Vorrede zur erste»: Auflage, 179^. Ä?an kann das Vermögen der Erkenntniß aus Principien A pi^ri die reine Vernunft, und die Untersuchung der Möglichkeit und Gränzen derselben überhaupt die Critik der reinen Vernunft nennen: ob man gleich unter diesem Vermögen nur die Vernunft in ihrem theoretischen Gebrauche versieht, wie es auch in dem ersten Werke unter jener Benennung geschehen ist, ohne noch ihr Vermögen, als practische Vernunft, nach ihren besonderen Principien in Untersuchung ziehen zu wollen. Jene geht alsdann bloß auf mTser Vermögen, Dinge a xriori zu erkennen; und beschäftigt sich also nur mit dem ErkeNNtnlßvermögeN, mit Ausschließung des Gefühls der Lust und Unlust und des Begeh- rungsvermögens; und unter den Erkenntnißvermögen mit dem Verstünde nach seinen Principien a xriori. Mit Ausschließung der Urtheils kraft a 2 IV . Vorrede. und der VeNNMft (als zum theoretischen Erkenntniß gleichfalls gehöriger Vermögen), weil es sich in dem Fortgange findet, daß kein anderes Er- kenncnißvermögen, als der Verstand, consiitutive Erkenntnißprincipien a xiioii an die Hand geben kann. Die Critik also, welche sie insgesammt, nach dem Antheile den jedes der anderen an dem baaren Besitz der Erkenntniß aus eigener Wurzel zu haben vorgeben möchte, sichtet, laßt nichts übrig, als was der Verstand » xrioii als Gesetz für die Natur, als den Jnbegrif von Erscheinungen (deren Form eben sowohl a priori gegeben ist), vorschreibt; verweiset aber alle andere reine Begriffe unter die Ideen, die für unser theoretisches Erkenntnißvermögen überschwenglich, dabey aber doch nicht etwa unnütz oder entbehrlich sind, sondern als regulative Principien dienen: theils die besorglichen Anmaßungen des Verstandes, als ob er (indem er a xriori die Bedingungen der Möglichkeit aller Dinge, die er erkennen kann, anzugeben vermag) dadurch auch die Möglichkeit aller Dinge überhaupt in diesen Gränzen beschlossen habe, zurück zu halten, theils um ihn selbst in der Betrachtung der Natur nach einem Princip der Vollständigkeit, wiewohl er sie nie Vorrede. v erreichen kann, zu leiten, und dadurch die End- absieht alles Erkenntnisses zu befördern. Es war also eigentlich der Vel'Acmd, der sein eigenes Gebiet und zwar im ErkeNNtMßVermö- gen hat, sofern er constitutive Erkenntnißprinci- pien a piioii enthalt, welcher durch die im Allgemeinen so benannte Critik der reinen Vernunft gegen alle übrige Competenten in sicheren aber einigen Besitz gesetzt werden sollte. Eben so ist der VerMMft, welche nirgend als lediglich in Ansehung des Bt- gehrungsvermögens constitutive Principien k> priori enthält, in der Critik der practischen Vernunft ihr Besitz angewiesen worden. Ob nun die Urtheilskraft, die in der Ordnung unserer Erkcnntnißvermögen zwischen dem Verstände und der Vernunft ein Mittelglied ausmacht, auch für sich Principien a xriori habe; ob diese, con- stittttiv oder bloß regulativ sind (und also kein eigenes Gebiet beweisen), und ob sie dem Gefühle der Lust und Unlust, als dem Mittelglieds zwischen dem Erkenntnißvermögen und Begehrungsvermögen, (eben so, wie der Verstand dem ersteren, die Vernunft aber dem letzteren » xriciri Gesetze vor- a z VI Vorrede. schreiben) a xiiori die Regel gebe: das ist es, womit sich gegenwärtige Critik der Urtheilskraft beschäftigt. Eine Critik der reinen Vernunft, d. i. unseres Vermögens nach Principien a rniori zu urtheilen, würde unvollständig seyn, wenn die der Urtheils- kraft, welche für sich als Erkennrnißvermögen darauf auch Anspruch macht, nicht als ein besonderer Theil derselben abgehandelt würde; obgleich ihre Principien in einem System der reinen Philosophie keinen besonderen Theil zwischen der theoretischen und praccischen ausmachen dürfen, sondern im Nothfalle jedem von beiden gelegentlich angeschlossen werden können. Denn, wenn ein solches System unter dem allgemeinen Namen der Metaphysik einmal zu Stande kommen soll (welches ganz vollständig zu bewerkstelligen, möglich, und für den Gebrauch der Vernunft in aller Beziehung höchst wichtig ist); so muß die Critik den Boden zu diesem Gebäude vorher so tief, als die erste Grundlage des Vermögens von der Erfahrung unabhängiger Principien liegt, erforscht haben, damit es nicht an irgend einem Theile sinke, welches den Einsturz des Ganzen unvermeidlich nach sich ziehen würde. Vorrede. vn Man kann aber cmö der Natur der Urtheilskraft (deren richtiger Gebrauch so nothwendig und allgemein erforderlich ist, daß daher unter dem Namen des gesunden Verstandes kein anderes, als eben dieses Vermögen gemeynet wird) leicht abnehmen, daß es mit großen Schwierigkeiten begleitet seyn müsse, ein eigenthümliches Princip derselben auszufinden (denn irgend eins muß es n piioii in sich enthalten, weil es sonst nicht, als ein besonderes Erkenntnißvermögen, selbst der gemeinsten Critik ausgesetzt seyn würde), welches gleichwohl nicht aus Begriffen a xrioi-i abgeleitet seyn muß; denn die gehören dem Verstände an, und die Urteilskraft geht nur auf die Anwendung derselben. Sie soll also selbst einen Begrif angeben, durch den eigentlich kein Ding erkannt wird, sondern der nur ihr selbst zur Regel dient, aber nicht zu einer objectiven, der sie ihr Urtheil anpassen kann, weil dazu wiederum eine andere Urtheilökraft erforderlich feyn würde, um unterscheiden zu können, ob es der Fall der Regel sey oder nicht. Diese Verlegenheit wegen eines Princips (es sey nun ein subjsctives oder objectives) findet sich hauptsachlich in denjenigen Beurtheilungen, die man a 4 Vorrede. Ästhetisch nennt, die das Schöne und Erhabne, der Natur oder der Kunst, betreffen. Und gleichwohl ist die critische Untersuchung eines Princips der Urtheilskraft in denselben das wichtigste Stück einer Critik dieses Vermögens. Denn, ob sie gleich für sich allein zum Erkenntniß der Dinge gar nichts beytragen, so gehören sie doch dem Erkenntnißvermögen allein an, und beweisen eine unmittelbare Beziehung dieses Vermögens auf das Gefühl der Lust oder Unlust nach irgend einem Princip a xrloii, ohne es mit dem, was BestimmungSgrund deö Begehrungsvermögens seyn kann, zu vermengen, weil dieses seine Principien a xrioii in Begriffen der Vernunft hat. — Was aber die logische Beurtheilung der Natur anbelangt, da, wo die Erfahrung eine Gesetzmäßigkeit an Dingen aufstellt, welche zu verstehen oder zu erklären der allgemeine Verstan- desbegrif vom Sinnlichen nicht mehr zulangt, und die Urtheilskraft aus sich selbst ein Princip der Beziehung des Naturdinges auf das unerkennbare Übersinnliche nehmen kann, es auch :ur in Absicht auf sich selbst zum Erkenntniß der Natur brauchen muß, da kann und muß ein solches Princip » xiiori zwar zum Erkenntniß der Weltwesen angewandt Vorrede. ix werden, und eröfnet zugleich Aussichten, die für die pracrische Vernunft vortheilhaft sind: aber es hat keine unmittelbare Beziehung auf das Gefühl der Lust und Unlust, die gerade das Räthftlhafte in dem Princip der Urtheilskraft ist, welches eine besondere Abtheilung in der Critik für dieses Vermögen noth» wendig macht, da die logische Beurtheilung nach Begriffen (aus welchen niemals eine unmittelbare Folgerung auf das Gefühl der Lust und Unlust gezogen werden kann) allenfalls dem theoretischen Theile der Philosophie, sammt einer critischen Einschränkung derselben, hatte angehängt werden können. Da die Untersuchung des Geschmacksvermögens, als ästhetischer Urtheilskraft, hier nicht zur Bildung und Cultur deö Geschmacks (denn diese wird auch ohne alle solche Nachforschungen, wie bisher, so fernerhin, ihren Gang nehmen), sondern bloß in transscendentaler Absicht angestellt wird; so wird sie, wie ich mir schmeichle, in Ansehung der Mangelhaftigkeit jenes Zwecks auch mit Nachsicht beurtheilt werden. Was aber die letztere Absicht betrist, so muß sie sich auf die strengste Prüfung gefaßt machen. Aber auch da kann die große Schwierigkeit, ein Problem, welches die Natur so verwickelt hat, aufzulösen, einiger nicht a 5 X Vorrede. ganz zu vermeidenden Dunkelheit in der Auflösung desselben, wie ich hoffe, zur Entschuldigung dienen, wenn nur, daß das Princip richtig angegeben worden, klar genug dargethan ist; gesetzt, die Art das Phänomen der Urtheilökraft davon abzuleiten, habe nicht alle Deutlichkeit, die man anderwärts, nehmlich von einem Erkenntniß nach Begriffen, mit Recht fordern kann, die ich auch im zweyten Theile dieses Werks erreicht zu haben glaube. Hiemit endige ich also mein ganzes critisches Geschäft. Ich werde ungesäumt zum Doctrinalen schreiten, um, wo möglich, meinem zunehmenden Alter die dazu noch einigermaßen günstige Zeit noch abzugewinnen. Es versteht sich von selbst, daß für die Urtheilskrast darin kein besonderer Theil sey, weil in Ansehung derselben die Critik statt der Theorie dient; sondern daß, nach der Eintheilung der Philosophie in die theoretische und prattische, und der reinen in eben solche Theile, die Metaphysik der Natur und die der Sitten jenes Geschäft ausmachen werden. Einleitung. ?. Von der Einteilung der Philosophie. -^Denn man die Philosophie, sofern sie Principien der Vernunfterkenntniß der Dinge (nicht blvß, wie die Logik, Principien der Form des Denkens überhaupt, ohne Unterschied der Objecte) durch Begriffe enthalt, wie gewöhnlich, in die theoretische und prcictische eintheilt: so verfahrt man ganz recht. Aber alsdann müssen auch die Begriffe, welche den Principien dieser Verunnfter- kenntniß ihr Object anweisen, specifisch verschieden seyn, weil sie sonst zu keiner Eincheiiung berechtigen würden, welche jederzeit eine Entgegensetzung der Principien, der zn den verschiedenen Theilen einer Wissenschaft gehörigen Vernunfterkenntniß, vorausfetzt. Es sind aber nur zweyerley Begriffe, welche eben so viel verschiedene Principien der Möglichkeit ihrer Gegenstände zulassen: nehmlich die NatUrbegrisfe, und der Freiheirsbegrif. Da nun die ersteren ein theo- Xli Einleitung. retlsches Erkenntniß nach Principien -» xriori möglich machen, der zweyte aber in Ansehung derselben nur ein negatives Princip (der bloßen Entgegensetzung) schon in seinem Begriffe bey sich führt, dagegen für die Willensbestimmung erweiternde Grundsätze, welche darum praktisch heißen, errichtet: so wird die Philosophie in zwey, den Principien nach ganz verschiedene, Theile, in die theoretische als Naturphilosophie, und die practiscl)? als Moralphilosophie (denn so wird die practische, Gesetzgebung der Vernunft nach dem Freiheitsbegriffe genannt) mit Recht eingetheilt. Es hat aber bisher ein großer Mißbrauch mit diesen Ausdrücken zur Ein- theilung der verschiedenen Principien, und mit ihnen auch der Philosophie, geherrscht: indem man das Practische nach Naturbegriffen mit dem Praktischen nach dem Freyheitsbegriffe für einerley nahm, und so, unter denselben Benci.uungen einer theoretischen und praktischen Philosophie, eine Eintheilung machte, durch welche (da beide Theile einerley Principien haben konnten) in der That nichts eingetheilt war. Der Wille, als Begehrungsvermögen, ist nehmlich eine von den mancherley Naturursachen in der Welt, nehmlich diejenige, welche nach Begriffen wirkt; und Alles, was als durch einen Willen möglich (oder nothwendig) vorgestellt wird, heißt practisch-möglich (oder nothwendig) - zum Unterschiede von der physischen Möglichkeit oder Nothwendigkeit einer Wirkung, wozu die Einleitung. xtn Ursache nicht durch Begriffe (sondern, wie bey der leblosen Materie, durch Mechanism, und bey Thieren, durch Instinkt) zur Causalitat bestimmt wird. — Hier wird nun in Ansehung des Practischen unbestimmt gelassen: ob der Begrif, der der Causalitat des Willens die Ncgcl giebt, ein Naturbegrif, oder ein Freyhcitsbegrif sey. Der letztere Unterschied aber ist wesentlich. Denn, ist der die Causalitat bestimmende Begrif ein Naturbegrif, so sind die Principien techiiisch-practifch; ist er aber ein Freyhcitsbegrif, so sind diese Momlisch- practisch: und weil es in der Eintheilung einer Vernunftwissenschaft ganzlich auf diejenige Verschiedenheit der Gegenstände ankommt, deren Erkenntniß verschiedener Principien bedarf, so werden die ersteren zur theoretischen Philosophie (als Naturlehre) gehören, die andern aber ganz allein den zweyten Theil, nehmlich (als Sittenlehre) die practische Philosophie, ausmachen. Alle technisch-practische Regeln (d. i. die der Kunst und Geschicklichkeit überhaupt, oder auch der Klugheit, als einer Geschicklichkeit auf Menschen und ihren Willen Einfluß zu haben), fo fern ihre Principien auf Begriffen beruhen, müssen nur als Corollarien zur theoretischen Philosophie gezahlt werden. Denn sie betreffen nur die Möglichkeit der Dinge nach Narurbegriffen, wozu nicht allein die Mittel, die in der Natur dazu anzutreffen sind, sondern selbst der Wille (als Begehrungs<, mithin als Naturvermögen) gehört, sofern er durch Triebst- XIV Einleitung. dern der Natur jenen Regeln gemäß bestimmt werden kann. Doch heißen dergleichen practische Regeln nicht Gesetze (etwa so wie physische), sondern nur Vorschriften: und zwar darum, weil der Wille nicht bloß unter dem Naturbegriffe, sondern auch unter dem Frepheitöbegriffe steht, in Beziehung auf welchen die Principien desselben Gesetze heißen, und mit ihren Folgerungen, den zweyten Theil der Philosophie, nehmlich den practischen, allein ausmachen. So wenig also die Auflösung der Probleme der reinen Geometrie zu einem besonderen Theile derselben gehört; oder die Feldmeßkunst den Namen einer practischen Geometrie, zum Unterschiede von der reinen, als ein zweyter Theil der Geometrie überhaupt verdient : so und noch weniger, darf die mechanische oder chemische Kunst der Experimente oder der Beobachtungen, für einen practischen Theil der Naturlehre, endlich die Haus« Land-StaatSwirthschaft, die Kunst des Umganges, die Vorschrift der Diätetik, selbst nicht die allgemeine Glückseligkeitslehre, sogar nicht einmal die Bezähmung der Neigungen und Bändigung der Affecten zum Behuf der letzteren, zur practischen Philosophie gezählt werden, oder die letzteren wohl gar den zweyten Theil der Philosophie überhaupt ausmachen; weil sie insgesammt nur Regeln der Geschicklichkeit die mithin nur technisch-practisch sind, enthalten, um eine Wirkung hervorzubringen, die o-ach Natnrbegriffen der Ursachen und Wirkungen mög- Einleitung. xv lich ist, welche, da sie zur theoretischen Philesophie gehören, jenen Vorschriften als bloßen Corollarien aus derselben (der Naturwissenschaft) unterworfen sind, und also keine Stelle in einer besondern Philosophie, die practische genannt, verlangen können. Dagegen machen die moralisch-practischen Vorschriften, die sich ganzlich auf dem Freiheitsbegriffe, mit völliger Ausschliessung der Bestimmungsgründe des Willens aus der Natur, gründen, eine ganz besondere Art von Vorschriften aus: welche auch, gleich denen Regeln welchen die Natur gehorcht, schlechthin Gesetze heißen, aber nicht, wie diese, auf sinnlichen Bedingungen, sondern auf einem übersinnlichen Princip beruhen, und, neben dem theoretischen Theile der Philosophie, für sich ganz allein, einen andern Theil, unter dem Namen der practischen Philosophie, fordern. Man siehet hieraus, daß ein Jnbegrif practischcr Vorschriften, welche die Philosophie giebt, nicht einen besonderen, dem theoretischen zur Seite gesetzten, Theil derselben darum ausmache, weil sie practisch sind; denn das könnten sie seyn, wenn ihre Principien gleich ganz« lich aus der theoretischen Erkenntniß der Natur herge« nommen waren (als technisch-practische Regeln); sondern, weil und wenn ihr Princip gar nicht vom Naturbegriffe, der jederzeit sinnlich bedingt ist, entlehnt ist, mithin auf dem Übersinnlichen, welches der Freyheits- begrif allein durch formale Gesetze kennbar macht, be- XVI Einleitung. ruht, und sie also moralisch-practisch, d. i. nicht bloß Vorschriften und Regeln in dieser oder jener Absicht, sondern, ohne vorgehende Bezugnehmung auf Zwecke und Absichten, Gesetze sind. ' . - ' ^ ^Ä^M Vom Gebiete der Philosophie überhaupt. So weit Begriffe a priori ihre Anwendung haben, so weit reicht der Gebrauch unseres Erkenntnißvermö- gens nach Principien, und mit ihm die Philosophie. Der Jnbcgrif aller Gegenstande aber, worauf jene Begriffe bezogen werden, um, wo möglich ein Erkennt-, viß derselben zu Stande zu bringen, kann, nach der verschiedenen Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit unserer Vermögen zu dieser Absicht, eingetheilt werden. Begriffe, sofern sie auf Gegenstände bezogen werden, unangesehcn, ob ein Erkenntniß derselben möglich sey oder nicht, haben ihr FeU', welches bloß nach dem Verhaltnisse, das ihr Object zu unserem Erkenntnißvermögen überhaupt hat, bestimmt wird. — Der Theil dieses Feldes, worin für uuS Erkenntniß möglich ist, ist ein Boden > terriroiinin) für