Jacob Benignus Vossuet, Bischofs von Meaux, Einleitung in die allgemeine Geschichte der Wett, bis auf Kaiser Carln den Großen. Für den ehmaltgen Dauphin von Frankreich abgefaßt. Uebersetzt und mit einem Anhange historisch «cririscher Abhandlungen vermehrt von M. Johann Andreas Cramer. - Leipzig, verlegn Bernhard Christoph Breitkopf. ^ »748. Erlauchter und hochgebohmer Neichsgmf, Gnädiger Herr, ie bekannte Gnade Eurer Hochretchs- graflichenErcel- lmz gegen alle/welche die Wissenschaften lieben, macht mich so tthn, kühn, Dero erlauchtem Namen gegenwärtige Uebersetzung mit der vollkommensten Ehrfurcht zu widmen. Es ist einer von Dero großen Vorzügen, Erlauchter Graf/ daß Sie unter den wichtigsten und größten Geschafften, auch den kleinsten Nutzen nicht unbemerkt lassen, den die Wissenschaften erhalten können. Wie beneidenswürdig und glücklich werden die Zeiten seyn, wo ein deutscher Vossuet die erhabnen - habnm Verdienste Eurer Hoch- reichsgrüflichen Excellenz !> beschreiben wird, um setner Welt einen eben so eifrigen und gnädigen Beförderer der Wissenschaften zu bilden! ErlaubenSie mir, Gnädiger Graf/ die Freude öffentlich zu gestehen, womit ich beständig meine Wünsche mit den Wünschen aller Rechtschaffnen vereint- . ge, daß die Vorsehung den Wissenschaften, für welche Mecanen niemals zu lange gelebt haben, , *4 ihren ihren Holzendorf mch Me Jahre in einer hohen Zufriedenheit erhalten möge. Ich bin allezeit mitder tiefsten Ehrfurcht Ew. Hochreichsgraflichen Excellenz/ Meines Gnadigen Herrn, Leipzig, den 16 Merz »748. unterthanigster Zoh. Andreas Cramer. Vor- 5. 257. Borrede. den Anhang einiger historischcritischen Abhandlungen verursacht. Ich werde genug belohnt seyn, wenn die Leser das Urtheil davon fallen werden, daß die Wahrheit ohne Schmuck und Kunst über alle falschen Meynungen siegt, wenn sie auch voll der Beredsamkeit eines Vosiuets unterstützt werden. ' Des Des Bischof Bossuets Einleitung in die allgemeine Geschichte, an Se. Königs. Hoheit, den Dauphin. enn die Geschichte andern Menschen unnühe seyn sollte, so müßte man sie doch den Prinzen zu lesen geben. Man hat kein besseres Mittel, ihnen zu zeigen, was die Leidenschaften, der Eigennützen/ die Zeiten und die Umstände, die guten und bösen Rathschlage vermögen. Die Geschichte bestehen aus Begebenheiten, welche die Prinzen unterhalten, und alles scheint darinnen zu ihrem Nutzen geschehen zu seyn. Wenn ihnen die Erfahrung nöthig ist, damit sie diejenige Klugheit erlangen mögen,' die sie lehrt, wie sie wohl regieren sollen: So ist zu ihrem Unterrichte nichts nützlicher, als die A Ver. 2 Bischof Bossuets Einleitung Verbindung der Exempel aus den verflossene» Jahrhunderten mit denen Erfahrungen, die sie selbst alle Tage haben. Anstatt daß sie, wie es gemeiniglich geschieht, nur auf Unkosten ihrer Unterthanen, und ihrer eignen Ehre von gefährlichen Begebenheiten urtheilen lernen, welche ihnen zustoßen ; so üben sie durch die Hülfe der Geschichte ihre Urtheilskraft an vergangenen Begebenheiten, ohne etwas zu wagen. Wen» sie, ohnerachtet aller falschen Lobeserhebungen, die man den Fürsten bey ihrem Leben gegeben hat, bis zu den verborgensten Lastern derselben durchdringen, die den Augen aller Menschen blosgestellt worden sind: So schämen sie sich über die eitle Freude, die ihnen die Schmeichelch verursacht, und lernen einsehen, daß die wah- re Ehre sich nur mit den Verdiensten vertragen kann. Ueberdieß wäre es, ich will nicht sagen, für einen Prinzen, sondern überhaupt für einen ie- den rechtschaffenen Mann eine Schande, von dem menschlichen Geschlechte, und denen merkwürdigen Veränderungen nichts zu wissen, welche die Folge der Zeiten in der Welt hervorgebracht hat. Wenn man durch die Geschichte die Zeiten nicht von einander unterscheiden lernt, so wird man die Menschen, welche unter dem Gesetze der Natur oder unter dem geschriebenen Gesetze gelebt haben, wie die Menschen unter dem evangelischen Gesetze vorstellen; man wird von den Persern, die von Alexandern überwunden worden sind, wie von denen Persern reden, welche unter der Regierung des Cyrus so sieghaft in die allgemeine Geschichte, z haft gewesen sind. Man wird den Griechen zu den Zeiten des PhilippuS eben die Freyheit zuschreiben, welche Griechenland zu den Zeiten des The- mistocles, oder des Miltiades genoß. Das römische Volk wird unter seinen Kaisern so trotzig, als unter seinen Consuln; die Kirche unter dem Dioclctian so ruhig, als unter Constamin dem Großen, und Frankreich zu den Zeiten Carl des IX und Heinrich des III, wo es von bürgerlichen Unruhen so sehr erschüttert wurde, so mächtig, als zu den Zeiten Ludwig des XI V seyn, irx welchen es durch diesen so großen König ganz vereinigt worden ist, und ganz allein über ganz Europa gesiegt hat. Sie haben sich bemüht, Monseigneur, diese schlimmen Folgen der Unwissenheit in der Geschichte zu vermeiden, und aus dieser Ursache so viele alte und neuere Geschichten gelesen. Mau hat sie vor allen Dingen in der Schrift die Geschichte des Volkes Gottes müssen lesen lassen, weil sie der Grund der Religion ist. Man hat sie in der griechischen und römischen Geschichte unterrichtet. Die Geschichte dieses großen Königreiches war noch wichtiger für sie / weil sie dasselbe dereinst glücklich machen sollen, und man hat sich also Mühe gegeben, sie mit derselben bekannt zu machen. Damit sich aber alle diese Geschichten mit denen, welche sie noch zu lernen haben, in ihrem Verstände nicht unter einander vermengen mögen, so ist es nothwendig, daß man ihnen die Folge aller Jahrhunderte deutlich, aber kurz, vorstelle. A s Diese 4 Bischof Bossuets Einleitung Diese Art einer allgemeinen Geschichte ist in Vergleichung mit den Geschichten eineö ieden Landes und eineö ieden Volkes nichts anders, als was eine allgemeine Landkarte gegen Spe- cialkarten ist. In den Specialkarten sehen sie alle Abtheilungen eines Königreiches, oder einer Provinz besonders ; in den allgemeinen Karten sehen sie, wie diese Theile der Welt im Ganzen liegen müssen: Sie sehen, was Paris, oderIs- le de France im Königreiche ist, was das Königreich in Europa, und Europa in der ganzen Welt bedeutet. So stellen uns die besondern Geschichten die Folge aller Begebenheiten, die einem Volke begegnet sind, besonders und mit allen ihren Umstanden vor. Damit man aber alles verstehen möge, so muß man das Verhältniß wissen, was eine iede Geschichte mit der andern haben kann; dieses kann man am besten aus einem kurzen Abrisse aller Geschichten lernen, wo man auf einmal mit einem Blicke die ganze Ordnung und Folge der Zeiten übersieht. Ein solcher Abriß stellt ihnen, MonseiIneur, ein großes Schauspiel vor Augen. Sie sehen, wie sich alle vorhergehenden Jahrhunderte, so zu sagen, in wenig Stunden vor ihnen entwickeln; sie sehen, wie die Reiche, eins auf das andere, folgen, und wie sich die Religion in ihren verschiedenen Umständen vom Anfange der Welt bis auf unsere Zeiten immer gleich erhalt. Die Folge dieser beyden Dinge, ich meyne die Folge der Religion und der Reiche, sind es, was sie sich ins Gedächtniß prägen müssen. Weil in die allgemeine Geschichte. 5 Weil die Religion und die Staatsverfassung zween Punkte sind, aufweichen alle menschlichen Begebenheiten beruhen: So begreift man in seinen Gedanken alles, was unter den Menschen groß ist, und halt, so zu sagen, den Faden aller Angelegenheiteil der Welt in seinen Händen, wofern man diese Begebenheiten in einem kurzen Abrisse eingeschlossen betrachtet, und die ganze Ordnung und Folge davon auf einmal übersieht. Wenn sie eine Universalkarte betrachten, so verlassen sie das Land, wo sie gebohrcn worden sind, und den Ort, der sie einschließt, um die ganze bewohnte Erde durchzugehen, die sie in Gedanken mit allen ihren Meeren und Ländern fassen. Eben so begeben sie sich, wenn sie einen chronologischen Abriß der Historie betrachten, aus den engen Grenzen ihrer Jahre, und breiten sich in alle Jahrhunderte aus. Allein, wie man auch bey der Erlernung der Erdbeschreibung seinem Gedächtnisse dadurch zu Hülfe kömmt, daß man sich gewisse Hauptstädte merkt, um die man wiederum andere in ihrer gehörigen Entfernung von einander setzet; so muß man eben auch in der Ordnung der Jahrhunderte gewisse Zeiten haben, welche durch irgend eine große Begebenheit merkwürdig geworden sind, damit man alles Uebrige dahin beziehen kann. Eine solche Zeit nennet man eine Epoche; dieser Name wird aus einem griechischen Worte hergeleitet, welches stillestehen bedeutet, weil man sich dabey als an einem Ruheorte aufhält, um alles dasjenige, was vorher oder darnach ge- A z schchen 6 Bischof Bossuets Einleitung schehen ist, zu betrachten, und durch dieses Mittel, die Anachronismen, oder diejenige Are von Irrthümern zu vermeiden, durch welche man verschiedne Zeiten mit einander vermengt» Man muß sich im Anfange nur an eine kleine Zahl von Epochen halten, an solche, als diejenigen sind, welche man in den Zeiten der alten Geschichte zu merken hat. Diese sind Adam , oder die Schöpfung; ZTloa, oder die Sündflur; der Beruf Abrahams, oder der Anfang des Bundes Gottes mit den Menschen; N7oses, oder das geschriebne Gesetz; die Einnahme der Stadt Troja; Galomon, oder der Bar« des Tempels; Romulus, oder die Erbauung der Stadt Rom; Cyrus, oder das aus der babylonischen Gefangenschaft befreyte Volk Gottes; Scipio, oder die Ueberwindung der Stadt Carthago; die Geburt Jesu Christi; Con- framin, oder der Friede in der Kirche; Carl der Große, oder die Aufrichtung eines neuen Kaiserthumes. Ich lasse sie, Monsiigneur, die Aufrichtung eines neuen Kaiserthums unter Carln, dem Großen, als das Ende der alten Geschichte betrachten, weil sie sehen werden, daß hier das alte römische Reich auf einmal ganz aufhört. Darum lasse ich sie bey einem so merkwürdigen Punkte aus der allgemeinen Geschichte, stille stehen. Die Folge davon wird ihnen in einem andern Theile vorgetragen werden, der sie bis auf das Jahrhundert führen wird, das durch die unsterblichen Thaten des Königes, ihres Vaters, verherrlicht worden ist, und das durch ihren Ei- in die allgemeine Geschichte. 7 fer, einem so großen Beyspiele nachzufolgen, noch einen neuen Glanz zu hoffen hat. Nachdem ich überhaupt das Vorhaben dieses Werkes erklart habe, so habe ich dreyerley zu thun, um allen den Nutzen daraus zu ziehen, den ich davon hoffe. Ich muß vors erste alle die Epochen mit ihnen durchgehen, welche ich ihnen vortrage. Nachdem ich ihnen in wenig Worten, die vornehmsten Begebenheiten angezeigt habe, welche zu einer ieden unter diesen Zeitläufengehören, so muß ich ihren Verstand gewöhnen, diese Begebenheiten an ihre gehörige Stelle zu bringen, ohne auf etwas anders, als auf die Zeitordnung zu sehen. Allein, meine vornehmste Absicht ist diese, daß ich sie in der Folge der Zeiten die Folge der Religion und die Folge der Reiche bemerken lassen will. Wenn ich also die Begebenheiten, welche diese beyden Stücke angehen, nach der Zeitordnung so gestellt habe, wie sie auf einander erfolgt sind, so werde ich alsdann insbesondere vors erste diejenigen vornehmen, und mit den nöthigen Anmerkungen begleiten, welche uns die beständige Dauer der Religion lehren. Sodann werde ich auch diejenigen betrachten/ welche uns die Ursachen der wichtigen Veränderungen entdecken, die in den großen Reichen erfolgt sind. Wenn dieses geschehen ist, so wird ihnen ein jeder Theil der alten Geschichte, die sie lesen werden, Nutzen schaffen. Es wird keine einzige Begebenheit vorkommen, deren Folgen sie nicht einsehen. Sie werden die Folge der Rath- schlüsse Gottes in den Angelegenheiten der Re- A 4 ligion 8 Bischof Bossuets Einleitung ligion bewundern. Sie werden die zusammengekettete Verbindung der menschlichen Angelegenheiten erkennen, und daraus wahrnehmen, mit welcher Ueberlegung und Vorsicht sie angeordnet und ausgeführt werden müssen. Der i Theil Die erste Epoche zeigt ihnen gleich an- ^leitui^." ein prächtiges Schauspiel; sie zeigt ihnen Gott, der mit seinem Worte die Himmel, und die Erde hervorbringt, und den Menschen nach seinem Bilde schafft. Hiev fangt Moses an,derAelteste unter allen Geschichtschreibern, der Erhabenste unter den Philosophen, und der Weiseste unter den Gesetzgebern. Die ??poch- Dieses setzt er als den Grund sowohl seiner Ge- Mr« Ä SZ" schichte, als seiner Lehre und Gesetze fest. Hierauf "'f^. vnmq, zeigt er uns den ersten Menschen, in welchem alle ''Welk." Menschen verschlossen sind, u. seine Frau,die selbst l. von ihm genommen worden ist; die Eintracht der Ehen, und die Gesellschaft des menschlichen Geschlechtes, die auf diesen Grund errichtet ist; die Vollkommenheit und Macht des Menschen, so lange er das Bild Gottes noch ganz an sich tragt; seine Herrschaft über alle Thiere; sowohl seine Unschuld, als seine Glückseligkeit im Paradiese, deren Andenken in dem güldnen Weltalter der Poeten erhalten worden ist; das göttliche Gebot, das die ersten Aeltern beobachten sollten; ^ die Bosheit des Geistes, des Versuchers, und seine Erscheinung unter der Gestalt einer Schlange ; den Fall der erste» Menschen; die gerechte Bestrafung derselben und aller ihrer Nachkommen, und das von Gott verfluchte menschliche Geschlecht; das erste Versprechen Gottes von dee > in die allgemeine Geschichte. 9 -Mre der der Erlösung der Menschen, und dem zukünftigen Jahre " Welt. Siege der Menschen über den Teufel, der ihren ^r. Geb. Untergang bewerkstelliget hatte. Die Erde sing an bevölkert zu werden, und Z875. Buch M,5/ Laster wurden immer mehr. Cain, der erste Sohn von Adam und Cva, läßt die nur ge- wordne Welt die erste tragische That sehen, und die Tugend fangt von dieser Zeit an, durch das Laster verfolgt zu werden. Hier äußern sich die einander entgegengesetzten Sitten der beyden Brüder; die Unschuld Abels, sein Landleben, und seine angenehmen Opfer. Hier sieht man die Opfer Cainö, welche verworfen werden, seinen Geiz, seine Gottlosigkeit, seinen Brudermord, und die Eifersucht, die Mutter der Todtschläge; die Bestrafung dieses Verbrechens, und das Gewissen dieses Brudermörders, welches durch ei» ne bestandige Furcht beunruhigt wird. Hier sieht man die erste Stadt, welche durch diesen Böscwicht erbaut wird, der sich gegen den Haß und den Abscheu des menschlichen Geschlechtes eine Frcystatt sucht; die Erfindung einiger Kün- ^ ste durch seine Kinder; die Tyrannei) der Leidenschaften, und die erstaunliche Bosheit des menschlichen Herzens, welches immer geneigt ist, Böses zu thun. Hier sieht man die Nachkommenschaft Sechs, der, ohnerachtet dieser Verschlimmerung, Gott immer getreu bleibt; den from- 987. men Henoch, der auf eine wunderbare Art von ZO17. der Welt genommen ward, die nicht werth war, ihn zu besißen; den Unterschied zwischen den Kindern Gottes und zwischen den Kindern der Menschen, nämlich zwischen denen, die nachdem A 5 Geiste iO Bischof Bossuets Einleitung Jabre der Geiste lebten, und zwischen denen, die nach dem Jahre Welt- Fleische wandelten; ihre Vermischung und dieGeb. allgemeine Verschlimmerung der Welt; den Untergang der Menschen, der durch ein gerechtes Urtheil Gottes beschlossen wird; den göttli- ?5z6. chen Zorn, der den Sündern durch seinen Die- 2468.' ner Noah verkündiget wird; ihre Unbußfertig- keit und Verstockung, welche endlich die Sünd- Z656. fluth bestrafen muß; den Noah und seine Familie, welche zur Wiederherstellung des menschlichen Geschlechtes erhalten werden. Dieses alles hat sich in 1656 Iahren zugetragen. So ist der Anfang aller Geschichte beschaffen, in welchen sich die Allmacht, die Weisheit, und die Güte Gottes entdeckt, und wo man die unter seinem Schutze glückliche Unschuld, seine Gerechtigkeit in der Bestrafung der Verbrechen, und zu gleicher Zeit seine Gedult, die auf die Bekehrung der Sünder wartet; die Größe und Würde der Menschen gleich nach, ihrer Schöpfung; die Gemüthsart des menschlichen Geschlechtes nach seiner Verderbung; die Natur des Neides und der Eifersucht, und die geheimen Ursachen der Gewaltthätigkeiten und der Kriege; kurz alle Gründe der Religion und der Moral wahrnehmen kann. Noah erhielt mit dem menschlichen Geschlechte ldle Künste, sowohl diejenigen, welche zum Grunde des menschlichen Lebens gehören, und welche die Menschen von ihrem Ursprünge an wußten, als auch diejenigen, welche sie seitdem erfunden hatten. Diese ersten Künste, welche die Menschen gleich anfangs und vermuthlich von ihrem Schöpfer in die allgemeine Geschichte, u Jahre der Schöpfer lernten, sind der Ackerbau *, die Hir- IHre Mit. tenkunst die Kunst, sich zu kleiden und Chr. Geh, vielleicht auch die Baukunst. So sehen wir auch, daß diese Künste im Oriente um die Oerter herum, von welchen das j menschliche Geschlecht sich in andre Gegenden ausgebreitet hat, ihren ersten Anfang genommen haben. Die" Epo- Die Sage von einer allgemeinen Sündfluth 2Z48» N-aNerdie findet sich auf der ganzen Erde. Die Arche, Gündfiuth. in welcher sich die Ueberbleibsel des menschlichen Ä Ät" GeschlecktS retteten/ ist zu allen Zeiten im Oriente 1656.' berühmt gewesen, zumal an denen Orten, wo sie nach der Sündflut stille gestanden. In den Jahrbüchern und Sagen der alten Völker werden verschiedene andere Umstände davon angegeben. Die Zeiten treffen ein, und alles stimme so wohl zusammen, als man es von einer Geschichte aus so entfernten alten Zeiten hoffen kann f. Nahe um die Zeit der Sündflut ist die Abnahme des menschlichen Lebens zu setzen. Die Lebensart veränderte sich; an die Stelle der Früchte von der Erde kamen neue Nahrungsmittel; dem Noah wurden bloß von dem Munde ' lBuch.M.N.l5. Ill.17.18.19. IV, 2. - Ebcndas. IV,2. *** Ebend. III, 21. -j- Lews, ekslä. Hitt. Lli. ttleron. ^egyxr. ?Koen° lLK.IVIn2s.Nic. DsmaK. I.XLVI. /.dyä.äsIVleä. er ^ll^r. apuä lolepQ ^nr. I.I. c. 4. er I.I. conr- ^xxion. er Lu5ed. I,. IX. ?raex. Luang. II, kwr. oxu5c. kluzve 5olerr. terr.sn.»^usr, I-ucisn. üe ve» L^r. 12 Bischof Bossuets Einleitung IMe der de Gottes einige Gebote gegeben; die Sprachen Jah«e Welt, wurden bey demBaue des Thurms vonBabel ver-^br. Geb- 1757. wirrt, welcher das erste Denkmal des Hochmuthes 2247. und der Schwache der Menschen war. Um diese Zeit wurde das Erbtheil der Kinder Noah bestimmt, und die Erde zum erstenmale einge- , theilt. Das Andenken dieser drey ersten Stifter der Nationen und Völker ist unter den Menschen erhalten worden. Japheth, welcher den größten Theil des Orients bevölkert hat, ist daselbst unter dem Namen Iapheths berühmt geblieben. Cham und sein Sohn Chanaan sind unter den Aegy- ptiern und Phöniciern nicht weniger bekannt gewesen, und das Andenken Sems hat sich unter dem hebräischen Volke, daö von ihm entsprungen ist, bestandig erhalten. Nimrod, ein wilder und trotziger Mann, wurde kurze Zeit nach dieser Eintheilung des menschlichen Geschlechts durch seine gewaltthatige Gemüthsart der erste Eroberer; und so ist der Ursprung der Eroberungen beschaffen. Er richtete sein Königreich zu Babyl on, an eben dem Orte auf, wo der Thurm angefangen, und schon sehr hoch geführt worden war, ob ihn gleich die menschliche Eitelkeit zu keiner solchen Höhe bringen kön- nen,als sie gewünscht hatte.Ungefähr um diese Zeit wurde Ninive gebauet, und es wurden auch einige andere alte Königreiche aufgerichtet. Sie waren in diesen ersten Zeiten sehr klein, und man findet in dem einzigen Aegypten vier Dynastien oder Herrschaften, die Dynastie von Thcbe, die von Thin, die von Memphiö, und die von Ta- nis, in die allgemeine Geschichte. 15 Jahre der nis, welches die Hauptstadt in Unterägypten Jahre Welt- war. Man kann auch den Anfang der Gesetze^r- Geb und der Policey der Aegypter ihrer Pyramiden, welche noch stehen, und der astronomischen Beobachtungen sowohl dieser Völker, als der Chaldaer 1771. in diese Zeit setzen. So sieht man auch, daß 22ZZ. die Beobachtungen der Chaldaer, welche unstreitig die ersten Sternseher sind, nur bis auf diese Zeiten und nicht weiter zurückgehen; ich meyne die Beobachtungen, welche demCallisthenes zu Babylon für den Aristoteles gegeben wurden Alles fängt erst an; es ist keine einzige alte Geschichte, wo man nicht allein in diesen ersten Zeiten, sondern noch lange Zeit darauf, deutliche Spuren von der Neuheit der Welt wahrnimmt» Man sieht, daß Gesetze gegeben, die Sitten verbessert, und die Reiche der Welt aufgerichtet werden. Das menschliche Geschlecht kömmt nach und nach aus seiner Unwissenheit heraus, die Erfahrung unterrichtet es, und die Künste werden entweder verbessert oder zur Vollkommenheit gebracht. Die Menschen vermehren sich nach und nach; die Erde wird bevölkert, so, daß ein Volk nahe bey dem andern wohnt; man geht über die Gebirge und steilen Höhen; man wagt sich über die Flüsse und endlich über die Meere, und richtet sich neue Wohnungen auf. Die Erde, die im Anfange nichts als ein unermeßlicher Wald war, erhalt eine neue Gestalt; die Walder, welche niedergeschlagen werden, machen den Feldern, den Viehweiden, den * ?gr^Ii^r. zx. 81mj>I, Ubr.ll. äs eoel. »4 Bischof Bossuets Einleitung Iabre der den Dörfern, den Flecken, und endlich den Jahre Städten Platz. Man lernt gewisse Thiere ^-^'^ fangen, und andere zahm und dienstbar machen. Im Anfange hatte man nur die wilden Thiere zu bestreiken. Die ersten Helden suchten sich i» diesen Kriegen hervorzuthun. Diest Kriege halfen den Menschen die Waffen erfinden, die sie nachher gegen ihres gleichen kehrten. Nim- rod, der erste Krieger, und der erste Eroberer, wird in der heiligen Schrift * ein gewaltiger Jäger genannt. Der Mensch, der die Thiere bezähmen lernte, erfand auch die Kunst, den Früchten und Pflanzen ihren wilden und rauhen Geschmack zu nehmen, und sie angenehmer zu machen. Er zwang so gar die Metalle, daß sie zu seinem Ruhen geschmeidig werden mußten, und nach und nach mußte ihm die ganze Natur dienen. Es war natürlich, baß mit der Zeit viele Dinge erfunden wurden; es war aber eben so natürlich, daß mit der Zeit viele andere zum wenigsten bey dem größten Theile der Menschen in die Vergessenheit gebiethen. Daher mußte man sie entweder mit der Zeit wieder lernen, oder es mußten sie diejenigen, welche sie erhalten hatten, andern wieder erzählen. Dieses ist die Ursache, warum man aus den stetsbewohnten Ländern alles herkommen sieht, wo die ersten Gründe der Künste immer ganz blieben, und wo man von Tage zu Tage noch sehr viele wichtige Dinge lernte. Die Erkenntniß Gottes, und das Andenken von der Schöpfung erhielt sich daselbst noch, - !B. Mojl X ,5 in die allgemeine Geschichte. 15 Jahre der noch, wurde aber allmahlig immer schwacher Jahre Welt, schwächer. Die alten Sagen wurden ver-Tbr. G«v. gessen oder verfinstert; die Fabeln, die an ihre Stelle kamen, behielten nur sehr grobe Ideen davon; die falschen Gottheiten vermehrten sich, und dieses war die Veranlassung, daß Abraham von Gott berufen wurde. DiemEpv- Vierhundert und sechs und zwanzig 1921« Der^ Beruf Jahre waren nach der Sündflut verflossen, Abrahams, als die Völker, ein iedes nach seinen Wegen, ^erW^ett^ wandelten, und denjenigen vergaßen, der sie 2vZz. gemacht hatte. Nunmehr wollte dieser große Gott den Fortgang eines so großen Uebels verhindern ^ und fing an, sich mitten aus der Ver- derbniß ein auserwähltcs Volk auszusondern» Abraham ward von ihm ersehen, daß er der Stamm und der Vater aller Gläubigen seyn sollte. Gott berief ihn in das Land Canaan, wo er seinen Dienst aufrichten, und die Kinder dieses Patriarchen wohnen lassen wollte, die er wie die Sterne des Himmels, und wie den Sand am Meere zu vermehren beschlossen hatte. Er versprach ihm, seinen Nachkommen dieses Land zu geben; allein er versprach ihm zugleich etwas, das weit herrlicher war; dieses war der > Segen, der sich in Jesu Christo, welcher auS seinem Saamen herkommen sollte, über alle Völker des Erdkreises ausgebreitet hat. Dieses ist der Jesus Christus den Abraham in der Person des Hohenpriesters Melchisedec ehrte, welcher ihn vorstellte. Diesem gab er den 3«- ' Hebr. VN, »z, «. f. V. !6 Bischof Bossuets Einleitung Jabre der Zehenden von dem Raube, den er den von ihm Jahr- Welt, überwundnen Königen abgenommen hatte, und ^ ^r. Geb. Melchisedec segnete ihn dafür. Abraham besaß unzahlige Reichthümer und eine Macht, die der Gewalt der Könige gleich war, und behielt dabey die alten Sitten. Er lebte schlecht und gerecht, und auf dem Lande; allein dieses Leben hatte auch seine Pracht, die dieser Patriarch vornehmlich durch die Gastfreyheit äußerte, die er gegen alle Menschen ausübte. Der Himmel gab ihm Gaste; die Engel unterrichteten 2148» ihn in den Rathschlüssen Gottes; er glaubte dar- 2856. an, und war beständig voll Glauben und Gottseligkeit. Zu seiner Zeit gründete IvMuS, der Aelteste unter allen Königen, den die Griechen kennen, das Aöni^ich U>Ms. Nach Abraham waren Jsaac sein Sohn, und Jacob, sein Enkel, Nachahmer seines Glaubens, seiner edlen Einfalt und selbst seines Hirtenlebcns. Gott erneuerte ihnen eben die Zusagen, die er ihrem Vater gethan hatte, und regierte sie, wie er ihn geführt hatte. Jsaac segnete den 2245. Jacob zum Nachtheile seines ältern Bruders ^759« Esau, und führte die Rathschlüsse Gottes aus, ob es gleich schien, daß er hintergangen worden. Jacob, welchen Gott in seinen.Schuh nahm, war in allem vortrefflicher, als sein Bruder Esau. Ein Engel, mit welchem er einen ge- hcimnißvollen Streit hatte, gab ihm den Namen Israel; seine Kinder heißen daher Jsraeli- ten. Von ihm wurden die zwölf Patriarchen gezeugt, die Väter der zwölf Stämme des «braischen Volkes; unter andern Levi, von wel- f in die allgemeine Geschichte. 17 Ichceder welchem die Diener im Heiligthume gezeuget Jahre Welt- werden sollten; Juda, aus welchem nebst dem "-^r- Geb. königlichen stamme, Jesus Christus, der König aller Könige, und der Herr aller Herren herkommen sollte, und Joseph, den sein Vater mehr als seine übrigen Kinder liebte. Hier entdecken sich neue Geheimnisse der göttlichen Vorsehung. Unter allen andern Dingen bemerkt man die Unschuld und Tugend des jungen Josephs, die eine Feindinn aller Laster, und, sorgfältig bemüht ist, sie an seinen Brüdern zu unterdrücken. Man sieht hier seine eifersüchtigen Brüder; ihre Eifersucht verursacht bey nahe den 2276. andern Brudermord. Joseph, dieser große Mann 1728. wird verkauft; er bleibt seinem Herren getreu, und wird bey allen Anfällen eines wollüstigen 22L7. Weibes ein bewundernswürdiges Beyspiel der 1717. Keuschheit. Diese Tugend ist Ursache an vielen Verfolgungen, die er leidet; er wird ins Gefängnis; gesetzt, und ist standhaft. Er pro- phezeyt seinen Mitgefangenen ihre Schicksale, und wird auf eine wunderbare Weise errettet. 2289. Er wird durch die Erklärung der Träume des 1715. Pharao berühmc; die Verdienste eines so großen Mannes werden erkannt; sein Geist ist erhaben, und rechtschaffen; Gott beschützt ihn, und laßt 2:98. ihn überall herrschen, wo er ist. Man bewun- 1706» dert seine Einsicht in die Zukunft, seine weisen Rathschläge, seine unumschränkte Herrschaft in dem Königreiche Unterägypten, durch welche sein Vater, Jacob, und seineganze Familie errettet wird. Diese Familie, welche von Gott so sehr geliebt ward, richtete ihre B Woh. 18 Bischof Bossuets Emleituttg 5>«hre der Wohnungen in dein Theile von Acgypten auf, Iah« Welt, dessen Hauptstadt Tanjs_war, und dessen Koni- v- Chr. Geb. 2Z15. alle den Namen Pharao führten. Jacob starb, und kurz vor seinem Tode gab er die berühmte Prophezeyung, in welcher er feinen Kindern den Zustand ihrer Nachkommenschaft, und besonders seinem Sohne Jnda die Zeit des Messias entdeckte, der aus seinem Stamme herkommen sollte. Die Familie dieses Patriarchen wurde in kurzer Zeit ein großes Volk. Diese wunderbare Vermehrung erweckte den Neid der Aegypter; die Hebräer wurden aufcine ungerechte Weise gehaßt, und ganz unbarmher- 24ZZ» zig verfolgt. Gott laßt den Mofes, ihren 1571». Erretter, gebohren werden, errettet ihn aus den Wassern des Nils, und giebt ihn in die Hände der Tochter Pharao. Sie erzieht ihn, als ihren Sohn, und laßt ihn in aller Weisheit der Ae- 2448. gyptcr unterrichten. Um diese Zeit ließen sich 155^ ägyptische Völker an verschiedenen Orten von Griechenland nieder. Die Völkerschaft, welche . lolexb. ^mih. Ubr. VIII, -i. in die allgemeine Geschichte. 25 IMe der Diese Epoche von dem Untergange der Stadt Iahte W-tt. Troja, welcher ohngefähr im 304 Jahre nach v.Chr. G-». dem Auszüge aus Aegypten, und folglich 1164 Jahre nach der Sündfluth erfolgt ist, verdient alle Aufmerksamkeit, sowohl wegen der Wichtigkeit einer so großen Begebenheit, die durch die beyden größten Dichter Griechenlandes und Italiens berühmt gemacht worden ist, als auch aus der Ursache, weil man in diese Zeit alles bringen kann, was in den sogenannten fabelhaften und heroischen Zeiten merkwürdig ist. Diese Zeiten heißen fabelhaft wegen der Fabeln, in welche die Geschichte derselben eingehüllt sind; heroisch, wegen der Helden, welche die Dichter Rinder der Götter und Helden genannt haben. Ihr Leben ist von der Zeit der Einnahme der Stadt Troja nicht weit entfernt. Denn zu den Zeiten des iaomedon, des Vaters des Priamus, sind alle Helden des güldnen Vließes, Jason, Herkules, Orpheus, Castor, und Pollur und die andern bekannten Helden berühmt geworden. Zu den Zeiten des Priamus selbst, wahrend der letzten Belagerung, haben sich Achilles, Agamemnon, Menclaus, Ulysses, Hector, Sarpedon, ein Sohn Jupiters, Aencas, ein Sohn der Venus, welchen die Römer für ihren Stifter erkennen, und so viele andere bekannt gemacht, welche die Vorfahren vieler be? vühmter Hauser und Nationen seyn sollen, die sich eine Ehre daraus machen, von ihnen abzustammen. Diese Epoche ist also geschickt, alles dasjenige zusammen zu fassen, was die fabelhaften Zeiten Gewisses und Schönes an sich haben. B 5 Allein 26 Bischof Bossuets Einleitung IMeder Allein dasjenige, was man in der heiligen Ge- Jahre A^t. schichte bemerkt, ist weit merkwürdiger, beson- Chr- G ders die wunderbare Stärke, und die crstaunli- 2887. che Schwache Simsons: Eli, der wegen seiner 1177» Frömmigkeit so ehrwürdig, und wegen derVer- 2888. brechen seiner Kinder so unglücklich war; Sa- 1176. muel, dieser-untadelhafte Richter und Prophet, 2909» den Gott erwählt hatte, Könige einzuweihen; 1095» Saul, der erste König des Volkes Gottes ; seine Siege, sein Hochmuth, da er ohne die Priester opfern wollte; sein Ungehorsam, den er mit einem Verwände der Religion sehr schlecht entschuldigte ; seine Verwerfung, und sein trauriger Untergang. Um diese Zeit opferte sich Co- drus, der König ^von Athen, dem Tode für das Heil seines Volkes auf, und gewann demselben durch seinen Tod den Sieg über seine Feinde» Seine Kinder, Medon und Nileus, stritten mit einander wegen des Königreiches. Bey dieser Gelegenheit schafften die Athcnicnser die königliche Regierung ab, und erklärten ihren Gott, Jupiter, für den einzigen König des atheniensi- schen Volkes. Sie erwählten sich beständige Statthalter, die aber von ihrer Regierung Rechenschaft ablegen mußten. Diese obrigkeitlichen Personen hießen Archontes. Medon, ein Sohn des Codrus, war der erste, der dieses neue Amt verwaltete, und diese Würde blieb lange bey seiner Familie. Die Athenienscr breiteten ihre Colonicn in dem Theile von Kleinasien aus, welcher Ivnien genannt wurde. Um eben diese Zeit zogen äolische Völkerschaften dahin, und ganz Kleinasien wurde mit griechischen Städten in die allgemeine Geschichte. 27 Iabredcr Städten angefüllt. Nach Säulen erschien Da- Ichre Wett, vid, dichr bewundernswürdige Hirt, der Ueber- v-Chr. Geb. winder des trotzigen Goliath, -und aller Feinde des Volkes Gottes; ein großer König, ein großer Eroberer, eil, großer Prophet, welcher würdig war, die Wunderwerke der göttlichen Allmacht 2970. zu besingen; kurz, ein Mann nach dem Herzen ioz4. Gottes, wie er sich selbst nennt, dessen Verbn- 2990. chen selbst wegen seiner Buße zur Verherrli- 1014. chung der Ehre seines Schöpfers haben dienen müssen. Auf diesen frommen Krieger folgte 2.992. sein Sohn Salomo, ein weiser, gerechter, und 1012» friedfertiger König, dessen Hände, die von Blut rein waren, für würdig geachtet wurden, den Tempel Gottes zu erbauen. Die vEpo- Dieses geschah ungefähr im zvoo Jahre SuK'ino der Welt, im 488sten nach dem Ausgange aus baule^em" ^ZM^, und damit man die heilige Geschichte pe5 mit der weltlichen vereinige, im 180 Jahre nach D^s^scltcr der Einnahme der Stadt Troja, im 2ZOsien ^0OO v^' der Erbauung der Stadt Rom, und tausend Jahre vor Christi Geburt, als Saloino diesen ZO-zi. bewundernswürdigen Tempel vollendete. Er 100z. feycrte die Einweihung desselben mit einer außerordentlichen Frömmigkeit und Pracht. Auf diese herrliche Handlung folgten noch andere Wunder der Regierung des Salomo, die sich mit schimpflichen Schwachheiten endigte. Er überließ sich der Weiberliebe; sein Verstand nahm ab, sein Herze wurde weichlich, und seine Frömmigkeit wurde Abgötterei). Gott/ welcher von einem gerechten Zorne entbrannte, verschonte nur das Gedächtniß Davids, seines Dieners; allein 2Z Bischof Bossuets Einleitung Jahre der allein er wollte die Undankbarkeit dieses Königes Jahre Welt- nicht ganz ungestraft lassen. Er theilte sein "-Wr- Gell. Reich nach seinem Tode, und unter seinem ^029. Sohne, Nehabeam. Der unverschämte Stolz 975» dieses jungen Prinzen war Ursache, daß zehn Stämme von ihm abfielen,die Jerobeam zugleich , von ihrem Gott und von ihrem Könige schied. Er gebot ihnen, aus Furcht, sie möchten wieder zu den Königen Juda umkehren, daß sie in dein Tempel zu Jerusalem nicht opfern sollten; er richtete ihnen goldene Kälber auf, denen er den Namen des Gottes Israels beylegte, damit diese Veränderung ihnen nicht allzufremd scheinen möchte. Aus eben dieser Ursache behielt er das Geseß Mosis bey, das er aber nach seinem Sinne erklärte. Allein er ließ sie doch die ganze Po- licey desselben, sowohl die bürgerlichen, als die gottesdienstlichen Gebräuche beobachten, woher es denn kömmt, daß der Pentateuchus unter den abgesonderten Stämmen immer verehrt worden, und in seinem alten Ansehen geblieben ist". So wurde das Königreich Israel wider das Königreich Juda aufgerichtet. In dem Königreiche Israel siegten die Gottlosigkeit und die Abgötterey. Die Religion wurde in dem Königreiche Juda immer erhalten, ob sie gleich oft Verfinstert wurde. Um diese Zeiten waren die Könige in Aegypten sehr mächtig. Die vier Königreichs desselben waren unter das von Theben zusammen vereiniget worden. Man glaubt, daß »KöüXII.z:. in die allgemeine Geschichte. 29 J-chre der daß Sesostris, dieser berühmte Eroberer der ^ahre Welt. - Aegypter, Sesac, der König von Aegypten ist, v-Chr. Geh. dessen sich Gott zur Bestrafung der Gottlosig- keit des Rehabeam bediente. Unter der Regierung des Abiam ist der Sieg merkwürdig, welchen dieser Prinz wegen seiner Frömmigkeit über die abgefallenen Stämme davon trug. Sein 3087. SohnAssa, dessen Frömmigkeit in der heiligen 917» Schrift gelobt wird / ist daselbst, als ein König beschrieben, der in seinen Krankheiten mehr an die Hülfe der Aerzte, als an die Güte Gottes ZoLo. dachte. Zu seiner Zeit bauete Amri, ein Kö- 924. mg in Israel, Samarien, wohin er den Sitz seines Königreichs verlegte. Auf diefs Zeit 3090. folgte die bewundernswürdige Regierung Jo- 914« saphats, unter der die Frömmigkeit, die Gerechtigkeit, die Schiffahrt, und die Kriegswissenschaft blüheren. Unterdessen da er in seiner 5105. Person dem Reiche Iuda einen andern David 899. zeigte, vereinigten Ahab und sein Weib, Jesabel, die in Israel herrschten, mit der Abgötterey des JerobeamS alle Gottlosigkeiten der Heiden. Sie kamen alle beyde elendiglich um. Gott, der ihre Abgötterey noch erdultet hatte, beschloß, an ihnen das Blut Naboths zu rächen, den sie hatten tödten lassen, weil er sich nach der Verordnung des Gesetzes Mosis geweigert hatte, ihnen seiner Väter Erbe, seinen Weinberg zu verkaufen. Ihr Urtheil wurde ihnen durch den Mund des Propheten Elias gesprochen. Ahab wurde einige Zeit darauf gecödtet, so vorsichtig er auch war, sein Leben zu retten. Um Z107. diese Zeit ungefähr muß die Stadt Karthag o 897. gegrün- zo Bischof Bossuets Cilüeituttg Jahr-der gegründet worden seyn. Dido, welche von Jahre Wett. Tyrus kam, baucte sie nach dem Exenwel dieser^-b. Stadt, an einem Orte, wo sie die Handlung m^sich ziehen, und zur Herrschaft auf der See gelangen konnte. Es ist schwer, die Zeit anzugeben, wo diese Stadt eine Republik wurde; allein die Vermischung der Tyrer und der Afri- cancr machte, daß sie zugleich eine Handelsstadt Zii6. u«d kriegerisch war. Die alten Geschichtschrei- 888. ber, welche ihre Stiftung noch über die Zeit des Unterganges der Stadt Troja hinaussetzen, bringen uns auf die Vermuthung, daß Dido diese Stadt nicht sowohl gegründet, als vielmehr vergrößert und befestigt habe. Im Königreiche Juda gewannen um diese Zeit alle Dinge eil» anderes Ansehen. Athalia, eine Tochter des AHabs und der Jcsabel, brachte die Gottlosigkeit mit sich in das Haus IosaphatS. Ioram, der ZU9. Sohn eines so frommen Königes, wollte lieber 8Li5« seinen Schwiegervater, als seinen Vater nach- > ahmen. Die Hand Gottes war über ihn. Seine Regierung war kurz, und sein Ende schrecklich. Mitten unter diesen Züchtigungen that Gott unerhörte Wunder, selbst zum Vortheile der Jsraeliten, welche er zur Busse rufen wollte. Sie sahen, ohne sich zu bekehren,' die Wunder des Elias und des Elisa, welche unter den Regierungen AHabs und fünf seiner Nachfolger weißagten. Um diese Zeit war Homer *, und dreyßig Jahre vor ihm Hesiodus berühmt. Die alten Sitten, die sie uns . !^^rm. ^l-uncZ. in die allgemeine Geschichte, zi Jahre der uns abbilden, und die Spuren der alten Größe Jahre Welt, Einfalt, die man in ihnen entdeckt, dienen v.Chr. Geb nicht wenig dazu, uns noch weit entferntere alte Zeiten, und die göttliche Einfalt der heiligen Schrift vorstellig zu machen. Um diese Zeit Z120. giengen in den Königreichen Iuda und Israel 884. schreckliche Schauspiele vor. Iesabel wurde aus den Fenstern ihres Schlosses auf Befehl des Jehu heruntergestürzt. Es half ihr nichts, daß sie sich geschmückt hatte; Jehu ließ sie unter die Füße der Pferde werfen. Er ließ den Joram, einen Sohn AHabs, den König von Israel umbringen; das ganze Haus Ahabö wurde ausgerottet, und es fehlte wenig, daß der Untergang desselben nicht auch den Untergang des Hauses der Könige von Iuda nach sich zog» Der König Ahasja, ein Sohn Iorams, des Königes von Iuda, und der Athalia, wurde in Samaria nebst seinen Brüdern, als ein Bundsgenoß und Freund der Kinder AHabs, umgebracht. Sobald diese Nachricht nach Jerusalem kam, beschloß Athalia, alles, was von der königlichen Familie noch übrig war, umbringen zu lassen, ohne selbst ihre Kinder zu schonen, damit sie durch den Verlust aller der Ihrigen sicher regieren könnte. Der einzige JoaS, ein Sohn des Ahasja, der noch ein Kind in der Wiege war, wurde der Wut seiner Großmutter entzogen. Ioseba, die Schwester des Ahasja, und das Weib Jojada, des Hohenpriesters, verbarg ihn im Hause Gottes, und errettete diesen kostbaren Ueberrest des Hauses Davids. Athalia, welche glaubte, daß er mit den andern umgebracht p Bischof Bossuets Einleituilg Mre ber gebracht worden wäre, lebte ohne alle Furcht. Zu Jahre " Welt. Lacedämon gab Lycurg neue Gesetze. Man tadelt Chr. Geb. ihn,daß er sie alle für den Krieg,nach dem Exempel desMinos, eingerichtet hat, dessen Anordnungen «r gefolgt ist *, und daß er zu wenig für die Sittsamkeit und Schalkhaftigkeit der Frauens- Personen besorgt gewesen ist> da er die Männer alle zu einem mäßigen und arbeitsamen Leben angehalten hat. In Juda regte sich wider Achalien n'ichtS; sie glaubte nach einer sechsjährigen Regierung auf ihrem Throne fest zu sitzen. Allein Gott erhielt in der geheiligten Freystatt seines Zi26. Tempels ihren Rächer. Als er sieben Jahre 878. erreicht hatte, so ließ ihn Jojada einigen Heerführern der königlichen Armee sehen, die er sorgfältig auf seine Seite zu bringen gesucht hatte. Die Leviten stunden ihm bey, und er salbte den jungen König im Tempel. Das ganze Volk erkannte, ohne daß cS Mühe kostete, den Erben Davids und Josaphats. Athalia, welche auf den Tumult herbey kam, den Aufruhr zu stillen, ward aus dem Bezirke des Tempels fortgerissen, und empfieng den Lohn, den ihre Verbrechen verdienten. So lang als Jojada lebte, ließ Joas über das Gesetz Mosis halten. Allein nach dem Tode dieses frommen Hohenpriesters wurde er durch die Schmcicheleyen seiner Hof- lcute verderbt, und überließ sich mit ihnen der Z164. Abgötterei). Der Hohepriester ZachariaS, ein 840» . Sohn Jojada, wollte ihn bestrafen; Joas aber ließ - I>Iar. 6e rep. VIII, äe le?, !il».I. ^rillar. äs ?olicic. lid, II. c. A. in die allgemeine Geschichte, Jabre der ließ ihn steinigen, ohne sich an dasjenige zu er- Jahre Welt, innern, was er seinein Vater schuldig war. v-^-Gest. Die Rache- erfolgte kurz darauf. Das folgende Zl6). Jahr wurde JoaS von den Syrern geschlagen, 8Z9. gcricth in Verachtung, und wurde von denSci- nigen umgebracht. Amazias, sein Sohn, der besser war, als er, wurde auf den Thron gefetzt. Z>-79. Das Königreich Israel, welches durch die Sie- 825. ge der Könige von Syrien, und durch die bürgerlichen Kriege ganz entkrafftet war, erholte sich unter der Regierung Jerobeams, des U, wieder/ der frömmer, als seine Vorfahren, war. Ufia, der auch Asaria hieß, ein Sohn des Amazias, regierte das Königreich Juda nicht weni- Zi94. ger rühmlich. Dieses ist der berühmte Usia, Zl gebracht. Ezechias, welcher auf eine so wunderbare Weise errettet worden war, dience mit seinem in die allgemeine Geschichte. 59 ^chre nach seinem ganze» Volke, seinem Gott noch getreuer, Jahre Stadt No? vordem. Allein das undankbare Volk ver- Lbr. Geb. ' gaß nach dem Tode dieses Prinzen und unter 56. seinem Sohne Manasscö seinen Gott, und die 69z» Unordnungen und Verbrechen hausten sich. Zu der Zeit wurde Athen immer mehr und mehr zu 67. einer Republik eingerichtet, und man fing da- 687. selbst an, jahrliche Archonren oder Statthalter zu wählen, unter denen Creon der erste war. ?z. Unterdessen, als in Juda die Gottlosigkeit über- 6zr. Hand nahm, ward unter dem Assarhaddon, dem Sohne des Sanherib, die Macht der assyrischen Könige immer größer, welche Gott an den Juden rächen sollte. Er vereinigte das Königreich Babylon mit dem Ninivitischen, und seine Macht in Großasien kam der Gewalt der ersten Assyrier gleich. Unter seiner Regierung wurden die Cuthecr, assyrische Völker/ die nachher Samaritancr benaiut worden sind, nach 77. Samaria geschickt, dasselbe zu bewohnen *. 677. Diese vereinigten den Dienst des wahren Gottes mit dem Dienste ihrer Götzen, und erhielten von dem Assarhaddon einen Israelitischen Priester, welcher sie in dem Dienste des Gottes die-" ses Landes, oder in den Cerimonicn des Gesetzes Mosis unterrichtete. Gott wollte nicht, daß sein Name in einem Lande, das er seinem Volke gegeben hatte, ganz untergehen sollte, und liest also sein Gesetz zu einem Zeugnisse daselbst **. Allein ihr Priester gab ihnen nichts, als die C 4 Bücher * - Kon. XVII, -4. Esdr. IV, - Kön. XVII, 27. -8. 4O Bischof Bossuets Eittleitllllg ^ahre nach Bücher Mosis, welche die zehn Stämme wah- Jchre StMRvn" '^nd der Zeit ihres Abfallcs beybehalten hatten. ^.Geb. Die Schriften, welche nach der Zeit von den Propheten, die in dem Tempel zu Jerusalem opferten, verfaßt worden waren, wurden bey ihnen verabscheut, und daher kömmt es, daß die Samaritaner nichts, als den Pentateuchus, annehmen. Unterdessen daß Assarhaddon und die Assyrier in Großasien so machtig wurden, fingen die Meder auch an, groß zu werden. Dejoces, ihr erster König, welcher in der Schrift Arpha- xad heißt, erbaute die stolze Stadt, Ecbatana, und legte daselbst den Grund zu einem großen Reiche. Die Meder hatten ihn zur Belohnung seiner großen Eigenschaften auf den Thron geseht, den Unordnungen ein Ende zu machen,, welche die Anarchie bey ihnen verursachte. Sie behaupteten sich unter der Negierung eines so großen Königes, ob sie sich gleich nicht ausbreiteten» Rom nahm auch zu, aber nur allmah- 8z. lig. Unter dem Tullus Hostilius, ihrem drit- 6?r. ten Könige, trug sich der berühmte Streit der Horazier und Curiazicr zu; Aiba wurde überwunden und zerstört, und seine Bürger der sieghaften Stadt einverleibt, welche sich dadurch vergrößerte, und starker machte. RomuluS hatte zuerst dieses Mittel gebraucht, die Stadt zu vergrößern, da er die Sabiner und andre überwundene Völker in Rom ausgenommen hatte. Diese vergaßen es, daß sie überwunden worden waren, und wurden getreue Unterthanen. Rom, welches seine Eroberungen immer weiter in die allgemeine Geschichte. 41 Jahre nach weiter ausbreitete, richtete seine Miliz von Zeit Jahre StadtRvnn^ Zeit besser ein, und es geschah unter dem Chr. Geb, ' Tullus Hostilius, dqß die schöne Kriegsmcht eingeführt wurde, welche hernach das römische Volk zum Ueberwinder des ganzen Erdkreises 84. machte. Das Königreich Aegypten, welches 670. durch seine langwierigen innerlichen Zwistigkci- ten entkräfftet worden war, erholte sich unter dem Psammetichus. Dieser Prinz, welcher sein Glück den Cariern und Joniern zu danken hatte, führte sie in Aegypten ein, das zeither allen fremden Völkern verschlossen gewesen war. Bey dieser Gelegenheit fingen die Aegypter mit den Griechen zu handeln an, und seit der Zeit wird . auch nach dem Zeugnisse des Herodctuö " die ägyptische Geschichte gewisser, welche vorher durch die Künste der Priester mit prachtigen Fabeln vermischt worden. Unterdessen wurden die cnHrischen Könige im Oriente immer furchtbarer. Saosduchin, ein Sohn des Assarhaddon, der in dem Buche Judith Ncbucadnczar genannt wird, überwand den Kö- 97. nig ver Meder, Arpharad, in einer ordentlichen 657. Schlacht. Dieser glückliche Fortgang blähte ihn so sehr auf, dasi er sich vornahm, die ganze Erde unter, seine Bothmaßigkeit zu bringen» 98. diesem Vorhaben gicng er über den Euphrat, 6s6, und verwüstete alles, bis nach Iudäa hin. Die Jüden hatten Gott erzürnt, und sich nach dem Exempel des Manasses der Abgötterey überlassen, mit diesem Prinzen aber auch wieder Buße C 5 gethan. * lleroä Ubr. I. c. 55. 42 Bischof Bossucts Einleitung ^ahrs nach gethan. Gott nahm sie also in seinen Schuß. Jahre StMRvm. Die Eroberungen des NebucadnezarS, und des v.Chr.Geb- ' Holofernes, seines Feldherr«:, wurde:, auf einmal durch die Hand einer Frau aufgehalten. DejoccS, der König der Mcder, war zwar von den Assyriern geschlagen worden, hinterließ aber doch sein Königreich in oem Zustande, das; es unter seinen Nachfolgern wieder zunehmen konnte. ;i2. Unterdessen daß Phraortes, sein Sohn, und 64z. Cyarares, ein Sohn des Phraortes, sich Persien unterwürfig machten, und ihre Eroberungen in Kleinasien bis an die Ufer des Flusses Halys uz. ausbreiteten, führte in JudaaAmmon, ein Sohn 641« des Manasses, eine abscheuliche Regierung» Io- sias, ein Sohn des Ammon, der von seiner Jugend an tugendhaft und gottesfürchlig gewesen war, suchte die Unordnungen wieder gut zu machen, welche durch die Gottlosigkeit der Konige, seiner Vorfahren, verursacht worden waren. Rom, dessen König Ancus MartiuS war, überwand einige lateinische Völker unter seiner Anführung, und fuhr fort, aus seinen Feinden, die eS in seine Mauern einschloß, Bürger zumachen. Die Völker von Vejent, welche schon vom Romu- lus geschwächt worden waren, litten aufs neue sehr 128. viel. Ancus setzte seine Eroberungen bis an das 626- nächste Meer fort, und baute an dem Ausflusse der Tyber eine Stadt, die er Ostia nannte. Um diese Zeit wurde das Königreich Babylon vom Nabopolassar mit Kriege überzogen. Dieser Vcrräther, den Chinaladan, sollst auch Sarac genannt, zum Feldherrn seiner Heere wider den Cyarares, den König der Mder, gemacht hatte, ver- in die allgemeine Geschichte. 4Z «^hre'nuch verband sich mit dem Astyages, dem Sohne Jahre MM Rommes CyaxareS, nahm den Chinaladan in Ninive^. G ' gefangen, zerstörte diese große Stadt, welche so lange Zeit die Beherrscherinn des Orients gewesen, und seßce sich ans den Thron seines Herrn. Unter einem so herrschsüchtigen Könige wurde Babylon stolz. Judaa, dessen Gottlosigkeit immer größer wurde, hatte alles izo. zu befürchten. Der heilige König, Josias, 624, hielt durch seine tiefe Demüthiglmg vor Gott eine kurze Zeit die Strafe auf, die sein Volk verdient hatte. Allein das Uebel wurde unter der Regierung seiner Kinder immer größer. 144. Nebucadnezar, der II, folgte seinem Vater, Na- 610. 147. bopolassar, und war viel schrecklicher, als er. 607» Dieser Prinz, der im Hochmuthe erzogen, und bestandig im Kriege geübt worden war, machte erstaunliche Eroberungen im Oriente und im Occidente, und Babylon drohte aller Welt, sie in die Sclaverey ,zu stürzen. Seine Drohungen giengen in Ansehung des Volkes Gorres bald in ihre Erfüllung. Jerusalem wurde diesem stolzen Uebcrwinder überlassen, der diese Stadt zu dreycnmalen einnahm; das erstemal im Anfange seiner Regierung, und im vierten Jahre der Regierung des Iojakim. Von dieser Zeit fangen die siebzig Jahre der babylonischen Gefangenschaft an, welche Ieremias vor- 155. her verkündigt hatte. Das andremal wurde 599» ^Cap^8' Jerusalem unter dem Jcchonias, oder Jojachin, ^ ' dem Sohne Jojakims, eingenommen; das 156. drittemal unter dem ZedekiaS, wo die Stadt 598> von Grund aus zerstört, der Tempel zu Aschen ver« 44 Bischof Bossuets Einleitung ^n?üe nach verbrannt, und der König mit dem Saraja, dem sichre Ettdr Rvm. Hohenpriester, und dem besten Theile des Volkes v. Chr-Geb. ' nach Babylon gefangen geführt wurde. Die Vornehmsten unter den Gefangenen waren Ezechiel und Daniel. Man zahlet auch unter sie die drey jungen Manner, welche Nebucadnezar nicht zwingen konnte, seine Bildseule anzubeten, und welche auch in dem feurigen Ofen unversehrt blieben. Griechenland blühte, und die sieben Weisen machten dasselbe berühmt. Einige Zeit i6o. vor der letzten Zerstörung Jerusalems gab So- 594. lon, einer von den sieben Weisen, den Athenien- sern Gesetze, und gründete die Freyheit auf die i?6» Gerechtigkeit. Die Phoceenser aus Jonien s?8. führten ihre erste Colonie nach Marseille. Tar- qvin, der Aeltere, König in Rom, beschloß seine Regierung, nachdem er einen Theil von dem Toscanischen unter das Joch gebracht, und die Stadt Rom mit prächtigen Gebäuden ausge- , ziert hatte. Zu seinen Zeiten bemächtigten sich 188. die Gallier unter der Anführung des Bellovesus s66. in Italien aller Gegenden um den Po, unterdessen daß Segovesus, sein Bruder, einen andern Haufen dieses Volkes tief nach Deutschland hinein führte. Servius Tullius, der Nachfolger des Taravinius, führte die Census, oder diejenigen Abtheilungen des römischen Volkes, ein; nach welchen alle Bürger in gewisse Classen vertheilt wurden, und diese Stadt so ordentlich, als eine einzige Familie, eingerichtet ward. Nebucadnezar suchte die Stadt Babylon , welche sich mit dem Raube der Stadt Jerusalem und des Orientes bereichert hatte, so herrlich in die allgemeine Geschichte. 45 «Mre nach lich zu machen, als möglich war *. Allein sie -lahre StMRM 'br Glück nicht gar lange. Dieser Kö-»- ^r.Gel'. ' nig, welcher sie mit so vieler Pracht ausgeschmücket 192» hatte, sah bey seinem Tode den nahen Fall dieser 562. so prächtigen Stadt voraus. Sein Sohn, Evilmerodach, der sich durch sein Schwelgen verhaßt machte, regierte nicht lange, und wurde ^94' durch den Neriglossor, seinen Schwager, um- 560. gebracht, der sich des Königreiches bemächtigte. Pisistratus maßte sich zu Athen der obersten Gewalt an, die er dreyßig Jahre lang zu behaupten wußte, ob sich gleich die Umstände der Zeiten oft änderten. Er überließ dieselbe auch noch seinen Kindern. Neriglossor konnte die Macht der Meder nicht ertrage»/ die im Oriente immer größer wurden, und kündigte ihnen den Krieg an. Astyages, ein Sohn des Cyarares, des l, starb, da er mit den Zurüstungen, ihm zu widerstehen, beschäfftigt war, und überließ die Führung dieses Krieges dem Cyarares, dem II, seinem Sohne, welcher vom Daniel Darius aus Meden genannt 195. wird. Dieser ernannte zum Feldherrn über 5s9» seine Heere den Cyrus, einen Sohn der Mandant, seiner Schwester, und des Cambyses, des Königes der Perser, der seinem Reiche unterwürfig war. Der Ruf, den sich Cyrus erworben hatte, als er sich unter dem Astyages, seinem Großvater, in verschiedenen Kriegen hervorgethan, vereinigte die meisten Könige des Orients zc>6. unter die Fahnen des Cyarares. Er nahm den 548- König der Lydier in seiner Hauptstadt gefangen, und , " ^b)'ä. sxuü Luled. libr.III. xrsex. LusnZ c.ulr. 46 Bischof Bossuets Einleitung Jabr« nach und bediente sich der unzähligen Reichthümer Iqhre I^b. der desselben. Er demüthigte die'andern Bundes- "-Chr. Gel». 2li. genossen der Könige von Babylon, und erstreckte 54z. feine Herrschaft nicht allein bis nach Syrien, 216. sondern bis über ganz Kleinasien. Endlich 5-?^ zog er gegeil Babylon. Er nahm diese Stadt ein, und machte sie dem Cyarares, seinem Oheime, .unterwürfig, welcher sowohl von seiner Treue, als von seineu Thaten gerührt wurde, und ihm seine einzige Tochter und Erbinn zur Gemahlinn gab. 217. Daniel, welcher schon unter den vorigen Regie- zz?» rungen verschiedener himmlischer Erscheinungen gewürdigt worden war, in welchen er die offenbarsten Zeichen von so vielen Konigen und Reichen gesehen hatte, lernte wahrend der Regierung des Astyages durch eine neue Offenbarung die berühmten siebzig Wochen, in welchen die Zeiten Jesu Christi, und die Schicksale des jüdischen Volkes, so wohl bezeichnet worden . sind. Dieses waren siebzig Iahrwochcn, welche 49V Jahre enthielten. Diese Art zu rechnen war tinter den Juden so gewöhnlich, dasi sie das siebente Jahr, sowohl als den siebenten Tag, mit einer heiligen Ruhe feyerten. Kurze Zeit nach 218. diesem Gesichte starb Cyarares, wie auch Cain- 5z6. byses, der Vater des Cyrus. Dieser große König, der ihnen nachfolgte, vereinigte das zeit- her so unberühmte Reich der Perser mit dem Reiche der Medcr, das durch seine Eroberungen so sehr vergrößert worden war. Er war also der ruhige Besitzer des ganzen Orientes, und siifftete das größte Reich, das noch in der Welt gewesen ist. Man muß aber zum Verstände unserer in die allgemeine Geschichte. 47 Jahre nach unserer noch folgenden Epochen merken, daß Jahre A d große Eroberer in dem ersten Jahre seines v- Chr.Grl'- -".a om. ^ Wiedererbauung der Stadt Rom, und der Einführung der Juden in Iudaa, die nöthigen Befehle gab. Bey dieser Stelle müssen wir ein wenig stills stehen, weil dieser Theil in der ganzen alten Chronologie wegen der Schwierigkeit, die hellige Geschichte mit der weltlichen zu vereinigen, der verwirrteste ist. Sie werden ohne Zweifel schon bemerkt haben, Nlonseigneur, daß dasjenige, was ich vom Cyrus erzählt habe, sehr von demjenigen unterschieden ist, was sie im Justin gelesen haben; daß dieser Geschichtschreiber nicht von dem andern assyrischen Königreiche, auch nicht von den berühmten assyrischen und babylonischen Königen redet, welche in der heiligen Geschichte so bekannt sind; daß endlich meine Erzählung mit demjenigen wenig zusammenstimmt, was uns dieser Schriftsteller von den drey ersten Monarchien erzählt; von der Monarchie der Assyrier, welche sich in der Person des Sardanapalusgeendigt; von derMonarchie der Meder, welche in der Person des Astyages, des Großvaters des Cyrus, aufgehört; und von der Monarchie der Perser, welche unter dem Cyrus ihren Anfang genommen, und durch Alerandern, den Großen, ihre Endschaft erreicht hat. Sie können zu dem Justin den Diodor, und die meisten andern griechischen und lateinischen Schriftsteller setzen, deren Werke uns übrig geblie- » 48 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach geblieben sind, und die diese Geschichten auf Iöhre Erb der xj^ andere Art, als ich, erzählet haben. »- ^. Geb. vlaor^om. dcn Cyruö anbetrifft, so sind die weltlichen Geschichtschreiber in seiner Geschichte nicht einig. Ich habe aber geglaubt, Ursachen dazu zu haben, daß ich dem Tenophon und dem heiligen Hieronymus, mehr als dem Ctesias, einem fabelhaften Schriftsteller, folgte, den die Griechen abgeschrieben haben, wie solches Justin und die andern Lateiner mit den Griechen gemacht. Ich habe dem Tenophon auch lieber folgen wollen, als dem Hcrodotus, der sonst ein sehr scharfsinniger und genauer Geschichtschreiber ist. Die Geschichte des Tcnophons, welche mehr an einander hangt, und au sich selbst wahrscheinlicher ist, hat mich zu dieser Wahl bewogen. Sie hat vor andern Geschichten auch diesen Vorzug, daß sie mit der heiligen Schrift einstimmiger ist, die wegen ihres Alterthumes, und wegen der Verwandschaft der jüdischeil Angelegenheiten mit den andern Begebenheiten des Orients, allen griechischen Geschichten vorgezogen zu werden verdiente, wenn man auch nicht wüßte, daß sie durch den heiligen Geist eingegeben worden wäre. Was die drey ersten Monarchien anbelangt, so ist dasjenige, was die meisten unter den Griechen davon geschrieben haben, den verständigsten und weisesten Leuten Griechcnlandes selbst zweifelhaft vorgekommen. Plato ^ zeigt überhaupt unter dem Namen der ägyptischen Priester, daß die Griechen in den Alterthümern überaus unwissend gewesen: und Aristoteles hat * eiuo in l'im. dieje- in die allgemeine Geschichte. 49 Jahre nach djejenigen,wc!che von der asiyrischenGeschichtc ac- Jahre R'dtRom^ schrieben haben,unter die Fabelhänse gezählt »- Cbr.Geb. Was die Griechen später geschrieben haben, um Griechenland, welches immer sehr neugierig war, durch alte Historien zu belustigen, haben sie nach sehr unordentlichen und verworrnen Nachrichten verfaßt, und sich bcgnügr,dieselben in eine angenehme Ordnung zu bringen, ohne sich sehr um die Wahrheit zu bekümmern. Und gewiß die Art, wie man diese drey ersten Monarchien ordnet, ist offenbar fabelhaft. Denn nachdem man unter dem Sardanapal das assyrische Reich zu Grunde gehen läßt, so bringt man die Meder auf die Schaubühne, und darauf die Perser, als wenn das Reich der Meder auf die ganze Gewalt der Assyrier gefolgt wäre, und als wenn die Perser ihr Reich aufdie Ruinen des Medischen erbaut hatten. Es ist im Gegentheile gewiß, daß Arbaceö, welcher die Meder gegen den Sardanapal empörte , dieselben bloß bcfreyte, ohne ihnen das assyrische Reich unterwürfig zu machen. Hero- dorus ^, dem darinnen die geschicktesten Zeitrechner nachfolgen, führt ihren ersten König, Dcjoces, erst fünfzig Jahre nach ihrem Aufruhre auf; überdieß ist es durch das einstimmige Zeugniß dieses großen Geschichtschreibers und des Tenophons von andern itzt nicht zu reden, ganz gewiß, daß wahrend den Zeiten, die man dem medischen Reiche zuschreibt, in Assyrien Könige gewesen sind, vor welchen sich der ganze Orient * ^Mocel. ?o!ll!c. V, !->. lleroäor. lilz. I. c. 26. 27. *" tlervä. Ub.I. Xenop!,. Lyrox. V. VI hq. D 5O Bischof Bossuets EittleitUttg Jahre nach Orient fürchtcte,und deren Reiche CyruS durch die Jahre Eta?R^ Einnahme der Stadt Babylon ein Ende machte. ^ ^ Wenn also die meisten unter den Griechen, und unter den Römern, die den Griechen gefolgt sind, nicht von diesen babylonischen Königen reden; wem» sie diesem großen Reiche unter den Monarchien, deren Folge sie erzählen, keinen Rang geben; wenn wir endlich in ihren Werken nichts von den berühmten Königen, Tiglath- xilassar, Salmanassar, Senharib, Ncbucad- uezar, und von so vielen andern antreffen, die doch in der heiligen Schrift und in den orientalischen Geschichten so berühmt sind: So muß man solches entweder der Unwissenheit der Grieche«?/ die in ihren Erzählungen zwar beredt, aber in ihren Nachforschungen nicht sorgfältig genug gewesen sind, oder dem Verluste desjenigen zuschreibe!» , was noch in ihren Geschichte»» am richtigsten untersucht und bestimmt gewesen ist. Herodotus * hatte in der That eine besondere Geschichte der Assyrier versprochen, die wir nicht haben; es sey nun entweder, daß sie vcrlohrcn gegangen ist, oder daß er nicht Zeit gehabt hat, sie zu verfertige-». Und man kann glauben, daß ein so scharfsichtiger Geschichtschreiber die Könige des andern assyrischen Reiches nicht vergessen haben würde, weil so gar Senharib, der einer von diesen Königen ist, in seinen Büchern, die wir noch von ihn» haben, als ein König der Assyrier und der Araber genennt wird Strabo, welcher zu den Zeiten des Augustus lebte, erzählt dasjenige, was MegastheneS, ein alter Schriftsteller um die Zeiten des großen Aler- " i5erm!> lib. I. c. -S, 47. lleroä, lib. II. c. StaVtNvm. in die allgemeine Geschichte. 51 ^Me nach Alexanders, von den berühmten Eroberungen Jahre AZ^' Nebucadnezars, des Königes der Chaldäer/- ^r. Geb. schriftlich hinterlassen hat, den er durch Europa mit seinen Heeren gehen , nach Spanien durchdringen, und mit seinen sieghaften Waffen bis an die herkulischen Seulen kommen laßt Aelian ** nennet den Thilgamus einen König von Assyrien, welcher ohne allen Zweifel der Thilgath oder Tiglath der heiligen Geschichte ist. Wir finden in dem Ptolomäus eine Reihe von Prinzen, die über große Reiche geherrscht haben, unter denen man eine lange Reihe assyrischer Könige sieht, die den Griechen unbekannt gewesen sind, und sich leicht mit der heiligen Schrift vereinigen lassen. Wenn ich dasjenige, was uns die Jahrbücher der Syrier, cinBerosus, einAbydenus, einNi- colaus von Damascus berichten, alles erzählen wollte, so würde ich viel sagen können Jose- phuS/ uud Eusebius von Cäsarien haben uns die kostbaren Ueberbleibsel von allen diesen Schriftstellern, und von einer unzahligen Menge noch anderer Geschichtschreiber erhalten, die man zu, ihren Zeiten noch ganz hatte. Ihr Zeugniß bekrafftigt dasjenige auch, was uns die heilige Schrift von der alten orientalischen, und besonders von der alten assyrischen Geschichte sagt. Was die Monarchie der Meder anbelangt, welcher die meisten weltlichen Geschichtschreiber in der Reihe der großen Reiche den andern Rang D 2 ein- * 8rrzdo lid. XV. ^eUsn. Uli.XII. bM. znim, c. -r. lolexk. ^nriczinr. libr. IX, c. ulc. X> c.-> Ub. k conrr, /^p^>. Luleb. xraex, LvsnZ, IX. / 52 Bischof Bossuets Eitlleitung Jahre nach einräumen, und welche sie von der persischen t.MN?m. Monarchie absondern, so ist es gewiß, daß die v-Lhr. Geb heilige Schrift beyde immer zusammensetzet, und sie sehen wohl, N7onseigneur, daß außer dem Ansehen der heiligen Bücher bloß die Ordnung und Folge der Begebenheiten zeigt, man müsse sich in diesem Stücke nach der heiligenSchrist richten. Obgleich die Meder vor dem CyruS schon gewaltig und furchtbar waren, so wurde doch ihre Macht durch die Größe der babylonischen Könige verdunkelt. Allein als Cyrus durch die vereinigte Macht der Meder und Perser, über welche er nachher durch eine rechtmäßige Nachfolge, nach dem Berichte Tenophons, geherrscht hat, das Königreich der Babylonicr erobert hatte, so ist es offenbar, daß dieses große Reich, dessen ^>tifftcr er gewesen ist, seinen Namen von beyden Nationen erhalten müssen. Das Reich der Meder, und das Reich der Perser sind also uur eins, obgleich der Ruhm des CyruS den Namen des persischen Reiches vor dem andern vorzüglich gemacht hat. Mail kann mich denken, daß die Könige der Meder vor dem babylonischen Kriege bey den Griechen sehr berühmt worden sind, weil sie ihre Eroberungen in Kleinasien bis an die Gegenden der griechischen Pflanzstädte ausgebreitet haben. Diese haben ihnen folglich die Herrschaft über Großasien zugeschrieben, weil sie unter allen orientalischen Königen nur die Könige der Meder kannten. Unterdessen sind die Könige von Ninive und Babylon, welche machtiger, als jene, den Griechen aber unbekannter waren, in allen in die allgemeine Geschichte. 55 Jahre nuck allen griechischen Geschichten, die uns übrig sind, Jahre Et-idlRml^^^'' worden, und man hat alle diejenige^br. Geb-. 'Zeit, welche zwischen dem Sardanapal, und dem Cyrus verflossen ist, den Medern allein zugerechnet. Man braucht es also nicht, sich so viel Mühe zu machen, um in diesem Stücke die weltliche Geschichte mit der heiligen zu vereinigen. Denn was das erste Königreich der AsHrier anbelangt, so sagt die heilige Schrift nicht mehr, als ein Wort, und dieses nur im Vorbeygehen, davon, und nennt weder den NinuS, den Stiffter dieses Reiches, noch einen einzigen von seinen Nachfolgern, den Phul ausgenommen; aus der Ursache, weil ihre Geschichte mir der Geschichte des Volkes Gottes nichts gemein hat. Was die Könige des andern assyrischen Reiches betrifft, so haben die meisten Griechen entweder gar nichts von ihnen gewußt, oder weil sie dieselben nicht genug gekannt haben, sie mit den ersten vermengt. Wenn man also wider meine Erzählung der assyrischen Reiche diejenigen unter den griechischen Schriftstellern anführen will, welche die drey ersten Monarchie!, nach ihrem Gutdünken anordnen, und welche die Medcr auf das alte aMische Reich folgen lassen, ohne des neuern zu gedenken, welches nach der heiligen Schrift so machtig gewesen ist: So darf man nur antworten, daß ihnen der Theil dieser Geschichte nicht bekannt sey, und daß sie denen Schriftstellern ihrer Nation, welche sich am sorgfältigsten um die Geschichte bekümmert, und D z die 54 Bischof Bossuets Einleitung I-chre »ach die getreuesten Nachrichten gehabt haben, nicht ^-chre SüwtRcm ^^er, als der heiligen Schrift, entgegen ^^-^ ' ^ sind. Man darf nur sagen, um alle Schwierigkeiten aufcinmal zu heben, daß die heiligen Schriftsteller, so wohl was die Zeit, als was die Lage der Ocrter betrifft, den orientalischen Königreichen näher gewesen sind. Sie schrieben die Geschichte eines Volkes, deren Begebenheiten in die Begebenheiten dieser großen Reiche eingeflochten waren; wenn sie also auch außer diesem Vorzüge keinen andern hatten, so müßten sie Ansehen genug haben, die Griechen und Lateiner, welche den Griechen gefolgt sind, zum Stilleschwcigcn zu bringen. Wenn man sichs auch allenfalls vorsetzt, die berühmte Folge der drey ersteil Monarchien zu behaupten; wenn man den Medern die babylonischen Könige unterwürfig machen will, damit die Meder allein den ihnen eingeräumten Rang unter den Monarchien behalten sollen; wenn man aber zugleich zugesteht, daß die Assyrierungefähr nach hundert Jahren sich durch einen Aufruhr von der Herrschaft der Meder frey gemacht haben: So rettet man zwar auf einige Weise die Ordnung der heiligen Geschichte; allein man ist mit den besten weltlichen Geschichtschreibern nicht einstimmig, mit welchen die heilige Schrift besser zusammenstimmt, indem sie das Reich der Meder, und der Perser stets mit einander vereiniget. Es ist noch eine Ursache der Dunkelheit in den alten Geschichten übrig, und diese Ursache will in die allgemeine Geschichte. 55 Jahre nach will ich ihnen, Monseigneur, entdecken. Die .Jahre StÄio? o"mMschm Könige hatten die Gewohnheit,^r.TeK ' verschiedene Namen, oder wenn sie eine andere Benennung verlangen, verschiedene Titel anzunehmen/ die nachher die Stelle ihrer eigenen Namen vertraten, und vvn den Völkern nach den verschiedenen Mundarten einer ieden Sprache unterschiedlich überseht, oder au6gcst>rochen wurden. Dadurch haben die alten Geschichten, von denen wir so wenig gute Nachrichten übrig ha- " bcn, nothwendig sehr verdunkelt werden müssen. Die Vermengung der Namen hat ohne Zweifel zur Vermischung der Sachen und der Personen selbst viel beygetragen. Daher kömmt die Mühe, die man hat, die Könige, welche den Namen Asverus, oder AhaSveruS geführt haben, in die griechische Geschichte zu ordnen. Denn dieser Name ist den Griechen so unbekannt, als erden orientalischen Volkern bekannt gewesen ist. Wer sollte in der That glauben, daß CyaxareS rben derselbe Name, als Asverus oder Ahas- vcruS seyn sollte? CyararcS ist aus dem Worte Zxy, welches einen Herrn bedeutet, und aus dem Worte Axares, zusammengesetzt, welches augenscheinlich auf Axverus oder Asverus hinauslauft. Drey oder vier Prinzen haben diesen Namen geführt, ob sie gleich auch noch andere Namen gehabt haben. Wenn man nicht gewiß wüßte daß Nabuchodonosor, Nebucadnezar, und Nabocolassar nur ein Name, oder nur der Name eines einzigen Königes gewesen sey, so wür- _ de man es schwerlich glaubm. Unterdessen ist die Sache doch gewiß» Sargon ist Sanherib; D 4 Ozias 56 Bischof Bossuets Einleitung lahre noch Ozias ist ?lsarja; Zedekias ist Mathanias; Ichr- Sl«tt Rom ^^^^ b»cß auch Sellum; Asarhaddon, des- »> E^'. EeS. 'sei, Namen man bald Esarhaddon, bald Assor- haddan ausspricht, wird bey den Cucheern* Ase- naphar genennt, und man findet, daß die Griechen dem Sardanapalus einen wunderlichen Namen, Tonos Loncoleros,, dessen Ursprung man nicht weis, gegeben haben. Man könnte ein großes Vcrzeichniß orientalischer Könige machen, deren ieder in der Geschichte mehrere verschiedene Namen geführt hat; allein es ist genug, wenn man nur überhaupt von dieser Gewohnheit unterrichtet ist. Diese Gewohnheit ist den Lateinern nicht.unbekannt, unter welchen sich die Namen auf mancherley Weise vervielfältigt haben , bald durch die Titel, bald dadurch, daß einige in andere Familien an Kindes statt aufgenommen wurden. So sind die Titel, Au- gustus, und Africanus eigne Namen des Cäsars O mvianus, und der beyden Scipionen geworden , und ein Nero hat den Namen Cäsar geführt. Die Sache ist außer allem Zweifel, und eine noch längere Untersuchung derselben ihnen, Monseigneur, unnüß. Ich habe die Absicht nicht, ihnen in der Folge mit chronologischen Schwierigkeiten beschwerlich zu seyn, die ihnen sehr entbehrlich sind. Die gegenwärtige aber war von der Wichtigkeit, daß sie erläutert zu werden verdiente. Nachdem ich ihnen also dasjenige gesagt habe, was zu unserm Vsrhaben hinlänglich ist, so komme ich wieder auf die Folge unserer Epochen. ^ Es * Esdra lv, in die allgemeine Geschichte. 57 Jahre im» Es waren also 218 Jahre nach der Erbauung Jahre ^er Erb^ der d^. Stadr Rom, 5Z6 Jahre vor Christi Ge-V. Chr-Geb. Die VIIIE- burt, und die 70 Jahre der babylonischen Gc- C runder ^»genschaft verflossen, als Cyrus, welchen Gott ;z6» das jüdische zum Befreyer seines Volkes und zum audern der^babuv- Stifftcr seines Tempels ersehen hatte, in eben Nischen'Ge- dem Jahre, wo er das Reich der Perser grün- 6' Al"c?der ^^'^ ^" ^'^^ ^^'^ ^"^'^ ' Wett. ^ Zeit nach der Bekanntmachung seines Befehls 218. führte Zorobabel,den Iesus,oder Josua,ein Sohn Iosedcchs, der Hohepriester,bcgleitete, die Gefan- 219. geneil zurück, welche den Altar wieder aufbau- 555. ten, und den Grund zum ersten Tempel legten. Die Samaritcmer * wel6)e auf ihre Ehre neidisch waren, wollten an diesem großen Werke Theil nehmen, und baten den Zorobabel, daß er ihnen erlauben möchte, den Tempel Gottes mit ihnen wieder aufzubauen. Der Vorwand ihrer Bitte war dieser, daß sie den wahren Gott Israels anbeteten, da sie doch mit dein Dieilsie Gottes den Dienst ihrer falschen Götzen verei- - nigten. Allein die Kinder Juda, welche diesen vermischten unreinen Gottesdienst verabscheuten, verwarfen ihren Vorschlag. Die Samarita- ner wurden dadurch aufgebracht, und suchten das Vorhaben der Juden durch alle Arten von Kunstgriffe und Gewaltthätigkeiten rückgäiigig zu 22,1, machen. Ungefähr um diese Zeit faßte Ser- W» vius Tullius den Entschluß, die Stadt Rom in eine Republik zu verwandeln, nachdem er sie vergrößert hatte. Er wurde mitten unter diesen Gedanken nach den Anschlagen seiner Tochter, D 5 und * Esdra lV,-.z. 53 Bischof Bossucts Einleitung ^ial're niul) und auf den Befehl des TarcwiniuS, des Hochmü- Jahre StadMom^bigen^ Die- v- Chr. Geb. 'ser Tyrann bemächtigte sich des Königreiches, in welchem er eine lange Zeit mancherley Gewaltthätigkeiten verübte. Unterdessen nahm das Reich der Perser immer mehr zu ; außer den gewaltigen ProvinzenGroßasiens gehorchte ihnen gan-Klein- asien; die Syrer und die Araber wurden ihnen un- 229. tcrwürsig gemacht,uüd Aegypten.welcheS auf seine 525» Gesetze so viel hielt, mußte doch von den Persern Gesetze annehmen. Cambysee, der Sohn des Cy- rus, eroberte dieses Reich. Dieser viehische König 2^2. überlebte den Smerdes, seinen Bruder, nicht 522» lange, den er nach einem zweydeutigcn Traume von ihm umbringeil lassen. Der Magier, Smerdes, regierte einige Zeit unter dem Na- 2zz. men des Smerdes, des Bruders des Camby- 5Z1. ses; allein sein Betrug wurde bald entdeckt. Die sieben vornehmsten Herren des Königreiches verschworen sich wider ihn, und einer von ihnen wurde auf den Thron gcsetzt. Dieses war Darius, ein Sohn des Hystaspes, welcher in seinen Aufschriften der beste und wohlgebildete- sie unter den Menschen hieß *. Man kann ihn nach verschiedene!? Merkmalen für den Ahasverus halten, von dem das Buch Esther handelt, ob gleich nicht alle Gelehrten darinnen einstimmig sind. Im Anfange seines Reiches wurde der angefangene Tempelbau zu Ende gebracht, nachdem derselbe von den Samari- tcmcrn zu verschicdenenmalen gestört und unterbrochen worden war Nunmehr entstund unter » lleroä. Kbr> IV. c-159 ESdM V, 6- in die allgemeine Geschichte. 59 Jahre »ach unter diesen Völkern ein uiwersöhnlicher Haß, Jahre ZtMRvm Jerusalem und Samaria waren die größten Chr. Geb. ' Feinde. Um diese Zeiten erhielten Rom lind Athen ihre Freyheit, und der Ruhm Griechen- 24l» landes fing an, groß zu werden. Harmcdius SlZ, und Aristogiton, beyde Athenienser, besreyten ihr ^and vom Hipparchus, dem Sohne des Pi- sistrarus, und wurden durch seine Wache» umgebracht. Hippias, ein Sohn des Hipparchus, versuchte es umsonst, sich zu behaupten; er wurde verjagt. Die Tyrannei) der Pisistratiden, 5lo» - 244» oder der Familie des Pisistratus, war ganzlich aufgehoben. Die befreyten Athenienser richteten ihren Befreyern Bildseulen auf, und stellten die republikanische Negierungsart wieder her. Hippias warf sich in die Arme des Darius, den er schon geneigt fand, die Eroberung Griechen- iandes zu unternehmen; er gründete also alle seine . Hoffnung nur noch ans den Schliß dieses Königes. Um die Zeit, da er verjagt wurde, ver- 245- jagte Rom seine Tyrannen auch. Tarqvin,der 509. Hochmüthige, hatte durch seine Gewaltthätigkeiten die königliche Regierung verhaßt gemacht; die Unkeuschheit des SextuS, seines Sohnes, war an dem völligen Untergailge derselben schuld. Die veruuchrte ^ucretia ermordete sich selbst; ihr Blm und die Reden des Brutus brachten die Römer auf. Die Könige wurden verbannt, und die Regierung der Consuln nach den Projectcn des Servius Tullius eingeführt; allein ihr Regiment wurde durch den Neid des 'Volkes bald geschwächt. PubliuS Valerius, sein Consul, her wegen seiner Siege berühmt X 6v Bischof Bossuets Einleitung Iabre nach ist, wurde seinen Bürgern gleich in seinem er- ^ahre RadtR°m ste" Consulate verdächtig. Man mußte, um v.Chr.Geb. 'sie zu befriedigen, ein Gesetz geben, nach welchem es erlaubt war, in allen Rechtshändeln, in welchen es darauf ankam, daß ein Bürger bestraft werden sollte, von dem Senate, und den Consuln an das Volk zu appelliren. Die verjagten Tarquinier fanden Beschüßer; die benachbarten Könige sahen ihre Verbannung als eine Schmach an, durch welche alle Könige beleidigt worden wären, und Porsenna, der König der Clusier, eines hetrurischen Volkes, er- 247. griff die Waffen wider Rom. Als die Stadt 5^7» beynahe auf das Aeußersts gebracht war, und bald eingenommen worden wäre, wurde sie durch die Tapferkeit des Horatius CocleS noch erhalten. Die Römer thaten Wunder für ihre Freyheit ; Scävola, ein junger Bürger, verbrannte seine Hand, weil sie den Porsenna verfehlt hatte; Clelia, ein junges Frauenzimmer, sehte durch ihre Kühnheit diesen Prinzen in Erstaunen. 254' Porsenna ließ die Römer in Ruhe, und dis 5^0, Tarquinicr blieben ohne Hülfe. Hippias, für welchen sich Darius erklärte, hatte bessere Hoffnung, in Athen wieder empor zu kommen. Ganz Persien gerieth zu seinem Vortheile in Bewegung, und Athen wurde mit einem großen Krie- 261. ge bedroht. Unterdessen daß Darius mit den 493» Zurüstungen dazu beschäfftigt war, wäre Rom, welches sich gegen seine Feinde so gut vertheidigt hatte,beynahe durch sich selbst untergegangen. Der Neid erwachte wieder zwischen dem Senate und dem Volke. Die Gewalt der Consuln schien hem m die allgemeine Geschichte. 6l Jahre Nach dem Volke, welches stark auf seine Freyheit Jahre der Erb. der hielt, immer noch allzua.roß ;u seyn, ob sie V.Chr. G 6^"""'gleich durch das valerische Gesetz schon ge- mäßigt worden war. Das Volk zog sich auf den aveminischen Berg; gewaltsameAnschläge waren vergebens, und das Volk konnte nicht anders, als durch die friedlichen Vorstellungen des MencniuS Agrippa wieder besänftigt werden. Man mustte Mäßigungsmittel treffen, nnd dem Volke Zunftmeister geben, welche sie wider die Consuln vertheidigen könnten. Das Gesetz, welches diesen neuen Magistrat verordnete, wurde das geheiligte Gesetz genannt, und durch dasselbe entstunden die Tribunen oder Zunftmeister des Volkes. DariuS war endlich gegen Griechenland losgebrochen. Sein Schwiegersohn, Mardonius, welcher aus Asien herausgegangen war, glaubte, die Griechen durch die Menge seiner Soldaten zu überwältigen ; allein Miltiades schlug diese unzähligen Heere mit zehntausend Mann in den marathonischen Ge- 264. silden. Rom überwältigte alle seine Feinde 490. um sich herum, und schien niemanden, als sich selbst, zu fürchten zu haben. Coriolan, ein eifriger Patricius, und der Größte unter seinen Heerführern, wurde, unangesehen seiner Dienst?, ste, durch die Partey des Volkes aus Rom ver- 489. 266. wiesen, und sann nunmehr auf den Untergang 488. seines Vaterlandes. Er führte die Volftier gegen Rom, brachte die Stadt auf das Aeusierste, und konnte nur durch seine Mutter noch besänftigt werden. Griechenland genoß die Ruhe nicht 62 Bischof Bossmts Einleitung Ias>re »ach nicht lange, die ihm die gewonnene marathom- 2. Sie schickten Abgesandten dahin, die Gesetze der 452» griechischen Städte, und vornehmlich die Gesetze der Stadt Athen aufzusuchen, die dem Zustande ihrer Republik am gemaßesten waren. Nach diesem Muster verfaßten das folgende Jahr in die allgemeine Geschichte. 67 Jahre nach Jahr zehn unumschränkte obrigkeitliche Pcrso- Jahre A Tm^nen, die man unter dem Namen der Zehn-v.Chr. Geb. StadtRvm. ^. ^. /-^ ^ ..?->^-7 manner erwählte, die Gesetze der zwölf Laseln, ^ ' - welche der Grund des römischen Rechtes sind. 304« Das Volk, welches über die Billigkeit erfreut 450. war, womit diese Gesetze verfaßt wurden, ließ es zu, daß sich die Zehnmanner der obersten Gewalt bemächtigten, der sie sich auf eine sehr Z05. tyrannische Art bedienten. Damals entstunden wegen der Unenthaltsamkeit des Avpius Clo- diuS, eines von den Zehnmannern, und wegen des Mordes der Virginia große Bewegungen in Rom. Ihr Vater hatte sie lieber mir seiner eignen Hand umbringen, als sie der Leidenschaft des Appius überlassen wollen. Das Blut dieser andern Lucrctia weckte das römische Volk auf, und die Zehnmanner wurden verjagt. Unterdessen daß die Gesetze der Römer unter der Regierung der Zehnmanner nach und nach in Ordnung gebracht wurden, schafften EsdraS, ein Lehrer des Gesetzes, und Nehemias, der Führer des Volkes Gottes, das kürzlich in Judaa wieder in Aufnehmen gekommen war, die Mißbrauche ab, und ließen das Volk über das Gesetz Mosis halten, das sie selbst zuerst beobachteten Einer der vornehmsten Artikel ihrer Reformation war dieser, daß sich das Volk, und vornehmlich die Priester, anheischig machen mußten, die fremden Weiber zu verlassen, die sie wider das Verbot des mosaischen Gesetzes genommen hatten. Csdras brachte die heiligen Bücher in Ordnung, die er sorgfaltig und genau durch- E 2 gierig, * Nchem. XIII. 5 Buch Most XXIII, z. 68 Bischof Bossuets Einleitung Fakire nach gieng, und sammelte die alten Nachrichten von ^ahre StM Rvm'^" Volke Gottes, um die zween Bücher der v.C'hr.Geb. ' Chronika daraus zu verfertigen. Er setzte die Geschichte seiner Zeiten hinzu, welche hernach von dem Nehemias zu Stande gebracht wurde. Mit diesen Büchern end'gct sich die lange Geschichte, welche Moses angefangen hatte, und die folgenden Geschichtschreiber ununterbrochen bis auf die Wiederherstellung der Stadt Jerusalem fortgesetzet haben. Der Rest der heiligen Geschichte ist nicht in eben der Folge beschrieben worden. Unterdeß daß Esdras und Nehemias den letzten Theil dieses großen Werkes ausarbeiteten, sing Herodotus an zu schreiben, welchen die weltlichen Schriftsteller den Vater der Geschichte nennen. So treffen die letzten Verfasser der heiligen Geschichte mit den ersten Urhebern der griechischen Geschichte zusammen, und da diese anfing, so begriff die Geschichte des Volkes Gottes, wenn man nur von den Zeiten Abrahams zu rechnen anfängt, schon fünfzehn Jahrhunderte in sich. Herodorus hat sich nicht darum bekümmert, in seiner Geschichte, die er nachgelassen hat, von den Jüden zu reden, und die Griechen brauchten nur von den Völkern unterrichtet zu werden , die ihnen der Krieg, oder die Handlung, oder ihr großes Ansehen bekannt machte. Judäa, welches sich kaum von seinem Falle zu erheben anfing , zog ihre Aufmerksamkeit nicht auf sich. In diesen unglücklichen Zeiten geschah es, daß die hebräische Sprache aufhörte, gemein und bekannt zu seyn. Die Juden lernten wahrend ihrer Ge- in die allgemeine Geschichte. 69 ^chre nach Gefangenschaft und darauf wegen ihres Umgcm- Jahre der Erb. der i)en Cbaldaern die Sprache dieses Vol-Ehr. G Stadt Rom. ^ ^ ><- /-< 7O Bischof Bossuets Einleitung Ichrcnach Zwistigkeiten. Diese beyden Völker, welche ^Mre RadtRom'^'^'lch aufeinander waren, theilten sich in v.Chr. Geb. z2^. ganz Griechenland. Pericles, ein Athenienser, 4Zl» fing den peloponeslschen Krieg an, in welchem sich Theramenes, Thrasibulus, und AKibia- ' des, alle Athenienser, sehr berühmt machten. Brasidas, und Mindares^ Lacedämonier, star- ben in diesem Kriege, da sie für ihr Vaterland stritten. Dieser Krieg dauerte sieben und zwanzig Jahre, und endigte sich zum Vortheile der Lacedämonier, welche den Darms Nothus, den Sohn und Nachfolger des Darius, auf ihre Z5v. Seite gebracht hatten. Lisander, welcher über 404» die Seemacht der Lacedamonier gesetzt war, nahm Athen ein, und änderte die Regierung. Allein Persicn empfand bald, daß es die Lacedä- monier hatte zu machtig werden lassen. Sie 4.01. unterstützten den jungen Cyrus in seinem Aufstande wider seinen ältesten Bruder, den Arta- xerres, den Sohn und Nachfolger des Darius , der wegen seines vortrefflichen Gedächtnisses , Mnemon genannt wurde. Dieser junge Prinz, welcher durch seine Mutter, Parisatis, aus dem Gefängnisse und vom Tode errettet worden war, dachte auf Rache, gewann die persischen Landvoigre durch seine unendlichen Annehmlichkeiten, gieng durch Kleinasien, und bot dem Könige, seinem Bruder, in dem Herzen seines Königreiches eine Schlacht an, verwundete ihn mit eigner Hand, und kam durch seine Vermessenheit um, da er sich allzufrüh für den Ueberwinder hielt. Die zehntausend Griechen , welche in seinen Diensten waren, bewert- m die allgemeine Geschichte. 7l ^ahre nach wcrkstelligtcn den erstaunliche«, Rückzug, bey Jahre StMAv? welchem noch gegen das Ende Xenophon, die- v.Chr. G«b ' ser große Philosoph und Feldherr, 'Anführer war. Er hat auch selbst die Geschichte dieses Rückzuges geschrieben. Die Laccdämonier fuhren fort, das persische Reich anzugreifen. Agesi- Z)8. laus setzte dasselbe in Kleinasien in Furcht und zZ6« Schrecken; allein die Zwistigkeiten Griechen- landeö nöthigten ihn, in sein Land zurückzukehren. Um diese Zeit wurde die Stadt der Ve- jenter, welche beynahe so ansehnlich und be- z6o. rühmt, als die Stadt Rom war, nach einer zy^ zehnjährigen Belagerung, und nach verschiedenen Abwechselungen des Kriegsglückes, von den Römern unter der Anführung des CamilluS eingenommen. Seine Großmuch verhalf ihm noch zu einer Eroberung. Die Falisker, die er belagerte, ergaben sich ihm, weil sie davon gerührt worden waren, daß er ihnen ihre Kinder zurückschickte, die ihm ihr Lehrer vcrrätherisch zugeführt hatte. Rom wollte nicht mit Verrathereyen überwinden, noch sich die Niederträchtigkeit eines Treulosen zu Nutze machen, der den Gehorsam einer unschuldigen kleinen Jugend misbrauchte. Kurze Zeit darauf fie- z6z. len die Gallier, die an der Seine wohnten, zy>. in Italien ein, und belagerten Clusium. Die Römer verlohren die berühmte Schlacht bey 364« Allia wider sie. Ihre Stadt wurde eingenom- 390. men und verbrannt. Unterdessen, daß sie sich im Capitol vertheidigte«,, brachte CamilluS, den sie verwiesen hatten, ihre Umstände wieder in ein E 4 glück- 72 Bischof Bossucts Eillleituilg ^>ibre nach glücklichers Ansehen Die Gallier blie- ^sahie R.IRvm' be" sieben Monat- lang Meister von Rom, und "-Är. Seb. ' begaben sich endlich mir Raube beladen hinweg, als sie durch andre Angelegenheiten anderswohin genöthigt wurden. Indem die griechischen ZLZ. Awisrigkeiten noch dauerten, that sich Epami- Z71. nondaö von Theben, sowohl durch seine Billigkeit und Mäßigung, als auch durch seine Siege, hervor. Man hat von ihm angemerkt, daß cr sich das Gesetz gemacht, niemals, mich nicht einmal im Scherze, zu lügen. Seine großen Thaten geschahen in den letzten Iahren des Mnemon, und in den ersten der Regierung des Ochus. Unter einem so große-, Feldherrn siegten die Thebaner, und die Macht der Lace- damonier wurde gcdemürhiget. Die Macht Z95. der macedonischcn Könige nahm mit dem Phi- Z59. lippus, dem Vater des großen Aleranders, ihren Anfang. Ob sich ihm gleich Ochus und Ar- ses, sein Sohn, beyde Könige von Pechen, widersetzten; obgleich die Beredsamkeit des De- mosthenes, eines mächtigen Vertheidigers der Freyheit, seine Absichten noch mehr zu verhindern suchte: So machte sich dennoch dieser siegreiche Prinz binnen zwanzig Jahren ganz Griechenland unterwürfig, indem ihm die Schlacht bey Charonca, die er wider die Athenicnser und ihre Bundsgenosscn gewann, die unumschränkte 416. Gewalt über sie gab. In dieser berühmten ZZ8. Schlacht, wo er dieArhenieuser überwand, harte er die Freude, zu sehen, wie sein Sohn, Alexander, der erst achtzehn Jahre alt war, die ?ol) d. Udr. I c. 6; Ubr. II <» 18, 2:. thcba- m die allgemeine Geschichte. 75 <-Mre „ach thcbanischen Völker, die noch unter dem Epa- Jahre Stad^n ""nondaS Dienste gerhan, und besonders die °-^r- G ^ ^ 'geheiligte Schaar, welche man die Freunde hieß, und die sich für unüberwindlich hielt, übern Hausen warf» Da er also Meister von Griechenland war, und durch einen Sohn von so großer Hoffnung unterstützt wurde, so gieng er mit größern Absichten um, und sann auf den Untergang der Perser, gegen welche er mm obersten und allgemeinen Feldherrn erklärt wurde. Allein ihr Untergang war dein Alex- 417. ander seinem Sohne vorbehalten» Mitten Z57. unter den Feyerlichkeiten emer neuen Vermahlung wurde Philippuö vom Pausanias, einem jungen Menschen aus einem guten Hause, uin- gebracht, weil er ihm nicht Gerechtigkeit hatte wie- z^6. Verfahren lassen. BagoaS, ein Verschnittener, tödtete in eben dem Jahre den Arses, König von Persten, und setzte an seine Statt den Darms CodomannuS, einen Sohn des ArsameS, auf den Thron. Er verdient wegen seiner Tapferkeit, daß man die Meynung, welche ohnedicß die wahrscheinlichste ist, für wahr annehme, welche ihn aus der königlichen Familie herkommen laßt. Also fingen zween muthige Könige, Darius, ein Sohn des Arsames, und Ale>. ander, ein Sohn des Philiopus, ihre Regierung zu gleicher Zeit an. Sie sahen einander mit einem neidischen Auge an, und schienen dazu gebohreir zn seyn, daß sie sich die Herrschaft der Wclc streitig machen sollten. Allein Alerander wollte erst sein Reich befestigen, ehe er es unternahm, - mit seinem Nebenbuler einen Streit anzufangen. E 5 Er 74 Bischof Bossuets Einleitung IabrenochEr rächte den Tod seines Vaters, demü- Jahre Ä Nöthigte die rebellischen Völker, welche seine«-Chr. Geb. 419. Jugend verachteten, schlug die Griechen, die sich vergebens bemühten, sein Joch abzuwerfen , und verwüstete Theben, wo er nichts, als das Haus und die Abkömmlinge des Pin- dars verschonte, dessen Oden Griechenland be- 420. wunderte. Nach so vielen glücklichen Unter- ZZ4' nchmungen zog er mächtig und siegreich an der 421. Spihe der Griechen wider den DariuS aus, ZZZ» 42z. überwand ihn in drey ordentlichen Schlachten, W. 424. zog in Babylon und Susa ein / zerstörte Per- ZZv» 427. sepolis , den alten Hauptsitz der persischen Kö- Z27. nige, setzte seine Eroberungen bis nach Indien 4Zo. jvrt, und starb zu Babylon in seinem drey und Z24. dreyßigsten Jahre. 421. Zu seiner Zeit erregte Manasscs, ein Bru- Zzz. der des Hohenpriesters, JadduS, unter den Jüdcn Uneinigkeiten. Er hatte die Tochtev des Sanaballat, eines Samaritancrs, den DariuS zum Landvogte dieses Landes gemacht hatte, zur Ehe genommen. Ehe er dieser Fremden den Scheidebrief geben wollte, wozu ihn der hohe Rath zu Jerusalem und sein Bruder, Jaddus, antrieben, so nahm er lieber die sa- maritanische Secte an. Verfchiedne Jüden, welche einem gleichen Tadel entgehen wollten, gesellten sich zu ihm. Von der Zeit an beschloß er, einen Tempel bey Samaria auf dem Berge, Garizim, zu bauen, den die Samaritaner für gesegnet halten, und wollte sich zum Hohenpriester dieses Tempels machen. Sein Schwiegervater, welcher bey dem DariuS in großem Ansehen 422. 5" in die allgemeine Geschichte. 75 Jahre nach Anseben stund , versicherte ihn des Schußes Jahre SMtR-m!'d> Prinzen, und die Folgen waren noch v.Chr.Geb. glücklicher. Alexander wurde machtig; Sana- M. ballat verließ seinen ehmaligen Herrn, und führte dem Ucbcrwinder Völker zur Belagerung der Stadt TyruS zu. Folglich erhielt er alles, was er wollte; der Tempel auf dem Berge Ga- rizim wurde gebaut, und der Ehrgeiz des Ma- nasses befriedigt. Die Juden blieben unterdessen den Persern bestandig getreu, und versagten dem Alexander die Hülfe, die er von ihnen verlangte. Er gieng auf Jerusalem mit dem Entschlüsse los, sich zu rächen; allein er änderte sich bey dem Anblicke des Hohenpriesters , der ihm mit allen Opferpriestern in ihren Amtskleidungen, und mit dem ganzen Volke entgegen kam, welches weiß gekleidet war, und vor den Priestern vorangieng. Man zeigte ihm die Prophezeyungen, in welchen seine Siege vorherverkündigt wurden; diese waren die Weissagungen Daniels. Er gestund den Juden alle ihre Bitten zu, und sie blieben ihm eben so getreu, als sie den Königen in Pcrsien getreu geblieben waren. Unter diesen Eroberungen führten die Römer Z26. mit den Samnitern, ihren Nachbaren, Krieg, 325. und hatten erstaunliche Mühe anzuwenden ehe Z24. sie sie überwältige» konnten, ungeachtet der Tapferkeit und der Anführung des Papirius Cursor, eines ihrer berühmtesten Feldherren. Nach dem Tode des Alexanders wurde sein Reich getheilt. 324. Perdiccas, Ptolomäus, ein Sohn des Lagus, Antipater, und sein Sohn, Cassandcr, mit einem 428. 429. 4Z^> 4?o. 76 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach nem Worte, alle seine Feldherren, die in den Jahre Um Rom' Waffen unter einem so großeil Eroberer aufge- ^r.Gcl.. wachsen waren, giengen darauf um, sich durch die Gewalt der Waffen die Herrschaft zuzueig- 4Zo. neu. Sie opferten ihrem Ehrgeize die ganze Z24. Familie des Alexanders, seinen Bruder, seine 4Z6. Mutter, seine Gemahlinnen, seine Kinder, und zi8. 4Z8. so gar seine Schwestern auf; man sah nichts zi6. 444. als blutige Schlachten, und schreckliche Empö- zio» 445. rungen und Veränderungen. Mitten unter die- 509. sen Unordnungen befreyten sich verfchiedne Völker in Kleinasien, und in den benachbarten Ländern, und stifteten die Königreiche, PontuS, Bi- thynien, und PergamuS. Die Güte des Landes machte sie hernach reich und machtig. Armenien warf zu eben der Zeit das Joch derMa- ccdonier ab, und wurde ein großes Königreich. Die beyden MithridateS, Vater und Sohn, stif- 4Zi. reten das Königreich, Cappadocien. Allein, die zsz. beyden mächtigsten Monarchien, welche dazumal 442. entstunden, waren die Aegyptische, welche Ptolo- Z12. mäus Lagus stiftete, von dem die Lagidcn herkommen, und die Monarchie von Asien oder Syrien, welche SeleucuS aufrichtete, von dein die Seleuciden ihren Namen haben. Diefe begriff, außer Syrien, die weitläufigen und reichen Provinzen Oberasiens, welche das Reich der Perser ausmachten, und also erkannte der ganze Orient die Herrschaft Griechcnlcindes, und lernte seine Sprache. Griechenland selbst war von den Feldherren Alexanders, des Großen, unterdrücket. Macedom'en, sein altes Königreich, welches dem ganzen Oriente Herren gab, war ein Raub des Ersten / des Besten, der über dasselbe in die allgemeine Geschichte. 77 Jahre nach selbe kam. Die Kinder des Cassanders jagten Jahre Stadt Nv?' das andre aus diesem Königreiche. Pyr-^l'r. Geb. ^458. rhus, der König der Epiroter, welcher einen 296. Theil davon eingenommen hatte, wurde vom Demetrius Poliorcetes, einem Sohne des Anti- 460. gonus, daraus vertrieben ; diesen vertrieb Lisima- 294. chuS, und den Lisimachus vertrieb Seleucus. Se- 465« leucuö aber wurde vom Ptolomäus CeraunuS, den 289« 468. Ptolomaus, der Erste, aus Aegypten vcrjagthatte, 28b. 473. als von einem Verräthcr, unangesehen aller seiner 281. 474. Wohlthaten gegen ihn, umgebracht. Dieser Treu- 280. lose hatte Macedonien kaum übersatten, als er von den Galliern angegriffen ward, und in ei- 475« ner Schlacht, die er ihnen lieferte, umkam. 279. Sie waren wahrend der Unruhen im Oriente in Kleinasien unter der Anführung ihres Königes, BrennuS, eingerückt, und setzten sich in Gallo- gracien, oder Galatien fest, welches nach ihrem Namen also genannt wurde. Von da fielen sie in Macedonien ein, verwüsteten dieses Königreich, und machten sich so furchtbar, daß 476. ganz Griechenland vor ihnen zitterte. Allein ihr 278. Kriegsheer kam bey der frevelhaften Unternehmung wider den Tempel zu Delphos um. Diese Nation regte sich zwar wieder, war aber überall unglücklich*. Einige Jahre vor der Begebenheit 28z. vor Delphos wurde«, die Gallier in Italien, welche durch ihre beständigen Kriege, und ihre ösrern Siege das Schrecken der Römer wurden, von den Samnicern, Brutiern und Herru- skern wider die Römer gereizt. Sie trugen im Anfange einen neuen Sieg davon; allein sie schändeten die Ehre dieses Sieges damit, daß * eohb. Udr. II c. :o. sie 7tt Bischof Bossuets Eillleitung Jahre nach sie die römischen Gesandten umbrachten. Die Jahre RadtRom. ^mer wurden aufgebracht, zogen gegen sie,»-^r. Geb. schlugen sie, überzogen ihre Lander, legten eine Pflanzstadt daselbst an, schlugen sie noch zweymal, unterwarftn sich einen Theil der Gallier, und zwangen den andern, um Frieds zu bitten. 477. Nachdem die Gallier im Oriente auö Griechen- 277. land vertrieben worden waren, so nahm Anti- gonuS GonataS, ein Sohn des DemctriuS Poliorcetes, welcher seit zwölf Jahren in Griechenland herrschte, Macedonien mit leichter,. Mühe ein. Pyrrhus hatte an andern Orten zu 474- thun. Als er aus diesem Königreiche vertrie- 280. ben worden war, so hoffte er, seinen Ehrgeiz durch die Eroberung Italiens befriedigen zu können, wohin er von den Tarentinern gerufen worden war. Die Schlacht, in welcher die Römer sie und die Sabiner überwunden hatten, lies; ihnen keine andre Hülfe übrig. Er trug über die Römer Siege davon, welche sie dem 47Z. Untergange sehr nahe brachten. Die Elephan- 279. ten des PyrrhuS setzten sie in Erstaunen; allein der Consul, Fabricmö, zeigte den Romern bald, daß Pyrrhus überwunden werden könnte. Der König und der Consul wollten einander den Vor- . zug in der Großmuth streitig machen. Pyrrhus gab dem Consul alle römischen Gefangnen ohne Lösegeld zurück, weil der'Krieg, wie er sagte, nicht mir Gelde, sondern mit dem Schwerdte 476. geführt werden müßte. FabriciuS schickte dem 278. Könige seinen treulosen Arzt zurück, welcher gekommen war, und sich anerboten hatte, den König, seinen Herrn, zu vcrgifften. ^ Um in die allgemeine Geschichte. 79 Iobre nach Um diese Zeiten fing die Religion der Juden Jahre a„ unter den Griechen ausgebreitet und bekann- v. Chr. Geb. «tMRvm. ^ ^ <Ä >s < <- ter zu werden. Dieses Volt, welchem von den Konigen in Syrien wohl begegnet wurde, lebte nach seinen Gesehen ganz ruhig» Antiochuö, der Gott benamt, ein Enkel des Seleucus, vertheilte sie in Kleinasien, wo sie sich bis nach Griechenland ausbreiteten, und überall eben die Rechte, und eben die Freyheiten genossen, welche andre Bürger hatten *. Ptolomaus, ein Sohn des Lagus, hatte ihnen schon in Aegypten einen beständigen und sichern Aufenthalt gestattet. 477« Unter seinem Sohne, dem PtolomauS Phila- 277. delphus, wurden die heiligen Schriften ins Griechische übersetzt, und man sah die berühmte Uebersetzung zum Vorscheine kommen, welche unter dem Namen der Übersetzung der siebzig Dollmetscher bekannt ist. Diese waren weise Greise, welche Eleazar, der Hohepriester, dem Könige schickte, der sie verlangt hatte. Einige behaupten, daß diese nichts als die fünf Bücher Mosis übersetzt haben sollen Der übrige Theil der heiligen Schriften ist vielleicht in der folgenden Zeit ins Griechische zum Gebrauche derer Juden übersetzt worden, die in Aegypten und in Griechenland zerstreut waren, wo sie nicht allein ihre alte Sprache, das Hebräische, sondern auch das Chaldaische vergaßen , welches sie in der Gefangenschaft gelernt hatten. Sie machten sich selbst eine griechische Spra- " lokpk. ^ntl^u XII,,. lolexli. ^miyu. lilir. I c. Iz Itdr. XII. c. 2. 8O Bischof Bosstttts Einleitung ^ahre nach Sprache, die mit Hebraismen vermengt war, Jahre ^s.^;^ welche man den hellenistischen Dialekt nennt. v.^Geb. ^"°"^'"'Die siebzig Dolmetscher und das neue Testament sind in dieser Mundart geschrieben *. Während dieser Zerstreuung der Juden war ihr Tempel auf der ganzen Erde berühmt, und alle Könige im Oriente schickteil ihre Opfer dahin. . Der Occident war unterdessen auf den AuSgang des Kriegs der Römer mit dem Pyrrhus aufmerksam. Endlich wurde dieser König durch 47?» den Eonsul CuriuS geschlagen, und gieng wieder 275. - nach Epirus zurück. Er blieb daselbst nicht lange ruhig, und wollte sich wegen des schlimmen Fortganges seiner Waffen in Italien an Mace- 480. donieu erholen. Antonius Gonatas wurde in 274. Thessalonich eingeschlossen, und genöthigt, dem Pyrrhus den übrigen Theil seines Königreiches 482. Preis zu geben. Er faßte aber unter der Zeit 272« wieder Muth, da Pyrrhus, welcher immer unruhig und ehrgeizig war, mit den Lacedamoniern und Argivern einen Krieg anfing. Die beyden feindlichen Könige wurden zu gleicher Zeit von zwo verfchiednen Parteyen durch zwey verschiedene Thore in Argos eingelassen. In der Stadt fing sich ein blutiger Streit an; eine Mutter, welche sah, daß Pyrrhus ihren Sohn verfolgte, der ihn verwundet hatte, warf einen Stein auf diesen * Dieses wird von vielen Gelehrten bestrittm. Man sehe davon nach: 8a1mailum in tunere er oi- tile^io linguie lielleniiricse; ^nron.LI.i-clclvzUuln in auÄor. tzcr. clail'. rom. I p. 2 c, 2. kteirerum in crirlc. llicr. v.78,79; er kadric. IZibliocli. (Iraecum übr^ IV c, 5. Der Uevers in die allgemeine Geschichte. 8l ^ahre noch diesen Prinzen, und zerschmetterte sein Haupt. Als Jahre der Erb. der Antigonus eines solchen Feindes los worden war, v> Chr. Geh Stadt Rom. ^ er wieder nach Macedonien, in dessen Besitze seine Familie nach einigen Veränderungen ungestört blieb. Der Bund der Achäec verhinderte ihn, daß seine Macht nicht zunehmen konnte. Dieser war die letzte Zuflucht der griechischen Freyheit, und sie war es, welche die letzten griechischen Helden, den Aratus, und Philopömcn ' hervorbrachte. Die Tarentiner, welche PyrrhuS immer noch in der Hoffnung seiner Hülfe erhalten hatte, riefen nach seinem Tode die Carthagmen- ser zu ihrem Beystande. Dieser Beystand half ihnen nichts; denn sie wurden mit den Brutiern und Samnitern, ihren Bundsgenossen, geschlagen. Diese wurden endlich gezwungen, nachdem der Krieg sieben und zwanzig Jahre gewährt hatte, sich unter die römische Herrschaft zu begeben. Tarent folgte ihnen kurz darauf nach; die benachbarten Völker hielten es mit den Römern nicht aus, und also wurden alle alten Völker Italiens unter das Joch gebracht« Die Gallier, welche sehr oft geschlagen worden waren, wagten es nicht, einige Bewegung zu machen So waren die Römer endlich, nachdem sie 48c) Jahre lang Krieg geführt hatten, Meister in Italien, und fingen an, über die Angelegenheiten außer Italien ein Auge zu haben. Sie fingen an, die Carthaginenser zu beneiden, welche in ihrer Nachbarschaft durch die Eroberungen , die ihnen in Sicilien glückten, allzumächtig wu» * ?ohd. z;i,r. I, F / 82 Bischof Bossuets Einleitung ^ahre nach wurden. Aus Sicilien unternahmen sie es ^ahre 8adtRvm! so gar, ihre Macht über sie und über Italien aus-Chr. M., ' zubreiten, indem sie den Tarentinern benstunden. Die Republik Czrrhago hatte die beyden Küsten des mittelländischen Meeres in ihrer Gewalt. Ihre Herrschaft gieng beinahe über ganz Africa, und breitete sich auch durch die Meerenge nach Spanien zu aus. Da sie die Herrschaft über das Meer und die Handlung hatte, so waren ihre Kriegsheere in den Inseln, Corsica, und Sardinien, ausgestiegen, und hatten sich derselben bemächtigt. Sicilien konnte sich schwerlich vertheidigen, und die Gefahr bedrohete Italien allzunahe, als daß sich dasselbe nicht hätte fürchten 49^» sollen. Daher kamen die punischen Kriege, un- 264. geachtet der Vergleiche, welche von beyden Theilen schlecht beobachtet wurden. Der erste puni- sche Krieg lehrte die Römer, zur See streiten. 494. Sie waren gleich das erstemal Meister in einer 26«. 495> Kunst, die sie nicht kannten, und der Consul 259. 498» Duillius, welcher den Carthaginensern die erste 256» Seeschlacht lieferte, gewann sie. Regulus behauptete diesen Sieg, und landete in Africa, wo cr mit der berühmten wunderbaren Schlange zu streiten hatte, lind sein ganzes Kriegsheer gegen sie gebrauchen mußte. Alles wich seiner Macht; Carthago, welches schon zum Aeußersten gebracht worden war, ward nur noch durch den 499» Beystand des Tantippus, eines Lacedamoniers, 255» erhalten. Der römische Feldherr wurde geschlagen und überwunden; allein seine Gefangenschaft hat ihn weit mehr verherrlicht, als seine Siege. Er wurde auf sein Wort zurückgesandt, die in die allgemeine Geschichte. 8z Jahre nach die Auswechselung der Gefangenen zu treiben, -lahre A Erb. der u„d behauptete im Rathe das Gesetz, welches v-Thr. Gel'. ' denen alle Hoffnung benahm, die sich gefangen nehmen ließen, und kehrte zu einem gewissen Tode zurück. Zween erschreckliche Schiffbrüche nöthigten die Römer, den Carthaginensern die Herrschaft zur See von neuem zu überlassen. Der Sieg blieb unter diesen beyden Völkern lange Zeit zweifelhaft, und die Römer wollten schon zu weichen anfangen; allein sie ergänzten ziZ. ihre Flotte wieder. Eine einzige Schlacht that 241« den Ausschlag, und der Consul, Lutatius, endigte den Krieg. Carthago wurde gezwungen, zinsbar zu werden, und nebst Sicilien alle Inseln, welche zwischen Sicilien und Italien liegen, fahren zu lassen. Die Römer gewannen diese ganze Insel, dasjenige ausgenommen, was Hiero, König zu Syracusa, ihr Bundesgenoß, davon besaß. Nach gcendigtem Kriege wäre Carthago durch den Aufstand seiner Kriegsvölker beynahe ganz zu Grunde gegangen *. Sie hatten, wie es ihre Gewohnheit war, fremde Völker in den Sold genommen; diese machten ihre ganze Armee aus, und empörten sich wegen des Soldes, der ihnen lange nicht gereicht worden war. Ihre grausame Herrschaft war Ursache, daß sich mit diesen rebellischen Völkern beynahe alle übrigen Städte ihres Reiches vereinigten, und Carthago, welches ganz eng eingeschlossen und belagert war, wäre ohne den Hamilcar, der mit dem Zunamen 5l6» Barcas hieß, verlohren gewesen. Er allein 2Z8. hatte den letzten Krieg unterstützet. SeineBür- F 2 ger - kohl,. Üb. I c. 6, 6z; libr. II c. -. 84 Bischof Bossuets Einleitung -Mre nach ger hatten ihm auch den Sieg zu danken, den sie Jahre A ^ über die Rebellen davon trugen. Dieser Sieg Chr. Geb- ^ ""''kostete ihnen Sardinien, welches der Aufruhr ihrer Besaßungen den Römern öffnete *. Aus Furcht, sich mit ihnen in einen neuen Krieg zu verwickeln, trat Carthago wider seinen Willen eine so wichtige Insel ab, und vermehrte seinen Tribut. Die Republik war darauf bedacht, ihre Herrschaft in Spanien, welche durch den Aufruhr erschüttert worden war, wieder her- 524. zustellen; Hamilcar gieng mit seinem Sohne, 2Z^> Hannibal, welcher neun Jahre alt war, nach dieser Provinz hinüber, und starb daselbst in einer Schlacht. In den neun Jahren, in welchen er daselbst den Krieg mit Klugheit sowohl, als mit - Tapferkeit führte, bildete sich sein Sohn unter ^ einem so großen Feldherrn aus, und faßte zu gleicher Zeit einen unversöhnlichen Haß gegen die Römer. Sein Verwandter, Hasdrubal, wurde seinem Vater zum Nachfolger verordnet. Er regierte seine Provinz mit vieler Klugheit, und baute das neue Carthago daselbst, welches Spanien in der Unterwürfigkeit erhielt. Die Römer waren mit dem Kriege wider die Königinn der Jllyrier, Teuta, beschafftiget, welche an der ganzen Küste ihre Seeraubcrey ungestraft trieb. Die Beute, welche sie von den Griechen und Epirotern machte, blähte sie auf, daß sie die- Römer verachtete, und ihren Gesandten tödtete. 525. Sie wurde bald überwältigt. Die Römer ließen 526. nur einen kleinen Theil vonJllyrien, und ge- 229. wannen die Insel Corfu, welcher sich diese Köm- 228. ginn * ?c,HI,, lilir. I, 79, 8z> 85. in die allgemeine Geschichte. 85 Iabre mich ginn bemächtigt hatte. Sie setzten sich dazumal in Jahre KtavtRo? Griechenland durch eine feyerliche Gesandtschaft CW Gel'. ' in ein großes Ansehen, und das war das erstemal, daß man daselbst ihre Macht kennen lernte» Der glückliche Fortgang der Waffen des Has-. drubals erweckte ihre Aufmerksamkeit und ihren Neid; allein die Gallier in Italien verhinderten sie, für die spanisches Angelegenheiten Sorge zu tragen *. Die Gallier hatten fünf und vierzig Jahre Nuhe gehabt. Ihre Jugend, welche unter der Zeit aufgewachsen war, dachte an weiter nichts, als an den vergangenen Verlust, und fing an, Rom zu bedräuen Die Römer setzten sich wegen der Carthaginenser in Sicherheit, damit sie so unruhige Nachbaren desto sichrer angreifen konnten. Sie schlössen mit dem 5?6' Hasdrubal einen Vergleich, welcher versprach, 224. nicht über den Ebro zu gehen. Der Krieg zwischen den Römern und den Galliern wurde auf beyden Seiten mit einer grimmigen Hitze geführt; die Transalpinischen vereinigten sich mit den Cisalpinischen; alle aber wurden geschlagen. Concolitanus, einer von den gallischen Königen, wurde in der Schlacht gefangen; Aneo- restus, ein anderer König, brachte sich selbst lim. Die sieghaften Römer giengcn zum erstenmale über den Po, und waren entschlossen, den Galliern die Gegenden um diesen Fluß wegzunehmen, welche sie so viele Jahrhunderte im Besitze gehabt hatten. ' Der Sieg folgte ihnen 5?4. überall nach. Mciland wurde eingenommen, 220. F z und * ?ohb. Üb. II c. -Z. " lä. Üb. II c. ->. 86 Bischof Bossmts Einleitung Ichrenach und beynahe das ganze Land unter ihre Both- Jahre Stadt Rvm Mäßigkeit gebracht. Um diese Zeit starb v.Chr.Geb- ' Hasdrubal, und Hannibal wurde an seine Stelle geseht, ob er gleich erst nur fünf und zwanzig Jahre alt war. Von der Zeit an sah man den Krieg zum Voraus. Dieser neue carthaginensische Statthalter in Spanien unterfing sich, dasselbe unter seine Herrschaft zu bringen, und achtete kei- 5Zs. ner Vertrage. Rom hörte damals die Klagen 219« der Stadt Sagunt, ihrer Bundsgenoßinn, an. Die römischen Gesandten giengen nach Cartha- go. Die Carrhaginenser, welche sich wieder erholt hatten, bezeigten keine Lust mehr, nachzugeben. Sicilicn, das ihrer Herrschaft entrissen worden war,Sardinicn,das ihnen die Römer unrechtmäs- siger Weise genommen hatten, und der vermehrte Tribut lag ihnen am Herzen. Folglich war die Partey, welche wollte, daß man den Hannibal lu'cht unterstützen sollte, sehr schwach. Dieser Feldherr richtete seine ehrgeizigen Gedanken auf alles. Geheime Gesandtschaften, die er nach Italien geschickt hatte, hatten ihn der dösigen Gallier versichert, welche nicht im Stande waren, aus eignen Kräften etwas zu unternehmen, diese Gelegenheit aber mit Freuden ergriffen, sich zu empören. Hannibal gieng über den Ebro, über die pyren.u'schen Gebirge, durch ganz Gallien, was disscit den Alpen liegt, über die Alpen, und siel, als in einem Augenblicke,aufItalien los. Die Gallier unterließen nicht,scin Kriegöheer zu verstarken, und thaten den letzten Versuch, ih- 5Z6» re Freyheit wieder zu erlangen. Vier Schlach- 218. 5Z7« ten, welche die Römer verlohren, machten ihren 217. Unter» in die allgemeine Geschichte. 87 2l?. 212« Jahre nach Untergang glaublich. Sicilien schlug sich auf Jahre der Er^ der ^eite des Ueberwinders. HieronymuS, Kö- ^ Gel' StadtRom- . ^ ^ . . 21b. -z8. nig von Syracusa, erklärte sich Wider die Ro- mer, beynahe ganz Italien verließ sie, und 542! ihre einzige und letzte Hülfe schien mit den beyden Scipionen in Spanien umzukommen. In diesen äußersten Umständen hatte Rom seine Erhaltung drey großen Männern zu danken. Die Standhafrigkeit des Fabius Maximus, der sich über die unverständigen Reden des Pöbels erhob, zog den Krieg in die Länge, und wich immer vor dem Hannibal zurück, und wurde da- 540. durch eine Schutzmauer seines Vaterlandes. 214. Marccllus, welcher es dahin brachte, daß die 542. Belagerung der Stadt Nola aufgehoben ward, 212. nahm Syracusa ein, und machte den Römern durch seine Thaten wieder Muth. Allein Rom, welches diese beyden großen Männer bewunderte, glaubte in dem jungen Scipio noch etwas weit größers zu bemerken. Die wunderbaren glücklichen Erfolge seiner Rathschläge bestätigten die Meynung, die man von ihm hatte, daß 54Z» er göttlichen Ursprunges wäre, und mit den Göt- 544- tcrn umgienge. In seinem vier und zwanzig- sten Jahre wagte er es, nach Spanien zu gehen, . wo sein Vater und Oheim umgekommen waren. Er griff Neucarthago an, als wenn ihm solches eingegeben worden wäre, und nahm diese Stadt 548. mit seinen Soldaten sogleich ein. Alle, die ihn sahen, wurden für die Römer gewonnen; die 55l. Carthaginmser verließen Spanien; er landete ^3« in Africa an, und sogleich unterwarfen sich ihm alle Könige; und nunmehr kam die Reihe an F 4 Car- 8?» Bischof Bossuets Einleitung Jahre »ach Carthago, zu erzittern, indem alle ihre Kriegshee- Jahre StadtRvm. ^ geschlagen worden waren. Es war verge- v> Chr.Gcb. ' bens, daß der siegreiche Hannibal zurück berufen wurde; er konnte sein Vaterland nicht verthei- 552. digcn. Scipio gab daselbst Gesetze, und der 202. NameAfricanus wurde seine Belohnung. Das römische Volk, welches die Gallier und die Afri- caner überwältigt hatte/ sah keine Feinde mehr, vor denen sichs fürchten durfte, und stritt forthin ohne Gefahr. 504. Mitten unter dem ersten punischen Kriege nahm 250. Thcodotus, der Statthalter von Vactriana, dem Antiochus, welcher mit dem Zunamen, der Gott, hieß, einem Sohne des Antiochus Soter, dem Könige von Syrien, tausend Städte weg. Beynahe der gan^e Orient folgte diesem Beyspiele nach. Die Parther empörten sich unter der Anführung des Arsaces, des Hauptes von dem Hause der Arsacidcn, und des Stiffters eines Reiches, das sich nach und nach in ganz Ober- asicn ausbreitete. Die Könige in Syrien, und die Könige in Aegypten, welche wider einander aufgebracht waren, sannen nur darauf, wie sie einander entweder durch Gewalt oder durch Hinterlist verderben könnten. Damascus,und das ganze Land, welches Cölosyrien hieß, und mit beyden Königreichen grenzte, war die Ursache ihrer Kriege, und „ Asiens Angelegenheiten hatten mit den Europäischen gar keine Gemeinschaft. Binnen allen diesen Zeiten blühte die Philosophie in Griechenland. Die Secte der italische«! Philosophen, und die ionische erfüllten Gn'e- in die allgemeine Geschichte. 89 «Mre nach Griechenland mit großen Männern, unter wel- Jahre Er^ der che sich viele ausschweifende Köpfe mengten,Chr. G ^ ^ welchen dem ungeachtet die neubegierigen Griechen den Namen der Philosophen beylegten. Um die Zeiten des Cyrus oder des Cambyscs stifftete PythagoraS die ltallsche Secte in Großgriechenland, in den Gegenden von Neapolis. Nicht lange darauf fing Thales von Milet die ionische Secte in eben dem Zeitalter an. Aus dieser Secte sind die großen Philosophen, Hcra- klituS, Demokritus, Empedokles und Parme- nides hergekommen. AnaxagoraS, welcher kurz vor dem peloponesischen Kriege lebte, zeigte, daß die Welt von einem ewigen Geiste gebaut worden wäre. Sokrates richtete kurz darauf die Philosophie mehr auf die Wissenschaft der Sitten, und wurde der Vater der Moralphilosophie» Plato, sein Schüler, wurde der Stifftcr der > Akademie; Aristoteles, ein Schüler des Plato, und der Lehrer Alexanders, des Großen, der Stiffrer der Peripatetiker, welche unter Alexanders Nachfolgern berühmt wurden. Zeno aus Cittien, einer Stadt in Cypern, wurde das Haupt der Stoiker, und Epikur, von Athen, das Haupt der Philosophen, die nach seinem Namen heis- scn, wenn man anders diejenigen Philosophen uennen kann, welche die Vorsehung offenbar leugnen, nichts von Pflichten und Verbindlichkeit wissen, und die Tugend durch die Wollust erklären wollen. Man kann unter diese großen Philosophen den Hippokrates, den Vater der Arz- ueywissenschaft, rechnen, welcher sich mitten unter andern in diesen glücklichen Zeiten Griechenlan-- F 5 des 9O Bischof Bossuets Einleitung Ichre nach des hervorthat. Die Römer hatten zu eben der 'Mr- StMRom. Zeit eine andre Art von Philosophie, welche nicht^br. Geb. ' in Streitigkeiten, Fragen und Unterredungen, sondern in der Mäßigkeit, in der Armuth, in den Beschäfftigungen des Landlebens und des Krieges bestund, wo sie die Ehre ihres Vaterlandes und des römischen Namens zu ihrem eignen Ruhme machten, und dadurch Herren über Italien und Carthago wurden. Die ix Epo- Im ^2 Jahre nach der Erbauung der Stadt Scipio'oder Rom, ungefähr 250 Jahre nach der Stifftung w"unden^ ^ persischen Monarchie, und 202 Jahre vor Carthago. Christi Geburt, wurde Carthago von den Rö- 552. mern überwältigt. Hannibal hörte nicht auf, 202. ihnen unter der Hand, wo er nur konnte, Feinde zu erwecken; allein er richtete nichts anders damit aus, als daß er alle seine alten und neuen 556. Feinde mit sich in den Untergang seines Vater- 198. 558. landes und in den seinigen fortriß. Philippus, 196. König in Macedonien, ein Bundsgenosse der Carthaginenser, wurde durch die Siege des Con- suls,Flaminius, gedemüthigt; diemacedonischen Könige wurden ins Enge getrieben, und Griechenland wurde von ihrem Joche befreyt. Die Römer giengen auf Hannibals Untergang um, der ihnen, noch nach seinem Verluste, furchtbar 559« vorkam. Dieser große Feldherr wurde genö- i?5» thigt, aus seinem Vaterlande zu flüchten, erregte den Orient wider sie, und zog ihre Waffen nach 561. Asien. Antiochus, mit dem Zunamen der Große, wurde nach seinen nachdrücklichen Vorstellungen auf ihre Macht neidisch, und fing einen Krieg mit ihnen an; allein er führte ihn nicht so, wie ihm in die allgemeine Geschichte. 91 ^ahre »ach ihm Hannibal gerathen hatte, von dem er dazu Jahre Statt Rom! verleitet worden war. Er wurde zu Wasser und «- Chr. Geb. ' ' zu Lande geschlagen, und mußte sich dem Gesetze unterwerfen, das ihm Lucius Scipio, ein Bruder des Scipio Africanus, auflegte, zwischen dem Gebirge Taurus eingeschlossen zu bleiben» 572. Hannibal, welcher zum Prusias, dem Könige 182» in Bithynien, entfloh, entgieng den Römern durch Gift. Sie waren auf der ganzen Erde gefürchtet, und wollten keine andere Macht leiden , als die ihrige. Die Könige sahen sich genöthigt, ihnen ihre Kinder zu Geiseln ihrer 578. Treue zu geben. AntiochuS, welcher nach der 176. Zeit den Namen Epiphanes erhielt, der zweyte Sohn Antiochuö des Großen, blieb lange Zeit zu Rom, als ein Geisel. Als ScleucuS Philopator, sein ältester Bruder, die Negierung beschloß, so wurde er ausgeliefert; die Römer wollten aber an seine Stelle den DemetriuS Soter, den Sohn des Königes, haben, welcher 579« damals zehn Jahre alt war. Selemus starb 175» zu dieser ungelegnen Zeit, und AntiochuS zog das Reich seines Brudernsohnes unrechtmäßiger Weise an sich. Die Römer hatten mit den makedonischen Angelegenheiten zu thun, wo Per- scus seine Nachbaren beunruhigte, und sich nicht an die Gesetze kehren wollte, die seinem Vater 58r. Philippus auferlegt worden waren. Um diese 17z. Zeit giengen die Verfolgungen des Volkes Gottes an. Antiochus Epiphanes regierte, wie ein wütender Tyrann; er kehrte alle seine Wut gegen die Juden, und gieng darauf um, dem Tempel Gottes, dem Gesetze Mosis, und dem ganzen Volke 92 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach Volke ein Ende zu machen. Das Ansehen der ^«Pe ?t.wt R^ Römer verhinderte ihn, sich des Königreiches Ae-^r.GeK 58Z. gypten zu bemeistern. Sie führten mit dem Per- ^ seus Krieg,welcher fertiger war,etwaszu unternehmen, als auszuführen, und seinen Bundsgenossen durch seinen Geiz, seinen Kriegsheeren aber durch 586. seine Zaghaftigkeit den Untergang brachte. Er l6L» , wurde von dem Consul, Paulus Aemilius, überwunden, und gezwungen, sich in seine Hände zu liefern. Gentius, König in Illyrien, sein Bundsgenosse, welcher durch den Prätor, Ani- cius, binnen dreyßig Tagen überwältigt wurde, hatte ein gleiches Schicksal. Das Königreich Macedonien, welches beynahe siebenhundert Jahre gedauert, und zweyhundert Jahre hindurch nicht allein Griechenland, sondern auch dem ganzen Oriente Beherrscher gegeben hatte, war nun / weiter nichts, als eine römische Provinz. Die rasende Wut des Antiochus gegen das Volk Gottes vermehrte sich. Damals machte sich Ma- thatias, ein Opferpriester, aus dem Geschlechte des Pinehas, ein Nachahmer seines Eifers, durch seinen muthigen Widerstand, und durch 587. seine Befehle, die er noch sterbend für die Wohl- 167. fahrt seines Volkes gab, einen herrlichen Namen. 588. Judas Maccabäus, sein Sohn, siegte, obgleich 166» die Menge seiner Feinde beynahe unzählig war. 589. Die Familie der Asmonäer, oder der Maccabäer, 165. wurde zur Herrschaft erhoben,und der Tempel/welchen die Heiden entheiligt hatten, aufs neue wieder 590. eingeweiht. Das Hohepriesterthum des Judas, 164» und die Ehre des priesterlichen Dienstes wurde wiederum erneuert. Antiochus starb eines Todes, in die allgemeine Geschichte. 9z . gedrückten Volke zu einer Erleichterung. Die 154. Unruhen in Syrien nahmen von Tage zu Tage zu. Alexander Balas, welcher sich rühmte, ein Sohn des Antiochus Epiphanes zu sey!,, wurde durch die Einwohner von Antiochien auf den Thron gesetzt. Die Könige von Aegypten, welche ewige Feinde von Syrien waren, mengten sich in diese Uneinigkeiten, um ihren Vortheil dabey zu ziehen. Ptolomäus Philometor unterstützte den Balas, und der Krieg war sehr blutig, 604. Demetrius Soter blieb darinnen, und hinterließ, 150« seinen Tod zu rächen, nur zween junge Prinzen, die noch Kinder waren, den Demetrius Nicator, und Antiochus Sidetes. Der unrechtmäßige Besitzer blieb auf seinem Throne ganz ruhig, und der König von Aegypten gab ihm seine Tochter, Cleopatra, zur Gemahlinn. Balas, welcher sich einbildete, über alles weg zu seyn, war in der Schwelgerey ganz ersoffen, und zog sich die Verachtung aller seiner Unterthanen zu. 604. Um diese Zeit entschied Philometor den berühm- ^o. ten Stre.it, den die Samaritaner mit den Iüden ansingen. Diese Abtrünnigen, welche dem Volte in die allgemeine Geschichte. 95 Jahre nach Volke Gottes stets zuwider waren, unterließen Jahre ^ nicht, sich mit ihren Feinden zu vereinigen, undv- Chr.GA. "" " hatten ihren Tempel auf dem Berge Garizim, 58?» dem Antiochus Epiphanes zu gefallen, dem Ju- 167, virer Hospitaliö geheiligt. Diese Unheiligen wollten ungeachtet dieser EntHeiligung einige Zeit darauf behaupten, daß dieser Tempel den Vorzug vor dem Tempel zu Jerusalem haben müßte. Die streitigen Parteyen vertheidigten ihre Sache vor dem Könige, und machten sich auf beyden Seiten anheischig, bey Strafe des Todes ihre Forderungen durch ausdrückliche Worte des Gesetzes Mosis zu beweisen Die Juden gewannen ihre Sache, und dieSama- ritaner wurden nach dem gemachten Vertrags am Leben gestraft Eben dieser König erlaubte dem Onias aus dem priesterlichen Geschlechte , in Aegypten den Tempel zu Heliopolis nach dem Muster des hierosolymitanischen zu bauen. Diese Unternehmung wurde durch den ganzen Rath der Juden verdammet, und man that den Ausspruch, daß sie dem Gesetze Mosis zuwider wäre. Unterdessen regte sich Carthago, und wollte die Gesetze nicht leiden, welche ihm Scipio Africanus aufgelegt hatte. Die Römer beschlossen also den völligen Untergang diese»; Stadt, und der dritte punische Krieg wurde un- 60K. ternommen. In Syrien gieng der junge De- 148» metrius Nicator, der nunmehr erwachsen war, darauf um, wie er sich wieder auf den Thron seiner -* 2 Maccab. VI, -. lolexli. änr. XII > 7. lolexti. änrh. libr. XM e. 6. 96 Bischof Bossuets Einleitung -Mre nach seiner Vorfahren seßen wollte, und die Weich- Jahre Erb-der z^hkeit des unrechtmäßigen Besitzers ließ ihn al°v-E Itach der sieghafte Nicator hielt ihn. ass seinen Bru- ^» der Eib der der. Er wurde bald dafür belohnt. Die Jü- v- Chr ^t»dt-XoM. ^ < . ^ < ^ -< ^ - 6ic>. "efen bey einem Aufruhre wlder ihn herbey, 144 und erretteten ihn aus den Handen der Rebellen» Jonathaö wurde mit Ehre überhäuft; allein als der König glaubte, daß er auf seinem Throne sicher wäre, so wollte er eben die Absichten ausführen , die seine Vorfahren hatten, und die Jü- den wurden eben so, wie vorher, geqvält. Die. Unruhen in Syrien gierigen von neuem wieder an. Diodor, mit dem Zunamen Tryphon, erzog einen Sohn des Balas, den er Antiochus, den Gott, nannte, und war ihm in seiner Kindheit an Vormundes Statt. Der Hochmuth des Demetrius empörte das Volk wider ihn; 6ti. ganz Syrien stund in Flammen, und Ionathas !4Z machte sich der Umstände der Zeit zu Nutze, und erneuerte seinen Bund mit den Römertt. Alles gieng ihm glücklich von statten, als Tryphon seine Zusage brach, und ihn mit seinen Kindern umbringen ließ. Simon, sein Bruder, der Weiseste und Glücklichste unter den Maccabäern, folgte ihm nach, und die Nömer waren ihm sa günstig, wie sie seinen Vorfahren gewesen waren. Tryphon gieng mit seinem Mündel, Antiochus, eben so treulos um, als er mit den Iüden umgegangen war. Er brachte diesen jungen PrinM durch Hülfe der Aerzte um, unter dem Vorwande, ihm den Stein schneiden zu lassen , den er nicht hatte, und bemächtigte sich eines Theils des Königreiches. Simon ergriff die Partey des Demetrius Nicatörs, des rechtmäßigen Königes, und vertheidigte ihn mit seinen Waffen widee G den 98 Bischof Bossuets Einleitung Mre »ach den Aufrührer, Tryphon, nachdem er von ihm Jahre RM. Freyheit seines Volkes erlangt hatte. Die v- Chr. Gel.. ' Syrier wurden aus der Burg, die sie zu Jeru- , salem inne hatten, herausgeschlagen, und Verkehren darauf alle andern festen Plätze in Judaa. 612. Also wurden die Juden durch Simons Tapfer- 142. keit von dem Joche der Heiden befreyt, und gestunden ihm und seiner Familie die königlichen Rechte zu; Demetrius Nicator aber gab zu dieser neuen Regimentöverfassung seine Einwilligung. Von diesen Zeiten fangt das neue Königreich des Volkes Gottes, und die Herrschast der Asmonaer an, welche immer mit dem Ho- henpriesterthume vereinigt blieb. Um diese Zeit breitete sich das Reich der Parther über Ba- ctriana und Jonien durch die Siege des Mi- thridates, des Tapfersten unter allen Arsaciden, 6lZ. aus. Demetrius Nicator, welcher von den 141» Völkern dieses Landes, welche sich Mithridates unterwürfig gemacht hatte, zu Hülfe gerufen wurde, hoffte, die Parther zum Gehorsame zu bringen, welche von den Syriern immer, als Rebellen, angesehen wurden. Ertrug verschicdne Siege davon, und wollte nach Syrien zurückkehren, den Tryphon zu demüthigen, als er in ein Netz fiel, das ihm ein Feldherr des Mithridates gelegt hatte. Er blieb also ein Gefangner der Parther. Tryphon, welcher sich einbildete, durch das Unglück dieses Prinzen sicher zu seyn, sah sich auf einmal von den Seinigen verlassen. Sie konnten seinen Hochmuth nicht 6'4. länger ertragen. Wahrend der Gefangenschaft 14^ des Demetrius, ihres rechtmäßigeil Königes, erga- in die allgemeine Geschichte. 99 Iah« nach ergaben sie sich an seine Gemahlinn, Cleopatra, ^ahre A ^'»«7 und an ihre Kinder; allein man mußte für die-»- Ar.Gcb. (vtadtÄvm.. <- , »V - - se noch sehr jungen Prinzen einen Beschuhsr suchen. Diese Sorgfalt kam natürlicher Weise auf den Antiochuö Sidetes, den Bruder des De- metriuö; Cleopatra ließ ihn also in allen ihren Königreichen erkennen. Sie that noch mehr; Phraates, ein Bruder und Nachfolger des Mi- thridateS, erkannte den Demetrius für Syriens König, und gab ihm seine Tochter, Rhodogune, zur Gemahlinn. Aus Haß gegen diese Nebenbuhlerinn, welche der Cleopatra mit ihren: Gemahle die Krone raubte, vermahlte sie sich mit 615. dem Antiochuö Sidetes, und beschloß, die Herr- ^ schaft durch alle Arten von Verbrechen zu behaupten. Der neue König griff den Tryphon an; Simon vereinigte sich in dieser Unternehmung mit ihm, und der Tyrann, welcher aus allen seinen festen Plätzen vertrieben wurde, en- 619. digte sein Leben, wie ers verdiente. Als Antio- chus Meister von dem Königreiche war, vergaß er die Dienste gar bald, die ihm Simon geleistet hatte, und ließ ihn umkommen. Unterdessen daß er in Syrien alle seine Macht wider die Juden versammlete, folgte Johannes Hyrcanus, ein Sohn des Simon, seinem Vater im Hohen- pricsterthume, und alles Volk unterwarf sich ihm. Er hielt die Belagerung in Jerusalem mit vieler Tapferkeit aus, und der Krieg, mit dem Antiochuö wider die Parther schwanger gieng, seinen gefangenen Bruder zu befreyen, machte, daß er mit den Jüden auf leidliche Bedingungen Frieden schloß. Um diese Zeit, da G 2 der ' !OO Bischof Bossuets Einleitung ^ahre nach der Friede geschlossen wurde, hatten die Römer, Jahre A Erb. der ^^ch^. anfingen, allzureich zu werden, furchtbare «-Thr.Gel,. vtavt^ivm. ^.^^ ^^.^lich^ Menge ihrer Sklaven. EnnuS, der selbst einSklave war, empörte sie in Sicilicn, und die Römer mußten ihre ganze Macht anwenden, sie zum Gehorsame zu 621. bringen. Kurz darauf starb AttaKiö, der Kö- izz. nig zu Pergamo, und setzte die Römer in seinem Testamente zu Erben ein, und diese Erbschaft verursachte viele Uneinigkeiten und Spaltungen in Rom. Die Unruhen der Graccher nahmen ihren Anfang. Das aufrührische Tribunal des Tiberius Gracchus, eines der Vornehmsten unter den Römern, brachte ihm seinen Untergang zuwege. Der ganze Senat tödtcte ihn durch die Hand des Scipio Nasica, weil er kein andres Mittel wußte, die gefahrliche AuS- theilung des Geldes zu verhindern, womit dieser beredte Tribun dem Volke schmeichelte. Scipio Aemilianus stellte die Kriegszucht wieder her, 622. und dieser große Main?, welcher schon Carthago ,^2- zerstört hatte, zerstörte auch Numantia in Spanien, das andre Schrecken Roms. Die Par- thcr waren viel zu schwach gegen den Sidetes ; obgleich seine Völker durch eine erstaunliche Ueppigkeit verderbt waren, so gelangen ihnen doch ihre Unternehmungen auf eine wunderbare Weise. Johannes Hyrcanus, der dein Könige in diesem Kriege mit seinen Juden gefolgt war, ließ seine Tapferkeit daselbst sehen, und machte, daß die jüdische Religion geehrt wurde, als die Armee stille lag, um Zeit zu haben, den Sabbath zu feyern. Alles wich, und PhraateS mußte in die allgemeine Geschichte. 101 » so setzte Italien, welches in so vielen fortdaurendcn Kriegen entweder wider die Römer, oder für sie der Waffen gewohnt worden war, ihr Reich in die Gefahr des Unterganges, indem ein allgemeiner 666. 667. Aufruhr entstund. Rom wurde um eben diese Zeit 88. 8?» von der Wut des Marius und des Sylla verwüstet, von denen jener den Mittag und den Nord in Schrecken geseßet, und dieser Griechenland und- Asien überwunden hatte. Sylla, welchem man den Beynamcn, der Glückliche, gab, war es gegen sein Vaterland allzusehr, das durch seine tyran- 672. nische Dictatur in die Sklaverei) gebracht wurde. 82» Er konnte sich zwar seiner unumschränkten Ge- 675, walt freywillig begeben; die Folgen eines schlim- 79- men Beyspieles aber dadurch nicht verhindern. 680. Ein iedcr wollte herrschen. SertoriuS, ein eis- 74» riger Anhänger des Marius, verschanzte sich in Spanien, und verband sich mit dem Mithridates. 681. Die Gewalt nützte wider einen so großen Feld- 7Z« Herrn nichts, und Pompejus konnte seine Partey nicht anders überwinden, als daß er Uneinigkeit und Zwietracht unter ihr erregte. Es glaubten alle, bis auf den Spartacus, einen Fechter, berech- . tigt zu seyn, sich nach der obersten Herrschaft zu be- 68Z. streben. Dieser Sklave machte den Prätorn und ?i° Consuln nicht weniger Mühe, als Mithridates dem Lmullus machte. Der Krieg der Fechter G 5 wurde !o6 Bischof Bcssuets Einleitung Jahre nach wurde der römischen Gewalt schrecklich. CrajsuS Jahre StadtRvm. ^nnte ihn nicht ganz zu Ende bringen ; man Chr. Geb. ' mußte so gar den großen Pompejus wider sie brauchen. Lucullus erhielt im Oriente die Ober- 686. Hand. Die Römer giengen über den Euphrat; 6z. allein so unüberwindlich dieser Feldherr vor seinen Feinden war, so wenig konnte er seine eignen Soldaten im Gehorsame erhalten. Mithrida- tes verlohr, sooft er auch geschlagen wurde, seinen Muth doch nicht, und erholte sich immer wieder, und das Glück des Pompejus schien zur Endi- gung dieses Krieges nothwendig zu seyn. Er hatte das Meer von den Seeräubern acsäubert, 687. welche solches von Syrien ausbis an die hcrkuli- 67» schcn Seulen unsicher machten, und darauf wurde er wider den Mithridates geschickt. Sein Ruhm schien dazumal den höchsten Gipfel erreicht zu 689« haben. Er überwältigte endlich diesen tapfern 65. 691» König; Armenien, wohin er flüchtete; Iberien; 6z» Albanien, das ihn unterstützte; Syrien, welches^ durch seine innerlichen Spaltungen und ver- schiedne Parteyen verwüstet wurde; Judäa, wo die Uneinigkeit unter den Asmonäern, dem Hyrcan II, einem Sohne des Alexander Ian- näus, nichts, als einen Schatten der obersten Gewalt übrig ließ, und endlich den ganzen Orient. Allein er würde seinen Triumph über so viele Völker nicht haben fcyern können; wenn der Con- sul/ Cicero, nicht gethan hatte/ welcher die Stadt Rom aus den Flammen rettete,die Catilina,der die Vornehmsten unter dem römischen Adel auf seiner Seite hatte, anzünden wollte. Dieser furchtbare Feind wurde mehr durch Beredsamkeit des Cicero, in die allgemeine Geschichte. 107 Jahre nach Cicero, als durch die Gewalt der Waffen seines Jahre StubtRvn? Kollegen, des C. Antonius, überwunden. Die K". Geb. ' Freyheit des römischen Volkes wurde dadurch in keine größre Sicherheit gebracht. ,Pom- pcjuS herrschte im Senate, und sein großer Name machte ihn zum unumschränkten Gebieter über 696. alle Berathschlagungen. Julius Cäsar über- 58» wand die Gallier, und keine Eroberung ist den Römern iemals nützlicher gewesen, als diese. Ein so großer Dienst, den er ihnen leistete, setzte ihn in den Stand, zu seiner Herrschast in seinem Vaterlande den Grund zu legen. Er wollte dem Pompejus im Anfange gleich, und hernach überlegen seyn. Crassus besaß unermeßliche Reichthümer, und bildete sich deswegen ein, daß er wohl mir diesen beyden großen Männern auch ihre Ehre theilen könnte, wie er ihr Ansehen mit ihnen theilte. Er unternahm verwegner Weise 70c?. den Krieg wider die Parther, welcher für ihn 54. und sein Vaterland sehr traurig ablief. Die 701. Arsaciden, die Ueberwinder, verhöntcn den Ehr- ZZ» geiz der Römer, und den unersättlichen Geldgciz ihres Feldherrn mit grausamen Verspottungen. Allein die Schande des römischen Namens war nicht die schlimmste Wirkung der Ueberwindung des Crassus. Seine Gewalt hielt der Mache des Pompejus und des Cäsars die Wage, und nöthigte sie, wider ihren Willen, zur Eintracht. ?os. Mit seinem Tode wurde der Damm,der sie zurück-^ 49- 7^6. hielt,durchbrochcn. Die beyden Nebenbuhler,wel- 48. che alle Macht der Republik in ihren Händen hat- 707. ten, entschieden ihren Streit, aufden pharsalischen 47» 708. Gefilden in einer blutigen Schlacht.Der siegreiche 46. Cä. ic>8 Bischof Bossmts Einleitung Jahre »ach Cäsar erschien in einem Augenblicke auf dem gan- Jahre zen Erdkreise, in Aegypten, in Asien, in Maurita- Brutus und Caßius glaubten, ihre Bürger zu befreyen, wenn sie ihn, ungeachtet seiner Gnade, als einen Tyrannen umbrachten. Rom siel darauf wieder in die Hände des Marcus AntoniuS,des Le- pidus,und des jungen Cäsar Octavianus,eines Enkels einer Schwester des Julius Cäsars,und seines angenommenen Sohnes, dreyer unerträglichen 71!» Tyrannen, deren Triumvirat und Achterklärun- ^.z. gen einem ieden, der sie liest, noch einen Abscheu machen. Allein sie waren allzugewaltsam, als daß sie hatten lange dauern sollen. Diese drey großen Manner theilten das römische Reich unter einander. Cäsar behielt Italien, und verwandelte seine ersten Grausamkeiten nach und nach in Gelindigkeit, und bringt uns dadurch auf die Gedanken, daß er vielleicht von andern zur Grausamkeit fortgerissen worden ist. Was noch von 718. der Republik übrig war, gieng mit dem Brutus Z6. 7-2» und Caßius völligzu Grunde. Nachdem Antonius Z2- und Cäsar den Lepidus verdrängt und erniedrigt hatten, so wurden sie unter einander selbst uneinig. 72?' Die ganze römische Macht zeigt sich auf dem Zi. Meere. Cäsar gewinnt die Seeschlacht bey dem Vorgebirge, Actium; die ganze Macht des Königreiches Aegypten unddesOrientes,dieAntom'u6 anführte, wurde mit ihm zerstreut; alle seine Freunde verließen ihn, und selbst seine Cleopatra, da er sich doch aus liebe zu ihr ins Ver- 45. 44- 4Z- derben in die allgemeine Geschichte. 109 Iahreuach derben gestürzt hatte. Herodes, aus Idumäa, Jahre ?Ro? ^ 'bm alles zu danken hatte, wurde gezwungen, v. Chr-Geb. ^ " 72^'" ilch an den Ueberwinder zu ergeben, und blieb dadurch im Besitze des Königreiches Iuda; denn die Schwachheit des alten Hyrcanus war Ursache, daß die Familie derAsmonaer die königliche Gewalt völlig verlohr. Alles mußte dem Glücke des Cäsar Octavianus weichen; Älexan- drien öffnete ihm die Thore; Aegypten wurde eine römische Provinz; Cleopatra, welche alle Hoffnung aufgab, ihr Königreich zu erhalten, 727. brachte sich nach dem Äntonius um; Rom reichte 27» dem Ueberwinder die Arme,und er blieb unter dem NamenAugustu6,und dein Titel eines Kaisers,der einzige Herr des römischen Reiches. Er bändigt 7Z^ an den pyrenaischen Gebirgen die Cantabrer 24. und Afturier, welche sich empört hatten; Ae- 7Z2. thiopien bittet ihn um Frieden ; die erschrocknen 22. 734» Parther schicken ihm die Fahnen und alle Gefan- 20» genen wieder, die sie dem Crassus abgenommen 7Z9- hatten; seine Waffen lassen die Rhätier empfin- ^5« 742» den, daß ihre Gebirge sie nicht beschützen können; 12. 747. Pannonien erkennt ihn für seinen Herrn; Ger- 7» Manien fürchtet ihn, und der Weserstrom nimmt Gesetze von ihm an. Er ist zu Wasser und zu Lande sieghaft, und schließt den Tempel des Ja- 75^» nus zu. Der ganze Erdkreis genießt unter sei- 754« ner Herrschaft den Frieden, und Jesus Christus kömmt in die Welt, ^"che ^ Nunmehr sind wir endlich zu den Zeiten, Die Geburt welche von den Vätern so sehnlich gewünscht ?n?d?l?tz- werden sind, zu der Erscheinung des Meßias le Wer der gekommen. Dieser Name will so viel sagen, Welt. NO Bischof Bosiuets Einleitung Ichre nach als Christus, oder der Gesalbte des Herrn, und ^r-^Ge- Christus verdient ihn, alöHoherpriester, als König, und als Prophet. Man ist nicht wegen des eigentlichen Jahres einig, wo er in die Welt gekommen ist, und man glaubt einstimmig, daß di^ wahre Geburtözeit desselben einige Jahre früher zu seßen sey, als unsere gewöhnliche Zeitrechnung sie annimmt. Unterdessen wollen wir derselben doch wegen viel größrer Bequemlichkeiten folgen. Wir wollen nicht weiter über das Jahr der Geburt unsers Heilandes streiten; es ist genug, wenn wir wissen, daß er ungefähr um das viertausende Jahr der Welt gebohren worden ist. Einige setzen dieses Jahr etliche Jahre früher, andre einige Jahre später, und noch andre gerade in dieses Jahr, welches ein Unterschied ist, der sowohl von der Ungewißheit in der Rechnung der Jahre der Welt, als von der Ungewißheit der Geburtszeit unsers Heilandes herrührt. Dem sey, wie ihm wolle, so ist gewiß, daß ungefähr tausend Jahre nach der Einweihung des ersten Tempels, und 754 Jahre nach der Erbauung der StaN Rom, Jesus Christus, der Sohn Gottes von Ewigkeit, ein Sohn Abrahams und Davids in der Zeit, von einer Jungfrau gebohren worden ist. Dieser Zeitpunkt ist der wichtigste unter allen, nicht allein wegen der Wichtigkeit einer so großen Begebenheit, sondern auch darum, weil die Christen schon seit vielen Jahrhunderten ihre Jahre voi, da au zählen. Er ist auch darum merkwürdig, weil er ungefähr in die Zeiten einfällt, wo Rom unter der ruhigen Regierung des Augustus wieder eine in die allgemeine Geschichte, m Jahre nach eine Monarchie wird. Alle Künste blühten zu ^burt^ seiner Zeit, und die lateinische Poesie wurde durch den Virgil und Horaz zu ihrer größten Vollkommenheit gebracht, indem sie dieser Prinz dazu nicht allein durch seine Wohlthaten, sondern auch dadurch aufmunterte, daß er ihnen einen freyen Zutritt zu sich verstattete. Kurz auf die Geburt Jesu Christi folgte der Tod des Herodes. Sein Königreich wurde unter seine Kinder getheilt, und der vornehmste Theil fiel nicht lange darauf in die Hände der Römer. August vollendete 8. seine Regierung mit vielem Ruhme. Tiberius, den er an Kindes statt angenommen hatte, folgte . 14. ihm nach, ohne daß ihm solches streitig gemacht wurde, und das Reich wurde der Familie des Cäsars, als erblich, zuerkannt. Rom mußte von der grausamen Staatskunst des Tiberius viel leiden; der übrige Theil des römischen Reiches 16. war ziemlich ruhig. Germanicus, des Tiberius Brudernsohn, besänftigte die aufrührischen . Kriegsheerc, schlug das Reich aus, überwand den kühnen ArminiuS, setzte seine Eroberungen 19» bis an die Elbe fort, und da er sich durch die 28. Liebe dieser Völker zu ihm den Neid seines Oheims zugezogen hatte, so brachte ihn dieser Barbar entweder durch den Verdruß, den er ihm anthat, oder durch Gift um. Im fünfzehnten Jahre des Tiberius erschien Johannes, der Täufer. Je- Zv» sus Christus ließ sich durch diesen seinen göttlichen Vorlaufer taufen; der ewige Bater erkennte seinen vielgeliebten Sohn durch eine Stimme vom Himmel; der heilige Geist fuhr unter der friedlichen Gestalt einer Taube auf den Erlöser herab; u2 Bischof Bossuets Einleitung Ich« nach herab; die ganze Dreyeinigkeit offenbarte sich» ^l.urt^ H'er fängt sich mit der siebzigsten Woche Da- Dan.?/ -4. niels die Predigt Jesu Christi an. Diese letzte Woche war die wichtigste/ und diejenige, welche am deutlichsten bezeichnet worden ist. Daniel hatte sie von den andern, als diejenige Woche abgesondert, wo der Bund bestätigt, und der alte Opferdienst seine Kraft verlieren sollte. Wir können sie die Woche der Geheimnisse nennen. Jesus Christus bestätigte seine Gesandtschaft darinnen durch seine Lehre und durch seinen Tod. gz. Dieser trug sich im vierten Jahre seines Lehramtes zu, welches auch das vierte Jahr der letzten Woche Daniels ist, lind diese große Woche wird durch diesen Tod gerade in die Hälfte getheilt. Nunmehr ist also die Rechnung dieser Wochen leicht zu machen, oder vielmehr schon gemacht. Man darf nur zu den 45z Jahren, welche man von dem Zoo Jahre der Scadt Rom, und von dein 2vsten Jahre der Regierung des Artarcrres an, bis auf den Ansang der gemeinen Zeitrechnung zählet, die dreyßig Jahre dieser Zeitrechnung setzen, von denen das letzte in das fünfzehnte Jahr der Regierung des Tiberius und in das Jahr der Taufe unsers Heilandes einfallt; so wird man aus diesen beyden Summen 48z Jahre herausbringen. Von den sieben Jahren, welche noch übrig sind, 490 Jahre vollzumachen, fällt das vierte mitten in diese letzte Jahrwoche, und ist eben das Jahr, in welchem Jesus Christus gestorben ist. Es ist deutlich, daß alle Weißagungen des ProphetenDaniels in den Zeit- Punkt eingeschlossen ist, den er sich vorgeschrieben in die allgemeine Geschichte, uz hat. Man würde nicht einmal einer so großen Jahre noch Richtigkeit nöthig haben, und es zwingt uns ^Af/^' nichts , die Mitte, welche Daniel bezeichnet hat, in einer so außerordentlichen Schärfe zu nehmen. Diejenigen, welche am schwersten zu be« friedigen sind, würden sich begnügen, wenn sie diese Mitte auf einige Weise zwischen den beyden äußersten Enden finden. Dieses sage ich aus der Ursache, daß diejenigen, welche ihre Gründe zu haben glauben, den Anfang der Regierung jdes Artqxerres, oder den Tod unsers Heilandes etwas früher oder später anzunehmen, daß diese, sageich, sich in ihrer Rechnung keinen Zwang anzuthun, diejenigen aber, welche sich unterstehen wollen, eine klare Sache durch chronologische Grübcleyen zu verwirren, ihre unnütze Spißfündigkeit fahren lassen sollen. Die Finsternisse, welche den ganzen Erdkreis im Mittage und gleich in dem Augenblicke, da Jesus Christus gekreuzigt wurde, bedeckten, wurden von den heidnischen Schriftstellern welche diese merkwürdige Begebenheit aufgezeichnet haben, für eine gemeine Sonnenfinsterniß angesehen *. Allein die ersten Christen haben gegen die Römer von dieser Verfinsterung, als von einem Wunder, geredet, welches nicht allem von ihren Geschichtschreibern, sondern auch in den. öffentlichen Registern angemerkt worden wäre. Sie « lll»rcli. XXVII, 45. ?K!eZ. Olymp. I'nzll. tiilt. z. lerrull. ^pnl, 21. OriA. conrr. Lell'. erlr.z^ in IVlstch. Luleb. er Hieran, in Lnron. Zul. Htric. ibiä. H ii4 Bischof Bossuets Einleitung Iahrenach Sie haben gezeigt, daß weder im Vollmonde, Christi Ge-wo Jesus Christus gestorben ist, noch in dem ^ ' ganzen Jahre, wo man diese Verfinsterung bemerkt hat, keine Sonnenfinsterniß habe seyn können, die nicht übernatürlich gewesen sey. Wir haben noch die eignen Worte des Phlegon, eines Freygelaßnen des Hadrianus, die zu einer Zeit angeführt worden smd,da man sein Buch, wie auch die syrischen Geschichten des Thallus, der ihm gefolgt ist, noch gehabt hat. Das vierte Jahr der 202 Olympiade,welches in den Jahrbüchern des Phlegon angegeben wird, ist das Sterbejahr unsers Heilandes. Jesus Christus geht aus dem Grabe am dritten Tage, auf daß alle Geheimnisse vollendet würden; er erscheint seinen Jüngern; er erhebt sich in ihrer Gegenwart in den Himmel zur Rechten seines Vaters; er sendet ihnen den Heiligen Geist; die Kirche wird gepflanzet; die 37- Verfolgung geht an ; der heilige StcphanuS 40. wird gesteinigt, und der heilige Paulus bekehrt. KurzdaraufstirbtTiberlus. Caligula, der Sohn seines VrudernsohneS, den er cm Kindes Statt angenommen hatte, ist sein Nachfolger, und seßt den Erdkreis durch seine grausame und viehische Thorheit in Erstaunen. Er laßt sich anbeten, und befiehlt, daß seine Bildscule in den Tempel zu / 4s. Jerusalem gesetzt werden soll. Ehäreas befreyt 48- die Welt von diesem Ungeheuer. Claudius kömmt, unangesehen seiner Dummheit, zur Re- 49. gierung. Er wird durch die Messaline, seine Gemahlinn, geschändet, die er wieder verlangt, nachdem er sie hat umbringen lassen. Man vermahlt in die allgemeine Geschichte. 115 mahlt ihn wieder mitAgripvinen, einerTochter des Jabre nach Germaniens. Die Apostel halten zu Jerusalem ei- ^"I^Gene Versammlung, wo der heilige Petrus vor allen Apost Gesch. zuerst spricht, wie er solches allerwegen thut. ^/zo. Die bekehrten Heiden werden daselbst von dem Joche des Ceremonialgesehes freygesprochen. Dieser Ausspruch wird im Namen des Heiligen Geistes und der Kirche gethan. Der heilige Paulus und der heilige Barnabas überbringen die Apost.Gesch. Verordnungen dieser Kirchenversammlung den Kirchen, und lehren die Gläubigen, daß sie sich denselben unterwerfen sollen. So sah die erste Kir-- 54. chenverjmnmlnng aus. Der einfaltige Kaiser enterbte seinen Sohn, BritannicuS, und nahm den Nero, den Sohn der Agrippina, an Kindes Statt an. Zur Vergeltung vergiftete sie diesen gutwilligen Gemahl. Allein die Regierung 5F4 ihres Sohnes war für sie so Wglücklich lind tragisch, als sie für das gemeine Wesen war, Cor- 60» bulo war derjenige, welcher dieser Regierung dadurch noch Ehre machte, daß er über die Par- 6z» ther und Armenier verschiedene Siege davon trug. Nero fing, zu einer Zeit, den Krieg wider die Jü- 6z. den, und die Verfolgung wider die Christen, an. 66. Er ist der erste Kaiser, welcher die Kirche ver- 67. folgt hat., Er ließ zu Rom den heiligen Pe- 68. trus, und heiligen Paulus umbringen. Allein, weil er zu eben der Zeit das ganze menschliche Geschlecht verfolgte, so empörte man sich an allen Orten wider ihn. Er erfuhr, daß ihn der 69. Senat verurtheilt hatte, und brachte sich selbst , - um. Jede Armee erwählte sich einen Kaiser; die Streitigkeiten darüber wurden bey Rom und H 2 in Ii6 Bischof Bossuets Einleitung ?ic nach in Rom selbst durch schreckliche Schlachten ent« burt^ schieden. Galba,Otho, und Vitellius kamen dabey um. Das Reich, welches so viel gelitten hatte, erholte sich unter dem Vespasian ; allein die Juden wurden auf das Aeußerste gebracht; Jerusalem wurde eingenommen und verbrannt. 75» Titus, der Sohn und Nachfolger des Vcspasians, verschaffte der Welt nur eine kurze Freude, und seine Tage, die er für verlohren hielt, wenn er an denselben nicht irgend einem Menschen eine Wohlthat erwiesen hatte, entflohen allzubald. ?Z» Man sah den Nero in der Person des Domi- tianus wieder aufleben. Die Verfolgung gieng von neuem an. Der heilige Johannes blieb in dem siedenden Oele unversehrt, und wurde auf die Insel Pathmos verwiesen, wo er seine Offenbarung schrieb. Kurze Zeit darauf schrieb er sein Evangelium, da er neunzig Jahre alt war, und vereinigte die Würde eines Evangelisten mit der Würde eines Apostels und Pro- phetens. Seit dieser Zeit wurden die Christen sowohl unter den guten, als unter den schlechten Kaisern beständig verfolgt. Diese Verfolgungen geschahen bald auf die Befehle der Kaiser, bald veranlaßte sie der Privathaß der Obrigkeiten, und bald der Aufruhr der Völker, oder sie wurden auch durch die Verordnungen des Senats, entweder auf die Ausschreiben der Kaiser, oder selbst in ihrer Gegenwart, beschlossen. Alsdann wurde die Verfolgung allgemeiner und blutiger, und auf solche Weise ermunterte sich der Haß der Ungläubigen, welche halsstarrig bey ihrem Vornehmen blieben, die Kirche zu zerstören, in die allgemeine Geschichte, n? bestandig zu neuen wütenden Anfällen. Wegen Jahre „och dieser vielmaligen Erneuerung ihrer Gewalttha- ^^tt ^ tigkeiten zahlen die Kirchengeschichtschreiber zehn Hauptverfolgungen unter zehn Kaisern. Unter ss langen Leiden machten die Christen doch nicht den geringsten Aufstand. Unter allen Kirchen wurde die römische mit der größten Wut verfolgt, und dreyßig Bischöfe bestätigten das Evangelium, welches sie der ganzen Erde verkündigten, mit ihrem Blute. Domitian wurde umgebracht, und 96. das Reich fing an, sich unter dcr Regierung des Nerva wieder ein wenig zu erholen. Sein ho- 9?. hes Alter ließ ihm nicht zu, die öffentlichen Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen; er erwählte aber den Trajan zu seinem Nachfol- xS, ger, damit doch die öffentliche Ruhe fortdauern möchte. Das Reich, welches von innen ruhig, und von außen sieghaft war, hörte nicht auf, einen so guten Fürsten zu bewundern. Er hatte sich aber auch den Grundsatz gemacht, daß seine Bürger einen solchen Herrn an ihm finden müßten, als er einen Kaiser wünschen würde, wenn rr ein bloßer Bürger wäre. Dieser Prinz über- 102. wand die Dacier und ihren König, Decebalus, setzte seine Eroberungen im Oriente fort, gab den 106. Parthern einen König, und war Ursache, daß sie die römische Macht fürchteten. Er war glück- 115. lich, daß ihn seine Trunkenheit und seine ehrlo- n6. sen Wollüste nicht verleiteten, etwas wider die Gerechtigkeit zu unternehmen. Aufdiese Zeiten, 117. welche der Republik so vortheilhaft waren, folgten die Zeiten des Adrianuö,.welche mit Gutem und mitBöftm vermischt waren. DieserPrinz H Z hielt n8 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach hielt eine gute Kriegszucht, lebte selbst so streng, burt.^' Soldat, und sehr mäßig, schaffte den Provinzen Erleichterung, und brachte die Künste, und Griechenland, ihre Mutter, in Aufnehmen. 120. Die barbarischen Völker wurden durch seine Waffen,und durch seinAnschen, in Furcht erhalten. 12z. Er baute Jerusalem wieder/ und nennte diese 126. Stadt nach seinem Namen, daher sie den Namen ,27. izo. Aclia hat; allein er verbannte die Juden daraus , welche sich bestandig wider das Reich em- izi. Porten. Diese Hartnäckigen fanden einen un- i)5. barmherzigen Rächer an ihm. Er verunehrte eine so rühmliche Regierung durch seine Grausamkeiten , und unmenschlichen und ungeheuern Wollüste. Sein ehrloser niederträchtiger An- rinous, aus dem er einen Gott machte, bedeckte scin ganzes Leben mit Schande. Der Kaiser schien seine Fehler wieder gutzumachen, und seinen verlöschten Ruhm wieder herzustellen, in- i?8. dem er den Antonin, den Frommen, an Kindes Start annahm, welcher wiederum den Marcus Aurelius, den Weisen und Philosophen, zu sei- ibi. „ein Sohne und Nachfolger erwählte. In diesen beyden Prinzen zeigten sich sehr schöne Charaktere. Der Vater lebte steck im Frieden , und war immer bereit, ihn seinen Feinden, 162« und dem Reiche zu geben. Sein Vater, Antonin, hatte ihn gelehrt, daß es besser wäre, einem einzigen Bürger das Leben zu erhalten, als tausend 169. Feinde zu schlagen. Die Parthcr, und Mar- comanner empfanden die Tapferkeit des Marcus Aurelius ; die letzten Feinde, die er überwältigt hatte, als er starb, waren die Deutschen. in die allgemeine Geschichte. 119 Die Tugend der beyden Antoninen machte diesen Mre »ach Rainen zur Lust des römischen Volkes. Der ^n^Ge, Ruhm dieses schönen Namens wurde weder durch izv, die Weichlichkeit des Lucius Verus, eines Bruders des Marcus Aurelius, und seines Mitregenten im Reiche, noch durch die viehischen Thaten des CommoduS, seines Sohnes und Nachfolgers, vertilgt. Dieser war eines solchen Vaters unwürdig, und vergaß seine Lehren und seine Beyspiele. Der Senat, und die Völker 192, verabscheuten ihn ; diejenigen unter seinen Hof- 19Z, leuten, welche ihm noch die meisten Aufwartungen machten, und seine Beyschläferinn, ließen ihn umbringen. Sein Nachfolger, Pertinax, ein muthiger Vertheidiger der Kriegszucht, mußte sich der Wut unbändiger und üppiger Soldaten aufopfern laßen, die ihn kurz vorher, wider seinen Willen, zur höchsten Gewalt erhoben hatten. Das Reich, welches von der Armee zum Verkaufe ausgeboten wurde, fand einen Käufer. Der Rcchtsgelehrte, Didius Iuliauus, r?-?. wagte diesen kühnen Kauf; allein er kostete ihm das Leben; Severus ließ ihn umbrin- -95» gen, rächte den Pertinax, gieng aus dem Oriente 198» in den Occident hinüber, triumphirte in Syrien, 207 u.f.I. in Gallien und in Großbritannien. Er, dieser 208« schnelle Eroberer, glich dem Cäsar in Ansehung seiner Siege; allein er ahmte dem Cäsar in der 209. Gnade nicht nach. Er konnte unter seinen Kin- 211. dem keinen Frieden stiften. Baßian, oder Ca- 21:. racalla, sein ältester Sohn, ein einfältiger und falscher Nachahmer Alexanders, des Großen, tödtete gleich nach dem Tode seines Vatcrs, sei- H 4 nen i2o Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach nen Bruder, Geta, der so gut, wie er, Kaiser ^dutt^ Schooße ihrer gemeinschaftlichen Mutter, Julia, brachte sein Leben in der Grausamkeit und mit Morden hin, und zog sich selbst ein trauriges Ende zu. SeveruS hatte ihm die Herzen der Soldaten und der Völker dadurch gewonnen, daß er ihm den Namen Antonin beygelegt hatte; allein er konnte die Ehre dieses 218. Namens nicht behaupten. Heliogabalus, oder vielmehr Elgabal, aus Syrien, sein Sohn, zum wenigsten nach der gemeinen Meynung , machte sich gar bald durch seine schändlichen Thaten zum Abscheu des menschlichen Geschlechtes, und stürzte sich in seinen Untergang, ob ihm gleich vorher der Name Antonin sowohl die Herzen der Soldaten, als.auch durch sie den Sieg über den 222. Macrin, zuwege gebracht hatte. Alexander Se- verus, ein Sohn der Mammaa, sein Verwandter und Nachfolger, lebte für das gemeine Wohl eine allzukurze Zeit. Er beklagte sich darüber, daß es ihm mehr Mühe kostete/ seine Soldaten im Zaume zu halten, als seine Feinde zu demü- s)5. thigen. Seine Mutter, die ihn regierte, war die Ursache seines Unterganges, wie sie die Ursache seines Ruhmes gewesen war. Unter seiner 2zz. Regierung brachte Artnrerxes, ein Perser, seinen Herrn, Artabanus, den letzten König der Parther, um, und stellte das Reich der Perser im Oriente wieder her. Die Kirche, welche noch im Wachsen war, erfüllte in diesen Zeiten die ganze Erde *, und nicht * lercuU. sävers. lud. 7 ^xol. z?. / in die allgemeine Geschichte. 121 nicht allein den Orient, wo sie ihren Anfang ge- Jahre nach nommen hatte, nämlich Palastina, Syrien, Ae- "hurt.^ gypten, Kleinasien, und Griechenland, sondern auch imOccidente, außer Italien, die verschiedenen Nationen der Gallier, alle spanischen Provinzen, Africa, Germanien, Großbritannien, und zwar in den Gegenden, wohin die römischen Waffen gar nicht hinbringen konnten, und noch außerhalb des Reiches, Armenien, Persien, und Indien. . den nicht einmal hatten einfallen lassen, sich solches zu wünschen. Andere Ursachen unterbrachen, oder verminderten die Heftigkeit der Verfolgung auf eine kurze Zeit. Allein der Aberglaube, ein Laster, welchem MarcuS Aurelius nicht entgehen konnte, der öffentliche Haß, und die Schmähungen, womit man die Kirche um ihre Ehre zu bringen suchte, gewannen gar bald die Oberhand. Die Wut der Heiden entzündete sich von neuem, und im ganzen Reiche strömte das vergossene Blut der Märtyrer. Die Lehre 2iZ« begleitete die Martern. Unter dem Kaiser, Severus, und kurz darauf, erleuchtete Tertullian, ein Priester zu Carthago, die Kirche durch eine vortreffliche Schutzschrift, und verließ endlich diese Kirche, weil er durch eine hochmüthige Strenge in die allgemeine Geschichte. 12z und durch die Träume des falschen Propheten, Jahre nach Montanus, verführt wurde. Beynahe um eben ^"^t ^' diese Zeit brachte der heilige Priester, Clemens, von Alexandricn, die Alterthümer des Heiden- thums ansucht, dasselbe damit zu beschämen und stumm zu machen. Origenes,ein Sohn des heiligen Märtyrers, LronidaS, machte sich in seiner ersten Jugend in der ganzen Kirche berühmt, und lehrte große Wahrheiten, die er mit vielen Irrthümern vermengte. Der Philosoph, Ainmonius/ bedient« sich der platonischen Philosophie zur Vertheidigung der christlichen Religion, und erwarb sich selbst unter den Heiden Ehrfurcht und Bewunderung. Unterdessen bestritten die ÄaKntinianer, die Gnostiker, und andere gottlose Sekten, das Evan- - gelium durch falsche Traditionen. Der heilige IreNäus " setzte ihnen die Tradition und das Ansehen der apostolischen Kirchen, und vornehmlich der römischen, entgegen, welche vom heiligen Petrus und vom heiligen Paulus gegründet worden , und die vornehmste unter allen war. Ter- tullian that eben dieses Die Kirche wird weder durch die Kcßereyen, noch durch die Spaltungen, noch durch den Fall ihrer berühmtesten Lehrer, erschüttert. Die Heiligkeit ihrer Sitten ist so herrlich, daß sie ihr selbst die Lobsprüche ihrer Feinde zuzieht. Die Angelegenheiten des Reiches' wurden 235, schrecklich verwirrt. Nach dem Tode Alexanders bemächtigte sich der Tyrann, Maximin, welcher * Iren, lid, III c. I, 2, z. ** Oe xraes^ aäv. Mcr. c> z6. » 124 BischofBossuets Gnleitung Jahre nach cher ihn umgebracht hatte, des Reiches, ob er Chnsti Ge- gleich nach seiner Herkunft ein Gothe war. ^ Der Senat setzte ihm vier Kaiser entgegen, welche alle binnen zween Monaten umkamen. Unter ihnen waren die beyden Gordianen, Vater und Sohn, welche vom römischen Volke sehr geliebt wurden. Der junge Gordian, ihr Sohn, bewies in seinen Thaten eine vollkommene Weisheit, ob er gleich noch in seiner ersten Jugend war, hatte aber viele Mühe, das Reich, das durch so viele Spaltungen geschwächt war, wider die Perser zu vertheidigen. Er hatte ihnen sehr S44. wichtige Pläße wieder weggenommen. Allein Philippuö, ein Araber von Geburt, erschlug ei- 245. nen so guten Prinzen, und gieng mit dem Könige in Persien, Sapor, einen schimpflichen Frieden ein, aus Furcht, von zween Kaisern überwunden zu werden, die der römische Senat nacheinander erwählte. Das ist der Erste unter den Römern, welcher einige iänder des Reiches durch einen Friedensvertrag aufgegeben hat. Man sagt, daß er die Religion der Christen zu der Zeit angenommen habe, wo er auf einmal besser zu werden schien, und es ist gewiß, daß er den Christen günstig gewesen ist *. Aus Haß gegen diesen Kaiser verfolgte Decius, der ihn umbrachte, die Christen aufs neue so heftig, als. noch niemals geschehen war. Die Kirche breitete sich auf allen Seiten aus, besonders in Gal- 249. lien und baö Reich verlohr den Decius bald, * Lulet.. Ndr. VI c. zy. ^ Lre^or. lur. I,ibr. l. ILÜor. krsnc. sü. « in die allgemeine Geschichte. 125 bald, der dasselbe tapfer vertheidigte. Die Ne- Jahre nach gierung des Gallus und Volusianus nahm bald ^A.^ ein Ende; Aemilian bestieg den Thron nur, so 251. wurde die höchste Gewalt schon dem Valerianus gegeben, und dieser ehrwürdige Greis kam wegen aller der Eigenschaften auf den Thron, die ihn dessen würdig machen konnten. Er war 257. nur gegen die Christen grausam. Unter seiner Regierung empfingen der heilige Bischof zu 258» Rom, Stephanus, und der heilige Cyprian, der Bischof zu Carthago, ungeachtet aller ihrer Streitigkeiten, welche ihre Gemeinschaft nicht aufgehoben hatten, beyde eben dieselbe Krone. Der 256. Irrthum des heiligen Cyprian6, welcher die Taufe der Ketzer, als unnütz und vergeblich, verwarf, schadete weder ihm, noch der Kirche. Dls Tradition des heiligen Stuhles behauptete sich durch seine eigene Stärke wider die scheinbaren Gründe, und wider das Ansehen eines so großen Mannes, obgleich auch noch andre große Männer eben diese Lehre vertheidigten. Eine andre 257« Streitigkeit richtete mehr Unheil an. Sabel- lius vermengte die drey Personen der Gottheit mit einander, und glaubte in Gott nicht mehr, als eine Person, welche aber drey Namen hätte Diese neue Lehre setzte die Kirche in Er- 259. staunen, und der heilige Dionysius, der Bischof von Alerandrien, entdeckte dem Pabste, dem hei» ligen Sirtus, dem Andern, die Irrthümer dieses Hauptketzers. Dieser heilige Pabst folgte dem heiligen Stephanus, seinem Vorgänger, im Märtyrertode bald nach; sein Haupt wurde ihm abge« » Lulsb. IM. LccleK llbr. VU e. 6. 126 Bischof Bossnets Einleitung Jahre nach abgeschlagen, und sein Diaconus, der heilige Lau- ^burt.^ ^entius, hatte einen schweren Kampf auszuhalten. 258.259. Damals fingen die Barbaren an, das römische 260, Reich zu überschwemmen. Die Burgunder, und andre deutsche Völker, die Gorhen, welche sonst Geten hießen, und gegen das schwarze Meer zu, über der Donau, wohnten, sielen in Europa eilt, und der Orient wurde von den asiatischen Scythen, und von den Persern, mit Krieg überzogen. Diese schlugen den Valerian, welchen sie hernach durch eine Untreue in ihre Gewalt bekamen, und, nachdem sie ihn sein Leben in eiucr beschwerlichen Sklaverey hatten zubringen lassen, als Treulose, erdrosselten, um seine zerrißne v6i. Haut,zumZeichen ihres Sieges,zu habey.Gallien, sein Sohn und Mitrcgent, vcrlohr vollends alles durch seine Weichlichkeit. Dreyßig Tyrannen 264. Heilten das römische Reich unter sich. Odenat, der König von Palmyra, einer alten Stadt, deren Stiffter Salamo seyn soll, war der Berühmteste unter allen. Er befreyte die orientalischen Provinzen von den Barbaren, und ließ sich von jhnen für ihren König erkennen. Seine Gemahlinn, Zenobia, zog mit ihm vor der Spiße seiner Kriegsheere her, die sie nach seinem Tode ^ allein anführte, und sich in der ganzen Wett dadurch berühmt machte, daß sie die Keuschheit mir der Schönheit, und die Wissenschaft mit der 268. Tapferkeit vereinigte. Claudius, d.er Andre, 270» und nach ihm Aurelian, brachten die Angelegenheiten des Reiches wieder in Ordnung. Unterdessen daß sie über die Gothen und die Deutschen herrliche Siege davon trugen, erhielt Ze- nobig ^!S?» .1-1« in die allgemeine Geschichte. 127 twbia ihren Kindern die Eroberungen ihresVa- Ichrenach terö. Diese Prinzessinn war zum Jüdenthume ge- neigt 5. UmsiezurKirchezubringen,lehrtePau- lus, von Samosata, der Bischof von Antiochien, ein eitler unruhiger Mann, seine jüdische Meynung von der Person Jesu Christi/ den er zu einem bloßen Menschen machte. Nachdem er diese neue Meynung lange verborgen gehalten hatte, wurde er auf der Kirchenversammlung zu Antiochien derselben überführt, und verdammt. Die Königinn, Zenobia, führte lange Zeit den 27z. Krieg wider den Kaiser, Aurelian, fort, wel- 274« chcr sich eine Ehre daraus machte, über eine so berühmte Frau zu triumphiren. Er machte die weise Einrichtung, daß seine Kriegsvölker, unter den beständigen Schlachten, die alte römische Kriegszucht beobachten lernten, und zeigte, daß man im Reiche, und außer dem Reiche, ohne ihm zur Last zu seyn, große Armeen unterhalten und gebrauchen könnte, wenn man die alte Ordnung, und die alte Mäßigkeit, einführte. Die Franken fingen dazumal an, sich furchtbar zu machen. Sie waren deutsche Völker, welche längst dem Rheine hin wohnten, und sich mit einander verbunden hatten **. Ihr Name 275. zeigt, daß sie die Liebe zur Freyheit mit einander vereinigt habe. Aurelian hatte sie, noch als ein Privatmann, geschlagen, und erhielt sie in der Furcht, da er Kaiser war. Dieser Prinz machte sich durch seine blutdürstigen Handlungen verhaßt. Sein * Lu5eb.tM,TccI. VII c. 27er 5e!i^, c. -s, 29, zs» Zl, z?. in die allgemeine Geschichte, izz geben hatte, nachdem er auö Italien vertrieben sichre na» worden war. Der übrige Theil des Occidentes ^U^' gehörte dem Maximian, seinem Sohne, Maxentius, und seinem Schwiegersohne, dem Con- siantin. Allein er wollte so wenig seine Kinder, als Fremde, zu Rcichsgenosscn haben. Er versuchte, seinen Sohn, Maxentius, aus Rom zu vertreiben, der ihn aber selbst daraus vertrieb. Constantin, der ihn in Gallien aufnahm, fand, Zio. daß er ihm eben so untreu war, als seinem Sohne. Maximian machte, nach verschiedncn Versuchen, seinen Schwiegersohn zu stürzen, das lehre Complot wider ihn, in welches er seine Tochter, Fausta, wider ihren Gemahl verwickelt zu haben glaubte. Allein sie hintergicng ihn, und Maximian, welcher den Constantin umgebracht zu haben glaubte, als er einen Verschnitt- nen getödtct hatte, der sich in sein Bette legen müssen *, wurde genöthigt, sich selbst das Leben zu nehmen. Nunmehr entzündete sich ein neuer z>2. Krieg. Maxentius erklärte sich, unter dem Verwände, seinen Vater zu rächen, wider den Constantin, welcher mit seinen Kriegsvölkern auf Rom losgieng. Zu gleicher Zeit liesi er die Bildseulen des Maximian umstürzen; die Bildseulen des Diocletians, welche neben jenen stunden, erfuhren ein gleiches Schicksal. Die Ruhe des Diocletians wurde durch diese Verachtung gestört, und er starb sowohl für Verdruß, als für Alter. In diesenZeiten that die StadtRom,welche immer eincFeindinn desChristenthums gewesen war, I Z den " I^Azm. idiä. c. 42, 4z. i)'4 Bischof Bossnets Einleitung Iohre nach den letzten Versuch, dasselbe zu vertilgen, und ^burt ^ richtete nichts weiter damit aus, als daß der Glaube der Christen völlig befestigt wurde *. Galerius. weichcr,von den Geschichrschrcibern,alS der Urheber der letzten großen Verfolgung, angegeben wird, nöihigte den Diocletian, zween Jahre vorher, ehe er ihn zwang, den Thron zu verlassen, den schrecklichen Befehl zu geben, die Christen heftiger, als jemals, zu ver- folgen. Maximian welcher sie haßte, und niemals aufgehört hatte, sie zu peinigen, feuerte die ' Obrigkeiten und Henker an; allein seine Gewaltthätigkeit, so außerordentlich groß sie auch war, reichte nicht an die Wut des Maximin und des GaleriuS. Man erfand alle Tage neue Todesarten. Die Schamhastigkeit der christlichen Jungfrauen ward so sehr angegriffen, als ihr Glaube. Man suchte die heiligen Schriften mit außerordentlicher Sorgfalt auf, ihr Andenken zu vertilgen, und die Christen unterstunden sich nicht, sie in ihren Hausern zu haben, oder sie zu lesen. Auf diese Weise wurde der Haß der Ver- folger,nach einer dreyhundertjahrigenVerfolgung, immer noch grimmiger. Die Christel, ermüdeten sie aber durch ihre Geduld. Die Völker wurden durch ihr heiliges Leben gerührt, und bekehr- zn. ten sich zu ganzen Haufen. Galerius verzweifelte an der Hoffnung, sie zu überwinden. Er ZlZ. wurde durch eine außerordentliche Krankheit bestraft, widerrief seine Befehle, und starb an dem Tode des Anriochus, in einer eben so heuchlerischen * Lu5. Vlll. IM. Lccl 16. äe vlr.c»M l, 57. I^Äanr. äe morre xers. 6 et 5h-z. in die allgemeine Geschichte, n schen Bußfertigkeit. Maximin setzte die Vcr- Jahre nach folgung fort; allein Constantin, der Große, ein ^W^Gc- weiser und siegreicher Prinz, nahm den christlichen Glauben öffentlich an. Diese berühmte Begebenheit, da sich Con-x>ie x? Txo- stantin zum Christenthums bekannte, trug sich im che. dreyhundert und zwölften Jahre unsers Heilan- ode / der des zu. Unterdessen als er den Maxentius in Friede in der Rom belagerte, erschien ihm vor aller Welt ein ^' Helles Kreuz in den Wolken, mit einer Aufschrift, die ihm den Sieg versprach. Eben dieses ward ihm durch einen Traum bekräftigt. Den Morgen darauf gewann er die berühmte Schlacht, welche Rom von einem Tyrannen, und die Kirche von einem Verfolger befreyte. Das Kreuz wurde,als derSchuh des römischenVolkes und des ganzen Reiches, überall aufgerichtet. Kurz darauf ziz. überwand Licinius, welcher mit dem Constantin einig war, den Maximin, welcher mit dem Ga- lcrius ein gleiches Ende nahm. Der Friede wurde in der Kirche hergestellt. Constantin überschüttete sie mit Ehrenbezeugungen und Gütern. Der Sieg j'olgte ihm überall nach, und die Barbaren wurden sowohl durch ihn, als durch seine Kinder, unterdrückt. Unterdessen veruneinigte sich Zi5» Luinius mit ihm, und erneuerte die Verfolgung. Er wurde zu Wasser und zu Lande geschlagen, Z24. und genöthigt, das Reich zu verlassen, und end- Z25. iich das Leben selbst zu verlieren. Um diese Zeit hielt Constantin zu Nicäa, in Bithynien, die erste allgemeine Kirchenversammlung, wo zu Bischöfe, welche die ganze Kirche vorstellten, den Priester Arius, einen Feind der Gottheit des Sohnes I 4 Gottes, !Z6 BischofBossuets Einleitung Jahre nach Gottes, verdammten, und ein Glaubensbekennk« ^burt^' niß aufsetzten, worinncn gelehrt wurde, daß der Sohn mit dem Vater eines Wesens wäre. Die Priester der römischen Kirche *, welche durch den Pabst, den heiligen Sylvester, dahin geschickt wurden, giengen allen Bischöfen dieser Versammlung vor, und ein alter griechischer Schriftsteller zahlt unter die Legaten des heiligen Stuhles den berühmtenHosius, den Bischof von Cordua, welcher bey der Kirchenversammlung den Vorsitz hatte**. Constantin nahm auch seinen Sitz unter den Bischöfen, und nahm ihreEntschei- dungen, als Aussprvche Gottes, an. Die Aria- ner verbargen ihre Irrthümer, und setzten sich durch ihre Verstellung wieder in seine Gnade. Z26. Unterdessen daß seine Tapferkeit das Reich in einer bestandigen Ruhe erhielt, wurde die Ruhe seiner Familie durch die Künste seiner Gemahlinn, Fausta, gestört. Crispus, ein Sohn Constan- tins, aber aus einer andern Ehe, wurde von dieser Stiefmutter angeklagt, daß er sie zu einer unerlaubten Liebe hatte verführen wollen, und fand einen unerbittlichen Vater an ihm. Sein Tod wurde bald gerächt. Fausta wurde ihrer falschen Anklage überführt, und im Bade erstickt. Obgleich Constantin durch die Bosheit seiner Gemahlinn entehrt worden war, so machte ihm doch zu gleicher Zeit die Frömmigkeit seiner Mutter viel Ehre. Sie entdeckte in den Ruinen des alten Jerusalems das wahre Kreuz unsers Hei- ' Lei. 5yric. ^cmc. Nic. libr. II, 6, 27. Siehe davon in? Anhange die Abhandlung von dem Sitze des Pabstes bev den ersten Kirchmver- sammlilngen. in die allgemeine Geschichte, iz? Heilandes, welches unzählige Wunder that. Mre mich Das heilige Grab wurde auch gefunden. Die ^At. neue Stadt Jerusalem, welche Adrianus hatte bauen lassen, die Grotte, worinnen der Heiland der Welt war gebohren worden, und alle heiligen Oer- ter wurden vomConstantin und seiner Mutter,He- lena, mit prächtigen Tempeln geziert. Der Kaiser zzo. baute vier Jahre darauf Vyzanz wieder auf; ernennte es nach seinem Namen, Constantinopcl, und machte die zweyte Residenz des Reiches daraus. Die Kirche, welche unter dem Constantin alle Ruhe genoß, wurde in Persien grausam verfolgt. Eine unzählige Menge Märtyrer bestätigten daselbst ihren Glauben. Die Mühe, welche ZZ6. sich der Kaiser gab, den persischen König, Sapor, zu besänftigen, und zum Christenthums zu bringen, war vergebens. Der Schutz desConstan-- tins verschaffte den Christen weiter nichts, als eine sichre Zuflucht. Dieser Prinz, welcher von zz?. der ganzen Kirche gesegnet wurde, starb voll Freude und Hoffnung, nachdem er das Reich unter seine drey Söhne, Constantin, Constan- tius, und Constanz, getheilt hatte. Ihre Eintracht wurde bald gestört. Constantin kam in dem Kriege um, den er mit seinem Bruder, Z4v. Constanz, wegen der Grenzen des Reiches, führte. Constantilis und Constanz waren eben so wenig einig unter einander. Constanz vertheidigte das nicänische Glaubensbekenntniß, welches Constan- tius bestritt. Damals bewunderte die Kirche die langen Leiden des heiligen AthanasiuS, des Patriarchen von Alerandrien, und des Vertheidigers des nicänischen Bekenntnisses. Er wur- Z4i. de vom Constantius von seinem Bischofthume I 5. ver- !Z8 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nack) vertrieben, und durch den römischen Pabst, dett '^burt.^ heiligen Julius, den Ersten ^, rechtmäßig wieder M. eingesetzt. Constantilis beschützte das Decret dieses Z51. Pabstes. Dieser gute Prinz regierte nicht lange. Der Tyrann, Marentius, brachte ihn durch Ver- räthercy ums Leben; allein er wurde bald wieder vom Constanz überwunden, und tödtete sich selbst. In der Schlacht, wo seine Herrschaft zu Grunde gieng, versicherte Valens, ein aricmischer Bischof, welcher von seinen Freunden heimliche Nachrichten hatte, den Kaiser Constanz, daß die Z5Z» Armee des Tyrannen in der Flucht begriffen wäre, und beredete den leichtgläubigen Kaiser, daß er solches aus einer göttlichen Offenbarung wüßte. Diese vorgegebene Offenbarung bewog ihn, sich den Arianern zu überlassen- Die rechtgläubigen Bischöfe wurden ihrer Aemter entsetzt; die ganze Kirche wurde in Verwirrung und Unruhen gebracht; die Standhaftigkeit des Pabstes, Liberius, gab endlich nach, der ins Elend verwiesen worden war, und die Verdrießlichkeit dieser Verweisung nicht länger ausstehen konnte. Die Martern machten, daß der alte Hosius, welcher 357» vordem einSchutz derKirche gewesen war,unterlie- ?59' gen mußte. Die Kirchenversammlung zu Nimini, die imAnfange sich so standhast bezeigt hattc,wurde am Ende überrascht, und gab der Gewalt nach. Nichts gieng ordentlich zu; das Ansehen des Kaisers wardas einzigeGescß. Allein die Arianer, welche dadurch alles vermochten/ konnten unter einander selbst nicht einig werden,und änderten ihrGlau- bensbekenntniß alle Tage. Das nicänischeGlau- vensbekenntniß bestund; der heilige Athanasius, und * 80c. Mlr, Lccl. Kbr. II c, !5> 8o?om. III, 8. in die allgemeine Geschichte. 159 und der heilige Hilan'us, der Bischof von Poi- Jahre nach tierS, die vornehmsten Vertheidiger desselben, ^Art.^ machten sich auf der ganzen Erde eineil ewigen Namen. Unterdessen daß der Kaiser Constanz mit den arianischen Angelegenheiten beschäftigt war, besorgte er die Angelegenheiten des Reiches sehr nachlaßig, und die Perser trugen große Vortheile davon. Die Deutschen, und die Franken, Z57. z;Z. versuchten von allen Orten her, in Gallien einzubrechen. Julian, ein Verwandter des Kai- Z59. fers, hielt sie auf, und schlug sie. Der Kaiser z6o. z6i» selbst überwand die ^-armatier, und zog gegen die Perser aus. Um diese Zeit empörte sich Julian wider den Kaiser, und wurde von der christlichen Religion abtrünnig. Constanz starb; Julian gelangte zumThrone; seineRegierung war billig, und gerecht; er verfolgte aber die Kirche auf eine ganz neue Art.Er unterhielt die Uneinigkeiten in derselben, schloß die Christen nicht allein von ql- len Ehrenamtern, sondern auch von den Wissenschaften aus, und glaubte, die Kirche mit ihren eignen Waffen zu bestreiken, da er die heilige Kirchenzucht derselben nachahmte. Die Martern und TodeSarten gebrauchte er nur mäßig, und sie wurden unter andern Vorwendungen, als unter dem Vorwande der Religion, anbefohlen. Die Christen blieben ihrem Kaiser getreu; Z6z. allein die Ehre, die er allzuheftig suchte, war die Ursache seines Unterganges. Er wurde in Per- sien umgebracht, wo er sich allzuverwegen in eine Schlacht eingelassen hatte. Jovian, sein Nach- Z64. folger, ein eifriger Christ, fand die Angelegenheiten des Reiches in verzweifelten Umständen, z66> Z67. und 14O BischofBossuets Einleitung Jahre »ach und lebte nur so lange, bis er einen schimpflichen 6br-'^ Ge- geschlossen hatte. Nach ihm führte Va- z6L. z?O. lentinian den Krieg, als ein großer Feldherr; er z?i. u. f. "ahm seinen Sohn, Gratian, von seiner ersten Jngend an, mit in den Krieg, hielt guteKriegs- zucht, schlug die Barbaren, legte Grenzfestungen des Reiches an, und beschützte im Occidentc den nicanis.hen Glauben. Valens, sein Bruder, den er zum Mitregenten annahm, verfolgte die rechtgläubige Kirche im Oriente < und da er den heiligen Basilius, und den heiligen GregoriuS Na;ianzenuS weder gewinnen, noch niederschlagen konnte, so verzweifelte er an seinem Siege über sie. Einige Arianer vermehrten die alten Lehren ihrer Ketzerey mit neuen Irrthümern. Ae- rius *, sin arianischer Priester, wird in den Schriften der Vater, als der Stifter einer neuen Keherey, bezeichnet, weil er das Priesteramt dem Bischofamte gleichschätzte, und die Bitten, und die Seelmessen, welche die Kirche für die Verstorbenen hielt, für unnütz erklärte. Der dritte Irrthum dieses Hauptketzers war dieser, daß er die Beobachtung gewisser bestimmter Fasten zur Knechtschaft des Gesetzes rechnete, und haben wollte, daß das Fasten frey seyn sollte. Er lebte noch,als sich der heilige Epiphanius durch sei- neGeschichte der Keßereyen berühmt machte,wo er Z7?« mit den andern widerlegt wird. Der heilige Martin wurde zum Bischöfe von Tours erwählt, und erfüllte die ganze Welt mit dem. Rufe seiner Heiligkeit und seiner Wunder, sowohl bey seinem Leben, als nach seinem Tode. Valcntmian starb nach * L^ixli. Iiser. 7). ^uZ. Kser. 5z. in die allgemeine Geschichte. 141 nach einer heftigen Rede, die er an die Feinde Jahre nach des Reiches hielt; sein ungestümer Zorn, der ^-^Ge, andern vor ihm eine Furcht einjagte, ward ihm endlich selbst schädlich. Sein Nachfolger, Gra- tian, sah die Erhöhung seines jungen Bruders, Valentinians, des ll, ohne Neid an. Man machte ihn zum Kaiser, ob er gleich nur erst neun Jahre alt war. Seine Mutter, Justina / eine Beschützerinn der Arianer, führte, während seiner Minderjährigkeit, die Regierung. Hier sah man in wenig Jahren verwundernswürdige Begebenheiten; die Gothen empörten sich wider den Valens; dieser Prinz verließ die Perser, die Rebellen zu unterdrücken; Gratian eilte ihm zu Hülfe, nachdem er einen herrlichen Sieg über die Deutschen davon getragen hatte; Valens, Z77- welcher allein überwinden wollte, eilte mit der Schlacht, und blieb nahe bey AdrianopoliS. Die sieghaften Gothen verbrannten ihn in einem Z?8. Stadtchen, wohin er geflohen war. Gratian, welcher von der Menge der öffentlichen Angelegenheiten beynahe zu Boden gedrückt wurde, nahm den großen Theodosius zum Mitregenten an, und übergab ihm die Herrschaft über den Orient. Die Gothen wurden überwunden, 379. und alle Barbaren in Furcht erhalten. Unter dem Theodosius, welcher sich der Angelegenheiten der Kirche nicht weniger annahm, verdammte die Kirchenversammlung zu Constanti- W. nopel die macedonianischen Ketzer, welche die Gottheil des heiligen Geistes leugneten. Es befand sich bey dieser Versammlung nur die griechische Geistlichkeit; die Einwilligung, die der Oc- cident, !42 Bischof Bossuets Einleitung Mre nach cident, und der Pabst, der heilige Damasus, lmrt. ihren Verordnungen gab, machte, daß diese Versammlung die andre allgemeine Kirchenversammlung genennt wird. Unterdessen daß Theo- dosiuö mit solcher Gewalt, und so glücklichem Z8z. Fortgange regierte, so wurde Gratian, der eben so tapfer, und eben so fromm war, von seiner ganzen Armee, die aus fremden Völkern bestund, verlassen, und dem Tyrannen, Maximus , aufgeopfert. Die Kirche und das Reich Z86. Z87. beklagten einen so guten Prinzen. Der Tyrann herrschte in Gallien, und schien, sich mit diesem Theile begnügen zu lassen. Die Kaiserinn, Justina, ließ, im Namen ihres Sohnes, zum Besten der arianischen Keßer, öffentliche Befehle verkündigen. Der heilige Ambrosius, der Bischof von Meiland, seßte ihr weiter nichts, als seine heilige iehre, sein Gebet, und seine Geduld entgegen, und richtete mit diesen Waffen so viel aus, daß er nicht allein der Kirche die Hauptkirchen erhielt, welche die Keßer einnehmen wollten , sondern auch das Herz des jungen Kaisers gewann» Unterdessen machte Maximus feindliche Bewegungen, und Justina fand keinen getreuern Unterthan, als eben diesen heiligen Bischof. Sie sendete ihn an den Tyrannen ab; allein seine Beredsamkeit konnte ihn nicht bewegen. Der junge Valentinian wurde genöthigt, mit seiner Mutter die Flucht zu ergreifen. Marimus bemächtigte sich der Stadt Rom, wo er die Opfer der falschen Götter wieder herstellte, dem Senate, Z88» welcher beynahe ganz aus Heiden bestund, gefällig zu seyn. Allein zu der Zeit, da er den ganzen Omdent eingenommen hatte, da er am sicher- in die allgetneine Geschichte. 14z sichersten zu seyn glaubte, schlug ihn Theodosius, Jahre nach dem die Franken beysiunden, in Pannonien, be-^«^ Gelagerte ihn in Aquileja, und ließ ihn seine eigne Soldaten umbringen. Nachdem also Theodosius über beydeReiche ein unumschränkter Herr war, so Z92. gab er die Herrschaft über denOccident dem jungen Valentinian wieder, der sie aber nicht lange behielt. Dieser Prinz erhob und erniedrigte den Arbogasten, einen Feldherrn der Franken, einen tapfern und uneigennützigen Soldaten, allzusehr, und dieser war doch fähig, die Gewalt, die er sich über die Kriegsvölkcr erworben hatte, mit allen Arten von Verbrechen zu behaupten. Er erhob den Tyrannen, Eugenius, zum Throne, der weiter nichts, als reden konnte, und brachte den Valentinian um, welcher den hochmüthigcn Franken nicht länger zum Herrn haben wollte. Dieser verabscheliungswürdige Streich gieng in Gallien, nahe bey Vienne, vor. Der heilige Ambrosius, welchen der junge Kaiser zu sich erfordert hatte, die Taufe von ihm zu erhalten, bedauerte seinen Untergang, und hatte die beste Hoffnung von seiner Seligkeit. Sein Tod blieb nicht ungerächt. Ein sichtbares Wunder gab dem Theodosius den 394» Sieg über den Eugenius, und über die falschen Götter, deren Dienst dieser Tyrann wieder hergestellt hatte. Eugenius wurde gefangen genommen; man mußte ihn der öffentlichen Rache aufopfern, und die Rebellion durch seinen Tod tilgen. Der trotzige Arbogast brachte sich lieber selbst um, als daß er zur Gnade des Ueberwin- ders seine Zuflucht nehmen wollte, da doch den übrigen Rebellen gnädig begegnet wurde. Theodosius -44 BischofBossuets Einleitung Iohrenach dosius allein wurde die Freude und Bewunde- ^lurt.^ ''^ ganzen Erdkreises. Er beschüßte die Religion; er ließ die Ketzer schweigen; schaffte die unreinen Opfer des Heidenthumeö ab, bestrafte die Weichlichkeit, und unterdrückte die schreckliche Verschwendung der Reichen. Er gestund seine Fehler demüthig, und that Buße da- Z90. vor. Er hörte den heiligen Ambrostus, diesen berühmten Kirchenlehrer, der ihn wegen seine« Zornes bestrafte, der das einzige Laster eines so Z95. großen Prinzen war. Er war immer sieghaft, und führte niemals Krieg, als wenn er dazu ge- Z96. nöthigt wurde. Er machte die Völker glücklich, und starb in Frieden, und sein Glaube machte ihn herrlicher, als seine Siege. Zu seiner Zeit begab sich der heilige Hieronymus in die heilige Grotte zu Bethlehem, und unternahm unglaubliche Arbeiten, die Schriftzu erklaren,las alle Ausleger durch, suchte alle heiligen und weltlichen Geschichten auf, die etwas zu ihrer Erläuterung beytragen konnten, und verfertigte eine Uebersetzung des ebräischen Originals, welche die ganze Kirche unter dem Namen der Vulgata angenommen hat. Das Reich, welches unter dem Theodo- sius unüberwindlich zu seyn schien, veränderte sich unter seinen beyden Söhnen auf einmal. ArcadiuS bekam den Orient, und Honorius den Occident zum Antheile. Beyde ließen sich von ihren Ministern regieren, und ihre Gewalt zur Beförderung der Privatangelegenheiten derselben M. dienen. Rufin, und Eutronzus, von denen einer Z99. nach dem andern ein Günstling des ArcadiuS wurde, kamen bald lim, und es lief darum mit in die allgemeine Geschichte. 145 den öffentlichen Angelegenheiten unter einem so schwa- -Mre »ach chen Prinzen nicht besser. Seine Gemahlinn, Eudo- ^'A^^'' xia, reizte ihn, den heiligen Johannes Chrysostomus, ' den Patriarchen zu Constantinopel, welcher das Licht des Orientes war, zu verfolgen. Der heilige Pabst, Innocentius, und der ganze Occident, unterstützten diesen großen Bischof gegen den TheophiluS, den Bischof von Alexandrien, den Beförderer der Gewaltthätigkeiten, welche die Kaiserinn ausübte. Der Occident 406. wurde von den Barbaren beunruhigt, welche ihn von allen Orten her überschwemmten. Radagaisus, ein Gothe, und ein Heide, verwüstete Italien. Die Vandalen, eine gothische und arianische Nation, nahmen einen Theil von Gallien ein, und breiteten sich in Spanien aus. Alaric, ein König der Gothen, arianischcr Völker, zwang den HonoriuS, ihnen diese, große Provinzen zu überlassen, welche schon von den Vandalen eingenommen waren. Stilico, der bey 4^8« der Menge dieser Barbaren nicht wußte, wie er sich helfen sollte, schlug sie bald, bald schonte er ihrer, bald verstund er sich mit ihnen, bald brach er wieder mit ihnen, opferte alles seinem Eigennütze auf, und erhielt doch dabey das Reich, dessen er sich selbst gern bemächtigen wollte. Unterdessen starb Arcadius, und hielt den Orient für so arm an guten Unterthanen, daß er den König in Pcrsien, Jsdegerdes, zum Vormunde seines Sohnes, Theodosius, machte, welcher acht Jahre alt war. Allein die Schwester des jungen Kaisers, Pulchcria, war fähig, für die öffentlichen Angelegenheiten Sorge zu tragen. Das Reich des Theodosius wurde durch die Tugend und Frömmigkeit dieser Prinzeßinn erhalten. Das Reich des HonoriuS schien, seinem Untergänge nah zu seyn. Er ließ den K Sti- 146 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach Stilico umbringen, und wußte dessen Stelle mit kel-- Evristi^Ge- ^ geschickten Staatsmanne wieder zu besetzen. 409. Die Empörung^des Constantin, der völlige Verlust Galliens, und Spaniens, die Einnahme und Plünderung der Stadt, Rom, welche Alaric mit seinen Völkern bewerkstelligte, erfolgten auf den Tod des Stilico. Ataulph, welcher noch wütender, als Alaric, war, plünderte Rom nochmals, und dachte darauf, den römischen Namen völlig zu vertilgen. Allein er nahm zum Glücke des Reiches die Schwester des Kaisers, 47z. Placidia, gefangen. Diese gefangne Prinzeßinn, mit 424. welcher er sich vermählte, besänftigte ihn. DieGothen traten mit den Römern in friedliche Unterhandlungen, 415. und schlugen in Spanien ihre Wohnungen auf, behiel- ' ten aber von Gallien die Provinzen für sich, welche an das pyrenäische Gebirge grenzen. Ihr König, Vallia, führte diese großen Absichten mit vieler Weisheit aus» Spanien bewies damals seine Srandhaf- tigkeit, und sein Glaube wurde unter der Regierung dieser Arianer nicht verderbt. Unterdessen nahmen die Burgunder, deutsche Völker, die Gegenden am Rheins ein, wo sie nach und nach das Land gewannen, das 420. noch ihren Namen führt. Die Frankeil vergaßen sich nicht; sie waren entschlossen, aufs neue zu versuchen, ob sie in Gallien eindringen könnten, und erhuben den Pharamund, den Sohn des Marcomirs, zur königlichen Würde, und die Monarchie Frankreich, welche unter allen auf der Welt die älteste und edelste ist, 42z. nahm unter ihm ihren Anfang. Der unglückliche HonoriuS starb ohne Kinder, ohne für dasBeste des 424. Reiches einige Anstalten gemacht zu haben. Theo- dosius ernennte seinen Vetter, Valentinian, den IN, einen Sohn der Placidia, und des Constantins, ih- m die allgemeine Geschichte. 147 res andern Gemahles/zum Kaiser, und übergab in seiner M?e nach Kindheit die Verwaltung der Regierung seiner Mutter, mit dem Titel einer Kaiserinn. In diesen Zeiten leug- nctcn Cölestius undPelagius dieErbsünde,und die Gnade, durch welche wir Christen sind. Ob sie gleich mit 41z. ihrer Lehre nicht öffentlich herauswollten, so wurden sie doch von den afrikanischen Kirchenversammlungen verdammt. Die heiligen Päbste, Jnnocentius, 4^6. und Zosimus, dessen Nachfolger der heilige Cöle- 41?» stin nach der Zeit wurde, bekräftigten ihre Verdammung der pclagianischen lehren, und machten ihren Ausspruch auf der ganzen Welt gültig. Der heilige Augustin widerlegte diese Keßer, und erleuchtete die ganze Kirche mit seinen vortrefflichen Schriften. Eben dieser Kirchenvater schloß den ^-emipelagianern den Mund, welche den Anfang der Rechtfertigung und des Glaubens allein der Kraft des freyen Willens zuschrieben. Der heilige Prosper, sein Schüler, stund ihm bey. Obgleich dieses Jahrhundert für das Reich so unglücklich war, und in der Kirche auch so viele KeHe- reyen aufkamen, so war es dennoch für das Christenthum sehr glücklich. Keine Unruhe erschütterte die Kirche; keine Keßerey verderbte sie. Die Kirche war an großen Mannern fruchtbar, welche alle diefe Irrthümer widerlegten. Nachdem die Verfolgungen ein Ende genommen hatten, so gefiel es Gott, die Ehre seiner Märtyrer herrlich werden zu lassen; alle Schriften und Geschichten sind von den Wundern voll, die ihre erbetne Hülfe, oder ihre geehrten Gräber, auf der ganzen Erde thaten. Vigilantius *, welcher 406» sich diesen so bekannten Lehren widerseßte,wurde von dem heiligen Hieronymus widerlegt, und hatte keinen An- K 2 hang. * Klisr. Lon. VirZil. Lennaä. äe Lcrixr. Lcclell i48 BischofBoffuets Einleitung I-chre noch hang. Der christliche Glaube befestigte sich, und breitete ^ wtt ^ alleTage mehr aus.Allein das römische Reich im Oc- cidente hatte keine Kräfte mehr. Es wurde von so vielen Feinden angefallen, und durch die eifersüchtige und neidische Uneinigkeit seiner Generale nach und nach völlig geschwächt. Bonifacius, dcr Comes von Africa, wurde durch die Künste des Aetius der Placidia verdächtig. 427. DerComes,dem man übel begegnet hatte.riefdenGense- ric und die Vandalen aus Spanien, woraus sie von den Gothen vertrieben worden waren, und er bereute es allzu spät, daß er sie herüber gerufen hatte. Africa wurde dem Reiche entrissen. Die Kirche hatte von der Gewaltthätigkeit dieser Aricmer unendliche Martern auszustehen, und sah eine unzählige Menge Märtyrer krönen. In diesen Zeiten entstunden zwo rasende Ke- 429. Hereyen. Nestorius, der Bischof von Constantinopel, trennte die Person Jesu Christi; und zwanzig Jahre darauf vermengte Eutyches, ein Abt, die beyden Naturen in Christo. Der heilige Cyrillus,der PatriarÄ von Alerandrien, widersetzte sich dem Nestorius, welcher vom Pabste, Cölestin, verdammt wurde. Die dritte allgemeine Kirchenversiimmlung, welche die Cphesini- sche genennt wird, vollstreckte diesen Ausspruch, setzte den Nestorius ab , und bekräftigte die Verordnung des Pabstes, Cölestin, welchen die Bischöfe der Kirchcn- versammlung in ihren Aussprüchen ihren Vater nen- nen. Die heilige Jungfrau Maria wurde fürdic Mutter Gottes erkannt, und die Lehre des heiligen Cyrillus * auf der ganzen Erde angenommen. Thcodosius weigerte sich zwar eine Zeitlang, unterwarf sich aber endlich doch der Kirchenversammlung, und verbannte 4Zi. den Nestorius. Eutycheö,welchcr diese Keßercy nicht anders * ?»rr. U. conc. LxKe5 ^Ä, I. 5snr. äexo5Nen. in die allgemeine Geschichte. 149 ders bestreiken konnte, als daß er auf eine andre Aus- Jahre schweifung gerieth, wurde eben so muthig verwor- fen. Der heilige Pabst, Leo, der Große, verdammte und widerlegte ihn zugleich durch einen Brief, der von der ganzen Welt verehrt wird. Die vierte 45?« allgemeine Kircheiwersammlung, welche zu Chalce- don gehalten wurde, wo dieser große Pabst, sowohl wegen seiner Lehre, als wegen des Ansehens seines Stuhles, den obersten Sitz hatte, that den Eutyches, und den Dioscor, den Patriarchen von Alercmdrien, den Beschützer des Eutyches, in den Bann. Der Brief der Kirchenversammlung an den heiligen Leo zeigt, daß er unter ihr durch seine Legaten, nicht anders, als das Haupt bey seinen Gliedern, der Oberste war, und die vornehmste und entscheidende Stimme hatte Der Kaiser, Marcian, war selbst bey dieser Kirchenversammlung nach dem Beyspiele Constan- tins zugegen, und nahm ihre Aussprüche mit eben der Ehrfurcht an. Kurz vorher hatte ihn Pulcheria zur kaiserlichen Würde erhoben, indem sie sich mit ihm vermahlt hatte. Sie war nach dem Tode seines Bruders, als Kaiserinn, erkannt worden, weil er keinen Sohn nachgelassen hatte. Allein man mußte dem Reiche einen Herrn geben, und die Tuzend des Marcian verschaffte ihm diese Ehre. W Ehrend diesen beyden Kirchenversammlungen machte sich Thco- doret, der Bischof von Cyr,in Syrien bekannr,und seine Lehre wäre ohne Flecken, wenn nicht die heftigen Schrif- ten,welche er wider den heiligenCyrill schricb,allzugroßer Erläuterungen nöthig gehabt hätten. Er erklärte sich we- , gen dieser Schriften, als ein redlicher Mann, und wurde daraufmit unter die rechtgläubigen Bischöfe gerechnet. K z Die ^ Kel. 8. L^noä. Lbslc. sä I^eon. Lonc. ?arr. III. I5<5 BischofBsssuets Einleitung Jahre nach Die Gallier fingen an, die Herrschaft der Franken butt^' erkennen. AetiuS vertheidigte sie wider den Pha- ramond und Clodius mit den langen Haaren; allein Meroväus war glücklicher, und setzte sich daselbst fest, fast zu eben der Zeit, da die Angelsachsen, welche sächsische Völker waren, Britannien einnahmen. Sie gaben diesem Reiche ihren Namen, und stifteten verschiedne Königreiche daselbst. Unterdessen verwüsteten die Hunnen, welche vom schwarzen Meere herkamen, mit einer unzähligen Kriegsmacht, unter 452» der Anführung des Attita, des Schrecklichsten unter allen Menschen, beynahe den ganzen Erdkreis. Ae- tius, welcher ihn in Gallien schlug, konnte ihn nicht abhalten, Italien zu verwüsten. Die Inseln im adriatischen Meere mußten vielen zu einer Zuflucht wider seine Wut dienen. Venedig erhob sich mitten aus dem Meere. Der Pabst, der heilige Leo, war mächtiger, als AetiuS, und die römischen Kriegshecre; er setzte sich bey diesem barbarischen und heidnischen Könige in Ansehen, und errettete Rom von der Plünderung. Allein die Wollust ihres Kaisers, Valenti- nians, stürzte sie bald darauf in dieses Unglück. Maximus, dessen Gemahlinn er mit Gewalt gemis- braucht hatte, fand einen Weg, ihn in den Untergang zu stürzen, indem er seinen Schmerz verstellte, und sich aus seiner Gefälligkeit gegeil den Kaiser ein Verdienst zu machen schien. Der Kaiser ließ sich durch seine betrügerischen Rathschläge verleiten, den Aetius, den einzigen Beschützer dos Reiches, mit eigner Hand 454. umzubringen. Maximus, der eigentliche Urheber dieses Mordes, reizte die Freunde des AetiuS zur Rache, und ließ den Kaiser umbringen. Auf diesen 455« Stufen stieg er Zum kaiserlichen Throne, und nöthigte die in die allgemeine Geschichte. 151 die Kaiserinn, Eudoxia, eine Tochter des jungen Theo- Jahre nach dosius, ihn zum Gemahle anzunehmen. Sie scheute Ge- sich nicht, sich in die Gewalt des vandalischen Gen- sericö zu begeben, um nur den Handen des Maximus zu entgehen. Rom wurde ein Raub der Barbaren; der einzige heilige Leo verhinderte es noch, daß nicht alles mit Feuer und Schwerdte verheert wurde. Das Volk zerriß den MarimuS, und das war der einzige traurige Trost, den es in seinem Unglücke hatte. Al-- 456. lcs gcrieth im Occidente in Verwirrung. Es warf 4s/. sich einer nach dem andern zum Kaiser auf; aber sie nahmen alle fast zu einer Zeit wieder ein Ende. Ma- jorian war der Berühmteste unter ihnen. Avitus 458« behauptete seinen Ruhm sehr schlecht, und rettete sich durch ein Bischofthum. Man konnte Gallien nicht mehr, weder gegen den Meroväus, noch gegen den Childeric, seinen Sohn, vertheidigen; dieser aber wäre beynahe wegen seiner Wollüste umgekommen. Seine Unterthanen verjagten ihn; allein 465. ein getreuer Freund, der ihm noch übrig geblieben war, brachte es dahin, daß er wieder zurückberufen wurde» Seine Tapferkeit machte ihn seinen Feinden furchtbar, und er drang mit seinen Eroberungen sehr tief in Gallien ein. Das Kaiserthum im Oriente war unter der 474. Regierung des Leo Thrax, eines Nachfolgers des Mar- 475. cians, und unter dem Zeno, dem Schwiegersöhne, und Nachfolger des Leo, ganz ruhig. Der Aufruhr 476» des Basiliskus wurde bald unterdrückt, und verursachte diesem Kaiser nur eine sehr kurze Unruhe. Allem das Kaiserthum im Occidente gieng ohne alle Hoffnung verlohren. Augustus, ein Sohn des Orestes, den man Augustulus nannte, war der Letzte, der in Rom für einen Kaiser erkannt K 4 wurde. 152 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach wurde. Odoacer, ein König der Heruler, seßte die- ^brist^Ge- ^„ Kaiser bald nach dem Antritte seiner Regierung ab. Dieses waren Völker, welche vom schwarzen Meere herkamen. Ihre Herrschaft dauerte nicht lange. Im Oriente unterfing sich der Kaiser, Zcno, sich auf eine unerhörte Weise hervorzuthun. Er war der Erste unter den Kaisern, welcher sich in die Entscheidung und Bestimmung der Glaubensfragen mengte. Unterdessen baß sich die Semieutychiancr der chalcedonischen Kirchenvcrsammlung widersetzten, 482. machte er wider sie sein Henoncon, oder seinen Vcr- einigungsbefehl, bekannt, welcher von den Katholiken verabscheut, und vom Pabste, Felix, dem Dritten, verdammt wurde. Theodoric, der König der Ostgothcn, 48?. oder der orientalischen Gothen, vertrieb die Heruler 4.90. aus Rom, stiftete das Königreich Italien, und ließ die freye Uebung der katholischen Religion zu, 491. 492. ob er gleich ein Arianer war. Allein im Oriente beunruhigte sie der Kaiser, Anastasius. Er trat in die Fußstapfen des Zeno, seines Vorgangers, und 494. schützte die Ketzer. Dadurch machte er die Gemüther des Volkes von sich abwendig, und konnte sie niemals wieder gewinnen, ob er sie gleich von vielen schweren Auslagen befreyte. Italien gehorchte dem Theodoric. Odoacer, welcher in Ravenna bedrangt wurde, that den Versuch, sich durch eineil friedlichen Vergleich zu retten, den aber Theodoric nicht hielt, daß also die Heruler gcnörhigt wurden, alles zu verlassen. Theodoric hatte außer Italien auch die 494« Provence in seiner Gewalt. Zu seiner Zeit fing der heilige BenedicruS, welcher sich in Italien in eine Wüste begeben hatte, von seinen zartesten Jahren an, die heiligen Grundsätze in Ausübung zu bringen, wor- in die allgemeine Geschichte. 15z aus er nachgehends die heiligen Ordensgebräuche ver- Ichre nach fertigte, welche alle Mönche im Occidcnte mit eben der Ehrfurcht annahmen, mit welcher die Mönche im Oriente die Vorschriften des heiligen BasiliuS beobachteten. Ciovis, ein Sohn des Childeric, trug so viele Siege über die Römer davon, daß sie endlich Gallien ganz verlchren. Er trug auch über die 495« Deutschen den Sieg in der Schlacht bey Tolbiac davon, nachdem et das Gelübde gethan hatte, die christliche Religion anzunehmen, wozu ihn seine Gemahlinn, Clotilde, immer zu bewegen suchte. Sie war aus dem Hause der Könige von Burgund, und eine eifrige Katholikinn, obgleich ihre Familie und ihre Nation Arianer w.aren. Clovis, welcher durch den heiligen Vaast unterrichtet worden war, wurde mit seinen Franzosen, zu RheimS, von dem heiligen Remi, dem Bischöfe dieser allen Hauptstadt, getauft. Er war der Einzige unter den Fürsten auf der Welt, welcher die katholische Religion beschützte, und erwarb dadurch sich, und seinen Nachfolgern, den Namen der Al!er, den Bann that. Der heilige Marimus, welcher im ganzen Oriente seiner Frömmigkeit, und seiner Lehre wegen berühmt wurde,verließ den Hof, welcher von der neuen Keßerey ganz angesteckt war, bestrafte die Kaiser öffentlich, welche sich unterstanden hatten, Glaubensfragen zu entscheiden, lind stund für die rechtgläubige Reli- 65c?. gion unzählige Martern aus. Der Pabst wurde von ei- 654. nemOrte zum andern verwiesen; der Kaiser verfolgte ihn beständig, und endlich starb er unter seinen ieiden, ohne sich zu beklagen, und ohne in den Pflichten läßig zu werden, die er seinem Amte schuldig war. Unterdessen machte sich die neue englische Kirche, welche durch die Sorgfalt der Päbste, Bonifacius, des V, und des Honorius, immer mehr befestigt wurde, auf der ganzen Erde berühmt. Die Wunder waren, wie zu den Zeiten der Apostel, daselbst so häufig, wie die Tugenden, und nichts war daselbst herrlicher, als die Heiligkeit der Könige. Eduin nahm mit seinem gan- 627. zen Volke den Glauben an, der ihm den Sieg über seine Feinde zuwege gebracht hatte, und bekehrte seine Nachbaren. Oswald diente den Predigern des Evan- 654. L gelii 162 Bischof Bossütts Eillleitung Jahre nach gelii zum Dolmetscher, uiid ob er gleich wegen seiner Christi Ge- Eroberungen berühmt war, so zog er doch diesem "5^. Ruhme, den Ruhm, ein Christ zu seyn, vor. Die Mercier wurden vom Osvin, dem Könige in Northum- berland, bekehrt; ihre Nachbarcn und Nachfolger traten in ihre Fußstapfen, und ihre guten Werke waren unzahlbar. Im Oriente gieng alles zu Grunde. Unterdessen daß die Kaiser ihre Zeit mit ReligionSstreitigkeiten zubrachten, und Ketzereyen erfanden, drangen dieSa- 654. racenen ins Reich; nahmen Syrien lind Palastina 6z5. hinweg; die heilige Stadt mußte ihnen unterwürfig seyn; Persien stand ihnen wegeil der innerlichen Zwi- 6z6. siigkeiten offeil, und sie nahmen dieses große König- 6z/. reich ohne Widerstand weg. Siegiengen nach Africa, und waren so mächtig, daß sie gar bald eine ihrer 647. Provinzen daraus machen konnten. Die Insel Cy- 648. pern wurde ihnen unterwürfig, und sie vereinigten in welliger denn dreyßig Jahren alle diese Eroberungen mit den Eroberungen Mahomets. Italien, das immer unglücklich und verlassen war, seufzte unter den Waffen der Lombarden. Constcmz ließ alle Hoffnung fahren, sie zu vertreiben, und faßte den Entschluß, dasjenige zu verwüsten, was er nicht behaupteil konnte. 66z. Er wurde grausamer, als die Lombarden selbst, und kam nach Rom, aber nur in der Absicht, die Schätze der Stadt zu plündern; die Kirchen selbst konnten sich vor ihm nicht retten; Sicilien und Sardinien wurden verheert; und nachdem er sich aller Welt verhaßt gemacht 66Z. hatte, wurde er von den Seinigen umgebracht. Die Saracenen bemächtigten sich unter seinem Sohne, Constantin, dem Bärtigen, der Provinzen Cilicien 571.672. und Lycien. Constantinopel, welches sie belagerten, wurde in die allgemeine Geschichte. 165 wurde noch durch ein Wunderwerk befreyct. Die Jahre »ach Bulgaren, welche von den Gegenden, wo sich die Wolga in die See ergießt, herkamen, vereinigten sich ' mit allen den Feinden, von welchen das Reich bedrängt wurde, und nahmen den Theil vonThracien ein, der ieht Bulgarien genennt wird, und vordem Mysien geheißen hat. i Die englische Kirche gebahr andre neue Kirchen.- Der heilige Wilfried, der Bischof von Jork, wurde aus seinem Bischofthume vertrieben, und bekehrte Friebland. Der ganzen Kirche wurde durch die 68o. sechste allgemeine Kirchenversammlung ein neues Licht angezündet. Sie wurde zu Constantinopel gehalten, der heilige Pabst, Agathon, sendete Legaten dahin, welche die Oberstelle einnahmen, und das meiste zu sprechen hatten; er selbst aber erklärte den katholischen Glauben in einem vortrefflichen Schreiben. Die Kirchenversammlung that einen Bischof, der wegen seiner Lehre sehr berühmt war, einen Patriarchen von Alerandrien, vier Patriarchen von Constantinopel, mit einem Worte, alle Stifter der Keßerey der Monotheliten, in den Bann, ohne selbst den Pabst, Honoriuö, zu schonen, der ihrer geschont hatte. Nach dem Tode Agathons, welcher, wahrend der Kirchen- , Versammlung, starb, bekräftigte sein Nachfolger, der heilige Leo, der ll, alle Aussprüche derselben, und ließ alle diejenigen im Banne, welche von ihr verdammt worden waren. Constantin, der Bärtige, welcher ein Nachahmer Constantins, des Großen, und des Kaisers, Marcians, war, kam selbst in diese Kirchenversammlung , und weil er alle ihre Aussprüche mit eben der Ehrfurcht, als jene, annahm, so wurde er mit eben den Titeln, als jene, mit den Namen eines rechtglau- L 2 bigen. !64 Bischof Bossuets Einleituilg Iahrenach bigen,eincsfrommen,undsricdliebendenKa'sersbeehrt/ lmtt man sagte ihm zum Ruhme, daß er die Religion 6^. wieder hergestellt hätte. Sein Sohn, Justinian, der II, 6Z5^ ward sein Nachfolger, als er noch ein Kind war. Zu feiner Zeit breitete sich der Glaube in Norden aus, 689. und wurde daselbst verherrlicht. Der heilige Kilicm wurde vom Pabste, Conon, nach Franken gesendet, und verkündigte daselbst das Evangelium. Zu den Zelten des Pabstes, Sergius, kam Ceadual, einer von den König«! in Engelland, persönlich nach Rom, zur römischen Kirche überzutreten, deren Glaube bis in seine Insel gedrungen war. Nachdem er von den Händen des Pabstes selbst die Taufe empfangen hatte, starb er, wie er sich solches gewünscht hatte. Das Haus des Clovis war in eine bedauernswürdige Schwachheit gefallen. Die Prinzen waren immer minderjährig gewesen/ weim sie die Regierung angetreten hatten,und dieses hatte Gelegenheit gegeben, siezu einer Weichlichkeit zugewöhnen, welcher sie nicht loswerden konnten, wenn sie mündig wurden. Daher kam eine lange Reihe nichtswürdiger Könige, welche von der königlichen Würde nichts als den Namen König hatten, und alle Gewalt den Oberhofmar- 69?. schallen überließen. Unter diesem Titel herrschte Pi- 695. pin Heristel über alles, und erhob seine Familie so hoch, daß sie alles hoffen konnte. Sein Ansehen machte es, daß der Glaube, nach dem Tode des heiligen Wigbert, in Friesland ausgebreitet wurde, welches Frankreich erebert hatte. Der heilige Swibert, der heilige Willelrod, und andre apostolische Manner, breiteten die eva-> Mische ehre in den benachbarten Proviinen aus. Umerde^'n war die Minderjährigkeit des Kaisers/ Iustim'ans, glücklich vergangen. Die in die allgemeine Geschichte. 165 Die Siege des Leontius hatten die Saracenen gede- Jahre nach müthigt, und die Ehre des Reiches im Oriente wie- ^^^'^^ der hergestellt. Allein dieser tapfre Feldherr, welcher unrechtmäßiger Weise angehalten, und zur unrechten Zeit wieder losgelassen wurde, ließ seinem 694» Herrn die Nase abschneiden, und vertrieb ihn. Die- 696. sem Nebellen wurde vom TiberiuS, AbsimareS genannt, eben so begegnet, welcher aber auch nicht lange bey der Regierung blieb. Iusiinian, welcher wieder auf 7^2. den Thron gesetzt wurde, war gegen seine Feinve undankbar, und indem er sich an seinen Feinden rächte, so erweckte er sich noch weit fürchterlichere Freunde, 7". welche ihn umbrachten. Die Bildnisse deöPhilippi- cus, seines Nachfolgers, wurden in Rom nicht angenommen , weil er den Monotheliten günstig war, und sich wider die sechste allgemeine Kirchenversammlung erklärte. Man erwählte zu Constantinopel, Ana- 7^3* stasius,den II, einen rechtgläubigen Prinzen, und dem Philippicus wurden die Augen ausgestochen. Um diese Zeit waren die Wollüste des Königes, Roderich, oder Rodrigo, Ursache, daß Spanien den Mohren überliefert wurde; so wurden die asricanischen Saracenen genannt. Der Graf, Julian, der seine Tochter rächen wollte, die sein König misbrauchte, rief diese Ungläubige!: nach Spanien. Sie kamen mit unzähligen Heeren; dieser König kam um: Spanien mußte ihnen unterwürfig werden, und das Reich der Gothen hatte ein Ende. Die spanische Kirche wurde damals in eine neue Versuchung geführt. Allein da sie sich unter den Arianern erhalten hatte, so konnten sie die Mahometaner auch nicht überwältigen. Sie ließen der Kirche im Anfange noch Freyheit genug; allein in den folgenden Iahrunderten mußte sie große An- L z falle i66 Bischof Bossuets Einleitung ?Hre nach falle aushalten. Die Keuschheit und der Glaube ^"burt^' hatten unter der Tyrannei) einer so viehischen, als un- 7l?. gläubigen Nation ihre Märtyrer. Die Regierung des Kaisers, Anastasius, dauerte nicht lange. Die Armee nöthigte denTheodosius,den III, die Krone anzunehmen. Hier mußte gestritten seyn: Der neue Kaiser gewann die Schlacht, und Anastasius wurde in ein Kloster gesteckt. Die Mohren, welche Herren über Spanien waren, machten sich Hoffnung, daß sie sich über die pyrenaischen Gebirge würden ausbreiten tonnen. Allein Carl Martel war dazu bestimmt, sie zu unterdrücken. Er hatte sich in Frankreich in die Höhe geschwungen, und, ob er gleich ein unehliger Sohn des PipinHeristel war,dcnnoch seine Macht überkommen. Dieser Pipin hatte seinem Hause Australien, als ein freyes Fürstenthum, und die Herrschaft über Neustrien mit der Würde ^ines Obcrhofmar- 716» schalles, überlassen. Carl vereinigte durch seine Tapferkeit alles zusammen. Die Angelegenheiten des Orients waren in der größten Verwirrung. LeoIsau- ricuö, welcher über den Orient geseht war, wollte den TheodosiuS nicht erkennen, welcher auch das Reich freywillig wieder verlicß,wcil man ihn gezwungen hatte, dasselbe anzunehmen. Er begab sich nach Ephesiis, und beschafftigte sich nur mit Dingen, welche eine wahre Größe haben. Die Saracenen wurden wahrend der Regierung des Leo oft und hart geschlagen. 718. Sie mußten die Belagerung vor Constantinopel auf- 71?. heben, und mit Schimpfe wieder abziehen. Pcla- gius, welcher sich in den Gebirgen von Asturien mit den Tapfersten und Herzhaftesten unter den Gorhcn gelagert hatte, trug einen herrlichen Sieg über die Saracenen davon, und sehte diesen Ungläubigen ein neues in die allgemeine Geschichte. 167 neues Königreich entgegen, dessen Beherrscher sie Iahrenach künftig einmal aus Spanien vertreiben sollten. So ^^rt.^' viel Mühe sich auch die unzählbare Armee des Ab- ' derames, ihres Heerführers, gab, über die Franzosen zu triumphiren/ so trug dennoch Carl Martel in der berühmten Schlacht bey Tours den Sieg über sie davon. Es kam eine unzahlbare Menge dieser Ungläubigen in diesemTrcffen um,und ihr Anführer blieb selbst aufdcm Platze. Dieser Sieg, durch welchen Carl den Mohren Einhalt that, wurde von vielen andern Vortheilen begleitet. Er erweiterte die Grenzen seines Reiches bis an die pyrenaischcn Gebirge. In Gallien gehorchte alles den Franzosen, und alle erkannten den Carl Martel für ihren Herrn. Er war im Frieden und im Kriege mächtig, und ein unumschränkter Herr über das Königreich; er herrschte unter verschiednen Königen, die er, wie es ihm einfiel, bald einsetzte, bald absetzte, ohne sich zu unterstehen, diesen großen Namen selbst anzunehmen.! DerNeid der Großen unter den Franzosen mußte aufdiese Weise hintcrgangen werden. 72z. Die Religion sing an, in Deutschland ausgebreitet zu werden. Der heilige Bonifacius, ein Priester, bekehrte diese Völker, und wurde vom Pabste, Gre- gorius, dem II, der ihn dahin gesandt hatte, zum Bischöfe in Deutschland gemacht. Das Reich war dazumal ziemlich ruhig; allein Leo setzte es in lang anhaltende Unruhen. Er unterfing sich, die 726« Bilder Jesu Christi, und seiner Heiligen, umzustürzen, als wenn es Götzenbilder waren. Da'er den heiligen Germanus, den Patriarchen von Constantinopel, nicht auf seine Seite bringen konnte, so that er solches eigenmächtig. Man sah ihn, nach einer Verordnung des Senats, zuerst eine Bildscule Jesu Christi zer- L 4 brechen. i68 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach brechen, welche über dem großen Eingänge der Kir- burt^^ ^ Constantinopel stund» Damit nahmen die Gewaltthätigkeiten der Jconoklasten, oder der Bilderstürmer, ihren Anfang. Die andern Bilder, welche die Kaiser, die Bischöfe, und alle Glaubigen, seitdem in der Kirche Ruhe gewesen war, so wohl an öffentlichen, als besondern Oertern, aufgerichtet hatten, wurden auch umgeworfen. Bey diesem traurigen Schauspiele gerieth das Volk in Bewegung. Die Bildseulen des Kaisers wurden an verschiednen Orten niedergerissen. Er glaubte, daß seine Person beleidigt worden wäre, und man hielt ihm vor, daß er Jesum Christum, und seine Heiligen, auf eben diese Art beleidigte, und daß nach seinem eignen Geständnisse die Schmach, die dem Bildnisse angethan würde , auf das Original zurückfiele. Italien gieng noch weiter; die Gottlosigkeit des Kaisers war Ursache, daß man ihm die gewöhnlichen Schutzgelder verweigerte. Luitprand, ein König der Lombarden, bediente sich eben dieses Vorwandes, Ravenna, den Sitz der Exarchen, einzunehmen. So nennte man die Statthalter, welche die Kaiser nach Italien sendeten. Der Pabst, Grcgorius, der ll, widersetzte sich der Umstürzung der Bilder; allein er widersetzte sich zu gleicher Zeit auch den Feinden des Reiches, und gab sich Mühe, die Völker im Gehorsame zu erhal- 7zc>. ten. Der Friede wurde mit den Lombarden geschlossen , und der Kaiser vollstreckte seine Verordnung wider die Bildnisse noch weit heftiger, als sonst. Allein der berühmte Johannes Damascenus erklärte sich gegen ihn, daß er in Religionssachen keine andern Verordnungen, als die Befehle der Kirche, annähme, 759. 742. und er mußte viel darüber leiden. Der Kaiser vertrieb den in die allgemeine Geschichte. 169 den heiligen Germanus von seinem bischöflichen Jahrenach Stuhle, welcher in seinem neunzigsteil Jahre im ^'A^^ Elende starb. Kurz darauf ergriffen die Lombarden die Waffen aufs neue; die Römer mußten viel von ihnen leiden, und sie würden noch mehr haben leiden müssen, wenn sie nicht durch das Ansehen des Carl Martels waren zurück gehalten worden, dessen Beystand der Pabst, Grcgorius, der Andre, sich ausgebeten hatte. Das neue Königreich in Spanien, wel- 741, ches man in diesen ersten Zeiten das Königreich O- viedo nannte, vergrösserte sich durch die Siege und die kluge Regierung des Alphonsus, eines Schwiegersohnes des Pelagius. Dieser König nahm, wie Recaredo, von dem er abstammte, den Namen eines katholischen Königes an. Leo starb, und hinterließ so wohl das Reich, als die Kirche, in einer großen Bewegung. Artabaz, ein Prator in Armenien, ließ sich-anstatt des Constantins, der mit dem Zunamen, Copronymus, hieß, eines Sohnes des Leo, zum Kaiser ausrufen, und vertheidigte den Bilderdienst. Nach 742. Carl Martels Tode bedräute Luitprand Rom von 74^ neuem: das Exarchat zu Ravenna war in Gefahr, und Rom hatte seine Erhaltung der Klugheit des heiligen Pabstes, ZachariaS, zu danken. Constantin> welcher in Noth war, dachte im Oriente auf weiter nichts, als wie er sich auf dem Throne befestigen wollte. Er schlug den Artabaz, nahm Constanti- nopel ein, und ließ sehr viele hinrichten. Carl Mar- 747. tels beyde Kinder, Carlomann, und Pipin, erbten die Macht ihres Vaters; allein Carlomann bekam bald einen Ekel vorder Welt, und ward mitten in seiner Größe, und mitten unter seinen Siegen, ein Mönch. Dadurch vereinigte sein Bruder, Pipin, alle Macht in L 5 einer i7v Bischof Bossuets Einleitung Iahrenach einer Person. Er wußte das Geheimniß, diese -br'^Ge-M^cht durch seine großen Verdienste zu behaupten, und nahm sich vor, sich auf den Thron zu setzen. 752. Childeric, der Elendeste unter allen Prinzen, bahnte ihm selbst den Weg dazu, und war bey seiner Trägheit auch ein unsinniger Prinz. Die Franzosen wurden endlich ihrer faulen und niederträchtigen Könige müde, und waren schon seit langer Zeit an das Haus ihres Carl Martels gewohnt, welches an großen Männern fruchtbar war. Sie stunden nur wegen des SchwureS, den sie dem Childeric geleistet hatt«n, noch einige Zeit an , den Pipin zum Könige auszurufen. Als ihnen aber der Pabst auf ihre Fragen, die sie deswegen an ihn ergehen lassen, geantwortet hatte, glaubten sie frey und ihres Eides erlassen zu seyn, den sie ihrem Könige geleistet hatten, weil er und seine Vorfahren, seit mehr denn zweyhundert Jahren, dem Rechte, über sie zu herrschen, dadurch entsagt zu haben schienen, daß sie mit dem Oberhofmarschallamte alle 75z. Gewalt hatten vereinigen lassen. Pipin ward also auf den Thron gesetzt, und der Name eines Königes ward mit dem Ansehen eines Königes wieder vereinigt. Der Pabst, Stephanus, der II, fand in dem neuen Könige eben den Eifer, den Carl Martel für den heiligen Stuhl wider die Lombarden bewiesen hatte. Nachdem er den Kaiser vergebens um seinen Beystand gebeten hatte, so warf er sich in die Arme 754. der Franzosen. Der König empfing ihn in Frankreich mit vieler Ehrfurcht, und j wollte von seiner Hand eingeweiht und gekrönet seyn. Zu eben der Zeit gieng er über die Alpen, befreyte Rom, und das Exarchat von Ravenna, und nöthigte den Astolph, den König der Lombarden, zu einem billigen Frieden. Unter- in die allgemeine Geschichte. 171 Unterdessen führte der Kaiser mit den Bildern Krieg. Jahre nach Er berief eine zahlreiche Kirchenversammlung zu Con-^"^.^ stantinopel, damit er sich mit dem Ansehen der Kirche vertheidigen könnte. Man sah aber *, wie es doch gewöhnlich war, weder die Legaten des heiligen Stuhles, noch die Bischöfe, noch die Legaten der andern Patriarchen/ in dieser Kirchenversammlung erscheinen. Man verdammte darinnen nicht allein alle Ehre, welche man den Bildern zum Andenken der Originale erzeigte, als einen Götzendienst, sondern auch die Bildhauerkunst und Malerey, als verab- scheuungswürdige Künste **. Dieses war die Meynung der Saracenen, deren Anrathen Leo, wie man sagte, gefolgt haben sollte, als er die Bilder umstürzte. Unterdessen kam doch in dieser Kirchenversammlung nichts wider die Reliquien vor. Die Kir- chenversammlung des Copronymus *** verbot es nicht, sie zu ehren, und that diejenigen in den Bann, welche zum Gebete an die heilige Jungfrau, und an die andern Heiligen, ihre Zuflucht nicht nehmen wollten. Die Katholiken, welche wegen der Ehre/ die sie den Bildern erwiesen, verfolgt wurden, antworteten dem Kaiser, daß sie lieber alle Arten von Elend ausstehen , als Jesum Christum auch in seinem Schatten nicht ehren wollten. Unterdessen gieng Pipin wieder 755. über die Alpen, und züchtigte den ungetreuen Astolph, welcher sich weigerte, den Friedensvergleich zu erfüll len. Die römische Kirche empfing niemals ein schöneres Geschenk, als dasjenige, welches ihr dieser fromme Prinz gab. Er schenkte ihr die Städte, welche * conc. Nic. II. SÄ. 6. Idi-j. äeknir. ?leuäo5yn, Q?. Ibüi. eieuäohn. c. x. c-m. IX er XI. -^-^t. 172 Bischof Bossuets Einleitung Ichrenach welche er von den Lombarden wieder erobert hatte, ^durt^ ^^^'^ch^ bm Copronymus, daß er! sie zurückforderte , da er sie nicht hatte vertheidigen können. Seit dieser Zeit wurden die Kaiser in Rom nicht sonderlich mehr geachtet. Sie wurden durch ihre geringe Macht verächtlich, und durch ihre Irrthümer verhaßt. Pi- pin wurde, als der Beschüßer des römischen Volkes und der römischen Kirche, angesehen. Diese Würde wurde seinemHause, und den Königen von Frankreich, erblich. Carl, der Große, ein Sohn des Pipins, behauptete sie mit so viel Muth, als Frömmigkeit. 772. Der Pabst, Hadrian, nahm seine Zuflucht zu ihm, wider den Didier, den König der Lombarden, welcher verschiedne Städte weggenommen hatte/ und ganz 77z. Italien bedrohte. Carl, der Große, gieng über die Alpen. Alles wich vor seinen siegreichen Waffen, 777. Didier wurde ihm überliefert, und die lombardischen Könige, die Feinde der Stadt Rom und der Päbste, hatten in der Person des Didier ein Ende. Carl, der Große, ließ sich zum Könige in Italien krönen, und nahm den Titel eines Königes der Franzosen und der Lombarden an. Zu gleicher Zeit übte er in Rom, in der Würde eines Patricius, die oberste unumschränkte Gewalt aus, und bekräftigte dem heiligen Stuhle die Schenkungen des Königes, seines Vaters. Die Kaiser konnten den Bulgaren kaum widerstehen, und unterstützten die Vertriebnen Lombards, den vergebens. Der Bilderstreit währte beständig fort. Leo, der IN, ein Sohn des Copronymus, schien im Anfange besänftigt zu seyn ; allein er erneuerte die Verfolgung, so bald er Herr zu seyn glaubte. Er starb bald. Sein Sohn, Constantin, welcher zehn Jahre alt war, da er ihm nachfolgte, regierte unter der in die allgemeine Geschichte. 17z der Vormundschaft der Kaiserinn, Irene, seiner Jahre nach Mutter. Damals fingen die Sachen an, ein andres ^"^^ Ansehen zu gewinnen. Paulus, der Patriarch von ^ Constantinopel, erklärte sich, am Ende seines Lebens/ daß er die Bilder wider sein Gewissen bestritten hatte, und gieng in ein Kloster, wo er, in Gegenwart der Kaiserinn, das Unglück der Kirche zu Constantinopel beklagte, die von den vier andern patriarchalischen Sitzen abgesondert war. Er schlug ihr die Berufung einer allgemeinen Kirchenversammlung, als das einzige Mittel, wider ein so großes Uebel vor. TarasuS, sein Nachfolger, behauptete, daß der Streit nicht ordentlich entschieden worden wäre, daß man mit einer Verordnung des Kaisers angefangen, und darauf eine Kirchenversammlung wider alle Formalitäten gehalten hätte; da doch in Religionssachen die Kirchenversammlungen den Anfang machen, und die Kaiser hernach das Urtheil der Kirche bestätigen müßten» Auf diese Gründe berief er sich, und Nahm das Patriarchat auf keine andre, als diese Bedingung an, daß eine allgemeine Kirchenversammlung gehalten werden sollte. Diese wurde zu Constantinopel angefangen , und zu Nicäa fortgesetzt. Der Pabst * 78?. schickte seine Legaten dahin; die Versammlung der Bilderstürmer wurde verdammt, und sie wurden, als Leute, verabscheut, welche, nach dem Beyspiele der Saracenen , die Christen eines Götzendienstes beschuldigten. Man that den Ausspruch, daß man die Bilder zumAndenken,und ans Liebe gegen die Originale, ehren sollte. Dieses heißt in der Kirchenversammlung, eine relativische Verehrung, eme Anbetung und Begrüßung, die ihnen zu Ehren ge, . wie. U. ^VÄ. Siehe im Anhange die Betung über die>e Kirchenversammlung. !74 Bischof Bossuets Eitlleitung I^re «.ich geschieht, und sie wird der höchsten Verehrung, ^hurt^ gorreodlenftlichen Anbetung, oder einer völligen Unterwerfung entgegengesetzt, welche die Kirchenversammlung Gott allein vorbehält. Außer den Legaten des heiligen Stuhles, und dem Patriarchen zu Constantinopel erschienen auch die Legaten der andern Patriarchen, welche dazumal von den Ungläubigen unterdrückt wurden. Einige haben ihnen ihre Gesandtschaft streitig gemacht; allein das ist außer Streit, daß alle Patriarchen die Aussprüche dieser Kirchenversammlung nicht allein nicht verworfen, sondern auch ohne Widerspruch angenommen haben. Die ganze Kirche hat sie für gültig erkannt. Die Franzosen, welche theils Götzendiener, theils neue Christen zu Machbaren hatten, deren Gedanken sie durch diese Aussprüche zu verwirren befürchteten, stunden lange Zeit an, die Kirchenversammlung zu erkennen, weil sie überdies) noch wegen des zweideutigen Ausdruckes, Änderung, in Ungewißheit waren. Unter allen Bildern wollten sie keins, als das Bild des Kreuzes, ehren, das durchaus von den Figuren ganz unterschieden ist, welche die Heiden für Götter hielten. Ins dessen erhielten sie doch die andern Bildnisse an einem geehrten Orte, und selbst in der Kirche, und verabscheuten die Bilderstürmer. Der übrige Unterschied verursachte noch keine Spaltung. Endlich sahen die Franzosen ein, daß die Vater der nicänischen Kirchenversammlung keine andre Verehrung der Bilder ver< langten, wenn die verschiednen Grade darinnen beobachtet würden, als sie selbst den Reliquien, dem Evangclienbuche, und dem heiligen Kreuze erwiesen, md diese Kirchelwersammlung wurde von der ganzen Chri- in die allgemeine Geschichte. 175 Christenheit unter dem Namen der siebenten allge- ^Zahre nach meinen Kirchenversammlung geehrt. Art.^ Wir sind also von den sieben allgemeinen Kirchen- Versammlungen unterrichtet, welche der Orient und der Occident,die griechische, und die lateinische Kirche, mir einer gleichen Ehrfurcht annehmen. Die Kaiser beriefen diese großen Versammlungen, vermöge der unumschränkten Gewalt, die sie über die Bischöfe, oder zum wenigsten über die Vornehmsten hatten, denen die übrigen alle unterworfen waren, und die als Unterthanen des Reiches angesehen wurden. Die Kaiser befahlen, daß sie in öffentlichen Wagen an den bestimmten Ort der Versammlung gebracht wurden» Sie beriefen die Kirchenversammlungen im Oriente, wo der Sitz ihrer Regierung war, und schickten ge-> meiniglich Commissarien dahin, welche auf die Erhaltung der Ordnung sehen mußten. Die auf diese Weise versammelten Bischöfe brachten das Ansehen des heiligen Geistes, und . die Tradition der Kirchen mit sich. Vom Anfange des Christenthums sind die drey bischöflichen Sitze, von Rom, von Alexandrien, und von Antiochien, die vornehmsten gewesen, welche den Rang vor allen andern gehabt haben. Die mcänische Kirchenversammlung hatte ihren Beyfall dazu gegeben *, daß der Bischof der heiligen Stadt eben den Rang haben sollte. Die andre und vierte Kir- chenversammlung erhoben den bischöflichenSitz zuCon- stantinopel noch höher, und wollten haben, daß er der andre im Range seyn sollte. Also wurden fünf bischöfliche Sitze, welche nach der Zeit den Namen der Pa- * cooc. Nicaen.e-M. 7. Lonc. c.?. I. c. z. Lonc. ckill. eeä, LÄi,. sS- !?6 Bischof Bossuets Einleitung Jahre nach Patriarchate erhielten. In den Kirchenversammlun- ^Ätt ^' 6^" ^"^^ Vorsitz eingeräumt. Unter diesen bischöflichen Sitzen aber wurde der römische immer, als der erste, angesehen, und die nicänische Versammlung ordnete die andern nach diesem *. Es erschienen auf den Concilien auch die metropolitani- schen Bischöfe, oder die Bischöfe aus den Hauptstädten, welche die Häupter der Provinzen waren, und vor den übrigen Bischöfen den Rang hatten. Man sing erst sehr spät an, sie Erzbischöfe zu nennen; aber sie hatten darum nicht weniger Ansehen. Wenn eine Kirchenversammlung eingerichtet war, so trug man die heilige Schrift vor; man las die Stellen aus den alten Vätern, den Zeugen der Tradition ; die Tradition war es, welche die Vibel auslegte. Mai« glaubte, ihr wahrer Verstand wäre derjenige, Überbein die vergangnen Jahrhunderte einig geworden wären, und niemand glaubte, das Recht zu haben, die Schrift anders auszulegen. Diejenigen, welche sich den Aus- fprüchen der Kirchenversammlung nicht unterwerfen wollten, wurden in den Bann gethan. Nachdem man den Glauben erklärt hatte, so richtete man die Kirchenzucht ein, und setzte gewisse Canones, oder Verordnungen der Kirche, auf. Man glaubte, daß der Glaube immer ebenderselbe bliebe, und daß mau trachten müßte, in der Kirchenzucht der ersten christlichen Kirche so vollkommen nachzuahmen, als möglich wäre, ob es gleich nothwendig werden könnte, nach den Zeiten und Oertern einige Aenderungen darinnen zu treffen. Im übrigen waren die Päbste bey den ersten allgemeinen Kirchenversammlungen nicht anders, als in ihren Legaten, gegenwar- . tig; * Lonc. Nic. c. 6. in die allgemeine Geschichte. 177 tig; allein sie bekräftigten ihre Lehre ausdrücklich, und Jahre 'nach es war in der ganzen Kirche nicht mehr, wie ein Ehnsti Gc- Glaube. ' ^ Constcmtin, und Irene, ließen die Verordnungen 787. der siebenten allgemeinen Kirchenversammlung sehr sorgfältig und heilig beobachten, und vollziehen. Allein ihre übrige Aufführung blieb nicht immer so gut» Der junge Kaiser, dem seine Mutter eine Gemahlinn gab, die er nicht liebte, schweifte in einer unedlen Liebe aus, und weil er müde war, einer so herrschsüchtigen Mutter blindlings zu gehorchen, so suchte er sie von den öffentlichen Angelegenheiten zu entfernen, bey welchen sie sich, wider seinen Willen, behauptete. In 79z. Spanien herrschte Alphonsus, der Keusche. Die beständige Enthaltsamkeit dieses Königs erwarb ihm diesen schönen Beynamen, und machte ihn der Ehre würdig, Spanien von dem schändlichen Tribute der hundert Jungfrauen zu befreyen, die sein Oheim, Mauregat, den Mohren zugestanden hatte. Siebzigtausend von diesen Ungläubigen, welche mit ihrem Heerführer, Mugcm, in einer Schlacht erschlagen wurden, bewiesen die Tapferkeit des Alphonsus. Con- stantin suchte sich auch wider die Bulgaren hervorzuthun; a?ein der Erfolg stimmte nicht mit seiner Hoff- 795. nung überein. Endlich gelang es ihm, seiner Mutter alle Macht zu nehmen : redoch er war so unfähig, sich selbst zu regieren, als die Herrschaft eines andern über sich zu leiden. Er schied sich von seiner Gemahlinn, Maria, und vermahlte sich mit Theodoren, die in ihren Diensten war. Seine aufgebrachte Mutter 796. . iterhielt die Unruhen, die ein so großes Aergerniß ver- 799. ursachte. Constantin kam durch ihre Künste um. Sie gewann das Volk damit, daß sie die Auflagen min- M derte, -78 Bischof Bossuets Einleitung Jahre »«ich derte, und brachte die Mönche und die Clcrifey durch Christi Ge- ^j,^ scheinbare Frömmigkeit auf ihre Seite. End- ' lich wurde sie allein, als Kaiserinn, errannt. Die?)io- mer verachteten diese Regierung, und wandten sich an. Carln, den Großen, der sich die Sachsen unterwürfig machte, die Saracenen demüthigte, die Keßereyen vertilgte, die Päbste beschuhte, die ungläubigen Nationen zum Christcnthume brachte, die Wissenschaften und die Kirchenzucht herstellte, berühmte Kirchenversammlungen berief, wo seine große Gelehrsamkeit bewundert wurde, und nicht allein in Frankreich, und in Italien, sondern auch in Spanien, in England, in Deutschland, und überall seinen Namen durch die ^ Thaten seiner Gottesfurcht und seiner Gerechtigkeit berühmt machte. DiexnEpo- Endlich wurde im achthundert?!! Jahre nach der AnfrKhtun^ Geburt unsers Heilandes dieser, große Beschützer eines neuen Roms und Italiens, oder vielmehr der ganzen Kir- thum/' che, und der ganzen Christenheit, zum römischen Kaiser LvO. erwählt, ohne daß er daran gedachte, und vom Pabste, Leo, dem der das römische Volk zu dieser Wahl bewogen hatte, gekrönt, und dadurch der Stifter eines neuen Kaiferthums, und der zeitlichen Größe des heiligen Stuhls. Dieses sind, MonseiIneur, die zwölf Epochen, denen ich in diefcm kurzen Entwürfe einer allgemeinen Geschichte gefolgt bin. Ich habe in eine iede davon die vornehmsten Begebenheiten gebracht, die hinein gehören. -Sie können nunmehr, ohne viele Mühe, die großeil Begebenheiten des Alterthums nach der Zeitrechnung ordnen, und eine iede von ihnen, so zu sagen, unter ihre rechte Fahne stellen» Ich in die allgemeine Geschichte. 179 Ich habe in diesem Entwürfe die berühmte chronologische Einteilung der Dauer der Welt in sieben Alter nicht vergessen. Der Anfang eines ieden Alters wird eine Epoche, und wenn ich noch einige andre darunter menge, so geschieht es darum, daß die Sachen noch deutlicher unterschieden seyn sollen, und daß sich ihnen, Monseigneur, tue Zeitfolge mit einer desto geringern Verwirrung entdecke. Wenn ich Ihnen von der Zeitordnung sage, so verlange ich nicht, daß sie ihr Gedächtniß beschweren, und alle Data sorgfältig behalten sollen; vicl- weniger verlange ich, sie mit allen Streitigkeiten der Chronologisten bekannt zu machen, die oft nur etliche wenige Jahre betreffen. Die Chronologie, welche sich so gewissenhaft bey solchen Kleinigkeiten aufhalt, und darüber streitet , hat ohne Zweifel ihren Nutzen: allein es ist nicht ihre Wissenschaft, und dient wenig dazu, den Verstand eines so großen Prinzen aufzuheitern. Ich habe in der Untersuchung der Zeiten nicht nachgrübeln wollen, und bin unter den schon vorhandnen Zeitrechnungen demjenigen gefolgt, welche mir die wahrscheinlichste zu seyn geschienen, ohne mich anheischig zu machen, ihr Bürge zu seyn. Die siebzig Dolmetscher berechnen die Jahre von der Zeit der Schöpfung an, bis auf Abraham, an- dcrs, als der hebräische Terr. Sie machen die Welt viel alter, als das hebräische Original, welches sie etliche Jahrhunderte jünger macht. Es scheint, daß das Ansehen des hebräischen Originals jenen vorgezogen werden müsse; allein man mag in der Zeitrechnung folgen, wem man will, so ist solches an sich selbst eine so gleichgültige Sache, so daß die Kirche, M 2 welche, 1Z0 Bischof Bossuets Einleitung welche, mit dem heiligen Hieronymus, der Zeitrechnung des hebräischen Textes in unsrer Vulgata gefolgt ist, die Zeitrechnung der siebzig Dolmetscher in ihrem Martyrologio gelassen hat. Und was liegt der Geschichte daran, ob sie einige Jahrhunderte weniger hat, oder ob sie mit etlichen vermehrt wird, in welchen man nichts zu erzählen weis. Ist es nicht genug, daß die Zeiten, wo die Data wichtig sind, bestimmte Charaktere haben, und daß die Ein- theilung davon sich auf gewisse Gründe stühet ? Und wenn selbst in diesen Zeiten ein Streit über etliche Jahre seyn sollte, so wird doch solches keine Verwirrung machen. Wenn zum Exempel gestritten wird, ob man entweder die Erbauung der Stadt Rom, oder die Geburt Jesu Christi, etliche Jahre früher oder später setzen müsse: So werden sie haben sehen können, Monseigneur, daß dieser Unterschied weder die historische Folge, noch die Erfüllung der göttlichen Rathschläge stört. Sie müssen sich nur vor der Vermengung der Zeiten in Acht nehmen, weil sie die Ordnung der geschehuen Begebenheiten verwirret, und sie können das übrige den Steritigkeiten der Gelehrten überlassen. Ich will Ihr Gedächtniß auch nicht mit der Rechnung der Olympiaden beschweren, ob gleich die Griechen, die sich ihrer bedienen, sie zur Bestimmung der Zeiten nothwendig machen. Man muß nur wissen, was es ist, damit man im Falle der Noth seine Zuflucht dahin nehmen kann. Allein, im übrigen wird es genug seyn, wenn sie sich an die Data halten, welche ich ihnen vortrage, weil sie die leichtesten sind, und den besten Zusammenhang haben, und diese Data gehen von dem Anfange der Welt an, bis auf die Erbauung in die allgemeine Geschichte. 181 bauung der Stadt j Rom, von der Erbauung der Stadt Rom, bis auf Christi Geburt, und von Christi Geburt, bis auf die folgenden Zeiten. Doch die wahre Absicht dieses Entwurfes war nicht diese, daß ich ihnen die Zeitordnung erklären wollte, ob sie gleich unumgänglich nothwendig ist, die Begebenheiten unter einander zu verbinden, und den Zusammenhang zu zeigen, den sie unter einander haben. Ich habe ihnen gesagt, Monseigneur, daß mein vornehmster Endzweck dieser ist, daß ich sie die Folge des Volkes Gottes, und die Folge der Monarchien nach der Zeitordnung betrachten lassen will. Diese zwey Dinge eräugnen sich in diesem großen Umlaufe der Jahrhunderte, wo sie, so zu sagen, mit ihnen einerley Lauf haben ; allein es ist nöthig, um sie wohl zu verstehen, daß man sie zuweilen von qinander trenne, und alles betrachte, was eine,m ieden davon besonders zukömmt. M z Von ;8-2 Bischof Bossuets Einleitttttg GOOOOGOOOO O O O O O O O Von der Schöpfung, oder den ersten Zeiten. Der andre Religion vornehmlich, und die Folge des Ei!ile.tu>? Voltes Gottes, ist der größte und nützlichste Gegenstand,den man den Menschen vorstellen kann, wenn er auf die gedachte Weise betrachtet wird. Es hat einen großen Nutzen, wenn man sich die ver- schiednen Umstände des Volkes Gottes vorstellt. Sei- . ue Uiuftände waren anders unter dein Gesetze der Na- rur,und unter den Patriarchen; anders unter sci>,ein Gesetzgeber, MoseS, und dem geschriebuen Gesetze; anders unter dem Könige David, und den Propheten; anders nach seiner Zurückkunft aus der babylonischeil Gefangenschaft; und endlich anders unter Jesu Christo selbst, nämlich unter dem Gesetze der Gnade und des Evan- gelii; anders in den Jahrhunderten, wo der Meßias erwartet wurde, und anders in denen, wo er erschienen ist; anders in den Zeiten, wo der Dienst Gottes bey einem einzigen Volke war, und anders in denen, wo nach den alten Prophozcihungcn der Dienst Gottes auf der ganzen Erde ausgebreitet worden ist ; anders in den Zeiten, wo die noch schwachen und sinnlichen Menschen durch zeitliche Belohnungen und Strafe«, in ihren Pflichten erhalten werden mußten, und anders in den Zeiten, wo die besser unterrichteten Gläubigen nur durch den Glauben leben, sich an die ewigen Güter hasten, und. in der Hoffnung, sie zu besitzen, m die allgemeine Geschichte. 18z sitzen, alle Uebel ausstehen müssen, die ihre Geduld üben können. In der That, Monseigneur, man kann sich m'chrs vorstellen, was Gott anstandiger seyn sollte, als dieses, daß er sich ein Volk erwählt hat, das ein handgreifliches Beyspiel seiner ewigen Vorsehung seyn sollte; ein Volk, dessen Glück und Unglück auf seine Frömmigkeit ankam, und dessen Zustand von der Weisheit und Gerechtigkeit seines Beherrschers ein Zeugniß abgeben mußte. Damit hat Gott den Anfang gemacht, und dieses hat er an dein jüdischen Volke bewiesen. Allein, nachdem er durch deutliche Beweise den unleugbaren Grundsah festgesetzet, daß er, nach feinem Willen, alle Erfolge des gegenwärtigen Lebens einrichte, so war es Zeit, die Menschen zu höhern Gedanken zu erheben, und Jesum Christinn zu senden, dem es vorbehalten war, einem neuen Volke, das aus allen Völkern der Erde gesammelt werden sollte, die Geheimnisse des zukünftigen Lebens zu entdecken. Sie können der Geschichte dieser beyden Völker leicht nachgehen, und bemerken, wie JesuS Christus sie beyde mit einander vereinigt hat, weiter zu allen Zeiten, in welchen er entweder noch kommen sollte, oder schon gekommen wir, der Trost und die Hoffnung aller Kinder Gottes gewesen ist. Sie sehen also, daß die Religion vom Anfange der Welt an sich immer gleich, oder vielmehr immer eben dieselbe geblieben ist : Man hat beständig eben denselben Gott, als den Schöpfer, und eben denselben Christum , als den Erlöser des menschlichen Geschlechtes erkannt. Sie 184 Bischof Bossuets Einleitung Sie werden also sehen, daß unter den Menschen nichts älter ist, als die Religion, die sie bekennen, und es ist nicht ohne Ursache geschehen, daß ihre Vorfahren, Monseigneur, ihre größte Ehre darinnen gesucht haben, ihre Beschützer zu seyn. Zu der Zeit, da uns die weltliche Geschichte nichts, als Fabeln, oder zum höchsten nur einige verwirrte halbvergeßne Begebenheiten zu erzählen hat, so führt uns die heilige Schrift, die unstreitig das älteste Buch auf der Welt ist, durch so viele genau bestimmte Begebenheiten, und durch die Folge der Sachen selbst, zu ihrem wahren Ursprünge, nämlich zu Gott, der alles erschaffen hat. Sie bezeichnet uns auf das deutlichste die Schöpfung der ganzen Welt, die Schöpfung des Menschen insbesondere, die Glückseligkeit seines ersten Zustandes, die Ursachen seiner Mühseligkeiten und Schwachheiten, die Verderbniß der Welt, und die Sündfluth, den Ursprung der Künste, und der Nationen, die Eintheilung der Länder, die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes, und andre wichtige Begebenheiten, von denen die menschlichen Geschichtschreiber voll Verwirrung reden, und uns nöthigen, anderwärts gewissere Quellen zu suchen. Was ist dieses alles nicht für ein Zeugniß der Wahrheit? Giebt das Alterthum der Religion ein so großes Ansehen, so beweist ihre unverrückte und ununtcr- brochne Dauer durch so viele Jahrhunderte, die durch so viele Hindernisse nicht gestört worden ist, ganz offenbar, daß die Hand Gottes sie erhalten hat. Wenn wir sehen, daß sich die Religion vom Anfange der Welt an auf eben denselben Gründen erhalten hat, ohne daß weder die Abgötterey, noch die Gottlosigkeit, welche sie immer von allen Seiten umgaben, in die allgemeine Geschichte. 185 gaben, noch bie Tyrannen, die sie verfolgten, noch die Ketzer und Ungläubigen, die sie zu verderben suchten, noch die Niederträchtigen, welche sie verleugneten, noch ihre unwürdigen AnHanger, die sie durch ihre Verbrechen entweihten, noch die Zeiten, die allein hinlänglich sind, alles, was menschlich ist, zu zernichten, iemalö im Stande gewesen sind, ich will nicht sagen, sie zu vertilgen, sondern nur zu verfälschen: Was kann verwundernswürdiger seyn, als dieses? Wenn wir nunmehr überlegen, was uns diese Religion, deren Alterthum wir verehren, von ihrem Gegenstande, nämlich von dem ersten Wesen, für eine Vorstellung macht, so müssen wir gestehen, daß sie alle menschlichen Gedanken übersteigt, und dafür angesehen zu werden verdient, daß sie von Gott selbst herkomme. Der Gott, den die Christen und Ebräer beständig verehrt haben, hat mit den unvollkommnen und so gar lasterhaften Gottheiten nichts gemein, welche der übrige Theil der Welt angebetet hat. Unser Gott ist ein unendlicher vollkommner Gott, und allein würdig, die Laster zu bestrafen, und die Tugend zu krönen, weil er die Heiligkeit selbst ist. Er ist weit über die erste Ursache, und den ersten Beweger der Dinge erhoben, den die Philosophen gekannt haben, ohne ihn anzubeten. Diejenigen, welche am weitesten unter ihnen gekommen sind, lehren uns einen Gott, welcher eine ewige Materie, die so gut, als er, durch sich selbst vorhanden ist, findet, und, wie ein gemeiner Künstler, ausbildet. Eben dieser Gott wird durch diese Materie, und durch ihre Beschaffenheiten, die er nicht hervorgebracht hat, in seiner Arbeit eingeschränkt. Die Philosophen haben M 5 nicht ,86 Bischof Bossuets Einleitung nicht begreifen können, daß die Materie, wenn sis von sich selbst vorhanden wäre>, ihre Vollkommenheit von keiner fremden Hand erwarten dürfte, und daß Gott, wenn er unendlich und vollkommen ist, weiter nichts, als sich selbst, und seinen allmächtigen Willen braucht, alles, was er mir will, hervorzubringen. Allein der Gott unsrer Vater, der Gott Abrahams, der Gott, dessen Wunder Moses uns beschrieben hak, hat nicht allein die Welt in Ordnung gebracht, sonderu er hat sie ganz, mit ihrem Stoffe sowohl, als mit ihrer Bildung, erschaffen. Ehe er befahl, daß etwas seyn sollte, so hatte nichts das Daseyn, als er. Er wird uns, als derjenige, vorgestellt, der alles erschafft, und der alles durch sein Wort erschafft, weil er alles, theils mit Verstände, theils ohne Mühe, hervorbringt; weil es ihm nur ein einziges Wort kostet, so große Werke hervorzubringen, das ist, weil er nichts thun, als nur wollen darf. Wir wollen nunmehr die Geschichte der Schöpfung durchgehen, weil wir angefangen haben, sie zu betrachten. Moses hat uns gelehrt, daß dieser mächtige Baumeister, dem alle Dinge so wenig kosten, sie nicht auf einmal, sondern nach und nach, hervorbringen, und das ganze Weltgebäude in sechsTagen erschaffen wollen, dadurch anzuzeigen, daß er nicht nach einer Nothwendigkeit, oder nach einen: blinden ungestümen Einfalle, handle, wie sich einige Philosophen eingebildet haben. Die Sonne wirft aufeinmal alle ihre Stralen von sich, ohne sich zurück zu halten; allein Gott, der mit Verstände und mit einer unumschränkten Freyheit handelt, öusiert seine Kraft, wo "er will, und so sehr, als es ihm gefällt. Da er die Welt durch sein Wort hervorbringt, so zeigt er, daß ihm nichts Mühe macht; da er sie in die allgemeine Gesihichte. 187 nach und nach hervorbringt, beweist er, daß er über seine Materie. über seine Handlungen, und über sein ganzes Vornehmen Herr ist, und daß er in seinen Handlungen keine andre Vorschrift, als seinen Willen, hat, der dnrch sich selbst immer richtig ist. Dieses Bezeigen Gottes ist uns auch ein Beweis, daß alles unmittelbar aus. seiner Hand Herromme. Die Völker, und die Philosophen, welche geglaubt haben, die mit Wasser vermischte Erde habe durch die Hülfe der Sonnenhitze aus sich selbst, durch ihre eigne Fruchtbarkeit, die Pflanzen und Thiere hervorgebracht, diese eitlen Weisen haben sich gröblich geirrt. Die Schrift lehrt uns, daß die Elemente unfruchtbar sind, wenn sie das Wort Gottes nicht fruchtbar macht. Weder die Erde, noch das Wasser, noch die Luft würden iemals die Pflanzen und die Thiere, dl'e wir sehen, hervorgebracht haben, wenn Gott, der den Stoff dazu erschaffen und zubereitet hat, ihn nicht auch durch seinen allmächtigen Willen ausgebildet, und nicht einem iedcn Dinge seinen eignen Samen gegeben hätte, durch welchen es sich alle Jahrhunderte hindurch vermehren kann. Diejenigen, welche sehen, daß die Pflanzen ihren Ursprung und ihr Wachsthum der Hitze der Sonne zu danken haben, könnten glauben, daß sie der Schöpfer derselben wäre. Allein die Schrift sagt uns, daß die Erde mit Krautern, und allen Arten von Pflanzen, noch eher bekleidet gewesen ist, als die Sonne geschaffen worden, damit wir einsehen sollen, daß alles Gott allein sein Daseyn und Wesen zu danken habe. Es hat diesem großen Werkmeister gefallen, das Licht zu schaffen, ehe er ihm noch die Gestalt gab, die es »88 Bischof Bossuets Einleitung es von ihm in der Sonne und in den Gestirnen erhalten hat. Er hat uns damit lehren wollen, daß diese großen und prachtigen Lichter, woraus man hat Gottheiten machen wollen, nicht von sich selbst die kostbare und herrliche Materie, aus der sie bestehen, Noch die bewundernswürdige Gestalt hatten, die. er ihnen gegeben hat. Kurz, die Erzählung der Schöpfung, wie wir sie vom Moses haben, entdeckt uns dieses große Geheimniß der wahren Philosophie, daß Gott allein die Ursache aller Fruchtbarkeit sey, und eine unumschränkte Gewalt besitze. Er ist die Glückseligkeit, die Weisheit, und die Allmacht selbst; er ist sich allein genug ; er thut alles, ohne gezwungen zu seyn, wie er alles thut, ohne daß er etwas bedarf. Die Materie schränkt ihn niemals ein, und bringt ihn niemals in Verwirrung; er macht aus ihr, was er will, weil er ihr bloß durch seinen Willen den Grund ihres Wesens gegeben hat. Nach diesem uneingeschränkten Rechte wendet, bildet, und bewegt er sie ohne Mühe; alles hängt unmittelbar von ihm ab, und wenn nach der einmal bestimmten Ordnung der Natur ein Ding die Ursache des andern wird, wie die Sonnenhitze eine Ursache von der Erzeugung, und dem Wachsthums der Pflanzen ist; so ist das die Ursache, daß eben derselbe Gott, welcher alle Theile des Weltgebäudes hervorgebracht hat, einen Theil mit dem andern verknüpfen, und durch diese ver- wundernswürdige Zusammenkettung seine Weisheit Verherrlichen wollen. Allein alles, was uns die heilige Schrift von der Erschaffung des Weltgebaudes lehrt, ist in Begleichung in die allgemeine Geschichte. 189 chung mit dem nichts, was sie von der Schöpfung des Menschen sagt. Bis Hieher hatte Gott alles durch seinen Befehl hervorgebracht: Es werde Lichc; es werde eine i B.Mos.». Ve^ zwischen den tVassern; die Erde werde trogen, und lasse aufgehen Gras und RraM/ das sich desaame; es werden Lichter an der Vefte des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht; es errege sich das rpafser mir webenden und lebendigen Thieren, und die Erde bringe hervor lebendige Thiere, ein jegliches nach semer Art. Allein, da der Mensch erschaffen werden soll, so führt Moses unsern Gott anders redend ein: Laßt uns Menschen machen, sagt er, »B. Mvs. ^ ein Bild, das uns gleich sey. °' Das ist nicht mehr der befehlende und herrsche- rische Ton; dieses Wort des Herrn ist sanfter, aber darum eben so wirksam. Gott halt mit sich selbst einen Rath; Gott redet sich selbst zu, als wenn er uns zeigen wollte, daß das Werk, das er unternehmen will, alle Werke übertreffen sollte, die er zeither gemacht hat. Laßt uns Menschen machen. Gott redet in sich selbst; er redet mit einem, der, wie er, wirkt, mit einem, dessen Bild und Geschöpf der Mensch ist; er redet zu einem andern Selbst; er redet mit demjenigen, durch welchen alle Dinge gemacht sind, mit demjenigen, der in seinem Evangelio sagt: Alles M-5/»v- was der Vater rhuc, thuc der Sohn gleichermaßen. Indem er zu seinem Sohne, oder mit seinem Sohne redet, so redet er zugleich mit dem ewigen allmachtigen Geiste, der, wie beyde, vollkommen, und mit beyden gleich ewig ist. Das l9o Bischof Bossuets EinleitUllg Das ist in der ganzen Sprache der heiligen Schrift etwas unerhörtes, daß ein andrer, als Gott selbst, in der mehrern Zahl von sich selbst gesprochen haben sollte: L.aßc uns machen. Gott selbst redet in der heiligen Schrift nur zweymal oder dreymal also, und diese außerordentliche Sprache äußert sich da zuerst, da der Mensch geschaffen werden soll. Wenn Gott die Sprache und einigermaßen sein Bezeigen ändert, so geschieht es nicht darum, weil sich Gott selbst verändern sollte. Allein er zeigt uns nur damit, daß er nach seinen ewigen Rathschlüssel! eine neue Ordnung der Dinge ansangen will. So wird also der Mensch, der über die andern Creaturcn so sehr erhoben ist, deren Schöpfung uns Moses beschrieben hatte, auf eine ganz neue Art hervorgebracht. Die Dreyeinigkeit fängt an, sich zu offenbaren, indem sie die vernünftige Creatur erschafft, deren Wirkungen des Verstandes ein unvoll- kommnes Bild von den ewigen Wirkungen Gottes find, von welchen er in sich selbst fruchtbar ist. . Gott scheint mit sich selbst einen Rath M halten, um dadurch anzuzeigen, daß die Creatur, die er erschaffen will, mit Verstände lind Ucberlegung handeln soll. Alles übrige ist nicht weniger außerordentlich. Bis Hieher haben wir in der Geschichte des ersten Buches Mosis nicht gesehen, daß Gott seine Hand an eine vergängliche Materie gelegt hat. Aber, da er den menschlichen Körper bilden will, so nimmt er selbst Erde, und diese Erde, welche von einer solchen Hand gebildet wird, empfängt die schönste Gestalt, die noch zeithcr in der Welt erschienen ist. Diese besondere Aufmerksamkeit Gottes bey der Schöpfung des Menschen zeigt uns, daß er besonders in die allgemeine Geschichte. 191 derS auf ihn achte, obgleich übrigens alles unmittelbar durchweine Weisheit hervorgebracht, und zubereitet wird. Allein, die Art, wie Gott die Seele hervorbringt, ist noch viel verwundernswürdiger. Er erschafft sie nicht aus der Materie; er blast sie von oben ein; sie ist ein Hauch des Lebens, der von Gott selbst seinen Ursprung hat. Als er die Thiere schuf, sagte er: Das Wasser iB.Wos. dringe Fische hervor, und auf diese Weise er- schuf er die Seewunder, und alle lebendigen und webenden Seelen, welche die Wasser erfüllen sollten. Er sagte auch: Die Erde dringe hervor lebendige iB.Mos. Thiere, Vieh, Gewürme und alle Thiere auf Lrden. Auf diese Weise sollten die Seelen entstehen, welche ein thierisches und viehisches Leben haben, und welchen Gott weiter keine Fähigkeit mittheilt, als diejenigen Bewegungen, welche vom Körper abhängen. Gott nimmt sie aus dem Schooße der Wasser und aus der Erde. Allein das Leben der menschlichen Seele sollte eine Nachahmung seines Lebens seyn; sie sollte, wie er, mit Vernunft und Verstände leben ; sie sollte ihn betrachten, und lieben, und dadurch mir ihm vereinigt werden, und folglich mußte sie nach seinem Bilde erschaffen seyn. Eine solche Seele konnte nicht aus der Materie geuommen werden. Wenn Gott die Materie bildet, so kann er wohl einen schönen Körper daraus hervorbringen. Allein er mag sie wenden und bilden, wie er will, so wird er niemals sein Bildniß, das ihm gleich sey, Zarinnen antreffen. Eine Seele, die nach seinem Bilde erschaffen ist, und durch den Besitz dieses göttlichen Eben- !92 Bischof Bossuets Einleitung Hildes glückselig werden kann, muß durch eine neue Schöpfung hervorgebracht werden. Sie muß von oben her kommen, und dieses zeigt der lebendige Odem an, der aus dem Munde Gottes kömmt. Wir wollen uns erinnern, daß Moses den fleischlichen Menschen durch sinnliche Bilder reine undgeist. liche Wahrheiten vorstellt. Wir wollen nicht glauben, daß Gott, wie die Thiere, Odem hole und von sich hauche. Wir wollen nicht glauben, daß unsre Seele eine feine Luft, oder ein verdünnter Dunst sey» Der Hauch, den Gott, mit seinem Ebenbilde zugleich, dem Menschen einblast, ist weder Luft noch Dunst. Eben sowenig wollen wir glauben, daß unsre Seele ein Theilchen von dem Wesen Gottes sey, wie einige Philosophen geträumt haben. Gott ist nicht ein Ganzes, welches Theile hat, und wenn Gott Theile hatte, so waren es keine erschaffnen Theile. Denn der Schöpfer, dieses unerschaffne Wesen, kann nicht aus Creaturen zusammengesetzt seyn. Die Seele des Menschen ist erschaffen, und zwar so, daß sie nichts von der göttlichen Natur, sondern nur ein Ding ist, das Gott nach seinem Bilde hervorgebrachthat. Sie ist ein Wesen, das beständig mit dem vereinigt bleiben soll, der dasselbe erschafft; dieses will der lebendige Odem Gottes sagen; das stellt uns dieser Hauch des Lebens vor. Nunmehr ist also der Mensch erschaffen. Gott erschafft auch noch die Gehülfinn, die er dem Menschen geben will. Alle Menschen kommen aus einer Ehe her, damit sie auf ewig eine Familie seyn sollten, so sehr sie sich auch vermehren, und so sehr sie immer zerstreut werden möchten» Nach- in die allgemeine Geschichte. 19z Nachdem unsre ersten Aeltern also erschaffen worden waren, sehte sie Gott in den anmuthigen Garten, welcher das Paradies genannt wird. Gott war sichs selbst schuldig, sein Ebenbild glückselig zu machen. Er gab dem Menschen einGebot,ihn damit zu lehren, daß er einen Herrn hatte. Dieses Gebot betraf eine sinnliche Sache, weil der Mensch mir Sinnen erschaffen worden war; das Gebot war leicht, weil Gott ihm das leben bequem machen wollte, so lange es unschuldig seyn würde. Der Mensch erfüllte das Gebot nicht, das so leicht zu beobachten war. Er gehorchte dem Versucher, und gehorcht sich selbst, da er allein Gott gehorchen sollte. Sein Fall ist unvermeidlich; allein wir müssen ihn sowohl seinem Ursprünge, als seinen Folgen nach betrachten. Gott hatte im Anfange seine Engel, reine Geister erschaffen, die von aller Materie frey waren. Er, der alles gut macht, was er macht, hatte sie mit einer vollkommncii Heiligkeit erschaffen, und sie konnten ihrer Glückseligkeit gewiß seyn, wenn sie sich ihrem Schöpfer freywillig ergaben. Allein alles, was aus Nichts erschaffen wird, ist mangelhaft. Ein Theil dieser Engel ließ sich von der Eigenliebe verführen. Wie unglücklich ist dieCremur, die sich selbst, und nicht in Gott gefallt! Sie verliert in einem Augenblicke alle ihre Vollkommenheiten. Schreckliche Wirkung der «Sünde! Diese Geister des lichtes wurden Geister der Finsterniß. Sie hatten keine Gedanken mehr, die nicht zu boshaften Tücken wurden. Ein boshafter Neid kam bey ihnen an die Stelle der Liebe; ihre natürliche Größe war weiter nichts, als Hochmuth; und ihre Glückseligkeit wurde in den trau- N rigcn l94 Bischof Bossuets Einleitung rigen Trost verwandelt, daß sie in ihrem Elende, und ^ in ihren, zwar glücklichen, aber abscheulichen Be- schaffrigungen, die Menschen zu verführen, Mitgenossen zu haben suchten. Der Vollkommenste unter ihnen, der auch der Hochmüthigste geworden war, wurde der boshafteste, und zugleich der unglücklichste Ps. s. Geist. Der Mensch, den Gott ein wenig unter die Engel erniedrigt hatte, indem er ihm einen Körper gegeben, erweckte den Neid eines Geistes, der so vollkommen gewesen war. Er wollte ihn also in seinen Aufruhr, und hernach auch in seinen Untergang verwickeln. Wir wollen hören, wie er redet, und seine gebrauchten listigen Ueberredungen einzusehen suchen. Er wendet sich an Eva, als die Schwächste; aber er redet in der Person der Eva ihren Mann so gut an, , B. M. z, i. als sie. Sollte Gorr, spricht er, gesagt haben, ihr sollt nicht essen von allerley Räumen inr Garren ^ Wenn er euch Vernunft gegeben hat, so müßt ihr die Ursache von allem wissen: Diese Frucht i B.M.z/4- ist kein Gift: Ihr rverdec nicht davon sterben» Damit nimmt die Neigung zum Aufruhre ihren Anfang. Man vernünftelt über das Gebot, und der Gehorsam wird zweifelhaft gemacht. Ihr werdet seyn, roie Gott, frey, unumschränkt, glücklich und weise durch euch selbst; ihr rverdec wissen, was böse und gut ist; nichts wird euch uncrforschlich bleiben. Dieses sind die Bewegungsgründe, wodurch der Mensch gereizt wird, der Ordnung des Schöpfers entgegen zu handeln, und sich über sein Verbot zu erheben. Eva, welche schon halb gewonnen ist, schaute an, daß von dem Baume guc ;u essen rvare. Weil sie sah, daß Gott in dem Menschen Leib und Seele vereinigt hatte, so glaubte sie, daß er zum in die allgemeine Geschichte. 195 zum Besten der Menschen mit den Pflanzen auch übernatürliche Kräfte, und mit den sinnlichen Gegenständen geistige Vollkommenheiten verknüpft haben konnte. Nachdem sie von dieser schönen Frucht gegessen hatte, so gab sie ihrem Manne auch davon. Da wurde Adam in eine gefährliche Versuchung geführt ! Das böse Exempel und die Gefälligkeit machten sie stärker. Er folgt den Eingebungen eines Versuchers, dem so wohl beygestanden wurde. Eine betrügerische Neubegierde, ein schmeichelhafter Gedanke des Hochmuthes, das geheime Vergnügen, durch sich selbst und nach seinen eignen Gedanken zu handeln, lockt ihn an, und verblendet ihn. Er will einen gefährlichen Versuch seiner Freyheit anstellen, und genießt mit der verbotnen Frucht die schädliche Freude, seiner Begierde eine Gmige gethan zu haben; die Sinne vermengen ihre Reizungen in diese neue Anmuth; er folgt und unterwirft sich ihnen; er wird ihr Sklave, er, der vorher ihr Herr war. Zu gleicher Zeit wird alles seinetwegen verändert. Die Erde lacht ihm nicht mehr, wie vordem; er wird nichts mehr von ihr erhalten, als was er durch schwere und anhaltende Arbeiten erzwingen wird; der Himmel ist nicht mehr so heiter; die Thiere, die ihm bis aufdie verhaßtesten und wildesten unterthan,und für ihn eine unschuldige Belustigung waren, nehmen für ihn häßliche ungeheure Gestalten an; Gott, der alles zu seinem Glücke erschaffen hatte, verwandelt. in einem Augenblicke alles in Strafen für ihn. Der Mensch quält sich selbst, er, der sich so sehr geliebt hatte. Der i B.M, Aufruhr seiner Sünde läßt ihn ich weis nicht was schändliches an ihm bemerken. Er ist nicht mehr das Meisterstück Gottes, an dem alles schön war; die N 2 Sünde 196 Bischof Bossuets Einleitung Sünde hat ein neues Geschöpf hervorgebracht, welches verborgen werden muß. Der Mensch kann seine Schande nicht mehr ertragen, und wollte sie gern vor seinen eignen Augen verbergen. Allein Gott wird ihm noch unerträglicher. Diesem großen Gott, welcher.ihn nach seinem Bilde gemacht, und ihm die Sinne gegeben hatte, daß sie seinem Geiste zu Hülse kommen sollten, gefiel es, sich dem Menschen in einer sinnlichen Gestalt zu zei-en. Der Mensch kann seine Gegenwart nicht m.hr ertragen. Er verbirgt i V>M.Z/8. sich unter die Baume im Gaten, um sich dem Angesichts desjenigen zu entziehen / der vorher sein Glück war. Sein Gewissen klagt ihn an, ehe Gott noch redet. Er will sich entschuldigen, und seine unglücklichen Entschuldigungen verdammen ihn selbst. Er muß sterben, das Mittel zur Unsterblichkeit ist ihm genommen, und ein weit schrecklicherer Tod, als der zeitliche, der Tod der Seele, wird ihm durch den vorgebildet, zu welchem sein Körper verdammt wird. Das Urtheil, das über ihn ausgesprochen wird, geht auch uns an. Gott, der beschlossen hatte, seinen Gehorsam in seiner ganzen Nachkommenschaft zu belohnen, verdammt und straft ihn, so bald er sich empört hatte, aber nicht allein in seiner Person, sondern auch in allen seinen Kindern, als dem empfindlichsten und geliebteiren Theile seiner selbst. Wir find alle in unserm Ursprünge verflucht; wir sind aus sündlichem Samen erzeugt, und in unsrer Quelle angesteckt und verderbt worden. Laßt uns hier nicht die schrecklichen Regeln der göttlichen Gerechtigkeit untersuchen, nach welchen Gott das menschliche Geschlecht in ihrem Ursprünge ' - ver- in die allgemeine Geschichte. 197 verflucht hat. Laßt uns die Gerichte Gottes anbeten, der alle Menschen in demjcnigcn,au6 dem sie alle herkommen sollen, als einen einzigen Menschen betrachtet. Wir wollen uns selbst ansehen, als solche, die in ihrem Vater ihre Würde vcrlohren haben, welche auf ewig durch den AuSspruch, der uns verdammt, entweiht, ^ und mir ihm aus dem Paradiese verbannt und verstoßen worden sind/ in welchem er uns hatte zeugen sollen. Die Regeln der menschlichen Gerechtigkeit können uns wohl in die Tiefen der göttlichen Gerechtigkeit hincinleicen; allein sie können uns den Grund dieser Tiefen nicht entdecken. Laßt uns glauben, daß sowohl die göttliche Gerechtigkeit, als die göttliche Barmherzigkeit nicht nach der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit der Menschen beurtheilt werden müssen, und daß beyder Wirkungen sich viel weiter erstrecken, und verborgner und unbegreiflicher sind. Aber laßt uns indessen, daß uns die strengen Gerichte Gottes über das menschliche Geschlecht erschrecken, seine Güte bewundern, die unsre Augen auf einen angenehmern Gegenstand richtet. Unter der Gestalt der Schlange, deren krumme Wendungen ein i B.Mos. Z/ deutliches Bild von den Einschmcichelungen, be- trügerischen Künsten, und Ueberredungen des bösen Geistes waren, zeigt Gott der Eva, unsrer Mutter, ihren überwundncn Feind, und den gesegneten Samen , durch welchen ihrem Ueberwinder der Kopf zertreten, das ist, sein Hochmuth gedemüthigt, und seine Herrschaft auf der ganzen Erde überwunden werden sollte. Dieser gesegnete Samen war Jesus Christus, der Sohn einer Jungfrau, dieser Jesus Christus, N z in 198 Bischof Bossuets Einleitung in dem allein Adam nicht gesündigt hatte, weil er vom Adam auf eine göttliche Art herkommen, aber nicht von einem Menschen erzeugt, sondern vom heiligen Geiste empfangen werden sollte. Allein, eh uns Gott diesen Erlöser gab, so mußte das menschliche Geschlecht durch eine lange Erfahrung einsehen lernen, wie nöthig die Menschen einen solchen Beystand hatten. Der Mensch wurde also sich selbst überlassen; seine Neigungen wurden verdorben, seine Missethaten waren die entseßlichsten Ausschweifungen , und die Bosheit bedeckte die ganze Erde. Zu der Zeit beschloß Gott die Ausführung einer Rache, deren Andenken niemals unter den Menschen vergehen sollte. Dieses war die allgemeine Sund- siuth, von welcher das Andenken, mit dem Andenken der Verbrechen, die sie der Welt zugezogen haben, noch unter allen Nationen vorhanden ist. Die Menschen mögen also nicht glauben, daß die Welt durch sich selbst bestehe, und das, was einmal ist, immer eben so seyn werde. Gott, der alles gemacht hat, und durch den alles besteht, will alle Thiere mit allen Menschen ersäufen, und den schönsten Theil seiner Werke zernichten. Dennoch fand sich unter den Menschen noch ein Gerechter. Gott hatte ihn durch seine Gnade vom Strome der Bosheit nicht hinreißen lassen, ehe er ihn in der Sündfluth retten wollte. Seine Familie wurde zur Wiederbevölkerung der Erde erhalten, welche bald eine schreckliche Wüste werden sollte. Gott erhielt durch die Sorgfalt dieses gerechten Mannes die Thiere, damit der Mensch lernen sollte, daß sie für ihn erschaffen, und seiner Herrschaft von dem Schöpfer unterwürfig gemacht worden waren. Die in die allgemeine Geschichte. 199 Die Welt erneuert sich, und kömmt noch einmal aus dein Schooße der Wasser hervor. Allein bey aller dieser Erneuerung behalt sie doch einen ewigen Eindruck der göttlichen Rache. Bis auf die Sünd- flmh war die ganze Natur weit stärker, und lebhafter. Die ungeheure Menge Wasser, unter welchen Gott die Erde vergrub, stund so lange über ihr, daß ihre Safte, die sie vcrschlosi, verderbt wurden. Die Luft wurde mit einer außerordentlichen Feuchtigkeit beschwert, und unterhielt dadurch den Grund zur Vergänglichkeit, und da die erste Einrichtung der Welt geschwächt war, so wurde das menschliche Leben immer kürzer, welches die Menschen vorher fast bis auf tausend Jahre gebracht hatten. Die Pflanzen und Früchte hatten nicht mehr ihre erste Kraft, und den Menschen mußte mit dem Fleische der Thiere eine stärkere Nahrung gegeben werden. So mußten nach und nach die Uebcrbleibsel der ersten Einrichtung verschwinden, und die ganz veränderte Natur sagte dem Menschen, daß Gott für ihn nicht mehr der gnädige Gott wäre, weil er ihn durch so viele Verbrechen wider sich gereizt hätte. Das lange Leben der ersten Menschen, wovon uns die Geschichte Mosis Nachricht giebt, ist auch andern Völkern nicht unbekannt gewesen, und ihre alten Sagen haben uns das Andenken davon aufbehalten. Der Tod, welcher sich näherte, ließ die Menschen eine schnellere Rache empfinden, und weil sie sich alle Tage tiefer in das Laster stürzten, so mußten sie auch alle Tage ihre Strafe näher haben*. Die einzige Veränderung mit den Speisen, da sie das Fleisch der Thiere zu ihrer Nahrung nehmen N 4 mußten, * IVsanetli, IZowl! Nie. vzmas. er al, »s>. Io5e>z!,. ^nc. I, 4. licliotl. vp. er al. 2OO Bischof Bossuets Einleitung mußten, konnte ihnen zeigen, daß ihr Zustand schlimmer geworden sey, weil sie beständig schwächer, und zugleich doch auch freßbegierig'cr und blutdürstiger wurden. Die Nahrung der Menschen vor der Sündfluth, welche sie von den Früchten, die von freyen Stücken abfielen, und von den Krautern, die eben so geschwind reiften, ohne Mühe erhielten, diese Nahrung war ohne Zweifel noch ein Ueberblcibsel von der ersten Unschuld, und von der Sanftmmh, zu der wir erschaffen waren. Jtzt müssen wir zu unsrer Erhaltung Blut vergießen, ob uns schon dieses von Natur einen Schauer erweckt. Alle Künste, deren wir uns bedienen, unsern Tisch angenehm zu machen, reichen kaum zu, uns die Aeser zu verstecken, die wir essen müssen, um unsern Hunger zu sättigen. Aber das ist noch unser kleinstes Unglück. Das Leben, das schon so sehr verkürzt ist, verkürzen wir noch mehr durch die Gewaltthätigkeiten, weiche unter dem menschlichen Geschlechte einreisten. Der Mensch, den man in der ersten Zeit das Lebender Thiere schonen sah, ist nunmehr gewohnt, das Leben andrer Menschen nicht zu schonen. Es war umsonst, daß Gott gleich nach der Sündfluth verbot, Menschenblut zu vergießen. Umsonst hatte Gott geboten, um noch einige Spuren der ersten Sanftmut!) unsrer Natur zu erhalten, daß es zwar erlaubt seyn sollte, das Fleisch der Thiere, aber nicht ihr i B, M, ?, 4. Blut, zu essen. Es gieng ein Mord nach dem an- i V.M.4,5!, dem vor. Es ist wahr, daß Cain noch vcr der Sündflnth seinen Bruder seinem Neide aufgeopfert i B. Mos, 4, hatte. Lamech , der vom Cain abstammte, hatte '5' den andern Mord begangen, und es ist kein Zweifel, daß es noch mehrere Mörder gegeben, welche diesen ver- in die allgemeine Geschichte. 20z verdammlichen Beyspielen gefolgt sind. Aber die Kriege waren noch nicht erfunden. Nach der Sund- fluth erschienen erst diese Verwüster der Provinzen, welche man Eroberer hieß, die durch die Ehre zu herrschen angetrieben wurden, so viele Unschuldige auszurotten. Nimrod, der ein verfluchter Abkömmling des verfluchteil Chams war, sing den Krieg an, um sich ein Reich aufzurichten. Seit der Znt hat die Herrschsucht keine Grenzen gehabt, und ist mit dem Leben der Menschen nach ihrem Gefallen umgegangen. Die Menschen sind so weit gegangen, daß sie einander umbringen, ohne einander zu hassen. Die größte Kunst, die am meisten geehrt worden ist, ist die Kunst, einander unizubringen. So sieht der Anfang der Welt aus, wie uns Moses denselben beschreibt, ein Anfang, der überaus glücklich ist, und eine Folge von unendlichen Uebeln nach sich hat. Er ist in Ansehung Gottes beständig bewundernswürdig, und für uns ein reicher Anlaß zu Ueberlegungen, wenn wir ihn in unsern Gedanken übersehen wollen. Wir werden die Welt und das menschliche Geschlecht immer unter der Hand Gottes sehen, wie er es durch sein Wort aus dem Nichts hervorruft; wie er es durch seineGüte erhalt, und durch seine Weisheit regiert; wie er es nach seiner Gerechtigkeit bestraft; wie er es durch feine Barmherzigkeit wieder errettet, und wie es immer seiner Macht unterworfen ist. Das ist nicht dic Welt, wie sie sich einige Philosoph^', vorgestellt haben, die nach einigen durch eine ungefähre Zusammenkunft der ersten Staubchen entstanden ist, nach den Weifesten aber ihrem Urheber nur den Stoff dargeboten hat, sie daraus zu bilden, die N 5 folg- IÄ^d! 2O2 Bischof Bossuets Einleitung folglich weder im Grunde ihres Wesens, noch in ihrem ersten Zustande von ihm abhängt, sondern ihn selbst an gewisse Gesetze bindet, die er nicht verletzen kann. Moses, und unsre Altväter, deren Sagen er gesammlet hat, machen uns ganz andre Vorstellungen davon. Der Gott, den er uns gezeigt hat, besitzt eine ganz andre Gewalt; er kann erschaffen, und Zernichten, wie es ihm gefällt; er giebt der Natur Gesetze, und ändert sie ganz und gar, wenn er will. Wenn er zu der Zeit, da ihn die Menschen vergessen hatten, erstaunliche Wunder gethan, und die Natur gezwungen hat, wider ihre bestandigsten Gesetze zu handeln, damit er sich den Undankbaren bekannt machen möchte, so ist er fortgefahren, uns zu zeigen, daß er ein unumschränkter Herr der Natur, und sein Wille das einzige Band sey, das die Ordnung in der Welt erhalt. Das war es eben, was die Menschen vergessen hatten: Die Dauer einer so schönen Ordnung diente zu weiter nichts, als sie zu überreden, daß diese Ordnung von je her, und von sich selbst, also gewesen wäre. Dadurch wurden sie geneigt, die Welt überhaupt, oder die Gestirne, die Elemente, und kurz, alle diese großen Körper, woraus sie bestehen, anzubeten. Gott hat also an dem menschlichen Geschlechte eine Güte bewiesen, die seiner würdig ist, indem er bey ausnehmenden Gelegenheiten diese Ordnung aufgehoben hat, welche sie nicht allein nicht mehr rührte, weil sie ihrer gewohnt waren, sondern sie auch geneigt machte, so sehr verblendet waren sie! die Ewigkeit und Unabhängigkeit außer Gott zu suchen. Die in die allgemeine Geschichte. 20z Die Geschichte des Volkes Gottes, welche sowohl durch ihre eigne Folge, als auch durch die Redlichkeit sowohl derer, von denen sie beschrieben worden ist, als derer, die sie uns mit so vieler Sorgfalt aufbehalten haben, diese bewahrte Geschichte hat uns in einem getreuen Verzeichnisse das Andenken seiner Wunder bewahrt, und giebt uns dadurch eine wahre Vorstellung von der uinimschränkten Herrschaft Gottes, dieses allmachtigen Herrn, über seine Geschöpfe, die er beweist, sowohl wenn sie sich bestandig nach den allgemeinen, einmal bestimmten, Gesetzen richten müssen, als wenn er ihnen andre giebt, weil er es zuweilen für nöthig findet, das eingeschlafne menschliche Geschlecht durch eine erstaunliche That aus seinem Schlummer zu erwecken» Das ist also der Gott, den uns Moses in seinen Schriften, als den einzigen, vorgestellt hat, dem wir allein dienen sollen; das ist der Gott, den die Patriarchen vor ihm angebetet haben, mit einem Worte, der Gott Abrahams, der Gott Isaacs, und der Gott Jacobs. Das ist der Gott, dem unser Vater Abraham seinen einzigen Sohn hat aufopfern wollen, dessen Hohcrpriester, Melchiscdec, diesesVorbild JesuChristi, war; dem unser Vater, Noa, bey seinem Ausgange aus der Arche, opferte. Das ist der Gott, den der gerechte Abel erkannte, als er ihm das Beste seiner Heerden zum Opfer brachte; derGott,den Seth,welchen Gott dem Adam an die Stelle des erwürgten Abels gegeben hatte, seinen Kindern bekannt machte, die darum auch Kinder Gottes genannt wurden. Das ist endlich der Gott, den Adam selbst seinen Nachkommen, als denjenigen, zeigte, aus dessen Handen er zuerst gekommen war; der Gott, der allein dem Elende 2O4 Bischof Bossuets Einleitung seiner unglückseligen Nachkommenschaft abhelfen konnte. Wie schön ist die Philosophie, die uns so reine Vorstellungen von dem Urheber unsers Wesens giebt! Wie herrlich ist die Tradition, die uns das Andenken seiner prachtigen Werke erhalt! Wie heilig ist das Volk Gottes, das in cin.'r ununterbrochnen Folge, vom Anfange der Welt her, bis auf unsre Tage so herrliche mündlich fortgepflanzte Nachrichten, und eine so heilige Philosophie erhalten hat! Allein, weil das Volk Gottes unter dem Patriarchen Abraham eine ordentlichere Gestalt gewonnen hat, so ist es nöthig, Monseigneur, daß Sie sich bey einem so großen Manne ein wenig aufhalten. Vom Abraham und den Patriarchen. braham wurde ungefähr drcyhundert und fünfzig Jahre nach der Sündfluth zu einer Zeit gebohren, wo das menschliche Leben noch sehr lange dauerte, ob es gleich schon in engere Grenzen eingeschlossen war. Noa war nur gestorben, Sem, sein ältester Sohn, lebte noch, und Abraham hat beynahe sein ganzes leben mit ihm zubringen können. Die Welt war also noch ganz neu, und so zu sagen noch von den Wassern der Sündfluth durchdrungen; die Menschen waren dem Ursprünge der Dinge ganz nahe, und brauchten zur Erkenntniß der Einheit Gottes, in die allgemeine Geschichte. 205 tes, und dem Dienste, den sie ihm schuldig waren, weiter nichts, als den Unterricht davon, der vom Adam, bis auf den Noa, und weiter mündlich fortgepflanzt worden war. Diese Tradition stimmte im übrigen mit den Wahrheiten, welche die Vernunft erkannte, s» überein, daß es schien, als ob eine so deutliche und wichtige Wahrheit niemals verfinstert werden könnte. So ist der erste Zustand der Religion beschaffen, welcher bis auf Abrahams Zeiten dauert! Damals durften sich die Menschen nur ihr Gedächtniß und ihre Vernunft lehren lassen, wenn sie die Größe Gottes erkennen wollten. Allein die Vernunft war schwach und verderbt, und je weiter sich die Menschen von dem ersten Ursprünge der Dinge entfernten, dcstomchr verwirrten sie die Vorstellungen unter einander, die sie von ihren Vorfahren empfangen hatten. Die ungelehrigen oder übelunterrichteten Kinder wollten ihren gekrümmten Großvätern nicht mehr glauben, die sie nach so vielen Geschlechtern kaum mehr kannten. Der Verstand Her Menschen, welcher ganz sinnlos geworden war, konnte sich nicht mehr zu erhabnen geistlichen Dingen erheben, die Menschen wollten nichts anbeten, als was sie sahen, und die Abgötterey breitete sich also auf der ganzen Erde aus. Der Geist, welcher den ersten Menschen betrogen hatte, genoß dazumal die Früchte seiner Verführung, und sah die Wirkung des Wortes, das er gesagt hatte : ^jl)r rverdec seyn, rvie Gott. So bald er sie aussprach, gieng er darauf um, wie er in dem Menschen die Vorstellung von Gott, und die Vorstellung von der Crearur vermengen, und einen Namen theilen könnte, dejjen Majestät darinnen besteht, daß er 2O6 Bischof Bossmts Eitlleitung keinem mitgetheilt werden kann. Sein Unternehmen gelang ihm. Die Menschen, die von Fleisch und Blut eingeschläfert worden waren, hatten dennoch von der göttlichen Macht eine dunkle Vorstellung behalten, die sich durch ihre eigne Kraft erhielt. Allein eben diese Vorstellung wurde mit den Bildern verwirrt, die durch die Sinne in die Seele gebracht wurden, und verleitete sie so weit, daß sie alle Dinge anbeteten, welche einige Thätigkeit und einige Gewalt besitzen. Folglich wurden die Sonne, und die Gestirne, weil sie sich aus einer so großen Weite empfinden lassen, die ersten Gegenstände der öffentlichen Anbetung, und eben diese Ehre wiederfuhr dem Feuer, und den übrigen Elementen, weil ihre Wirkungen so sehr allgemein waren. Den großen Königen, und den Eroberern, und den Urhebern solcher Erfindungen, welche dem menschlichen Geschlechte-sehr nützlich waren, wurde bald auch die göttliche Ehre erwiesen. Die Menschen litten ihre Strafe dafür, daß sie sich ihren Sinnen unterworfen hatten. Die Sinne waren über alles Richter, und erschufen wider die Vernunft alle die Götter, welche man auf der Erde anbetete. Wie weit war dazumal der Mensch von seinem ersten Zustande entfernt, und wie sehr war das Ebenbild Gottes in ihm entheiligt, und unscheinbar worden ! Konnte ihn wohl Gott mit so verkehrten Neigungen erschaffen haben, die sich von Tage zu Tage mehr äußerten? Und zeigte der wunderbare Hang desselben, sich einem ieden andern Dinge lieber, als seinem natürlichen Herrn, zu unterwerfen, die fremde Hand nicht deutlich genug, durch welche das Werk Gottes in der menschlichen Seele so schrecklich verwüstet worden war, daß man kaum noch einige Spuren in die allgemeine Geschichte. 207 ren davon sehen konnte? Dieser blinde Eindruck, der ihn beherrschte, stieß ihn fort, und er verlohr sich in der Abgötterey so weit, daß ihn nichts zurückhalten konnte. Ein so großes Uebel nahm erstaunlich überHand. Aus Furcht/ daß es nicht das ganze menschli- . che Geschlecht anstecken, und die Erkenntniß Gottes ganz vertilgen möchte, so gieng der göttliche Beruf an den Abraham, seinen Knecht. In seiner Familie wollte er seinen Dienst, und den alten Glauben erhalten, der sowohl die Schöpfung des Weltgebäudes, als auch die besondre Vorsicht begriff, mit welcher er die Welt regieret. Abraham ist im Oriente beständig berühmt gewesen. Die Hebräer sind es nicht allein, die ihn als ihren Stammvater verehren. Die Jdumäer rühmen sich gleichfalls dieser Ehre. Jsmael, der Sohn iB.Mos. -7> Abrahams, ist unter den Arabern, als derjenige, be- ^- kannt, von dem sie herkommen. Die Beschneidung ist ihnen, als ein Kennzeichen ihres Ursprunges, übrig geblieben, und sie haben dieselbe zu allen Zeiten nicht am achten Tage, wie die Juden, sondern im dreyzehnten Jahre, empfangen, weil ihr Stammvater, iB.Mos. 17, Jsmael, nach der Nachricht der heiligen Schrift, erst ^' in seinem dreyzehnten Jahre beschnitten worden ist. Und diese Gewohnheit dauert unrer den Mahometa- nern noch fort. Andre arabische Völker erinnern sich noch Abrahams, und derKctura, und sie sind es eben, welche nach der heiligen Schrift aus dieser Ehe entsprungen sind. Dieser Patriarch war ein Chaldäcr, und diese Völker, welche wegen ihrer astronomischen Beobachtungen bekannt sind, haben ihn unter ihre klügsten Sternseher gezählt. Die Geschichtschreiber von Syrien haben ihn zum Könige von Damascuö ge- 2v8 Bischof Bossuets Einleitung' gemacht, ob er gleich ein Fremdling, und von Babylon hergekommen war, und sie erzählen, daß er das Königreich DamascuS verlassen habe, um seinen Sitz im Lande der Cananiter aufschlagen, welches nachher Judaa genannt worden ist *. Allein, wir wollen lieber anmerken, was die Geschichte des Volkes Gottes von diesem großen Manne erzählt. Wir haben gesehen, daß Abraham die Lebensart beybehielt, welche die Altvätcr hatten, ehe noch Königreiche entstunden. Er herrschte in seiner Familie, und lebte mit ihr in dem Hirtenstande, der wegen seiner edlen Einfalt und Unschuld so sehr berühmt ist. Seine Reich- sV.Mvs.i-. thümer bestunden inHeerden, in Sklaven, in Gelde, aber nicht in Landern und Herrschaften, und er lebte selbst in einen', fremden Königreichs, als ein unumschränkter Prinz, und stund in dem größten Ansehen. Seine Gottesfurcht und seine Redlichkeit, die von Gott beschützt wurden, erwarben ihm dieses Ansehen» Er war Königen gleich, die seine Bundesgenossen zu werden suchten, und daher mag die alte Mermung gekommen seyn, daß er selbst die königliche Würde gehabt habe. Ob er gleich sein Leben in einer edlen Einfalt und friedlichen Stille zubrachte, so wußte er doch Krieg zu führen, aber dieses that er allein zur Vertheidigung seiner unterdrückten BundSgenosscn. Er vertheidigte, und rächte sie durch einen merkwürdigen Sieg; er gab ihnen alle Reichthümer wieder, die er ihren Feinden abgenommen hatte, und behielt nichts da- * ^Iex.?ol^'l,. gr>, loiep!?, knriizu, l, iz, 16. Leros, Uecsr. Lr>^.?oI^Ii. er zl loiepli .anr Iirir.8. er Lrilelz, pl-?.ep. 1!v.IX, 16, iF, 19,20 er XIII. I^ic.vsma^ Urir.IV. Z>M. uni,v. in excerr-r. Vnl. er sr,, lolex!). AMiHU. üdr. 8- er Luieb. ^raer,. Lv. IX, 16» in die allgemeine Geschichte. 