und eine bedeutende Ermäßigung der Fracht von Indien nach Europa hervorrief; 1881 betrug die Fracht Kalkutta— London ca. 60, 1892 nnr 15 K. Außerdem ist gauz allgemein eine sehr starke Ermäßigung der Eisenbahn- und Tampfschifffracht eingetreten, teils infolge technischer Verbesserungen, teils infolge verschärfter Konkurrenz. Alle diese Umstände erklären hinreichend, daß der Preis des Getreides die seit den 30er Jahren steigende Bewegung nicht fortgesetzt, sondern eine rückläufig e B e w e g u n g eingeschlagen hat. Die Währungsver- hältnisse brauchen deshalb zur Erklärung der landwirtschaftlichen Krisis, welche durch das Sinken der Preise, verbunden mit der bestehenden Ucbcrschuldung, hervorgerufen wurde, nicht erst herbeigezogen zu werden; denn an all den geschilde rten Thatsa chen sind die Währungsverhältnisse vollkommen unschuldig. Daß dem so ist, darüber kann man sich am besten klar werden, wenn man erwägt, daß außer Indien, Rußland und Argentinien zu dcu auf dem Eetreidemarkt scharf konkurriereudeu Ländern wichtige Staaten gehören, welche Goldwährung haben, wie wir; hierher gehören vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika, aber auch Canada, Ägypten und Australien — alles Goldwähr ungs- länder. Würeu wirklich die Währungsvcrhältnisse schuld an der landwirtschaftlichen Notlage, wie ließe sich die Konkurrenzfähigkeit dieser Gebiete ans dem Weltmarkt erklären? Es handelt sich eben einfach darum, daß dem europäischen Ackerbau eine Konkurrenz erwachsen ist, welche unter weit günstigeren natürlich en Bedingungen produziert, und welche infolgedessen die Rentabilität des europäischen Ackerbaus in ihrer steigenden Tendenz unterbrach und eine sinkende Tendenz hervorrief. Das ist ein großer weltgeschichtlicher Vorgang, welcher für die Gesamtheit der Menschen ein Glück ist; denn er ermöglicht, daß mit weniger Arbeitsaufwand als bisher die Menschheit mit den notwendigen Nahrungsmitteln versorgt werden kann. Es giebt nur leider, besonders in wirtschaftlicher Beziehung, keinen Fortschritt, welcher nicht bestimmte Interessen verletzt — so wenig wie einen Rückschritt, der nicht bestimmte Interessen fördert. So ist im Interesse der deutschen Landwirte der eingetretene Umschwung gewiß zn beklagen; aber wie soll Deutschland dieser weltgeschichtlichen Entwickelung in die Speichen fallen? — Jedenfalls hat diese Entwickelung an und für sich mit den Wührungsverhültnissen nicht das mindeste zu schaffen, kann also durch Aktionen auf währungspolitischem Gebiet nicht rückgängig gemacht werden. Dagegen krankt die deutsche Landwirtschaft — außer an dem geschilderten welthistorischen Umschwung — noch an verschiedenen kleineren Uebeln, Eines davon haben wir bereits erwähnt. Es betrifft speziell die Provinzen des Großgrundbesitzes: die mißlichen Arbeiterverhältnisse im Osten der Elbe. Das Jnstentnm hat sich völlig überlebt und ist gänzlich im Absterben. An seine Stelle treten mehr und mehr die polnischen Wanderarbeiter, während alle Persuche, eine seßhafte Landarbeiterbevölkeruug zu schaffen, bisher nur in geringem Umfang geglückt sind. — Ein weiterer Uebelstand ist die rückständige landwirtschaftliche Technik, und die nicht seltene mangelhafte Leitung der großen Gutsbetriebe. Sehr viele unsrer adeligen Großgrundbesitzer verbringen ihre besten Jahre in der Armee als Offiziere, oder als Beamte in der Verwaltung; wenn sie dann in späteren Jahren die Leitung ihres landwirtschaftlichen Betriebes in die Hand nehmen, dann fehlen ihnen meist die uotweudigen oder doch sehr wünschenswerten Kenntnisse in der landwirtschaftlichen Technik. — Es kommt hinzu, daß der riesige Aufschwung der landwirtschaftlichen Reinertrüge, welcher in der Gründerzeit (1873) seinen Höhepunkt erreichte, hauptsächlich die großen Grundbesitzer zu höherer Lebenshalt n n g verleitete. Der preußische Adel war früher ein armer Adel und er lebte dementsprechend schlicht und einfach. Nun schien plötzlich ein Füllhorn unermeßlichen Reichtums über ihn ausgegossen. Als sich aber der Segen als ein vergänglicher herausstellte, als die Reinerträge anfingen, wieder zurückzugehen, da vermochte es der größte Teil der adeligen Großgrundbesitzer nicht über sich, seine Lebenshaltung entsprechend einzuschränken. Die Söhne dienen nach wie vor bei der Garde und der Kavallerie; oder die jungen Herren studieren und werden aktiv bei „feudalen" Korps — was das kostet, ist ja kein Geheimnis. Diese typische Erziehung, in welcher der jugendliche Adel aufwächst, muß natürlich die hohen Ansprüche in Bezug auf Lebenshaltung stabilisieren. Der Vorwnrf übertriebener Lebenshaltung und mangelhafter Vorbereitung der Söhne für ihren künftigen Beruf trifft übrigens nicht allein den adeligen, sondern ebenso auch den bürgerlichen Großgrundbesitz. Auch hier fehlt es vor allem an der praktischen Vorbereitung. Die