diefe Begriffe und das dazu erforderliche Erkenntnißvermögen. Der Theil des Bodens, worauf diese gesetzgebend sind, ist das Gebiet (äirio) dieser Begriffe, und der ihnen zustehenden Erkenntnißvermögen. Erfahrungöbegriffe haben also zwar Einleitung. XV» zwar ihren Boden in der Natur, als dem Inbegriffe aller Gegenstande der Sinne, aber kein Gebiet (sondern nur ihren Aufenthalt, äoiriicilwm); weil sie zwar gesetzlich erzeugt werden, aber nicht gesetzgebend sind, sondern die auf sie gegründeten Regeln empirisch, mithin zufallig, sind. Unser gesammtes Erkenntnißvermögen hat zwey Gebiete, das der Naturbegriffe, und das des Freyheits« begrifs; denn durch beide ist es a xriori gesetzgebend. Die Philosophie theilt sich nun auch, diesem gemäß, in die theoretische und die practische. Aber der Boden, auf welchem ihr Gebiet errichtet, und ihre Gesetzgebung ausgeübt wird, ist immer doch nur der Jnbegrif der Gegenstände aller möglichen Erfahrung, sofern sie für nichts mehr als bloße Erscheinungen genommen werden; denn ohnedas würde keine Gesetzgebung des Verstandes in Ansehung derselben gedacht werden können. Die Gesetzgebung durch Naturbegriffe geschieht durch den Verstand, und ist theoretisch. Die Gefttzge- bunz durch den Freyheitsbegrif geschieht von der Vernunft, und ist bloß practifch. Nur allein im Practische» kann die Vernunft gesetzgebend seyn; in Ansehung des theoretischen Erkenntnisses (der Natur) kaDi sie nur (als gesetzkuniug, vermittelst des Verstandes) aus gegebenen Gesetzen durch Schlüsse Folgerungen ziehen, die doch immer nur bey der Natur stehen bleiben. Umgekehrt aber, wo Regeln practisch sind, ist die Vernunft Rains Lnr, d. Mcheilel'r. b xvur Einleitung. nicht darum sofort gesetzgebend, weil jene auch tech- nisch-practisch seyn können. Verstand und Vernunft haben also zwey verschiedene Gesetzgebungen auf einem und demselben Boden der Erfahrung, ohne daß eine der anderen Eintrag thun darf. Denn so wenig der Naturbegrif auf die Gesetzgebung durch den Freyheitsbegrif Einfluß hat, eben so wenig stört dieser die Gesetzgebung der Natur. Die Möglichkeit, das Zusammenbcstehen beider Gesetzgebungen und der dazu gehörigen Vermögen in demselben Subject sich wenigstens ohne Widerspruch zu denken, bewies die Critik der r. V., indem sie die Einwürfe dawider durch Aufdeckung des dialectischen Scheins in denselben vernichtete. Aber, daß diese zwey verschiedenen Gebiete, die sich zwar nicht in ihrer Gesetzgebung, aber doch in ihren Wirkungen in der Sinnenwelt unaufhörlich einschränken, nicht Eines ausmachen, kommt daher: daß der Naturbegrif zwar seine Gegenstande in der Anschauung, aber nicht als Dinge an sich selbst, sondern als bloße Erscheinungen, der Freyheitsbegrif dagegen in seinem Objecte zwar ein Ding an sich selbst, aber nicht in der Anschauung vorstellig machen, mithin keiner von beiden ein theoretisches Erkenntniß von seinem Objecte (und selbst dem denkenden Subjecte) als Ding an sich verschaffen kann, welches das Übersinnliche seyn würde, wovon man die Idee zwar der Möglichkeit aller jener ' Einleitung. xix Gegenstande der Erfahrung unterlegen muß, sie selbst aber niemals zu einem Erkenntnisse erheben und erweitern kann. Es giebt also ein unbegränztes, aber auch unzugängliches Feld für unser gesammtes Erkenntnißvermö- gen, nehmlich das Feld des Übersinnlichen, worin wir keinen Boden für uns finden, also auf demselben weder für die Verstandes- noch Vernnnftbegriffe ein Gebiet zum theoretischen Erkenntniß haben können; ein Feld, welches wir zwar zum Behuf des theoretischen sowohl als prciceischen Gebrauchs der Vernunft mit Ideen besetzen müssen, denen wir aber in Beziehung auf die Gesetze aus dem Frciheitsbegriffe, keine andere als prac- tifche Realität verschaffen können, wodurch demnach unser theoretisches Erkenntniß nicht im Mindesten zu dem Übersinnlichen erweitert wird. Ob nun zwar eine unübersehbare Kluft zwischen dem Gebiete des Naturbegrifs, als dem Sinnlichen, und dem Gebiete des Freyheitsbegrifs, als dem Übersinnlichen befestigt ist, so daß von dem ersteren zum anderen (also vermittelst des theoretischen Gebrauchs der Vernunft) kein Übergang möglich ist, gleich als ob es so viel verschiedene Welten wären, deren erste auf di« zweyte keinen Einfluß haben kann: so soll doch diese auf jene einen Einfluß haben, nehmlich der Fi-eiheitsbegrif soll den durch seine Gesetze aufgegebenen Zweck in der Sinnenwelt wirklich machen; und die Natur muß folg- b s XX Einleitung. lich auch so gedacht werden können, daß die Gesetzmäßigkeit ihrer Form wenigstens zur Möglichkeit der in ihr zu bewirkenden Zwecke nach Freyhcitögesetzen zusammenstimme. — Also muß es doch einen Grund der Einheit des Übersinnlichen, welches der Narur zum Grunde liegt, mit dem was der Freihcitsbegrif practisch enthalt, geben, wovon der Begrif, wenn er gleich weder theoretisch noch practisch zu einem Erkenntnisse desselben gelangt, mithin kein eigenthümliches Gebiet hat, dennoch den Übergang von der Denlungsart nach den Principien der einen, zn der nach Principien der anderen, möglich macht. III. Von der Critik der Urtheilskraft, als einem Verbindungsmittel der zwey Theile der Philosophie zu einem Ganzen. Die Critik der Erkenntnißvermögen in Ansehung dessen, was sie s xriori leisten können, hat eigentlich kein Gebiet in Ansehung der Objecte; weil sie keine Doc- trin ist, sondern nur, ob und wie, nach der Bewand- niß die es mit unseren Vermögen hat, eine Doctrin durch sie möglich sey, zu untersuchen hat. Ihr Feld erstreckt sich auf alle Anmaßungen derselben, um sie in die Gränzen ihrer Rechtmäßigkeit zu setzen. Was aber nicht in die Eimheilung der Philosophie kommen kann, Einleitung. xxi das kann doch, als ein Haupttheil, in die Critik deS reinen Erkenntnißvermögens überhaupt kommen, wenn es nehmlich Principien enthält, die für sich weder zum theoretischen noch practischen Gebrauche tauglich sind. Die Naturbegriffe, welche den Grund zu allem theoretischen Erkenntniß a priori enthalten, beruheten auf der Gesetzgebung des Verstandes. — Der Frciheits- begrif, der den Grund zu allen sinnlich-unbedingten practischen Vorschriften a priori enthielt, bernhete auf der Gesetzgebung der Vernunft. Beide Vermögen also haben, außer dem, daß sie der logischen Form nach auf Principien, welchen Ursprungs sie auch seyn mögen, angewandt werden können, ubersem noch jedes seine eigene Gesetzgebung dem Inhalte nach, über die es keine andere o priori) giebt, und die daher die Einteilung der Philosophie in die theoretische und practische rechtfertigt. Allein in der Familie der oberen ErkemmMvermö- gcn giebt es doch noch ein Mittelglied zwischen dem Verstände und der Vernunft. Diese?, ist die Urtheilskraft, von welcher man Ursache hat, nach de? Analogie zu vermuthen, daß sie eben sowohl, wenn gleich nicht eine eigene Gesetzgebung, doch ein ihr eigenes Princip nach Gesetzen zu suchen, allenfalls ein bloß subjcctives g priori, in sich enthalten dürste: welches, wenn ihm gleich kein Feld der Gegenstände als ftin Gebiet Zustände, doch irgend einen Boden haben kann, und eine gewisse V Z XXII Einleitung. Beschaffenheit desselben, wofür gerade nur dieses Princip geltend seyn möchte. Hierzu kommt aber noch (nach der Analogie zu urtheilen) ein neuer Grund, die Urtheilskraft mit einer anderen Ordnung unserer Vorstellungskräfte in Verknüpfung zu bringen, welche von noch größerer Wichtigkeit zu seyn scheint, als die der Verwandtschaft mit der Familie der Erkenntnißvermögcn. Denn alle Seelen- vermögen, oder Fähigkeiten, können auf- die drey zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das Er- kenntnißvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust, und das Begehrungsvermögen Für *) Es ist von Nutzen: zu Begriffen, welche man als empirische Principien braucht, wenn mau Ursache hat zu vermuthen, daß sie mit dem reinen Erkenimiißvermögen » piiori in Verwandtschaft stehen, dieser Beziehung wegen, eine transcendentale.Definition zu versuchen: nehmlich durch reiüe Categorieen, sofern diese allein schon den Unterschied des vorliegenden Begrifs von anderen hinreichend angebe». Man folgt hierin dem Beyspie! des Mathematikers, der die empirischen Data seiner Ausgabe unbestimmt läßt, und nur ihr Verhältniß in der reinen Synthesis derselben unter die Begriffe der reinen Arithmetik bringt, und sich dadurch die Auflösung derselben verallgemeinert. — Man hat mir aus einem ähnlichen Verfahren (Crit- der pract. V>, S. -6 der Vorrede) einen Vorwurf gemacht, und die Definition des Bcgehrungsvermvgens, als Vermögens durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu seyn, getadelt: weil Einleitung. XXll? das Erkenntnißvermögen ist allein der Verstand gesetzgebend, wenn jenes (wie es auch geschehen muß, wenn es bloße wünsche doch auch Begehru»ge» wäre», von denen sich doch jeder bescheidcr, daß er durch dieselben allein ihr Object nicht hervorbringe» könne. — Dieses aber bewei, set nichts weiter, als daß es auch Begehrungen im Menschen gebe, wodurch derselbe mit sich selbst im Widerspruche steht: indem er durch seine Vorstellung allem zur Hervor-' bringung des Objects hinwirkt, von der er doch keine» Erfolg erwarten kau», weil er sich bewußt ist, daß seine mechanischen Kräfte (wenn ich die nicht psychologischen s» nennen soll), die durch jene Vorstellung bestimmt werden müßte», um das Object (mithin mittelbarl zu bewirken, e»tweder nicht zulänglich sind, oder gar auf etwas Unmögliches gehen, j> B> das Geschehene ungeschehen zu mache» (O miKi i,r»ererirc>5.. ' - , XXVIII Einleitung. Idee zum Princip dient, zum Reflectiren, nicht zum Bestimmen); sondern dieses Vermögen giebt sich dadurch nur selbst, und nicht der Natur, ein Gesetz. Weil nun der Begrif von einem Object sofern er zugleich den Grund der Wirklichkeit dieses Objects enthält, der Zweck, und die Übereinstimmung eines Dinges mit derjenigen Beschaffenheit der Dinge, die nur nach Zwecken möglich ist, die Zweckmäßigkeit der Form derselben heißt: so ist das Princip der Urtheilskraft in Ansehung der Form der Dinge der Natur unter empirischen Gesetzen überhaupt, die Zweckmäßigkeit der Natur in ihrer Mannichfaltigkeit. D. i. die Natur wird durch diesen Begrif so vorgestellt, als ob ein Verstand den Grund der Einheit des Mannichfaltigen ihrer empirischen Gesetze enthalte. Die Zweckmäßigkeit der Natur ist also ein besonderer Begrif a priori, der lediglich in der reflectirenden Urtheilskraft seinen Ursprung hat. Denn den Natur- producten kann man so etwas, als Beziehung der Natur an ihnen auf Zwecke, nicht beylegen, sondern diesen, Begrif nur branchen, um über sie in Ansehung der Verknüpfung der Erscheinungen in ihr, die nach empirischen Gesetzen gegeben ist, zu reflectiren. Auch ist dieser Begrif von der practischen Zweckmäßigkeit (der menschlichen Kunst oder auch der Sitten) ganz unterschieden, ob er zwar nach einer Anlogie mit derselben gedacht wird. Einleitung. xxix V. Das Princip der formalen Zweckmäßigkeit der Natur ist ein transcendentales Princip der Urtheilskraft. Ein transcendentales Princip ist dasjenige, durch welches die allgemeine Bedingung 2 priori vorgestellt wird, unter der allein Dinge Objecte unserer Erkenntniß überhaupt werden können. Dagegen heißt ein Princip metaphysisch, wenn es die Bedingung a priori vorstellt, unter der allein Objecte, deren Begrif empirisch gegeben seyn muß, » priori weiter bestimmet werden können. So ist das Princip der Erkenntniß der Körper, als Substanzen «nd als veränderlicher Substanzen, transcendental, wenn dadurch gesagt wird, daß ihre Veränderung eine Ursache haben müsse; es ist aber metaphysisch, wenn dadurch gesagt wird, ihre Veränderung müsse eine äußere Ursache haben: weil im ersteren Falle der Körper nur durch ontologische Pradicate (reine Versiandes- begriffe), z. B. als Substanz, gedacht werden darf, um den Satz a priori zu erkennen; im zweyten aber der empirische Begrif eines Körpers (als eines beweglichen Dinges im Raum) diesem Satze zum Grunde gelegt werden muß, alsdann aber, daß dem Körper das letztere Prädicat (der Bewegung nur durch äußere Ursache) zukomme, völlig s priori eingesehen werden kann. — SoNst, wie ich sogleich zeigen werde, das Princip der , > XXX E!i nleitung. Zweckmäßigkeit der Natur (in der Mannichfaltigkeit ihrer empirischen Gesetze) ein transcendentales Princip. Denn der Begrif von den Objecten, sofern sie als unter diesem Princip stehend gedacht werden, ist nur der reine Begrif von Gegenständen des möglichen Erfahrnngs- erkennrnisses überhaupt, und enthält nichts Empirisches. Dagegen wäre das Princip der practifchen Zweckmäßigkeit, die in der Idee der Bestimmung eines freyen Willens gedacht werden muß, ein metaphysisches Princip; weil der Begrif eines Begehrungsvermögens als eines Willens doch empirisch gegeben werden muß (nicht zu den transcendentalen Prädicaten gehört). Beide Principien aber sind dennoch nicht empirisch, sondern Principien s priori: weil es zur Verbindung des Prädicats mit dem empirischen Begriffe des Subjects ihrer Urtheile keiner weiterett Erfahrung bedarf, sondern jene völlig a priori eingefehen werden kann. Daß der Begrif einer Zweckmäßigkeit der Natur zu den transcendentalen Principien gehöre, kann man aus den Maximen der Urtheilskraft, die der Nachforschung der Natur a priori zum Grunde gelegt werden, und die dennoch auf nichts, als die Möglichkeit der Erfahrung, mithin der Erkenntniß der Natur, aber nicht bloß als Natur überhaupt, fondern als durch eine Mannichfaltigkeit besonderer Gesetze bestimmten Natur, gehen, hinreichend ersehen. — Sie kommen, als Sentenzen der metaphysischen Weisheit, bey Gelegenheit mancher Nc> Einleitung. xxxr geln, deren Nothwendigkeit man nicht aus Begriffen darthun kann, im Laufe dieser Wissenschaft oft genug, aber nur zerstreut, vor. „Die Natur nimmt den kürzesten Weg (lex xarüinmü-iö); sie thut gleichwohl keinen Sprung, weder in der Folge ihrer Veränderungen, noch der Zusammenstellung specifisch verschiedener Formen (lox continui in nawra); ihre große Mannichfaltigkeit in empirischen Gesetzen ist gleichwohl Einheit unter wenigen Principien (xi'incipia ziiaeter necelütarein non tunt innlnpücsncls)"; u. d. gl. M. Wenn man aber von diesen Grundsätzen den Ursprung anzugeben denkt, und es auf dem psychologischen Wege versucht, so ist dies dem Sinne derselben gänzlich zuwider. Denn sie sagen nicht was geschieht, d. i. nach welcher Regel unsere Erkenntnißkrafte ihr Spiel wirklich treiben, und wie geurtheilt wird, fondern wie geurtheilt werden soll; und da kommt diese logische objective Nothwendigkeit nicht heraus, wenn die Principien bloß empirisch sind. Also ist die Zweckmäßigkeit der Natur für unsere Erkenntnißvermögen und ihren Gebrauch, welche offenbar aus ihnen hervorleuchtet, ein transcendentales Princip der Urtheile, und bedarf also auch einer transcendentalen Deduction, vermittelst deren der Grund fo zu urlheilen in den Erkenntnißquellen a xriori aufgesucht werden muß. Wir finden nehmlich in den Gründen der Möglichkeit einer Erfahrung zuerst freylich etwas Nothwendiges, xxxll Einleitung. nehmlich die allgemeinen Gesetze, ohneivelche Natur überhaupt (als Gegenstand der Sinne) nicht gedacht werden kann; und diese beruhen auf den Categorieen, angewandt auf die formalen Bedingungen aller uns möglichen Anschauung, sofern sie gleichfalls s priori gegeben ist. Unter diesen Gesetzen nun ist die Urtheilskrafe bestimmend; denn sie hat nichts zu thun, als unter gegebenen Gesetzen zu subsumiren. Z. V. der Verstand sagt: Alle Veränderung hat ihre Ursache (allgemeines Naturgesetz); die transcendentale Urtheilskraft hat nun nichts weiter zu thun, als die Bedingung der Subfumtion unter dem vorgelegten Versiandesbegrif A xriori anzugeben: und das ist die Succession der Bestimmungen eines und desselben Dinges. Für die Natur nun überhaupt (als Gegenstand möglicher Erfahrung) wird jenes Gesetz als schlechterdings nothwendig erkannt. — Nun sind aber die Gegenstände der empirischen Erkenntniß, außer jener formalen Zeitbedingung, noch auf mancherley Art bestimmt, oder, so viel man s priori urtheilen kann, bestimmbar, sodaß specifisch-verschiedene Naturen, außerdem was sie, als zur Natur überhaupt gehörig, gemein haben, noch auf unendlich mannichfaltige Weise Ursachen seyn können; und eine jede dieser Arten muß (nach dem Begriffe einer Ursache überhaupt) ihre Regel haben, die Gesetz ist, mithin Nothwendigkeit bey sich führt: ob wir gleich, nach der Beschaffenheit und den Schranken unserer Erkenntnißvermögen, diese Nothwendigkeit gar Nicht Einleitung. xxxm nicht einsehen. Also müssen wir in der Natur, in Ansehung ihrer bloß empirischen Gesetze, eine Möglichkeit unendlich mannichfaltiger empirischer Gesetz? denken, die