259 davon/ als den Zehnten, den er Gott opferte, und den Theil für die Hülfsvölker, die er in den Streit geführt hatte. Im übrigen schlug er auch die prach- lB.Mos.i-. tigen Geschenke der Könige, denen er doch einen so ^ großen Dienst geleistet hatte, mit einer Großmuth c.zz, 6. aus, die ihres gleichen nicht hat, und er wollte nicht leiden, daß sich iemand rühmen möchte, er hatte Abraham reich gemacht. Er wollte keinem etwas zu danken haben, als Gott, der ihn beschützte, und vor dem er in einem vollkommnen Glauben und Gehorsame wandelte. Dieser Glaube leitete ihn, als er sein vaterliches Land verließ, und in dasjenige gieng, welches ihm Gott zeigte. Gott , welcher ihn berufen, und seines Bundes würdig gemacht hatte, richtete denselben unter folgenden Bedingungen mit ihm auf. Er versprach ihm, daß er sein Gott, und der Gott iB.Mos. 17, und der Beschüßer seiner Kinder seyn wollte, und daß sie ihm, als dem einzigen Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dienen sollten. Er versprach ihm ein Land, und dieses war das Land Canaan, welches der bestandige Aufenthalt seiner Nachkommeilschaft, und der Sitz der Religion seyn sollte. Er hatte keine Kinder, und sein Weib, Sara, i B. Mos. war unfruchtbar. Gott schwur ihm bey sich selbst, ^. und bey seiner ewigen Wahrheit, daß von ihm und c.17,^.' seinen: Weibe ein Geschlecht gebohren werden sollte, welches den Sternen am Himmel, und dem Sande am Meere, gleich seyn würde. Allein, das folgende Versprechen Gottes ist noch weit merkwürdiger. Alle Völker stürzten sich immer tiefer in die Abgötterei). Gott versprach dein heili- O gen 21O Bischof Bosfuets Einleitung iB-M.-^z. gen Patriarchen, daß in ihm und seinem Samen c.is, i». alle diese blinden Völker, die ihn vergaßen, gesegnet, und zu seiner Erkenntniß berufen werden sollten, in welcher der wahre Segen zu finden ist. Durch diese göttliche Zusage ist Abraham der Vater aller Gläubigen geworden, und seine Nachkommenschaft sollte die Qvclle seyn , aus der sich der Segen über die ganze Erde ergießen sollte. In dieser Zusage war das Versprechen von der Zukunft des Meßias eingeschlossen, der unsern Vätern so oft, als derjenige, verkündigt worden ist, der der Heiland aller Heiden und aller Völker auf Erden seyn sollte. Also wurde dieser gebenedeyte Samen, welcher der Eva versprochen worden war, auch der Same und ein Abkömmling Abrahams. Darauf beruht der Bund Gottes mit seinem iD.Msf. 17. Knechte, Abraham; so sind die Bedingungen desselben beschaffen. Abraham empfing das Siegel davon in der Beschncidung. Diese Ceremonie sollte anzeigen, daß dieser heilige Mann mit seiner ganzen Familie dem Herrn zugehörte. iB.M-N/-. Abraham hatte noch keine Kinder, ehe der Herr c'17,-0.' ""fing, f<-'i" Geschlecht zu segnen. Gott ließ ihn c.'-i/iz.' auch nachher noch verschiedne Jahre ohne Kinder. Hierauf zeugte er den Jsmael, den Stammvater eines großen Volkes, aber nicht des erwählten Volkes, das ihm so oft versprochen worden war. Der Vater dieses erwählten Volkes sollte von ihm und seiner 1B.Mvs.21. Frau, Sara, herkommen, welche unfruchtbar war. Endlich wurde, dreyzehn Jahre nach der Geburt des Jsmael, dieser so erwünschte Sohn gebohren. Er wurde Jsaac genannt, und sein Name wird von einem in die allgemeine Geschichte. 2u ttem Worte abgeleitet, welches das Lachen anzeigt. Er war ein Sohn der Freude, ein Sohn des Wunders , ?in Sohn des Versprechens, welcher durch seine Geburt beweist, daß die wahren Kinder Gottes aus Gnade gebohren werden» Dieser gesegnete Sohn war schon groß, und zu ei- »B.Ms.-q», nem solchen Alter gelangt , daß sein Varer nicht hoffen konnte, noch andre Kinder zu zeugen , als ihm Gott auf einmal den Befehl gab, ihn zu schlachten. In was für Versuchungen wurde sein Glaube nicht geführt! Abraham führte seinen Sohn, Isaac, zudem Berge, den ihm Gott gezeigt hatte, und wollte den Sohn aufopfern, durch den allein ihn Gott zum Vater sowohl seines Volkes, als des Meßias, zu machen versprochen hatte. Isaac reichte seinen Leib dem Schwerdte willig dar, welches sein Vater schon fertig hielt, ihn damit aufzuopfern. Gott war mit dem Gehorsame des Vaters und des Sohnes zufrieden, und verlangte nichts mehr. Nachdem diese beyden großen Männer der Welt ein so lebendiges und schönes Vorbild von der freywilligen Ausopferung Jesu Christi gewesen waren, und im Geiste schon die Bitterkeit seines Kreuzes geschmeckt hatten, so wurden sie für würdig gehalten, seine Vorfahren zu seyn. Abra- . hams Treue machte, daß ihm Gott alle seine Ver- iB.Mvs.--, sprechungen bestätigte, und von neuem nicht allein »z. seine Familie-, sondern auch durch seine Familie alle Geschlechter auf Erden segnete. Isaac, sein Sohn, und Jacob, sein Enkel, genossen in der That auch seinen Schuß beständig. Sie waren ihres Vaters Nachahmer; sie waren, wie er, dem alten Glauben ergeben; sie blieben bey der alten Lebensart, und waren Hirten, und behielten auch die O s «jte 212 Bischof Bossuets Einleitung alte Regierungsart bey, nach der ein ieder Vater das Haupt und derPrinz seinesHauses war. So lebte mitten unter den Veränderungen, die sich taglich unter den übrigen Menschen eräugnetcn, das heilige Alterthum in der Religion, und in der frommen Aufführung Abrahams und seiner Kinder wieder auf. Gott erneuerte auch dem Jsaac, und dem Jacob eben die Versprechungen, die er ihrem Vater, Abraham, gethan hatte, und wie er sich den Gott Abrahamsgenannt, so nannteer sich auch den Gott Jsaacs und Jacobs. Unttr seinem Schuße fingen diese drey großen Manner an, in dem Lande Canaan sich beständig aufzuhalten; aber sie waren immer noch Fremdlinge ?lpoKeIg>7/5' darinnen, und besaßen nicht einen Fuß breit Landes, bis die Hungersnoth den Jacob nach Aegypten zog, wo seine Kinder sich vermehrten, und gar bald nach der Zusage Gottes ein großes Volk wurden. Im übrigen unterließ doch dieser große Gott nicht, die Wahl seiner Gnade zu zeigen, ob gleich dieses Volk, das er in seinem Bunde gebohren werden ließ, sich durch die Fortpflanzung des Geschlechtes ausbreiten , und der Segen in der Familie bleiben sollte» - Denn nachdem er den Abraham mitten aus den Völkern erwählt hatte, so erwählte er unter seinen Kindern den Jsaac, und hernach unter den Zwillingen Jsaacs den Jacob, dem er den NameiMJsrael, beylegte. . ^ Jacob hatte zwölf Kinder, welche die zwölf Patriarchen, und die Stifter der zwölf Stamme wurden. Alle sollten an dem Bunde Antheil haben; allein Ju- da ward unter allen seinen Brüdern erwählt, daß er" der Stammvater der Könige in Israel, und der Vater in die allgemeine Geschichte. 21z tcr des Meßias seyn sollte, der seinen Vorfahren so oft verheißen worden war. Es sollte einmal eine Zeit kommen, da zehn Stamme wegen ihrer Untreue von dem Volke Gottes getrennt werden sollten. Alsdann sollte der Segen der Nachkommenschaft Abrahams, nämlich die Religion, der Befiß des Landes Canaan, lind die Hoffnung des Meßias nur indem einzigen Stamme, Juda, erhalten werden, der den übrigen Jsraeliten den Namen der Juden, und dem ganzen Lande den Namen Judäa geben sollte. So äußerte sich die Wahl der göttlichen Gnade bestandig, auch in diesem fleischlichen Volke, da6 sich durch die ordentliche Fortpflanzung erhalten sollte! Jacob sah im Geiste das Geheimniß dieser göttli- iV.Ms^. chen Wahl. Da er sterben wollte , und seine Kinder, die um sein Bette herumstunden, einen so liebreichen Vater um seinen Segen baten, so entdeckte ihm Gott den künftigen Zustand der zwölf Stamme, wenn sie in das versprochneLcmd gekommen seyn würden. Er offenbarte ihn in wenig Worten, und diese wenigen Worte schließen unzählige Geheimnisse in sich. Obgleich alles, was er von den Brüdern, Juda, sagt, mit einer außerordentlichen Pracht ausgedrückt ist, und einen Menschen verrath, welchen der Geist Gottes außer sich entzückt hat: So erhebt er sich doch noch höher,da er auf seinen Sohn,Juda,kömmt. Juda, sagt er, du bists, dich werden deine Brüder loben; deine Hand wird deinen Feinden auf dein Halse seyn. Dor dir werden deines Varers Rinder sich, neigen. Juda ist ein junger Löwe, du bist hoch gekommen, mein Sohn, durch große Siege: Er hat nieder gekniet, und sich O z gela, 214 Bischof Bossuets Einleitung gelagert, wie ein Löwe, und wie eine Löwinn ; wer will sich wider ihn auflehnen? ZLs wird das Scepter von Juda nicht entwendet werden, noch ein Meister von seinen Füssen» bis daß der Held komme, und demselben werden die Heiden anhangen« Das Scepter beheutet, das Ansehen, oder die Gewalt. Die letzten Worte dieser Prophezeihung lauten nach einer vielleicht eben so alten Lesart anders, zeigen aber im Grunde mit den schon angeführten Worten einerley an; bis derje- nigekomme, dem alle Dinge vorbehalten sind. Das Uebrige ist so, wie wir es angeführt haben. Das Folgende dieser Weissagung geht dem Buchstaben nach auf den Strich Landes, welchen der Stamm Juda in dem heiligen Lande einnehmen sollte. Allein, man mag diese letzten Worte, die wir gesehen haben, nehmen, wie man'will, so gehen sie auf keinen andern, als den, welcher der Gesandte Gottes, der Diener und Ausleger seines Willens, in dem alle Versprechungen Gottes erfüllt sind, der König des neuen Volkes, nämlich der Meßias, oder der Gesalbte Gottes ist. Jacob redet nur gegen den einzigen Juda, aus dessen Geschlechte der Meßias gebohren werden sollte, ausdrücklich von ihm. Er begreift in dem Schicksale des einzigen Juda, das Schicksal des ganzen Volkes, dessen andern Stämme nach seiner Zerstreuung wiederum mit dem Stamme, Juda, vereinigt werden sollten. Alle Worte der Weissagung sind klar; nur das einzige Wort, Scepter , könnte nach dem Gebrauche unsrer Sprache bloß für die königliche Würde genommen werden, da es überhaupt in der heiligen Sprache in die allgemeine Geschichte. 215 che für die Gewalt, für das Ansehen, und die obrigkeitliche Macht genommen wird. Man findet diesen Gebrauch des Wortes, Gceprer, fastauf allen Seiten der heiligen Schrift. Man findet auch diesen Verstand in der Prophezeiung Jacobs offenbar, und dieser Patriarch will sagen, daß in den Tagen des Meßias alle Macht des Hauses Iuda ein Ende ha. ben soll, welches den völligen Untergang eines Staates nach sich zieht. Die Zeiten des Meßias sind also hier durch eine doppelte Veränderung bezeichnet. Zum ersten wird das Königreich Iuda, und das jüdische Volk mit sei» nem völligen linkergange bedrauet. Zum andern soll ein neues Königreich, nicht aus einem einzigen Volke, sondern aus allen Völkern, entstehen, dessen Haupt und Hoffnung der Meßias seyn soll. Das jüdische Volk wird in der Schreibart der heiligen Schrift allezeit in der einzelnen Zahl und vorzüglich das Volk/ oder das Volk Gottes, genannt. Ief. 55. Wenn sie aber von Völkern redet, so verstehen die- jenigen, welche in der heiligen Schrift geübt sind, c.4S/6.i8.' die andern Völker darunter, welche in der Prophe- ^5^-5' zeihung Jacobs dem Meßias auch verheißen wurden. Diese große Weissagung begreift in wenigen Worten die ganze Geschichte des jüdischen Volkes und des Meßias, der ihm versprochen wird. Sie bezeichnet die ganze Folge des Volkes Gottes, und ihre Erfüllung dauert noch. Ich will also hier keine Auslegung machen; man hat derselben nicht nöthig; man darf nur bloß aufdieFol- ge der Geschichte des Volkes Gottes Achtung geben, so wird sich uns der Inhalt und Verstand dieser Weissagung von selbst entdecken. Denn die Erfolge sind hier die besten Ausleger. O4 Vom 216 Bischof Bossuets Einleitung c^-z--^-S-c^-^^^c^l^^^^^c^-Nc^^-^^^^ Vom ^-^ ^ ^ ' ^ Moses, demgeschrießnen Gesche, und der Einführung des Volkes Gottes in das gelobte Land. dem Tode Jacobs blieb das Volk Gottes in MH Aegypten bis auf die Zeit der Gesandtschaft Mo- jls, das ist, ungefähr zweyhundert Jahre. Es vergiengen also vierhundert und dreyßig Jahre, ehe Gott seinein Volke das Land gab, das er ihm verheißen hatte. Denn er wollte seine Auserwählten dazu >. Gott selbst dictirt hatte. Ein solches altes Exemplar, -Lh»u. Z4, so genau und sorgfältig durchgesehen und verbessert worden war, wurde unter der Regierung des Josias in dem Hause des Herrn gefunden, und vielleicht war es das Original selbst, das Moses neben derBundes- lade hatte vcnvahrlich niederlegen lassen. Die Frömmigkeit dieses heiligen Königes wnrde dadurch so erweckt, daß er daher Gelegenheit nahm, das Volk zur Buße zu bewegen. Die herrlichen'Wirkungen^, welche in die allgemeine Geschichte. 231 che die öffentliche Verlesung dieses Gesches zu allen Zeiten gehabt hat, sind unzahlbar. Mit einein Worte, es war ein vortreffliches Buch, das nebsi der Geschichte des Volkes Gottes dasselbe zugleich seinen Ursprung / seine Religion, seine Policen, seine Sitten, seine Philosophie, und alles lehrte, was zur Aufführung des Lebens gehört, und was die Gesellschaften verbindet und vereinigt; ein Buch, welches gute und schlimme Beyspiele, und zugleich die Belohnung der Frommen , und die strengen Bestrafungen enthielt, welche die Sünder empfangen. Das jüdische Volk, welches aus seiner Sklaverey;B.Mvs befreyet, und vierzig Jahre lang in der Wüste aufgehalten worden war, wurde durch diese sirenge und vortreffliche Zucht erst ausgebildet, ehe es in das gelobte Land kam, dasselbe einzunehmen. Moses führte dasselbe an den Eingang; Gott unterrichtete ihn von seinem bevorstehenden Ende, und er überließ dasjenige, was noch zu thun übrig war, demIosua. Ehe er aber starb, verfertigte er den langen und verwun- dernswürdigcn Gesang, welcher mit den Worten anfängt: Hörer ihr Himmel, und du Erde nimm zB.Mvs.z-. die tVorre meines Mundes zu Ghren. Unter diesem Stillschweigen der Natur redet er zuerst zum Volke mit einer unnachahmlichen Starke, und, da er seine Untreue gegen Gott vorhersieht, so entdeckt er «hin die Abscheulichkeit derselben. Auf einmal kömmt er außer sich selbst; alle menschliche Rede scheint ihn für einen so wichtigen und großen Gegenstand zu klein zu seyn. Er erzahlt das, was Gott gesagt hat, und läßt ihn mit einer solchen Hoheit und mit so vieler Güte reden, daß man nicht weis, ob er mehr Furcht uud Verwirrung, oder mehr Liebe und . Vertrauen in uns erweckt. P 4 DaS 2Z2 Bischof Bossuets Einleitung Das ganze Volk lernte diesen göttlichen Gesang auf den Befehl Mosis und Gottes auswendig. Die- 5B.Mos.zi/ ser große Mann starb darauf ganz zufrieden, als ein 1?. 2-. Mann, der nichts unterlassen hatte, unter den Sci- nigen das Andenken der Wohlthaten und Gebote Gottes zu erhalten. Er hinterließ seine Kinder mitten unter seinen Mitbürgern, ohne ihnen einen Vorzug vor den andern, oder ein besondres Glück verschafft zu haben. Er ist nicht allein von seinem Volke, sondern von allen Völkern in der Welt, bewundert worden, und kein Gesehgeber hat iemals unter den Menschen einen solchen Namen gehabt. Man halt dafür, daß er das Buch Hiob geschrieben habe. Die Hoheit der Gedanken, und die Majestät der Schreibart, machen diese Geschichte seiner würdig. Weil zu befürchten war^ daß die Hebräer hochmüthig werden, und sich die Gnade Gottes allein zuschreiben möchten, so war es sehr dienlich, ihnen zu erkennen zu geben, daß dieser große Gott seine Ausenvähltcn selbst in dem Geschlechte ,Esaus hatte. Welche 5ehre konnte wichtiger seyn? Womit konnte Moses ein Volk, das in der Wüste viel ausstehen mußte, besser unterhalten, alsmitdcrGe- duld Hiobs, welcher in Satans Hände übergeben wurde, daß er alle Arten von Plagen leiden mußte; welcher sich aller seiner Güter, seiner Kinder, und seines ganzen Trostes auf Erden beraubt sah, und kurz darauf von einer schrecklichen Krankheit befallen, und in seinem Herzen in die Versuchung geführt wurde,einGottcslästcrerzu werden,und zu verzweifein? Welch Beyspiel konnte für die Jsraeiiten schöner seyn, als das seinige, wenn sie sahen, daß er ungeachtet aller seiner Plagen standhaft blieb, und dadurch zeigte, in die allgemeine Geschichte. 2zz te, eine gläubige Seele, welcher Gott bcysteht, wisse mitten unter den grausamsten Versuchungen, und ungeachtet der traurigsten und schrecklichsten Gedanken, die ihr der Geist der Bosheit eingeben kann, Hivb..iz, ,5. nicht allein ein unüberwindliches Vertrauen zu Gott zu ^'^2,^' erhalten, sondern sich auch durch ihre eignen Leiden zu der c, -5. erhabensten Betrachtung zu erheben, und in den Plagen, die sie erduldet, das Nichts des Menschen, und die höchste Gewalt und die unendliche Weisheit Gottes einzusehen? Dieses lehrt uns das Buch Hiob. Die Geduld dieses heiligen Mannes, wurde endlich durch zeitliche Glückseligkeiten gekrönt, welches der Charakter der damaligen Zeiten war. Unterdessen lernte doch das Volk die Kraft der Leiden einsehen, und die Gnade schmecken, welche dereinst mit dem Kreuze verbunden seyn sollte. Moses hatte sie geschmeckt, als er die Leiden und -B.Mos. -/ die Schmach, die er mit seinem Volke ausstehen mußte, den Wollüsten und dem Ueberflusse des kö-'25.26.^' niglichen ägyptischen Hofes vorgezogen hatte. Von der Zeit an ließ ihn Gott die Schmach Jesu Christi empfinden. Er empfand sie noch mehr, da er die Flucht so jähling ergreifen mußte, und trug sie in seinem vierzigjährigen Elende. Allein, er trank den Kelch Z V.Mos. 14, Jesu Christi völlig aus, nachdem er dazu ausersehen wurde, das Volk Gottes zu bcfreycn. Wie oft mußte er nicht leiden, daß es sich wider ihn empörte! Wie oft war sein Leben in Gefahr! Da lernte er, was es kostete, die Kinder Gottes zu befrcyen, und zeigte von ferne schon, was eine weit größere und wichtigere Erlösung dereinst dem Erlöser der Welt kosten würde. P 5 Dieser 2Z4 Bischof Bossuets Einleitung Dieser große Mann hatte nicht einmal den Trost, in das versprochne land mit einzugehen. Er sch es nur von einem hohen Gebirge, und er schämte sich nicht, selbst aufzuschreiben, daß er wegen einer Sünde daraus ausgeschlossen worden wäre, welche, so klein sie auch schien, dennoch so strenge an einem Manne bestraft werden mußte, d"r von Gott einer so hohen Gnade gewürdigt worden war. Moses sollte ein Beyspiel von der strenger. Gerechtigkeit Gottes, und von dem Gerichte abgeben, das er mit einer schrecklichen Genauigkeit über diejenigen hält, welche seine Gaben zu einer vollkommnen Treue verbinden. Allein, unter dieser Ausschließung Mosis wird uns noch ein weit größres Geheimniß gezeigt. Dieser weise Gesetzgeber, welcher mit allen seinen Wundern nur so viel ausrichtete, daß er das Volk Gottes nur in die Nachbarschaft des ihnen verjprochnen Landes brachte, dient uns selbst zum Beweise, daß sein Ge- Hebr. 7/sey nichts vollkommen mache, und-das, ohne uns die Erfüllung der Zusagen Gottes geben zu können, Hebr.ii/ iz. uns dieselbe nur von vveirem sehen laßt, und uns aufs allerhöchste nur an den Eingang unsers Erbtheiles führt. Ein Josua, das ist, ein Jesus; denn dieses ist der wahre Namen des Josua, welcher durch seinen Namen, und durch sein Amc den Erlöser der Welt vorstellte, dieser Mann, der so weit unter dem Moses, und, bloß wegen seines Namens, so weit über ihn erhaben ist, dieser Josua, sage ich, war es, der das Volk Gottes in das gelobte land einführen sollte. Dieser große Mann gieng mit dem ganzen Volke trocknes Fußes durch den Jordan; die Mauern Jericho fielen von sich selbst vor dem Schalle der heiligen Trom- m die allgemeine Geschichte. 2^5 Trompeten nieder, und die Sonne stund mitten am Himmel sti!I. Durch seine Siegs setzte Gott seine Kinder in das Land Canaan ein, und vertrieb die an-' den- abscheulichen Völker daraus. Er erweckte in seinen Gläubigen einen vollkommncn Haß wider sie, »nd eine außerordentliche Abneigung von ihrer Gottlosigkeit. Die Strafen/ die er durch ihren Dienst vollziehen ließ, erfüllten sie selbst mit Furcht vor der göttlichen Gerechtigkeit, deren Befehle sie vollstreckten. Ein Theil dieser Volker, welche Josua aus ihrem Lande vertrieb, ließen sich in Asrica nieder, wo man lange Zeit darnach eine alte Aufschrift von ihrer Flucht und von den SiegenJosua gefunden hat*. Nachdem diese wundervollen Siege die Jsraeliten in den Besitz des größten Theiles von dem Lande gesetzt hatten, das ihren Vätern versprochen worden war, so theilten Ios.15u. z4. Josua, und der Hohepriester, Eleazar, mit den ^ ^> Häuptern der zwölf Stämme das Land unter sie nach c. -4, -7. dein Gesetze Mosis aus, und gaben dem Stamme Iuda den ersten und größten Theil desselben. Dieser Stamm hatte sich seit den Zeiten Mosis, an Anzahl, Muth, und Würde über die andern erhoben. Josua ^s. 1^ starb, und das Volk setzte seine Eroberungen auch nach dem Tode dieses Helden fort. Gott wollte, daß der z B, Mss, 2. Stamm Iuda vor den übrigen vorhergehen sollte, und ^ that es kund, daß er das ganze Land in seine Hände c. l-Z/14. gegeben hatte. Dieser Stamm schlug auch in der That die Cananiter, und nahm Jerusalem ein, welche i Chrvn.5,-. die heilige Stadt, und die vornehmste unter den ^^'z'' Städten des Volkes Gottes seyn sollte. Das war das alte Salem, wo zu den Zeiten Abrahams, Mel- chisedec, dieser König der Gerechtigkeit, denn die- Hebr.?. scs bedeutet sein Name, und zu gleicher Zeit der König 5 krocop. Uör. II. bell. ViM. 2)6 Bischof Bossuets Einleitung Nl'g des Friedens/ welches das Wort Salem anzeigt, regiert hatte. Abraham hatte ihn für den obersten Priester auf der Welt erkannt, als wenn Jerusalem schon von der Zeit an bestimmt seyn sollen, die heilige Stadt Gottes, und der Sitz der Religion zu Richt, i/ 21. seyn. Diese Stadt wurde im Anfange den Kindern Benjamins gegeben, welche die Jebusaer, die alten Einwohner des Landes, nicht vertreiben konnten, und unter ihnen lebten, weil sie zu schwach, und nicht zah lreich genug waren. Unter den Richtern waren die Schicksale des Volkes Gottes verschieden, nachdem ihre Aufführung böse oder gut war. Nach dem Tode der Alten, welche die Wunder der Hand Gottes gesehen hatten, verlohr sich das Andenken dieser großen Werke allgemach, und die Neigung des ganzen menschlichen Geschlechtes zur Abgötterey riß das jüdische Volk mit sich fort. So oft es abgöttisch wurde, so oft wurde es bestraft; so oft es eine aufrichtige Reue spüren ließ, so oft wurde es befreyt. Der Glaube von der Vorsehung, und die Wahrheit der Versprechungen und Dräuungen ihres Moses wurde in dem Herzen der Glaubigen immer mehr bestätigt. Allein Gott bereitere ihnen schon größre Beyspiele zu. Das Volk verlangte einen König, und Gott gab ihm den Saul, der wegen seiner Sünden bald verworfeil wurde. Er beschloß endlich, einer Familie die königliche Würde zu geben, aus welcher der MeßiaS herkommen sollte, und diese Familie erwählte er aus dem Stamme Juda. David, ein junger Schafer, der Jüngste von den Kindern Iejse, war aus diesem Stamme; weder sein Vater, noch seine Familie erkannten seine Verdienste; allein er war ein Mann nach i B. d.K.u''. dem Herzen Gottes, und Samuel salbte ihn in seiner Vaterstadt/ Bethlehem. Vom in die allgemeine Geschichte. 237 5 » » »5555» 5 » » » 5 -5 4 Vom Könige David, den Konigen, und den Propheten. ier erhält das jüdische Volk eine herrlichere Gestalt Die königliche Würde wird der Familie Davids bestätigt. Zween Könige, die von einem verschiednen Charakter, aber beyde bewundernswürdig sind, sind die ersten dieses Hauses. David, ein Held und Ueberwinder, unterwirst sich die Feinde des Volkes Gottes, und seine Waffen setzen den ganzen Orient in Furcht und Schrecken. Sa- lamon, welcher wegen seiner Weisheit in Judäa und außer Judäa berühmt ist, gab diesem glücklichen Volke einen beständigen und dauerhaften Frieden. Allein, die Religion verlangt von uns einige besondere Anmerkungen über das Leben dieser beyden großen , Könige. David herrschte zuerst übcr Juda, er war mächtig und siegreich, und wurde hernach von dem ganzen Volke Israel erkannt. Er nahm den Iebusäern die Burg Zion ab, welche das Schloß von Jerusalem war. Nachdem er sich dieser Stadt bemächtigt hat- 2B. d. K- 5. te, so richtete er auf den Befehl seines Gottes den 6.7.8.?. Sitz des Königreiches, und der Religion darinnen auf. Zion war seine Wohnung, er baute sie an, und nannrc sie die Stadt Davids. Joab, ein Sohn seiner Schwester, baute den übrigen Theil der Stadt, und Jerusalem erhielt ein ganz neues Ansehen. Die -Chron. n,s. von Iuda nahmen das ganze Land ein, und der ^h^n^, Stamm 2Z8 Bischof Bossmts Einleitung Stamm Benjamin, der sehr klein war, wohnte unter ihnen hier lind da zerstreut. Die lade des Bundes, welche Moses gebaut hatte, wo Gott auf den Cherubin ruhte, und in welcher die beyden Geschtafeln aufbehalten wurden, hatte noch keinen beständigen Siß. David führte sie im Triumphe nach Zion , welches er durch die Allmacht Gottes erobert hatte, damit Gott in Zion herrschen, und für den Beschützer des Königes Davids, der Stadt Jerusalem und des ganzen Königreiches d. K> 6, erkannt werden möchte. Allein die Stistshütte, ^' wo das Volk dem Herrn in der Wüste gedient hatte, k TKron. 16/ war noch zu Gabaon, und daselbst brachten sie Gott c.-i/'-?. ^pfi-'l' auf dem vom Moses erbauten Altare» Man hoffte auf die Erbauung eines Tempels, wo der Altar mit der Bundeslade vereinigt, und der L B- d, K, 8. ganze Gottesdienst angestellt werden sollte. Als Da- -B.d.Ä^ vid alle seine Feinde überwunden, und dieEroberun- 25. ge„ des Volkes Gottes bis an den Euphrat fortge- !a5-pii"!in?.' setzt hatte, so richtete er nach seinen Siegen, und nach iit-.vn.io. der hergestellten Ruhe alle seine Gedanken auf die Einrichtung des Gottesdienstes. Der Ort des Tempels wurde aufden Befehl Gottes auf eben dein Berge abgezeichnet, wo Abraham durch die Hand eines Engels zurückgehalten worden war, als er hatte seinen Sohn opfern wollen. Er machte alle Anstalten dazu; er schaffte die kostbaren und imschatzbaren Materialien dieses Baues zusammen, und bestimmte den Raub von so vielenVölkern und Königen dazu. Allein dieser Tempel, zu dessen Baue ein Eroberer die Anstalten machen mußte, sollte Von einem friedfertigen Könige aufgebaut werden. Sala- in die allgemeine Geschichte. 239 Salamon baute ihn nach dem Modell der Stiftshütte. Der Brandopferaltar, der Rauchaltar, der goldne Leuchter, der Tisch zu den Schaubrodten, und alles übrige heilige Gerüche des Tempels wurde nach dein verfertigt, was Moses in der Wüste hatte iV.d,K,e.6, machen lassen. Salamon that nichts, als die Pracht und Große hinzu. Die VundeSlade, welche der e> 5,6u.7. Mann Gottes erbaut Halts, wurde in das Allerhei- ligste gesetzt. In dieses durfte niemand gehen; es war ein Bild der Majestät Gottes, zu der niemand kommen kann, und ein Bild des Himmels, der den Menschen so lange verschlossen blieb, bis ihnen Jesus Christus den Eingang durch sein Blut eröffnet hatte. Eorc erschien am Tage der Einweihung in seiner ganzen Herrlichkeit darinnen.Er erwählte diesen Ort zum Sitze seines Namens und seines Dienstes, und er gebot, daß an keinem andern Orte geopfert werden sollte. Die Einheit Gottes wurde durch die Einheit des Tempels dargethan. Jerusalem wurde eine heilige Stadc, ein Bild der Kirche, wo Gott, als in seinem wahren Tempel, wohnen wollte; er wurde auch ein Bild des Himmels, wo er uns durch die Offenbarung seiner Herrlichkeit ewig glücklich machen wird. Nachdem Salamo den Tempel erbaut hatte, baute iB.d K-c.? er auch den Pallast der Könige, dessen Bau eines so ""^ ^' großen Prinzen würdig war. Sein Lustschloß, welches das Haus vom Walde Libanon genannt wurde, war sowohl prächtig, als anmuthig. Der Palast, den er für die Königinn baute, wurde eine neue Zierde der Stadt Jerusalem. Alles war in diesen Gebäuden groß, die Vorhöfe, die Galerien, die Altane, iB.d.K.io. der Thron des Königes, und der Stuhl, auf dem er '^s^' ^ Gericht hielt. Das Cedernholz war das einzige, das 240 Bischof Bofsuets Einleitung das er zu seine» Gebäuden brauchte. Alles glänzte von Golde und von köstlichen Steinen. Die Bürger und die Fremden bewunderten die Majestät der Kö« m'ge in Israel. Alles übrige stimmte mit dieser Pracht zusammen, die Städte, die Zeughäuser, die Pferde, die Äagen, und die Wache des Königes. Der Handel, die Schiffahrt, und die gute Ordnung, nebst einem bestandigen Frieden, hatten Jerusalem B.d.K.io. zur reichsten Stadt im ganzen Oriente gemacht. Das Chwü. c. 8 Königreich genoß alle Ruhe lind allen Ueberflufi. ^' Alles stellte daselbst die göttliche Herrlichkeit vor. In den Schlachten Davids sah man die Arbeit, die man thun mußte, um diese Herrlichkeit zu verdienen , und an dem Reiche Salamons sah man, wie ruhig der Genuß derselben sey. Im übrigen war die Erhebung beyder Könige, und der königlichen Familie die Wirkung einer besondern göttliches, Wahl. David preist selbst das Wun- Thron,-8, der dieser Wahl, durch diese Worte: Er hat Iu-- 4>5- da erwählet zumFürstenthume, und im Hause Iuda meines Vaters Haus, und unter meines Vaters hindern hat er an mir Gefallen gehabt, daß er mich über ganz Israel zum Könige machte» Unter alien meinen Söhnen, denn der Herr hat mir viel Söhne gegeben, hat er meinen Sohn Galamo erwählet, daß ersiyen soll auf dem Stuhle des Königreiches des Herrn über Israel. Der Endzweck dieser göttlichen Wahl ist viel erhabner, als er dem ersten Anblicke nach zu seyn scheint. Der so oft versprochne Meßias, dieser Sohn Abrahams, sollte auch ein Sohn Davids und aller Könige in Iuda seyn. In Absicht auf den Meßias in die allgemeine Geschichte. 241 und sein ewiges Reich versprach Gott dem Könige David, daß sein Thron ewig bestehen sollte. Sa- lamv/ der zu seinem Nachfolger erwählt war, sollte nach dem Willen Gottes den Meßias vorstellen. ^ Deswegen sagte Gott: Ich will sein Vater seyn, lB.Sam.7, und er soll mein Sohn ftvn. Dieses ist mit ei- ^^'^ ^ ncm solchen Nachdrucke von keinem andern Königs ^ ^ ' und von keinem andern Menschen, gesagt worden. Es wurde auch das Amt des Meßias zu den Zeiten Davids, und unter den Königen, seinen Kindern, durch die prächtigsten Prophezeiungen verkündigt, welche klärcr, als die Sonne, waren. 'David hat ihn im Geiste gesehen, und in seinen Psalmen mit einer Pracht besungen, welcher niemals etwas gleichen wird. Ost wollte er nur die Herrlichkeit seines Sohnes, Salamo, preisen, und wurde alsdann auf einmal aus sich entzückt, und weit über ihn erhoben, und sah den, der sowohl an Weisheit, als Match.«?,-?, an Herrlichkeit mehr ist, denn «Salamo. Er sah den Ps^^'„. MeßiaS auf einem Throne sitzen, welcher beständiger ,7.' ist, als der Mond. Er sah alle Völker zu seinen Füßen überwunden, und nach der Verheißung-, die Abraham von Gott erhalten hatte, in diesem Heilande gesegnet. . Er hat seine Augen noch höher erhoben., Ersah ihn im Lichte derzeitigen, und vor der Morgenröthe, aus dem Gcdooße seines Varers, hervorgehen, ihn, diesen Hohenpriester, der keinen Nachfolger hat, und keinem nachfolgt, dec auf eine außerordentliche Weise zum Hohenpriester erwählt worden ist, und zwar nicht nach der 5Veift Aarons, sondern nach der tVeise Melchisedecs, zis. n?. nach einer neuen Weise, die das Gescß nicht kannte. Ersah ihn zur Rechten Gorces siyen, und vom O. Him- 242 Bischof Bossuets Einleitung Himmel auf seine überrrundnen Feinde herab^ schauen. David erstaunt über ein so großes Schauspiel/ er wird von der Ehre seines Sohnes ganz außer sich entzückt, und nennt ihn seinen Herrn. Er hat den Herrn gesehen, den Gott gesalbt hatte, daß er durch seine Güte, durch seine Wahrheit, und durch seine Gerechtigkeit über die ganze Erde herrschen sollte. Er ist im Geiste im Rathe Gottes zugegen gewesen, und hat aus dem Munde des ewigen Vaters diese Worte gehört, die er zu seinem Sohne spricht: -Heute habe ich dich gezeuget, zu welchen Gott noch Ps.-, i.s.4. die Zusage eines ewigen Reiches hinzusetzte: schwill 9'^' dir die Heiden zum Erbe geben, und der XVelr, Ende zum Eigenthums; die Völker roben vergebens, und vergebens rarhschlagen die Herren mit einander wider den Herrn und seinen Gesalbten. Der Herr lacht im Himmel über ihre thörichten Anschläge, und bestätigt das Reich des MeßiaS wider ihren Willen. Er seht ihn über sie selbst zum Herrscher ein, lind sie müssen die ersteil Unterthanen des MeßiaS werden, dessen Joch sie von sich werfen wollten. Aber obgleich Gott das Reich dieses großen MeßiaS in den Schriften des alten Testamentes unter den prächtigsten Abbildungen vorstellen lassen, so hat er dem David doch auch die Schmach dieses seines gebenedeyten Sohnes nicht verborgen. Dieser Unterricht war dem Volke Gottes nöthig. Es war nöthig,diese annoch schwache Nation durch zeitliche Verheißungen zu Gott zu locken ; unterdessen mußte sie doch Gott die menschliche Hoheit, nicht als die größte Glückseligkeit, und nicht als die vornehmste Belohnung der Tugend ansehen lassen. Darum zeigt ihm Gott den so oft versvrochnen,und erwünschtenMeßias,dicsesMuster der in die allgemeine Geschichte. 24z der Vollkommenheit, und diesen Gegenstand seiner Güte ganz in Schmerzen und Elend versunken. Das Kreuz erscheint dem Könige David, als der wahrhafte Thron dieses neuen Königes. Er sieht, daß seine Ps---, l7.'«. Hände und Füße durchgraben sind, daß er alle ^' seine Gebeine-ahlen möchte, weil die last seines am Kreuze hängendenieibes ihn zerrüttet,daß seineFxleider Ps.69,2-.-z. getheilt werden, daß man dasLoos um ftm Gewand wirft, daß man ihn mir Galle und Eßig tranker, daß seine Feinde um ihn herum ergrimmen, und sich an seinem Blute erfreuen. Allein David sieht zu gleicher Zeit die herrlichen Folgen seiner Erniedrigung. Er sieht/ daß alle Völker nach dem Ps.--/-6- 27 Herrn, ihrem Gott/ fragen, der so viele Iahrhun- ^ ^' derte hindurch vergessen worden; daß die Armen zuerst zu der Tafel des Meßias kommen, und hernach die Fetten und Mächtigen der Erde ihn anbeten und preisen werden; daß er selbst in dergroßen und zahlreichen Gemeinde / nämlich in der Versammlung aller Bekehrten, das Haupt seyn / und fiinen Brüdern den Hainen Gottes und seine ewigen Wahrheiten verkündigen wird. David / der alles dieses gesehen, hat dabey erkannt, daß das Königreich seines Sohnes nicht von dieser Welt wäre. Er verwundert sich darüber nicht; denn er weis, daß die Welt vergeht, und ein Prinz, der auf seinem Throne stets so demüthig gewesen ist, sah wohl, daß ein Thron das Glück nicht war, wo seine Hoffnung sich endigen sollte. Die andern Propheten haben das Geheimniß des Meßias auch gesehen. Es ist nichts so groß und herrlich, als das, was sie von seinem Reiche gesagt Q 2 haben. 244 Bischof Bossuets Einleitung Mich. 5,-. haben. Der eine sieht, wie Bethlehem, die kleinste Sradt in Iuda, durch seine Geburt verherrlicht wird. Zu gleicher Zeit erhebt er sich noch höher, und sieht, daß fein Ausgang von Anfang, und von ZLwigkeic her gewesen ist. Ein andrer sieht die Jungsrauschaft seiner Mutter; er sieht, daß ein Amanuel, ein Gott mir uns, ein Kind, dessen Ies.7,14. Name wunderbar und Gott ist, aus diesem jung- ^ 5' fraulichen Schooße gebohren wird. Dieser sieht ihn Mol.z,!. in seinen Tempel kommen; jener sieht seine Herr- Ies.sz, ?. lichkeic im Grabe, wo der Tod überwunden worden ist. Indem sie aber seine Herrlichkeit verkündigen, so verschweigen sie seine Schmach, und sein Leiden nicht. Sie haben gesehen, daß er für sein Volk verkaufe worden ist, sie haben die Zahl des Geldes, die dreyßig Zach, ii, 12. Silberlinge, gewußt, um die'man ihn verkauft hat. ^' Sie haben ihn herrlich und erhaben, verachtet und unwerth, gesehen. Sie haben vorherverkündigt, daß die Welt sowohl über seine Niedrigkeit, als über seine Ies. ;z. Größe,ersrauncn; daß er selbst derVerachrefte unter allen Menschen seyn, unsre Rrankheit tragen, und unsre Schmerzen auf sich laden, um unsrer Missethaten willen sich verwunden, und um unsre Sünde zerschlagen lasten, uns durch seine lVunden heilen, den Missethatern gleich gerechnet , als ein unschuldiges Schaf zur Schlachtbank geführt werden, vor feinein Scheerer verstummen, endlich dadurch viele gerecht machen, und sich an feinem ungläubigen Volke rächen würde. Damit zur Vollftan- Dali,?. digkeit der Weißagungen nichts fehlen möchte, so haben die Propheten die Jahre gezahlet, die bis auf feine Ankunft verfließen würden, daß also der MeßiaS erkannt in die allgemeine Geschichte. 245 erkannt werden muß^ wofern nicht jemand muthwilliz blind seyn will. Die Propheten sahen den MeßiaS nicht allein, sondern waren auch seine Vorbilder, und stellten seine Geheimnisse, besonders das Geheimniß seines Kreuzes, vor. Sie smd beynahe alle wegen der Gerechtigkeit verfolgt worden, und haben uns durch ihr Leiden die Unschuld und Wahrheit vorgebildet, die in unserm Heilande verfolgt worden ist. Man sieht, mit welchen Verfolgungen Elias und Elifa immer bedroht werden. Wie oft ist nicht Iesaias ein Gelächter und Lied des Volkes und der Könige gewesen, die ihn endlich auch, nach der beständigen Sage der Iüdcn, ihrer Wut aufgeopfert haben? Zacharias, ein Sohn des Iojada, wird gesteinigt; Ezechiel wird stets verfolgt; die Leiden des Jeremias sind anhaltend und unbeschreiblich, und Daniel wird zweymal zu den Löwen in die Grube geworfen. Allen ist widersprochen , und allen ist übel begegnet worden, und alle haben uns durch ihre Beyspiele gezeigt, daß die Schwachheit des alten Volks überhaupt zwar durch Zusagen einer zeitlichen Glückseligkeit erhalten werden mußte, die Starken in Israel aber, und die Männer von einer außerordentlichen Heiligkeit mit dem Brodte der- Trübsal gespeist, und schon zum Voraus, zu ihrer Heiligung, mit dem Kelche des Kreuzes getränkt wurden, welchen Gott seinem Sohne zubereitete. Dieser Kelch war desto bittrer, ie heiliger die Person unsers Erlösers war. Allein was die Propheten am deutlichsten gesehen, und in den prächtigsten Ausdrücken vorhcrverkündigt haben, das ist der Segen, welcher durch den Mefiias über alle Völker ausgebreitet worden ist. Diese O. z N5ur;el 246 Bischsf Bossuets Einleitung N^urzel IKai und Davids ist dem Propheten Je- Ies.ii/lo. saiaö als das panier der Völker erschienen, nach dem die Melden fragen würden. Der Mensch voll Schmerzen, der uns durch seine N?unden heile?: mußte, war von Gott dazu erwählt, daß er Jes. 5-,i5> iz. viel Heiden besprengen sollte, welches er durch die ^' Taufe und durch sein Blut gethan hat. D:e Rö- Nlge, welche vor seiner Gegenwart voll Ehrfurcht werden, halren ihren Mund gegen ihn zu; diejenigen, welchen niemals etwas davon verkündigt ist, werden ihn mit Luft sehen, und die nichts davon gehört haben, werden» merken. As-55/4.5. Er ist den Leuten zum Zeugen gestellt, zum Fürsten und Gebiecer den Völkern. Unter ihm wird sich ein unbekanntes Volk mir dem Volks Gottes vereinigen, und die Heiden werden Ies.6-,1.-. zu ihm laufen. Er ist die Gerechtigkeit aus Zion, die wie ein Glanz aufgeht, und ihr Heil, das wie eine Lackel entbrennt. Die Heiden sehen die Gerechtigkeit Zions, und alle Rönige die Herrlichkeit Jerusalems, welche durch die alten Propheten so oft gepriesen worden ist. In folgender Prophezeiung wird er noch besser, und mit einem besondern Charakter bezeichnet. Gott ^». sazt von ihm: Siehe, das ist mein Rnecht, ich c'^ 6.' erhalte ihn, und mein Auserwahlrer, an welchen, meine Seele Wohlgefallen hat; die Infein werden auf sein^vesty warten, und er wird auf Erden das Gesetz anrichten. Die Hebräer verstehen unter den Inseln Europa, und die entfernten Lander. Er wird nicht fchrepen, noch rufen, und feine Stimme wird man draußen nicht hören. . Er wird das zerstoßne Rohr nicht zerbre- in die allgemeine Geschichte. 247 zerbrechen, lind das glimmende Tocht nicht an?lö>chen. Er wird die Schwache» und Sünder nicht niederschlagen; seine liebreiche Stimme wird sie zu sich rufen, und seine wohlthätige Hand wird ihr Beystand seyn. Er wird die Augen der Blinden öss» nen, und die Gefangnen aus dem Gefängnisse führen. Seine Macht wird eben sogroß seyn, als seine Gnade. Sein wesentlicher Charakter ist dieser, daß er die Sanftmuth mit der Gewalt verbinden wird; seine sanfte Stimme wird daher von einem Ende der Welt zum andern gleichsam in einem Augenblicke fort eilen, und die ganze Erde in Bewegung bringen, ohne einen Aufruhr anzurichten. Er wird nicht mürrisch, noch «zreuiich seyn, und derjenige, den man kaum kannte, da er in Iudaa war, sollte nicht allein dem Volke Jes.ls,-4.-5- Gottcs zum Bunde, sondern auch den Heiden zum Lichte gegeben werden. Unter seiner herrlichen Regierung werden die Assyrier und die Ifraeliten nur ein Volk Gottes ausmachen. Alles wird Israel, alles wird heilig seyn. Jerusalem ist nicht mehr eine besondre Stadt. Sie ist das Bild der neuen Gesellschaft, wo sich alle Völker versammeln. Europa, Asten, und Africa werden Lehrer bekommen, unter welche Gott sein Zeichen gegeben hat, damit si>! den Jes.6o, 1.-. Heiden seine Herrlichkeit verkündigen sollen. Die c.6,^-.,. Erwählten, die zeither mit dem Namen, Israel, ge- c. 62, r. -. nennt worden sind, sollen mit einem neuen Namen ge- ^' nennt werden, der die Erfüllung der göttlichen Ver- c.66,-9.20. heißungcn und ein glückliches Amen bezeichnen wird. Die Priester und Leviten, welche bis auf diefc Zeit aus den Kindern Aarons genommen wurden, sollten künftig aus den Heiden hervorgehen, vom Auf- M'al.i,»; gange der Sonne bis ?um Niedergänge soll Q 4 mein 248 Bischof Bossmts Einleitung mein Name herrlich werden unter den Heiden, und an allen Orren soll meinem Namen geräuchert, und ein reines Gpeieopfer geopfert werden. Man wird wissen, warum David von einem Hohenpriester nach einer neuen Weise gesungen io?. hat. Der Gerechte wird vom Himmel kommen, wie Ies. 14/«. der Thau, und die Erde wird ihr Gewächs geben, und er wird der Heiland seyn, mit dem die Gerechtigkeit Ies-45/ 5. aufwachsen wird. Treufelt i!)r Himmel von oben, sagt Jesaias, in seiner heiligen Entzückung, und Sie N)olken regnen die Gerechtigkeit. Die ZLrde thue sich auf, und dringe Heil, und Gerechtigkeit wachst mir zu. Der Himmel und die Erde werden sich vereinigen, denjenigen gleichsam durch eine gemeinschaftliche Geburt hervorzubringen, der zugleich göttlich und menschlich seyn wird. Aus seinen Beyspielen und kehren werden in der Welt ganz neue Begriffe von der Tugend erscheinen, und die Gnade, die er über sie ausgießen wird, diese Gnade wird sie in ihre Herzen eindrücken. Alles wird sich bey seiner Ankunft verändern, und Gott schwört bey sich selbst, daß sich ihn» alle Rnie beugen, und alle Zungen Ies.45/ -z. schwören und sagen sotten: In dem Herrn '4- habe ich Gerechtigkeit und Starke. Das ist ein Theil der Wunder, welche Gott den Propheten, unter den Königen, den Kindern Davids , und dem David selbst vor allen andern gezeigt hat. So hangt alles in den Rathschlagen Gottes zusammen. Dieser Meßias wird von ferne, als ein Sohn Abrahams, und noch näher, als ein Sohn Davids, gezeigt. Ihm wird ein ewiges Königreich versprochen. Die Erkenntniß Gottes, die in der Zanzen Welt ausgebreitet werden soll, wird als ein in die allgemeine Geschichte. 249 gewisses Kennzeichen, und als eine unausbleibliche Frucht seiner Ankunft ausgegeben. Die Bekehrung der Heiden, und die Zusage, das? alle Völker auf der Erde in ihm gesegnet werden sollen, diese Zusage, welche vor langen Zeiten dem Abraham, Jsaac, und Jacob geschehen ist, wird aufs neue bestätigt, und das ganze Volk Gottes hofft auf die Erfüllung derselben. Unterdessen fahrt Gott fort, sein Volk auf eine-Sam. 7, s. herrliche Weise zu regieren. Er macht mit dem Da- ^ ^ ^ ^ vid einen neuen Bund, und verspricht ihm, ihn und 4- u. f. alle seine Nachkommen auf dem Throne zu beschuhen,'^^^ wenn sie in den Geboten des Gesetzes Mosiö einherge- 2B.San1.11, hen. Er verkündigt ihnen auch die schrecklichsten Stra- ^" ^ fcn vorher, die sie treffen sollten, wofern sie solches unterlassen würden. David, der auf eine kurze Zeit seiner Pflichten uneingedenk war, mußte diegottliche Strafe zuerst empfinden. Allein nachdem er seinen Fehler durch seine Reue wieder verbessert hatte, so wurde er mit Gütern überhaust, und der Welt, als ein Muster eines vollkommnen'Königes, vorgestellt. Der Thron wird seinem Hause bestätigt. So lange Sa- iB.d.K.so' lamo, sein Sohn, ihm in seiner Frömmigkeit nachahmte, so lange war er glücklich. Er schweifte in seinem Alter aus, und Gott, der ihn um seines Knechtes Davids willen schonte, verkündigte es ihm vorher, daß er ihn in der Person seines Sohnes strafen würde. So zeigt er den Vätern, daß er sie, nach ihrem Tode noch, nach der verborgnen Ordnung seiner Rachschlüsse und Gerichte, entweder strafen, oder belohnen will. Er erhält sie im Gehorsame gegen seine Pflichten durch das, was ihnen am liebsten ist, nämlich durch das glückliche, oder unglückliche Schick- Q 5 sal 25o Bischof Bossuets Einleituug sal seiner Familie. Er erfüllte seine Drohungen iV. V.K.i-. damit, daß er denRehabeam, der von sich selbst vcr- wagen genug war, noch dazu den thörichten 'Anschlagen seiner jungen Räthe überließ. Es sonderten sich zehn Stämme von seinem Königreiche ab. Unterdessen daß diese zehnaufrüßrischen Stämme vonihrcmGotte und Könige abfallen, blieben die Kinder Juda, welche ihrem Gott und dem Haufe David getreu waren, ' in dem Bunde und Glauben Abrahams. Die Leviten, und der Stamm Benjamin vereinigen sich mit ihnen: das Königreich des Volkes Gottes besteht unter dem Namen des Königreiches Juda durch ihre Vereinigung, und das Gesetz Mosis erhält sich unter ihnen mit allen seinen Verordnungen und Gebräuchen. So abgöttisch und verderbt auch die zehn Stämme waren, so gedachte Gokt doch des Bundes, den er mit ihren Vätern, Abraham, Isaac und Jacob, aufgerichtet hatte. Sein Gesetz verlohr sich unter diesen Aufrührern nicht ganz; er hörte nicht auf, sie durch unzählige Wunder, und Ermahnungen, die er durch seine Propheten an sie ergehen ließ, zur Buße °^'7.'^5^ ZU rufen. Da sie endlich in ihren Lastern verhärtet wurden, so konnte er sie nicht länger ertragen, und verstieß sie aus dem gelobten Lande, ohne Hoffnung, daß sie jemals wieder darinnen wohnen sollten. Tol',1,5.6.7. Unterdessen lehrt uns die Geschichte des Tobias, welche sich zu eben der Zeit, im Anfange der Gefangenschaft Israels, zugetragen hat, die Aufführung der gläubigen Kinder Gottes unter den abgefallnen zehn Stammen. Dieser heilige Mann, welcher vor der Gefangenschaft unter ihnen wohnte, wußte sich nicht allein von der Abgötterei) seiner Brüder rein zu erhalten, sondern auch das Gesetz zu beobachten, und seinen in die allgemeine Geschichte. 251 nen Gott in dem Tempel zu Jerusalem öffentlich anzubeten , ohne sich durch böse Beyspiele, und die Furcht daran verhindern zu lassen. Er wurde nach Ninive gefangen weggeführt und verfolgt, und blieb dennoch mit seiner Familie gottesfürchtig. Die wun- Tob. s, derbare Weise, auf welche ihm und seinem Sohne ihr Glaube auch auf der Erde belohnt wurde, zeigt uns, daß Gott auch in der Gefangenschaft und Verfolgung geheime Mittel wußte, seinen Dienern den versprochnen Segen des Gesetzes zu geben, indem er sie durch die Unfälle, die er sie leiden ließ, zu den erhabensten Gedanken erhob. Die Jsraelitcn wurden durch die Beyspiele des Tobias und durch seine heiligen Ermahnungen erinnert, zum wenigsten unter der Ruthe, die Hand Gottes zu sehen, die sie strafte. Allein sie verharrten in ihrer Verstockung. Die von Juda machten sich die Strafen der Israeli- -B.d.K.i7, ten nicht allein nicht zu Nutze, sondern folgten auch ^' ihren böfen Beyspielen nach. Gott hörte nicht auf, El'end. 2z, sie durch seine Propheten zu warnen, die er einmal „ über das andre zu ihnen sendete. Der Herr/ ihrer " 15.' ^ Varer Gort, sandte ;u ihnen durch seine Bo- Ar.-?,-?, ten frühe, wie er sich selbst ausdrückt, um seine vaterliche Sorgfalt anzuzeigen. Ihre Undankbarkeit reizte ihn endlich zum Zorne wider sie, und er dräute ihnen, daß er sie eben so, wie ihre Brüder, strafen wollte. Nichts ist in der Geschichte des Volkes Gottes merkwürdiger, als dieses Amt der Propheten. Diese Männer sondern sich vom übrigen Volke durch ein eingezogenes Leben, und durch eine besondre Kleidung ab. Sie haben ihre eignen Wohnungen, wo sie in iB.d.K.i?, einer gewissen Gemeinschaft, unter einem Vorgesetzten, >?- leben, 252 Bischof Bossuets Einleitung Ies,-o,leben, den ihnen Gott giebt. Ihr armseliges und ^S^io.' bußfertiges Leben, das sie führen, ist ein Vorbild c. >9/2o. der Kreuzigung des Fleisches, die unter dem Evan- ^ K.'z' gelio verkündigt werden sollte. Gott gab sich ihnen z,i;.-8.1?. auf eine besondre Art zu erkennen, und machte diese c. 4,'l?. zz. Mittheilung unter dem Volke herrlich; doch niemals c,6.l<-.zz.' verherrlichte er sich durch sie so sehr, als zu den Zei- c-^ h^. Anordnung, wo es schien, als ob die Abgöt- tcrey sein Gesetz vertilgen wollte. In diesen unglücklichen Zeiten ließen die Propheten die Dränungen Gottes, und das Zeugniß, das sie der Wahrheit gaben, aller Orten, und mit lauter Stimme, und -B.Mos. 17, auch schriftlich, erschallen. Die Schriften, worinnen Ies'zö, z. sie solches thaten, waren in den Handen des ganzen ^c,z4,i6. Volkes, und wurden zum Andenken der künftigen ^?.'z^-?°' Jahrhunderte sorgfältig aufbehalten. Diejenigen, wel- « Chron. -6, ihrem Gott getreu blieben, vereinigten sich mit ih- Esv'i,i. nen, und wir sehen, daß selbst in Israel die Gläu- ^Daii.?, 2. hjgxn mit den Propheten den Sabbath, und die übri- ^'-5.^ gen Feste feyerten, die im Geseße Mosiö befohlen waren. Die Propheten waren es, welche die rechtschaffnen Jfraeliten bewegten, im Bunde mit Gott zu verharren. Viele unter ihnen haben sich todten lassen, und es fanden sich selbst in den verderbtesten Zeiten, nämlich unter der Regierung des Manasscs, -B. d.K.-i, sehr viele Glaubigen, die ihrem Beyspiele folgten, ^' und sich nicht scheuten, ihr Blut für die Wahrheit zu , vergießen, so, daß beynahe kein Augenblick verflossen ist, wo sie nicht einen Blutzeugen gehabt hat. Auf diese Weise erhielt sich die Gesellschaft des Volkes Gottes beständig; die Propheten wohnten - unter ihm, und eine große Menge der Gläubigen bekannte daö Gesetz Gottes mit ihnen, und den Priestern, in die allgemeine Geschichte. 255 stern, den Rindern Gadocs, öffentlich, die nach Ezech.^is. den? Zeugnisse Ezcchiels, die Sitten des Heiligthu- mes beständig gehalten haben, da die Rinder Israel alle von ihm abfielen. Allein obgleich die Propheten das Volk immer ermähnten, die Priester getreu blieben, und viele aus dem Volke Gottes das Gesetz Mosis beobachteten, so bemächtigte sich doch die Abgötterey, welche dieJsrae- liten in das Verderben gebracht hatte, in Iuda selbst, der Prinzen, und des größten Haufens des Volkes. Die Könige vergaßen den Gott ihrer Vater, und dennoch ertrug Gott ihre Bosheiten sehr lange, um seines Knechtes Davids willen. David ist beständig vor seinen Augen. Wenn die Könige, die Abkömmlinge Davids, den guten Beyspielen ihres Vaters folgen, so thut er zu ihrem Besten erstaunliche Wunder; allein so bald sie ausarten, fühlen sie die unüberwindliche Macht seiner Hand, .die über ihnen schwer wird. Die Könige von Aegypten, die Könige von Syrien, und vornehmlich die Könige von Assyrien und Babylon müssen zu Werkzeugen seiner Rache dienen. Die Gottlosigkeit vermehrt sich, und Gott erweckt im Oriente einen noch stolzern und furchtbarern König, als alle vorhergehenden gewesen waren. Das war Nebucadnezar, der Schrecklichste unter den Eroberern. Er zeigt ihn den Völkern und Ier.-5. Königen, als den bestimmten Racher, der sie strafen sollte, von ferne. Er nähert sich, und das Schre- Ci^ch.-6. cken geht vor ihm her. Er nimmt Jerusalem zum sB.d>A.24, erstenmale ein, und führt einen Theil der Einwoh- ^' ner mit sich gefangen hinweg. Weder diejenigen, z Chrvn. z6. die im Lande bleiben, noch diejenigen, welche gefangen weggeführt werden, lassen sich zur Buße bewegen, 254 Bischof Bossuets Einleitung gen, ob gleich jene vom Jercmias , und diese vom Ezechiel dazu ermahnt werden. Sie ziehen diesen Ier.14,14. heiligen Propheten, Propheten vor, die ihnen falsche Gesichte predigen/, und ihnen in ihren Verbrechen schmeicheln. Der Rächer kömmt nach Ju- däa zurück, und das Joch von Jerusalem wird schwerer. Allein diese unheilige Stadt wird noch nicht ganz zerstört. Endlich erfüllt die Bosheit ihr Maas; ihr Hochmuth nimmt mit ihrer Ohnmacht zu, und Nebucadnezar verkehrt sie in Staub und Asche. «B.d.K>-6/ Gott verschome sein Heiiigthum nicht. Dieser 9- schöne Tempel, diese Zierde der Welt, welche ewig bestehen sollte, wenn die Jsraeliten gottcsfürchtig geblieben waren, wurde von den Assyrern mit Feuer verbrannt. Umsonst schrien die Jüden beständig: Jer. 7, -»> Hier ist der Tempel des Herrn, hier ist der Tempel des Herrn, hier ist der Tempel des Herrn, als wenn sie dieser Tempel allein hätte beschützen sollen. Gott hatte beschlösset?, ihnen zu zeigen, daß er nicht au ein Gebäude von Steinen gebunden wäre, sondern daß er gläubige Herzen haben wollte. Er zerstörte also den Tempel zu Jerusalem, und gab seine Schätze den Heiden zur Beute, und so viele heilige Gefäße, welche dem Herrn von frommen Königen gewidmet worden waren, wurden einem gottlosen Könige übergeben. Allein der Untergang des Volkes Gottes sollte der ganzen Welt zur Lehre dienen. Wir sehen an der Person dieses gottlosen , und zugleich siegreichen Königes, was es mit den Eroberern zu sagen hat. Sie sind gemeiniglich weiter nichts, als Werkzeuge der göttlichen Rache. Gott übet durch sie Gerechtigkeit, und sodann beweiset er sie an ihnen selbst. Gott in die allgemeine Geschichte. 255 gab dem Nebucadnezar seine Macht; er führte das Scrafamt Gottes, und war dadurch unüberwindlich. Alle Feinde des Volkes Gottes wurden durch ihn bestraft. Er verwüstete die Jdumäer, die Ammoni- ter, und die Moabiter; er stürzte die Könige von 2V.K.24,7. Syrien; Aegypten, unter dessen Gewalt Iudäa so oft geseufzt hatte, wurde eine Beute dieses stolzen Königes, und ihm zinsbar, und seine Gewalt wird auch für Iudaa selbst schrecklich, weil es sich den Aufschub der göttlichen Rache nicht zu Nutze zu machen weis. Alles wird von der göttlichen Gerechtigkeit gestürzt.und niedergeschlagen; Nebucadnezar ist ihr Diener. Allein endlich wird er selbst fallen, und Gott, der sich des Armes dieses Königes bedient, seine Kinder zu strafen, und seine Feinde zu schlagen, behält ihn selbst seinem allmächtigen Arme vor.. Er hat seine Kinder das Schicksal dieses Köniqes,ber sie strafte, und das Schicksal des chaldäischen Reiches wissen lassen, in welchem sie gefangen seyn sollten. Aus Furcht,, daß sie nicht über die Ehre der Gottlosen, und ihres hochmüthigen Reiches erstaunen möchten, verkündigten die Propheten ihnen die kurze Dauer desselben. Jesaias, welcher die Ehre des Nebucad- Jes.c. 13,14, nezars und seinen unvernünftigen Stolz lange vor sei- 2'/45/46,47, ner Geburt gesehen hatte, verkündigte auch seinen plötzlichen Fall, und den Untergang seines Reiches. Babylon war beynahe nichts, als dieser Prophet seine Macht, und kurz darauf seinen Untergang sah. Also waren die Schicksale der Städte und Reiche, die das Volk Gottes entweder quälten, oder sich seinen Fall zu Nutze machten, in seinen Prophezeiungen aufgeschrieben. Diese Orakelsprüche wurden bald vollzogen, und die Iüden, die so hart bestraft wurden, sahen 256 Bischof Bossuets Einleitung hen bald darauf, wie solches ihre Propheten vorher- verkündigt hatten, nicht allein Samaria/ Idumäa, Gaza, Ascalon, Damascus, die Städte der Ammo- niter, und Moabiter, ihrer beständigen Feinde, sondern auch die Hauptstädte ganzer Reiche, Tyrus, die Königinn des Meeres, Tanis, Memphis, Theben mit den hundert Pforten und allen Reichthümern des Se° sosiris, Ninive selbst, denHauptsiß der assyrischen Könige ihrer Verfolger, und endlich auch zuletzt das hoch- müthige Babylon untergehen, welches alle andern überwunden, und sich mit ihrem Raube bereichert hatte. Es ist wahr, Jerusalem mußte zu gleicher Zeit, wegen seiner Sünden, untergehen ; allein Gott ließ Ies. 44 U.4;. doch seine Stadt nicht ohne Hoffnung. Jesaias, der ihren Untergang vorher weißagts, verkündigte auch ihre herrliche Wiedererbauung vorher, und nennte den Cyrus, ihren Befreyer, der erst nach zweyhundert Ier> 25, ii.i-. Iahren gebohren wurde. Jeremias, dessen Weißa- c.Z4/10. 'gingen von dem gewissen Untergänge des jüdischen Volkes so genau eingetroffen sind, versprach itznen ihre Wiederkunft in das gelobte Land nach einer siebzigjährigen Gefangenschaft. Wahrend der Zeit wurde dieses gefangne Volk in seinen Propheten geehrt; diese Gefangnen verkündigten den Königen und Völkern ihre schrecklichen Schicksale. Nebucadnezar, der sich anbeten lassen wollte, betete den Daniel selbst an, weil er über die göttlichen Geheimnisse erstaunte, die er ihm entdeckte. Er erfuhr von ihm sein Urtheil, auf welches die Vollstreckung bald erfolgte. Dieser sieg- Dm,.-,46. reiche Prinz triumphirte in Babylon, aus welcher er c>4/-6. die größte, die festeste, und schönste Stadt machte, die jemals unter der Sonne war gesehen worden. Ier.-x. Hier erwartete ihn Gott, seinen Hochmuth niederzu- don- in die allgemeine Geschichte. 257 donnern. Er war an der Spitze seiner Kriegsheere glücklich, und so zu sagen, unverwundlich, und mitten, ii, seinen Eroberungen sollte er, nach der Weißagung Ezechielö, in seinem Hause umkommen. Da er seine Größe, und die Schönheit der Stadt Babylon bewundert, und sich über die Menschen hinaussehen will, schlagt ihn Gott, nimmt ihn: seinen Verstand, und verstößt ihn unter die Thiere. Er kömmt zu der vom Daniel bestimmten Zeit wieder zu sich selbst, und erkennt den Gott des Himmels, der ihn seine Macht fühlen lassen. Allein, seine Nachfolger mache-, sich sein Beyspiel nicht zu Nutze. Die Angelegenheiten Babylons verwirren sich, und die Zeit, welche von den Propheten zur Wiederherstellung der Iüden bestimmt war, nähert sich unter diesen Unruhen. Cyrus erscheint an der Spitze der Meder und Perser; alles weicht diesem furchtbaren Eroberer *. Er nähert sich den Chaldäern langsam, und sein Forr- zug wird oft unterbrochen. Die Nachrichten von seiner Annäherung kommen von fernen Orten zu fernen Orten, wie IercmiaS vorhergesagt hatte. End- Ier.5r,4«. lich faßt Cyrus einen gewissen Entschluß. Babylon, dem die Propheten schon oft gedräut hatten, und das immer hochmüthig und unbußfertig geblieben war, sieht seinen Ueberwinder kommen, und verachtet ihn. Seine Reichthümer, seine hohen Mauern, fein un- > zählbares Volk, der um die Stadt geführte Strom, welcher nach dem Zeugnisse derAlten beynahe ein ganzes Land umschloß, und sein unzählbarer Vorrath machten es aufgeblasen. Diese Stadt wurde eine lange Zeit belagert, * I^leroä. IIKi'. I. XenopK. libr. II > III. ?a-cZaZ. Xenoplu lidr. VII. ?«ä. ^r1Uor.?oUr.Iibr.lII. z. 258 Bischof Bossuets Einleitung lagert, ohne einige Beschwerlichkeiten zu fühlen ; sie verlachte ihre Feinde, und die Graben, welche Cyrus machen ließ, das Wasser abzuleiten, und mau redete nur von Festen und Lustbarkeiten. Ihr König, Bel- Dail. 5. sazer,ein Enkel Nebucadnezars, und eben so stolz, als er, aber unfähiger zu regieren, machte seinen Gewaltigen und Hauptleuten ein herrliches Mahl. Dieses Mahl wurde mit unzähligen Ausschweifungen gefeyert. Bcl- sazer ließ die geheiligten Gefäße aus dem Tempel zu Jerusalem herbringen, und machte durch diese Ent-- heiligung seine Schwelgerey desto schrecklicher und strafbarer. Gott verkündigt seinen Zorn. Eine göttliche Hand schreibt an die Wand des Saales, w» das Mahl gehalten wurde, schreckliche Worte an. Daniel legt ihren Inhalt aus, und dieser Prophet, welcher das unglückliche Schicksal des Großvaters vorhergesagr hatte, zeigt nunmehr auch dem Enkel den Donner, der ihn niederschlagen sollte. Die Zeit ist da, wo der Entschluß Gottes vollzogen werden soll; Cyrus macht sich auf einmal einen Eingang in Babylon. Der Euphrat, zu dessen Ableitung er so lange Zeit her hatte Graben machen lassen, machte ihm eine freye Bahn, und er brach durch diesen unvcr- Ies.iZ/V. muthetcn Weg in die Stadc. So wurde dieses hochmürhige Babylon den niedern lind per- ' ftrn zum Raube überleben, wie solches die Propheten vorherverkündigt hatten. Mit Babylon gieng das Reich der Chaldäer unter, das so viele König- ^er,;i,ii>28, reiche gestürzt hatte, und der Hammer der ganzen zo,^' wurde zerbrochen und zerschlagen. Ie- remias hatte solches vorherverkündigt. Die Völker, die an das Joch der Chaldäer gewöhnt waren, sahen sie nunmehr selbst unter dem Joche: Du bist in die allgemeine Geschichte. 259 auch geschlagen, wie wir, sagten sie, und es Jes. 14,5. gehet dir, wie uns, der du in deinem Kerzen ^ gedachtest : Ich will in den Himmel jielgen, und meinen Stuhl üder die Sterne Gotte.«? erhöhen» Dieses hatte Jesaias vorhervcrkündigt. ^abel ist gefallen, sie ist gefallen, und alle Zes--r, Bilder ihrer Görrer sind zu Voden geschla- 46,1. gen; der Del ist gebeuget, der d^?ebo ist gefallen, Nebo, Babels großer Gott, von weichem ihre Könige ihren Namen entlehnten ; denn die Perser, welche die Sonne anbeteten, litten keine Götzenbilder, und auch keine Vilder der Könige, die man vergöttert hatte. Aber, wie fiel Babel ? Wie die Propheten solches vorhergcwcißagt hatten: Troc'ce^ Ier. 5-, zz. ne soll kommen über ihre Masser, daß sie vcr-- ^ A„ siegen. Ieremias hatte solches vorherverkündigt: Sie c. 5-, z?. 57. sollten seinem Ueberwinder freye Bahn machen. Die Stadt war crnnken, taumelte und schlief; ihre Freude war ihr Verrather; nach eben diesen Propheten befand sie sich in der Gewalt ihrer Feinde , und wurde, ohne es zu wissen, wie in einem Netze, gefangen. Man ließ alle ihre Einwohner über die Klinge springen; denn die Meder, ihre Ueberwinder, suchten weder Gold noch Silber, sondern sich zu rächen, und ihren Jes. Haß durch den Untergang eines grausamen Volkes ^.50. zu sättigen, dessen Hochmuth es zum Feinde aller Völker des Erdbodens machte. Es lief hie einer und Ier. 51. da einer den. andern enrgegen,und eineL-otschaft 2ef 47. begegnete hie und da der andern, dem Zxömge zu Babel anzusagen, daß feine Stadt bis ans Ende eingenommen siy. Ieremias hatte dieses gcweißagt. Ihre Sterngucker, denen sie traute, und die ihr ein ewiges Reich versprachen, konnten sie R z nichr 26c> Bischof Bossuets Eiilleitung ;ou.5l. uicht von ihren, Ueberwinder erretten. Jere- "Ies. 48. mias und Jesaias haben solches mit einstimmigen Prophezeiungen vorhergesagt. Bey diesem erschreck-« tichen Metzeln entgiengen die Juden, die davon benachrichtigt worden waren, dem Schwerdte des Ue- berwinderS. Cyrus wurde durch diese Eroberung ein Beherrscher des ganzen Orientes, und erkannte an dem jüdischen Volke, das so oft überwunden worden war, etwas göttliches. Er erstaunte über die Prophezeihungen, die seine Siege vorherverkündigt hatten, uyd erkannte, daß er sein Reich dem Gott des Himmels, den die Juden anbeteten, zu danken habe, und er bewies seine Erkenntlichkeit im ersten Jahre seiner Regierung, durch die Wiegst, i,-. derherstellung des Tempels zu Jerusalem und der Loslassung des Volkes Gottes aus seiner Gefangenschaft. Wer sollte hier nicht die göttliche Vorsehung bewundern, welche sich an den Juden und Chaldaern, an Jerusalem und an Babylon so herrlich bewiesen hat? Gott wollte sie beyde strafen, und damit man wissen möchte, daß er es allein ist, der solches thue, so gefällt es ihm, solches durch mehr, als hundert Prophezeihungen vorhermvcrkündigen. Jerusalem und Babylon, welchen ihr-Untergang zu einer Zeit und von einerley Propheten gedräut wird, gehen eine nach der andern zu der bestimmten Zeit unter. Es entdeckt aber Gott hier das große Geheimniß seiner Strafen: Die Chaldäer bestraft er im Zorne, und die Juden, seine Kinder, straft er, wie ein Vater. Der Hochmuth der Chaldäer, welcher der Charakter dieser ganzen Nation, und des ganzen Reiches ist, wird gedemüthigt, und ihm alle Hoffnung benommen, jemals in die allgemeine Geschichte. 261 jemals wieder sich aufzurichten. Siehe, du Gtol- Ier. ;o. zer, ich will an dich, spricht der Herr Herr ^s-'Z- Zebaorh, denn dein Tag ist kommen, die Zeit deiner Heimsuchung. Da soll der Stolze stürzen und fallen, daß ihn niemand aufrichte. Jesaias hatte noch vorhergesagt: Badet, das Schönste unter den Z^önigrelcben, die herrliche Pracht der Lh^loöer, soll umgekehrt werden, wie Godom undGomorra, von denen Gott nichts übrig gelassen hat. Mit den Juden verhält es sich nicht also. Gott hat sie, als ungehorsame Kinder, bestraft, die er durch seine Züchtigungen wieder zum Gehorsame bringt. Nachdem er solches gethan hat, so laßt er sich ihre Thränen rühren, und vergißt ihre Fehler. Fürchte dich nicht, du Ja- Ier.46,z.>5« cod, mein Unecht, spricht der Herr; denn ich bin bey dir. Nut allen Heiden, dahin ich dich verstoßen habe, will ich es ein Ende machen : aber mit dir will ichs nicht ein Ende machen; sondern ich will dich züchtigen mir LITaße, auf daß ich dich nicht ungestraft lasse. Darum wird Babel den Chaldäern auf ewig genommen, und einem andern Volke gegeben. Jerusalem aber wird nach einer wunderbaren Veränderung wieder hergestellt, und sieht seine Kinder von allen Enden zurückkommen. Zorobabel war es, aus dem Stamme Juda und aus königlichem Blute entsprossen, der die Iüdcn aus ihrer Gefangenschaft nach Judaa führte. Sie kamen haufenweise zurück, und erfüllten das ganze Land. Die zehn Stamme, die unter den Heiden zerstreut waren, verlohren sich unter ihnen, diejenigen ausgenommen, welche unter dem Namen Juda und unter R z sei- Esr. -/ 6-. ?7chcni. i. c,8, ?. Esr.i,!. 262 Bischof Bossuets Eiilleitung seiner Fahne vereinigt in das Land ihrer Väter zurückkehren. Unterdessen wird der Altar wieder aufgerichtet, der Tempel erbaut, und die verfallnen Mauern hergestellt. Der Neid der benachbarten Völker wird durch die Könige von Persien unterdrückt, welche die Beschützer des Volkes Gottes geworden sind.DerHohepricstcr tritt mit allen andern Priestern seinAmt wieder an,allein sie mußten ihre Herkunft vom Stamme Levi durch die öffentlichen Register beweisen können; denn die andern wurden abgewiesen. Esdras,der selbst ein Priester und ein Lehrer des Gesetzes war, und Nehcmias, ihr Statthalter, schafften die Misbräuche ab, die während der Gefangenschaft eingcrisscn waren, lind ließen das Gesetz in seiner Reinigkeit erfüllen. Das Volk beweinte mit ihnen die Uebertrctungen, die ihnen diese großen Strafen zugezogen hatten, und erkannte, daß Moses sie vorherverkündigt hatte. Alle lesen zusammen in den heiligen Büchern die Drohungen des Mannes Gottes. Sie sehen ihre Erfüllung vor Augen. Die Weißa- gung des IeremiaS, und die Wiederkehr aus Babel, die ihnen nach einer siebzigjährigen Gefangenschaft versprochen worden war, setzet sie in Erstaunen, und tröstet sie wieder. Sie beten die Gerichte Gottes an, und leben in Ruh und Frieden, nachdem sie mit ihm wieder ausgesöhnt sind. Gott, der alles zu seiner Zeit thut, hatte diese Zeit erwählt, die außerordentlichen Mittel, sein Volk zu unterrichten, nämlich die Prophezeihungen, aufhören zu lassen. Es waren noch etwa fünfhundert Jahre bis auf die Tage des Mcsiias. Gott that es der Majestät seines Sohnes zu Ehren, daß er die Propheten während der Zeit schweigen ließ, um sein Volk in der Hoffnung in die allgemeine Geschichte. 26) Hoffnung auf den zu erhalten, der die Erfüllung aller Wcisiagungen seyn sollte. Allein gegen das Ende der Zeit, wo alle Prophe- zeihungen aufhören sollten, schien es, als ob Gott alles sein ^icht scheinen lassen, und alle Rathschlüsse seiner Vorsehung entdecken wollte; so deutlich drückte er die Geheimnisse der künstigen Zeiten aus. Daniel, welcher wegen seiner Frömmigkeit selbst -,z^ von ungläubigen Königen verehrt, und wegen seiner Klugheit zu den wichtigsten und größten Angelegenheiten des Staats gebraucht wurde, sah wahrend der Gefangenschaft, und vornehmlich gegen das Ende derselben, auf Befehl Gottes, zu verschiedncnmalen, und unter verschiednen Gestalten, die vier Monarchien, unter welchen die Jüdcn leben sollten. Er bezeichnet sie durch ihre eignen Charaktere. Man steht das Dan. 5. Reich eines Königes der Griechen, wie einen Strom, ^ ^ ^' vorbeyrauschen; das war das Reich des Alexanders. ' ^ Man sieht aus seinen Ruinen ein andres Reich entstehen, welches geringer ist, als jenes, und durch die Dan>8,-i>x,. innerlichen Spaltungen geschwächt wird. Das ist das Reich der Nachfolger des großen Alexanders, unter denen besonders vier Könige in der Prophezeiung Daniels bezeichnet werden. Es ist aus der Geschichte bekannt, daß diese viere mächtiger gewesen sind, als alle andern, und daß sie allein, ihr Reich ihren Kindern nachgelassen haben. Man sieht in der Weißagung i>eö Propheten Daniels ihre Kriege, die Ausbrüche «ihres Neides, und ihre betrügerischen Bündnisse; man ^ sieht darinnen die Härte und den Ehrgeiz der syrischen Könige; den Hochmuth, und die andern Merkmale, welche den Antiochus Epiphanes bezeichnen; die kurze Dauer seines Reiches, und die schnelle Bestra- R 4 fung 264 Bischof Bossuets Einleitung fung seiner Ausschweifungen. Endlich sieht man ge- San- 44. ge" das Ende, und gleichsam in dem Schooße dieser 45. Monarchien das Reich des Nlenschensohnee aufge- k./, iz. 14.17. werden. An diesem Namen erkennt man den Messias ; dieses Reich des McßiaS, dieses Menschensoh- „es, wird auch das Reich der Heiligen des Allerhöchsten genannt. Alle Völker sollen diesem großen und ruhigen Reiche unterworfen seyn; ihm wird eine ewige Dauer versprochen; es ist ewig und vergehet nicht, und dieß Königreich hat kein Ende. ' Wenn dieser Menschensohn, dieser so erwünschte Meßias kommen, und wie er das Werk, das ihm Gott aufgetragen hat, nämlich die Erlösung des menschlichen Geschlechts, vollenden würde, das entdeckt Gott dem Propheten Daniel auf das deutlichste. Wahrend der Zeit, daß er über die Gefangenschaft des Volkes Gottes, und über die siebzig Jahre, die sie nach dem Rathschlusse Gottes dauern sollte, betend nachdenkt, mitten unter den Wünschen für die Be- freyung seiner Brüder wird er auf einmal zu den wichtigsten Geheimnissen entzückt. Er sieht eine andre Zahl von Jahren, und eine viel höhere Befreyung. Anstatt der siebzigJahre,von denen JeremiaS geweisiagt hatte, sieht er siebzig Jahrwochen, die von der Zeit der Verordnung des Artaxerxes, mit der langen Hand, die zur Wieder'crbauung der Stadt Jerusalem im Anfange des zwanzigsten Jahres seines Reiches gegeben wordeil ist, ihren Anfang nehmen. Hier wird mit ausdrücklichen Worten gegen das Ende der siebzig Wochen die Vergebung der Sünden, die Versöhnung der Missethat, da? ewige Reich der Gerechtigkeit, die Dcrftegelung aller Gesichte und tVeißagungen, Osil.?/-4. und die Salbung des Allerheiligsten vorherver- kün- in die allgemeine Geschichte. 265 kündigt. Der Meßias soll sein Amt ansahen, und als der Fürst des Volkes nach neun und sechzig Wochen erscheinen, und nach nenn und sechzig Wochen soll Chri- ^""^ stu-- auch ausgerottet werden, wie solches der Prophet wiederholt.Er soll eines gewaltsamenTodcs sterben, weil er zurVollendung derGeheimnisse geopfert werden muß. Eine Woche wird unter andern besonders bezeichnet, und das ist die letzte, die siebzigste Woche; das ist die, wo Christus geopfert, derBund gestärkt werden, und das Opfer und Speisopfer aushören soll. Ohne Zweifel soll solches durch den Tod Christi geschehen; denn der Tod Christi ist es, wodurch diese Veränderung be- E^nd.v-s zeichnet wird. Nach dem Tode des Meßias, und uach -7. ' dieser Abschaffung der Opfer sieht man nichts als Greuel und Verwirrung. Ein Volk des Fürsten wird kommen, und die Sradt und das Heilig- rhum verstören; bey den Flügeln im Tempel werden stehen Greuel der Verwüstung ; kurz, das ganze Volk, das gegen seinen Heiland so undankbar ist, soll untergehen. Wir haben gesehen, daß diese Wochen, wen'n sie zu Iahrwochen gerechnet werden, nach dem Verstände der heiligen Schrift 490 Jahre ausmachen, und uns von dem zwanzigsten Jahre des ArtaxcrreS gerade auf die lehts Woche, diese Woche voll Geheimnisse führen, wo Jesus Christus gekreuzigt worden ist, und durch seinen Tod die Opfer aufgehoben, und die Vorbilder erfüllt hat. Die Gelehrten haben verschiedne Zeitrechnungen auSgedacht,damit diese Zeit genau eintreffen soll.In dieser Zeitrechnung, die ich vorgetragen habe, ist nicht die geringste Verwirrung. Weit gefehlt, daß sie die Geschichte der Könige von Persien verdunkeln soll, so klärt sie vielmehr dieselbe auf, ob man gleich eben nicht R 5 darüber 266 Bischof Bossuets Einleitung darüber erstaunen dürste, wenn sich in den Datis blitz ser Prinzen einige Ungewißheit fände. Neun oder zehn Jahre aufö höchste, über die man bey einer Rechnung von 490 Iahren disputiren kann, machen keine wichtige Streitfragen aus. Aber warum rede ich davon noch länger? Gott hat alle Schwierigkeiten gehoben^ wenn einige da gewesen sind, und wider seine Entscheidung kann nichts eingewendet werden. Ein offenbarer und höchstmerkwürdiger Erfolg erhebt uns über alle' Grübeleyen der Chronologisten, und der ganzliche Untergang der Jüden, der sobald auf den Tod unsers Heilandes gefolgt ist, zeigt denen, die noch eine so blöde Einsicht haben, die Erfüllung der göttlichen Prophezeihung. Es ist nichts mehr übrig, als daß wir noch einen Umstand bemerken. Daniel entdeckt lins ein neues Geheimniß. Die Weißagung Jacobs hatte uns gelehrt, daß das Königreich Juda bey der Ankunft des Meßias aufhören sollte; allein sie sagt uns nicht, daß der Tod des Meßias die Ursache seines Reiches seyn soll. Gott hat dem Daniel dieses wichtige Geheimniß offenbart; er offenbart ihm, wie mau sieht, daß der Untergang der Jüden eine Folge des Todes Christi und ihrer Undankbarkeit seyn wird. Man bemerke diese Stelle wohl; der Zusammenhang der Erfolge wird uns eine schöne Auslegung derselben seyn. Kurz vorher zeigt Gott dem Propheten Daniel die Siege des Cyrus, und die Wiederaufbauung des Tempels. Zu der Zeit aber, da er gebaut wurde, erweckte Gott die Propheten Haggai und Zacharias, und gleich darauf sendete er den Propheten Malachias, der der letzte Prophet des alten jüdischen Volkes seyn sollte. Was in die allgemeine Geschichte. 267 Was hat Zacharias nicht gesehen? Man sollte sagen, daß das Buch des Schicksales diesem Propheten ausgeschlossen worden wäre, und daß er die ganze Geschichte des jüdischen Volkes nach seiner Gefangenschaft darinnen gelesen hätte. Die Verfolgungen der syrischen Könige, und die Ach. 14. Kriege, die sie mitJuda geführt haben, sind in ihrer ganzen Folge darinnen offenbaret. Er sieht Jerusalem einnehmen und verwüsten, und eine schreckliche Unordnung darinnen anrichten; er sieht das Volk in die Wüsten fliehen, ungewiß, und zwischen dem Leben und dem Tode seyn. Kurz vor seiner letzten Verwüstung geht ihm ein neues Licht auf. Die Feinde sind überwunden ; die Götzenbilder sind in dem ganzen gelobten Lande umgestürzt; man sieht den Frieden und den Ueberfluß in der Stadt und im ganzen Lande herrschen, und im ganzen Oriente wird der Tempel verehrt. Ein merkwürdiger Umstand dieser Kriege wird dem Ebend.i4/l4 Propheten entdeckt. Jerusalem sollte durch seine Kinder verrathen werden, und unter seinen Feinden sollten viele Juden seyn. Zuweilen sieht er unter dem jüdischen Volke eine lange Reihe von Glückseligkeiten; Juda ist voll Kraft; die Königreiche, die es unterdrückten, sind gedemüthigt, und seine Nachbarcn, die > nicht aufhörten, dasselbe zu qvalen, sind bestraft; einige von ihnen werden auch bekehrt und dem Volke Gottes einverleibt. Der Prophet sieht dieses Volk mit Wohlthaten überhäuft, unter die er vornehmlich den so bescheidnen, als herrlichen Einzug ihres Röniges, des Zach.?/!.» Gerechten, und ihres Helfers zählt/ der auf ^^.s- >K. Ubr. olympischen Jupiters, dessen Götzenbild er in den -e. z>. Tempel selbst setzte. Er war noch gottloser, als Ne- bucadnezar, und unterfing sich, die Feste, das Gesetz Mosis, die Opfer, die Religion, und das ganze Volk selbst, zu vertilgen. Allein in den Prophezeiungen waren den Unternehmungen dieses Prinzen die Grenzen gesetzt, wie weit sie gehen sollten. Matha- tias widersetzt sich seinen Gewaltthätigkeiten, und vereinigte die Redlichen in Juda unter einander. JudaS MaccabäuS, sein Sohn, verrichtete mit einer in die allgemeine Geschichte. 277 ner Hand voll Volk unerhörte Thaten, und reinigte den Tempel Gottes, nachdem er drey und ein halb Jahr, nach der Weißagung Daniels, entheiligt ge» wescn war. Er verfolgte die Jdumäer und andere Heiden, welche sich zu dem Antiochus schlugen. Nachdem er ihnen ihre bestell Festlingen abgenommen hat< tc, kehrte er siegreich und demüthig zurück, wie solches Iesaias lange vorhergesehen hatte. Er verherrlichte das job Gottes/ der die Feinde seines Volkes in seine Hände gegeben hatte. Sein Schwerdt rauchte noch von ihrem Blute, als er seine Siege fortsetzte, ob ihm gleich Antiochus mit unzählbaren Kriegsheeren widerstund. Daniel hatte in seiner Weißagung diesem gottlosen Könige nur sechs Jahre bestimmt, binnen welchen er Dan. S, r?» das Volk Gottes quälen sollte, und siehe, zu der be- ^ stimmten Zeit erfährt er zu Ekbatana die heldenmäßigen Thaten des Judas Maccabäus. Er fällt in eine tiefe Traurigkeit und Schwermuth. Er stirbt, nach der Weißagung dieses heiligen Propheten, elend, nicht durch die Hand eines Menschen, sondern durch die Hand des Allmächtigen, nachdem er die Gewalt des Gottes Israel, aber allzu spät, erkannt hatte. Ich habe nicht nöthig, zu erzählen, wie seine Nachfolger den Krieg wider Judäa fortführten. Ich brauche den Tod des Judas, ihres BefrcyerS, und die Siege seiner beyden Brüder, des Jonathas, und Simon, seiner Nachfolger im Hohenpriesterthu- me, nicht zu erzählen. Ihre Tapferkeit erneuerte den vormaligen Ruhm des Volkes Gottes. Diefe drey großen Männer sahen, wie sich die Könige von Syrien, uild alle benachbarten Völker, wider sie verschwo- « rcn hatten. Was das Bedauernswürdigste war, so mußten sie sehen, daß die von Juda selbst zu verfchied- S z nen 278 Bischof Bossuets Einleitung nen malen die Waffen wider ihr eignes Vaterland ergriffen. Dieses war zeither unerhört, aber in den Zach. 14,4. Prophezeiungen ausdrücklich vorhcrverkündigt worden. Aber mitten unter so vielen Uebeln machte sie das Vertrauen zu Gott unerschrocken und unüberwindlich. Das Volk war unter ihrer Anführung immer glücklich. Endlich wurde es zu den Zeiten Simons von dem Joche der Heiden besreyt, und ward mit der Einwilligung der Könige in Syrien ihm und seinen Kindern unterthanig. Die öffentliche Schrift, in welcher das Volk dem Simon die öffentliche Macht überlaßt, und ihm die königlichen Rechte giebt, ist merkwürdig. Diese Verordnung enthalt diese Worte: Simon sollte rMcc.1414. chr Fürst und Hoderpriester für und für seyn, so lange bis ihnen Gocr den rechten Propheten erweckte. Das Volk war vom Anfange her an eine göttliche Regierung gewohnt, und wußte wohl, daß die unumschränkte Gewalt dem Hause Davids gehörte, nachdem ihn Gott einmal auf den Thron gesetzt hatte. Sie wußten, daß sie ihm zu den Zeiten des Meßias wiedergegeben werden sollte; darum gaben sie den Hohenpriestern diese Gewalt mit einer solchen Einschränkung, und lebten unter ihnen voll Hoffnung auf den so oft versprochncn MeßiaS. Auf diese Weife gebrauchte sich dieses ganz freye Königreich seiner Rechte, und seßte in die Regierung ein, wen es wollte. Die Nachkommenschaft Jacobs nämlich der Stamm Iuda, und die übrigen Israeli- ten, welche sich unter seine Fahne begaben, erhielt sich, als ein besondrer Staat, und blieb im ungestörten und ruhigeir in die allgemeine Geschichte. 279 ruhigen Besitz- des iandes, das ihm eingegeben worden war. Johannes Hyrcanus folgte, kraft der Verordnung des Volkes, seinem Vater, Simon, in der Regierung nach. Unter ihm wuchs die Macht der Juden durch ihre ansehnlichen Eroberungen. Sie unterwarfen sich Samaria, wie Ezechiel und Jeremias solches vor- Cieck. i<5. hergesagt hatten. Sie demüthigten die Jdumäer, die ^' Philister, und die Ammoniter, ihre bestandigen Feinde, und alle diese Völker nahmen ihre Religion an. Zachavias hatte solches geweißagt. Der Haß und der Neid der benachbarten Völker gereichen ihnen zu keinem Nachtheile. Sie stiften endlich unter der Herrschaft ihrer Hoherpriester, die ihre Könige werden, das Königreich derAsmonäer,oder der Maccabäer, das größer wurde, als iemals ihr Reich gewesen war, wenn man die ZeitenDavids und Salomons auönimt Also erhielt sich unter allen Veränderungen dasVolk Gottes aufrecht. Bald wurde es gestraft, und bald wurde es in seinem Elende wieber aufgerichtet. Gott begegnete demselben, wie seine Verdienste waren» Dieses Volk ist also ein herrlicher Beweis von der Vorsehung Gottes, welche die Welt regiert. Allein seine Umstände mochten beschaffen seyn, wie sie wollten, so hofften sie doch beständig aufdie Zeiten des Mcßias. Da erwarteten siegrößre Gnadenbezeugungen Gottes, als sie iemals empfangen hatten. Jedermann sieht, daß dieser Glaube von dem Meßiaö, und seinen Wundern, der noch unter den Juden dauert, von den Patriarchen und Propheten, und also von dem Anfange ihrer Nation an, auf sie gekommen ist. Denn i» der langen Reihe von Jahren, wo sie selbst erkann- S 4 ten, * lolspk. anciyu. Ubr. XIII, 8. l?. l». 28o Bischof Bossuets Einleitung ten, daß nach einem besondern Rathschlusse der Vorsehung kein Prophet unter ihnen aufstund, und daß ihnenGott keine neuen Zusagen nochWeißagungen gab, in dieser Zeit, sageich, war der Glaube an den Meßias, welcher kommen sollte, lebhafter, als iemals. Er war so fest in ihren Herzen gegründet, als der andre Temv pel aufgebaut wurde, daß kein Prophet mehr nöthig war, das Volk darinnen zu bekräftigen. Sie lebten unter dem Glauben an die alten Prophezeiungen, die vor ihren Augen in so vielen wichtigen Punkten erfüllt worden waren. Die übrigen Weißagungen haben ihnen nach der Zeit ganz außer Zweifel zu seyn geschienen; sie glaubten ohne Mühe, daß Gott, der in allem so getreu ist, zu seiner Zeit auch das erfüllen würde, was vom Meßias geweißagt worden war. Denn das war die vornehmste Zusage, auf die sich alle übrigen Verheißungen gründeten. Ihre ganze Geschichte, und alles, was ihnen von Tage zu Tage begegnete, war nichts anders, als eine beständige Erfüllung der Weißagungen, die der Geist Gottes durch den Mund der heiligen Männer zu ihnen geredet hatte. Sie wurden nach ihrer Gefangenschaft wieder in ihr 5and gebracht, lind genossen drcyhundcrt Jahre lang einen beständigen Frieden; ihr Tempel und ihre Religion wurden im ganzen Oriente verehrt; ihr Friede wurde endlich durch ihre innerlichen Zwi- stigkeiten gestört; jener stolze König von Syrien gab sich die erstaunlichste Mühe, die Jüden auszurotten; es gelang ihm sein Vornehmen eine Zeitlang, doch wurde er endlich gestraft. Die jüdische Religion und das Volk Gottes erhielt ein herrlicheres Ansehen, als es fast iemals gehabt hatte, und das Königreich Juda wurde durch seilte ansehnlichen Eroberungen immer in die akgemeine Geschichte. 281 mer mächtiger. Sie haben gesehn,, Monseigneur, daß alles dieses von ihren Propheten vorhcrverkündigt worden ist. Ja, alles war darinnen genau bestimmt, was geschehen sollte; die Zeit, die ihre Verfolgungen dauern sollten; die Oerter, wo die Schlachten geliefert worden sind, und die Länder, die nachher von ihnen erobert wurden; alles ist in den Weißagungen angegeben worden. Ich habe Ihnen, Monseigneur, überhaupt etwas von diesen Prophezeiungen angeführt; eine umständlichere Ausführung würde eine weit größre Abhandlung werden müssen. Ich will ihnen nur den ersten Vorschmark von diesen wichtigen Wahrheiten geben, die man immer besser einsieht, ic mehr man sie besonders durchgeht. Ich will hier nur noch anmerken, daß die Weißagungen unter dem Volke Gottes zu allen Zeiten so genau erfüllt worden sind, daß nachher die Heiden selbst, ein PorphyriuS, und ein Julian, der Abtrünnige, die doch sonst Feinde der heiligen Schriften waren,wenn sie Exempel prophetischcrWcißagungen gebe!, wollten,dieselben unter dem jüdischen Volke suchten*. Ich kann selbst mit Wahrheit sagen, daß der Zustand des jüdischen Volkes die fünfhundert Jahre hindurch, da sie keinen Propheten hatten, prophetisch war. Das Werk Gottes gewann seinen Fortgang, und die Wege wurden zur völligen Ersüllung der Weißagungen unvermerkt gebahnet. Die Wiederkunft aus der babylonischen Gefangenschaft war nur ein Schatten von der größern und nothwendigern Freyheit, die der Meßias den Menschen, die inSünden gefangen waren,dereinst geben sollte.Das jüdische Volk, daß in den verschiednen Landern von Obcrasien, in Kleinasien, in Aegypten, in Griechen- S s land * ?orxK.UI,r..IV. äeadlr.Iul. ax.cyrM.Ubr. V. 282 Bischof Bessuets Einleitung land selbst zerstreut war, fing an, unter den Heiden den Namen und die Ehre des Gottes Israels zu verherrlichen. Die Schriften, welche dereinst das licht der Welt seyn sollten, wurden in die allgemeinste Sprache der Welt übersetzt. Ihr Alterthum ist bekannt. Unterdessen daß ihr Tempel verehrt, und die heilige Schrift unter den Heiden ausgebreitet wurde, gab Gott schon den Menschen eine Vorstellung von ihrer künftigen Bekehrung, und legte von fern den Grund dazu. Selbst dasjenige, was unter den Griechen vorgieng, war eine Vorbereitung zur Erkenntniß der Wahrheit. Ihre Philosophen erkannten, daß die Welt von einem Gotte regiert würde, der weit von den Göttern unterschieden wäre, welche der Pöbel anbetete, und die sie selbst mit dem Pöbel verehrten. Die griechischen Geschichten machen es glaubwürdig, daß diese herrliche Philosophie aus dem Oriente, und von den Orten hergekommen sey, wo die Iüden zerstreut waren. Allein sie mochte hergekommen seyn, woher sie wollte, so fing doch diese Wahrheit an, wenn sie gleich bestritten wurde, und ihre Lehrer nicht darnach lebten, das menschliche Geschlecht aufzwecken, und zum Voraus denen gewisse Beweise an die Hand zu geben, welche die Menschen künftig aus ihrer Unwissenheit herausreißen sollten. Wie aber die völlige Bekehrung der Heiden ein Werk war, das dem MeßiaS vorbehalten war, und das eigentliche Merkmal seiner Ankunft seyn sollte, so hatten dennoch derJrrthum und dieGottlosigkeit überall die Oberhand. Die aufgeklartesten und weisesten Völker, die Chaldäer, die Aegyptier, die Phönicier, die Griechen, und die Römer waren in Dingen, die die Re- in die allgemeine Geschichte. 28z Religion angiengen, ganz unwissend und blind; so gewiß ist es, daß man in diesen Wahrheiten durch eine besondre Gnade, und durch eine mehr, als menschliche Weisheit erleuchtet werden muß/ Wer sollte sich untersangen, die Gebrauche ihrer unsterblichen Götter, und ihre unreinen Geheimnisse, ihre LiebeSve» siandnisse, ihre Grausamkeiten, ihre Misgunst, und alle ihre andern Ausschweifungen zu erzählen, auf die sich alle ihre Feste, ihre Opfer, und die Lieder, die man sang, und die Gemälde bezogen, die man in ihren Tempeln aufhing? Also wurde das Laster angebetet, und für nothwendig zum Gottesdienste erachtet. Der Ernsthafteste unter den Philosophen der Hciden,Plato, verbot ihnen die Räusche; er erlaubte sie aber an den Festen, die dem Bacchus zu Ehren angestellt wurden. Aristoteles tadelt alle schändlichen Gemälde mit der größten Strenge, die Gemälde der Götter ausgenommen, die durch dergleichen schandbare Bildnisse geehrt seyn wollten. . Man kann nicht ohne Erstaunen die Ehrenbezeugungen, welche der Venus erwiesen werden mußten, und die Unflätereyen lesen, welche bey ihrem Dienste eingeführt waren. So artig und weise auch Griechenland war, so hatte es doch diesen schandbaren Gottesdienst angenommen. In den gefährlichsten Umständen nahmen sowohl die Privatleute, als ganze Republiken ihre Zuflucht zur VcnuS, der Buhlerinn, und Griechenland schämte sich nicht, seine Errettung den Gebeten zuzuschreiben, die sie an diese Göttinn ab- 5^.1.15. schickten. Nachdem Terres und seine furchtbaren ^ri>.-.>.i. ,z. Armeen überwunden worden waren, so hing man in ihrem Tempel ein Gemälde auf, wo ihre Gelübde und ihre feyerlichen Proceßionen abgebildet waren. Simo- 284 Bischof Bossuets Einleitung Simonides, ein berühmter Poet, hatte diese Uebe?- schrift dazu gemacht: Tuese haben zur Göttinn Venus gefleht, und sie hat aus Liebe ;u ihnen Griechenland errettet. Wenn ja die Liebe sollte angebetet werden, so hatte es eine ehrbare Liebe seyn sollen. Solon aber, wer sollte es glauben, und von einem so großen Namen eine so große Niederträchtigkeit vermuthen? Solon, sage ich, hatte zu Athen der Venus, der Geschändeten, oder der unkeuschen Liebe, einen Tempel erbaut. Ganz Griechenland war von solchem Tempel voll, die diesem Gotte, und dieser Göttinn gewidmet waren, und die eheliche Liebe hatte in diesem ganzen Lande keinen Tempel. Unterdessen verabscheuten sie doch den Ehebruch an den Männern, und Frauen, und die eheliche Liebe war unter ihnen heilig. Allein, wenn sie ihre Gedanken auf die Religion richteten, so war es, als ob sie von einem andern Geiste besessen würden, und ihre natürliche Vernunft verließ sie alsdann. Die Ernsthaftigkeit der Römer ist mit der Religion nicht ernsthafter umgegangen, weil sie die Unflä- tercyen der Schaubühnen und die blutigen Spiele der Fechter, kurz, dasjenige, was vom größten Verderbnisse zeugte, und das Grausamste, was man ersinnen kann, ihren Göttern zu Ehren anstellte und einführte. Allein ich weis nicht, ob die lacherlichen Thorheiten, die man in die Religion mischte, nicht um desto gefährlicher waren, weil sie ihr die größte Verachtung zuzogen. Konnte man wohl die Ehrfurcht, die man göttlichen Dingen schuldig ist, unter den schandbaren Dingen behalten, welche ihre Fabeln enthielten^ deren Vorstellung einen so große» Theil ihres in die allgemeine Geschichte. 285 inres Gottesdienstes ausmachte? Der ganze Götterdienst war nichts/ als eine beständige Entheiligung oder Verspottung des göttlichen Namens. Das mußte wohl ein Geist thun, der ein Feind dieses heiligen Namens war, der sich unterfing, ihn zu erniedrigen, und der die Menschen antrieb, ihn bey so verächtlichen Dingen zu gebrauchen, und selbst an so gar unwürdige Gegenstände zu verschwenden. Es ist wahr, die Philosophen haben endlich eingesehen, daß ein andrer Gort wäre, als diejenigen, welche der Pöbel anbetete; allein sie getrauten sich doch nicht, ihn zu bekennen. Sokrates setzte es vielmehr, als einen Grundsaß fest, daß ein ieder sich zur Religion seines Landes bekennen müßte. Plato, sein Schüler, welcher wohl sah, daß die Welt mit einem schandbaren und unvernünftigen Gottesdienste erfüllt war, nimmt dem ungeachtet dieses als einen Grundsaß in seiner Republik an, daß man in der Religion, die in einem Lande einmal eingeführt ist, nichts andern, sondern den Verstand verlohren haben müsse/ wenn man daran denken wollte. So ernsthafte Philosophen, welche von der göttliche» Natur so schöne Sachen gesagt haben, sind zu verzagt gewesen, als daß sie dem öffentlichen Irrthume hätten widerstehen sollen, und sie haben alle Hoffnung? aufgegeben, ihn iemals zu überwinden. Als Sokrates angeklagt wurde, daß er die Götter leugnete, die das Volk anbetete, so vertheidigte er sich dagegen, als ob man ihn eines Verbrechens beschuldigt hätte. Da Plato voil demGottei'edet,der das Weltgebaudc erschaffen hat, so sagt er, er sey schwer zu finden, und e6 sey verboten, ihn dem Volke zu erkennen zu geben. Er versichert,daß er von ihm immer nur,gleichsam als in Räth- 286 Bischof Bossuets Einleitung Räthseln rede, aus Furcht, eine so große Wahrheit der Gefahr der Verspottung auszusetzen. In welchem Abgrunde lag nicht das menschliche Geschlecht, das nicht die geringste Vorstellung von dem wahren Gotte erdulden konnte ? Athen, die artigste und weiseste Stadt unter den griechischen Städten, sah diejenigen als Gottesleugner an, die von geistlichen Dingen redeten, und das war eiße Ursache, warum Sokrates verdammt wurde. Wenn einige Philosophen sich unterstunden, zu lehren, daß die Vildseulen nicht Götter wären, wie sie der Pöbel dafür hielt, so waren sie gezwungen, dieses zu widerrufen, und wurden überdieß noch, als Gotteslästerer, durch den Ausspruch des Areopagus, aus der Stadt verwiesen. Die ganze Erde ward von eben diesem Irrthume besessen : die Wahrheit wagte es nicht, her-' vorzugehen. Dieser große Gott, der Schöpjer der Welt, hatte keinen Tempel, noch Dienst, außer zu Jerusalem. Wenn die Heiden ihre Opfer dahin schickten, so erwiesen sie dem Gotte Israels keine andre Ehre, als daß sie ihn zu ihren andern Göttern sehten. Das einzige Juda kannte seinen heiligen und strengen Eifer, und wußte, daß man die Religion aufhübe, wenn man sie zwischen Gott und den Götzen theilte. Unterdessen fingen am Ende der Zeiten selbst die Jüden, die ihn kannten, diese Bewahrer der Religion, an, in die Religion abergläubische Gebräuche zu mischen, die ihrer unwürdig waren, ob sie gleich den Gott ihrer Vater nicht ganz vergaßen. So schwächen die Menschen immer die Wahrheit! Unter der Regierung der Asmonäer, zu den Zeiten des Io- nathas, nahm die Sekte der Pharisäer ihren Anfang unter in die allgemeine Geschichte. 287 unter den Juden. Sie erwarben sich im Anfange durch die Reinigkeit ihrer Lehre, und die genaue Beobachtung des Gesetzes ein großes Ansehen. Es kam dieses dazu, daß ihre Aufführung sanftmüthig, obgleich auch strenge war, uud daß sie in großer Emrracht unter einander lebten. Die Belohnungen und Bestrafungen eines zukünftigen Lebens, die sie mit vielem Eifer behaupteten, erwarben ihnen viel Ehre. Endlich nahm sie der Geist des Hochmuthes ein. Sie wollten regieren, und maßten sich auch in der That einer uneingeschränkten Gewalt über das Volk an; sie machten sich zu Herren der Lehre und der Religion . und verwandelten sie nach und nach in abergläubische Gebrauche, die ihrem Eigennütze, und der Herrschaft über die Gewissen, der sie sich anmaßten, vortheiihaft und zuträglich war. Der wahre Sinn des Gesetzes kam in Gefahr, verlohren zu gehen. Zu diesen Uebeln kam noch ein größeres Uebel hinzu, der Hochmuth und die Einbildung, eine Einbildung, die sich dieGaben Gottes selbst ganz allein zueignete. Die Juden / die an seine Wohlthaten gewohnt, und seit so vielen Jahrhunderten von seiner Erkenntniß erleuchtet worden waren, vergaßen es, daß allein seine Güte sie von andern Völkern abgesondert hatte, und sahen seine Gnade, als eine Schuld an. Weil sie seit zwey tausend Jahren das auserwählte und gesegnete Geschlecht Gottes waren, so glaubten sie, daß sie allein würdig waren, Gott zuerkennen, und glaubten von einem bessern Stoffe, als die übrigen Menschen, zu seyn, die die Erkenntniß Gottes nicht hatten. Dieses war Ursache, daß sie die Heiden mit einer so erstaunlichen Verachtung ansahen. Die Herkunft vom Abraham nach dem Fleische schien ihnen ein Vor- 2N8 Bischof Bossuets Einleitung Vorzug zu seyn, der sie natürlicher Weise über alle andern hinwegsetzte; ein so schöner Ursprung blähte sie auf, und sie glaubte», nicht durch die Gnade, sondern von Natur schon heilig zu seyn. Das ist ein Irrthum, der noch unter ihnen gemein ist. Die Pharisäer, die sich ihrer Einsicht und der strengen Beobachtung der gesetzlichen Ceremonien rühmten, diese waren es, die diese Meynung in den letzten Zeiten unter ihnen einführten. Wie sie auf nichts dachten, als wie sie sich von andern Menschen unterscheiden wollten, so vervielAltigcen sie die äußerlichen Gebräuche ohne Aufhören, und gaben ihre eignen Gedanken für wahre Traditionen aus, so sehr sie auch dem Gesetze Gottes zuwider waren. Ehe noch diese Meynungen durch eine öffentliche Verordnung zu einer Lehre der Synagogen wurden, so schlichen sie sich schon unvermerkt unter das Volk ein, welches unruhig, und aufrührisch wurde. Endlich brachen die Uneinigkeiten, die nach ihren Propheten den Abfall ihres Glückes verursachen sollten, bey Gelegenheit der Zwistigkeiten in dem Hause der Asmonäer öffentlich aus. Es waren kaun: noch sechzig Jahre bis auf Jesum Christum, als Hyr- canus und Aristobulus, zween Söhne des Alexander Jannäus, wegen des Hohenpriesterrhums, mit dem die königliche Würde verbunden war, in einen Streit geriethcn. Das ist der unglückliche Augenblick, den die Geschichte als die erste Ursache des Unterganges der Iüden angiebt. Pompejus, den die beyden Brüder zu ihrem Schiedsrichter annahmen, machte sich beyde unterwürsig, und zwar zu der Zeit, als er den Antiochus, mit dem Zunamen Asiaricus, den letzten König in Syrien, vertrieb. Diese drey Prin- in die allgemeine Geschichte. 289 Prinzen, die zu gleicher Zeit, und auf einmal fielen, waren gleichsam die Losung von dem nahen Falle des jüdischen Volkes, den Zacharias mit ausdrücklichen Worten vorhergesagt hatte. Es ist aus der Geschichte gewiß, daß diese Veränderung in den jüdischen und syrischen Angelegenheiten, zu gleicher Zeit von dem Pompejus vorgenommen wurde, nachdem er den Krieg wider den Mithridates geendigt hatte. Er wollte eben nach Rom zurückkehren, als er erst noch die Angelegenheiten des Orientes in Ordnung brachte. Der Prophet hat weiter nichts angemerkt, als was den Ruin des jüdischen Volkes angieng. Es sah von zween Brüdern, die es, als Könige, gesehen hatte, den einen in dem Triumphe dcs Pompejus aufführen, und den andern, den Hyrcan, welchem Pompejus mit der Krone den größten Theil seiner Herrschaft genommen hatte, weiter nichts, als einen eitlen Schein des Ansehens übrig behalten, den er aber auch bald verlohr. Damals war es, daß die Juden den Römern zinsbar wurden» Syriens Untergang zog den ihrigen nach sich, weil dieses ihnen benachbarte Königreich zu einer Provinz wurde, und die Macht der Römer so sehr vermehrte, daß keine Rettung für sie mehr übrig war, als der Gehorsam. Die Statthalter in Syrien unternahmen beständig etwas wider Iu- daa, die Römer machten sich zu unumschränkten Herren darüber, und schwächten die jüdische Regierung in vielen Stücken. Durch sie gerieth das Königreich Juda, aus dem Hause der Asmonäer, in die Hände des HerodeS, eines Fremden, und eines Jdu- macrs. Die grausame und ehrsüchtige Staatökunst dieses Königes, der sich nur zum Scheine zur jüdischen Religion bekannte, veränderte die Grundsalze T der 29v Bischof Bossuets Einleitung der alten vormaligen Regierung. Das sind nicht mehr die Juden, die unter dem großen persischen Reiche, und unter der Herrschaft der ersten Seleuciden, Herren über ihr Schicksal waren, und in Ruhe und Friede leben konnten. Hcrodes, der sie unter seinem Joche hat, bringt alles in Verwirrung, stört und unterbricht nach seinem Gefallen die Nachfolge der Hohenpriester, schwächt das Hohepriesterthum, das unter ihm jedermann erlangen kann, und entkräftet das Ansehen des hohen Rathes der Nation, der nunmehr nichts mehr vermag. Die ganze öffentliche Gewalt kömmt in die Hände des Herodes, und der Römer, deren Sklave er ist, und er erschüttert den ganzen Grund der jüdischen Republik. Die Pharisäer und das Volk folgten nur ihren Empfindungen, und ertrugen diesen Zustand mit Ungeduld. Je mehr sie von dem Joche der Heiden gedrückt wurden, dcstomehr haßten und verachteten sie dieselben. Sie wollten keinen andern Meßias, als einen solchen, welcher ein Krieger/und den Völkern furchtbar wäre, denen sie unterthänig seyn mußten. Sie vergaßen also die Prophezeiungen, die ausdrücklich von seiner Erniedrigung redeten,und hatten nur für diejenigenAugen und Ohren, welche ihnen Siege verkündigten,^ ob sie gleich von denen weit unterschieden waren, die sie verlangten. OOOOOGO OOO OOO-OOOO Von Jesu Christo. H^ey diesem Falle der Religion und der jüdischen /^^Angelegenheiten, gegen das Ende der Regierung des Herodes, und zu der Zeit, da die Pharisäer so viele in die allgemeine Geschichte. 291 Viele Misbräucbe einführten, wurde Jesus Christus auf die Erde gesendet, daö Reich in dem Hause Davids auf eine viel höhere Weise wieder aufzurichten, welche die fleischlichen Jüden nicht verstunden, und die Lehre zu verkündigen, die nach dem Rarhschlusse Gottes der ganzen Welt bekannt gemacht werden sollte. Dieses verwundernswürdige Kind, welches vom Propheten Jesaias der starke Gott, der Vater der zukünftigen Welt, und der Friedefürst genannt worden war, wurde von einer Jungfrau zu Bethlehem gebohren, und erkannte daselbst den Ursprung seines Geschlechtes. Ee wurde von demHeiligenGeiste empfangen; er war heilig durch seineGeburt, und allein würdig,die Mängel unsrer Geburt zu ersehen; er empfing den Namen des Heilandes, weil er uns von unsern Sünden heilen sollte. Gleich nach seiner Geburt erschien im Oriente ein neuer Stern, ein Bild des Lichtes, das den Heiden scheinen sollte, und führte dem ucugebohrnen Heilande die Erstlinge des bekehrten Heidenthumes zu. Kurz darauf kam dieser verlangte Meßias in seinen heiligen Tempel, wo ihn Simon nicht allein als den preis des Volkes Israel, sondern auch als ein Licht zu erleuchten die Heiden ansah. Als die Luc. Zeit herbeynahte, daß er sein Predigtamt antreten sollte, rief der heilige Johannes, der Täufer, alle Sünder zur Buße, und ließ seine Stimme in der Wüste hören, wo er seine ersten Jahre mit einer so großen Strenge, als Unschuld, hingebracht hatte. Das Volk, das seit fünfhundert Jahren keinen Propheten gesehen, erkannte diesen neuen Elias, und sah ihn für seinen Erlöser an, so groß kam ihm seine Heiligkeit vor! Allein er zeigte ihnen selbst denjenigen, von dem er sagte, T 2 das; 292 Bischof Beffüets Einleitung 2ol).l,-7. daß er unwürdig wäre, feine Gchuhriemen aufzulösen. Endlich fing Jesus Christus an, sein Evangelium zu predigen, und die Geheimnisse zu offenbaren, die er von Ewigkeit her in demSchooße, seines Vaters gesehen hatte. Cr legt den Grund zu seiner Kirche durch die Berufung der zwölf Fischer, und giebt unter ihnen dem heiligen Petrus einen so offenbaren Verzug, daß die Evangelisten, welche keine gewisse Ordnung halten , wenn sie die Apostel nennen, darinnen alle übereinstimmen, daß sie den heiligen Apostel Petrus, als den Vornehmsten, vor allen andern zuerst nennen. Jesus Christus geht durch ganz Iudäa, das er mit seinen Wohlthaten erfüllte. Er half den Kranken, er war barmherzig gegen die Sünder ; er zeigte ihnen durch den freyen Zutritt, den cr ihnen zu sich.verstattete, den rechten Arzt in feiner Person, und ließ die Menschen eine so gelinde und sanftmüthige Herrfchaft empfinden, die man an keiner Person, als an ihm, gefunden hat. Er verkündigt hohe Geheimnisse; aber er bekräftigt sie auch durch große Wunder; cr befiehlt große Tugenden; aber zu gleicher Zeit läßt er auch ein großes Lichtaufgehen. Daher wird auch von ihm gejagt, daß er Zoh.i,i4.i;- voller Gnade und vvahrheic sey, und daß ^' wir alles von seiner Fülle nehmen. Alles stimmt in seiner Person zusammen, scin Leben, seine Lehre, seine Wunder. Diese Wahrheit leuchtet überall hervor; alles vereinigt sich, den Herrn des menschlichen Geschlechtes, und das Muster der Vollkommenheit an ihm zu zeigen. Er ist der einzige unter den Menschen, der vor den Augen der ganzen Welt hat sagen dürfen, ohne daß man ihn einer Unwahrheit beschuldigen können: wer in die allgemeine Geschichte. 29z N)er kann mich unter euch einer Sünde zeihen? und an einen: andern Orte: Ich bin das Ioh. < Lichr der Melt; meine Speist ist, daß ich den 4. lVilicn nleines Datero thue; der mich gesiuidc hat, ist nur mir; der Varer laßt mich nicht allein, denn ich thue allezeit, rvas ihm gefallt. Seine Wunder sind von einer besondern Art, und haben einen ganz neuen Charakter. Sie sind nicht Zeichen am Himmel, wie sie die Juden verlangten; er thut sie meistentheils nur an den Menschen selbst, un? ihre Krankheiten und Schwachheiten zu heilen. Diese Wunder zeugen mehr von seiner Güte, als von seiner Macht; sie sehen die Zuschauer nicht so sehr in Erstaunen, als sie dieselben im Grunde des Herzens rühren. Er thut sie mit Macht; die Teufel und Krankheiten gehorchen ihm; aus sein Wort erhalten die Vlindgebohrnen ihr Gesicht; die Todten gehen aus den Gräbern, und die Sünden sind vergeben. Die Ursache davon ist er selbst; sie kommen aus ihm, Luc.<5,1,. als aus einer Qvclle, her; ich fühlt/ sagt er, daß eme ^ ^ ^6. Arafc von mir gegangen ist. Noch niemand hatte so große und so viele Wunder gethan, und gleichwohl verspricht er, daß seine Jünger in seinem Namen noch viel größre Dinge thun sollen, so Ioh, 14,--. fruchtbar und unerschöpflich ist die Kraft, die in ihm ist. Wer muß nicht darüber erstaunen, wie sehr er sich zu den Menschen herunter laßt, da er ihnen seine hohen Lehren verkündigt? Das ist Milch für die Kinder, und zugleich Brodt für die Starken» Man sieht ihn voller Geheimnisse Gottes; allein man sieht nicht, daß er darüber erstaunt, wie die andern Sterblichen, denen sich Gott mittheilt. Er redet frey und natür- T z lich / 294 Bischof Bossuets Einleitung lich davon, als der in diesen Geheimnissen, und in dieser Herrlichkeit gebohren worden ist, und was er Jv!),z,Z4. nicht nach dem Maaße hat, theilt er mit Maaße aus, damit es unsre Schwachheit ertragen könne. Ob er gleich für alle Welt gesendet worden war, so wandte er sich doch im Anfange nur an die vcrlohr- nen Schafe in Israel, zu welchen ihn sein Vater vornehmlich gesandt hatte. Allein er bahnte selbst auch den Weg zu der Bekehrung der Samaritaner, und der Heiden. Ein samaritanisches Weib erkannte ihn für den Meßias, auf den ihre Nation sowohl, als die jüdische, hoffte, und lernte das Geheimniß des neuen Gottesdienstes von ihm, der nicht mehr an einen gewissen Ort gebunden seyn sollte. Ein cananaisches und abgöttisches Weib zwang ihn, so zu sagen, ob sie gleich von den Jüngern abgewiesen wurde, daß er ihre Tochter gesund machen mußte. Er erkannte an vcr- schiednen Orten die Kinder Abrahams unter den Heiden, und redete von seiner Lehre, als von einer solchen, welche gepredigt, verfolgt, und von der ganzen Erde angenommen werden sollte. Die Welt hatte noch nicht so etwas gesehen/ und die Apostel erstaunten darüber. Er verbirgt den Seinigen die traurigen Versuchungen nicht, die sie würden ausstehen müssen. Er zeigt ihnen die Gewaltthätigkeiten und Verführungen , die man wider sie brauchen würde; ferner die Verfolgungen; die falschen und irrigen Lehren, die falschen Brüder; die innerlichen und äußerlichen Kriege; und den durch alle dicfe Versuchungen geläuterten Glauben; ferner zeigt er, wie am Ende der Zeiten dieser Glaube schwach werden, und die Liebe unter feinen Schülern erkalten würde; endlich zeigt er noch, es in die allgemeine Geschichte. 295 es würde dennoch seine Kirche und die Wahrheit mitten unter diesen Gefahren bestandig unüberwindlich bleiben. Das ist also eine ganz neue Einrichtung und Ordnung der Dinge. Man redet zu den Kindern Gottes nicht mehr von zeitlichen Belohnungen. Jesus Christus zeigt ihnen ein zukünftiges leben, und indem er sie in dieser Hoffnung, in diesem Verlangen erhält, so lehrt er sie, daß sie sich von allen sinnlichen Gegenständen losreißen sollen. Das Kreuz, und die Geduld werben ihr Theil auf der Erde, und vom Himmel wird ihnen gesagt, daß sie ihn mit Gewalt zu sich reis- sen sollen. Jesus Christus geht diesen neuen Weg, Mattlz.uM». den er den Menschen zeigt, selbst zuerst. Er predigt reine Wahrheiten, welche die unwissenden und dem ungeachtet hochmüthigen Menschen betäuben. Er entdeckt den heimlichen Hochmuth, und die Heucheley der Pharisäer und der Lehrer des Gesetzes, die dasselbe durch ihre Auslegungen verderbten. Mitten unter diesen Verweisen ehrt er ihr Amt, und den Stuhl Match. 25z. N^osis, worauf sie sitzen. Er besucht den Tempel; er macht, daß sie die Heiligkeit desselben ehren müssen, und schickt die Aussätzigen, die er geheilt hat, zu den Priestern. Dadurch lehrt er die Menschen, wie sie die Misbräuche ohne Nachtheil des von Gott eingesetzten Lehramtes tadeln und unterdrücken sollen; er zeigt, daß die Synagoge selbst noch bestünde, wenn gleich einige Glieder von ihr verderbt sind. Allein sie neigte sich sichtlich zu ihrem Untergange. Die Hohenpriester und Pharisäer wiegelten das jüdische Volk, dessen Religion der Aberglaube war, wider Jesum Christum auf. Dieses Volk konnte den Heiland der Welt nicht länger leiden, der es zur Ausübung beßrer, aber auch schwererer Pflichten berief» T 4 Der 296 Bischof Bossuets Einleitung Der Heiligste und Beste unter allen Menschen, die Heiligkeit und die Güte selbst, wurde am meisten beneidet und gehaßt. Er läßt sich dadurch nicht abhalten, und hört nicht auf, seinen Brüdern dem Fleische nach Gutes zu thun; allein er sieht ihre Undankbarkeit. Er verkündigt ihre Bestrafung mit Thränen vorher, und weißagt der Stadt Jerusalem ihren nahen Untergang. Er prophezeiht auch, daß die Juden, die Feinde der Wahrheit, die er verkündigte, ihrem Irrthume übergeben, und ein Spiel und Spott der falschen Propheten seyn würden. Unterdessen bringt ihn der Neid der Pharisäer und der Priester zu einem schändlichen Tode; seine Jünger verlassen ihn; einer unter ihnen verräth seinen Meister, und der erste und eifrigste von allen verleugnet ihn dreymal. Der Heilige wird vor dem hohen Rathe angeklagt, er ehrt das Amt der Priester bis ans Ende, und antwortet dem Hohenpriester, der ihn gerichtlich befragt, mit kurzen und hinlänglichen Worten. Allein die Stunde war gekommen, wo die Synagoge verworfen werden sollte. Der Hohepriester und der ganze hohe Rath verdammen Christum, weil er sagte, daß er der Sohn Gottes wäre. Er wird dem Pontius Pilatus, dem römischen Landpflegcr, überliefert; seine Unschuld wird von diesem Richter erkannt, allein seine Staatökunst und sein Eigennutz verkeilen ihn, daß er wider sein Gewissen handelt. Der Gerechte wird zum Tode verdammt. Das Größte unter allen Verbrechen, die iemals begangen worden sind, giebt Anlaß zum vollkommensten Gehorsame , den niemand noch geleistet hat. Jesus, ein Herr über sein Leben, und über alle Dinge, überläßt sich der Wut der B oshaf- ten freywillig, und wird das Opfer zur Aussöhnung des mensch- in die allgemeine Geschichte. 297 menschlichen Geschlechtes mit Gott. Er sieht am Kreuze in den Prophezeiungen dasjenige, was ihm noch zu thun übrig war; er vollendet cS, und sagt endlich: ist alles voU bracbt. Nachdem er dieß ge- Ioh.i^z». sagthat, so wird alles in der Welt verändert; das Gesetz hört auf, die Vorbilder haben ein Ende, und die Opser sind durch ein weit vollkommners Opfer abgeschafft. Nachdem Jesus Christus das gethan hatte, verschied er, und schrie laut. Die ganze Natur wird bewegt; der Hauptmann, der bey seinem Kreuze stund, erstaunt über einen solchen Tod, und ruft aus: Dieser ist wahrhaftig Gottes Sohn gewesen ! Diejenigen aber, die dabey stehen und zusehen, schlagen sich all ihre Brust, und kehren um. Am dritten Tage erweckt er sich durch seine eigne göttliche Kraft von den Todten; er erscheint den Sei-» nigen, die ihn verlassen hatten, und seine Auferstehung nicht glauben wollten. Sie sehen ihn, sie reden mit ihm, sie tasten ihn an, und sind überzeugt. Damit der Glaube seiner Auferstehung bekräftigt werden möge, so zeigt er sich zu vcrschiednen malen / und an verschiednen Orten, und unter verschieduen Umständen. Seine Jünger sehen ihn besonders, und sehen ihn alle zusammen; er erscheint einmal einer Versammlung von fünfhundert Personen. Ein Apostel, der solches aufgeschrieben hat, versichert, daß die meisten von ihnen zu der Zeit noch lebten, da er solches erzählte. Der auferstandne Heiland giebt seinen Aposteln alle Zeit, ihn wohl zu betrachten, und nachdem er sich von ihren Händen betasten lassen, wie sie wollten, so, daß ihnen nicht der geringste Zweifel mehr übrig seyn konnte, so befiehlt er ihnen, der ganzen Welt zu bezeugen, was sie gesehen, was sie gehört, T 5 und 298 Bischof Bossuets Einleitung und was sie mit ihren eignen Handen betastet haben. Damit man auch nicht an ihrer Redlichkeit, und ihrer eignen Ueberzeugung zweifeln könnte, so verbindet er sie, ihr Zeugniß mit ihrem Blute zu versiegeln. Ihre Predigt ist also unbeweglich; der Grund davon ist eine gewisse unleugbare Begebenheit, die von allen denen einmüthig bezeugt wird, die sie gesehen haben. Ihre Aufrichtigkeit wird durch die stärksten Proben, die man sich ersinnen kann, durch die Martern und den Tod selbst gerechtfertigt. So unterrichtete sie der große Erlöser, ehe er sich zur Rechten seines Vaters setzte. Darauf gründet sich das Unternehmen von zwölf Fischern, die ganze Welt zu bekehren, die doch den Gesetzen, welche sie ihr vorschreiben sollten, und den Wahrheiten, die sie zu verkündigen hatten, so sehr zuwider war. Sie hatten Befehl, von Jerusalem anzufangen , und von da in alle Welt auszugehen, und alle Match, -z. Heiden und alle Völker zu lehren, und in dem Luc. -4. Namen des Vater?/ des Sohnes, und des Hei- - ligen Geistes zu taufen. Jesus Christus verspricht, alle Tage bis an das Ende der N?elc bey ihnen zu seyn/ und versichert ihnen mit diesen Worten die bestandige Dauer des evangelischen Lehramtes. Nachdem er dieses gesagt hat, so fährt er vor aller Augen in den Himmel, sich zu der Rechten seines Vaters zu setzen. Die Verheißungen sollen nunmehr erfüllt, und die Prophezeiungen ganz vollendet werden. Die Heiden werden, nach dem Befehle des von den Todten aufer- standnen Heilandes, zur Erkenntniß Gottes berufen. Es wird zur Wiedergeburt des neuen Volkes Gottes eine neue Ceremonie eingesetzt, und die Gläubigen lernen, daß der wahre Gott, der Gott Israels, dieser in die allgemeine Geschichte. 299 einige und untheilbarc Gott, dein sie in der Taufe geheiligt werden, Vater, Sohn, und Heiliger Geist sind. Hier also, hier werden uns die unbegreiflichen Tiefen des göttlichen Wesens, sowohl die unaussprechliche Größe seiner Einheit, als auch die unendlichen Reichthümer seiner Natur gezeigt, die in sich selbst fruchtbarer ist, als außer sich, und sich ohne Theilung drey gleichen Personen mittheilen kann. Hier werden die Geheimnisse erklart, die in den Schriften des alten Blindes verhüllt, und gleichsam versiegelt waren. Wir verstehen nunmehr das Geheimnis; tziefes Wortes: Lasset uns Menschen iB.M.iM machen, ein Bild, das uns gleich sey, und die Dreyeinigkeit, welche bey der Schöpfung des Menschen nur bezeichnet und angemerkt wird, wird bey seiner Wiedergeburt mit ausdrücklichen Worten verkündigt. Wir wissen nunmehr, was die Weisheit sey, die nach dem Ausfpruche desKönige6,Salamo,vor dem Anfange der Zeiten und von Ewigkeit eingesetzt ist, die Weisheit, an welcher der Herr seine Lust hatte, und durch die alle seine Werke geordnet worden sind. Wir wissen, wer der ist, von dem David gesagt hat, dcch er vor der Morgenröthe gebohren worden. Das neue Testament lehrt uns, daß dieser das Wort, das innerliche Wort Gottes, und, wenn ich so sagen darf, sein ewiger Gedanke sey, der in seinem Schooße ist, und durch den alle Dinge gemacht worden sind. Nunmehr können wir auf die geheimnißvolle Frage antworten, welche uns in den Sprüchwörtern vorgelegt worden ist: N)ie heißet Gorr; und rvie helft Sxr.zo,4. ser sein Sohn^ weißest du das^ Denn wir wissen, ZOO Bischof Bossmts Einleitung son, daß unter dem Namen, der so geheimnißvoll und verborgen ist, der Name, Vater, gemeynt wird, wenn man ihn nämlich in dem tiefen Verstände nimmt, daß er anzeigt, wie er von Ewigkeit ein Vater eines ihm gleichen Sohnes, und der Name dieses Sohnes das lVorc sey, das Wort, das er von Ewigkeit her und heute gezeugt hat, indem er sich selbst betrachtet; das Wort, welches ein vollkommner Abdruck seiner Wahrheit, sein Ebenbild, sein einiger Hcbr. i,z. Sohn, der Glanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines tVesens ist. Mit dem Vater und dem Sohne erkennen wir auch den Heiligen Geist, die Liebe und die ewige Vereinigung dieser göttlichen Personen mit einander. Dieser Geist ist der Geist der Propheten, der aus ihnen die Rathschlüsse Gottes und die Geheimnisse der Zukunft offenbaret, der Geist, von dem geschrieben ist, Ies. 48/16. der Herr hat mich und seinen Geist gesandt, welcher von dem Herrn unterschieden, und doch auch der Herr ist, weil er die Propheten sendet, und zukünftige Dinge offenbaret. Dieser Geist, der zu den Propheten, und durch die Propheten redet, ist mit dem Vater und Sohne vereiniget, und hat mit ihnen bey der Heiligung des neuen Menschen zu thun. Der Vater, der Sohn, und der Heilige Geist, ein einziger Gott in drey Personen, der unsern Vätern nur dunkel gezeigt worden ist, wird mit größrer Deutlichkeit im neuen Bunde offenbart. Nachdem wir von einem so hohen Geheimnisse unterrichtet sind, und über seine unbegreifliche Tiefe erstaunen, so bedecken wir unser Angesicht vor ihm mit den Cherubim, welche in die allgemeine Geschichte, zor welche Jesaias sah, und beten mit ihnen denjenigen an, der dreymal heilig ist. Es war der einige Sohn, der in dem Gchooße des Vaters war, und der, ohne daraus zu gehen, zu uns kam, dieser war es, der die 'verwundernswürdi- gen Geheimnisse der göttlichen Natur vollkommen entdecken sollte, welche Moses und die Propheten nur berührt hatten. Er sollte uns lehren, woher es kömmt, daß der Ä?esiias, d«e nach der Zusage Gottes ein Mensch seyn, und die Menschen erlösen sollte, zu gleicher Zeit als Gott in der einzelnen Zahl, und völlig auf die Weise beschrieben worden ist, wie uns Gott beschrieben wird. Dieses hat er auch gethan, da er uns lehrt, er sey zwar Abrahams Sohn, aber doch eher, als Abraham gewesen, er sey vom Himmel gekommen, Ivh.8, ?z. aber dennoch allezeit im Himmel. Er hat uns ^ ^ ^' gelehrt, er sey Gott, der Sohn Gottes, und zugleich ein Mensch, eines Menschen Sohn; er sey der wahre Emanuel, der Gott mit uns; kurz, das Wort, welches Fleisch geworden ist, und in seiner Person die göttliche Natur mit der menschlichen vereiniget, damit er alle Dinge in sich selbst vereinige. Es sind uns also die beyden vornehmstenGeheimnijse, das Geheimniß der Dreyeinigkeit, und das Geheimniß der Menschwerdung geoffenbarct worden. Allein derjenige, der sie uns offenbaret hat, läßt uns ein Bild davon in uns selbst finden, damit sie uns beständig vor Augen seyn, und wir die Würde unsrer Natur darinnen erkennen mögen. In der That, wenn wir nur unsern Sinnen ein Stillschweigen gebieten, und auf eine kurze Zeit in unsre Seele kehren, wo sich die Wahrheit hören laßt, so 5O2 Bischof Bossuets Einleitung so werden wir daselbst ein gewisses Bild von der Dreyeinigkeit finden, die wir anbeten. Der Gedanke, welchen unser Verstand erzeugt, dieser Zweig unsers Geistes, dieser Sohn unsers Verstandes, stellt uns einigermaßen den Sohn Gottes vor, der in dem Verstände Gottes von Ewigkeit her gezeugt worden ist. Daher nimmt dieser Sohn Gottes den Namen des Wortes an, damit wir daraus erkennen sollen, daß er in dem Schooße seines Vaters nicht so gezeugt werde, wie die Körper entstehen, sondern wie in unsrer Seele dieses innre Wort entsteht, welches wir empfinden, wenn wir die Wahrheit betrachten *. Allein die Fruchtbarkeit unsrer Seele hört nicht bey diesem innern Worte, bey diesem intellcctualischcil Gedanken, bey diesem Bilde der Wahrheit auf, das in uns entsteht. Wir lieben sowohl dieses innre Wort, und den Geist, wo sie entsteht, und, indem wir ihn lieben, empfinden wir etwas, das uns eben so kostbar ist, als unser Geist, und unser Gedanke; das die Frucht des einen und des andern ist; das sie vereinet; das sich mit ihnen vereinet, und mit ihnen nur ein Leben ausmachet. So weit also zwischen Gott und den Menschen eine Achnlichkeit seyn kann, so entsteht in Gott die ewige Liebe, die vom Vater, welcher denkt, und von dem Sohne, welcher sein Gedanke ist, zugleich ausgeht, um mit ihm, und seinem Gedanken eine einzige Natur auszumachen, die gleich glückselig und vollkommen ist. Mit einen: Worte, Gott ist vollkommen, und sein Wort, das lebendige Ebenbild einer unendlichen Wahrheit, ist eben so vollkommen, als er, und seine jiebe, die aus einer unerschöpflichen Quelle des Guten >Ä-'. , / ---'^'^5' ^ ^ ' - > --, " her? * LreZor. oi-. z6. ^u^ult. c!e rrin. 4. äe civ. XI» -6.17. 28. m die allgemeine Geschichte. ZO) herkömmt, hat alle ihre Fülle, und muß eine unendliche Vollkommenheit besitzen. Weil wir von Gott keine andre Idee, als die Idee der Vollkommenheit haben, so verdient ieder von diesen drey Unterschieden, an sich selbst betrachtet, Gott genennt zu werden; allein, weil diese drey Unterschiede nothwendig nur einer Natur zukommen, so sind diese drey Dinge nur ein ein» ziger Gott. Man muß sich also in dieser anbetungswürdigen Dreyeinigkeit nichts Ungleiches, nichts Getrenntes denken, und obgleich diese Gleichheit unbegreiflich ist, so wird uns doch unsre Seele, wenn wir sie hören, etwas davon sagen. Sie ist, und da sie vollkommen weis, daß sie ist, so stimmt ihr Verstand mit der Wahrheit ihres Wesens vollkommen überein, und wenn sie ihr Wesen mit ihrem Verstände so sehr liebt, als sie geliebt zu werden verdient, so gleicht ihre Liebe der Vollkommenheit von beyden. Diese drey Dinge können niemals getrennt werden, und schließen eins das andre ein. Wir denken, daß wir sind, und daß wir uns lieben, und wir lieben dieses, daß wir sind, und daß wir denken. Wer kann das leugnen, wenn er anders sich selbst versteht? Eben so ist die Dreyeinigkeit, die wir anbeten, und welcher wir in der heiligen Taufe geheiligt werden, unendlich vollkommner, untheil- barer, einiger in ihrem Wesen, und in allen Stücken sich selbst mehr gleich. Aber wir selbst, die wir ein Bild der Dreyeinigkeit sind, sind auch aus einem andern Gesichtspunkte ein Bild der Menschwerdung. Unsre Seele, deren Natur geistlich und unverweslich ist, hat einen verweslichen Körper, der mit ihr ver- zo4 Bischof Bossuets Einleituug vereinigt ist. Alis der Vereinigung des einen mit dem andern wird ein Ganzes zusammen, welches unverweslich , und verweslich, geistlich, und bloß thierisch ist. Diese Eigenschaften kommen dem Ganzen zu, in sofern sich beyde Theile auf einander beziehen *. Eben so vereinigt sich das Wort, dessen Kraft alles erhalt, auf eine besondre Weise mit der menschlichen Natur, und durch eine solche vollkommne Vereinigung wird das Wort, Jesus Christus, der Sohn der JungfrauMaria; das macht,daß einerGott undMensch zugleich, von Ewigkeit, und auch in der Zeit gcbohren ist, in dem Schooße seines Vaters ohne Aufhören lebt, und dennoch auch am Kreuze gestorben ist, um uns zu erlösen. Allein alle Vergleichungen, welche Gott angehen, und von menschlichen Dingen hergenommen sind, bleiben allezeit sehr unvollkommen. Unsre Seele ist nicht vor ihrem Körper vorhanden, und es mangelt ihr etwas, wenn sie davon getrennt ist. Das Wort, das an sich selbst von Ewigkeit her vollkommen ist, vereinigt sich darum nur mit unsrer Natur, um sie zu ehren. Unsre Seele, welche über den Körper herrscht, und damit verschiedne Veränderungen vornimmt, leidet ihrer seits auch wieder von ihm. Wenn der Körper nach dem Befehle und Willen der Seele regiert wird, so wird die Seele wiederum nach den verschied- nen Beschaffenheiten des Körpers beunruhigt, angegriffen, und auf tausend verschiedne, bald verdrießliche, bald angenehme Arten von ihm in Bewegung gesetzt, so, daß die Seele den Körper zu sich erhebt, indem sie ihn beherrscht, aber auch noch unrer ihm durch das erniedrigt wird, was sie von ihm leidet. Allein in Jesu Christo herrscht das Wort über alles; das * ^UA, ep, III. acl V»Iu5 dc: civ. X, Ty. d/r. Lxlltol. aä Vi>- lerian-III. Lonc. L^K. er 8^mbo!> ^i»n. in die allgemeine Geschichte. 505 has Wort hat alles unter seiner Gewalt. Auf diese Weise wird in ihm die menschliche Natur erhoben; die göttliche aber erniedrigt sich in keinem Stücke. Sie ist unbeweglich und unveränderlich, und herrschet vollkommen über die Natur, die mit ihr vereinigt ist. Daher kömmt es, daß in Jesu Christo die menschliche Natur, die zu der göttlichen erhoben, und der innern Regierung derselben völlig unterworfen ist, keine andern, als göttliche Gedanken und Vorstellungen hat. Alles, was sie denkt> alles, was sie will, alles, was sie sagt, alles, was sie in sich selbst verbirgt, alles, was sie äußert, wird durch das Wort belebt, wird durch das Wort regiert, und ist des Wortes, das ist, der Vernunft selbst, der Weisheit selbst, der Wahrheit selbst würdig. Darum ist alles in Jesu Christo Licht; seine Aufführung ist eine sichre Vorschrift, seine Wunder sind Lehren, und seine Worte Geist und Leben. Es ist nicht allen gegeben, so hohe Wahrheiten zu verstehen, und in sich selbst das wunderbare Bild dieser göttlichen Dinge vollkommen zu sehen, welches der heilige Augustin, und andre Vater für so gewiß und untrüglich gehalten haben. Die Sinne haben eine allzugroße Herrschaft über uns, und unsre Einbildungskraft, die sich in alle unsre Gedanken mischen will, erlaubt uns nicht allezeit, uns bey einem so reinen Lichte aufzuhalten. Wir kennen uns selbst nicht genug; wir kennen die Reichthümer nicht, die wir in dem Innern unsrer Natur bey uns trageil, und nur die aufgeheitertesten Aligen können sie wahrnehmen. Aber wenn wir nur in diese Tiefe eindringen, und in uns das Bild dieser beyden Geheimnisse, die der Grund unsers Glaubens sind, zu bemerken wissen, so U ist zo6 Bischof Bossuets Einleitung ist das genug, uns über alles zu erheben/ und nichts Sterbliches wird uns mehr rühren können. Daher har uns auch Jesus-Christus zu einer unvergänglichen Herrlichkeit berufen, und das ist der Nutzen davon, daß wir diese Geheimnisse glauben. Dieser Gottmensch, diese Wahrheit, diese Weisheit , welche Fleisch geworden ist, und uns allein durch sein Ansehen bewegr, so große Dinge zu glauben^ verspricht uns in der Ewigkeit ein deutliches und glückliches Anschauen, als die Belohnung für unsern Glauben. Auf diese Weise ist die Sendung Jesu Christi weit über die Sendung Mosis erhoben. Moses war gesandt worden, durch zeitliche Verheißungen die sinnlichen und unverstandigen Menschen aufzuwecken. Weil sie, so zu sagen, ganz Körper, und ganz Fleisch geworden waren, so mußte man sie bey den Sinnen fassen, und ihnen auf diese Weise die Erkennmiß Gottes einprägen, und ihnen vorder Abgötterei) einen Abscheu machen, zu der das menschliche Geschlecht eine allzustarke Neigung hatte. So war das Amt Mosis beschaffen; Jesu Christo war es vorbehalten, den Menschen mit erhabnem Gedanken zu erfüllen, und ihm mit einer vollkommnm Deutlichkeit die Würde, die Unsterblichkeit, und die ewige Glückseligkeit seiner Seele bekannt zu inachen. Was in diesen Zeiten der Unwissenheit, ich meyne die Zeiten, welche vor Jesu Christo verflossen sind, die Seele von ihrer Würde und Unsterblichkeit wußte, war so beschaffen, daß sie oft zu Irrthümern dadurch verführt wurden. Die göttliche Ehre, die man den Verstorbnen erwies, war der Grund von der ganzen Abgötü rey. Fast alle Menschen opferten den Schatten, in die allgemeine Geschichte. 507 ten, nämlich den Seelen der Verstorbnen. Es zeigen uns zwar so alte Irrthümer, wie alt der Glaube von der Unsterblichkeit der Seele sey, und überführen uns, daß er unter die allerersten Sagen des menschlichen Geschlechtes gehöre. Allein der Mensch, der alles verderbte, hatte diese Lehre schrecklich gemiö- braucht, weil sie ihn verleitet hatte, den Todten zu opfern. Man verfiel sogar bis aufdicse Ausschweifung, daß man ihnen lebendige Menschen opferte: Man todtete ihre Sklaven, und selbst ihre Weiber, damit sie in der andern Welt von ihnen bedient werden könnten. Die Gallier hatten diesen Gebrauch mit vielen alten Völkern gemein, und die Indianer, welche von ^ den heidnischen Geschichtschreibern unter die ersten Vertheidiger der Unsterblichkeit der Seele gesetzt werden, sind auch die ersten auf der Erde gewesen, weiche unter dem Verwände der Religion dergleichen abscheuliche Todtschlage eingeführt haben. Eben diese Indianer brachten sich selbst um, damit sie desto eher zu der Glückseligkeit des andern Lebens kommen möchten, und diese bcweinenswürdige Blindheit herrschet noch in unsern Zeiten unter diesen Völkern; so gefährlich ist es, die Wahrheit in einer andern Ordnung zu lehren, als Gott gethan hat, und dem Menschen, was er ist, deutlich bekannt zu machen / ehe er von Gott so viel erkannt hat, als er wissen muß. Weil die meisten Philosophen von Gott nicht genug wußten, so konnten sie die Unsterblichkeit der Seele nicht glauben, ohne nicht zugleich sich zu bereden, daß sie ein Theil der Gottheit, selbst eine Gottheit, ein ewiges, und sowohl unerschassnes, als unkörperliches Wesen wäre, und also weder Anfang noch Ende hätte. Was soll ich von denen sagen, die eine Wanderung U 2 der ZO8 Bischof Bossuets Eillleitung der Seelen glaubten, welche sie bald vom Himmel auf die Erde, bald von der Erde in den Himmel, aus den Thieren in die Menschen, und aus den Menschen in die Thiere, von der Glückseligkeit zum Elende/ und vom Elende zur Glückseligkeit wandern ließen, ohne daß diese Wandlungen iemals ein Ende nahmen, oder eine gewisse Ordnung hatten? Wie wurden nicht durch dergleichen Irrthümer die Lehren, von der göttlichen Gerechtigkeit, Vorsehung und Güte verdunkelt! Und wie nöthig war es, Gott zu kennen, ehe man die Seele, und ihre unsterbliche Natur kennen lernte! Darum gab das Gesetz Mosis dem Menschen nur die allerersten Begriffe von der Natur der Seele und ihrer Glückseligkeit. Wir haben gesehen, daß die Seele im Anfange der Dinge sowohl durch die Macht Gottes hervorgebracht worden ist, als die übrigen Geschöpfe. Allein Gott hat sie dadurch von andern unterschieden, daß er sie nach seinem Bilde, und sich selbst ähnlich gemacht hat, damit sie wissen sollte, wem sie im Grunde angehörte, und bannt sie nicht glauben möchte, daß sie eben die Natur, als die Körper, hatte, und durch ihre Hülfe entstanden wäre. Allein die Folgen dieser Lehre, und die Wunder des zukünftigen Lebens wurden dazumal nicht alle offenbart; doch sollte in den Tagen des Meßias dieses große Licht aufgehen. Gott aber hatte doch in den Schriften des alten Bundes einige Strahlen davon blicken lassen. Sa- Pr-td. S. 12, lamo sagt: Der Graub muß wieder zu der Er- ' den kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben bar. Die Patriarchen und die Altvater haben ihr leben mit dieser Hoffnung zugebracht. Daniel hatte vorhergesagt, daß in die allgemeine Geschichte. 509 daß eine Zeir kommen würde, wo diejenigen, so Dan.i2,-.z, unrer der Erde schlafen lagen, etliche zum ewigen Leben, etliche zur ewigen Schmach und Schande aufwachen sollten. Allein zu gleicher Zeit, da ihm dieses offenbart wird, ergeht auch der Befehl an ihn, diese lVorre zu verbergen, und Dau.., diese Schrift bis auf die lerzre Zeit zu versiegeln. Giebt uns dadurch Gott nicht deutlich genug zu verstehen, daß die völlige Entdeckung dieser Wahrheiten einer andern Zeit vorbehalten seyn soll? Obgleich die Jüdcn in ihren heiligen Büchern einige Zusagen einer.ewigen Glückseligkeit hatten, und sie selbst, gegen die Zeiten desMeßias, wo sie mit voll- kommner Deutlichkeit gelehrt werden sollten, viel mehr, als sonst, davon redeten, wie man aus den Büchern der Weisheit, und der Maccabäer sieht: So war doch diese Wahrheit unter dem alten jüdischen Volke so wenig allgemein, daß die Sadducaer, welche sie nicht dafür hielten, nicht allein in die Synagoge, sondern auch zum Pricsterthume zugelassen wurden. Das Neue Volk Gottes sollte sich dadurch von dem alten unterscheiden, daß sie den Glauben von einem zukünftigen Leben zum Grunde der Religion annahmen, und dieses sollte eine Frucht von der Ankunft des MeßiaS seyn. Deswegen hat er sich nicht begnügt, uns zu sagen, daß den Kindern Gottes ein seliges Leben vorbehalten wäre, sondern er hat uns auch gelehrt, worinnen es bestehe. Dieses selige Leben besteht darinnen, daß wir Ioh- -7. mit ihm in der Herrlichkeit seines Vaters seyn sollen; darinnen, daß wir ihn in der Herrlichkeit sehen werden, die er vom Anfange in dem Schooße seines Vaters gehabt hat; darinnen, daß Jesus Christus in lins, U z wie zio Bischof Bossuets Einleitung wie in seinen Gliedern seyn will, und daß die ewige Liebe des Vaters zu seinem Sohne sich auch auf uns erstrecken, und uns mit eben denselben Gaben segnen wird; mit einem Worte darinnen, daß wir den einigen Gott, und Jesum Christum schauen sollen, den er gesandt hat; allein diese Erkenntniß soll deutlich, ! Cor> >z, ?. und ein Schauen von Angesicht zu Angesicht seyn; ^ dieses Schauen soll in uns das Ebenbild Gottes vollkommen wiederherstellen, wie der heilige Johannes iJoh-z,2. sagt: lVir werden ihm gleich seyn, weil wir ihn sehen werden, wie er ist. Dieses Anschauen soll eine unendliche Liebe, eine unaussprechliche Freude, und ein Triumph ohne Ende Osseüb.7,1-. begleiten. Ein ewiges Alleluja, und ein ewiges '4.^6,^' Amen, das im himmlischen Jerusalem erschallen wird, sollen beweisen, daß es mit allem Elende ein Ende hat, daß alles Verlangen gestillt worden ist, und daß wir allein die göttliche Güte preisen sollen. Mit so neuen Belohnungen mußte Jesus Christus auch neue Begriffe von der Tugend, und eine voll- kommnere, und reinere Ausübung derselben einführen. Der Endzweck aller Religion, die Seele der Tugenden , und der Inhalt des ganzen Gesetzes ist die Liebe. Allein man kann sagen, daß die Vollkommenheit und die Wirkungen dieser Liebe bis auf die Zeiten Jcfu Christi nicht völlig bekannt waren. Jesus ist es eigentlich, der uns lehrt, daß wir uns an Gott allein gnügen lassen sollen. Damit er das Reich der Liebe aufrichten, und uns alle ihre Pflichten bekannt machen möchte, so lehrt er uns die Liebe Gottes; er lehrt uns, daß wir uns selbst hassen, und ohne nachzulassen, den Grund des VerdcrbnifseS, das in uns ist, die Erbsünde nämlich, verfolgen müssen. Er lehrt uns die in die allgemeine Geschichte. M Liebe des Nächsten, und geht mit seinem Gebote so weit, daß sich diese wohlthätige Neigung aufalle, und sogar auf unsre Feinde, erstrecken soll. Er lehrt uns die Herrschaft über unsre sinnlichen Glieder; wir sollen nach seiner Vorschrift, selbst unsre Glieder, das ist, dasjenige, was uns am liebsten ist, abhauen und von uns werfen; wir sollen uns in alle Fügungen Gottes schicken, und uns selbst in den Leiden erfreuen, die er uns zuschickt; er ermahnt uns zur Demuth, und verlangt, daß wir um die Ehre Gottes auch die Schmach und Unehre lieben und glauben sollen, daß uns keine Schmach so tief unter den Menschen erniedrigen kann, als uns unsre Sünden vor Gott erniedrigen. Auf diese Liebe gründet e? die Verbesserung aller Stände unter den Menschen. Sie ist es, durch welche die Ehe ihre erste Gestalt wieder erhält; die eheliche Liebe ist nicht mehr getheilt; eine so heilige Gesellschaft soll sich nur mit dem Leben endigen, lind die Kinder sehen ihre Mütter nicht mehr verjage:?, um an ihre Stelle eine Stiefmutter zu bekommen. Das ehlose Leben wird uns als eine Nachahmung des Lebens der Engel vorgestellt, das allein mit Gott und den keuschen Freuden seiner Liebe be- schafftigt ist. Die Obern lernen, daß sie Diener der andern sind, und sich ihrem Besten widmen müssen; die Unterthanen erkennen die Einrichtung und Ordnung Gottes in den rechtmäßigen Obrigkeiten auch alsdann, wenn sie ihre Gewalt misbrauchcn. Dieser Gedanke lindert den Verdruß, der bey der Unterwürfigkeit ist, und unter verdrießlichen Herren ist der Gehorsam den Christen doch nicht verdrießlich. Mit diesen Geboten verbindet der Erlöser Ermahnungen zu einer noch größern Vollkommenheit. Man soll allem Vergnügen entsagen, im Leibe leben, als ob U 4 man zi2 Bischof Bossuets Einleituttg man außer dem Leibe lebte, alles verlassen, alles den Armen geben, um nur Gott allein zu besitzen, mit wenigem, und beynahe mit nichts sein Leben erhalten, und dieses wenige von der göttlichen Vorsehung erwarten. Allein das Gesetz, welches dem Evangelio am meisten eigen ist, ist das Gesetz, sein Kreuz zu tragen. Das Kreuz ist die wahre Probe des Glaubens, der wahre Grund der Hoffnung, die vollkommenste Läuterung der Liebe, und mit einem Worte, der Weg zum Himmel. Jesus Christus ist am Kreuze gestorben; er hat sein ganzes Leben hindurch das Kreuz getragen; das Kreuz ist es, das wir nach seinem Willen auf uns nehmen sollen, und das ewige Leben ist der Preis dafür. Der erste, dem er besonders die Ruhe des Paradieses verspricht, ist ein Gefährte seines Kreuzes: L»c.-z,4Z- Du wirst heuce, sagt er, mit mir im Paradiese seyn. So bald er am Kreuze war, wurde der Vorhang, der das Allerheiligste vom Heiligen absonderte/ von oben bis unten zerrissen, und der Himmel den heiligen Seelen aufgethan. Nachdem er vom Kreu^ herabyenommen worden war, und das Schrecken seines Leidens und Todes überstanden hatte, erschien er seinen Aposteln herrlich, und als ein Uebcrwindcr des Todes, damit sie lernten, daß sie durch das Kreuz in seine Herrlichkeit eingehen mußten. Einen andern' Weg zeigte er seinen Kindern nicht. Es wurde also der Welt in der Person Jesu Christi das Muster einer vollkommnen Tugend gegeben, welche auf der Erde nichts hat, und nichts erwartet; welche die Menschen nur mit beständigen Verfolgungen be-' lehnen; welche dennoch nicht aushört, ihnen Gutes zu thun, und sich endlich durch seine Wohlthaten selbst- den Tod zuzieht. Jesus Christus stirbt,' ohne bey denen, in die allgemeine Geschichte, ziz ncn, denen erWohlthaten erzeigt, Erkenntlichkeit, ohne bey seinen Freunden Treue, ohne bey seinen Richtern Billigkeit zu finden. Seine Unschuld rettet ihn nicht, ob sie gleich von aller Welt erkannt wird; fein Vater selbst, auf den er alle seine Hoffnung gesetzt hat, verläßt ihn, und entzieht ihm alle Kennzeichen seines Schuhes; der Gerechte wird seinen Feinden überliefert und stirbt, von Gott und von den Menschen verlassen. Es mußte aber dem rechtschaffnen Manne gezeigt werden, daß er auch in seinem äußersten Elende keines menschlichen Trostes, und selbst nicht einmal eines merklichen Zeichens der göttlichen Hülfe nöthig habe. Er soll nur Gott lieben, und ihm vertrauen, und versichert seyn, daß Gott an ihn denke, ohne ihm einen Beweis davon zu geben, und daß ihm eine ewige Glückseligkeit aufbehalten ist. Der Weiseste unter den alten Philosophen suchte den 8°-r,sp,?i->n wahren Begriff von der Tugend auf, und fand, daß, ^ wie unter allen Bösewichtern derjenige der Größte wäre, der seine Bosheit so wohl zu verbergen wüßte, daß er für einen rechtschaffnen Mann gälte, und unter diesem Vorwande sich alles des Ansehens bediente, das die Tugend geben kann , so auch der Tugendhafteste ohne Zweifel derjenige seyn müßte, dem die Vollkommenheit seiner Tugend den Neid aller Menschen zuzöge, so, daß er weiter nichts, als sein Gewissen für sich hätte, und sich aller Schmach misgeseßt sehen müßte, und sogar deswegen an das Kreuz geschlagen würde, ohne daß ihm seine Tugend helfen, und ihn von einen? so grausamen Tode bcfrcyen könnte. Scheint es nicht, als wenn Gott diesen verwundernSwürdigcn Begriff von der Tugend darum in die Seele dieses U 5 Philo- zi4 Bischof Bossuets Einleitung Philosophen darum gelegt hätte, daß er in der Person seines Sohnes wirklich werden, und zeigen sollte: der Gerechte habe eine andre Ehre, eine andre Ruhe, und endlich eine andre Glückseligkeit zu erwarten, als die ist, die er auf der Erde haben kann? Der Heiland setzte diese Wahrheit fest, und erfüllte sie selbst mit dem Verluste seines eignen Lebens, durch sich selbst vollkommen. Das war das größte Werk, das ein Mensch thun konnte, und Gott hat es selbst für so groß geachtet, daß er es dem so oft verfproch- ucnMcßias, diesem Menschen, vorbehalten hat, der mit seinem Sohne eine Person ausmachen sollte. Was konnte auch einem Gott, der auf die Welt kam, Größers vorbehalten werden? Und was konnte er da thun, das seiner würdiger wäre, als die Tugend in aller ihrer Reinigkeit, und das ewige Glück zeigen, zu dem die äußersten Martern führen? Allein, wenn wir dasjenige betrachten, was noch viel erhabner und verborgner in dem Geheimnisse des Kreuzes ist, welcher menschliche Verstand kann es begreifen? Hier werden uns Tugenden gezeigt, die allein der Gottmensch ausüben kann. Wer könnte sonst, als er, sich an die Stelle aller alten Opfer setzen, sie abschaffen, und an ihre Statt ein Opfer von einer erhabnem Würde und einem unendlichen Werthe bringen, und Ursache seyn, daß weiterhin niemand, als er allein, Gott opfern darf? So ist das Werk der Religion beschaffen, dos er am Kreuze vollbracht hat. Konnte der ewige Vater wohl unter den Menschen oder Engeln einen Gehorsam finden, der dem Gehorsame seines vielgeliebten Sohnes gleich käme, der sein Leben freywillig hingab, um seinem Vater zu gefallen, da ihm doch dasselbe niemand entreißen konnte? Was in die allgemeine Geschichte. Z15 Was soll ich von der vollkommncn Vereinigung aller seiner Begierden mir dem göttlichen Willen, und von der Liebe sagen, mit der er mit seinem Vater, der in ihm wohnte, vereinigt ist, und die Melr mit sich -6or.s,i«>. selbst versöhnt hat? In dieser unbegreiflichen Vereinigung begreift er das ganze menschliche Geschlecht, stiffcet den Frieden zwischen dem Himmel und der Erde, taucht sich, so zu sagen, mit einer unbeschreiblichen Liebe in die Sündfluth von Blut, womit er mit allen den Seinigen getauft werden mußte, und laßt aus seinen Munden ein Leuer der göttlichen Liebe anzün- Luc.»,49. den, wovon die ganze Welt entbrennen sollte. Allein dieses übersteigt alle Grenzn des menschlichen Verstandes, daß die Gerechtigkeit, die dieser Gottmensch ausübt, sich von der Welt verdammen laßt, damit die Welt durch die schreckliche Unbilligkeit dieses Urtheils ewig gerichtet seyn möchte. Iyt gehet das Gericht M. 1-/ über dieN>elr, nun soll der Fürst der tVelt ausgestoßen werden. Die Hölle, welche sich die Welt uittcrwürfig gemacht hat, stürzt sich in ihren eignen Untergang; weil sie den Unschuldigen angreift, wird sie gezwungen werden, alle Schuldigen loszugeben, die sie gefangen hielt: die unglückselige Handschrift, die uns alle den rebellischen Engeln überlieferte, ist vernichtet; Jesus Christus hat sie an das Zxreuz Col,-/ rz.!«> geheftet, damit sie durch sein Blut daselbst aus dem ^' Mittel gethan werden möchte. Die beraubte Hölle seufzet; das Kreuz ist für unsern Heiland ein Ort des Triumphes, und er hat die Gewaltigen und Fürsten- thümer überwunden, und sie öffentlich schau getragen. Allein unsre Augen erblicken einen noch herrlichern Sieg. Die göttliche Gerechtigkeit wird selbst überwunden, und der Sünder, der gleichsam ihr Opfer war, zi6 Bischof Bossuets Einleitung "t ' '"--«o/E I.....«.--,-»>!-','-»>,,--^ ---'-' -'- ! --.»Kt' war, wird aus ihren Händen befreyet. Er hat ein unendliches Lösegeld gefunden, das unsre ganze Schuld . bezahlt. Jesus Christus vereinigt sich mit den Gläubigen, denen er sich mittheilt, auf ewig; sie sind seine Glieder, und ein Leib mit ihm. Der ewige Vater sieht sie als solche an, die mit diesem Haupte vereinigt sind, und breitet seine unendliche Liebe, die er zu seinem Sohne hat, auch über sie aus. Sein Sohn ist es selbst, der solches verlangt; er will von den Menschen nicht getrennt seyn, die er mit seinem Blute sich M.7,-4. erkauft hat. --5,^!D-^> Auf in die allgemeine Geschichte. 519 Auf diese Weise sind uns die Wahrheiten von einem zukünftigen Leben durch Jesum Christum offenbart worden. Er zeigt sie uns, und selbst in dem Gesetze. Das wahre gelobte Land, das uns versprochen Hebr.»/14. worden ist, das ist das Königreich des Himmels. ^' ^' Nach diesem glückseligen Vaterlande seufzten Abraham, Isaac, und Jacob. Palastina war nicht würdig, unsre Wünsche und die so lange Hoffnung der Vater allein zu befriedigen. Aegypten, woraus wir gehen müssen, die Wüste, durch die wir gehen sollen, und Babel, dessen Gefängnisse man gleichsam durchbrechen muß, um in sein Vaterland zurück zu kehren; das ist die Welt mit ihren Ergeßlichkeiten und Eitelkeiten. Hier sind wir rechte Gefangne, Pilgrime und Irrende, die sich von der Sünde und ihren Annehmlichkeiten verführen lassen. Wir müssen dieses Joch abwerfen, um in Jerusalem , in dieser Stadt Gottes, unsre wahre Freyheit zu finden, und in ein Heiligthum einzugehen, das -Cor.;,i. nicht mit Menschenhanden gemacht ist, und daselbst die Herrlichkeit Gottes zu schauen. In dieser Lehre Jesu Christi ist uns das Geheimniß Gottes offenbart worden; das Gesetz ist ganz geistlich; seine Verheißungen führen uns zu dem Gesetze des Evangelii / und dienen ihm zum Grunde. Eben dasselbe Licht erscheint uns überall; es scheint unter den Patriarchen; unter dem Knechte Gottes, Moses, und den Propheten wird es Heller: Jesuö Christus, grösser als die Patriarchen, und machtiger, als Moses, und erleuchteter, als die Propheten, zeigt uns dieses Licht in seinem völligen Glänze. Diesem Gesalbten des Herrn, diesem Gottmenschen, der, mit dem heiligen Augustin zu reden, die Stelle p .5? .öl Match. - »?. -c>. Bischof Bossuets Einleitung Stelle der Wahrheit vertritt, und sie persönlich mitten unter uns wohnen läßt, diesem, sage ich, war es vorbehalten, uns die ganze Wahrheit, nämlich alle Geheimnisse, alle Tugenden , und alle Wahrheiten von den Belohnungen zu offenbaren, die Gott denen bestimmt hat, die er liebt. Eine solche Hoheit sollten die Juden bey ihrem Messias suchen. Es kann nichts größers seyn, als die ganze Wahrheit in sich selbst zu haben, und den Menschen zu entdecken, die Wahrheit, welche sie erhalt, regiert, und ihre Augen so aufheitert, daß sie fähig werden, Gott zu sehen. Zu der Zeit, da die Wahrheit dem menschlichen Geschlechte in ihrem völligen Glänze gezeigt wurde, befahl der Erlöser seinen geliebten Jüngern , daß sie auch aufder ganzen Erde, und zu allen Zeiten verkündigt werden solltc> Gott hatte dem Moses nur ein Volk, und nur eine bestimmte Zeit gegeben; allein Jesu Christo werden alle Jahrhunderte/ und alle Völker der Erden geschenkt. Er hat seine Gläubigen überall, lind seine Kirche, die in der ganzen Welt ausgebreitet ist, hon niemals auf, dem Herrn Kinder zu gebähren. Gehet hin, sagt er, lehrt alle Heiden, und rauft sie im Namen des Varers, des Sohnes, und des Heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe;' und siehe, ich bii» bey euch alle Tage, bis an der welc Ende. .?HnvtzM'n,'i''''^' sl» ^F-" - tz'-a m Von in die allgemeine Geschichte. z2i Von der Ausgießung des Heiligen Geistes, der Pflanzung der Kirche/ und den göttlichen Gerichten über die Juden und Heiden. erhabne Wahrheiten an allen Orten, und in allen Jahrhunderten auszubreiten, und so reine Tugenden und Pflichten, so zu sagen, mitten in der Verderbniß, in Ausübung zu bringen, dazu gehörte mehr, denn eine menschliche Kraft. Daher verspricht Jesus Christus, den Heiligen Geist zu senden, um seine Apostel zu stärken, und den Leib der Kirche auf ewig zu beleben. Diese Kraft des Heiligen Geistes mußte in delt Schwachen mächtig seyn, damit sie sich destomehr offenbarte. Ich will euch/ sagt Jesus Christus/ den senden, den mein Vacer versprochen hat, nämlich den Heiligen Geift. Ihr sollt in der Scadc Je- xue. rusiüem bleiben/ bis daß ihr nur 2>rafc aus der Höhe angethan werdet. Sie halten sich, dieser Verordnung gemäß zu leben, vierzig Tage eingeschlossen. Der Heilige Geist wird zu der bestimmten Zeit ausgegossen; sie haben feurige Zungen, und dieses verkündigt gleichsam den Nachdruck ihres Wortes; das Predigtamt nimmt seinen Anfang ; die Apostel bezeugen Jesum Christum, undsind bereit/alles wegen desBekenntnisses auszustehcn,daß sie ihn von den Todten auferstanden gesehen haben. Die Wun-- T der p2 Bischof Bossmts Cittleitttttg der folgen auf ihre Worte. In zwo Predigten deH heiligen Petrus bekehren sich achttausend Juden, und da sie ihren Irrthum beweinen, so werden sie in dem Blute rein gewaschen / das sie vergossen haben. Die Kirche »st also in Jerusalem und unter den Juden, ungeachtet des Unglaubens der meisten unter dem Volke, gegründet worden. Die Jünger Jesu Christi zeigen der Welt eine Liebe, eine Gewalt, und eine Sanftmuth, die noch niemals eine Gesellschaft gehabt hat. Die Verfolgungen gehen an; der Glaube nimmt zu; die Kinder Gottes lernen immer mehr und mehr, nichts, als den Himmel, begehren. Die Juden ziehen sich durch ihre hartnäckige Verstockung die gerechte Rache Gottes zu, und beschleunigen dadurch das äußerste Unglück, womit sie bedräuet wer« den: Ihr Staat, und die Angelege-uheiten desselben verschlimmern sich von Tage zu Tage. Unterdessen daß Gott eine große Menge unter ihnen aussondert, die er unter seine Auserwählten aufnimmt, so wird Ver heilige Petrus auögesandt, den Cornelius, einen römischen Hauptmann, zu taufen. Er lernt vorher aus einem göttlichen Gesichte, und nachher aus der Erfahrung, daß die Heiden auch zur Erkenntniß des wahren Gottes berufen sind. Jesus Christus, der sie bekehren wollte, redete vom Himmel mit dem heiligen Paulus, der ihr Lehrer seyn sollte, und machte ihn durch ein bis dahin unerhörtes Wunder aus einem Verfolger nicht allein zu einem Vertheidiger, sondern «uch zu einem eifrigen Prediger des Glaubens. Er entdeckt ihm das tiefe Geheimniß von dem Berufe der Heiden durch die Verwerfung der undankbaren Jü- den, die sich von Tage zu Tage des Evangelii unwürdiger machen. Der heilige Paulus bietet den Heiden in die allgemeine Geschichte. Z2Z die Hände, und handelt mit einem verwundernswür- digen Nachdrucke die wichtigen Fragen ab, ob Je-- Apvst^ -6, sus Chrijtus leiden / und aus der Auferstehung ^- der Todten der ZLrste stpN/ und ein Licht dem Volke und Heiden verkündigen solltet Er bejaht und beweist solches durch Mosen und die Propheten, und berufet die Götzendiener zur Erkenntniß Gottes, im Namen des auferstandnen Jesus. Sie bekehren sich häufig; der heilige Paulus zeigt, daß ihr Beruf eine Wirkung der Gnade ist, die weder unter den Juden, noch Heiden einen Unterschied mehr macht. Wut und Neid bringt die Juden fast außer sich; sie stiften schreckliche Verschwörungen wider Paulum an, und sind dadurch vornehmlich aufgebracht, daß er den Heiden predigt, und sie zu dem wahren Gotte führt. Sie überliefern ihn endlich den Römern, wie sie ihnen Jesum Christum überliefert hatten. Das ganze Reich empört sich wider die erst aufwachsende Kirche, und Nero, der das ganze menschliche Geschlecht verfolgt, wird auch der erste Verfolger der Gläubigen. Dieser Tyrann läßt den heiligen Petrum und Paulum umbringen. Rom wird durch ihr Blut eingeweiht, und das Martyrerthum des ersten unter den Aposteln seht in der Hauptstadt des Reiches, auch den Haupt- sch der Religion fest. Unterdessen näherte sich die Zeit, wo die göttliche Rache über die boshaften Juden auöbrechen sollte. Die Unordnung reißt unter ihnen ein; ein falscher Eifer verblendet sie, und macht sie allen Menschen verhaßt. Ihre falschen Propheten bezaubern sie durch die Versprechungen eines eingebildeten Reiches. Sie werden durch ihren Betrug verführet, können keine rechtmäßige Herrschaft leiden, und setzen ihren frevelhaften Unternehmungen keine T 2 Gren- Z24 Bischof Bossuets EinleitUttg Grenzen. Gott giebt sie in ihren verderbten Sinn dabin. Sie empören sich wider die Römer, von denen sie überwunden werden. Titus selbst, der ihrer Republik ein Ende macht, erkennt, daß er nichts thue, als dem gegen sie erzürnten Gott seine Hand leihe *. Adrian vertilgt sie beynahe völlig. Sie gehen mit allen Merkmalen einer göttlichen Rache zu Grunde; sie werden aus ihrem Lande vertrieben und in aller Welt Sklaven. Sie haben weder Tempel, noch Altar, noch Opfer, noch Land, und man sieht in Juda nicht einen Schatten eines Volkes mehr. Unterdessen hatte Gott für die beständige Dauer seines Dienstes gesorgt; die Heiden öffnen die Augen, und vereinigen sich im Geiste mit den bekehrten Juden. Sie kommen dadurch in das Geschlecht Abrahams, und werden seine Kinder durch den Glauben; sie erben auch die Zusagen, die zu ihm geschehen sind. Gott sammelt sich ein neues Volk, und das neue Opfer, das so oft von den Propheten erhoben worden ist, fangt an, auf der ganzen Erde Gott dargebracht zu werden. Auf diese Weise wurde die Prophezeiung Jacobs von Wort zu Wort erfüllt. Juda wurde vom Anfange an zahlreicher, als seine Brüder, und da es immer einen gewissen Vorzug vor andern behauptet hatte, empfing es das Königreich erblich. In der folgenden Zeit wurde das Volk Gottes in seinem einzigen Geschlechte begriffen, und in seiner, Stamm eingeschlossen, von dem eö auch seinen Namen erhielt. In dem Stamme * ?!üloltr. vlc. ^poll. I^zn. Iil,r. VI. ^olexli. äe bello Zuä- libr. VII, c. 16. in die allgemeine Geschichte. 525 Stamme Iuda pflanzte sich dieses Volk fort, das dem Abraham, Jsaac, und Jacob versprochen worden war; in ihm werde«, auch die andern Zusagen Gottes, sein Dienst, sein Tempel, seine heiligen Gebrauche, und der Besitz des versprochnen Landes fortgepflanzt, das nunmehr allein Jndaa heißt. Ungeachtet der ver- schiedncn Umstände dieses Volkes bleiben doch die Juden ein ordentliches Volk, und Königreich, das nach seinen eignen Gcscßen lebt. Juda hat bestandig seine Könige, seine Obrigkeiten, und Richter bis aufdieZeiten des Mesiias gehabt; er kömmt,und das KönigreichIuda nähert sich nach und nach seinem Untergange. Es geht völlig zu Grunde, und das jüdische Volk wird aus dem Lande seiner Väter verstoßen, und verliert alle Hoffnung, wieder dahin zu kommen. Der MeßiaS wird die Hoffnung aller Nationen, und herrschet über ein neues Volk. Aber damit die Folge und bestandige Fortdauer desselben nicht unterbrochen würde, so mußte Gott-dassel- l>c, so zu sagen, auf das erste pflanzen, und es, nach dem Ausdrucke Pauli, wie einen wilden Oelbaum in einen Rom, guten Oelbaum einpfropfen, damit es an seiner Güte Antheil nehmen möchte. Es ist auch so erfolgt; die Kirche ist zuerst unter den Jüden gepflanzt worden, und hat endlich die Heiden angenommen, mit ihnen gleichsam einen Baum, einen Leib, und ein Volk auszumachen, und zusammen an der Gnade Gottes und seinen Verheißungen Antheil zu nehmen. Was hernach den ungläubigen Jüden unter dem Vespasian und Titus begegnet ist, gehet nunmehr nicht mehr die Folge des Volkes Gottes an. Das ist eine Bestrafung der Aufrührer, die wegen ihrer Untreue gegen den versprochnen Samen Abrahams und X z Da- 526 Bischof Bossuets Einleitullg Davids nicht mehr Juden, und nicht anders mehr Abrahams Kinder, als nach dem Fleische sind, und also der Verheißung entsagen, durch welche alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten. Es ist also diese letzte und schreckliche Verwüstung der Juden nicht mehr nur eine solche Wanderung, wie die babylonische. Hier geschieht mehr, als daß die Regierung, und der Staat des Volkes Gottes, und der feyerliche Dienst der Religion auf eine Zeit unterbrochen wird. Das neue Volk, das schon gesammelt, und in Jesu Christo auf das alte gepflanzt worden ist, wird nicht hinweggeführt, sondern breitet sich aus, und erweitert seine Herrschaft von Jerusalem an, wo es entstehen sollte, bis an die äußersten Ende der Erde. Die Heiden, die zu den Juden versammelt werden, sind hinfort nur allein wahre Jüden, und das wahre Königreich Juda, das dem aufrührischen, und vom Volke Gottes abgesonderten Israel entgegengesetzt ist, wird das wahre KönigreichDavidS durch denGehorsam gegen die Gesetze und das Evangelium Jesu Christi, des wahren Sohnes Davids. Nachdem dieses neue Königreich, Juda, aufgerichtet worden, so muß man darüber nicht erstaunen, daß in Ju- daa alles zu Grunde geht. Der andre Tempel diente zu nichts mehr, nachdem der Mcßias alles erfüllt hatte, was in den Prophezeiungen verkündigt worden war. Dieser Tempel hatte die Herrlichkeit gehabt, die ihm Gott versprochen hatte, nachdem der so oft verlangte Heiland der Völker darinnen erschieneil ist. Das sichtbare Jerusalem hatte das vollendet, was es noch thun sollte, weil die Kirche daselbst gepflanzt worden war, und von da an auch ihre Aeste über die ganze Erde ausgebreitet hatte. Judaa geht nunmehr in die allgemeine Geschichte. 327 Gott und die Religion fernerhin nichts mehr, als die Juden selbsi,an, und es ist eine gerechteStrase ihrerVer- härtung, daß die Trümmern ihrer Republik auf der ganzen Erde zerstreut worden sind. Dieses sollte ihnen nach der Weißagung Jacobs, H°s-.Z/^5. Daniels, und des ZachariaS, und nach allen ihren Mn.^'^. andern Propheten zu den Zeiten dcs Meßias begegnen. Allein weil sie dereinst zu dem Gott wiederkehren sollen, den sie verkannt haben, und weil der Gott Abrahams seine Barmherzigkeit gegen das so untreue Volk dieses Patriarchen noch nicht erschöpft hat: So hat er einMittel erfunden, wovon wir in der Welt nicht mehr, als dieses einzige Beyspiel finden, die Juden außer ihrem Lande und in ihrem Ruine, so gar noch länger zu erhalten , als die Völker, von denen sie überwunden worden sind. Es ist weder von den alten Assyrern, noch von den alten Modern, noch von den alten Griechen, noch von den alten Römern etwas mehr übrig. Ihre Spur ist verlöscht, und sie sind mit andern Völkern vermengt worden. Die Juden, welche eine Beute dieser so alten und in der Geschichte so berühmten Völker gewesen sind, haben sie überlebt. Gott erhält sie, und heißt es uns erwarten, was er noch mit den Ue- bcrbleibseln seines ehmals so begnadigten Volkes ma- M;--.;. chen will. Unterdessen dient ihre Verstockung den Maul^' Heiden zum Besten, und verschafft ihnen den Vor- Iob^.' theil, daß sie in unverdächtigen Händen die Schriften UA^' finden, die Jesum Christum, und seine Geheimnisse vorhcrverkündigt haben. Wir sehen unter andern Dingen in diesen Schriften die Blindheit und das Unglück der Jüden, welche die Schriften des alten Bundes so sorgfältig erhalten. Wir machen uns also die Ungnade, in der sie sind, zu Nutze; ihre Untreue dient gewissermaßen zum Grunde unsers Glaubens; X 4 s« Z28 Bischof Bossuets Eillleitung sie lehren uns Gott fürchten, und sind uns ein ewiges Schauspiel von den Gerichten,-die er über seine un- dankbaren Kinder ergehen laßt, damir wir lernen mögen, uns der Gnade nicht aus Stolz zu rühmen, die unsern Vätern erzeigt morden ist. Ein so wunderbares Geheimniß, das zum Unterrichte des menschlichen Geschlechtes so zuträglich ist, verdient wohl erwogen zu werden. Allein wir haben keiner menschlichen Betrachrungen nöthig, dasselbe zu Mm.ii/i.z. verstehen. Der Heilige Geist ist selbst so besorgt gewesen , uns dasselbe durch den Mund des heiligen Apostels Pauli zu erklaren, und ich ersuche sie, Mon- feigneur, dasjenige zu betrachten, was dieser Apostel davon an die Römer geschrieben hat. Nachdem er von der kleinen Anzahl der Jüden, die das Evangelium angenommen, und von der Blindheit der andern geredet hat, so stellt er eine tiefe Betrachtung über das an, was künftig noch diesem mit so vieler Ehre begnadigten Volke wiedersahren werde, und entdeckt uns zugleich den Nutzen, den wir von ihrem Falle haben sollen, und die Früchte, die dereinst noch Rvm.ii/N. ihre Bekehrung bringen wird. Sind sie darum angelaufen/ sagt er, daß sie fallen sollten? Das sey ferne! Gondern aus ihrem Lalle ist den Heiden das Heil wiederfahren, auf daß sie denen nacheifern, und also zu sich silbst kommen sollten. Denn so ihr Fall der Reichthum der Heiden ist, die sich in so großer Menge bekehre haben, wie vielmehr, wenn sie sich alle wieder bekehrten, und ihre Zahl voll würde? So ihr Verlust der U>elr Versöhnung ist, würde nicht ihre Miederbekehrung eine Auferstehung von, Tode zum Leben seyn? Ist der Anbruch/ oder in die allgemeine Geschichte. 529 sind die Erstlinge dieses Volkes Keilig, so ist auch der Teig heilig; und so die lVurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig. Ob nun gleich etliche von den Zweigen zerbrochen sind, und du Heide, da du ein wilder Oelbaum wärest, umer sie gepfropfet, und der vpurzel und des Safres im Delbaume theilhaftig geworden bist, so rühme dich doch nicht wider die Zweige. Rühmest du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht tragest, sondern daß dich die vpurzel tragt. Du sprichst vielleicht: die Zweige sind zerbrochen, aufdaß ich hinein gepfropfec würde. Das ist wahr ge- redr. Sie sind zerbrochen um ihres Unglaubens willen; du stehest aber durch den Glauben: Sep nicht stolz, sondern fürchre dich. Hat Gott der natürlichen Zweige nicht geschont, so fürchte, daß er vielleicht auch dich nicht verschone. Wer sollte nicht zittern, wenn er die Worte dieses Apostels hört? Sollten wir über die Rache nicht erzittern > die seit so vielen Jahrhunderten so schrecklich über die Juden ausgebrochen ist, und noch fortdauert, da uns Paulus auf den Befehl Gottes sagt, daß uns unsre Undankbarkeit eine eben so schreckliche Strafe zuziehen kann. Allein wir wollen die Folge dieser hohen Lehre anhören. Der Apostel fährt fort zu den bekehrten Heiden zu reden: Darum schauec an die R?m> Güre und den Ernst Gottes; den Ernst an denen, die gefallen sind; die Güre aber an dir, so fern du an der Güte bleibest; sonst wirst du auch abgehauen werden. Jene, so sie nicht bleiben in dem Unglauben, werden X 5 wieder zzo Bischof Bossuets Einleitullg wieder eingepfropfet werden: Gort kann sie wohl wieder einpfropfen. Denn fo du ans dem Oelbaume, der wild war, ausgehauen und wider die Z7?atur in denguceniDelbaum eingepfropfet bist, wie vielmehr werden die natürlichen/ die Gott abgehauen hat, in ihren eigner: Oel, bäum wieder eingepfropfet^ Hier erhebt sich der Apostel über alles, was er zeither gesagt, dringt nunmehr in die Tiefen der göttlichen Rathschlüsse, und setzt seine Rede also fort: Ich will euch, lieben Brüder, dieses Geheimniß nicht verhalten, auf daß ihr nicht stolz feyd. Blindheit ist eines Theiles Israel wiederfahren, fo lange bis die Lütte der Heiden eingegangen fey, und also das ganze Israel selig werde, wie geschrieben steht: ^?s wird aus Zion kommen, der erlöse, und von Jacob das böse tVesen abwende, und das ist mein Bund mir ihnen, wenn ich ihre Sünde wegnehmen werde« 2es, 5?/ 20. Diese Stelle des Propheten Jesaias, die hier der Apostel Paulus nach der Ueberscßung der siebzig Dolmetscher anführt, wie er zu thun gewohnt war, weil man sie aufder ganzen Erde kannte, ist im Originale noch stärker, wenn man sie in ihrem ganzen Zusammenhange nimmt. Denn derProphet hatte vor allenDingen dieBe- kehrung der Heiden durch diese Worte vorhcrgesagt: Die vom Niedergänge werden den ITlamen des Herrn fürchten, und die vom Aufgange feine Herrlichkeit sehen. Hierauf sieht Jesaias die Verfolgungen, welche das Wachsthum der Kirche befördern werden, unter der Gestalt eines aufgehalrnen ?,is. Es ist in alle Lande ausgegangen ihr Schall, und ^ Lrezor, Xsiilän?. orar. 25. m die allgemeine Geschichte. W und in al/eN>elc ihretVorte. Unter ihren Schülern war beynahe kein Land so entfernt und unbekannt, wohin das Evangelium nicht gedrungen wäre. Hundert Jahre nach Christi Geburt rechnete der heilige JustinuS schon viele wilde Nationen, und selbst die berumschweifendrn Völker unter die Gläubigen, wel- , .. ^ c < > ^ ^ ^ - ^ lultm. ->col. che noch hier und da aus Wagen herunnrrten, ohne z-r -6/. einen gewissen beständigen Aufenthalt zu haben. Das war nicht etivan eine eitle Vergrößerung; es war eine gewisse und bekannte Wahrheit, die er vor den römischen Kaisern, und im Angeflehte der ganzen Welt behauptete. Bald darauf lebte der heilige Irenäus, und er sah die Anzahl der Kirchen immer zunehmen. Ihre Eintracht verdiente die Bewunderung des Erdkreises; was man in Gallien, in Spanien, in Deutschland glaubte, die Lehre bekannte man in Aegypten, und im ganzen Oriente, und wie man auf der ganzen ir""-!,--;. Erde nur eine Sonne hatte, so leuchtete auch in der ganzen Rirche von einem Ende der lVelt bis zum andern nur ein Licht der Wahrheit. Man erstaunt, so zu sagen, bey einem ieden Schritte, den man in der Zeit thut, über den glücklichen Fortgang, mit dem sich die Kirche ausbreitet. Mitten im dritten Jahrhunderte zählten Tcrtullian, und Origenes ganze Völker zur Kirche, welche man kurz vorher noch nicht dazu rechnete. Diejenigen, welche Origenes ausnahm, waren die allerentfermesten in der bekannten Welt; kurz darauf aber rechnete Arnobius auch diese unter die Christel: *. Was konnte die Welt ^ l'ertull. aäv. luä. HpoloZ. z?. On^. I'om. -L in Kom. 4. üi Lieci«. Xrnod. libr. II. zz6 Bischof Bossuets Eittleitung West gesehen haben, daß sie sich Jesu Christo so bald ergaben? Hat sie Wunder gesehen, so hat Gott sichtbar Antheil an diesem großen Werke. Und wenn es scyn sollte, daß die Erde keine Wunder gesehen hätte, würde das nicht ein viel größres und unglaublichers Wunder seyn, als diejenigen, welche man nicht glauben will, daß sich die Welt ohne Wunder bekehrt hat; daß so viele Unwissende so hohe Geheimnisse angenommen haben; daß so viele Weisen von einer tiefen Demuth eingenommen, und von so vielen Dingen überredet worden sind, welche den Ungläubigen unglaublich zu seyn scheinen *? Allein das ist ein Wunder über alle Wunder, wenn ich so reden darf, daß sich, mit dem Glaubm an die Geheimnisse, die erhabensten und schwersten Tugenden auf der ganzen Erde ausgebreitet haben. Die Schüler Jesu Christi sind ihm auf den rauhsten Wegen nachgefolgt. Sie haben für die Wahrheit alles ausgestanden, und das ist für die Kinder Gottes die gewöhnlichste Tugend gewesen. Sie sind, um ihrem Erlöser ähnlich zu werden, mit einem größern Eifer zu den Martern geeilt, als andre zu den Ergeßlich- keiten eilen. Man kann weder die Reichen, welche alle ihre Reichthümer Hingaben, um den Armen beymste- hen, noch die Armen, welche dieArmuth den Reichthümern vorzogen, noch die Jungfrauen, deren Leben eine Nachahmung des Lebens der Engel war, noch die liebreichen Hirten zählen, die allen alles wurden, und immer bereit waren, ihren Heerden nicht allein ihre Tage und Nächte, und ihre Arbeiten zu widmen, sondern auch ihr eignes Leben für sie aufzuopfern. Was soll ich von der Buße und der Tödtung ihres Fleisches sagen? » ^UZult. XXI äe civ. 7. XXII. 5. in die allgemeine Geschichte. M sagen? Die Richter können an Verbrechern keine so strenge Gerechtigkeit ausüben, als bußfertige Sünder an sich selbst ausgeübt haben. Ich sage noch mehr, die Unschuldigen selbst haben mit einer unglaublichen Strenge die außerordentliche Neigung bestraft, die wir zur Sünde haben. DasLeben des heiligenJohanneS, des Täufers, wurde unter den Christen etwas gemeines , und die Wüsten wurden Don seinen Nachfolgern bevölkert. Es gab so viele Einsiedler, daß die vollkommensten Einsiedler noch unbekanntere Wüsten suchten; sosehr fiohe man die Welt, und so viel Geschmack fand man an dem beschauenden Leben ^. Dieses waren die schätzbaren Früchte, welche das Evangelium tragen sollte. Die Kirche ist so reich an Beyspielen, als an Vorschriften, und ihre Lehre wurde für heilig gehalten, weil sie unzählig heilige Leute hervorbrachte. Gott, welcher wohl weis, daß die stärksten Tugenden unter den Leiden aufwachsen, hat seine Kirche durch das Märtyrerthum gegründet, und sie dreyhundert Jahre lang in diestm Zustande erhalten, ohne daß sie einen Augenblick Zeit gehabt hat, auszuruhen. Nachdem er durch eine so lange Erfahrung gezeigt harte, daß er keiner menschlichen Hülfe, und * Man muß sich inachtnehmen, daß man sich das ein? siedlerifche Leben der ersten Christen, und zumal, derjenigen, welche dasselbe in den friedlichen Zeiten der Kirche erwählt haben, nicht allzuvorrheilhast vorstelle, und auf die Einbildung gerathe, daß man in der menschlichen Gesellschaft keine so erhabnen Tugenden ausüben könne. Die ersten Einsiedler wurden von den Verfolgungen genöthigt, in die Wüsten zu entfliehen. Man'wird nicht leugnen können, daß diejenigen, die sie in den nachfol- P- gen- zz8 Bischof Boffuets Einleitung und keiner Gewalt der Erde nöthig hätte, seine Kirche zu gründen, so berief er endlich die Kaiser, und machte den großen Constantin zu einem öffentlichen Beschützer des Christenthumes. Seit der Zeit haben sich die Könige von allen Orten her zur Kirche begeben, und alles, was die alten Prophezeiungen von ihrer zukünftigen Herrlichkeit enthalten, ist vor den Augen der ganzen Erde erfüllt worden. So unüberwindlich die Kirche bey den äußerlichen Anfallen blieb, so wenig konnte sie von den innerlichen Spaltungen erschüttert werden. Es sollten Ketzerey- cn kommen; Jesus Christus, und seine Jünger hatten sie vorherverküudiget, und sie kamen. Der Glaube, welcher von den Kaisern verfolgt wurde, stund zu gleicher Zeit von den Ketzern eine viel gefährlichere Verfolgung aus. Allein nicmgls war diese Verfolgung heftiger, als zu der Zeit, da die Verfolgungen der Heiden aufhörten. Die Hölle wandte dazumal alle ihre Kräfte an, die Kirche durch sich selbst zu vertilgen, welche die Anfälle ihrer offenbaren Feinde nur bekräftigt harten. Kaum sing sie an, sich durch die öffentliche Sicherheit zu erholen, die ihr Constantin verstattere, so erweckte ihr AriuS, dieser unglückselige Priester, größre Unruhen, als sie iemals hatte ausstehen müssen. Constanz, ein Sohn des Kaiftr Con° siantins, gen den Zeiten nachahmten, solches sehr oft, entweder aus Ueberdr'uß, oder aus einer eiteln Begierde nach einer besondern Heiligkeit thaten. Man ist noch nicht allemal der erhabenste Christ, wenn man sich stets mir göttlichen Gedanken beschäftigt, und seinem Körper wehe thut. Das ist sehr oft eine Wollust, die sich ein heiliges Ansehn giebt. Der erhabenste Christ ist derjenige, der Gott über alles liebt, und diese Liebe durch liebreiche und großmüthige Handlungen gegen seinen Nachsien beweist. Der Ueberftyev. m die allgemeine Geschichte. Z59 stantins, ließ sich von den Arianern verführen; er unterstützte ihre Lehre durch seine Gewalt, und quälte die Rechtgläubigen auf der ganzen Erde, al6 ein neuer Verfolger des Christenthumes, der desto mehr zu fürchten war, weil er unter dem Namen Jesu Christi selbst wider Jesum Krieg führte. Zum Unglücke fiel darauf die Kirche, die unter sich selbst uneinig war, in die Hände Julians, des Abtrünnigen, der alle ersinnlichen Mittel anwendete, den christlichen Glauben zu vertilgen. Er fand dazu kein bcßrcs Mittel, als die Spaltungen zu unterhalten, durch welche die Kirche so grausam zerrüttet wurde. Nach ihm herrschte Va- lens, derben Arianern eben so, wie Constanz, zugethan war, und sich nur durch seine Gewaltthätigkeiten von ihm unterschied. Noch andre Kaiser beschützten die Ketzercnen mit einer eben so grossen Wut. Die Kirche erfuhr durch so viele Versuchungen, daß sie unter den christlichen Kaisern nicht weniger, als unterdcn Ungläubigen auszustehen hatte; daß sie nicht allein ihre ganze Lehre überhaupt, sondern auch einen jeden ?lrtikel derselben, mit ihrem Blute bestätigen mußte. Es ist auch in der That kein einziger gewesen, der nicht von ihren Kindern selbst angegriffen worden märe. Tausend Secten, und tausend Ketzereyen entstunden, so z« sagen, in ihrem Schooße, und empörten sich wider sie. Allein wie sie dieselben, nach der Prophezeyung ihres Erlösers, entstehen sah, eben so sah sie dieselben nach seinen Verheißungen wiederum vergehen, wenn sich gleich zuweilen Kaiser und Könige unterfingen, sie zu beschützen. Ihre wahren Kinder wurde«? dadurch nach dem Ausspruche des heiligen Paulus erkannt; die Wahrheit ist allezeit nur mehr befestigt worden, wenn man sie bestrittm hat, und die Kirche ist unerschüttert geblieben. V 2 Beson- Z4v Bischof Bossuets Einleitung Besondre Betrachtungen über die Bestrafung der Juden, und über die Vorhcrver- kündigunq dieser Strafen von Jesu Christo. 6^ndem ich mich bemüht habe, Ihnen, Monsti- gneur, in einer ununterbrochnen Ordnung die Folge der Rachschlüsse Gottes in der beständigen Fortdauer seines Volkes zu zeigen, so habe ich sehr viele Begebenheiten übergangen, welche tiefsinnige Betrachtungen verdienen. Erlaubeil sie mir/ zu ihnen zurück zu kehren, damit sie so wichtige Dinge nicht aus den Augen verlieren. Vors erste ersuche ich sie, Monseigneur, mit einer besondern Aufmerksamkeit den Untergang der Juden zu erwägen. Alles, was dabey vorgefallen ist, dient zu einem Zeugnisse für unsern heiligen Glauben. Die Umstände davon werden uns von ungläubigen Schriftstellern, von Juden, und von Heiden erzählt, welche, ohne die Folge der Rathschlüsse Gottes zu verstehen, die wichtigen Begebenheiten berichten, durch die es ihm gefallen hat, seine Rathschlüsse kund zu machen. Wir haben den JosephuS, einen jüdischen, sehr getreuen Geschichtschreiber, welcher von den Begebenheiten seiner Nation wohl unterrichtet gewesen ist, und ihre Alterthümer auch durch ein vortreffliches Werk ins Licht gesetzt hat. Er hat den letzten Krieg beschrieben, der den Jüden ihren Untergang brachte. Er ist selbst ein Zeuge davon gewesen, und hat seinem Voll ke in einet wichtigen Stelle Dienste geleistet. in die allgemeine Geschichte. 34- Man hat unter den Juden auch noch andre sehr alte Schriftsteller,deren Zeugnisse sie sehen sollcn.Sie haben alte Ausleger über die heilige Schrift, und unter andern die chaldaischen Umschreibungen, die sie an ihre Bibeln drucken lassen. Sie haben ihr Glaubensbuch, das sie den Talmud nennen, und nicht weniger, als die Schrift selbst, verehren. Das ist eine Sammlung von Abhandlungen und AuSsprüchsn ihrer alten Lehrer, und obgleich die Theile, aus denen dieses grosse Werk besteht, nicht alle von einem gleichen Alter sind, so haben doch die letzten von denen, die darinnen angeführt werden, in den ersten Jahrhunderten der Kirche gelebt. Hier sieht man unter einer unzahligen Menge unverschämter Fabeln, die sich gleich nach den Zeiten unsers Heilandes anfangen, schöne Ueberbleib- sel von den alten Sagen des jüdischen Volkes, und zugleich in ihnen Beweise zu ihrer Ueberzeugung. Anfangs ist es selbst nach dem Geständnisse der Juden gewiß, daß die göttliche Rache niemals schrecklicher, noch deutlicher über sie ausgebrochen ist, als bey der lehtcn Verwüstung. Das ist eine beständige Sage, die in ihrem Tal- müde bezeugt, und von allen ihren Rabbinen bestätigt wird, daß man vierzig Jahre vor der Zerstörung der Stadt Jerusalem, also ungefähr um die Zeit des Todes unsers Heilandes, ohne Unterlaß im Tempel ganz befremdliche Dinge bemerkt habe. Alle Tage geschahen neue wundervolle Anzeichen darinnen, daß auch ein berühmter Rabbi Johanam,Zacai Sohn, eines Tages ausrief: O Tempel, c> Tempel, was bewegc dich ? Und warum seyest du dich selbst in Schrecken*? P z Was * Ir.äe 5eü. exxizr. 542 Bischof Bossuets Einleitung Was ist mehr angemerkt worden, als das schreckliche Geräusch, das die Priester am Pfingsttage im Heiligthume hörten, und die deutliche Stimme, die aus dem Innern dieses geheiligten Ortes erschallte: Laßt uns von hinnen weichen, laßt uns von hinnen weichen? Die heiligen Geister, die Beschützer des Tempels, erklärten sich öffentlich, daß sie den Tempel verließen, weil ihn Gott, der so viele Jahrhunderte hinixirch seine Wohnung darinnen gehabt Hatte, nunmehr verwarf. Iosephus und Tacituö haben dieses wunderbare Anzeichen auch erzahlt , Doch es bemerkten dasselbe nur allein die Priester. Allein hier ist ein andres Anzeichen, das die Augen des ganzen Volkes gesehen haben, und niemals ist unter einem Volke ein gleiches Anzeichen gesehen worden. Vier Jahre vorher, ehe der Rrieg angekündigt wurde, sing ein Land-- mann an zu schreyen: l^ine Stimme ist vom Oriente ausgegangen; eine Stimme istvomÖc- cidente ausgegangen; eine Grimme ist von allen vier Minden ausgegangen; eine Stimme wider Jerusalem und wider den Tempel; eine Stimme gegen dieneuverheyratheren Manner/ ' l»nd die neuverheyrarhcren Frauen; eine Stimme wider das ganze Volk. Seit der Zeit horte er weder Tag noch Nacht auf zu schreyen: Weh, weh über Jerusalem! Er verdoppelte sein Geschrey an den Festtagen. Man hörte kein a.idrcs ^ Wort aus seinem Munde. Diejenigen, welche ihn beklagten, diejenigen, welche ihn verfluchten, diejenigen, welche ihm seinen Unterhalt reichten, hörten niemals etwas anders von ihm, als dieses schreckliche Wort: » Oe bell.Iuä. I. 7. c. ».lack. KM. I. V. c, iz. in die allgemeine Geschichte. 54z Wort: 5Veh über Jerusalem! Er wurde gefangen gesetzt, befragt, und von der Obrigkeit zur Geif- selung verdammt; aber bey einer ieden Frage, bey einem jeden Streiche antwortete er, ohne sich jemals zu beklagen: N?eh über Jerusalem! Er wurde, als ein Unsinniger, wieder losgelassen, undliefim ganzen Lande umher, und wiederholte seine traurige Prophezeiung. Er setzte sieben Jahre nach einander sein Geschrey forh ohne nachzulassen, ohne daß seine Stimme ermattete. Zur Zeit der letzten Belagerung von Jerusalem schloß er sich in die Stadt ein, liefuner-- müdet um die Mauern herum, und rief aus aller Gewalt : N>el) dem Tempel! tVeh der Stadt! lVeh dem ganzen Volke! Endlich setzte er hinzu: tVeh auch mir! und zu gleicher Zeit wurde er durch einen Steinwurf getödtet. Sollte man nicht sagen, Monseigneur, daß sich die göttliche Rache diesem Menschen gleichsam sichtbar gezeigt habe, der nur lebte, um ihre schrecklichen Urtheile zu verkündigen; daß sie ihn mit ihrer Kraft erfüllt zu haben scheine, damit sein Geschrey dem gedrohten Unglücke des Volkes gleichen möchte; daß er endlich durch eine Wirkung dieser lange vorher von ihm verkündigten Rache Gottes habe umkommen müssen, um sie noch fühlbarer und, so zu sagen, gegenwärtiger zu machen, wenn er nicht allein ihr Prophet und Zeuge, sondern auch ihr Opfer wäre? Dieser Prophet, welcher das Unglück Jerusalems weißagte, hieß Jesus. Eö schien, als wenn der Name Jesus, der Name des Heiles und des Friedens , den die Juden in der Person unsers Heilandes verachteten, ihnen zu einer unglücklichen Vorbedeutung werden sollte; und daß Gott diesen Undcmkba- P 4 ren, 544 Bischof Bossuets Einleitung ren, die den Jesus verworfen hatten, der ihnen Gnade, Barmherzigkeit und Leben verkündigte, einen andern Jesus sendete, der ihnen nichts, als unvermeidliche schreckliche Unglücksfalle, und das unwidertreibliche Urtheil ihres herbeynahenden Unterganges verkündigen mußte. Wir wollen nach der Anleitung der Schrift weiter in die Gerichte Gottes eindringen. Jerusalem und der Tempel sind zweymal zerstört worden; einmal vom Nebucadnezar, und das andremal vom TituS. Allein beydemal hat sich die Gerechtigkeit Gottes durch einerley Mittel gezeigt, ob gleich das letztemal deutlicher, als das erstemal. Damit wir diese Ordnung der Rathschlüsse Gottes desto besser verstehen mögen, so wollen wir vor allen Dingen die Wahrheit festsetzen, die in den heiligen Büchern so oft festgesetzt wird, daß es eine der schrecklichsten Wirkungen der göttlichen Rache ist, wenn sie uns, zur Bestrafung unsrer vorhergehenden Sünden in uissern verkehrten Sinn dahin giebt, so daß wir bey allen ihren heilsamen Erinnerungen taub; bey den Wegen des Heiles, die sie uns gezeigt hat, blind; und bereitwillig sind, alles, was uns schmeichelt, zu glauben; und die Kühnheit haben, alles zu unternehmen, ohne unsre Kräfte mit der Gewalt unfrer Feinde zu vergleichen , die wir reizen. Auf diese Weise stürzten sich Jerusalem und seine ' Könige unter dem Nebucadnezar, des Königes zu Babel, in ihren Untergang. Sie waren allzu schwach, ihm zu widerstehen, und von diesem siegreichen Könige immer geschlagen worden. Sie hatten erfahren, daß sie sich nur vergebens wider ihn auflehnten, und er hatte sie zu einem Eide der Treue gegen ihn gezwungen. in die allgemeine Geschichte. 345 gen. Der Prophet, Jeremias, verkündigte ihnen auf den Befehl Gottes, daß sie Gott selbst diesem Prin- Jtt.-7,lz.i7 zen übergeben hätte, und daß für sie keine Hoffnung übrig wäre, wenn sie sein Joch nicht annahmen. Er sagte zum Könige, Zedekias, und seinem ganzen Volke, unterwerfet euch den? Nebucadnezar , dem Könige vonBabel,damir ihr leben möget. Warum wollt ihr umkommen? Und warum soll diese Sradc ;urN)üften werden?Allein sie glaubten seinen Worten nicht. Unterdessen daß sie Nebucadnczar durch die erstaunlichen Werke, mit welchen er ihre Stadt umgeben hatte, eingeschlossen hielt, ließen sie sich durch ihre falschen Propheten bezaubern, welche ihren Geist mit eingebildeten Siegen erfüllten, und ihnen im Namen Gottes sagten, ob sie gleichGott nicht gesandt hatte: Ich habe das Joch des Königes zu Babel zer- ^ ,z brochen, und ehe zwey Jahre um sind/ will ich ' ' alle Gefäße des Hauses des Herrn, welche Nebucadnczar, der Zxönig von Babel, von diesem Orre weggenommen, und gen Babel gefuhret, wiederum an diesen Grt bringen. Das Volk, welches durch diese Verheißungen verführt wurde, stund Hunger, und Durst, und das äußerste Elend m>6, und brachte es mit seiner unsinnigen Verwägen- heit so weit, daß keine Gnade mehr für dasselbe übrig war. Die Stadt wurde zerstört; der Tempel wurde verbrämn; es war alles ganz aus. Daran merkten die Jüden,daß die Hand Gottes über ihnen schwer wäre. Allein damit die göttliche Rache bey der leßten Zerstörung der Stadt Jerusalem eben so offenbar seyn möchte, als bey der ersten, so ließ Gott eine eben so große Verführung, eine eben so fre- velhafteVerwagenheit,und eben dieselbeVerstockung zu. ^ Y 5 Ob- 546 Bischof Boffuets Einleitung Obgleich ihr Aufruhr die römischen Waffen wider sie gereizt hatte, und sie ein Joch frevelhafter Weife abwerfen wollten, in welches sich der ganze Erdkreis gebeugt hatte: so wollte sie Titus doch nicht verderben. Er ließ ihnen vielmehr, nicht allein im Anfange des Krieges, sondern auch noch zu der Zeit Gnade anbieten, wo sie seinen Handen nicht mehr entgehen konnten. Er hatte schon um Jerusalem eine hohe und lange Mauer aufgeführt, die mit Thürmen versehen war, und stärkre Schanzen, als die Stadt selbst hatte, da er den Jssephus, ihren Mitbürger, einen von ihren Feldherren, und Priestern zu ihnen sendete. Josephus war in diesem Kriege gefangen genommen worden, da er sein Vaterland vertheidigt hatte. Was sagte er nicht, um sie zu bewegen? Wie viel starke Gründe brauchte er nicht, sie wieder zum Gehorsame zu bringen? Er zeigte ihnen, daß sich Erde und Himmel wider sie verschworen hätte, daß ihr Untergang unvermeidlich wäre, wenn sie isich widersetzten, und zugleich zeigte er ihnen ihre Rettung und Wohlfahrt in der Gnade des TituS. Errettet, sagte er zu ihnen, errettet, die heilige Stadt, errettet euch selbst, errettet den Tempel, dieses Wunder des Erdkreises, den die Römer ehren, und den Titus mit Verdruß und Widerwillen untergehen sieht. Allein wie konnten ieute erhalten werden , die mit einer solchen Halsstarrigkeit ihr Verderben suchten? Ihre falschen Propheten verführten sie, und sie hörten also dergleichen weise Ermahnungen nicht an. Sie waren auf das Aeußcrste gebracht; der Hunger brachte mehrMcn- schen um/als der Krieg, und die Mütter aßen ihre Kinder. Titus, der von ihrem Unglücke gerührt war, nahm die Götter zu Zeugen, daß er an ihrem Untergangs un- in die allgemeine Geschichte. 547 unschuldig wäre. Mitten unter diesen schrecklichen Unfällen glaubten sie den falschen WeißagunM, welche ihnen die Herrschaft über den Erdkreis versprachen. Was noch mehr ist, die Stadt war schon eingenorw nien; das Feuer wütete schon auf allen Seiten, und diese Unsinnigen glaubten doch den falschen Propheten noch, welche sie versicherten, daß die Stunde ihres Heiles gekommen wäre, nur damit sie immerwiderstehcn und sich aller Barmherzigkeit unwürdig machen sollten. Es wurde auch in der That alles t mgebracht; die Stadt wurde von Grund aus zerstört, einige Ueberbleibseb von Thürmen ausgenommen, die Titus zum Andenken für die Nachkommenschaft stehen ließ, Kurz es blieb kein Stein auf dem andern. Sie sehen also, Monselgneur, über Jerusalem- eben dieselbe Rache ausbrechcn, welche diese trotzige Stadt unter dem Zedekias verwüstet hatte. Gort sendet den Titus sowohl, als den Nebucadnezar, und die Iüden kommen auf eben dieselbe Weise um. Man sieht in Jerusalem eben den Aufruhr, eben den Hunger, eben das äußerste Unglück, eben dieselben Wege zu ihrer Rettung, eben dieselbe Verführung, eben die Halsstarrigkeit, ebendenselben Untergang. Damit sich alles gleich seyn soll, so wird der andre Tempel vom Titus in eben demselben Monate und an eben demselben Tage verbrannt, an dem er das erstemal vom Nebucadnezar eingeäschert worden ist. Es mußte alles deutlich bezeichnet seyn, damit das Volk ja nicht an der göttlichen Rache zweifeln sollte *. Es sind unterdessen unter diesem zweymaligen Untergänge der Stadt merkwürdige Unterschiede, die aber nichts anders, als eine größrc und strengere Gerechtigkeit "°Io5t!l,li. 6e Kell. lucl. ibiä. ?48 Bischof Bossuets Einleitung tigkeit Gottes bey der letzten Zerstörung anzeigen. Ne- bucadnczar ließ den Tempel anstecken; Titus aber that alles, um ihn zu retten, ob ihm gleich seine Räthe vorstellten, daß, so lange er stehen bliebe, die Juden, welche ihrganzes Glück daran fanden, nicht aufhören würden, Rebellen zu seyn. * Allein der unglückliche Tag war gekommen; der zehnte August war es, der den Tempel des Salamo schon hatte brennen sehen. Ungeachtet der scharfen Gebote, die Titus vor den Römern, und vor den Juden hatte ergehen lassen ; ungeachtet der natürlichen Neigung der Soldaten, so viele Reichthümer lieber zu plündern, als im Rauche auffliegen zu lassen, so wurde doch, wie Iosephus sagt, ein Soldat von einer göttlichen Begeisterung angetrieben, sich von einem andern an ein Fenster heben zu lassen, und Feuer in diesen prächtigen Tempel zruverfen. Titus eilt herbey;TituS befiehlt, daß man die ausbrechendenFlam- incn auslöschen soll. Allein sie nimmt in einem Augenblicke Ueberhand, und dieses verwundernswürdige Gebäude wird in Asche verwandelt. Wenn die Verhärtung der Juden unter dem Zede- kias die schrecklichste Wirkung, und das untrüglichste Merkmal von der göttlichen Rache gewesen ist, was sollen wir von ihrer Verblendung zu den Zeiten des Titus sagen? Bey der ersten Zerstörung Jerusalems waren die Juden zum wenigsten noch unter einander einig ; bey der letzten Belagerung und Verwüstung aber wurde die Stadt durch drey innerliche feindliche.Rotten zerrüttet. Ihr Haß gegen die Römer schweifte bis zur Raserey aus; allein sie waren darum nicht wenu ger erbittert unter einander. ** Der Streit ausser der Stadt . * lolepl,, 6e Kell. luä, ilzicl. A. , 6. iM^ vorherverkündigt, wie diese Stadt belagert werden sollte. Sie sollte nach seiner Prophszeyung mit einer schrecklichen Wagenburg umgeben werden, und es geschah. Er hatte den grausamen Hunger vorhergesagt, der ihre Bürger aufreiben sollte; er hatte auch die falschen Propheten nicht vergessen, von welchen sie verführt werden würden. Er hatte den Jüden gesagt, daß die Zeit ihres Unglückes nahe wäre, uud ihnen gewisse in die allgemeine Geschichte. 351 gewisse Zeichen augegeben, an welchen sie die bestimmte Stunde desselben merken konnten. Er hatte ihnen die lange Reihe der Verbrechen vorgestellt, wodurch sie sich diese Strafen zugezogen hatten; mit einem Worte, >er hatte ihnen die ganze Geschichte der Belagerung und Zerstörung Jerusalems erzählt/ ehe sie sich noch zutrug. Bemerken sie/ Monseigneur, daß er alles dieses gegen die Zeit seines Leidens verkündigte, damit sie die Ursache ihres Unglückes desto besser erkennen sollten. Sein Leiden nahte heran, als er zu ihnen sagte: Siehe ich sende zu euch Propheten, Meisen, und Match. -z<- Schriftgelehrten, und derselbigen werdet ihr ^' etliche todten und kreuzigen, und etliche werdet ihr geißeln in cuern Schulen, und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern, auf daß über euch komme alle das gerechte Blur, das vergossen ist aufEroen, von dem Blure an des gerechten Adels, bis auf das Blut Zacharias, Äarachia Sohn, welchen ihr getödtcr habt, zwischen dem Tempel und Altar. dVariich ich jage euch, daß solches alles wird über dieses Geschlecht kommen. Jerusalem, Jerusalem, die du tödrest die Propheten, und steinigest die zu dir gesandt sind, wie oft habe ich deine Rinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Büchlein, und ihr habt nicht gewollt! Siehe euer Haus soll euch wüste gelassen werden! Das ist d,ie Geschichte der Juden! Sie haben ihren Meßias sowohl in seiner Person, als in den Personen der Seinigen verfolgt; Sie haben die ganze Welt wider seine Schüler aufzubringen gesucht, und ihnen in keiner Stadt den Frieden gegönnt; Sie haben die Römer 552 Bischof Bossuets Einleitung mer und die Kaiser wider die noch wachsende Kirche in Waffen gebracht; sie haben den heiligen Stcphcmuö gesteinigt, und die beyden Jacobos getödtet, die sich durch ihre Heiligkeit selbst unter ihnen Ehrfurcht zuwege brachten; sie haben den heiligen Petrus und Paulus durch das Schwerdt und die Hand der Heiden aufgeopfert. Sie mußten umkommen. So viel Blut, das sich mit dem Blute der Propheten, die sie getödtet haben, gleichsam vereinigte, riefvorGottum Rache. Siehe euer Haus soll euch wüste gelas» Mtch. -4, sen werden; ihre Verwüstung soll eben so groß, als ^' ihr Verbrechen seyn. Jesus Christus sagt ihren solches ; die Zeit ist nahe. Ich sage euch, daß s)l- Mare.iz/zo. ches alles über dieses Geschle^r kommen wird, und nach einem andern Evangelisten: Dieß Geschlecht Loc.i?, 4-> soll nichr vergehen, bis daß alles dieß geschehe. Die Menschen, die damals lebten, sollten selbst Zeugen davon seyn. Allein wir wollen die Folge von der Provhezeyung unsers Heilandes auch hören. Wie er einige Tage vor seiilem Tode seinen Einzug in Jerusalem hielt, so wurde er von dem Unglücke bewegt, das dieser Tod der unglücklichen Stadt zuziehen sollte, und sah sie wei- kue-19,4-. nend an. N>enn du es wüßtest, sagte er, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß deine Feinde werden um dich und deine Rinder mir dir eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen «Drren ängsten, und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum daß du nicht erkennet hast die seit, darinnen du heimgesuchet bist. Hier- in die allgemeine Geschichte. 55z Hierdurch waren also die Art der Belagerung und die letzten Wirkungen der göttlichen Rache deutlich genug bezeichnet. Allein Jesus Christus sollte nicht zu seinem Leiden gehen, ohne Jerusalem zu verkündigen, daß diese mörderische Stadt dereinst für ein so frevelhaftes und unwürdiges Bezeigen gegen ihn bestraft werden sollte. Als er nach der Schedelstätte gieng, und sein Kreuz auf seinen Schultern trug, so folg- Lu«.-z,-7. re ihm ein großer Haufe Volts nach, und lVei- der, die ihn beklagten und beweinten. Er aber ^ stund stille, wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem weinet nicht über mich, sondern weiner über euch selbst, und über eure Rinder. Denn siehe es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Gelig sind die Unfruchtbaren, und die Leiber, die nicht ge- bohren haben, und die Vrüste, die nicht gesättgc haben. Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: fallet über uns; und zu den Hügeln: decket uns. Denn so man das tbm am grünen Holze, was will am dürren werden? Wenn der Unschuldige, wenn der Gerechte eine so strenge Strafe leidet, was haben nicht die Strafbaren zu erwarten? Hat Jeremias wohl iemals den Verlust der Juden so schmerzlich beklagt? Konnte der Heiland wohl stärkere Worte gebrauchen, ihnen ihr äußerstes Unglück und ihre zukünftige Verzweiflung, und den Hunger zu zeigen, der selbst ihrer Kinder nicht schonen würde, der für die Mütter so schrecklich war, die ihre Brüste vertrocknen sahen, die ihren Kindern nichts als Thränen geben konnten, und die die Frucht ihrer Eingeweide aßen? Z Von 554 Bischof Bossuets Einleitung OOOOO'OGGOOG OOOOOOOO WOG Von zween merkwürdigen Weißagungen unsers Heilandes wider die o sind die Prophezeiungen unsers Heilandes, die MW er an das Volk gerichtet hat. Die er insbesondre an seine Jünger richtete, verdienen noch mehr Aufmerksamkeit. Sie sind in der langen und vortrefflichen Rede enthalten, wo er vom Untergänge der Stadt Jerusalem, und der Zerstörung der Welt zugleich redet. Untcr dieser Verbindung liegt ein Geheimniß. Ich will ihnen, Monseigneur, eine kurze Vorstellung davon machen. Jerusalem, die glückselige Stadt, die sich der Herr erwählt hatte, so lange sie in seinem Bunde und in dem Glauben an seine Verheißungen verharrte, war ein Vorbild der Kirche und ein Vorbild des Himmels, wo ihn seine Kinder von Angesicht zu Angesicht schauen. Wir werden sehen, daß die Propheten aus dieser Ursache in eben der Rede dasjenige, was Jerusalem betrifft, mit dem verbinden, was die Kirche und die himmlische Herrlichkeit angeht. Das ist eins von den Geheimnissen der Prophezeyungen, und einer von den Schlüsseln, die uns das Verständniß davon öffnen. Allein das verworfne Jerusalem, welches gegen seinen Erlöser undankbar war, sollte ein Vorbild der Hölle seyn; seine treulosen Bürger sollten die Verdammten vorstellen, und das schreckliche Gericht, welches Jesus Christus über sie halten sollte, war ein Vorbild von demjenigen, das er über die ganze Welt halten will, wenn er am Ende der Zeiten in seiner Herrlich- Juden. keil in die allgemeine Geschichte. Z55 kelt erscheinen wird, die Lebendigen und Todten zu richten. Die Schrift hat die Gewohnheit, und unter andern Mitteln/ die Geheimnisse dem Geiste der Menschen einzuprägen dieses Mittel, daß sie, zu unserm Unterrichte, die Vorbilder mit wirklichen Wahrheiten vermengt. Anfdiese Weifthat unser Heiland die Geschichte der Zerstörung der Stadt Jerusalem mit der Geschichte des Umerganges desWeltgebäudes vereinigt, und das sieht man in dieser Rede sehr deutlich. Wir wollen unterdessen nicht glauben, daß diese beyden Dinge so unter einander vermengt sind, daß wir nicht unterscheiden könnten, was das eine und das andre besonders angeht. Jesus Christus hat sie selbst durch gewisse Merkmale von einander unterschieden, die ich sehr leicht angeben könnte, wenn hier die Rede davon wäre. Allein es ist iht genug, wenn ich ihnen zeige, Monseigncur, was den Untergang der Stadt Jerusalem und der Juden anbetrifft. Die Apostel waren gegen die Zeit, da sich das Leiden unsers Heilandes herbeynahte, um ihren Mei- . ster versammelt, und zeigten ihm den Tempel und die herrlichen Gebäude, die um den Tempel lagen. Sie bewunderten die Steine, die Ordnung, die Schönheit, und Festigkeit desselben. Jesus aber sprach zu ihnen: Sehet ihr nicht das alles? tVarlich ich sage Match, euch, es wird hier nicht ein Srein auf dem an- dem bleiben, der nicht zerbrochen werde. Sie i. erstaunten über dieses Wort, und fragten, wenn die- Lue.i6, se schreckliche Weißagung erfüllt werden sollte, und er fing an, ihnen alle die unglücklichen Begebenheiten der Juden zu erzählen, wie sie aufeinander erfolgen würden, weil er nicht haben wollte, daß die Seinigen in Jerusalem sollten angetroffen werden, wenn Z- sie Z56 Bischof Bofsuets Einleitung sie zerstört würde. Denn bey der Zerstörung dieser Stadt sollte man ein Vorbild von der letzten noch zukünftigen Absonderung der Guten von den Bösen haben. Zum ersten sagt er, daß Pestilenz, und theure Zeit, und Erdbeben hin und wieder seyn werde. Man kann aus der Geschichte beweisen/ daß diese Unfälle zu keiner Zeit häufiger und merkwürdiger, als zu dieser ge, weftn sind. Er setzt ferner hinzu, daß man Kriege und Geschrey von Kriegen hören, daß sich ein Volk über das andre und ein Königreich über das andre empören, mit einem Worte den ganzen Erdkreis in Bewegung sehen werde. Konnte er uns die letzten Jahre der Regierung des Nero besser abbilden, wo das ganze römische Reich, oder der Erdkreis, der seitdem Siege des Augustus und unter der'Gewalt der Kaiser - so ruhig gewesen war, auf einmal erschüttert wurde? Empörten sich nicht Gallien, Spanien, und alle Kö- . ^ nigreiche, aus welchen das römische Reich bestund, auf einmal? lehnten sich nicht vier Kaiser fast zu einer Zeit wider den Nero, und wider einander selbst auf? Stritten nicht die Prätorianischen Legionen, die Armem in Syrien, und die übrigen Kriegsvölker, die im Oriente und im Occidente zerstreut waren, mit einan- ' der, und zogen sie nicht unter der Anführung ihrer Casarn von einem Ende der Welt bis zum andern, um ihre Streitigkeiten in blutigen Schlachten zu entscheiden? Das sind große Unglücksfälle, sagte der Sohn Matth. -4, Gottes; aber es ist noch nicht das!^nde da. Die Marc.'i,, Juden litten, wie andre Völker, bey dieser allgemei- 7.8- nen Erschütterung des Erdkreises. Es werden bald Luc.-»,?. b^sg„drg Unfälle über sie kommen; hier wird sich allererst die Noch anheben. Er in die allgemeine Geschichte. 557 Er seßthinzu, seine Kirche, die, seit dem sie zuerst Malth.-4,?. gepflanzt worden, beständig leiden müssen, würde um die xuc!-,/i-?' Zeit grausamer und schrecklicher, als sonst, verfolgt werden. Nero wollte auch in der That in den letzten Iahren seiner Regierung die Christen vertilgen, und ließ die heiligenApostel,Paulmn und Petrum, umbringen. Diese Verfolgung, welche durch den Neid und die Gewaltthätigkeiten der Iüden erregt worden war, beschleunigte ihren Untergang, wiewohl sie die Zeit desselben noch nicht genau genug bezeichnete. Die Erscheinung falscher Propheten, von denen ein jeder sagte: ich bin Christus, schien ein näherer Vorbote des ^Unterganges der Iüden zu seyn. Denn es ist das gewöhnliche Schicksal derjenigen, welche der Wahrheit nicht folgen wollen, daß sie sich von betrügerischen Propheten in ihren Untergang stürzen lassen» Jesus Christus verschweigt es auch seinen Jüngern ... nicht, daß dieses Unglück über die Iüden kommen wer- i /. de. Es werden sich viel fa.scbe Propheten er- M"'");^ heben und viele verfuhren. Gehet zu, sagt er Ware.-,,'-:, an einem andern Orte, lasset euch nicht verführen. Luc.--,«. Man sage nicht, daß das eine Sache gewesen sey, die man leicht errathen können, wenn man die Gemüthsart dieser Nation gekannt habe. Denn ich habe ihnen, Monseigneur, schon zu zeigen gesucht, daß die Iüden dieser Betrüger überdrüßig geworden, wel- . che so oft, und vornehmlich zu den Zeiten des Zedekias, Ursache an ihrem Untergange gewesen sind. Die Augen waren ihnen geöffnet worden, und sie hörten auf, ihren Betrügereien Gehör zu geben. Es verflossen mehr denn fünfhundert Jahre, in welchen kein falscher Prophet in Israel aufstund. Allein die Hölle, welche sie begeistert, erwachte bey der Ankunft Zz J«s» 558 Bischof Bossuets Einleitung Jesu Christi, und Gott, der die Lügengeister' so sehr im Zaume hält, als es ihm gefällig ist, verstattete ihnen dazumal mehr Freyheit, weil er zu gleicher Zeit die Juden damit bestrafen, und seine Gläubigen dadurch auf die Probe setzen wollte. Niemals sind so viele falsche Propheten ausgestandenes zu denen Zeiten, die auf den Tod unsers Erlösers folgten, zumal gegen die Zeit des jüdischen Krieges, und unter der Regierung des Nero, der denselben anfing. Jose- phus macht uns eine unzählige Menge solcher Betrüger bekannt welche das Volk durch falsche Wunder, und durch Zauberkünste in die Wüsten lockten, und ihnen eine schnelle und wunderbare Errettung versprachen *. Das ist auch die Ursache, warum in den Mattt>.-4, Weißagungen unsers Erlösers die Wüste, als einer von den Oertern angegeben wird,, wo sich diese falschen Befreyer des Volkes verbargen, die endlich dasselbe in seinen völligen Untergang stürzten. Sie können glauben, daß der Name Christus, ohne welchen für die Juden keine vollkommne Befreyung zu hoffen war, in die eingebildeten Verheißungen gemengt wurde, und sie werden in der Folge Beweise davon sehen. Iudäa war nicht die einzige Provinz, die diesen Be- trügereycn ausgesetzt war. Sie.waren im ganzen römischen Reiche allgemein. Es hat keine Zeit gegeben, wo uns die Geschichte eine so große Menge sol« cher Betrüger zeigt, die sich rühmten, das Zukünftige vorherzusagen, und welche das Volk durch ihre Blendwerke hintergiengen. Ein Simon Magus, ein Elymas, ein Apollonius Thyanaus, und eine unzählige Menge andrer Betrüger, die in den heiligen und weltlichen Geschichten angemerkt werden, stunden in diesem * .solexli.snt. XX. 6. bell.juä- II. »2. in die allgemeine Geschichte. 559 diesem Jahrhunderte auf, wo die Hölle ihre äußersten Kräfte anzuwenden schien, ihr erschüttertes Reich zu erhalten. Darum merkt auch Jesus Christus diese . erstaunliche Menge falscher Propheten an, die um diese Zeit, und vornehmlich unter den Juden erschienen sind. Wer die Worte unsers Heilandes genau betrachtet, wird erkennen, daß sich die Betrüger vordem Untergange der Stadt Jerusalem und nach demselben vermehren sollten; vornehmlich aber doch zur Zeit ihres Unterganges. Der Heiland sagt, daß der Betrug, der durch falsche Wunder und durch falsche Lehren würde bestätigt werden, zugleich so fein, und so Match.-4 mächtig seyn sollte, daß auch die Auserwählten wür- Märe.,; den verführt werden, wenn es möglich wäre. Ich will nicht sagen, daß gegen das EndederWelt sich nicht etwas ähnliches, und noch gefährliches zutragen werde; denn wir sehen, daß alles, was in Jerusalem vorgeht, ein offenbares Vorbild der letzten Zeiten ist. Allein es ist doch außer Zweifel, daß uns Christus die Verführung, von der wir reden, als eine offenbare Wirkung des göttlichen Zornes über die Jüden, und als ein Zeichen ihres Unterganges angegeben hat. Der Erfolg hat seine Weißagung gerechtfertigt; alles wird hier durch unverwerfliche Zeugen bestätigt. Wir lesen die Vorherverkündigung ihrer Irrthümer im Evangelio, und wir finden die Erfüllung davon in ihren Geschichten, und vornehmlich in der Geschichte des Josephus. Nachdem Jesus Christus alles dieses vorherverkündigt hat, in der Absicht, die Seinigen aus dem Unglücke zu reißen, womit Jerusalem bedräut wurde, so kömmt er auf die nahen Zeichen von der Zerstörung diefer Stadt. Z 4 Gott z6o Bischof Bossuets Einleitung Gott giebt seinen Gläubigen nicht allemal derglei- chcn Zeichen. Bey den schrecklichen Strafen, welche ganze Lander seine Macht empfinden lassen, schlagt er oft den Gerechten mit dem Ungerechten; denn er hat beßre Mittel, sie von einander abzusondern, als diejenigen, welche uns in die Sinne fallen. Eben die Schläge, welche die Spreu zerstäuben, sondern den guten Weizen davon ab; das Gold wird in eben dem Feuer gereinigt, worinnen die Spreu verbrennt, und unter denselben Strafen, durch welche die lasterhaften ausgerottet werden, läutert Gott seine Auserwähl- ten. Allein bey der Zerstörung der Stadt Jerusalem macht er eine Ausnahme, damit dieses Vorbild des Weltgerichtes desto vollständiger, und die göttliche Rache wider die Ungläubigen desto offenbarer seyn möchte. Er wollte nicht, daß dis-Jüdcn, welche das Evangelium angenommen hatten, mit den andern vermengt werden sollten. Jesus Christus gab also seinen Jüngern gewisse Zeichen, an denen sie erkennen könnte»/ wenn es Zeit wäre, aus dieser verworfnen Stadt auszugehen. Er gründete sich, seiner Gewohnheit nach, auf die alten Prophezeyungen, deren Ausleger und Gegenstand er war. Er kam auf die Stelle im Propheten Daniel, wo die letzte Zerstörung der Stadt Jerusalem so deutlich bezeichnet worden ist, Matth.24, und sagte: lVenn ihr nun sehen werdet den MarAz,!4 Greuel der Verwüstung, davon gesagt »st durch Dan.n/-6.'den Propheten Daniel, daß er stehe an der hei« ligen Stätte, oder nach dem Evangelisten Marcus, an der Stelle, da er nicht seyn soll, alsdann fliehe auf die Derge, wer im jüdischen Lande ist. Der heilige Evangelist Lucas erzählt eben das in an- ruc. -',zo. dem Ausdrucken: N?enn ihr sehen werdet Ieru- salem in die allgemeine Geschichte. z6r falem belagert mir einem Heere, so merket, daß herbeykommen ist ihre Verwüstung; alsdann wer in Iudäa ist, der fliehe auf die Gebirge. Ein Evangelist erklart den andern, und wenn man die Stellen mit einander vergleicht, so werden wir leicht begreifen, daß der vom Daniel vorhervcrkün- digte Greuel der Verwüstung und die Armeen um Je« ^ rusalem einerley sind Die heiligen Vater haben solches also verstanden, und die Vernunft überzeugt uns davon. Das Wort, Greuel, bedeutet nach dem Gebrauche der heiligen Sprache ein Götzenbild. Wer weis nicht, daß in den Fahnen der römischen Armeen die Bildnisse ihrer Götter und Kaiser befindlich waren, die vor allen andern Göttern verehrt wurden? Diese Fahnen waren einGegenstand berAnbetung des Kriegsvolkes, und weil die Götzenbilder, nach dem Befehle Gottes, niemals in dem heiligen lande erscheinen durften, so waren auch die römischen Fahnen daraus verbannt. Wir sehen auch aus der Geschichte, daß die Römer, so lange sie gegen die Juden noch einige Achtung gehabt haben, ihre Fahnen niemals durch Iudäa gehen lassen. Als Vitellius durch diese Provinz zog, den Krieg nach Arabien zu bringen, so ließ er seine Völker ohne Fahnen durch Judaa ziehen; denn man ehrte dazumal die jüdische Religion noch, und wollte dieses Volk nicht zwingen, solche Dinge zu leiden, die seinen Gesetzen so sehr zuwider waren Allein man kann leicht glauben/ daß die Römer in, dem letzten jüdischen Kriege ein Volk nicht mehr Z 5 sthon- * Orig.l'l-. zz. in ZVlarrkl. ^ug. e?> so. sä 5Ielzfcli. " ^olexb. ^miyu. XVIII. c. 7- 562 Bischof Bossuets Einleitung schonten, das sie vertilgen wollten. Da also Jerusalem belagert wurde, so war es mit so vielen Götzenbildern umgeben, als römische Fahnen wehten, und man hat niemals so viele Greuel der Verwüstung an dem Orte, rvo sie nicht seyn sollten, nämlich in dein heiligen Lande und um Jerusalem Heruni gesehen, als damals. Ist also dieses das große Zeichen, wird man sagen, welches Jesus Christut geben wollte? War damals zur Flucht Zeit, als Titus Jerusalem belagerte, und die Gegenden umher so wohl besetzte, daß keine Gelegenheit mehr vorhanden war, dem Schicksale der Stadt zu entweichen? Hier ist das Wunderbare in der Prophezeyung. Jerusalem ist in diesen Zeiten zwcymal belagert worden; zum erstenmale vom Cestius, dem Statthalter in Syrien, im 68 Jahre unsers Heilandes; zum andcrnmal^ vom Titus, vier Jahre hernach, nämlich im ?2sten Jahre. Beyder letzten Belagerung war keine Gelegenheit mehr da, zu entfliehen. TituS führte den Krieg mit einem all« zugroßen Eifer; er überfiel Jerusalem, da die ganze Nation am Ostertage in der Stadt beysammen war; niemand konnte ihm nunmehr entgehen. Die schreckliche Wagenburg, die er um die Stadt schlug, ließ den Einwohnern keine Hoffnung mehr übrig. Aber bey der Belagerung des Cestius verhielt sich solches nicht also. Er hatte sein Lager fünfzig Stadien, beynahe sechs Meilen weit von der Stadt aufgeschlagen. Seine Armee breitete sich um die Stadt herum aus, ohne sich zu verschanzen, und er führte den Krieg so nach- laßig, daß er die Gelegenheit versäumte, die Stadt einzunehmen, ob ihm gleich das Schrecken, die Meutereyen, und selbst seine heimlichen Verständnisse mit einigen in Jerusalem die Thore öffneten» Um diese in die allgemeine Geschichte. 563 Zeit war die Flucht nicht unmöglich ; die Geschichte erzählt uns auch ausdrücklich, daß viele Juden daraus flüchteten. Damals mußte man aus Jerusalem ausgehen; das war das Zeichen, welches der Sohn Gottes den Seinigen gegeben hatte. Er hat auch selbst sehr deutlich zwo Belagerungen unterschieden; eine, rro eine Mancnburg um sie geschlagen xue. seyn würde; alsdann würde für diejenigen, welche sich einschließen lassen, nichts, als der Tod, zu erwarten seyn; die andre, wo die Stadt allein mir einem x^c. Heer belagert, und so zu sagen mehr von weitem eingeschlossen, als ordentlich belagert werden sollte; alsdann war es Zeit, zu eilen, und auf die Berge zu fliehen. Die Christen gehorchten den Worten ihres Herrn und Meisters. Ob ihrer gleich in Jerusalem und Judaa viele tausende gewesen sind, so lesen wir doch weder im JosephuS* noch in andern Geschichtschreibern daß man einen einzigen bey der Einnahme Jerusalems in der Stadt angetroffen habe. Es ist vielmehr aus der Kirchengcschichte***, und durch alle Denkmaler unsrer Vorfahren bekannt, daß sie sich in die Stadt, Pella, begaben, die in einem gebirgigtcn Lande nahe bey der Wüste, an den Grenzen von Judaa und Arabien lag. Man kann daraus erkennen, mit welcher Gewißheit sie benachrichtigt gewesen sind, und es ist nichts merkwürdiger^ als diese Absonderung der ungläubigen * >lepli. II. 6e bello suä. c. -z. -4. Ubr. VI. VII. ^sosepli. lidr, II. c. 2z, 24. Lu5el,. III. UN. eccl. c. 5. IixixK. Kser. VII. Xs2ar. Lc Ab. äe xonäer. Lc meiUur. 964 Bischof Bossuets Einleitung gen Juden, von denen, die zum Christenthums bekehrt worden waren. Jene blieben in Jerusalem, daselbst die Strafe ihres Unglaubens zu leiden, und die andern flüchteten daraus, wie Loth aus Sodom, in ei> «e kleine Stadt, wo sie mit Zittern die Wirkungcnder göttlichen Rache betrachteten, vor welcher sie Gott hatte in Sicherheit bringen wollen. Außer den Weißagungen unsers Heilandes haben such verschiedne von seinen Jüngern, unter andern die heiligen Apostel,Petrus und Paulus, den Untergang der Jüden vorhergeweißagt. Wie man diese beyden glaubigen Zeugen Jesu Christi zum Tode führte, so verkündigten sie den Jüden, von welchen sie den Heiden übergeben worden waren, ihren nahen Untergang. Sie sagten zu ihnen: Ierusalem/ollce von Grund aus zerstört werden; sie sollten durch Hunger und Verzweiflung umkommen; sie sollten auf ewig aus dem Lande ihrer Varer verbannt werden, und auf der ganzen Erde Sklaven seyn; die Zeit wäre nicht weit, und alles dieses Unglück sollte deswegen über sie kommen, daß sie den geliebten Sohn Gottes, der sich ihnen doch durch so viele lVunder zu- erkennen gegeben, rnic so grausamen Versportungen verhönc hat- ren *. Das gottselige Alterthum hat uns diese Weissagung der Apostel aufbehalten, die so schleunig erfüllt werden sollte. Der heilige Petrus hat ihren Untergang auch sehr oft geweißagt; es sey nun, daß er besondre Eingebungen gehabt, oder die Worte seines Meisters nur erklärt hat. Phlegon, ein heidnischer Schriftsteller, dessen Zeugniß OrigeneS anführt, hat ange- * äiv. !Mr. Ilbr. IV. c. 22. ^ in die allgemeine Geschichte. Z65 angemerkt, daß alles, was dieser Apostel vorherverkündigt hat, von Stück zu Stück erfüllt worden sey». Es wiederfährt also den Jüden nichts, was ihnen nicht zuvor verkündigt worden ist. Ihre Verachtung des Sohnes Gottes und seiner Jünger wird uns deutlich, als die Ursache ihres Unglückes angegeben. Die Zeit der Gnade ist vorbey und ihr Untergang unvermeidlich. Es war also umsonst, Msnsiigneur, daß Ti- tus Jerusalem und den Tempel erhalten wollte. Gott hatte einmal sein Urtheil gefällt; es sollte kein Stein auf dem andern bleiben. So wie ein römischer Kaiser sich vergebens Mühe gab, den Untergang des Tempels zu verhindern, so waren die Bemühungen eines andern Kaisers noch eitler, der ihn wieder herstellen wollte. Nachdem Julian, der Abtrünnige, un- serm Heilande den Krieg angekündigt hatte, so hielt er sich für machtig genug, seine Weißagungen zu Schanden zu machen. In der Absicht, den Christen von allen Enden her Feinde zu erwecken, so erniedrigte er sich so sehr, daß er auch die Jüden ehrte, die doch ein Greuel aller Welt waren. Er ermunterte sie, ihren Tempel wieder aufzubauen; er gab unzählige Summen dazu her, und stund ihnen mit aller Gewalt des Reiches bey. Was Mr der Erfolg davon? Sehen sie, Monseigneur, wie Gott die stolzen Prinzen zu Schanden macht! Die heiligen Väter, und die Kir- chengeschichrschreiber erzählen solches einmüthig, und rechtfertigen solches durch Denkmäler, die zu ihren Zeiten * kliles. libr. iz. »4 LKron. sxuä Oriz. 1i,br. 2. conrr. ceic z66 Bischof Bossuets Einleitung ten noch übrig waren. Allein die Sache mußte durch Heiden selbst bestätigt werden. Ammicmus Marcellia- m>6, seiner Religion nach ein Heide, und ein eifriger Vertheidiger des Julianus, hat den Erfolg davon in folgenden Worten aufgezeichnet*: Unterdessen daß Alipius mit Hülfe des Statthalters der Provinz das N>erk so sehr beförderte, als er konnte, so brachen aus dein Grunde/ der vorher durch gewaltige Stöße erschüttert worden war, schreckliche Leuerklumpen herauf, und die Arbeiter, welche das lVerk fehr oft wieder anfingen, wurden zu verfchiedenenmalen verbrannt; man konnte nicht mehr zu dem Orte kommen, und mußte mir der Unternehmung aufhören. Die Kirchengeschichtschreiber, welche eine so merkwürdige Begebenheit genauer erzählen, seßen zu dem Feuer aus der Erde noch das Feuer vom Himmel hinzu. Allein endlich bestund doch das Wort Jesu Christi fest. Hier ruft der heilige Johannes Chrysosto- mus aus: Er hat seine Rirche auf einen Felsen gegründet, und nichts kann sie zerstören; er hat den Tempel zerstört, und niemand kann denselben wieder aufbauen; niemand kann dasjenige verwüsten, was Gott erbaut, und nie, mand kann dasjenige aufrichten, was Gott niederstürzet**. Wir wollen von Jerusalem und seinem Tempel nicht mehr reden. Lasset uns unsre Augen auf das Volk selbst richten , das vordem ein lebendiger Tempel , * ämm. MKrceÜ. Ubr. XXII. ult, ** vrsr. In ^ucZ. in die allgemeine Geschichte. z6y pel des Gottes Zebaoth war, und nunmehr der Gegenstand seines Hasses ist. Die Juden liegen, wenn ich so sagen darf, mehr niedergestürzt/ als ihr Tempel und ihre Stadt. Der Geist der Wahrheit ist nicht mehr unter ihnen; die Weißagung ist daselbst verloschen : die Verheißungen, aufweiche sie ihre Hoffnung gründen, sind eitel geworden; alles ist unter die- sem Volke umgestürzt, und es ist kein Stein auf dem andern geblieben. Bemerken sie doch, Monftigneur, wie tief sie in den Irrthum gestürzt sind. Jesus Chr'istuS hatte zu ihnen gesagt: Ich bin kommen in meines Va- Joh,5/4i. rers Namen, und ihr nehmet mich nicht an: So ein andrer in seinem eignen Namen kommen wird, den werdet ihr annehmen. Seit der Zeit herrscht der Geist der Verführung so sehr unter diesem Volke, daß sie noch einen jeden Augenblick bereit sind, sich von ihm hinreißen zu lassen. Das war nicht genug, daß die falschen Propheten Jerusalem in die Hände des Titus überliefert hatten; die Juden waren noch nicht völlig aus Judäa vertrieben, und es hatten viele aus liebe, die sie zu Jerusalem trugen, ihre Wohnung bey den Ruinen dieser Stadt aufgeschlagen. Nunmehr erscheint ein falscher Christ, der ihren völligen Untergang beschleunigt. Fünfzig Jahre nach der Einnahme der Stadt Jerusalem, noch in ' dem Jahrhunderte, da unser Heiland gestorben war, gab sich ein ehrloser BarchochebaS, ein Räuber und ein Bösewicht, für den Stern Jacobs/ und also 4-B.Mof. für den Meßias aus, der den Jüden unter diesem Na- >?° men im vierten Buche Mosis vorherverkündigt worden war, weil sein Name einen Sohn des Sternes bedeutete. Akibaö, der Angesehenste unter den Rabbiner», z68 Bischof Bossuets Einleitung binen, und alle andre, die die Juden, wie ihn, weise Leute nannten, hingen? der Parthey dieses Betrügers an, ohne daß der Betrüger ihnen einen andern Beweis seiner Gesandtschaft gab, als daß Akibas sagte: der Meßias könnte nicht lange mehr verziehen *. Die Iüden empörten sich im ganzen römischen Reiche unter der Anführung des Barchochebas, der ihnen die Herrschaft über die ganze Welt versprach. Hadrian ließ sechshundert tausend Mann von ihnen umbringen; , das Joch dieser Unglückseligen wurde schwerer, und sie wurden auf ewig aus Iudaa verbannt. Wer sieht nicht daraus deutlich, daß sich der Geist ahrheic nicht angenommen, daß sie selig würden; darum wird ihnen Gott kräftige Irrthümer finden, das) sie glauben den Lügen. Es ist kein Betrug so grob, von dem sie sich nicht verführen lassen. Es gab sich iir unsern Tagen im Oriente ein Betrüger für den Messias aus; alle Iüden fingen an, sich um denselben zu versammeln: wir haben es gesehen, wie sie sich in Italien, in Holland , in Deutschland, und zu Meß fertig gemacht, alles zu verkaufen, und zu verlassen, um ihm nachzufolgen. Sie bildeten sich schon ein, daß sie die Herrschaft über die Welt erhalten würden, als sie erfuhren, daß ihr Meßias ein Türkgeworden wäre, und das Gesetz Mosis verlassen hätte. Man darf nicht darüber erstaunen, daß sie in solche Ausschweifungen gerathen sind, und daß sie das Wetter * Num.!4> 17. Kuled. liist.Lccl. IV. 6. 8. lalm. Nieros. I'r. äe jejun. Lc in ver. Lom. iu^>. Miniem. Jerslfl- Klsimoiüä, libr. äs jur. reg. c. ». in die allgemeine Geschichte. 369 Wetter zerstreut hat, nachdem sie einmal vom rechten Wege abgekommen sind. Dieser Weg war ihn-'n in ihren Prophezeyungcn gewiesen worden, vornehmlich in denen, welche die Zeiten Christi bezeichneten. Sie haben diese kostbaren Augenblicke verstreichen lassen, ohne sich dieselben zu Nutze zu machen; darum sind sie auch dem Irrthume übergeben , und wissen nicht mehr, woran sie sich halten sollen. AUUNNU A U AUNRUKK Ueber die Folge der jüdischen Irrthümer, und dteArt/ wie sie die Prophezeiungen erklären. »M^önnen sie mir noch einen Augenblick , !Honsei-- gneur, damit ich ihnen die Folge ihrer Irrthümer erzählen kann. Lassen sie uns ihnen auf allen Schritten nachfolgen, die sie gethan haben, sich in den Abgrund Hu stürzen. Die Abwege, auf welchen man sich verirrt, stoßen allezeit auf die Hauptstraße, und wenn man erwagt, wo der Irrthum und die Ausschweifung ihren Anfang nehmen, so kann man desto sichrer auf dem rechten Wege gehen. Wir haben gesehen, Nlonseigneur, daß zwo Prophezeyungcn, die Weisiagung Jacobs, und die Weissagung Daniels, die Zeiten Jesu Christi bc^eicbneten. Sie bezeichneten alle beyde den Verfall des Königreichs Iuda zu den Zeiten, da der Heiland der Welt erscheinen sollte. Daniel verkündigte, daß die völlige Verwüstung desselben eine Folge des Todes A a Chtt- 57o Bischof Bossuets Einleitung Cbristiseyn würde; Jacob aber sagte mit deutlichen Worten: der Msßias, welcher alsdann kommen sollte, würde das Verlangen der Völker seyn. Das ist so viel gesagt: er würde ihr Besreyer werden, undeö sollte ein nencs Königreich entstehen, das nicht aus einem Volke allein, sondern aus vielen Völkern zusam- mengeseßt seyn würde. Die Worte der Prophezeyung können keinen andern Verstand haben, und es war die bestandige Sage unter den Juden, daß sie also verstanden werden müßten. Daher kömmt die allgemeine Meynung unter den alten Rabbinen, die man auch in ihrem Talmude findet *, daß zu den Zeiten, da Christus kommen sollte, die Juden das weltliche Regiment verlohren haben würden.Man konnte also nichts wichtigere thun, die Zeit ihres MeßiaS zu erkennen, als Achtung geben, wenn sie in diesen unglückseligen Zustand fallen würden. Sie hatten in der That auch einen guten Anfang gemacht, und wenn ihr Geist nicht mit den Gedanken von einer weltlichenGröße allmfehr eingenommen gewesen wäre, die sie an ihrem MeßiaS finden wollten, so hatten sie Jesum Christum nicht verkennen können. Der Grund, den sie gelegt hatten, war gewiß: denn so bald die Tyranney des ersten Herodes, und die Veränderung der jüdischen Republik unter seiner Regierung ihnen die Zeit des in ihren Prophezeyungen angegebenen Verfalles gezeigt hatten, so zweifelten sie gar nicht mehr, daß Christus nicht kommen müßte, und daß man das neue Reich bald sehen würde, in welchem sich alle Völker vereinigen sollten. Sie haben unter andern angemerkt, daß ihnen die Gewalt über Tod und Leben war genommen wor- » Lcm.l'r. 5-meä, c tt. in die allgemeine Geschichte. 57t worden*. Das war eine große Vcranderung,weil ihnen dieseGewalt bis Hieher allezeit gelassen worden war, sie mochten einer Herrschast unterwürfig gewesen seyn, welcher sie wollten.Sie hatten selbst inBabylon wahrend ih/ rer Gefangenschaft diese Macht gehabt. Die Geschichte Ban.», der Susanna zeigt solches zur Gnüge, und es ist eine bekannte Sage unter ihnen. Die Könige von Persien, welchesiewiedcr herstellten, ließen ihnen diese Gewalt durch eine ausdrückliche Verordnung, die wir an Esr. -5. seinem Orte angemerkt haben. Wir haben auch ge- 26. sehen, daß die ersten Seleuciden ihre Freyheiten mehr vermehrt, als eingeschränkt haben. Ich brauche hier nicht noch einmal von der Herrschaft der Maccabaer zureden, wo sie nicht allein befreyt, sondern auch ihren Feinden selbst furchtbar und überlegen wurden. Pompeius demüthigte sie, wie wir gesehen haben; er befriedigte sich aber an dem Tribute, den er ihnen auflegte, und begnügte sich daran, sie in einen solchen Stand gesetzt zu haben, daß das römische Volk im Falle der Noch mit ihm schalten könnte, wie es wollte. Er ließ ihnen aber ihren Prinzen mit aller ihrer wclcli- chenGewalt-Man weis aus dcrGeschichte,daß es dieRö- mer mir den überwundnen Völkern so machten, und sich cm der innerlichenRegicrungsart nicht vergriffen, wenn sie einem Lande ihre eingebohrnen Könige noch ließen. Kurz, die Iüden räumen ein, daß sie diese Gewalt über Tod und Leben etwa vierzig Jahre vor der leßten Zerstörung des andern Tempels verlohren haben, und es ist unstreitig wohl HerodeS gewesen, welcher den Anfang gemacht hat, ihrer Freyheit diese Wunde beyzubringen **. Denn er wollte sich an der hohen A a 2 Ver« * l'slm. tlieroiol.IraÄ, "* lolepii, 2miHU.XIV.17. 572 Bischof Bofsuets Einleitung Versammlung der Juden rächen, welche gleichsam der vom Moses gestifftete Senat, und der bestandige hohe Rath der Nation war, wo die oberste Herrschaft ausgeübt wurde.Denn er hatte sich vor dieser Versammlung stellen müssen, ehe er König geworden war. Er griff nachher diesen großen Senat an, um die oberste Gewalt allein an sich zu reißen, und nach und nach verlohr derselbe alles Ansehen, von dem ihm ioenig übrig war, als Jesus Christus auf der Welt erschien. Die Angelegenheiten dieses Senates verschlimmerten sich immer mehr unter den Kindern Herodis, bis das Königreich des Archclaus, wovon Jerusalem die Hauptstadt war, zu einer römischen Provinz gemacht, und von Statthaltern regiert wurde, die die Kaiser dahin sendeten. In diesen unglücklichen Umstanden behielten die Juden so wenig Gewalt über Tod und Leben, daß sie zum Pilatus ihre Zuflucht nehmen mußten, als sie Jesum Christum durchaus getödtet haben wollten. Als ihnen dieser schwache Statthalter zur Antwort gegeben hatte, daß sie ihn selbst zumTode verurtheilen sollten,so antwor- Ioh. -s, teten sie alle mit einer Stimme: wir dürfen nieman-- And.^' den rödren. Eben so bedienten sie sich der Gewalt 24. des Herodes, da sie dem heiligen Jacobus, dem Bruder des heiligen Johannes, das Leben nahmen, und den heiligen Apostel Petrus in das Gefängniß seßten. Als sie den Tod des heiligen Paulus beschlossen, so überlieferten sie ihn in die Hände der Römer, wie sie es mit Jesu Christo gemacht hatten, und das gotteslästerliche Gelübde einiger falschen Eifrer unter ihnen, welche geschworen hatten, daß sie nicht eher essen und trinken wollten, bis sie den heiligen Apostel umgebracht hatten, zeigt zur Gnüge, daß sie Ebenda, die Gewalt, einen gerichtlich todten zu lasse», nicht mehr in die allgemeine Geschichte. z?Z mehr zu haben glaubten. Sie steinigten zwar den Heil. StephcmuS; allein das gieng tumultuarisch zu, und war eine Folge von den aufrührischcn Empörungen, die die Römer nicht allezeit bey denen unterdrücken konnten, die sich für Eisrer für das Gesetz ausgaben. Man kann es also für eine gewisse Wahrheit ansehen, die sowohl die Geschichte, als das einmüthige Zeugniß der Jüden und der Zustand ihrer Angelegenheiten bestätigt, daß sie gegen die Zeiten unsers Heilandes, und vornehmlich gegen die Zeit, da er sein Lehramt auszuüben anfing, die weltliche Gewalt völlig verloh- ren. Sie konnten diesen Verlust nicht sehen, ohne sich nicht der alten Weißagung Jacobs zu erinnern, welche ihnen prophezeyte, daß zu den Zeiten des Meßias weder Gewalt, noch Ansehen, noch eine oberkcitliche Macht mehr unter ihnen seyn würde. Einer von ihren alten Schriftstellern merkt solches an, und er hat Recht, wenn er gesteht, daß der Scepter damals nicht mehr inJuda gewesen wäre.Er merkt mudieHaupter des Volkes hatten kein Ansehen mehr gehabt, weil ihnen die öffentliche Gewalt entzogen worden wäre; das Syne- dn'um hätte seine Gewalt verlohren, und die Glieder dieser großeil Versammlung wären nicht mehr als Richter, sondern als bloße Lehrer des Volkes anzusehen gewesen *. Es war also nach ihrem Gestandnisse selbst Zeit, daß Jesus Christus erschiene. Wie sie also dieses gewisse Zeichen von der nahen Ankunft dieses neuen Königs sahen, dessen Reich sich über alle Völker erstrecken sollte, so glaubten sie, daß er in der That bald kommen würde. Das Gerüchte breitete sich in allen Gegenden umher aus, und man war im ganzen Oriente überredet, daß die Zeit nicht Aa z fern * IraA. voc. msgns. L-en. leu comm.in Leu. Z74 Bischof Bossuets Eiuleitung fern mehr wäre / wo aus Judaa der Beherrscher der ganzen Erde herkommen würbe. Tacitus und Svetonius erzählen dieses Gerüchte, als eine Sache, die durch eine allgemeine Meynung, und durch eine alte Weißagung bestätigt worden sey, die man in den heiligen Büchern des jüdischen Volkes finde *. Diese Bücher stunden im ganzen Oriente in einem großen Ansehen; denn man hatte gesehen, daß die Weißagungen derselben bey so vielen Gelegenheiten ersüllt worden waren. Die Juden, die auf die Umstände noch mehr Acht hatten, die in den Schriften des alten Bundes vornehmlich zu ihrem Unterrichte aufgeschrieben worden waren erkannten die Zeiten des Meßias, die Jacob in Hie Zeit ihres Verfalles gesetzt hatte. Es waren also die Anmerkungen richtig, die sie über ihren Zustand machten; sie irrten in Ansehung der Zeit des Meßias nicht, und sie erkannten, daß er dazumal kommen müßte, als er wirklich gekommen ist. Allein wie groß ist nicht die Schwachheit des menschlichen Verstandes! Wie unvermeidlich ist die Blindheit des Menschen, wenn er eitel ist! Die Niedrigkeit des Erlösers verbarg diesen Hochmüthigen die wahre Größe, die sie an dem Meßias suchen sollten! Sie wollten/ daß er ein König , wie andre Könige der Erde, seyn sollte! Darum sagten die Schmeichler des ersten Herodes, die von der Größe und Pracht dieses Prinzen verblendet waren, der, ungeachtet seiner Tyrannei), Judäa bereicherte, Matth,-/'6 er wäre dieser so oft vexsprochne König"*. Dieses Marc.z,i6 >z,iz. » » 8uet. Veü>-i5.1'zc. Ilbr.V. IiIK. c, iz. lolepk. äe bello Jucl. VII. ii. ^leZellpp 6e exclä. ^er. V. 45. LxixK. Ilbr. I. N-r. so. Hero^. in die allgemeine Geschichte. z?5 gab zu der Secte der Herodianer ?lnlaß, von denen so oft im Evangelio geredet wird, lind die auch den Heiden bekannt gewesen sind. Persius und sein Scho- liast berichteil uns, daß die Geburt des Königes He- M rodes, noch zu den Zeiten des Kaisers Nero, von sei- nen Anhängern eben so feyerlich, als der Sabbath, be- ' gangen worden sey *. Josephus verfiel in einen ähnlichen Irrthum. Dieser Mann war, wie er selbst sagt, in den jüdischen prsphezeyuNIen unterrichtet; ex war selbst ein Priester, und kam aus dem priesterlichen Geschlechte her. Er erkannte die Wahrheit, daß die Ankunft des vom Jacob vcr- sprochnen Königes in die Zeiten des Herodes einfiel; er giebt sich selbst so viele Mühe, uns den offenbaren Anfang von dem Verfalle der jüdischen Republik zu zeigen **. Allein wie er bey seiner Nation nichte fand, das seinen hochmüchigen Vorstellungen von seinem Meßias gemäß war, so setzte er die Zeit der Prophe- zeyung ein wenig weiter hinaus. Er deutete sie auf den Vespasian, und versicherte, daß diese N)eißagung der 6chrift auf diesen Raifer gienge, welcher in Iu- daa dazu ausgerufen worden war So verdrehte er die heilige Schrift, seiner blinden Schmeichcley dadurch ein Ansehen zu geben, die die Hoffnung Jacobs und Judä auf Fremde übertrug, welche im Vespasian den Sohn Abrahams und Davids suchte, und einem abgöttischen Prinzen den Namen desjenigen zueignete, dessen Erleuchtung alle Heiden von der Abgötterey bekehren sollte» Aa4 Die * ?sr5. 8- vet. Scliol. 8^r.V. n.iZs. lolepk. äs bello luäaico III. 14. lolexk. Ildr. III. «le bello luä. 14. VIZ l?. Z76 Bischof Bossuets Einleitung Die Umstände der damaligen Zeit waren ihm günstig. Allein indem er dasjenige, was Jacob vom Meßias gesagt hatte, auf den Vespasian deutete, so zo, gen solches di« Eisrer, welche Jerusalem vertheidigten, auf sich selbst. Auf diesen einzigen Grund bauten sie die Hoffnung, nach welcher sie sich die Herrschast über die ganze Welt versprachen, wie Josephuö erzählt ^, Sie wareil darinnen noch vernünftiger als er; zum wenigsten suchten sie die Erfüllung der Verheis- sungen, die ^hren Vätern geschehen waren, nicht ausser ihrer Ration. Wie kam es doch, daß sie die Augen nicht öffneten, und die Früchte, welche die Verkündigung des Evan- gelii auf der Erde trug, und das neue Reich nichr sahen, welches Jesus Christus in der. Welt aufrichtete? Was konnte schöners seyn, als ein Reich, wo die Frömmigkeit herrschte, wo der wahre Gott über die Abgöt- terey triumphirte, und wo das ewige Leben den ungläubigen Nationen verkündigt wurde? War nicht das Reich der Kaiser nur ein eitles stolzes Blendwerk in Vergleichung mit diesem Reiche? .Doch es war in den Augen der Welt nicht glänzend genug. Wie groß muß nicht die Kenntniß von der Eitelkeit der menschlichen Grösse und Hoheit seyn, wenn man Jesum Christum erkennen will! Die Juden wußten die Zeit seiner Ankunft; sie sahen, daß die Völker nach der Weißagung Jacobs durch Jesum Christum und seine Jünger zu dem Gotte Abrahams berufen wurden; und dennoch verkannten sie diesen Jesum, der ihnen durch so viele Zeichen bekannt geinacht worden war. Und ob er gleich vor seinem Tode, und nach seiner Auferstehung seine Gesandtschaft durch so viele * Ibiä. Ilbr. VII. in die allgemeine Geschichte. 577 viele Wunder bestätigt hatte, so verwarfen ihn dennoch diese Verblendeten, weil er nur diejenige wahre Größe und Hoheit besaß, die von allem äußerlichen Pompe entblößt ist, der in die Sinne fällt, und weil er mehr in der Absicht kam, ihren blinden Hochmuth zu verdammen, als ihn zu rechtfertigen und zu befriedigen. Zuweilen schien es, als ob sie, ungeachtet ihrer Blindheit, von den Umständen der Zeit gezwungen würden, ihre Vorurtheile fahren zu lassen. Alles xuc schickte sich zu den Zeiren unsers Hcilandes zur Offen-Jod- barung des Mesiias so deutlich an, daß sie auf die Vermuthung fielen, Johannes, der Täufer, könnte es wohl seyn. Seine strenge, außerordentliche, und verwundsrnswürdige Lebensart machte sie aufmerksam, und ob ihm gleich die weltliche Hoheit mangelte, so schien es doch Anfangs, als ob sie sich mit dem Aufsehen begnügen wollten das diese so erstaunenswerthe Lebenö- o.t machte. Das Leben unsers Erlösers hatte eine edle Einfalt an sich, und machte nicht so viel Aufsehen, schreckte aber auch diese sinnlichen und dabey stolzen Geister ab, welche nur durch die Sinne gewonnen werden konnten, und so weit von einer aufrichtigen Bekehrung entfernt waren, daß sie nichts bewundern wollten, als was sie für unnachahmlich ansahen. Man glaubte also dem heiligen Täufer Johannes nicht, den man für würdig hielt,der Meßias zu seyn, als er ihnen den wahren Christus zeigte, nnd Jesus Christus, den man nachahmen mußte, wenn man an ihn glauben wollte, schien den Jüden allzuniedrig zu seyn, als daß man ihm anhangen sollte. Unterdessen war der Eindruck der Wahrheit, daß Jesus Christus um diese Zeit erscheinen sollte, so stark bey ihnen, daß er beynahe ein ganzes Jahrhundert jn i., Aas ihren 578 Bischof Bosiuets Einleitung ihren Gemüthern unverändert blieb. Sie glaubten, daß die Erfüllung der Prophezeyungen einen gewissen Umfang haben könnte, und nicht allezeit ganz in einen genau bestimmten Zeitpunkt eingeschlossen seyn m/ißte, so daß beynahe hundert Jahre hindurch von nichts als falschen Christen, die sich AnHanger machten, und falschen Propheten, die sie ankündigten, geredet wurde. In den vorhergehenden Jahrhunderten war so etwas nicht gesehen worden, und die Iüden verschwendeten den Namen Christus weder an den Judas Maccabaus, der über ihren Tyrannen so viele herrliche Siege davon trug, noch an seinen Bruder Simon, der sie vom Joche der Heiden befreyte, noch andenHircan, der feine Eroberungen noch weiter ausbreitete. Die Zeiten, und die andern Kennzeichen des Meßias trafen hier nicht ein; es wurde nur in dem Jahrhunderte Jesu Christi von so vielen falschen Heilanden geredet. Die Samaritaner, welche im Pentateuchus die Weißagung Jacobs lasen, hatten ihre falschen Meßias sowohl, als die Iüden, und kurz nach dem Tode unsers Heilandes erkannten sie ihren Dosi- theus dafür*. Simon, der Zaubrer, der aus eben diesem Lande gebürtig war, rühmte sich auch, Gottes Sohn zu seyn, und Menander, sein Schüler, gab sich für den Erlöser der Welt aus. Da Christus noch lebte, hatte das samaritanische Weib geglaubt, daß Ioh. 4, -5> der Meßias kommen sollte; so allgemein war k^X^ unter der Nation, und unter allen deneu, die die Weißagung Jacobs lasen, daß der Heiland der Weit in diesen Zeiten kommen müßte. Als aber die Zeit 'so weit verflossen war, daß man keine Hoffnung mehr haben konnte> und die Jü- " >"> ' ,> dm * OriZ. In rraA. 17. in IVlacrli. Iren. 1.10. !l. m die allgemeine Geschichte. 379 den aus der Erfahrung sahen, daß alle die Meßias, denen sie gefolgt waren, sie nur riefer in ihr Unglück gestürzt hatten, anstatt sie davon zu befreyen: So erschienen lange Zeit keine neuen Christi unter ihnen, und Barchochebas ist der letzte, den sie in den ersten Zelten des Christenthums dafür erkannt haben. Allein der alte Eindruck konnte nicht so bald verlöschen. Anstatt zu glaube:;, daß der Meßias erschienen wäre, wie sie zu Hadrianus Zeiten noch thaten, so gcriethen sie unter den Antoninen, seinen Nachfolgern, auf den Einfall, zu sagen, daß ihr Meßias in der Welt wäre, ob er sich gleich noch nicht öffentlich zeigte, weil erden Propheten, Elias, erwartete, der ihn einweihen sollte» Diese Sage war zu den Zeiten des heiligen Iustinus unter ihnen gemein, und wir finden auch in ihrem Talmud die Lehre eines ihrer ältesten Rabbinen,' welcher sagte: Jesus Christus wäre gekommen, wie solches in den alten Prophezeiungen verkündige worden wäre; allein er hielte sich irgend wo in Rom unter den armen Bettlern verborgen*. Eine solche träumerische Einbildung konnte in den Gemüthern keinen Eingang finden. Die Juden stürzten sich in einen andern Abgrund, und sahen sich gezwungen, zu gestehen, daß der Meßias zu den Zeiten nicht gekommen wäre, wo sie ihn mit Rechte, nach ihren alten Prophezeiungen zu urtheilen, erwartet hätten. Es fehlte wenig, daß sie ihre Hoffnung auf den Meßias, der nicht zur bestimmten Zeit gekommen war, völlig aufgaben. Viele folgten einem berühmten Rabbi, dessen Worte im Talmude noch aufbehalten worden sind. Er sah, daß die Zeit schon so weitver- ' flössen * lum'n. sävers. Ii^plion. K.Iuäü» SI-U5 I>vi> 6em. 8än. XI. z8s Bischof Bsssuets Einleitung fiossen war, und schloß daraus, daß die Istaeliten nicht mehr auf den Meßias hoffen dürften, indem er ihnen in der Perlon des Königes Eze- chias schon gegeben worden ware^. Doch in der That hat diese Meynung bey den Juden keinen Beyfall gesunden, sondern ist vielmehr verabscheut worden. Allein weil sie in der Kenntniß der in ihren Prophezeyungen angegebnen Zeiten nicht mehr fortkommen konnten, und nicht wußten, wie sie sich aus diesem Jrrgange herausfinden sollten, so haben sie in ihremTalmude aus folgenden Worten einen Glaubensartikel gemacht: Alle Zeiten, die von der Ankunft des Meßias angegeben worden sind, sind verflossen, und daher haben sie einmüchig den Ausspruch gethan: Verflucht seyn diejenigen, welche die Zeiten des Meßias berechnen werden^: So verlaßt ein Steuermann in einem Sturme, der sein Schiff von seiner Straße verschlagen hat, voll Verzweiflung seinen Compaß und seine Ausrechnungen, und laßt es hintreiben, wo es der Zufall hinführen will. Seit der Zeit haben sie sich nur darauf beflissen, den Prophezeyungen auszuweichen, in welchen die Zeit des Meßiaö angegeben ist. Sie haben es nicht geachtet, alle Traditionen ihrer Väter über den Haufen zu werfen, wofern sie nur den Christel, diese herrlichen Prophezeyungen nehmen könnten, und sie sind so weit gegangen, daß sie auch gesagt haben, die Weißagung Jacobs gienge nicht auf den Meßias. Allein ihre alten Schriften strafen sie Lügen. Diese Prophezeyung wird im Talmude vom Meßias verstanden, * K. «illel. ib. ädran. 6e c. 5!dei. Lern. 8an. c. X. ^loles Usimoniä. in Lxir...lalm. I5. ^brsn. äe cax. üä. in die allgemeine Geschichte. ?8i standen, und unsre Erklärung wird man in ihren Pa- raphrasten, in ihren ältesten, und angesehensten Auslegern finden*. Wir lesen daselbst die eigentlichen Worte, daß das Haus und Königreich Iuda, das einmal die ganze Nachkommenschaft Iuda und das ganze Volk Israels ausmachen würde, allezeit Richter und Meister, bis ans den Meßias haben sollte. Alsdann würde aus allen Völkern ein neues Königreich entstehen. Das ist das Zeugniß, welches noch in den ersten Zeiten des Christenthums die berühmtesten Lehrer unter den Juden ablegten, deren Aussprüche für gültig angenommen wurden. Die alte Tradition, die so fest und so wohl bestätigt war, konnte nicht sogleich vertilgt werden, und obgleich die Iüden die Weißagung Jacobs nicht auf Christum deuteten, so leugneten sie doch nicht, daß sie aufden Meßias gienge; so weit gieng ihre Kühnheit noch nicht. Sie verfielen erst lange nachher in diese Ausschweifung, und sie erkannten, da die Christen so sehr in sie drangen, daß ihre Tradition wider sie wäre. Was die Prophezeyung Daniels anbetrifft, wo die Ankunft des Meßias in den Zeitpunkt von 49Q Jahren eingeschlossen ist, wenn man nämlich vom zwanzigsten Jahre der Regierung Artarerxes, des Langhändigen, an rechnet; so führte dieser Zeitpunkt gegen das Ende des vier tauscndenIahres derWelt.Nun ist es aber auch eine sehr alte Sage unter den Iüden,daß der Meßias gegen das Ende des Viertausenden Jahres der Welt, ungefähr zween tausend Jahre nach dem Patriarchen Abraham, erscheinen würde. Ein Elias, dessen Namen * Lem. l'raÄ, 8aneä. c. XI. kargxlir. OnKelos, IoNa- nan Lc ^erolol. V. ?oIxZ> ^n^I. z82 Bischof Bossuets Einleitung men unter den Juden groß ist, der aber nicht der Prophet ist, hatte solches vor der Geburt unsers Heilandes gelehrt, und der Talmud hat uns diese Tradition aufbehalten. Sie haben gesehen, N^ionseigneur, daß dieser Zeitpunkt bey der Ankunft unsers Heilandes zu Ende gegangen, weil er in der That zween tausend Jahre nach Abraham, gegen das viertausende Jahr der Welt erschienen ist. Unterdessen haben ihn die Juden nicht erkannt; weil ihnen ihre Hoffnung fehlgeschlagen ist, so sagen sie, daß ihre Sünden die Ankunft des Meßias verzögert hätten. Gleichwohl aber sind unsre Data nach ihrein eignen Geständnisse rich- tig,und die Blindheit ist allzugroß,wcnn sie sagen,daß die Menschen an der Verzögerung der Zeit schuld ßnd, die Gott so genau im Propheten Daniel bezeichnet hat*. Das stürzt sie in eine noch größre Verwirrung, daß dieser Prophet die Zeit Christi bis auf die Zeit vor der Zerstörung Jerusalems gehen laßt, so daß, wenn diese letzte Zeit verflossen ist, die vorhergehende auch verflossen seyn muß. Iosephus ist hier in einen groben Irrthum verfallen. Er hat die Wochen richtig gezählt,nach welchen der Untergang des jüdischen Volkes erfolgen sollte, und als er gesehen, daß sie zu der Zeit zu Ende gegangen, als Titus die Stadt belagerte, so glaubte er gewiß, daß die Zeit der Zerstörung Jerusalems gekommen wäre. Allein er überlegte nicht, daß vor dieser Zerstörung die Ankunft und der Tod Jesu Christi vorhergehen sollte. Er verstund also diese Prophe- zeyung nur halb. Die * Lem. 1>z!r. Lan. c. XI. m die allgemeine Geschichte. 585 Die Juden, die nach ihm gekommen sind, haben diesem Mangel abhelfen wollen. Sie haben einen Agrippa, einen Abkömmling des Herodes, ersonnen, den die Römer, wie sie sagen, kurz vor der Zerstörung der Stadt Jerusalem umgebracht haben. Sie geben vor, daß dieser Agrippa, der als ein König, ein Christ, oder Gesalbter sey, der Christus wäre, von dem im Propheten Daniel geredet wird. Ein neuer Beweis von ihrer Blindheit! Denn außerdem daß dieser A- grippa weder der Gerechte, noch der Allerheiligste, noch das Ende aller Weißagungen seyn kann, wie es der vom Daniel an diesem Orte bezeichnete Christ seyn sollte; ausserdem daß auch dieser Tod das Agrippa, woran die Juden unschuldig waren, nicht die Ursache ihres Unterganges seyn kann, wie Daniel an dem angeführten Orte solches sagt: so ist das alles, was die Iüden hier sagen, ein Märchen. Dieser Agrippa, der vom HerodeS abstammt, ist stets auf der Seite der Römer gewesen; die Kaiser haben ihm bestandig wohl begegnet, und er herrschte lange Zeit nach der Einnahme Jerusalems noch in einem Theile des jüdischen Landes, wie solches Iosephus und seine andern Zeitgenossen bezeugen *. Was also die Iüden nur erdichten, den Prophezeiungen einen andern Verstand zu geben, das macht sie nur mehr zu Schanden. Sie selbst messen so groben Erfindungen keinen Glauben bey, und ihre beste Vertheidigung ist das Gesetz, das sie angenommen haben , die Tage des MeßiaS nicht zu zahlen. Dadurch verschließen sie ihre Augen freywillig vor der Wahrheit, * Jolepli. lidr. VIl. äe Kell. juä> ^uttui l'lksriu? Li' i-IiorK. kliorli coä, ?z. z84 Bischof Bossuets Einleitung hcit, und entsagen den Prophezeyungen, wo der Heilige Geist selbst die Tage des 'Messias gezählt hat: Allein indem sie ihnen entsagen, so erfüllen sie dieselben, und bekräftigen die Wahrheit von dem, was sie von der Blindheit und dem Falle der Juden sagen. Sie mögen auf die Prophezeyungen antworten, was sie wollen; die Zerstörung, welche die Weissagungen vorherverkündigten, ist zu bestimmter Zeit erfolgt; der Erfolg ist ein stärkrer Beweis, als alle ihre Spißsündigkciten, und wenn der Meßias in diesen unglückseligen Zeiten nicht gekommen ist, so sind sie von den Propheten hintergangen worden» Damit wir sie völlig überzeugen, so wollen wir zween Umstände anmerken, die ihren Untergang und die Ankunft des Meßias begleitet haben. Der eine Umstand ist dieser: die beständige, und seit den Zeiten Aarons ununterbrochne Folge der Hohenpriester hörce dazumal auf. Der andre Umstand ist dieser: die Stamme und Familien, die bis auf diese Zeiten von einander beständig unterschiedeil worden waren, vermengten sich unter einander, und aller Unterschied zwischen ihnen gieng, ihrem eignen Geständnisse nach, verlohren. Dieser Unterschied war bis auf die Zeiten des Messias nothwendig. Aus dem Stamme Levi sollten die Diener im Heiligthume herkommen. Aus dem Geschlechte Aarons sollten die Priester und Hohenpriester gebohren werden. Aus dem Stamme Iuda sollte der Meßias selbst hervorgehen. Wenn die Familien nicht bis auf den Untergang der Stadt Jerusalem und die Ankunft Jesu Christi von einander unterschieden gewesen mären, so würden die jüdischen Opfer vor der Zeit Untergängen seyn, und David wäre der Ehre beraubt worden, für den Vater des Messias in die allgemeine Geschichte. sias erkannt zu werden. Ist der Meßias gekommen; ist das neue Pricsterthum nach der Weise Melchise- dccs in seiner Person angegangen, und ist das neue Reich, das nicht von dieser Welt war, angerichtet worden: So sind weder Aaron, noch Levi, uochIuda, noch David, noch ihre Familien weiter nöthig. Was Dan>5,»A soll Aaron zu der Zeit noch, da nach dem Daniel die Opfer und Speisopfer aufhören sollen ? Das Schicksal des Hauses Davids und des Stammes Iuda ist vollendet, so bald der Christ des Herrn daraus hergekommen ist, und da die Juden ihrer Hoffnung selbst entsagten, so vergaßen sie gerade zu der Zeit die Folge und Ordnung der Familien, die bis dahin so heilig und sorgfältig erhalten worden war. Wir wollen eins, von den Merkmalen der Ankunft des Meßias, nicht vergessen, das vielleicht das vornehmste ist. wenn nur es recht zu verstehen wissen, Dir haben -,5. keinen andern Rönig, denn'den Raijer. Der Job. 19,15. ^leßias wird dein Rönig nicht seyn; behalte, Rom. », »5. was du Sir erwahlr hast; bleib ein Sklave des Kaisers und der Zxönige, bis daß die Lulle der Heiden eingegangen sey, und ganz Israel erlöst werde. s^x > ^ ^> /»i >^ Von der Bekehrung der Heiden, durch das Kreuz Jesu Christi. ANie Bekehrung der Heiden -war die andre große Begebenheit, welche sich zu den Zeiten des Meßias zutragen, und ein gewisses Merkmal seiner Ankunft seyn follte.Wir haben gesehen, daß solches die Propheten deutlich vorherverkündigt haben. Ihre Versprechungen sind in den Tagen unsers Heilandes erfüllt . worden. Was die Philosophen sich nicht unterstanden haben, was weder die Propheten, noch das in die allgemeine Geschichte. Z91 das jüdische Volk, zu den Zeiten, wo es in einer voll- kommnen Sicherheit und in einem untadclichen Glauben lebte, ausrichten tonnen, das thaten dazumal, nicht früher und nicht später, zwölf Fischer, die Jesus Christus sendete, und welche selbst Zeugen seiner Auferstehung gewesen waren. Denn die Bekehrung der Welt sollte weder ein Werk der Philosophen, noch der Propheten seyn; es war Jesu Christo vorbehalten, und eine Frucht seines Kreuzes. Christus und seine Apostel mußten freylich aus den Juden kommen, und die Verkündigung des Evangc- lii mußte zu Jerusalem ihren Anfang nehmen. LLs Ies.., wird zur leyten Zeit der Berg, rvo des Herrn Haus ist, gewiß höber seyn, denn alle Berge, und über alle Hügel erhaben werden. So sagt Iesaias; dieser Berg sollte die christliche Kirche seyn. Alle Heiden werden dazu laufen und viele Völker hingehen, und sagen: kommet, laßt uns auf den Derg des Herrn gehen. Zu der Zeit wird Cbend.v.17. der Herr allein hoch seyn, und mit den Göczen wird es ganz auswerden. Allein Iesaias, der alles dieses gesehen hat, sah zu gleicher Zeit, daß das ^ Gesey von Zion ausgehen, und von Ierulalem das N)orc des Herrn kommen würde; darum sagte unser Heiland, daß das Heil von den Juden I0H.4,2-. kommen sollte. Es war Gott anständig, das neue Licht, mit welchem die abgöttischen Völker dereinst erleuchtet werden sollten, von dem Orte ausgehen zu lassen, wo es immer gewesen war. In Jesu Christo, dem Sohne Abrahams und Davids, sollten alle Völker gesegnet und geheiligt werden. Wir haben solches oft angemerkt; allein wir haben die Ursache noch nicht angegeben, warum dieser leidende, dieser gekreuzigte und erniedrigte Jesus der einzige Urheber der Bb 4 Hei- 592 Bischof Bossuets Einleitung Heidenbekehrung, und der einzige Ueberwinder der Ab- göttercy seyn sollte. Der heilige Paulus hat uns dieses große Geheimniß im ersten Capitel seines 'ersten Briefes an die Co- rinther erklärt; wir wollen diese schöne Stelle in ih, i Cor.r, 17. ganzen Zusammenhange betrachten. Christus, xy..9.io.-> sagt er, bat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen: nicht mit klugen N)orren, aufdaß nicht das Rreuz Christi zunichte werde. Denn das tVorr vom Zxreuze ist «ine Thorheit denen, die verlohren rverdenzuns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotreskrafr. Denn es stehet geschrieben: Ich will zunichte machen.die Weisheit der lVeisen, und den verstand der Verständigen will ich verwerfen. N?o sind nun die klugen? Jes.29,14. t",d die Schrisrgelehrten? N)o sind die zzz-8. VOelrwcisen ? Hat nicht Gorr die tVeisheir dieser N)elc zu Schanden gemacht? Ohne Zweifel, weil sie die Menschen nicht aus ihrer Unwissenheit herausreißen können. Paulus giebt die Ursache davon deutlich an. Dieweil die TVelr durch ihre lVeisheit Gort in seiner lVeisheit nicht erkannte, das ist, weil sie ihn in seinen Creaturen, die er so weislich eingerichtet hatte, nicht kennen lernte, so erwählte Gott einen andern Weg, so gefiel es ihm wohl, durch thörichte predigt selig zu machen die, so daran glauben. "Das ist die Predigt vom Kreuze, die ein Geheimniß ist, wo die menschliche Weisheit nichts begreifen kann. Das ist ein neues und bewunderungswürdiges Vorhaben der göttlichen weisen Vorsehung! Gott hatte den in die allgemeine Geschichte. 59Z den Menschen in die Welt gesetzt, wo die Weisheit ihres Schöpfers aus der Größe, aus dem Reichthums, und aus der herrlichen Einrichtung seines Werkes hervorsirahlte, er mochte seine Augen hinwenden, wo er hinwollte. Der Mensch hat ihn unterdessen verkannt; die Creaturen, die sich ihm zeigten, damit er seinen Geist noch höher erheben sollte, fesselten ihn an sich; der blinde und sinnlose Mensch diente ihnen, und er war nicht einmal zufrieden, daß er Gottes Werk anbetete; sondern er betete so gar das Werk seiner Hände an. Er nahm Fabeln an / die weit lacherlicher sind, als die Märchen, welche man Kindern erzählt: er hat die Vernunft vergessen, nunmehr will ihn Gott noch aufcine andre Art sie vergessen lehren. Ein Werk, dessen Weisheit er empfinden konnte, rührte ihn nicht; ihm wird also ein andres Werk gezeigt, wo sich seine Vernunft verliert, und wo ihm alles Thorheit zu seyn scheint: Das ist das Kreuz Jesu Christi. Mit seiner Vernunft versteht er dieses Geheimniß nicht; er zCor-lo,^5. muß alle Vernunft umer den Gehorsam des Glaubens gefangen nehmen/ und alle Anschlage, und alle Höhe zerstören, die sich wider die Erkenntniß Gocres erhebet. lind in der That was begreifen wir dein, in diesem Geheimnisse, wo der Herr der Ehre mit Schande überhäuft, wo die göttliche Weisheit als Thorheit angesehen wird, und wo derjenige > der in sich selbst seiner natürlichen Größe gewiß ist, es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu seyn, Philipp. sich stlbst geäußert, Zxnecht.'Sgestalc angenom- ^' men, sich selbst erniedriger har, und bis zum Tode, ja bis zum Tode am Zxreuze gehorsam worden ist i Hier verlieren sich alle unsre Gcdan- Bb 5 ken, 594 Bischof Bossuets Einleitung ken, und es kann denen, die nicht von Gott erleuchtet sind, nach dem Aussprnche Pauli nichts thörichter seyn, als dieses Geheimniß. So war das Gegenmittel beschaffen, das Gott wider die Abgötterey brauchen wollte. Er kannte den Geist des Menschen; er wußte, daß ein Irrthum, der durch die Vernunft nicht eingeführt worden war, auch durch die Vernunft nicht geheilt werden konnte. Es giebt Irrthümer, in welche wir verfallen, indem wir die Vernunft gebrauchen; man verwirrt sich zuweilen, indem man die Kräfte der Vcnmnft allzuheftig anstrengt: Allein die Abgötterey war durch eine ganz entgegengesetzte Ausschweifung eingerissen, indem der Mensch alleVernunft unterdrückt hatte, und sich von den Sinnen beherrschen ließ, die allen Dingen die göttlichen Eigenschaften geben wollten, von denen er gerührt wurde. Dadurch war ihnen die Gottheit sichtbar und sinnlich geworden. Die Menschen hatten ihr ihre Gestalt, und, was noch schändlicher war, ihre iastcr und Leidenschafren gegeben. Die Vernunft war an einem so viehischen Irrthume nicht schuld. Das war ein Umsturz des gesunden natürlichen Verstandes, ein Unsinn, eine Raserey. Redet einmal mit einem Unsinnigen, und mit einem Menschen, den ein hitziges Fieber zu Ausschweifungen des Verstandes bringt; redet mit einem solchen Menschen vernünftig; ihr werdet das Uebel nur mehr reizen und unheilbar machen. Man muß bis auf den Grund des Uebels dringen, das Temperament wieder einrichten, und die Säfte beruhigen, deren Heftigkeit und Gewalt solche Ausschweifungen veranlaßt. Die Vernunft kann also wider die Raserey der Abgötterey nichts helfen. Was haben die Philosophen mit ihren prächtigen Reden, mit ihrer in die allgemeine Geschichte. 595 ihrer erhabnen Schreibart, und mit ihren Vernunftschlüssen ausgerichtet, die sie mit so vieler Kunst zu- jammcngeordnet hatten? Hat Plato wohl mir seiner Beredsamkeit, die man für göttlich gehalten, einen einigen Altar umgestürzet, wo diese ungeheuren Gottheiten angebetet wurden? Er, und seine Schüler und alle Weisen der Welt haben den Lügen geopfert: Sie sind in ihrem Dichten eitel worden, und Rom, i,«. ihr unverständiges Herz ist verfinstert, und da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden, weil sie wider ihre Einsicht die Creaturen angebetet haben. Hat also der heilige Apostel nicht Recht in unsrer Stelle auszurufen: Wo sind nun die Klugen. Wo sind die Schristgclchrten? Wo sind die Weltweisen? Sind sie auch nur auf die Vermuthung gefallen, daß man sich solchen Gotteslästerungen widersehen, und, ich will nicht sagen den Tod, sondern nur das geringste Leiden für die Wahrheit erdulten müßte. Weit gefehlt, daß sie dieses gethan haben; sie haben vielmehr die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufgehalten, Rom. i,is. und als einen Grundsah angenommen, daß man in Sachen der Religion dem Volke folgen müßte. Das Volk, das sie so sehr verachteten, ist in der wichtigsten Sache ihre Richtschnur gewesen, wo doch ihre Einsicht und Vernunft am nothwendigsten zu seyn schien. Wozu hast du also gedient, oPhilosophie? Hat nicht i und die Schwachheit, die sie beglei^et,sein Werk ist; denn , ob sie gleich nicht in den ersten Entwurf Gottes gehörte, so war sie doch eine gerechte Strafe der Sünde und wegen dieser Eigenschaft ein würdiges Werk der göttlichen Gerechtigkeit. Gott hat sie also gewürdigt, sie anzunehmen, und da er die Strafe der Sünde, ohne die Sünde selbst angenommen, so hat er dadurch gewiesen, daß er nicht ein Schuldiger, den man bestraft^ sondern der Gerechte wäre, der die Sünden der andern versöhnte. Die Menschen legten ihren Göttern alle -Laster bey; in diesem Gottmenschen aber erschienen alle Tugenden, und damit sie in den größten Versuchungen, und also in ihrem größten Glänze erscheinen möchten, so zeigten sie sich mitten unter den schrecklichsten Martern. Wir wollen also keinen andern sichtbaren Gott mehr suchen als diesen; er ist aklein würdig, alle Götzenbilder umzustürzen; den Sieg, den er davon tragen sollte, gewann er durch sein Kreuz. Dieser Sieg ist also mit einer scheinbaren Thorheit verbunden. Denn die Iüden, fährt der heilige Apo- »Cor.1,-2. stel fort, verlangen Zeichen. Gott sollte die Na- 2j> u> f. hewxgM^ wie er bey ihrem Ausgange in Aegyptcn gethan hatte, und sie auf eine sichtbare Weise über ihre Feinde erheben. Allein die Griechen fragen nach lVeisheir, und nach Reden voll Kunst, wie die Reden des Plato und des Sokrates waren. N>lr aber, fährt der Apostel fort/ wir predigen den getreu. in die allgemeine Geschichte. Z99 zigren Christum, den Juden ein Aergerniß und den Griechen eine Thorheit. Denen aber, die berufen sind, beyde den Juden und Griechen, predigen wir Christum,göttliche Rrafr und göttliche iVeisheit; denn die göttliche Thorheit ist weiser, denn die Nlenschen sind, und die göttliche Schwachheit ist starker, denn die Menschen sind. Das ist also der letzte Streich, der unsre stolze Unwissenheit niederschlagen mußte. Die Weisheit, zu der man uns fuhrt, ist so erhaben, daß sie unsrer Weisheit eine Thorheit zu seyn scheint, und ihre Gesetze sind so erhaben, daß uns alles davon ausschweifend vorkömmt. Allein wenn uns die göttliche Weisheit gleich in sich selbst unbegreiflich ist, so äußert sie sich doch durch ihre Wirkungen deutlich genug. Es geht eine Kraft aus dem Kreuze aus, und alle Götzenbilder werden erschüttert. Wir sehen sie niederstürzen, ob gleich die ganze römische Macht dieselben aufrecht zu erhalten sucht. Das sind die Weisen, das sind die Edlen, das sind die Gewaltigen nicht, die ein so großes Wunder gethan haben. Das Werk Gottes ist ganz sein Werk, und was er durch die Erniedrigung seines Sohnes angefangen hat, ist durch die Erniedrigung seiner Jünger vollendet worden. Sehet an, lieben Brüder, so beschließt der Apostel Paulus seine vortreffliche Rede, scher an euern Beruf; nicht viel i Cor. r, -5. lVeise nach dem Fleische, nicht viel Gewalri- ge, nicht viel Edle sind berufen: Sondern was thöricht ist vor der N?elt, das h^.c Gott er- wählt, daß er die N?eifen zu Schunden mache, . und was sckwach ist vor der lVely das l>;e Gorr erwählt, daß er Zu Schanden mache, was 4OO Bischof Bossuets Einleituttg was stark ist, und das Unedle und das Verachtete vor der lVelt hac Gort erwählt, und das da nichts ist, daß er zu Schanden mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme. Die Apostel und ihre Schüler, die Verachtung der Welt, und ein Nichts in den menschlichen Augen, haben über alle Kaiser und über das ganze Reich gesiegt. Die Menschen hatten die Schöpfung vergessen, und Gott hat sie erneuert, indem er aus diesem Nichts seine Kirche hervorgebracht hat, der er eine unüberwindliche Macht wider den Irrthum verliehen hat. Er hat mit den Götzenbildern zugleich alle menschliche Gewaltzu Schanden gemacht, welche dieselbe vertheidigen wollen, und diesi's Werk ist so groß, als die Schöpfung der Weit, die er durch die Macht seines Wortes erschaffen hat. HeDMDMDDMMMHDDMG^DMDK Von den verschiedenen Gestalten der Abgötterey. ATHie Abgötterey scheint uns die Thorheit selbst zu seyn, und wir können kaum begreifen, wie eö so viel kosten können, sie abzuschaffen. Allein eben ihre ausschweifende Abscheulichkeit zeigt uns, wie schwer sie zu überwinden gewesen, und ein so großer Umsturz des natürlichen gesunden Verstandes beweist deutlich , wie verderbt der? Grund war. Die Welt war in der Abgötterey, so zu sagen, alt geworden, sie war von ihren Götzen bezaubert, und gegen die Stimme her m die allgemeine Geschichte. 4Ol der Natur taub geworden/ die wider sie zeugte. Was wurde nicht für eine Macht erfordert, den wahren Gott, der ganz vergessen worden war, in das Andenken der Menschen wieder zurückzurufen, und das menschliche Geschlecht aus seinem so tiefen Schlummer zu erwecken. Alle Sinne, alle Leidenschaften, alle Vortheile der Menschen stritten für die Abgötterei). Sie war zum Vergnügen erfunden: die Ergetzlichkeiten, die Schauspiele, und die Ausschweifungen selbst machten einen Theil des Gottesdienstes aus. Die Feste waren nichts, als Spiele, und die Schalkhaftigkeit war aus dem bürgerlichen Leben nicht so sehr verbannl,als aus den Geheimnissen der Religion. Wie konnten so vcr- dorbne Gemüther zu einer so ordentlichen, wahrhaften, keuschen, und strengen Religion gewöhnt werden, welche eine Feindinn der Sinne war, und einzig und allein unsichtbare Güter zum Gegenstände hatte. Der heilige Apostel Paulus redete mit dein Statthalter in Iudäa, Felix, von der Gerechtigkeit, von der Apostg, ,4, Reufchheit, und von dem zukünftigen Leben. Felix aber erfchrac? und sagte: Gebe hin auf dießmal; wenn ich gelegne Zeit babe, will ich dich herrufen lassen. Eine solche Rede mußte für einen Mann weit hinaus geschoben werden, der ohne Gewissensunruhe die Güter dieser Welt genießen wollte. Will man den Eigennutz in Bewegung sehen, diese mächtige Triebfeder, die alle menschlichen Handlungen und Vorfälle treibt? Als die Predigtendes heiligen Paulus in ganz Asien das Ansehen der Abgöt- terey sehr in Abnehmen brachten, so versarnmletcn sich die Goldschmiede, welche ihr Leben durch die Verfertigung kleiner silberner Tempel der Diana erhielte», und Cc derjeni» 4O2 Bischof Bossuets EinleitUttg derjenige, der am meisten unter ihnen galt, stellte ih- Slpostg, i?, nen vor, daß sie allen ihren Gewinn verlöhren. j^s 27' rvill, sagte er, nicht allein unserm Handel dahin gerathen, daß er nichts gelte, sondern auch der Tempel der großen Göttmn Diana wird nichts mehr geachtet, und ihre Majestät wird dazu untergehen, welcher doch ganz Asia, und der tpeltkreis Gottesdienst erzeiget. Wie mächtig ist der Eigennutz, und wie verwägen, wenn er sich mit dem Scheine der Religion bedecken kann! Das war genug, diese Künstler in Bewegung zu bringen. Da sie das hörten, wurden sie voll Zorns, schrien, und sprachen: Groß ist die Diana der j^pheftr! Die ganze Stadt ward voll Getümmel, sie stürmten einmüthig aus den Schauplatz, und rissen die Gefährten des Apostels Paulus dahin. Alsdann verdoppelte sich das Geschrey, und der ganze Markt erschallte binnen zwo Stunden allein von den Worten: Groß ist die Diana der Epheser ! Der heilige Paulus und seine Gefährten waren den Handen des Pöbels von der Obrigkeit mit Mühe noch eittrij- sen,und sie befürchtete, daß aus diesem Getümmel noch größre Unordnungen entstehen möchten. Der Eigennutz der Privatpersonen vereinigte sich mit dem Eigennütze der Priester, die mit ihren Göttern fielen; der Eigennutz der Städte machte ihre Parthey stärker; denn die Städte wurden durch die falsche Religion berühmt; die Stadt Ephesus kann ein Exempel davon seyn, die alle ihre Freyheiten ihrem Tempel zu verdanken hatte, indem die Fremden, die dahin kamen, sie bereicherten. Was für ein Sturm mußte die Kirche nicht betreffen, die in ihrem ersten Wachsthums war? Kann man wohl darüber erstaunen, wenn man die Apostel in die allgemeine Geschichte. 49z Apostel so oft geschlagen, und gesteinigt werden sieht, daß sie oft auch mitten unter dem Pöbel für todt liegen blieben ? Allein der Eigennuß wird noch eine viel groß« re Macht wider die Kirche bewaffnen; der Eigennuß wird den Senat, das Römische Volk, und die Kaiser wider die Chn'sten reizen. Der Senat hatte durch öffentliche Verordnungen) schon seit langer Zeit fremde Religionen verboten^. Die Kaiser hatten ebenfalls diese Politik angenommen, und Mccanas rieth in der schönen Berathschlagung, welche zu? Abstellung der Misbrauche in der Regierung gehalten wurde, unter andern Einrichtungen dem Kaiser, alle Neuerungen in der Religion zu verhindern, weil sis nothwendig gefährliche Bewegungen im Staate verursachten. Die Meynung war gegründet; denn was bringt die Gemüther mehr auf, und was verleitet sie zu grössern Ausschweifungen? Allein Gott wollte zeigen, daß die Einführung der wahren Religion solche Unruhen nicht verursachte; und das ist eins von den Wundern, welches uns deutlich zeigt, daß er seine Hand bey diesem Werke gehabt habe. Denn wer sollte nicht erstaunen, wenn er sieht, daß unter allen den Verfolgungen, die die Kirche ausstehen müssen, unter allen den Gausamkeitcn, welche die Wut der Verfolger nur erdenken können, unter so vielen Rebellionen, und bürgerlichen Kriegen sich kein einziger Christ, weder ein guter noch ein böser in die Verschwörungen wider die Person der Kaiser eingelassen^? Die Christen fodern ihre größten Feinde auf, daß sie nur einen einzigen nennen sollenz allein es gab Cc 2 ^ keinen * Nbr. zy. 8cc. Orzr. ZVlecaett. spu ?1acco, sä Imper. Valer. ?I,e- s>do5. Lc ^rcaä. spuä <^mlir. 1 om. V. libr. V. Lxiü. Zo. ?oKm.lM,Iibr. U.IV. Kc. 406 Bischof Bossuets Einleitung Lasterungen mit der Grausamkeit. Menschen, welche Tugenden ausübten/ die weit über die menschlichen Kräfte waren, wurden solcher Verbrechen angeklagt, welche der menschlichen Natur einen Abscheu machen. Man beschuldigte diejenigen, welche in der Keuschheit ihr größtes Vergnügen fanden, der Blutschande. Man klagte diejenigen/ welche ihren Verfolgern Wohlthaten erwiesen, als jeute an, die ihre Kinder äßen. Allein so groß auch der öffentliche Haß war, so drang doch die Gewalt der Wahrheit selbst ihren Feinden günstige Zeugnisse für sie ab. Jedermann weis, was Plinius, der Jüngere*, an den Trajan von den guten Sitten der Christen schrieb, Sie wurden also wohl gerechtfertigt, aber nicht von der Todesstrafe befreyt; denn es fehlte nur dieser Zug noch dazu, das Bild des gekreuzigten Heilandes in ihnen vollkommen zu machen, daß sie nämlich, wie er, mit einem öffentlichen Zeugnisse ihrer Unschuld zum Kreuze giengen. Die Abgötterey schützte sich nicht allein mit ihrer Gewalt und Grausamkeit. Ob sie gleich im Grunde nichts als eine viehische Unwissenheit und eine völlige Verderbniß des menschlichen Verstandes war, so wollte sie sich doch mit einem Scheine der Vernunft schmücken. Wie oft hat sie nicht versucht / sich zu verstecken, und in wie viele Gestalten hat sie sich nicht ver, kleidet, um ihre Schande zu verbergen! Sie stellte sich zuweilen sehr ehrerbietig gegen die Gottheit. Alles, was göttlich ist, sagte sie, ist unbekannt; nur die Gottheit allein kennt sich selbst; es schickt sich nichtfür uns, übersoerhabne Dinge zu vernünfteln; manmuß deswegen den Alten glauben, und ein jeder muß die Reli- * klm. Kbr. IX. ex. 97. in die allgemeine Geschichte. 407 Religion annehmen, die er in seinem Lande eingeführt findet. Diese Grundsätze, diese so groben, als gottlosen Irrthümer, welche die ganze Erde erfüllten, machten dieses Uebel unheilbar, und die Stimme der Natur, welche den wahren Gott verkündigte, wurde überschrien und betäubt. Man konnte denken, daß die Schwachheit unsrer verirrten Vernunft eines Ansehen nöthig hatte/ sie wie- der zu ihrem Ursprünge zurückzuführen, und daß man von dem Alterthume lernen müßte, welches die wahre Religion wäre. Sie haben, Ulonseigneur, die unveränderte Folge derselben vom Anfange der Welt an gesehen. Allein mit welchem Alterthume konnte sich das Heidenthum erheben, das in seinen Geschichten nicht lesen konnte, ohne den Ursprung nicht allein ihrer Religion, sondern auch ihrer Götter zu finden ? Var- ro und Cicero haben solches zur Gnüge gewiesen^; ich will der andern nicht gedenken. Oder sollen wir vielleicht zu den unendlich viel tausend Jahren unsre Zuflucht nehmen, welche die Aegypter mit verwirrten und unverschämten Fabeln erfüllten, um das Alterthum zu finden, dessen sich die heidnische Religion rühmte? Allein man sah ja in Aegypten die Götter täglich gebohren werden und sterben, und dieses Volk konnte sich nicht alt machen, ohne zugleich den An» fang seiner Götter zu zeigen. Wir wollen noch eine andre Gestalt der Abgötterey betrachten. Man verlangte, daß alles angebetet werden sollte, was göttlich wäre. Die römische Politik, welche fremde Religionen auf eine so strenge Weise verbot, erlaube die Götter der Barbaren anzubeten, Cc 4 wo- * Os n»r. Oeor. Ubr. I. Lc.III. 4^8 Bischof Bossuets Einleitung wofern sie nur von den Römern unter die Götter aufgenommen worden waren. Sie wollte also das Ansehen haben, als ob sie mit allen Göttern so billig, wie mit allen Menschen umgienge. Sie räucherte zuweilen dem Gotte der Jüden mit allen andern Göttern. Wir haben einen Brief vom Julian, dem Abtrünnigen, worinnen er den Jüden verspricht/ die heilige Stadr wieder anzubauen, und mit ihnen ihrem Gotte, dem Schöpser des Himmels und der Erde, zu opfern*. Das war ein gemeiner Irrthum. Wir haben gesehen, daß die Heiden wohl den wahren Gott, aber nicht den wahren Gott allein anbeten wollten, und es lag an den Kaisern nicht, daß nicht Jesu Christo selbst, dessen Schüler sie verfolgten, Altäre unter den Römern aufgerichtet wurden. Also haben die Römer auf die Gedanken fallen können, denjenigen als einen Gott zu ehren, den ihre Obrigkeit zu einem schmählichen Tode verdammt, undvie- le von ihren Schriftstellern mit Lästerungen entehrt haben? Man darf nicht darüber erstaunen; die Sache ist außer allem Streite. Wir wollen zuerst nur dasjenige, was aus einem blinden Hasse überhaupt gesagt werden kann, von gewissen unleugbaren Begebenheiten unterscheiden, wovon man die Beweise führt. Es ist gewiß, daß die Römer unserm Heilande kein besondres Verbrechen schuld gegeben haben, ob er gleich von ihnen zum Tode verdammt worden ist. Pilatuö verdammte ihn auch ungern, weil er von den Drohungen der Jüden mit Gewalt dazu genöthiget wurde. Allein das ist noch wunderbarer selbst, daß die Jüden, die ihn so lange * ^ul. eM Comm. l'o6-tvr. in die allgemeine Geschichte. 4^9 ge verfolgt haben, bis er gekreuzigt worden ist, in ihren alten Schriften keine einzige Handlung von Jesu finden können, die sein Leben verdächtig machte, geschweige daß sie das Andenken einer einzigen Handlung erhalten hätten, wodurch er der Todesstrafe schuldig geworden wäre. Dadurch wird denn dasjenige ganz deutlich bestätigt, was wir im Evangelio lestn,daß nämlich unser Heiland kein andres Verbrechen begangen habe, als daß er gesagt, er sey Christus, der Sohn Gottes. - ' Tacitus erzählt uns wohl die Todesstrafe*, welche Jesus Christus unter dem Pontius Pilatus, und unter der Regierung des Tiberius leiden müssen; allein kein Verbrechen, wodurch er den Tod verdient hätte, als dieses, daß er der Stifter einer Secte gewesen, welche man überzeugt hatte, daß sie dem menschlichen Geschlechts gehäßig, oder vielmehr verhaßt wäre.So ist das Verbrechen des Heilandes und seiner Christen beschaffe«?, und ihre größten Feinde habeil sie nur in unbestimmten Ausdrücken angeklagt, ohne iemals ein gewisses betanntes Verbrechen anzuführen, das man auf sie bringen könnte. Es ist wahr, daß die Heiden in der letzten Verfolgung, dreyhundert Jahre nach Jesu Christo, die falschen Acten des Pilatus bekannt machten, in welchen man die Verbrechen finden sollte, die ihm den Tod am Kreuze zugezogen hatten; das thaten sie zu einer Zeit, wo sie nicht mehr wußten, was sie ihm und seinen Schülern zur Last legen sollten. ' Da man aber von diesen Acten in allen vorhergehenden Jahrhunderten, weder unter dem Nero, noch unter dem Doinitian, Cc 5 die * ?2c. änn»1. XV. 44. >> ',, ° , . . - !»- -> ... » . , ', ^, ' / , . 4n Bischof Bossuets Einleitung die beyde im Anfange des Christenthums regierten,und auch sonst nirgends reden hört: So ist offenbar, daß sie von müßigen Verleumdern erdichtet worden sind, und man hat unter den Römern so wenig gewisse bekannte Beweise wider Jesum Christum gehabt, daß man seine Zuflucht zu Erfindungen nehmen müssen. Das ist also das erste, was wir erwägen müssen. Unser Heiland ist so unschuldig , daß man ihm keinen einzigen Vorwurf machen kann. Wir wollen noch eine gewisse Wahrheit hinzusetzen; man hat die Heiligkeit seines Lebens und seiner Lehre erkannt. Einer der größten römischen Kaiser, Alexander Severus, bewunderte unsern Heiland, und ließ sowohl in öffentlichen Werken, als in seinem Pallaste einige Lehrsprüche seines Evangelii zu Überschriften nehmen ".Eben dieser Kaiser lobte die heilige Vorsicht,mit welcher die Christen ihre Priester ins Amt einführten, und stellte sie zum Exempel vor. Das ist noch nicht alles: Er hatte in seinem Pallaste eine Arr von Capelle, wo er alle Morgen opferte. Er hatte sie den heiligen Seelen gewidmet, unter welche er nebst dem Orpheus, Jesum Christum und den Patriarchen Abraham rechnete. Es war daselbst noch eine andre Capelle, oder wie man das Wort l^sr-irium sonst übersetzen will, welche nicht eine so große Würde hatte. Darinnen befanden sich die Bildnisse des Achilles und einiger andern großen Männer ; allein Jesus Christus befand sich unter denen vom ersten Range. Es ist ein Heide, der dieses aufgeschrieben hat, und er führt zum Zeugen einen Schriftsteller aus den Zeiten des Alexanders an. Das sind also zween Zeugen; hier ist noch eine Sache, die eben so erstaunlich ist. Ob- ^ I.smxr!ä. !n H,IexAnä>r. 8ever. c. 45.51. in die allgemeine Geschichte. 4" Obgleich Porphyrius das Christenthum abgeschworen und sich für seinen Feind erklärt hatte, so gestund er dennoch in seinem Buche, das er die Philosophie der Orakel nannte, daß die Heiligkeit Jesu Christi sehr günstige Zeugnisse für sich habe *., Das wolle Gott nicht, daß wir von betrügerischen Orakeln die! Ehre des Sohnes Gottes lernen wollten, der sie bey seiner Geburt zum Stillschweigen gebracht hat**! Diese Orakel, welche Porphyrius angeführt hat, sind lauter Erdichtungen: allein es ist doch gut, wenn man weis, was die Heiden ihre Gotter von unserm Heilande sagen lasten. Porphyrius versichert uns also, daß es Orakel gegeben hätte, in welchen unser Heiland ein frommer und der Unsterblichkeit rvürdigerMann genannt worden wäre;allein eben diese Aussprüche hätten die Christen für verführte und unreine Leute erklärt. Er führt darauf das Orakel der Göttinn, Hecate, an, wo sie von Jesu Christo, als von einem großen Manne redet, dessen Leib den Martern nachgegeben hat, dessen Seele aber sich nunmehr unter den glückseligen Seelen im Himmel aufhält. Diese Seele, sagte die Göttinn des Porphyrius, hat unglücklicher Weise diejenigen Seelen in Irrthümer gestürzt, welchen die Gaben der Götter, und die Kenntniß des großen Jupiters nicht verliehen worden ist; deswegen sind sie Feinde der Götter. Allein hütet euch, ihn zu schmähen, fährt sie in ihrer Rede von Jesu Christo fort, und beklagt allein den Irrthum derjenigen,deren unglückliches Schicksal ich euch erzählt habe. Das sind prächtige nichtssagende Worte, allein ^ ?orpk,)sr. I, c. ?IüIo5 xc!r orac. Luled, äemonür, LvanA, III. 8. > ** ^UZutt. äe c1v!r.veiX1X,c.--> 412 Bischof Bossuets Einleitung allein sie sind doch Zeugnisse, daß die Ehre des Heilandes selbst seine Feinde gezwungen hat, ihn zu preisen. Außer der Unschuld und Heiligkeit unsers Heilandes haben mir noch einen wichtigen Punkt zu erwägen; das sind seine Wunder. Es ist gewiß, daß die Juden dieselben niemals geleugnet haben, und wir finden im Talmudc einige, welche seine Jünger in seinem Namen sollen gethan haben ^. Sie haben nur gesagt, um die Ehre derselben zu verdunkeln, er hatte sie durch die Zauberey verrichtet, die er in Aegypten gelernt habe, vielleicht habe er sie selbst durch den Namen Gottes,Je- hova,diesen unbekannten und unaussprechlichenNamen, der alles thun kann, verrichtet. Jesus Christus habe ihn vielleicht, ob man gleich nicht weis, wie, im Heiligthume entdeckt. Vielleicht habe er aber auch diese Wunder thun können, wenn er einer von den Propheten gewesen, deren betrügerische Wunder nach der Weißagung Mosis das Volk zur Abgötterei) ver- ^i?.'^ führen solle» ^. IesnS Christus, der Ueberwinder der Götzenbilder, braucht wegen dieses Vorwurfes nicht gerechtfertigt zu werden, da sein Evangelium die ganze Welt zur Erkenntniß des einzigen Gottes gebracht hat. Die wahren Propheten haben seine Gottheit nicht mehr gepredigt, als er selbst gethan hat, und das Zeugniß der Juden beweist nur so viel, daß er zur Bestätigung seiner Gesandtschaft Wundergethan habe. Wenn sie ihm vorwerfen, daß er seine Wunder, vermöge der Zauberkunst gethan habe, so sollten sie erwägen, daß Moses eben dieses Verbrechens beschuldigt worden ist. Das war die alte Meynung der Ae- gypter, * l'raÄ. cZe iäololarr. et Lomm. in LccI. t!e 8abb. c. i-> libr.