Söhne gehen ein oder mehrere Jahr als Volontäre auf sogenannte Musterwirtschaften, die nicht gerade immer sind, was sie heißen. Praktisch sind die jungen Leute dort sehr wenig thätig. Sie glauben schwer genug zu arbeiten, wenn sie die Felder abreiten und sehen, was für Arbeiten verrichtet werden. Dann besuchen sie eventuell eine landwirtschaftliche Hochschule, auf denen manche arbeiten und etwas lernen, manche aber auch nicht. Dazn kommt das Jahr beim Militär, und der Landwirt ist fertig. — Haben es die jungen Leute ernst genommen, dann besitzen sie nun wohl allgemeine Kenntnisse, aber die Praris geht ihnen ab; sie haben vielleicht disponieren gelernt, sind aber nicht im stände, die einzelnen Arbeiten auszuführen und zu überwachen. Dadurch stehen sie von vornherein in Abhängigkeit von einem praktischen Inspektor oder Vermalter, mit dem sie in der Regel nicht lange auskommen, meil sie alles besser wissen. Diese Erziehung tragt sehr diel dazu bei, die landwirtschaftliche Notlage zu verschärfen. Die Schuld trifft natürlich nicht nur die jungen Leute allein, sondern sehr oft auch den Prinzipal, dem ihre Vorbereitung anvertraut ist. Oft giebt dieser nicht die nötige Anleitung, entmeder weil ihm die Fähigkeit, oder auch weil ihm die Lust dazu fehlt. Zuweilen zeigt er kein Interesse daran, die jnngen Leute wirklich für ihren Beruf auszubilden, sondern nur daran, durch hohe Pension seine pekuniäre Lage aufzubessern. Auf solche Leute, deren es eine erhebliche Zahl geben soll, fällt die Verantwortlichkeit für den Untergang einer großen Menge junger Landwirte, die hätten vorwärts kommen können, wenn sie von ihrem Prinzipal in der richtigen Weise zur Arbeit augehalten worden wären. Auch diese Erziehung des bürgerlichen Großgrundbesitzers ist nicht geeignet, die hohe Lebenshaltung einzuschränken; wen« auch die Söhne nicht bei der Garde dienen, so übertreffen doch ihre Ansprüche oft genug diejenigen des adeligen Landwirtes. Reicht das Einkommen für diesen Lebensmandel nicht aus, dann stellt man es als Pflicht des Staates hin, dafür zu sorgen, daß der Grundbesitz gnt genug rentiere, um die Kosten dieser Lebenshaltung aufzubringen. Der bei Sekt über seine Not klagende Landwirt ist leider nicht nur eine komische Fignr in unsern Witzblättern; er ist eine tragische Fignr in der Wirklichkeit. Solche speziell deutschen — richtiger: speziell ostelbischcn Mißverhältnisse und Uebelständc müssen natürlich die aus welthistorischen Gründen entstandene Krisis bedeutend verschärfen. Statt ober hier, wo Abhilfe möglich wäre, an Abhilfe zn denken, hofft man alles Heil von ungeheuerlichen Projetten, wie dem Antrag Kanitz und dem Bimetallismus. 2. Die Konkurrenz der Länder mit nntcrwertiger Valnta ans Sem (Hetrcidemartt. Wenn man die bimetallistischen Agitatoren hört, dann sind es in allererster Linie die Währnngsverhältnisse, welche den Notstand der europäischen Landwirtschaft veranlaßt haben. Vor allem ist unsere deutsche Goldwährung an der ganzen Kalamität schuld. Sie allein ist es ja, welche den Preissturz des Silbers hervorgerufen und dadurch alles Unglück über die Währungsverhältnisse der ganzen Welt heraufbeschworen hat. Wir wollen nns hier nicht damit beschäftigen, ob wirklich Deutschlands Übergang zur Goldwährung allein das Silber so tief im Preise gedrückt hat und ob nicht vielleicht — wie auch wissenschaftliche Bimetallisten anerkennen — die riesige Steigerung der Silberproduktion einen großen Teil der Schuld trägt, sondern wir wollen lediglich die Frage zu beantworten suchen, welchen Einfluß die Währungsverhültnisse auf die Lage unsrer Landwirtschaft ausgeübt haben. Die Behauptung, daß eine Goldverteuerung bestehe, daß Zahlungen in Gold wegen der angeblichen Goldknappheit nicht aufnehmen — 1» — dadurch die Hypothekenschulden der Landwirtschaft bei gleichbleibendem Nennwert in deutschem Gelde gewachsen seien, können wir als beseitigt ansehe». Der niedrige Diskont und Zinsfuß, die seit Jahrzehnten fortgesetzt steigenden Arbeitslöhne sind mit einer Wcrtsteigerung uusreS Geldes völlig unvereinbar, und das Sinken des Preises einer Reihe von KroßhaudelS-Artikelu, welches als Beweis sür eine Geldwertsteigerung ins Feld geführt wird, findet seine naturgemäße Erklärung in Verbesserungen und Vereinfachungen in Produktion und Transport der betreffenden Güter. Die fortdauernd wachsende Goldprodultion, welche gegenwärtig höher ist als je zuvor und alle Aussicht hat, noch weiter zu steigen oder sich wenigstens für eine beträchtliche Zeit ans gleicher Höhe z» halten, läßt auch für die Zukunft eine Goloverteueruug nicht als wahrscheinlich erscheinen, selbst wenn eine Reihe von Staaten den Uebcrgang znr Goldwährung ansführeu würde». Infolgedessen erkennen heute selbst eine Reihe von Biuietallisteu an, daß eine Gold- vericuerung weder besteht noch sür