für unsere Einsicht dennoch zufällig sind (» priori nicht erkannt werden können); und in deren Anschung beurtheilen wir die Natureinheit nach empirischen Gesetzen, und die Möglichkeit der Einheit der Erfahrung (als Systems nach empirischen Gesetzen), als zufallig. Weil aber doch eine solche Einheit nothwendig vorausgesetzt und angenommen werden muß, da sonst kein durchgängiger Zusammenhang empirischer Erkenntnisse zu einem Ganzen der Erfahrung Statt finden würde, indem die allgemeinen Naturgesetze zwar einen solchen Zusammenhang unter den Dingen ihrer Gattung nach/ als Naturdinge überhaupt, aber nicht specifisch, als solche besondere Naturwesen, an die Hand geben: so muß die Urlheilskraft für ihren eigenen Gebrauch es als Princip a priori annehmen, daß das für die menschliche Einsicht Zufällige in den besonderen (empirischen) Naturgesetzen dennoch eine, für uns zwar nicht zu ergründende aber doch denkbare, gesetzliche Einheit in der Verbindung ihres Mannichfaltigen zu einer an sich möglichen Erfahrung, enthalte. Folglich, weil die gesetzliche Einheit in einer Verbindung, die wir zwar einer nothwendigen Absicht (einem Bedürfniß) des Versrandes gemäß, aber zugleich doch als an sich zufallig erkennen, als Zweckmäßigkeit der Objecte (hier der Rttiirs Tric. d> Ui-cheilskr. c XXXIV Einleitung. Natur) vorgestellt wird; so muß die Urtheilskrast, die m Ansehung der Dinge unter möglichen (noch zu entdecken« den) empirischen Gesetzen, bloß reflectirend ist, die Natur in Ansehung der letztern nach einem Princip der Zweckmäßigkeit für unser Erkenntnißvermögcn denken, welches dann in obigen Maximen der Urtheilskrast ausgedrückt wird. Dieser transscendentale Vegrif einer Zweckmäßigkeit der Natur ist nun weder ein Na- turbcgrif, noch ein Freyheitsbcgrif, weil er gar nichts dem Objecte (der Natur) beylegt, sondern nur die einzige Art, wie wir iu der Neflection über die Gegenstände der Natur in Absicht auf eine durchgangig zusammenhangende Erfahrung verfahren müssen, vorstellt, folglich ein subjectives Princip (Maxime) der Urteilskraft; daher wir auch, gleich als ob es ein glücklicher unsre Absicht begünstigender Zufall wäre, erfreuet (eigentlich eines Bedürfnisses entledigt) werden, wenn wir eine solche fysiematische Einheit unter bloß empirischen Gesetzen antreffen; ob wir gleich nothwendig annehmen , mußten, es sey eine solche Einheit, ohne daß wir sie doch einzusehen und zu beweisen vermochten. Um sich von der Richtigkeit dieser Deduction des vorliegenden Begrifs, und der Nothwendigkeit ihn als transscendentales Erkenntnißprincip anzunehmen, zu überzeugen, bedenke man nur die Große der Aufgabe: aus gegebenen Wahrnehmungen einer allenfalls unendliche Mannichfaltigkeit empirischer Gesetze enthaltenden Einleitung. xxxv Natur eine zusammenhangende Erfahrung zu machen, weiche Angabe -> ^>-i"ri in unserm Verstände liegt. Der Verstand ist zwar a xiioii im Besitze allgemeiner Gesetze der Natur, ohne welche sie gar kein Gegenstand einer Erfass ung seyn konnte; aber er bedarf doch auch Überbein noch einer gewissen Ordnung der Natur, in den besondern Regeln derselben, die ihm nur empirisch bekannt werden können, und die in Ansehung seiner zufällig sind. Diese Regeln, ohne welche kein Fortgang von der allgemeinen Analogie einer möglichen Erfahrung überhaupt zur besonderen Statt finden würde, muß er sich als Gesetze (d.i. als nothwendig) denken: weil sie sonst keine Naturordnung ausmachen würden, ob er gleich ihre Nothwendigkeit nicht erkennt, oder jemals einsehen könnte. Ob er also gleich in Ansehung derselben (Objecte) n xiiori nichts bestimmen kann, so muß er doch um diesen empirischen sogenannten Gesetzen nachzugehen, ein Princip s^ricui, daß nehmlich nach ihnen eine erkennbare Ordnung der Natur möglich sey, aller Reflexion über dieselbe zum Grunde legen, dergleichen Princip nachfolgende Satze ausdrücken: daß es in ihr eine für uns faßliche Unterordnung von Gattungen und Arten gebe; daß jene sich einander wiederum einem gemeinschaftlichen Princip nahern, damit ein Übergang von einer zu der anderen, und dadurch zu einer höheren Gattung möglich sei); daß, da für die specifische Verschiedenheit der Naturwirkungen eben so viel verschiedene Arten der c 2 XXXVI Einleitung. Causalitat annehmen zu müssen, unserem Verstände an> sanglich unvermeidlich scheint, sie dennoch unter einer geringen Zahl von Principien stehen mögen, mit deren Aufsuchung wir uns zu beschäftigen haben, u. s. w. Diese Ausammenstimmnng der Natur zu unserem Erkenntniß- Vermögen wird von der Urtheilskraft, zum Behuf ihrer Reflexion über dieselbe, nach ihren empirischen Gesetzen, a prlorl vorausgesetzt; indem sie der Verstand zugleich objectiv als zufällig anerkennt, und bloß die Urtheilskraft sie der Natur als transscendentale Zweckmäßigkeit (in Beziehung auf das Erkenntnißvermögen des Subjects) beylegt: weil wir, ohne diese vorauszusetzen, keine Ordnung der Natur nach empirischen Gesetzen, mithin keinen Leitfaden für eine mit diesen nach aller iHrcrMan- nichfaltigkeit anzustellende Erfahrung und Nachforschung derselben haben wurden. Denn es läßt sich wohl denken: daß, ungeachtet aller der Gleichförmigkeit der Naturdinge nach den all-, gemeinen Gesetzen, ohne welche die Form eines Erfahrungserkenntnisses überhaupt gar nicht Statt finden würde, die specifische Verschiedenheit der empirischen Gesetze der Natur, sammt ihren Wirkungen, dennoch so groß seyn könnte, daß es für unseren Verstand unmöglich wäre, in ihr eine faßliche Ordnung zu entdecken, ihre Producte in Gattungen und Arten einzutheilen, um die Principien der Erklärung und des Verständnisses des einen auch zur Erklärung und Begreifung des arp Einleitung. xxxvn dem zu gebrauchen, und aus einem für uns so verworrenen (eigentlich nur unendlich mannichfalligen, unserer Fassungskraft nicht angemessenen) Stoffe eine zusammenhangende Erfahrung zu machen. Die Urtheilskraft hat also auch ei» Princip -> priori für die Möglichkeit der Natur, aber nur in subjectiver Rücksicht, in sich, wodurch sie, nicht der Natur (alsAv- tonomie), sondern ihr selbst (als Heavtonomie) für die Reflexion über jene, ein Gesetz vorschreibt, welches man das Gesetz der Specification der Natur in Ansehung ihrer empirischen Gesetze nennen könnte, das sie n prioii an ihr nicht erkennt, sondern zum Behuf einer für unseren Verstand erkennbaren Ordnung derselben in der Einteilung, die sie von ihren allgemeinen Gesetzen macht, annimmt, wenn sie diesen eine Mannichfaltigkeit der besondern unterordnen will. Wenn man also sagt: die Natur spscificirr ihre allgemeinen Gesetze nach dem Princip der Zweckmäßigkeit für unser Erkenntnißvcrmö- gen, d. i. zur Angemessenheit mit dem menschlichen Verstände in seinem nothwendigen Geschäfte: zum Besonderen, welches ihm die Wahrnehmung darbietet, das Allgemeine, und zum Verschiedenen (für jede Species zwar Allgemeinen) wiederum Verknüpfung in der Einheit des Princips zu finden; so schreibt man dadurch weder der Natnr ein Gesetz vor, noch lernt man eines von ihr durch Beobachtung (ob zwar jenes Princip durch diese bestätigt werden kann). Denn es ist nicht ein Princip der ' , - ' c ? XXXVIII Einleitung. bestimmenden, sondern bloß der reflectirenden Urthcils- kraft; man will nur, daß man, die Natur mag ihren allgemeinen Gesetzen nach eingerichtet seyn wie sie wolle, durchaus nach jenem Princip und den sich darauf gründenden Maxiinen ihren empirischen Gesetzen nachspüren müsse, weil wir, nur so weit als jenes Statt findet, mit dem Gebrauche unseres Verstandes in der Erfahrung fortkommen und Erkenntniß erwerben können. VI. Von der Verbindung des Gefühls der Lust mit dem Begriffe der Zweckmäßigkeit der Natur. Die gedachte Übereinstimmung der Natur in der Mannichfaliigkeit ihrer besonderen Gesetze zu unserem Bedurfnisse, Allgemeinheit der Principien für sie aufzufinden, muß nach aller unserer Einsicht, als zufallig beurtheilt werden, gleichwohl aber doch, für unser Ver- siandevbedürfniß, als unentbehrlich, mithin als Zweckmäßigkeit, wodurch die Natur mit unserer, aber nur auf Erkenntniß gerichteten, Absicht übereinstimmt. — Die allgemeinen Gesetze des Verstandes, welche zugleich Gesetze der Natur sind, sind derselben eben so nothwendig (obgleich aus Spontaneität entsprungen), als die Bewe- gungsgesetze der Materie; und ihre Erzeugung setzt keine Absicht mit unseren Erkenntnißvcrmvgen voraus, weil, wir nur durch dieselben von dem, waö Erkenntniß der Einleitung. xxxrx Dinge (der Nalnv) sey, zuerst einen Vegrif erhalten, und sie der Natur, als Object unserer Erkenntniß überhaupt, nothwendig zukommen» Allein, daß die Ordnung der Natur nach ihren besonderen Gesetzen, bey aller unsere Fassungskraft übersteigenden wenigstens möglichen Manuichfaltigkeit und Ungleichartigkeit, doch dieser wirklich angemessen sey, ist, so viel wir einsehen können, zufällig; und die Aufsindung derselben ist ein Geschäft des Verstandes, welches mit Absicht zu einem nothwendigen Zwecke desselben, nehmlich Einheit der Principien in sie hineinzubringen, geführt wird: welchen Zweck dqnn die Urtheilskraft der Natur beylegen muß, weil der Verstand ihr hierüber fein Gesetz vorschreiben kann. Die Erreichung jeder Absicht ist mit dem Gefühle der Lust verbunden; und, ist die Bedingung der erstem eine Vorstellung » priori, wie hier ein Princip für die reflectirende Urteilskraft überhaupt, so ist das Gefühl der Lust auch durch einen Grund s ^-loil und für jedermann gültig bestimmn und zwar bloß durch die Beziehung des Objects auf das Errenntnißvcrmögen, ohne daß der Begrif der Zweckmäßigkeit hier im Mindesten auf das Begehrungsvermögen Rücksicht nimmt, und sich also von aller practifchen Zweckmäßigkeit der Natur ganzlich unterscheidet. In der That, da wir von dem Zusammentreffen der Wahrnehmungen mit den Gesetzen »ach allgemeinen Naturbegriffen (den Categorieen) nicht die mindeste c 4 Xl. Einleitung. Wirkung auf das Gefühl der Lusi in uns antreffen, auch nicht aulreffen können, weil der Verstand damit unabsichtlich nach seiner Natur nothwendig verfahrt: so ist andrerseits die entdeckte Vereinbarkeit zweyer oder mehrerer empirischen heterogenen Natnrgesetze unter einem sie beide befassenden Princip der Grund einer sehr merklichen Lnst, oft sogar einer Bewunderung, selbst einer solchen, die nicht aufhört, ob man schon mit dem Gegenstande derselben genug bekannt ist. Zwar spüren wir an der Faßlichkeit der Natur, und ihrer Einheit der Abtheilungen in Gattungen und Arten, wodurch allein empirische Begriffe möglich sind, durch welche wir sie nach ihren besonderen Gesetzen erkennen, keine merkliche Lust mehr: aber sie ist gewiß zu ihrer Zeit gewesen, und nur weil die gemeinste Erfahrung ohne sie nicht möglich seyn wurde, ist sie allmählich mit dem bloßen Erkenntnisse vermischt, und nicht mehr besonders bemerkt Worden. — Es gehört also etwas, das in der Beurtheilung der Natur auf die Zweckmäßigkeit, derselben für unsern Verstand aufmerksam macht, ein Studium: ungleichartige Gesetze derselben, wo möglich, unter höhere, obwohl immer noch empirische, zu bringen, dazu, um, wenn es gelingt, an dieser Einstimmung derselben für unser Erkenntnißvermögen, die wir als bloß zufällig ansehen, Lust zu empfinden. Dagegen würde uns eine Vorstellung der Natur durchaus mißfallen, durch wclche man uns vorhersagte, daß bey der min- Einleitung» xr.r besten Nachforschung über die gemeinste Erfahrung hinaus, wir auf eine Heterogcneirät ihrer Gesetze stoßen würden, welche die Vereinigung ihrer besonderen Gesetze unter allgemeinen empirischen für unseren Verstand unmöglich machte; weil dies dem Princip der subjectiv- zweckmäßigen Specifikation der Natur in ihren Gattungen, und unserer reflectirenden Urtheilskrast in der Absicht der letzteren, widerstreitet. Diese Voraussetzung der Urtheilskraft ist gleichwohl darüber so unbestimmt: wieweit jene idealische Zweckmäßigkeit der Natur für unser Erkenntnißvermögen ausgedehnt werden solle, daß, wenn man uns sagt, eine tiefere oder ausgcbreitetere Kenntniß der Natur durch Beobachtung müsse zuletzt auf eine Mannichfaltigkcit von Gesetzen stoßen, die kein menschlicher Verstand auf ein Princip zurückführen kann, wir es c.uch zufrieden sind; . ob wir es gleich lieber hören, wenn Andere uns Hofnung geben: daß, je mehr wir die Natur im Innern kennen würden, oder mit äußeren uns für jetzt unbekannten Gliedern vergleichen könnten, wir sie in ihren Principien UM desto einfacher, und, bei der scheinbaren Heterogenei- tat ihrer empirischen Gesetze, einhelliger finden würden, je weiter unsere Erfahrung fortschritte. Denn es ist ein Geheiß unserer Urtheilskraft, nach dem Princip der An- gemessenheit der Natur zu unserem Erkennrnißvermögen zu verfahren, so weit es reicht, ohne (weil es keine bestimmende Urteilskraft ist, die uns diese Regel giebt) > - - x -, t 5" - - xr.il Einleitung. auszumachen, ob es irgendwo seine Gränzen habe, oder nicht; weil wir zwar in Ansehung des rationalen Ge, brauchs unserer Erkenntnißvcrmögen Gränzen bestimmen können, im empirischen Felde aber keine Gränzbestimmung möglich ist, VII. Von der ästhetischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit der Natur. Was an der Vorstellung eines Objects bloß sub- jectiv ist, d. i. ihre Beziehung auf das Subject, nicht auf den Gegenstand ausmacht, ist die ästhetische Beschaffenheit derselben; was aber an ihr zur Bestimmung des Gegenstandes (zum Erkenntnisse) dient, oder gebraucht werden kann, ist ihre logische Gültigkeit. In dem Erkenntnisse eines Gegenstandes der Sinne kommen beide Beziehungen zusammen vor. In der Sinnenvorstellung der Dinge außer mir ist die Qualität des Raums, worin wir sie anschauen, das bloß Subjective meiner Vorstellung derselben (wodurch, was sie als Object an sich seyn mögen, unausgemacht bleibt), um welcher Beziehung willen der Gegenstand auch dadurch bloß als Erscheinung gedacht wird; der Raum ist aber, seiner bloß subjectiven Qualität ungeachtet, gleichwohl doch ein Erkenntnißstück der Dinge als Erscheinungen. Empfindung (hier die äußere) drückt eben sowohl das bloß Subjective unserer Vorstellun- Einleitung. xmi gen der Dinge außer uns aus, aber eigentlich das Materielle (Reale) derselben (wodurch etwas Exisiirendes gegeben wird), so wie der Raum die bloße Form » priori der Möglichkeit ihrer Anschauung; und gleichwohl wird jene auch zum Erkenntniß der Objecte außer uns gebraucht. Dasjenige Subjective aber an einer Vorstellung was gar kein Erkenntnißstück werden kann, ist die mit ihr verbundene Lnst oder Unlust; denn durch sie erkenne ich nichts an dem Gegenstand: der Vorstellung, obgleich sie wohl die Wirkung irgend einer Erkenntniß seyn kann. Nun ist die Zweckmäßigkeit eines Dinges, sofern sie in der Wahrnehmung vorgestellt wird, auch keine Beschaffenheit des Objects selbst (denn eine solche kann nicht wahrgenommen rocrden), ob sie gleich aus einem Erkenntnisse der Dinge gefolgert werden kann. Die Zweckmäßigkeit also, die vor dem Erkenntnisse eines Objects vorhergeht, ja sogar, ohne die Vorstellung desselben zu einem Erkenntniß brauchen zu wollen, gleichwohl mit ihr unmittelbar verbunden wird, ist das Subjective derselben, was gar kein Erkenutnißstück werden kann» Also wird der Gegenstand alsdann nur darum zweckmäßig genannt, weil seine Vorstellung unmittelbar mit dem Gefühle der Lust verbunden ist; und diese Vorstellung selbst ist eine ästhetische Vorstellung der Zweck- xi.lV Einleitung. Mäßigkeit. — Es fragt sich nur, od es überhaupt eine solche Vorstellung der Zweckmäßigkeit gebe. Wenn mit der bloßen Auffassung Oppreliön/io) der Form eines Gegenstandes der Anschauung, ohne Beziehung derselben auf einen Begrif zu einem bestimmten Erkenntniß, Lust verbunden ist: so wird die Vorstellung dadurch nicht auf das Object, sondern lediglich auf das Subject bezogen; und die Lust kann nichts anders als die Angemessenheit desselben zu den Erkenntnißvermögen, die in der reflectirenden Urtheilskraft im Spiel sind, und sofern sie darin sind, also bloß eine fubjective formale Zweckmäßigkeit des Objects ausdrücken. Denn jene Auffassung der Formen in die Einbildungskraft kann niemals geschehen, ohne daß die rcflectirende Urtheilskraft, auch unabsichtlich, sie wenigstens mit ihrem Vermögen, Anschauungen auf Begriffe zu beziehen, vergliche. Wenn nun in dieser Vergleichung die Einbildungskraft (als Vermögen der Anschauungen a priori) zum Verstände, als Vermögen der Begriffe, durch eine gegebene Vorstellung unabsichtlich in Einstimmung versetzt und dadurch ein Gefühl der Lust erweckt wird, so muß der Gegenstand alsdann als zweckmäßig für die reflcctirende Urtheilskraft angesehen werden. Ein solches Urtheil ist ein ästhetisches Urtheil über die Zweckmäßigkeit des