äs Zenerar. leüi leu lütt. Ie5 in die allgemeine Geschichte. 41z gypter, welche aus Erstaunen über die Wunder, die Gott durch diesen großen Mann in ihrem Lande gethan^ hatte, ihn unter die vornehmsten Zaubrer rechneten» Man kann diese Meynung im PliniuS und Avule^ juö finden, wo Moses mit dein Jannes und Mam- bre, diesen berüchtigten ägyptischen Zaubrern genannt wird, von denen auch der Apostel Paulus reder, und 2Tim.?,z. die Moses durch seine Wunder zu Schanden gemacht hat*. Allein die Jüden konnten leicht darauf antworten. Die Betrügereyen der Zaubrer haben niemals eine dauerhafte Wirkung gehabt, und zielen nicht auf die Bestätigung des wahren Gottesdienstes und eines heiligen Lebens ab; wozu noch kömmt, daß Gott seine Herrschast wohl zeigen, und Werke ausführen kann, die keine feindselige Gewalt nachzuahmen vermögend ist. Eben diese Ursachen vertheidigen Jesum wider eine so eitle Beschuldigung, die, wie wir angemerkt haben , zu nichts, als zu einem Beweise dienen, daß er unstreitig Wunder gethan hat. Sie sind so unstreitig, daß die Heiden dieselben sowohl, als dieIüden einräumen müssen. Celsus, dieser große Feind der Christen , der sie in den ersten Zeiten mit aller ersinnlichen Geschicklichkett angegriffen, suchte mit einer unbeschreiblichen Sorgfalt alles auf, was ihnen schaden konnte; allein er konnte sie doch nicht leugnen Er sagte nur mit den Jüden, Christus hätte die Geheimnisse der Aegypter, nämlich die Zauberei) gelernt, und sich wegen der Wunder, die er vernwge dieser verdammlichen Kunst gethan hätte, die Gottheit zueignen wollen. Das ist di'e Ursache, warum man die Christen auch für Zaubrer hielt, und wir *?Iin.llIK.N2r.lldr. Zl. I. ^ul. sxol. Orls.conrr. Le.L I.II. 414 Bischof Bossuets Einleitung wir habe» noch eine Stelle voin Julian, dem Abtrünnigen, wo er die Wunder unsers Heilandes zwar wohl verachtet, sie aber doch nicht in Zweifel zieht Vo. lusian thut eben das in seinem Briefe an den heiligen Augustin, und diese Rede war unter den Heiden etwas gemeines^. Man darf also nicht mehr darüber erstaunen, wenn die Heiden, welche gewohnt waren, alle Menschen, an denen man etwas außerordentliches wahrnahm, utiter die Götter zu versetzen, auch Jesum Christum zu dem Range ihrer Gottheiten erheben wollten. Tiberius trug eö dem römischen Senate vor, Jesu Christo göttliche Ehre zu erweisen, da er so viel Vortreffliches von ihm hörte. Das ist nicht etwas, das man ohne Gründe behauptet; Tercullian führt solches, als eine öffentliche und bekannte Sage in seiner Apologie an, die er dem Senate im Namen der Kirche vorlegte Es ist nicht zu glauben, daß ereine so gute Sache, als die seinige war, durch Dinge hätte schwachen wollen, die so leicht widerlegt werden konnten, wenn sie nicht außer allem Streite gewesen wären. Wenn wir das Zeugniß eines Heiden selbst verlangen, so wird uns Lampridius sagen, daß Hadrianus Jesu Christo Tempel erbaut habe, die noch zu seiner Zeit zu fthen yerveftn voaren. Alexander Severns betete ihn in seinem Pallaste an, und wollte hernach ihm öffentliche Altäre ausbauen, und ihn unter die Zahl der Götter setzen Es ist in der That sehr ungerecht, wenn man von . Ich * OrlZIn. ilziä. in ^Ä. IVlzrr.vass lul gpuä (Ü/rill. libr.Vl. /^pol.^uAuli rom.II.ep.z 4. ***1'erruII.apoIo<;. 5 KuleK.tnlt. eccl.ll.Z I-smxrlä. in ^Iex.c.4. m die allgemeine Geschichte. 415 Jesu Christo nur das glauben will, waö diejenigen von ihm schreiben, die seine Schüler nicht geworden sind; denn das heißt den Glauben bey den Ungläubigen suchen, und die Sorgfalt undGenauigkeit bey denen finden wollen,die mit andernDingen beschäfftigt waren, und die Religion für eine ganz gleichgültige Sache hielten. Allein unterdessen ist es doch wahr, daß die Herrlichkeit Jesu Christi in einem so hellen Lichte erschienen ist, daß sich die Welt selbst nicht enthalte!» können, ein Zeugniß für sie abzulegen/ und ich kann ihnen, Monseigneur, kein ansehnlichcrs vortragen, als das Zeugniß so vieler Kaiser. , Ich sehe unterdessen wohl ein, daß sie eine ganz andre Absicht darunter auszuführen dachten. Es mengte sich die Politik in die Ehre, die sie Jesu Christo erzeigten. Sie wollten haben, daß sich endlich alle Religionen vereinigen, und alle Götter aller Se- cten einer jeden gemein werden sollten. Die Christen aber wollten von einem solchen vermischten Gottesdienste nichts wissen, und verachteten die Nachsicht der römischen Staatskunst sowohl, als ihre Strenge und Grausamkeit. Gott wollte haben, daß die Heiden, aus einer andern Ursache, die Tempel nicht wollten bauen lassen,welche die Kaiser unserm Erlöser bestimmten. Die Gößenvriester erklärten sich nach dem Berichte eines heidnischen Schriftstellers , den ich schon etlichemal angeführt habe, gegen den Kaiser, daß rvenn er zum Gebrauche der Christen Tempel aufbaue?» ließ, so würden alle andern Tempel verlassen werden, und die ganze lVelr rvürde die christliche Religion annehmen *. Die Abgötterey selbst "I.amxriä> lbiil. 4i6 Bischof Bossuets Eitlleiwng fühlte in unsrer Religion eine siegreiche Gewalt, wel« cher die falschen Götter nicht widerstehe», konnten und rechtfertigte also die Wahrheit des 'Ausspruches vom Apostel Paulus: Wie stimmet Christus mir dem »Cor.6,.5.16 2Selml, und was hat der Tempel Gorres für ei, ne Gleichheit mir den Götzen? So wurde also die heidnische Religion durch die Kraft des Kreuzes zu Schanden, und kam in Verfall, und die Einheit Gottes wurde ein so allgemeiner Glaube, daß am Ende so gar die Abgötterei) selbst nicht weit davon entfernt zu seyn schien *. Sie sagte, daß die göttliche Natur so groß wäre, und sich so weit er- streckte, daß sie nicht unter einen: einzigen Namen, noch unter einer einzigen Gestalt abgebildet werden könnte; daß aber Jupiter, Mars, Juno und alle andern Götter nur eben derselbe Gott waren, dessen unendli- chen Eigenschaften unter so vielen verschiednen Benennungen erklart und vorgestellt würden. Wenn sie hieraufgezwungen waren, auf die unreinenGeschlechter ihrer Götter, auf ihre unehrlichen Geburtsregister, auf ihre schandbaren Wollüste und Liebesverstandnisse, auf ihre Feste und Geheimnisse zu kommen, die sich auf keinen andern Grund stützten, als auf diese ungeheuern Fabeln: So wurde die ganze Religion in Allegorien verwandelt. Da war es die Welt, oder die Sonne, welche dieser einzige Gott war; da waren es die Sterne; da waren es die just, das Feuer, das Wasser und die Erde, und ihre verschiednen Zusammensetzungen, welche unter den Namen der Götter und ihrer Buhlereyen versteckt waren. O eine schwache ^^vlacrod. 1.8ar. 17. ec 5e«z. ^xulej. äe Oeo LocrAr.^u^ul!'. civ1r.VI.io. ». nt die allgemeine Geschichte. 417 che und elende Ausflucht! Denn außerdem daß die Fabeln ärgerlich, und alle Allegorien kalt und erzwungen waren, so fand man am Ende nichts, als daß dieser einzige Gott die Welt mit ihren Theilen wäre. Der Gegenstand dcrReligion blieb also imGrunde immer die Narur,und die Crearur wurde noch immerfort angebetet, anstatt daß der Schöpfer angebetet werden sollte. Die schwachen Vertheidigungen der Abgöttcrcy befriedigten die Philosophen nicht, ob sie gleich aus der stoischen Philosophie hergenommen waren. Celsus und Porphyrius suchten also einencue Hülfe in der Philosophie des Plato und des PythagoraS, und sie vereinigten den Glauben von der Einheit Gottes mit der großen Zahl der Götter auf eine andre Art. Es ist, sagten sie, nur ein Gott über alles; allein er ist so groß, daß er sich in Kleinigkeiten nicht mengen will. Er war zufrieden, daß er den Himmel und die Sterne gemacht hatte; diese Unterwelt war von ihm nicht gewürdigt worden, seiner Hände Werk zu seyn; er hat sie von Untergöttern ausbilden lassen,' und der Mensch war kein würdiges Werk seiner Hände, ob er gleich zu seiner Erkenntniß gebohren war; denn er war sterblich. Unsre Natur konnte also nicht zu ihm kommen; sein Aufenthalt war allzuweit von uns entfernt; die himmlischen Geister, die uns gemacht hatten, dienten uns zu Mittlern bey ihm, und deswegen mußte man sie anbeten *. Es ist hier der Ort nicht, diese Traume der Plato- niker zu widerlegen; denn sie fallen von selbst hinweg**. Das 5 OrlA. contr. Lelsum V. VI. ?Iaro!ri l'im. ?oipl,vr. l!l»'. II. äe abttin, ^pul cieOeo 8oc>-. ^NZuli, äe civir.VIIl. 14. XVIII.-i. 22. IX z. 6. ^ LMIII.^uLulr.sä Volullati. D d 4i8 Bischof Bossuets Einleituug Das Geheimniß Jesu Christi zerstörte sie von Grund aus. Es lehrte die Menschen, daß Gott, der sie nach seinem Bildnisse gemacht hatte, sie nicht verachtete; daß, wenn sie einen Mittler bey Gott nöthig hätten, nicht ihre Natur, die Gort wie alle andere Naturen gemacht hatte, sondern ihre Sünde schuld wäre, deren Urheber sie allein waren; daß übrigens ihre Natur sie so wenig von Gott entfernte, daß Gott sie selbst würdigte, sich mit ihr zu vereinigen, indem er ein Mensch wurde; daß ihnen Gott nicht diese himmlischen Geister, welche die Philosophen Damones nennen, und die heilige Schrift Engel heißt, sondern einen Menschen zum Mittler gegeben, der die Kraft Gottes mit unsrer schwachen Natur vereinigte, und dadurch uns ein Mittel wider unsre «Schwachheit gab. Wenn der Hochmuth der Platoniker sich nicht bis auf die Erniedrigungen des Wortes, welches Fleisch geworden war, herablassen wollte: Sollten sie nicht zum wenigsten begreifen, daß der Mensch, wenn er gleich noch ein wenig unter den Engeln wäre, er darum doch so gut, als sie, fähig seyn könnte, Gott zu besitzen, so daß er also mehr ihr Bruder, als ihr Unterthan wäre, und daß er sie nicht, sondern mit ihnen in Gesellschaft denjenigen anbeten müßte, der sie beyde nach seinem Ebenbilds gemacht hatte? Das war also nicht allein eine allzugroße Niederträchtigkeit, sondern auch eine allzugroße Undankbarkeit des menschlichen Geschlechtes, daß es einem andern, als Gott opfern wollte, und nichts war blinder als das Heiden- thum, das anstatt ihm die höchste Ehre vorzubehalten, dieselbe so vielen Geistern gab. Hier verrieth die Abgötterey, die nunmehr, so zu sagen, in den letzten Zügen lag, ihre ganze Schwäche. Porphy- in die allgemeine Geschichte. 419 Porphyrius mußte gegen das Ende der Verfolgungen, da ihm die Christen so sehr zusetzten, zugestehen, daß der Opferdienst nicht der höchste Gottesdienst seyn könnte. Laßt uns sehen, wie weit er seine Ausschweifungen trieb. Dieser erhabne Gott, sagte er, nimmt kein Opfer an; alles, was körperlich ist, ist für ihn unrein/ und kann ihm nicht dargebracht werden. Selbst die Worte können nicht bey seinem Dienste gebraucht werden, weil die Worte eine körperliche Sache sind; man muß Gott stillschweigend und bloß in Gedanken anbeten; ein andrer Gottesdienst ist einer so erhabnen Majestät unanständig *. Gott war also allzugroß, als daß er gelobt werden konnte. Das war ein Verbrechen, daß wir das, was wir von seiner Größe denken, s? gut ausdrücken, als wir können. Obgleich das Opfer eine Art ist, unsre tiefe Unterwürfigkeit und unsre Erkenntniß seiner unumschränkten Herrschaft zu,bezeigen, so gehörte doch solches für Gott nicht. Porphyrius sagt solches ausdrücklich; und was war das anders, als alle Religion abschaffen, und denjenigen ohne Verehrung lassen, den man für den Gott aller Götter erkannte? Was nützten denn aber alle die Opfer, welche die Heiden in allen ihren Tempeln darbrachten? Porphyrius hat das Geheimniß davon gefunden. Es giebt, sagte er, unreine, betrügerische, boshafte, schädliche Geister, die aus einem unvernünftigen Stolze für Götter gehalten werden, und von den Menschen verehrt seyn wollten **. Diese muß man besänftigen, damit sie uns nicht schaden mögen. Einige waren lustiger und aufgeräumter, als andre, und Dd 2 ließen * ?cirpl,^r. UKr, II, äs alMn.er^uAult.äsclvIr.X. 5* korpn^r. Udr. II. äe adKili. ^uZuK. VIII. äs civir. iz. 420 Bischof Bossuets Einleitung ließen sich durch Schauspiele und Lustbarkeiten gewinnen; andre waren melancholischer und verdrießlicher, und hätten ihr Vergnügen an dem Gerüche von angebranntem Fette, und weideten sich an blutigen Opfern. Was nützt es, so ungereimte Dinge zu widerlegen? So viel halfen sie, daß die Christen den Sieg davon trugen. Es war ausgemacht, daß alle Götter, denen man unter den Heiden opferte, böse Geister waren, deren Hochmuth sich die Gottheit anmaßte; so daß also die Abgötterey an sich selbst betrachtet nur allein die Wirkung einer viehischen Unwissenheit zu seyn schien; allein wenn man auf die Quelle zurückgieng, so war das ein von weitem eingefädeltes Werk, welches von boshaften Geistern bis auf das Aeußerste getrieben wurde. Das hatten die Christeil beständig behauptet; das lehrte das Evangelium; daö sang der Psal- miste: Jener Göyen sind Gold und Sil-- M"5> z-4-der, von Menschenhanden gemacht; aber unser Gott ist im Himmel; er kann scl)gffen, was er will. Wie groß ist unterdessen nicht, Monseigneur, die erstaunliche Blindheit des menschlichen Geschlechtes! Die Abgötterey ist bis auf das Aeußerste gebracht; sie ist völlig zu Schanden geworden, und erhalt sich doch noch immer. Man mußte sie nur mit einem blendenden Scheine verhüllen, und in Worten vortragen, die dem Ohre schmeichelten, wenn sie einen Eingang in die Gemüther finden sollte. Porphyrius wurde bewundert. Imnblichius, sein Nachfolger und Anhänger, wurde für einen göttlichen Mann gehalten, weil er die Meynungen seines Lehrers in Worte einzuwickeln wußte, welchegcheimnisvoll zu seyn schienen, ob sie gleich nichts bedeuteten. So scharfsinnig auch Julian, der Ab- , trün- in die allgemeine Geschichte. 421 trünmge, war, so wurde er dennoch dadurch Verbsender. Die Heiden selbst erzählen solches *. Wahre o^er falsche Zaubereyen, derer sich diese Philosophen rühmten, ihre übelverstandne Strenge, ihre lacherliche Enthaltsamkeit, welche so weit gicng, daß sie aus dem Essen der Thiere ein Verbrechen machten, ihre abgöttischen Reinigungen, ihre Betrachtungen, die sich m eiclen Gedanken gleichsam verdunsteten, und ihre Worte, die, wenn sie gleich nicht gründlich waren, dennoch prächtig zu seyn schienen, hintergiengen die Welt- Doch ich sage noch nicht die vornehmste Ursache. Die Heiligkeit der christlichen Sitten; die Verachtung der Er- geHlichkeit, die sie besohl, und die den ganzen Grund des Christenthums ausmachte, beleidigte die Menschen, und wenn wir das recht einsehen, so werden wir finden, daß der Hochmuth, die Sinnlichkeit, und die Begierde zu einem ausschweifenden Leben noch die einzigen Stützen der Abgötterey waren. Die Kirche riß sie täglich mehr und mehr, durch ihre Lehre und noch vielmehr durch ihre Gedult, bis auf ihre Wurzeln, aus den Gcmüthern der Menschen heraus. Allein die boshaften Geister, welche niemals aufhören, die Menschen zu hintergehen, nachdem ihre Bosheit sie eben in diese Abgötterey gestürzt hatte, vergaßen hier ihre Wut nicht. Sie erweckten die Ketzerey- en, von denen ich die wichtigsten angeführt habe. Neugierige und deswegen eitle und unruhige Menschen wollten sich unter den Christen einen Namen machen, und konnten sich mit der bescheidnen und mäßigen Weisheit nicht begnügen, die der Apostel den Christen Rom.«,;, so sehr empfohlen hatte. Sie wollten zu tief in Dd z . die * ßunzp.NzxIm. Ol-ibas. Llir^nt!,. !?p, lul. -,>Z i-Kcl^ ^mmum. ^arce1Ilnu8 lidi-, XXI. XXM. XXV, / 422 Bischof Bossuets Einleitung die Geheimnisse eindringe», und sie nach unsern schwachen Begriffen abmessen. Das waren neue Philosophen, welche menschliche Vernunftschlüsse mit dem Glauben vermengten, und sich unterstunden^die Schwierigkeiten des Christenthum!» zu vermindern, weil sie die Thorheit nicht gan^ vertragen konnten, welche die Welt dem Evangelio schuld gab. So wurden also alle Artikel unsers Glaubens nach und nach, und mit einer gewissen Art von Methode angegriffen; man bestritt die Schöpfung ; das Geseh Mosis, diesen Grund unsers Gesetzes; die Gottheit Jesu Christi; seine Menschwerdung; seine Gnade; seine Sacramen- te; alles gab endlich zu ärgerlichen Spaltungen Anlaß. CelsuS und andre warfen solches den Christen vor *. Die Abgötterei) schien zu triumphiren. Sie sah das Christenthum als eine neue philosophische Secte an, welche das Schicksal aller andern Sectcn erführe, und sich, wie andre, in viele verschiedncn Partheyen theilte. Die Kirche schien ihnen nur ein Menschenwerk zu seyn, das von sich selbst untergehen würde, und sich schon zu seinem Falle neigte. Man schloß daraus, daß man in Sachen der Religion nicht mehr nachgrübeln müßte, als unsre Vorfahren, und daß man nicht unternehmen sollte, die Welt umzukehren ^. Bey dieser Verwirrung der Secten, welche sich christliche Secten nannten, stund Gott seiner Kirche bey. Er wußte ihr ein so großes Ansehen zu geben, welches alle KeHereyen nicht erhalten konnten. Sie war allgemein; sie begriff alle Jahrhunderte, und breitete sich auf allen Seiten aus; sie war apostolisch; die Dauer, die Nachfolge, die Eintracht in der Lehre, , und * OrlZ.IIdr. V. conrr.Lellum. °" Iren. III. i. 2.z. 4.lermll. c!e carn. c. II. 6e xr-e- tcrixt. !v. 11. zz. z6. in die allgemeine Geschichte. 42z und die erste Gewalt gehörten ihr zu. Alle diejenigen, welche sie verließen, hatten sie vorher erkannt, und konnte:» weder den Charakter ihrer Neuheit/ noch ihres Abfalles von sich ablehnen. Die Heiden selbst sahen sie als die Wurzel, als das Ganze, wovon sich einige' Theile absonderten, und als den lebendigen Stamm an, welcher immer ganz blieb, wenn gleich einige Zweige davon abgerissen wurden. Celsus, welcher den Christen die Spaltungen in so vielen schismatischen Kir- chen vorhielt, die er von Tage zu Tage unter ihnen entstehen sah, dieser Feind unsers Glaubens bemerkte eine Kirche, die sich von allen unterschied, und die stärkste war, und er nennte sie aus dieser Ursache die große Rirche. Z^s giebt unrer den Christen, sagt er, einige, rvelche weder den Schöpfer erkennen, noch die Traditionen der Juden annehmen; allein die große Z>irche nimmt sie an^. Er wollte von den Marcioniten reden. In der Unruhe, welche Paulus von Samosata verursachte, hatte der Kaiser, Aurelian, keine Mühe, die rechtgläubige Kirche zu erkennen, als welcher das Haus der Zxirche gehörte, es sey nun solches ein Bethaus, oder das Haus des Bischofes gewesen "V Er erkannte es denen zu, die mit den Bischöfen in Italien und mit dem Bischose in Rom in Gemeinschaft stunden, weil man in dieser Gemeine immer die meisten Christen wahrgenommen hatte***. Als der Kaiser, Constanz, in der Kirche alles in Verwirrung brachte, so konnte diese Verwirrung, die er darinnen anrichtete, indem er die Dd 4 Aria- * 0rig. conrr. LeI5 Hbr, V. "* LuleK. Nist, x.ccl. likr. VIl. c. Zv. S. im Anhange die Abb. von dem Begriffe, den man m den ersten Zeiten von der Kirche hatte. 424 Bischof Bossuets Einleitung Arianer schützte, den Ammianus Marcellinus einen Heiden nicht verhindern, einzusehen, daß sich dieser Kaiser von rechtem Wege der christlichen Religion verirrte^, welche einfach und in ihren Lehren sowohl, als in ihrem Leben einfältig und richtig rvare. Das kam daher, daß die wahre Kirche eine Majestät und eine Richtigkeit hatte, welche die Keße- reyen weder nachahmen, noch verdunkeln konnten; sie zeugten vielmehr, ohne daran zu denken, für die katholische Kirche. Constanz, welcher den Athanasi- us, diesen Vertheidiger des alten Glaubens, verfolgte, nnmfchre sehr eifrig, wie Ammianus Marcellinus sagt, daß er durch das Ansehen verdammt werden möchte, welchesder römische Pabst über andre hätte**. Indem also dieser Kaiser wünschte, daß sein Irrthum gern durch dieses Ansehen bestätigt werden möchte, so ließ er die Heiden dadurch die Mangel seiner Secte selbst empfinden, und ehrte also die Kirche, von der sich die Arianer abgesondert hatten. So erkannten die Heiden die allgemeine Kirche selbst. Wenn iemand fragte, wo ihre Versammlungen gehalten würden, und wo ihre Bischöfe waren, so irrten sie gewiß in ihren Antworten nicht. Was die Kctzereyen anbetraf, so mochten sie thun, was sie wollten, so konnten sie sich der Namen ihrer Stifter nicht entledigen. Die Sabellianer, die Paulianisten, die Arianer, die Pe- lagianer erzürnten sich wohl über den Namen der Partheyen, die man ihnen beylegte; aber vergebens; die Welt wollte natürlich reden, sie mochten sich dagegen wehren, wie sie wollten; man bezeichnete eine jede «Secte mit dem Namen ihres Stifters. Was die große Kirche, die katholische und apostolische Kirche anbelangt, so * .^mm. ?VlarceIZ, ZIbr. XXI. ** .Kmim-m. Marcel!. Udr. XV. in die allgemeine Geschichte. 425 so ist es unmöglich gewesen, jemals einen andern Stifter von ihr zu nennen, als Jesum Christum, und man konnte von ihren ersten Hirten nicht reden, ohne bis auf die Apostel zurückzukommen; kurz, man konnte ihr keinen andern Namen geben, als denjenigen, den sie annahm. Die Keßer mochten also anfangen, was sie wollten, so konnten sie den Heiden die wahre Kirche nicht verbergen. Sie that ihren Schooß für die ganze Welt auf; die Menschen liefen bey Haufen herzu. Einige von ihnen verlohren sich vielleicht auf verkehrten Abwegen; allein die rechtgläubige Kirche war immer der große Weg, den die meisten betraten, welche Jcsum Christum suchten, und die Erfahrung hat uns gezeigt, daß sie diejenige seyn sollte, zu welcher sich alle Heiden versammeln würden. Diese war es auch, welche die ungläubigen Kaiser mit ihrer ganzen Macht angriffen. Origenes ^ lehrt uns, daß wenig Ketzer für den Glauben Märtyrer geworden waren. Der heilige Justin, der noch alter ist, als er/ hat angemerkt, daß die Verfolgung die Marcioniten, und andre Keßer verschont habe. Die Heiden verfolgten nur die Kirche, welche sich auf der ganzen Erde ausbreitete, und erkannten sie nur allein für die Kirche Jesu Christi. Was war daran gelegen, daß etliche Zweige von ihr abgerissen würden? Ihr guter Wuchs verlohr sich danim nicht; sie trieb an andern Orten Zweige; das überflüßige Holz wurde abgehauen, und ihre Früchte wurden dadurch desto besser. In der That, wenn man die Kirchengeschichte betrachtet, so wird man sehen, daß wenn eine Ketzerey die Kirche verminderte , sie ihren Verlust allezeit anderwärts wieder ersetzte, und sich von außen ausbreitete, und innerlich an Dd 5 Em- OnZ. cötitr. Lels V. M. axol. -. 426 Bischof Bossuets Einleitung Einsicht und Frömmigkeit zunahm, unterdessen daß man die abgerißnen Zweige in entfernten Winkeln verdorren sah. Die Werke der Menschen sind zu Grunde gegangen, ob sie gleich von der Hölle beschützt wurden; das Werk Gottes blieb beständig, und die Kirche triumphirte über die Abgötterey und über die Irrthümer. » OOOO O M G O GGMOOOOGOOOOU ' - Allgemeine Betrachtung von der Folge der Reli- gion und dem besondern Verhältnisse der heiligen Bücher der Bibel untereinander. ?^icse Kirche, welche beständig angegriffen, und niemals überwunden wurde, ist ein beständiges Wunder, und ein untrügliches Zeugniß von der Un- veränderlichkeit der göttlichen Rathschlüsse. Mitten unter den Unruhen der menschlichen Begebenheiten erhält sie sich stets mit einer unüberwindlichen Gewalt, und sie geht seit siebenzehn hundert Jahren in einer un-- unterbrochnen Folge bis auf Christum zurück, in welchem die Verheißungen, die zu dem alten Volke geschahen, erfüllt sind, und die Kirche des neuen Testamentes mit den Propheten und Patriarchen vereinigt worden ist. ' Es dienen also alle die erstaunlichen Wunder,welche die alteil Hebräer mit ihren Augen gesehen haben, zur Bestätigung unsers Glaubens. Dieser große Gott, der sie getban hat, seine Einheit, und Allmacht den Men- in die allgemeine Geschichre. 427 Menschen zu bezeugen, konnte der ein herrlicheres Zeugniß ablegen, das Andenken dieser Wunder zu erhalten , als daß er die Acten, in welche sie nach der Zeitordnung ausgezeichnet waren, in den Handen eines großen Volkes erhielt? Das alles finden wir in den Büchern des alten Testamentes, welche die ältesten Bücher aufder Welt und aus dem Alterthume die einzigen sind, die die Erkenntniß des wahren Gottes lehren; in den Vüchern,we.lche das jüdische Volk allezeit mit einer so großen Sorgfalt aufbewahrt hat. Es ist unstreitig,daß dieses das einzige Volk ist, wclchcs,vonseinem Ursprünge an, den Schöpfer des Himmels und der Erde erkannt hat; folglich mußte es auch das einzige seyn, welches die Geheimnisse dieses Gottes verwahren sollte. Es hat dieselben auch mit einer heiligen Sorgfalt erhalten, die ihres gleichen nicht hat. Die Bücher, welche die Aegypter und alle andern Völker für göttlich aus» gaben, sind schon eine so lange Zeitverlohrcn, so daß man in der alten Geschichte kaum einige dunkle und verwirrte Nachrichten davon antreffen kann. Die gehci« ligten Bücher der Römer, in welchen Numa, der Stifter ihrer Religion, ihre Geheimnisse aufgezeichnet harte, sind durch die Hände der Römer selbst untergegangen, und der Senat hat sie als solche verbrennen lassen, die auf den Umsturz der Religion abzielten*. Eben dieselben Römer haben auch die Sybillinischen Bücher untergehen lassen, die unter ihnen eine solange Zeit, als prophetische Bücher, verehrt worden sind, und wie man glaubte, die Rathschlüsse der unsterblichen Götter von ihrem Reiche enthalten sollten, ohne daß sie iemals, ich will nicht sagen, ein ganzes Buch, sou- * ?ir. l.lv. Ildr. 49. c. 2Y. Varro Ubr. äe culru vcor. »puä ^UAult. ile civir. Ilbr. VII. Z4. 428 Bischof Bossuets Einleitung sondern nur ein einziges Orakel davon öffentlich bekannt werden lassen. Die Juden sind die einzigen gewesen, deren heilige Schriften desto geehrter gewesen sind, ie bekannter sie waren. Unter allen alten Völkern wareil sie die einzigen, welche die ersten Denkmäler von ihrer Religion erhielten, ob sie gleich voller Zeugnisse wider ihren Ung'cmben und den Unglauben ihrer Vorfahren waren. Dieses Volk erhalt sich heut zu Tage noch, um zu allen Völkern, unter die es zerstreut worden ist, mit der Folge der Religion die Wunder undWeißagungen zu bringen, die sie unbeweglich machen. Als Jesus Christus erschien, und von seinem Vater gesandt wurde, die Verheißungen des Gesetzes zu erfüllen, so hat er seine Gesandtschaft und die Gesandtschaft seiner Jünger mit neuen Wundern bestätigt, die mit eben so vieler Sorgfalt aufgezeichnet worden sind. Die Geschichte davon ist aller Welt in die Hände gegeben worden; die Umstände der Zeiten, der Personen und der Oerter haben die Untersuchung derselben denen leicht gemacht, welche sich um ihre Seligkeit bekümmern wollen. Die Welt ist unterrichtet worden; die Welt hat den Glauben angenommen, und wenn man die alten Denkmäler der Kirche ein wenig erwogen hat, so wird man gestehen, daß niemals eine Sache, die Beweise verlangt hat, mit größrer Ueberlegung und Gewißheit ausgemacht worden ist. Allein wir müssen bey dem Verhältnisse, welches die Bücher des alten und des neuen Testamentes mit einander haben, einen wichtigen Unterschied anmerken. Die Bücher des alten jüdischen Volkes sind zu ver- schiednen Zeiten verfertiget worden; einige zu den Zeiten in die allgemeine Geschichte. 429 Zeiten Mosis; andre zu den Zeiten Josua, und der Richter; andre zu den Zeiten, wo das jüdische Volt aus Acgypten geführt wurde, und das Gesetz empfing; andre zu den Zeiten, wo eö das gelobte Land in Besitz nahm, und andre zu den Zeiten, wo eö Gott durch augenscheinliche Wunder in dem Besitze des versproch- nm Erbtheiles bestätigt hat. Gott wollte den Unglauben eines sinnlichen Volkes überzeugen, und nahm daher viele Jahrhunderte dazu, binnen welchen er auf eine weise Art seine Wunder und Propheteil austheilte, damit er die sinnlichen Zeugnisse oft erneuerte, wodurch er seine heiligen Wahrheiten bestätigte. In dem neuen Testamente erwählte er eine andre Einrichtung. Er wollte seiner Kirche nach Jesu Christo nichts neues offenbaren. In ihm ist die Vollkommenheit und Fülle, und alle Bücher des neuen Bundes sind zu den Zeiten der Apostel verfertigt worden. Das Zeugniß Jesu Christi, und das Zeugniß de« rer, die er für würdig hielt, Zeugen seine? Auferstehung zu seyn, war der christlichen Kirche genug. Alles, was nach der Zeit gekommen ist, hat sie erbaut, allein sie hat nichts anders für Eingebungen Gottes gehalten, als was die Apostel selbst aufgeschrieben, oder durch ihr Ansehen bekräftigt haben. Allein bey diesem Unterschiede, der unter den Büchern des alten und neuen Bundes ist, hat Gott allezeit die weise Ordnung beobachtet, daß er, was geschehen ist, zu der Zeit aufschreiben lassen, wo es sich zugetragen, oder wo das Andenken davon noch ganz neu gewesen ist. Diejenigen also, welche die Begebenheiten wußten, haben sie beschrieben; diejenigen, die sie wußten, haben die Bücher auch angenommen, worinnen sie die Zeugnisse von ihnen fanden; bcyds aber 4zo Bischof Bossuets Einleitung aber haben sie ihren Nachkommen, als ein kostbares Erbtheil, überlassen, und die fromme Nachkommenschaft hat sie erhalten. Auf die Weise ist die Sammlung der heiligen Schriften sowohl des alten als des neuen Bundes entstanden. Man hat diese Schriften vom Anfange her in allem für wahrhaft angesehen, und geglaubt, daß sie von Gott eingegeben wordeil sind. Mail hat sie auch deswegen mit einer solchen Ehrfurcht erhalten, daß man geglaubt hat, man könnte, ohne ein Verbreche» zu begehen, nicht einen einzigen Buchstaben darinnen andern. So sind sie denn bis auf uns gekomMen,immcr heilig, immer unverändert; jene sind durch eine beständige Tradition der Juden, und diese durch eine fortwahrende Tradition der Christeil erhalten worden, die desto gewisser ist, da sowohl diejenigen, von welchen diese Schriften geschrieben worden sind, als diejenigen, auf welche sie gekommen sind, sie mit ihrem Blute und mit dem Märtyrerthume bestätiget haben. Der heilige Augusiin und andre Kirchenvater fragen, auf wessen Wort wir die weltlichen Schriften gewissen Zeiten und gewissen Verfassern zueignen*? Ein jeder antwortet sogleich, daß sich diese Schriften durch die verschiednen Verhältnisse, die sie mit den Gesetzen, Gebräuchen und Geschichten gewisser Zeiten haben, durch die Schreibart, welche mit dein Charakter der Alter und der Verfasser gleichsam versiegelt sind, uild vornehmlich durch den öffentlichen Glauben und eine beständige fortdaurende Tradition von einander unterscheiden, und ein Ansehen erhalten. Alles dieses trifft bey den heiligen Schriften ein; man kann * ^uM. comr. r-mst. XI, 2. XXXII. II. XXXIII. 6. in die allgemeine Geschichte. 451 kann die verschiednen Zeiten und Verfasser von einander unterscheiden, und ie sorgfaltiger man gesucht hat, sie ganz zu erhalten, desto unstreitiger ist die Tradition, die uns dieselben erhalt. Sie ist auch nicht allein von den Rechtgläubigen, sondern auch von den Ketzern und sogar von den Heiden dafür angenommen worden. Man hat den Moses im ganzen Oriente, und hernach auf der ganzen Erde für den Gesetzgeber der Iüden und für den Verfasser der Schriften gehalten, die man ihm zueignet. Die Samaritaner^ welche sie von den zehn abgefall- nen Stämmen empfangen haben, sind so sorgfältig mit der Erhaltung derselben umgegangen, als die Jüden^ Ihre Tradition und ihre Geschichte ist bekannt *. Zwey Völker, die solche Feinde von einander waren, haben sie nicht, eins von dem andern, genommen; allein beyde haben sie von ihremgemeinschaftlichenUr- sprunge her gehabt,und m den ZeitenDavidS und Sala- monö empfangen. Die alten hebräischen Charaktere, welche dieSamaritaner noch beybchalten,zeigeu zurGnü- ge, das? sie dem Esra nicht gefolgt sind, der sie verändert hat. So müssen also der Pentateuchus der Samaritaner, und der PentateuchuS der Iüden als zwcy vollkomm- ne Originale angesehen werden, die eins das andre nichts angehen. Die vollkommne Uebereinstimmung derselben, was den Text anbetrifft, beweist die Redlichkeit dieser beyden Völker. Das sind getreue Zeugen, die mit einander cinmüthig etwas bekräftigen, ohne es mit einander abgeredet zu haben, oder besser ^.-^ . zu * Iren. 1.2. 17. l'ertuU. aclv. ZVlarc. IV. 1. 4. 5. ^u» 8"lr, cle urillr cre6. z, 17. conrra kiulrum IVlanicli, XXII. 79. XXVIH.4.XXXII. XXXIII. Lonrr. aclvers. jex. er?roxk. I.'S- 4Z2 Bischof Bossuets Einleitung zu sagen, die ungeachtet ihrer Feindschaft gegen einander einstimmig sind, und die allein die Tradition von undenklichen Jahren her auf einerley Gedanken gebracht hat. Diejenigen also, welche, obgleich ohne eine einzige Ursache zu haben, sagen wollen,daß diese Bücher entweder verlohren gegangen, oder niemals vorhanden gewe- sen,oder wieder hergestellt, oder vom Esra entweder ganz neu verfertigt, oder verfälscht worden waren, diese Zweifler werden nicht allein durch den Esra selbst widerlegt, wie man aus der Folge seiner Geschichte gesehen hat, sondern auch durch denPentateuchus der Sa- maritaner vom Gegentheile übersührt, so wie er heute zu Tage noch in ihren Handen ist; wie ihn in den ersten Jahrhunderteil Eusebius von Casarien, Hierony- mus, und andre Kirchengeschichtfthreiber gelesen, und diese Völker selbst von ihrem Anfange an erhalten haben. Eine so schwache Secte scheint nur darum so lange zu dauern, damit sie das Alterthum Mosts bezeugen soll. Die Verfasser der vier evangelischen Geschichten erhalten ein eben so gewisses Zeugniß von den Glaubi- gen,Hciden,und Keßern, die nicht daran zweiftln, daß sie die wirklichen Verfasser sind. Diese große Menge verschiedner Völker, welche diese göttlichen Bücher angenommen und übersetzt haben, so bald sie verfertigt worden sind,gestehen alle die Zeiten und Verfasser davon zu, die man ihnen zuschreibt. Die Heiden haben dieser Tradition nicht widersprochen. Weder Celsus, der die heiligen Schriften fast in dem ersten Anfange des Christenthums angegriffen hat; noch Julian,derAbtrünnige, der doch alles gewußt, und nichts ausgelassen hat, was ihr Ansehen zu verringern schien, noch ein andrer Heide in die allgemeine Geschichte. 4zz Heide sind iemals auf den Argwohn gefallen, daß sie untergeschoben waren, sie haben ihnen vielmehr alle die Verfasser zugestanden, welche ihnen die Christen geben. Obgleich die Ketzer durch das Ansehen dieser Bücher widerlegt und zu Schanden gemacht wurden, so unterstunden sie sich doch nicht zu leugnen, daß sie von den Jüngern unsers Heilandes herrührten. Es sind aber einige von diesen Ketzern dein Anfange der Kirche ganz nahe gewesen, und die Bücher des Evangelii sind, so zu sagen, vor ihren Augen geschrieben worden. Der Betrug würde also gar zu leicht entdeckt worden seyn, wenn man ja vom Betrüge etwas sagen wollte» Wie hatte er können glücklich seyn? Es ist wahr, daß nach den Zeiten der Apostel, da sich die Kirche schon auf der ganzen Erde ausgebreitet hatte, Marcion und Manes, die die verwagensten und unwissendsten unter allen Ketzern gewesen sind, ungeachtet der Tradition, die von den Aposteln ihren Ansang nahm, und von ihren Schülern, und den Bischöfen, denen sie ihr Amt und die Aufsicht über die Heerden gelassen hatten, fortgepflanzt, und von der ganzen Kirche einmüchig angenommen wurde, daß, sage ich, Marcion und Manes sich unterstunden zu sagen, drey Evangelia wären untergeschobne Schriften. Sie zogen das Evangelium des heiligen Lucas den andern vor, ohne daß man weis warum, da sie es durch keinen andern Weg als jene erhalten haben; sie sagten aber, daß auch dieses Evangelium verfälscht worden wäre. Was gaben sie aber für Beweise davon an? Lauter Träume, keine gewissen und ausgemachten Beweise. Die ganze Ursache, die sie angaben, war diese, daß alles dasjenige, was ihren Meynungen entgegen märe, nothwendig von andern, als den Aposteln, erfunden seyn Ee müßte» 4Z4 Bischof Bossuets Einleitung müßte. Die Beweise, die sie anführten, waren also die Meynungen selbst, die man ihnen streitig machte; Meynungen, die so ausschweifend, und so of. fenbar unvernünftig waren, daß man noch nicht begreifen kann, wie sie einem gesunden Menschenverstände haben einfallen können.Allein wenn man die Kirche des Mangels der Redlichkeit wegen anklagen wollte, so hatte man doch gewiß Originale haben müssen, die von den ihrigen unterschieden gewesen waren, oder man hatte sonst unstreitige Gründe vorbringen sollen ^. Da marl sie und ihre Schüler aufgefordert hat, daß sie doch einig« vorbringen möchten, so sind sie stumm geblieben, und ihr Stillschweigen ist ein untrüglicher Beweis, daß man im andern Jahrhunderte nach Christi (Geburt/ wo sie schrieben, nicht eine Spur einer Verfälschung, auch nicht den geringsten gegründeten Argwohn hatte, den man der Tradition der Kirche hätte entgegensetzen können. Was soll ich von der vortrefflichen Uebereinstimmung der Bücher heiliger Schrift, und von demherr- lichen Zeugnisse sagen. das die Zeiten des Volkes Gottes für einander ablegen? Die Zeit des andern Tempels seht die Zeiten des ersten zum Voraus, und führen uns auf den König, Salomo, zurück. Der Friede ist nur durch Schlachten erlangt worden, und die Eroberungen des Volkes Gottes führen uns ganz natürlich auf die Richter / aus den Josua, undauf den Abgang aus Aegypten. Da man ein ganzes Volk aus einem Königreiche ausgehen sieht, wo es fremd war, so erinnert man sich daran, wie es hineingekommen ist. So gleich erscheinen uns die zwölf Patriarchen, und ein Volk, das sich allemal, als eine einzige Familie * Iren. 1"«rtu!I. ^uZust.!. c. in die allgemeine Geschichte. 435 lie angesehen hat, bringt uns nothwendig auf den Patriarchen Abraham zurück, welcher der Stammvater davon ist. Dieses Volk war vernünftiger, und der Abgötterei) nicht mehr so sehr ergeben, als es aus der babylonischen Gefangenschaft wieder kam Das war eine natürliche Wirkung der großen Strafe, die ihm seine vergangnen Fehler zugezogen hatten. Wenn sich dieses Volk rühmen kann, verschiedne Jahrhunderte hindurch Wunder gesehen zu haben, welche kein andres Volk erlebt hat, so kann es sich auch rühmen, mit einer solchen Erkenntniß Gottes begabt geweseil zu seyn, die keine andre Nation hatte. Was sollen denn die Beschneidung, das Lauberhütten- fest, die Feyerungdeö Osterlammes,und soviel andre Feste anzeigen, die seit einer undenklichen Zeit von dieser Nation gefeyertworden sind, als daß man alle diese Dinge in den Büchern Mosis bezeichnet findet? Kann man iemals eine unglaublichere Fabel erdenken, als diese ist, daß ein Volk sich durch eine besondre Religion, und so besondre Gebräuche von andern unterscheidet; daß es eine so erhabne und zusammenhangende Lehre , als die seinige ist von seinem Anfange an, auf den Glaub?» an die Schöpfung und an die Vorsehung gründet, und unverändert erhalt; daß es das Andenken einer so langen Reihe nothwendig zusammenhangender Begebenheiten, so wohl eingerichteter Ceremonien, und so allgemeiner Gebräuche nicht untergehen läßt, und daß doch eben dieses Volk keine Geschichte, welches dasselbe seinen Ursprung lehrte, und kein Geseh gehabt haben soll, welches ihm seine Ceremonien binnen zween tausend Jahren vorgeschrieben/ in welchen es nämlich ein Staat gewesen ist? Was kann unglaublicher seyn, als die Fabel, Ee 2 daß 4Z6 Bischof Bossuets Eillleitung daß Esra auf einmal angefangen habe, unter dem Namen Mosis eine Geschichte seiner alten Begebenheiten, und das Gesetz, die Richtschnur seiner Sitten, bekannt zu machen, nachdem die alte Monarchie dieses Volkes durch seine Gefangenschaft umgestürzt worden ist? Kann man einer solchen Fabel Glauben beymesscn, ohne zugleich unwissend, und ein Gotteslästrer zu seyn? Wenn ein solches einmal angenommenes Gesetz untergehen soll, so muß entweder ein Volk ausgerottet werden, oder durch vielej große Veränderungen so weit kommen, daß es von seinem Ursprünge von seiner Religion, und von seinen Gebräuchen nur eine ganz verwirrte und dunkle Erkenntniß übrig behält. Soll dieses Unglück dein jüdischen Volke begegnet, und sein Gesetz, das unter dein Zedekiaö noch so bekannt gewesen ist, sechzig Jahre hernach untergegangen seyn, ob sich gleich ein Ezechiel, ein Jeremias, ein Baruch, ein Daniel, und viele andre für die Erhaltung desselben unglaubliche Mühe gegeben, und obgleich dasselbe seine Märtyrer gehabt, wie solches die Beyspiele Daniels und der dreyMänner beweisen; ist, sage-ich, dieses Gesetz in so kurzer Zeic vklohren, und so sehr vergessen worden, daß es dem Esra erlaubt ist, cö nach seinem Gutdünken wieder herzustellen: So war cö nicht das einzige Buch, welches er unterschieben mußte. Er mußte zu gleicher Zeit nicht allein alle alten und neuen Propheten, diejenigen nämlich, welche vor und während der Gefangenschaftgeschrieben hatten, und diejenigen, welche das Volk selbst noch ihre Weißagungm aufschreiben sehen, und von denen sie das Andenken beständig echielt,, sondern auch die Bücher des Königes Salonw/Und die PsalmenDavids, und alle historischen in die allgemeine Geschichte.. 457 Büchcr,alle diese mußte er selbst verfertigen und für authentisch ausgeben. Denn es ist in der ganzen jüdischen Geschichte keine einzige Begebenheit, und in allen übrigen Büchern kein einzigesCapitel,wclches einen einzigen Augenblick so bestehen tonnte, wie wir es haben, wenn e6 von Mosis Schriften abgesondert würde. Alles redet darinnen vom Moses; alles gründete sich auf ihn, und das mußte wohl so seyn, weil die Geschichte, die er geschrieben hat, bey dem jüdischen Volke in der That der einzige Grund aller ihrer öffentlichen und häuslichen Einrichtungen war. Esra hätte in der That etwas bewundernswürdiges und ganz neues in der Welt unternommen, wenn er zu gleicher Zeit den Moses und so viele andre Manner von verschiednen Charakteren und in verschiednen Schreibarten reden lassen, so daß sie dennoch immer mit einander einstimmig und sich einander gleich geblieben wären; wenn er das Volk aufeinmal überreden können, das wären die alten Bücher, die es beständig verehrt hatte, und die neuen/ die es schreiben sehen, als wenn die Juden niemals hätten von etwas reden hören, und als wenn alle Kenntniß der gegenwärtigen und der vergangnen Zeit vertilgt worden wäre. Das sind die erstaunlichen Dinge, die man glauben muß, wenn man die Wunder des Allmächtigen nicht glauben, und das Zeugniß nicht annehmen will, nach welchem von einem großen Volke gesagt wird, daß eö mit seinen Augen Gott zugesehen habe, als er diese Wunder gethan hat. Allein wenn dieses Volk nach seiner Zurückkunft aus der babylonischen Gefangenschaft in das Land seiner Väter so unerfahren und unwissend war, daß es sich kaum besinnen können, ob es vordem auch einmal gewesen wäre; wenn seine Unwissenheit so weit gienge, daß Ee z es 4Z8 Bischof Bessuets Einleitung ^ ^ es alles ohne Untersuchung annahm, was ihm Esra Ne^^'s." in die Hände gab: Wie sollten wir alles dasjenige 'i> ansehen, was Esra in seinem Buche, und Nehemia, sei«? Zeitgenosse, in dem scinigen von den heiligenSchrif- ten gesagt haben? Mit welcher Verwägenheit unterstunden sich Esra und Nehemia/ in so vielen Stellen und so öffenrlich von dem Gesehe Mosis, als von einer c chrifc zu reden, dab aller Welt bekannt, und in aller Handen wäre? Das ganze Volk Handelle so natürlich nach diesem Gösche, als wenn es ihm. beständig bekannt -Chr.zs,-». gewesen wäre; wie soll man denn diefts ansehen? Wie Nch. i, i. kam es denn, daß das gam,e Volk nach seiner Wiederkunft die Erfüllung der Weißagung des Propheten, Jeremias, welche die siebzig Wochen der Gefangenschaft berraf, so sehr bewunderte? Wie kam es denn, daß dieser Jeremias, welchen Esra mit den andern Propheten vor kurzer Zeit erst geschmiedet hatte, auf einmal Glauben fand? Durch welchen neuen Kunstgriff hat man ein ganzes Volk, und vornehmlich die Alten, die diesen Propheten noch gesehen hatten, bereden können, daß sie bestandig auf die in seinen Schriften verhcißns wunderbare Errettung gehofft hätten? Allein man wird sich aus diesen Zweifeln bald herausfinden; man wird nur annehmen, daß Esra und Nehemia die Geschichte ihrer Zeiten nicht geschrieben haben; daß sie von einem andern in ihrem Namen verfertigt worden sind. Man wird sagen, diejenigen, welche alle übrigen Bücher des alten Testamentes erdichtet hatten , wären so glücklich bey der Nachkommenschaft gewesen, daß ihnen andre Betrüger Bücher zugeeignet hätten, um ihrem Betrüge Glauben zu verschaffen. Man in die allgemeine Geschichte. 459 Man wird sich ohne Zweifel solcher ausschweifen- den Einwürfe schämen; man wird vielleicht nicht sagen: Esra hätte auf einmal so viele Bücher von so verschied- nen Charakteren der Schreibart und der Zeit erscheinen lassen; man kann aber vorgeben, daß Esra vielleicht Weißagungen und Wunder eingeschoben habe, die ihnen ein göttliches Ansehen zuwege bringen. Allein dieser Irrthum ist noch gröber und unverschämter, als der vorige. Denn diese Wunder und Weißagungen sind in allen diesen Büchern so sehr ausgebreiter, so oft eingepragt,und so oft, und unter so vielen siarkenFiguren und Gestalten wiederholt, und haben eine so genaueVer- bindung mit dem Ganzen, daß man niemals diese heiligen Bücher aufgefchlagen haben müßte, wenn man nicht sehen wollte, daß es viel leichter gewesen wäre, sie ganz umzuschmclzen, als Dinge einzuschieben, die die Ungläubigen mit einem so großen Unwillen darinnen antreffen. Und wenn man ihnen auch alles einräumte, was sie verlangten, so gehört das Wunderbare und Göttliche so sehr zum Wesen dieser Bücher, daß man es darinnen antreffen würde, so ungern man es auch finden wollte. Esra soll, weil man es so haben will, Weißagungen von Dingen, die zu seiner Zeit geschehen sind, erst eingeschobcn haben, nachdem sie sich schon zugetragen; wer wird denn die Prophezey- ungen, die seit der Zeit in so großer Anzahl erfüllt worden sind, hinzugesetzt haben? Vielleicht hat Gott dem Esra die Gabe zu weißagen gegeben, damit der Betrug des Esra glaubwürdig seyn möchte; man wird also lieber einen Betrüger, als einen JesaiaS, einen Jeremias , einen Daniel zum Propheten haben wollen; oder vielleicht hat ein jedes'Jahrhundert einen so glücklichen Betrüger erzeugt, dem das ganze Volk ge, Ee 4 glaubt 44-2 Bischof Bossuets Einleitung glaubt Hit, und es werden immer neue Betrüger gekommen seyn, welche aus einem bewundernswürdigen Eifer für die Religion ohne Aufhören noch etwas zu den heiligen Büchern hinzugesetzt haben; das wird noch nach der Zeit geschehen seyn, als der Canon geschlossen wurde, und sich die heiligen Schriften mit den Jüden in der Zerstreuung auf der ganzen Er« de, in den Originalen sowohl, als in den Uebersetzungen in fremde Sprachen, überall ausbreiteten. Würde nicht dadurch die Religion von Grundaus zerstörtwor- den seyn, wenn sie auf eine so gewaltsame Weise eingeführt werden sollen? iaßt denn ein ganzes Volk dasjenige, was es für göttlich halt, so leicht verändern/ es mag nun Irrthum oder Vernunft seyn, warum es dasselbe für göttlich halt? Wenn iemand nur ein einziges Capitel zu dem Evangelio, oder zum Alkorane hinzusetzen wollte, könnte er sich wohl Hoffnung machen, die Christen oder die Türken zu bereden, es gehörte dieses Capitel zum Evangelio oder zum Alkorane? Allein vielleicht waren die Jüden hierinnen gelehriger, als andre Völker, und vielleicht bezeigten sie nicht so viel Ehrfurcht gegen ihre heiligen Bücher? Was für ungeheure Meynungen musi man sich nicht bereden lassen, wenn man das Joch des göttlichen Ansehens abwerfen, und seine Meynungen, und seine Sitten nur nach seiner verirrten Vernunft einrichten und regieren will! Man sage nicht, daß die Untersuchung dieser Dinge so schwer sey. Denn wenn sie es seyn sollte, so muß man sich entweder an das Ansehen der Kirche, und an die Tradition so vieler Jahrhunderte halten, oder die Untersuchung so weit treiben, als nöthig ist, und nicht glauben, daß man davon freykomme, wenn man in die allgemeine Geßhichte. 441 man sagt, sie erfordre mehr Zeit, als man auf seine Seligkeit wenden will. Aber man darf nicht einmal die Bücher des alten und des neuen Bundes mit so vieler Sorgfalt untersuchen; man braucht nur das Buch der Psalmen zu lesen, wo so viele alte Gesänge des Volkes Gottes gesammelt worden sind. Daselbst wird Man in der göttlichsten Poesie, die jemals gewesen ist, unzählige unvergängliche Merkmale von ° der Geschichte Mosis, der Richter, und der Könige antreffen, die durch den Gesang und bei? Wohlklang tief in das Gedächtniß der Menschen eingeprägt worden sind. Aus dem neuen Testamente darf man die Briefe des heiligen Paulus nehmen. Sie sind so lebendig, so original; sie schicken sich so vortrefflich zu den Zeiten, Angelegenheiten und Veränderungen des damaligen Iahrhundertes, und sie haben endlich einen so kenntlichen und gewissen Charakter, daß nichts göttlicher» seyn kann,als diese Briefe. Diese Briefe, die von allen Kirchen, an die sie Paulus gerichtet hat, angenommen, und von ihnen andern mitgetheilt worden sind, sind allein hinlänglich, gut geartete Gemüther zu überzeugen, daß in den heiligen Schriften, die uns die Apostel gelassen haben, alles lauter und unverfälscht ist. Sie unterstützen auch einander mit einer unglaublichen Starke. Die Geschichte der Apostel ist nur eine Fortsetzung der evangelischen Geschichte; alle Briefe der Apostel setzen diese nothwendig voraus, und damit alles zusammenstimmen möge, so beziehen sich die Ev- angelia, die Apostelgeschichte und die Briefe der heili- Röm.io^.,? gen Männer überall auf die alten Schriften des jüdischen Volkes. Der heilige Paulus und andre Apostel führen ohne Aufhören an, was Moses gesagt und geschrieben hat, und was die Propheten nach Mosen ge- E e 5 sagt !K ^.»l K M M M M 442 BischofBossuets Einleitung sagt und aufgeschrieben haben. Jesus Christus be- xue.24,44. ruft sich selbst auf das Gesetz Mosis, auf die pro. ^' pheren, und auf die Psalmen, als auf Zeugen, die einerley Wahrheit einmüthig bekräftigen. Wenn er seine Geheimnisse erklären will, so fangt er von N1ose Joh. 5,4«. und den Propheten an, und wenn er zu den Juden 47' sagt, daß Moses von ihm geschrieben habe, so seht er dasjenige, was am bekanntesten unter ihnen war, als einen unleugbaren Grund fest, und führt sie selbst auf . die Quelle ihrer Traditionen zurück. Wir wollen dem ungeachtet sehen, was man wider ein so bekanntes Ansehen, und wider das einstimmige Zeugniß so vieler Jahrhunderte einwenden will. Denn da man sich in unsern Tagen unterfängt, in allen Sprachen Vüchcr wider die heilige Schrift zu schreiben, so muß man nichts verschweigen,was man nur sagt, um ihr Alterthum verdächtig zu machen. Was sagt man denn also, der, Vorwurf zu beweisen, daß der Penta- teuchus untergeschoben sey / und was hat man wider eine Tradition von dreytausend Jahren einzuwenden, die durch ihre eigne Kraft und durch die Felge der Begebenheiten unterstützt wird ? Nichts zusammenhängendes/ nichts gewisses, nichts Wichtiges:Grübeleyen über die Zahlen, die Oerter, und die Namen, und Anmerkungen, die man in einer andern Materie für nichts, als für Wirkungen einer eitlen Neugierde halten würde, welche im Grunde eine Sache nicht verdächtig machen könnten, solche Grübeleyen werden hier als Dinge angeführt, die in der ernsthaftesten Sache von der Welr einen entscheidenden Ausspruch thun sollen. Es giebt Schwierigkeiten, sagt man, in der Geschichte der heiligen Schrift. Ja es giebt ohne Zweifel Schwierigkeiten darinnen, die wir nicht daselbst antref- in die allgemeine Geschichte. 44z antreffen würden, wenn das Buch nicht so alt, oder, wie man sich zu sagen untersteht, von einem geschickten und arbeitsamen Manne untergeschoben worden wäre, und wenn man nicht eine so große Ehrfurcht gegen dieses Buch gehabt hatte, daß man es den Nachkommen, lieber, wie man es fand, hinterlassen, als sich die Freyheit nehmen wollen, dasjenige darinnen zu ändern, was uns'eine Schwierigkeit zu seyn scheint. Es giebt Schwierigkeiten, die von der Zeit herkommen, wenn die Oerter die Namen oder ihren Zustand verändert haben; wenn die Data vergessen; wenn die Geschlechtsrcgister unbekannt werden ; wenn den Fehlern nicht mehr abzuhelfen ist, welchedie getreuste Copie in dergleichen Sachen so leicht ein- schleichen laßt, oder wenn die Menschen sich einige Begebenheiten entwischen lassen, wodurch denn in einem Theile einer Geschichte einige Dunkelheit verursacht wird. Allein betrifft diese Dunkelheit die Folge der Geschichte selbst, oder das Wesen der Sache selbst? Im geringsten nicht; alles hangt darinnen zusammen, und was noch dunkel bleibt, zeigt uns in den heiligen Büchern nur ein desto ehrwürdiger^ Alterthum. Allein es sind Verfälschungen im Texte vorgegangen; die alten Uebersetzungen stimmen nicht mit einander überein; das Hebräische ist in verschiednen Stellen von sich selbst unterschieden, und der samaritani- 5 B. Mos. sche Text ist außer demWorre,dcis dic^Samaritaner.wie ^ ^ man sie dessen beschuldiget, zum Besten ihres Tempels auf dem Berge Garizim verändert haben, noch in verschiednen Stellen von dem Texte der Juden unterschieden. Und'was wird man daraus folgern? Daß die Juden und Esra den Pentateuchus nach ihrer Wiederkunft aus der babylonischen Gefangenschaft unter- gescho- 444 Bischof Bsssmts Einleitung geschoben haben? Man muß gerade das Gegentheil daraus schließen. Die Abweichungen des samarita- nischen Textes dienen nur zur Bestätigung dessen, was wir schon festgesetzt haben, daß ihr Text mit dem jüdischen ganz und gar keine Gemeinschaft hat. Weit gesehlt daß man sich einbilden könnte, diese Abtrünnigen hatten etwas von den Juden und vom Esra angenommen , so sehen wir vielmehr das Gegentheil, indem sie ans Haß gegen den ersten und andern Tempel ihren Traum von dem Berge Garizim erdichtet haben. Wer sieht nlso nicht deutlich daraus, daß sie lieber die Juden des Betruges beschuldigt haben, als ihnen gefolgt seyn würden. Diese Rebellen verachteten den Esra und alle Propheten der Juden mit ihrem Tempel/ den Salomo erbaut hatte, und zu dem vom Könige David der Ort abgezeichnet worden war. Was ehrten sie denn am Pentateuchus, als ein Alterthum, das sich nicht allein weiter, als Esra und die Propheten, sondern auch weiter noch, als Salomo und David, erstreckte, mit einem Worte was ehrten sie, als das Alterthum Mosis, das beyde Völker einräumten? Wie unstreitig ist also nicht das Ansehen Mosis und seiner fünf Bücher, da es alle Einwürfe nur mehr befestigen müssen! Woher kömmt es aber, daß die Texte und die Ue- bersehungen so weit von einander abweichen? Woher kommen sie, als von dem Alterthume des Buches selbst, welches durch die Hände der Abschreiber so viele Jahrhunderte hindurch gegangen ist, in welchen die Sprache, worinnen die Schrift verfaßt worden, aufgehört hut,ei- ne gemeine bekannte Sprache zu seyn ? Wir wollen aber diese nichtswürdigen eitlen Streitigkeiten vorbeylassen, und mit einem Worte alle Schwierigkeiten von Grund- aus in die allgemeine Geschichte. 445 aus heben. Man sage mir, ob es nicht etwas ausgemachtes ist, daß man,in allen Texten und in allen Übersetzungen eben die Gesehe, eben die Wunder,eben die Weißagungen, eben die Folge in der Geschichte, eben die Lehre, und also das Wesentliche finden wird, das man in einem findet ? Was schaden alsdann die übrigen Abweichungen der Texte von einander? Was können wir mehr verlangen, als daß das Hauptsächliche in den heiligen Büchern unverändert ist, und was können wir von der göttlichen Vorsehung mehr begehren? Was die Uebcrsetzungen anbetrifft, ist denn das ein Kennzeichen, daß das Original neu und untergeschoben ist, wenn die Sprache der Schrift so alt ist, daß man die Zärtlichkeiten und Reizungen verloh- ren hat, und dadurch verhindert wird, alle ihre Schönheiten mit dem größten Nachdrucke und nach aller Strenge in andre Sprachen zu bringen? Ist das nicht vielmehr ein Beweis von ihrem Alterthume? Und wenn mal, sich denn bey Kleinigkeiten aufhalten will, so nenne man mir aus so vielen Stellen, wo sich einige Schwierigkeit finden soll, nur eine einzige, die man durch Vernunftschlüsse und Muthmaßungen vollkommen hergestellt hat. Man ist der muthmaßlichen Richtigkeit der Exemplarien gefolgt, und da die Tradition niemals zugelassen hat, daß die rechtgläubige Lehre verfälscht würde, so hat man geglaubt, daß die übrigen Fehler, wenn noch einige vorhanden wären, nur zum Beweise dienten, daß man hier mit seinem eignen Verstände keine Neuerung oder Verbesserung gewagt habe. Nunmehr wollen wir auf den stärksten Einwurf kommen. Sind nicht zu dem Texte Mosis Zusähe hinzugekommen, und woher kömmt die Nachricht von seinem 446 Bischof Bossuets Einleitung seinem Tode an dem Ende seines Buches, das man ihm zuschreibt. Welch ein Wunder, daß diejenigen, welche seine Geschichte fortsetzten, zu seinen übrigen 5B.Mos.4, Handlungen das selige Ende derselben hinzufügten, 2- damit die Geschichte von ihm ganz vollständig seyn c. i-, l->. möchte! Wir wollen nunmehr auch die andern Zusähe untersuchen. Betreffen sie ein neues Gesetz, eine neue Ceremonie, eine iehre, ein Wunder, eine Weissagung? Daran denkt man nicht einmal; man findet nicht das geringste verdachtige Anzeichen, nicht die geringste Spur davon; das wäre so viel gewesen, als wenn man zu den» Werke Gottes einen Zusatz machen wölkn : das Gesetz selbst hatte solches untersagt, und eine solche Verwägenheit würde das größte Aergerniß verursacht haben. Man hat also etwa eine angefangene Genealogie fortgesetzt; man hat vielleicht den Namen einer Stadt erklärt, der mit der Zeit sich verändert hat; man wird bey Gelegenheit von dem Manna, wodurch das Volk Gottes vierzig Jahre lang ernährt worden Ioh, ?, 12. ist, die Zeit bemerkt haben, wo diese himmlische Nah- ^?6,^z5^' ^'3 aufgehört hat, und diese Sache, welche nach- ' ' her in ein andres Buch aufgezeichnet worden ist, wird als eine Anmerkung einer gewissen und öffentlich bekannten Sache, wovon alles Volk ein Zeuge gewesen, in dem Buche Mosis geblieben seyn; vier oder fünf andre Anmerkungen von der Art, die etwan Iosua, Samuel oder ein andrer eben so alter Prophet gemacht, weil sie bekannte Begebenheiten betrafen, bey lzenen niemand einige Schwierigkeiten machte, diese, sage ich, werden mit der Zeit in den Text gerückt worden seyn, und die Tradition wird sie uns eben so getreu, als alles übrige, überliefert haben, und nunmehr wird alles verlohren seyn? Esra wird angeklagt werden, in die allgemeine Geschichte. 447 den, obgleich der samaritanische Text, wo man diese Anmerkungen findet, uns deutlich zeigt, daß ihr Alter sich nicht allein über den Esra, sondern auch über den Abfall der zehn Stämme hinaus erstreckt? Das hindert nichts; die Schuld muß doch auf den Esra zurückfallen. Wenn diese Anmerkungen noch weiter zurückgiengen, so würde der Pentateuchus noch älter seyn, als nöthig ist, und man könnte das Alter eines Buches nicht genug verehren, dessen Anmerkungen selbst so alt wären. Soll also Esra alles gemacht haben? Esra hat also vergessen, daß er Mosen redend einführen wollte, und er wird ihn einen so großen Fehler machen, und ihn dasjenige, was sich nach seiner Zeit zugetragen hat, als etwas haben aufschreiben lassen, das vor seiner Zeit oder zu seiner Zeit geschehen ist? Dieses Einwurfes weqen soll also ein ganzes Werk untergeschoben seyn müssen, und das Ansehen so vieler Jahrhunderte und des öffentlichen Glaubens wird ihm nichts mehr helfen? Als wenn man im Gegentheile nicht sähe, daß diese Anmerkungen, welcher man sich wider das Buch selbst bedient, ein neuer Beweis von der Aufrichtigkeit und Redlichkeit nicht allein derer, von denen die Anmerkungen herrühren, sondern auch derer waren, welche sie so getreulich abgeschrieben, und der Nachkommenschaft überliefert haben. Hat man jemals von dem Ansehen, ich will nicht sagen, eines göttlichen Buches, sondern einer jeden andern Schrift, welche es auch sey, nach so leichten Gründen ein Urtheil gefallt? Allein das ist die Ursache, daß die Schrift eine Feindinn des menschlichen Geschlechtes ist, daß sie die Menschen nöthigen will, ihren Verstand Gott unterwürfig zu machen, und ihre unordentlichen Leidenschaften ju unterdrücken; ein solches Buch muß unter- 448 Bischof Bossuets Einleitung untergehen, und es koste was es wolle, der Freygei- stercy in den Meynungen und im Leben aufgeopfert werden. Glauben sie im übrigen nicht, Monftigneur, daß die Gottlosigkeit sich ohne Nothwendigkeit in alle diese Ungereimtheiten einläßt, die sie gesehen haben. Wenn sie wider das Zeugniß des menschlichen Geschlechtes, und wider alle Gesetze eines gesunden Menschen sich alle Mühe geben, dem PentateuchuS und den Propheten ihre allezeit dafür erkannten Verfasser zu entreißen, und die angegebnen Zeiten zu bestreiten: So geschieht das darum, weil in dieser Materie alles auf die Dara ankömmt, und das aus zwo Ursachen. Zum ersten weil diese Bücher, welche so viele wunderbare Begebenheiten enthalten, die mit ihren besondersten Umständen bekleidet sind, und nicht allein für öffentlich bekannte, sondern auch für gegenwärtig geschehne Dinge ausgegeben werden, weil, sage ich, diese Bücher sich selbst verdammen müßten,wenn man sie sollte widerlegen können, und weil sie folglich schon lange von sich selbst ihr Ansehen verlohren haben würden, anstatt daß sie sich ißt durch sich selbst erhalten. Zum andern kann man, wenn die angegebnen Zeiten ihre gewisse Richtigkeit haben, diesen Büchern das untrügliche Siegel der göttlichen Eingebung nicht nehmen, noch vertilgen, das ihnen Gott in der großen Anzahl und langen Reihe ihrer Weißagungcn aufgedruckt hat. Die Freygeister sind also auf diese Ungereimtheiten verfallen, weil sie gern den Wundern und Weissagungen ausweichen wollen. Allein sie mögen nur nicht denken, daß sie Gott entgehen können; er hat seinem Worte noch ein Merkmal stiner Göttlichkeit erhal- in die allgemeine Geschichte. 449 erhalten, welches keinen Einwurf leidet. Das ist die Uebereinstimmung der Bücher des alten und des neuen Testamentes. Man streitet zum wenigsten nicht, daß das alte Testament nicht vor dem neuen geschrieben worden sey. Es ist hier kein neuer Esra, der die Juden bereden können, ihre Schriften zum Besten der Christen, die sie verfolgten, zu erfinden oder zu verfälschen. Mehr braucht man wider die Feinde der Religion nicht. Durch die Uebereinstimmung der Bücher des alten und des neuen Testamentes beweist man die Göttlichkeit des einen und des andern. Sie haben beyde einerley Vorhaben, und eine Folge; das eine bereitet den Weg zur Vollkommenheit, das andre zeigt ihn frey und entdeckt; das eine legt den Grund, und das andre füh»'t das Gebäude auf diesen Grund auf; kurz, das eine verkündigt dasjenige vorher, dessen Erfüllung das andre zeigt. Es sind also alle Zeiten vereinigt, und der ganze ewige Entwurf der göttlichen Vorhersehung ist uns offenbart. Die Tradition des jüdischen Volkes und die Tradition der christlichen Kirche machen eine einzige Folge von Religion, und die Schriften beyder Testamente nur ein Buch aus. Weil die Untersuchung der besondernProphezeyungen auf vielen Begebenheiten beruht,denen nicht alle Welt so leicht nachdenken kann, ob sie gleich an sich voll Licht und Deutlichkeit sind: So hat Gott einige darunter ausgeson- dert,die er auch denen,die in der größten Unwissenheit sich befinden, begreiflich gemacht hat. Diese außerordentlichen, diese herrlichen Begebenheiten, von denen die ganze Welt ein Zeuge ist, sind es, Monsei^neur, welche ich ihnen zeither vorgetragen habe; das sind der Untergang des jüdischen Volkes und die Bekeh- Ff rung 450 Bischof Bossuets Einleitung rung der Heiden, die sich zu gleicher Zeit, da Jesus' Christus erschienen, und da das Evangelium gepredigt worden ist, zugetragen haben. Diese drey Dinge, welche in der Ordnung der Zeit mit einander vereinigt sind, waren es noch mehr in der Ordnung der ewigen Rathschlüsse Gottes. Si« haben sie in den alten Prophezeyungen alle zusammen vereinigt gesehen; allein Jesus Christus, dieser getreue Ausleger der Prophezeyungen und des Willens seines Vaters hat uns diese Verbindung in seinem Evan- gelio noch deutlicher gezeigt. Dieses hat er im Gleichnisse vom Weinberge gethan, in einem Glcichnisse,dcssen Matth. -i, sich die Propheten so oft bedient haben. Der Hausvater hatte diesen Weinberg gevflanzt,das ist, er hatte die wahre Religion auf seinen Bund gegründet, und ihn den Arbeitern zu bauen gegeben. Diese Arbeiter waren die Juden. Er sendet seine Diener, nämlich die Propheten, zu verschiednenmalen, um die Früchte davon einzusammeln. Diese ungetreuen Arbeiter bringen die Knechte Gottes um. Seine Güte treibt den Hausvater an, selbst seinen Sohn an sie zu senden. Sie begegnen ihm aber noch grausamer, als seinen Knechten. Am Ende nimmt er ihnen seinen Weinberg, und giebt denselben andern Arbeitern ein; er nimmt ihnen die Gnade seines Bundes, um sie den Heiden zu geben. Diese drey Dinge mußten also zusammenkommen, die Gesandtschaft des Sohnes Gottes, die Verwerfung der Iüden, und die Berufung der Heiden. Man branchc keine andre Auslegung dieses Gleichnisses, als den Erfolg, der es am besten erklart hat. Die Iüden räumen ein, wie sie gesehen haben, Llionftigneur, daß das Königreich Iuda und seine Ange- in die allgemeine Geschichte. 451 Angelegenheiten in den Zeiten Herodis in Verfall gekommen sind, da Jesus Christus aufder Erde erschienen ist. Wenn die Verdrehungen des göttlichen Gesetzes ihnen einen so sichtlichen Verfall ihrer Gewalt zugezogen haben, wie groß muß nicht das Verbrechen seyn, welches mit ihrem völligen Untergange bestraft worden ist! Dieses Verbrechen ist unstreitig ihre Undankbarkeit gegen ihren Mcßias, der in der Welt erschien/ sie zu unterrichten, und zu befreyen. Seit dieser Zeit drückt sie auch ein eisernes Joch, und sie würden darunter zu Boden sinken, wenn sie nicht Gott dazu erhielte, daß sie dereinst dem Meßiaö dienen sollten, den sie gekreuzigt haben. Der gänzliche Untergang des jüdischen Volkes in den Zeiten Jesu Christi, das ist schon ein wichtiger bewiesner und aller Welt bekannter Erfolg. Die Bekehrung der Heiden, die zu eben der Zeit vorgehen sollte, ist eben so unleugbar bewiesen. Zu eben der Zeit, da der alte Gottesdienst nebst dem Tempel in Jerusalem aufgehoben wird, sieht man die Abgötterey von allen Seiten angegriffen werden, und die Völker, welche seit so vielen tausend Jahren ihren Schöpfer vergessen hatten, erwachen endlich aus einer so langen Betäubung wieder. Und damit alles desto besser zusammenstimme, so werden die geistlichen Versprechungen durch die Predigt des Evangelii zu der Zeit entdecket, da das jüdische Volk, welchem nur zeitliche Zusagen geschehen find, wegen seines Unglaubens öffentlich verworfen, und in dieSkla- verey der ganzen Erde verstoßen wurde, und folglich nunmehr keine menschliche Hoheit zu hoffen hat. Zu der Zeit wird der Himmel denen zugesagt, welche um der Gerechtigkeit willcnVerfolgung leiden; die Geheimnisse Ff 2 des 4)2 Bischof Bossuets Einleitung des zukünftigen Lebens werden gepredigt, und es wird gewiesen, daß die wahre Seligkeit weit von dem Aufenthalte entfernt sey, wo der Tod herrscht, und wo die Sünde und alle Uebel so häufig vorhanden sind. Wenn man hier keine göttliche Einrichtung sieht, die immer behauptet und fortgeführt wird; wenn man hier nicht eine beständige Ordnung der Rathschlüsse Gottes entdeckt, der voin Anfange der Welt her dasjenige zubereitet, was er am Ende der Tage vollendet, und in verschiednen Zustanden, aber doch allezeit mit einer ummterbrochnen Dauer, die heilige Gesellschaft gleichsam verewigt, in welcher er angebetet seyn will: So verdient man, gar nichts zu sehen, und seiner eignen Verstockung, als der gerechtesten und Hartesten Strafe unter allen Bestrafungen überlassen zu werden. Damit diese Fortdauer des Volkes Gottes den blödesten Augen deutlich seyn möchte, so macht sie Gott durch solche Begebenheiten fühlbar und handgreiflich, welche man wissen muß, wenn man nicht die Augen muthwillig verschließt, die Wahrheit nicht zu sehen. Der Meßias wird von den Hebräern erwartet; er kömmt und beruft die Heiden, wie vorher verkündigt worden ist. Das Volk, welches erkannte, daß er gekommen wäre, wird dem Volke einverleibt/ welches ihn erwartete/ ohne daß die Folge von beyden einen einzigen?lugenblick Unterbrochen wird: Dieses Volk breitet sich auf der ganzen Erde aus: Die Heiden versammeln sich ohne Aufhören zu ihm, und dieseKirche, welche Jesus Christus auf einen Felsen gegründet hat, kann durch alle Gewalt der Hölle nicht erschüttert werden. Was ist das nicht für ein Trost für die Kinder Gottes ! Was ist das für ein überzeugender Beweis der Wahr- in die allgemeine Geschichte. 45z Wahrheit, wenn sie sehen, daß man vom Jnnocen- tiu6 dem xi, welcher gegenwärtig den ersten Sitz der Kirche so würdig einnimmtununterbrochenbis auf Pe- trum, welchen Jesus Christus zum Vornehmsten unter den Aposteln eingesetzt hat, und von? Petrus auf die Hohenpriester unter dem Gesetze bis auf Mosen und Aaron, und von diesen auf die Patriarchen, und von da auf den Ursprung der Welt zurückgeführrwird! Welch ein Zusammenhang! Welch eine Tradition, welche eine verwundernswürdige Folge! Wenn unser Verstand, der von Natur ungewiß, und durch seine Ungewißheit ein Gaukelspiel seiner eignen Vernunftschlüsse geworden ist, in den Fragen von seiner Seligkeit durch ein unstreitiges Ansehen gewiß gemacht, und gleichsam zur Wahrheit bestimmt werden muß; welch Ansehen ist grösser, als das Ansehen der katholischen Kirche, welche in sich selbst das Ansehen aller vergangnen Jahrhundert?/ und der alten Traditionendes menschlichen Geschlechtes begreift,und also bis auf den Ursprung aller Dinge zurückgeht*. Die heilige Gesellschaft also, welche Jesus, der durch alle vorigen Jahrhunderte so sehnlich erwartet worden ist, endlich auf einen Felsen gegründet hat, und wo der heilige Petrus und seine Nachfolger auf seinen Befehl den Vorsitz haben sollen, diese Gesellschaft rechtfertigt sich durch seine eigne Folge, und zeigt mit ihrer ewigen Fortdauer den Charakter der Hand Gottes. Diese Folge ist es auch, die sich keine Keßerey, keine Secte, keine andre Gesellschaft nicht geben kann, Ff z außer * Man wird über diese, mw die folgenden Stellen einige Gedanken im Anbange in der Betrachtung von dem Ansehen der Rirche in Sachen der.Relia.ion finden. 454 Bischof Bossuets Einleitung außer der Kirche Gottes. Die falschen Religionen haben die Kirche in vielen Stücken nachahmen können ; sie haben vornehmlich, wie sie, gesagt, daß sie Gott gegründet habe; allein diese Rede ihrer Lippen ist in die Lust geredet. Denn wenn Gott das menschliche Geschlecht erschaffen, und, weil er es nach seinem Bilde gemacht, dasselbe allzeit gewürdigt hat, ihm die Wege zu zeigen, wie es ihm dienen und gefallen kann: So ist eine jede andre Secte, welche ihre Folge nicht vom Anfange der Welt herführen kann, nichcvon Gott. Hier fallen also alle Gesellschaften und alle Secten, welche die Menschen innerhalb der Kirche und außerhalb des Christenthums errichtet haben, zu den Füßen der Kirche hin. Zum Exempel, der falsche Prophet der Araber hat sich wohl für einen Gesandten Gottes ausgegeben, und nachdem er so unwissende und blinde Völker hintergangen, sich der Uneinigkeiten unter den benachbarten Völkern zu Nutze machen können, um eine ganz sinnliche Religion durch die Gewalt der Waffen auszubreiten: Allein er hat sich nicht unterstanden zu sagen, daß er erwartet worden wäre, und er ist nicht im Stande gewesen, weder seiner Person, noch seiner Reffgion einige wirkliche oder scheinbare Verbindung mit den vorhergehenden Jahrhunderten zu geben > Das Mittel, das er gebraucht hat, sich davon frey zu machen,ist neu. Aus Furcht, man möchte sich einfallen lassen, in den Schriften der Christen Zeugnisse von seiner Gesandtschaft aufzusuchen, die denen glichen, welche Christus in den Büchern der Jüden fand, hat er vorgegeben, daß die Jüden und die Christen alle Bücher ihres Glaubens verfälscht hätten. Seine unwissenden Anhänger haben ihm auf sein Wort sechshundert Jahre nach Christi Geburt geglaubt, und er hat in die allgemeine Geschichte. 455 sich selbst angekündigt, ohne daß er seine Gesandtschaft durch ein vorläufiges Zeugniß bestätigen können, und weder er, noch seine Anhänger haben sich unterstanden, ein einziges sichtbares Wunder zur Bekräftigung seines Vorgebens, daß er ein Gesandter Gottes wäre, anzugeben, oder zu verheißen. Eben so haben die Stifter der Ketzerenen unter den Christen den Glauben wohl erleichtern können, indem sie die Geheimnisse geleugnet, welche über die Sinne sind. Sie haben die Menschen wohl durch ihre Beredsamkeit, und durch eine scheinbare Frömmigkeit verblenden, si» durch ihre Leidenschaften bewegen, durch ihren Eigennutz fortreißen, und sie entweder durch die Neuheit, oder eine ungezahmte Freyheit des Verstandes oder des Herzens und der Sinne an sich locken können; mit einem Worte, es ist ihnen leichtgewesen, entweder sich oder andre zu betrügen; nichts ist menschlicher : Allein außer dem, daß sie sich nicht rühmen können, ein einziges öffentliches Wunder gethan zu haben, und daß es nicht in ihrem Vermögen gestanden hat, ihre Religion auf gewisse bekannte Erfolge zu gründen, von denen sie selbst Zeugen gewesen sind: So ist noch eine Sache wider sie, die sie niemals verbergen können, und das ist ihre Neuheit. Es wird allezeit den Augen der ganzeil Welt bekannt bleiben, daß diese Ketzer und die Seeten, welche sie gestiftet haben, voi? der großen Gemeine, und von der alten Kirche abgewichen sind, die JefuS Christus gegründet hat, und wo der heilige Petrus und seine Nachfolger den vornehmsten und ersten Rang behauptet haben. Alle diese Secten haben dieselben im Besitze angetroffen. Die Zeit ihrer Trennung wird allezeit so bekannt bleiben, daß die Ketzer selbst sich nicht unterstehen werden, sol- Ff 4 che 456 Bischof Bossuets Einleitung che zu leugnen; sie werden sich nicht einmal unterstehen, ihreSecte von der Quelle durch eins niemalsunterbroch- lie Folge herzuleiten. Das ist der unvermeidliche Fehler aller Secten, deren Stifter Menschen sind. Keine kann die vorhergehenden Jahrhunderte verändern, noch sich Vorgänger geben, oder sagen, daß sie dieselben im Besitze angetroffen habe. Die einzige katholische Kirche erfüllt alle vergangnen Jahrhunderte mit einer Fortdauer, die ihr nicht streitig gemacht werden kann. Das Gesetz geht vor dem Evangelio her; die Folge der Patriarchen und des Moses auf einander macht mit der Folge Jesu Christi nur eine einzige aus; erwartet worden seyn, erscheinen, und von einer Nachkommenschaft, die mit der Welt gleich lange dauert, für den Erlöser erkannt werden, das ist der Charakter des Meßlas, an den wir glauben; Er ist Hel>r.lz,,. Jesus Cbrtstus/gestern und heute, und derselbe . in Ewigkeit. Außer dem Vortheile, welchen die Kirche Christi hat, daß sie sich auf göttliche Wunder gründet, welche man öffentlich aufgezeichnet hat, ohne zu fürchten, daß man in den Zeiten, wo sie sich zugetragen haben, Widerspruch finden werde, außer diesem Vortheile, sageich, haben diejenigen, welche nicht darinnen gegenwärtig gewesen sind, ein beständig fortdauerndes Wunder ; das ist die Fortdauer der Iieligion, welche beständig über die Irrthümer triumphirt hat, welche versuchen wollen, ob sie dieselbe vernichten könnten» Man kann noch hinzusetzen, daß die Bestrafung der Iüden noch nicht aufhört, weil sie den ihren Vätern versprochnen Meßias nicht angenommen haben. Sie erwarten ihn dem ungeachtet noch, und ein Theil ihrerStrafe besteht darilmen,daß ihreHoffnung niemals durch in die allgemeine Geschichte. 457 erfüllt wird. Sie erwarten ihn, und beweisen durch ihre Hoffnung, daß er immer vergebens erwartet worden ist. Ihre eignen Bücher verdammen sie,und dadurch bekräftigen sie die Wahrheit der Religion; sie tragen, so zu sagen, die ganze Folge derselben auf ihrer Stirne geschrieben; man übersieht mit einem Blicke, was sie gewesen sind, warum sie noch so sind, wie man sie sieht, und zu welchem Ende sie erhalten werden. 'Es zeigen also vier oder fünfBegebcnheitcn, die so authentisch, und so deutlich, als die Sonne, sind, daß unsre Religion so alt, als die Welt selbst ist. Folglich beweisen sie auch, daß sie keinen andern Urheber, als den Schöpfer der Welt hat, der, weil er alles in seinen Handen trägt und erhalt, allein eine Einrichtung anfangen und ausführen können, welche alle Jahrhunderte begreift. Man darf also nicht mehr darüber erstaunen, daß uns Gott so viele Dinge zu glauben befiehlt, die seiner so würdig, und zugleich dem menschlichen Verstände so unerforschlich sind. Man muß vielmehr darüber erstaunen, daß es in der Welt noch so viele Blinde uud Ungläubige giebt, da sich der Glaube auf ein so unwandelbares und deutliches Ansehen gründet. Unsre unordentlichen Leidenschaften, unsre so starke Neigung zum Sinnlichen, und unser unüberwindlicher Hochmuth sind die Ursachen davon. Wir wollen lieber alles wagen, als uns zwingen; wir wollen lieber in unsrer Unwissenheit, wie stillstehende Wasser, verderben; als dieselbe gestehen; wir wollen lieber einer eiteln Neubegierde genug thun, und lieber unserm ungelehrigen Geiste die Freyheit erhalten , alles zu denken, was uns gefällt, als uns unter das Joch des göttlichen Ansehens begeben. Ff 5 Da- 458 Bischof Bossuets Einleitung Daher giebt es so viel Ungläubige, und Gott läßt solches zum Unterrichte seiner Kinder zu. Ohne die Blinden, ohne die Wilden, ohne die Ungläubigen, die wir selbst im Schooße des Christenthumes antreffen, würden wir vielleicht die tiefe Verderbniß unsterNcttur, und den Abgrund nickt erkennen, aus welchem uns Jesus Christus gezogen hat. Wenn seiner heiligen Wahrheit nicht widersprochen worden wäre/ so würden wir das Wunder nicht sehen, durch welches sie ungeachtet aller dieser Widersprüche beständig erhalten wird, und wir würden endlich vergessen, daß wir aus Gnaden selig werden. Iht aber macht der Unglaube der einen die andern demüthig, und die Rebellen, welche sich den Absichten und Einrichtungen Gottes widersetze»/ machen, daß Gottes Gewalt herrlich wird, durch welche er allein, ohne Beyhülfe eines andern Dinges, der Kirche die Verheißungen erfüllt, die er ihr gethan hat. Was verziehen wir denn, uns ihm zu unterwerfen? Wollen wir daraufwarten, daß er neue Wunder thun, sie durch die Fortsetzung kraftlos machen, und unsre Augen daran gewöhnen soll, wie sie an den Lauft er Sonne, und an alle andern Wunder der Natur gewöhnt sind? Oder warten wir, bis die Hartnäckigen und Gottlosen schweigen? Bis die rechtschaffnen Männer und die Freygeister zugleich die Wahrheit bezeugen? Bis die ganze Welt dieselbe einmüthig ihren Leidenschaften vorzieht? Bis die falsche Wissenschaft, die sich bloß durch ihre Neuheit in Ansehen bringt, die Menschen zu hintergehen aufhört ? Ist das nicht genug, wenn wir sehen, daß man die Religion nicht bestreiken kann, ohne mit erstaunlichen Ausschweifungen darzuthun, daß man keinen gesunden Verstand mehr hat, und daß man in die allgemeine Geschichte. 459 man sich weiter durch nichts, als durch Hochmuth/oder durch Unwissenheit vertheidigen kann? Wird die Kirche, welche so viele Jahrhunderte hindurch über alle Irrthümer gesiegt hat, nicht über die eitlen Vcr- mmftschlüsse triumphiren können, die man ihr entgegensetzt, und sollen die göttlichen Versprechungen, deren Erfüllung wir noch täglich sehen, niemals die Gewalt haben, uns über unsre Sinne zu erhebe»? Man wende uns nicht ein , daß man über die Verheißungen sein Urtheil verschieben müsse, und sich nicht rühmen könne, ihre Erfüllung eher, als am Ende der Welt, gesehen zu haben, weil sie sich bis an das Ende der Welt erstrecken. Denn das Vergangne stellt uns wegen des Zukünftigen in Sicherheit; so viele alte Weißagungen, die nunmehr erfüllt sind, zeigen zur Gnüge, daß alles in seine Erfüllung gehen, und die Kirche, wider welche, nach der Verheißung des Sohnes Gottes, die Hölle niemals etwas vermögen soll, bis an das Ende aller Dinge bestehen wird, weil Jesus Christus, der die Wahrheit selbst ist, ihrer Datier keine andern Grenzen gesetzt hat» Eben diese Verheißungen sagen uns das zukünftige ewige 5eben zu. Gott, der sich so getreu in der Erfüllung des Gegenwärtigen erwiesen hat, wird in dein eben so getreu seyn, was die Zukunft betrifft, wozu alles, was wir sehen, nur eine Vorbereitung ist. Die Kirche wird auf der Erde immer unbeweglich und unüberwindlich seyn, bis nach der völligen Versammlung ihrer Kinder, sie ganz in den Himmel versetzt werden wird, wo ihr.'wahrer Aufenthalt ist. Für diejenigen, welche aus dieser ewigen Stadt Gottes ausgeschlossen sind., wird ein ewiges strenges Gericht aufbehalten, und nachdem sie durch ihre eigne Schuld 46c> Bischof Bossuets Einleitung Schuld werden eine glückselige Ewigkeit verlohren haben, wird ihnen nichts als eine unglückselige Ewigkeit übrigbleiben. Es endigen sich also die Rathschlüjse Gottes durch einen unwandelbaren Zustand; seine Verheißungen und seine Drohungen sind gleich gewiß, und was er in der Zeit ausführt, versichert uns von demjenigen, was wir, nach seinem Befehle, in der Ewigkeit entweder hoffen oder befürchten sollen. Das lehrt uns die Religion in ihrer ganzen Folge, die ich hier in einem kurzen Entwürfe vorstellig gemacht habe. Sie führt uns durch die Zeit zur Ewigkeit. Mail sieht eine beständige Ordnung in allen Absichten Gottes, und einen sichtbaren Beweis seiner Allmacht in der ewigen Dülicr seines Volkes. Sie werden erkennen, Monseigneur, daß die Kirche eine» lebendigen Stamm hat, von dem man sich nicht trennen kann, ohne sich in das Verderben zu stürzen, und daß diejenigen, welche lebendige Zweige dieses Stammes sind, und ihren Glauben durch ihre Werke beweisen, des ewigen Lebens gewiß seyn können. Lernen sie also, Monscigneur, aber lernen sie mit Aufmerksamkeit diese Folge der Kirche, die uns so deutlich von allen Verheißungen Gottes versichert. Alles was dieseKette unterbricht,alles was aus dieser Folge herausgeht, was sich selbst erhebt, und seinen Ursprung, kraft der Verheißungen, die der Kirche geschehen sind, nicht zum Ursprünge der Welt zurückführen kann, muß ihnen einen Abscheu machen. Gebrauchen sie also alle ihre Macht, alles wieder zu dieser Einigkeit zu bringen, was sich von der Kirche abgesondert hat, und sie zu nöthigen, daß sie der Kirche folgen, durch welche der Heilige Geist seine Aussprüche thut. in die allgemeine Geschichte. 461 Das ist die Ehre ihrer Vorfahren, daß sie dieselbe niemals verlassen, sondern sie beschuhet/ und dadurch den herrlichsten unter allen Namen verdient haben, daß sie die ältesten Söhne der Kirche heißen. Ich habe nicht nöthig, ihnen, Nlonseigneu?, einen Cloviö, einen Carl, den Großen, einen heiligen Ludwig vorzustellen. Betrachten sie nur die Zeiten, wo sie leben; erwägen sie nur, von welchem Vater sie Gocc hat gcbohren werden lassen. Ein so großer König unterscheidet sich durch seinen Glauben und seine Frömmigkeit nicht weniger, als durch seine verwundernswürdige Eigenschaften. Er beschuht die Religion in dem Königreiche, und außer den Grenzen desselben bis an die äußersten Enden der Welt. Seine Gesetze sind die stärcksten Schuhmauern der Kirche. Seine Mach?, die sowohl wegen der Verdienste seiner Person, als wegen der Majestät seines Scepters Ehrfurcht verdienet, behauptet sich niemals besser, als wenn sie die Sache des Herrn vertheidigt. Man hört keine Gotteslästerung mehr; die Gottlosigkeit zittert vor ihm; das ist ein König, wie ihn Salomo beschreibt, der alles Uebel durch seine Blicke verjagt. Da er die Keher durch so viele verschiedene Mittel, mehr, als seine Vorfahren angreift, so geschieht es darum nicht, weil er für seinen Thron besorgt ist; alles ist zu seinen Füßen ruhig, und seine Waffen sind dem ganzen Erdkreise furchtbar. Er thut es d.'.rum, weil er seine Völker liebt, und da er sieht, daß ihn die Hand Gottes zu einer Macht in der Welt erhoben hat, welcher nichts gleich kommen kann, so kennt er keinen bessern Gebrauch derselben, als wenn er sie dazu anwendet, daß er die Wunden der Kirche heilet. Ahmen 462 Bischof Bossuets Einleitung Ahmen sie, Monsiigneur, ein so schönes Beyspiel nach, und gehen sie ihren künstigen Nachfolgern damit vor. Empfehlen sie ihnen die Kirche noch mehr, als das große Reich, das ihre Vorfahren seit so vielen Jahrhunderten beherrschen. Es möge doch ihr königliches Haus das Vornehmste unter denen seyn, welche die Rechte Gottes vertheidigen, wie es das größte Haus in Ansehung der Würde ist. Es breite die Herrschaft Jesu Christi, der dasselbe mit so vieler Ehre herrschen läßt, auf dem ganzen Erdkreise aus. Dritter Theil dieser Einleitung. Von der gottlichen Vorsehung in den großen Veränderungen der Reiche, und der Erniedrigung der Priuzen. A^bgleich die Folge der Reiche auf einander, die ich ihnen, Monseigneur, vorstellig machen will, mit der schon betrachteten herrlichen Folge der wahren Kirche nicht zu vergleichen ist: So kann sie dennoch großen Prinzen, wie ihnen, überaus nützlich seyn. VorS erste haben diese Reiche gemeiniglich eine nothwendige Verbindung mit der Geschichte des Volkes Gotces. Gott hat sich der Aßyrier, und Babyloni- er bedient, dieses Volk zu bestrafen; er brauchte die Perser, die Iüden wieder in ihr Land zu bringen; den AleM- in die allgemeine Geschichte. 46z Alexander, und seine ersten Nachfosger,nm sie zu beschützen ; den Antiochus Epiphanes,und seine Nachfolger,um jhreGedult zu üben; und die Römer, um ihre Freyheit gegen die Königein Syrien zu vertheidigen, welche nur cmfden Umsturz derselben bedacht waren. Die Jüdeiü haben unter der Gewalt der Römer ihre obrigkeitliche Gewalt bis aufJesum Christum behauptet. Nachdem sie aber ihn verkannt und gekreuzigt haben, jo gaben eben diese Römer ihre Macht dazu her, Gott an diesem Volke zu rächen, und dieses undankbare Volk auszurotten. Gott, welcher beschlossen hatte, zu gleicher Zeit ein neues Volk aus allen Nationen der Erde zu sammeln, brachte vor allen Dingen die iänder und die Meere in die Gewalt dieses Reiches. Es fingen so viele verschicdne Nationen an, mit einander umzugehen, welche vordem einander ganz fremd waren; sie wurden alle unter der Herrschaft der Römer vereinigt, und das ist eins von den mächtigste!? Mitteln gewesen, dessen sich die Vorsehung zur Ausbreitung des Evangelii bedient hclt. Obgleich eben dieses neue Volhdas in den Grenzen der Römer aufallen Seiten zunahm,dreyhundertJahrc lang aufdas heftigste ver- folgtwurde, so mußte diese Verfolgung doch nur zur Be- statigungderKirche,und zur VerherrlichungihresGlau- bens und ihrer Gedult gereichen. Endlich gab das römische Reich nach, und weil sich ihm eine Macht widersetzte, die unüberwindlicher war, als die seinige, so nahm es diese Kirche ruhig in seinen Schooß auf, nachdem es einen so langen und harten Krieg mit ihr geführt hatte. Die Kaiser haben ihre Macht dazu angewendet, es dahin zu bringen, daß der Kirche gehorcht würde, und Rom ist das Haupt des geistlichen Reiches geworden, das Jesus Christus aufder ganzen Erde aufrichten wollen. Als 464 Bischof Bofsmts Einleitung Als die Zeit gekommen war, daß die römische Macht fallen sollte, und dieses große Reich, welches sich der» gebcns seiner Ewigkeit rühmte, mit andern Reichen ein gleiches Schicksal erfahren mußte, und ein Raub der Barbaren wurde, so behauptete es seine alte Majestät durcd seinenGlauben.Die Nationen,welche es überfielen, lernten von demselben nach und nach die christliche Frömmigkeit, welche ihre Grausamkeit besänftigte, und ihre Könige, welche, ein jeder in seiner Nation, sich an die Stelle der Kaiser setzten, haben keinen Titel gefunden, der herrlicher gewesen wäre, als den Namen der Beschützer der Kirche. Allein hier muß ich ihnen, Monseignelir, die ge< Heimen Gerichte Gottes über das römische Reich und über die Stadt Rom selbst entdecken; ein Geheimniß, das der Heilige Geist dem heiligen Johannes entdeckt, und dieser große Mann, dieser Avostcl, Evangelist und Prophet, in seiner Offenbarung erklärt hat. Rom, welches in dem Dienste seiner Götzen alt geworden war, konnte sich selbst unter den christlichen Kaisern mit Mühe davon losreißen, und der Senat machte sich eine Ehre daraus, die Götter des RomuluS zu vertheidigen, denen er alle Siege der alten Republik zuschrieb *. Die Kaiser wurden endlich der Abgeord, neten müde, welche der Senat beständig an sie abfertigte, die Wiederherstellung seiner Götzen zu verlangen, weil sie es für eine Beleidigung des römischen Namens hielten, daß man sie von ihrem alten Aberglauben bekehren wollte. Es konnte also diese ansehnliche Gesellschaft, welche aus den Größten des Reiches bestund, * Xo6m. IV. O. 8ymm. sx. H,mb. cc»m. V. Ubr. V. Lp. Zo. ^uzzust. äe Livlr. Oei. in die allgemeine Geschichte. 465 stund, und eine unzählbare Menge Volks, unter der sich die mächtigsten Römer befanden, weder durch die Verkündigung des Evangelii.noch durch eine sichtbare Erfüllung der alten Prophezeyungen,noch durch die Bekehrung des größten Theils des römischen Reiches, noch durch die Bekehrung der Kaiser, deren Verordnungen dem Christenthums günstig waren, aus ihren Irrthümern gerissen werden. Sie fuhren vielmehr fort,die Kirche Jesu Christi zu lästern,und sie nach dem Exempel ihrer Väter wegen alles des Unglückes, welches das Reich betraf, anzuklagen, und sie stunden immer bereit, die alten Verfolgungen zu erneuern, wenn sie nicht durch die Kaiser wären zurückgehalten worden. In diesem Zustande befanden sich die Sachen der Religion noch im vierten Jahrhunderte, da Constantin schon hundert Jahre todt war, als Gott an die blutigen Verordnungen des Senats wider die Gläubigen, und zugleich an das wütende Geschrey gedachte, wovon das römische Volk, das nach dem Blute der Christen durstete, so oft die Amphitheater erschallen lassen. Er überlieferte also diese Stadt den Barbaren, die, wie Johannes sagt, vom Blute der Märtyrer trunken war. Offenb.i?,«. Gott erneuerte an ihr die schrecklichen Gerichte, die er vordem über Babylon ergehen lassen: Rom selbst wurde mit diesem Namen genannt. Dieses neue Babel, welches das alte nachahmte, und über seine Siege eben so aufgeblasen war, eben so sehr aufseine Reichthümer trotzte, und sich eben so sehr mit der Abgötterey befleckte, und das Volk Gottes eben so heftig verfolge hatte, mußte fallen, und Johannes besingt seinen Fall. Der Ruhm seiner Siege, den es seinen falschen Götzen zueignete, wurde ihm genommen; Rom wurde von den Barbaren beraubt, dreymal oder viermal mit Sturm erobert, geplündert, verwüstet, und zerstört. Gg Das 466 Bischof Bossuets Einleitung Das Schwerdt der Barbaren verschonte allein die Christen» Ein andres christliches Rom geht aus der Asche des ersten hervor, und der Sieg Jesu Christi über die römischen Götzen wird erst nach der Überschwemmung der Barbaren vollendet, und alsdann werden sie nicht allein zerstört, sondern ganz vergessen. So haben alle Reiche der Welt zu der Erhaltung der Religion und des Volkes Gottes dienen müssen; daher hat eben derselbe Gott, welcher seine Propheten die verschiednen Zustande seines Volkes weißagen lassen, auch die Folge der Reiche auf einander durch sie verkündigt. Sie haben die Stellen gesehen, Mon- seigneur, wo Nebucadnezar als derjenige bezeichnet wird, welcher kommen sollte, die hochmüthigen Völ, ker, und vornehmlich das gegen seinen Stifter undank. bare Volk der Juden zu strafen. Sie haben den Cy- rus zwey hundert Jahre vor seiner Geburt, als denjenigen nennen hören, welcher das jüdische Volk wieder herstellen und den Stolz der Stadt Babel demüthigen sollte. Der Untergang der Stadt Ninive ist eben so deutlich verkündigt worden. Daniel hat in seinen vortrefflichen Gesichten gleichsam in einem Augenblicke vor Augen das babylonische, das medische, das persische Reich, und das Reich Alexanders und der Griechen vergehen lassen', ehe viele davon noch nicht einmal waren. Die Gotteslästerungen und Grausamkeiten des Antiochus Epiphanes, wie auch die verwundernswürdigen Siege des Volkes Gottes über einen so heftigen Verfolger sind auch von ihm vor- hcrverkündigt. Man sieht diese berühmten Reiche eins nach dem andern untergehen, und das neue Reich Jesu Christi ist durch seinen eignen Charakter so wohl bezeichnet worden,daß man es nicht verkennen kann.Das ist das Reich der Heiligen des Allerhöchsten; das ist das Reich m die allgemeine Geschichte. 467 dcs Sohnes Gottes, ein Reich, das mitten untee den Trümmern der andern Reiche besteht, und die Verheißung der Ewigkeit hat. Die Gerichte Gottes über das größte Reich unter allen Reichen der Welt, nämlich über das rö- mische, sind uns nicht verborgen geblieben. Rom hat selbst die Hand Gottes empfinden und ist, wie die andern, ein Beyspiel seiner Gerechtigkeit geworden. Allein es war doch glücklicher, als das Schicksal der andern Städte. Nachdem diese Stadt durch ihr Unglück von den Ueberbleibseln der Abgöttercy gereinigt worden war, so besteht sie nunmehr durch das Christenthum, das sie in aller Welt verkündiget. So haben alle die großen Reiche auf der Welt durch verschiedne Mittel etwas zum Besten der Religion und der Ehre Gottes beytragen müssen, wie solches Gott durch seine Propheten selbst vorherverkündigt hat. Wenn sie so oft in in ihren Schriften lesen, daß die Könige mit Haufen in den Schooß der Kirche kommen, und ihre Beschüßer und Erhalter seyn werden, so erkennen sie an diesen Worten die Kaiser und andre christlichen Regenten. Und wie die Könige, ihre Vorfahren, durch die Beschützung und Ausbreitung der Kirche Gottes sich vor andern hervorgethan haben, so befürchte ich nicht, sie, Monftigneur, zu versichern, daß sie unter allen Königen diejenigen sind, welche in diesen herrlichen Prophezeyungen am deutlichsten vor« hergesagt worden sind. Gott also, welcher beschlossen hatte, sich dieser Königreiche entweder zur Bestrafung, oder zur Prüfung, oder zur Ausbreitung und Beschützung seines Volkes zu bedienen, wollte sich als den Urheber solcher ver- wundernswürdigen Rathschlüsse zu erkennen geben, Gg s unv 468 Bischof Bossuets Einleitung und entdeckte das Geheimniß davon seinen Propheten, welche dasjenige wcißagen mußten, was er auszuführen beschlössen hatte. Das ist die Ursache, warum das Schicksal dieser Reiche, die an dem Vorhaben Gottes mit seinem Volke Antheil hatten, in eben den Weißagungen des Heiligen Geistes verkündigt wird, in welchen er die ununterbrochn- Folge seines gläubigen Volkes vorhersagt. Je mehr sie sich an die Untersuchung dieser erhab, nen Dinge gewöhnen, und sie zu ihren Quellen zurückbegleiten werden, desto grösser wird ihr Erstaunen über die Rathschlüsse der Vorsehung seyn» Es ist viel daran gelegen, daß sie bey guter Zeit zu den Vorstellungen gelangen, welche sich täglich mehr und mehr aufheitern werden, wenn sie alle menschlichen Vorfälle und Begebenheiten unter die Einrichtungen der göttlichen Weisheit bringen lernen, wovon sie abhängen. Gott erklärt nicht alle Tage durch seine Propheten seinen Willen in Ansehung der Könige und der Monarchien, die er aufrichtet, oder zerstört. Allein da er es mit den großen Reichen, von denen wir geredet haben, so oft gethan hat, so zeigt er uns dadurch, was er mit allen übrigen thut, und lehrt die Könige zwo Hauptwahrheiten. Die erste ist diese, daß er es ist, welcher die Königreiche entstehen heißt, und sie giebt, wem er will; die andre Wahrheit ist diese, daß er sie zu der bestimmten Zeit und Ordnung zu dem zu brau« chen weis, was er mit seinem Volke vorhat. Dieses, Monseigneur, muß alle Prinzen in ei« nem beständigen Gehorsame gegen ihn erhalten, und sie allemal auf die Befehle Gottes aufmerksam ma« chen, dasjenige zu befördern, was er zu seiner Ehre thun will, so bald er ihnen nur eine Gelegenheit zeigt. Doch in die allgemeine Geschichte. 469 Doch diese Folge der Reiche hat ihren großen Nutzen, wenn man sie auch nur menschlich betrachtet, vor« nehmlich für die Mächtigen der Welt, weil der Stolz, ein gewöhnlicher Gefährte einer so erhabnen Würde, durch dieses Schauspiel sehr niedergeschlagen wird« Denn wenn die Menschen sich maßigen lernen, indem sie Könige sterben sehen, wie viel mehr werden sie gerührt werden, wenn sie den Tod ganzer Königreiche erblicken, und wo kann man die Lehre von der Eitelkeit der menschlichen Hoheit besser, als hier, kennen lernen? Wenn sie alfo,Monftignelir,glcichsam in einem Augenblicke, ich will nicht sagen, Könige und Kaiser, sondern die großen Reiche, vor denen der Erkreis zitterte, die alten und neuen Assyrier,die Mcder, die Perser, die Griechen und die Römer nach und nach untergehen, und, so zu sagen, über einander einstürzen sehen: So lehrt sie diese Zertrümmerung der Reiche, daß unter den Menschen nichts beständiges, und die Ungewißheit und beständige Abwechslung das Schicksal aller menschlichen Dinge ist. UUUAVVAAKVRVRAB Von dm besondern Ursachen der großen Veränderungen der Reiche. as ihnen, Nlonstigneur, dieses große Schauspiel noch nützlicher und angenehmer machen kann, soll die Betrachtung seyn, die sie nicht allein über die Aufrichtung und den Fall der Reiche, sondern auch über die Ursachen ihrer Aufnahme und ihres Verfalls anstellen müssen. Gg z Denn 470 Bischof Bossuets Einleitung Denn eben der Gott, welcher die wunderbare Einrichtung und den ganzen Zusammenhang der Welt gemacht hat, der durch sich selbst allmächtig ist, hat auch der Ordnung wegen haben wollen, daß ein ieder Theil eines so großen Ganzen von dem andern abhängen sollte. Eben dieser Gott wollte, daß in dem Laufe der menschlichen Dinge eine gewisse Folge und ein gewisses Verhältniß seyn möchte: Ich will sagen, daß alle Menschen und Nationen Eigenschaften gehabt haben, die der Höhe gemäß waren, zu welcher sie Gott bestimmte. Es ist auch, gewisse außerordentliche Begebenheiten ausgenommen, in welchen Gott allein seinen Finger zeigen wollte, keine einzige große Veränderung vorgefallen, welche nicht ihre Ursachen in den verfloß- mn Jahrhunderten gehabt hätte. Und wie in allen Begebenheiten etwas ist, das sie vorbereitet, das die Menschen bestimmt, sie zu unternehmen, und das sie von statten gehen läßt: So besteht die wahre Wissenschaft der Geschichte darinnen, daß man zu einer ieden Zeit die geheimen Einrichtungen, welche die Vorbereitungen zu den großen Veränderungen gewesen sind, und die wichtigen Umstände bemerke, welche Ursache wurden, daß sie sich zutrugen. Es ist in der That nicht genug, daß man die grossen Veränderungen, die das Schicksal der Reiche entschieden haben, nur vor seinen Augen betrachte, und bey ihnen stehen bleibe. Wer in den menschlichen Begebenheiten bis auf den Grund dringen will, muß weiter zurückgehen; er muß die Neigungen, die Sitten, und mit einem Worte den Charakter sowohl der herrschenden Völker überhaupt, als ihrer Prinzen insbesondre, und endlich alle außerordentlichen Männer kennen lernen, welche durch die Wichtigkeit der Rolle, In die allgemeine G eschichte. 471 die sie auf der Welt vorgestellt/ entweder im Guten oder im Bösen, zur Veränderung der Staaten und des öffentlichen Glückes etwas beygetragen haben. Ich habe sie, Monseigneur, in dem ersten Theile dieser Einleitung zu diesen wichtigen Betrachtungen vorzubereiten gesucht; sie werden daselbst das Genie der Völker und der großen Männer, welche sie beherrschten, haben kennen lernen. Die Begebenheiten, welche in Her Folge groß und entscheidend gewesen, sind gezeigt worden, und damit ich sie auf den Zusammenhang der großen Begebenheiten, welchen ich ihnen vornehmlich bekannt machen wollte, aufmerksam erhielte, so habe ich viele besondre Begebenheiten ausgelassen, die von einer so wichtigen Folge nicht gewesen sind«. Min wir sahen nur aufdenZusammenhang,und mußten: also über viel Sachen allzugeschwind forteilen, als daß wir die Betrachtungen darüber hätten anstellen können, die sie verdienten. Sie müssen sie daher ißt mit einer besondern Aufmerksamkeit erwägen, und ihren Geistgewöhnen, alle Erfolge in ihren entferntesten Ursachen aufzusuchen. Dadurch werden sie, N7onstigneur, dasjenige lernen, was ihnen zu wissen nöthig ist; sie werden lernen, daß, obgleich das Glück allein bey besondern Vorfallen die Aufnahme, oder den Untergang der Reiche zu entscheiden scheint, es dennoch, alles zusammen genominen, wie im Spiele zugeht, wo der Geschickteste in der Lange gewinnt. In der That, wer in dem blutigen Spiele, wo die Völker einander die Herrschaft, und die größte Gewalt streitig gemacht haben, in großen Unternehmungen am längsten ausgedauert, am weitesten hinausgesehen, am meisten Mühe angewendet, und am besten Gg 4 gewußt 472 Bischof Bossuets Einleitung gewußt hat, sich nach den Vorfallen entweder zu erheben, oder an sich zu halten, der hat am Ende den Vortheil vor andern gehabt, und das Glück selbst seinen Absichten unterwürfig gemacht. Ermüden sie also nicht, die Ursachen dieser großen Veränderungen zu un> tcrsuchen, weil nichts zu ihrem Unterrichte nützlicher seyn kann, als dieses; allein suchen sie vornehmlich diese Ursachen in der Folge der großen Reiche auf einander, wo die Größe der Begebenheiten sie vor andern handgreiflich macht. »»OGOOOOOOOOOOGOOOO Von den Scythen, den Aethiopiern, und den Aegyptern. ^ch werde hier unter die großen Reiche weder das Reich des Bacchus, noch das Reich des Hercules, dieser-beyden so berühmten Ueberwinder Indiens und des Orientes rechnen. Ihre Geschichte hat keine Gewißheit; in ihren Siegen und Eroberungen ist kein Zusammenhang; man muß diese Geschichte den Poeten überlassen, welche dieselben zur grüßten Quelle ihrer Erdichtungen gemacht haben. Ich will auch von dem Reiche nicht reden, welches n«oiZ. i.i. der Madyes des Herodotus, der demJndathyrsusdes Megasthenes und dem Tanaus des Iustinus sehr ähnlich sieht, auf eine kurze Zeit in Großasien aufrichtete. Die Unternehmungen der Scythen, welche dieser Prinz in den Krieg führte, sind mehr Streifereyen, als Eroberungen gewesen. Sie sielen nur von ungefähr, weil sie die Cimmerier verfolgten, in Medien ein, schlugen in die allgemeine Geschichte. 47z schlugen die Meder, und nahmen ihnen ein Theil ihrer Länder weg, die in Asien unter ihre Herrschaft gehörten. Diese neuen Eroberer herrschten nicht länger, als acht und zwanzig Jahre. Ihre Gottlosigkeit, ihr Geiz, und ihre viehische Lebensart brachte sie um ihre Herrschaft, und Cyarares, ein Sohn des Phraor- tes, dem sie einige Länder weggenommen hatten, vertrieb sie wieder daraus. Dieses geschah mehr durch List, als durchKewalt.Er hatte sich in einenWinkel scinesKönig- reiches gezogen, den die Ueberwinder entweder versäumt, oder vielleicht nicht hatten angreifen können, und daselbst erwartete er in Gedult, bis diese viehischen Eroberer sich den öffentlichen Haß zuziehen, und durch ihre Unordnung selbst um ihre Herrschaft bringen würden. Wir finden im Strabo auch einen König von Ae- ub.xv. thiopicn, Tearcon genannt, den er auch aus dem Me- > . gastheneögenommen; dieser mag.vhne Zweifel der Tha- raca der Schrift seyn, dessen Waffen zu den Zeiten des Senharibs, des Königes von Assyrien, so furchtbar waren. Dieser Prinz drang bis an die herkulischen Scu- len, ohne Zweifel lang an der Küste von Africa hin, und kam bis nach Europa. Allein was soll ich von einem Könige sagen, von dessen Geschichte man in den Geschichtschreibern etwa vier oder fünf Worte findet, und dessen Herrschaft keine Folge gehabt hat? Die Aethiopier,deren König er war, waren nach dem Herodotus unter allen Menschen am besten gebildet, und hatten die schönste Leibesgestalt. Ihr Verstand war lebhaft und gesetzt; allein sie gaben sich wenig Mühe, ihn anzubauen, indem sie ihr Vertrauen auf ihren gewaltigen Körper und auf die starken Nerven ihrer Arme setzten. Ihre Könige waren Wahl- Gg 5 töni- 474 Bischof Bossuets Einleitung könige; sie setzten den Größten und Stärksten auf den Thron. Man kann von ihrer Gemüthsart aus einer Nr?o-Wr. That urtheilen, die uns Herodotuö erzählt. Ale Cam- Ilbr. ui. hysxs, um sie in Erstaunen zusetzen, Gesandte und Ge- schenke an sie schickte, wie sie die Perser gaben, nämlich Purpur,goldneArmbänder,und allerleySpecereyen: So spotteten sie über diese Geschenke, weil sie nichts darunter sahen, was zum menschlichen Leben nützlich wäre; sie spotteten auch über die Gesandten, die sie für da6 ansahen, was sie waren, nämlich für Kundschafter. Allein ihr König wollte dem Könige von Persien auch ein Geschenk nach seiner Art machen, und nahm einen Bogen in seine Hand, den ein Perser kaum würde haben halten können, spannte ihn in Gegenwart der Gesandten, und sagte zu ihnen: Sehet hier den guten Rath, welchen der Rönig von Aethiopien dem Rönige von Persien giebt. N?enn die Perser sich eines Dogens von diestr Größe und Starke eben so lelcht roerden bedienen können, als ich, alsdann mögen sie kommen, und die Aerhiopier angreifen, und mehr Völker herführen, als Cambyses nicht einmal hat. So lange aber mögen sie den Göttern danken, daß sie den Aerhiopiern die Begierde nicht eingegeben haben , ihre Herrschaft außer ihrem Lande auszubreiten. Nachdem er dieses gesagt hatte, ließ er die Sehne des Bogens wieder los, und gab ihn den Abgesandten. Man kann nicht sagen, wie der Ausgang eines solchen Krieges würde beschaffen gewesen seyn. Cambyses wurde durch diese Antwort aufgebracht, er näherte sich gegen Aethiopien, wie ein Unsinniger, ohne Ordnung, olM Lebensrnittel, ohne Kriegszucht, und er sah seine Armee/ aus Man- in die allgemeine Geschichte. 475 gel der Lebensmittel im Sande umkommen, ehe er sich noch dem Feinde genähert hatte. Diese äthiopischen Völker waren unterdeß nicht allezeit so gerecht, als sie sich rühmten, und sie blieben nicht allezeit so eingeschlossen in ihrem Lande. Ihre Nachbarn, die Aegypter, haben ihre Macht oft erfahren. Es ist in den Anschlägen dieser wilden und un- verbesserten Völker nichts zusammenhangendes. Wenn die Natur bey ihnen gleich edle Empfindungen anfängt, so bildet sie doch dieselben niemals aus. Wir haben also auch bey ihnen wenig zu lernen und nachzuahmen. Wir wollen nicht langer von ihnen reden, und auf Völker kommen, unter denen eine beßre Police») eingeführt gewesen ist. Die Aegyptier sind die ersten, von denen man weis, daß sie die Regierung nach gewissen Regeln eingerichtet haben. Diese ernsthafte und ansehnliche gesetzte Nation erkannte zuerst den wahren Endzweck aller Politik, welcher dieser ist,daß man das Leben vergnügt,« nd die Völker glücklich zu machen suche. Die gemäßigte Luft, die sich beständig gleich blieb, machte die Gemüther der Einwohner gesetzt und standhaft. Da die Tugend der Grund der ganzen Gesellschaft ist, so haben sie dieselbe sorgfältig zu beobachten gesucht. Ihre vornehmste Tugend war die Erkenntlichkeit. Die Ehre, die sie erlangt haben, daß man sie für die dankbarsten unter allen Menschen erklärt hat, zeigt uns deutlich, daß sie auch die geselligsten gewesen sind. Die Wohlthaten sind das Band der öffentlichen Eintracht, und der Ruhe der Privatpersonen. Wer die Wohlthaten mit Dank erkennen kann, hat auch Lust, Wohlthaten zu erzeigen, und wenn man die Undankbarkeit verbannt, so bleibt das Vergnügen, gutes zu thun, so laurer, 476 Bischof Bossuets Einleitung daß man nicht unempfindlich gegen dasselbe seyn kann. Die Gesetze der Aegypter waren ungekünstelt, voll Bil- ligkeit, und geschickt, die Bürger unter einander in oioa.i.i. Einigkeit zu erhalten. Derjenige, der einen angefall- nen Menschen nicht errettete, wenn er konnte, wurde eben so hart bestraft, als der Mörder. Wenn man denUnglücklichcn nicht retten konnte, so mußte man zum wenigsten den Thäter der Gewaltthätigkeit vov Gericht anzeigen, und es waren denen harte Strafen gedräut, welche darinnen ihrePflicht versäumteil. Folglich waren die Bürger einer vor dem andern auf seiner Hut, und der ganze Staat vereinigte sich wider die Bösewichter. Es war nicht erlaubt, dem Staate unnütze zu seyn ; die Gesetze zeigten einem reden sein Amt an, und dieses pflanzte sich vom Vater auf den Sohn fort» Man konnte weder zwey Aemter haben, noch seine Profession ändern; allein dafür waren auch alle Profeßio- nen geehrt. Es mußten zwar auch wichtige Aemter und Personen seyn, die viel zu bedeuten hatten; wie etwa ein Leib Augen haben muß. Ihrer Würde wegen aber wurden weder die Füße, noch die niedrigsten Theile des Körpers verachtet. So hatten bey den Aegy- ptern die Priester und die Soldaren besondre Ehrenbezeugungeil; allein alle Künste, bis auf die geringsten, wurden hochgehalten, und man glaubte, daß man ein Verbrechen begienge, wenn man die Bürger verachtete, die, wer sie auch seyn mochten, etwas zum gemeinen Besten beytrugen. Dadurch erreichten alle Künste eine gewisse Höhe von Vollkommenheit; die Ehre, welche sie erhielt, mengte sich überall in alles; man that das am liebsten, was man von Jugend auf hatte thun sehen, und worinnen man sich allein von Jugend an geübt hatte. in die allgemeine Geschichte. 477 Es gab aber eine Beschäftigung, die allen gemein war; das war die Erlernung der Gesetze und der Weisheit. Die Unwissenheit in der Religion und in der Policey des Landes ward in keinem Stande entschuldigt. Im übrigen hatte jede Kunst ihren Canton, wohin sie gewiesen war. Daraus entstund in einem Lande, welches eben nicht breit war, keine Unbeqvemlichkeit; bey einer so schönen Ordnung wußten die Müßiggänger nicht, wo sie sich verbergen sollten. Unter so guten Gesetzen war das Beste dieses, daß alle Welt in der Neigung, sie zu beobachten, unterhalten wurde. Eine neue Gewohnheit war in Aegypten ein Wunder; wie es einmal daselbst zugicng, so gieng eö beständig zu, und die Genauigkeit in der Beobachtung kleiner Pflichten, machte, daß auch die schwerern erfüllt wurden. Es ist auch niemals ein Volk gewesen, das sich bey seinen Gebrauchen und Gesetzen länger behauptet hat, als das ägyptische. Die Einrichtung der Gerichte diente zur Unterhaltung dieser Neigung. Aus den vornehmsten Städten wurden dreyßig zu Richtern erwählt, um die Gesellschaft auszumachen , welche das ganze Königreich richtete« Man war gewohnt, in diesen Würden nur die verdientesten und angesehenstenMänner aus ganz Aegypten zu sehen.Der Prinz wies ihnen gewisse Einkünfte an, damit sie, von dem Getümmel des Hauswesens befreyr, alle ihre Aufmerksamkeit auf die Erhaltung und Beobachtung der; Gesetze wenden könnten. Sie zogen von den Processen nichts, und man hatte den Einfall noch nicht gehabt, aus der Gerechtigkeit ein Handwerk zu machen. Damit man nicht hintergangen werden möchte, so wurden in dieser Versammlung alle An- 478 Bischof Bossuets Einleitung Angelegenheiten schriftlich ausgemacht. Man fürchtete sich daselbst vor der falschen Beredsamkeit, welche die Gemüther verblendet, und die Leidenschaften erregt. Die Wahrheit konnte niemals trocken und ungeschmückt genug vorgetragen werden. Der Präsident des Senates trug eine goldne Halskette mit kostbaren Steinen, an welcher ein Bild ohne Augen hing und die Wahrheit vorstellen sollte. Wenn er dieselbe umnahm, so war solches ein Zeichen, das; die Seßion angefangen werden sollte. Er hing sie der Parthey um, welche seine Sache gewinnen sollte, und das war die Art der Aegypter, einen gerichtlichen Ausspruch zu thun. Eine von den schönsten Künsten der Aegypter, ihre al- tenGrundsäHe zu erhalten, war diese Kunst,daß sie dieselben mit gewissen Ceremonien bekleideten, welche sie tiefer in die Gemüther einprägten. Diese Ceremonien, wurden mit Ueberlegung beobachtet, und die ernsthafte Gemüthsart der Aegypter ließ nicht zu, daß bloße Formeln daraus wurden. Diejenigen, welche mit den Angelegenheiten nichts zuthun hatten, und deren Leben unschuldig war, konnten diesem strengen Gerichte entgehen. Es gab aber in Aegypten ein ganz außerordentliches Gericht, dem niemand entgehen konnte. Es ist ein Trost, wenn man nach seinem Tode seinen Namen in einigem Ansehen lassen kann, und unter allen menschlichen Gütern ist er das einzige , welches uns der Tob nicht rauben kann. Allein eS war in Aegypten nicht erlaubt, alle Todten ohne Unterschied zu loben: Man mußte durch ein öffentliches Urtheil zu dieser Ehre gelangen. So bald ein Mensch gestorben war, wurde er vor das Gericht geöracht. Man hörte den öffentlichen Ankläger. Wenn bewies sen wurde, daß die Aufführung des Verstorbnen schlecht gewesen in die allgemeine Geschichte. 479 gewesen war, so verdammte man sein Andenken, und cr wurde der Ehre der Beerdigung beraubt. Da6 Volk bewunderte die Gewalt der Gesetze, welche sich bis nach dem Tode erstreckte, und ein ieder, der von denBeyspielen der andern gerührt wurde,befürchtete sein Andenken und seine Familie zu entehren. Wenn der Todte keines großen Fehlers überführt wurde, so ließ man ihn ehrlich beerdigen, und man hielt eine Lobrede auf ihn, ohne etwas von seiner Geburt einzumischen. Ganz Aegypten war edel, und überdieß fand man an keinem andern Lobe einen Geschmack, als an demjenigen, welches man sich durch seine Verdienste erwarb. Man weis, mit welcher Sorgfalt die Aegypter die Leiber der Verstorbnen aufbehielten. Man hat noch verschiedne von ihren Mumien. Ihre Erkenntlichkeit gegen ihre Vorfahren war also unsterblich; die Kinder erinnerten sich an die Tugenden ihrer Vorfahren, wenn sie ihre Leiber sahen; ihre Verdienste waren von der Welt belohnt worden, und dadurch ermunterten sie sich, die Geseße zu lieben, welche ihnen von ihren Vorfahren nachgelassen worden waren. Damit das Borgen unterbleiben möchte, woraus n-r.iibr.m. Müßiggang, Betrügereyen und Ränke entstehen, siz^°^^- erlaubte die Verordnung des Königes Asychiö dasselbe unter keiner andern Bedingung, als dieser, daß derjenige, welcher es that, den Körper seines Vaters demjenigen zum Pfande ließ, von dem er Geld aufnahm. Das war sowohl das größte Verbrechen, als die größte Schmach, wenn man ein so kostbares Aand nicht so bald, als möglich, einzulösen trachtete^ und derjenige, welcher starb, ohne dieser Pflicht eine Gnü- ge gethan zu haben, durste nicht beerdigt werden. 4Lo Bischof Bossuets Einleitung Das Königreich war erblich; allein die Könige waren mehr, als andre verbunden, nach den Gesetzen zu leben. Sie hatten ihre besondern Gesetze, welche von einem Könige in Ordnung gebracht worden waren, und einen Theil ihrer heiligen Bücher ausmachten. Man machte zwar den Königen nichts streitig, und niemand war berechtigt, sie zu zwingen; man verehrte sie vielmehr, als Götter; allein eine alte Gewohnheit hatte schon alles, in Ordnung gebracht, und sie ließen sichs nicht einfallen, anders, als ihre Vorfahren, zu leben. Sie litten es also ohne Mühe, daß man ihnen nicht allein die Gerichte, sondern auch das Maas vorgeschrieben hatte/ wie viel sie essen und trinken sollten ; denn das war in Aegypten etwas gewöhnliches, wo jedermann maßig war, und die Luft des Landes die n-r°-,. ii. Mäßigkeit, so zu sagen, iedem einflößte.. Es waren auch z.vä.i. 5.-. ^ Königen alle Stunden zu besondern Verricht«» gen ausgesetzt. Wenn sie früh am Tage erwachten, wo der Geist am reinsten und die Gedanken am lautersten sind, so lasen sie ihre Briefe, um eine desto richtigere und genauere Kenntniß von den Angelegenheiten zu erhalten, welche sie zu besorgen hatten. Sobald sie angekleidet waren, giengen sie in den Tempel, zu opfern. Daselbst waren sie in der Gegenwart des ganzen Hofes, wenn das Opfer am Altare stund, bey einem lehrreichen Gebete zugegen, worinnen der Hohepriester die Götter bat, dem Könige alle königlichen Tugenden zu verleihen, damit er sowohl gegen die Götter, als gegen die Menschen voll Religion, mäßig, gerecht, großmüthig, aufrichtig, und den Lügen abgeneigt, freygebig, Herr über sich selbst seyn, und weniger bestrafen, als belohnen möch» ts. Der Hohepriester redete darauf von den Fehlern, welche in die allgemeine Geschichte. 481 welche die Könige begehen können; allein er setzte allezeit zum Voraus, daß sie lüemals anders, als durch ein bloßes Versehen, oder durch Unwissenheit darein müßten verfallen können, und er verfluchte die Räthe, welche ihnen böse Anschläge geben, und die Wahrheit verbergen würden. Das war die Art, wie die Aegy- pter ihre Könige unterrichteten. Man glaubte, daß Vorwürfe nur ihr Gemüth erbittern würden, und daß das kräftigste Mittel, ihnen die Liebe zur Tugend beyzubringen, dieses wäre, daß man ihnen ihre Pflichten in gesetzmäßigen Lobeserhebungen, vor dem Angesichte der Götter, auf eine ernsthafte und gesetzte Weise zeigte. Nach dem Gebete verlas man den Königen aus den geheiligten Büchern die Rathschläge und Handlungen großer Männer, damit sie den Staat nach den Grundsätzen derselben regieren, und über die Gesetze halten möchten, welche ihre Vorfahren sowohl, als ihre Unterthanen glücklich gemacht hatten. Was uns überzeugt, daß diese Vorstellungen ernstlich gethan, und ernstlich angehört wurden, das ist die Wirkung, die sie thaten. Unter denen aus Theben, nämlich aus der vornehmsten Dynastie, oder Herrschaft, wo die Gesetze am meisten im Schwange waren, und welche sich endlich aller andern Dynastien bemeisterte, sind die größten Manner Könige gewesen. Die beyden Merkure, die Stifter der Wissenschaften und aller ägyptischen Gebräuche "-ro-z. ubr. und Einrichtungen; der eine, welcher gegen die Zeiten der Sündflur gelebt hat; und der andre, welcher ein Zeitgenosse Mosis gewesen ist, haben beyde über The- be geherrscht. Ganz Aegnpten hat sich ihre Einsicht v!o-i.i. x.,. zu Nutze gemacht, und Thcbe hat es ihrem Unterrichte zu danken, daß es wenig schlechte Könige gehabt hat. H h So - 482 Bischof Bossuets Einleitung So lange diese lebten, so wurden sie geschont; die öffentliche Ruhe erfodcrte solches; allein sie waren von dem Gerichte nicht frey, das nach ihrem Tode über sie ge- lKi-j. halten wurde. Einige sind nicht beerdigt worden; man hat aber wenig solche Exempel; die meisten Könige sind vielmehr bey dem Volke so beliebt gewesen, daß ein ieder ihren Tod so fehl, als den Tod seines Vaters, oder seiner Kinder beweint hat. Diese Gewohnheit, über die Konige nach ihrem Tode ein öffentliches Urtheil zu spreche!?, schien dem Volke Gottes so heilig zu seyn, daß es dieselbe beständig beobachtet hat. Wir sehen aus der heiligen Schrift, daß die bösen Könige nicht in das Bcgräb- zntiy. xm. „jß ih^r Vorfahren kamen, und wir lernen aus dem Josephus, daß dieser Gebrauch noch zu den Zeiten der Asmonaer beobachtet wurde. Er lehrte die .Könige, daß ihre Majestät sie über die menschlichen Urtheile erhebt, so lange sie leben, daß sie aber durch den Tod andern Menschen wiederum gleich werden. Die Aegypter hatten einen erfindsamen Geist; sie wendeten ihn aber nur zu nützlichen Dingen an. Ihre Merkure haben Aegyptcn mit den bewundernswürdigsten Erfindungen bereichert, und seinen Einwohnern beynahe nichts unbekannt gelassen, was das menschliche Leben ruhig und vergnügt machen kann, cis Aegyptern die Ehre nicht lassen, die sie "er 15. ihrem Osiris zugeschrieben haben, daß er den Acker- . bau erfunden habe; denn man findet denselben zu allen Zeiten in den benachbarten Landern auf der Erde, wohin sich das menschliche Geschlecht ausgebreitet hat, und man kann nicht daran zweifeln, daß er nicht vom Anfange der Welt her bekannt gewesen seyn sollte. Daber geben die Aegypter ihrem Osiris ein so großes Alter/ iü die allgemeine Geschichte, ,48z Alterthum, daß man wohl sieht, daß sie seine Zeitett mir der Zeit des Anfanges der Welt vermengt haben, und ihm Dinge zuschreiben wollen, deren Ursprung weit über alle bekannten Zeiten der Geschichte hinausgeht. Allein wenn die Aegyptcr weder den Ackerbau, noch die andern Künste erfunden haben, welche mail noch vor den Zeiten der Sündflut antrifft, so haben sie doch dieselben zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, und sich so viel Mühe gegeben, sie unter den Völkern wieder herzustellen, wo sie wegen ihrer Barbaren vergessen worden waren, daß ihre Ehre deswegen nicht geringer ist, als wenn sie die Erfinder derselben gewesen wären. Es sind aber auch einige sehr wichtige Künste, de- D^'^'", ren Erfindung man ihnen nicht streitig machen kann, ttcroä.i.l'l.' Weil ihr Land eben, und der Himmel beständig heiter und ohne Wolken war, so haben sie den Lauf der Gestirne zuerst zu beobachten angefangen. Sie haben auch zuerst eine Einrichtung der Jahre gemacht. Diese Beobachtungen haben sie natürlicher Weise auf?^'^'"' die Rechenkunst geführt, und wenn es wahr ist, was Plato sagt, daß die Sonne und der Mond die Menschen zu erst die Wissenschaft der Zahlen gelehrt haben, indem man angefangen hat, eine richtige und ordentliche Berechnung der Tage, der Monate und der Jahre zu machen, so sind die Aegypter die ersten gewesen, welche sich von so herrlichen Lehrern unterrichten lassen. Die Planeten und die übrigen Gestirne sind ihnen ebenfalls bekannt gewesen, und sie haben das große Jahr erfunden, welches den ganzen Himmel vioä.U.s.?. auf seinen ersten Punkt zurückführt. Damit ein jeder seine Aecker wieder finden konnte, welche alle Jahre von dem Nil überschwemmt, und mit Schlamme H h 2 bedeckt 484 Bischof Bsssuets Einleitung bedeckt wurden,so mußten sie ihre Zuflucht zur Feldmeßkunst nehmen, welche sie selbst bald die Geometrie lehrte. Sie beobachteten die Natur sehr fleißig, welche bey einer so heitern Luft, und bey einer so brennenden Sonne sehr stark und fruchtbar unter ihnen u!-ivä / m' Dadurch haben sie auch die Arzneywissenschaft "° '' ' entweder erfunden, oder vollkommner gemacht. Es waren also die Wissenschaften alle unter ihnen in einem großen Ansehen. Alle Erfinder nützlicher Dinge er- ^ ' hielten sowohl ili ihrem Leben, als nach ihrem Tode wür- ib.ö.^.s. dige Belohnungen für ihre Arbeiten. Darum sind die Bücher ihrer beyden Merkure heilig und für göttliche Bücher gehalten worden. Das erste unter allen Völkern, wo man Bibliotheken gesehen hat, ist daö ägyptische. Der Name, den man ihnen gab, machte einen begierig, sie zu besuchen, und ihre Geheimnisse zu erforschen; man nannte sie den Schay der Arzneymirrel für die Seele. Sie heilten dadurch die Unwissenheit, eine der gefahrlichsten unter allen Krankheiten, und die Quelle aller übrigen. Eine Sache, die man den Gemüthern der Aegyptcr am meisten einzuprägen suchte, war die Liebe und Hochachtung für ihr Vaterland. Dieses war, wie sie sagten, ein Aufenthalt der Götter, und sie hatten viele tausend Jahre, dcrenAnzahl man nicht mehr wußte, daselbst geherrscht: Es war eine Mutter der Menschen und der Thiere, welche das ägyptische Erdreich, das - vom Nil befeuchtet worden war, gezeugt hatte, da die übrige Natur unfruchtbar geblieben. Die Priester, die die ägyptische Geschichte von der unendlichen Folge von Jahrhunderte!, verfertigten, welche sie mit nichts, denn mit den Fabeln und Genealogien ihrer Götter erfüllten, verfertigten sie in der Absicht, in den Gemü' m die allgemeine Geschichte. 485 Gemüthern einen tiefen Eindruck von dem Alterthume und dcmAdel.ihres Landes zu machen. Im übrigen war ihre wahreGeschichre in vernünftigeGrenzen eingeschlossen; allein es schien ihnen schön zu seyn, sich in einem unendlichen Abgrunde der Zeit zu verlieren, der sie der Ewigkeit nahe zu bringen schien. Unterdessen hatte die Liebe zu ihrem Vaterlande noch festere Gründe. Aegypten war in der That das schönste Land auf der Welt; es war von Natur fruchtbar , durch die Kunst so vortrefflich angebaut, als es möglich war, das reichste, das bequemste, und durch die Sorgfalt und Pracht ihrer Könige das aus- gcschmückceste Königreich von der Welt. Alles war in ihren Unternehmungen und Arbeiten groß. Das was sie aus dem Nil gemacht haben, ist unglaublich. Es regnet sehr selten in Aegypten; allein dieser Fluß, der durch seine ordentlichen Uebcr- schwemmungen alles befeuchtet, tragt ihnen den Regen und den Schnee andrer Lander zu. Damit dieser wohlthatige Fluß vervielfältigt werden möchte, so waren durch ganz Aegypten unzahlige Canale von ei- n-^ä. n. ner unglaubliche!, Lange und Breite geführt. Der Nil ^° z.' ° brachte mit seinen gesunden Wassern überall die Fruchtbarkeit hin; er vereinigte eine Stadt mit der andern, und das Weltmeer mit dem rothen Meere; er unterhielt die Handlung innerhalb dem Königreiche, und außer demselben, und befestigte es auch wider alle Feinde, so daß er zugleich der Erhalter und der Beschützer von Aegypten war. Man überließ ihm das Feld: Allein die Städte, welche durch unermeßliche Arbeiten erhöht worden waren, und sich mitten in den Wassern / wie Inseln, erhuben, sahen von dieser Hö- Hhz he 486 Bischof Bossuets Einleitung he mit Freuden auf die überschwemmte und vom Nil befruchters Ebne herunter. Wenn cr^über die Maas- sen hoch anwuchs, so boten dem ausgebreiteten Wasser die großen Seen, die die Könige graben lassen, ihren Schooß dar. Sie hatten ihre zubereiteten Oeff- uungen; große Schleusten schlössen sie auf, -oder zu, 'nach dem es die Noth erfoderte, und die Wasser, welche also abgelassen werden konnten, verweilten sich nicht länger auf den Feldern, als zur Fruchtbarkeit der Erde nöthig war. Das war der Gebrauch der großen See, welche Miris, oder Möris genannt wurde; so hieß der König, der sie hatte graben lassen. Man erstaunt/ wenn man liest, und es ist doch gewiß, daß sie vier hundert und zwanzig französische Meilen im Umfange gehabt hat. Damit man nicht allzu viel gut Land verlieren möchte, so hatte man ihn besonders gegen Ly- bien zu weit ausgebreitet. Die Fischerey davon brachte den Königen unzahlige Summen ein. Zween ! Pyramiden, welche beyde auf einem Throne zwo colossenmäßige Bildseulen trugen, wovon eine den Miris, und die andre seine Gemahlin vorstellte, ragten drey hundert Fuß hoch aus dem Wasser heraus, und nahmen unter demselben einen eben so großen Raum ein. Sie zeigten also, daß er sie aufrichten lassen, ehe die See war voll gelassen worden, und daraus war zu schließen, daß die Hände der Menschen unter einem einzigen Prinzen ein so großes Werk zu Stande gebracht hatten, «ero-z. il. Diejenigen, welche nicht wissen, wie wirthschaftlich Nwck.i.-. m >b>-i. Baukunst zeigte darinnen überall die edle Einfalt, und die Größe, welche die Seele ausfüllt. Auf langen Galerien waren die Bildhauerwerke ausgestellt, welche die Griechen zu ihren Mustern nahmen. Thebe kennte den schönsten Städten in der Welt den Vorzug streitig machen. Seine hundert Thore, welche Ho- vioä.ibiä. wer besungen hat, sind ja aller Welt bekannt. Sie war eben so volkreich, als sie groß war, und man sagt, daß sie aus iedem Thore zehn tausend streitbare Männer ausführen können. Man mag vielleicht in dieser Zahl p"^^- eine Vergrößerung finden; so viel ist gewiß, daß ihr Volk unzahlbar war. Die Griechen und die Römer A^^, haben ihre Größe und Pracht erhoben, ob sie gleich 11.60. nurdie Ruinen davon gesehen: So sehr herrlich waren die Trümmern davon! Wenn unsre Reisenden bis an den Ort gekommen waren, wo diese Stadt erbaut gewesen ist, so würden sie ohne Zweifel in ihren Ruinen noch etwas unvergleichliches angetroffen haben; denn die Werke der Aegypter waren so beschaffen, daß sie die Zeiten trotzen konnten. Ihre Bildhauerwerke waren Colossen. Ihre Seulen waren von einer unbeschreiblichen Größe. Aegypten sah auf das Große, A^'^' und wollte vom weiten in die Augen fallen, und dennoch wurde beständig eine genaue Richtigkeit in den Verhältnissen beobachtet. Man hat zu Sayd, welches unstreitig der Name der Stadt Thebais ist, Tempel und Pattäste beynahe noch ganz angetroffen, wo diefe Seulen und Colossen nicht zu zahlen gewesen sind^.Man bewundert vornehmlich'einenPallast daselbst dessen Trümmern nur darum übrig geblieben zu seyn Hh 4 schei- * Va^agez pzr Hloul! Inevenor. 488 Bischof Bossuets Einleittmg scheinen, daß sie die Ehre der größten Werke beschämen sollen. Vier Alleen, die man nicht übersehen kann, und auf der einen und andern Seite mit Sphyn- re endigen, welche sowohl wegen der raren Materie, woraus sie verfertigt worden sind, als wegen ihrer Größe Bewunderung verdienen, sind die Zugänge zu bedeckten Spahiergängen, deren Hohe die Augen in Erstaunen seht. Was für eine Pracht! Was für eine Größe! Diejenigen, von denen dieses erstaunliche Gebäude beschrieben worden ist, haben nicht die Zeit gehabt, dasselbe ganz zu umgehen, und sie sind nicht einmal gewiß, ob sie die Hälfte davon gesehen haben; allein alles, was sie davon haben sehen können, ist erstaunlich. Ein Saal, welcher ohne Zweifel die Mitte des Pallastes ausmachte, wurde von sechs und zwanzig Seulen unterstützt, welche so dick waren, daß sie von sechs Armen nicht umspannt werden konnten, und nach dem Verhältnisse eben so groß waren; diese waren mit Obelisken untermengt, welche so viele Jahrhunderte nicht umstürzen können. Die Farben selbst, welche doch die Macht der Zeit am ersten gemeiniglich erfahren müssen, erhielten sich mitten unter den Ruinen dieses prächtigen Gebäudes, und zeigten noch ihre vormalige Lebhaftigkeit: So sehr wußte Acgypten allen seinen Werken den Charakter der Unsterblichkeit zu geben! Es ist wahr, der Name des Königes dringt in die unbekanntesten Lander der Welt, und dieser Prinz läßt die schönsten Werke der Natur und der Kunst aufsuchen, wo er kann; würde es aber nickt ein würdiger Gegenstand seiner edlen Neubegierde seyn, wenn er die Schönheiten, welche Thebais in seinen Wüsten verschließt, entdecken und unsre Baukunst mit den Erfindungen Aegyptens bereichern lassen wollte? in die allgemeine Geschichte. 489 wollte? Welche Macht, und welche Kunst hat ein solches Land zum Wunderwerke der Welt machen können? Was für Schönheiten würde man nicht eindecken, wenn man in die königliche Stadt selbst gelangen könnte, da man schon von fernen soverwunderns- würdige Dinge wahrnimmt? Nur Aegypren allein konnte solche Denkmäler für die Nachkommenschaften aufrichten. Seine Obelisken machen noch heute zu Tage, sowohl wegen ihrer Höhe, als wegen ihrer Schönheit die vornehmste Zierde der Stadt Rom aus, und die römische Macht, welche die Hoffnung aufgab, den Aegyptcrn gleich zu kommen, hat für seine Größe genug zu thun geglaubt, wenn sie die Denkmaler der ägyptischen Könige entlehnte. Aegypten hatte / außer dem Thurme von Babel, noch keine großen Gebäude gesehen, als es seine Pyramiden erfand, die sowohl wegen ihrer Gestalt, als wegen ihrer Größe über die Zeiten und die Barbaren tn'umphiren. Der gute Geschmack dcrAegypter war Ursache, daß sie Festigkeit, und die bloße Regelmas- sigkcit allein liebten. Leitet uns nicht die Natur selbst zu der edeln Einfalt, zu welcher man nicht ohne die größte Mühe zurückkehren kann, wenn der Geschmack einmal durch Neuheiten und wunderliche Verwägcn- heiten verderbt worden ist? Die Aegypter liebten nur eine regelmäßige Kühnheit; sie suchten das Neue und Erstaunliche nur allein in der unendlichen Man- mchfaltigkeit der Natur, und sie rühmten sich, die einzigen zu seyn, welche, wie die Götter, unsterbliche Werke gemacht hätten. Die Aufschriften ihrer Pyramiden sind so edel, als das Werk selbst. Sie redete» die Zuschauer an. Eine von diesen Pyramiden, wel- Hh 5 che 49c) Bischof Bsssuets Einleitung che von Ziegelsteinen erbaut war, u>iterrichtete uns durch ihre Aufschritt, daß man sie nicht niit andern ver- tt-roc!. s. gleichen sollte, rveil sie über andre p^r.'.mioen eben so, rvie ^uptter über die andern Götter, erhaben ^vare. Allein so viel sich auch die Menschen Mühe geben mögen, so sieht man doch ihr Nichts überall gar zu n-ro-z.:. deutlich. Diese Pyramiden waren Gräber; die Kö- s^V nige, die sie gebaut haben, sind nicht so mächtig gewesen, daß sie ihr Begräbniß darinnen habe» können, und sie haben nicht einmal ihrer Gräber genossen. Ich würde von dem prächtigen Pallaste nicht reden, den man das Labyrinth hieß, wenn uns nicht Herodotus, der denselben gesehen hat, versicherte, daß er weit erstaunlicher, als die Pyramiden gewesen wäre. Man hatte ihn an dem Ufer der See, Mö- ris, erbaut, und ihm einen Prospect gegeben, welcher sich zu seiner Größe schickte. Das Labnrinrh war nicht sowohl nur ein einziger Pallast; es begriff vielmehr zwölf ordentlich erbaute Palläste, die an einander stießen. Fünfzehn hundert Zimmer, mit Gängen untermengt, schlangen sich um zwölf Säle, und ließen diejenigen, welche es besehen wollten, keinen AuSgang finden. Unter der Erde waren eben so vieles Gebäudes zu sehen. Diese unterirdischen Gebäude waren zum Begräbnisse der Könige, und, wer kann es ohne Scham und ohne die Blindheit des menschlichen Geschlechtes sagen? zur Erhaltung heiliger Crocodile bestimmt, welche diese sonst so weise Nation für ihre Götter erkannte. Sie erstaunen über alle diese Pracht in den ä- gyptischen Grabmalen. Außerdem daß man sie als gehci' in die allgemeine Geschichte. 491 geheiligte Denkmäler aufrichtete, welche das Andenken dieser großen Prinzen in den zukünftigen Jahrhunderten erhalten sollten, so sah man sie auch als die ewigen Wohnungen derselben an. Die Hauser betracht oloä.ii». tcte man als Gasthöfe, wo man sich nur im Vorübergehen und während einer Lebenszeit aufhielt, die allzu kurz ist, als daß man alle unfre Unternehmungen darinnen ausführen könnte; die wahren Wohnungen waren die Graber, in welchen wir uns durch unzahlige Jahrhunderte aufhalten sollten. Im übrigen arbeitete Acgypten nicht allein an dc-r Vollkommenheit lebloser Dinge. Seine edelsten Werke, seine schönsten Künste bestunden in der Verbesserung der Menschen. Griechenland war so sehr davon überzeugt, daß seine größten Männer, ein Homer, ein Pnthagoras, ein Plato, ein Lycurgus und Solon selbst, diese beyden großen Gesetzgeber und andre, die ick nicht zu nennen brauche, nach Acgypten gicnqen, Weisheit daselbst zu lernen. Gott hat gewollt, daß Moses in aller Nleisheir der Aegyprer unter- 7,, ncbter seyn sollte; und dadurch fing er an , mächtig m tVorren und in Thaten zu werden. Die wahre Weisheit macht sich alles zu Nutze. Gott will nicht, daß diejenigen, welche er seiner Eingebungen würdigt, die menschlichen Mittel versäumen sollen, die nach ihrer Art ebenfalls von Gott herkommen. Die Weisen in Acgypten hatten die Diät studirt, wodurch die Gemüther gesetzt, die Körpcr stark/ die Frauen fruchtbar, und die Kinder gesund und fest werden. Dadurch nahm das Volk sowohl der Menge, als der Stärke nach zu. Bas Land war von Natur gesund; allein die Philosophie hatte sie gelehrt. 492 BischofBossuets Einleitung ' daß man der Natur zu Hülfe kommen müßte. Es giebt sowohl eine Kunst den Körper auszubilden, als vio der heiligen Gejan^e trug. Mit einem Worte, Aegypten vergaß nichts, was den Verstand ausschmücken, das Herz edel, und den Körper stark machen konnte. Vierhundert tausend Soldaten, die es unrerhielt,waren diejenigen unter seinen Bürgern, die am meisten geübt wurden DieGesehe derKriegszucht erhielten sich sehr leicht,und so zu sagen,durch sich selbst,weil die Väter ihre Kinder allezeit darinnen unterrichteten. Denn die Kriegsproscßion pflanzte sich, wie andre Künste, von dem Vater aufdenSohn fort, und nach den priesterlichen Familien waren diejenigen, welche am meisten Hochachtung und Ansehen hatten, die zu den Waffen bestimmten Familien. Ich will unterdessen nicht sagen, daß Aegypten ein kriegerisches Land gewesen. Man mag immer ordentliche und regelmäßige Soldaten haben , man mag sie in den Kriegöübungen nnd in Schattenschlachten üben: es werden doch nur allein wirkliche Kriege und Schlachten die Menschen kriegerisch machen. Aegypten liebte den Frieden, weil es die 494 Bischof Bossuets Einleitung die Gerechtigkeit liebte, und unterhielt nur zu seiner Vertheidigung Soldaten. Es war mit seinem Lande zufrieden , wo e6 alles im Ueberflusse hat/ und dachte also auf keine Eroberungen. Es breitete sich auf eine andre Weife aus, weil seine Colonicn mit seiner Artigkeit und seinen Gesetzen hier und da auf der Erde einige Länder erfüllten. Die berühmtesten Städte l-l-t. inUm. kamen nach Äegypten, ihre Alterthümer zu erlernen, und aus der Quelle ihrer vortrefflichen Einrichtungen zu schöpfen. Man fragte in Acgypten von allen Orten her nach Weisheit. Als die Bürger der Stadt «er. ii. die olympischen Spiele, die berühmtesten in ganz Griechenland eingeführt hatten, so suchten sie durch eine feyerliche Gesandtschaft den Beyfall der Aegypter, und lernten von ihnen neue Mittel, die Streitenden aufzumuntern. Äegypten herrschte durch seine Rathschläge, und diese Herrschaft des Verstandes schien ihnen edler und herrlicher zu seyn, als diejenige, welche durch die Gewalt der Waffen erlangt wird. Und obgleich die Könige von Theben unstreitig die mächtigsten in Äegypten gewesen sind, so haben sie doch niemals wider die benachbarten Dynastien etwas unternommen; sie haben dieselben erst ihrer Herrschaft unterwürfig gemacht, da sie von den Arabern angefallen wurden, so daß sie dieselben, die Wahrheit zu sagen, mehr den Fremden abgenommen haben, als daß sie hätten über die natürlichen Einwohner des Landes herrschen wollen. Wenn sie aber haben Eroberer seyn wollen, so haben sie alle andern Völker überrroffen. Ich rede nicht vom Osi- ris, dem Ueberwinder der Indianer; vermuthlich ist es Bacchus, oder ein andrer fabelhafter Held gewe- vi°-!.iibr. I. scn. Der Vater des Sesostris, die Gelehrten hal- m die allgemeine Geschichte. 495 ten den Amenophis, sonst auch Memnon genannt, dafür, faßte entweder aus einem besondern Amriebe, oder vermöge seiner Gemüthsart, oder, wie die Aegypter sagen, wegen eines Götterspruches den Entschluß, au6 seinem Sohne einen Eroberer zu machen. Er fing daö auf die Weise der Aegypter, nämlich mit großen Gedanken an. Ä lle Kinder, welche an dem Gebnrtsü tage des Sesostris gebobren worden waren, wurden auf den Befehl des Königes an den Hof gebracht. Er ließ sie, wie seine Kinder, und mit eben der Sorgfalt, als den Sesostris, in seiner Gesellschaft aufer- zichen. Er konnte ihnen keine getreuern Rathe, und keine eifrigern Gefährten seiner Feldzüge geben. Als er ein wenig erwachsen war, mußte er seinen ersten Versuch in einem Kriege wider die Araber thun. Da lernte dieser junge Prinz Hunger und Durst crdulten . und unterwarf sich diese zcicher unüberwindliche Nation. Nachdem er durch diese Eroberung an die kriegerischen Unternehmungen gewohnt wordei»war, ließ ihn sein Vater sich gegen den Abend von Aegypten mit seinenKrieqsvölkern wenden; er griff Lybicn an, und der größte Theil dieser weitläufigen Landschaft wurde ihm umerrhanig. Um diese Zeit starb sein Varer, und hinterließ ihm eine Macht, mit welcher er alles unternehmen konnte. Er ? gieng auf nichts geringerS, als auf die Eroberung der ganzen Welt lim; aber ehe er aus seinem Königreiche auSzog sorgte er für die innerliche Sicherheit desselben; er gewann das Her; seiner Völker durch scmeFreygebig- keit und Gerechtigkeit, und richtete die übrige Regierung mit einer außerordentlichen Klugheit ein. Unterdessen machte er die Zurüstungen zu seiner Unternehmung; er warbSoldaten,und machte diejenigen die seinVater mit ^ ihm 496 Bischof Bossuets Einleitung' ihm erziehen lassen, zu ihren Anführern. Es waren sol- cherHcmprleutc sicbzehnhundert,welche alle fähig waren, den Muth, die Kriegszucht, und die Liebe zu ihrem Könige unter dem Heere auszubreiten. Nachdem dieses alles geschehen war, gieng er nach Aethiopicn, und machte sich dasselbe zinsbar. Er setzte seine Eroberungen in Asien fort. Jerusalem mußte die Macht seiner Waffen zuerst empfinden. Der verwagne Re- habeam konnte ihm nicht widerstehen, und Sesostris bemächtigte sich der Schätze Salomons. Gott hatte sie aus einem gerechten Gerichte in seine Hände gegeben. Er drang weiter nach Indien, als Herkules und Bacchus gethan hatte, und weiter noch, als Alexander nachher that, wie er sich die Länder dießeits dcs Ganges unterwürfig machte. Urtheilen sie daraus, ob ihm die andern Lander widerstunden, die seinem Lande näher waren. Die Scythen gehorchten ihm bis an den FlußTanais; Armenien und Cappadocien waren ihm Unterthan. Er ließ in dem alten Königreiche Colchos eine Colonie, wo nach der Zeit die ägyptischen Sitten beständig geblieben sind. Herodo- tus hat in Kleinasien von einem Meere zum andern die Denkmäler seiner Siege, mit den prächtigen Ue- berschriftcn, Sesostris des Königes der Könige, und des Herrn derHerren gesehen. Man sah solche Denkmaler bis nach Thracien hin, und er erstreckte seine Herrschaft vom Ganges an bis an die Donau. Die Schwierigkeit, die Lebensmittel zu erhalten, verhinderte ihn,wei- ter in Europa einzudringen. Er kam nach neun Iahren mit dem Raube der überwundnen Völker beladen zurück. Einige Völker vertheidigten ihre Freyheit mu- thig; andre ergaben sich ohne Widerstand an ihn. Sesostris sorgte in seinen Denkmalern die Unterschie, de in die allgemeine Geschichte. . 497 de dieser Völker durch hieroglyphische Figuren'nach der Weise der Aegypter zu bemerken. Er erfand die geographischen Karten, um sein Reich zu beschreiben» Hundert berühmte Tempel, die er zur Danksagung den Schutzgöttern aller Städte aufführen ließ, wa-^ ^^. ren die ersten und schönsten Denkmaler seiner Siege, ^b^' und er hatte die Sorgfalt, in ihren Überschriften kund zumachen,daß diese großen Werke, ohne Beschwerung semer Unterthanen, aufgeführt worden wären. Er hielt eö für seinen Ruhm, sie zu schonen, und ließ an den Denkmälern seiner Siege allein die Gefangnen arbeiten. Salomon hatte ihm das Beyspiel da- ,, zu gegeben. Dieser weise Fürst hatte allein die zins- -Chr z,? baren Völker bey den großen Werken gebraucht, die sein Reich unsterblich gemacht haben. Die Bürger hatten viel edlere Verrichtungen; sie lernten Krieg führen, und befehlen. Sesostris konnte sich nach keinem vortrefflichern Muster richten. Er regierte drey und dreyßig Jahre, und genoß seine Siege sehr lange. Er würde noch einer größern Ehre würdig gewesen seyn, wenn er nicht so eitel gewesen wäre, daß er seinen Wagen von überwundnen Königen ziehen lassen. Es scheint, daß er nicht habe, wie andre Menschen, sterben wollen. Nachdem er in seinem Alter blind geworden war , brachte er sich selbst um sein Leben, und hinterließ Aegypten auf ewig voll Reichthum und Ueberfluß. Seine Herr- i'ac.smi. schaft kam unterdessen nicht über das vierte Geschlecht. Allein es waren noch zu den Zeiten des Tiberius solche prächtige Denkmäler übrig, welche von der Stärke und der Menge der Aegypter zeugten. Aegypten nahm - seine friedfertige Gemüthsart sehr bald wieder an. Man findet auch aufgezeichnet, daß Sesostris der er- Ä» sie 498 Bischof Bossuets Einleitung sie gewesen, der die ägyptischen Sitten, nach seinen Siegen, aus Furcht für Rebellionen weichlicher ge, macht habe Wenn man dieses glauben muß, so kann solches aus keiner andern Ursache, als aus Vorsorge für seine Nachfolger, geschehen seyn. Da er so weise und unumschränkt herrschte, so sieht man nicht, was er von Unterthanen befürchten konnte, die ihn anbeteten. Im übrigen ist dieser Gedanke eines so großen Prinzen unwürdig, und das hieß sehr schlecht für die Sicherheit seiner Eroberungen sorgen, daß er den Muth seiner Unterthanen verminderte. Es ist auch wahr, daß dieses große Reich nicht lange bestund. Es mußte auf eine oder die andre Art untergehen. Die Uneinigkeit bemächtigte sich der Aegy- pten. Unter dem Anisis, dem Blinden, fiel E abacon, ''der König der Aethiopier, in Aegypten ein; er begegnete den Aegyptern wohl, und that daselbst eben so große Dinge, als die einyebohrnen Könige des Landes. Niemals hat man ein Beyspiel der Mäßigung gesehen, das der seinigen gleichkäme; nach einer funfzigjähri- gen glücklichen Regierung kehrte er nach Aethiopien zurück, aus Gehorsam gegen einige Erinnerungen, die er für göttlich hielt. Dieses verlaßne Königreich siel in die Hände des Setho, eines Priesters des Vulkans , eines Prinzen, der seiner Mode nach fromm, aber nicht sonderlich kriegerisch war; er entkräftete das Kriegswesen völlig, indem er den Soldaten übel begegnete. Nunmehr war eine Zeitlang in Aegypten keine ordentliche Regierung. Hierauf herrschten zwölf von dem Volke erwählte Könige, welche die Herrschaft über das Reich unter einander theilten. Sie sind es, welche die zwölf Pallaste gebaut haben, die das * d^mxnoä.Ubr. XII. rerum barb. xott. ttsroä. in die allgemeine Geschichte. 499 das Labyrinth ausmachten. Obgleich Aegypten seine Pracht nicht vergessen konnte, so'wurde es doch unter diesen zwölf Prinzen getheilt und geschwächt. Einer von ihnen, Pfammetichus, machte sich durch den Beystand der Fremden zum Herrn über die andern» Aegypten erholte sich wieder, und blieb fünf oder sechs Regierungen hindurch noch ziemlich mächtig. Nachdem dieses alte Königreich ungefähr sechzehnhundert Jahre bestanden war, wurde es endlich durch die Könige von Babel, und den Cyrus geschwächt, und Cam- byses, derjUnsinnigste unter allen Prinzen, bemächtigte sich desselben. Diejenigen, welche die Gemüthsart der Aegypterge- Scrzb. 1.17. kannt haben, sind alle der Meynung, daß sie kein streitbares Volk gewesen; sie haben die Ursachen davon gesehen. Es hatte dreizehnhundert Jahre stets im Friede zugebracht, als es von seinem ersten Eroberer, dem SesostriS, beherrscht wurde. So sorgfältig Aegypten auch eine eigne Kriegsmacht unterhalten hatte, so sehen wir doch, daß am Ende fremde Kriegsvölker seine größte Macht ausmachten, welches der größte Fehler eines Staates ist. Allein die menschlichen Dinge sind niemals ganz vollkommen, und es ist schwer, die Künste des Friedens, und die Vortheile des Krieges in einer gleichen Vollkommenheit zu besitzen. Unterdessen sind sechzehn Jahrhunderte eine schöne Dauer eines Reiches. Binnen dieser Zeit ha- - ben einige äthiopische Könige, unter andern Saba- con, und wie man dafürhält, auch Taraca in Theben regiert. Allein Aegypten hatte von der vortrefflichen Einrichtung seines Staates den Vortheil, daß die Fremden, welche sich dasselbe unterwürfig machten, mehr seine Sitten annahmen, als die ihrigen einführ- I i 2 ten; 509 Bischof Bossuets Einleitung ten; ob sie also gleich ihre Beherrscher änderten, so wurde doch die Regierungsart nicht geändert. Es wurde den Aegyptern schwer, die Perser zu leiden, deren Joch sie sehr oft abzuwerfen suchten. Allein sie waren nicht kriegerisch und streitbar genug, durch ihre eigne Macht, sich wider eine so große Macht zu behaupten, und die Griechen, von denen sie vertheidigt wurden, bekamen anderwärts zu thun, und waren ge» zwungen, Aegypten seinem Schicksale zu überlassen. Es verfiel also immer wieder unter die Gewalt seiner vorigen Beherrscher, hielt aber beständig mit der größten Hartnäckigkeit an seinen alten Gebräuchen, und war unfähig, von den Grundsäßen seiner ersten Könige ganz abzuweichen. Allein ob es gleich unrcr der Regierung der Ptolomäen noch vieles davon beybehielt, so wurde endlich doch die Vermischung der griechischen und asiatischen Sitten und Gewohnheiten so groß, daß man das alte Aegypten beynahe nicht mehr kannte. Man muß nicht vergessen, daß selbst in der Geschichte der Aegypter in Ansehung der Zeiten ihrer alten Könige eine überaus große Ungewißheit herrscht. Man weis nicht recht, wo man den Osimanduas hin- . rechnen soll, von welchem wir in dem DiodoruS so vwä.i.l. prächtige Denkmäler, und so viele herrliche Zeichen 5cH. filier Siege antreffen. Es scheint, daß die Aegypter den Vater des Sesostris nicht kennen, den Herodo- tuS und Diodorus nicht nennen. Die Macht dieses Königes ist auch mehr durch die Denkmäler, die er aufbauen lassen, als durch die Nachrichten seines Landes im Andenken geblieben, und diese Gründe zeigen uns, daß man nicht glauben müsse, wie einige thun, daß alles, was die Aegypter von ihren Alterthümern sagten, so gewiß und richtig gewesen sey, als sie sich rühmten, in die allgemeine Geschichte. 5s? rühmten, weil sie selbst wegen der berühmtesten und herrlichsten Zeiten ihrer Monarchie so sehr in Ungewiß- i he-'c sind. , ' ^ .^ Das große Reich der Aegypter ist gleichsam von : andern Reichen abgesondert, und es ist in seiner Geschichte, wie wir sehen, kein langer und richtiger Zusam« menhang. Dasjenige, was uns zu sagen noch übrig ist, hängt besser an einander, und hat gewissere Data. -,'<). .»»^.MjstZ-^z^W ü!sf^^ ''ü,^M>mö'^M 'Z?l .5»». »OOOOGGOOOGGOGOOOO» Von den alten und neuen Assyriern, den Meden/ und vomCyrus. ir können von dem ersten Reiche der Assyriec nicht viel Gewisses sagen: Allein man mag nach den Meynungen der Geschichtschreiber den Anfang davon in eine Zeit setzen, in welche man will, so werden sie sehen, Nlonseigneur, daß, da sich die Welt noch in kleine Staaten theilte, deren Beherrscher mehr auf ihre Erhaltung, als ihre Vergrös- serung dachten, daß, sage ich, Ninus, der unter seinen Nachbarn der Mächtigste, und zugleich derjenige war, welcher sich am meisteil uitterfing, sie nach und v:°-!.u. nach alle unter seine Bothmaßigkeit brachte, und seine luK.,. Eroberung gegen den Morgen zu weit ausbreitete. Seine Gemahlinn, Semiramis, vereinigte mit dem Ehrgeize, der ihrem Geschlechte eigen ist, einen Muth, und eine Klugheit, die alle ihre Anschlage vortrefflich unter einander zu verbinden wußte, behauptete die weitaussehenden Absichten ihres Gemahls, und richtete diese Monarchie ganz auf. Ii z Diese 5S2 Bischof Bossuets Einleitung ubr i Monarchie war unstreitig sehr groß, und die D ^. i! >.,.'Größe der Stadt Ninive, die man noch für größer, -uic. Babylon halt, beweist solches zur Gnüge. Allein »B?ZR. 14/ wie die scharfsinnigsten und richtigsten Geschichtschrei- . ber diese Monarchie nicht so alt vorstellen, als andre ^ Z, »-thun, so machen sie dieselbe auch nicht so groß.' Die kleinen Königreiche dauren allzulange, woraus man sie zusammensetzen müßte, wenn sie so alt, und so groß ' wäre, als sie der fabelhafte Ctesias, und diejenigen be- ri»t. ä- l-x. schreiben, die ihm auf sein Wort geglaubt haben. Es ist wahr, Plato, ein sorgfältiger Beobachter der Alterthümer, macht das Königreich Troja zu den Zeiten des PriamuS der Herrschaft der Assyrier unterwürfig. Allein man findet im Homer nichts davon, welcher diesen Umstand nicht vergessen haben würde, da er den Vorsatz hatte, die Ehre Griechenlandes zu verherrlichen, und man kann glauben, daß die Assyrier gegen den Abend wenig bekannt gewesen sind, weil sie ein so gelehrter Poet, der alles sorgfältig aufsuchte, was zum Jnnhalte, und zur Zierde seines Gedichtes gehört, nicht darinnen aufführt, vi^ii Unterdessen ist nach der Zeitrechnung, die wir für die " ' ' vernünftigste gehalten haben, die Zeit der Belagerung der Stadt Troja die herrlichste Zeit.der Assyrier, weil sie die Zeit der Eroberungen der Semiramis ist; allein ihre Siege erstreckten sich nur gegen den Morgen. Diejenigen, welche ihr am meisten schmeicheln, lassen sie ihre Waffen gegen diese Seite wenden. Sie hatte an den Anschlagen und Siegen des Ninus allzuviel Antheil, als daß sie den Absichten desselben nicht folgen sollen, die übrigens auch für die Lage ihres Reiches die besten waren. Es ist aber, wie ich glaube, unstreitig, daß die Absichten des NinuS sich auf den Orient erstreckt , haben, in die allgemeine Geschichte. 50z haben, da Jusrinus selbst, der ihm doch am günstig, sten ist, die Unternehmungen desselben, die er gegen die Abendseite unternommen hat, nicht weiter, alb bis an die Grenzen von Lybicn kommen laßt. Ich weis also nicht mehr, zu welcher Zeit Ninive seine Eroberungen bis nach Troja erstreckt haben sollte, da es nicht glaubwürdig ist, daß Ninus und Semi- ramis dieses unternommen haben. Es haben ja alle ihre Nachfolger, von ihrem Sohne Ninias an, in einer solchen Weichlichkeit gelebt, und haben so wenig gethan, daß kaum ihr Name bis zu uns gekommen ist, und man muß darüber erstaunen, daß ihr Reich so lange bestehen können. Wie sollte es sich ausgebreitet haben? Die Eroberungen des Sesostris haben die assyrische Macht gewiß nicht wenig verringert; allein weil sie von keiner Dauerwaren, und von seinen Nachfolgern nicht unterstützt wurden, so ist es glaublich,daß die Länder,wel- che er denAssyn'ern weggenommen hatte,natürlicherWei- sc sich bald wieder unter die Herrschast derer begaben, an die sie gewöhnt waren. Dieses Reich also behauptete sich bey einer gewaltigenMacht und in einem großenFrieden, bis Arbaces dieWeichlichkeit seinerKönige entdeckt hatte, die so lange in demInnersten desPallastes verborgen geblieben war. Sardanapalus, der wegen seiner nieder- trachtigcnThaten bekannt ist,wurde damals seinenUnter- thanen nicht allein verächtlich, sonder» auch unerträglich. Sie haben,Monsetgneur,die Königreiche gesehen, welche aus denTrümmern des ersten assyrischen Reiches, und unter andern aus den Trümmern des ninivitischen und babylonischen hervorgegangen sind. DieKönige von Ninive behielten denName der K önige vonAssyrien bey, und waren die Mächtigsten. Ihr Hochmuth überschritt gar bald alle Grenzen; ihre Eroberungen verführten sie Ii 4 dazu, V 5«4 Bischof Bossuets Elnleitung dazu, unter welche man die Einnahme des Königreiches Israel, oder der Stadt Samaria rechnet. Nur allein die Hand Gottes/ und ein sichtbares Wunder konnte sie verhindern, unrer dem Ezechias Judäa ganz niederzuschlagen, und man konnte die Grenzen ihrer Macht nicht übersehen, als sie kurz daraus in ihrer Nachbarschaft das Königreich Babylon mit Kriege überzogen, nachdem die königliche Familie daselbst in Abnehmen gekommen war. Babylon schien dazu bestimmt zu seyn, daß es der x«,.clr.z,4. ganzen Erde Gesetze vorschreiben sollte. Seine Völker waren voll Verstand und Muth. Die Philosophie, und die schönen Künste herrschten stets unter ihnen , und im ganzen Oriente waren keine bessern Soldaten , als die Chaldaer. Das Alterthum bewundert n«r<-a.i.i. die reichen Erndtcn eines Laiches, dessen Einwohner in unsern Zeiten dasselbe aus Trägheit nicht bauen. Die alten Könige von Persien sahen es als den dritten Theil eines so großen Reiches an. Die Könige von Assyrien blähten sich wegen eines solchen Zuwachses auf, der ihr Reich mit einer so reichen Stadt vergrös- serte, und gierigen auf neue Unternehmungen um. Nebucadnezar, der erste, glaubte, daß sein Reich seiner unwürdig wäre, wenn er nicht zugleich die ganze Welt sich unterthänig sähe. Nebucadnezar, der andre, war noch hochmüthiger, als alle vorhergehenden Könige gewesen waren; alle seine Siege hatten einen glücklichen Fortgang; er machte erstaunliche Eroberungen, und wollte sich lieber, als einen Gott, anbeten lassen, als befehlen. Was für Werke unternahm er nicht in Babylon ! Was für Mauern, was für Thürme, was für Thore! Was war das nicht für eine Schutzwehr, mit welcher er die ganze Stadt umschloß! Es schien, daß der alte Thurm zu Babel in der in die allgemeine Geschichte. 525 der ganz erstaunlichen Höhe des Tempels des Bel wieder erneurt werden sollte, und daß Nebucadnezar dem Himmel von neuem zu bedrohen dächte. Obgleich sein Hochmuth durch die Hand Gottes gedemü- chigt war, so lebte er doch in allen seinen Nachkommen wieder auf. Sie konnten um sich herum keine andre Macht leiden, und weil sie alles unter ihr Joch bringen wollten, wurden sie den benachbarten Völkern unerträglich. Mit diesem Neide vereinigten sich wider sie die Könige der Weder, und die Könige der Perser, und verschiedne andre Völker des Orientes. Der Hochmuth verwandelt sich sehr leicht in Grausamkeit. Weil die Könige von Babylon mit ihren Unterthanen unmenschlich umgiengcn, so fielen sowohl ganze Völker, als die vornehmsten Herren ihres Reiches dem Cyrus und den Meden zu. Babylon, welches allzusehr gewohnt war, zu befehlen, und zu überwinden, als daß es sich vor so vielen Feinden hatte fürchten sollen, die sich alle wider seine Herrschaft verschworen hatten, Babylon, sage ich, wurde den Medern, die es unter sein Joch bringen wollte, zu der Zeit dienstbar, da es sich für unüberwindlich hielt, und gieng endlich durch seinen Hochmuth zu Grunde. Das Schicksal dieser Stadt war wunderbar, weil sie durch ihre eignen Erfindungen untergieng. Der Euphrat that in seinen weitläufigen Gegenden bald eben die Wirkung, als der Nil; allein ihn nuhbarzu machen, dazu gehörte noch mehr Kunst und Arbeit, als Aegyvten bey seinem Nile nöthig hatte. Der Euphrat floß in seinem Laufe gerade fort, und trat niemals aus. Man mußte also in; ganzen Lande eine unzahlige Menge Canäle graben, damit er die Gegenden wässern konnte, wodurch denn di« Frucht- Ji 5 bar- 5^6 Bischof Bossuets E-mleitung barkeit des Landes unvergleichlich wurde. Damit man den ungestümen iaufsciner allzuschnellen Wasser hemmen möchte, so mußte man ihn durch hundert krumme Wege führen, und eine große See graben lasse», die eine Königinn mit einer unglaublichen Pracht umgab. Nitocris, eine Mutter des Labinithus, der sonst auch Nabonides oder Büthasar hieß, und der letzte König in Babylon war, hatte diese großen Werke aufführen lassen. Allein diese Königinn unternahm ein weit größres Werk: sie führte über den Eu- phrates eine steinerne Brücke, damit die beyden Seiten der Stadt, welche durch die fast unermeßliche Breite des Flusses allzuweit von einander abgesondert waren, Gemeinschaft mit einander haben könnten. Man mußte also einen so heftigen und tiefen Fluß austrockne»/ und seine Wasser in eine entsetzlich große See ableiten, welche die Königinn hatte graben lassen. Zu gleicher Zeit baute man die Brücke, zu welcher die kostbaren Materialien schon fertig lagen, und man führte an beyden Seiten des Flusses eine Mauer von Ziegelsteinen von einer außerordentlichen Höhe aus, an welcher man Stufen nach den Fluß hinunter gemacht hatte. Dieses Werk war so schön, als die Mauern der Stadt. Die Geschwindigkeit, mit welcher der Bau vollendet wurde, glich der Größe desselben vollkommen. Allein eine so weise Königinn sah nicht vorher, daß sie dadurch ihre Feinde lehrte, wie sie die Stadt einnehmen sollten. Die See, welche sie hatte graben lassen, war es, worein Cyrus den Euphrat ableitete, als er die Hoffnung aufgab, Babylon durch Gewalt oder Hunger zu zwingen, und er öffnete sich dadurch auf beyden Seiten der Stadt den Eingang, von dem die Propheten vorhergeweißagt haben« Wenn in die allgemeine Geschichte. 5^7 Wenn Babylon hatte glauben können, daß es eben so vergänglich, als andre menschliche Dinge wäre, und ein unvernünftiges Vertrauen die Stadt nicht in die größte Blindheit gestürzt hatte, so würde sie nicht allein vorhergesehen haben, was Cyrus that, weil das Andenken von dem Werke der Nitocris noch nicht vergessen war, sondern sie würde auch alle Perser haben erschlagen können, welche auf dem trocknen Boden des Flusses in die Stadt drangen, wenn sie die Stufen, die in den Fluß hinunter giengen, wohl bewacht hätte. Allein man dachte auf nichts, als aufLustbarkciten und Schmäuse: Es war weder Ordnung noch Anstalt, noch Anführung da. So gehen nicht allein die festesten Oerter, sondern auch die größten Königreiche unter! Das Schrecken herrschte überall; der gottlose König wurde umgebracht, und Tenophon, welcher dem letzten Könige von Babylon diesen Namen giebt, scheint durch dieses Wort dieKirchenraubereyen zu bezeichnen, die, wie Daniel zeigt, durch einen so erstaunlichen Untergang bestraft worden sind. Die Meder, welche das erste Königreich der Assyrier zerstört hatten, zerstörten auch das andre, und es schien, als wenn diese Nation von einem feindseligen Schicksale der Wyrier bestimmt gewesen wäre, ihre Größe zu demüthigen. Allein dieses letztemal machte zu gleicher Zeit die Tapferkeit und der große Name des Cyrus, x-»-«?», daß die Perser,seine Unterthanen, den Ruhm dieser Ero. berung davon trugen. Sie gehört auch in der That diesem Helden ganz allein, der, nachdem er, nach persischer Weise, eine strenge und ordentliche Auferziehung gehabt hatte, von sei- . ner Jugend an zu einem mäßigen und kriegerischen Leben gewöhnt worden war. Die Perser waren dazumal 5o8 Bischof Bossuets Einleitung V. 44. mal Völker, die sich der Mäßigkeit so sehr ergaben,als sie ^sich hernach der Wollust überließen. Die Meder, die ^lv. v^/' vordem so arbeitsam und streitbai-gewesen, endlich aber durch den Ueberfluß weichlich geworden waren, wie es immer zu gehen pflegt, brauchten einen solchen Heerführer. Cyrus bediente sich ihrer Reichthümer, und ihres Namens, der immer im ganzen Oriente geehrt worden war; allein er fetzte alle Hoffnung des glücklichen Fortganges seiner Waffen auf die Kriegsvölker, die er aus Persien mit sich brachte. In der ersten Schlacht wurde der König von Babel getödtet, und die Affyrier geschlagen. DerUeber- winder bot dem neuen Könige einen Zweykampf an, und indem er seinen Muth zeigte, so erwarb er sich den Ruhm eines gnadigen Prinzen, der sein Volk schonte. Er vereinigte die Staatsklugheit mit der Tapferkeit. Aus Furcht, ein so schönes iand zu verheeren, das er schon als sein erobertes Land ansah, beschloß er, daß die Arbeiter im Felde auf beyden Seiten verschont werden sollten. Er wußte die Eifersucht der benachbarten Völker wider die hochmüthige Macht der Babylonier zu erwecken,die alleLänder mit Krieg überzog; derRuhm, den er sich sowohl durch seine Großmuth und Gerechtig- keit,als auch durch dasGlück seincrWaffen erworben hatte, vereinigte sie alle unter seine Fahnen,und er unterwcn-f sich also mit einem so mächtigen Beystande die großen weitlauftigenLänder,aus welchen er seinReich auflichtete. So entstund diese Monarchie. Cyrus machte sie so gewaltig/ daß sie unter seinen Nachfolgern fast nothwendiger Weife zunehmen mußte. Aber wenn man wissen will, was sie versohren hat, so muß man nur die Perser und die Nachfolger des Cyrus mit den Griechen und ihren Generalen, vornehmlichaber mit dem Alexander vergleichen. Von in die allgemeine Geschichte. 509 O»»OOOO»OG»O»OOOOOO O O!» Von den Persern, den Griechen, und Alex» . andern, dem Großen. (jAambyscs, ein Sohn des Cyrus, war derjenige, welcher die Sitten der Perser verdarb. Sein Vater, welcher mitten unter dem Kriege so wohl erzogen worden war, trug nicht Sorge genug dafür, daß sein Nachfolger in einem so großen Reiche kinc solche Erziehung bekommen möchte, als er gehabt hatte. Eine allzuaußcrordentliche Größe schade« te, nach dem gewöhnlichen Schicksale der menschlichen Dinge, der Tapferkeit. Darius, ein Sohn des Hysta- spes, welcher aus dem Privatleben zum Throne erhoben wurde, brachte beßre Fähigkeiten zu der unum- schränkten Regierung, und gab sich einige Muhe/die eingcrißnen Unordnungen zu verbessern. Allein die Verderbniß war schon zu allgemein; der Ueberfluß hatte allzuviele Ausschweifungen in den Sitten eingeführt, und Darius hatte selbst nicht Kräfte genug übrig behalten, als daß er hätte fähig seyn können, alles wieder in Ordnung zu bringen. Unter seinen Nachfolgern verschlimmerte sich alles noch mehr, und die Schwel- gerey der Perser hatte keine Grenzen mehr. Allein obgleich diese Völker, nachdem sie mächtig geworden waren, viel von ihrer alten Tapferkeit verkehren hatten, indem sie sich den Ergehlichkeiten überließen, so behielten sie doch allezeit noch etwas Grosses und Edles. Was kann edler seyn, als der Abscheu, den sie vor den Lügen hatten, ein Laster, welches unter ihnen allezeit für das schändlichste und niederträchtigste gehalten worden ist? Nach den Lügen gereichte 5IO Bischof Bossuets Einleitung gereichte einem Menschen nichts zu einer größer» Schande, als wenn er sich von geborgten Gürern erhielt. Ein solches Leben schien ihnen ein müßiges, schandliches, knechtisches Leben, und desto verächtlicher zu seyn, je mehr dasselbe zu Lügen verleitete. Vermöge einer Großmuth, die der Nation natürlich war, begegneten sie überwundnen Königen sehr wohl. Wenn sich nur die Kinder derselben einigermaßen nach ihren Ueberwindern richten konnten, so ließen sie dieselben in ihrem Lande fast mit allen Merkmalen ihrer ersten Hoheit regieren. Die Perser waren artig, höflich, freygebig gegen die Fremden, und wußten sich ihrer sehr wohl zu bedienen. Leute von Verdiensten waren immer unter ihnen bekannt, und sie scheuten keinen Aufwand, um sie zu gewinnen. Es ist wahr, sie habe» keine vollkommne Erkenntniß von der Klugheit erlangt, welche lehrt, wie man wohl herrschen soll. Ihr großes Reich wurde immer mit einiger Verwirrung regiert.Sie konnten das schöne Geheimniß nicht finden, welches die Römer so wohl zu brauchen gewußt, das Geheimniß, alle Theile eines so großenStaates zu vereinigen und ein voll- kommnes Ganzes daraus zu machen. Persien wurde daher auch immer durch wichtige Rebellionen beunruhiget. Unterdessen waren sie nicht in aller Politik unerfahren. Die Gesetze der Gerechtigkeit waren unter ihnen bekannt, und sie haben große Könige gehabt, die über die Beobachtung derselben mit einer bewundernswür- digen Genauigkeit gehalten haben. Die Verbrechen wurden mit der größten Strenge bestraft, doch aber mit diefer Mäßigung, daß man die ersten Verschen sehr leicht vergab, den Rückfall in dieselben aber mit den unbarmherzigsten Strafen zu verhindern suchte. Sie hatten sehr gute Gesetze, welche sich alle von» Cyruö in die allgemeine Geschichte. 511 und dem Dariuö,eineM Sohne des Hystaspes, herschrel- i?i-c. ->« icz. ben. Sie hatten einige vernünftige Grundsätze in der ^ Regierung, ordentliche Versammlungen, damit diese ^ Grundsätze behauptet werden möchten, und alle Aemter ^ ^ ^ ^ stunden eins unter dem andern in einer sehr bestimmten ' ^' Ordnung. Wenn man sagte, daß die Großen, aus denen dieVersammlungen bestunden,die Augen und-Oh-- ren des Prinzen waren: So gab man dadurch zugleich - dem Prinzen zu verstehen, daß seine Minister für' ihn das seyn sollten, was die Sinne für uns sind: Wir müssen uns nicht auf sie verlassen/ sondern durch ihren Beystand thätig werden. Zugleich aber wurden auch die Rathe erinnert, daß sie nicht für sich selbst, sondern für den Prinzen, der ihr Oberherr wäre, und für den ganzen Staat befchässrigt seyn müßten. Diese Räthe mußten in den alten Grundsätzen der Monarchie unterrichtet seyn. Die öffentliche!, Nachrichten von vergangnen Begebenheiten dienten der Nachkommenschaft zu einer Regel. Man bemerkte darinnen die' Dienste, die einer geleistet hatte, aus Furcht, daß sie zur Schande des Prinzen, und zum Unglücke des Staa- n-roa.l. les unbeiohnt bleiben möchten. Das war eine vortreffliche Art, die Bürger so weit zu bringen, daß sie an dem öffentlichen Wohle Antheil nahmen, daß man sie lehrte, daß sie sich niemals allein, sondern für den König und den Staat, wo sie sich alle zusammen befanden, aufopfern müßten. Eine von den vornehmsten Sorgen des Königes war diese, daß er den Ackerbau in Aufnehmen zu bringen suchte, und die jandvögte, deren Regierung auch am besten eingerichtet war, hatten an den Gnadenbezeugungen den meisten Antheil. Wie man Aemter hatte, die auf die Kriegsübungen «in wachsames Auge haben sollten: So waren auch Auf- ^ > W M-I ,^1 5l2 Bischof Bossuets Einleiruilg Aufseher über die Bauerarbeitsn geseht: Das waren zwey Aemter, die mit einander viel Aehnliches hatten; eins war dazu bestimmt, das Land zu bewahren, und das andre, dasselbe anzubauen. Der König schützte sie mit einer fast gleichen Gnade, und beyde mußten zur Beförderung des allgemeinen Bestens dienen.Nach de- nen,welche im Kriege einige Vortheile vor andern davon trugen, waren die geehrtesten diejenige»,welche viel Kinder erzogen hatte«. Die Ehrfurcht, die man den Per- fern von Kindheit auf für die königliche Hoheit und Gewalt einflößte, gieng bis zur Ausschweifung, weil sie die Anbetung darein mengten, und sie schienen mehr Sklaven, als vernünftige Unterthanen eines gesetzmäs- slgen Reiches zu seyn. Dieses brachte die Gemüthsart der Morgenlander mit sich, und vielleicht verlangte die natürliche Lebhaftigkeit und Heftigkeit dieses Volkes eine noch unumschränktere und stärkre Regierung. Die Art, wie man die jungen Prinzen erzog, wird vom Plato bewundert, und den Griechen als ein Muster einer vollkommnen Erziehung vorgestellt. Im siebenten Jahre wurden sie von den Verschnittnen weggenommen, und man lehrte sie reiten, und übte sie auf der Jagd. Wenn sie das vierzehnte Jahr erreicht hatten, wo sich der Geist auszubilden anfangt, so gab man ihnen viere von den weisesten und tugendhaftesten Männern in Persien zu ihren Lehrern. Der erste, sagt Plato, lehrte sie die Magie, oder nach ihrer Sprache,die Verehrung der Götter, die nach ihren alten Meynungen und vornehmlich nach den Gesetzen des Zo- roasters, eines Sohnes des Oromasus, eingerichtet war. Der andre Hofmeister mußte sie gewöhnen,dieWahrhcit zu sagen,und die Gerechtigkeit zu handhaben. Der dritte lehrte sie, daß sie sich durch die Wollüste nicht überwinden in die allgemeine Geschichte. 51z den lassen sollten,damit sie freye, und wahre Könige, und Herren über sich selbst und ihre Begierden seyn könnten. Der vierte befestigte ihren Muth gegen die Furcht, welche Sklaven aus ihnen machen, und ihnen das Vertrauen zu sich selbst, das so nöthigzur Regierung ist, nehmen möchte.Die jungen Herren des Reiches wurden am Hofe des Königes mit seinen Kindern erzogen. Man trug besondre Sorge dafür, daß sie nichts niederträchtiges sehen und hören möchten» Man mußte dem Könige von ihrer Aufführung Rechenschaft geben. Wenn man ihm davon Nachricht gegeben hatte, so erhielten sie nach seinem Befehle, wie sie verdienten, bald Strafen, bald Belohnungen. Die Jugend, welche sie sah,lernte bey guter Zeit mit der Tapferkeit, die Wissenschaft zu gehorchen, und zu befehlen. Was konnte man nicht bey einein so schönen Unterrichte von denKöni- gen in Persien und voi, ihrem Adel hoffen, wenn sie in den zunehmenden Jahren mit eben der Sorgfalt angeführt worden waren, mit der sie in ihrer Kindheit unterwiesen worden waren. Allein die verderbten Sitten der Nation rissen dieselben gar bald zu den Erblichkeiten und Lustbarkeiten fort, wider welche keine Erziehung aushalten kann. Man muß unterdessen einräumen, daß es den Persern bey aller ihrer Weichlichkeit, bey aller ihrer Sorgfalt für ihre Schönheit, und für ihren Putz nicht an Tapferkeit fehlte. Sie haben sich ihrer beständig gerühmt, und auch sehr hcrrli.che Beweise davon gegeben. Die Kriegswissenschaft hatte unter ihnen den Vorzug, den sie als diejenige verdiente, unter deren Schutze alle andern Künste in Ruhe ausgeübt werden konnten. Allein sie drangen niemals auf den Grund davon; sie wußten nicht, was unter einer Armee die Strenge, die Kriegszucht, die Kk Ord- 514 Bischof Bofsuets Einleitung Ordnung unter den Völkern,die Ordnung aufden Heerzügen und in den Lägern, und eine gewisse Allführung thun kann, durch welche diese großen Körper, ohne Verwirrung, und zur rechten Zeit in Bewegung gesetzt werden. Sie glaubten, alles ausgerichtet zu haben, wenn sie, ohne Wahl, ein unzähliges Volk versammelt hatten, das zwar herzhaft guuig, aber ohne alle Ordnung in den Streit zog, und mit einer unzählbaren Menge unnützer Personen belastet war, die der König und die Großeil, bloß zu ihrem Vergnügen, mit sich nahmen. Denn ihre Weichlichkeit war so groß, daß sie bey der Armee eben die Pracht, und eben die Ergctz- lichkeiten finden wollten, die sie an den Oertern genossen, wo sich der Hofordentlicher Weise aufhielt.Die Könige hatten also stets alle ihre Gemahlinnen, alle Beischläferinnen, ihre Verschnittnen und alles bey sich, was zu ihrem Vergnügen dienen konnte. Das Gold, die Silbergeschirr, und die kostbarsteil Gerärhschaf- ten folgten in allem Ucberfluise, und kurz mit allein dem Trosse nach, den ein solches Leben verlangt. Eine solche Armee, die schon allein durch die unzählige Menge der Soldaten in Verwirrung war, wurde noch dazu durch die ungeheure Anzahl von denen beschwert, welche nicht mit stritten. Bey einer solchen Unordnung konnte die Armee in ihren Bewegungen unmöglich einstimmig seyn; die Befehle kamen niemals;u rechter Zeit, und in einer Schlacht gieng alles, wie es gieng,ohne daß iemand im Stande war, dieser Unordnung abzuhelfen. Man muß dieses noch hinzusetzen, daß der Feldzug bald geendigt, und ein Land sehr geschwind durchzogen werden mußte; denn ein so ungeheurer und begieriger Körper verzehrte in kurzer Zeit alles, nicht allein was zum nöthigen Unterhalte des Leibes/ in die allgemeine Geschichte. 515 Lcibcs, sondern cmch zum Vergnügen diente. Kaum kann man begreifen, wo es noch seinen Unterhalt her bekommen konnte. Unterdessen seßteN die Perser mit diesem erstaunlichen Aufzuge die Völker in Erstaunen, welche den Krieg selbst nicht besser verstunden, als sie. Auch diejenigen, welche in der Kriegswissenschast erfahren waren, wurden theils durch ihre innerlichen Uneinigkeiten, theils durch die unzahlbareMenge ihrer Feinde entweder geschwächt oder niedergedrückt. Dadurch wurde Aegy-, pten, so stolz es auch auf sein Alterthum, auf seine weisen Einrichtungen, und auf die Eroberungendes Sesostriö war, den Persern unterthanig gemacht. Es war ihnen nicht viel schwerer, Kleinasien unter ihre Bothmaßigkcic zu bringen, und sich selbst die dasigen griechische» Colonien unterwürfig zu machen, die schon durch die asiatische Weichlichkeit verderbt worden waren. Allein als die Perser nach Griechenland selbst kamen, so fanden sie, was sie noch niemals gesehen hatten, eine wohleingerichtete Kriegsmacht, Befehlshaber, denen gehorcht wurde, Soldaten, die gewohnt waren, von wenigem zu leben, Körper, welche die Arbeiten hart gemacht, und die griechischen Leibesübungen geschickt gemacht hatten, und Kriegs- hcere, die in der That sehr klein zu seyn schienen, die aber dafür den starken Körpern glichen, wo alles Nerve und Geist zu seyn scheint. Im übrigen wurden sie so gut angeführt, und gehorchten den Befehlen ihrer Generale so willig, daß man hätte meynen sollen, alle Soldaten hatten nur eine Seele, so einträchtig waren sie in allen ihren Bewegungen unter einander. Kk z Allein 5l6 Bischof Bossuets Einleitung Allein Griechenland besaß noch etwas größers, eine gewisse und vorsichtige Staatsklugheit, welche in die Zukunft hinaus sah, und bald nachzugeben, zu wagen, und sich zu vertheidigen wußte,wo es ihnen nöthig zu seyn schien; das Größte, was Griechenland furchtbar machte, war ein Muth, den die Liebe zur Freyheit und zum Vaterlande unüberwindlich machte. Die Griechen, die von Natur voll Verstand und Muth waren, hatten das Glück gehabt, bey Zeiten von den Königen und den Colonien aus Aegyptcn gebildet zu werden, die sich in den ersten Zeiten an verschiednen Orten niedergelassen, und die herrliche Policen der Aegypter überall ausgebreitet hatten. Von ihnen hatten sie die Lci- beSübungen^asRingeN/denWettlaufzuFuße^ieWctt- rennen zu Pferde und mit dem Wagen, und die andern Leibesübungen, welche sie durch die ruhmvollen Krönungen der Ueberwinder in den olympischen Spielen zur Vollkommenheit brachten. Allein das Beste, was sie von den Aegyptern gelernt hatten, war dieses,daß sie nachgaben,und sich zum allgemeinen Besten durch die Gesetze willig bilden ließen. Das waren nicht Privatper- sonen,diemiraufihre?lngelegenheitendenken,unddieUe- bel des Staates nicht eher empfinden, als wenn sie selbst darunter leiden, oder wenn die Ruhe ihrer Familiengestört wird. Die Griechen waren gelehrt worden, sich und ihre Familien als Theile eines größern Körpers anzusehen , welcher die Republik war. Die Vater erzogen die Kinder in dieser Neigung, und diese lernten von ihrer Wiege an, das Vaterland als ihre allgemeine Mutter betrachten, der sie noch mehr, als ihren Acltem angehörten. Das Wort, poliresse, bedeutete bey den Griechen nicht allein die Freundlichkeit, und die beyderseitigeAchtung gegen einander, welche die Men- in die allgemeine Geschichte. 517 schen gesellig macht: Ein polirer Mann war nichts anders,«^ ein guter Bürgender sich bestandig als einGlied - des Staates ansieht, der sich die Gesetze regieren läßt, mit ihnen auf das allgemeine Beste außen ist, und dabey keinen Menschen beleidigen will. Die alten Könige, welche Griechenland zu verschiedncn Zeiten gehabt hatte, ein Minos, ein Cecrops, ein Theseus, ein Codrus, ein Temenes, ein Crcsphonres, ein Eury- sthenes, ein Patrokluö, und viele andre hatten diese Gemüthsneigung in der ganzen Nation ausgebreitet. ?>.ä<-l<-x.iii. Sie waren alle dem Volke geneigt; sie schmeichelten demselben nicht, sie sorgten aber für das Beste desselben und machten die Gesetze überall zu herrschen. Was soll ich von der Strenge der öffentlichen Gerichte sagen? Hat man iemals ein so ansehnliches Gericht gesehen, als der Areopagus war, der in ganz Griechenland verehrt wurde, und vor dem, wie man sagte, sich selbst die Götter gestellt hatten? Er ist schon in den ersten Zeiteil berühmt gewesen, und Cecrops hat ihn vermuthlich nach dem Muster der ägyptischen obersten Gerichte eingerichtet. Keine Versammlung hat den Ruhm seiner alten Strenge langer behauptet, und die betrügerische BeredtsamkeitM beständig daraus verbannt gewesen. Nachdem unter den Griechen eine so gute Policey nach und nach eingeführt worden war, so glaubten sie im Stande zu seyn, sich selbst zu beherrschen, und es wurden aus den meisten Städten Republiken. Allein die weisen Gesetzgeber, die in ieder Sradt aufstunden, ein Thales, ein Pythagoras, ein Pittacus, ein Lycurgus, ein Solon, ein PhilolauS, und so viele andre, deren Andenken uns die Geschichte erhalten hat, verhinderten es, daß ihre Freyheit keine auöschwei- Kt z sende 5i8 Bischof Bossuets Einleitung sende Frechheit wurde. Gesetze, die in einer edlen Einfalt geschrieben waren, und keine große Anzahl ausmachten, erhielten das Volk in seiner Pflicht, und trieben sie an, daß sie alle zum allgemeinen Besten einmüthig be- hülflich waren. Die Idee der Freyheit, die ihnen eine solche Aufführung eingab, war vortrefflich. Denn die Freyheit, welche sich die Griechen vorstellten, war eine dem Gesetze unterwürfige Freyheit, sie gehorchte derVernunft selbst, welche vom ganzen Volke als seine Beherrscherinn erkannt wurde. Sie wollten nicht haben, daß Menschen unter ihnen mächtig seyn sollten. Die obrigkeitlichen Personen, die wahrend ihres Amtes gefürchtet wurden, behielten dasselbe nicht beständig, und wurden wiederum Privatpersonen, die nicht mehr Ansehen behielten, als ihnen ihre Erfahrung gab. Die Gesetze wurden für die obersten Beherrscher angesehen; sie setzten die- Obrigkeiten ein, sie setzten ihrer Gewalt Grenzen, und bestrasten sie, wem, sie ihr Amt nicht nach ihren Verordnungen löblich genug verwaltet hatten. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, ob diese Gedanken so gründlich/ als scheinbar sind. Kurz, Griechenland war davon bezaubert, und zog die Beschwerlichkeiten der Freyheit dcnBeschwerlichkeiten einer recht- maßigen Unterwürfigkeit vor, ob diese gleich in der That geringer sind. Wie aber eine jede Negierungsart ihre Vortheile hat, so zogen die Griechen diesen aus der ihrigen, daß die Bürger immer mehr lind mehr für ihr Land eingenommen wurden, das sie insgemein regierten, und in welchem ein jeder die Hoffnung hatte, zu den vornehmsten Würden zu gelangen. Was die Philosophie zur Erhaltung des griechischen Staates that, ist unglaublich. Je freyer diese Völker in die allgemeine Geschichte. 519 Völker waren, desto nöthiger war es, durch.gute Gründe die Regeln der Sitten, und der Gesellschaft festzusetzen. Pythagoras, Thales, AnaragoraS, So- krates, Archytas, Plato, Tenophon, Aristoteles und eine unzähligeMenge andrer Philosophen erfüllten Griechenland mit herrlichen Vorschriften. Es gab ausschweifende Köpfe, welche den Namen der Philosophen annahmen ; allein diejenigen, welche viel Anhänger hatten, lehrten öffentlich, daß man den eignen Nutzen und selbst das Leben dem allgemeinen Nutzen und der Wohlfahrt desStaates aufopfern müßte,und die meisten Philosophen nahmen es, als einenGrundsatz an,daß man sich entweder den öffentlichen Geschafften ganz entziehen, oder dabey nur das öffentliche Beste wahrnehmen sollte. Warum rede ich von den Philosophen ? Die Poeten selbst, welche in den Händen aller Welt waren, unterrichteten sie noch mehr, als sie sie belustigten» Der berühmteste unter den griechischen Ueberwindern sah den Homer als einen Meister an, von dem er die Kunst zu regieren lernen könnte. Dieser Poet lehrte nicht so wohl, daß man gehorchen, als daß man ein rechtschaffner Bürger seyn sollte. Er und so viele andre Poeten, deren Werke so nützlich, als angenehm sind, verherrlichen allein die dem menschlichen Geschlechte zuträglichen Künste, und sind vom allgemeinen Besten, vom Vaterlande, von der Geselligkeit und von der vortrefflichen Policesse voll, die wir kurz vorher erklärt haben. Wenn also die Griechen, die in diesen Gedanken gleichsam aufgewachsen waren, die Einwohner Asiens mit ihrer Zärtlichkeit, mit ihrem Putze, und mit ihrer weibischen Schönheit sahen, so bezeugten sie nichts, als Verachtung gegen sie. Allein die Rcgierungs- K k 4 form 52S Bischof Bossuets Eittleituttg form derselben erfüllte sie mit Abscheu, weil sie allein den Willen eines einzigen Prinzen zum Gesetze hatten, und ihn als den Herrn aller Gesetze, und sogar der allerheilig- stcn erkannte, und der verhaßteste Gegenstand für die Griechen waren die Barbaren, wie sie alle fremden Völker nannten. Dieser Hasi war von den ersten Zeiten ' her bey den Griechen eingewurzelt, und ihnen gleich- !K-cr.t>zi,ex. natürlich geworden. Eine Ursache, warum die Poesie des Homer so sehr geliebt wurde, war diese, daß er die Vortheile und Siege Griechenlandes über Asien besang. Auf der Seite von Asien war Venus; das sagte so viel, daß man bey ihnen nur Lustbarkeiten, thörichte Wollüste und Weichlichkeiten antraf; allein auf der Seite der Griechen befanden sich Juno, oder die Ernsthaftigkeit mit der ehelichen Liebe, Merkur mit seiner Beredtsamkeit, und Jupiter und die Staatsklugheit. Auf Asiens Seite stund der ungestüme und viehische Mars, oder der Krieg, der mit Wut und Raserey geführt wird; den Griechen aber stund Pallas, oder die Kriegswissenschaft und die Tapferkeit bey, welche der Verstand regiert. Griechenland hatte von der Zeit an bestandig geglaubt, daß der Verstand, und der wahre Muth ihm von der Natur schon zugetheilt worden wäre. Es war den Griechen unerträglich, daß Asien darauf umgieng, sie unter das Joch zu bringen, und sie hatten geglaubt, wenn sie sein Joch angenommen hätten, die Tugend der Wollust, den Verstand dem Körper, und die wahre Tapferkeit einer unvernünftigen unsinnigen Gewalt unterworfen zu haben, die nur durch die Menge ihrer Sosdaten einige Starke erhielt. Griechenland war von diesen Empfindungen voll, als es vom Darius, dem Sohne des Hystaspes, und vom «» in die allgemeine Geschichte. 521 vom Terres mit Armeen angegriffen wurde, deren Stärke beynahe fabelhaft zu seyn scheint, so ungeheuer ist ihre Anzahl. Sogleich schickte sich ein ieder zur Vertheidigung seiner Freyheit. Obgleich alle griechischen Städrc so viele einzelne Republiken waren, so vereinigte sie doch das allgemeine Beste alle, und es kam nur darauf ail, welche am meisten für dasselbe thun würde. Es kostete den Athenienfern nichts, ihre Stadt der Plünderung und dem Feuer zu überlassen, und nachdem sie ihre Greise und ihre Weiber mit ihren Kindern gerettet hatten, so begaben sich alle, welche die Waffen tragen konnteil, auf die Schiffe. Damit die persische Armee bey einem schweren Passe ein wenig aufgehalten werden, und fühlen möchte, was Griechenland wäre, so eilten eine Handvoll Lacedamonier mit ihrem Könige, dem Leonidas, in einen gewissen Tod, und kamen vergnügt und mit Freuden um, nachdem sie ihrem Vaterlande eine unzahlbare Menge dieser Barbaren aufgeopfert, und ihren Mitbürgern ein Beyspiel einer unerhörteil Kühnheit hinterlassen hatten. Wider solcheArmeen und wider solcheAnführer warPer-- sien zu schwach, und erfuhr verschidnemale zu seinem Schaden, was die Ordnung wider die Menge und Verwirrung, und eine Tapferkeit, die vom Verstände regiert wird, wider eine blinde ungestüme Macht vermögen. Persien, das so oft überwunden worden war, konnte weiter nichts thun, als die Griechen unter einander uneinig machen, und der Zustand selbst, worein sie sich durch ihre Siege gebracht hatten, erleichterte diese Unternehmung. Die Furcht erhielt sie in der Eintracht ; der Sieg und das Vertrauen auf ihre Kräfte unterbrach die Eintracht. Sie waren der Schlachten K k 5 und 522 Bischof Bossuets Einleitung und Siege gewohnt; als ihnen die Macht der Perser nicht mehr furchtbar zu seyn schien, kehrten sie die Waffen wider einander selbst. Wir müssen aber diesen Zustand der Griechen, und dieses Geheimniß der persischen Staatskunst weitlauftiger erklären. Unter allen diesen Republiken, woraus Griechenland bestund, waren Athen und Lacedämon unstreitig die vornehmsten. Mail kann nicht mehr Verstand haben, als die Einwohner der Stadt Athen hatten, und nicht mehr Starke besitzen, als die Spartaner besaßen. Athen verlangte nur nach Lustbarkeiten; das Leben der Lacedamonier war ein hartes und arbeitsames Leben. Beyde Städte liebten die Ehre und die Frey? heit: Allein in Athen neigte sich die Freyheit gemeiniglich zur Frechheit und Ueppigkeit; in Lacedamon wurde sie durch strenge Gesetze eingeschränkt, und ie- mehr sie von innen im Zaumegehalten wurde, desto- mehr suchte sie sich von außen auszubreiten und zu herrschen. Athen wollte auch herrschen; aber aus einer andern Ursache. Der Eigennutz mengte sich in seinen Ehrgeiz; seine Einwohner hatten es in der Kunst zu schiffen hoch gebracht, und das Meer, wo sie herrschten/hatce die Stadt mit großen Reichthümern erfüllt. Damit die Handlung ganz allein in ihrer Gewalt bleiben möchte, so wollten sie sich alles unterwürfig machen; und die Reichthümer, welche dieses Verlangen in ihnen erregten, boten ihnen die Mittel zur Befriedigung ihres Verlangens dar. In Lacedamon aber wurde der Ueberfluß verachtet. Alle seine Gesetze zielten dahin ab, aus der Stadt eine streitbare Republik zu machen, und folglich war die Ehre der Waffen die einzigeReizung, wovon die Gemüther seiner Einwohner bezaubert waren, , Darum war es natür- in die allgemeine Geschichte. 525 natürlich, daß sie herrschen wollten, und ie weiter sie über den Eigennutz erhoben waren, desto mehr überliessen sie sich dem Ehrgeize. Lacedamon war durch seine ordentliche Lebensart in seinen Grundsätzen und Anschlagen standhaft. Die Stadt Athen war hitziger, und das Volk hatte da? selbst allzuviele Gewalt. Die Philosophie und die Gesetze thaten in der That bey den Gemüthern., die von Natur schon so gut waren, vortreffliche Wirkuin gen; allein die Vernunft allein war nicht fähig, sie zurück zu halten. Ein weiser Athcnienser, welcher ?i.ä-icx.ii!. die natürliche Gemüthsart seiner Landsleute vortrefflich kannte, lehrt uns, daß die Furcht für diese allzulebhafte und allzufreye Gemüther nothwendig gewesen wäre, und daß man sie nicht mehr im Zaume halten können, so bald sie der Sieg bey Salamin über die Perser in Sicherheit gebracht, und ihren Muth befestigt hatte. Der Ruhm ihrer schönen Thaten, und die Sicherheit, worinnen sie zu seyn glaubten, diese beyden Dinge verderbten sie. Die Obrigkeiten fanden keinen Gehorsam mehr, und wie Persien von seiner allzugroßen Unterwürfigkeit leiden mußte, so empfand Athen, wie Plato sagt, die Uebel einer allzugroßen Freyheit. Diese beyden großen Republiken, die einander in ih- renSitten und ihrer Aufführung ungleich waren,hinder- ten eine die andre in dem Vorhaben, sich Griechenland unterwürfig zu machen. Sie waren also beständige Feinde von einander, mehr darum, wei l ihre Vortheile nicht miteinander bestehen konnten,als darum, weil sich ihre Gemüthsarten gar nicht zusammen schickten. Die 524 Bischof Bossuets Einleitung Die griechischen Städte wollten weder von der einen, noch von der andern sich beherrschen lassen; denn außerdem, daß iedc ihre Freyheit zu behaupten wünschte, so hielten sie die Herrschaft von beyden Republiken für allzubeschwerlich. Das Joch der Lacedamom- ärM.?ll!!c. er war schwer. Man bemerckte an diesem Volke s. 4- ein gewisses wildes Wesen. Die allzustrenge Regierung, und die .allzuarbcitsame Lebensart machte ihre Gemüther allzutrohig, allzustrenge, allzuherrsch- süchtig; es kam dieses hinzu, daß man sichs gefallen lasseil mußte, unter der Herrschaft einer solchen Stadt niemals Friede zu haben, die zum Kriege eingerichtet war, und sich nicht erhalten konnte, wenn sie ihn nicht bestandig fortsehte. Die Lacedämonier wollten also befehlen, und alle Welt fürchtete sich vor ih- rer Herrschaft. Die Athenienser waren von Natur leutseliger nnd angenehmer. Es war nichts anmu- thigers zu sehen, als ihre Stadt, wo Feste auf Feste, Lustbarkeiten auf Lustbarkeiten, Spiele auf Spiele folgten, und wo Verstand, Freyheit, und Leidenschaften alle Tage etwas neues zu sehen gaben.Allein ihre ungleiche Aufführung misficl ihren Bundesgenossen, und ihren Unterthanen war sie »och unerträglicher. Denn man mußte daselbst den wunderlichen Eigensinn eines geschmeichelten Volkes aushalten, welches, wie Plato sagt, noch gefahrlicher ist, als den Eigensinn eines Prinzen erdulten, den die Schmeicheley verderbt hat. Diese beyden Städte ließen Griechenland in keiner Ruhe. Sie haben, N^onseigneur, den pcloponne- sischen Krieg, und viele andre gesehen, die durch die Eifersucht der Athenienser und Spartaner entweder verursacht, oder unterhalteil worden sind. Allein eben diese Eifersucht, welche Griechenland beunruhigte, in die allgemeine Geschichte. 525 te, erhielt es gewissermaßen, und verhinderte es, daß sie weder der einen, noch der andern von diesen Republiken unterwürfig werden durften. Die Perser bemerkten diesen Zustand Griechenlandes sehr bald. Das ganze Geheimniß ihrer Staatskunst bestund darinnen, daß sie diese Eifersucht zu erhalten, und die Uneinigkeiten und Spaltungen zu vermehren suchten. Lacedamon, welches die ehrgeizigste Republik war, machte es zuerst, daß die Perser an den Streitigkeiten der Griechen Antheil nahmen. Allein sie thaten es mit dem Vorhaben, die ganze Nation unter ihre Herrschaft zu bringen. Indern sie die Griechen durch einander zu schwachen suchten, erwarteten sie nur den gelegnen Augenblick, wo sie dieselben alle auf einmal überwältigen konnten. Schon sahen die griechischen Städte in ihren Kriegen auf niemanden , als auf den König von Persien, den sie nur den großenKönig) oder vorzüglich und allein, den König, nannten, als ob sie sich schon unter seine Unterthanen gerechnet hatten. Allein es war^ unmöglich, daß der alce Geist der Griechen nicht erwachen sollte, da sie eben in der Gefahr waren, in die Sklaverey, und Gewalt der Barbaren zu fallen. Einige kleine griechische Könige unternahmen es, sich diesem großen Könige zu widersetzen, und seine Herrschaft zu erniedrigen. Agesilaus, der König von Lacedamon, führte eine Armee, die zwar klein, aber in der Kr.iegszucht/ die sie kennen, bestandig geübt worden war; die Perser mußten in Kleinasien vor ihm erbittern, und er zeigte, daß man sie demüthigen könnte. Die Uneinigkeiten in Griechenland hielten ihn in seinen Eroberungen auf; doch es trug sich zu seiner Zeit zu, daß der junge Cy- rue sich wider seinen Bruder, den Artaxerxes, erklärte. 526 BischofBofsuets Einleitung te. Es waren zehntausend Griechen unter seinen Völkern; diese konnten allein nicht geschlagen werden, nachdem seine ganze Armee zerstreut worden war. Wie man sagt, wurde Cyrus in dcrSchlacht von der Hand des Artarerxes selbst Hingebracht. Die Griechen befanden sich in der Gegend von Babylon, und waren mitten unter den Persern ohne Beschützer. Unterdessen konnte sie der sieghafte Artcy'er- xes nicht nöthigen, die Waffen freywillig, oder gezwungen nieder zu lege,;. Sie faßten den vcrwägnen Anschlag, als eine ordentliche Armee durch sein ganzes Reich durchzugehen, um in ihr Land zurückzukehren. Sie führten ihren Anschlag glücklich aus. Gan; Griechenland sah hier mehr als zu deutlich, daß es eine unüberwindliche Kriegsmacht unterhielte, welcher alles weichen müßte, und daß allein die Uneinigkeit sie einem Feinde unterwürfig machen könnte, der allzuschwach wäre,den Griechen zu widerstehen,wenn sie einig blieben. Philippus, der König von Macedonien, welcher so geschick», als tapfer war, gebrauchte sich der Vortheile sehr wohl, die ihm wider so viele uneinige Städte und Republiken ein zwar kleines, aber unter sich selbst einiges Königreich gab, wo die königliche Gewalt unumschränkt war, so daß er sich endlich, theils mit List, theils mit Gewalt zum Mächtigsten in Griechenland machte, und alle Griechen zwang, unter seinen Fahnen wider den gemeinen Feind sich zu vereinigen. In diesen Umständen wurde er umgebracht: Alexander, sein Sohn , folgte ihm im Königreiche und in feinen Anschlägen nach. Seine Macedonier waren, wie er sie fand, nicht allein des Krieges gewohnt, fondcrn auch sieghaft, und durch so viele glückliche Erfolge an Tapferkeit m die allgemeine Geschichte. 527 keit und Kriegszucht den andern Griechen so weit überlegen , als die andern Griechen über die Perser und ihres Gleichen den Vorzug hatten. Darms, welcher zu seiner Zeit in Persien herrschte, war gerecht, tapfer, und großmüthig; er wurde von seinen Völkern geliebt, und es fehlte ihm weder an Verstand, noch an Muth zu der Ausführung seiner Unternehmungen. Allein vergleicht man ihn mit dem Alexander, den Verstand desDariuS mit seinem durchdringenden und erhabnenGeiste, und dieTapfcrkeit des Persers mir der Hoheit und Sündhaftigkeit des unüberwindlichen Muthes des Griechcn,der durch Hindernisse nur noch mehr angefeuert wurde; mit diesem erstaunlichen Eifer, seinen Namen alle Tage berühmter zu machender ihn antrieb, die geringste Ehre allen Gefahren, allen Arbeiten, und tausendLcichen vorzuziehen; und endlich mit demVcrtrauen,welches er in seinein Herzen hatte, daß ihm alles weichen müßte: So werden sie,i1'j0nselcinepr, leicht urtheilen können, wem von beyden der Sieg zu prophezeycn war. Denn er hielt sich für einen Mensche»/ der über alle andern erhaben war, und dieses Vertrauen flößte er nicht allein seinen Feldherren, sondern auch dem Geringsten von seinen Soldaten ein, die er dadurch über alle Schwierigkeiten, und über sich selbst erhob. Wenn sie die Vortheile hinzufügen, durch welche die 5acedamonier, und die Griechen ihren Feinden überlegen waren, so werden sie gestehen müssen, daß Persien, da6 von einem sol-, chen Helden , und von solchen?lrmccn angegriffen wur- de,sein endliches Schicksal nicht mehr vermeiden konnte, welches ihm einen andern Herrn bestimmte. S o wer« den sie also zu gleicher Zeit entdecken, was den Untergang des persischen Reiches, und die Aufnahme der Macht des Alexanders befördert hat. Damit 528 Bischof Bossuets Einleitung O'.dior. I.br. Damit ihm sein Sieg erleichtert wurde, so mußte xvn.t-Ä.i. zutragen, daß Persien den einzigen Feldherrn ver- lohr, welchen es den Griechen entgegen setzen konnte; das war Memnon, ein Rhodier. .So lange als Alexander einen so berühmten Feldherrn wider sich hatte/ so konnte er sich rühmen, einen Feind gefunden zu haben, der seiner werth wäre. Memnon wollte nicht, daß man eine Hauptschlacht wider die Griechen wagen sollte; man sollte ihnen nur alle Passe streitig machen, die Zufuhren abschneiden , sie in ihrem Lande angreifen, und durch einen muthigen Anfall nöthigen, daß sie in ihr Land zurückkehren, und dasselbe vertheidigen müßten. Alexander hatte dafür gesorgt , und die Kriegsvölker, welche unter der Anführung des Anripaters stunden, waren zur Vertheidigung Griechenlandes stark genug. Allein das günstige Schicksal des Alexanders befreyte ihn auf einmal von einem so beschwerlichen Feinde. Memnon star(. im Anfange einer Diversion, welche schon ganz Griechenland in Unruhe setzte, und Alexander machte sich alles unterwürfig. Dieser Prinz hielt in Bab ylon einen solchen prachtigen Einzug, wclcherj alles übertraf, was noch auf der Welt gesehen worden wär. Nachdem er Griechenland gerächt und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit alle Länder des persischen Gebietes unter sein Joch gebracht hatte: So wollte er entweder die Grenzen seines neuenReicbeö in Sicherheit bringen, oder seinen Ehrgeiz befriedigen, und seinen Namen berühmter machen, und drang nachIndie», wo er seine Eroberungen weiter fortsetzte, als Bacchus,dieser berühmte Ueberwinder gethan > hatte. Allein derjenige, welchen weder die Wüsten, noch die Flüsse, noch die Gebirge aufhalten konnten, wurde in die allgemeine Geschichte. 529 wurde gezwungen, seinen aufrührischcn Kriegsvölkern nachzugeben,welcheRuhe verlangten.Er war genöthigt, sich an den prächtigen Denkmälern an dem Ufer desA- raspes begnügen zu lassen, und führte sein Heer durch einen andern Weg, als der vorige war, zurück, und mach» te sich alle Lander unterwürfig, die er auf seinem Wege antraf. Er kam nach Babylon geehrt und gefürchtet, nich: als ein Eroberer, sondern als ein Gott zurück. Allein dieses furchtbare Reich, das er erobert hatte, dauerte nicht länger, als fein Leben, welches sehr kurz war. Zm drey und dreyßigsten Jahre, mitten unter den weit aussehenden Absichten, auf die noch kein Mensch umgegangen war, und bey der größten Hoffnung eines glücklichenErfolges starb er, ohneZeit gehabt zu haben, seine Angelegenheiten in eine bestandige Ordnung gebracht zu haben. Er hinterließ einen ohnmächtigen Bruder, und noch unmündige Kinder, welche nicht fähig waren, eine so große Last zu ertragen» Das größte Unglück für sein Haus und sein Reich war dieses, daß er Feldherren hatte, die von ihm gewöhnt worden waren, ehrgeizig, und kriegerisch zu seyn. Er sah die Ausschweifungen vorher, welche sie nach seinem Tode begehen würden. Er unterstund sich nicht, sie zurückzuhalten, aus Furcht, daß sie seinen Verordnungen nicht nachkommen möchten, lind ernannte also weder einen Nachfolger, noch einen Vormund über seine Kinder. Er sagte es vorher, daß seine Freunde seinen Tod mit blutigen Schlachten feyern würden, und er verschied in der Blüthe seines Alters, voll trauriger Vorstellungen von der Verwirrung, die eine unvermeidliche Folge seines Todes war. Ll Sie 5ZO Bischof Bossuets EinleitUtlg Sie haben gesehen, Nlonseigneur, wie sein Reich getheilt worden ist , und der schreckliche Untergang seiner Familie ist ihnen nicht unbekannt. Macedouien, sein altes Königreich, wo seine Vorfahren so viele Jahrhunderte hindurch die Herrschast geführt hatten, wurde von allen Seiten, als ein erledigtes Reich, angefallen, und nachdem es lange Zeit ein Raub des Mächtigsten gewesen war, kam es endlich an eine andre Familie. Also war dieser große Eroberer, d->r unter allen der Berühmteste gewesen ist, der Letzte seines Geschlechtes. Wenn er in Macedonien ruhig geblieben wäre, so würde die Größe seines Reiches seine Feldherren in keine Versuchung geführt haben, sich dessen zu bemeistcrn, und er hatte seinen Kindern sein väterliches Reich hinterlassen können. Allein weil er allzumächtig war, so war er an dem Untergange aller der Seinigen Ursache, und das war die herrliche Frucht seiner Eroberungen. Sein Tod war allein an dieser großen Veränderung Ursache. Denn das muß man zu seiner Ehre gestehen, daß niemals ein Mensch fähiger gewesen ist, ein so weitläuftiges, obgleich nicht lange erobertes Reich zu behaupten, als Alexander, weil ev einen eben so großen Verstand, als Muth besaß. Man muß also den Fall seines Hauses nicht seinen Fehlern, so groß auch einige gewesen sind, sondern allein der Sterblichkeit zuschreiben; man wollte denn sagen, daß ein Mensch von seiner ehrgeizigen Gemüthsart, der bestandig auf neue Unternehmungen umgieng, niemals Zeit gehabt haben würde, seine Angelegenheiten in eine beständige und dauerhafte Ordnung zu bringen. Dem in die allgemeine Geschichte. 551 Dem sey nun , wie ihm sey, so sehen wir doch an seinem Beyspiele, daß außer den Fehlern, die die Menschen verbessern könnten,nämlich außer denen, die sie ans einer allzugroßen Hitze, oderaus Unwissenheit begehen, alle menschlichen Dinge eine unvermeidliche Unvollkom- menheit an sich haben, und das ist die Sterblichkeit. Alles kann dadurch auf einmal fallen und untergehen. Dieses zwingt uns zu dem Geständnisse, daß das unzertrennlichste Gebrechen aller menschlichen Dinge, das ihnen, wenn ich so sagen darf, am meisten anhangt, ihre eigne Hinfälligkeit ist. Es hat also derjenige, welcher einen Staat zu erhalten und zu befestigen weis, eine höhere Stufe der Weisheit erreicht, als der, welcher Länder erobern und Schlachten gewinnen kann. Es ist nicht nöthig, daß ich ihnen umständlich erzähle, was den Untergang der Reiche, die aus den Trümmern des Reiches des Alexanders entstunden, des syrischen, des «macedonischen, und des ägyptischen verursachthat. Sie hatten eine Ursache ihres Unterganges mit einander gemein; sie mußten einer grössern Macht, nämlich der Macht der Römer weichen. Wollen wir unterdessen den letzten Zustand dieser Monarchien betrachten, so werden wir die unmittelbaren Ursachen ihres Falles sehr leicht finden. Wir werden unter andern Dingen sehen, daß das mächtigste Reich unter allen, nämlich das syrische, erst durch die Weichlichkeit und Schwelgerey der Nation crschüt« tcrc, und hernach durch die Uneinigkeiten ihrer Prinzen völlig zu Grunde gerichtet worden ist. Von 5Z2 Bischof Bossuets Einleitung U Bon dem romischen Reiche. (^^ndlich sind wir auf dieses große Reich gekom- men, das alle Reiche der Welt, so zu reden, verschlungen hat; aus welchem die größten Königreiche der Welt entstanden sind, die mir bewohnen, und deren Gesetze wir verehren, und das wir also besser, als alle andern Reiche kennen lernen müssen. Sie wissen, Monseigneur, daß ich von dem römischen Rei- che rede. Sie haben die lange und merkwürdige Geschichte desselben in ihrem Zusammenhange übersehen. Damit sie aber die Ursachen von der Aufnahme des römischen Reiches, und der großen Veränderungen dieses Staates desto besser einsehen mögen, so richten sie ihre Aufmerksamkeit theils auf die römischen Sitten, theils auf die Zeitpunkte, von denen alle Veränderungen dieses großen Reiches abhängen. Das römische Volk ist unter allen Völkern der Welt das trotzigste und kühnste, zugleich aber in seinen Entschließungen das vorsichtigste und ordentlichste, in seinen Grundsaßen das beständigste, das verschlagenste, das arbeitsamste, und das gedultigste Volk gewesen. Aus allem diesen ist die beste Kriegsverfassung und die weiseste, und beständigste Staatskunst gebildet worden, die am besten mit sich selbst in allem zusammen« gestimmet hat. Der wesentlichste Charakter eines Römers, wenn ich mich so ausdrücken darf, war die Liebe zu seiner Freyheit, und zu seinem Vaterlande. Er liebte eins wegen des andern; denn weil er seine Freyheit liebte,so liebte in die allgemeine Geschichte. 53z liebte er auch sein Vaterland, als eine Mutter, die ihn in so großmüthigen, als freyen Grundsätzen und Empfindungen erzog. Unter dem Namen der Freyheit stellten sich die Römer mit den Griechen einen Stand vor, wo ieder- mann dem Gesetze unterthanig seyn müßte, und also das Gesetz mächtiger, als die Menschen wäre. Obgleich Rom noch unter der königlichen Herrschaft gegründet worden war, so hatte es doch selbst unter den Königen eine Freyheit, welche ordentlichen Monarchien gemeiniglich nicht zukömmt. Denn außerdem daß die Könige Wahlkönige waren, und von dem Volke erwählt werden mußten, so mußte auch das versammelte Volk ihre Gesetze bekräftigen, und Krieg und Frieden beschließen. E6 gab sogar einige besondre Fälle, wo die Könige dem Volke den höchsten Ausspruch überließen. Tullus Hostilius kann ein Zeuge davon seyn, welcher den Horacius weder verdammen, noch freysprechcn wollte, der sowohl mit Ehre wegen seines Sieges über die Curiatter, als mit Schande überhäuft war, weil er seine Schwester umgebracht hatte. Hostilius ließ also das Volk hierinnen entscheiden. Die Könige hatten eigentlich nicht mehr, als die Herrschaft über die Armeen, und die Gewalt, gesetzmäßige Versammlungen zu berufen, die Angelegenheiten vorzutragen, die Gesetze zu handhaben, und die öffentlichen Verordnungen und Beschließun- gen auszuführen. Als Servius Tullius darauf umgieng, Rom zu einer Republik zu machen, so vermehrte er in einem schon so freyen Volke die Liebe zu seiner Freyheit, Ll z und 5Z4 Bischof Bossuets Einleitung und man kann also leicht erachten, wie sehr die Römer darüber hielten, nachdem sie dieselbe einmal unter ihre» Consuln. geschmecket hatten. Man zittert noch, wenn man in der Geschichte die traurige Standhafcigkeitdcs Consuls Brutus sieht, der zween von seinen Söhnen vor seinen Augen hinrichten ließ, weil sie sich in die heimlichen Verräthcreyen eingelassen hatten, welche die Familie der Tarquinier zur Wiederherstellung ihrer Herrschaft in Rom anzustiften suchte." Wie sehr wurde dadurch nicht ihre Liebe zu seiner Freyheit bestärkr,da sie einen so strengen Consul selbst seine eigne Familie der Freyheit aufopfern sahen! Man darf nicht darüber erstaunen, wenn die Römer die Unternehmungen der benachbarten Völker verachteten, welche die verjagten Tarquinier wieder einsetzen woll- !ikr!^' tm. Umsonst war es, daß sie Porsenna tt, seinen Schutz nahm. Die beynahe verhungerten Römer zeigten ihm durch ihre Standhaftigkeir, daß sie zum ric. Uv. iz. wenigsten frey sterben wollten. Das Volk war noch ^' ^' standhafter, als der Senat, und ganz Rom ließ diesem mächtigen Könige sagen, der es doch bis auf das Aeußerste gebracht hatte, er sollte nicht mehr für die Tarquinier sprechen, weil es bey dem Entschlüsse, alles für ihre Freyheit zu wagen, lieber seine Feinde, als seine Tyrannen, einnehmen wollte. Porsenna erstaunte über den Muth dieses Volkes,und über die mehr als menschliche Kühnheit einiger Privatpersonen, und beschloß, den Römern den ruhigen Genuß einer Freyheit zu lassen , die sie so wohl zu vertheidigen wußten. Die Freyheit war ihnen also ein Schatz, den sie allen ReichthümerndcrWelt vorzogen.Sic haben gesehen, Monjeigneur, daß in ihrem Anfange, und selbst noch in ihren schon glücklichern Umständen die Armuth für sie kein in die allgemeine Geschichte. 5^5 kein Uebel war; sie sahen sie vielmehr, als ein Mittel an, ihre Freyheit ganz zu behaupten, da niemand freyer und ununterwürfiger ist, als ein Mensch, der von wenigem zu leben weis, und ohne etwas von dem Schutze oder ocr Freygebigkeit eines andern zu crwartcn,sei- nen Unterhalt allein von seinem Fleiße und von seiner Arbeit erhalten will. Dieses thaten die Römer. Die Viehzucht, der Ackerbau, die Sparsamkeit, die sie antrieb, sich alles, was sie konnten, zu entziehen, und die Arbeit; das war es, wodurch sie ihr Leben, und ihre Familien erhielten, die sie zu ahnlichen Arbeiten angewöhnten- Titus Livius hat Recht zu sagen, daß niemals ein Volk gewesen sey, wo die Mäßigkeit, die Sparsamkeit, und die Armuth länger in Ehren gewesen sind, als bey den Römern. Die größten Rathsherren waren, nach dem Aeußerlichen zu urtheilen, von Bauern nicht unterschieden, und erschienen weder öffentlich, noch im Senate mit einer äußerlichen Pracht und Majestät. Im übrigen fand mm, sie bey dem Pfluge und bey andern Beschädigungen des Landlebens, wenn man sie aufsuchen ließ, daß sie die Kriegsheere anführen sollten. Dergleichen Exempel wird man in ihrer Geschichte häufig antreffen. Curius und Fabricius, diese großen Feldherren, welche den Pyrrhus, einen so reichen König, überwanden, hatten kein silbernes Gefäße, und der erste, dem die Sabiner Gold und Silber anboten, gab zur Antwort, sein Vergnügen bestünde nicht darinnen, selbst Gold zu besitzen, sondern über die zu herrschen, welche Gold besäßen. Wenn sie triumphirt, und die Republik mit dem Raube ihrer Feinde bereichert hatten, so hinterließen sie nicht einmal soviel, daß sie zur Erde bestattet werden konnten, Die- Ll 4 se 5Z6 Bischof Bossuets Einleitung se Mäßigkeit herrschte noch zu den Zeiten der puni- schen Kriege unter ihnen. In dem ersten batRegu- lus, der Feldherr großer Kriegsheere, den Senat um die Freyheit, daß er möchte sein Landgut, welches zeit- i'ir.i.iv.r'p. her verlassen geblieben war, wieder bauen dürfen. Nach i. xviu, h^ni Untergange der Stadt Carthago sieht man auch noch große Beyspiele von dieser ersten edlen Einfalt. Aemi'lius Paulus, welcher den öffentlichen Schaß durch die reichen Schätze der römischen Republik vermehrte, lebte nach den Vorschriften der alten Mäßigkeit und starb ganz arm. MummiuS zerstörte Co- rinth, allein er bemächtigte sich der Reichthümer dieser reichen und wollüstigen Stadt nur für das gemeine ei-.li.ä« °5. Beste. So wurden also die Reichthümer verachtet! Die Mäßigkeit und Unschuld der römischen Feldherren waren die Bewunderung der überwundnen Völker. Unterdessen schonten doch die Römer bey dieser großen Liebe zur Armuth nichts, was zur Größe und Schönheit ihrer Stadt gereichen konnte. Von ihrem Anfange an waren die öffentlichen Gebäude so beschaffen , daß Rom sich ihrer nicht schämen durfte/ da die ganze Welt schon unter seiner Herrschaft stund. Das Capitol, und der Tempel des Jupiters in demselben, welchen Tarquinius, der Hochmüthige, aufbauen lassen, waren von dieser Zeit an der Majestät des Größten unter allen Göttern, und der noch künftigen Herrlichkeit des römischen Volkes würdig Alles Uebrige schickte sich zu dieser Größe. Die vornehmsten Tempel, hie Märkte^ die Bäder, die öffentlichen Plätze, die Straßen, die Wasserleitungen, selbst die Cloake und die Schleußen, welche die Unreinigkeiten aus der Stadt , * 7-ir. I^iv. 1.1. 5z. 55- 5«. VI. 5. vion. III. IV. Igc. Niä.III. 7-, ?I!n, XXXVI.I5. in die allgemeine Geschichte. 557 Stadt abführten, hatten eine Pracht, welche unglaublich scheinen würde, wenn sie nicht durch die Geschichtschreiber und die Trümmer,die noch davon übrig sind,be- slätigt würde. Was soll ich von dem Pompe der Triumphe, von den Ceremonien der Religion, von den Spielen, und Schauspielen sagen, die man, dem Volke zu gefallen, gab? Mit einem Worte, alles, was die Republik angicng, was den Völkern eine große Vor- vion.n»l. stellung von ihrem gemeinen Vaterlande machen konn- ^-^-^ te, wurde mit einem solchen Ueberflusse erbaut, als die Zeiten zulassen wollten. Die Sparsamkeit herrschte nur in den Privatfamilien. Derjenige, welcher seine Einkünfte vermehrte, und seine Ländereyen durch seinen Fleiß und durch seine Arbeit am fruchtbarsten machte, welcher der beste Haushalter war, und sich am meisten abdarbte, hielt sich für den freysten, den machtigsten, und glücklichsten Bürger. Nichts ist von einem solchen Leben entfernter, als die Weichlichkeit. Es neigte sich mehr zu einer andern Ausschweifung, nämlich zu einer allzugroßen Harte. Es hatten auch die Sitten der Römer von Natur nicht allein etwas Rauhes und Strenges, sondern auch etwas fast Ungeschlachtes und Wildes an sich. Unterdessen vergaßen sie gleichwohl nicht, sich selbst nach guten Gesetzen zu richten, und das römische Volk, das unter allen Völkern am meisten über seine Freyheit hielt, war zugleich am bereitwilligsten, sich seiner Obrigkeit und einer gesetzmäßigen Gewalt zu unterwerfen. Die Kriegsverfassung eines solchen Volkes mußte unvergleichlich seyn, weil sich ein genauer und richtiger Gehorsam mit einem unerschrocknen Muthe, und mit einem starken Körper vereinigte. L! 5 Die 5Z8 Bischof Bessuets Einleitung Die Gesetze, welche die Miliz zu beobachten hatte, waren hart, aber nothwendig. Der Sieg war für diejenigen, welche ihn ohne den Vefehl des Feldherrn davon trugen,j sehr oft gefährlich und tödtlich. Ein Soldat wagte sein Leben, nicht allein wenn er floh, wenn er seine Waffen wegwarf, wenn er seinen Posten ver- ließ, sondern auch, wenn er sich ohne ausdrücklichen Befehl seiner Obern, so zu sagen, nur bewegte und rührte. Wer die Waffen vor dem Feinde niederlegte, und sich lieber gefangen nehmen lassen, als auf eine rühm> liche Art für sein Vaterland sterben wollte, wurde al- ^lör'ii^^' ^ BenstMdes unwerth geachtet. Gemeiniglich rechnete man die Gefangnen nicht mehr unter die Bürger, und man überließ sie den Feinden, als unwürdige und abgehauene Glieder der Republik. Sie kennen aus dem Florus und Cicero die Geschichte des Regulus, welcher den Senat auf Unkosten seines eignen Lebens überredete, den Carthaginensern die Gefangnen zu über- ^v^'zü^' Äm Kriege mit dem Hannibal, nach dem !.!v.xxii. Verluste der Schlacht bey Camus, in dieser Zeit, wo 57-5S- durch so viele Verlorne Schlachten erschöpft war, und an Soldaten Mangel litt, wollte der Senat wider seine eigne Gewohnheit lieber acht tausend Skla/ den bewaffnen, als acht tausend Römer aus der Gefangenschaft lösen, welches ihm nicht mehr gekostet hätte, als die neue Miliz, die er aufrichtete. Allein damals, da die Angelegenheiten der Stadt Rom in cic.^eo?. den schlimmsten Umständen waren, wurde das unver- !U> brüchliche Gesetz mehr als iemals bestätigt, daß nämlich ein römischer Soldat entweder überwinden oder sterben müßte. Aus diesem Grunde stritten und vereinigten sich die römischen Armeen so lange wieder, bis sie auf das Alleraus- in die allgemeine Geschichte. 5Z9 leräußerste gebracht wurden, und wenn sie schon auch geschlagen und zerstreut worden waren. Es waren nach der AnmerkungdesSallustius unter den Römern mehrSol- datcn gestraft worden,welche wider denBefehlihrerFcld- ^ Herren gestritten hatten, als welche von ihrem Posten gewichen und geflohen waren. Ihr Muth mußte mehr zurückgehalten werden, als die Zaghaftigkeit angefeuert werden mußte. Mit der Tapferkeit vereinigten sie einen großen und ersindsamen Verstand. Sie waren vor sich selbst schon fieisiig und sinnreich genug; sie wußten sich aber alles, was sie bey andern Völkern mahrnahmen, was die Bequemlichkeit der lagcr, die Schlachtordnung, und die Gattung der Waffen angieng, und was den Angriffoder die Vertheidigung erleichtern konnte, auf eine unvergleichliche Art zu Nutze zu machen. Es ist aus dem Sallustius und andern Schriftstellern bekannt, was die Römer von ihren Nachbarn, und ihren Feinden selbst gelcrnet haben. Wer weis es nicht, daß sie von ^ den Carthaginensern die Erfindung der Galeren absahen, womit sie dieselben nachher überwanden, und daß sie von allen Völkern, die sie nur kannten, etwas lernten, womit sie sie alle bezwingen konnten? Es ist auch in der That aus ihrem eignen Geständnisse gewiß, daß die Gallier sie an Lcibesstärke übertrafen, und ihnen an Muth gleich waren. PolybiuS kx-ixb.n.-L. zeigt, daß die Gallier bey einer Gelegenheit, die sehr vieles entscheiden sollte, den Römern nicht allein an Menge überlegen waren, sondern auch mehr Kühnheit zeigten, so unerschrocken sie auch waren. Gleichwohl sehen wir allemal, und selbst bey dieser Gelegenheit diese Römer, die sonst in allen Stücken den Galliern .weichen mußten, den Vortheil über sie davon 54O Bischof Bossuets Einleitung davon tragen, weil sie die besten Waffen zu wählen, sich in die beste Ordnung zustellen, und sich im Treffen am besten der Zeit zu Nutze zu machen wußten. Dieses werden sie, N7oNseigneur, noch einmal umständlicher und genauer im PolybinS finden, und sie haben in den Büchern des Julius Cäsar selbst angemerkt, daß die Römer, welche dieser große Feldherr anführte, die Gallier mehr durch oie Künste der Kriegswissenschaft, als durch ihre Tapferkeit überwunden haben. Die.Macedonier, welche so sehr über die alte Ordnung bey ihrer Miliz hielten, welche Philippus und Alexander eingeführt hatten, schrieben ihrem Phalanx eine Unüberwindlichkeit zu, und konnten sich nicht über- reden.daß der menschliche Verstand etwas erfinden könnte, das dauerhafter wäre. Unterdessen haben eben der xvn. Polybius, und Titus Livius nach ihm gezeigt, daß, wenn 5!xxxi^' man nur die Beschaffenheit der römischen unddermace- ^' donischen Armeen erwöge, die letzten in die Länge dennoch überwunden werden mußten, weil der macedoni- sche Phalanx, der ein gevierter und auf allen Heilen sehr dichter Haufe war, sich allezeit nur auf einmal fort bewegen konnte; da hingegen die römische Armee, die in kleinere Haufen getheilt wurde, zu aller-- ley Bewegungen geschickter, und geschwinder war. Die Römer haben also die Kunst, die Armeen in verschiedne Haufen und Geschwader einzutheilen, und noch einen besondern Haufen zu machen, der im Falle der Noth den Nothlcidenden beyspringen, und vermöge seiner Bewegungen bald in die Feinde eindringen, bald die Weichenden unterstützen könnte, diese Kunst haben sie entweder erfunden, oder sehr bald gelernt. Man lasse also gegen so wohl eingerichtete Kriegsvöl- ker den macedonischen Phalanx anrücken; dieser große / in die allgemeine Geschichte. 541 große und ungeheure Haufe wird unstreitig für eine Armee schrecklich seyn, auf welche sie mit ihrer ganzen Last losfallen wird; allein diese Maschine wird, wie Polybius sagt, seine natürliche Eigenschaft, nämlich ihre Dauer und Beständigkeit nicht lange behaupten; sie braucht ihre eignen Oerter, die, so zu sagen, für sie ausdrücklich gemacht sind, und, wofern sie dieselben nicht findet, wird sie sich selbst in Verwirrung bringen, und sich durch ihre eigne Bewegung zernichten. Wenn der Feind einmal in einen Phalanx eingebrochen ist, so wird er sich nicht wieder vereinigen können. Die römische Armee aber, die in verschiedne kleine Haufen eingetheilt ist, machet sich alle Oerter zu Nutze, und richtet sich nach ihnen; sie schließt sich und trennt sich, wie sie will; sie zieht sich durch enge Gegenden, und versammelt sich sehr leicht wieder; sie ist zu allen Absonderungen der verschiednen Haufen von einander, zu allen Schließungen, Wendungen, und mannichfaltigen Ordnungen der Soldaten fähig, die sie entweder ganz, oder getheilt vornimmt, nachdem es sich schickt; sie hat endlich mehr verschiedne Bewegungen, und folglich mehr Thätigkeit und Stärke, als ein Phalanx. Man kann also mit dem Polybius daraus schließen, daß der Phalanx der römischen Armee weichen, und Makedonien überwunden werden mußte. Es ist ein Vergnügen, N7onseictneur, mit ihnen von diesen Dingen zu reden, in welchen sie von so vortrefflichen Lehrern unterrichtet worden sind, und welche unter den Befehlen Ludwig des Großen so vortrefflich ausgeübt werden, daß ich nicht weis, ob die römische Militz iemals etwas so schönes gesehen hat. Doch ich will hier keine Vergleichung zwischen ihr und der französischen 542 Bischof Bossuets Einleitung zösischen Miliz anstelle»; ich begnüge mich daran, das; sie gesehen haben, daß die römische Kriegsmacht alle Kriegsversassungcn der vorigen Jahrhunderte weit übertroffen, habe, man mag entweder auf die Wissenschaft, seiner Vortheile wahrzunehmen, oder auf die außerordentliche Strenge sehen, mit welcher die Römer die Kriegsbefehle beobachten ließen. Nach Maccdonien braucht man nicht mehr von Griechenland mit ihnen zu reden: Sie haben gesehen, daß Macedonien daselbst die Oberhand hatte, und sie können also nach diesem Reiche von den übrigen Griechen urtheilen. Athen hat nach den Zeiten Alexanders nichts merkwürdiges mehr hervorgebracht. Die Aetolier, welche sich in verschiednen Kriegen, hervorthaten, waren mehr widerspenstig, als frey, mehr vie- hisch, als tapfer. Lacedamon hatte seine letzten Kräfte im Kriege gewiesen, da sie den CleomeneS hervor« gebracht, und der Build der Achaer machte sich noch durch ihren Philopömen merkwürdig. Rom hat wider diese beyden großen Feldherren nicht gestritten; allein der letzte, welcher zu den Zeiten Hannibals und des Scipio lebte, sah die Römer in Griechenland Krieg führen, und urtheilte ganz wohl, daß es mit der Freyheit der Griechen bald aus seyn würde, und daß man weiter nichts thun, als ihren völligen Verlust noch einige Augenblicke aufhalten könnte. So mußten denn die streitbarsten Völker den Römern weichen; die Römer haben über den Muth der Gallier, über den Muth und die Wissenschaft der Griechen, und nach allem diesen über die listigsten und verschlagensten Anstalten des Hannibals triumphirt, daß also noch keine Kriegsmacht eine so große Ehre eingelegt hat, als die ihrige. Sie in die allgemeine Geschichte. 54z Sie haben sich auch unter allen Verfassungen ihrer Regierung mit keiner Sache so sehr gerühmt, als mit ihrer Kriegözucht. Sie haben dieselbe bestandig, als den Grund ihres Reiches angesehen. Die Kriegszucht ist die erste Verfassung des römischen Staates, und auch die letzte gewesen, welche verlohren gieng, so genau war sie mit der ganzen Einrichtung ihrer Republik verbunden. Eine von den vortrefflichen Einrichtungen der römischen Miliz war diese, daß man die falsche Tapferkeit nicht lobte. Die Grundsäße Verfälschen Ehre, welche den Untergang so vieler Menschen unter uns verursacht haben, waren bey dieser so ehrgeizigen Nation nicht einmal bekannt. Man merkt von dem Scipio und Cäsar, diesen beyden vornehmsten und tapfersten Helden an, daß sie sich allezeit sehr vorsichtig, lind nur alsdann, wenn es die höchste Noth crsodcrte, in die Gefahr begeben haben. Man erwartete von einem Feldherrn nichts Gutes, der die Sorge nicht kannte, die er der Erhaltung seiner Person schuldig war, und verspätte die Thaten einer außerordentlichen Kühnheit allemal zu wirklichen Diensten. Die Römer wagten keine Schlacht auf ein bloßes Glück, und verlangten keine Siege, die allzuviel Blut kosteten, so daß keine Armeen zugleich muthiger und vorsichtiger waren, als die römischen Kricgsheere. Allein wie es nichr genug ist, daß man den Krieg verstehe, wenn man keinen weisen Rath hat, der ihn zu gelegner Zeit zu unternehmen und im Staate selbst eine gute Ordnung zu erhalten weis: So muß ich sie, Hwnseiyneur, nunmehr auch mit der tiefen Politik des römischen Senates bekannt machen. Wenn man ihn in den guten Zeiten der Republik betrachtet, so ist niemals 544 Bischof Bossuets Einleitung niemals eine Versammlung gewesen, wo die öffentlichen Angelegenheiten, reiflicher, geheimer, vorsichtiger in Ansehung des Zukünftigen, einiger und eifriger für das gemeine Beste überlegt worden waren, als im römischen Senate. Der Heilige Geist hat sie gewürdiget, solches im »Mace.8, Buche der Maccabäer anzumerken, und die erhabne ^' Klugheit und die muthigen Beschießungen dieser weisen Versammlung zu loben, wo derjenige das meiste Ansehen hatte, der die vernünftigsten Rathschlage gab, und wo alle Mitglieder, ohne Partheylichkeit und Neid sich zum allgemeinen Besten vereinigten. !/.v.xl.!i» Titus Livius erzählt uns ein vortreffliches Beyspiel, ^- wie geheim alles von ihnen gehalten wurde. Unterdessen daß man den Krieg wider den Perseus im Sinne harte, kam Eumenes, der König von PergamuS, ein Feind dieses Prinzen nach Rom, sich mit dem Senate wider ihn zu verbinden. Er that vor der vollen Versammlung seine Vorschlage, und die Sache wurde durch die Stimmen einer Gesellschaft beschlossen, die aus mehr denn dreyhundert Mitgliedern bestund. Wer sollte es glauben, daß alles ^ein Geheimniß geblieben wäre, und daß man von der ganzen Berach- schlagung nicht eher etwas, als nach vierJahren erfahren hätte, nachdem der Krieg geendigt worden war? Alleilt was uns noch mehr in Erstaunen setzt, ist dieses, daß Perseus seine Gesandten zu Rom hatte, die den Eumenes beobachten sollten. Alle griechischen und asiatischen Städte, welche in diesen Streit eingeflochten zu werden befürchteten, hatten auch Gesandte nach Rom geschickt, und alle gaben sich Mühe, eine Sache von solcher Wichtigkeit zu entdecken. Damit alles verschwiegen gehalten werden möchte, hatte man keine in die allgemeine Geschichte. 545 Strafen, und keine Verordnungen nöthig, welche unter harten Strafen den Umgang mit den Fremden untersagten. Das ist m der römischen Republik etwas erstaunliches, daß das Volk den Staat beständig mit eifersüchtigen Blicken ansah, und ihm doch bey wichtigen Gelegenheiten, und besonders bey großen Gefahren alles überließ. Alsdann sah man das ganze Volk seine Augen auf diese weise Versammlung richten, und seine Beschlüsse als so viele Göttersprüche erwarten. Eine lange Erfahrung hatte die Römer gelehrt, daß vom Senate alle Entschließungen hergekommen waren, welche den Staat gerettet hatten. Im Senate wurden die alten Grundsätze, und der Geist der Republik, wenn ich so sagen darf, erhalten. Hier wurden die Anschläge und Unternehmungen beschlossen, welche sich durch ihre eigne Einrichtung und Folge erhielten, und das Größte im Senate war dieses, daß man niemals muthigere Entschließungen faßte, als bey den größten Gefahren. Dieses geschah in den traurigsten Umstanden dee Republik, da sie noch schwach, und, so zu sagen, im ersten Wachsthums war, durch die innerlichen Unruhen der Tribnnen getheilt, und von außen durch die Volscier bedrängt wurde, die der erzürnte Coriolan wider sein Vaterland anführte. Diese Völker, welche von den Römern beständig geschlagen wurden,hoff- ten sich zu rächen, wenn sie den größten Römer an der Spitze ihrer Kriegsheere hätten, der die Kriegswissenschaft vollkommen verstund, ungemein freygebig, der unversöhnlichste Feind der Ungerechtigkeit, dvch aber auch der Harteste, der verdrießlichste, und der erbitterteste Mann war. Sie wollten mit Gewalt Mm Bürger 546 Bischof Bofsuets Einleitung Bürger werden, und nachdem sie sich durch ihre grossen Eroberungen über das ganze Land zum Meister gemacht hatten, so drohten sie, alles zu verderben, wenn man ihnen ihre Bitte nicht verwilligte. Rom hatte weder Armee noch Feldherrn, und dem ungeachtet sah man in diesem traurigen Zustande, da die Stadt alles zu befürchten hatte, die kühne und muthige Verordnung des Senates zum Vorscheine kommen, daß man lieber umkommen, als dem bewaffneten Feinde nachgeben, ihm aber billige Bedingungen zugestehen wollte, wenn er die Waffen niedergelegt haben würde. Die Mutter des Coriolan, welche an ihn abgeschickt wurde, um ihn zu erweichen, sagte unter andern zu ihm: Rennest du die Römer mchr^ N>eift du nicht, mein Sohn, daß du von ihnen nichts, als durch Vitten,und weder etwas Großes noch Geringes durch Gewalt von ihnen erhalten vion. n-i. rvirst? Der strenge Coriolan ließ sich überwinden; vu>. ^ kostete ihm aber das Leben, und die Volscier erwählten sich andre Feldherren. Der Senat blieb dem ungeachtet bey seinen Grundsätzen, und die Verordnung, der Gewalt nichts zu verwilligen, wurde ein Grundgesetz der römischen Politik. Man hat auch kein einziges Exempel, daß die Römer, wenn man auch alle Zeltender Republik durchgeht, ein einzig- mal davon abgegangen wären *. Zaghafte Rathschläge sind bey ihnen selbst in ihren traurigsten Umständen nicht einmal angehört worden. Sie ließen leichter mit sich Unterhandlungeil pflegcn,wenn sieUebcr- winder, als wenn sie überwunden waren; so eifrig wußte *?ol7d. VII. 56. Lxceri-c. äeleZsr. 6-,. Oion^ NsI.VIII. in die allgemeine Geschichte. 547 wußte der Senat über die alten Grundsätze der Republik zu halten, und so sehr wußte er die übrigen Bürger darinnen zu befestigen. Aus eben diesem Geiste kamen die Entschließungen her, die der Senat so oft faßte, die Feinde mit offenbarer Gewalt, und nicht mit Verschlagenheit und Lift, selbst nicht mit derjenigen zu überwinden, die doch im Kriege erlaubt ist; dieses that derStactnicht etwa aus einem falschen Ehrgeize, noch aus Unwissenheit der Gewohnheiten und Gesche des Krieges, sondern weil er es für das kraftigste und gewisseste Mittel hielt, einen hochmütigen Feind zu demüthigen, wenn er ihm alle Meynung von seiner Macht benähme, damit er sich in seinem Herzen selbst für überwunden halten, und seine Rettung allein in der Gnade des Siegers suchen müßte. So breitete sich der große Ruhm der römischen Waffen auf der ganzen Erde aus. Die allgemeine Meynung, daß ihnen nichts widerstehen könnte, machte, daß allen ihren Feinden die Waffen aus den Händen fielen, und sie verschaffte ihren Bundesgenossen eine unüberwindliche Hülfe. Sie sehen, N?onseir?neur, wie viel ein gleicher Ruhm der französischen Waffen in ganz Europa ausrichtet, und die Welt, welche über die Thaten des Königes erstaunt,bekennt,daß es nur ihm allein zukömmt, seinen Eroberungen Grenzen zu setzen. Die Aufführung der Römer,welche gegen ihre Feinde so tapfer war, ist nicht weniger zu bewundern, was ihre innerlichen Einrichtungen betrifft. Dieser weiseSe- nat hatte sehr oft gegen das Volk eine billige Nachsicht, wie sie sich denn einmal in der größten Noth nicht allein rir. i.iv. selbst mehr auflegten, als andern, welches sie doch ge- u. ?. Meiniglich thaten, sondern auch das geringe Volk von Min L allen 548 Bischof Bossuets Einleitung allen Auflagen befreyten/ und dabey sagten: daß die Armen der RepubKk genug Tribut bezahlten, wenn sie ihr Rinder erzögen. Der Senat zeigte durch diese Verordnung, wor- innen die wahren Reichthümer eines Staates bestünden, und diese schöne Verordnung, zu welcher noch andre Zeugnisse einer vaterlichen Güte kamen, machte einen solchen Eindruck in die Gemütherdes Volkes, daß sie fähig wurden, für das Wohl ihres Vaterlandes die äußerste Noch auszustehen. Allein wenn das Volk getadelt zu werden verdiente, so that solches der Senat mit einem Ernste, und mit einein Muthe, der einer so weisen Versammlung anständig war, wie man solches bey einer Streitigkeit zwischen den Einwohnern der Stadt Ardea und den Ariciern deutlich sah. Die Geschichte davon ist ruv.m. 7'. merkwürdig und verdient, erzahlt zu werden. Diese bey- iv. 7.9.-0. denVölkec führten wegen gewisser LändereyenKrieg mit einander, welche sie sich beyde zueigneten. Endlich wurden sie des Streites müde, und wurden eins, sich dem Urtheile des römischen Volkes zu unterwerfen, dessen Billigkeit von allen seinen Nachbaren verehrt wurde. Die Tribunen wurden zusammen berufen, und nachdem das Volk bey der Untersuchung fand, daß die Ländereyen, welche sich andre zueignen wollten, ihm nach den Rechten gehörten, so eignete es sich solche zu. Obgleich der Senat sah, daß das Volk im Grunde recht geurtheilt hätte, so konnte er doch nicht leiden, daß die Römer ihre natürliche Großmuth verleugnet, und die Hoffnung ihrer Nachbaren, die sich ihrem Allsspruche unterwarfeil, hintergangen hatten. Er that alles, ein Urtheil, das ein so gefährliches Beyspiel geben konnte,zu verhinderii,ein Urtheil/wo die Richter in die allgemeine Geschichte. 549 ter sich die Länder zueigneten, worüber die Partheyen stritten» Nachdem es gefällt worden war, so waren die von Ardea, deren Rechte am meisten gegründet zu seyn schienen, schon bereit, sich durch die Gewalt der Waffen zu rächen. Der Senat machte gar keine Schwierigkeit., eine öffentliche Erklärung zu thun, daß er die Beleidigung, die ihnen widerfahren wäre, eben so sehr empfände, als sie; daß er zwar den Ausspruch des Volkes nicht aufheben könnte, sich aber alle Mühe geben würde, wenn sie sich dem Senate wegen der Vergütung, die sie fodern konnten, vertrauen wollten, sie so zu befriedigen, daß sie keine Ursache mehr haben sollten, sich zu beklagen. Die Einwohner von Ardea verließen sich auf dieses Versprechen. Es trug sich darauf zu, daß sie in einen Streit geriethcn, in welchem ihre ganze Stadt in der Gefahr ihres völligen Unterganges war. Sie erhielten aber auf Befehl des Senates eine so schleunige Hülfe, daß ihnen das vcrlohrne Land genug ersetzt zu seyn schien, und sie nur auf Danksagungen gegen so getreue Freunde dachten. Allein der Senat war nicht eher zufrieden, bis ihnen das wiedergegeben war, was sich das römische Volk zugesprochen hatte, und also das Andenken eines so schändlichen Urtheiles aufgehoben wurde. Es ist mein Vorsaß nicht, ihnen hier zusagen, wie viel mehr dergleichen Thaten der Senat gethan, wie vieler meyneidige Bürger, die ihr Wort nicht halten wollten, oder bey ihren Schwüren Ausflüchte suchten, ihren Feinden überliefert, wie viel er schlimme Anschläge, die von einem glücklichen Erfolge waren, verdammt hat: Ich will nur sagen, daß diese erhabne Versammlung dem römischen Volke nichts als große Mm z Empsm- 550 Bischof Bossuets Einleitung Empfindungen, und eine große Meynung von ihren Rathschlägen beybrachte, und überzeugt war, daß der Ruhm die sicherste Stütze eines Staates sey. Man kann denken, daß bey einem Volke, welches so weislich regiert wurde, Strafen und Belohnungen mit einer großen Sorgfalt angeordnet gewesen sind. Außerdem, daß die Verdienste und die eifrigen Bemühungen für das Beste des Staates die sichersten Wege zu den Aemtern waren: So waren auf die Thaten im Kriege Belohnungen gesetzt, weiche der Republik nichts kosteten, und einem ieden doch unendlich lieb waren, weil man die Ehre damit verbunden hatte, die dieses kriegerische Volk so sehr liebte. Eine sehr kleine goldne Krone, und sehr oft nur eine Krone von Eichenlaub, oder Lorberblattern, oder von einer noch weit geringern Pflanze war unter den Soldaten unschätzbar, die keine andre Ehre, als die Ehre der Tapferkeit kannten, und sich nicht edler zu unterscheiden wußten, als durch rühmliche Thaten. Der Senat, dessen Beyfall statt einer Belohnung war, wußte zu loben und zu tadeln, wo es nöthig war. Gleich nach dem Streite lobten oder tadelten dicCon- suln und andre Feldherren die Soldaten und ihreAn- führer,wie sie eö verdienten^ öffentlich; sie selbst aber erwarteten voll Ungewißheit das Urtheil des SenateS,wel- cher bloß nach der Weisheit ihrer Anschlage urtheilte, ohne sich von dem Glücke des Erfolges blenden zu lassen. Die Lobeserhebungen waren ihnen kostbar, weil sie mit Weisheit ertheilt wurden; der Tadel aber gieng großmüthigen Seelen außerordentlich nahe, und erhielt die Feigsten in ihren Pflichten. Eben so erhielten die Strafen, die auf schlechte Thaten erfolgten, die Soldaten in Furcht, da hingegen die Ehre in die allgemeine Geschichte. 551 und die Belohnungen, die so gerecht ausgetheilt wurden, sie über sich selbst erhuben. Wer den Gemüthern eines Volkes die Ehre, die Gedult, keine Arbeit zu scheuen, die Größe der Nation/ und die Liebe zum Vaterlande beybringen kann, der kann sich rühmen, diejenige Verfassung eines Staates gesunden zu haben, welche die geschickteste ist, große Männer hervorzubringen. Die großen Männer sind es unstreitig, auf welche die Starke eines Reiches ankömmt. Die Natur laßt in allen Landern Geister von einem erhabnen Verstände und Muthe gebohren werden; allein man muß ihnen aufhelfen, damit sie sich ausbilden können. Was sie bildet und vollkommen macht, das sind die großen Grundsätze und edlen Empfindungen, die sich in allen Gemüthern ausbreiten und unvermerkt von dem einen zum andern fortpflanzen. Was macht unfern Adel so tapfer in den Schlachten, und so kühn in seinen Unternehmungen? Das ist die Meynung, die ihnen in ihrer Kindheit eingeflößt wird, und zum allgemeinen Grundsätze der Nation geworden ist, daß ein Edelmann ohne Muth sich seiner selbst unwürdig machr, und nicht mehr verdient, den Tag zu sehen. Alle Römer waren in diesen Grundsäßen erzogen, und das Volk stritt mit demAdel, wer mehr nach diesen tapfern Grundsätzen handeln könnte. In den guten Zeilen der Stadt Rom wurden die Kinder selbst in den Arbeiten geübt, und man hörte von nichts anders, als von der Größe des römischen Namens reden. Man mußte in den Krieg gehen, wenn es die Republik befahl, beständig arbeiten, Winter und Sommer im Felde bleiben, gehorcheil, ohne sich zu widersetzen, sterben oder überwinden. Die Väter, welche ihre 552 Bischof Bossuets Einleitung Kinder nicht in diesen Grundsäßen erzogen, oder sie nicht zum Dienste des Staates tüchtig machten, wurden von den Obrigkeiten vor Gericht gesodert, und eines Verbrechens wider den Staat schuldig erklärt. Wenn man einmal angefangen hat, die Völker auf diesen Weg zu bringen, so bilden die großen Männer einer den andern, und wenn Rom mehr grosse Männer, als eine andre Stadt, erzeugthat, so ist das nicht dem Zufalle zuzuschreiben; die Verfassung des römischen Staates, die wir itzt betrachtet haben, war so beschaffen, daß er nothwendig an Helden un- gemein fruchtbar seyn mußte. Ein Staat, der eine Empfindung von einer so voll- kommnen Einrichtung hat, empfindet zugleich, daß er eine außerordentliche Stärke besitzt, und hält sich niemals für ganz verlohren. Wir sehen auch, daß die Römer niemals verzweifelt sind,, ihre Angelegenheiten mögen gestanden haben, wie sie wollen; weder zu der Zeit, da sie Porsenna, der König von Hetrurien, aushungern wollte; nicht damals, da die Gallier, nachdem sie die Stadt angezündet hatten, ihr ganzes Land überschwemmten, und sie im Capitale eingeschlossen hielten; nicht zu der Zeit, da Pyrrhus,der König der Epirotcr, der so geschickt, als kühn in Unternehmungen war, sie durch seine Elephanten erschreckte, und alle ihre Armeen schlug; auch nicht einmal zu der Zeit, da Hannibal, der so oft schon gesiegt hatte, ihnen noch funfzigtausend Mann ihrer besten Soldaten in der Schlacht bey Cannis schlug. Dazumal war es, da der Consul, Terentius Var- ro, der durch sein Versehen eine so große Schlacht verlohren hatte, in Rom so empfangen wurde, als ob er in die allgemeine Geschichte. 55z er überwunden hatte, bloß darum weil er bey einem so großen Unglücke an den Angelegenheiten der Republik nicht verzweifelt hatte. Der Senat dankte ihm öffcnt« lich dafür, und man beschloß sogleich nach den alten römischen Grundsätzen, in diesen betrübten Umständen keine Friedcnsvorschläge anzuhören. Der Feind wurde in Erstaunen gesetzt; das Volk faßte wieder Muth, und glaubte, daß noch Mittel zur Rettung übrig waren / welche die Klugheit des Senates kennte. Diese Sündhaftigkeit des Senates mitten unter so vielen Unglücksfallen, die sich alle auf einmal zutrugen, kam in der That nicht allein von einem hartnäckigen Entschlüsse, dem Glücke uicht nachzugeben, sondern von einer tiefen Einsicht in die Macht der Romer und der Feinde her. Rom wußte aus seinem Cen» sus, oder aus der Liste seiner Bürger, welche seit dem Servius Tullius ununterbrochen fortgesetzt worden war, wie viel es Bürger hatte, die die Waffen tragen konnten/ und wie viel es von der Jugend zu hoffen hatte, die alle Tage heranwuchs. Rom schonte also seine Kräfte wider einen Feind/ der von den africa- nischen Küsten herkam, den die Zeit allein schon in einem fremden Lande aufreiben mußte, wo die neuen Hülfsvölker so langsam ankamen, und dem seine Siege selbst, die so viel Blut kosteten, so schädlich wurden. Die Römer mochten also verlieren, so viel sie wollten, so durfte der Senat, der allezeit unterrichtet war, wie viel gute Soldaten er noch übrig hatte, nur Zeit zu gewinnen suchen / und er ließ folglich den Muth niemals sinken. Als er die Kräfte der Republik durch die verlohrne Schlacht bey Can- nis und die darauffolgenden Empörungen so verrin- Mm 5 gert 554 Bischof Bessuets Einleitung gert sah, daß sie sich kaum würden vertheidigt haben, wenn ihr die Feinde mehr zugesetzt hätten, so erhielt er sich durch seinen Muth, und sah, ohne durch seinen Verlust in Verwirrung zu gerathen, den weitern Unternehmungen des Ueberwinders zu. Sobald der Senat wahrgenommen hatte, daß Hannibal, anstatt sich seinen Sieg zu Nutze zumachen, einige Zeit auf nichts, als Ergeßlichkeiten dachte, so erholte sich die Republik wieber, und sah wohl, daß ein Feind, welcher sein Glück nicht zu gebrauchen wußte, und sich durch den glücklichen Fortgang seiner Waffen blenden ließ, nicht zum Ueberwinder der Römer gebohren wäre. Von der Zeit an fieng Rom alle Tage die größten Unternehmungen an, und so geschickt, so muthig und so sieghaft auch Hannibal war, so konnte er doch wider die Römer nichts mehr ausrichten. Man kann aus diesem einzigen Erfolge schließen, wer von beyden endlich gewinnen mußte. Hannibal, der von seinen Siegen aufgeblasen wurde, hielt die Einnahme der Stadt für allzuleicht, und wurde nach- laßig. Rom verlohr mitten in seinem Unglücke weder den Muth noch das Vertrauen zu sich selbst, und unternahm, mehr als iemals große Dinge. Die Schlacht bey Cannis war kaum verlohren worden, als die Römer Syracusa, welches bundbrüchig war, und Capua, welches sich empört hatte, belagerten. Syracusa konnte sich weder mit seinen Festungswerken, noch durch die Erfindungen des ArchimedeS vertheidigen. Umsonst kam die sieghafte Armee des Hannibals der Stadt Capua zur Hülfe. Die Römer aber nöthigten wohl diesen Feldherrn, die Belagerung der Stadt Nola aufzuheben. Kurz darauf schlugen die Carthaginen» ser in Spanien die beyden Scipionen, welche beyde in die allgemeine Geschichte. ' 555 in dem Treffen blieben. In diesem ganzen Kriege war den Römern noch nichts so empfindliches, noch etwas so nachtheiliges begegnet. Ihr Verlust trieb sie aber nur an ., ihre äußersten Kräfte anzuwenden. Der junge Scipio, ein Sohn eines von diesen Feldherren, war nicht damit zufrieden, daß er die Angelegenheiten der Römer in Spanien wiederhergestellt hatte, sondern gieng so gar über das Meer, mit den Carthaginenfern bey ihrer Stadt den Krieg zu führen, uM dadurch gab er ihrem Reiche den letzten Stoß. Die Verfassung dieser Stadt war so beschaffen, daß Scipio hier nicht den Widerstand sinden konnte, den Hannibal in der Gegend von Rom fand, und sie werden davon überzeugt werden, Monseigneur, wenn sie die Verfassung beyder Städte ein wenig erwägen werden. Rom war in seiner Starke, und Carthago, das ?<^'- schon angefangen hatte, sich seinem Untergänge zu nähern , erhielt sich nur noch durch den Hannibal. Der Senat in Rom war unter sich einig, und es ist ebeir diefeZeir,wo dieseEinigkeit in derGeschichte der Macca- baer so sehr gelobt wird. Der carthagincnsische Senat war in alte unversöhnliche Partheyen getheilt, und der vornehmste Theil der dasigen Großen hatten sich über Hannibals Verlust gefreut. Rom war noch arm und allein dem Ackerbaue ergeben, und unterhielt eine vortreffliche Miliz, die nur nach Ehre dürstete, und auf nichts, als auf die Vergrößerung des römischen Namens umgieng. Carthago hatte sich durch seinen Handel bereichert; alle seine Bürger waren allein ihren Reichthümern ergeben, und gar nicht in den Waffen geübt. Die römischen Armeen bestunden fast aus lauter 556 Bischof Vossuets Einleitung lauter Bürgern / da es hingegen in Carthago zu einem Grundsätze geworden war, keine andern, als fremde Völker, zu Soldaten zu haben, die sehr oft für diejenigen, welche sie befahlen, eben so sehr zu fürchten sind, als für diejenigen, wider welche sie gebraucht werden. Dieser Fehler kam zum Theil von der ersten Einrichtung der Republik Carthago her, zum Theil hatten sie sich mit der Zeit eingeschlichen. CarthagoHat- te die Reichthümer bestandig geliebt, und Aristoteles beschuldigt sie einer so heftigen Neigung zum Gelde, daß sie ihren Bürgern Gelegenheit gegeben, sie noch der Tapferkeit vorzuziehen. Dadurch hat endlich eine Republik, die ganz zum Kriege gemacht war, die Kriegsübungen verabsäumt, wie eben dieser Philosoph anmerkt. Er tadelt sie nicht, daß sie nur eitel fremde Völker in ihren Diensten hatte, und es ist glaubwürdig, daß sie erst lange Zeit hernach in diesen Fehler gefallen ist. Allein dazu bringen gemeiniglich die Reichthümer eine kaufmännische Republik; man will seine Schahs genießen, und glaubt in seinen Reichthümern alles zu finden. Carthago hielt sich für mächtig, weites viel Soldaten hatte, und hatte aus so vielen Empörungen, die es in den leßtern Zeiten gesehen, nicht lernen können, daß nichts so unglücklich ist, als ein Staat, der sich nur durch Fremde erhalt, bey welchen er weder Eifer, noch Sicherheit, noch Gehorsam genug findet. Es ist wahr, Hannibals großer Geist schien allen diesen Fehlern seiner Republik abgeholfen zu haben. Man sieht es, als ein Wunder an , daß seine Armee, die aus ganz verschiednen Völkern bestund, in einem fremden Lande, sich ganzer sechzehn Jahre hindurch, ich in die allgemeine Geschichte. 557 ich will nicht sagen, niemals empört, sondern nicht einmal gemurrt hatte, und daß diese verfchiednen Völker, ohne sich unter einander zu verstehen, so einig waren , den Befehlen ihres Feldherrn zu gehorchen. Allein Hannibals Geschicklichkeit konnte Carthagc» nicht erhalten, da es von einem Feldherrn, wie Sci- pio mar, in seinen Mauern angegriffen wurde, und keine Macht mehr hatte. Hannibal mußte zurück gerufen werden, der nur uoch wenig Völker übrig hatte, die mehr durch ihre eigne Siege, als durch die Siege der Römer geschwächt worden waren, und durch den langen Rückweg völlig entkräftet wurden. Es wurde also Hannibal geschlagen, und Carthago, welches vordem ganz Africa, das mittelländische Meer, und den Handel der ganzen Welt in seiner Gewalt gehabt hatte, wurde gezwungen, das Joch anzunehmen, das ihm Scipio auflegte. ' Das war also die rühmliche Frucht der römischen Standhaftigkeit. Ein Volk, das in seinem Unglücke muthiger werden und sich stärken konnte, war wohl berechtigt zu glauben, daß man alles rettete, wofern man nur die Hoffnung nicht aufgäbe, und der Schluß des Polybius war sehr richtig, daß Carthago endlich bloß vermöge der Einrichtung beyder Republiken der Römischen unterthänig werden mußte. Wenn sich die Römer dieser großen politischen und kriegerischen Eigenschaften bloß zur Erhaltung des Friedens in ihrem Staate, und zuv Beschühung ih- yr unterdrückten Bundesgenossen bedient hatten, wie sie sich anstellten: So müßte man ihre Billigkeit eben so sehr als ihre Tapferkeit und ihre Klugheit loben. Allein als sie die Süßigkeiten des Sieges einmal geschmeckt hatten, so wollten sie, daß ihnen, alles wei- 558 Bischof Bossuets Emleitüng chen sollte, und verlangten nichts mehr, als erstlich ihre Nachbarcn, und heruach die ganze Welt ihren Gesetzen unterwürfig zu machen. Diesen Endzweck zu erreichen, wußten sie das Geheimniß , sich ihre Bundesgenossen zu erhalten, sie unter einander zu vereinigen, unter ihren Feinden Mishel- ligkeit und Neid zu erwecken, ihre Anschläge zu erforschen, ihre heimlichen Verständnisse zu entdecken, und ihren Unternehmungen zuvorzukommen. Sie beobachteten nicht allein das Vorhaben ihrer Feinde, sondern auch alle Progresscn ihrer Nachbaren ; sie befleißigten sich vornehmlich, die Machte, die ihnen zu furchtbar wurden, oder ihre Eroberungen allzusehr hinderten, zu theilen, oder ihnen auf eine andre Weise das Gegengewicht zu halten. Die Griechen hatten also zu den Zeiten des Poly- bius Unrecht, wenn sie sich einbildeten, daß Rom mehr durch sein Glück, als durch seine Aufführung groß würde. Sie waren für ihre Nation allzusehr eingenommen, und beneideten die Völker allzusehr, die sie ihr Haupt erheben sahen; oder vielleicht schrieben sie, wie Menschen zu thun gewohnt sind , die Wirkungen dem Zufalle zu, deren Ursachen ihnen unbekannt waren, weil sie das römische Reich von fern so geschwind zunehnum sahen, ohnein die Rathschlage zu dringen, die diesen großen Körper in Bewegung setzten. Allein Polybius, der wegen seiner genauen Freundschaft mit den Römern so weit in die Geheimnisse ihres Staates eindrang, und die römische Staatskunst während den plinischen Kriegen so nahe beobachtete, ist billiger als die andern Griechen gewesen, und hat eingesehen, daß Roms Eroberlingen Folgen wohl eingerichteter Absichten waren. Denn er sah, daß die Römer ihre in die allgemeine Geschichte. 559 Aufmerksamkeit mitten vom mittelländischen Meere auf alle benachbarten Länder, bis nach Spanien und Syrien erstreckten; daß sie alles, was daselbst vorgieng, beobachteten; daß sie ihnen immer näher und näher kamen; daß sie sich befestigten, ehe sie sich weiter ausbreiteten; daß sie sich nicht mit allzu- viclen Unternehmungen beschwerten; daß sie eine Zeitlang an sich hielten, und sich zu rechter Zeit erklärten; daß sie warteten, bis Hannibal überwunden war, ehe sieden König von Macedonien, Philippuö, der ihm Beystand geleistet hatte, entwaffneten; daß sie, wo- fern sie erst einmal etwas unternahmen, nicht müde noch ruhig wurden, bis sie es ganz ausgeführt hatten; daß sie den Mazedoniern keine Zeit ließen, zu sich selbst zu kommen; daß sie, nachdem dieses Reich völlig überwunden war, durch eine öffentliche Verordnung den so lange unterdrückten Griechen ihre Freyheit wiedergaben, an die sie nicht mehr dachten; und daß sie sich dadurch auf einer Seite furchtbar, und auf einer andern ihren Namen herrlich und ehrwürdig machten. Alles dieses bewies deutlich genug, daß sich die Römer nicht nach dem Schicksale eines blinden Zufalls, sondern durch kluge Absichten und Anschläge zu der Eroberung der ganzen Welt vorbereiteten. Dieses hat PolybiuS zu der Zeit bemerkt, da Rom seine Macht auszubreiten anfing. DionysiuS von Halicavnaß, welcher nach der Aufrichtung des römischen Reiches, zu den Zeiten deöAugustuS, geschrieben, hat,macht ebenfalls diese Anmerkung,indem er die alten Einrichtungen der römischen Republik von ihrem Anfange her durchgeht, die ihrer Natur nach fähig waren, ein Volk unüberwindlich zumachen, und ihm die Herrschaft über alle andern Völker zu verschaffen. Sie, 560 Bischof Bossuets Einleitung Sie,Monftigneur, wisse» so viel, als sie brauchen, mit diesen weifen Geschichtschreibern einer Meynung zu seyn, unddenPlutarchzu verdammen, der wegen einer allzugroßen Neigung zu den Griechen die Größe der Römer allein dem Glücke, und die Größe Alexanders allein seiner Tapferkeit zuschreibt Allein ie deutlicher diese Geschichtschreiber die Absichten der Römer in ihren Eroberungen zeigen, desto mehr zeigen sie auch ihre Ungerechtigkeit. Dieses Laster ist von der Begierde zu herrschen unzertrennlich, die aus der Ursache auch durch die Gesetze des Evangelii billig verdammt wird. Aber die Philosophie allein ist schon hinlänglich genug/ uns zu zeigen,daß uns die Macht bloß dazu gegeben ist, das, was wir besitzen, zu erhalten, und nicht dazu, uns fremder Güter zu bemächtigen. «Ac-r.^eoss. Cicero hat dieses eingesehen, und die Vorschriften, die i.br.iil. ^ ^.j^ führn, st>ll, verdammen die Aufführung der Römer offenbar. Es ist wahr, daß sie im Anfange ihrer Republik sehr billig zu seyn schienen. Es schien, als ob sie ihre kriegerische Gemüthsart selbst einschränken wollten, indem sie derselben von derBilligkeitGrenzen setzen ließen. Kann etwas schöners oder heiligers seyn, als ihre Versammlung der Lecialen, es sey nun Numa, wie Dionysius vonHalicarnassus meynt, oder Ancus Martins, wie Livius dafür hält, ihr erster Stifter gewesen ? Diese Gesellschaft war dazu aufgerichtet worden, daß sie die Billigkeit oder Unbilligkeit eines Krieges beurtheilen jvllte: Ehe der Senat den Krieg vorschlagen lind das Volk denselben beschließeil durfte, mußte diese Untersuchung der Billigkeit allezeit vorhergehen. Wenn * Llursrcli. äe 5oniruä. ^lex-märi et 5ornruä> Ksm-m. in die allgemeine Geschichte. 561 Wenn das Urtheil gefällt worden war, daß der Krieg gerecht wäre, so ergriff der Senat die nöthigen Maasregeln zu der Unternehmung desselben; vor allen Din- gen aber wurde eine Gesandlschaft an den unrechtmäs- sigen Besitzer der Dinge, worüber Krieg geführt werden konnte, abgefertigt, sie gehörig wiederzufodern, und man versuchte erst alle gütliche Mittel, ehe man zum Aeußersten schritt. Ist iemals wohl eine heiligere Einrichtung gewesen als diese, eine Einrichtung, welche die Christen zur Schamröthe bringen sollte, denen ein Gott, der in die Welt gekommen ist, den Frieden zu stiften, die Liebe und den Frieden nicht einflößen können ? Allein was helfen die besten Einrichtungen, wenn am Ende nur bloße Ceremonien daraus werden? Das Vergnügen, zu überwinden und zu herrschen, verderbte die Römer gar bald, und unterdrückte die Redlichkeit, die ihnen die natürliche Billigkeit gegeben hatte. Die Berathschlagungen der Fe- cialen waren endlich nichts mehr, als unnütze Formalitäten, und ob sie gleich ihren größten Feinden Beweise einer großen Billigkeit und selbst einer großen Gnade gaben, so ließ doch ihr Hochmuth nicht zu, daß die Gerechtigkeit in ihren Berathschlagungen herrschen konnte. Ihre Ungerechtigkeiten waren im übrigen um so viel gefahrlicher, ie besser sie dieselben mit einem scheinbaren Vorwande zu verbergen wußten. Sie gaben vor, daß sie die Könige und Nationen beschützen wollten, und brachten sie dadurch unvermerkt unter ihr Joch. Wir können hinzusehen, daß sie gegen diejenigen, welche sich ihnen widersetzten, grausam waren, welches eine sehr natürliche Eigenschaft der Eroberer ist, die wohl wissen, daß sie der Furcht die Hälfte ihrer Nn Ervbe- 562 Bischof Bossuets Einleitung Eroberungen zu danken haben. Muß man die Herrschaft so theuer erkaufen, und kann das Vergnügen, zu befehlen, so angenehm seyn, daß die Menschen solches durch so unmenschliche Handlungen gewinnen wollen? Damit die Römer sich furchtbar machen möchten, so waren sie sehr besorgt, in den eingcnommnen Städten schreckliche Schauspiele der Grausamkeit zurückzulassen, und gegen den unerbittlich zu scheinen, der die Gewalt abwartete, ohne selbst die Könige zu schöner?, die sie unmenschlicher Weise hinrichten ließen, nachdem sie dieselben mit Ketten beschwert, gleich den Sklaven, an die Siegeswagen gespannt, und im Triumphe aufgeführt hatten. Allein so grausam und ungerecht sie in ihren Erobeningen waren, so billig beherrschten sie die unterwürfig gemachten Nationen. Sie suchten ihre Regierung den bczwungnen Völkern angenehm zu machen, und glaubten, daß dieses das beste Mittel wäre, ihre Eroberungen zu behaupten. Der Senat hielt die Landpfleger im Zaume; er ließ den Nationen Gerechtigkeit wicderfahren, und diese Versammlung wurde als eine Zuflucht der Unterdrückten angesehen. Es waren auch die Bedrängnisse und Gewaltthätigkeiten unter den Römern nicht bekannt, außer in den letzten Zeiten der Republik, und die Enthaltsamkeit der obrigkeitlichen Personen war die Bewunderung des Erdkreises. Sie waren also nicht solche viehische und geizige Eroberer, welche nur plündern wollen, und ihre Herr» schaft auf den Ruinen der überwundnen Lander aufrichten. Die Römer verbesserten diejenigen allezeit, welche sie bezwängen, indem sie die Gerechtigkeit, den Ackerbau, den Handel, und selbst die Künste und in die allgemeine Geschichte. 56z Wissenschaften darinnen in Aufnehmen brachten, nachdem die Besiegten dieselben nur einmal geschmeckt hatten. Dadurch ist ihr Reich dasjenige geworden, welches unter allen im besten Aufnehmen, das mächtigste und zugleich das größte unrcr allen gewesen ist. VomEu- phrat und dein Tanais an bis an die Seulen des Herkules und an das atlantische Meer gehorchten ihnen alle Lander und alle Meere. Mitten aus dein mittelländischen Meere geboten sie, so weit sich dasselbe erstreckte, und gaben allen Staaten in die Länge und Breite umher Gesetze; dieses Meer theilte ihr Gebiete gleichsam in zwey Theile, und verband ihr Reich mit sich selbst. Man geräth noch in Schrecken, wenn man bedenkt, daß die Nationen, die ißt so furchtbare Reiche ausmachen, ganz Gallien, ganz Spanien, beynahe ganz Großbritannien, Jllyrien bis an die Donau, Germanien bis an die Elbe, Africa bis an seine schrecklichen und undurchdringlichen Wüsten, Griechenland, Thracien, Syrien, Aegypten, alle Königreiche Kleinasiens, und die Königreiche, die zwischen dem schwarzen und caspischen Meere liegen, und die andern, die ich vielleicht vergesse, oder nicht erzählen will, viele Jahrhunderte hindurch römische Provinzen gewesen sind. Alle Völker unserer Welt, die Rauhsten und Ungesittesten nicht ausgenommen, haben ihre Macht gefürchtet, und sie haben mit ihrer Herrschaft fast überall auch ihre Geseße und Sitten ausgebreitet. Es ist fast ein Wunder, daß in einem so weit- läuftigen Reiche, das so viele Nationen, und so viele Königreiche begriff, die Völker so gehorsam, und die Empörungen so selten gewesen sind. Die römische Nn 2 Staats- 564 Bischof Bossuets Einleitung Staatskunst hatte durch verschiedne Mittel dafür gesorgt, die ich ihnen in wenig Worten erklaren will. Die römischen Colonien, die fast an allen Seiten ihres Reiches errichtet wurden, brachten zwo vortreffliche Wirkungen hervor. Eine war diese, das; die Stadt^ von einer großen Menge Bürger, wovon die meisten arm waren, befreyt wurde; die andre Wirkung war die, daß man die vornehmsten Posten dadurch bewahrte, und die fremden Völker nach und nach «m die römischen Sitten gewöhnte. Diese Colonien, welche ihre Freyheiten mit sich brachten, blieben der Republik allezeit ergeben und bevölkerten das ganze römische Reich. Allein es erhielten außer den Pflanzstädten noch viele andre Städte für ihre Bürger das römische Bürgerrecht/ und da ihr eigner Nutzen sie mit dem herrschenden Volke verband, so erhielten sie die benachbarten Städte allezeit im Gehorsame. Endlich kam es so weit, daß sich alle Unterthanen des Reiches für Römer hielten. Die Ehre dieses sieghaften Volkes theilte sich nach und nach den überwund-- nen Völkern mit; der Senat stund ihnen offen, und sie durften so gar nach der Herrschaft streben. Es waren also vermöge der Gnade der Römer alle Nationen nur eine Nation, und Rom wurde als das allgemeine Vaterland angesehen. Wie sehr erleichterte nicht diese bewundernswürdige Eintracht aller Völker unter einer Herrschaft die Schifffahrt und die Handlung? Alle Menschen waren fast Römer, und wenn man einige Grenzen des Reiches ausnimmt, die zuweilen von ihren Nachbaren beunruhiget wurden, so genoß der ganze Erdkreis einen voll- kommnen Frieden. Weder Griechenland, noch Kleinasien, in die allgemeine Geschichte. 565 asien, noch Syrien, noch Aegyvten, noch die meisten andern Provinzen sind jemals vom Kriege befreyt gewesen, als unter der Herrschaft der Romer, und man kann leicht begreifen, daß ein so angenehmer Umgang eines Volkes mit dem andern nicht wenig dazu beytragen mußte, die Ruhe und Eintracht im ganzen Reiche zu erhalten. Die Legionen, welche zur Bewahrung der Grenzen bestimmt waren, vertheidigten nicht allein die äußerliche Ruhe, sondern befestigten auch die innerliche. Die Römer waren nicht gewohnt, in ihren Städten Schlösser zu habe»/ oder ihre Grenzen zu befestigen, und man trug erst unter dem Kaiser Valcntinian dem I. dafür Sorge. Vorher setzte man die ganze Stärke und Sicherheit des Reiches bloß auf die Kriegsvölker, welche man so vertheilte, daß sie einander beystehen konnten. Im übrigen war die Einrichtung ss gemacht, daß sie immer im Felde stehen mußten; die Städte wurden also nicht von ihnen beschwert, und die Kriegszucht erlaubte den Soldaten nicht, sich auf dem Lande zu zerstreuen. Die römischen Armeen störten also weder die Handlung noch den Ackerbau. Sie machten in ihrem Lager, so zu sagen, eine Stadt aus, die von andern Städten bloß dadurch unterschieden war, daß die Arbeit immer anhielt,die Kriegszucht scharf, und die Befehle ordentlich und strenge waren. Die Soldaten waren bey der geringsten Bewegung immer bereit, und das war genug, die Völker im Gehorsame zu erhalten, daß man ihnen nur diese unüberwindlichen Heere in ihrer Nachbarschaft zeigte. Aber nichts erhielt den Frieden im römischen Reiche mehr, als die richtige Beobachtung der Gerechtigkeit. Die alteRepublik hatte dieRechte eingerichtet; dieKaiser Nnz und 566 Bischof Bossuets Einleitung und Weisen hat sie nach einerley Gründen erklart; alle Völker, und selbst die Rauhsten unter ihnen sahen sie mit Bewunderung an, und darum waren die Römer vornehmlich werth, Herren des Erdkreises zu seyn. Wenn im übrigen die römischen Gesetze für so ehrwürdig geachtet worden sind, daß ihr majestätisches Ansehen noch besteht, obgleich das Reich selbst untergegangen ist: So ist dieses darum geschehen, weil die Vernunft, die Regiererinn des menschlichen Gebens, überall darinnen herrscht, und weil man nirgends eine schönere Anwendung von den Grundsaßen der natürlichen Billigkeit findet, als in ihnen. Ungeachtet derGrößedeö römischen Namens, ungeachtet der riefen Politik und der schönen Einrichtungen dieser berühmtenRepublik,hatte sie doch mitten in ihrem Schooße die Ursache ihres Ruins in der beständigen Eifersucht des Volkes gegen den Senat, oder der piebejen und pacncicn. Romulus hatte diesen Unterschied einge- vion.n-i. führt. Die Könige mußten Personen haben, die sie von andern unterschieden, die sie durch besondre Bande mit sich verknüpften, und durch die sie den übrigen Theil des Volkes regierten. Dazu erwählte Romulus die Aeltesten, aus welchen er die Versammlung des Senates errichtete. Man nennte sie wegen ihrer Würde und ihres Alters also, und von ihnen sind hernach die Patricienfamilien entsprungen. Im übrigen mochte Romulus dem Volke »och so viel Ansehen vorbehalten haben, so hatte er die Familien desselben doch in verschicdnen Dingen von den Pa- tricien abhangig gemacht, und diese Abhängigkeit einer Familie von der andern/ die zur königlichen Regierung nothwendig war, war nicht allein unter den Könige»/ sondern auch in der Republik beybehalten worden. in die allgemeine Geschichte. 567 worden. Man wählte aus den Patricien die Mitglieder des Senates. Den Patricien gehörten alle Aemter, Befehlhaberstellen, die Würden, und selbst das Priesterthum zu, und die Aeltesten, oder Väter, welche die Urheber der Freyheit gewesen waren, gaben ihre Vorzüge niemals auf. Allein der Neid regte sich gar bald unter diesen beyden Abtheilungen. Ich habe hier nicht nöthig von den römischen Rittern zu reden, von dieser dritten Abtheilung,die zwischen den Patricien und dem gemeinen Volke das Mittel war, und sich bald auf diese, bald auf jene Seite schlug. Unter diesen beyden Abtheilungen, sage ich,regte sich der Neid; er wurde bey verschiednen Gelegenheiten crweckt,allein seine vornehmste und verborgne Ursache war die Liebe zur Freyheit. - Die Grundseule der Republik war diese, daß man die Freyheit als etwas ansah, das von dem römischen Namen unzertrennlich wäre. Ein Volk, das in diesen Gedanken erzogen war, ich will noch mehr sagen, ein' Volk, das gebohren zu seyn glaubte, über andre Völker zu herrschen, und das Virgil daher auf eine so edle Weise ein königliches Volk nennt, wollte keinen König, als von sich selbst annehmen. Das Ansehen des Senates wurde zur Ordnung der öffentlichen Berathschlagungcn für nothwendig gehalten, die ohne ihn allzuunruhig und unordentlich gewesen seyn würden.Allein imGrundc hatte dasVolk dieMacht, Befehle zu ertheilen, Gesetze zu geben, und Krieg und Frieden zu beschließen. Ein Volk, das den Gebrauch der wesentlichsten Rechte der königlichen Würde hatte, besaß auf eine gewisse Art etwas von der Gemüths- N n 4 arr 56^ Bischof Bossuets Einleitung art der Könige. Der Senat sollte ihm wohl Rathfchlä- ge geben, aber er sollte es nicht zwingen. Alles was ihm allzu herrschsüchtig vorkam, was sich über die andern erhob, mit einem Worte, was der Gleichheit, die in einem freyen Staate erfodert wird, beleidigte, oder zu beleidigen schien, alles das kam diesem so zärtlichen Volke verdachtig vor. Die Liebe zur Freyheit, die Begierde nach Ehre und Eroberungen, machten, daß diese Gemüther schwer zu lenken waren, und die Kühnheit, mit welcher sie von außen alles unternahmen, mußte nothwendig einmal innerliche Zwistigkei- ten erwecken. Es entstund also in Rom, das so sehr auf seine Freyheit hielt, durch eben diese Liebe zur Freyheit die Zwietracht in allen Ständen, woraus die Republik bestund. Daher kam der wütende Neid zwischen dem Senate und dem Volke, den Plcbejen und Patricken; diese führten beständig zu ihrer Rechtfertigung «m, daß eine ungebundne Freyheit sich endlich selbst zerstört, und die andern befürchteten im Gegentheile, daß das Ansehen, das seiner Natur nach beständig zunimmt, sich endlich in Tyrannen verwandeln möchte. Unter diesen beyden Ausschweifungen konnte ein sonst so weises Volk das Mittel nicht treffen. Der Eigennutzen, der auf der einen oder andern Seite Ursache ist, daß man selbst dasjenige, was man zum gemeinen Besten angefangen hat, weiter treibt, als man sollte, dieser Eigennützen, sage ich, ließ nicht zu, daß man bey gemäßigten Rathschlägen blieb. Die hochmütigen Geister, die ihr Vergnügen daran fanden, wenn sie alles in Bewegung setzen konnten, erweckten den in die allgemeine Geschichte. 569 den Neid unter beyden, und machten sich denselben zu Nutze, und dieser Neid, der bald verborgner, bald nach den Umständen der Zeit offenbarer, allezeit aber in den Herzen der Römer lebendig war, hat endlich die große Veränderung verursacht, die zu den Zeiten des Cäsar, und in den nachfolgenden sich zugetragen hat. OOOOOOGGOOOOGOOOOOOGOO Vm der Folge der Veränderungen der ro* mischen Republik. ie werden, Msnseigneur, alle Ursachen von allen diesen Veränderungen entdecken, wenn sie mit der Einsicht in die Gemüthsart der Römer und in die Verfassung der Republik sich Mühe geben, eine gewisse Anzahl der vornehmsten Erfolge zu bemerken, die, ob sie sich gleich in sehr von einander entfernten Zeiten zugetragen haben, doch sehr genau mit einander verbunden sind. Ich habe sie zusammengefaßt, damit sie desto leichter zu übersehen seyn mögen. Romulus, der im Kriege erzogen war und für einen Sohn des Mars gehalten wurde, baute Rom , welches er mit zusammengerafften Gesindel, mit Hirten, Sklaven, und Dieben bevölkerte, welche die Sicherheit und Befreyung von der verdienten Strafe in der Freystatt suchten, die allen Ankommenden offen stund; mit diesen kamen aber auch einige, welche besser und edler waren. Nn 5 Er 570 Bischof Bossuets Einleitung Er unterhielt dieses wilde Volk, in der Neigung, alles mit Gewalt zu unternehmen, und sie erhielten sogar durch dieses Mittel ihre Weiber. Nach und nach führte er Ordnung unter ihnen ein, vion.ttal.il. und setzte diesen Gemüthern durch sehr ehrwürdige Gesetze ihre Schranken. Er sing bey der Religion an, die er als den Grund aller Staaten ansah. Er richtete sie so ernsthaft, maisstatisch, und bescheiden ein, als es die Finsternisse der Abgötterey zulasien wollten. Die fremden Religionen und Opfer, welche nicht durch die römischen Gebrauche eingeführt waren, wurden verboten. In den folgenden Zeiten machte man sich von diesen: Gesetze los; allein eö war doch der Wille der Römer, daß eö gehalten werden sollte, und man behielt allezeit etwas davon. Er suchte unter den: ganzen Volke die Besten aus, die Versammlung aus ihnen aufzurichten, die er den Senat nannte. Er nahm zweyhundert zu seinen Mitgliedern/ deren Anzahl nachher noch mehr vermehrt wurde, und von ihnen kamen die edlen Familien her, welche die Patricienfamilien genannt wurden. Die andern hießen die plebejen, oder das gemeine Volk. Der Senat hatte alle Angelegenheiten zu besorgen und vorzutragen; einige machte er nebst dem Könige mit einer unumschränkten Gewalt aus; allein die allermeisten wurden an das Volk gebracht, welches darüber entscheiden mußte. Romulus wurde in einer Versammlung, wo ein plötzlicher Sturm entstund, von den Herren des Senats in Stücken zerhauen, weil er ihnen allzuherrscherisch vorkam, und die Neigung zur Ununterwürfigkeit fing schon damals in dieser Versammlung an, sich zu zeige:,. Damit in die allgemeine Geschichte. 571 Damit sie das Volk, welches seinen Prinzen liebte, besänftigen, und ihm eine große Meynung von seinem Stifter beybringen möchten, so machten sie bekannt/ daß ihn die Götter in den Himmel erhoben hätten, und ließen ihm Altare bauen. Numa Pompilius brachte in einem langen Frieden die Verbesserung der römischen Sitten und die Einrichtung der Religion zu Stande, die er auf eben dieselben Gründe baute,die Romulus vor ihm gelegt hatte. Tullus Hostilius richtete durch strenge Verordnungen die Kriegszucht und die Gebräuche und Ordnungen bey dem Kriege ein, die sein Nachfolger Ancus Martins mit heiligen Ceremonien begleitete, die Miliz zu heiligen und mit der Religion zu verbinden. Nach ihm vermehrte Tarquiniuö, der Alte, um sich Anhänger zu machen, die Anzahl der Senatoren bis auf dreyhundert; diese Anzahl blieb verschiedne Jahrhunderte nach einander unvermehrt, und er sing die grossen Werke an, welche zur öffentlichen Bequemlichkeit dienen sollten. Servius Tullius entwarf die Aufrichtung einer Republik unter einer jahrlichen Regierung zwoer obrigkeitlichen Personen, die vom Volke erwählt werden sollten. Aus Haß gegen denTarquin,denHochmüthigen,wur- de die königliche Würde mit schrecklichen Verfluchungen derjenigen abgeschafft, welche sich iemals unterstehen würden, dieselbe wiederherzustellen, und Brutus ließ das Volk schwören, daß es seine Freyheit ewig beschützen wollte. Man folgte den Nachrichten von dem Entwürfe des Servius Tullius bey dieser Vcränderung.Die Consuln, welche durch das Volk aus den Patricien erwählt wurden. 572 Bischof Bossuets Einleitung den, wurden den Königen gleichgeachtet, ausgenommen, daß ihrer zween waren, und eine Vorschrift hatten, wie sie regieren sollten, und daß sie alle Jahre von derRe- gierung abgiengen. Collatin, welchen man mit dem Brutus zum Con- sul ernannt hatte, weil er mit ihm der Stifter der Freyheit gewesen war, wurde verdachtig und verwiesen , weil er aus der königlichen Familie herstamm- re, ob er gleich, als der Gemahl der iucretia, mehr als alle andre an der Rache wegen der Beleidigung, die ihr angethan worden, Antheil nahm. Valerius wurde an seiner Stelle Consul. Nach, dem er sein Vaterland von den Vejentern und Hetru- riern befrcyt hatte, gerieth er bey dem Volke in den Verdacht, daß er nach der obersten Herrschaft strebte, weil er ein Haus auf einer Höhe baute. Er hörte nicht allein auf zu bauen, sondern wendete sich ganz auf die Seite des Volkes, ob er gleich ein PatriciuS war; er gab das Gesetz, nach welchem man an das Volk appelliren durfte, und gestattete ihm in gewissen Fällen den endlichen Ausspruch zu thun. Durch dieses neue Gesetz wurde die Gewalt der Consuln gleich in ihrem Anfange geschwächt, und das Volk erstreckte seine Rechte noch weiter, als vorher. Bey Gelegenheit der Bedrängnisse, welche die Reichen gegen die Armen,die ihre Schuldner waren, verübten, empörte sich das Volk gegen die Gewalt derConsuln und des Senates, und zog sich, wie bekannt ist, auf den aventinischen Berg. Es wurde von nichts als von der Freyheit in diesen Versammlungen geredet, und das römische Volk hielt sich nicht für frey, wenn es nicht gesetzmäßige Mittel hätte, dem Senate zu widerstehen. Man wurde in die allgemeine Geschichte. 57z wurde gezwungen, ihm eigne obrigkeitliche Personen zu geben, welche Tribunen des Volkes hießen, und dasselbe zusammen berufen und ihm wider die Gemalt der Consuln beystehen könnten, indem sie sich ihnen entweder widersetzten, oder wider ihr Verfahren appellirten. Diese Tribunen unterhielten, um sich ein Ansehen zu machen, die Uneinigkeit zwischen den beyden Abtheilungen der Stadt, und hörten nicht auf, dem Volke zu schmeicheln, indem sie ihm den Vorschlag thaten, daß die eroberten Länder, oder das Geld, wofür sie verkauft würden, unter die Bürger getheilt werden sollten. Der Senat widersetzte sich diesen Gesetzen beständig, welche dem Staate nachtheilig waren, und wollte haben, daß der Werth der Eroberungen in den öffentlichen Schatz kommen sollte. Das Volk ließ sich durch seine aufrührerischen Tribunen führen, und behielt doch Billigkeit genug, den Muth der großen Männer zu bewundern, die ihnen widerstunden. Wider diese innerlichen Uneinigkeiten wußte der Senat kein beßres Mittel, als bestandig Gelegenheiten zu fremden auswärtigen Kriegen entstehen zu last sen. Sie verhinderten dadurch so viel, daß die Uneinigkeiten nicht aufdas Aeußerste getrieben werden konnten, und vereinigten die zwistigen Partheyen zur Beschützung ihres Vaterlandes. Unterdessen daß die Kriege glücklich von statten gehen, und die Eroberungen sich vermehren, regt sich der Neid wiederum. Die beyden Partheyen, welche bey diesen Zwistig- keiten ermüden, die dem Sraare mit seinem Unter- gange 574 BischofBossuets Einleitung gange drohen, werden über Gesetze einig, wodurch die Ruhe auf beyden Seiten hergestellt, und die Gleichheit in einer freyen Stadt erhalten werden soll. Jede von diesen Partheyen eignet sich die Gewalt zu, diese Gesetze zu geben. Die Eifersucht, welche durch diese Ansprüche vermehrt wird, macht, daß man einmüthig eine Gesandtschaft nach Griechenland zu senden beschließt, die Verfassungen der Städte dieses Landes, und vornehmlich die Verordnungen des Solon aufzusuchen, welche das Volk am meisten begünstigten. Die Gesetze der zwölf Tafeln werden angenommen, und die Zehnmänner, die sie in Ordnung brachten, ihrer Macht beraubt, weil sie dieselbe misbrauchten. Unterdessen daß alles ruhig zu seyn scheint, und man glauben sollte, daß so billige Gesetze die öffentliche Ruhe auf ewig hergestellt hatten, werden die Uneinigkeiten durch neue Foderungen des Volkes wieder angefacht, das nach den Aemtern und nachdem Consulate strebt, das bis Hieher den Familien der Patricier» vorbehalten gewesen war. Das Gesetz, sie dazu zuzulassen, wird in Vorschlag gebracht. Ehe die Väter des Rathes die Würde des Consulates erniedrigen wollen, willigen sie lieber in die Aufrichtung von drey neuen obrigkeitlichen Würden, die unter dem Namen der Kriegstribunen das Ansehen der Consuln haben sollen, und das Volk wird zu dieser Würde zugelassen. Es ist zufrieden, sein Recht behauptet zu haben, und bedient sich seines Sieges mit vieler Mäßigung, und fährt eine Zeitlang fort, den Patricien allein die Regierung zu überlassen. Nach in die allgemeine Geschichte. 