abscbbare Zeit zn erwarten ist. Wir beschäftigen uns deshalb lediglich mit der Frage, inwiefern die WährnngSvcrhältnisse auf die überseeische Getreide-Konkurrenz eingewirkt haben. '' ^ ^ '" ^' -5 Bereits im ersten Abschnitt haben wir festgestellt, daß das wichtigste Getrcideprodnltionsgebict, die Vereinigten Staaten, welches in den 8(1er Jahren den ersten erheblichen Preisrückgang des Getreides hervorrief, Goldvaluta hat wie wir, daß für die Konkurrenz dieses Gebietes ein Einfluß der Währnngsverhältnisse nicht in Frage kommen kann. Das einzige Silberwährungsland, dessen Getreideausfuhr in Betracht kommt, ist Indien, richtiger gesagt: war Indien; denn seit Mitte 1893 ist die indische Silberprägung eingestellt, die indische Rnpie ist unabhängig von ihrem Silbcrgchalt und steht gegenwärtig ca. 20°/o höher als dieser. Die zwei noch bleibenden wichtigen Produktionsgebiete, Rußland und Argentinien, haben beide Papierwährung. Der seit 1870 eingetretene Prcisfall des Silbers, welchen die Bimetallisten gerne der deutschen Goldwährung zur Last schreiben möchten, kann also höchstens auf den indischen Export einen Einfluß ausgeübt haben, da mir das indische Geld vom Silberpreis abhängig war. Die Bimetallisten wollen sich jedoch nicht zu dieser Einsicht bequemen. In Persammlnngen nnd Parlamenten kann man daher des öfteren hören, daß sie ans Argentinien und gelegentlich auch aus Rußland Silberwährungsländcr machen. Die Klügeren, welche sich nicht in den Ruf eklatanter Unwissenheit oder absichtlicher Fälschung der Thatsachen bringen wollen, verfahren anders. Sie behaupten, diese Länder seien nur deshalb zur Papierwährung gekommen, weil sie an Stelle ihrer soliden alten Silberwährung, welche durch die Aechtung des Silbers diskreditiert wnrde, die Goldwährung hätten einführen wollen oder weil sie die Bar- — 17 - und aufrecht erhalten könnten, und deshalb lieber bei ihrem Papier blieben. So behauptet Arendt, Argentinien sei deshalb in die Papierwirtschaft geraten, weil es, in Nachahmung deS europäischen Beispiels, die Goldwährung einführen wollte, nnd Rußland fährt er mit Oesterreich- Ungarn als Beispiel dafür auf, daß finanzschwache Länder die Goldwährung nicht aufrecht erhalten können, sondern „sehr bald an Stelle der dekretierten Goldvalnta thatsächliche Papierwirtschaft mit unbegrenzten Agioschwankungen haben." Znr Steuer der Wahrheit sei festgestellt, daß Argentinien bereits im Jahr 1826, als es noch Silberwührung hatte, zur Papierwirtschaft kam, und daß das Agio bis zur Eiuführnng der Goldwährung eine Höhe von 3000 °/o erreichte, während jetzt unter der dekretierten Goldwährung sein Agio 300°/» kaum überstiegen hat; daß ferner Rußland nnd ebenso Oesterreich gleichfalls von der Silberwährung zur Papierwährung gekommen sind und daß ersteres Land bis auf den heutigen Tag keine „gesetzliche Goldvalnta" dekretiert hat, daß also die Goldwährung unmöglich schuld an der Papierwirtschnft sein kann. Das alles weiß natürlich Arendt so genau, wie alle andern, welche sich auch nur oberflächlich mit den Währungsverhältnissen beschäftigt haben. Er hält es aber aus Gründen der praktischen Agitation für opportun, und offenbar auch für erlaubt, der geschichtlichen Wahrheit Gewalt anzuthun. Die Silbcrentwertuug hat also mit der russischen und argentinischen Konkurrenz absolnt nichts zu schaffen, sondern höchstens mit der jüdischen. Untersuchen wir nichtsdestoweniger den Einfluß, welchen die sinkende indische Silberwährung und die „unter- wertigen" Pcipiervalntcu Rußlands nnd Argentiniens auf die Getreidekonkurrenz dieser Länder ausgeübt haben. Die Bimetallisten behaupten, in den Ländern mit sinkender Valuta bleiben die Produktionskosten, iu heimischem Gelde ausgedrückt, gleich, während man für das gleiche Qncmtum Goldgeld fortwährend ein größeres Quantum heimischen Geldes erhält. Dadurch werde die Produktion, und besonders die Getreideproduktion der Länder mit „unter- wertiger" Valuta ähnlich begünstigt, wie durch eine Exportprämie. Die Produzenten dieser Länder würden in stand gesetzt, den europäischen Getreidebau zu unterbieten und die Weltmarktpreise zu drücken. Nun ist es einmal nicht richtig, daß bei sinkender Valuta die Produktionskosten unverändert bleiben. Dieselben bequemen sich vielmehr allmählich dem gesunkenen Geldwert an. Die von den Bimetallisten aufgestellte Behauptung trifft also selbst rein theoretisch nur in sehr beschränktem Sinne zn. Sie beruht lediglich auf einer abstrakten Deduktion und ist noch niemals mit einer greifbaren Thatsache belegt worden. Prüfen wir aber das wirkliche Verhalten der sinkenden Valuten der hier in Betracht kommenden Länder. Daß die indische Valuta bis zum Jahre 1893 eine sinkende war, ist nicht zu bestreikn. Der Wert der indischen Rupie im engl. Gold- 2 geld gemessen, sank von 1870—93 von ungesähr 1 sn. 11 6. auf