Objects, welches sich auf keinem vorhandenen Begriffe vom Gegenstande gründet, und keinen von ihm verschaft. Wessen Gegenstandes Form (nicht das Einleitung. Materielle seiner Vorstellung, als Empfindung) in der bloßen Reflexion über dieselbe (ohne Absicht auf einen von ihm zu erwerbenden Begrif) als der Grund einer Lust an der Vorstellung eines solchen Objects beurtheilt wird; mit dessen Vorstellung wird diese Lust auch als nothwendig verbunden geurtheilt, folglich als nicht bloß für das Subject, welches diese Form auffaßt, sondern für jeden Urtheilenden überhaupt. Der Gegenstand heißt alsdann schön; und das Vermögen, durch eine solche Lust (folglich auch allgemeingültig) zu urtheilen, der Geschmack. Denn da der Grund der Lust bloß m der Form des Gegenstandes für die Reflexion überhaupt, mithin in keiner Empfindung des Gegenstandes, und auch ohne Beziehung auf einen Negrif, der irgend eine Absicht enthielte, gesetzt wird: so ist es allein die Gesetzmäßigkeit im empirischen Gebrauche der Urtheils- kraft überhaupt (Einheit der Einbildungskraft mit dem Verstände) in dem Subjecte, mit der die Vorstellung des Objects in der Reflexion, deren Bedingnngen a xriori allgemein gelten, zusammen stimmt; und, da diese Zusammenstimmung des Gegenstandes mit denVer- mögen des Subjects zufällig ist, so bewirkt sie die Vorstellung einer Zweckmäßigkeit desselben in Ansehung der Erkennlllißvermögen des Subjects. Hier ist nun eine Lust, die, wie alle Lust oder Unlust, welche nicht durch den Frei>heitsbegnf (d. i. durch die vorhergehende Bestimmung des oberen Begehrungsver- Xl.vl Einleitung. mögens durch reine Vernunft) gewirkt wird, niemals aus Begriffen, als mit der, Vorstellung eines Gegenstandes nothwendig verbunden, eingesehen werden kann, sondern jederzeit nur durch reflettirte Wahrnehmung als mit dieser verknüpft erkannt werden muß, folglich, wie alle empirische Urtheile, keine objective Nothwendigkeit ankündigen und auf Gültigkeit -i privi-l Anspruch machen kaun» Aber, das Geschmacksrittheil macht auch nur Anspruch, wie jedes andere empirische Urtheil, für jedermann zu gelten, welches, ungeachtet der inneren Zufälligkeit desselben, immer möglich ist. Das Befremdende und Abweichende liegt nur darin: daß es nicht ein empirischer Begrif, sondern ein Gefühl der Lust (folglich gar kein Begrif) ist welches doch durch das Geschmacksurtheil, gleich als ob es ein mit dem Erkenntnisse des Objects verbundenes Pradicat Ware, jedermann zugemulhet und mit der Vorstellung desselben verknüpft werden soll. Ein einzelnes Erfahrungsnrtheil, z. B. von dem, der in einem Bergcrystall einen beweglichen Tropfen Wasser wahrnimmt, verlangt mit Recht, daß ein jeder andere es eben fo finden müsse, weil er dieses Urtheil, nach den allgemeinen Bedingungen der bestimmenden Urtheilskraft, unter den Gesetzen einer möglichen Erfahrung überhaupt gefallet hat. Eben fo macht derjenige, welcher in der bloßen Reflexion über die Form eines Gegenstandes, ohne Rücksicht auf einen Begrif, Lust empfindet, ob zwar Einleitung. xi.vil ' dieses Urtheil empirisch und einzelnes Urtheil ist, mit Recht Anspruch auf Jedermanns Beystimmung; weil der Grund zu dieser Lust in der allgemeinen obzwar sub- jectiven Bedingung der reflectirenden Urtheile, nehmlich der zweckmäßigen Übereinstimmung eines Gegenstandes (er sey Product der Natur oder der Kunst) mit dem Verhältniß der Erkenntnißvermvgcn unter sich, die zu jedem empirischen Erkenntniß erfordert wird (der Einbildungskrast und des Versrandes), angetroffen wird. Die Lust ist also im Geschmacksurtheile zwar von einer empirischeit Vorstellung abhangig, und kann xriori mit keinem Begriffe verbunden werden (man kann a ^iimi nicht bestimmen, welcher-Gegenstand dem Geschmacke gemäß seyn werde oder nicht, man muß ihn versuchen); aber sie ist doch der Bestimmungsgrund dieses Urtheils nur dadurch, daß man sich bewußt ist, sie beruhe bloß auf der Reflexion und den allgemeinen, obwohl nur subjecti- ven, Bedingungen der Übereinstimmung derselben zum Erkenntniß der Objecte überhaupt, für welche die Form des Objects zweckmäßig ist. Das ist die Ursache, warnm die Urtheile des Geschmacks ihrer Möglichkeit nach, weil diese ein Princip s priori voraussetzt, auch einer Critik unterworfen sind, obgleich dieses Princip weder ein Erkcnntnißprincip für den Verstand, noch ein practisches für den Willen, und also a xriori gar nicht bestimmend ist. xr.vnl Einleitung» Die Empfänglichkeit einer Lust aus der Reflexion über die Formen der Sachen (der Natur sowohl als der Kunst) bezeichnet aber nicht allein eine Zweckmäßigkeit der Objecte in Verhältniß auf die reflectirende Urtheilskraft, gemäß dem Naturbegriffe am Subject, sondern auch umgekehrt des Subjects in Ansehung der Gegenstände ihrer Form, ja selbst ihrer Unform nach, zufolge dem Freiheitsbegriffe; und dadurch geschieht es: daß das ästhetische Urtheil, nicht bloß als Gefchmacksnrtheil, auf das Schöne, sondern auch, als aus einem Geistesgefühl entsprungenes, auf das Erhabene bezogen, und so jene Critik der ästhetischen Urtheilskraft in zwey diesen gemäße Haupttheile zerfallen muß. VIII. Von der logischen Vorstellung der Zweckmäßigkeit der Natur. An einem in der Erfahrung gegebenen Gegenstande kann Zweckmäßigkeit vorgestellt werden: entweder aus einem bloß subjectiven Grunde, als Übereinstimmung seiner Forin, in der Auffassung (gpprsKei.üo) desselben vor allem Begriffe, mit den Erkenntnißvermögen, um die Anschauung mit Begriffen zu einem Erkenntniß überhaupt zu vereinigen; oder aus einem objectiven, als Übereinstimmung seiner Form mit der Möglichkeit des Dinges selbst, nach einem Begriffe von ihm, der .,»>'' H I^, vor> Einleitung. xl.ix vorhergeht und den Grund dieser Form enthält. Wir haben gesehen: daß die Vorstellung der Zweckmäßigkeit der ersteren Art ans der unmittelbaren Lust an der Form des Gegenstandes in der bloßen Reflexion über sie beruhe; die also von der Zweckmäßigkeit der zweyten Art, da sie die Form des Objects nicht auf die Erkenntnißver- mögen des Subjects in der Auffassung derselben, sondern auf ein bestimmtes Erkenntniß des Gegenstandes unter einem gegebenen Begriffe bezieht, hat nichts mit einem Gefühle der Lust an den Dingen, sondern mit dem Verstände in Beurtheilung derselben zu thun. Wenn der Begrifvon einem Gegenstände gegeben ist, so besteht das Geschäft der Urtheilskraft im Gebrauche desselben zum Erkenntniß in der Darstellung (exlildltlo), d.i. darin, dem Begriffe eine correspondirende Anschauung zur Seite zu stellen: es sey, daß dieses durch unsere eigene Einbildungskraft geschehe, wie in der Kunst, wenn wir einen vorhergefaßten Bcgrif von einem Gegenstande, der für uns Zweck ist, realisiren, oder durch die Natur, in der Technik derselben (wie bey organisirten Körpern), wenn wir ihr unseren Begrif vom Zweck zur Beurtheilung ihres Products unterlegen; in welchem Falle nicht bloß Zweckmäßigkeit der Natur in der Form des Dinges, sondern dieses ihr Product als NullirMeck vorgestellt wird. — Obzwar unser Begrif von einer subjcctiven Zweckmäßigkeit der Natur in ihren Formen nach empirischen Gesetzen, gar kein Bcgrif vom Object Raute Lric. d- Mchcilskr. d 5. Einleitung. ist, sondern nur ein Princip der Urtheilskraft sich in dieser ihrer übergroßen Mannichfc>ltigkeit Begriffe zu verschaffen (in ihr orientiren zu können): so legen wir ihr doch hiedurch gleichsam eine Rücksicht auf unfer Erkenntnißvermögen nach der Analogie eines Zwecks bey; und so können wir die Naturschönheit als Darstellung des Begrifs der formalen (bloß fubjectiven), und die NatM zwecke als Darstellung des Begrifs einer realen (objectiven) Zweckmäßigkeit ansehen, deren eine wir durch Geschmack (ästhetisch, vermittelst des Gefühls der Lust), die andere durch Verstand und Vernunft (logisch, nach Begriffen) beurtheilen. Hierauf gründet sich die EintheSlung der Critik der Urtheilskraft in die der ästhetischen und der teleologi- schen; indem unter der ersteren das Vermögen, die formale Zweckmäßigkeit (sonst auch subjective genannt) durch das Gefühl der Lust oder Unlust; unter der zweyten das Vermögen, die reale Zweckmäßigkeit (objective) der Natur durch Verstand und Vernunft zu beurtheilen verstanden wird. In einer Critik der Urtheilskrast ist der Theil, welcher die ästhetische Urtheilskraft enthält, ihr wesentlich angehörig, weil diese allein ein Princip enthalt, welches die Urlheilskraft völlig -> xviarl ihrer Reflexion über die Natur znm Grunde legt, nehmlich das einer formalen Zweckmäßigkeit der Natur nach ihren besonderen (empirische») Gesetzen für unser Erkenntmßvermögen, ohne Einleitung. 1.1 welche sich der Verstand in sie nicht finden könnte: anstatt daß gar kein Grund -> priori angegeben werden kann, ja nicht einmal die Möglichkeit davon aus dem Begriffe einer Natur, als Gegenstandes der Erfahrung im Allgemeinen sowohl, als im Besonderen, erhellet, daß es objective Zwecke der Natur, d. i. Dinge die nur als Naturzwecke möglich sind, geben müsse; sondern nur die Urtheilskraft, ohne ein Princip dazu a priori in sich zu enthalten, in vorkommenden Fallen (gewisser Producte), um zum Behuf der Vernunft von dem Begriffe der Zwecke Gebrauch zu machen, die Regel enthalte, nachdem jenes transscendentale Princip schon den Begrif eines Zweckes (wenigstens der Form nach) auf die Natur anzuwenden den Verstand vorbereitet hat. Der transscendentale Grundsatz aber, sich ein? Zweckmäßigkeit der Natur in subjectiver Beziehung auf unser Erkcnntmßvermögen an der Form eines Dinges als ein Princip der Beurtheilung derselben vorzustellen, laßt es ganzlich unbestimmt, wo und in welchen Fallen ich die Beurtheilung, als die eines Products nach einem Princip der Zweckmäßigkeit, und nicht vielmehr bloß nach allgemeinen Naturgesetzen anzustellen habe, und überlaßt es der ästhetischen Urtheilskraft, im Geschmacke die Angemessenheit desselben (seiner Form) zu unseren Er- kenntnißvermögen (sofern diese nicht durch Übereinstimmung mitBegriffen, sondern durch das Gefühl entscheidet' auszumachen. Dagegen giebt die tclcologisch gebrauchre d 2 Einleitun g. Urtheilskraft die Bedingungen bestimmt an, unter denen etwas (z. B. ein organisirter Körper^ nach der Idee eines Zwecks der Natur zu beurtheilen sey; kann aber keinen Grundsatz aus dein Begriffe der Natur, als Gegenstandes der Erfahrung, für die Befuguiß anführen, ihr eine Beziehung auf Zwecke a priori beyzulegen, und auch nur unbestimmt dergleichen von der wirklichen Erfahrung an " solchen Producten anzunehmen: wovon der Grund ist, daß viele besondere Erfahrungen angestellt und unter der Einheit ihres Pi wcips betrachtet werden müssen, um eine objective Zweckmäßigkeit an einem gewissen Gegenstande nur empirisch erkennen zu können. — Die ästhetische Urtheilskraft ist also ein besonderes Vermögen, Dinge nach einer Regel, aber nicht nach Begriffen, zu beurtheilen. Die teleologische ist kein besonderes Vermögen, sondern nur die reflectirende Urlheilskraft überhaupt, sofern sie, wie überall im theoretischen Erkenntnisse, nach Begriffen, aber in Ansehung gewisser Gegenstande der Natur nach besonderen Principien, nehmlich einer bloß reflectirenden Nicht Objecte bestimmenden Urtheiiskraft, verfahrt, also ihrer Anwendung nach zum theoretischen Theile der Philosophie gehöret, und der besonderen Principien wegen, die nicht, wie es in einer Doctrin seyn muß, bestimmend sind, auch einen besonderen Theil der Critik ausmachen muß; anstatt daß die ästhetische Urrheilskraft zum Erkenntniß ihrer Gegenstande nichts beytragt, und also nur zur Critik des urtheilenden Subjects und der Einleitu ng. Erkenntnißvermögen desselben, sofern sie der Principien pi-Wri fähig sind, von welchem Gebrauche (dem theoretischen oder practifchen) diefe übrigens auch feyn mögen, gezählt werden muß, welche die Propadevtik aller Philosophie ist. IX. Von der Verknüpfung der Gesetzgebungen des Verstandes und der Vernunft durch die Urteilskraft. Der Verstand ist a prlml gesetzgebend für die Na-^ tur als Object der Sinne, zu eiucm theoretischen Erkenntniß derselben in einer möglichen Erfahrung. Die Vernunft ist -> pi-iml gefetzgebend für die Freyheit und ihre eigene Causalität, als das Übersinnliche in den, Subjecte, zu einem unbedingt - practischen Erkenntniß. Das Gebiet des Naturbegrifs, unter der einen, und das des Freyhcitsöegrifs unter der andern Gesetzge- . bung, sind gegen allen wechselseitigen Einfluß, den. sie für sich (ein jcdcS nach feinen Grundgesetzen) auf einander haben können, durch die große Kluft, welche das Übersinnliche von den Erscheinungen trennt, gänzlich abgesondert. Der Freyheitsbegrif bestimmt nichts in Ansehung der theoretischen Erkenntniß der Natur; der Nalurbcgrif eben sowohl nichts in Ansehung der practi- schcn Gesetze der Freyheit: und es ist in sofern nicht 1 Einleitn n g. ü.öglich, eine Brücke von einem Gebiete zu dem andern hinüberzuschlagen. — Allein, wenn die Bestimmungsgründe der Causalitat nach dem Freyheittbegriffe (und der praktischen Regel die er enthalt) gleich nicht in der Natur belegen sind, und das Sinnliche das Übersinnliche im Subjecte nicht bestimmen kann; so ist dieses doch umgekehrt (zwar nicht in Ansehung des Erkenntnisses der Natur, aber doch der Folgen aus dem ersteren auf die letztere) möglich, und schon in dem Begriffe einer Causalitat durch Freyheit enthalten, deren Wirkung diesen ihren formalen Gesetzen gemaZ in der Welt geschehen soll, obzwar das Wort Ursache, von dem Übersinnlichen gebraucht, nur der GrUttd bedeutet, die Causalitat der Naturdinge zu einer Wirkung, gemäß ihren eigenen Naturgesetzen, zugleich aber doch auch mit dem formalen Princip der Vernnnftgefttze einhellig, zu bestimmen, wovon die Möglichkeit zwar nicht eingesehen, aber der Einwurf von einem vorgeblichen Widerspruch, der sich darin fände, hinreichend widerlegt werden kann *). — Die Wirkung nach dem ') Einer von den verschiedenen vermeynten Widersprüchen l» dieser gänzlichen Unterscheidung der Naturcausalität von der durch Freyheit ist der, da man ihr den Vorwurs macht- daß, wenn icb von Hindernissen, die die Natur der Causalitat „ach Freyh-itsgeseyen (den moralischen) legt, oder ihrer Beförderung durch dieselbe rede, ich doch der ersteren aus die letztere einen Wnfluß einräume. Aber, wenn man das Gesagte nur verstehen will, so ist die Mißdeutung Einleitung. i.v Freyheitsbegriffe ist der Endzweck, der (oder dessen Erscheinung in der Sinnenwelt) erlstiren soll, wozu die Bedingung der Möglichkeit desselben in der Natur (des Subjects als Sinnenwesens, nehmlich als Mensch) vorausgesetzt wird. Das, was diese » xriori und ohne Rücksicht auf das Practische voraussetzt, die Urtheils- kraft, giebt den vermittelnden Vegrif zwischen den Naturbegriffen und dem Freyheitsbegriffe, der den Übergang von der reinen theoretischen zur reinen practischen, von der Gesetzmäßigkeit nach der ersten zum Endzwecke nach dem letzten möglich macht, in dem Begriffe einer Zweckmäßigkeit der Natur an die Hand, denn dadurch wird die Möglichkeit des Endzwecks, der allein in der Natur und mit Einstimmung ihrer Gesetze wirklich werden kann, erkannt. Der Verstand giebt, durch die Möglichkeit seiner Gesetze 2 xriori für die Natur, einen Beweis davon, sehr leicht zu verhüten. Der Widerstand, oder die Beför, derung, ist nicht zwischen der Natur und der Freyheit, sonder» der ersteren als Erscheinung und den Wirkungen der letzter» als Erscheinungen in der Sinnenwelt; und selbst die Causalität der Freyheit (der reinen und practische» Vernunft) ist die Causalität einer jener untergeordneten Naturursache (des Subjects, als Mench, folglich als Erscheinung betrachtet), von deren Bestimmung das Intel- ligible, welches unter der Freyheit gedacht wird, auf eins übrigens (eben so wie eben dasselbe, was das übersinnliche Substrat der Natur ausmacht) unerklärliche Art, den Grund enthalt. d4 I-VI Einleitung. daß diese von uns nur als Erscheinung erkannt werde, mithin zugleich Anzeige auf ein übersinnliches Substrat derselben; aber laßt dieses ganzlich unbestimmt. Die Urtheilskraft vcrschaft durch ihr Princip a piioil der Beurtheilung der Natur, nach möglichen besonderen Gesetzen derselben, ihrem übersinnlichen Substrat (in uns sowohl als außer uns) Bestimmbarkeit durch das intellectuelle Vermögen. Die Vernunft aber giebt eben demselben durch ihr practisches Gesetz a ^rlm-i dieBestlMMUNg; und so macht die Urteilskraft den Übergang vom Gebiete deS Naturbegriss zu dem des Freyheitsbegrifs möglich. In Ansehung der Seelenvermögen überhaupt, sofern sie als obere, d. i. als solche die. eine Avtonomie enthalten, betrachtet werden, ist für das ErkeiMtlÜß- vermögen (das theoretische der Natur) der Verstand dasjenige, welches dieconstitUtiven Principien a enthalt; für das Gefühl der Lust und Unlust ist es die Urtheilskraft, unabhängig von Begriffen und Empfindungen, die sich auf Bestimmung des Begeh- rungsvermögens beziehen und dadurch unmittelbar pra- ctifch seyn könnten; für das BegehrttNgSvermögeN, die Vernunft, welche ohne Vermittelung. irgend einer Lust, woher sie auch komme, practifch ist, und demselben, als'oberes Vermögen , den Endzweck bestimmt, der zugleich das reine intellectuelle Wohlgefallen am Objecte mit sich führt. — Der Begrif der Urtheilskraft von Einleitung. r.vir einer Zweckmäßigkeit der Natur ist noch zu den Natur- begriffen gehörig, aber nur als regulatives Princip des Erkenntnißvermögens; obzwar das ästhetische Urtheil über gewisse Gegenstände (der Natur oder der Kunst), welches ihn veranlasset, in Ansehung deS Gefühls der Lust oder Unlust ein constitutives Princip ist. Die Spontaneität im Spiele der Erkeuntnißvermögen, deren Zusammensiimmung den Grund dieser Lnst enthält, macht den gedachten Begrif zur Vermittelung der Verknüpfung der Gebiete des Naturbegrifs mit dem Freyheitsbegrisse in ihren Folgen tauglich, indem diese zugleich die Empfänglichkeit des Gemüths für das moralische Gefühl befördert. Folgende Tafel kann die Übersicht aller oberen Vermögen ihrer systematischen Einheit nach erleichtern *) ') Man hat es bedenklich gefunden, daß meine Eintheilungen in der reinen Philosophie fast immer dreytheilig ausfallen. Das liegt aber in der Natur der Sache. Soll eine ^inlhei- lung « pnoii gescheden, so wird sie entweder an.rlvcisch seyn, näch dem Salze des Widerspruchs; und da ist sie jeder« zeit ;weyt!