575 Nach vielen Streitigkeiten kömmt man wieder auf das Consulat, und nach und nach werden alle Ehren- stcllen den purricien und plebejen gemein, obgleich bey den Wahlen allezeit noch besonders auf die Vornehmen gesehen wird. Die Kriege gehen fort, und die Römer unterwerfen sich nach fünfhundert Jahren die diesseitigen Gal- ^p?. ?5»f. lier, ihre vornehmsten Feinde, und ganz Italien. °e« Nunmehr fangen die punischen Kriege an, und die Sachen gehen so weit, daß iedes von diesen eifersüchtigen Völkern ohne den Untergang des andern nicht sicher zu seyn glaubt. Rom,das beynahe hätte unterliegen müssen,erhält sich in seinem Unglücke vornehmlich durch die Sündhaftigkeit und Weisheit des Senates. Endlich besiegt die Gedult der Römer alles; Hannibal wird überwunden, und Carthago vom Sci- pio AfricanuS unter das Joch gebracht. Das sieghafte Rom erstreckt binnen zweyhundert Jahren zu Wasser und zu Lande seine Eroberungen erstaunlich weit, und bringt beynahe den ganzen Erdkreis unter seine Gewalt. Um diese Zeit und nach dem Untergange der Republik Carthago bewarb man sich um die Aemter, deren Würde und Nutzen immer mehr zunahm, mit einem Eiser, der nicht weit von einer Art von Raserey entfernt war. Die Hochmüthigen, welche sich darum bewarben, dachten nur, wie sie dem Volke schmeicheln wollten. Die Eintracht zwischen dem Senate und dem Volke, welche durch die Beschaffn- gung mit den punischen Kriegen erhalten worden war, wurde mehr als iemals gestört. Die Gracchen brachten 576 Bischof Bossuets Einleitung ten alles in Verwirrung, und ihre aufrührerischen Vorschläge waren der Anfang zu allen bürgerlichen Krie- gen. Veil.psrerc. Dazumal fing man an, Waffen zu tragen , und in den Versammlungen des römischen Volkes Gewalt zu brauchen, wo vorher sonst ein ieder durch rechtmäßige Wege und durch die Freyheit der Stimmen die Oberhand behalten wollte. Die weise Aufführung des Senates, und die Krie- ge, die dazwischen kamen, mäßigten die Streitigkeiten. Marius, der aus einer Familie des Volkes ab- stammte, ein großer KricgsmanN/erweckte mit seiner soldatischenBeredtsamkeit, und mit seinenReden, in welchen er den Hochmuth des Adels beständig angriff, die Eifersucht des Volkes, und erhub sich dadurch zu den größten Würden. Sylla, ein Patricius, stellte sich an die Spitze der Gegcnvarthey, und wurde der Gegenstand der Eifersucht des Marius. Man macht sich Partheyen, und durch die Bestechung vermag man alles in Rom. Die Liebe zum Vaterlande und die Ehrfurcht gegen die Gesetze verschwinden. Zum größten Unglücke lehren die asiatischen Kriege die Römer die Schwelgerey, und vermehren ih^ ren Geiz. Um diese Zeiten fingen die Feldherren an, die Soldaten aufihre Seite zu bringen,die zeither nur den Charakter des öffentlichen Ansehens an ihnen verehrt hatten. Sylla ließ in dem milhridatischen Kriege zu, daß sich seine Soldaten bereicherten, damit sie auf seiner Seite seyn möchten. Ma- in die allgemeine Geschichte. 577 Marius schlug hingegen seinen Anhängern die Theilung des Geldes und der Länder vor. Durch diese Mittel machten sie sich zu Herren über die Kriegsvölkev, vereine, unter dem Verwände, den Senat zu unrerstühcn, und der andre, unter dein Namen des Volkes, und sie führten also selbst in den Ringmauern der Stadt einen wütenden bürgerlichen Krieg. Die Parthey des Marius und des Volkes wurde ganz niedergeschlagen, und Sylla machte sich unter dem Namen eines Dictators zu einen, unumschränkten Herrn in Rom. >Es war schrecklich, wie viele er hinrichten ließ, unv wie hart er dem, Volke sowohl mit Worten als mit Thaten so gar in ihren rechtmäßigen Versammlungen begegnete. ' ' ' Da er am mächtigsten und seiner Herrschaft am gewissesten war, begab er sich selbst von freyen Stücken zum Privatleben'; allein er hatte Ooch gezeigt, daß die Römer einen Herrn leiden könnten. Pompejus, den Sylla erzogen hatte, folgte ihm gwßcntheils in dem Besitze seiner Macht nach. Er schneichelte bald dem Volke, bald dem Senate, um sich emporzuschwingen; allein seine Neigung und sein Vortheil waren endlich Ursache, daß er sich zu der lehren Parthey schlug. Nachdem er die Seeräuber, Spanien, und dett gcinzm Orient überwunden hatte, vermochte er in der Republik, und vornehmlich im Senate alles. ^ Cäsar, der ihm zum wenigsten^gleich seyn wollte, schlug sich auf die Seite des Volkes, und that es in seinem Consulats den Tribunen nach, die am meisten O 0 auf- 578 Bischof Bossmts Einleitung aufrührisch gewesen waren. Er schlug nebst der Theilung der Länder solcher Gesetze, die dem Volke schmeicheln konnten , so viele vor, als er erfinden konnte. Die Eroberung von Gallien erhub den Ruhm, und die Gewalt des Cäsar ungemein. Poinpejus und er vereinigen sich aus Eigennutz, und veruneinigen sich hernach, weil sie eifersüchtig auf einander sind. Der bürgerliche Krieg cntumdct sich.Pom- pcjuö glaubt, daß sein Name allein alles unterstützen werde, und ist nachläßig. Cäsar unternimmt mehr und ist vorsichtiger; er trägt den Sieg davon, und macht sich zum Herrn. Er versucht es zu verschiednenmalcn, um zu sehen, ob die. Römer den Namen eines Königes leiden mögen. Allein alle seine Versuche machen ihn nur verhaßt. Der Senat erkennt ihm Ehrenbezeugungen zu, die bis dahin in Rom unerhört gewesen waren, damit der öffentliche Haß zunehmen sollte, so daß er endlich im ganzen Senate, als ein Tyrann, ermordet wurde. Antonius, einer von seinen Creaturen, welcher um dieseZeit gleichConsul war,brachte das Volk wider diejenigen auf, die ihn umgebracht hatten; er suchte sich diese Uneinigkeiten zu Nutze zu machen / und die unumschränkte Gewalt an sich zu ziehen. Lepidus, der unter dem Cäsar auch viel zu befehlen gehabt hatte, suchte ihn zu unterstützen. Endlich unterfing sich der junge Cäsar in seinem neunzehnten Jahre, den Tod seines Vaters zu rächen, und suchte Gelegenheit, ihm in seiner Gewalt nachzufolgen. Er wußte sich zu seinem Vortheile selbst seiner Feinde , und so gar seiner Nebenbuhler zu bedienen. in die allgemeine Geschichte. 579 Die Kriegsvölker seines Vaters ergaben sich ihm, die sowohl von dem Namen Cäsar, als von seinen erstaunlichen Geschenken eingenommen wurden, die er an sie verschwendete. Der Senat vermag nichts mehr; die Macht und die Soldaten vermögen alles, die sich demjenigen überlassen, der ihnen am meisten giebt. In diesen unglücklichenUmständen schlug dasTrium- virat in Rom alle diejenigen nieder, welch.' noch mu- thig genug waren, sich der Tyranney zu widersetzen. Cäsar und Antonius schlugen den Brutus und Caßius; die Freyheit starb mit ihnen beyden. Nachdem die Uebenpinder sich auch den ohnmächtigen Lepidus unterworfen hatten, so giengen sie verschiedne Verträge und Theilungen ein , wo Cäsar, als der Listigste, allezeit den besten Theil erhielt, und, indem er Rom in seinen Vortheil einflocht, die Oberhand gewann. An- tonius wollte sich wieder erheben; aber vergebens, und die Seeschlacht bey Actium unterwarf das ganze Reich- der Gewalt des Cäsar Augustus. Rom, welches durch so viele Kriege ermüdet und erschöpft worden war, wurde gezwungen, seiner Freyheit zu entsagen, damit es nur einmal der Ruhe gemessen möchte. Die Familie der Cäsarn übt eine unumschränkte Gewalt aus, indem sie sich unter dem Namen der Imperatoren die völlige Macht über die Armeen zueignet. Rom suchte sich unter den Kaisern mehr zu behaupten, als auszubreiten, und alle seine Eroberungen hatten die Absicht, die Barbaren zu entfernen, welche in das Reich einbrechen wollten. S s 2 Nach 580 Bischof Bofsuets Einleitung Nach dem Tode des Caligula hätte der Senat die Freyheit und die consularische Negierung beynahe wiederhergestellt, wenn er nicht durch die KriegSvolker daran verhindert worden wäre, welche eil, beständiqcs Oberhaupt verlangten, das eine uneingeschränkte Macht haben sollte. Wahrend den Empörungen, welche die Gewaltthätigkeiten des Nero verursachten, erwählte sich eine iede Armee einen Kaiser, und die Soldaten lernen einsehen, daß es auf sie ankömmt, wer herrschen soll. Sie schweifen so weit aus, daß sie die oberste Gewalt so gar öffentlich feilbieten, und sich darangewöhnen , das Joch abzuwerfen. Mit dem Gehorsame geht die Kriegszucht ein. Die guten Prinzen geben sich vergebliche Mühe, sie zu erhalten, und ihr Eifer, die alten Ordnungen der römischen Mili^ zu behaupten, seßt sie nur der Wut der Soldaten bloß. Indem sie mit den Kaisern solche Veränderungen vornehme»/und eine iede Armee einen machen will, so kommen daher bürgerliche Kriege, in welchen erstaunlich viel Blut vergossen wird. Auf diese Weise wird das Reich durch die Nacb- läßigkeit der KriegSzucht entkräftet, und durch die innerlichen Kriege ganz erschöpfet. Mitten unter so vielen Unordnungen nimmt die Ehrfurcht vor dem römischen Namen und seine Majestät ab.Dic so oft überwundnen Parther werdendem Reiche vom Morgen her furchtbar, und zwar unter dem alten Namen der Perser, den sie wieder annehmen. Die mitternächtlichen Nationen, welche kalte und unfruchtbare Länder bewohnten, wurden durch die Schön- in die allgemeine Geschichte. 581 heit und Reichthümer des römischen Reiches herbey' gezogen, und suchten von allen Seiten her einzubrechen. Ein einziger Mensch war allein nicht mehr im Stande, die Last eines so großen Reiches zu ertragen, welches so stark angegriffen wurde. Die erstaunliche Menge von Kriege,!/ und die Gemüthsart der Soldaten^ welche an ihrer Spiße ^j ül- perv.torcn und Casin n sehen wollten, macht es zu einer Nothwendigkeit, ihre Zahl zu vermehren. Da das Reich selbst als ein Erbgut angesehen wurde, so vermehrten sich die Beherrscher nothwendig durch die Menge der Kinder, welche die Prinzen zeugen. MarcuS AureliuS nimmt seinen Bruder zum Mit- rcgenten des Reiches an. Scvcrus macht seine beyden Kinder zu Imperatoren. Die verdrießlichen Umstände, worinnen die Angelegenheiten des Reiches sind, nöthigen den Diocletian, den Orient und den Occident unter sich lind den Maximian zu theilen; ie- der von ihnen erleichterte sich die Last, womit sie allzusehr beschwert waren, indem sie zween Casarn erwählten. Durch diese Menge von Imperatoren und Cäsarn wurde der Staat mit einem erstaunlichen Aufwands beschwert; das Reich wurde zertheilt, und die bürgerlichen Kriege vermehrten sich. Constantin, ein Sohn des Imperator Constantiuö Chlorus, theilte das Reich, wie ein Erbe, unter seine Kinder; die Nachkommen folgten diesem Beyspiele, und seit der Zeit sah man fast keinen mehr, der alle Macht allein besessen hätte. Die 582 Bischof Bossuets Einleitung Die Weichlichkeit des Honorius, und Valenti- nianS des III. der Kaiser im Occidente, war Ursache, daß alles verlohrcn gieng. Italien und Rom selbst wurden zu verschiednen malen geplündert, und ein Raub der Barbaren. Der ganze Occident war ihnen preis gegeben. Africa wurde von den Vandalen, Spanien von Visi- gothen, Gallien von den Franken, Großbritannien von den Sachsen, Rom und Italien selbst von den Herulern und hernach von deyOstrogothen eingenomen. Die römischen Kaiser begnügten sich mit dem Oriente, und gaben das Uebrige.Rom selbst und Italien ganz auf. Das Reich erholte sich unter dem Iustinian durch die Tapferkeit des VelisariuS und Narses wieder. Die Saracenen wurden dnrch die Uneinigkeiten ihrer Nachbaren mächtig; dieNachlaßigkeit der Kaiser war Ursache, daß sie ihnen den größten Theil des Orientes wegnahmen, und ihnen auf dieser Seite so viel zu schaffen machten, daß sie nicht mehr an Italien dachten. Die Lombarden nahmen daselbst die schönsten und reichsten Provinzen ein. Rom wurde in die äussersten Umstände gebracht, weil cS so oft angegriffen wurde, und da es aus dein Oriente keine Hülfe zu hoffen hatte, so wurde es gezwungen, sich in die Arme der Franzosen zu werfen. Pipin, der König in Frankreich, gieng über die Alpen und bändigte die Lombarden. Nachdem Carl, der Große, ihrer Herrschaft ein Ende gemacht hatte, so ließ er sich zum Könige von Italien krönen, wo seine Mäßigung allein Ursache war, daß die Nachfolger der Kaiser noch einigen geringen Antheil daran hatten. Im achthundcrtcn Jahre unsers Heilandes wurde er zum römischen Kaiser erwählt und stiftete ein neues Kaiserthum. in die allgemeine Geschichte. 58z Es wird ihnen nunmehr leicht seyn, N7onfti- gneur, die Ursachen von der Größe und dem Falle de6 römischen Reiches einzusehen. Sie sehen, daß dieser Staat,welcher sich ausdenKrieg gründete, und seiner Natur nach fähig war, wider alle seine Nachbaren etwas zu unternehmen, den ganzen Erdkreis unter sein Joch gezwungen hat, weil die Staatskunst und die Kriegswissenschaft in demselben auf den höchsten Gipfel gebracht worden sind. Sie sehen die Ursachen der Uneinigkeiten in der Republik und ihres Falls in dem Neide ihrer Bürger, und in der Liebe der Freyheit, welche ausschweifte, und in eine Unleidlichkeit ausartete,welche gar keine Unterwürfigkeit ertragen wollte. Es kann ihnen nun nicht mehr schwer seyn, die ver- schiednen Zeltender Republik zu unterscheiden, sie mögen sie nun entweder für sich selbst oder in Absicht auf andre Völker betrachten, und sie sehen die Veränderung, die aus der Einrichtung der öffentlichen Angelegenheiten einer ieben Zeit erfolgen mußte. Was die Verfassung der Republik selbst anbelangt, so haben sie dieselbe in ihrem monarchischen Zustande und mit ihren ersten Gesetzen, hernach in ihrer Freyheit, und endlich wiederum, als einen monarchischen Staat gesehen, worein sie durch die Macht und Gewalt gebracht worden ist. Sie können leicht begreifen, wie die Römer ein freyes Volk geworden sind, und wie schon zu den Zeiten der königlichen Regierung der Grund dazu gelegt wurde; mit einer eben so großen Deutlichkeit sehen sie, wie man selbst zu den Zeiten der Freyheit nach und nach wieder den Grund zu einer neuen Monarchie legte. O 0 4 Denn Z84 Bischof Bossuets Einleitung Denn eben so, wie sie den Entwurf einer Republik gesehen haben, den ServiuS Tullius zu den Zeiten der Monarchie machte, und der dem römischen'Volke den ersten Geschmack von der Freyheitgab: Ebenso haben sie angemerket, wie die Tnranney des Sylla, ob sie gleich nur eine kurzeZeit wahrte, offenbar zeigte, daß Rom, ungeachtet seines Muthes, seine Freyheit zu behaupten, ebenfalls fähig war, das Joch zu tragen, das e6 andern Völkern aufgelegt hatte. Wenn sie wissen wollen, was die wütende Eifersucht unter den verschiednen Standen der Römer ver-> ursacht ha^ so dürfen sie nur die Zeiten unterscheiden, die ich ausdrücklich bemerket habe; die Zeit, worin- pen das Volk durch die Gefahren, welche es allenthalben umgaben, in seinen Schranken gehalten wurde, und diejenige Zeit, wo es sich ohne Aufenthalt seinen Leidenschaften überließ, weil es von außen nichts znehr zu befürchten hatte. Der wesentliche Charakter beyder Zeiten ist dieser, daß in der einen die iiebe zum Vaterlande und die Ehrfurcht gegen die Gesetze die Gemüther zurückhielt, und in der andern alles durch den Eigennutz und die Gewalt entschieden wurde. Hieraus folgte, daß in der ersten Zeit diejenigen, die zu befehlen hatten, und durch rechtmäßige Mittel nach den Ehrenstellen trachteten, die Soldaten aus Pflicht imZaume und in derLiebe undEhrfurcht gegen die Republik erhielten; da hingegen in der andern Zeit, wo die Gewalt alles vermochte, die Feldherren auf nichts dachten, als wie sie die Soldaten schonen, und dahin bringen möchten, Antheil an ihren Anschlägen wider hen Senat zu nehmen. Dieser in die allgemeine Geschichte. 585 Dieser letzte Zustand machte den Krieg in Rom nothwendig, und weil in dem Kriege, wo die Gesetze nichts mehr vermögen, die Gewalt allein alles entscheidet, so mußte endlich der Mächtigste allezeit Herr bleiben, und folglich das Reich wieder unter die Gewalt eines einzigen Beherrschers zurückkehren. Es schickte sich auch alles so von sich selbst dazu an, so daß Polybius, welcher in den besten Zeiten der Republik gelebt hat,bloß aus der Beschaffenheit aller öffentlichen Angelegenheiten voraussah, daß der römische Staat endlich wieder eine Monarchie werden würde. Die Ursache dieser Veränderung ist leicht zu finden. Die Uneinigkeit zwischen den verschiedenen Standen der Römer konnte nicht anders, als durch die Macht eines unumschränkten Herrn unterdrückt werden, und die Freyheit wurde doch allzusehr geliebt, als daß man sie freywillig hätte aufgeben sollen. Sie mußte also nach und nach unter allerley scheinbaren Vorwendungen geschwächt, und dadurch in den Zustand gebracht werden, wo sie endlich durch die offenbare Gewalt zerstört wurde. Der Bctrua, mußte, wie Aristoteles sagt, den Anfang machen, dem Volke zu schmeicheln, und die Gewalt mußte nothwendig auf ihn folgen. Der römische Staat konnte noch ein andres Uebel schwerlich vermeiden, und dieses war die Macht der Soldaten. In der That, diese Monarchie, welcke die Casarn gründeten, indem sie sich mit den Waffen zu dieser Würde erhuben, gründete sich ganz auf die Soldaten; darum erhielten die Kaiser auch den Namen der Imperatoren, ein Name, welcher der Herrschaft über die Armeen eigen und natürlich ist. O 0 5 Hier- 586 Bischof Bossuets Einleitung Hieraus können sie sehen, Monseigneur, daß, wie die unvermeidliche Schwache der Republik in der Eifersucht zwischen dem Volke und dem Senate bestund, also auch die Monarchie der Cäsarn ihre UnVollkommenheit hatte, und diese bestund inderUngebundenheit der Soldaten, von denen sie dazu gemacht worden waren. Denn es war nicht möglich, daß die Soldaten, welche die ganze Regierungsform geändert, und die Kaiser eingesetzt hatten, nicht bald hätten einsehen sollen, daß sie es wären, die mit dem Reiche schalten und walten könnten, wie sie wollten. Sie können zu diesen Zeiten, die sie ißt betrachtet haben, noch diejenigen hinzusetzen, welche den Zustand und die Veränderungen der Miliz betreffen, die Zeit, wo sie dem Senate und dem römischen Volke unterwürfig und ergeben ist, diejenige, wo sie sich den Feldherren ergiebt, diejenige, wo sie dieselben zu unumschränkten Herren unter den militärischen Titel der Imperatoren erhebt; diejenige Zeit, wo sie gewissermaßen selbst mit ihren eignenJmperatoren umgieng, wie sie wollte, und sie nach ihrem Dünkel bald absetzte, bald einsetzte. Hieraus entstunden ihre ungezähm- te Freyheit, ihre Empörungen, und die Kriege, die wir betrachtet haben, und endlich mit dem Ruine der Miliz der Untergang des ganzen Reiches. Das sind die merkwürdigen Zeiten, welche uns die Veränderungen des römischen Staates, an sich selbst betrachtet, bezeichnen. Diejenigen, welche sein Verhältniß gegen andre Völker angehen, sind eben so leicht zu unterscheiden. Es giebt eine Zeit, wo Rom mit seines gleichen streitet, und wo es selbst in Gefahr ist. Diese Zeit begreift etwa fünfhundert Jahre, und endigt sich mit dem in. die allgemeine Geschichte. 587 dem Ruine der Gallier in Italien und der Republik Carthago in Africa. In der Zeit, wo Rom streitet, ist es stets stark und außer aller Gefahr, so groß auch die Kriege seyn mögen, die es unternimmt. Diese Zeit währt 2^0 Jahre, und geht bis auf die neue Einrichtung des Reiches unter den Cäs^rn. Hierauf kömmt die Zeit, wo es sein Reich, und seine Majestät erhält. Sie währt 400 Jahre, und endigt sich mit dem Reiche TheodosiuS, des Großen. Die Zeit/ wo das römische Reich von. allen Seiten her angegriffen wird, und nach und nach verfällt, währt auch 4QN Jahre, fängt mit der Regierung der Kinder des TheodosiuS an, und endigt sich mit dem Anfange der Regierung Kaiser Carls, des Großen. Ich weis wohl, Monseigneur, daß man zu den Ursachen des Unterganges des römischen Reiches noch viele besondre Umstände hinzusetzen kann. Die Härte der Glaubiger gegen ihre Schuldner hat öftere und große Empörungen verursacht. Die erstaunliche Menge der Fechter und Sklaven, womit Rom und Italien überladen war, sind an erschrecklichen Gewaltthätigkeiten und selbst sehr blutigen Kriegen Schuld gewesen. Rom, welches durch so viele einheimische und fremde Kriege erschöpft wurde, machte, theils durch Rotten, theils durch Recht so viele neue Bürger, daß es sich kaum selbst mehr erkennen konnte, so vielen Fremden hatte es das Bürgerrecht gegeben. Der Senat wurde mit Barbaren angefüllt; das römische Blut wurde vermischt; die Liebe zum Vaterlande, wodurch sich Rom über alle andern Völker erhoben hatte, war denen Bürgern, die aus Fremden dazu geworden waren, nicht natürlich, und die andern verderbten ihr römisches 588 Bischof Bossuets Einleitung römisches Blut durch dieVermischung mitdcnFremden. DiePartheylichkeiten vermehrte» sich durch die erstaunliche Menge neuer Bürger, lind die unruhigen Gemüther fanden dadurch neue Mittel, alles in Unordnung zubringen und alles zu unternehmen» Unterdessen nahm die Anzahl der Armen durch die Verschwendung, durch die Schwelgerey, und durch den Müßiggang immer ^u. Diejenige», welche verarmt waren, wußten sich nicht besser zu helfen, als, durch Empörungen, und allenfalls bekümmerten sie sich wenig darum, wenn nach ihrem Untergange alles andre auch verlohren gienge. Sie wissen, daß dieses die Ursache an der Catilinarischen Verschwörung war. Die hochmüthigen Großen und die Unglücklichen, die nichts zu verlieren haben, lieben die Veränderung. Diese beyden Gattungen von Bürgern hatten in Rom die Oberhand, und da der Mittelstand, der bey allen freyen Völkern das Gleichgewichte halten muß/ allzuschwach war, so mußte die Republik nothwendig fallen. Man kann dazu noch die besondre Gesinnung und den eignen Charakter derjenigen hinzusehen, welche alle große Veränderungen verursacht haben; ich meyne die Gracchen, den Marius, den Sylla, den Pom- pejus, den Julius Cäsar, den AntoniuS, und den Au- gustus. Ich habe etwas davon angemerkt; allein ich habe mich vornehmlich bemüht,Jhnen,Monftigneur, die allgemeine» Ursachen, und die wahren Wurzeln des ganzen Uebels, nämlich die Eifersucht unter beyden römischen Ständen zu zeigen, weil ihnen die Betrachtung aller dieser Folgen am wichtigsten seyn mußte. Allein in die allgemeine Geschichte, 589 Allem erinnern sie sich, Monsticsneur, daß diese lange Reihe und Verbindung der besondern Ursachen, welche an der Größe und dem Untergange der Reiche Schuld sind, von den geheimen Einrichtungen der göttlichen Vorsehung abhängen. Gott halt im Himmel die Ruder aller Reiche; er hat alle Herzen in seiner Gewalt; bald halt er die Leidenschaften zurück^ bald läßt er ihnen den Zügel los, und dadurch bewegt er das ganze menschliche Geschlecht. Will er Eroberer machen? So läßt er das Schrecken vor ihnen vorhergehen, und giebt ihnen und ihren Soldaten eine unüberwindliche Kühnheit. Will er Gesetzgeber schaffen? Er sendet ihnen seinen weisen und weit auesehenden Geist; er laßt sie den Uebeln vorbeugen, die die Staaten bedrohen, und die Gründe zu der öffentlichen Ruhe legen. Er weis, daß die menschlichen Augen allemal irgendwo zu kurzsichtt'g sind; er erleuchtet sie und erheitert ihre Einsicht, und Hierauf giebt er sie in ihre Unwissenheit dahin; er verblendet sie, er stürzt sie, er macht sie durch sie selbst zu Schanden ; sie verwickelt und verwirrt sich in ihren eigncn Grübeleyen, und ihre Vorsicht wird ihr zum Netze, Gott übt dadurch seine schrecklichen Gerichte aus, allezeit aber nach den Gesetzen seiner unfehlbaren Gerechtigkeit.Er istee,der diejenige Wirkung in ihren entferntesten Ursachen zubereitet, welche die großen Veränderungen hervorbringt, deren Erfolge sich in einer weiten Entfernung erst zeigen. Wenn er den letzten Streich thun, und die Reiche umstürzen will, so geht in den Rathschlagen alles unordentlich zu,und er verwirrt sie. Aegypten, das vordem so weise war, geht in seiner Trunkenheit, in seiner Betäubung und in seinem Taumel dahin, weil der Herr den Geist des Schwindels über sie ausgegossen M Bischof Bossuets Einleitung gössen hat; es weis >nicht mehr, was es thut;'esistver- lohren. Allein die Menschen mögen sich nur nicht irren ; Gott bringt den verkehrten Sinn wieder zu recht, wenn eö ihm gefällt, und derjenige, welcher der Blindheit andrer spottete, fallt selbst in die dicksten Finsternisse, ohne daß oft etwas mehr dazu nöthig ist, als ein lang anhaltendes Gluck. So herrscht Gott über alle Völker. Wir wollen also weder vom Zufalle noch vom Glücke mehr reden; wir wollen allein davon als von einem Namen sprechen, womit wir unsre Unwissenheit verbergen. Was in Betrachtung ungewisser Rathschläge Zufall ist, ist in dem höhern Rathe ein herrlich eingerichtetes Vorhaben, nämlich in dem ewigen Rathe, der alle Ursachen und alle Wirkungen in einer Ordnung begreift. Auf diese Weise vereinigt sich alles zu einem Endzwecke, und es kömmt von unsrer Unwissenheit des Ganzen her, wenn wir in besondern Vorfällen Zufall oder Unordnung antreffen. Dadurch wird klar, was der Apostel sagt, wenn er »Tim. s, 15. Gott den allem Seligen, den allein Gewaltigen, den Röntg aller Zxöntge, und den Herrn aller Herren nennt. Er ist selig, weil seine Ruhe unveränderlich ist, weil er alles verändert werden sieht, ohne selbst Veränderung zu leiden, und weil er alle Veränderungen durch seinen unbeweglichen Rathschluß schafft. Mächtig ist er, weil er die Gewalt giebt und nimmt, wem er. will, weil er sie von einem Menschen auf den andern, von einem Haufe auf das andre, von einem Volke auf das andre, sozusagen, überträgt, um zu zeigen, daß sie sie alle nur als geliehen besitzen, und daß er allein derjenige ist, wo sie ihren natürlichen und eigentlichen Sitz hat. Daher in die allgemeine Geschichte. 591 Daher kömmt es, daß alle Beherrscher wohl empfinden, daß sie einer höhern Macht unterworfen find. Sie thun mehr oder weniger, als sie denken, und ihre Rathschläge haben allezeit einige unvermuthete Erfolge. Sie haben über die Verfassungen keine Gewalt, worein die vergangnen Zeiten ihre Angelegenheiten gebracht haben; sie können auch nicht wissen, was sie in Zukunft für einen lauf nehmen werden, weir gefehlt, daß sie solches zwingen könnten. Gott allem hält alles in seiner Hand, er weis den Namen desje- nigen,wa6 ist,und desjenigen,wäs noch nicht ist; er gebietet über alle Zeiten und kömmt allen Anschlagen zuvcr. Alexander glaubte nicht für seine Feldherren zu arbeiten, und seinem Hause durch seine Eroberungen den Untergang zuzuziehen. Als Brutus in den Herzen der Römer die große Liebe zur Freyheit erweckte, so dachte er nicht, daß er in ihren Gemüthern den Grund zu der unbändigen Frechheit legte, durch welche die Tyrannei), die er zernichten wollte, einmal wiederhergestellt werden, und unerträglicher, als unter den Tarquinen seyn sollte. Als die Casarn den Soldaten schmeichelten, so glaubten sie nicht, daß sie sie dadurch zu Herren über ihre Nachkommen und Nachfolger im Reiche Machen würden. Mit einem Worte, es ist keine menschliche Macht, weiche nicht wider ihren Willen andre Anschläge, als die ihrigen sind, befördern muß. Gott weis alles nach seinem Willen zu rücken. Darum seht uns alles in Erstaunen,wenn man nur die besondern Ursachen erwagt, und dennoch geh! alles in einer ordentlichen Folge fort.Diese Einleitung zeigt ihnen dieses, und sie sehen, von andernReichcn nicht zu reden, durch wie viele unvermuthete Rathschläge, die aber allezeit zusammenhangen, das Scbick- 592 Bischof Bosiuets Einleitung?c. sal von Rom/vom Romulus bis auf Kaiser Carl», den Großen, eingerichtet und fortgeführt worden ist. Sie glauben vielleicht, Monst-iIneür, daß ich ihnen noch etwas mehr von ihren Franzosen und vol, Kaiser Carln, dem-Großen, hätte sagen sollen, der eii; neues Reich aufgerichtet hat. Allein außerdem daß seine Geschichte einen Theil der Geschichte Frankreichs ÄUsmacht,die sie selbst schreiben,und worinnen sie schon s» weit gekommen sind, so behalte ich Mir solches aufeine andre Zeit vor, wo ich nothwendig von Frankreich, und von diesem großen Eroberer werde reden müssen, welcher all Tapferkeit allen denen gleicht, die das A lterthum am meisten erhoben hat, und der sie an Frömmigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit weit übertrifft. Alsdann werde ich auch von den Ursachen des erstaunlichen Glückes des Mahomets und seiner Nachfolger reden. Dieses Reich, welches zwenhundert Jahre vor Kaiser Carln, dem Großen, seinen Anfang genommen hat, könnte hier eine Stelle findeil; allein ich ' habe geglaubt daß es besser ware,ihnen in einem Zusammenhange seinen Anfangend feinenVerfall zu zeigen. Ich habe Ihnen also über den ersten Theil der allgemeinen Geschichte nichts mehr zu sagen. Sie werden alle Geheimnisse davon entdecken, und es wird nur auf sie ankommen, die ganze Folge der Religion und aller Reiche bis auf Kaiser Carln, den Großen, mit einem Blicke zu übersehen. ^ Unterdessen, daß sie sehen, wie fast alle Reiche durch sich selbst fallen und einstürzen, und wie sich die Religion durch ihre eigne Kraft erhalt, so werden sie sehr leicht erkennen, was die wahre Größe ist, und worauf eiil vernünftiger Mensch seine ' Hoffnung sehcn soll. 5N>ZLNM «K? P? 595 KOOOODGGGGOGDDGOOiG^ Von Der römischen Bischöfe bey den allgemeinen Versammlungen der ersten Kirche» enn Männer, die mit allen Vorzügen des menschlichen Verstandes begab« sind, die mik einer tiefen Einsicht in die Wissenschaften eine große Redlichkeit und Unparcheylichkeit verbinden, oder dem,was sie vortragen, den elnüehmenden Schein dieser Tugenden zu geben wissen, wenn solche Manner schien, so kann man nicht sorgfältig genug seyn, alles, wo sie irren, anzumerken, und von der Wahrheit genau zu unterscheiden. Die Irrthümer kleinrer Geister verrathen entweder ihre natürliche Gestalt bey dem erstett Anblicke, oder können sie zum wenigsten nicht gar lange Zeit den Augen entziehen. Die Fehler großer Männer sind schwerer zu erkennen, weil sie die Kunst wissen, ihre Irrthümer fast so liebenswürdig zu machen, als die Wahrheiten selbst sind. Wenn sie so irren, daß sie selbst auf dem rechten Wege zu seyn glauben, wie leicht können sie andre darauf verführen, wie eben können sie ihn machen, und mit wie viel Blumen werden sie ihn nicht überstreuen ! Man sieht es nicht, wenn sie straucheln, weil sie mit Anstand zu straucheln wissen. Wenn sie aber empfinden, daß sie irren, und es ist ihren Leidenschaften daran gelegen, ihre Empfindungen zu verbergen, und andre zu hintergehen. dem Range und Ansehen Pp- wis 596 Anhang einiger historisch-critischen wie viele Reichthümer werden sie verschwenden/ ihre Irrthümer auszuschmücken? Der Haufe, welcher nicht sehen kann, daß iemand irrt, wenn er nicht auf eine gemeine und alltägliche Weise irrt, wird verführt, und er ist in der That zu entschuldigen, wenn er in solcher Gesellschaft fehlt. Wie er vor zween Königen, die in einem gleichen Pompe und Ansehen erscheinen, eine gleiche Ehrfurcht hat, so geht es ihm auch mit den Wahrheiten, und den Irrthümern, wenn er sie mit einem gleichen Schmucke bekleidet sieht. Wenn «ber auch die Irrthümer großer Geister so wichtig und offenbar sind, daß sie seinen Blicken sich nicht ganz entziehen können, so richtet doch das Ansehen, womit sie umgeben sind, so viel aus, daß sie kleine Fehler zu seyn scheinen, welche keinen Schaden thun können. Allein eben dieser Betrug ist Ursache, daß es ihnen zuweilen gelingt, die Wahrheit selbst auf einige Zeit zu unterdrücken. Dossver, dieser große Bischof, besaß den Geist, welcher den Meynungen seiner Kirche das blendende Ansehen der Wahrheit geben konnte. Er hatte alle Vorzüge des Verstandes und des Herzens in sich vereinigt, welche nöthig sind, die Lehren seiner Kirche so vorzutragen, daß sie sich von der Wahrheit schwer unterscheiden lassen. Seine durchdringende Einsicht übersah die kleinsten Vortheile nicht, und sein feuriger und bildender Geist belebte sie so sehr, daß sie unter seinen Händen wichtig zu werden schienen. Er mochte in eine noch so dürre und unfruchtbare Wüste kommen, so schienen, wo er war, überall Blumen aufzugehen. Seine Beredtsamkeit war in seinen richtigen und unrichtigen Lehren beynahe gleich er» haben; sie war mächtig und unüberwindlich, wenn sie Abhandlungen. 597 die Wahrheit beschützte, und gefährlich, wenn sie den Irrthum vertheidigte. Sie wurde um so viel gefährlicher, ie redlicher und aufrichtiger er entweder mit den Menschen umgieng, oder umgehen wollte. Ueberall schien seine Menschenliebe, und sein Eifer, dieGlück- seligkeit aller Menschen zu befördern, das Wort zu führen. Man sagt, daß das menschliche Herz uner- forschlich ist; wie schwer wird man also den wahren Charakter eines Herzens bestimmen können, das vor so vielen andern erhoben war! Wenn die Tugend nicht seine vornehmste Leidenschaft gewesen seyn sollte, so ist doch gewiß, daß er seinen andern Leidenschaften ein eben so schönes Ansehen, als den Vorurtheilen für seine Kirche und Würde gegeben hat. Dieses wird mich genug rechtfertigen, wenn ich mich alles anzuzeigen bemühe, was in seiner gegenwärtigen Einleitung in die Geschichte ungegründete Meynungen sind, und doch in seinem Vortrage Wahrheiten zu seyn scheinen. Seine Schrift kann einen so großen Nutzen schaffen, daß sie werth ist, allgemeiner gemacht zu werden, und der Schade, den die irrigen eingestreuten Meynungen seiner Kirche stiften können, ist diesem Nutzen allzusehr zuwider, als daß sie nicht bemerkt werden sollten. Meine Anmerkungen werden den Vorzug der Neuheit nicht haben; allein ich habe geglaubt, daß es den Lesern angenehm seyn würde, wenn ich ihnen die Mühe ersparte, sie in den Schriften eines Richers, Cajsadms, Epan- heims, Du Pins, Vasnageund andern Werken zusammen zu suchen. Es ist bekannt, daß die AnHanger der römischen Kirche keine von ihren Lehren, womit sie sich von den Protestanten unterscheiden, mehr zu vertheidigen suchen, als die Lehre von dem Anseheil und der monar- Ppz chi- 598 Anhang einiger Hisiovisch-critischen chischm Gewalt des römischen Bischofes über die Kirche Gottes. Die Nothwendigkeit zwingt sie dazu, weil sie zu den meisten von ihren andern Meynungen keinen andern Zeugen haben, als ihn, zu geschweige«,/ daß sie allzueinträglich ist, als daß man sie aus bloßer Liebe zur Wahrheit aufgeben sollte. Denn diese Lehre ist cS, die so viele Nepoten der Pabste bereichert , so vielen Cardinalen Palläsie und Lustschlösser gebaut, so viele Bischöfe zu Fürsten gemacht, so viele Gebeine der Heiligen und Heiden verkauft, und so viele müßige Mönche ernährt hat. Wenn man wissen will, wie weit sich die Lehre von der monarchischen Gewalt des römischen Bischofes über die Kirche erstreckt, so darf man sich nur erinnern, was Bellar- minuS gesagt hat, daß die ganze Christenheit verbunden wäre, zu irren, wenn ihr Oberhaupt in Irrthümer fallen sollte. Es gehören zwar starke Beweise zu dieser Lehre; doch so lange man die Menschen noch mit Gewalt, oder mit Versprechungen und Belohnungen überzeugen kann, was hat man nöthig, sich zu bekümmern, ob die Gründe die stärksten sind, oder nicht? Unterdessen muß man den Vekennern der römischen Lehren die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, daß sie sich zum wenigsten Mühe gegeben haben, zu beweisen. Sie haben die allgemeine Hoheit ihres Bischofes in der Schrift finden wollen, und angenommen, daß sie in der Person des Apostels Petri , welchen sie zum ersten Bischöfe in Rom erklären, allen seinen Nachfolgern ertheilt worden sey. Es ist hier der Ott nicht, diese Beweise zu untersuchen. Die Vertheidiger dieser Monarchie in der Kirche haben die Schwache ihrer Gründe aus der Schrift selbst empfunden, und aus der Ursache ihre Zuflucht zu der Geschichte genommen, und daraus beweisen wollen, daß den römischen Abhandlungen. 599 Bischöfen von allen Zeiten her diese Hoheit, die sie vertheidigen, von der rechtgläubigen Kirche zugestanden wordeil sey. Einer von diesen Beweisen ist der, daß sie behaupten, es hätten die Bischöfe in Rom bey allen allgemeinen Kirchenversammlungen in Person oder in ihren Legaten, entweder präsidirt, oder doch den Aussprüchen der versammelten Kirche durch ihre Bestätigung die erfoderliche Gültigkeit geben müssen. Ich brauche das Wort präsidiren, weil es nicht allein den Vorsitz bey den Kirchenversammlungen, sondern auch das Ansehen über sie anzeigt. Denn dieses ist es, was nach des Bischof Vofsvers Erzählung die ersten römischen Bischöfe gethan haben. Ehe ich die Bossvetische Erzählung bey einen le- den Schritte begleite, so muß ich die allgemeine Anmerkung machen, daß man in den ersten Zeiten die Ehrfurcht für die allgemeinen Kirchenversammlungen nicht hatte, welche die römischen Lehrer für sie verlangen. Man schrieb denselben die Unfehlbarkeit nicht zu, welche sie ihnen zueignen. GregoriuS Nazianze- ims, ein großer Bischof in der ersten Kirche, schreibt in einem Briefe an den Procopiuö: Er habe beschlossen zu keiner Versammlung der Bischöfe mehr zu kommen, weil er noch keinen einzigen glücklichen und heilsamen Ausgang einer solchen Zusammenkunft gesehen hätte; es wären vielmehr in allen wegen des Hochmuthes und der Uneinigkeit der Berathschlagenden die Umstände der Kirche mehr verschlimmert, als verbessert worden Die Rechtgläubigen und die Ketzer glaubten berechtigt zu seyn, ihre Auösprü- che zu beurtheilen, und in neuen Versammlungen ent- Pp 4 weder ' AnIiMZ.m eM. sä krocoxium. 6sv Anhang einiger historisch-critischm weder zu bestätigen, oder zu verdammen. Warum unterwarfen sich die Arianer der nicänischen nicht? Das Orakel hatte gesprochen; allein man hielt es nicht für unfehlbar. Augustinus sagt ausdrücklich, daß einige von den ersten allgemeinen Versammlungen von den nachfolgenden verbessert würden, und er nimmt in seinem Streite mit dem Marimus weder die nicä- uische noch die ariminensische Versammlung zum obersten Richter an *. Gesetzt also, daß die römischen Bischöfe bey den allgemeinen Kirchenversammlungcn alle Macht gehabt hatten, die sie sich zueignen, was würden sie dabey gewinnen? Würden diejenigen unter ihren Lehren, die sich nur auf menschliche Zeugnisse gründen, gewisser werden? Warum sollen wir diese oder jene Meynungen annahmen ? Weil sie von der Kirche,von den römischen Bischöfen, und von allgemeinen Versammlungen angenommen worden sind? Man glaubte in den ersten Zeiten der Kirche, daß dreyhundert und achtzehn Bischöse eben sowohl irren könnten, als einer. Ein einziger Paphnutius verhinderte bey der ansehnlichen nicänischen Versammlung, daß nicht dreyhundert und siebzehn Bischöfe irrten, und die Ehe der Priester für unerlaubt erklärten Was werden also den Lehrern der römischen Kirche für Beweise übrig bleiben, wenn sogar allgemeine Kirchenvcrsammlungen nicht unfehlbar sind, und wenn ihr Bischof zu keiner Zeit das Ansehen bey denselben gehabt hat, das sie ihm zueignen? Die Lehrer der römischen Kirche nehmen an, daß der Apostel Petrus der erste Bischof in Rom gewesen * ^uxuK. libr. II. cle Laptilmv contr. Oon»t. c. z, Lc jibr. z. conrr. IVlsxim c. 14. ** 8oiomemis Ubr. I. c. ,z. Läir. 8rexK. Abhandlungen. 6vi sen sey, und seinen Nachfolgern die Herrschaft über alle andern Bischöfe, die Unfehlbarkeit in den Lehren des Glaubens, die Macht, die Verordnungen Christi nach Gefallen zu andern, und das Recht, ein neues Evangelium zu predigen, als ein Erbtheil, nachgelassen habe. Man macht den römischen Bischöfen die Ehre, Petri Nachfolger zu seyn, mit vielen Gründen streitig; man streitet so gar, ob er iemals nach Rom gekommen sey, und den Martyrcrtod daselbst erlitten habe ^. Allein man kann so großmüthig seyn, und alles dieses einräumen; ohne daß die Bekenner der römischen Lehren etwas gewinnen. Was die Unfehlbarkeit ihrer Bischöfe betrifft, so ist sie schon lange ein Spott der klugen Catholiken gewesen. LaunojuS, der die Kühnheit hatte, seiner Kirche alle Jahre eine Menge von Heiligen zunehmen, hatte auch die Kühnheit, öffentlich zu sagen, daß der römische Bischof seine Unfehlbarkeit den Schmeichlern zu danken hätte Man braucht sich also nur beweisen zu lassen / daß Pe- trus die Herrschaft über die andern Apostel gehabt habe. Christus selbst hat keinem vor dem andern den Vorzug gegeben;^ ergab ihnen allen eine gleiche Macht zu binden, und zu lösen; er sehte ihrem Lehramt? gleiche Grenzen; sie waren es alle, zu denen er sagte: Ge- Mattb.-»,is hethin,und lehret alle Völker. Wenn man sagen kann, daß Christus einen von den andern besonders unterschieden habe, so war es Johannes, der mit dem vorzüglichen Namen eines Jüngers, den der Herr lieb harre, geehrt worden ist. Wie würden die Leh- Pp 5 rer * Lz5n»»e Hiitoire cle I'Hglile rom.I. p Z46 fy6 Anhang einiger historisch britischen daß Petrus bey dieser Versammlung der Apostel nicht der Vornehmste gewesen sey. Man kann diese Versammlung eine allgemeine nennen, weil die Stifter der Kirche, die Apostel, dabey zugegen waren; man wollte denn annehmen, daß schon einige von ihnen unter die Heiden gegangen waren, indem nicl^t ausdrücklich gesagt wird, daß sich noch alle Apostel zu Jerusalem aufgehalten haben. Nach dieser Zusammenkunft verflossen dreyhundcrt Jahre, ehe wieder eine allgemeine Kirchenversammlung angestellt werden konnte. Unterdessen hatten die römischen Bischöfe Zeit, selbst mitten unter den Verfolgungen ehrgeizig zu werden, und einen Vorzug über andre Bischöfe sich anzumaßen. Rom war die Königinn unter den Städten der Welt; man darf sich nicht wundern, wenn bey einigen Bischöfen dieser Stadt zuweilen ein heimliches Verlangen erweckt wurde, Könige unter den Bischöfen zu werden. Die Menschen sind so eitel, daß sie der kleinsten Vortheile wahrnehmen, die ihrem Stolze schmeicheln können; die Religion ist ui'cht allezeit machtig genug, diese Eitelkeit zu unterdrücken, da sich die Menschen ihrer Gewalt widersetzen. Die Bischöfe in den übrigen Diöcesen erwiesen den römischen eine Ehre, die sich auf diesen Vorzug der Stadt Rom vor andern Städten gründete, ohne sich im Grunde für geringer zuhalten. Dicfc Ehre hatte aber niemals das Ansehen einer Unterwürfigkeit. Sie beriefen die Bischöfe und Priester, die »n- ter ihnen stunden, ohne die Einwilligung des römischen Bischofes zu verlangen, und die Verordnungen ihrer Zusammenkünfte waren ohne seine Bestätigunggültig. Man hatte auch für die Verordnungen der Päbste und ihrer Bischöfe nicht die geringste Achtung, Abhandlungen. 607 mng, wenn man Ursache zu haben glaubte, mit ihnen unzufrieden zu seyn. Im andern Jahrhunderte entstund in der Kirche ein Streit wegen der Feyer des Osterfestes, welches die occidentalischen und orientalischen Kirchen nicht zu einer Zeit begiengen. Die morgenlandischen Kirchen feyertcn es nebst denen in Gallien mit den Juden an einem Tage, und die abendländischen verlangten, daß man es den nächsten Sonntag darauf feyern sollte, um sich von den Jüden zu entfernen *. Dieser Unterschied war so wichtig nicht, daß sich deswegen die Kirchen unter einander trennen sollten. Anicet, Victors Vorgänger, hatte darum auch die Gemeinschaft mit dem heiligen Polycarpus, dem Bischöfe zu ^DMyrna, nicht aufgehoben, welcher in diesem Stücke von den Abendländern abwich. Victor aber war ehrgeiziger und hitziger; er wurde aufgebracht, daß die morgenländischcn Kirchen bey ihrer Gewohnheit blieben, und sich nicht nach den abendlandischen richteten, deren Haupt er seyn wollte. Er schloß sie also von der Gemeinschaft mit seiner Kirche aus. Allein sie entsetzten sich vor diesem Oonner nicht,und sie glaubten nicht, außer der Kirche Christi zu seyn, wenn sie auch außer der Ge>- meinschaft mit dem römischen Bischöfe waren. Sie fürchteten sich vor den schrecklichen Strafen des Himmels nicht, die sie fürchten sollten, wenn sie Rebellen wider ihr Oberhaupt wurden. Polykrates, Bischof zu Ephesus, der Vornehmste unter den asiatischen Bischofen, schriebin sehr starken Ausdrücken an Victorn, und behauptete die Gewohnheit, die zu Rom verdammt worden war. Er setzte der römischen Kirche, welche auf ihre Stifter die Apostel, Petrum, und Paulum, stolz seyn konnte, den Apostel Johannes und Phitippus, und * Euseb. Kircheng. 5. B. 22.25 24. K. 6o8 Anhang einiger historisch - critischen und eine ganze Menge berühmter Heiligen und Märtyrer entgegen, welche das Osterfest nach seiner Weise gefeyert hatten. Er seht in seinem Briefe sogar den heiligen Johannes überPetrum, weil er an der Brust Jesu gelegen hatte Das hieß wohl nicht den römischen Bischof für den sichtbaren Statthalter Christi halten. Der heilige Irenaus verdammte seine Aufführung in einem Schreiben an ihn, worinnen er ihm und seinen Vorfahren bloß als Priestern begcg. nete**. Andre Kirchen, die gar nicht in den Bann des römischen Patriarchen eingeschlossen waren, folgten dem Beyspiele des Irenaus, und tadelten Victors heftiges Verfahren sehr. Victor verdiente ihren Tadel. Zu der Zeit, da die Christen noch überall heftig verfolgt wurden, und ihre Priester die Heiden durch die Ausübung der größten Tugenden vornehmlich gegen ihre Brüder selbst zur Sanftmuth und Gelindigkeil bewegen sollten, zu der Zeit konnte ein Bischof, de? ein Nachfolger Petri war, das Band der Einigkeit unter den Kirchen wegen einer streitigen Gewohnheit zerreißen? Was konnte ihrem Haupte, Christo, vor dem tausend Jahre wie ein Tag sind, daran gelegen seyn, ob man das Gedächtniß seiner Auferstehung den 14 oder den 21 Merz feyerte? Diejenigen, welche das Osterfest den 21 begierigen, wollten die nicht für ihre Brüder erkennen, die es den 14 feyerten. Das war für die Heiden sehr erbaulich. Konnte ein kleiner Unterschied in einer Gewohnheit die Zwietracht und Verfolgung zwischen Bekennern einer Religion rechtfertigen, wie konnten sich nicht die Heiden entschuldigen, deren Religion von der christlichen völlig unterschieden war? Es war aber ein Glück für die * Ensebilis in s. Kircheng. 5.L. 24. K. 5ocr»r. tM. Lccl.c.21. Abhandlungen. 609 die Christen, daß dazumal ein römischer Bischof in der Welt nicht so viel Aufsehen machte, als in der Kirche; sie würden sonst nicht mit den Vorwürfen der Götzendiener verschont geblieben seyn. Der Bischof Vofsver, welcher sorgfaltig genug ist/ eine Kleinigkeit anzumerken und geltend zu machen, wenn sie dem sogenannten apostolischen Sitze in Rom zur Ehre gereichen kann,hat von diescrAufführung desVictor nichts gedacht, ohne Zweifel darum, weil cr für die Ehre feines obersten Bischofes besorgt war, die durch diese Geschichte eben keinen Glanz erhalt. Die nachfolgenden Bischöfe im dritten Jahrhunderte hatten eben so wenig Ansehen bey den Kirchenversammiungen Verändern Bischöfe, und man achtete ihren Bann nicht. Die Streitigkeiten des heiligen Cyprianus mit den römischen Bischöfen, dem Cornelius und Ste- phanus, sind allzubekannt, als daß die Mühe wohl angewendet seyn sollte, die sich Bojjver gegeben, die ganze Geschichte davon mit gelinden Ausdrückungen vorzutragen. Cyprian, dieser große Carthaginensi- sche Bischof gab nicht zu, daß der römische einige Hoheit über andre Bischöfe hatte. Er glaubte, daß Gott allein der Richter wäre, welchem sie von der Verwaltung ihres Amtes würden Rechenschaft geben müssen. Er setzte sich dagegen, wenn einige, die unter seiner Aufsicht stunden, von dem römischen Bischöfe gerichtet seyn wollten, weil sie ihn für höher hielten, als die africanischen Bischöfe *. Als einige Zeit darauf die Frage aufgeworfen wurde, ob man diejenigen, welche von Ketzern getauft worden waren, noch einmal taufen sollte, so wurde in zwo africanischen * Lyxrlim. ex. 59. ex. ?». Qq 6iQ Anhang einiger historisch - critischen sehen Kirchenversammlungen beschlossen, daß eine neue Taufe nöthig wäre. Diejenigen, welche der Ke- Hergeschichte der damaligen Zeiten kennen, glauben, daß die Africaner starke Gründe für ihre Meynung gehabt haben. Fast die meisten damaligen KeHcr leugneten die Gottheit unsers Erlösers. Die Taufe sollte in dem Namen des dreyeinigen Gottes geschehen, und dieses war unter den Rechtgläubigen eine allgemeine Lehre. Konnte also eine Taufe gültig seyn, welcher die wesentlichsten Eigenschaften fehlten? Die Meynung des heiligen Cyprians war also von der Meynung derjenigen weit unterschieden, welche dafür hielten, daß alle diejenigen von neuem getauft werden müßten, welche von dem Christenthums abfielen, und sich hernach ihren Abfall reuen ließen. Alles dieses aber hielt den römischen Bischof, Srephanus, nicht ab, die afrikanischen Kirchen und den heiligen Cyprian von der Gemeinschaft mit seiner Kirche auszuschließen. Er hatte aber keine Nachfolger; die orientalischen Bischöfe unterhielten die Gemeinschaft ihrer Kirchen mit den afrikanischen, und sie befürchteten den Vorwurf nicht, daß sie mit Gott uneinig würden, wenn sie mit dem römischen Bischöfe nicht einig wären. Firmi- lian, der auch ein Bischof war, gieng noch weiter, und beschuldigte sogar denStephanus einer offenbaren Thorheit *. Cyprian, welcher doch seinen Rechten niemals etwas vergab, bezeigte eine viel grössere, und einein christlichen Lehrer anstandigere Mäßigung. Er verdammte diejenigen nicht, welche von seiner Meynung abgiengen. Seine Worte verdienen angeführt zu werden, die er zu den afrikanischen Bischöfen sagte: N)tr wissen, sagt er, daß einige * Lx?r»n. ex. 75. Luleb. Lecl. Kbr. 6. c. z. Abhandlungen. 6n einige ihre schon angenommne Meynungen nicht ablegen, sondern dasjenige, was ihnen eigen und einmal gewöhnlich ist, beybehalten, ohne das Band des Friedens und derEinigkerc uncer Collegen zu trennen. lVir thun daher niemanden Gewalt an, und schreiben keinem Gesetze vor, da ein ieder in der Aufsicht seiner Rirche seinen freyen lVillen hat, und Gort dafür Rechenschaft geben rvird *. Das Verfahren des Stcphanus ist selbst von seinen Nachfolgern nicht gebilligt worden. Cypn'an wird in Rom als ein heiliger Märtyrer angebetet, und man richtet Gebete an ihn, da hingegen Stephanus ganz vergessen ist. Die Gelehrten der römischen Kirche wissen sich hier nicht zu helfen. Der Cardinal Sfondrari nimmt zur Unwissenheit des heiligen Cyprians seine Zuflucht: Cyprian hat den römischen Bischof nicht für unfehlbar gehalten; ich räume es ein. Denn zu der Zeit, da er inic einer Hiye, die einem Märtyrer nicht anstandig war, sich dem pabste entgegensetzte, war die Wahrheit von der Unfehlbarkeit des pabstes noch durch keine allgemeine Zxirchenversammlung bekannt gemacht und festgesetzt worden Petrus hatte dsm römischen Sitze die Hoheit über die andern Bischöfe verliehen; man war aber in der ersten Kirche, was diese wichtige Sache betrifft, desto unwissender, je naher man den Zeiten der Apostel war, und man war von den Verordnungen Petri nach achthundertJah- ren besser unterrichtet, als nach zweyhundert Iahren. Woherkam diese Unwissenheit? Qq 2 Aber * ^.puä kiariZ.Loncll.rom.I. Lämon. II. Ls!U-e vinäicsra: äMrr. IV. F. z. x. 8c>5. 612 Anhang einiger historisch-critischen Aber vielleicht konnte der Bischof zu Rom in den Zeiten, wo die Heiden herrschten, und die christliche Religion zu unterdrücken suchten, nicht alle Wahrheiten öffentlich entdecken, die ihm von Petro anvertraut worden waren. Vielleicht gehört die Lehre von seiner Unfehlbarkeit und Hoheit unter die Lehren, welche Geheimnisse blieben, wie die Lehren von der Anbetung der Heiligen, und der Verwandlung desBrodtcSund des Weines dergleichen Geheimnisse seyn sollen. Vielleicht ist die Lehre von der Hoheit des römischen Bischofes in den großen allgemeinen Versammlungen der Kirche erkannt worden. Die Vertheidiger der römischen Lehren behaupten dieses, und führen den Vorsitz der Bischöfe in Rom bey diesen allgemein nen Zusammenkünften der christlichen Lehrer zum Beweise an. Man könnte antworten, daß sich die Wahrheiten niemals viel Hochachtung erworben hatten, die das Licht scheuten , da alle andern Wahrheiten unsrer Religion öffentlich bezeugt, und mit dem Blute ihrer Bekenner versiegelt worden sind. Unterdessen wollen wir doch das Vorgeben der Vertheidiger des römischen Stuhles untersuchen» Ehe wir uns in diese Untersuchung einlassen, so wollen wir vorher die Begriffe bestimmen, welche die alten Geschichtftl)reiberder Kirche mit dem Worte, Vorsitze, verbinden.Die Bestimmung der verschiednen Bedeutungen dieses Ausdruckes ist in den meisten Schrift ten von den Kirchenversammlungen auS der Acht gelassen worden, und sie ist es doch, welche die von einander abweichenden Meynungen von denen, die bey den Kirchenversammlungen präsidirt haben, vereinigen kann. Abhandlungen. 6iz Man eignete also denen den Vorsitz zu, welche die Macht hatten, Kirchenvcrsammlungen zu berufen , den Bischöfen anzubefehlen, waö sie für Streitfragen untersuchen und entscheiden sollten, die Ordnung und den Frieden unter ihnen zu erhalten, und demjenigen, was beschlossen worden war, durch ihr Ansehen, und ihre Unterzeichnung die volle Gültigkeit zn geben. In diesem Verstände hatten bey Pro- vincialversammlnngen vornehmlich die Metropolitan- bischöfe, und die Patriarchen den Vorsitz; denn man findet in der Kircbengeschichte auch Beyspiele von geringern und niedrigern Bischöfen, welche diese Ehr« gehabt haben. In diesem Verstände prasidirten bey den allgemeinen Concilien die Kaiser, oder ihre Abgeordneten. Der Kaiser berief sie, und er oder seine Ab« geordneten bestätigten dasjenige, was beschlossen worden war. Die versammelten Bischöfe baten die Kaiser in sehr demüthigen Schreiben darum, und es war niemand verbunden, ihre Aussprüche anzunehmen, wenn sie nicht mit dem'Siegel der Kaiser bekräftigt worden waren. Man eignete ferner denen den Vorsitz zu, wel' che die Obersten und Vornehmsten unter allen Bischöfen waren, und fast von den Zeiten der Apostel her den Rang vor andern gehabt, oder von den Kaisern erhalten hatten. In diesem Verstände prasidirten der Patriarch in Rom, wenn er in Person zugegen war, der Patriarch zu Antiochien, der zu Alerandrien, der zu Jerusalem, und der zu Constantinopel. Dieser Begriff ist vornehmlich den griechischen Kirchcngcschichtschrei- bern sehr gewöhnlich. Qqz Man 614 Anhang einiger historisch-critischm Man eignete endlich auch denen den Vorsitz zu> welche den Vortrag hatten, welche die vornehmsten Urheber der Anordnungen und Einrichtungen bey den Kirchenversammlungen waren, und in ihrem Namen die Glaubensbekenntnisse und die Gesetze wegen der Kirchcnzucht entwarfen. Die Wahl dieser Präsidenten stund in Provincialversammlungen bey allen Bischöfen. Man sah dabey nicht eben auf den Rang der Bischöfe, sondern geineiniglich auf ihre Verdienste, und sehr oft auf ihr A lter. So wurde bey der ariminensifchen Kirchenversammlung dem Bischöfe Mazonius das Primat von allen Versam- melten seines Alters wegen aufgetragen. Bey allgemeinen Zusammenkünften erwählten die Kaiser diese Präsidenten. Es waren nicht allezeit Bischöfe, denen sie dieses Amt übergaben; sie nahmen zuweilen einige von ihren Ministern dazu, und gemeiniglich aus der Ursache, weil sie unpartheyischer von den Streitigkeiten und Entscheidungen urtheilen konnten, als die uneinigenBischöfe.Jch übergehe itzt mitStillschweigen, daß sehr oft die vornehmsten und besten Vertheidiger einer Wahrheit Präsidenten genannt wurden, sie mochten geistlichen oder weltlichen Standes seyn. So hatte bey der antiochenischen Versammlung, welche Paulum von Samosata verdammte, Tllalchion, ein Sophist, diese Ehre. Wenn man diese ver- schiednen Begriffe immer vor Augen hat, so wird man leicht einsehen, warum in der Geschichte von verschicd- nen Kirchenversammlungen so viele Präsidenten angegeben werden. Wir wollen nunmehr zeigen, daß die Bischöfe in Rom bey den allgemeinen Kirchen- Versammlungen fast in keiner Bedeutung den Vorsitz gehabt haben. Man Abhandlungen. 615 Man weis, daß eine unzeitige Begierde, scharfsinnig zu seyn, zugrübeln, und zu widerlegen, den Anus auffalsche Meynungen brachte, die zu einer gefährlichen Ketzerey wurden,nachdem ihn die Hitze,alles,was er gejagt hatte, zu behaupten, erbittert und hartnäckig gemacht hatte. Mail weis die schrecklichen Unruhen,wo- mit seine Keherey die ganze Kirche erfüllte. Die Bitten, der Ernst und die Strenge seines Bischofes, und die Schreiben des Kaisers, Constantin, des Großen, waren nicht vermögend, die Ruhe wieder herzustellen. Arius fand selbst unter den Bischöfen Anhänger, und da von den Hauptbischöfen dazumal keiner dem andern unterworfen war, so nahm das Uebel so sehr zu, daß ihm nur allein durch eine allgemeine Versammlung aller oder der meisten Bischöfe Einhaltgefchehcn konnte. Der Kaiser ließ sie zn Nicaa in Bithynien versammeln, und der römische Bischof hatte an diesem Befehle nicht den geringsten Antheil. Er und seine Nachfolger waren in ihren Freyheiten und Rechten so unwissend, daß sie diesen Eingriff der Kaiser in ihre Rechte billigten, und sie selbst sehr oft darum ersuchten. Dossvec eignet dem Bischöfe Sylvester den Vorfiß in der Person seiner abgeordneten Priester, und des Hosl'us zu. Die Kirchengeschichtschreiber stimmen nicht mit einander überein, wer prasidirt habe. Einige lassen in der That den Bischof, Hofi- uS, von Corduba prasidiren, und man führt vornehmlich für ihn an, daß er sich vor allen Bischöfen zuerst unterschrieben habe, und Gelasius Cyzicenuö, von dem wir eine Geschichte der nicänischen Kirchenversammlung haben, sagt, daß er vor andern den Vorsitz als ein Legat des römischen Bischofes gehabt habe*'. Qq 4 Allem * Lelst. chicen. 5M. Lone. t^c. Ubr. II. ?. 17. 616 Anhang einiger historisch-critischen Allein dieser Gelasius hat so viele offenbare Merkmale eines leichtgläubigen, mittelmäßigen, und fabelhaften Geschichtschreibers/ daß er keinen Glauben verdient, da weder EusebiuS, noch Sokrateö und die übrigen Kirchengeschichtschreiber dem Bischöfe Hosius den Charakter eines römischen Legaten geben. HosiuS unterschreibt die Aussprüche der Versammlung nicht als Legat, sondern in seinem eignen Namen, und Vitus und VincentiuS unterschreiben im Namen des römischen Bischofes. Man kann zwo Ursachen angeben, warum HosiuS den Rang vor andern Bischöfen hatte; seine großen Verdienste, und die Gnade des Kaisers welcher ihn gleich bey dem Anfange dieser Kirchenunruhen nach Aegypten gesandt hatte, den Frieden unter den mi'Shelligen Lehrern wiederherzustellen. Es hat selbst unter den Glaubensgenossen der römischen Kirche solche unpartheyiscbe Männer gegeben, welche die Nichtigkeit der Gesandtschaft des Hosius eingesehen und bewiesen habend Er mag aber den Rang vor andern gehabt haben; allein verdient wohl dieser Rang ein Präsidium genannt zu werden? Andre eignen dem Bischöfe von Antiochien, dem Eustathius, den Vorsitz zu; denn er hatte an der rechten Seite der Bischöfe den obersten Sitz ^ ; er redete unter allen Bischöfen zuerst, und antwortete dem Kaiser auf seine Anrede. Man kann mit eben diesen Gründen dem Bischöfe von Alexandricn, Alexandern,diese Würde zueignen. So viel ist gewiß, daß dieser Vorzug demjenigen, der ihn hatte, nicht die geringste Gewalt * I^unoj. psrt. VIII. ep. I. eärr, Lantabriß. 69z. Du ?in rom. IV. bibl. Lccl. »8«. l^so^or. libr. I. c. 7, Abhandlungen. 617 walt über die andern Bischöfe gab, und derjenige, der den Vorsitz hatte, und alle Bischöfe mußten e6 leiden, daß Paphnutius allen widersprach und Recht behielte, als er behauptete, daß die Priesterehe nicht ohne Einschränkung untersagt werden müßte. Den eigentlichen Vorsitz hatte Constantin, der Große, selbst. Denn er hörte ihnen gedultig und aufmerksam zu, stund bald dieser, bald jener Parthey bey, vereinigte sie durch seine Sanftmuth und Gnade nach und nach wieder, wenn der Streit allzuheftig wurde, über- redete diese, besänftigte jene, und nachdem er sie zu einmüthigen Meynungen gebracht hatte, bekräftigte er ihre Aussprüche mit seinem Ansehen*. Diese allgemeine Kirchenversammlung, welche von der ganzen Kirche angenommen worden ist, machte unter ihren andern Verordnungen wegen der Kirchenzncht eine, welche der Hoheit und dem Ansehen der römischen Bischöfe ganz entgegen ist. Es wird nämlich im sechsten Canon festgesetzt, daß die alcxandrinischen und antiochcni- schcn Patriarchen mit dem römischen eine gleiche Macht haben sollen**. Dreyhundert und achtzehn Bischöfe waren entweder so unwissend, oder so rebellisch, daß sie die allgemeine Hoheit des apostolischen Stuhles über die andern bischöflichen Sitze nicht erkannten, und die Legaten des römischen Bischofes waren entweder eben so unwissend, oder so zaghaft, daß sie sich diesem Eingriffe in die Rechte ihres Bischofes nicht widersetzten. Doch sie waren beydes nicht; denn die Kirche in Rom war die allgemeine nicht, wie Qq 5 die- * Luled. UKr. I. VIr. ConK. c. iz.8ocrsr. 1U,r. I. c. 8, l'Keoäor. libr. I. c. 7. I^aräuin. Loncil. rom. I. col. 4Zl. 6iF Anhang einiger hiftorisch-critischen dieses Richerius, der selbst ein Catholik ist, offenherzig bekennt*, und ihr Bischof hatte vor andern großen Bischöfen keinen größern Vorzug, als die Würden in großen Städten vor Würden in nicht so großen Städten haben. Einer unter den Bischöfen mußte freylich dem Range nach der Erste seyn, und wenn alle Bischöfe des Reiches einmal zusammen gegenwärtig gewesen wären, so hatte der römische den ersteil Sitz gehabt, weil Rom die vornehmste Stadt im Reiche war. So groß das Ansehen der nicanischen Kirchenversammlung war, so wurde sie doch nicht für unfehlbar gehalten, und die arianischen Bischöfe widersetzten sich ihren Aussprüchen erst heimlich, und nachdem sie den Kaiser gewonnen hatten, öffentlich und ungc-- schcut. Es wurde eine Versammlung über die andre von ihnen gehalten, in welchen die Arianer wieder zur Gemeinschaft ihrer Kirchen zugelassen wurden. Athanasius, welcher vornehmlich in Nicäa die Gottheit unsers Erlösers vertheidigt hatte, war unter allen Vertheidigern dieser Wahrheit besonders ein Gegenstand ihrer Verfolgung, und sie setzten ihn in einer Versammlung zu Antiochien von seinem Bischof- rhume ab. Da fast der ganze Orient arianisch war, und er also bey den morgenländischen Bischöfen keine Zuflucht finden konnte, so floh er nach Italien, wo ihn der römische Bischof, Julius, zu der Gemeinschaft seiner Kirche zuließ. Er berief auch die Bischöfe, welche unter ihm stunden, um mit ihnen gemein- * Kicker. 5M. Lonci!. vnlvers Ubr. I. c.N. §. XVI. x. 65. Abhandlungen. 619 gemeinschaftlich die Beschuldigungen und Vorwürfe zu untersuchen, welche dein AthanasiuS gemacht wurden. Wenn Julius sich für unfehlbar gehalten hat, warum berief er seine Bischöfe ? Arhanasius wurde für unschuldig erklärt, und Julius, welcher die mor» gi'nlandischen^ Bischöffe vergebens zu dieser Zusammenkunft eingeladen hatte, schrieb seinetwegen an sie. Allein sie widersetzten sich seinem Decrete, und sie waren dazu berechtigt, ob sie gleich in derSachelelbst, wo sie ihr Recht wider ihn behaupteten, Unrecht hatten. Julius gedenkt in seinem Schreiben an sie an keine Hoheit; er rechtfertigt sich, und bitter sie nur. Sie sagen ihm in ihrem Schreiben ausdrücklich, daß er nicht berechtigt wäre, die Bischöfe wieder einzusehen, denen sie einmal einstimmig ihre Würde abgesprochen hatten, so wenig man sich vorzeiten im Oriente dawidergcsetzt hätte, als NovatuS von der Gemeinschaft der römischen Kirche ausgeschlossen worden ware^. Der römische Bischof, Sylvester, und Julius hatten also weder bey der allgemeinen nicanischcn Kirchenversammlung, noch unter den damaligen Bischöfen das Ansehen und die Hoheit, die ihnen zugeeignet wird. Sie ist eben so wenig bey der andern allgemeinen Zusammenkunft der Bischöfe erkannt und geachtet worden. Macedonius, Patriarch zu Constantinopcl, war erst ein völliger Arianer, und wurde aus Furcht, die Rechtgläubigen allzusehr wider sich zu reizen, einer von * Arlisn. sxc>I. II. 8ocrsr. übr. II. c. n. 62O Anhang einiger hiftorisch-critischen voll den Semiarianern, welche unserm Heilande eine gewisse Art von Gottheit einräumten, die der Gottheit des Vaters ähnlich seyn solle, ohne ihr völlig gleich zu seyn. Weil ein Irrthum den andern erzcuqt, wenn gleich sein erster Erfinder nicht alle seine Folgen behauptet, so fing Macedonius an, aus der eiteln Begierde, selbst das Haupt einer Parthey zu werden, auch die Gottheit des Heiligen Geistes zu leug- nen. Seine Ketzercy war nichts, als der arianische Irrthum in sciilem ganzen Umfange; gleichwohl ward der Anhang des MacedoniuS als eine neue Secte angeschen*. Er fand so viele Vertheidiger seiner Irrthümer, daß ihre Ausbreitung durch Provincial- versammlungen der Bischöfe nicht verhindert werden konnte. Wie unglücklich war dazumal die Kirche, daß eine iede Folge eines alten und oft überwundnen Irr, thums, der sein Haupt nur in andern Gestalten wieder zu erheben suchte, durch so große und allgemeine Versammlungen unterdrückt und verdammt werden mußte! Theodosius, welcher den Frieden in der Kirche im Ernste wünschte, den Constantin,der Große, nur zum Scheine befördert hatte, berief also eine allgemeine Versammlung der Bischöfe zu Constantinopel. Dieses ist unstreitig; alle Kirchengeschichtschreiber, So- kratcs, TheodoretuS, und Sozomenus sind darinnen übereinstimmig ^. Auf solche Weife hatte der Bischof zu Rom, welcher damals Damasus war, wieder keinen Antheil daran. Die versammelten Bischöfe * ^rdanas vial. -ulvertl?V5ace6. üocrzr. Udr. II, c> 42.4z. 8ocr. Ubr. 5. c. 8. Lo?om. 1.7. c. 7. H>,cr. Lonc. ttarä. rom. II. 1?. 946. Abhandlungen. 621 fe untersuchten den Irrthum des Macedonius und setzten ihn ab. Die Verdienste des heiligen Grcgorius Nazianzenus leuchteten allen so sehr in die Augen, daß man ihn zum Patriarchen würde erwählt haben , wenn die ägyptischen Bischöfe seiner Wahl nicht entgegen gewesen wären. Allein er war selbst allzugroßmüthig, als daß er einer Würde wegen die Eintracht der Bischöfe hätte stören sollen. Er ermähnte also die Versammlung selbst, ihre Augen auf einen andern würdigen Mann zu richten. Nectarius wurde darauf mit einem allgemeinen Beyfalle erwählt, und einige andre morgenländische Bischöfe in ihrer Würde bestätigt. Gregorius, der Bischof von Nyssa, machte das Glaubensbekenntniß, welches von allen Rechtgläubigen unterzeichnet wurde. Die Geschichtschreiber sind nicht mit einander einig, wem sie den Vorsitz zueignen sollen. Einige geben ihn dem Bischöfe von Alexandrien, Timotheus, und dem Cyrillus, Bischöfe von Jerusalem*. Pho- tius und Gregorius Nazianzenus geben diese Würde dem Meletius, einem ehrwürdigen und verdienten Patriarchen von Antiochien **. Es hindert uns aber nichts, sie alle drey an dieser Ehre Theil nehmen zu lassen. Der römische Bischof war bey dieser allgemeinen Versammlung weder in Person noch in seinen Legaten zugegen. Gleichwohl sahen sich die gegenwärtigen Bischöfe nicht als Glieder an, denen ihr Haupt fehlte. Ein Monarch wird nicht so ruhig seyn, wenn sich seine Unterthanen ohne seinen Befehl versammeln, ohne daß * Concil. tc>m. II. p. 974. l-reZor. Xaxizn?. in carm. 6e vlr, lu» v. 114. Lre- xon. I^ss. äs IVlelet.x.ioiA'. ivz,. 622 Anhang einiger hiftorisch-critischm daß einmal Abgeordnete von ihm zugegen sind^ Wenn gleich alle ihre Beschießungen zu dem Besten seines Reiches abgesehen sind, so wird er doch ihre Kühnheit bestrafen. Der römische Bischof, den man zu einem geistlichen Monarchen macht, leidet diese Kühnheit. Die Vertheidiger seiner Hoheit empfinden wohl, wie sehr diese andre Kirchcnversammlung das Ansehen ihres Hauptes schwache- Sie erdichten also einen Legaten des Damasus. Der Bischof von Thessalonich, Acholius, soll seine Stelle vertreten haben. Man gründet diese Erdichtung auf einen Brief des Damasus an ihn, worinnen er ihn bittet, dafür zu sorgen, daß ein rechtgläubiger Bischof zu Constantinopcl möchte erwählt werden. Man kann diese Erdichtung mit drey Anmerkungen umstoßen. Es war die Gewohnheit nicht, daß sich der Bischof in Rom durch morgenländische Bischöfe vorstellen ließ, und diese kannten ihre Vorzüge allzuwohl, als daß sie ein solches Amt auf sich nehmen sollen; sondern er sandte allezeit einige von seinen Priestern. Acholius kam nicht freywillig zu dieser Kir- chenversammlung; wenn er ein Legat des römischen Bischofes war, so war das kein Beweis der Unterwürfigkeit gegen ihn, daß er seine Befehle so ungern verrichtete. Endlich kann man nicht sagen, daß Acholius ein Legat des Pabstes wird, weil er an ihn schreibt; sonst würde er sechs Legaten bey dieser Versammlung gehabt haben; denn er schrieb noch an fünf andre eben das, was er an ihn schrieb. Und wenn wir ihm diesen Legaten gaben, so würde doch seine Hoheit nicht größer. Denn Acholius präsidirte nicht, sondern unterschrieb sich nur als Bischof von Thessalonich*. An- * L2glu^ zpud ^larc. 6e t^onc. 6>c> Lc !mp. I. 5. c.2r. rom> II. p. -5. Lz/n»z.IiiK. äsI'LZU5. rom.I. x. ^..'t'il^lilsuen. Kt; > , n ^ 5- ?»' ^ t sll^ ».^.st^ch: sv^.^ . . 5^^>»i»^^r?»,»^t,»«?««lK,» , K«Ge,I^. -»»»>^>>t«d»,Ä,^k»,:^^tg. öt1N*?»M«>?. Ps^s.^«?.»7. 624 Anhang einiger historisch-critischen sen, daß der Patriarch zu Constantinopcl den ersten Rang nach dem römischen Bischöfe haben sollte, weil Constanrinope! das neue -Z^om wäre. Es ist aus dem Gegensatze klar, daß der römische Bischof den ersten Rang in der Kirche hatte, nicht weil er als Petri Nachfolger das Haupt der Kirche seyn mußte, sondern weil sein Siy das alte Rom war. Es fing schon an bey dieser Kirchenversammlnng so unordentlich zuzugehen, daß diese allgemeinen Zusammenkünfte der Kirche das Ansehen nicht haben konnten, welches sie würden erhalten haben, wenn sich die versammelten Bischöfe ihrer Würde gemäß bezeigt, und sich der Sache der Religion allein aus Unparthey- lichkeit und aus einer unverderbten liebe zur Wahrheit angenommen hatten. Die Leidenschaften fingen an, sich in diese Versammlungen zu mengen, und es war ein Glück für die Religion, daß sie ihren Vortheil dabey fanden, aufder Seite der Wahrheit ;u seyn. So unvollkommen ist alles, woran die Menschen Antheil nehmen! Die Bischöfe waren Menschen, und ihre Verordnungen waren daher sehr oft menschlich. Gre- gorius NazianzcnuS macht von dieser constantinopoli- tanischcn Versammlung eben keine vortheilhafte Abbildung, und die Vergleichungen, die er braucht, erheben ihre Ehre nicht ^. Die nachfolgenden Kirchen- Versammlungen würden immer noch weniger Ehre verdient haben, wenn ihre Aussprüche nicht noch allezeit mit den heiligen Büchern unsers Glaubens übereingekommen wären. Man fing im fünften Jahrhunderte an, die Märtyrer und Heiligen, und vornehmlich die Jungfrau Maria mit einem Eifer zu verehren, der vielleicht bey den * LreLor.5s»Hime.m c»rm. ils vic. tu» »6.-7. Abhandlungen. 625 den meisten unschuldig, doch aber so groß war, daß er übel verstanden werden konnte. Nestorius, ein Patriarch zu Constantinopel, wollte nicht zugeben, daß man sie eine Mutter Gottes nannte, eine Benennung/ welche in ihrer gehörigen Bestimmung richtig war» Er redete öffentlich dawider, und dieses machte ihm die Mönche zu Feinden. Nestorius stund im Anfange an den Grenzen der Wahrheit; ein Schritt, den er weiter that, verführte ihn zum Irrthume, und er thak diesen gefahrlichen Schritt, da er sich mit Hitze vertheidigte. Er hatte heftige Gegner, und es konnte also nicht fehlen, daß ihm alle Keßcrsyen, die vor ihm cmsianden waren,und die er selbst verdammte,beygemes- sen wurden. Man beschuldigte ihn, daß er die Irrthümer des Photinus und des Paulus von Samo- sata erneuerte, und die Gottheit unsers Erlösers selbst leugnete, da er doch ein heftiger Feind der Aria- ncr war *. Nestorius hat unter den Neuern Vertheidiger gefunden ^. Cyrillus, Bischof zu Alerandrien, welcher mit dem Nestorius einige persönliche Streitigkeiten hatte, wurde von den Meynungen dieses Patriarchen unterrichtet, und ermähnte ihn sogleich, seine Irrthümer fahren zu lassen. Nestorius war von der Uupartheylich- kcit und Ucberlegung des Cyrillus allzuwenig überzeugt, als daß er ihm hatte hierinnen Recht geben sollen. Er schrieb an den römischen Bifchof, Cölestin, um sich zu rechtfertigen. Cyrillus that ein gleiches, ohne ihn für den obersten Richter zu erkennen. Theils die Gewohnheit, wie er in feinem Briefe ausdrücklich sagt, welche * Locrar. libr. 7. tliir. Hccl, c.z2. (Ärmer äiss. I. äs tiser. t8zc:. erlmp. I.5. c. 9 Concil.Tpli.aÄ.I- Lonc. (IKalced LonleÜ" 16. ssi. tlircl. rom.II. *** S. s. Einleitung in die allg. Geschichte 149 S. Abhandlungen. 655 Bischof geworden war, und andre große Lehrer der Christen hatten diesen Namen erhalten, ohne den Vorsch gehabt zu haben. Die Irrthümer der Eutychianer breiteten sich weit aus; sie theilten sich in vielerlei) Secten, in die Monotheisten, Monophysiten, Acephalen, Agnoeten, und andre Rotten mehr. Mit welchen Unruhen wurde die Kirche nicht bestürmt! Alle diese Keßereyensuchten vornehmlich! das Ansehen der chalcedoncnsischen Kirchenversammlung zu untergraben, und es gclai-g ihnen, zum wenigsten in einigen Stücken bey der fünften allgemeinen Kirchenversammlung, welche im 55z Jahre nach Christi Geburt zu Constantinopel gehalten wurde. Man muß sich, wenn man sie beurtheilen will, eine vollständige Vorstellung von ihrem Ursprünge, und von den drey Capiteln machen, welche darauf verdammt worden sind. Zu den Zeiten des Kaiser IustinianS machten die Anhänger des Origenes viel Aufsehen, und einer von ihnen, Theodorus, wurde sogar zum Bischöfe in Cä° sarien erwählt, und hatte die ganze Gnade des Kaiser Ju- stinians. Pelagius, einLegat des romischen Bischofes, war so ehrgeizig, daß er den Theodorus mit eifersüchtigen Augen ansah, und damit er ihn kränken möchte, so hielt er bey dem Kaiser so lange an, bis er ein Cdict an den Mennas/ den damaligen Patriarchen in Constantinopel ergehen ließ, worimien Origenes verdammt wurde*. Theodorus empfand es wohl, daß den Pe- lagiuS nicht die Liebe für die Wahrheit, sondern seine Eifersucht gegen ihn, angetrieben hatte, den Origenes verdammen zu lassen. Er willigte also darein, weil * liberal. Lrevisr. c. iZ. 6)6 Anhang einiger historisch-critischm weil ihm die Meynungen des OrigeneS nicht so lieh, als die Gnade des Kaisers waren, die er zu verlieren befürchtete, wennersicb dem Edicte widersetzte. Er sann aber auf Rache; ein Todter hatte leiden müssen, damit er gekrankt wurde; nunmehr mußten noch drey unschuldige Todten in ihrem Grabe beunruhigt werden, damit ein beleidigter Bischof das Vergnügen der Rache genießen konnte. Er wollte den Pelagius kranken, und überredete daher den Kaiser, die Schriften des Thcodorus, einesBlschofes von Mopsvesta.des Theoboretus,und ein Schreiben des Iba6,einesBischo- scs von Edessa, durch ein öffentliches Edict zu verdammen.Er brauchte die Vereinigung der Acephalen mit derKirche zumVorwande,welche sich von ihremPatriar- chcn getrennt hatten, und darum so hießen, weil sie ohne Haupt waren. Sie waren den G^ychianern günstig, und verdammten in allen ihren Versammlungen die chalcedonensische Kirchenversammlung. Der Kaiser, welcher sich nach dem Frieden in der Kirche sehnte, sah das rachbegierige Verlangen des Theodorus für eine heilige Begierde nach der Eintracht an. Er verdammte also die Schriften dieser drey Vischöse, und verlangte von allen Bischösen, daß sie in dieses Urtheil willigen sollten. Theodorus hatte in die Verdammung des Origenes gewilligt, um einen gnädigen Kaiser zu behalten; Pelagius willigte in die Verdammung der drey Bischöfe, um einmal Pabst zu werden Diese Verdammung war ungerecht: Konnten sich die Todren wohl vertheidigen? Sie war offenbar wider die chalcedonensische Kircbenversammlung, welche Leo, der erste, bestätigt hatte. Er hatte befohlen, daß man "kscunä. xro äe5en5.er.c^.I. I. c. 2. Abhandlungen. 657 man weder eine Sylbe dazu noch davon thun sollte; diese Verordnung aber wurde nicht geachtet. Vigilius, welcher damals Bischof in Rom war, wurde vom Kaiser zu der Kirchenversammlung in Constantinopcl eingeladen, oder es wurde ihm vielmehr anbefohlen. Er gehorchte wider seinen Willen, und Be- lisarius nöthigre ihn mir Gewalt dazu Er versprach den Bischöfen in Africa und Italien, standhaft zu seyn, und nicht in die Verdammung der drey Capitel zu wü'ligen. Als er in Constantinopcl ankam, war er in der That sehr feurig, that den Mennas in den Bann, welcher mit seinen Bischöfen das Edict unterschrieben hatte, und mußte es leiden, daß er wieder in den Bann gethan wurde. Endlich gab er nach, wurde mit dem Patriarchen wieder ausgesöhnt, und willigte schriftlich in die Verdammung der drey Capitel. Facundus warf ihm öffentlich vor, daß er sich durch Geld gewinnen lassen Beynahe der ganze Occidenc empörte sich wider dicfe Verdammung des Pabstes, wodurch er bewogen wurde, seine Schrift wieder zurückzunehmen, und von neuem diejenigen von der Gemeinschaft mit seiner Kirche auszuschließen, welche die drey Capitel verdammen würden Endlich versammelten sich die Bischöfe; der- Kaiser berief sie, und der Pabst hielt selbst darum an. EutychiuS, welcher Patriarch zu Constantinopel war, hatte den Vorsitz. Vigilius wollte nicht in die Versammlung kommen, ob er solches gleich versprochen hatte; bald entschuldigte er sich mit der Krankheit, bald mit der geringen Anzahl der abendländischen * KpIK. LIer. Iral. ap, Illarä. rom. z> p, 47. ?acun»1> conrr. I^ocian. p. 111. ""kraizmem. äzinnilr.Hievä. »VlLU.»x^Iarä>rom. z. x. S. 6z8 Anhang einiger historisch-ctitischen schen Bischöfe.Dem ungeachtet versammelten sich die andern Bischöfe, weil die Abwesenheit eines einzigen den Aussprüchen der Rirche nicht nachtheilig seyn könnte, und die lDahrheic durch dergleichen Versammlungen offenbar werden müßte, indem ein ieder der Einsicht seines wachsten nöthig härre^. Der Kaiser gab dem Pabste zwanzig Tage Bedenkzeit, worauf er seine Erklärung von sich gab, worinnen er die Irrthümer des Theodo- ruö verdammte, seine Person aber geschont wissen wollte, weil er in dem Schooße der Kirche gestorben wäre. Sein Schreiben wurde nicht geachtet, und die versammelten Bischöfe thaten in der achten Scßion den Ausspruch, daß dasjenige, was der Pabst ausgesprochen hätte, nicht gültig seyn könnte, indem die Apostel alle versammelt gewesen wären, da sie wegen einiger Cerimonien des Gesetzes etwas entschieden hätten. Die drey Capitel wurden also verdammt, wie der Kaiser solches verlangt hatte, und er verwies alle Bischöfe, welche die Aussprüche dieser Kirchenversammlung nicht unterschreiben wollten, ins Elend. Vigilius, welcher unter denen war, die der Versammlung und dem Kaiser ungehorsam waren, schien eine Zeitlang das Unglück, von seinem bischöflichen Sihe entfernt zu seyn, muthig genug zu ertragen. Endlich aber wurde ihm sein Elend zu schwer; er machte es, wie alle seine Nachfolger in seinen Umstanden vermuthlich gethan haben würden, und unterschrieb die Aussprüche der Kirchenversammlung so, wie sie es verlangt hatte. Er bekannte in seinem Schreiben an den Eutychius, den Patriarchen in Constcmtinopel, baß ihn vorher der Teufel verblendet, und der Geist der Zwietracht empört hätte, daß er die Wahrheit vor der Ver- *coll. Vlll.sx.ttürä.x.187. . Abhandlungen. 659 Verwirrung, die in seinem Geiste gewesen wareMchr erkennen können, und daß er sich darum nicht fürchtete, einen Wiederrufzu thun^. Ich überlasse es meinen iesern st'lbst, aus der Ge» schichte dieser Kirchenversammlung zu schließen, was man in den damaligen Zeiten von der Hoheit des römischen Bischofes für Begriffe gehabt habe. Hier sehen wir einen Pabst, der von sich selbst bekennt, daß ihn der Teufel verblendet, und der Geist der Zwietracht empört habe. Er gesteht, daß er irrt, so bald er von seinem bischöflichen Sihe verwiesen wird, und er hatte doch noch keinen Tod zu leiden. Was würden seine Nachfolger gethan haben, wenn ihnen ihre Lander und Reichthümer wären genommen, und nicht eher wieder gegeben worden, bis sie die Heiden wie- der aus dem Himmel verwiesen hatten, die sie als Heilige hinein gesandt haben? Würden ihnen diese Heiligen so lieb, als ihre Schätze gewesen seyn ? Hier ist ein Vigilius entweder so edel, oder so verzagt, daß er sich nicht fürchtet einen Miederruf zu thun, nachdem er, wie er sagt, die Wahrheit verkannt hat; ein Pabst, der sich selbst in den Bann gethan hat, indem er die» jcnigcn verfluchte, welche die drey Capitel verdammten; In der That ein unfehlbarer Pabst! Die Eutychianer hatten die fünfte allgemeine Kir- chenversammlung verursacht; man kann sagen, daß sie auch die sechste zu Constcmtinopel verursacht haben; denn die Monotheliten waren,so zu sagen, nur ein Zweig von der Eutychianischen Ketzerey. Paulus, ein Pa- triarch zu Constantinvpel, war der vornehmste Beschü- her diefer neuen Secte. Die Päbste, Theodor und Martin, hatten ihn schon von der Gemeinschaft mit ihrer * ViZU.exlü. sä Lm^cKIum sx> IZsrä, rom. z. x.ZlZc 640 Anhang einiger historisch-critischen rer Kirche ausgeschlossen, und der bischöflichen Würde entsetzt. Allein der Bann der römischen Bischöfe war schon verächtlich geworden; Paulus stürzte den Altar um, den die Legaten des Pabstes in Constanti- nopel hatten, ließ sie die Commum'on weder geben noch nehmen, einige schlagen, und andre ins Gefängniß setzen. Er veranlaßte das Edict des Kaisers, welches der Typus genannt wurde, worinnen er allen Streitenden ein Stillschweigen auflegte. Als Consianz starb, so berief Constantin, der Bartige, eine allgemeine Kirchenversammlung. Sie versammelten sich im 669 Jahre nach Christi Geburt in dem Paläste, welcher Trullum hieß. Beda, Hincmar, Marianus Scotus, und vcrschiedne andre von den Lateinern geben dem Patriarchen von Constautinopel, und dem MacariuS, dem Bischöfe von Amiochien, den Vorsitz; Zonaras aber und andre Griechen erweisen diese Ehre auch den Legaten des römischen PabsieS Aga- thon. Allein in der That hatten der Kaiser, und die Richter, die er ernannt hatte, diese Würde. Pabst Leo hat dieses selbst eingesehen; denn in der lateinischen Uebersetzung, die er von dieser Kirchenversanmilung machen lassen, findet man überall den Vorsitz dem Kaiser zugeschrieben 5. Die Aufführung dieser Kir- chenversammlung erwirbt ihr eben nicht die größte Ehrfurcht. Ein träumerischer Mönch rühmte sich, daß er mit seinem monothelitischcn Bekenntnisse einen Todten erwecken wollte. Sollte man glauben, daß eine so ehrwürdige Versammlung von Bischöfen ihre Seßionen unterbrochen hätte, den Erfolg dieses phantastischen Vorgebens anzusehen? Unterdessen hatte sie von ' ^A. Lonc. Usrä, rom. z. x. 1479. Abhandlungen.' 641 von der Hoheit und Unfehlbarkeit des römischen Bischofes keine Wissenschaft. Honorius hatte sich in einem Schreiben für die Monothcliten erklärt; die Versammlung hatte für diesen römischen Bischof so wenig Ehrerbietung, daß sie sein Schreiben des Feuers werth ' achtete, und ihn selbst in den Bann that und verdammte Der Bischof Vossvct übergeht alles dieses mit Stillschweigen. ! Mail muß diese Versammlung nicht mit einer andern vermengen, welche zwölf Jahre hernach in eben diesem Pallaste gehalten wurde, und die Verordnungen der fünften und sechsten ergänzte, welche keine Kirchengesetze gegeben halten. Bey dieser Versammlung war auch kein äegat des Pabstes zugegen. Es ist nunmehr die Kirchenversammlung zu Nicäcl noch übrig, über die ich besonders einige Betrachtungen anstellen will,wcnn ich von den Begriffen geredet habe, die man sich in den ersten Zeiten des Christenthumes von der Kirche gemacht hat. Ich werde alsdann zugleich anmerken, daß auch hier der römische Bischof das Ansehe«? nicht hatte,welcheö man ihm nach derZeit zueignete. Man wird also in dem Marcellinus, welcher den heidnischen Götzen raucherte,in dem Liberius,welcher sich auf die Seite der Arianer neigte, indemVigilius, welcher von sich selbst gestund, daß ihn der Teufel verblendet hat/ te, und in dem Honorius, der ein Monothelit und in dem Banne der Kirche war, keine Statthalter Jesu Christi finden. Was soll man von denen urtheilen, welche sich von Arianern, von diesen Feinden der GottheitJe- sii, in ihrer bischöflichen Würde bestätigen ließen? Was soll man von denen urtheilen, welche die Ehre, unfehl» * XIII. concll. LonN-inr.III. ap. Nsrä, r. Z.x. -ZZ». Ss 642 Anhang einiger historisch-critischen unfehlbare Richter des Glaubens zu seyn, mit Geld erkauften? Und was soll man von denen sagen, welche nicht eher zu dieser Würde gelangten, bis die Tempel und Altäre mit dem Blute der Christen befleckt und entheiligt worden waren? Christus, dieses unsichtbare Haupt seiner Gemeine, hat sie so sehr geliebt, daß er sein Lebeil für sie gelassen hat. Bey der Wahl der vorgegebnen sichtbaren Haupter der Kirche ist auch Blut vergossen morden; aber das Vluc der Gemeine. Dem ungeachtet aber erhebt Bossvet den sogenannten apostolischen Sitz in Rom als den unveränderlichen Sitz der Wahrheit. )^ )^ ^> )^ )^ )^ ^ Von den Begriffen, die man von der Kirche in den ersten Zeiten des Christenthumes hatte. ist vielleicht in der ganzen Gottesgelahrtheit kein Begriff, welcher durch die Uneinigkeiten und Streitigkeiten der Christen schwankender geworden ist, als der Begriff von der Kirche, so genau ihn auch die göttlichen Bücher unsers Glaubens bestimmt haben. Es ist desto nöthiger, daß man die verschied- nen Begriffe, welche man sich davon macht, und ihre wesentlichen und unveränderlichen Eigenschaften deutlich auseinander sehe und bestimme, da man die wichriqe 5ehre darauf gründet, daß man außer der Gemeinschaft mit der wahren Kirche keine Hoffnung zur Seligkeit habe. Die Bekenner der römischen Kirche halten die ihrige allein für die wahre Gesell- Abhandlungen. 64? schaft der Gläubigen. Sie behaupten, daß sie von allen Zeiten her dafür gehalten worden ist, und Vojsver führt in seiner Einleitung einige Zeugnisse an, )F die ihnen günstig zu seyn scheinen. Ich will also eine kurze Untersuchung anstellen, waö die Lehrer der ersten Zeiten für Eigenschaften zu der Kirche ersodcrten.aus- ser deren Gemeinschaft keine Seligkeit zu hoffen ist. Das Wort, Kirche, wird in den Schriften der Vater der ersten Zeiten in einem zwiefachen Verstände genommen. Sie verstehen erstlich unter der >irche eine Versammlung derjenigen, welche die geoffenbarten Wahrheiten der Religion bekennen, und durch einen gemeinschaftlichen Gebrauch der von Gott verordneten Mittel der Seligkeit unter einander vereinigt sind. Sie sehen daraufnicht, ob sie die göttlichen Wahrheiten mit dem Munde allein bekennen, oder nicht. Nach diesem Begriffe können die Gottlosen und Unheiligen Mitglieder der Kirche senn. N)ir haben unzählige Zeugnisse, sagt Augustin, vaß in einer Gemeinschaft der Sacramenre Döse und Gute unter einander vermengt sind, so wie im Anfange ein gottloser Judas unrer eilf guten Jüngern gewesen ist *. Chrysostomus vergleicht daher die Kirche mit der Arche Noa. Zwischen 5em Himmel, sagt er, der allein ein (!)rr der Frommen, und zwischen der Hölle, die allein eine Versammlung der Gottlosen ist, halt die Zxir- che auf Erden das Mittel, weil sich ohne Unterschied Vöse und Gute in ihr versammeln, welches durch die Arche vorgebildet ist, wo zahme und wilde Thiere, und, wie HieronnmuS dieses Gleichniß mehr ausbildet, pardel und Ss 2 Dö- * HuxuK. conr. ex. ?eM. e. 5Z. 644 Anhang einiger historisch-critischen Docke, Lämmer und lVölfe versammelt waren *. Augustin vergleicht die Kirche mit einer Scheuer, wo bis an das Ende der Tage Weizen und Spreu aufbehalten wird; an einem andern Orte mit einem Netze, worinnen allerley Fische gefangen werthen, und in seinem Buche wider die Donatisten mit einem großen Hause, wo nicht allein güldne und silberne, sondern auch hölzerne und irdne Gefäße, Gefäße zur Ehre, und Gefäße zur Schande sind^. Alle diese Gleichnisse gehören der Schrift ursprünglich zu. Die Värcr der ersten Kirche schränken zum andern den Begriff der Kirche enger ein, und verstehen nur eine Versammlung derjenigen darunter, die nicht allein mit dem Munde, sondern auch mit ihren Werken den Erlöser der Welt bekennen. So nennt Clemens von Alerandrien die Kirche eine Versammlung der Auserwöhlcen*'*. vvenndieZxirche, sagt Augustin, in dem Hohenliede ein verschloßner Garren, ein versiegelter Brunnen, ein Brunnen lebendigen N>afsers, ein Lustgarten genannt wird, so unterstehe ich mich nicht, solches anders, als von den Frommen und Gerechten zu verstehen In diesem Verstände heißt sie Justinus eine Schwester und Freundinn Christi, Chrysostomus ein Haus Gottes, das aus unsern Herzen erbaut ist,und in viel spatern Zeiten BernharduseineBraut des Heilandes U)as ist die Vraur,sagt er, als eine Versammlung der * dlu^lollom. IN IVlattli. 12. Hieran, aclv. Luciker. ^ngultln. äe Käö aci ?erll. c. 4z. In Lvzm^. ^I»ccli. !IKr. 7. 6e IZüpr. aäveri' Donar. LIem. likr. 7.8rrom. ^uguli. Ilbr. V. contr. Dom. c. 17.' (HryloKom. in 4. (1^. Lxn. 5erm> io. Lernlunl. lerm. 6». 5uxr. L»nr. Abhandlungen. 645 der Gerechten, als das Geschlecht derer, die den Herrn, und das Angesicht des Bräutigams suchend Man mag also die Kirche im einen oder andern Verstände annehmen, so kann man sagen, daß außer ihrer Gemeinschaft keine Seligkeit zu hoffen sey. Man muß von den Wahrheiten, welche die Christen bekennen, unterrichtet seyn, wenn man an den Gütern, die ihnen versprochen sind, Theil nehmen will; man muß noch mehr thun, man muß sie bekennen, und seine Handlungen nach seinem Bekenntnisse einrichten. Das heißt aber nicht,diejenigen,welche nicht im Schoos- se der Kirche sind, eigenmächtig verdammen, und sich dem Richter der Welt an die Seite setzen. Die Kirche überläßt die Irrgläubigen dem göttlichen Gerichte, wenn sie ihrer mitleidigen Stimme nicht folgen und sich nicht zu ihr versammeln wollen. Allein da sie nicht an dem Leibe Christi Glieder sind, wie kann man hoffen, daß sie an der Herrlichkeit seiner Glieder Theil nehmen werden? Die Väter der ersten Kirche brauchten von der Kirche verschiedne Ausdrücke und Namen, welche sich alle auf die gegebnen Erklärungen gründen. Sie sagten, daß die wahre Kirche als ein einziger Körper anzusehen wäre. Sie hat nur ein Haupt: Die ganze allgemeine heilige Rirche, sagt Grcgorius, bat nur ein Haupt und macht nur einen Leib aus; Christus ist mir der ganzen Rirche, sowohl mit der, die noch auf der Erde streitet, als mit der, welche schon rriumphirr, und mit ihm herrscht, gleichsam nur als eine Person anzusehen Sie hat ferner nur einen Heiligen Geist: S 6 z N?ie * Lregor. in ?5slm. ?nnlr. 646 Anhang einiger historisch-critischm tVie nur eine Seele ist, fährt Gregorius am an- gezognen Orte fort, welche die verschiednen Glieder des Lelbes beseelt/ so ist nur ein Heiliger Geist, rvelcher die ganze Rirche belebt und erleuchtet. Alle Glieder der Kirche machen endlich nur einen Leib aus, weil sie alle, wie Jrenäus sagt, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe übereinstimmen*. Die Lehrer der ersten Kirche hatten also andre Ursachen, warum sie die Kirche nur als einen Leib ansahen, als diese, daß die Glaubigen Glieder eines sichtbaren Hauptes der Kirche waren. Man wird völlig davon überzeugt seyn, wenn man erwagt, daß in den ersten beyden Jahrhunderten ein ieder Bischof seine besondre Kirche regierte, ohne daß er einem andern Rechenschaft geben durfte, als Gott. Diesen Vorzug genossen nicht allein die vier Patriarchate, sondern Cy- prian eignete ihn auch den carthaginensischen Bischöfen zu. Unterdessen machen alle diese besondern Gemeinen nur eine Kirche aus. Z)ie Rirche Gottes, sagt Cyprian, breitet ihre Strahlen durch die ganze tVelr, und es ist doch nur ein L ichr;der Körper wird nicht getrennt, so weit sich dieses Licht auch ergießt; sie ist so fruchtbar, daß sie ihre Zrveige über die ganze Erde erstreckt; ihre Ströme verbreiten sich überall; und doch ist sie nur ein Leib, nur eine Dvelle, nur eine Mutter Die Kirche hieß wegen der angeführten Ursachen auch eine hellige Kirche. Die Kirche erhielt von den ersten Lehrern der Christenheit den herrlichen Namen einer apostolischen Versammlung. Dieser Name kam nicht etwa den * Irenieuz lid. I. aävers. Kaer. c.Z. L^rizn äe i^inb. xeasl. Abhandlungen. 647 den Kirchen allein zu, welche sich rühmen konnten, daß sie von den Aposteln selbst gestiftet worden wären, sondern er war der allgemeinen Kirche eigen, weil ihr Glaube mit den Lehren der Apostel übereinstimmte. Wir finden im Tertullian ein herrliches Zeugniß davon. Man halt auch diejenigen Zxirchen, sagt er, welche keinen Apostel als ihren Stifter aufzeigen können, welche später sind, als diejenigen, welche die Apostel gestiftet haben, und welche noch iyc aufgerichtet werden, wegen der Verwandtschaft ihrer Lehre, mit der Lehre der Jünger Jesu für apostolische Rirchen. Denn da die Apostel in die tVelt auogiengen, so breiteren sie unter allen Völkern einen Glauben und eine Lehre aus, und stifteten in allen Städten Zxirchen, von welchen die übrigen den Glauben und die Lehre erhielten, und sie verdienen daher den Namen der apostolischen Rir- chen, weil sie als Rinder derjenigen anzusehen sind, welche die Apostel selbst gegründet haben Die Kirche hat endlich den Namen der katholischen Kirche. Das ist der Name, den sie von allen Kir- chenversammlungcn erhalten hat. Sie verdient ihn, weil sie an keine einzelne Person, an keine Zeit, an keinen Ort und an kein Volk vor andern gebunden ist. Sie erfüllt alle Jahrhunderte vor Christo, alle Jahr. Hunderte nach Christo, und wird die unendliche Ewigkeit erfüllen. Der Mensch ehrte Gott, so bald er ward; der Mensch konnte fallen, aber die Wahrheit Gottes konnte nicht untergehen, und Gott rief den Menschen, Ss 4 als ' l'errull. Ubr. äe xr«5cr. c.>o. c. Z», 648 Anhang einiger historisch-critischen als er sich von ihm entfernte, sogleich zu seinem Dienste wieder zurück. Seine Nachkommen wurden Abgötter ; der Erdkreis schien mit Finsternissen überschwemmt zu seyn, und man hatte meynen sollen, daß die Kirche ganz untergegangen wäre; aber Noah war noch ein Prediger der Gerechtigkeit. Judäa, wo Gott wohnen wollte, war unter den Richtern und auch unter den Königen ganz abgöttisch; aber zu der Zeit, da ein Elias von den Knechten Gottes allein übrig zu seyn glaubte, hatten sich siebentausend Fromme erhalten, die ihre Knie vor dem Baal nicht beugten. Sie verdient aber katholisch oder allgemein genannt zu werden, weil sie sich vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Niedergange ausbreitet, und alle Völker, welche sich zu ihr versammeln wollen / aufnimmt *. Es ist also ein Misbrauch dieses Namens, wenn sich eine einzelne besondre Kirche denselben vor allen andern anmaßt. Man rechnet die Fortdauer der Kirche unter ihre wesentlichen Eigenschaften. Die Mitglieder der römischen Kirche verstehen unter dieser Fortdauer die Folge der Päbste und Bischöfe auf einander. Der Bischof Dossver mengt in seine sonst so vortrefflichen Betrachtungen über die Kirche diesen falschen Begriff ein, von welchem die ersten christlichen Zeiten nichts wissen. Er führt zu seiner Bestätigung den Jrenäus an, welcher ihm gerade entgegen ist. Dieser heilige Lehrer versteht unter der Fortdauer der'Kirche die beständige Dauer ihrer Lehre und ihres Glaubens. N^an muß, sagt er, denjenigen Priestern folgen, welche mir der Nachfolge des Dtfchofchmnes die gewisse Gal- * /.uZult. 5erm. izi.Ze remx.Iil.m c. II. Abhandlungen. 649 Salbung der Wahrheit empfangen haben; die andern, welche davon abweichen, sind für verdachtig zu halten*. Ambrosius sagt ausdrücklich, daß diejenigen das Erbtheil perri nicht haben, welche feinen Glauben nicht haben **. Es ist also der Glaube Petri das Kennzeichen von der Fortdauer der Kirche, und nicht die äußerliche Nachfolge im Bischofthume. Ich kann nicht umhin, das herrliche Lob anzuführen, womit Na- zianzen die Verdienste des Athanasius erhebt. Atha- nasiue, sagt er, folgt dem Evangelisten Marcus, dem Stifter der alexandrinischen Kirche, nicht allein in feinem Siye, fondern vornehmlich in der Frömmigkeit nach. wenn man jene Nachfolge betrachtet, wie weit ist er nicht von seinem Stifter entfernt! N)enn man aber feine Gedanken auf diese richtet, fo ist er gleich der Nächste nach ihm. Und das ist eigentlich für die wahre Nachfolge zu halten. Eine Nachfolge in der Würde ohne Glauben und ohne die Wahrheit hat nur den Namen der Nachfolge; die Nachfolge im Glauben und in der Lehre aber ist ihres Namens in der That und Wahrheit würdig***. Wie oft wäre die Kirche nicht untergcgan- gcn,wenn ihre Fortdauer aufeincr ununterbrochen Folge der Päbste beruht hätte! Wo war also die Kirche, da Liberius ein Arianer, Vigilius von sich selbst verdammt, und Honorius ein Monothelit war? Wo war die Kirche im zehnten, eilften, und den folgenden Jahrhunderten ? Und wie ist Vossvet zu vertheidigen, Ss 5 wenn * Iren. HKi'.III. aäv. nser. ^mbrczs. lidr.I, r-oizn. c. 6. Lregor. äe ^.rK-msL 6)O Anhang einiger historisch-critischen G.4jSS. wenn er sagt: 5Velch ein Trost der Rinder Gottes, rvelcl) ein Beweis der ^Vahr- Heic, rrenn sie sehen, daß man vomInnocen, rius dem X!, welcher damals römisck)er Bischof war, als Bossvet seine Geschichte schrieb, in einer un, , unrerdroehnen Ordnung bis auf perrum und Jesum Cbrtstli m zurückgeht! Denn wer weis nicht, daß der Stuhl des römischen Pabstes oft viele Jahre nach einander leer und unbesetzt gewesen? Man wirft in der Lehre von der Kirche die Frage auf, ob sie im Grunde des Glaubens irren könne. Wenn man die Kirche in den Bedeutungen nimmt, die ich im Anfange festgesetzt habe, so ist e6 unmöglich, weil der Glaube an die Wahrheiten der geoffenbarten Religion der wesentliche Charakter der wahren Kirche ist. Besondre Versammlungen können sich wohl zur Kirche Gottes rechnen, ob sie sich gleich durch ihre Irrthümer von dem Leibe Christi trennen; allein sie sind des Namens, dessen sie sich anmaße«', ganz unwürdig. Die Menschen, welche zur Kirche gehören, können verblendet und verderbt werden, und wenn sie Gottes Vorsehung nicht beschützt, so kann sie untergehen; aber so lange Menschen sind, welche mit . Christo einen Leib ausmachen, so lange irrt die Kirche in den nothwendigen Wahrheiten des Glaubens nicht« Unter andern Kennzeichen, welche die Vertheidiger des römischen Stuhles von der Kirche angeben, ist ihre äußerliche Größe, ihre Herrlichkeit, und Menge ihrer Mitglieder. Allein sie haben hier alle alten Kirchenväter wider sich, von denen ich nur einige Abhandlungen. 651 ge anführen will. Die Zxirche bestehr nicht im der Anzahl lind Menge, sagt Chrysostomus, sondern in der wahren und ungeheuchelren Tugend. Ellas war nur einer, aber die ganze N>eltwar nicht werth, für ihn dahin gegeben zu werden. Augustinus sagt: lVenn du gerecht bist, so zahle nicht, sondern wäge lieber. Diele gehen auf den» breiten N)ege; wer zählt sie? An einem andern Orte spricht er: Einmal stellte Abel, einmal Enoch, einmal Noah Familie die ganze Rirche vor*. Fast alle falschen Kirchen haben sich zuweilen einer größern Menge von Vertheidigern rühmen können, als die wahre allgemeine Kirche. War nicht eine Zeit, wo die Welt von Aria- nern ganz überschwemmt war ? Hieronymus drückt den damaligen Zustand der Kirche vortrefflich aus. Die ganze Erde-, sagt er, seufzre und wunderre sich, daß sie arianisch wäre **. Es hat Zeiten gegeben, wo die Kaiser und Könige solche Vater der Kirche waren, daß sie ihr auch ein äußerliches herrli- ches Ansehen gaben. .Allein Athanasius, und Hi- larius lehren uns,daß dieses kein untrügliches Kennzei- chm der wahren Kirche ist. Jener sagt: lVelche Kirche becec iyc Christum frey an? N)enn hier und da noch Fromme und Bekenner Christi sind, (es giebt ihrer aber noch überall viele,) so sind sie doch, wie der große propber Elias Verborgen; sie verstecken sich in die Holen und VOinkel der Erde/ oder irren in der Einsamkeit und in den lausten herum. Hilarius aber eifert wider diejenigen, die mit einer übertriebnen Liebe an * (!ku^lc>Kc)M.Kom.4. s6 pop.^uiZuK in ZA ?f.Iä> in 119 ?K LKeron^m. in via!, aäv. !>.uciker. t 652 Anhang einiger historisch-critischm an den Tempeln hingen, die doch von Menschenhänden bereitet waren. Euch fesselt, redete er sie an, eine verderbte Liebe zu den wänden; ihr verehrt die Rirche Gottes in Gebäuden und Tem, peln; aber ihr thut übel. Mir sind die Berge, die Sümpfe, die Gefangnisse und Strudel sichrer In dem alten Testamente hatte sich Gott nach der Schwachheit des jüdischen Volkes geeichter, und die Religion so versaßt, daß sie zugleich die Sinne der Menschen beschäffrigte. Die Opfer, die Vorbilder, die Kleidung der Hohenpriester, die Einrichtung der Stiftshütte, alles fiel herrlich in die Augen, und füllte die Herzen mit Andacht und die Augen mit Verwunderung; mit einem Worte, die ganze Religion hatte mehr äußerliche Pracht. Allein schon im alten Testamente wurden die Juden durch die Zerstörung ihres Tempels, durch die Entweihung aller heiligen Gefäße, und durch die Gefangenschaft, wo sie ganz im Verborgnen anbeten mußten, deutlich gelehrt, daß die äußerliche Herrlichkeit kein wesentliches Stück der wahren Kirche ist. Der Heiland der Welt erschien, und er befahl denen, die ihm anhangen wollten, seinen Varer im Geiste und in der Wahrheit anzubeten. Wo war die Herrlichkeit der Kirche in den ersten drey Jahrhunderten, da sich die Christen unter der Erde, in Holen, in Gräbern, in Felsen und in Wäldern versammeln mußten ? Die untrüglichen Kennzeichen der wahren Kirche sind also eine unverfälschte Verkündigung der geoffenbarten Wahrheiten, und der ordentliche Gebrauch der Sacramente, welche Christus selbst eingesetzt hat, den Men. ^rkanal! ack 8olic. Lc kAIarluz mnrr. ^ur. Abhandlungen. 655 Menschen entweder den Glauben zu geben, oder zu stärken. Eine icde besondre Gemeine, welche diese Siegel auf Hrer Stirn trägt, kann gewiß seyn, daß sie zu der Klrche gehöre, welche mit Christo einen Leib ausmacht, welche apostolisch, allgemein, heilig, und ewig ist. Man kann das Lob, welches Gregorius Na» zianzenus dem Athanasius giebt, mit Rechte auf sie deuten. Je reiner ihre Lehren, und ie größer ihre Heiligkeit und Tugenden sind, desto naher sind sie ihrem Ursprünge, und wenn sie der Zeit nach von den Stiftern der Kirche, den Aposteln, noch so weit entfernt wären. Alle Zeit, die zwischen ihnen und den Aposteln verflossen ist, wird alsdann für nichts geachtet. Wir richten nicht; so viel wichtige Irrthümer man auch der römischen Kirche gezeigt hat, so verdammen wir doch ihre Mitglieder nicht. Allein sind sie nicht zu stolz, und zugleich zu ungerecht, daß sie sich allein für den wahren Leib Christi, für die allgemeine, für die apostolische, und für die heilige Kirche Gottes halten, daß sie andre Kirchen auch von Gott ausgeschlossen zu haben glauben, wem, sie sie von der Gemeinschaft mit der ihrigen ausschließen ? Und ist die Kühnheit nicht allzugroß, wenn sie von der römischen Kirche behaupten, daß sie die Kirche sey, außer deren Gemeinschaft keine Seligkeit zu hoffen ist? Der Bischof Vofsver, welcher doch mehr Vernunft und Einsicht hatte, als andre, treibt seine Urtheile selbst so weit. Er war einer von den eifrigsten und listigsten Bekehrern, und so groß auch sonst seine Menschenfreundschaft und Billigkeit, und so tief seine Einsicht in die Kirchengeschichte war, so nannte er doch alle diejenigen Ketzer, welche sich nicht jur römischen Kirche bekannten. 654 Anhang einiger historisch - critischen bekannten. Wir wollen seine Gründe betrachten, womit er beweist, daß seine Kirche die wahre, die apostelische, und katholische Kirche sey, nachdem wir die Begriffe der ersten Väter des Christenthumes von dieser ganzen Lehre wissen. Bossver nimmt also cm, daß die römische Kirche die S.4-2S- allgemeine und apostolische Kirche sey. Nachdem ec eine Stelle aus demOrigenes angeführt hat/ wo Cel- sus, ein Heide, unter den Christe«, eine große Kirche bemerkt, welche die Traditionen der Jüden annimmt: So sagt er, daß die römische Kirche die» se große Kirche sey. Denn der Kaiser Aurclian erkannte in den Unruhen, welche Paulus von Samo- sitta erregte, denen das Haus der Kirche zu, es sey nun solches das Bethaus oder das Haus des Bischofes gewesen, welche mir den Bischöfen in Italien und Rom in Gemeinschaft waren. Er führt ferner eine Stelle aus dein Ammianus Nlarcelli- nns an, worinnen gesagt wird, daßderZxaiserLon- jranz, welcher ein Arianer war, mir dem größten ZLifer gewünscht Härte, daß der römische Bischof wegen des Ansehens, das er über andre harre, den Achanasms, den Vertheidiger des alten Glaubens, verdammen möchte. Man muß den Begriff einer allgemeinen Kirche mit zu diesen Stellen bringen, wenn man darinnen finden will, daß es die römische Gemeine sey. Es ist wahr, daß die christlichen Gemeinen in Rom und in Italien in den ersten Zeiten verschiedne Vorzüge vor andern Kirchen hatten. Man muß aber diese Gemeinen die Kirche in Italien, und nicht die römische Kirche heißen. Denn das Ansehen des römischen PabsteS erstreckte sich in den ersten » Abhandlungen. 655 sten drey Jahrhunderten nicht über olle Bischöfe in Italien. Die Vorzüge dieser Kirche in Italien gründeten sich darauf, daß Rom der Sitz des römisch?» Reiches war. Ein solcher äußerlicher Vorzug hat al, lezeit über diejenigen, welche außer der Kirche sind, und doch darüber urtheilen wollen, viel Gewalt. Man kann nicht beweisen, daß Aurelmn, ein Heide, die römische Kirche für die einige allgemeine Kirche gehalten habe. Allein wenn er solches gethan hätte, so würde doch für sie in der That nichts daraus folgen. Dennda er von den Lehrender christlichen Religion keinen Begriff hatte, so mußte er nothwendig nach der Menge urtheilen, und diejenige für die größte Kirche halten, welche die meisten Mitglieder hatte. Man kann ein gleiches vom Kaiser Constanz sagen. Er war ein Arianer; der Bischof zu Rom, welcher in einem großen Ansehen stund, war kein Arianer; was war natürlicher, als der Wunsch, daß er den Athana- sius verdammen möchte? Die Wahrheit bleibe Wahrheit, wenn sie auch nur von dreyen bekannt wird; der Irrthum hat in sich selbst nichts, womit er sich erheben kann; er ist also genöthigt, ein äußerliches Ansehen zu suchen, wenn er nicht in seinem Ursprünge schon wieder vergehen soll. Die wahre Kirche ist diejenige, welche vom Anfange her in der Wahrheit bestanden ist. Die Länge ihrer Dauer macht sie nicht dazu, so wenig eineKeHerey Wahrheit wird, weil sie alt ist. Die Reyereyen, S. 4,; S. sagt Bossvet, mochten anfangen, roas sie wollten, so konnten sie sich dock der Namen ihrer Srif« rer nicht entledigen. Vergebens enrrüsieren sich die Sabelltaner, die pauüianisten, die Aricmer, dis 656 Anhang einiger historisch-critischen die pelagianer und andre über den Titel der Parthey, den man ihnen gab. Die N)elr wollte natürlich reden, sie mochten wollen oder nicht; sie bezeichnete eine iede Gecre mit dem Namen desjenigen, von den, sie ihren Ursprung harten. Das ist alles wahr; aber kein Sabellianer, Paullianist, Arianer, und Petagianer war seines Namens wegen ein Ketzer, sondern weil sie die Irrthümer derer annahmen, von dem sie ihre Namen hatten. Es ist fast kein Irrthum, welcher nicht so alt, als die Welt seyn will, und der nicht darzuthun versucht hat, daß er in S. 4»j S. allen Jahrhunderten gelehrt worden ist. Z^s ist wahr, daß die ungläubigen Zxaiser die wahre Rirche vornehmlich angegriffen haben.Allein weder die Verfolgungen, noch die Wunder, die eine Gemeine aufzeigt, noch die Märtyrer, noch der äußerliche Glanz sind untrügliche Merkmale der wahren Kirche. Die Rechtgläubigen wurden verfolgt, wenn die Kaiser arianisch waren; die Arianer wurden verfolgt, wenn die Kaiser die Rechtgläubigen beschützten. Da6 ist unleugbar. Alle Keßer rühmen sich, Märtyrer und Wunder gehabt zu haben. Dieses geht so weit, daß selbst die römische Kirche die Märtyrer der Keßer verkannt, und für Märtyrer der Wahrheit gehalten hat. Wie viele Heiligen findet man nicht in den römischenVerzeichnissen,welche Irrgläubige gewesen sind. Alles, was nicht Wahrheit ist, ist kein untrügliches Kennzeichen der wahren Kirche. Ehe ich diese Betrachtung beschließe, so will ich einige vortrefflicheStellen aus einemBriefe des Herrn Spon, eines französischen reformirten Arztes, und großen Kenners der Alterthümer, an den Pater de la Chaise, den Beichtvater des vorigen Königes in Frankreich, anführen, Abhandlungen. 657 anführe», und ich hoffe, daß sie ungeachtet ihrer Länge meinen Lesern nicht unangenehm seyn werden*. „Da die Unpartheylichkeit, sagt er, ein Werk Got- „teS in unsern durch uns selbst verfinsterten Herzen ist, „so wundre ich mich weniger, als ich sonst thun wür- ,)de, daß unter den Bekennen, der römischen Kirche „so viele Männer, welche sonst eine so schöne Einsicht „besihen, nicht auf den geringsten Argwohn von dev „Neuheit ihrer Religion fallen, da sie doch so viel Gelegenheit und Ursachen dazu haben. Sie würde» „sonst, nach einer ernstlichen Ueberlegung, eingesehen „haben, daß der Bilderdienst in der ersten Kirche unbekannt, und weder Statuen noch Bildnisse in den ,.Tempeln gewesen sind. Man braucht dazu nur die „Geschichte zu wissen, um anzumerken, daß die Heiligen vordem nur vor der Nirche aufgestellt „worden sind, well sie damals, wie der Herr „Launoi, ein parisischer Doctor, sagt, nurals Diener „angesehen wurden; daß man aber, alvsienun- ,,inehr Herren geworden sind, nicht hat haben „wollen, daß sie sich außer dem Hause aufhallten sollten.--- »Man würde eingesehen haben, daß man in vergangen heiligen Schrift weder ein Gebot, die En- „gel oder die Heiligen anzubeten, noch Drohungen »wider diejenigen,welche e6 nicht thun,noch ein Exempel „von einem findet, der solches gethan habe; daß aber „wohl derjenige getadelt worden ist, der solches thun „wollen, wie denn der Engel zum heiligen Johannes „sagte: Siehe zu, thue es nicht, denn ich bin Offenb.--,?. „dem * I.» ?vlm in der griechischen Kirche „beybehalten, und wie e6 Gelasius der II. bey der „Strafe des Bannes verordnet hat; daß es also in „der lateinischen Kirche etwas neues ist, wenn den „Layen der Kelch genommen wird. In der That, das „Abendmal unter einer Gestalt fing nur erst nach der „constantiensischen Kirchenversammlung, und also „erst gegen das Ende des -vierzehnten Jahrhunderts an, überall angenommen zu werden, wie Grego- „rius von Valenza sagt, und nach der Meynung des „Scotus wurde es in der latcranensischen Kirchcnver- „sammlung, als ein Glaubensartikel, festgesetzt. Wo ist „also das Alterthum ihrer Kirche? Mai, könnte auch „zweifeln, daß die Meynung von der Verwandlung „im Abendmale alter wäre, weil man in den alten „griechischen und lateinischen WörterbüchernkeinWort „findet, das sie ausdrückt, so fruchtbar auch beyde „Sprachen sind. Ich habe keine Spur davon im „Svidas findeil könnender einChrist war,und alleWor« z^te anmerkt, welche sowohl von den Heiden als Chri- „sten gebraucht wurden, und ich glaube, daß man „eben so vergebens in den alten Kirchenvätern, und den „Verordnungen der alten Kirchenversammlungen su« „chen wird. „Eben so wenig findet man das Fegfeuer oder sonst »ein gleichgültiges Wort daselbst. Wenn man es finden T t 2 „könnte, 66o Anhang einiger historisch-critischen „könnte, so müßte man es in den alten Grabschriften „derChristen suchen.Sie sind in denAlterthümern erfah- „ren,mein Herr, und ich möchte also sehr gern von ihnen „lernen,woher es kömmt, daß. man in den alten Grab- „schriften das Bittet für ihn, und das Kecnnelcgr in „psce vor dem achten und neunten Jahrhunderte nicht „findet, welches man so oft in den neuern Grabschriften «antrifft, daß man aber mit der Anzeige von dem Tage „ihreS Todes nur das dbür in puce, cicpoiuus eK i» s>A< ,,ce» c^uieicic in j?sce, obiirin iomnium p-iciz, rece» „PM8 eK spuä veum, in den alten Aufschriften liest?,, „Kann nicht dieses alles zum wenigsten einen Ken- „ner der Alterthümer auf den Verdacht bringen, daß „es sehr viel Neues in der Kirche giebt, welche sich „für so alt halt? Denn wenn man vom Alrer redet, so „ist die Rede nicht von einem Alter von vier bis fünf „Jahrhunderten, sondern von dem ersten lind noch „reinem Alterthume der Kirche. Sie können sich also „nur in denjenigen wesentlichen Stücken der Religion „des Alterthumes rühmen, morinnen sie mit uns übereinstimmen. „Erlauben sie mir, mein Herr, das noch hinzuzufe- „ßen, was einer von unsern Predigern, Herr Hespe- ,,rien, gesagt hat. Die Papisten sind alt, sagen sie; ich „raumeeS ein,und wir sind in gewissen Stocken neu.Die „ganze abendlandische Kirche war ein kranker Körper; „wir sind durch die Gnade Gottes gesund geworden; „darinnen sind wir neu; sie bleiben noch krank, das Hauben sie noch von alten Zeiten her, welches desto gefährlicher ist, weil gemeiniglich alle eingewurzelte „Krankheiten aufden Tod hinauslaufen. Wir sind in „Betrachtung der Kirchenverbesserung neu, wie ein „Körper neu ist, wenn er gesund wird; allein wir sind »alt, Abhandlungen. 661 „alt, in Betrachtung, daß wir rechtgläubige Chri- „sten sind. Die Reformation ist etwas Zufälliges bey „der Kirche, das in ihrem Wesen keine Veränderung macht. Das Wesen der wahren Kirche ist der „wahre Glaube und die wahre Anbetung Gottes. Darauf beruht die Seligkeit. Wo wart ihr, sagt man zu „uns, vor dem Calvin und Luther? Wir waren, sagen „wir, in einer Gesellschaft, in welcher die Juden zu „den Zeiten Christi waren; wir waren an einem Orte, „wo mal' sich nicht verweilen durste, wenn man sicher „seyn wollte. „Vergeben sie mir, mein Herr, noch ein Wort, „das ich nicht sage, um zwischen ihnen und den Arianern, „den Feinden der Gottheit Christi, eine verhaßte Ver- „gleichung anzustellen; Gott bewahre mich vor einem „solchen Gedanken; ich will sie nicht beleidigen, ich will ,,mich nur deutlicher erklaren. Sie wissen, daß das römische Reich beynaheganz arianisch war. Die Arianee „wollten Katholiken heißen, und nahmen es für eine Beschimpfung aii/wenn man sie Arianer nannte; sie nann- „tenvielmehrdieRechtglaubigcnAbtrünnigeundKctzer, „indem sie dieselben Arhanastaner, Eustathmner/ „Lucifcrianer nach den Namen der Bischöfe nannten, „welche die Wahrheit muthig vertheidigt hatten. Hätte „man darum wohl mit Rechte zu den Rechtgläubigen „sagen können: Ihr seyd ganz neu; wo wart ihr vor „dem Athanasius, dem Eustathius, und dem Lucifer von „Caillari, sowie manzu uns sagt: wo wart ihr vor Lu- „thern, vor dem Calvin und Zwinglius?,, Ich habe nichts mehr zu sagen, als daß ich Dossvets eigne Worte anführe, welche mich veranlaßt haben, diese langen Stellen zu übersetzen. Ich überlasse es meinen Lesern selbst Anmerkungen über beyde Tt z Stellen 662 Anhang einiger historisch-critischen S. 451 S. Stellen zu machen. Die falschen Religionen haben die Rirche in vielen Stücken nachahmen können ; sie haben vornehinlich,wre sie, gesagt, daß sie Gocc gegründet habe; clleii^ diese Re- de ihrer Lippen ist in die Luft gereder. Denn wenn Gott das menschliche Geschlecht erschaffen , und weil er es nach seinem V'.lde gemacht, dasselbe allezeit gewürdigt hat / ihm die N>ege zu zeigen, wie es ihm dienenundgefallen kann: So ist eine iede andre Secre, welche ihre Folge nicht vom Anfange der lVelc S.4«o S. herführen kann> nichc von Gorc. -- Alles, was diese Rette unterbricht, alles, was aus dieser Folge herausgeht, was sich selbst erhebt, und seinen Ursprung, kraft der Verheißungen, die der Zxirche geschehen sind, nicht zum Ursprünge der tVelr zurückführen kann, muß uns einen Abscheu machen. OOOOOOOOOO OOOGOGOOO Betrachtung über die andre m'cänische Kirchen» Versammlung. AAe Geschichte kann die Unruhen, welche durch die Streitigkeiten wegen der Anbetung der Bilder in der Kirche verursacht worden sind, nicht schrecklich genug abbilden. Das achte Jahrhundert ist nicht allein wegen der allgemeinen Zerrüttung des römischen Rei« Abhandlungen. 66z Reiches, sondern vornehmlich auch wegen der unglücklichen Veränderungen, welche die Religion leiden mußte, merkwürdig. Das ganze Reich wurde mit fremden Völkern, wie mit einer Sündflut überschwemmt, und die Kirche, die schon von rausend Keßereyen zerrüttet wurde, noch dazu mit einem fast allgemeinen Aberglauben überfallen. Die Änderung eines einzigen Gottes schien der Welt noch allzuneu zu seyn, als daß sie sich vollkommen daran gewöhnen konnte, und man fing an, die Märtyrer fast eben so abgottisch zu verehren, als die Heiden ihre heiligen Schatten und vergötterten Helden verehrt hatten. Dieser Aberglaube nahm mit eiuer unglaublichen Geschwindigkeit überHand. Die Bischöfe, die Priester, die Mönche, welchen schon mehr an Reichthümern und an einer äußerlichen Macht und Hoheit gelegen war, als an der Wahrheit, fanden allzuviele Vortheile dabey, als daß sie ihn hätten unterdrücken sollen. Unter den Heiden hatten alle Städte ihre Schutzgötter; da sie christlich geworden waren, vertauschten sie dieselben mit Heiligen und Engeln. Man hatte so viele Märtyrer, daß man fast den kleinsten Flecken Beschützer geben konnte, die ihre Vorsprecher bey Gott seyn sollten. Man baute ihnen Altare, matt widmete ihnen Tempel, und feyerte ihnen zu Ehren Feste. Die alexandrinische Philosophie, welche sich im ganzen Oriente ausgebreitet hatte, und beynahe in allen Klöstern gelehrt wurde, bestärkte diesen Aberglauben noch mehr. PorphyriuS, und Jamblichi- l>6 hatten gelehrt, daß die himmlischen Geister unsre Mittler bey Gott waren, und rechtfertigten dadurch die Abgöttereyen der Heiden. Sollten diese Irrthümer sich nicht nach und nach in die Lehren der Religion ein- Tt 4 gemischt 664 Anhang einiger Worisch-critischen gemischt haben, da man die neuere platonische Philosophie aus einem oft übertriebnen Eiser mit den geoffenbarten Wahrheiten zu vereinigen suchte? In den ersten drey Jahrhunderten wußte man von der Anbetung der Heiligen nichts. Man findet wohl, daß das Andenken der Apostel und Märtyrer den ersten Christen kostbar und heilig war; allein man kann vor dem vierten Jahrhunderte keinen Tempel zeigen/ in welchem die Bildnisse der Heiligen aufgestellt worden wären. Man ließ damals die Ehre, die Gott allein gehörte, ihn noch nicht mit den Geschöpfen theilen. Origenes, welcher die Anbetung eines einzigen Gottes so herzhaft wider die Heiden vertheidigte , schloß die Apostel und Heiligen ausdrücklich von denen aus, aus die man sein Vertrauen seßen soll*. Die Arianer, welche die Gottheit Christi leugneten, und ihm doch göttliche Ehre erwiesen, wurden darum von den Rechtgläubigen der Abgötterey beschuldigt Die Ehrfurcht, die man in dem vierten Jahrhunderte, und in den nachfolgenden Zeiten den Märtyrern erwies, wurde übertrieben. Die Heiden bemerkten diese große Veränderung in der Religion, und MarimuS von Madaura schrieb an den heiligen Augustin, er wunderte sich, daß man den Jupiter, den Donnerer, mit einem Mygdonius, und die Juno mit einer Salea vertauscht hätte . Die übertriebnen Lobsprüche, welche die christlichen Redner den Märtyrern gaben, die * Orlg. contr. 015.1. 4. x. 177. 194. libr. S. x. 4Z0, In Jerem. rc>m. I. p. 6zz. I^ovar, äe l'rlnir. c. 14. ^rlisn. äe incarn.verb.tom. I. p. 59z, t^rill. Hierolol^m. LarecK. l2. p. 104. lVlaxim. ^aä-mr. e^ilt, sä 16. Läit. Leneä. z». 20. exilr. 17. x. »5. Abhandlungen. 665 die heftigen Anrufungen, die sie an sie richteten, um ihre Zuhörer in Verwunderung zu setzen, und die Wunder, die man ihnen andichtete, wenn man keine wirklichen Wunder von ihnen wußte, waren Ursache, daß sich die Ehrfurcht des Volkes nach und nach in Aberglauben verwandelte. Basilius scheint der erste gewesen zu seyn, welcher' die Märtyrer auf eine so rednerische Art angerufen hat. Er erhob in einer Homilic vierzig Soldaten, als Märtyrer unsrer Religion, und sagte von ihnen, daß sie so viele Vorsprecher bey Gott wären, zu welchen man im Unglücke seine Zuflucht nehmen müßte*. Allein dieses war keine allgemeine Lehre der Kirche. Chrysostomus, welcher ein so heftiger Redner war, welcher alle Vortheile wahrzunehmen wußte, die ihm seine Einbildungskraft und sein reicher Geist zur Stärke oder zum Schmucke seiner Reden darbot, welcher sogar das Spielwerk des Witzes nicht verachtete, wenn es ihm rührend vorkam, hat in allen seinen Lobreden auf die Märtyrer niemals gesagt, daß man sie anbeten müßte. Er setzte vielmehr die wahre und größte Ehre, die man ihnen erzeigen könnte, darinnen, daß man ihre Tugenden nachahmte. Wenn die Anbetung der Heiligen eine angenommnc Wahrheit der Kirche gewesen wäre, warum fände man sie in seinen Lobreden der Heiligen nicht, wo sie so natürlich war? Diese abergläubische Lehre schlich sich nur nach und nach in die Kirche ein; man setzte die Bildseulen der Heiligen erst nur vor die Kirche; bald setzte man sie in die Kirche. Erst bat man für die ver- T t 5 storb- * L-ulI. Hom> in 40 lVKrryr. x. n<>. 666 Anhang einiger Worisch-critischm siorbnen Heiligen, bald darauf verlangte mail von ihnen, daß sie für uns bitten sollten. Erst sah man die Bildnisse der Märtyrer nur au, um sich ihrer Thaten und unsterblichen Tugenden zu erinnern; darauf küßte man sie; darauf kniete man vor ihnen nieder; darauf zündete man Wachskerzen vor ihnen an, und räucherte ihnen; endlich betete man im achten Jahrhunderte so gar ihre Bilder selbst an. Äls diese abergläubische Anbetung sich so weit ausgebreitet hatte, so wurde ieo, der dritte, welcher damals den Orient beherrschte, durch den Rath des Theophilus, eines Metropolitanbischoses inNacholien bewogen, einen Befehl zu geben, worinnen geboten wurde, kein Bildnisi anzubeten. Er sagte zu dem Patriarcheil in Constantinopel, welcher Germanus hieß, daß es eine Abgötterey wäre, Bildnisse zu ehren, und vor ihnen niedcrzuknien. Er gieng in seinem Eifer so weit, daß er gebot, alle Bildseulen Christi, der Apostel, und Heiligen umzustürzen, und zu zerbrechen , die Gemälde an den Wänden in den Kirchen auszulöschen, und die Wände mit Kalch zu überweißen. Er wollte das Uebel mit seiner Wurzel ausrotten. Allein die Erfahrung von so vielen Jahrhunderten hatte ihn lehren sollen, daß die Irrthümer in der Religion nur tiefere Wurzeln schlagen, wenn man allzugewaltsame Mittel wider sie braucht. Germanus und seine ganze Clerisey widersehten sich den Unternehmungen des Kaisers / und ihr Eifer gieng so weit, daß sie die kaiserlichen Arbeiter, welche ein Bildniß unsers Heilandes wegschaffen sollten, umbrachten. Der römische Bischof, Gregori- us, der dritte, welcher sich nunmehr schon, wie seine Vor, Abhandlungen.' 667 Vorfahren, eine Hoheit über die Könige und Kaiser selbst anmaßte, that den Kaiser in den Bann, und verdammte seinen Befehl mit einem schrecklichen A?ia« thema. Allein der Kaiser achtete seinen geistlichen Donner nicht, sondern sagte lachend, als er davon benachrichtigt wurde: Er ist ein Abgötter; er ist selbst im Banne. Gregorius gieng in seinen Unternehmungen so weit, daß er in Italien ein Verbot gab, dem KaiZ ser keine Zölle und Schußgelder mehr zu bezahlen. Man rechtfertigt diesen Aufruhr des Pabstes wider seinen rechtmäßigen Oberherrn damit/ daß dieser die Angelegenheiten Italiens ganz versäumte, und denDccident fremden Völkern zum Raube überließ. Weil die Unruhen, welche der Bilderstreit in der Kirche veru>sachte,immer größer wurden, so beschloß endlich Leo, eine allgemeine Kirchenversammlung berufen zu lassen. Allein der. Tod unterbrach die Ausführung seiner Entschließungen". Constantin, der sechste, ein Sohn des Leo, war ein noch heftigerer Feind des Bilderdienstes. Da ihm seine Unterthanen den Eid der Treue schwuren, so mußten sie zugleich die Anbetung der Bilder verfluchen. Er berief eine allgemeine Versammlung der Kirche, welche sein Vater nicht hatte zu Stande bringen können, und sie wurde im 754 Jahre nach Christi Geburt, den io Februar eröffnet. Es waren die morgenlandischcn Patriarchen nicht zugegen; sie wurden aber durch die Saracenen, welche in Aegypten und Palastina die Oberhand hatten, verhindert, dabey zu erscheinen. Man hatte noch keine so zahlreiche Versammlung gesehen; bey der ersten mcänischcn was ren ',^kA'^!»«"-,. i?'. ^'.I VMö.'.N'SiN Ä5!vZ^,5'' * Xonsr. com. z. x. L4> 668 Anhang einiger historisch-critischen ren nur dreyhundcrt und achtzehn Bischöfe zugegen, und hier war ihre Anzahl dreyhundcrt und acht und dreyßig stark. Ehe ein neuer Patriarch zu Constantinopel erwählt wurde, gab der Kaiser zween Metropolitanbischö- fen, dem Bischöfe von Ephesus, und dem Bischöfe von Perga in Pamphilium den Vorsitz. Nachdem die Bischöfe die vorhergehenden sechs allgemeinen Kirchenversammlungen bestätigt, und die Streitigkeiten wegen des Bilderdienstes untersucht hatten, so wurde die Anbetung der Bildnisse mit einem ein- wüthigen Ansprüche verdammt. Gleichwohl untersagte man nicht alle Anrufung der Jungfrau Maria, und der Heiligen selbst; man verlangte nur,daß diese Anrufung allein in Wünschen bestehen, und so eingerichtet seyn sollte, wie man die Frommen auf Erden bittet, daß sie für uns beten sollen*. Die Aussprü- che dieser Kirchenversammlung hatten ein verschiednes Glück; der ganze Orient nahm sie an,die Mönche,die sich ihr widersetzten, ausgenommen. Die Bischöfe in Frankreich gierigen den sicher«? Mittelweg; sie verdammten die Anbetung der Heiligen, und behielten die Gemälde und Bildnisse der Heiligcn zum Andenken ihrer Tugenden in den Tempeln bey. Sie trugen daher auch den Gesandten des Constantinus auf, ihn zu ermahnen,daß er sich in diesem Stücke nach andern Gläubigen richten möchte **. In Italien war der Pabst mit der Vergrößerung seiner äußerlichen Macht allzusehr beschäfftigt, als daß er sich um die Streitigkeiten der Religion hätte be/ kümmern können. Er konnte nicht zugleich das Erar- chat in Italien an sich bringen, und die Feinde der Bilder " donc. I>I!c. H. ^A. VI. ap. IlzrcZ. x>. qzo. 4z». ksul. Hnül. in ?e?in. übr. II. ' Abhandlungen. 669 Bilder verdammen, so viel auch ihre abgöttische Verehrung zu seiner zeitlichen Größe beygetragen hatte. Man dachte in fünfzehn Iahren an die Kirchenverjammlung des Kaisers nicht. Endlich verdammte Stephanus, der vierte, in einer Versammlung seiner Bischöfe die Feinde des Bilderdienstes". Allein diese Verdammung that der constantino?olira- mschen Kirchenversammlung keinen Schaden, so lange ein Kaiser lebte, welcher das Ansehen ihrer Verordnungen mit seiner Macht erhalten konnte. Constantin starb/ und Irene gelangte zur Regierung. Nunmehr erhielten die Angelegenheiten der Bildcran- beter ein glücklichers Ansehen. Irene war eine hoch- müthige Prinzeßinn; allein ihr Hochmuth verkleidete sich in das Ansehen der Religion und Andacht. Sie verlangte den Ruhm einer heiligen Prinzeßinn, und diesen konnte sie leicht erlangen, ohne heilig zu seyn / wenn sie die Bildnisse der Märtyrer an ihren Verächtern und Zerstörern rächte. Sie faßte also den Entschluß, den verfallnen Bilderdienst wieder in Aufnehmen zu bringen. Es geschah vermuthlich auf ihre Veranstaltung, daß sich Paulus, der Patriarch zu Constan- linopel, ins Kloster begab, und daselbst in Gegenwart der Kaiserinn und ihrer Rathe öffentlich bedauerte, daß er so lange Zeit die Regierung einer irrenden Kirche geführt hatte. Die Verehrer der Bilder erzählen von ihm, daß seine Reue in Thränen ausgebrochen, und er vor Schmerzen plötzlich gestorben sey. Sie sehte den Tarasius, einen von ihren Staatssecreta- ren, und einen Läyen in die erledigte Stelle des Patriarchen, welcher sich aber anstellte, als wenn er die bischöfliche Würde nicht annehmen wollte, wenn ihm nicht ' LoncUc Komzn. lud 5rcxl,. IV. ax. tlarä. rom. z. x. Zviz. 67O Anhang einiger hiftorisch-critischen nicht eine allgemeine Kirchenversammlung zugesagt würde. Irene befahl also den Bischöfen, sich in Con- stantinopel zu versammeln; allein die Bischöfe, der Pöbel und die Soldaten, waren noch allzusehr wider die Bilder und ihre Anbetung eingenommen, als daß diese Zusammenkunft einen glücklichen Ausgang hätte haben können. Es entstund ein Aufruhr, und man wurde genöthigt, die Versammlung zu verschieben*. Unterdessen entfernte die Kaiserinn, unter dem Vor- wande, daß die Saracenen ins Reich eingefallen wäre»/ alle Kriegsvölker aus Constantinopel, welche nicht völlig ihres Sinnes waren, und zog unter dem Stauracius andre Völker in die Stadt. Nachdem ein Jahr verflossen war, kamen die Bischöse in Ni- caa in einer großen Anzahl, mit einer noch größern Menge von Mönchen zusammen. Man streitet/ ob die Patriarchen Legaten zu dieser Versammlung geschickt haben oder nicht; die Unmöglichkeit, welche sie verhindert hatte, zu der Versammlung des Constantinus zukommen, war noch vorhanden; denn die Macht und Grausamkeit der Saracenen hatte sich noch weiter ausgebreitet und vermehrt . Unterdessen waren einige Mönche zugegen, welche sich für die Legaten der Patriarchen ausgaben. Die Legaten des Pabstes scheinen den vornehmsten Rang gehabt zu haben, denn sie unterschrieben sich zuerst. Man macht ihnen den Vorsitz streitig, weil Tarasius der erste und vornehmste und derPrasident der Versammlung genannt wird. Sie dauerte nicht gar lange; in achtzehn bis neunzehn Tagen hatte man vier wichtige Stücke zur Richtigkeit gebracht. Man hatte ausgemacht, wie man die Bischöfe, welche die Anbetung der Bilder annähmen, * (!onc. I^icsen. II. zK. i. p. 26 ap. Ilzrck. tom. IV. Ljzznkeim. HIK. IinsZ. ZeÄ. 6. x. z8o. Abhandlungen. 671 men, wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufnehmen sollte; man bestätigte den Bilderdienst; man widerlegte die constantinopolitanische Kirchcnver- sammlUng Schritt vor Schritt, und man machte wegen der Kirchenzucht neue Verordnungen ^. Es wurde beschlossen, daß die Bilder angebetet werden sollten; es wurde zu einer Pflicht gemacht, vor ihnen nie- derzuknien, sie zu küssen, ihnen zu räuchern, und Wachskerzen vor ihnen anzuzünden, und alle diese Aussprüche uittcrschrieben die versammelten Bischöfe. Die vorige Kirchenversammlung unter den Constan- tinus CopronymuS wurde verdammt, und ob sie gleich mit einem größern Rechte den Nameu einer allgemeinen verdiente, so erwies man doch nur der andern ni« canischen diese Ehre. Man begegnete der constantinopo- litanischen mit der äußersten Verachtung, und der abergläubische Eifer der Bilderdiener schweifte so weit aus, daß sie sie eine Versammlung des Satans nannten^*. Gleichwohl hatte diese teuflische, unsinnige, gottlose Versammlung die vorherigen sechs allgemeinen Kirchenversammlungen bekräftigt; sie hatte verlangt, daß man die Heiligen ehren sollte, allein ohne Abgötterey zu treiben; man harte die Nachahmung ihrer Tugenden als die größte Ehre angesehen, die man ihnen erzeigen könnte. Sie war nur darinnen z« weit gegangen, daß sie die Mahlerey, als eine heidnische Kunst, und allen Gebrauch der Bilder untersagt hatte. Allein die stolze Heucheley einer Kaiserinn, und die Vortheile, welche die Mönche bey dem Bilderdienste hatten, wollten haben, daß diese Versammlung gottlos * conc.Nlcsen. II. 2Ä> I.-Ä. IV. aÄ. VI. aÄ.VIII. rom. IV.ap ttarä. ^N. Scepli. ^un. »xuä Lsrvn. x. 2». 672 Anhang einiger hiftorisch-cvitischen gottlos und teuflisch wäre. Unterdessen war sie in derThat der nicänischcn fast in allen Stücken vorzuziehen. Wir wollen dieses mit einigen Anmerkungen beweisen. Es gieng bey der constantinopolitanischen Versammlung weder so gewaltsam noch so eilfertig zu. Es ist wahr, daß die Bischöfe, welche diesen Streit untersuchen sollten, den Willen des Kaisers, und seinen Haß gegen die Anbeter der Bilder wußten. Es kann auch seyn, daß diese Wissenschaft an ihren Aussprü- chen einigen Antheil haben kann. Allein die Versammlung hatte zum wenigsten den äußerlichen Schein einer vollkommnen Freyheit. Die Bischöfe, welche für die Anbetung der Bilder waren, durften ihre Gründe vortragen und vertheidigen. Man eilte nicht Mit der Entscheidung; man hattest» viel Aufmerksamkeit, Gedult und Ehrfurcht gegen diesen Streit, als er verdiente. Mai? brachte sechs ganze Monate zu, diesen Streit nach der Schrift, und den Kirchenvätern zu untersuchen. Man ist zu entschuldigen, wenn eine so lange Ucberlegung uns ein Vorurthcil für die Aussprüche einer solchen sorgfältigen Versammlung macht. Allein wie gewaltsam und eilfertig verfuhren nicht die Bischöfe in Nicäa! Man ließ diejenigen unter ihnen, welche dem Bilderdienste entgegen gewefen waren, nicht eher in der Versammlung Sitz nehmen, bis sie dieses bereut hatten, und die Anbetung der Bilder annahmen. Man machte also den Irrenden erst den Proceß und untersuchte hernach, ob sie geirrt hätten. Man berathschlagte so gar, ob man diejenigen, welche auch ihre ersten Meynungen bereuten, bey der bischöflichen Würde lassen sollte oder nicht. Man verdamm- Abhandlungen. 67z dämmte vor vierhundert Iahren die Ariuner nicht eher, bis man ihre Gründe angehört und widerlegt hatte. Man war eben so geschwind und eilfertig, als gemalt- thatig. In achtzehn Tagen waren alle Untersuchungen vorbey, zu denen die Väter der constantinopolita-- nischen Versammlung sechs Monate gebraucht hatten» Der nicanischen fehlten also zwo wesentliche Eigenschaften, die eine Versammlung haben muß, welche eine Lehrerinn und Richterinn des Glaubens seyn will, nämlich die Freyheit und die Bedachtsamkeit. Die Bischöfe, welche zu Constantinopel versammelt gewesen waren, hatten zu ihren Auösprüchen stärkere Gründe. Ein Theil von ihnen ist uns in den Acten der andern nicänischen Versammlung zu ihrer Schande erhalten worden. Die Väter der constan- tinopolitanischen behaupteten, daß man die Bildnisse Christi nicht anbeten sollte. Kann man die Gottheit mahlen, sagten sie? Sie wird eingeschränkt, so bald man dieses thut, und man ist in einer offenbaren Gefahr, daß man sich nicht so erhabne und große Vorstellungen davon macht, als man sich davon machen soll. Mahlt man Christum in seiner Menschheit, so ist man einer neuen Gefahr ausgesetzt, der Gefahr in die nestorianische Ketzerey zu verfallen, und in seiner Anbetung beyde Naturen in Christo zu trennen. Sie führten die Stellen aus der Schrift an, wo den Menschen mit einem so großen Ernste untersagt wird, von Gott kein Gleichniß und kein Bild zu machen. Sie behaupteten, daß vornehmlich die Christen zu dieser Pflicht verbunden wären, weil Christus selbst von ihnen verlangte, daß sie im Geiste und in der Wahrheit anbeten sollten. Was die Anbetung der Bilder der Heiligen und Märtyrer anbelangte, so hielt man sie u u für Lonc. ^'-rn, II. 6-P-Z-5 tom.IV. iÄrä. 674 Anhang einiger hiftorisch-critischen für abgöttisch, weil keiner Kreatur die Ehre der Anbetung zukömmt. Wenn die Heiligen selbst nicht angebetet werden dürfen, wie viel weniger darfihren Bild- nissen diese Ehre wiederfahren? Endlich führten sie zur Bestätigung ihrer Aussprüche die ersten vier Jahrhunderte an, wo man noch in keinen Tempeln die Bildnisse der Heiligen weder aufgerichtet, noch vielwe- nigcr abergläubisch verehrt hatte. Alle diese Gründe sind so viele Zeugnisse von der Mühe, die sie sich gegeben haben, die Wahrheit zu finden, und von ihre? Einsicht. xa. iv. p. Die Bischöfe der nicänischen Versammlung ver- !5? hq.' theidigten den Bilderdienst mit Gründen, die nicht ein- «»rä.^' den Schein der Stärke hatten. Es waren ent, weder Verdrehungen oder Verfälschungen der Schrift, und sehr oft waren sie lächerlich. Man liest in ihrer Widerlegung der constantinopolitanischen Versammlung nichts als die Schande des menschlichen Verstandes. Einer von den Bischöfen, die es sich aus Furcht, ihre Würde zu verlieren, reuen ließen, daß sie den Bilderdienst verdammt hatten, führte zu der Mm. 15,4. Vertheidigung desselben die Worte Pauli an: Was aber zuvorgeschrieben ist, das ist unö zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Gedult und Trost der Schrift Hoffnung haben. Die Bilder, sagte er, sind uns gleichsam zum Troste geschrieben; darum müssen wir sie anbeten. Doch dieser Bischof war ein Neubekchr- ter; vielleicht hatte er die Lehre und Beweise der Bilderdiener noch nicht vollkommen gefaßt. Allein das Haupt der Versammlung verstund die Schrift nicht besser. TarasiuS führte wider die Bischöfe, welche zu Constantinor-el den Bilderdienst verdammt hatten, Abhandlungen. 675 die Stelle des Jeremias an: Mich, die lebendige I».-, ij. Qvelle verlassen sie/ und machen sich hie und da ausgehauene Brunnen, die löchericht sind, und kein Wasser geben*. Er hätte erwägen sollen, daß Theodoretuö lcmae vor ihm eben diese Stelle auf diejenigen gezogen hatte, welche Bilder ehrten, und ihr Vertrauen auf sie setzten **. Mm, vertheidigte den Bilderdienst damit, daß in dem hohen Liede gesagt wird: Zeigemir deine Gestalt, laß mich hören deine Stimme; denn deine Stimme ist süße/ und deine Gestalt ist lieblich, Hobel.-,i4. ohne zu erwägen, daß der Bräutigam diese Worte zu seiner Braut saget. Man bewies auch daraus, daß im alcen Testamente über der Lade des Bundes Cherubim abgebildet gewesen wären, daß man die Bildnisse der Märtyrer und Heiligen göttlich verehren müßte. Man bewies, daß die Christen, welche die Bilder anbeteten, keine Abgötter wären, damit, daß Gott durch den Propheten Zacharias weißagen lassen, daß er in den Zeiten des neuen Testamentes aller Götzen Namen ausrotten wollte. Doch man hielt sich Jach. iz«». nicht allzulange bey der heiligen Schrift auf; sie war allzusehr wider die Bischöse. Sie beriefen sich also auf eine allgemeine Tradition der Kirche in allen Jahr» Hunderten. Allein wo blieben die vier Jahrhunderte, wo dicChristen noch keine Bilder in den Tempeln hatten, und die drey Jahrhunderte, wo sie keine Tempel bauen durften ? Sie überzeugen sie, und endlich gründeten sich fast alle ihre historische Beweise auf Wunder, welche die Bilder gethan haben sollten, und die man so schlecht bewies, daß man sie für erdichtet halten muß., Uu 2 Kann * 80N". 5. Hzräuin. r.IV. p. zg?. l'lieoäor. In herein, c.z. x>> 676 Anhang einiger historisch-critischen Kann man diese nicäm'sche Kirchenversammlung verächtlicher vorstellen, als wenn man bloß die Gründe anführt, womit sie den Bilderdienst vertheidigten? Was soll man sich für eine Vorstellung von den Bischöfen machen, die so bewiesen und schlössen? Und das ist doch eine allgemeine Kirchcnvcrsammlung, deren AuSsprüch? die römische Kirche für unfehlbar halt. Tarasius, welcher das Haupt dieser nicanischen Versammlung war, hatte wenigKcnntnißvon derTheo- logie. Er hatte mehr Fähigkeit, einer Verwirrung im Staate abzuhelfen, als eine theologische Schwierigkeit aufzulösen. Man darf nur einige Sätze seiner Theologie wissen, um ein Urtheil über ihn fällen zu können. Er behauptete einmal, daß es in der Religion einerley wäre, ob man in einem großen oder kleinen Irrthume wäre, und ein andermal erklärte er sich, daß er die Macedoniancr, welche die Gottheit des Heiligen Geistes leugneten, eher in der Kirche leiden wollte, als diejenigen, welche Geld nähmen, wenn sie die Bischöfe oder Priester in ihr Amt einsetzten*. Einer von den Mönchen, die sich für die Legaten der morgenländischen abwesenden Patriarchen ausgaben, war so unwissend, daß er sagte, Jacob wäre Israel genannt worden, weil dieser Name so viel bedeutete, als seine Seele sieht Gott. Er deutete auch die Vs.»5, ». Weißagung Davids von unserm Heilande, daß durch ihn Güte und Treue einander begegneten, Gerechtigkeit und Friede sich küssen würde, mit einer unheiligen Schmeicheley auf den Pabst Hadrian, den Patriarchen Tarasius, und die Kaiserinn Irene. Man hatte gegen die heilige Schrift nicht die größte Ehrfurcht. Ehe man den Bischof von Ancyra, Basili- * LvllcII.I^!c»n>II.aÄ.S.»x.!l»rä.rolU.IV.x. 5»2. Abhandlungen. 677 Basilius in der Versammlung Sitz nehmen ließ, so mußte er schwören, daß man den Grundsatz, nichts anzunehmen, als was in der heiligen Schrift deutlich gelehrt werde, als eine Lehre des Arms, Ncstorius, Eutycheö, und Dioscorus verdammen müßte. Die nkänische Kirchenversammlung hat noch eitlen großen Fehler; sie widerspricht sich selbst sehr oft. Ost eignet sie die Ehre der Anbetung und das Vertrauen Gott allein zu, und gleichwohl thun die Bischöfe den endlichen AuSspruch, daß man die Bilder annehmen und anbeten müsse, weil sie im Namen Christi/ der Jungfrau Maria, der Engel und der Heiligen ge. macht worden waren. Man spricht wider diejenigen das Anathema aus, welche glaubten, daß man die Bildnisse nur allein zum Andenken der Heiligen beybehalten nuißtc*. Wenn das nicht den Aberglauben rechtfertigen und bestätigen heißt, wenn man dem Unerschaffnen Geschöpfe an die Seite setzt, so weis ich nicht, was Aberglaube seyn soll. Maimburg sucht die constantinopolitanische Kirchenversammlung auch eines Widerspruches zu beschuldigen. Er merkt an, daß die Bischöfe aufdas Kreuz geschworen haben, und zieht die Folge daraus, daß sie das Kreuz angebetet hätten. Der Sammler der Acten des Stephanus des Jüngern merkt an, daß sie auch auf das Evangelium hätten schwören müssen. Man betet aber das Evangelium nicht an, wenn man gleich darauf schwört**. Man muß erstaunen, wenn man sieht, wie viele Künste die Menschen wissen, ungerecht zu werden» Uu z Die * ^A.IV,p.-6,,rom.IV.<Üzp.»zrZ. * KlaimliourZ. IM. äes ^conocl. I. Z. x. lS4> 678 Anhang einiger histortsch-critischm Die nicänische Kirchenversammlung hatte im Anfange viel widrige Schicksal? zu erfahren. Sie wurde fast von allen abendlandischen Bischöfen, welche nicht von dem Pabste abdingen, verdammt. Carl, der Große, hatte zu Frankfurt eine Versammlung der Bischöfe berufen, morinncn die Verordnungen der con- stantinopoliranischen und der nicänischen Kirchenversammlung untersucht wurden. Nach einer strengen Vergleichimg geschah wider den Willen des Hadria- nus und seiner -Legaten der Ausspruch, daß es zwar keine Gottlosigkeit wäre, die Bildnisse der Heiligen in den Tempeln zu haben, um sich dadurch an ihre Tugenden zu erinnern, daß es aber die Christen, als ein Verbrechen, ansehen müßten, sie anzubeten und ihnen eine gottesdienstliche Ehre zu erweisen. Carl, der Erosse, schrieb selbst wider die Anbetung der Bilder vier Bücher, und beschuldigte die nicänischen Verordnungen der Gottlosigkeit, der Thorheit und Ungereimtheit. Das sind die Schicksale der andern nicänischen sogenannten allgemeinen Kirchcnversammlung. Wenn man umständlicher von der Geschichte des Bilderdienstes unterrichtet seyn will, so wird man seine Neubegierde im Hospinian, Daille, Spanheim, und Basnage vollkommen befriedigen können. Man muß die göttlichen Gerichte anbeten, die Gott über seine Kirche kommen ließ, indem sie mit so großen Finsternissen und Irrthümern verdunkelt warb. Er zeigte der Welt, daß sie sehr leicht wieder in den Aberglauben, und selbst in die Abgötterey zurückfallen könnte, wenn er nicht ihren Verstand erleuchtete. Sie hatten mit ihren Streitigkeiten, Zankereyen, und Keßercycn diese schreckli- * Viä. Ilbr. I. c> -5. libr. II. c, 19. Übr. III. c. zo. Abhandlungen. 679 schrecklichen Strafen verdient, und wollte Gott, daß einmal die ganze Erde von diesen schrecklichen Gerichten seiner Gerechtigkeit befreyt werden möchte! Unzählige Menschen halten noch ißt die Ehre, die Steinen, Gemälden, und Bildern gegeben wird, für Religion. Doch wenn wir seine Gerechtigkeit mit Zittern anbeten, so müssen wir auch seine unendliche Güte mit Dank erheben,daß er die Wahrheit mitten unterJrrthü- mern erhalten hat, und sein Licht in den dicksten Finsternissen, obgleich mit einem schwachen Schimmer, leuchten lassen, bis sie endlich mit vollem Glänze wieder hervorgebrochen ist. »»OOGOGGOOOOGOOGGO»»«» Von dem Ansehen der Kirche in Sachen der Religion. ie Wahrheiten der Religion haben so viel Maje. stät, so viel Licht, und so viel Stärke in sich selbst, daß sie einen ieden unpartheyischen Menschen, welcher mit einer ausrichtigen Liebe zu seiner Wohlfahrt über sie kömmt, nothwendig erleuchten und überzeugen müssen. Die Schriften, in welchen sich Gott den Menschen offenbaret hat, brauchen keinen andern Beweis, als ohne Vorurtheile gelesen und untersucht zu werden. Sie sind so göttlich, daß sie keiner menschlichen Zeugnisse bedürfen. Sehr viele von den Mitgliedern der römischen Kirche machen sich von den geoffenbarten Wahrheiten, und den heiligen Büchern, worinncn sie enthalten sind, keine so erhabnen Vorstellungen. Sie behaupten, daß das Ansehen der Kirche der gewisseste und untrüglichste Beweis von den Uu 4 Wahr- 68c> Anhang einiger historisch - critischen Wahrheiten ist, welche zur Seligkeit nothwendig sind. Es sind einige unter ihnen so weit gegangen, daß sie gesagt haben: die heilige Schrift würde nicht mehr Glauben verdienen, alsTilusLiviuS*, oder alödieFa- beln des Aesovus, wenn sie nicht von der' Kirche ihr Ansehen erhielte. Das sey fern von uns, daß wir allen Vertheidigern der römischen Kirche solche Meynungen zutrauen sollten! Aber so weit gehen doch, wo nicht alle, doch die Meisten unter ihnen, daß sie die Kirche zur unfehlbaren Richterinn der Wahrheiten machen, welche die Menschen annehmen sollen, wenn sie selig zu werden wünschen, und daß sie ihr allen Glauben der Menschen unterwerfen wollen, ohne ihnen die Freyheit! zu lassen, die Aussprüche dieser Lehrerinn zu uns tersuchen. Der Bischof Äojsvet scheint unter denen zu seyn, welche von uns verlangen können, daß wir den Zeugnissen der Menschen mehr glauben sollen, als den G>4!j S. Zeugnissen Gottes. lVenn unser Verstand, sagt er, der von Natur ungewiß, und durch seine Ungewißheit ein Gaukelspiel seiner eignen Dcrnunfc- jchiüsie geworden ist, in den Fragen von seiner " Seligkeit.' durch ein unstreitiges Urtheil gewiß gemacht, und gleichsam zur N)ahrheic bestimmt werden muß; welch Ansehen ist größer, als das Ansehen der katholischen Rirche, weiche in sich selbst das Ansehen aller vergangnen Jahrhunderte, und der alten Traditionen des menschli? chen Geschlechtes begreift, und also bis auf den Ursprung aller Dinge zurückgeht. Diese Lehre der römischen Kirche, welche Vossvec mit der Kunst der Bcredtsamkeit in seine Geschichte sü * datecliikme 6s; tüonrrovsr5o5 par le?ere Ls^le, re» . kurc nzr ^iver, yueK. 12. äe I' Lcrirure. Abhandlungen. 6gi so eittzuflechten weis, daß sie ein vortheishaftes Ansehen bekommt, enrhält vornehmlich zwo Meynungen, welche nicht allein ohne alle Beweise angenommen werden, sondern so gar die alten Lehrer der Kirche wider sich haben. Die erste ist diese, daß der menschliche Verstand in den Fragen von seiner Seligkeit durch seine natürliche Ungewißheit so sehr ein Gaukelspiel seiner Vernunftschlüsse werden kann, daß ihm zur gewissen Erkenntniß der lVahrheic kein andrer N>eg übrig bleibt, als der Ausspruch der Zxirche. Die andre eben so ungegründete Meynung ist diese, daß die Airche ein Ansehen hat, wodurch der seiner lTla- tur nach ungewisse menschliche Verstand gewiß gemacht und zur TVahrbeit bestimmt werden kann. Einige kurze Anmerkungen werden uns überführen, wie ungegründet beyde Sätze sind. Unser Verstand ist von Natur so ungewiß nicht, wenn er nicht von den Vorurtheilen und Leidenschaften des Herzens verderbt wird, daß er die Wahrheit nicht durch sich selbst von dem Irrthume unterscheiden könnte» Er ist fähig, durch das Licht der Vernunft so viel von Gott, und seinen unendlichen Eigenschaften zu erkennen, daß er aileOsscnbarungen,welchc für göttlich ausgegeben werden, hinlänglich beurtheilen kann, »b sie von Gott sind, oder nicht. Wir wollen annehmen, daß ein Mensch, der die Offenbarung der Christel, schon für göttlich halt, in diesen oder jenen Wahrheiten noch ungewiß ist, und Unterricht sucht. Der römische Gottesgelehrte wird zu ihm sagen, daß er die Lehre, in der er ungewiß ist, für wahr halten muß, weil die Kirche sie für wahr hält. Er wird ihm alle Untersuchung verwehren, oh diese oder jene Wahrheit mit andern Leh- U u 5 re» 682 Anhang einiger historisch britischen ren der Offenbarung streitet oder nicht, ob sie den unleugbaren Wahrheiten der Vernunft gemäß ist, oder widerspricht, ob sie den göttlichen Vollkommenheiten anständig oder unanständig ist; kurz., er wird ihm verwehren, mit eignen Augen zu sehen. Allein der noch ungewisse Christ wird ihm antworten, daß ihn Gott nur selig machen kann, und nicht die Menschen; er wird zu ihm sagen, daß er sich das Recht nicht nehmen las- 2oh.5,z->. sen will, das ihm Christus selbst gegeben hat: Suchet in der Schrift, denn sie tfts, die von mir zeuiet. Wenn ich die Wahrheit, wird er sagen, nich.' in der Offenbarung finden könnte, was hölfe mir das Recht, darinnen zu suchen? Wird wohl eine Leh. re dadurch Wahrheit, daß man es sagt, und daß man es in vielen Jahrhunderten nach einander gesagt hat, daß es Wahrheit ist? Die Wahrheit muß ihre eigenthümlichen Charaktere haben, die ich kennen muß, ehe ich sie dafür halten kann. Was wird der römische Gottesgelehrte darauf antworten können ? Vielleicht wird er sagen, daß man sich dem Ansehen des Heiligen Geistes unterwerfen müsse, welcher durch die Kirche rede *. Der Christ wird so ehrerbietig gegen Gott seyn,und das erste glauben; allein er kann der Freyheit seines Verstandes gebrauchen, und das letzte leugnen, wenn es nicht bewiesen wird. Er wird ihn fragen: Redet darumderHeilige Geist aus einer Gesellschaft, weilsie sagt, daß er aus ihr redet? Wird einem solchen lehrbegierigen Christen nicht zum wenigsten allezeit die Untersuchung frey bleiben, ob auch der Heilige Geist aus der Kirche redet? Eine solche Untersuchung wird sich aber allezeit über die Wahrheiten selbst erstrecken müssen, * S. Bossvets LxxoKnon äe !a «loÄrüie äe l'LgUle <5stnoliyue p. Abhandlungen. 68z sen, welche die Kirche dafür hält, und die göttliche Offenbarung wird am Ende immer die einzige Richtschnur seyn, nach welcher er seine Untersuchung anstellt. Ich will dieses noch mit einer Anmerkung bestätigen. Es sind nicht alle Menschen so träge, daß sie die Rechte ihrer Natur lieber aufgeben, als sich in die verdrießliche Arbeit einlassen sollten, etwas sorgfältig zu untersuchen. Allein das ist nicht der natürliche Zustand des Menschen; die Schlafsucht ist allemal ein untrügliches Kennzeichen eines kranken Körpers, der ganz in Unordnung gebracht ist. Man sollte dergleichen trage Geister lieber aufzuwecken suchen, als durch die Ermahnungen, seine Seligkeit seinen Lehrern zu überlassen, noch mehr einschläfern. Wenn also der Mensch nicht aus einer unedlen Bequemlichkeit aufhört, vernünftig zu seyn, und selbst zu urtheilen, so wird er sehr eifersüchtig über die Rechte seines Verstandes halten. Er wird alle äußerliche Macht, die ihn zwingen will, etwas als Wahrheit zu glauben, wovon er noch nicht überzeugt, ist, als eine Tyrannen ansehen und hassen. Das wird auch kein Verbrechen seyn, so lange die äußerliche Macht, die ihn nöthigen will, etwas zu glauben, nicht Gottes Macht ist; dieser aber wird er so wenig, als der Wahrheit widerstehen können. Ein Glaube, der sich nur allein auf das Ansehen gründet, ergiebt sich eigentlich nicht der Wahrheit, sondern dem Ansehen, und was ist er also anders, als ein Vorurtheil? Ein Mensch mit einem gesunden Verstände haßt dieVorurtheile; seine natürlicheEmpfindung lehrt ihn,daß sein Verstand so frey ist,als sein Wille; daß sein Verstand durch nichts als durch die Wahrheit, oder durch denSchein der Wahrheit gezwungen werden kann, 684 Anhang einiger hiftorisch-critischm so wie sich der menschliche Wille nur durch das Gute oder durch den Schein des Guten bewegen läßt. Wenn es also der Ernst Gottes ist/ daß die Menschen die Wahrheit erkennen sollen, so muß er in sie selbst eine Starke gelegt haben, vor der alle Ungewißheit und Zweifel verschwinden müssen. Es ist nunmehr die Frage leicht zu entscheiden, wer Gott in seinen Wahrheiten mehr ehrt, diejenigen, welche erst Zeugnisse der Menschen haben wollen, ehe sie sie für göttlich halten, oder diejenigen, welche überzeugt sind, daß sie ein unpartheyi- schrs Gemüth überwinden können/ und wenn alle Menschen wider sie zeugten. Ein römischer Gotteögelehrter wird einem Heiden, einem Mahomctaner, einem Freygciste und Zweifler diese Freyheit, die Wahrheiten der Religion zu untersuchen, lassen müssen, wenn er ihn so weit zu bringcn wünscht, daß er sie ^kennen und ehren soll. Mail sage zu einem von diesen Ungläubigen: man muß dieses oder jenes für wahr halten; denn die Kirche befiehlt es zu glauben, und ihrem Ansehen muß man sich unterwerfen. Wie soll er der Kirche sein Urtheil unterwerfen, da er die Kirche noch nicht kennt? Was ist die Kirche, wird er sagen? Wo ist sie? Ist sie eine Versammlung der wahren Gläubigen? Wer sind diewahren Glaubigen? Warum machen diese oder jene Anspruch auf diesen Namen ? Ist die Kirche im Oriente, oder im Occidente ? Ich sehe tausend Gesellschaften, die alle in ihren Meynungen weit von einander abweichen, und sich darum hassen und verfolgen, und alle diese Gesellschaften nennen sich die wahreKirche. Wo soll ich sie finden? Der Katholik wird zu ihm sagen: unsre Kirche ist allein diejenige, die den ungewissen Verstand der Menschen gewiß machen und zur Wahr- Abhandlungen. 685 heit bringen muß. Denn wir können eine ununter- brochne Folge von Bischöfen aufeinander bis aus Christum zurückführen; allen andern Kirchen fehlt diesc6 Siegel der Wahrheit. Darauf wird er ihm, um sich die Mühe der Beweise zu ersparen, den Verlust seiner Seligkeit vorstellen, den er zu befürchten habe, wenn er sich nicht unter die Herrschaft der Kirche demüthigen will. Er muß also schon Gründe suchen, das Ansehenseiner Kirche zu beweisen. Äu't welchem Rechte kann also nicht ein Ungläubiger Beweise für Wahrheiten fodcrn, die so wichtig sind, daß sie sein ewiges Schicksal bestimmen? Er wird es auf menschliche Zeugnisse nicht wagen, selig oder verdammt zu werden. Ein evangelischer Lehrer kennt die Stärke der Wahrheit und weis, daß sie sich vor keiner Untersuchung scheuen darf, und daß sie nur desto herrlicher erscheint, je sirenger sie untersucht worden ist. Er wird zu den Ungläubigen sagen: diese Lehren halten wir für Lehren, die Gott geoffenbart hat; dieses sind die Kennzeichen ihrer Göttlichkeit; das sind eure Zweifel und ihre Auflösungen ; seyd unpartheyisch, seyd ohne Vorurtheils und Leidenschaften; glaubt die Wahrheiten nicht, weil sie von den Menschen dafür ausgegeben werden; untersucht sie mit aller Strenge und Freyheit, aber ohne Stolz und ohne ein eitles Vertrauen auf euch selbst, und bittet den Gott, den ihr noch nicht kennt, und den ihr zu kennen wünscht, daß er eure Augen ausschließen möge. Man braucht die Natur des Menschen nur ein wenig zu kennen, um einzusehen, daß die Art der evangelischen Lehrer, die Welt zu unterrichten, allein geschickt ist, die Feinde der Religion zum Stillschweigen zu bringen. Die Erfahrung bezeugt solches» Würde der Freygeist, der vor nicht langer Zeir in 686 Anhang einiger historisch-critischm in Engelland durch eine vernünftige und sorgfältige Betrachtung der wunderbaren Bekehrung Pauli aus einem Feinde unsrer Religion, ihr Vertheidiger geworden ist, durch das Ansehen der Kirche gewonnen worden seyn? Die Juden konnten einen leidenden, einen gekreuzigten, einen sterbenden Meßias nicht leiden; sie verlangten einen weltlichen König, welcher sie von der Dienstbarkeit der Römer besreyen,und sie zu den Herren der Welt, und zu den Besitzern ihrer Reichthümer machen sollte. Ihr Irrthum war aus einem Misversta», de der Schriften des alten Testamentes entstanden; er mußte also durch den rechten Verstand wieder verbessert werden. Woraus erklärte der erstcmdne Heiland den Jüngern auf dem Wege nach EmauS die Lehre von der Erniedrigung des Meßias? Er berief sich aufkeine menschlichen Zeugnisse; er erklärte'die Schrift Luc.24,27. durch die Schrift. Er fing an von Mose und allen Propheten, und legre ihnen alle Schrift aus, die von ihm gesagt waren. Ihr Verstand, der von Natur nicht gewisser war, als der Verstand andrer Menschen, der bey dem Vorurtheile, daß er Israel auf eine leibliche Weise erlösen sollte, noch ungewisser, und ein Gaukelspiel der Schlüsse und Zweifel ihres Vorurtheils wurde, empfand dennoch die Stärke der Wahrheit, ohne durch irgend ein Ansehen zur N>ahrheic bestimmt zu werden. Christus, der durch seine Gegenwart allein alle Zweifel hätte widerlegen können, giebt sich ihnen nicht eher zu erkennen, bis ihr Verstand davon überzeugt, und ihr Herz von dem Gefühle der Wahrheit entbrannt war. Ihr Bekenntniß, das sie gegen einander thaten, als Christus sich ihren Augen wieder entzog, Abhandlungen. 637 entzog, überführt uns davon. Brannte nicht, sagten sie, unser Herz in uns, da er mit uns redere auf dem lVege, als er uns die Schrift offnere? Warum wollen mir mit den Menschen anders umgehen, als Christus selbst und seine Jünger mit ihnen umgegangen sind, die alle ihre Gemeinen ermähnen, was ihnen gepredigt wird, nach der heiligen Schrift zu untersuchen? Es ist also unstreitig, daß die Kirche das Ansehen nicht hat, einen ungewissen Verstand, welcher das Gaukelspiel seiner Vernunftschlüsse geworden ist, gewiß zu machen und aus seinen Zweifeln zu reißen. Ihr Ansehen wird nur übertrage und leichtgläubige Geister eine solche Gewalt haben, daß sie Wahrheiten glauben, ohne sie zu untersuchen. Diese blinde Unterwürfigkeit, heißt es in einer Schrift wider den Herrn Ar- naud, einen berühmten Vertheidiger des Ansehens der römischen Kirche, wo man seinem eignen Verstände entsagt, um sich auf die Einsicht einer Gesellschaft zu verlassen, die man die Rirche nennt, scheint ganz für die Trägheit des menschlichen Verstandes gemacht zu seyn. Er liebt die Ruhe, er haßt die Arbeit, die Untersuchung der Lehren schreckt ihn, u. er sieht es sehr gern, wenn er jemanden findet, auf dessen Schultern er sich werfen kann, um ohne Mühe in die Wohnungen der Seligkeit gerragen zu werden. Diese Neigung des menschlichen Herzens ist es, welche diesem Blendwerke noch ein Ansehen giebt» Es giebt mehr Menschen, die, wenn es aufih- re Seligkeit ankömmt, trage und nachlaßig sind, als arbeitsame und sorgfaltige, welche von dem N?ege Gewißheit haben wollen, auf dem 688 Anhang einiger historisch-critischen dem sie gehen. Es ist so gewiß/daß diese schädliche Lehre allein von oer Trägheit des menschlichen Herzens Unterstufe wird, daß selbst m der wahren Dirche, wo man die Menschen beständig ermähnt, die Geheimnisse der Reli- mon selbst zu untersuchen, die Meisten einschlagen, und eines fremden Glaubens leben Man entzieht dadurch, daß man die Wahrheiten der Religion selbst untersuchen darf, der Kirche ihr Ansehen nicht; mansetztihm nurseinegchörigenGrenzen. Wenn man die Wahrheit gefunden hat, so ist es eine außerordentliche Beruhigung für ein edles Herz, wenn man sieht, daß sie von allen Jahrhunderten, und durch den Glauben unzahliger Menschen bezeugt wird. Die Hochachtung für die Religion, und die Dankbarkeit gegen die Güte Gottes, der ihr eine solche Stärke giebt/ daß sie so viele Menschen erleuchten kann, wird vermehrt. Der Haß gegen die Irrthümer nimmt zu, wenn uns die Geschichte lehrt, daß, so längs Zeit sie auch durch den Beystand der menschlichen Leidenschaften erhalten werden, doch endlich wieder untergehen müssen. Allein eben dieses Ansehen, das die Kirche hat/ muß sie von der Wahrheit selbst und von der heiligen Schrift erhalten. Das ist die Lehre aller Väter, und sie wird durch die ganze Kirchengeschichte bestätigt. Wir brauchen nur einige Zeugnisse davon anzuführen. Die heilige Schrift war bey der nicanischen Kirchen- Versammlung die einzige Richterinn des Glaubens. Als Constcmtin, der Große, die Bischöfe ermähnte, die Lehre des Arius zu untersuchen, so sagte er zu der Versammlung: Die Schriften der Evangelisten und Apostel, * I/Lchrir äe Uonlleur ^mauä, wm. II. x. 97. Abhandlungen. 689 Apostel, und die göttlichen Aussprüche der Propheten, lehren uns deutlich, waöwirvonGorc glaub, n sollen; laßt uns also alle Zwietracht vergessen, und von den Gchrifren, die von Gorc eingegeben worden find, die Auflösung der gegenwärtigen Fragen annehmen*. Hilarius sagt in seinem Werke von der Dreyeinigkeit ausdrücklich, daß derjenige die heilige Schrift recht lese, welcher den Verstand ihrer Worte nicht zu ihr bringt, sondern von ihr selbst erhalt, ihn von ihren Aussprüchen mehr erwartet, als ihr aufdringt,und) die Menschen nicht nöthigt, das in ihren Worten zu finden, wovon man sie vorher überredet hat**. Einer von den Lobsprüchen, welchen Basilius, der Große, dem AmphilochiuS giebt,ist dieser, daß er in seinen Unterredungen von göttlichen Wahrheiten nicht seine noch anderer Meynungen anführe, sondern sorgfältig untersuche, was in diesem oder jenem Ausdrucke, und fast in einer ieden Sylbe für ein Verstand verborgen liege. An einem andern Orte sagt er: Es ist ein offenbares Vergehen, und ein unleugbarer Stolz, etwas zu leugnen, was die Schrift lehrt, oder etwas hinzuzusetzen, was nicht darinnen geschrieben ist Dieser Ausspruch ist dem übertriebnen Ansehen der Kirche ganz entgegen. Kann man wissen, daß die Kirche eine getreue Verwahrerinn der geoffenbarten Wahrheiten ist/ wenn man ihre Aussprüche nicht nach den heiligen Schriften untersuchen darf? Man * l'lieoäor. I!Kr. I. c. 7. " tiilsrlu! I. I. äe Irinir. Lsül.IVl. äe 8?u-ir. LsnÄ, c. I.Ick.inUomU.äoKäs. Tr 690 Anhang einiger historisch-critischm Man kann die Aussprüche der allgemeinen Kirchenversammlungen als Aussprüche der ganzen Kirche ansehen. Die Bischöfe reden hier im Namen aller Gläubigen; wer sollte ihre Urtheile und Verordnungen nicht ehren? Allein diese Ehrfurcht hat ihre Grenzen ; die größten Versammlungen erhalten nicht eher «einiges Ansehen, als wenn sie mit der Offenbarung übereinstimmen. Das ist die Meynung eines Hicronymus, welcher doch schon in solchen Zeiten lebte, wo die reinen Lehren der ersten Jahrhunderte mit menschlichen Meynungen erst befleckt, und, da die Meynungen nach und nach in Irrthümer ausarteten, endlich verfälscht wurden. Die Lehre des Heiligen Geistes, sagt er, ist diejenige, welche in den heiligen Schriften enthalten ist, und wenn die Zxirchenversammlungen etwas beschließen, was Wider sie ist, so verdamme ich ihre Aussprü- che^ Die römischen Gottesgelehrten berufen sich in der Vertheidigung ihrer Lehre von dem Ansehen der Kirche gemeiniglich auf den Augustinus, welcher an einem Orte sagt: Ich würde dem Evangelio nicht glauben, wenn mich nicht das Ansehen der Kirche dazu bewöge. Allein dieser große Lehrer muß sich entweder selbst widersprochen haben, oder er muß durch andre Stellen aus ihm erklart werden. Er sagt an einem andern Orte: In der Schrift haben wir Christum gelernt; in der Schrift haben wir auch die Rirche gelernt ^. Wenn er uns an einem andern Orte unterrichten will, wie wir zur Einsicht in den wahren Verstand der Schrift dringen können, so schlagt er uns nicht * tlieronym. in epik, sci /^uxuli. exiK. 166. Abhandlungen. 69t nicht die Kirche vor, daß wir unsre Zuflucht zu ihr nehmen sollen. Er verlangt, daß man sie fleißig lesen, sorgfältig überdenken, andächtig beten, und mit einem anhaltenden Eifer betrachten soll^. Man findet in den Werken des heiligen Chrysosto« muö eine unvollendete Auslegung über den Evange> listen Matthäus, welche diesem Kirchenvater gemeiniglich zugeschrieben wird. Es ist uns nur noch die lateinische Ueberseßung davon übrig. Der Verfassender zum weiugsten an die Zeiten des ChrysostomuS reicht, wenn er es nicht ist,stellt in der 49 Homilie eine Verglei- chung zwischen dem jüdischen Lande, dessen Verwüstung der Heiland weißagt,und zwischen der christlichen Kirche Matth. an, welche zu seiner Zeit von Ketzereyen zerrüttet wurde. Aus dieser Vergleichung, die viel Schönes enthält, will ich nur eine Stelle anführen. „Die Kirche „ist auf heiligen Bergen gegründet; diese heiligen ,>Berge sind die Schriften der Apostel und Propheten. Warum svll man aber seine Zuflucht zur heiligen Schrift nehmen? Weil nunmehr, nachdemdie „Kirche mit Keßereyen überschwemmt worden ist, die »wahre Christenheit keinen andern Beweis haben,und „für die Christen keine andre Zuflucht seyn kann, als „die heilige Schrift. Vorzeiten konnte man dieKirche „Christi und das Heidenthum durch vielerlei) Kenn- „zeichen unterscheiden; nunmehr können diejenigen, „welche wissen wollen, welches die wahre Kirche Chri- „sti ist, solches nicht anders erkennen, als durch die „heilige Offenbarung. Warum? Weil alles, was „Christi wahren Bekennen? zugehört, die Ketzereycn in „allen ihren Secten auch haben; sie haben Kirchen, wie „dieRechtgläubigen; sie haben sogar dieheiligcnSchrif- „ten, wiesle; sie haben Bischöfe, wie sie; die übn- Tx 2 . „gen 692 Anhang einiger historisch-critischen „gen geistlichen Orden, wie sie; die Taufe, wie sie; das „Abendmal, und alles übrige, wie sie; endlich auch „Christum, wie sie. Wenn also iemand wissen will, „welches die wahre Kirche Christi ist, woher soll er „sie bey einer Aehnlichkeit, welche so groß ist, daß er eine „mit der andern vermengen kann, woher sage ich, kann „er die Kirche Christi anders erkennen, als durch die „Schrift? Vorzeiten konnte man durch die Wunder „erkennen, was wahre und falsche Christen waren. „Wie so? Die falschen Christen konnten entweder kei- „ne Zeichen thun, wie die Christen, oder sie konnten sich „nicht durch solche Wunder rechtfertigen, wie die Chri- „sten thaten, und daran erkannte man die wahren und ^falschen Christen. Nunmehr aber ist die Kraft „Wunder zu thun verringert worden; ja man wird „bey denen, die falsche Christen sind, noch mehr Wun- „der finden, ob sie gleich erdichtet sind. Denn dem „Antichrist soll eine volle Macht gegeben werden, Zei- „chen zu thun. Vorzeiten erkannte man die wahren «»Christen an ihren Sitten, da noch die Gesellschaft „entweder aller oder der meisten Christen heilig war, „da die Ungläubigen hingegen auch unheilig waren. „Nun aber sind die Christen entweder eben so, oder noch „schlimmer, als die Keßer und Heiden.Man findet sogar „bey denen, welche sich von der Kirche absondern, noch „mehr Enthaltsamkeit, als bey den Christen. Wer „also erkennen will, wo die wahre Kirche ist, wie will „er sie anders erkennen, als durch die heilige Schrift? „Der Herr sah vorher, was für eine große Verwirrung in unsern Tagen zukünftig wäre; er befahl alfo, „daß die Christen, die in der Christenheit seyn würben, und im wahren Glauben bestätigt zu werden »Münschen, zur Schrift allein ihre Zuflucht nehmen „sollten. Abhandlungen. 69z „sollten. Wo sie sich aber nach einer andern Zuflucht „umsehen würden, so würden sie sich ärgern und umkommen, und nicht wissen, welches die wahre Kirsche wäre *.„ Kann man auch nur einen evangelischen Lehrer zeigen, welcher die Lehre von dem Ansehen der Kirche anders vorgetragen hätte? Wenn die römischen Gottesgelehrten von der Kirche reden, welcher sie ein so großes Ansehen geben, so verstehen sie nicht alle diejenigen darunter, welche die Wahrheiten der geoffenbarten Religion bekennen; alle Layen werden davon ausgeschlossen; denn wie sollte der Pöbel wissen, waö recht ist? Sie verstehen unter der Kirche nicht einmal alle Lehrer, sondern unter diesen nur die Bischöfe, vornehmlich aber den römischen Bischof mit allen seinen Vorfahren. Dossver redet immer von einer Kirche, wo Petrus und seine Nachfolger den ersten Rang und die oberste Gewalt haben, und von denen man, wie er sagt, in einer ununter» brochnen Reihe bis auf Christum zurückgehen kann» Es kann so schwer nicht seyn, alle diese Bischöfe, welche man die Kirche nennt, zu überzählen. Man kennt sie, man kennt ihre Irrthümer, man kennt ihre Laster. Die Geschichtschreiber ihrer Zeiten haben uns die Denkmäler ihrer Verbrechen hinterlassen. Soll man die römischen Gottesgelehrten, welche den evangelischen Kirchen bestandig einen Vorwurf machen, daß sie sich von der Gemeinschaft ihres Bischofes abgesondert haben, die sie für die alte wahre Kirche halten, soll man sie, sage ich, in das zehnte Jahrhundert zurückführen, und sie an einen Johann den XII erinnern, der seine Nachfolger zuerst gelehrt hat, ihre Namen bey ihrer Gelangung zur päbstlichen Würde zu verändern? Luitprand* der damals in Italien gewesen Xrz ist, * I-uirxrnä. ttiü.Ubr. 6. c.6.?. 5.1x4. 694 Anh. einiger Worisch-critischen Abh. ist/ läßt uns, Frauen, Jungfrauen und Nonnen sehen, deren Tugend er selbst in den Kirchen bekriegt hat. Das sey fern von uns, daß wir die Laster derjenigen, welche in den vergangnen Jahrhunderten ihren apostolischen Sitz entweiht haben, der itzigen römischen Kirche aufbürden wollten! Unsre Religion lehrt Un6 unsre Feinde l'eben; warum sollten wir diejenigen nicht lieben, die Christum bekennen? Es geschieht alsomchtin der Absicht, sie zu beleidigen, daß man sie in die verflossnen Jahrhunderte zurücksehen heißt; man will ihnen nur zeigen, daß ihre Kirche das Ansehen nicht hat, den Verstand, der von lTlarur ungewiß ist, und in seiner Ungewißheit ein Gaukelspiel seiner Vernunftschlüsse wird, gewiß zu ma- ahrheirzu bestimmen.Manwill nur fragen, ob der Ausruf des Bischof Dossvets so richtig ist: 5Velch Ansehen kann größer seyn, als das Ansehen der katholischen Zxirche, das das Ansehen aller Jahrhunderte begreift, und ihre Folge bis auf den Ursprung der N)elc zurückführen kann! Wir können das Schicksal ihrerKirche und der unsri- gen der Zukunft überlassen. Alles was sich selbst erhebt, sagt Bossvet,wa6 menschlich, was nicht von Gott ist, hat sein bestimtes Schicksal; es wird untergehen. Ein Jahrhundert vergeht nach dem andern; einKönigreich vergeht nach dem andern; ein Geschlecht stirbt nach dem andern. Es werden neue Jahrhunderte, neue Königreiche, neue Geschlechter kommen, und alle werden vergehen. Unzählige Irrthümer haben sich erhoben, und sind gefallen; so lange Menschen, Leidenschaften, Vorurtheile, und Lasier sind, werden sich neue Irrthümer erheben, und wieder fallen. Nur die Wahrheit ist, wie Gott, ewig und unveränderlich. I"- ^ >A ^ Inhalt dieser Einleitung. Der erste Theil enthält die 'Epochen. I. Epoche, Adam, oder die Schöpfung, das erste Alter der Welt 8 Seite II. Epoche, Noa, oder die Sündflut, das andre Alter der Welt , ir III. Epoche, der Beruf Abrahams, das dritte Alter der Welt 15 IV. Epoche, Moses, oder das gefchriebne Gesetz, das vierte Alter der Welt 20 V. Epoche,die Einnahme der Stadt Troja 25 VI. Epoche, Salomon, oder der Bau des Tempels, das fünfte Alter der Welt 27 VII. Epoche, Romulus, oder die Erbauung der Stadt Rom 35 VIII. Epoche, Cyrus, oder die Befreyung der Jüden, das sechste Alter der Welt 57 IX. Epoche, Scipio, oder die Ueberwindung der Stadt Carthago 90 X. Epoche, die Geburt Jesu Christi, das siebente und letzte Alter der Welt -09 Xr 4 XI. Epoche, Inhalt. XI. Epoche, Constantin, oder der Friede in der Kirche 155 XII. Epoche, Carl der Große, oder die Aufrichtung eines neuen Kaisertumes ,73 Der andre Theil enthätt die Folge der Religion. !. Von der Schöpfung und den ersten Zeiten 182 II. Vom Abraham und den Patriarchen 204 III. VomMofes, demgeschriebnenGesetze,und der Einführung des Volkes Gottes in das gelobte Land 216 IV. Vom David, den Königen, und Propheten 237 V. Von den Zeiten des andern Tempels 271 VI. Von Jesu Christo und feiner Lehre 290 VII. Von der Ausgießung des Heiligen Geistes, und der Aufrichtung der Kirche, und den göttlichen Gerichten über die Jüden und Heiden Z2i VIII. Besondre Betrachtungen über die Bestrafung der Jüden, und über die Vorherverkündigung dieser Strafen von Jesu Christo 340 IX. Von zwo merkwürdigen Weißagungen unsers Heilandes wider die Jüden 354 X. Ueber Inhalt. X. Ueber die Folge der jüdischen Irrthümer und die Art, wie sie die Prophezeiungen erklären 569 XI. Von der Bekehrung der Heiden durch das Kreuz Christi 390 XII. Von den verschieden Gestalten der Ab- gotterey 400 XIII. Allgemeine Betrachtung über die Folge der Religion und das besondre Verhältniß der heiligen Bücher der Bibel unter einander 426 Der dritte Theil enthätt die Reiche. I. Von der göttlichen Vorhersehung in dengrossen Veränderungen der Reiche und der Erniedrigung der Prinzen 462 II. Von den besondern Ursachen der großen Veränderungen der Reiche 469 III. Von den Scythen, den Aethiopiern, und den Aegyptern 472 IV. Von den alten und neuen AßyrierN/ den Meden, und vom Cyrus 501 V. Von den Persern, den Griechen, und dem Alexander 509 Xz?5 VI. Von Inhalt. VI. Voll dem Römischen Reiche ' 552 VII. Die Folge der Veränderungen in der römischen Republik 569 Anhang. !. Von dem Range und dem Ansehen, der rö- . mischen Bischöfe bey den allgemeinen Kirchenversammlungen der ersten Kirche 595 II. Von den Begriffen, die man von der Kirche in den ersten Zeiten des Christenthums ' hatte 642 III. Von der andern nicanischen Kirchenversammlung 662 IV. VondemAnsehen der Kirche mSachender Religion 679 Register UWU'WBWKWWW B UNUUWZZNUWB Register über die vornehmsten Sachen. ^!aron,wlrdHoherpriester 21 Adel, seine Geschichte 9 Abyötterey, ihr Ursprung 202. ist zu Abrahams Zeiten groß 206. noch größer zu Mosis Zeiten 219. ist grausam 219. treiben die Menschen selbst mit ihrer Hände Werk 220. wird vertheidigt 401. ob sie Allegorie ist ? 416 Abraham, sein Beruf 15. ihm wird Ccmacm und der Erlöser versprochen 15. sein Charakter 16. Zustand der Religion m seiner Zeit 205. 206. ist im Oriente bekannt 206. seine Lebensart 208. sein Glaube 2c-5?. der Bund Gottes mit ihm 2ic> AcbolittS,ob er Legat des PabstesDamasuö gewesen? 622 Ackerbau, sein Ursprung 11 Adam, wird geschaffen 8. sein Fall 8 Adrianus, seine Regierung 117. nk. baut Jerusalem Aegypter, wo der Ansang ihrer Gesetze und Künste ist iz. ihr Charakter 475. ihre vornehmste Tugend ist die Erkenntlichkeit 475. ihre Gesetze 476. achten alle Künste hoch 476. sind Feinde von neuen Gewohnheiten 477 Aegypren wird eine römische Provinz 109 Aelia, woher diese Stadt ihren Namen hat 118 Aera bedeutet eine gewisse Rechnung der Jahre 57 Aerius, wer er gewesen 140. seine Irrthümer 140 Aetius vertheidigt die Gallier i)v. wer ihn umbringen läßt i;c> Aerhiopier, ihr Charakter 47Z-474 475 Afri- Register. Africa, wird dem Reiche entrissen »48 Agesilaus, seine Thaten 71 Agrippa, besänftigt das römische Volk 6r Agrippina, mit wem sie vermählt wird «5. vergiftet ihren Gemahl 115 Ahas, seine Geschichte Z7 Alaric, wer er gewesen 145. was er gethan 145 Alba, der Sitz der lateinischen Könige von der Nachkommenschaft des Aeneas 34. wird zerstört 40 Albom stiftet das Königreich der Lombarden 156 Alexander Balas, wird auf den Thron gesetzt 94. seine Schwelgerey 94 Alexander, seine Thaten 72. ?z. 74. ehrt den Tempel zu Jerusalem 74. sein Charakter 507. seine Siege 528. 529. sein Tod 529. sieht die Unordnungen nach seinem Tode vorher - 529 Alexander Severus, sein Charakter 120. wird umgebracht 124 Alexander Zebina, wer er gewesen, und von wem er abstammt 162 Alipius befördert den Tempelbau unter dem Julian z55> Alphonsus wer er gewesen 169. seine Siege 169. waö er für einen Namen angenommen 169 Alphonsus, der Keusche, herrscht in Spanien 177 Allia, wird verbrannt 71 Allerchristlichste Röm'A, wer diesen Namen zuerst erlangt . 15z Amalasonre, wer sie gewesen 154 AmaziaS/ wird auf den Thron gesetzt zz Ambrosius, wer er gewesen 142 Amenophis, will den Sesostris zu einem Eroberer erziehen 495 Ammon, seine Regierung 42 Ammo- Register. Ammonius, wer er gewesen 12z. wie er die christliche Religion vertheidiget 12z Anastasius, wer er gewesen 152 was er gethan 152. sein Tod i;z Anastastus, der andere, wird zu Constantinopel erwählt 165 Anaxagoras, wenn er gelebct 89- seine Philosophie 8? Anrigonus Gonaras nimmt Macedonien ein 73 Anciochus, der Große, sein Krieg 90. wirdgeschla- gen 91 Anciochus Euparor, wird König 9z. umgebracht 9z AntiocbusEpiphanes, will das jüdische Volk ausrotten 91. 275. sein Charakter 276. wer sich ihm wider« setzt 276. wie er stirbt 277 Amonin, sein Charakter uZ Anzeichen im Tempel zu Jerusalem vor seiner Zerstö« rung Z4I Aper, wer er gewesen 129. was er gethan 129 Appius Clodiuö, bringt seine Tochter um 67 Arbaces, befreyet die Meder z6 Arbogast, wer er gewesen 14z Arcadius, wer er gewesen 144. stirbt 145 Archonres, was sie sind 26. ihre Statthalterschaft wird von dem Volke bis auf zehn Jahre vermindert 35 Anus, seine Ketzerey iz6 Aristobulus, sein Streit mit dem Hyrcanus 2^8 Arsaces, wer er gewesen, und was er gcstiffret 88 Ancus Marrius, wer er gewesen Aneorestus, bringt sich um Angelsachsen, nehmen Britannien ein 42 85 150 Zlristides, wer er gewesen Aristoteles, seine Secte 62 8? Arses, wirdgetötdet Ar- Register. Arphaxab, von wem er überwunden wird 41 Armimus / von wem er überwunden wird m Arradanus, König der Parther wird umgebracht 120 Arraxerxes, wer er gewesen 6z - - - wie er umgekommen 75» Arraxerxes bringt seinen Herrn um 120. und stellt das Reich der Pcrftr wieder her 120 Asmonaer, ihre Herrschaft wenn siesich anfängt 98 Assarhaddon von wem er abstammet zy. unter ihm wird die Macht der assyrischen Könige größer 39 Assyrier, wenn ihr Reich gestiftet worden 24. ihr erstes Reich geht durch^die Weichlichkeit des Sardanapalus zu Grunde z6. wer den Grund zu ihr Monarchie legt 501 Astyagcs wer er gewesen 4z. wenn er stirbt 45 Rrhanasms wer er gewesen 1Z7. sein Schicksal 137-139 Acalaric wird König 154 Arhenienser, wer ihnen Gesetze gegeben 44. ihr Charakter 522.52z 524 Athen wird zu einer Republik eingerichtet 39 Ataulph, was er gethan «46. mit wem er sich vermählt 146 Arralus, König zu Pergamo, stirbt ioo. und setzt die Römer zu Erben ein 100 Arcila, wer ihn geschlagen 150 Augusiuö, ist der einzige Herr des römischen Reiches 109. unter seiner Herrschaft kömmt JesuS Christus in die Welt 109. folgt dem Cäsar in seiner Macht nach 579 Ami'-iM» des Mönches Einzug in das Königreich Kent 158 Auyuftin verdammt den PelagiuS 147 Avitus, was er gethan 151 Aurelian Register. Aurelian, überwindet die Zenobia 127. macht sich durch seinen Blutdurst verhaßt 127.woran erdie wahre Kirche erkennt 42z B. Dabei, ben seinem Baue werden die Sprachen verwirrt 12. seine Größe und Macht 504. sein Untergang ist prophezeyt worden 25L. 259.261. wie es eingenommen wird 507 Bagoas, wen er umbringt 7z Baladan, stiftet das babylonische Königreich z6. z?. - von ihm hat eine Zeitrechnung ihren Namen 57 Barbaren, wenn sie das römische Reich überschwemmten . 126 Barchochebas, ein falscher Meßias , 567 Basiliskus, sein Aufruhr wird unterdrückt 151 Vaj)t'an,von wem er abstammt 119. wie er sein Leben zubringt 119. tödtet seinen Bruder ny Baukunst, ihr Ursprung n Delisarius, wer er gewesen 154. seine Thaten is4 Belsazer, kömmt seiner Sicherheit wegen um 258 Bellovesiw führt die Gallier an 44 Benediccus, was er gethan 152.15z Dercha, wer sie gewesen 157. was sie gethan 157 Bibel, das älteste Buch 427. ist zu verschiednen Zeiten verfertiget 428.429. ist unverfälscht 430.4Z1.4 ;2. wird von den Ketzern bestätigt 45z. stimmt mit sich selbst überein 4^4. hat Schwierigkeiten 442.44z Bibliothek, die Aegypter haben die erste 484 Bild des Constantins wird in Rom nicht angenommen 1Z2. was darauf erfolgt ,z2 Bilderdienst, wenn er aufkömmt 664u.f. Bildnisse des Philippus warum sie nicht angenommen werden Bild- Register. Bildnisse, ihre Annahmt/ was sie bedeutet tzz Bischof, römische, soll das Haupt der Kirche seyn 598 Doetius,wird umgebracht 154 Donifacius, was er gethan 14z Vossvet, sein Charakter 597 Drennus, fallt mit den Galliern in Griechenland ein 77 Driranntcus wird enterbt 115 Druttts, befreyt die Römer 534« seine Scandhastig- keit' 5Z4 Drunehaulr, ihr Schicksal 159 Vulgarier, wo sie herkommen 16z. was sie weggenommen i6z Burgunder, fallen in Italien ein 126. wer sie gewesen 146. was sie eingenommen 146 Vpzanz, wer es wieder aufbaut iz?. wie es genannt wird iz? C. Cadmus, stiftet Theben 19 Cäsar, bringt die Oberherrschaft in Rom an sich io8.sein Charakter 577.578. wird umgebracht i-,,'8. 578 Cain, seine Geschichte 9 Caliqula, wie er regiert 114. laßt sich anbeten «4 Camdyse5, erobert Aegypten 58. stirbt 46. sein Charakter 509 Camillus, seine Thaten 71.72 Cappadocien, wer dieses Königreich gestiftet 76 Carl Marrel, seine Würde 166. seine Siege 167 Carl der Große, stiftet ein neues Kaiferthum 178 Carrhago^, wird gebaut zo. von den Römern eingenommen 190 Carrhaginensir, ihr Charakter 555.556 Cassander, seine Grausamkeiten 76 Canlina, Register. Carilina,will Rom anzünden Leadual, König von Engelland , wird ein Christ 164. stirbt 164. Cecrops, stiftet das Königreich Athen 18 Charonea, daselbst werden die Atheniensergeschlagen 72 Chosroes, seine Thaten 150. wird von seinem Sohne umgebracht 160 Christen, ihr vornehmstes Gesetz zi2. ihre Unterwürfig« keit 404.405. werden als Feinde des Staats angesehen 405. werden verleumdet 406. vom Plinius gelobt 406 Chrysoftomus,wird verfolgt -45. wer ihn unterstützt^? Cicero, errettet Rom vom Cacilina io6 Limon, wer er gewesen . 69 Claudius, seine Regierung 114. mit wem er sich vermahlt 114 Cleiia ihr Heldenmuth . 6s Clemens, seine Schriften üz Cleopatra, wer sie gewesen 94. 96. mit wem sie sich vermählt 94. 96. was sie für Tyranney ausübt 102. bringt sich selbst um 109 Clorar, wer er gewesen 155. seine Eroberungen 155 Clorilde, wer sie gewesen isz. was sie gethan 15z Clovis, von wem er abstammt 15z. seine Siege 15z« seine Gelübde >5Z. wird getauft 15z. seine Familie kömmt sehr herunter 164 Clusium wird belagert 71 Cölestius, was er geleugnet 147. wer ihn verdammt 147 Chaldaer, sind die ersten Sternseher Chain, wo er bekannt ist Lharops, der erste Archen in Athen Chlldederr, seine Eroberungen Childeric, seine Thaten Chmalaoan, wird gefangen 3s i55 141 4Z )Ä 12 Yy CoUa, Register. Collatin, wird verwiesen 572 Lommodus, von wem er abstammt »9. wird verabscheut 119. und endlich umgebracht »19 Konstantin, der Große, nimmt das Christenthum an 1Z5. seine Siege izs. stellt den Frieden in der Kir- che her und schenkt ihr große Güter und Ehre iZ5. halt eine allgemeine Kirchenversammlung in Nicäa iz6. seine Gemahlinn stört die Ruhe seiner Familie iz6.' theilt das Reich unter seine drey Söhne 137. sein Tod izij Corinrh, wer es zerstört 96 Coriolan, sein Schicksal 61. was er unternimmt 6l. wer ihn besänftigt 6l Crafsus, unternimmt den Krieg wider die Parther 107. wird von den Parthern getödtet 107 Creon, der erste Statthalter zu Athen 39 Crispus, wer er gewesen iz6. warum er angeklagt wird iz6 Curius, wer er gewesen 80. was er gethan 80 Cutheer werden in den Ceremonien des Gesetzes Mosis unterrichtet Z9. werden nach Samaria geschickt, es zu bewohnen 39 Cyaxares, von wem er abstammt 42. seine Eroberungen 42 Cyarares, der II. wer er gewesen und wie er sonst genannt wird 45. wenn er stirbt 46 Cyprian, sein Streit mit dem Cornelius und Stepha- nus 609.610.6il Cyrillus widersetzt sich demNestoriuö ' 146.148 Cyrus, von wem er abstammt 45. wer ihn zum Feldherrn macht 45. seine Thaten 45. 46. wer seine Gemahlinn war 46. wenn er das Volk Gottes befreyt 57. seine Siege sind prophezeyt 257. 260. sein Cha- Register. . - Charakter 507. 508. gründet die persische Monarchie 508 Cyrus, der Jüngere, seine Thaten 70 D. Damascenus, was er gethan M Danaus, macht sich zum Könige in Argos 21 Daniel, seine Offenbarung von den siebenzig Wochen 46. seine Weißagungen vom Meßiaö26z bis 266 Darin», von wem er abstammt, und wie er genannt wird 53 Darms N^Hthus, wer er gewesen ?c> Darms Codomannus, wer er gewesen 7z. wer ihn auf den Thron bringt 7z. wer ihn überwindet 74. sein Charakter 527 David, seine Regierung 27. herrscht über Juda 237. führt die Stiftshütte nach Jerusalem 238. macht Anstalten zum Tempelbau 238. seine Erwahlung ist göttlich 240. seine Prophezeyungen vom Meßias 241. 242. 24z. wird wegen seiner Sünden bestraft 249 Dedora, eine Prophetinn 2z Decevalus, seine Eroberungen 117 Decius, wen er umbringt 124. verfolgt'die Christen 124 Dejoces, wie er in der Schrift heißt, wer er ist 40. von wem er geschlagen wird 42. wie er sein Königreich hinterlassen 4,2 Demerrius poliorceres, wer er gewesen 77 Demecrius Sorer, sein Schicksal 9z. wen er hinterlassen 94 Demecrins !7?icator, was er unternommen 95.96. seine Siege 98. wird gefangen 98 Demosrhenes, was er gesucht 72 Dencschen wollen in Gallien einfallen 1^9. werden geschlagen iZ9 Py 2 Diana, Register. Diantt, ihr Götzendienst wird von den Goldschmieden vertheidigt 402 40z Didius ^julianus, wer er gewesen 119. was er unternommen 119. und wie e6 ihm gelungen 1^9 Dioclerian, was er gethan 129. izc?. wo er seinen Sitz aufgeschlagen izo. muß das Reich verlassen izo. stirbt izz Dollmetscder siebzig, wer sie gewesen 79 Domitianus, unter ihm gehen die Verfolgungen der Christen wieder an u6. sein Tod 117 Dreyeinigkeit wird betrachtet zoo. Z02. zog Dynastien, wie viel ihrer in Aegypten sind 12 E. Adhilbert, wer ihn zum Christenthums gebracht 158 j^duin, nimmt mit seinem Volke den Glauben an 16- j^lgennuy erhalt den Götzendienst . 402 ^Ansiedler, was von ihrem Leben zu halten sey zz? tLkbarana, wer es erbaut 40 j^leazar, wird Hoherpriester 21 j^paminondas, wer er gewesen 72. durch was und wenn er sich hervorthut 72. was er sich für ein Gesetz gemacht 72 Epochen der Welt, ihre Anzahl ^ ZLrve, ihre Veränderung nach dem Falle 195. wird durch die Sündflut verwüstet 199 Lsra, wer er gewesen 67. hat die Bibel nicht verfälscht 4Z5-4Z6.457. 4Z8. 4Z<) j^va/ wiesle sich von der Schlange verführen lassen 194 Evangelium breitet sich geschwind aus 354. ZZ5. zz6 ZLudoria, wer sie gewesen 145.151. was sie gethan 151 was sie für einen Gemahl bekommen 155 Enge- Register. Euttemus, wer ihn erhoben 14z wird gefangen 14z. durä) seinen Tod wird die Rebellion getilgt 14z Evilmerodach, wer er gewesen 45. regiert nicht lange 45. wer ihn umgebracht 45 tLurropms, wer er gewesen 144. kömmt um 144 Euryches, seine Ketzerey 148. 6zi. 632.6zz jkzechias, regiert in Judäa zZ.wird von Gott wunder« barer Weise errettet z8. ihn halt ein Rabbi für den Meßias Z8o 2/. , 'V V" "5» 'i^. ^.v' Labelhafte Zeiten, wenn sie aufhören Z4 Fadllis Maximus, seine Standhaftigkeit 87. wen er gedemüthiget IOZ Fabrieius, wer er gewesen 78. was er gethan 79 Falisker, wem sie sich ergeben, und warum 7^ Fausta, wer sie gewesen 132. was sie für einen Gemahl bekommen 1Z2. was sie gethan iz6. wird erstickt i;6 Lecialen, was sie unter den Römern waren 560 u. f. Fehler großer Geister sind gefahrlich 595 Felix, was er verdammt 152 Finsternisse, die bey Jesu Kreuzigung die Welt überfallen "?u> f. Florian, will Kaiser werden, und wird umgebracht 128 Franken, wer sie gewesen 127. wollen in Gallien einbrechen iZ9.werden geschlagen ebend. was sie gethan 146 Frankreich, wie weites seine Macht ausbreitet ..15s Fredegunde, wer sie gewesen 157. was sie gethan 157 Freygeister, ihre Einwürfe wider die Bibel sind ungereimt 448 Freyheit, Beschreibung der griechischen 518. was sich die Römer für einen Begriff davon machten 55z. aus liebe zu ihr entsteht Zwietracht s68 Py z Friede . ' ^ Register. Friede wird in der Kirche wiederhergestellt 135 G» Galba, wenn er umkömmt 116 Galerius, wird Kaiser izO. was er gethan izou.f.iz^. seine Krankheit izz. und wie er gestorben 1Z4 u. f> Gallienus, wer er gewesen 126 Gallier, fallen ?n Italien ein 71. was sie belagern 71. wenn sie sich von Rom wegbegeben 72. und warum 72. wollen Delphos plündern 77. werden daselbst geschlagen 77. siegen in Italien 77. werden von den Römern geschlagen 78. kriegen mit den Römern 85. werden geschlagen 85 Garizim, darauf wird ein Tempel erbaut 74 Gefangenschaft, babylonische, wenn sie sich anfängt . 4Z Geld, vermag in Rom alles 104. Gemius, wer er gewesen 92. sein Schicksal 92 Germaniens, von wem er abstammt m. seine Thaten und crfolgterTod m Germanus, Patriarch in Constantinopel, wird vertrieben 168 u. f. sein Tod 169 Geschichte, ist vornehmlich Prinzen nützlich 1 u. f. Geschichte, allgemeine, wird mit einer Generalland- karte verglichen 4. Geschichtschreiber, weltliche, sind in der Geschichtedes Cyrus mit einander nicht einig 48 Gefty, geschriebnes 20. wenn es gegeben worden ist 20 Gesetze der zwölf Tafeln, werden aus Griechenland geholt 574 Geta, wer er gewesen 120» wer ihn getödtet üo Gordianen, Vater und Sohn, werden sehr geliebt ,24. ihr Schicksal 124 Gochen, ^ Register. Gothen, fallen in Italien ein 126. empören sich 141«. f. was sie gethan 146. wenn ihr Reich ein Ende hat 165 Gott, die Schrift giebt von ihm den erhabensten Begriff 185. seine Weisheit erhellt auö der Schöpfung 186 u. f. wird beschrieben >88. 20z. giebt sich dem Moses auf eine neue herrliche Art zu erkennen 217. wie ihn Por- phyrius vorstellt 419. von ihm hängen alle großen Veränderungen der Reiche ab s89.59o.s91 Grab, das heilige, wird gefunden 137 Gracchen, ihre Unruhen 100 Graticm, wer er gewesen 140. wem er zu Hülfe eilt 141. wen er zum Mitregenten annimmt 141. sein Schicksal 142 Greuel, bedeutet ein Götzenbild z6r Gregorius, der Große, wird Pabst 157. was er gethan 157 Gregorius, der andre, Pabst, widersetzt sich der Umstürzung der Bilder 168 Gregorius LTlazianzenus, soll Bischofin Constantino- pcl werden 621 Griechen, zählen ihre Jahre nach den Olympiaden 34» ihr Charakter 516. ihre alten Könige 517. ihre Gesetzgeber 517. lieben die Freyheit 518» ihre Philosophen slß U. f. 6' Haggai, seine Weißagung von Christo 269 Hamilcar, wo er gestorben 84 Hannibal, fallt auf Italien los 8s. entflieht 91. wird auf seine Siege stolz 559 Harmodiuö und Aristogicon, von wem sie ihr Land bcfreyt 59 Hasdrudal, von wem er abstammt 84. wie er regiere 84. was er gebaut 84. stirbt 86 Py 4 Hele- Register. Helena, was sie gethan ^ 1Z7 Heiiogabalus oder Elgabal, wodurch er sich verhaßt macht ^ i2o hellen, nach seinem Namen wird Griechenland genannt 19 Henoch,wird von der Welt genommen 9 Heraclmß, wird zum Kaiser ausgerufen 758. was er gethan is) Herodes, wenn sein Tod erfolgtlli.seinKönl'greichwird vertheilt fallt hernach in die Hände der Römer in Herodorus, wenn er geschrieben 6z Herrschaft der N?e!r, wer einander dieselbe streitig macht ^ 7z Hesiodus, wenn er gelebt zo Hieronymu?, König von Syracusa, erklart sich wider die Römer l.'i Hieronymus, der Heilige, was er unternommen -44. wen er widerlegt 147 Hilarius, wer er gewesen 139. und was er gethan 139 Hirrenkunst, ihr Ursprung n Historische Zeiten, wo sie anfangen 34 Hipparchus, von wem er abstammt 59 Hippias/ wer er gewesen 59. unter was für einen Schutz er sich begiebt 59 Hippokrares, seine Philosophie 89 Homer, wenn er gelebt zc>. warum seine Poesie so sehr geliebt wurde 520 Honorius, wer er gewesen 144. ist ein Monothelit 160. wird verdammt 642. stirbt 14s» Horaz und Virgil bringen die lateinische Poesie zur Vollkommenheit in Hormisdas wer er gewesen 154 Hofes, der König von Israel, verlaßt sich ans den Bey- stand Register. stand des Königes in Äthiopien, Sabacon, oderSua, So, und Sous genannt ^ost»s fängt rintcr der Regierung Usia an, seine Weissagung schriftlich kund zu machen Hoslus, ^'cr er gewesen iz6. ob er bey der ersten nica nischcn Kirchenversammlung präsidirt 6:5. 616. Hunnen, was sie verwüsten 156 Hyrcanus, folgt seinem Vater im Hohenpriesterthume 99. zerstört den Tempel auf dem Berge Garizim iOi. nimmt Samaria ein 102. wenn er gestorben 102 I. Jacob, wird dem Esau zum Nachtheile gesegnet 16. sein Streit mit dem Engel ,6. seine Kinder 16. 212. seine Prophezeyung vor seinem Tode 18. seine Lebensart 211. seine Weißagungvom Meßias 21z. 214 u. f. wird erfüllt Z2A Jacoblis präsidirt bey der Versammlung der Apostel 6O4.U. f. Jahrbücher der Syrer, was sie berichten sl Jahr, in welchem Jerusalem eingenommen worden 4z Japhet, ist im Oriente bekannt 12 Ibas, sein Brief wird verdammt isy Iconoklaften oder'Bilderstürmer, wenn sie ihren Anfang genommen 168. wider sie wird eine Kirchenversammlung gehalten 671. 672 u. f. Idumaa, nimmt das Gescß Mosiö und die Beschnei-- dUNg an IO2 Iechonias, wer er gewesen 4z. was unter ihm eingenommen wird 4z Iephrha, macht seinen Sieg durch ein Opfer blutig 25 Jerobeam ist frömmer als seine Vorfahren zz Jerusalem, wie oft es eingenommen worden 4z. warum es mit Samaria feind gewesen 58 u. f. wenn es einge- Py s nommen Register nommen und verbrannt worden 116. ihre Geschichte 2Z5». f. wird vom David und Joab vergrößert 237. wird zweymal belagert Z62. das erwählte ist ein Vorbild des Himmels Z54. das verworfne ein Vorbild der Hölle N4 Jesus Christus, wenn er gebohren iio. läßt sich taufen in. wird dem ersten Menschen versprochen 197. durch die Propheten verkündigt 244 u. f. von ihnen vorgebildet 245. seine Geschichte 291. seine Eigenschaften 292 u. f. seine Wunder 29z. macht eine neue Ordnung der Din- ge 295. wird zum Tode verurtheilt 296. steht von den Todren auf 297. durch ihn verstehen wir die Geheimnisse des alten Bundes 299. ein vollkommnes Muster aller Tugenden Z12. verkündigtden Untergang der Juden vorher zso. 352 u. f. seine erste Weißagung wider sie wird erklärt Zs6. warum er nicht für den MeßiaS erkannt wird 374. kann keines Verbrechens beschuldigt werden 408. wer ihn unter die Götter rechnet 4.10. 414. seine Wunder werden nicht geleugnet 412. soll sie durch die Magie gethan haben 41z. worinnen seine Hoheit besteht 518.520 Jesus, ein jüdischer Landmann, ruft has Weh über Je- rusalem Z42.Z4Z Ignatius, wer er gewesen 121. sein Schicksal 121 Ilia, die Mutter des Romulus und Nemus, stammt von den alten Königen zu Alba ab 35 Imperatoren, eine neue Würde unter den Römern 586. sind von Cäsarn unterschieden 581 Inachus gründet das Königreich Argos 16 Innocenrius, wer er gewesen und was er gethan 145. verdammt den Pelagius 147 Ioas,von den Syrern geschlagen, und von den Seini- gen umgebracht zz Johan- Register. Johannes Hprcanns, Simons Nachfolger 279. ge. rath mir seinem Bruder in Streit 288 Johannes, der Taufer, wenn er erschienen m Ionachas, sein Ruhm > den er erhalten^, wird mit Ehren überhäuft 97 Ionier, wen sie todten 62 Ionische Secte, wer sie angefangenes, was für Phi- losophen daraus gekommen 89 Joran,, seine Regierung ,z55. die sechste wird gehalten >6z.wen man darauf in denBann thut i6z AirchenversammllMI erste constaminopolitamsche 621 wer Register. wer prasidirt 621. dabey sind keine Legaten des Pab- sies 622. ihre Verordnungen sind der Hoheit des römischen Bischofs entgegen 62z. ihr Ansehen 624 Wrchenversammlung, nicänische, wer darauf prasidirt 615. wird nicht für unfehlbar gehalten 6iZ Kirchenversammlnngen, ob sie unfehlbar sindM. 6c>o Kreuz Christi, wer es entdeckt iz6. das Geheimniß davon wird erklart ziö. zi?. z - 8 Kriege', punische, woher sie gekommen 82. was dabey vorgegangen 82. wer sie geendigt 82. 8z. der dritte wird unternommen 95 Kriegsflotte des Terres wird geschlagen 62 Kriegs tribunen, wenn sie unter den Römern aufgekommen 574. Krtegszuchc der Römer, wenn sie eingeführt worden 41 L. Labyrinth, wird beschrieben 490. wer es gebaut hat 49Z Lacedämonier, ihr Charakter 522.52z. 524 Laster, werden vergöttert 28z u. f. Launojus, sein Urtheil von der Unfehlbarkeit des römischen Bischofs 6c>i Leben, menschliches, wenn es abgenommen ir Le0/ der Große, was er gethan 149 Leo, Isauricus, was er gethan 166 Leo, Thrar, wer er gewesen 151 Leo/ wenn er gestorben 164 Leonibas, wer er gewesen 62. wen er getödtet 62. hält die Perser auf 521 Leonrms, was er gethan 165 Leorichldes, wen er anführt 62 Leviten/ ihr Amt 228 Licinius, Register. Licinius, wer ihn zum Kaiser ernennt iZ2. wen er überwindet 1Z5. was er gethan i?s. wird geschlagen iz5» und verliert das Leben iz5 Lisander, wer er gewesen ?o. und was er eingenom, men 70 Liftas, wer er gewesen 9z. wird umgebracht 9z Lombardei-, ergreifen die Waffen wider die Römer 16? Lucius Derus, wer er gewesen 119 Lucretia, ermordet sich selbst 5p Lucullue, kann den Mithridates nicht bezwingen ic-6 Luirprand, König der Lombarder, was er gethan it>8 Lmarius, schlägt die Flotte der Carrhaginenser 8z M. Nlacedonius, seine Ketzerey 619.62a jllahomer, wirft sich zum Propheten auf 160. was er für Unglück angerichtet i6c> Nlajorian wirft sich zum Kaiser auf izr ZTZalachias, seine Weißagung von Christo 269 Nlanahem, besänftigt denPhul und bestätigt ihn auf dem Throne Zs. bekömmt zur Erkenntlichkeit einen Tribut von iOOO Talenten Zs tllanasses, unter seiner Regierung häufen sich die Verbrechen des jüdischen Volks z? lllarcellus, seine Thaten 87 Nltircus AurellUö, von wem er an Kindes Statt angenommen wird:i8. seine Regierung 118. sein Heer leidet Mangel an Wasser 122. was dabey vorgegangen 122 LHardonius, wird geschlagen 61 N7arius, seine Thaten 109. führt die Parthey des Volkes an 576. wird vom Sylla überwunden 577 N?arcin, der Heilige, wer er gewesen 140 Macha, Register. Mathatlas, macht sich einen herrlichen Namen 92 Mauritius, wird Kaiser, durch was er sich bessert 158. was er für einen Fehler begangen 158.159 Marenrius, wer er gewesen izi. zu was er sich aufwirft ,Z2. ruft seinen Vater zurück 1Z2. was er unternommen izz. wen er ums Leben bringt iz8. wird überwunden iz8. bringt sich ums Leben izZ Maximian, bringt den Alexander um 12z. 1:4. und bemächtigt sich des Reichs 124. vier Kaiser werden ihm entgegengesetzt 124. 152. was er unternommen izz. warum er sich umbringt izz» seine Wuth gegen die Christen iz4 Maximin, wird zum Kaiser erwählt izi Marimus, bemächtigt sich Rom 142. was er daselbst gethan 142. wie es ihm ergangen 142. 14z. stürzt i>en Valentinian 150. wie er zum kaiserlichen Throne gekommen 150. wen er zur Gemahlinn bekommen 151. sein Schicksal 151. was er gethan 161 Meder, werden von dein Arba.es oder Orbaces besreyt z6. verachten den weichlichen Sardanapal z6. ihre Monarchie wie sie auf die andern Monarchien folgt 51. 52. 5z. 54. 55. werden groß 90 Melchisedech, ein Vorbild Jesu 2z Memphis, eine Dynastie 12 Mensch, Gott unterscheidet seine Schöpfung von der Hervorbringung aller andern Geschöpfe 189. 190. wird heilig geschaffen 19z. sündigt, und wird bestraft 196 Menschen, warum ihr Leben kürzer geworden 199. 200. werden Abgötter Menschwerdung Christi wird betrachtet zoz. 304.505 Mercier, wer sie bekehret 1Ü2 Merku- Register. Merkure, die ägyptischen, smd die Erfinder der Wissenschaften 48» Merovöus, wo er sich festsetzt 150 Milriades, wen er geschlagen 6r Mirhridares, was er für ein Königreich stiftet 76 Monarchien, die drey ersten, was die Griechen davon geschrieben, ist zweifelhaft 4z Monorheltten, ihreKetzerey 160. von wem sie in des Bann gethan werden »6i. 640.641 Monranus, wen er verführt 122 Möris, wer diese See graben lassen 486 Moses, wird gebohren 18- seine Schicksale 19. ihn erwählet Gott 217. schreibt die Geschichte des Volkes Gottes 221.222. ist ein Dichter 22z. 224. worauf er- seine Gesetze gründet 225. richtet den jüdischen Gottesdienst an 226. 227. seine Gesetze werden heilig beobachtet 128. 129. wird für den Verfasser des Buches Hiob gehalten 232. muß leiden 2zz. ist ein Vorbild Jesu 2zz. kömmt nicht ins gelobte Land 224. was darunter vorgebildet wird 254 Mummius zerstört Corinth 96 N. Nadopalassar, wer er gewesen 42. seine Thaten 42.4z Narses, wer er gewesen 154. seine Thaten 154.156 Z7!ebucadnezar der II. wer er gewesen 4z. seine Eroberungen 4Z. seine Drohungen gehen in Erfüllung 4z. was er zu Jerusalem machte 44. 4s. und was er vor seinem Tode gesehen 45. sein Stolz 257 Necrarius wird Bischof zu Constantinopel 621 57ehemias, wer er gewesen 67. wenn er Erlaubniß bekommen, Jerusalem aufzubauen 64. wenn er den Bau fortgesetzt 66 Zz Neri, Register. Neriglossor, wer er gewesen 45. was er gethan 45 Nero, wer er gewesen 115. von wem er an Kindes Statt angenommen wird 115. seine Grausamkeiten 115. bringt sich um ' 115.116 Z7!erva, seine Regierung 117 ZTlestortus, feine Ketzerey 148 tTlicanor, seine Hand wird aufgehangen 9z ^Alstrom, wie ihn die Aegypttr gebrauchen 48s ZTttmrod, sein Charakter 12. führt den ersten Krieg 201 TAnive, wenn es gebaut wird 12. wer sein zweytes Königreich gestiftet z6. wer es zerstöret 4z. der Stolz seiner Könige 504 ZTloah, wird in der Sündflut erhalten io. erhält die menschlichen Künste 10 Numa, der Nachfolger des RomuluS zK. was er gethan ;8 Numanria wird zerstört 100 Numerian, seine Traurigkeit 129 Numitor wird wieder in sein Königreich Alba eingesetzt ^ Z5 O. >'»>»' Register. Osterfest, Streit darüber, wenn eö zefeyert werben soll 607 Ostia, wer es gebaut 4, Oswald, was er gethan ,61.162 (Drho, wenn er umkömmt 116 Osirts hat den Ackerbau nicht erfunden 482 Hviedo, durch was es sich vergrößert 169 ^ ^^U^^Ml paphnutius vertheidigt die Priesterehe K17 papuius, seine tapfre Aufführung 7z parisaris, wer sie gewesen 70. was sie gethan 7^ parrher empören sich 88. wie weit sich ihr Reich ausbreitet 9z Paulus Aemilius, wen er überwunden 9! Paulus von Samosata, wer er gewesen 127. was er gelehrt 127 Paulus, ein Lehrer der Heiden 322, zzz. eine Stelle aus ihm wird erklärt Z!Z.Z!9. zzo. seine Briefe bekräftigen die Bibel 441 Pausämas, wer er gewesen 62. was er gethan 62.6z. seine Thaten 7z perdiccas, wer er ist 75. seine Grausamkeiten 76 pelagius, leugnet die Erbsünde 147. von wem er verdammt wird 147« sein Sieg 166 Pella, dahin begeben sich die Christen bey der Zerstörung Jerusalems z6z Perser, ihr Untergang wem er vorbehalten 7z. ihr Charakter 510.511. wie ihre Könige erzogen wurden 512.51z. ihre Art Krieg zu führen 514.515. unterhalten die Uneinigkeit der Griechen 522.52z. 524 perseus, wer ihn überwunden 9, 3 j 2 Per, Register. pertinax, sein Schicksal 119 perrus, ob er einen Rang über die andern Apostel habe 6oz. hat bey der Versammlung der Apostel den Vorsitz nicht 6oz. 604 Phalanx der Macedonier wird beschrieben 540.541 pharamond, wer er gewesen 146. wer ihn erhoben 146 philippus, wer c> war 72. was er für Freude gesehen 7!. 7z. wird umgebracht ?z philippus, wer er gewesen 90. wodurch er gedemüthigt 'wird 90» Philippus, der Kaiser, wer er gewesen 1:4. wen er um« bringt 124. geht einen schimpflichen Frieden ein 124. ist den Christen günstig 124. wird umgebracht 124 Philosophen, können die Abgötterey nicht ausrotten 282. 28z. billigten sie 285.286 Philosophie, wenn sie in Griechenland blüHt 88 Philosophie der Römer 90 Philosophie der Bibel ist vollkommen 204 PHK'gon, sein Zeugniß von der Weißagung Petri wider Jerusalem Z64. z6? phocas, wasergethan 159 phoceenser, wohin sie ihre erste Colonie führten 44 phraortes, was er sich unterwürfig macht 42 phvl> König zu Aßyrien Z4 pilatus, seine falschen Acten 409 pindar, seine Oden werden bewundert 74. seine Abkömmlinge werden verschont 74 pinehas beweist seinen frommen Eifer 21 pipinHeristel, erhebt seine Familie 164. wer er gewesen 169. sein Schicksal 169.170.171. was er der römischen „ .Kirche geschenkt 171. 172. seine Würde 172 pisistm- Register. pisistratus, was er sich angemaßt 45 placidia, wer sie gefangen nimmt 146. mit wem sie sich vermählt 146 plato, wer er gewesen 89. was er gestiftet 89. und was er von den Griechen sagt 48 plebejen, wer sie sind 566. streben nach dem Consulate 574. erhalten es 575 pompejus, seine Thaten 106. wird überwunden 107 pompejus, sein Charakter 577. vereinigt sich mit dem Cäsar 578 poefts, lateinische, durch wen sie zu ihrer Vollkommenheit gekommen m polpcarpus, wer er gewesen üi. sein Schicksal 121 polykrates, was er mider den römischen Bischofsagt 605 porphyriue,sein Zeugniß für Christum 417. wie er die Abgötterei) vertheidigt 4.17. seine Meynung von Gott 417 porstnna, wer er gewesen 60. wen er beschützt 60. nimmt die Familien der Tarquinier vergebens in Schuß 554 praftdenten beyden Kirchenversaminlungen, wer sie erwählt 614 Prinzen ist die Erlernung der Geschichte vornehmlich nütze 1.2 Probus, wird von den Soldaten jum Kaiserthume gezwungen 128 Propheten, verfassen unter der Regierung des Usia ihre Weißagungen in besondre Bücher zz. ihr merkwürdiges Amt 251. 252.25z. falsche,sindVorboten von demUn- tergange der Jüden 357. 358. sind ihrer um diese Zeit viele ' 358. prosper, wem er beygestanden »47 Psalmen, ihr Zeugniß für Mosis Schriften 44t Z z z Psam. Register. pfammerichus, unter ihm wird Aegypten stolz 41 ptolomäus Lagus stiftet die ägyptische Monarchie 76 pcolomaus Philometor, seine Thaten 94. sein Tod 96 pulcheria, wer sie gewesen 145. was sie übernommen 14;. erhebt ihren Gemahl zur kaiserlichen Würde 149 Pyramiden, die ägyptischen werden beschrieben 489. sind Graber 49c) pyrrhus, wer er ist 77. sein Schicksal 77.78« 8o. sein Tod 80. 8l 89 pyrhagoras, seine Secte, die er stiftet R. Radagaisus, wer er gewesen 145. verwüstet Italien 145 Recaredo, wer von ihm abstammt 169 Regen, wer ihn von Gott erbittet und erhalt 122 Regulus, was er unternommen 8! , Rehabeam, sein Stolz 28. seine Politik 28 Reich der Perser und Meder, wenn es vereinigtward 46 Reich des Alexanders wird getheilt 75 Reich, römisches, wird getheilt 108 Reiche, alle müssen sie zur Erhaltung der Religion die- nen4.66.467, wozu ihre Betrachtung nützt 468. 469 Religion, christliche, bringt alle Tugenden zur Vollkommenheit zu. eine icde fremde ist in Rom verbothen 40z. heidnische, ist nicht alt 407. wird in Allegorien verwandelt 416. christliche, hat eine ewige Dauer 450. 451.452. die wahre ist sich immer gleich i8z- ist so alt als die Welt 184.185 Remi, wen er getauft 15z Remus, von wem er abstammt 35. seine Thaten z> Republik der Achaer geht m Grunde 96 Richerius, sein Bekenntniß von der römischen Kirche 6^8 Roderich, seine Wollüste 165 Rom, Register. Rom, wenn es erbaut wird z> wird dem Gotte des Krieges geweiht 55. z6. durch wen es erhalten wird 6o. befreyt Cappadocien 105. fällt in die Hände dreyer Tyrannen 108. thut den letzten Versuch die Christen zu vertilgen 134. wer es von der Plünderung errettet 150. wird von neuem bedräut 169. wer es erhalten 169. seine Schicksale werden erklärt 464. 465 Romulus, von wem er abstammt 35. wird unter den Hirten erzogen, und wachset in den Kriegsübungen auf z;. Z6. seine Thaten 38. stirbt z8- baut Rom 570. legt den Grund zur Religion der Römer 570. macht den Unterschied zwischen Z^lebejen und parricien 570. wird umgebracht 570. und vergöttert 571 Römer, was sie aufgebracht 59. lassen ihre Gesetze von den Griechen holen 66. was sie verlohrcn 71. mit wem sie Krieg führen 75. wenn sie Meister von Italien geworden Zu was sie hernach unternommen 8r. 82. 85. 86. 90. ihre Philosophie 90. verwilligen den Jüden ihren Schutz 94. lassen ihre Fahnen nicht durch Judäa gehen z6r. ihr Charakter 532. die Macht ihrer ersten Könige 5Z2. ihre Mäßigkeit 535. ihre öffentlichen Gebäude sind prächtig 536. ihre Kriegsverfassung 5Z7. 5Z8. ihr Verstand 559. loben die falsche Tapferkeit nicht 54z. ihre Politik 544. ihre Verschwiegenheit 544. ihre Stände beneiden einander 545. verstatteil der Gewalt nichts 546. ihre Aufführung gegen ihre Feinde 547. 548. ihr Senat ist gerecht 548. 549. ihre Weisheit in Bestrafungen lind Belohnungen 550. lassen den Muth in keinemUnglückc sinken 552.55z. werden mit den Carthagincnsern verglichen 555. 556. ihre Größe rührt nicht vom Zufalle her 558.55?. ihreFecialen 560.5^1. beherrschen die Ueberwundnen billig 562. die Größe Z z 4 ihres Register. ihres Reiches 56z. ihre Colonien 564. fast alle Mew- S. Gabacon, kann den König Hose« nicht erretten z?. z8. nimmt Aegypten weg 498. seine Mäßigung 498 SadelliuS/seine Streitigkeiten 125 Gabiner, wer sie in Rom aufgenommen hat 40. werden getreue Unterthanen 40 Salmanassar, von wem er abstammt z?« zerstört das Reich Israel Z? Salon,»/ baut den Tempel 27. weiht ihn ein 2Z9. wird in seinem Sohne bestraft 244 Gamariraner, warum sie gebeten 57. weswegen sie nur den Pcntateuchus annehmen zy. 40. suchen der Iüden ihr Vorhaben rückgangig zu machen 57. warum sie am Leben gestraft werden 94. 95. haben falsche Meßias 578. ihr Zeugniß für die Schriften Mo- s»6 ' 444 Sanhen'b, von wem er abstammt zZ. was er belagert 38. sein Schicksal z8 Saosduchin,von wem er abstammt 41. seine Thaten 41 Sapor, wer er gewesen 137. wer ihn zum Christenthums bringen will 157 Saracenen, nehmen Palastina weg 162. werden gedemüthigt 16s Saraja, wird gefangen 44 Sardanapalus, wer sein Vater ist 54. sein Schicksal z6 Sardinien wird von den Carthaginensern den Römern abgetreten 84 Garmarier werden überwunden , izs schen werden Römer Rufin, wer er gewesen, kömmt um 564 144 Sayd, Register. Gayd, ihre großen Tempel und Pallaste 457.48S Gcavola, wer er gewesen 6o. sein Heldenmuth 60 Scipio Africanus, seine Thaten 87. seine Belohnung 88 Schöpfung des Weltgebäudes, ihr Andenken erhält sich 114. wird beschrieben 187. des Menschen, wird betrachtet 189. 19c» Schrift, heilige,ihre Vortrefflichst vor anbernGeschich- ten 184. wenn sie ins Griechische übersetzt worden ist 19 ScythenHreEroberungen sind nurStreifereyen 477 u.f. Seligkeit wird den Christen versprochen 309. zic> Seele des Menschen wie sie von Gott erschaffen wird 192.19z Gegovesus, wer er gewesen 44. was er gethan 44 Selcucus, stiftet das Königreich Syrien 76. wird umgebracht 77 Sem, wo er bekannt ist 12 Semieurychianer, ihr Irrthum 15z Senharib, wie er vom Herodotus genannt wird so Serronus, mit wem er sich verbindet zoF Servius Tullius will Rom zu einer Republik machen 55z Sesostris, seine Eroberungen 496. 497 Sech bleibt Gott getreu 9 Severus, seine Thaten 119. wen er umbringen läßt »19. wird Kaiser iz^ Severus Alexander , laßt Christo einen Altar setzen 4vc> Scipio Aemilianus, ^eine Thaten Schlange, wie sie Evam verführt 96. 99 194 Zz 5 Sex- Register. Genius, was er gestiftet ioz Gexrus, wer er gewesen 59. was seine Unkeuschheit verursacht ' 59 Simon, wer er gewesen 97. seine Tapferkeit 97. wird der Fürst und Hohepriester der Jüden 278.279 Simon, der Zauberer, ein falscher Mcßias z?z Glrrus, Pabst, ihm wird das Haupt abgeschlagen 126 Gmerdes, wer er gewesen 58 Sokrares, seine Philosophie 89 Soldaten, römische, bieten das Reich feil 580 Golon, wenn er Gesetze gegeben 44 Sophia, wer sie gewesen 156. was sie erhalten 156 Spaltungen der Römer, wie sie gehoben 104.105 Spanien, was es gethan 146 Sparracus, ein Fechter, strebt nach der obersten Herr- schaft 10s Spiele, olympische, werden wieder hergestellt 34 Spraci>e,hebräischc, wenn sie aufhörte bekannt zu seyn 68 Sprache, chaldäische, wenn sie die Jüden einführen 69 Sprachen werden verwirrt 12 Stämme, zehne werden gefangen nach Ninive geführt z8 Scernfther, welche die ersten sind iz Srephanus, wenn er gesteinigt wird 114 Stephanusder andere, was er gethan 120 Stilico, was er gethan 145. wer ihn umbringen läßt 145. 146. was darauf erfolgt 146 Gcrabo, wenn er gelebt 50 Sündflnt, warum sie die Erde überschwemmt 10. allgemeine Sage davon ir Swiberr breitet die evangelische Lehre aus 164 GM Register. Splla bringt sein Vaterland in die Sklaverey 105 Splla führt die Parthey des Senats an 576. wird Dictator 577. legt seine Würde freywillig nieder 577 Gymmachus wird aufgeopfert 154 Syracuja, wer es errichtet zg Syrien, die Unruhen gehen von neuem an 97 T. Tacitus wird vom Senate zum Kaiser erwählt 12L Talmud, was er ist 341. Tanis, die Hauptstadt in Acgypten 12 Tareminer, werden geschlagen 81. müssen sich unter die römische Herrschaft begeben 81 Tarquin, wer er gewesen 44. wenn er seine Regierung beschloß 44 Tarqvinius, der Stolze, wird aus Rom vertrieben 53 Tearcon, ein äthiopischer König, seine Thaten 47z Tempel, wenn er ist zu Asche verbrannt worden 4z. 44. den die Heiden entheiligt, wird eingeweiht 92 Tempel zu Jerusalem, seine zweymalige Zerstörung wird mit einander verglichen 344. 345- geschieht an einem .Tage Z4?. wird von Christo vorhervcrkündigt 350. Titus will ihn erhalten z6? Tempel haben die Christen in den ersten drey Jahrhunderten nicht 566 Tercnrius Varro, wie ihm von den Römern begegnet wird 552 TermUian,wa6 er gethan 122.12z.wer ihn verführt 122 u.f. Teutci, wer sie gewesen 84. wird überwältigt L4 Thebaner, wo sie gesiegt 12 Thcbe, eine Dynastie in Aegypten 12 Tbemiftocles, was er gethan 62. wird von seinen Bürgern verwiesen 6z. aber vom Artarerxes wohl aufgenommen 6z- 64 Theo- Register. Theodor«, wer er gewesen 149. wodurch er sich bekannt gemacht 149. seine Schriften wider den heiligen Cyrill werden verflucht 155 Theodoric, wer er gewesen 152. was er gethan 152.154 wovon er gestorben 154 Theodorus von Mopsvesta wird verdammt 15z Theodosms, zu was er angenommen wird 141. was er gethan 14!. 14z. 144. wenn er gestorben 144 Theodosius, der dritte, mußte die Krone annehmen 166. seine Thaten 166 Theophilus, wer er gewesen 145. was er gethan 145 Theodorus, wer er gewesen 88. was er weggenommen 88 Theseus, baut Athen , 24. Tbilgamus, wer er gewesen 51 Thilgath, ein Sohn des Phalassar 36 Tbin, eine Dynastie in Aegypten 12 Tiberius, seine Regierung m. wenn er stirbt 114. was vor seinem Ende noch vorgegangen »4 Tiberius der andre, von wem er zum Kaiser ernannt wird 156. seine Thaten 156. wie er den Rebellen begegnet 165 Tims, seine Mäßigung bey dem Siege Z49. will den Tempel erhalten - 365 Tobias, ein Beweis der göttlichen Vorsehung 250 Tochter des Cyarares, wer sie zur Gemahlinn bekommen 46 Trajan, wird zum Kaiser erwählt 117. seine Regierung 117. seine Siege » n? Triboman, wer er gewesen 154 Tribunen, woher sie entstanden 64» wenn sie unter den Römern Register. Römern aufgekommen 57z. ihr Amt 57z. unterhalten die Uneinigkeit zwischen dem Senate und Volke 575.574 Troja wird' eingenommen 24 Tryphon, wen er läßt umbringen Tugend, was der größte Beruf ist . ziz Tullus ^ostiliuo, wer er ist 46. Z07. zo8 Usia, regierte rühmlich zz. was ergethan zz V. Vaast, wen er unterrichtet 15z Valens, wer er gewesen^. -ZL. was er gethan lz8.14O. sein Tod 141 Vallia, wer er gewesen 146. was ergethan 146 Valeminian, seine Thaten 140. wenn er gestorben 141 Valenrinians des 11. seine Erhöhung 141. sein Schicksal 142.14z Valenrinian der III. wer er gewesen 146. wer ihn zum Kaiser ernennt 147. was er gethan 15c? Valerian, sein Schicksal 126 Valerianus bekömmt die höchste Gewalt 125 Valerius, weswegen er berühmt ist 59 Vaierius wird den Römern verdächtig 572 Vandalen, wer sie gewesen 145. was sie gethan 145 Vejenrer, ihre Stadt wird eingenommen 71 Vespajmn, was unter ihm geschehen 116 Verfolgungen des Volkes Gottes, wenn sie angegan. gen' 9' Ver- Register. Verfolgungen der Christen 116.117. warum sie entstan- den 116 Viccor, thut die asiatischen Kirchen in den Bann 607. verdient getadelt zu werden 608 Vigiianrins, wer ihn widerlegt 147 Virgil, bringt die lateinische Poesie zur Vollkommenheit in Virginia, wer sie umgebracht 67. was dieser Mord verursacht 67 Virellius, wenn er umkömmt 116. zieht ohne Fahnen durch Iudaa z6i Volk Gottes, seine verschiedne Zustände 182 Vorsirz, Erklärung davon 612.61z rr>. Welt, wie sie von den Philosophen vorgestellt wird 201 Weinberg, das Gleichniß Christi davon wird erklart 450 Weissagungen der Propheten werden schriftlich kund gemacht zz. dienen den Nachkommen zu Denkmälern zZ Wilfried/ wer er gewesen 16z. was er bekehrt 16z Willebrod, breitetdie evangelische Lehre aus 164 Woche, die siebzigste des Daniels, wie man sie nennen kann 112 Wochen, siebzig des Daniels, wenn sie angefangen 65. wie sie gerechnet werden m. wie sie bezeichnet werden 265 X. Z-amippus, wer er gewesen 82. und was er unternommen 82 Tenophon, was er war ?o. und was er beschrieben 70. führt die Griechen aus Persien zurück 526 Ter- Register. Terxes, wer er gewesen 6i.was er unternommrn6i.wird getödtet 62.6z Z. Facdarias, wer er gewesen 169. was er gethan 169 Zacharius, seine Weißagungen von Christo 267.268 Zedekias, von wem er gefangen worden 44 Zerren, heroische, was sie sind 25 Zeitrechnung, die Schwierigkeiten der Alten schaden nicht viel 18s Zeno, wer er gewesen 151 Zenobia, wer sie gewesen 126. ist zum Jüdemhume geneigt 127 Zerstörung Jerusalems, ein Vorbild des Weltgerichtes Z65. wer sie vrophezeyt hat Z64 Zorobabel, wen er zurückgeführet hat 57.261 Zostmus, wen er verdammt . 147 Zusagen Gocre?, warum sie spät erfüllt werden 216 Zwistigkeiren der Lacedamonier, was sie nach sich gezogen 69.70 Zwölf Tafeln, was sie sind 67 Druckfehler: Seite 126. Zeile so. liesSalomo für Salamo. - - 128. - - lo. lies Aarelians für Aurcliut. - - 165. - »lo. lies Freunde für Feinde. - - cbend.- - iz. lies Femve für Freunde. « - 66z. - - 7. lies PampbMnfür.Pamphilim». Jacob Benignus Bossuet, Bischofs von Meaux, Einleitung in die GcschWc der Welt, und der Religion, fortgesetzet von Johann Andreas Krämern, Hochfürstl. Oberhofpredigern in Quedlinburg. Leipzig, verlegtö Bernhard Christoph Breitkopf. ^ ^M^^'M^ Vorrede. in Schriftsteller unternimmt fast allezeit eine undankbare Arbeit, wenn er Schriften fortsetzen will, welche ihren Verfasser unsterblich gemachet haben. Ich rede von Fortsetzungen, die nach dem Entwürfe desjenigen eingerichtet seyn sollen, dem er nachzuarbeiten sich vorgesetzet hat. Ist der Plan dessen, den er fortsetzet, schon das Werk eines Meisters, sind darinnen nicht allein große, sondern auch mannichfaltige Absichteu vereiniget: so ist es nicht allein schwer, einen solche«; Entwurf in feinem ganzen Umfange zu fassen,sondern man fetzet sich auch der Gefahr aus, ihn ohne Noth zu erweitern, oder in engere Gränzen einzuschließen. Verfasser, welche sich über den gemeinen Haufen der Schreiber erheben, sind gewohnt, ihren Grundriß in der Ausführung selbst auf eine gute Art zu verbergen, und ihren Werken das Ansehen zu geben, als waren sie nicht etwa nach und nach unter ihren Handen entstanden, sondern, so zu sagen, auf einmal in ihrer Voükom- a » men- Vorrede. menheit erschienen. Was erfordert es dann nicht für Arbeit, die ersten Linien eines solchen Werkes im Ganzen aufzuspüren, und keine zu verfehlen! Der Leser sieht die Arbeit eines großen Geistes, als einen schönen Körper an, den er bewundert, ohne sich eben genau um die innerliche Einrichtung aller seiner verschiedenen Theile zn bekümmern. Der Fortsetzer muß sie mit den Augen eines Zergliederers betrachten; er darf nicht bey der Oberflache stehen bleiben, sondern muß in ihren innern Bau eindringen, und ihn mit allen seinen verschiedenen Verhaltnissen kennen lernen. Doch der größte Zergliederer mag mit der Zusammensetzung und Natur eines Körpers noch so bekannt seyn: so wird ihm seine Kenntniß die Macht nicht geben, einen solchen Körper hervorzubringen, oder auch nur eine ganz ahnliche Copie davon zu machen. Eben dieses kann man gewissermaßen von denen sagen, welche die Schriften großer Manner fortfetzen. Sie werden ihnen in ihrer Arbeit niemals vollkommen gleichen, weil sie nicht eben diefelben sind. Die größten Meister sind unglücklich gewesen, wenn sie die unvollkommenen Gemälde eines Rubens oder eines An- gelo haben vollenden wollen. Die Kenner haben allezeit den Ausspruch gethan, daß solche von fremden Handen vollendete Gemälde weit vollkommener feyn würden, wenn sie von dem Pinsel ihrer Meister selbst vollendet worden wären. Geister, die über das Mittelmäßige hinaus sind, haben allezeit in ihrer Art zu denken und zu schreiben, etwas Eigenes, Vorrede. nes, das andern unnachahmlich ist, und zum wenigsten niemals ganz von ihnen erreichet werden kann, gesetzt, daß sie auch entweder zu eigenen Werken, oder selbst zu einer glücklichen Nachahmung eine vorzügliche Stärke und Schönheit des Geistes, und eine gründliche Wissenschaft besitzen sollten. Ich wage eine Fortsetzung der berühmten Bofs suetischm Einleitung in die allgemeine Geschichte der Welt und der Religion. Ich muß also eine solche Anmerkung, als die vorhergehende ist, vor meiner Arbeit vorausschicken, wenn ich mich nicht allein wider den Verdacht einer unzeirigen und ungegründeten Eitelkeit schützen, sondern auch meine Leser unterrichten will, wie viel sie von mir erwarten sollen. Man kann von keinem Fortsetzer dieses Werkes so viel verlangen, als man mit Recht verlanget und erwartet haben würde, wenn Bossmt seine Arbeit selbst weiter hatte fortsetzen wollen. Seine Einleitung ist unstreitig eines von den vollkommensten Meisterstücken unter denen Werken, die uns in der Geschichte unterrichten. Sie allein schon würde ein unvergängliches Denkmaal seines großen Geistes seyn, wenn wir auch keine andere Denkmaale desselben hatten. Sowohl der Grundriß, als die Ausführung hat Kenner mit Bewunderung erfüllet. Der Grundriß hat die Vorzüge der Größe und die Reizungen der Neuheit. Er will uns, so zu sagen, mit einem Blicke die größten Ver- andernng.cn und Begebenheiten der Welt mit ihren Ursachen, und zugleich dieFolgeder Religion über- a z sehen, Vorrede. sehen, und doch auch verstehen lassen. Dieser Hauptentwurf erzeuget drey besondere Abschnitte. Der erste Abschnitt enthält eine kurze chronologische Erzählung der wichtigsten Begebenheiten in der Welt und in der Religion. Kürze, Deutlichkeit und Anmuth sind mit einer wunderbaren Kunst darinnen vereiniget. Bojsmt hat alle Eigenschaften eines großen Geschichtschreibers. Nichts ist in der Erzählung müßig; wenn man die nachfolgenden Betrachtungen damit vergleicht, so empfindet man kein geringes Vergnügen, wenn man entdecket, wie er auf eine so geschickte Weise den Saamen dazu auszustreuen gewußt hat. In dem zweyten Abschnitte breitet sich Bossmt über die Folge der Religion durch alle Jahrhunderte vom Anfange der Welt an, bis auf den Anfang des christlichen Weltalrers herunter,mit denschbnstenBe- trachtungen aus. Er will zeigen, daß die Religion der Christen zu allen Zeiten da gewesen sey; zum wenigsten will er uns bereden, daß dieses seine vornehmste Absicht in diesem Abschnitte sey. Es ist natürlich, daß er sich, seinem Endzwecke eine Gnüge zu thun, über die Lehren selbst ausbreiten mußte. Hier erblicket man nun den Geist des Bischofs in seiner ganzen Größe. Ungeachtet sein Werk im Grunde historisch war, so war es ihm hier doch erlaubt, alle Geheimnisse der Beredsamkeit zu brauchen, die er ganz in seiner Gewalt hatte, zumal da seine Einleitung vom Anfange bis zum Ende an einen Dauphin gerichtet war; ein Vsrtheil,der den Geist nicht wenig erheben mußte. Der Vorrede. Der dritte Abschnitt enthält Betrachtungen über die besondern Ursachen von den großen Veränderungen, welche die Geschichte der Welt merkwürdig machen. Er beschreibt die Charaktere der ältesten und berühmtesten Völker; er malet die Bildnisse der Monarchen, unter denen entweder außerordentliche Begebenheiten vorgefallen sind, oder welche doch den Grund zu großen Veränderungen geleget haben, mit den lebendigsten Farben aus, und bemerket genau die kleinen und unsichtbaren Unordnungen und Vorfälle, welche oft die Ursache solcher Begebenheiten geworden sind, bey deren Anblicke man in Erstaunen geräth. Anch diese Betrachtungen sind mit einer Kunst nnd Beredsamkeit geschrieben, welche hinreis- send ist. Welch ein großer Entwurf einer Einleitung in die Geschichte ist dieses nicht! Welch ein vergnügendes Schauspiel, aufwenig Blättern die größten Veränderungen in der Welt, und die verschiedenen und abwechselnden Schicksale der Religion, so wie sieder Zeit nach auf einander erfolget sind, vor sich ausgebreitet zu erblicken, und alles Große und Merkwürdige, was in so vielen Jahrhunderten vorgefallen ist, ohne viel Mühe übersehen zu können! Dieses Vergnügen gleicht demjenigen, das man alsdann empfindet, wenn mau von eitlem hohen Gebirge unter sich in der Tiefe ganze Städte und Landschaften übersieht. Es ist wahr, man kann auf einer solchen Hohe nicht alle einzelne Dörfer, und in den Städten nicht alle merkwürdige Pallaste überzählen» So ist es a 4 auch Vorrede. auch nickt möglich, in einem solchen kurzen chronolo, gischen Entwürfe der Geschichte alle sonderbare Begebenheiten , auck noch vielweniger alle merkwür, dige Umstälwe wichtiger Begebenheiten auszudrücken. Unterdessen ist doch in einem Anblicke dieser Art etwas Großes, das den Geist unterhält. Doch in einer solchen Einleitung, als dieBofsmtische ist, bleibt man nicht immer auf dem Gebirge. Die Scene wird verändert; man wird auch in die Ebene hinabgeführet; man wird zuweilen von einer großen Gegebenheit zur andern gebracht, und voll den eigenen Umstanden und Beschaffenheiten derselben insbesondere unterrichtet. Solche Betrachtungen gleichen den Reisen in große Städte, die man erst auf einem Gebirge nur in der Ferne gesehen hat. Es ist unleugbar, daß diese Art, die Geschichte zu betrachten, sehr vollkommen und besonders nützlich sey. Da gemeiniglich die Schicksale der Staaten und dieSckick- sale der Religion genau mit einander verbunden sind: so ist es gewiß, daß man von beyden nie richtiger urtheilen wird, als wenn man sie in ihrer Verbindung mit einander betrachtet. Man muß sie auch nothwendig in dieser Verknüpfung lassen, wofern man aus der Geschichte die geheimnißvollen Wege der Vorsehung Gottes uud seiner Regierung der Welt kennen und bewundern lernen will. Billig aber sollte dieses eine von den vornehmsten Absichten eines vernünftigen Geistes bey der Erlernung der Geschickte seyn. Wenn sie bey den meisten, die in der Historie.Unterricht oderVergnügen suchen, nichtdie erste Vorrede. erste Abssckt ist: so ist doch gewiß keine edlerund er« habe« er, als sie. So ist der Grundriß beschaffen,welchenunsder Bischof selbst von seiner Einleitung gezeichnet hat; und die Ausführung stnnmet damit überein. Doch man würde sich in dem Urtheile von seinem Werke irren, wenn man sich einbildete, daß er in der Ausführung seinen Plan niemals verändert, oder weiter keine, als die angegebenen Absichten dadurch zu erreichen gesuchet hätte. Siehr man sein Buch mit einer flüchtigen Aufmerksamkeit an, so scheint er sich in dem Abschnitte von der Religion: weiter keine End-, zwecke vorgesetzet zu haben, als das Daseyn der wahren Religion, von seinen Zeiten an, in einer ununterbrochenen Folge,bis aufden Ursprung der Welt zurück zu führen. Doch diese Absicht äußert er nur, damit er eine andere Absicht darunter verbergen könne. Leser, die nicht mistrauisch gegen ihn sind, werden sie nicht vermuthen. Er vermenget, auf eine künstliche und beynahe unmerkliche Weise, die wahre Religion, und den Glauben seiner Kirche, die für die allgemeine und einzige wahre Kirche gehalten seyn will, mit einander. Man weis, daß Bojsuet sich ein Verdienst daraus machte, einen Bekchrer derjenigen Gemeinen in Frankreich abzugeben, die sich von seiner Gemeine getrennct hattet?. Damit er sie desto eher bewegen mochte, in ihren Schooß zurück zu kommen: so suchte er sie von dem Grundsatze zu überreden, daß es eine gewisse sichtbare Kirche geben müsse, worinnen die Lehren der wahren Religion in einer a 5 unun- Vorrede. ununterbrochenen Folge allezeit unverändert erhalten worden waren. Die römische Kirche sollte diese Gemeinschaft seyn. Wie konnten aber göttliche Lehren in einem ununterbrochenen Daseyn ohne eine un- unterbrocheneFolge von Bischöfen erhalten werden ? Und wo ist eine andere Kirche, die sich einer solchen Folge rühmen kann, als die römische? Also ist seiner Meynung nach diese Kirche die einzige Bewahrerinn der Religion; sie geht so redlich mit derselben um, daß sie allezeit unverändert bleibt; ihr Glaube ist durch keine Irrthümer befleckt und verdunkelt worden; er ist zu allen Zeiten immer eben derselbe. Daher können andere Gemeinen, die sich von diesem Stamme absondern, die wahre Religion nicht haben, weil sie keine ununterbrochene Folge der Bischöfe aufzeigen können. Alles, was diese Kette unterbricht, redet er den Dauphin an, was aus dieser Folge herausgeht, was sich selbst erhebt, und seinen Ursprung, kraft der Verheißungen, die der Kirche geschehen sind, nicht zum Ursprünge der Welt zurückführen kann, muß ihnen einen Abscheu machen. Gebrauchen sie also alle ihre Macht, alles, was sich von der Kirche abgesonderthat, wieder zu dieser Einigkeit zu bringen. Nöthigen sie die abgesonderten Glieder, daß sie der Kirche folgen, durch welche der heil. Geist seine Aussprüche thut. Bossuet nahm sich in Acht, gleich im Anfange zu zeigen, daß er die Absicht habe, durch feine Einleitung dem DauOin und feinen übrigen Lesern der- glei- Vorrede. gleichen Grundsatze beyzubringen. Einige würde er sogleich gegen sich empöret, und andere auf die Beweise aller dieser Sätze aufmerksam gemachet haben. Sein Vortheil aber ließ es nicht zu, sie so aufmerksam zu machen. Sie hätten alsoann nicht bloß darauf gesehen, ob die wahre Religion zu allen Zeiten umer den Menschen vorhanden gewesen wäre. Sie würden immer gefraget haben: Wo ist die allgemeine Kirche, deren Glaube niemals mit Irrthümern beflecket worden ist; wo ist sie unter den Juden, wo ist sie in den christlichen Jahrhunderten? Wo ist die ununterbrochene Folge solcher Bischöfe, welche so heilig mit dem ihnen anvertrauten Pfande der Religion umgehen, und eine so große Ehrfurcht vor ihr haben, daß sie niemals, aus keinen Absichten, etwas in ihren Lehren andern, oder andern lassen? Es war eine unmögliche Arbeit, alle diese Fragen zu beantworten ; darum wendete er alle seine Kunst an, diese Fragen nicht zu veranlassen. Er nimmt zu tausend feinen Kunstgriffen seine Zuflucht,seinen Privatmeynungen in dem Gefolge der Wahrheit einen Zugang zu den Gemüthern seiner Leser zu verschaffen. Daher kömmt seine angstliche Bemühung, so oft als er kann, den Bischöfen zu Rom eine Hoheit über andere, und bey allen großen und allgemeinen Kirchenversammlungen den Vorsitz zuzuschreiben; ein Vorgeben, dessen Ungrund ich schon in einer besondern, und der Uebersetzung seines Werkes angehängten Abhandlung gezeiget habe. Unterdessen ist so viel gewiß, daß er die Fortdauer der Religion, und die Fortdauer Vorrede. dauer einer einzigen sichtbaren Kirche,welche die göttlichen Wahrheiten beständig unverändert und unbefleckt erhalten hat,cmfeine überaus blendende Art mit einander vermenge. Es war auch nöthig, bey dem einen alle Pracht der Beredsamkeit zu verschwenden, damit man, von Verwunderung und Erstaunen hingerissen, das Falsche nicht so leicht von dem Wahren unterscheiden könnte. Die historische Treue ist also in diesem Stucke die Eigenschaft unsers Bischofs nicht. Sein chronologischer Entwurf der Geschichte geht bis auf den Schluß des achten Iahrhundertes herunter. Darinnen erwähnet er nur das, was der christlichen Kirche, ihren Bischöfen, und besonders dem römischen Bischöfe vorrheilhaft ist. Er kennet die Geschichte der Kirche allzuwohl, als daß er nicht viele Wahrheiten erblicket haben sollte, die ihnen nachtheilig waren: allein er mag sie uns nicht zeigen. Er nimmt sich in Acht, sich als ihren offenbaren Feind zu weisen: allein er stellet sich an, als ob er nichts von ihnen wisse, und verfahrt wie diejenigen, welche von ihrem Feinde, weil sie sich fürchten, etwas wider ihn zu reden, lieber gar nichts reden. Dieses stimmt ja mit den Gesetzen der Klugheit überein. Würde wohl, damit ich diese Anmerkung nur mit einem Beyspiele bestätige, würde wohl der Dauphin die Bischöfe der Christen und ihre allgemeinen Versammlungen für die unfehlbare Kirche gehalten haben, durch die der heilige Geist seine Aussprüche thut, wenn er sie unparteyisch in ihrer wahren Gestalt, wenn er die Charaktere und das Vorrede. das Verhalten der Bischöfe aufrichtig abgeschildert, ihre Art, Wahrheit und Irrthum zu untersuchen, und ihre Art, Schlüsse in Sachen des Glaubens abzufassen, nach ihrer eigentlichen Beschaffenheit abgebildet hatte? Kurz, der Bischof versteht die Kuust, alle Nachrichten zu verschweigen, die wider seine ein- mal allgenommenen Grundsatze streiten. Das ist die Ursache, warum sein zweyter Ab. schnitt, worinnen er die Folge der Religion betrachtet, nicht einmal den Zustand des ersten christlichen Jahrhunderts beschreibt. Er hatte den Zustand der Religion in der ersten Welt, unter den Patriarchen, und unter dem Gesetze, und in den ersten Tagen der neugepflanzten christlichen Kirche so beschrieben, wie ihn die Geschichte zeiget. Warum entwarf er uns denn die folgenden Schicksale der gottlichen Wahrheiten unter den christlichen Gemeinen nicht? Hier ist eine Lücke in der Arbeit des Bischofs, die seine historische Treue verdachtig machet. Das Gebäude ist nicht vollkommen; er hat zuviel versprochen, und zu wenig geleistet. Er hat uns die ganze Kette nicht gezeiget, von welcher seine Kirche und ihr Glaubedas letzte Glied seyn soll. Wenn man alle diese Anmerkungen zusammennimmt und erwaget, so wird die Verwunderung verschwinden, die vielleicht darüber entstehen konnte, daß der Bischof feine Einleitung in die Geschichte der Welt und der Religion nicht weiter, als bis auf die Zeiten Carls, des Großen, fortgeführet hat. Es ist wahr, daß selbst ihm eine weitere Fortsetzung eine schwe. Vorrede. schwere Arbeit gewesen styl? würde, wenn er sich niemals hätte ungleich werden wollen. Matt vergleiche nur seine kurze Geschichte von Frankreich mit seinem chronologischen Entwürfe der Weltgeschichte, die ich übersetzet habe, und sehe, ob sie uns eben so zur Verwunderung hinreißt, als diese Arbeit. Die Quellen der Geschichte, aus denen er hatte schöpfen müssen, sind nicht mehr so rein und so schön, als diejenigen, aus welchen er schon geschöpft! hatte. Was sind die Geschichtschreiber des ueumen und der folgenden Iahr- huuderte, worinnen Barbarey und Unwissenheit mit einer unumschränkten Gewalt herrscheten, gegen die Herodote, die Polybios/ die Livios, die Tacitos, und selbst gegen die Geschichtschreiber des sogenannten ehernen Alters? Meistenteils waren die Annalisten dieser finstern Zeiten, die so selten ein Stral der Wissenschaft erleuchtete, unwissende Mönche, welche von der innerlichen Verfassung der Staaten, von den Triebfedern der Begebenheiten, die sie erzählen, von Charakteren, und von allem dem, was die Geschichte nützlich und angenehm machet, keine oder nur sehr unvollständige Begriffe hatten; die voll Parteylichkeit, und zugleich voll Aberglauben waren; die sich ein Verdienst daraus macheten, die Wahrheit zu unterdrücken, wenn ihnen, oder den Bischöfen in Rom Erdichtungen und verfälschte Erzählungen, vortheilhafter, als die Wahrheit der Geschichte, seyn konnten. Sind auch einige besser, und reiner von den gemeinen Vorurtheilen dieser Jahrhunderte, in welchen die Welt in eine Art der Kindheit verfallen zu seyn schien, Vorrede. so darfman doch von ihnen in denen DinM,die sie erzählen, weder Schönheit und Anmuth in derSchreib- art, noch eine vernünftige Wahl in den Begebenheiten, noch die Kunst, falsche Tugenden von wahren zu unterscheiden, noch scharfsinnige und lehrreiche An- merkuttgen,mit einem Worte, man darfnichts erwarten, was der gute Geschmack von einem Geschichtschreiber fodert. Man kann von ihnen nichts borgen, weil sie nichts besitzen. Wie schwer ist es da, schön nachzuerzählen, wo schlecht vorerzählt ist! Doch so groß dergleichen Schwierigkeiten auch seyn mögen, so zweifle ich doch gar nicht, daß der vortreffliche Geist des Bischofs die meisten davon überstiegen haben würden,wenn nur die Geschichte dieser Jahrhunderte seinen einmal angenommenen Grundsätzen von der Fortdauer einer unverderbten sichtbaren Kirche einigermaßen günstig gewesen wäre. Allein, das neunte, das zehnte, und die folgenden Jahrhunderte sind, wie Baronius saget, die Schande der Kirche. Sie sind eine allzuoffenbare Widerlegung der Gelehrten, welche uns gern bereden wollten, daß diejenigen, in welchen die Kirche bestehen soll, die Lehren der Religion niemals verändert und verderbet hätten. Der Bischof hatte diefes von den ersten acht Jahrhunderten der Christen zu beweisen unterlassen. Was hätte nun das für eine Dreistigkeit seyn müssen, wenn man nach einer redlichen Beschreibung der Kirche in den folgenden Jahrhunderten zum Beschlusse der Geschickte hätte ausrufen wollen: Alles, was aus dieser Fol- geherausgeht/mußeinmAbscheu machen. - -5 Welch Vorrede. Welch ein überzeugender Beweis der Wahrheit, wenn wir sehen, daß man von Innocen- tius,dem eilften, welcher gegenwartig den ersten Sitz der Kirche so würdig einnimmt, ununterbrochen bis auf Petrum, welchen Jesus Christus zum Vornehmsten unter den Aposteln eingesetzet hat, und vom Petrus auf die Hohenpriester unter dem Gesetze, und von diesen bis auf Mosen und Aaron, von diesen auf die Patriarchen, und voll da auf den Ursprung der Welt zurückgeführet wird! Alle diese Anmerkungen verdienen, erwogen zu werden, wenn sich meine Leser eine richtige Vorstellung von meiner Fortsetzung der Bofsuttischen Einleitung in die Geschichte machen wollen. Ich werde zwar darinnen dem Hauptgrundrisse des Bischofs folgen: allein meine Arbeit wird sich in vielen Stücken von der seinigen unterscheiden müssen. Dieser Unterschied entspringt theils von der Beschaffenheit der Geschichte selbst; theils von der Lücke, die der Bischof, vermöge der Grundsatze seiner Kirche, in seinem Werke lassen mußte; theils von denen Umständen, in welchen Bossuet schreiben durfte, und ich nicht schrei, ben kann. Meine Fortsetzung wird ebenfalls aus drey verschiedenen Abschnitten bestehen. Der erste soll ein kurzer chronologischer Entwurf der allgemeinen Geschichte der Welt und der Religion seyn. Ich will darinnen die wichtigsten Begebenheiten, die sich sowohl in den Staaten, als in der Kirche zugetragen haben, der Vorrede. der Zeit nach so zu ordnen suchen, daß man sich eine deutliche und richtige Vorstellung davon machen,nnd sie in ihrer Folge übersehen könne. Die Beschaffenheit dieser Geschichte, die den meisten nicht so bekannt ist, als der Theil, den Bossuet beschrieben hat, wird mich nöthigen, zuweilen umständlicher zu seyn, als er ist, damit ich deutlich genug werde. Wollte ich in diesen! Abschnitte so kurz seyn, als der Bischof war: so würde meine Erzählung weder Lichtgenug, noch Anmuth haben. Man darf in der ältern Geschichte viel kürzer seyn, als in der mittlern und neuen. Der erste Unterricht, der uns in der Historie gegeben wird, betrifft die ältere Geschichte, und die alten Geschichtschreiber werden ihrer Schönheit wegen am meisten und häufigsten gelesen. Wer sie also abkürzet, der darf oft iu einem Ausdrucke die Begebenheiten ganzer Jahrhunderte begreifen, ohne befürchten zu dürfen, daß er werde dunkel oder unangenehm werden, weil sie unserm Gedächtnisse schon so geläufig sind.daß eine Idee alle andere mit ihr verwandten Ideen zu erwecken fähig ist. Diesen Vortheil haben die nicht, welche die mittlere,uud sclbst die neuere Geschichte auf keine gemeine Art abkürzen sollen, die ihre Leser weder ungeduldig noch schläfrig machet. Man muß sich freuen, wenu mau in finstern Gegenden auch nur einen Stral von Liebt erblicken kann. Ueberhaupr gebe!, die mittlern Zeiten, wo die Unwissenheit, die Barbarei), uud die Wildheit der Volker das Merkwürdigste ist; wo Mouche, die kaum lesen konnten, in die Schicksale der Staaten eben so viel Einfluß hatten, b als Vorrede. als in den neuern Zeiten Mazarine und Ochsenstirne; wo die größten Helden Sclaven des Aberglaubens und irrende Ritter waren; wo es keine Gesetzgeber gab, wo keine Künste erfunden oder erweitert wurden; solche Zeiten geben auch den glücklichsten Schriftstellern keinen Stoff zu einer Geschichte, die nie ermüdet, und wenn sie an alles aus diesen Zeiten, was nur einigermaßen merkwürdig ist,alleKunst und Große ihres Geistes Verschwenderen. Ein Daniel, ein Rapin, ein BüncM/ ein von Barre hatten die Livii der Römer seyn können. Aber kann man ihre Geschichte der mittlern Zeit wohl mit eben dem Vergnügen lesen, als man einen von den großenGefchicht- schreibern der Romer liest ? Wie wenig darf man also von einem Auszuge der Geschichte solcher Jahrhunderte erwarten, die, wenn sie anch auf das umständlichste beschrieben werden, unsere Neubegierde so wenig unterhalten? Der zweyte Abschnitt enthält Betrachtungen, in denen ich mich über die Schicksale der Religion und ihrer Wahrheiten, nnd weil die Schicksale der Kirche genau mit jenen verknüpft sind, und gleichsam ineinander eingreifen, auch über diefe ausbreite. Dieser Theil der Geschichte ist ein weitläufiges Feld. Hier werden wir einen großem Reichthum vonGegenstän- den, und mehr Mannichfaltigkeir und Abwechslung für einen jeden Geist finden, der die Religion für einen würdigen Gegenstand feiner Aufmer ksamkeit halten kann. Bossnet hat in dieser Gegend nicht gearbeitet Man kann aber die Schicksale der christlichen Religion. Vorrede. . gion,welche sie seit dem ersten christlichenKaiser erfahren müssen, nicht genug einsehen und begreifen, wenn man nicht den Zustand des Christenthums in den ersten drey Jahrhunderten sehr genau kennt. Es herrschet in den Veränderungen der Religion eben der Zusammenhang, den man in großen Veränderungen der Staaten findet. Diese kommen nicht auf einmal empor; sie gehen nicht auf einmal zu Grunde. Die Kirche ist nicht aufcinmal, sondern schrittweise, in das große Verderben gerathen, worinnen sie in ihren dunkeln Zeiten lag. Also habe ich in diesem Theile die Lücke, welche Bofsuet hier gelassen hat,ausgefüllet. Ich habe denZustand derReligion in den ersten drey christlichen Jahrhunderten, und den Einfluß desselben in ihre folgenden Schicksale so vollständig und unpar- reyisch zu besch:eibeu gcfuchet,als es die wenigenNach- richtcn aus diesen Zeiten, und meine Einsichten zugelassen haben. Was die Irrgläubigen anbelanget.von denen ich habe reden müssen: so habe ich weder zu ihrem Vortheile, noch zu ihrer Verkleinerung, sondern den glaubwürdigsteuZeugen folgender nichts weder für sie uoch wider sie entscheiden wollen. Ich nehme aber für bekannt an, daß diejenigen, die von Irrthümern oder wider Irrthümer schreiben, glaubwürdige Zeuge» seyn können, anch'wenn sie mit einiger Heftigkeit schreiben, wofern sie sich nnr felbst nicht widersprechen, noch andere tüchtige Gründe da sind,ihre Zeugnisse in Zweifel zu ziehen. Wollte man die neuern Spötter aller Religion, die Brüdergemeiuen und andere solche Secten in seinen Schutz nehmen und etwa b 2 behau- ^ Vorrede. behaupten, ein laMettrie habe nicht beweist«! wollen, das? der Mensch eine Maschine sey; ein Eller sey nicht der berüchtigte Schwärmer gewesen, und die berüchtigten Ehegeheimmsse eines Amzmdorfs wären ihm anqedlchi et, weil diejenigen, die wider sie geschrieben haben, nicht immer die weiseste Mäßigung beobachtet, und mcht allezeit ihrem Eifer Gränzen gesetzet hallen ? Ein rechtschaffener Geschichtschreiber muß nie mit Wissen oder ans Leidenschaften Unwahrheiten jagen, oder wenn er sie uuwissend gesaget hat, und man überführet ihn davon: so muß er widerrufen können. So will ich seyn. Ich hoffe, die Fehler, wo mir einige gezeiger werden könnten, andern, und unbarmherzig g?gen alle schriftstellerische Eigenliebe seyn zu können, man möchte es auch auf eine Art thun, wie man wollte. Mehr finde ich nicht nöthig, von diesem Abschnitte meiner Arbeit zu sagen, weil das, was noch dai über gesaget werden konnte, in der vorlaufigen Betrachtung über die Schicksale der Religion ausgeführet worden ist. Ich komme aufden dritten Abschnitt meiner Fortsetzung. Ich werde auch darinnen dem Grundrisse des Bischofs folgen, die wichtigsten Begebenheiten aus der Geschichte herausheben, und aus ihren Ursachen herleiten, die größten Charaktere, die sie uns darbietet, in ihrem Lichte zu zei:xxxxxxxxxxxx Der erste Abschnitt ^ enthalt die Einleitung in die allgemeine Geschichte der Welt und der Religion, von den Iahren nach Chr. Geb. 8oo bis 1024 von der 1 bis ioi S. Der zweyte Abschnitt eMhalt Betrachtungen über die Geschichte der christlichen Religion, von der -02 bis zur 625 S. Nämlich: 1. Vorlaufige Betrachtung über die Schicksale der Religion unter den Menschen S. 102 2. Von den Irrthümern in der Religion unter den ersten Christen, zu den Zeiten der Apostel S.izz z. Von der Religion der morgenländischen Weisen S.147 4. Von den Irrthümern derEssaer, Therapeuten und Dosirheaner, unter den Juden, in der wahren Religion S. 165 5, Von den Irrthümern der Nazaräer und Ebio- niten in der Religion S. 174 bI 6.Von 6. Von den gnostischen Secten der beyden ersten Iahrhw'derte, welche die christliche Religion entweder bestritten, oder verfälschet haben S-132 7. Von den Widersachern der Gottheit Jesu Chri« sti nnd der Dreyeinigkeit, im zweyten Jahrhunderte S. 2Z4 8 Von den Irrthümern der Montanisten S.241 9. Von dem Einflüsse der irrgläubigen Secten des ersten mW zweyten christlichen Jahrhunderts, in die Schicksale und Lehren der Religion S.252 !O. Voil dem Einflüsse der alexandrinischen Phi, losovhie in die Schicksale und Lehren der christlichen Religion S. 26Z 11. Von den irrgläubigen Secten des dritten christlichen Iahi Hunderts, und dem Einflüsse ihrer Irrthümer in die Religion S. 298 12. Von den Irrthümern, welche die Zwistigkeiten der Rechtgläubigen in dem zweyten und dritten christlichen Jahrhunderte entweder ein- fühleren oder befestigten S. Z24 ,z. Von dem Glauben der ersten Kirche in den ersten drey Jahrhunderten, an die Grundwahrheiten der geoffenbarten Religion S.Z5Z 14. Ncber das Ansehen und die Schicksale der göttlichen Schriften des neuen Testaments, vom Anfan- Anfange des Christenthums an, bis ans das vierte Jahrhundert S- 379 15. Von den Wundergaben und Wundern in den apostolischen Zeiten, und ihrer Fortdauer in den ersten drey Jahrhunderten der Kirche 16. Von dem Nutzen der heidnischen Verfolgun« gen, wider die Chri^n, für die Religion S.45Z 17. Von der Ehrfurcht der ersten Kirche gegen die Märtyrer, die Heiligen, ihre Gebeine, Reliquien und Bildnisse S. 49z »8. Von einigen zweifelhaften und erdichteten Märtyrern der drey ersten christlichen Jahrhunderte S. 527 19. Von dem öffentlichen Gottesdienste der ersten Christen, und ihren gottesdienstlichen Gebräuchen S. 541 20. Von der Kirchenzucht der drey ersten christlichen Jahrhunderte S. 579 21. Von den Kirchenämtern, besonders von der bischöflichen Würde, dem Ursprünge und Wachsthum ihrer Hoheit unter den ersten Christen S. 6oz 22. Von dem Ansehen der römischen Bischöfe in der Kirche der ersten drey Jahrhunderte S. 625 Der Der dritte Abschnitt , enthalt Betrachtungen über das Merkwürdigste aus der Weltgeschichte des neunten und zehenten Jahrhunderts. ^ t^?> / > ?v? !i.. -« /»ill'.k-!^»^ >« ^ >»??^4? «I? > i. Von den Veränderungen der fränkischen Monarchie, bis zur Aufrichtung eines neuen Kaiserthums durch Carln den großen, ihren Beherrscher S. 639 2. Von Carln, dem großen S. 67z Von dem Verfalle und Untergange der frankischen Monarchie und des carolmischen Stammes S. 689 Von den Deutschen, ihrer Religion, ihren Sitten, ihren Gesetzen, ihren Gebrauchen und den Veränderungen, die sie erlitten haben S.7O1 n .-7» Erster Erster Abschnitt, Welcher die Einleitung in die allgemeine Geschichte der Welt und der Religion von 8oc> bis 1024 enthält. as neuntö Jahrhundert wurde durch Jahr nach eine der größten und wichtigsten Be- Chr. Geb. gebenheiten, gleich in seinem Anfange, 800 merkwürdig. Aus den Trümmern A^"' des längstzerstörten abendländischen Kaiserthumeö erhob sich eine neue Monarchie, die zum wenigsten unter ihrem Stifter eben fo herrlich 25ünans und blühend war, als die ehemalige abendländische Reichg- Monarchie. Carl, der König der Franken, welcher ^^-^ sowohl seiner Macht, als seiner außerordentlichen Verdienste wegen, den Beynamen eines Großen mit Recht führte, war im Anfange dieses Jahres unter dem allgemeinen Frohlocken Italiens und der Stadt Rom zum Kaiser gekrönt worden. Die Römer hatten sich schon lange der Herrschaft der orientalischen Kaiser entzogen, von welchen sie wider die Anfälle der benachbarten Völker gar keinen Schuh erhalten konnten. Ihre Bischöfe hatten sie in diesem Ungehorsame öffentlich bestärkt, weil sie bey der Verän- U. Theil. A derung 2 Einleitung in die aügem. Geschichte Aahr nach derung der Regierung ihre Macht zu vergrößern Chr. Geb. hofften. Die Römer also, welche zeicher in Carln Beschützer verehrt hatten, erkannten ihn minmehr auf eine feyerliche Weise für ihren Ober- Herrn. Ob ihm gleich die Würde eines Kaisers weder mehr Recht zur Herrschaft, noch mehr Machö gab, so erhielt doch sein Name davon einen großem Glanz. Der damalige Bischof in Rom, Leo der Dritte, welcher ihm sowohl sein Leben, als die Wie« dereinsctzung in seine Würde zu danken hatte, setzte ihm die Krone auf. Diese Dankbarkeit gegen ihn war in der That ein unbestrafter Aufruhr wider Irenen, seine rechtmäßige Beherrscherinn. Carl hielt sich, nach seiner Krönung, den Winter hindurch, m Rom auf. Er befestigte die Liebe seiner neuen v//. ^,eo». Unterthanen gegen sich, theils durch seine Freygebig?» ^ gegen die Kirchen, theils durch die weisen Anstal-» / 7 ' Verordnungen, die er zum Besten Italiens "^'traf, indem er die unvollkommnen Longobardischen ^i'»/?. Gesetze verbesserte, und mit neuen und wichtigen Zusätzen erweiterte. Irene, welche den Orient beherrschte, war zwar eine sehr hochmüthige Prinzessinn, aber zu gleicher Zeit mit der Ausbreitung eines abergläubischen Bilderdienstes allzueifrig befchäfftigt, als daß sie sich demjenigen, was man im Occidente wider ihre Rechte unternahm, hätte widersehen sollen. Und wäre sie auch dazu eifersüchtig genug gewesen, so würde es ihr an der Macht gefehlt haben, ihre Rechte zu behaupten. Carl hatte über alle seine Feinde gesiegt ; einige kleine Unruhen konnten ihn in dem Besitze seiner erlangten Gewalt nicht stören. Die Saracenen in Spanien empörter, sich zwar wider ihn; allein die glücklichen Waffen seines Sohnes, Ludwigs, demü- bev Welt. Erster Abschnitt. z demüthigten sie durch die Eroberung der Stadt Bar- Jahr nach cellona sehr bald. Der Name seines Vaters fand Chr. Geb. nicht allein im Occidente, sondern selbst im Orients, Bewunderer. Ein persischer König, Aaron, ein glücklicher Held, hatte schon im vorigen Jahrs, zum Beweise seiner Hochachtung gegen denselben, eine prachtige Gesandtschaft mit vielen Geschenken an ihn abgeordnet; das war zu seinem Ruhme noch nicht genug. Irene selbst glaubte, ihr Thron könnte nicht besser befestigt werden, als wenn sie, die Gemahlinn eines so großen Monarchen werden könnte. Vielleicht hatte auch die Welt die Macht beyder Kaiser- thümcr wieder in einer Person vereinigt gesehen, weil Carl zu dieser Vermahlung sehr geneigt war, und in dieser Absicht wirklich Gesandten «N Irenen abschickte. Aber die Großen des morgenlandischen Reiches fan-^«-.?^,//. den ihren Vortheil bey dieser Vereinigung beyder Monarchien nicht, und waren schon lange der Regierung eines herrschsüchtigen WeibeS überdrüßig gewesen» Sie beschlossen ihren Fall, und Nicephorus, einer von den Größten des Reiches, wurde zum neuen Kaiser erwählt. Irene wurde in Gegenwart der go2 abendlandischen Gesandten abgesetzt, und auf die In- /> 4. sel Lesbos in Verwahrung gebracht; ein Schicksal, welches für eine Mörderinn ihres eignen Sohnes noch immer gelind genug war. Obgleich Carl dadurch die Hoffnung verlohr, auch den Orient unter seiner Herrschaft zu sehen: so gewann er doch so viel dabey, daß ihn Nicephorus, der zum Throne auch kein beßres Recht, als die Gewalt hatte, nicht in dem Besitze des Occidentes beunrnhigte. Fast zu gleicher Zeit, da man die morgenlandische 6«,7.M,/. Kaiserinn ihres Zepters beraubte, erfuhr Edburgis,-^. A A ejne 4 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach eine brittannische Königinn, ihres Stolzes und ihrer Chr. Geb. unmenschlichen Grausamkeit wegen, ein gleiches ^ Schicksal; und Egbert, ein königlicher Prinz, welcher ehedem von Beortricht vertrieben, und von der Thronfolge ausgeschlossen worden war, zeither aber sich an dem Hofe Carls aufgehalten, und von ihm die Kunst zu herrschen gelernt hatte, setzte sich ißt wieder in den Besitz seiner Rechte. Er erweiterte in der Folge seine Herrschaft durch viele glückliche Eroberungen. Carl hielt um diese Zeit eine Reichsversammlung zu Aachen. Die ganze Clerisey seiner Monarchie mußte ihm den Eid der Treue schwören. Weil er überzeugt war, daß die Kunst, Gesetze zu geben und heilsame Verfassungen in seinen Staaten zu machen, noch erhabner und edler wäre, als die Kunst zu siegen: So gab er auf diesem Reichstage theils zur strengen Beobachtung der zeither verabsäumten Gerechtigkeit, theils zur Beschützung und Versorgung der Armen, dienliche Verordnungen. Besonders unterrichtete er seine Bischöfe, die zeither mehr Soldaten, als Bischöfe, gewesen waren, daß es ihr Be« 82z ruf nicht wäre, Armeen anzuführen. Er bevölkerte die Länder wieder, welche der Krieg von Einwohnern entblößt hatte- Die Sachsen, welche den Verlust ihrer Freyheit nicht vertragen konnten, so sehr sie auch 804 durch seine Siege geschwächt worden waren, empörten sich zwar von neuem; aber sie empörten sich gegen einen Ueberwinder. Sie wurden geschlagen, und damit er künftigen Rebellionen vorbeugen möchte, versetzte er deren viele tausend in andre Länder. Die Slaven und Böhmen bekriegten die Hunnen, welche sich in seinen Schutz begeben hatten, aber nicht unge- der Welt. Erster Abschnitt. 5 ungeahndet. Sein tapferer Sohn, Carl, war gluck- I- n. C. G. lich wider sie, überwand sie in einer blutigen Schlacht, .8^5 und ihr Herzog, Lccho, wurde selbst erschlagen. Bald darauf wurde nach Dietenhofcn wieder ein ^ Reichstag ausgeschrieben, und Carl machte auf dem- selben die zukünftige Theilung seiner Lander unter.^„. iti^: Si'h»'«' l'?fou>^. S'r bek^ncn «lle V?- 1,^^,1^ ^ ^ct»r ^ h^s^ i?^^>.. i > '^»^». I»V ^ »><^ p»u /:>>ri '^r?^ ^> ^n-^S-^D-,S«^»^f?>rr?tzrM»Oi», v^ch?W>»> ^^z^-r^?^n^ ^«-»», Ki ^^or^, 5>r^^-i K??r,. Doch-^- »i^r »>r^B», F^I^ »^r ^ »U? ^»». -I» ^ ,^»ch« IwiD^ . b»?d^?4»»r^.^, Hküu> « nn, ^„ «ch ^» ^ him K^I lo» > r^A^n. ^ t^t?^ »»H^u« Au>.^« Kß«H« vs^ß^» s^ißr ^d», ch» , «1.! >., ,« u:: v in ^ i„>::^:, . ^-H>. ?c> >ö»»U, f^ch>»sk, >»? Xs» ^Kn^«?^I? ^1'- ^» «>^I S«»«^ > n«i ^ni»,, s>^. d »iNjiu. ^, ^ r»/fs^-, ^->I r^»U?>»H drtz> ^»»» m-^ «w«? Tr» v,^r ^ Kßr« Sitlz?^. ^-»1» »Ml ?5»>>^ ^ r« ^ch b^Z»«i. ^»«SchM^W »Wd ^i», ^>nn^ff»i, ?,^> . ni i-rilr^--- K?r? ---->', ^ i^, >W , ?, ^ ftT^!/>> H? 6 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach nen unächten Erben desselben, Vernarben, zum KZ- Chr. Geb. nige in Italien erklärte. Um eben diese Zeit ließ es verschiedene Kirchenversammlungen halten, den Unordnungen und Misbräuchen unter der Clerisey zu; 8i2 sisuren. Indeß nahm seine Schwachheit mit seinem Ke?./>z-»M. Alter immer mehr zu, und dieses brachte ihn zu dem' ^M./Ä/^. Entschlüsse, seinen Sohn zum Micregenten anzunehmen. te^. ^F,'5. selben, ein trager und furchtsamer Fürst. Unter ihm kamen die Unterhandlungen mit Carln, die unter dem Nicephoruö so oft abgebrochen worden, zu ihrer völ- iigen Richtigkeit, und dieser wurde für den rechtmaS- sigen Kaiser des Occidentes erkannt. Die Macht der Saracenen war um diese Zeit 812 Zu einer solchen Höhe gestiegen, daß sie getheilt wer- 6eo-x. M- den mußte, weil ihr Reich allzuwcitlauftig wurde. ^'-^-^ Drey machtige Emire theilten sich darein, der Emir zu Babylon, der Emir zu DamascuS, und der Emir ^ ^/ in Africa. So abergläubisch die Saracenen waren, 5^5,5.5.2. und so sehr die Gesetze Mcchomets wider alle Wissen- /^»c/. schaften stritten, so waren doch ihre Fürsten als groß- rnüthige Beförderer und Beschützer der Gelehrten^"' ^' berühmt. Aaron, Abdalla Almamoni, und andre, verdienten nicht allein selbst wegen ihrer Wissenschaft Bewunderung, sondern scheuten auch keinen Aufwand, die Schriften der Griechen, besonders die philosophischen, in die arabische Sprache übersetzen zu lassen. Die Gelehrsamkeit, die unter den Christen immer mehr und mehr in Versall kam, flüchtete zu den Ungläubigen und fand unter ihren Flügeln Schutz und Belohnung. Michael Rangabe genoß die Früchte seiner Treulosigkeit gegen den Stauratius nicht lange. Der Gc- , horsam der Unterthanen richtete sich nach dem Glücke A 4 ihrer 8 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach ,'hrer Beherrscher, ""^ Orient war es gewohnt Chr, Geb. wc.,.hen.^ sie vom Throne zu stoßen, sobald sie ihm 812 nichc mehr gefielen. Er verfolgte mit dem Patriarchen, Nicephorus, die Bilderstürmer und die Mani- chäer, unrer welche man jene begriff. Aber zur Ueberwindung der Bulgaren gehörte mehr, als Aberglaube, und mehr Klugheit und Muth, al6 er besaß. Die Großen des Reiches verbanden sich wider ihn, als er dasselbe nicht wider sie beschützen konnte, und eine Schlacht wider sie verlohren hatte. Er sah dieses Ungewitter vorher, und da er ein feiger Fürst war, begab er sich des Reiches freywillig, und ward,. was er gleich im Anfange hatte werden sollen, ein Mönch. Leo erhielt das Scepter über den 6m- ^'^"t, ob er sich gleich dessen erst weigerte. Sein " ' Eifer für die Gerechtigkeit und die Belohnung der te.'/>. H,- Verdienste, seine Wachsamkeit und sein Muthwa- ren rühmliche Eigenschaften, und es war zu beklagen, daß sie durch seinen zwar gegründeten, aber fast allzu- sirengen, Eifer wider die Anbethung der Bilder verdunkelt worden waren. Er erklärte sich gegen die Abgesandten Carls, daß er mit ihm einen beständigen Frieden unterhalten wollte. Carl hatte in diesem Jahre seinen Sohn, Ludwig, mit einer außerordentlichen Pracht krönen lassen. Die Lehren, die er ihm vor der Versammlung aller Stände gab, zeigten ihn in seiner ganzen Größe» Glücklich wäre die fränkische Monarchie gewesen, wenn Ludwig eben so viel Herrschaft über sich besessen hätte, ihnm allezeit nachzukommen, als er Bereitwilligkeit hatte, sie anzunehmen! Aber bald wird man mit Carln auch das Glück und das Ansehen dieses großen Reiches sterben sehen. Ungeachtet seines Alters der Welt. Erster Abschnitt. 9 Alters und seiner Schwachheit machte er doch noch Jahr nach die heilsamsten Verordnungen, von denen die mei- W'- Geb. sten die Verbesserung der unter den Geistlichen emge-^,^4 rissenen Unordnungen zum Endzwecke hatten. Bald "^'^ ^' nach der Abreise seines Sohnes nach Aquitanien fiel er in eine schwere Krankheit, die ihm das Leben, dein Reiche einen gütigen und gefurchtsten Beherrscher, den Kirchen und Armen den größten Wohlthater, der Gerechtigkeit einen Schuhgott, und den Wissen, schaften einen weisen Beförderer, raubte. Nur die Wollust verdunkelte seinen großen Charakter. Das ganze Reich betrauerte seinen Tod, den unordentlichen Geistlichen ausgenommen, weil sie immer Gesetze von ihm annehmen mußten und keine Lust hatten, ihnen zu gehorchen. Er liebte und belohnte die Wissenschaften, und es ist bloß der allgemeinen Finsterniß dieser Zeiten zuzuschreiben, daß unter seiner Regierung ein Alcuin, Eginhard, Freculf, Agobard, und andre solche Manner, die größten Gelehrten sind, die wegen ihrer Wissenschaft Achtung und Aufmerksamkeit verdienen. Zeither hat man die Monarchie der Franken in ^S',«. /. 4. ihrem größten Glänze erblickt. Carl war von seinen ^ 5. Unterthanen angebethet und von seinen Feinden ge» ^«^'^ fürchtet worden. Unter Ludwig en wurde dieses gro- ' ße Reich von auswärtigen, die meiste Zeit aber von innerlichen, Feinden erschüttert und zerrüttet; denn er besaß die großen Eigenschaften seines Vaters nicht. Er hatte gute Eigenschaften genug, ein vortrefflicher Mönch, oder Bischof, zu seyn. Sanftmuth und Güte waren seine größten Vorzüge; allein sie konnten, wegen seines schwachen Verstandes, von denen, die nur Verschlagenheit, und Bosheit genug dazu besaßen, A 5 leicht Cinleitüng itt die allgem. GeschiHte Ivhr nach leicht gemisbraucht werden. Sie machten ihn nicht Chr. Geb. liebenswürdig, sondern verächtlich, weil es ihm an der nöthigen Einsicht in die Kunst zu regieren, und , an der Wissenschaft, zu gehöriger Zeit zu belohnen und zu bestrafen, mangelte. Seine Gewogenheit gegen dieClerisey, die mehr ein Aberglauben, als eine gründliche Frömmigkeit war, erwarb ihm zwar den Beynamen des Frommen; aber sie zog ihm auch die meisten Verdrießlichkeiten zu, weil er die Bischöfe lzu machtig, und dadurch übermüthig machte. Er war leicht dahin zu bringen, daß er seine Kehler erkannte. Allein er erkannte sie nicht mit der erhabnen Art, welche die Ehrfurcht seiner Unterthanen gegen ihn hätte vergrößern können. Er war ein beständiges Spiel seiner Söhne, seiner Lieblinge, und seiner zweyten Gemahlinn. Unterdessen versprach der Anfang seiner Regierung nicht wenig, das einem großen Fürsten anstän^ dig war. Die Prinzessinnen, seine Schwestern, hatten an dem Hofe ihres Vaters ein allzufreyes Leben geführt, und das übrige Frauenzimmer hatte sich in seiner Aufführung nach diesen verführenden Beyspie. /. 4. len gerichtet. - Ludwig traf nicht allein hierinnen eine anstandige Aenderung, sondern suchte auch vielen andern Misbräuchen und Gebrechen, besonders unter den Geistlichen, abzuhelfen. In den nordischen Gegenden herrschte nichts als 812 Unruhe und Verwirrung. Hemming war gestorben, und darauf entstund ein großer Streit über die M. Än Thronfolge. Reginar und Heriold stritten darüber. Erst wurde Reginar überwunden; dann vereinigten sie sich, den Thron zu theilen; eine kurze Vereinigung und Ruhe! Der Streit gieng von neuem an, «nd Heriold mußte nach Deutschland flüchten, den Schutz Sev Welt. Erster Abschnitt. » Schuß des Kaisers zu suchen. Er wurde ihm ver-Zahr nach willigt, weil Ludwig seinen Vortheil dabey zu findend Geb. glaubte und hoffte, daß innerliche Zwistigkeiten die Dänen von der Beunruhigung seiner Länder abhalten würden. Die Folge lehrte, daß solche Maaßregeln, die nicht ganz redlich sind, selten den gewünschten glücklichen AuSgang haben. Denn die Hülfe, welche Heriolden zugestanden wurde, legte den Grund zu den nachfolgenden Einfällen der Normannen. Die sächsischen und obotritischen Völker, welche ihn unterstützen sollten, richteten wenig aus; alles, was sie thaten, war das Elend, das sie anrichteten, als sie die Grenzen plünderten. In Italien machten einige von den Vornehmsten in Rom eine Verschwörung wider ihren Bischof, Leo den dritten. Da sie entdeckt wurde, maßte er sich die Gewalt an, die Haupter der Rebellen selbst zu bestrafen. Die Rache des heiligen Bischofs gieng so weit, daß er einige mit seinen eignen Händen umbrachte. Ein solches Verhalten war weder der geistlichen Sanftmuth eines Bischofes, noch der Unterwürfigkeit gemäß, die er dem Kaiser schuldig war. Ludwig trug Bewarben, dem Könige in Italien, die ^F^»' Untersuchung darüber auf. Leo besänftigte den Kaiser durch seine Abgesandten und die Untersuchung lief glücklich für ihn ab. Unterdessen war er in Rom so verhaßt geworden, daß sich die Römer unter seiner Krankheit empörten, in seine Schlösser einfielen, sie ausplünderten und verwüsteten. Sein Tod endigte 816 diese Unruhen völlig» Stephanüs, ein Diaconus der römischen Kirche, erhielt die bischöfliche Würde, und zum Zeichen seiner Unterwürfigkeit gegen drn Kaiser, ließ er die Römer, gleich bey dem Antritte seiner 52 Einleitung in die allgem. Geschichte ^cchr nach seiner Regierung, Ludwigen den Eid der Treue schwö- Chr. Geb. Er gieng selbst nach Frankreich und krönte den Kaiser und seine Gemahlinn. Nach einigen Mona- 8l? ten starb er. Paschalis der erste wurde von den Römern an seine Stelle erwählt. Er hatte die Einwilligung des Kaisers weder erwartet noch gesucht. Unterdessen ließ er doch diesen Eingriff in die kaiserlichen Rechte entschuldigen, und Ludwig war entweder allzu schwach, oder allzu gütig, als daß er ein besonders Misvergnügen darüber hätte äußern sollen. Diese Gelindigkeit vermehrte sowohl den Uebermuth der Römer, als den Stolz ihrer Bischöfe, die schon darauf umgiengen, unabhängig zu werden. 815 Im Oriente hatte Leo zeither den Krieg wider (7e-. Z?- die Bulgaren fortgesetzt. Sie wurden in einer Schlacht, deren Ausgang anfangs sehr zweifelhaft war, überwunden, und dieses nöthigte sie, einen dreyjährigen Frieden mit ihm zu schließen. Weil er das Glück dieser Barbaren für eine Strafe des Himmels hielt, die über das Reich wegen der darinnen herrschenden Anbethung der Bilder verhängt worden wäre: So nahm er sich vor, die orientalische Kirche davon zu reinigen. Der Patriarch, Nicepho- rus, die Mönche, und besonders Theodorus, der Studite genannt, wiedersetzten sich ihm mit einer Heftigkeit, die nicht einmal einem blinden Eifer glich, sondern vielmehr einer Rebellion ähnlich war. Denn es war kein Scheltwort, das sie nicht über den Kai- 816 ser ausschütteten. Doch die meisten Bischöfe, welche sich im Anfange so unerschrocken bezeigten, daß sie eher sterben, als die Sache der Bilder verlassen wollten, änderten ihren Entschluß, sobald der Kaiser seine Macht brauchte. Der Bilderdienst wurde auf der Welt. Erster Abschnitt, iz >! auf einer Kirchenversammlung verworfen, Nicepho. Jahr nach rus, Theodor, der Studite, und einige Bischöfe,^- welche nicht nachgeben wollten, wurden ihrer Würden entsetzt und ins Elend verwiesen. Die Bilder der Heiligen aber aus allen Tempeln weggenommen. Doch die meisten Verwiesnen wurden wieder zurückberufen, und zwar unter keiner schwerern Bedingung, als daß sie den neuen Patriarchen von Constcmti- nopel, Theodorus, welcher die Unternehmungen des Kaisers billigte, für ihren Bischof erkennen sollten. Es wurde ihnen sogar der öffentliche Widerruf ihrer Meinungen erlassen. Ludwig, welcher lieber für sein land bethete, als Zi? dasselbe regierte, wollte sich die Last der Herrschaft erleichtern, und einen Theil derselben auf seine Söhne übertragen. Eine große Schwachheit! Er hatte selbst nicht lange zu regieren angefangen, und doch machte er seine Söhne zu einer Zeit zu Beherrschern, da sie noch gehorchen lernen sollten. Dieses geschah auf dem Reichstage zu Aachen. Lothar, sein ältester Sohn, wurde zum Kaiser, Pipin zum Könige von Aquitanien, und Ludwig zum Könige über Bayern erklärt. Er behielt sich zwar die Oberherrschaft über sie vor; allein nachdem er ihnen einmal so viel Macht eingeräumt hatte, kam es nur allzusehr auf sie an, wie lange sie ihm unterwürfig seyn wollten. Diese Theilung war die wahre Ursache aller nachfolgenden Unruhen, und legte den Grund zum Untergange der fränkischen Monarchie. Bern- ard, der König in Italien, war damit unzufrieden,^""- ^ 5- weil er sich einbildete, zur kaiserlichen Würde ein ^' näheres Recht zu haben, als Ludwigs ältester Sohn, Lothar. Er machte eine Verschwörung wider den Kaiser, -4 Einleitung in die assgem. Geschichte Hahr nach Kaiser und empörte sich. Allein er wurde von den Chr. Geb. Seim'gen bey dem Anblicke des kaiserlichen Heeres verlassen, und gezwungen, sich auf Gnade und Ungnade Ludwigen zu unterwerfen. Dieser schwache Fürst schweifte in seinem Zorne eben so sehr aus, als in seiner Güte. Bernard wurde verurtheilt, daß er Zl8 seines Gesichtes beraubt werden sollte. Dieser Verlust zog seinen Tod, und bald darauf bey dem Kaiser eine Reue nach sich, die zu spat kam. Bretagne empörte sich; doch die Ruhe wurde daselbst durch den Sieg der Kaiserlichen über den Anführer der Rebellen, Mörmann, sehr bald wieder /M. hergestellt. Die Unruhen in Niederpannonien, wel- Q-^. e, ^ der Aufruhr des Liutwit verursachte, dauerten lan- 7" ger, und endigten sich nicht eher, als mit dem Tode 82z treulosen Aufrührers. Alle diese Unruhen verbitterten Ludwigen das Glück, der Beherrscher eines LiL mächtigen Reiches zu seyn. Und da er seine Gemahlinn Jrmengard verlohr: so hätte er sich vielleicht entschlossen, der Regierung ganz zu entsagen, und die in seinen Augen so heilige Kleidung eines Mönches anzuziehen, wofern ihm seine Stände nicht so dringende Vorstellungen gethan hatten. Er ließ sich auch von ihnen zu einer neuen Vermählung überreden. 219 Seine Wahl fiel auf Judith, eine eben so herrschsüchtige, als schöne, Tochter des Wclfo, eines vornehmen schwäbischen und bayrischen Herrn,welchen das Braun- schweigische Haus für seinen Stifter erkannt. Sie war in derFolge an den meisten Uneinigkeiten zwischen ihrem Gemahl und seinen Söhnen der ersten Ehe, und an den daraus entstandenen Verwirrungen im Reiche schuld» Man argwöhnte ihre stolzen Absichten schon, ehe sie «och mit einem Prinzen niederkam; nach der Geburt dessel. der Welt. Erster Abschnitt» -Z desselben offenbarten sie sich vollkommen. Indessen Zahv nach war daö furchtsame und zum Aberglauben geneigte Gemüth ihres Gemahles in einer beständigen Unruhe» Seine Kriegsheere waren wider die Panno- nier nicht so glücklich, als er wünschte. Die Normannen versuchten in Flandern einzufallen. Mit diesen Widerwärtigkeiten vereinigten sich Landplagen, Hunger, Pest , und viele Erdbeben, welche nicht allein das abendländische, sondern auch das morgenländi- sche Kaiserthum verwüsteten. Ludwig glaubte, daß alles dieses Vorbothen von der göttlichen Rache wider ihn wären, die sich aufmachte, ihn wegen seines Verfahrens wider Bernarden zu verfolgen. Die K2r, Beängstigung seines Gewissens trieb ihn an, zu Atti» gni> vor der Versammlung aller seiner Stande und vor einer unzählbaren Menge von Zuschauern, in einem härnen Hemde, mit thränenden Augen Gott um Vergebung zu bitten, daß er Aufrührer bestraft hatte. War er in der Bestrafung zu weit gegangen, so konnte er solches bereuen, ohne die Majestät in den Augen seiner Söhne, und der Bischöse zu erniedrigen, die schon geneigt genug waren, die Gewalt zu misbrauchen, welche sie sich etwa über sein furchtsames Gewissen anmaßen könnten, und er durste also nicht noch mehr Blöße verrathen. Sein Zzz Ansehen fiel auch unter den Römern. Denn sie ermordeten zween Vornehme, den Theodoruö und den Leo, weil sie ihre Dienste dem Lothar, als er sich in Rom krönen lassen, angebothen hatten. Man beschuldigte den Bischof Paschalis, daß er diesen Mord entweder befohlen, oder doch heimlich gebilligt hätte» Er suchte sich zwar von diesem Verdachte durch den Eid zu reinigen; allein weil er denselben ablegte, ehe ep »6 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach er von der niedergesetzten kaiserlichen Untersuchung Chr. Geb. abgefeiert wurde: So vermehrte er bey vielen den gefaßten Argwohn nur, anstatt ihn zu vermindern. Dieser Argwohn dauerte bis an seinen Tod, und viele Röme>- waren so sehr davon eingenommen, daß sie ihm die Ehre eines feyerlichen Begräbnisses ver- 824 weigerten. Dock Eugen, der andre, stillte diese Un- ruhe, und fand Mittel, diese Beschimpfung von seinem Vorfahren abzuwenden. Q^. Den Orient beherrschte ißt ein treuloser und un- dankbarer Mörder des Leo, Michael, der Stammler. Leo hatte ihn zu der Würde eines PatriciuS und den erhabensten Ehrenstellen erhoben, hernach aber ins Gefängniß werfen lassen, als er erfahren hatte, daß ihn der Verräther vom Throne stürzen 820 wollte. Er hätte diese Treulosigkeit sogleich rächen sollen. Allein er hatte blos den Bitten seiner Gemahlinn, Theodosia, gefällig zu seyn, die Vollziehung des Urtheils, das ihm das Leben absprach, verschoben. Michael fand in der Weihnachtsnacht Gelegenheit, aus dem Gefängnisse seinen Mitver- schwornen Nachricht von dem ihm dräuenden Verluste seines Lebens zu geben. Diese waren für sich selbst besorgt, eilten ihm also zu Hülfe, und überfielen den Kaiser in der Kirche. Dieser vertheidigte sich, vb er gleich von den Seinigen verlassen wurde, unbewaffnet, aber muthig, lange Zeit, wider die Aufrührer mit einem Kreuze. Endlich fiel er, seiner tapfern Gegenwehre ungeachtet,unter denStreichen. Der Verräther Michael wurde sogleich aus dem Gefängnisse befreyt, und auf den erledigten Thron gesetzt. Es ist schwer, den Charakter dieses Treulosen genau zu bestimmen, weil er von einigen allzusehr erhoben, von der Welt. Erster Abschnitt. 17 von andern aber mit den häßlichsten Farben abgebil- Jahr nach bet wird. Im Anfange erwies er sich gegen die Ver- ^b. ehrer der Bilder geiind, vermuthlich nur in der Absicht, seine Macht zu befestigen, denn in der Folge verfuhr er strenger gegen sie. Er verwarf sowohl die Kirchenversammlung zu Consiantinopel, welche den Bilderdienst ganz gemisbilligt hatte, als auch die Kir- chenversammlung zu Nicäa, von welche? dieser Aberglaube bestätigt worden war. Ein gewisser Thomas 822 machte ihm den Thron streitig, und belagerte Consiantinopel zweymal. Vielleicht hätte Michael ihn 82z ohne den Beystand Mordagons, des Königes der Bulgaren, nicht überwunden. Der Streit wegen Anbetung der Bilder wurde nunmehr erneuert, als er die Parthey ihrer Anbeter nicht ergriff, sondern der Gegenparthey geneigter zu seyn schien, und,damit er die Abendländischen auf seine Seite ziehen möchte, Gesandten an Ludwig, den Frommen, abgesendet hatte. Die Französischen Bischöse versammleten sich auch auf ihres Kaisers Befehl. Sie verdamm» ten die Ausschweifungen derer, welche die Bilder anbeteten, und den übertriebenen Eifer dererjenigen, welche den unschuldigen Gebrauch derselben verwarfen. Sie billigten zugleich, ohne die Aussprüche der römischen Bischöfe zu achten, Carls des Großen Schrift wider die Verehrung der Bilder. Indem sich aber Michael zu sehr mit den Streitigkeiten der Mönche und Bischöse beschäftigte, versäumte er die Angelegenheiten des Reiches. Die Saracenen be- 8?6 mächtigten sich der Insel Creta. Euphemius, der Schänder einer entführten Nonne, empörte sich wider ihn in Sicilien, der verdienten Strafe zu entgehen. Er rief die Saracenen aus Afr'ica herüber, U-Theil. B weiche » i8 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach welche sich erst dieser Insel bemächtigten, und ihn so- Chr. Geb. umbrachten. Neapolis suchte darauf den Schuß der Franken, weil diese Provinz des morgen- ländischen Reiches bey Michaeln nicht Schutz genug wider diese ungläubigen und kriegerischen Völker fand. Lsz In Pohlen, dessen Geschichte bis Hieher voll Verwirrung, Dunkelheit und Fabeln ist, starb Popiel, der zweyte, ein unmenschlicher und grausamer Fürst. Die Geschichtschreiber lassen ihn auf eine unglaubliche Art umkommen, und durch Mäuse aufgezehrt werden, die aus den mit Gift getödteten Leibern seiner Vettern erwachsen seyn sollen. Ein Interregnum, das beynahe zwanzig Jahre die Pohlen ohne einen gewissen Beherrscher ließ, war die Folge seines Todes. Der dänische Fürst, Harald, hatte zcither sehr veränderliche Schicksale erfahren. Die Hülfe, die ihm Ludwig, der Fromme, leistete, konnte seine Herrschaft nicht befestigen. Er wurde von Gothrics Nachkommen vertrieben, und damit er desto mächtiger vom Kaiser unterstützt werden mochte, ließ er sich 825 taufen. Dieses gab Gelegenheit, daß Anschar, ein L26 Mönch aus der Abtey Corbie, die Ausbreitung der Religion unter den nordischen Völkern versuchte. Der Kaiser richtete zur Beförderung dieses edlen Unternehmens in Hamburg ein Bisthum auf, und Anschar wurde der erste Bischof daselbst. Er schenkte auch Haralden in Friesland eine Grafschaft, ihn einigermaßen dafür zu befriedigen, daß er ihn nicht kräftiger wider die Dänen unterstützen konnte. 825 Edmund und Biorn, welche in dem benachbarten Schweden zugleich den väterlichen Thron theilten, der Welt. Erster Abschnitt. 19 gaben ihrer Regierung dadurch einen Glanz, daß sie Jahr nach der Ausbreitung der Religion unter ihren Untertha- ^r- Geb. „cn nicht allein keine Hindernisse entgegen sehten, sondern sie selbst befördern halfen, und von dem Kaiser Bischöfe und Priester verlangten, die ihr Volk zur Empfindung des Lächerlichen in ihren Götzendienste bringen sollten. Engeland war zeither in verschiedene kleine Rei- ^6 che zertheilt gewesen. Eybert, dieser so große, als 60, M,/. glückliche, Fürst, hatte das Vergnügen, sie in diesem me^m'./z. Jahre alle unter seinem Zepter vereinigt zu sehen. ^ Er genoß hierauf das Glück, von seinen Unterthanen geliebet und angebetet zu werden, noch ganzer neun Jahre. Spanien seufzte größten Theils unter dem Joche, oder den grausamen Beleidigungen der Mauren» Unterdessen setzten sich ihnen die christlichen Beherrscher in Oviedo, Suprarbien und Arragonien, muthig entgegen. Besonders war Ramirus, des tapfern Veremunds Sohn, in Oviedo so glücklich, daß Z25 er einen ansehnlichen Sieg über sie erhielt, und den schandlichen Tribut der Jungfrauen aufhob, den diese Ungläubigen foderten« Doch desto machtiger wurden diese Feinde des christlichen Namens in den Provinzen, welche dem Kaiser gehorchten. Denn sein Statthalter, Aizo, empörte sich, und rief die Saracenen zur Hülfe. Ludwig, welcher, über die verhoffte Bekehrung der nordischen Völker, fast alle Uebel seines Reiches vergessen hatte, wurde dadurch in seiner frommen Freude gestört. Er sandte zwar ein Heer 827 wider den Aufrührer; allein die Uneinigkeiten der L28 Feldherren, welche mehr darauf umgiengen, wie sie einer den andern bey dem Kaiser verleumden und B s stürzen, 20 Einleitung in die allgsm. Geschichte Jahr nach stürzen, als wie sie die Feinde des Reiches überwin- Chr. Geb. wollten, verursachten, daß der Feldzug fruchtlos ablief, und der zur Hülfe gerufene Abdaramen von Corduba eine unsägliche Beute in Sicherheit bringen konnte. 