etwas unter 1 sli. 1 ei. Mit der russischen Valuta verhält es sich etwas anders. Der Durchschnittskurs des Rubels in Berlin von 1876—80 war 221.22 Pf., fast genau der gleiche wie heute. Es folgte ein Sinken des Rubelkurses bis auf 180,85 Pf. im Durchschnitt des Jahres 1887 und von da an ein Steigen bis auf 235,36 im Durchschnitt des Jahres 1890. Gegenwärtig steht der Rubel seit längerer Zeit ziemlich nahe bei 220 Pf. Man kann also die russische Valuta wohl eine schwankende nennen, aber eine „sinkende" nicht; sie steht heute ebenso hoch, wie in den Jahren 1876—80 nnd höher als in dem ganzen Jahrzehnt von 1880—89. Mit der argentinischen Valuta hat es seine ganz besondere Bewandtnis. Bis Anfang der 80 er Jahre hatte Argentinien Papierwährung mit einem Agio von etwa 3000"/o. In den Jahren 1883 und 1884 führte es die effektive Goldwähruug durch; seit 1885 hat es eine mit Unterbrechungen sinkende Papierwährung. Bon einer wirtlich siutendeu Valuta kann also nur bei Indien von 1873 ab, und bei Argentinien von 1885 ab die Rede sein. Nehmen wir zunächst die indische Weizenansfnhr. Es ist schon oft darauf aufmerksam gemacht worden, das; zwischen den indischen Wechselkursen nnd der indischen Getreideausfuhr absolut kein Zusammenhang zn konstatieren ist; beide haben sich seit den siebenziger Jahren durchaus unabhängig von einander bewegt. Dies zeigt, daß, wenn die Valutaschwaukuugeu überhaupt einen Einfluß auf die Gestaltung des Getreideexports haben, derselbe gegenüber anderen Verhältnissen sehr gering sein muß. Das erklärt sich aus verschiedenen Gründen. Vor allem ist die Geldwirtschaft in Indien nicht derartig entwickelt, wie es die bimetallistische Theorie znr notwendigen Voraussetzung hat. Wenn die ländlichen Arbeiter nicht lediglich in Geld entlohnt werden, sondern hauptsächlich in Naturalien, z. B. in Anteilen an der Ernte !c. — wie steht es dann mit der Bedentnng des Sinkens der Valuta für die indische Gctreidcproduktiou? Bei gleicher Ernte hat dann der indische Getreidebauer den gleichen Getreideüberschuß für den Export, ob die indische Valuta inzwischen gestiegen oder gefallen ist, das bleibt sich hier ganz gleich. Allerdings, wenn nun bei gesunkener Valuta der indische Produzent für sein Getreide nicht mehr Rupien verlangt als bisher, dann kann er nach Goloivähruugslüudern billiger liefern. Aber ob er das thuu wird? Wenn er selbst an den Händler zu demselbeu RupicuprciS verkaust wie im Vorjahr, so ist doch der Händler klug genug, soviel dafür zu nehmen, als er bekommen kann. Es ist eine von dem indischen Ministerin»! in einem offiziellen Bericht vom Oktober 1892 anerkannte Thatsache, daß die Großhandelspreise von Weizen in weitem Maße durch die iu Gold ausgedrückten Preise der europäischen Märkte bestimmt werden, nnd nicht umgekehrt. Die Gründe dafür sind klar. Der ganze indische Getrcideerport ist ein verhältnismäßig geringer Bruch- - 19 — teil sowohl der indischen Getreideprodnktion (etwa 10 bis 13°/o) als auch der Gesamtmenge des auf den Weltmarkt kommenden Getreides; er macht z. B. nur gegen 1V °/o des englischen Getreiocimports aus, und England ist das Hauptabsatzland für indisches Getreide. Sein Einfluß auf den Weltmarktpreis kann also, selbst die nicht bewiesene bimetallistische Theorie von der Wirkung der Valutadifferenzen zugegeben, kein irgend erheblicher sein. Selbst wenn das Sinken der Valuta den indischen Getreideproduzenten eine Erportprämie gewährt, so wird der Jndier mit dieser nicht den Weltmarktpreis drücken, sondern vermöge derselben lediglich einen höheren Gewinn machen, als er sonst erzielt hätte. Die thatsächliche Entwickelung der letzten Jahre bekräftigt diese Ansicht in der deutlichsten Weise. Die Befürchtungen, welche man an die während der achtziger Jahre infolge der fortschreitenden Entwickelung der Verkehrsverhältnisse, des Eisenbahnbaus, des Suezkauals und ferner der Aufhebung des Ausfuhrzolls auf Getreide stark anwachsenden Getreideausfuhr Indiens anknüpfte, haben sich als unbegründet gezeigt. Seit etwa 10 Jahren ist ein Stillstand eingetreten. Die Anbaufläche für Getreide in Indien ist infolge der niedrigen Getreidepreise sogar nicht unerheblich reduziert worden. Es kann also keine Rede davon sein, daß Jndieu vermöge seiner unterwertigen Valuta die Weltmarktpreise für Getreide bestimme, sondern es wird umgekehrt aus Indien nur dann Getreide ans den Weltmarkt gebracht, wenn es die jeweiligen Preise gestatten und rentabel erscheinen lassen. (Ellstütter.) Wenden wir uns zu Argentinien! Da ist es vor allem sehr merkwürdig, daß Argentinien unter der riesig uuterwertigeu Valuta, welche es vor dem Jahre 1883 hatte, mit einem Agio von zeitweise beträchtlich über 3000°/o, kaum hinreichend Getreide für den eigenen Bedarf produzierte. Wenn das jetzige Goldagio von 250—300°/» die argentinische