>silig (quoiZIider cns eli nur AM non Oder sie ist fturhccisch; und, wenn sie in diesem Falle aus Begriffen i> priori (nicht, wie in der Mathematik, aus der -lpliori dem Begriffe correspondireiidei! Anschauung) soll gs- führt werden, so muß, nach demjenigen was zu der syn, thelischen Einheit überhaupt erforderlich ist, nehmlich i)Be< dingung, -) ein Bedingtes, z) der Degrif der aus der Ver< einigung des Bedingten mit seiner Bedingung entspringt, die Einlheilung nothwendig Trichotvmie seyn. I.V1Il Einleitung. G G «t, « -t c-> ?ü ^ 'S Z ^ » ^ ^> ? « S ^ -6 x: «z^- s ^ Z «5 » <» ? ^ 3 K ^ « ^ Z Z ^ s c-> ^ <Ä LZ ^ K „ ''l ^ ^> Z R » 'S?, «? ^ ^ A ? Z ^ M cs' cN ^ ^ ^ » ^ ^ .2. « ^ <-! <» ^ 5' i^» ^ O u. ?Z S » « ^ cc> z> « Eintheilung des ganzen Werks. Erster Theil. '" - > ^ / / ! Critik der ästhetischen Urtheilskraft» Erster Abschnitt. Analytik der ästhetischen Urteilskraft. Erstes Buch. Analytik des Schönen. « - - - Seite z Zweytes Buch. Analytik des Erhabenen. ----- 74 Zweyter Abschnitt. Dialectik der ästhetischen Urtheilökraft. » 2z 1 QX - Zweyter Theil. Critik der teleologischen Urtheilökraft. S. 265 Erste Abtheilung. Analytik der teleologischen Urtheilskrast. - 271 Zweyte Abtheilung. Dialectik der teleologischen Urteilskraft. - zu Anhang. Methodenlehre der teleologischen Urteilskraft. «--------->- Z64 Der Der Critik der U r t h e i l s k r a ft Erster Theil. Kritik der ästhetischen Urtheilskraft. ix^ms Trir, d Urrheilskr. A » Erster Abschnitt. Analytik der ästhetischen U r t h e i l s k r a st. Erstes Buch. Analytik des Schönen. Erstes M o m e n t des Geschmacksurtheils der Qualität uach. §. i. Das Geschmacksurtheil ist ästhetisch. zu unterscheiden, ob etwas schön sey oder nicht, beziehen wir die Vorstellung nicht durch den Verstand auf das Object zum Erkenntnisse, sondern durch die Einbil- Die Definition des Geschmacks, welche hier zum Grunde gelegt wird, ist: daß er das Vermögen der Beurtheilung des Schönen sey. Was aber dazu erfordert wird, nm einen Gegenstand schön zu nennen, das mnsj die Analyse der Urtheile des Geschmacks entdecke». Die Momente, woraus diese Urrheilskraflin ihrer Reflexion Acht hat, habeich nack A ^ 4 Erster Theil. dungskraft (vielleicht mit dem Verstände verbunden) auf das Subject und das Gefühl der Lust oder Unlust desselben. Das Gefthmacksurtheil ist also kein Erkeuntniß- urtheil, mithin nicht logisch, fondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund Nicht anders als subjectiv seyn kann. Alle Beziehung der Vorstellungen, selbst die der Empfindungen, aber kann objectiv seyn (und da bedeutet sie das Reale einer empirischen Vorstellung); nur nicht die auf das Gefühl der Lust und Unlust, wodurch gar nichts im Objecte bezeichnet wird, fondern in der das Subject, wie es durch die Vorstellung afficirt wird, sich selbst fühlt. Ein regelmäßiges, zweckmäßiges Gebäude mit seinem Erkenntnißvermögen (es sey in deutlicher oder verworrener Vorstellungsart) zu befassen, ist ganz etwas anders, als sich dieser Vorstellung mit der Empfindung des Wohlgefallens bewußt zu seyn. Hier wird die Vorstellung gänzlich auf das Subject, und zwar auf das Le« bensgefühl desselben, unter dem Namen des Gefühls der Lust oder Unlust, bezogen: welches ein ganz besonderes Unterscheidungs- und Beurtheilungsvermögen gründet, das zum Erkenntniß nichts beyträgt, sondern nur Anleitung der logischen Functioncn zu urtheilen, aufgesucht (denn imGcschmacksurtheile ist immer noch eine Beziehung auf den Verstand enthalten). Die der Qualität habe ich zuerst in Betrachtung gezogen, weil das asrhetischeNrlheil über das Schöne auf diese zuerst Rücksicht nimmt. Ccitik der ästhetischen Urtheilskraft. 5 die gegebene Vorstellung im Subjecte gegen das ganze Vermögen der Vorstellungen halt, dessen sich das Gemüth im Gefühl seines Zustandes bewußt wird. Gegebene Vorstellungen in einem Urtheile können empirisch (mithin ästhetisch) seyn; das Urtheil aber, das durch sie gefallt wird, ist logisch, wenn jene nur im Urtheile auf das Object bezogen werden. Umgekehrt aber, wenn die gegebenen Vorstellungen gar rational waren, würden aber in einem Urtheile lediglich aufdas Subject (fein Gefühl) bezogen, so sind sie sofern jederzeit ästhetisch. §. 2. Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurtheil bestimmt, ist ohne alles Interesse. Interesse wird das Wohlgefallen genannt, das wir mit der Vorstellung der Existenz eines Gegenstandes verbinden. Ein solches hat daher immer zugleich Beziehung auf das Begehrungsvermögen, entweder als Bestimmungsgrund desselben, oder doch als mit dem Bestimmungsgrunde desselben nothwendig zusammenhangend. Nun will man aber, wenn die Frage ist ob etwas schön sey, nicht wissen, ob uns, oder irgend jemand, an der Existenz der Sache irgend etwas gelegen sey, oder auch nur gelegen seyn könne; sondern, wie wir in der bloßen Betrachtung (Anschauung oder Reflexion) beurtheilen. Wenn mich jemand fragt, ob ich den Pallast, den ich A ? 6 , Erster Theil. vor mir sehe, schon finde; so mag ich zwar sagen: ich liebe dergleichen Dinge nicht, die bloß für das Angaffen . gemacht sind, oder, wie jener Jrokesische SafheM, ihm gefalle in Paris nichts besser als die Garküchen! ich kann noch überdcmanfgut Nousjeauisch ans die Eitelkeit der Großen schmalen, welche den Schweiß des Volks ans so entbehrliche Dinge verwenden; ich kann mich endlich gar leicht überzeugen, daß, wenn ich mich ans einem unbewohnten Eylande, ohne Hofnung jemals wieder zu Menschen zu kommen, befände, und ich durch meinen bloßen Wunfch ein solches Prachtgcbaude hinzaubern könnte, ich mir auch nicht einmal diese Mühe darum geben würde, wenn ich schon eine Hütte hatte die mir bequem genug wäre» Man kann mir alles dieses einräumen und gutheißen; nur davon ist jetzt nicht die Rede. Man will nur wissen, ob die bloße Vorstellung des Gegenstandes in mir mit Wohlgefallen begleitet sey, so gleichgültig ich auch immer in Ansehung der Existenz des Gegenstandes dieser Vorstellung seyn mag. Man sieht leicht, daß es auf dem, was ich aus dieser Vorstellung in mir selbst mache, nicht auf dem, worin ich von der Existenz des Gegenstandes abhänge, ankomme, um zu sagen, er sey schön, und zu beweisen, ich habe Geschmack. Ein jeder muß eingcstehcn, daß dasjenige Urtheil über Schönheit, worin sich das mindeste Interesse mengt, sehr parteylich und kein reines Geschmacksurtheil sey. Man muß nicht im mindesten für die Existenz der Sache eingenommen, Critik der ästhetischen UrcheilSkraft. 7 sondern in diesem Betracht ganz gleichgültig seyn, um in Sachen des Geschmacks den Richter zu spielen. Wir können aber diesen Satz, der von vorzüglicher Erheblichkeit ist, nicht besser erläutern, als wenn wir dem reinen uninteressirten *) Wohlgefallen im Geschmacksurtheile dasjenige, was mit Interesse verbunden ist, entgegensetzen : vornehmlich wenn wir zugleich gewiß seyn können, daß es nicht mehr Arten des Interesse gebe, als die eben jetzt namhaft gemacht werden sollen. ' >A^^ v^/ Das Wohlgefallen am Angenehmen ist mit Interesse verbunden. Angenehm ist das, was den Sinnen in der Empfindung gefällt. Hier zeigt sich nun sofort die Gelegenheit, eine ganz gewöhnliche Verwechselung der doppelten Bedeutung, die das Wort Empfindung haben kann, zu rügen und darauf aufmerksam zn machen. Alles Wohlgefallen (sagt oder denkt man) ist selbst Empfindung (einer Lust). Mithin ist alles, was ') Ein Urtheil über einen Gegenstand des Wohlgefallens kann ganz munleressirr, aber doch sehr interessant seyn, d. i. cs gründet sich auf keinem Interesse, aber es bringt cinJn- tcrcsse hervor; dergleichen sind alle reine moralische Urtheile. Aber die Geschmacksurtheile begründen an sich auch gar kein Interesse. Nur in der Gesellschaft wird es interessant, Geschmack zn haben, wovon der Grund in der Folge angezeigt werden wird. A 4 8 Erster Theil. gefallt, eben hierin, daß es gefallt, angenehm (und nach den verschiedenen Graden oder auch Verhältnissen zu andern angenehmen Empfindungen anMUthig, lieblich, ergötzend, erfreulich u. s. w). Wird aber das eingeräumt, so sind Eindrücke der Sinne, welche tue Neigung, oder Grundsatze der Vernunft, welche den Willen, oder bloße reflectirte Formen der Anschauung, welche die Urtheilskraft bestimmen, was die Wirkung auf das Gefühl der Lust betrift, ganzlich einerley. Denn diese wäre die Annehmlichkeit in der Empfindung seines Zustandes; und, da doch endlich alle Bearbeitung unserer Vermögen aufs Practifche ausgehen und sich darin als in ihrem Ziele vereinigen muß, fo könnte man ihnen keine andere Schätzung der Dinge und ihres Werths zumu- then, als die in dem Vergnügen besteht, welches sie versprechen. Auf die Art, wie sie dazu gelangen, kömmt es am Ende gar nicht an; und da die Wahl der Mittel hierin allein einen Unterschied machen kann, so könnten Menschen einander wohl der Thorheit und des Unverstandes, niemals aber der Niederträchtigkeit und Bosheit beschuldigen: weil sie doch alle, ein jeder nach seiner Art die Sachen zu sehen, nach einem Ziele laufen, welches für jedermann das Vergnügen ist. Wenn eine Bestimmung des Gefühls der Lust oder Unlust Empfindung genannt wird, so bedeutet dieser Ausdruck etwas ganz anderes, als wenn ichdieVorstel- lung einer Sache (durch Sinne, als eine zum Erkennt- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 9 nißvermögen gehörige Neceptivitat) Empfindung nenne. Denn im letztern Falle wird die Vorstellung auf das Object, im ersten aber lediglich auf das Subject bezogen, und dient zu gar keinem Erkenntnisse, auch nicht zu demjenigen, wodurch sich das Subject selbst erkennt. Wir verstehen aber in der obigen Erklärung unter dem Worte Empfindung eiue objective Vorstellung der Sinne; und, um nicht immer Gefahr zu laufen, miß- gedeutet zu werden, wollen wir das, was jederzeit bloß subjectiv bleiben muß und schlechterdings keine Vorstellung eines Gegenstandes ausmachen kann, mit dem sonst üblichen Namen des Gefühls benennen. Die grüne Farbe der Wiesen gehört zur objectiven Empfindung, als Wahrnehmung eines Gegenstandes des Sinnes; die Annehmlichkeit derselben aber zur subjectiven Empfindung, wodurch kein Gegenstand vorgestellt wird: d. i. zum Gefühl, wodurch der Gegenstand als Object des Wohlgefallens (welches kein Erkenntniß desselben ist) betrachtet wird. Daß nun mein Urtheil über einen Gegenstand, wodurch ich ihn für angenehm erklare, ein Interesse an demselben ausdrücke, ist daraus schon klar, daß es durch Empfindung eine Begierde nach dergleichen Gegenstanden rege macht, mithin das Wohlgefallen nicht das bloße Urtheil über ihn, sondern die Beziehung seiner Existenz auf meinen Zustand, sofern er durch ein solches Object afficirt wird, voraussetzt. Daher man von dem Ange- A? 12 Erster Theil. etwas bedeutet, was unmittelbar gefallt. (Eben so ist es auch mit dem, was ich schön nenne, bewandt.) Selbst in den gemeinsten Reden unterscheidet man das Angenehme vom Guten. Von einem durch Gewürze und andre Zusätze den Geschmack erhebenden Gerichte sagt man ohne Bedenken, es sey angenehm, und gesteht zugleich, daß es nicht gut sey: weil es zwar unmittelbar den Sinnen behagt, mittelbar aber, d. i. durch die Vernunft, die auf die Folgen hinaus sieht, betrachtet, mißfallt. Selbst in der Beurtheilung der Gesundheit kann man noch diesen Unterschied bemerken. Sie ist jedem, der sie besitzt, unmittelbar angenehm (wenigstens negativ, d. i. als Entfernung aller körperlichen Schmerzen). Aber, um zu sagen, daß sie gut sey, muß man sie noch durch die Vernunft auf Zwecke richten, nehmlich daß sie ein Zustand ist, der uns zu allen unsern Geschäften aufgelegt macht. In Absicht der Glückfeligkeit glaubt endlich doch jedermann, die größte Summe (der Menge sowohl als Dauer nach) der Annehmlichkeiten des Lebens, ein wahres, ja sogar das höchste Gut nennen zu können. Allein auch dawider sträubt sich die Vernunft. Annehmlichkeit ist Genuß. Ist es aber auf diesen allein angelegt, so wäre es thöricht, scrupulös in Ansehung der Mittel zu seyn, die ihn uns verschaffen, ob er leidend, von der Freygebigkeit der Natur, oder durch Selbstthätigkeit und unser eignes Wirken erlangt wäre. Daß aber eines Menschen Existenz an sich einen Werth Critik der ästhetischen Urtheilskraft. iz habe, welcher bloß lebt (und in Dieser Absicht noch so sehr geschäftig ist) um zu gelließen, sogar wenn er dabey Andern, die alle eben so wohl nur aufs Genießen ausgehen, als Mittel dazu aufs beste beförderlich Ware, und zwar darum, weil er durch Sympathie alles Vergnügen mit genösse: das wird sich die Vernunft nie überreden lassen. Nur durch das, was er thut, ohne Rücksicht auf Genuß, in voller Freyheit und unabhängig von dem, was ihm die Natur auch leidend verschaffen könnte, giebt er seinem Daseyn als der Existenz einer Person einen absoluten Werth; und die Glückseligkeit ist, mit der ganzen Fülle ihrer Annehmlichkeit, bey weitem nicht ein unbedingtes Gut ^). Aber, ungeachtet aller dieser Verschiedenheit zwischen dem Angenehmen und Guten, kommen beide doch darin überein: daß sie jederzeit mit einem Interesse an ihrem Gegenstande verbunden sind, nicht allein das Angenehme §. z, und das mittelbar Gute (das Nützliche) welches als Mittel zu irgend einer Annehmlichkeit gefallt, sondern auch das schlechterdings und in aller Absicht Gute, nehmlich das moralische, welches das höchste Interesse bey sich führt. Denn das Gute ist das Object ') Eine Verbindlichkeit zum Genießen ist eine offenbare Ungereimtheit. Eben daß muß also auch eine vorgegebene Verbindlichkeit zu allen Handlungen seyn, die zu ihrem Ziele bloß das Genießen haben: dieses mag nun so geistig ausgedacht (oder verbrämt) seyn, wie es wolle, und weim «s auch ein mystischer sogenannter himmlischer Genuß wär?. 14 Erster Theil. des Willens (d. i. eines durch Vernunft bestimmten Be> gehrungsvermögens). Etwas aber wollen, und an dem Daseyn desselben ein Wohlgefallen haben d.i. daran ein Interesse nehmen, ist identisch. §- 5- Begleichung der drey specifisch verschiedenen Arten des Wohlgefallens. Das Angenehme und Gute haben beide eine Beziehung aufdasVegehrungsvermögen, und fuhren sofern, jenes ein pathologisch-bedingtes (durch Anreize, Ltii»,Ucis), dieses ein reines vractisches Wohlgefallen bey sich, welches nicht bloß durch die Vorstellnng des Gegenstandes, sondern zugleich durch die vorgestellte Verknüpfung des Subjects mit der Existenz desselben bestimmt wird. Nicht bloß der Gegenstand, sondern auch die Existenz desselben gefallt. Daher ist das Gcschmacksurtheil bloß con- templativ d. i. ein Urtheil welches, indifferent in Ansehung des Daseyns eines Gegenstandes, nur seine Beschaffenheit mit dem Gefühl der Lust und Unlust zusammen^- halt. Aber diese Contemplation selbst ist auch nicht auf Begriffe gerichtet; denn das Gefchmacksurtheil ist kein Erkenntnißurtheil (weder ein theoretisches noch praktisches), und daher auch nicht auf Begriffe gegründet, oder auch auf solche abgezweckt. Das Augenehme, das Schöne, das Gute, bezeichnen also drey verschiedene Verhaltnisseder Vorstellungen Critik der ästhetischen Urtheilökrast. 