829 Alle diese Unruhen waren nichts gegen diejenigen, welche die Gemahlinn des Kaisers, Judith, seine drey regierenden Söhne, und diejenigen Großen, welche durch die Schwächung der kaiserlichen Gewalt sich nothwendig zu machen, und selbst eine furchtbare Macht zu erhalten suchten, mitten in der Familie des Kaisers erregten. Judith wollte ihrem Sohne, Carln, dem Kahlen, eben so viele Länder verschaffen, als Ludwig in Bayern, Lothar und Pipin besaßen. Dieser Wunsch konnte nicht befriedigt werden, ohne eine neue Theilung vorzunehmen. Gleichwohl hatte sie eine allzugroße Herrschaft über das Gemüth ihres Gemahls, als daß er sich ihrem Willen hätte widersetzen sollen, ob er gleich die widrigen Folgen davon übersah. Ihr Sohn erhielt also Allemannien. Die Eifersucht seiner Brüder erwachte hierauf, und wurde noch mehr durch die Miövergnügten aufgewiegelt, die, entweder der Kaifer wegen ihrer Undankbarkeit und Untreue bestraft, oder Judith durch ihre Herrschaft, wenn sie nicht in ihre Absichten willigen Zzc> wollten, gekränkt hatte. Nun empörten sich Kinder wider einen Vater, dessen Güte sie die Macht zu danken hatten, Aufrührer zu werden. Pipin führte die Nebellen an. Ihre Unternehmungen wurden von den Bischöfen nicht allein gebilligt, sondern auch unterstützt. Ludwig wollte sich zwar auf seinem Throne erhalten; er versammelte ein Kriegsheer, und wollte seinem Sohne damit entgegen gehen. Allein was konnte der Welt. Erster Abschnitt, -i konnte ein'Kaiser ausrichten, der wegen seiner Jahr nach Schwachheit, und noch mehr der starkem Gewalt wegen, die er selbst seinen Kindern gegeben hatte, verachtet war, dessen Befehlen niemand gehorchte, und der ein unbezahltes murrendes Kriegsherr führte? Er wurde von den Seinigen verlassen, Pi- pin zwang die Gemahlinn desselben in ein Kloster zu gehen, und hatte auch feinen Vater gern genöthiget, ein Mönch zu werden. Unterdessen hatte Ludwig durch seine wehmüthigen Vorstellungen die widrig- gcsinneten Stände zu Compiegne so gerührt, daß sie ihn selbst ersuchten, seinen Thron wieder zu besteigen, vielleicht hatten sich diese Stürme nunmehr ganz gelegt, wenn nicht Lothar, vermuthlich in der Meynung, daß er als Erstgebohrner mehr Reche habe, mit seinem Vater ungerecht umzugehen, als sein jüngerer Bruder, sich seiner Person bemächtigt hatte. Welch ein Schauspiel für das Reich, da der Sohn seinen Vater überall im Triumphe als einen Gefangenen herumführte, und von seinen Räthen einige ihrer Würden beraubte, andre ins Gefängniß werfen, oder in Klöster bringen, und noch andern die Augen ausstechen lies, ohne die väterlichen Vorbitten zu achten? Doch diesmal fanden die Mönche ihren 8zr Vortheil bey seiner Befreyung. Ludwig und Pipin, welche so die überwiegende Macht ihres Bruders mit misgünstigen Augen ansahen, ließen sich für ihren Vater gewinnen. Lothar wurde genöthigt, nicht allein Ludwigen seine Freyheit wieder zu geben, sondern ihn auch um Verzeihung zu bitten. Die Ruhe wurde also, aber nur auf eine sehr kurze Zeit, wieder hergestellt. B z Michael, 22 Einleitung m W allgem. Geschichte 5iahr nach Michael, der Stammler, war im Oriente gestor- Chr. Gcb. Sohn, Theophilus, folgte ihm in der Regierung, ein großmüthiger Fürst, der größte Freund der Gerechtigkeit, aber ein Feind der Bilderanbetung, gütig gegen seine Unterthanen, empfindlich gegen ihr Unglück, mitleidig bey ihren Klagen, und willig zu ihrer Befriedigung. Er hatte Religion, und war so eifrig im Gottesdienste, daß er selbst vortreffliche geistliche Gesänge verfertigte. Aller dieser großen Eigenschaften ungeachtet, war er den christlichen Götzendienern ein Lasterhafter, ein Feind Gottes, ein Verfluchter. Den Antritt seiner Regierung machte er durch eine sehr edle That herrlich. Er opferte sogar das Andenken seines Vaters seiner Liebe zur Gerechtigkeit auf. Er übte Rache an denen, welche den Kaiser Leo umgebracht hatten, ob solches gleich mit der Einwilligung seines Vaters geschehen war; eine Handlung, die noch größer und edler gewesen seyn würde, wenn er sich nicht der Verstellung, eines einem großen Prinzen allemal unanständigeil Mittels, zur Entdeckung der Schuldigen bedient hatte» Er bewies freylich eine große Strenge gegen die Anbeter der Bilder; allein sie wurde von ihnen größer abgebildet, als sie war. Er suchte seinen ZZs Vorzug allezeit in einem edlen Bezeigen. Er gab einen Beweis davon, als seine Gemahlinn, Theodora, auf seine Rechnung ein Schiff mit reichen Waaren beladen hatte kommen lassen. Kaum erfuhr er solches, als er in einen edlen Unwillen darüber gerieth, daß seine Gemahlinn einen Kaufmann aus einem Kaiser machen wollte. Er ließ auch dasselbe verbrennen , so bald es in den Hafen eingelaufen war. ^l-ZZz Sein Glück wider die Saracenen war veränderlich. In der Welt. Erster Abschnitt. 2z In drey Schlachten ward er überwunden, und zwey- Jabr nach mal trug er den Sieg über sie davon. Er liebte ^l>' die Pracht, und äußerte solche besonders durch kost- bare Geschenke an auswärtige Hose. Um diese Zeit gab Paschasitis Radbert, ein Mönch, niit seiner Schrift, von der Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmale, zu einigen Streitigkeiten in der Kirche Anlaß. Er wollte die Art dieser Gegenwart, dieses Geheimniß für uns erklären, und behauptete, daß Brod und Wein in den Leib und in das Blut Christi verwandelt würden. Er fand zwar Widerspruch ; allein zum Glücke für ihn liebte man in diesen Zeiten alles Wunderbare, wenn es auch widersprechend war, und so wurde seine Meynung nach und Nach der Glaube der ganzen Kirche. Ludwig genoß die Früchte der Aussöhnung mit seinen Kindern nicht lange. Sie waren des Ungehorsames gewohnt. Er gab durch eine neue Theilung ihrer Lander, welche seine Gemahlinn auswirkte, Anlaß zum Misvcrgnügen, das bald darauf in ei- 8z2 nen offenbaren Aufstand ausbrach. Sie zogen die /. französischen Bischöfe in ihr Verbrechen, damit sie durch die Gewalt, welche dieselben über die Gemü- " ther des Volks hatten, ihrem unnatürlichen Versah- ,-„,^. ren einen blendenden Anschein geben, und dasselbe e.^m?«?. durch ihre Aussprüche heiligen sollten. Gregorius, ^./-».-/ov. der vierte, war um eben diese Zeit nach dem Tode Valentinus, des Nachfolgers vom Eugen, dem zwey- ten, zum römischen Bischöfe erwählt, und von Lotharn , Italiens Beherrschern, wider seinen Vater eingenommen worden. Man konnte die unglücklichen Schicksale des Kaisers vorher sehen, sobald derjenige, welcher das Haupt der Bischöfe seyn, und ei- B 4 nm 24 Einleitung in die allgem. Geschichte I ihr nach neu Statthalter Gottes auf der Erde vorstellen wollte, Chr. Geb. 5^,, Aufruhr der Kinder wider ihren Vater billigte. Umsonst drohten ihm die deutschen Bischöfe mit dem Banne, wenn er Ludwigen, der seine Kinder Un- terthänigkeit lehren wollte, in den Bann thun und unterdrücken helfen würde. Die römischen Bischöfe waren es schon gewohnt , andern Bischöfen, als Gebieter zu begegnen, und er antwortete den Deut- 8ZZ schen mit einem mehr als unbischöflichen Stolze. Ludwig ward also gezwungen, sich der Gnade seines Sohnes , Lothars, zu überlassen. Die Aufrührer giengen soweit, daß er von einer Versammlung ge- dungner und übermüthiger Bischöfe, die er mit Gütern überschüttet hatte, des Thrones verlustig erklärt, und zu einer feycrlichen Kirchenbuße verdammt wurde. Ein schwacher Prinz, der sich so harten Gesetzen rebellischer Kinder unterwerfen konnte! Ein trauriges und rührendes Schauspiel, einen so großen Kaiser, dessen ganzes Verbrechen eine allzugroße Güte und übertriebne Frömmigkeit war, von Bischöfen, die er aus dem niedrigsten Staube erhoben, und in Purpur gekleidet, hatte, in ein härnes Hemde eingehüllt zu erblicken, und zu sehen, wie er vor treulosen Kindern und Unterthanen sich, theils ungegründeter, theils lächerlicher, theils solcher Verbrechen schuldig bekennen mußte, vor welche eigentlich sie zur Strafe hätten gezogen werden sollen! Ein so grausames Verfahren erweckte das Mitleiden, und zugleich den Muth der Redlichen, welche sich ungern vom Stroms hatten fortreißen lassen. Sie suchten ihren rechtmäßigen Beherrscher wieder aufden Thron zu erheben, welchen ihm eine gemisbrauchte Macht f-cr.uibt hatte. Ludwig und Pipin, mehr von ihrem eigenen der Welt, Erster Abschnitt. 25 eigenen Vortheile, weil sie sahen, daß sie Lothar auch Jahr nach bald unterdrücken würde, wenn er erst seinen Vater völlig unterdrückt hätte, als von ihrer kindlichen Pflicht angetrieben, gaben den bittenden Vorstellungen der Großen nach, und ließen sich so tief herab, daß sie für ihren Vater gewonnen wurden. Lothar 8Z4 sah sich von ihnen gezwungen, ihn loszulassen, und endlich sich ihm zu unterwerfen. Ludwig aber trieb - seine abergläubische Gewissenhaftigkeit soweit, daß er sich einer Gewalt, die ihm kein Aufruhr entziehen konnte, nicht eher wieder bedienen wollte, als bis ihm die Bischöfe, welche ihm durch ein unrechtmäßiges Urtheil seinen Scepter genommen hatten, durch einen gerechten Ausspruch dasselbe wiedergeben, und sich also selbst, aber ohne Absicht, als Aufrührer angeklagt hatten. Es geschah, und er wurde zum drit- lenmale Kaiser. Ungeachtet er aber keine Rache übte: So schien es doch einmal das Verhangniß dieses so leicht versöhnlichen Kaisers zu seyn, daß er niemals das Glück einer ruhigen Regierung genießen sollte. Die Einfälle der Normannen, welche das Reich bey seinen innerlichen Verwirrungen an den Seeküsten verheerten und ausplünderten; die Staatslisten seiner Gemahlinn Judith, welche bald Ludwigen, bald Lothar , ckald Pipinen, bey dem Kaiser, entweder verhaßt machte, oder begünstigte, nachdem sie glaubte, daß für ihren Sohn ein Vortheil daraus erwüchse; die Unruhen, die aus diesen verschiedenen Uneinigkeiten entstanden; Pipins Tod; die unbillige Thei- lung seiner Länder zwischen Carln und Lotharn, bey welcher jenes noch unwürdigen Söhne, Pipin- und Cml, ganj Übergängen wurden; das Misver- B 5 gnügen »6 Einleitung in die attgem. Geschichte Jahr nach gnügen Ludwigs in Bayern darüber, und desselben Ehr. Geb. Empörung wider seinen Vater, verbitterten ihm den Nest seiner Jahre. Er starb, da er im Begriffe war, seinen aufrührischen Sohn zu demüthigen. 84c) Auf seinen Tod folgten schreckliche Unruhen, die ^M. /«/^. man lange vorher aus der Zwietracht, die bey 5^//^s" seinem Leben unter seinen Söhnen herrschte, hatte -M^/' Propheten können. Lothar. , der älteste , folgte ihm ' in der kaiserlichen Würde; ein Herr, der wenig gute, aber destomehr schlimme Eigenschaften hatte. Er besaß den Ehrgeiz eines Eroberers, aber nicht seine Tapferkeit; er war übermüthig, wenn man ihn fürchtete, und zitterte, wo er Wiederstand fand; seine- Furcht gieng bis zur Niederträchtigkeit, wenn man Macht genug hatte, ihn zu bedrohen. Es war für ihn nichts so heilig, das er nicht beleidigt hätte, wenn er seinen Vortheil dabey zu finden glaubte, und, wie er überhaupt in seiner List sein Glück und seinen Schuß suchte, so gebrauchte er alle Tücken, sie mochten einen Monarchen noch so sehr beschimpfen, wenn sie nur seine herrschsüchtigen Absichten beförderten. Sobald sein Vater gestorben war, dachte er darauf,' sich nicht allein über seine Brüder, sondern auch über ihre Länder, zu einem unumschränkten Herrn zu machen. Eidschwüre, Gewalt, Betrug, Verrä- therey und Gottlosigkeit, die sich bald in Aberglauben, bald in eine verstellte Billigkeit, die Gewissen nicht zu zwingen, verkleidete, waren die großen Mittel zu diesem Unternehmen. Ludwig in Bayern, sein leiblicher Bruder, ein Held an der Spitze seiner Kriegsheere, treu in seinen Zusagen, standhaft in seinen Entschlüssen, und gerecht und gnädig gegen seine Unterthanen, und Carl, sein Halbbruder in Frank- der Welt. Erster Abschnitt. 27 Frankreich, der nur in seiner Gesellschaft etwas be« Zahr nach deutete, konnten die Tyrannei) eines solchen Bru- Chr. Geb. ders nicht mit gleichgültigen Augen ansehen. Sie versuchten zwar alle Wege der Güte bey ihm; aber vergebens, weil er, durch Gewalt und List, mächtiger als sie zu seyn glaubte, und vom Pipin, dem Könige in Aquitanien, immermehr zu seinen Unternehmungen angereizt, und in denselben durch seinen Beystand gestärkt wurde. Endlich mußte die Entscheidung dieser Uneinigkeiten dem Ausgange einer allge- » meinen Schlacht überlasten werden. Man sah bey 841 Fontenay vier mächtige Heere, die von vier erbitterten Königen angeführt wurden. Lothar wurde m der blutigsten Schlacht, die man niemals in den neuesten Zeiten gesehen hat, überwunden; unzählige Unterthanen, und die Edelsten des Reiches wurden das Opfer eines unruhigen Ehrgeizes. Dennoch verfloß noch einige Zeit, ehe der Friede völlig zu Stande kam. Ludwig erhielt darinnen Deutschland, 84? Carl Frankreich, und Lothar Italien, nebst allen den Ländern zum Antheile, welche zwischen Frankreich und Deutschland lagen, und mit Italien grenzten ; Aquitanien aber wurde dem Pipin, ihrem Neffen, eingeräumt. Theophilus war im Oriente so Unglücklich, daß A-"-,!-. er mit den Saracenen einen immerwährenden Krieg 84^ hatte. Eine unglückliche Schlacht mit ihnen zog den Verlust der Vaterstadt Michaels, seines Vaters, Amorium genannt, nach sich. Unter den Gefangenen , die sie machten, befanden sich viele von seinen Verwandten, deren Freyheit er auf keine Weise, und nicht einmal durch angeborhne Löscgelder, erhalten konnte. Dieses erfüllte ihn mit einem solchen tödtli- 23 Einleitung in die allgem. Geschichte Zcchr nach tödtlichen Kummer, daß er sich aller Speisen enthielt, Chr. Geb. „nd nur bloßes Wasser zu sich nahm. Eine Dysen. terie, die natürlicher Weise daraus entsprang, machte seiner gerechten und weisen Regierung durch seinen 842 Tod ein Ende. Sein Sohn und Nachfolger, Michael , war noch unmündig, und also ward seine Mutter, Theodor«, zur Kaiserinn und Regentinn des Reiches ernannt; eine abergläubische Fürstinn, welche die Ehre, eine Gemahlinn des Theophilus zu seyn, blos ihrer Schönheit zu danken gehabt hatte. So lange er lebte, hatte sie ihrer Neigung zum Bilderdienste Gewalt anthun und sie seinen Augen entziehen müssen. Kaum sah sie die Macht des Reiches in ihren Händen, als sie auf die Wiederherstellung der Bilder zu denken anfieng. Sie bediente sich dazu des TheoctistS, und besonders eines Feldherrn, Manuels, eines Mannes, der eine jede Parthey ergriff, die seinem Glücke vortheilhaft zu seyn schien. Man hatte im Anfange zu besorgen, daß sich das Volk, welches nunmehr gewöhnt war, keine Bilder mehr zu sehen, einer solchen Neuerung wegen empören möchte. Allein die Kaiserinn wußte die Gemüther durch Geschenke und Aemter so zu gewinnen, daß sie es wagen durste, die Lehren der zweyten m'cänischen Kirchenversammlung für Lehren der Religion zu erkennen. Der Patriarch zu Constantino- pel, Antonius, ein Feind der Bilder, wurde abgesetzt, und da er in seinem Eifer wider sie zu weit gegangen war, und in einem Kloster einigen Bildnissen der Heiligen die Augen hatte ausstechen lassen; so hatte er sich noch des besondern Glücks zu rühmen, daß er auf viele Vorbitten seiner Augen nicht wieder beraubt, sondern nur mit der gnädt- der Welt. Erster Abschnitt. 29 gnädigen, und einem Patriarchen sehr anständigen Jahr naci Strafe von zweyhundert Geisselstrichen angesehen^- ^ wurde. Dieses Beyspiel war für die Bischöse, wel- che unter den drey vorigen Regierungen den Bilderdienst für Abgötterey erklärt hatten, so lehrreich und so überzeugend, daß sie denselben nunmehr für Religion in einer feyerlichen Versammlung erklärten. Seit dieser Zeit blieb dieser abergläubische Dienst in dem ungestörten Besitze der Herrschaft, die er zwo Kaiserinnen, einer Irene, und einer Theodor« , zu danken hatte. Fanden sich gleich in den folgenden Regierungen noch immer einige, welche sich nicht unter ihr Joch beugten: So kamen sie doch niemals zu dem Ansehen, welches sie unter den vorigen Kaisern gehabt hatten. Die Finsternissen des zehnten Jahrhunderts vertilgten endlich die Erkenntniß der Wahrheit ganz, und unter allen orientalischen Christen waren die Armenier die einzigen, welche den alten Glauben der ersten Kirche beybehielten, und den Bildern keine göttliche Ehre erwiesen. , Pohlen hatte zeither nicht gewußt, wem es gehorchen wollte. Endlich wurde Piast, dem seine Wohlthaten, während einer großen Theurung, den Namen eines Gastfreyen erworben hatten; zum Könige erwählt. Die Geschichte giebt ihm den Ruhm, daß er von den Rechtschaffenen geliebt worden, und ein Schrecken der Lasterhaften gewesen sey. Lothar und Carl, der Kahle, erwarben sich in ihren Staaten keinen solchen Ruhm. Sie konnten ihren Unterthanen den Frieden weder geben, noch erhalten. Italien wurde von den Saracenen verheert. 844 Lothars Gerechtsamen geschah von den Römern Gewalt, welche nach Gregors, des vierdten,Tode, Ser- gius A Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach ^^s, den zweyten, zu ihrem Bischöfe erwählten, ohne Chr. Geb. ^ Einwilligung des Kaisers zu haben. Lothar suchte zwar seine Rechte zu schüßen, und sandte in dieser Absicht seinen Sohn, Ludwigen, nach Rom. Allein Sergius bezeugte sich so stolz gegen ihn, daß er sich gezwungen sah, seine Wahl zu billigen, und zufrieden zu seyn, daß er von ihm zum römischen Könige gekrönt wurde. Den Saracenen geschah ein so schwacher Widerstand, daß sie ohne Mühe 846 bis nach Rom drangen und daselbst die Vorstädte mit der reichen Peterskirche plünderen. ^. Frankreich wurde von dem Aufruhre der Breta- ^---n. g,,^ und den oft widerholten Einfallen der Nor- mannen erschüttert, welche sich bis nach Paris wagten. Carl war ein schläfriger Fürst, daß er zu seiner eignen Rettung den Frieden mit großen Summen von ihnen erkaufte, wodurch sie mehr gereizt, als zurückgehalten wurden. Ludwig in Deutschland genoß noch die meiste Ruhe, ob sich gleich die Böhmen und Mähren wi- 847» 849 der ihn empörten. Seine Feldherren stritten mit einem abwechselnden Glücke wider sie. Indeß bemühte sich Lothar, Italien zu beruhigen, und ließ, in dieser Absicht, seinen Sohn Ludwig von dem römischen Bischöfe, Leo den vierdten, der, wie 847 sein Vorfahr, Sergius, auch ohne vorgängige Em- 848 willigung des Kaisers, von den Römern dci^u erwählt L50 worden war, zum Mitregenten krör.en. Es gelang ihm auch, in diesen Ländern die Ruhe einigermaßen herzustellen. Allein desto grösirs Beängstigungen mußten seine fränkischen Provinzen von den Normannen erdulden. Diese Barbaren drängten auch Carln, den Kahlen, so sehr, daß er ihnen eine Pro- der Welt. Erster Abschnitt. ^ vt'nz seines Reiches abtreten mußte, die nachher nach rmA ihrem Namen dieNormandie genannt wurde. Doch ^' dieses war nur eine kur^e Hülfe. Denn eö versuch- ^ ten es bald andre Normannen, ob sie auch so glücklich seyn, und irgend eine andere Provinz für sich erbeuten könnten. Aquitanien war ihren Einfallen am meisten ausgefetzt. Weil die Stande dieses Reichs bey Carln nicht Hülfe und Schutz genug fanden, entzogen sie sich seiner Herrfchaft, und unterwarfen sich bald Ludwigen von Deutschland, bald seinem Neffen, dem Pipin, nachdem einer von ihnen wider Carln. am glücklichsten war. Lothar, welcher bald Bündnisse mit Carln, bald mit Ludwigen schloß, fiengan, bey den überhandnehmenden Klagen über ihn und seinen Sohn, Ludwig, den zweyten, des Reiches überdrüßig zu werden. Alter, Schwachheit, und die Erinnerung seiner Verbrechen, machten ihn schwer- müthig. Er glaubte im Kloster die Ruhe seines aufgewiegelten Gewissens zu finden, und begab sich, nachdem er das Reich unter seine drey Söhne, Ludwigen, Lotharn, und Carln, getheilt hatte, in das Kloster Prüm; eine Handlung, die wegen der damit verknüpten Geschenke an die Geistlichen, für so vcr driefilicb gehalten wurde, daß ihn die Mönche nach seinem Tode, der bald darauf erfolgte, liebcx unter die Heiligen gezählt hatten. Also war nunmehr die so wcitlauftige Monarchie Carls, des Großen, in fünf Reiche zertheilt. Ludwig, Kaiser Ludwigs des Frommen Sohn, beherrschte Deutschland; Carl, der Kahle, Frankreich; und von Lothars Söhnen, besaß Ludwig Her, LM yt H Italien mit der kaiserlichen Würde; Lothar Austra- sien, oder Lothringen, und Carl, der jüngste, Burgund ^n^ich 855 Z2 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach gund und Provenze. Diese Theilung Lothars unter Chr. Geb. hinterlaßnen Söhne wurde bald darauf eine Ur- 850. 856 fache zu neuen Unruhen» Die Kirche hatte in den vorhergehenden Jahren nicht mehr Friede genossen, als der Staat. Gode- schalck, dessen Lehren von der Gnadenwahl die Ruhe der Lehrer gestört harten, war zwar auf einer Kirchenversammlung zu Mainz verdammt worden. Allein der Streit über diese Lehre dauerte noch fort. Hinkmar, der Erzbischof zu RheiinS, von dem in einer ausführlichen Geschichte viel zu reden seyn würde, ein Gelehrter, aber auch stolzer und rachgieriger Bischof, war sein größter Gegner. Die Normannen, welche den Franken und den Deutschen, ihrer Einfalle wegen, so furchtbar und verhaßt waren, hatten schon zu verschiedenen malen das Glück ihrer Waffen auch wider Engelland versuchet. .8Z4- 8z8 Allein Edelwulf, der Nachfolger des tapfern Egberts, 854 hatte das Glück, sie aus seiner Insel zu vertreiben. Unterdeß mußte ihn doch die Furcht von ihnen unge- mein beunruhigen, weil er bey dem Gebete des römischen Bischofes Schutz und Hülfe wider sie suchte. Ihn ^.. ^ desto williger dieser Hülfe zu machen, befahl er dem ' > K.»,.. ganzen Reiche, daß es dem römischen Stuhle zinsbar werden, und ihm jährlich den zehnten Pfennig geben sollte, ein Tribut, der die Macht desselben ansehnlich vergrößerte. Leo, der vierte, starb, und ihm folgte auf seinem Stuhle, entweder die Pab- stinn Johanna, oder, welches nach den ältesten Geschichtschreibern für glaublicher gehalten wird, Be- L55 nedicc der dritte. Er hatte im Anfange einen Mit- buhler um diese Würde, den Anastasius, welcher selbst vom Kaiser begünstigt wurde. Allein da der- der Welt. Erster Abschnitt. 33 selbe weder die Clerisey, noch das Volk, gewinnen Jahr nach konnte: so mußte der Kaiser zugeben, daß er wieder Ehr. Geb. abgesetzt, BenedictuS aber aus dem Gefängnisse, worein er geworfen worden war, zurückgeholt, und in seiner Würde feyerlich bestätigt wurde. In den übrigen Theilen des Occidentes folgte 856 eine Scene des Unglückes auf die andre. Frankreich war mit seinem Beherrscher, theils wegen der Auflagen, womit er seine Unterthanen drückte, theils wegen seiner unglücklichen Unternehmungen wider die Nor- mannen, unzufrieden, und empörte sich. Die Bischöfe ergriffen bald die Parthey der Aufrührer; denn ihr Ausspruch beraubte Carln des Thrones, und gab ihm Ludwigen von Deutschland; bald erklärten sie sich wieder für ihren rechtmäßigen König, nachdem sie ihren Vortheil dabey fanden, und allezeit redeten sie die Sprache der Religion, der Tugend, und des Eifers für das gemeine Beste. Empörungen, Meyn- eide, und Verräthereyen, alles wurde vergöttert, wenn sie nur Urheber davon waren. Carl gelangte also wieder zu seinem Throne, und er und Ludwig von Deutschland versöhnten sich mit einander durch Lothars, des Königes in Austrasien, Vermittelung. Unterdessen bedienten sich bald die Normannen, bald die Slaven und Sorben, dieser innerlichen Verwirrungen, hier eine Provinz, dort eine Provinz, mit Verwüstung und Elend zu erfüllen. An den italienischen Küsten und in Spanien thaten dieses die Saracenen, welche, durch den unzciligen Eifer einiger Christen, wider ihren Glauben, zu grausamen Verfol- ^ fungen wider sie aufgewiegelt wurden. Der Orient war nicht glücklicher. Die Sarace- nen waren eine bestandige Geissel dieser Monarchie, ^o». c-^ U. Theil. C Ihr ?4 Einleitung in die allgem. Geschichte ^ahr n> Kaiser, Michael, war, entweder von seiner Mut- Chr. Geb. ^ Theodor«, nicht kaiserlich erzogen worden, oder er war ganz unfähig zu einer edlen Erziehung gewesen. Man sah in ihm den Nero und CommodnS wieder aufleben. Er stellte einen Possenreißer besser, als eine» Kaiser, vor. Keine Wollüste waren so niedrig, denen er sich nicht überließ. Reitknechte, Schauspieler, und die, so in den Wettrennen den Wagen am besten regierten, waren seine Lieblings und geheimsten Räthe. Er verschwendete alle Einkünfte des Reiches mit ihnen, und verstieß seine Mutter ins Kloster, damit er nur sich ihrer Schätze bemächtigen könnre. Seme kaiserlichen Kleidungen waren selbst vor dem Verkauft nicht sicher, als alte diese Schätze zu seinen Ausschweifungen nicht zureichten. Wider die Saracenen verlohr er eine Schlacht nach der andern , und das Reich hätte unter ihm zu Grunde gehen müssen, wenn nicht sein Oheim, Bar- Z58 das, der von ihm zur Würde eines Cäsars erhoben worden war, sich der Geschäfte desselben mit Mmh und Klugheit angenommen hätte. Die Wissen- I?» 7>/,- schaften fanden einen Beschützer an ihm. Er war L/6/. LccV. es aber auch, der den Grund zu neuen Unruhen in der ^ 7. Fo- consiantinopolitanischen Kirche legte. Denn er ließ den Patriarchen, Jgnatius, welcher ihn durch allzu- freymüthige Bestrafungen beleidiget hatte, absetzen, und gab dem Photius, einem der größten Männer dieser Jahrhunderte, seine Würde. Endlich war das Glück den griechischen Waffen wider die Saracenen auch einmal günstig. Sie wurden vom Pe- tronas in einem blutigen Treffen überwunden, und '861 Amer, dieser so oft glückliche Sieger, wurde mit einer unzähligen Menge dieser Barbaren erschlagen. der Welt. Erster Abschnitt. 35 Die Unruhen in den abendländischen Reichen Jabr nach dauerten noch immer fort, und wurden durch neue vermehrt. Lothar in Austrasien beschuldigte seine 86c?/ 862 Gemahlinn, Thietberga, des Ehebruchs, damit er 8bz mit Waldraden einen begehen könnte. Ludwig in ^" Deutschland erfuhr, was er ehedem seinen Vater ^ hatte erfahren lassen; sein Sohn, Carlomann, em- ^/ pörte sich wider ihn. Indeß starb Carl von Pro» ^. vencc. Nach seinem Tode wollte zwar sein Bruder Lothar erst allein erben, endlich aber war er doch gezwungen, seine Lander mit seinem andern Bruder, Ludwig dem zweyten, zu theilen. Allein er genoß diese Erbschaft nicht lange. Seine Liebe gegen Waldraden, welche von seinen Bischöfen gebilliget, und vom römischen Bischöfe, NicolauS, verworfen wurde, erfüllte sein Leben mit immerwährenden Unruhen. NicolauS, der an Benedicti Stelle, eben wie sein Vorfahr, ohne die Einwilligung des Kaisers, erwählt worden war, behauptete das eigenmächtig angemaßte Recht der römischen Bischöse über weltliche Fürsten, in Ansehung Lothars, mit einem ungewöhnlichen Nachdrucke. Er sollte vor ihm erscheinen, und sich wegen seiner geliebten, und in den Bann erklärten, 867 Waldrade rechtfertigen. Er gieng auch, unter Ha- 868 drian dem zweyten, dem Nachfolger des Nikolaus, nach Rom, that einen falschen Eid, und weil er bald darauf starb, so ward sein Tod als eine gerechte Strafe dafür angesehen, daß er den Stcttthaltee Gottes hintergangen hatte, welcher auö geheimen Ursachen sich der höhcrn Eingebung, die ihm allezeit zu Gebothe steht, nicht bedienen wollte, seinen falschen Eid zu hindern. C - Noch ?6 Einleitung in die allgem. Geschichte I.ihr nach Noch seuftte der Orient unter Michaels Tyran- Chr. Gcb. Verschwendung. Bardaö, welcher dem Z?»,c»?<^. Reiche so wichtige Dienste geleistet hatte, war aus 856 einem vielleicht gegründeten Argwohne, daß er das Reich von diesem Ungeheuer zu befreyen suchte, umgebracht worden. Basilius hingegen, von Geburt ein Armenier, der sich/ungeachtet seiner Armuth, durch Tapferkeit und große Eigenschaften emporgeschwungen hatte, wurde vom Kaiser in die erledigte Würde des Bardaö erhoben. Allein weil er nicht glaubte, daß Schmeichelei) Dankbarkeit wäre, und Michaeln allzufreymürhig bestrafte: so wurde er verhaßt. Der Kaiser suchte einen seiner Narren, dem er königliche Kleider anziehen ließ, in seine Würde zu erheben, und 867 den Basilius umbringen zu lassen. Dieser kam ihm zuvor, und bemächtigte sich, nachdem Michael ge- tödtet worden war, des kaiserlichen Thrones. So ward eine Bosheit mit der andern vergolten! Basilius war ein Fürst von großen Verdiensten, der selbst regierte, den Schmeichlern und Possenreißern des vorigen Kaisers die dem Staate geraubten Schatze wiedernahm, und sich allezeit als einen Freund und O»?/»/.«-. Schußgott der Gerechtigkeit bezeigte. Unter ihm S-?/». /. c. mußte Photius, ob er sich gleich zeither wider den ab- /^?- gesetzten Jgnatius, und wider die Verfolgungen der römischen Bischöfe, vor die, nach den Kirchengesetzen, diese Angelegenheit nicht gehörte, immer noch erhalten harte, dennoch seinem Feinde weichen, und sich des Patriarchats beraubt sehen. Der Streit betraf nur eine bischöfliche Würde. Gleichwohl waren alle diese Unruhen der vornehmste Grund zu der großen Trennung zwischen der griechischen und römischen Kirche. iothars der Welt. Erster Abschnitt, z? Lothars Tod hatte neue Unruhen erweckt- Carl, Jahr nach der Kahle, und Ludwig, der zweyte, sein Bruder, vcr- Geb. langten Austrasien ganz zu erben, und Ludwig von ^A-^^ Deutschland foderte die Hälfte. Allein er trat dem ^ Kaiser, in der Hoffnung sein Nachfolger zu werden, ^„.. seinen Antheil ab. Er und Carl in Frankreich hat- <7„/v, „. ten auch keine Ursachen, auswärtige Feinde zu suchen; ^»c/-. denn sie hatten sie in ihren Familien. Ihre Söhne empörten sich balv; bald versöhnten sie sich mit ihnen , und die Väter waren immer gezwungen, die Neue und Unterwerfung ihrer Prinzen mit einigen Ländern zu erkaufen. Dieser Friede war gemeiniglich von keiner langen Dauer. Carlmann trieb seinen Ungehorsam gegen Carln, den Kahlen, so weit, daß ihn sein Vater endlich gefangen nehmen, und nachdem er von den Bischöfen verurthcilt worden 874 war, seines Gesichtes berauben lies. Dieser ehrgeizige und allezeit unruhige König hatte an den Normannen unversöhnliche Feinde. Weil er mehr darauf umgieng, fremde Lander zu erobern, als die seinigcn zu beschützen, so mußte er sich alle Gesetze vorschreiben lassen, welche ihm diese hochmüthigen Völker nur vorschreiben wollten» Keine abendländische Küste war vor ihren Einfällen sicher. Ethelbald, Ethelberd, Ethclred, und Alfred, Edelwulphs Söhne, welche nach einander in Britannien herrschten, waren in beständige Kriege mit ihm verwickelt, die mit einem abwechselnden Glücke geführt wurden. Das Schrecken, worein die Normannen Frankreich, Engelland, und Deutschland in Schrecken setzten, breiteten die Saracenen über Italien aus. Ludwig, welchen der Pabst zum Könige in Austrasien gekrönt hatte, genoß ein so unruhiges C 3 Glück ?8 Einleitung in die allgem. Geschichte Ichr nach Glück nicht lange. Kaum war der Aufruhr des Chr. (Äcb. Hxx-^gs von Benevent durch die Vermittlung des römischen Bischofs gestillt, und seine Furcht vor den Griechen, welche Adelgisus zu Hülfe gerufen hatte, verschwunden, als er starb; ein Herr, der vielleicht mehr Ansehen gehabt hätte, wenn er den Ergehlich- keiten nicht allzusehr ergeben, und von seiner Gemah- 875. 876 linu,Ingelberg, weniger eingenommen gewesen wäre« Nunmehr gieng AM, der Kühlt/ welcher zeirher seine Absichten auf Italien geheim gehalten hatte, sogleich dahin, bemächtigte sich der hinterlaßncn Schatze Ludwigs, des zweyten, und ließ sich zum Kaiser krönen. Vielleicht hatte ihm sein älterer Bruder, Ludwig von Deutschland, diese Krone streitig gemacht: denn er hatte seine Söhne, Carln und Car- lomannen, in dieser Absicht schon nach Italien geschickt; allein sein Tod unterbrach diese Unterneh- 876 mungen, und Carl sah sich von einem mächtigen ^»u. Feinde befrept. Er wollte seine Rache gegen seinen />/. Bruder, desselben hinterlaßnen Söhne empfinden ^' ^' lassen, und ihnen durch Gewalt und List, wo nicht alle ihre Länder, zum wenigsten doch den Antheil vom Lotharingischen Reiche, entreißen, welchen er ehedem an ihren Vacer abzutreten gezwungen worden war. Seine Rcgicrsucht war gegeil die Stimme der Billigkeit und der Natur taub, weil er auf seine Macht ^-v-'p'/vM. troßtc. Doch sein Uebermuth wurde bey Andernach «t77- durch eine schimpfliche Niederlage eines gewaltigen Heeres so sehr gedemüthigt, daß er die Theilung der drey Brüder nicht weiter hindern konnte. Er war nicht einmal im Stande, den Normannen zu widerstehen, und der, welcher sich wohl eher in seinem Uebermuthe einen König der Könige nannte, und alle Lander der Welt. Erster Abschnitt. ?9 Lander unter sein Joch beugen wollte, mußte von die- Jahr nach sen Räubern den Frieden einmal über das andere ^ erkaufen. Er hatte sich Italiens bemächtigt, und konnte doch seine neuen Unterthanen nicht gegen die Wut der Saracenen beschützen. Sie hatten Untcr- italien erobert, und befestigten daselbst ihre Herrschaft, weil sich nicht allein viele misvcrgnügte Fürsten, sondern so gar viele Bischöfe, mit ihnen vereinigten. Der römische Bischof, Johann der achte, Hadrianus 872 dcö zweyten Nachfolger, konnte sie von Rom nicht 876 anders, als durch einen ansehnlichen Tribut, zurückhalten. Also stimmten die eigennützigen Schmeiche- leyen dieses Pabstes, welcher Carln einen Erretter der Welt gepriesen hatte, als er ihn in Hoffnung großer Vortheile widerrechtlich zum Kaiser erwählte, mit dem Erfolge nicht überein. Der Kaiser ließ sich 87? zwar endlich bewegen, nach Italien zu kommen. Allein da ihn Carlomann, der König der Bayern, daselbst verfolgte, so gerieth er in ein so großes Schrecken, daß er eilig die Flucht ergriff, und zu Brios, entweder von vielen erlittnen Beschwerlichkeiten abgemattet, oder von seinem Arzte, ZedckiaS, einem Juden, vergiftet, in der elendesten Hütte ein Leben verließ, das von bestandigen Unruhen eines ^-L- niedrigen Ehrgeizes erfüllt, von großen und edlen Thaten aber ganz leer gewesen war. Sein Tod stürzte Italien in eine schreckliche Ver- 878 wirrung. Ludwig, der Stammler, konnte sich kaum in Frankreich erhalten. Er durfte also nickt nach der kaiserlichen Krone streben, sondern mußte sie Lem Könige der Bayern überlassen. Er verrichtete, wahrend seiner Regierung, nichts, das der Geschichte merkwürdig gewesen wäre, und starb. Seine hinterlasse- 879 C 4 nen 4v Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach nen Söhne, Ludwig und Carlmann, wurden zwar gs- Chr. Geb. f^nt; allein wirklich herrschten unter ihrem Namen die Großen, vornehmlich Hugo, Bernard, Boso und Theodorich. So verwirrt rönnen keine Umstände seyn, als diejenigen, in welchen sich Frankreich befand. Aebte, so mächtig, waren Klösteraufseher geworden , und Bischöfe empörten sich wider ihre rechtmäßigen Könige, und anstatt für sie zu beten, 878 führten sie Kriegsheere wider sie an. Der Herzog von Provence, Boso, zog aus dieser Verwirrung seinen Vortheil, und warf sich zum Könige der erwähnten Provinz und von Burgund auf. Die Saracenen, von deren Wut Italien soviel , leiden mußte, fanden in Spanien einen mächtigen Feind an Alphons, dem Großen, der sie mehr als ein- mal überwand. Im Oriente demüthigte sie Basi- liuS durch verschiedne glückliche Feldzüge. Er über- 879 wand sie in Armenien und Palästina. Er ertheilte seinem Sohne, Leo, den Titel eines Kaisers. Nach- 884 her aber ließ er ihn ins Gefängniß werfen, weil ihm ein gewisser Mönch Santabaren genannt, verleumdet hatte, daß er seinen Vater vom Throne zu stürzen suchte. 6»,7. HK?/- Alfred machte in Engelland seinen Namen durch MeiF. ^jng wcije und edle Regierung berühmt. Er hatte sich kein geringeres Muster vorgestellt, als den Sa- lomo. Mit den Normannen hatten er und Grego- rius in Schottland beständig zu streiten, die, wenn sie auch einmal unglücklich waren, dennoch immer mit neuen Heeren wiederkamen. 88^ ^arl, d^r DMe, hatte sich, ungeachtet der Ein- Wendungen des römischen Bischofes, zum Kaiser krö- 4°. ne„ lassen. Ob er gleich von den Normannen, die der Welt. Erster Abschnitt. 41 ln seinen französischen und deutschen Landen wüteten, Zchr nach einen schimpflichen Frieden erkaufen mußte; So ^r. Geb. schien es doch, als ob sich unter ihm die abcndlän- 88>. 882 dische Monarchie zu ihrer vormaligen Größe erheben wurde. Denn der bayrische König Carlomann, Lud- 88^ wig von Deutschland , und Caulomann in Frank- 882 reich, waren gestorben. Die Länder der beyden er- L85 sten Könige sielen, vermöge des Erbrechtes, auf ihn. Der letztere hatte zwar einen Sohn, Carln den Einfaltigen, hinterlassen; Allein weil er erst fünf Jahr alt war: So trugen die Stande von Frankreich, welche unter keinemKinde stehen wollten, und Schutz wider die Normannen suchten, dem Kaiser die Krone an. Zum Unglücke besaß er die großen Eigenschaften seines AnHerrn, Carl des Großen, nicht, und konnte also die Wünsche seiner Reiche nicht befriedigen, Italien nicht wider die Saracenen, und Frankreich und Deutschland nicht wider die Normannen, beschützen. Dadurch ward er allen seinen Ständen verächtlich. Die Italiener nöthigten den Pabst, Hadricm den dritten, daß er zwo den kaiserlichen Gerechtsamen sehr nachtheilige Verordnungen machte, und erklärte, daß der zukünftige Nachfolger des Kaisers allezeit ein italienischer Fürst seyn, und kein Kaiser bey keiner Wahl der römischen Bischöfe etwas mehr zu sagen haben sollte. Die deutschen Stände 886 empörten sich auch. Sie waren, seiner Schwachheit ^'"'"> wegen, des Gehorsams schon lange entwohnt, und gehorchten seinen Befehlen nicht weiter, als sie ihren ^ Vortheil dabey fanden. Sie erklärten ihn für unfähig, länger zu regieren, und erwählten Arnolfen^ den Herzog von Kärnthen, CarlmannS von Bayern unachten Sohn, aus Vertrauen zu seiner Tapferkeit, C 5 zu. 42 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach ^ ihrem Oberhaupte. Carl, der vor kurzem noch Chr. Geb. ^ ^ ^nge zertheilte Gewalt des Occidcntes unter seinem Scepter vereinigt gesehen hatte, sah sich nun in der Gefahr, ohne Liudwerts, des Bischofes von Tribur, Hülfe, vor Dürftigkeit und Mangel umzukommen; ein schreckliches Beyspiel von der Hinfäl- ligkcit der irdischen Größe. Er besaß freylich nicht die großen Eigenschaften, die er, als der Beherrscher einer so weitläuftigen Monarchie, brauchte; aber doch so viel Gutes, daß er ein beßres Schick- 888 sal verdiente. Zu seinem Glücke überlebte er seinen Fall nicht lange. 886 Basilius, der Beherrscher des Orients, starb ei- /o/'. c?^»/,. nigx Iah^ vor ihm. Er hatte seinem Nachfolger O^. Zn. ^ Sohne, dem Leo, dessen Unschuld noch vor seinem Tvde bekannt wurde, die lehrreichsten Vorschriften gegeben, wie er seine Völker regieren sollte. Die Zeit hat sie aufbehalten. Leo übertraf die Hoffnungen seines Vaters. Seine Gelehrsamkeit, Weisheit und Liebe zu den Wissenschaften erwarben ihm den Namen eines Philosophen. Auch arbeitete er selbst an der Verbesserung der Gesetze. PhotiuS hatte das Unglück, ihm zu misfallen, und wurde abgesetzt, weil er seinen Bruder, Stephanus, gern zum Patriarchen machen wollte. Das Glück war seinen Waffen wider den Herzog Wido in Italien nicht 88? günstig. Der Fürst der Bulgaren, Simeon, bekriegte ihn auch, und blos der Beystand der Ungarn, die er zur Hülfe rief, setzte ihn in den Stand, seinem Feinde einen Frieden abzupressen, den der- 888. 889 selbeHSch dem Auszuge der Ungarn so gleich wider 89c» brach. Im der Welt. Erster Abschnitt. 4? Im Occidente herrschte eine allgemeine Verroir- Jahr «ach rung. Fast alle Großen suchten einen Theil dieser Geb. Monarchie an sich zu reißen. Berengar, der Her- 888- 889 zog zu Friaul, ließ sich zum Könige der Lombardei) krönen. In Frankreich theilten sich Rudolph von Burgund, Odom vonAquitauicn, Widv, der Herzog von Spoleto, und Carl, der Einfältige, Ludwigs, des Stammlers, Sohn wurde Übergängen. Odo nahm den Namen eines Königes von Frankreich, und Nudolph den Namen eines Königes voü Burgund an. Beyde erkannten, damit sie desto sichrer auf ihren Thronen waren, Arnolfs Oberherrschaft. Dieser stürzte sie in dem Besitze derselben nicht. Denn gekrönte Vasallen schmeichelten nicht al- lein seinem Stolze, sondern er mußte auch, weil er Kaiser werden wollte, allen Hindernissen vorbeugen, welche den glücklichen Ausgang dieses Unternehmens aufhalten konnten. HMo, der Herzog von Spoleto, sein Mitbuhler um diese Würde, bekriegte Berengarn mit so vielem Glücke, daß er ihn überwand, und vom Pabste, Formosus, zum Kai- 89t ser gekrönt wurde. Denn die Wahl der römischen Bischöfe war schon, seit vielen Jahren her, nicht auf Rechte, oder Verdienste, sondern blos auf die überwiegende Macht der darüber streitenden Parteyen, angekommen. So war FormosuS, ob er gleich wider die Kirchengesetze erwählt worden war, ein rechtmäßig erwählter Pabst, weil die Macht seiner Partey groß genug war, seinen Nebenbuhler, SergiuS, ins Gefängniß werfen zu lassen. Was die Heiligkeit anbetraf, so brauchte sie keiner eher zu haben, als bis er Pabst wurde, weil sie mit seinem Amte verbunden war. Er konnte tausend Gewaltthätigkeiten vcrrich- 44 Einleitung in die allgem. Geschichte Aahr nach verrichten, und doch gewiß seyn, daß man ihm nach Chr. Geb. ^-inem Tode Wunder genug zuschreiben würde. That er sie nicht bey seinem Leben, so that sie gewiß sein Leichnam nach seinem Tode. Unterdeß hatte sich Berengar an den König von Deutschland gewendt. Arnolf war bereit, ihm wider den Kaiser des Pabsteö zu beschützen, nachdem sich derselbe erklärt hatte, daß er, als König der Lombardei), sein Vasall seyn wollte. Die Hülfe war von keinem Nachdrucke, weil Arnolf seine Macht wider die Mahren und wider die Normannen thei- 891 len mußte. Endlich gieng er doch nach Italien, als N,///. er von dem römischen Bischöfe selbst dazu eingeladen ^e^.c-,»- Denn Wido hatte in den Augen desselben dadurch, daß er die kaiserlichen Rechte über Rom lind seine Bischöfe gültig machen wollte, einen Fehler begangen, der ihn seiner Würde verlustig machte, ungeachtet er seine Creatur war, und ihm die Krönung Lamberts, seines Sohnes, zu danken hatte. 806 Arnolf eroberte durch einen kleinen glücklichen Zufall ^tt/^././. Rom, und wurde darauf zum Kaiser gekrönt. Allein ck/'^'ttm er konnte sich nicht in Italien erhalten; denn Be- ^' " ' rengar, dessen er sich durch eine Art der Verräthe- rey entledigen wollte, und Lambert, vereinigten sich mit einander, theilten Italien unter sich, und Arnolf mußte nach Deutschland zurückgehen, wo die Mahren und Böhmen einander bekriegten. 894 Die Normannen konnten Frankreich mit einer desto größern Kühnheit verheeren, weil solches Odo, Roberts des Starken Sohn, welcher unter Carln, dem Kahlen, sich und seine Familie durch seinen Muth wider die Normannen groß gemacht hatten, und Carl, der Einfältige, selbst thaten , denn sie stritten beyde der Welt. Erster Abschnitt. 45 beyde um die Krone. Die Normannen, diese allge- Zahr nach meinen Freybeuter, waren in Engelland und Schott- ^°b. land nicht so glücklich: weil in Engelland Alfred, und 6«?7, M,/. sein Sohn Eduard; in Schottland aber Gregorius, und sein Sohn Donald, die Macht ihrer Reiche wieder sie vereinigt hatten: So konnten ihrer Wut und ihrem Glücke Grenzen gesetzt werden. Zrinovit hatte in Pohlen nach dem Piast regiert, ein kriegerischer Fürst, der die Pohlen zuerst Kriegs- zucht lehrte. Er war ihr Tullus Hostilius, so wie sein Nachfolger, Lescus, der vierte, ihr Ancuö Mar- tius wurde. Auch fieng der Name der Russen an bekantec 892 zu werden, als er vor dem gewesen war. Die schwedischen Könige hingegen wurden nicht sehr merkwürdig. Weil sie Feinde und Verfolger der Christe» waren, so hub das Heidenthum das Haupt wieder empor; denn das daselbst ungepflanzte Christenthum war der ersten Kirche so wenig ähnlich, daß es unter Verfolgungen nicht wachsen konnte. Rom, dieser Sitz der vermcynten Statthalter 897^ 898 Gottes, gab dazumal der christlichen Welt erbauliche Beyspiele. Nachdem Formosus gestorben war, ward 6a--o». Bonifacius, ein Bösewicht, denn so beschreiben ihn ^ die Geschichtschreiber der römischen Kirche selbst, von "^"'^ einem noch schlimmern Bösewi'chte, Nicolauö, welcher sich Stephcmus den sechsten hieß, vom bischöflichen Throne verstoßen. Zum Beweise, wie würdig er ihn besäße, ließ er den Leichnam des Formosus, vor dem sich doch bey seiner Beerdigung alle Bilder der Heiligen in der Kirche gebeugt haben sollten, ausgraben, mit den pabstlichen Kleidern bekleiden, ihm eben so, als wenn er noch gelebt hält?' den 46 Einleitung in die allgem. Geschichte Zahr nach h^, Proceß machen, drey Finger, als einem Misse- tzhr. Geb. ^h^tcr, abhauen, und ihn in den Tyberstrom werfen. Auch erklärte er alles, was derselbe gethan und verordnet hatte, für nichtig, und seinen Namen für ehrlos. Jedoch in der Folge wurde sein Andenken vom Johann, dem neunten, wiederhergestellt, und des Ste- phanuö Verfahren für unmenschlich erklart. Und in der That verdiente es den größten Abscheu, weil es sein Wohlthater war, dessen Asche er geschändet yOO' hatte. Der Streit, der sein Leben endigte, schien keine unanständige Vergeltung für diese That zu seyn, /.e. Arnolfs Ende wurde durch die Kriege der Mahren und Böhmen, durch die Untreue, deren seine Gemahlinn gegen ihn überwiesen wurde, und durch die Schicksale seines unächten Sohnes Zwentibold, beschleuniget. Er hatte denselben zum Könige in Lothringen gemacht; in der That aber hatte er die- 899 sem Lande einen Tyrannen gegeben, der seine Unterthanen mit Feuer und Schwert verfolgte. Arnolf starb, und sein noch unmündiger Sohn, L^dwig^. wurde von den Standen zum Könige erwählt. Zwen- 900 tibolden verfolgten seine gereizten Unterthanen, und erschlugen ihn. 901. 902 Die Hunnen, welche vor dem unter Arnolfen ^»//^./.2. wider die Mahren zu Hülfe gerufen worden waren, ^ ^. hatten Deutschland kennen gelernt, und seine Schatze Q^?'^ machten sie lüstern. Sie hofften unter einem minderjährigen König ungestraft einfallen zu können. Bayern und Kärnthen wurden verwüstet, und ausgeplündert. Die Reichthümer der Klöster lockren sie auch nach Italien, wo sie zwar von Bcrengarn überwunden wurden, überall aber doch schreckliche Spuren raubbegieriger Barbaren zurückließen. Hier herrschte der Welt. Erster Abschnitt. 47 herrschte, unter mannigfaltigen Abwechslungen des Zahr nach Glückes, Berengar, bald ein König, bald ein Ver- Chr. Geb. triebner. Ludwig, Bosons von Burgund Sohn, 5«///^./.,. hatte ihn vom Throne verstoßen, und sich zum Kaiser ^ "- krönen lassen. Allein da eben derselbe seines Glückes allzugewiß zu seyn glaubte, bekam ihn Berengar 904 durch Verrätherey in seine Gewalt, und ließ ihn auö Rache des Gesichts berauben. Er wurde also wieder öK,?. 5co?. der Mächtigsie. Doch der römische Bischof und «- ^> die Italiener liebten die Veränderung der Herrschaft. Sie erklärten sich nunmehr für Lamberten, der ehe- dem schon vom Pabste FormosuS zum Kaiser gekrönt worden war, und sich zeicher in einem Winkel Italiens verborgen gehalten hatte. So war dieß unglückselige Reich ein beständigst Schauplaß der Herrschsucht seiner Prinzen und der Herrschsucht der römischen Bischöfe. Diese Väter der Gläubigen verfolgten einer den andern, bald nach ihrem Tode? bald noch zu ihren Lebzeiten. Johann der neunte 904 verdammte seines Vorfahren grausames Bezeigen 6«>/>-./> land befrcyt, welcher denselben auf der Jagd um- brachte. Adalbertö Beyschläferinn, Theodor«, machte nach des Sergl'us und AnastasiuS Tode einen gewissen Land» zum Bischöfe. Aus Dankbarkeit gegen sie, mußte derselbe einen Diaconus von Raven- na, Johannes genannt, dessen Schönheit sie bezaubert hatte, erst zum Bischöfe von Bologna, und in eben dem Jahre zum Erzbischose zu Ravenna, machen. Der schändliche Umgang, den sie mit diesem Johann unterhielt, hatte so viele Reizungen für sie, daß sie ihn, nach des AnastasiuS Tode, auf den römischen Stuhl erhob. Also hatte man zu der Zeit 91: Verdienste genug zu dieser Würde, wenn man schön war, und sich in die Arme eines Unzüchtigen warf, dem man gefiel. Wie sehr müssen nicht die Mön- U. Theil. ' D che 5o Einleitung in die allgen:. Geschichte Jahr nach che das Gelübde der Keuschheit beobachten, da man Chr. Geb. dm-ch die Hülfe der Unkeuschheit Bifchof, Erzbischof undPabst, werden konnte! In Deutschland war das Jahr vorher König ^ 7- Ludwig gestorben. Der Kummer, daß er die Hunnen , welche seit dem Anfange dieses Iahrhundertes alle deutschen Provinzen durchplünderten, nicht bändigen konnte, hatte vermuthlich sein Ende beschleunigt. Die Deutschen waren so unglücklich wider sie, daß sie ihnen zinsbar werden mußten. Mit Ludwigen starb der mannliche Stamm der Carolinger in Deutschland aus. Nach seinein Tode wollten die Stände das Reich, das seit Arnolfs Zeiten schon mehr ein Wahlreich, als Erbreich gewesen war, dem Herzoge von Sachsen, Otto, einem sowohl tapfern, als weisen und großmü- yl2 thigen Greise, auftragen. Er lehnte aber diese beschwerliche Würde seines hohen Alters wegen von sich ab, und ungeachtet er sich schmeicheln konnte, daß die Stände seinen Sohn, Heinrich, gewiß wählen würden, wenn er ihnen denselben nur vorschlüge, so war er doch edel genug, die Krone lieber seinem Feinde, Conrad, dem Herzoge von Franken, zu gönnen. Also wurde C Mfad zum Könige der Deutschen gewählt. Conrad, den Ottons Großmuth rührte, wählte ihn zu seinem vertrautesten Freunde, und überließ sich seinem weisen Rathe fast in allen seinen Unternehmungen. Nur hätte dieser Greis, zum Besten des Reiches, länger leben sollen; denn mit seinem Tode schien auch der Friede und die Eintracht unter den Ständen zu 91Z. u.f.I. sterben. Der König wollte seinen? Sohne Heinrich, einem feurigen und kühnen Prinzen, vielleicht aus Eifersucht, vielleicht a^ch aus Vorsicht/nicht die ganze Macht der Welt. Erster Abschnitt. 5- Macht seines Vaters lassen. Dieser sah ein solches Zahr nach Unternehmen als eine Ungerechtigkeit an, und suchce seine Rechte mit geivaffneter Hand zu behaupre». ^eS«^. Seinem Beyspiele folgten bald andre unter den 6""^- Großen des Reiches. In den Kriegen, die darüber /^.„^ n«. entstunden, war Conrad die meiste Zeit unglücklich. Die Hunnen wußten sich dieser innerlichen Unruhen zu 57, o», ^ ihrem Vortheile zu bedienen, und breiteten Verwü- ^ «- siung und Elend über ganz Deutschland aus. Sie wurden zwar von dem böhmischen Herzoge, Wraris- 916 laus, der sich im Anfange mit ihnen verbunden gehabt hatte, wegen ihrer Treulosigkeit gcdemürhigt. Allein sie erholten sich bald, und fielen, nach seinem Tode, wieder in Mähren ein, welches schon durch eine grausame Fürstinn, Drahomira, genug verwüstet wurde. Auch gereichte es Conraden zu keinem geringen Kummer, daß seine Anschlage auf Lothringen zernichtet wurden, und Carl, der Einfältige, obgleich der Herzog Gieselbert wider ihn rebellirte, in dem Besitze dieses Reichs blieb. Berengar, der zweyte, welcher zeither nur den Namen eines Königes der Lombardei) geführt hatte, ließ sich nunmehr von Johann, dem zehnten, zum Kaiser krönen. Da er itzt keine Feinde mehr zu bestreiken hatte: so hatte er seine ganze Macht wider die Sa- c?^/. racenen wenden können, die sich auf dem Berge Ga- ^"^"/" lianus befestigt hatten, und von da aus alle benach- ^ '° Karten Gegenden mit ihren Strcifereyen beunruhig, ten. Jedoch der römische Bischof, der am meiste» dabey litt, mußte das meiste dabey thun, und er war es, der mit einem vorzüglichen Eifer diese Barbaren zu vertilgen suchte. Er verband sich nicht allein mit den mächtigsten Fürsten Italiens wider sie, sondern D 2 bat 52 Einleitung in die gllgem. Geschichte Zahr nach bat auch die Griechen um ihren Beystand. In der Chr. Geb. -z^t schickte er sich auch besser zu einem Feldherrn, als zum Bischöfe. Denn er führte mit dem Marggrafen von Toscana selbst ein Heer an, und die Saracenen litten eine völlige Niederlage. Ein Sieg über diese furchtbaren Völker war so etwas ungewöhnliches , daß man ihn einer wunderbaren Gegenwart der vermeinten Stifter des römischen Stuhles zuschrieb. <"»,-<,/>«/. Constantin Porphyrogenneta, beherrschte, nach t-.^. Alexanders Tode, unter der Regentschaft seiner Mutter, Zoe, und des Patriarchen, NicolauS, den Orient. Ein gewisser Constantin Ducas hatte ihm seine Herr- yiz schaft streitig machen wollen; allein er war bald über- 914.915 wunden worden. Die Unruhen, welche Simeon, der 916 König der Bulgaren, erregte, waren gefährlicher, und dauerten länger. s^z/??e»5. In Spanien machte sich Ordom'us, der zweyte, M,-7n,. den Saracenen durch viele Siege furchtbar. Die Größe seines Geistes leuchtete zu der Zeit am meisten hervor, als sein Heer eine starke Niederlage erlitten hatte. Ohne seine Herzhaftigkeit zu verlieren, sammelte er sogleich den zerstreuten Rest seiner Völker, und war so schnell ein Ueberwinder, als er überwunden worden war. Sein Ruhm würde ohne Flecken seyn, wenn er seine Hände nicht durch eine unwürdige Verräthcrey in das Blut der castilianischen Grafen getaucht hatte. Castiliens Aufruhr war die Folge dieser einem Könige so unanständigen Handlung. In Deutschland hatte zeicher noch immer eine Scene des Unglückes mit der andern abgewechselt. Bald ward dieses Reich von den Räubereyen der Hungarn, bald von den Räubereyen der Großen verwü- der Welt. Erster Abschnitt. 53 verwüstet. Conrad starb, und hatte das Glück Ä"hr nach nicht, beyde zu bändigen. Otto, der erste, war vor- ^hr. Geb. dem gegen ihn großmüthig gewesen. Nunmehr war er solches, aus Uebe zu seinem Vaterlande, ge. ^ ^ ^ gen den Sohn desselben, Heinrichen, der sich bestän- A-^. dig als ein Feind gegen ihn aufgeführt hatte. Er /. ^. c. ^. bat seinen Bruder, Eberhard, der sich vielleicht einige 6,"--//. Hoffnung zur Krone machte, daß er Heinrichen die Kleinode des Reiches überbringen , und der erste seyn mochte, der sich ihm unterwürfe. Conrad besaß in der That so viele gute Eigenschaften daß er unstreitig groß gewesen seyn würde, wenn seine Regierung in glücklichere Zeiten gefallen wäre. Er opferte dem allgemeinen Besten allezeit seine eigne Empfindlichkeit auf, und wenn er den Geistlichen allzusehr ergeben war: so geschah es vornehmlich darum, weil er ohne ihre Hülfe sich wider die Großen seines Reiches nicht erhalten konnte. Sein Nachfolger im Reiche, 920 Heinricb . war tapfer, großmüthig, zum Zorne zwar geneigt, aber eben so leicht versöhnlich, und außer diesen persönlichen Eigenschaften mächtig. Herzog Burchard von Schwaben, und Arnolf, der nach Con- rads Tode das ihm seiner Rebellion wegen entzogene Herzogthum Bayern wieder eingenommen hatte, widersetzten sich zwar dem neuenKönige im Anfange; endlich aber ließen sie sich bewegen, ihm Treue und ^ 4- Unterwürfigkeit unter sehr vortheilhaften Bedingungen zuzusagen. Sein erster Feldzug gieng wider 922 Carln, den Einfältigen, in Frankreich; allein dieser Krieg war von keiner langen Dauer. Obgleich die eigentlichen Bedingungen des Friedens nicht gewiß bestimmt werden können: so ist doch glaublich, daß Heinrich von Carln mehr Vortheile, als einige Re- D z liquicn 54 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach liquien und Geschenke, erhalten haben müsse. Denn Chr. E)-b. hg hj^. König immer die Großen seines Reiches 9^ wider sich hatte: so erfoderte es sein Nuhen, mit einem so mächtigen Feinde, als Heinrich seyn konnte, den Frieden auch mit der Abtretung einiger Vortheile zu unterhalten. Die Folge war ein Beweis tom-. davon. Carl hatte einen gewissen Hagano zu sei- F>"-F. nem Vertrauten erwählt. Dieser Liebling war von einer niedrigen Herkunft; allein seine Klugheit, mit welcher er die Angelegenheiten seines Herrn wahrnahm, erwarb ihm bey demselben das größte Vertrauen. Der König ließ dasselbe nur allzusehr sehen. Wenn andre Großen einen Zutritt zu ihm suchten: so wurden sie allezeit mit der Antwort zurückgewiesen, daß Hagano bey ihm wäre, eine Antwort, die bald zum Sprüchworte wurde. Sie war sogar Heinrichen, dem Vogler, einmal gegeben worden, und hatte ihn zu sagen veranlaßt, daß entweder Hagano bald König, oder der König bald ein Edelmann, wie Hagano, seyn würde. Nichts entfernt die Herzen der Unterthanen mehr von einem Könige, als das allzugroße Ansehen eines Lieblings bey ihm. Carl erfuhr es; denn sein allzugroßes Vertrauen auf seinen Hagano machte die Großen des Reiches eifersüchtig, und sie nahmen daher Anlaß, sich wider ihn zu empören. Robert, Odons Bruder, welcher vordem Carln die Herrschaft streitig gemacht hatte, wurde von den Mis- vcrgnügten zum Könige erklärt. Der König wurde zwar durch des Erzbischofs von Rheims Beystand, der ihm alleine getreu geblieben war, noch auf dem Throne erhalten; doch die bürgerlichen Unruhen fingen sich bald wieder vom neuen an, als er sich immer noch von seinem Lieblinge beherrschen ließ, und ihm - . eine der Welt. Erster Abschnitt. 55 eine Abtey gab, welche der Abt Hugo, Roberts Sohn, Jahr nach mit einem scheinbaren Rechte für sich verlangte. Die Parthey wider den König wurde auch so machtig, daß Robert endlich vom Erzbischofe zu Nhcims, welcher Carln so wichtige Dienste geleistet hatte, zum Könige gekrönt wurde. Dennoch ließ der König den Muth nicht sinken. Er war so glücklich, Roberten in einem Treffen zu überwinden, und, wie man sagt, mit eigner Hand zu todten. Allein der Geist des Aufruhres lebte noch in denUeberwundenen; sein Sohn, Hugo, wurde das Haupt der Rebellen, und ob er gleich, die Eifersucht der Großen nicht wider sich zu reizen, so vorsichtig war, daß er sich nicht selbst zum Könige krönen ließ: so brachte er es doch durch sein Ansehen dahin, daß Rudolf, Herzog von Burgund, der Gemahl seiner Schwester Emma, auf den Thron erhoben wurde. Carl wurde von den Scinigen verlassen, und sah sich gezwungen, Heinrichcn,dem Vogler, Lothringen abzutreten, damit er ihn unterstützen möchte. Rudolf, Hugo, und die andern Großen, wa- 92z reu nicht machtig genug, sich mit offenbarer Gewalt aus der Gefahr, worein sie diese Hülfe brachte, herauszureißen. Sie retteten sich also durch Betrug. Der Graf von Vermandois, ein Mann, der die Ge- schicklichkeit besaß, einen Betrug zu erfinden, und glücklich auszuführen, kam zu Carln, und versprach ihm, zum Beweise, daß seine Unterwerfung aufrichtig wäre, Peronna zu überliefern. Kaum hatte sich der König, der keine Verrätherey argwohnte, dahin begeben, als er gefangen genommen wurde. Seine Gemahlinn floh nach Engelland zu ihrem Bruder, . Adelstan,welcher, nach Eduards Tode, daselbst regierte, und seinen Namen durch verschiedne Siege wider die , . D 4 Dänen, 56 Einleitung in die allgem. Geschichte Iuhr »ach Dänen, und besonders durch Schottlands Eroberung Chr. Geb. großmüthige Zurückgabe, merkwürdig machte. 924. 9"5« Also behauptete nun Rudolph Frankreich allein. 926 Denn ob sich gleich der König Heinrich verbindlich gemacht halte, Carln wider seine Unterthanen beyzustehen : so hatte er doch selbst in seinem eignen Reiche wider so viele Feinde zu streiten, daß er seine Zusage 92z nicht erfüllen konnte. Er hatte mit den Hunnen, damit nur das Reich von ihren Räubereyen bcfreyet wurde, auf neun Jahre einen Stillstand eingehen, und ihnen einen jahrlichen Tribut verwilligen müssen. Lothringen, das ihm schon unterwürfig geworden war, 925.926 rcbellirte. Der neue König von Frankreich bemächtigte sich desselben. Heinrich wollte also die Aufrührer ihrer Unbeständigkeit wegen züchtigen; aber er erwählte endlich doch den Weg der Gelindigkeit, nachdem die Lothringer Rudolphs überdrüßig geworden waren, und ihn wieber verlassen hatten. Der rebellische Herzog, Gieselbert, wurde von seinem Könige, der nicht rachgierig war, wieder in seinHcrzog- thum eingesetzt. Doch dieser eigensinnige und unruhige Fürst vergaß diese Güte sehr bald, und würde seinem Wohlthäter neue Unruhen erweckt haben, wenn er nicht gefangen genommen worden wäre. Er erhielt von des Königes Großmuth nochmals die Vergebung seiner neuen Untreue. Dieser edle Feind gab ihm nicht allein sein Herzogthum wieder, sondern auch seine Tochter, Gerbcrg, zur Gemahlinn, ihn durch so mächtige Bande einmal bestandig zu machen. Hierauf genoß er einige Ruhe, und er bediente sich dersel- c-?«i-. ben zum Glücke seiner Unterthanen. Er suchte den iuuerlichen Frieden durch die Wiederherstellung der v.^u?,, ^. P.,^^ und durch weise Gesetze, zu befestigen. Er wollte der Welt. Erster Abschnitt. 57 wollte aber auch seine Deutschen nicht allein glücklich, Jahr nach sondern auch furchtbar, machen. Die Deutschen hat- Geb. ten unter den vorigen Regierungen die Schatze und Annehmlichkeiten des Feldbaues mehr kennen gcler- nct, als ihre Vorfahren. Allein indem sie sich ganz allein damit beschäftigten, hatte sie der kriegerische Geist derselben verlassen. Heinrich rief ihn wieder in sie zurück. Er reinigte das Land von den herumschweifenden Raubern, und damit sie dem gemeinen Wesen den Schaden, welchen sie ihm durch ihre Gewaltthätigkeiten gethan hatten, wiederum einigermaßen vergüten möchten, wurde» sie zu Soldaten gemacht. Die Großen des Reiches ahmten in ihren Landern der weisen und patriotischen Sorgfalt ihres , Königes nach. Deutschland sammelte die Früchte dieser königlichen Sorgfalt bald ein, als Heinrich die rebellischen Slaven demüthigte, und, damit sie eher im Zaume gehalten werden könnten, Siegfrieden, den Grafen von Ringelheim, zum ersten Marggrafen in 927.928 Brandenburg machte; als WenceSlauS von Böhmen /^e^./.?. dem Reiche zinsbar werden mußte; als Bernhard, der Herzog von Lüneburg, und des Königes Feldherr, einen fast unglaublichen Sieg über die vereinigten Ibicl. 929 Sorben, Slaven, und Vandalen erstritt; alsWorca, //c/mo/.^. der König der Dänen, Heinrichen einen jahrlichen Tribut verwilligcn, und die Verkündigung der christ- lichen Religion in seinen Landern zulassen mußte. Die Deutschen waren nunmehr von ihrem Beherrscher so sehr an den Sieg gewöhnt worden, daß sie sich ein- müthig entschlossen, den Hunnen, wenn der mit ihnen eingegangene neunjährige Stillstand verflossen seyn würde, ihre Freyheit, ihre Weiber, ihre Kinder und , Güter, nicht langer durch einen schimpflichen Tribut D 5 abzu» 5Z Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach abzukaufen. Diese Barbaren foderten ihn wirklich, Chr. Geb. dc: er ihnen verweigert wurde, ergossen sie sich, gleich einem wütenden Strome, in unzählbaren Heeren über Deutschland. Sie fanden aber nicht, wie vormalö, feige und verzagte Völker vor sich, sondern Löwen, die von einem kurzen Schlafe wieder aufge- 9Z2 wacht waren. Sie litten in Elsas, in Thüringen, /N'tteü./.?. und in Sachsen bey Merseburg,solche Niederlagen,daß 5?"--. die öffentliche Ruhe und Sicherheit bald wieder her- gestellet war. Heinrich, welcher den zukünftigen Einfällen dieser Räuber gern vorbeugen wollte, bemerkte, daß ihnen Deutschland überall offen stünde. Er Q,//>,'». ?'» ließ also Festungen an den Grenzen aufbauen, führte ^c-. Ritterspiele ein, und begnadigte den Soldaten- -^//n>»/? mit großen Vorzügen und Freyheiten, und T'. /' munterte seine Heere dadurch auf, ihr Vaterland, wor- Fo/? innen sie so viele Vortheile genossen, mit einem desto "»5. großem Eifer zu vertheidigen. Indessen war in Frankreich Carl, der Einfältige, in seinem Gefängnisse gestorben. Sein Verräther hatte ihm zwar einmal Hoffnung gemacht, daß er ihm die Freyheit und den Thron wiedergeben wollte. Allein es war ein bloßes Vorgeben, durch welches er von Rudolfen einige Vortheile erzwingen wollte, die er sonst nicht erhalten haben würde. Rudolfs Regierung wurde nunmehr ruhiger; er erhielt auch über die Normannen einen ansehnlichen Sieg: allein sein Ansehen war doch nicht groß genug, die blutigen Kriege zu verhindern, welche die Großen des Reiches , besonders aber der Graf Hugo und der Graf Hebert gegen einander führten. Nicht lange darauf starb er. AMnZ^mchMmjO 'ltsntt '-^uö,75!wZ 1f''N VMiM Im der Welt. Erster Abschnitt» 59 Im Oriente hatte Romcmus 5ccapemis, welcher Jahr nach den Kaiser Constantin zum micbeherrscher des Rei- cheS angenommen hatte, Me Gewalt an sich gerissen, und diesem kaum den kaiserlichen Namen übrig ge- lassen. Das Reich selbst wurde dadurch nicht glück- licher. Simeon, der König der Bulgaren, war sein beständiges Schrecken. Seine oft wiederholten Einfälle verwüsteten Thracien, Makedonien, und Constantinopel selbst, hatte mehr als einmal vor diesem furchtbaren Eroberer zittern müssen. Romanus konnte ihn nicht überwinden. Wider die Saracenen war er glücklicher. Zween von seinen Söhnen machte er zu Casarn, und einen zum Mönche, damit der- > .F«^ selbe Patriarch in Constantinopel werden könnte. Auch fiengen die Russen und Türken cm, sich dem Oriente furchtbar zu machen. Die Christen in Spanien hatten einige Zeit unter einem grausamen Fürsten, dem Frojola, geseufzt. Sein Nachfolger, Alvhons, hatte, nach einer Regierung von etlichen Iahren, den frommen Einfall, ein Mönch zu werden, und seinem Bruder, Ranimir, das Reich abzutreten. Allein weil das Kloster nicht so viel blendendes hatte, als der Thron, so reuete ihn seine Frömmigkeit bald. Sein Bruder glaubte nicht schuldig zu seyn, sich der einmal erthaltencn Rechte wieder zu begeben. Der innerliche Streit, welcher darüber entstund, war Ursache, daß den Sarace- 9Z4 nen, ob sie gleich immer geschlagen wurden, nicht noch ein größrer Abbruch geschehen konnte. Italien war zeither bald von der Herrschsucht seiner und auswärtiger Prinzen; bald von der Unbeständigkeit seiner Einwohner, die immer gern einen Herrn mit dem andern tauscheu wollten; bald von der 6o Einleitung in die allgem. Geschichte Zahr nach her Marozia, welche einen Pabst nach dem andern Chr. Geb. ^achre, und endlich auch den Sohn ihrer Wollüste mit dem SergiuS, Johannen eilften, in diese Würde erhob; bald von den Saracenen und Hunnen in die 924 äußersten Verwirrungen gestürzt worden. Rudolf von Burgund hatte Berengarn vertrieben , und wurde, ungeachtet derselbe verräterischer Weise war ermordet worden, wider durch Hugo, den Grafen von Arles, vom Throne verstoßen. Dieser hatte es seiner Klugheit zu danken, daß er sich unter einem sehr abwechselnden Glücke einige Zeit erhielt. Er vermahlte sich, in Hoffnung, eine unumschränkte Herrschaft in 928. 9zo Rom zu erhalten, mit der berüchtigten Marozia, die 934. 9Z5 durch ihre Schönheit, ihre Buhlercyen, und Missethaten, sich berühmt und machtig gemache hatte. Allein eine Beleidigung, die er ihrem Stiefsohne, Alberich, erwies, zernichtete seine Hoffnung, und er war noch sehr glücklich, daß er den Handen der aufgewiegelten Römer entrann. Alberich ließ seine Mutter, die Marozia, und Johann den eilfren, seinen Stiefbruder, gefangen nehmen, und Rom blieb lange Zeit unter seiner Herrschaft, ungeachtet Hugo ihm dieselbe bald durch Gewalt, bald durch die Vermählung seiner Tochter, an ihn zu entziehen suchte. Alle diese Unruhen bewogen die Italiener, ihre Augen auf den König Heinrich, in Deutschland, zu richten , dessen Macht diesen Verwirrungen allein ein c-?»7. p^zA Ende machen konnte. Er würde auch wirklich nach O,,,»-». Julien gegangen seyn; alles war dazu veranstaltet; er war schon mit seinem Heere aufgebrochen, als ihn eine plötzliche Krankheit zurückzukehren nöthigte. Kurz darauf starb dieser große König , dessen Verlust nur durch seinen Sohn Otto, den Großen, ersetzt werden konnte. der Welt. Erster Abschnitt. 61 konnte. Er war alles, was einen Fürsten unsterb- Jahr yach lich machen kann, ein furchtbarer Held gegen die Chr- Geb. Feinde des Reiches, ein Weiser und sorgfaltiger Regent, ein zärtlicher. Gemahl, und ein Vater, der dem Reiche würdige Söhne erzog. Seine Gemahlinn, MathildiS, gab seinem Leben Glanz und Freude, eine Fürstinn, die sich mit der Erziehung ihrer Prinzen und Prinzeßinnen, oder mit der großmü- ^ thigen Vorsorge für die Armen , die Waisen und Wittwen, beschäftigte, wenn er die Feinde des Reichs schlug, oder dasselbe mit weisen Gesetzen beglückte. Ihrer Frömmigkeit hat das Stift Quedlinburg seinen Ursprung zu danken. Ast , o , Heinrichs Sohn, welcher, seiner Eigen- ^o^v. »» schaften und Thaten wegen, den Namen des Gro- F-/?- 6"- ,ßen erhielt, war zu seinem Nachfolger bestimmt ^ worden, und wurde von den Ständen auch dafür ^ ^ ^ ' erkannt. Er schien die Tapferkeit, die Großmuth, und die weise und patriotische Sorgfalt seines Vaters c/»./,^^. geerbt zu haben. Er vereinigte mit diesen Tugen- den eine Standhaftigkeit des Geistes, die ihn auch^»^ in den verwirrtesten Umständen niemals verließ, und ihm allezeit sichre Wege zeigte, sich aus allen Gefahren herauszureißen. Er liebte die Geistlichkeit, aber er wollte auch, daß ihre Glieder seine Hochachtung verdienen sollten. Er hatte bald Gelegenheit, seinen Charakter durch seine Thaten zu zeigen. Die 9Z6 Hunnen waren wieder in Deutschland eingefallen; sein Sieg über sie in Westphalen befreyte auf kurze Zeit das Reich von diesen Raubern. Auch mußten die Böhmen sehr bald seinen mächtigen Arm empfinden. Drahomira, diese unmenschliche Verfolgerinn der Christen, hatte ihren heidnischen Sohn, Bo- leslaus, 62 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr vach leslaus, zum Morde seines beßern und christlichen Chr. Geb. Bruders, Wenzeslaus, bewogen. Die Folgen dieses Mordes waren schrecklich. Der Mörder, welcher sich der Staaten seines Bruders bemächtigte, häufte Grausamkeit. Der Untergang des Christenthums war beschlossen, und man sah überall das Blut der Erwürgten Christen und ihrer Priester 9Z8 stießen. Otto beschloß, den Tod des Wenzeslaus zu rächen; er zog wider den Mörder desselben aus, und das Ende des Krieges war die Befteyung der 939 Christen, und die Landeshoheit, welche er dem Reiche über Böhmen erhielt. Die Feinde, welche sich im Reiche wider ihn auflehnten, Arnolfs von Bayern Söhne; sein Bruder Heinrich, Gieselbert., der Herzog von Lothringen, und der Pfalzgraf, Eberhard , welche sich mit einander verbunden hatten, den König vom Throne zu stürzen, wurden nach und 940 nach überwunden, ungeachtet des Beystandes, den ihnen der König von Frankreich, Ludwig, Carls des Einfaltigen Sohn, leistete, welcher einige Jahre vorher aus Engelland zurückgerufen, und von den fran- 9Z6 zösischen Standen auf den Thron erhoben worden war. Ludwig hatte sich gezwungen gesehen, mit dem Könige Otto einen Frieden zu schließen, weil er den Graf Hugo, der schon einige Könige nach einander gemacht hatte, und selbst mehr, als seine Könige war, demüthigen wollte. Jedsch dieser Friede war von keiner Dauer, weil sich Otto von den Grafen Hugo und Hebert, die ihm den Eid der Treue schwuren, bewegen ließ, in Frankreich mit , einen: mächtigen Heere einzubrechen. Ludwig war verlohren, wenn sein Feind nicht durch seines Bruders Heinrichs Begierde zu herrschen genöthigt wor- der Welt. Erster Abschnitt. 6z den wäre, Frankreich, mitten im siegreichen Laufe Jahr nach seiner Waffen, zu verlassen, und nach Sachsen zurück- ^r- Geb. zukehren. Ob gleich von den Aufrührern die gewis- 94b ftsten Anstalten zu feinem Untergänge gemacht zu seyn schienen: so war er nicht allein so glücklich, daß er dem Meuchelmorde entgicng, der ihm das Leben rauben sollte, sondern daß er auch die Zusammcnver- schwornen bald zerstreute. Heinrich verlohr zwar 942. 94I durch seinen Aufruhr Sachsen; allein Otto war so großmüthig, daß er ihn, als er sich zu seinen Füssen warf, sogleich begnadigte, und ihm auch, nach Bertholds von Bayern Tode, dieses Herzogrhum,auf seiner Mutter Mathildiö Vorbitte, schenkte. Die Hunnen, welche wieder einen Einfall gethan hatten, waren von dem tapfern und seinem'Könige allezeit getreuen Bertholde kurz, ehe er starb, noch einmal überwunden worden. Bald darauf wurde Otto von Ludwigen in Frankreich um seinen Beystand ersucht« ' Dieser König hatte zeither wunderbare Abwechslungen des Glückes erfahren. Er hatte den jungen Herzog der Normannen, Richarden, durch niedertrachtige Künste seiner Länder berauben wollen, war aber von ihnen in einem blutigen Treffen gefangen ge- 945 nommen worden. Hugo halte seine Besreyung vermittelt, den König aber nicht eher losgelassen, als bis er ihm die Stadt Laon abgetreten hatte. Ludwig hatte sie ihm wieder genommen, und damit er dem Grafen gewachsen wäre, mit dem Könige, Otto, ein Bündniß geschlossen. Allein obgleich ein mach« tiges deutsches Heer in Hugons Länder einbrach, und alles verwüstete: So war er doch allzumächtig, als daß er hatte können ganz gedemüthigt werden, und 945' Otts mußte sich damit begnügen lassen , daß er zwischen 64 Einleitung in die allgem. Geschichte Zahr nach sthcn Ludwigen und seinem Feinde einen Frieden ver- Chr. Geb. ^j^elte, der bald wieder gebrochen, bald wieder er- neuere wurde. Indessen hatten die Dänen einen Einfall in Schleswig gethan, und den dasigen Marggrafen ermordet. Otto ließ keinen Feind des Reiches ungestraft ; er zog wider den dänischen König, Haralden, > zu Felde, und zwang ihn zum Frieden. Auch mußte dieser König die Ausbreitung seiner Religion in seinen Landern zulassen, und sich selbst zu ihr bekennen. Eben dazu wurde auch Boleslaus in Böhmen, der sich wieder empört hatte, gezwungen; eine Bekehrung, die glücklicher ablief, als sonst crzwun- 950 gene Bekehrungen zu seyn pfleqen. Denn dieser Fürst wurde ein eifriger Beschützer des christlichen Glaubens, ungeachtet er erst durch die Waffen genöthigt worden war, denselben anzunehmen. /.5 Italien verlangte die Hülfe des Kaisers. Die 5- ^ innerlichen Kriege des Königs Hugo, und Alberichs, des Marggrafen von Tofcana, welcher in Rom unumschränkt herrschte, und in seiner Person die Würde eines ConsulS wieder hergestellet hatte, waren Ursache , daß sich Berengar, des Marggrafen von Jvera, Adalbertö Sohn, einen großen Anhang machte, und den König nöthigte, sich in Provence zurückzubegeben. Der unglückliche Hugo gieng ins 945 Kloster; sein Sohn, Lothar, den er schon lange zum Mitregenten angenommen hatte, erhielt zwar den Namen eines Königes, aber nicht seine Gewalt, wel- 949 che Berengar hatte. Umerdessen brauchte sie dieser nicht wider die Hunnen, welche Italien verheerten, sondern erkaufte lieber einen schimpflichen Frieden, den er rühmlicher durch die Waffen hätte erstegen können. der Welt. Erster Abschnitt. 65 können. Bald darauf starb Lothar, entweder vom Zahr nach Gifte seiner Feinde, oder vom Kummer gttödtet. ^b. Er hinterließ eine Wittwe, Adelaide, welche, ohn» die Stadt Pavia, noch sehr große Schätze besaß. Be- rengar hatte sich gleich nach Lothars Tode zum Könige krönen lassen. Er fand an ihren Schätzen und an der Stadt Pavia so viele Reizungen, daß er ihr seinen Sohn mit Gewalt zum Gemahle aufdringen wollte. Er belagerte sie wirklich, und Adelaide wurde von seiner Tyrannen soweit getrieben, daß sie den König von Deutschland um seine Hülfe anflehen, und ihm mit ihrer Person ihre Rechte auf Italien antragen lassen mußte. Agapet, der zweyte, welcher nach den Marin Bischof in Rom geworden war, und gleichfalls sich vor Berengarö überwiegender Gewalt fürchtete, unterstützte Adelaidens Bitten. Otto nahm den Antrag, der ihm geschah, an. Ludolf, 951.952 sein Sohn, wurde mit einem starken Heere vorausgeschickt. Allein seines Vaters Bruder, Heinrich, Herzog von Bayern, welcher immer das Glück andrer Fürsten mit eifersüchtigen Augen ansah, und sich ein Verdienst daraus machte, sie zu erniedrigen, wußte alles so einzurichten, daß er keinen Ruhm erbeuten konnte. Vielleicht war er seinem Vater selbst verdächtig gemacht worden. Otto kam mit einem neuen Heere in die Lombarden. Adelaide wurde befreyt ; denn Berengar hob die Belagerung des Schlosses, worein sie sich geflüchtet hatte, sogleich auf, als er von dem Anzüge des deutsches Heeres benachrichtiget wurde. Nachdem sich der König mit seiner erretteten Braut, einer nach den damaligen Zeiten sehr grossen Fürstinn, vermählt hatte, gieng er wieder nach Deutschland zurück. Dennoch I!-Theil. E blieb 66 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach blieb das Glück seiner Waffen auch bey seinen Feld- Chr. Geb. herrm. Sie drängten Berengarn und seinen Sohn so sehr, daß sie gezwungen wurden, nach Deutschland zu eilen, und sich in Person der Gnade des Königes Otto zu unterwerfen. Er begegnete ihnen mit einer Gelindigkeit, die hier gewiß ein Staats- fehler war, von einem so großmüthigen Feinde aber vermuthet werden konnte. Er gab ihnen die italienischen Staaten wieder, nachdem sie einen Eid abgelegt hatten , daß sie allezeit seine Vasallen seyn wollten. Er nahm blos das Marggrafthum Verona , und Aquilcja aus, welches sie Heinrichen in Bayern, dem Bruder des Kaisers, abtreten mußten. Seine Großmuth erwarb ihm wenig Dank. Kaum schienen sie sich wieder mächtig genug zu seyn, den Frieden zu brechen, als sie von keinem Eide mehr wußten, welches nicht zu befürchten gewesen wäre, wenn er ihnen einige Länder in Deutschland angewiesen hatte. 954 Im Oriente war indessen Constantin wieder zum c'tt/o/ii?/. Besitze der Herrschaft gekommen , die ihm von sei- nein Schwäher widerrechtlich entrissen worden war. ' Romanus Lecapenus hatte ein Testament gemacht, und darinnen verordnet, daß er die Oberherrschaft unumschränkt wieder haben sollte, jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß sein Sohn, Stephanuö, die Würde eines Cäsars haben sollte. Der Sohn war mit der Verordnung seines Vaters unzufrieden. Seine Unzufriedenheit gieng so weit, daß er ihn des Thrones beraubte, ihn auf eine Insel wies, und mit Gewalt zum Mönche machte. Er stellte hierauf, mit seinem Bruder, dem Kaiser selbst nach. Das Glück aber verließ die Undankbaren; sie erfuhren die Schick- der Welt. Erster Abschnitt. 67 Schicksale ihres Vaters, und also blieb Constantin Jahr nach in dem ruhigen Besitze seines Reiches. Die unter ^br. Geb. den vorigen Regierungen verachteten Wissenschaften fanden an ihm einen Beschützer, und da er selbst mit den Musen bekannt war, fingen sie an seinem Hofe wieder an, ihr Haupt emporzuheben. Unter einem desto Wechtern Oberhaupte stand dazumal die griechische Kirche. Theophilakt, der damalige Patriarch in Constanrinopel, schickte sich besser zu einem Aufseher über einen Marstall, als zum Regenten über die Kirche, von deren Schätzen er über zweytausend Hengste und Stutten unterhielt. Constantin 957 hatte das Glück, durch seinen Feldherrn > Bardas, die Saracenen zu demüthigen, und viele Provinzen wieder zu erobern. Allein in Creta war seine Flotte, der Unerfahrenheit ihres Führers wegen, unglücklich. Vielleicht wäre dieser Verlust bald wieder ersetzt worden, wenn ihm sein unmenschlicher Sohn, Roma- nuS, der keine von seinen großen Eigenschaften besaß , nicht Gift gegeben, und sich dadurch den Weg zum Besitze der Krone geöffnet hatte, ein Prinz, der, 959 wenn er auch mit keinem schlimmen Charakter bezeichnet gewesen wäre, dieser natürlichen Handlung wegen allein schon den größten Abscheu verdient hätte. Die Herrschaft der sächsischen Könige sing auch 6, M,/. an, sich zu ihrem Untergange zu neigen« Die Dä- nen wurden immer mächtiger. Evmund, welcher Adelstanen folgte, ein junger Fürst, der sehr viel versprach, und so tapfer, als aufmerksam, auf die Glückseligkeit seiner Unterthanen war, demüthigte 944. 945 zwar diese Feinde seines Reiches ; allein er wurde seinem Volke zufrüh entrissen. Sein Tod war desto tyrannischer, weil er entweder bey der Belchü« E 2 tzunz 68 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach ßung seines Lieblinges, der in der Gefahr war, er- Chr. Geb. würgt ^ werden, oder, wie andre erzählen, von einem Missethäter, den er selbst gefangen nehmen 948 wollte, durch einen Dolchstich getödtet wurde. Weil seine Prinzen, Edwi und Edgar, noch zu jung waren: so wurde Edrcd, ihr Oheim, König. Die Zwietracht der Dänen unter einander, gab ihm Gelegenheit, sie wieder unter die Herrschaft seiner Krone zu bringen. Er selbst aber gerieth unter die Herrschaft eines Mönches, Dunstcms, der die Religion misbrauchte, die Mönche zu Beherrschern des Staats zu machen. Kein Apostel hat, wenn man den Jahr, büchern der Mönche glauben soll, so viel Wunder gethan, und so viele Offenbarungen gehabt, als Dunstan. Der Himmel aber ließ ihm nicht Zeit genug, die abergläubische Frömmigkeit Edreds so 955 sehr zu misbrauchcn, als er Lust hatte. Edred starb, und Edwi, sein Nachfolger, war entweder nicht so fromm, oder, welches für die Mönche dazumal gleich viel bedeutete, nicht so einfältig, daß erdein Dunstan einen eben so blinden Gehorsam leisten wollte. Das Ansehn der Mönche fiel, und die geistlichen Güter wurden der weltlichen Clerisey gegeben. Was konnte der unglückliche König anders, als ein Gottloser und ein Tyrann seyn? Niemals hatte die Kirche eine grausamere Verfolgung ausgestanden, und die Religion war niemals in einer so großen Gefahr gewesen, als damals. Die ganze Nation wurde aufgewiegelt, unter dem Vorwande, die Rechte der Kirche zu beschützen. Edgar, sein Bruder, stellte sich an die Spitze der MiSvergnügten, und Edwi wurde gezwungen, das Reich mit seinem Bruder zu theilen. Der Verdruß, sich unter der Bot- der Welt. Erster Abschnitt. 69 Botmäßigkeit der Mönche zu sehen, raubte ihm, nach Jahr nach einer vierjährigen Regierung, das Leben. Seine ^hr- Geb. Seele wäre nach ihren Jahrbüchern verdammt ge- 959 wesen, wenn seine Feinde weniger Mitleiden gegen ihn, und weniger Ansehen bey Gott, gehabt hätten, als sie. Dunstan bat sie loö, als der Teufel schon mit ihr auf dem Wege nach der Hölle war, und den einfältigen Einfall hatte, sich mit seiner Beute vor diesem gewaltigen Heiligen zu brüsten. Es war dem Mönche etwas leichtes, den Himmel zu verschenken, wenn er nur seine erste Gewalt im Reiche wieder erhielt. Er wurde wirklich von Edgarn zurück gerufen, der seinem Bruder auf dem Throne folgte. Die Geschichtschreiber der Klöster machen ZZnrnetm einen David aus ihm, weil er eben so abergläubisch Vone- war, als Edred. Er schweifte zwar in der Wollust A"^'^' eben so sehr, als im Aberglauben, aus; er hatte viele R^ma/ Beyschläferinnen; er vermahlte sich mit der schönen twn in En- Elfride, nachdem er ihren ersten Mann hatte todten gcÄand lassen; er zeugte mit einer Nonne eine Tochter, welche nachher, vermuthlich wegen der Heiligkeit ihrer Geburt, in den Calender gesetzt wurde; dennoch war er einer der größten Heiligen; denn er bereicherte die Klöster. Unterdessen hatte er doch auch wirklich einige große Eigenschaften; er war seinen Feinden, seiner Jugend ungeachtet, so furchtbar, daß Engelland unter seiner Regierung eines bestandigen Friedens genoß. Der größte Vortheil, den er seinem Reiche 96» verschaffte, war der, daß er dasselbe von den Wölfen reinigen ließ, die alle Gegenden unsicher machten. Aus Frankreich schien die bürgerliche Ruhe und Glückseligkeit seit vielen Jahren ganz verbannt zu seyn. Ludwig hatte beständig die Herrschsucht Hugo 95z E z des 7o Einleitung jn die allgem. Geschichte A.'.hr nach des Großen zu bestreiken; kaum hatte ihm diesed Chr, Geb. n?,'^^- einmal gehuldigt, als er sich von neuem wider ihn auflehnte. Er hatte den Verdruß, Champagne und einen Theil> der Picardie von den Hunnen verwüsten zu sehen. Bald darauf stürzte er vom Pferde, 954 als er einem Wolfe nachjagte, und starb. Hugo hätte sich nunmehr des Thrones gern bemächtiget, wenn er nicht befürchtet hatte, von der Eifersucht der übrigen Großen allzuviel Widerstand zu finden. Er wollte also lieber sein Gebiet vergrößern, sich mit seiner Mäßigung einen Ruhm machen, und die Gewalt des Königes ohne Widerspruch in den Händen haben, als sich den Namen einer Würde, die doch ganz von ihm abhieng, streitig machen lassen. Und in der That er vergrößerte auch seine Macht weit 'mehr, da cr Lotharn, des verstorbenen Ludwigs Sohn, zum Könige ausrufen ließ, einen Herrn, der sehr gute Absichten für seine Krone, aber nicht die Macht, sie auszuführen, befaß. Seitdem die Könige die Herzog- chümer und Grafschaften hatten erblich werden lassen, war auch das Ansehen der königlichen Gewalt immer mehr und mehr gefallen, und ihre mächtigen Vasallen erkannten die Majestät nicht länger, als es ihr Eigensinn, ihre Herrschsucht, und ihr Eigennutz für gut fand. Lothar hatte also wenig Hoffnung, für sich etwas mehr auszurichten, als sein Vater ausgerichtet hatte, und hätte er auch seiner Krone mehr Glanz geben können: so wurde solches doch durch seine ungerechte Begierde gehindert, die Normandie ganz wieder unter die Bothmäßigkeit seines Zepters zu bringen. Die Normannen waren nunmehr der Unterwürfigkeit gegen die französischen Könige schon entwohnt, und der ganze Nord war allezeit so willig, ihnen der Welt. Erster Abschnitt. 7- ihnen mit den mächtigsten Flotten beyzustehen, wem, Zahr nach ihre Freyheit angegriffen wurde, daß man sie nicht ^b. ungeahndet beleidigte. Dieses geschah auch unter Lothars Regierung mehr, als einmal. , Hatte sich Lothar auch an den römischen König, Otto'den Großen, wenden wollen: so würde es diesem unmöglich gewesen seyn > ihm eben so beyzusie- hcn, als er seinem Vater beygeftanden hatte- Denn so großmüthig und furchtbar auch Otto war: so fehlte es ihm doch niemals an eignen Feinden. Kaum hatte er seinen rebellischen Sohn, Rudolfen, den die zweyte Vermahlung des Vaters, und die Nachricht ^"^./.?. von der Schwangerschaft der Königinn eifersüchtig gemacht hatte, und verschicdne inisvergnügte Bi-"^' schöfe, von welchen er zum Aufruhre ermahnt worden war, wieder zum Gehorsam gebracht, als er die 95; Einfälle der Vandalcn und Slaven in Sachsen zurück treiben mußte. Kaum hatten hier seine Waffen die Ruhe hergestellt, als er die Hunnen zu überwinden hatte, die von dem Bischöfe von Salzburg ins Reich gerufen worden waren. Denn die damaligen Bischöfe, zum wenigsten sehr viele, hatten ein ganz besonders Evangelium. Otto breitete durch seine Siege den Ruhm seines Namens in die entferntesten Länder aus. Die Italiener, welche unter Berengars 056 Tyrannei) seufzten, verlangten seine Hülfe. Weil er- 957 noch mit den Vandalen zu thun hatte, so schickte er Ludolfen, seinen Sohn, mit einem Heere nach Italien, der aber wegen der Verachtung, worein ihn der Aufruhr wider seinen Vater gebracht hatte, nichts ausrichten konnte. Dieser unglückliche Erfolg kränkte den ehrbegierigcn Prinzen sosehr, daß cr vor Kummer starb. Otto mußte sich also auf E 4 Hie 72 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach hj? wiederholten Bitten Italiens endlich entschließe«», ^yr. Geb. einmal sein Erretter zu werden. Johann, der 959. ^.60 zwölfte, sonst Octavicm genannt, des berühmten Alberichs Sohn, welcher nach Agapets Tode, in der Absicht, die geistliche und irrdische Macht in seiner Person zu vereinigen, sich zum Pabste hatte wähle» lassen, der erste, welcher, wie man glaubt, bey dem Antritte der päbstlichen Würde seinen Namen veränderte, hatte durch seine Abgesandten den Anzug des 9^ Königes nach Italien beschleuniget. Der Sieg begleitete seinen Zug. Bald darauf hielt Otto unter dem freudigen zurufe der Clerisey und des Volkes seinen Einzug in Rom und wurde zum Kaiser gekrönt. Er bestätigte dem römischen Stuhle alle Schenkungen der vorigen Kaiser; aber Johann mußte ihm den Eid der Treue schwören. Denn Otto behielt sich, außer dem Rechte, daß kein erwählter Pabst ohne die Gegenwart kaiserlicher Abgeordneten erwählt werden sollte, die Oberherrschaft über Rom, -5 davon abhieng, vor. Doch Johann, -7."^co»- zwölften, kam die Reue bald an, sich mit einem ,/». Kaiser so weit eingelassen zu haben, der so sehr versus. altete Rechte wieder erneuern wollte. Er, der die Macht besitzen wollte, andre von ihrem Eide loszuzählen, glaubte ohne Zweifel, daß er sich selbst noch viel eher von seinen Schwüren loszählen könnte, wenn er wollte. Er versprach also Adelberten, Berengers Sohne, der zu den Saracenen geflüchtet war, daß er ihm wider den Kaiser, den er selbst gekrönt hatte, beystehen wollte. Adelbert nahn: dieses Erbieten an, ungeachtet Johann solches beschworen hatte. Der Kaiser, welcher von dieser Untreue, und seinen andern schändlichen Ausschweifungen, Nachricht erhielt, der Welt. Erster Dschm'tt. 7? hielt, mäßigte sich dennoch, und antwortete blos: Zahr nach Er hätte Hoffnung, daß sich der Pabst noch andern Chr. Geb. sollte, weil er noch jung wäre. Doch seine Hoffnung betrog ihn; denn der Pabst suchte ihn nur aufzuhalten, damit Adelbert Zeit gewinnen sollte, nach Rom zu kommen. Seine Künste aber halfen nichts; sie mußten beyde die Flucht ergreifen, als der Kaiser gegen die Stadt anrückte. Er versammelte, nach- Sn-o». dem er seinen Einzug in die Stadt gehalten hatte, ^- die Clerisey. Johann wurde der schrecklichsten Schandthaten angeklagt, und durch glaubwürdige Zeugen überwiesen. Unreinigkeit, Ehebruch, Simonie, Mord, Meineid und Kirchenraub, waren seine heiligsten Handlungen. Er wurde also seiner Würde entseht, und Leo, d r Protoscrinarius der römischen Kirche, für seinen Nachfolger erklärt. Doch der abgesetzte Pabst hatte noch sehr viele AnHanger in Rom, und also noch viel Recht. Kaum hatte der Kaiser einen Theil seiner Völker aus der Stadt zurückgeschickt, als sich die Römer gegen ihn empören wollten. Er kam aber ihrem Aufruhre noch zuvor, und nöthigte sie, ihm von neuem den Eid der Treue zu schwören. Eine solche erzwungne 964 Treue war von keiner langen Dauer. Da er Rom , . verlassen hatte, fand Johann, der zwölfte, durch die Anstalten der Weiber, die ihn liebten, Gelegenheit, sich in Rom einzudringen. Er entsetzte mit seinem Anhange von der Clerisey Leo, den achten, seiner Würde wider, und übte unglaubliche Grausamkeiten aus. Er genoß aber die Früchte seiner Tyrannen nicht lange. Denn er wurde des Nachts in einem Ehebruche erwürgt. Die Römer wählten hierauf Benedict, den fünften, an seine Stelle; allein Otto E 5 zwang 74 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach zwang sie, Leo, den achten, zu erkennen, und Bene- Chr/Geb. hj^ wurde vom Kaiser nach Hamburg verwiesen. Leo lebte nicht lange, und Johann, der dreyzehnte, 965 wurde wieder an seine Stelle erwählt, dem aber die Römer so schlimm begegneten, als es vielleicht seine ^>«,'//>i'./,c. Härte gegen sie verdienen mochte. Dieses bewog den Kaiser, der nach Deutschland zurückgekehrt war, und daselbst einen Reichstag gehalten hatte, noch einmal nach Italien zu gehen. Der Sieg, den die Böhmen unter dem Beystände der kaiserlichen Feldherren wider die Pohlen davon getragen hatten, veranlaßte die Bekehrung ihres Herzogs, dem seine Unterthanen nachfolgten. Denn dieser konnte die Tochter des alten Boleslav, welcher die Böhmen beherrschte, unter keiner andern Bedingung zur Gemahlinn erhalten, als wenn er die christliche Religion annehmen, und die Götzentempel niederreißen lassen wollte. Otto war indessen in Italien angelangt, und seine Annäherung bewog die Römer, welche sich vor seiner Rache fürchteten, Johann, den dreyzehnten, zurückzurufen. Die Aufrührer, und selbst diejenigen, die schon gestorben waren, wurden auf eine graufa- 967 me Art gestraft. Nicht lange darauf wurde zu Ra-- venna eine Kirchenversammlung gehalten. Herold, der Erzbischof von Salzburg, ein Kirchenräuber, der den Hunnen die Schätze der Kirche gegeben hatte, und wegen seiner Laster schon seines Gesichtes beraubt worden war, dieser Strafe ungeachtet aber noch immer fortfuhr, sich als Erzbischof aufzuführen, wurde abgesetzt, und zugleich die Aufrichtung des Erzbi- schofthumes zu Magdeburg bekräftigt. Hier bestätigte auch Otto dem Pabste Pipinö Schenkungen, und der Welt. Erster Abschnitt» 75 und in Rom ließ er seinen Sohn, auch Otto genannt, Jahr nach zu seinem Mitregenten krönen. C^. Geb. Die meisten Staaten, welche die griechischen 96? Kaiser noch in Jmlien besaßen, hatten sich, weil sie von ihnen wider die Saracenen nicht geschützt werden konnten, einer so ohnmächtigen Herrschaft entzogen^ und sich unter Ottens Schutz begeben. Nicephorus, welcher als ein glücklicher Feldherr sich nach des Nomanus Tode mit seiner Wittwe vermahlt, und den kaiserlichen Thron eingenommen hatte, verlangte die Zurückgabe dieser Länder, ließ aber zugleich den jungen Otto seine Tochter, Theophania, zur Gemahlinn anbieten. Der Vater sandte den Bischof von Cre- mona, Luitprcmd, nach Constantinopel, daß er sich in Unterhandlungen damit einlassen sollte. Allein Nicephorus , ein übermüthiger und trotziger Fürst, begegnete nicht allein den kaiserlichen, sondern auch den päbstlichen Abgesandten sehr hart. Mit der Grausamkeit vereinigte sich die Treulosigkeit. Seine Ab- ^m,/,?. gesandten mußten den Kaiser versichern, daß die ^»/?.ee.-/,-. junge Prinzessinn schon nach Calabrien aufgebrochen wäre. Indeß hatte er seinen Besatzungen geheime Befehle ertheilt, Ottens Volker zu überfallen. Es geschah; alle diejenigen, welche zum Empfange der Prinzessinn abgeordnet waren, wurden überfallen, und entweder getödtet, oder gefangen genommen, und mit der Prinzessinn, Theophania, nach Constantinopel zurück geführt. Otto rächte sich dadurch, daß er in Calabrien und Apulien einfiel, und beyde Provinzen wegnahm. Dieses war nur der Anfang des Unglücks, das dem Nicephorus drohte. Theophania, die ehemalige Gemahlinn des Romanus, hatte sich mit ihm vermahlt, weil sie herrschsüchtig war. Sie 76 Einleitung in die allgem. Geschichte Zahr nach Wünsche nicht befriedigt, und hatte Lust, Chr. Geb. ^ Gemahl zu verändern. Johann Zimisces, der vom Kaiser beleidigt worden war, warf sich zum Haupte einer Zusammenverschwörung auf/ und diese wurde in kurzer Zeit soweit getrieben, daß Nicepho- ruö in einer Nacht nicht allein die Krone, sondern Y69 auch das Leben verlohr. Johannes Zimisces bemächtigte sich sogleich des Thrones , und damit er sich destomehr darauf befestigte, nahm er nicht allein die jungen hinterlaßnen Prinzen des Kaisers Romanus zu Mitregenten an, sondern suchte auch die Freundschaft des Kaisers Otto. Er gab seine Gefangnen los, und sandte die Prinzessinn, Theopha- uia, die Braut des jungen Otto, nach Italien. Die Länder, welche zeither noch unter der griechischen Botmäßigkeit gestanden hatten, wurden, als ein Heyrathsgut, abgetreten, so, daß nun der Kaiser Otto nicht allein Deutschland , sondern auch Italien, 9?2 ohne Nebenbuhler beherrschte. Die Vermählung wurde bald darauf vollzogen, und weil der junge Otto schon Mitregent des Reiches war: So wurde auch seiner Gemahlinn, Theophania, die kaiserliche Krone feyerlich aufgesetzt. P^/I M?»-. Die Saracenen, welche im Oriente unter dem Nicephoruö sehr gedemüthigt worden waren, hatten in Spanien wenig Ursache, vor der Macht der Christen zu erzittern. Die innerlichen Zwistigkeiten unter ihnen hatten den Fortgang des Glückes, das ihren Waffen unter den Ramir so günstig gewesen war, aufgehalten. Ordonius, der dritte, verstand zwar die Kunst zu siegen auch; die Niederlagen der Saracenen unter ihm bestätigten solches; allein er konnte sein Glück so weit nicht treiben, als eS möglich war, weil er der Welt. Erster Abschnitt. 77 er mit dem Grafen von Castilien in Streit verwl- Jahr nach ckelc wurde. Ueberdieß starb er zufrüh für seine Staaten. Sein Nachfolger, SanetiuS, der Dicke, welchem OrdoniuS, ein Lasterhafter Prinz, den Thron streitig machte, hatte selbst der Hülfe der Mauren nöthig, sich wieder auf den Thron zu bringen. Die Streitigkeiten mit dem Grafen von Castilien, dem Ferdinand Gonsalv, für den eö rühmlicher gewesen wäre, beständig das Schrecken der Saracenen zu seyn, als nach der Unterwürfigkeit zu streben, dauerten noch immer fort, und der König sah sich genöthiget, ihm die unumschränkte Herrschaft über Castilien einzuräumen. Die Saracenen thaten darauf einen Einfall in sein Land, und richteten eine schreckliche Verwüstung darinnen an. Endlich wurde er von einem Verräthcr, dem Grafen Gonsalv, dem er seine Untreue schon einmal verziehen hatte, mit einem vergifteten Apfel hingerichtet. Sein noch unmündiger Prinz, Ramir der dritte, folgte ihm unter der Vormundschaft Therasiens, seiner Mutter, auf dem Throne nach. Die Könige, die binnen der Zeit in Navarra herrschten, machten sich durch nichts merkwürdig, als daß sie zuweilen den übrigen Christen wider die Ungläubigen Beystand leisteten, zuweilen für sich selbst aus den innerlichen Unruhen ihre Vortheile zu ziehen suchten. Die Hunnen, welche zeither das Schrecken so 972.97z vieler Länder gewesen waren, fingen nunmehr an, so gedemüthigt zu werden, daß Griechenland, Mahren, und die übrigen Länder des abendländischen Kaisertumes nicht mehr vor ihnen erzittern durften. Nachdem der alte Boleslav in Böhmen gestorben war, und sein Sohn, gleiches Namens, seine Länder durch seine 78 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach seine Tugenden glücklich machte, ein Fürst, dessen Chr. Geb. und Bescheidenheit zweifeln ließ , ob er ihr Herr wäre, wenn er solches nicht durch die Hoheit seiner Handlungen gezeigt hätte: So suchten die Mähren, welche der tyrannischen Herrschaft der Hungarn müde waren, wieder unter die Bothmäßigkeit deö Böhmischen Herzogs zu gelangen. Zu ihrem Glücke starb Topis, der König der Hungarn. Die Unterthanen desselben waren über die Wahl seines Nachfolgers getheilt. Diejenigen, welche den Frieden liebten, und der christlichen Religion geneigt waren, unterwarfen sich dem Geisa, einem Sohne des Topis und Adelheids, die eine Christinn, und von Geburt eine polnische Prinzessinn war. Diejenigen hingegen, welche der Abgötterey anhiengen, machten einen Bund mit dem Herzoge der Russen, deren Name seit einiger Zeit berühmt zu werden angefangen hatte. Sie standen ihm mit ihren Legionen wider den griechischen Kaiser, Johannes Zimisces, bey. Mähren wurde von Besatzungen entblößt, und der Aufstand der Einwohner dadurch erleichtert. Boleslav nahm also dieses Herzogthum ohne Mühe ein, und unterwarf es seiner Herrschaft. Die Russen, mit denen sich diejenigen unter den Hungarn vereinigt hatten, welche dem Zepter des Geisa nicht gehorchen wollten, wurden von dem griechischen Kaiser in drey für ihn glücklichen Treffen überwunden, und in Bessarabien völlig aufge- 974 rieben. Diese Niederlagen hatten unterdeß für den Gcifa den Nutzen, daß er einmüthig für den König der Hungarn erkannt wurde. Sein sanstmüthigcs Wesen machte diese Barbaren menschlicher und gesitteter. Er nahm die christliche Religion an, worin- nen der Welt. Erster Abschnitt. 79 ven ihn Peregrin, der Bischof von Passau, unter- Jahr nach richtet hatte. Er zerstörte die Götzentempel, bauete Geb. Kirchen auf, und bewog nach und nach auch seine Unterthanen, die christliche Religion anzunehmen. In einen gleich blühenden Zustand setzte Boleslav die Kirche in seinen Staaten. Das Biöthum Prag hat ihm seinen Ursprung zu danken. Indeß war Otto der Große gestorben. Sein 97z Sohn, Hlt0/ d^MM, hatte nicht alle Eigenschaf- ten des Vaters. Jedoch mangelte e6 ihm nicht an Tapferkeit und Politik. Aus Eifersucht über die Macht der weltlichen Stände vergrößerte er, nach ^ dem Beyspiele seiner Vorfahren, die Macht der Cle- risey. Otto, der zweyte, konnte nicht gleich zum ru- ^ ^>c/^ higen Besitze des väterlichen Thrones gelangen. ^ Heinrich von Bayern, der Zänkische genannt, sein ^ ' Vetter, mit welchem sich einige Stände und Bischöfe des Reiches, Harald, der König von Dänemark, und Boleslav, der Herzog von Böhmen, verbunden hatten, widersetzte sich ihm, und strebte auch nach der Krone. Als er nun der Güte nicht weichen wollte: so eilte Otto, vors erste seine Bunds- gcnossen zu entwaffnen. Harald wurde überrascht, und gezwungen, dem Kaiser zinsbar zu werden. Mit eben der Geschwindigkeit wurde Boleslav durch die Verheerung seiner Staaten gedemüthiget. Heinrich selbst wurde in Magdeburg gefangen genommen, und seines Herzogthums entsetzt. Indessen hatten Lambert und Reginar, die 9?6 rechtmäßigen Besitzer der Grafschaft Hennegau, woraus ihr Vater durch den Erzbischof Bruno vertrieben worden war, durch Lothars, des Königes von Frankreich, Hülfe, ihre Länder wieder erobert. Lothar 8o Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach Lothar hatte diese Gelegenheit ergriffen, seine An- Chr. Gsb. spreche auf Lothringen auszuführen. Der Kaiser, welcher dieses befürchtete, und sich nicht gern in einen Krieg mit ihm verwickeln wollte, weil er nöthig hatte, auf die Tuseulcmische Partey in Italien ein wachsames Auge zu haben, suchte ihm seinen Bruder, Carl von Frankreich, entgegen zu setzen. Er bot also demselben daö Herzogthum Lothringen an, wenn er ihm huldigen und ein Vasall des deutschen Reiches seyn wollte. Carl, der am französischen Hofe verachtet wurde, und keine Hoffnung zur Thronfolge hatte, wollte lieber mit einem ansehnlichen Gebiete ein Vasall des Kaisers, als mit geringen Einkünften ein Unterthan seines Bruders seyn, und .nahm also das Anerbieten des Kaisers an. Dieses war der Grund des Hasses der französischen Nation gegen ihn. Dennoch wurde 978 der Krieg unvermeidlich. Lothar drang nach Lothringen, und hatte den Kaiser beynahe an der Tafel überfallen. Otto hingegen fiel in Frankreich ein, drang bis an die Thore von Paris, und verheerte Lothars 979 Staaten. Sein Rückzug war nicht so glücklich, als F^.eemA. der Einbruch. Bald darauf verglichen sich der Kaiser und der König. Carl behielt Lothringen, und zwar, wie es am wahrscheinlichsten ist, als ein Reichslehn. In Italien wollten einige unruhige Römer, die alte Freyheit wieder herstellen. Cincius, oder Cret- scentius, ein Sohn der berüchtigten Theodor« und Johann des zehnten, und mit ihm der Cardinal- 972 diaconuS, Franko, warfen sich zu Häuptern dieser Partey auf. Damit sie ihre Absicht desto eher ausführen könnten; brachten sie Benedict, den sechsten, Johann der Welt. Erster Abschnitt. 8' Johann des Dreyzehnten Nachfolger in der pabstli- Jahr nach chen Würde, um. Domnus, sein Nachfolger, leb- ^)r- Geb. te nicht lange, und der Cardinaldiaconus, Francs, machte sich unter dem Namen BonifaciuS des achten mit Gewalt zum Pabste. Er genoß mit dem Cin- ciuS die Frucht dieses gemeinschaftlichen Verbrechens nur eine kurze Zeit. Die Tusculanische Partey nö- 975 thigte ihn, aus Rom nach Constantinopel zu entfliehen , nachdem er die Schatze der Kirche vorher ausgeplündert hatte. An seine Stelle kam Benedict, der siebente, ein Staatsmann. Otto billigte seine Wahl. Doch Italien wurde dadurch nicht ruhig. Bonifa- /.z. cius suchte die griechischen Kaiser, den Basilius und Constantinus> zu bewegen, dem abendländischen Monarchen den Krieg anzukündigen. Sie gaben ihm Gehör, vereinigten sich mit den Saracenen, und Apulien und Calabrien waren in kurzer Zeit erobert. Otto, der um eben diese Zeit mit Lotharn in einen Krieg verwickelt war, verglich sich, wie schon erzahlt worden ist, mit ihm, und gieng nach Jta- ygo lien. In Rom ließ er bey einem angestellten Gast- Murat. male alle widriggesinnren Römer umbringen; eine Gesch. von Handlung, die ihm nicht allein den Namen eines Blutdürstigen erwarb, sondern auch die Römer zur Jahre. Rache reizte, wofern nicht diese ganze Erzählung ein " Irrthum von Viterbo ist. Er sah sich in dem Tref- 982 fen wider die Saracenen von den Römern verlassen. Er ward überwunden, und gerieth auf seiner Flucht in die Gefahr, von einem Griechen gefangen zu werden, woraus ihn aber ein ansehnliches Lösegeld errettete. Die Griechen verfolgten ihren Sieg nicht bis nach Rom, und gaben dadurch dem Kaiser Zeit, ein neues Heer Lu sammeln, mit welchem er die Bett. Theil. F iieventer 82 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach neventer wegen ihrer Untreue züchtigte. Noch war Chr. Geb. ^. stark genug, die Wiedereroberung der Verlornen Länder zu unternehmen; indeß aber ließ er seinen noch zehnjährigen Sohn, Otto, mit Einwilligung der Stände, zum Kaiser erklären, und in Deutschland krönen. Hier gab er auch Heinrichen das Herzogthum Bayern wieder. Bremen wurde zum Erzbisthume erhoben, und nach Benedicts Tode Johann, der vierzehnte, auf den bischöflichen Stuhl in Rom gesetzt. Der Kaiser hatte zwar be- schlössen, den Griechen und Saracenen Apulien und Calabrien wieder zu entreißen. Allein die vielen ausgestandenen Beschwerlichkeiten, vielleicht auch Die Wirkungen eines vergifteten Pfeils, von dem er in dem letzten Treffen verwundet worden war, oder auch der Kummer über das Unglück seiner Waffen, zogen ihm ein Fieber zu, welches ihm das Leben 98z raubte. Otto, sein Sohn, folgte ihm; aber, weil O/,m.er noch minderjährig war, stand er unter der Vor« mundschaft seiner Mutter, Theophania. Seine <Ä?o»o^. ^eHm Tugenden erwarben ihm in der Folge den Namen eines Wunders der Welt. Er war für seine Zeiten gelehrt genug, tapfer, und niemals bey seinen Siegen grausam. Seinen Ruhm haben die Mönche vielleicht noch größer gemacht, als er zu seyn verdiente; denn er erniedrigte sich oft so weit zu ihnen herab, daß er ihnen selbst bey Tische aufwartete. Gegen die Clerisey war er bis zur Verschwendung freygebig, so sehr, daß seine und seiner vaterlichen Vorfahren Freygebigkeit den Namen des Ottonismus in der Geschichte erhielt. Der Ansang seiner Regie- /. 4. rung war unruhig. Heinrich, sein Großoheim, der 5/»-e>5e-//. - schon unter seinein Vater nach der deutschen Krone 6«"^- gestrebt 5 der Welt. Erster Abschnitt. 8? gestrebt hatte, gab sich, unter dem Vorwande, daß I^r n-ich Otto noch minderjährig, und seine Mutter eine ^b. fremde Prinzessinn wäre, viel Mühe, sich auf den Tbron zu schwingen. Allein die Stande waren dem jungen Kaiser so getreu, daß sich Heinrich mit seinem Anhange bald unterwerfen mußte. Lothar in Frankreich suchte indeß sich dieser Verwirrung im Reiche zu Nutze zu machen ; allein seine 58" Absichten wurden sowohl durch angestellte Unterhandlungen , als durch seinen Tod, in ihrer Ausführung gehindert. Ludwig, sein Sohn, ein neuzehnjähriger Prinz, folgte ihm; aber er regierte nicht lange. Seine Regierung wurde durch nichts merkwürdig, als durch die Uneinigkeit mit seiner Mutter, der ver- wittweten Königinn Emma. Er starb nach einem Jahre, und machte einem bessern Regenten, als er war, Raum. Die Thronfolge gehörte eigentlich Carln, dem Herzoge von Lothringen. Doch da derselbe der französischen Nation aus vielen Ursachen verhaßt war, so wählte sie den Hugo Capet zu ihrem Beherrscher, und das Königreich kam nunmehr an ein Geschlecht, welches so lange schon von ferne darnach gestrebt hatte. Carl suchte zwar sein Erbrecht zu behaupten; er drang auch mit einem Heere in Frankreich ein, und das Glück schien im Anfange sich mit seinem Rechte verbunden zu haben. Doch er wurde in eben der Stadt belagert, die er mit einer großen Geschwindigkeit weggenommen hatte. Laon gieng durch Verratherey an seinen Nebenbuhler über; Carl ward gefangen, starb vor Verdruß in seinem Gefangnisse, und Hugo blieb in dem ruhigen Besitze der königlichen Würde. Er befaß große Eigenschaften, und noch größere Güter. Allein weil F 2 die 84 Einleitung in die allgem. Geschichte Jahr nach die Macht des Königreiches zu sehr noch unter die Chr. Gcb. Großen vertheilt war: so behauptete er den Namen des Königes und die Majestät der Krone mehr durch Klugheit und List, als durch Macht und Herrschaft. In Engelland dauerte das Triumvirat, welches Dunstan, der Erzbischof von Cantorberi, Oswald, sein Verwandter, der Bischof von Worcester, und Etelwolf, der Bischof von Winchester, unter einan« der schon lange aufgerichtet hatten, noch immer fort. 975 Edgar war gestorben. Eduard, sein ältester Prinz, dessen rechtmäßige Geburt zweifelhaft war, harte zwar durch Dunstans Partey den Thron behauptet. Allein er war von Elfriden, Edgars Wittwe, welche ihren Sohn, Etelred, gern zum Throne erheben woll- 979 te, meuchelmörderischer Weise umgebracht worden. Dunstan sah sich genöthigt, diesen jungen zwölfjährigen Prinzen zu krönen. Man hätte den Erzbischof gern vom Ruder des Reiches verdrängt; allein bald redete, wenn man es für wahr halten will, ein Kreuz für ihn; bald stürzte auch ein Saal ein, worauf seine Feinde versammelt waren. Kurz, Dunstan erhielt sich, ungeachtet seines hohen Alters, in seinem Ansehen. Etelred, ein wollüstiger Prinz, hatte weder die Tapferkeit, noch ^ie Geschicklichkeit seiner Vorfahren. Die Dänen, die ihren Streifereyen nach Engelland entsagt zu haben schienen, fingen sie unter seiner Regierung wieder an, und waren die meiste Zeit glücklich, weil viele von seinen Feldherren, denen er alles überließ, Verrarher an ihm wurden. Er war mehr als einmal genöthigt, die Ruhe des Reiches mit erstaunlichen Summen zu erkaufen, 991 nachdem er durch den Verlust einer großen Schlacht ganz entkräftet worden war. Eben der Welt. Erster Abschnitt. 85 Eben so war zeither Spanien wegen der Weich- Z-chr nach lichkeit Ramirs, des dritten, der seine Zeit in den Chr. Geb. Ergchlichkeiten und Wollüsten verschwendet, und die Regierung seinen Lieblingen überlassen hatte, bald von den Saracenen, bald von innerlichen Unruhen, " verwüstet worden. Das Reich war auch nach seinem Tode unter Veremond, dem zweyten, welcher Ramiren genöthiget hatte, noch da er lebte, den Thron mit ihm zu theilen, in keine glücklichern Umstände gekommen. Endlich trat er mit dem Könige von Navarra, und dem Grafen von Castilien, in ein Bündniß wider die Ungläubigen. Die vereinigten Christen erhielten einen so großen Sieg über die Mauren, daß ihr König, Almanzar, vor Gram darüber starb. Vermond genoß die Früchte seines ^gz Sieges nur eine kurze Zeit; sein Sohn, Alphonsus, der fünfte, erndtcte sie ein. Er hatte Ruhe vor den Saracenen, welche wegen der Thronfolge unter einander selbst uneinig wurden. Er brauchte diese Ru- . he, die Gesetze seines Reiches zu verbessern, und Leon, die Hauptstadt seines Königreiches, aus ihren Ruinen wieder empor zu bringen. Die Italiener konnten nicht glücklich seyn, weil sie nicht ruhig seyn wollten. Nach Benedicti des siebenden Tode, war zwar Johann, der vierzehnte, 9^4 vordem Petrus genannt, und Canzler bey Otto dem zweyten, zum römischen Bischöfe erwählt worden. Allein er war nicht länger rechtmäßiger Pabst, bis Bonifacius, der siebente, von Constantinopel zurück kam. Denn da des leßtern Partey stärker war; so war sie auch heiliger. Johann, der vierzehnte, wurde gefangen genommen, und starb vor Hunger und Elend im Kerker. Bonifacius lebte nach ihm noch F'3 eilf 86 Einleitung in die attgem. Geschichte ^br nnch xilf Monate. Wie er als ein Ungeheuer gelebt ^r. Geb. s» wurde ihm auch nach seinem Tode, als einem Ungeheuer begegnet. Nach ihm wurde ein Römer, Roberts Sohn, Johann, gewählt, aber nicht eingeweiht, weil er nach vier Monaten starb. An. seine Stelle kam Johann, der fünfzehnte, auch ein Römer, einmal wieder ein Pabst, der wegen seiner /)» Klugheit und Gelehrsamkeit berühmt war. Er war ^//V, ^c/. erste, welcher die feyerliche Canonisation der Hei- -. c-. garer konnten wider das Glück seiner Waffen nicht ^-^- empor kommen. Er bekam in einer Schlacht fünf- zehntausend von ihnen gefangen. Allein er mis- 1015 brauchte seinen Sieg. Alle diese Unglücklichen , wurden Opfer seines Zornes; er ließ sie ihrer Augen berauben, und sendete sie in diesem Zustande ihrem Könige, Samuel, zurück. Der Gram, welchen derselbe darüber empfand, todtere ihn. Einige Jahre vorher, hatte der Emir von Aegypten den Frieden mit den Griechen gebrochen, aus keiner andern Ur- lois sache, als weil er von einer christlichen Mutter ge- bohren war, und zeigen wollte, daß er von ihr keine 4iebe gegen die mütterliche Religion geerbt hätte. In diesem Kriege wurde ein prächtiger Tempel, den die Christen in Jerusalem über dem vorgegebenen Grabe Christi erbauet hatten, zerstört. Sehr viele II-Theil. G Klöster 98 Einleitung in die allgem. Geschichte Aahr nach Klöster wurden ausgeplündert und niedergerissen. Chr. Geb. h^. Krieg wider Bulgarien war Ursache, daß der Wut ihrer Waffen kein Einhalt geschehen konnte. 1017.1018 Endlich hatte BastliuS das Glück, die Bulgarer ganz zu demüthigen. Nunmehr machte er, nachdem er einige andre kleine Kriege geendigt hatte, Anstalten zum Feldzuge wider die Saracenen, und bald 1025 darauf auch zu Siciliens Eroberung, als er starb, und das Reich seinem Bruder, Constantin, dem neunten, hinterließ, einem seinen Völkern unnützen Beherrscher, weil er sich mehr an den Narren seines Hofts, als an den Rechtschaffnen, belustigte, jene belohnte, und diese verfolgte. /?/>>//. /, 5 In dem abendlandischen Kaiserthume hatte Hein- /K?-«.(7o». rjch schon einmal den Entschluß gefaßt, ein Mönch zu werden. Zeither hatte er noch mehr Ursachen bekommen, des Reiches würdig zu seyn. Nicht lange nach seiner Zurückkunft aus Italien hatte er Elsaß dem Grafen Gerhardt gegeben, von welchem die Häuser Oesterreich und Lothringen abstammen sollen. Deutschland war seit den Reichsveränderungen von Conrad dem ersten an voll großer und kleiner Herren. Wenn sie einmal gehuldigt hatten: So wollten sie von keiner ordentlichen Herrschaft, sondern blos von ihrem Degen abhängen. Jeder wollte das Recht haben, selbst Richterund Rächer der ihm zugefügten Beleidigungen zu seyn. Daher war das Reich ein beständiger Schauplatz kleiner, aber blutiger, Kriege. Heinrich war beynahe seine ganze Regierung hindurch blos mit der Befriedigung solcher innerlichen Unruhen des Reiches beschäfftigt. Eben deswegen konnte der einzige polnische König, Boles- lo, die Macht des Kaisers trotzen. Der Krieg, den der Welt. Erster Abschnitt. 99 er von neuem angefangen hatte, dauerte verschiedne Zahr nach Jahre nach einander fort. Er würde auch so bald ^br. Geb. noch nicht geendigt worden seyn, wenn dieser unru» hige König nicht wieder mit dem Fürsten der Russen 1017 in einen schweren Krieg verwickelt morgen wäre. Um diese Zeit erhielt der Kaiser ein feyerlicheS Recht auf das Königreich Burgund. Rudolf, der dritte, der daselbst herrschte, ein träger und weibischer Fürst, suchce seinen Schutz wider die Verachtung seiner Unterthanen, und gieng einen Vertrag loi8 mit ihm ein , worinnen er ihn zum Erben aller seiner Staaten einsetzte. Die Großen in Burgund empörten sich dagegen. Der Kaiser that eine Reise dahin; niemand aber wollte seine Herrschaft erkennen ; überall wurden die Thore vor ihm verschlossen. Er fieng deswegen schon an, Rache an ihnen zu üben, als neue Unruhen in Sachsen seine Gegenwart im Reiche nothwendig machten. Die Städte, welche dem Kaiser in der Lombarde» unterworfen waren , hatten zeirher einer vollkommnen Ruhe genossen. Nur Calabrien und Apulien waren einer beständigen Verwirrung und Unruhe ausgesetzt gewesen. Kaum waren die Saracenen, die hier ihre ^co K?/?. Herrschaft auszubreiten suchten, überwunden: So suchten die Griechen die ihrige zu erweitern. Der ^' ^ Kaiser sah sich also genöthigt, einen Zug nach Italien ^' ^' zuthun. Seine Waffen waren glücklich, und er- 1022.102? hielten diejenigen im Gehorsame, welche sich seinen Zepter hatten entziehen, und den Griechen unterthä- nig werden wollen. Eine Krankheit, die unter sei- / ^/^ nem Heere einriß, nöthigte ihn zum Rückzüge. Der Aufstand der Slaven machte denselben »och nothwcn- es? diger. Unter seinen vielen Widerwärtigkeiten ge- /- ^ G2 reichte > na Einleitung in die allgem. Geschichte A-chr nach reichte es ihm zum Troste, daß der König in Frank- Chr. Geb. x^jch beständigen Frieden mit ihm unterhalten hatte. Nach seiner Zurückkunft durchzog er die vornehmsten deutschen Städte, und ließ überall Spuren seines gütigen Gemüthes zurück. Doch seine beständigen Reisen, seine erduldeten Beschwerlichkeiten, und seine geringe Sorge für sich selbst zerstörten seine schwache Gesundheit. Er starb, und hinterließ bey den Standen des Reiches, besonders bey den Mönchen, das Verlangen, daß er länger gelebt haben möchte. Seine Freygebigkeit gegen den geistlichen Stand erwarb ihm den Namen eines Vaters O//,». /.<5 der Mönche. Die Schule und das Bisthum zu Bambcrg verdankten ihm ihre Stiftung. Er hinterließ keine Erben, und das Reich kam nunmehr auf Kaiser aus einem fränkischen Hause. Denn Conrad, ein Herzog der Ostsranken, war von Heinrichen selbst zu seinem Nachfolger vorgeschlagen worden, und wurde auch von den deutschen Standen, nach einigen kurzen Beratschlagungen, dafür erkannt. 1024 Ungefähr um eben diese Zeit starb der Bischof in Rom, Benedict, der achte. Sein Bruder, Johann, nachher der neunzehnte genannt, gelangte durch Bestechungen und durch die Partey seines Bruders, des Grafen Alberichö, zu einer Würde, deren BesHer zeither mit Gewalt und List daran gearbeitet hatten, sich dem Gehorsame gegen die Kaiser zu entziehen, und selbst unumschränkt zu werden, in den nachfolgenden Zeiten aber die Monarchen der Erde nach ihrem Gefallen, bald auf den Thron erhoben, bald durch den Bann wieder von demselben herabstürzten. Die der Welt. Erster Abschnitt, -oi ° ^ Die Schicksale der Gelehrsamkeit waren in diesen beyden Jahrhunderten, wie die Schicksale der Staaten, finster und traurig. Fast alle Gegenden der Wissenschaften lagen wüst und ungebaut. Eine allgemeine Unwissenheit hatte sich über den Orient und Occidcnt ausgebreitet. Diese Zeiten hatten keinen Gottcsgelchrten, keinen Rechtsgelehrten, keinen Arzt, keinen Philosophen, keinen Geschichtschreiber, keinen Redner, keinen Dichter, der mit den großen Geistern des Alterthums, oder den neuern Zeiten, auch nur von weitem verglichen werden könnte. Der einzige Photius unter den Griechen verdient ausgenommen zu werden. Doch war das neunte Jahrhundert noch Heller, als das zehnte, welches-ganz eisern war. Die Gnade Carls, des Großen, eini--- ger seiner Nachkommen, auch verschiebner deutscher und griechischer Kaiser, einiger englischen Könige, und selbst der saracenischen Fürsten, gegen die Gelehrten waren Stralen, die einen unfruchtbaren Bodeiy erwärmten, der zwar viele Disteln, aber wenig gute, und noch dazu immer ganz unreife Früchte trug. ^ HM Zweyter !O2 ^^z^z^^AH5HtH5^H5^H5H5H5H5H5H5H5 welcher Betrachtungeu über die Ge> schichte der christliche:: Religion Vorläufige Betrachtung über die Schicksale der Religion unter den Menschen. 6 ist dieses, so zu sagen, nur die Charte der größten und merkwürdigsten Begebenheiten der Welt, in diesen beyden Jahrhunderten. Der gemeinste Verstand wird bey einem kurzen Nachdenken darüber die Anmerkung machen, daß alles, was menschlich ist, den Gesetzen einer bestandigen Abwechslung und Veränderung gehorchen müsse. Man stehet Reiche, die unter diesem Beherrscher gefürchtet sind; sie verfallen vielleicht schon unter seinem Nachfolger; bald darauf werden sie verachtet, und auf die Verachtung folgt gemeiniglich ihr Untergang. Neben ihnen erheben sich andere Reiche, unbemerkt und unbeneidet in ihrem Anfange; vielleicht in kurzer Zeit Nebenbuler der mächtigsten Monarchien, in wenig Jahren ihr Schre- ckcn, und endlich ihre Ueberwinder. Die großen Charaktere ihrer Fürsten erhoben und erhielten sie; unter den mittelmäßigen wird der erste Schritt zum Falle gethan; unter schwachen und schlechten Regen- Z Abschnitt, enthält. ten Gesch. der christl.Rel. Zweyter Abschn.iV ten aber trifft auch die Ueberwinder die Reihe, überwunden zu werden. Man siehet immer neue Auftritte; allein sie sind alle darum einander ahnlich, daß es Scenen der Unbeständigkeit und des Wechsels sind. Neben den irdischen Reichen giebt es ein Reich Gottes. Dieses bestehet aus Menschen, welche die Herrschaft der Religion erkennen. Ist vielleicht dieses Reich von der Unbeständigkeit frey? Hat es von ihrer Tyrannei) niemals widrige und veränderliche Schicksale erfahren müssen? Sind die Unterthanen desselben der Wahrheit, einer so gütigen Regentinn, allezeit getreu geblieben? Hat sie stets allein geherrscht? Ist sie niemals ihrer Gewalt beraubt worden ? Oder hat man ihr nicht zum wenigsten unrechtmäßige Mitbeherrscher aufgedrungen? Hat dieses Reich in seiner äußerlichen Einrichtung niemals Veränderungen erlitten, und zwar solche Veränderungen, die seiner innerlichen Einrichtung widerstreiten? Boßvet, dessen Name auch schon eine falsche Meynung wichtig machen kann, behauptet, daß es ein solches sichtbares Reich Gottes gebe, wo die Religion in einer ununterbrochenen Folge fortgedauert, und vom ersten Menschen an bis auf seine Zeiten niemals einige Veränderungen erlitten habe; eine Kirche, die in ihren Lehren und in den wichtigsten äußerlichen Einrichtungen allezeit eine und eben dieselbe gewesen sey. Was könnte wohl einem Menschen, dem die Religion heilig ist, für ein Wunsch wichtiger seyn, als der, daß seine Meynung die Wahrheit selbst seyn möchte? Gewiß es muß einen rechtschaffenen Mann nichts so sehr betrüben, als der Gedanke, daß die Religion selbst, ungeachtet ihres G 4 göttli- IO4 Geschichte der christlichen Religion. göttlichen Ursprungs, dem Schicksale aller menschlichen Dinge nicht entgehen könne, sondern auch dem Wechsel und der Unbeständigkeit unterworfen sey. Doch es ist hier die Frage nicht, ob die Schicksale der Religion traurig oder frölich sind; in der Geschichte kommt alles auf die Wahrheit an. Wird dieser große Bischof nicht verdächtig, daß er von den Umstanden der Religion in den verschiedenen- Jahrhunderten des Christenthums so wenig sagt? Was für eine Vorstellung von demselben erhalten wir aus einer aufrichtigen und unparteyischen Untersuchung der Geschichte? Die Religion hat unter viel reinern und erhabener» Geistern, als die Menschen sind, widerwärtige Schicksale erfahren müssen. Der Himmel hat Engel gesehen, welche sich am Throne Gottes wider ihre AuSsprüchc aufgelehnet haben. Selbst die Gegenwart und Majestät der Gottheit hat sie nicht in Gehorsam gegen ihre Herrschaft erhalten können. Was wird sie nicht unter Menschen leiden müssen, die bestandig mit so vielen Verführungen zu kämpfen haben? Die Wahrheiten der Religion haben ihren Ursprung von einem Gott, welcher heute und in Ewigkeit eben der Gott bleibt/ der er gestern und voir Ewigkeit her war. Also müssen sie ihrer Natur nach xben so unveränderliche Wahrheiten bleiben, als er unveränderlich Gott ist. Ist eine Lehre göttlich, so ist sie nicht darum Wahrheit, weil sie heute erst erkannt und geglaubet wird, oder weil sie viele Jahrhunderte nach einander geglaubet worden ist, ebett so wenig als ein Irrthum göttlich werden kann, und wenn er auch mehr als ein Weltalter hindurch für göttlich Zweyter Abschnitt. ^5 göttlich gehalten worden wäre. Gott hatte bey der Schöpfung des Menschen die Absicht, daß er mit ollen seinen Nachkommen im Gehorsam gegen seinen Willen aus seiner Hand Freude und Glückseligkeit erwarten sollte. Daher hat es dem menschlichen Geschlechte zu keinen Zeiten an Gelegenheit gcfchlet, den Weg zu finden, welcher zu Gott, der einzigen Quelle unsrer Seligkeit, führt Dieses bezeugen alle Anstalten , die er der Religion zum Besten gemacht hat. Er selbst nahm den ersten Menschen bey der Hand und führte ihn auf diesen Weg. Doch Adam blieb nicht auf demselben; er verlor ihn auö den Augen, sobald er selbst der Schöpfer seiner Glückseligkeit werden wollte. Wo wäre die Religion nach seinem Falle gewesen, wenn Gott selbst nicht dieses Licht wieder angezündet hätte? wo ist derjenige, der sich rühmen könnte, so unfehlbar zu seyn, als Adam war, da er aus der Hand Gottes kam? Gott offenbarte von Zeit zu Zeit einigen Rechtschaffnen seinen Willen, bis er endlich unter allen Völkern ein Volk aussonderte, unter welchen die Religion eine beständige Wohnung haben sollte. Er selbst führte sie auf eine Art, die seiner Größe lind Majestät und ihrer Würde anständig war, unter dieses Volk ein. Der Donner von Sinai, die dicke Wolke, worinir dieser Berg vor dem Volke eingehüllet wurde, das seinen Gott entgsgengeführet worden war, das Tönen einer starken Posaune, das Feuer, in welchem der Herr herab kam, hätten bey den Israeliten einen so lebendigen Eindruck zurücklassen sollen, daß sie niemals nachläßige und ungetreue Verwahrer der ihnen verkündigten Wahrheiten geworden waren. Allein kaum schwiegen die Donner; der Sinai rauchte G 5 nicht ;o6 Geschichte der christlichen Religion. nicht mehr; Gott hatte dem Volke nur seine auser- ordentliche Gegenwart entzogen; Moses war nur einige Tage abwesend; So erfuhr die nur verkündigte Religion solche Schicksale, die sie kaum hätte erwarten können, wenn sie eine blos menschliche Erfindung gewesen wäre. Die Leidenschaften des Volkes foderten eine andre Religion, und wenn Aaron die Wahrheit nicht aus Ueberzeugung aufopferte: so ward er aus Furcht ihr Verräther. Er machte dem so sehr zur Veränderung gereizten Volke andere Götter, die vor ihm hergehen sollten. Wenn es unter den Abtrünnigen auch heimliche Verehrer des wahren Gottes gab; wiewohl die Offenbarung uns keine Nachricht giebt: wo würde ohne die Wiederkunft Mosis, oder vielmehr ohne einen auSerordentlichen Beystand, die sichtbare und ununterbrochene Folge der Religion geblieben seyn? Moses kam von Sinai zurück, und Gott lies sich durch das Gebet seines Gesandten, oder vielmehr durch seine Gnade gegen das menschliche Geschlecht, bewegen, der Religion das Ansehen wiederzugeben, daö sie ganz verloren zu haben schien. Tausend Empörungen wider seinen Führer und Gott, waren gleichsam Weißagungcn von den Veränderungen, die ihr unter einem so leichtsinnigen Volke bevorstunden. Ihre Gesetze waren zwar in steinerne Tafeln gegraben; zum Beweise, daß Gott verlangte, sie sollten noch unvergänglicher in den menschlichen Gemüthern seyn. Allein wie oft mußte sich nicht dieses Licht unter den Wolken der Abgötterey verbergen! Wie oft mußte Gott außerordentliche Männer erwecken, diese Wolken zu zerstreuen, damit seine Wahrheit wieder in ihrem göttlichen Glänze leuchten konnte! Zweyter Abschnitt. -07 konnte! Er hatte zwar unter den Juden einen ganzen Stamm ausgesondert, dessen Pflicht e6 war, beständig für die Erhaltung der Religion zu sorgen. Doch sie würde sich, aller Priester und Hoherprie- sier ungeachtet, der Erde wieder entzogen haben; denn eben die Priester und Hohenpriester wurden sehr oft ihre Verräther, wenn Gott nicht einen Propheten nach den andern gesandt hatte, sich der ver- laßnen Wahrheit anzunehmen, und sie von ihrer Flucht aus der Erde zurückzurufen. Ihr Urheber hatte beständig Ursache zu klagen : Die Priester Ierem. s- gedenken nicht, vvoistder Herr^ die Gelehr- ten achten mein nicht; die Hirten führen die Leute von mir; die Propheten weissagen von Baal und hangen an unnützen Göyen. Gehet in die Inseln Chitin,; sendet in Redar, und merket mir Fleiß und schauer, obs daselbst also zugehe; ob die Heiden ihre Görrer andern, rviewohl sie doch nicht Götter sind. Sind diese Klagen nicht eine getreue Geschichte der veränderlichen Schicksale, welche die Religion unter den Iü- den erfahren hat? War nicht die Unbeständigkeit dieses Volkes gegen ihre Gesehe Ursache, daß es Gott aus dem lande hinauswarf, welches nur zu seinem Besitze bestimmet war, und nicht durch die Altäre fremder Götter verunheiliget werden sollte. Kein Volk ist mit so viel Unglück überschüttet, und in einer so langwierigen Empfindung seiner Drangsale erhalten worden, als das jüdische Volk. Man hat Länder verwüsten, ihre Einwohner zu Sklaven verkaufen , ganze Völker aus einem Reiche zu Colonien in andere Länder wegführen, sehen. Aber nach und - nach haben sich die Ucberwundenen mit den Ueber- wilp zog Geschichte der christlichen Religion. tvindern vermenget; sie haben in den Landern ihrer Gefangenschaft ein neues Vaterland wiedergefunden; sie haben ihren ersten Samen verloren, und vielleicht sind ihre ersten Nachkommen unter einem fremden Namen wieder groß und mächtig geworden. Die Juden aber blieben in ihrer langen Gefangenschaft ein besonderes Volk; also waren ihnen ihre Bedrängnisse weit unerträglicher, als andern besiegten Völ- kern, weil sie keine Hoffnung hatten, an dem Glücke ihrer Ueberwinder einmal Theil zu nehmen. Man darf sich darüber nicht wundern. Denn da sie Gott eben wegen der Unbeständigkeit ihrer Religion seinen Zorn empfinden lassen wollte: so war es seiner Weisheit anständig, diese Strafe deutlich von andern Zorngerichten zu unterscheiden. Es sollte nicht allein das jüdische Volk, sondern der ganze Erdkreis aus der Beschaffenheit der Strafe mit Gewishcit schließen können, daß die verabsäumte und beleidigte Religion an ihnen gerächet worden sey. Dieses war der Lohn ihrer Unbeständigkeit in der wahren Religion. Sie wurden gebeugt; ihr Elend nöthigte sie, sich vor dem Gott ihrer Väter zu demüthigen. Bald darauf wurden sie nach den Weissagungen ihrer Propheten wieder in ihr Land zurückgeführet, und die Religion fing an unter ihnen in einem neuen Lichte zu schimmern. Die schrecklichen Drangsalen, die sie ausgestanden hatten, machten zum wenigsten die größte unter allen göttlichen Wahrheiten unauslöschlich. So leicht sie vorher den wahren Gott verlassen, und ihre Herrlichkeit um nichtige Götzen verkauft hatten: so groß wurde nunmehr ihr Abscheu vor der Abgötterey. Es waren keine Martern, keine Verfolgungen unter den Maccabäern so groß, V Zweyter Abschnitt» ,09 groß, denen sie sich nicht lieber Preis gaben , als daß sie den Götzen hätten räuchern sollen. Und dennoch war die Religion nicht vor allen Veränderung gcn unter ihnen gesichert. Man hatte zwar aufgehört Abgötterei) mit seinen Sinnen zu treiben. Nunmehr aber glaubten sie der Religion noch Ehre zu machen, wenn sie die Einfälle ihrer Vernunft und die Erfindungen einer thörichten Weisheit vergötterten. Sie hatten vor dem die Stimme der Vernunft über das Ansehen der Religion nicht gehöret; denn sie würden, wenn sie ihren Ruf gehöret hätten, nicht so oft Abgötter geworden seyn, weil die Abgöt- terey nicht ein Misbrauch, sondern eine gänzliche Unterdrückung dieses natürlichen, Lichtes ist.. Nunmehr aber räumten sie ihrer Vernunft allzuviele Rechte ein» Unterstehet sich der menschliche Verstand nicht, eine eigene Religion zu machen: so maßt er sich zum wenigsten die Gewalt an, die wahre Religion mit den Grundsaßen seiner Leidenschaften zu vereinigen, und sie durch eigene Zusätze zu vermehren. So gieng es nunmehr unter den Juden. Sie waren in ihrer Gefangenschaft mit der Weisheit der orientalischen Völker, wenn man ihre Thorheiten also nennen darf, bekannt worden. Einige wollten diese Wissenschaften nicht vergebens haben; sie wollten eine Vereinigung zwischen der Wahrheit und dem Irrthume stiften. Andere widersehten sich dieser Vereinigung , .und unter dem Vorwande sich der Religion anzunehmen, suchten sie den Menschen ihre eigenen Gedanken und Meinungen, als göttliche Aussprüche aufzudringen. Die Juden hatten sich nicht lange vor der Ankunft Jesu Christi in verschiedene besondere Parteyen getheilet, die alle ihre besondere Meinungen > NO Geschichte der christlichen Religion. nungen über die Religion hatten, und alle behau« pteten, daß ihre Lehrsätze die Aussprüche derOffenba- rung wären, denen niemand seinen Beyfall versagen dürste. Wie sehr war die Religion unter den Juden von der Religion Moses und der Propheten unterschieden! Welch eine Reinigung bedürfte sie nicht! Gab es nicht unter ihnen Pharisäer, Eßäer, Saddu- cäer, Therapeuten, und andere Seccen mehr? Und behauptete nicht jede darunter, daß sie die rechtgläubigste wäre? Bey welcher war nun die beste Reli^ gion? Wo war die sichtbare ununterbrochene Folge derselben? Gleichwohl hatte Gott die weisesten Anstalten gemacht, die Religion unter seinem Volke vor aller Veränderung und Verfälschung zu bewahren. Er hatte die Juden auf eine sehr merkwürdige und sichtbare Weise von andern Völkern unterschieden. Der äußerliche Gottesdienst war so eingerichtet, daß nicht allein der Verstand und das Herz, sondern auch die Sinne beschäftigt und unterhalten wurden. Alls Veränderung war durch die fürchterlichsten Drohungen untersagt. Die bürgerliche Ruhe und Glückseligkeit war auf das genaueste mit der Reinigkeit der Religion verbunden. Und dennoch konnten sie diese und noch mehr Anstalten nicht vor der Veränderung schützen. So sehr übertreibt der menschliche Verstand seine Freyheit; er will mehr als frey, er will ununterwürsig seyn, obgleich eben diese Begierde, sich unabhängig zu machen, der gewisse Weg zur Sclaverey ist. Jesus Christus kam, der Religion ihre ursprüngliche Schönheit wiederzugeben, alle fremden und menschlichen Zusätze davon abzusondern, und nach einen Zweyter Abschnitt. m einen erhabnen Ausdrucke eines Propheten, das Silber zu schmelzen und zu läutern, sondern auch die göttlichen Wahrheiten durch neue Zusätze, die eben so göttlich sind, zu erhöhen. Er wollte, weil in ihn» alle Opfer und Vorbilder erfüllt wurden, den allzu- slimlichen Gottesdienst aufheben, und die Reit- gion so einrichten, daß sie nicht an ein besonderes Volk gebunden bliebe, sondern sich auf dem ganzen Erdkreise ausbreiten, und bey allen Völkern eine Wohnung finden könnte. In den Lehren, die er selbst verkündigte, und seinen Aposteln zu verkündigen befahl, herrschten sehr wenig Geheimnisse, ausgenommen , die größte Deutlichkeit und die edelste Einfalt. Die Vernunft selbst hatte, wenn sie sich ihnen mit Aufrichtigkeit und ohne Vorurtheile na- hete, Ursache, vollkommen mit ihnen zufrieden zu seyn. Die Offenbarung öffnete dem menschlichen Verstände weitere Aussichten, zeigte ihm die sicher» Wege der Glückseligkeit, und erklärte ihm sehr vieles in der Schöpfung, was ihm vorher ohne dieses Licht unverständlich und ein Räthsel gewesen war. Die Gesetze der Sittenlehre Jesu Christi foderten nichts, was nicht auch die Gesetze der natürlichen Billigkeit foderten, wenn sie recht verstanden wurden. Verlangte sie auch einige neue Tugenden; so waren sie so beschaffen, daß eine unparteyische Vernunft einräumen mußte, daß sie der größte und erhabenste Schmuck der menschlichen Natur wären. Dieses alles zu beweisen, braucht man weiter nichts zu thun, als die Lehren blos anzuzeigen, deren Glauben und Ausübung die Offenbarung befiehlet. Die Offenbarung zeigt neue Aussichten in der Schöpfung, und besonders in dem vernünftigen Theile 512 Geschichte der christlichen Religion. Theile derselben. Man erkennet wohl, daß die ganze Natur, vermöge der mannigfaltigen Ordnung und Schönheit, welche darinnen ausgebreitet ist, kein Werk eines blinden Zufalles seyn kann. Allein, wenn die Welt das Werk eines weisen Wesens ist, woher Lommen die unzählbaren UnVollkommenheiten, besonders die moralischen? Wo ist der Ursprung de« Bösen zu suchen? Wenn man besonders die Menschen ansieht, so bemerket man wohl an ihren Verlangen, glückselig zu seyn, daß sie nicht zum Elende bestimmet seyn müssen. Allein warum ist er doch unglückselig, und warum hat er bey aller der Größe seines Verstandes nicht so viel Einsicht, daß er einen sichern Weg zur Glückseligkeit finden kann, die e>? doch so begierig sieht? Die Offenbarung reißt uns aus dieser Ungewisheit, und laßt uns nicht auf die thörichte Meynung gerathen, daß etwa eine feindselige Gottheit die Geschöpfe eines weisen und gütigen Wesens aus Neid verunstaltet habe. Alle Geschöpfe, sagt sie, waren gut, als sie aus der Hand i B. Mof. Gottes hervorgiengen. Er sahe an, was er ge- ^ ^' macht harre, und siehe, es war alles sehr gut. Die reinen Geister und die mit einem Körper bekleideten Menschen waren ohne Sünde, und also vollkommen. Vom obersten Seraph bis zum niedrigsten Wurme hinunter herrschte eine allgemeine Ordnung und Uebereinstimmung; alle Theile der Schöpfung stunden in dem vollkommensten Verhältniße gegen einander. Die größte Schönheit der Geister ist die Freyheit. Doch weil sie endlich waren, konnten sie das beste Geschenk misbrauchen. Es geschah. Einige der erhabensten Geister wurden Goce ungehorsam, und diese verleiteten die ersten Mm» schen. Zweyter Abschnitt. nz scheu, Theil an ihrem Ungehorsame zu nehmen. Nunmehr braucht man die Ursache des Bösen nicht mehr in der Materie zu suchen. Sie ist in der gemis- brauchten Freyheit der Geister, des ersten Menschen und seiner Nachkommen. Die Unordnung in der Geisterwelt zog tausend Unordnungen in der Körperwelt nach sich. Die Menschen sind nunmehr schon in ihrer Geburt verderbet. Sie sind aus sündlichen Saamen gezeugt, und ihre Mütter haben sie in Sünden empfangen- Der Tod ist mir der Sünde zu allen Menschen hindurch gedrungen. Dieses natürliche Verderben vergrößern die Menschen durch freywillige Mißhandlungen. Ihr Dichten ist döse von Jugend auf, und immerdar. Man darf sich nunmehr nicht wundern, daß die Menschen unglückselig sind, und sich selbst au6 ihrem Elende nicht herausreißen können. Die Un- glückseligkeit, in welcher sie seufzen, ist ihr eigenes Werk; sie ist eine natürliche Folge der moralischen Unordnung, die sie in sich selbst angerichtet haben. Allein soll diese Unordnung in der Welt einer gütigen Gottheit bleiben? Soll der Mensch immer unglückselig seyn? Und wer kann die Ordnung und ursprüngliche Schönheit wieder herstellen? Die Vernunft schweigt aus alle diese Fragen. Die Offenbarung beantwortet sie. Die christliche Religion zeigt uns also neue Aussichten in der Gottheit. Das Verderben des Menschen hatte zwar nicht allen Begriff von einem höchsten Wesen in ihrer Seelen verlöscht. Allein sie hatten die Gottheit vervielfältiget, und sie fast unter alle Creaturen vertheilet. Dieses war der Ursprung und die wahre Gestalt der Abgötterey. Die n, Theil. H Offen, ii4 Geschichte der christlichen Religion. Offenbarung lehrte also, daß nur ein Gott sey, der Schöpfer und Herr alles dessen, was sichtbar und und unsichtbar ist. Doch sie lehrte noch mehr. Dieser einzige Gott war der Vater, der Sohn, und der Geist. Der Vater war von dem Sohne, und dem Geiste; der Sohn von dem Vater und von dem Geiste; und der Geist von dem Vater und Sohne wirklich unterschieden. Und der Vater, der den Sohn Don Ewigkeit her gezeuget hatte, der Sohn, das ewige Ebenbild des Vaters, und der Geist, der von dem Vater und von dem Sohne seit der Ewigkeit her ausgegangen war. Diese drey waren in einem -Wesen Gott. Sie haben an allen Vollkommenheiten, an allen Handlungen, und an der Anbetung der Gottheit, einen gleichen Antheil. Keiner von ihnen ist allein das göttliche Wesen, sondern er ist nur in demselben. Unterdessen sind die Namen des Vaters, des Sohnes, und des Geistes nicht bloße Namen, die nur einem, und eben demselben, in gewissen Absichten zugeeignet würden. Man müßte sonst die Reden Jesu Christi der Ungereimtheit beschuldigen, wenn er sagt: daß er vom Vater komme, daß ihn der Vater gesandt habe, daß er den heiligen Geist senden werde, daß er und der Vater Eins sey. Diejenigen selbst, welche seine Gottheit leugnen, gestehen zum wenigsten ein, daß er unter allen Wesen den weisesten und erhabensten Verstand besitze. Wer wollte aber wohl einen Menschen auch nur für halb- vernünftig halten, der, wem; er spräche: Ich und mein Vater sind Eins, damit sagen wollte: Ich und ich bin Eins? Dieser Gott fodert unsere Herzen und unsere Anbetung. Allein er will diese Ehre mit keinem sei. ner Zweyter Abschnitt. 115 ner Geschöpf theilen. Alle religionsmaßl'ge Verehrung irgend einer Creatur, sie mag so erhaben und edel seyn, als sie will, sieht Gott als einen frevelhaften Eingriff in seine Rechte an. Er ist eben der Gott, den die Iüden angebetet haben. Seine Verehrung kann durch historische Beweise bis zum Ursprünge der Welt hinaufgeführet werden. Doch das Geheimniß der drey Personen in einem göttlichen Wesen; ein Ausdruck, den der Irrthum nothwendig gemacht hat, ist der jüdischen Kirche nicht s» deutlich offenbaret worden, als den Christen. Diese Lehre ist über den Begriff der Vernunft; allein sie streitet nicht wider ihre gesunden Grundsaße; vielleicht'hangt sie mit der Kette der Wahrheiten, die wir begreifen können, zusammen; und es werdeil nur durch heilige Wolken diejenigen Glieder verborgen, durch weiche es mit jenen zusammenhängt. Die Ewigkeit wird unsre Einsicht erweitern. Die Religion lehret also die Dr, neinigkeit Gottes. Dieser Gott sah von Ewigkeit her den Fall des menschlichen Geschlechts, seinen Ungehorsam und Aufruhr gegen seine Gesetze, deren Beobachtung sie zu der Glückseligkeit geleitet hätte, welche sie mm ohne ihn entbehren. Er beschloß nach seiner unendlichen Güte, sie von ihrem Falle wieder aufzurichten. ' Unterdessen foderte seine Heiligkeit (denn der Gott der Christen ist ein Gott der Ordnung) ein Versöhnopfer. Wie hätten sonst seine Geschöpfs seinen Haß gegen moralische Unordnungen erkennen - und bewundern können? Dieses Opfer Mußte so groß seyn, als sein ewiger Haß gegen die Sünde. Der ewige Sohn des Vaters erboth sich, dieses Opfer i'.i werden, und weil er ce der Gottheit nach nicht sey?» H » koinus, n6 Geschichte der christlichen Religion. konnte, die menschliche Natur mit der göttlichen zu vereinigen. Ehe er dieses noch that, ward viele Jahrhunderte vorher dem ganzen menschlichen Geschlechte ein Erlöser verheißen. Die Wcißagungen wurden erfüllet; er kam und nahm in dem Leibe einer Jungfrau die elende Gestalt der Sünder an, und ward den Menschen, ihre Sünde ausgenommen, in allen Stücken gleich. Er verkündigte in dem niedrigsten Aufzuge die göttlichste und erhabenste Tugend. Seine menschlichen Handlungen und sein Tod für die Versöhnung unsers Geschlechts bewiesen seine Menschheit, und seine Wunder; und die noch größern Wuuder seiner Jünger, bewiesen seine göttliche Sendung und Natur. Er starb, und versöhnte durch sein Leiden und seinen Tod die Menschen mit der Gottheit. Gott ist bereit, wenn sie diese Versöhnung nicht von sich stoßen, sie selig zu machen. Nachdem er das Amt eines Propheten und Hohenpriesters für die Menschen vollendet hatte, stand er von den Todten auf, und setzte sich zur Rechten seines Vaters, und herrschet nunmehr, bis er zum Gerichte wieder kommen wird. Alles, was er in seiner Erniedrigung that, das that er als Gottmensch; beyde Naturen nahmen Theil daran. Alles, was der erhöhete und verherrlichte Erlöser thut, auch das thut er in einer Person Gott und Mensch. Er ist der Versöhner, der Mittler, das Beyspiel, und der Beherrscher der Menschen. In ihm, und durch den Glauben an ihn sollen wir seiig werden. Dieses ist das Geheimniß der Menschwerdung und der Erlösung Jesu Christi. Allein die Menschen sind verderbt; in ihrem natürlichen Zustande vernehmen sie nichts von diesen Geheim- Zweyter Abschnitt. 117 Geheimnissen: Wie sollen sie an diesen Erlöser glauben, und im Glauben an ihn seinem Beyspiele nach- wandcln? Der heilige Geist hat die Zueignung si'iner Versöhnung übernommen; er hat sich von dem Sohne nach dem ewigen Rachschlusse der Gottheit senden lassen. Er ist es also, der durch gewisse ordentliche Mittel diese großen Wahrheiten bekannt, und, wenn sich die Menschen nach der Bekanntmachung desselben, seinen fernern Wirkungen nicht widersehen wollen, auch kraftig bey ihnen macht. Widerstreben sie ihm nicht: so überzeugt er sie von ihrem Elenoe und der Nothwendigkeit der Erlösung; fahren sie fort, sich ihm zu überlassen: so wirkt er den Glauben, oder das zuversichtliche Vertrauen in ihnen, daß sie um Jesu Christi willen selig seyn werden. In diesem seligen Augenblicke werden sie dieses Glaubens wegen von Gott für gerecht erklaret, und sie genießen die Früchte der Gnug- thuung ihres Erlösers. Hier wird auf keine Werke gesehen; denn sie konnten vor dem Glauben keine Werke thun, die sie in den Augen des heiligen Gottes der Seligkeit würdig gemacht hätten. Die Werke der Glaubigen sind, wenn sie den göttlichen Geboten gemäß sind, Folgen, aber nicht Ursachen, ihrer Rechtfertigung. Denn, wenn sie durch den Glauben die Gerechtigkeit Jesu Christi empfangen haben: so erhalten sie von dem heiligen Geiste die Kräfte, heilig zu wandeln. Brauchen sie diese Kräfte mit Furcht und Zittern: so werden sie erhalten, und erlangen eine immer größere Starke der Heiligkeit. Dieses ist die Lehre von der Gnade. Aber was brauchet Gott für Mitte!, den Menschen diese Gnade mitzutheilen, und wenn sie dieselbe H 5 dadurch, n3 Geschichte der christlichen Religion. dadurch, daß sie sich nicht widersetzen, annehmen, sie in dem Besitze derselben zu erhalten? Diese Mittel sind die Verkündigung und Betrachtung des göttlichen Worts, denn der Glaube kömmt aus der Predigt; das Gebet; ferner die Taufe mit Wasser, und endlich das Gedächtnißmahl des Todes Jesu Christi. Dieses sind nicht bloße unfruchtbare Fey- erlichkeiten. Die Taufe ist mehr, als eine heilige Ceremonie; denn sie ist ein Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im heiligen Geiste. Das Abendmahl ist nicht blos der Genuß eines geheiligten Brodtes und Weines; es ist der Leib und das Blut Christi, was wir empfangen. Diese geheim- nißvolle Handlung ist eine wirkliche Gemeinschaft an dem ieibe und Blute des Herrn. Um deswillen sind die Wirkung des göttlichen Wortes und des Gebetes, die Taufe, und das Abendmahl des Herrn Geheimnisse, die wir glauben, aber nicht erklaren und begreifen sollen. Dies ist die Lehre der Offenbarung von den Gnadenmitteln. Diejenigen also, an welchen die Versöhnung Jesu Christi durch die Gnade und Zueignung seines Geistes kräftig geworden ist, haben gewisse Pflichte!, zu erfüllen. Was verlangt aber die Sittenlehre Jesu Christi von ihnen? Ihr Hauptinhalt ist das göttliche von ihm selbst erklärte und richtig bestimmte Moralgesetz, zu dessen Beobachtung die Menschen, nach ihren besondern Umstanden und Lebensarten, auch ohne einen Erlöser, schon verbunden waren. Denn eben die Uebertretung desselben hatte seine Erlösung nothwendig gemacht. Doch alle Handlungen, die nach diesem göttlichen Gesetze eingerichtet sind, werden dadurch christliche Tugenden, und also weit Zweyter Abschnitt. 119 weit vollkommner, weil sie aus dem Glaube» an den Weltheiland kommen. Unterdeß folgen aus der Erlösung Jesu Christi noch besondere Verbindlichkeiten, welche gleichwohl mit den Pflichten des natürlichen Moralgesetzes in einer genauen Vcrwandschast stehen. Da seine Erlösung alle Menschen angeht: so müssen auch die besondern Pflichten, welche sich daraus herleiten lassen, allen Christen obliegen, wenn man davon die Pflichten derjenigen ausnimmt, welche die Versöhnung der Welt predigen müssen. Eine eifrige Liebe gegen den Gott, der so viel an unsre Errettung gewandt hat, die Demuth vor ihm, die Beständigkeit im Glauben, die Gedult, die geistliche Wachsamkeit und Aufsicht auf sich selbst, und in Ansehung anderer Menschen die Bruderliebe; denn nunmehr müssen wir einander nicht blos als Geschöpfe, sondern auch als Erlöste eines Gottes, betrachten ; das alles sind allgemeine Christenpflichten. Christus und seine Jünger haben außer dem Amte der Lehrer keine neue Stande und Lebensarten eingeführet. Soll also eine Handlung den Namen einer christlichen Tugend verdienen: so muß sie entweder in dem göttlichen Moralgesetze befohlen seyn, oder aus der allgemeinen Erlösung unsers Geschlechts hergeleitet werden können, und also entweder von den Lehrern des Evangelii, oder von allen Christen, und zu allen Zeiten, ausgeübt werden. Dieses ist die Vorstellung, welche unö die Offenbarung von der Sittenlehre Jesu Christi machet. Diejenigen nun, welche im Glauben und in der Liebe ihrem Erlöser nachwandeln, machen die unsichtbare allgemeine Kirche Jesu Christi aus. Allein wie wird ihr Zustand, und der Zustand derer, welche H 4 entweder i2o Geschichte der christlichen Religion. entweder das Evangelium von Christo nicht annehmen, oder demselben nicht gemäß handeln, in der Zukunft beschaffen seyn? Die Religion entdeckt uns neue Aussichten in die Zukunft. Es wartet aus alle Menschen die Auferstehung des Leibes, und der Tag eines allgemeinen Gerichts. Für öie Glaubigen ist eine ewige, unvergängliche, und über alle menschliche Begriffe erhabene Seligkeit bestimmt. Für die andern ist nach diesem Leben keine Gnade zu hoffen. Eine ewige Unglückseligkeit, der Lohn ihres Unglaubens und ihrer Laster wird sie ergreifen. Sie werden in die ewige Pein gehen, die dem Verführer unsers Geschlechts, dem Satan und seinen Engeln, bereitet ist; die Gerechten aber in das ewige Leben. Dieses ist die Lehre der Offenbarung von dem zukünftigen Zustande der vernünftigen Geschöpfe Gottes. So sieht der innerliche Bau der Religion aus. Dieses sind die Lehren, welche Jesus und seine Jünger predigten. Man wird die erhabenste Einfalt und die größte Majestät, so kurz auch dieser Abriß davon seyn mag, darinnen erblicken. Die meisten dieser Lehren, welche die Christen glauben, und zur Richtschnur ihres Wandels annehmen sollen, sind Geheimnisse. Sie waren dem natürlichen Menschen unbekannt; allein auch da sie geossenbaret sind, können sie nicht ganz von uns begriffen werden. Wer wird sich darüber verwundern, der von seiner Endlichkeit und den eingeschränkten Kräften seines Verstandes überzeugt ist? Allein wer kann etwas ohne Beweise glauben? Die christliche Religion hat ihre Beweise, und zwar unüberwindliche Beweift. Sie sind nicht aus der Metaphysik entlehnt; aber sie sind deutlich, und haben eine göttliche Kraft- Wel- ' ' 5. > >' cher Zweyter Abschnitt. 12» cher Verstand, wenn er vernünftig ist, und welches Herz, wenn seine Empfindungen redlich sind, kcmn sich gegen die gewissen Erfüllungen deutlicher Weissagungen, gegen die göttlichen Wunder Jesu Christi und seiner Apostel, gegen die Bekehrung der Welt, gegen die Ausbreitung der Religion unter den grausamsten Verfolgungen, und dem Aufruhre der Erde und der Hölle, gegen die vollkommene Uebereinstimmung ihrer Wahrheiren mit den Vollkommenheiten Gottes und dem Zustande des Menschen, gegen die Stimme des Gewissens, das sie bekräftigt, und gegen die Wirkungen des Geistes der Wahrheit, wenn wir ihnen Raum lassen, auflehnen? Diese Religion sollte nach der Absicht ihres Stifters ein neues Band der menschlichen Gesellschafft seyn. Alle Menschen sollten in ihren Glauben von Gott und ihren Sitten, nemlich in dein Gehorsame gegen die Gesetze Gottes, mit einander übereinstimmen. Hierzu gehörte eine äußerliche Verfassung der Religion , ein allgemein eintrachtiger Gottesdienst. Doch dies? Harmonie sollte die Verschiedenheit der Stande, der Lebensarten, die besondern bürgerlichen Verfassungen, der eigentümlichen und unterscheidenden Charaktere der Völker nicht aufheben, wenn sie selbst nur mit den Grundsahen einer gesunden Vernunft bestehen könnten. Also war auch in dem äußerlichen Gottesdienste eine göttliche Einfalt nöthig. Man findet sie in dem Gottesdienste der ersten Christen. Er war mit keinen Ceremonien beschweret, und die Feierlichkeiten, welche Jesus Christus selbst eingeführet hatte, waren so leicht, das sie auf der ganzen Erde beobachtet werden konnten; zu geschweige-,, daß sie mit großen H 5 inner- ,22 Geschichte der christlichen Religion. innerlichen Vortheilen verknüpft waren. Zum aus- serlichen Gottesdienste wurde also weiter nichts erfordert, als die Feyer gewisser Tage, an welchen sich alle Christen verst.mmleten, den Gott öffentlich zu verehren, den sie im Herzen anbeteten, und serner der öffentliche Unterricht in der Wahrheit. Diese Tage sind in der Offenbarung selbst von den Aposteln Jesu Christi, welche die Gewalt hatten, der Kirche, die sie pflanzten, Gesetze zu geben, bestimmt worden. Es wurde den Christen überlassen, ob sie mit einer allgemeinen Einwilligung und ohne die Gewissen zu fesseln, noch andere zu Stunden der öffentlichen Verehrung Gottes heiligen wollten. Zum öffentlichen Unterrichte waren Lehrer nothwendig. Ihre Eigenschaften bestimmte die Offenbarung; ihre Prüfung nach dem Worte Gottes und ihre Wahl wurde der ganzen Gemeine der Christen, den schon verordneten Lehrern und Zuhörern, überlassen. Aus beyden , den Lehrern, welche die Sorge für den öffentlichen Unterricht in der Wahrheit hatten, und aus den Christen, welche sich unterrichten ließen, den Unterricht aber allezeit nach dem göttlichen Worte prüfen sollen, bestand die sichtbare Kirche Jesu Christi , dieser geistliche Acker, auf welchem aber nicht allein Weizen, sondern auch Unkraut, wachsen kann. Die Lehrer hatten keine andere Gewalt, als diejenige, welche ihnen die Wahrheit mit ihren Beweisen gab, diejenigen, welche die Religion annahmen, in die Gemeinschaft der sichtbaren Kirche aufzunehmen, ih. nen die verordneten Mittel der Gnade mitzutheilen, und sorgfaltig über ihre Seelen zu wachen. Die Macht der ganzen Kirche bestand darinnen, daß sie theils diejenigen, welche weder im Glauben noch im Leben Zweyter Abschnitt. 12? Leben mit ihr übereinstimmten, nicht für ihre Mitglieder halten sollte, ohne die bürgerliche Gesellschaft mit ihnen aufzuheben, theils mit einer allgemeinen entweder ausdrücklichen oder stillschweigenden Einwilligung willkührliche Anstallten treffen durfte, welche etwa den Wohlstand und die Ordnung beym Gottesdienste befördern können, daß sie weder das Wesen der Religion ändern, noch eigentlich dazu gerech- nct werden. Diese göttliche Einfalt in dem öffentlichen Gottesdienste der Christen, und ihrer äußerlichen Verfassung, verringerte die Majestät des Christenthumes nicht; sie erhob sie vielmehr, weil dasselbe mit den Sinnen so wenig Gemeinschaft unterhielt. Man erkennet aus diesem Systeme der Religion, welche Jesus Christus auf der Erde auszubreiten beschlossen harte, daß so wohl die Ruhe der Kirche, als auch die bürgerliche Glückseligkeit, sehr viel dabey gewonnen haben würde, wenn dasselbe niemals einigen Veränderungen unterworfen gewesen wäre; wenn das geistliche Reich Christi sich allezeit genau nach seinen Vorschriften gerichtet hatte. Die Welt gieng ciuS der Hand ihres Schöpfers vollkommen hervor; c6 mangelte der Schönheit seines Werkes nichts, daß durch eine neue Schöpfung hatte ersehet werden müssen. So rein und vollkommen war die Religion, als sie aus dem Munde ihres Stifters und seiner Apostel kam. Ihre Schriften waren ein hinlänglicher Unterricht für alle Jahrhunderte Sie enthielten alle Wahrheiten, sie mochten den Glauben oder die Sitten betreffen ; sie durften nur geglaubet und beobachtet werden. Hier fanden unsre Bedürfnisse ihre Befriedigung; sie zeigten die Quelle der Güter, dis 124 Geschichte der christliche!! Religion. die man hoffen darf, und die sichersten Mittel, zu ihrem Besitze zu gelangen. Man hatte nicht nöthig, neue Geheimnisse zu erfinden, den Mangel der alten zu erganzen. Die Religion durste weder verbessert, noch durch Zusähe erweitert werden. Der Mensch hatte an dieser Offenbarung, sowohl für seinen Verstand, als für sein Herz, genug. Eben so unnöthig war die Sorgfalt, dem auS- serlichen Gottesdienste durch neue Ceremonien mehr Schönheit/ Würde und Majestät zu geben. Man kann der Kirche die Macht nicht absprechen, durch heilige Gebräuche die Andacht des Menschen mehr anzufeuren; es scheint nützlich zu seyn, wenn bey dem Dienste Gottes alle Sinnen beschafftiget werben. Allein alle Ceremonien, diese Sprache für die Sinnen, sind nur so lange gut, als sie dem Verstände und dem Herzen eben so verständlich sind, als ihnen. Der Mensch bleibt allzuleicht an den Sinnen hangen; je mehr alle Gottesdienste in die Augen fallen; desto leerer sind sie sür den Geist. Am Ende schaden sie oft destomehr, und desto langer, je größer der Nutzen war, welchen man von ihnen erwartete. Oft setzet man das Wesen der Religion darein, oder rechnet sie zum wenigsten zu demselben. Gott, welcher seinen Namen vom Ausgange bis zum Niedergange herrlich machen wollte, verlangte daher, nur im Geist und in der Wahrheit angebetet zu werden. Die Menschen konnten keine erhabnere Feierlichkeiten erfinden, als die waren, so Jesus selbst verordnet hatte. Die besten Ceremonien sind unterdessen diejenigen, welche sich unmittelbar auf die Religion beziehen. Ver- Zweyter Abschnitt. 12Z Verlangte Gott für seinen Dienst kein außcrli- licheö Ansehen, reine blendende Pracht und Hoheit: wie viel weniger durften die Lehrer einer Religion, die so voll zärtlicher Einfalt ist, einen Anspruch auf ejne irrdische Hoheit machen? Die weltlichen Könige herrschen, und die Gewaltigen nennet man gnädige Herren: Ihr aber nicht also; sondern der Größte unter euch soll seyn, wie der Jüngste, und der Vornehmste, wie ein Diener. Das Reich Jesu Christi ist ein Reich der Wahrheit und der Tugend, und also nicht ein Reich irrdischer Ehrenstellen und Würden. Diejenigen zwar, welche von Gott das Amt haben, die Ordnung im gemeinen Wesen einzurichten, können den Lehrern des Evangelii unter andern Bürgern einen bestimmten Rang anweisen. Allein dergleichen Würden gehören nicht zur Religion, nicht eiiunal zu ihrer äußerlichen göttlichen Verfassung; indem der Stifter in seinem Reiche demjenigen den größten Rang anweiset, der die meisten und erhabensten Verdienste besitzt. Da die Religion in ihrer innerlichen und äußerlichen Verfassung so vollkommen war: so hätten billig ihre Schicksale unter den Menschen allezeit glücklich seyn sollen. Allein man müßte gar kein Kenner des menschlichen Herzens, oder ganz ein Fremdling in der Geschichte seyn, wenn man sich dieses bereden wollte. Denn wer sind die Geschöpfe, denen die Religion anvertrauet ist? Sind es nicht Menschen, die ihrer Natur nach zur Veränderung und Unbeständigkeit geneigt sind? Wie mannigfaltig sind unsere Vorurtheile! Wie leicht dringt sich uns ein Irrthum unter der Gestalt der Wahrheit auf! Wie sehr verzärteln wir unsere Vernunft! Wie groß ist die ,26 Geschichte der christlichen Religion. die Liebe gegen unsere eigene Gedanken! Wer kennet die Gewalt des Beyspiels nicht? Oft irret der Redlichste, blos seiner eingeschränkten Einsichten wegen, dem Irrthume des größten Haufens nach. Oft verkleidet sich der Irrthum so künstlich, und kömmt der Wahrheit so nahe, daß Man sich vielleicht beredet, daß man die Wahrheit ehre, wenn man schon dem Irrthume räuchert. Und was haben nicht die deutlichsten Wahrheiten von unsern mannigfaltigen Leidenschaften zu befürchten? Was für einen Einfluß haben nicht Eigensini,, Ehrsucht und Eigennutz zu allen Zeiten in die Religion gehabt? Sollte nun die christliche Religion gar keine nachtheiligen Veränderungen erfahren haben: so müßten zum wenigsten alle ihre Lehrer niemals weder in der Gefahr zu irren, noch in der Gefahr zu sündigen, gewesen seyn. Also verlangte man von Gott, daß er wider unsere Freyheit ohne Aufhören Wunder thun sollte. Wenn er sie hätte thun wollen; warum hatte er uns eine schriftliche Offenbarung gegeben ? Konnten die Lehrer der Religion niemals irren: so war das göttliche Wort, wo nicht ganz unnöthig, doch gewiß entbehrlich und überftüßig. Doch die Geschichte wird uns überzeugen, daß eS in der Christenheit keine Gemeine gebe, welche ganz aus aller Gefahr sey, in den Wahrheiten der Religion zu irren. Nur allein die Offenbarung Gottes hat dieses Vorrecht. Alle christlichen Jahrhunderte werden uns davon überführen. Oft ist die Wahrheit blos mit ungewissen Meynungen, die nur menschlich waren, oft mit gefährlichen Irrthümern, vermehret worden. Oft ist sie unter der Menge dcynaht! verschivuuden. Man hat sie in ihrer voll- komm« Zweyter Abschnitt. 127 kommnen Reinigkeit blos in der heiligen Schrift, nicht aber gewiß und unfehlbar in Jerusalem, oder Antiochien, in Constantinopel, oder Rom, finden können. Sehr oft hat man zwar die Geheimnisse, aber nicht die Sittenlehre der Religion wider die Irrgläubigen vertheidigt, ungeachtet Irrthümer in der Sittenlehre, wo nicht gefährlicher, doch eben so schädlich sind, als Irrthümer wider die Geheimnisse. Wie oft hat man nicht sehr gute äußerliche Anstalten gemacht, die Frömmigkeit zu befördern, und den Eifer der Christen zu entzünden. Man hat wohl gar aus unschuldigen Absichten heidnische Gebräuche nachzuahmen, und dadurch zu heiligen gesucht. Allein man hat auch sehr bald die löblichsten äußerlichen Anstalten mit der Frömmigkeit selbst verwechselt, und sie endlich zum Wesen der Religion gemacht. Bald haben Menschen ihrer Vernunft zu viel eingeräumet, und zu viel gegrübelt- Erst hat man diese Ausschweifungen nur einschränken wollen. Nach und nach ist man aus verschiedenen Absichten in die entgegengesetzten Ausschweifungen verfallen; man hat gar nicht untersucht, und dem menschlichen Ansehen zu viel eingeräumet. Dieses hat Anlaß gegeben, erst abergläubisch, und hernach nicht viel besser, als abgöttisch, zu werden. Die Kirchenversammlungen der späteren Jahrhunderte werden solches erweisen. Einige haben gesucht, ob sie die Verlornen Wahrheiten wieder finden könnten; sie haben die Misbrauche der herrschenden Kirche verworfen. Sie haben Widerstand gefunden; sie sind vielleicht verfolgt worden ; der Zorn hat sich alsdenn ihrer so bemächngt, daß sie an ihren Verfolgern alles, oft die Wahrheit eben so sehr, als den Irrthum, gehasset haben. Das cjlste. 52Z Geschichte der christliche« Religion. eilfte und zwölfte Jahrhundert wird uns davon Beweise genug darbieten. Die herrschenden Kirchen sind eben so weit gegangen; berauscht von ihrer Unfehlbarkeit, und stolz vielleicht auf ihre Macht, haben sie sehr oft die Stimmen der Wahrheiten für Stimmen von Aufrührern gehalten. Kurz, man findet in der Geschichte der Kirche eine bestandige Abwechselung solcher Veränderungen in der Religion, die uns ein trauriger Beweis sind, daß sie Menschen gegeben worden ist. Wir werden vors erste diesen traurigen Beweis aus den abwechselnden Umständen führen, in welchen sich die christliche Religion von den Zeiten der Apostel an bis auf das zehnte Jahrhundert befunden hat. Ihre Geheimnisse erhielten sich in dem Kampfe wider die Irrthümer der Juden und Gnostiker. Allein die Reinigkeit der christlichen Sittcnlehre wurde besteckt. Die heilige Schrift blieb nicht allzulange die einzige Quelle unsers Glaubens und unserer Gesetze; man setzte ihr sthr bald eine mündliche Sage an die Seite, deren Urheber man gleichwohl nicht kannte.' Die Verfolgungen gaben den Christen große Beyspiele der Sündhaftigkeit. Als die Kirche zur Ruhe kam, glaubte man genug gethan zu haben, wenn man sie erst bewunderte, hernach abergläubisch verehrte, und endlich abgöttisch anbetete. Die Bischöfe misbrauchten die Ehrfurcht, die der Erdkreis für ihr Amt halte, vielleicht im Anfange aus Eifer für die Religion gegen die Irrenden, und in der Folge, aus Herrschsucht, gegen alle Menschen, und besonders gegen ihre Beherrscher. Die Cleri- sey sing an, mit Wissen in vielen Lehrsahen der Religion irrig Zu werden, weil sie mächtig werden wollten. Man Zweyter Abschnitt. 129 Man macht sich den großen Haufen nicht leichter »mterwürfig, als wenn man ihn sinnlich macht. Man verwandelt also eine Religion, die nach der Absicht ihres Stifters fast ganz geistlich seyn sollte, ganz in Sinnlichkeit und Aberglauben. Daher entstanden über die Bilder der Heiligen und ihre Anbetung, um ihre Gebeine, Lumpen, und andere Reliquien, eben so heftige Verfolgungen, als unter den Heiden wegen eines Jupiters, einer Diana, und anderer vergötterter Menschen, blutige Empörungen gegen die Christen erwecket wurden. Die Bischöfe, die endlich nicht mehr Hirten, sondern Fürsten der Kirche waren, hatten allzuviel verloren, wenn sie der Religion Jesu Christi ihre erste Reinigkeit hätten wiedergeben sollen. Sie fuhren vielmehr in dem Mißbrauche derselben fort, und machten sich dadurch zu allgemeinen Monarchen der Erde, bis die unglücklichen Zeiten erschienen, wo sie Kaiser auf Kaiser, und Könige auf Könige absetzten, und die Religion selbst ganz verschwunden zu seyn schien. Ein Geschichtschreiber der Religion muß alle diese Veränderungen unpartheyisch erzählen; sie mögen nun die Wahrheiten der Offenbarung, oder die äußerliche Verfassung der Kirche betreffen. Er muß erzählen, wie lange sich die Religion in ihrem ganzen Umfange rein und unverfälscht erhalten hat. Er muß erzählen, wenn einzelne Glieder der Kirche, wenn große Gemeinen, und wenn die allermeisten christlichen Gesellschaften, entweder in einzelnen Lehren, oder in Nebcnwahrheiten, oder in sehr wichtigen Grundsätzen, oder fast in allen großen Wahrheiten des Glaubens, geirret haben, was ihre Irrthümer gewesen sind, und was sie auf ihre unglücklichen II. Theil. I Abwege izO Geschichte der christlichen Religion. Abwege verleitet hat. Er muß, so sehr es ihm immer möglich ist, alle einzelne Schritte genau bezeichnen, die bis zum Irrthume gethan worden sind. Frey von Parteylichkeit für seine gottesdienstliche Gesellschaft, muß er in den ersten Zeiten nicht blos dasjenige finden, was er gern darinnen finden möchte. Er muß die Gründe der Irrenden eben so wohl seiner Aufmerksamkeit würdigen, als die Widerlegungen der Rechtgläubigen. Denn selten findet ein großer Irrthum ohne Scheingründe Glauben. Doch es ist nicht genug, die unglücklichen Schicksale der Religion zu erzählen. Wenn es nützlich ist, aufmerksam auf die Wege der Menschen zu seyn: so ist es eine selige Belchaftigung, den Wegen der Gottheit nachzuspüren. Gott hat allezeit die heilige Schrift, diese Quelle unsers Unterrichts und unsers Trostes, unverändert erhalten. Man hat nicht allezeit bey ihrer Erklärung den Regeln einer vernünfti- Auslegung gcfolget; ja sie scheinet in tausend Auslegungen nicht mehr Gottes Wort zu seyn; es hat auch Zeiten gegeben, wo man sie dem großen Haufen der Christen aus den Händen reißen wollte. Doch hat sie in der christlichen Welt niemals so sehr unglückliche Schicksale erfahren, als das Gesetz Mosis einigemal unter den Jüden erfahren mußte. Welch ein Wunder vor unsern Augen! Niemals haben auch alle Lehrer der Religion, und niemals haben sie in allen Stücken geirrct. Die römische und griechische Kirche haben in den Zeiten der größten Finsterniß nicht bloß die Irrthümer, die der Wahrheit ganz entgegengesetzt sind, sondern gemeiniglich neben ihnen auch die entgegengesetzten Wahrheiten, kurz, sie haben Widersprüche geglaubet. Sie glaubten, daß Zweyter Abschnitt. »Zr daß man Creaturen anbeten müsse, und lehrten doch auch, daß Gott allein die Ehre der Anbetung gehöre. In diesen unglücklichen Zeiten, wo man die Herrschaft des Irrthums und Aberglaubens durch Henker und Scheiterhaufen zu erhalten suchte, auch da gab es Zeugen der verfolgten Wahrheit, die weder Henker, noch Scheiterhaufen, sondern nur Gott allem fürchteten. Vielleicht irrten sie auch in andern Lehren; ihr Zeugniß aber rettete doch die beständige Folge der Wahrheiten, die am meisten angefochten wurden. Der Aberglaube hat in der Christenheit durch lange unglückliche Zeiten hin geherrscht. Nuch und nach hat die göttliche Vorsehung so viele vortheilhafte Umstände zusammenkommen lassen, daß die Wahrheit wieder Kräfte gewinnen, den Irrthum, wo nicht ganz vertreiben, doch sich ihm zum wenigsten muthiger und glücklicher widersetzen konnte. Das alles smd Wege der Gottheit. Oft sind sie im Dunkeln; er geht durch heilige Labyrinthe; allein man darf, man muß ihnen nachzugehen suchen. Die Vortheile sind allzuwichtig, die wir aus solchen Untersuchungen ziehen können. Gewiß keine Geschichte kann uns so mißlich und so unentbehrlich seyn, als eine solche Geschichte der Religion. Sie kann uns vorsichtig in unserm Glauben machen. Man zittert mehr vor der Schwäche seines Verstandes, entfernt sich mehr von dem Stolze auf eigene Einsichten, und bewahret sich mehr vor der Gewalt und dem Betrüge seiner Leidenschaften. Man warnet sich selbst vor der Verführung; man wird zu seinem Glauben und Leben keinen andern unbetrüglichen Wegweiser haben, als die Schrift und Gott. Wer wird aus unrei- I « uen iZ2 Geschichte der christlichen Religion. nen Quellen trinken wollen, wenn man sie einmal kennet? Eine solche Geschichte kann uns auch gewisser in unserm Glauben machen. Man lernt, daß sich die Wahrheit allezeit wider den Irrthum erhalten habe. Man darf weder vor den Feinden, noch vor den Verfälschern des Glaubens, in unsern Tagen zittern, und in der heilsamen Lehre, die man aus der Offenbarung erlernt hat, wanken. Die Religion ist so oft bestritten und verfälscht, und sowohl die Angriffe, als die Verfälschungen, oft entblößt worden, daß nunmehr der Irrthum nicht leicht Gestalten erfinden wird, in denen er nicht schon da gewesen und entlarvt worden seyn sollte. Es ist seine Art, daß er sich endlich erschöpft. Endlich können, oder sollen vielmehr, Betrachtungen dieser Art über die Schicksale der Religion uns gottseliger und dankbarer gegen die Gottheit machen. Man findet nicht allein eifrige, sondern auch heilige Bekenner der Wahrheit, große Beyspiele in allen Tugenden, nicht allein in allen Verfolgungen , sondern auch in allen Lastern, unüberwindliche Christen. Wer sollte solchen erhabnen und von Gott selbst geleiteten Vorgängern nicht nachwandeln wollen? Und wer die Wahrheit liebt und die Wahrheit gefunden hat, wird der nicht der Gottheit danken und ihre Liebe gegen das menschliche Geschlecht verherrlichen, daß er demselben in allen, selbst in den finstersten Zeiten, Mittel gegeben hat, ihn, und in ihm sein wahres Glück zu finden ? Wie sehr ist es zu beklagen, daß der große Geist des Bischofs Boßvet seine Ursachen hatte, warum Zweyter Abschnitt. izz um er die christliche Welt durch eine solche Geschichte der Religion nicht unterrichten und bessern wollte, oder durfte. Wie vollkommen würden wir sie aus seinen Meisterhänden erhalten haben! (^^^^5KK^5S^5BK55SSS<5KKB Voll den Irrthümern in der Reli» gion unter den ersten Christen, zu den Zeiten der Apostel, AAar es jemals zu hoffen, daß die Lehren der Religion vor den Irrthümern sicher seyn würden ; So war solches unstreitig zu den Zeiten der Apostel zu hoffen. Von diesen erleuchteten Mannern unterrichtet werden, was war das anders, als die Wahrheit aus dem Munde Gottes selbst empfangen? Wenn man die außerordentlichen Wunderbetrachtet, die sie thaten: So scheinet es, daß für bekehrte nichts leichters gewesen sey, als blos dasjenige zu glauben, was Männer zu glauben befahlen, die vom Geiste Gottes selbst in alle Wahrheit geleitet wurden. Wer kann auf Abwege gerathen , wenn man so zu sagen, Gott selbst persönlich vor sich herwandeln siehet? Gesetzt, ihr eigenes Herz hatte sie verführen wollen; ihre Vorurtheile, welche sie verleugnet haben mußten, als sie den christlichen Glauben annahmen, hätten sich von neuem empöret, und sie in falsche Meinungen, oder in unauflösliche Zweifel verwickelt; die göttliche schriftliche Offenbarung, die sie schon hatten, hätte sie nicht daraus reißen können: So durften sie nur die Apostel fragen, wenn es ihr aufrichtiger Ernst war, bey der I Z Wahr- j ??4 Geschichte der christlichen Religion. Wahrheit zu bleiben. Sie durften nur bescheiden sey», und niemals eher Einfälle ihres Geistes für Wahrheiten ausbreiten, als bis sie die Jünger Jesu Christi selbst dafür erkläret hatten. Allein sind oder bleiben wohl alle Menschen bescheiden, denen Gott alle möglichen Gelegenheiten darbietet, solches zu seyn? Die Neubekchrten waren entweder Jüden, oder Heiden. Jene hatten ihre eigensinnigen Vornr- theile für ihre Nation, und für das Ceremonial- gesetz Mosis, und für andere Irrthümer; diese hingegen eine eingebildete Weisheit, der das Evangelium Thorheit zu seyn schien, verleugnen müssen. Schwere Opfer, die sie der Religion brachten! Sehr viele sahen sich nach Aegyptcn um, daß sie schon verlassen hatten; sie holten ihre geliebten Vor- urtheile und Thorheiten zurück; Sie suchten einen Vergleich zwischen ihnen und den Wahrheiten des F//.-///, Christenthums zu treffen. Durch solche krumme Wege schlichen sich sehr früh Irrthümer selbst un- ^ - ter die Gläubigen, ungeachtet der Gegenwart der Apostel, ein. Dieser Geist der menschlichen Unbeständigkeit oder Unbcscheidcnheit; vieleicht sind beyde Namen für unsere Neigung zum Irrthume viel zu gelind; äußerte sich zuerst unter den neubekehrtcn Christen Ap, Gesch. ^ Antiochien. Hiehcr kamen aus Judäa Brüder, ^' das ist, solche, welche aus Jüden Christen geworden waren; und lehrten, daß die Gläubigen nicht selig werden könnten, wenn sie sich nicht beschneiden ließen. Die Alren haben, jedoch ohne hinlängliche //>/V ^"xise, den Cerinch für den Anführer dieser fal- ^ ^ scheu Brüder gehalten. Sie ließen es nicht an der Noth. Zweyter Abschnitt. ,35 Nothwendigkeit der Beschneidung genug seyn; sie wollte» den Gläubigen alle Lasten des Ceremonial- geseßeö aufbürden. Umsonst widersetzten sich ihnen Paulus und Barnabas, von denen sie doch wußten, daß dieselben mit außcrordcmlichen Gaben des heiligen Geistes ausgerüstet waren. Der Irrthum hat auch über die Rechtgläubigsten viel Gewalt, wem, er nur ihre Leidenschaften gewinnen, und auf seine Partey bringen kann. Dieses geschah hier. Galt die Bcschneidung und das ganze Ceremonialgesel) nichts mehr: So waren Juden und Heiden nunmehr einander vollkommen gleich, und Me hatten sich doch immer geschmeichelt, das besonders geliebte Volk Gottes zu seyn. War aber die Beschneioung und die Beobachtung der levitischen Gebrauche noch nothwendig; war es nicht genug ein Christ zu seyn, wenn man selig werden wollte; mußte man vielmehr auch ein Jude werden: So war zwischen Juden und Heiden immer noch ein sehr merkwürdiger Unterschied. Daher wurde die Antiochenische Gemeine zum wenigsten unschlüßig, was sie glauben sollte, ungeachtet Paulus, der vor dem ein so eifriger Vertheidiger des Gesetzes gewesen war, behauptete, daß Christus in der Absicht gekommen wäre, die Seini- gen von dieser Sklaverey frey zu machen. Man sendete nach Jerusalem, die Meinung der dasigen Apostel und Brüder zu vernehmen. Eigentlich war es unnöthig. Konnte ihnen unbekannt seyn, was Gott dem Apostel Petrus in einem Gesichte gesagt hatte, daß niemand mehr unrein wäre, so bald er ein Christ würde? Die Apostel und die übrigen Brüder versammelten sich, und sprachen die Glaubigen unter den Heiden im Namen des heiligen Geistes I 4 von ,z6 Geschichte der christlichen Religion. von aller Beobachtung des jüdischen Ceremonialge- setzeS frey Sie wollten zwar das Verbot, kein Blut erstickter Thiere zu essen, beobachtet wissen; allein dasselbe gehörte nicht unter die levitischen Gebrauche, und war weit älter. Man hätte freylich vermuthen sollen, daß dieser so bestimmte Anspruch des heiligen Geistes die Gemeine zu Antiochien ganz beruhiget haben würde. Sie bezeugte auch im Anfang eine große Freude darüber; sie wurden des Trostes froh, der den Heiden ertheilt wurde. Doch ganz waren die Christen aus den Juden nicht von ihren Vorurtheilen zurückgekommen. Petrus kam nach Antiochien, und anfangs zeigte er keine Furcht vor dem Umgange mit den Heiden. Kaum aber waren einige Juden von dem Apostel Jakobus gekommen, vermuthlich solche, welche die Beobachtung des mosaischen Ceremonial«- gesetzes für nothwendig hielten, als dieser muthige Apostel sich dem Umgange mit den Heiden entzog, und aus Menschenfurcht heuchelte. Dieser große Jünger, der gewiß wider seinen Willen für unfehlbar gehalten wird, verleitete auch andere Jüden zur Verstellung. Selbst Barnabas, dieser zeither so getreue Gefährte des Apostels Paulus, ward verleitet, mit ihnen zu heucheln. Wie würde es der Wahrheit des Evangelii, dgß Christus die Menschen von dem Ceremonialgesehe befreyt habe, ergangen seyn, da Petrus selbst dem Ausspruche der apostolischen Versammlung entgegen handelte, wenn Gott nicht den Apostel Paulus erweckt hätte, den Irrenden mit dem größten Nachdrucke zu widerstehen. Wie glücklich sind wir, daß wir uns sichrer auf Gott , als auf die Menschen verlassen können. Alles Zweyter Abschnitt. -z? Alles dieses hinderte die Ausbreitung solcher jüdischen Irrthümer nicht. Kaum hatte Paulus, eine Gemeine in Galatien gesammelt, als sich auch hier falsche Brüder einschlichen, und die Nothwendigkeit der Beschneidung und des ganzen mosaischen Cere- monialgescßcs lehrten, theils aus einer sündlickM Begierde, Menschen zu gefallen, theils wohl auch aus Furcht vor den Verfolgungen der Heiden, vor denen sie sicher zu seyn hofften, wenn sie für Jüden gehalten würden. Sie wußten, daß Paulus das Gegentheil gelehret hatte. Also; wie sinnreich ist nicht der menschliche Verstand, wenn er irren will; also suchten sie das Ansehen desselben zu schwächen, und gaben vor, daß er nur ein Apostel vom zweyten Range wäre, daß Petrus, Jakobus, und Johannes, diese Säulen der Kirche, günstiger von der Beschneidung und den Gebrauchen des Gesetzes urtheilten, und darinnen mehr Nachfolge verdienten, weil sie des persönlichen Umganges Jesu Christi auf der Erde genossen hätten. Sie mußten ohne Zweifel einen großen Beyfall finden. Vielleicht ließen sich selbst viele Lehrer unter den Galatern von dem Strome fortreißen. Man kann dieses aus den strengen Vorwürfen schließen, welche Paulus den Galatern macht, wenn er sie fragt, wer sie so sehr bezaubert hätte, daß sie so unverständig wären, und der Wahrheit nicht gehorchten? Er widersetzte sich dem Irrthume in einem der nachdrücklichsten und beredtesten Briefen. Er zeigte, daß er nicht von Menschen, sondern von Jesu Christo selbst, zum Apostclamte berufen wäre, auch den nöthigen Unterricht dazu bloß den Offenbarungen Gottes zu danken hätte. Er erklärte von neuem die Lehre des Evcmgelii, und zog I 5 aus 5Z8 Geschichte der christlichen Religion. aus der Grundwahrheit, daß wir nicht durch die Beobachtung deö Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesum Christum, gerechtfertiget werden, die un- widerlegliche Folge, daß nunmehr die Beschneidung und das ganze Ceremonialgeseß aufgehoben seyn müsse. Er ermähnte die Christen, fest bey dieser Lehre zu bleiben; eine jede Lehre, die davon abginge, wäre verflucht, und wenn sie auch ein Apostel, und wenn sie selbst ein Engel vom Himmel predigen würde. Ein Irrthum wird immer vom andern begleitet; das jüdische Vorurtheil für die Bcschneidung kann ein Beweis davon seyn. Die Christen in Rom, welche größtentheils aus bekehrten Heiden bestanden, waren wegen ihrer Wissenschaft, ihrer Liebe, und ihres Gehorsams, berühmt. Die Jüden warm übel damit zufrieden, daß die Heiden zur Gnade des Evangelii zugelassen wurden, ohne zur Beschneidung und Beobachtung ihrer Gebrauche genöthiget zu werden. Sie konnten nicht glauben, daß sie nöthig hatten, durch einen Erlöser von ihren Sünden bc- freyt zu werden. Sie glaubten, gerecht zu seyn, wenn sie die äußerlichen Werke thaten, die ihnen in dem mosaischen Gesetze vorgeschrieben wurden. Sie bildeten sich ein, daß ihnen Gott die Gnade deß Evangelii, theils wegen ihrer Werke, theils wegen seiner Verheißungen, schuldig wäre. Also leugneten sie theils die Nothwendigkeit der Bekehrung, theils die Unentbehrlichkeit des Glaubens an den Erlöser. Nöm. l<5, Die Jüden stritten darüber sehr oft mit den neube- !?- u- f. kehrten Christen zu Rom. Einige von diesen brauchten vielleicht nicht die rechten Waffen in diesem Streite. Sie rühmten sich, ohne Offenbarung und Gesetz, Zweyter Abschnitt. Gesetz, KkoZ durch die Hülfe ihrer Philosophie, die meisten Gesetze der Moral erkannt und ausgeübt zu haben. Vielleicht verachteten sie auch die Iüdcn> daß sie sich, ungeachtet so großer und mannigfaltiger Wohlthaten Gottes, dennoch so oft gegen ihn empöret, und endlich den Messias selbst gekreuziget und verworfen hatten. Paulus suchte also sowohl die Griechen, als die Jüden, zu demüthigen, jene wegen beS Misbrauchs ihrer Vernunft zur Abgötterey und den schändlichsten Ausschweifungen, diese wegen ihres Stolzes. Beyde lehrete er, daß niemand vor den Augen Gottes Verdienste zur Rechtfertigung harte, daß vielmehr die Gnade Gottes blos von dem glaubigen Vertrauen auf Jesum Christum abhicnge. Damit auch die Juden umständlicher von der wahren Absicht des levitischcn Pricsterthums und des damit verknüpften Ceremonialgesctzcs unterrichtet werden möchten, schrieb der Apostel den Brief an die Ebräer. Kaum aber waren die Christen auf dieser Seite wider den Irrthum bewahret, als die Wahrheit von einem andern angefallen wurde. Paulus hatte gelehret, daß alle guten Werke keinen Menschen in den- Augen Gottes gerecht machen könnten. Man nahm daher Anlaß zu behaupten, daß die Werke ganz unnütz wären. Weil die Christen von der Verbindlichkeit gegen das mosaische Ceremonialgesch losgesprochen waren: so wollte man sie lieber auch von den Pflichten des Sittengeselzes frey machen. Man hatte die Menschen gern überredet, daß sie frech seyn könnten, weil die Religion lehrte, daß sie frey wären. Diesen Irrthum bestritt Iakobus in seinem allgemeinen Briefe. Er lehrte, daß der Glaube -40 Geschichte der christlichen Religion. ohne Werke ein todter Glaube wäre, der keinem Menschen ein Recht zur Seligkeit gäbe. Doch die christlichen Gemeinen bestunden nicht allein aus bekehrten Juden, sondern auch aus bekehrten Heiden. Unter diesen gab es auch viele, welche der erkannten Wahrheit nicht treu blieben. Daher kamen auch Irrthümer auf, welche ihrem Ursprünge nach ganz heidnisch waren. Einige, die bloß die Wahrheiten des Glaubens zu verfälschen suchten, haben die Apostel nur dunkel bezeichnet; andere Irrthümer, welche die ganze Sittenlehre Jesu Christi bestrittcn, sind in der Offenbarung deutlicher angegeben und verurtheilet worden. Unter die erste Gattung gehörten unstreitig die Irrthümer der orientalischen Philosophie, welche einige unter die Lehren des Christenthums zu mengen suchten. Paulus warnete vor einer gewissen falschberühmten Kunst, vor der Wissenschaft der Genealogien, oder Geschlechtregister, vor unnützen Fabeln, vor einem un- gcistlichen losen Geschwätze, worüber etliche des Glaubens verfehlet hätten. Die Folge wird umständlicher lehren, daß man darunter eine gewisse fanatische Philosophie verstehen müsse, welche dazumal fast den ganzen Orient bezaubert zu haben schien. Unter die andere Art von Irrthümern, welche die heilige Moral des Christenthums niederreißen, gehörten diejenigen, welche den Menschen die schändlichsten Handlungen erlaubten, und ebenfalls aus der orientalischen Philosophie herstammte. Diejenigen, welche sie ausbreiteten, wurden sowohl von dem Apo- ^ A^tr. 2. stgs Petrus, als von dem Evangelisten Johannes, in Oss ^oh.z. seiner Offenbarung so abscheulich, als sie waren, abgebildet. Ungeachtet sie aber für Christen gehalten seyn wollten: Zweyter Abschnitt. -4- wollten: So waren doch ihre Irrthümer ungeheuer, und dem Evcmgelio so offenbar entgegen gesetzt, daß sie sehr bald, nicht unter dem Namen irrender Christen , sondern unter dem Namen der Nicolaiten , verabscheuet wurden. Das ist die Ursache, warum ihr schändliches Lehrgebäude in dieser Betrachtung ganz mit Stillschweigen übergangen werden kann. Außer diesen beyden Arten von Irrthümern suchte >Z«^o//» noch eine dritte Art, die ihrem Ursprünge nach we- Lo/o^. der ganz heidnisch, noch ganz jüdisch war, sich unter die Christen einzudringen. Paulus zielet, aller Wahrscheinlichkeit nach, in seinem Briefe an die Colosser auf diese Art Irrthümer. Es fanden sich Christen, welche die jüdischen Vorurtheile und die Thorheiten ihrer schon verleugneten fanatischen Weisheit noch liebten, und mit den Wahrheiten des Evan- gelii vereinigen wollten. Sie machten den Menschen ein Gewissen über Speise und Trank, über bestimmte Feyertage, Neumonden und Sabbather. Sie giengen in einer selbst erwählten Geistlichkeit und Demuth einher. Sie verschonten des Leibes nicht; sie thaten dem Fleische nicht seine Ehre zu seiner Nothdurft. Man kann auch wahrscheinlich schließen, daß sie behaupteten, in Christo wohnte nicht die ganze Lulle der Gottheit leibhaftig, oder wirklich. Man wird bald sehen, daß hier die AnHanger des C^xiu^hus nach dem Leben gezeichnet sind. Paulus warnte deswegen die Colosser vor ihnen, und ermähnte sie, Achtzuhaben, daß sie nicht durch die Philosophie, durch einen eiteln Betrug, durch Menschenlehre und Satzungen der Welt, der Wahrheit beraubt werden möchten. Er lehrte sie, daß Jesus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Z42 Geschichte der christlichen Religion. der Erstgcbohrne vor allen Creaturen, der Schöpfer aller Eiigel, und das Haupt der Gemeine sey, daß die Fülle der Gottheit in ihm leibhaftig wohne, daß niemanden ein Gewissen über den Unterschied der Speisen, über bestimmte Feyertage, Neumonde und Sabbacer gemacht werden durfte, daß eö nunmehr zwischen Iüdcn und Heiden, beschnittenen und unbeschnittenen, Barbaren und Scyten, Sclaven und Frenen, keinen Unterschied gebe, wenn sie sich in Jesu Christo vereinigen und durch ihn zu einer neue» Creatur machen ließen. Wa6 kann deutlicher zu seyn scheinen, als daß der Apostel einige Ausdrücke aus dieser falschen Philosophie nehme, ihnen einen bessern Verstand ertheile, und sie durch einen solchen Gebrauch wieder heilige? Doch die Ao,^» wird solches ausführlicher erweisen. M>5/-./,?/?. Die meisten dieser Jrrthükp.n, von denen sich ö?/?. viMjcht die ersten, die sitz annahmen und ausbrcice- m^-/>-^. ^ ^ M der betrü^ischen Vorstellung schmeichelten, daß sie mit der Religion Jesu Christi sehr wohl bestehen könnten, waren indessen so beschaffen, daß sie zum Umstürze, wo nicht aller, doch der vornehmsten Wahrheiten des Christenthums führten. Die jüdischen Irrthümer führten unstreitig zur Verleugnung der Gottheit unsers Erlösers. Sehr viele, die doch die christliche Religion angenommen hatten, wollten die irrige MeynuNg, daß die Beobachtung des mosaischen Ceremom'algeseHcs nothwendig wäre, nicht aufopfern. Die Apostel bewiesen ihnen, daß die Christen frey von demselben wären , weil die Beschneidung und alle levitischen Gebrauche blos Zeichen und Vorbilder von der Erlösung gewesen wären, die Jesus Christus nunmehr gelei- Zweyter Abschnitt. 14z geleistet hatte. Die Irrgläubigen konnten sich wider diesen Beweis nicht anders retten, als wenn sie die Nothwendigkeit der Erlösung, und also der Vereinigung einer göttlichen Natur mit der menschlichen m Christo leugneten, ohne welche eine Erlösung des menschlichen Geschlechts von Sünden unmöglich war. Daher hielten sie Jesum Christum für einen bloßen, aber göttlichen Menschen, den Gott zum Unterrichte unsers Geschlechts auf die Erde gesandt hätte. Diejenigen Irrthümer, welche aus der orientalischen Philosophie entlehnt waren, leiteten offenbar zur Verleugnung der menschlichen Natur in Jesiö Christo. Denn nach den Grundsätzen dieser träumerischen Weisheit war, wie man bald umständlicher sehen wird, die Materie ganz böse. Wenn nun solche Begriffe für wahr gehalten wurden; wie konnte Christus eine wahre menschliche Natur angenommen , und wirklich an seinem Fleische gelitten haben? Daher stimmten alle Secten der Gnostiker , wenn man die Valentinianer auSnimmt, in dem Hauptgrundsatze mit einander überein, daß unser Erlöser kein wahrer Mensch gewesen wäre, sondern solches nur zu seyn geschienen hatte. Um eben dieser Ursache willen wurden sieDoceren oderphan-s tasiasten genannt; Namen, die nach der Bedeutung des griechischen Wortes ihre irrige Meynung bezeichneten. Sowohl diese als jene verderbliche Lehre wurde durch den Apostel Johannes entlarvt. Sie waren es, von denen er die wahren Bekenner des Namens Jesu in den Worten warnte: Am jegli- Z0H.4,»Z- cher Geist, der da bekenner, daß Jesus Chri- ^ -5. stus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gorr. ,44 Geschichte der christlichen Religion. Gott. Und ein jeglicher Geist, der da nicht bekennet, daß Jesus Christus ins Fleisch gekommen ist, ver ist nicht von Gott. Das ist der Geist des N?idcrchnsts - - tVir zeugen, Haß der Vater den Sohn zum Heilande der N)elc gesandt habe. tVelcher nun bekennet, daß Jesus Gocres Sohn ist, in dem bleibet Gort, und er in Gott. Aus eben dieser unreinen orientalischen Philosophie floß die Lehre, daß wir keine Auferstehung unserer Leiber hoffen dürften. Hymenäus und Phile- tus, und Alexander, behaupteten diesen Irrthum schon vor den Menander Ihre Lehre fraß, nach dem »Tim.l,2,o. Zeugnisse des Apostels Paulus, unter den Glaubt- 2Tim.2,>8. gx,^ wie Krebs um sich. Ob vielleicht Hermo- genes, Phrygellus, und Demas, von denen eben dieser Apostel erzahlt, daß sie am Glauben Schiffbruch gelitten, die Wahrheit verlassen, und die Welt lieb gewonnen hätten, in eben diese Irrthümer verwickelt worden sind, oder ob sie nur die Bahn der Gottseligkeit verlassen haben; das läßt sich nicht gewiß bestimmen. Unterdessen konnten diese falschen Lehren, so lange noch die Jünger Jesu Christi lebten, der wahren Religion, die sie verkündigten, nicht so nachtheilig werden, als sie solches in den folgenden Zeiten wurden. Gott beschützte die Wahrheit, die, weil die Kirche noch schwach und neu gepflanzt war, eines außerordentlichen Schuhes nöthig hatte; theils durch das Ansehen, welches er den Aussprüchen ver Apostel mitgetheilt hatte; theils durch die Züchtigungen, welche sie oft die Haupcer der Irrenden em- ,Tim,i,2c>. psinden ließen. So hatte Paulus den Hymenaus und Zweyter Abschintt. 145 und Alexander dem Satan übergeben, daß sie gezüchtiget werden sollten, nicht mehr zu lästern. Es ist wahr, daß diese Strafe, deren eigentliche Beschaffenheit nicht mit völliger Gewißheit angegeben werden kann, die weitere Ausbreitung dieser Irrthümer nicht ganz hindern konnte. Gleichwohl aber findet man nicht, daß alle diese Irrgläubigen, bey Lebzeiten der Apostel, einen starken Anhang erhalten haben. Noch viel weniger konnten sie die Wahrheiten der Religion sebst verfälschen, oder den Aussprüchen der Apostel die Thorheiten andichten, deren Glauben sie den Menschen gern aufgedrungen hätten. Ein solcher Misbrauch der schriftlichen Offenbarung war unmöglich, weil die Gläubigen die Apostel selbst über den Verstand ihrer Worte fragen konnten. Allein kaum hatte Gott diese heiligen Männer von der Erde weggenommen: So stund eine irrgläubige Sekte nach der andern auf; die Verführung wurde starker und allgemeiner; und viele falsche Meynungen dran- geten sich selbst unter die christlichen Lehren ein, ohne von den wahren Nachfolgern der Apostel erkannt zu werden; es sey nun, daß Dieselben sich der Wahrheit so sehr näherten, daß sie selbst für die Wahr- heit gehalten werden konnten, oder, daß die Lehrer ihre meiste Sorgfalt auf den Umstur; derAbgötterey richteten, und diese Feinde verachteten, weil fie ihnen nicht so furchtbar zu seyn schienen, als der Götzendienst. Denn sobald sich nur die Irrthümer in ihrer wahren Gestalt zeigeten: so wurden sie gleich aus dem Gefolge der Wahrheit ausgestoßen, und man. gab nicht zu, daß die Religion durch sie verunreiniget würde. So muß, deucht mich, Hegcfippus ch>, x verstanden werden, wenn er sagt, daß die Kirche H-TlM K Jeju''^- ?46 Geschichte der christlichen Religion. Jesu Christi, bis auf die Zeiten des Kaisers Trojans, eine Jungfrau geblieben, und durch keine ungöttli- che Lehren verderbt worden sey. In einem jeden andern Verstände würde dieser Ausspruch durch die Geschichte widerlegt werden. Vielleicht wundert man sich nun nicht sehr darüber, daß bey dem hellen Glänze des Evangelii alle diese Irrthümer, selbst von denen, welche sich doch zu der christlichen Religion bekannt hatten, haben angenommen und ausgebreitet werden können. Eine solche Verwunderung wird noch mehr verschwinden, wenn man den verderbten Zustand der Religion unter den Juden und unter den orientalischen Philosophen noch mehr erwogen, und bedacht haben wird, wie schwer es dem Menschen ankömmt, eingewurzelte Vorurtheile und falsche Meynungen ganz aufzugeben. Die fanatische Philosophie, welche damals im ganzen Oriente herrschte, hat die meisten von den ersten irrgläubigen Sekten erzeuget; sie verdienet aus dieser Ursache, eine umständlichere Betrachtung, welche um so viel nöthiger ist, weil sehr viele Irrthümer der jüdischen Sekten nicht ohne diese Kenntniß verstanden werden können. Diese träumerische Weisheit ist als die vornehmste Feindinn des Christenthums anzusehen; sie hat demselben mehr, als alle andere philosophische Sekten, in dem ersten Jahrhunderte geschabet, und sie wurde noch schädlicher, als sie sich in dem zweyten Jahr- Hunderte mit den pythagoräischen und platonischen Irrthümern vereinigte. »A. A ^ Von Zweyter Abschnitt. 147 Von der Religion der morgenlan» dischm Weisen. AVe christliche Religion erschien zu einer Zeit auf t-»^ der Erde, wo der menschliche Verstand nicht mehr ganz roh und unbearbeitet war. Der Mensch war nicht mehr, wie in den ältern Zeiren, bloß Sinn; er war mit den Kräften seiner Seele bekannter, als vordem, und seine Einsichten waren durch viele Wissenschaften, in welchen sich mehr als ein glücklicher Geist hervorgethan hatte, sehr erweitert worden. Selbst in Ansehung der Religion suchte,! sich viele über die allzugroben Begriffe des Pöbels zu erheben. Dennoch waren die Menschen der wahren Erkenntniß Gottes nicht naher gekommen. So genau wurden die Weißagungen der Propheten erfüllet, baß erst unter dem Meßias diese Finsternisse des menschlichen Geschlechts zerstreuet werden sollten. Alles, was man im Oriente und im Occidente von Gott lehrete, war Irrthum in mannigfaltigen Gestalten. Zum Unglücke liebeten diejenigen, die sich für weise hielten, ihren Irrthum so sehr, daß sie das Evangelium für Thorheit hielten, oder wenn sie den Eindruck desselben nicht ganz übertäuben konnten, eine Vereinigung zwischen dem Lichte und der Finsterniß machen wollten. Niemals hat der Verstand der Menschen einer so wüsten Einöde geglichen, daß nicht allezeit in ihren Seelen einige Empfindungen der Gottheit verborgen gewesen seyn sollten. Vielleicht sind sie dem ersten Eindrucke Gottes in dieselben zuzueignen; K v>e! 148 Geschichte der christlichen Religion. vielleicht können sie niemals ganz aus den menschlichen Gemüthern verschwinden, weil sie ihnen ancr- schaffen worden sind. Vielleicht sind sie auch der göttlichen Offenbarung zu danken, welche die mündliche Sage von einem Alter zum andern fortgepflanzt hat. Sie sind zwar nach und nach verunstaltet, niemals aber ganz unter allen Völkern ausgerottet worden. Hat es unter den Heiden Philosophen gegeben, welche behaupteten, daß wir mit allen Welten ein Spiel des Zufalls, und nicht das Werk einer weifen Ursache waren: so ist dieser Unsinn bloß der Verzweiflung darüber zuzuschreiben, daß sie diese weife Ursache nicht entdecken konnten. Sie hatten die schwachen Seiten so vieler Lehrgebäude eingesehen : allein sie waren geschickter niederzureißen, als aufzubauen. Wenn eine Gottheit ist: wo ist sie? Wem gehöret sie, und was ist ihr Wefen? Wie konnte sie die Ursache alles dessen seyn, was wir bewundern, und was wir nicht bewunder.,? Und wenn sie alles hervorgebracht hat: warum ist nicht alles vollkommen? Und wenn eine Gottheit ist: Warum kennen wir sie nicht, oder wer zeiget uns die Wege, zu ihr zu kommen? Sie waren so stolz, oder so unwissend, daß sie selbst diese Fragen auflösen wollten, und nicht daran dachten, daß sie nur Gott allein beantworten könnte. Ein deutlicher Beweis von dem riefen Falle des Menschen! Niemals waren die Philosophen geschäfftiger, diese Fragen zu beantworten, als zu den Zeiten Jesu Christi. Nachdem die Menschen der ersten Offenbarung ungttrcu geworden waren, und den besten Wegweiser, Gott, verlassen hatten: so konnten sie sich von ihm keine andere als sinnliche Begriffe machen. Das war Zweyter Abschnitt. -49 war der Grundirrthum, welcher bey den heidnischen Weisen so sehr fruchtbar an ungereimten Lehrgebäuden von der Gottheit war. In den ältern Zeiten FeMv. ^? vergötterten die Menschen alles, was ihr Erstaunen, ihre Liebe, ihre Furcht, ihre Hoffnung, die Schmei-- cheley und das Verderben des menschlichen Herzens für außerordentlich und göttlich hielt. So gelangten die Gestirne, die Meere, die Flüsse, große Regenten, Tyrannen, Insekten, und Laster zur Ehre der Anbe- thung. So entstund nach und nach die Religion des Pöbels, die Abgötterei). Doch es fanden sich bald Menschen, die sich von dem gemeinen Haufen unterscheiden wollten. Je mehr sie ihren Verstand fühleten, desto weniger befriedigten sie diese Meynungen von der Gottheit. Je bekannter sie mit den Geschöpfen wurden, desto unwilliger wurden sie gegen ihre Anbethnng. Dennoch war es ihnen nicht möglich, die wahre Vorstellung von Gott zu finden, die außer dem Gebiete sinnlicher Begriffe liegt. Ihre tiefsinnigsten Gedanken von der Gottheit blieben körperlich; sie konnten sie nicht von der Materie trennen. Alle heidnische Philosophen theileten sich auf vier große Abwege, in der Einbildung, Gott auf einem derselben zu finden. Die Philosophen unter den Chalvaern und Persern stelleten sich die Gottheit, als die allerfeinste und beweglichste Materie, als das reinste Feuer oder Licht vor, aus welcher alle Dinge auSgeflossen wären. Die ägyptischen Weisen theileten die Gottheit /V»,«?^. «uter drey Ursachen aus, unter eine thätige, unter e- eine leidende, und unter eine böse Ursache. Das war ihre geheime Lehre von dem Osiris, der Isis und dem Typhon. Andere, welche das Leben und die K z Bewe- ISO Geschichte der christlichen Religion» Bewegung in der Natur erklären wollten, machten die Gottheit zur Seele der Welt, die aber so genau an sie gefesselt war, daß sie nicht von ihr getrennet werden konnte. Diejenigen, welche der Wahrheit am nächsten kamen, empfanden wohl, daß die Gottheit von der Materie ganz unterschieden seyn müßte. Vielleicht schlössen sie dieses aus der nothwendigen Empfindung, daß ihr Geist unendlich besser, als alle Körper, seyn müsse; vielleicht hatte auch das Licht der Offenbarung, da6 den Juden leuchtete, einige Stralen bis zu ihnen hingeworfen. Unter diese Philosophen gehören unstreitig Sokrateö und Plato. Gleichwohl blieben sie so sinnlich, daß ihnen die Schöpfung der Welt aus Nichts auch nicht einmal eine Muthmaßung ward, daß sie neben der Gottheit ein ewiges wüstes Chaos annahmen, ihr weiter nichts als die Ausbildung desselben zuließen, und daraus alle sittliche und natürliche UnVollkommenheiten der Welt herleiteten. Diese Hauptabwege hatten wiederum unzahlbare Nebenabwege. Doch wir wollen ißt nur bey den ägyptischen, chaldaischen und persischen Irrthümern stehen bleiben. Der große Haufe unter den Aegyptern war in /V> /. ^ die schändlichste Abgötterei) versunken. Sie vereh- /V??/. alles, Gestirne und Insekten, Knoblauch und Könige, göttlich ; ein Gottesdienst, der den Weisen umer ihnen selbst unsinnig zu seyn schien. Sie nahmen daher ihre Zuflucht zu philosophischen Erklärungen , die weniger ungereimt zu seyn schienen, in der Thc-t aber noch weit ungereimter waren, weil sie so viel Nachdenken anwandten, Thorheiten nicht ganz wegzuschaffen, sondern nur in Finsternisse zu verhüllen. Nach ihrem Lehrgebäude war die Gottheit durch Zweyter Abschnitt. »51 durch alle Theile der Welt ausgegossen. Ihre Ausflüsse durchdrangen also die Gestirne, die Menschen, die Thiere, die Pflanzen, und alle Insekten, eins mehr, und das andere weniger. Alles wurde dadurch göttlich, und alles verdiente die Ehre der Anbethunq, weil alles voll Gottheit oder voll Götter war. Weil nun einmal die Gottheit ausfließen mußte: so nahmen sie ein Etwas an, worein sie sich ergießen konnte; ein Etwas, das mit einem unauflöslichen Bande an die Gottheit verknüpft war. Dieses Etwas war die Materie. Doch weil sie an- diesem Etwas soviel UnVollkommenheiten fanden,und es gleichwohl demjenigen, was darinnen floß, nicht: gern zuschreiben wollten: so sahen sie sich gezwungen, ein neues Etwas anzunehmen, das einen Geschmack daran fand, alles Gute zu verderben, was das gütige Etwas in dem leidenden Etwas gewirkee hatte. Das gütige Etwas, das alles durchfloß, nannten sie Osiris, mit einem Namen, der vielleicht einem gütigen Regenten zugehöret haben mochte. Das leidende Etwas mit welchem sich Osiris ver? mahlt hatte, hieß Isis. Isis war aller Wahrschein, lichkeit des Osiris Gemahlinn oder Schwester gewesen. Diese Vermahlung war nicht ohne Folgen 5 Orus, oder die Welt, wurde aus dieser Ehe erzeugt» Das Schadenbegierige Etwas nannten sie Typhon, vermuthlich mit dem Namen eines Tyrannen, der alles Gute zernichtet haben mochte, was Osiris und Isis während ihrer Regierung gethan hatten. So wurden diese eingebildeten Weisen in einem Wirbel leerer und bekriegender Worte herum getrieben, hasch- ten ein Etwas, und wieder ein Etwas, und noch ein Etwas, und fanden Gott nicht. Diogenes Lacr- K 4 tius, 152 Geschichte der christlichen Religion. tius, Porphyr und Eusebius beschuldigten die Ae- gypter nicht mit Unrecht; daß sie nichts als die Welt für Gott gehalten hätten. Dem, was sind alle diese Etwas anders, als Materie? Sie nehmen zum Ursprünge aller Dinge drey Grundwesen an, die unauflöslich mit einander verknüpft sind. Nunmehr kann man von einer solchen Theologie leicht auf die Moral der Aegypter schließen. »7v^ ^' Philosophen unter den Chaldäern lehreten p - !>- / ' gesünders. Das Lehrgebäude ihres Zoroa- ^' sters und Belus ist in dunkle Schatten eingehüllet. Dem ersten Anblicke nach verspricht ihre Lehre von der Gottheit viel vortreffliches. Sie nannten Gott /'/^^ den König und Vater aller Dinge. Sie lehreten, daß alle Ordnung und Schönheit der Natur aus seiner Vorsehung entspränge. Allein diese Gottheit und Vorsehung war nichts, als eine durch die ganze Schöpfung ausgebreitete Seele, aus welcher die großen Geister, welche über alle Theile des Welt- gebäudes die Aufsicht hatten, die untern Götter, die Dämonen und Helden entsprangen. Außer diesen guten Geistern gab es eine Art böser und tückischer Geister, die mit jenen in einem beständigen Streite waren. Aus diesen Ungereimtheiten floß die Verehrung der Gestirne, und was noch mehr von der Verfinsterung ihres Verstandes zeugte, die Magie und Astrologie; Künste, durch welche man aus den besondern Stellungen der Gestirne die Schicksale der Menschen bestimmen, zu einem vertraulichen Umgänge mit Gott kommen, und in die ungewisse Zu- Ä.v,, Nv. ^,„ft hineinschauen wollte. Die chaldäische Lehre ^' ^" Ursprünge der Welt war nicht vernünftiger. /. !^ »,"^, Alles war im Anfange Nacht und Wasser. Aus diesem Zweyter Abschnitt. 15z diesem Chaos bildeten sich gewisse Ungeheuer. Eilt Weib, Omoraca genannt, hatte die Aufsicht darüber. Belus zertheilte dasselbe bey seiner Wiederkunft, vertilgte die Ungeheuer, und so entstand Himmel und Erde. Eine nur wenig aufmerksame Ver- gleichung dieser Lehren mit der mosaischen Erzählung von dem Ursprünge der Welt überführet uns, daß sie verderbte und zerstümmelte Ueberbleibsel der ersten Offenbarung sind. Die Perser hatten auc^? einen Zoroaster, welchen S»/^.^. man in die Zeiten des DariuS Hystaspes zu setzen pflegt. Man weis, daß diese Völker das Feuer ^^'A göttlich verehreten. Sie betheten die Sonne wegen ^^.g' des Nutzens an, welchen ihr die Erde und das ganze s^». menschliche Geschlecht zu danken hatte. Die Klu- M>^«/, gen unter ihnen empfanden wohl, daß die Sonne ^ nicht die Quelle aller Wesen seyn könnte. Sie wollten weiter gehen, und verwickelten sich in verschiedene Ungereimtheiten. Zoroaster vereinigte sie alle in einer Thorheit, so viel man aus den dunkeln Ueber- bleibseln seines Systems schließen kann. Hierinnen hat dasselbe mehr Uebereinstimmung und Zusammenhang, als das chaldaische. Die Philosophen vor ihm fanden in der Natur nichts schöners, als das Licht, und nichts traurigers und schlimmers, als die Finsterniß. Damit sie nun die Schöpfung der Welt und den Ursprung des Uebels erklaren möchten, nahmen sie zwo Hauptgottheiten an; das Licht, welches sie Mithra, und die Finsterniß, welche sie Arima- nius nannten. Vielleicht waren beyde Benennungen Namen, die, wie die Namen Osiris und Typhon, Beherrschern von entgegengesetzten Charakteren eigen gewesen seyn mochten. Ihr Lehrgebäude war hier- K 5 innen -54 Geschichte der christlichen Religion. innen von dem ägyptischen nicht unterschieden. Unterdessen bildeten sie sich doch ein, daß sie alles, was ihnen in der Natur unbegreiflich vorkam, ungezwungen durch ihr System erklären könnten. Das Licht- Wesen war die Quelle des Lichts und der Glückseligkeit ; die Finsterniß war der Ursprung der Finsterniß und alles dessen, was sie für böse hielten. Also gab es zwo Gottheilen, die einander ohne Aufhören be- kriegeten, ungeachtet das Lichtwesen starker war, als der Arimanius; eine Lehre, welche Maneö unter den Christen wieder erneuerte. Zoroaster sah die Schwache dieses Lehrgebäudes ein, und versuchte, ob er nicht alle Dinge aus einem Ursprünge herleiten könnte. Er machte also Gott zu einem geistigen Heuer; das war sein Mithra. Die Stralen oder die Theile dieses Feuers waren vor dem Ursprünge der Welt in einander gedrängt. Allein weil es ein geistiges Feuer war: so faßte es einmal den Entschluß, seine Stralen auszulassen. Da entstand das gröbere Licht, das in der Sonne und den übrigen Gestirnen brennt; und dieses war der Oromasda des Zoroasters. Dieses gröbere Licht hatte ebenfalls keine Lust, seine Stralen stets beyeinander zu behalten, sondern ließ dieselben auch aus sich heraus fließen. So entstand denn eine sehr lange Reihe von Lichtausflüssen. Je weiter sich nun dieselben von der Hauptquelle entferneten; destoweniger waren sie Licht; je weniger sie Licht waren; desto finsterer wurden sie; je finsterer sie wurden, desto materialischer waren sie: Auf diese Weise entstand Arimanius oder die Materie, die Ursache aller UnVollkommenheiten. Nachdem sie einmalj entstanden war: so stritte sie beständig mit dem Lichte. Man darf sich aber darüber nicht Zweyter Abschnitt. 155 nickt leid seyn lassen. Zoroaster hat schon dafür gesorget, daß dieser unglückliche Streit nicht ewig dauern solle. Das erste Lichrwesen wird alle seine Licht- stralen wieder zurückrufen, und von neuem in sich zusammendrängen. Da nun nach diesem Systeme die Finsterniß, die Materie und alles Böse bloß unvermeidliche Folgen aus der weiten Entfernung der Lichtausflüsse von der Quelle des Lichts sind: so müssen dieselben freylich aufhören, wenn sich alle Lichttheile in ihrem Ursprünge vereinigen. Man darf sich nicht wundern, wenn uns in unsern Hellern Zeiten ein solches Lehrgebäude dunkel und unbegreiflich zu seyn scheint; der Unsinn wird niemals deutlich. Zoroaster ist ein Unwissender? der seine Unwissenheit fühlet, und doch zu stolz ist, seine Unwissenheit zu bekennen, und Weisheit bey andern zu suchen. Aus diesen irrigen Vorstellungen von der Gottheit, dem Ursprünge der Welt und des Bösen, floß eine eben so irrige Moral. Man sah, daß bey allen groben Lastern und Ausschweifungen der Menschen, heftige und stürmische Bewegungen im menschlichen Körper erfolgeten. Also schrieb man alle Unordnung der Materie zu, woraus er bestand. Niemand suchte sie im Willen; man hielt die Laster für Gewaltthätigkeiten des Körpers. Alle sittliche Vorstellungen giengen nicht auf die Besserung des Willens, sondern auf die Zerstörung des Leibes. In diesem Verstände sind ihre Ermahnungen zur Enthaltsamkeit, Keuschheit und Mäßigkeit zu verstehen. Sie schrieben tausend besondere Reinigungen vor, welche sich alle auf das System bezogen, das die Materie zur Quelle aller physikalischen und moralischen Unordnung IL6 Geschichte der christlichen Religion. nung machte. Ihre Sl'ttenlehre stimmte mit dem schwermüthigen und milzsüchtigen Temperamente der Morgenländer sehr überein. Der menschliche Verstand würde nicht auf solche unsinnige Lehren verfallen seyn, wenn die Menschen nicht die Lehre vergessen hatten, daß Gott dem Nichts gebieten könne, etwas zum Lobe seiner Herrlichkeit zu werden, daß man die Schuld aller moralischen und selbst der physikalischen Unordnungen nicht in der Materie, sondern in dem zwar gut geschaffenen, aber gemisbrauchten freyen Willen der Geister suchen müsse. Blieben mit diesen beyden Wahrheiten noch einige schwere Fragen unbeantwortet: so hatten sie vor Gott die Hand auf den Mund legen, und schweigen sollen. So aber wurden sie der Offenbarung ungetreu. Nun mochten sie die Schuld ihrer Untreue tragen. Die Strafe war gerecht, daß sie Narren wurden, da sie sich für weise hielten. A-tt^. ^. Diese thörichte Weisheit hatte sich zu den Zei- />/5,7o/, //. , hg h,^ christliche Religion ausgebreitet werden 5- H?-/??-sMe, des ganzen Orientes bemächtigt; besonders aber fand sie unter den Syrern und Aegyptern unzählige Bewunderer. Da sie größtentheils das Werk einer erhitzten Einbildung war: so mußte sie nothwendig mannigfaltige Veränderungen erfahren. Je mehr sich der menschliche Verstand einer so ungetreuen Führerinn überließ, desto fanatischer wurde er. Doch alle Veränderungen betrafen nur das Aeußerliche und Zufällige dieses zoroastrischen Lehrgebäudes. Die Gottheit blieb immer ein materielles Wesen, aus welcher alle andern Wesen ausflossen. Man ersand nur neue Reihen von Ausflüssen; man änderte nur > Zweyter Abschnitt. 157 nur die Namen; man brauchte nur neue Metapho- rcn, die nicht mehr bedeuteten, als die alten. Die Namen des Michra, des Oromasda und des Ari- mam'us verloren sich aus diesem Systeme; man hörte von keiner Lichtquelle mehr; dafür aber hörte man von einer Lulle, die m it dem griechischen Namen plero-» ma heißt. Man hörte nichts mehr von Ausflüssen; man hörte nun von Aeonen, oder geistigen Naturen, welche die Gottheit in der Fülle aus ihrem Wesen erzeugte. Diese Aeonen sollten schon nicht so vortrefflich, als Gott; gleichwohl aber noch vollkommen seyn. Sie sollten wieder neue Wesen und diese neue Wesen wieder andere Naturen erzeugt haben, bis sie endlich gar ausgeartet waren. In der- Kette der Wesen waren nach diesem veränderten zoro- astrischen Systeme die untersten Ausgeburten der Aeonen Materie; das Göttliche, was sich noch darinnen aufhielt, war nichts als eine unbestimmte schwache Kraft, die zwar die Finsterniß oder die Materie in einige, aber in sehr unordentliche Bewegungen setzte. Wenn ein neuer Weltweise diese Lehrgebäude verbessern wollte: so könnte er die untersten Aeonen zu Geistern machen, die nur Monaden mit dunkeln Vorstellungen aus sich erzeugen könnten. Aus einer Menge solcher Monaden entstund denn der Klump einer groben und unordentlichen Materie. Doch es blieb diesen Philosophen, vielleicht zum Glücke für uns, damit wir nicht noch mehr zu errathen haben möchten, die neuere Monadenlehre unbekannt. Wir gehen also in der Geschichte ihrer Aeonen weiter fort. Einige von den obersten geistigen Naturen, die in der Fülle waren, bemerkten diese Unordnungen, wollten sie verringern, und ,58 Geschichte der christlichen Religion. und aus dieser Materie Geschöpfe bilden, die ihnen ähnlich seyn sollten. Doch das Unternehmen war für ihre Kräfte allzugroß. Sie konnten sich der ganzen Materie nicht bemächtigen. Sie bildeten zwar den Menschen daraus; allein sie konnten demselben weiter nichts, als eine thierische Seele geben. Da sie selbst nur Stralen des ersten Lichte waren, um jn der ersten zoroastrischen Sprache zu reden:' so konnten sie der Materie freylich nichts als schwache und ohnmächtige Funken abgeben, und das schwächte sie schon. Was nun in den Menschen lasterhaft ist, das muß zum Theil der Materie, zum Theil der Ohnmacht seiner Schöpfer zugeschrieben werden. Die erste Gottheit ist von Ewigkeit her ruhig in ihrer Fülle geblieben; sie ist die Ursache der Welt in keinem andern Verstände, als weil sie die Ursache der Aeo- ncn ist, die sie im pleroma erzeuget hat. Ueberdieß liegt es an ihrem Willen nicht, daß die Welt nicht vollkommner ist. Sie hat wirklich eine Verbesserung derselben unternommen: allein der Stolz der Aeonen, die nichts unvollkommnes gemacht haben wollten, widersetzte sich ihren guten Absichten. Un- terdeß gelang es ihr doch, der Welt viele Merkmaale ihrer Gnade und Macht einzudrücken. Der vernünftige Geist des Menschen ist ihr Werk. Sie theilte ihm denselben in der Absicht mit, daß die Gewalt der Materie und der ungezahmten Leidenschaften dadurch gebrochen werden sollte. Das alles sahen die Schöpfer der Menschen, als Eingriffe in ihre Rechte über sie an. Sollten sie sich von der ersten Gottheit meistern lassen? Also widersetzten sie sich ihr, und quälen die Menschen. Nunmehr seufzen dieselben unter der Sclaverey misgünstiger Geister. Wie Unglück- Zweyter Abschnitt. 159 unglücklich würden sie seyn; wenn der beste Gott, (unsre Schöpfer sind zwar auch Götter; sie sind aber nur schlechter;) nicht zuweilen vernünftige Geister von der ersten Größe in menschliche Körper aus der Lulle herabsendete, welche durch die Künste der Magie, zum Exempel durch Figuren, die unter gewissen. Constellationen des Himmels gemacht werden, den neidischen Geistern widerstünden, und ihre schadenbegierige Macht zu unterdrücken wüßten. Darum erhoben alle diese fanatischen Philosophen die Magie oder Zauberkunst, als das größte Geschenk der Gottheit. Dieses sind ungefähr die Grundsätze der veränderten zoroastrischen Philosophie, die vermuthlich, wegen ihrer Herrschaft über den ganzen Orient, die orientalische genannt wird. Die Wissenschaften ^oiS. /«. haben einem Nlosheim diese deutliche Entwickelung/"- ^- ^- eines Unsinnes zu danken, dessen zerstreute dunkle ^A^A' Ileberbleibsel aus dem Alterthume so mühsam zusam- ^/ ' mengesucht werden müssen. Nur darinnen scheint »,07-^.^/«. er von dem Grundrisse des zoroastrischen Syste- mes abzuweichen, daß er behauptet, man hätte darinnen eine mit der ersten Gottheit und ihren Aeo- nen gleich ewige, aber rohe, finstre und unordentliche Materie angenommen. Man kann nicht leugnen , daß dieses ein Lehrsaß der alten ägyptischen und persischen Philosophen war. Auch ist unstreitig, daß die Nachrichten der Alten, von der Philosophie der Morgenländer, viel von einer solchen rohen Materie reden. Aller dieser Gründe ungeachtet, scheint es doch wahrscheinlicher zu seyn, daß diese fanatischen Weisen keine ewige Materie geglaubt haben. Eben darum nahmen sie die Aeonen an, weil sie den Ur- spNMI ,6o Geschichte der christlichen Religion. sprung des Bösen nicht von zwey gleich ewigen Grund- wesen, sondern mittelbar auö einem herleiten wollten. Sie waren zufrieden, wenn ihre Gottheit nur nicht die unmittelbare Ursache der in der Welt befindlichen UnVollkommenheiten war. Sie hätten aber die Aconen ersparen können, wenn sie die Materie hatten eben so ewig machen wollen, als Gott war. Zsroaster hatte ihren Ursprung in der weiten Entfernung der Lichtaueflüsse von der ersten Quelle des Lichtes gesucht. Dieses war den neuern Philosophen , die aus seiner Schule kamen, zu schwer, und für den größern Haufen zu unverständlich. Sie leiteten also die Materie aus der Ohnmacht der untern Aesnen her, die nichts bessers erzeugen konnten. Jedoch in einem solchen Unsinne kann eine Thorheit eben so leicht überflüßig, als nöthig seyn. Also wird wenig daran liegen, was man für eine Meynung annehmen und der andern vorziehen will. Es scheint nur aus der letztem wahrscheinlicher zu seyn, warum die Verehrer der zoroastrischen Philosophie Aeo- nen von so verschiedenen Arten und Geschlechtern erfanden. Da alle diese Grundsatze bloße Spiele der Phantasie sind: so wird man sich über die Uneinigkeiten dieser Philosophen nicht wundern. Dieser begnügte sich mit wenig Aeonen, ein anderer brauchte einen ganzen Schwärm, Gott von dem Verdachte zu befreyen , daß er die Welt so unvollkommen gemacht hätte. Eben so sehr theileten sie sich in ihren Mey- nungen über die Weltschöpfer. Einige gaben die Ehre der Schöpfung nur einem Aeon, andere theileten ein so wichtiges Geschaffte unter mehr solche Geister aus. Diese hielten die Aeonen für sehr machtige, andere für Zweyter Abschnitt. 161 für sehr unvermögende und schlimme Naturen, nachdem sie ihre Gemüthsneigung mehr oder weniger Gutes in der Welt finden ließ. Eben so wenig konnten sie sich über die Fragen vergleichen, wo ei» gentlich der Sih deö Bösen wäre; was die Menschen für Pflichten zu beobachten hatten, und wie die Schicksale ihrer Seelen nach dem Untergänge des Leibes beschaffen seyn würden. Das moralische Ue- bel schrieben sie alle, theils der Materie, mit welcher die Seele umgeben war, theils der Tnrcmney und dem Neide der Aeonen zu, welche die Verbesserung ihrer Geschöpfe nicht zulassen wollten. Aus einer so unreinen Quelle mußte eine eben so unreine Sittenlehre fließen, wie wir solches in dem Folgenden umständlicher zu bemerken Gelegenheit haben werden. Einige wollten den Leib durch Martern, andere durch Wollüste zernichtet wissen. Aber keinem einzigen von diesen Philosophen fiel es ein, daß vornehmlich der menschliche Wille gebessert werden müßte, weil keiner das menschliche Verderben in dem Willen suchte. Welch eine fanatische und eitle Religion! Und dennoch waren die Lehrer derselben so stolz, daß sie ihr den übermüthigen Namen der Wissenschaft, oder der Gnosis gaben, und sich theils von dem gemeinen Haufen, theils von andern Philosophen durch den Namen der wissenden, der Gnostiker, unterscheiden wollten. Unter der Gnosis wollten sie eine ^/->v. deutliche Erkenntniß alles dessen, was wirklich ^-v'"^- ist, verstanden wissen. Unter dein wirklichen ^' ^' aber verstunden sie die Gottheit mit ihren Ausflüssen; denn sie glaubeten,daß nur diesen eine wahre Existenz zugeschrieben werden könnte. Konnte Paulus nicht »Theil. L mit ,62 Geschichte der christlichen Religion. mit dem größten Rechte diese Wissenschaft eine falschberühinte Aunst nennen? Denn was war sie mehr, a!6 ein unsinniger Traum einer zügellosen und ausschweifenden Einbildung? Vergebens suchet man unter den damaligen Phi- losophen der Griechen, der Römer und anderer Abendländer eine bessere Weisheit. Sie schwärmelen weniger; darum aber hatte ihre Religion weder mehr Wahrheit, noch mehr Schönheit. Die SLpicuraer hatten keinen Gott; zum wenigsten war ihr Gott so müßig, so sehr bequem und schläfrig, daß er weder an dem Daseyn, noch an der Erhaltung und Regierung der Welt einigen Antheil hatte. Empfahlen sie dem Menschen die Tugend: so empfahlen sie ihm dieselbe bloß wegen der Wollust, welche damit verbunden seyn sollte. Der Akademiker zweifelte. Er wußte nicht, was Wahrheit wäre. Er wollte nicht leugnen, daß es Götter geben könnte; aber er wollte solches nicht entscheiden. Er hatte keine sichern und unbenüglichen Kennzeichen der Wahrheit; es ließ sich dieses, es ließ sich auch jenes, wie er sagte, behaupten , oder es war vielmehr ungewiß, ob sich dieses oder jenes behaupten ließe, oder nicht« vi/o-/'. Der Gott des Ariftocelikers war nichts, als die be- ^/o' wcgende Kraft der Natur, die alles in Bewegung / / ^ ^ , und selbst nicht bewegt werden konnte. Die /'//'/).„7/! Unsterblichkeit der Seele war ihm zweifelhaft, wo er sie nicht gar leugnete. Seine Sittenlehre ^/o»,^»--! war weitlauftig. Allein er vergab sehr viel, wenn ^>^j seinen Ruhm und seine bürgerliche Ruhe ^^o-" zu schonen suchte. Der Stoiker halte einen Gott, /. der mehr Ansehen, Majestät und Tugend besaß, als ,>„-'./,. der Gott anderer Philosophen; er war besser, und sein Zweyter Abschnitt. -6z sein Anbether machte die prächtigsten Abbildungen von ihm. Er war auch nicht so müßig; denn er war die Seele der Welt, und hatte also viele wichtige Geschäffte. Allein sein Unglück war, daß er mit einem unauflöslichen Bande an die Materie verknüpft war, und den Gesetzen einer ewigen unveränderlichen Nothwendigkeit so gut, als andere^ Wesen gehorchen mußte. Weil der Scoiker sah, daß der Mensch vielen unangenehmen Empfindungen ausgesetzt war: so glaubte er, daß die Glückseligkeit eines Weisen in dem Zustande einer vollkommenen Unem- pfindlichkeit gegen alles bestünde. Nach diesem Grundsätze muß man seine ganze Msral beurtheilen, wenn man nicht von ihrem schwülstigen Vortrage hintergangen werden will. Der plaroiüker schien noch die beste und erträglichste Religion zu haben. Sein Gott war ewig; er war weise und machtig; er halte die vollkommenste Welt, die nur möglich war, gemacht; er hatte unsre Seelen unsterblich erschaffen. Dieser Weise läßt die Tugendhaften nach dem Tode noch etwas hoffen , und die Lasterhaften noch etwas befürchten. Allein, alles dieses muthmaßct er mehr, als daß er es weis- Er hat keine festen und bestimmten Grundsätze, worauf ^ er diese Wahrheiten bauet. Sein Gott hätte nichts schaffen können, wenn er keine ewige Materie vor sich gefunden hätte. Sein Gott weis nicht alles; er kann nicht alles Fehlerhafte der Materie ändern, und über dieses ist er in einen gewissen Raum eingeschlossen, und also weder unendlich noch unermeßlich. Seine Lehre von dem 5eibe, daß er ein Kerker der Seele sey, führete zu einer Sittenlehre, die eben so leicht Schwärmer erzeugen konnte, als die morgenländische L 2 Philo- 164 Geschichte der christlichen Religion. Philosophie. Er schrieb andere Gesetze dem Weisen, andere Gesetze dem großen Haufen vor. Von diesem verlangte er nur die Tugenden, durch welche die gemeine Ruhe und die öffentliche allgemeine Sicherheit erhalten wird. Von dem Weisen foderte er, daß er immer in sich selbst einkehren, und seine Seele in beständigen Betrachtungen üben und von der Materie abziehen sollte. Allein der platcmiker würde dein ungeachtet sehr materialisch geblieben seyn, wenn er sich auch nach feinen Einbildungen eine Republik hatte einrichten können; zum wenigsten würden die Wollüstigen das Bürgerrecht eben sowohl darinnen erhalten haben, als die Milzsüchtigen. Die Religion der mitternachtlichen Lander im Occi- dente ist wenig bekannt. Der große Haufe war abgöttisch ; und wenn die Varden und Druiden der Celren und Deutschen weiser gewesen sind: so hat doch, wie es der Charakter dieser Nationen deutlich zu erkennen giebt, ihre Weisheit die Menschen nicht besser, sondern nur härter, tapferer und grausamer gemacht, als andere Nationen. M>i/,./,?/?. Wenn diese ganze Betrachtung weiter keinen Nutzen hätte, als daß sie uns überzeugte, wie nöthig »"-7.5. 57. Welt einen göttlichen Lehrer gehabt habe: so wäre sie darum allein schon nützlich genug. Wer konnte alle diese Finsternisse zerstreuen, und die Menschen von so unzahlbaren Irrthümern befreyen, als Gott? Wer hätte sie sonst auf den Verlornen Weg der Wahrheit und der Tugend iurück bringen sollen? Konnte man dieses wohl von Menschen erwarten, da die Weisesten so weit von der richtigen Bahn abwichen, und die Wahrheiten, die sie etwa noch vortrugen, durch andere giftige Irrthümer wieder unfruchtbar Zweyter Abschnitt. 165 bar machten und todtsten? Man erwäge alles dieses, sey ein ehrlicher Mann, und sehe, ob man die christliche Religion für eine menschliche Erfindung lialten könne. Die Christen sind nicht alle so beschaffen, wie sie die Religion verlangt: allein sie sind doch besser, al6 die Heiden, man mag nun auf ihre Erkenntniß, oder auf ihre Sitten sehen. Doch der Nutzen dieser Betrachtung erstrecket sich weiter. Die Kenntniß der morgenlandischen Philosophie erweitert insbesondere die Einsicht in die Ursachen des verderbten Zustandes der Religion unter den Juden, besonders unter ihren Sccten, den Efsaern, Therapeuten und Dojltheanern, wie wir gleich sehen werden; und ohne sie würde man den Ursprung so vieler Ketzereyen, die im ersten und zweyten christlichen Jahrhunderte sich der Aufnahme der geoffenbarten wahren Religion widersetzet haben, nicht begreifen können. Von den Irrthümern der Essäer, Therapeuten und Dositheaner unter den Juden in der wahren Religion. A^ie wahre Religion hatte freylich in Judäa ge- funden werden sollen. Hier hatte ihr Gott eine bestandige Wohnung angewiesen, und eben deswegen waren die Jüden von allen andern Völkern ausgesondert worden, das Volk Gottes zu seyn. Allein, wie sehr war sie nicht unter ihnen verderbt und verfälscht worden, ob sie sich gleich rühmeten, ihre eigentlichen Besitzer zu seyn? Man fand sie in ihrer Schönheit nicht unter dem großen Haufen, auch nicht Lz einmal i66 Geschichte der christlichen Religion» einmal unter denen, welche sich den Namen der Weisen anmaßten. Niemand unter dem Volke, das in einer tiefen Unwissenheit von Gott ganz vergraben lag ; niemand unter den Lehrern kannte den wahren Sinn der göttlichen Weißagungen von dem Messias mehr. Man erwartete mehr einen kriegerischen Helden, als einen Erlöser, und aller Gottesdienst wurde auf die Beobachtung der Opfer, und anderer Vorschriften des Ccrcmonialgeseßes eingeschränkt. Die Lehrer des Volkes waren zu einem desto deutlichern Beweise des verderbten Zustandes der Religion in Parteyen getheilet. Die Gadducäer leugneten das Daseyn reiner Geister, die Belohnungen und Bestrafungen der Zukunft; und wenn sie nicht alle Vergeltung der Tugend und alle Ahndung der Laster aufhoben: so behaupteten sie doch, daß sie nur in dem gegenwärtigen Leben zu erwarten wäre. Sie waren so mächtig, daß sie auch in dem großen Rathe zu Jerusalem geduldet werden mußten.^ Die Aofioets ^harisqer sind bekannt. Wer könnte sie und ihre Einicitung Verfälschungen der wahren Religion schöner und zu- u'^S^ 3^ch kürzer abbilden, als Boßver? Es ist zwar nicht unglaublich, daß sich auch noch unter den Juden einige rechtschaffne Männer gefunden haben werden, iie sich besonders den MenschcnsaHungen der Pharisäer widersetzt haben mögen. Man hat vielleicht auch nicht unrecht, wenn man diejenigen dafür hält, welche in der Folge Raraer genannt worden sind, weil sie alle mündliche Sage verworfen und sich bloß an , die schriftliche Offenbarung gehalten haben. Allein,'sie haben doch nur den allerkleinsten Theil ausgemacht. Wie konnte ein Volk Religidn haben, dessen Hirten nicht wußten, Zweyter Abschnitt. !6? cm f was für eine Weide sie dasselbe eigentlich führen sollccn Doch man findet unter den Juden noch zwo an- dere Secten, die Effaer und Therapeuten, welche man, wo alle; 5-^'-". F. 5^ /?. /'////o,^,-».-^ ov/. />7. //- ^c?°. /^//- I5c/. allezeit dem ersten Anscheine nach geurtheilet werden müßte, für die treusten Bewahrer der Reli- ^ // gion halten sollte, da sie sogar von einigen für Chri- 7,2. 75. stcn gehalten worden sind. Allein der bloße An- S!v/)//e5/. schein ist sehr oft ein Betrüger. Die vorhergehende 5""^-^- Betrachtung zerstreuet den falschen Glanz, der sie umgiebt. Man wird die prächtigen Beschreibun- gen, welche Issephlis und philo von ihnen hinter- ///^. lassen haben, lesen, und doch nicht davon hingerissen werden. Unter den jüdischen Secten, saget Iösephus, sind besonders die Essaer diejenigen, welche sich eines vorzüglichen heiligen Lebens und besonders einer unveränderlichen Liebe gegen einander befleißigen. Sie fliehen alle Ergetzlichkeiten, und streben vornehmlich nach der Enthaltsamkeit, damit sie von keinen Leidenschaften überwunden werden mögen» Sie enthalten sich der Ehe; allein sie nehmen von andern Kinder an, und erziehen sie nach ihrer Weise. Sie verachten die Reichthümer, und haben alles unter einander gemein, was sie besitzen, und was sie erwerben. Ihre Kleidung ist schlecht und gemeiniglich weiß. Sie üben die Tugend der Gastfreiheit gegen alle Menschen aus. Unter ihnen findet kein Verkauf und kein Kauf statt; alles, was sie Krauchen, theilen sie einander ohne Entgeld mit. Sie bethen allezeit, wenn die Sonne aufgeht, die sie -'ür ei» Bild der Gottheit halten, und dann arbeiten sie bis zur fünften Stunde. Nach verrichteter Ar- L 4 beit 168 Geschichte der christlichen Religion. beit waschen sie sich, ziehen weiße Kleider an, und kommen in einem Hause zusammen, und essen die geringen Speisen, welche ihr Priester vorher gesegnet hat, ohne Geräusch und in der größten Stille mit einander. Wenn sie bey dem Schlüsse ihrer Mahlzeit gebethet und Gott gedanket haben: so gehen sie wieder an ihre Arbeit, und die Mahlzeit des Abends ist wie die mittägliche eingerichtet. Sie unternehmen nichts, waö ihnen nicht von ihren Vorgesetzten befohlen wird, nur daß sie den Armen und Noth- leidenden ungeheißen beystehen. Sie maßigen sich im Zorne; sie sind treu, und friedfertig; waö sie sagen, das halten sie eben so unverbrüchlich, als wenn sie rs beschworen hätten, und sie sehen den schon als einen Lügner an, dem man ohne Gott nicht glauben darf. Diejenigen, welche in ihre Secte treten wollen , müssen sich erst ein ganzes Jahr prüfen lassen. So sind ihre Sitten beschaffen. Fv/e/>/', /. lehrcten also hauptsächlich, daß die Körper vergäng- ^ ^ ^ e^/ ^' ^ feinsten Aether erzeugten Geister /^ve, / hingegen unsterblich, und nur wegen ihrer Neigung M^, zur Materie in ihre Leiber, als in Kerker eingeschlos- ecc/.,./. scn wären. Aus diesem Grundsahe zogen sie die Folgen, daß man ein einsames Leben führen, dasselbe mit immerwährenden Betrachtungen zubringen / vor der Ehe fliehen und seinen Leib hart und strenge halten müsse. Eben daraus floß die natürliche Folge, daß keine Auferstehung der Leiber zu hoffen wäre. Denn sie lehreten, daß diejenigen, welche einmal von den Banden des Fleisches vefreyc ware?i, sich sogleich darüber, daß sie von einer so langen Sclavercy dcfreyec worden wären, frcne, ten. Zweyter Abschnitt. 169 teil, und sich in die Höhe erhüben. Dieser einzige Grundsatz, welcher entweder aus der platonischen oder vielmehr cmS der morgenlandischen Philosophie genommen war, lehret zur Gnüge, daß die Heiligkeit ihrer Sittenlehre nicht ganz von einem so großen Werthe sey, als sie dem ersten Anblicke nach zu seyn scheint. Eben dieses ihr Vorurtheil war Ursache, daß sie die in dem levitischen Gesetze verordneten blutigen Opfer verabscheueten, ob sie gleich den Sabbath und andere solche Vorschriften auf das heiligste beobachteten. Sie nahmen lieber zu einem, ich weis nicht, was für einem, geheimen Verstände, welchen die levitischen Gesetze haben sollten, ihre Zuflucht, und führeten daher die schlimme Gewohnheit, alles im alten Testamente allegorisch zu erklären, zuerst mit ein. Eben dieses Urtheil muß man auch von der Secte der Therapeuten, und Therapeutinnen fallen, welche sich besonders um Alexandrien aufhielten. Diese Secte verdienet mehr eine Schwester, als eine Tochter von der Secte der Esiaer genannt zu werden. Es ist ungewiß, ob sie ihren Namen von ihrer besondern Weise Gott zu dienen, oder von ihrer Erfahrenheit in der Arzneywissenschaft, erhalten haben. So viel ist unstreitig, daß sie noch fanatischer waren, als die Essaer. Diejenigen, sagte Phils, welche sich dieser Lebensart ergeben, thun solches ungeheißen und ungeberhen; sie über- ""^' lassen sich einem so vollkommnen beschaulichen Leben nicht anders , als wenn sie von einer göttlichen VVurh ergriffen vvarcn. In ihren Grundsätzen waren sie mit den Essaern einig; L 5 sie Z7Q Geschichte der christlichen Religion. sie unterschieden sich von ihnen nur einigermaßen in der Weise, ihre Versammlungen zu hallen. Man sieht daraus, ohne daß man weitlaustige Betrachtungen anzustellen brauchet, daß zu den Zeiten Jesu Christi und seiner Apostel der richtige Weg zur wahren Vollkommenheit und Vereinigung mit Gott ganz unbekannt war, weil man den wahren Ursprung des menschlichen Verderbens ganz vergessen hatte. Daß die Menschen einen geistlichen Erlöser nöthig hätten, dieses war unter den Menschen eine ganz fremde lehre, ob sie gleich ein jeder Jude hätte wissen sollen, und die ganze Heiligkeit dieser Secten war nichts, als entweder eine völlige Vcrabsäumung, oder eine gänzliche Zerstörung ihrer Körper. Eine solche Heiligkeit, wenn sie allen Menschen zur wahren Glückseligkeit unentbehrlich seyn sollte, würde sehr bald den Erdkreis von Bewohnern entblößen, und das menschliche Geschlecht aufreiben. Welch einen Vorzug hatte also die christliche Sittenlehre vor allen andern damaligen Sittenlehrcn! Sie schickte sich für ein jedes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, es mag sein Stand und seine Lebensart beschaffen seyn, wie sie will. Man kann ein Christ in den volkreichsten Städten, und in den einsamsten Gegenden seyn, und es ist möglich, Gott zu dienen, ohne daß man ein Müßiggänger oder ein Schwärmer zu werden brauchet- Der Leib kann eine sehr bequeme Wohnung der Seele abgeben , wofern sie ihn nur nicht selbst zu ihrem Gefängnisse dadurch machet, daß sie die Herrschaft über ihn aufgiebt. Man darf des Leibes wohl warten, und die Crea- turen Gottes mit Danksagung gebrauchen, weil sie gut Zweyter Abschnitt. 171 gut sind; man soll ihn weder entkräften, noch zerstören; nian soll ihn nur nicht üppig werden lassen. Diese Secren sind alt, und scheinen bis an die ^->^- ^«/?- Zeiten zu reichen, wo Palästina von den Babylo-^- niern und Assyriern verwüstet worden ist. Es ist^' ^' glaublich, daß sich damals viele Juden in die wüsten Gegenden von Syrien und Aegypten geflüchtet haben , damit sie der Wuth des Krieges entgehen möchten. Da sie nun keinen Tempel mehr hatten, und also die im Gesetze Mosis vorgeschriebenen Gebräuche und Ceremonien weiter nicht beobachten konnten: wie leicht haben sie auf die Gedanken kommen können, es wäre genug, wenn man Gott mit einem reinen und heiligen Gemüthe dienete, und man brauchte also zu diesem Dienste keine Opfer, keine Altare, keine Priester? Die Einsamkeit und der Geschmack, den sie mit der Zeit an den Lehren der Aegypter fanden, unter welchen sie lebcten, bestärkte diese Meynung immer mehr. Nach und nach gewann ihre Religion eine so neue und ungewöhnliche Gestalt, daß man sie weder jüdisch noch heid- nisch nennen konnte. Aus der Secte der Essäer scheint Dositbeus ^5./»/?. gewesen zu seyn, welcher sich im Anfange des Chri- stenthums für den MeßiaS ausgab. Da er unter den Jüden keinen Anhang fand, so begab er sich zu den Samaritanern. Allein, ob er gleich hier Anhänger erhielt: so war doch sein Ende sehr tragisch. Er verwarf mit den Samaritanern die Propheten des alten Bundes, verfälschte, weil er der Meßias seyn wollte, die Schriften Mosis, und hatte besonders einen unversöhnlichen Haß wider den Sohn des Erzvaters Jacob, den Judas, weil aus seinen Nachkommen der ,?s Geschichte der christlichen Religion. /^,7«/?»-. der Erlöser der Welt zugesagt war. Er leugnete ^/p^^ ^ Auferstehung der Leiber, und foverte von seinen ^' ^ ^' AnHangern ein essaisches, ein übertrieben strenges />/5o/i«« und finstres Leben. Man fand in Acgypten noch im />>N7- sechsten Jahrhunderte Dosttheaner. Man kann leicht erachten , daß die Lehrsätze der Essäer, Therapeuten, und Dosirheaner mit der Zeit einen Einfluß in die christliche Religion gehabt haben. Man weis die eigentliche Dauer dieser Secten nicht. Sie haben sich vielleicht lange erhalten, welches von den ägyptischen Therapeuten noch wahrscheinlicher ist, als von den Essäern. Unterdessen ist doch das wahrscheinlich, daß viele von ihren Anhängern Christen geworden sind. Man weis, daß gleich im Anfange der Verkündigung des Evangelii eine große Menge in Alerandrien die Predigt desselben angenommen und sich zu Christo bekannt haben. Konnten nun die pharisäischen Iüden, die so sehr an ihren Saßungen und der Beobachtung aller levitischen Gebräuche hingen, sich so wenig überwinden, ihre Vorurtheile ganz aufzugeben, als sie Christen wurden: wie viel weniger werden sich fanatische Iüden haben entschließen können, Lehrsätze ganz zu verlassen, die ihnen mit den Lehren der christlichen Religion so viel Aehnlichkeit zu haben schienen? Das Evangelium redete so viel von der Verleugnung seiner selbst, und von der Tödtung seines Fleisches. Was kann der Mensch anders verleugnen, als seinen Körper? Und was wird das Fleisch, das er töd- ten soll, anders, als der Leib seyn? Und wie kann es besser, als durch ein hartes und sirenges Leben getödtet werden? So gern mögen die Menschen Zweyter Abschnitt. 17z schen ihre Vorurtheile retten, die schon lange und schon ties in ihnen eingewurzelt sind! Wenn also Cassian erzählet, daß schon zu des Q-M,»./«. Evangelisten MarcuS Zeiten, welcher die Kirche in M.//.«-.^-. Alerandrien gegründet und viele Jahre regieret haben ^ soll, viele Christen, aus Begierde ein vollkommneres trieben, als andere zu führen, sich in der Nachbarschaft dieser Stadt auf das Land und in die Einsamkeit begeben, ihre Zeit daselbst mit Bethen, Be- trachtungen der Schrift und Handarbeiten zugebracht, und nicht eher, als nach dem Untergange der Sonne, Speise zu sich genommen hatten : so scheint diese Nachricht Glauben zu verdienen, und keine Erfindung eines Menschen zu seyn, der eben nicht so sehr gewissenhaft ist, daß er zur Ehre seines Ordens allezeit die Wahrheit sagen sollte. Diese Christen sind alkm Anscheine nach Therapeuten gewesen; denn di? Lebensart, die ihnen Eassian zuschreibt, hat mit der Lebensart der Therapeuten eine sehr große Aehnli dccit. Allein eben daraus kann noch nicht mit Gru' ..' gefolgert werden, daß das Einsiedlerleben eine apostolische Erfindung sey. Es folget nur daraus, daß die Grundsäße, durch welche die Christen in den nachfolgenden Jahrhunderten zu einem solchen Leben bewogen worden sind, ein hohes Alter haben. Die Irrthümer dieser Secten wurden durch die gnostischen Weltweisen immer mehr und mehr fortgepflanzet, ausgebreitet und befestiget, als einige die Wahrheiten des Christenthums nach den Traumen der morgenländischen Philosophen umzubilden anfingen. Man braucht den Menschen nur obenhin ju keimen, so muß man wissen, daß bey ihm sehr oft die ?74 Geschichte der christlichen Religion. die Wahrheit nichts anders, als ein Irrthum ist, der einen allgemeinen Beyfall hat. Doch ehe wir zu den gnostifthen Verfälschern des Christenthums fortgehen können, so wollen wir zuvor von den t7?a- ' zaraern und Ebioniren reden, deren Namen in den Jahrbüchern der Kirche nicht unberühmt sind. , chZ^c^^-Kc^c^-^-^c^c^chz^c^c^v^c^c^chzc^ Von den Irrthümern der Nazaräer und Ebiomten in der Religion. Apostelges. A^er Name der Nazarener, oder Nazaräer war in dem ersten Anfange des Christen- i/^,'/^' thums eine Benennung, durch die sich die Juden von /öei-o- den Bekennern Jesu Christi, welcher sich lange in Nazareth aufgehalten hatte, unterscheiden wollten. Paulus wurde daher einer der Vornehmsten von der ex. -s. Secte der Nazarener genannt. Epiphanius ist der erste, welcher gewisse Irrgläubige mit diesem Namen bezeichnet, welche, wenn sie nach ihren Lehrsäßen beurtheilet werden, weder rechte Christen, noch rechte Juden genannt werden können. Die noch übrigen Nachrichten von dieser Secte sind so unvollständig, daß man weder von ihrem Ursprünge, noch von allcn ihren Lehren etwas ganz zuverlässiges sagen kann. M>5K. /»/?. Man weis schon, daß die bekehrten Jüden, bejon« ^ders in Jerusalem, ob sie gleich unsern Erlöser für den wahren Sohn Gottes und den Messias der Welt erkannten, dennoch ihre Liebe zu dem Cercmonial- geseße Mosis nicht verleugnen konnten, sondern immer noch sehr genau auf die Beobachtung solcher Gesetze hielten, von deren Bürde sie doch nunmehr erlöset seyn sollten. Diese Christen konnten sich auch, unge- Zweyter Abschnitt. 175 ungeachtet sie den innerlichen Streit der Juden sahen, nicht entschließen, Jerusalem zu verlassen, weil sie diese Stadt für die geliebte Scadt Gottes und für den Siß der wahren Religion hielten. Als nunmehr aber Jerusalem völlig untergehen soi/tt: so flüchteten die c. > Christen,von Gott selbst, wie man saget, gewarnet, nach Pella,und hielten sich bis zu des Kaisers Hadrianus Zeiten daselbstauf, ob sie gleich vielleicht zur Erweckung ihrn Liebe gegen Jesum durch den Anblick der Gegenden, wo er sich lange aufgehalten hatte, vielleicht auch aus Wehmuth über das Unglück ihres Volkes, oft nach dieser zerstörten Stadt reisen mochten. Unter dem HadrianuS empöreten sich, wie man auch weis, die Juden von neuem. Allein sie wurden überwunden, und die noch übrigen traurigen Ruinen Jerusalems ganz zernichtet, damit die Jüden alle Hoffnung aufgeben sollten, daß sie ihre Republik durch Empörungen wieder herstellen könnten. Ja damit dieses hartnackige Volk durch den Anblick ocs zerstörten Tempels nicht /etwa dazu gereizct werden könnte, ließ er Wachen unHer ausstellen, welche alle, die sich dieser Gegend etwa nähern wollten, davon abhalten soll- - ten. Dieser Befehl aber wurde nicht allein wider die Juden, sondern auch wider die Christen vollzogen, weil sie eine so große Liebe gegen das Gesetz Mosis blicken ließen, und deswegen unter die übrigen Jüden gerechnet wurden. Nunmehr konnten sie die Gegenden nicht besuchen, welche die Gegenwart unsers Erlösers vor dem so oft verherrlichet hatte. Also war ihnen Hadrians Verboth, ^ unerträglich, und, damit sie nicht allein die Freyheit, diese geliebten werter zu besuchen, erhalten, sondern auch allen Verdacht der Römer von sich abwenden möchten, daß ,76 Geschichte der christlichen Religion. daß sie Juden und zur Empörung geneigt wären: so entschloß sich der größte Theil der Christen, nach- dem ihr Bischof gestorben war, aus den bekehrten /K^. F>c-7. Hetzen sich ^nen Bischof zu erwählen und der über- ' ^' triebenen Liebe gegen das mosaische Gesetz ganz zu entsagen. Man halc es für wahrscheinlich, daß um eben diese Zeit eine Trennung unter den bekehrten Juden über diesen Entschluß entstanden sey. Man kann sehr wahrscheinlich aus dem Epiphanius schließen, daß diejenigen, die damit unzufrieden waren , sich lieber von den andern haben absondern, und in Pella und Peräa zurück bleiben, als der Beobachtung des mosaischen Gesetzes völlig entsagen wollen. Vielleicht haben sie den Namen der Naza- räer von den Jüden erhalten, damit sie von denen, welche Christum nicht für den Erlöser der Welt er- t7«,».^/e^. kennen wollten, unterschieden werden könnten. Viel- -5>,'o,«. leicht sind sie die Irrgläubigen, welche Clemens von PV/. c. ,7. Alexandrien von dem Orte ihres Aufenthaltes pe- rariker nennt. In dem vierten und fünften Jahrhunderte wurden diese Nazaraer bekannter, als sie in den ersten Zeiten des Christenthums waren. Vermuthlich ist dieses daher gekommen, daß die ersten Nazaraer nur darinnen irrcten, daß sie die Beobachtung des mosaischen Ceremonialgesetzes für ganz nothwendig und unentbehrlich ansahen. Was ihre Irrthümer in der Religion anbelanget : so stimmen die Alten in der Erzählung dersel- den nicht miteinander überein. Es ist ihnen von allen eine bis zum Aberglauben übertriebene Liebe gegen das mosaische Ceremonialgesetz schuld gegeben worden. Nur bestimmen sie nicht zuverlässig, wie ihre Lehre von Jesu Christo beschaffen gewesen Zweyter Abschnitt. -77 gewesen sey. Epiphanins bezeuget, daß er nicht /-e. wisse, ob die Nazaraer Christum für einen bloßen Menschen hielten, oder ob sie glaubten, daß er durch die Kraft des heiligen Geistes wunderbarer Wei^e empfangen und gebohren worden sey. Hieronymus ^>: o»v^. und Augustinus scheinen das letzte von ihnen zu , glauben. Tbeodsrerus hingegen nennt sie Juden, ^'"^ ^ ^ welche Christum, als einen gerechten Menschen, ver- 77,',o!//>/,. /. c. Nach dem Zeugnisse des jLpiphanius und Hiero- ///e-'my,",. nymus hatten sie ein besonderes Evangelium in he- ^'bräischer Sprache, und behaupteten/ daß es die ei- f.///. ' gentliche Zweyter Abschnitt. * ' 179 Milche evangelische Geschichte des Matthaus sey. Mein, man kann aus den geringen Ueberbleibseln ^ desselben einen sehr großen Unterschied zwischen bey- den bemerken. Es wäre zu wünschen, daß uns ^./A^' Hieronymus, welcher sich rühmet, von den Naza- ^ ' räern zu Beröa die Erlaubniß, ihr Evangelium ab- />.M./^. zuschreiben, erhalten zu haben, eine genauere und umständlichere Beschreibung desselben hinterlassen hatte. Was die Ebionicen anbelangt: so scheinen sie ^ ein Nebenast der Nazaräer gewesen zu seyn. Die Neuern streiten, ob es wirklich einen Abion gege- 5'^^/^' ben habe; und viele wollen behaupten, daß sie ihren ^ ^) Namen nicht von ihrem Stifter, sondern entweder ^,./ />/,/. von ihrem Ursprünge , oder von ihren Lehren erhalten /»/?»-. ^.F,. hätten. Man saget, daß Irenaus keines Edions gedenke; daß Grigenes und Euftdms behaupte, sie wären entweder wegen ihrer Armuth, oder weil sie armselig von Jesu Christo gedacht hatten, Ebio- nitm, oder Arme genannt worden; daß endlich die jLbioniren selbst auf diesen Namen stolz gewesen wären, und vorgegeben hätten: sie stammten von den Christen ab, welche zu den Zeiten der Apostel alles ihr Vermögen zu den Füßen derselben niedergelegt hätten. Allein, alle diese Gründe erweisen nicht, was sie erweisen sollen, und können die ausdrücklichen Zeugnisse eines Terrullianus, eines Epi- phanius, eines Augustmus, eines Hilarius, und selbst das Zeugniß des Talmuds nichr umstoßen» Kann man wohl daraus, daß Irenäus des Ebions nicht namentlich gedenkt, mit Recht schließen, daß eS keinen Ebion gegeben habe? Was den Grigenes anbelangt: so weis man, wie aufmerksam er immer auf alle Namen und deren Bedeutung gewesen sey, M s um .180 Geschichte der christlichen Religion. um etwas zum Vortheile dessen, was er behauptete, herzuleiten. Also kann er hier nicht gehöret werden, und Eusedius, sein Bewunderer und Abschreiber, auch nicht. Die Ebioniren selbst gelten mit ihrem Zeugnisse noch weniger. Denn den Irrgläubigen ist allezeit daran gelegen, ihren Ursprung so ehrwürdig und alt zu machen, als sie nur können. Jedoch es kömmt nichts darauf an, ob wir wissen, daß es einen Ebion gegeben habe, oder nicht. Es ist genug, wenn man aus dieser Anmerkung sieht, wie viel Witz die Gelehrten oft verschwenden, die Geschichte ungewiß zu machen. Wir kommen zu den Lehren der Ebioniten. H>'/>/,"». Epiphanius vermengt sie mit den jAcesatten, und S-r?. Lo. leger ihnen mehr Irrthümer zur Last, als andere Geschichtschreiber der Kirche. Also wollen wir nur dasjenige anführen, was die ersten LLbioniren geglaubt haben sollen. Ihre Irrthümer betreffen theils un- 0,-/5. /, p^. fern Erlöser, theils das mosaische Gesetz. Nach dem eo«^-. <7e//I Zeugnisse des (Drigenes haben einige zwar seine Gottheit geleugnet, aber doch seine wunderbare Em- pfängniß und Geburt eingestanden; andere hingegen haben Jesum zwar für einen nach dem ordentlichen Laufe der Natur erzeugten Menschen, dennoch aber auch für den Messias gehalten. Sowohl die eine als die andere Partey hat die Auferstehung desselben als eine gewisse und unleugbare Begebenheit angenommen. Sie haben daher auch nicht allein den siebenten, sondern auch den ersten Tag in der Woche, jenen mit den Juden, weil Moses die Feyer dessel- bei, befohlen hatte, diesen mit den Christen zum Gedächtnisse des auserstandenen Heilandes, geseyert. So fest und unerlchütterc steht eine Wahrheit, auf welcher Zweyter Abschnitt. i8r welcher das ganze Gebäude der christlichen Religion ruhel! Die Irrgläubigsten selbst müssen sie annehmen, obgleich ihre Irrthümer diese Wahrheit nicht brau» chen. Niemand waget e6, sie in Zweifel zu ziehen, da sie doch dem Zusammenhange irriger Lehrsähe mehr widerstreitet, als daß sie dieselben befestigen sollte. Außer diesem Irrthume behaupteten sie, daß das mosaische Gesetz von allen Menschen, wenn sie selig werden wollten, ganz beobachtet werden müßte; sie nahmen nicht einmal, wie die Nazaraer, die Sahungen der Pharisäer aus. Sie lassen sich beschnei- /-'c^m/.?. den, sage: Ircnaus, und bleiben bey den Ge- ^ ^' ivobnbeiren des Gesetzes, und bey dem Charakter der jüdischen Lebensart. Wie sehr sie an den Gebräuchen ihrer Vorfahren gehangen haben müssen, das beweiset eben dieser Irenaus aus ihrer Gewohnheit zu bethen. Sie berben Jerusalem an, saget er, weil es das «saus Gorces ist. Der lateinische Uebersetzer des Irenaus hat ohne Zweifel das Griechische allzu buchstäblich ausgedrückt. Das mosaische Gesetz untersagte alle Anbethung der Ceeaturen, und also ist es nicht wahrscheinlich, daß sie Jerusalem angebethet haben sollten. Allein, die Juden hatten die Gewohnheit, allezeit ihr Gesicht, wenn sie betheten, gegen den Tempel zu kehren. Man wird sich also nicht wundern, wenn von den Ebio- niten erzählet wird, daß sie den Apostel PauluS einen Abtrünnigen vom Gesetze genannt haben. Sie unterschieden sich auch darinnen von den Naza-- räern, als welche doch noch eine große Hochachtung für den Apostel Paulus bezeugeten. Die Ursache dieses Hasses ist leicht zu begreifen, wenn man erwägt, M z daß 182 Geschichte der christlichen Religion. daß unter allen Aposteln keiner mehr wider die Beobachtung des mosaischen Gesetzes geeifert hat, als Paulus. Wie konnten sie ihn ertragen, da er sagte: N?o ihr euch beschneiden lassec, so ist euch Christus kein nürze? Die Ebioniren hatten auch ihr eigenes Evangelium, wie dil? Nazaraer, und behaupteten, daß der Evangelist Matthäus der Urheber desselben ge- ^,5^./?»- wesen wäre. Dieses Evangelium war nicht allein «6-7. «,»„'. dem unsrigen, sondern selbst von dem Evangclio ^ SKSBSSS^^^ Von den gnostischen Secten der beyden ersten Jahrhunderte/ welche die christliche Religion entweder bestritten, oder verfälschet haben. ^V'e christliche Religion fand an den Gnostikern c°^^ die gefährlichsten Feinde, wenn diejenigen der Wahrheit am gefährlichsten werden, welche sie nicht sowohl. Zweyter Abschnitt. 18z sowohl öffentlich verfolgen, als vielmehr ihre geheimen Verräther sind. Ihre Irrthümer waren von der Art, daß sie leicht zu bewegen waren, den christ- lichen Namen anzunehmen, in der Einbildung, daß sie schon eben die Lehren vorgetragen hatten, die ihnen das Christenthum vorzutragen schien. Sie wurden von dem G!anze der Wunder Jesu Chn'sti und seiner Jünger geblendet, aber nicht erleuchtet. Jesus hatte den Kranken ihre Gesundheit wieder gegeben, Menschen, die schon ein Raub des Todes gewesen waren, ins Leben zurück gerufen, die Teufel allsgetrieben, und in allen seinen Thateil eine unaussprechliche Güte gegen unser Geschlecht geäußert» Er lehrete, daß ihn sein Vater gesandt hatte, die Menschen von ihrem Verderben zu erlösen, und sie zu einer noch größern Glückseligkeit zu bringen, als die war, welche sie verloren hatten; daß er in dieser Absicht leiden und sterben wollte; daß er nach seiner Auferstehung zur Vollendung dieses großen Werkes den heiligen Geist senden würde. Seine Jünger lehreten eben dieses; sie lehreten, daß der Geist Gottes schon auögcgosfen wäre; und diese Lehren bestätigten sie durch eben so große und noch größere Wunder, als ihr Meister gethan hatte. Schienen nicht einige von diesen Wahrheiten den Lehren der morgenländi- sehen Weisen sehr ähnlich zu seyn? Behaupteten sie nicht eine Herrschaft misgünstiger Aeonen über die Menschen, und die Nothwendigkeit einer Errettung unsers Geschlechtes von ihrer Tvranney? Was wae nach diesem Systeme natürlicher, als daß Ch' istus ein gütiger und wohlthätiger Aeon wäre, den die Gottheit herabgesandt hätte, daß er den Menschen den Weg zu ihrer Freyheit zeigen sollte. Es ist M 4 -wahr, ?84 Geschichte der christlichen Religion. wahr, daß sie zwischen ihren Lehren und den Lehren deö Christenihuinö einen unendlichen Unterschied sin- den mußten, so bald sie beyde aufmerksam und unparteyisch mit einander verglichen. Allein, wenn stellt der Mensch, der eine hartnackige Liebe gegen seine Vorurtheile hat, eine so unparteyische Ver- gleichung an? Die Gnostiker durften, da sie einmal von ihrer Weisheit so erhabene Begriffe hatten, ja nur annehmen, daß die Apostel nicht fähig genug gewesen waren, in den wahren, aber tiefen Verstand alles dessen einzudringen, was Jesus gelehret hatte: so waren alle Schwierigkeiten überwunden. Sie selbst glaubten, so fähig und erleuchtet zu seyn. Daher baueten sie ein System über das andere auf, die Lehren des Christenthums mir den ihrigen zu vereinigen; ein unmögliches Unternehmen, da Licht und Finsterniß nie mit einander vereiniget werden können. Jedoch eben diefe Weisheit, die so geschickt war, die christliche Religion zu verfälschen, mußte auch einigen zu Waffen wider dieselbe dienen. Simon, der Zauberer, und Nlenander sind zur Unsterblichkeit ihrer Namen gekommen, weil sie durch die Hülfe, die sie bey den gnostischen Irrthümern suchten, das Evangelium bestritten. Das Glück, mit welchem sich die Lehren der Apostel ausbreiteten, machte sie eifersüchtig, und ohne Zweifel beredeten sie sich, daß sie Häupter großer Seccen werden könnten, wofern sie zu einem solchen Unternehmen nur Verwegenheit und einen Unsinn besäßen, der so scheinbar wäre, daß er wie die Vernunft aussähe. Zum Unglücke für sie selbst, und für andere, die sich von ihnen hintergehen ließen, fehlete es ihnen weder an Eitelkeit, noch an Verschlagenheit des Verstandes. Beyde setzten Zweyter Abschnitt. 185 setzten der christlichen Religion neue Lehrgebäude entgegen. Was sie aber vortrugen, war aus der un» reinen Quelle der morgenlandischen Philosophie geschöpft. Da sie selbst für Erlöser der Welt gehalten seyn wollten: so würde man ihnen zu viel Ehre erweisen, wenn sie bloß unter die Ketzer, und nicht unter die offenbaren Feinde Jesu Christi gezählet würden. Simon, der Zauberer, war von Geburt ent- />e». /.,. weder ein Iüde oder ein Samaritaner. In Alexan- ^- drien hatte er sich in den Lehren der orientalischen ' Philosophie unterrichten lassen. In Samarien ^A./^.' rühmte er sich, eine große Rrafr Gottes zu seyn, z,. welche gekommen wäre, die Menschen von der Scla- l'/'-o. vcrey mißgünstiger Geister oder Aeonen zu erlösen. Er hatte die Kunst des Betrugs so sehr in seiner Ge- walt, daß es ihm glückte, das samaritanische Volk ^ ' so lange zu bezaubern, bis Philippus dahin kam,^.^.^. den Einwohnern Samariens Jesum verkündigte, und ^»cX-. ^s. seine Predigt durch Wunder bestätigte. Sie mach- ^- ^ ^7- ten einen so starken Eindruck auf ihn, daß er die ^ christliche Religion annahm und sich taufen ließ. Al- ^ " ' lein seine ganze Bekehrung war eine bloße Verfiel- Upostelg. 8. lung. Er schmeichelte sich, daß er durä) die Taufe 5/. u.f. die Kraft Wunder zu thun empfangen, und sich dadurch in den Stand gesetzt sehen würde, mit einem weit glücklichern Erfolge zu betrügen, als vorher. Allein, da seine Hoffnung nicht erfüllet wurde, da Petrus ihm die Wundergaben nicht verkaufen wollte, ihn seiner schändlichen Absichten wegen bestrafte, und zu einer ernstlichen Buße vermahnte: so strebte er.iu seiner Wuth nach dem unseligen Verdienste, der Wahrheit des Evangelii allen Abbruch zu thun. Er M 5 kehrere ,86 Geschichte der christlichen Religion. kehrete also zu seiner ersten Thorheit zurück, und erweiterte sie mit neuen Thorheiten, damit er sich desto eher einen großen Anhang machen möchte. Die Geschichte seines Unsinnes ist voll Finsternisse. Iu- stmus, Irenaus, Clemens von Alexandrien, der Verfasser der clcmenrinischen Recognino- nen, Tercullianus, (Drigenes, iLpiphamus, Augustinus und andere unter den Alten, waren mit der orientalischen Philosophie nicht so sehr bekannt, daß sie alle seine Lehrsätze genug hatten verstehen und also in der Erzählung derselben ganz mit einander übereinstimmen können. Diese Finsternisse haben in den neuern Zeiten noch mehr zugenommen, da sie mehr hatten aufgeklaret werden sollen. Denn ob man gleich eine größere Einsicht in die philosophischen Fabeln der Morgenlander erlangthat: so hat dieselbe doch wenig dazu beygetragen,sein Lehrgebäude zuver- laßiger zu bestimmen, weil man ihn mehr zu einem philosophischen Traumer, als zum Betrüger zu machen beschlossen hatte. Und doch ist es sehr wahrscheinlich, daß er das letzte mehr, als das erste gewesen sey. Man muß daher wohl den Ircnaus, welcher die ersten KeHereyen sehr getreu abgeschildert hat, für den zuverläßigsten Geschichtschreiber dieses Verführers halten. Wir wollen also hören, was die Alten von ihm erzählen. Simon nahm ein einiges göttliches Wesen an, welches die höchsten Vollkommenheiten besitzen, von Ewigkeit her aber verborgen, allezeit ruhig und un- beschäfftigt gewesen seyn sollte. Er nannte dasselbe Byrhos, die Tiefe, und Sige, die Stille; und es scheint, er habe eine gewisse Zweyeinigkeit, eine Kraft zu zeugen, und eine Kraft zu gebühren, darinnen an- genom- Zweyter Abschnitt. »8? genommen; er mag nun seinen Vyrhos und seine Sige für bloße Kräfte, oder für wirkliche Selbststän-- digkeiten seiner Gottheit gehalten haben. Sich selbst gab er für die erste höchste unselbständige Kraft die- seö Wesens aus, die alle Namen annähme, unter welchen ihn die Menschen verehren wollten. Er wollte unter den Juden als Sohn, unter den Samaritanern als Vater, und den übrigen Nationen als der heilige Geist erschienen seyn. Er führte eine lüderliche Dirne, Helena, oder Selene genannt, mit sich herum, die er zu Tyrus erkauft hatte, wo sie, als eine Sclavinn, der Wollust feil gewesen war. Er nannte sie En- noia, die erste Vorstellung seines Verstandes, und gab vor, daß die Engel und Erzengel durch sie erschaffen worden wären. Er hätte, wie er sagte, die Absicht selbst gehabt, diese Geister und die Welt durch sie zu erschaffen. Allein, sie war seinem Entschlüsse zuvorgekommen, hatte sich aus der Lulle herausbegeben, und die Aeonen und Engel geboh- ren, welche nachher die Welt erschufen. Diese Aeonen waren zwar, als Ausflüsse der Ennoia, stark und mächtig genug, aber doch lange nicht so vollkommen, als sie gewesen seyn würden, wenn sie mit seinem Vorwissen ihre Wirklichkeit erhalten hätten. Sie waren eben so begierig, neue Wesen hervorzubringen , als ihre vorwißige Mutter. Sie schufen sich jeder einen Himmel, und sodann die Welt mit ihren Bewohnern. Ihre Werke waren unvollkommen. Sie hätten verbessert werden können, wenn sie ihre Mutter, die Ennoia, zurück in die Fülle der Gottheit gelassen hätten. Allein diese ausgearteten Aeonen waren so stolz, daß sie ihren Ursprung verbergen und als ewige Götter verehret seyn wollten. ,88 Geschichte der christlichen Religion« Sie hielten also seine Ennoia zurück; sie stießen sie in weibliche Körper, und sie war geuvungen, immer aus einem in den andern zu wandern. Sie war die schöne Helena, welche den trojanischen Krieg verursacht hatte. Stestchorus, der Dichter, Härte sein Gesicht verloren, weil sie von ihm verleumdet worden w.ir. Doch er hätte, da er zu ihrem Lobe einen Wicderruf gethan hatte, den Gebrauch seines Gesichtes wieder erlangt. Endlich nach vielen mühseligen Wanderungen hätte sie das Unglück gehabt, gleich» sam die Seele seiner Helena oder Selene zu werden, die in einem berüchtigten Hause zu Tyrus eines jeden Wollust feil gebothen worden war. Sie war das Verlorne Schaf. Er war gekommen, erst sie, und dann die Menschen, denen er sich offenbarte, zu erlösen. Denn, saget er, da ich sah, daß die Engel die Welt sehr schlecht regiereten, weil ein jeder der erste seyn wollte: so kam ich, ihrer Herrschaft ein Ende zu machen. Ich bin unter der Gestalt der geistlichen Kräfte und der Engel herabgekommen. Ich bin selbst als ein Mensch erschienen, ohne ein Mensch zu seyn; es hat das Ansehen gehabt, als ob ich in Judäa gelitten hätte, ohne wirklich zu leiden. Die Propheten sind von den Weltschöpfern begeistert worden. Diejenigen, die an mich und meine Selene glauben, dürfen nicht auf ihre Auösprüche achten, ob sie gleich den Aeonen, damit sie ihrem Neide desto leichter entgehen können, Opfer bringen dürfen. Sie sind frey, und können thun, was sie wollen. Denn die Menschen werden nicht durch gute Werke, sondern durch meine Gnade erlöset. Es giebt keine an sich guten Werke; sie sind solches nur durch die Verordnungen der Engel, die den Men- Zweyter Abschnitt. -89, Menschen dergleichen Vorschriften gegeben haben, damit sie dieselben desto eher zu Sclaven machten. Ich werde deswegen die W>'lt zerstören unv die Meinigen von ihrer Sclaverey frey machen. Für den Leid ist keine Auferstehung zu erwarten; denn der Leib ist Materie. Wenn man dem Berrüger glauben wollte: so war er von den Heiden unter dem Namen deö Jupiters, und seine Helena unter dem Namen der Minerva angebethet worden. Von seinen Priestern erzählet man, daß sie allen Ausschweifungen der Wollust, der Traumdeutung und aller« lcy Zauberkünsten ergeben gewesen wären. Diese Nachricht ist nicht unglaublich; denn in der zoroa- striscben Philosophie war die L-Ilagie ein Geschenk der Gottheit. So war allem Vermuthen nach die Lehre dieses berühmten Betrügers beschaffen. Theils war sie ein philosophischer Roman; theils war sie ein unverschämter Betrug. Nlosheim, dessen Name schon eine Lobeserhebung ist, glaubet, daß Simon, außer ^ -^'"«7. dem einigen ewigen Urwesen, auch die Materie als ^' ein ewiges thatiges Wesen angenommen, und vorgegeben habe, daß sie ebenfalls ihre Aeonen und Engel erzeuget hatte. Allein, da die Träume dieses Verführers zoroastrisch sind, die zoroastrische Philosophie aber die Materie selbst für nichts wirkliches, sondern in sofern sie etwas ist, für einen von Gott weit entfernten Ausfluß seines Wesens hält: so scheint es, daß man nach diesem Grundsatze alle Zeugnisse der Kirchenväter, welche ihn beschuldigen, er habe die Materie für ewig und thätig gehalten, verstehen und erklären müsse. Eben so muß man, wie mich dcucht, in diesem Unsinne die Aeonen in der Fülle, welche ,90 Geschichte der christlichen Religion. welche außer dem Simon und seiner Ennoia, vom Bythos erzeugt worden seyn sollen, genau von den schlimmern Aeonen unterscheiden, welche von Simons vorwitziger Gemahlinn außer dem Lichtraume ihr Wesen und Daseyn erhalten haben. Jedoch es geschieht vielleicht diesem Verführer kein Unrecht, wenn man dafür halten will, daß er Ungereimtheiten geglaubt habe, die mit der irrigen zoroastrischen Weisheit nicht bestehen können. So viel ist indeß gewiß, daß er die Schöpfung der Welt nicht dem einigen göttlichen Urwesen, nicht einmal sich selbst, sondern denen, ohne sein Vorwissen, von der jLnnoia erzeugten Aeonen zuschrieb. Das war die Ursache aller ihrer Unvollkommenheiten; unter ihrer Tyrannen seufzete seine erste von ihm verirrte Vorstellung, oder Ennoia; unter ihnen waren auch die Menschen unglückselig. Wenn man wissen will, warum er eine Verstoßung seiner Ennoia in so viele weibliche Körper annahm: so brauchet man auf keinen philosophischen Traum zu fallen. Man zweifelt daran, daß er sich für den Vater, den Sohn, und den heiligen Geist ausgegeben habe, ungeachtet solches Irenaus, Epiphanius und Augustmus unter den Alten ausdrücklich bezeugen. Hält man vielleicht ein solches Vorgeben für ollzuunverschämt, als daß es einem Menschen hätte einfallen können? Wenn man dieses glaubet: so weis man nicht, wie weit die Menschen in der Thorheit und Unverschämtheit gehen können. Was hat nicht ein berüchtigter Eller von Rensdorf in unsern Tagen gethan? Allein, man findet in den cle-- memimschen Recognirionen Stellen, welche dem Zeugnisse des Irenäus widerstreiten? Simon, der sich Zweyter Abschnitt» M sich in denselben mit dem Apostel Petrus unterredet, erkläret sich für einen Feind unsers Erlösers und nennt ,'hn einen Zauberer? Doch warum glauben erleuchtete Geschici!tschreiber der Erdichtung eines unbekannten Verfassers, der zum wenigsten erst im dritten Jahrhunderte geschrieben hat, mehr, als dem Zeugnisse des Irenaus, der im zweyten Jahrhunderte lebte? Man wird nicht glauben, daß Petrus alles das geredet habe, was ihn dieser verlarvte Schriftsteller reden laßt: warum soll das mehr wahr seyn, was er seinem Simon in den Mund leget? Wem» sich gleich Simon für Christum selbst ausgegeben hat: so bleibt er dennoch ein Feind desselben, weil er die Ehre, die einem Fremden gebühret, an sich reißen will. Die Juden und Samaritaner betheten den wahren Gott unter dem Namen des Vaters an; die Christen vcrehreten Jesum Christum, als seinen Sohn, und lehreten, daß der heilige Geist alle Nationen bekehren sollte. Die Heiden verehreten ihren Jupiter und räucherten einer Minerva. Was ist glaublicher, als daß sich der Betrüger beredet habe,er werde sich sowohl unter den Samaritanern, als auch unter den Christen, Jüden und Heiden einen grossen Anhang sammeln können, wenn er den Grund? sah festsetzte, daß er, die erste und feinste Kraft der Gottheit, alle Namen annähme, unter welchen '""^ ^ ihn die Menschen verehren wollten; daß er in die- """" ^ sem Verstände der Vater, der Sohn, der Geist und auch Jupiter, seine Helena aber die Minerva wäre; daß er unter den Jüden und Christen Wunder gethan - hatte, und als der heilige Geist noch mehr Wunder unter den Heiden verrieten würde? War es die Absicht des Betrügers, göttlich verehret zu werden: so er- fcr- 192 Geschichte der christlichen Religion. forderte es insbesondere sein Vortheil, sich für Christum auszugeben. Die Gottheit des Erlösers war schon allzusehr bestätigt, und sein Name hatte schon den Orient mit so großem Erstaunen erfüllet, daß er keinen Christen zu verführen sich Hoffnung inachen durfte, wenn er die Erscheinung des Heilandes und seine Wunder hatte bestreiken und in Zweifel ziehen wollen. Er war unverschämt; das ist gewiß : aber er war nicht einfältig. Es ist also wahrscheinlich genug, daß er sich für Christum in der Absicht ausgegeben habe, einen desto größern Anhang zu finden. Denn wenn fehlet es leicht einem boshaften Herzen an einem listigen Verstände? Er hoffte vielleicht, den Pöbel ohne Mühe zu betrügen, weil er ein Gaukler, und derjenigen Künste sehr machtig war, durch welche die Leichtgläubigkeit geblendet werden kann. Nur eine Schwierigkeit schien sich diesem Vorgeben zu widerfetzen. Jesus war von den Jüden gekreuziget worden. Diesem Einwürfe entfloh er entweder durch die unverschämte Ausflucht, daß es nur das Ansehen gehabt'habe, als hätte er gelitten, oder auch durch das Vorgeben, man habe einen andern Zauberer gekreuzigct, in der Meynung, daß man ihn kreuzigte. Durch diesen letztern Weg wäre der Verfasser der clememinischei? Recognitionen mit dem Irenaus zu vereinigen. Doch man hat nicht nöthig, diesen Weg zu betreten, weil es ganz unwahrscheinlich ist, daß Simon, nach dem Verweise des Apostels Petrus, auf seine unverschämte Anforderung jemals wieder mit demselben zusammengekommen seyn sollte. /. c. Man zweifelt mich, daß er seinen Anhängern alle Arten der Wollust zugelassen und in ihre Ver- ^' ^' samni- Zweyter Abschnitt. 19z sammlungen sehr schändliche Geheimnisse der Bosheit eingeführet habe. Man zweifelt ohne Grund, die morgenländische Philosophie richtete sich in der Sittenlehre nach der Neigung ihrer Lehrer. Wa- ^ ren sie wollüstig: so war alles erlaubt. Denn die Wer befleckten nur den Körper, weil sie ihren Ursprung nicht auö der Seele, sondern aus der Materie nahmen. Da nun dieser einmal Materie war: was lag daran, c?b er ein wenig mehr Materie , würde, oder nicht? Simon, dem seine Helena sehr bequem war. gehöret? unter die Wollüstigen. Er wird also woi)l von seinen Anhängern nicht die strengste Tugend gefodert haben. Eins andere Frage ist es, ob alles wahr sey, was die Sage von ihren Ausschweifungen erzahlet. Man ist in diesem Stücke so bescheiden, wie Iustmus, der lNarrprer; man entscheidet nichts; vielleicht zwei- ^ felr man auch an den meisten Erzählungen eines so ungewissen Zeugen, als das Gerücht ist. Stellet man sich das System dieses Betrügers also vor: so begreift man ohne Mühe, wie sich seine Anhänger haben Christen nennen können. Daß sie ^/'/-/^u. sich also genannt haben , bezeuget Apiphanius. Ihr Anführer misbrauchte den Namen (5hris»us; ^-^«X^. dieser Name war, wie sich dieser Vater ausdrücket, ^- das Honig, welches er unter seine giftige tTlie- servurz mischte. Darf man sich wundern, daß sich seine Anhänger, besonders in denen Zeiten, Christen nannten, wo ihr Ansehen immer mehr und mehr wuchs? Vielleicht sind in der Geschichte dieses Betrügers noch einige Schwierigkeiten. Sollten einige übrig seyn: so würde ihre Auflösung einen andern U. Theil. N Ort 194 Geschichte der christlichen Religion. Ort fodern, als diese kurze Geschichte der Hindernisse, die er der christlichen Religion entgegen sehte. Simon fand viele, die sich von ihm bezaubcrn ließen. Sie trenneten sich bald nach seinem Tode, dessen eigentliche Beschaffenheit sich nicht zuveriäßig c7c,»,^/ex. bestimmen laßt, in verschiedene Parteyen. Viel- ÄT-c^r. ^icht gehören die Maeborheer und Adriamstcn 77^^-'^' ^ Theodorecus unter diese Rotte. Nach dem /. OrieMies haben sie sich nur bis in das dritte, nach ö.?'.'. dem Eusebius aber bis ins vierte Jahrhundert erhalten. Die Alten hielten ihn für den Vater und das Haupt aller Ketzer. Der Name seiner Anhänger wurde zu einer allgemeinen schimpflichen Benennung aller irrgläubigen Secren, sie mochten das Christenthum offenbar bestreiken, oder verfälschen. Vielleicht sind die christlichen Schriftsteller von dem Rufe dieses Verführers, vielleicht auch von der Aehnlich- keit seiner Lehren mit den Irrthümern anderer Sccten, dazu bewogen worden. Menan- Menander, ein Samaritaner, und ein Nachei- 'TSco^o-c? Simons, des Zauberers, warf sich zu einem /^"/^ ' Widersacher des Christenthumes auf. Sein ///5.,. c. Verstand war nicht so ersindsam, daß er den lehren 7,'e». /.,. der morgenlandischen Philosophie eine neue Gestalt , ^?-/?. hgxte geben können. Allein, er war eben so unver- schämt, als Simon. Was dieser von der Gottheit, Z'/,//"/^// von der Schöpfung der Welt und von dem Ursprünge >//. des Bösen gelehret hatte, das lehrcte er auch. Er ^/m/,./»/?. u-tterschied sich bloß dadurch von ihm, daß er keine //. 7?. Helena hatte, welche er in die Annoia, die Mut- Weltschöpfer, verwandeln konnte, sondern sich große Rrafc Gocres, oder wie dieses ). kürzer in der Zuosrischen Sprache heißt, für denjenigen Zweyter Abschnitt. -95 ingen Aeon ausgab, welcher durch die Magie, und durch eine geheime Taufe diejenigen, welche ihm anhangen würden, aus ihrem Elende erretten, und mit dem Urwesen wieder vereinigen sollte. Er versprach denen, welche sich auf seinen Namen taufen ließen, eine ewige Jugend und Unsterblichkeit, welchem der Sprache der Gnostiker weiter nichts, als die Rückkehr einer Seele in die Fülle zu Gott, bedeutete. Terrullian spottete über eine solche Taufe, die so viel versprach, und so wenig hielt. lVas ist 2er, dieses Vad des Menanders, sagte er? Etwas """" sehr komisches. Ader wärmn wird dieses Dad so wenig besucht? N>arumist dlese Taufe so geheim und unbekannt? Ein Sacrainenc, das so gar sicher ist, und doch so selten gebraucht wird, wie verdachtig ist das! Dieß waren diejenigen, welche die orientalische Philosophie zu Waffen wider das Christenthum brauchten. Die meisten Anbether dieser falschen Weisheit versuchten eine Vereinigung ihrer Träume mit der jüdischen und christlichen Religion. Sie nannten sich Gnostiker, Menschen, die von der Gottheit die besten und deutlichsten Begriffe hätten, und geheime Wege wüßten, zu Gott zu kommen; die Christen hingegen nannten sie Gläubige, die, weil sie zu einfältig waren, in ihre Geheimnisse einzudringen, sich mit dem bloßen Glauben begnügen müßten. Die Christen freueten sich über einen Namen, der ein Beweis ihrer Demuth war, und überließen diesen eingebildeten Weisen einen Namen sehr gern, der ihren Stolz so vollkommen bezeichnete. Diesen Stolz werden wir aus der Beschreibung der berüchtigsten gnostischm Secteu bald kennen le» N - neu, ,96 Geschichte der christlichen Religion. nen, welche die geoffenbarte Religion nach ihren Einfallen umschmolzen, und dem Christenthums dadurch so sehr schadeten. Vorher wollen wir noch einige Anmerkungen machen, die sie alle angehen. Alle Gnostiker hielten Christum für einen von den Aeonen, welche in der Fülle der Gottheit oder in dem pleroma wohnen sollten. An diese Ausdrücke muß man sich gewöhnen, wenn man ihre Lehrgebäude kennen lernen will. Auch behaupteten sie alle von ihm, daß er keine wahre menschliche Natur angenommen hatte. Sie gaben aber von seiner Erscheinung unter den Menschen verschiedene Erklärungen. Jn der Sittcnlehre theiletensie sich in zwo Hauptparteyen. Einige erlaubten die Laster, besonders die Wollüste, wenn ihr Charakter jovialisch und weichlich war. Andere, die ihr schwarzes Blut zur Schwermuth geneigt machte, foderten von ihren Anhängern ein übertrieben-strenges und rauhes Leben. Beyden Parteyen, so weit sie auch von einander abwichen, war die Ehe ein Anstoß. Die schwermü- thigen Gnostiker verachteten sie, und priesen allen Menschen das ehelose Leben an, weil sie glaubten, daß sie sich durch die Ehe immer tiefer in die Materie verwickelten. Die wollüstigen Gnostiker hingegen verabscheuten diesen Stand, weil sie sich darinnen nicht allen Ueppigkeiten der Wollust überlassen konnten. So kann einerley Irrthum entgegengesetzte Ausschweifungen erzeugen! Nur die Wahrheit bleibt in allen ihren Folgen mit sich selbst übereinstimmig. Diettiks- Unter die leßte Art der Gnostiker gehörten die lauen. Nikolairen, über welche selbst in der Offenbarung das Zweyter Abschnitt. -97 das Urtheil der Verdammniß gesprochen worden ist. Off. Zoh. ten sie das Essen des Gößenopfers, und dieHmerey, ein Laster, das in den damaligen Zeiten für kein La- sier gehalten wurde. Die Erlaubniß der^ Wollüste war ihren unreinen Begierden, und die Erlaubniß^ , ' Götzenopfer zu essen, war ihrer Furcht vor den Ver- 57»,. ^ folgungen zuzuschreiben, welche die Bekenner des cc-V. /. Namens Jesu Christi trafen, wenn sie den heidnischen Götzen nicht räuchern wollten. Es ist ungewiß, ob ^ diese Secte von dem Diakonus, tTlikolaus, gestiftet ^ ' worden ist, dessen Name in der Geschichte der Apo- /^.^ /. fiel vorkömmt. Vielleicht haben nur einige Gno« stiker etliche unvorsichtige, aber gutgemeynte Reden dieses Diakonus gemisbraucht, in der Einbildung, daß sein Name ihre Thorheiten schützen würde. Clemens von Alexandrien erzahlet von ihm, die <7/ev/.Mv. Apostel hatten ihm, weil er sich über die Schönheit 5. seiner Frau eifersüchtig bezeiget hätte, einen Verweis darüber gegeben. Er hätte darauf, um sich zu rechtfertigen, seine Frau den Brüdern dargestellt, und öffentlich bezeuget, er wäre so wenig eifersüchtig, daß sie heirathen möchte, wer sie nehmen wollte. Er hatte die zwendeutigen Worte hinzugesetzt: Man müßte sein Fleisch mißbrauchen. Er hätte damit sagen wollen , daß man sein Fleisch tödten, und sich nicht allen Begierden desselben überlassen müßte. / Diese in einem solchen Verstände unschuldigen Worte hatten einige Gnostiker für eine Erlaubniß gehalten, die Gesetze des Ehestandes zu übertreten. Allein, N z theils -98 Geschichte der christlichenReligion. theils sind die Nachrichten der Alten unvollständig; theils widersprechen sie sich so oft, daß man nichts mit Zuverläßigkeit von dem Ursprünge. einer so schändlichen Sccte bestimmen kann. Vielleicht ist /«Mauch ihr Urheber, wie Mosheim aus dem Cassian anmerket, ein ganz anderer Nikolaus, als der Dia» xonus dieses Namens. Diese Sccte erhielt sich nach den angeführten Zeugen bis in das zweyte Jahrhundert. Hv/>/n». I„ dem Lehrgebäude der Nikolaiten soll, nach S-r:-. hein Zeugnisse des Epiphanius, zuerst der Name des Ialdabaoth oder des Sabaorh vorgekommen - seyn, der in den Träumen der Opbiten so berühmt ist. Sie sollen ihn, wie diese Irrgläubigen nachher auch gethan haben, zu einem Sohne der Ennoiä, oder wie sie auch bey den Gnostikern genannt wird, der Bärbels, gemacht und von ihm geträumet haben, daß er den siebenten Himmel mit Gewalt eingenommen und die Einwohner der Erde zu bereden gesucht hätte, daß er der erste und der letzte, und außer ihm kein Gott wäre. Allein, man kann nicht gewiß bestimmen, ob Apiphanius die Nikolaiten nicht vielleicht mit andern Gnostikern vermenget habe. Ceriit- Cerinthus, entweder von Geburt oder doch von Religion ein Jude, stiftete auch gleich im Anfange c ^. dk6 Christenthums eine besondere Secte. Er wollte -5. ' die Träume der morgenländischen Philosophen, die /. 