Getreidekonkurrenz so mächtig angefacht, wie hätte erst das mehr als zehnmal höhere Agio wirken müssen! Heute steht der argentinische Peso statt auf 4 ^ ungefähr auf 1,20 damals aber galt er nur etwa 13 Pfennige. Nach bimetallistischer Theorie, welche Herr von Kardorff jüngst im Reichstag vertreten hat, hätte man also damals in Argentinien für 13 Pfennige soviel erhalten als bei uns für 4 Wenn sich damals der Zentner Weizen bei uns auf 10 -//^ stellte, hätte man ihn nach der Theorie des Herrn von Kardorff in Argentinien um 32^/s Pfg. kaufen können. Und doch fand sich niemand, weder in Argentinien noch in der übrigen Welt, der, diese unglaubliche Gewinnchance benützend, in Argentinien Getreide für den Export baute. Etwas kann hier nicht stimmen. Entweder war die Menschheit anfangs der 80er Jahre völlig mit Blindheit geschlagen, oder die bimetallistische Theorie hat ein Loch. Wir ziehen es vor, das letztere anzunehmen. Sehr auffallend ist nun, daß die Jahre 1883 und 1884, die Jahre der effektiv durchgeführten Goldwährung zum erstenmal in der argentinischen Geschichte einen nicht unerheblichen — 20 — Gctreideerport verzeichnen, daß ferner die beiden folgenden Jahre mit steigendem Agio auf Gold eine fallende Getreideausfuhr haben, daß im Jahre 1887, als die Valuta sich etwas besserte, die Getreideausfuhr wieder stieg — kurz, daß in den 11 Jahren von 1883 bis 1893 nur in drei Fällen eine gesteigerte Weizenausfuhr und ein gesteigertes Goldagio zusammentrifft. Davon kommt einer nicht in Betracht, denn daß das Koldagio von 1892 auf 1893 von 229 auf 230°/» stieg, kann doch nicht Ursache der Steigerung der Getreideausfuhr von 470 0V«) auf über 1 Milliou Tonnen gewesen sein. Die thatsächliche Entwickelung beweist also das Gegenteil der bimctallistischen Theorie. Die spezielle!? argentinischen Verhältnisse lassen das erklärlich erscheinen. Die Theorie von der Exportprämie, welche für Indien noch eher eine Berechtigung haben könnte, erscheint hier völlig unangebracht. Es ist hier keine Rede davon, daß die Produktionskosten des Getreides durch die sinkende Valuta nennenswert beeinflußt werden. In Argentinien sieht niemand den Papierpeso als wertbeständig an, wie z. B. der Jndier seine Rupie, sondern als Wertmesser gilt das Gold. Alle größeren Geschäfte werden in Gold abgeschlossen. Die Kolonisations- gcsellschaflcu, welche den größten Teil des anbaufähigen Bodens erworben haben, verkaufen denselben an die Ansiedler gegen in Gold festgesetzte Preise. Läßt der Ansiedler einen Teil des Kanfgelds als Hypothek aus seinem Knt stehen, dann hat er diese, ebenso wie sein deutscher Konkurrent in Gold zu verzinseu. Sein ganzes Wirtschaftsgerät muß der Ansiedler aus Europa beziehen und in Gold bezahlen; er muß also auch die Ziusen uud die Amortisationsquote seines im Inventar angelegten Kapitals in Gold berechnen, ebenfalls wie sein europäischer Konkurrent. — Wie steht es ferner mit den Arbeitslöhnen? Diese werden allerdings in Papier bezahlt, aber einmal sind die Geldlöhne nur ein Bruchteil des Gesamtlohnes, da der Arbeiter durchweg seine ganze Kost erhält, und dauu sind die Geldlöhne allem Anschein nach außerordentlich beweglich, ganz im Gegensatz zn den indischen Geldlöhncn, und sie passcu sich infolge dessen naturgemäß sehr leicht dem gesunkenen Geldwert an. Die argentinische Arbeiterschaft kann in zwei Gruppen geteilt werden, in die Eingeborenen und in die Europäer, besonders Italiener, welche herüberkommen, um Geld zu verdienen und dann mit ihren Ersparuisseu in ihre Heimat zurückzukehren. Ein Zeichen für die enorme Höhe, welche der Arbeitslohn vor Ausbrnch der letzten Krisis erreicht hatte — trotz eines Goldkurses von gegen 200°/c> — ist es, daß italienische Arbeiter in großen Massen speziell zur Erntezeit nach Argentinien hinübergingcn und nach der Ernte mit erklecklichen Ersparnissen wieder abziehen konnten, obwohl sie aus ihrem Verdienst Hin- und Rückfahrt zu zahlen hatten. Es wurden damals Tagelöhne von 8—12 Mark in Gold bezahlt, während der durchschnittliche Tagelohn, abgesehen von der Erntezeit, etwa 2.50 betrug. Infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Depression, welche gegenwärtig Argentinien schwer daniederdruckt, sind allerdings jetzt auch die Arbeitslöhne etwas — 21 — niedriger, immerhin sind sie, obwohl die volle Kost außer den Gcld- lohncn gewährt wird, höher als der durchschnittliche Arbeitslohn in den östlichen Provinzen Preußens ohne Verköstigung. In der Saison sind sie immer noch exorbitant hoch. Das Mühen wird in Akkord gegeben, wobei ein Mann im Monat 80—190 Peso Papier verdient, also bei einem Goldagio von 259"/o etwa 99—115 Mark. Allerdings benötigt der argentinische Kolonist mir eine geringe Anzahl von Arbeitern wegen der technischen Vervollkommnung seines Betriebes (durchweg Mäh- und Dreschmaschinen), aber daran