15 zum Gefühl der Lust uud Unlust, in Beziehung auf welches wir Gegenstände, oder Vorstellungsarten, von einander unterscheiden. Auch sind die jedem angemessenen Ausdrücke, womit man die Complacenz in denselben bezeichnet, nicht einerley. Angenehm heißt jemandem das, was ihn vergnügt; schön, was ihm bloß g e- fällt; gut, was geschätzt, gebilligt, d. i. worin von ihm ein objektiver Werth gesetzt wird. Annehmlichkeit gilt auch für vernunftlose Thiere; Schönheit nur für Menschen d. i. thierische, aber doch vernünftige Wesen, aber auch nicht bloß als solche (z. B. Geister) sondern zugleich als thierische; das Gute aber für jedes ver- nüustige Wesen überhaupt. Ein Satz, der nur in der Folge seine vollständige Rechtfertigung und Erklärung bekommen kann. Man kann sagen: daß unter allen diesen drey Arten des Wohlgefallens, das des Geschmacks am Schönen einzig und allein ein uninteressir- tes und freyes Wohlgefallen sey; denn kein Interesse, weder das der Sinne, noch das der Vernunft, zwingt den Beyfall ab. Daher könnte man von dem Wohlgefallen sagen: es beziehe sich in den drey genannten Fallen auf Neigung, oder Gunst, oder Achtung. Denn Gunst ist das einzig freye Wohlgefallen. Ein Gegenstand der Neigung, und einer welcherdurch ein Vernunftgesetz uns zum Begehren auferlegt wird, lassen uns keine Freyheit, uns selbst irgend woraus einen Gegenstand der Lust zu machen. Alles Interesse setzt Bedürfniß vor- 16 Erster Theil. aus, oder bringt eines hervor; und, als Besiimmungs- gründ des Beyfalls, laßt es das Urtheil über den Gegenstand nicht mehr frey seyn. Was das Interesse der Neigung beym Angenehmen Vetrift, so sagt jedermann: Hunger ist der beste Koch, und Leuten von gesundem Appetit schmeckt alles was nur eßbar ist; mithin beweiset ein solches Wohlgefallen keine Wahl nach Geschmack. Nur wenn das Bedürfniß befriedigt ist, kann man unterscheiden, wer unter Vielen Geschmack habe, oder nicht. Eben so giebt es Sitten (Conduite) ohne Tugend, Höflichkeit ohne Wohlwollen, Anständigkeit ohne Ehrbarkeit u. s. w. Denn wo das sittliche Gesetz spricht, da giebt es, objectiv, weiter keine freye Wahl in Ansehung dessen, was zu thun sey; und Geschmack in seiner Aufführung (oder in Beurtheilung anderer ihrer) zeigen, ist etwas ganz anderes, als seine moralische Denkungsart äußern: denn diese enthalt ein Gebot und bringt ein Bedürfniß hervor, da hingegen der sittliche Geschmack mit den Gegenstanden des Wohlgefallens nur spielt, ohne sich an eines zn hangen. Aus dem ersten Momente gefolgerte Erklärung des Schönen» GeschMackist das Beurtheilungsvermögen eines Gegenstandes oder einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen, oder Mißfallen, ohne alles Interesse. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt Schön. Zweytes Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 17 Zweytes Moment des Geschmacksurtheils, nehmlich seiner Quantität nach. §. 6. Das Schöne ist das, was ohne Begriffe, als Object eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird. Diese Erklärung des Schönen kann aus der vorigen. Erklärung desselben, als eines Gegenstandes des Wohlgefallens ohne alles Interesse, gefolgert werden. Denn das, wovon jemand sich bewußt ist, daß das Wohlgefallen an demselben bey ihm selbst ohne alles Interesse sey, das kann derselbe nicht anders als so beurtheilen, daß es einen Grund des Wohlgefallens für jedermann enthalten müsse. Denn da es sich nicht auf irgend eine Neigung des Subjects (noch auf irgend ein anderes überlegtes Interesse) gründet, sondern da der Urtheilende sich in Ansehung des Wohlgefallens, welches er dem Gegenstände widmet, völlig frey fühlt: so kann er keine Privatbedingungen als Gründe des Wohlgefallens auffinden, an die sich sein Subject allein hängte, und muß es daher als in demjenigen begründet ansehen, was er auch bey jedem andern voraussetzen kann; folglich muß er glauben Gruüd zu haben, jedermann ein ahnliches Wohlgefallen zuzumuthen. Er wird daher vom Schö- RKncs Cric.d, Urrheilekr B z8 Erster Theil. nen so sprechen, als ob Schönheit eine Beschaffenheit des Gegenstandes und das Urtheil logisch (durch Begriffe vom Objecte eine Erkenntniß desselben ausmache) Ware; ob es gleich nur ästhetisch ist und bloß eine Beziehung der Vorstellung des Gegenstandes auf das Subject enthalt: danun, weil es doch mit dem logischen die Aehnlichkeit hat, daß man die Gültigkeit desselben für jedermann daran voraussetzen kann. Aber aus Begriffen kaun diese Allgemeinheit auch nicht entspringen. Denn von B?> griffen giebt es keinen Uebergang zum Gefühle dc. Lust oder Unlust (ausgenommen in reinen practifthen Gesetzen, die aber ein Interesse bey sich führen; dergleichen mit dem reinen Geschmacksurtheile nicht verbunden ist). Folglich muß dem Geschmacksurtheile, mit dem Bewußtseyn der Absonderung in demselben von allem Interesse, ein Anspruch auf Gültigkeit für jedermann, ohne auf Objecte gestellte Allgemeinheit anhangen, d. i. es muß damit ein Anspruch auf subjective Allgemeinheit verbunden seyn. §. 7. Vergleichung des Schönen mit dem Angenehmen und Guten durch obiges Merkmal. In Ansehung des Angenehmen bescheidet sich ein jeder: daß sein Urtheil, welches er auf ein Privatgefühl gründet, und wodurch er von einem Gegenstande sagt daß er ihm gefalle, sich auch bloß auf seine Person ein» Cntik der ästhetischen Urtheilskraft. 19 schränke. Daher ist er es gern zufrieden, daß, wenn er sagt: der Canarienfect ist angenehm, ihm ein anderer den Ausdruck verbessere und ihn erinnere, er solle sagen: er ist Mir angenehm; und so nicht allein im Geschmack der Zunge, des Gaumens und des Schlundes, »vudern auch in dem, was für Augen und Ohren jedem angenehm seyn mag. Dem einen ist die violette FtNbc sanft und lieblich, dem andern todt und erstorben. Einer liebt den Ton der Blasinstrumente, der andre den von den Saiteninstrumenten. Darüber in der Absicht zu streiten um das Urtheil anderer, welches von dem unfrigen verfchie-. den ist, gleich als ob es diesem logisch entgegen gefetzt wäre, für unrichtig zu schelten, Ware Thorheit; in Au- sehung des Angenehmen gilt also der Grundsatz: eil! jeder hat seinen eigenen Geschmack (der Sinne). Mit dem Schonen ist es ganz anders bewaudt. Es wäre (gerade umgekehrt) lächerlich, wenn jemand, der sich auf seinen Geschmack etwas einbildete, sich damit zu rechtfertigen gedachte: dieser Gegenstand (das Gebäude was wir sehen, das Kleid was jener trägt, das Concert was wir hören, das Gedicht welches zur Beurtheilung aufgestellt ist) ist für Mich schön. Denn er muß es nicht schön uennen, wenn es bloß ihm gefällt. Reiz und Annehmlichkeit mag für ihn Vieles haben, darum bekümmert sich niemand; wenn er aber etwas für schön ausgiebt, so murhet er andern eben dasselbe Wohlgefallen zu: er urtheilt nicht bloß für sich, B 2 2v Erster Theil. sondern für jedermann, und spricht alsdann von der Schönheit, als wäre sie eine Eigenschaft der Dinge. Er sagt daher, die Sache ist schön; und rechnet nicht etwa darum aufAnderer Einstimmung in sein Urtheil des Wohlgefallens, weil er sie mehrmalcn mit dem seinigen einstimmig befunden hat, sondern fordert es von ihnen. Er tadelt sie, wenn sie anders urtheilen, und spricht ihnen den Geschmack ab, von dem er doch verlangt daß sie ihn haben sollen; und sofern kann man nicht sagen: ein jeder hat seinen besondern Geschmack. Dieses würde so viel heißen, als: es giebt gar keinen Geschmack, d. i. kein ästhetisches Urtheil, welches auf jedermanns Bey- stimmung rechtmäßigen Anspruch machen könnte. Gleichwohl findet man auch in Ansehung des Angenehmen, daß in der Beurtheilung desselben sich Einhelligkeit unter Menschen antreffen lasse, in Absicht auf welche man doch einigen den Geschmack abspricht, andern ihn zugesteht, und zwar nicht in der Bedeutung als Organsinn, sondern als Beurrheilungsvermögen in Alt- sehung des Angenehmen überhaupt. So sagt man von jemanden, der seine Gaste mit Annehmlichkeiten (des Genusses durch alle Sinne) so zu unterhalten weiß, daß es ihnen insgesammt gefallt: er habe Geschmack. Aber hier wird die Allgemeinheit nur comparativ genommen; und da giebt es nur generale (wie die empirischen alle sind), nicht universale Regeln, welche letzteren das Geschmacksurtheil über das Schöne sich unternimmt oder Critik der ästhetischen Urchellökraft. 21 darauf Anspruch macht. Es ist ein Urtheil in Beziehung auf die Geselligkeit, sofern sie auf empirifthen Regeln beruht. In Ansehung des Guten, machen die Urtheile zwar auch mit Recht auf Gültigkeit für jedermann Anspruch; allein das Gute wird nur durch einen Begrif als Object eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt, welches weder beym Angenehmen noch beym Schonen der Fall ist. §. 8. Die Allgemeinheit des Wohlgefallens wird in einem Geschmacksnrtheile nur als sub- jectiv borgestellt. Diefe besondere Bestimmung der Allgemeinheit eines ästhetischen Urtheils, die sich in einem Gefchmacks- urtheile antreffen laßt, ist eine Merkwürdigkeit, zwar nicht für den Logiker, aber wohl für den Transscendental-Philosophen, welche seine nicht geringe Bemühung auffordert, um den Urfprung derselben zu entdecken, dafür aber auch eine Eigenschaft unseres Erkenntnißvermögens aufdeckt, welche, ohne diese Zergliederung, unbekannt geblieben wäre. Zuerst muß man sich davon völlig überzeugen: daß man durch das Gefchmacksurtheil (über das Schone) das Wohlgefallen an einem Gegenstände jedermann ansinne, ohne sich doch ans einem Begriffe zu gründen (denn da wäre es das Gnte); und daß diefer Anspruch Bz -2 Erster Theil. auf Mgemeingultigkeit so wesentlich zu einem Urtheil gehöre wodurch wir etwas für schön erklaren, daß, ohne dieselbe dabey zu denken, es niemand in die Gedanken kommen würde, diesen Ausdruck zn gebrauchen, sondern alles, was ohne Begrif gefallt, zum Angenehmen gezahlt werden würde, in Ansehung dessen man jeglichen seinen Kopf für sich haben laßt, und keiner dem andern Einstimmung zu seinem Geschmacksurthcile zu- murhct, welches doch im Geschmacksurtheile über Schönheit jederzeit geschieht. Ich kann den ersten den Sinnen- Geschmack, den zweyten den Reflexions-Geschmack nennen, sofern der erstere bloß Privaturtheile, der zweyte aber vorgeblich gemeingültige (publike), beiderseits aber ascherische (nicht practische) Urtheile, über einen Gegenstand, bloß in Ansehung des Verhältnisses seiner Vorstellung zum Gefühl der Lusi und Unlust, fallet. Nun ist es doch befremdlich, daß, da von dem Sinnenge- schmück nicht allein die Erfahrung zeigt, daß sein Urtheil (der Lust oder Unlust an irgend etwas) nicht allgemein gelte, sondern jedermann auch von selbst so bescheiden ist, diese Einstimmung andern nicht eben anzusinnen (ob sich gleich wirklich öfter eine sehr ausgebreitete Einhelligkeit auch in diesen Urtheilen vorfindet); der Reflexions- Gcschmack, der doch auch oft genug, mit seinem Ansprüche auf die allgemeine Gültigkeit seines Urtheils (ü er das Schöne) für jedermann, abgewiesen wird, wie die Erfahrung lehrt, gleichwohl es möglich finden Crmk der ästhetischen Urteilskraft. 2Z könne (welches er auch wirklich thut) sich Urtheile vorzustellen, die diese Einstimmuug allgemein fordern könnten, und sie in der That für jedes seiner Geschmacksurtheile jedermann zumuthet, ohne daß die Urtheilenden wegen der Möglichkeit eines solchen Anspruchs in Streite sind, sondern sich nur in besondern Fallen wegen der richtigen Anwendung dieses Vermögens nicht einigen können. Hier ist nun allererst zu merken, daß eine Allgemein-- hcit die nicht auf Begriffen vom Objecte (wenn gleich nur empirischen) beruht, gar nicht logisch, sondern ästhetisch sey, d. i. keine objective Quantität des Urtheils, sondern nur eine subjective enthalte; für welche ich auch den Ausdruck Gemeingültigkeit, welcher die Gültigkeit nicht von der Beziehung einer Vorstellung auf das Erkenntnißvermögen, fondern auf das Gefühl der Lust und Unlust für jedes Subject bezeichnet, gebrauche. (Man kann sich aber auch desselben Ausdrucks für die logische Quantität des Urtheils bedienen, wenn man nur dazusetzt objective Allgemeingültigkeit, zum Unterschiede von der bloß subjectiven, welche allemal ästhetisch ist.) Nun ist ein objectiv allgemeingültiges Urtheil auch jederzeit subjectiv, o, i. wenn das Urtheil für alles, was uuter einem gegebenen Begriffe enthalten ist, gilt, so gilt es auch für jedermann, der sich einen Gegenstand durch diesen Begrif vorstellt. Aber von einer subjectl- ven Allgememgültigkeit, d. i. der ästhetischen, die B 4 24 Erster Theil. auf keinem Begriffe beruht, laßt sich nicht auf biologische schließen; weil jene Art Urtheile gar nicht aufdas Object geht. Ebcn darum aber muß auch die ästhetische Allgemeinheit, die einem Urtheile beygelegt wird, von besonderer Art seyn, weil sich das Prädikat der Schönheit nicht mit dem Begriffe des Objects, in seiner ganzen logischen Sphäre betrachtet, verknüpft, und doch eben dasselbe über die ganze Sphäre der Urtheilenden ausdehnt. In Ansehung der logischen Quantität sind alle Geschmacksurtheile einzelne Urtheile. Denn weil ich den Gegenstand unmittelbar an mein Gefühl der Lust und Unlust halten muß, und doch nicht durch Begriffe: so können jene nicht die Quantität objectiv-gemeingültiger Urtheile haben; obgleich, wenn die einzelne Vorstellung des Objects des Gcschmacksurtheils nach den Bedingungen, die das letztere bestimmen, durch Verglci- chung in einen Begrif verwandelt wird, ein logifch all- meines Urtheil daraus werden kann. Z. B. die Rose, die ich anblicke, erkläre ich durch ein Gcfchmacksurtheil für schön; dagegen ist das Urtheil, welches durch Ver- gleichung vieler einzelnen entspringt: die Rosen überhaupt sind schön, nunmehr nicht bloß als ästhetisches, sondern als ein auf einem ästhetischen gegründetes logisches Urtheil ausgesagt. Nun ist das Urtheil: die Rose ist (im Gebrauche) angenehm, zwar auch ein ästhetisches und einzelnes, aber kein Geschmacks-, sondern ein Sin- mnurtheil. Es unterscheidet sich nehmlich vom ersteren Critik der ästhetischen Urteilskraft. 25 darin: daß das Geschmacksurtheil eine ästhetische Quantität der Allgemeinheit, d. i. der Gültigkeit für jedermann bey sich führt, welche im Urtheile über das Angenehme nicht angetroffen werden kann. Nur allein die Urtheile über das Gute, ob sie gleich auch das Wohlgefallen an einem Gegenstande bestimmen, haben logische, nicht bloß ästhetische Allgemeinheit; denn sie gelten vom Object, als Erkenntnisse desselben, und darum für jedermann. Wenn man Objecte bloß nach Begriffen beurtheilt, so geht alle Vorstellung der Schönheit verloren. Also kann es auch keine Regel geben, nach der jemand genöthigt werden sollte etwas für schön anzuerkennen. Ob ein Kleid, ein Haus, eine Blume schon sey: dazu läßt man sich sein Urtheil durch keine Gründe oder Grundsätze aufschwatzen. Man will das Object seinen eignen Augcn unterwerfen, gleich als ob sein Wohlgefallen von der Empfindung abhinge; und dennoch, wenn man den Gegenstand alsdann schön nennt, glaubt man eine allgemeine Stimme für sich zu haben, und macht Anspruch auf den Beytritt von jedermann, da hingegen jede Privatempfindung nur für den Betrachtenden allein und seilt Wohlgefallen entscheiden würde. Hier ist nun zusehen, daß in dem Urtheile des Ge^ schmacks nichts postulirt wird, als eine solche allgemeine Stimme, in Ansehung des Wohlgefallens ohne Vermittelung der Begriffe; mithin die Möglichkeit B 5 26 Erster Theil. eines ästhetischen Urtheils, welches zugleich als für jedermann gültig angesehen werden könne. Das Geschmacksurtheil selber postlllirt nicht jedermanns Einstimmung (denn das kann nur ein logisch allgemeines, weil es Grunde anfuhren kann, thun); es fümet nur jedermann diese Einsiimmnng all, als einen Fall der Regel, in Ansehung dessen es die Bestätigung nicht von Begriffen, sondern von anderer Beytritt erwartet. Die allgemeine Stimme ist also nur eine Idee (worauf sie beruhe, wird hier noch nicht untersucht). Daß der, welcher ein Geschmacksurtheil zu fällen glaubt, in der That dieser Idee gemäß urtheile, kann ungewiß seyn; aber daß er es doch darauf beziehe, mithin daß es ein Geschmacksurtheil seyn folle, kündigt er durch den Ausdruck der Schönheit an. Für sich selbst aber kann er durch das bloße Bewußtseyn der Absonderung alles dessen, was zum Angenehmen und Guten gehört, von dem Wohlgefallen was ihm noch übrig bleibt, davon gewiß werden; und das ist alles, wozu er sich die Beystimmung von jedermann verspricht: ein Anspruch, wozu unter diesen Bedingungen er auch berechtigt seyn würde, wenn er nur wider sie nicht öfter fehlte und darum ein irriges Geschmacksurtheil fallete. Cncik der ästhetischen Urtheilskraft. 27 §. 