5. Irrthümer der Iüden, und die Lehren der Christen c.n ?Sco. M einander vereinigen. Mit den Gnostikern ^1/^1/ ^ ^ ^ ^ höchste Gott, der dem mensch- Ä^.^e liciM Geschlechte bis auf die Zeiten des Erlösers /^--. c.L. unbekannt gewesen wäre, diese Welt nicht er- ^so^. /,^?. schaffen, sondern nur aus seinem Wesen einige ewige und Zweyter Abschnitt. -99 und unsichtbare Aeonen erzeuget hatte. Man muß ^/?. sich immer erinnern, daß unter den Aeonen selbst- "/- ständige Ausflüsse der Gottheit verstanden werden. ^ ^ Der erste und vornehmste Aeon in seinem Systeme ^ ' war Monogenes, oder der Eingebohrnei. Dieser zeugte den Logos, das IVorr, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach der Christus des Mcnan- ders, und einer von den höchsten Aeonen des Pieroma war. Aus diesen Geisterkraften waren andere Aeonen ausgegangen. Einer von denselben war, wo nicht der einzige, doch der vornehmst» Weltfchöpfcr, der Gott der Juden, und also der Urheber des mosaischen Gesetzes. Die meisten Gnostiker hatten wenig Hochachtung gegen die Schöpfer der Welt. Cermrhus war ein Jude, und aijo war ihm der Urheber seines Gesetzes so verächtlich nicht, als andern. Er war freylich der oberste Gott nicht. War also die Welt, sein Werk, unvollkommen: so lag die Schuld davon nicht sowohl an seinem Willen, als an seiner Ohnmacht. Der höchste Gott übersah diese UnVollkommenheiten eine Zeit lang. Endlich aber ließ er sich von den Finsternissen und dem Elende des menschlichen Geschlechtes bewegen, Christum auf die Erde zu senden. Dieser sollte die Fehler des Weltschöpfers verbessern, und die Menschen zur Erkenntniß des wahren unbekannten Gottes bringen. Weil alle Aeonen unsichtbare Naturen sind: so sah sich derselbe genöchiget, sich mit einem Jesus zu vereinigen, der nach des Cerinrhus Vorgeben ein Sohn Josephs und Maria, nach dem ordentlichen Laufe der Narur erzeuget, und nur darinnen von andern Menschen unterschieden war, daß er sie an Weisheit und Tugend übertraf. Christus kam in der Gestalt ei- N 4 20O Geschichte der christlichen Religion. ner Taube über ihn, als er sich vom Johannes im Jordan taufen ließ, unterrichtete ihn von der Natur des zeither unbekannten Gottes, in der Absicht, daß er das menschliche Geschlecht auch davon unterrichten sollte; und damit sein Unterricht desto leichter Eingang finden möchte: so theilce er ihm die Kraft mit, Wunder zu thun. Allein dieser Jesus, mit dem sich Christus vereinigt hatte, ward von den Vornehmen unter den Juden verfolget. Sie nahmen ihn endlich gefangen; und da sie im Begriffe waren, ihn zu todten, verließ ihn der Aeon und kehrte ins pleroma zurück. Jesus wurde zwar gekreuziget: allein er blieb nicht im Tode, sondern wurde aus dem Grabe auferwecket und in den Himmel hinweggerücket. Hier vereinigte sich Christus wieder mit ihm, und von da sollte erwiederkommen, ein tausendjähriges Reich aufrichten, denen, welche diese Lehren annehmen würden, das Leben wiedergeben, und sie in seinem Reiche unzählbare Wollüste schmecken lassen. Was die Pflichten derjenigen anbelanget, die zu einer solchen Glückseligkeit gelangen wollten: so lehrte Cerimh, daß sie sich auf seinen Christus taufen, ihn für ihren Erlöser halten, und nicht die Welrschövfer, sondern seinen zeither unbekannten , nunmehr aber geoffenbarten Gott anbe- then, auch einige mosaische Gesetze beobachten müßten , weil sie weise und nützlich waren. Fast unter allen, welche die so sehr von einander verschiedenen Religionen der morgenlandischen Weisen, der Juden und der Christen, mit einander zu vereinigen gesumt haben, scheint keiner bescheidner und klüger gewesen zu seyn, als Cerimhus. Die ersten waren für den Irrthum eingenommen, daß die Welt Zweyter Abschnitt. 201 Welt nicht von Gott, sondern von einigen niedrigen Geistern erschaffen worden wäre, und er behielt, ihnen zu gefallen, diesen falschen Sah in seinem neuen Lehrgebäude bey. Die Juden hingegen hingen mit einem unüberwindlichen Eigensinne an dem mosaischen Gesetze; sie behaupteten, daß man dasselbe beobachten müsse; und wenn sie auch Jesum Christum nicht ganz verwarfen: so wollten sie ihn doch nicht für den Sohn Gottes, sondern für einen bloßen, obgleich göttlichen Menschen gehalten wissen. Die Christen hingegen widersetzten sich allen diesen Irrthümern. Cerinthus wollte den Beyfall der Christen und der Juden erhalten. In dieser Absicht theilte er Christum und Jesuin von einander und machte aus einer Person zwo Personen. Jesus sollte ein ordentlicher Mensch seyn. Er hoffte aber die Christen dadurch zu befriedigen,daß er nicht allein einen besondern Christus annahm, sondern auch Jesum zu einem heiligen Manne machte, den Christus wieder von den Todten auferweckt und zu sich in den Himmel genommen hätte, der mit ihm vereinigt dereinst wiedergekommen und die Seinigen in einem tausendjährigen Reiche glückselig machen sollte. Eine künstliche Lehre, die er an die Stelle der Wahrheit von der Vereinigung einer göttlichen und einer menschlichen Natur in der einigen Person Jesu Christi, von seiner Auferstehung und von seiner Wiederkunft zum letzten Gerichte setzte. Dieses that er, weil besonders die Auferstehung des Erlösers eine Begebenheit war, an welcher selbst seine Feinde mit keinem Grunde zweifeln konnten. Denn hätte diese mit Recht verdächtig gemacht und bestritten werden können: so würde er die Mühe, so sinnreich zu seyn, N 5 gewiß sos Geschichte der christlichen Religion. gewiß ersparet haben. Die Jüden hatten, wie er glaubte, auch Ursache mit ihm zufrieden zu seyn. Denn er gab ihnen, wenn es erlaubt ist, sich seinem Unsinne gemäß auszudrücken, Jesum auf einige Art Preis; er verachtete auch das mosaische Gesetz nicht, sondern lehrete, daß noch sehr viele Vorschriften desselben beobachtet werden müßten. Da auch die Jüden von ihrem Messias ein irdisches Reich erwarteten: so schmeichelte er diesem ihrem Vorurtheile mit der Zusage einer tausendjährigen Monarchie auf Erden, die der aufs neue mit Jesu vereinigte Christus, bey seiner bevorstehenden Wiederkunft, auf der Erde anrichten sollte. Wenn man erwagt, wie künstlich und verführerisch dieses System war: so werden die Nachrichten des Irenaus und des Apiphanius, daß der Evangelist Johannes den Cerinrhus gekannt, und die Absicht gehabt habe, ihn durch sein Evangelium zuwiderlegen, und die Christen vor seinen Irrthümern zu bewahren, in einem hohen Grade glaubwürdig. Von wem konnten die Christen wider einen so klugen, und wie e6 das Ansehen hatte, so bescheidenen Jrrgeist besser bewaffnet werden , als von dem vertrautesten Jünger Jesu Christi? Er leugnete, daß die Welt ihren Ursprung von Gott und Jesu Christo, seinem ewigen und cingebohmen Sohne hatte; folglich sprach er demselben das Recht des Eigenthums über sie ab. Er streucte irrige Begriffe von der ewigen Zeugung des Wortes aus. Er lehrete, daß Jesus Christus nicht wahrer Gott und Mensch in einer Person gewesen wäre; und die Beschreibungen, die er von dem zukünftigen Zustande der Menschen auf Erden nach der Wiederkunft Ich' Zweyter Abschnitt, 20z Jesu Christi machte, waren eben so irrig. Man vergleiche mit diesen Lehrsätzen des CerinthuS die Lehren , welche Johannes gleich im Anfange seines Ev.Zoh.r. Evangelii vorträgt, und in dem Verfolge so umständlich bestätiget; man überlege hierauf, ob er nicht die Absicht gehabt haben müsse, die Wahrheit wider diesen so künstlichen Verführer zu retten, der in seinen Tagen lebte? Man wird vielleicht sagen, daß der Apostel nicht wider ihn geschrieben habe, weil er ihn nicht nenne. Warum sollte er ihn nicht genannt haben? Jedoch ist das wohl ein Einmurf? Warum sollte er den Ehrgeiz eines Menschen befriedigen , der vielleicht eben darum irrete, damit sein Name weit erschallen möchte ? Würde er diese Absicht nicht genug erreicht haben, wenn ihn der Apostel nicht bloß widerlegt, sondern sogar seinen Namen zu nennen gewürdigt hatte? Man kann daraus abnehmen, wie die Wissenschaft von den Lehrgebäuden der ersten Ungläubigen den Sinn der Offenbarung sehr oft aufschließe und deutlicher mache. Paulus scheinc ihn ebenfalls in verschiedenen Stellen seiner Briefe an die Colosser und Epheser vor Augen gehabt zu haben. Seine Secte erhielt sich kaum bis in das zweyte Jahrhundert, ungeachtet er in seinem Lehrgebäude so künstlich war, und sich gegen seine Anhänger göttlicher Gesichter und Offenbarungen rühmete. Der Irrthum muß ein ProteuS seyn, und immer in neuen Gestalten erscheinen, wenn er der Wahrheit lange schaden will. Sein Name wurde bald vergessen , und zwar desto leichter und eher, weil er die Absicht eben nicht hatte, die Menschen von der Sittenlehre der Religion frey zu machen, sondern ihnen vielmehr ihre Geheimnisse auf eine neue 2O4 Geschichte der christlichen Religion. Art erklären wollte. Die Meisten verlangen nicht sowohl Meynungen für den Verstand, alö vielmehr Irrthümer für ihre Leidenschaften. Gaturtti- Samrnin, ein Syrer, und Menanders Schü- nus. ler, sammelte unter dem Trajan und Adrian durch ^"^c/c»/ Ausbreitung gnostischer Irrthümer in Antiochien Kz.^'eine Secte, die sich nach seinem Namen nannte. /--?». /.Er stimmte mit seinen Vorgangern in dem Jrrthu- c, 22. me überein, daß die Welt, ohne das Vorwissen und /,^/^.<7,4>5 die Einwilligung des höchsten Gottes, von den untern ^^77^0 Leonen erschaffen worden wäre. Er seßte die An- ^o^-,. derselben auf sieben. Sie hatten die Menschen /.c. 4. nach einem gewissen glänzenden Bilde Gottes, das //?'---o». /» ihnen einmal aus dem pleroma erschienen seyn soll- ^»c. c.st war in den Lehren von dem höchsten Gotte, t. 7. Te»-. von dem Ursprünge der Welt und dem menschlichen --»///an. 6v. Christenthumes zu verbinden, und ihnen durch den o,-^. ?» Misbrauch verschiedener Stellen der Offenbarung F?cc-6.S,^. verführerisches Ansehen zu geben. In seinem Lehrgebäude bemerket man so viel Ordnung und /A,/^-,^ Kunst, daß ihn auch einige unter den Neuern aus 6«-?-. Sn«. dem Verzeichnisse der Irrgläubigen herausgesetzt, ////?. und behauptet haben, er hätte bloß die Wahrheiten Christenthumes, nach Art der Morgenländer, in finstere und übertriebene Allegorien verkleidet. Al- ^""'»5- lein, man ist bey seiner Rechtfertigung entweder / oder gütig, aber gewiß nicht gründlich. Man /?tn»/V?> - kennet seine Lehrsätze nicht in ihrem Umfange, wenn //./?. .V?« man ihn unter die Rechtgläubigen setzet. Er hatte eine Zweyter Abschnitt. 211 eine reichere Phantasie und einen beredter« Vortrag, ^»/>/,e- als seine Vorgänger, und besaß das Talent, eine /> /4>?- Erdichtung mit neuen Erdichtungen wahrscheinlich zu machen, und zu unterstützen. Wenn man dem Tercullian glauben will: so hat ihn der Verdruß, daß ihm in einer gewissen bischöflichen Würde ein Märtyrer vorgezogen worden war, auf den Entschluß gebracht, sich zum Haupte einer neuen Secte zu machen. Er breitete seine gnostischen Irrthümer besonders in Aegypten aus. Der Gnostiker verräth sich in den» ersten Grundsätze seines Systems. Sein Gott ist der gnostische verborgene Gott, der keinen Theil an der Schöpfung der Welt hat. Valentinus brauchet zur Hervorbringung derselben mehr Umwege, als seine Vorgänger, in der Einbildung, daß er auf denselben so vielen unauflöslichen Schwierigkeiten ausweichen würde, die er bey den übrigen Lehrgebäuden dieser Art fand. In seinem pleroma hielten sich dreyßig Aeo- neu auf, von denen die eine Hälfte männlichen, dis andere Hälfte weiblichen Geschlechtes war. Der erste und vollkommenste Aeon hieß Bpthos, der Tiefe, oder vropacor, der Vorväter, proarcha, der erste Ursprung aller U?esen, und seine Gemahlinn Sige, die Grille; oder Ennoia, die Verstellung ; oder Charis, die Gnade. Beyde Aeonen machten das erste Urwcsen aus. Simon, der Zauberer, Hatte eben dieses gelehret. Byrhos zeugete mir seiner tLnnoia den 5^us, oder den Verstand, den Eingebohrnen, den Vater und die Grundursache aller Dinge, und seine Schwester, Alerheia, die Wahrheit. Diese Aeonen machen eine Te- 9 2 rras, , 212 Geschichte der christlichen Religion. tras, ein Geviertes aus. Nus und Alerheia zeuqeten hierauf zween neue Aeonen, Logos, das lVort, undZoe, das Leben; und diese zeugeten den Anrhropos, den Menschen, und Ecclcsla, die Kirche. Man muß sich in Acht nehmen, diesen Menschen und diese Z^ircde nicht etwa für den Menschen und die Kirche auf der Erde zu halten. Es sind Aeonen, und wie man in der Folge sehen wird, in einem gewissen Verstände Slammaltern der Menschen und der Kirche auf Erden. Dieser Traum gründet sich auf den gnostischen und auch cabbalisti- schen Grundsah , daß alles, was man auf der Erde findet, in dem Lichthimmel seine Wurzel und seinen Ursprung habe. So entstund denn aus diesen Aeo- nen eine Ogdoas, eine Achte, von denen aber, außer dem ITlus, oder l^oos, keiner die ersten Aeonen, den Dyrhos und die Ennoia kannte. Logos und Zoe pflanzten sich in zehn Aeonen fort, von denen ebenfalls die Hälfte männlich, die andere Hälfte weiblich war, und so entstund eine Decas, oder eine gezehnce Zahl. Amhropos und Ecclcsta folgeten dem Beyspiele ihrer Brüder und Schwester», nnd zeugeten zwölf neue Aeonen, unter welchen der Tröster, der Glaube, die Hoffnung, und die Liebe besonders merkwürdig sind. Das letzte Paar war Teleros, der Vollkommne, und Sophia, die lVeisheir. So entstund eine gezwölfte Zahl, oder eine Dodekas- Alle diese dreyßig Aeonen machten daö unsichtbare und geistliche pleroma aus. Man wird vielleicht nach der Ursache fragen, warum er eben dreyßig Aeonen annahm, und sie in eine Ogdoas, Decas, und Dodekas vertheilet?. Dieses Zweyter Abschnitt. 215 Dieses that er wohl aus keiner andern Absicht, als ' ^ daß man bey ihm eine sehr tiese Einsicht in die göttliche Offenbarung suchen sollte. Er gab vor, daß die Zahl dreyßig, wenn sie in der heiligen Schrift vorkäme, gehcimnißvoll wäre, und seine Aeonen bezeichnete. Jesus ward dreyßig Jahre alt, ehe er sein Lehramt antrat. In dem Gleichnisse von den Arbeitern im Weinberge werden einige zur ersten, andere zur dritten, andere zur sechsten, andere zur neunten, andere zur eilfccn Stunde ausgesandt. Nun aber machen eins, drey, sechs, nenne und eilfe dreyßig aus. Jedoch wir fahren in der Aeonengeschichte dieses christlichen ZoroasterS fort: denn was sind seine Aeonen bessers, als die Lichtausflüsss des alten ZoroasterS, ob sie gleich biblische Namen haben? Seine Geisterkräfte kannten also den ersten Gott nicht, und brannten doch vor Begierde, ihn tonnen zu lernen. Besonders ließ sich der letzte Acon, Sophia, von dieser Neubegierde hinreißen. Man darf sich nicht darüber wundern; er war weiblichen Geschlechtes. Sie gehorchte ihrer Leidenschaft, ohne die Unmöglichkeit ihres Unternehmens zu erwägen ; sie verlor sich aus dem Pieroma heraus, und würde sich in dem unendlichen Raume verloren haben, wenn sie nicht durch die Kraft, welche das plerom.; zusammenhält , und Horos, die Gränze, auch Sravi ros, das Aren;, genannt wird, wiederum zurückgebracht worden wäre; eine neue Erdichtung, nach welcher Valentinus die Stellen der Offenbarung -.- vom Rreuze erklärete. Unterdessen war aus dem Bestreben der neugierigen Sophia, und aus ihrer Begierde, den Vater O Z ' j« 214 Geschichte der christlichen Religion. zu sehen, eine schwache und »«gestalte Substanz^ Achamoch, oder die Begierde genannt, erzeuget worden. Denn es kann, nach den Grundsaßen der Gnostiker, in keinem Aeon eine starke Bewegung oder Empfindung vorgehen, welche nicht etwas Selbstständiges hervorbringen sollte. Nachdem also Sophia in ^ie Fülle zurückgebracht, und ihrem Gemahle, dem Teletos, wiedergegeben war: so er- zeugete tTloos, damit nicht den übrigen Aeonen ein gleicher Zufall begegnen möchte, den Christus und den heiligen Geist. Christus lehrcte seine Verwandten, daß ihr Vater von ihnen nicht erkannt werden könnte; der heilige Geist aber unterrichtete » sie, wie sie den Ersten und den Unbegreiflichen loben sollten. Dadurch wurde in dem pleroma i eine vollkommene Ruhe und Eintracht unterhalten. Die Aeonen freueten sich so sehr darüber, daß sie aus Dankbarkeit gegen ihren unsichtbaren Vater, aus sich und aus dem Christus und dem heiligen Geiste, Jesum, oder den Heiland hervorbrachten. Jesus war also, wenn man so sagen darf, die Quintessenz aller Aeonen; daher führete er alle ihre Namen, besonders den Namen des Christus und des Wortes, weil er von ihnen ausgieng. Diese Erdichtung bestätigte Valenrinus durch die Worte Col. r, !->. des Apostels: Ls ist das Wohlgefallen gewesen, daß in ihm alle Fülle, oder das pleroma, wohne» sollte, und so misbrauchte er zu seinen Traumen andere biblische Stellen mehr. Der Fall der Sophia sollte durch den Fall des zwölften Apostels, des Judas Ischarioth, und durch den zwölfjährigen Blurgang des blutflüßigen Weibes im Evangelio bezeichnet worden seyn, Es Zweyter Abschnitt. 215 . Es war nöthig, daß ein so vornehmer Geist des Pleroma, als der Heiland des Valenrinus war, eine Begleitung hatte. Die Aeonen erschufen also die Engel, die mit ihm gleicher Natur, aber nicht so vollkommen waren. So verhalt e6 sich mit der Genealogie seiner reinen Geister, die nichts Animalisches noch Irdisches an sich hatten. Indessen befand sich Acdamorh außer dem Pleroma, eine unglückliche und unvollkommene MiSge- burt. Christus, der Sohn des Noos, erbarmete sich seiner, streckte sein Fxreuz aus, und gab dieser Unglücklichen die Gestalt des Daseyns, aber keine Wissenschaft. Sie empfand nun ihr Elend; sie bekümmerte sich darüber, daß sie außer dem pleromcr war, und doch nicht in dasselbe gelangen konnte. Sie war ein Raub der Leidenschaften, der Traurigkeit, und des Grames. Sie wandte sich endlich zu demjenigen, der ihr das Leben gegeben hatte. Diese Bewegung brachte die Seelen hervor; aus ihrer Traurigkeit und Furcht entstund, da sie verdicket wurden , die Materie. Ihre Thränen erzeugeten die Meere und Flüsse, und aus ihrer Niedergeschlagenheit ward die Erde gebohren. Indem die Acha- morh sich die Gewalt anthat, sich gegen ihren Urheber zurückzuwenden: so sandte ihr Christus den Heiland. Er kam von seinen Engeln begleitet, gab ihr die nöthige Wissenschaft, und befreyete sie von den Leidenschaften, ohne dieselben ganz zu zernichten. Er verdickte sie nur, und machte eine körperliche Materie daraus. Achamorh freuete sich über ihre Befreyung so sehr, daß sie lachetc, und aus diesem Lachen entsprang das Licht. In ihrer Freude nmarmte sie die Engel, welche Jesum begleiteten, O 4 " und 216 Geschichte der christlichen Religion. und empfing von ihnen eine geistliche Geburt. Nunmehr sind drey Substanzen da; eine geistliche, die ihrer Natur nach gut und dem Verderben nicht unterworfen ist; eine thierische, die errettet werden, oder verloren gehen kann, nachdem sie sich zum Guten oder zum Bösen neiget; und endlich eine materielle, welche nothwendig untergehen muß. Achamoth war geistlich; die beyden andern Arten von Substanzen waren von ihr entstanden. Sie gebar darauf den Demiurgus, welcher animalischer Natur war, den Schöpfer und Gott alles dessen, was außer dem pleroma war. Man kann leicht denken, daß alles sehr unvollkommen gewesen seyn müsse, was dieser Gott, der von den geistlichen Wesen gar keine Kenntniß hatte, und sich deswegen allein für Gott hielt, aus der materiellen von seiner Mutter entstandenen Substanz bildete, Dieser Demiurg, oder Baumeister der Welt, schuf auch Engel. Allein, da er sie aus der Traurigkeit der Achamoth hervorbrachte: so wurden sie böse. Der Vornehmste unter ihnen hieß Cosmo- kraror. Es muß dieser Engel nicht, wie solches von einigeil geschieht, mit dem Demiurg verwechselt werden. Nachdem er sieben Himmeln ihr Daseyn gegeben hatte; so machte er auch den irdischen Menschen, blies ihm eine thierische Seele ein, und schuf ihn also nach seiner Gleichheit und nach seinem Bilde. Darauf kleidete er ihn in Haut und Fleisch. Der Mensch empfing auch einen geistlichen Saamen, welchen Achamoth von den Engeln empfangen und dem Demiurg, ohne daß er es selbst wußte, mitgetheilet hatte, daß er ihn in die thierische Seele und den materiellen Zweyter Abschnitt. 217 teriellen leib ausstreuen sollte. Hier sollte dieser Saame des Geistes wachsen und zunehmen. Das war es, was sie die Airche nannten, ein Bild der obern Rirche im pleroma. Der Demiurg erzeuget? , damit die Menschen einen Erlöser hätten, einen Christ, aus einer himmlischen Materie, der, weil er nichts von der irdischen an sich hatte, bloß animalisch und also nicht fähig war, zu leiden und zu sterben. Dieser gieng hernach , wie etwa das Wasser durch einen Canal geht, durch den Leib der Jungfrau Maria, und bey seiner Taufe vereinigte sich der Heiland aus dem Pleroma in der Gestalt einer Taube mit ihm. Er wich aber wieder von ihm, als er unter dem Pilatus leiden sollte; und also war es nur der thierische Christus, welcher den Verfolgungen seiner erbitterten Feinde nicht entgehen konnte, sondern sterben mußte, ob er gleich nachher wieder ans dem Grabe auferwecket wurde» Wenn nun alle geistliche Menschen durch diese Gno> sis, oder Wissenschaft , zu ihrer Vollkommenheit gelanget seyn werde»: so wird ihre Mutter, Acha- morh ; aus der Mitte zwischen dem Pleroma und dieser Welt, in die ewige Fülle hinüber gehen, und sich mit dem Heilande vermählen, der von allen Aeonen zusammen erzeuget worden ist. Sehet hier den Bräutigam und die Braut der Offenbarung. Die geistlichen Menschen, werden von ihren Seelen und Körpern entkleidet auch ins pleroma kom^- men, und Bräute der Engel werden, welche den Heiland umgeben. Der Schöpfer der Welt hingegen wird mit den Seelen der Gerechten in di'e mittlere Gegend eingehen, wo vorher seine Mutter war. Alsdann wird das in den Eingeweiden der Welt ver- O 5 bor- »i8 Geschichte der christlichen Religion. borgene Feuer hervorbrechen, alles Materialische und endlich sich selbst verzehren. Man wird sich eben nicht wundern, daß sein Lehrgebäude sehr viele Anbether fand. Die christliche Religion war so kurz, so einfach, und so ungekünstelt; sie geboth der menschlichen Neubegierde so oft ein ehr- erbiethiges Stillschweigen, und dieser Roman war so kunstreich, schien den Menschen alles so begreiflich zu machen, und doch gleichwohl so biblisch, so wunderbar, so erhaben und tiefsinnig zu seyn, schickte sich so sehr zu den alten Vorurtheilen, welche das Christenthum verleugnet wissen wollte, und dieMo- ral desselben forderte so wenig, und versprach doch so viel, daß sich Valenrinus sehr bald einen starken Anhang sammelte, welcher beynahe alle andere gno- fiische Secten verschlang. Valeminus schien sich in einigen Lehrsätzen der christlichen Religion mehr zu nähern, als andere Gnostiker. Diejenigen, welche Jesum für einen Aeon hielten, verleugneten seine menschliche Natur. Damit er sich nicht dazu genöthigt sähe: so führete er in sein System zween besondere Christos, einen Aeon? welchen Noos erzeuget?, und einen animalischen , den der Demiurg machte, und außer diesen noch einen von allen Aeonen erzeugten Jesus ein, welcher sich mit dem animalischen Christus vereinigen sollte, damit die Menschen durch ihn zum Stande der wahren Vollkommenheit gelangen könnten. Auf diese Weise hoffte er die Geschichte Jesu Christi ohne alle Schwierigkeiten zu erklären. Diese Erfindung war nicht neu; sie war nur verändert. Cerimh hatte schon Christum und Jesum zu zwo besondern Personen gemacht. Die Christen lehre- tm Zweyter Abschnitt, 219 ten ferner, nach dem Unterrichte der göttlichen Offenbarung , daß nicht allein der Geist des Menschen unsterblich wäre, sondern daß auch ihre Körper auferstehen würden. Die Gnostiker hingegen muß« ten, vermöge einer richtigen und natürlichen Folge, aus ihrem Grundsätze von dem Sitze des Bösen in der Materie, diese angeführte Lehre verwerfen. Diesem so wichtigen Einwürfe wider die gnostischen Lehrgebäude glaubte Valentin»» vorzubeugen, wenn er seine Menschen aus Geist, Seele und Leib zusammensetzte. Der Geist war seiner Natur nach unsterblich; der animalische Theil des Menschen, die Seele, war der Auferstehung fähig. Was hatte der Christ nunmehr gegen sein System einzuwenden? Hingegen bestund auch der Mensch aus einem ganz irdischen Theile, und dieser war zu einem völligen Untergange verurtheilet, und so war der gnostische Lehrsatz von dem Untergange der Materie gerettet. Was die Moral dieses Gedichtes anbetraf: so war sie nach der Abbildung, welche Irenaus davon macht,für seine Anhänger sehr bequem. D^nn sobald man seine Geheimnisse gefasset hatte: so war man geistlich, und ein geistlicher Mensch hatte die Freyheit , zu handeln, wie er wollte. Die Rechtgläubigen, die an seiner Gnosis keinen Geschmack fanden, waren bloß animalisch. Für diese nur gehörten die guten Werke und das Märtyrerthum. Es ist aber nicht unglaublich, daß ihm in der Sitten- lehre viele Lehren aufgebürdet worden sind, die eigentlich seinen Anhängern zugeschrieben werden müssen. Man fand einige unter ihnen, bey denen die Keuschheit in keinem großen Ansehen war- Hingegen fand man unter ihnen viele so genannte heilige Jung- 22o Geschichte der christlichen Religion. Jungfrauen , welche einer strengen Lebensart ergeben t^/o/?. waren. .ChrysostomuS bezeuget solches ausdrücklich. v,>^'. Also findet die allgemeine Anmerkung, daß die ersten Grundsätze der Gnostiker sowohl eine strenge, als eine weichliche und freche Moral zulassen, auch hier ihre Statt. Valentinus hatte mit den Lehrbegriffen seiner Vorgänger sehr große Veränderungen vorgenommen. Die AnHanger, die er erhielt, verfuhren mit dem scim'gen nicht besser. Die berühmtesten waren Nlarcus, Gecundus, prolomaus, Colarba- sus, Flormus, Vlastus, und Herakleon, und halten das eitele Glück, daß ihre Scbüler nach ihren Namen, Marciren, oder Marcosier, Secun- dianer, prolomairen, Herakleonicen, unv Flo- ^>?>S.^. xinianer genannt wurden. Man merket besonders ^I"^"' von den «5>erakleoniren an, daß sie bey Sterbenden ' ^ ' gewisse Gebrauche mit Oele, Balsam, und Wasser hatten, über sie betheten, und dieses für eine neue Art der Erlösung hielten. Sollte in ihren Gebrauchen der Ursprung der letzten Oelung zu suchen seyn? Nichts war so sehr zu bedauern, als daß sich auch Bardesanes, ein Syrer, mit seinem Sohne Harmonius und Tarianus, ein Assyrier, beyde Männer, die um die christliche Religion fthr viel Verdienste hatten, einige valentinianische Irrthümer ge- Tatianus, fallen ließen. Tarianus hatte seinen Geschmack an ^I/// ^' der halb morgenlandischen halb platonischen Philo- Z,^. fophie. Man findet die Spuren davon schon in sei- /,, ^. ^o. ner Schutzschrift für die christliche Religion. Nach- /.^ her machte er sein theologisches System dem valen, . .-,5. tinianischen invielen Lehrsätzen ähnlich. Seine Moral 46. strenges und eben deswegen ein verführendes Anse- Zweyter Abschnitt. 221. Ansehen. Er verboth den Bekennern seiner lehre die Ehe; fodcrte von ihnen eine immerwährende Keuschheit, und. eine beständige Enthaltung von dem Fleische der Thiere, und dem Weine. Sie gebrauchten vaher auch bey dem Abendmahls statt des Weines Waiser. Ihrer Enthaltsamkeit wegen wurden sie Ankratiren; wegen des Wassers, das sie bey dem Enkrari- Abendmahle gebrauchten, Hvdroparastaren, und, ten. weil sie allen Gütern der Well einstigeren, und diejenigen, die einmal in eine große Sünde gefallen waren , nicht in ihre Gemeinschaft wieder aufnahmen, Aporaccircn genannt. 'Sie selbst gaben sich ihrer schwärmerischen Heiligkeit wegen den Namen der Reinen; und rühmeten such, Nachfolger der Apostel zu seyn. Die Gelehrten haben sich über die Quellen der valenrimanischen Irrthümer in verschiedene Meynungen getheilet. Einige haben sie in der platonischen Philosophie; andere in der Zxabbala der Jü- ^"^-»5 den finden wollen. Man kann diese verschiedenen Meynungen vereinigen, wenn man unter der plato- nischen Philosophie diejenige verstehen will, die im zweyten Jahrhunderte nach Christo in Alerandrien gelehret wurde, und nichts anders, als eine seltsame Vermischung der platonischen und zoroastrischen Lehr, begriffe war. Aus den Joecn der letztem Weisheit bestund auch die Aabbala oder geheime Gottcsge- lahrheir der Juden. Also war doch das zoroastrische System von Gott und dem Ursprünge der Welt die Hauptquelle der valenrimanischen Lehren. Aus eben dieser Quelle entsprangen auch die Leh- Gphiten. ren der Schlangenbrüder, ein Name, den ihnen ^.o«- ihre irrige Meynung von der Paradiesschlange er- wcnb. ^ 222 Geschichte der christlichen Religion. „er Kcher- warb. Diese Secte, die von einem gewissen Eu- gcschichte, phraces gestiftet seyn wollte, scheint ihrem Ursprun- welcherei- gx nach jüdisch zu seyn, und noch über die Zeiten stündliche Jesu Christi hinauf zu gehen. Diejenigen unter den Geschichte Ophiren, welche den Glauben der Christen mit ih- l>er Ophi- ren Irrthümern verbinden wollten, wurden vor- tenenthält. nehmlich in dem zweyten christlichen Jahrhunderte - . bekannt. Der ophirische Roman ist eben so künstlich, und noch weitlauftiger, als dervalentinianisthe, und wenn man gewiß erweisen könnte, daß die Ophi- ten so alt waren, als Mosheim nur muthmaßet: so würde man den Valenrinus manches Raubes auö dem Lehrgebäude der Ophiren, überführen können. Allein die tiUemomische Meynung, daß es ungläubige und christliche Ophiten gegeben habe, könnte vielleicht mit stärkern Gründen angegriffen werden, als die neuen Muthmaßungen sind, mit welchen sie ZVosheim, dieser sonst so glückliche Geschichtschreiber der Ophiten, zu bestätigen unternommen hat. Zum wenigsten könnte man mit eben so viel Rechte Muthmaßen, daß diese Secte ein Nebenast der va- lentinianischen sey,daIrenaus von ihrem Unterschiede nichts meldet, und das Alter ihres vorgeblichen Stifters, des Euphrates, so sehr ungewiß ist. Die Grundlehren der Ophiten, die ihre Gemeinen besondere in Syrien, in Galatien, undBy- thinien hatten, waren gnostisch. Sie hatten auch ein pleroma, und einen unbegreiflichen Gott, den sie, wie andere Gnostiker, Vyrhos, den Tiefen lind Unergründlichen, nannten. Diese Gottheit zeugete einen neuen Gott, den sie, vielleicht mit einem ans der Kabbala entlehnten Namen, den ersten N?cn- siHen nannten. Auch dieser neugebohrne Gott erzeugte Zweyter Abschnitt. «25 zeugte'einen andern Gott, den Sohn des Menschen, oder den andern Menschen, und dieser eine dritte göttliche Person, die weiblichen Geschlechts war, den heiligen Geist, oder das erste N)eib» Man wird sich hierbey erinnern, daß schon Simon, der Zauberer, seine Helena für einen weibliche^ Aeon, und zwar für den heiligen Geist, ausgegeben habe. Der erste und der andere Mensch) zeugeten gemeinschaftlich mit dem dritten Aeon, den Christus, und zugleich einen besondern Geist, der ein Zwitter war, und den Namen Sophia , oder prunikus führete. Indessen waren, man weis nicht wie, vier Elemente außer dem Ple- roma, das Wasser, der Wind, die Finsterniß, und das Chaos entstanden. Sophia, vielleicht aus Begierde, ihren ersten Ursprung aufzusuchen, nei- gete sich gegen das oberste Element, das Wasser, herab , und ward aus demselben mit einem ungeheuern Leibe umgeben. Allein, sie sammelte ihre Kräfte, wand sich aus dem Wasser herauf, und bereitete sich in der obersten Gegend des Lufthimmels, der durch die Ausdehnung ihres Wasserleibcs entstund, nicht weit von der Lichtwelt des Bpchos ihren Sitz. Sie hatte aber, da sie noch im Wasser war, einen Sohn, Ialdabaorh genannt, gebohren, den Fürsten des höchsten Planeten, des Saturnus. Ialdabaoth zeugete, vermuthlich in der Absicht, Unterthanen zu haben, sechs neue Götter, welche die übrigen Jrrsterne einnahmen. Allein, es gelang ihm nicht, diese erhabenen Geister unter seine Bothmaßigkcit zu hringen, und sie zu bereden, daß er der höchste Gott wäre. Seine Mutter, Sophia, widersetzte sich einem so übermüthigen Unternehmen, und reizte die von 524 Geschichte der christlichen Religion. von ihm erzeugten Geister zum Widerstande. Ial-! dadaorh erzeugte nunmehr, in seinem Unwillen über sein miölungenes Unternehmen, einen schlangenförmi- gen Geist. Umsonst versuchte er es, sich die Planetengeistsr aufs neue zu unterwerfen; seine Mutter hintertrieb alle seine Anschläge. Weil er aber doch gern Unterthanen haben wollte, die ihn für den ein» zigen und höchsten Gott halten sollten: so bildete er mit den übrigen Planetengeistcrn den ersten Menschen. Zu seinem Unglücke ließ er sich ebenfalls durch die listigen Anstalten der Sophia verleiten, ihm eine vernünftige Seele einzublasen, indem er denselben durch dieses Geschenk weiser machte, als es sein Vortheil erfoderte. Er versuchte zwar seinen Fehler zu verbessern, und schuf die Eva, in der Hoffnung, daß Adam durch die Verbindung mit ihr sein göttliches Licht wieder verlieren sollte. Allein, weil Sophia Mittel fand, dieses unwissende Weib zum Ehebruche mit den Planetengeistern zu verführen , und sie dadurch weiser zu machen, als siö ihrer Natur nach war: so dauere Ialdabaorh das Paradies, seßte den Adam und die Eva hinein, und verschloß es sorgfältig, damit sie keine Nachricht von dem höchsten Gott erhalten, und ihm allein die Ehre der Anbethunq erweisen möchten. Allein, welche Schwierigkeiten überwindet nicht die weibliche Verschlagenheit? Sophia beredete den Schlangengeist, den zwar listigen, aber bösartigen Sohn des )al- dabaorh , sich in das Paradies cinzuschlcichen, und die Menschen zum Genusse des vcrbothenen Baumes der Gnosis, oder der Erkenntniß zu verführen. Der SchlanFengeist führte das, was ihm aufgetragen war, glücklich aus. Man ka-m leicht'm> theilen, Zweyter Abschttitt. 225 theilen, in waö.für einen Zorn der Fürst des Sa-- riirnus gebracht werden mußte. Er warf den Menschen in einem elenden Zustande auf die Erde. Sophia erbarmete sich desselben, und theilete ihm einen Stral des göttlichen Lichtes, oder den Geist mit. Der Mensch des Ophtren besteht also, wie der Mensch des Valentinus, aus einer vernünftigen Seele, aus einer sinnlichen Seele, und aus einer groben materiellen Hülle, dem Leibe. Der Schlan- gcngeist wurde ebenfalls zur Strafe auf die Erde herabgestürzet. Allein, er gewann mehr dabey, als er verlor. Er warf sich zum Haupte der bösen Geister auf, die er vermuthlich selbst erzeuget hatte. Es glückte ihm, sich den größten Theil der Menschen unterwürfig zu machen; er quälete sie nach Gefallen, und verführet? sie zur Abgötterey und zu allen andern La» stern. Umsonst vertilgete Ialdabaorh fast alle Menschen durch die Sündfluth. So bald sie sich wieder zu vermehren anfingen: so bald gewann auch der Schlangengeist mit seinen Geistern die Oberhand wieder. Endlich glückte es dem Ialdabaoch, Abraham, den Stammvater der Juden, durch Versprechungen großer Vortheile zu seinem Dienste zu bereden; und so erhielt er in der Folge ein Reich unter den Jüden, wiewohl er in dem Besitze seiner Herrschaft sehr oft von dem Gchlangengeiste beunruhiget wurde. Der erste unbegreifliche Gott gerieth indeß unter den Menschen ganz in Vergessenheit, so viel sich auch Sophia Mühe gab, das Andenken desselben zu erhalten, indem sie die Propheten des Jalda- daorh und der übrigen Planetenfürsten, oft erleuchtete , daß sie von dem Christus und seiner Ankunft U- Theil. P weißa- 226 Geschichte der christlichen Religion. weißagen mußten. Als sie deutlich genug von ihrer eigenen Ohnmacht überführet war: so bath sie Gott, daß Christus zum Besten der unwissenden und verblendeten Menschen auf die Unterwelt gesandt werben möchte. Indeß, daß er sich unerkannt durch die Reiche der Planeten auf die Erde begab, ließ sie ihm, (denn er mußte doch von den Menschen gesehen und gehöret werden können,) durch den Jaldadaorh selbst einen heiligen und gerechten Menschen , Jesus bilden, in welchem er wohnen sollte. Chnstus kam, vereinigte sich zuerst mit seiner Schwester, der Sophia, nahm darauf seinen Sitz in dem Jesus von Nazareth, verkündigte durch ihn den unbekannten großen Urgott, und bestätigte seine Lehre durch viele Wunder. Ialdabaorh war bey seinen Unternehmungen kein müßiger Zuschauer. Er reizte seine Juden wider ihn; sie ergriffen Jesum, und verur» theileten ihn zum Tode. Hier verließen ihn Christus und Sophia, und Heyde giengen in das ple- roma zurück. Allein, der gekreuzigte und begrabene Jesus ward von den Todten wieder erwecket, und, ohne daß es sein Vater, der Fürst des Sarurnus, wußte, in den Lufthimmel zu seiner Rechten gesetzt, damit unter seiner Aufsicht die Seelen, welche aus , der Unterwelt durch die Planeten nach der Lichtwelt !, ziehen, den rechten Weg dahin nicht verfehlen möch- ! ten. Der Untergang der Welt wird erfolgen, so- ' bald alle Seelen in das pleroma gesammelt seyn werden. Wie leicht ist es, sehr viele Aehnlichkeiten zwischen dem ophirifthen und dem valennnianischen Gedichts zu bemerken! Die Valentimaner haben in ihrem pleroma einen Menschen; die Ophiren auch. Zweyter Abschnitt. 227 auch. Sie haben einen Christus in der iichtwelt; die Valeminianer auch. Diese machen Jesum durch ihren Deiniurg zum Sihe ihres Christus. Die (Dphiren bereiten auch für ihren Christus einen Jesus, und Jaldadaorh mußte ihn erschaffen. Christus verlaßt den Jesus bey der Verfolgung des jüdischen Volkes in beyden Lehrgebäuden; Jesus wird auch in beyden nach seinem Tode wieder erwecket, und von der Erde in die Höhe weggenommen. Und ist nicht die Sophia des Valeminus, und die Sophia der (Dphiren einander fast vollkommen ähnlich? Und wie geringe ist der Unterschied zwischen dem Falle der valentinianischen Sophia, und zwischen der Neigung der ophirischen pruni- kus zum obersten Elemente, dem Wasser? Und wie ähnlich sehen sich der Demiurg des Valeminus, und der Ialdabaorh der Gphiten? Ich übergehe viele andere Aehnlichkeiten. Sollte einen diese Ver- gleichung nicht auf die Muthmaßung bringen kön« neu, daß die j^7aassener oder E>phicen eben nicht älter seyn möchten, als die Valeminianer, zumal da Irenaus und Apiphanius derselben erst nach den letztem erwähnen; und da Irenaus, der sie so umständlich beschreibt, ihr wahres Alter auch gekannt, und nicht verschwiegen haben würde? Jedoch es liegt am Ende wenig daran, ob ein solcher Unsinn ein Jahrhundert alter ist, oder nicht. Irenaus erzählet, daß sich die Ophiren sehr bald in kleinere Parteyen gethcilet hatten. Einige von ihnen sollen den Schlangengeist für Christum selbst gehalten haben. Vielleicht gehöret darunter eine Partey, von welcher man erzählec, daß sie das Brodt im Abendmahle vor dem Mouche desselben P - von 228 Geschichte der christliche!: Religion. von gewissen dazu aufbewahrten Schlangen allezeit erst hätten belecken, und dadurch gleichsam heiligen lassen. Vielleicht ist auch eine Partey von dem Hauptsyfteme ihrer Brüder abgegangen, und hat Jesum ganz verleugnet. Wer kann bey mangclhaf. ten Nachrichten etwas mit völliger Gewißheit bestimmen ? Lerdo und Ungefähr um eben diese Zeit stifteten auch C^rdo, ZNarcion. ein Syrer, und sein Schüler, Marcion, aus Pon- Te-^tt//. ,» ^ gebürtig, neue Parteyen. Auch diese waren der . ,^ ^. .Q. -f ^ ^ ' ^ ' s-/// Aeonen noch nicht uberdrußig; damit sie aber Z»--«^/./. durch kürzere Wege zur Schöpfung der Welt und 25. 5/. zum Ursprünge des Bösen gelangen möchten, so riefen /. 2, c. 4.5. s-je das alte persische und chaldäische Lehrgebäude von 2^?",»-. zwey gleich ewigen Grundwesen aus seiner Verges- 0-^.2?. ^m"M zurück. Das eine sollte der Urheber aller Unvollkommenheiten, und besonders der Materie, das andere der Schöpfer alles Guten seyn. Auf die Frage, wer der böse Gott wäre, antworteten sie, daß sie den Gott der Jüden dafür hielten Christus war ein Aeon in der Fülle der Gottheit, welcher den Schatten eines menschlichen Körpers angenommen haben sollte, in der Absicht, die Werke der feindseligen Gottheit zu zerstören, und das menschliche Geschlecht aus seiner Sclaverey zu erretten. Sie verachteten daher das alte! Testament; sie leugneten die Menschheit Jesu Christi; sie Hoffeten keine Auferstehung des Leibes, und foverten von ihren Anhängern eine sehr strenge und finstere Lebensart. Der Leib war nach ihren Grundsäßen der Kerker, worein der Urheber des Bösen ihren Geist verschlossen hatte. Dieser Kerker sollte also durch Fasten und Casieyen zerstöret werden. Sie führeten das Fasten Zweyter Abschnitt. 229 Fasten am Sonnabende, dem Jüdengotte zu Trotze, cm. Sie suchten den Tod auf, und rühmeten sich, viele Märtyrer unter sick zu haben. Sie verab- scheueren die Ehe, und drangen sehr auf ein jungfräuliche Leben. Die rauhe Sittenlehre dieser beyden Verführer; denn sie tauften keinen, der nicht eine strenge Enthaltung von der Ehe, dem Fleische, und dem Weine angetobete, fand viele Bewunderer unter den Syrern und Aegyvtern, die immer so viel schwarzes Blut haben, daß sie einen Gesckmack daran finden können, sich selbst zu quälen. Allein, sie blieben nicht in allen Lehrsätzen gleiches Sinnes mit ihnen. Sie theile- ten sich besonders in ihren Meynungen über die Anzahl und die Eigenschaften ihrer Grundwesen, po- rirus und Basllicus begnügeten sich mit zwo Gottheiten. Lucian, Marcus, Megecius und Sy-- neros sehten zu dem höchsten G^'tte und dem davon unterschiedenen Weltschöpfer noch den Teufel. Apcl- les nahm an, daß der Schöpfer der Welt mit der Materie, aus welcher er sie nach dem Bilde der Lichtwelt geschaffen hatte, von dem höchsten Gott erzeuget wäre. Er gab auch seinem Christus nicht bloß einen Schattenleib, sondern einen himmlischen Körper, und näherte sich dadurch dem valeminia-- mjchen Lehrgebäude. Von den menschlichen Seelen glaubte er, daß sie sich dem Geschlechte nach von einander unterschieden, und/nachdem sie weiblich oder männlich waren, einen verschiedenen Körper erhielten. Severus, auch ein Marcionite, war besonders ein gcschworner Feind des weiblichen Geschlechts. Wenn man ihm glauben wollte: so waren die weiblichen Seelen alle ganz ein Werk des P 3 bösen szo Geschichte der christlichen Religion. bösen Gottes; und der gütige Gott hatte gar keinen Antheil an ihrem ganzen Wesen. Hermogenes, ein Maler, welcher die Ewigkeit der Materie leh- rete, und aus ihr den Ursprung des Bösen herleitete , gehörte ohne Zweifel auch zu den Marcioni- ten, ungeachtet ihn Tertullian einen Stoiker nennt. Eben dieses kann man von den Caianern, Abeli- ten, Serhitcn, und Melchisedekianern sagen. Die Nachrichten der Alten beschuldigen die ersten, daß sie sich aller in dem alten Testamente verurtheil- ten Menschen, eines Cains, Ejaus, der Sodomiten und anderer Sünder angenommen, und sie selig gesprochen hatten; eine lehre, die aus dem Grundsatze, daß der Juden Gott der böse Gott wäre, sehr natürlich folgete. Von den Abeliren wird erzählet, daß sie zwar in der Ehe gelebet hätten, aber nicht m der Absicht, Kinder darinnen zu zeugen. Vielleicht sind die verheiratheten Nlarcioniren also genannt worden. Die Sethiten sollen den Serh, und die LAelchiftdekianer den MelchiscdeL, entweder für Christum, oder für noch höher, als Christum, gehalten haben. Diese kleinen Parteyen sind vielleicht so wenig beträchtlich gewesen, daß man sich die Mühe nicht genommen hat, das Andenken ihrer irrigen Lehrsätze der Welt aufzubehalten. Die Nachrichten der Alten sind auch von ihnen so kurz, daß man ihre Irrthümer mehr errathen muß, als gewiß bestimmen kann, und wenn sie nicht zu den Marcio- niren oder Valenrinianern gehören: so gehören sie doch unstreitig zu dem vielköpfigten Geschlechte der Gnostiker. Alle diese irrigen Haufen waren nicht allein Verfälscher des Christenthums, sondern auch Betrüger. Zweyter Abschnitt. 2^ trüger. Denn der Irrthum hat allezeit die Hülfe dcs Betrugs nothig, wenn er sich ausbreiten und Anhänger sammeln will. Er mußte sich wider den Widerspruch der Wahrheit, und besonders wider die göttliche Offenbarung retten, weiche den Rechtgläubige!, beystund. Diese hatten beynahe nichts zu thun, als den Irrenden bloß das göttliche Ansehen der Apostel entgegen zu setzen. Wie viele Künste hatten sie also nicht nöthig, so unüberwindlichen Beweisen der Wahrheit auszuweichen! Bald rühme- ten sie sich, eben so alte göttliche Bücher zu haben, aus welchen sie ihre falsche Weisheit schöpfcten, als die Christen. Sie beriefen sich deswegen auf die erdichteten Schriften Abrahams, Zoroastcrs, des Allogenes, eines Varcabdas, parchors, Hysta- spes, und anderer alten berühmten und unberühm- ren Weifen. Bald bezogen sie sich auf einen gehei- />e». /.,. men Unterricht Jesu Christi, seiner Apostel und ihrer ^ V- Jünger, der unter ihnen von einem auf den andern fortgepflanzet worden seyn sollte. Ein Vasllides wollte von dem Apostel Matthias, und von einem Glaucias, einem Jünger des Apostels Pctruö, unterrichtet seyn, und berief sich überdies) auf eine Weißagung Chams, und auf ein eigenes Evangelium. Valenrinus rühmte sich, den Theudas, einen Jünger des Apostels Paulus, gehöret zu haben. A/e jüngern Gnostiker wurden unverschämter. Bald verwarfen sie die Schriften des alten Testaments, als Eingebungen eines niedrigen AeonS; bald er- sireckcten sie ihre feindseligen Angriffe auch auf die Bücher des neuen Bundes. So verwarfen die Basilidianer, Marcioniren und Severianer das alte Testament, die Apostelgeschichte, und die pauli- P 4 Nischen 2Z2 Geschichte der christlichen Religion. nischen Briefe, welche beynahe allen gnostischen Haufen verhaßt waren. Unterdessen misbrauchten sie doch viele Stellen der göttlichen Offenbarung zur Bestätigung ihrer Lehren 5 unter dem Vorwande, daß sie den Propheten des JüdenGottcs entweder von der Hochsien Gottheit, oder doch von einem gütigern Aeon eingegeben worden wären; ein Kunstgriff, dessen sich besonders die (Dphlten bedieneten. Bald zcrstümmelten sie die Schriften der Offenbarung, bald vcrsalscheten sie dieselben mit ihren Zusätzen; bald entheiligten sie solche durch gewaltthätige Auslegungen , und sucheten Allegorien und Geheimnisse, wo keine waren. Welch eine Gewalt thaten nicht die Valentinianer der Schrift an, um ihre Aeonen und drey Theile des Menschen darinnen zu finden! In der Mitte des zweyten Jahrhunderts erfanden sie besonders viele Evangclia, und Geschichte der Apostel. Besonders war ein gewisser Leucius, ein Docet, und aller Wahrscheinlichkeit nach ein N?ar- cionir, in dieser Kunst des Betruges außerordentlich geschickt und fertig. So viel war den Irrgläubigen daran gelegen, daß ihre Lehren nicht neu zu seyn scheinen, sondern unter dem Ansehen des Alterthums desto leichter verführen möchten, als wenn eine alte Thorheit mehr gälte, als eine neue. In der Ausbreitung ihrer Irrthümer waren alle diese verschiedenen Secten vorsichtig und verschlagen. Sie vertraueten ihre Lehren nicht einem jeden an, sondern suchten besonders diejenigen auf, von denen sie aus verschiedenen Kennzeichen muthmaßen konnten, daß sie ihren Beyfall gewiß erhalten würden. Wer wollte auch so wichtige und erhabene Lehren, die nur geistlichen Menschen gehören, einem jeden Unwürdigen Zweyter Abschnitt. 2zz dl'gen anvertrauen? Daher führeten einige das pythagoräische Stillschweigen unter ihren Schülern ein. Sie redeten, wenn sie jemand verführen wollten, /, e»./. ^ im Anfange die Sprache der Rechtgläubigen. Hat- c. ten sie sich bey einigen Neigung und Vertrauen erworben: so legeten sie denselben allerley Fragen vor, in der Absicht, daß die, so ihnen zuhöreten, Ungereimtheiten in den Lehren der Rechtgläubigen finden, und die Wahrheit bey ihnen suchen sollten. Ließen sich die Unvorsichtigen verführen, so verlangeten sie von ihnen ein vollkommenes Vertrauen in ihre Aussprüche. Wurden sie um Erläuterungen gefragt: so schwiegen sie; sahen diejenigen, welche so verwegen waren, als Menschen an, welche der Wahrheit > nicht fähig waren, und rechneten sie unter die thierischen Menschen. Fraget man einen von den Va- lentinianern, saget Tertullian, was eigentlich ihre Lehre sey: so antworten sie mir einem ernsthaften Gesichte, und mit einer Mine voll Stolz, daß sie ein großes Geheimniß sey. Habet ihr Gefchicklichkeic genug, auf eine nähere Erklärung zu dringen: so bekennen sie in zweideutigen und verfänglichen Ausdrücken unfern Glauben. Bemerken sie, daß ihr ihre wahren Meynungen entdecket: fo leugnen sie. Diese Sorgsalt, ihre Lehren göheim zu halten, war Ursache, daß sie nicht gleich in ihrem Ursprünge widerlegt werden konnten, weil sie nicht bekannt waren. Doch es ist die Art aller Irrthümer, sich untereinander selbst aufzureiben. Alle gnostifche Haufen stimmcten in der Grundlehre überein, daß die Schöpfung der Welt nicht der Gottheit, sondern ihren P 5 selbst- 2Z4 Geschichte der christlichen Religion. selbstständigen Ausflüssen zugeschrieben werden müßte. Von eben diesen Ausflüssen leiteten sie alle Unvoll» kommenheiten der Welt und alles Elend der ver-^ künftigen Geschöpfe her. Nur in der Menge und in der Geschichte dieser Ausflüsse gierigen sie unter einander ab. Jeder konnte sagen, daß sein System richtige Folgen aus dem ersten Grundsalze der Gnosis enthielte, und gleichwohl widersprachen sie sich olle einander. Wenn widerspricht sich die Wahrheit in richtig aus ihr hergeleiteten Folgen? Wie l'am es, wenn ihre Lehrgebäude die Wahrheit enthielten , daß eine zwiefache einander so sehr entgegen .gesetzte Moral in gerader Linie von ihren ersten Grundlehren abstammete? Nein, cS ist nicht die Natur der Wahrheit, sich selbst zu zerstören. ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ Von den Widersachern der Gottheit Jesu Christi und der Dreyeinigkeit im zweyten Jahrhunderte. » Ingeachtet die Grundsäße der meisten gnostischen Parteyen so beschaffen waren, daß sie den Menschen unrichtige Begriffe von der Gottheit unsers Erlösers beybringen konnten, weil sie ihn nicht als eine selbststandige Person der Gottheit, sondern nur als einen unmittelbaren Ausfluß derselben beschrieben: so war doch Christus bey ihnen, wenn man sich ihren Irrthümern gemäß ausdrücken will, unendlich inehr, als ein Mensch, und zwar mehr Gott als Mensch. Denn die meisten leugneten, daß er eine wahre menschliche Natur angenommen hätte, oder wenn Zweyter Abschnitt» 255 wenn sie dieses nicht thaten: so machten sie doch, so zu sagen aus einem Christus zwo Personen. Daher begegneten ihnen die Rechtgläubigen mehr als Feinden der Menschheit und der Menschwerdung Jesu Christi, als Feinden seiner Gottheit. Allein, im zweyten Jahrhunderte fanden sich einige, welche die Verwegenheit hatten, die Ebioniten nachzuahmen, und Christum von der Würde der Gottheit zu einem ge-, meinen Menschen herabzusetzen und zu erniedrigen; ein Unternehmen, welches sie, durch eine natürliche Folge, zur Verleugnung der Dreyeinigkeit in Gott bringen mußte. Der Anführer dieser Verwegenen war ein Theo-' dvtns von Byzanz, ein Gerber, der in den Ge- /»'<^">?- schichtschreibern der Kirche, den Ruhm einiger Bele- senheit, Wissenschaft, und Einsicht in die schönen ^ , ' Künste hat. Er hatte, wie man erzählet, in der /.///. Verfolgung, welche die Christen unter dem Kaiser v/. AureliuS erlitten, die christliche Religion verleugnet, 5- da viele andere Christen die Wahrheit derselben mit ihrem Blute bestätiget hatten. Alle Christen verwiesen ihm seinen Fall; und weil er ihre Vorwürfe nicht aushalten, und sich doch auch zu keiner öffentlichen Buße verstehen wollte, so floh er nach Rom: allein auch hier wurde er sehr bald als ein Abtrünniger vom Glauben angesehen. Er antwortete auf die Verweise, welche ihm seines Abfalles wegen gegeben wurden, daß er bey der Verleugnung Jefu Christi nicht gesündiget hätte, weil er einen bloßen Menschen verleugnet hätte. Er behauptete also öffentlich, daß Jesus ein bloßer obgleich wunderbarer Weise erzeugter Mensch wäre. Diesen Irrthum zu bestätigen, führte er diejenigen Stellen aus der heili, gen 2Z6 Geschichte der christlichen Religion. gen Schrift an, in welchen unserm Erlöser eine wahre menschliche Natur zugeschrieben wird. Er erhielt in Rom viele AnHanger, unter welchen Theo- dorus, ein Wechsler, Asclepiades, Hermophi- lus und Apollonius die berühmtesten waren. Sie verleiteten einen gewissen Naralis durch eine ansehnliche Besoldung, welche sie ihm monatlich zu bezah- . len verhießen, daß er sich zu ihrem Bischöfe einweihen ließe. Allein, er soll durch eine englische Erscheinung und Züchtigung bewogen worden seyn, ihre Partey wieder zu verlassen, und der ganzen christlichen Gemeine zu Rom eine öffentliche Abbitte zu thun. Man beschuldiget die Theodoti.incr, daß sie das Evangelium und die Offenbarung Johannis verworfen hatten, und darum, weil sie das selbstständige Wort Gottes leugneten, Alogi genannt worden wären. Sie verdienen zwar diesen Namen; es kann auch die erste Beschuldigung wahr seyn, weil die evangelische Geschichte dieses Apostels die starkesten H>,>6.ö«r/. Beweise für die Gottheit Christi enthält. Allein sie sind allem Ansehen nach wirklich von den Alogen des Epiphanius weit unterschieden; denn diese scheinen die Schriften Johannis nicht sowohl darum, weil sie die Absicht gehabt hatten, die Gottheit unsers Erlösers zu bestreiken, als vielmehr darum nicht für göttlich zu halten, weil sie dieselben für untergeschoben ansahen, und Widersprüche gegen die andern Evangelisten darinnen zu finden glaubeten. ^»/c6 Ein gewisser Arremas, oder Arremon breitete c.^./>./Zs. d^se irrgläubige Partey noch weiter aus. Man muß über ihre Verwegenheit erstaunen. Sie behaupteten, daß ihr Irrthum von den Aposteln vorgetragen und bis auf Zweyter Abschnitt. 237 auf den römischen Bischof, Victor, ununterbrochen gelehrt worden wäre. Zephyrin, Victors Nachfolger, sollte die Wahrheit durch die Vertheidigung der Gottheit Jesu Christi verfälschet haben. Der Beweis ihres Irrthums war kühn genug; aber nicht wahr. Die Offenbarung zeugete an vielen Orten wider sie, und das Vorgeben, daß ihr Irrthum der Glaube der Kirche wäre, widerlcgeten nicht allein alle rechtgläubige Lehrer vor dem Zephyrtn, ein Iustinus, ein Milriades, ein Clemens, ein Irenaus, ein N7eliro, und alle Märwrer, die eher alle Martern ausstunden, als Christum nicht für Gott hielten; sondern auch die Gebethe, welche die Kirche an ihn richtete, und die Lobgesänge, die zu seinem Lobe in den Versammmlungen der Christen gesungen wurden. Die Theodorianer oderArtemoniten beflissen sich besonders der philosophischen und mathematischen '^eo//o Wissen schafren, undmisbraucheten sie zur Bestätigung ihrer Irrthümer. Aus eben der Absicht sammelten sie die verschiedenen Lesarten der heiligen Schrift und verglichen sie mit einander; ja sie untersingen sich sogar , sie unter dem Vorwande der Verbesserung zu verfälschen. Alle diese Versuche, ihre falsche Lehre zu unterstützen, dieneten vielmehr, die Wahrheit zu befestigen, als daß sie dadurch in einige Gefahr wäre gebracht worden. Denn weder Theodotus, noch Asclcpiades, noch Hermophilus, noch Apollo- nius stimmcten in ihren Lesarten und Veränderungen mit einander überein; auch konnten sie überführet werden, daß die vorgegebenen Lesarten sich in keinen alten Eremplarien, sondern nur in solchen fänden, von denen sie überzeugt werden konnten, daß sie dieselben . 2ZZ Geschichte der christlichen Religion. selben selbst geschrieben hätten. Warum stimmeten sie nicht in ihren Eremplarien der heiligen Schrift mit einander überein? Warum hatte dieser diese, ein anderer eine andere, und zwar weit von einander abweichende, Lesart? Sie hatten zum wenigsten in ihren Veränderungen der göttlichen Aussprüche mit einander einig seyn sollen. Allein, das sind die Schicksale des Irrthumes! Der eine steht diese oder jene Stelle der Offenbarung für einen allzustarken Beweis wider seinen Irrthum an, und darum streicht er sie aus, oder verfälschet sie; ein anderer sieht nicht so viel Gefahr für feine Lehre darinnen, und darum läßt er sie stehen. Gewiß, alle diese Künste, welche die Irrgläubigen zur Befestigung ihrer falschen Lehren gebraucht haben, sind allein unüberwindliche Widerlegungen derselben. Der Betrug ist die lehre Zuflucht einer schlimmen Sache. 7?,-o^on,. Ein anderer Theodorus, der Wechsler, von ^« ^"'^ Lebensart also genannt, wird unter die berühm- ^»/?. Anhänger des Theodorus, von dem nur ge- ' ' redet worden ist, gesetzt, und beschuldiget, daß er die Irrthümer desselben mit neuen vermehret, und besonders die Secte der Melchisedekianer gestiftet haben soll. Er hat, wie man saget, vorgegeben, Mclchisedek wäre kein bloßer Mensch, wie JesuS Christus, sondern eine himmlische Kraft, und weit höher, umso vielmehr, da er der Fürsprecher und Beystand der Engel; Jesuö hingegen nur ein Fürsprecher der Menschen wäre. Mclchisedek sollte seiner Meynung nach wirklich weder Vater noch Mutter haben, und sein Anfang und sein Ende sollte unbegreiflich seyn. Dieser Irrthum ist so beschaffen, daß man mit Wahrscheinlichkeit annehmen kann, daß dieser Zweyter Abschnitt. 239 dieser neue Irrgläubige sich einen gnostischen Lehr« begriff von der christlichen Religion gemacht habe. Unterdessen ist soviel gewiß, daß in der ersten Kirche A'«'o»M. viele den Mclchisedek für einen Engel, und nicht für ^5. "5 einen Menschen gehalten haben. Dpdimus von Alcrandrien und Origenes selbst sind dieser Meynung sehr geneigt gewesen. Man kann die Gottheit Jesu Christi nicht leugnen , ohne die Dreyeinigkeit in der Gottheit zu leugnen. Die Theodorianer mußten dieses nothwendig thun; und ob sie gleich mit der rechtgläubigen Kirche darinnen einstimmig zu seyn schienen, daß sie die wunderbare Empfangniß Jesu Christi durch den heiligeil Geist lehreten: so mußte dennoch ihr heiliger Geist etwas anders, als eine von dem Vater und Sohne unterschiedene Person in der Gottheit seyn. Aber so viel ist auch unstreitig, daß sie den Unterschied dreyer Selbstständigkeiten in der Gottheit nicht so offenbar bestritten haben, alsprareas, welcher unsern Erlöser der Gottheit auf eine andere Weise als Theodoms beraubete, und die Dreyeinigkeit offenbarer leugnete. praxeas, welchen man in die Zeit Victors, T'-?-,«//. »5 oder Zephyrins, welche Bischöfe in Rom waren, zu setzen pfleget, war nach Terrullians Beschrei. ^ bung ein unruhiger Geist. Er war wegen des ^ ^ Glaubens einige Zeit gefangen gewesen, und stund, weil er ein Bekennet war, bey den Christen in keinem geringen Ansehen. Er hatte der Kirche in Rom einen wichtigen Dienst durch die Entdeckung der montanistischen Irrthümer geleistet. Allein, er ließ sich selbst verführen, eine von den Grundwahrheiten des Evangclii umzustoßen. C?r behauptete, I , «daß 240 Geschichte der christlichen Religion. daß der Vater und Jesus Christus eine und eben dieselbe Person wäre, und gab also die Namen, Vater, Sohn, und Geist, für bloße Verhältnißnamen verschiedener Offenbarungen und äußern Handlungen eines Gottes aus. Eben der Gott, der sich den Vater der Menschen nannte, war seiner Lehre nach, Mensch geworden, von der Jungfrau Maria gebohren worden, hatte gelitten, war gestorben und wieder auferstanden. Diese irrige Lehre wurde im Anfange nicht gleich entdeckt, weil sie der Lehre der Rechtgläubigen wegen der gleichen Ausdrücke ahnlich zu seyn schien. Allein Terrullian entlarvete sie, und praxeas gab sogar im Anfange einen schriftlichen Wiederruf von sich, an welchen er sich aber in der Folge nicht kehrete, als er nach Africa übergegangen war. Hier scheint er noch einen stärkern Anhang, als in Rom, erhalten zu haben. Theodorus von Byzanz und prareas verwarfen beyde die geheimnißvolle Lehr»der Dreyeinigkeit; jener, weil er die Gottheit Jesu Christi leugnete; dieser, weil er glaubete, daß er die Einheit Gottes aufhübe, wenn er Selbständigkeiten in der Gottheit bekennet?, welche auf eine wirkliche obgleich unbegreifliche Weise von einander verschieden wären. Jener verfälschte die Aussprüche der Schrift, seinem Irrthume zu gefallen; dieser ließ sie zwar stehen: aber weil er fand, daß in der Offenbarung dem Menschen Jesu Christo göttliche Eigenschaften zugeeignet wurden: so hielt er lieber dafür, daß sich Gott durch denselben bloß offenbaret hätte. JmGrunde hub also Praxis die Lehre nicht auf, daß unser Jesus ein Gottmensch wäre. So deutlich ist die Wahrheit von der Gottheit unsers Erlösers in der Schrift Zweyter Abschnitt. 241 Scl?n'ft gegründet, daß der eine lieber die Dreyeinigkeit leugnen, als dieser Wahrheit Gewalt anthun will; der andre aber, der sie leugnet, Weil er seinen Irrthum nicht aus der Offenbarung beweisen kann, seine Zuflucht zu Verfälschungen derselben nehmen muß: so muß der Irrthum selbst, er mag noch so scheinbar seyn, zu stärkerer Befestigung der Wahrheit dienen. SH^^^NA^HOH^N^^^O^O Von den Irrthümern der Montanisten. ^^>ollen, scheinbare Irrthümer in der Religion kei- ^---^ nen Eindruck in unsere Gemüther machen: so muß der Mensch bey ihrem Anblicke entweder gleich zur Quelle aller göttlichen Wahrheiten, zu der heiligen Offenbarung, zurückgehen, und sehen, ob sie aus deutlichen Auösprüchen derselben bewiesen werden können, oder er muß sie, wofern solche nicht daher fließen, auf dem Wege der Untersuchung zu ihrem ersten Ursprünge verfolgen. Denn es fehlet vielen Lehrsätzen nicht an einem gewissen Glänze, welcher verführen kann, ob sie gleich noch so sehr irrig sind, wofern sie in dem Zusammenhange mit andern Irrthümern betrachtet werden. Wenn e6 Bache gäbe, die aus trüben und vergifteten Quellen entsprängen, durch ihren weiten Lauf zwar Heller würden, dennoch aber giftig blieben, und eben deswegen destomehr schadeten, je leichter man sie ihrer Klarheit und Durchsichtigkeit wegen für ein gesundes Wasser halten, und verführet werden könnte, den Tod daraus U. Theil. Q ju 242 Geschichtt der christlichen Religion. zu trinken: so würde man an ihnen ein getreues Bild dieser Irrthümer haben. Die Grundsätze vieler Irrthümer sind so häßlich, daß man ihre Folgen verabscheuen würde, wofern man bis zu diesen Grundsätzen zurück gicnge. Allein, diese sind es eben, welche gemeiniglich vergessen, oder nicht von allen bemerket zu werden pflegen, ob man gleich ihre Folgen unter dem vorteilhaften Scheine der Wahrheit beybehält. Was konnte mehr mit den Grundwahrhei- ten des Christenthums streiten, als der gnostische Grundsah, daß die moralischen Unordnungen bloß in der Materie ihren Siß hätten? Die Rechtgläubigen sahen dieses wohl, und verwarfen ihn. Gleichwohl verwarfen sie nicht alle seine Folgen. Eine Folge dieses Grundsaßes war die Nothwendigkeit leiblicher Kasteyungen zur Seligkeit, und der eingebildete Vorzug des ehelosen Standes vor der Ehe. Allein, man wußte es nicht, oder wollte es nicht wissen , daß diese beyden Lehren Folgen aus jenem irrigen Grundsätze der Gnostiker wären. Man leugnete die innerliche Unschuld der Ehe, und hielt sie bloß aus der Ursache für zugelassen, weil ohne sie das menschliche Geschlecht nicht fortgepflanzet werde» konnte. So bald man nun diefe beyden Lehren als neue Grundsätze betrachtete, auf welche man andere Lehren aufbauen könnte: so war eine neue Keßerey fertig. Dieses ist der wahrscheinliche Ursprung der montanistischen Irrthümer. M^./ ^ Nlonranus, dieser Stifter einer neuen Secte, ^ l5war aus Phrygien gebürtig, und im Heidenthume ^e.gM' hatte nachher aber die christliche Religion angenommen. Sein persönlicher Charakter bestimmet den Charakter seiner KeHerey, wenn man seinen Irrthü. Zweyter Abschnitt. 24z Irrthümern einen so verhaßten Namen geben will. ^5,/>5«», Er hatte einen schwermüchigen und finstern Geist, ^- 4^- eine ausschweifende Phantasie, einigen Ehrgeiz, aber doch auch ein Herz, das den Lastern feind war. Wird man sich wundern, daß er bey solchen Eigenschaften ein frommer, zugleich aber auch ein eicler Enthusiast wurde? Dieses scheint in der That das richtigste Urtheil zu seyn, das man von ihm fällen kann, ohne die Wahrheit und die Liebe zu beleidigen. Er war ein Enthusiast; denn er beredete sich, Eingebungen des heiligen Geistes zu haben; seine Phantasie herrschte so sehr über seinen Verstand, daß er sich für begeistert hielt, wenn er, wie in einer Entzückung, einige sonderbare Aussprüche hersagte, die ihm göttlich zu seyn schienen, weil sie unverständlich waren, und nicht miteinander zusammen hingen« Fromm war er; denn sein paraclct vcrführete nicht zum Laster; er foderte die Menschen nur zu einer all- zustrengcn Lebensart auf, und er hatte unstreitig die ernstliche Absicht, die Sitten der Christen, welche vielleicht nicht bey allen so heilig, als im ersten Jahrhunderte waren, zu verbessern. Aber er war auch eitel; vielleicht nicht mit einem ausdrücklichen Vorsätze, aber doch eitel, weil er von seiner Schwärmerei? nicht zurück kam, sondern sich durch den Beyfall, den er fand, immer mehr zu der Einbildung hinreißen ließ, daß er ein Prophet wäre. Der Geist der Schwärmer«) ist fast allezeit ansteckend, und das weibliche Geschlecht ist nicht selten diesem Uebel unterworfen. Eine priscilla und eine Ma- ximilla fingen auch an, zu iveißagen; und da sie nicht allein von einer edlen Herkunst, sondern auch reich waren: so fanden sie leichc Glauben. Eine so Q s wunder- 244 Geschichte der christlichen Religion. wunderbare Gewalt haben die Reichthümer, daß sie auch Aussprüche, in denen vielleicht nicht Menschenverstand genug ist, vergöttern können! Obgleich Nlontan, priscilla und Marimilla, und ihre AnHanger bey den asiatischen Bischöfen Widerspruch fanden, und aus der Kircheiigcmeinschaft von ihnen ausgeschlossen wurden: so wurden sie doch sehr bald so stark, daß sie eine eigene Gemeine ausmachen konn- 7'«,-/»//. ?'» ten. Sie verführeten sogar den Bischof in Rom, Victor, sie zu seiner Gemeinschaft zuzulassen, und ihnen Briefe zu ertheilen, durch welche andere christliche Gemeinen ermahnet wurden, ihnen den Kirchenfrieden nicht zu versagen. Allein, dieser Vortheil wurde ihnen durch den prareas, von welchem wir nur geredet haben, bald wieder genommen, und da sie sich von allen rechtgläubigen Gemeinen im Oriente und Occidente aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen sahen: so richteten sie überall, wo sie konnten, ihre eigenen Gemeinen an, und unterschieden sich von den Rechtgläubigen, welche sie Fleischliche nannten, durch den stolzen Namen der Geistlichgcsinneren. Allein, wer weis, ob der Irrthum des Monranus so große Unruhen in der Kirche erreget hätte, wenn im Anfange gegen diesen Irrenden von den asiatischen Bischöfen alle mögliche Vorsicht und Mäßigung gebraucht worden wäre. Einen Menschen für besessen zu erklären, der sich für einen Propheten hielt, das war gewiß kein Mittel, ihn von seinem Irrthume zurück zu bringen. Die Montanisten leugneten keine Grundwahrheiten des Christenthums. Sie hatten eine Taufe, einen Gott, einen Erlöser, einen heiligen Geist, und . ein Abendmahl mit den Rechtgläubigen. Sie irre- ten ^ / Zweyter Abschnitt. 245 tsn aber vornehmlich darinnen, daß sie die Aussprüche einiger Schwärmer und Schwärmerinnen für göttliche AuSsprüche hielten. Es geschieht ihnen zu viel, wenn man den Montan beschuldiget: Er habe sich selbst für den heiligen Geist, den paraclec oder den Fürsprecher gehalten wissen wollen , und eben so wenig haben ihn auch seine Anhänger dafür gehalten. Seine Irrthümer betrafen die Lehre von der Buße, die Lehre von der Ehe und Keuschheit, und die Lehre von der Standhaftigkeit in Verfolgungen. Monranus verlangte, daß die Kirche denen Christen, welche nach der Taufe in grobe wissentliche Verbrechen fielen, die in der Schrift Todsünden genannt werden, keine Vergebung derselben ertheilen sollte, wenn sie sich auch der Kirchenbuße unterwürfen. Jedoch lehrete er nicht, daß sie auch bey Gott keine Vergebung zu hoffen hatten. Man kann die Absicht dieser seiner Foderung am besten aus seinen eigenen Worten schließen, welche Tcrrullian aufbehalten hat. Die Rirche, sagte er, hat die Macht, 7-^«//. " ieben der Religion aufopfern müßte, wenn man einmal von ihren Feinden ergriffen wäre, daß alsdann das Stillschweigen eine Sünde würde, wenn eö nicht unserer Freyheit, sondern unserm Gelde zuge» schrieben werden müßte. Man mag hieraus urtheilen, wie gegründet oder ungegründet die Vorwürfe gewesen seyn mögen, welche ihnen von den Rechtgläubigen gemacht worden sind, daß sie einen schändlichen Geiz unter einer eben so schändlichen Heuchelei) verborgen, und unter sich ein weichliches Leben geführet hätten. -Eusebius sühret sie auö dem Apollonius, einem Zeitgenossen und Bestrciter des Monranus, an: Schwarzer wohl ein Prophet, fragte er die Montanisten, seine Haare, oder seine Augenbraunen? Lieber wohl ein Prophet prächtige Rleidcr? Leihe wohl ein Prophet auf H?ucher? XVenn sie antworten, ob dieses einem Propheten erlaubt sey, oder nicht: so will ich ihnen beweisen, daß alles dieses unter ihnen geschehen sey. Zum wenigsten ist der Vorwurf, daß sie bey ihrem Abendmahls «in Kind zerstochen, und das Blut davon getrunken hätten, wegen des Stillschweigens der ältesten Geschichtschreiber, für ganz ungegründet zu halten. Terrullian, dieser Vertheidiger derselben, widerspricht auch den Fragen des Apollonius. Diese Secte fing mit ihrem N/onranus einen neuen Zeitpunct des Christenthumes an. Die Ge- N"»^- rechtigkeit war, nach dem Tertullian, mit dem An- fange der Natur gleichsam in der Wiege; unter dem Gesetze und den Propheten in der Kindheit, unter Jesu Christo und seinen Aposteln in der Jugend gewesen : allein unter dem Monranus war sie zu ih- Q 4 rer 248 Geschichte der christlichen Religion. rer Reife und Vollkommenheit gekommen. Die Ausgießung des heiligen Geistes über die Apostel hatte nicht alles vollendet. Die Lehren des Glaubens waren zwar alle geoffenbaret worden, und zu diesen durfte, selbst nach den Montanisten, nichts mehr hinzugesetzet werden. Allein, die Beschaffenheit der ersten Zeiten der Kirche hatte es, wie diese Schwärmer glaubeten, nicht zugelassen, der Kirchenzucht diejenige Vollkommenheit zu ertheilen, der sie fähig war. Nichts war mehr zu beklagen, als daß ein so 6/,o,5, ^ großer Vertheidiger der christlichen Religion, als ^?/,. ^c/. Terrullian, sich verleiten ließ, dieser Partey durch />>F->. Vertheidigung ein größeres Ansehen zu geben, als sie ohne ihn niemals erhalten haben würde. Er war ein Africaner und von Carthago gebürtig. Sein Vater war ein Centurio unter dem Proconsul von Africa. Man weis nicht, zu was für einer Zeit, und durch was für eine Veranlassung, er das Christenthum angenommen habe. Er erhielt, man weis nicht, ob in Rom, oder in Carchago, die Würde eines Presbyters. Vierzig Jahre lang blieb er in der Gemeinschaft mit den rechtgläubigen christlichen Gemeinen, bis er im Anfange des dritten Jahrhundertes zu der Partey des Montcmuö und seiner Anhänger übertrat. Man muß die Ursachen, die ihn , zu dieser Trennung von der Kirche bewogen haben, mehr errathen, als gewiß bestimmen. Hierony- . ?^ muh schreibt die Schuld derselben dem Neide und ^ dem beleidigenden Bezeigen der römischen Geistlichkeit gegen ihn zu. Jedoch die vornehmste Ursache davon ist unstreitig in seinem eigenen Charakter zu suchen. Weiu, man sein Lobredner seyn will: so muß man. Zweyter Abschnitt. 249 man, wie Balzac, von ihm reden. So traurig, als ^ er auch ist, so ist er doch angenehm. Man sieht ^- seine Dunkelheit als ein Meisterstück von feingcarbei- tetem Ebenholze an, Er ist eine africanische Schön- heit, welche sehr oft die italienischen übertrifft. Seine Schreibart ist wirklich eisern: allein es ist ein Eisen, aus welchem er vortreffliche Waffen geschmiedet hat, die Ehre und Unschuld des Christenthums zu vertheidigen, Waffen, mit welchen er die Va- lentinianer überwunden, und den Marcion durchbohret hat. Allein, wenn man Tertullians Charakter nach dem Leben gezeichnet sehen will: so muß man das Gemälde betrachten, das Malebranche M,/^--. e/s von ihm entworfen hat. Termllian besaß eine ^^s' tiefe Gelehrsamkeit: allein er hatte mehr Gedacht- ^./^ niß, als Urtheilskraft. Seine Phantasie war durch- dringender und weitläuftiger, - als sein Verstand. Seine Seele war überdieß in einem gewissen Verstände träumerisch. Seine Ehrfurcht gegen die Traume Montans und seiner Prophetinnen, ist ein unüberwindlicher Beweis seiner Schwachheit im Urtheilen. Dieses Feuer, diese Aufwallungen , diese Anthusiasmen über Kleinigkeiten bezeichnen sehr deutlich das Ausschweifende seiner Phantasie. Wie viel Unordnung in seinen Vergrößerungen und Figuren! Was für prächtige Gründe, die nur beweisen, weil sie schimmern, die nur überreden, weil sie den Geist betäuben und hinreißen? Man setze hinzu, daß Terrullian, ehe er noch zu der Partey des Mon- tanus trat, seines schwarzen africanischen BlutcS wegen, schon eine mehr als strenge und übertriebene Moral hatte; Man erinnere sich, daß er alt war, daß vielleicht die Bischöfe an einigen Orten in der Q 5 Slrcn- -IO Geschichte der christlichen Religion. Strenge der Kirchenzucht nachließen ; daß hier und da der Eifer unter den Christen heilig zu wandeln erkaltete ; daß ihn die Montanisten durch ihre strenge Disciplin, die er so sehr liebste, blendeten; endlich daß er beleidiget wurde: so wird uns sein Abfall von der Kirche, wofern dieser Ausdruck weder zu gelinde noch zu hart ist, ganz begreiflich und natürlich vorkommen. Seine Abhandlung von der Gchamhaftigkeic, seine Schrift von der Mono« gamie, seine Ermahnung zur Keuschheit, und Heine Abhandlung von dem Lasten, sind die vornehmsten Arbeiten, welche er für die Montanisten übernommen hat. Es ist wahr, daß er das Meiste zur glücklichen Aufnahme dieser Partey beytrug. Aber man muß auch anmerken, daß man in seinen eigenen Werken, in denen nämlich, welche er vor seinem Uebertritte zu denselben geschrieben hat, das nöthige Gegengift antreffe. Er schrieb zwar schon, ehe er noch ein Montanist wurde, an seine Frau eine Ermahnung, daß sie nicht wieder heirathen sollte, im Falle daß er stürbe. Allein, er untersagte ihr doch die Ehe nicht als ein Verbrechen; er ricth ihr vielmehr, daß sie, wofern sie ja nach seinem Tode wieder zu heirathen gedachte, nur mit keinem andern, als mit einem Christen sich verehligen sollte. Eine Ursache, warum diesen Irrenden von den Rechtgläubigen so hart begegnet wurde, war ihre besondere Kirchenverfassung in Ansehung ihrer Lehrer. Die Bischöfe, welche für Nachfolger der Apostel, und also für die ersten in der Kirche gehalten wurden, und sich deswegen schon besondere Vorrechte-vor andern Kirchenbedienten zugeeignet hatten, waren bey den Montanisten die letzten. Erst kamen Zweyter Abschnitt. 25z men ihre Patriarchen; denen folgeten die Cenonett, und sodann kamen erst die Bischöfe. Die Montanisten wurden phrygier und Ca- taphrygier von der Provinz, aus welcher ihr Stifter gebürtig war, und pepuzier, von einem kleinen Flecken, oder von einem kleinen Landhause, genannt. Diesen Ort hatte Montan Jerusalem genannt, und seine Anhänger verehreten ihn als heilig, weil hier das Bild des himmlischen Jerusalems erschienen seyn sollte. Sie breiteten sich sehr weit aus, und brachten besonders die ganze Gemeine zu Thyatira auf ihre Seite. Sie hatten im vierten Jahrhunderte, zu des Epiphanius Zeiten, in Cilicien, Galatien, und Constantinopel Gemeinen. Sie hatten ihre Kirchen, wie man aus dem Terrullian sieht, auch in Africa. Und es ist aus einer Homilie, die dem ChrysostomuS zwar zugeschrieben wird, aber ins siebente Jahrhundert gehöret, wahrscheinlich, daß sie sich bis auf diese Zeit erhalten haben. Diese Partey hatte gleiche Schicksale mit andern Secten. Sie theilte sich bald in Nebenparteyen. Ein Theil der Montanisten ließ sich von einem Ae- schines überreden, den Irrthum des praxeas in der Lehre der Dreyeinigkeit anzunehmen, und die selbstständigen Personen der Gottheit zu leugnen. Vielleicht haben einige Gemeinen derselben besondere Zottesdienstliche Gebräuche unter sich eingeführet, und sind deswegen mit besondern daher entlehnten Namen bezeichnet worden. Man findet bey dem Epi- H"/>5.45. phanius Artoryriten, die diesen Namen erhielten, ^ ^ weil sie bey dem heiligen Abendmah le Brodt und Käse brauchten. Denn man schließt daraus, daß sie auch die Personen des weiblichen Geschlechtes nicht von dev 252 Geschichte der christlichen Religion. Ger priesterlichen und bischöflichen Würde ausschlössen, und Prophetinnen unter sich hatten, nicht ohne Grund, daß sie Montanisten gewesen sind. Auch H>?/>5.4?. gab es Tascodrugiren, oder passalorynchiren, c-. ,4. ^tt- fürchterliche Namen, die ihnen von einem lächerli- L»/?, Gebrauche beygeleget wurden, den sie bey dem Gebethe hatten. Sie legten nämlich, zum Beweise der von dem jüdischen Vorurtheile erzeuget worden war, daß der Meßias ein weltlicher König seyn, ein Reich stiften, und seine Freunde mit irdischen Vortheilen belohnen würde? Cerimhus hatte gleich in den ersten Tagen der Kirche diese irrige Lehren ausgebreitet. Allein so wenig evangelisch auch diese Hoffnung war: so behaupteten doch die meisten apostolischen Vater, Männer, welche entweder von den Apüsteln selbst, oder doch von ihren ersten Jüngepn unterrichtet worden waren, diese Meynung, als eine göttliche Wahrheit, weil siedle Worte der Offenbarung von den tausend Iahren, welche die Gläubigen mit Christo herrschen sollten, nach dem Buchstaben verstunden. Diese Lehre bestritt zwar nicht die großen Wahrheiten des Christenthums: allein sie war doch ein Irrthum, in welchem sogar Märmrer starben; zum überzeugenden Beweise, daß kein Mensch das allein Gott zustän- dige Recht der Unfehlbarkeit besitze, papias, wel- /.^ chxr sich rühmete, daß er noch von dem Evangelisten Io- ; Zweyter Abschnitt. 257 Johannes unterrichtet worden wäre, Iustinus, ?-? .?"./?. Irenaus, Terrullian, und im dritten Jahrhunderte ^"^ /' .^^ ZTlepos, ein ägyptischer Bischof, dem es sonst nicht an Verdiensten mangelte, Victorinus, Laccan»^. ^ tius / Gulpttius Severus und andere lehreren ein //«v.„^ irdisches tausendjähriges Reich Jesu Christi. Der ^»c- / verherrlichte Erlöser sollte, nach ihrer Meynung, nach ^, 24, der Ankunft des Antichrists und dem Untergänge ^ aller der Nationen, welche demselben anhangen wür- den, in seiner Majestät vom Himmel herab kom- ^///^. wen. Vorher sollten die verstorbenen Gerechten er- c.24. wecket, alle andere Menschen aber, die zu der Zeit leben würden, die Gottlosen sowohl als die Frommen, bey dem Leben erhalten werden. Jerusalem und der Tempel sollten sich aus ihren Ruinen erheben. Hier Hoffeten sie, daß Jesus seinen Heiligen dasjenige hundertfältig wiedergeben würde, was sie in den Tagen ihrer Leiden für ihn aufgeopfert hätten. Die meisten und würdigsten Bekenner dieser Lehre erwarteten in diesem irdischen Reiche des Heilandes mehr geistliche, als sinnliche Freuden. Ire- /, näus sagte, daß diese erste Auferstehung der Gerech- c. ^. ten, die seiner Meynung nach vor dem jüngsten Tage vorhergehen sollte, der Anfang der Unverweslichkeit und ein Mittel seyn würde, des Anschauens der Gottheit gewohnt zu werden. Er hoffte, daß die Heiligen in der Gesellschaft und in dem Umgange mit den Engeln sich von geistlicheil und himmlischen Gegenständen mit ihnen unterhalten würden. Allein, je sinnlicher andere Christen waren, desto gröbere Begriffe von diesem eingebildeten Reiche und seinen Wollüsten machten sie sich. Ihre Vorstellungen waren, wenn man dem Zeugnisse des Hiero- U. Theil. R npinus 258 Geschichte der christlichen Religion. npmus glauben will, nicht feiner, als die Gedanken, welche sich der Muselmann von seinem Paradiese machet. Außer diesem Irrthume legten die irrgläubigen Parteyen noch den Grund zu der falschen Lehre, daß die göttlichen Wahrheiten nicht durch die heilige Schrift allein, sondern auch durch eine mündliche Sage oder Tradition der Apostel bestimmt und entschieden werden müßten. Dieser Irrthum, der in der Folge so fruchtbar an andern gefährlichern Irr» thümern, und an tausend unnützen und überflüßigen Gebräuchen und Ceremonien war, wurde von den ersten Vätern noch nicht 'mit ausdrücklichen Worten gelehret. Allein, er war in der Art, wie man die Irrgläubigen widerlegte, wie die Frucht m ihrem Saamen, enthalten. Weil die Offenbarung den äehren der Parteyen, die sich von den Rechtgläubigen absonderten, allzuoffenbar widersprach, als daß sie bey ihren Aussprüchen hätten Schutz finden können: so glaubten sie, sich vor einem solchen Beweise, daß sie unrecht lehreten, zu retten, wenn sie sich auf einen geheimen mündlichen Unterricht der Apostel bezögen , der unter ihnen von einem auf den andern fortgepflanzet worden seyn sollte. Die Rechtgläubigen antworteten den Irrenden auf dieses Vorgeben, daß, wenn Tradition statt fände, dieselbe in den größern Gemeinen zu suchen wäre, welche sich rühmen könnten, von den Aposteln selbst gestiftet zu seyn. Man fing sehr bald an, den Irrgläubigen nicht etwa aus offenbaren Gründen zu zeigen, daß die Wahrheit Wahrheit wäre: sondern daß sie sich eines höhern Alters rühmen könnte, als der Irrthum. Man brauchte wider die Irrenden das Recht der Verjährung; Zweyter Abschnitt. 259 rung; man glaubte sie vollkommen genug widerlegt zu haben, wenn man zu ihnen sagte: Ihr habet die Wahrheit nicht; denn ihr redet nicht, wie wir. Allein wie viel gehörte nicht dazu, ehe diesem Be- weise einige Stärke gegeben werden konnte? Genug, diese schwache Art, die Feinde oder Verräther der Wahrheit zu widerlegen, veranlaßte in der Folge die irrige Meynung, daß der wahre Sinn der heiligen Schrift, nicht etwa durch die Kunst, einen Verfasser nach den Vorschriften einer gesunden Vernunft auszulegen, sondern durch die Tradition der Kirche bestimmt werden müßte. Man hat es immer so verstanden, und eben darum muß es also, und nicht anders verstanden werden. Dieser Irrthum von der Unzuverläßigkeit, Dun» kelheit und Ungewißheit der Aussprüche Gottes in seiner Offenbarung, konnte sich desto unvermerkter unter die Rechtgläubigen einschleichen, weil sie den gleich im Anfange des Christenthums Unter einigen jüdischen Sectcn, und hernach unrer allen Irrgläubigen gewöhnlichen Misbrauch, überall einen doppelten Verstand in der Schrift zu finden, annahmen, und falschen allegorischen Erklärungen nicht etwa den klaren buchstablichen Verstand der irrig erklärten Stellen, sondern andere oft eben so erzwungene Allegorien entgegensetzten. Fast alle christliche Lehrer nahmen an, daß die Worte der Schrift nicht bloß in dem buchstäblichen Verstände genommen werden müßten, der einem jeden in die Augen leuchtete, sondern daß sie auch noch einen geheimen geistlichen Verstand hätten. Origenes, von welchem wir bald reoen werden, war von dieser Meynung ganz bezaudert, und war mit seinem großen Ansehen Ursache, R 2 daß 260 Geschichte der christlichen Religion. daß sie in der Kirche recht tief einwurzelte. Wie unzählbare falsche Lehren fanden in der Folge unter diesem einzigen Irrthume Schutz? Vornehmlich litte die christliche Sittenlehre unter den Irrthümern derer, welche sich von den Recht« glaubigen absonderten, und die Einfälle ihrer kranken Vernunft vergötterten. Man erfand in dem zweyten Jahrhunderte in den .Gemeinen, welche sonst standhaft bey den allerersten Grundwahrheiten des christlichen Glaubens blieben, eine zwiefache Art der Heiligkeit; eine, die niedriger war, und sich für diejenigen schicken sollte, die noch zu fleischlich , noch zu sinnlich, noch zu sehr an die Welt angefesselt wa» ren, als daß sie nach der größten Vollkommenheit hätten sireben können; eine andere Frömmigkeit, die nach ihren Begriffen weit erhabener war, und nur für diejenigen gehörete, welche sich schon zu einer größern Vollkommenheit empor zu schwingen, und nach einer größern Herrlichkeit nach dem Tode zu sireben sich beflissen, als andere. Man machte also einen Unterschied zwischen Vorschriften und zwi» sehen Rathschlägen, welche Christus den Beken- nern seines Namens gegeben haben sollte. Die christlichen Gnostiker hielten sich für vollkommen und geistlich; die übrigen Christen für unvollkommen und fleischlich. Die meisten setzten sich durch ihr trauriges und von allen Freuden entblößtes Leben in den Ruf der Heiligkeit. Wie himmlisch, wie weit über die Erde erhaben, wie göttlich sind Menschen, die sich auch die kleinsten Ergetzlichkeiten, und selbst den nothdürftigsten Unterhalt versagen, welche mit der größten Sündhaftigkeit des Geistes ihren Leib foltern, und ihre eigenen Henker werden-' können! Zweyter Abschnitt. 261 können! Die Asceten sind Stiefsöhne der Gnostiker. Die Rechtgläubigen wollten sich aus einer löblichen, aber unzeitigen Eifersucht von den itt'enden Parteyen nicht übertreffen lassen. Allein, weil sie sahen, daß die Sittenlehre der Gnostiket unmöglich von allen Menschen beobachtet werden könnte , wenn das menschliche Geschlecht nicht zerstöret werden sollte: so erfanden sie einen Unterschied zwischen denen, die wegen ihrer noch allzngroßen Sinnlichkeit zu der erhabensten und vollkommensten Lebensart unfähig semi sollten, und zwischen denen, welche sich so vollkommen gemacht haben wollten, daß sie nicht allein die wirklichen Vorschriften und Befehle Jesu Christi erfüllen , sondern noch viel mehr thun, und auch gewissen vermeynten Rathschlägen ihres Erlösers zu einer größere Vollkommenheit nachkommen könnten. Diese Asceten, Philosophen, und phi- Ä/n«/ lojophinnen, wie sie sich selbst nannten, entsagten 6?"""-/'» der Ehe, den Geschafften, den Fleischspeisen, dem Weine und andern von Gott zugelassenen Ergcßlich- " leiten. Sie verwarfen die Ehe zwar nicht ganz, wie ^/z---.^' die Irrgläubigen: allein, sie zogen ihr doch den ehe- ^'.v^7/5 losen Stand unendlich weit vor. Sie hielten dafür, daß sie ihren Leib durch Fasten und Wachen, durch schwere Arbeiten, durch Hunger und Durst todten müßten. Sie suchten die Einsamkeit, und wollten durch ununterbrochene Betrachtungen über die Religion ihre Seele von äußerlichen und vergänglichen Gegenständen abziehen, und immer näher mit Gott vereinigen. Hier ist die erste Quelle der selbstcrmähl- ten Werke der Gottseligkeit, der eingebildeten Heiligkeit einer freywilligen Enthaltung von der Ehe und den unschuldigen.Freuden des Lebens, der will- N z kühr» 26s Geschichte der christlichen Religion. kührlichen Kasteyungen und anderer Misbräuche mehr, die in der Folge zum Wesen der wahren Religion gerechnet wurden, und die erste ungekünstelte, aber dem ungeachtet göttliche und liebenswürdige Gestalt des Christenthums mehr verderbten , als erhoben. ..... Alle diese menschlichen Meynungen, Vorurthcile und Mißbrauche wurzelten unter den Rechtgläubigen noch tiefer ein, wuchsen und vervielfältigten sich, je mehr die rechtgläubigen Lehrer die weise Einfalt der apostolischen Kirche verließen, auch in den Augen der Griechen weiser werden wollten, und auf eine Vereinigung der Lehren der alexandrinischen Schule mit der Sittenlehre Jesu Christi dachten. Bald 'werden wir von dieser besonders für die christliche geschwind und so weil ausbreiteten, als die Rechtgläubigen. Sie gewöhneten also die Ohren der Heiden nach und nach an die Lehre, daß nur ein Gott sey; und wenn sie ihnen keine richtige Begriffe von der Person unsers Erlösers beybrachten: so erwecketen sie doch bey einigen die Begierde, ihn näher und auch von den Rechtgläubigen kennen zu lernen. Wio mancher Götzendiener wurde vielleicht erst ein Irrgläubiger, und dann ein wahrer Christ! Ueberdieß sind alle diejenigen, welche das Christenthum in seinem Ursprünge entweder bestricken odep verfälschet haben, Zeugen nicht allein für die historische Wahrheit, sondern auch für die Göttlichkeit der christlichen Religion. Diese Zeugen sind desto unverwerflicher, weil sie weit von der Absicht entfernet waren, die Lehren der Jünger und Apostel Jesu Christi zu bestätigen. Die Nachrichten von Jesu Christo, welche von den Evangelisten herrühren, sind weder Traume citier in Unordnung gebrachten Einbildung, noch Erfindungen vorschlicher, ehrgeiziger, und boshafter Betrüger. Es hat wirklich in Judäa ein Jesus gelebet, welcher den ganjen Orient durch seine Weis- R 4 hc't 264 Geschichte der christlichen Religion. heit und seine Wunder in Erstaunen gesetzt hat. Seine Mutter hat Maria geheißen, und hat ihn nicht nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur, sondern auf eine ganz wunderbare Weise gebohren. Er ist vom Johannes im Jordan getaufet worden. Er hat darauf mit unzähligen Wundern und mit einer göttlichen Lehre bewiesen, daß er mehr allein gemeiner Mensch, daß er der Sohn Gottes, und ge- sandc worden wa>,v, das menschliche Geschlecht aus seinem Elende zu erretten. Das undankbare jüdische Volk hat ihn gekreuziget. Allein, er ist nicht in der Gewalt des Todes geblieben; er starb, und hatte den Tod nicht verdienet; darum hat er ihn auch überwunden, und ist am dritten Tage nach seiner Kreuzigung auferstanden, und nach einem kurzen Aufenthalte von der Erde wieder weggenommen worden, nachdem er vorher versichert hatte, daß er dereinst zum Gerichte wiederkommen würde. Alles dieses sind historische Begebenheiten, auf welche sich der Glaube der Christen gründet. Die Evangelisten und Apostel verkündigen sie nicht allein mündlich, sondern hinterlassen auch schriftliche Zeugnisse davon, und versiegeln sie mit ihrem Blute. Man hat zwar weder ihren Verstand noch ihre Redlichkeit verdächtig machen wollen: allein, so glaubwürdig sie auch seyn mögen: so verwerfen dennoch die Feinde der Religion diese Zeugen, weil sie Jünger und Freunde Jesu Christi gewesen sind. Es sind einseitige Zeugen, sagen sie. Man könnte zwar antworten, warum sie von den Feinden unsers Erlösers ein Zeugniß verlängern. Man könnte sie fragen, ob sie selbst nicht lieber nach dem Zeugnisse ihrer redlichen Freunde, die sie genau kenneten, als nachdem verdächtigen Zweyter Abschnitt. 265 gen Zeugnisse ihrer Feinde beurtheilet seyn wollten. Allein, man braucht sich nicht einmal die Mühe zu geben, den Widersachern unsers Glaubens mit Schlüssen zu begegnen. Sie wollen für die christliche Religion, und besonders für die Begebenheiten, auf welche sie gegründet ist, andere Zeugen, als die Jünger Jesu Christi haben. Man könnte sie wegen ihrer Unwissenheit beschämen. So mögen sie denn dein Zeugnisse seiner Feinde glauben, wenn sie den Versicherungen des heiligen Geistes nicht glauben wollen« Simon, der Zauberer, war ein offenbarer Widersacher der christlichen Religion. Hatte unter den Jü- den kein Christus gelebet und Wunder gethan: so that er wohl sehr thöricht, daß er sich für einen ausgab, der vor kurzem gelebet haben sollte, und doch nie eristirt hatte. Alle Gnostiker flochten die Begebenheiten Jesu Christi in einen philosophischen Traum. Die Cerinthianer, die Vastlidianer, die tTli- kolairer,, die Sarurnianer, die Valenrinia- ner, die Gphiren, und alle gnostische Secten raumeten die Geburt, das Leben, die Taufe, die Wunder, die Kreuzigung, die Auserstehung, die Himmelfahrt Jesu Christi eben sowohl ein, als die Rechtgläubigen. Jedoch darinnen unterschieden sich beyde Parteyen von einander, daß die Rechtgläubigen alle diese Begebenheiten von einer einzigen Person erzähleten; die Gnostiker hingegen entweder Jcsuin Christum in zwo von einander verschiedene Personen, in einen Christus und in einen Jesus theileten, welche zwar bey gewissen Begebenheiten mit einander verei. niget gewesen, bey andern aber wiederum getrennet worden seyn sollten: oder die angeführten Begebenheiten einer einzigen Person zwar zuschrieben, al- R 5 lein. 266 Geschichte der christlichen Religion. lein, einige von derselben für bloße Erscheinungen und Blendwerke hielten. So viele von den Irr« gläubigen lebeten noch zu den Zeiten der Apostel; sie rühmeten sich, eine höhere Erkenntniß zu haben, als die Rechtgläubigen: warum flochten sie denn einen Christus in ihr Lehrgebäude, den sie in Iudäa in einem wunderbarer Weise von Maria gebohrnen Jesus Wunder thun, bey der Verfolgung desselben sich ins Nlcroma zurückbegeben, den von ihm verlassenen und von den Juden getödteten JcsuS wieder vom Tode auferwecken und von der Erde wegnehmen ließen? Wie konnten sie auf den Einfall gerathen , wenn «uch nur die Feinde und Mörder Jesu Christi das mit einigem scheinbaren Grunde hätten in Zweifel ziehen können, was seine Jünger von ihm erzähleten, und auch mit Wundern bestätigten? Waren diese Betrüger gewesen: was für Ehre hätten sie nicht erbeuten können, wenn sie Betrüger, die sich in ein so großes Ansehen seßeten, und die Augen des ganzen Erdkreises auf sich zogen, zu Schanden gemacht hatten ? Dieses erforderte ja ihr eigener Vortheil, da sie von den Rechtgläubigen nicht für Christen erkannt, sondern als Feinde der Wahrheit und gefährliche Verführer angesehen und bestricken wurden? Da sie solches nicht thaten: so zeugeten sie für das Daseyn, für die Würde und die Wunder unsers Erlösers; ein Zeugniß, das der unbescheidenste Zweifler annehmen sollte, weil es von Feinden kömmt. Die meisienEnostiker waren, ungeachtet der Angrisse der Rechtgläubigen, so ehrlich, daß sie offenbare und überoll bekannte Begebenheiten nicht leugneten; aber zu ihrem Unglücke waren sie nur allzustolz, als daß sie ihre »Iten tiefeingewurjelten Vorurtheile hätten aufopfern und Zweyter Abschnitt» 267 und die Lehren der christlichen Religion in ihrer edclit und erhabenen Einfalt annehmen sollen. Also ver- mengeten sie lieber Irrthum und Wahrheit mit einander. Dieses sind nur die Blumen von einem weitlauf- eigen und starken Beweise für die christliche Religion» Wie leicht wäre es, in den verschiedenen Lehrbegrif- fen der Gnostiker ein sehr vollständiges Evangelium zu sammeln! Jedoch wir wollen die Wahrheit lieber aus ihren heitern und reinen Quellen, als mit den Feinden der Religion aus trüben und unreinen Sümpfen schöpfen. Die Irrthümer und Thorheiten der irrgläubigen Haufen sind auch Beweise für die innerliche Güte, und die Göttlichkeit unserer heiligen Religion. In einer Zeit, die noch nicht zweyhundert Jahre ausmacht, steht ein Feind und Verfälscher der Religion , ein Irrgläubiger nach dem andern auf. Jeder erfindet ein neues Lehrgebäude; jeder will weiser seyn, als der andere, und doch ist jeder, lasset uns den sanftmüthigsten Namen nehmen, so ungereimt, als der andere. Eigentlich sieht man in allen gno» siischen Systemen nur eine Thorheit; sie tritt nur immer in veränderten Gestalten auf, gleich einer Buhlerinn, die ihren Anzug und Putz beständig mit einem andern verwechselt, weil sie sich auf keine eigenthümliche und natürliche Reizungen verlassen kann. Man bleibt stets in einem unbegreiflichen Pleroma, mit dem Unterschiede, daß man bald vier, bald acht, bald dreyßig und mehr Aeoneni erblicket. Jeder hat einen besondern Knoten, den er aufknüpfen will; und wenn er seine Arbeit vollendet hat , so sieht er zehn andere Knoten geknüpfte die er »6g Geschichte der christlichen Religion. et einem andern aufzuknüpfen, oder zu verstecken, oder durchzuschneiden überlaßt. Das ist daß Schicksal des Irrthums in allen Jahrhunderten. Die Wahrheit hat immer nur eine Gestalt. Wer kann die Uebereinstimmung der Jünger Jesu Christi,'welche in ihren uns hinterlassenen Schriften herrschet,ge- nug bewundern ? Jedoch, wer wird darüber erstaunen , daß sich GM nicht widerspricht? Es ist wahr, die Nachfolger her Apostel Jesu Christi erhielten den guten Weizen nicht ganz rein von aller Spreu; sie verwickelten >sich sehr bald auch in manche falsche Meynungen und Irrthümer. Allein zu geschweige!', daß ihre Irrthümer die Grundfeste» des Christenthums nicht erschütterten; so waren sie allezeit so bescheiden, daß sie sich nicht für unfehlbar hielten, sondern gern gestunden, daß nur Gott und seine Offenbarung das Vorrecht der Unfehlbarkeit harten. Allein hat es wohl eine irrgläubige Partey unter den Christen gegeben , die nicht auch von dem Stolze benebelt gewesen wäre, daß sie nicht irren könnte ? He ^ ^ ^ O A^^^^O^-K^HH^HH Von dem Einflüsse der alexandrim- scheu Philosophie in die Schicksale und Lehren der christlichen Religion. I Ingeachtet die Traume der morgenländischen Wci- ^» sen der christlichen Religion so gefährlich und nachtheisig waren: so hatte doch auch ihre vornehmste Feindinn, die Abgötterei), welche vornehmlich von den Christen bestritttn wurde, keinen starken Beystand von d.phjschen Parteyen hatten hier ihre Schulen. Hier war L-A ^ es,wo ein gewisser Potamon,den einige unter dieRe- /«S. M,^. g^rung des Kaisers Augustus, andere weiter hinauö- «/«,»^./>«' setzen, eine freyere Art zu vhilosophiren eingeführet F>/^,. hatt«. Er verwarf den Parteygeist der Weltweisen, Ar/,/ /» und lehrete, daß man aus allen Secten das beste und ^c-"/ vernünftigste wählen müßte, wenn man die Wahr» ^, heit nicht verfehlen wollte. Der Grundsatz war schön, po,.' wenn nur bey den philosophischen Secten viel Gutes t»«/a,.j>aA und Vernünftiges zu finden gewesen wäre. Unter- Hessen war dieseLehre dem Geschmacke der christliche» Gelehrten gemäß, welche sich beredeten , daß eine Philosophie, die das Beste aus allen philosophischen Parteyen enthielte, der christlichen Religion sehr vortheilhaft seyn könnte, ob sie gleich einer so eitel» Hülfe sicher entbehren konnte. Dieser Meynung waren Achenagoras, panranus, und Clemens, der von seinem Vaterlande der AlexandrinistHe genannt wurde, und ungeachtet viele Christen alle Philosophie aus ihren Gemeinen verbannet wissen wollten: sogelang es doch so großen Namen, daß diese freyere Art derselben angenommen und von den Gekennern des Namens Jesu Christi hochgehalten wurde. Athenagoras stiftete selbst eine Schule, in welcher sowohl die Weisheit Gottes, als die Weisheit der Menschen gelehret wurde, pantanus uud Clemens, seine Nachfolger, brachten diese Schule Zweyter Abschnitt» 27t Schule in das größte Ansehen. Allein, die Folge lehrete, daß sie an dieser Philosophie, die größten- theilö platonisch war, eine giftige Schlange in ihrem Schooße auszogen. Eben die Lehre, daß zwar kein Philosoph alle Wahrheiten zusammen, placo aber die meisten und wichtigsten erkannt hatte, misbrauch- te gegen das Ende des zweyten christlichen Jahrhunderts ein gewisser Ammonius, von seiner crstge- F^Z-FlS triebenen Handchierung, Saccas genannt, die ver- fallene Abgöttercy wieder in Aufnehmen zu brin- ^°'^^!/ gen, die christliche Religion zu bestreiken, oder vielmehr das Heidenthum und Christenthum zu ver- ,./sH>.-^ mengen. Er war zwar von Geburt und Erziehung ein Christ: allein er hatte in seinen mannlichen Jahren die christliche Religion verlassen, und sich wieder zum Botendienste gewandt. Porphyr ist ein Zeuge ^ davon.. Ammonius war in der christlichen Schule ^A.^^" des Aantanus und Clemens unterrichtet worden, ^ ^' und tonnls also die philosophische Methode der Christen , und ihre Art, den Aberglauben der Heiden und die Betrügereyen ihrer Priester zu Schanden machen. Der Ehrgeiz, sich als das Haupt einer neuen Secte verehrt zu sehen, und vielleicht die Schmeichelten der heidnischen Philosophen, die seinen scharfsinnigen Geist bemerkten, waren allem Ansehen nach die Ursachen, die ihn bewogen, ein Abtrünniger von der christlichen Gemeine zu werden, zu den Heiden überzutreten und sich der Ehre ihres Aberglaubens anzunehmen. Damit dieses Unternehmen einen desto glücklichern Ausgang nehmen möchte: so behauptete er vornehmlich, daß ein Freund der Weisheit die Wahrheit bcy keiner Secte allein, sondern bey allen suchen müßte; daß ihr in der Lehre von »72 Geschichte der christlichen Religion. von Gott und demjenigen, was über unsere Sinne erhaben ist, und in der Moral niemand naher gekommen wäre, als Plato; daß Aristoteles weniger Mit demselben stritte, als die Christen vorgäben; daß vielmehr die Lehren dieser beyden großen Philosophen, wenn sie recht erklaret würden, vollkommen mit einander übereinstimmeten, ob sie gleich beyde nicht alle Wahrheiten erkannt hatten; daß dasjenige, was ih- " nen noch mangelte, aus den morgenlandischen Weisen ergänzt werden könnte; daß der heidnische Götzendienst im Grunde nicht so ungereimt wäre, als er dem ersten Anscheine nach zu seyn schien, und daß die Christen ihren Meister, Jesum, der ein großer Weltweise, etwa wie Pythagoras oder Plato gewesen seyn sollte, nicht so verstünden, wie er unstreitig ' ' hätte verstanden seyn wollen, da sie sich wider alle Götter der Heiden auflehneten, ohne einen einzigen zu schonen. Niemand war unter den heidnischen Wcltweisen so schwer zu vereinigen, als Plato, welcher neben seinem Gott eine ewige ungebildete Materie annahm, und Aristoteles, welcher die Ewigkeit der Welt behauptete. Wie viele metaphysische Künste brauchte Ammonius nicht, dem Plato seine ewige Materie, und dem Aristoteles seine ewige Welt zu nehmen ? Dieses Unternehmen konnte durch falsche und gewaltthätige Erklärungen nicht allein ausgeführet werden. Hier mußte er die morgenländische Weisheit zu Hülfe rufen, das System, nach welchem al^ les aus einem Gott auSfloß, annehmen, und mit der Lehre des Plato, der eine gewisse Art einer Dreyeinigkeit in seiner Gottheit lehrete, vereinigen; damit die auS so vieler Secten Meynungen zusamengeschmolzeneneue Lehre der christlichen Religion desto ahnlicher würde. Zweyter Abschnitt. 275 In dem neuen Lehrgebäude des Ammomus gab es also nur einen Gott. Dieser Gott, der uncrforsch- lich und von Ewigkeit ruhig gewesen seyn sollte, hatte aus sich selbst den Verstand, und der Verstand hatte aus sich eine göttliche Seele erzeuget. Gott war ein Licht, das von einem Lichtkreise umgeben ist, aus dem ein neuer Lichtkreis entsprungen war. Der Kreis außer diesem letztem Kreise war finster, und bedürfte des Lichtes. In dem Verstände Gocres nun lag die Welt mit allen ihren Theilen, als ein Ganzes, gleich den Bächen, die so lange ganz in der Quelle sind, bis sie herauöfließen. Diese Welt aber, die gleichsam aus dem Verstände Gottes hcraus- floß, war von der göttlichen Seele, dem Ursprünge aller Geister und Seelen, von Ewigkeit her durch eine lVeltseele belebt, und gebildet worden. Man konnte also nach diesem Systeme sagen, daß die Welt ewig wäre, wenn man auf die Zeit sah; man konnte auch sagen, daß sie einen Anfang hätte, wenn man ihre Ursache erwog, weil man die Ursache allezeit eher denken muß, als die Wirkung. Auf diese Weise mußten Zoroaster, plaro und Aristoteles Freunde werden, weil die christliche Religion bestritten werden sollte. Aus dem Verstände und der Seele Gottes stammele, nach dem ammonischen Lehrgebäude, eine un- überschauliche Reihe Geister her, welche der Ordnung und also auch der innerlichen Güte nach von einander unterschieden, aber doch alle gut und in ihrer Art vollkommen waren. Die Geister, weiche auf der höchsten Stufe stehen, verdienen Götter genannt zu werden. Sie eristiren auf eine bessere Arr; sie vermögen alles, und alles in einem Augenblicke. U. Theil. S Die 274 Geschichte der christlichen Religion. Die Geister, welche aus die Götter unmittelbar fol. gen, sind die Erzengel, Engel, Dämonen und Heldenseelen. Alle diese stehen zwischen den Göttern und den Menschen in der Mitte, und werden eben dadurch Mittler zwischen denselben und der Gottheit. Also ist alles voll Götter; und wenn die Menschen zur Gottheit hinaufsteigen wollen: so müssen sie diejenigen, die zwischen ihnen und der Gottheit in der Mitten sind, ehren, weil ihr Gebeth nur durch sie bis zur ersten Gottheit gelangen kann. Auf diese Weise glaubte Ammonius die Anbethung unzählbarer Gößen zu rechtfertigen, und ihren Dienst vor den Angriffen der Christen zu beschuhen. Allein, wer kann alles Unsinnige aus der Gei- sterlehre des Ammonius in eine Sprache übersehe», die noch nicht für einen jeden Unsinn Ausdrücke genug hat? Diefe Geisterlehre ist fo weitläuftig > aber auch so finster, so voll Verwirrung, so voll übertriebener und spißfündiger, gleichwohl aber leerer und nichtsbedeutender Begriffe, daß man gewiß Dank verdienet, wenn man nur die allermerkwürdigstm Lehrsätze daraus anführet, und zwar solche, ausdeutn die Absicht ihres Erfinders genau und deutlich genug erkannt werden kann. Die Geister können, wie Ammonius träumet, durch theurgische Künste zur Erscheinung genöthiget; die Dämonen aber durch Drohungen, Beschwörungen und Talismane vertrieben werden, und zwar wegen des engen und genauen Zusammenhanges, der alle aus der Gottheit ausgeflossene Wesen mit einander verbindet. Die Angel und die Dämonen sind nicht ganz reine Geister, sondern nur mit einem feinern Körper umgeben , als der menschliche Leib ist. Die Regierung der Zweyter Abschnitt. 275 der Welt ist unter die reinste» Geister vertheilet; jedes Land hat seine besondern Götter; jeder Mensch seinen Dämon, und seinen Engel. Jener fessele ihn wegen seiner allzugroßsn Neigung zur Materie an dieselbe an, und verschließt seinen Geist in den Körper. Dieser hingegen treibt ihn an, und ermuntert ihn, sich von der Materie frey zu machen. Die Dämonen sind die wahren Ursachen der menschlichen Neigung gegen das Irdische, und von ihnen rühren auch die Krankheiten und Unordnungen der Natur her. Die Götter finden nur an Opfern einen Geschmack, bey welchen kein Blut vergossen wird; den Dämonen hingegen gefallen blutige Opfer mehr, weil sie ihres feinen Körpers wegen sinnlicher und wollüstiger sind, als die reinen Geister, die von keiner solchen Hülle umgeben werden.. . Jedoch wir müssen auch zu einem Auszüge der ammomschen Lehren von dem Menschen, von dem Falle desselben, von seinem gegenwärtigen Zustande und von den Mitteln, ihn zu seiner wahren Glückseligkeit zurück zu bringen, forteilen. Der Ursprung der menschlichen Seelen ist nach dem Systeme des Ammonius nicht etwa in dem mächtigen Willen der Gottheit, sondern selbst in dem Wesen derselben zu suchen. Sie sind aus ihr ungefähr eben so entstanden, wie Funken von einer Flamme abspringen, ohne daß sie dadurch abnimmt und verzehret wird. Sie sind da gewesen, ehe sie in Körper verschlossen wurden. Ihre Neigung zu dem, was unter ihnen war, und ihre Begierde, sich fortzupflanzen, ist die Ursache ihres Falles. Diese Begierde zu zeugen ist böse, und von ihr stammet das Elend des menschlichen Lebens her. So lange die S 2 Seele 276 Geschichte der christlichen Religion. Seele an die Materie gefesselt, und in dem Körper verschlossen bleibt: so lange kann sie keine wahre Glückseligkeit genießen. Denn eben durch die Hcr- tibneigung der Seele zur Materie neiget sie sich zu dem, was nicht ist, vergißt ihres Wesens, entbehret sich gleichsam selbst, und kennet sich nicht. Mit Recht heißt daher der Körper ein Gefängniß der Seele, und ein lasterhaftes Leben ist eben deswegen eine wahre Sclaverey. Soll der Geist dieser Scla- verey entrissen werden: so muß er alles wegwerfen, was nicht sein ist; er muß vielmehr seine Seele von der Knechtschaft des Körpers zu erlösen suchen. Der Endzweck ver Philosophie ist also die Befreyung der Seele von den Fesseln ihres Leibes; sie muß zu dem wieder zurück geleitet werden, was wirklich ist; sie muß sich durch die Betrachtung der Wahrheit zu den reinen Geistern aufschwingen, und sich durch sie mit Gott vereinigen. Doch diese Vereinigung mit der Gottheit kömmt in diesem 5eben nicht völlig zu Stande; dieses Glück genießen die gereinigten Seelen erst in den Sitzen der Seligkeit. Nur wenigen großen Geistern, nur einem Pythagoraö, und denen, welche ihm gleichen, gelingt eS zuweilen schon auf der Erde, sich in einen Zustand zu versetzen, wo sie ganz Seele werden, und die Gottheit selbst anschauen können. Es wird aber ein so großes Werk, als die Reinigung der Seele ist, nicht auf einmal, sondern stufenweise vollendet. Daher giebt es natürliche Tugenden, welche den Körper schmücken, und dadurch der Seele ihre Gefangenfchaft erleichtern; sittliche oder bürgerliche Tugenden, welche die Ordnung und Ruhe des gemeinen Wesens unterhalten; beschauliche Tugenden, welche den Menschen vom Körper Zweyter Abschnitt» 277 Körper abziehen, in sich einkehren, und ihn stets mit der Betrachtung seiner selbst beschafftigen lassen; reinigende Tugenden, die in der Enthaltung von körperlichen und sinnlichen Handlungen bestehen,und den Menschen nicht allein von seiner Neigung zur Materie, sondern von den Ketten des leides selbst immer mehr und mehr befreyen; theurgische Tugenden, weiche den Weisen zum Umgange und der Gemeinschaft mit den Göttern geschickt machen, und ihn in den Stand setzen, daß er die Geister erscheinen lassen, und den Dämonen befehlen kann; endlich noch göttliche Tugenden, welche die Seele besitzt, wenn sie nun von aller Rinde der Materie entkleidet, ganz Engel, und noch mehr, wenn sie mk ihrer ersten Quelle vereiniget und Gott geworden ist. Hat der Mensch in seinem Leben keine solche Reinigung seiner Seele vorgenommen, sondern sich durch Laster immer weiter von seinem ersten Ursprünge entfernet, und tiefer in die Materie eingeflochten: so ist er in der Gefahr, nach seinem Tode in noch schimpflichere Kerker, als die menschlichen Leiber sind, verstoßen zu werden, oder doch so lange aus einem Körper in den andern zu wallen, bis er von der Materie frey ist. Hat hingegen der Mensch dieses große Werk zwar angefangen, aber nicht weit genug getrieben, weil er lebet: so ist seine Strafe die, daß er nicht gleich nach seinem Tode in die Sitze der Seligen gelanget, sondern an einem mittlern Orte diese Reinigung erst vollenden muß, ehe er zum Genusse der höchsten Seligkeit kommen rind sich in Gott verlieren kann. Dieses ist ein kleiner Schattenriß von einer Philosophie, welche die christliche Religion stürzen sollte. Ammonius selbst hat zwar nichts geschrie- S z den; 578 Geschichte der christlichen Religion. ben: allein, es sind uns die Schriften eines plorl- nus, und besonders eines Iamblichius und eines porphyrius übrig geblieben, aus welchen man die. sen halb platonischen, halb pythagoräischen, halb zoroastrischen Unsinn erlernen kann. Jedoch dieser berühmte Kampfer für die Ehre des Heidenthums, und seine Nachfolgen, brauchten nicht allein diese Leh. ren, sondern auch noch andere Waffen wider das Christenthum, welche bemerket zu werden verdienen. Der Ruhm des Namens Jesu Christi und seiner Wunder war so sehr bestätiger, daß es eine ganz vergebliche Verwegenheit gewesen seyn würde, wenn Hie neuern Platoniker unsern Erlöser unmittelbar angegriffen hätten. Sie stellten sich also an, als ob sie eine wahre Hochachtung für ihn hätten. Sie er- klärcten ihn für einen großen Philosophen, welcher »inter den Jüden den wahren Weg zur Vereinigung mit Gott gekannt hätte. Sie machten auch seine Wunder nicht zweifelhast. Allein, sie behaupteten, daß er die Absicht nie gehabt hätte, die Götter zu leugnen, und die Welt von ihrem Dienste abwendig zu machen. Er hätte sie vielmehr selbst verehret, und durch die Gemeinschaft mit ihnen seine Wunder verrichtet. Hierinncn aber war nach ihrem Vorgeben zwischen unserm Erlöser und andern großen Philosophen, die es bis zur Ausübung der tveurgischen Tugenden gebracht hatten, kein Unterschied. Sie dichteten daher ihren vorgegebenen Lehrern Wunder vn. Denn es war ein Grundgesetz dieser Partey, daß man zur Ausbreitung und zum Schutze der Wahrheit selbst die Hülfe des Betruges gebrauchen dürfte. Also erzählete man Wunder vom pythagoras, und PhüostraruS schrieb in dieser Absicht seine Nachricht yon . Zweyter Abschnitt. 279 W> den Wundern des Apollonius von Tyana. Sie waren zwar vorsichtig genug, ihren ersten Stiftern keine große Wunder zuzuschreiben, weil die Unwahrheit eines solchen Vorgebens leichter , als ihre Erdichtungen von den Wundern des pyrhago- ras, entdecket werden konnte. Indeß war doch plo- tiinis, nach, des porphyrius Erzählung, wohl viermal auf eine unbegreifliche Art zum Umgange mit der Gottheit entzücket worden. Eben dieses war dem Iamblichius unter seinem Gebethe wiederfah-- mi. Aus den Augen des pvoclus hatte cm göttliches Feuer geblitzet,. und wenn er gelehret hatte, war sein Haupt mit einem hellen Glänze umgeben' gewesen. Waren das nicht Wunder, welche den Wundern Jesu Christi entgegen gesetzet zu werden ver- dieneten-5,,z;«L uz. . ^-^.^..ch» Dieft Philosophie und der Betrug, mit welq chcm sie unterstühet und ausgebreitet wurde, warm' von einem schädlichen Einflüsse sowohl in die Schicksale, als auch, welches noch mehr zu beklagen war, in die Lehren der christlichen Religion. Der Einfluß , den das ammom'sche System m die Schicksale des Christenthums hatte, war sehr traurig. Es wurde nicht allein die Ausbreitung desselben aufgehalten, sondern es verließen solches auch sehr viele wieder. Man kann mehr als eine Ursache davon angeben. Der Mensch will seine Weisheit nur allzugern seiner eigenen Erfindung und nicht Gott verdanken. Die meisten Gründe, die zeicher wider das Heidenthum gebraucht, worden waren, machten nunmehr .bey dmAnbethern der Götzen keinen so starken Eindruck mehr. Sagten die Christen zu den Heiden: eure Gottetzdienstc sind ungereimt, undla- S 4 cherlich; 28O Geschichte der christlichen Religion. cherlich; denn es ist nur ein Gott: so antworteten die Heiden: ihr schmähet, was ihr nicht kennet. Wir glauben ja, was ihr glaubet, daß nur ein Gott sey; aber wir wissen auch, daß zwischen uns und diesem verborgenen und unbekannten Gölte so viele erhabene Geister sind, die wir nothwendig verehren müssen, wenn wir mit ihm vereiniget werden wollen. Vorher hatte man der Wahrheit bloß die Verfolgung entgegen gesetzt; itzt wollte man die Verfolgung derselben auch mit Gründen rechtfertigen. Beschuldigten die Christen die Heiden der Uneinigkeiten ihrer Philosophen: so räumten die neuern plmoniker diesen Vorwurf zum Theil ein, behaupteten aber dabey, daß die Grundwahrheiten, die den Menschen zu seiner Glückseligkeit führeten, nicht erst von ihrem Jesus offenbaret, sondern zu allen Zeiten und von allen Philosophen einstimmig gelehret worden waren. Allein, Christus hatte so erstaunenswerthe Wunder gethan? Die Vertheidiger des HeidenthumS waren unverschämt genug, wahren Wundern erdichtete Wunder entgegen zu setzen. Allein, die Sittenlehre der Christen war so heilig? Man antwortete, daß die Sittenlehre der heidnischen Religion eben so heilig wäre, daß aber die Priester dieselbe zeither nicht genug eingeschärfet hatten. Die Platoniker plünderten die christliche Moral: sie waren so verschlagen oder so unverschämt, daß sie fast in eben denAuSdrücken sprachen, in welchen die Christen sprachen. Und es ist nicht zu leugnen, daß sich viele unter diesen neuen Weisen einer sehr strengen Lebensart befleißigten. Man wird sich also nicht sehr wundern, daß viele kluge Heiden von der christlichen Religion abgehalten wurden: daß in dein solgc-ttden Jahrhunderte Julian, von seiner Hochach- <» tung Zweyter Abschnitt. 231 tung gegen die Philosophen der ammonischen Schule angetrieben, auö einem gezwungenen Christen cm fanatischer Heide wurde, und einen Iambli- chius, der mehr den Namen eines hochmüthigcn und abergläubischen Träumers, als den Namen eines weisen Mannes Verdienste; lieber als Jesum, seinen Mercurius, das allgemeine Licht der Melr, und einen Arzt der menschlichen Seelen, nennen konnte: daß Ammianus Marcellinus, Chalcidius, Gymmachus, Themistius und andere, Christenthum und Heidenthum mit einander vermischten, oder es für gleichgültig hielten, was sie für einen Gottesdienst annahmen, und also, wie Mosheim saget, eine Religion der Rlugen erfanden. Man wird diese Folgen der ammonischcn Philosophie noch leichter begreifen, weil in dem vierten Jahrhunderte das nicht allezeit heilige 5eben der Bischöfe und gemeinen Christen, der Religion keine Ehre brachte, und die Hochachtung gegen die Philosophen vermehrte,'die sehr oft ihre Widersacher, zum wenigsten dem äußerlichen Ansehen nach, übertrafen. Die Christen lMten im dritten Jahrhunderte sehr wüthende Verfolgungen auszuhalten. Man wird ohne Widerspruch glauben, daß diese neue Philosophie nicht wenig dazu beygetragen habe. Sie machte den Priestern der Götter neuen Muth. Die Abgötterw war nunmehr, wie man sich einbildete, so vernünftig; der öffentliche Götzendienst mit seinen Opfern und Ceremonien war ebenfalls nicht mehr lächerlich; man Mußte nur diesen Dienst und seinen Endzweck verstehen. Zugleich war derselbe von den Beherrschern befohlen; er war alt; man kannte die Zeit nicht mehr, wenn er unter dem menschlichen Ge- S 5 schlechte 282 Geschichte der christlichen Religion. schlechte aufgekommen war; und vermuthlich war er mit dem menschlichen Geschlechte aufgckommeu, weil er so allgemein war: wer sollte nicht eine Religion, die so vernünftig, so sehr durch die Gesetze bestätiget, so heilig, so allgemein, so alt, und zugleich für ihre Priester so vortheilhaft und einträglich war, wider die Neuerungen der Christen schützen, und diese Feinde der Götter und Menschen von der Erde zu vertilg«, suchen? Doch die Verfolgungen, welche diese neue Weisheit der christlichen Religion entweder erwecken, oder heftiger machen konnte, schadeten ihr nicht so viel, -als der Einfluß, den sie in die Lehren und Gebräuche des Christenthums hatte. Man hat gesehen, wie Hfo56„«. sehr Ammoniuö die Lehren desselben nachäffete. Die «/«/?ttFo Ausdrücke, die er von Gott, von der Natur der «^«^--'/. Seele, von dem verderbten Zustande des Menschen, ,>^> ','» der Reinigung seines Geistes, und von den Mit- teln, ihn wieder glückselig zu machen, brauchte, wa- /5 6. ren nicht in der Schule der alten Philosophen erfun- j-.S». den, sondern aus den göttlichen Schriften des neuen Bundes entlehnt. Welcher Philosoph unter den Alten hatte etwas von einer Einheit, und Dreyei, nigkeic Gottes, einem Heilande, von einer Erneuerung, von einer Erleuchtung, von einer Wiedergeburt, von Erzengeln,von Engeln, von Mittlern zwischen der Gottheit und den Menschen geredet? Gleichwohl sieht man diese?susdrücke fast aufallen Seilen eines plorinus, porphyrius,Iamblichius, und der noch spätern alerandrinischen Philosophen erscheinen? Was für einen verführenden Anstrich erhielten alle ihre Irrthümer nicht durch diese Sprache! Glück- Zweyter Abschnitt. 283 Glücklich wäre die Kirche Jesu Christi gewesen wenn ihre Lehrer sich sorgfältiger mider den Betrug dieser Philosophie bewahret, und sich nicht beredet hätten, daß in einer Gegend, wo dasjenige am gif- tigsten war, was das beste äußerliche Ansehen hatte, etwas gesundes zu finden wäre. Sie sind zwar zu entschuldigen, weil AmmoniuS die Absicht seiner Lehre geheim hielt, und damit er von den Christen nicht als ihr offenbarer Widersacher angesehen würde, auch nicdts schrieb. Durch diesen Kunststreich erhielt er das Lob der Christen, und der Heiden. Allein, diese Entschuldigung rechtfertiget sie nicht ganz. Denn sie wollten sich von den Feinden der Religion an Gelehrsamkeit und Einsicht in die ältern Philosophen nicht überwinden lassen, und bildeten sich auch ein, der christlichen Religion einen freyern Zutritt in die Gemüther der Heiden zu öffnen, wenn sie dieselben bereden könnten, daß das Christenthum mehr mit ihren Philosophen übereinstimmete, als sie vielleicht glaubeten. Daher kam es, daß so viele Traume in die christliche Religion als göttliche Wahrheiten aufgenommen wurden, von denen die Offenbarung nichts wußte. Die Aufnahme dieser Träume veranlassete sehr bald die Einführung vieler Gebräuche und Ceremonien, welche die alte ehrwürdige Einfalt des apostolischen Gottesdienstes mehr verunstalteten, als verschönerten. Lasset uns dieses durch einige Beyspiele erweisen. > Die alerandrinische Philosophie verfälschte die christliche Geifterlehre. Die Offenbarung lehreke zwar von den guten Engeln, daß sie dienstbare Geister Gottes, und zum Dienste derer, die die Seligkeit erben sollten, auögesandt wären. Mein, si? lchms 284 Geschichte der christlichen Religion» lehrete nicht, daß ein jedes Land, und ein jeder Mensch seinen besondern Schußengel hatte. Diese Lehre war eine menschliche Erfindung, und sie harte ihre Vergötterung der blinden Hochachtung der Kirchenvater für die neuern platoniker zu danken. Noch vielweniger betrachtete die Offenbarung die Engel und die Seclen der Heiligen als Mittler und Fürsprecher der Menschen bey Gott; sie lehrete vielmehr ausdrücklich, daß nur ein Mittler wäre, der uns mit dem Vater aussöhnen müßte. Wer weis aber nicht, daß dieses in den abergläubischen Zeiten der Kirche die Irrthümer waren, auf welche sich die gottesdienstliche Verehrung und Anbcthung der Engel und der Heiligen gründete? Wer weis nicht, was die Christen des dritten und der nachfolgenden Jahrhunderte für irrige und seltsame Begriffe von der Gewalt der bösen Geister über den menschlichen Körper hatten? Sahen nicht die Asceten die Empfindungen der Wollust als Wirkungen des Satans in ihre Leiber an, die sie nicht anders zernichten zu können glaubeten, als wenn sie ihre eigenen Henker würden. Die Nachrichten von dem Leben der Asceten beweisen solches sehr deutlich. So wurde Anconius, wenn man dem Athanasius glauben will, als er ^»,,/>^. s^h in die Einsamkeit begeben hatte, ein beschauli- ^- Leben daselbst zu führen, von dem Satan durch ^' weltliche Gedanken, besonders durch Flammen der N?ollust, die er in seinen Gliedern entzündete, und endlich durch wirkliche Erscheinungen desselben angegriffen. Wer kann die Fabeln alle erzählen, welche dieser einzige Irrthum gebohren hat? Es ist unglaublich, wie viel selbst die christlichen Philosophen der damaligen und nachfolgenden Zeiten den Zweyter Abschnitt. 285 den bösen Geistern zu thun gegeben haben. Fast alles Unglück, das den Menschen betreffen konnte/ ward ihnen zugeschrieben; sie konnten sogar Donner und Ungewitter verursachen. Der Aberglaube von den Gespenstern und von der Gewalt der Zauberer und Zauberinnen über die Hölle und ihre Geister, welcher die christliche Welt so lange geschrecket hat, führet seinen Ursprung bis zu den Zeiten hinauf, wo die neuern piatoniker alle Unordnungen in der Welt von dem Einflüsse der Dämonen in dieselben herzuleiten pflegeten. Die alcxandrinische Philosophie verfälschet« nach und nach die christliche Lehre von dem Falle und dem Verderben des Menschen. Die neuen plaroniker redeten auch von einem Falle der menschlichen Seelen; sie verstunden aber darunter ihre Neigung zur Materie. Sie sucheten daher mit den Gnostikern die Ursache aller sittlichen Unordnungen in der Materie. Zugleich aber behaupteten sie, daß der menschliche Wille noch Kräfte genug hätte, sich von diesem Falle aufzurichten, und zur Gottheit hinauf zu steigen, wofern er sich nur entschlösse, sich von der Materie loszureißen. Sie schrieben daher die Laster mehr der Nachläßigkeit und Trägheit, als der völligen Unlüchtigkeit des Menschen zum fönten zu. Man brauchet nur ein wenig mit den Kirchenvätern, welche vor den Zeiten des pelagius gelebt haben, bekannt zu seyn, wenn man sich überzeugen will, daß diese Irrthümer unter die Wahrheiten der christlichen Religion sehr bald aufgenommen worden sind. Man braucht nur mit den Schriften des Chrysosto- S. Chry- mus bekannt zu seyn. Dieser so große Lehrer leitet solk. kleine fast alle Laster aus der menschlichen Trägheit her, S^'"" 286 Geschichte der christlichen Religion. X. Th. in und er scheint fast kein anderes natürliches Verde» der Ab- ben zu kennen, als die Schwachheiten und Unordnun- handl. von jn menschlichen Körper, welche durch den Fall unserer Stammaltern auf alle Menschen fortge- Klrchenva- pflanzet worden sind; daß also die Irrthümer des ters« ^elagius von der göttlichen Gnade und den natürlichen Kräften des Menschen nach dem Falle fast aus keiner andern Quelle hergeleitet werden dürfen, als aus den Irrthümern der neuern platoniker. Man weis aus der vorhergehenden Betrachtung , daß sich schon vor dem Ursprünge dieser neuen Weisheit mehr als ein gnostischer Irrthum in die christliche Sittenlehrc eingefchlichen habe. Der Unterschied zwischen vollkommenen und unvollkommenen Menschen, und zwischen einer höhern und niedrigern Frömmigkeit, der eingebildete Vorzug des cheloftn Standes vor der Ehe, die tVürde willkührlicher HVerke der Gottseligkeit, die Heiligkeit des asketischen Lebens, welches in der F^'.ge die Klostergelübde, und so urt- zahlbare Orden von Mönchen und Nonnen gebahr, alles das war in seinem Ursprünge gnostisch. Alle diese Irrthümer in der Sittenlehre wurden durch die Grundsahe der neuern platonischen Philosophie befestiget. Man weis, wie fruchtbar falsche Meynungen zu seyn pflegen. Sie waren Ursache, daß der richtige Begriff von der Buße und Bekehrung verdunkelt wurde. Kaum wurde diese Lehre nicht mehr in ihrer ursprünglichen Reinigkeit den Christen vorgetragen : so wurden der vollgültigen Genugthuung Jesu Christi menschliche Genugthuungen an die Seite gesetzet. Man harte in den ersten Zeiten des Christenthums von den Menschen außer einer aufrichtigen Neue Zweyter Abschnitt. 287 Reue über seine Sünden , außer einem ernstlichen Vertrauen auf die Gnade des Erlösers, und außer dem Vorsahe und Bestreben, heilig zu wandeln, noch besondere Büßungen, al6 Merkmaale von der Aufrichtigkeit der Bekehrung verlanget. Allein, man hielt sie noch nicht für verdienstlich. So bald sich abec die christlichen Lehrer von der platonischen Weisheit bezaubcrn ließen: so legte man einen allzugroßen Werth auf die leiblichen Kasteyungen, Wallfahrten, Mmosen, und andere solche Uebungen, die kein nütze sind. Es gab Christen, die zu bequem waren, dergleichen Büßungen über sich zu nehmen. Man konnte dieser Bequemlichkeit aus mehr als einer Ursache nachsehen. Denn es gab so großmüthige Menschen , die sehr viele willkürliche Werke der Gottseligkeit, und also mehr gethan hatten, als ihnen befohlen war. Sie konnten ja andern, die nicht so reich seyn wollten, einen Theil ihrer Schätze zuflies- sen lassen. So gelanget? denn die Kirche zu der unerschöpflichen Quelle des Ablasses, ein Reichthum, den die apostolische Kirche nicht hatte. Der Ursprung aller dieser Irrthümer wurde vergessen. Gleichwohl sollten sie nicht das Ansehen neuer Wahrheiten haben» Man fand sie nicht in der Offenbarung. Das hatte die Kirche und ihre Hirten in einige Verwirrung setzen können. Allein, es geschahe nicht. Die Offenbarung lehrete nicht alles; man durfte nur seine Zuflucht zu einer geheimen apostolischen Tradition nehmen , und so war ein jeder Irrthum bey seinem Ansehen ohne Mühe zu erhalten. Die alerandrimsche Philosophie veranlassere Mvä.//,-// auch viele falsche Meynungen in der christlichen Lehre ^. ^,^///>c, von dem Zustande des Menschen nach den.^^5 Tode. 288 Geschichte der christlichen Religion. Tode. Jesus und seine Jünger hatten gelehret, daß die Seelen der Heiligen nach ihrer Auflösung von dein Körper gleich in die Sitze der Seligen aufgenommen würden, die Geister der Ungläubigen aber, wenn sie ihre Leiber verließen, an den für sie bestimmten Ort der Quaal kämen. Diese Wahrheit war deutlich offenbaret. 'Allein, nachdem die Christen in der Lehre der neuern Platoniker, daß die Seelen der Helden nach ihrem Tode sich in die Hohe erhüben; die andern aber von der Last ihrer Begierden niedergedrücket würden, und nicht eher zum Lichte gelan- getcn, als bis sie von diesen Unreinigkeiten frey waren , mehr Wahrheit als Irrthum zu finden glaubten: so kam die Meynung unter den Christen auf, daß allein die Märtyrer selig genannt zu werden ver- ^«^«^. ?. die Hände nicht aufgelegt. Der Sieg über ^ ^' den Teufel ist ein Geschenk der freyen Gnade Gorres, das durch Jesum Christum und durch die Wirkung des heiligen Geistes erhalten wird. Wer weis nicht, was man schon in dem dritten und vierten Jahrhunderte dem Zeichen des Kreuzes für eine Kraft beylegte? Glaubte man nicht, daß der Satan vor allen denen, welche sich mit dem Kreuze zeichneten, fliehen müßte, und keine Gewalt hätte, ihnen zu schaden? wenn du dich Cbrysosk. mir dem Zeichen des Rreuzes zeichnest, sagte Pr- Chrysostomus, so wird sogleich alle Macht des "/^A Satans vertrieben. Zeichnest du dich nicht, so S. 406. ^ hast du deine Waffen weggeworfen, und der Satan wird dich, weil du keine Waffen und keine Schurzwehr hast, ergreifen, und dir un- II. Theil. T zahligen 290 Geschichte der christlichen Religion. zahligcn Schade» zufügen. Die neuer» plaro- niker schrieben ihre» Amuleten und Talismanen eine ähnliche Kraft zu. Die Glockenweihe der spätern Jahrhunderte, welche die Kraft haben sollte, die bösen Geister aus der Luft zu vertreiben, hat in eben diesen Irrthümern ihren Grund. Man weis auch, daß in dem dritt"n und vierten Jahrhunderte die 5Lnergumenen, oder sogenannten Besessenen, und die Carechumenen, bey dem Gebethe der Gläubigen nicht zugegen seyn durften, sondern ganz von ih- ncn abgesondert waren. Mau that solches aus keiner andern Ursache, als weil man sich einbildete, die Teufel, von denen man voraussetzte, daß sie die Leiber dieser Unglücklichen noch in ihrer Gewalt hätten,' könnten durch eine solche Absonderung mehr von den Gläubigen zurückgehalten werden, als wenn m mus, und im dritten Jahrhunderte porphyrius, Iamblichius und andere platonikcr, waren die scharfsinnigsten Feinde der Christen. Und dennoch sahen sie sich von der Gewalt der Wahcheit zu dem Bekenntnisse gezwungen, daß Jesus wirklich die Wunder gethan hätte, welche seine Bckenncr von ihm erzähieten. Eben so sahen sie sich gezwungen, einige Ehrfurcht für seine Person zu bezeigen, weil sie glaubeten, daß sie niemand für so wciseLeute halten würde, als sie zu seyn scheinen wollten, wenn sie ihm eine Ehre rauben wollten, die so sehr bestätiget war. Und was für ein überzeugender Beweis 296 Geschichte der christlichen Religion. für die Güte und Hoheit unserer Religion ist nicht ihr unternommener, aber fruchtloser und unglücklicher Versuch, das Heidenthum durch eine sowohl kühne als elende Nachahmung des Christenthums heiliger und ehrwürdiger zu machen? Erwagt man dieses: so muß man sehr wenig wissen, was vernünftig über eine Sache urtheilen heißt, wofern man nicht über die Unverschämtheit der neuern Feinde des Christenthums erstaunen will. Denn ein Collin, Ü)ool- ston, und andere, welche diesen nicht einmal an die Seite gesetzet werden dürfen: weil sie ihnen nur an Verwegenheit, nicht aber an der Scheingelehrsamkeit und erträglichen Schreibart gleichen, und die, welche von ihm die Verspottung der Religion gelernet haben, treiben ihre Feindschaft gegen unsern Erlöser noch viel weiter , als ein Celsus oder Iamblichius. Diefe neuen Porphyre, wenn sie anders so stolz seyn und auf einen solchen Namen Anspruch machen dürfen, treten nach siebzehnhundert Jahren auf, und wollen einem Jesus, von dem sie, gesetzt, daß auch seine Religion nicht mit so vielen unüberwindlichen Beweisen bestätiget wäre, als weise Leute wo nicht mit Furcht und Zittern, zum wenigsten doch mit Zurückhaltung und Bescheidenheit urtheilen sollten, nicht einmal den Ruhm eines klugen und ehrlichen Menschen lassen, sondern unterstehen sich, wenn es einem Christen erlaubt ist, auch mit Abscheu solcher Lasterungen zu gedenken, ihn zum Gaukler und Betrüger zu machen; sie, die einen jeden Heiden, der sich nur einigermaßen merkwürdig gemacht hat, über die Wolken heben und vergöttern. Sie können gewiß die Heiden und ihre Priester, welche das Christenthum gleich in seiner Geburt durch die grausamsten Zweyter Abschnitt. 297. sten Verfolgungen zu vertilgen sucheten, nicht beschuldigen, daß sie leichtgläubig und einfältig gewesen waren, und sie thun es auch nicht- Porphyr und Iamblichius sind in ihren Augen die größten Geister. Diese alle aber beschuldigten unsern Jesum keines Betruges. Einige sagten zwar, daß er durch die Magie, welche sie nicht allein für eine wahre, sondern auch für eine göttliche Kunst hielten, feine Wunder verrichtet hatte; sie verehreten ihn aber fast alle als einen weisen Mann, und ein Alexander Ge- verus, ein römischer Kaiser, setzte sogar sein Bildmß zu den Bildnissen eines Orpheus und Apollomus, und erwies ihm beynahe eben die Ehre, die er seinen Hausgöttern erwies. Alles dieses geschah im zweyten christlichen Jahrhunderte, wo es so leicht gewesen wäre, Betrügereyen zu entdecken. Kann man wohl in den neuern Zeiten einen Betrüger zeigen, der zwey Jahrhunderte in dem Besiße der Ehre, kein Betrüger zu seyn, gelassen worden wäre? Siebzehnhundert Jahre hingegen bleibt unser Erlöser in dem ruhigen Besiße der Ehre, die erstaunlichen Wunder verrichtet zuhaben, welche unsere Offenbarung erzählet. Selbst die ältern Juden, die Nachkommen seiner Mörder, welche nicht einmal die ungereimtesten und die ganz kindischen Aussprüche und Erzählungen ihrer Vorfahren untergehen lassen, sondern heilig von einem auf den andern fortpflanzen, gestehen die Wahrheit dieser Wunder ein. Endlich kommen, nach mehr als anderthalb tausend Jahren, gewisse weise Leute, die sich weise zu seyn rühmen; denn man weis von ihnen eben nicht, daß sie große Erfinder oder Verbesserer irgend einer Wissenschaft oder Kunst wären; ein Lollm, und vornehmlich ein T 5 N>osl- S98 Geschichte der christlichen Religion. U?oolston, wie die Götter der Schaubühne aus Maschinen, und sagen uns, daß Jesus, seine Feinde, seine Freunde, seine Bekenner und Verfolger, Betrüger und Betrogene gewesen wären. Man fraget sie, woher ihnen denn diese Weisheit komme, ob sie vielleicht, weil doch ihr Ausspruch eine historische Begebenheit betrifft, neue unbekannte Zeugen aufgefunden haben, welche der Aufmerksamkeit so vieler Jahrhunderte entgangen seyn möchten. Sie antworten : Die Geschichte Jesu Christi und seiner Wunder sey ihnen verdächtig; darum sey der Stifter unserer Religion ein Betrüger. Wenn das nicht Wahnwitz und Unsinn ist: was mag wohl Weisheit seyn? Unglücklich und mitleidenswerth sind die, welche an solche Orakel glauben! H^^^^O^^^^^^^OO^^^^^ Von den irrgläubigen Secten des dritten christlichen Iahrhundertes und dem Einflüsse ihrer Irrthümer in die Religion. ^^m ersten und zweyten christlichen Jahrhunderte erzeugte, wie wir gesehen haben, die morgenländische Philosophie die meisten irrigen Lehrbegriffe, von denen fast jeder einen zahlreichen Anhang fand, so sehr auch die Religion Jefu Christi darinnen verfälscht seyn mochte. Auch die Irrthümer, die das unschuldigste Ansehen hatten, und sich unter die Wahrheiten des geoffenbarten Glaubens einschlichen und von den Rechtgläubigen selbst mit ihnen verknüpft wurden, waren ihrem Ursprungs nach gno-> Zweyter Abschnitt. 299 stisch. Diese falsche Weisheit hörte noch in dem dritten Jahrhunderte des Christenthums nicht auf, eine fruchtbare Quelle irriger Lehrbegriffe zu seyn, ungeachtet sie an der jungem platonischen Philosophie eine heftige Widersacherinn erhielt. Denn ein plo- tinus kündigte den Gnostikern den Krieg an, und der Ruhm der neuen alerandrinischcn Weisheit, welche der morgenlandischen ihren vornehmsten Grundsah , nämlich den Irrthum, daß alles aus Gott ausflösse, entwendet hatte, erfülletc fast den ganzen Erdkreis. Und dennoch gab es noch sehr zahlreiche Gemeinen von Valeminianern, Marcionircn, Ophicen, iLnkrariren, und andern Gnostikern, welche die christliche Religion nach ihren vorgefaßten Irrthümern crklareten. Es entstunden selbst einige neue gnostische Parteyen. Denn man behauptet nicht ohne Grund, daß die tAcesairen, Arabia- ner, Valesianer, und Hieraciten ihre Irrthümer aus der morgenländischen Weisheit geschöpfet haben. Jedoch alle diese Secten, von denen vielleicht einige ihr Daseyn bloß von einem falschen Gerüchte erhalten haben, machten wenig Aufsehen. Desto berühmter wurde die Secte der Manichäer, die das System der alten Perser von zwey gleich ewigen einander widerwärtigen Grundwesen erneuerte, eine Lehre, welche Zoroaster und seine Nachkommen, die Gnostiker, in einen feinern Unsinn aufzulösen und so vorzutragen gesuchet hatten, daß sie weniger Schwierigkeiten zu haben schien. Aber auch die aler- cmdrinische Philosophie war nicht ganz unfruchtbar. Die ^oetianer, Sadellianer und Samosare- nianer, bcstritten einige Grundwahrheiten der christlichen Religion. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Zoo Geschichte der christlichen Religion. Häupter dieser Parteyen in dieser Schule unterrichtet, und durch platonische Lehren von dem göttlichen Wesen, seinen Eigenschaften und Offenbarungen auf ihre Thorheiten verleitet worden sind. ?'» Wenn Origenes von den jAcesaiten redet: so beschreibt er sie als eine Secte, welche die Kirche erst H"/^- 6- zu seiner Zeit beunruhiget habe. Aptphanius, A/'/'' nach welchem sie auck Gjlei.ier, Ampsenier und 7/ieo.?c»,'. ^? ' ' ^ >- ?, - ^ ^ 5 /. ^ampsaer genannt worden seyn sollen, machet sie t. 6. 7. alter. Sie haben , wenn sein Zeugniß gilt, ihren /.^». welcher ihrer gedenkt, nichts gewisses von ihrem />?. Stifter, dem Valeo, oder Valens, nichts zuverlässiges von der Zeit seiner Irrthümer, und nichts bestimmtes von dem Inhalte seiner falschen Lehren. Er vermuthet nur wegen seines arabischen Namens, daß er mit gewissen Irrgläubigen zu Bacathus jenseits des Jordans, welche man in der basigen Gegend Gnostiker genannt hätte, einerley Irrthümer ge- Ichret haben würde. Von diesen erzählet er, daß sie alle ?s2 Geschichte der christlichen Religion. alle verschnitten waren, und alles Fleischessen, so lange, als diese Zerstümmelung des Körpers nicht vorgenommen würde, für Sünde erkläreren. Beydes verräth den Gnostiker. Wenn es wirklich eine solche Secte gegeben hat: so darf man sich über ihren frühzeitigen Untergang nicht wundern. Es werden sich wenige finden, welche Luft hatten, die Philosophie bis auf eine solche Zerstümmelung des Körpers zu treiben. H>//>öau. Von den Hieraciren ist es gewisser, daß sie gno- H. <5,. c.l. stisthe Meynungen in den Lehrbegriff der christlichen 6.6?. c.,. Religion aufgenommen haben. Hierax, der Stifter ihrer Secte, war ein ägyptischer gelehrter Christ , von Leontopolis gebürtig. Er besaß einen sehr scharfsinnigen Verstand; er war in der Arztneykunst geübt ; er war ein Liederdichter; er wußte die Schriften des alten und neuen Testamentes auswendig, und arbeitete verschiedene Auslegungen darüber aus. Sein Wandel war eingezogen, und seine Sitten un- tadelhaft. Sein Glaube von der Dreyeinigkeit siimmete mit der Lehre der Kirche überein, ob es gleich nicht unwahrscheinlich ist, daß er sich in dem ?iv'tt./. 5. Vortrage dieses Geheimnisses einiger unbequemen Ausdrücke und Gleichnisse bedienet haben mag. Er hielt den Melchisedek des alten Testamentes für den heiligen Geist. Von der Ehe behauptete er, daß sie uur in den Zeiten des alten Bundes erlaubet gewesen wäre. Er untersagte sie aber denen, welche in den Zeiten des neuen Bundes lebeten, und foderre von ihnen ein ehelofes Leben und eine völlige Enthaltung vom Fleische und Weine. Er wollte daher zur Gemeinschaft der Kirche nur Jungfrauen, Mönche, Witwen und solche verheiratete «Personen zugelassen wissen, welche Zweyter Abschnitt. ZOz den Rechten des Ehestandes entsagten. Die Kiib» der nahm er in seinen Himmel nicht auf, wenn sie vor dem Gebrauche ihrer Vernunft starben. Vielleicht behauptete er auch den Irrthum der Gnostiker, daß der leib der Auferstehung nicht fähig wäre» Alle diese Meynungen flössen aus dem Grundsätze, daß die Materie für die Grundursache des sittlichen Vösen gehalten werden müßte. Die Hochachtung, in welcher ihn sein unsträflicher Wandel gesehet hatte, erwarb ihm viele Anhänger, besonders unter den Mönchen und Einsiedlern. Diese hatten am wenigsten die Gabe, seine Irrthümer zu widerlegen- Man kann solches aus der Erzählung schließen, in welcher man den berühmten Einsiedler, Macarius, zur Beschämung eines Hieraciren , den er nicht mit ^ c. Gründen widerlegen konnte, einen Todten auferwecken , und den Irrgläubigen zu einem gleichen Wunder auffodern läßt. Die Kirche hatte von dieser Partey wenig zu besorgen. Eine Secte kann sich nicht lange erhalten, die ihre eigene Fortpflanzung zum Verbrechen machet. Die N?am'chaer wurden berühmter, breiteten 6^/- »n- sich weiter aus, und erhielten sich länger. Sie sind terdemAr- fast unter allen Irrgläubigen am heftigsten ange- ^am!«? klaget, und am sorgfältigsten und umständlichsten s«^^. vertheidiget worden. Wir wollen uns Mühe geben, ^ nichts von ihnen zu sagen, was nicht die strcngcste ^«m'c6. historische Prüfung aushalten kann. Ihr Stifter, ^ 5' Manes, oder Main, war unter dem persischen Ge- ^llubw^ biethe gebohren. Man ertheilet ihm das Lob einer ew.G. großen Scharfsinnigkeit, einer starken Einbildungs- -,TH. z B. kraft, einer einnehmenden Beredsamkeit, und 6z Absch. einer vorzüglichen Erfahrung in allen den Künsten, an ZO4 Geschichte der christlichen Religion. an welchen die Morgenländer einen Geschmack fanden. Er war ein Philosoph, ein Sternseher, und ein Maler. Er war mehr ein kühner Theorist, der allzusehr an seinen philosophischen Einfällen hing, als ein Schwärmer oder vorsetzlicher Betrüger. Einige Geschichtschreiber lassen ihn vor der Ausbreitung seines Lehrbegriffes das Amt eines Presbyters in der Kirche verwalten. Man würde sich den Verdacht der Ungerechtigkeit nicht ohne Grund zuziehen, wenn man sich zum Anklager seiner Sitten aufwerfen wollte. Alles, was man von seinem moralischen Charakter mit Gewißheit sagen kann, läuft darauf hinaus, daß er grausam mit seinem Körper umgegangen sey, und aus einer Eitelkeit^ vor der sich die wenigst-n bewahren, welche sich durch ihre Scharfsinnigkeit -und Gelehrsamkeit über die Sphäre gemeiner Geister erheben, seine Meynungen für unfehlbar gehalten habe. Er starb eines gewaltsamen Todes, und es ist am wahrscheinlichsten, daß er ein Märtyrer seines LehrbegriffeS geworden sey. Er hinterlich schriftliche Denkmaale seines verirrten Verstandes, von denen die Zeit nur sehr kleine Ueberbleibsel erhalten hat. Mani scheiterte an einer Klippe, an welcher schon alle Philosophen der Heiden, und besonders die Gnostiker, Schiffbruch gelitten hatten. Er wollte der Vernunft den Ursprung des moralischen Uebels begreiflich machen, ohne den Willen des Menschen als die Ursache desselben anzugeben. Er sah, daß es ungereimt wäre, Gott für die wirkende Ursache aller der UnVollkommenheiten zu halten, die in der W?lt wahrzunehmen waren. Wenn er den gnostischen Lehrbegriff von dem Ursprünge der Welt gekannt hat, Zweyter Abschnitt. ZOZ hat, so muß er bemerket haben, daß das System von dem Ausflusse aller Wesen aus Gott, und dem Ursprünge des Uebels, durch die weite Entfernung der letzrcn Ausflüsse von der Hauptquelle des Lichts, die Schwierigkeiten nicht hebe, die er gehoben wissen wollte. Er beredete sich, daß, wofern nur eine ein- zige, höchst einfache, vollkommene und gute Ursache ^ vorhanden wäre, alle ihre Wirkungen ihrer Natur ^' und ihrem Willen ciemäß seyn würden; ihre einfache Beschaffenheit, Vollkommenheit und Güte würde aus dem ganzen Weltbaue hervorleuchten; alles würde unsterblich, heilig, glückselig und ihr vollkommen ähnlich seyn. Weil er das Gegentheil in der Welt - fand: so glaubte er, daß unö die Erfahrung selbst, nämlich die in der Welt befindliche Vermischung des Bojen und des Guten, auf die Lehre von zwey gleich ewigen Grundwesen sührete. Er erneuerte also das System der alten Perser vom Oromasda und Ari- man, ein System, das nichts erkläret?. Er war den Naturlehrern zu vergleichen, welche die Kalte aus einer kaltmachenden Kraft, die Wärme aus ei- - ner erwärmenden Kraft, und andere Erscheinungen der Natur aus gleichen unbekannten Kräften mit einer Zuversicht herzuleiten wissen, als wenn sie die Natur über ihren geheimsten Wirkungen überfallen hätten« Es giebt also einen Gott, die einzige Ursache alles Guten, und eine eben so ewige Ursache des Bösen, die Materie, die Hyle, welche in einer stets unruhigen Bewegung gewesen seyn und die Teufel, den Wind, die Finsterniß, das Wasser, das Feuer und den Rauch erzeuget haben soll. So weit ist nun ^»^.c-c-»/?. der Philosoph. Nun dünkc er sich die Ursache des ^«». Guren und die wahre Ursache des Böse» zu wissen. ^ ^' II. Theil. U Aliein. ZO6 Geschichte der christlichen Religion. Allein, er vermuthet die Frage nicht, woher denn die Vermischung dcS Guten und des Bösen komme. Hier verläßt ihn seine Vernunft, und er sieht sich gezwungen, zur Beantwortung der Frage, wenn die Vermischung des Bösen und deS Guten in der Welt ihren Anfang genommen habe, seine Phantasie zur Hülfe zu rufen. Der Philosoph höret auf zu sprechen, und der schwülstige Morgenlander redet von einem Einfalle der Materie in das Reich des Lichtes; von einem Kampfe des gütigen Grundwesens mit dem Bösen; von einem guten Geiste, oder einem ersten Menschen, den das gute Wesen gleich nach der Gewaltthätigkeit seines Widersachers herabgesandt haben soll, wider die Finsterniß zu streiten; von der Seele, die er in diesem Kampfe in der Materie zurücklassen müssen; von einem lebendigen Geiste, welcher dem ersten Menschen zum Beystande geschickt werden mußte, von den Gestirnen, welche dieser aus den übriggebliebenen Seelen erschaffen haben sollte; von Schiffen, auf welchen die Menschen in die Oberwelt gelangen können, und von andern solchen Träumen. Man betriegt sich, wenn man diese Träume für sinnreiche Vorstellungen schwerer philosophischer Sätze halt. Sie sind gewiß nichts weiter, als ein verblümtes Geständniß, daß Mani die Vermischung des Guten und des Bösen in der Welt nicht erklä» ren könne. Und wenn man ihn auch noch so etwas Vernünftiges dadurch sagen lassen will: so kann es weiter nichts, als der Saß seyn, daß Gott einmal aus einer unbekannten Ursache für gut gefunden habe, die Seele, ein himmlisches Wesen, mit der Materie zu vereinigen, und dadurch die Schöpfung der Welt zu Stande zu bringen. Unterdessen fand Mani Zweyter Abschnitt. 307 Mani so viel Geschmack an seinem Romane, daß er ih» für die Weisheit unv Vernunft selbst hielt, und alles als Thorheit unv Irrthum verwarf, was ihm widersprach. Der gute Gott hatte also die Welt gebildet, und zwar in der Absicht, die Lichttheile, welche das böse Grundwesen aus seinem Gebiete an sich gerissen hatte, von der Materie wieder abzusondern. So bald dieses die aus der Maren'e erzeugten bösen Naturen wahrnahmen: so dachten sie auf Mittel, diesen Raub unter sich ;u behalten. Sie hatten vordem den ersten Menschen, der von Gott wider sie herabgesandt war, ge'chen, und noch konnten sie seine Gestalt in der Sonne erblicken. Nach diesem Muster bildeten sie den menschlichen Körper, denen Seelen, die noch auf der Erde waren, zum Fallstricke. Diese ließen sich verführen, und begaben sich darein; und als sie von dem Vergnügen, welches ihnen die sinnlichen Gliedmaßen gewähreten, berauscht wurden, liessen sie sich verleiten, ihr Geschlecht fortzupflanzen/ schmiedeten sich also selbst ihre Ketten, und baueten sich ihre eigene Gefängnisse. Daß also die menschlichen Seelen so elend sind, das machen die Körper, in welche sie durch den Weg der ehelichen Fortpflanzung gerathen. So viel Unglück verursachet die Ehe ! Lasset uns also dieselbe fliehen, damit wir keine Seelen unglücklich machen; lasset uns den natürlichen Trieb, den wir dazu fühlen, unterdrücken! Und was kann denselben eher schwachen, als ein strenges Leben, als häufige Fasten, und alle Enthaltung vom Fleische unv Weine? Alles, was den Sinnen schmeichelt, muß als eine Pest vermieden werden, damit das Gefängniß, worein uns die Lust unserer Aeltern U s ver'-' ZvZ Geschichte der christlichen Religion. verstoßen hat, desto eher wieder zerstöret werden möge. Man mag die Schöpfung und den Ursprung der Welt erklären, wie man will, wofern man die Materie für den Sitz des Uebels hält: so muß man ausweine solche Sittenlehre geführct werden. In allen diesen Säßen fand die Vernunft des Man: nichts anstößiges. Er beredete sich, daß Gott nicht besser gerechtfertiget werden könnte, als durch dieses System, obgleich sein guter Gott sehr ohnmächtig oder unvorsichrigseyn mußte, daß ihm sein Widersacher einen Theil seines Lichtes rauben konnte, und zugleich nicht sehr gütig gegen die Seelen, daß er ihre Fortpflanzung in menschlichen Körpern nicht verhinderte. Genug, der Philosoph glaubte, den Schlüssel zu einem Geheimnisse gefunden zu haben, das noch niemand aufgeschlossen hatte. Mani ward ein Christ, aber ein solcher, der seinen Vorurtheilen getreu bleiben wollte. Die christliche Sittenlehre redete vom Tödten des Fleisches, vom Betäuben des Leibes, von der Kreuzigung der Lüste, von Armen, die der Erlöser selig gesprochen hatte, von der Keuschheit und andern Pflichten, die auf die Beherrschung deö Körpers abzielen. Dieses schien dem N7am so sehr mit seinen Grundsähen überein zu kommen, daß er kein Bedenken trug, Christum für denjenigen zu halten, der von Gott gesandt worden wäre, die Welt von diesen Wahrheiten zu unterrichten. Die Wunder, die von ihm auf der Erde verrichtet worden waren, und ein unstreitiges Ansehen hatten, bekräftigten ihn in seinem Glauben. Allein, die evangelischen und apostolischen Schriften enthalten so viele Stellen, welche seinem Systeme offenbar entgegen sind? Jesus hat die menschliche Natur angenommen; er ist selbst von ,, einer Zweyter Abschnitt. 309 einer Jungfrau gebohren worden; er hat gelitten; er ist gestorben. Wenn das wahr ist: so muß der menschliche Körper an sich so böse nicht seyn. Die Schriften der Apostel verheißen uns eine Auferstehung unferer Leiber; sie beziehen sich auf die Schriften des alten Bundes, und diese versichern, daß Gott vormals den Juden für den Gehorsam gegen sein Gesetz viele irdische und sinnliche Glückseligkeiten versprochen habe. Wenn das alles wahr ist: so muß die Materie so schlimm nicht seyn, als der Philosoph meynet. Auf wessen Seite soll nun die Wahrheit seyn? Auf der Seite des Mani, oder sollen die Apostel mehr Glauben finden? Eigentlich sollten freylich die Apostel glaubwürdiger seyn: allein in dem Falle hatte der Theorist sein System vergeblich aufgeführet. Was flw ein Verlust für einen scharfsinnigen Mann! Eine übertriebene Gefälligkeit der Menschen gegen ihre eigenen Gedanken ist der ge» wohnlichste Weg, die Wahrheit entweder zu verwerfen, oder zu verfalschen. Mani erfand also Ausflüchte wider die Zeugnisse der apostolischen Schriften. Er behauptete, daß sie verfälscht worden waren, und daß Christus nur ein Mensch zu seyn geschienen hätte. Der Sohn Gottes, sagte Turbo, ein Schüler des Mani, kam und nahm die Gestalt eines Menschen an. Er zeigte sich den Menschen, als ein Mensch, ob er gleich kein Mensch war, und diese hielten ihn auch für einen gebohrnen Menschen. Er hatte freylich am Kreuze gehangen: allein es war keine wahre, sondern nur eine sinnbildliche Kreuzigung gewesen. Er hatte uns dadurch die Wunden unserer Seele zeigen, und uns lehren wollen, wie wir uns von den Banden der Materie U z los- ziO Geschichte der christlichen Religion. lesfesseln, und zu unserer wahren Freyheit gelangen müßten. Das alce Testament widersprach seinen Sätzen; also war es keine göttliche Offenbarung, fondern die Eingebung eines bösen Geistes. Eben deswegen gab es keine Auferstehung des Fleisches. Kein Theil der Materie kann der Seligkeit würdig werden. Die Seelen stehen auf, wenn sie von fleischlichen Gesinnungen gereinigct worden, und sie kehren nach vollbrachter Reinigung wieder zur Welt des Lichts zurück, aus welcher sie herabgekommen sind. Mani glaubte ein letztes Gericht, aber er verstund darunter bloß die zukünftige Zerstörung dieser Welt durch das Feuer. Von denen Seelen, welche sich nicht nach seinen Vorschriften von der Materie reinigen wollten, behauptete er, daß sie so lange in andere Körper wandern müßten, bis sie sich zu dieser Reinigung entschlössen. Das Geheimniß der Dreyeinigkeit war eine Lehre, welche seinen Grundsätzen nicht offenbar widersprach; darum nahm er dasselbe an. So war der christliche Lehrbegriff des ZVani beschaffen! Kann man wohl so gewisse und so nöthige Wahrheiten verschweigen? Mani breitete seinen Lehrbegriff aus, und fand viele Anhänger. Er führte darauf unter seiner Secte einen diesem philosophischen Romane gemäßen, obgleich noch ganz einfachen und ungekünstelten Gottesdienst ein. Er bestund in Bechübungen, in Vorlesungen der Schriften des neuen Testamentes, aus welchen sie die Stellen cmS- liießen, welche ihren Lehrsätzen zuwider waren, und in öffentlichen Warnungen vor dem Laster. Sie rauften, wie die Rechtgläubigen; sie hielten auch das Abendmahl. Die ganze Secte wurde in Auser- rvählte Zweyter Abschnitt, zu wählte und in Zuhörer eingetheilet. Unter jenen scheinen ihre gottesdienstlichen Lehrer verstanden zu werden, welche ein weit strengeres leben führen mußten, als die lehtcrn, und von diesen unterhalten wurden. Diese Secte breitete sich schnell aus. Ihre Irrthümer gicngen aus Persien nach Aegypten, und aus Aegypten nach Africa hinüber. Man rechnet unter seine berühmtesten AnHanger denBuddas, Thomas, Tyrba oder Turbo, den papus und Sisinniuö. Man weis, daß Augustinus viele Jahre nacheinander dieser irrgläubigen Partey ergeben gewesen ist. Zu seiner Zeit waren unter ihnen Faustus und Lormnarus, ihrer Gelehrsamkeit wegen, besonders berühmt. Sie erhielten sich viele Jahrhunderte, ungeachtet von den christlichen Kaisern die strengsten Geseße wider sie gegeben wurden. Sie waren ehrlos, und die Landesverweisung war die gelindeste Strafe, welche ein Manichaer zu erwarten hatte. Die Bischöfe waren unter den christlichen Kaisern allzuherrschsüchtig, als daß sie sich zu den Irrenden hatten herablassen sollen. Der weltliche Arm war ihr unüberwindlicher Beweisgrund. Unterdessen war Maui unter seinen AnHangern doch in einem so großen Ansehen, daß sie sein Andenken jahrlich an einem besondern Feste feyerlich erneuerten. Der gute Gott des N7ani und sein böses Grund« wesen waren, wie gesagt, nichts als der d)roma> und der Ariman der alten Magier. Die Lehren dieser alten Philosophen waren unter den Persern noch nicht auögestorben; und dieses war woh! auch eine Ursache von der schnellen Ausbreitung der mani- chäischen Partey. Hierzu kam das milzsüchtige Na. U 4 tureZ zi2 Geschichte der christlichen Religion. turel der Morgenländer; die Menge irrgläubiger Parteyen, welche ihre falschen Lehrbegriffe aus ahnlichen Quellen herleitete»; die Hochachtung, worein sich 5Nani durch sein strenges Leben, durch seine Gelehrsamkeit und Beredsamkeit geseht hatte; der Mangel einer ordentlichen und richtig bestimmten Vernunftlchre, und vornehmlich die Neigung der Menschen, solche Lehrsätze begierig anzunehmen, welche ihrem verderbten Herzen schmeicheln. Mani ist hier mit seinem Lchrbcgriffe und seiner Secre so vortheilhaft abgebildet worden, als es nur die Wahrheit zugelassen hat. Es ist eine wahre und der Menschlichkeit ganz unanständige Grausamkeit/ in einem jeden Irrgläubigen einen Narren, Betrüger, und Ruchlosen zu finden. Dieser Perser hat das Unglück gehabt, seines Irrthums wegen für alles dreyes gehalten zu werden. Selbst in eines Mosheims Abbildung, welcher doch mit der menschlichen Schwachheit so viel Mitleiden hat, ist er nicht viel besser, als ein Unsinniger, gezeichnet, und ein Veausobre, welcher sich doch seiner so sehr annimmt, und in seinen ungereimtesten Lehrsätzen etwas Vernünftiges zu finden weis, erkläret ihn für einen über- wiesenen Betrüger. Das gelindeste Urtheil ist gemeiniglich in der Geschichte das sicherste. Er war ein übelangeführter Philosoph, der seiner Vernunft und Phantasie zu viel Rechte einräumte, und mit dem Verderben des menschlichen Willens nicht bekannt genug war. Man kann also Yen Mani entschuldigen. Allein, man sündiget auch nicht, wenn man seinen Lehrbegriff für keinen bloß theoretischen Irrthum, für keine bloß speculativische Ausschweifung des Verstandes hält. Ein Mensch, der noch nicht Muth genug Zweyter Abschnitt. ziz genug hat, seine Seele selbst für häßlich zu halten, muß freylich nicht eben ein großer Verbrecher seyn: Aber ist er deswegen auch ein Heiliger vom Range? Ist derjenige, der seinen Willen für ganz unschuldig ansieht, und die Ursache seiner lasterhaften Ausschweifungen allein in der Materie suchet, nicht eilel? Und kann der Stolze ein tugendhafter Mann im strengsten Verstände genannt werden? Wenn es gewiß ist, daß der Werth aller Tugenden von dem Werthe der Absichten und Bewegungsgründe abhangt: so wird man gegen die manicbäische Tugend wenig Hochachtung haben müssen. Eine jede Gewaltthätigkeit, welche der Manichaer an seinem Körper begeht, ist ein Opfer, das er nicht Gott, sondern seinem Hochmuthe bringt. Er verdanket seinem Erlöser nichts, als den Unterricht, wie er sich von seinem Körper losreißen soll. Die Demuth, die einer jeden edlen Handlung erst die größte Schönheit ertheilet, mangelt ihm. Wenn er in Laster verwickelt wird: so ist solches sein Unglück, und nicht seine Schuld. Wer hat wohl ein Recht, unsere Bosheit uns zum Vorwurfe zu machen, wenn die unglückselige Seele wider ihren Willen in den Kerker des Leibes verschlossen wird, und von seiner tyrannischen Gewalt zur Sünde gezwungen ist? Wer kann einer so traurigen Nothwendigkeit entfliehen ? Diese Folgen des manichaischen Lehrbegriffes waren ohne Zweifel Ursache, daß der Vortrag der Rechtgläubigen wider diese Secte so heftig war. Wenn man gegen den Beklagten billig seyn muß: so muß man es nicht weniger gegen den Kläger seyn. Die Irrthümer der Noerianer, Sabellianer und Samosarenianer waren von einer andern Art. Sie nahmen die meisten Lehren des Christenthums U 5 an. ?i4 Geschichte der christliche« Religion. «in, ohne sie so offenbar zu tierfälschen, sie irrsten nur in den Lehren von der Dreyeinigkeit, und von dem Unterschiede der Selbständigkeiten in der Gottheit. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die aleran- brinische Philosophie, zum wenigsten bey den Ga- dellianern und den Gamosatenianern die Quelle ihrer Abweichung von der heiligen Lehre der Offenbarung gewesen sey. Man behauptete auch in dieser Philosophie eine gewisse Art der Dreyeinigkeit in der Gottheit. Allein, ihre Lehrer wußten selbst nicht, was sie sich darunter vorstellen sollten. Nach einigen waren diejenigen, welche die Dreyeinigkeit Gottes ausmachen sollten, wirkliche selbststandige Auspuffe der Gottheit, aber von ihr selbst verschieden »md abgesondert; nach andern waren es nur verschiedene Eigenschaften, die man sich bloß an Gott gedenken sollte, und noch nach andern bloß verschiedene Arten der Offenbarungen des göttlichen Wesens. Hier haben wir den Schlüssel zu den falschen Meynungen dieser verschiedenen Irrgläubigen von der Dreyeinigkeit Gottes. Sie wollten mit ihrer schwachen einge- , schrankten Vernunft einen Ocean ausschöpfen, und dieses so große Geheimniß begreifen. Ihre Verwegenheit verursachete ihnen einen gefährlichen Schwindel, und sie verlohren sich in Irrthümern. ?7. lTsoems, von dem die LTloerianer ihren Namen TAeo- haben, war von Smyrna, oder wie andere wollen, ^ von Ephesus gebürtig, und erneuerte den Irrthum ^^Mtt'. praxeas. Er lehrete nämlich, daß im göttli- ^ez-./Vo^. chen Wesen kein innerlicher Unterschied der Personen 6^/. statt fände, sondern daß sich ein, und eben der Gott ,5. tt/- ,^ch seinen verschiedenen Verrichtungen bald den 5 n. B^^., bald den Sohn, bald den heiligen Geist 5 ' nen- Zweyter Abschnitt. n »ennete. Wenn man dem Hippolitus und Epipha- ^e->.c. „ins glauben will: so antwortete er, als er von ^ ^- den Presbytern um sein Glaubensbekenntniß befragt wurde : Ich bethe nur einen Gott an, und kenne außer ihm keinen andern. Dieser Gorr ist von der Jungfrau Maria ein Mensch gebot)- ren worden; er hac für uns gelirren, und ist für uns gestorben; einen andern Gott kenne ich nicht. So bezeichnen denn die Namen, Varer, Sohn, und Geist, nach diesem irrigen Bekenntnisse, nichc etwa wirklich drey von einander verschiedene Personen in der Gottheit, sondern bloß verschiedene Offenbarungen und Wirkungen derselben. Der Gott 77>ko Africaner, der auch einer neuen sehr zahl- ^ ^. ^'2. reichen Secte den Namen gegeben hat, ein Schüler ö?.,. 6«. des LTloems gewesen sey, und wo nicht ganz genau M/,7.c.5 eben den Irrthum, zum wenigsten doch einen, Fa/?/.-/>.6?. der ihm sehr nahe komme, vorgetragen habe. Allein, ^-Ftt^.A ^ schont doch die Meynung des Gabellius von dem Lehrbegriffe des Noetus einigermaßen unterschieden zu seyn. So viel ist unstreitig, daß er keine eigentlichen Gelbststandigkeiren oder Personen in Gott angenommen habe, weil er sich mit dem^oetus beredete, daß eine solche Lehre wider die Einheit Gottes stritte. Man kann aus denen Verglcichungen, welche er von dem Geheimnisse der Dreyeinigkeit Gottes brauchte, schließen, daß er den Vater für das Wesen, den Sohn aber und den heiligen Geist für beson- Zweyter Abschnitt. 317 dere Kräfte der Gottheit gehalten habe. Er bekannte wohl drey Personen in Gott: aber er leugnete die einer jeden eigenthümliche Selbstständigkeit. Er verglich den Vater der Gestalt oder dem runden Körper der Sonne, den Sohn der Kraft zu erleuchten, die in der Sonne ist, und den heiligen Geist ihrer Kraft zu erwärmen. Gabellius hatte seinen Irrthum und dieses Gleichniß in der Schule der Plato- nikcr erlernet. Er wollte nicht einräumen, daß aus seiner Meynung die Lehre flösse, daß der Vater gelitten hätte. Und man muß so gerecht seyn und einräumen, daß diese Lehre keine offenbare Folge seiner Meynung sey. Denn der Strahl des Lichts, der ein Zimmer erleuchtet, ist nicht die Sonne selbst, ungeachtet der Strahl in der Sonne nichts Selbständiges ist. Von dem heiligen Geiste lehrete er, daß er die Kraft des Vaters wäre, welche sich in die Herren der Gläubigen herabsenkete, und das geistliche Leben in ihnen entzündete. Er unterschied sich von dem ^oecus dadurch, daß er die Namen, Vater, Sohn, und Geist nicht für die Namen erklärete, welche bloß verschiedene Offenbarungen und Verrichtungen bezeichnen sollten, sondern daß er sie für wirkende, obgleich nicht für selbststandig von einander verschiedene Ursachen derselben hielt. Von den Rechtgläubigen unterschied er sich dadurch, daß er dem Worte und dem heil. Geiste keine Selbstständigkeit ließ, sondern sie beyde mit dem Vater vermenget?. Sein Erlöser war ein bloßer Mensch; mit dessen Seele sich nur eine göttliche Kraft vereiniget hatte, welche ihn zu seiner grossen Unternehmung geschickt machte. In seinem Systeme bedeuteten die Namen lVort und Geist mehr, als bey dem Noerus: und viel weniger, als bey Z!8 Geschichte der christlichen Religion. bey den Rechtgläubigen. So sind die Schicksale derjenigen beschaffen, welche sich immer über die Gränzen der Vernunft hinauswagen, und sich nicht erinnern, daß sie Menschen sind, welche nicht einmal begreifen, wie sie sind, und dennoch begreifen wollen, wie Gott ist!,. ' F^/ den Weihrauch; er war der erste, der sich in der ^' Kirche einen besondern bischöflichen Thron aufrich- ^ ' ^' ten ließ. Es scheint auch, daß er sich über die be- Nachbarten Bischöfe der kleinen Städte eine gewisse Oberherrschaft angemaßet habe. Allein, vielleicht hat man auch die Anklage wider ihn zu weit getrieben. Soviel ist gewiß, daß er bey den Großen angesehen, und bey dein gemeinen Volke beliebet war. Er predigte oft, er war ein guter Redner, und, wie es scheint, ein Kunstrichter. Lirmilian, ein damaliger berühmter Bischof, brauchte eine große Maf- sigung gegen ihn, und das gereicht bey billigen Gemüthern dein angeklagten Bischöfe zum Vortheile. Anterdeß war seine Lehre der Offenbarung nicht gemäß. Er leugnete die göttliche Natur in Jesu Christo; und dieser Irrthum verführete ihn, den Unterschied wirklicher Personen in der Gottheit zu leugnen. Sein Christus war ein auf eine wunderbare Art erzeugter Mensch, der von einer besondern Einwohnung dcc Gottheit den Namen des Sohnes Gottes erhalten hatte, ^ wie etwa ein HauS nach dem Namen desje- Zweyter Abschnitt» 319 ni'gen genannt wird, der es erbauet hat. Der Sohn Gottes hatte also eigentlich zuerst in seiner Empfangniß zu seyn angefangen; er wurde aber aus einem bloßen Menschen, wenn man sich so ausdrücken darf, ein vergötterter, und also mehr, als ein gemeiner Mensch. Er war ewig, aber nur in sofern, als er in der Allwissenheit Gottes, und in seinem ewigen Rathschlusse da gewesen war. Unter dem Worte, das Jesus seyn sollte, verstund er weiter nichts, als die Wirkung, durch welche Gott in ihm wohnete; und nach diesen Begriffen erklärete er die ewige Zeugung des Sohnes. Sein heiliger Geist war die Gnade Gottes, welche den Aposteln zur Verkündigung und Ausbreitung der Apostel mitgetheilet worden war. Seine Lehre hob also das Geheimniß der Dreyeinigkeit auf, und raubete unserm Erlöser die Ehre der Anbethung. Dieses scheint die Ursache gewesen zu seyn, die ihn bewog, die Lieder, welche in den goltesdienstlichen Versammlungen Christo zu Ehren abgesungen wurden, abzuschaffen, und ganz neue Gesänge einzuführen. Die Rechtgläubigen widersetzten sich einer so irrigen Lehre in ihrer Geburt. Ihre Bischöfe versammelten sich nach Antiochien: allein Paulus hatte sein System so künstlich und so zwcydeutig eingerichtet, daß er die versammelten Väter mit seinem Glaubensbekenntnisse hintergieng. Er wurde erst auf einer zweyten Versammlung der Bischöfe seiner Irrthümer, welches merkwürdig ist, nicht von einem Bischofs, sondern von einem Malchion, einem Presbyter, überführet, seines BischofthumcS für unwürdig erkläret; und weil er nicht weichen wollte, durch einen Befehl des Kaisers Attreliamis, an wel-- chc» Geschichte der christlichen Religion. chen sich die Rechtgläubigen gewandt hatten , wirklich abgesetzt. Sollte vielleicht dieser Malchion von ihm beleidiget worden seyn, weil er eine Hauptperson auf dieser Kirchenversammlung vorstellen? Seine AnHanger, welche nach seinem Namen auch paulianer und paulianisten genannt wurden, erhielten sich bis in das vierte Jahrhundert. Benl-- lus,ein Bischof von Bostra, welcher behauptete, daß Christus vor seiner Menschwerdung nicht Gett gewesen wäre, scheint die Lehre des Paulus von Sa- mosata unter gelindem und besser lautenden Ausdrücken vorgetragen zu haben. Allein, Origencs über^eu- gete ihn seines Irrthumes, uno brachte ihn zu dm Rechtgläubigen zurück. Die Kirche Jesu Christi war zu beklagen, daß sie von einer irrgläubigen Parrey nach der andern beunruhiget und zerrüttet wurde. Die Geschichte lehret, daß sie immer einigen Einfluß in die reine Lehre der Religion hatten. Die neuen gnostischcn Secten und die manichäischen Irrthümer trugen gewiß etwas dazu bey, die irrigen Begriffe der Rechtgläubigen von den Kasteyungen des Leibes, von dem Vorzuge des ehelosen Standes, von der Ehe unv von der Enthaltsamkeit zu befestigen. Man bewog Gnostiker, man beredete Manichaer, auf die Seite zu treten. Man verlängere nicht, daß sie ihre Vorurtheile vom Ehestande und von den Kasteyungen des Leibes verlassen sollten. Man ließ ihnen die Folgen, wenn sie nur die Grundsähe fahren ließen. Man weis, daß alle diese Secten, welche in Grundwahrheiten irreren, aus philosophischen Irrthümern erzeuget morden waren. Diejenigen christlichen Lehrer, weiche sie widerlegten , begnügeten sich nicht damit, daß Zweyter Abschnitt. 521 daß sie gezeiget hätten , wie wenig die lehren der Irrgläubigen mit der Offenbarung übereinstimmeten. Man wollce sie auch durch die Philosophie bestreiken, und daher kam es, daß man sehr oft etwas für eine Wahrheit ansah, und unter die Lehren der Offenbarung einschob, was doch auch ein Irrthum war, und der Offenbarung widersprach. Lassec unS dieses durch einige Beyspiele erweisen. Die Manichaer behaupteten, daß der Mensch, wegen der Tyranney des bösen Grundwesens über ihn, nothwendig und gezwungen sündigte. Tituö von Vostra suchte sie mit dem Satze zu bestreiken, daß der Mensch mit einer vollkommenen Freyheit gegen das Gute und Böse Vegabet wäre, ein Irrthum, den er in der alerandrinischen Schule gelernet hatte. Man vergaß das den Menschen angeerbete Verderben beynahe. Die Ausübung der Tugend kam nach seiner Meynung bloß auf die Ausbildung der Vernunft an. Neben wir die Vernunft, zur Ausü-- M, So/??, düng der Tugend, saget er: fo werden wir sie -t^». gesund und stark machen. Ucben wir sie nicht; ^.^.L?,,, verabsäumen wir diese nöthige Sorgfalt: so ^ ^ wird sie schwach und verdirbt. LLs kömmt nur auf uns an, uns unserer Vernunft allezeit zu bedienen. lVie Vauverständige immer ihren Riß vor Augen haben, wenn sie bauen: so muß sie immer die Richtschnur der Tugend seyn. Man muß mit ihr umgehen, wie mit dem Saamen, den man auf den Acker aus-- streuet. lVcnn er nicht in Acht genommen wird, fo verfaulet er. Wie sehr werden hier die natürlichen Kräfte des Menschen erhoben! Wie sehr wird das natürliche Verderben verringert und nieder- II- Theil. X geschla- Z?.2 Geschichte der christlichen Religion. geschlagen! Wo ist denn bey dem Menschen die weise Vernunft, der er nur folgen darf, wenn er tugendhaft seyn will? Wenn der Mensch diese weise Vernunft hat: wa6 bedeuten alödenn die Worte der Schrift: das Dichten des menfthlichen Herzens ist böse von Jugend ans? Denn was ist das Dichten des Menschen, als seine Vernunft, die so verfinstert ist, daß ein Mensch, als ein natürlicher Mensch, nichts vom Geiste Gottes vernimmt^ Gleichwohl haben fast alle Kirchenväter aus dem dritten und vierten Jahrhunderte, bis auf den pelagius, den Satz als eine göttliche Wahrheit vertheidiget, daß es auf die freye Wahl des Menschen ankomme, ob er tugendhaft oder lasterhaft seyn wolle. Die Menschen können nur allzuleicht fallen, wenn sie sich nicht ganz allein an die deutlichen Aussprüche der Offenbarung halten, und sich auf einen so schwachen Rohrstab lehnen , als eine unerleuchtete Ver- nunft ist. Die Manichäer verwarfen die Ehe. Didy- M,». mus wollte sie widerlegen: allein er war so unglück- «?-c«»?/ licl^ daß er selbst von der Wahrheit abwich. Denn ?-t'F"2->F- erMch behauptete er, daß alle Ehen der Altväter sündlich gewesen waren, weil Christus dazumal durch seine Ankunft die Sünden der Menschen noch nicht weggenommen gehabt hatte. Also waren die Ehen erst nach der Erscheinung Jesu Christi unsündlich geworden. Weiter gab Didymus den Manichä- ern so viel zu, daß die Ehe Sünde genannt werden könnte, wofern sie mit dem ehelosen Leben verglichen würde. Vergleicht man, saget er, die Ehe mir der IlMgfrauZchafr, und will sie deswegen Sünde nennen: so ist sie solches doch nicht an sich » Zweyter Abschnitt. 32z sich selbst und ohne Einschränkung. Daher behcul- ptet er auch, daß die Iungfrauschaft etwas göttliches sey, und unrer den Tugenden den höchsten Rang einnehme. Hat nicht in diesem und den folgenden Jahrhunderten fast die ganze rechtgläubige Kirche diese falsche Meynung für eine göttliche Lehre angenommen; und ist sie nicht selbst von denen beybehalten worden, welche doch tue Ehe zu einem Sacramenre gemacht haben? Es mög sey!?, dH man dieses Irrthums wegen nicht in der Gefahr war, die Seligkeit zu verlieren; darum war doch aber der Irrthum Irrthum. Die t7!oerianer, Gahellianer, und paulia^ nisten leugneten den Unterschied der Personen in der Gottheit, weil sie ihrer Liebe zur heidnischen Weltweisheit allzuviel Freyheit ließen. Eben diese Leidenschaft verleitete selbst viele Rechtgläubige zu unvorsichtigen Ausdrücken von diesem Geheimnisse, welche den Unterschied der Personen in Gott zu groß machten. Zum wenigsten war das eine schlimme Folge, daß man von den Geheimnissen der Religion nicht mehr allein in der Sprache der Schrift, sondern auch in der zweydeutigen Sprache der damaligen Philosophen redete, den Gebrauch der Kunstwörter in den Vortrag der geoffenbarten göttlichen Wahrheiten einführet?, und dem großen Haufen dadurch die Erlernung einer an sich selbst so leichten Religion, als die christliche ist, schwerer und weitlauftiger machte. Alle diese Uebel wurden durch andere Zwistigkck- ten der Rechtgläubigen unter einander vermehret und vervielfältiget. Sie stritten zwar über keine Grundwahrheiten des Christenthums; die meisten Screi- T 2 tigrei. Z24 Geschichte der christlichen Religion tigkeiten betrafen entweder kirchliche Gebräuche, oder die Vorzüge und Verdiensie gewisser Personen. Allein, sie trugen doch zu dein Verfalle der wahren Religion so viel bey, daß sie entweder neue Irrthümer veranlassten, oder schon angenommene falsche Meynungen mehr befestigten. Die folgende Betrachtung wird solches erweisen. GKTSKKSSBKKSN5BKSB55S^^^) Von den Irrthümern, welche die Zwistigkeiten der Rechtgläubigen in dem zweyten und dritten christlichen Jahrhunderte entweder einführeten, oder befestigten. ^^ie Eintracht, welche unter den ersten Christen «^-^ herrschete, war unstreitig eine von den vornehmsten Ursachen der schnellen Ausbreitung und Aufnahme der wahren Religion unter den Heiden, und sie würde ohne diese Eintracht sich weder wider die grausamen Verfolgungen der Abgötter, noch wider die Unternehmungen der Irrgläubigen haben erhalten können. Möchte doch diefe glückliche Eintracht, welche die Glieder der wahren Kirche in dem ersten Jahrhunderte so genau mit einander vereinigte, nicht in den folgenden Zeiten zuweilen unterbrochen worden seyn! Es ist wahr, man sieht die Christen noch im zweyten und im dritten Jahrhunderte einig in den Grundwahrheiten des Glaubens. Allein, wie sehr wäre es zu wünschen, daß weder über die Feyer des Osterfestes, noch über die Kirchenbuße der Zweyter Abschnitt. 325 der Gefallenen, noch über die Gültigkeit der von den Irrgläubigen ertheilten Taufe, noch über die Nechtgläubigkeit des Origenes, in der Kirche gestritten worden seyn möchte! Selten hat es in der Kirche eine Streitigkeit gegeben, unter welcher nicht der wahre Glaube gelitten hätte. Eine kurze Betrachtung dieser berühmten Uneinigkeiten unter den Rechtgläubigen im zweyten und dritten Jahrhundertc wird diese traurige Anmerkung bekräftigen. Der erste Streit, welcher die glückliche Eintracht der Kirche störete,war der Streit über die Zeit, wenn das Andenken der Auferstehung Jesu Christi geftyert werden sollte. Die Christen waren mit einander darinnen einig, daß der Triumph des Erlösers über den Tod und das Grab eine so große Wohlchat für das menschliche Geschlecht wäre, daß unter seinen Anbethern das Andenken derselben alle Jahre feyer- lich erneuert zu werden verdienet?. Die Apostel selbst hatten die Feyer eines so festlichen Tages verordnet. Allein, die Zeit war der Willkühr der Christen überlassen worden. Die Gemeinen in Asien feyerten diesen Tag mit den Juden, den vierzehnten März; es mochte dieser Tag auf einen Sonntag fallen, oder nicht. Die Gemeine in Rom hingegen hatte den Gebrauch, dieses Fest allezeit an dem nächsten Sonntage nach diesem Tage zu feycrn, vielleicht in der Absicht, sich von den Jüden auch hierinnen zn unterscheiden; vielleicht auch darum, weil dieses Fest, wenn man der asiatischen Gewohnheit folgete, nicht allezeit auf den ersten Tag in der Woche fiel, an welchem Christus wieder aus dem Grabe hervorgegangen war. Diese Abweichung der christlichen Gemeinen in einer gleichgültigen Gewohnheit von ein- T z ander Z26 Geschichte der christlichen Religion. ander, hatte lange Zeit keinen schädlichen Einfluß in ihre Eintracht, so lange noch niemand einen Vortheil dabey hatte, die christliche Freyheit einzuschrän- N-M. ken. polycarpus von Gmyrna hatte zwar den c. /> c», Bischof Anicec m Rom zu bereden gesuchet, sich nach ^. K//e/i. ^ Gewohnheit der asiatischen Geineinen zu richten, " ^ weil der Evangelist Johannes derselben gefolget war. Anicec hatte nicht allein behauptet, daß er die in seiner Gemeine hergebrachte Gewohnheit nicht andern könnte, sondern sich auch Muhe gegeben, den PolycarpuS zur Aenderung des asiatischen Gebrauches zu bewegen. Allein, ob sie gleich beyde nicht von ihrer Gewohnheit abwichen: so wurde doch der Kirchenfriede durch diese Verschiedenheit nicht unterbrochen ; sie blieben vielmehr im Glauben und in der Liebe mit einander vereiniget. Unter dem römischen Bischöfe Victor aber veranlassete diese Verschiedenheit in der Feyer des Osterfestes zuerst einen heftigen A/e,'. Streit. Victor, ein hitziger und herrschsüchtiger r -Geist, verlangte von den asiatischen Gemeinen als "'ne Schuldigkeit, daß sie das Osterfest zu einer Zeit F^c/. mit ihm feyevn sollten. Er gieng in seiner Hitze weiter, als es einem christlichen Bischöfe anständig war. Weil nicht allein pslycrates von EphesuS, sondern auch die meisten andern asiatischen Bischöfe bey ihrer Gewohnheit zu bleiben für nöthig hielten, damit keiner sich unterstehen sollte, die Freyheit der Christen einzuschränken: so schloß er alle diese Gemei- nen von der Gemeinschaft mit seiner Kirche aus. Es ist wahr, daß die Hitze dieses Bischofes fast von allen andern christlichen Gemeinen gemisbilliget wurde. Gleichwohl aber hatte dieser Streit keinen geringen Einfluß in die christliche Religion. Denn warum > . ver- Zweyter Abschnitt. 527 verlangte Victor, daß sich die asiatischen Gemeinen „ach der Gewohnheit seiner Kirche richten sollten? Und warum gaben die asiatischen Gemeinen, aus Liebe zum Frieden, nicht nach? Was war anders Ursache daran, als die Meynung, daß in alten Gebrauchen der Kirche keine Aenderung erlaubt wäre? Wurde dadurch nicht der in der Folge so schädliche Irrthum bekräftiget, daß alle alte Gebräuche zum Wesen der Religion gehöreten? Die Streitigkeiten darüber kennten nicht anders, als durch die Tradition entschieden werden; denn in der Offenbarung war hier» über keine Entscheidung zu finden. So gelangte denn die Tradition nach und nach zu ihrem der Wahrheit so schädlichen Ansehen; erst galt dasselbe nur bey Uneinigkeiten über Gebräuche, und endlich wurde ihr auch das Nichteramt in Streitigkeiten über Lehren anvertrauet. Hatte ein Bischof einen Einfall, den er für eine göttliche Wahrheit gehal^ ten wissen wollte, und er konnte durch die Offenbarung nicht bekräftiget werden: so berief er sich nur . auf eine geheime mündliche Sage, die er von seinen Vorfahren empfangen haben wollte. Es herrschte schon, wie in den vorhergehenden Betrachtungen angemerket worden ist, gegen das Ende des zweyten IahrhunderteS,und im dritten, die schlimme Gewohnheit, den Irrgläubigen nicht das Ansehen der Schrift, sondern das Ansehen der rechtgläubigen Gemeinen entgegen zu sehen. Weit wichtiger war der Streit über die Nothwendigkeit der Kirchenbuße bey denen, welche entweder in den Verfolgungen den Glauben verleugnet hatten, oder in andere Verbrechen gefallen waren. Es ist nichts gewisser, als die Wahrheit, daß über T 4 öffent- Z28 Geschichte der christlichen Religion. öffentliche Verbrechen und Aergernisse von denen, welche sie begangen haben, und gleichwohl wieder an den Wohlthaten der Kirche Antheil nehmen wollen, eine wahre und öffentliche Reue bezeuget werden müsse. Auf diese Wahrheit gründete sich die Kirchenzucht der ersten Christen, deren Einrichtung vornehmlich den B'schöfen überlassen wurde. Diese führeten verschiedene Kirchenstrafen ein. Diejenigen Verbrecher, welche wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden wollten, mußten sich nicht allein zu einer öffentlichen Reue und Abbitte verstehen, sondern sich auch die Ausschließung von dem Abendmahle, und die Absonderung von den Glaubigen bey dem Gebethe der Kirche auf gewisse Zeiten gefallen lassen. Man legte ihnen strenge Kasteyungen des Leibes auf; man foderte, daß sie in traurigen Kleidungen erscheinen, daß sie weinen, daß sie die Glaubigen um Vergebung anflehen, daß sie sich die erlaubten Ergeßlichkeiten des Lebens versagen, und durch andere solche äußerliche Merkmaale die Aufrichtigkeit ihrer Reue an den Tag legen sollten. Waren ihre Verbrechen außerordentlich schwer: so wurden sie zuweilen nicht eher wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen, als wenn sie sich in einer augenscheinlichen Gefahr des Todes befanden. Die Zeit der Kirchenbuße wurde selten verkürzt ; es müßten denn die Märtyrer und Beten- ner Vorbitten für die Büßenden eingelegt haben; denn man hatte zu viel Ehrfurcht gegen dieselben, als daß man ihre Fürsprache nicht hatte sollen gelten lassen. Allein die heiligsten Gebrauche sind nicht allein sehr oft vielen Misbräuchen unterworfen, sondern werden Mch eben so oft übel verstanden/ und veranlassen Zweyter Abschnitt. 329 lassen daher große Irrthümer. Die Klrchenbuße gereichte nach und nach den Gefallenen nicht bloß zur Beschämung und Besserung; sondern oft auch zur öffentlichen Beschimpfung. Darum weigerten sich sehr viele, besonders in der Verfolgung des Decius, sich den Kirchenstrafen zu unterwerfen. Denn man würde gewiß zu hart urtheilen, wenn man glauben wollte, daß sich alle Gefallene der Unterwürfigkeit gegen die Kirchenbuße, bloß aus einem völligen Mangel aller wahren Reue über ihre Sünden, geweigert hatten. Sie sucheten daher die Vorbitten der Mär- H-/>?. tyrer, und diese waren aus Eitelkeit, von welcher"^ Ne»-. auch die Heiligsten nicht allezeit rein sind, allzufrcy- gebig und verschwenderisch mit ihrer Fürsprache. Die Bischöfe, besonders in Africa und in Rom, wollten diese Vorbitten nicht annehmen, weil ihnen eine allzugroße Nachsicht gegen schwere Verbrecher den Verfall der Kirchenzucht zu dräuen schien. Diejenigen nun, welchen diese Fürsprache der Märtyrer nichts half, legten den Bischöfen ihr Verhalten als eine Verachtung derjenigen aus, welche ihr Leben für die Religion Jesu Christi aufopferten, und diese waren so schwach, daß sie sich durch betrügerische Lobsprüche und falsche Vorstellungen wider die Bischöfe aufbringen ließen. So entstund denn der Streit über die Nothwendigkeit der Kirchenbuße zur Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen, in welchem sowohl von den Märtyrern, als auch von dem carthaginensischen Bischöfe, dem Cyprianus, einem heftigen Redner, viele hitzige Briefe geschrieben wurden. Dieser Streit schlug in der carthaginensischen Gemeine zu einer öffentlichen Trennung aus. Z7!o- varus, ein Presbyter in Carthago, welcher von sci- T 5 nem Zzo Geschichte der christlichen Religion. !MN Bischöfe vieler Verbrechen beschuldiget wurde, sonderte sich von CyprianS Gemeinschaft ab, maßte sich selbst ein bischöfliches Ansehen an, und machte einen gewissen Lelicißimus zum Diaconus. Allein, er sah sich bald genöthiget, nach Rom zu gehen. Unterdessen dauerte die Trennung in Africa fort, bis endlich des Cyprians Gegenpartey den Fortunatus zu ihrem Bischöfe erwählte. Man wird begierig seyn, zu wissen, warum die Gefallenen so sehr auf die entweder erschlichene, oder unvorsichtig ertheilte Vorbitte der Märtyrer trotzten. Woher kam das so sehr starke Vorurthcil für dergleichen Vorbitten? Die unbestimmten und zweideutigen Ermahnungen zur Standhaftigkeit in Verfolgungen, und die Lobsprüche des Märtyrertodes hatten unter Unverständigen den Irrthum veranlasset, daß die Leiden der Bekenner des Namens Jesu Christi '/-?,«//. verdienstlich wären. Tertullian hatte sogar das 5ca^>. c./> Märtyrerthum einen Schlüssel zum Himmel genannt. 5 7- Glaubet jemand, daß der Himmel verschlossen sey, sagte er, so muß er sich erinnern, daß Gott die Schlüssel dazu dem Helgen perrus, und durch ihn der Rirche gegeben habe. Ein jeder wird sie bey sich tragen, welcher Jesum Christum bekennet, wenn er um seinen Glauben gefragt wird. Dieses war in so weit wahr, als man nichts weiter unter diesen Worten verstund, als daß Gott diejenigen gewiß mit der Seligkeit krönen würde, welche ihren Glauben an Jesum durch ihre Beharrlichkeit in Verfolgungen bezeigten. Allein, in diesem Verstände schloß ihr Schlüssel zum Himmelreiche nur für sie, und nicht für andere. Doch so dachte der große Haufe nicht, er ward von diesen und Zweyter Abschnitt. ' M «nd andern ähnlichen Lobsprüchen der Märtyrer zu dem Irrthume verleitet, daß ihre Leiden verdienstlich waren. Hatten sie nun den Schlüssel zum Himmel: warum sollten sie nicht auch den Schlüssel zur Kirche haben? Diese Meynung ward dadurch noch mehr bestärket, daß man das Ansehen und die Gewalt ihres Gebeths bey Gott allzusehr erhob. Man muß merken, daß hier nur von solchen Märtyrern die Rede sey, welche entweder noch hingerichtet werden sollten, oder andere leibliche Martern ihres Glaubens wegen ausgestanden hatten, ob sie gleich dem Tode noch entgangen waren. Denn daß man ihre besondere Fürsprache auch nach dem Tode noch erhalten könnte, davon wußte man damals noch wenig. Vielleicht wurde der angeführte Irrthum noch nicht so deutlich gedacht, als er hier ausgewickelt worden ist; er hatte auch wohl das Ansehen einer göttlichen Wahrheit noch nicht erhalten: allein, der Grund zu diesem Irrthume war durch die halb gnostische, halb platonische, und von vielen Kirchenlehrern schon cmgcnommene Mepnung geleget worden, daß der Mensch mehr thun könnte, als ihm befohlen worden wäre, weil es eine zwiefache Art der Heiligkeit, eine erhabenere und eine niedrigere gäbe? Genug, man kann daraus sehen, woher der Troß der Gefallenen auf die Vorbitten der Märtyrer seinen Ursprung nahm. Man sieht auch, daß man bis in diese Zeiten zurückgehen müsse, wenn man die ersten Spurender abergläubischen Ehrfurcht der nachfolgenden Zeiten gegen die Märtyrer entdecken will. Die Gründe, mit welchen sich die Bischöfe den Federungen der Gefallenen und Märtyrer widerscH- ten, waren so beschaffen, daß sie einem andern schon genieß zz2 Geschichte der christlichen Religion. gemeinen Irrthume noch mehr Ansehen gaben. Man war mit einer öffentlichen Abbitte der Gefallenen, und mit der Zusage, künftig nicht mehr zu sündigen, nicht zufrieden- Warum drang man so sehr aufKa- steyungen, und andere solche in ihrer Natur zwey- deutige Merkmaale der Buße? War es bloß die Besorgniß, daß die Kirchenzucht allzusehr fallen, und den Lastern eine weite Thüre aufgethan werden möchte ? Behaupteten sie bloß darum die Nothwendigkeit der gewöhnlichen Kirchenbuße, weil sie den Trotz der Gefallenen auf die Vorbitten der Märtyrer für ein offenbares Merkmaal einer noch anhaltenden Unbuß- fertigkeit ansahen? Vielleicht widersetzte man sich ihnen aus diesen Gründen. Allein, sie waren nicht die einzige und vornehmste Ursache dieser Widersetzlichkeit. Wir wollen nicht sagen, daß der Eifer für das bischöfliche Aiisehen etwas dazu beygetragen haben kann, oder daß die Ehrfurcht für einmal eingeführte Gewohnheiten der Kirche auch eine Ursache davon sey. Der vornehmste Grund, wodurch man die Nothwendigkeit der Kirchenbuße behauptete, war wohl der Irrthum, daß man durch dieselbe Gott eine Art der Genugthuung für seine Sünden leistete. Tel-/«?/. zusagen, nur das Ceremoniel oder die Sprache der Buße. Es ist nicht allezeit die Folge, daß man nicht denken kann, weil man seiner Sprache nicht mächtig ist, oder daß man allezeit denke, wie man redet. Es verhält sich mit der Buße nicht anders. Es kömmt nicht allezeit auf den Ausdruck, aber allezeit kömmt es auf die Wahrheit der Reue an. Wie viele Menschen giebt es , die in der größten Traurigkeit und Niedergeschlagenheit, weder klagen noch weinen können! Wenn nun eben diese Menschen, deren Aeußerliches den Ausdruck der Schmerzen und der Reue nicht annimmt, sich doch nothwendig diesem Ceremoniel der Buße unterwerfen sollten: würden sie sich nicht zwingen müssen, Heuchler zu werden? Oder wird vielleicht ein anderer bußfertiger seyn, den die Natur weichmüthiger gebildet, und seine Augen fähiger gemacht hat, einen unerschöpflichen Vorrath von Thränen auf alle Vorfälle aus- ZZ6 Geschichte der christlichen Religion. aufzubewahren? Und gesetzt, daß sich die Reue eines Menschen über seine Ausschweifungen nicht allein durch eine öffentliche und vollkommene Aenderung des Lebens, sondern auch durch solche willkühr- liche Kennzeichen äußern müßte: so müßten doch dieselben nicht als wirkende Ursachen der göttlichen Befriedigung über ihn, sondern nur als Bedingungen der Vergebung angesehen werden. Man könnte vielleicht den Tercullianus und seinen Bewunderer, den (Lyprianus, entschuldigen: man könnte nämlich sagen, daß sie unter der Genugthuung durch Büßungen nichts anders verstanden hatten, als eine Verbindlichkeit, die Reue des Herzens auch durch äußerliche Merkmaale zu erkennen zu geben. Allein, würde eine solche Entschuldigung wohl völlig gegründet erfunden werden, wenn man erwägen wollte, was die mit so großem Beyfalle unter den christlichen Lehrern angenommene Philosophie der plaroniker für Begriffe von den Mitteln, sich mit der Gottheit zu vereinigen, schon in der Kirche ausgebreitet hatte? Gesetzt aber, daß man auch mit dieser Ausflucht diese großen Lehrer der Kirche von dem Verdachte des Irrthumes rettete: so bliebe doch das immer eine gegründete Klage, daß sie durch ih> re unbestimmten und übertriebenen Ausdrücke von der Buße die Unverständigen verführet hätten, unter ihrer Genugthuung durch die Unterwerfung gegen Kirchenstrafen eine wirkliche, wahre, und eigentliche Genugthuung zu verstehen, weiche zureichend ist, den göttlichen Zorn zu besänftigen. Dieser Irrthum schwächet die Ehrfurcht, das Vertrauen, die Liebe und die Dankbarkeit gegeii den Erlöser. Wenn man sich einbildet, selbst genugthun zu können: Zweyter Abschnitt. 337 nrn: so empfindet man so sehr nicht, wie unschäß- bar die Genugthuung und Gnade eines andern sey. Man wird vielleicht sagen; welche Zeiten haben unter den Christen einen größern Eifer in der Ehrfurcht, in dem Vertrauen, in der Liebe und in der Dankbarkeit gegen den Heiland gesehen, als Terrulüans und Cyprians Zeiten? Also können wohl eben diese Zeiten eines solchen Irrthumes nicht beschuldiget werden. Dieser Einwurf, so scheinbar er auch scnn mag, entscheidet nichts für den Cyprianus und seine Zeitgenossen, weil derMensch nicht allezeit, wenn er sich in einem Irrthume verwickelt, auch die Folgen desselben annehmen muß. Man hat ja schon Beyspiele genug gesehen, daß er oft Grundsätze annimmt, und doch ihre natürlichsten Folgen leugnet. Es kann zugegeben werden, daß der falsche Begriff von der Genugthuung, welcher durch den Streit über die Schulvigkeic der Gefallenen, sich der Kirchenbuße zu unterwerfen, entweder veranlasset oder vielmehr bestärket wurde, nicht gleich im Anfange das Verdienst des Erlösers erniedrigte. Er war aber doch der Grund von den Indulgencien der nachfolgenden Jahrhunderte. Hatte die Kirche die Macht, den Sündern die Genugthuung vorzuschreiben , die sie Gott leisten sollten: so harre sie auch die Macht, ihnen die vorgeschriebene Genugthuung unter gewissen Bedingungen zu erlassen. So schloß man, und nachdem dieser Irrthum durch die oicraco- lische Gewalt der Bischöfe unter die geoffenbarten Wahrheiren aufgenommen worden war, und sich mit dem halb gnostlfthen, halb platonische,, Irrthume vereiniger hacre, daß alle Seelen der Menschen , weiche in dem gegenwärtigen Leben nicht voll- II. Theil. kommen Zz8 Geschichte der christlichen Religion. kommen genug geworden wären, nach dem Tode noch eine gewisse FcuerreinjczmiI aushalten müßten: so erzeugeren oder bestätigten sie beyde den neuen falschen Lehrsatz, daß bey der Kirche die Gewalt wäre, diese Leuerreinigung der Seelen unter will- kührlick)en Bedingungen entweder zu verkürzen oder auch ganz aufzuheben. Wie fruchtbar diese neue Lehre war, das werden die spatern Jahrhunderte lehren. Das ivaren die traurigen Folgen dieses Streites über die Kirchenbuße. In Carthago behaupteten also einige wider die Rechtgläubigen, daß man den Gefallenen die Wiederaufnahme in die Kirchengemeinschast nicht zu schwer machen, sondern ihnen den Frieden ertheilen müßte, wenn die Abgefallenen zur Kirche zurück- S. L,arv- kehreten. In Rom entstund ein anderer Streit ners Mr Kirchenbuße. Ein Presbyter, auch No- ^r"evan' vatus genannt, behauptete, daß man die Abgesalle- Geschichte, von aller Gemeinschaft der Glaubigen auf der 2TH-ZB. Erde ausschließen müßte. Dieses verursachte in der römischen Gemeine eine öffentliche Trennung. Nach dem Märtyrertode des FabianuS war Cornelius zum ^ o'- />- ^- Bischöfe in Rom erwählet worden. Wider diese Wahl setzten sich einige Priester unter dem Vorwande, daß er allzueilsertig gewesen wäre , die Gefallenen zur Gemeinschaft der Kirche zuzulassen. Novatus wurde von ihnen mit Zuziehung einiger andern Bischöfe zum Bischöfe verordnet. Man kann ihm weder eine große Gelehrsamkeit, noch den Ruhm eines tugendhaften Wandels streitig machen. Cornelius machte freylich seinem Gegenbischoft Vorwürfe; dieser aber antwortete ihm in einem gleichen Tone. Man ist ungerecht gegen ihn, wenn man ihn beschult- Zweyter Abschnitt. 339 schuldiget, daß er den Gefallenen alle Hoffnung zur Seligkeit abgesprochen habe. Er behauptete bloß, daß es nicht bey der Kirche stünde, denen Vergebung zu ertheilen, welche die Religion verleugnet, oder andere so ungeheure Verbrechen begangen hatten. Er verlangte, daß man sie zwar nicht in die Kirche wieder aufnehmen, sie aber doch zur Büß.' ermähnen, und sie bloß der Gnade Gottes überlassen sollte. Novarians Irrthum erschütterte keine einzige Wahrheit der christlichen Religion. Wenn seine Kirchenzucht gleich zu strenge war: so trieb sie doch keinen offenbar zur Verzweifelung, wofern es wahr ist, daß die Vergebung der Sünden und die darauf gegründete Seligkeit nicht von der Gewalt der Kirche, sondern von Gott abhängt. Die Kirche sollte freylich offenbare Verbrecher von der Gemeinschaft am Altare ausschließen. Allein, wer hatte ihr die Macht ertheilet, diese Ausschließung zu einer Kirchenstrafe für die Bußfertigen zu machen, und sie nach Gefallen zu verlangern und abzukürzen? Die Anhänger des Cornelius irreten sowohl, als die Novarianer. Beyde thaten unrecht, daß sie sich über Meynungen Irrgläubiger schalten, über welche sie uneins seyn konnten, ohne den Grund des Glaubens zu verletzen. Die wahre Ursache dieser schädlichen Trennung lag also in dem Stolze beyder Bischöfe. Sie wollten beyde herrschen. Man beschuldiget die Novatianer noch anderer Irrthümer. Die Beschuldigungen sind vielleicht in Ansehung der spätern Anhänger des LTlovacus nicht un- gcgründet: allein, er selbst ist gewiß unschuldiger, als ihn Cornelius und Cyprianus beschreiben. Er wurde vom ganzen Oriente und Hccidente von der P 2 Kirchen- Z40 Geschichte der christlichen Religion. Kirchengemeinschaft ausgeschlossen. Und dennoch sammelte er sehr zahlreiche Gemeinen, welche sich unter vielen Bedrückungen der Rechtgläubigen und der Arianer bis in das siebente Jahrhundert erhiel- ten. Man hat ihre Sitten niemals getadelt, und ihre Bischöfe sind immer als heilige und strenge Christen gerühmct worden. S. Bofio. Der Streit, den eben dieser Bischof von Car- Einl. in bie chago mit dem römischen Bischöfe StephanuS über >^Welt^ ^ Frage hatte, ob die Irrgläubigen, wenn sie ih- imd Relig Irrthümern absagen und in die Gemeinschaft der l.TH-in der Kirche aufgenommen werden wollten, von neuem ge- i. ange- taufet werden müßten, war eben so schädlich, als hängten der Streit über die Kirchenbuße. Er ist allzube- Abhanbl. kanttt, als daß wir uns in eine umständliche Erzählung desselben einlassen sollten. Man weis, daß Cyprian mit den meisten Bischöfen des Orientes die Taufe der KeHer für ungültig und nichtig erklärte, Srcphanus hingegen die Gültigkeit derselben nicht allein behauptete, sondern sogar den Irrthum leh- rete, daß selbst eine Taufe, die nicht ausdrücklich in dem Namen des Vaters, des Sohnes, und des heiligen Geistes, sondern bloß in dem Namen Jesu Christi ertheilet würde, für rechtmäßig und gültig gehalten werden müßte. Man weis die stolze Hitze dieses Bischofes, welcher die africanischen und orientalischen Bischöfe von der Gemeinschaft mit der wahren Kirche dieser Streitfrage wegen ausschloß; eine historische Wahrheit, welche Alexander j^aralis ////?. bestätiget, als entkräftet hat, so gern er auch .den Vorwurf eines so hochmüthigen Verfahrens von dem Stephanus abgewälzet hätte. Wir wollen iHt nur den unglücklichen Einfluß diefeö Streites in ei- -u^.^' " nige Zweyter Abschnitt. 34- m'ge Lehren unserer Religion erwägen. Cypri^ns Grundstche, mir welchen er die Ungültigkeit ver Ketzertaufe behauptete, trugen zur Befestigung gewisser irriger Begriffe von der Rircbe und ihrer jAnheic, oder Eintracht, seines Ansehens wegen das meiste bey. Denn weil er ein Märtyrer war: so wurden auch seine Irrthümer in den nachfolgenden Jahrhunderten, aus mehr als einer Ursache, für göttliche Aussprüche gehalten. Schon seit des Ignatius Zeiten hatten sich un- H??. ter die Rechtgläubigen theils verworrene, theils un- richtige Begriffe von der Kirche und ihrer Eintracht ^.A' oder Einheit eingeschlichen. Ignarius verstund ^ ^" ' schon unter der Einheit der Rirche nicht etwa bloß den einträchtigen und übereinstimmenden Glauben aller ihrer Glieder, sondern vornehmlich eine enge und genaue Vereinigung der Zuhörer mit ihren Lehrern und Bischöfen. Er fodcrte aber diese Eintracht bloß von einer jeden christlichen Gemeine, ohne die Nothwendigkeit einer solchen Vereinigung aller christlichen Gemeinen unter einander mit ausdrücklichen Worten zu lehren. Er lehrete den unbestimmten Satz, daß diejenigen, welche mit Gocc und Jesu Christo vereiniget waren, auch mit ihrem Bischöfe vereiniget waren, und in diesem Verstände Eine Gemeine oder Rirche ausmachten. Dieser Lehrsah hatte seine Richtigkeit, wenn der Bischof einer Gemeine rechtgläubig war. Allein, er wurde falsch, sobald nicht die Lehre der Offenbarung, sondern der Bischof zum Mittelpuncte der kirchlichen Vereinigung gemacht wurde; so bald man ohne Einschränkung und Bedingung lehrete, daß alle die, welche mit ihrem Bischöfe vereiniget waren,zur einzigen P? Kirche Z42 Geschichte der christliche!? Religion. Kirche Jesu Christi gehöreten; denn ohne Einschränkung war solches sowohl von den Bischöfen, als von ihren Gemeinen irrig und falsch. Im zweyten Jahrhunderte wurde dieser unbestimmte Begriff von der Einheit der Kirche vielmehr erweitert und ausgedehnet. Zu der einzigen wahren Kirche gehören, oder mit der Gemeine Jesu Christi vereiniget seyn, das hieß in der Vereinigung mit den Bischöfen der größern Gemeinen stehen, welche die christliche Religion zuerst angenommen hatten. Alsdann war man erst ein lebendiges Glied an dem geistlichen 5«^'. jejbe Jesu Christi. Man sah nunmehr die sogenann- -5- ten apostolischen Gemeinen, oder diejenigen Kirchen, welche von den Aposteln selbst noch gepflanzet worden waren, als den Mittelpunct der kirchlichen Vereinigung an. Die Bischöfe der großen Kirchen machten den Hauptstamm aus, und die Bischöfe der kleinern Gemeinen wurden als die Nebenäste und Zweige desselben angesehen. Dieser Begriff von der Einheit der Airche zog bald auch eine Veränderung in dem Begriffe von der Airche selbst nach sich. Man fing an, unter der Kirche vornehmlich die vereinigten Bischöfe der Christenheit zu verstehen. Wollte man also zur einzigen apostolischen Kirche gehören: so mußte man in diese Vereinigung der Bischöfe unter einander eingeschlossen seyn. Die Einheit der Airche war nicht mehr die bloße Uebereinstimmung des Glaubens und des Lebens mit den Lehren und Vorschriften der Offenbarung; sie ward als eine bürgerliche und physikalische Vereinigung angesehen; man bildete sich ein, von dein Hauptstamme abgerissen, und ein todter dürrer Ast Zu seyn, wenn man von den Bischöfen verworfen wurde. Zweyter Abschnitt. 54z wurde. Die Unschuld der ersten Jahrhunderte war Ursache, daß die großen Lehrer, welche diesen ich« rcn theils aus Ehrfurcht gegen die ersten apostoli, schen Bischöfe, von denen sie die Religion empfangen hatten, theils auch aus Begierde, die ihnen untergebene Gemeine durch eine bestandige Unterwürfigkeit gegen ihren Unterricht und ihre Ermahnung?» vor den Irrgläubigen zu bewahren, und also aus guten Absichten vortrugen, die Nachstellungen und Gefahren nicht voraussahen, in welche sie, durch die Behauptung solcher Satze, die Freyheit der Heilsam unwissend und wider ihren Willen brachten. Cys prianus, der seiner eifrigen Vertheidigung der bischöflichen Würde ungeachtet, weit von aller Herrschsucht entfernet war, kann diese Anmerkung durch sein Beyspiel bestätigen. Er hat diese irrigen Begriffe von der Rirche und der Einheit derselben am eifrigsten vertheidiget, und besonders die Ungültigkeit der Kehertaufe darauf gegründet. Es ist nur eine Airche, sagte er, welche durch den tVachs-^/^»'- chum ihrer Fruchtbarkeit sich immer weiter in c. I die Menge verbreitet. Die Sonne hat viele Stralen; aber es ist nur ein Licht; ein Baum hat viele Zweige; aber sie haben in ihrer festen ^ tVurzel nur Line Starke; aus Einer Duelle fließen viele Bache. Obgleich die Menge durch den Reichthum der überfließenden Fruchtbarkeit zertheilet zu seyn scheint: so bleibt sie doch im Ursprünge Eins. Rannst du den Stral von dem Sonnenkörper rren-, nen ^ Die Einheit des L-ichco wird keine Theilung. Haue den Zweig vom Vauine; er wird keine Frucht bringen; sondere den Dach von Y 4 der 244 Geschichte der christlichen Religion. der Duelle ab: der abgerissne Bach wird vertrocknen. So strecket auch die von dem Lichte des Herrn erleuchtete Airche ihre Srralen durch die ganze 5Velc aus; es ist ein Lichr, das sich überall ergießt, und doch in seinem Ur, sprunge Eins bleibt. Cyprianus verwarf also nichc bloß die Taufe derjenigen unter den Irrgläubigen, welche im Grunde des Glaubens irreten, und nicht auf die im Evangelio vorgeschriebene Art tauften , sondern auch die Taufe derer, welche zwar die Grundwahrheiten des Christenthums annahmen, in Nebenwahrheiten aber von der Regel des Glaubens abwichen, und um deswillen von den Bischöfen aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen waren, h/,?^,?. Giebt wohl derjenige, sagte er, Gorc die ge-- ^ ^. bührende Ehre, welcher behauptet, daß draußen von einer Ehebrecherinn Gorc Rin, der gebohren werden können? Ehret der Gorc wohl, der die Einigkeit und die tVahr- heic. die aus dem göttlichen Gesetze kömmt, rnchr behauptet, sondern Fxerzereyen wider die Zvrche vertheidiget? Ehrer der Gott, der ein Freund der Reyer, und ein Feind der Christen ist, und die Priester Gocces, welche über die Ü>ahrheir und die Einheit der Rirche halten, aus derselocn ausgeschlossen haben will? Diese Wo! re bestraften das Kitzige und ungestüme Bezeigen des Romischen Bischofes, Srephanus. 5Venn das Gorr ehren heißt, wenn die Furcht Gottes und dle Disciplin also beobachtet wird: so lasset uns n ?r d-e lVaffen wegwerfen; und uns der feinde ich-n Gewalt überliefern) und dem Satan die Ordnung des Evangelii, die Haushaltung Zweyter Abschnitt. 345 «mg Iesll Christi und die Majestät Gottes aufopfern. ^vo lange die Bischöfe nicht allein rechrgläubiq, sondern auch in ihrer Aufführung apostolisch blieben, so lange blieben diese irrigen Begriffe von der Kirche unschädlich. Allein, eben diese Irrthümer waren in der Folge der Grund, auf wel> chen die Cleusey der verderbten Jahrhunderte ihre unrechtmäßige Herrschaft über die Gewissen aufbauet?. Der Name des Cyprianus mußte sie vergöttern. Diese Anmerkungen lehren, wie nöthig e6 sey, Gott allezeit mehr als den Menschen zu glauben und zu gehorchen, damit man nicht in die Gefahr komme, sich unter ein menschliches Joch zu beugen! Der Streit unter den Rechtgläubigen über den Glauben des Origenes hat für die christliche Religion nicht weniger traurige Folgen gehabt. Ein (Drigenes verdienet es, daß man seinen Charakter, sein leben, seine Schicksale, und seine Irrthümer zum ^ mindesten einigermaßen kennen lerne. Origenes Ungefähr war von christlichen Aeltern inAlexandrien gebohren. im Jahr Sein Vater, Leonidas, welcher seinen fähigen Geist nach Chr. in seiner Kindheit bemerkete, ließ ihn frühzeitig so- Geb. 1x5« wohl in den schönen Wissenschaften, als auch in der Erkenntniß der heiligen Schrift unterrichten. Am- »nonius, der Philosoph, und Clemens von Aler- cndrien waren seine beyden vornehmsten Lehrer, und flößeten ihm eine unglückliche Neigung für die neuere platonische Weltweisheit ein. Er gerieth in die äusserste Armuth, nachdem sein Vater auf seine Aufmunterung sein Leben und seine Güter für die Religion Jesu Christi aufgeopfert halte. Eine vornehme Frau von Alerandrien nahm sich im Anfange seiner an. Er scßre sich aber, als er die Wissen- ?) 5 schaften / Z46 Geschichte der christlichen Religion. schaftsn zu lehren anfing , bald in solche Umstände, in welchen er ihrer Hülfe entbehren konnte. In seinem achtzehnten Jahre wandten sich schon viele an ihn, welche sich bekehren wollten. Er erwarb sich auch durch die Bekehrung vieler Götzendiener einen so großen Ruf, daß ihm Demecnus, der Bischof 'von Alerandrien, das damals offene Amt eines Ca- techeten bey seiner Gemeine auftrug. Sein arbeitsames und strenges Leben; denn er verkaufte, weil rr niemand zur Last seyn wollte, alle seine Bücher, und ließ sich von dem Kaufer derselben zu seinem tag- lichcn Unterhalte nur vier Obolen geben; seine Wissenschaft, sein Fleiß und seine Beredsamkeit zogen ihm eine große Menge angesehener Schüler zu. Weil er selbst vielen Personen des weiblichen Geschlechtes seinen Unterricht ertheilen mußte: so machte er sich aus einer übertriebenen Sorgfalt für seine Keuschheit selbst zum Verschnittenen. Dem ungeachtet verwies ihm um diese Zeit sein Bischof diese That noch nicht als ein Verbrechen, zumal da sie Origenes in dcr Folge selbst mißbilligte. Sein Ruhm erscholl nach Rom und Arabien, wohin er auch einige Reisen thun mußte. Als er aus Alerandrien einer heftigen Verfolgung wegen sich wegbegab, und sich indessen in Cäsarea aufhielt: so trugen ihm die Bischöfe der dasigen Provinz das Amt auf, dem Volke öffentlich die heilige Schrift zu erklaren. Damals war er „och ein Laye. Demerrius, sein Bischof, sah seine Verdienste mit eifersüchtigen Augen an. Sein Neid erwachte, und er verwies es schon dazumal den Bischöfen als einen Fehler wider die Kirchenzucht, daß sie ihn, als einen Layen, hatten predigen lassen. Ori- genes mußte wirklich auch auf seinen Befehl nach Aleran- Zweyter Abschnitt. ?47 Mxanbrien zurückkommen, und die Verrichtungen eines Catechetcn daselbst fortsetzen. Er erhielt sich beständig bey seinem Ruhme, und befestigte ihn durch eine unglaubliche Menge gelehrter Arbeiten^ Er erweckte sogar die Neubegierde der Mutter des Kaisers, Mammaa,und sie unterredete sich in Antiochicn mit ihm. Endlich wurden seine Verdienste, als 'er auf seines Bischofes Befehl eine Reise nach Acha-- jen in Kirchenangelegenheitcn that, von den palästi- nischen Bischöfen durch die priesterliche Würde belohnet. Langer konnte nunmehr Demetrius seine Eifersucht nicht zurückhalten; er schrieb Briefe wider ihn, warf ihm eine jugendliche Handlung, nämlich die Zerstümmelung seines Leibes vor, und endlich wurde in zwo Versammlungen der ägyptischen Bischöfe Origenes seiner Würde in der Kirche entseht, und aus Alerandrien verwiesen. Zugleich schrieb dieser herrschsüchtige Bischof an alle christliche Gemeinen , daß sie ihn von aller Kirchengemeinschafc ausschließen sollten. Alle Kirchen des Orientes und des Occidentes folgten seinem Beyspiele, und Ori- genes fand nur bey den palästinischen Bischöfen, einem Theocrist von Casarea, und einem Alexander von Jerusalem Schuß. Hier können wir anmerken, daß der irrige schon durchgangig angenommene Begriff von der Einheit der Kirche, von welchem kurz vorhero geredet worden ist, das meiste zur allgemeinen Verdammung dieses Unschuldigen beygetragen habe. Nachdem er noch viele Jahre zu Ca- sarea die christliche Religion gelehret hatte, bekannte er dieselbe großmüthig in der Verfolgung des DeciuS, stund Gefängniß und Martern dieses Bekenntnisses wegen aus, schrieb, nachdem er losgelassen worden war. ?48 Geschichte der christlichen Religion. war, noch viele Briefe, die eines Märtyrers würdig waren, und starb endlich nach vielen von Heiden und Bischöfen erduldeten Leiden in seinem sieben und sechzigsten Jahre. Die Verfolgung wider ihn dauerte noch nach seinem Tode, und seine Freunde und Vertheidiger wurden im vierten und fünften Jahrhunderte als Keßer unter dem Namen der Origeni- sten heftig gedrücket und verdammet. Origenes hatte einen durchdringenden Geist, eine große Scharfsinnigkeit, eine starke und weite Einbildungskraft; allein, er überließ sich seiner Lebhaftigkeit allzusehr, und weil er alles ergründen wollte, verlor er sich zu oft in seinen sviHfündigen Gedanken. Er besaß eine große Leichtigkeit zu erfinden, und seine Gedanken gut auszudrücken, wiewohl seine Erfindungen nicht allezeit die anstandigste Richtigkeit, und seine Schreibart nicht alle Schönheit hatte, welche er ihr hatte geben können. Er war unermüdet in seinen Arbeiten; allein er arbeitete zu viel und zu schnell; denn er hatte oft sieben oder acht Personen sitzen, denen er seine Gedanken auf einmal in die Feder sagte. Seine Gelehrsamkeit war von einem sehr weiten Umfange; wie viele unvergängliche Vortheile hätte er bey solchen vorzüglichen Eigenschaften der Religion schaffen können, wenn nur die Philosophie der plaro- niker nicht allzuviele Reizungen für ihn gehabt hätte! Origenes wurde verdammet; aber nicht sowohl seiner Irrthümer wegen, als vielmehr darum, daß er ohne Vorwissen seines Bischofes zum Priester ge- macht worden war. Seine Verdienste waren seine Verbrechen. Als die nachfolgenden Jahrhunderte in den wider ihn ausgesprochnen Bann willigten: so suchten sie erst Ursachen auf, ein so hartes Urtheil zu recht- Zweyter Abschnitt. 349 rechtfertigen. Doch der langwierige Streit, der über seine Rechtgläubigkeit geführet wurde, diente nur dazu, seine Irrthümer mehr auszubreiten und zu befestigen. Er hatte seine Bewunderer und Freunde, und vornehmlich fand er unter den Mönche» und Einsiedlern unzahlbare AnHanger, die seine Vertheidigung über sich nahmen. Fanden sie Irrthümer in seinen Schriften, die allzudeutlich wider die Offenbarung stritten, als daß sie vertheidiget werden konnten: so behaupteten sie, daß seine Schriften von seinen Feinden verfälscht worden waren. Denn er selbst hatte schon, da er noch lebte, bittre Klagen darüber geführct. Unter diese Irrthümer ge- hörete vornehmlich die endliche Wiederherstellung aller Geister, sowohl der gefallenen Menschen, als auch der aufrührischen Enge!; ein Irrthum, welcher eine natürliche Folge des platonischen Systems war. Denn da in diesem Lehrgebäude alles, was eine wirkliche Existenz und ein wahres Wesen hatte, ein Ausfluß aus der Gottheit war: was war nach demselben möglicher, als die endliche Rückkehr aller Geister und Wesen in Gott? Die meisten andern Irrthümer, die ebenfalls Folgen dieser falschen Weisheit waren, schmücketen sie aus, und suchten sie so sehr zu verschönern, daß sie endlich sogar Lehren seiner Feinde wurden. Sein großes Ansehen war es, das vornehmlich den falschen Lehrsah bestätigte, daß alle Aussprüche der göttlichen Offenbarung nicht allein einen buchstäblichen, sondern auch einen geistlichen, geheimen und allegorischen Verstand hätten. Der Schade ist unbeschreiblich, den dieser einzige Irrthum der christlichen Religion gethan hat. Kann wohl der menschliche Geist eine Thorheit erfinden, die M Geschichte der christlichen Religion. die so sehr Angereimt wäre, daß sie nicht aus der heiligen Schrift sollte gerechtfertigct werden können, wofern man ihren Auslegern die Freyheit verstattet, ihr einen, ich weis nicht was für einen geheimen geistlichen Verstand anzudichten? Allein, das war nicht die einzige falsche Meynung, welche er unter den Christen ausbreitete. Die Lebensart der Asceren, welche schon in dem Rufe einer besondern Heiligkeit stund, fand an ihm einen großen Beförderer. Man kann, wenn seine Schriften nicht Beweis genug davon wären, solches daraus allein schon schließen, daß alle Wüsten lnAegyptenmit seinen Freunden bevölkert waren. S.die Be- Die Offenbarung verspricht uns den Schutz der tracht, von Engel; allein sie giebt nicht einem jeden Menschen Küssender' einer jeden Kirche, einer jeden Gesellschaft, und ei- alcxandnn. jeden Stadt einen besondern Schutzengel. Die- Philoso- sts thut nur die platonische Philosophie. Es ist viel- phie in die leicht erlaubt, solches zu muthmaßen: allein eine je- Nel-gion. de Muthmaßung, gesetzt, daß sie der Falschheit und des Widerspruches nicht offenbar überwiesen werden kann, wird ein Irrthum, oder ist doch dafür anzusehen, sobald sie nicht für eine bloße Muthmaßung, sondern als eine gewisse und unstreitige göttliche Wahrheit vorgetragen wird. Wie vorsichtig muß diese Anmerkung einzelne Lehrer der Kirche in dem Kim. Vortrage ihrer Muthmaßungen machen. Ein Dri- Fo/^/S.?. HxneH lehret an vielen Stellen seiner Werke, als ein platonischer Philosoph, daß einem jeden Menschen t'. ,o. /. x. ieiu besonderer Engel bestimmt sey. Er tragt diese com,'. te^ Einbildung nicht als eine Muthmaßung, sondern als eine Wahrheit vor, die iii der Schrift gegründet seyn soll, und das ist die Ursache, daß mit der Zeit seine Muthmaßung als die Lehre der ganzen Kir- Zweyter Abschnitt. 35- Kirche angesehen wird. Sollte aber das nicht eine göttliche Lehre seyn, was die Lehre der Kirche ist? Daß die Engel und die verstorbenen Heiligen mit uns und für uns bethen, das ist eine erlaubte Muthmaßung. Origenes zog diesen Lehrsaß als eine S»-^. Folge aus der Wahrheit, daß die Seelen der ver- F?ec. swrbenen Heiligen nach ihrer Auflösung vollkommener würden. Da die unvollkommene lVissen- schaft, welche rvir in diesem Leben besitzen, indem andern Leben vollkommener wird: ist es nicht eine große Ungereimtheit, solches nicht auch von andern Tugenden zu glauben, und» besonders von der Liebe gegen den Nächsten. Mir müssen mTVahrheir von derselben glauben, daß sie in den Seligen weir starker sey, als in den sterblichen, so schwachen und unvollkommenen Menschen. Allein, kann die Liebe der Seligen gegen ihren Nächsten nicht vollkommener seyn, wofern, sie nicht für uns bethen? Wenn sie sich nun vielleicht wegen der unbeschreiblichen Freuden des ewigen Lebens nicht an die Welt zurückerinnern? Wie, wenn Abraham nichts von uns weis, und Jsaac uns nicht kennet? Aber vielleicht werden sie uns kennen, und dann werden sie, weil ihre Liebe gegen ihren. Nächsten stärker geworden seyn muß, auch unstreitig, für uns bethen. Vielleicht; abervielleicht auch nicht, wenn sie von Gott eine gewisse Nachricht von den endlichen Schicksalen aller Menschen erhalten. Vielleicht; Kein Vielleicht hat ein Recht, als eine Wahrheit angesehen zu werden, und Muthmaßungen gegen Muthmaßungen gehen auf. Unrerdesien wird in den nachfolgenden Zeiten die Vorbirre der Heiligen für eine wesentliche Wahrheit der Religion gehalten, wel-- Z52 Geschichte der christlichen Religion. welche zwar nicht in der Offenbarung, aber doch in der Tradition, gegründet serm soll, weil Origenes ein einziges wichtiges Vielleicht ausgelassen hat. Ungeachtet Origenes lehret, daß aufdieFrom- men ein seliges Leben als eine Vergeltung ihrer Heiligkeit wartete: so hatte er doch aus der platonü schen Philosophie die falscheLehre angenommen, daß nach dem Tode alle Menschen, auch die Heiligen, durch ein gewisses Feuer gehen und von den ihnen > aus diesem Leben noch anhangenden Unreinigkeitm gereiniget werden müßten. <5. Ueberdieß kann Origenes auch als einer von NAI den Vorgangern des pelagtus angesehen werden. ,./>-»-. ^.^^ vo„ he» Grundsätzen der plaroniker ver- ? führet, die Freyheit des menschlichen Willens allzu- ^/.'o- sehr, und von der göttlichen Gnade redete er zu wenig, c. zo. Denn er behauptete, daß ein vernünftiges Geschöpf ,o. ?» ,„ allen Umständen das Gute oder das Böse mit ^-v. l» ^jner vollkommenen Freyheit wählece, und zur Aus- Übung brächte, und er schrieb die Bekehrung des Menschen mehr seiner freyen Entschließung, als der e,«/. Gnade Gottes zu, ja er behauptete sogar, daß der Mensch sich schon in dem gegenwärtigen Leben zu einem gewissen Stande der Unsündlichkeit erheben könnte. Es ist wahr, alle diese Irrthümer würden vielleicht unter dem Schutze des Ansehens, welches sich Origenes erworben hatte, auch sicher gewesen, und für göttliche Wahrheiten gehalten worden seyn, wenn die Kirche auch an seiner Rechtgläubigkeit nicht gezweifelt hatte. Allein, wäre dieser Streit unterblieben : so wären vielleicht seine Schriften nicht so bekannt, und seine falsche Meynungen von seinen Freunden nicht so ausgeschmücket worden. DieNeu- begierde Zweyter Abschnitt. 353 begierde der Menschen wird gereizet, wenn über die Meynungen großer Geister gestritten wird. Da man sich sonst wenig um sie bekümmert hätte: so will man sich nunmehr von ihren Lehren selbst unterrichten ; und wenn an einem Manne, den nicht allein seine Wissenschaft, sondern auch sein Leben berühmt machet, offenbare Ungerechtigkeiten begangen werden: so verursachet das günstige Vorurtheil für ihn, und der Unwille wider seine Verfolger, daß man an ihm nicht allein alles entschuldiget, sondern selbst das Fehlerhafte an ihm auf der besten Seite betrachtet. Einen solchen Ausgang nehmen vie meisten Streitigkeiten der Religion. Von dem Glauben der ersten Kirche in den ersten drey Jahrhunderten, an die Grundwahrheiten der geoffenbarten AVe christliche Religion ist zwar so fest auf die göttlichen Aussprüche der Offenbarung gegründet, daß sie des Beystandes menschlicher Zeugnisse ohne Gefahr entbehren kann; dennoch ist der Mensch so sehr geneigt, Beyspiele vor sich zu sehen, daß ihm die Wahrheit selbst, wenn sie auch noch so sehr durch überzeugende Gründe bestätiget ist, verdächtig wird, wofern sie keine Anhänger hat. Er wird lieber ihrer Feindinn folgen, und mit dem großen Haufen irren, als die Wahrheit allein und ohne Gesellschaft glauben. Das kömmt daher, daß der größte Theil des menschlichen Geschlechtes zu II. Theil. Z bequem Religion. ^? Z54 Geschichte der christlichen Religion» bequem ist, als daß er sich in schwere und tiefsinnige Untersuchungen einlassen sollte. Die christliche Religion hat also große Vortheile davon zu hoffen, iveim man zeigen kann, daß sie zwar immer Widerspre- cber, aber auch immer Bekenner gefunden hat« Man hat zeither gesehen, und man wird diese trau» rige Anmerkung noch oft machen müssen, daß auch die Rechtgläubigsten Irrthümer unter die göttlichen Wahrheiren aufgenommen haben. Selbst die ersten christlichen Gemeinen müssen Beweise davon abgeben. Allein, sie haben doch die Grundwahrheiten des Christenthums unverändert beybehalten, und standhaft bekannt. Einige wichtige Zeugnisse werden solches außer allen Zweifel setzen. Alle christliche Gemeinen, welche den Namen der Rechtgläubigen zu behaupten suchten, stimmeten in der ersten Grundwahrheit der Religion, daß nur ein Gott, und zwar der Gort der Christen, die An- bethung der Menschen verdienete, vollkommen mit einander übercin. Sie schlössen daher alle Crearu« ren, so vollkommen sie auch seyn mochten, von aller gotteodienstlichcn Verehrung aus. DaS war der erste Charakter, an welchem ein Christ von andern 0lvFen5 unterschieden wurde; er kannte keine andere Re-- 5m-,, . c«A ligion, als die Anberhung des Gorres, der des ^ ganzen Brdkreises Herr, lind der Erstgedohrne unter allen Creamren rvar. Sie nannten daher 5-°>-^«°-!.. auch das Christenthum nur den Dienst Gottes. Man findet diesen Namen bey dem Clemens von Alexandrien und bey dem Origenes häufig gebraucht. Diese Wahrheit wurde nicht bloß von neubekehrten Juden bekannt. Denn darüber hatte man sich eben nicht wundern dürfen, weil die Iüden diese Wahr- v//. 5? ,'-/.c.^ t"4- Zweyter Abschnitt. ?55 Wahrheit mit der Milch ihrer Mütter einsogen, und in den frühesten Iahren vor aller Abgöttcrey mit einem so großen Abscheue erfüllet wurden, daß sie sich auch vor dem geringsten Schatten einer gotteöbienst- lichen Verehrung der Creaturen entsetzeten. Diese Wahrheit wurde eben so oft von bekehrten Heiden, die doch so sehr an die Anbethung vieler Gottheiten gewöhnt waren, bekannt. Welch eine Gemalt mußte sie haben, daß sie die alten Vorurthcile so leicht vertilgen konnte, welche noch eine so allgemeine Herrschaft auf der Erde hatten! Sie gründeten diese , Anbethung eines einigen Gottes besonders auf seine Allmacht, auf seine unendlichen Vollkommenheiten, und auf den Befehl der heiligen Schrift. Tcrml- liai! verwarf mit andern christlichen Lehrern den Gö- tzendienst, weil alle Götter der Heiden Menschen gewesen wären. „ Ihr könnet nicht leugnen, sagte er „zu den Heiden, daß eure Götter erst nach ihrem „Tode zur Würde der Gottheit erhoben worden sind. „Untersuchet einmal die Ursachen ihrer Vergötterung. „Erstlich müsset ihr doch einräumen, daß es eine» „höhern Gott, einen Eigenthümer der Gottheit gebe, „der diejenigen zu Göttern gemacht hat, die erst „Menschen gewesen sind. Denn wenn sie sich selbst „zu Göttern hätten machen können: so würden sie „nicht erst Menschen zu seyn angefangen haben. Es „muß also einen Gott geben, der, wie ihr meynet, „Götter erschaffen kann. Was kann er nun für Ursachen gehabt haben, sie neben sich auf seinen Thron „zu setzen? Sollte er ihrer Hülfe nöthig gehabt ha- „ben? Allein, es schicket sich nicht für Gott, der Hülfe „eines andern Wesens nöthig zu haben, und besonders von den Todten Hülfe zu erwarten. Die Welt Z » "wag ?56 Geschichte der christlichen Religion. „mag nach i>em Pythagoras ewig seyn, oder nach „dem Plato einen Anfang haben; genug, sie ist voll- „kommen gewesen, ehe Satm'n und seine Nachkoin» „men gebohren worden sind. Man muß sehr einfältig seyn, wenn man nicht glaubet, daß es vor „dem Jupiter Licht, Sterne, Regen und Donner ge. „geben, und daß Jupiter sich nicht selbst vor dem „Blitze gefürchtet habe, den ihr doch demselben in die -„Hand gebet. Die Erde hat vor der Ceres, selbst „vor dem ersten Menschen schon Früchte getragen. --Ist Bacchus darüber vergöttert worden, weil er den „Wein zuerst bekannt gemacht hat: so laßt man dem „Lucullus nicht Gerechtigkeit genug wicderfahren,daß „man ihn nicht zum Gotte machet, da er doch der „erste gewesen ist, der aus Pontus Kirschen nach „Italien gebracht hat. Ihr werdet vielleicht sagen, „daß euern Göttern die Gottheit zur Vergeltung für „ihre Verdienste gegeben worden sey. Aber ich „glaube, ihr werdet einräumen, daß der Gott, der „andere Götter machen soll, gerecht seyn müsse. „Nun setzet man Blutschander, Ehebrecher, Tyrannen , Räuber und andere noch schandlichere Verbre- „cher in den Himmel. Doch gesetzt, eure Götter Te^tt//. „wären tugendhaft und gut gewesen: warum lasset ^>o/.t.,2. „ihr denn so viele andere vortreffliche Menschen, ei- „nen Sokrates, einen Aristideö, einen Themistoklcs „unter den Todten? Welcher unter euern Göttern „ist weiser, als Cato, gerechter und tapferer, als „Scipio, und beredter, als Cicero? Alles also, was „ich von euern Göttern sehe und höre, sind Namen „verstorbener Menschen und Fabeln; und was die „Götzenbilder anbelangt: so finde ich an denselben „nichts> .als Materie, und eben die Materie.,.aus welcher Zweyter Abschnitt. 357 ,,wclcher ihr auch euer Hausgeschirr machet. Was ..bethen also die Christen an, werdet ihr sagen, wenn „sie alles dieses nicht anbethen? Wir bethen einen c. ,7. „einzigen Gott an, der durch sein Wort, seinen „Verstand, und seine Macht, diese ganze Welt mit ..allem, woraus sie besteht, mit allen Elementen, mit „allen Körpern und Geistern, zur Verherrlichung „seiner Größe aus Nichts hervorgebracht hat. Da- „mit wir eine desto vollkommncre Erkenntniß von „ihm haben möchten, hat er uns die heilige Schrift „gegeben. Er hat Menschen, die wegen ihrer Heiligkeit und Gerechtigkeit werth waren, ihn zu ernennen, und ander» seine Erkenntniß beyzubringen, „mit seinem Geiste erfüllet, daß sie verkündigen sollten, es sey nur ein Gott, der alles erschaffen, der den „Menschen aus Erde gebildet, der die Einrichtung „und den Lauf der Welt gemacht, und unserm Geschlechte die nöthigen Vol'schriften, ihm zu gefallen, „gegeben habe; der am Ende der Welt alle Men- „schen von dem Tode auferwecken und richten, diejenigen, die ihm gcdienet haben, mit einem ewigen Le- „ben belohnen, die Gottlosen aber zu einem ewigen „Feuer verdammen werde. Wir haben vordem „diese Lehre auch verspottet; wir gehöreten zu euch. „Die Menschen sind nicht Christen von Geburt; sie - werden es. Wenn es einen Schöpfer aller Wesen „giebt: so ist es ungereimt, ein anderes Wesen, als „ihn, anzubethcn. Darum gründeten sie auf die „Allmacht Gottes, dessen Kenntniß allen Menschen „angcbohren ist, der sie durch seine Wohlthaten er- „freuet, der sie durch seine Donner zittern machet, „die Nothwendigkeit, ihn anzubethcn. Z Z Eben 358 Geschichte der christlichen Religion. ^ Eben diese Ehrfurcht leiteten sie auch aus seiner, 5«"/,. c. andern Vollkommenheiten her. Es ist lächerlich, blinde, taube, oder solche Wesen anzubethen, welche ihrer Natur nach nicht fähig sind, unsern Bedürfnissen abzuhelfen, weil sie dieselben nicht einmal 7«i',ttV. kennen. Hingegen ist es vernünftig, wie eben der ^ ^ ^ schon oft angeführte Tertullian saget, den einzigen Gott nur anzubethen, rvetl man gewiß ist, daß er an allen Orten sieht und Hörer, und ger n für die Bedürfnisse seiner Geschöpfe sorget. Da. her versagten sie allen Creaturen, auch den besten und den heiligsten, alle gottcsdienstliche Ehre. Ein Arhe- c/5Ä'^ ° nagoras wollte sich nicht den himmlischen Mach- x durch eine gorcesdienstliche Verehrung der^ selben unterwerfen, sondern dem, der ihr Schöpfer und Meister ist; er suchte den Herrn der Geister, er suchte nicht die lVerke Gorres, sondern Gort selbst. Zu einer Zeit, da sich die Kaiser der Erde vergötterten, und bey ihrem Glücke und Schutzgeiste schwören ließen, da sie die Christen zu diesem Verbrechen durch Martern zwingen wollten , da es das Leben galt, wenn man dem Strome der Schmeichler entgegen schwomm, starb man lieber, als daß man bey dem Kaiser schwor, weil man solches als eine gottesdienstliche Handlung ansah. Der Aberglaube gründet seine Verehrung der Creaturen auf die Vergleichung Gottes mit einem Könige, an dessen Lieblinge sich der Unterthan wenden muß, wenn er erhöret werden will, ungeachtet derjenige König sehr wider seine Würde handelt, welcher alsdenn erst recht gnädig ist, wenn er durch die Ohren seiner Günstlinge gehöret hat. So giebt der Aberglaube Gott auch Lieblinge, die man anbethen soll« Hinge- Zweyter Abschnitt. 359 gen in den ersten Zeiten des Christenthums zog man, aus der Vcrgleichung Gottes mit Königen, eine ganz andere Folge, die Folge nämlich, daß Gott allein die Ehre der Anbcthung verdiene. So wenig ein Beherrscher seinen Unterthanen erlaubet, den Namen eines Königes anzunehmen; denn dieser Name und diese Würde kömmt ihm allein zu: so wenig ist es erlaubt, einen andern als Gott anzubethen. Folglich glaubte Theophilus von Alexandrien, welcher 7^-o^,.a^ sich dieses Gleichnisses bediente, daß es Gott als ei- ncn Eingriff in die Rechte si iner Majestät ansähe/-"7- wenn man einen andern, als ihn anbethcte. Die ersten Zeiten des Christenthums waren also weit von der gottcsdicnstlichen Verehrung der Märtyrer entfernt. Als polycarpus den Martyrercod litt, so //. wurde die Gemeine der Christen von den Heiden, wel- Q c/. /, chc die Juden dazu beredet hatten, genau beobachtet, ob ^ sie sich auch der Asche dieses Märtyrers zu bemachti- "^//^ gen suchen, und ihn nach seinem Tode anböthen wür-^ ^ ^ de. Die Kirche zu Smyrna erzahlet dieses selbst, und machet dabey die Anmerkung, daß diese Götzendiener nicht gewußt hätten, daß Christen Jesum Christum nicht verlassen, noch einen andern anbechcn könnten. N)ir bethen, sagte diese Kirche, wohl Jesum Christum an; allein, die Märtyrer lieben wir nur, wie sie solches wegen ihrer unüberwindlichen Liebe ;u ihrem Röntge und Herrn verdienen, und wollte Gore, daß wip ihre Schüler seyn, und Theil an ihrem Eifer nehmen möchten! Ja die Christen wurden oft gerichtlich befragt, ob sie nicht ihre Bischöfe cmbe- theten, lind sie bezeuget?» allezeit einen aufrichtigen Abscheu vor der gotcesdienftlichen Verehrung aller Z4 Geschöpfe. ?6O Geschichte der christlichen Religion. /^.-nm-,. Geschöpfe. Lructuosus, ein Bischof von Tarra- ^ ^' gona, wurde vor den Statthalter Aemilian geführet, welcher ihm befahl, baß er die Götter anbethen nach Chr. sollte. Er antwortete aber, wie andere Christe», Geb. mit dem größten Muthe, daß er nur einen Gott, der Himmel, Erde, und Meer und alles, was darinnen ist, gemacht habe, anbethete-. Der Statthalter be- fürchtete, der Diaconus des Bischofes möchte diesem Beyspiele folgen, und ermahnets daher denselben, daß er ein solches Bezeigen nicht nachahmen möchte. Die Vermahnung war umsonst; der Diaconus rief aus: Ich bethe Gott an. Der Statt- Halter fragte ihn darauf, ob er nicht auch den Lructuosus anbethete? Nein, antwortete der Diaconus; ich bethe den Lructuosus nicht an, sow dern den Gorr, den mein Bischof anbecher. Wenn Creaturen einer gottesdienstlichen Ehre werth sind; wer verdienet sie mehr, als ein Märtyrer? Allein, sowohl die Kirche von Gmyrna, als auch noch viel spater der Diaconus eines Lructuosus, sprach ihnen einen Vorzug ab, welcher Gott allein gehöret?. S. die vor- Wir wissen, daß Grigenes eine Vorbitte der ver- hergehende storbenen Heiligen lehrete. Wenn irgend einer Crca- nina tur eine Art der Anbethung zugestanden werden konnte: so mußte sie denen zugestanden werden, die mitten in paradiesischen Freuden noch an ihre Brüder in der Welt denken und für sie bethen. Allein Ori- genes schloß sie von einer Ehre aus, die für Geschöpfe allzugroß war. Er machte in seiner Auslegung über das Buch Josua die Anmerkung, daß Josua den Menschen, der ihm erschien, nicht angebethet haben würde, wenn er nicht überzeuget gewesen wäre, daß er Gott anbethete. Josua wußte Zweyter Abschnitt. M nicht allein, daß er von Gott käme, sondern daß er Gore selbst wäre; denn er würde ihn nicht an- 5^/ geberherhaben, wenn er nicht gewußt Härte, daß er Gort wäre. er euch aufnimmt, der nimmt mich Z 5 auf, z62 Geschichte der christlichen Religion. auf, aber nicht: wer an euch glaubet, der glaubet an mich. Dem, Gott allein ist nur der Gegenstand unsers Glaubens, weil er unendlich ist. Eben deswegen erhob er die jüdische Nation über alle andere Völker, weil sie gelernet hatte, sich bis zur ewigen und unerschaffenen Natur Gottes zu erheben, nur auf ihn zu sehen, und auf ihn allein ihre Hoffnung zu setzen. Man kann einem Theile der Christenheit diesen Charakter nicht geben, weil die Glieder dieser Kirche ihre Seelen nicht auf einmal zur neuerschaffenen Natur Gottes erheben, aus Furcht, sich in einem unendlichen Abgrunde zu verlieren, sondern es für ein Glück halten, wenn sie durch die Heiligen vor Gott kommen können. Sie sehen nicht auf Gott allein, weil sie ihre Augen zu den Bergen und zu den verherrlichten Menschen erheben. Ihre Hoffnungen- hangen nicht allein von dem Unendlichen, sondern von der Vorbitte einer Jungfrau und der verklärten Heiligen ab. Lieder, Lobgesänge, und Gebethe machen einen wichtigen Theil des öffentlichen und äußerlichen Gottesdienstes aus. Die Kirche der ersten Jahrhunderte richtete alle ihre Lieder, Lobgesange und Gebethe an den einzigen wahren Gott. Es gab im Anfange noch keine gewissen und bestimmten Gesänge und 7----?«//. Gebethe. Man sang bey dem heiligen Abendmahle c.I. Lieder; jeder machte sie selbst so gut, als er konnte: allein sie waren alle an Gott gerichtet, sie mochten nun von einem Bischöfe, oder einem Priester, oder co?h?,>. einem Lanen verfertiget worden seyn. Der Verfast 4>o/?. /. sir der apostolischen Verordnungen befiehlt dein 5- 5?' Bischose einer jeden Gemeine, das Volk zu erinnern, daß es sich früh und Abends in der Kirche versammeln, Zweyter Abschnitt. ?6z meln, früh den zwey und sechzigsten Psalm, und Abends den hundert und eilftcn Psalm singen sollte. Sonntags, als am Tage der Auferstehung Jesu Christi, mußten die Christen, nach diesen Verordnungen, drey Gebethe stehend bethen. Und warum stimmte die Kirche diese Gesänge an; warum bethete sie diese Gebethe? Zum Lobe des Gottes, der alle Dinge durch Jesum Christum gemacht hat. Man findet darinnen ein langes Gebeth über die gött- con/?/,»?. licbe Vorsehung, ein Dankgebeth für die Wunder ^y/?. /. 7. der Schöpfung, ein Dankgebcth für die Wohlrha- ^-^--^ te» Gottes, ein Gebeth wegen der Menschwerdung ^^'^'^ dcö Sohnes Gottes, ein Gebeth bey der Taufe, eins bey dem heiligen Abendmahle; nirgends ein Gebeth an die Heiligen oder Enges. Clemens von Alerandrien begnügte sich damit c/?,»./4/>?>n nicht, daß er von den Christen verlangte, ihr leben ^"^ ftllte ein immerwährendes Fest und ein beständiger Lobgesang Gottes seyn; er verlangte von ihnen auch, /^^^ daß sie sich in sittsamer Kleidung, mit einem ernst- //^.z.^.^. haften Gange, und mit einer ungehcuchelten Liebe in /- 7. 7-L. der Kirche einfinden sollten, zu Gott daselbst zu be-7^- then. Er ermähnte sie, vor dem Essen, nach dem Essen, beym Aufstehen, beym Niederlegen, und wenn sie in der Nacht etwa aufwacheten, zu bethen. Und zu wem? Etwa zu ihrem Schuhengel, oder zum Heiligen der Familie, oder der Stadt? Nein, allezeit ist es Gott, zu dem sie bethen sollen; ihn sollen sie bey dem Genusse ihrer Mahlzeiten loben, weil es sein Brodt ist, das sie essen; ihm sollen sie danken, wenn sie den Trost des Schlafes schmecken, weil er es ist, der ihnen ihr Leben erhalten hat. Cppriav verord- 6)7-?/«». nete, daß der Todestag eines jeden Märtyrers be, e/?.,-. e/>.^. merket ?64 Geschichte der christlichen Religion. merket werden sollte, damit sein Andenken gefeyert werden könnte. Allein, er richtete kein Gebeth an sie. Wie würden die Christen nicht zum Martyrertode gereizt worden ser)n, wenn sie gesehen hätten, daß diejenigen, welche vsr ihnen diese blutige Laufbahn betreten hatten, gottesdienstlich verehret und angerufen würden? Das hieß ihnen die Hoffnung, als ein Jupiter, oder als andere Menschen vergöttert zu werden, welche sie hatten aufgeben müssen, als sie Christen geworden waren, durch etwas ähnliches vergüten. Die Christen wandten sich also bey allen össentli- chen und besondern Bedürfnissen an Gott. Clemens cd?.von Rom, ein unmittelbarer Nachfolger der Apostel, /. co»«7. schließt seinen Brief an die corinthische Gemeine mit einem vortrefflichen Gebethe. Er bittet den Aufseher über alles, den Herrn der Geister und alles Fleisches, einer jeden Seele, die feinen heiligen und herrlichen Namen anrufet, Glauben, Lurche, Geduld, Sanfrmuth, Mäßigkeit und lVeisheie zu geben, damic er ihm durch Jesum Christum, unfern Aufseher und Herrn gefallen könne, durch welchen ihm sey Herrlichkeit, Majestät, Gewalt und Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Diese einem Schüler der Apostel so an- />-<-»./.^. ständige Sprache führte auch Irenaus in seinem c. 5. Gebethe, wenn er sagte: Ich rufe dich an, Gott Abrahams, Ifaacs, und Jacobs, Varer unsers Herrn Jesu Christi, der du durch die Größe deiner Barmherzigkeit deine Erkenntniß in uns gewirket; Gott, der du den Himmel und die Erde erschaffen hast, der du über alles herrschest, der du der einige wahre Gott bist, außer welchem es keinen andern giebt, dich rufe ich durch Zweyter Abschnitt. Z65 durch unsern Herrn Jesum Christum an , der auch durch die Herrschaft des heiligen Geistes herrschet. Also vermengeten die Christen niemals in ihren Gebethen die Gottheit mit Creaturen. Ihr giebt es christliche Lehrer, die bey dein öffentlichen Unterrichte ihres Volkes niemals ihr Ave Maria vergessen. . Ein Justin, der Märtyrer, fängt seine ^?/». Ermahnung an die Heiden mit dem Gebethe an, daß ihm Gott das Vermögen verleihen möge, alles zu sa- gen, was nöthig ist. Ein Theophilus von Antio- chien will sich wohl Unterfangen, den Ursprung der ^»/-Hc. Welt und der Religion zu beschreiben, wofern ihm^s- Gott nur beysteht; er verlanget von Gott allein die Gnade, die Wahrheit deutlich auseinander seßen zu können. Eben so bath Origmes, als er den Celsus o^e». bestreiken wollte, Gott um seine Gnade durch Jesum ^»"'- Christum, zu einem so wichtigen Unternehmen. Ter- tuliian versicherte, daß die Christen Gott nur um ein ^) ^ langes Leben der Kaiser, um ihre ruhige Regierung, um eine Tirmee, deren Tapferkeit sie furchtbar machte, c>/>?/. um einen gelreuen Senat, uM ein gehorsames"»- Volk, und um alles, was zum Glücke der Beherrscher und der Unterthanen etwas beytragen konnte, bathen. Er sagte ausdrücklich, daß er alle diese Wohlthaten von keinem andern bitten dürfte, als von dem, der sie allein geben könnte. Dieser Abscheu der Christen vor aller gotteödienstlichen Ver-> chrung gieng soweit, daß sie von den Heiden für Gottesleugner ausgerufen wurden. Hätte das Christenthum wohl so viele Verfolgungen erdulden müssen, wenn sie sich nicht aller göttlichen Anbethung der Geschöpfe mit einem so großen Eifer widersetzet hatten? Den Menschen muß man menschliche Ehre geben, sagte ?66 Geschichte der christlichen Religion. sagte Tatian; Gott hingegen allein muß gefürchtet werden. Die Christen, sagte Grigcnes, steigen von sichtbaren Dingen dieser Welt zu ihrem Schöpfer '/.L. Urheber hinauf; sie vertrauen sich ihm, als demjenigen, der für alle genug ist; der die Gedanken aller Menschen sehen, und alle ihre Wünsche und Gebethe hören kann. Die Christen richten alle ihre Gebethe an Gott, und was sie thun, thun sie, als wenn sie es vor seinen Augen thäten; weil er der Zeuge und Richter aller Handlungen ist: so nehmen sie sich in Acht, nichts zu thun, was ihm nicht gefallen möchte. Ein Christ hat genug, wem, er einen gnadigen Gott hat; man muß mit der Gnade Gottes durch unsern Herrn Jesum Christum zufrieden seyn. Aus allen diesen Grundsahen schloß er, daß man bloß Gott, den unumschränkten Beherrscher der Welt, zu versöhnen und anzurufen suchen müsse. So fruchtbar diese Beschreibung von dem richtigen Glauben der ersten Christen, in der Lehre von der Gottheit, an natürlichen Folgen für ihre Rechtgläu- bigkeit, in vielen andern geoffenbarten Lehren ist: so wollen wir ißt doch nur einen unumstößlichen Beweis daher nehmen, daß sie einen dreyeinigen Gott ange- bethet haben, ob gleich die ersten Zeiten wenig von dem Namen der Dreyeinigkeit und der Personen in Gott wußten. Da die Christen einen so unüberwindlichen Abscheu vor aller gottesdicnstlichen Verehrung der Creaturen hatten, und ihr Blut mit Freuden wegen dieses Glaubens an einen einigen Gott vergossen: würden sie Jesum Christum wohl angebetet haben, wenn sie ihn nicht für den einzigen wahren Gott gehalten hätten? Würde sein Lob in ihren gottesdienstlichen Liedern und Gesängen erschollen senn? Wür- Zweyter Abschnitt. Z6? Würden sie ihre Gebethe an ihn gerichtet haben ? Hät- ren sie sich den Irrgläubigen so eifrig widersetzet, welche Jesum Christum nicht für Gott selbst, sondern nur für einen Ausfluß derGottheit erklareten? Allein, so betheten sie ihn, mit dem Vater und dem heiligen Geiste, als den einzigen wahren Gott an. EinIgna-- tius, ein unmittelbarer Nachfolger der Apostel des Herrn, gründete die Gottheit Jesu Christi und des ^'"^ heiligen Geistes auf den Befehl, daß alle Heiden in dem Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes getauft werden sollten. iLö ist, so lehrete er, ein einziger ungeoohrner Gott, der Vacer; und ein einziger eingebohrner Sohn, Gort, N>orr und Mensch, und auch ein heiliger Geist. Es sind also weder drey Varer, noch drey Söhne, noch drey Tröster, sondern ein Vater, ein Sohn, ein heiliger Geist. An die Magnesier schrieb er: es ist ein allmächtiger Gott, welcher sich durch Jesum Christum seinen Sohn geoffenbaret hat. Dieser ist sein lVorr, nicht ein vergängliches, sondern ein wesentliches, nicht die Rede einer vernehmlichen Stimme, sondern eine Wirkung derGottheit, eine gebohrne Gelbftstandigkeic, welche seinem Vater in allem wohlgeföUt. Justin, ^»/?,». der Märtyrer, übernahm den Beweis in seiner Schuß- «^>o/.-. schrift für die Christen, daß sie mit Grund Jesum Christum, als den einzigen und.eigentlichen Sohn des wahren und einzigen Gottes, und nach ihm den prophetischen Geist anbetheren. In seiner Unterredung mit dem Tryphon, einem Fa/. Juden, suchte er denselben zu überführen, daß sich al- leö, was in den Schriften des alten Bundes von 5^"-'- dem Z6Z Geschichte der christlichen Religion. dem höchsten Gott gesagt würde, auf Jesum Christum bezöge, und daß er den Vätern, Abr/ham, Jsaac, und Jacob erschienen, und von ihnen angebethet won K/. «/>o/„den wäre. In seiner ersten Schutzschrift sagte er voil Jesu Christo, daß er in dem eigentlichen Verstände Gotres Sohn und das wort rvare, zugleich mit ihm vor allen Creamren des Da- seyns theilhaftig und aus ihm gebohren. Dieser Glaube, daß der einige wahre Gott, der Vater, der Sohn, und der heilige Geist wäre, wurde auö einem Jahrhunderte in das andere fortgepflanzet. Im /.«c/a». zweyten Jahrhunderte verspottete deswegen ein Lu- /'Ä/c,/,«,?-. cm» die Christen über das Bekenntniß: der große ewige Gott, der in der Höhe regieret, der Sohn dieses Vaters, und der heilige Geist, der vom Vater ausgeht, einer aus dreyen und drey aus einem, dieser ist der wahre Gott. Einige Irrgläubige wollten dem Sohne die ihm eigenthümliche Gottheit streitig machen; sie wollten ihn zum Range der Crea- turen heraberniedrigen. Allein vergebens stritten ein Theodorus vonByzanz, ein praxeas, ein^Tloe- tus, ein Sabellius, ein Paul von Gamosata wider die Lehre, daß Jesus Gott sey. Sie bewiesen damit nur, daß die Christen vor ihnen richtig geglaubt hatten. Paulus von Samosata untersagte die Dorologien und Lobgesänge auf Christum; sein Unternehmen war ein Beweis, daß die antiochenische Gemeine vor ihm Jesum für den wahren und lebendigen Gott gehalten hatte, weil sie ihn in gottes- dicnstlichen Gesängen verherrlichten. Die Heiden wußten dieses; ein Plinius Secundus schrieb an den Trajan, daß die Christen Jesum verehreten, als ob er Gott wäre. Die Christen bezeugeten diese Wahrheit Zweyter Abschnitt. 369 heit vor Gericht: sie starben für dieselbe; sie lehrctei, sie in ihren Schuhschriften, und wenn sie den heidnischen Gottheiten ihre eingebildete Gottheit nahmen: so behaupteten sie, daß sie dem Vater, dem Sohne, und vem heiligen Geiste zukäme. Christus, lehrete c^/»,-/^. Cyprianus, wird von einer Jungfrau cmpfan- ^ ^"»/- gen, und durch die Mitwirkung des heiligen Geistes mir der menschlichen ZTlarur angezo- gen. Der ewige Gorr vereiniget sich mit dem Menschen. Dieser ist unser Gorc, dieser ist Christus, der Mittler zwischen zweyen, der die Menschheit anzieht, damit er den Menschen zum Vater führere. - , Die Christen werden durch allerley Arten und Martern versucht, damit ihr Bekenntniß, daß Jesus Gottes Sohn sey, desto gründlicher und bewahrter seyn möge. Der Schmerz dieser Zeugen der Wahrheit wird gebraucht, daß Christus, der Sohn Gottes, von dein sie glauben, daß er ihnen zum Leben gegeben sey, nicht allein durch das Zeugniß des Mundes, sondern auch durch das Zeugniß des Leidens möge verherrlichet werden. Der muß uns leiten, dem lasset uns folgen, ihm, dem Fürsten des Lichcs, dem Urheber der Seligkeit, der denen, welche ihn sui chen, den Himmel sowohl, als der Vater, verheißt. Lasset uns noch das Bekenntniß des Gre- t?;-^?. gorius, welcher den Zunamen des Wunderchacigen ^F- ^» erhalten hat, anführen. „ Es ist nur ein Gott, der .^'^ „Vater, welcher ein Vater des lebendigen Wortes, „seiner wesentlichen Weisheit, seiner Macht, und seltnes ewigen Ebenbildes ist; er ist es, der, Weiler „unendlich vollkommen ist, einen unendlich vollkoM- II. Theil. Aa »menett - z?O Geschichte der christlichen Religion. „menen und ihm gleichen Sohn gezeuget hat; er ist „der Vater des einzigen Sohnes. Es ist nur ein „Herr, der einzige Sohn eines einzigen Vaters, „Gott, von Gott gezeuget, der Charakter und das „Ebenbild der Gottheit, das kräftige Wort, durch „welches alle Creaturen geschaffen sind, der wahre „Sohn des wahren Vaters, der unsichtbare Sohn „des unsichtbaren Vaters, der Unverwesliche von „dem Unverweslichen, der Unsterbliche von dem Un- „sterblichcn, der ewige Sohn von dem, der von „Ewigkeit her ist. Es ist auch nur ein heiliger „Geist, der von Gott ausgeht, und der den Menschen durch den Sohn gegeben worden ist. Dieser „ist das Ebenbild des Sohnes und ein vollkommenes „Ebenbild von dem Vollkommenen. Er ist das Le- „ben und die Ursache des Lebens der Lebendigen; er „ist die heilige Quelle, die Heiligkeit selbst, und der „Urheber der Heiligung. Durch ihn hat sich Gott, „der Vater, offenbaret, der über alles erhaben ist, „und Gott, der Sohn, der ihm in allem gleich ist. „Das ist die vollkommene Dreyeinigkeit, ungetheilt, „und eins in der Ehre, Unendlichkeit und Ewigkeit. „ PAe',-?>.-6 Die Kirche der drey ersten Jahrhunderte hat also ei- "s- nen dreyeinigen Gott geglaubet. hr^injge Gott hatte, nach dem Bekenntnisse der ersten Christen, die Welt erschaffen, daß sie ein Spiegel seiner Größe, Weisheit und c7-m. Güte seyn sollte. Der N>llle Gottes rvar die j>^tt. Ursache der Schöpfung; Gott schuf sie allein, 7Äeo/>/i «t/ rvetl er allein Gort rvar. Auch hatte Gott ^tt,o/>-c./nichts schädliches erschaffen; das Verbrechen der Menschen rvar Ursache, daß die Creaturen /» verschlimmert wurden. Weil er wollte, daß ihm . Engel ' Zweyter Abschnitt. 37» Engel und Menschen gehorchen sollten: so hatte er ihnen zum Guten einen freyen Willen und die Ver- nunft gegeben. Unterdessen war ihre Natur veränderlich ; daher kam es, daß einige aus eigenem Willeil wider den Willen Gottes sündigten, und von ihm abfielen. Die Menschen waren erschaffen, daß sie ^/z?/.».- mit ihm leben und unsterblich seyn sollten, wenn sie "/-o/. 2. ihr Leben nach seinem Willen einrichteten. Sie wa- /z-e^. .^,4. ren nach dem Bilde Gottes gebildet, und ein Werk seiner Hände. Daß Gott sagte: lasset uns Menschen 77,-?-?/,/,. machen, dadurch gab er die Würde des Menschen / "./^tt- zu erkennen. Alles andere, was er schuf, schuf er durch ein bloßes Wort, und es schien, als wenn er keine so große Sorgfalt auf die übrigen Geschöpfe wendete; den Menschen allein hielt er für ein Werk, das seiner Hände würdig wäre. Allein, die ersten. Menschen sündigten, und zwar durch den Mishrauch ihres freyen Willens. Was half dem ersten Mew c/e??/. scheu sein Adel? was half eö ihm, daß er keinen H,-«?/./.-. sterblichen Vater hatte? Er, der Vater der Menschen , erwählte die Schande der Sünde mit einem schnellen Entschlüsse, da er seinem Weibe gehorchte, und Wahrheit und Rechtschaffenheit verließ. Daher geschah es denn, daß er ein unsterbliches Leben mit der Sterblichkeit verwechselte, und daher fingen wir an, wie Ignarius sager, wegen der Bosheit, H?^. ^ die in uns ist, verloren zu gehen. Adam unterwarf seine Nachkommen durch seine Sünde dem Tode, und ' dadurch unterwarf er die ganze Schöpfung diesem Verbrechen. Sehet hier nach der Lehre der ersten Kirche den wahren Ursprung alles Bösen, und das natürliche Verderben des Menschen! Aas Wer > ^ Z72 Geschichte der christlichen Religion. Wer konnte die Menschen aus dem Elende retten, worein sie durch die Sünde des ersten Menschen gestürzt worden waren? Die erste Kirche leh- rete, daß Gott allein eine Errettung für das menschliche Geschlecht habe erfinden können. Christus, das Wort, das in Gott war, war, nach dem Bekenntnisse t/em. ?'» des Clemens von Alerandrien, die Ursache unsers I^ae». Daseyns; er war aber auch die Ursache unsers Wohl- seyns; er selbst erschien unter den Menschen, er, das Wort, der allein beydes ist, Gott und Mensch. Die .Barmherzigkeit und jiebe Gottes gegen den Men- schen war es, nach dem Irenaus, der den Menschen c. mit Gott vereinigte. Denn wenn es kein Mensch gewesen wäre, der den Feind des Menschen überwunden hatte: so wäre der Sieg über ihn kein gerechter Sieg gewesen. Allein, war derjenige nicht Gott, der uns die Seligkeit gab: so hatten wir die Seligkeit nicht gewiß; und wäre die menschliche Natur nicht mit unserm Gotre vereiniget worden: so hätte sie der Unvergänglichkeit nicht theilhaftig werden können. Denn der Mittler zwischen Gott und den Menschen mußte zu beyden gehören, mit beyden verwandt und vereinigt seyn, damit er sie mit einander vereinigen, und es dahin bringen konnte, daß Gott den Menschen annahm, und der Mensch sich Gott ergab. Diese Vereinigung der göttlichen Natur mit der menschlichen war kein Blendwerk; es war eine H». H>?/?. wahre Vereinigung. Maria gebahr, wie Ignatius ^ ?>^/'. Pölkern, die Knechte sowohl, als die Freyen, werden das ewige Erbtheil empfangen, wenn sie an Christum glauben, und die wahren Auösprüche der Propheten wissen. Die Zeit dieser Bekehrung ist in die Gränzen des gegenwärtigen Lebens eingeschlossen. So bald man dasselbe verlassen hat, sagte Cppria- ^. O?. stug, so ist kein Raum mehr zur Bekehrung. Hier wird das wahre Leben entweder verloren, oder erhalten. Niemand lasse sich die Sünden oder die Jahre aufhalten, zu seinem Heile zu kommen. Keine Bekehrung ist in diesem Leben zu spät. Auch dann noch, wenn man den einigen und wahren Gott beym AuSgange seines Lebens um die Vergebung seiner Sünden anflehet, erhält der, der seine Sünden bekennet, Vergebung, und der Glaubige von der unendlichen Barmherzigkeit Gnade, und selbst unter dem Tode ist es noch möglich , zur Unsterblichkeit zu gelangen, Diese Gnade erweiset Christus; dieses Geschenk eignet er seiner Barmherzigkeit zu; er hat den Tod durch den Triumph des Kreuzes überwunden ; er erlöset den Gläubigen durch das Lösegeld seines Blutes; er versöhnet den Menschen mit Gott dem Vater, indem er den Sterblichen durch eine himmlische Wiedergeburt lebendig machet. Folgen wir ihm nach; huldigen wir ihm: so öffnet er uns hier den Weg zum Leben, schließt uns das Paradies auf, und führet uns zum Reiche des Himmels, wo wir mit ihm ewig leben, und als Söhne Gottes, die durch sein Blut erworben sind, ewig mit ihm jauchzen sollen» Wir Christen sollen mit Christo herrlich, und durch Gott den Vater selig werden, und ihm in dem Genusse unaufhörlicher Freuden vor seinem An- gesichte Zweyter Abschnitt» 375 gesichte ewig danken.' Denn es muß derjenige, welcher erst deö Todes schuldig war, nun aber durch die Unsterblichkeit sicher vor demselben ist, nothwendig allezeit fröhlich, und allezeit dankbar seyn. So leh- rece die erste Kirche, die, weil sie so nahe an die Zeiten der Apostel gränzte, mit Recht den Namen der apostolischen führte, von der Nothwendigkeit einer übernatürlichen Erlösung, von der Menschwerdung Jesu Christi, von ihrer Absicht, von der Rechtfertigung des Menschen durch das Verdienst und den Gehorsam des Erlösers, von den Bedingungen, unter welchen uns sein Verdienst hilft, und endlich von dem unendlichen Nutzen desselben. Die Menschen sind nicht allein so dürftig, daß sie ohne einen Erlöser nicht glückselig werden können, sondern sie sind auch sogar unvermögend und elende, daß sie nicht einmal ohne eine göttliche Hülfe diese Erlösung annehmen und in die Ordnung des Heils treten können. Die heilige Schrift eignet dem heiligen Geiste das Amt zu, den Menschen diese Hülfe zu ertheilen, und die erste Kirche erwartete sie von keinem andern, als von ihm. Ignatius bekannte Einen Gott des al- H»"/ «/,. ten und des neuen Testamentes, Einen Mittler zwi- "^^/s^ schen Gott und den Menschen, Einen Tröster, welcher in Mose, den Propheten und Aposteln sich thälig erzeuget hatte. Er war nach dem Irenaus über Chri- /n». Zäsium gekommen, weil er auf den Menschen ruhen, den Willen Gottes in ihnen wirken, und sie aus alten Menschen zu neuen Menschen in Jesu Christo machen sollte. Er wurde uns gegeben, damit wir, weil der Teufel aus dem Himmel verstoßen worden ist, da einen Tröster und Fürsprecher haben möchten, wo unser Anklager, der Teufel ist. Deswegen nannte ihn Aa 4 Ter- 3?6 Geschichte der christlichen Religion. T'-,-/»//. Cermllian einen ^eiligmacher des Glaubens der- jenigen, die an den Varer, den Sohn und den hei- ligen Geist glauben. Die Mittel, durch welche der heilige Geist den Menschen die Gnade der Erlösung zueignete, sind das göttliche Wort, das Gebeth, die Taufe und daö heilige Abendmahl. Die ersten Christen kannten auch keine andere Gnadenmittel, ^?//?/». ?'» Iustinus, der Märtyrer, nannte die Taufe eine ^ Taufe der Buße und der Erkenntniß, weil von ^ ^' den Erwachsenen niemand eher zum Gebrauche dieses Gnadenmittels zugelassen wurde, als bis sie hinlänglich in den Lehren der göttlichen Offenbarung unter- s7em,^/-^. richtet worden waren. Sie wurde ein Siegel des ^c/^/ 6^'" genannt. Sie hieß eine Erleuchtung. werden, sagte Clemens von Alexandrim, »o- durch die Taufe erleuchtet; durch die Erleuchtung l"L/>.5H-. werden wir Gottes Kinder, durch die Kindschaft /K- m. werden wir vollkommen; und wenn wir vollkommen 5"^^/"' sind, werden wir unsterblich. Iusttnus, der Mar- -/e verglich die Taufe mit der unter den Juden ^e-?. c-.^, ^ alten Testamente gewöhnlichen Beschneidung, c.-^.c'/e,//. Alle diese Namen beweisen zur Gmige, daß die er- ?'« /^e^. sten Christen die Taufe nicht für eine bloße zwar hei- /.c. 4. tiget Irenaus. Weil sie von der Gegenwart des «/4- Leibes und Blutes Jesu Christi im heiligen Nachtmahle so vollkommen überzeuget waren: darum hielten sie eS für eine Speise, welche uns unsterblich machte. Ignarius nannte daher das heilige Abend- mahl eine Arzrney der Unsterblichkeit, ein Gegengift wider den Tod zum Leben in Jesu Christo, und eben dieser Märtyrer behauptete, daß durch den öftere Gebrauch dieser heiligen Speise die Macht des Satans von uns zurückgetrieben würde. Es würde eine ganz überflüßige Arbeit seyn, wenn man durch Zeugnisse der ältesten Lehrer beweisen wollte, daß die erste Kirche von ihren Gliedern «in heiliges Leben gefodert, und gelehret habe, daß die Belohnung desselben in der Ewigkeit auf sie warte. Denn eben die Lehre von der gewissen Auferstehung und Wiedervereinigung ihrer Leiber mit ihrer schon seligen Seele zu einer ewigen und unaussprechlichen Herrlichkeit und Seligkeit machte sie in allen Verfolgungen und bey den grausamsten und unmenschlichsten Martern so unerschrocken und freudig. Kein Christ wurde eher unter die Gläubigen «aufgenommen, als bis er in allen diesen Wahrheiten unterrichtet, und von denselben überzeuget war. Man muß die Zeugnisse der ältesten Lehrer mühsam aufsuchen. Dieses kömmt daher, daß sie sich die meiste Zeit mit einem mündlichen Unterrichte der Gläubigen begnügten, und selten eher schrieben, als bis eine Wahrheit von Irrgläubigen angefochten wurde. Sie wußten nichts von einem systematischen Vortrage der geoffenbarten Lehren. Fanden sie eine äehre in der heiligen .Schrift deutlich gegründet: so Zweyter Abschnitt. z?9 hielten sie dieselbe für Wahrheit, ohne sich mit der Sorgfalt, welche in unsern Tagen so nothwendig geworden ist, um ihren Zusammenhang mit andern göttlichen Aussprüchen zu bekümmern. Die Bekenntnisse ihres Glaubens waren kurz, und enthielten nur die wichtigsten Lehren. Man kann solches deutlich aus dem apostolischen Glaubensbekenntnisse erkennen,-?" welches zwar von den Aposteln nicht selbst verfertiget ' worden, aber doch seiner Kürze und majestätischen ^-,1/ ?» Einfalt wegen der Apostel vollkommen würdig ist. ^/o/?. ^ ^ ^ ^ Ueber das Ansehen und die Schicksale der göttlichen Schriften des neuen Testamentes vom Alifange des Christenthums an bis auf das vierte Jahrhundert. ine so allgemeine Uebereinstimmung in den Grundwahrheiten der geoffenbarten Religion herrschete unter den ersten Christen, deren Gemeinen im drit« ten Jahrhunderte doch so zahlreich waren, daß sie fast alle bekannte Weltgegenden crfülleten. Die Christen in Palästina glaubcten eben das, was die Christen in Italien lehreten. Ihr Glaube konntc mit Recht der Sonne verglichen werden, welche allezeit ein Licht bleibt, ob ihre Strahlen gleich auf einmal die weitentlegensten Weltlheile erleuchten. Wenn hat die Secte eines Philosophen so viele Anhänger erhalten, und, geseht daß sich einer eine sehr zahlreiche Secte gesammlet Härte, wenn sind seine Schüler feinen Grundsahen so getreu geblieben, als die Christen den Grundlehrcn der Religion waren? Die M. z8o Geschichte der christlichen Religion. Platoniker machten unstreitig die zahlreichste Partey aus: allein welch ein Unterschied zwischen der ältern, der mittlern, und der jüngern Akademie! Welch ein Unterschied zwischen den alten und neuern aleran- drinischen Platonikern! Eine philosophische Partey verschlang die andere, oder vermengte sich mit der andern, und allezeit blieb der gemeine Haufe unfähig, den hohen und dunkeln Unsinn der Philosophen zu fassen. Unter den Christen hingegen fand man Jungfrauen,'Kinder, verfchmähete Landleute und oft Bettler, welche von den erhabensten Gegenständen , mit welchen sich nur der menschliche Verstand beschäsftigen kann, gesundere und wirklichere Begriffe hatten, als die Sokrates und Platone der Griechen ; und der größte Geist unter den Christen bekannte, daß er keinen nähern und richtigern Weg zur Glückseligkeit wüßte, als der niedrigste und ungelehrteste Christ. Ja e6 geschah oft, daß diejenigen unter den Christen, welche die größte Gelehrsamkeit und Wissenschaft besaßen, in der größten Gefahr waren, mit ihrer Wissenschaft zu scheitern, auf Abwege zu gerathen und sich zu verirren. Man sah zwar irrgläubige Parteyen unter den Christen. Doch nicht zu gedenken, daß viele für irrgläubige erklärte Seccen, zum Exempel die Montanisten, die No- vananer, und andere, mehr in Gebräuchen, als in Grundwahrheiten irreten: können wohl einige unruhige Geister in einem sonst friedlichen, wohleingerichteten und starkbevölkerten Staate demselben den Vorwurf zuziehen, daß alles darinnen voll Aufruhr und Unruhen sey; zumal, wenn die Mitglieder eines solchen Reiches alle Aufrührer sogleich daraus verweisen? Es ist wahr, daß sich, besonders durch die Zweyter Abschnitt. z8? die übertriebene Liebe der gelehrtern Christen gegen, die irdische Weisheit der Heiden, verschiedene Irrthümer auch unter die Rechtgläubigen einschlichen. Allein, theils waren sie so beschaffen, daß sie neben den Grundwahrheiten des Christenthums bestehen konnten, theils waren sie nur Meynungen einzelner Lehrer; theils bemerkte man den Streit nicht, der etwa zwischen ihnen und den Grundlehren der geoffenbarten Religion war, sondern glaubte sie eben deswegen, weil man eine freundschaftliche Uebereinstimmung zwischen beyden wahrzunehmen glaubte. Die christliche Religion hatte die Menschen vergöttern müssen, wenn man unter den Christen gar keine Spur unserer unbeständigen und zur Veränderunggeneigten Natur mehr hätte finden sollen. Genug, daß sie in den Grundwahrheiten einig waren. Wer muß nicht über eine solche Eintracht des Glaubens erstaunen ? Was für Künste weis nicht das menschliche Herz, der Wahrheit zu entgehen, wenn ihm der Irrthum mehr, als sie, schmeichelt, und wie bereitwillig ist es nicht, diese zu verstoßen und jenen anzunehmen. Und die Lehren der christlichen Religion , so vernünftig sie auch sind, wenn die Vernunft gesund ist, sind so beschaffen, daß der natürliche und sich selbst gelassene Mensch allezeit wünschen wird, sie möchten weniger wahr, oder was er noch lieber sähe, sie möchten ganz ungegründet seyn. Was waren es also für Bande, welche den flüchtigen Geist der Menschen an einen Glauben so zu sagen anfes- selten? Was unterhielt und stärkte diese göttliche Eintracht? Man kann viele Ursachen davon angeben ; die vornehmste aber war die Ehrfurcht der ersten Christen überhaupt gegen die ganze göttliche Of- fenba» zZ2 Geschichte der christliche!: Religion. fenbarung, besonders aber gegen die göttlichen Schrif. ten des neuen Testamentes. Je größer diese Ehrfurcht war, je weniger sie sich auf dem Wege der Seligkeit andern Führern, als ihnen überließen, desto reiner war ihre Religion, desto allgemeiner ihre Uebereinstimmung in den Grundwahrheiten des Christenthums. Gott konnte seine Religion unter den Menschen ohne eine schriftliche Offenbarung erhalten und aus- breiten, wenn er nicht ein Gott der Ordnung wäre, und ohne Aufhören Propheten hätte erwecken und Wunder thun wollen. Eine bloß menschliche mündliche Fortpflanzung war zur Ausbreitung und Erhaltung der geoffenbarten Wahrheiten des Heils ein ganz ungeschicktes Mittel. Es mußten nothwendig zur Bekräftigung derselben Wunder geschehen; denn sie waren ein Siegel der Gottheit: allein sie durften, wenn Gott nicht wider die Gesetze seiner Weisheit handeln wollte, nicht ohne Noth vervielfältiget werden. Sollte er seine Wahrheit bloß dem Gedächtnisse und der Treue so verderbter und unbeständiger Geschöpfe anvertrauen, als Menschen sind? Da es Zeiten gegeben hat, in welchen sie, ungeachtet des Daseyns einer schriftlichen Offenbarung, beynahe verloren worden ist: was würde ihr wiederfahren seyn, wenn wirkeine andere Quelle derselben erhalten hätten, als das so ungetreue Gedächtniß der Menschen, welche bald von der Schwachheit ihres Geistes, bald vom Stolze, bald von noch schandlichern Leidenschaften verführet werden können, die Wahrheit zu verändern, oder ihre Irrthümer hinzu zusetzen? Der Verlust der wahren Religion war um so vielmehr zu befürchten, je mehr Jahrhunderte ver- Zweyter Abschnitt. 335 verflossen. ' Wenn es keine geschriebene Offenba» nmg giebt; wer ist mir in den von den Tagen der Apostel soweit entfernten Zelten ein Bürge, auf deir ich mich sicher verlassen rann, daß diese oder jene Lehre, deren Zusammenhang mit andern unleugbaren Wahrheiten der Vernunft mir unsichtbar und also unbewiesen ist, wirklich eine göttliche Wahr« heit sey? Ich kann mich also auf keine bloß menschliche Fortpflanzung verlassen. Nur eine schriftliche Offenbarung kann einen allgemeinen PyrrhonismuS in der Religion verhindern, wenn Gott seinem Volke nicht immer Propheten erwecken will, die man an wirklichen Wundern für göttliche Propheten erkennen kann. Ich will also nichts für eine göttliche Lehre halten, wofern ich nicht überführet bin, daß sie entweder eine Wahrheit ist, welche ich durch den- ordentlichen Gebrauch des natürlichen Lichtes meiner Vernunft erkennen kann, oder daß sie Gott zu glauben gebiethet. In dem letzten Falle kann ich dem Gedächtnisse eines bloßen Menschen nicht trauen; ich muß eine schriftliche Offenbarung haben, von der ich gewisse Beweise habe, daß ihr Ursprung göttlich ist. Diese Grundsätze erzeugeten, wie wir bald sehen werden, bey den ersten Christen ihre große Ehrfurcht gegen die heilige Schrift. Als Gott in den Zeiten des alten Bundes die so zahlreichen Stamme Israels zu seinem Eigenthums und Volke erwählete: so grub er selbst den wichtigsten Theil ihrer Religion, das Sittengesetz, in steinerne Tafeln ein. Er überließ also dem Gedächtnisse der Priester die Verwahrung der sittlichen und der ceremonialischen Gesetze nicht. Wenn Gott dieses gethan hätte: woher hatte daö Volk die wahre z84 Geschichte der christlichen Religion. Erkenntniß Gottes nehmen sollen, al6 der Stamm Levi und das hohepriesterliche Geschlecht Aarons eben so abgöttisch war, als der ungelehrteste Pöbel? Moses mußte daher das göttliche Gesetz, und alles, was zur Erkenntniß der wahren Religion unentbehrlich war, aufschreiben, damit sie wenigstens in Schriften übrig bliebe, wenn sie auch in den menschlichen Her, zen verloren gehen sollre. So oft ein neun' Pr ; ut unter den Kindern Israel aufstund: so mußten ^uch dem Volke seine Ermahnungen und Weißagungen, sie mochten nun Zusagen oder Drohungen em hal.cn, wo nicht in ihrem ganzen Umfange, doch gewiß ihrem Inhalte nach, schriftlich hinterlassen werden. Die Wege der göttlichen Vorsehung bey der schriftlichen Offenbarung des neuen Bundes sind eben die, welche er bey der Aufzeichnung seines Willens im alten Bunde gieng. Die Geschichte der Schöpfung und der Erzvater waren der Grund der jüdischen gottesdienstlichen Verfassung. Sie mußte also zuerst aufgezeichnet werden. Sollte die Aehnlichkeit wohl gezwungen zu seyn scheinen, wenn man sagte, daß eben deswegen die evangelische Geschichte zuerst schriftlich aufgezeichnet werden mußte, weil die Geschichte Jesu Christi der Grund der christlich«» got-l tesdienstlichen Verfassung ist? Unterdeß ist die christliche Religion eher mündlich geprediget, als schriftlich aufgezeichnet worden. Die Apostel schrieben nicht gleich, weil es nicht gleich nöthig war. Das Evangelium mußte nach dem ausdrücklichen Befehle des Heilandes erst den Kindern des Reiches, den Juden, verkündiget werden. Noch waren die Wunder und Begebenheiten Jesu Christi unter diesem Volke ganz neu und durchgängig bekannt. Zweyter Abschnitt. 385 bekannt. Die meisten Apostel vermeileten sich verschiedene Jahre in Palästina, und überdieß waren die allerersten Gemeinen so stark nicht, daß nicht beynahe ein jeder, dem etwas zweifelhaft, oder nicht deutlich genug war, sich personlich von einem oder dem andern Apostel unterrichten lassen konnte. Gl-'ich nach der Auffahrt Jesu Christi seine Begebenheiten und Wunder aufzuzeichnen, das harte eine allzuanqst- liche Sorgfalt, und beynahe ein Mistrauen in die gme Sache der Wahrheit verrathen. Die ersten christlichen Gemeinen glichen den Familien der Erzvater, die keine schriftliche Offenbarung brauchten, weil Gott selbst noch durch den Mund ihrer Häupter mit ihnen sprach. Es war der Wahrheit zuträglicher, daß die Jünger des Herrn, Jesum Christum, den Gekreuzigten, erst predigten, ehe sie schrieben. Ihre Schriften, die sie nachher ausfertigten, erhielten dadurch eine größere Glaubwürdigkeit, wenn niemand wider die Lehren, die darinnen enthalten seyn solltenund vorher schon überall mündlich bekannt gemacht worden waren, auftreten und sagen konnte, daß sie etwas anders geprediget, etwas anders aufgeschrieben hätten. Harten die Apostel Ju- däa sogleich verlassen? alle Völker zu lehren und auf den Namen des dreyeinigen Gottes zu taufen, und hatten sie sich, in Ansehung der Juden, mit einer bloß schriftlichen Aufzeichnung des Lebens unsers Erlösers begnüget: was für Lästerungen würde der Unglaube wider die göttliche Offenbarung ausstoßen? Die Schriften der Apostel sind alt, das würde noch der Bescheidenste unter den Ungläubigen sagen. Allein, was für Glauben verdienen wohl Schriften, welche Lehren in sich fassen, die vor ihrer schriftlichen II. Theil. B b Vcr. 386 Geschichte der christlichen Religion. Verfassung nicht vornehmlich da verkündiget worden sind, wo sie den ersten Beyfall oder Widerspruch finden konnten? Warum blieben ihre Verfasser nicht in Judaa, wo ihre Lehre, wenn sie falsch war, entweder durch die öffentliche Widerrede ihrer Feinde, wo nicht ihres Ansehens beraubt, zum wenigsten doch verdächtig gemacht werden, oder durch das Stillschweigen derselben zur öffentlichen Erzählung und Ausbreitung solcher Begebenheiten, auf welche sich ihre ganze Lehre gründete, ein noch größeres Gewicht erhalten mußte? Damit der Religion dieser Vorwurf nicht gemacht werden könnte, so predigten die Apostel eher, als sie schrieben, und zwar in Jerusalem, wo sowohl ihre grausamsten, als ihre angesehensten Feinde waren. Diese konnten nachher Begebenheiten, die vor ihren Augen geschehen, gepredigt, und mit neuen Wundern bekräftigt worden waren, nicht leugnen, als sie aufgeschrieben wurden. So wenig aber die Apostel nöthig hatten, gleich bey dem Antritte ihres Lehramtes die Geschichte Jesu Christi, als den Grund unsers Glaubens, aufzuzeichnen: so nöthig oder so heilsam war es doch, daß Gott nicht allzulange verzog, das Evangelium durch schriftliche Zeugnisse zu bestätigen. Es war heilsam, daß nicht allein die Apostel, sondern daß dieselben auch zu einer Zeit schrieben, wo noch genug Augenzeugen von dem, was sie erzähleten, sowohl unter den Feinden, als unter den Freunden ihrer Lehre übrig seyn konnten. Auf diese Weise erhielt dis evangelische und apostolische Geschichte für die Nachkommen eine unüberwindliche Glaubwürdigkeit, welche die Stelle aller Wunder vertritt, die nur zum Beweise ihrer Göttlichkeit von zweiselsüchtigen Menschen ge- fodert Zweyter Abschnitt. 387 federt werden können. Drey Evangelia, und fast Sich? den. olle apostolische Briefe, sind vorder Zerstörung der Stadt Jerusalem geschrieben; damals, als die Um- U'erund^ stände des jüdischen Volkes noch nicht so voll Unruhe andere in'ih- waren; zu einer Zeit, da die Juden noch bey den ren Zeit- Römern so viel Ansehen hatten, daß sich dieselben rechnun-i von ihnen zu Verfolgungen wider die Christen reizen Z"'. ließen. Matthäus schrieb sein Evangelium am frühesten, und zwar entweder gleich vor, oder gleich nach der Zerstreuung der Apostel; Marcus undLucaS hingegen zeichneten ihre Geschichte einige Jahre.später auf. Paulus, dessen erste Briefe die Briefe an die Thessalonicher waren; Petrus, Jacobus und Judas ließen in wenig Jahren ihre apostolischen Briefe auf einander folgen; Petrus bezog sich schon in seinem zweyten Briefe auf die paulinischen Schreiben; und nachdem die meisten Schriften des neuen Testamentes schon lange in den Händen der Gläubigen waren,^ schrieb auch Johannes, vermuthlich darum zuletzt, damit niemand mit Grund auf den feindseligen Gedanken gerathen möchte, er hätte Jesum vergöttert, weil er sein vertrautester Jünger gewesen wäre, die andern Evangelisten aber hätten diesen Liebling Jesu Christi nur ausgeschrieben. Darum schwieg er so lange, und ergänzte nur die Geschichte der andern göttlichen Geschichtschreiber Jesu Christi. Wir wollen zu diesen Anmerkungen noch eine andere hinzusetzen. Die Apostel des Herrn verfassercn ihre Schriften zu einer Zeit, da die christlichen Gemeinen in vielen Weltgegenden schon sehr zahlreich geworden waren. Die Abschriften der apostolischen Geschichtbücher und Briefe mußten sich also nochwendig häufen und vervielfältigen. Man setze dazu ''^ Bb 2 die M Geschichte der christlichen Religion. die Neuheit ihrer Lehre, die offenbare Göttlichkeit derselben, den Eifer der ersten Christen, ihre Hochachtung für die Gesandten des Herrn, ihre häufige,, Versammlungen, die öffentliche Ablesung der apostolischen Schriften in diesen Versammlungen, und die häufige Versendung derselben an andere christliche Gemeinen, welche von den Aposteln selbst befohlen wurde; so wird man ohne Mühe begreifen, wenn man nur ein halb unparteyisches Herz hat, daß diese göttlichen Schriften sehr bald allgemeine und feyer- liche Zeugnisse der christlichen Religion geworden sey» müssen, und zum wenigsten den Jüden haben sehr bekannt seyn können. Allein, die eigenhändigen Originale der apostolischen Schriften sind bald verloren gegangen: ja, es ist sehr wahrscheinlich, daß sie schon im zweyten und dritten Jahrhunderte nicht mehr vorhanden gewesen Siehe sind. Denn obgleich Tertullian sich auf die aurhen, ^aroners tischen Schriften der Apostel beruft, und unter die- diqkeltd"/' ^" authentischen Schriften die eigenhändigen Sri- evangcl. ginale derselben verstanden werden können: so kann Geschichte man doch mit mehr Wahrscheinlichkeit diese Stelle, ->TH. iB. wie auch andere ähnliche Stellen der Kirchenväter 2°° S. dieser Jahrhunderte von beglaubten Abschriften verstehen. Sind die Originale zeitig verloren worden: so darf man sich nicht darüber wundern, weil sie durch den öftern Gebrauch, so heilig sie auch aufbewahret werden mochten, durch die öftere Vergleichung der Abschriften mit denselben, und durch tausend andere Zufalle abgenützt, unbrauchbar gemacht, und zernichtet werden mußten. Dieser Verlust der apostolischen Handschriften schadet der Religion nichts, und man hat gar keine Ursache, darüber zu klagen, weil unstreitig Zweyter Abschnitt. Z89 streitig durch denselben sowohl Betrügereyen, als Ab- göltereyen, die sehr möglich waren, wenn sie erhalten wurden, verhindert worden sind. Man möchte nur wünschen, daß es den Reliquien der Heiligen eben so ergangen wäre» Man kann theils in der Art, wie die Sammlung der göttlichen Schriften des neuen Bundes er-' wachsen ist, theils in ihrer innerlichen Beschaffenheit sowohl deutliche Merkmaale ihrer Göttlichkeit, als unleugbare Spuren der weisen Vorsehung Gottes bemerken. Kein Apostel berathschlagte mit dem an-' dern über die Verfassung einer göttlichen Offenbarung. Jeder schrieb, wenn er schriftliche Zeugnisse der Religion für nöthig erachtete. Harten sie eine gemeinschaftliche Abrede darüber genommen, oder wenn wir die Sprache der Ungläubigen einen Augenblick in einer löblichen Absicht reden wollen, wären sie Betrüger gewesen: so würden sie gewiß eine gemeinschaftliche Abrede über einen so wichtigen Theil ihres Betrugs genommen haben, damit sie einander selbst nicht etwa widersprechen möchten; sie würden alle einerley Begebenheiten, und zwar ohne die geringste Abweichung von einander, aufgezeichnet, sie würden nach dem Beyspiele der Philosor-ben ein kunstreiches System ihrer Lehre verfertiget, u>w den Christen nicht die Mühe gemacht haben, dasselbe aus ihren verschiedenen Stellen zusammenzusuchen» Allein, Gott wollte, eS sollte auch nicht der geringste Schatten eines Betrugs bey der Offenbarung seines Willens können wahrgenommen werden. Daher erzählet ein Evangelist Begebenheiten, die ein anderer ausläßt; einer erzählet sie weitlauftigcr, ein anderer kürzer; dieser bindet sich strenger an die Ord- Bb z nunz M Geschichte der christlichen Religion. wmg im Erzählen, als ein anderer; alle aber beschreiben die größten und erhabensten Begebenheiten und Wunder ohne alle menschliche Künste, ungeschmückt und auf die natürlichste Art. Man findet in ihrer Weise zu erzählen die deutlichsten Proben der größten und vollkommensten Redlichkeit und Offenherzigkeit ; was sie erzählen, erzählen sie, als wenn sie gar keinen Gebrauch davon zu machen gedäctMn. Was für ein Stoff für einen Herodotus oder Livius! Was ist die wichtigste Schlacht eines Alexanders gegen die Auferweckung eines Lazarus! Wenn die Apostel alles Wunderbare und alles Erhabene in den Handlungen und Reden Jesu Christi hätten entwickeln wollen: was würden sie für ewige und unvergängliche Denkmäler der menschlichen Beredtsamkcit Hinterlassen haben! Man höre einen Rlopstoct? eine Handlung Jesu Christi erzählen; man hebe aus seinen Gesängen nur eine solche heraus, in welche er Leine Erdichtung eingeflochten hat: Was ist wohl alsdann Homer, der durch seinen Gesang von den Thorheiten der Götter und der Menschen unsterblich geworden ist? Allein, hätten die Jünger des Herrn mit einer solchen Kunst geschrieben: so würden sie zwar die Wollust des menschlichen Geistes mehr unterhalten haben; aber sie wären verdächtiger geworden ; zum wenigsten hätte man schließen können, daß ihre Schriften zwar Werke von großen Geistern waren, nicht aber, daß sie Gott selbst zum Urheber hätten. Gott zeiget in allen seinen Werken eine majestätische Einfalt; darum lenkte er die heiligen Geschichtschreiber, daß sie in der Beschreibung der Begebenheiten , auf welche die christliche Religion gegründet seyn sollte, keine menschliche Kunst brauchen durften. Zweyte Abschnitt. M durften. Sie waren in sich selbst groß genug, und brauchten nicht von Menschen erhoben zu werden. Man muß von den apostolischen Briefen eben so urtheilen, wenn man auf ihre Veranlassung sieht, einigermaßen aber anders, wenn man ihre innere Beschaffenheit erwagt. Ob sie gleich zusammen alle Lehren, deren Wissenschaft uns zu unserer wahren Glückseligkeit unentbehrlich ist, in sich fassen: so ist doch ein jeder, einzeln genommen, allezeit durch besondere Umstände und Bedürfnisse der neu gepflanzten Gemeinen veranlasset worden. Dieser ist in der Absicht geschrieben, die neu bekehrten Christen im Glauben zu starken; ein anderer, die Gemeine, an welche er gerichtet ist, vor gewissen Irrthümern zu warnen; ein anderer, die Gemeine, welche er angeht, wegen großer eingerisssner Laster zu bestrafen; einer klaret diese, ein anderer jene große Wahrheit des Glaubens auf. Sieht man auf ihre innere Beschaffenheit, sc> sind sie in gewissen Stücken den evangelischen Geschichtbüchern ahnlich; in andern sind sie es nicht» Es leuchtet aus denselben eben der edle und göttlicbe Charakter hervor, den man in der gestimmten evangelischen Geschichte bewundert, mit dem Unre-schieoej. daß sie, weil es ihr Endzweck nothwendig machte, beredter waren, als die Evangelia. Paulus, welcher viel menschliche Wissenschaft besaß, nützte sie für die Religion auf eine Art, welche einem Gesandren des Herrn anstandig war, der von dem Geiste Gottes getrieben wurde. Was für eine Starke im Schliessen! Was für eine männliche Veredtsamkeit! WaS für ein Feuer, und für eine Kraft in seinen Ausdrücken! Was für ein Gedränge von Gedanken, die ihm nicht allemal Zeit lassen, auf einen ganj engen und Bb 4 limst- 592 Geschichte der christlichen Religion. kunstmäßigen Zusammenhang, auf eme methodische Verbindung der Perioden, und auf die Erbeutunz kleiner grammatischen Schönheiten zu denken! Was die Berebtsamkeit eines Demosthenes und eines Cicero gesundes, wirklich erhabenes und männliches hat, das wird man ohneMühe in seinen göttlichen Schriften finden, nur nicht den Putz und den falschen. Schimmer der Rhetorik. Und dem ungeachtet siehe man immer eine majestätische Einfalt aus seinen Briefen hervorblicken, wenn er auch noch so sehr in seine Materie entzückt ist, und Gedanken auf Gedankenleeren aufLehren aufhäufet; sie haben nicht mehr und nicht weniger wahre Beredtsamkeit, als Lehrbriefe haben können. Man findet den Charakter, den die evangelische Geschichte von dem Apostel Petrus entwirft, seinen Muth, seine feurige Gemüthsart und seinen ganzen Eifer in seinen Briefen, aber in was für einer erhabenen und göttlichen Veränderung ! Eben der Petrus, welcher vordem mit andern Jüngern Feuer auf die Samariter fallen lassen wollte, wenn eö Christus zugäbe, und bey der Gefangennehmung seines Erlösers unter die Feinde desselben mit dem Schwerdte schlug, ermahnet mit dem feurigsten Eifer die Christen zur Geduld bey allen Lästerungen und Verfolgungen der Heiden, so lebhaft er auch seinen Abscheu gegen die Verführer zum Laster ausdrücket! Und Johannes, > - - welch ein sanfter Geist! welch eine Menschenliebe! was für eine Zärtlichkeit des Herzens! Wenn andere Apostel großen Strömen gleichen, die den Segen und Ueberfluß ganzer Lander von einem V>'lke zum andern führen: so gleicht er den stillen Bächen, welche Thälern und Wiesen ihre Fruchtbarkeit geben. Ich rede von der Ge- Zweyter Abschnitt. 