ist doch die sinkende Valuta nicht schuld. Ferner benötigt er Arbeiter nur wenige Monate im ganzen Jahr, während der übrigen Zeit braucht er sich nicht um sie zu kümmern. „Zwölf bis fünfzehn Wochen im Jahr saugt er Arbeitskräfte an und stößt sie nach gemachtem Gebrauch wieder aus, ohne Uebernahme der geringsten Verantwortlichkeit und Sorge für ihre dauernde Erhaltung." (Weber.) Aber auch daran sind nicht die Währuugsverhältnisse, sondern gänzlich unabhängig von diesen die allgemeinen sozialen Verhältnisse dieses neuen Landes schuld. Ebensowenig Einfluß wie auf die Wirtschaftskosteu (Hypothekeu- zinsen iubegriffen), hat die Valutaentwertnng auf den zweiten Faktor, welcher auf den Preis des Getreides auf dem Weltmarkt einwirkt: ans die Transportkosten. Die sämtlichen argentinischen Bahnen haben ihre Frachttarife in Gold aufgestellt. Es ist also ganz ausgeschlossen, daß die Unterwertigkeit der argentinischen Valuta den Export argentinischen Getreides begünstigt, denn die Produktionskosten desselben werden, wie wir gesehen haben, durch die sinkende Valuta, iu Goldgeld ausgedrückt, nicht alteriert. Es beruht also auf einer völligen Verkennung der Thatsachen, wenn man in der neuerlichen Entwertung der argentinischen Valuta den einzigen oder auch nnr einen wichtigen Grnnd für die Zunahme des argentinischen Getreideexports erblicken will. Die Zunahme des argentinischen Getreideexportes und der billige Preis, zu welchem es auf dem Weltmarkt angeboten werden kann, ist ebenso, wie die gleichen Verhältnisse bezüglich Rußlands und Indiens, lediglich durch die rasche Aufschließuug vorzüglichen Getreidebodens vermittelst der starken Entwickelung der Verkehrsmittel, verbünde» mit einer fortschreitenden Herabsetzung der Land- und Wasserfrachten, verursacht. Ein klassisches Beispiel für die Richtigkeit dieses Satzes ist die Entwickelung der nordamerikanischen Getreidekonkurrenz. Die Ausdehnung des nordamerikanischen Eisenbahnnetzes und der Anbaufläche für Getreide ist am rapidesten vorgeschritten in dem Jahrzehnt von 1879—89. „Das Getreideareal der Union wuchs in dieser Zeit um nicht weniger als der gesamte in Deutschland mit Getreide bestellte Grnnd und Boden umfaßt, nämlich um 13,3 Millionen Hektar." (Seriug.) Und die Valutaverhältnisse der Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum? — Gerade in dieser Zeit der stärksten Entwickelung der amerikanischen Landwirtschaft hatten die Vereinigten Staaten das Gegen- teil einer sinkenden Valuta, nämlich eine mn 25°/o steigende. Der Kurs des amerikanischen Papiergelds hob sich von 81,1°/« im Jahr 1870 auf 88,8 im Jahr 1875 und auf 100 im Jahre 1879. Daß es sich mit der argentinischen Konkurrenz ähnlich verhält, daß Argentinien erst anfing, Getreide zn erPortieren, als es die Goldwährung an Stelle seiner kolossal entwerteten Papierwährung setzte und thatsächlich durchführte, habe ich schon angedeutet. Bei einer näheren Prüfung der argentinischen Entwickelung kommen wir zu einer von der bimetallistischen sehr verschiedenen Ansicht über den Einfluß ciucr sinkenden Valuta auf die Getreidekoukurrenz. Wir erinnern uns, daß wir in der Anfschließnng des jungfräulichen Bodens vermittelst des Baues von Eisenbahnen den Hauptgrnud für das mächtige Anwachseu der überseeischen Getreidekonknrrenz gefunden haben. Da sehen wir nun. daß bis zum Jahre 1882, dem Jahre, in welchem Argentinien znr effektiven Goldwährung überging, im Ganzen dieses Land nur 2 660 Km Eiscubahuen dein Betrieb übergeben hatte — während einer Periode von 25 Jahren. Die folgenden 11 Jahre dagegen, welche durch die Goldwährung eingeleitet wurden, brachten die Eröffnung von mehr als 11 000 Icm. Liegt es da nicht nahe, ans einen Zusammenhang zwischen der Durchführung der Goldwährung uud der außerordentlichen Förderung des Eiscnbahnbaus zu schließen? Ein solcher Zusmumcuhaug besteht in der That. Zum Bau von Eisenbahnen ist vor allem Kapital nötig. Neue Länder können über solches nicht in dem nötigen Umfang verfügen, sie sind ans das Kapital der reichen europäischen Kulturländer angewiesen, und diese haben Goldwährung. Das Goldkapital aber wurde durch die miserabel» argentinischen Valutaverhältuisse augenscheinlich von Unternehmungen in diesem Lande abgeschreckt. Die schlechte Valuta verdarb dem Lande und den Unternehmungen, welche sich dort nnfthuu wollten, radikal den Kredit. Als aber der argentinischen Regierung die Durchführung der Goldwährung gelungen war, da änderten sich die Verhältnisse mit einem Schlag. Jetzt vermochte die Regierung Anleihen aus Anleihen unterzubringen, welche zum Ban von Eisenbahnen, von Hafenanlagen?c. bestimmt waren. Privatgesellschaften mit europäischem Kapital bildeten sich zu demselben Zwecke. Kurz, das europäische Kapital, welches bis dahiu durch die zerfahreue Papierwirtschaft in erheblichem Maße von