9- Untersuchung der Frage: ob im Geschmacksurtheile das Gefühl der Lust vor der Beurtheilung des Gegenstandes, oder diese vor jmer vorhergehe. Die Auflösung dieser Aufgabe ist der Schlüssel zur Critik des Geschmacks, und daher aller Aufmerksamkeit würdig. Ginge die Lust an dem gegebenen Gegenstande vor- her, und nur die allgemeine Mittheilbarkeit derselben sollte im Geschmacksurtheile der Vorstellung des Gegenstandes zuerkannt werden, so würde ein solches Verfahren mit sich selbst im Widerspruche stehen. Denn dergleichen Lust würde keine andere, als die bloße Annehmlichkeit in der Sinnenempfindung seyn, und daher ihrer Natur nach nur Privatgültigkcit haben können, weil sie von der Vorstellung, wodurch der Gegenstand gegeben Wird, unmittelbar abhinge. Also ist es die allgemeine Mittheilungsfahigkeit des Gemüthszustandes in der gegebenen Vorstellung, welche als subjective Bedingung des Geschmacksurtheils, demselben zum Grunde liegen, und die Lust an dem Gegenstande zur Folge haben muß. Es kann aber nichts allgemein mitgetheilt werden, als Erkenntniß, und Vorstellung sofern sie zum Erkenntniß gehört. Denn sofern ist die letztere nur allein objectiv, und hat nur dadurch 28 Erster Theil. einen allgemeinen Beziehungspunct, womit die Vorstellungskraft Aller zusammenzustimmen genöthiget wird. Soll nun der Bestimmungsgrund des Urtheils über diese allgemeine Mittheilbarkcit der Vorstellung bloß fubjectiv, nehmlich ohue einen Begrif vom Gegenstande gedacht werden, so kann er lein anderer a,ls der Gemütszustand seyn, der im Verhältnisse der Vorstellungskräfte zu einander angetroffen wird, sofern sie eine gegebene Vorstellung auf Erkenntniß überhaupt beziehen. Die Erkenntnißlrafte, die durch diese Vorstellung ins Spiel gesetzt werden, sind hieben in einem freyen Spiele, weil kein bestimmter Begrif sie auf eine besondere Erkenntnißregel einschränkt. Also muß der Ge- müthszustand in dieser Vorstellung der eines Gefühls des freyen Spiels der Vorstellungskräfte in einer gegebenen Vorstellung zu einem Erkenntnisse überhaupt seyn. Nun gehören zu einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird, damit überhaupt daraus Erkenntniß werde, Einbildungskraft für die Zusammensetzung des Mannichfaltigen der Anschauung, und Verstand für die Einheit des Begrifs der die Vorstellungen vereinigt. Dieser Zustand eines freyen Spiels der Er- kenntnißvermögcn, bey einer Vorstellung wodurch ein Gegenstand gegeben wird, muß sich allgemein mittheilen lassen: weil Erkenntniß, als Bestimmung des Objects, womit gegebene Vorstellungen (in welchem Subjecte es ' Critik der ästhetische» Urteilskraft. 29 auch sey) zusammen stimmen sollen, die einzige Vorstel- lungsart ist, die für jedermann gilt. Die subjective allgemeine Mittheilbarkeit der Vorstellungsart in einem Geschmacksurtheile, da sie ohne einen bestimmten Begrif vorauszusehen, Statt finden soll, kann nichts anders als der Gcmüthszustaud in dem freyen Spiele der Einbildungskraft und des Verstandes (sofern sie unter einander, wie es zu einem Erkenntnisse Überhaupt erforderlich ist, zusammen stimmen) seyn: indem wir uns bewußt sind, daß dieses zum Erkenntniß überhaupt schickliche subjective Verhältniß eben so wohl für jedermann gelten und folglich allgemein mittheilbar seyn müsse, als es eine jede bestimmte Erkenntniß ist, die doch immer auf jenem Verhältniß als subjec- tiver Bedingnng beruht. Diese bloß subjective (ästhetische) BeurtheiKmg des Gegenstandes, oder der Vorstellung wodurch er gegeben wird, geht nun vor der Lust an demselben vorher, und ist der Grund dieser Lust an der Harmonie der Erkenntniß- Vermögen; auf jener Allgemeinheit aber der fubjectiven Bedingungen der Beurtheilung der Gegenstände gründet sich allein diese allgemeine subjective Gültigkeit des Wohlgefallens, welches wir mit der Vorstellung des Gegenstandes den wir schön nennen, verbinden. Daß, seinen Gemütszustand, selbst auch nur in Ansehung der Erkenntnißvermvgen, mittheilen zu können, eine Lust bey sich führe: könnte man aus dem natür- zo Erster Theil. lichen Hange des Menschen zur Geselligkeit (empirisch und psychologisch) leichtlich darthun. Das ist aber zu unserer Absicht nicht genug. Die Lust, die wir fühlen, uiuthen wir jedem andern im Gefchmacksurtheile als nothwendig zu, gleich als ob es für eine Beschaffenheit des Gegenstandes, die an ihm nach Begriffen bestimmt ist, anzusehen wäre, wenn wir etwas schön nennen; da doch Schönheit ohne Beziehung auf das Gefühl des Subjects für sich nichts ist. Die Erörterung dieser Frage aber müssen wir uns bis zur Beantwortung derjenigen: ob und wie ästhetische Urtheile 2 xiiori möglich sind, vorbehalten. Jetzt beschäftigen wir, uns noch mit der mindern Frage: aufweiche Art wir uns einer wechselseitigen subjektiven Uebereinstimmung der Erkenntnißkräfte unter einander im Geschmacksurtheile bewußt werden, ob ästhetisch durch den bloßen innern Sinn und Empfindung, oder intellectuell durch das Bewußtseyn unserer absichtlichen Thätigkeit, womit wir jene ins Spiel setzen. , Wäre die gegebene Vorstellung, welche das Geschmacksurtheil veranlaßt, ein Begrif, welcher Verstand und Einbildungskrast in der Beurtheilung des Gegenstandes zu einem Erkenntnisse des Objects vereinigte, so wäre das Bewußtseyn dieses Verhältnisses intellectuell (wie im objectiven Schematism der Urtheilskraft, wovon die Critik handelt). Aber das Urtheil wäre auch alsdann nicht in Beziehung auf Lust und Unlust gefället, Critik der ästhetischen Urtheilökrasr. z i mithin kein Gefchmacksurtheil. Nun bestimmt aber das Gefchmacksurtheil, unabhängig von Begriffen, das Object in Ansehung des Wohlgefallens und des Prädikats der Schönheit. Also kann jene subjective Einheit des Verhältnisses sich nur durch Empfindung kenntlich machen. Die Belebung beider Vermögen (der Einbildungskraft und des Verstandes) zu bestimmter, aber doch, vermitttelst des Anlasses der gegebenen Vorstellung, einhelliger Thätigkeit, derjenigen nehmlich die zu einem Erkenntniß überhaupt gehört, ist die Empfindung, deren allgemeine Mittheilbarkeit das Gefchmacksurtheil po- stulirt. Ein objectives Verhältniß kann zwar nur gedacht, aber, so fern es feinen Bedingungen nach fubjectiv ist, doch in der Wirkung auf das Gemüth empfunden werden; und bey einem Verhältnisse, welches keinen Vegrif zum Grunde legt (wie das der Vorstellungskräfte zu einem Erkenntnißvermögen überhaupt) ist auch kein anderes Bewußtfenn desselben, als durch Empfindung der Wirkung, die im erleichterten Spiele beider durch wechselseitige Zusammenstimmung belebten Gemüthskrafte (der Einbildungskraft und des Verstandes^ besteht, möglich. Eine Vorstellung, die als einzeln und ohne Verglei- chung mit andern, dennoch eine Zufammenstimmung zu den Bedingungen der Allgemeinheit hat, welche das Geschäft des Verstandes überhaupt ausmacht, bringt die Etkenntnißvermögen in die proportionirte Stimmung, die wir ju allem Erkenntnisse fordern, und daher auch Z2 Erster Theil. für jedermann, der durch Verstand und Sinne in Verbindung zu urtheilen bestimmt ist (für jeden Menschen), gültig halten. Aus dem zweyten Moment gefolgerte Erklärung des Schönen. Schön ist das, was ohne Begrif allgemein gefallt. > Drittes Moment der Geschmacksurtheile, nach der Relation der Zwecke welche in ihnen in Betrachtung gezogen wird. §. 10. Von der Zweckmäßigkeit überhaupt. Wenn man, was ein Zweck fey, nach feinen tran- fcendentalen Bestimmungen (ohne etwas Empirisches, dergleichen das Gefühl der Lust ist, vorauszusetzen) erklaren will: so ist Zweck der Gegenstand eines Begriffs, sofern dieser als die Ursache von jenem (der reale Grund seiner Möglichkeit) angesehen wird; und die Causalitat eines Begrifs in Ansehung feines Objects, ist die Zweckmäßigkeit (5orlna ünslis). -Wo also nicht etwa bloß die Erkenntniß von einem Gegenstände, fondern der Gegenstand selbst (die Form oder Existenz desselben) als Wirkung, nur als durch einen Begrif von der letztem möglich gedacht wird, da deykt man sich einen Zweck. Die Critik der ästhetischen Urtheilskraft. z z Die Vorstellung der Wirkung ist hier der Bestimmungs- grund ihrer Ursache, und geht vor der letztern vorher. Das Bewußtseyn der Causalitat einer Vorstellung in Absicht auf den Zustand des Subjects, es in demselben zu erhalten, kann hier im Allgemeinen das bezeichnen was man Lust nennt; wogegen Unlust diejenige Vorstellung ist, die den Zustand der Vorstellungen zu ihrem eigenen Gegentheile zu bestimmen (sie abzuhalten oder wegzuschaffen) den Grund enthalt. Das Begehrungsvcrmögen, sofern es nur durch Begriffe, d. i. der Vorstellung eines Zwecks gemäß zu handeln, bestimmbar ist, würde der Wille seyn. Zweckmäßig aber heißt ein Object, oder Gemüthszustand, oder eine Handlung auch, wenn gleich ihre Möglichkeit die Vorstellung eines Zwecks nicht nothwendig voraussetzt, bloß darum, weil ihre Möglichkeit von uns nur erklart und begriffen werden kann, sofern wir eine Causalitat nach Zwecken, d. i. einen Willen der sie nach der Vorstellung einer gewissen Regel so angeordnet hatte, zum Grunde derselben annehmen. Die Zweckmäßigkeit kann also ohne Zweck seyn, sofern wir die Ursachen dieser Form nicht in einen Willen setzen, aber doch die Erklärung ihrer Möglichkeit nur, indem wir sie von einem Willen ableiten, uns begreiflich machen können. Nun haben wir das, was wir beobachten, nicht immer nöthig durch Vernunft (seiner Möglichkeit nach) einzusehen. Also können wir eine Zweckmäßigkeit der Form nach, auch Z5c»nrs Crir. d. Urrheilskr. ? Z4 Erster Theil. ohne daß wir ihr einen Zweck (als die Materie des NKXUZ änalis) zum Grunde legen, wenigstens beobachten, und an Gegenstanden, wiewohl nicht anders als durch Reflexion, bemerken... §. ^i. Das Geschmacksurtheil hat nichts als die Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes (oder der VorstellunZsart desselben) zum Grunde. Aller Zweck, wenn er als Grund des Wohlgefallens angesehen wird, führt immer ein Interesse, als Bcsiiuimungsgrund des Urtheils über den Gegenstand der Lust, bey sich. Also kann dem Gefchmacksurtheil kein subjectiver Zweck zum Grunde liegen. Aber auch keine Vorstellung eines objectiven Zwecks, d. i. der Möglichkeit des Gegenstandes selbst nach Principien der Zwcckverbindung, mithin kein Begrif des Guten, kann das Gefchmacksurtheil bestimmen; weil es ein ästhetisches und kein Erkenntnißurtheil ist, welches also keinen BöZnf von der Beschaffenheit und innern oder äußern Möglichkeit des Gegenstandes^ durch diefe oder jene Ursache, sondern bloß das Verhältniß der Vorstellungskräfte zu einander, sofern sie durch eine Vorstellung bestimmt werden, betrift. Critik der ästhetischen Urtheilskraft. Nun ist dieses Verhältniß ii: der Bestimmung eines Gegenstandes, als eines schonen, mit dem Gefühle eine? Lust verbunden, die durch das Gcschmacksurthcil zugleich als für jedermann gültig erklärt wird; folglich kann eben fo wenig eine die Vorstellung begleitende Annehmlichkeit, als die Vorstellung von der Vollkommenheit des Gegenstandes und der Begrif des Guten, den Be- stimmunegrund enthalten. Also kann nichts anders als die fubjective Zweckmäßigkeit in der Vorstellung eines Gegenstandes, ohne allen (weder objectiven noch subjektiven) Zweck, folglich die bloße Form der Zweckmäßigkeit in der Vorstellung, wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird, sofern wir uns ihrer bewußt sind, das Wohlgefallen, welches wir, ohne Begrif, als allgemein mitth'ilbar beurtheilen, mithin den Bestimmungsgrund des Geschmacksurtheils, ausmachen. §. 12. Das Geschmacksurtheil beruht auf Gründen xi. priori. Die Verknüpfung des Gefühls einer Lust oder Unlust, als einer Wirkung, mit irgend einer Vorstellung (Empfindung oder Begrif) als ihrer Ursache, » piioii auszumachen, ist schlechterdings unmöglich; denn das Ware ein Causalverhältniß, welches (unter Gegenstanden der Erfahrung) nur jederzeit xollsriori. und ver- C 2 z6 Erster Theil. mittelst der Erfahrung selbst erkannt werden kann. Zwar haben wir in der Critik der practischen Vernunft wirklich das Gefühl der Achtung (als eine befondere und eigenthümliche Modification diefes Gefühls, welches weder mit der Lust noch Unlust, die wir von empirifchm Gegenstanden bekommen, recht übereintreffen will) von allgemeinen sittlichen Begriffen a ^rloii abgeleitet. Aber wir konnten dort auch die Gränzen der Erfahrung überschreiten, und eine Causalitat, die auf einer übersinnli- chen Beschaffenheit des Subjects beruhete, nehmlich die der Freyheit, herbey rufen. Allein selbst da leiteten wir eigentlich nicht dieses Gefühl von der Idee des Sittlichen als Ursache her, sondern bloß die Willensbestimmung wurde davon abgeleitet. Der Gemütszustand aber eines irgend wodurch bestimmten Willens ist an sich schon ein Gefühl der Lust und mit ihm identisch, folgt also nicht als Wirkung daraus: welches letztere nur angenommen werden müßte, wenn der Begrif des Sittlichen als eines Guts vor der Willensbesiimmung durch das Gesetz vorherginge; da alsdann die Lust, die mit dem Begriffe verbunden wäre, aus diesem als einer bloßen Erkenntniß vergeblich würde abgeleitet werden. Nun ist es auf ähnliche Weise mit der Lust im ästhetischen Urtheile bewandt: nur daß sie hier bloß contemplativ, und ohne ein Interesse am Object zu bewirken; im moralischen Urtheil hingegen practisch ist. Das Bewußtseyn der bloß formalen Zweckmäßigkeit im Spiel« der Erkennt- Lricik der ästhetischen Urteilskraft. ^7 nißkraste des Subjects, bey einer Vorstellung wodurch ein Gegenstand gegeben wird, ist die Lust selbst, weil es ein Vestinmmngsgrund der Thätigkeit des Subjects in Ansehung der Belebung der Erkenntnißkräfte desselben, also eine innere Causalität (welche zweckmäßig ist> in An- sehung der Erkenntniß überhaupt, aber ohne auf eine bestimmte Erkenntniß eingeschränkt zu seyn, mithin eine bloße Form der subjcctiven Zweckmäßigkeit einer Vorstellung in einem ästhetischen Urtheile enthält. Diese Lust ist auch auf keinerlei) Weise practisch, weder, wie die aus dem pathologischen Grunde der Annehmlichkeit, noch die aus dem intellektuellen des vorgestellten Guten. Sie hat aber doch Causalität in sich, nehmlich den Zustand der Vorstellung selbst und die Beschäftigung der Erkenntnißkräfte ohne weitere Absicht zu erhalten. Wir Weilen bey der Betrachtung des Schönen, weil diese Betrachtung sich selbst stärkt und reproducirl : welches derjenigen Verweiluug analogisch (aber doch mit ihr nicht einerley) ist, da ein Reiz in der Vorstellung des Gegenstandes die Aufmerksamkeit wiederholentlich erweckt, wobei) das Gemüth passiv ist. §. iz. Das reine Geschmacksurtheil ist von Reiz und Rührung unabhängig. Alles Interesse verdirbt das Gefchmacksurtheil und nimmt ihm seine Unparteylichkeit, vornehmlich, wenn C ? z8 Erster Theil. es nicht, so wie das Interesse der Vernunft, die Zweckmäßigkeit vor dem Gefühle der Lust vorausschickt, sondern sie auf diese gründet; welches letztere allemal im ästhetischen Urtheil über etwas, sofern es vergnügt oder schmerzt, geschieht. Daher Urtheile, die so afficirt sind, auf allgemeingültiges Wohlgefallen entweder gar keinen, oder so viel weniger Anspruch machen können, als sich . ''on der gedachten Art Empfindungen unter den Bestim- muugsgründcn des Geschmacks befinden. Der Geschmack ist jederzeit noch barbarisch, wo er die Beymischung der Reize und Rührungeil zum Wohlgefallen bedarf, ja wohl gar diese zum Maaßstabe seines Beyfalls macht. Indeß werden Reize doch öfter nicht allein zur Schönheit (die doch eigentlich bloß die Form betreffen sollte) als Beytrag zum ästhetischen allgemeinen Wohlgefallen gezählt, sondern sie werden wohl gar an sich selbst für Schönheiten, mithin die Materie des Wohlgefallens für die Form ausgegeben: ein Mißverstand, der sich, so wie mancher andere, welcher doch noch immer etwas Wahres zum Grunde hat, durch sorgfältige Bestimmung dieser Begriffe heben läßt. Ein Geschmacksurtheil, auf welches Reiz und Rührung keinen Einfluß haben (ob sie sich gleich mit dem Wohlgefallen am Schönen verbinden lassen), welches also bloß die Zweckmäßigkeit der Form zum Bestimmungs- grunde hat, ist ein reines Geschmacksurtheil. Crmk der ästhetischen Urtheilskraft. Z9 §. i4. Erläuterung durch Beyspiele. Zlesthetische Urtheile können, eben sowohl als theoretische (logische), in empirische und reine eingetheilt werden. Die ersten sind die, welche Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit, die zweyten die, welche Schönheit von einem Gegenstände, oder von der Vorstcllungs- art desselben, aussagen; jene sind Sinnenurtheile (ma- teriale ästhetische Urtheile), diese (als formale) allein eigentliche Geschmacksurtheile. Ein Geschmacksurtheil ist also nur sofern rein, als kein bloß empirisches Wohlgefallen dem Bestimmungsgrunde desselben beygcmischt wird. Dieses aber geschieht allemal, wenn Reiz oder Rührung einen Antheil an dem Urtheile haben wodurch etwas für fchön erklart werden soll. Nt'ü thun sich wieder manche Einwürfe hervor, die zuletzt den Reiz nicht bloß zum nothwendigen Ingrediens der Schönheit, sondern wohl gar als für sich allein hinreichend, um schön genannt zu werden, vorspiegeln. Eine bloße Farbe, z. B. die grüne eines Nasenplatzes, ein bloßer Ton (zum Unterschied vom Schalle und Geräusch), wie etwa der einer Violine, wird von den Meisten an sich für fchön erklart; ob zwar beide bloß die Materie der Vorstellungen, nehmlich lediglich Empfindung, zum Grunde zu haben scheinen, und darum nur ange- C 4 4v Erster Theil. nehm genannt zu werden verdienen. Allein man wirb doch zugleich bemerken, daß die Empfindungen der Farbe sowohl als des Tons sich nur sofern für schön zu gelten berechtigt halten, als beide rein sind: welches eine Bestimmung ist die schon die Form betrift, und auch das einzige, was sich von diesen Vorstellungen mit Gewißheit allgemein mittheilen läßt: weil die Qualität der Empfindungen selbst nicht in allen Subjecten als einstimmig, und die Annehmlichkeit einer Farbe vorzuglich vor der andern, oder des Tons eines musikalischen Instruments vor dem eines andern, sich schwerlich bey jedermann als auf solche Art beurtheilt annehmen laßt. Nimmt man, mit EulN'tt, an: daß die Farben gleichzeitig auf einander folgende Schlage (pnllus) des Aethers, so wie Töne der im Schalle erschütterten Luft sind, und, was das vornehmste ist, das Gemüth nicht bloß, durch den Sinn, die Wirkung davon auf die Belebung des Organs, sondern auch, durch die 5X-7exion, das regelmäßige Spiel der Eindrücke (mithin die Form in der Verbindung verschiedener Vorstellungen) wahrnehme (woran ich doch gar nicht zweifle); so würden Farbe und Ton nicht bloße Empfindungen, sondern schon formale Bestimmung der Einheit eines Mannichfaltigen derselben seyn, und alsdann auch für sich zu Schönheiten gezählt werden können. Das Reine aber einer einfachen Empfindungsart bedeutet: daß die Gleichförmigkeit derselben durch keine Crilik der ästhetischen Urtheilskrast. 