393 Geschichte der heiligen Schriften des neuen Bundes, und scheine vielleicht nicht die Sprache eines Geschichtschreibers , sondern die Sprache der Verwunderung zu reden. Aber man lese sie nur mit der Aufmerksamkeit und Ehrfurcht, welche man den schriftlichen Denkmälern großer Geister schuldig ist, und sehe, ob man darüber mit Recht erstaunen kann, wenn man mit Verwunderung von ihnen redet. Alle diese Anmerkungen beweisen deutlich genug, daß die Schriften der Apostel wirkliche Schriften derselben sind, und von keinen Betrügern untergeschoben seyn können. Was für eine Starke sollte nicht dieser Beweis gewinnen, wenn man diese zusammengedrängten Gedanken auswickeln wollte? Diese göttlichen Schriften haben so etwas Eigenes, das sie von keines Betrügers Hand haben erhalten können. Man kann dieß Eigene leicht fühlen, wenn man nur kein Vergnügen daran findet, sich selbst zu verwirren, und muchwillig in Ungewißheit und Zweifel zu stürzen. Man findet nicht die geringste Spur eines Vorsatzes, den Leser durch die Erzählung erdichteter Begebenheiten zu belustigen, keine Spur eines Vorsatzes, aus geheimen Absichten zu betrügen, darinnen. Man entdecket weiter nichts, als die Absicht, die Menschen von vergangenen Begebenheiten zu unterrichten, weil ihnen an der Wissenschaft derselben gelegen seyn muß. Zeiten, Oerter, und Personen, alles ist richtig bezeichnet; die Begebenheiten werden umständlich, und auf eine natürliche Art erzählt. Diese Geschichtschreiber reden ernstlich und überzeugt. Und wer kann wohl, ohne lächerlich zu werden, von den Briefen der Apostel sagen, daß sie bloß zum Zeitvertreibe und nicht zum Unterrichte Bb 5 der 594 Geschichte der christlichen Religion» der Menschen, oder in der Absicht, sie zu betrügen^ geschrieben worden wären? Es ist also außer allen Streit, daß die Schriften der Apostel wirkliche Schriften derselben sind. Allein, eben deswegen sind sie auch göttlich. Was herrschet nicht für eine Uebereinstimmung zwischen ihren Schriften und den Schriftendes alten Bundes! Und wenn ich nicht die Grundsähe einer weisen Vernunft verleugnen will: so bin ich genöthiget, diese für göttlich zu halten. Alles, was die Apostel erzählen oder lehren, ist wahr; in der Geschichte hat sie niemand einer Unwahrheit überführen können, und die Vernunft kann ihre Lehren, welche sich noch dazu auf wahre und unstreitige Begebenheiten gründen, keiner Unwahrheit, keines Widerspruchs, keiner Ungereimtheit beschuldigen: sollten sie wohl die einzige Unwahrheit gesagt haben, daß sie ihre Lehren von Gott empfangen hätten, da sie so beschaffen sind, daß sie niemals einem menschlichen Verstände haben einfallen können ? Ihre Sittenlehrc ist so heilig und vollkommen ; man kann aus allen ihren Vorschriften, die Tugend so zu sagen athmen; sie zeigen sich alle als solche, welche die Wahrheit sagen, und für die Wahrheit zu sterben bereit sind. Und daß sie solches gethan haben, davon finde ich selbst in ihren Geschichten viele Beyspiele. Sollten mich alle diese Betrachtungen nicht von der Göttlichkeit ihrer Lehren und Schriften überführen? Gesetzt, ich wüßte von dem Zeugnisse so vieler Kirchen für ihre Göttlichkeit nichts, und nichts von der Ausbreitung und Erhaltung einer Religion, welche nur dem Menschen nicht angenehm seyn kann, der sich allen seinen Leidenschaften Preis giebt; hätte ich darum gar keinen Grund, sie weyter Abschnitt. 395 sie für göttlich zu halten? Ein Augustin sagte: Ich würde dem jLvangelio nicht glauben, wenn mich nicht das Zeugniß der Rirche dazu bewöge. Augustins Aussprüche waren nicht göttlich, und die unzähligen Anführungen desselben geben ihm keine Unfehlbarkeit. Ein anderer vernünftiger Mann würde eben so oft angeführt zu werden verdienen, wenn er sagte: Ich würde dem Evan- gelio glauben, wenn mich auch das Ansehen der Ruche nicht dazu bewöge. Allein, warum werden die Begebenheiten, welche die evangelischen Geschichtschreiber erzählen, nicht auch von andern theils jüdischen, theils heidnischen Geschichtschreibern erzählt. Wir wollen auf einen Augenblick annehmen, daß dieser Einwurf, der von einigen Feinden der Religion dem Ansehen der apostolischen Schriften entgegen gesetzt wird, ohne Einschränkung und nähere Bestimmung wahr wäre;, wir wollen noch freygebiger seyn, und annehmen, daß das Zeugniß, welches IosephuS von unserm Erlöser abgelegt haben soll, nicht allein verdächtig, oder bloß durch fremde Zusätze verfälscht, sondern ganz untergeschoben sey, ob es gleich unstreitig ist, daß sich dasselbe eben so leicht vertheidigen, als angreifen und bestreiken läßt: was würde denn daraus wider die apostolischen Schriften folgen? Sind sie darum weniger glaubwürdig und göttlich? Oder würden sie beydes mehr geworden seyn, wenn die Jüden und Heiden eben die Begebenheiten bezeugc- ten, welche die Jünger unsers Erlösers bezeugen? Wenn man ohne ihr Zeugniß Zweifel wider die apostolischen Schriften machen kann: ließen sich denn nachher nicht eben die Zweifel wider die jüdischen und 396 Geschichte der christlichen Religion. und heidnischen Geschichtschreiber machen? Könnte man nicht sagen, daß sie entweder zu leichtgläubig gewesen wären, und sich von dem gemeinen Gerüchte hätten hintergehen lassen, oder gar, daß diese vorgeblichen jüdischen und heidnischen Geschichtschreiber von dem Betrüge der Christen herkämen? Was hätten bey dergleichen Einwendungen die apostoli. sehen Schriften gewonnen? Daß ein Josephus, der einen weltlichen Messias, einen Monarchen der Erde erwartete, und den VespasianuS dafür halten konnte, von den Wundern Jesu Christi schweigt, das ist beynahe ein größerer Beweis für die Glaubwürdigkeit und Göttlichkeit der apostolischen Schriften, als sein Bericht derselben seyn kann. Sein Stillschweigen ist natürlicher und begreiflicher, als seine Erzählung seyn würde. Was hätte denn ein Mann von so großer Vernunft, als JosephuS war, für eine unverschämte Stirn haben müssen, wenn er die Wunder Jesu Christi mit eben der Aufrichtigkeit, mit welcher sie die Apostel erzählt haben, erzählt, und weil er kein Christ werden wollte, sie für Kleinigkeiten , oder für Wirkungen der Zauberey ausgegeben hätte, da doch so offenbare Charakter der Gottheit darauf geprägt waren? Verhinderten ihn irdische Absichten und Vorurtheile nicht, der Wahrheit zu glauben: so handelte er für seine irdische Ehre am vernünftigsten, daß er schwieg, damit er weder für einen Lügner noch für einen Unverschämten gehal« ten werden möchte. Man versetze einen Ungläubigen , der die Wahrheit der christlichen Religion befreitet, in die apostolischen Zeiten; man lasse ihn einen Augenzeugen von allen Wundern Jesu Christi und seiner Apostel seyn, und das ist vielleicht JosephuS Zweyter Abschnitt. 39? phus von keinem einzigen gewesen: ist es wohl wahrscheinlich , wenn er sich durch den Anblick dieser Wunder nicht bewegen ließe, ein Christ zu werden, daß er dennoch einen Geschichtschreiber derselben abgeben, und wenn er sich dazu verstünde, daß er die Wahrheit schreiben würde? Würde er nicht schweigen, wofern er noch nicht den höchsten Gipfel der Unverschämtheit erstiegen hatte? AuS eben dieser Ursache, und noch aus andern Gründen, läßt sich das Stillschweigen der heidnischen Schriftsteller von den Wundern Jesu Christi und seiner Apostel erklären. Kann es wohl einem unparteyischen Untersucher der Wahrheit unbegreiflich seyn, daß die Heiden, die mit einer so groß?n Verachtung gegen das jüdische Volk, und also auch für die ersten Lehren der Christen eingenommen waren, welche das Christenthum, als es bekannter wurde, und sich weiter ausbreitete, für einen ungereimten und lächerlichen Aberglauben erklärten, von unserm Erlöser schwiegen und lieber die Ausschweifungen ihrer Kaiser, als die Wunder der Apostel, erzähleten? Allein, man kann nicht einmal sagen, daß in un- S. Addis- christlichen, theils jüdischen, theils heidnischen Ge-s^ Zeugschichtschreibern nichts von demjenigen zu finden seyn und sollte,' was die Apostel erzählen. Wir wissen es Heiden für nicht von diesen allein, daß es in Iudäa einen Je- die chnstl. sus Christus, den Stifter einer neuen Religion ge- Religion, geben habe, der von den Juden getödtet worden A^"^ ist. Tacims, Sveronius, plinius, Lucian, A^wm. heidnische Schriftsteller, lehren uns diese Begeben- «vangel. heit, und Celsus und alle diejenigen, welche wider Gesch im das Christenthum unter den Heiden geschrieben ha- i.TH. durch ben, räumen solches ein. Die Geschichte der Evan- und durch. geltsten ?98 Geschichte der christlichen Religion. gellsten stimmet mit demjenigen, was jüdische und heidnische Geschichtschreiber von der Geschichte der damaligen Zeit berichten, vollkommen zusammen. Die römischen Statthalter, und die regierenden jüdischen Fürsten, von denen die evangelische Geschichte redet, ein Quirinius, ein Pontius Pilatus, .ein Fcstus, ein Felir, ein Caiphas, ein Herodes, ein Johannes der Täufer, eine Herodias, ein Agrippa, ein Theudas, sind «uS einem Josephus, und aus heidnischen Geschichtschreibern bekannt. Dieses sind keine erdichteten oder untergeschobenen Namen. Man findet in den apostolischen Schriften keinen Umstand, der nicht mit der Geschichte der damaligen Zeit bestehen könnte, keinen Widerspruchs keinen Fehler wider die Zeitrechnung. Betrüger, welche Unwahrheiten berichten, sie mögen nun zu der Zeit leben, wenn sich die von ihnen erdichteten Begebenheiten zugetragen haben sollen, oder sie mögen nachher gelebet haben, müssen nothwendig in Fehler fallen, welche Erdichtung, und Betrug verrathen können. Wenn hat sich ein untergeschobenes Buch in seiner mit Unrecht angemaßten Würde er« O« halten? Man hat in den ersten Zeiten der Kirche, O?/co»,'! wir in den Betrachtungen über die gnostischm Secten unter den Christen gesehen haben, vielmals />. F7. versucht, ob man den Aposteln falsche Schriften un- 5. terschieben könnte. Ist aber nicht füsr ein jeder ^. Betrüger bey seinem Auftritte entdecket worden? ^'/^ man nicht fast von allen die Data ihrer un- A/' ' tcrgeschobenen Schriften? Und weis man nicht von sehr vielen auch die Namen? Man darf diejenigen, die uns noch übrig geblieben sind, nur lesen, wenn man die Betrüger greifen will. Da Zweyter Abschnitt. 399 Da es nun durch alle Umstände, welche die Glaubwürdigkeit eines Buches festsetzen oder entkräften können, klar und erwiesen ist, daß die apo- stolischen Sän-iften wirklich Schritten der Apostel sind; da die Wahrheit ihrer Erzählungen durch das Stillschweigen ihrer Feinde noch mehr bekräftiget wird, weil die Begebenheiten, die sie erzählen, ohne Mühe hatten widerlegt werden können, und wofern diese Widersacker nicht zu schänden werden wollten, widerleget werden mußten, wenn sie sich nicht wirklich zugetragen hatten; zumal da fast alle göttliche Schriften des neuen Bundes viele Jahre vor der Zerstörung der Stadt Jerusalem aufgezeichnet worden sind: so kann man, wenn man alle diese historischen Wahrheiten zusammen nimmt; die schon erwiesene Göttlichkeit derselben noch aufmehr als eine Art festsetzen. Man findet in den evangelischen Geschichtbüchern die deutlichsten Weissagungen von der Zerstörung Jerusalems, welche zu der Zeit, als sie geschrieben wurde, noch weit entfernt war. Hier is! ein offenbares Merkmaal ihrer Göttlichkeit! Das, was die Apostel erzahlt und gelehrt haben, das haben sie auch mit Wundern bestätiget, welche keine endliche Kraft verrichten konnte. Endlich haben sich diese Gesandten Gottes auch nicht geweigert, ihr Leben für die Wahrheit derer Begebenheiten, auf welche sich ihre neue Lehre gründete, aufzuopfern» Nun möchte man wohl Menschen finden, die lieber ihr Leben, als ihre Nleynungen verleugneten, obgleich solche Beyspiele sehr selten sind : aber man wird keinen Menschen finden, der zur Bestätigung erdichteter Begebenheiten, bey deren Erzählung er nicht den geringsten irdischen Vortheil finden konnte, sein 4OO Geschichte der christlichen Religion. sein Blut vergossen hätte. Was für neue Beweise, welche die Göttlichkeit der heiligen Schriften des neuen Bundes allen Zweifeln unüberwindlich machen! Man kann wohl, außer den beantworteten Fragen, noch andere feindselige Fragen wider die heiligen Schriften des neuen Bundes auswerfen: denn was kann nicht ein Mensch wider sich selbst thun, wenn er bey einem lasterhaften und ungereinigten Herzen nicht ganz blödsinnig und einfältig ist? Es gehöret ja zum Fragen allezeit weniger Weisheit, als zum Antworten. Vielleicht ist die heilige Schrift unvollständig; vielleicht sind die apostolischen Schriften verloren gegangen : wozu dienen denn diese Aufgaben? Wenn wir nun zugäben, daß die Zeit einige apostolische Schriften aufgerieben hätte: was könnte wohl aus diesem Verluste für eine Folge gezogen werden? Müßte man nicht daraus schließen, daß sie Gott darum nicht erhalten hätte, weil sie für uns nicht so wichtig gewesen wären, als die übergebliebenen? Zum wenigsten kann man auf keine Weise daraus folgern, daß man, wenn sie noch vorhanden wären, in ihnen die apostolische Sittenlehre aufgehoben finden, oder einen andern Weg des Heils gezeiget sehen würde, als der ist, den man in den noch vorhandenen Denkmalern ihrer Lehre findet? Und geseht, man könnte den Verlust einiger apostolischen Schriften darthun; man könnte sogar erweisen, daß die noch ganz vorhandenen göttlichen Schriften nickt zureichend genug zu dem großen Endzwecke wären, um deswillen sie Gott gegeben hätte; Satze, welche in Ewigkeit auch nicht den Schatten eines Erweises erhalten können: dürfte man sich darum gegen die noch vorhandenen empören? Würden diese darum wem'- Zweyter Abschnitt. ' 4c>i weniger apostolisch, und weniger göttlich seyn? Würden sie darum weniger Ehrfurcht und weniger Gehorsam verdienen ? Und würde in diesem Falle Gott mit uns zufrieden seyn, wenn wir nur die Wege betraten, die er uns gezeigt hätte; geseßt auch, daß sie noch unzureichend waren ? Also dienen alle solche Fragen zu nichts, als daß sie das bösartige Gemüth derer entlarven, die sie aufwerfen. Aber vielleicht sind die Schriften der Apostel nicht unverfälscht bis auf uns gekommen. Diese Frage ist leicht zu beantworten. Man muß nur vorS erste festsetzen, was man unter den Verfälschungen der apostolischen Schriften verstehen will. Man kann darunter nicht die verschiedenen Lesarten, welche die Geschichte und die Lehre der Apostel nicht verändern, nicht die kleinen Abweichungen der evangelischen Geschichtschreiber von einander, welche bloß den Ausdruck oder die Ordnung der Erzählung betreffen, auch nicht Erzählungen, die in einem Geschichtschreiber da sind, und in einem andern mangeln, oder sich in einigen Abschriften derselben befinden, und in andern Co- pim nicht angetroffen werdet; alles dieses kann man mit Recht nicht unter dem Namen der Verfälschungen begreifen. Unter Verfälschungen der apostolischen Schriften kann nichts anders verstanden werden, als Erzählungen von Begebenheiten, welche die Apostel nicht erzählet haben, oder Lehren, die sich nicht von ihnen herschreiben, und welche gleichwohl in die Schriften der Apostel als apostolische Erzählungen und Lehren eingeschoben worden sind. Diese Verfälschungen mußten entweder von den Widersachern der Apostel, oder von den rechtgläubigen Anhängern der- II Theil. C c selben 402 Geschichte der christlichen Religion. selben, oder von den irrgläubigen Christen unternommen worden seyn. Ueberdiß mußten dieselben die so eines solchen Verbrechens fähig gewesen wä^ rcn, entweder in den Zeiten der Apostel, oder in den ersten drey Jahrhunderten versucht haben ; denn seit dem vierten Jahrhunderte ist alle Verfälschung der Offenbarung auf alle Weife ganz unmöglich geworden. Doch dieses ist zur völligen Bestimmung und Beantwortung der aufgeworfenen Frage noch nicht genug. Wenn die Schriften der Apostel nicht unverfälscht auf uns gekommen seyn sollten: so müßten diejenigen, welche sich eines solchen Frevels hätten schuldig machen wollen, nothwendig alle Abschriften verfälscht, oder doch alle richtige Abschriften vertilget haben. Es ist offenbar, daß eine Veränderung der Offenbarung des neuen Testaments von den Widersachern des christlichen Glaubens sowohl zu den Zeiten der Apostel, als in den folgenden Jahrhunderten unmöglich gewesen sey. Was würden sie nicht bey den Aposteln und bey den Bekenncrn ihrer Lehre für einen Widerspruch gefunden haben? Der Augenschein selbst lehret es, daß weder die Juden noch die Heiden den geringsten Antheil an demjenigen haben können, was in den apostolischen Schriften enthalten ist. Die rechtgläubigen Christen hingegen konnten eben so wenig zu den Zeiten der Apostel als nachher einige Verfälschung der göttlichen Schriften unternehmen. Es ist schon an sich selbst ganz ohne alle Wahrscheinlichkeit, daß sie in den Ausfprü- chen der Lehrer, die sie für göttliche.Gesandten hielten, die den ewigen Fluch über diejenigen ausgesprochen hatten, welche zu dem von ihnen gepredigten Ev- angelio etwas hinzuthun oder etwas davon hinwegnehmen Zweyter Abschnitt. mm würden, auch nur die kleinste Veränderung hätten vornehmen wollen. Allein man nehme einmal etwas Unwahrscheinliches an; man bilde sich ein, daß einige, und zwar rechtgläubige Christen, in der Meynung, der christlichen Religion größre Vortheile zu verschaffen, eine Veränderung in den apostolischen Schriften hätten vornehmen wollen. Wäre in dem Falle, wenn sie nicht in ihrem Unternehmen hätten unglücklich seyn wollen, wo nicht eine Versammlung aller Christen, zum wenigsten eine Versammlung aller ihrer Lehrer unumgänglich nothwendig gewesen, damit sie darüber eine gemeinschaftliche Abrede hätten nehmen können? Würden aber so viele Lehrer von so verschiedenen Gemüthsarten über die Verfälschung der apostolischen Schriften einig geworden seyn ? Und wären sie dieses geworden, würden sie ihre Gemeinen zur Aufnahme ihrer Veränderungen in der Offenbarung haben bereden können ? Und wenn sie so etwas Unmögliches hätten inö Werk richten können: war die Entdeckung eines solchen Frevels durch die Juden, die Heiden, und die Irrgläubigen nicht um so viel unausbleiblicher und gewisser, je wachsamer und schadenbegieriger ihr Haß gegen die wahren Bekennec Jesu Christi war ? Man kann in der That die Wege der göttlichen Vorsehung bey der Art, wie die Sammlung der göttlichen Schriften des neuen Testaments entstanden ist, nicht genug bewundern. Wir wollen annehmen, daß entweder die meisten christlichen Gemeinen, oder doch alle ihre Lehrer sich im ersten Jahrhunderte der Kirche entweder noch zu den Zeiten der Apostel, oder bald nach ihrem Tode, versammlet rmd durch einen feierlichen Schluß fest geseßt hätten, was in der Kirche für apostolische und göttliche Schriften Cc 2 gehal- 4^4 Geschichte der christlichen Religion. gehalten werden sollte, wie solches im vierten Jahrhunderte auf der laod!caensischen Kirchenversammlung geschah : Was für Waffen der Lästerung für den Unglauben ! Ein tVoolston kann die Auferstehung Jesu Christi, der wenn er nicht Gott wäre, doch für den besten und vollkommensten Menschen gehalten werden müßte, den Betrug eines Complors nennen, und diesen Namen giebt er seinen Jüngern, von welchen doch so unwidersprechliche Beweise der edelsten Gesinnungen aufgewiesen werden können? Was würde dieser Feind des christlichen Glaubens über den Schluß einer solchen Versammlung gesagt haben? Die apostolischen Schriften hatten gewiß nicht nöthig, von Menschen für wahrhafte und göttliche Schriften erkläret zu werden; sie erkläreten sich jelbst dafür. Das Zeugniß der Kirche für sie kann uns zwar erbauen; es kann uns auch dasselbe in dem Glauben ihrer Göttlichkeit bestarken ; man glaubt Wahrheiten, die man aus ihrer innerlichen Beschaffenheit dafür erkennt, stärker und lebendiger, wenn man sieht, daß andre weise und vernünftige Menschen eben das von uns geglaubt haben. Allein dieses Zeugniß kann einen solchen Glauben nicht gründen. Sollte nicht ein Jude, wenn er durch eine reife Ueberlegung der Offenbarung des alten Bundes auf die Spuren ihres wahren und eigentlichen Verstandes gekommen wäre, und die göttlichen Schriften des neuen Bundes läse, ohne vorher aus dem Zeugnisse der Kirche zu wissen, daß sie göttlich wären, sollte er nicht von ihrer Göttlichkeit und von der Wahrheit des christliche» Glaubens durch sich selbst allein überzeugt werden können ? Man kann vernünftiger Weise nicht daran zweifeln, man mag das Ansehen der Kirche und ihres Zeugnisses auch noch so sehr erheben. Man Zweyter Abschnitt. 4^5 Man sieht aus allen diesen Betrachtungen, die an einem Orte nicht überflüßig, sondern nothwendig sind, wo man von den Schicksalen der apostolischen Schriften redet, wie sich der Glaube von ihrer Wahr-, heit und Göttlichkeit auf der Erde ausgebreitet hat, und wie unbeweglich die Pfeiler sind, auf welchen er ruhet. Die Schriften der Apostel, die uns die Zeit aufbehalten hat, gehören den Aposteln zu ; sie sind wahr, sie haben nie eine Verfälschung erlitten; sie sind also göttlich. Noch haben wir nichts von den Unternehmungen der Irrgläubigen geredet, welche in den ersten drey christlichen Jahrhunderten einige apostolische Schriften theils verwarfen, theils einige Abschriften derselben zu verfälschen gesucht haben. Es ist unnöthig, dasjenige hier umständlich zu wiederholen, was in den Betrachtungen über ihre Geschichte und über den Einfluß ihrer Irrthümer in die Religion schon beyläufig erzählet worden ist. Wenn man die Wahrheit und ihre Irrthümer mit einander vergleicht : so ist offenbar, daß in den Abschriften der göttlichen Offenbarung des neuen Bundes, die auf uns gekommen sind, keine Verfälschung von ihnen ge- zeigt werden könne. Es ist offenbar, daß sie zu der Zeit, da sie eine Verfälschung dieser göttlichen Schriften unternommen haben, von den Rechtgläubigen so gleich ihres Betruges wegen bestraft, und von demselben überführet worden sind. Und daß ihre verfälschten Abschriften nicht etwa die wahren und authentischen Copien der apostolischen Schriften gewesen seyn können, das erhellet nicht allein daraus, daß man die Data ihrer Verfälschungen angeben und zeigen kann, sondern es ist solches auch daher offenbar, daß die irrgläubigen Secten, wenn sie auch in: Grunde Cc z einer- 4o6 Geschichte der christlichen Religion. einerley Irrthümer hatten, doch in ihrem Verhalten gegen die apostolischen Schriften nicht einig waren. Die Valenrimaner nahmen die ganze Schrift an, und suchten ihre Irrthümer bloß durch unnatürliche und gewaltsame Erklärungen derselben zu rechtfertigen. Die Marcioniren hingegen gaben sich so viel Mühe nicht, ob sie gleich ihre Irrthümer aus eben der unreinen Quelle schöpfeten, aus welcher die Va- leminianer die ihr'gen herleiteten. Die Nazaräer bezeugeten gegen den Apostel Paulus eine große Hochachtung ; die lLbioniren hingegen äußerten den größten Haß gegen denselben, ungeachtet beyde irrgläubige Secten weit von den Lehrsaßen dieses Apostels abwichen. Andre wähleten einen andern Weg, ihre Irrthümer wider das Ansehen der apostolischen Schriften zu retten. Sie nahmen ihre Zuflucht zu einem geheimen Unterrichte der Apostel, und behaupteten, daß die in ihren Schriften vorgetragenen Lehren für den großen Haufen gehören, die Irrthümer aber, die sie aus einem vorgegebenen geheimen Unterrichte derselben erhalten haben wollten, nur für die gcoffenbaret seyn sollten, welche weiser wären, und sich über den Pöbel hinwegsetzen könnten. Erwächst aber nicht aus diesem verschiednen Verhalten der Irrgläubigen unter den Christen gegen die apostolischen Schriften ein neuer Beweis ihrer Wahrheit und Göttlichkeit? Sieht man nicht ganz deutlich, daß theils die Abneigung dieser Verführten oder Verführer gegen die heilige Schrift, cheils ihre wirkliche unternommene Verfälschung derselben bloß daher ihren Ursprung nahm, daß sie ihre erlernten Vorurtheile nichr'verlcugnen,und die eiteln Einfälle ihrer kranken Vernunft nicht unter den Gehorsam des Glaubens gefangen nehmen wollten? Zweyter Abschnitt. 4^7 ttn? Unterdessen räumeten doch fast alle Irrgläubigen die meisten und wichtigsten Begebenheiten, als wirklich und wahr ein, welche die Evangelisten erzahlet hatten. Das waren die Schicksale der heil. Schrift, und besonders des neuen Testaments unter irrgläubigen Secten der Christen. Die ersten christlichen Gemeinen waren, wenn man den zwenten Brief des Apostels Petrus, den Brief an die Ebracr, die beyden Briefe des Apostels Iacobus, und Judas, die beyden letzten Briefe des Evangelisten Johannes, und die Offenbarung eben dieses Apostels ausnimmt, durchgängig von der Wahrheit und Göttlichkeit der apostolischen Schriften überzeugt. Der Weg der Untersuchung war es, der sie entweder zu dieser Ueberzeugung oder zu Zweifeln über einige apostolische Schriften führcte. Gäbe es einen andern und sicherern Weg, hierinnen zur Gewißheit zu gelangen; wäre in der Kirche eine gewisse richterliche und sichtbare Gewalt, welche in Sachen des MaubeuS einen entscheidenden Ausspruch thun könnte: so wäre dieser Ausspruch in dem zweyten und dritten Jahrhunderte von einer unumgänglichen Nothwendigkeit gewesen. Die Irrgläubigen erdichteten sehr bald falsche Schriften, welche sie den Aposteln zueigneten« Wenn jemals die Stimme eines unfehlbaren Orakels nöthig war : so mußte dasselbe damals reden, als vielleicht der christliche Glaube leiden konnte, wofern die rechtmäßigen Schriften der Apostel nicht von den falschen und untergeschobenen unterschieden wurden: Allein dieses Orakel schwieg, weil es keins gab. Die Lehrer der Kirche versammelten sich nicht, die Sammlung der apostolischen Schriften zu bestimmen, oder wie man in den Schulen der Gottesgelehrten redet, Cc 4 den 4o8 Geschichte der christlichen Religion. dcnRiMonzu schließen. Damals hätte Rom sprechen sollen, wenn der dasige apostolische Stuhl der Mittel-- punct und so zu sagen der Hauptsiamm der Kirche gewesen wäre. Doch die Kirche hat bey diesem Stillschweigen gewonnen. Hatte damals Rom einen entscheidenden Ausspruch gethan: so würde der Brief an die E- braer nicht in der Sammlung'der zur göttlichen Offen- barung gehörigen Schriften senn. Denn die Kirche in Rom erkannte diesen Brief für keine göttliche Schrift. Siehe Die vier Evangelisten, die Geschichte der Apostel, /^ärvners vierzehn Briefe des Apostels Paulus, der erste Brief Glaub- Pecri/und der erste Brief des Apostels Johannes sind ^."^'^ diejenigen apostolischen Schriften, von deren Gottlich- evanqel ^ rechtgläubige Gemeinen in den ersten Zeiten Geschichte des Christenthums überzeugt gewesen sind. Man indendrep findet unter ihnen nicht die geringste Spur eines Zwei- crsten fcls wider sie. Matthaus wird in dem Briefe des Theilen Clemens von Rom an die Corinther, in dem Briefe des BarnabaS, in den Briefen des Ignatius, vom Po- 5«/eS. /. F. lycarpus, vom Papias, vom Jrenaus, vom Jusiinus; c. Marcus vom Papias, vom Justinuö, vom IrenäuS, vom Clemens vom Alerandrien; Lucas vom Clemens von Rom, vom Barnabas, vom Ignatius, vom Ju- stinuS, vom IrenäuS; Johannes, der seine evangelische Geschichte am spätesten geschrieben hat, vom Ignatius und den auf ihn folgenden Kirchenlehrern angeführet. Zu den Zeiten eines IrenäuS, eines Clemens von Alerandrien, eines Tcrtullians und Origenes waren diese vier Geschichtlicher von Jesu Christo die einzigen wahren Evangelia. Cerinthus selbst, dieser Jrrgläu- ^ ^- bige, der zu den Zeiten der Apostel noch lebte, erkannte das Evangelium Matthäi, und wollte aus der darinnen befindlichen Genealogie unsers Erlösers erweisen, daß Jesus Zweyter Abschnitt. 4^9 ^csus nur ein bloßer Mensch wäre. Die Ebionitcn nahmen die Evangelia des Matthäus, des Marcuö und des Lueas au; nur das Evangelium des Apostels Johannes verwarfen sie, weil die Gottheit unsers Erlösers, die sie leugneten, darinnen so deutlich fest gesetzt war. Untcrdeß zweifelte selbst kein Celsus und kein Julian daran, dafi es dem Johannes zugehöretc, und AmeliuS, ein platonischer Philosoph, führete nach dem Zeugnisse des Eusebius den Ansang seines Evangelii an. Die Apostelgeschichte, deren Verglcichung mit der evangelischen Geschichte des LucaS deutlich zeiget, daß ihr Urheber dieser Evangelist sey, wird vom Justi- nuS, vom JrenäuS, vom Clemens von Alerandrien, und die Briefe des Apostels Paulus werden schon im zweyten Briefe des Apostels Petrus angezogen. Man findet aus den paulinischen Briefen viele Stellen in dem Briefe des Clemens von Rom eingefioch- ten. Polycarpus führet die Briefe an die Galatcr und an die Philipper an. PapiaS, JrenäuS, Clemens von Alexandrien, Tertullian und andre beziehen sich auf den ersten Brief Johannis. Niemand unter den Alten hat nach dein schon angeführten Zeugnisse des Eusebius an dem Ansehen des ersten petrinischen Briefes gezweifelt. Und wie hätten auch die ersten Gemeinen daran zweifeln köunen ? Die Apostel, und ihre unmittelbaren Nachfolger waren, wie Eusebius /.z. sagt, sehr besorgt, den Gemeinen, welche sie sammle- c^/. ten, Abschriften der Evangelien zurückzulassen. Also mußten sie nothwendig die wahren apostolischen Schriften kennen. Dadurch wurden die wahren Originale und Abschriften derselben unter den Christen vervielfältiget, und hatten auch Irrgläubige erdichtete oder verfälschte Evangelien ausstreuen wollen: so durf- Cc 5 ten 4IO Geschichte der christlichen Religion. ten ihnen nur die Exemplare entgegen gesetzt werden, welche sie von ihren ersten Lehrern erhalten hatten. Das menschliche Zeugniß hat allerdings seine Rechte. Warum sollte man so vielen Lehrern, welche Zeitgenossen der Apostel waren, nicht auf ihr Wort glauben, daß diese oder jene Schriften, einen Matthäus, einen Lucas, einen Paulus zu Urhebern hatten, wenn man keine Ursache hat, sie für Betrüger zu halten ? Glaubt man doch den Zeitgenossen eines Cicero, eines Livius, eines SatustiuS, daß wir die wahren Werke dieser F-M /. -5, Schriftsteller haben. Ein Ser^pisn nahm deswe- c-gen die falschen und untergeschobenen Evangelia nicht an, weil er sie nicht von den Alten erhalten hatte. Jedoch ein solches Zeugniß kann wohl beweisen, daß die apostolischen Schriften ächt sind ; aber sie geben noch keinen Beweis ab, daß sie göttlich sind. Ja es setzt ein solches Zeugniß nicht einmal das erste gan; außer allem Zweifel, weil sich sonst viele von den ersten Christen nicht die Freyheit genommen haben würden, an einigen apostolischen Schriften zu zweifeln. /. ?. Man findet, daß über dem Briefe des Apostels c. -j. JacobuS von vielen Christen in den ersten Jahrhun- hexten Zweifel aufgeworfen worden sind. Man hat et-/io gar, ob gleich nicht durchgängig, geglaubt, daß er diesem Apostel angedichtet worden sey. Mail kann die eigentlichen Ursachen dieser Zweifel nicht bestimmen ; man muß sie errathen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese Zweifel darüber entstanden sind, daß sich nicht allein Jacobus im Gruße dieses Briefes , nur einen Knecht Jesu Christi, und nicht einen Apostel nennt, sondern daß auch, so wenig von den geheimnißvollen Lehren des neuen Blindes darinnen vorkömmt. Die Christen waren es gewohnt, in al' Zweyter Abschnitt. 411 lcn andern Briefen der Apostel viel von dem Werke der Erlösung und andern solchen evangelischen Lehren zu finden, und das fanden sie nicht in dem Briefe des Jacobus, als der hauptsachlich nur wider den Irrthum streitet, daß man von der Erfüllung des Gesetzes frey sey, wenn man bloß glaube. Man sehe hinzu , daß die Schriften der andern Apostel um so viel bekannter und angesehener werden mußten, je langer sie lebeten, und je mehr sie Aufsehen auf der Erde machten. Dieser Vortheil entgieng diesem Briefe, weil Jacobus unter den Aposteln der erste Märtyrer wurde. Schon der einzige Umstand konnte verursachen , daß wenig Abschriften von demselben genommen wurden, und also ward eine Dunkelheit über ihn ausgebreitet, welche bloß eine sorgfältige Untersuchung zerstreuen konnte. Unterdeß wurde dieser Brief in den Versammlungen der Christen öffentlich gelesen, und auch diejenigen, so an seinem apostolischen und göttlichen Ansehen zweifelten , hatten zum wenigsten die Ehrfurcht gegen ihn, die wir etwa gegen die apo- cryphifchen Schriften bezeugen. Der Brief des Apostels Judas ist auch nicht durch- /.z, gängig für apostolisch und göttlich gehalten worden. ^ ^- Der Zweifel darüber gründete sich auf die Anführung des Buches Enoch , vielleicht auf seine Aehnlichkcit ^' mit dem zweyten Briefe des Apostels, Petrus, und cai-W.^'. endlich auf die berühmte Stelle desselben von dem Streite zwischen dem Erzengel Michael und dem Satan. Allein da derselbe von andern sür göttlich und apostolisch gehalten worden ist ; denn Clemens von ?'» Alexandrien hat in seinen Hppotypssen eine AuSle- ^"^m. gung darüber verfertiget, und ihn in seinem pada ^^-^ gogen, und in seinen Erromarcn unter dem Na- ^ mm^ov/.' 412 Geschichte der christlichen Religion. mm dieses Apostels angeführet, der Zeugnisse eines Origenes und Tcrtullians nicht zu gedenken; da sich endlich diese Zweifel, die man wider ihn gemachthat, leicht auflösen, lassen : so können sie weder das apostolische noch das göttliche Ansehen dieses Briefes schwachen. D,v/>m. /» Der zweyte petrinische Brief hat ein gleiches Schick- - /^-t,'. -» sal erfahren. Er ist von einigen für verfälscht, von /^^tt/^ ^ untergeschoben gehalten worden. Diese / ^ c ^ ^^le haben sich aufdie Verstitt'edenheit der Schreib- /^c.-s. art von der Schreibart des ersten Schreibens gegründet. Unter den Neuern giebt es einige, welche den Grund dieser ungünstigen Urtheile nicht gehörig angreifen, wenn sie sagen, daß diese Verschiedenheit der Schreibart von den verschiedenen Dolmetschern herrühre , welcher sich Petrus bedient haben soll; ein Vorgeben, das noch weit ungegründeter ist, als die Meynung, daß in den beyden petrinischen Briefen eine verschiedene Schreibart herrsche. Warum hätte sich denn Petrus der Dolmetscher bedienen sollen, da er selbst die Gabe, fremde Sprachen zu reden und zu schreiben, besaß? Man sollte vielmehr sagen, daß die Schreibart dieses zweyten Briefes darum der Schreibart in dem ersten Schreiben nicht gleiche, weil Petrus den ersten inseinm muntern Jahren, den zweyten aber in seinem hohen Alter geschrieben habe. Aendert sich nicht unsre Schreibart mit unsern Jahren? Ist das wiedergefundene Paradies Mlltons diesem Dichter abzusprechen, weil man eine andere Schreibart darinnen bemerket, als in seinem Verlornen Paradiese? Der heilige Geist, der die Männer Gottes treibt, ändert weder ihre Schreibart, noch ihren Charakter; er richtet sich so gar nach ihrem Temperamente und ihrem Zweyter Abschnitt. 41z rein Alter. Ueberdieß hat ja ein Schriftsteller oft verschiedene Schreibarten in seiner Gewalt? Es ist nichts erhabners, als die evangelische Geschichte des Apostels Johannes, und doch ist auch nichts ungekün- stelrers, nichts, wo man mehr die Sprache des Umganges und der Vertraulichkeit findet, als seine Briefe. Petrus muß den zweyten Brief geschrieben haben ; denn er bezieht sich darinnen auf den ersten; er nennt sich einen Zeugen der Verklarung Jesu Christi, und dieser Brief wird sehr deutlich in dem Briefe des Apostels Judas angezogen. Dieser angeführten Zweifel ungeachtet, wurde er in die Sammlung der apostolischen Schriften aufgenommen, weil ihn viele Christen nach dem Eustdlus oder vielmehr nach dem Gri-FttM ciene? für nützlich ansahen. Nach und nach smdc,^- diese Zweifel verschwunden, und nur die Syrer zählen ihn noch unter die apocryphischen Schriften. Der Brief an die Ebraer ist eine der schönsten Schriften, welche der heilige Geist eingegeben hat. Sie hat einen so deutlichen Charakter der Gottheit, daß es schwer ist , ihn nicht für göttlich zu erkennen. Clemens von Nom kann ihn nicht geschrieben haben, weil er den Ebräern niemals das Evangelium verkündiget hat; Barnabas kann eben so wenig sein Urheber seyn, weil er nie nach Italien gekommen ist. Man kann ihn dem Apostel Paulus nicht absprechen, weil er, als einer, der zu den Füßen Gamaliels gesessen hatte, unter allen Aposteln am fähigsten war, die Juden von der Unnützlichkeit ihrer Ceremonien, und von den darunter verborgnen Vorbildern zu überzeugen. Man kann aus dem Briefe selbst nicht ohne Zuverlässigkeit darthun, daß er noch vor der Zerstörung Jerusalems geschrieben senn müsse. Der ganze Orient hat 414 Geschichte der christliche!; Religion. hat ihn nicht allein einmüthig für göttlich erkannt, sondern auch geglaubt, daß er den Apostel der Heiden zum Verfasser habe. Marcion ist in der lateinischen Kirche der erste gewesen, der sich geivaget hat, ihn aus der Sammlung göttlicher Schriften zu verstoßen. Allein da er, seiner Irrthümer wegen, seine frevel hafte Hand auch an andre göttliche Schriften geleget hat: so darf man sich nicht darüber wundern. Das aber verdient, untersucht zu werden, warum ihn die lateinische Kirche im dritten Jahrhunderte nicht für c/e göttlich hat halten wollen. Ein einziger römischer />?--?e/^-. Priester, Cajus, unter dem römischen Bischöfe, Ze- ^- phyrin, war Ursache an dieser ungerechten und ungegründeten Meynung. Man weis, daß im dritten Jahrhunderte die Kirche wider den Irrthum der Montanisten streiten mußte, daß, wenn ein Mensch nach seiner Bekehrung in Todsünden verfiele, keine zweyte Buße und wiederholte Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche statt fände. Cajus, welcher in einer Unterredung mit dem Proclus, einem Lehrer der Montanisten , die rechtgläubige Lehre der Kirche vertheidigte, und die Möglichkeit, die Buße zu wiederholen, behauptete, gab in seiner Vertheidigung dem Apostel Paulus nur dreyzehn Briefe, und ließ den Brief an die Ebräer aus der Sammlung der göttlichen Schriften des neuen Bundes aus. Nichts ist wahrscheinlicher, als daß solches geschehen sey, weil die berühmte Stelle dieses Briefes: ist unmöcp lict), daß die, so einmal erleuchtet sind, wie^ dermn zur Buße erneuert werden sollten, dem Irrthume der Montanisten allzugünstig zu seyn schien. A»,. /M Nachher kamen die Novatiancr lind fuhren fort, c»,. -/«^V. mit dieser Stelle wider die Rechtgläubigen zu triuni- ^ ^ phiren, Zweyter Abschnitt. 415 phiren, und dieses bewog die Lateiner, unter denen es dazumal eben nicht die glücklichsten Ausleger gab, sich in dieser ungünstigen Meynung von diesem Briefe zu bestarken. Ware man damals in der Wissenschaft der Auslegung mächtiger gewesen; hatte man unter der Erleuchtung, von welcher in dieser Stelle geredet wird, nicht die Taufe, sondern eine solche so deutliche Erkenntniß verstanden, welche einem blendenden Lichte gleicht, wider welches man nicht anders, alb mit dem größten Frevel und Muthwillen, sündigen kann; hatte man zeigen können, daß unter der Sünde, welche keinen Zutritt zur Buße übrig laßt, die Lästerung vvioer den deiligen Geist gemcynt seyn müsse, hätte man überdies; erwogen, daß das in dieser Stelle gebrauchte Wort, unmöglich, in der griechischen Sprache nicht allezeit eine völlige unbedingte Unmöglichkeit, sondern nur einen sehr hohen Grad der Unmabrscheinlichkeit an-eige: so hatten die Rechtgläubigen den Montanisten und Novatianern alle Vortheile, die sie aus dieser Stelle ziehen wollten, nehmen können, ohne die apostolische Würde und Göttlichkeit dieses Briefes , der unstreitig eine von den vorzüglichsten Schriften des Apostels Paulus ist, in Zweifel zu ziehen, und ihm seine Stelle in der Sammlung der göttlichen Schrift nehmen zu dürfen. Dieses waren die Schicksale dieses göttlichen Briefes im dritten Jahrhunderte. Nachdem einmal dieses Vorurtheil wider ihn gefaßt war: so suchte man einige andere Gründe auf, dasselbe vernünftig zu machen: man nahm sie von der Auslassung des Namens Pauli im Anfange diefes Schreibens, von dem Mangel des gewöhnlichen Grußes, und von der Verschiedenheit der Schreibart von der Schreibart anderer pau- 4i6 Geschichte der christlichen Rcligion. pau!mischen Briefe her. Man braucht eben nicht gelehrt zu seyn, wenn man solche Scheingründe entkräften will. V. Der zweyte und dritte Brief des Apostels Johan- 5, -4. -s. nes und seine Offenbarung habeil ebenfalls Christen gefunden, weiche keine günstige Meynung von ihrer c^',/^/ apostolischen und göttlichen Würde hatten. Man /^>-ö?"^ wird sich nicht sehr darüber wundern, wenn man die v/>. Ursachen ihrer Zweifel erwägt. Was die beyden klei- c. /4. nen Briefe des Johannes anbelangt: so kann der Zweifel über sie daher entstanden seyn, daß sich Johannes darinnen nicht nennt. Und da sie an Privatpersonen und an keine ganze Gemeinen gerichtet sind: so haben sie nicht so leicht als Briefe an ganze Gemeinen bekannt werden können. Daher haben sich die Abschriften derselben nicht sehr vervielfältiget; und dazukömmt noch dieses, daß sie von Privatpersonen hervorgezogen worden seyn müssen. Alle diese Umstände haben Zweifel erwecken, und allzu vorsichtige Gemüther selbst auf die Meynung bringen können, daß sie weder apostolisch noch göttlich wären. Allein alle diese Zweifel müssen verschwinden, und man wird sie gewiß nicht mit einigen Alten einem gewissen Priester, Johannes, dessen Grab zu Ephesus seyn soll, zueig- / ^ ^ ^ vollkommene Aehnlichkeir ^-s^/^/' ^ dem ersten johanneischen Briefe, das Zeugniß ci- 5t?-am. /.-.nes Dionysius von Alexandrien, die Anführung der- „x. c>/->. selben von einem Clemens von Alexandrien, und ei- p. 4°/. nem Bischöfe, auf der großen carthaginensischen K>> cheiwersammlung unter dem Cyprian erwagt. Diß Johannes in diesen Briefen weder seinen Namen noch seine apostolische Würde nennt, läßt sich daraus erklären , daß diese Briefe an Privatpersonen geschrieben Zweyter Abschnitt. 417 sind. Was ist gewöhnlicher, als daß man in Briefen, wo man die Sprache der Vertraulichkeit und Freundschaft redet, seinen Namen ausläßt, und nichts von seiner Würde sagt? Was die Offenbarung Johannis betrifft: so wur- ^«M. de sie im Anfange durchgangig für ein apostolisches ^ -s- und göttliches Buch gehalten. Justinuö, der Märtyrer, Jrenäus, und überhaupt alle Vertheidiger eines tausendjährigen Reiches der Gläubigen aufdcr Erde, ertheileten ihr das Ansehen, das sie verdient. Theo- philuS von Alerandrien bediente sich ihrer, die Irr- thümer eines gewissen Hermogenes zu widerlegen, und Mclito, ein Bischof von Sardcn, schrieb darüber eine Art der Auslegung. Man findet dasselbe von vie- 7e,,. i» len andern Kirchenvätern, des zweyten und dritten ^"'?-c>"- Jahrhundcrtes , von einem Tertullian , von einem ^' ^ Origcnes, vom Clemens von Alexandrien, von einem Cyprianus, von den römischen Bekennern unter dem 7. Decius, von dem FirmicuS MaternuS und von an- dern angeführet. So lange der Irrthum vom tausend- ^ ^ jährigen Reiche in dem Ansehen einer göttlichen Wahr- heit ruhig und ungestört blieb : so- lange blieb auch ^ die Offenbarung Johannis in ihrem Ansehen. Allein c. so bald man fand, daß dieser Irrthum wider andere ^»/. c. göttliche Wahrheiten stritte: so hatte die Offenbarung Johannis mit dem paulinischen Briefe an die Ebräer gleiche Schicksale, weil einige Stellen auö derselben dem erwähnten Irrthume allzu günstig zu seyn scheinen. Die Christen theilecen sich nunmehr in ihren Meynungen über dieses Buch der heiligen Schrift. Cajus, der sich schon erkühnet hatte, wider die Göttlichkeit des Briefes an die Ebräer zu urtheilen, ur- theilete nicht besser von der Offenbarung und wagte es II. Theil. Dd so 4'8 Geschichte der christlichen Religion. so gar, dieselbe, unZeachtetso viele Zeugnisse wider ihn waren, dem Cerinthus zuzuschreiben. Je heftiger c. -8. das tausendjährige Reich im Oriente bestritten wurde, destomehr breitete sich das Vorurtheil wider dieses göttliche Buch aus. Einige waren noch bescheidner, und hielten ihr Urtheil zurück; andere aber ließen sich durch eine Meynung, die in der That mit keinen starken Gründenbcfestiget war, nicht von ihrer Ehrfurcht gegen die apostolische Schrift abbringen. Ein Dio- nnsiuö von Ale.randrien, der so nachdrücklich wider die Bekenner eines tausendjährigen Reiches stritte, sagte von der Offenbarung, daß in der That einige dieselbe als eine cerinthische Erdichtung verworfen und widerleget hätten; daß er aber sich nicht unterstünde, solches zu thun, sondern vielmehr glaubte , daß es in den Geschichten, die darinnen erzählet würden, einen verborgnen und erhabnen Verstand gäbe, den er nicht begriffe; daß er sie zwar für göttlich, aber nicht für eine johanneische Schrift hielte. Der Widerspruch wider dieselbe hörete, wie wir künftig sehen werden, noch in einigen Jahrhunderten nicht auf. Man kann über die Erzählung der Schicksale, welche die göttlichen Schriften des neuen Bundes in den ersteil Zeiten der Kirche erfahren haben, verschiedene Anmerkungen machen. Man kann den ersten Zeiten des Christenthums keinen ungerechten Vorwurf machen , als wenn man sie der Leichtgläubigkeit beschuldigte. Sie ließen sich so wenig von Betrügern hintergehen, daß sie vielmehr zuweilen ihre Sorgfalt, sich keine falsche und menschliche Schriften für göttliche aufdringen zu lassen, übertrieben, und sich den geringsten Scharten eine göttliche Schrift verdächtig machen ließen Ferner ^ Zweyter Abschnitt. 419 Ferner kann man anmerken, daß es in der ersten Kirche keine richterliche Gewalt gab, auf deren entscheidenden Ausspruch die apostolische und göttliche Würde eines Buches angekommen wäre. Die Kirchen theileten sich, ohne dadurch im Glauben und in der Liebe getrennet zu werden , in ihren Meynungen über die Anzahl der göttlichen Schriften mit einer un- gckränkten Freyheit. Ein jedes Mitglied der Kirche hatte das Recht, die Wahrheit und die Göttlichkeit der apostolischen Schriften zu unterfuchen. Ein Ca- jus, der den Brief an dieEbräer nicht für apostolisch und göttlich erkennen wollte, war ein Priester und kein Bischof, und doch billigten fo viele Bischöfe und Kirchen sein kühnes Urtheil. Hingegen waren es Privatpersonen, welche den Briefen des Jacobuö und Judas und dem zweyten petrinifchen Briefe zu dem Ansehen in der Kirche halfen, das sie verdienten. Selbst die Tradition, die Ueberlieferung einer apostolischen Schrift von einer Gemeine auf die andere konnte das apostolische und göttliche Ansehen einer Schrift allein nicht retten. Sie hob die Freyheit, Untersuchungen darüber anzustellen, nicht auf; man verwarf sie aller Tradition ungeachtet, wofern man Gründe zu haben glaubte, sie nicht für apostolisch und göttlich zu halten. Man kann daraus sehen, warum die Sorgfalt der ersten Kirchen für die Aufbehaltung der eigenhändigen Originale nicht so abergläubisch war, daß sie sich etwa eingebildet hätten, daß mit dem Verluste eines solchen eigenhändigen Exemplars so zu sagen die ganze Religion verloren würde. Man fragte eben nicht, wenn man sich überzeugen wollte, ob ein Buch apostolisch und göttlich wäre: Wo sind die Originale? Man fragte: Hat das Buch, das Apostolisch Dd 2 und 420 Geschichte der christlichen Religion. und göttlich seyn soll, unbetrügliche und sichere Merk- maale seiner vorgegebenen Würde? Die Privatpersonen hatten die Freyheit, eine Schrift für göttlich zu halten, die e6 ihrer Einsicht nach zu seyn verdiente. So hielt Clemens von Alexandrien den BriefdesApostels Judaö wider das Zeugniß ganzer Kirchen für göttlich, und ein Origenes erkläret? den Hirten des i^ermas , in welchem die Engel oft nicht viel besser sprechen, als der gemeinste Haufe denkt und spricht, für eine göttliche Eingebung. Also hatte in der ersten Kirche in Sachen des Glaubens derjenige zu sprechen, der eine vorzügliche Einsicht vor andern besaß, und was er sagte, bewies. Der Weg der Untersuchung war es also, welchen die erste Kirche bey der Beantwortung der Frage betrat, welche Schriften für apostolisch und göttlich gehalten werden müßten. So lange die Apostel noch lebeten, konnte man leicht wissen, was apostolische Schriften waren. Erhielt man gewisse Schriften von ihnen selbst: so brauchte man keine Untersuchung anzustellen. Erhielten die Christen die Schriften, welche apostolisch seyn sollten, nicht von den Aposteln selbst, so konnten diese entweder darum gefragt, oder die vorgegebenen apostolischen Schriften konnten nach den göttlichen Lehren, welche sie aus dem mündlichen Unterrichte der Apostel wissen mußten, geprüft und untersucht werden. Auf diese Weise gelangten die vier Evangelisten, die Apostelgeschichte und die meisten Briefe des Apostels Paulus zu einem allgemeinen und unbestrittenen Ansehen apostolischer und göttlicher Schriften. Da es einige apostolische Schriften gab, die nicht wie die andern, so schnell bekannt werden konnten, und also in einer gewissen Dunkelheit blie- Zweyter Abschnitt. 421 ben: so verglich man entweder die unbekanntem Schriften mit den bekanntern; oder man untersuchte die Charaktere der Schreibart; man prüfte die Lehren derselben , und wenn sie diese Prüfung aushielten, so wurden sie für ächt und göttlich erkläret. Schienen sie diese Prüfung nicht auszuhalten: so verwarf man sie ohne Bedenken. Paulus selbst hatte in seinem Briefe an die Galater den Christen diese Regeln gegeben, nach welchen sie dasjenige prüfen sollten, was etwa für ein Evangelium ausgegeben werden möchte. Genug, daß es nicht die Tradition war, die den apostolischen Schriften das Ansehen ächter und göttlicher Schriften gab, ob man gleich die Rechte, welche menschliche Zeugnisse haben können, nicht ganz bey ihrer Prüfung aus den Augen setzte. War ein solches Verhalten nicht ein deutliches Bekenntniß, daß die ersten Christen in der Kirche niemanden für unfehlbar hielten? IgnatiuS war ein unmittelbarer Nachfolger-h»- ^ der Apostel. Einige Irrgläubige verlangten die Ori- ginale von den apostolischen Schriften zusehen, ehe^'^' sie glauben wollten. Man weis nicht, ob er in ihr Verlangen willigte. Man weis nur, daß er ihnen , antwortete: Jesus Christus sey sein Archiv. Er verwies sie nicht an die Kirche, als an eine Gewalt, die, was für göttlich gehalten werden sollte, bestimmen und erklären könnte; auch nicht an die Tradition; sondern er sagte, d.'.ß derjenige / rvelcher dem Evangelio nicht glaubte, nichts glauben könnte, daß er hingegen den heiligen Geist allen Archiven der dvelt vorzöge. Dadurch gab er deutlich zu verstehen, daß er in dem Evangelio selbst so sichtbare Merkmaale der Gottheit fände, welche ihn so sehr überzeugeten und zum Glauben nöthig- Dd z ten, < 422 Geschichte der christlichen Religion. ten, daß er sich bloß auf das Zeugniß des heiligen Geistes verließe, und nicht nöthig hätte, die Archive der Welt durchzusehen. Die Originalschriften konnten nur so lange einen Beweis abgeben, daß gewisse Schriften ächt wären, als es Menschen gab, welche die Handschriften der Verfasser gesehen hatten und ihre Hand kannten. Denn so bald diese nicht mehr lebeten: so ward dieser Beweis ganz ungültig, weil er allezeit auf der Treue derer beruhet?, welche sich rühmeien, die Originalschriften zu besitzen. Darum zog eben JgnatiuS den heiligen Geist allen Archiven Vor. Diese göttliche Offenbarung, unter welcher die Apostel nicht allein die Schriften des alten Bundes, sondern auch ihre eigenen Schriften begriffen, ist es, die den Glauben der Christen bestimmt; sie den Weg des Heils lehret, und eine unerschöpfliche Quelle des Rathes und des Trostes für sie ist. So lehret sie von sich selbst; so lehrete auch die erste Kirche davon. Eben deswegen wurde sie in den gottesdienstlichen Versammlungen öffentlich gelesen und erkläret; denn ^^"^^ der ganze Unterricht, den die ersten Lehrer der Chri- Unwissenden im Christenchume ertheileten, i« ^o/, war nichts anders, als eine Erklärung der heiligen Schrift. Aus eben diesem Grunde wurden alle Christen ermahnet, sie auch in ihren Hausern zu lesen und sich mit einer heiligen Betrachtung derselben so zu 57l-n./?oM, sagen zu nähren. Ihr habet, sagte Clemens in sei- />. /. „cm ersten Briefe an dieCorinther, ihr habet die hei- , - ligen Schriften gelesen und ihr seyd wohl darinnen unterrichtet. Ihr habet euch beflissen, über das Wort Gottes nachzudenken; behaltet also dasselbe in eurem Gedächtnisse, und erinnert euch oft daran. DieseEr- mah- I Zweyter Abschnitt. 425 Mahnung beweist, daß zu des Clemens Zeiten und also im ersten christlichen Jahrhunderte alle Christen die heilige Schrift lasen. Iujtinus, der vornehm- /»/??'». lich durch das Lesen der heiligen Schrift zum Christen- ^ ^ thume bekehret worden war, hatte die größte Ehrfurcht gegen sie. Diefe Ehrfurcht ist der eigentliche Charak- ' ter seiner Schriften : ich wünschte, sagte er, daß alle Menschen so gesmnet wären, als ich, und sich so fest an das Wort Gottes hielten, daß sie nichts davon trennen könnte. Dieses Wort hat eine Majestät vor denen die Lasterhafteil zittern müssen, und eine Gnade , welche denen Ruhe lind Trost wieder giebt, welche ihm gehorchen. Irenaus bezeugt in seinem Werke wider die Irrgläubigen überall die tiefste Ehrfurcht und Unterwürfigkeit gegen die Aussprüche der Offenbarung , mit denen er fast alle Irrthümer widerlegt. Redet er von dem durch die Tradition empfangenen apostolischen Glauben, und von der Aegel der w.chrheit: so ist diese Tradition und diese Regel der Wahrheit nichts anders, als dis heilige Offenbarung. Die vier Evangelia sind bey ihm die Säulen und Grundfesten der Wahrheit und der Kirche; besonders rühmet er solches von der johanneischen Geschichte unsers Erlösers, und sagt, daß durch dieselbe die Kirche befestiget worden sey. Er behauptet auf 5^». /. ^ gut protestantisch, daß die prophetischen und evange- c- 4-^. 4/ lischen Schriften von aller Welt verstanden werden können. Er setzt hinzu, daß die göttliche Offenbarung vollkommen sey, weil sie das Wort und dcr heilige Geist eingegeben habe. Er zeiget, wie man die heilige Schrift erklären und auslegen müsse; er giebt die Vorschrift, das Schwere und Unverständliche nach dem Leichtern und Verständlichern zu Dd 4 er, 424 Geschichte der christlichen Religion. erklären, sich dasjenige, was man verstehe zu t7!uye zu machen, und das, was man nichc völlig begreifen unv einsehen könne, Gott zu überlassen. Wie groß ist der Stolz unserer Tage, in denen man so oft die Offenbarung bloß deswegen nicht für göttlich annehmen will, weil sich hier und da einige Dunkelheiten und Schwierigkeiten finden, gegen die Bescheidenheit, Demuth und Lehrbegierde /^«. 5,^ ersten apostolischen Kirche! Eben dieser große ^'^' Lehrer sagt, daß es einem Christen eigen sey, indem Schooße der Kirche erzogen und durch die heilige Schrift genähret zu werden. Weil die Ehrfurcht der ersten Kirche gegen die Schrift,die Ueber^eugung,daß sie alle zu unserer Seligkeit nöthige Wahrheiten enthielte, sehr groß war: sogiengmanoft soweit, und behauptete , daß die Heiden alle Wahrheiten, die man noch unter ihnen fände, aus den heiligen Schriften des alten Bundes, befonders aus den mosaischen, 6/e,». entwandt hätten. Clemens von Alerandrien nannte ^/c.v. /,j„ s^nem paedagogen das N?ort Gottes die ^ Gesundheit unserer Seele. Moses ist, wie er sagt, unser erster Lehrmeister geweseil ; dann sind es die Propheten geworden ; dann hat uns Gott seinen /S/^. Sohn gegeben, daß wir ihn hören sollten. Er be- /.F. c-s. „.Hauptete, daß dieser göttliche Lehrmeister, die heilige Schrift nämlich , den Menschen allerley Unterricht, Beyspiele und Parabeln gebe, sie vom Bösen abzuziehen und zum Guten anzuführen. Er begegnete dem Einwürfe, daß nicht alle Menschen die in der heiligen Schrift enthaltene göttliche Weisheit fassen könnten, weil sie nicht alle lesen gelcrnet hätten , mit der Antwort, daß alle die heilige Schrift könnten lesenhören, wofern sie nicht von allen gelesen werden könn- Zweyter Absthnitt. 425 konnte. Er sagt ausdrücklich, daß der Mensch fal- t?/-,„. len müßte, wenn er Gott nicht folgete, welcher uns ^- 5"om. durch die heilige von ihm selbst eingegebene Schrift^ ^ den besten Weg führete. Origenes, des Clemens be- i« rühmtester Schüler, der von den Alten besonders we-Le». /-5. gen seiner Ehrwrcht gegen die heilige Schrift und sei^- nes Fleißes, sie zu erklären, erhoben wird, urcheilete^^^' von der göttlichen Offenbarung eben so ehrerbiethig.^'^.' Er nennet ebenfalls das Evangelium eine Arztney, und das Wort Gottes die rechte Nahrung der ver-Q// nünftigen Natur. Er lehrete, daß, wenn wir SchriftgelehrtenzumHimmelreiche seyn wolten, wir das Gesetz desHerrnTag undNacht treiben,und nicht nur die neuen Aussprüche der Evangelien, sondern auch die alten Aussprüche des Gesetzes und der Propheten erwägen müßten. Er glaubte, daß in den göttlichen Unterweisungen kein Jota, kein Titel umsonst gesetzt wä- re; daß, wenn uns etwas dunkel zu seyn scheine, wir unsere Augen auf denjenigen, der sie zu schreiben befohlen hätte, richten, und von ihm die Erklärung . der dunkeln Stellen suchen müßteil, damit, wofern sich in unserer Seele eine Schwachheit fände, derjenige, der alle Krankheiten heilet, dieselbe heilen, und der Herr, der die kleinen Kinder bewahret, uns, wofern wir noch Kinder am Verstände seyn sollten, beystehen , uns auferziehen und zu dem gehörigen Alter bringen möchte; daß die Jünger Jesu Christi, nachdem ihr Verstand durch die Gnade Gottes erleuchtet worden, weit besser, als Plato, gewußt hätten, was sie schreiben, wie sie schreiben sollten , und was für Lehren der Welt schriftlich oder mündlich vorgetragen werden müßten. Wenn sich Origenes nach einem6om. tüchtigen Beweise der Wahrheit umsieht, so nimmt er?'» Dd 5 die 426 Geschichte der christlichen Religion. die göttlichen Schriften zu Zeugen: Denn ohne ein solches Zeugniß sind unsere Sarze und was wir vortragen, nicht glaubwürdig. Erjagte, daß b-v- es die größte Quaal und Strafe der Teufel wäre, wenn sie sahen, daß die Menschen das Wort Gottes läsen und sich ernstlich bestrebccen, das göttliche Gesetz und die Geheimnisse der Schrift zu verstehen, und^ zwar aus der Ursache, weil dadurch die Menschen von der Finsterniß und Unwissenheit in Absicht auf Gott und die Religion bcfreyet würden, aufweiche, von ihnen selbst in die Welt gebrachte Uebel, sich ihr Reich stüßete. Er wollte, daß wir die heilige Schrift lesen sollten, wenn wir gleich manches darinnen fänden, ?tt das wir nicht verstünden. Man nimmt, spricht er, ^ Speise und gebraucht Arztney. Ob gleich die gute Wirkung davon nicht so gleich empfunden wird : so erwartet man sie doch. So ist es auch mit der göttlichen Offenbarung beschaffen. Spüret man nicht gleich bey ihrer Lesung einen herrlichen Nutzen: so nützet sie unserer Seele dennoch, stärket unsere tugendhaften Gesinnungen und entkräftet die Lasterhaften. Wir sagen dieses nicht zur Entschuldigung der heiligen Schrift, sondern bloß in der Absicht zu zeigen, daß darinnen eine Kraft sey, welche für den, der sie liest, auch ohne Erklärung zureicht. Wie viele Zeugnisse könnten nicht zum Beweise der Wahrheit, daß die christlichen Lehrer der ersten Kirche die heilige Schrift für den einzigen richtigen Wegweiser gehalten haben , aus dem Tertullian, DionysiuS von Alexandrien, Cyprian und andern Kirchenvätern gesammlet werden, wenn die schon angeführten Zeugnisse nicht dazu hinlänglich waren! Man Zweyter Abschnitt. 427 Man kann daraus sehen, wie sehr diejenigen christlichen Gemeinen irren, welche behaupten, daß die göttliche Offenbarung nicht alle zu unserer Seligkeit nöthige Lehren enthalte; daß es vielmehr Lehren gäbe, welche aus einer geheimen Tradition entlehnet werden müßten, die von einem Bischof auf den andern, und von einer Kirche auf die andre fortgepflanzet scmi soll; und daß besonders die Kirche in Rom als die getreuste und unfehlbarste Verwahrerinn dieser heiligen und so nothwendigen mündlichen Sagen anzusehen sey. Die angeführten Zeugnisse widerlegen diese Meynung so offenbar, daß alle Mühe, Hie man anwendet, sie dawider zu retten, ein vergebliches und fruchtloses Unternehmen ist. Es ist wahr, daß sich die Väter der ersten Kirche zuweilen auf die Tradition berufen. Allein wenn sie es zum Beweise einiger Lehren thun: so verstehen sie nichts anders, als die in der heiligen Schrift enthaltenen Lehren darunter. Die meisten Irrgläubigen, welche ihre Irrthümer nicht aus der heiligen Schrift beweisen konnten, beriefen sich auf einen geheimen Unterricht, der von den Aposteln bis auf sie fortgepflanzet worden senn sollte. Irenaus antwortete ihnen, daß wenn die Apostel ja einige Geheimnisse gehabt hätten, weiche sie nur de»c-5 Allervollkommensten hätten anvertrauen wollen: so würden sie diese Geheimnisse den Aufsehern der ersten Kirchen anvertrauet haben, weil sie die vollkommensten und untadclhaftesten Personen dazu wähleten. Deswegen verwies er die Irrgläubigen an die apostolischen Kirchen. Die Antwort war vortrefflich. Allein beweist sie nicht zugleich, daß man in der ersten Kirche nichts von geheimen Lehren gewußt habe, welche nur gewissen Personen hätten anvertrauet werden 428 Geschichte der christlichen Religion. den dürfen ? Wenn die Kirche Traditionen hatte: so betrafen sie nicht geheime Lehren, sondern Ceremonien und Gebräuche. Die christliche Kirche war schon zweyhundert Jahre alt, als Tertullian, zu sci- co^. »mV. ner Vertheidigung ein Verzeichnis der kirchlichen Traditionen machte. Dieses Verzeichniß enthält nicht etwan Lehren, die nicht in der Offenbarung enthalten seyn sollten, sondern Gebräuche und Gewohnheiten der Kirche, welche die Taufe, das Abendmahl, der verstorbenen Christen, und das Fasten betreffen. Ja er nimmt so gar den Grundsatz an, daß ein jeder Christ Traditionen machen könne. Ist ein Gebrauch, sagt er, auf die Vernunft gegründet : so wird er ein Gesetz, er mag herkommen, woher er will. Glaubt man nicht, daß ein jeder Gläubiger erfinden und festsetzen könne, was Gott anständig ist, was zur Ordnung in der Kirche gehöret, was zur Seligkeit nützlich ist ? Diesen Grundsah baut er auf die Worte Iefu Christi: lVarum richtet ihr nicht selber, was recht ist? Unterdeß ist nicht zu leugnen, daß man in der ersten Kirche ein gewisses Recht der Verjährung wider die Irrgläubigen angeführet und ihre Irrthümer deswegen verworfen habe, weil sie neu waren, und ihr Daseyn nicht bis auf die Zeiten der Apostel zurückführen konnten. Allein das beweiset nicht, daß damals die heilige Schrift nicht für die einzige Weg- weiserinn zur Seligkeit gehalten worden sey. Die heilige Schrift war also der Grund des öffentlichen Unterrichts, und der Privaterbauung. Sie wurde nicht allein in den öffentlichen Versammlungen der Christen, sondern auch in den Schulen gelesen, in weichen so wohl Kinder als Erwachsene unterrichtet wurden. Zweyter Abschnitt« 429 wurden. Die catechetische Schule in Alerandrien, deren Stiftung man so gar dem Evangelisten MarcuS zuschreiben will, ist bekannt. Man fieng auch sehr bald an, die Offenbarung schriftlich zu erklären. Man hält den panränus auö dem zweyten Jahrhunderte für den ersten, der die heilige Offenbarung schriftlich allsgelegt haben soll. Allein die göttliche Vorsehung . hat nicht gewollt, daß seine Arbeit bis auf unsere Zeiten gebracht werden sollte. Die Hypocypolen des Clemens von Alerandrien, die vornehmlich in Auslegungen der heiligen Schrift bestanden haben, die Erklärung der Offenbarung vom Justin, dem Märtyrer, die Erläuterungeil der vier Evangelisten vom Theo- philuö aus Alexandrien haben ein gleiches Schicksal erfahren. Es ist aus dem zweyten Jahrhunderte nur die Harmonie der Evangelisten vom Tatian übrig geblieben. Die Arbeiten eines (Drigenes über die beilige Schrift können nur demjenigen unbekannt seyn, der in der Geschichte der Religion ganz ein Fremdling ist. Unter die unglücklichen Schicksale, welche die gött- ^o/5./,//?. liche Offenbarung unter den Christen der ersten drey Jahrhunderte erfahren hat, gehöret vornehmlich die^-^'^' verderbliche Gewohnheit, außer dem deutlichen und^' buchstäblichen Verstände ihrer Aussprüche noch einen geheimen und verborgenen Verstand in derselben zu suchen. Diese Gewohnheit hatten schon die Jüden, besonders die Essaer, und die Heiden angenommen, von denen die lehtern die ungereimten Fabeln von ihren Göttern durch diese Art der Auslegung vernünftig machen wollten. Sie wurde theils von den Juden, theils von den Heiden, welche die christliche Religion annahmen, beybehalten , und aus mehr als einer Ursache 4?o Geschichte der christlichen Religion. sache immer mehr in ihrem unrechtmäßigen Ansehen befestiget. Man wollte gern allen Einwürfen der Gnostiker und der Heiden begegnen. Noch war das Licht einer gesunden Weltweisheit, und besonders einer richtigen Veruunftlehre, nicht aufgegangen. Konnte man den Einwürfen der Ungläubigen und der Irrglaubi- biqen besonders wider die Schriften des alten Testamentes, nicht begegnen, wenn man ben dem buchsiab liehen Verstände blieb : so nahm man seine Zuflucht zu einem geheimen geistlichen Verstände. Die Irrgläubigen machten zum Exempel Einwendungen wider die mosaische Geschichte der Schöpfung. Man antwortete, daß sich das, was Moses erzählte, nicht dem Buchstaben nach zugetragen habe, sondern daß es eine Allegorie sey, in welche die Wahrheit nach dem Geschmacke der orientalischen Völker habe eingekleidet werden müssen. Wie mancher unrichtiger Verstand wurde der heiligen Schrift angedichtet, weil man von dieser schlimmen Gewohnheit hingerissen war ! Man findet schon in dem Briefe des Larnabas deutliche Spuren davon. Doch sie setzte sich erst im zweyten und dritten Jahrhunderte durch einen panränus, Clemens, und Grigenes in ein der Religion höchstschädliches Ansehen. Damals wurde es einer von den vornehmsten Grundsätzen in der Auslegungskunst der christlichen Gottesgelehrten, daß man in der heiligen Schrift einen dreyfachen, einen buchstablichen, einen moralischen, und einen geheimen oder mystischen Verstand suchen müsse. Die ersten Kirchenväter sind zu entschuldigen, daß sie dergleichen Grundsätze angenommen haben, da es doch im vorigen Jahrhunderte ein Grundsatz sehr großer Gottesgelehrten war, daß der heilige Geist alles Wahre, was sich nur ein menschlicher Zweyter Abschnitt. 431 licher Verstand bey einer Stelle der Offenbarung den» ken könne, habe dabey gedacht wissen wollen. Diese Betrachtung kann die Ueberzeugung befördern, daß die heiligen Schriften des neuen Testaments göttlich sind. Ihre innere Glaubwürdigkeit wird durch die Reinigkeit und Göttlichkeit der Lehren, durch die Erfüllung der Weißagungen des alten Bundes, durch die Wunder und Vorhersagungcn der Apostel, durch ihre Schreibart, und durch ihre Zeugnisse, daß sie der heilige Geist getrieben habe, bestätiget. Die Schriften, auf deren Ausspruch wir unsern Glauben gründen, haben wirklich die Apostel zu Urhebern. Diese göttlichen Manner haben sie geschrieben, und zwar zu einer Zeit, wo schon im Oriente sowohl als im Occidente viele Gemeinen angeleget waren ; also zu einer Zeit, wo die überall mündlich vorgetragene Lehre mit der schriftlich aufgezeichneten Lehre verglichen werden konnte; wo die zur Ausbreitung der Religion nöthige Vervielfältigung der Abschriften ihrer Gcschichtbücher und Briefe fehr leicht war; wo so wohl von den Freunden als von den Feinden Jesu Christi noch Augenzeugen genug lebcten, deren Stillschweigen oder Zeugniß die Wahrheit der erzählten Begebenheiten bekräftigen mußte, auf welche sich die christliche Religion gründete. Einige apostolische Schriften sind durch die ersten drey Jahrhunderte ohne Widerspruch von den Rechtgläubigen und Irrgläubigen theils für ächt und apostolisch, theils für göttlich erkläret und angenommen worden, und diese Würde hat ihnen kein menschliches Ansehen, sondern ihre eigene Beschaffenheit ertheilet. Einige apostolische Schriften, welche nicht gleich in allen christlichen Gemeinen so bekannt geworden sind, als die andern, haben 4?2 Geschichte der christlichen Religion. haben vornehmlich im zwenten Jahrhunderte Widerspruch gefunden, obgleich dieser Widerspruch niemals allgemein gewesen ist. Die Sammlung aller göttlichen Schriften ist nach und nach entstanden. Die Kirche hat sie für den Grund des Unterrichts in der Religion, und für die einzige Wegweiserinn zur Seligkeit erkannt. Man hat sie in öffentlichen Versammlungen und bey Privatandachten gelesen ; man hat sie mündlich un^> schriftlich erklaret. Man darf sich also nicht wundern, daß die christliche Religion sich so schnell und so weit ausgebreitet hat. Die Bücher, aus denen sie geschöpft wurde, waren göttlich. OOGOG»O»GOO»G»OOOG»OO» Von den Wundergaben und Wundern in den apostolischen Zeiten und ihrer Fort, dauer in den ersten drey Jahrhunderten der Kirche. ^H»ngeachtet nun die göttliche Kraft der Offenba- O"- Kirche des zweyten Iahrhundertes besonders die Ga- ^"""-4- be göttlicher Gesichter zu besitzen geglaubt habe. Man könnte, wenn man weitläuftig seyn wollte, aus dem Eusebius, und aus verschiedenen sehr alten Märtyrer- gcschichten, besondere Beyspiele davon anführen. Sollten die Wundergaben mit dem Tode der Apostel aufgehöret haben: so könnte man nicht begreifen, wie Tertullian in seiner Schutzschrift hätte so kühn seyn, und zu den Heiden sagen können, und zwar in einer Schrift, die, wo nicht an den Senat, zum wenigsten an den Proconsul von Africa gerichtet war: lasset einen Besessenen auf den Gerichtsplaß bringen; wenn der Teufel nicht von einem Christen ; er mag seyn, wer er will, ausgetrieben wird, und sich nicht für einen Teufe! bekennt: so lasset den Christen das 444 Geschichte der christlichen Religion. Leben nehmen. In was für eine Gefahr setzte er denn die Christen, wenn die Kraft Wunder zu thun, die Kirche mit dem Tode der Apostel verlassen hätte ? Die Zeugnisse des Origenes sind noch ausdrücklicher ,j„d umständlicher als Cerrullmns Zeugniß. Ori- ^o»^' e?e//? redet im ersten Buche von dem Beweise derKraft, /.°"^?«//. durch welche die christliche Religion bekräftiget worden /.z.sen. Er versteht darunter die Wunder, welche zur Bestätigung ihrer göttlichen Lehren geschehen sind. Daß alles, sagt er, was von diesen Wundern erzählet wird , wahr sey , ist so wohl aus vielen andern Gründen, als ins besondere daraus gewiß , daß die Kraft, Wunder zu thun, von denen noch nicht gewichen ist , die ihren Wandel nach der Vorschrift der Lehre Christi führen. In eben diesem Buche saget er: man sieht unter den Christen noch die Fußstapfen des Geistes, der ehedem in der Gestalt einer Taube hcrabgefahren ist. Sie verjagen die Teufel. Sie vertreiben Krankheiten. Sie sehen künftige Dinge vorher, wenn es dem Worte gefällt, ihren Geist zu erleuchten. Celsus und sein Jude mögen so sehr spotten, als sie wollen: so muß ich es doch sagen, daß viele wider ihren Willen zum christlichen Glauben getreten sind, weil eine gewisse göttliche Kraft, sie mit einmal, entweder im Traume, oder in einem Gesichte, so lebendig gerühret und so gewaltig verändert hat, daß sie nicht nur allen Haß gegen denselben fahren lassen, sondern ihn auch bis zum Tode behaupten wollen. Im zweyten Buche sagt er, daß die Wunder die Jüden ihrer Verstockung wegen verlassen hätten. Sie wissen von keinen Wundern, saget er. Unter den Christen hingegen haben die Wunder noch nicht aufgeboret; ja es geschehen zuweiten noch größere Wun- Zweyter Abschnitt. 445 Wunder unter ihnen, als ehemals geschehen sind. Und sind wir so viel werth, daß man uns trauen kam,: so können wir sagen, daß wir sie selbst gesehen haben. Unter denen, die Jesum ehren , saget er im dritten Buche, sind einige, welche den Kranken die Gesundheit wiedergeben, wenn sie nur den höchsten Gort über sie anrufen, den Namen Jesu nennen , und ein Stücke der evangelischen Geschichte hcrlesen, wodurch sie beweisen, daß der Glaube ihnen eine sonderbare Wunderkraft mittheile. Wir, wir selbst haben viele gesehen , welche auf diese Weise von gefährlichen Zufallen , von der Unsinnigkeit, von der Raserey, von unzähligen andern Krankheiten, die weder Götter noch Menschen bezwingen konnten , befreyct worden sind. Endlich beschreibt er auch im siebenten Buche die Art, wie die Wunder verrichtet wurden, und die Personen, welche sie verrichteten. Die Christen sagt er, treiben die bösen Geister nicht durch Zauberei) , durch Lieder, Kräuter und andere solche Dinge aus, sondern allein durch das Gebeth, und durch so leichte und einfältige Beschwörungen, daß sich ihrer auch die Einfältigsten und Blödsinnigsten bedienen können. Und insgemein sind diejenigen, so diese Wunder verrichten, ungelehrte Leute. Diese Gna- bmkraft Christi, welche mit unserer Lehre verbunden ist, zeiget, wie schwach und verächtlich die bösen Geister sind; da es keiner weisen unv gelehrten Männer, keiner Leute, die geschickt sind , ihren Glauben aus dem Grunde zu beweisen, bedarf, wenn sie besieget, und verjaget, und aus den Leibern un" Gestern der Menschen vertrieben werden sollen. Nach diesen Zeugnissen ist es unnöthig , die Zahl derselben durch die Zeugnisse eines CyprianS, welcher sich selbst, so be^ schei- 446 Geschichte der christlichen Religion. scheiden als er sonst auch von sich urtheilete, göttliche Gesichter gehabt zu haben rühmete, und vieler andern anzuführen, die nochspater oder doch nicht so umständlich sind. Diese Zeugnisse sind so wichtig, daß ihre historische Glaubwürdigkeit, durch einigeAnmerkungen in ihrem Lichte, gezeigt zu werden verdienet. Alle Zeugen, welche mir zeither angeführet haben, reden von der Fortdauer der Wundergaben, als von einer überall bekannten und unleugbaren Sache. Weder die Juden, noch die Christen, noch die Heiden, zweifelten daran. Die Feinde der christlichen Religion leugneten die historische Wahrheit dieser Zeugnisse nicht. Man findet nirgends eine Nachricht, daß sie der Lügen überführet worden wären. Und gleichwohl war dieses um so viel leichter, weil die Christen die heidnischen Obrigkeiten dazu auffodertcn, und um so viel nöthiger, weil sie die Göttlichkeit ihrer Lehren, und die Gewißheit der Wunder Jesu Christi aus die Wunder, so noch unter ihnen geschahen, gründeten. Lu- cian, dieser berühmte Spötter, leugnet die wunder- thätigen Handlungen der Christen auch nicht; er behauptet nur, daß sie durch Gauklerkünste verrichtet würden; ein Vorwurs der um so viel verdachtiger ist, je mehr er alle Religionen verspottet. Die heidnischen Philosophen und die Jüdcn suchetcn sich wider die Wunder der Christen auf eine andere Weise zu retten. Sie schrieben dieselben der Magie und der Gewalt der Dämonen zu. Weil also die Fortdauer der Wundergaben ganz unleugbar und bekannt war, darum führten die christlichen Lehrer keine besondern Exempel der unter den Christen verrichteten Wunder, an. Dieses wäre für ihre Zeiten etwas ganz überflüßiges ge- Zweyter Abschnitt. 447 gewesen. Es hatte vielleicht zur Erbauung der nachfolgenden Zeiten gereichen können, wenn sie viele besondere Beyspiele von den durch Christen verrichteten Wundern angeführet hätten. Allein die Fortdauer der Wundergaben wäre dadurch an sich selbst nicht glaubwürdiger und ihre historische Gewißheit nicht mehr vor den Einwürfen unzeitiger Zweister geschüHet worden. Und geseht, daß die Wunder der Christen durch ein gerichtliches Zeugniß waren bestätiget worden : so würden sie damit für i . re Glaubwürdigkeit nichts mehr gewonnen haben. Könnte man, wenn man durchaus zweifeln wollte, nicht auch ein jolches gerichtliches Zeugniß, das doch gewiß nach dem Charakter der Heiden unmöglich erwartet werden kann, für einen Betrug erklären? Ueberdiß haben sich gewiß die Lehrer der ersten Christen nicht vorstellen können, daß in entfernten Jahrhunderten, wenn der ganze Erdkreis mit Christen erfüllet seyn würde, an Wundern gezweifelt werden könnte, ob sie geschehen waren, an welchen damals die ungläubigsten Heiden nicht einmal zweifelten, ob sie ihnen gleich die Eigenschaft göttlicher Wunder streitig machen wollten. Wir wollen uns noch einmal erinnern, daß diese Zeugnisse größtentheils aus Schußschriften der christlichen Religion wider die Ungläubigen genommen sind. Es ist also ungereimt, Zeugnisse, welche durch keine historische Beweise der Unzuverläßigkeit überführet werden können, darum zu verwerfen, weil sie sich auf keine besonderen Fälle und Exempel beziehen, zumal wenn man eine hinlängliche Ursache angeben kann, warum sie allgemein sind. Man muß ferner anmerken, daß diejenigen, welche die Fortdauer der Wundergaben nach dem. Tode der 448 Geschichte der christlichen Religion. der Apostel aussagen, Augenzeugen sind, sich auf andere auch noch lebende Augenzeugen berufen, und selbst ihre Feinde auffodern, daß sie das Gegentheil beweisen sollten, wofern sie nicht die Wahrheit redeten. Die christliche Religion hatte so viele andere unübe>- windliche Beweise, und ihre Schuhredner waren, wie uns auch nur eine schwache Kenntnis; ihrer hinterlassenen Schriften davon überführen kann, so wohl mit diesen Beweisen bekannt, daß sie gewiß sehr thöricht gewesen seyn müßten, wenn sie sich auf Wunder berufen hatten , die nicht geschahen. Da sie den Haß der Hi-iden wi'er die Christen kannten: mußten sie denn in diesem Falle nichr befürchten, daß sie würden schamroth werden müssen, wenn sie wider die Wahrheit auf eine so unverschämte Weise redeten? Was ist glaublicher, a^s daß die Heiden, welche so begierig alle Gelegenheit ergriffen , die Ausbreitung der christlichen Religion zu verhindern, die Ausfode- rung eines Tercullians angenommen , die Christen zu schänden gemacht, und also einen scheinbaren Vorwand ihrer Verfolgungen gcsuchet haben würde», wenn nicht noch öfters Wunder unter den Christen geschehen wären, deren Kenntniß sie abhalten mußte, denen, wider welche sie wütheten, noch mehr Anlaß zur Bestätigung ihrer Lehren zu geben? Wenn man diese Zeugen mit ihren Aussagen nicht hören will: so muß man entweder durch historische Beweise, durch gewisse und unleugbare Facta darthun , daß sie Betrüger gewesen sind, lind wer kann das von einem Justin, dem Märtyrer, einem Jre- näuö, und einem Origenes beweisen? oder man muß darthun, daß sie keine Sinne gehabt, oder ihre Sinne öfters haben betrügen lassen. Die Aufmunterung eines Zweyter Abschnitt. 449 eines Todten kann durch die Sinne allein beurtheilet iverdcn; man braucht kein großer Geist, noch vielweniger ein glücklicher Kunstrichter und Ausleger zu senn, wenn man sehen will, ob ein Kranker und Wahnwitziger durch ein bloßes Wort von seiner Plage befreyet wird. Es giebt Fälle, wo man cbeu dadurch einen schr schwachen und leichtgläubigen Geist verräth, daß man aus bloßen Muthmaßungen andere einer unglaub« liehen Leichtgläubigkeit beschuldiget. Die angeführten Zeugnisse könnten mit einigem Scheine für verdächtig gehalten werden, ob man sie gleich deswegen noch nicht für falsch erklären dürfte, wofern sie behaupteten, daß nicht alle Wundergaben, sondern nur gewisse Arten dieser Kräfte nach dem Tode der Apostel fort gedauret hatten. Ich würde diese Zeugen nicht für Betrüger halten, wenn sie aussage- ten, daß bloß die Gabe der Gesichter oder der Weissagung erhalten worden wäre: allein ich würde mein Urtheil nicht ohne allen Grund au schirben. Eben das würde ich thun, wenn ich sähe, daß sich die erste Kirche nach dem Tode der Apostel bloß der siegreichen Gewalt über die bösen Geister rühmete. Allein sie bezeugen, daß alle die Wunder, welche die Apostel verrichtet haben, zuweilen, bey wichtigen Gelegenheiten, und öfters; denn es drückt sich nicht ein Zeuge, wie der andere, aus ; einer hat viel, der andere bat weniger gesehen; noch nach dem Tode der Jünger Jesu Christi verrichtet worden sind. Es sin' Todce auferwecket worden , und zwar in verschiedenen Gemeinen; man hat Kranke durch ein Wort geheilet; man hat die Teufel durch den Name«, J.'su Christi ausgetrieben: wenn bringt man wohl Wahnwitzig', wenn man auch die Besessenen der ersten Kirche dafür ho?l- II Theil. Ff ten 4)'O Geschichte der christlichen Religion. ten wollte, durch ein Wort, oder durch leichte und kurze Beschwörungen wieder zu ihrer Vernunft? Man hat nicht eine Krankheit, sondern unzählige Krankheiten geheilet; man hat, was zukünftig ist, vorher gesagt; man hat fremde Sprachen geredet, daß eine Partey vorgeben sollte, es geschahen zur Bestätigung ihrer Meynungen öffentliche Wunder, und in der That geschähen keine; das ist schon unglaublich. Wie unglaublich ist es nicht, daß sie sich rühmen soll- te, sie besäße die Macht, so viele verschiedene Arten von Wundern zu thun, da sie in der Wahrheit noch kein einiges thun könnte? Die Wunder, welche nach dem Tode der Apostel geschahen, geschahen zur Beförderung eben der End' zwecke, welche die Wunder gleich im ersten Anfange des Christenthums nothwendig gemachet hatten. Sie sollten vornehmlich die Wahrheit und Göttlichkeit der 5. christlichen Religion erweisen. Darum hielt es Gn, c. Ce//.' genes für nöthig, zu erinnern, daß die Lehre Jesu Christi eins ganz eigene und besondere Art des Beweises habe, die so edel und erhaben sty, daß sie mit der griechischen Kunst zu beweisen nicht verglichen werden könne. Diese Beweise bestünden in dem Verreise des Geistes, oder in Weissagungen und in dem Beweise der Rraft, oder in Wundern, denn wenn die Predigt der Apostel nicht mit Wundern wäre begleitet worden: so würden sie nimmermehr die Völker, denen sie ihren neuen Glauben vortrugen, dahin gebracht haben, daß sie der Religion ihrer Väter abgesaget, und eine Lehre angenommen hätten, welche nicht ohne die größte Lebensgefahr bekannt werden konnte. Man weiß, daß sich die christlichen Lehrer der ersten Kirche, eben nicht auf die Erlernung fremder Zweyter Abschnitt. 451 der Sprachen legeten. Sie verstunden nicht einmal die hebräische Sprache. Wie wurde denn die christliche Religion unter den fremden Völkern ausgebreitet, welche weder die griechische noch die lateinische Sprache redeten ? So viel ist unleugbar, daß die Wundergaben der ersten Christen sich niemals äußerten, wenn weiter kein Endzweck dadurch erhalten werden konnte, als daß etwa die Neubegierde der Menschen dadurch befriediget wurde. Denn als Aurolycus, 7AeaM^/ ein Heide, den antiochenischen Bischof, Theophilus ^'"o/./., auffoderte, daß er einen Todten auferwecken sollte, mit der Zusage, daß er die Auferstehung von den Todten alsdann glauben wollte: so that solches der Bischof nicht, weil er, wie er sagte, wußte, daß der Heide doch nicht glauben würde. Ueberdieß war hier ein Wunder überflüßig, weil Autolycuö schon Verstand genug besaß, sich durch Gründe von dieser Wahrheit zu überzeugen. Jesus that selbst nicht allezeit Wunder, wenn sie von ihm gefodert wurden. Man kann die christlichen Lehrer der erstell drey Jahrhunderte, keiner Leichtgläubigkeit in Ansehung der erzählten Wunderwerke beschuldigen. Sie wußten so wohl, als der tiefsinnigste Weltweise unserer Zeiten, was zu einem wahren Wunder gehörete. Sie forscheten nach der Wahrheit; denn eben darum verwarfen sie die Gaukelspielerstreiche der Heiden und ^ die falschen Prophezeiungen der Montanisten. Man muß die weise Austheilung dieser WWder- gaben in der ersten Kirche, aus der Hand der Vorsehung bewundern. Es waren Knaben, Manner, Weiber und ungelehrte Leute, welche öffentliche Wunder verrichteten. Gott war darum so freygebig gegen sie, daß niemand auf den Verdacht gerathen sollte, Ff 2 als 4)2 Geschichte der christlichen Religion. als wenn List, Verschlagenheit und natürliche Geschick- lichkeit die Ursachen der verrichteten Wunder waren. Der Gelehrte kann allezeit eher eines Betrugs beschuldiget werden , als der Unwissende, als ein gemeiner Mann, oder Knabe. Man fragt, wie die Wundergaben fortgepflanzet worden sind. Einige halten dafür, daß solches durch die Auflegung der Hände geschehen sey. Allein man zweifelt mit Recht daran, wenn man eine gewisse Stelle aus den apostolischen Verordnungen erwäget, worinnen gesaget wird, daß man keinem Exorcisten die Hand auflegen solle, weil der Sieg über die bösen Geister ein freyes Geschenk der göttlichen Gnade rvare. Es ist also wahrscheinlich, daß Gott die Christen so oft mit der Kraft Wunder zu thun ausgerüstet habe, als dieselben zur Verherrlichung seines Namens und seiner Religion nöthig waren. Umsonst hat also Midleton die Fortdauer der Wundergaben in den ersten drey Jahrhunderten zu leugnen versuchet. Wenn er zu einem solchen Unternehmen , Scharfsinnigkeit genug besaß: so besaß er dazu nicht genug Gelehrsamkeit und Bescheidenheit. Man kann es schon daraus schließen, daß er den leichtgläubigen Charakter der ersten Kirchenväter, unter andern daraus beweist, daß sie nicht allezeit glückliche Ausleger, Kunstrichrer und Philosophen waren. Darf sich wohl ein Midleton mit einem Origenes vergleichen ? Wer sollte wohl unter beyden leichtgläubiger seyn, wenn die Leichtgläubigkeit nach dem Maaße des Verstandes , den ein jeder besitzt, bestimmt werden sollte? Niemand sollte den andern über den Mangel des Zweyter Abschnitt. 455 des Verstandes anklagen, der seinen eigenen noch nicht genau genug überrechnet und gewogen hat. Jedoch die Religion würde dennoch wahr bleiben, wenn die Fortdauer der Wundergaben, in der Kirche der drey ersten Jahrhunderte, auch keine so gewisse historische Glaubwürdigkeit besäße. Die Ausbreitung einer Religion von der Beschaffenheit, als die christliche ist, wäre alsdenn ein Wunder, das so stark seyn würde, als alle Wunder, welche nach den angeführten Zeugen, in der ersten Kirche verrichtet worden seyn sollen. OOOGO»O»G»O»GG»OOGOOOO Von dem Ruhen der heidnischen Verfolg gungen, wider die Christen, für die Religion. AÄie unleugbare Göttlichkeit der apostolischen Schrif- ten, ihre Eintracht im Glauben, welche die über-- mtürlicheKraft derselben wirkete, und, wenn man sichere und zuverläßige Zeugnisse nicht ohne Verwegenheit verwerfen kann, die Fortdauer der Wundergabcn in der ersten Kirche, waren unstreitig die vornehmsten Ursachen voi? der so schnellen und so weiten Ausbreitung der christlichen Religion. Sie sind aber nicht die einzigen Ursachen. Denn selbst die grausamen Verfolgungen der Heiden wider die Bekenncr Jesu Christi, haben das Ihrige dazu beygetragen, ob sie gleich in der Absicht, sie zu vertilgen, erwecket wurden. Eine kurze und zuverläßige Erzählung dieser Verfolgungen , und eine unvartcyische Betrachtung ihrer Ursa- Ff 5 chm, ^'"iwv^ 454 Geschichte der christlichen Religion. chen, kann uns von dem großen Nutzen überzeugen, den die christliche Religion aus denselben gezogen hac. In dieser Absicht wollen wir die zehen großen heidnischen Verfolgungen kurz beschreiben, um uns in den Stand zu setzen, von ihren Ursachen, und vornehmlich von ihrem Nutzen für die christliche Religion ein gegründetes Urtheil zu fallen. Die erste große Verfolgung erduldeten dieBeken- ner Jesu Christi unter dem Nero. Die heidnischen Geschichtschreiber machen uns von diesem Kaiser einen so schandlichen Charakter, daß überfeine Grausamkeit gegen die Christen keine Verwunderung entstehen kann. Die nächste Veranlassung zu dieser Verfolgung war seine Sorge, den Haß der Römer, welchen er sich durch die ihn selbst veranstaltete Verbrennung der Stadt Rom zugezogen hatte, von sich wcgzuwälzen und auf die Christen zu bringen. Er glaubte, daß er sich so wohl bey den römischen Priestern, als auch bey den abgöttischen Römern, durch die Verfolgung einer Religion angenehm machen würde, welche so viele tausend Menschen bewog, den Dienst der Götzen zu verlassen, und ihre abergläubische Verehrung zu T'-ic/,. «»- verwerfen. Und er betrog sich nicht in dieser Hoffnung, /./s.c-.^. wc-il man die Christen als Menschen ansah, welche ' die ganze Welt hasteten. Man bemächtigte sich ihrer, und unter dem Vorwande einer bey der peinlichen Frage geschehenen Aussage, daß sie Rom angezündet hätten, ward eine allgemeine Ausrottung derselben anbefohlen. Außer den gewöhnlichen Todesstrafen -/>. der Enthauptung und Kreuzigung wurden sehr viele, ^""/" ^-zur Befriedigung der Schauspiellust und Unmenschlich- ^ keit dieses Kaisers, an Pfäle befestiget, mit Pech überstrichen, und in den kaiserlichen Garten bey seinen nachtlichen »-7 c. /<5. Zweyter Abschnitt. 455 lichm Wettrennen statt der gewöhnlichen Pechfackeln angezündet. Andre Christen wurden in Thierhäute eingenähet, und von den darauf losgelassenen Hunden zerrissen. Diese Verfolgung wülhete besonders in Rom und Italien, und es ist wahrscheinlich, daß sie mehr durch unmittelbare Befehle des Tyrannen, als durch eigentliche Gesetze geboten worden sey. Die Heiden selbst sind es, denen wir diese Nachrichten zu danken haben; denn von den erste«, Christen sind lins außer einigen Stellen in dem Hirten des Hermas, die Hieher etwa gezogen werden könnten, keine umständliche Erzählungen dieser heftigen Verfolgung überliefert worden. Die Märtyrer, die man namentlich in diese Zeit setzt, sind ungewiß; und vermuthlich hat man in den spätern Jahrhunderten sie in die Zeit dieser Verfolgung bloß darum gesetzt, weil man keine gewisse Epoche ihres MartyrerthumeS angeben konnte. Diese Verfolguug, welche im Anfange so M 5^o».v/,. wüthete, und den Apostel Petrus durch die Kreuzigung, A"^"' und den Apostel Paulus durch das Schmerdt hinriß, ^ ' ' ^' nahm gegen das Ende der Regierung dieses Tyrannen ob, und nach seinem Tode hatten die Christen so lan-I. ^i.^ ^ ge Ruhe, bisDomitian, ein eben so lasterhafter Ty- A^A^n. rann, als Nero, dem Beyspiele desselben folgte. Dieser Wütherich hatte einen argwöhnischen Haß überhaupt gegen alle Tugendhafte, und da er aus dem Tribute, welchen nicht allein die Jüden, sondern auch die Christen erlegen mußten, weil sie mit jenen wegen der Lehre, daß nur ein Gott sey, vermengt wurden, die schnelle Ausbreitung des Christenthums wahrnahm : so befahl er die Ausrottung seiner Bekenncr durch öffentliche Gesetze, wenn man einem Orosms und Sulpitius Severus glauben will. Viele Christen Ff 4 wurden 456 Geschichte der christlichen Religion. wurden umgebracht, und andre ins Elend verwiesen. Dis. unter de„ xrstm war Flavius Clemens, der Consul von Rom, welcher selbst die Schwestertochter des Kaisers zur Ehe hatte. Er wurde, nach des Dio Berichte, bloß unter dem Vorwandeder Gottesleug- nung, des angenommenen JudenthumcS, und einer verachnmgswürdigen Trägheit; denn dieses waren dazumal die gewöhnlichsten Beschuldigungen wider die Christen, hingerichtet; seine Gemahlinn aber aller ihrer Güter beraubt und ins Elend verwiesen. Der Evangelist, Johannes, wurde in dieser Verfolgung auf die Insel Patmus vertrieben, nachdem er vorher aus dem siedenden Qele; worein ihn seine Verfolger geworfen haben sollen, auf eine wunderbare Weise errettet morden war. Termllian ist der einzige, der diise sonderbare Begebenheit meldet. Es ist auch andem, das; es bey den Römern keine gewöhnliche Strafe war, Missethäter in siedendes Oel zu werfen. Aber war es denn eine gewöhnliche Strafe, die Missethäter mit Pech zu bestreichen und als Fackeln anzünde» zu lassen? Und ist allezeit eine Begebenheit falsch, wenn sie nur von einem Schriftsteller schriftlich ckm. ?/>. ausgezeichnet wird? Clen»ens von Rom sagte von /?^c,'o?-. c.5 dieser Verfolgung, daß man schon eine große Menge der Auserwähltcn gesehen hätte, welche auf Veranlassung des Neides den größten Martern ausgesetzt, und andern ein Exempel geworden wären, weil sie sich durch nichts abschrecken lassen, den Exempeln der Apostel, Petri und Pauli zu folgen. Selbst Weiber hätten die schrecklichsten Martern ausgestanden, ohne von ihren schwachen Körpern daran verhindert zu werden. Die ersten Christen waren so sehr mit der Ausbreitung der wahren Religion beschäffriget, daß sie Zweyter Abschnitt. 457 sie noch keine Zeit übrig hatten, die ruhmvollen Schick, sale eines jeden Bekennerö Jesu Christi schriftlich aufzuzeichnen. So heftig diese Verfolgung war, so kurz war, ihre Dauer. Nerva, einMaiser von einem löblichen Charakter, Domirians Nachfolger, hob so gar die wider die Christen gegebenen Befehle auf. Allein es war nur eine Stille, welche einen neuen Sturm verkündigte. Trajan, den seine sonst gütige und gelinde Regie- HA.-^ ning so berühmt gemacht hat, daß selbst sein Name ^^j^ - zu einem Lobspruchc geworden ist, verdunkelte diesen Ruhm durch die Verfolgung der Christen. Er suchte seine Ehre darinnen, daß er abergläubischer war als -"F, ?'» seine Vorfahren, und auf das strengste über die Beobachtung aller römischen Gesetze hielte. Unter diesen Gesehen aber war eines, daß in den römischen Gebieten kein neuer Gottesdienst, ohne die Bewilligung des römischen Senates, eingeführet werden sollte. Er schrieb seine Siege den römischen Göttern zu, und in der Meynung, sich ihren fernern Beystand zu verdienen, haßte er alle Neuerungen, die ihrem Dienste nachtheilig seyn konnten. Hierzu kam, daß /^,. er alle geschlossene Gesellschaften bey dem Antritte seiner Regierung untersagt hatte. Die Christen breiteten sich immer weiter aus ; die Priester der Götzen verloren dabey und klagten, und veranlasseten Empörungen des gemeinen Volks. Darf man sich wundern, wenn die Christen ber» solchen Umstanden, und unter einem Kaiser von diesem Charakter, verfolgt wurden? Besonders wüthete die Verfolgung in Syrien. Das Zeugniß, welches Plinius, der Jüngere, ein Heide, für die Unschuld der Christen ablegte, wirkte die Verordnung Trajans, daß dieselben nicht gerichtlich aufge- F f 5 sucht, 458 Geschichte der christlichen Religion. sucht, bey einer ordentlichen Anklage aber doch entweder zum Abfalle gezwungen oder gestraft werden sollten. Unter dem Trajan wurde Simeon, der Bischof, in Jerusalem, einer von den letzten Nachkommen Davids, gekreuziget, Jgnatius aber, ein Jünger der Apostel und Bischof von Antiochien, in Rom auf dem öffentlichen Schauplätze den Thieren vorgeworfen, und von den Löwen bis auf die stärksten Knochen aufgezehret. Die Verfolgung dauerte so lange als Trajan lebte; sie war an einigen Orten stärker, an andern schwächer, nachdem die verschieden heidnischen Obrigkeiten mehr oder weniger feindselig gegen die Christen gestnnet waren. O?'s/. os. Die Verfolgung erneuerte sich unter der Regie- /4mm./.-5. rung des Hadrianus, eines Fürstens, der noch abcr- I^nv yläubischer, als Trajan war. Es gab keine Zauber- ^ > M,st^ keine Zeichcndeutungen, keine fremden Göt- terdienstc, die nicht seine Bewunderung erhielten. Und was verabscheuecen die Christen mehr, als alle Art des Aberglaubens ? Er vergötterte einen Anti- nous, der sich als ein Opfer für ihn in den Nil gestürzt hatte, sein Leben zu verlängern. Die Empörungen der Jüden wider die Römer und die Laster der gNostischen Secten trugen nicht wenig dazu bey, den Haß der Heiden gegen die Christen zu unterhalten. Denn man vermengte die Jüden und die Gno- stickcr mit den Christen, und diese mußten die Schuld fremder Verbrechen tragen. Celsus, der berühmteste Widersacher des Christenthums, welcher unter diesem Kaiser wider dasselbe schrieb, kannte keine andern Christen , als die Gnosticker. Mai, sieht solches deutlich aus den Ueberbleibseln seiner Schrift, die vom Ori- genes in seiner Widerlegung aufbehalten worden sind. / Zweyter Abschnitt. 459 Die Verfolgung war groß, und erstreckte sich in die entferntesten Provinzen des römischen Gebietes. Allein sie daurete nicht allzulange. ci>ua0r,^us, einer von den eifrigsten christlichen Lehrern dieser Zeit, der z. c.z?. in der Ausbreitung des Christenthums unermüdet war, und Aristides, ein atheniensischer Weltweise, der die Kleidung und Lebensart eines Philosophen beybehielt, als er die christliche Religion angenommen hatte, vertheidigten die Unschuld unsers heiligen Glaubens in öffentlichen Schutzschriften. Mit diesen Schußschriften vereinigte sich die Vorstellung des Se- renius Granicmus, des Proconsuls von Asien, an den Hadricmus, daß es wider die Gerechtigkeit stritte, die Christen, ohne sie eines Verbrechens überführt zu haben, zu verdammen. Hadrianus verordnete darauf, daß kein Christ mehr zum Tode oder zu andern Leibesstrafen verdammt werden sollte, wo er keines Ver« brechcns wider die Gesetze überführet werden könnte, und sein Nachfolger Anromn erkläret«! ausdrücklich, / schen Kaisern einer der tugendhaftesten und gütigsten war. JustinuS, der Märtyrer wurde dadurch veranlasset, seine größere Schußschrift für die Christen zu verfertigen. Allein diese Verfolgung war mehr dem Hasse der römischen Unterobrigkeiten, und des gemeinen Volks, als kaiserlichen Gesetzen und Verordnungen zuzuschreiben. Marcus AureliuS war ein gütiger Kaiser, welcher so viel Herrschaft über sich besaß, daß er selbst seinen 46c> Geschichte der christlichen Religion. seinen Beleidigern leutselig begegnen konnte. Allem seine übertriebene Ergebenheit für den römischen Götzendienst, seine Hochachtung für die Philosophen, und sein Haß gegen die Zauberey, deren die Christen be^ schuldigt wurden, bewogen ihn, dieselben zu verfol- /. 4. gen. Besonders wiegelte ihn ein cynischer Philosoph, /6. Crescens auf, der den Christen ungescheut die größten Verbrechen aufbürdete, vom Iujnnus, dem Märtyrer, aber überführt wurde, daß er nicht allein unwissend, sondern auch ein Verleumder wäre. Die Größe dieser Verfolgung beweisen allein schon die häufigen Schutzschriften der Christen. Justmus, der Märtyrer, Melito von Sarden, Apollinaris von Hierapoliö, Atbenagoras, und NAltiades vertheidigten die gedrückte Religion. Unterdessen erwiesen diese Schutzschriften zwar die Unschuld der Christen ; alleii, sie retteten sie nicht von der Verfolgung. Man war des Todes schuldig, so bald man bekannte, /,5/?/»,6 7>,> Christen verloren einige Kirchen. welche Zweyter Abschnitt. 467 che sie unter der Regierung des Alexanders zuerst erbauet zu haben scheinen. Doch diese Verfolgung war von keiner langen Dauer, weil ihre Fortsetzung durch viele einheimische Kriege unterbrochen wurde. Unter dem Philippus erholten sie sich von den erlittenen Drangsalen. Allein weil das wahre Christenthum H"/"' e/>.??. beyder irdischen Glückseligkeit, die sie genossen, in"^^^ einen allzugroßen Verfall gerieth : so fand es Gott für nöthig, sie durch neue Trübsale aus ihrem Schlummer zu erwecken. Decius, sonst ein Fürst von großen Eigenschaften hatte sich des Kaiserthumes bemächtiget. Unter dem ^ 5- Verwände, die unter seinem Vorfahren eingerissenen ^''^"^ Unordnungen aufzuheben, und aus Gefälligkeit ge-^A'^ ^ ^ gen das römische Volk, welches über die Ausbrei- H^^> tung der Religion, über die öffentliche Erbauung ^ christlicher Kirchen, und über die Niederreißung vieler Götzen und Götzentempel der Christen aufgebracht war, erneuerte er die Verfolgung. Sie wurde von ihm durch feyerliche Verordnungen an alle seine Statthalter anbefohlen. Alle Christen sollten opfern ^"-/^- ^ ^ und das Christenthum abschwören. Diejenigen, wel- ^' ^' che sich weigern würden, ihren Glauben zu verlasseu, sollten in finstre Gefängnisse gebracht, durch langsame Martern zur Verleugnung gezwungen, und wofern sie dieselben standhaft aushielten, durch die schrecklichsten Todesarten hingerichtet werden, das Schre. cken und die Verwirrung war allgemein, weil alle römische Provinzen voll Christen waren. Alle andere öffentliche Geschäffte lagen ; alle Statthalter hatten nichts zu thun, als gefangen zu setzen und zu martern, die Verfolgung gieng über das ganze römische Reich. Schwerdter, Flammen und Scheiterhaufen, wilde Gg 2 Thiere, 468 Geschichte der christlichen Religion. Thiere, welche die Christen zerrissen, eiserne glühende Stühle, Peitschen mit Stacheln besetzt, und andre Marterinstrumente, welche die Grausamkeit der Menschen nur erfinden kann, waren die gewöhnlichsten Schauspiele der Abgötter. Man wollte die Märtyrer nicht tödten, sondern ihre Geduld ermüden und sie überwinden. Die Anzahl derer, die ihr Leben für die Religion aufopferten, ob gleich die Verfolgung in ihrer größten Heftigkeit nur ein Jahr dauerte, ist unglaublich. Viele Christen wurden verbannt, oder entwichen selbst. Allein die Lehrer und Kirchenbedienten durften ohne Vorwissen und Verlangen der Gemeinen sich nicht durch die Flucht retten. Cypriai'.us, dieser berühmte Bischof von Carthago, mußte sich zwey Jahre verborgen halten, weil das Volk öffentlich verlangete, daß er den Löwen vorgeworfen werden sollte. Fabianus , der Bischof in Rom, wurde gleich im Anfange der Verfolgung hingerichtet. Alexander von Jerusalem starb im Gefängnisse ; Babylas in Ketten. In Smyrna wurden Pionius, ein angesehener Presbyter, Aselepiades und Sabina nach vielen ausgestandenen Martern ver- brcuint. In Carlhago starb MappalicuS auf derFol- ter, Paulus gleich nach erlittener Peinigung, Bassus im Gefängnisse. Cyprian nennet deren, die ihr Leben im Kerker verlieren mußten, noch vierzehn. In Alex- andrien wurden zwanzig Christen, deren Namen die Zeit erhalten hat, theils mit dem Schwerdte, theils mit dem Feuer hingerichtet, nachdem sie vorher tausend Foltern ausgehalten hatten. Unter den asiatischen Märtyrern sind die berühmtesten Maximus, der, nachdem er sich als einen Christen angegeben und deswegen viele Schläge und Foltern ausgestanden hatte, Zweyter Abschnitt. 469 hatte, vom Statthalter Optimus zur Steinigung verurtheilt wurde; Petrus, den er erstechen ließ, nachdem vorher alle seine Gebeine zerbrochen worden waren; Andreas und Paulus, welche durch die Steinigung starben; Dionysia, eine sechzehnjährige Jungfrau, welche, weil sie bey dem Anblicke eines Christen, Nicomachus, der sich nach langen Martern endlich zum opfern verstand auf der Stelle aber starb, eine laute Wehklage erhob, deswegen ergriffen, zur Schändung verdammt, von Gott dafür bewahret, endlich aber enthauptet wurde. In Rom stand Moses ein Presbyter, ein langes Gefängniß aus, und ward endlich auch ein Märtyrer. In Toulouse ward ein Christ, Saturninus, mit einem Ochsen zu Tode geschleift, Dionysius aber in Paris enthauptet. Man hat Nachrichten von andern Märtyrern, welche aber ungewisser und zweifelhafter, als die angeführten sind. Die Wuth dieser Verfolgung war so groß, daß viele den Glauben verleugneten. Einige opferten, und erhielten den Namen Sacrificari, andere räucherten, und wurden Thurificati genannt; andere, welche weder wirklich opfern noch auch wirklich ihre!? Glauben bekennen wollten, erkauften obrigkeitliche Zeugnisse, daß sie abgefallen waren, und wurden Llbel- lanci genannt. Was am meisten m beklagen war, war der Abfall vieler Bischöfe, besonders in Africa. Der fmyrnische Bischof, Erdemon, opferte nicht allein: sondern ward auch ein Verfolger der Chri- stm. Nach dem Verlaufe eines Jahres ließ die Verfolgung nach; sie hörte doch aber, so lange Decius lebte, nicht ganz auf, und dauerte auch nach seinem Tode noch an einigen Orten fort. Gg z Die 4?O Geschichte der christlichen Religion. n/Km. Die Christen mußten zwar unter dem Gallus und e. 4- /». Volusianus, ungeachtet ihrer großen Gutthatigkeit bey einer allgemeinen Pest, viel von dem Hasse der Heiden ^'erdulden: dennoch aber waren ihre Drangsale, nichtso hart, als unter dem Decius. Desto größer aber /^U^t^^ wurden sie, als Valerianus das Kaiserthum an sich H^n. -. thum anzunehmen. Ich war, sagte er von sich selbst, vordem der platonischen Philosophie ergeben, und ich wußte die Verbrechen, deren man die Christen zu beschuldigen pflegte. Allein als ich erwog, wie wenig sie sich vor den? Tode, und überhaupt vor allem dem entsetzten, was schrecklich seyn mag: so sahe ich ein, Zweyter Abschnitt. 48» daß sie unmöglich die lasier und Ausschweifungen begehen könnten , deren man sie beschuldigte. Denn wie kann doch ein Mensch, der nur aufWollüste denket, der bloß die Ueppigkeit liebet, und ein Vergnügen daran findet, Menschenfleisch zu essen, den Tsd mit Freuden aushalten, der ihn alles dessen beraubet, was ihn in der Welt glückselig und vergnügt machet? Sollte ein solcher Mmsch nicht vielmehr alles zur Verlängerung seines Lebens unternehmen, da seine ganze Glückseligkeit darauf beruhet ? Sollte er sich nicht vielmehr vor den Obrigkeiten verbergen, als so zu sagen selbst sein Anklager und Henker werden? Sind diese Betrachtungen nicht stark genug, einen Freund der Wahrheit von der Göttlichkeit einer Lehre zu überzeugen, für welche viele rechtschaffene Menschen ihr Leben lassen: so beweisen sie doch ihre Unschuld und Müssen ihn, zu dieser Ueberzeugung vorbereiten, und ihn bewegen, eine ernstliche und aufrichtige Untersuchung derselben anzustellen. Die Verfolgungen der Christen hatten also den Nußen für die Religion, daß sie schneller unter den Heiden ausgebreitet wurde. Es ist offenbar, daß sie viel zur Besserung der Christen selbst beytrugen. Die ersten Christen warm gebohrne Jüden. Man weiß, daß die Juden einen irdischen Meßias erwarteten. Wie schwer sind Menschen von tief eingewurzelten Vorurtheilen los zu- reißen! Wenn sich die neugepflanzten Gemeinen eines bestandigen Ruhestandes zu erfreuen gehabt hatten: wie leicht konnten sie das Christenthum aus irdischen Absichten und in der Hoffnung einer weltlichen Glückseligkeit annehmen. Wie leicht hätte der Endzweck dieser heiligen Religion verkehret werden können ! II. Theil. H h Allein 482 Geschichte der christlichen Religion. Allein die unerhörten Trübsalen, welche beständig auf die Bekenner Jesu Christi warteten, lehretcn deutlich gcnug, daß man bloß um Gottes willen eine Religion annehmen müßte, welche einen Menschen verächtlich und verhaßt machte, lind den grausamsten Leiden und Gefahren aussetzte. Diese Religion annehmen, und allen Annehmlichkeiten und Ehren des Lebens entsagen, dazu gehörte ein Entschluß. Die Verfolgungen bewahrten die neugepflanzte Kirche, so wohl vor Heuchlern, als vor lasterhaften Mitgliedern. Die gnosii- schen Sccten waren ein deutlicher Beweis davon. Sie rühmten sich einer viel größern Erkenntniß und Weisheit. Ihre Weisheit aber brauchte fast keine andere Widerlegung, als die Verfolgungen. Sie hielt dieses Feuer nicht aus; darum war sie kein Gold. Wenn die Rechtgläubigen die Irrgläubigen zu schänden machen wollten : so fragten sie nur nach ihren Märtyrern. Denn die meisten irrgläubigen Sccten erlaubten den Abfall in Verfolgungen, da es hingegen ein Grundsatz bey den wahren Christen war, daß man aufhörcte, ein Christ zu seyn, wenn man den Muth nicht besaß, seinen Glauben mit dem Verluste feines Lebens zu behaupten. Die Lobsprüche, welche den ersten Christen ertheilet werden, sind in der That nicht übertrieben, ob man sich gleich betrügen würde, wenn man alle Mitglieder der ersten Kirche ohne Ausnahme für Heilige vom ersten Range erklären wollte. Man kann aber mit Recht behaupten , daß sich die göttliche Gnade unter den Christen niemals in einem größern Maaße geäus- sert habe, als zur Zeit der Verfolgungen. Sie wurden durch dieselben in einer beständigen Demuth und Erniedrigung ihrer selbst erhalten. Sie ermähnten ein- Zweyter Abschnitt. 485 einander ohne Unterlaß zu dieser Tugend. Clemens ^. von Rom redete den Corinthern nachdrücklich zu, de» müthig zu seyn, alle Eitelkeit, allen Stolz und allen Zorn aus ihrer Seele zu verbannen, und ihrem Erlöser darinnen nachzuahmen. Was war fähiger, die Christen stolz zu machen, als eben ihre Sündhaftigkeit, Christum zu bekennen? Cyprian aber beschwö-c>^? ret die Märtyrer, sich in ihren Herzen uicht zu erhe-e/>. s. ben/ sondern uach der Lehre des Evangelii demüthig ^' "^ und bescheiden zu seyn. Es war dazumal nichts ge- wöhnlichers, als daß sich die vornehmsten Christen nicht schämeten, ihren ärmsten und geringsten Bnn dem die niedrigsten und verächtlichsten Dienste zu leisten. Man konnte ihnen keinen Vorwurf machen, daß sie nach äußerlichen Ehren oder Reichthümern ^' strebten. Man machte ihnen wohl den Vorwurf, daß sie solches nicht thäten, und beschuldigte sie deswegen einer niederträchtigen Trägheit und Verdrossenheit. Was für strenge, und in der That übertriebene Sittenlehren, giebt nicht Clemens von Alerandri- en in seinem Pädagogen, in Ansehung der Pracht und der Bequemlichkeiten des Lebens, und doch wurden sie beobachtet! Cacilius , ein Heide, spottete gegen den Minurius Felix darüber: die ^ömer beHerr- schen die lVelr und genießen ihrer. Ihr Chri- '"'^ stenaber, ihr quälet euch, ihr beraubet euch aller Ergöylichkeiten; ihr seyd nicht bey den Triumphen zugegen; ihr befindet euch bey keinen öffentlichen Feyerllchkeiren ; ihr seyd bey keinen Schauspielen; ihr bezeuget einen Abscheu vor den Opferspeisen; ihr kröner euch nicht mir Blumen; ihr salbet euch nicht: o rvas seyd ihr für ein trauriges, finstres und elendes Hh 2 Volk! 484 Geschichte der christlichen Religion. Volk! Minmius antwortet ihm darauf: daß sie an allen diesen Ergörzlichkeicen nicht Theil nähmen, weil sie nicht ohne Sünde daran Theil nehmen könnten. Die Mäßigkeit, ein sittsamer Anzug, der Haß gegen alle übertriebene Pracht, das waren die Merkmaale, woran man Christen und Christinnen erkannte. Wie sehr eiferten nicht Ter- rullian und Cyprian wider die Ausschweifungen, welche einige Christen und besonders einige Christinnen wider diese Tugenden zu ihren Zeiten begierige»! Und wie sorgfaltig waren die ersten Christen in der Bewahrung ihrer Keuschheit! Mit welcher Strenge bestrafte die Kirche die Ehebrecher! Zu welch einer öffentlichen Buße waren sie verdammet! Waren ^e/,/.3. nicht unter andern Martern der Heiden, die christti- 5-^- chen Jungfrauen zur Verleugnung ihres Glaubens zu bringen, auch Drohungen, sie schänden zu lassen ? Waren diese Zwangsmittel nicht zugleich Zeugnisse für den heiligen Wandel der Christen? Ihre Stmid- haftigkeit, Christum zu bekennen, ih^e Geduld unter den größten Martern, ihre Sanftmuth gegen ihre grausamsten Verfolger, waren so groß, daß sie selbst von den Heiden bewundert wurden. Tertullian ^.c.,. hielt ihnen solches öffentlich vor: Missethäter suchen sich zu verbergen, und lassen sich nicht gern öffentlich sehen. VAmmc man sie gefangen, so zittern sie; klaget man sie an, so leug nen sie; bringt man sie auf die Folter, so ver> schweigen sie dennoch die lVahrheir sehr oft. So aber verhält sichs mit den Christen nicht. Reiner schämet sich ein Christ zu seyn; darüber nur schämec sich ein jeder, daß er solches nicht eher gewesen ist. Beschimpfet man ihn, so Zweyter Abschnitt. 485 rechnet er sich solches zur Ehre. Fraget man ihn, so bekennet er offenherzig; wird er verdammer, so danket er. N?as kann ein Mensch Döses gethan haben, bey dem man keinen Schein des Dösen, keine Schamrörhe, keine Verstellung, keine Rlage, keine Furcht, keine Niedergeschlagenheit bemerket ^ Es ist merkwürdig, daß in allen Verfolgungen sich doch niemals die Christen empöret haben, einen einzigen Märtyrer zu befreyen; auch nicht zu der Zeit, da sie alle Dörfer, Städte, Inseln, Gcrichtshäuser, Palläste, Provinzen und Armeen crfülleten. Cyprian hält h,/»-/-?». dieses dem Statthalter, Dcmetricmus vor. Die Christen nahmen, wie Tertullian sagt, den Tod als die größte Gunstbezcugung von den Händen der ^ ^. Heiden an. Sie betheten für die römischen Kaiser und ihr Reich, so heftig sie auch von ihnen gedrücket wurden. Ihre Treue, ihr Eifer, die Heiden zu be- kehren, ihre Freygebigkeit gegen die Armen, jhre^-^^- Sorgfalt gegen die Kranken, ihre Loskaufungen der ^ ' Gefangenen, waren Tugenden, denen die Heiden ' selbst die Ausbreitung ihrer Religion zuschrieben. Ihre Treue und Unterwürfigkeit gegen ihre Obrigkeit 0».c.-. gen werden sollten, Christum zu verleugnen und den Menschen mehr, als Gott zu gehorchen. Kurz, die Heiligkeit und Unschuld der ersten Christen, war so bekannt, daß Drigenes an vielen Stellen einen Be- n///./.?./. weis für die Wahrheit und Göttlichkeit der christli-verql-mit chen Religion davon hernahm, ein Beweis, derlei-^'"""- Hh 3 ^ . 486 Geschichte der christlichen Religion. der in unsern Tagen seine Stärke verloren hat. Die Verfolgungen erweisen, daß allein die christliche Religion, den Menschen zu so erhabenen Tugenden anreizen könnte. Wie eifrig mußten sie Gott dienen, wie groß mußte ihre Selbstverleugnung und wie un- ermüdet ihr Fleiß, in der Unsträflichkest seyn, wenn sie bey dem Anblicke von Scheiterhaufen, von eisernem glühenden Smhlcn, von feurigen Rosten, und andern Folterwerkzeugen, dennoch der Gottseligkeit getreu bleiben wollten! Wer konnte an der Gründlichkeit ihrer Tugend zweifeln? Das würde aber geschehen senn, wenn sie einen beständigen Frieden unter den heidnischen Beherrschern genossen hätten. Satan, der erste und größte Freygeist, weil er nach dem Ausdrucke eines englischen Dichters, der größte Dummkopf ist, zweifelte an Hiobs Tugend nur so lange, als er in allen Stücken glücklich und gesegnet war. Gott wollte, daß seine Religion eben so reich an Beyspielen , als an Lehren und Vorschriften seyn sollte. Die Verfolgungen mußten oft die Christen aus dem Schlummer aufwecken, in welchen sie etwa eine lange Ruhe und Glückseligkeit eingewieget hatte. Die ersten Lehrer der Kirche geben besonders bey den letzten großen Verfolgungen den innern Verfall des Christenthums und den erkalteten Eifer seiner Beken- uer als eine Ursache an, welche Gott bewogen habe, ihnen neue Verfolger zu erwecken. Die Abbildung, ^' welche Cyprian von dem Zustande der Kirche vor der decianischen Verfolgung macht, ist traurig. Schon brannten viele Christen von einer unersättlichen Begierde nach Reichlhümern. Die Gottseligkeit schien unter den meisten Priestern erstorben, die Liebe und die Zucht unter den Gemeinen ganz erkaltet zu seyn. Zweyter Abschnitt. 487 Man fing an, mehr über die Religion zu streiten, als nach der Religion zu leben. Manche Bischöfe verwalteten ihr Amt nicht, sondern mcngeten sich in irdische Handel, und zogen durch die Provinzen, ihre Einkünfte zu vermehreil, Erbschaften an sich zu zie? hm, und anstatt die Wohlthaten der Glaubigen unter die Armen auszutheilen, mit denselben einen unerlaubten Wucher zu treiben. Eben diese Klagen /. führet Eusebius, als er die dioclctianische Verfolgung c./. beschreiben will. Gott fand also für nöthig, damit sich die Heiden nicht an der christlichen Religion selbst argern, und davon zurückgehalten werden möchten, wenn ihnen das Leben vieler Christen zum Anstoße würde, durch neue Verfolgungen die Tragen aufzuwecken , und seine Gemeine von den falschen und lasterhaften Mitgliedern zu reinigen. Unterdessen ist merkwürdig, daß obgleich das Christenthum viele Bekenncr in dem dritten Jahrhunderte hatte, welche in ihrem Wandel nachlaßig waren, und nicht alle Vorschriften deö Evangelii erfüllcten, dennoch in den christlichen Gemeinen keine so großen und ungestraften Verbrecher gefunden wurden, als tinter den Heiden. Denn die christliche Kirchcnzucht schloß alle die, so einen offenbaren lasterhaften Wandel führten, von der Gemeinschaft der Gläubigen aus, und der schlimmste, der dieselbe erschleichen wollte, mußte zum wenigsten ein Heuchler seyn. Daher findet man auch keine Märtyrer, welche man bürgerlicher Verbrechen überführen, und nicht bloß des christlichen Namens, sondern ihrer Missethaten wegen hinrichten konnte. Die Verfolgungen hatten unter andern Vortheilen auch den Nutzen, daß die Unstraflichkcit und Unschuld der Gläubigen, wider alle Beschuldigungen ge- H h 4 vichtlich 488 Geschichte der christlichen Religion. richtlich bestätiget wurde. Die Christen wollten bloß den Götzen nicht räuchern, und bey keinem Menschen schwören ; darum wurden sie bey Tausenden aufgeopfert. PlininS, der jüngere, fand nichts an ihnen zu tadeln, als ihren Aberglauben. So nannte er die vernünftigste Religion. Was für ein herrlicher Aberglaube, der seine wahren Bekenner tugendhaft machte! Die Verfolgungen bestätigten theils die historische Wahrheit, theils die Göttlichkeit der christlichen Religion. Ihre Bekenner wurden durch die grausamsten Martern hingerichtet, weil sie glaubten, daß ein Mensch, der unter dem Landpflegcr Pontius Pilatus gekreuziget worden war, der Sohn Gottes und nebst seinem Vater und dem heiligen Geiste allein der wahre Gott wäre, der die Anbethung der Menschen verdie- nete. Die Christen starben also für historische Wahrheiten. Es mußte sich doch alles wirklich zugetragen haben, was sie vor allen Obrigkeiten und Richterstühlen mit so vieler Gefahr aussageten. Glaubten die heidnischen Obrigkeiten, daß der Erlöser der Christen weder eine wirkliche Person, noch viel weniger Gott wäre. Warum wurden denn weder unter dem Nero, noch unter dem Domitian, noch unter dem Hadrian, noch unter dem Trajan gerichtliche Untersuchungen über die Wahrheit der evangelischen Geschichte angestellet. Die Christen gründeten ihren Glauben besonders auf die Wunder Jesu Christi. Es lebten gewiß noch unter dem Hadrian Greise, die von den Handlungen und Wundern dieses Gottmenschen Augenzeugen gewesen seyn konnten. Waren nun die Wunder, auf deren Wahrheit sich das Evangelium gründete, nicht geschehen; konnte dieses gerichtlich bewiesen werden : hätte wohl dasselbe so viele Bekenner Zweyter Abschnitt. 489 ner finden können, die wahnwitzig genug gewesen waren, für Begebenheiten zu sterben, die nie geschehen waren? Das gerechteste, leichteste, und kräftigste Mittel, die Christen zum Abfalle von ihrem Glauben zu nöthigen, ohne das Blut eines einigen Unterthanen zu vergießen, nämlich eine ordentliche und strenge Untersuchung ihrer Religion, und besonders der Begebenheiten , auf welche sie gegründet war, wurde nicht gebraucht. Woher kam diese Ungerechtigkeit ? Kam sie nicht daher, daß die Wahrheit des christlichen Glaubens so offenbar erwiesen war, daß sie selbst eine gerichtliche Untersuchung nickt mehr erweisen konnte? Die Christen starben also für gewisse und unstreitige Begebenheiten. Allein diese außerordentliche und ungewöhnliche Stcmdhaftigkeit beweiset zugleich die übernatürliche Kraft der Wahrheiten, für welche sie nicht allein alle irdische Vortheile aufopferten, sondern selbst ihr Blut mit Freuden vergossen. Wenn hat die Religion vor dem Christenthums solche unerschrockene und so unzählbare Märtyrer gefunden? Der Beweis, der von dem Tode der Märtyrer für die Religion hergenommen werden kann, könnte verdächtig seyn, wenn er nicht alle Charaktere hätte, die man von einem Zeugenbeweise fordern kann. Der Blutzeugen ist eine so große Anzahl; man findet Märtyrer nicht in einem, sondern in drey Jahrhunderten ; Märtyrer an so vielen Orten, und fast in allen damals bekannten Weltgegenden; Märtyrer aus so verschiedenen Ständen, von so verschiedenen Altern, Charakteren und Lebensarten; Greise, Jünglinge, Jungfrauen, Männer, Kinder, Vornehme und Geringe, Ungelehrte und Gelehrte, Manner, die nicht fähig waren, tiefsinnige Untersuchungen an- H h 5 zustelle», 49« Geschichte der christlichen Religion. zustellen, aber auch Männer, welche den größten und schönsten Geistern nicht weichen. Es ist vielleicht nicht unmöglich, daß einige Menschen gewisse Verbindungen mit einander eingehen, welche sie selbst mit ihrem Blute zu behaupten und auszuführen suchen. Allein sie müssen entweder ein boshaftes Herz, oder einen kranken lind wahnwitzigen Verstand besitzen. Der Lasterhafte stirbt gewiß nicht für die Tugend, denn er hasset, sie; der Wahnwitzige stirbt gewiß nicht für die Wahrheit, denn er kennet sie nicht. Alle Märtyrer aber starben theils für die Tugend, theils für die Wahrheit ; diese lehren sie, und jene üben sie aus. Es hat unter den Christen Lasterhafte gegeben; ihre Geschichtschreiber leugnen solches nicht, sondern führen vielmehr die bittersten Klagen darüber. Allein diese Scheinchristen sterben entweder nicht, oder werden zu einer Zeit besser, da die Heiden sie durch Martern zu einem Aberglauben zwingen wollen, der sie zu einem lasterhaften Leben berechtige-. Alle Martern und Strafen haben sonst den Endzweck, entweder den, welchen sie treffen, oder andere die es sehen, zu bessern, und sie sind nicht ganz fruchtlos, so ungeneigt die Menschen auch zur Tugend sind ; hier haben die Martern und Strafen den Endzweck, lasterhaft zu machen, und dieser Endzweck wird bey den wenigsten erhalten, so gerne die Menschen von Natur freywillig und ohne Antrieb sundigen. Es giebt Missethater, welche mit einer erstaunlichen Standhaftigkeit alle Foltern aushalten. Allein warum halten sie dieselben nicht in der Absicht aus, längern Marter:? und dem Tode zu entfliehen? Die wahren Märtyrer hingegen wissen, daß sie mit der größten Standhaftigkeit nichts gewinnen, sondern Vielmehr verlieren, und dennoch achten sie weder Martern Zweyter Abschnitt. 491 tern noch Tod. Die Wahrheiten der Religion müssen also nothwendig eine übernatürliche und göttliche Kraft haben, welche die Menschen, so sich ihr überlassen, zu Entschlüssen und Handlungen bewegen kann, die wider den taglichen Lauf der Natur sind, und allen andern Menschen widersinnisch und ungereimt zu seyn scheinen. Was für ein Beweis fehlte der Religion, wenn Gott die Verfolgungen der Christen nicht zugelassen hatte! Die Religion hat zwar in den Augen solcher Menschen, die unparteyisch und mit einem lehrbegierigen Herzen über sie nachdenken, so viele Gründe, daß sie einen Beweis entbehren kann, ohne in ihren Augen dadurch ungegründeter zu werden. Allein dieser Beweis überzeuget nicht allein, sondern erfreuet auch und ermuntert zur Nachfolge Es würde uns also mit diesem Beweise viel Freudigkeit und Trost fehlen. Wer kann einen solchen Verlust ertragen ? Geseht aber auch, daß gegen diesen Nutzen der heidnischen Verfolgungcn wider die Christen solche Einwendungen gemacht werden könnten, welche die Religion wenig dabey gewinnen ließen : so hatten sie doch noch einen Nutzen für sie, der ganz unleugbar, und eben deswegen desto wichtiger ist. Man hat lange vor dem Christenthums gesagt, daß überhaupt alle Religion nicht allein von Menschen erfunden, sondern auch durch die Gewalt der Obrigkeit und die Betrügereycn der Priester eingeführet worden wäre. Dieser Vorwurf ist von allen heidnischen Religionen wahr. Die jüdische Religion kömmt zwar von Gott her; dennoch hat seine Weisheit zuweilen für gut gefunden, die Iü- den durch eine gewisse Art des Zwanges, nämlich durch den Verlust ihrer irdischen bürgerlichen Glückseligkeit 492 Geschichte der christlichen Religion. sellgkeit darzu zu nöthigen, und auf den rechten Weg zurück zu bringen, wenn sie davon abgewichen waren. Nur die christliche Religion sollte den Vorzug haben, der allen Religionen, der falschen, und der wahren mangelte. Man kann ihre ersten Lehrer lind Beken- ner gewiß nicht beschuldigen, daß sie unrechtmäßige Künste gebraucht hatten, sie auszubreiten. Ein Numa muß zugleich die oberste Gewalt in seinen Handen haben , wenn seinen Unterredungen mit der Aegeria geglaubt werden sollte. Hier bestätiget die Gewalt die falsche Religion, und die falsche Religion die Gewalt. Dadurch wird sie ein Kapzaum des Pöbels. Der christlichen Religion kann dieser Vorwurf nicht gemacht werden. Denn sie findet" nicht einmal bey der Obrigkeit Duldung und Schutz. Die unumschränkte Gewalt und die falsche Religion mit allen menschlichen Leidenschaften empören sich wider sie ; ihre Bekenner sind ehrlos, untüchtig zu allen Ehrcnstel- len, und selbst wenn sie noch die ruhigsten Zeiten haben, des Lebens verlustig, so bald sie als Christen angeklagt werden. Sie werden bey vielen Tausenden erwürgt. Die christliche Religion kann also keine menschliche Erfindung und weder von der Gewalt der Obrigkeit, noch von den Betrügereyen der Priester eingeführet worden seyn. So groß ist also der Nutzen der Verfolgungen für die Religion! ^.-^ N Von Zweyter Abschnitt. 495 O»»OO»OO«»O»»«»OO»OOG» Von der Ehrfurcht der ersten Kirche ge» gen die Märtyrer, die Heiligen, ihre Gebeine, Reliquien, und Bildnisse. s ist, wie wir gesehen haben, eine ausgemachte Sache, daß die christliche Religion der Standhaftigkeit ihrer Märlyrer nicht wenig zu danken habe. Ihr Muth, sie selbst unter der Empfindung der grausamsten Martern und eines schmachvollen Todes zu bekennen, dienete, wie schon gezeiget worden ist, zu einem Beweise ihrer Wahrheit und Göttlichkeit. Diese Standhaftigkeit äußerten nicht allein die Gelehrten , sondern die gemeinsten Christen. So sehr auch die Märtyrer von den Gläubigen geehret und bewundert wurden : so wenig konnte doch der Ehrgeiz die Ursache dieser Standhaftigkeit seyn. Denn die Anzahl derer, welche die Wahrheit der Religion, mit der Ausopferung ihres Lebens versiegelten, war allzugroß, als daß sie einer Leidenschaft zugeschrieben werden könnte, die nur selten bey Personen von einer niedrigen Lebensart und Erziehung gefunden wird, und nur wenige antreibt, große und außerordentliche Entschlüsse zti fassen und auszuführen. Und was kann wohl für ein Entschluß schwerer zu fassen und auszuführen seyn, als der Vorsatz, für die Wahrheit gewisser Begebenheiten und Lehren zu sterben ?- Die Furcht vor dem Tode und die Liebe zum Leben sind so gewaltige Leidenschaften, daß sie ordentlicher Weise alle andere Bewegungen der Seele verschlingen. Die Gnade 494 Geschichte der christlichen Religion. Gnade allein kann ihnen stärkere Begierden entgegensehen, und dieselben auch auf der Folter und unter den Händen der Henker erhalten. Unterdessen verdiente die Tugend der Märtyrer die Bewunderung der Gläubigen, ob sie gleich aus viel erhabnere,, Ursachen entspringen mußte, als aus der Begierde, etwas verdienstliches zu thun. Man muß- te keinen Geschmack am Guten haben, wenn man einen Menschen, den man für die Wahrheit bis aufs Blut kämpfeil sieht, nicht mit denen ihm gebührenden Hobsprüchen krönen wollte. Der Lohn für so viele Tugend ist immer zu geringe für sie. Die Schauplätze in Rom und Griechenland jauchzten ihren Kämpfern zu, wenn sie alle ihre Kräfte verschwendeten, einen unnützen Preis davon zu tragen. Was könnte denn gerechter seyn, als die Hochachtung der ersten Christen für die Blutzeugen ihres Erlösers! Ein Terml-- lian hatte Recht zu sagen, daß ein leidender Christ so wohl im Angesichtc Gottes, als in den Augen der Menschen ein herrliches Schauspiel wäre^ Nur ist hiebey zu beklagen, daß in den folgenden Jahrhunderten diese Hochachtung gegen die Märtyrer, und über- Haupt gegen alle Heiligen, und selbst gegen ihre Reliquien und Bildnisse übertrieben, und in Aberglauben verwandelt wurde. Dcher ist es in einer Geschichte der Religion eine nöthige und zugleich lehrreiche Betrachtung, welche uns die wahren Gesinnungen der ersten Kirche gegen die Märtyrer abbildet, und uns die Wege abzeichnet, auf welchen die Christen bis zur gctteödienstlichen Verehrung derselben geführet worden sind. In den apostolischen Zeiten der Kirche machte das Martyrerthum allein keinen Christen heiliger und ehrwürdiger, Zweyter Abschnitt. 495 würdiger, als den andern. Man war das Blut» zeugniß Gott schuldig; es war nicht verdienstlich. Wenn Gott nicht alle Bekenner des Namens Jesu Christi in die Umstände setzte, in welchen sie für seine Ehre leiden mußten : so wurde doch von allen wahren Gläubigen gefodert und vorauSgeseßt, daß sie dazu bereit und entschlossen seyn sollten. Paulus zählte daher die Leiden, die uns das Bekenntniß der Wahrheit zuziehen kann, zu dem Kampfe, zu welchem alle Christen verordnet sind. Daher durfte sich keiner, der diese Schuldigkeit gegen seinen Heiland erfüllet?, wenn sich ihm die Gelegenheit dazu anbot, vor andern Christen einen Vorzug anzumaßen, denen zur Erfüllung ihrer Schuldigkeit vor Gott keine Gelegenheit gegeben wurde. Und cbin deswegen forderte der Apostel von den Christen gegen die Märtyrer keine Hebr. 12,1. andern Gesinnungen, als eine aufrichtige Liebe, eine ernstliche Begierde, ihrem Beyspiele nachzufolgen, wenn es Gott gefallen wollte, diese Nachfolge von ihnen zu fodern, und die Sorgfalt, auf eine anstandige Weise ihr Andenken zu erhalten. Man leistete ihnen, so lange sie lebten alle Hülfe, durch welche ihre Bedrängnisse erleichtert werden konnten; die ganze hicrosolymitanische Gemeine bethete für den Apo- Apostclg. stel Petrus, als ihn Herodes ins Gefängniß geworfen 12,5. hatte und hinrichten lassen wollte; und wenn ein Christ sein Leben um der Religion willen verloren hatte: so betrauerte man diesen Verlust, und sorgte für sein Begräbniß, wofern man von den Verfolgern nicht daran gehindert wurde. Darinnen bestund alle Ehre, die man ihren Reliquien erwies. StephanuS war der erste, der sein Blut für die Religion vergoß. Wie sehr waren die Gläubigen durch 496 Geschichte der christlichen Religion. durch seine Standhaftigkeit, und seine Liebe gegen seine Verfolger gerühret und erbauet worden ! Er ver- Apostelg. diente beweint zu werden. Gottessürciyrige be- 9,z. gruben ihn und trugen viel Leid über ihn. Das war alle Ehre, die man seinen Reliquien erwies. Sie war der edlen Einfalt der ersten Glaubigen vollkommen anstandig. Erst im vierten Jahrhunderte verstund ein Hieronymus, der nicht von allem Aberglaube!, frey war, unter dem grosien Leidtragen //->»-o»^». über den Stephanus ein feyerliches ieichenbegäng- t/>. -s. , »iß, das unter einem starken Gefolge von Christen ge- pÄ, 5,e/>5. halten worden styn sollte. Im fünften Jahrhunderte />. rühmte sich ein Presbyter von Jerusalem, Lucian, ihm vom Gamaliel das Grab des Stephanus ^>o^ tt/^ ^"^'^ Traume entdeckt worden wäre. Seit der ^vv. " fiengen die Gebeine dieses Heiligen erst an, Wunder zu thun. In den ersten drey christlichen Jahrhunderten verhielten sie sich ruhig, wo doch die verfolgte Kirche, wenn sie eine wunderthätige Kraft besaßen, die meisten Vortheile von ihnen erhalten konnte. Gamaliel, welchen dieser Lucian zu einem Christen macht, wollte die Gebeine dieses Märtyrers und seine eigenen nicht länger in einem eingefallenen Grabe ruhen lassen. Ist es nicht wunderbar, daß dieser Heilige nach vier Jahrhunderten erst so eitel wird, und dem Stephanus eine Ehre erweist, um die er sich nicht bekümmerte, weil die Erde überall, und also auch dieses eingefallene Grabmaal des Herrn ist? Hatten die ersten Christen die Leichname derer, welche die Wahrheit mit ihrem Tode bekräftiget harten , dem Schooße der Erden anvertrauet: so bekümmerten sie sich nicht weiter um dasjenige, was ihnen wiederfahren konnte. Wsnn sie ihr Andenken erhiel- Zweyter Abschnitt. 497 ten, so geschah solches durch die Erinnerung an ihre Tugenden. So natürlich als es dem Menschen auch ist, sogar die Kleinigkeiten eines Freundes, die er etwa» hinterläßt, seine Kleider und andere solche Ueber- bleibsel von ihm werth zu halten ; so findet man doch in den Schriftstellern der drei) ersten christlichen Jahrhunderte, und besonders in den göttlichen Schriften des neuen Bundes nicht die geringste Spur von einer Sorgfalt der Gläubigen, die ^eliczuien Jesu Christi, seiner Apostel und anderer Heiligen zu erhalten, um durch das Anschauen derselben ihre Andacht entstammen zu können. War etwas werth, von der Sorgsalt der ersten Christen erhalten zu werden, so verdienten diese Ehre vorzüglich die Kleider Jesu Christi, die so viele Wunder gethan hatten, wenn sie nur angerührt worden waren, und überhaupt alles, was sein heiliger Leib nur berühret hatte; besonders aber das Kreuz, an welchem von ihm die Sünde der Welt getragen worden war. Was konnte die Kirche nicht von diesem Kreuze für einen Eindruck auf die Christen erwarten, wenn anders solche sinnliche Gegenstände einen wahren gottseligen Eindruck machen können! Und dennoch erwähnet kein Apostel, kein Schüler und Nachfolger der Apostel, kein Clemens von Rom, kein Jgnatius, kein Polycarpus nichts von diesen heiligen Ueberbleib- seln, und bis auf das vierte Jahrhundert schweigen alle christliche Schriftsteller davon. Was insbesondere das Kreuz Jesu Christi betrifft ? so findet sich in den ersten Zeiten keine einzige Spur einiger Ehrfurcht gegen dasselbe. Wie leicht hätte es erhalten werden können, wenn die erste Kirche gegen Holz und Stein die Gesinnungen schon gehabt hätte, II. Theil. Ji die 498 Geschichte der christlichen Religion. die sie in den spätern Zeiten erst annahm ! Wer hätte sie wohl um dieses Denkmaal der Religion beneidet ? Weder der Jude noch der Heide hätte sich eiiu mal eingebildet, daß sie dasselbe aufbehalten würden. Allein sie bekümmerten sich weder um sein Kreuz, noch um sein Grab. Die Evangelisten erzählen wohl, daß man sein Grab besucht habe, als man noch vermuthete, daß er noch darinn liegen würde; aber keiner sagt, daß es nachher besucht, und verehret wor- j?/tt-o«. den sey. Hundert Jahre waren seit dem Tode des Z7> Erlösers weggegangen, als Hadrian an die Stelle wo vordem in Jerusalem der Tempel gestanden hatte, dem Jupiter Capitolinus einen Tempel bauen, und über das Thor der neuen Stadt, Aclia, die er nahe bey dem zerstörten Jerusalem anlegte, ein Schwein eingraben ließ, sie den Jüdcn, deren Neigung er gegen diese Stadt kannte, völlig zum Gräuel zu mache». Dieses Bild und Jupiters Tempel in Jerusalem reize- ten die Jüden zum Aufruhre. Damals führete eben dieser Hadrian über dem Grabe Jesu Christi eine Bildsäule und einen Tempel der Venus auf. Die Christen waren weifer als die Juden, ungeachtet das Grab ihres Erlösers so öffentlich entweihet wurde. Man findet nicht einmal, daß sie sich darüber beklagt hatten, daß das Grab des Weltheilandes, und ver- wuthlich sein Kreuz; denn man glaubt, daß es Joseph von Arimathia in dasselbe gelegt habe; zum Grunde eines Tempels dienen mußte, welcher der schändlichsten unter allen heidnischen Gottheiten zu Ehren aufgeführet wurde. Man liefet nirgends, daß sie sich auch nur die geringste Mühe gegeben hatten , zum wenigsten dieses so kostbare Kreuz vor dem Bau aus dem Grabe hinweg zu bringen. Es ist da Zweyter Abschnitt. 499 her glaubwürdig, daß es entweder daselbst verfaulet, oder, indem der Grund zu diesem heidnischen Tempel geleget worden, ausgegraben und von den Heiden als ein unnützes Holz verbrannt worden sey. Die ersten Christen hatten weder in ihrer Kirchen noch über den Grabern der Märtyrer Kreuze aufgerichtet. Meliro, wenn man der Erzählung einest/. ^ untergeschobenen Schriftstellers glauben will, läßt dieZ. Jungfrau Maria sehr prachtig begraben; er beschreibt ^^-^ ^ alle Umstände davon ; allein er sagt nichts von einem Kreuze, das vor ihrem Leichname hergetragen, oder über ihrem Grabe aufgerichtet worden wäre. In der dioclecianischen Verfolgung wurden den Christen ihre ^ Kirchen-niedergerissen. Die Heiden machten die genausten und umständlichsten Verzeichnisse von dem, was sie darinnen fanden. Mehr als eine Mar- tyrergeschichtc bezeuget dieses. Nirgends sieht man, daß die Christen in ihren gottesdienstlichen Versammlungen das Kreuz zu einem sinnlichen Gegenstande ihrer Ehrfurcht gemacht hätten. Es ist wahr, sie redeten viel vom Kreuze, und rühmeten von demselben, daß es die Welt errettet hätte. Allein dann hieß das Kreuz nichts anders als der Tod, den JesuS an diesem Holze ausgestanden hatte. Die Heiden verstanden diese Sprache nicht. Daher machte Caci! 0,-/5. beym Minmitts Felix den Christen den Vorwurf, K-""-c. 5 daß sie unter ihren Geheimnissen ein schändliches Holz ^ ^' hätten. Allein Minmius Felix antwortete, daß O--«/. die Christen weder Kreuze anzubethen noch zu besihen verlangten. Jesus starb eigentlich für die Erlösung des menschlichen Geschlechtes, dennoch war er auch in einem rechtgläubigen Verstände der erhabenste Märtyrer. I i 2 Gleich. 5OO Geschichte der christlichen Religion. Gleichwohl findet man in den drey ersten Jahrhundcr- ten kein einziges Zeugniß, daß die Christen einige Reliquien von dem, was ihm angehören konnte, aufbehalten hatten. Wie nachläßig war doch die erste Kirche gegen die Kirche der spätern Jahrhunderte, und wie nachläßig waren bis in das eilfte Jahrhundert auf den Marianus Gcotus alle Christen, daß sie das wun- ^sM^cc/. derbare Schnupftuch nicht eher bekannt machten, in ,. welches Christus, als er nach Golgatha gieng, sein Vera j>. ^scon oder sein wahres Ebenbild eingedrückt haben sollte. In der That cm sehr wunderthätigcs Schnupftuch ! Denn es erzeugte eine Heilige, deren ?.-?^-no. Fest den vierten Februar gefeyert wird, deren Name Veronica ist, und ihre Existenz bloß dem Vera Icon zu danken hat. Das ganze christliche Alterthum weiß weder von diesem wundervollen Schnupftuche, noch ihrer Besitzerinn, der heiligen Veroni- L-»».N.ck ca etwas. Eben dieses muß man von der wunder- /^F///? baren Thräne Jesu Christi sagen, welche sich in der ,.7/./oi?. Absey zu Vendome befinden, und von unserm Erlöser bey dem Grabe des Lazarus vergossen worden seyn soll. Es ist vollkommen glaubwürdig, daß die ersten Christen eine vorzügliche Hochachtung und Liebe gegen die Aeltcrn Jesu Christi empfunden und bezeuget haben werden. Allein wie groß muß nicht ihre Gleichgültigkeit gegen die Gebeine, die Graber und andere Reliquien dieser Heiligen gewesen seyn! Niemand weiß in den drey ersten Jahrhunderten einmal ihre Graber; man glaubte noch, daß ihre Gebeine Gebeine wären, und betrachtete sie nicht als Heiligthümer, die eine wunderthatige Kraft besaßen. Mai, sagt zwar, daß die Jungfrau Maria zu Ephesus begraben sey. Allein dieses sagte erst die ephesinische Kirchenversammlung Zweyter Abschnitt. M im fünften Jahrhunderte, und ein polycrates, ein cphesmischcr Bischof im zweyten Jahrhunderte, der doch ein Verzeichnis aller derjenigen großen Personen machte, die in Ephesus gestorben seyn sollten, wußte nichts davon. Ein Epiphanius zweifelte so gar im H>i?S.75. fünften Jahrhunderte noch, ob sie wirklich gestorben wäre. Joseph, der Pflegevater unsers Erlösers, war nach seinem Tode noch unbekannter. Allein die letzten Zeiten sind weit glücklicher geworden, als die ersten Zeiten der Kirche, weil sie weit ehrerbiethiger waren. Man hat Josephs Grab im Thale Josaphatgefunden. Es ist wahr, daß es andre für das Grab Josephs, des Gerechten, halten, der nebst dem Matthias zumMarz?.?» Apostelamte vorgeschlagen wurde. Es liegt aber daran so viel nicht; es ist doch eines Josephs Grab. Bis auf diese so glücklichen Zeiten ist auch der Brautring des heiligen Josephs aufbehalten worden. Man hat einen zu Perusa in Italien, und einen andern zu Segur in Frankreich. Noch streiten nur beyde Stadie, welche den wahren Ring besitze. Ungeachtet die Kirche der ersten drey Jahrhunderte nichts von der Kleidung der Jungfrau Maria besaß : so hat man doch in den neuern Zeiten so viel davon gefunden, daß man eine sehr vollständige Garderobbe daraus zu-- sammcn bringen könnte. Eine eben so große Gleichgültigkeit bezeugten dis ersten Christen auch gegen die Leichname und Reliquien der Apostel. Niemand bekümmerte sich um ihre Gräber; niemand wallfahrtete dahin; niemand suchte ihre Asche oder ihre Gebeine auf, die Andacht der Gläubigen durch ihren Anblick zu entzünden. Sie war damals so feurig, daß sie solche Mittel nicht brauchten, sich vor dem Froste und Kaltsinne in der Ii ? Religion 5O2 Geschichte der christlichen Religion. Religion zu verwahren. Ein Hegesippus redet Stt/?S. /^-.beym Eusebius zuerst von einer kleinen Säule, welche die Christen über dem Grabe des Apostels Jaeobuö /.-.aufgerichtet haben sollen, und Cajus, ein römischer c-«/. Presbyter, spricht zuerst im zweyten Jahrhunderte von den Tropheen oder Grabmalern der Apostel, Petri und Pauli, daß man dieselben in Romaufdcmostien- sischen Wege sehen konnte. Das ist es alles, was man in den Schriftstellern der drey ersten christlichen Jahrhunderte von den Reliquien der Apostel findet. Die Alten rühmten sich auch nicht, daß bey ihren Grabern, oder durch das Anrühren ihrer Leichname S»„?.^.ld waren, und diese begruben sie hierauf an einem anständigen Orte. Ferner beschlossen sie, den Geburrstug seines Marty- rerthums, wenn sie könnten, mit Fröhlichkeit zu fey- ern, theils zum Andenken derer, welche in diesem Kampfe redlich ausgehalten hatten, theils zum Unterrichte und der Vekrafriguncl der Nachkommen durch dieses Beyspiel. Es war also zu der Zeit schon unter den Christen der Gebrauch eingeführet , das Andenken der Märtyrer jährlich auf eine feyerliche Art in ihren gottesdienstlichen Verst.mmlun- gen zu erncuren. Unterdessin findet man noch in diesen Zeiten keine Nachricht, daß man Lobreden auf sie gehalten, oder ihnen eine gottcödienstliche Ehre erwiesen hätte. Je zahlreicher die Märtyrer wurden, je mehr sich falsche Meinungen aus der gnostischen und neuern platonischen Philosophie in den Glauben der Christen einschlichen, je fester man sich überredete, daß die Ehre der Religion von dem Märtyrertode abhienge, desto übertriebner wurden auch die Gesinnungen der Hochachtung unter den Christen, theils gegen dc>6 Märtyrerthum, theils gegen die Märtyrer selbst. Man ertheilte ihnen so große Vorzüge, daß gegen das Zweyter Abschnitt. 5^5 das Ende des dritten Jahrhundertes die Ehrfurcht gegm sie, nur noch wenig Schritte vom Aberglauben entfernet war. Man fieng im zweyten und dritten Jahrhunderte an, tem Märtyrerthumc übertriebene Lobsprüche zu ertheilen, und die Christen dadurch zu falschen Vorstellungen von demselben zu verleiten. Man führte dadurch die falsche Meynung ein, daß das Märtyrer- thum nicht bloß eine Schuldigkeit, sondern eine verdienstliche Handlung wäre. Wir haben schon gese- S. die M- hen, daß Terrull-an den Marcyrertod einen handl.vo« Schlüssel zum Himmel genannt- habe. Eben dieser M^^' Lehrer drückte sich vom Märtyrerthume so aus, als welche die wenn er dasselbe für ein Mittel wider die Sünde und Streitig- den Tod hielte. Mie kann der Mensch sich rvei-keiten ungern, sagteer, für seine Seligkeit zu sterben,werden da er doch b^c srerben wollen, um verlohren ^'^'1., zu geben ^ Er machte eine Anspielung auf den er- hasten Menschen, dem Gott ein hinlängliches Mittel ciget hagegeben hatte, die Unsterblichkeit zu erhalten, derben, aber lieber von der Frucht des vcrbotnen Baumes hat-- L^»"-?-^- te essen und also ewig sterben wollen. Wider dieses Uebel hatte Gott nach seiner Meynung den Märtyrer- 7^-,«//^' tod, als ein Mittel verordnet. Man nahm , in- 5c-»-/'. dem man für die Ehre Gottes starb, dem Tode seinen ^ 7» Stachel, man entkräftete sein Gift, und man erlangte die Seligkeit. Er verglich darauf die Christen mit Kämpfen,. Der Kämpfer beklaget sich nicht, weil er gekrönet wird; der Sicgeskranz schließt die Wunden; der Palmzweig bedecket das Blut; man erhalt mehr Ruhm als Streiche. Tertullian sagte, daß Gott, als er die Schwachheiten der menschlichen Natur, die Nachstellungen des Satans, und die Ii 5 Ver- 5^6 Geschichte der christlichen Religion. Verführungen der Menschen vorhergesehen hatte, welche den Glaubigen in die Gefahr des Rückfalles bringen könnten, wider alle diese Uebel das Märty- rerthum als ein hinlängliches Mittel verordnet hätte. Terrullian sprach als ein Redner, der sich nicht bekümmert, ob seine Ausdrücke bestimmt genug sind, wenn sie nur etwas wahres begreifen. Folgen und Wirkungen sind ihm einerley. Die Seligkeit ist die Folg,.' eines gläubigen Märtyrertodes , und er redet von dieser Belohnung, als wenn sie eine XVirkung desselben wäre. Der Märtyrertod kann eine Taufe genannt werden, obgleich in einem ganz andern Verstände, als c. 7. Wasscrtaufc. Terrullian nennet ihn eine Taufe, die sicherer sey, als die andere. Denn da diese die Möglichkeit, die durch sie ertheilte Gnade wieder zu verlieren, nicht aufhebet: so sehet uns jene, indem sie uns zu Gott bringt, aus aller Gefahr zu sündi- 0,?F.gen. (Z>nc?enes beehret das Märtnrerrhum aus ähnlichen Gründen, mit eben diesem Namen. Allein Lypri'.'.n, der größte Lobredner des Märtyrer- H-/-?-. «nö.thums, übertreibt diesen Lobspruch. Er erhebt die A"?' Vluttaufe wn't über das heilige Sacrament der Wassertaufe hinweg. Er saget, daß es viel größer an ' Gnade, weit wichtiger wegen seiner Kraft und Gewalt , und weit theurer wegen der damit verknüpften Ehre sey. Er giebt sechs Vorzüge von dieser Taufe an. Er machet bey derselben die Engel zu Täufern. Er läßt sich Gott, und Jesum Christum seinen Sohn darüber freuen. Man sündiget nicht mehr, wenn man sie empfangen hat. Sie machet den Glauben vollkommen. Sie vereiniget uns gleich mit Gott, indem wir aus der Welt weggehen. Da man in der or- Zweyter Abschnitt. 507 ordentlichen Taufe nur die Vergebung der Sünden empfängt: so werden durch die Bluttaufe unsere Tugenden gekrönet. Darum muß man sie annehmen, und Gott mit unserm Gebethe eifrig anrufen, daß er uns derselben würdigen möge. Was für Irrthümer könnten nickt aus diesen hyperbolischen Lobeserhebungen des Märtyrerthumes gefolgert werden ! Wenn die Bluttaufe reicher an Gnade, als die Wassertaufe ist : so muß das Blut der Heiligen kostbarer, als das Blut seyn, das uns in der Taufe zugeeignet wird. Unter den Leiden für die Religion wird das Blut eines Menschen vergossen ; allein in der Taufe empfängt man das Blut eines Erlösers, der Gott ist. Wie kann man doch sagen , daß die Bluttaufe kostbarer, als die Wassertaufe sey? das Blut Jesu Christi reiniget uns in der Taufe von allen Sünden; das Blut eines Menschen, und wenn es tausendmal für die Ehre Gottes vergossen wird, kann auch nicht für den leichtesten Fehler büßen. Allein Cyprian hatte die Absicht, die Schrecken des Märtyrertodes zu verbergen ; darum machte er eine so kräftige Taufe daraus, und sehte eine figürliche Taufe noch über, die wahre. Man muß zwar dem Cyprian nicht alle Folgen feiner Ausdrücke zurechnen; der Redner vergrößert alles , waö er unter seinen Handen hat; er läßt sich von seiner Beredsamkeit über die Gränzen, die die Vernunft vorschreibt, hinausführen. Man sieht keinen andern Gegenstand, als den, womit man beschädiget ist, und iudem man nicht auf andere merket, so schleichen sich irrige Ausdrücke ein, über die man er- röthcn würde, wenn man sie mit einem kalten Blute untersuchete. So entschuldiget die Billigkeit den Cyprian. Allein >H er gleich nicht des Irrthums - an- 5v8 Geschichte der christlichen Religion. angeklaget werden kann, daß er das Blut und.die genugthuende Kraft des Verdienstes Jesu Christi hätte erniedrigen wollen: so ist doch sehr wahrscheinlich, daß ein anderer damals gewöhnlicher Irrthum diese übertriebenen Lobsprüche des MärtyrerthumeS geboh- ren habe. Man sieht deutlich, daß Cyprian dem Tode, welchen man für die Religion leidet, ein vorzügliches Lob beylegen will. In so fern die angeführten Lobsprüche wahr sind: so gehören sie dem Tode eines jeden wahren Glaubigen. Man mag sterben, wie man will, wenn man nur im Glauben stirbt: so freuet sich Gott und Christus darüber; man sündiget auch alsdann nicht mehr; man wird alsdann auch vollkommen; man vereiniget sich mit Gott, weil man im Tode die Welt verläßt. Allein das war es eben, was man zu Cyprians Zeiten und lange vorher nicht glaubete. Man hatte aus der neuern platonischen Philosophie den Irrthum angenommen, daß im Tode nicht alle Menschen so gleich mit Gott vereiniget würden, sondern bloß die Vollkommensten, die, so die größte Verachtung gegen ihren Körper ausgeübet hatten ; alle andere müßten erst noch eine gewisse Reinigung aushalten. Cerrullian nahm an, daß die Märtyrer sogleich zum Besitze der Seligkeit gelange- ten, da die andern Gerechten an einem angenehmen Orte, wie sich Justinuo ausdrücket, bis auf den Tag des letzten Gerichtes warten müßten, ehe sie zum Genusse der ewigen Freude zugelassen würden. Die Märtyrer eiieten so gleich nach ihrem Tode in den Himmel; darunter verstundeil die Väter die voll- /«/?.»'» kommenste Seligkeit; die andern Gläubigen aber ka- 5. men nur in das Paradies, unter welchem sie einen 2>^. mittleren Zustand zwischen dem gegenwärtigen Leben und Zweyter Abschnitt, 509 und der ewigen Seligkeit verstanden. Welch einen Vorzug hatten nunmehr nicht die Märtyrer vor andern Christen! Diese Lobsprüche mußten den damaligen Glaubigen nothwendig eine tiefe Ehrfurcht gegen die Märtyrer beybringen. Sie äußerte sich auch auf eine außerordentliche Art, theils schon bey ihren Lebzeiten , wenn sie im Gefängnisse lagen, theils nach ihrem Tode. Diejenigen, welche um der Religion willen verfolget und gemartert worden waren, ohne den Tod zu leiden, hießen Vekenner, die andern aber, welche die letzte Stufe der Leiden für die Reli-- ^ gion betreten hatten, und hingerichtet worden waren, im eigentlichen und vorzüglichen Verstände Märtyrer. Wenn ein Christ seines Glaubens wegen ins Gefängniß geleget wurde, so bestrebten sich alle Christen aufs eifrigste, Geistliche, Vornehme, Geringe, Weiber und Kinder, ihm Speise zu bringen und ihm seine Ketten zu erleichtern. Man sich die Thüren der Gefängnisse stets von Gläubigen belagert. Ein gewisser Betrüger, peregrin, der sich für einen Christen ausgab, wurde ins Gefängniß geworfen. Der Eifer war unglaublich, mit welchem ihm die Christen beystanden. Die Kirchen in Asien schickten Abgeordnete an ihn, ihn zu trösten, und ihm alle Hülfe anzubiethen. Lucian von Gamosara spottete darüber, ^»c/-?«. aber er mußte doch mit seinen Spöttereyen selbst ein Zeugniß von der Liebe der Christen, gegen die Mär- ^ - tyrer ablegen. Man sendete ihm von allen Seiten Geld; man kann sich nicht vorstellen, wie eifrig das geschieht, wenn das Volk erfahrt, daß ein Christ leider. Cyprian mußte diese Dienst- c>/>? fertigkeit zurückzuhalten suchen, so groß war sie. Die s- Men- ^ Gefthichte der christlichen Religion. Menge derer, welche die Bekenner in ihren Gefängnissen besuchten, war so stark, daß er befürchtete, die Heiden möchten darüber eifersüchtig werden. Er er- mahnete daher seine Gemeine, sich zu mäßigen, damit sie nicht alles verlöhre, wenn sie allzu unersättlich wäre. Man schätzte sich für sehr glückselig, wenn man ei- H'/»'.e/'.<5. nige Zeit in ihrer Gesellschaft zubringen konnte. Cy, prian wünschte sich, ihrer Gegenwart genießen, den Mund der Bekenner küssen, und ihr Gefängniß sehen zu dürfen ! glückliches Gefängniß, rief er aus, das ihre Gegenwart ehret! d) ihr Fim sternisse, die ihr heiler als die Sonne, und gläw zender, als das Lichr seyd! Glücklich gedun- deno Füße, die ihr eure Schritte nach dem pa» radiese hinrichtet. (!) glücklich gefesselte Füße, die durch den Herrn aufgelöset werden sollen! Eine von den Ursachen , warum Tertullian die Ehe 2-einer Christinn mit einem Ungläubigen widerrieth, war daher genommen, daß eine solche Frau den nächtlichen Zusammenkünften der Christen , und der Eu- charisiie nicht beywohnen, und sich nicht zu den Füssen der Märtyrer hinwerfen und ihre Bande küssen könnte. Dieser Eifer gieng so weit, daß die Christen sich von den heidnischen Wachen die Freyheit erkauf- fen, die Nacht mit den Märtyrern hinzubringen. Man hielt darinnen Mahlzeiten der Liebe; man genoß da> innen das Abendmahl, und verkürzte die Zeit mit heiligen Gesprächen. Die Ehrfurcht der Christen gegen die Märtyrer gieng zu Cyorians Ze'ten noch weiter. Die Mitglieder der Kirche hatten eine sehr strenge Kirchenlicht unter sich eingeführet. Die Oüßenden, welche Zweyter Abschnitt. 511 che die Kirchenstrafen erleichtert wissen , und gern früher, als es gewöhnlich war, zur Gemeinschaft mit den Gläubigen zugelassen seyn wollten , bewarben sich um die Fürsprache der Bekenner. Sie ließen sich gewinnen, und ihr Fürwort wurde von den Bischöfen angenommen. Man weis schon, wie sehr einige N'^.e/'.-/, Märtyrer diese Ehre, die ihnen zugestanden wurde, misbrauchten, und was der Stolz den sie bey dieser Gelegenheit äußerten, für einen schädlichen Streit ^^-M in der Kirche veranlasset«?. Orictenes eignete ihnen von den ausdrücklich die Gewalt zu, die Vergebung der Sün- Jrrthü- den zu ertheilen, und machte sie also den Priestern »iern, die gleich, welche sich diese Gewalt zuschrieben. Wenn d>e Stre,- also die Märtyrer auf gewisse eingebildete Rechte ei- ^'AA A„ fersüchtig waren, und, wie die Bischöfe glaubten, ei- Recht- nen Einfall in ein fremdes Gebiet thaten: so konnten gläubigen sie sich nicht sehr beklagen. Die übertriebnen Lobsprü-- ve:anlasset che, welche die Kirchenlehrer demMärtyrerthume ga- b^tM' ben, waren schuld daran. Man fand daher eine besondere Glückseligkeit darinnen, wenn man mit den Märtyrern in Gemeinschaft stand. Man ersuchte sie um ihr Geberh. Dieses Verlangen war christlich; denn alle Christen sind verbunden, für einander bethen. Allein dieses Ver» langen kam nicht aus einer Begierde her , diese apostolische Vorschrift zu erfüllen, sondern war in der Meynung gegründet, daß die Märtyrer ein vorzügliches Ansehen bey Gott Härten. Cyprtan sagte aus- drücklich, daß ein Gebeth, welches unter Martern zu e/^^ 76^ Gott abgeschicket werde, weit kräftiger sey, und Gott eher bewegen könne, als ein anderes. Die Hochachtung der Christen gegen die Märtyrer hatte sich also schon im zweyten und dritten Jahrhunderte, 512 Geschichte der christlichen Religion. derte, in einen gewissen Enthusiasmus verwandelt, der noch zur Zeit nicht gemisbilliget werden konnte, ob sie gleich verschiedenes darinnen thaten , was zu übertrieben war. Dieses erhellet auch aus ihrem Bezeigen gegen sie, wenn die Berenner nun ihren Kampf vollendet und den Märtyrertod überstanden hatten. Dcnn der Kürze wegen übergehen wir die öffentlichen - , Merkmaale der Freude, die man äußerte, wenn sie durch keine Martern zur Verleugnung des christlichen Namens gezwungen werden konnten. Die Lehrer der Kirche gaben dem Tode der Märtyrer sehr prächtige Namen. Man nannte ihn eine t>??. nö. Erhöhung. «Drigenes gründete diese Benennung «^M??-. Worte Jesu Christi: wenn ich erhöhet seyn werde, will ich sie alle nach mir ziehen. Er hatte so gar, den verwegnen Gedanken, daß vielleicht einige Menschen durch das Dlut der Märty, rer erkaufet würden. Dieses Vielleicht beweist, daß sein übertriebner Gedanke nicht der Glaube der ganzen damaligen Kirche gewesen sey. Man pries die Kirche glückselig, weil die Ehre dieser bewundernö- H-/»-.e/'.,o. würdigen Kämpfe und Siege auf sie zurücke fiel. Das kostbare Blut der Märtyrer machte sie herrlich. Ly- prian beschrieb diese Herrlichkeit mit einem Spiele des Wihes, das dem guten Geschmacke eben nicht gefallen wird. Er sagte, daß die Kirche vor der Verfolgung durch die Heiligkeit des Gebethes weiß gewesen wäre; nun wäre sie von dem Blute der Marryrer roch, und sie könnte also unter ihre D>umen Lilien und Z^oscn zahlen. So bald die Märtyrer gestorben waren, so bemü- hete man sich sehr um ihre Leichname, oder um die Ueberbleibsel derselben. Man sammelte ihre Asche, wenn Zweyter Abschnitt. 51z wenn sie verbrannt worden waren; man erkaufte auch ihre Leiber von den Henkern und Richtern mit großen Geldsummen, damit man sie auf eine anstandige Weise begraben konnte. Die Kirche erstreckte diese Sorgfalt überhaupt auf alle Verstorbenen, auf die Armen, aufdie, welche das Meer an den Strand geworfen hatte, und selbst auf die, welche an der Pest gestorben waren. Desto gerechter war die Sorgfalt, die Märtyrer, die so herrliche Beweise ihrer Standhaftigkeit in der Religion gegeben hatten, auf eine anständige Art unter die Erde zu bringen. Man machte sich daraus eine Pflicht; man hielt damals schon besondere Bedienten zur Erfüllung dieser Schuldigkeit, und erkläret? es für ein großes Verbrechen, wenn sie unterlaß 67-,'. sen wurde. Cyprian vermahnete seine Geistlichkeit"/'- h'/^- sehr nachdrücklich dazu. Die Juden und Heiden hat- A ten zuweilen die Grausamkeit, die Christen daran zu / ^ verhindern. Man verbrannte die Märtyrer, undc./s./.s.c./. streucte ihre Asche auf die Flüsse; man seßre Wachen zu ihren Leichnamen, damit sie von den Christen nicht begraben werden konnten, sondern eine Speise der Vögel werden und über der Erde verfaulen mußten. Allein, alsdann litte die Kirche einen harten Schmerz, daß sie die Gebeine der Ihrigen, nicht mit ein wenig Erde bedecken konnte. So sehr sich also auch die Ehrfurcht der Christen gegen die Märtyrer vergrößert hatte: so begrub man doch dazumal noch die Ueber- bteibsel und Trümmer ihrer Leiber, und man sah sie nicht als Heiliqthümer an, die man in güldenen und silbernen Kapseln als einen Gegenstand der Anbe- lhung aufbewahren müßte. Unterdessen ist gewiß, daß nunmehr weit mehr Umstände mit dem Begrabnisse der Christen überhaupt II Theil. Kk und 5»4 Geschichte der christlichen Religion. und insbesondere mit der Leichenbestattung der Mär- /j/>. tyrer gemachet wurden, als vor dem. Dionysniz /. 7. c. von Alexandrien erzahlet beym l^usedius die Gebräuche , welche bey diesem letzten Dienste der Liebe beobachtet zu werden pflegten. Einige waren von den Heiden , andere von den Juden entlehnet und beybehalten worden. Man drückte den verstorbenen zuerst die Augen zu, ein Gebrauch, den fast alle Nationen halten. Die Römer beobachteten noch einen andern dabey, den die Christen verwarfen. Erst drückten sie den Todten die Augen zu, auf dem Scheiterhaufen aber, wurden sie ihnen wieder geöffnet und ?//«. ////?. nach dem Himmel zu gerichtet. Darauf wurden ZV«,. /. ste abgervaschen. Die Juden beobachteten diesen 7'^«// Gebrauch darum, damit der Todte rein seyn möchte, "/, c 4z. er Rechenschaft von seinen Sünden geben sollte. Ltt^t.?» Diesen Gebrauch , der unschuldig ist, wenn er nicht /«-aus einer so abergläubischen Einbildung beobachtet wird ^ beobachtete man schon, nach der Erzählung der Apostelg. Schrift, an der Tabicha. Man findet in vielen ^ Märtyrergeschichtcn, daß die Christen die Leichna, ^./?,„„^'me ihrer Verstorbenen einbalsamirer haben. Certullian bestärket solches durch seine Außage. Er ?t',«//. versichert, die Araber gaben den Christen das Zcuq- ^. c. 4-. „iß, haß sie die Specereyen, welche die Heiden zum Rauchwerke, sie aber zum Begrabnisse der Ihrigen brauchten, weit theurer bezahlten, als sie, und er setzet hinzu/ daß der Weihrauch, dessen sich die heidnischen Priester bey ihrem Götzendienste, und die Aerzte zu ihren Euren bedieneten, von ihnen zu ihren Lcichenbcstattungen gebrauchet würde. tVcnn der Leichnam balsämiret war: so wurde er in Leichentücher eingewickelt. Zuweilen kleidete man Zweyter Abschnitt. 515 man die Zeichen in sehrkostbareKleider. Diese Ehre wie- /. 7. Verfuhr dem Märtyrer Marin,den ein reicher römischer ^ ^> Senator Asturius, in ein prächtiges weißes Geivand kleidete, und selbst auf seinen Schultern, in das ihm zubereitete Begräbnis; trug. Wenn auf diese Weise alles gehörig veranstaltet war: so trugen die Christen die Leichen, die sie zuweilen vorher noch zu um- ^ . ^ ^- armen pflegten, entweder auf ihren Schultern /.^^^ selbst zu ihrer Ruhestarre, oder sie übergaben solches gewissen dazu verordneten Leuren, wcb/F^, che die Gemeine dafür von dem Allmosen der Gläu-^"^"/"^' bigen unterhielt. So begrub man im zweyten Jahr- "/)^/""' Hunderte alle Christen; eben so wurden auch die Mär-^^/^/ tyrer begraben. Wenn der Märtyrer begraben war : so bemerkte^-F. min den Tag seiner Hinrichtung, in der Absicht sein Andenken jahrlich zu erneuern. Als Cyprian genö- <7//>?^». thigecwar, seine Heerde zu verlassen: so Hoffete er, daß^ ein gewisser Certlillus alle Tage, an welchen Märtyrer hingerichtet wurden, genau auszeichnen würde. Jede Kirche hatte öffentliche Verzeichnisse , die nach, her Dyptichen genannt wurden, in welchen sie die Namen ihrer Bischöfe, die eines christlichen Todes gestorben waren, eintragen ließ. In diese Verzeichnisse wurden auch die Namen der Märtrrer eingeschrieben. Alle diese Namen wurden in dem Gebethe vor dem Abendmahle öffentlich verlesen. Man dankte 58 Geschichte der christlichen Religion. Inc/,-?». ^-?Wie würde sie Lucian mit seinen giftigen Spötterey- mo, c/'s- en verfolget haben ! Allein, er wußte keine andere Ur- - sache, warum die Christen so sehr nach dem Märty- rerthume strebten , als die, anzugeben, daß diese Unglücklichen sich beredeten, unsterdlicd zu seyn nnd ewig zu leben. Hätte er gesehen, daß sie nach ihrem Tode angerufen würden, und ihre Gcbci- ne Gegenstände mier gottesdienstlichen Verehrung waren: würde er nicht gesaget haben, daß die Eitelkeit , angebethet zu werden , die Christen zum Mär- tyrerthume reizete ? was hätte er für einen reichen Stoff gehabt, seinen boshaften Wih loszulassen! Und die Juden - - diese haben wohl den Christen den Vorwurf gemacht, daß sie einen gekreuzigten Jesus anbeihcten, aber niemals, daß sie andern Creaturen eine göttliche Ehve erwiesen. Doch alles dieses brauchet keinen wei- S. die tern historischen Beweis , da wir schon wissen, mit Abb. von welch einem Nachdrucke die ersten Christen behciu- der Ueber-pteten, daß nur Gott allein angebethet werden müsse. nuina"der kennet die Unruhen, welche im achten und ersten " neunten Jahrhunderte der Streit über die Anbethung Christen der Bilder der Heiligen erwecket hat. Die Frage ist in den natürlich, ob man keine Spuren davon in den ersten Zeiten des Christenthums antreffe. Allein, man findet ten der^'"^ ^ ^g^N3 als man sie auch immer aufzusu- Religion. Hen bemühet gewesen ist. Die ersten Christen hatten keine Bilder, weder von Jesu Christo, noch von seinen Aposteln, noch von den Märtyrern. Es ist wahr, daß man in denen Zeiten, wo schon eine abergläubische Verehrung der Creatu- '//^/ ren eingeführet war, den Apostel Lucas zum Maler, I-eF. t?o//. und den Nikodemus zum Bildhauer gemachet hat. /.,-.^,-. A^j,^ alle Schriftsteller der ersten drey Jahrhunderte ^"'^ schwci- Zweyter Abschnitt. 519 schweigen davon, und selbst ein Augustinus im fünf- lcn Jahrhunderte gestund, daß man weder die Ge- 7>-» ^- s. statt Jesu Christi, noch die Gestalt der Jungfrau ^-^5- Maria, noch die Gestalt des Apostels Paulus kenne. Man giebt zwar vor, daß die Apostel auf einer Kir- c»»> chcnversammlung zu Antiochien verordnet hätten : "V. r. m m sollte aufhören, die Gölzendilder desHet- denchumsanzubethen, und dafür Älldnissevon Jesu Christo haben. Allein, man hat erwiesen, daß diese Ki.chenversammlung erdichtet sey. Die Christeil der ersten Kirche konnten keine Bild' L-"», ^M. nisse der Märtyrer haben. Entweder die Juden, ^ ^/.,.?. oder die Heiden würden ihnen Vorwürfe von verschic- dmer Art deswegen gemachet haben. Würden die Juden , die einen so großen Abscheu vor allen Bildnissen und Bildsaulen hatten, ein so tiefes Stillschweigen beobachtet haben, wenn sie gesehen hätten, daß sich die Christen vor Bildnissen ihrer Märtyrer niederwürfen, und vor denselben bcchecen? Sie wußten, daß die Gläubigen das Sirtengeseh M'siS beobachtete. Hätten sie das erste Gesetz desselben beleidiget: würde solches nicht ein Tryphon dem Märtnrer, Justinus, aufgerücket, und die Kirche der Abgöttern) beschuldiget haben ? Die Juden thaten aber solches nicht, weil die Christen noch keine Bilder und Bildsäulen der Heiligen hatten. Die Heiden verwarfen eben deswegen die christ-^'/s liche Religion, weil die Kirche keine Bildnisse hatte. A^'.^ Diesen Vorwurf machtcu Celsus und Caciluw den^"^ Christen. Man nahm in Rom die Götter aller Na- /z, c. tionen auf. Man duldece den Götzendienst der Ac-Zc«l. /.s. Dpter. Man würde also mehr Geschmack an dem Glauben der ersten Christen gefunden haben, wenn Kk 4 man 52O Geschichte der christlichen Religion. man gesehen hatte, daß die Christen die Jungfrau Maria in dem Bildnisse eines schonen Frauenzimmers, und die Heiligen mit Stralen um ihre Haupter anbethcten, daß sie ihre Bildnisse auf die Altare zur öffentlichen Verehrung ausseßeten, daß man ihnen räucherte, daß man vor ihnen niederfiel, und die Sterbenden das Crucifir und andere geheiligten Bild-, nisse küssen ließ. Wenn die Bilderverehrung ein wesentliches Stück der christlichen Religion ist: so konnte sie nicht leichter und schneller ausgebreitet werden, als wenn die Christen wiesen, daß sie auch Bildnisse hätten. Da die Menschen so sehr für sinnliche Gegenstände der Anbethung eingenommen sind : so würden sie sich leicht haben bewegen lassen, einen mit dem andern zu vertauschen. Die ersten Christen konnten den Heiden keilte sinnlichen Gegenstände des Gottesdienstes zeigen. Sie spotteten vielmehr über die Götzenbilder auf eine solche Art, welche überhaupt alle Bilderverehrung als lacherlich und ungereimt vorstellet. Sie spotteten über die Einfalt des großen Haufens, der sich von der angenehmen Gestalt blenden ließ, die man dem Golde, oder dem Silber gab. Die Geschicklichkeic der Rünst- M»./e/. ler bekriegt die Unverständigen, sagte Min«tius ^, 0c?. Felix, der Glanz des Goldes und die feine Arbeit im Silber blendet sie; die tVeiße des Elfenbeins bringt sie zum Erstaunen. Hatten die Christen Bildnisse, denen sie eine gottesdienstliche Ehre erwiesen: so traf auch sie dieser Vorwurf. Man spottete über die Götzenbilder wegsn der Zufälle, die sie betreffen können. Sie sagten, daß man sich nicht verwundern dürfte, wenn sie keine Bildnisse anbethe- ten, die so todt waren, daß sich auch die Motten, die Ratten, Zweyter Abschnitt. 521 Ratten, und die Spinnen nicht vor ihnen scheuen wollten. Ein Termllian sagte zu den Heiden, daß Ts,--«//. ??? die Vögel auf dem Haupte oder in dem Munde ihres -^o/- Gottes nisten würden, wofern sie niemand davon abhielte. Sie hätten bestandig nöthig, die Spinnen- weben von ihren Gottheiten abzukehren. Verwarfen die Christen die Bildcranbcthung aus diesem Grunde: sö konnte eben dieses Grundes wegen unter ihnen kein solcher Dienst statt finden. Es gab Heiden, welche die Anbethung der Götzenbilder wider die Vorwürfe der Christen zu rechtfertigen suchten. Man antwortete ihnen, daß man nicht die Bilder selbst für Gottheiten hielte, sondern daß man sie darum ehrete, weil sie die Gottheit vorstellten, und weil die Götter oft in sie herabfliegen, die Opfer ihrer Anbethcr anzunehmen. Man bediente sich im neunten Jahrhunderte, wie man künftig umständlicher sehen wird, dieser Ausflucht zur Rechtfertigung des Bilderdienstes. Allein die ersten 0-?'F. ,,- Sie Zweyter Abschnitt. 52z Sie gaben vor, daß Pilatus unsern Erlöser hatte malen lassen. Diesen Bildnissen, und den Bildnissen eines Pythagoras, eines Aristoteles, und eines Ho- merus erzeigten sie eine sehr feyerliche Verehrung. Sie krönetcn dieselben ; sie stelleten sie öffentlich zur Schall aus, und erzeigecen ihnen andere heidnische Ehrenbezeugungen. Epiphanius und AuIlisti- /?/>//>S. mw glaubeten, daß sie ihnen geräuchert haben. Ire- -v- naiis konnte diesen Bilderdienst nicht erdulden, weil, ^ wie er sagte, dasjenige, was unsterblich wäre, durch , ^ keinen Dienst verehret werden könnte, welcher einem c.o. vergänglichen Gegenstande erwiesen würde, der in einem Augenblicke zerstöret werden könnte. Eine Ehre, die bald vorüber geht, kann niemanden befriedigen. Er sehte diese Verehrung unter die Verbrechen, welche den sündlichen Zustand der Irrenden noch mehr verschlimmerten. So groß also auch, vornehmlich im zweyten und dritten Jahrhunderte, die Ehrfurcht der Christen gegen die Märtyrer war: so war sie doch noch in keinen Creaturendicnst ausgeartet. Man machet in der Kirche einen Unterschied zwischen den Heiligen. Die Märtyrer sind Heilige vom ersten Range. Allein, man giebt diesen Namen auch andern, welche zwar keines gewaltsamen Todes für die Religion gestorben sind, dennoch aber ein sehr heiliges Leben geführet haben. Hat die erste Kirche den Heiligen vom ersten Range keine gottesdienstliche Verehrung erwiesen : so ist unstreitig, daß sie eine solche Ehre noch vielweniger andern Gläubigen werde haben zukommen lassen. Ueberhaupt kannte die erste Kirche keine andern Heiligen, als die Märtyrer. Man war von diesen/'^.r.//. allein"7°. 524 Geschichte der christlichen Religion. allein vollkommen überzeugt, daß sie selig waren, weil sie ihren Glauben mit ihrem Blute versiegelt hatten. Was die Heiligkeit der andern Christen betraf: so hatte man keinen unbetrüglichen Beweis von derselben, weil Gott allein das Vorrecht besHt, die Herzen und Nieren der Menschen zu prüfen. Noch gab es keine Klöster, das Paradies mit Heiligen zu bevölkern. Die großen Lehrer und Schriftsteller, welche so viele Verdienste für die Religion hatten, ein Duadraru?, einAristides, ein Meliro, ein Hegesippus, ein Arhenagoras, ein TheopKilus von Alerandrien, ein pamanus, ein Clemens von Alerandrien, cm Origenes, ein Tercullian, ein Minmius Felix, und viele andere erhielten noch nicht in den Denkmalern der ersten Kirche den großen Namen der Heiligen. /»/?.?'« Ein Iustinus, der Märtyrer, war überzeugt, c. xg keinen vollkommenen Heiligen auf der Erden ' gäbe; er forderte diejenigen, welche dieses nicht glauben wollten, auf, ihm ein einiges Beyspiel eines Menschen zu zeigen, und behauptete, daß kein Mensch seine Pflichten vollkommen erfüllete. Cyprian ver- urtheilete die gegenseitige Meynung als einen Irrthum, der zum Stolze verführete, und die Menschen in die Gefahr bringen könnte, ihre Seligkeit zu ver- H,/>^. ^». sim Kirche hatten die Meynung, daß nur die Märty-/'- M- rcr gleich nach ihrem Tode zum Besitze des Himmels gelangeten. Die andern Gläubigen kommen, wie sie lehreten, erst am Tage des Gerichts zum Anschauen Gottes. Es konnte ihnen also nicht einfallen, ihnen und ihren Reliquien eine gottesdienstliche Ehre zu erzeigen, da sie nicht einmal von ihnen glaubten, daß sie gleich nach ihrem Tode vollkommen selig würden, und da es noch andere Christen gab, welche sich einbildeten, daß viele Seelen der Gläubigen auch nach ihrem Tode noch eine gewisse Reinigung auszustehen hatten. Die erste Kirche ist also von allem Vorwurfe frey, daß sie Creaturen zum Gegenstände ihres öffentlichen Gottesdienstes geinacht hätten. Indessen ist das eine Wahrheit, die nicht geleugnet werden kann, daß ihre Ehrfurcht gegen die Märtyrer und gegen fromme Bischöfe im dritten Jahrhunderte schon bis zu einer gewissen Begeisterung getrieben war, die leicht in Aberglauben ausarten konnte. Wie nahe ist man nicht demselben, wenn man den Nußen und die Folgen des Märtyrerthumes als eine Kraft beschreibt, den Märtyrer von Sünden zu reinigen und ihn selig zu machen ! Wie leicht glaubet man, daß ein Märtyrer, wenn er sich selbst reinigen kann, auch andere reinigen könne; 526 Geschichte der christlichen Religion. S- die Ab- könne! Hierzu kamen gewisse Irrthümer, die sich aus K nidl. von den Schulen der alexandrinifchen Philosophie schon un- der alex- ^x. die christlichen Lehrer einschlichen. Also wurde der fthc^Phi' Zunder zu einer abergläubischen Andacht schon itzt ge- losophie. sammlet, der in den folgenden Jahrhunderten entzündet wurde. Man küfsete itzt die Ketten der Märtyrer und ihre Leichname, zum Zeugnisse, wie sehr man sie liebte. Endlich küssete man sie aus Religion. Dieses beweist, wie sehr sich Christen vor allem Enthusiasmus in der Religion hüten müssen. Auch der unschuldigste ist nicht ohne gefährliche Folge. Man opferte für die Märtyrer in den gottesdienstlichen Versammlungen der Christen, dadurch anzuzeigen, daß man mit ihnen in einer heiligen Gemeinschaft stünde. So unschuldig dieser Gebrauch war: so würde er doch von den ersten Christen, die nicht wollten, daß die Ehre Gottes einem andern gegeben werden sollte, unterlassen worden seyn, wenn sie hatten voraus sehen können, daß die folgende» Zeiten dergleichen Opferungen für eine gottesdienstli- che Ehre ansehen würden, die man den Märtyrern schuldig wäre. Und gewiß, die ersten Christen können nicht einmal beschuldiget werden, daß sie die Absicht gehabt hätten, ihre Nachkommen in einen so schädlichen Irrthum zu stürzen ; denn die meisten Misbräuche entstehen nach und nach. Man kann solches daraus abnehmen, daß sie sich so wenig Mühe gaben, eine vollständige Geschichte der Martnrer und ihrer Stand- hastigkeit zu verfertigen. Wir haben sehr wenige Martyrergeschichte, die von Augenzeugen geschrieben worden sind. Man war zufrieden, wenn man ihren Namen, die Zeit und die Art ihres Todes in Zweyter Abschnitt. 527 die öffentlichen Verzeichnisse jeder Kirche eingetragen hatte. Man hat ungemein viele Märtyrer in den spätern und neuern Zeiten, die man zu Märtyrern der ersten Kirche gemacht hat, und sie kennet sie nicht. Dieses verdienet durch einige Beyspiele erwiesen zu werden, damit die Unschuld der ersten Christen noch beutlicher erhelle. Dieses soll der Gegenstand unserer nächsten Betrachtung seyn. ,»5«»»»»»«» 15 » « 5 « » » Von einigen zweifelhaften und erdichteten Märtyrern der drey ersten christlichen Jahrhunderte. enn die erste christliche Kirche ihren Märtyrern und deren Gebeinen und Reliquien eine got- tcödienstliche Verehrung erwiesen hätte: so würde sie unstreitig darauf bedacht gewesen seyn, das Andenken derselben und ihrer Thaten auf das sorgfältigste und umständlichste aufzubehalten. Diese Sorgfalt war nothwendig, wenn sich anders die Andacht der Christeil in ihren Gegenständen nicht irren und bekriegen und niemals auf Menschen gerichtet werden sollte, deren Märtyrerthum und Verdienste entweder ganz ungewiß oder gar erdichtet waren. Die ersten Christen aber sorgeten dafür gar nicht. Daher giebt es so viele ungewisse, erdichtete und untergeschobene Märtyrer. Man würde unzählbaren Städten, Provinzen und Gemeinen ihre Schutzgötter nehmen können, wenn mail so grausam seyn und untersuchen wollte, wie sie sich in den Besitz einer gottesdienstlichen Ehre eingeschlichen 528 Geschichte der christlichen Religion. schlichen haben. Man würde sehen, daß unzahlige Gebethe und Wünsche an Menschn, gerichtet werden, die vielleicht nie gelebt haben, oder doch keine Märlnrer gewesen sind. Allein, e6 ist genug, wenn es von einigen erwiesen wird. NV/t-M. Die lateinische Kirche ehret, nach den ältesten Mär- /p/t>?",^c/. tyrerverzeichnissen, den heiligen Nikodemus, den hci- ?.//./>./. liM Gamaliel, und seinen Sohn, den heiligen />. 40 - -z-8- Akjb^ M^. Unglücke für sie weis man in den ersten drey Jahrhunderten der Kirche nichts von ihnen, t^ikodemus war zwar ein heimlicher Jünger Iesn Christi; weiter aber erzählet auch die heilige Schrift 66,-0». nichts von ihm. Wenn es wahr wäre, daß er gleich ^. nach dem Tode des Scephanus um des Namens Iesn Christi willen aus Jerusalem verbannt, von den Iü- den bis auf den Tod geschlagen , und seines ganzen Vermögens beraubet worden wäre: so würde die Apostelgeschichte davon eben so wohl, als von dem Tode des Stephanus geredet haben. Sie erzahlet vom Gamaliel, daß er sich der Apostel im großen Rathe zu Jerusalem angenommen und den Grimm der Juden durch vernünftige Vorstellungen gemäßigt habe. Wenn er sich bekehret hatte: so gereichte seine Bekehrung der christlichen Religion so sehr zur Ehre, daß Lucas kein so tiefes Stillschweigen darüber beobacht« haben würde. Zum wenigsten mußte seine und seines Sohnes Bekehrung nebst den Schicksalen des Niko- demus unter den jüdischen Christen so sehr bekannt seyn, daß Hegesippus im zweyten Jahrhunderte gewiß etwas davon erfahren und berichtet haben würde, da er den kleinen Umstand von dem Begräbnisse des Apostels, Jacobus, daß eine kleine Säule darüber aufgerichtet worden wäre, nicht mit Stillschweigen vorübergehen Zweyter Abschnitt. 529 bergchen konnte. Die Kirche wäre also niemals da» rauf gefallen, den VModenms für einen Bekenner zu halten, und vom Gamaliel und seinem Sohne Abi- baS etwas zu wissen, wenn es nicht nach den Traumen eines hierosolymitanischen Presbyters, der im fünften Jahrhunderte lebte, den Gamalicl verdrossen hätte, seinen Leichnam und die Leiber des Srephanus, des Nikodemuö, und seines Sohnes, des Abibas, von der gotteödienstlichen Verehrung des christlichen Volkes ausgeschlossen zu sehen, und damit erdicse Ehre erhalten möchte, diesem Presbyter, Lucianus, erschienen wäre, in der Absicht, den Ort ihres Begräbnisses bekannt zu machen. Man weis, daß die Cleriscy in dem Jahrhunderte, in welchem Gamaliel erschienen seyn soll, die Pracht in ihrer Kleidung liebte. Dieser vorgegebene Heilige richtete sich nachdem Geschmacke dieser Zeit. Er erschien, als ein Greis; sein Haar war weiß ; er hatte einen langen Bart; er hatte eine ansehnliche Leibesgröße und einsehr ehrwürdiges Gesicht ; er war in ein weißes mit goldenen Knöpfen bcseß-- ttö Gewand gekleidet, in welchem Kreuze cingegraben waren; seine Schuhe waren gleichfalls mit Golde reich besetzt, und in seiner Hand trug er einen goldenen Stab. Man sollte sich nicht einbilden, daß die Heiligen des Paradieses so viel auf Pracht hielten. Doch diese Erscheinung war noch menschlich. Allein, er erschien auch unter der Gestalt eines goldenen Körbchen?, das voll weißer Rosen war, die wie Lilien aussahen. Und auch unter dieser Gestalt erkannte Luci.m den Heiligen. Dazu gchörete gewiß mehr als eine gemeine Beurtheilungskraft. Die Reliquien dieser vorgegebenen Heiligen sollen sich ißt in der Cathedralkirche von Pi- sa befinden. Muß man sich nicht verwundern, daß man II. Theil. L l dem 5zo Geschichte der christlichen Religion. dem Luc-'cmus und seiner vorgegebenen Offenbarung glauben kann, und dennoch seine Schrift nicht unter die Bücher der göttlichen Offenbarung seßet ? Es ist ein Glück, daß LucianMn Launoi war, der jährlich einige Heiligen aus dem Paradiese vertrieb; sonst hatte man schon einen Bekenner und so viele kostbare Reliquien weniger. 5,«»». . oz. krönet worden. Daher will man auch die Reliquie» der heiligen Magdalena zu Vezelay haben, wiewohl andere vorgeben, daß sie unweit von Air zu finden waren. Der Streit mag entschieden werden, wie er will; genug hier ist eine ganze Gesellschaft von Märtyrern, von denen aus den historischen Denkmälern der ersten Kirche nichts weniger erwiesen werden kann, als dieses, daß sie Märtyrer sind. Und gleichwohl gründet man die gottesdienstliche Ehre, die man ihnen zu erweisen schuldig seyn soll, auf ein so ungegründetes Vorgeben. />-?/,eö?-. Doch alle diese Personen, wem, man den Abibas, 5""^-den Marimin, und die Marcella ausnimmt, sind Lo//«»-/ dc^k) noch solche, von denen man unzweifelhaft weis, da Zweyter Abschnitt. daß sie gclebet haben. Allein man hat Märtyrer und Märtyrerinnen, von denen man nicht einmal so viel weis. Die heilige Petronilla ist in der Kirche eine sehr berühmte Jungfrau. Sie war, wie man saget, eine Tochter des Apostels, Petrus. Sie hatte auf seinen Befehl die Gicht. Eines Tags fragte ihn einer von seinen Jüngern, Titus: Warum er seine Tochter nicht gesund machte, da er doch die Gabe besäße, die Kranken zu heilen? Er antwortete, daß er sie nicht gesund machte, weil es ihr zuträglich-r wäre, krank zu seyn. Unterdessen befahl er ihr doch, zum Beweise seiner Macht, aufzustehen, ihnen bey Tische aufzuwarten, und nachdem dieses geschehen war, wieder krank zu werden. Sie starb, weil sie ein gewisser Comes, FlaccuS genannt, heiralhen wollte. Die Manichäcr sind es, von denen diese ganze Erzählung herrühret. Und dennoch wird diese Petronilla öffentlich verehret; ihr Fest wird jährlich am ein und dreyßigsten May gcfcyert, und Gregorius, der dritte, hatte gar einen Bethtag bey ihrem Grabe zu halten verordnet. Eben dieses, was man von der heiligen Petronil-f. la sagen muß, muß man auch von vielen vorgegebe-^ ^5- nen Schülern des Apostels Petrus sagen. Die erste Kirche weis nichts von einem heiligen AsprcnaS, den die Kirche zu Neapolis, als ihren Stifter ehret; nichts von einem Pancracius und Peregrin, von welchen Sicilien das Evangelium empfangen haben will; nichts voil einem TorquatuS, Ctesiphon, Secundus, Jndalecius, Cäcilius, Esicius, und Euphrasms, welche Petrus und Paulus nach Spanien gesendet haben sollen. Unterdessei, feycrt man ihnen doch Feste; man erzeiget ihnen eine gottesdicnstliche Ehre, ob man L l 2 gleich » 5Z2 Geschichte der chriftlichell Religion. gleich gestehen muß, daß man keine Nachricht von ihnen aufweisen könne, die alt oder gegründet sey, son. dem sich vielmehr genöthiget sieht, von den Geschichten dieser Heiligen einzuräumen, daß sie untergeschoben, voll Fabeln und lacherlicher Erzählungen sind. ö-»»./?.t/e Frankreich verehret einen DionysiuS, als den Apo- t.//.sixl seiner Einwohner, der die Wahrheit des Evcmqe. ?."/o. ^ seinem Blute daselbst versiegelt haben soll. Äl- lein man streitet, ob es der DionysiuS, den Paulus getauft hat, oder ein anderer sey, der nach dein Grc- goriuö von Tours unter dem Decius mit einem Saturnin, dem ersten Bischöfe von Toulouse, mit einem Gratian, dem ersten Bischöfe von Tourö, mit einem Trophimus, dem ersten Bifchofe von ArleS, mit einem Paulus, dem ersten Bischöfe von Narbonna, mit einem Stremoniuö, dem ersten Bischöfe von Clermont, mit einem Martialis, dem ersten Bischöfe von Limo- geS, nach Gallien gekommen seyn, und das Evangelium daselbst gepredigt haben soll. Die Benedictiner zu St. Denys behaupten das erste wider die Zeugnisse des Alterthums ; die Kirche von Paris ohne tüchtige Gründe und Zeugnisse das letzte. Was für eine Ungewißheit ! Wenn die Benedictiner Recht haben, weil sie in ihrer Meynung von vielen römischen Bischöfen unterstützet werden : so müssen die Kirchen zu Toulouse, zu Tours, zu Arles, zu Narbonna, zu Clermont, zu LimogeS, wo nicht erdichtete Märtyrer, zum wenigsten doch solche verehren, von denen man nicht einmal gewiß weis, ob sie jemals gelebt haben oder nicht. Man wird sich aber diese Ungewißheit nicht befremden lassen, wenn man weis, daß die erste Kirche ihren Märtyrern und Heiligen keine gottesdienstliche Ehre er- Zweyter Abschnitt. 53z Die bischöfliche Kirche von Acerra in Neapolis ^eo»-. glaubte, die Leichname von einem Cono, und seinem Sohne Coni oder Conello zu besitzen. Ihre Geschicht-^/'-?'' schreibcr setzen sie unter den Aurelian, und nach dein Eusebius ist doch kein emziger Christ unter diesem Kaiser umgebracht worden. Papebroch macht sie älter und bringt sie unter den Trajcm. Allein, ihre Geschichte läßt sie in einem Zxlosier wohnen und begraben werden. Man weis aber, daß es weder unter dem Auro licm noch unter dem Trajcm Klöster gegeben habe. Gleichwohl sind sie Schutzgöttcr, und man bittet sie, daß sie Gott versöhnen, eine gesunde Luft, eineübcr- flüßige Erndte, reiche Weinlesen und fette Hcerden gebe-, und Alten und Jungen ein dauerhaftes Wohlseyn verleihen mögen. Man bittet sie zu den Füßen ihrer Altäre demüthig darum *. So verehret man Märty, rcr, die vielleicht niemals gelebet haben, geschweige, daß sie für die christliche Religion gestorben seyn sollten ; eine Anmerkung, die oft vorkommen wird. Unter allen Märtyrern sollten keine unzweifelhafter ^-»"-K'.-K »nd gewisser seyn, als die römischen Bischöfe, wcil^^-5"- sie die Häupter der Christenheit seyn sollen. Mcm"^ findet im Meßkanon, den Linus, Clemens, Cletus Mus, Evaristus, Alexander, und Sirtus als Märtyrer angegeben, und sie werden in der Messe als solche angerufen. Allein, die alte Kirche ehrete sie nicht als Märtyrer. Weder Jrenäus, der das Vcrzeichniß der römischen Bischöfe bis gegen das Ende des zwey« L"l z ten ^ Zupjilices sucli populos et «urcs Hu.>8 tui funciunt i?miult per Ära« VvclKus piaelta facili- dsni^nss l'empore tscro. 534 Geschichte der christlichen Religion. tcn Jahrhunderts erhalten hat, und, weil er mit der römischen Kirche eine beständige Freundschaft unterhielt, nothwendig wissen mußte, was im Occidente vorgegangen war, noch Eusebius, der alle wahre Denkmäler der erste,, Kirche haben konnte, bestätigen das Vorgeben des Meßkanons. Ja der erste zahlet aus allen Päbsten ausdrücklich keinen andern unter die Märtyrer, als den TeleSphorus. Ucberdieß wird das Märtyrerthum aller dieser römischen Bischöfe in Zeiten geseßet, in welchen nach den ältesten Geschichtschreibern kein Christ umgebracht worden ist. Ein Geschichtschreiber der Religion folgert daraus, daß die erste Kirche entweder einer unverzeihlichen Undankbarkeit gegen ihre Märtyrer, und zwar gegen so merkwürdige, als Bischöfe sind, beschuldigt, oder von dein Verdachte einer gottesdienstlichen Verehrung derselben freigesprochen werde-, müsse. Was soll er von einer Märtyrergcschichte sagen, welche vom Clemens von Rom erzählet; er wäre vom Kaiser Trajan auf die JnselChersonnesus verbannet worden; daselbst wären alle Einwohner zu ihm gekommen, sich von ihm bekehren zu lassen; auf sein Verlangen wäre, zur Bekräftigung der Wahrheit, ein Brunnen aus der Erde hervor gequollen; nach einem Jahre hätte ihn Trajan eine Meile weit vom Lande mit einem Anker um den Hals in die See werfen lassen ; das Meer hätte sich bis dahin zurückgezogen; als darauf die Christen dahin gekommen wären, hätten sie einen Tempel von Marmor und darinnen seinen Leib in einem steinernen Grabmahle gefunden; das Meer zöge sich jährlich bis an diese Stelle zurück, und nähme nicht unter sieben Tagen seinen vorigen Raum ein; das Wunder wäre so groß, daß eine Mutter ihr Kind, welches sie wahrend der Wall- Zweyter Abschnitt. 535 Wallfahrt daselbst liegen lassen, doch im folgenden Jahre wieder lebendig daselbst gefunden hätte ? Gleichwohl hat ein Corelerius eine so merkwürdige Anec-- dore drucken lassen. Die Arbeit wäre eben so weitlänftig, als umnch, wenn man von einein jeden erdichteten Märtyrer ins besondere erweifen wollte, daß er keine gottesdienstliche Verehrung verdiene, wenn auch die erste Kirche den Heiligen einige zugestanden hätte. Man kann sie bey Tausenden auf einmal aus den Märtyrcrverzeichnissen ausstreichcn. Man giebt vor, daß unter dem Trajan L-n-a».,oz. eine Armee von eilftausend Christen, nachdem sie im 5«?-. 5. Oriente einen Sieg davon getragen hätte, zur Be-^-^-^- lohnung dafür nach Melitina in Armenien ins Elend verwiesen worden wäre, weil sie nicht opfern wollen; Romulus, der kaiserliche Oberhofmeister, härte sich ««/s-»». öffentlich über eine solche Ungerechtigkeit beklaget, und />e»-s5o,v<»? dadurch den Trajan gereizet, ihn mit Ruthen hauen, und mit ihm alle Christen enthaupten zu lassen. Man würde einschlafen, wenn man alle Widersprüche in dieser Fabel und die verschiedenen Erzählungen derselben lesen sollte. Es ist genug, daß das Stillschweigen der ersten Kirche und die Würde eines Ober- Hofmeisters, die zu Trajans Zeiten ganz unbekannt war, die Erdichtung verrathen. Melitina war unter diesem Kaiser nur ein Castell; er machte es erst zur Stadt: Wo hätte sie eine so große Menge verwiesener Christen fassen können? TlUemom macht bey diesem 7?//em. Romane die Anmerkung, daß unser König nach der?.//. Meynung der Schrift auf keine blindeArt verehret seyn?- ^- wolle. Hier sind eilftausend erdichtete Märtyrer, deren Andenken die griechische Kirche den sechsten September fcyert. L l 4 Die 536 Geschichte der christlichen Religion. An«. /. 5. Die einzige Kirche zu Lion rühmet sich, wie Basnage erzählet, neunzehntausmd und sieben hundert Märtyrer zu haben, die ihr Leben in der Verfolgung des Kaisers, Sevcrus, für die Wahrheit der christlichen Religion aufgeopfert haben sollen. Man kann nicht leugnen, daß unter seiner Regierung viele Christen hingerichtet worden sind. Allein, man hat die stärksten Gründe, zu leugnen, daß der Grimm der Heiden Zn dieser einzigen Stadt eine so unglaubliche Menge erwürget habe. Fürs erste qiebt man wider die Zeugnisse des EusebiuS, und des Hieronymus vor, daß ^)re- naus der vornehmste unter diesen Märtyrern sey. Sollte EusebiuS, der so oft in seiner Kirchengeschichre von diesem großen Lehrer der Christen redet, nicht gewußthaben, daß er die Ehre eines Märtyrers verdiene, und zwar in Gesellschaft von mehr als ncunzehntauscnd «ndern Märtyrern, welche der Wuth der Heiden aufgeopfert worden seyn sollten? Ferner zahlet selbst Gre- thebanische Legion, oder sechstausend sechshundert und sechs und sechzig, und dreyhundcrt und achtzehn Christen zu Cöln umbringen. Und eben damals, da dieses geschehen seyn soll, gab es daselbst keine Verfolgung der Christen. Also nimmt eine unparteyische Untersuchung der Geschichte bloß der französischen Kirche fast sieben und zwanzigtausend Märtyrer. Die abyßinische Kirche hat eine noch größere Anzahl erdichtete Märtyrer, welche während der Verfolgung des Decius, wenn man dem abyßim'sthen Kalender glauben will, hingerichtet worden sind. Man muß sie aus der Hofstatt verweisen, die man im Paradiese formirct. DionysiuS, der Bischof von Aler- andricn, der unter dem Dccius lebte, und den bedrängten Zustand seiner Hecrde so nachdrücklich beschrieb, weis von den scchszehn tausend Märtyrern nichts, die doch in der Nahe von ihm die Wahrheit der Religion mit ihrem Blute versiegelt haben sollen^ eben so wenig als EusebiuS von den hundert und funf- U 5 W 5Z8 Geschichte der christlichen Religion. zig tausend Märtyrer» in Abyßinicn , und von sieben hundert tausend Bekennern etwas weis, von denen man jene in der diocletianischen Verfolgling erwürgen, diese aber zu harten Arbeiten verdammen läßt. Wenn man den neuern Griechen glauben will: so sind gleich im Anfange der diocletianischen Verfolgung vierzehen tausend Chrisreu in dem Tempel zuNikome- dien verbrannt worden. Man hat nicht nöthig, zu sagen, es sey unglaublich, daß sich in Nikomedien eine so große Anzahl Christen gefunden habe. Die Erdichtung ist verrathen, wenn man weis , daß Euse- bius, der nächste Geschichtschreiber dieser großen Verfolgung, und Lactamms, der ebenfalls vollkommen davon unterrichtet seyn mußte, weder von dieser ungeheuern Anzahl Christen , die bloß im ersten Anfange dieses Sturms erwürget worden seyn sollten, noch von der befohlenen Einäscherung des Tempels etwas wissen. Eben so erdichtet sind alle die Blutzeugen, die unter eben diesem Kaiser in Gallien den Märtyrertod erlitten haben sollen, wein, man den Märtyrerverzeichnissen der französischen Kirche glau- /^ohlftand eingeführet worden sey. Man kann solches aus dem Streite sehen, der im zweyten Jahrhunderte über die Feyer des Osterfestes in der Kirche entstund. Die römische Kirche rühmte sich, ihre Gewohnheit, dieses Fest allezeit am ersten Tage in der Woche zu feyern, von ihren Stiftern, dem Apostel Paulus und Petrus, empfangen zu haben. Die asiatischen Gemeinen hingegen feyertcn es mit den Iüden, und Polykrates von EphesuS rühmte s-ch, daß Johannes diese Gewohnheit in Asien eingeführet hätte. Es hindert uns nichts, zu glauben, daß beyde Gemeinen darinnen Recht hatten, ob sie gleich darinnen irretcn, daß beyde Theile ihre Gewohnheit für eine nothwendige und unveränderliche Gewohnheit gehalten wissen wollten. Die Christen sollten also nicht allein durch die innerliche Anbethung Gottes im Geiste und in der Wahrheit, sondern auch durch eine gemeinschaftliche öffentliche Verehrung desselben mit einander vereiniget seyn. Sie Zweyter Abschnitt. 54z Sie kamen daher zu gewissen Zeiten zusammen. In den Zeiten des alten Bundes war der öffentliche Gottesdienst an den Tempel zu Jerusalem gebunden, und die Heiden verehreten ihre Gottheiten in gewissen zu jhr."M Dienste geheiligten Tempeln. Sobald sie dii selben durch viele abergläubische Gebräuche öffentlich eingeweiher hatten: so glaubten sie, dH sie im eigentlichsten Verstände Wohnungen ihrer Götter und Göttinnen geworden waren. Sie beredeten sich daher, baß keine Religion ohne dergleichen feyerlich eingeweihte Tempel bestehen könnte. Die Christen waren weit von diesem abergläubischen Irrthume entfernet. Sie beredeten sich zwar unter einander, der Ordnung wegen in gewissen Häusern zusammen zu kommen, so lange sie sicher und ungestöret darinnen zusammen kommen könnten. Allein, man hat keine historischen Beweise , daß sie vor dem zweyten Jahrhunderte besondere öffentliche Gebäude, bloß zu dem Endzwecke, sich darinnen zum Gottesdienste zu versammle«, aufgeführet hätten. Und wie hätten sie in den grausamen Verfolgungen, die sie von den Heiden erdulden mußten, solche öffentliche Gebäude aufführen dürfen ? Da, wo die Christen zusammen kamen, mir einander zu bethen, Gott einmürhig zu loben, die Mittel der Gnade zu gebrauchen, und in der Erkenntniß der Religion zu wachsen, da waren ihre Tempel, die sich in ihren Augen nur so lange von andern gemeinen Wertem unterscheiden, als sie Gott daseibst scyerlich und öffentlich verehreten. ^Ign^tius ermahnet zwar die Magnesianer, daß sie sich alle zumGebeche vi reinigen sollten ; er saget zwar: versammlet euch alle, als in einen Tempel Gottes: allein er redet von keinen Gebäuden , die bloß zu diesem Endzwecke von den Christen 544 Geschichte der christlichen Religion. sten bestimmet und aufgeführet worden wären ; sonst würde er nicht gesaget haben, daß sie als in einen Tempel Gottes zusammen kommen sollten. Da aber die christlichen Gemeinen zahlreicher wurden, und gegen das Ende des zweyten und im dritten Jahrhunderte, zuweilen Ruhe vor den Verfolgungen der Heiden hatten: so führeten sie, weil vielleicht Privathäuser die Menge der Christen nicht mehr fassen konnten, und weil schon in dem Gottesdienste verschiedene Ceremonien eingeführet waren, die sich in Privatgcbäu- den nicht allezeit mit aller crfoderlichen Bequemlichkeit beobachten ließen, besondere Gebäude auf, die zu ihren gottesdienstlichen Versammlungen vorzüglich bestimmet wurden. Allein, noch hatten sie keine Altare darinnen ; noch eigneten sie diesen Gebäuden keine eigenthümliche und vorzügliche Heiligkeit vor andern Oertcrn zu. Eben deswegen machten die Heiden den Christen den Vorwurf, daß sie keine Religion haben Q?-c,V. a/,. müßten, weil sie keine Tempel hätten. Warum, sa^e Cacilius, haben sie keine Altäre, keine Tempel, keine Bildsäulen der Gottheit? «vrigenes antworte- Ö,^F. /. s. ^ ^rn Celsus auf eben diesen Vorwurf: wir halten ' nicht dafür, daß Gott durch leblose Tempel verehret werden müsse - - wir vermeiden daher dasjenige, was unter dem Vorwande des Gottesdienstes die Menschen gottlos machen kann. Die Christen hielten es also in den ersten drey Jahrhunderten weder für ein nothwendiges und wesentliches Stück des Gottesdienstes, öffentliche Tempel z» haben , noch für eine besondere Verehrung Gottes, Tempel zu bauen. Man findet daher nicht, daß ein christlicher Schriftsteller vordem vierten Jahrhunderte dieOertcr, an welchen die Christen zusammen kamen, Gottgemeinschaftlich zu dienen, Teur Zweyter Abschnitt. 545 Tempel genannt hätte. Unterdessen hatten sie im drit- 7e/?,>„. v. ten Jahrhunderte solche öffentliche Gebäude, worin-^- nen sie ihren Gottesdienst hielten. Die christlichen ^ Schriftsteller der ersten drey Jahrhunderte enthalten"^ aber nichts, woraus man die eigentliche Einrichtung ^ dieser Kirchen völlig beschreiben könnte, ob e6 gleich glaublich ist, daß sie ihre besondern Abtheilungen gehabt haben werden. Denn auö der Geschichte des Paulus von Samosata sieht man, daß er für sich einen besondern Thron oder einen erhabenen Stuhl in die Kirche habe sehen lassen. Eben dieses ist aus dem im dritten und vierten Jahrhunderte schon durchgängig angenommenen vorzüglichen Unterschiede, zwischen der Clerisey und dem Volke, und zwischen den Gläubigen, Catechumenen, Energumenen und Büßenden, zu schließen. Nichts ist glaublicher, als daß alle diese ihre besondern Stellen in den zum öffentlichen Gottesdienste gewidmeten Gebäuden gehabt haben. Wenn man sich diese Vorstellungen von den Tempeln der er- ^A^s- sten Christen machet: so geht nmn zwischen denen, welche behaupten wollen, daß die ersten Christen keine Versammlungsörter gehabt hätten , und zwischen de-z /«^ nen, welche in den allerältesten Zeiten des Christen-6cc/.a»?^. thumS, eben die Kirchen finden, die in den spätern Jahrhunderten gefunden werden , die Mittelstraße. Den Christen sollte zwar über gewisse Neumonden, Sabbathe, Jahrfeste und Zeiten kein Gewissen gemachet werden. Sie wareil von dem Zwange frey, welchem die Jüden von Gott aus heiligen Ursachen unterworfen gewesen waren. Dennoch aber mußten, wofsrn er anders durch eine öffentliche und gemeinschaftliche Verehrung verherrlichet werden sollte, von den Gläubigen einige Zeiten zur Erfüllung dieser II. Theil. M m Pflicht 546 Geschichte der christlichen Religion. Apostelg. Pflicht ausgesetzet werden. So wohl die heilige 29, 7- Schrift, als alle Schriftsteller der drey ersten christii- z Cor, iü,2. Jahrhunderte bezeugen, daß der erste Tag in der Oncnb.i, ^zychx zur öffentliche» Verehrung Gottes und befou- /?»^ derS zum Andenken der?luferstehung Jest, Christi ge- heiliget gewesen sey. Dieser Tag wurde vorzüglich der Tac; des Herrn genannt. Die Apostel selbst /./. j^iselbm eingeführet; und wenn die A^/'^'Christen nicht knechtisch zur Unterlassung aller Arbeit an diestm Tage qenöthiget wann: so wurde doch nic- 7^?/«//. mand für einen Gläubigen gehalten, der an demselben c. nicht Gott mit der ganzeil Gemeine verherrlichte. Da dieser Tag vornehmlich zur fröhlichen Erinnerung c»> die Auferstehung Jesu Christi bestimmet war: so wur- ^ c«,m/. ^e es so gar für sündlich angeseheil, an demselben zu ^ fasten. Ob gleich der Sabbath eigentlich nur in der Haushaltung des alcen Bundes gefeyert werden sollte: so wurde doch, unstreitig aus Nachsicht gegen die Juden, die zum Christenthums bekehret wurde?,, und immer eine große Ehrerbiethung gegen denselben , als gegen den Ruhetag Gottes von der Schöpfung, behielten, die Fcyer desselben besonders in der orientalifchen Kir- ,„/?. /. beybehalten. Allein, er war niemals in dem An- ^' ^' sehen, in welchem der erste Tag in der Woche war, und nach und nach verlohr sich seine Feyer in vielen christlichen Gemeinen ganz und gar. O. Außer diesen beyden Tagen, welche von den ersten ^tt/. l.F. Christen dem öffentlichen Gottesdienste gewidmet wa- ^''' ^ ren, feyerten sie, wie man nicht ohne Grund muth- maßen kann, jährlich auch das Andenken der Geburt des Weltheilandes, und welches unstreitig ist, das Osterfest, und das Fest der Pfingsten. Die Strei- - ' --^'^ '-^S --Stig- ^ Zweyter Abschnitt. 547 tigkeiten über die Feyer des Osterfestes sind uns schon bekannt. Unter dem Pfingstfeste verstunden einige unter den Alten alle diejenigen Tage, die zwischen Ostern und dem eigentlichen Pfingstfeste fallen, welches aber schon zu den Zeiten des Grigenes und also im zweyten christlichen Jahrhunderte, begangen worden seyn muß. Außer dirsen festgesetzten Festen feyerte die Kirche jahrlich nocb das Andenken ihrer Märtyrer bey ihren Grabern. Dieses veranlasset«! in den folgenden Zeiten die Wallfahrten zu denselben. Die Feyer des öffentlichen Gottesdienstes an diesen Tagen, war im Anfange der edlen Einfalt des Chri^ stcnrhumes vollkommen gemäß ; nach und nach wurden aus guten Absichten verschiedene Ceremonien eingeführet; man fand , denn der Menfch ist nur all^u- sinnlich, einen Geschmack daran; man vermehrere sie; bald darauf wurden sie für nothwendig und unentbehrlich gehalten, und schon im dritten Jahrhunderte wurden die Unterlassungen gewisser Gebräuche, die so lange unschuldig waren, als sie zu keinem Joche wurden, zu Todsünden gemacht, die einen Menschen bey nahe aus der kirchlichen Gemeinschaft ausschlössen. Man glaubte, die Religion weiter auszubreiten, wenn man den christlichen Gottesdienst aus Nachsicht gegen die Jüden und Heiden, die ihre Augen und Ohren beschäftiget wissen wollten, sinnlicher machte, und ihm einen größern äußerlichen Glanz gäbe. Diese un- zcitige Gefälligkeit verleitete bald einige Lehrer zu der irrigen Meynung, daß bey einem Gottesdienste, wenn er recht erbaulich seyn sollte, Ceremonien nothwendig waren; eine Meynung, welche die erste Wegweiserinn zum Aberglauben ist. Jedoch wir wollen lieber einige Blicke auf die Einrichtung des erstell christlichen Mm 2 Got- 548 Geschichte der christlichen Religion . Gottesdienstes werfe,,, und so zu sagen, die Veränderungen begleiten, die er nach und nach erfahren hat. Eine gottesdienstliche Gesellschaft kann Gott auf keine andere Art öffentlich ehren, als daß sie ihm für seine Wohlthaten danket, daß sie ihn um seinen Beystand und seine Gnade bittet, daß sie seinen Willen und seine Befehle kennen lernet, und weil er der erhabenste Gegenstand des menschlichen Verstandes ist, sich in seiner Erkenntniß übet; endlich daß sie die Mittel der Gnade, wenn er einige verordnet hat, brauchet. Selbst eine gesunde Vernunft fodert von einem öffentlichen Gottesdienste diese Eigenschaften. Und so war, wie solches die Schriften der Apostel und die ältesten Denkmaler der ersten Kirche lehren, ihr öffentlicher Gottesdienst beschaffen. Jedoch da diejenigen, welche ein Recht haben sollten, daran Theil zu nehmen, wirkliche Christen seyn mußten: so muß man vorher wissen, wie es die erste Kirche mit der Aufnahme ihrer Mitglieder hielt. Niemand konnte an dem ganzen öffentlichen Gottesdienste der Christen mit Recht Theil nehmen, als ein Getaufter; und niemand von Erwachsenen konnte getaufet werden, ohne vorher zu glauben; und niemand konnte glauben, ohne vorher unterrichtet geworden zu seyn. Im ersten Anfange des Christenthums wurde von denen, in welchen die Wunder und Predigten der Apostel das Verlangen erweckten, glaubig zu werde», nichts weiter gefodert, als der Glaube, daß Jesus der Sohn Gottes und der einzige Erlöser des menschlichen Geschlechtes sey, und das aufrichtige Versprechen, nach den Vorschriften der Religion zu leben. Leistete» sie bendeö : so wurden sie getaufet. Dieses war Zweyter Abschnitt. 549 war nothwendig, weil die Apostel in alle Welt gehen und allen Völkern das Evangelium predigen sollten. Da sie mit außerordentlichen Gaben des Geistes ausgerüstet waren: so konnten sie sich so leicht nicht in Ansehung derer irren , die sie aufnahmen; sie mußten, damit der Name ihres Erlösers desto eher den Aufgang und Niedergang erfüllen möchte, den fernern und vollständigem Unterricht der Ncubekehrten im Glau? ben denen überlasten, die sie zu Lehrern bey den neugepflanzten christlichen Gemeinen verordneten. Diese aber hatten weit mehr Ursache, denen , die sich unter ihrer Anführung zum Christenthume bekennen woll- ten, allen nöthigen Unterricht zu ertheilen, und sie vorher wohl zu prüfen, ehe sie dieselben durch die Taufe in die Kirche aufnahmen. Diejenigen also; welche die christliche Religion annehmen wollten, wurden in besonderen Schulen unterrichtet, und deswegen Ca- Toö.^/??». techumenen genannt. Man suchte sie zuerst zur Er- ^ kenntniß eines einigen Gottes zu bringen; man lehrete sie die großen Wahrheiten, daß die Seele unsterblich und ein zukünftiges Gericht gewiß zu erwarten sey; vornehmlich suchte man sie von der Nothwendigkeit ei" nes heiligen Wandels zu überführen. 'Irenaus ver- /. sichert, daß Johannes selbst zu Ephesus , und Po- c. Ivcarpus zu Smyrna dergleichen Schulen angeleget hätten. Unter allen Schulen dieser Art aber ist keine ^ ^ berühmter geworden, als die alerandrinische, welche der Evangelist, Marcus, gestiftet haben soll. WennMo/a c^. nun die Carechmnenen hinlänglich unterrichtet wa-^c/--^,/?,-. ren: so wurden sie ermahnet, zu fasten und Gott ih- .- ^ re vorigen Ausschweifungen demüthig abzubitten, mid^^^-' die übrigen Christen betheten und fasteten mit ihnen./'^/.^/^ War dieses geschehen, und sie hatten , wie Iustinus a/i.i»-,. Mm 3 er-^6"?t, c. :o. 550 Geschichte der christliche!: Religion. erzählet, noch einmal bezeuget, daß sie alles das glaube- ten, was sie in dem ihnen ertheilten Unterrichte gehö" rer und gelernet hatten , und sie hatten zugleich versprochen , nach den Vorschriften der Resigion zu leben: so wurden sie im Namen des Vaters, des Sohnes, und des heiligen Geistes dreymal eingetauchet oder besprenget , und also getaufet, und dann so gleich zum heiligen Abendmahle zugelassen. Das ist es alles, was man von der Gewohnheit der Kirche, die Neubekehrten durch die von Christo selbst verordnete Taufe zu ihrer Gemeinschaft aufzu- I't'-,»//.^' nehmen, in christlichen Schriftsteller«' von dem Gri- ö,-/---. t. ^ene'.' und Terrullianus finden kann. Was die ^//.//!Kindertaufe anbelanget: so ist zwar zu vermuthen, 6»^',""' sie vom Anfange des Christenthums an, üblich c, §.-5. gewesen sey. Man kann doch aber solches aus dem ersten Jahrhunderte durch keine tüchtigen historischen Beweise darrhun. Aber gegen das Ende des zweyten und im dritten Jahrhunderte, reden Irenaus, pl^//// Origenes, Terrullian und Cyprian, von der A^'"'"'Kindertaufe, als von einer in der Kirche üblichen Handlung. Terlullian erwähnet auch schon der Pa- then, welche für das Kind reden mußten, wiewohl er den Rath giebt, die Kindertaufe aufzuschieben. Im zweyten und dritten Jahrhunderte kamen viele neue Gebrauche, sowohl vor der Taufe, als nach der Taufe auf. Daran war die Begierde schuld, theils den Vorwürfen der Heiden zu begegnen, welche der christlichen Religion ihre Einfalt unaufhörlich aufrückten, theils die Sorgfalt, unheiligen Ceremonien solche Gebräuche entgegen zu setzen, welche ihrem aus- serlichen Gottesdienste nicht allein mehr Ansehen geben, sondern auch die Christen an die geistlichenWohl- tha- Zweyter Abschnitt. , 55» thaten, die sie durch den Zugang der Kirche erhielten, und zugleich an ihre Psiichten erinnern sollten. Die Christen hatten damals eine so große Ehrfurcht gegen ihre Bischöfe, daß sie es ihnen ganz überlassen hatten , waö sie für Gebrauche bey dem Gottesdienste anzuordnen für gut finden wollten. Ueberdieß kam es eigentlich auf die Bischöfe der größern Kirchen an, was für Ceremonien in der Christenheit eingeführet werden sollten. Denn die Bischöfe der kleinern Gemeinen , hingen schon von den größern ab, und folgten ihnen in allem nach, was sie anordneten. Alle diese Umstände und Ursachen vercmlasseten theils die Einführung neuer gotteödienstlicher Gebräuche, theils die schnelle und allgemeine Ausbreitung derselben. So war es zu Tertullians Zeiten üblich , daß die Catechumenen öffentlich, erst wenn sie getauft zu werden verlangetcn, und dann noch einmal, wenn sie nun getauft werden sollten, von dem Bischöfe gefraget wurden, ob sie dem Teufel, seinem Wesen, der Welt und ihren Lüsten emsageten. Sie mußten ihr Glau- bmsbekenntniß ablegen. Wenn sie getauft waren, so wurden sie, zur Erinnerung an die geistliche Salbung, oder an die Mittheilung des geistlichen Priesterthu- meö und Königreiches, und der Gnade zu einem heiligen Leben, mitOele gesalbet. Der Bischof legte ih- 7-""". ncn dabey die Hand auf / und zeichnete sie mit dem ^"'^/'^ Zeichen des Kreuzes, sie an den Tod zu erinnern, durch welchen sie Jesus am Kreuze mir Gott versöhnet hatte. Dieses hieß den Getauften bestätigen und war ein Vorrecht der Bischöfe. Weil sie in einem erhabenen Verstände durch die Taufe, als durch eine geistliche Wiedergeburt Kinder Gottes geworden waren : so gab man ihnen ein wenig Honig und Milch Mm 4 zu 552 Geschichte der christlichen Religion. ^»/-?«. zu essen. Man zog ihnen weiße Kleider an; eine e/>. sF. Gewohnheit, welche sie an die Nothwendigkeit eines heiligen und unschuldigen Wandels erinnern sollte. Man gab so wohl den Erwachsenen, als den Kindern, zum Zeichen, daß sie nunmehr zur Kirche gehbreten, den unter den ersten Christen üblichen Kuß des Friedens. Dieses waren die bekanntesten Gebrauche bey der Taufe im dritten Jahrhunderte. Die nachfolgenden Zeiten waren in der Erfindung neuer Ceremonien noch sinnreicher. Vielleicht gab es schon im dritten Jahrhunderte besondere Exorcisten, welche die Catechumenen vor der Taufe erst beschwören und den Teufel von ihnen ^«M /. /,'», /. ,o. nissen von dem Gottesdienste der Christen, plinius, ein Heide, beschreibt ihn also: die Christen gestehen, daß sie, nach ihrer Gewohnheit, an einem festgesetzten Tage, früh vor dem Aufgange der Sonne, sich ver- samm- Zweyter Abschnitt. 55z sammlelen, Christo, als Gott, ein Loblied sängen, und sich durch einen Schwur, oder ein '^acramenc verbindlich machten, nicht etwa Bosheiten zu verüben , sondern keine Diebstahle, keinen Mord noch Ehebruch zu begehen, keinen Menschen zu bekriegen, oder jemanden etwas, das ihnen zur Verwahrung anvertrauet worden wäre, zu versagen. Wenn dieses vorbey wäre, so giengen sie auseinander, und kämen wieder zu Tische zusammen, wo sie allerley unschädliche Speisen äßen. So beschreibt ihn der Heide. Justin, der Märtyrer, beschreibt ihn umständli-/,. eher. Er erzählet, was bey den Christen vorgehe,^»'t.«?. wenn einer durch die Taufe unter sie aufgenommen worden und wicdergebohren worden sey. Nach diesem Abwäschen, saget er, führen wir ihn, als einen Glaubensgenossen zu den Brüdern und ihrer Versammlung. Daselbst bethen und demüthigen wir uns vor Gott, sowohl für uns selbst, als für den Erleuch- ttten, wie auch für die ganze Kirche in einem andächtigen Gebethe, daß wir würdig und fähig werden mögen, nach der erkannten Wahrheit als getreue und gehorsame Haushalter über seine Befehle erfunden, und also ewig selig zu werden. Nach dem Gebethe küssen wir einander. Hierauf bringt man dem obersten Lehrer Brodt, und einen Becher mit Wasser und Wein. Er lobet und rühmet den Vater aller Dinge, durch den Namen des Sohnes und des heiligen Geistes , und hält eine lange Danksagung darüber, daß er uns dieser Gaben gewürdiget hat. Nach vollendeter Danksagung , rufet das anwesende Volk zuin Zeichen seiner Einstimmung: Amen. Ist die Danksagung geendiget und durch den Zuruf des Volkes bestätiget : so geben die Diener oder Diaconi einem je- Mm 5 den 554 Geschichte der christlichen Religion. den von den Anwesenden von dem Brodte, über welches die Danksagung gehalten worden, und von dem Weine und Wasser; ja sie bringen auch den Abwesenden davon. Diese Speise wird bey uns eine Eu- cHaristie genannt, weil niemand zum Genusse derselben zugelassen wird, als der nur, der da glaubet, daß unsere Lehre wahr sey, und der nur, der mit Wasser zur Vergebung der Sünde und zur Wiedergeburt getauft worden ist, und sein Leben nach den Befehlen Jesu Christi einrichtet. - - Die Vermögenden unter uns helfen allen Armen auf., - - Am Sonntage kommen wir alle von dem Lande und aus den Städten, wo wir uns aufhalten, an einem gewissen Orte zusammen, und lesen daselbst die Schriften der Propheten und Apostel, wie es die Zeit mit sich bringt. - Die Reichern schenken nach ihrem Willen und Gefallen, und das gesammlete wird bey dem Vorsteher verwahr- lich niedergeleget. Dieser hilft damit den Waisen und Witwen, den Kranken, den Armen und Gefangenen; mit einem Worte, er muß für alle Dürftige 7e,^//. sorgen. Mit diesem Zeugnisse stimmet Terrullmn überein, welcher den Inhalt der gottesdienstlichen Ge- o)-?, 'c"" der Christen naher bestimmet, wenn er saget: wir bethen für die Kaiser, ihre Rathe und Gewalri- />, ,4-. gen, für den Zustand der Welt, und für die allgc- meine Ruhe und die Saumniß des Endes. Zugleich beschreibt er nicht allein die Agapen oder die Liebes- mahle der Christen umständlicher, wiewohl er nicht so offenbar von dem Abendmahle, als Justin der Marcnrer, redet, sondern er redet auch von den Ermahnungen , welche die Lehrer nach dem verlesenen göttlichen Worte an die Gemeine zu richten pflegeten. Wenn Zweyter Abschnitt. 555 Wenn wir also nach diesen Hauprzeugnissen den ersten christliche i Gottesdienst in seiner gewöhnlichen lind ordentlichen Einrichtung kennen lernen wollen: so müssen wir bemerken, daß aller Wahrscheinlichkeit nach derselbe nicht allein, wie Tertullian berichtet, mit Singen beschlossen, sondern auch mit Singen angefangen worden sey. Man kann dieses ben nahe mit Gewißheit aus der plinianischen Beschreibung des christlichen Gottesdienstes schließen, wenn es nicht erlaubet wäre, solches aus der Gewohnheit der spätern Jahrhunderte zu muthmaßen. Plinius saget ausdrücklich, daß die Christen gestanden hätten: erst sängen sie Christo, als Gott, ein Loblied ; so dann machten sie sich anheischig , leine Bosheiten m verüben. Dieses aber geschah theils durch die Vermah- nung, die der Lehrer an die versammleten Christen hielt, theils dadurch , daß sie von dem geheiligten , Brodte und Weine aßen, von dein, nach dem Zeugnisse des Justinus, niemand essen durfte, Vernicht versprochen hatte, nach den Befehlen Jesu Christi zu leben. Darauf wurde die heilige Schrift gelesen. Es ist wahrscheinlich, daß solches in den beyden erstenchrist- ""F-^/. lichen Jahrhunderten nach der Weise der jüdischen ^-^-5 Kirche von den Diaconiö geschehen sey. Um Cyprl-^,/^,. ans Zeiten, kam eine besondere Kirchcnbedieming-'?,?^,??. auf, nämlich das Amt der Leser. Vielleicht fing^ derjenige, welcher dem Volke die heilige Schrift vorle-A^'" sen mußte, dieses'Lesen mit dem unter den Christen <^/^ ^ gewöhnlichen Gruße an: Friede sey mir eucd.c.^. Zuweilen und in einigen Gemeinen wurden nicht allein^'^^s. die Schriften der Propheten und Apostel, sondern ^/^^ au<^ 556 Geschichte der christlichen Religion. auch die Schriften anderer gottseligen Männer zur Erbauung der Gemeine verlesen. O»/: /n- Auf das Lesen der Schrift folgte gemeiniglich eine ^.^e»-^ Vermahnung des Bischofes, an die Versammlung. co«»o». Sie ermunterten die Christen vornehmlich zu einem heiligen Wandel. Denn weil damals niemand eher zur Gemeinschaft der Glaubigen zugelassen wurde, als bis er von allen Wahrheiten , in denen niemand ohne Gefahr seiner Seligkeit unwissend seyn kann, hinlänglich unterrichtet worden war; weil auch noch die Christen glaubten, daß diese Wahrheiten alle vollkommen deutlich in der Schrift geoffenbaret worden wären: so trugen sie öffentlich keine Erklärungen der- selben vor. Diese wurden nicht eher nothwendig, als bis die Vertheidigung und weitere Ausführung der geoffenbarten Wahrheiten wegen der vielen Irrgläubigen eine neue Pflicht der christlichen Lehrer Mir- ?>',»//.?»de. Wirerinnern, sagte Tercullian, etwas aus 5/>o/. c-5 dem göttlichen Worte, wir schärfen die Gebothe Gottes ein; wir ermähnen, strafen , und stellen unsern Christen die göttliche Rache vor. Das war der Inhalt der öffentlichen Vermahnungen. Auf die Rede des Bischofes folgte das gemeinschaftliche Gebeth. Den Inhalt dieses Gebethes wissen wir schon. Es ist aus dem Justinus gewiß, daß der 5°"/ Bischof den andern öffentlich vorgebethct habe. Man ^,»"/ttQ'- ^ historischen Beweise, die zuverläßig genug o« bestimmen, ob die Christen in den beyden ersten Iahr- Hunderten gewisse bestimmte Gebethformulare gehabt »^ haben, oder nicht. So viel ist unstreitig, daß das ^ welches Christus seine Jünger lehrete, zu allen Zeiten für das allerheiligst« und vollständigste ^c. / Gebeth gehalten worden ist. Wie konnte es den ersten Zweyter Abschnitt. 557 sten Christen an Gebethen fehlen, da ihnen im Anfange der heilige Geist auf eine außerordentliche Weise mitgetheilet wurde, und da die heilige Schrift, dieser so reiche und unerschöpfliche Schah des Gebethes, unter ihnen im größten Ansehen war? Das Gebeth ö/»^. geschah an allen Sonntagen und hohen Festen, wo ""5- ^cc/. sie nicht fasteten, stehend: dieses war ein Zeichen des^-^- fröhlichen Herzens, mit welchem sie betheten. An ' ^' Fasttagen aber verrichteten sie, zum Zeichen der Traurigkeit , ihre Gebethe kniend. Auf das Gebeth folgere die Opferung derjenigen Gaben, von welchen die Bischöfe , die andern Kirchendiener, und die Armen ihren Unterhalt erhalten sollten. Diese Opferung war in den bedrängten und unruhigen Umständen der ersten Kirche das beste und bequemste Mittel, sowohl die Bedienten der geistlichen Aemter, als auch die Armen und Dürftigen zu versorgen. In den allerersten Zeiten waren diese Gaben, welche die Gläubigen in ihre öffentlichen gottesdjenstlichen Versammlungen brachten, eigentlich zu den gemeinschaftlichen Liebeemaalen oder den sogenannten Acsapen bestimmet, welche vor dem Genusse des Abendmahles vorherzugehen pflegeten ; nur der Ueberfluß derselben dienete zur Versorgung der Lehrer und der Armen. Bey diesen Agapen war aller bürgerliche Unterschied der Ehre aufgehoben; der Arme hatte so viel Recht, dabey gegenwärtig zu seyn, als der Reiche; ja eben die Dürftigen sollten durch dieselben erquicket werden. Sie dieneten zum Beweise der brüderlichen Eintracht und der Gleichheit der Christen unter einander. Sie dauerten bis in das zweyte Jahrhundert. Je zahlreicher aber die Gemeinen wurden, desto unmöglicher wurden diese Aga> pen. 558 Geschichte der christlichen Religion. pen. Endlich höretcn sie ganz auf; aber die Opfe^ rung blieb. Es wurden aber von keinem andem Opfer oder Gaben angenommen , als von wirklichen Christen, die zum Abendmahle zugelassen' wurden. 7>,Man nahm sie weder von Irrgläubigen, noch von f?'6e/c?//>,. den Büßenden an. Im dritten Jahrhunderte war ^ ^- es eine Pflicht, selbst für die verstorbenen Christen, und besonders für die Märtyrer, solche Opfer darmbringen, ihre Gemeinschaft mit der sichtbaren Kirche damit zu bezeichnen. Wenn die Christen ihre freywilligen Gaben geopfert hatten: so sonderte der Oberste, wieJustinus saget, so viel Brodt und Wein von denselben ab, als zum Genusse des Abendmahls für die Anwesenden genug war. Er dankete darüber. Man hat aus den ältesten Zeiten kein Formular dieser Danksagung. Vermuthlich bestund sie in dem Gebethe des Vater unsers und in der Wiederholung der Einsehungßworte dieser heiligen Handlung. Die Diaconi theileren den Anwesenden das gesegnete Brodt und den mit Wasser vermischten Wein aus, und überbrachten auch beydes den Abwesenden. Die ersten Christen genossen das Abendmahl alle Sonntage und an allen andern hohen Festen. Gemeiniglich wurde es gegen den Abend genossen, weil man dafürhielt, daß es nicht nüchtern genossen werden dürfte. Allein, zu Cyprians Zeiten wurde auch schon früh das Abendmahl gehalten. Den Beschluß dieses öffentlichen Gottesdienstes machte gemeiniglich ein Lobgesang und der Kuß des Friedens, oder der brüderlichen Liebe, den alle Christen einander zu geben pflegten. Der ganze Gottesdienst wurde in der Sprache verrichtet, welche alle anwesende Christen verstehen konnten. Zweyter Abschnitt. 559 konnten, (telsus hatte den Christen den Vorwurf O^"- gemacht, daß sie bey ihrem Gottesdienste Unverstand ^ liche Worte brauchten. Da er keine andern Christen / ^ kannte, als die Gnostiker: so hatte er recht. Origenes /,///. antwortete ihm also, daß dieser Vorwurf die Recht- gläubigen nicht träfe. ^ Die Griechen sagte er, bedienen sich im Gebethe der griechischen, die Römer der rönü-^^"'^''' s.hen Sprache, alle bethen in ihrer eigenen Sprache; und der Herr aller Zungen erhöret sie alle. Dieses erhel-,-/^/ ^ / let auch daraus, daß die heilige Schrift sehr früh in /. «. alle Sprachen übersetzt, daß das jesen derselben allen Christen angepriesen wurde, und d<>ß die Kirchen, die noch keine Uebersetzung der Schrift besaßen, Dolmetscher harten. Dieses ist die wahre Gestalt des Gottesdienstes der ersten Christen, so wi it man ihn aus den ältesten Denkmälern des ersten und zweyten Jahrhunderte? der Kirche kennen lernen kann. Zugleich sind einige Ge- . brauche berühret worden, deren zwar nur die Schriftsteller des dritten Iahrhundertes gedenken, von denen aber mit Gewißheit vermuthet werden kann, d.iß sie, wo nicht in allen Gemeinen, doch in einigen früher üblich gewesen seyn mögen. So wie nach und nach die Religion selbst einige Veränderung erfuhr und mit menschlichen Zusätzen bereichert wurde : so gieng es auch dem öffentlichen Gottesdienste der Christen. Man fing, schon zu des Origenes und des Tertullians Zeiten an, einige Stücke dieses Gottesdienstes geheim zu halten. Diese Gewohnheit wurde im dritten und den nachfolgenden Jahrhunderten durchgängig angenommen und eingeführet. So entstund die so sehr berühmte und so oft gemisbrauchte Dlsciplina Arcani, oder die Geheimhaltung 560 Geschichte der christlichen Religion. Haltung einiger Lehrender Religion und gewisser Stücke des öffentlichen Gottesdienstes. Die Kirche wußte noch zu des Justinus, des Märtyrers, Zeiten nichts von einer solchen Geheimhaltung. Denn wenn sie damals für nothwendig gehalten worden wäre: so würde er in seiner Schuhschrift für die Christen weder die hohen und geheimnißvollen Lehren der Religion, als die Lehre von der Anbethung des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, und die Lehre vom Abendmahle ist, noch den ganzen Gottesdienst der Christen so genau und umständlich beschrieben haben. Es ist also vollkommen glaubwür- . dig, daß man weder vor ihm, noch zu seinen Zeiten, für nöthig gefunden habe, etwas von der Religion und dem christlichen Gottesdienste geheim zu halten. Es ist also die Frage, warum diese Geheimhaltung eingeführt worden sey, und was die Christen im dritten Jahrhunderte vornehmlich für Geheimnisse hatten. Es ist bekannt, daß es, besonders im Oriente, nicht allein in den abgöttischen Religionen, und unter den Philosophen, sondern auch unter den christlichen Gnostikern Geheimnisse gab, zu deren Gemeinschaft und Kenntniß nur wenige, und erst nach einer langen Prüfung, zugelassen wurden. Die Religionen der Heiden hatten es nöthig, das Licht zu scheuen, damit ihre Betrügereyen, mit welchen sie den Pöbel hin- tergiengen, nicht entdecket werden möchten. Die Philosophen und Gnostiker hatten es auch nöthig, geheimnißvoll zu seyn, und sich dadurch in Ansehen zu setzen. Die Welt war es also gewohnt worden, bey einer jeden neuen Religion oder philosophischen Secte etwas Geheimes zu erwarten, oder gleichgültig gegen sie zu seyn, wenn sie nichts versprach. Als die Wun- Vergaben Zweyter Abschnitt. 56- vergaben in der Kirche selten zu werden ansingen, beredete» sich vielleicht einige christliche Lehrer, daß sich die wahre Religion nicht mehr mit der Geschwindigkeit ausbreiten würde, mit welcher sie sich zeither ausgebreitet hatte, wofern sie nicht die Aufmerksamkeit und Neubegierde der Menschen auf eine andere Weife erweckten und unterhielten. Sie glaubten vielleicht, daß es die Klugheit erforderte, nicht allein einige Nachsicht gegen die menschliche Schwachheit zu brauchen , sondern auch gewisse erhabene Lehren und Stücke des Gottesdienstes, die entweder von Unverständigen nicht begriffen, oder deren Endzwecke und Nutzen von ihnen nicht vollkommen eingesehen werden konnten, so wohl den Augen der Schwachen, die sich daran stoßen dürften, als auch der Kenntniß derer zu entziehen, die ihre Wissenschaft nur zur Spötterey misbrauchen möchte»,. Sie Hoffeten dadurch der Religion mehr Ansehen zu geben; weil dem gemeinen Haufen alles Geheimnißvolle göttlicher und ehrwürdiger zu seyn scheint, als was frey an das Licht tritt, als ein Heiligthum, zu welchem ein jeder einen offenen Zutritt hat; sie Hoffeten auch bey denen, die sich bekehren wollten, ein starkes Verlangen nach der Beschleunigung ihrer Bekehrung zu erwecken. Ihre Weise, die Catechumenen zu unterrichten, konnte sie auf diese Gedanken bringen, und in denselben bestätigen. Die Gesetze eines guten Unterrichts fodern von einem Lehrer, daß er erst das Leichtere, und so dann das Schwerere vortrage. Es wäre wider die Klugheit gewesen, Menschen, denen auch die ersten Gründe der natürlichen Religion unbekannt waren, in dem ersten Unterrichte, den man ihnen ertheilete, sogleich in das Allerheiligste der Religion, oder zu den erhall- Theil. N n ben- 562 Geschichte der christlichen Religion. bensten Wahrheiten zu führen. Wie leicht war es da, aufdie Nothwendigkeit der Geheimhaltung gewisser Lehren zu fallen, und dieselben zur gewöhnlichen Vorschrift des Unterrichts zu inachen, welchen man den Catechumenen gab. Eben dieser Grundsatz konnte sie auch auf die Geheimhaltung gewisser gottesdienstlicher Handlungen führen. Die Gottheit, die man ehret, loben, sie anrufen, ihren Willen sich bekannt machen: das sind gotteödicnstliche Handlungen, deren Nothwendigkeit auch ein Heide erkennen muß. Aber daß auch das gotcesdienstliche Handlungen seyn können, wenn man einen Menschen dreymal mit Wasser besprengt, oder gar in dasselbe untertaucht, oder, wenn man etwas Brodt und Wein in Gesellschaft genießt, das kann einem Unwissenden unbegreiflich, einem Unverständigen anstößig, und einein Boshaften lächerlich dünken. Darum ist es besser, (vermuthlich schlössen die Bischöfe zu Tertullians Zeiten also,) diefe gottesdienstlichm Handlungen allen denen, die nicht daran Theil nehmen können, zu verbergen. Man könnte vielleicht mmhmas- sen, und wenn man die Fehler einiger Bischöfe dieser Zeiten auf ihrer schlimmsten Seite vorstellen wollte, diese Muthmaßung auch scheinbar machen, daß die Bischöfe die Geheimhaltung gewisser Lehren der Religien und einiger gottesdienstlicher Handlungen bloß zur Vergrößerung ihres Ansehens erfunden und eingeführet hatten. Allein eine jede Muthmaßung, welche uns auch nur einen Menschen auf einer verhaßten Seite zeiget, wird von einem rechtschaffenen Gemüthe verabscheuet werde»,, so bald sie nicht mit unwidersprechlichen Zeugnissen, als eine historische Wahrheit erwiesen werden kann. Diese Anmerkungen lehren uns zugleich, worin- ^ ^ nen diese Geheimhaltung bestund. Was die Lehren der Zweyter Abschnitt. 56z der Religion anbetraf: so ließ man ohne Zweifel die/,, 7--. 7^. Catechumenen nurdieallerschweresten Wahrheiten des^o^»^. Christenthums so lange nicht wissen, bis sie in den^ - leichtern genug unterrichtet waren. Man wird in dem folgenden Jahrhunderte verschiedene Classen der Catechumenen finden, die diese Gewohnheit eingeführet hat. Was die gottesdienstlichen Handlungen anbetraf : so wurde die Feyer des Abendmahls vor den Ungläubigen und Ungetauften verborge!?. Dieses ist ausgemacht. Es ist wahrscheinlich, daß es mit der Taufe, wie auch mit den Gebrauchen, die mit der Taufe, und mit dem Abendmahle verknüpft waren, nicht anders gehalten worden sey. Die Zeit erweitert alle Gebrauche, und so gieng es auch, wie wir in den folgenden Jahrhunderten sehen werden, mit dieser Geheimhaltung. Sie brachte den Gebrauch, als eine nothwendige Folge von ihr selbst, auf, die Catechumenen aus den gottesdienstlichen Versammlungen wegzuweisen, so bald das Lesen der Schrift und die Ermahnung an das Volk vorbey war. Denn schon zu 7^-?»//. Tertullians Zeiten durften sie nicht bey dem Gebethe ^»/»F. c.7. der Glaubigen zugegen seyn. Er, der in seiner Schuß- schrifr für die Christen gesagt hatte, daß sie die Treue des Stillschweigens gegen alle Geheimnisse beobachteten , machte den Irrgläubigen seiner Zeit den Vorwurf, daß sie diese Gewohnheit nicht unter sich beob- ' achteten. Man weis bey ihnen, sager er, nicht, wer ^? ein Ccttechumene, oder ein Glaubiger ist. Sie hö-/>^-i/"'. rm zugleich zu ; sie bethen zugleich. Selbst wenn^- die Heiden dazu kommen, werfen sie dennoch den Hunden das Heilige, und den Säuen die Perlen vor, wiewohl es keine ächten sind. Man kann aus dieser Stelle schließen, daß die Rechtgläubigen damals alle Nn 2 gotteS- 564 Geschichte der christlichen Religion. gottesdienstliche Handlungen unterlassen haben müssen, wenn Heiden dazu gekommen sind. Diese Geheimhaltung kann, nachdem sie einmul als nützlich eingeführet war, noch durch andere Ursa- chen seyn bekräftiget worden. Die Schriftsteller des dritten Jahrhunderts fingen vornehmlich an, von den meisten gottesdienstlichen Handlungen und Gebräuchen der Christen in Ausdrücken zu sprechen, die sich in ihrer ganzen und vollen Bedeutung nur aufden jüdischen Gottesdienst schickten. Man hatte, wie wir bald sehen werden, schon sehr jüdische Ideen vomPne- stcrthumc. Man redete vom Abendmahle als von einem Opfer. Was war natürlicher, als daß man m den gottesdienstlichen Versammlungen auch einen Vor- Hof, ein Heiliges, und ein Allerheiligstes haben wollte ? Wirklich wurden nach diesen Begriffen die ersten Kirchen der Christen erbauet; und je ceremonialischer der christliche Gottesdienst wurde, desto mehr besondere Abtheilungen erhielten die dazu bestimmten Gebäude. Eine Art der Absonderung der Catechumeuen von den Glaubigen führete die andere ein. Die Absonderung derselben von gewissen gottesdienstlichen Handlungen zog eine andere in Ansehung des Ortes, wo sie in der Kirche stunden, nach sich. Die Gläubigen stunden an ihrem besondern Orte ; die Catechumenen all einem andern. 'Bald werden wir sehen, daß noch ein besonderer Ort den Büßenden angewiesen wurde. Diese Absonderungen wurden für desto nöthiger gehalten, je allgemeiner schon gewisse platonische Irrthümer von der Wirkung böser Geister in die menscl'lichcn Körper geworden waren. Eine Einleicung in die Geschichte der Religion laßt keine Untersuchung und Betrachtung aller einzelnen Zweyter Abschnitt. 565 nen Gebrauche zu, welche bey dem Gottesdienste der ersten Christen gewöhnlich waren. Es ist genug, wenn sie erinnert, daß so wohl der Wohlstand, als die Ordnung viele eingeführet habe, die nicht eigentlich Ausdrücke und Merkmaale der Gottesfurcht waren. So gehörete die Verhüllung der Weiber nicht so wohl unter die heiligen Ceremonien, als vielmehr unter die Gebrauche des Wohlstandes, der bey verschiedenen Völkern auch eine verschiedene sinnliche Sprache zu haben pflegt. Unterdessen war diese Verhüllung der Christinnen bey dem Gottesdienste eingeführet, und Paulus selbst hatte sie angeordnet. So war auch die Geheimhaltung gewisser Lehren und gottesdicnsilicher Handlungen im Anfange nichts, als ein Gebrauch, den der Wohlstand zu erfordern schien. Gleichwohl wurde sie sehr bald in ein wesentliches Stück des Gottesdienstes verwandelt. Das Fasten machte im alten Bunde ein wesentliches Stück des jüdischen Gottesdienstes aus. Die Juden waren als Kinder anzusehen, die durch die Hülfe der Sinne unterrichtet und gebessert werden mußten. Von Erwachsenen konnte man mit Recht fordern, daß sie auch ohne die Sinne ihren Geist be- schäfftigen sollten. Dieses war die Ursache, warum weder Christus, noch seine Gesandten, die Apostel, deö Fastens wegen etwas gewisses und bestimmtes, verordnet haben. Unterdessen wurde dasselbe, als eine nützliche, obgleich ganz freye leibliche Uebung beybehalten. Nach und nach wurden bestimmte Zeiten desselben eingeführet; lind je mehr die in den gno- stifchen und platonischen Schulen erlernte Meynung, daß das Fasten an sich etwas Verdienstliches und Heiliges sey, überHand nahm, desto weiter und auf desto Nn z mehr 566 Geschichte der christlichen Religion. mehr Tage wurde dasselbe ausgedehnet, ob es gleich in den ersten drey Jahrhunderten noch nicht das beschwerliche Joch wurde, das in den spatern Zeiten die Christen so sehr zu drücken anfing. Zuerst scheinen die Christen di/Stunden von der Krenu'gung, und von dem Tode Jesu Christi an bis ^u seiner Auferstehung, zu einer öffentlichen und feyerlichen Fastenzeit bestimmt e». ^. gehabt zu haben. Sie nenmen sie, weil diese Zeit Ftt/Ä. /-5. ungefähr vierzig Stunden betrug, das Guadrigesi- ^' ^' malzten. Sie gründeten sich bey d"c Einführung ^"^-^ dieser feyerlichen Fastenzeit auf die Antwort, welche ^e/tt». 5.-. E^c-^. Pharisäern auf die Frage gab,, warum seine Jünger nicht fasteten : N?enn der Ärau- rigam von chnen genommen wird, dann werden sie fasten. Einige Kirchen fingen darauf an, diese Zeit auf eine, oder etliche Wochen weiter zu erstrecken , und nachdem sich die wahre Bedeutung des Guadrigestmalfastens vcrlohren hatte: so wurde /, 5, darunter eine vierzigtägige Fastenzeit verstanden. Je- doch stimmten selbst zu den Zeiten, da Sokrates seine Kirchengeschichre schrieb, die Christen in ihren Meynungen hierinnen nicht mit einander überein. Noch behaupteten sie die kostbare Freyheit, die ihnen Jesus Christus erworben hatte. Daher widersetzten sie sich den Montanisten mit so großem Nachdrucke, welche nicht allein aus den gewöhnlichen Fasten ein Gesetz ^' ^- machten, sondern auch ganz neue Fastenzeiten.einfüh- reten, und, weil sie die angeführten Worte des Erlösers auf eine neueArt erklärten, von Ostern bis Pfing- 7e>"?/,//. ?? /. s. Wein ein Merkmaal der erhabensten Heiligkeit. Ei- ^ nige enthielten sich in der Fastenzeit aller Speisen aus dem Thierreiche. Andere aßen von Fleischspeisen bloß Fische, andere auch Vögel, weil sie glaubten, daß sie auch aus dem Wasser erschaffen worden wären. Einige enthielten sich überhaupt aller Früchte und Eyer. Andere aßen bloßes Brodt; andere auch dieses nicht einmal. Andere fasteten bis um die neunte Stunde des Tages; andere bis auf den Abend. Die meisten aber pflegten sich aller Speisen bis auf die Nacht zu enthalten. Denn, wenn diese eingebrochen war, pflegten sie ihren Körper durch eine maßige Mahlzeit wieder zu erquicken. Bey diesem Fasten hatten die Christen noch allerley Gewohnheiten, die, so lange sie lein Gesetz wurden, welches die Gewissen der Menschen verband, in der That löblich waren. Diese Zeiten waren vornehmlich der Andacht und dem Gebethe, das sie kniend verrichteten, Zweyter Abschnitt. 569 teten, gewidmet. Sie hatten auch die Gewohnheit, dasjenige, was sie durch ihre Enthaltung von Speise und Trank gewonnen, zu Allmosen anzuwenden. Grigenes saget, er hätte in einem gewissen Buche gc- 0,v^?». funden, daß die Apostel gesagt haben sollten : Selig ist, der deswegen fastet, damit er den Armen ernäh-^- ren möge! Ein solches Fasten ist Gott sehr angenehm. Man pflegt unter die heiligen und gottesdienstli- cben Handlungen der ersten Christen die Heilung der Kranken durch das Gebeth der Aeltcsten und die Salbung derselben mit Oele zu rechnen. Wir finden, daß Jacobus diesen Gebrauch verordnet habe; und es ist wahrscheinlich, daß er auch von den übrigen Gesandten Jesu Christi verordnet worden sey. Dieser Gebrauch, der seiner eigentlichen Beschaffenheit nach nicht länger dauren sollte, als Gott die Wundergaben in der Kirche erhalten wollte, wurde fast durchgängig in allen ^^«»o?. Kirchen des Orientes und des Occidentes beybehalten,/""-,-«- und da der wahre Endzweck desselben vergessen wurde, verfälscht, und in den spätern Zeiten in eine sogenanntes"^, ^ letzte Oelung vewandelt. Der Endzweck dieser Hand-^. lung war die Heilung der Kranken durch das Gebeth der Aeltesten. Jacobus beschreibt diesen Gebrauch also: W jemand krank, der rufe ;u sich die Aelre Jac.5. ften der Gemeine, und lasse sie über sich bethen und salben mit Oel in dem Flamen des Herrn. Und das Geberh des Glaubens wird dem Franken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und so er hat Sünde gethan, werden sie ihm vergeben seyn. Es ist offenbar, daß dieser Gebrauch nicht für Sterbende, sondern für Kranke verordnet worden sey. Es ist weiter klar, daß die Hei- Nn 5 lung 5?O Geschichte der christlichen Religion. lungder Kranken nicht der Salbung mit Oele, sondern dem Gebethe des Glaubens zugeschrieben werde. Da es auch gewiß ist, daß die Apostel ihre Briefe, ob sie gleich dieselben für alle Christen schrieben, doch insbesondere und vornehmlich für die Gemeinen ihrer Zeih abfasseten: so ist zum wenigsten wahrscheinlich, daß in dieser Stelle unter dem Glauben der wunderthätige Glaube verstanden werden muß, den die Christen, und besonders ihre Aeltesten, zu der Zeit hatten, da die Kirche erst gepflanzer werden sollte. Diese Erklärung der apostolischen Verordnung wird noch gewisser, wenn man erwagt, daß Gott die Sünden der ersten Christen zuweilen mir leiblichen Strafen zu ahnden pflegte, damit sie ihren Wandel mit einer desto größer«, Vorsicht führen möchten. Dieses schien um desto nöthiger zu seyn, weil die Welt damals der größten Laster so sehr gewohnt war, daß der Abscheu vor denselben in den neubekehrtcn Christen durch etwas mehr, als bloße vernünftige Vorstellungen und Gründe, erweckt und unterhalten werden mußte. Alles dieses erhellet daraus, daß in der corinthischen Gemeine viele von denen, welche das Abendmahl nicht würdig genug brauchten, krank wurden und starben. Man weis, daß sowohl Christus, als seine Apostel, ihre Wunder mit symbolischen oder erinnernden Handlungen zu begleiten pflegeten. So theilelen die Apostel die Gaben des heiligen Geistes durch die Auflegung der Hände andern mit. Die Salbung mit Oele war also unstreitig auch nichts anders, als eine symbolische Handlung, welche den Christen gewisse Wahrheiten oder Wohlthaten Gottes auf eine sinnliche Weise zu Gemüthe führen sollte. So wie die Wundergabcn in der Kirche aushörcten : so verlohrcn sie auch die Kraft dieses Zweyter Abschnitt. 57t dieses heiligen Gebrauchs. Daher wird desselben in den ältesten Denkmalern der Kirche wenig gedacht. So ist es mit den allgemeinen gottesdicnstlichen Handlungen und Gebrauchen der ersten Christen beschaffen. Man sieht aus dieser Abbildung derselben, daß die meistm mit der edlen und erhabenen Einfalt des Christenthums übereinstimmeten. Man sieht, wie sie sich von Zeit zu Zeit vermehret haben, und es ist auch leicht, die Ursachen dieser Vermehrung zu entdecken. Allein, man sieht zugleich, daß schon gewisse willkührliche Gebrauche Gesetze zu werden anfingen, und zugleich Mißbrauche, die daher entstanden, und deswegen Irrthümer in den christlichen Glauben einführcten. Dieser schädliche Einfluß einiger an sich löblicher und unschuldiger gottesdienstlicher Gebräuche verdienet unsere Aufmerksamkeit. Das erste Grundgesetz bey allen gottesdienstlichen Handlungen Muß nothwendig nach den Lehren der Religion Jesu Christi dieses seyn : kein Christ muß zu Handlungen, als zu Pflichten verbunden werden, welche nicht zum Wesen eines öffentlichen Gottesdienstes selbst gehören. Man kann daher keinem die Unterlassung willkürlicher Gebrauche, so löblich sie auch an sich selbst seyn mögen, als ein Verbrechen ausdeuten, wofern sie nicht in der Absicht geschieht, die Ordnung zu stören, und andern anstößig zu seyn. Und aus eben diesem Grunde müssen diejenigen, denen die Sorge für die Einrichtung des öffentlichen Gottesdienstes überlassen ist, gewisse willkührliche Gebräuche lieber abrathen oder verändern, als darüber halten, wenn sie sehen, daß sie zu gesetzlichen Handlungen werden, und der große Haufe auf die Gedanken kömmt, alö wohne ihnen eine innerliche Heiligkeit 'bn>. 572 Geschichte der christlichen Religion. bey. Wenn dieses nicht geschieht, so kann der beste Gebrauch einen Irrthum in der Religion selbst erzeu- gen. Dieses Grundgesetz wurde nicht immer mit der größten Treue beobachtet. Alle symbolische Handlungen sind von der Art, daß der Endzweck, um deswillen sie verrichtet werden sollen, leicht vergessen werden kann, weil er nicht so enge mit ihnen verbunden ist, als der Begriff eines Wortes an dem Schalle, den es machet, haftet. Die Christen hatten die Gewohnheit, an allen Sonntagen und hohen Festen ihr Gebeth stebend zu verrichten. Man hielt das Stehen für ein Zeichen der Freudigkeit und Zuversicht, und man glaubte, Ursache zu haben, an diesen Tagen freudig zu seyn, weil man sich an denselben erinnerte, daß Jesus Christus an dem ersten Tage in der Woche aus dem Grabe auferstanden sey. Diese ersten Tage in jeder Woche wurden bestimmte Tage des öffentlichen Gottesdienstes ; man dienete dem Herrn an denselben, man pries ihn für seine Wohlthaten; man hörete aber auf, sich ausdrücklich allezeit an denselben der Auferstehung seines Erlösers zu erinnern, weil dem Andenken dieser hohen Wohlthat ein besonderes jahrliches Fest gewidmet war. Man fuhr fort, sein Gebeth stehend zu verrichten. Mit der Zeit wurde ein Gesetz daraus, und man hielt es für unerlaubt, an einem Sonntage kniend zu bethen. Gleichwohl hätte die Gewohnheit, stehend zu bethen, wenn sie symbolisch seyn sollte, lieber aufgehoben werden sollen, weil eine andere Handlung, nämlich die feyerliche Erinnerung an die Auferstehung Christi aufgehöret hatte, um deren willen jener Gebrauch eingeführet worden war. Ueberhaupt mußten beyde Gebrauche auf den freyen Willen der Christen ankommen,, ob einer sie verrichten wollte, Zweyter Abschnitt. 575 wollte, oder nicht. Es sollte ihnen billig frey gelassen gewesen seyn, ihr Gebeth stehend oder kniend zu thun. Es ist zwar gut, wenn auch in dein äußerlichen Bezeigen bey dem Gottesdienste durch eine allgemeine Einwilligung eine wohlanständige Gleichförmigkeit eingeführet werden kann. Allein, niemals muß sie zum Zwange werden. Denn eben darum sind die Gläubigen von der 5ast des Ceremonialgesehes befreiet worden; und wenn eine solche Gleichförmigkeit im Aeußcrlichen in einer Gemeine oder in allen Christen- gemeinen nothwendig und unentbehrlich wäre: so würde Gott selbst alle Kirchengeoräuche angeordnet haben, die uns etwa nöthig seyn möchten. Das Fasten war eine leibliche Uebung, welche die Andacht befördern konnte. Allein, die Rechtgläubigen handelten nach den Grundsätzen der Religion, daß sie sich von den Montanisten wegen einer an sich gleichgültigen Uebung keine Geseße und unnöthige Pflichten aufdringen ließen. Möchten sie doch allezeit nach diesen gesunden Vorschriften gehandelt haben : so würde die christlicheWelt niemals von einer Tyranney über Gewissen gehöret haben! Das Opfern vor dem Genusse des heiligen Abendmahls war an sich eine löbliche, und wenn man darauf sieht, daß die iehrer und die Armen ihren Unterhalt von diesen freywilligen Geschenken der Christen hatten, auch eine nöthige Gewohnheit. Allein, es gehörte nicht zum Wesen des Gottesdienstes. Es zeigte dieses Opfern in der Folge die Gemeinschaft an, in welcher man mit der Kirche stund. Allein hatte wohl ein einziger Christ das Recht, ein nothwendiges Kennzeichen dieser Gemeinschaft daraus zu machen, und so bald es darein verwandelt wurde, war dieses Opfern 574 Geschichte der christlichen Religion. Opfern alsdenn nicht schon ein Misbrauch? Denn der unverständige Haufen hielt sich an dieses äußerliche Merkmaal der Gemeinschaft mit der Kirche, und vergaß , was der Mensch nur allzugern vergißt, daß ihn uur ein wahrer Glaube und ein wirklich heiliges und tugendhaftes Leben zum wahren Mitgliede der Kirche mache. Die irrigen Begriffe der spätern Zeiten von der Kirche sind alle daraus vornehmlich entstanden, daß mandieBeobachtunq gewisser kirchlichen Gebrauche für eben so nothwendig, als die Beobachtung des Sittengeseßes gehalten, und sie zu apostolischen Gesetzen gemacht hat. So wurden zum Exempel bey dem öffentlichen Gottesdienste der Christen gewisse Bech- formulare üblich. Sie hatten auf einige Zeit ihren wahren Nutzen, so lange nämlich, als die Ohren des Volkes derselben nicht allzugewohnt wurden. Ihr Gebrauch erhielt sich einige Zeit. Sie waren vielleicht, dem Inhalte nach, vortrefflich ; man hielt es also nicht für nöthig, Aenderungen darinn zu machen. Es kamen Zeiten, wo man sich ein Gewissen darüber machte, Aenderungen in Sachen vorzunehmen, denen ein langer Gebrauch ein ehrwürdiges Ansehen gegeben hatte. Oder man wagte sich auch nicht, dieses zu thun, weil man bey dem Volke anstößig zu werden fürchtete. Dieses ist unstreitig eine von den Ursachen, warum in dem Gottesdienste der occidentalischen Kirche , der doch durchgängig in den ersten Zeiten in der Sprache des gemeinen Mannes gehalten worden war, die lateinische Sprache auch noch zu der Zeit blieb, wo der große Haufe sie nicht mehr verstund. Es giebt gotteödienstliche Gebräuche, die nicht zu weit alisgedehnt werden müssen, wo sie nicht Mis- bräliche erzeugen sollen. Was für eine erhabene Ceremonie Zweyter Abschnitt. 575 reinonie ist der Genuß des gesegneten Brodtes und des geheiligten Weins! Niemand kann sie würdig beobachten, als verwirklich an den Erlöser glaubet. Unwürdige und offenbare Sünder sollten sich selbst, wie Paulus verlanget, von dieser gotteödienstlichen Handlung ausschließen. Die ersten Christen hatten die Gewohnheit, das Abendmahl an allen Tagen des Herrn zu halten. Allein, es tonnten vielleicht nicht alle Christen bey dieser Handlung zugegen seyn? Die Kirche führete also, aus Liebe und Achtungl gegen ihre Brüder, den Gebrauch ein, ihnen zum Zeichen der Gemeinschaft, die sie mit den Abwesenden unterhielten, einen Theil der Eucharistie, durch die Diener der Kirche zuschicken zu lassen. Die Kinder der Gläubigen wurden für Mitglieder der Kirche wegen der Taufe gehalten, die sie empfangen hatten. Darum Q^/I/'^. schlich sich durch jenen Gebrauch der Misbrauch ein, auch den Kindern das Abendmahl zu geben. Dieser Misbrauch scheint seinen Ursprung bis in das zweyte^^ '"^ christliche Jahrhundert hinaufführen zu können. Wenn man unterdessen sieht, daß die Ceremonien in der christlichen Kirche von Zeit zu Zeit mit neuen, und zwar mit solchen Gebrauchen vermehret wurden, die nicht allezeit eine gottesdienstliche Bedeutung hatten : so muß man eine billige Nachsicht gegen die menschliche Schwachheit haben. Erwäget man, daß die ersten Christen Iüden und Heiden gewesen sind, die sich von Kindheit an zu unzahligen Gebräuche,, und Ceremonien gewöhnet hatten: so wird man sich nicht wundern, wenn auch einige ganz unnütze Gewohnheiten unter die Christen aufgenommen wurden. Darunter gehöret der Gebrauch, sich allezeit unter dem Gebethe gegen Morgen zu wenden; ein 576 Geschichte der christlichen Religion. ein Gebrauch, der im Oriente darum so gewöhnlich war, weil man daselbst die Gottheit entweder für das Licht selbst, oder doch die Sonne für die Wohnung der Gottheit hielt. Diese Gewohnheit wurde zwar von denen verworfen, die das Christenthum annahmen: allein der ane und durchgängig angenommene Gebrauch, der daraus entsprungen war, wurde beybehalten. Es ist wahr, daß man diesn Gebrauch vernünftig zu machen und ihm einige Bedeutung zu geben suchte. Man sagte, daß man sich darum im Gebethe alle?eit gegen den Morgen richtete, weil unser Erlöser der Aufgang aus der Höhe genannt würde. Man sieht wohl, daß dieses die eigentliche und wahre Ursache dieses Gebrauches nicht seyn könne. Denn mit was für Gebrauchen sollte nicht die Kirche überschüttet werden, wenn ein jeder metaphorischer Name unsers Heilandes einen Gebrauch veranlas sen sollte. Auf eben die Weife hätte es ein besonderer Gebrauch seyn können, in Weinbergen zu bethen, weil Christus sich selbst in der Schrift einen Weinstock genannt hat. Eben fo verhält es sich mit dem Rauchern, in den öffentlichen, zum Gottesdienste bestimm- ten Gebäuden. Dieser Gebrauch wurde offenbar von t?«»o«. den Heiden entlehnet, und hatte mit dem christlichen' ///. /I/-»//. Gottesdienste nicht die geringste Verwandtschaft. Al- s./^ kann wohl einen Gebrauch erfinden, welchem „o,/.v/,/^-der Mensch, wenn er das Sinnliche einmal liebet, c-,?./-. 78. nicht eine gute Bedeutung geben könnte, wofern man nur nicht fordern will, daß sie natürlich seyn soll ? Man könnte dieses noch von vielen andern solchen Gebräuchen sagen, die ihrem Ursprünge nach jüdisch sind, und besonders im Oriente eingeführet wurden, wofern wir nicht in der Geschichte der nachfolgenden Jahrhunderte Gelegenheit genug darzu finden würden. Dem Zweyter Abschnitt. 577 Dem ungeachtet verdienet die Bescheidenheit und Mäßigung der ersten Kirche in der Einführung neuer gottesdienstlicher Gebräuche, bey so vielen Veranlassungen , die sie dazu harte, bewundert zu werden. Denn man brauchte nicht zu erstaunen, wenn ihr Gottesdienst mit weit mehr Ceremonien beschweret gewesen wäre. Man sollte aber vermuthen, daß er immer lauterer und geistlicher hätte werden müssen, je bekannter und ausgebreiteter die Grundwahrheiten der christlichen Religion wurden. Doch zum Be- weise, wie wenig oft die Menschen bey dem Hellesten Lichte sehen, werden die künftigen Jahrhunderte diese Vermüthung widerlegen, und uns überführen, daß, je ceremonialischer der Gottesdienst der Christen geworden ist, desto verderbter und irriger auch ihre Religion geworden sey. Wer kann die Widersprüche begreifen, die das menschliche Herz fassen kann? Unsere Z iten sind so erleuchtet , daß fast alle Menschm beweisen können, es sey gleich viel, ob man sein Gebeth gegen den Morgen oder gegen den Abend verrichte. Man hat so viel Verstand, daß man auch die kleinsten Flecken der Sinnlichkeit und des Aberglaubens an den ersten Christen zu entdecken weis. Man entwickelt die seichten Beweisgründe eines Cvprians, wenn er alle Taufe der Irrgläubigen verwirft; man kann alle Fehlschlüsse in ihrer Bloß? zeigen , von welchen sich ein Nova- tian verleiten ließ, die Sünder, welche die Religion verleugnet hatten, von den heiligsten Handlungen des Gottesdienstes auszuschließen. Man behauptet mit der größten Fremnüthigkeir, und mit Rechte, daß schon das zweyte und dritte christliche Jahrhundert in vielen Stücken von der Reinigkeit und Unschuld der II Theil. O 0 apo- 578 Geschichte der christlichen Religion. apostolischen Zeiten abgewichen sey. Diese Wissenschaft ist sehr ausgebreitet. Wer sollte nicht glauben, daß unsre Zeiten weit apostolischer und christlicher seyn müßten, als das zweyte und dritte Jahrhundert der Kirche, weil sie mehr Einsichten zu haben scheinen?-- Doch ich beschreibe nicht die Schicksale, welche die Religion in unsern Tagen erfahrt. Ich mache bloß die Anmerkung, daß, wenn auch die ersten Christen einige überflüßige Gebräuche und Ceremonien bey ihrem Gottesdienste hatten, ihre Gemüther dem ungeachtet von einer wahren Furcht vor Gott und einer ernstlichen und aufrichtigen Liebe gegen die Tugend erfüllet waren. Ihr Gottesdienst hatte die Absicht, wie Plinius zu ihrem Lobe sagen mußte, keine Bosheiten auszuüben, keinen Mord zu begehen, niemanden das Seinige zu verweigern, und, wie der größte Spötter, Lucian, gestund, einem jeden ihrer Brüder in seinen Bedrängnissen mit dem größten Eifer beyzustehen. Wäre diese Ehrfurcht vor Gott und diese Hochachtung gegen die Tugend ; diese Ueberzeugung, daß man nicht eher groß und glücklich sey, als wenn man alle seine Pflichten auf das strengste erfülle, nicht so tief in die Seelen der ersten Christen gepflanzet gewesen: was hätte sie denn bewegen können, die Versammlungen auch alsdann nicht zu verlassen, wenn sie von den schrecklichsten Gefahren deswegen bedrohet wurden? Das Aeußerliche in dem Gottesdienste der ersten Christen kvnnte gewiß weder ihre so brünstige Liebe gegen den Erlöser, noch die Unschuld ihres Wandels erzeugen. Wenn die Göttlichkeit der Religion nicht so viel Gewalt über ihre Herzen gehabt hätte: so würden sie sich der strengen Zucht nicht unterworfen haben, die in allen christlichen Gemeinen beob- Zweyter Abschnitt. 579 achtet wurde, da sie doch einer so ausschweifenden Freyheit genossen hatten, ehe sie zum ehristüchen Glauben bekehret wurden. Diese Kirchenzucht der ersten drey Jahrhunderte, von der die Religion, solange sie in keine tyrannische Herrschaft ausartete, sehr große Vortheile hatte, verdienet eine nähere Betrachtung. »5»«« «««»5«« der Kirchenzucht der drey ersten christlichen Jahrhunderte. ^HHa die Christen in der Welt eine Gesellschaft auö- machen, die sich verbindet, Gott nach den Vorschriften seiner geoffenbarten Religion frcywillig und ungezwungen zu dienen: so ist offenbar, daß sie sich eben der Rechte zu erfreuen haben müsse, die einer jeden Gesellschaft, welche den bürgerlichen Wohlstand eines Staates nicht störet, zugestanden werden. Dieses ist um so viel gewisser, je größere Vortheile selbst die irdische Glückseligkeit der Menschen von der christlichen Religion erhalt. Die Mitglieder dieser Gesellschaft müssen also die Freyheit haben, gewisse Verbindungen mir einander einzugehen, und solche Verordnungen zu machen, durch welche der Wohlstaud, die Ruhe und die Erhaltung derselben befördert, und der große Endzweck, um deswillen sie sich mit einander vereiniget haben , leichter erreichet werden kann» ob sie gleich einander zur Erfüllung dieser Verbindungen und Verordnungen,durch keine Mittel des Zwanges und der Gewalt, die die christliche Religion selbst Von Oo 2 der- 58s Geschichte der christlichen Religion. verabscheuet, nöthigen können. Aus diesen Verord- nungen entsteht die Disciplin oder die Zucht der Kirche. Wir würdigen die äußerliche Einrichtung der Gemeinen, wie sie in den apostolischen Zeiten beschaffen gewesen ist, uisserer besondern Älufmerksamkeit, ob gleich schon in der vorläufigen Betrachtung über die Schicksale der Religion eine allgemeine Abbildung Matth.iZ, davon gegeben worden ist. Christus selbst und seine 19. J0.20, Apostel haben dcn Grund zu dieser Kirchendisciplin ge- 2^-22.2Z. So verordnete der Erlöser, in Ansehung des sei,, was zur äußerlichen Zucht der Kirche gezogen Matt 26, werden daß diejenigen, die sich zu'seiner Lehre 26. u. f. bekennen würden, durch die Taufe zu Mitgliedern sci- Matth.iZ, Gemeine eingeweihet werden; daß sie zum Ge- ^5- dächtnisse seines Todes das Brodt der Danksagung es tt^// ""^ ^^^^ Bundes mit solchen Ge- M,»^. bräuchen, die von dem Passah der Juden hergenom- c///- men waren, trinken; daß die Gemeinen die Streitig-- ^ öS- festen unter ihren Mitgliedern, wenn sie nicht von der e/^/^//? Wichtigkeit wären, daß sie nur von der Obriukeit ent- schieden werden könntei,, in der Güte beyzulegen sn- /»w. chen , und den , der sich dem Urtheile der Gemeine nicht unterwerfen wollte, für keinen Bruder haltt»; daß endlich seine Apostel die Macht haben sollten, daö Himmelreich durch ihre Lehre zu öffnen, die nöthigsten Verordnungen zum Wohlstande der neu errichteten Gemeinen zu machen, und die Sünden der Menschen entweder zu behalten, oder zu vergeben. Außerdem verordnete er, daß unter Christen keine Ehe, aus andern Ursachen, als um des Ehebruchs willen, völlig aufgehoben und getrennet werden sollte. Aus diesen Verordnungen, welche Christus in Ansehung der äußerlichen Zucht, die von den Bekennen« Zweyter Abschnitt. 581 seines Namens beobachtet werden sollte, selbst verfasset hatte, erhellet aufs deutlichste, Daß er weit da- von entfernet gewesen sey , durch die Ausbreitung seiner Religion, im Staate, wie man saget, einen neuen Staat anzulegen. Ob er selbst gleich seine Gemeine in Lehrer und in Zuhörer eintheilte: so gab er ihr doch keine andere Gewalt, als die Gewalt des Geistes und die Macht eines vernünftigen Unterrichtes. Er erkläret«? sich gegen seine Jünger deutlich, daß sie nicht, wie die Gewaltigen, herrschen, sondern Diener seyn sollten. Von den übrigen Christen aber foderte er gegen die Religion keinen andern, als einen freywilligen und unerzwungenen Gehorsam. Sein Reich war nicht von dieser Welt; es war ein Reich der Wahrheit und Freyheit. Die Apostel hatten sich so wenig vorgenommen, durch ihre Predigten von dem Glauben an Christum, eine eigene neue Seete aufzurichten, daß sie vielmehr sich so lange zum jüdischen Gottesdienste in denen Stücken hielten, die einem jeden öffentlichen Dienste Gottes wesentlich sind, so lange sie weder aus den Apostel«.. Synagogen ausgestoßen wurden , noch ganze Syna-'8,8 ^7 gogen ihre göttliche Lehren annahmen. Nach und ^mo-^-' nach aber entstunden aus den öftern Privatzusammen- ' künften der Christen besondere und ordentliche Gemeinen. Man kennet nunmehr schon den Gottesdienst der S.die vor^ ersten Christen, mit seinen besondern Einrichtungen bethen. ' und heiligen Gebrauchen, die entweder schon zu den Zeiten der Apostel, oder nachher in der Kirche der drey ersten christlichen Jahrhunderte eingeführet und angenommen worden sind. Man brauchet also nur noch die wichtigsten von den andern Kirchengeschen O o z ken- 582 Geschichte der christlichen Religion. kennen zu lernen , die entweder die Apostel verfasset, oder die Christen in der Folge der Zeit zu den einmal angenommenen apostolischen Verordnungen hinzugesetzet haben. Man kann in der Gesellschaft, welche die Christen auf der Erde ausmachen sollen, kein Mitglied werden, ohne in den Wahrheiten der Religion unterrichtet zu seyn; und es gehöret unter die Pflichten dieser Mitglieder, niemals in ihrer erlangten Wissenschaft stille zu stehen, sondern darinnen fort zu gehen und reich an allerley geistlichen Erkenntniß zu werden. Darum verordneten die Apostel, nach dem Befehle ihres Meisters, daß das Amt, die Religion auszubreiten, insbesondere einigen Mitgliedern der Gemeine aufgetragen werden sollte, weil diese beyden Endzwecke des Christenthums nicht leichter, als auf diese Weise, erhal- k'postcl'g. teu werde:, konnten. Diese Lehrer, deren Vorzüge 6,, 6. c. Z, und Rechte wir bald umständlicher beschreiben werden, ,4. ^/4,'wurden bald von den Aposteln allein, bald von ihren ^-'^'it.'i Mitgehülfen, bald von der ganzen Gemeine erwählet 5. Zipostg. und eingesetzet. Den ersten, die dazu verordnet wur- 1,2z. 24. den, ertheileten die Apostel mit Auflegung der Hände, c. 6,2. als einem unter den Jüden gewöhnlichen Mertmaale ^ C"r^8 ^ Segens, die außerordentlichen Wundergaben des ' ^ heiligen Geistes. Sie wollten, daß zum öffentlichen Lehramte bloß Personen des männlichen Geschlechtes genommen werden sollten. Denn ob sie gleich zu grösserer Beobachtung des Wohlstandes, für die 'Armen und Kranken aus dem weiblichen Geschlechte, Diene- rinnen oder Diakonißinnen verordneten: so wollten sie doch zugleich, daß das Meid in der Gemeine schweigen sollte. Denn die eigcntlicheBestimmung des weiblichen Geschlechtes , sollte durch die Religion Zweyter Abschnitt. 58z nicht geändert und aufgehoben werden. Diese aber hätte entweder geändert, oder es hätten die Verrichtungen des Lehramtes sehr oft unterbrochen, gestohret, und ausgesetzet werden müssen, wenn das weibliche Geschlecht zum Amte der Lehre eben so fähig hatte seyn sollen, als das männliche Geschlecht. Darum sollte das Weib in der Gemeine schweigen. Doch das war zur Disciplin der Kirche in diesem Stücke noch nicht genug. Man mußte wissen , wie man sich bey der Wahl der Lehrer zu verhalteil hätte, und diejenigen, die da^u bestimmet wurden, mußten in solche Umstände gesetzet werden , in welchen sie ihr Amt ungestöh- ret abwarten , und demselben eine vollkommene Gnü- ge leisten konnten. Darum bestimmete Paulus die Eigenschaften, die bey einem Lehrer der Gemeine gefunden werden sollten, und verpflichtete zugleich die Christen zur Unterhaltung ihrer Aufseher und Diener, ob er es gleich ihrem eigenen Gutdüncken überließ, wie sie diese Versorgung einrichten wollten. Es ist wahr, daß dieApostel sich durch die Arbeit ihrer Hände erhielten. Dieses aber konnte weder für alle Christen, noch für alle Zeiten, eine Regel seyn; denn sie erließen den Christen die Ausübung einer Pflicht, die ihr Nutzen und die Billigkeit erfoderte, aus keiner andern Ursache, als weil sie die Welt überzeugen wollten , daß sie bey der Ausbreitung der Religion ohne alle irdische Absichten handelten. Wenn sie sich in den Zeiten, da das Christenthum der Erde noch unbekannt war, von den Bekennen desselben hätten verpflegen lassen, wie sie solches fodern konnte-,: so war der Argwohn, daß sie eigennützig wären, bey Heiden, die von der Religion noch keine Begriffe hatten, zu entschuldigen: aber wäre wohl ein solcher Arg- Oo 4 wohn 584 Geschichte der christlichen Religion. wohn Christen zu verzeihen , die von der Unentbchr- lichleir der Religion zu ihrer wahren Ruhe überzeuget seyn müssen? Es giebt gewisse an sich selbst gleichgültige Handlungen, die zwar keine innerliche sitrlicheGüte haben; die aber auch nicht dawider streiren, sondern ohne Furcht, Gott dadurch zu beleidigen, verrichtet werden können. Unter diese Handlungen gehörete zu den Zeiten der Apostel das Ess n des Blutes, des Erstickten , und des Gößenopfers. Blut zu essen , oder Speisen zu genießen, die den heidnischen Gößen geopfert worden waren , das waren an sich unsündliche Handlungen. Allein, weil die Christen, wenn sie hier ihre Freyheit gebrauchten, den Juden so wohl als den Heiden und selbst den Schwachglaubigen unter ihnen allzuanstößig werden, und fremde Gewissen bestricken konnten: so untersagten sie ihnen zum Theile einige von diesen Handlungen, und zumTheile befahlen sie ihnen, mit dem Gebrauche ihrer Freyheit vorsichtig umzugehen und auf die Umstände zu merken , in denen sie sich befinden würden. Zugleich gaben sie durch dieses Verfahren allen christlichen Gemeinen auf alle Zeiten eine allgemeine Vorschrift, wie sie sich bey gleichgültigen Handlungen oder in Ansehung der so genannten Mitteldinge verhalten sollten. Sie sind gottesdienstliche Gesellschaften; sie müssen also daraufsehen, daß weder ihr Wohlstand, noch ihre Ausbreitung, durch den Gebrauch ihrer Freyheit gestöhret und verhindert werde. Aus eben diesem Grunde machten die Apostel in Anschung der Ehen , in welche die Christen getreten waren, oder noch treten wollten, einige Verordnungen, die zur ersten Kirchenzucht gezogen werden können. Zweyter Abschnitt. 585 neu. So verlangte Paulus, daß sich weder gläubi- l Cor. ?- ge Weiber von ungläubigen Männern, noch gläubige Manner von ungläubigen Weibern enthalten sollten , wenn es dem ungläubigen Theile gefiele, die Ehe mit dem andern fortzusetzen. Die Ursache dieses Kirchengesetzes war die Vermehrung der Gemeine. lVas weißest du, du lVeib, ob du den Mann werdest selig machend Oder du Mann, was weißest du, ob du dastVeib werdest selig machen? Nichts kann den Wohlstand einer Gesellschaft mehr erhöhen und sie weiter ausbreiten, als wenn unter ihren Gliedern eine vollkommene Einigkeit herrschet. Die Christen machen zwar alle zusammen nur eine Gesellschaft aus 5 sie sind alle ein Leib , von dem Christus das Haupt ist: dennoch aber haben sie sich sehr zeitig in kleinere Gesellschaften und Gemeinen theilen müssen. Man kann mehr als fünfzig besondere Kir- ^. / chen zählen, die von den Aposteln selbst und ihren Ge-"^"- hülfen gepflanzet worden sind, und in der heiligen A'.^^ Schrift schon erwähnet werden. Die Stifter des ^«/c "o. Christenthums wollten, daß diefe Kirchen, wenn es die Umstände erlaubten, eine anständige Gemeinschaft mit einander unterhalten möchten. Dieses erhellet Apostels, daraus, daß sie zuweilen ihre Briefe an viele Gemei- 8/i5-14- nen zugleich richteten, oder zuweilen auch die Verord- c- 9,zi>Z2. nung machten, daß ihre Briefe, die nur an diese oder u^f. jene Gemeine gerichtet waren, den Benachbarten mit- ' ' ' getheilet werden sollten. Diese Verbindung der besondern Kirchen war um so viel enger, je näher sie einander waren; zumal zwischen denen, welche von andern das Evangelium zuerst empfangen hatten. So sendete die Gemeine von Jerusalem Petrum und Io O o 5 hcm- 586 Geschichte der christlichen Religion. hcmnem nach Samaria, denen, welche daselbst das Wort Gottes angenommen hatten, die Taufe und den heiligen Geist mitzutheilen. Doch wie diese Verbindung , außer der allgemeinen Eigenschaft, nämlich der Uebereinstimmung in der Wahrheit und Tugend , sonst noch beschaffen seyn sollte, davon haben die Apostel selbst keine besondern Gesetze hinterlassen. i Cor. 6, i. Sie sorgeten aber weit mehr für die Eintracht un- 2Cor.iz,i-ter den Mitgliedern einer jeden besondern Gemeine. Daher riech der Apostel, daß sie die Streitigkeiten, ^ ^uen entstehen würden, in der Güte beyzu- legen suchen, und sie nicht vor die Richterstühle der heidnischen Obrigkeiten bringen sollten. Wie überhaupt alle Kirchcngeseße mehr Rathschläge und gute Ordnungen, als Gesetze im eigentlichen Verstände sind, indem sie auf die allgemeine Einwilligung der Christen ankommen, und nicht eher und länger verbinden , als sich ein jedes Mitglied selbst und freywit- lig bindet: so war in diesem Kirchengesctze auch nichts, welches die Christen zu einem Eingriffe in die Rechte der Obrigkeit berechtigen, oder von dem Staate dafür angesehen werden konnte. Denn die Gerechtigkeit, wo sie anders eigennützig ist, muß sich allezeit freuen, wenn Privatstreitigkeitcn durch eine friedliche Vergleichung der uneinige,, Parteyen aufgehoben werden können. Sie selbst muß in vielen zweifelhaften Fällen ihre Zuflucht zu diesem Mittel nehmen, wenn sie sich nicht in die Gefahr begeben will , in Fällen, wo menschliche Einsichten nicht weit genug reichen, zu fehlen und ungerecht zu urtheilen. Das Christenthum geboth zwar allen seinen Bcken- nern die Mildthätigkeit und das Erbarmen gegen ihre Dürf- Zweyter Abschnitt. 587 Dürftigen und nothleidenden Brüder. Allein, da einer in einer Gemeine theils nicht alle Brüder kennet , die seiner Hülfe bedürfen, theils nicht allen und auch nicht allen in einem gleichen Grade beysieh en, und dieser Ursachen wegen, leicht dieser oder jener leer ausgehen und hülfios bleiben kann: so führte Paulus die löbliche Ordnung unter den Gemeinen ein, daß sie bey der öffentlichen Feycr ihres Gottesdienstes an den Tagen des Herrn , für die Armen sammlen sollten; ein Gesetz, das allen andern Kirchengesetzen ähnlich war, alle zur frcywilligen Beobachtung desselben eim lud, und niemanden zwang. Dieses waren apostolische Kirchengesetze, die hauptsächlich diejenigen angicngen, welche die erforderlichen Eigenschaften eines Christen, oder zum wenigsten doch die äußerlichen besaßen,, über welche Menschen urtheilen können. Allein, wie oft trägt sichs zu , daß ein Mitglied den Blind zerreißt, den es mit seinen andern Mitgliedern eingegangen ist; daß es der Gesellschaft zur Schande wird, und sich wider alle die Pflichten auflehnet, deren Ausübung den Wohlstand, die Ehre und die Vorzüge der Gesellschaft ausmachet? Die Christen verbinden sich , dasjenige zu glauben, was die Offenbarung mit klaren und deutlichen Aus? sprüchen lehret; sie verbinden sich zu einem heiligen und untadelhaften Wandel. Wie sollte sich die Kirche^, oder die gottesdienstliche Gesellschaft gegen ihre unwürdigen Mitglieder verhalten? Hier ist die Frage nicht, was die Apostel wegen der außerordentliche» Gewalt, die sie von Gott empfangen hatten, widee die ausgearteten Mitglieder der Kirche unternehmen konnten , fondern wie sich die christlichen Gemeine« gegei» 588 Geschichte der christlichen Religion. 2 Tbess. z, gegen sie zu verhalten hatten? In Ansehung der Ir- 14. Rom. renden verordnete Paulus, daß man ihnen mit ^^7-^^ Sanftmuth und Geiindigkeit auf den rechten Weg 5,'?. 2 helfe" sollte; keyerisibe Menschen aber, solche, wel- verql. mitche in keiner andern Absicht Irrthümer behauptendes, tcn, als in der Absicht, Unruhen und Spaltungen Ich.io. ,'n der Gesellschaft anzurichten, sollte man einmal ^' ^er zweymal ermähnen, und hernach, wenn sie den 5^/»^. / 5. ^eist des Aufruhres nicht verleugnen wollten, sich ih- c./o. rein Umgänge entziehen ; diejenigen aber, die in offenbaren Lastern lederen und darinnen fortführen , sollten von aller Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen und hinaus gewiesen werden. Daher bestrafet er die corinthifche Gemeine, daß sie einen Blutschänder unter sich geduldet hatte, und sagte: rhuc von euch hinaus, rvas böse ist. Sie sollten dergleichen ausgeartete Mitglieder für keine Christen erkennen, ihnen die Pflichten, welche sie einander als Christen erwiesen, nicht erzeigen , und diejenigen gottcsdienstlichen Handlungen nicht mit ihnen verrichten , die nur Christen verrichten sollen , damit sie dadurch beschämet und vielleicht wieder aufdenWeg des Friedens zurück gebracht werden möchten. Wegen der Wiederaufnahme der Gefallenen, findet man keine besondern apostolischen Verordnungen. Denn so bald das ketzerische oder das lasterhafte Mitglied der Gemeine sich bekehrete, und Beweise von seiner Bekehrung gab : so war es überhaupt ihre Schuldigkeit, 2Cor.2,7.^,^. Ges^lle„xn ^jxh^. ^„^„ehmen, und wie Paulus sagte, zu vergeben und zu trösten. Das ist das Wichtigste, was wir von der äußerlichen Kirchenzucht erzählen können, welche Christus und seine Apostel festgesetzet haben. Ehe wir sehen, wie die Kirche in den ersten drey Jahrhunderten ihre Difci- Zweyter Abschnitt. 589 Disciplin erweitert hat, wollen wir noch einige Anmerkungen über die Kirchengesetze des Erlösers und seiner Apostel machen. Weder Christus, noch seine Apostel, nöthigten durch äußerliche Zwangsmittel einer irdischen Gewalt, die Mitglieder der Kirche zur Unterwürfigkeit gegen diese heilige Zucht. Sie foderten einen freywilligen Gehorsam. Nirgends erblicket man eine Spur einer weltlichen Herrschaft. Es sind zwar den Ueber« etern der Gesetze, die Jesus gebothen hat, schreckliche Strafen gedrohet: aber das Strafamt hat die Gemeine nicht, sondern ihr Haupt der Erlöser; sie siud nicht von dieser Welt, weil sein Reich nicht von dieser Welt ist. Die Gemeine der gläubig- n und frommeu Christen , kann die irrgläubigen und lasterhasten Christen nur unterrichten, nur ermähnen, nur mit den Strafen der Ewigkeit schrecken; und, wenn diese Mittel fruchtlos sind, sich nur von ihnen absondern, und keinen vertraulichen Umgang mit denen unterhalten, die sich durch-ihre Irrthümer und Laster, freywillig von ihnen abgesondert haben, und sich ihres Umganges unwürdig bezeigen. Christus und die Apostel haben ihr nirgends eine Gewalt über die Güter, die bürgerliche Ehre, die Leiber und das Leben ihrer unwürdigen Glieder verliehen. Diese Gewalt hat nur die Obrigkeit; diese kann die Uebertreter der bürgerlichen Gesetze bald durch den Angriff ihrer Güter, oder ihrer Ehre, oder ihrer Leiber, oder ihres Lebens, entweder zur künftigen Beobachtung derselben zwingen, oder andere von der Beleidigung ihrer Befehle abschrecken. Die Kirche aber trägt das Schwerdt nicht; sie brandmarket nicht; sie zündet keine Scheiterhaufen an; denn sie ist nicht die Obrigkeit. Die NXlffen ihrer 2 Cor. ic- Ritter 6--5°r,5 24 59O Geschichte der christlichen Religion. Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gort. Sie würden aber fleischlich seyn , wenn Christus der Kirche eine bürgerliche Gewalt gegeben hätte. Sie weis also von keinem andern , als von einem moralischen Zwange, dem sich der Mensch widersetzen kann , ob er sich ihnen gleich niemals ohne Gefahr widersetzen kann. Von den Kirchengesetzen, welche die äußerliche Zucht und Ordnung der Kirche bestimmen, und von Christo und seinen Aposteln herkommen, sind einige unwandelbar und unveränderlich, ohne deren Beobachtung keine Kirche seyn kann. Dahin gehören zum Exempel die Taufe, das Abendmahl, die Ermahnung und die geistliche Bestrafung der Irrgläubigen, und Lasterhaften und andere solche Verordnungen. Von andern ist nicht bestimmet, wie nothwendig ihre Beobachtung sey, und ihre Bestimmung , Aenderung , oder völlige Abschaffung ist der Freyheit, die Christus seinen Gemeinen erworben hat, überlassen worden. Paulus machte die Anordnung in der co- rinthischen Gemeine, daß man an allen Tagen des Herrn freywillige Gabeil für die Armen sammlcn sollte. Warum sollte eine Gesellschaft von Christen nicht die Freyheit haben , diese Anordnung zu verändern, oder ganz aufzuheben, wenn sie überhaupt nur ihren Pflichten gegen ihre armen Brüder , auf eine andere Art nachkommen? Mit der Verweisung der ausgearteten Mitglieder aus der Gemeine, oder ihrer völligen Absonderung von derselben, verhalt es sich viel- leicht nicht anders. Das Kirchengesetz, welches dieselbe gebiethet, ist göttliches Ursprunges : allein, wie unzählige Absonderungen und Unruhen , sollten nicht verursachet werden, wenn diesem Befehle, nicht nach Gele- Zweyter Abschnitt. 591 Gelegenheit und Beschaffenheit der Umstände, sondern ohne Einschränkung nachgelebet werden sollte? So war es als) mit den Kirchengeseßcn Jesu Christi, und seiner Apostel beschaffen! Man kennel schon aus der vorigen Betrachtung die Veränderungen, welche die Christen nach dem Tode der Apostel, bis gegen das Ende des dritten Jahrhundcrtes, in der Kirchenzucht vorgenommen haben, in so fern sie die Einrichtung, die Ordnung, und die Gebrauche de6 öffentlichen Gottesdienstes angeht» Wir brauche» also nur zu lernen , was sie in Ansehung der übrigen KirchengeseHe, entweder für Veränderungen oder für Vermehrungen und Zusätze gemacht haben. Diese Materie aber ist so reich und weitläufig, daß wir hier nur das Wichtigste und Gewisseste davon anführen können. Wir wollen hier nichts von dem Unterschiede der Kirchenbedienungm sagen, den man in den ersten drey Jahrhunderten der Kirche findet; wir wollen nur bemerken , daß auch noch nach dem Tode der Apostel die Wahl der Lehrer, auf das Urtheil und die Stimmen aller Christen ankam , sie mochten Kirchenämtec bekleiden oder nicht, ob gleich die Einsegnung derselben, durch die Handausiegung von andern Lehrern geschah. Clemens , der erste Bischof von Rom und 6/^5»?'