Argentinien fern gehalten worden war, zeigte sich jetzt für argentinische Unternehmungen sehr willig. — Gerade den Jahren seiner vollwertigen Valuta hat also Argeuiiuien in hervorragender Weise die Ausdehnung seines Eisenbahnnetzes und damit seinen wirtschaftlichen, vor allem seinen landwirtschaftlichen Aufschwung zu verdauten, und nickit der heutigen Unterwcrtigkcit seiner Valuta. Die unterwertigc Valuta wirkt vielmehr gerade in entgegengesetzter Richtung. Bis jetzt hat sich das noch nicht an den jährlichen Fortschritten des Eiscnbahn- l'mu'S selbst gezeigt; ans natürlichen Gründen. Die Bahnstrecken können — 23 selbstverständlich erst Jahre nach der Beschaffung des Kapitals, welches zu ihrer Erbauung erforderlich ist. in Betrieb gesetzt werden, und so kann heute bei der unterwertigen Valuta der argentinische Eiscnbahn- bnu noch von den Vorteilen der Jahre mit durchgeführter Goldwahrimg zehren. Aber die Zeichen des Rückschrittes machen sich schon deutlich bemerkbar. Die Einsuhr von Eisenbahn- und sonstigem Baumaterial ist in den letzten Jahren ganz enorm zurückgegangen, von 36^4 Millionen Gold K im Jahr 1890 auf 3'/4 Millionen Gold K im Jahr 1893. eine Stockung des Eisenbahnbaus muß also in allernächster Zeit eintreten — lediglich als Folge der Währungswirren. Was hier von Argentinien gesagt ist. gilt auch vou den andern Ländern mit unterwertiger Naluta. Es ist eiue allgemein aucrlanute Thatsache, daß die Investierung von Goldkapital in Ländern mit unterwertiger Valuta gerade durch diese sehr erschwert wird. Es ist eine stündige Klage aller, welche den Einfluß der Silberentwertung auf die indische Volkswirtschaft kennen, daß die Silbcrentwertuug es für Indien unmöglich mache, die für Eisenbahnbauten, Bewässerungsanlagen :c. notwendigen Kapitalien aufzubringen. Der europäische Kapitalist verlangt Verzinsung in Gold, uud diese kann die indische Regierung nur mit großer Gefahr für ihr Budget zugestehen, da ihre gesamten Einnahmen in Silber eingehen. Die indischen Eisenbahnen sind in den letzten drei Jahrzehnten verhältnismäßig stark ausgedehnt worden, von von 839 engl. Meilen im Jahre 1860 auf 18 042 Meilen März 1893. Trotzdem erklärt ein englischer Bimetallist, die indische Regierung habe, obwohl das dringende Bedürfnis nach einer erheblichen Ausdchuuug des Eisenbahnnetzes vorliege, dieselbe nur „im geringst denkbaren Umfaug" vornehmen können. (Erzbischof Walsh.) Ein anderer macht die durch die Silbcrentwertuug hervorgerufene Verzögerung des Eisenbahnbaus dafür verantwortlich, daß erst die Hälfte des anbaufähigen Bodens in Indien in Kultur genommen sei. (Taylor.) Auch der Bericht der englischen Silber-Kommission von 1888 erkennt diese Thatsachen vollkommen an. Diese Wirkung der unterwertigen Valuten ist allerdings eine ganz andere, als die von den Bimetallisten hehauptete Exportprämie. Sie beschrankt die überseeische Konkurrenz, hält dieselbe in ihrer Entwickelung ganz wesentlich zurück; sie verzögert die Ausdehnung des Getreidebaus auf fruchtbare Flächen, welche bei guten Transportverhältnissen den Anbau ebenso gut lohnen würden, wie die bis jetzt in diesen Ländern in Anbau genommenen. Davon sprechen allerdings die Bimetallisten nicht, aber bloßes Totschweigen kann Thatsachen nicht beseitigen. Wenn die „unterwertige" Valuta überhaupt einen Einfluß auf die Getreidekonkurrcuz der Papier- und Silberländer hat, dann ist eS ein hemmender. Nur mit Goldkapital können diese Länder aufgeschlossen und kann ihr Getreidebau ausgedehnt werden, aber das Goldkapital wird ihnen gerade durch ihre unsichere Valutaverhältnisse in erheblichem Maße beschränkt. Das stärkste Aufblühen des nordameri- — 24 - konischen Ackerbaus und der größte Aufschwung seiner Gctreidc- kouturrenz, füllt nicht in die Jahre der sinkenden Valuta, sondern gerade in die Zeit, in welcher die amerikanische Valuta im Verhältnis zu den Goldvaluten ununterbrochen stieg. Die Grundlagen der Blüte der argentinischen Landwirtschaft sind nicht in den Zeiten der miserabeln Papiervaluta mit 3000°/o Agio gelegt worden, sondern in den Jahren der thatsächlich durchgeführten Goldwährung. Und wenn heute Indien einen festen Rupieukurs erhält, wenn sich infolgedessen das europäische Capital, welches sich — wie auch Arendt in der Silberkommission gesagt hat — heute nicht in Silberwährungsländer begeben kann, Indien in hohem Maße zuwendet, wenn der Ausbau des indischen Eisenbahnnetzes in großem Stil begonnen werden kaun, dann erst kann die indische Konkurrenz der europäischen Landwirtschaft gefährlich werden; bis dorthin wird ihre Entwickelung durch die Silberentwertung daniedergehalten. Es ist begreiflich, daß die Bimetallisten diese Kehrseite nicht zeigen, daß sie sich stellen, als ob sie von diesen Verhältnissen keine Ahnung hätten, und daß sie dieselben günstigstenfalls mit nichtigen Einwänden abzuthun suchen. So hat Arendt kürzlich behauptet, iu Indien sei das Getreide durch die bisher ausgeführten Eiscnbahnbauten gar nicht verbilligt worden, eS habe iu indischem Silbergcld hente noch fast genau denselben Preis, wie 1873 — ein Beweis, daß das Getreide durch Aufschließung neuer Anbauflächen nicht verbilligt werde, und daß lediglich die WährungSvcrhältnisse nn dem Sinken der Getreidepreise schnld seien. Arendt beliebt dabei, völlig zn übersehen, daß das Silber und mithin auch das indische Silbergeld seit 1873 erheblich im Werte gesunken ist, daß also nach Arendts eigener Theorie der Preis des Getreides in indischem Geld diesem Sinken des Geldwertes entsprechend hatte steigen müssen. Wenn nun die indischen Getreidepreise trotzdem gar nicht, oder doch nur minimal gestiegen sind, so ist klar, daß andere Umstünde diesem Steigen entgegengewirkt haben, daß die durch die Veränderung des indischen Geldwertes notwendig verursachte steigende Tendenz des Getreidepreises durch Veränderungen in den Pr odn kti on sb edi ngun g en des Getreides aufgehoben worden ist. Speziell für Indien kommt aber noch ein anderes Moment in Betracht, als die Aufschließung neuer Anbnnflüchen dnrch den Eisen- b a b n b a n. Hm Dr. Ruhland - Zürich, ein Gelehrter, welcher sich in den Dienst des Bundes der Landwirte gestellt hat, der also von agrarpolitischem Gesichtspunkt aus den Agrariern gewiß unverdächtig ist, führte in Bezug auf diesen Punkt am 19. Februar 1895 im Verein der Steuer- und Wirtschaftsformen folgendes aus: ,,^n Indien haben wir mit außerordentlich schlechten VerkehrS- verliältnissen zu rechnen. Ein Transport von Weizen oder Getreide ans eine irgendwie geartete größere Distanz ist absolut ausgeschlossen. Auf der andern Seite muß Indien mit einer außerordentlichen Un- — 25 — regelmäßigkeit der Rcgenfälle rechnen: tritt nun eine derartig ungünstige Witterung ein, dann sind einzelne Thäler, die immer für sich ans die Brotversorgung angewiesen sind, in der traurigen Lage einer HuugcrS- not. Und deswegen sieht sich der indische Landwirt nnd der Jndier gezwungen, fortwährend, soweit nicht in das betreffende Gebiet eine Eisenbahn hineingebaut wird, zwei, drei, vier und mehr Ernten in den Boden einzugraben. Diese Art der Eingrnbnng und Silolagerung wird nach ganz uralten Mustern ausgeführt: Man sucht sich irgendwo ein trockenes Gebiet, gräbt hier ein Loch, thut etwas Stroh hinein, dann wird das Getreide hineingeworfen, mit etwas Häckerling nnd etwas Kuhdung durchmcngt, mit Erde bedeckt und bleibt so, wie ich mich selbst überzeugen konnte, ohne wesentliche Schädigung bis zu zehn Jahren im Boden drin. Nun kommt in dieses Gebiet eine neue Eisenbahn. Mit diesem Augenblick wird es in den nationalwirtschaftlichen, und weiterhin in den weltwirtschaftlichen Perkehr eingegliedert, und mit diesem Augenblick verschwindet auf einmal das Bedürfnis der Erhaltnng und Weiterfortführung eines mehr oder minder erheblichen Vorrats von Notstandsweizen. Das Getreide, das also bis dahin für Notjahre festgehalten wurde, wird jetzt für den Markt frei, und ganz gleichgültig, wie viel oder wenig der indische Landwirt dafür bekommt, daß er überhaupt etwas dafür bekommt, das genügt ihm. Jeder Preis ist für ihn Gewinn." Ruhland erinnerte nun an die zahlreichen Goldverbindlichkeiten Indiens, bei deren Umfang jede Veränderung des Rupieulurses um eiueu Peuny für das indische Budget eine Bedeutung von etwa 1 Million — 2V Millionen Mark hat. Der Bimetallismus auf Grundlage der Relation von 1 : 15'/s würde nun — im Falle seines Gelingens — den Rupienkurs von etwa 13^/s ä. auf etwa 2 sli. hebeu, also um etwa 10 6. „Das wäre alsdann sür die indischen Finanzen, so führt Ruhland fort, ein Vorteil von 200 Millionen Mark pro Jahr. Und nun, meine Herren, errinnern Sie sich, das; die indische Regierung seit Jahren fortwährend gepreßt wird, neue Eisenbahnen zu bauen . . . dann werden Sie kaum daran zweifeln können, daß der wesentliche Betrag des auf diese Weise dem indischen Finanzminister zufließenden Kapitals zum Ausban des indischen Eisenbahnnetzes verwendet werden würde. Wenn sie aber in Indien mit einem Aufwand von etwa 2hl) Millionen Mark, das Eisenbahnnetz, das heute kaum mit ganz vereinzelten Linien in dieses Riesengebiet hineinreicht, auszubauen beginnen, dann graben sie auf diese Weise eine ganz kolossale Masse der in Erdhöhlen aufgestapelten Notvorräte auf, und diese wandern, so sicher, wie 2 mal 2 — 4 ist, von Indien her zu uns. Sie werden also unbedingt durch diese plötzliche Aenderung der Valuta bewirken, daß eine sehr bedeutende Zunahme der Weizenausfuhr eintritt." Irrtümlich an diesen Ausführungen erscheint nur, daß lediglich bei einem festen Wertverhältnis von 1 : 15'/2 der Ausbau der indischen Bahnen sich vollziehen und die geschilderten Folgen eintreten