« ein unmittelbarer Nachfolger der Apostel versichert, ^ daß die Lehrer mit allgemeiner Einwilligung der gan- zen Kirche, zu ihrem Amte berufen würden. So s. wurden Fadian und Cornelius von dem Volke zu^-5- Bischöfen gcwählet, und Cyprian sagte deswegen, c>/>^/s». daß die offene Scelle eines Bischofes, vermöge eines apostolischen, göttlichen und fast in allen Ländern angenommenen Gebrauches, nicht anders, als durch die 592 Geschichte der christlichen Religion., die S'imme des Volkes ersetzt werden könnte. Ja, er machte dasselbe ausdrücklich zum Richter darüber, und ließ es urtheilen, wie weit einer verdienete, Bischof zu werden, oder nicht. Diese Gewohnheit der Christen, der Kirche keinen andern Lehrer zugeben, als den das Volk gewählet, und für würdig und geschickt , zu diesem wichtigen Amte, erklaret hatte, wurde von einem heidnischen Kaiser, Alexander Se- ^,'5.^/^. verlN', nicht allein bewundert, sondc- n auch beyder ö'eve?'. 5.45- Besetzung weltlicher Aemter nachgeahmet. Kurz die erste christliche Kirchenzucht erfoderte bey der Besetzung offner Kirchenamter, die Wahl und Einwilligung dl 6 ganzen Volkes. Das Kirchengesetz des Apostels, daß das N)cib in der Gemeine schweigen soUre, wurde sorgfäl tig beybehalten. Darum widersetzten sich die Recht- glaubigen den Montanisten so eifrig, welche dem weiblichen Geschlechte die Erlaubniß gaben, in den öffentlichen Versammlungen der Gemeine zu lehren. Außer denen Eigenschaften, die nach der paulinischen Vorschrift, ein Lehrer der Christen besitzen sollte, hatte die Kirche verordnet, daß keiner, der wegen offenbarer Verbrechen, und besonders wegen der Verleugnung des christlichen Glaubens, in den Zeiten der Verfolguug öffentlich hatte Buße thun müssen, zur priesterlichen Würde gelangen sollte. Dieses Gesetz wurde schon zu des Origenes und des Cyprianus c»»5>. Zeiten beobachtet. Außerdem wollte man schon, je- /. ,>. doch ohne die Einwilligung der ganzen Kirche, das e?> K. Gest.h einführen, daß niemand, der entweder in einer Krankheit die Taufe empfangen , oder sich zweymal verheirathet hätte, das Amt eines Lehrers in der Gemeine erhalten, derjenige aber , der es erhielte, in dem Zweyter Abschnitt. 59z dem Frühgottesdiensie dazu eingesegnet werden sollte. Darum machte Cornelius, ein römischer Bischof, seinem Gegenbischofe, dem Novatus, den Vorwurs, daß er nicht allein Presbyter geworden wäre, da er doch die Gnade der Taufe erst auf dem Krankenbette empfangen hatte, sondern sich auch um die zehnte Stunde, oder nach unserer Zeit um die vierte Stunde des Nachmittages, von trunkenen Bischöfen, hätte zum Bischöfe eigenmächtig einweihen lassen. Ter- 7e,-/»//. ^ cullian aber machte, nachdem er zu den Montanisten ""»o^. übergegangen war, den andern Christen den Vorwurf, daß man Bischöfe bey ihnen sähe, die sich zweymal verheirathet hätten. Was die Kirchenzucht in Ansehung der Mitteldinge anbelanget: so behielten die christlichen Gemeinen nicht allein die apostolischen Gebothe, kein Blut, kein Ersticktes und kein Götzenopfer zu essen, bey: sondern machten auch aus guren Absichten, besonders über gewisse an sich gleichgültige Gebräuche beym Gottesdienste , Verordnungen, die mit der Zeit Fessel der Gewissen wurden. Was die Ehen der ersten Christen anbetrifft: so ist ^ nicht unwahrscheinlich, daß sie von einigen Feyerlich- keiten begleitet worden sind. Wohlstand und Ord- ^'' ^' nung muß besonders bey so wichtigen Begebenheiten^ ' des Lebens beobachtet werden. Es ist aber zu vermuthen, daß die Christen sich nach denen Gebräuchen, welche die bürgerlichen Gesetze verordneten, gerichtet haben werden, in so fern solches geschehen konnte, ohne der Abgötterei) schuldig zu werden. Man schließt solches daraus, daß die Verlobten auch unter den Christen nach der Gewohnheit der Juden und Heiden Kranze trugen , ob gleich ein Terwllian wider diesen 7>»^//.ck II. Theil, Pv Ge..c"ö» c /- 594 Geschichte der christlichen Religion. /F»«,. a-/ Gebrauch eiferte. Mit der Zeit wurde verordnet, />oh,c6?-/-. daß kein Christ, und keine Christinn sich in ein Ehe- '^"^ ^ bündiüß einlassen sollte, ohne den Rath der Bischöfe, """°6""^der Priester, der Diener und Diükonißinnen darüber ^' "'^ gehöret zu haben. Daralif mußten sie es der Kirche bekannt machen, wenn sie nun eine Ehe beschlossen 7e,',«ll. hatten. Deswegen sagte Tertullian, daß heimliche ^tttNc. c. 4. Verbindungen, welche man der Kirche uicht vorher kund gemacht hätte, in der Gefahr waren, für Hu- rerey und Ehebruch gehalten zu werden. Diese Bekanntmachung beschlossener Ehen, ist dem Aufgebothe ähnlich, welches in den neuern Zeiten gewöhnlich geworden ist. Sie war nöthig; denn die Christen waren vermöge ihrer Religion verbunden, darauf zu sehen , daß sie von allem Verdachte eines zügellosen Wandels frei) bleiben möchten. - Allein , es ist die Frage, ob die ersten Christen zur Gültigkeit einer Ehe, die priesterliche Einsegnung für unentbehrlich gehalten haben. Mail hat keine Zeugnisse aus den ersten drey Jahrhunderten, welche diese Frage vollkommen entscheiden könnten. Bey den Jüden war es gewöhnlich, die Braut und den Bräutigam sowohl bey der Verlobung, als bey der feyerlichen Vollziehung der Ehe zu segnen. Gort war ihnen bey der Schöpfung mit sei- /.c-.nem Beyspiele darinnen vorgegangen. Dieses geschah, /.//.c.7. aber nicht nothwendig vom Priester, sondern von allen denen, welche Zeugen der geschlossenen Ehe waren. Die Christen behielten einen so löblichen Gebrauch bey: allein , das Segnen war nicht etwa eine Handlung , die kein anderer hätte vornehmen dürfen, als 7e>die Lehrer. Cercullmn versichert, daß sie unter dtI! Christen allen wichtigen Geschahen üblich gewe- c. ^ ^ H^,-^^ ej,^ Grelle, aus Zweyter Abschnitt» 595 aus welcher man die Nothwendigkeit der priesterlicben Einsegnung zur Vollziehung der Ehe schließen will. Wer kann, saget er, die Glückseligkeit eines ehelichen/^. ^«^. Bundes beschreiben, den die Kirche schließt, den die/.". c.«/5. Opferung bestätiget, den der Segen versiegelt, den die Engel billigen, den der Vater für genehm hält? Weil den Christen gerathen wurde, die Bischöfe, die Aeltesten, die Diener und Witwen bey ihren Ehen zu Rathe zu ziehen, welches in der Absicht geschah, die Ehen der Gläubigen mit Ungläubigen zu verhindern, oder doch sich so vorsichtig dabey aufzuführen, daß dem Christenthnme kein Nachtheil daraus erwachsen möchte: darum redete Tcrtullian von Ehebündnissen , welche die Kirche schlösse. Die Verlobten, welche der Gemeine ihre beschlossene Ehe kund machten, pflegten mit andern Glaubigen in den öffentlichen Versammlungen der Christen, einige Gaben oder Opser zum Unterhalte der Armen darzubringen. Weil nun diese Opfer nur alsdann angenommen wurden, wenn die beschlossenen Ehen der Gemeine waren bekannt gemacht worden : so hieß es, daß die Opferung die Ehe bestätigte. Die Christen waren auch gewohnt, einander zu allen Geschafften zu segnen. Darum waren die Glückwünsche der Gläubigen gleichsam die Siegel aller wichtigen Angelegenheiten, und daher kann aus diesem Grunde nicht gewiß entschieden werden, ob eben vom priesterlichen Segen oder vom Segen der ganzen Gemeine in dieser tertullianischen Stelle geredet werde. Und wenn sie auch von der bischöflichen Einsegnung zu verstehen wäre: so kann man doch nicht daraus mit Zuverlässigkeit erkennen, ob sie die Christen nur für eine löbliche Ceremonie, oder für eine wesentliche Eigenschaft einer gültigen Ehe gehal- Pp 2 len 596 Geschichte der christlichen Religion. <7/cm./4/n ten haben. Eine andere Stelle aus dem Pädagogm /^/F. /.z, des Clemens von Alerandrien ist eben so allgemein, als c. /. h^ese tercullianische und entscheidet daher nichts mehr. Was die Ehescheidungen anbelangt, die unter den Heiden und Juden so gewöhnlich waren : so richteten sich die ersten Christen in Ansehung derselben genau nach den Vorschriften Jesu Christi und seiner Gesandten. Nur der Tod und der Ehebruch konnten die Ehen trennen. Die zweyte Ehe wurde vergönnet, ob /. gleich die Montanisten der Kirche das Gesetz aufdrm- 7^»/'^.«^ gen wollten, nur einmal zu hcirathen. Unterdessen /itt-o.^c. ^»lc man es für löblich, weitn sich die Christen an ci- begnügen ließen. Die dritte Verheirathung alier wurde für eilten Beweis der Unmaßigkeit und o Wollust angesehen, eine Meynung, zu welcher die Co-M. Vorurtheile der gnostischen und platonischen Weisheit ^^/. verleiteten. c>^/ '''^ kirchlichen Gesetze und diese Gewohnhci- ^' ten, welche durch ihre oft wiederholte Ausübung die /^,-',«/)o/?. Kraft der Gesetze erhielten, waren so viele Bande, /. /.s/. welche die Eintracht theils unter den einzelnen Mitgliedern einer jeden Gemeine, theils unter allen Gemeinen des christlichen Volkes von Zeit zu Zeit befestigten. Diese Vereinigung wurde durch das Ansehen, in welches sich nach und nach die Bischöfe setzeten, immer enger und starker. Denn sie waren nicht allein Schiedes- richter bey denen Streitigkeiten, in die sich einzelne Mitglieder einer Kirche verwickelten, sondern auch bey denen Irrungen, in welche ganze Gemeinen mit einander geriethen. So suchte die Kirche zu Lion die Streitigkeiten , welche zwischen den rechtgläubigen Gemeinen in Asien und zwischen den Montanisten entstunden, gütlich beyzulegen. Eben dieses thaten die Bischöfe der » Zweyter Abschnitt. 597 der asiatischen Genieinen bey den Irrungen zwischen der römischen und der africanischcn Kirche. Diese große Gemeinschaft der verschiedenen christlichen Gemeinen unter einander hatte noch viele andere Bande, durch welche sie unterhalten wurde. Die kleinern Gemeinen richteten sich gemeiniglich nach den größern, von denen sie den Glauben empfangen hatten. Die verschiedenen Gebrauche, welche die Kirchen hatten, hob zwar die Eintracht unter ihnen nicht auf, dennoch aber richtete sich ein jeder Christ nach den Gewohnheiten der Kirche, in deren Versammlung er sich eben befand. Unterdessen wurden zum Zeichen der Einigkeit gewisse Gebrauche von allen Gemeinen angenommen. Darum konnte Tcrtullian sagen: Wir 7e»-?«//.-. /./. her Gemeinschaft mit den Glaubigen verdiente, kam eigentlich der ganzen Gemeine zu, wurde aber schon im zweyten und dritten Jahrhunderte vornehmlich den Bischöfen überlassen, welche die Aeltesten, und die Diener der Kirche dabey zu Rathe zogen. Beydes kann aus vielen Stellen des Cyprianus, zu dessen Zei^ ten das bischöfliche Ansehen schon so groß war, erwic- <7>^/-?s. scn werden. Es steht uns, saget er, wohlan, daß ^- so wohl die Vorsteher, als die Geistlichen mit den gottseligen Layen, als welche man auch nach ihrem Glauben und ihrer Gottesfurcht ehren muß, zusammenkommen , und alles in der Kirche durch eine allgemeine Berath- Zweyter Abschnitt. 599 Berathschlagung einrichten. Er versichert ferner, daß ep.^. die Kirche über die Bischöfe sey, obgleich alle Verrichtungen der Kirche durch die Bischöfe verwaltet würden. Wenn nun ein Mensch einstimmig von der Gemeinschaft der Gläubigen im Gebethe und im Abendmahle ausgeschlossen worden war: so weigerten sie sich alle, das Ab.'ndmahl mit einem solchen zu nehmen; selbst seine Gaben und Geschenke wurden, wie schon erzählet worden ist, nicht ailgenommen ; und weil seine Ausschlies- sung allen christlichen Gemeinen bekannt gemacht wur-- de: so hatte er keine Hoffnung, in andern Kirchen für einen würdigen Christen gehalten zu werden. Der Gebrauch und die Ausübung deriLrcommu- nicanon veranlasset? im zweyten und dritte«, Jahrhunderte verschiedene den allerersten Zeiten ganz unbekannte Kirchengesche. Man weis schon, daß in der dcciani- schen Verfolgnng sehr viele von der christlichen Religion abfielen und den Götzen räucherten. Man weis, daß viele davon zur Kirche zurückkehren wollten; man weis, daß man sie die Gefallenen nannte; man weis auch, was für Streitigkeiten besonders in der africa- nischen und römischen Kirche über ihre Wiederaufnahme unter die Gläubigen entstanden sind. Um diese Zeit geschah es, daß man eine neue Ars der Absonderung cinführete, in der Absicht, die Mitglieder der Kirche mehr zur Beständigkeit in der Religion zu ermuntern , und mehr von der Leichtsinnigkeit im Christenthums abzuschrecken. Mail hat von den Aposteln zwar den Befehl empfangen, sich so wvhl von ketzerischen Menschen, die, wenn sie von ihren Irrthümern überzeuget sind, dennoch halsstarrig bey denselben verharren, als auch von offenbaren und unbußierttgen Sündern abzusondern ; aber nirgends hat er gebothen, Pp 4 auch 6OO Geschichte der christlichen Religion. auch den Bußfertigen, oder denen, die ihre Last« bcreueten lind Besserung versprächen, die Gemeinschaft l?v/>'^». der Kirche zu versagen. Ißt aber sing man an, die ^-54- Verweigerung des Abendmah les unter die Bußstrafen, welche die Kirche ihren Abtrünnigen auflegen könnte, zu rechnen, und also ein Zwangsmittel daraus zu machen. Man faßte ein feyerlichcs Kirchengesetz ab, daß den Büßenden , ob sie gleich versicherten, daß es sie reuete, die Religion verleugnet, einen Ehebruch oder eine andere so schwere Sünde begangen zu haben, das Abendmahl nicht eher, als in der Stunde des Todes gereichet werden sollte? Maßte sich hier die Kirche nicht die Gewalt an, von ihren ausgearteten Mitgliedern mehr Genugthuung zu fodern, als sie fodern durfte ? Was konnte sie mehr verlangen, als eine öffentliche Abbitte des Aergernisses, das ihr gegeben worden war,und eine fcyerliche Versicherung der Büßenden , ins künftige dieses Aergerniß nicht wieder zu geben? Könnte man das Gesetz, welches die Büßenden bis an das Ende ihres Lebens von der Gemeinschaft der Gläubigen am Altare ausschloß, nicht einen Eingriff in das Strafamt Gottes nennen, wofern man nicht wüßte, daß die Kirche dasselbe aus den besten und löblichsten Absichten verfasset hätte. Sie wollte, saget man, von der Aufrichtigkeit der Reue überzeugt seyn, welche die Büßenden vorgaben. Allein , wenn sie die Macht nicht hat, die Heuchler und Schemchristen aus ihrer Gemeinschaft auszuschließen: Woher hat sie denn die Macht, die Gefallenen, wem, sie Buße und Neue vorgeben, nicht eher zum Altare zuzulassen, als bis sie eine vollkommene Ueberzeugung von der Aufrichtigkeit ihrer Reue erhalten hat ? Dieser zuweit ausgedehnte Gebrauch der Excommunu canon Zweyter Abschnitt. dQl c.:tion entstund zwar zum Theile aus guten Absichren; Siebe die, zum Theil aber auch aus unrichtigen Begriffen, wel- Letrach- Necht, der die Gefallenen bis cm das Ende ihres Lc- che. benö aus der Kirche verwies, und noch weniger varus von Rom, welcher sie niemals wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen wissen wollte. Doch wir wollen nicht weitläufig untersuchen, wie rechtmäßig das Verfahren der Kirche gegen die Büßenden gewesen sey. Wir merken nur an, daß die Religion dazumal über die Gemüther der Gefallenen so viel Gewalt hatte, daß sie sich auch Gesetzen unterwarfen, über deren Rechtmaßigkeit sich streiten läßt. Sie unterwarfen sich denselben um so viel lieber, weil sie einsahen, daß diese Gewohnheit aus guten und uneigennützigen Absichten eingeführet worden war. Es hat Zeiten gegeben, wo eine größere Gelindigkeit erkauft werden konnte. In diesen Zeiten aber nahmen die Bischöfe auch von den Büßenden keine Gaben bey den gottesdienstlichen Versammlungen der Christen an. Die Kirche wußte noch nicht, daß sie die Macht besäße , ihre Bußstrafen in andere gute und in weit einträglichere Werke zu verwandeln. Damals hatten auch noch die Bischöfe sehr hohe Begriffe von den L.ayen. So eifersüchtig sie schon auf ein Ansehen waren, das ihnen zufallige Ursachen gegeben hatten: so glaubeten sie doch nicht, daß sie die Büßenden aus eigener Macht, und ohne die Zuziehung des ganzen Volkes, zur Kirchengemcinschaft wieder aufnehmen konnten. Denn CnprianuS versichert ausdrücklich, daß nach einhallige^ Ueberenistimmung Pp 5 der 6c>2 Geschichte der christlichen Religion. <7>7>»ck». der Bischöfe, der Acltestcn, der Diener, der Bekenne I^/>/ »er lind der stehenden Laycn verordnet worden wäre, -/>. Gefallenen nicht alle Hoffnung zur Wiedererlan- ^'^"'^'gung der Kirchengemeinschaft zu nehmen, damit sie ^. e/>. o^. nicht verzweifeln dürften, aber auch den Kirchenbann nicht ganz aufzuheben, damit die Buße eine Zeitlang aufgehalten, oder deutlicher zu reden, fortgesetzet werden möchte. Dieses ist das Wichtigste, was wir von der Kirchenzucht der ersten drey christlichen Jahrhunderte mit Gewißheit und Zuverläßigkeir sagen können. Man sieht unterdessen so viel aus dieser Erzählung, daß schon im zweyten und im dritten Jahrhunderte in der apostolischen Kirchcnzucht sehr merkwürdige Veränderungen vorgegangen sind, die den Grund zu weit größern und wichtigern Begebenheiten in der Kirche gelegct haben. Man sieht, daß die Kirche die Verwaltung ihrer Rechte den Bischöfen übergab, in der Hoffnung, daß sie nicht besser beobachtet werden könnten, als wenn sie dieselben ausübeten. Diese haben sich auch einer .solchen Verwaltung nur allzueifrig unterzogen, und es wäre zu wünschen, daß sie allezeit lieber Lehrer, als Gesetzgeber, abgegeben haben möchten. Ihr Ansehen war gegen das Ende des dritten Jahrhundertes schon zu einer Höhe gestiegen, daß die Rechte der allgemeinen Kirche sehr bald darunter zu leiden anfingen. Man hat die Hoheit der Bischöfe, die sie in den folgenden Zeiten noch mehr vergrößerten und befestigten, zu einer Lehre der christlichen Religion gemacht, und darum verdienet der Ursprung und der Wachsthum ihres Ansehens besonders untersucht zu werden. > Von Zweyter Abschnitt. 6-DZ OOOOGOOOOOOOGOOOOOGGGO Von den Kirchenämtem, besonders von der bischöflichen Würde, dem Ursprünge und Wachsthume ihrer Hoheit inner den ersten Christen. ^^"Kan kann nicht leugnen, wenn man die ältesten Nachrichten unparteyisch erwägt, daß nicht im zweyten und dritten Jahrhunderte der Unterschied in den Aemtern der Kirche sehr groß und merkwürdig gewesen seyn sollte. Alle christliche Gemeinen theilten sich in die Clerisey, und in die Layen, oder Zuhörer. Es ist nicht unglaublich, daß schon in diesen Zeiten dem Stande der Lehrer eben ihres Amtes wegen eine eigene und vorzügliche Heiligkeit zugeschrieben worden sey, wenn man theils die Ehrfurcht, welche nicht ganz ungeartete Gemüther zu allen Zeiten gegen die Aufseher des öffentlichen Gottesdienstes gehabt haben, theils auch die natürliche Eitelkeit der Menschen erwägt, die sich zuweilen auch in die besten Herzen einschleicht. Die Clerisey bestund vornehmlich aus den Bischöfen, den Aelresten, und den Die- <"Ä- ^c/. nern. Außer diesen Kirchenämtern gab es im drit-^^'^- ten Jahrhunderte noch einige andere niedrigere Kirchen- bcdienungen; Leser, welche das Amt hatten, bep/cFvn den gottcsdienstlichen Versammlungen der Christen das göttliche Wort öffentlich dem Volke vorzulesen; Un-/H-/>^/?imue und Augendus von seiner Gemein- schaft ab; so schrieb er an den Rogariamis, einen ^' ^' Bischof, daß er den Diaconus, über welchen er sich beschweret hatte, kraft seines Bischofthumcs absetzen, und ihn aus der Gemeinschaft dcrKirche verweisen könnte. Sie konnten sich diese ungerechte Gewalt leicht 6Q8 Geschichte der christlichen Religion. leicht anmaßen ; denn sie hatten unter einander das Gesetz eingeführet, keinen zu ihrer Gemeinschaft zuui- lassen, der von dem Bischöfe seines Ortes abgesetzt oder ercommuniciret worden war. Unterdessen erkannte doch kein Bischof einen andern f>/>^«. Bischof über sich. Das war Cyprians Grundsatz, weitlauftig behauptete, als er wegen der Wie-- ^/'^'-^ dertaufe der Ketzer mit dem römischen Bischöfe in ' "^/A" Streit gerieth. Noch hat sich, sagte er gegen die in /^-'. /«? dieser Sache angestellte Kircheiwersammlung, nie- ecc/. niand unter uns zum Bischöfe über alle Bischöfe ge- //oz. ^. macht, oder auch seine Mitgenossen durch einen tnran- ^nischen Irrthum zum Gehorsame gezwungen. Ein jeder Bischof hat die Macht, nach seinem freyen Willen zu urtheilen, und kann so wenig von andern gedichtet wcrden, so wenig er andere richten kann; Wir erwarten vielmehr alle das Gericht unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi, welcher einzig und allein di-.> Macht hat, uns so wohl der Kirche vorzusetzen, als auch über unsere Thaten Gericht zu halten. Man darf aber nicht glauben, daß dieBifchöfe allezeit nach dem Grundsätze gehandelt hatten, daß kein Bischof den andern richten könnte. Als Paulus von Samosata, der Bischof von Antiochien, seinen Irrthum vortrug, der ohne Zweifel auf keine Weise gerechtfertigt werden kann: so begnügetcn sich die benachbarten Bischöfe nicht damit, daß sie ihn ermahne- ten, seinen Irrthum zu verlassen , unter der Bedräu- ung , daß sie sich von seiner Gemeinschaft absondern würden, sondern sie machten sich auch, nach dem en- prianischen Ausdrucke, zu Bischöfen über Bischöfe. Sie versammleten sich nach Antiochien, setzten ihn daselbst ab : und da er sich ihrem richterlichen Ausspru- Zweyter Abschnitt. 609 che nicht unterwerfen wollte, wendeten sie sich an den Kaiser AurelianuS, und bathen ihn, daß er ihren Anspruch vollziehen und ihn aus dem bischöflichen Hause, oder wenn eine Kirche darunter zu verstehen ist, auö dem Besitze der Kirche treiben sollte. Paulus irrete; aber war e6 an dem , was Cyprian behauptet und noch niemand eingeschränket halte, daß kein Bischof den andern richten und seiner Würde entsetzen könnte: wie konnte die Handlung dieser Bischöfe mit diesem Grundsätze verglichen werden? Ihr Eifer für die Wahrheit war löblich: allein, sollte nicht die Art, wie er sich äußerte, seine gesetzmäßigen Gränzen überschritten haben, und zwar solche, die er sich selbst vorgeschrieben hatte. Hatte er Anhänger in Antiochien, die zum bischöflichen Hause, es werde nun eine Kirche darunter verstanden oder nicht, das ihrige beygetragen hatte: so konnten die Rechtgläubigen den Ir- rmden, darum weil sie irrten, den Antheil, welchen sie daran besaßen , nicht vom Kaiser entziehen lassen. Sie konnten den Paulus und seine Secte von ihre? Gemeinschaft ausschließen: allein, dem ungeachtet aber hätte, wenn nach der strengsten Gerechtigkeit verfahre» worden wäre, einem jeden, den Rechtgläubigen so wohl, als den Irrenden, das Ihrige werden müssen. Und wenn unter einein heidnischen Kaiser einer Unrecht leiden sollte: wem war es anständiger, als den Rechtgläubigen? . Wirklich war auch die Gleichheit unter den Bischöfen so groß nicht, als sie CyprianuS machte, weil es eben sein Vortheil crfoderte. Je angesehener der Ort und die Provinz eines Bischofes war, desto größer wurde fein Ansehen. Der Saame zu den erzbischöflichen und patriarchalischen Würden und zum Unter- U. Theil. Qq schied« 6lO Geschichte der christlichen Religion. schiede zwischen Bischöfen und Chorbischöfen war schon ausgestreuet und keimte schon; kaum fing sich das vierte christliche Jahrhundert an: so hörete man sehr viel von Metropolitanbischöfen, ordentlichen Bischöfen und Chorbischöfen. Jerusalem hätte, wenn eine Rangordnung unter den Bischöfen statt finden sollte, unstreitig der Mittelpunct aller priesterlichen Hoheit und der vornehmste bischöfliche Sitz seyn sollen , weil die hierosvlymitanische Kirche die Mutter aller christlichen Kirchen war. Allein, weil der dasige Bisclwf keine starke Gemeine hatte: so hatte er auch kein so großes Ansehen, als die Bischöfe in Rom, in Aler- cmdrien , in Antiochien und zu Carthago, weil sich in diesen Hauptstädten des römischen Reiches und in den ihnen unterworfenen Provinzen, die zahlreichsten christlichen Gemeinen befanden. Chorbischöfe sind so viel als Bischöfe vom Lande. Vermuthlich erhielten sie im dritten Jahrhunderte nicht allein wegen ihrer kleinen Gemeinen diesen Namen, zum Uitterschiede der Stadtbischöfc, deren Kirchen stärker waren, sondern waren auch schon diesen aus gewisse Weise unterworfen , ob man gleich so billig seyn und glauben muß, daß ihre Unterwürfigkeit mehr dem Zufalle und ihrem freyen Willen, als der Herrschsucht der größern Bischöfe zugeschrieben werden müsse. Eine solche Beschaffenheit hatte es mit den Kirchenämtern und besonders mit der bischöflichen Würde, schon im zweyten und vornehmlich im dritten Jahrhunderte des Christenthums. Hier entsteht die Frage, ob der Unterschied zwischen den Kirchenamtern allezeit so groß gewesen sey, und bis auf die Zeiten der Apostel zurück geführec werden könne. Ehe sie entschieden- werden kann, muß eine andere aufgeworfen werden, die Zweyter Abschnitt. 6il die Frage nämlich, ob man die heilige Schrift so verstehen dürfe, wie sie zu den Zeiten der Apostel, nach ihren klaren Worten, hat verstanden werden müssen. Die Kirche von Jerusalem wurde, so lange sich Apostelg. die Apostel daselbst aufhielten , gemeinschaftlich von ^5/ 2.4- ihnen und von den Aelteften regieret. Diesen wurde auch die Sorge für den Unterricht und den öffentlichen Gottesdienst der Christen überlassen, nachdem sich die Jünger Jesu Christi in alle Lander zerstreue- ten, die Welt zur Erkenntniß des E^angelii zu bringen. Ihr Name, der unter den Jüden den Lehrern der Snnagoge beygeleget wurde, bezeichnete nicht so wohl ihr Alter, als vielmehr ihre Würde. Sie hatten das Amt, die Christen, über welche sie zu Aufsehern verordnet wurden, theils öffentlich, theils insgeheim zu unterrichten, brüderlich zu ermähnen,' zu bestrafen, und mit Zuziehung der ganzen Gemeine, für die Ordnung und den Wohlstand des Gottesdienstes zu sorgen. Man findet in der Schrift keine Stellen, in welchen ihnen mit deutlichen und ausdrücklichen Worten das Recht zu taufen und daS Brodt und den Wein beym Abendmahls zu segnen, auf eine solche Art ertheilet worden wäre, die andere Christen völlig davon ausgeschlossen hätte, ob ihnen gleich der Ordnung und des Wohlstandes wegen dieses Amt vor» züglich vor andern, von den Gemeinen zugestanden werden mußte. Dergleichen Aeltesien verordneten die Apostel bey allen Gemeinen, die sie ihrem Erlöser sammleten. Sie führeten wegen ihres Amtes den - Namen der Bischöfe, oder Aufseher über die Gemeinen. Paulus, welcher auf seiner Reise nach Jerusalem die Aeltesten von Ephesus nach Miletus zu sich fodern ließ, sagte zu ihnen, daß sie der hsillFe Qq 2 Geist 612 Geschichte der christlichen Religion. Geist zu Bischöfen über die Gemeine Gorres Apq- 20. geseyet harre. Eben dieser Apostel gedenkt in dem Phil.i, i. Gruße, mit welchem er seinen Brief an die Philipper anfängt, keiiler andern Kirchenbedienten , als der Tit. l, 5.6. Bischöfe und Diener. Da er dem TituS befahl, 7- daß er die Städte in Creta mit solchen Aeltesten besehen sollte, welche untadelich, gastfrey, gütig, heilig und züchtig waren: so gab er zur Ursache seines Befehles diese an, daß ein Z)i>chof aljo deichten seyn müßte. Petrus selbst war so weit davon entfernet , sich eine bischöfliche Hoheit und Macht über die Aelresten anzumaßen, daß er sich vielmehr ihren 1 Petr. 5,i. Mitaltesten nannte: die Aelreften, sagte er, ermähne ich der ! Nicalreste. Er eignete ihnen eben das Amt zu, das er besaß: rveio. r die Heerde 1 Tim. z, i. Christi, die eu-.d befodlen ist. Paulus , der in seinem ersten Briefe au^en Timotheus eine sehr vollständige Kirchenordnung verfassete, gedachte keiner andern Kirchenbcdicnten, als der Dlschöfe, und der Diener. Es ist also offenbar, daß er unter den Bischöfen die Aeltesten verstanden habe. Aus allen diesen Schriftstellen sieht man nicht, daß die Apostel selbst , zwischen Bischöfen und Aeltesten, einen wesentlichen Unterschied gemacht hätten. Paulus weis von keinen andern Bedienten der Kirche, als 6«^/. ^- von Aeltesten und von Dienern. Wie besonders das ecc/. "/>o/?-Anit der Diener entstanden sey, das beschreibt LucaS. A 70-. wesentliche Verrichtung ihres Amtes war nach Apg- 5. heiligen Geschichtschreiber die Sorge für die Armen. Im übrigen waren sie nicht von dem Amte, das Volk zu unterrichten, ausgeschlossen. Das Beyspiel des Stephanus beweist solches. Man hat schon gesehen, daß die Diener des zweyten und drit- Zweyter Abschnitt. 6iz ttn Jahrhundertes weit von den allerersten Dienern der Kirche unterschieden waren. Man kann also aus der Offenbarung nicht erweisen , daß die Bischöfe einen von dem Orden der Aelte- sten ganz verschiedenen Orden ausgemachet hatten. Es laßt sich nicht einmal mit unwidersprechlichen Beweisgründen aus der Schrift erhärten , daß schon zu den Zeiten der Apostel einem von den Aeltesten bey einer jeden Gemeine ein gewisser Vorzug vor den andern ertheilet worden sey, mit welchem man den Namen eines Bischofes, als einen unterscheidenden Namen verknüpfet habe. Johannes redet zwar in seiner Offenbarung von sieben Engeln der sieben asiatischen Gemeinen, und man darf daher mmhmaßcn, daß es schon zu den apostolischen Zeiten üblich geworden sey, einem von den Aeltesten einer jeden Gemeine den andern Mitgliedern derselben vorzusetzen; weil es nicht wahrscheinlich ist, daß in allen diesen Kirchen nicht mehr als nur ein Lehrer gewesen seyn sollte. Allein, das ist weiter nichts, als eine Muthmaßung , und man kann nicht daraus folgern, daß es in allen christlichen Gemeinen eben so, wie in diesen , gehalten worden seyn sollte, oder nothwendig also gehalten werden müßte. So viel ist gewiß, daß schon in dem ersten Jahrhunderte fast in der ganzen Christenheit, bey einer jeden Kirche, einem von den Aeltesten, nicht allein der Name des Bischofes ertheilet, sondern auch die all-» gemeine Aufsicht, so wohl über die Aeltesten, als über die ganze Gemeine, aufgetragen worden ist. Allein, bey dem Mangel entscheidender Nachrichten aus den ersten Zeiten , kann nicht zuverlaßig bestimmet werden , was die Kirche zu dieser allgemeinen Aufsicht ei- Qq Z ,' gent- 614 Geschichte der christlichen Religion. gentlich gerechnet habe. Man kann dieses nicht einmal aus den Briefen des Jgnatius festsetzen, so freygebig er auch mit Lobsprüchen gegen die Bischöfe ist. Es ist vielmehr gewiß, daß man noch im ersten und im Anfange des zweyten Jahrhundertes bey aller Hoheit, welche sich schon die Bischöfe anmaßeren, keinen wesentlichen Unterschied zwischen Bischöfen und den Ael- testen gemacht habe. AuS dem Hermas ist gewiß, /. daß er zwischen Bischöfen und Aeltesten keinen Unter- ,?. /^/. schjcd gemacht habe. Man kann eben dieses von dem ^'römischen Bischöfe Clemens, und dem Bischöfe von cvc»,. «vmyrna, dem Polycarpus, sagen. Iusiinus, dcc «-/>.Märtyrer, gedenkt keiner andern Kirchenbedienten, §. ,> H> als des Vorgesetzten , der Diener und der Leser. §-^-. Irenäus giebt zwar ein Verzeichnis; der Bischöfe in ^) der römischen Kirche; gleichwohl unterscheidet erste /,-<-»'! /. nicht von den Aeltesten. Die Kirche von Lion gab e.,o. / ^. eben diesem Lehrer, nachdem er schon neun Jahre Bi- c.?s. /./. schof gewesen war, doch noch den Namen eines Aelte- t.-o. s/>, Er selbst nannte, als er an den römischen Bi- ^ ?^/e .».5. ^^f^,-^ schrieb , seine Vorfahren im Bischofthu- me Aelteste. Alle diese Zeugnisse beweisen das, was Hieronymus im fünften Jahrhunderte noch behauptete, daß nämlich in den ersten Zeiten , zwischen den Bischöfen und den Aeltesten, kein wesentlicher Unterschied gewesen sey. Man wird im Schlüsse dieser Betrachtung, noch einige Beweise davon finden. ^ t7/«> 4, ' Diese Zeugnisse erweisen unwidersprechlich, daß die 7>a/t--5 ersten Bischöfe Presbyter! und weit von den Bischö- fen der spatern Zeiten unterschieden waren. Nichts ist natürlicher, als daß in den ersten Tagen des Chri- stenthums entweder demjenigen , der einer Gemeine das Wort Gottes verkündiget hatte, oder dem Weisesten, dem Aeltesten , und dem Würdigsten ein gewis- Zweyter Abschnitt. 615 gewisser Vorzug eingeräumet, und in den gottesdienstlichen Versammlungen der Vorsitz gelassen wurde; daß man es von ihm erwartete, wenn man sich zum Gebethe und Brodtbrechen versammlen sollte; daß me- mmid ohne seinen Rath etwas vornahm; daß man ihm die Anordnung gewisser Gebrauche oder die Wahl der Aeltesten lind der Diener überließ, daß er vorzüglich der Bischof genannt wurde, zumal wenn er, wie solches in den ersten Zeiten etwas gewöhnliches war, vor andern mit außerordentlichen Gaben des heiligen Geistes ausgerüstet war. Alle diese Vorzüge konnte er besitzen, ohne in der Kirche das zu seyn, was ein Fürst in seinem Staate ist. Das alles würde gesche? hen seyn, wenn auch die jüdischen Synagogen außer deil Aeltesten keine besondern Obersten oder Vorsteher gehabt hatten. Und zu dem ist es nichts Unwahrscheinliches, daß, wenn ganze Synagogen zum Chri- stenthume übergiengcn, ihre Einrichtung, nicht allein^ beybehalten, sondern auch von andern Gemeinen nachgeahmet und angenommen wurde. Denn den ersten, Stiftern des Christenthums konnten alle äußerliche Verfassungen der Gemeinen gleichgültig seyn ^ wofern sie nur nicht wider die Grundlehren des Evcmgelii stritten. Daß sich aber nachher,das Ansehen der Vorsteher oder der Bischöfe von Zeit zu Zeit vergrößerte, davon kann mehr als eine Ursache angegeben werden« Der erste Grund desselben liegt unstreitig theils in der vorzüglichen Heiligkeit und Weisheit der ersten Bischöfe , theils in der Sorgfalt der altesten.Gemeinen, nur den Würdigsten unter den Presbyteris diese Ehre zu ertheilen. Die unvorsichtigen Vergleichungen der Lehrer des ^ neuen Bundes, mir den Priestern des alten Testa- ^ mentes, trugen zur Erweiterung der Gränzen, inwel- Oq 4 che 616 Geschichte der christlichen Religion. che die bischöfliche Würde im Anfange eingeschlossen seyn mochte, gewiß nicht wenig bey. Was für ein Unterschied zwischen dem Hohenpriester, den Priestern , und den Leviten der Jüden! Dem ungeachtet /F». verglich Ignarius die Priester des neuen Testamen- tes mit den jüdischen Priestern, und alle seine Lobsprü- §-i-4 7-s. che^ die er den Bischöfen, denAeltesten, und den e/> Dienern ertheilcte, gründeten sich darauf. So nann- 7>v///^ te er sie zusammen einen Altar, und sagte, daß die- 7- innigen, die sich innerhalb demselben befanden, rein ->/>. waren. Nach seiner Meynung saß der Bischof in der Kirche an Gottes Statt; die Aelresten hatten die Stel- ^- le der Apostel; die Diaconi aber den Dienst Jesu Christi zu besorgen. Die Smyrnenser ermahnete er, dem Bischöfe zu folgen, wie Jesus Christus dem Vater gesolget wäre. Diese Lobsprüche hatten freylich die Absicht, die Eintracht unter den Christen zu befestigen , und besorgliche Trennungen unter ihnen zu verhindern. Allein, sie wurden zugleich von der schlimmen Folge begleitet, daß theils die Unverständigen , theils die Ehrsüchtigen, die Begleichung zwischen dem jüdischen und dem christlichen Priesterthume zu weit ausdehneten, und dadurch denSaamen zu einer Kirchenherrschaft auSstreueten, welche die Grundsätze der christlichen Religion verbothen. Für Menschen , denen es bey dem Ueberrritte zum Christenthums immer schwer werden mußte, alle Begriffe des Iüdenthumes und selbst des Heidenthumes zu verleugnen , war nichts leichter, als die Verwechslung der Bischöfe mit den Hohenpriestern der Jüden, und selbst mit den Hohenpriestern der Heiden ; da solche uneingeschränkte Lobeserhebungen der bischöflichen Würde in ihre Ohren erschalleten. Eine solche Verwechslung Zweyter Abschnitt. 617 lung ganz verschiedener Begriffe, mußte nothwendig ihre Ehrfurcht gegen ihre Bischöfe vergrößern; und diese Ehrfurcht vergrößerte ihr Altsehen. Eben so dunkle und verworrene Begriffe machte S. die Te- man sich, wie schon an einem andern Orte gczeigct trachr.von worden ist, von der Einheit der Zxirche. Dic^'"^'"^ Schrift vergleicht sehr oft die Kirche mit einem Hau- tuna^^ se, mit eincrStadt, und mit dem menschlichen Leibe, „ntcrdcn Man dehnete diese Vergleichungen weiter auö, als es Recht- der Sinn der heiligen Schrift erfoderte. Man fing gläubigen an, von einer gewissen physikalischen Vereinigung der Mitglieder einer jeden Kirche mit ihren Bischöfen,' ^ und aller einzelnen Kirchen unter einander zu träumen. Das Leben des menschlichen Körpers beruhet auf der Verbindung aller Gliedmaßen mit dem Haupte. Man sah aber den Bischof für das Haupt der Gemeine an. Darinnen irrete man; denn Christus war das Haupt seiner Gemeine. Es ist unglaublich, wie viel diese irrige Meynung zur Vergrößerung der bischöflichen Hoheit und zur Aufrichtung einer geistlichen Hierurctne beytrug. Man seße hierzu noch die enge Gemeinschaft, welche die Bischöfe mit einander unterhielten, und auf eine eben so unverstandliche Einheit des Lnscbofrhumes gründeten. Es ist wahr, alles, waö Cyprianus davon sagte, ist sehr dunkel; aber man sieht doch nirgends, daß man eben so viel von einer Einheit des Presbytern geredet harte. Man behauptet nicht ohne Grund, daß auch die Streitigkeiten der Irrgläubigen, mit der rechtgläubigen Kirche, viel zur Erhöhung des bischöflichen Ansehens beygetragen haben. Man weis, daß die Irrenden ihre Zuflucht zu einer geheimen und mündlichen Sage ihrer Meynungen nahmen, wenn Qq ; sie 618 Geschichte der christlichen Religion. sie sahen, daß ihnen die göttliche Offenbarung zu deutlich widerstritt. Die Vertheidiger der Wahrheit wollten ihnen diesen schwachen Pfeiler ihres Irrthums wegreißen. Wenn es mündliche Sagen einiger Lehren giebt, welche nicht in der Schrift erhalten seyn sollen : so müssen sie unstreitig in den von den Aposteln selbst gestifteten Kirchen zu finden seyn. Man hat kein Recht, zu vermuthen, daß dergleichen geheime Lehren nicht von einem Bischöfe auf den andern fortgepflanzet worden seyn sollten. So antworteten die Rechtgläubigen; niemand zweifelte daran, daß nicht die römische, die antiochenische, und die alexandrini- sche Kirche, von den Aposteln gestiftet worden waren. An diese nun verwiesen die christlichen Schriftsteller die Irrgläubigen, und dadurch machten sie die Bischöfe der sogenannten apostolischen Gemeinen zu Richtern des Glaubens, oder ertheileten ihnen zum wenigsten die gefährliche Macht, durch ihren AuSspruch die wahren Traditionen der Kirche von falschen und 7,»»,' der Schrift zu erweisen wissen. Wenn es heißt, daß Paulus die Aelrcsten von Ephesus zu sich erfordert//'^^ und sie Bischöfe genannt habe, wenn daraus gefol-^"^^' gert wird, daß damals in einer Stadt viele Bischöse ^ gewesen seyn müssen ; wenn man eben diesen Schluß aus dem Gruße dieses Apostels an die Bischöfe und^ l^///. Diener von Philippen zieht: so sieht Hammond in^"''-/^^ der einen Srelle die Bischöfe von den asiatischen Ge- meinen, und in der andern die Bischöfe der macedo- nischen Kirchen. Kann man nicht mit Rechte sagen, daß man nur eine feste Ueberzeugung von einer Meynung haben müsse, wenn man eine mehr als gemeine Scharfsichtigkeit erlangen wolle. Ungeachtet nicht einmal der Name der Merro- L^»////?. polican t)lsct)öfe in den Schriftstellern der ersten drey ^ ^F///7 Jahrhunderte aefunden wird : so hat man doch in^ den neuern Zeiten davon mehr, als in der alleralte-^' sten Kirche wissen wollen, und zu erweisen geglaubt, daß 'sie selbst von den Aposteln herstammeten. Usser, Marca, Hummond, Vevercdge, Morm, p^m, was für Namen ! Alle diefe führen den Ursprung der Erzbischöfe bis auf die Apostel zurück, und behaupten, daß 622 Geschichte der christlichen Religion. daß dieselben nach der im römischen Reiche üblichen Eintheilung der Provinzen Metropolitanbischöfe geordnet hatten, denen alle andere Bischöfe einer jeden Provinz hätten unterworfen seyn sollen. Diese Eintheilung sagen sie, war die Absicht des Apostels Pe. trus, als er seinen Brief an die Gläubigen in Pon- tuö, in Galatien, in Cappadocien und in Bythinien richtete. Eben diese Absicht hatte Paulus, da er dem Titus befahl, den Städten in Creta Aeltesten zu geben. Nun gab es in Creta eine Metropolis Gorty- na. Was ist denn glaublicher, als daß Titus Er;- bischof davon gewesen sey? Also waren die übrigen Bischöfe ihm, als dem Metropolitan, unterworfen. Die hierosolymitanische Kirchenversammlung sandle ihre Verordnungen an die Kirche von Antiochicn. Und warum? Weil sie die Metropolitankirche von Syrien und Cilicien war. Paulus schrie!? an die Kirche von Corinrh ; denn sie war die Metropolitankirche von Achaja. Eben dieses muß man von seinen Briefen an die Thejfalonier, Colosscr, und Epheser sagen. Und warum hatte Johannes seine Ermah- nung eben an die Gemeinen zuEphesus, Smyrna, Pergamus, Thyatyra, Sarden, Laodicäa, und Philadelphia gerichtet, wenn er nicht damit hätte anzeigen wollen, daß diese Kirchen für MetropolitankD chen gehalten werden sollten ? So schließen diese über den gemeinen Haufen der Gelehrten so weit erhabenen Geister! Wo ist aber der Znsammenhang zwischen diesen beyden Sätzen: Petrus schrieb an die in Pon- tus, Galatien, Cappadocien, und Bythinien zer- streueten Christen; darum waren die Bischöfe von Ephesus, von Nikomedien, von Casarea und Amasm Metropolitanbischöfe: Titus hatte von den, Apostel Paulus Zweyter Abschnitt. 62z Paulus Befehl, die Gemeinen in Creta anzurichten, und ihnen Aeltesien vorzusetzen; darum war er der Erzbischof von Gortyna, dem die Bischöfe der andern Städte unterworfen waren. Was den Beweis aus der OffenbarungIohannis anbelangt: so brauchet man, wenn man seine Stärke kennen will, nur zu wissen, daß weder Philadelphia noch Thyatira N^e» tropsles, oder Hauptstädte ganzer Provinzen waren. Philadelphia war so weit von dieser Ehre entfernt, daß man vielmehr darüber erstaunen muß, daß sie noch einige Einwohner hatte; denn sie war häufigen Erdbeben unterworfen, und ihre Mauren droheten, wie Strabo saget, beständig den Einfall. Plinius sagte ausdrücklich, daß sie von Sarden abhienge. Ueberdieß schrieb Johannes seine Ermahnungen an diese Gemeinen darum, weil sie derselben nöthig hatten. Man wird daraus beurtheilen können, ob ein/-/./. Basnage die Wahrheit beleidiget, wenn er behau-5^- ptet, daß die Hierarchie der Kirche nicht auf einmal, sondern nur nach und nach entstanden sey. „Die Apostel, saget er setzten an allen Orten Prediger, von denen sie glaubten, daß sich Gemeinen daselbst sammeln würden. Diese Lehrer zeigte die Schrift bald unter dem Namen der Bischöfe, bald unter dem Namen der Aeltesten an. Die ersten Heerden waren eben nicht zahlreich ; jede davon machte eine besondre Parochie aus. In den großen Städten wurden die Christen stärker, und die Parochien vermehreten sich. Unterdessen erstreckte sich doch die Aufsicht der Bischöfe noch nicht weiter, als auf die Gemeinen ihrer Städte. Diese Aufsicht theileten die Aeltesten mit den Bischöfen. Es war so wenig Pracht mit dieser Würde verknüpfet, daß sie, die Wahrheit zu sagen, bloß von den Allmo- 624 Geschichte der christlichen Religion. scn der Glaubigen lebeten. Daher konnten den ersten Christen in den Verfolgungen keine bischöflichen Pallaste noch andere ansehnliche Einkünfte eingezogen werden. Alles, was man ihnen nehmen konnte, waren einige silberne Leuchter, einige Kelche, und einige Kleider für die Armen. Die Aeltesten mußten den Bischöfen der ersten Zeiten sehr beschwerlich seyn, wenn sie eben so eifersüchtig auf ihre Würde waren, als die meisten Bischöfe des dritten Iahrhundertes. /./>?/>5. 5. Denn sie hatten nicht weniger Ansehen, als sie. Die Aeltesten von Jerusalem vcrurtheiletcn den Scythianus, /-/./^tt'.s/. einen von den Lehrern des ManeS. Die Aeltesten von Ephesus waren es, welche den Noetus mit seinen Anhängern aus der Kirchengemeinschaft ausschlössen. Clemens von Alerandrien war nur ein Presbyter; und ^ rechnete sich dennoch unter die Häupter der Kirche. ^ ^ Noch wagte es Origenes, ehe er die Gewalt seines ^ .' Bischofes empfand, die Aeltesten mit dem Senate ^ einer Stadt zu vergleichen, unter denen der Bischof ^ ^ Vorsitz hatte. Allein, die Aeltesten, diese Häupter der Kirche, mußteil nach und nach diesen prächtigen Namen den Bischöfen überlassen, und eö kam die Zeit, wo sie die Rechte, die ihnen im Anfange wesentlich waren, bloß der Gnade und Einwilligung der Bischöfe zu danken hatten. Jeder Bischof suchte seine Herrschaft auszubreiten, das Land war leicht zu erobern. Es gab Flecken, und kleine Städte, wo vordem keine Bischöfe gewesen waren, weil sich keine Christen daselbst gefunden hatten. Die nächsten Bischöfe setzten Priester dahin, die von ihnen abhingen. Die Landbischöfe hatten zuweilen nöthig, schwerer Falle wegen die Bischöfe der großem Städte zu Rathe zu ziehen. Diese Nothwendigkeit, Zweyter Abschnitt. 625 digkeit, darinnen sie sich befanden, und ihre schwachen Gemeinen brachten sie nach und nach zu einer Art der Unterwürfigkeit gegen die größern Bischöfe. Und sollten diese nicht über solche arme Bischöfe einen Vorzug haben, die vielmals nicht über hundert Personen in ihrer Geineinschaft hatten ? Sie maßten sich daher diesen Vorzug selbst an. Die Vermehrung der Christen und die Nothwendigkeit, die Gemeinen in einer bestandigen Einigkeit zu erhalten, machte diese vorzügliche Gewalt der größern Bischöfe erträglich, und auf - gewisse Weise unentbehrlich. Die Hauptstädte des Reiches, wo ohne dieß alle Welt ihre bürgerlichen Angelegenheiten entscheiden lassen mußte, gaben der Kirche die Erzbischöfe. Künftig wird man sehen, daß die patriarchalischen Würden keinen andern Ursprung haben. «»«»««««5»«« Von dem Ansehen der romischen Bischöfe in der Kirche der ersten drey Jahrhunderte. as heidnische Rom wurde die Beherrscherinn des Erdkreises, so unansehnlich dasselbe auch in seinem ersten Ursprünge war. Das christliche Rom hat hierinnen mit dem heidnischen ganz ähnliche Schicksale erfahren. Seine Bischöfe wollten im neunten Jahrhunderte nicht allein der christlichen, sondern auch der bürgerlichen Welt Gesetze geben. Man kann schon in unserm chronologischen Entwürfe der Geschichte des II. Theil. R r neunten 626 Geschichte der christlichen Religion. neunten und zehnten Jahrhundertes Beweise davon finden. Ihr Ansehen war damals so groß, daß ein Mensch für einen Elenden, der keine Religion besäße, würde seyn gehalten worden, wenn er an dem göttlichen und apostolischen Ursprünge dieser Gewalt hätte zweifeln wollen. Eine Geschichte der Religion würde daher unvollständig seyn, wenn sie nicht lehren wollte, wie groß das Ansehen der ersten römischen Bischöfe gewesen, und auf was für Stufen die Gewalt ihrer Nachfolger so weit enporgestiegen ist. Keine Geschichte ist so voll Ungewißheit und Finsternisse, die niemand aufklaren kann, als die Geschichte der ersten römischen Bischöfe. Ob gleich aus der Schrift unstreitig ist, daß alle Apostel einander vollkommen gleich gewesen sind: so hat man dock den Apostel Petrus in den spatern Zeiten zu dem Range ebnes Monarchen über die Kirche erhoben, und ihn die Bischofthümer und Patriarchate der Welt unter die andern Apostel austheilen, diese aber als Vasallen seines Reiches, oder vielmehr als seine Unterthanen von ihm abhängen lassen. Allein, zum Unglücke für diese Meynung, weis die erste christliche Welt nichts von einem solchen Monarchen, und von dieser Gewalt, welche in der römischen Kirche so zu sagen erblich ge- worden seyn soll. Ja ob man gleich dem Zeugnisse .^7. Evangelium geprcdiget und den Märtyrertod daselbst ausgestanden habe, wie wohl die Zeit desselben noch ganz ungewiß ist : so ist doch das völlig unentschieden, ob er der Stifter, und der erste Bischof der römischen D«,»-. s«i Kirche gewesen sey, oder nicht. Man laßt ihn zwar ftin bischöfliches Amt vier und zwanzig Jahre daselbst verwalten, und deswegen im zweyten Jahre der Regierung Zweyter Abschnitt. 627 gierung des Claudius schon nach Rom kommen ; man beschreibt auch seine Reise; man weis den Weg, den er genommen, und die Tage, die er darauf zugebracht hat. Man laßt ihn auf seiner Reise viele Wunder verrichten; man laßt ihn wieder aus Rom fliehen, und ohne eine Stimme, die ihn am Thore noch zurück hielt, hätte Rom seinen ersten Bischof verloren» Man laßt ihn den berüchtigten Zauberer Simon bestreiken ; aber alles dieses weis man erst in den neuern Zeiten ; und was das schlimmste ist : so ist diese Rei-. sebeschreibung so unglücklich erfunden, daß sie nicht allein von der Chronologie, sondern selbst von der Apostelgeschichte bestritten wird. Wenn der Stifter und erste Bischof einer Kirche derjenige seyn soll, der zuerst dahin gekommen ist, und das Evangelium daselbst geprediget hat: so muß Paulus sowohl für den Stifter, als für den ersten Bischof der römischen Kirche gehalten werden. Die Reise dieses Apostels nach Rom wird vom Lucas ausführlich beschrieben. Wenn Petrus eher, als er dahin gekommen wäre; hätte seine Reise nicht billig eben so ausführlich beschrieben werden müssen, als die paulinische, da für die Nachwelt so viel daran gelegen war, gewiß zu wissen, ob er der Stifter und erste Bischof in Rom gewesen sey, oder nicht? Es ist bewiesen, daß Petrus nicht im /» zweyten Jahre des Claudius nach Rom gekommen«-"-«-/^' sey, und LactantiuS, ein unverwerflicher Zeuge, ver--^^^- sichert, daß er erst unter dem Nero das Evangeliums""'^ daselbst geprediget habe. Es ist ein Glück für den^'^'5"' Lactanz / daß er so alt ist ; man würde es zu ahnden wissen, daß er dem Stifter der römischen Kirche eine fünf und zwanzigjährige Verwaltung seines Bischofthums nimmt. Man muß anmerken, daß R r Z die 628 Geschichte der christlichen Religion. 5. die Alten, vornehmlich Irenaus und Eusebiu», c.z. F«M wenn sie von der Stiftung der römischen Kirche reden, /.z. c.^.et hx„ Apostel Paulus allezeit eher, als Petrum, nennen, t^/e/«- Diesen Vorzug erhalt er selbst in dem Siegel der römischen Kirche und auf verschiedenen Münzen. Hier steht er dem Apostel Petrus allezeit zur Rechten. Die Ungläubigen folgern daraus, daß, wenn einem Apostel das Primat über die römische Kirche gehöre, solches Paulo zugeeignet werden müsse, weil die Stelle zur rechten Hand fast zu allen Zeiten und von allen Nationen für die Oberstelle angesehen worden sey. Der Gläubige hingegen glaubet lieber, daß alle Zeiten und Nationen Unrecht haben, und ist überzeuget, daß Paulus weder eher als Petrus genannt werden, noch auch diesem Apostel zur Rechten stehen würde, wenn er nicht geringer wäre, als er. Eine eben so große Ungewißheit ist über die Geschichte der ersten Nachfolger des Apostels Petrus ausgebreitet. Man hat alle Kunst und Gelehrsamkeit verschwendet, diese Wolken zu zerstreuen; aber die Ungewißheit hatdurch die mannigfaltigen Künste sie zu vertreiben, nur mehr zugenommen. Und wo kann man Gewißheit finden, wo die ältesten Denkmäler der Kirche keine geben ? Clemens wird für einen von den ersten römischen Bischöfen gehalten. Er selbst nennet sich nirgends einen Bischof von Rom. Da er die Corinther zur Eintracht vermahnete, warum vergaß er einen Namen, der einen so großen Eindruck bey ihnen machen mußte, wenn er der Statthalter Jesu Christi auf der Erde war ? Unter die ersten Bischöfe in Rom zählet man einen Clcrus und einen Anacle- rus. Man giebt den Ort ihrer Geburt, die Zeit ihres Bischofthumes, und den Tag ihres Märtyrer- Zweyter Abschnitt. 629 thums an. Allein, zugleich behauptet man mit star-/p5«^o/. ken Gründen, daß Anacler und Cler nur eine Per-^o«- ^Z^- son sey; ja man sieht sich so gar genöthiget, anzuneh-^-^"^-- mm, daß Linus und Clerus zu einer Zeit in Rom^^"'' Bischöfe gewesen sind, weil man auf keine andere^A. Weise die Schwierigkeiten, welche die Chronologie dere-,».?«/eS. ersten Päbste so sehr verfinstern, heben zu können/"//- glaubet. Was für Ungewißheiten ! So viel erhellet^- unstreirig daraus, daß die ersten römischen Bischöfe ' ihre Hoheit nicht einmal geahndet haben müssen, die sich ihre spatern Nachfolger zugeeignet haben. Hätten sie sich selbst für so groß gehalten : so würden sie durch unzweifelhafte und zuverlaßige Denkmäler für die Gewißheit ihrer Geschichte gesorget, und dadurch die Welt überzeuget haben, daß die personliche ununterbrochene Nachfolge rechtgläubiger Bischöfe in der römischen Kirche unter die Merkmaale der wahren Kirche Christi gehöre. Eben so ungewiß ist es, wie weit sich der Kirchen-^«, sprenge! der ersten römischen Bischöfe erstrecket hat. Er ^^'^5, konnte im Anfange nicht groß seyn, weil die Christen^' den kleinsten und unansehnlichsten Theil von Rom ausmachten. Die Bischöfe, welche an der Bekehrung der Städte und Flecken um Rom herum arbeiteten, sehten ohne Zweifel Bischöfe dahin, und diese blieben, entweder aus Dankbarkeit gegen die größere Kirche, deren Töchter ihre Gemeinen waren, oder auch wegen der Nothwendigkeit, worinnen sie sich befanden, weisere und angesehenere Bischöfe in schweren Fällen um Räch zu fragen, in einer engen Gemeinschaft mit der römischen Kirche. Aus dieser Gemeinschaft wurde, wie es fast mit allen kleinen christlichen Gemeinem gieng, sehr bald eine Art der Unttrivürfigkeic. Die Rr z ersten 6ZO Geschichte der christlichen Religion. ersten Bischöfe, denen die Landbischöfe aus Ehrfurcht gegen ihre Verdienste allezeit ihrem Rathe oder auch ihren Ermahnungen und Vorschriften gehorsam gewesen waren, dachten vielleicht nicht daran, daß sie den Grund zur Herrschaft ihrer Nachkommen legeten. Diese aber fanden bey dem Antritte ihres Bischosthu- mes eine Größe, die schon halb befestiget war. Der Mensch machet sich nur gar zu gern eine Schuldigkeit daraus, seine Hoheit zu behaupten. Man fand daher, daß die Ehrfurcht der übrigen Bischöfe gegen ihre Vorfahren gegründet gewesen wäre; und man war so eilfertig und schloß daraus, daß sie ihrer bischöfli- chm Würde gehöret?. Wer weis nicht, daß die Logik der Eitelkeit andere Regeln hat, als die Logik der Vernunft oder der Gerechtigkeit? Man vertheidiget also seine Herrschaft über andere, als ein Gut, das man von Gott selbst empfangen hat, und kraft dieser Ge- walt und dieser Treue in der Vertheidigung seiner Rechte, drohet man, zwingt man, und schlägt dieje. nigen nieder, die sich der neuen Herrschaft widersetzen. So stufenweise entsteht die Tyranney im Staate; die Hierarchie der Kirche hat keinen andern Ursprung. Wenn das nicht ihr wahrer Ursprung wäre: so würde man aus den ersten drey christlichen Jahrhunderten doch zum wenigsten ein Denlmaal haben, das uns die ersten Rechte der römischen Kirche über andere Kir- L'FK?vF. chen in ihrem ganzen Umfange lehrete. Wem» eine ^5/^. Religion, saget ein Momesquiou, in einem Staate ' aufkömmt: so richtet sie sich gemeiniglich nach dem Plane der Regierung, die darinnen eingeführet ist. Denn diejenigen, die sie annehmen, kennen keine andere Policey, als die Policen des Staates, darinnen /?«t. v/o. weis?. Dionysius, der stets mit den Bischöfen in -Ä/./>-5/-. Rom eine genaue Freundschaft unterhalten hatte, wurde Zweyter Abschnitt. 6zz wurde wegen einiger unbequemen Ausdrücke, die er in seinen Schriften wider die Sabellicmer brauchte, gefährlicher Irrthümer beschuldiget. Seine Feinde sirmeten besonders in Rom Klagen wider ihn aus. Dionysius erfuhr dieses; und weil er die Gemeinschaft zwischen ihm und dem römischen Bischöfe nicht gern aufgehoben wissen wollte, so vertheidigte er sich so gleich durch eine öffentliche Schuhschrift, und gab den unvorsichtigen Ausdrücken, die er gebraucht hatte, einen rechtgläubigen Verstand. Man findet aber/. nicht, daß er sich dem Urtheile der römischen Kirchec-5. unterworfen hätte. Es ist wahr, daß er sich schon vor dieser Begebenheit in einem bedenklichen Vorfalle ^«M. /. den Rath des römischen Bischofes, Tistus, ausge-^-^. bethen hatte, wie er sich verhalten sollte. Allein dieses thaten die römischen Bischöfe auch, und also kann daraus nichts, als das Ansehen, worinnen sie wegenihrer Einüch en stunden, nicht aber ihre oberrichterliche Gewalt gefolgert werden. Man kann aus den ersten drey Jahrhunderten der Kirche noci) andere Begebenheiten anführen, welche das Ansehen der römischen Bischöfe bezeugen, zugleich aber auch danhun, daß sienicht noch für Monarchen der Kirche gehalten wurden. Als Paulus von Samosata, nachdem er seiner Irrthümer wegen der bischöflichen Würde einsetzt worden war, sich noch im Besitze seiner Würde behauptete, und nicht weichen wollte: so nahmen die versammlcten Bischöfe ihre Zuflucht zu dem Kaiser, AurelianuS. Dieser Kaiser that den Ausspruch, daß diejenige Partey Recht haben sollte, welche mit den Bischöfen von Rom und Meyland in Gemeinschaft stünde. Ein heidnischer Kaiser konnte nicht anders schließen, als daß derjenige Unrecht ha- Rr 5 den 6z4 Geschichte der christlichen Religion. ben müßte, der von den vornehmsten Bischöfen seines Reiches nicht für rechtgläubig gehalten würde. Dieses waren nach seiner Meynung die Bischöfe von Rom und Meyland. Man sieht wohl, daß man aus diesem Urtheile des AurelianuS die Hoheit der römischen Kirche über andere Kirchen nicht schließen kann, ohne der mey- ländischen Gemeine eben diese Ehre beyzulegen. Als Novatus in Rom eine Spaltung in der Kirche, theils durch seine Eitelkeit, theils durch seine Meynungen, angerichtet hatte: so geschah es, daß Mar- cian, ein Bischof von Arles, zu seiner Partey übertrat. Er versagte, wie Novatus, den Gefallenen die Wiederaufnahme in die Kirche. Er wurde seiner Würde entsetzt; aber er wollte nicht weichen, und rechtfertigte seinen Ungehorsam, durch das Vorgeben, daß ihm die Bischöfe von Rom und Carthago ihre Gemeinschaft noch nicht versagt hätten. FaustinuS von Lyon wollte ihm diesen Vorwand seiner Weigerung nehmen, und schrieb in dieser Absicht nach Rom und Carthago. Cyprianus schrieb deswegen sogleich H^>»vs«. an den römischen Bischof Stephanus, und suchte ihn os. zu der Erklärung zu bewegen, daß er mit dem N?ari cian keine Kirchengemeinschaft unterhielte. Die Gründe, welche Cyprian brauchte, ihn zu dieser Erklärung zu vermögen, zeugen von dem Ansehen des römischen Bischofes, zugleich aber auch von seiner Gleichheit mit andern Bischöfen. Uns kömmt es zu, der Kirche mit unserm Rathe beyzustehen. lVir weiden alle eine Heerde, nämlich die Heerde Jesu Christi, und rvir sind daher alle zu ihrem Schuhe verbunden. Er saget, daß alle Bischöfe, wenn ein Glied dieses geistlichen lcibeS denselben zerrisse, zu seini'r Hülfe herbey eilen müßten. Zweyter Abschnitt. 655 Der Bischof von Rom stund also bey der ersten Kirche in einem großen Ansehen; aber er war weder unfehlbar, noch der oberste Richter, wider dessen Ausspruch kein anderes Mitglied der Kirche sich setzen durfte. Darum achteten die asiatischen Bischöfe den Bannstral des röm-schen Bischofs Victors nicht, als er sie aus seiner Gemeinschaft ausschloß , weil sie das Osterfest nicht zu einer Zeit mit ihm feyern wollten. Darum untrrwarf sich auch Cyprianuö dem Ausspru- che des StephanuS wider die Wiedcrtaufe der Ketzer nicht, ob er ihm gleich seine Kirchengemeinschaft ver- sagete. Eben dieses beweist das Verhalten der spanischen Bischöfe bey dem Ausspruche des StephanuS, daß ein gewisser Bischof, Basilides , der von ihnen des Lasters der Abgötterey wegen abgesetzt worden war, ihrer Absetzung ungeachtet Bischof bleiben sollte, weil er sich nach Rom gewendet und daselbst Schutz gesuchet hatte. Cyprian wurde von den spanischen Bischöfen über diesen Ausspruch zu Rathe gezogen. Dieser Lehrer tadelte nicht allein den StephanuS wegen seiner Uebereilung, sondern fällte auch daö entschei- . dende Urtheil, daß Basilides abgesetzt bleiben sollte. Hatte damals schon der römische Bischof, als der oberste Richter, das Recht, Bischöfe abzusetzen, und einzusetzen: so war die Einsetzung des Sabinus an die Stelle des Basilides ungültig, so bald dieser nach dem Urtheile des StephanuS Bischof bleiben sollte. Die spanischen Bischöfe machten sich auch des Ungehorsames gegen den Statthalter Jesu Christi schuldig, wenn sie anstunden , den Basilides wieder anzunehmen. Dieses Verbrechen war um so viel größer^ weil sie sich an den Cyprianus in Africa wendeten, der auch ein Rebell wurde, indem er sich unterfing , den Ausspruch des obersten Richters der Kirche zu misbil-. ligen > 6z6 Geschichte der christlichen Religion. ligen. Allein, man wußte damals noch nichts von der oberrichterlichen Gewalt des römischen Bischofes. Denn dieser verlor seine Sache; Sabin blieb beyjsei- ner Würde, und Basilideö abgesetzt. Wenn die Bischöfe von Carthago das Glück der römischen gehabt hätten, und es fänden sich Ungläubige, die ihnen ihre Hoheit über die Kirche streitig machen wollten : so würde man im fünfzehnten, sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderte mit dieser Begebenheit triumphiren, und die Oberherrschaft des Cyprianus über alle Kirchen der Christenheit daraus beweisen. Und welcher Beweis ist wohl glücklicher, der, welchen man für den Cyprianus führen könnte, oder der, den man aus dieser Begebenheit für die Monarchie der römischen Bischöfe herleitet? Man hat die Montanisten für Irrgläubige gehal- ^-Mo?,-. teil. Zephyrinus, oder Victor, einer von diesen rö- ^ mischen Bischöfen, ist eine Zeitlang dieser Partey er- geben gewesen. Ein TiUemont glaubet, daß es Victor gewesen sey, und beredet sich so gar; daß ihn seine Uneinigkeiten mit den asiatischen Bischöfen dazu verleitet hatten. So muß man also glauben, daß die Seelen der römischen Bischöfe nicht allein dein Zorne, einer so fehlerhaften Leidenschaft, sondern auch Grundirrthümern , die von der Gemeinschaft der Kirche aus- L«?-o». o<5 schließen , unterworfen seyn können. Man muß so «»».zo-. glauben, daß sie ihre Unfehlbarkeit nicht wider die Abgötterey bewahren könne, wenn man mit dem Baronius und andern glauben will, daß Marcellinus, ein römischer Bischof, unter dem Diocletianus den Götzen geräuchert habe. Zum wenigsten rücketen die Donatisten der römischen Kirche den Abfall des Marcellinus auf; Nikolaus, auch ein unfehlbarer römischer Zweyter Abschnitt. 637 scher Pabst bestätigte die Wahrheit dieser Geschichte, und selbst das römische Breviarium bekräftiget sie. Zuweilen bezeugen vorzügliche Ehrentitel, wenn andere Beweise fehlen, die Rechte, welche man gern über andere behaupten wollte. Der Name eines Vaters der Kirche, denn das heißt Papa ; der Name eines Obersten und Vorstehers der Christen, eines Nachfolgers der Apostel, eines Statthalters Jeju Christi, wäre ein sehr günstiges Vorurtheil für die Hoheit der römischen Bischöfe über andere, wofern / sie nur nicht allen Bischöfen ohne Unterschied beygeleget worden waren. Dieses ist aber von allen solchen l^/>,-/<7». Ehrennamen erweislich. Ungeachtet weder Cypria-^.-^A' nus noch Firmilianus Bischöfe solcher Kirchen wa-A"^'^' ren, welche die Apostel selbst gepflanzet hatten: so nann- ' ten sie sich doch Nachfolger der Apostel. Die africa- ^"/^- ^ 6- nischen Bischöfe eigneten sich eben diesen erhabenen Namen zu. Eusebius nennt an vielen Orten die ^ Bischöfe Obersten oder Regierer der Kirche, und rede- c. te also die Sprache des(!)ngenes, den er bcwunder-0//>/-5. te. Eben so gemein war der Name der Vorsteher allen Bischöfen. Wenn Dionysius von seinem Bi-. schofe, dem Heracla, redet: so nennet er ihn den se-^ ^ '^ ligsten, oder welches in der Kanzelleysprache der Kir- e>,/>^o.z/. che einerley bedeutet, den heiligsten Pabst. Cypria-1«. e/,.c/e--. nus heißt eben so in vielen Briefen, die an ihn ge- ^'"'.A. schrieben wurden. Die römische Clerisey selbst erthei- ^A".^ lete ihm eben diesen Namen, und nennete ihn so gar, ,-/^Mme den heiligsten und glorrvürdigsten Pabst. Mit dem Titel eines Statthalters Jesu Christi verhält eS sich nicht anders. Cyprianus saget ausdrücklich, daß c^/>^». derjenige Bischof die Stelle Jesu Christi wirklich ver- s^. träte, der die Thaten Jesu Christi nachahmere. Lan- ^"/. ge vor ihm hatte JgnatfuS von den Bischöfen gesaget, daß 6z8 Geschichte der christlichen Religion. daß man ihnen gehorchen müßte, wie Jesus Christus Gott seinem Vater gehorsam gewesen wäre. S/»-.s I. glücklicher König, legte unwissend und bloß aus Begierde, die Treue seiner Unterthanen zu belohnen, und sie die Glückseligkeit einer gnädigen Regierung empfinden zu lassen, den ersten Grund zum Verfalle seines Geschlechtes. Nachdem er durch seinen Sieg über die Brum'childis Austrasien und Burgund unter seinem Scepter vereiniget hatte, suchte er die Liebe seiner Unterthanen zu gewinnen, und dadurch seine Regierung zu befestigen. Die Befehlshaber feines Reiches erhielten ihre Statthalterschaften auf ihre ganie Lebenszeit. Seine Oberhofmeister , welche vor dem weiter nichts als die Einrichtung des Ho- fcö und die Aufwartung der Könige zu besorgen gehabt hatten, und deswegen Majores Domus genannt wurden, wurden Unterkönige der vereinigten fränkischen Reiche. Dieses war ein neuer wichtiger Anwachs ihrer Größe, die schon dadurch furchtbarer war, als sie in einem monarchischen Staate seyn muß, daß in Abwesenheit der Könige mit dieser Würde das Befehlshaberamt über die Kriegesheere verknüpfet worden war. Clotar war so gefallig gegen seine Unterthanen, daß er nichts wichtiges vornahm , ohne die Großen seines Hofes um ihren Rath gefraget zu haben. Besonders erhielten die Prälaten unter ihm eine Hoheit, vor welcher die Herrschaft des Königes II Theil. Ss we- 642 Betracht, über die Weltgeschichte. wenig mehr voraus hatte. In ihren Diöcesen besassen die Bischöfe eine unumschränkte Gewalt über ihre Geistlichen; sie theileten die schon damals reichenGü- rer der Kirchen aus, wie sie wollten; sie hatten die Gewalt, diejenigen, die das Leben verwirket hatten, und die Sclaven, welche sich in ihre Kirchen flüchteten , zu beschützen; sie waren auch gebohrne Vertheidiger der Armen, der Witwen und der Waiscn, und, wen sie in den Bann gethan hatten, der konnte keines von denen Aemtern bekleiden, die der König vergab; in dem Augenblicke, da er ihre Ungnade empfand, war er bürgerlich todt, und seine Erben konnten sich ebenso gut in den Besitz seiner Güter setzen, als wenn er schon wirklich gestorben wäre. Der Monarch hatte also nicht allein mehr die oberste Gewalt; sie war unter die Bischöfe seines Reiches, unter die Großen, vornehmlich aber unter die L'Najor Domus, als die obersten Bedienten des Hofes, vertheilet, i>.ren Gewalt so sehr zunahm, daß sie in einigen Jahrhunderten das merovingische Geschlecht vom Throne vertrieben. Clotar hatte die Absicht, sich bey seinen Unterthanen gefällig zu machen; aber auf die Art, wie cr solches anfing , zeigte er ihnen den Weg, Könige zu werden. Dadurch, daß er ohne den Rath der Grossen nichts Wichtiges unternahm, gewöhnete ersiezum Vergnügen, Mitbeherrschcr des Reiches und Richter über ihren Monarchen zu seyn. Dieses Vergnügen hatten sie schon einmal genossen, da er sie zu Richtern über die Königinn Brunichildis, sich selbst aber aus ihrem eigentlichen Richter zum Anklager derselben gemacht hatte. Wenn ein Monarch seinen Nachkommen die unumschränkte Herrschaft über sein Reich erhalten will : so muß er dafür sorgen, daß sie allezeit als die einzige Quelle und der Mittelpunkt aller bür- Dritter Abschnitt. 64; gerlichcn Gewalt angeschen werde. Er wird zwar, wenn er die Absicht hat, seine Unterthanen glücklich zu machen, sich nicht einbilden, daß er alles allein in seinem Staate übersehen könne: allein, er wird sich fremder Augen allezeit so bedienen, als wenn es seine eigenen wären. Der Rath, den er von seinen Grossen braucht, wird niemals eine Wohlthat, die sie ihm erzeigen/sondern Unterwürfigkeit und Gehorsam seyn. Das fränkische Reich hatte seit seinem Ursprünge einen innerlichen Fehler, der, wenn er nicht von seinen Beherrschern verbessert wurde, (und das thaten sie nicht) sehr viel, nicht allein zu ihrem Falle, sondern auch zu seinem eigenen künstigen Untergange beytragen mußte. Dieser Fehler war die Mannichfaltig- keit der Gesetze. Alle Nationen, die zum fränkischen Reiche gehöreten, hatten ihr eigenes Gesetzbuch. Der Gallier ließ sich nach keinem andern, als nach dem römischen Gesetze, der Franke nur nach dein salischen, der Allemannier nach dem allcmannischen, der R-pua, rier nach dem ripuarischen, und so eine jede Nation nach einem andern Gesetze richten. Wenn die Mitglieder eines großen Staates nicht durch einerley Gesetze mit einander verbunden sind, und ein jeder einzelner Theil sich als einen auf gewisse Weise von allen andern abgesonderten Theil betrachtet: so liegt in einem solchen Reiche der Saame zu einer innerlichen Eifersucht und Uneinigkeit, der dem Monarchen desselben allezeit fürchterlich seyn muß, und wenn einmal darinnen eine heftige Gährung entsteht, zum wenigsten seinen Nachkommen die Krone rauben kann. Clotar hatte nichts zu befürchten. Er hatte so viele große Eigenschaften, daß er sich leicht erhalten konnte, wiewohl er in seinem Alter schon verachtet zu wer? Sö 2 den 644 Betracht, über die Weltgeschichte. den anfing. Die Macht der Clerisey hielt der Macht, die erden Großen gegeben hatte, dasGleich- gewicht. Ueberdieß hatten sie diese Gemalt nur erst erhalteil; die Empfindungen der Dankbarkeit unterdrückten noch die Bewegungen des Ehrgeizes. Als er seilt Reich mit Dagobert dem ersten theilete, und ihm, weil er noch allzu jung war, den Pipinus von Landi zum Alisseher gab : so hatten alle Bemühungen dieses Pipinus , die ihm ertheilete Macht zum Besten der Franken anzuwenden , vielleicht zwar die Absicht, sein Haus zu vergrößern, aber noch nicht die Absicht, die Krone auf dasselbe zu bringen, sondern sie entsprangen vielmehr aus einer wahren Treue gegen die königliche Familie und aus der edlen Begierde, sich uin ihre Unterthanen verdienet zu machen. Allein , nach dem Clotar herrscheten keine Clotare mehr; denn es kamen Könige zur Regierung, die von der königlichen Würde nichts als das Geschlecht, den Namen und die Kleidung besitzen wollten, ihre Majestät und Gewalt aber den Oberhofmeistern ganz übergaben. Sie waren in nichts merkwürdig, als dadurch, daß die Iahrzahlen der Geschichte unter ihre Namen eingetheilet und geordnet werden konnten. Clotar begieng den für die Großen seines Reiches und besonders für die Gewalt der Oberhofmeister so vortheilhaften Fehler, daß er den Dagobert noch bey seinem Leben zum Könige machte. Wir wollen diese hohen Beamten der frankischen Monarchie zur Abwechslung bald Oberhofmeister , bald Major Do- mus nennen. Pipinus ward Dagoberts Oberhofmeister : wie leicht war es dem großen Geiste eines so alten und erfahrnen Herrn sich in mehr Ansehen zu sehen, als ein Kind von einem Könige! Dagobert folget? Dritter Abschnitt. 645 folgete dem Beyspiele seines Vaters, siel in eben den Fehler, und machte seine Söhne, dcn Sigibert, und den Clodoveus zu Königen, da sie noch Kinder waren. Das hieß ihreOberhofmeistir zu ihren Monarchen machen. Wenn man den Geschichtschreibern Lün. glauben will: so erhob Dagobert den Sigibert in derReichs- Absicht auf den Thron, die Austrasicr unter dem Gc-h'st.2Rch. horsame seines Scepters zu erhalten, diedarübermi6-'96- vergnügt gewesen seyn sollen, daß er sich mehr in den neustrischen und burgundischen Landen, als in den au- sirasischen aufgehalten habe. Allein, sollte die wahre Ursache dieser Krönung nicht die Herrschbegierde des Chunibertus, eines Erzbischofes von Cöln, und des Major Domus, des Adalgisilus, gewesen seyn? Dem, warum wurden eben sie Vormünder des minderjährigen Königes und wahrend seiner Minderjährigkeit Regenten des Reiches? Und warum ließ der alte Pipinus nach Dagoberts Tode, dem er sich so unentbehrlich gemacht hatte, daß er ohne seine Gegenwart nicht König seyn konnte, dem Adalgisilus das Amt eines Oberhofmeisters bey dem Sigibert nicht, wenn er nicht bey allen seinen großen Tugenden allzuviel Geschmack an der Regierung fand? Die Fehler, welche Clotar und Dagobert began-6,eF«r-. gen hatten, waren von unersetzlichen Folgen. Die 7»'0». Oberhofmeister hatten mit einigen andern königlichen ^ Beamten die politische Verwaltung der Lehngüter, den Vorsih im Rathe des Königes, und eine fast unumschränkte Gewalt über die Armeen. Nothwendig mußte so wohl der Adel als die Clerise» mehr auf den Major Domus, welcher Lehngüter, Aemter, Würden und Befchlshaberschaftcn auszutheilen harte, als auf einen Maskenkönig achten, der, wenn jener Ss z in 646 Betracht, über die Weltgeschichte. in seinem Namen Krieg führete und Länder eroberte, in seinem Pallaste eingeschlossen war, und sich alle Mühe gab, einen unangebauten Verstand unter einigen Hofdamen und in dem Genusse weibischer Wollüste vollends ganz zu verlieren. Ehe dem Oberhofmeister eine so große Gewalt ertheilet worden war, waren die Könige der Franken in allen ihren Ländern immer gegenwartig; sie waren stets an der Spitze ihrer Armeen , und eben das hatte in den Herzen der Franken eine so große Liebe und Ehrfurcht gegen die Könige ous dem merovincu'schen Stamme erwecket. Nachher aber ließen sie sich jahrlich nur einmal bey den Mär;versammlungen sehen, wo sie auf einem Wagen fuhren , den vier Stiere ziehen mußten , damit die Majestät nicht allzusehr erschüttert wcrden möchte. Wenn sie Verordnungen gaben: so waren es Gesetze des Nlajor Donttw; wenn sie den Abgesandten antworteten, so sagten sie die Antworten her, welche sie ihre Oberhofmeister hatten auswendig lernen lassen. Wer etwas bey ihnen zu suchen hatte, der mußte sie in ihren Zimmern unter ihren Zeitvertreiben aufspüren. Aber er mußte sich hüten, von Geschafften mit ihnen zu reden. Er wurde zum Major Donius gewiesen. Dieser öffnete die Briefe und die Bittschriften , und beantwortete sie, ohne einen andern Rath zu Hülfe zu nehmen, als den seinigen ; erhö- rete die Klagen der Unterthanen und der Gesandten fremder Völker an; er gab, er wiederrief, er machte Verträge und hob sie auf; kurz, er entlud seinen König aller Last der Regierung , um seine Gewalt auf sich zu bringen. Solche Marionettcnkönige waren die letzten Beherrscher der Franken; sie konnten sich niemals selbst bewegen; sie mußten zu einer jeden Be- we- Dritter Abschnitt. 647 wegung, die sie machen sollten, erst von ihrem!77»:« jor Domus gezogen werden. Der Unerfahrne, der nicht weis, wie gern der Unterthan regieret, wundert sich, daß die letzten mc- rovingischen Könige unter der Aufsicht solcher Ober- Hofmeister, die wegen ihrer Klugheit, ihrer Tapferkeit , ihrer Begierde, die Franken glücklich zu machen , so sehr berühmt sind, nicht einmal mittelmäs- sige Monarchen wurden, sondern so wenig kriegerisch und so sehr weibisch waren, daß sie auf einen Wink ihrer Buhlerinnen die Spindel lieber als den Scepter ergriffen haben würden. Die Major Domus hatten genug zu thun, ihren Nachkommen den Weg zur Krone zu bahnen: also hatten sie keine Zeit, sich um die Aufcrziehung ihrer Könige zu bekümmern. Die wichtige Stelle eines M.'?/»«ak. neu, der, ob er gleich nur ein Kind war, dennoch der Vormund eines minderjährigen Königes, unterc. der Aufsicht seiner Großmutter Plcctrudis seyn sollte. Dieses hieß, wie Momesquiou sich ausdrücket,/l/o»^. Schatten über Schatten sehen ; es bewies aber auch /'^//» die unumschränkte Macht, welche Pipinus auf seine Familie zu bringen gewußt hatte. ^' ^' Nunmehr wurden die Franken von einem Weibe und zwey Kindern regieret. Eine solche Herrschaft konnte nicht lange bestehen ; denn sie waren bloß der Mannerherrschaft gewohnt, und auch unter ihnen hatte das schöne Geschlecht niemals anders, als unter dem Namen der Mäimer geherrschet. Sie empöretm sich also, und nach Dagoberts Tode machten sie einen Prinzen vom Geblüte, der sich zeither in einem Kloster aufgehalten hatte und Daniel hieß, unter dem Namen Chilperichs, des zweyten, zum Könige. Theudoaldö und seiner Großmutter austrasische Par- An. 715. tey ward von den Neustrien geschlagen, und Carl, PipinS natürlicher Sohn, nachdem er unter diesen Unruhen aus seinem ihm von seiner Stiefmutter angewiesenen Gefängnisse entflohen war, von den Austra- stern mit einem allgemeinen Frohlocken zum Herzogs angenommen. Ein anderer, als er, würde sich zu seiner Größe nicht emporgeschwungen haben; denn er hatte ganz Neustrien, und in Austrasien die Plcctrudis wider sich, welche alle Schätze seines Vaters, Pipinus, in ihrer Gewalt hatte. Allein, er war so sehr ein Staatsmann, als er ein Held war. Seine M. 717. Gegenwart des Geistes, seine kriegerische Verschlagenheit, seine Mäßigung nach erfochtenen Siegen, und 656 Betracht, über die Weltgeschichte. und die Verstellung, als ob er keine Herrschaft über , die Franken suchte, machten ihn groß. Vermöge dieser Verstellung machte er den Clotarius, von dem man nichts bestimmter weis, als daß er aus dermero- vingischen Familie entsprungen war, zum Schattenkönige von Austrasien und auch über Neustrien, nachdem er Chilperichen daraus vertrieben hatte. Keine bessern Könige machte er nach Clotars Tode aus eben diesem Vertriebnen Chilperich, und, nachdem dieser gestorben war, aus Theodorichen dem dritten, Dagoberts des dritten, Sohne. Dieses geschah nicht etwa aus Mäßigung, sondern aus Furcht, daß sich ein anderer von den Großen dieser königlichen Abkömmlinge aus dem merovingischen Stamme bemächtigen, und ihm seine Herrschaft streitig machen möchte. Sie hießen Könige und waren ihres höchsten Bedienteil Staatsgefangne. Er folgte dem Grundsatze seines Vaters und erhielt seine unruhigen Franken in steter Arbeit. Er führete sie immer wider neue Feinde, und jeder Sieg An. 7zb. war ein neuer Zuwachs seines Ansehens. Kein Sieg befestigte seine Macht mehr, als die von ihm erfochtene völlige Niederlage der Saracenen, welche EudonS, des Herzogs von Aquitanien, Ehrgeiz und Eifersucht über Carls Größe nach Frankreich gerufen hatte. Sie droheten dem ganzen Europa die Sclaverey, in welche sie schon den größten Theil von Asien und ganz Spanien gestürzet hatten. Pipin konnte sich nicht anders zum Herrn der fränkischen Monarchie machen, als durch die Beschü- ßung der Clerisey. Sein Sohn, Carl Martell, konnte sich bey dieser Herrschaft nicht anders, als durch die Unterdrückung eben dieser Clerisey erhalten. Seine Vorsah- Dritter Abschnitt. 657 Vorfahren, die Könige, wie auch der Adel und das Volk hatten das Geheimniß erfunden, der Clerisey alle ihre Güter zu geben. Weil Carl den Adel belohnen mußte : so erfand er das Geheimniß, der Kirche alles wieder zu nehmen. Er schlug ihre Güter zum t^o«. königlichen Fiscus, und besetzte die Bisthümer und^«^^./. Abtcyen mit seinen Feldherren und Hauptleucen. Er konnte sich zum glücklichen Ausgange dieses Unternehmens in keinen vortheilhaftern Umständen befinden. Er wurde von den Soldaten gefürchtet und geliebt, und arbeitete für sie. Der Krieg wider die Saracenen gab ihm einen rechtmäßigen Vorwand, sich der Reichthümer der Kirche zu bemächtigen. Von des römischen Bischofs Seiten hatte er nichts zu befürchten. Dieser wollte sich in Italien ununterwürfig machen, An. 74s. und weder den Griechen noch den Lombarden gehorchen. Also übersah er alles, was Carl wider die Clerisey seines Landes unternahm. Er sandte ihm sogar einmal die Schlüssel zu dem vorgegebenen Grabe des Apostels Petrus und seine Marlyrerketten, und both ihm die Oberherrschaft Italiens an, die er nicht zu vergeben hatte. Noch zur Zeit machten zwar bey Carln diese Schlüssel, die bey dem Anscheine sicherer Vortheile diesen Sohn der heiligen Kirche zur brünstigen Andacht entflammet und alles über ihn vermocht haben würden, wenig Eindruck; denn da die Lombarden noch zu mächtig waren, und seine Macht unter den Franken mehr befestiget werdeil mußte, so schmeichelte er und versprach dem römischen Bischöfe mehr, /4m,. als er that, oder gethan haben würde, wenn er einige s/ow. Urkunden zu erhellen, daß diese Unzufriedenheit eine «^./Ä/ö. g^ße Verschwörung wider ihn angesponnen habe, in Nectte,/-/» nasche besonders ein angesehener Abt verwickelt war. Ungefähr hundert Jahre nach seinem Tode sah ihn auch der heilige Eucherius in der Hölle auf Befehl der Heiligen dafür quälen, daß er der Kirche ihre Gü- Ls?o?5. ter genommen hatte, und Baronius schreibt seinen s»».ecc/. Tod einem göttlichen Gerichte über ihn zu, aus der o irdische Angelegenheiten. 5,/^./.,^. Doch das war noch nicht genug. In einem an- c-^.c7-»o/, dem Briefe sagte er: Der König aller Könige hat euch darum so viele Völker anvertrauet, daß ihr seiner heiligen Kirche aufhelfen sollet. Er könnte sie zwar auf rine andere Art vertheidigen, wenn er wollte, allein er will euer Herz prüfen. --- Wisset, daß der Oberste unter den Aposteln sein Wort hält; wo ihr das eurige nicht halten werdet: so wird er sich am Tage des Gerichts darüber beklagen. Hier werden die sinnreichsten Ausflüchte nichts helfen. Tt 5 Die 666 Betracht, über die Weltgeschichte. Die Briefe waren nachdrücklich. Allein Pipin hatte seine Ursachen, warum er dem römischen Bischöfe und seiner heiligen Kirche noch nicht benspringen konnte. Unterdcß belagerte Astolph Rom. Stepha- nus nahm in seinen bedrängten Umstanden zu einem ganz außerordentlichen und ungewöhnlichen Mittel seine Zuflucht, den Pipin zu einer schleunigen Hülfe zu bewegen. Er ließ nämlich den Apostel Petrus an denselben schreiben, e-^.c^o/. Petrus also, von Jesu Christo, dem Sohne des -?>. 4s- A lebendigen Gottes zum Apostclamte berufen; denn so s^ö s'^"3 ^ Schreiben an, beschwor mit der heiligen Jungfrau, den Engeln, den Mäi tyrern , und allen Heiligen die Franken , daß sie der Quelle ihrer Wiedergeburt und ihrer geistlichen Mutter zur Hülfe wider die Lombarden herbey eilen möchten. Ich beschwöre euch, sagte er, bey dem lebendigen Gott, nicht zuzulassen, daß meine Stadt Rom und mein Volk langer von den Lombarden gequälet werde, damit nicht eure Seelen und eure Leiber im ewigen Feuer geguälet werden mögen. Lasset die Schafe, die Gott meiner Sorge anvertrauet hat, nicht zerstreuet werden, damit euch Gott nicht verwerfe und euch wie das Volk Israel zerstreue. - - Wofern ihr keinen Anstand nehmet, mir zu gehorchen: so werdet ihr in diesem Leben eine große Belohnung empfangen; ihr werdet die Güter der Erde essen , und ohne Zweifel das ewige Leben erhalten. Wo ihr solches nicht thut: so wisset, daß ihr, kraft der Gewalt des dreyeinigen Gottes und der Gnade meines Apostelamtes des Reiches Gottes und des ewigen Lebens beraubet seyn sollet. - - Stcphanuö eignete ohne Zweifel dem Apostel Petrus sehr irdische Sorgen für seinen Leib zu , da doch Dritter Abschnitt. 667 seine Seele durch das Anschauen Gottes einer vollkommenen Seligkeit genießen mußte. Dieser falsche Petrus redete als ein sehr schwacher Mensch, der beyder Annäherung eines Feindes erschrickt und einen jeden Menschen um Barmherzigkeit anrufet. Was für eine Demüthigung für einen Heiligen, der bey Gott so viel Gewalt hat und doch mit so viel Beredsamkeit den Beystand der Menschen erbettelt! War es ihm nicht anständiger, seine Feinde mit Feuer vom Himmel zu vertilgen? Er verspricht denen, welche ihm helfen würden, das ewige Leben. Wenn er so mächtig ist, und so viel wegzugeben hat: was lag ihm daran, ob sein Nachfolger Stephanus, oder ein lombardischer König die Stadt Rom, und Ravenna, und andere solche Städte besaß? Einem, der so reich ist, steht es nicht wohl an, so gar eigennützig zu seyn. Und wenn er den Lombarden so wenig gönnetc: warum führete er nicht lieber die Märtyrer und Heiligen, die ,mter ihm stunden, wider diese Feinde an? Vielleicht hätte noch eine so neue Armee die Bekehrung der Lombarden gewirket! Dieses Schreiben ist, wie der Abt Fleuri saget, sehr wichtig, den Geist dieses Iahrhundertes kennen^/. 5. zu lernen. Es lehret, wie weit die ernsthaftesten/'-^s. Männer die Erdichtung treiben konnten, wenn sie dieselbe für nützlich hielten. Es ist voll Zweydeutigkeiten. Die Kirche bedeutet darinnen nicht die Versammlung der Gläubigen, sondern irdische Güter. Die Heerde Jesu Christi bezeichnet die Leiber und nicht die Seelen der Menschen. Die irdischen Verheißungen des alten Bundes werden mit den geistlichen Verheißungen des Evangelii vermenget. Die hei- 668 Betracht, über die Weltgeschichte. heiligsten Bewegungsgründe der Religion werden für eine Staatsangelegenheit angewendet. Dieses Schreiben ist auch darum wichtig , weil es uns die Veranlassungen kennen lehret, welche die Franken hatten , sich in Italien festzusetzen, da sie doch von den Lombarden noch nicht beleidiget worden waren. Pipinus konnte seine Unternehmungen auf diesen Theil des Dccidentcs auf keine Weise rechtfertigen. Allein, wer kann dem Apostel Petrus ungehorsam seyn ? <4». 755- Er gieng also mit aller seiner Macht nach Italien. Die Abgesandten des griechischen Kaisers bathen ihn Umsonst, daß er demselben Ravenna und die übrigen Städte des Exarchats wieder abtreten möchte. Er wollte aber denen Rom nicht zurück geben, die es nicht hatten erhalten wollen, und die Schenkung von Quiercy nicht wiederrufen. Er betheurete ihnen mit einem Eide, daß er um keines Menschen willen, sondern bloß aus Liebe gegen den heiligen Petrus, und wegen der Vergebung seiner Sünden, sich so vielen Schlachten ausgesetzet hatte, und sich durch alle Schätze nicht überreden lassen würde, dem heiligen Petrus das wieder zu nehmen, was er ihm einmal geschenktt hätte. Pipin dachte daran nicht, ob er ein Recht gehabt hätte, das wegzuschenken, was ihm niemals zugehöret hatte. Das hieß in dcr That des griechischen Kaisers und der Religion zugleich spotten. Der König der Lombarden wurde gezwungen , den Vertrag des vorigen Jahres zu erfüllen, und die eroberten Städte wieder abzutreten. Pipin wicderhole- S^rreGe- te seine Schenkung an die römische Kirche, deren Fol- fchichtev. beweisen, daß er den römischen Bischöfen zwar !> 6? ^ Nutzungen und Einkünfte der geschenkten Stadre ' verliehen, sich aber und seinen Nachfolgern das Recht der Dritter Abschnitt. 669 der Oberherrschaft darüber vorbehalten hatte. Seine Frömmigkeit war eigennützig. Er erwarb sich durch dieselbe Rechte auf Italien, die er zu behaupten und zu erweitern stets Gelegenheit hatte, weil die Lombarden einen Vertrag beständig zu brechen sucheten, zu dem sie durch die Waffen gezwungen worden waren. Vielleicht hatte sich pipin noch zum Beherrscher dcs^». ?a?. ganzm Occidentes gemacht, wenn ihn nicht Unruhen in Sachsen, Bayern und Aquitanien, und endlich sein Tod daran gehindert hatten. Diese Ehre war Carln, seinem Sohne, der in der Folge, sowohl seiner Eigenschaften als seiner Macht wegen, der Große genannt wurde, vorbehalten. Er mußte im Anfange die fränkischen Staaten mit seinem Bruder, Carlomann, theilen. Seine Vermählung mit einer lombardischen Prinzeßinn schien den Weg zur Herrschaft über alle Abendländer zu verlängern. Stephanus der dritte, der römische Bischof, wieder-Q>t/.Q?,'o/. rieth eine Verbindung, die seinen Vortheilen so ent-^>45- gegen war, mit aller Beredsamkeit des Eigennutzes, der die Sprache der Religion redet. Er stellete ihm vor , daß die Franken sich mit keiner fremden Nation verbinden dürften; daß Carl sich nicht mit einer s» treulosen und stinkenden Nation, als die lombardi-- sche wäre, welche nicht unter andere Völker gehörete, und von welcher der Aussatz herkäme, beflecken müßte , weil das Lichr keine Gemeinschaft mir der Finsterniß und der Gläubige keinen Theil an den Ungläubigen haben sollte; daß die fränkischen Könige dem heiligen Petrus versprochen hatten. Freunde seiner Freunde und Feinde seiner Feinde ;u seyn; daß er diese Ermahnung von dem Grabe des heiligen Petrus an ihn schickte; daß er Carln 67O Betracht, über die Weltgeschichte. und seinem Bruder den Bann ankündigte, wenn sie sich mit den Lombarden, einem so meineidigen Volke, und so großen Feinden der Sradr Rom, befreundeten. Dießmal aber war aller Misbrauch der Religion unkräftig ; denn Carl verband sich wirklich mit der lombardischen Prinzeßinn; und vielleicht wäre Rom noch unter die Gewalt der Lombarden gekommen, wofern sie nicht sehr bald wegen ihrer Unfruchtbarkeit und Krankheit von ihrem Gemahle verstoßen worden wäre. Um diese Zeit starb Carlomann, und ob er gleich unmündige Kinder hinterließ : so besaß doch Carl s» viel Ehrgeiz und zugleich so viele große Eigenschaften, daß er ihnen die Erbfolge entzog und sich zum Herrn der brüderlichen Staaten machte. Hier sing sich die Epoche seines großen Glückes an. In wenig Jahren unterwarf er sich durch seine siegreichen Waffen die Sachsen, welche sich immer wieder empöreten, sooft sie auch gedemüthiget wurden; die Bayern, deren Land er seinen Staaten einverleibte, und die Lombarden , ° über welche er sich zum Könige krönen ließ, nachdem er ihren König überwunden und ins Kloster verwiesen hatte. Wir werden bald sehen , daß er «icht so glücklich gewesen seyn würde, wenn er nicht mit so großen Eigenschaften begabt gewesen wäre. Die Ueberwindung der Lombarden gab ihm die Oberherrschast über ganz Italien, wenn man Sicilien, Apulien, Calabrien, Lucanien und das Herzogthum Benevcnt auSnimmt, wo sich die Griechen noch behaupteten. Die römischen Bischöfe hatten sich dem Gehorsame der Griechen und Lombarden entziehen wollen; die Folge davon war diese, daß sie Unterthanen der Franken wurden. Doch den wichtigen Vor' theil Dritter Abschnitt. 671 theil erhielten sie, daß ihnen die Einkünfte von einem ansehnlichen Theile Italiens zugestanden wurden. Die Krönung Carls zum Kaiser war nichts, als eine Ceremonie, die ihm nicht mehr Gewalt, sondern nur einen Titel mehr gab. Dieses sind die Begebenheiten, welche man nothwendig wissen muß, wenn man verstehen will, wie die weitlauftige Monarchie, die gegen das Ende des achten Jahrhundertes so viele und so machtige Reiche und Staaten unter sich begriff, und von Carln, dem Großen, beherrschet ward, entstanden und zu einer so furchtbaren Größe gelanget ist. Theils die Güte, theils die Schwachheit und Weichlichkeit der Könige aus dem merovingischen Stamme, erthcileten ihrer ersten Hofbedienung zu viel Macht. Der Ehrgeiz derer, welche sie bekleideten, suchte sie in eincr Familie erblich zu machen. Dieses gelang unter allen Oberhofmeistern nur den Vorfahren Carls des Grossen. Die Mächtigen des Reiches vom weltlichen Stande und von der Clerifey setzten sich ihrer Vortheile wegen nicht dagegen. Die Lehngüter der Krone wurden entweder in ihren Familien , oder bey ihren Kirchen erblich, weil sie bey der größten Familie des Reichs die Stelle eines Major Domus erblich werden ließen. Carl Mcirtell vergrößerte die Macht seines Hauses durch die Unterdrückung der Clerisey; der Adel verlangte Geschenke, und die Kirche besaß alle Reichthümer der Monarchie; also mußte sie die Dienste bezahlen, welche der Adel dem Obcrhofmeistcr leistete. Pipin wollte mit dem Ansehen eines Königes, auch den Namen desselben vereinigen; die Clerisey hatte ein solches Unternehmen Meineid und Rebellion nennen, und auf diese Weise eine wirkliche Rebellion gs- 672 Betracht, über die Weltgeschichte. gegen ihn erregen können : also mußte er die Kirche beschützen, ihr einige Einkünfte, und den Schein ihrer Rechte wiedergeben. Nunmehr konnte er den königlichen Namen ungeahndet annehmen. Der Mis- brauch der Religion heiligte diese Handlung; Pipin hatte einen Titel mehr, und das Königreich einen Schatten weniger. Man sieht wohl aus allen Begebenheiten , daß Pipin und alle seine Vorfahren das Reich nicht auf ihr Geschlecht gebracht haben würden, wenn sie nicht mit großen Eigenschaften begabt gewesen waren , die sie mit Glück zu ihrer Erhöhung zu brauchen wußten. Die Begierde der römischen Bischöfe, unabhängig zu werden, ihr Misbrauch der Religion, die Schwäche und der Aberglaube der griechischen Kaiser, welche lieber Bilder bestürmeten, als Länder beschützeten und eroberten, gaben dem Pipin das Recht, den Grund zur Herrschaft der Franken über Italien zu legen, über das er kein Recht hatte, als dasjenige, welches ihm sein Glück und eine gemisbrauchte Religion gab. Er ergriff die Gelegenheit, dein Stuhle des heiligen Petrus mehr beyzustchen, als die vorgeblichen Nachfolger desselben vcrlangeten. Da Carl, sein Sohn, die größten Eigenschaften besaß, die nur in einem Monarchen vereiniget seyn können, und alle Staaten, die noch nicht unter seiner Herrschaft stunden, durch lange Kriege und Unruhen ohnmächtig geworden waren: so war es ihm leicht, sich zum Beherrscher des Occidentes zu machen, und das Kaiserihum wieder aufzurichten, welches durch die Einfalle der Barbaren zerstöret worden war. Alleii?, alle diese Begebenheiten lehren zugleich, daß Gott allein selig, allein der allgewaltige König al- Dritter Abschnitt. 67z aller Könige und der Herr aller Herren ist. Außer ihm ändert sich alles auf seinen Befehl, und er allein ist unveränderlich. Er ist es, der unter den Völkern große Geister aussondert, und ihnen einen Theil seiner Macht verleihet. Wenn ihre Nachkommen nicht in ihre Fußtapfen treten: so laßt er den Ehrgeiz ihrer bessern Unterthanen ihre Weichlichkeit und unwürdige Trägheit bestrafen. Er giebt zu, daß sie sich eines Scepters bemächtigen, dessen gebohrne Unterthanen sie waren, den Beherrschern der Erde die Lehre zu geben, daß sie selbst regieren und die Würdigsten unter ihren Völkern seyn müssen, wenn ihr Thron fest stehen soll. So schlimm auch die Unternehmungen der Menschen seyn mögen , und ob gleich die Wege vieler Monarchen zum Throne Ungerechtigkeit, Ver- rätherey und ein schändlicher Misbrauch der Religion sind : so weis doch die göttliche Vorsehung alles so zu lenken, daß oft ein einziger Regent, den er erleuchtet, die Unordnungen und Miebräuche vieler Jahrhunderte verbessern muß. So war cö Carl, der große, durch welchen Gott den Occidenc ein Glück empfinden lassen wollte, welches allein die Folge einer weisen'Regierung, und ein Geschenk seiner Gnade ist. Von -''..H-»»ltt' ^ ZHvH!;-?Äj,Wl.Ni,5'<5 ^VNiNV»-N!l>l>M,H«jt Carln, dem Großen. >«?arl, Pipins Sohn, beherrschte ein weitlauftigcs Reich viele Jahre mit einem Glücke, welches der Größe seines Charakters gleich war. Die inner- II. Theil. Uu liche 6?4 Betracht, über die Weltgeschichte. liche Verfassung seiner Monarchie war so beschaffen, daß sie sich in ihrer Größe nur unter der Regierung eines solchen außerordentlichen Geistes erhalten konnte, als der seinige war. Unter seinem Scepter stunden so viele verschiedene Völker, von denen eines das andere beneidete, oder verachtete. Selbst unter der fränkischen Nation herrschte keine vollkommene Eintracht; die Austrasier waren über die Neustrier, und diese über jene eifersüchtig. Die andern Völker waren vordem freye Völker gewesen; sie waren größtenthcils erst durch seine glücklichen Waffen überwunden worden. Der Longobarde und der Bayer gehorchete gezwungen. Keine Kriege waren blutiger und für ein Volk verderblicher, als seine Kriege wider die Sachsen. Sie wurden in allen Feldzügen überwunden und dennoch empöreten sie sich eben so oft wieder, als sie besieget wurden. Wittekind war so sehr ein Held, als Carl; er war nur nicht so weise, so glücklich und so machtig. Die Dänen waren gefahrliche Nachbaren, und zwar um so viel mehr, je größer Gottfrieds, ihres Königes, Muth und weiraussehender Geist war. Die Hunnen und Saracenen waren fürchterlich, weil sie eine raubbegierige und um deswillen kriegerische Nation waren. Der Adel der Monarchie war zwar tapser, aber unruhig, und aus den vorigen Zeiten her gewohnt, Theil an der Regierung zu nehmen. Die Provinzen wurden theils von Herzogen, theils von Grafen regieret, die wegen der Macht, mit welchen sie die Angelegenheiten derselben wahrnahmen, lieber unabhängig seyn, als gehorchen wollten. Wünschte der MonarcheineArmee zuhaben: so hing er auf gewisse Weise von den Reichsstanden ab, weil sie aufgebothen wurden, und ihre Pasallen wieder auf- Dritter Abschnitt. 675 biethen mußten. Die neuern Monarchien erhalten sich langer und selbst unter mittelmaßigen Beherrschern, weil sie bestandig eigene und von allen andern Gliedern des Staats unabhängige Armeen haben, die durch solche Gesetze regieret werden, daß sie nicht allein dem Throne stets Unterthan bleiben, sondern auch alle übrige Unterthanen im Gehorsame erhalten müssen. Eine solche Armee hatte Carl, der Große, nicht. Er mußte die höchste Gewalt mit dem Adel und mit der Clerisey theilen, und doch hat niemand im Occidente vor ihm und nach ihm glücklicher und unumschränkter geherrscht?, als er. Und außer diesen Hinvernissen, welche sich feiner Herrschaft wiedersehten, hatte er die Finsterniß und Barbaren seines Jahrhundertes zu überwinden. Künste und Wissenschaften waren ganz unbekannt vor ihm, und gleichwohl waren unter sechshundert Jahren, die unter ihm und nach seinem Tode verflossen, seine Zeiten im Occidente die weisesten und gelehrtesten. Was seines Vaters und seine Eroberungen betrifft: so kann man Pipinen mit dem Philippus von Macedonien vergleichen; er aber war Alexander: und was seine andern Eigenschaften und Thaten betrifft, so war er mehr, als Ludwig der vierzehnte; denn er that das selbst, was Ludwig durch Colberte und Richelieue that. Man vergleicht große Monarchen, wenn man sie loben will, mit dem Stifter der ersten römischen Monarchie, dem'August, weil er der Nachwelt von Horazcn und Virgilen angepriesen wurde. Die Vergleichung mit Carln würde gewöhnlicher und erhabener seyn, wenn er so große Geister zu Lobrednern gehabt hatte, oder wenn man einen Eginhard , die Chroniken der mittlern Zeiten, und die Sammlung seiner Capitulare so gern, als einen Svetoniuö oder Dio läse. Uu 2 Carl 676 Betracht, über die Weltgeschichte. Bünaus Earl besaß alles, was einem Monarchen Ansehen Reichst), und Ehrfurcht erwecken kann. Die Natur harte ihm 2 TH. Ü21. auch im Aeußer'ichen nichts versaget, was bey Unter- thauen einen vortheilhaften Eindruck für ihren Fürsten machen kann- Er war vom Leibe stark und breit, und von einer Höhe, die ansehnlich, ob gleich nicht ausserordentlich groß war. Er hatte feurige Augen und ein« lange Nase. Die Gelehrten haben über seinen Bart bey nahe so viel, als über seinen Charakter, geschrieben. Reuten, Jagen und Schwimmen waren Künste, an denen eine so kriegerische Nation, als die frankische war, den größten Geschmack fsnd. Er übertraf in diesen Leibesübungen alle seine Franken. So prachtig auch sein Hof war: so herrschte doch in seiner Kleidung eine königliche Einfalt, außer an Ceremonientagen , wo sich die Majestät des Staates an seinem Oberhaupte zeigen muß. Besonders empfahl ersieh seinen Unterthanen durch seine Liebe gegen ihre einheimische Tracht. Er bedienetesich der römischen Kleidung zu Rom nur zweymal und nur einige Stunden, und zwar auf der Päbste inständiges Anhalten. Er war von seiner ersten Jugend an ein Held. Seine Waffen waren allezeit glücklich, und, was noch merkwürdiger ist, der Sieg begleitete so gar seine Feldherren. Kein Prinz wußte den Gefahren besser zu trotzen ; kein Prinz wußte sie weiser zu vermeiden. Er überwand alle Unfälle, besonders diejenigen, welche bald alle große Eroberer erfahren, näni- lich die Verschwörungen, und zwar ohne Mühe. Seine Anschläge waren weitläuftig, und die Ausführung derselben ungekünstelt. Er führcte die größten Unternehmungen mit einer bewundernswürdigen Leich- . L-Ä «So tzu,?!N-W' - >^ Dritter Abschnitt. 677 tigkeit und die schwersten mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit aus. Unter ihm entsponnen sich von allen Seiten her Unruhen über Unruhen, und doch machte er auf allen Seiten den Unruhen ein Ende. Er setzte der Gewalt des Adels Gränzen, welcher sich nach dem Beyspiele ihrer Vorfahren durch die Unterdrückung der Clerisey immer mehr zu vergrößern suchte. Er brauchte ihn zu einer Unternehmung nach Verändern, und ließ ihm keine Zeit, Anschläge zu fassen ; dadurch zwang er ihn, nur mit der Ausführung der seinigen beschäftiget zu seyn. Weil sein Reich >veit- läuftig war: so hatte er zu befürchten, daß diejenigen, welche er in die äußersten Gegenden setzte, Neigung zum Aufruhre bekommen möchten. Er hoffte daher, bey den Geistlichen mehr Treue und Eifer zu finden. Darnm richtete er in Deutschland eine große Anzahl Bischofrhümer auf, und vereinigte sehr wichtige Lehen damit. Die Bischöfe waren in diesen Bisthümern ^o«/^-/>/- nicht allein Lehrer, sondern auch Herren und Richter; ^' denn sie erhielten alle Vorzüge und Rechte, welche in^ ^'/^' den damaligen Zeiten mit den Lehngütern verknüpfet^ ' waren. Dergleichen Vasallen hatte er besonders sehr viele in Sachsen. Er durfte nicht befürchten, daß sie diese Völker, die so unversöhnliche Feinde des , Christenthums waren, zu Rebellionen wider ihn verführen würden; denn sie hatten feines Schutzes allzu nöthig, sich wider sie zu erhalten. Außer dieser Treue,, die er sich von ihnen versprechen durfte, konnte er auch mit Recht hoffen, daß sie durch ihren Unterricht ^ so wilde Völker nach und nach gelehriger und gesitteter machen würden. Wenn er sich bestandig in sein geliebtes Aachen eingeschlossen hatte: so würde sein Thron unter so ver- Uu z schie- 678 Betracht, über die Wettgeschichte. schiedenen und so unruhigen Völkern von Verschwörungen und Rebellionen wo nicht umgestürzet, doch gewiß sehr erschüttert worden seyn. Allein, wenn es auch rebellische Vasallen gab: so durften sie doch ihre Neigung zum Aufruhre selten zum Ausbruche kommen lassen; denn sie hatten sich stets vor seiner Gegenwart zu fürchten. Sein Hof hatte keinen beständigen Sitz; er war überall ftlbsi zugegen, und machte selbst die nöthigen Anstalten, wo ein Theil dieses ungeheuren Staatökörpers seinen Fall drohete. Die Dänen waren unter Carln fürchterlich zur See. Sie plünderten die Schiffe und verheereten fast alle europäische Küsten. Seine' Küsten litten ungemein viel von ihren Räubereyen. Es verdroß ihn, daß er auf dem Meere nicht eben so gefürchtet wurde, als zu Lande. Er entschloß sich daher, sich zum Herrn über die See zu machen. Der Vorsah wahr kühn, weil die Seemacht der Normannen so furchtbar war. Allein, bey Carln war Entschluß und Ausführung einerley. Sein Muth und sein Verstand überwand . alle Hindernisse. Man wußte damals nichts von der Kunst große Schiffe zu bauen. Er erfand das Mittel , eine große Anzahl Schiffe von fünf bis sechs Rei- I-799- I- he" Rudern bauen zu lassen. Er selbst unterrichtete die Matrosen, wie sie durch Hebel die Schiffe in die See bringen, wie sie auf den Strand laufen, wie sie angreifen, und wie sie sich vertheidigen sollten, und er hatte sehr bald eine Flotte von vierhundert Galeeren . ausgerüstet. Er hätte sich vielleicht ganz Norden unterwürfig gemacht, wenn ihn nicht die Einfälle der Saracenen und neue Unruhen in Italien daran verhindert hätten. Er Dritter Abschnitt. 679 Er wollte, daß nicht allein seine Unterthanen ge- 5/^», fürchtet, sondern daß sie anch reich seyn sollten. D-l. Verbesserung der Unordnungen unter dcr Clerisey, war ^"^5- einer von den Hauptendzwecken seiner Gesetze. Aus' ^ ^' ser den allgemeinen Verordnungen, die alle seine Unterthanen angiengen, machte er viele Verbesserungen und wichtige Zusätze zu den salischen, ripuarischen, sächsischen und longobardifthen NeclMn. Carl hatte H rzoge und Grafen. Jene waren bestimmet, die Heere zu führen, da indessen diese die Gerechtigkeit in den Provinzen handhaben sollten. Damit man sich von ihrem Urtheile auf den Richterstuhl des Ober- Herrn berufen könnte: so richtete er an seinem Hofe viele Richterstühle auf, vor denen solche Urtheile entweder bestätiget oder zernichtet wurden. Diese höhern Richter wurden Pfalzgrafen genannt, weil sie Bedienten des kaiserlichen Pallastes waren. Carl hatte große Feldherren; er hatte verstandige und weise Räthe: allein, was mehr zu bewundern war, er hatte keinen Liebling. Er herrschcte allein. Eine einzige von seinen Gemahlinnen, Faustrade, galt allzuviel bey ihm. Theodulf, ein Bischof von Orleans, rühmete zwar ihre Frömmigkeit. Doch 684 Betracht, über die Weltgeschichte. dieses geschah in einer Grabschrift, und der Lobredner war ein Dichter. Sie war stolz und grausam. Sie Verleitete ihren Gemahl, ein einzigmal, ihren Charakter, der ihm so unnatürlich war, gegen einige Große seines Reiches anzunehmen. Dieses hätte auch zu seinem Unglücke gereichen können. Denn es entspann sich darüber eine geheime und gefährliche Empörung, die selbst wider sein Lebeil abgezielet war, kurz vor ihrem AuSbruche aber entdecket und zernichtet wurde. Seine Frömmigkeit war erleuchteter, als man sie in solchen abergläubischen und finstern Zeiten von einem Kaiser erwarten konnte, der seine ganze Regierung hindurch in immerwährende Kriege eingeflochten war. Er vcrlangete von den Geistlichen seines Rei- ches , daß sie ihre Untergebenen auf eine vernünftige Art in der Religion unterrichten sollten. Er schrieb entweder selbst oder ließ in seinem Namen wider die abgöttische Verehrung der Bilder schreiben. Er verordnete durch ein besonderes Capitulare, daß man zum Abschreiben der heiligen Schrift nur verständige Männer von einem reifen Alter nehmen sollte. Er ließ das alte und neue Testament mit großer Sorgfalt durchsehen und verbessern. Er schrieb an seine Bischöfe lind Aebte, und ermahnete sie, daß sie sich auch auf die Erlernung der weltlichen Wissenschaften legen sollten. Es ist, sagte er, vortheilhafter, das Gute zu thun, als das Gute zu erkennen: aber man muß es doch vorher erkennen , ehe man es thut. Dem Gottesdienste wohnete er eifrig bey; er versaumete so gar die damals gewöhnlichen Nachtandachten nicht. Es ist wahr, daß die Mittel, die erbrauchte, das Christenthum unter den überwundenen" Sachsen auszubreiten, dem Geiste unserer heiligen Dritter Abschnitt. 685 gen Religion nicht gemäß waren. Man kann sagen, daß sie gezwungen wurden, einen Aberglauben mit dem andern zu vertauschen, weil man sie mit dem Schwerdte zur Taufe nöthigte. Aber wer kann von einem noch so großen Geiste, wenn er im achten Jahrhunderte lebet, mit Recht verlangen, daß er in allen Stücken so weise seyn soll, als es auch ein mittelmassiger Geist im achczehenten Jahrhunderte seyn muß? Nichts verdienet mehr die Bewunderung aller Nachwelten, als seine Liebe gegen alle Wissenschaften und mißlichen Künste. Die Wissenschaften waren seit den Unordnungen, welche durch die Überschwemmung der Barbaren im ganzen Occidente verursachet worden waren, aus ganz Germanien verbannet gewesen. Wie hatten sie blühen oder sich nur erhalten können, da die Völker bloß auf die Erhaltung ihres Lebens und die Beschützung ihrer Güter bedacht seyn konnten! Zuweilen stunden zwar einige Manner auf, diese Finsternisse, die alles bedeckten, zu zerstreuen. Allem, es waren nur überhingehende Bemühungen. Die Geistlichen waren schon sehr gelehrt, wenn sie lesen und schreiben konnten. Carl, der nach allem strebet?, was groß war, machte dieser allgemeinen Verwüstung der Künste und Wissenschaften ein Ende. Er erweckte sie wieder in seinen Staaten. Er zog alle geschickte Manner, die er nur auftreiben konnte, in sein Reich. Er überhaufete sie mit Belohnungen, und sein vertraulicher Umgang mit ihnen, erregcte die Begierde und Lust zum Studieren. Er war auch hierinnen der erste, dervondem, was er befahl, andern ein Beyspiel gab. Sein Pallast wurde ein Tempel der Musen. Sprachkunst, Beredsamkeit, Poesie, Arithmetik und Astronomie waren seine liebsten Wis- 686 Betracht, über die Weltgeschichte. Wissenschaften. Nur war er zu beklagen, daß es der Vorsehung gefiel, unter seiner Regierung keine grössern Geister zu erwecken, als einen Alcuin, Peter von Pisa, Theodulf und andere solche Männer. Er konnte mit allem Rechte wegen dieses Mangels fähiger Geister ausrufen : wenn ich nur ein Duyend hätte, die so gelehrt waren, als Augustinus und Hieronymus! Penn er würde mehr mit ihnen ausgeführet haben, als August mit allen seinen Hora- zen und Virgilen, oder Ludwig der vicrzeheme mit seinen Akademien. Man kann solches aus der Antwort schließen, welche Alcuin dem Kaiser mit einiger Entrüstung auf diesen so bescheidenen Wunsch gab: wie, Herr, der Schöpfer des Himmels und der Erde, hat nur zween so verdienstvolle Männer gehabt und sie wollten deren ein Dutzend habend Dem ungeachtet entstunden sehr bald an seinem Hofe zwo Akademien. In einer wurden Junge von Adel unterrichtet, denen er nach dem Fortgange, den sie iu den Wissenschafren hatten, Belohnungen ertheilete. Die andere bestund aus Gelehrten, welche sich in seinem Pallaste versammleten, um sich daselbst von der Gelehrsamkeit und den Künsten zu unterreden. So weitläuftig auch seine Geschäffte waren, so fand er doch stets die nöthige Zeit, ihren Versammlungen beyzuwohnen. Die Mitglieder dieser erlauchten Gesellschaft, hatten ihre besonderen Namen angenommen. Carl ließ sich David nennen, Alcuin hieß Flaccus Albinus, der Erzbischof von Maynz, führete den Namen Damöms, und der Erzbischof von Trier, nannte sich Macerius. Vala hieß Arsenes, Adelhard, der Abt zu Corbey, Augustin, und Angilbcrt, ein junger Herr, der am Hofe erzogen Dritter Abschnitt. 687 gen wurde, führete den Namen Homer. Carl ließ sich, um seine Unterchanen zum Geschmacke an die Wissenschaften zu gewöhnen, so weit herunter, daß er, ihnen zum Beyspiele, selbst noch in seinem Alter die Kunst schön zu schreiben erlernen wollte. Ersah wohl ein, daß, wenn er die Finsternisse seines Jahrhun- dertes vertreiben wollte, er selbst, nicht allein der Monarch, sondern mich der Lehrer seiner Unterthanen werden müßte; und er ward es wirklich. Er verwies den Aebten und Mönchen, die an ihn schrieben, nicht allein die rauhe Schreibart, und das barbarische Latein ihrer Briefe: sondern er fing so gar an, eine Sprachkunst für sein Volk zu verfertigen, worinnen er viele fränkische Wörter veränderte, die halb fremd, halb lateinisch waren. Er sprach das Latein so gut, als seine Muttersprache; er redete so gar das Griechische, ob er es gleich noch besser verstund. Vielleicht war er auch in seinem weitläufigen Reiche der größte Poet. Ein so großes Beyspiel erweckte bey dem Mönche , dem Layen, dem Hofmanne und selbst dem schönen Geschlechte, unter denen es damals so gar Sternkundige gab, den Geist der Nacheiferung. Die Lust zu den Wissenschaften ward in zwanzig Jahren die Mode des Hofes. Und wie hätte sie das nicht werden sollen, da er selbst über der Tafel nicht einmal müßig war, sondern sich während seiner mäßigen Mahlzeit die Schriften der Alten vorlesen ließ? Er verbesserte die Musik bey dem Gottesdienste, und ließ, diese Absicht zu erreichen, die besten Kirchensanger aus Italien kommen. Seinen Geschmack an den Künsten bewiesen seine Gebäude. Aachen war sein liebster Aufenthalt. Hier ließ er eine prachtige Kirche und einen Pallast bauen, bey welchem alle Regeln beobachtet wer- 688 Betracht, über die Weltgeschichte. „/..werden mußten, die man nur damals kannte. Zum wenigsten las man den Virruv. Carl wurde cin- ^^-^-^'mal mit einem Cabinette von elfenbeinern Säulen beschenkt, welches nach vitruvischen Vorschriften ge. arbeitet seyn sollte, und Eginhcird versichert, daß er wirklich nach dem Geschmacke der alten Römer gewe- sen wäre. Aachen wurde vornehmlich der warmen Bäder wegen von Carln so sehr geliebt und verschönert. Diese Bäder hatte er mit prächtigen Marmel- stufcn und kostbaren Sitzen versehen lassen. Sie waren so groß, daß hundert Personen darinnen schwimmen konnten. Deutschland, Frankreich und Italien hat viele Ruinen seiner Gebäude aufzuzeigen. So groß war bey Carln der Monarch; der Mensch war eben so groß. Er war fast allezeit ein Herr über seine Leidenschaften; seine Mäßigkeit war außerordentlich , und ihr hatte er die dauerhafte Gesundheit zu danken, die wider seine Feldzüge, noch seine Reichssorgen, noch seine gelehrten Beschäffcigun- gen zerstören konnten. Er konnte mit seinen Unterthanen vertraulich werden, ohne sich ihnen verächtlich zu machen. Nur er durfte es wagen, selbst mit den Soldaten seiner Wache in seinen warmen Bädern zu Aachen zu schwimmen. Im Kriege schien er bloß Soldat zu seyn, und doch war er Feldherr; mit seinen Hofleuten gieng er um, als wenn er unter sie gehörte, und doch blieb er Monarch. Man kann nicht leugnen, daß er ehrgeizig war, aber er war eö so, daß ihn keine Schmeichler verderben konnten. In der Ehe und Liebe war er unbeständig; das ist der einzige große Fehler seines Charakters: allein, man muß bey einem Carl etwas entschuldigen. Nunmehr darf man nicht mehr nach den Ursachen fragen, welche die fränkische Monarchie gegen das Ende Dritter Abschnitt. 689 Ende des achten Jahrhundertes zu einer solchen Größe erhuben, und in einen so blühenden Zustand versetzten. Die Vorsehung erweckte einen Carl, der wirklich den. Namen des Großen verdiente, gab ihm einen königlichen Geist und seine,, Waffen Sieg, der Welt zu zeigen, daß nur die Verdienste die Glückseligkeit des Erdkreises sind. Von dem Verfalle und Untergange der fränkische!; Monarchie und des ca- relinischen Stammes. ie Monarchie, welche Carl so furchtbar gemacht hatte, empfand es bald, daß sie nicht mehr von ihm regieret wurde. Sie verfiel unter feinen Nachfolgern , und kaum wäre-, hundert Jahre verflossen, als ihr Name nur in den Chroniken noch übrig, und ihres Stifters Geschlecht von aller Herrschaft darüber verdrängt war. Der schwache Ludwig entkräftete sie durch die Theilung derselben unter seine ehrgeizigen Söhne. Nach seinem Tode beherrschte Lothar, sein ältester Sohn, Italien, das damit verknüpfte Kai- serthum, und die zwischen dem Rheine, der Rhone, Maas, und Scheide gelegenen Länder. Ludwig, der Deutsche, regierete über Ostfranken, und Carl, der Kahle, über den westlichen Theil des fränkischen Reiches. Lothars Stacuen verwandelten sich nach seinem Tode in drey verschiedene Königreiche; Ludwig, der zweyte, erhielt Italien und die kaiserliche Würde; Lothar erbte Lothringen, und Carl die Provence. Ludwigs des deutschen Absterben veranlaßte eine II. Theil. X r. gleiche 690 Betracht, über die Weltgeschichte. gleiche Trennung seiner Länder. Von seinen Söhnen wurde Carlomann König von Bayern; Ostsranken, Thüringen und Sachsen kamen unter Ludwigs, des Jüngern, Gewalt; und Carl, der dicke, erhielt Schwaben. Nachdem Carl, der Kahle, nach Ludwigs des zweyten Tode, sich vergebens Italiens und des KcüserthumeS bemächtigt hatte, weil ihm das erste Carlomann, das andere der Tod entzog : so hatte zwar Carl der Dicke nach dem Ableben seiner Brüder, das Glück, durch die Wahl der Reichöstände die ganze fränkische Monarchie wieder unter seinem Scepter vereinigt zu sehen. Allein, er verlohr dieses eitle Glück eben so bald, als er es erhalten hatte. Nunmehr kam die Oberherrschaft über Deutschland und Lothringen auf Arnolfen, einen natürlichen Prinzen aus dem carolinischcn Geschlechte, und nach seinem und seines Sohnes Tode auf deutsche Fürsten. Westfranken theilte sich in verschiedene Reiche. Einige carolinische Nachkommen erhielten sich noch einige Zeitlang in Frankreich, bis Hugo Capet König darüber ward. Italien und die kaiserliche Würde waren lange ein ungewisser Raub einiger italienischer Fürsien , und der Könige von Provence und Burgund. Endlich wurde sie mit der Oberherrschaft über die Welschen den Deutschen Königen zu Theil. Das waren die großeil Veränderungen der fränkischen so mächtigen und weitläufrigen Monarchie, und die Schicksale des carolinischen Stammes. Diese merkwürdigen Veränderungen sind werth, daß man sie aus ihren wahren Ursachen entwickle und begreife. Der Geschichtschreiber tragt sie nur zersirmt vor. Darum verdienen sie in ihrem Zusammenhange auseinander gesetzt und übersehen zu werden. Ludwig. Dritter Abschnitt. 691 Ludwig, ein Spiel seiner Leidenschaften und selbst H/o?,^. seiner Tugenden, ein Fürst, der niemals weder seine ^v.^L/. Stärke noch seine Schwache kannte, der wenig Gebre-^-^-Zechen des Herzens, dafür aber alle Gebrechendes Vcr-A/^"'" standes hatte, legte den Grund zum Untergange des fränkischen Reiches. Er erfüllte das Reich mit Unordnung und Verwirrung, weil er seine eigene Familie nicht regieren konnte und mit Zwietracht und Unordnung erfüllte. Die vornehmste Stütze einer Monarchie, die, wie die fränkische, halb eine Aristokratie, halb eine Republik ist, obgleich einer nur die vornehmste und größte Macht darinnen besitzt, ist die Treue der Unterthanen und ihre Ehrfurcht gegen Pflicht lind Eid. Er that, was Carl, sein Vacer, wegen seines großen Charakters thun konnte, er a- ber seiner Schwäche halben nicht thuu sollte, er theilte sein Reich unter die Söhne seiner ersten Gcmahlinn,und behielt sich nur das Recht der Oberherrschaft darüber vor. Weil er aber nicht vorher sah, daß er sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlinn mit einer herrsch- süchtigcn Judith vermählen würde: so wollte er, daß die gemachte Theilung unveränderlich seyn sollte. Darum beschwor er sie selbst, und ließ sie von seinen Söhnen, und allen Standen des Reichs beschwören. , Judith gebahr ihm einen Sohn. Nunmehr wollte er die Theilung verändern, weil sie wollte. Dieses konnte nicht geschehen, ohne den Rechten seiner andern Kinder Eintrag zu thun. Sie waren der Herrschaft gewohnt worden; unter dem Vorwande, sich wider die Ungerechtigkeiten einer Stiefmutter zu beschützen, welche ihren Vater verleitete, seinen Eid zu brechen, brachen sie den ihrigen, und empöretcn sich wider ihn, und suchten sich seiner Herrschaft ganz zu entziehen. Wein sollten die Unterthanen gehorchen. Der Kaiser T,r 2 han- 692 Betracht, über die Weltgeschichte. - handelte wider seinen Eid ; die Söhne wurden ebenfalls eidbrüchig. Was war natürlicher, weil bald der Kaiser, bald die Söhne die Hülfe der Stände nöthig hatten, als daß jeder von ihnen diejenige Partey ergriffe die seinem Eigennütze am vortheilhaftesten war? Ludwigs Bezeigen gegen die Clerisey war ein eben so großer Staatsfehler, als der, daß er seinen Söhnen jtzt Königreiche gab, und bald darauf wieder nehmen wollte. Er veräußerte durch seine Freygebigkeit gegen sie, welche bis zur Verschwendung gieng, seine Krongüter, und schwächte dadurch seine Macht. Man sollte vielleicht glauben, daß er durch seine Milde gegen sie sich einen «nächtigen Schutz wider die Unternehmungen seiner Söhne erworben habe. Allein, seine Freygebigkeit war nicht Politik, sondern eine abergläubische Frömmigkeit. Gewann er sie durch seine Geschenke: so machte er sich dieselben durch seine strengen Gesetze, welche ihre Verbesserung zum Endzwecke Hütten, wieder von sich abwendig. Er wollte der Bischof der Bischöfe und der Abt der Aeb- te seyn; das wiegelte sie auf. Er verstund die Kunst gar nicht, die Clerisey zu bessern ; es muß ihr in einem wohl eingerichteten Staate nie an den nöthigen Einkünften fehlen; aber sie muß nie eben so reich, oder reicher seyn, als der Monarch. Man sieht in seinem Leben, daß er keine größern Feinde hatte, als die Geistlichen. Seine Söhne thaten das, was er aus Aberglauben that, aus Politik. Sie nahmen sich zwar in acht, die Clerisey reich zu machen; aber sie machten sie mächtig, damit ihre Rebellionen, wenn sie von Bischöfen gebilliget würden, kein so schreckliches Ansehen haben, und sie weniger unnatürlich zu verfahren scheinen möchten. Wie konnte sich ein abergläubischer Fürst bey seinem Ansehen erhalten, der von dem Dritter Abschnitt. 69z dem Aberglauben selbst angegriffen wurde? Wie sehr wurde die monarchische Gewalt nicht durch daF Gefängniß und die öffentlichen Bußen dieses Kaisers erschüttert ! Man wollte den König absehen, und setzte die königliche Gewalt ab. Ludwig war mit der Macht und den Gütern der Krone nicht allein gegen die Clcrisey, sondern auch gegen seine andern Vasallen verschwenderisch. Er gab auch diesen viele Lehngüter zum ewigen Eigenthums. Er war so freygebig, sagen die Jahrbücher von Metz/1»^/.^ von ihm, daß er die königlichen Güter, welche seinem?-«/ Vater, seinem Großvater und Urgroßvater gehöret hatten, seinen Vasallen zum beständigen Eigenthume^-^^^ übergab und durch Unterschrift und Siegel von der/,. Krone veräußerte. Je mehr er solche Krongüter erblich machte, desto weniger Belohnungen hatten diejenigen zu erwarten, die ihm in der Hoffnung, einträgliche Grafschaften, so lange sie lebeten, zu erhalten, treu geblieben seyn würden. Es ist unglaublich, wie sehr dergleichen Schenkungen die Gewalt des Monarchen schwächeten. Man darf nur wissen, was für Rechte er bey dergleichen Wohlthaten vcrlohr : wir ö-,/««. i« befehlen, hieß es, in den Schcnkungöbriefen an die^^- Geistlichen, daß kein Richter, oder ein anderer, der die richterliche Gewalt besitzt, sich unterstehe, in den Städten, Flecken oder andern Gütern dieser Kirche, oder dieses Klosters Rechtssachen abzuthun, oder Fre- da einzutreiben. Alles, was linser Fiscus für Einkünfte von diesen Gütern zu gewarten hatte, soll gedachten Klöstern geschenket und überlassen seyn. Eben so verhielt es sich mit denKrongütcrn, welche an weltliche Vasallen auf immer verschenket wurden. Da bey der fränkischen Reichsvcrfassung der König, der Adel und die Clerisey, die Macht des Staates in den Xx z Han- 694 Betracht, über die Weltgeschichte. Händen hatten: so.erfoderte es die Klugheit der Regenten, bald den Adel, bald die Clerisey zu bereden, daß er seine Vortheile mit den Vortheilen des Monarchen verbinden müßte. Weil in Ludwigs Familie eine immerwährende Zwietracht hcerschete: so vcrlohr der Kaiser alles Uebergewicht, das er über beyde Stande haben mußte, indem er den Eigennutz des einen aus Aberglauben und den Geiz des andern , aus Furcht zu unterhalten genöthiget war. Weil er aber gegen die Clerisey, so undankbar sie auch gegen seine Wohlthaten war, weit mehr verschwendete, als gegen den Adel: so wandte sich derselbe an seine unruhigen Söhne, und sie schmeiche'tcn dein Hochmuthe der Geistlichen nur so lange, bis das Aisehen des Vaters genug geschwachet war, weil sie durch den Anhang des kriegerischen Adels im Stande waren, zu seiner Zeit die Clerisey, die keine andere Waffen, als ,i>m nur schwache Gemüther schreckenden Bann hatten, Zu demüthigen. Dieses geschah. Lothar in Italien »md Pipin in Aquitanien nahmen sehr bald die Grundsätze ihres AnHerrn, dcs'Carolus Martellus, an. Sie belohneten die eigennützige Treue des Adels mit dm - . Gütern der Clerisey. Vergebens nahm sie nunmehr ' ihre Zuflucht zum Kaiser. Sie hatte selbst die Macht gcschwächet, von welcher sie Schuß verlängere. Sie wurde noch mehr unterdrücket, als der Kaiser starb. Lothar, Ludwig und Carl, sucheten sich unter den grossen Creaturen zu machen, und konnten doch von ihrem Eigenthums wenig verschenken. Sie gaben also dem Adel, der ihre Partey nehmen wollte, den Genuß ei- 5s^5 lp. uiger Kirchengüter. Die Großen waren so ungestüm, ^ ^ ^ Monarchen oft gezwungen sahen, ihnen ^. ^. ^ 'wider ihren Willen dergleichen Geschenke zu machen. La/«-.-.'?. Die Clerisey klagete mehr über die Gewaltthätigkeiten /o?. der Dritter Abschnitt. 695 der Großen, als über die Könige. Keiner von diesen drey Königen drückte dieselbe mehr, als Carl, der Kahle, es sey nun darum geschehen, weil sie seinetwegen Ludwigen, seinen Vater, vom Throne gestoßen hatte, oder darum, weil er zu furchtsam war. Er räumete ihr nicht mehr ein, als was er ihr unmöglich verweigern konnte. Wie konnte da die Monarchie sich unter der unaufhörlichen Zwietracht und Eisersucht dieser beyden Stande gegen einander erhalten. Fast alle Capitularien dieser Zeit sind davon voll. Ludwig bereicherte die Clerisey; seine Söhne machten sie wieder arm. Oft plünderte eben die Hand, die neue Abley' n anlegete, die alten aus. Alles das vergrös- serte nicht die Macht der Krone, sondern die Gewalt des Adels. Carl, der Kahle, und seine Nachfolger sahen diesen Fehler ein, und wollten ihn verbessern; allein, es war zu spat. Die Clerisey hatte das Ansehen der Könige, und die Könige hatten die Macht der Clerisey entkräftet. Umsonst bedieneten sie sich der Ehrfurcht, welche der große Haufe gegen ihre Würde hat; umsonst sucheten sie ihren Gesetzen durch die Kirchensaßungen ein Ansehen zu geben; umsonst wurden die kirchlichen Strafen mit den bürgerlichen vereiniget; die Clerisey blieb unterdrücket, und mit ihr der Monarch. Wie verachtet muß seine Gewalt scyn,^/,.SA/«e, wenn Carl, der Kahle, in einem Capitulare klagen k- muß: Wenilo, den ich zum Erzbischofe gemacht habe, hat mich gesalbet und mir die Krone aufgesetzet. Niemand durfte mich also vom Throne verstoßen, zum wenigsten nicht ohne das Urtheil der Bischöfe, durch deren Dienst ich in das Königreich eingesetzet worden bin, welche die Thronen Gottes genannt werden, auf denen er sitzt, und durch die er richtet, deren väterlichen Bestrafungen und züchtigenden Urthci- X r 4 len . 696 Betracht, über die Weltgeschichte. len ich mich habe unterwerfen wollen und noch ißt zu unterwerfen bereit bin! Ein schwacher Monarch, der so klagen muß! Die wichtigen Veränderungen, welche durch die Un"inigkeiten der Könige, die sich in die fränkische Monarchie getheilec hatten, die Allodialgüter und die Lehngüter der Franken betrafen , trugen eben so viel zum Untergänge ihrer Monarchie ben. Es gab darinnen Freye , welche unter den Grafen stunden, und auf seinen Befehl in den Krieg zogen ; es gab ferner Vasallen, welche der Lehnsherr aufbo? h. Diese tonn- ten von den Grafen, unter denen alleFreyen stunden, im Gehorsame erhalten werden. Diese beyden Stände hielten einander eine Zeitlang das Gleichgewicht, und so lange blieb die Monarchie mächtig. Die Freyen stunden unmittelbar unter ihr; die Vasallen nur mittelbar durch ihren Lehnsherrn. Jene waren bis auf Carls, des Großen Zeiten zu Lehngütern unfähig; und so lange blieben sie auch unter der unmittelbaren Gewalt der Monarchen. Sie verlohren aber so bald etwas von ihren Rechten über sie, als die Freyen diesen Vorzug erhielten. So bald sie nicht allein freye Erbgüter , sondern auch Lehnsgüter besitzen konnten: so mußten sie schon auf eine gewisse Weise zween Herren ^.Ss>^L,dmien, dein Monarchen und dem Lehnsherrn. Nach x,z./>.^. der schrecklichen Schlacht bey Foncenay , machten Lothar, Ludwig und Carl, einen Vertrag , in welchen einige Artikel eingerücket wurden, welche die ganze politische Verfassung der Franken verandern mußten. Carl, machte dem Volke bekannt, daß ein jeder, der frey wäre, sich den König, oder einen von den Grossen zum Herrn wählen könnte. Vor diesem Vergleiche konnte zwar ein Freyer ein Vasall von einem Lehnsherrn werden; aber sein Erbgut blieb doch unter der un- Dritter Abschnitt. 697 unmittelbaren Gewalt des Monarchen, und er hing von seinem Lehnsherrn, nur in Ansehung des LehneS ab, das er ihm zu danken hatte. Seit diesem Vertrage konnten die Unterthanen ihre Erbgüter entweder den Königen oder den Großen unterwerfen, und sie, in der Hoffnung, Lehngüter von ihnen zu erhalten, von ihnen zu Lehen nehmen. Man sieht sehr deutlich, daß diesen ?trrikel nicht die Könige, sondern die Großen gemacht haben. So wurden die Unterthanen, über welche vorher der Monarch durch seine Grafen unumschränkt zu gebieten gehabt hatte, Vasallen von einander. Seit der Zeit singen fast alle Lehngüter an, erblich zu werden. In eben diesem Vertrage findet sich ein anderer Artikel , welcher die Gewalt der Könige noch mehr einschränkte. Zu Carls, des Großen Zeiten, waren alle Unterthanen, so bald sie der Monarch nur durch den Bann aufboth, verbunden, in den Krieg zu ziehen , er mochte sich entweder wider einen angreifenden Feind vertheidigen, oder selbst der angreifende Theil seyn wollen. Weil in der Schlacht bey Fontenay der größte Theil des frankischen Adels geblieben war, und er besorgcte, daß er ganz vertilget werden möchte, wofern er gehalten wäre, den Königen bey allen ihren Kriegen über ihre Theilung der Monarchie zu dienen: so wurde das Gesetz gemacht, daß er uicht gezwungen werden sollte, seinem Könige in den Krieg zu folgen, wofern er der angreifende Theil wäre. Also wurde der Adel zum Richter über die Unternehmungen des Monarchen gemacht. Dieses Gesetz gab Anlaß zu neuen Rebellionen; es schrankte die Macht der Könige ein, und erweiterte das Ansehen eigensinniger Unterthanen. Wollte der Monarch den Beystand seiner Unterthanen zu einer Unternehmung haben: so X x 5 sah 698 Betracht, über die Weltgeschichte. sah er sich gezwungen, sie zu bestechen, weil es ihnen nicht schwer werden konnte, Gründe zu finden , durch welche sie seine meisten Kriege für angreifend erklären konnten. So sehr veränderte sich die innerliche Verfassung des Reiches. Die Bande, welche den Unterthan mit dem Beherrscher vereinigten , wurden eins nach den andern zerrissen. Wie konnte die Monarchie auswärtigen Feinden widerstehen , solchen Feinden , als die Normannen und Saracenen waren? Die Besitzer der Monarchie hatten nunmehr, da sie die Lchngütcr der Krone hatten erblich werden lassen , nichts mehr zu verlieren, als die Würden der Grasen. Carl, der Kahle, machte die Zahl seiner Schwachheiten voll. Er verordnete, daß die Kinder der Grafen ihnen in ihrer Würde nachfolgen sollten. Nunmehr hatten die Könige schon wieder ein Mittel weniger, die Treue derer , die ihre Partey nehmen wollten, zu belohnen. Was ist ein König, der nicht belohnen kann? Seit dieser Verordnung war der Untergang des carolinischen Hauses unvermeidlich. Denn so lange die Würden der Grafen noch nicht erblich waren : so lange stunden diejenigen , über welche sie gesetzt waren, unmittelbar unter der Monarchie. Nunmehr kam ihr Gehorsam auf den Gehorsam ihrer Grafen an. Nunmehr hatten die Monarchen, anstatt unzählbarer Vasallen, die sie vordem gehabt hatten, nur wenige, aber so machtige Vasallen, von denen die übrigen abhingen, daß sie nur alsdann gehorche- ten, wenn ihr Gehorsam ihre Macht noch mehr vergrößerte. Man wird sich nunmehr nicht wundern, daß sich , nachdem die königliche Gewalt so sehr entkräftet worden war, die meisten italienischen Fürsten, und die Herzoge von Burgund und Provence ganz unabhängig machten. Carls, Dritter Abschnitt. 699 Carls , des Kahlen, Nachkommen waren so ohnmächtig, daß sie die kaiserliche Würde nicht behaupten konnten, sondern dieselbe erst den natürliche», Kindern Ludwigs, des deutschen, hernach italienischen Fürsien, und endlich deutschen Herzogen überlassen mußten. Das deutsche Reich , dieser wichtige Theil der frankischen Monarchie, blieb noch mehr einem monarchischen St.-are ähnlich, als Frankreich. Die BeHerr» scher desselben hatten größere Charaktere, als die Könige von Frankreich. Dieser unglückliche Sraat, welchen seine innern Unruhen allein genug verwüsteten, war den unaufhörlichen Strcifereyen der Normannen ausgesetzt. Carl, der Kahle, hatte keine andere Leidenschaft , als den Haß gegen seine Anverwandten. Diese bekriegte er und ließ die Barbarei» seine Staaten ungestraft ausplündern. Sie wurden auch so mächtig, daß sie die Normandie mit Bretagne vom Reiche abrissen. Deutschland war nicht so reich; diese räuberischen Nationen fanden nicht so viele Städte darinnen zu verheeren; sie mußten durch mehr Moräste , und durch mehr Walder dringen. Also wurde es nicht so zernichtet, als Gallien. Die deutfthen Könige und Kaiser hingen weniger von ihren Vasallen ab, weil sie ihre Hülfe seltener brauchten. Sie würden vielleicht nach und nach zu einer unumschränkten Herrschaft wieder gelanget seyn, wofem sie nicht nach der damaligen Verfassung nöthig gehabt hatten, sich in Rom krönen zu lassen, und beständige Fcldzüge nach Italien i„ waches Land beschrieben, das voll Moräste und Wälder, feucht gegen Gallien, gebirgig gegen Pan- nonien, frucktbar genug, aber traurig und ungebauct war. Die Völker glichen den Gegenden, die sie be- / als sie in ihren Augen groß waren. Der Mann stieß eine Ehebrecherinn, nachdem er sie, ihres größten Schmuckes, nämlich ihrer Haare, beraubet hatte, m Gegenwart ihrer Anverwandten aus dem Hause, und geißelte sie durch den ganzen Gau , oder Flecken, wo er wohnete. Eine aufgeopferte Keuschheit fand keine Verzeihung. Eine Person, die dieses Verbrechens schuldig geworden war, fand nie, weder mit ihrer Gestalt, noch mit ihrer Jugend, noch Mit ihrem Reichthums, einen Mann. Alle Mütter säugeten ihre Kinder selbst, und überließen sie keinen Ammen und Wärterinnen ; eine Tugend, die unsere Zeiten dem Pöbel überlassen haben. Daher aber kam es auch, daß Krieger Krieger zeugeten, und unter, den Deutschen keine gebrechliche Kinder gefundeil wurden. Der Schwestern Kinder fanden bey ihren Oheimen so viel Liebe, als bey ihren Vätern selbst. Ja einige hielten dieses Band des Blutes noch für enger, als das Band zivi« schen Aeltern und Kindern selbst; und sie sahen besonders bey Geiseln darauf. Wenn man immer in der fränki-- schen Geschichte findet, daß die Könige des erstm Stammes eine sehr große Liebe zu ihren Neffen, und ihren Schwestern bezeuget haben: so laßt sich diese Zuneigung leicht aus dieser Meynung der alten Deutschen erklären. Man findet, daß sie Knechte gehabt haben. Sie machten die überwundenen Feinde dazu. Diese muß- ll. Theil. Y y ren 706 Betracht, über die Weltgeschichte. ten den Acker bauen, und bey ihren Heerden dienen. Allein, dicse Leibeigenschaft war nicht hart. An der Er ziehung und Lebensart war zwischen den Herren und Knechten kein Unterschied, welche ihnen einen gewissen Theil Früchte, Vieh, und Kleider liefern mußten. Im übrigen waren sie frey. E6 war etwas seltenes, einen Knecht zu geißeln, oder in Fessel werfen zu lassen. Es gehörte nicht unter die hausliche Zucht, ihn zu todten; geschah es, so geschah es ohne Strafe, aber nicht aus Grausamkeit, sondern aus einem ungestümen Zorne. Ihre Neigung zur Freyheit war unüberwindlich. Sie war ihre größte Glückseligkeit. Die Nothwendigkeit leitete siezwar aus der natürlichen Gleichheit in eine bürgerliche Gesellschaft. Sie mußten im Kriege einen Führer, und im Frieden ein Haupt haben, das alles in Ordnung erhalten konnte. Dennoch aber machten die sämmtlichen Deutschen keinen gemeinsamen Staat aus. Jede deutsche Völkerschaft hatte ihre eigene Verfassung. Der Adel machte Könige; die Tapferkeit Herzoge. Diesem Grundsatze folgeten die Franken, als die letzten Prinzen des merovingischen Geschlechtes den Namen der Könige behielten, weil sie aus der edelsten Familie waren, die Oberhofmeister aber die königliche Gewalt ausübeten,weil sie Tapferkeit und Muth besaßen. Allein, ob sie gleich Fürsten hatten: so mußten doch alle wichtige Geschaffte und Bedürfnisse des Staates vor dem Volke überlegt und abgethan werden, und ihnen war bloß die Entscheidung kleiner und un- F-F. 5.--. wichtiger Angelegenheiten überlassen. Alle allgemeine Versammlungen wurden von aligemeinen Gastereyen begleitet. Krieg und Friede wurde darauf beschlossen. Sieglaubeten, daß die Herzen sich bey Schmäusen mehr aufschlössen und zu glücklichen Anschlägen fähiger waren. Den einen Tag wurde geschmauset und berath- i .schlaget; Dritter Abschnitt. 707 schlaget; den andern Tag wurde bey nüchternem Muthe ein fester Schluß gemacht. Sie berathschlagten, wieTacituS saget, zu einer Zeit, da sie sich nicht zu verstellen wußten ; sie beschlossen zu einer Zeit, wo sie sich nicht irren konnten. Als die Franken Gallien eroberten : so wurde zwar unter den Mitgliedern des Staates eine engere Vereinigung errichtet; sie blieben abec doch noch immer frey genug. Ihre allzugroße Freyheit wurde nicht eher als unter den Königen des zweyten Stammes eingeschränkt, welche die Verfassung der Franken monarchischer machten. Ihre Fürsten hatten außer ihren eigenthümlichen c. ,s. Gütern keine andern Einkünfte, als einen Theil der Strafen und was das Volk sonst freywillig an Vieh oder Früchten schenken wollte. Allein, sie hatten auch keinen großen Aufwand zu machen. In Kriegeszeiten zog die ganze Nation mit ihnen zu Felde; der Adel machte sich eine Ehre daraus, ihnen Hof und Gefolge zu machen. Er hatte bey ihnen die Tafel; alle Be- lohnungen, die er austheilte, waren Pferde odex Waffen. Allein als sie auswärtige Eroberungen machten und die Fürsten immer einen Theildes eroberten Landes für sich behielten : so konnten sie unter diejenigen, die ihnen folgeten, Belohnungen austheilen. Vorher hatte es Vasallen ohne Lehngüter gegeben, wenn man nicht Pferde und Wurfspieße dazu machen will. Nunmehr aber kamen die Lehngüter auf. Der Fürst ertheilte denen, die ihm treue Dienste geleistet hatten, einen Theil seiner Ländereyen zum jährlichen Genusse ; mit der Zeit genossen sie die Einkünfte derselben , so lange sie lebten; endlich wurden sie erblich. Diejenigen, denen die Fürsten dergleichen Güter geschenkt hatten, theileten sie so dann wieder unter andere aus, diej eben deswegen von ihnen adhingen. V y 2 Diese 7O8 Betracht, über die Weltgeschichte. Diese hießen Subvasallen, und so wurden die verschiedenen Mitglieder des Staats, die vorher fast ausser aller Verbindung mit einander gewesen waren, immer näher und enger mit einander vereiniget. Denn die Freyen beugten sich unter die Gewalt der Könige und der mächtigsten und reichsten Vasallen, um von ihnen mit ihren Gütern belehnt zu werden. Die Liebe zur Freyheit machte die Deutschen kriegerisch. Ihre Erziehung und herum schweifende Lebensart nährete diesen kriegerischen Geist. Bald werden wir sehen, daß ihre Religion das ihrige dazu beytrug. Ganze Nationen sahen den Krieg als den einzigen Weg zum Ruhme an, und die Feigheit war die allergrößte Schande. Die Catten trugen so gar eiserne Ringe an ihren Fingern als schmähliche Fessel, so lange bis sie einen Feind erlegt hatten. Einige gien- gen so weit, daß sie die ihrigen vom Ackerbaue und von der Haushaltung abzogen, damit sie dieselben desto begieriger und fertiger zum Kriege machen möchten. Wein, der Staat Friede hatte: so sandte er ganze Colonien aus, welche sich durch fremde Länder durchschlagen und neue Wohnungen suchen mußten. Ihre größte Stärke bestund im Fußvolke; ihre Reu- terey war nicht so zahlreich, aber wohl abgerichtet. Ihre gewöhnlichsten Waffen waren Wurfspieße, Bogen, Schleudern, und Lanzen. Panzer und Harnische hatten sie nicht; diejenigen aber, welche Helme hatten, pflegten gemeiniglich die Hörner von wilden Thieren darauf zu setzen. Nichts war ihnen heiliger, als der Schild. Wer den verlohren harre, war ehrlos. Ihre Waffen waren ihr liebstes Gerärhe. Die Jugend martere mir Ungeduld aufdie Zeit, wo sie wehrhaft gemacht wurde. Denn alsdann wurden sie Männer und mündig. So lange die Deutschen leichte Waffen hatten, geschah L es Dritter Abschnitt. es im fünfzehnten Jahre. Unter den Königen vom zweyten Stamme aber erhielten sie schwerere Waffen. Darum wurden sie erst im zwai,zigsten Jahre mündig. Sie warteten alle, sowohl ihre häuslichen als ihre öffentlichen Geschaffte gewaffnet ab. Kein Eid kann so heilig bey Menschen seyn, als eine Betheurung von ihnen bey ihren Schwerbtern. Wie tapfer sie waren, das beweisen ihre Eroberungen, die sieunter den Königen des merovingischen und pipingifchen Geschlecktes machten. Weil die Schilde die höchsten Ehrenzeichen unter ihnen waren: so wurde es daher unter den Franken gewöhnlich, daß ihre Könige, wenn sie die Regierung antraten, auf einen Schild gesetzt, darauf in die Höhe gehoben und dem frohlockenden Volke gezeigt wurden. In der Religion der ältesten Deutschen bemerket mail mehr von der Einfalt des ersten natürlichen Gottesdienstes , als bey den abergläubischen Griechen und Römern. Sie erkannten, daß es ungereimt wäre, die Gottheit in Bildnisse einzuschließen. Sie betheten sie in stillen und einsamen Wäldern ohne Bild und ohne Tempel an. Unterdeß findet man doch unter ihnen Spuren, daß einige von ihnen auch die Geschöpfe mit dem Schöpfer verwechselt haben. Daher stim- T^c, metcn viele in einigen Gebräuchen ihres Gottesdienstes ^ mit den Gebräuchen der entferntesten Nationen überein, und Tacitus beredete sich eben deswegen, daß die Isis der Aegyptier göttlich von ihnen verehret worden wäre. Außer der Gottheit besangen ihre Barden das Lob ihrer Helden und Heldinnen. Starke, Unerschrockenst und Großmuth waren die Thaten, die sie an ihnen priesen. Die Römer glaubeten,daß sie für Götter gehalten würden, und gaben ihnen, wenn sie zwischen ihnen und den irrigen einige Aehnlichkeitcn bemerketen, römische Namen. Sie glaubten eine göttliche Vorhersehung und Py z die 7lc> Betracht, über die Weltgeschichte. die Unsterblichkeit der Seelen. Doch der Aberglaube, der sich unausgebildeter Gemüther leicht bemächtigen kann, mißbrauchte diese erhabenen Wahrheiten. Die Begierde, den Rath des Himmels zu wissen, brachte vielerley Arten von Wahrsagungen auf. Die Abwechselungen des Mondes, das Wiehern der Pferde, das Wasser, selbst das Leben und Blut der Menscheil dieneren ihnen zum Prophezeihcn. Auch hatten sie eine Kunst, aus Baumreisern zu weißagen, in die sie bey allen zwey- deutigen Vorfällen des Lebens eben so viel Vertrauen setzten, als unsere abergläubischen Bergleute in ihre Wünschelruthen. Ihr Glaube von der Unsterblichkeit der Seele machte sie verwegen im Kriege, weil sie denselben für den sichersteil Weg zu einem andern glückseligen Leben ansahen, ohne zu untersuchen, ob die Ursachen desselben rechtmäßig wären oder nicht. Ihr äußerlicher Gottesdienst war ohne Pracht. Der Schauer finsterer Hayne und alter Eichen unterhielt ihre Andacht mehr, als alle Tempel bey den Griechen und Römern thaten. Die Opfer, unter denen sich zuweilen auch Menschen befandeil, mußten sie alle auf Befehl ihrer Priester mit der größten Stille abwarten. Diese stunden in einem vorzüglichen Ansehen. Sie waren beyden Versammlungen des ganzen Landes gegenwartig, und zogen mit ihnen in den Krieg. Bey dieser Beschaffenheit der Religion war es dem Christenthums nicht schwer, sich unter den Deutschen auszubreiten. Sie hatten unter ihnen weniger Vorurtheile und weniger Philosophie zu überwinden, als bey den Griechen und Römern. Nur unter denen deutschen Völkern, welche Gößen an- betheten, konnte sich der christliche Glaube so schnell nicht ausbreiten. Die Sachsen sind ein Beweis davon. So gewiß ist es, daß je reiner und unverdorbener die natürliche Religion bey Menschen ist, desto schneller auch die Wahr- Dritter Abschnitt. ?» Wahrheiten der Offenbarung Eingang bey ihnen finden werden! Man darf sich nicht darüber wundern, daß unter der Regierung der frankischen Könige, Bischöfe und Aebte ohne Anstoß mit in den Krieg zogen, und wie andere Unterthanen dazu aufgebothen wurden. Die Deutschen waren das vor ihrer Bekehrung schon von ihren Priestern gewohnt. Die Künste, zu denen viel Erfindung und Arbeit ge? hörte,waren unter ihnen unbekannt. Doch rühmet man von ihnen, daß sie in Leinen arbeiten konnten. Dieses war vornehmlich dic Beschäfftigung des weiblichen Geschlechtes. Diejenigen, welche an den Küsten wohne- ten, trieben einige Handlung, und verstunden etwas von der Schiffahrt und dem Schiffbaue. Die Künste wurden nicht eher unter ihnen bekannt, als bis sie die Römer überwunden hatten. Unterdessen waren sie zur Erlernung der Wissenschaften und Künste fähig genug. Die Dichtkunst war unter ihnen bekannt; die Barden waren ihre Poeten. Iornandes kann vie Lehrbegierde/-"-««»«s. der Gothen nicht genug rühmen. Er erzählet, daß ein ^ ^ö.L-», griechischer Philosoph ein so fähiges Naturel zu den Wis-^'"' senschaftcn bey ihnen gefunden habe, daß er ihnen fast alle Philosophie beybringen können. Er unterrichtete sie in der Sittenlehre, in der Naturkunde, in der Kenntniß der Sterne und so gar in der Logik. Was für eine Lehrbegierde mußten sie haben, sagte er, daß Hellen, wenn sie vier Tage von den Waffen ausruhe- ten, sich in den Lehren der Weltweisheit unterrichten ließen, daß dieser die Stellungen der Gestirne und ein anderer die Natur der Kräuter kennen lernen wollte? Man hat gesehen, wie sehr die Wissenschaften und fast alle schönen Künste unter Carln dem Großen ihr Glück bey den Deutschen machten. Die unglücklichen Zeiten, die auf seine R^gimmg folgecen, stürzecen sie in die U>^ Py 4 wissen- 712 Betracht, über die Weltgeschichte. wissenheit und Barbarey wieder zurück, aus denen sie sich kaum herauszuwinken angefangen hatten. Die alten Deutschen hatten, so rauh sie waren, doch ihre Spiele und Lustbarkeiten. Die Musik war darunter, ob sie gleich nicht künstlich war. Sie hatten eine Art Ritterspiele, die den Turnieren gleich kommen. Rennen und Schwimmen und die Jagd gehöreten unter ihre vornehmsten Leibesübungen und Belustigungen. Man hat gesehen, daß selbst Carl der Große, dieselben . liebte und alle andere Franken darinnen weit übertraf. Man kann aus diesem sehr einfachen Charakter der Deutschen schließen, daß ihre Gesetze nicht zahlreich und weitläuftig gewesen sind. Die Verrätherey, das Ueberlaufen zu den Feinden des Staates, und die Feigheit waren die öffentlichen Verbrechen. Die sich der Ver- rätherey schuldig gemacht hatten, wurden an den Bäumen aufgehangen; die Feigherzigen und Ehrlosen wurden in Sümpfe geworfen. Sie hatten Richter unter sich ; ihr Amt war so geehrt, daß nur die Vornehmsten und Aeltesten dazu erwählet wurden. Ein graues Haar wurde für ein Kennzeichen der Erfahrung und Bescheidenheit gehalten. Den Richtern wurden Beysitzer zugeordnet, damit sie sich in schweren Fällen ihres Raths bedienen konnten. Dieses ist der eigentliche Ursprung unserer Schoppen. Jede deutsche Völkerschaft, weil sich die alten Germanier nie mit einander vereinigten, als wenn sie wider gemeinschaftliche Feinde auszogen, hatte ihre besondern Gewohnheiten; denn diese vertraten die Stelle der Gesetze, nach welchen sie gerichtet 5.5^>//,. wurden. Sie waren erst nicht schriftlich abgefaßt, son- wurden bloß mündlich unter ihnen fortgepflanzt. ^"o^-n Seitdem aber unter den Deutschen die Franken Gallien eroberten: so wurden besonders ihre Gesetze aufgeschrieben und sehr berühmt. Diese Franken theilcten sich vornehmlich Dritter Abschnitt. ?'? nehmlich in die Salier,Völker, welche an der Mündung 6^51»-. des Rheins wohneten, und die Ripuarier,die ihre Sitze ?«-^. zwischen diesem Flusse und der Mosel hatten. Von ih- ^ nen erhielten die salischen und ripuarischen Gesetze ihren Namen und Ruhm. Da die Franken ihrem Staate j>.^. auch die Allemannier, die Thüringer, die Bayern und Friesen unterwarfen : so wurden auch ihre Gesetze bekannter. Lindenbrog hat diese Rechte unsrer Vorfahren gesammlet. Man muß die Gelindigkeit der Deutschen gegen ihre überwundenen Feinde bewundern. Die Westgorhen, die Lombarden, und Burgunder, ebenfalls Deutsche von Nation, gründeten auch Königreiche. Auch sie ließen ihre Gesetze schriftlich verfassen, nicht in der Absicht die Ueberwundenen zur Beobachtung derselben zu zwingen, sondern bloß zu ihrem eigenen Nutzen. Theodorich, Austrasiens König, ließ die salischen, die ri- puarischen, die thüringischen, Carl Martell die friesischen, und Carl der Große die sächsischen aufschreiben. Jedes Volk aber wurde nachten Gesetzen seines Landes gerichtet. Doch litten immer die Gesetze einiger Völkerschaften mehr Veränderungen, als die andern. Man findet in den verschiedenen Gesetzen der Deut- ^o»,nL». schen eine bewundernswürdige Einfalt, ihre ursprüngli- che Rauhigkeit, und überall die Spuren ihres kriegeri--^' schen Geistes und ihrer unüberwindlichen Neigung zur Freyheit. Je langer die deutschen Völker in ihren alten Ländern blieben ; desto länger erhielten sich ihre Gesetze. Die Gesetze derjenigen, welche sich in ganz fremden und von ihrem Vaterlande weit entfernten Ländern niederließen, erlitten mehr Veränderungen. Sie nahmen viel von dem Charakter der Völker an, mit denen sie vermengt wurden. Die Könige des ersten Stammes änderten in den salischen und ripuarischen Gesetzen nur Y y 5 das, 7i4 Betracht, über die Weltgeschichte. das, was durchaus nicht mit den Grundsätzen des Christenthums bestehen konnte. Im Grunde blieben sie unverändert. Sie nahmen zum Exempel keine Lubcs- sirafcn an; die burgundischen und westgothischen aber litte» diese Veränderung. Die letztem insbesondere erfuhren die traurigsten Schicksale. Die Bischöfe galten an dem Hofe der westgothischen Könige alles. Die wichtigsten Angelegenheiten wurden durch die Bischöfe entschieden. Man findet in dem Gesetzbuchs der West- gorhen alle Grundsätze der heutigen Inquisition. Denn Mönche waren es, welche dasselbe verfasseten. Ihre Gesetze waren kindisch und verfehleten das Ziel; sie waren voll falscher Beredsamkeit und leer am Verstände, Kleinigkeiten im Grunde und UiMheuer im Ausdrucke. Die Gesetze der Sachsen wurden von ihrem Ueber- winder schriftlich verfasset. Durch die darinnen verordneten Geldbußen verrathen sie den alten deutschen Geist ; durch die Leibesstrafen, die sie verordnen, die Strenge des Ueberwinders. Je weniger Vorzüge die Gesetze der Deutschen ihnen selbst vor den überwundenen Völkern ertheilet?», welches die Gothen, die Lombarden, und Burgunder thun mußten, um sich in den eroberten Ländern leichter zu behaupten, desto weniger wurden sie allgemein, und desto persönlicher blieben sie. Diesalischen Gesetze hingegen, ob sie gleich den Ueberwundenen den freyen Gebrauch der römischen Rechte ließen, vertrieben sie doch nach und nach. Dieses kam daher, daß sie den Franken zn große Vorzüge vor den Ueberwundenen ertheilctcn. So kostete zum Exempel der ^ordeccus eines vornehmen Franken, oder die Ermordung desselben, sechs hundert Solldos ; da die Ermordung eines von der überwundenen Nation kaum mit der Hälfte dieser Geldstrafe belegt wurde. Man verließ also die römi- Dritter Abschnitt. 715 schen Rechte, um nach den salischen Gesetzen zu loben, damit man gleicher Vortheile theilhaftig werden möchte. Das römische Recht erhielt sich mir unter der Clerisey; denn dieser waren in den salischen Gesetzen eben so große Vorzüge ertheilet, als den gebohrncn Franken selbst. Also behielten sie die römischen Gesetze bey, bey denen sie nichts verlohren, zumal da sie das Werk christlicher Kaiser waren. Die Gesetze der Lombarden hingegen mußten dem römischen Rechte mit der Zeit so gar weichen, weil die Uebcrwinder aus einer erzwungenen Gelin- digkeit keinen Unterschied zwischen sich und den Besiegten machten. Die meisten Städte wurden in der Folge Republiken; der Adel, der das lombardische Gesetz beobachtete, wurde vertilget' die Clerisey, welche das römische Recht stets beybehalten hatte, war mächtig; dieses schien mehr Majestät zu haben, weil es Italien an seine ehemalige Herrschaft über die ganze Erde erinnerte; also mußten die deutschen Gesetze der Lombarden, als man vergaß, daß sie Italiens Ueberwinder gewefen- wären, nothwendig dem römischen Rechte weichen. Man weis schon, was die Deutschen für Verbrechen mit dem Tode bestraften. Alle Beleidigungen, welche sonst einer dem andern zufügte, alle Beschimpfungen , und selbst der Todschlag, wurden nicht mit dem Leben, sondern mit Gelde, oder in den ältesten Zeiten mir Heerden und andern solchen Bedürfnissen des Lebens geahndet. Diese Geldbußen erhielten die Beleidigten oder die Anverwandten derselben. Eine jede Beleidigung war eine Beleidigung der ganzen Familie. Dieß ist ein Hauptcharakter fast aller deutsche,, Gesetze. Sie behielten ihn selbst unter ihren chrisili'-i chen Beherrschern. Die salischen und ripuarifchen und die übrigen deutschen Gesetze waren vornehmlich darinnen von cma.nd.ex 716 Betracht, über die Weltgeschichte. einander unterschieden, daß jene weder bey Anklagen noch bey Vertheidigungen den Gebrauch verneinender Beweise zuließen. Der Ankläger mußte beweisen und der Angeklagte durfte nicht bloß leugnen. Der einzige Fall war ausgenommen, wenn Ancrusttonen, oder Vasallen des Königes, angeklagt wurden. Hingegen die ripuarischei., allcmannischen, bayrischen, friesischen thüringischen, lombardischen und burgundischen Gesetze begnügten sich mit verneinenden Beweisen. Der Angeklagte konnte in den meisten Fallen die Anklage mit einer gewissen Anzahl Zeugen loöschwören. Ferner unterschieden sich die salischen Rechte von den ripuarischen und andern deutschen Rechten dadurch, daß sie den gerichtlichen Kampf nicht als eineil Beweis annahmen, den - diese in zweifelhaften Fällen, oder wenn der Meineid vermuthet wurde, als ein Gericht Gottes verstatteten. Ucberhaupt ist von den meisten deutschen Gesetzen zu merken, daß sie in zweifelhaften Fällen ganz besondere Beweise verordneten, die sie Gerichte Gottes, zum eo»/-/« Theile auch Grdalia oder große Gerichte nannten. ^' "". ^-^ Darunter gehörte der Zwenkampf; die Feuerprobe, da ^««m ^ Beklagten glühendes Eisen angreifen, oder über glühende Pflugscharrcn gehen mußten; die Wasserprobe, da sie entweder ihre Hände eine Zeitlang in heißes Wasser halten, oder auch in kaltes Wasser geworfen wurden; die Kreuzprobe, und andere solche gerichtliche Proben mehr, welche Spelmann und du Freöne in ihren Glossariis beschrieben. Wer im Zweykampfe überwand, in der Feuerprobe, und in der Probe mit heißem Wasser nicht verletzt wurde, und im kalten Wasser nicht untersank, der wurde für unschuldig erklärt. Man erstaunet vielleicht, daß unsere Vorfahren die Ehre, das Glück, und das Leben ihrer Mitbürger von Proben abhängen ließen, die ihrer Natur nach weder ' ^ die Dritter Abschnitt. ' 717 die Unschuld noch das Laster beweisen konnten, und ihrem Ausgange nach dem Zufalle so sehr unterworfen waren. Wenn man das begreifen will: so muß man in die ältesten Zeiten zurückgehen. Man kann alsdann drey verschiedene Ursachen davon angeben. Un- ter den Deutschen war, ehe die fränkische Monarchie ^^c./.?. gestiftet wurde, jede Familie vollkommen frey und von^'"^ einer jeden andern unabhängig. Beleidigte also eine Familie die andere: so führeten sie Krieg miteinander. Der Kampf mußte alles entscheiden. Nach und nach wurden diesen Kämpfen gewisse Geseße vorgeschrieben; man mußte ordentlich und vor den Richtern kämpfen. Diese Einschränkung war gut, weil sie die allgemeine und zu oft allzuweit ausschweifende Freyheit, einander zu schaden, aufhob. Ferner war an der Einführung dieser so genannten göttlichen Gerichte der feste Glaube der Deutschen an die Vorsehung der Gottheit schuld. Sie glaubten, daß ihnen Gott in zweideutigen und ungewissen Fällen nothwendig Licht geben, und das Recht oder Unrecht selbst offenbaren müßte. Wenn eine Nation die andere bekriegen wollte: so suchte man, wie TacituS von ihnen erzählet, einen von ihr zum Gefangenen zu machen. Dieser mußte mit einem aus ihrem Mittel kämpfen. Aus dem Ausgange des Streites urthcilecen sie von dem Erfolge des Krieges. Völker, die fähig waren, zu glauben, daß der Zweykampfdie Angelegenheiten des Staats entscheiden könnte, konnten auch denken, daß er eben so gut bürgerlicheStreitigkeiten schlichten würde,und da sie dem Zwenkampfe so viel zutraueten, konnten sie auch zu andern eben so ungewissen Proben dieses Vertrauen haben. Endlich muß man erwägen, daß dergleichen Beweise einigermaßen durch die Sitten derer, die sie ein- fnhreten, gerechtfertigt wurden. Die Deutschen waren ein ?i8 Betracht, über die Weltgeschichte. «in kriegerisches Volk; man kannte keine andere Ehre, als den Ruhm der Tapferkeit. Diesen Ruhm aber konnte man nicht erlangen, wenn man nicht Muth, Ge- schicklichkeit und Leibesstarke bejaß. Unter einem solchen Volke, kannte man keine anderen Laster, als M vom Betrüge, von List und Verschlagenheit, das ist, von der - ' Feigherzigkeic erzeuget werden. Also hatte man einiges Recht zu hoffen, daß der Lasterhafte oder vielmehr der Feigherzige durch den Zweykampf werde entdecket werden. Man suchte durch ihn besonders dem Misbrau- che der Eide vorzukommen, weil man voraussetzte, daß einer, der sich nicht vor dem Meineide scheuete, sich gewiß vor der Gefahr des Zweykampfes scheuen würde. Ein Volk, das bestandig mit den Waffen umgieng, alle Weichlichkeit verachtete, und einen festen Körper auf alle Weise zu erhalten trachtete, mußte nothwendig eine harte und dicke Haut haben. Die Personen des weiblichen Geschlechtes konnten ihrer Verrichtungen wegen gleichfalls keine weiche Hände, noch vielweniger zarte Füße haben, da sie, wie die Männer, die meiste Zeit barfuß giengen. Wenn ein Beklagter die Feuerprobe gemacht, und mit seiner Hand entweder ein glühendes Eisen angegriffen oder sie eine Zeitlang in siedendes Wasser gehalten hatte: so wickelte man die Hand in einen Sack und versiegelte sie. Sah man nach drey Tagen, daß sie verbrannt war : so schloß man daraus, daß er das Verbrechen begangen hätte, weil man daraus, daß er eine solche Probe nicht ausgehalten hatte, schließen konnte, daß er weibisch wäre. Und also war in diesen so genannten göttlichen Gerichten weniger Ungerechtigkeit, als man dem ersten Anblicke nach darinnen zu sehen glaubte. Sie sind wenig ungerechter, als die Torturen und Foltern, und vielleicht waren sie nicht einmal so jweydeutige und ungewisse Mittel, die Wahr- Dritter Abschnitt. 7'9 heit zu entdecken. Die meisten von diesen seltsamen Gerichten wurden nach und nach abgeschafft, aber zu einer Zeit, wo die Deutschen durch die Reichthümer ihrer überwundenenFeinde weichlicher und also untüchtiger zu solchen harten Proben geworden waren. Dem, die Zeiten, worinnen sie aufgehoben worden, waren nicht weiser, sondern vielmehr finsterer und barbarischer geworden. Doch da die Deutschen immer eine kriegerische Nation blieben: so behielten sie auch den gerichtlichen Zwey- kamvf bey. Die Clerisey hatte viel Schuld an der Ausbreitung desselben. Sie maßten sich zu viel Gewalt in bürgerlichen Angelegenheiten an. Der Misbrauch des Eides wurde unglaublich groß. Wenn zum Exempel Q'»^-. das Document einer Erbschaft als eine falsche oder un- ^F. tergeschobene Schrift angegriffen wurde: so legte derje- ^"^"^ nige, der sie vorzeigte, einen Eid aufdas Evangelienbuch ^ ab, daß sie wahr wäre, und darauf setzte er sich ohne weitere Umstände in den Besitz der Erbschaft. Man konnte also mit Meineiden gewinnen. Otto, der zweyte, I.I.yFZ. sah sich von dem Anhalten des Adels genöthiget, ein Gesetz zu machen, worinnen wegen der Streitigkeiten über Erbschaften verordnet wurde, daß, wenn einer ein Document vorwiese, welches der andere für falsch und un<- acht erklärete, dieser Streit durch den Zweykampf entschieden werden sollte. Selbst die Kirchen mußten bey dergleichen Streitigkeiten ihre Verfechter haben. Seit der Zeit würbe der gerichtliche Zweykampf ein Vorrecht des Adels wider die Ungerechtigkeit. Je mehr im neunten und zehnten Jahrhunderte durch die Nachläßigkeit und die Schwachheit der Monarchen, welche alle ihrs Lehen und Würden erblich werden ließen, kleine Herren wurden, welche zwar als Vasallen von der Krone ab- hingen?, aber doch in ihren Herrschaften alle Gerichtsbarkeit hatten, desto weiter breitete sich der gerichtliche Zwey' 72O Betracht, über die Weltgeschichte. Zweykampf aus. In diesem Jahrhtinderte der Unordnung wurde der Saame zu den falschen Grundsätzen von der Ehre ausgestreuet, welche in den neuern Zeiten, die so sehr wider die wahre Ehre streitenden Duelle erzeuget haben. Der Kläger brachte bey dem Richter an, daß dieser oder jener diese oder jene Handlung begangen hatte. Der Beklagte beschuldigte den Kläger der Lügen, und darauf befahl der Richter den Zweykampf. So bald sich einer erkläret hatte, daß er sich schlagen wollte: so konnte er sein Wort nicht zurücknehmen, oder er wurde gestraft. Daraus entstund denn nach und nach der falsche Grundsatz, daß die Ehre des Ausfordernden und des AuSgeforderten darunter litte, wenn einer von ihnen /ö^/. Kö. den Streit zu vermeiden suchte. Carl, der Große, hatte 5. §>-i. gesucht, das Gesetz der Lombarden, welches den Zweykampf erlaubte, einzuschränken. Er hatte daher verordnet, daß sich die streitigen Parteyen nur mit Stöcken 5.c^/>-t»/. schlagen sollten. Hingegen sein Sohn, Ludwig, ließ jh,,x„ die Wahl, ob sie bey den gerichtlichen Kämpfen Stock oder den Degen brauchen wollten. Bloß aus dieser Verordnung kann inan schließen, daß Ludwig, eben so schwach am Verstände, als sein Vater ein großer Geist war. Man begreift, ohne viel Nachsinnen zu brauchen, daß, der Adel allezeit den Degen dein Stocke vorgezogen haben werde, weil er sich von dem Bürger allezeit zu unterscheiden gesucht hat. Der Adel brauchte also bey seinem Kampfe Pferd und Degen. Der Bürger schlug sich zu Fuße und mit dem Stocke. Daher kam es denn, daß Stockschläge für die größten Beschimpfungen gehalten wurden ; denn wer mit dem Stocke geschlagen worden war, dem war, wie einem Bürger begegnet worden. Der Zweykampf der älteste!, Zeiten ist ein Beweis der ungebundenen Freyheit unserer ersten Vorfahren; der Zweykampf der mittlern Zeiten beweist Dritter Abschnitt. 721 den Verfall der ersten deutschen Redlichkeit und Treue; denn er würde nicht eingeführt worden seyn, wenn sie die alte Ehrfurcht gegeil Eid und Religion nicht verlöre,: hätten. Die Duelle der neuern Zeiten beweisen die Macht bejahrter Vorurtheile und eine grobe Unwissenheit in der wahren Ehre. Man muß V?ese Anmerkungen über den Zweykampf wissen, wenn man die merkwürdigen Veränderungen kennen will, die der Charakter der Deutschen und der von ihnen abstammenden Völker von Zeit zu Zeit erlitten hat. Die alten deutschen Gesetze haben sich lange erhalten ; denn die ersten Vorfahren unserer Nation liebten die Veränderung nicht, man mag nun ihre Abneigung dafür Phlegma oder Sündhaftigkeit nennen. Unter den Beherrschern vom carolinischen Stamme wurden sie nur durch die sogenannten (tapirularia entweder mehr bestimmet oder ergänzender eingeschränket. Seitdem aber im Innern der Monarchie die großen Veränderungen vorfielen, daß alle Güter der Krone, und selbst die Allodialgüter der Freyen in iehngüter verwandelt wurden, dadurch unzählige kleine Herrschaften in Deutschland und dem davon abgesonderten Frankreich entstunden, und sich also tausend Vorfälle ereigneten, aufweiche sich die vorigen Rechte nicht mehr schickten : so wurden nothwendig die alten Gesetzbücher der Deutschen unbrauchbar. Man behielt wohl das Wesentliche davon bey; aber man gieng von dem Buchstaben ab. Daher kommt es denn, daß man im eilftcn und in den folgenden Jahrhunderten so vi>el von Herkommen, Gewohnheiren, und Vbscrvanzcn höret. Die nach Carln dem Großen, wieder einreißende Barbaren trug ebenfalls viel zum Untergange der deutschen geschriebenen Gesetze, der römischen Rechte und II. Theil, Zz der 722 Betracht, über die Weltgeschichte. der Capitularien bey. Den» man verlernte sogar Schreiben und Lesen wieder. Der überall eingeführte Zweykampf war eine neue Ursache der Vergessenheit, worein sie geriethen. Eine Nation, die alle Rechtshandel und so gar Schuldsachen durch Duelle ausmachen zu können glaubte, brauchte keine geschriebenen Gesetze. Dennoch sind viele von den alten deutschen Rechten im Sachsenspiegel, viele von den salischen in Frankreich beybehalten worden. So ist da6 vornehmste Reichsgrundgesetz in Frankreich, nach welchem die Krone niemals auf das weibliche Geschlecht erbet, ein salisches Gesetz. Man wird aus dieser kurzen Betrachtung sehen, wie nöthig denen, welche richtige Einsichten in die gegenwartige Verfassung unsers Vaterlandes erlangen wollen, die Kenntniß ihrer ältesten Vorfahren sey. Man wird lernen, wie viel Jahrhunderte dazu gehören, eine Nation aus ihrer natürlichen Rauhigkeit und Unge- bundenheit zu reißen, und weiser und gesitteter zu machen. Man wird mit Vergnügen wahrnehmen, daß unsere Zeiten vor den Zeiten unserer altern Vorfahren viel voraus haben. Da dieses eine Wohlthat der Vorsehung ist, die alles regieret: so werde ich wohl mit dem Wunsche beschließen dürfen, daß wir aus Erkenntlichkeit gegen den höchsten Beherrscher aller Reiche und Jahrhunderte, weil wir das Glück haben, in weisern und gesitteter» Zeiten zu leben, auch tugendhafter und gottseliger werden mögen, als unsere Vorfahren. V Register ^^F^^.^^ ^^-^^^^ ^^'^^^^ Register der vornehmste!; Sachen. A. Hsacken, d«selbst hat sich Carl der Große, am liebsten ^ aufgehalten 687 Aaron, ein persischer König, beschenkt, Carln den Großen z 2lblaß, Quelle desselben 287 Abdaramcn macht viel Beute im kaiserlichen Spanien 20 AbeUten, 2ZO. was sie gelehret, das. zu welcher Partey sie gehören das. Abendmahl, ein Gnadenmittel 118- Gebrauche dabey 554-558. wird geheim gehalten 56z. der Kinder, wie es aufgekommen 575 Aberglauben hat lange in der Kirche geherrschet izi Abgotterey, Ursprung und wahre Gestalt derselben uz woher sie nach und nach enstanden 149 Abibas, ob er ein Märtyrer sey 528 Abrahams, Foroasters, Allogcnes, Barcabbas, P«r- cbors, -Hysiaspes, gerühmte göttliche Schriften 2Zl Abraxas und Cavlacav, des Basilides 207. sollten Wörter seyn, die Geister zu bannen 207 Absolution von den Kirchenstrafen konnten die Märtyrer geben 511 Abtey zu Vendome, will eine Thräne I. C. besitzen 500 Abtbeilungen, in den Tempeln der ersten Kirche, was sie veranlasset 564 Ackamochs Schicksale in dem Valentinis. Lehrgebäude 215. aus ihrem Lachen entstand das Licht, das. um- armete die Engel, und empfieng von ihnen eine neue Geburt 216 - - Z>emmrgus, oder Schöpfer alles dessen, was außer dem Pleroma war 216 Adalgisilus, ein Major Domus 645 Adanmen, wessen AnHanger sie sind 209. was sie vor- A ! 2 gaben Register gabeil 2io. nannten ihre kirchliche Versammlung das Paradies 210. legten dabey die Kleider ab, das. verwarfen die Ehe das. Adel, seine Gewalt wird von Carl, dem Großen, geschwa- chet 677. wird von den Söhnen Ludwigs, des Frommen , erhaben und beschenket 694. wird zum Richter über den König gesetzt 697. war bey den Fürsten der alten Deutschen ihre Hofstatt 707. Vorrecht desselben war der Zwevkampf 719. und zwar mit Pferde und Degen 720 Avelaidc, wer sie gewesen 65. vermahlt sich mit Otto dem Großen ebendaf. Avellian, König von England 55 Aebte, führen Kriegsheere an 40 Aegesllus, ein Schwiegersohn des Pipinus, wird Herzog in Australien 651 Aegypter, hegten die schändlichste Abgötterey 150. was sie als Gorr vcrehreten, das mcvnten die Gottheit wäre in alle Theile der Welt ansacgosscn 151. erdichteten ein gütiges, leidendes und Schaden begieriges Etwas 151 Aegyptiscke Weisen, was sie von Gott dachten 149 Aelreri» I. C. von ihren Reliquien weis die erste Kirche nichts 500 Aclresien gehöretcn zu der Clcrisep 60z. waren gleichsam Commissarien der Bischöfe 606. ihre Amtsverrichtungen, ebendas. regierten die Kirche zu Jerusalem 611. ihr Name bezeichnet ihre Würde, ebendas. ihre Amtsgeschaffte 611. die Avostel verordneten sie bey allen Gemeinen, ebendas. fuhretcn den-Namen der Bischöfe, ebendas. einer von ihnen führete in dem ersten Jahrhunderte die Aufsicht über die Gemeinen 6iz Acoil der Gnostiker, starke Bewegung desselben bringt etwas Selbststandiges hervor 214 Aeonen, hatte man sonst Ausflüße genannt 157. Geschichte derselben, das. f. einige Philosophen nahmen viele derselben, an, andere weniger 160 Aeschincs, verführte einige Montanisten 251 Agapen, wie sie Zertullian beschreibt 554.557 Agapet, ein römischer Pabst 6z Al50 der vornehmsten Sachen. Äks, empöret sich wider Ludwig den Frommen 19 Akademiker, zweifelten 162. wollten weder leugnen, noch behaupten, daß es Götter gebe das. Akademien, zur Zeit Carls, des Großen, worinnen sie bestanden 686. ihre Mitglieder führeten besondere Namen 686 Ar'olurhcn, was ihnen aufgetragen war 60z Alberich, fetzt seine Stiefmutter Maropia gefangen 6o Alcum, ein Gelehrter zur Zeit Carls, des Großen 6Z6 Allegorische Schrifterklärungen 259. bekamen durch den Origenes das größte Ansehen 259 f. Alexander Severus bewundert die Christeil wegen der Wahl ihrer Lehrer 592 Alexander, ein griechischer Kaiser, sein Charakter 49 Alcxandrien, berühmt als der Sitz wcltl. Gelehrsamkeit 270 Alexandrim'sche Xveisheit, erfüllete fast den ganzen Erdkreis 299 Alcxanvrmische Philosophie, von ihr entsprungene Sec- ten 299 Alfred, König von England 37. sein ruhmwürdiger Charakter 40 Alphons, der Große überwindet die Spanier 40. tritt seinem Sohne sein Reich ab 48 Alphons, ein spanischer König wird ein Mönch 59. Streit mit seinem Bruder über das Reich ebcndas. Alphonsus, der fünfte ein fpanifcher König 85 Allmosen, dazn wenden die Christen den Gewinn ihres Fastens an 569 Amcr, ein saracenischer Feldherr wird überwunden Z4 Ammen, wurden bey den alten Deutschen nicht gefunden 7^5 Ammonmö Saccas genannt, suchte die Abgötterei) wieder in Aufnahme zu bringen 271. von Erziehung ein Christ, ebendaf. ward aber abtrünnig in männlichen Jahren, ebendas Ursachen seiner Abtrünnigkeit 271 was er behauptete 271 f. rühmte den Plato vorzüglich 272. wollte Platonen und Aristotelem vereinigen 272. . gab vor, die Christen verstünden ihren Meister Zefum nicht recht, ebendaf. fein neues Lehrgebäude Zz Z 2/zf. Register 27z f. wie er die Anbethung vieler Götzen rechfertigte 274. seine Geisterlehre 274. nach seiner Lehre können die Geister zur Erscheinung genöthiget, die Dämonen aber vertrieben werden, ebendas. Engel und Dämonen haben nur feinere Körper als die Menschen ebendas. meynet jeder Mensch habe seinen Dämon und Engel 275. beyder Geschaffte ebendas. seine Lehren von dem Menschen, seinen» Falle und Wiederherstellung ebendas. Ursprung menschlicher Seelen, ebendas. Ur- sach ihres Falles, ebendas. nennt die Körper Gefangnisse der Seelen 276. seine verschiedenen Arten von Tugenden, ebendas f. sein philosophisches Fegefeuer 277. hat selbst nichts geschricben,ebendas. woher man seinen philosophischen Unsinn erfahren habe 278. Lehrsätze, deren Einfluß ins Christenthums Schicksale 279 ff Philosophie zog den Christen Verfolgung zu 281 schadete so viel nicht, als ihr Einfluß in die Lehren der Christen 282 f. Anacleta«, einer von den ersten Bischöfen zu Rom 628 Anberbung der Bilder, aus welchen Gründen die Christen sie verwarfen 521 Ansckar, predigt die christl. Religion in Norden 18 Antiockien, erster Irrthum daselbst unter den neubekehrten Christen 134. daselbst versammlen sich die Bischöfe 608 Ailtiochenische Gemeine verlangt zuerst den Ausspruch einer apostolischen Kirchenversammlung iz? Anronms ein Constant. Patriarch billigt den Bilderdienst nicht 28. seine Strafe dafür 29 Antom'n untersagt die Verfolgung der Christen 459 Amrustioncn, Vasallen des Königes 716 Apellcs, des Cerdo und Marcions Schüler 229. was er annahm ebendas. Apostel, nach ihrem Tode stunden viele Secten auf 145. verfertigten ihre Schriften da die christl. Gemeinden schon zahlreich waren z8? Abschriften ihrer Bücher mußten sich also vervielfältigen 387. warum nicht alle ihre Wunder aufgezeichnet worden 438. um ihre Leichname bekümmerte sich die erste Kirche nicht 5^1. wollten keine Secte stiften 581. warum sie sich nicht besolden der vornehmsten Sachen. besolden ließen 58z- nöthigen nicht durch Zwangsmittel zum Gehorsame gegen ihre Kirchengesetze 589 Apostolische Gemeinen 542. Briefe, fast alle sind vor der Zerstörung Jerusalem geschrieben zL? Arabianer, zoi Arvuin, ein italienischer Tyrann 91. wird ein Mönch und stirbt 9Z Arimanius, was die Perser von ihm lehren 15z f. Aristides, vertheidigt die christl. Religion 459 Ariltorelir'er, ihr Gott war bloß die bewegende Kraft der Natur 162. zweifelte wenigstens an der Unsterblichkeit der Seele 162 Arnolf wird König in Deutschland 41. kann Bevengarn nicht beystehen 44. Ursachen seines Todes ^ 46 Arremas, Arremon breitet theodotianische Irrthümer aus 2z6. verwegenes Vorgeben desselben 2z? Arrotyriten brauchten Brodt und Kase beym Abendmahls 251 Asceten, sind Stiefsöhne der Gnostiker 261 Aftlepiaves, AnHanger des Theodotus von Byzanz 2z6. sein erkaufter und abtrünniger Bischof Naralis 2z6 2lsclie der Märtyrer wird nach ihrem Tode gesammlet 572 Astolph, ein König der Lombarden 66z. bricht den Frieden 664 belagert Rom 666 ArKenaqorss, stiftet eine Schule wo göttl, und menschliche Weisheit gelehret wurde 270. seine Nachfolger, Panränus und Clemens; brachten sie in Ansehen 270. wollte die himmlischen Machte nicht verehren 558 Auferstehung des -L.eibes. 120 Auferstehung unserer Leiber, woher die Leugnung derselben ihren Ursprug habe 144. leugnet -Hymenäug, Philerus, Alexander, tNcnanSer, ebendas. Aufrührer werden für Märtyrer gehalten 5?6.537. Augustinus, sein Gestandniß, daß man die leibliche Gestalt Christi nicht kenne 519. war erst ein Manichaer zu Aurelianus, der Kaiser, wird von den Bischöfen gebethen, den Paulum von Samosata zu vertreiben 609. thut einen Ausspnich 6zz AureUus, Marcus, verfolgt die Christen und warum ? 460 Zz 4 Ausle- Register Auslegung, mystisthe, woher sie ihren Ursprung hat 429 Amolycus fodert einen Bischof vergeblich zum Wunder Bäder, warme, läßt Carl, der Große, zu Aachen mit Stufen und Sitzen versehen 688 Bambcrg. Schule und Bisthum daselbst, von wem sie 25arven, Bruiven, ihre Weisheit hat die Menschen nicht gesitteter, sondern nur harter und tapferer gemacht 164. der alten Deutschen, ihre Verrichtung 709. 710 Bardesgnes mit seinem Sohne iKqrmoniug, hegeten va- lentinianische Irrthümer 220 ZsasillOes fand großem Anhang als Saturnin 206. stimmte mit den saturninischen Irrthümern Überein ebendas. wie viel er Ordnungen von Aeonen gemacht habe, ebendas. hielt die Leidenschaften für wirkliche Geister, ebendas. was er von Jesu dachte, ebendas. f. lehrte seine AnHanger gewisse Figuren und Worte ebendas. f. seine AnHanger sollen Pythagoras Seelen- wanderung angenommen haben 207. die Kirchenzucht und Moral war außer der Verfolgung sirenge 207. seine AnHanger feyerten zuerst den loten Jenner als den Tag der Taufe Christi 208- die Dauer seines AnHangers ebendas. von wem er seine Lehre empfangen zu haben vorgab 208. verwarfganze Briefe des neuen Bundes ebendas. worauf er das Ansehen seiner Lehren gründet 2zi Basilides, ein Bischof, wird abgesetzt 6z5 Vasilius wird Cäsar z6. wird Kaiser ebendas. stirbt 42 Sssilius und Constantinus/ griechische Kaiser 8i. seine Kriege 89- war glücklich wider die Lulgarer, bekam Gefangene von ihnen 97. sandte sie mit ausgestochenen Augen wieder zurück an ihren König Samuel, ebendas. demüthiget die Bulgarer ganzlich 98. rüstet sich wider die Saracenen, ebendas. und Sicilien ebendas. stirbt, und hinterlaßt das Reich seinen» Bru- auf gestiftet Barvas wird Cäsar Z4. wird umgebracht der Constantill ebendas. BasnKge der vornehmsten Sachen. Basnage behauptet, die geistliche Hierarchie sey nach und nach entstanden 62z. vergleicht das heidnische und christl- Rom mit einander 6zi Begebenheiten, für erdichtete, stirbt niemand 488 489 Bekehrung, ist nach der erstell Christen Zeugniß bloß auf das gegenwartige Leben eingeschlossen 374 Ber'enner, werden von den Märtyrern unterschieden 509 ihre Fürsprache erleichtert die Kirchenstrafen 511. die Hochachtung gegen dieselbe geht bis zum Enthusiasmus 512 Benevicr, in w^d römischer Pabst zz BenedictV ein römischer Pabst 47-7Z Bcnedict vi ein römischer Pabst wird umgebracht 8« Benevice VII ein römischer Pabst 8l Bcnedict VIII Pabst 92. stirbt in Rom 100 Beredsamkeit verführet zuweilen zu Irrthümern 50? Berengar, Herzog von Friaul, wird König der Lombarde,) 43-44-4? - - der zweyte wird Kaiser 5« - - Adalberts Sohn, setzt sich auf den italienischem Thron 64. belagert Pavia 65. muß sich Otto dem Großen unterwerfen 66 Besckncidung, Nothwendigkeit derselben von Gläubige» wird zuerst irrig gclehret 134. Cerinth wird ohne Grund für den Urheber davon gehalten^ ebendas. Irrthum von der Nothwendigkeit bey Christen schleichet sich in Galatien ein iz?. Ursachen davon ebendas. Betrug frommer, wurzelte bey einigen Christen ein 29? werisich dessen schuldig gemacht, alten Vätern neuere Schriften anzudichten . 291 Bechtage der ersten Christen 567 Bilder, ob die erste Kirche welche gehabt 518. 5^9 Bilderdicner werden in der ersten Kirche nur unter den Irrgläubigen gefunden 52s Bilderdienst wird verworfen iz> wem er im Oriente seine Bestätigung zu danken hat 29. hat in der ersten Kirche nicht statt gefunden 518- 5!9 Bildhauerkunst, Haß der ersten Christen gegen dieselbe 522 Iz 5 25ior>» Register Biorn gestattet die Ausbreitung der christl. Religion in Schweden 18 Vijcliofe, römische, warum sie sich den orientalischen Kaisern entzogen 2. wollen unabhängig werden 12 - - französische, ihre Gesinnungen gegen den Bilderdienst 17 - - deutsche setzen sich wider den Pabst 24. empören sich 40 - - römische, unedle, Ursachen ihrer Wahl im czten Jahrhunderte 4z. misbrauchen ihr Ansehen 128. warum dieses vielleicht geschehen, ebendas. wurden endlich Fürsten und allgemeine Monarchen der Erde 129. ver- mahneten das Volk beym Gottesdienste 556. der Ursprung und Wachsthum ihrer hohe» Würde 60z. formirten die Clerisey, ebendas. sie behaupteten, es könnte nur ein Bischof bey einer Gemeine seyn 604. sie suchten unabhängig zu seyn 605. was sie sich für Amtsverrichtungen zugeeignet 605. ordinirten alle Kirchendiener 6c,5. setzeten sie eigenmächtig^ab 607, kein Bischof erkannte einen andern Bischof über sich 6oZ. handelten aber nicht immer nach diesem Grundsätze ebendas. haben, nach der heil. Schrift, keinen von den Aeltesten ganz verschiedenen Orden ausgemacht 6iz. ihre Herrschsucht hat ihre Gewalt vergrößert 619. sie nannten sich Metropolitan«!, ebendas. ihre große Gewalt unter der Regierung Clotars 642 Bisckof wurde für das Haupt der Gemeine angesehen 617. dieß vermehrte sein Ansehen ebendas. Bisckofthümer, viele werden von Carl, dem Großen, aufgerichtet 677 Blaflus 220 Slut erstickter Thiere zu genießen, wird von der apostolischen Kirchenversammlung untersagt iz6 - - eines Menschen, kann keine Sünden büßen 507 B?uttaufe,ob sie so viel Kraft babe,als die Wassertaufe 506 Vovilo, ein vornehmer Neustricr, läßt Childerichcn auf der Jagd hinrichten' 650 25olc-;laus, ein böhmischer Fürst, ermordet seinen Bruder 62. bekehret sich gezwungen und doch wirklich 64 Bolevlav, ein vortrefflicher böhmischer Fürst 78 Zoleslav, der vornehmsten Sachen. Boleslav, ein pohlnischer Herzog wird zum Könige von Polen erhoben 88. empöret sich wider das Reich 91 - - König in Polen, warum er Heinrichs Macht trotzen konnte 98. wird mit dem Fürsten der Rußen in schweren Krieg verwickelt 99 Bonifacius, em römischer Pabst 45 - - der viil, ein schändlicher römischer Pabst 8l - - ein berühmter Mönch unter den Franken 658. setzt sich unter dem Volke in ein großes Ansehen 66i. erhält Maynz ebendas. Boso macht sich zum Könige von der Provence 90 Bofiuet, leugnet, daß die Religion aufdem Erdboden Veränderungen unterworfen sey ioz. warum er deswegen verdächtig werde 104. seine Abbildung der Aegyptiev und Römer 701 Boft, Ursprung desselben lehret die Offenbarung 112 f. Ursach desselben, die gemisbrauchte Freyheit uz. das moralische, wurde theils der Materie, theils dem Neide der Aeonen zugeschrieben 161 Brautring, Josephs, will man zu Perusa nnd Segur haben zc»l Briefe der Apostel, wie von ihnen zu urtheilen Z91. ihr göttlicher Charakter ebendas. Bnddeus, ein Anhänger des Mani zu Bulgaren werden überwunden 42. ihr König Samuel stirbt vor Gram 97 Burgunv, wann der Kaiser ein Recht darauf erhalten habe 99. wollen des Kaisers Herrschaft nicht erkennen 99 Büßenve, von denselben wurden keine Opfer beym Gottesdienste angenommen 516. ersuchen die Märtyrer um ihre Vorbitte 511 Bychos, die Tiefe, des Zauberer Simons 186 f. C. Caianer, wer sie gewesen 2zo Cttins, warum er den Brief an die Ebrä«r nicht für göttlich hält 414.415. zweifelt an der Offenb. Joban- nis 418- zweifelt an der Göttlichkeit einiger Schriften des N- Testaments 417 (t^abrim, Register Talabrien, und Apulien waren einer beständigen Verwir- lL«rl Martell, ein natürlicher Sohn des Pipins von Heristall, wird Herzog in Australien 655. war ein Staatsmann und Held, ebendas. besiegt die Saracenen völlig - H56. schlagt die Güter der Kirche zum königl. Fiscus 657. deswegen verschwört sich die Clerisey wider ihn 658. seine große Gewalt 659. theilet das Reich unter seine Söhne ebendas. Tarl der Große, stiftet eine neue Monarchie 1 befestigt seine Herrschaft in Italien 2. will sich mit Irenen vermahlen z. will seinen Sohn zum Mitrcgenten annehmen 4. seine weisen Gesetze, ebendas. fein Charakter 9. König der Franken 669. vermahlt sich mit einer lombardischen Prinzessinn 67c). besiegt die Sachsen 670. 674. die Bayern, ebendas. die Lombarden 670. wird zum Kaiser gekrönet 671. von ihm wird besonders gehandelt 67z. die innerliche Verfassung seiner Monarchie 674. hat glücklich geherrschet 675. kann mit Alexander dem Großen verglichen werdm ebendas. scine Leibesvcschasseuheit 676. seine Leibesübungen, ebendas- seine Pracht am Hofe, ebendas. .war ein großer Held ebendas. wollte den Zwcukamp/einschränken 720. macht sich zum Herrn über die See 678. bauet Schiffe, ebendas. will durch einen Canal dem Rhein unddieDonau mit einander vereinigen679. sorget für das Wohl feiner Unterthanen, ebendas. war ökonomisch 680. gab Gesetze 68i- bestrafte die Neber- treter derselben 682. wollte ein Gesetzbuch entwerfen 682 hatte keine» Liebling 68z. seine Frömmigkeit 684. laßt das Alte und Neue Testament durchsehen, ebend. liebte die Künste und Wissenschaften 685. lehrte seine Unterthanen schön schreiben 687. war ein Poet,ebend. laßt sich über der Mahlzeit die Schriften der Alten vorlesen.ebend- sein Geschmack an Gebäuden, ebendas. f. seine Mäßigkeit 688- war ehrgeizig, ebend. war vertraulich mit seinen Unterthanen, das. der Charakter seiner Nachkommen 700 Hat viele Gemahlinnen gehabt, aber nur zur Pracht 704 rung unterworfen Lanonifation, wer sie einführet «laimt, der Große 99 86 94 Larl, der vornehmsten Sachen. Tarl, Carls des Großen Sohn, bekriegt die Slaven 5. Carl, der Kahle, sein Charakter 29. zo. er drücket die Clensey 695. seine Gewalt war verachtet, ebendas. verordnete, daß die Kinder der Grasen ihnen in der Würde nachfolgen sollten 698. seine Nachkommen verlohren die kaiserl. Würde 699. wird abgesetzt z?. will sich Australiens bemächtigen z/. hat Feinde in seiner Familie ebendas. will Ludwigs, seines Bruders Söhne ihrer Länder berauben z8- geht nach Italien und stirbt ?9 Carl, der dicke, läßt sich zum Kaiser krönen 40. besitzt die ganze fränkische Monarchie, wird aber bald abgesetzt 41. stirbt elend 42 Carl, der Einfältige 41. hat keine ruhige Regierung 48. wird von Heinrichen von Deutschland bekriegt 5z. seiu Günstling 54. stirbt im Gefängnisse 58 Lttrl, von Frankreich wird von den Franzosen gehaßt, und warum 80. succedirt nicht iu Frankreich 8Z Carlomann, Carls des Kahlen Sohn, verliert seines Ungehorsams wegen, seine Augen z? . wer sie sind ebendas. Christen, der vornehmsten Sachen Christe»/ einige neubekehrte ruhmeten sich durch ihre Philosophie das Moralisch erkannt und ausgeübt zu haben >Z9- sind besser als die Heiden 165. die ersten, besuchten immer noch die heiligen Oerter, wo Jesus sich aufgehalten harte 175. Hadrian verboth es ihnen, ebend. suchten sich bey dieser Gelegenhe t von diesem Verdachte zu besreyen 176. wählten sich aus den bekehrten Heiden einen Bischof, ebend. die reinen,haben einen dreyeinigen Gott angebetbet z66. sonst würden sie Christum nicht angebethet haben Z67. würden sich sonst den Feinden der Gottheit Jesu nicht so heftig widersetzt haben 367 - - - IgnKtii Zeugniß von d?r Dreyeinigkeit, ebend. Illstins Zeugniß, ebendas. f. Lucians Spöt- terey, die sich darauf beziehet z68- Zeugnisse der Ketzer, die eben dieses beweisen, ebend. Plinii Brief an den Zrajan, ebendas. Cy- prians und Gregorii Zeugniß Z69 f. - - ihre Lehre von dem Ursprünge des Bösen z?o ff. ihre Lehre von der Errettung der Menschen 372. Zeugnisse davon, ebendas. Jrenäus erklaret die Ursache der Menschwerdung Jesu z?z. ihre Gnadenmittel Z76. ihre Lehre von der heil, Taufe, ebend. hielten die Taufe vor keine leere Ceremonie, ebendas Zeugnisse von der kleinen Kinder Taufe, ebend. ihre Lehren vom heiligen Abendmahle Z77. glaubten eine wirkliche Gegenwart Christi im Abendmahle Z77. z?8. führeten ein heilig Leben, ebend. wurden alle erst in den Heilswahrheiten hinlänglich unterrichtet, mehrentheils mündlich, ebend. weßwegen man keine häufige schriftliche Zeugnisse davon ausweisen kann Z79. ihre Glaubensbekentnisse waren kurz, ebendas. glaubten in allen Weltgegenden einerley, ebendas. Gelehrte und Ungelehrte erkannten einerley Grundwahrheiten z8o. wichen nur in Meynungen und Nebendingen von einander ab z8i. Ursachen ihrer Eintracht?8i- Ehrfurcht gegen die göttl. Offenbarung, besonders gegen das N. Test.z8i f. ob sie die Bibel verfalschen können 402, konten in Ansehung der H.Schrift keiner Leichtgläubigkeit beschuldigt werden 418. sind nicht leichtgläubig gewesen 450. ihr Verhalten in den Verfolgungen 477 f. haben sich in keinen Verfolgungen Register gen empöret 485. werden durch die Verfolgungen aus der Nachläßigkeit erwecket 486. bekümmern sich nicht um die Erhaltung der Reliquien I. C. und seiner Apostel 497. richten in ihren Kirchen kein Kreuz ««5499. werden mit Kampfern verglichen 505. Dienstferrig- keit gegen die Märtyrer 509. ihre Bescheidcnheit.in Einführung gottesdienstlicher Gebrauche 577. erkaufen die Leichname der Märtyrer 51z. lassen sie anständig begraben, ebendaf. warum sie für die Todten 0- pferten 516. haben die Märtyrer nicht angerufen 517. balsamiren die Verstorbenen ein 524. müssen sich vor der Enthusiasterey in der Religion hüten 526. verfertigten keine vollständige Martyrergeschichte 576. haben vor dem zweyten Jahrhunderte keine Tempel 54z. haben keine Altäre darinnen 544. haben keine Bilder verehret 578 Christenthum, dessen Untergang in Böhmen wird beschlossen 62 - - und Heidenthum wer es mit einander vermischte 28t. hat seine Grundwahrheiten beständig beybehalten 354. lehrte daß nur eiu Gott und Vater Jesu Christi sey, ebend. wnrde der Dienst Gottes genannt rvend. verehrte Gott um seiner Vollkommenheiten »vilZen 355-356. erlaubte keinen Schwur bey dem Kaiser Z58> verehrte keine Märtyrer und Bischöfe göttlich Z59. Beyspiele davon, ebendaf ff. nichtalleVer- ehrer desselben sind jetzo noch also lauter gesinnet; sondern wenden sich zu Menschen in ihren Vvrbitten 362 »Christus, seine Gottheit, Feinde derselben im zweyten Jahrhund. 234. seine stärksten Feinde im Alterthume, beschuldigen ihn keines Betruges bey seinen Xvunverw 297. XVundev werden eingestanden von den ältern Juden, ebendaf. diese will ein Collin und Woolston erst nach siebzehichundert Jahren in Zweifel ziehen 298 kömmt der Religion ihre Schönheit wieder zu geben tio. sie durch neue Zusätze zu erhöhen ni. war bey den gnostischen Parteyen mehr Gott als Mensch 234. im zweyten Jahrhunderte giengen einige davon ab 235. ist nicht bloß als ein Vorbild, sondern als Heiland erschienen Z7Z> 5 Glaube an ihn, als das einige Mittel der vornehmsten Sachen. Mittel selig zu werden 374. Nutzen seines Verdienstes ebeudas. Lhunibertns, Erzbischof von Cöln, seine Herrschbegierde 645 Clemens von Alexcmdrien, ein Presbyter, rechnet sich unter die Haupter der Kirche 624 Clemens, des falschen, Recognitionen, oder Geschickte Perri, erklaren viele christliche Wahrheiten platonisch 291. viele philosophische Irrthümer sind in denselben in die christl. Religion herüber genommen 292. Beyspiele davon ebendas. Clcriscy, fieng an mit Wissen zu irren, um machtig zu werden 12L. aus was für Personen sie bestanden 60z. wurde von den Laven unterschieden, ebendas. gegen sie war Ludwig, der Fromme, gar zu freygebig 692, wird nach seinem Tode unterdrückt 694 f. Llctus, einer von den ersten römischen Bischöfen 628 Llosoveus, ein frankischer König stirbt 648 Lloiar, ein fränkischer König, war sehr gnädig 641. macht den Dagobert bey seinem Leben zum Könige 644 Colarbqsus 220 Lolosscr, worauf Paulus in den: Briefe an dieselben zie- Conrav von Franken, wird König der Deutschen 50. hat eine unruhige Regierung 51. wen er zum Könige vor seinem Tode vorschlagt 5z Conrav, Herzog der Ostfranken, wird von Heinrichen zu seinem Nachfolger vorgeschlagen, und dafür erkannt wo Consranrin Porphyrogenneta, ein griechischer Kaiser 52 Conflantin, ein griechischer Kaiser, kömmt wieder zum Besitze seiner Herrschast 66. befördert die Wissenschaften 67. überwindet die Saracenen ebendas. Lonl?ainm der dritte, ein schottischer König 96 Lonflqnttn, Basilii Bruder, Charakter desselben 98 Copiate,», ihre Geschaffte 604 II Theil. Aaa Lornc- LIar»dian, wie er Rom nennet Clemens, Flavius, ein Märtyrer Clemens, römischer Bischof 674. 628 let 141 5ZZ Cono, ein erdichteter Märtyrer Register Cornelius, neben ihm wird Novatus zum Bischöfe in Rom gemacht 604 6 Lreaturenvienst war den ersten Christen unbekannt 52z Lreaturenanrufung, was sie voraussetze 525 Lrescen; reizt die Heiden zur Verfolgung der Christen 460 Lrescentius, was er für Unruhen in Italien erregt 8c. 86. wird umgebracht 8? Crumnus, ein bulgarischer Fürst, siegt durch seine Verzweiflung 7 Lulenus, ein schottischer König ^ 95 Lyprisn, sein übertriebnes Lob des Martyrertodes 506 seine Vcrgehungen in den Begriffen von der Kirche z4z f. behauptet, es könne nur ein Bischof in eincc Gemeine seyn 604. setzt den Felicißimus und Augendus ab 607. erkennt keinen Bischof über sich 608. machte die Bischöfe nach seinem Eigennutz einander gleich 609. sieht Rom als den Miltclpunct der Einheit an 6z2. schreibt an den römische» Bischof Stcphanus 654. unterwirst sich des Stcphanus Ausspruche nicht 6?> er wird der heiligste Pabst genannt 6z? D. Dagobert wird von Clotar zum Könige gemacht 644. erhebt den Sigibert auf den Thron 645. wird umgebracht 651 Dämonen, und Helden der Chaldäer, woher ? 152 Zvänen, fallen in England ein 84. waren zur Zeit Carls, des Großen, zur See fürchterlich 678 Zvenms, worinn seine Abweichung bestanden, ist ungewiß 144 Zvemiurg, wer und woher er war 216. Baumeister der Welt "ebendas. schuf auch Engel/ die böse wurden ebendaf. erzeugte einen Christ, den Menschen zum Erlöser 217. dieser Christ war bloß animalisch, gieng durch die Maria wie Wasser durch einen Canal 217 sein thierischer Christus hat allein gelitten 217 Deutsche/Macht Heinrich der Vögeler wieder kriegerisch 57 foderten von ihren Beherrschern vornehmlich Much und Tapferkeit 641. ihre Religion, Sitten, Gesetze und der vornehmsten Sachen. und Gebrauche haben sie am längsten beybehalten 702. wie sie nach Germanien gekommen, wird nicht bestimmt?O2. ihre Leibesbeschaffcnheit, ebendas. ihre Lebensart, ebendas. ihre Liebe zum Trunke 70z waren kriegerisch 70z. 708- waren treu unter einander, das.' ihr Umgang 70z. ihre Gastfrepheit ohne Pracht ebendas. waren in der Ehe treu 704. heiratheten nicht bald, ebendas. was sie sich einander geschenket 704. gaben keiner Hure einen Mann 705. ihre Mütter saugten die Kinder selbst 705. ihre Liebe zu den Schwesterkindern 705. liebten die Freyheit 706. sie überlegten alles vor dem ganzen Volke 706. ihre Ne- ligion 709. ihre Leibesübungen 712 Demsäzlanv, wie es beschaffen war, seitConradsReichs- veränderungen 98. die kleinern Herren desselben wollen gern unabhängig seyn, ebendas. blutige Kriege sind deßwegen geführet, ebendas. Heinrich suchte ihnen ein Ende zu machen ebendas. Diener oder Diaconi gehörcten zu der Clerisey ihre Verrichtungen 606. des zweyten und dritten Jahrhunderts sind unterschieden von den allerersten Dienern der Kirche 612 f. der Ursprung ihres Amtes 612 -Diogenes ^.aerrins, wessen er die Aegppter mit.Recht beschuldigte 152 Zvionysius Areopagita, Schriften die ihm angedichtet sind, haben die platonischen Irrthümer sehr ausgebreitet 292. der Betrüger unter diesem Namen verdienet varer der myinscl>en Theologie zu heißen 292. des achten Schriften hatten allen Kirchenvätern vor dem fünften Jahrhunderte nicht unbekannt bleiben können 29z. den falschen, nahm man im sechsten Jahrhunderte treuherzig an 29z - - Ephrem, führet ihn an, welche Vater mit Ehrerbiethung von ihm redeten 29z. wurde mit Auslegungen erläutert 29z. von Johanne Scoto ins lateinische übersetzt das. ob er ein Märtyrer gewesen 5Z2 Dionysius, von Alexandrien, sein Urtheil von der Offenbarung Johannis 418- wird gefahrlicher Irrthümer beschuldiget 632 f. fragt den römischen Bischof, Xistus, um Rath 6zz Asa s T>isci-z Register Disciplina Arcani, wenn sie aufgekommen 559 Doccten, warum sie so genannt worden 14z. werden auch Phantasiasien, Pbantasiooocttcn genannt 206 Bovwell beweist die Gabe der Gesichter 443 Domman, sein Charakter 45;- verfolgt die Christen ebendas. Domnus, ei» römischer Pabst, 8i Donatisien, 6z6 Doslthcaner, fand man noch im sechsten Jahrhunderte in Aegypten 172 DosilhcuK, scheinet aus der Sccte der Essaer zu seyn 171. gab sich für den -Mcßias aus, ebendas. begab sich unter die Samaritaner, ebendas. seine Meynungen und Leh- ren ebendas. Drahomira, eine grausame böhmische Fürstinn 5i.,6r Dreyeinigkeit Gottes ist von der Kirche der drey ersten Jahrhunderte geglaubt worden?66.Z7O. Feinde derselben im zweyten Jahrhunderte 234. Prareas leugnet dieselbe offenbar 2Z9. Irrthümer der Sabellianer, Noctianer und Samosatcnianer davon ziz. f. zi? Zvnelle, s. Zrveyt'ampf. ZOttffus, ein schottischer König 95 Danstan, richtet ein Triumvirat in England auf 84 Dypticha, was darunter verstanden werde 515 G. Ebenbild, ob Christus dasselbe in ein Schnupftuch abgedrückt 500 Kbioniren, ein Nebenast der Nazaräer 179. ob ein Ebion gewesen sey wird gestritten, ebendas. f. woher sie ihren Namen erhalten, ebendas. Zeugnisse von ihnen, ebendas. ihre Lehren iZo f. werden von Epipbanio mit den Elcesaiten vermengt >8o. ihre Irrthümer betreffen theils den Erlöser, theils das mosaische Gesetz iZo. fey- erten den siebenten und ersten Tag der Woche ebendas. die Auferstehung Jesu hielten sie für unleugbar ebendas. hielten Paulum für einen Abtrünnigen vom Gesetz 181 hatten auch ihr eignes Evangelium «82. vielleicht lassen sich viele noch in Morgenländern finden, ebendas. Vbräex, Brief an dieselben, warum er von Paulo geschrieben der vornehmsten Sachen. schrieben 1Z9. Brief an dieselbe, ob er göttliches Ansehens ft» 41z Hbroin, ein Major Domus 648 f. misbrauchte seine Gewalt 649. wird in ein Kloster verstoßen, ebendas. Eckharvl von Thüringen empört sich 90 Eobnrgis, eine britannische Königinn wird abgesetzt 4 Evclwulf vertreibt die Normanne», und macht fein Reich dein Paoste zinsbar Z2 Lvgar, macht sich zum Könige von England 68- 69 Edmund gestattet die Ausbreitung der christl. Religio» in Schweden >8 Edmund, ein englischer König 6? Edmund ein tapferer englischer König 94 Edrcs, wird König in England 68 Eduard, ein engl. Konig, vertreibt die Normannen 48 Eduard ein englischer König 84 Evrvi ein englischer König, sein Charakter 68 Egbcrr, erobert England 4. vereinigt die engl- Kirche 19 Eginhard, seine Chroniken 675. seine Lebensbeschreibung Carls des Großen 682 Ehe, apostolische Verordnungen wegen derselben 585 Ehebruch, war bey den alten Deutschen das verhaßteste Laster 705. worinn die Strafe einer Ehebrecherini» bey ihnen bestanden 705 Ehegefcrze der ersten Christen 58? Ehestand, diesen hielten die alten Deutschen unbefleckt 704 Ehre, was für eine man den Leichname» der Apostel in der ersten Kirche erwiest» 50z Ehrgeiz koiuite »icht die Ursache der Standhaftigkeit bey de» Märtyrern seyn 49z Eid, dessen Misbrauch verursacht das Duell 719 Einheit der Kirche, was die Apostel darunter verstanden 586.587.617. des Bischofthums 617. des Presbytern ' 617 Einsiedler L.cben, wie fern es ein hohes Alter habe» kann 17z. Caßians Erzählung davon ebendas. Elccsailen/ beschreibt Origenes als eine noch neue Secte , zoc>. macht Epiphanius alter, ebendas. wie sie von Epiphanio genannt werden, ebendas. haben ihren Na- Aaa z men / Register men von Elxai, ebendas. Lehrbegriss war in Grundsätzen gnostisch, übrigens jüdisch und christlich zoo ihre Gebrauche, ebendas. kommen vermuthlich von den Essaern her, ebendas. was sie von Christo glaubten ebendas- ihre Sittenlehre war nicht die strengste zoi Alfride, eine englische Fürstinn 84 Mllers, von Rensdorf Unverschämtheit 190 Enerqnmenen, und Cateckumencn, warum sie von den Gläubigen abgesondert wurden 290 AnglZndische Kirche, ihr Streit zwischen den Bischöfen und Presbyterianern 621 ZKnkcatiten, 221 Lnnoia des Zauberer Simons i87-198- sollte die Engel geboren haben, ebendas soll die schöne Helena gewesen seyn 188. durch sie soll Stesickorus,der Dichter sein Gesicht verloren und wieder bekommen haben 188 Wphesus, ob die Jungfrau Maria daselbst begraben liege 5OO iSpimraer, hatten gar keinen Gott, wenigstens keinen solchen, der die Welt regierte 162- empfohlen den Menschen die Tugenden der Wollust wegen 162 !Lpl'pl>«nes, Carpokras Sohn 209. Cephalenier erbaue - te, ihm einen Tempel 209. wurde mit Paulo, Homer:c. angebethet 209 Kplpbanius zweifelt an dem Tode Maria 501 Srbscksfren, wegen der Streitigkeiten darüber giebt Otto, der zweyte ein Gesetz 719 Lrhohung ein Name des Martyrertodes 512 Erlöser, Christus ward dem menschl. Geschlechte viele Jahrhunderte vorher verkündigt n6. endlich wirklich Mensch gebohren, ebendas. verkündiget die göttlichste Tugend, ebendas stirbt und versöhnt Gott durch Leiden und Tod, ebendas. die sich diese Versöhnung zueignen, will Gott selig machen, ebendas. sieht von den Todten auf, und herrschet zur Rechten Gottes, ebendas. wird wiederkommen zum Weltgerichte, ebendas. was er in seiner Erniedrigung und Erhöhung thut, thut er als Gottmensch ebendas. Lrlo, der vornehmsten Sachen. Erlösung Christi, worin»?» das Geheimniß derselben besteht 115.116 Er?bisckofc, ihr Ursprung 625 Essäer, hatten einen guten Schein 167. ihre Sitten und Lehre, ebendas. leugneten die Auferstehung der Leiber 168. allegorisirten zuerst mit 169. das Alter dieser Secte i?r Erelred, ein englischer Prinz 84 Ecelrev, ein schlechter englischer König 9z. 94 Erclwolf, ein englischer Bischof 84 lLlbclbglv, König in England Z7 Echelberd, König von England z? lLucharijiie, warum das Abendmahl also genannt worden 554 Euckerius träumet von dem frankischen Könige Carl Martell 658 Eugen, der andere, ein römischer Pabst 16 Euphemm«, überliefert den Saracenen Creta i7.ij> Euftbius, schreibt eine Martyrergeschichte 539. nennet Paulum eher, als Petrum ; wenn er von der Stiftung der römischen Kirche redet 628- nennet die Bischöfe- Obersten der Kirche 6z? Evangelia, drey derselbe», sind vor der Zerstörung Ie- salems geschrieben ?8? Evangelische Geschickte, warun» sie voranstellt in dem neuen Testament z84- warum sie nicht von Feinde» erzählet worden Z95. ist falsch ^ zcz? Ewigc'eir, eine glückselige und unglückselige 120 Excommunicatl'on, apostolische, worinnen sie bestanden 588 was sie war 5y8 Exorcismus, Misbrauch desselben 289 Exorcisten, ebendas. beschwöre» die Tänflinge 552. ihre Verrichtungen 604 5 Salren, macht ein Stück des ersten christlichen Gottesdienstes aus 565.566.567. hat keine bestimmte Regel- 563 AausZrade, Carls, des Großen, Gemahlinn 68z Fausius, ein gelehrter Manichaer zu Aaa 4 Fege- Register Fegefeuers Ursprung 288 Feigberzigr'eir, wie sie von deir Deutschen bestraft wurde 712. war bey ihnen die einzige Quelle der Laster, die sie kannten 718 Feinde oer christl Religion, bey ihrem Ursprünge können zum theil als Zeugen für ihre Göttlichkeit gebraucht werden 26z. geben Leweisthümer für die Geschichte der christl. Religion an die Hand 26z - 265 Fessel der ersten Märtyrer, küssen die ersten Christen 510 Leuerprobe, was sie bey den Deutschen gewesen 716.718 Flcuri, der Abt, seine Kirchengeschichte wird angeführet 605.666 Flormus, Llorinmner 220 Fontenav, blutige Schlacht an diesem Orte 27 Formosus, wie er Pabst geworden 4z Forrunarus zu Franken, der Ursprung ihrer Herrschaft über Italien 664.668.669.672 Frankreich, die Regierung desselben reißen die Großen an sich 40 Fränkisches Reich behalt nach der Zerstörung der römischen Monarchie das meiste Ansehen 64c,. hatte einen innerlichen Fehler 64z. die letzten Könige desselben waren weibisch 646 Du Fresne, sein Glossarium 716 Freye, wer sie in der frankischen Monarchie gewesen696. was diese unter den alten Deutschen thaten 708 Freyheit, die Neigung dazu war die größte Glückseligkeit der alten Deutschen 706. wurde eingeschränkt 707 Friedensbriefe, worinn sie bestanden 606 Frossla, ein grausamer spanischer Fürst 59 Fürsten, der Deutschen, was sie für Einkünfte gehabt 707 der Ade! war ihre Hofstatt ebendas. G. Gamaliel, ob er unter die Märtyrer gehöre 528 Gaficrcyen, diese stellten die alten Deutschen bey allgemeinen Versammlungen an > 706 Gebeth, dessen Gebrauch beym öffentlichen Gottesdienste der ersten Christen 556. 557. warum es bald stehend, bald der vornehmsten Sachen. bald kniend von den ersten Christen verrichtet wurde 572. am Auferstehungstage des Heilandes mußten drey Gebethe stehend gebethet werden zöz. keines war an die Heiligen oder Engel gerichtet zöz. sollten nach Clemens von Alerandrien Verlangen zu allen Zeiten geschehen, doch immer -an Gott z6z f. Ave Maria Gebrauche bey der Christen Leichenbestattung 574. gottesdienstliche müssen nicht zu weit ausgedehnt werden 575. unnütze 57>576 Geheimhaltung, des Gottesdienstes, wenn sie üblich geworden 559. Ursachen ihrer Einführung 560.561.564 worinnen sie bestand 562 Geisg, ein ungarischer König nimmt die christl- Religion an » 7879 Geist, der heilige, eignet Jesu Versöhnung den Menschen zu 117. wird von dem Sohne gesandt, ebendas macht die Heilswahrheiten bey den Menschen bekannt und kräftig 117. wirket den Glauben, wenn die Menschen nicht widerstreben, ebendas. Menschen werden gerecht vor Gott ohne Werke, ebendas. schenket den Gerechten Kräfte heilig zu wandeln ebendas. Geist, prophetischer, ist kein Enthusiasmus 44z Geldbußen, waren eine Art der Strafen unter den Deutschen 7-5 Gelehrsamkeit findet bey den Saracenen Belohnung 7. ihre Schicksale im neunten und zehnten Jahrhunderte ivl Gemeine, christliche wurde abgetheilt in die Cleriscy und Layen 6oz Gemeinschaft der Märtyrer wurde eifrig gesucht 511 Gericht, das allgemeine, 120 Germanien, das alte, wird beschrieben 7L2 Gesänge und dieser der ersten Christen Z62 f. waren alle an Gott gerichtet ebendas. Geschenke, worinn sie bey den alten Deutschen bestanden Geschichte, die Erlernung derselben, was sie für Einsichten verschaffen muß, wenn sie Nutzen haben soll 6zy f. Gcschlechrregistcr, Genealogien dafür Paulus warnet 140 wird jetzo nicht vergessen Gebetbformulare, wenn sie üblich geworden Z65 556 704 Aaa 5 Gesetze, Register Gesetze, müssen m einem Reiche einerley seyn 64z. vor^ treffliche Gesetze hat Carl, der Große, gegeben 6Zr. wenige hatten die alten Deutschen 712. wer sie hat aufschreiben lassen 71z Geseyc der Deutschen, was sie für Veränderungen erlitten haben 71z. wie sie von-den salischen unterschieden waren 718 f. erhalten sich lange 721. warum sie untergehen 722. ihre Kenntniß ist nöthig ebendas. Getaufte, kamen nur zum öffentlichen Gottesdienste der ersten Christen 548 Gewissen, darf über Speise und Trank niemanden gemacht werden 14! Gewohnheiten, vertraten bey den alten Deutschen die Stelle der Gesetze 712. wurden hernach aufgeschrieben ebendas. Gisela, wer sie gewesen 48 Gieftlberr, ein unruhiger lothringischer Herzog 56 Glaubcnsbekennlnist, das apostolische Z79 Glockenweibe, worinnen sie ihren Grund hat 29c» Gnave, Lehre von derselben 117. Mittel wodurch sie mitgetheilet und erhalten wird zi?f. Gnqdcnmittel, Lehre von denselben 118 Gnosis, was darunter zu verstehen sey 161. wie sie Paulus mit Rechte nennet 162 Gnostiker, alle ihre Secten, außer die Valentinianer, leugneten daß Jesus ein wahrer Mensch gewesen wäre 14z. wurden deßwegen Docetcn und Phantastasten genennet cbcndas. von Johanne widerlegt 14z. wer sie sind 161. was sie wirklich nannten, ebendas. trugen vieles bey die Irrthümer der Secten zu vermehren 17z. nannten die Christen Gläubige, und warum? 195. was sie alle von Christo annahmen 196. theileten sich in der Sittenlehre in zwey Haupttbeile, ebendas. ihnen war die Ehe ein Anstoß, ebendas. was sie von der heiligen Schrift verwarfen 231. ihr Misbrauch der Schrift 2Z2. durch sie geschah der Abgötterep zum Vortheile der christlichen Religion Abbruch 269. ihnen kündigte Plotinus den Krieg an 299 Gncstiscke Secten, der beyden ersten Jahrhunderte 182 f f. waren der christl. Religion die gefahrlichsten, ebendas. schienen der vornehmsten Sachen. schienen einige Aehnlichkeit damit zu haben iZz. nach demselben war Christus ein gütiger Aeon, ebcndas. Gnosiiscke Lehren, wie fern sie. dem Christcnthume Vortheil stifteten 262 s. Gnostiscke neue Parteyen im dritten Jahrhunderte 299 Gnostische Irrthümer höreten im dritten Jahrhunderte noch nicht auf, Quellen neuer Lehrbegriffe zu seyn 299 Godeschalk, seine Lehre von der Gnadenwahl 32 Gothen, unter ihnen ward das Christenthum ausgebreitet 4?r Gottesdienst, äußerl. der ersten Christen, war mit keinen Ceremonien beschweret 121. außerl. was dazu erfordert wurde in der ersten Kirche 122. öffentlicher, dessen Nothwendigkeit 541. der ersten Christen 54z, 547. 548 Stücke desselben 552 Gottes Einigkeit und Dreyeinigkeit 114. Verehrung kann durch historische Beweise bis zum Ursprünge der Welt hinauf geführet werden 115 Gottfried, ein dänischer König, seine Schicksale 5 Gottheit, von ihr sind allezeit noch einige Empfindungen in der Seele der Menschen gewesen 147. Gedanken der heidnischen Weisen von derselben, blieben immer körperlich 149. zwo derselben nahmen die Perser all 154. bekriegten einander, cbendas. wer diese Lehre unter den Christen erneuerte 154 Götzenbilder, darüber spotten die ersten Christen 50 Grab Christi, oder das heilige Grab, ein prachtiger Tempel über demselben wird zerstöret 97. darüber bauet Hadrian einen Tempel der Venus 498 Graf von Vermandois, ein Verrather Carls des Einfältigen 55 Grafen, ihre Verrichtungen unter Carlndcm Großen 6zz unter ihnen stunden die Freyen 696. ihre Kinder folgeten ihnen in ihrer Würde nach 698 Granianns, Serenius nimmt sich der Christen an 459 Gregor, der IV, ein römischer Bischof unterstützt den Aufruhr wider Carln den Frommen 2z Gregor, der V , ein römischer Pabst 87 Gregor, ein Gegenpabst 92 Gecken, Frieden mit ihnen bricht der Emir in Aegupten und warum 97 Gri- Register GrimoÄlV, ein Major Domus, sucht diese Gewalt erblich zu machen 64? Grimu», ein schottischer Fürst 96 G'rundl'.rriMin der heidnischen Weisen, Quelle davon war die gar zu große Sinnlichkeit 149 'Z- Hadriamls bauet einen heidnischen Tempel zu Jerusalem 498 Hazano, Carls, des Einfältigen Günstling 54 Hamburg, daselbst wird ein Bisthnm aufgerichtet -8 Hammond, seine Meynung von den Bischöfen zu Ephe- sus und Philippen 621 -Handlungen, gottesdienstliche, müssen freygelassen seyn, , und nicht zum Zwange werden, wenn sie nicht zum Wesen des Gottesdienstes gehören , 571-572 -Harals, ein dänischer König, wird von Otto dem Großen überwunden 64 Harald, ein däiuscher König, muß Otto dem II zinsbar werden 79 -Hayne, in denselben verrichteten die alten Deutschen ihren Gottesdienst 710 -Heiden, bezeugen manche Geschichte des Christenthums 597. können den Christen die Anrufung der Heiden nicht vorwerfen 51z. verwerfen das Christenthum, weil die ersten Christen keine Bilder hatten 519. wollen die Märtyrer nicht begraben lassen 51z -Heilige, sind in der ersten Kirche nicht angerufen worden 517. Unterschied unter denselben . 52z «Heiliger, ob es einen vollkommenen auf der Erde giebt 524 -Heiliger Geist, ihm eignete die Kirche das Werk der Bekehrung des Menschen zu Z75. Jrenai Zeugniß davon ebendas. vom Tertullian der Heiligmacher genannt Z76 -Heiligkeit Gottes fodert nach begangenen Sünden ein Versöhnöpfer li5. Nebenursachen dieser Forderung 115 Heinrich, König von Deutschland, sein Charakter 5z ihm wird Lothringen abgetreten 55. wider ihn rebclliren die Lothringer 56. seine Bemühungen, Deutschland glücklich zu machen 56.57. wird nach Italien gerufen »ind stirbt 60 Heinrich, der vornehmsten Sachen. Heinrich, Otto des Großen, Bruder^ sein Aufruhr und dessen Bestrafung 62.6z. sein Stolz, ebcnd. -Heinrich, der II, Kaiser, sein Charakter 90. gehtnach Italien 91. wollte ein Mönch werden 98. giebt Elsas dem Grafen Gerhard, ebendas. that einen ^ug nach Italien 99. war glücklich, ebendas. was ihn zum Rüchuge nöthigte, ebendas. König von Frankreich unterhielt einen beständigen Frieden mit ihm reiscte vielfältig, ebendas. was seinen Tod befördert hatte, ebendas. wer ihn: ein längeres Leben gewünschet, ebendas. wurde ein Vater der Mönche genennet, ebendas. starb ohne Erben ebendas. -Herakles», Herakleoniten, 220. beobachteten bey Sterbenden Gebrauche mit Oel, Balsam, Wasser, und Gebeth 22O. hielten dieß für eine neue Art der Erlösung, ebendas. Heriolv, oder Haralv, muß zu Ludwigen dem Frommen flüchten ic>. findet Beystand n Herkommen, deutsches, sein Ursprung 722 Hermann von Schwaben empört sich und wird überwunden 90 Hermas, sein Hirte, Cbarakrer dieses Buches 420. macht zwischen Bischöfen lind Aeltesten keinen Unterschied 614 Hcrmogencs, ein Maler, was er lehrete 2zo Herolds der Erzbischof von Strasburg, ein Kirchenrau- ber 74 Herzoge, wozu sie unter Carl, dem Großen bestimmt waren 68z Hieracitcn, Hierax, ihr Stifter zc>2. ihre Lehren, ebend. versagten den Kindern den Himmel die ohne Gebrauch der Vernunft starben zoz Hierarchie, geistliche, der Ursprung derselben 6,7. 6zo. ist nach und nach entstanden 62z Hieronymus, behauptet keinen wesentlichen Unterschied zwischen Bischöfen und Aettesten 614 -Himmel, was die ZIltväter darunter verstunden 508 Hinr'mar, Erzbischof von Rheims, sein Charakter z» Honig, wird den Neugetcmften gegeben 551 Hugo, Capet, wird König 85 84- ihm wird von derz französischen Standen die K-xcne aufgetragen 700 -Hugo/ Register «Hugo, Graf von Arles, macht sich zum Kaiser 60 -Hugo, ein französischer Gra5 seine Macht 62. 6z. 70 -Hunnen, lernen Deutschland kennen 46. fallen in Deutschland ein 51. werden von Deutschen geschlagen 58. wer- , den wieder gedemüthiget 77 -Hyle, bey den Manichäern die ewige Ursache des Bösen ZO5 -HymenKus, wird dem Satan übergeben 145. Beschaffenheit seiner Strafe ist ungewiß ebendaf Jacobus, was er in seinem Briefe besiritten 139- warum an der Göttlichkeit seines Briefes gezweifelt worden 410 Jacobus, der Große, ihm soll auf sein Grab eine Säule aufgerichtet worden sepn 502 Jahrhundert, neuntes, wodurch es merkwürdig wird 1 Jalvabaoch der Ophiten, vertilget fast alle Menschen durch eine Sündfluch 225. beredet endlich den Abraham zu seinem Dienste, ebendaf Jerusalem, da es untergehen sollte, flüchteten die Christen nach Pella 175 Jesuiten, ihre Martyrergcschichte 559 Jesus, von welchen er für einen bloß göttlichen Menschen gehalten worden 14z. zu seinen Zeiten war der richtige Weg zur Vereinigung mit Gott unbekannt 170. war der erhabenste Martyrex 499. ob er gemalt worden sey 52z Ignatius, ein Patriarch wird abgesetzt Z4. sein Urtheil über die Originale der apostolischen Schriften 421. wird hingerichtet 458. seine Briefe setzen die Geschaffte der allgemeinen Aufsicht über die Gemeine nicht fest 614. vergleicht die Priester des N, Z. mit den jüdischen 616. «r befiehlt, den Bischöfen zu gehorchen 6z? Indulgenrien, Gelegenheit und Grund derselben » zz? Johann der IX, 46. der X, ^ 49 Jobann, der XII, ein römis. Pabst, seine Aufführung 72.7z Johann, der XIII, ein römischer Pabst 74 Johann, der XIV, ein römischer Pabst 85 Johann, der xv, ein römischer Pabst L6. führt die Ca- nonisation ein ebendas. Johann, der vornehmsten Sachen. Johann, der xvi, römischer Pabst Johann, der xvii, römischer Pabst 52 y? Johann, der xix, ein römischer Pabst, wie er zur pabst- lichen Würde gekommen ^ 100 Johanna, eine vorgegebene Päbstinn . 32 Johannes Aimisces wird griechischer Kaiser ^ 76 Johannes schrieb zuletzt, weßwegen?87- ergänzte nur die andern, ebendas. Charakter seiner Schriften 392. ob er seinen zweyten und dritten Brief, und die Offenbarung geschrieben 41Ü u. f. ob er in siedend Oel geworfen worden 456 Jornandes rühmt die Lehrbegierde der Gothen 711 Joseph, sein Vrautring soll noch da seyn 501. soll im Thale Josaphar begraben seyn 501 Josephi Beschreibung von den LLssaern 167 Irenaus, seine Ehrfurcht gegen die Heil, Schrift 425. sein Zeugniß von der Fortdauer der Wunder 441. unterscheidet die Bischöfe nicht von den Aeltesten 614. nennet Paulum eher, als Petrum, wenn er von der römischen Kirche redet 628. giebt Rom den ersten Rang Irene, Kaiserinn des Orients/ ihr Charakter 2. wird vom Throne gestürzt 5 Irrgläubige, wider solche hat man zuweilen die Geheini- nisse aber nicht die Sittenlehre der Christen vertheidiget 127. haben die Bibel verfälscht 405. ihre Widersprüche über den Werth der Heil. Schrift 406 Irrthum, kann jetzo nicht leicht mehr neue Gestalten erfinden 132. einer von den ersten unter den Christen, 1Z4. einer zeuget und begleitet den andern iz8. daß gute Werke und die Beobachtung des Sittenge setzes unnütz waren 139. wird von Iacobo in seinen Briefen .bestritten, ebendas. der weder ganz jüdisch, noch ganz heidnisch war 141. in welchem Briefe Paulus darauf zielet, ebendas. der ganzen hierosolymttamsc!?en Gc-- Irrtbümer in der Religion unter den ersten Christen izz ff. durch welche Wege sie sich einschleichcn 1Z4 Irrthümer bekehrter Heiden, einige derselben haben die Apostel in ihren Schriften nur dunkel, andere deutlich bezeich- 6Z2 meine Register bezeichnet 140. Gattungen derselben, ebendas. die zum Umstürze des Christenthums führeten 142. jüdische, führeten zur Verleugnung der Gottheit Cbristi i42. der orientalischen Philosophie leiteten zur Verleugnung der menschlichen Natur Jesu 14z. konnten bey der Apostel Lebzeiten nicht ganz zu Kräften kommen 144 f. ihre Urheber wurden zuweilen göttlich gezüchtiget, ebend. der Lssaer, Therapeuten und Dosuheaner 165. ff. in den Religionen, wie sich Menschen dabey verhalten müssen 241. an den meisten ist mehr die Verführung ihres eigenen Herzens als der Verstand schuld 295. Einfluß in die Schicksale der Religion, Beyspiele davon Z21. vom ehelosen Leben 322 f. welche die Zwistigkeit der Rechtgläubigen im zweyten und dritten Jahrhunderte einführeten Z24ff. Isiü, soll von den alten Deutschen göttlich verehret worden seyn 709 Italien, seine Schicksale im zehnten Jahrhunderte 59 Judas, warum an der Göttlichkeit seines Briefes gezweifelt worden 411 Judith, Kaiserinn, erregt viel Unruhen 20 Julian ist durch die ammonische Philosophie aus einem gezwungenen Christen ein Heide geworden 28?. f. Julianus, was er von Rom behauptet 6zi Justinus, der Märtyrer, seine Ehrfurcht gegen die Heil. Schrift 42z. sein Zeugniß von der Fortdauer der Wunder 44'. was ihm bewogen ein Christ zu werden 480. sein Ausspruch von den Heiligen 524. beschreibt den Gottesdienst der ersten Christen 55z. seine Nachricht von den Kirchenamtern 614 Juden, warum sie in ihrer Gefangenschaft immer ein besonderes Volk geblieben sind 108. werden als Gede- müthigte aus ihrer Gefangenschaft befreyet ic>8 bekommen darauf einen Abscheu an der Abgötterei?, erdulden um deswillen alle Marter ic>8 f. verunreinigen die Religion mit menscht. Meynungen und vielen Satzungen 109. ihre Secten kurz vor der Ankunft Christi 109. Bekehrte, wollten durchs mosaische Gesetz gerecht werden iz8- ohne Glauben an Christum, ebend. warum sie die' Todten abgewaschen 514 R. Rai- der vornehmsten Sachen. R. Kaiser, aus dem fränkischen Hause, wann eher das Reich auf sie gekommen 100 Raröer, hielten sich bloß an die Schrift 166 Rennech, der dritte ein schottischer König 96 Rircke, abyßinische, hat viele erdichtete Märtyrer 537. Christi, unsichtbare, allgemeine 1:9. derselben kann die Macht nicht abgesprochen werden, neue Ceremonien zu verordnen 124. die römische und griechische haben zuweilen Widersprüche geglaubt izcx Exempel davon izi. ob sie eine Jungfrau bis auf Trajans Zeiten geblieben 145. unrichtige Begriffe davon wann eher sie sich eingeschlichen haben 341. Einheit derselben, was man darunter verstund 341 f. ihr Zeugniß von den apostolischen Schriften 410. wird herrlich durch dcn Tod der Märtyrer 512^ die Einheit derselben 617. was sie in dem Briefe des römischen Bischofes, Stephani, bedeute 667. worinn ihre Macht bestand 122 s ihr Glaube an die Grundwahrheiten der geoffenbarten Religion Z5Z- hat keine richterliche Gewalt gehabt 419. ob sie wunderthatige Reliquien gehabt 502.' ihre Ge» sinnungen gegen die verstorbenen Apostel zoz. war um eine vollständige Mäityrergeschichte unbekümmert^, hat keine Bilder gehabt und verehret 51Z AirÄicnämrcr, davon wird gehandelt 6oz, ob ihr Unterschied bis an die Zeiten der Apostel reiche 610 Riuckenbuße, Streit darüber Z27 f. erste Einrichtung derselben Z28. gereichte oft zur Beschimpfung 329. wurde gemildert durch die Fürsprache der Märtyrer Z28.Z29. Nothwendigkeit derselben, darüber entstund Streit 329. gab Gelegenheit zur öffentl. Trennung Z29 f. Grund ihrer vermeyntlichen Nothwendigkeit zzz. fieng aii eine Art der Genugthuung zu werden zz2 f. Zeugnisse davon zzz- zz6. Folge derselben die Judulgentien und die Feuerreinigung z^L. ein anderer Streit Überdieselbe in Rom vom Nooato erregt, ebend. sollte gar keinen Abgefallene» auf Erden ertheilet werden ^ ebend. f. Rirclicngcmeinschaft, wer sie verringern konnte 59Z II Theil. Bbb Rircbcn' Register Rirckengcftrze, sind Rathschläge 586. wie sie eingetheilt worden 590 Rircheniebrer, viele wurden von der neuern platonischen Philosophie bezaubert 291. ihre Wahl kam auf di? Stimmen der sämmtlichen Kirche an 591,597 Rirchcnspreiigcl, der ersten römischen Bischöfe, wieweit , er sich erstrecket 629 R>rci?ei»srrafci: konnten die Märtyrer erlassen 511 RiccKcilversämmlung, eine erdichtete 519 Rircheinuckt der ersten Christen, davon wird gehandelt 579 Aleioer, I. C- sind nicht aufbehalten worden 497. weißh müssen die Catechumenen anziehen 552 Rlosicrgclübve und Orden von Mönchen und Nonnen, woher sie ihren Ursprung haben 286 Rlosier, viele derselben werden sedr gemishandclt 98 Rncckce, haben die alten Deutschen gehabt 705. diese waren die überwundenen Feinde 705 f. ihre Erziehung und Lebensart 706 Rreuz, I. C. davon wissen die vier ersten Jahrhunderte nichts 497. liätte leicht erkalten werden können, ebend. dienet einem heidnischen Götzentempel zum Grunde 498. , seine Schicksale 499. was die ersten Christen darunter verstanden 499. ist den ersten Christen kein Gegenstand der Anbethung 499 Rreines Zeichen, was man ihnen für Kraft zuschrieb 289 Rrcwprobe, war bey den Deutschen gebräuchlich 716 Rricger, gute, waren die alten Deutschen 708-718 Rüiiste, sind den alten Deutschen unbekannt gewesen 711 5il'. - - ' '.-..r ^ ' ' w^w/^-''^ -^actantms, seine Meynung, wann Petrus zu Rom das Evangelinm gcprediger habe 627 Mindert, ein Kaiser wird umgebracht 49 -^«yen werden der Clerisey entgegen gesetzt 6c>z ^ccbo, ein böhmischer Herzog, wird erschlagen 5 -L.cHn-;üter, wann sie unter den Deutschen aufgekommen - ' 707 -L.cl»r«nit, dazu sollten bloß Mannspersonen genommen werben 584.585- 592. dazu kam keiner, der den Glauben verleugnet 592 -Lehrer, der vornehmsten Sachen. Lehrer, gottesdiensil. öfsentl-winden von der ganzen Gemeine gcwählet 122. ihre Gewalt, wie weit sie sich erstrecket habe, cbendas. dcrchristl. Religion dursten nicht nach irdischer Hoheit trachten 125. ihnen kann von der Obrigkeit ein bestimmter Rang angewiesen wcrden, das. wie sie zu ihrem Amte eingeweihet wurden 582 LeicKeiibcftarttmg, Gebrauche bey derselben 514 Les, der III, römisch, Bischof, krönt Carln den Großen 2, seine Sclbstrache bey einer Verschwörung wider ihn ,l. stirbt ebendas. K.eo, Kaiser im Orient, sein Charakter 8- will den Bilderdienst abschaffen 12. wird ermordet 16 -L.es, des Basilius Sohn, erhält den laiserl. Titel 40 -L.es, der Philosoph genannt, wird Kaiser 42. seine Waffe» sind glücklich/ ebeudas. das Ende seiner Regierung ist unruhig 49 -L.es, der v, ein Pabst 47 -Les, der VIII, ein römischer Pabst 7z K-eovogarius, Bischof von Antun, wird hingerichtet 651 -L.eo»iva», des Origenes Vater/ wird ein Märtyrer 464 -ü.escr, ihr Amt in der ersten Kirche 555. wer sie waren 6oz -L.cucms, ein Docet, erdichtete viele göttl. Schriften 2Z2 -L.icvcsm«alc der ersten Christen 554. 557 -Lmvenbeog, seine Sanimlung der deutschen Rechte 71z ^.iuoeverr, ein Bischof, erbarmt sich Carl des Dicke» 42 F-inus ist mit dem Cietus zugleich Bischof in Rom gewesen 629 -Nimbus der Väter, sein Ursprung 288 -L-ion, Kirche daselbst, hat viele erdichtete Märtyrer ;z6 heißt ihren neunjährigen Lehrer einen Aeltcsien 614 -Lorhnr, nimmt seinen Vater Ludwig den Frommen gefangen 21. sein Charakter 26. laßt seinen Sohn zum Kaiser kröne» zo, stirbt zi Locher, König in Anstraslen, will seine Gemahlinn verstoßen Z5- will seines Bruders Länder allein erben, das. schwört meinen falschen Eid und stirbt zz Lothar, wird von Hugo dem Großen, zum Königein Frankreich gemacht 70 Ä-stl/ar, Ludwigs Mtramarini Sohn stirbt LZ Bbb 2 Lochrin- Register Lothringen, wird ein Neichslchll FS .'^ucas, ob er ein Maler gewesen 518 Luci-m, ein Presbyter, rühinlsich, das Grab des Ste- phanus entdeckt zu haben 496. spottet über die Märtyrer 509. was er von der Begierde der Christen nach dein Martyrcrtode für Ursachen angiebt 518 Luvolf, Otto, des Großen Sohn ist unglücklich in seinem Feldzuge 65, empöret sich wider seinen Vater 71 L-uswig, Carls des Großen Sohn, überwindet die spanischen Saracenen 2. sein Charakter 9.10. theilt das Reich unter seine Söhne >z. Folgen davon, ebendas. laßt Bernarden, der sich wider ihn empöret, der Augen berauben iz. 14. will ein Mönch werden 14. heirathet die Judith, ebendas. Folgen dieser Heirath, ebendas. sein Aberglauben und feine Kirchenbuße 15. seine Söhne empören sich 20. wird seines Sohns Lothars Gefangner 21. macht eine neue Theilung seiner Lander -z. thut wieder Kirchenbuße 24. hat bis an seinen Tod keine ruhige Regierung 25, Unruhen nach seinem Tode 26. sein Charakter 689.691.692. erlaubt das Duell 720 Ludwig von Bayern, Ludwig des Frommen Sohn, sein Charakter 26 Luowig von Deutschland, wird nach Frankreich gerufen zz. stirbt z8 Luvroic, der II, von Austrasien 37. sein Charakter z8 L.u0wig der Stammler Z9 Lnorvig von Burgund vertreibt Bereugarn 47 Luoroig, Arnolfs Sohn in Deutschland stirbt 50 Luoroig, Carls des Einfältigen Sohn, König in Frankreich 62. seine Schicksale 6z. sein Charakter 8z M. L1?a?>'e und Astrologie der Chaldäer, woher 152. wird nach Aoroasters System sehr erhoben 159 Majores Domus, wer sie waren 641. ihre große Gewalt 646. 651 Malcre^, Haß der ersten Christen gegen dieselbe 522 tNanes, welche Lehre der Perser er unter den Christen erneuerte 154. wird ein Christ,bleibt aber bey seinen Vorurtheilen zc>8. sein Urtheil von Christo Z08. Z09. warum er der der vornehmsten Sachen. der Apostel Schriften zu verfälschen suchte 309. seines Schülers Turbo Gedanken von Christo, das. verwarf das Alte Testament zio Mamcbäec, von Manes oder Mani ihrem Stiftet zoz. ihres Stifters Eigenschaften, das. f. wird ein Märtyrer seines Lehrbegriffs 304. hinterließ Schriften, ebendas. Quelle seines Irrthums, dass. Erklärung von Vermischung des Guten und Bösen in der Welt zc>6. vom Falle des Menschen 507. von Alt. Test. Auferstehung und Gerichte zio ihr Gottesdienst, das. hielten Taufe und Abendmahl, das. Eintheilnng ihrerSectezu. Aus- vreitungzu. Anhänger, das. wider sie wurden die strengsten Gesetze gegeben, das. feyerten jahrlich ihres Stifters Fest, das. wer ihr guter Gott war, das. Ursachen ihrer Ausbreitung zn.zi2. unparteiisches Urtheil von ihnen zi2. Ursachen der Heftigkeit der Rechtgläubige!! gegen dieselben ziz. ihre Secte wird berühmt 299. glaubten wie die alten Perser zwey gleich ewige widerwärtige Grundwcsen ebendas. Marcclli'na, eine Anhängerinn des Carpokras 2Oy Marccllums, Bischof von Rom, hat den Götzen geräuchert 6z6 Marcian, Bischof von Arles, tritt zur Partey des Nova- tus 6?4 Marcicm, ein neuer Ketzer 228. niinmt zwey ewige Grundwescnan.das. seine Lehrsätze, s. Ccrdo. hält den Brief an die Ebräer für apocryphisch 414 Marcus, Marcite», Marcosiev 220 Marcus und jl.ucas sichriebcn etivas später, als Matthäus z87 Maria, ob sie prächtig begraben worden 499. ob ihr Grab zu Ephesus sey 50O Marin, ein Märtyrer, wird prächtig begraben 515 Marc>;ia, eine Beyschläferinn vieler Päbste 47. macht einen Pabst nach dem andern 60. vermählt sich und wird gefangen gesetzt 6c> Martern der Christen hatten den Endzweck, sie lasterhaft zu machen 490 Marr^roloM, die berühmtesten 540 Masbochcer, und Asrianisicn des Theodoretus gehören vielleicht unter die Rotte der Anhänger Simons 194 Bbb ? Materie, Registsr Materie, von wem sie für ganz böse gehalten worden rqz Matthäus hat sein Evangelium am frühesten geschrieben Märtyrer, ihre Fürsprache für Büßende 528 f. ihr Leiden sieng an verdienstlich zu werden zzo f. Spuren abergläubischer Ehrfurcht gegen dieselben ?Zl. ihren Todestag befiehlt Cyprian zu bemerken 364' sind nicht angebethet worden, das. ihre Tugenden 484. sind gültige Zeugen für die Wahrheit der christl. Religion 489. 490. starben nicht aus Ehrgeiz 49z, werden von den Christen hochgehalten 494. "ihr Sterbetag wurde ihr Geburtstag genannt 504. wodurch die Hochachtung gegen sie zugenommen 504. 5^5. ob sie allein gleich nach dem Tode zu Gott gekommen 508. ihre Gesellschaft suchen die ersten Christen 510. ob ihr Blut Menschen erlösen könne 512. ihre Leichname werden von den Christen erkauft 51z. für dieselben wird geopfert 516. waren die einzigen Heiligen der ersten Christen 524. warum es so viele erdichtete giebt 527 Mäctyrerchmtt, machte in den ersten Zeiten keinen heiligen, als er war 495- demselben werden übertriebene Lobsprüche beygelegt 505. wird für verdienstlich angesehen, ebenbas. ob es eine Taufe genannt werden kann 506. dessen übertriebnes Lob verursacht Irrthümer 507 Märtyrereov, wird eine Erhöhung genannt 512 Märt'/rerver^eicbmsse, die ältesten sind kurz 515 Mär?vcrs«-mmlm,gen, dabey ließensich die letzter» fränkischen Könige jährlich einmal sehen 646 Meineide, nahmen bey den Deutschen überHand 719 XNelÄiisevcr'lancr, ihre Irrthümer 2z8f- Melelnseser', ist i» der ersten Kirche von vielen für einen Engel gehalten Mcn^nSer, ein Samaritaner, Simons Nacheiferer 194. war nicht so arglistig, aber eben so unverschämt als Simon 194. seine Irrthümer stimmen mit des Simonis seinen übcrein, nur daß er keine Helena hatte 194. versprach denen eine ewige Jugend und Unsterblichkeit, die sich in seinein Namen taufen ließen 195. Tertnllians Epötlercy darüber ebendas. MenscdU6)e Natur Jesu, von welches? Secten sie geleugnet wurde Mero- der vornehmsten Sachen. Meroväus, der Stammvater der frankischen Könige 640 Mctropolitan^ischofe 6>O. sollen von den Aposteln her- stammen 621. ihr Ursprung das. Michael Rangabe, Kaiser im Oriente, sein Charakter 7. seine Freyheit 8- wird ein Mönch ebendas. Mickacl, der Stammler, wie er auf den morgcnlandi- schen Kaiserthron gestiegen 16. sein Charakter 16.17. sendet wegen des Bilderdienstes nach Frankreich 17 Michael, orientalischer Kaiser, sein Charakter 34 Micolmnbus, ein schottischer König 96 MiOleroii, zweifelt an der Fortdauer der Wundergaben ohne Grund 452 Minutius, sein Spott über die Götzenbilder 520 Michra, oder das Licht der Perser 15z Mitteldinge, wie sich Christen in Ansehung derselben verhalten sollen 584 Monarch, was er betrachten muß, wenn seine Nachkommen eine unumschränktcHerrschaft erhalten wollen 642 f. Monarchie, frankische wird zertheilt zi. ihre Veränderungen 6 ;y. 68y. f- 698- ihre Macht unter Carl, dem Großen 671. ihr Verfall 689 s. die wahre Ursache des Unterganges derselben 701 Monogencs, in dem Lehrgebäude des Cerinth 199. zeugte den Ä,ogc>s ebendas. Montanisten, 241. Ursprung ihrer Irrthümer 242. vom Montanus aus Phrygien, das. leugneten keine Grundwahrheiten des Christenthums 244. worinn sie irreten 245. übertrieben die Tugend der Standhaftigkeit in Verfolgungen 246. ihre Beschuldigungen und Verwürfe 247. von Tcrtulliau vertheidiget 248- warum ihnen so harr begegnet wurde 250. Ordnungen ihrer Geistlichen 250 f. ihre Patriarchen, Cenoncn und Bischöfe 251. Namen, welche ihnen noch beygelegt wurden 251. breiteten sich weit aus, das. haben sich bis ins siebente Jahrhundert erbalten, das theilten sich in Nebenpartcyen, das. werden für Irrgläubige gehalten 6z6. ein solcher ist TernilUan eine Zeitlang gewesen 6z8 Montanns, Stifter einer neuen Secre242. sein persönl. Charakter das. f. ein Enthusiast 24z. fein Paracler verführte nicht zum Laster, das. Priscilla uud Mari- Bbb 4 milla Register - milla seine Anhangerinnen 24z. seine Anhängerinnen erschlichen Erlaubniß, 24z. Briefe vom römischen Bischof, den Kirchenfrieden zu haben 244. Praxeas hebt ihn wieder auf, das. nannten sich Geisilickgesmnete, und die Rechtgläubigen Fleischliche, das. hat sich nicht selbst für den Paraclet gehalten 245. führet? ein Fasten bey lauter trockenen Speisen ein, das. seine Tero- pkagic 245. seine Lehren von der ersten und andern Ehe, das. unter ihm sollte das Christenthum zur Vollkommenheit gekommen seyn 248- rühmt sich der Wundergaben 442 LNontesqulvu sagt/ die Religion richte sich nach der Regierung des Landes 6zo. ein Ausdruck von ihm wird angeführt 655.71z Mosc» mußte das gottl- Gesetz aufschreibe» Z84 Mo-chcim, ihm bat man die Entwickelung desZoroaster- schen Lehrgebäudes zu danken 159. worinnen er von dein Grundrisse desselben abzuweichen scheint das. LNormann, ein Aufrührer wird überwunden 14 tNusiL verbessert Carl, der Große, bey dem Gottesdienste 687. liebten die alten Deutschen 712 Muthmaßungen der Lehrer müssen behutsam vorgetragen werden ?5vZ5l LNutterspracke, darinnen wird der Gottesdienst der ersten Christen verrichtet 558.559 Münzen, römische, auf diesen sieht Paulus dem Petro zur Rechten 628 tt. Nackfolzev Petri zu Rom, die Geschichte davon ist sehr ungewiß 628 Nazaräcr und Abioniten, ihre Religions Irrthümer 174 f5 so wurden anfänglich die Christen genannt 174. Paulus wird also genannt, das. Irrgläubige, von Epi- pbanio zuerst also genannt, das. waren weder rechte Juden noch rechte Christen, das. Nachrichten von die- ser Secte sind unvollständig, das. haben den Namen vielleicht von den Jüden erhalten 176. sind vielleicht die Perarir'er des Clemens, das. wurden im vierten ui?d fünften Jahrhundert bekannter, das. ihre Irrthümer in der Religion, das. f. vornehmlich die übertriebene der vornehmsten machen. bene Liebe gegen das Ceremonialgesetz 176. ihre Lehre von»Cbristo ist ungewiß 177 f. werden von Theodore- tus Juden genennet 177. nahmen das ganze alte ?est. an 178. sollen ein besonder Evangelium in cbräischec Sprache gehabt haben 178- Hieronymus hat die Erlaubniß gehabt es abzuschreiben 179. hatte eine große Hochachtung für den Apostel Paulus i8i Neapolis sucht den frankischen Schutz 18 Niccphorus, wird Kaiser im Orient z. sein Charakter 6. seine Schicksale, ebendas. er wird erschlagen 7. wird aus einem Feldherrn griechischer Kaiser 75. wird umgebracht ?5 Nicodemus, ob er ein Bildhauer gewesen 518 Nicolairen, zu welcher Art der Gnostiker sie gehören 106. ihre Irrthümer iqo. 197. von wein sie herkommen 197. 198. was beym Clemens von Alexandricn, von des Nikolaus Frau erzählet wird 197. erhielten sich bis ins zweyte Jahrhundert 198. in ihrem Lehrgebäude soll der Name Zaldäbaoth oder Sabaoth zuerst vorgekommen seyn iy8 Nicolaus, ein römischer Pabst, Beweis seiner Herrschsucht 35 tticolans, ein römischer Pabst 45. sei» Bezeigen gegen den Leichnam des Formosus 45.46 Nicolaus, römischer Bischof 6z6 f. Noackiscke Gebothe, was darunter zu verstehen sey 177 f. Noetianer, bestreiken einige Grundwahrheiten der christl. Religion 299 - - vonNoeluszl4. emeuertenPrareasJrtbumzl4. ihre Lehren zi4- Z15. hießen auch Patropasckilcn Z15 Norden, Streitigkeiten daselbst über die Reichsfolge ic? Normannen, was den Grund zu ihren Einfallen gelegt hat 11. verehren Frankreich zo. fallen immer in England ein 40. verheeren Frankreich 44, sind glücklich in England 45. werden von Rudolfen besiegt 58. wollen den Königen in Frankreich nicht gehorchen 70. verwüsten Gallien 699 Novams sondert sich von der Kirche ab zzo. erregt einen neuen Streit über die Kirchenbuße zz8 f. wurde vom ganzen Oriente und Occidente von der Kircheugc- Bbb 5 mein- ^! Register meinschaft ausgeschlossen zz9f. seine Gemeinen erhielten sich bis ins siebente Jahrhundert 340. wird neben dem Cornelius zum Bischöfe in Rom gemacht 604. er will siO von drey Bischöfen einsegnen lassen 607. richtet in Rom eine Spaltung der Kirche an 634 G. Gdo wird König von Frankreich 4z. verheeret Frankreich 44 Gelung, die letzte, ist vielleicht in den Gebräuchen der Herakleoniten zu suchen 220. ob sie von der Salbung des Jacobus ihren Ursprung hat 569 570 Gesterrcick, von wem dieses Haus abstammen soll 98 Offenbarung, göttl. ist nur allein frey von der Gefahr zu irren ; aber keine Gemeine der Christen 126 Offenbarung Johannis / wenn an ihrer Göttlichkeit gezweifelt worden 417 Gl)ngefädr, woher der Irrthum entstanden, demselben den Ursprung der Welt zuzuschreiben 148 Glaus, ein schwedischer König 96 Gpftr, für die Märtyrer, was darunter verstanden werde 516. warteten die alten Deutschen ab .710 Opferung für die Märtyrer, ihre Folgen 526. der ersten Christen, worinnen sie bestanden 557,558 Gpftrun.g beym Abcudmahle, wie sie zum Misbrauche geworden 57z, 574 Gphitcn, haben sich bald in kleinere Parteyen getheilet 227. einige sollen den Schlangengeist für Christum selbst gehalten haben 227. einige haben das Brodt des Abendmahls vor dem Gebrauche von Schlangen belecken lassen 227 s. vielleicht hat eine Partey Jesum ganz verleugnet 228 Grdalm, große Gerichte unter den Deutschen 716. wurden allmählich abgeschaffet 719 Grvonius, ein großer spanischer König 52 Grvcmins der III, ein spanischer König 76 Grigencs, sein Charakter, Leben und Schicksale Z45 f. Ammonius und Clemens von Alerandrien seine Lehrer, das. gerieth wegen seines Vaters Stanbhaftigreit in Verfolgungen, in die äußerste Armuth 345. bekehrte ft der vernehinsten Sachen. schon in seiner Jugend sehr viele 346. wird Catechet, ebendas. macht sich selbst zum Verschnittenen, das. verfertigte gelehrte Arbeiten Z47. ward Priester, das. De- metrii Eifersucht gegen ihn, das. wird abgesetzt und verwiesen, das ward cüi Märtyrer, das schrieb noch viel Briefe und starb 348- seine AnHanger wurden noch verketzert, das arbeitet zu viel und zu schnell, das. warum er eigentlich verdammet wurde, das. über seine Rechtgläubigst wurde Streit geführet Z49. lehrt die Wiederherstellung aller gefallenen Geister, das allegorische Erklärung der Schrift, ebendas. lehret daß jeder Mensch seinen Engel habe M.' seine Fürbitte der Engel und Seligen für die Menschen 351. seine Reinigung nach dem Zode ^52, kann als ein Vorgänger des Pe- lagius angesehen werden, das. sein Ansehen schasste ihm Vertheidiger Z5Z. schleußt heilige Menschen im Himmel von der Anbethnng aus z6o. z6l. seine Ehrfurcht gegen die heilige Schrift 42;. sein Zeugniß für die Fortdauer der Wundergaben 444 f. seine selsame Meynung vom Märtyrer Tode 512. vergleicht die Aeltesten mit dem Senate einer Stadt 524 Grlgmalsck?riftcn, apostolische, wie lange sie etwas für die heil. Schrift bewiesen 422 Grus, der Aegyvtcr, oder die Welt 151 wssemer, oder Ainpsmier und Samosaer, also nennt Eviphanius die Elcesaiten zoo Gsiris, Isis, T)-phon, geheime Lehre davon was sie bedeute 149-151 Osterfest, ftyern die ersten Christen 540 Gtterftyer, Streit darüber in der Kirche Z25 f. unter Victor, dem römischen Bischöfe, brach dieser streit aus Z26. Quelle desselben Z27 Gsrvald, ein englischer Bischof 84 Gtto, Herzog von Sachsen, schlagt die Würde eines deutschen Königes aus 50 (vtto der Große, seiu Charakter Kr. seine Siege, ebend. seine Feinde, 62, zerstreut die Rebellen 6z. vermählt sich mit Adclaide 6c>. überwindet seinen rebellischen Sohn 71. geht wieder nacv Italien 74 Vtto der II, sein Charakter 79. seine Nebenbuhler, das. seine Register seine Streitigkeiten mit Lothar» von Frankreich 8«. verdachtige Geschichte von sein« Grausamkeit 8 r. stirbt 82. giebt ein Gesetz wegen der Streitigkeiten über die Erbschaften 719 Gtco der Hl, wird zum Kaiser erklärt 82. sein Charakter, das. geht nach Italien 86- seine Feldzüge in Italien 88-89. wird vergiftet und stirbt 89 p- Perusa, hier will man Josephs Brautring besitzen 501 petronas schlägt die Saracenen 34 Petronilla, eine erdichtete Märtyrerinn 516 Petrus , heuchelt aus Menschcnfurcht iz6. auch Bar- nabas wird dazu verleitet, das. Paulus widersteht aber, das. bezog sich schon auf Pauli Schreiben ?87- er, und Iacobus und Iuvas, schreiben ihre Briefe kurz nach einander z8?- seine Briefe, und ihr Charakter Z92. ob sein zweyter Brief von ihm göttlich sey 412. der Apostel wird zum Monarchen über die Kirche erhoben 626. hat zu Rom den Märtyrertod erduldet, ebendas. ob er der erste Bischof zu Rom gewesen 626 f. in seinem Namen schreibt der römische Bischof, Stcphamis, einen Brief an den König der Franken, Pipinum 666 pfaKgrafen, wer sie unter Carl, dem Großen waren 68z ^fmgsrfcli feycrn die ersten Christen 546 Pbantasiastcn, welche, und warum sie so geheißen 14z Pharisäer, ein «vccte der Juden HO. ihre Verfälschung der wahren Religion hat Bossuet kurz und schon beschrieben 166 Philadelphia ist keine Hauptstadt einer Provinz gewesen 62z Philosophen, heidnische, vier Abwege derselben in der Lehre von der Gottheit 149. Abendländer hatten keine bessere Weisheit als die Morgenländer 162. waren selbst unvermerkt der christl. Religion zum Siege über die Abgötterei) beförderlich 269. einer verspottet den andere das. uneinige wurden in Alexandricn vereiniget 27O. gestehen die Wunder der ersten Christen ein 446 Philosophie, der orientalischen Irrthümer 14c,. eine fanatische der vornehmsten Sachen. natische, bezaubcrt fast ganz Orient 140. von Petro und Johanne widerlegt, das. ist als die vorneliniste Feindinn des Christenthums anzischen 146. aleran'ori- nische, ihr Einfluß in.die Lehren und Schicksale der christl. Religion 268. nach Aiiimonii Lehrbegriff 276. verfälschte die christl. Gcisterlehre 28z. 2x4. gab die Engel und Seelen der Heiligen für Mittler bey Gott aus 284. räumte den bösen Geistern zu viel ein 284s. verfälschte die christl. Lehre von dem Falle des Menschen 285. leitet die Laster mehr aus der Nachläßigkeit der Menschen, als aus ihrem Unvermögen her 285. verdunkelte die richtigen Begriffe von der Bekehrung und Buße 286. verfälschte die Lehre von dem Zustande - des Menschen nach dem Tode 287 Philosophie, darinn ließen sich die Gothen unterrichten 711 Photius wird Patriarch in Constantinvpel 34. wird wieder abgesetzt z6. war zu seiner Zeit der gelehrteste unter den Griechen 101 Pigsi, der Gastfreye, wird König in Pohlen 29 Pilatus, ob er Jesum malen lassen 58c> Du Pin, sein Urtheil von der Oberherrschaft der römischen Bischöfe 6z8 Pipin, Carls des Großen Sohn beschützt Italien 5. stirbt ebendas. sein unachter Sohn erbt 6 Pipinus von Hcristall, wird Herzog in Australien 652. und Major Domus über Neustrien 65z. erhielt sich durch die besten Mittel bey seiner Hoheit 65z. stirbt 654 Pipinus, ein Sohn des fränkischen Königes Carls Mar- tell, seine schönen Eigenschaften 659. wird König 662. erlegt einen Löwen 66z. erobert Italien 66Z Platonikcr, der neuern Irrthümer, dienen anch mit zur Bestätigung der wahren Religion 295. erkannten die Richtigkeit der Wunder welche Jesus verrichtet hatte, das. hatten einige Ehrfurcht gegen Christum, ebendas beschämen dadurch neuere Ncligionsspöttcr 296. schien nen noch die ertraglichste Religion zu haben 16z. ihre Lehren von Gott und der menschl. Seele, das. ihr Stifter muthmaßet!vielmehr, als daß er crwas wissen soüre, das. Mängel feiner Gottheit, das. lehret daß Register die Leiber der Mciische» der Seelen Kerker seyn, ,6z. unterrichtet die Weisen anders als den Pöbel 164 Platonische Ausdrücke wurden beym Vortrage christl. Geheimnisse gebraucht 294 Pleroma, was es in dem Systeme der persi'sthen Weisen bedeute 157 Plmius, seine Beschreibung des Gottesdienstes der ersten Christen 552 Plolinus sollte entzückt gewesen seyn 27^ Polycarpus leidet den Märlyrertod 460. war Bischof zu Smyrna (»14. seine Standhaftigkeit im Tode 620. wird ein Märtyrer, wie ihn die Christen ehreten 50z Pomificat, wo es hergeleitet wird 6zo potKmon verwarf den Parteygcist der Weltwcisen, und wollte von allen das Beste gewählt wissen, 270. misfiel den christl. Gelehrten nicht, das. welche dieser Mcy- Potituo, Basilicus, -L.ucl'an, L1?arcus, Megecius, Sy- ncros. Anhänger des Cerdo 229 Prag, wer das Bisrhnm daselbst gestiftet 79 prc-xeaK, ein unruhiger Kopf 259. leugnet die Dreyeinigkeit, das. hatte die montanistischen Irrthümer entdecket, das. seine Irrthümer 2Z9, 240 Prälaten, ihre Hoheit unter dem Könige Clotar 641 f. Predigren, der ersten Christen, wie sie beschaffen gewesen 55^ Presbyter,, der ersten Kirche sind von den Bilchöfen der spatern Zeiten unterschieden 614 Priester, christliche, Vergleichung derselben mit den jüdischen trug zur Erhöhung der Bischöfe nicht wenig bey 615 f. die schlimme Folge davon 616. der alten Deutschen stunden in großem Ansehen 710 Proclus, das vorgegebene Wunderbare an ihm 279 Prodicus wird beschuldiget, ein AnHanger des Carpokras zu seyn 209. seine AnHanger sind die Avamiren das. Propheten, einesjeden Weißagungen mußten schristl- verfasset werden Z84 Plolomaiten, Ptolomäus 22? l'.ung zugethan waren Popicl, der II, sein Charakter und Tod ebcndas. -8 Papa, der vornehmsten Sacyen. Papa, oder Pabst, dieser Name ist allen Bischöfen beygelegt worden 6z? parabolarii, vcr-iroeifelte, Gcl^simoroer, wurden die Christen von einigen Heiden genannt 25z Paradies, wird im dritten Jahrhunderte vom Himmel unterschieben 508 Paschalis, römischer Pabst, seine Eingriffe in die kaiserl. Rechte 12. wird der Ermordung zween vornehmer Römer beschuldigt 15 PatropascKiten, Z>5 Pauli Briefe, ihre Vortrefflichkeit Z9-f. Paulus und Barnabas widersetzen sich den: Irrthume von der Nothwendigkeit der Beschneidung 1Z5. wird von den Verführern nur für einen Apostel vom zweyten Range gehalten iz?. widersetzt und vertheidiget sich, lz?. widerlegt den Irrthum von der Beschneidung bündig 1Z8. warum er den Brief an die Ebraer geschrieben !Z9. seine ersten Briefe ?8? Paulus von Samosata wird abgesetzt 6cZ. özz Pävsie, erste, ob sie Märtyrer gewesen 55z Pcpu?ier, Pl?rygier, Caraphrygier wurden die Montanisten genannt 251 Peranüer des Clemens 176 Peregrin giebt sich für einen Christen aus 509 pecftr verehrten das Feuer und die Sonne göttlich 15z. ihre irrige Moral 155. hielten die Laster für Gewaltthätigkeiten des Körpers 155. drangen auf die Zerstörung des Leibes, um den Menschen zu bessern 155. Materie war bey ihnen der Grund aller physikalischen und moralischen Unordnung, ebend. Ursach ihrer groben Irrthümer, die Untreue gegen die göttl. Offenbarung 156 Personen, drey im göttl. Wesen, sind den Christen deutlicher geoffenbaret, als den Jüden 115 G. Guadragesimalfasten der ersten Christen 566 Guavratns, vertheidigt die christl, Religion 459 Radbert, Paschasius, seine Lebre vom Abendmahls 2z Ramir, überwindet die spanischen Mauren 19 Ramir, Register Ramir der III, ein spanischer König 77. überlaßt sich den Wollüsten 85 Rachschläge und Vorschriften- Christi, dazwischen wird ein Unterschied gemacht 260 Rcwenna, daselbst wird eine Kirchenversammlung gehalten 74 Rauchern in der Kirche, woher dieser Gebrauch entlehnet worden 576 'Reich, das Deutsche, wenn es die Landeshoheit über Böhmen erhalten 62 Reich, tausendjähriges woher es entstanden 256. viele apostolische Väter haben es behauptet, das. von welchen Barern es ist gelehret worden 256. 257. in denselbigen erwarteten die besten mehr geistl. als leibl. Freude 255 Jrenai Vorstellung von demselbigen,das. sinul. Christen dachten nicht viel feiner davon, als der Muselmann von seinem Paradiese 258. will man in der Offenbarung Iohaimis finden 417-418 Reiche der Welt haben veränderliche Schicksale 102 Reinigung nach dem Tode, Lehre davon, woher sie entsprungen 508 Religion, unter den Menschen, ist nicht gänzlich frey von Veränderungen ioz 1O5. ioü. hat unter den Engeln widerwärtige Schicksale erfahren müssen 104. Wahrheiten derselben sind unveränderlich wie ungetreu das jüdische Volk gegen die Religion war 105. ic>8 f. die chrisil. zeiget uns neue Aussichten in der Gottheit uz. 114, lehret die Dreyeinigkeit Gottes 115. entdeckt neue Aussichten in die Zukunft l?o. hat ihre Beweise 120. Acten, und Mannigfaltigkeit der Beweise 121. war anfänglich rein und vollkommen 12z. ihre Schicksale sind nicht gleich glücklich gewesen 125. einige Ursachen davon, das. f. wenn sie frey von Veränderungen halte bleiben sollen, so hätten ihre Lehrer niemals irren müssen 126. daß sie unter den Menschen verschiedene Schicksale erfahren müssen, wird aus den ersten zehen Jahrhunderten erwiesen 128- ihre Geheimnisse erhielten sich wider die Juden und Gnostiker, 128. wenn sie ganz verschwunden zu seyn schienen 129. wann sie vor Irmihmerr? am sichersten zu seyn schien izz. die wahre der vornehmsten Sachen. wahre, hatte in Jndäa sollen gefunden werden 165. Einfluß der ersten Secten in ihre Lehren 252. ihre Erhaltung bey so vielen Feinden 252 ff. und Verrätbe- rey ist erstaunenswürdig 25z. ihre Anhänger erhielten von den Heiden manche schändliche Namen, da»', wie dieses zugegangen 254. ihr wurden schändliche Geheimnisse vorgeworfen; Ursachen davon 254. ihre Ausbreitung wurde durch die Secten gebindert Ursachen davon 255. in dieselbe hatten die Irrthümer einen schädl- Einfluß 255, f. f. ihre Vortheile vor den Secten der Irrthümer 262. wurde eher mündlich gepredioet, als schriftlich vorgetragen Z84. weswegen dieses geschehen ist, das f. erbielt größere Glaubwürdigkeit dadurch, daß sie erst mündlich und hernach schriftlich vorgetragen wurde ZK5. dadurch wurde manchen Einwürfen begegnet z8z- Z86. Apostel mußten dieselbige aufzeichnen , und zwar, da noch Freunde und Feinde als Augenzeugen der Geschichte vorhanden waren z^6. Grund ihrer Glaubwürdigkeit, das. Ursachen ihrer schnellen Ausbreitung 432. wird durch die Märtyrer bestätiget 490. u. f. ist nicht durch die Gewalt der Obrigkeit eingeführet 491. ist nicht vor dem Misbrauche gesichert, ein Beweis davon 540. 541. äußerliche, der Juden, be- schäfstigte den Verstand und die Sinne 110. war mit der bürgert. Ruhe genau verknüpft das. Religion der morgenlandischen Weisen 147. chnWche erschien zu einer Zeit, da der menschliche Verstand nicht ganz unbearbeitet mehr war 147. dennoch war die Erkenntniß von Gott schlecht, ebendas. der mitternächtlichen Länder im Occident ist wenig bekannt 164. der größte Haufe abgöttifch, ebendas. der mittlern Zeiten, ihr Einfluß in die Veränderungen der Staaten 664. wird dazu gemisbrauchet Ü72. der allen Deutschen 709 Religionsgesclnckte, mannigfaltiger Nutzen drsclben lZl. f. daß Boussuet keine geschrieben, ist zu bedauren 132. Betrachtung desselben, was sie sehr nützlich machet 1^4. >6 Reliquien, der Märtyrer, was man ihnen in den allerersten Zeiten des Christenthums für Ehre erwies 495 II Theil. Ccc Reu- Register Reliquie», I. C-, um deren Erhaltung bekünunern sich die ersten Christen nicht 497 Rel-qmen, wunderthatige, ob die erste Kirche welche gehabt Rickard, Hertzog der Normannen, wird umgebracht 6z Ripuarier', wo sie ihren Sitz gehabt 71z ^itterspiele der alten Deutschen 712 Robert, Odons Bruder wird zum Könige von Frankreich ausgerufen 54. sein Sohn will seinen Tod rächen 55 König von Frankreich, sein Charakter 88. -tloin, daselbst wird eine Kirchenversammlung gehalten 88- vom Ansehen der Bischöfe daselbst 625. das heidnische Rom hat mit dem christlichen ahnliche Schicksale, ebendas. Siehe auch 6zi Komanus Lecapenus bemächtiget sich aller Macht des griechischen Kaiserthums 59. sein Testament 66 RomKnns, wird durch die Vergiftung seines Vaters griechischer Kaiser 67 Romer drücken den Verstorbenen die Augen zu 514 Romiscke Bischöfe, konnten sich nach der Größe der Stadt den höchsten Rang versprechen 6zl f. ihr Ansehen wuchs, weil auch die Irrgläubigen ihre Gemeinschaft suchten 6z2. waren m den drey ersten Jahrhunderten keine Monarchen der Kirche 6zz. auch nicht unfehlbar, noch oberste Richter 655 f. werdert Hohepriester und Bischöfe der Bischöfe genannt 6zZ. einer von ihnen schickt dem Könige der Franken, Carli; Martcl, die Schlüssel zu dem Grabe Petri, und übersieht den Schaden der Clerisev 657. ihre Ungerechtigkeiten 662 f. legen die heil. Schrift übel aus 665 Rusolf von Burgund wird zum Könige in Frankreich gewahlet 55- 56 Ruvslfs des Hl Vertrag mit dem Kaiser, und Verschenseine Friedfertigkeit Rogarianus, ein Bischof Kollo, erlangt Neustrien Romiscke Geseye vertrieben die Deutschen Rudolph wird König von Burgund 7-5 43 kung seiner Staaten an denselben Ruinnrt, sammlet.die MärtyrerLkschichte 9? 538 Russen, der vornehmsten Sachen. Russen, fangen an bekannt zu werden 45. werden furchtbar 59. werden besiegt 75 S. Sabbath, wird noch von den ersten Christen gefeyert 546 Gabellius, seine Lehren zi6 f. seine Vergleichung der Dreyeinigkeit mit der Sonne zi? Sacrificati, wer diesen Namen erhalte» 469 Sachsen, empören sich wider einen Ueberwinder 4. werden von Carl dem Großen zum Christenthum« gezwungen 684 f. ihre Bekehrung zum christlichen Glauben gieng bey ihnen schwer her 710. ihre Gesetze 714 Saooucöcr, ihre Irrthümer und Ansehen 166 Salbung der Kranken bey den ersten Christen 569 Salier, wo sie gewöhnet 71z, ihre Gesetze 714. wie sie von den übrigen Deutschen unterschieden waren 716 Samosatciuancr, wer ihr Urheber gewesen ziZ. Stifter derselben war sehr stolz, ebendas. was er leugnete und lehrete, ebendas. Z19. hinlergieng die Vater mit feinem Glaubensbekenntnisse ziy. wurde von einem Presbyter Nlalchion seiner Irrthümer überführet 919. vom Kaiser Aureliano abgesetzt Z2O. seine Anhanges hießen auch Paulianer und Paulianisten, wie lange sie gedauert 320. Berillus war von ihnen eine Zeitlang angesteckt Z2c> Samuel, König der Bulgaren 89 Sanctius, der Dicke, ein spanischer König 77. der Große, ein spanischer König 96 Santabarc-l verleumdet Leo, des Basilius Sohn 40 Saracenen, ihre Macht 7. ihre Fürsten sind Lefchützer der Gelehrten, ebendas. erobern Creta 17. verheeren Italien 29. breiten sich in Italien aus Z8. 39. sind unglücklich in Spanien 40. 48. glücklich in Italien, ebendas. 51. werden geschlagen?2. werden nochmals geschlagen 6,6 Sawrmn, Menanders Schüler 204. Stifter einer neuen «secte, ebendas. was er von der Schöpfung der Welt uud Menschen gclehret, ebendas. was er vott Christo saget 205. leugnet Jesu wahre Menschheit, und die Auserstehung der Leiber, ebendas. gab die Ehe für eine Ersindung des Sarans aus 205. theilte die Cccs Ken- Register Menschen in natürlich gute und best 205. wie seine Anhänger genannt wurden 206 Schenr'ungsbrl'cfe Ludwigs des Frommen an die Cleri- fty, ihr Inhalt 69z SckilO, war den alten Deutschen am heiligsten 708. deswegen wurden die neuen Könige der Franken darauf gesetzet 709 GcliltMgenbrüder, Gphiten, Naasscner, woher sie entstanden 22?. woher der Name, ebendas. wer ihr Stifter 222. einige wollten den christlichen Glauben mit ihre», Wahne verbinden im 2ten Jahrhunderte 222. ihr Lehrgebäude ist so künstlich und noch weitläufiger als des Valentin, ebendas. daß es ungläubige und christliche gegeben Ha5e, könnte vielleicht mit Recht bestrittcn werden, ebendas. ihre Grundlehren waren gnosiisch 224 f. ihr Geist Sophia oder Pru- nikns 22z. ihr Ialoabaorh, ebendas. zeugete einen schlangenförmigen Geist 224. setzte Adam und Eva ins Paradies 224. was weiter dabey vorgieng 225 ihre Lehrsätze von Jesu und Christo 226. wenn die Welt, ihrer Meynung nach, untergehen wird, ebend. ihres und des valentinianischen Lehrgebäudes Aehnlich- keit 226 f. Schnupftuch ob Christus sein Ebenbild darein abgedrückt ZOO Schottland, seine Schicksale 95 Schöpfung, indem vernünftigen Theile derselben zeiget uns die Offenbarung neue Aussichten in f. Schöpfung der Welt schrieben einige nur einem Aeon zu, andere brauchten mehrere 160 Sckoppcn, ihr Ursprung wird angezeiget 712 Sckreib«afcl lag allezeit unter dein Hauptküssen Carls des Großen 6Zz Sckrifr, die heilige, ist stets unverändert erhalten izc>. sollte großen Haufen der Christen zuweilen aus den Händen gerissen werden izo. hat niemals so unglückliche Schicksale erfahren, als das Gesetz Mosis unter den Jüden, ebendas. warum sie in der ersten Kirche für göttlich gehalten wurde 419. ob sie alle nöthige Wahrheiten enthalte 427. wurde in der ersten der vornehmsten Sachen. sten Kirche für die einzige Lehrerinn der Seligkeit gehalten 422 u. f. die ersten Christen hatten die größte Ehrfurcht gegen sie 452 u. f. ihre ersten Auslegungen 428. 429. Beweise ihrer Göttlichkeit 431. wird bey öffentlichem Gottesdienste gelesen 555. macht keine» Un:crschied zwischen Bischöfen und Aeltesten 612 f. Sctiriftei» von Ketzern, göttlich erdichtete szi. Namen ihnr Verfasser 2zr Schriften, neues Testaments, Ansehen und Schicksale derselben, vom Anfange des Christenthums bis aufs 4te Jahrhundert Z79. haben fehr bald und überall bekannt werden müssen z88- Originale derselben sind bald verlohren gegangen z88- wie dieses zugegangen z88 f- Art ihrer Sammlung und innere Beschaffenheit giebt Merkmaale ihrer Göttlichkeit Z89. 39«. apostolische Briefe, was bey ihnen zu bemerken 391. können nicht untergeschoben seyn 39z f. Uebereinstimmung derselben mit dem alten Testament Z94. Sittenlehre derselben ist heilig und vollkommen Z94. stimmen mit der weltlichen Geschichte überein Z98. Merkmaale ihrer Göttlichkeit und ihres Ansehens Z99. 400. wenn auch einige, als verloren, angenommen würden: könnte doch nichts Nachtheiliges für die Religion daraus geschlossen werden 400. die gegewär- tig vorhandenen, wenn sie nicht zureichten, könnte doch keine Verwerfung der übrigen vorhandenen dadurch gerechtfertiget werden 400 Schriften, apostolische, ob sie verfälscht seyn können 401. 402. erklaren sich selbst für göttlich 404 Sctiriftlicke Offenbarung göttlicher Wahrheiten war der mündlichen Ueberlieferung vorzuziehen Z82 f. so machte es Gott schon im alten Testamente z8z Schule, alexandrinische, wer sie gestiftet 549 Sckwein, dessen Bildniß laßt Hadrianus über dem Stadtthore der Stadt Aelia eingraben 498 Schworen, die alten Deutschen schwuren bey ihren Schwerdtern 709 Sccren, viele von deisselben nahmen das Evangelium an 172. waren vorsichtig und verschlagen bey der Ausbreitung ihrer Irrthümer 2Z2 f. Ursache, war- Lccz um Register LM sie Nicht gleich im Anfange widerlegt werden konnten 2zz. des ersten und zweyten Jahrhunderts, ihr Einfluß in die Schicksale der Religion 252 ff. von ihnen hat die Religion einige Vortheile 26z - 26? f. die allerersten flochten Christum und seine Geschichte in ihr Lehrgebäude mit ein 26z - 267. zeugen also für das Daseyn, für die Würde und Wunder unsers Erlösers 266, ihre Irrthümer sind Zeugnisse für die innere Güte und Göttlichkeit der christlichen Religion 267. des dritten Jahrhunderts, und ihr Einfluß in die Neli- gion 29L Secunous, Secundisner 220 Seele der Welt, dazu haben einige Gott gemacht 15c» Seelen, ihre Schicksale nach dem Tode des Leibes waren in Zoroasters Lehrgebäude nicht gewiß und fest gesetzt ib! Seelenremigun^ des Ammonius 277 Sczur, hier will man Josephs Brautring haben zvi Selbtierwahlte -Heiligkeit, erste Quelle derselben 261 .Sergms, der II, ein römischer Bischof, fein Stolz zo. ein Pabst 47. der vierte römische Pabst 92 Severns, ein Marcionite 229. ein gcschworner Feind des weiblichen Geschlechts 229 Siegel der römischen Kirche giebt Pauto für Petro den Vorzug 628 Singen ist beym Gottesdienste der ersten Christen gewöhnlich 555 Siegfried, erster Markgraf von Brandenburg 57 Siflibert, fränkischer König 647 Simeon, ein Fürst der Bulgaren, wird überwunden 42 Simon, der Zauberer, und Menander, bestritten das Evangelium durch gnostische Lehrsatze 184. wollten selbst für Erlöser der Welt gehalten seyn 185. 188-192. seine Lebensumstände 185 verführte das samaritani- sche Volk, ebendas. Philippus widersetzt sich durch seine Predigt, und rettet viele 185. meynte durch die christliche Taufe die Kraft, Wunder zu thun, zu empfangen, desto besser bekriegen zu können, ebendas. wer seiner von den Alten Erwähnung gethan hat 186. Iremus schreibt am zuverlässigsten von ihm, ebendas. seifte der vornehmsten Sachen. » seine irrige Lehren iZ6 f. 189 ff. seine -Helena, odee Selcne, eine lüderliche Dirne 18?. nannte sie En- noia 187. seine Priester sind allen Ausschweifungen der Wollnst, der Traumdeutung und den Zauberkünsten ergeben gewesen 189. 19z. was Mosheim von ihm glaubet 189- schrieb die Schöpfung der Welt den, ohne sein Vorwissen von der Ennoia erzeugten Aconen zu 190. daß er sich für die Dreyeinigkeit ausgegeben habe, daran wird von einigen gezweifelt 190. Ire- nöo ist in der Absicht mehr Glauben beyzumessen, als den clementinischen Recognitionen 191. seine Anhan ger, wie sie sich baben Christen nennen können 19z. seine Todesbeschaffenheit laßt sich nicht sicher bestimmen 194. seine AnHanger, wie lange sie sich erhalten haben 194. wurde von den Alten für den Vater und das Haupt aller Ketzer gehalten 194 Simon ein Märtyrer 458 Sittenlchre, christliche, Hauptinhalt derselben 118 f. die Reinigkeit der christlichen wurde befleckt 12g. der Christen ihr Vorzug vor den übrigen 170 Soeraces und Plato kommen, in ihren Lehren von Gott, der Wahrheit am nächsten 150. nahmen ein ewig wüstes Chaos neben Gott an 150 Sonnrag, feyern dir ersten Christen 546 Sonerus laßt die Christen verfolgen 56z Spelmann, dessen Glossarium wird angeführet 716 Sprache, lateinische, warum es für nöthig angesehen worden, den öffentlichen Gottesdienst darinn zu halten 574 Gpracküunst wollte Carl der Große verfertigen 687 Stamm, carolingischer, mit wem er in Deutschland ausstirbt 50 Stationen, was in der ersten Kirche dieselben gewesen 567 Granratius kann den orientalischen Thron nicht behaupten 7 Stephan»«, ein römischer Pabst ir. ein griechischer Cäsar, seine Schicksale 66. 67. was ihm für Ehre wiederfahren 496. Bischof zn Rom 634. 655. erhalt von Pipino, dem frankischen Könige. Hülfe 6H4. schenket eben demselben einige Lander in Italien, das. . Ccc 4 de- Register beschwöret ihn bey Gott um Hülfe wieder Astolphen 664. verdreht die Schrift 665. der dritte, römische Bischof, wiederräch die Vermählung Carls des Großen . mit einer lombardischen Prinzeßinn 669 Sterbetag der Märtyrer, warum er angemerket und gefeiert ward 504 StockMage wurden von dem Adel für die größten Beschimpfungen gehalten 720 Stold?r hatten einen volltommenern Gott, als andere 162. er war aber dem unveränderlichen Schicksale unterworfen ,K?. GrundstiK ihrer ganzen Moral i5z Sreitigkeiten der Irrgläubigen mit den Rechtgläubige« erhöhen das bischöfliche Ansehen 617 Snbr>asallen, wer sie bey den Deutschen waren 70z Svens, ein dänischer König fällt in England ein 9?. wird König daselbst 94 T. Tacims, sein Buch cle moribus z. auch die eheliche war groß bey ihnen 704 Tropäcn, Pauli und Petri, werden in Rom gezcigct 502 TürKn, fangen an furchtbar zu werden 59 Unschuld, der Christe»/ wird durch die Verfolgungen der Heiden gerichtlich bestätiget 488 Unsterbliche»! der Seelen glaubten die alten Deutsch«! 710. machte sie verwegen im Kriege 71c» Unrcrdiener, ihre Verrichtung 60z Untersuchung, dadurch überzeugten sich die ersten Christen von der Göttlichkeit der heil. Schrift 120 v. valentim'aner, LNarci'oniten, Gpbiten, Enkratiten hatten im dritten Jahrhunderte noch zahlreiche Gemeinen 2YY Valentinus, hat das meiste Aussehen unter den Gnostikern gemacht 21O, war verführerisch sinnreich 210. einige Neuere haben ihn so gar rechtfertigen wollen, ebendas warum er nach dem Tertullia» sich zum Haupte einer neuen Secte aufgeworfen 211. verrath seine gnostischen Irrthümer, das. seine Erklärung der Schöpfung der Welt, ebendas. sein Bythos oder Pro- pator. ebendas. seine Sige oder Chans, ebendas. sein Nus und Aletbcia 211. sein Ä.ogos und soe 2l2. sein Ancbropos und Ecclesia 212. seine Tetra» und Gg- doas von Aconen 212. seine Decas und Dodecas, das. warum er zo Aeonen machte 21z. sein Aeon Sophia wollte den ersten Gott kennen lernen, ebendas. daraus ist Actiamorh, die Begierde, erzeuget 214. seine Lehren von der Erzeugung Christi und des heiligen Geistes 214. aus Christo und dem heiligen Geiste soll Jesus der Heiland entstanden seyn, ebendas. nach seinen Irrthümern war Jesns die Quintessenz aller Aeonen 214. Misbrauch der Schrift 214. 217. sein Anhang wurde sebr groß, und warum 218. träumte zwey besondere Christos, ebendas. fetzte seinen Menschen aus Geist, Seele und Leib zusammen, und warum? 2iy. seine Moral 219 f. seine AnHanger machten- wiederum neue Veränderungen 220. wer sie gewesen, ebendas. Register «bendaf. seine Irrthümer gründeten sich auf das zo- roastrische System von Gott 221. nennet den Thcu- valesianev, ihr Stifter Vales, valens, zoi VerVasallen, ihnen schenkte Ludwig der Fromme viele Lehngüter 69z. ihre Umstände unter Carl den: Kahlen 696. von ihnen hingen die deutschen Kaiser und Könige wenig ao 699. die frankischen gehorchten nicht mehr ^ 700 Venus, ihr wird ein Tempel über dem Grabe Christi erbauet 498 Verbrechen, welche bey den Deutschen mitdeM Tode bestrafet worden sind ^ 715 Verderben der Menschen, natürliches, ist im dritten und vierten Jahrhunderte sehr verringert worden Z22 Veremond, der II, ein spanischer König 85. der III, König von Leon 96 Verfälschungen, der apostolischen Schriften, was darunter verstanden werde 401. von wem sie herrühren können 402 Verfolger der ersten Christen widersprechen einander 476 Verfolgung der Christen unter dem Maximus Thrax 466. unter dem Decius 467. unter dem Valerian 470. unter dem Aurelian 471. unter dem Dioclerian 472. 47z ?c. über die Bilder und Reliquien der Heiligen , derselben Ursprung 129. heidnische, beförderten die Ausbreitung der christl. Religion 45z. neroniani- sche 454. domitianifthe 455. trajanische 457. hadria- nische 458. wider die Christen, ihre Ursachen 476. breiten die christl. Religion aus 479. bessern die Christen 481- der Christen, bestätigen die Wahrheit und Göttlichkeit der christl. Religion 488- haben das Ansehen der Bischöfe vermehret 619 f. Verhüllung, der Weiber beym Gottesdienste, ihre Ursache 565 Vernunft, derselben hat man bald zu viel, bald zu wenig das seinen Lehrer muthung ihrer Lehren ZOl. ZO2 in der Religion eingeräumet veconica, eine erdichtete Märtyrerinn 127 500 Vcr- der vornehmsten Sachen. verrZcherey, wie sie bey den alten Deutschen bestrast worden 712 vcrsohnopftr der göttl. Heiligkeit, wird Christus "5 Versöhnung Christi , Zueignung derselben bey den Menschen übernommen il? Vertrag, den die Söhne Ludwigs in Franken gemacht haben 696 f. schrankt die Gewalt der Könige ein 697 Victor , Bischof zu Rom, thut die asiatischen Bischöfe vergeblich in den Bann 655. 6zü Vorbitte derHeiligen für die Menschen lehret Origenes 351 Vorsehung Gottes, ihre Wege beyder Sammlung der apostolischen Schriften 40z. bey den Reichen der Welt 672 f. glaubten die alten Deutschen 709. ihr Glaube daran war der Ursprung ihrer Ordalien 717 N>. Xvaffen, was für welcher die alten Deutschen sich bedienet haben 708. in diesen verrichteten sie ihre Geschaffte 70? Wahrheit, findet mehr Eingang, wenn sie Freunde und Bekenner hat ' Z5Z f. Wahrsagungen , waren unter den alten Deutschen gewöhnlich vornehmlich die Kunst, aus Baumreisern zu weißagen ebendaf. ücVasserprobe, worinn sie bey den Deutschen bestanden 716 ZVciber, veralten Deutschen, ihre Geschaffte und ihr Bezeigen gegen die Manner 704 f. arbeiteten in Leinen 711 ZVeihnachlen, ob es die erlren Christen geseyert, ist ungewiß 546 Xocltrvcishei't, darum ließen sich die alten Deutschen unterrichten 7>l Zvenceslans von Böhmen, muß den Deutschen zinnsbar werden 57 Zwecke, gute, der Gläubigen, sind Folgen, aber Feine Ursachen ihrer Rechtfertigung 117 N?ej,'gothen, ihre Gesetze waren kindisch 714 ^Wissenschaften, ihr Zustand in England im zehnten Jahrhunderte 95. sind unter Carl, dem Großen, gestiegen. 675. 685. zur Erlernung derselben werden die Geistlichen Register chcil von Carl, dem Großen ermahnet 684. dazu werden die alten Deutschen fähig 711 Xvitlermv, ein Held 674 XVlodomir, ein rußischcr Fürst bekriegt Polen 92 ZVorm, ein dänischer König, mußte den Deutschen zinsbar werden 57 XVratislaus, ein böhmischer Herzog demüthiget die Hunnen 51 5Vuldrade, wird von Lothar» in Australien geliebt 35 Xvulfoals, ein Major Domus des Childerichs 650, 651 ZVunder Jesu, leugneten Ammonii Nachfolger nicht, sondern sie sollten in Gemeinschaft der Götter verrichtet seyn 278. hatten auch Pythagoras und Apollonius von Tyaim verrichtet 279 f. Josephs Stillschweigen von denselben ist ein Beweis der Wahrheit der apostolischen Schriften Z96 f. sind unwidersprcchlich erwiesen 4Z4. bequeme Mittel, die Mcuschen schnell zu bekehren 4Z5. ihre Nothwendigkeit 4Zb. 437. Nebenendzwecke derselben 457. warum sie nicht alle aufgeschrieben worden 4Z8- ihre nothwendigen Eigenschaften 4Z9. der ersten Christen, warum keine besondern Exempel davon angeführet werden 446. wie die Zeugnisse davon entkräftet werden mußten 448- ihre Endzwecke 450. ob welche bey den Grabern der Märtyrer geschehen 502 ZVunvergaben dauren noch nach dem Tode der Apostel fort 4Z9 u. f. Zeugnisse davon 441 u. f. ihre Glaubwürdigkeit 445. 448- Vater, apostolische, warum sie nicht von der Fortdauer der Wundergaben reden 440. haben die Apostel gehabt 43z. wie sie fortgepflanzt worden X. Xistus, Bischof von Rom, wird von demDionysius um Rath gefragt 6zz 5. Jackarias, römischer Bischof, hat die Absetzung des fränkischen Königes, Childerichs, befördern helfen 662» stirbt 66z Sevekias, soll Carln den Kahlen vergiftet habe» 39 Seph/rm, ftm vorgeblicher Irrthum -z? Aephy« der vornehmste» Sachen. Aephycinus, ein römischer Bischof 6z6 Zeuge» der Wahrheit, gab es auch zu den Zeiten des Irrthumes und des Aberglaubens izi Zeugnisse für die Fortdauer der Wundergaben, ob sie verdächtig sind ^ 449 Aiemovit, ein polnischer Fürst 45 Foroaster, der Perser, zu welchen Zeiten er gelebt 15z Aoroasicr, machte Gott zu einem geistigen Feuer 154. dieß war seine Mithra, das. sein Vromasoa, ebendas. sein Lehrgebäude erfuhr manche Veränderungen 156. diese betrafen aber nur das äußerliche und zufallige desselben, und andere Namen 156 f. Aoroastrische Philosophie, warum sie die orientalische heißt 159 Awenrebold, Arnolfs ungearteter Sohn 46 Srveyrampf bey den Deutschen 716. desselben Ursprung 717. trauten ihm viel zu 717. dadurch suchte man dem Meineide vorzubeugen 718. 719. er wurde eilt Vorrecht des Adels 719. die Ausbreitung desselben 720. verursacht der Misbrauch des Eides 719. wer ihn verboten 719 Chronologisches Verzeichniß der Herren, deren Geschichte zum Theil in diesem Bande beschrieben ist. Zventschlanv. Carl der Dicke in Schwa- Carl der Große, von 769 den von 877 bis 887- bis 814- Arnolf von 86? bis 900. Ludwig der Fromme, von Ludwig der IV, von 900 815 bis 840. bis 911. Ludwig der Deutsche, von Conrad der l, von 912 bis 840 bis 876. 919. Carlmann in Bayern von Heinrich der l, von 919 bis 8 '7 bis 880. 936. Ludwig in Unterlothringen Otto der l, von 937 V.97Z. von 877 bis LL2. Otto der II, v. 974 l>. 98z. OltS Otto der in, v. 983 b-1002. Heinrich der II, von looz bis 1024. Abendländische, Kaiser. welche es wirklich gewesen oder seyn wollen. Carl der Große, von Zoo bis 814. Ludwig der Fromme, von 815 bis 84O. sein Sohn. Lotharius, von 84^ bis 855. In dessen Länder theilten sich Ludwig der II, als Kaiser, stirbt 875- Lothar der Jüngere, stirbt 869. und Carl von Provence stirbt 86z. Carl der Kahle stirbt 877- Carlomann, Ludwigs des Deutschen Sohn bis 88o. Carl der Dicke bis 887- Nach dessen Absetzung um die Kaiserkrone streiten: Bercngar von Friaul von 886 bis 925. und Wido von Spoleto von 886 bis 894. zugleich Arnolf von Deutschland, von 894 bis 900. und Lambert, von 894- Rudolf der n, von Burgund, von 920 bis9Zo. Hugo von Arelat, von 925 bis 947. Berengar der II/ von 947 bis 951. s Verzeichnis Otto der Große, von 951 bis 97z. Otto der n, von 974 bis 98z- Otto der in, von 99Ü bis IOO2. Heinrich der II, von ioiz bis 1024. Morgenländlsche Rm'ser. Irene, bis 8^2. Nicephorus der I, von 802 bis 8"- Stauratius, 8". Michael Curopcilates, von 8>i bis 8-z. Leo der V, von 8'Z bis 820. Michael der Stammler, von 820 bis 829. Theophilus, von 829 bis 842- Michael Porphyrogenneta, von 842 bis 867. sBasilius der I, von 867 I bis 868- ^Constantin der VIII, von j 868 bis 878. i Leo der VI,von 870 bis 911. Alexander, von 911 bis 912. Constantin der lX, von 912 bis 960. Romanus der H, von 960 bis 96z. Johann Zimisces, von 869 bis 97?. Basilius der III, von 975 bis 1025. und Constantin der X, von 975 bis 1028. Könige Chronologisches Verzeichnis Ronige von Fc«nd'rcick. Carl der Kahle, von 840 bis 877- Ludwig der II, der Stammler, von 877 bis 879- Ludwig der m, von 879 bis 882. und Carlmann, v. 879 bis 884. Carl der Dicke, von 884 bis 888- Eudes oder Odo von 888 bis 898- Carl der m, der Einfaltige , von 898 bis 929. Radulf, oder Rudolf, von 929 bis 936. Ludwig der !v, Uebersmeer, von 9Z6 bis 954 Lothar, von 954 bis 986. Ludwig der V, der Träge, von 986 bis 987. HugoCapet, v 987 bis 996. Robert, von 996 bis iozi. Ronige in bis 865. Etelred, von 865 bis 872. Alfred der Große, von 872 bis 899- Eduard der I, von 899 bis 92?. Adelstan, von 925 bis 94O. Edred, von 940 bis 955. Eduin, von 955 bis 957. Edgar, von 957 bis 97;. Eduard der II, von 975 bis 978- Edelred, von 978 bis 1016. II Theil. Edmund, Eisenseite, von 1O16 stirbt ioi6. Canut, von iOi6bisiOz6. Ronige in Spanien. Alphonsus der Keusche, von 791 bis 844. Ramir, von 844 bis 85r- Ordonius der 1, von 8;r bis 862. Alphons der Große, von 862 bis 910. Garsias, von 910 bis 91z. Ordonius der H, von 91z bis 92z. Froila, von 92z bis 924. Alphons der IV, von 924 bis 9Zi. Ramir der II, von 931 bis 950. Ordonius der m, von 950 bis 955. Sanchi, von 955 bis 967, Ramir der III, von 967 bis 982. Veremond der II, von 982 bis 999. Alphons der V, von 999 bis iO-8- Schrveviscke Ronige. Erich der IV, von 804 bis 808. Erich der V, von 808 bis 820. Edmund und Biorno, von 820 bis 8Z4- Herol, von 8Z4 bis 856. Carl der VI, von 856 bis 868- Biorn der V, von 868 bis 88Z. Ddd Jngiald, Chronologisches Verzeichnis Jngiald, von 88z bis8?i. Olaus der I, v. 895 bis 900. Ingo der H, v. 900 bis 907. Erich der VI, von 907 bis 917. Erich der VII, von 917 bis 940. Erich der VIII, von 940 bis 980. Olaus der II, der erste christliche König, von 980 bis 1019. Dänische Ronige, welche über das vereinigte Dänemark geherrschet. Herold, der VI, der erste christliche König, von 930 bis 980. Sveno,! von 980 bis 1014. Cannt der Große von 1O14 bis >Oz6. Gciiottiscke Könige. Achajus, von 787 bis 819. Congall, von 819 bis 824. Dongall, von 824 bis 8zo. Alpin, von 8zo bis 8?4- Kennech der n, von 8Z4 bis 855- Donald der V, von 855 bis 858- Constantin der II, von 858 bis 874- Ether, von 874 bis 875- Gregor, von 875 bis 892. Donald der VI, von 892 bis 90z. Constantin der III, von yczz bis 94z. Milcoluinb der I, von 94z bis 95L. Jndulf, von 958 bis 967. Dlissus, von 967 bis 972. Culen, von 972 bis 976. Kennet!) der m, von 976 bis 984. Constantin der^ VI, von 984 bis 985- Grimus, von 985 bis 99z. Milcolumbus, von 99z bis Pohlniscke Fürsten. Piast, von 842 bis 86i. Ziemovit, von 861 bis 892. Lesens der IV, von 892 bis 91z. Zicmoniislails,v,9iz bis96z. Miecislaus,von 96z bis992. Boleslaus der I, von 99s bis 1025. Römische PSbste. Leo der m, von 795 bis 8>6. Stepban der IV, von 816 bis 8-7- Paschalis, von 8^7 bis 824. Eugen der Il,v, 824 bis 827. Valentin, von 827 bis 827- Gregor der IV, von 827 bis 84Z- Sergins der II, von 84Z bis 847. Leo der IV. von847bis8?5> Benedict der m, von 855 bis 858. Nicolaus der I, von 858 bis 867. Adrian der II, von 86? bis 872. Johann der VIII, von 87- bis 882. Marin Marin der I, von 882 bis 884- Adrian der m, von 884 bis 885- Stephan der VI, von 885 bis 891. Formosus,von 8yi bis896. Bonifacius, von 896 b. 896. Stephan der VII, von 896 bis 900. Roman, von 900 bis 900. Theodor, von 900 bis 901. Johann der IX, von 901 bis 905. Benedict der IV, von 905 bis 907. Leo der v, von 907 bis 907. Christoph, von 907 bis 908. Sergius der Hl, von 9^8 bis 910. Anastasms der III, von 910 bis 912. Lando, von 912 bis 912. Johann der X, von 912 bis 928. Leo der VI, von 928 bis 929. Stephan der VIII, von 929 bis 9Zi. Johann der XI, von 9Zl bis 936. Leo der VII, von 936 bis 9Z9- Stephan der IX, von 939 bis 94z. 5 Verzeichnis Morin der H, von 94z bis 946. Agapet der II, von 946 bis 955. Johann der XII, von 955 bis 964, Benedict der V, von 964 bis 965. Leo der vili, von 965 bis 965- Johann der XIII, von 965 bis 972. Domnus der II, von 97, bis 972. Benedict der VI, von 972 bis 974. Benedict der vil, von 974 bis 984- Johann derXlV, von 984 bis 985. Johann der XV, von 985 bis 996. Gregor der V, von 996 bis 999- Sylvester der H, von 999 bis lOOZ. Johann der XVI, oder XVIII,V0N I0OZ bis I0OZ. Johann der xvn, oder XIX, von IOOZ bis 1009. Sergius der IV, von 1009 bis lvi2. Benedict der Vili, von ! S.i2. Z.l. die für den. 19 S, 9 Z- Eybert für Ey- berl. 25 S. >4- Z- denselben wiedergaben für dasselbe wiedergeben, z- S, 2z Z. verknüpften für verknüpten. ebendas. 24 Z. verdienstlich für verdrießlich. 40 S. 6. Z. muß nach Aeble ein Semicolon stehen. und nach dem Worte machtig das Comma ausgestrichen werden. 4z S. 4 Z- Odo für Odom.^ 4Z S. -z Z. störte für stürzte. 6; S- 8 Z- Ziemovit für Zrinorit. 4; S- -8 Z- neugepflanzte für ungepflanzte. 46 S- -o Z. Strick für Streit. 45 S- Z2 Z einer für eines, ebendas Z'z. Z> der für den. 51 S- 26 27 A, Garilianns für Galianus. 57 S. 24 Z. Worin für Worca. 6^ S- 5 Z- «ach: Grausamkeit ließ noch: auf Grausamkeit. 64 S. 24 I. Jvrca für Jvera- 67 S- zz Z- tragischer für tyrannischer. 59 Seite, 1 Zeile, statt: welcher den, lies: welchen der. 67 S. 25 Z. l- »ach: sächsische Ronige noch: in England. 78 S. 8 u. izZ. l. Toris für Topis. 8- S. 26 Z. nach: Irrthum l. Gottfrieds von. 132 S. 11 ?. nach Verfälschungen l. sind so. ebendas. 21, 22 Z. müssen die beyden in vor allen Verfolgungen, und allen Lastern ausgelassen werden. 187 S. 4 Z. l. und selbststandige für un- ftlbststandige. 205 S- 2z Z. für allerfeinste l. aller- gröbste. 206 S 9 Z. l. im Grunde für Ungrunde. 2li S- 26 Z. l. Vorstellung für Verstellung. 254 S- 5 Z. nach dem Worte: verdienten, lies noch: nicht. 271 S. 19 Z- l- kannte für konnte, züi S- 8 Z- lies Regierung für Reinigung. 404 S. 21Z. l. vor für: von 417 S-14 I- für dasselbe, l. dieselbe. 428 S- lv Z. lies gleich im Anfange der Zeile: die Beerdigung. 430 S. zi Z. für doch l. noch. 45ö S. muß die 5te Zeile sich mit einem Puncte schließen, und die 6te sich mit einem großen Buchstaben anfangen. 469 S. 27 Z. l. Eudemon für Erdemon. 466 S. n Z. l. für den: einem. 482 S- 8Z- l. nach den Worten: geborte ein: noch: mehr als menschlicher. 64zS--Z. l. werden für werde. 6;i S. ivZ. l. Clodovichs für Clodorichs. 64öS- 21Z. für veränderlichen l. unveränderlichen. 714 S. ZvZ. lies Morditus für Mordcctus- Der geneigte Leser wird ersucht, die übrigen Fehler des Druckes, und die hier und da fehlerhafte Interpunktion, die der Verfasser nicht andern können, zu entschuldigen und zu bessern.