4> fremdartige Empfindung gestört und unterbrochen wird, und gehört bloß zur Form; weil man dabey von der Qualität jener Empfindungsart (ob, und welche Farbe, oder ob, und welcher Ton sie vorstelle) absirahircn kann. Daher werden alle einfache Farben, sofern sie rein sind, für schön gehalten; die gemischten haben diesen Vorzug nicht: eben darum, weil, da sie nicht einfach sind, man keinen Maaßstab der Beurtheilung hat, ob man sie rein oder unrein nennen solle. Was über die dem Gegenstande seiner Form wegen beygelegte Schönheit, sofern sie, wie man meynt, durch Reiz wohl gar könnte erhöht werden, anlangt, fo ist dies ein gemeiner und dem ächten unbestochenen gründlichen Geschmacke sehr nachtheiligcr Irrthum; ob sich zwar allerdings neben der Schönheit auch noch Reize hinzufügen lassen, um das Gemüth durch die Vorstellung des Gegenstandes, außer dem trockenen Wohlgefallen, noch zu interessiren, und so dem Geschmacke und dessen Cultur zur Anpreisung zu dienen, vornehmlich wenn er noch roh und ungeübt ist. Aber sie thun wirklich dem Geschmacksurtheile Abbruch, weun sie die Aufmerksamkeit als Beurtheilungsgründe der Schönheit auf sich ziehen. Denn es ist so weit gefehlt, daß sie dazu beytrügen, daß sie vielmehr, als Fremdlinge, nur sofern sie jene schöne Form nicht stören, wenn der Geschmack noch schwach und ungeübt ist, mit Nachsicht müssen aufgenommen werden. C? 42 Erster Theil. In der Malerei), Bildhauerkunst, ja in allen bildenden Künsten, in der Baukunst, Gartenkunst, sofern ste schöne Künste sind, ist die Zeichnung das Wesentliche, in welcher nicht was in der Empfindung vergnügt, sondern bloß was durch seine Form gefallt, den Grund aller Anlage für den Geschmack ausmacht. Die Farben, welche, den Abriß illumiuiren, gehören zum Reiz; den Gegenstand an sich können sie zwar für die Empfindung belebt, aber nicht anschauungswürdig und schön machen: vielmehr werden sie durch das, was die schöne Form erfordert, mehrentheils gar sehr eingeschränkt, und selbst da, wo der Reiz zugelassen wird, durch die erstere allein veredelt. Alle Form der Gegenstände der Sinne (der äußern sowohl, als mittelbar auch des innern) ist entweder Gestalt, oder Spiel: im letztern Falle entweder Spiel der Gestalten (im Raume: die Mimik und der Tanz); oder bloßes Spiel der Empfindungen (in der Zeit). Der Reiz der Farben, oder angenehmer Töne des Instruments, kann hinzukommen, aber die Zeichnung in der ersten und die Composition in dem letzten machen den eigentlichen Gegenstand des reinen Geschmacksurtheils aus; und daß die Reinigkeit der Farben sowohl als der Töne, oder auch die Mannichfaltigkeit derselben und ihre Absiechung, zur Schönheit beyzutragen scheint, will nicht so viel sagen, daß sie darum, weil sie für sich angenehm sind, gleichsam einen gleichartigen Zusatz zu dem Wohl- Cntik der ästhetischen Urtheilskraft. 4z gefallen an der Form abgeben, sondern weil sie diese letztere nur genauer, bestimmter und vollständiger an» schaulich machen, und überdem durch ihren Reiz die Vorstellung beleben, indem sie die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand selbst erwecken und erhalten. Selbst was man Zierrathen (Parerga) nennt, d. i. dasjenige, was nicht in die ganze Vorstellung des Gegenstandes als Bestandstück innerlich, sondern nur äußerlich als Zuthat, gehört und das Wohlgefallen des Geschmacks vergrößert, thut dieses doch auch nur durch seine Form: wie Einfassungen der Gemälde, oder Gewänder an Statuen, oder Sänlengange um Prachtgebäude. Besieht aber der Zierrath nicht selbst in der schonen Form, ist er, wie der goldene Rahmen, bloß um durch seine» Reiz das Gemälde dem Beyfall zu. empfehlen angebracht; so heißt er alsdann Schmuck, und thut der ächten Schönheit Abbruch. Rührung, eine Empfindung, wo Annehmlichkeit nur vermittelst augenblicklicher Hemmung und darauf erfolgender stärkerer Ergießung der Lebenskraft gewirkt wird, gehört gar nicht zur Schönheit. Erhabenheit (mir welcher das Gefühl der Rührung verbunden ist) aber erfordert einen andern Maaßstab der Beurtheilung, als der Geschmack sich zum Grunde legt; und so hat ein reines Geschmacksurtheil weder Reiz noch Rührung, mit eK nem Worte keine Empfindung, als Materie des ästhetischen Urtheils, zum Besiimmungsgrunde. 44 Erster Theil. §. 15- Das GeWmacksurtheil ist von dem Begriffe der Vollkommenheit ganzlich unabhängig. Die ooiecNVe Zweckmäßigkeit kann nur vermittelst der Beziehung des Mannichfaltigen auf einen bestimmten Zweck, also nur durch einen Begrif, erkannt werden. Hieraus allein schon erhellet: daß das Schöne, dessen Beurtheilung eine bloß formale Zweckmäßigkeit, d. i. eine Zweckmäßigkeit ohne Zweck, zum Grunde hat, von der Vorstellung des Guten ganz unabhängig fei), weil das letztere eine objective Zweckmäßigkeit, d. i. die Beziehung des Gegenstandes auf einen bestimmten Zweck, vorausfetzt. Die objective Zweckmäßigkeit ist entweder die äußere, d. i. die Nützlichkeit, oder die innere, d. i. die Vollkommenheit des Gegenstandes. Daß das Wohlgefallen an einem Gegenstande, weshalb wir ihn schon nennen, nicht auf der Vorstellung feiner Nützlichkeit beruhen könne, ist aus beiden vorigen Hauptstückcn hinreichend zu ersehen: weil es alsdann nicht ein unmittelbares Wohlgefallen an dem Gegenstande seyn würde, welches letztere die wesentliche Bedingung des Urtheils über Schönheit ist. Aber eine objective innere Zweckmäßigkeit, d. i. Vollkommenheit, kommt dem Prädikate der Schönheit schon näher, und ist daher auch von namhaften Philosophen, doch mit dem Beysatze, wenn sie VMvor- Critik der ästhetischen Urteilskraft. 45 rm gedacht Wird, für einerley mit der SaM)eit gehalten worden. Es ist von der größten Wichtigkeit, in einer Critik des Geschmacks zu entscheiden, ob sich auch die Schönheit wirklich in den Begrif der Vollkommenheit anflöftn lasse. Die objective Zweckmäßigkeit zu beurtheilen, bedürfen wir jederzeit den Begrif eines Zwecks, und s^wenn jene Zweckmäßigkeit nicht eine äußere (Nützlichkeit), fondern eine innere, seyn soll^s den Begrif eines innern Zwecks, der den Grund der innern Möglichkeit des Gegenstandes enthalte. So wie nun Zweck überhaupt dasjenige ist, dessen Begrif als der Grund der Möglichkeit des Gegenstandes selbst angesehen werden kann: so wird, um sich eine objective Zweckmäßigkeit an einem Dinge vorzustellen, der Begrif von diesem, Was es für eilt Ding seyn solle, voran gehen; und die Zttsammen- stimmung des Mannichfaltigen in demselben zu diesem Begriffe (welcher die Regel der Verbindung desselben an ihm giebt) ist die qualitative Vollkommenheit eines Dinges. Hievon ist die quantitative, als die Vollständigkeit eines jeden Dinges in seiner Art, gänzlich unterschieden, und ein bloßer Größettbegrif (der Allheit); bey welchem, Was das Ding seyn solle, schon zum voraus als bestimmt gedacht, und nur ob alles dazu Erforderliche an ihm sey, gefragt wird. Das Formale in der Vorstellung eines Dinges, d. i. die Aufammenstimmung des Mannichfaltigen zu Einem (unbestimmt-^was 46 Erster Theil. es seyn solle) giebt, für sich, ganz und gar keine objective Zweckmäßigkeit zu erkennen; weil, da von diesem Einem als Zweck (was das Ding seyn solle) abstrahirt wird, nichts als die subjective Zweckmäßigkeit der Vorstellungen im Gemüthe des Anschauenden übrig bleibt, welche wohl eine gewisse Zweckmäßigkeit des Vorstcllungs- zustandeö im Subject, und in diesem eine Behaglichkeit desselben eine gegebene Form in die Einbildungskraft aufzufassen, aber keine Vollkommenheit irgend eines Objects., das hier durch keinen Begrif eines Zwecks gedacht wird, angiebt. Wie z. V., wenn ich im Walde einen Rasenplatz antreffe, um welchen die Baume im Cirkel stehen, «mV ich mir dabey nicht einen Zweck, nchmlich daß er etwa zum ländlichen Tanze dienen solle, vorstelle, nicht der mindeste Begrif von Vollkommenheit durch die bloße Form gegeben wird. Eine formale objective Zweckmäßigkeit aber ohne Zweck, d. i. die bloße Form einer Vollkommenheit (ohne alle Materie und Begrif von dem wozu zusammengestimmt wird, wenn es auch bloß die Idee einer Gesetzmäßigkeit überhaupt wäre) sich vorzustellen, ist ein wahrer Widerspruch. Nun ist das Geschmacksurtheil ein ästhetisches Urtheil, d. i. e>n solches, was auf subjectiven Gründen beruht, und dessen Bestimmungsgrund kein Begrif, mithin auch nicht der eines bestimmten Zwecks seyn kann. Also wird durch die Schönheit, als eine formale subjective Zweckmäßigkeit, keinesweges eine Vollkommen- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 47 heit des Gegenstandes, als vorgeblich-formale gleichwohl aber doch objective Zweckmäßigkeit gedacht; und der Unterschied zwischen den Begriffen des Schonen und Guten, als ob beide nur der logischen Form nach unterschieden, die eiste bloß ein verworrener, die zweyte ein deutlicher Vegrif der Vollkommenheit, sonst aber dein Inhalte und Ursprünge nach einerley waren, ist nichtig: weil alsdann zwischen ihnen kein specisischer Unterschied, sondern ein Geschmacksurtheil eben so wohl ein Erkenntnißurtheil wäre, als das Urtheil wodurch etwas für gut erklärt wird; so wie etwa der gemeine Mann, wenn er sagt: daß der Betrug unrecht sey, sein Urtheil auf verworrene, der Philosoph auf deutliche, im Grunde aber beide auf einerley Vernunft-Principien gründen» Ich habe aber schon angeführt, daß ein ästhetisches Urtheil einzig in seiner Art sey, und schlechterdings kein Erkenntniß (auch nicht ein verworrenes) vom Object gebe, welches letztere nur durch ein logisches Urtheil geschieht ; da jenes hingegen die Vorstellung, wodurch ein Object gegeben wird, lediglich auf das Subject bezieht, und keine Beschaffenheit des Gegenstandes, sondern nur die zweckmäßige Form in der Bestimmung der Vorstellungskräfte, die sich mit jenem beschäftigen, zu bemerken giebt. Das Urtheil heißt auch eben darum ästhetisch, weil der Bestimmungsgrund desselben kein Begrif, sondern das Gefühl (des innern Sinnes) jener Einhelligkeit im Spiele der Gemüthskrafte ist, sofern sie nur empfunden werden 48 Erster Theil. kann. Dagegen, wenn man verworrene Begriffe, und das objective Urtheil das sie zum Grunde hat, ästhetisch nennen wollte, man einen Verstand haben wurde der sinnlich urtheilt oder einen Sinn, der durch Begriffe seine Objecte vorstellt, welches beides sich widerspricht. Das Vermögen der Begriffe, sie mögen verworren oder deutlich seyn, ist der Verstand; und, obgleich zum Geschmacksurtheil, als ästhetischem Urtheile, auch (wie zu allen Urtheilen) Verstand gehört, so gehört er zu demselben doch nicht als Vermögen der Erkenntniß eines Gegenstandes, sondern als Vermögen der Bestimmung des Urtheils und seiner Vorstellung, (ohne Begrif) nach dem Verhältniß derselben auf das Subject und dessen inneres Gefühl, lind zwar sofern dieses Urtheil nach einer allgemeinen Regel möglich ist. §. 16. Das Geschmacksurtheil, wodurch ein Gegen- stand unter der Bedingung eines bestimmten Begrifs für schön erklart wird, ist nicht rein. Es giebt zweyerley Arten von Schönheit: freye Schönheit (xulcZnicuclo vaZa), oder die bloß anhängende Schönheit (pulcliili^uäc) sälissrsns). Die erstere setzt keinen Begrif von dem voraus, was der Gegenstand seyn soll; die zweyte setzt einen solchen und die Vollkommenheit des Gegenstandes nach demselben vorans. Die Arten der erster» heißen (für sich bestehende) Schönheiten dieses Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 49 dieses oder jenes Dinges; die andere wird, als einem Begriffe anhängend (bedingte Schönheit), Objecten die unter dem Begriffe eines besondern Zwecks stehen, beygelegt. Blumen sind freye Naturschönheiten. Was eine Blume für ein Ding seyn soll, weiß, außer dem Botaniker, schwerlich sonst niemand; unb selbst dieser, der daran das Befruchtungsorgan der Pflanze erkennt, nimmt, wenn er darüber durch Geschmack urtheilt, auf diesen Naturzweck keine Rücksicht. Es wird also keine Vollkommenheit von irgend einer Art, keine innere Zweckmäßigkeit, auf welche sich die Zusammensetzung des Mannich- faltigen beziehe, diesem Urtheile zum Grunde gelegt. Viele Vogel (der Papagei), der Colibrit, der Paradies- vogel), eine Menge Schaalthiere des Meeres, sind für sich Schönheiten, die gar keinem nach Begriffen in Ansehung seines Zwecks bestimmten Gegenstande zukommen, sondern frey und für sich gefallen. So bedeuten die Zeichnungen il 1a Aisccjns, das Laubwerk zu Einfassungen, oder auf Papiertapeten u. f. w. für sich nichts: sie stellen nichts vor, kein Object unter einem bestimmten Begriffe, und sind freye Schönheiten. Man kann auch das, was man in der Musik Phantasiren (ohne Thema) nennt, ja die ganze Musik ohne Text, zu derselben Art zählen. In der Beurtheilung einer freyen Schönheit (der bloßen Form nach) ist das Gefchmacksurtheil rein. Es ist kein Vegrif von irgend einem Zwecke, wozu das Man- nichfaltige dem gegebenen Objecte dienen, und was dieses Tame Crir, d, Urrdciisi'v, D ;o Erster Theil. also vorstellen solle, vorausgesetzt? wodurch die Freyheit der Einbildungskraft, die in Beobachtung der Gestalt gleichsam spielt, nur eingeschränkt werden würde. Allein die Schönheit eines Menschen (und unter dieser Art die eines Mannes, oder Weibes, oder Kindes), die Schönheit eines Pferdes, eines Gebandes (als Kirche, Pallasi, Arsenal, oder Gartenhaus), setzt einen Begrif vom Zwecke, welcher bestimmt was das Ding seyn soll, mithin einen Begrif seiner Vollkommenheit, voraus; und ist also bloß adhärirende Schönheit. So wie nun die Verbindung des Angenehmen (der Empfindung) mit der Schönheit, die eigentlich nur die Form betrift, die Reinigkeit des Geschmacksurtheils verhinderte; so thut die Verbindung des Guten (wozu nehmlich das Mannichfaltige dem Dinge selbst, nach seinem Zwecke, gut ist) mit der Schönheit, der Reinigkeit desselben Abbruch. Man würde vieles unmittelbar in der Anschauung Gefallende an einem Gebäude anbringen könne,», wenn es nur nicht eine Kirche seyn sollte; eine Gestalt mit allerley Schnörkeln und leichten doch regelmäßigen Zügen, wie die Neuseeländer mit ihrem Tettawiren ch m, verschönern können, wenn es nur nicht ein Mensch wäre; und dieser könnte vi^'l feinere Züge und einen gefälligeren sanftem Umriß der Gesichtsbildung haben, wenn er nur nicht einen Mann, oder gar einen kriegerischen vorstellen sollte. Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 5 r Nun ist das Wohlgefallen an dem Mannichfaltigen in einem Dinge, in Beziehung auf den innern Zweck der seine Möglichkeit bestimmt, auf einem Begriffe gegründetes Wohlgefallen; das an der Schönheit aber ist ein solches welches keinen Begrif vorausfetzt, sondern mit der Vorstellung, wodurch der Gegenstand gegeben (nicht wodurch er gedacht) wird, unmittelbar verbunden ist. Wenn nun das Geschmacksurtheil, in Ansehung des letzteren, vom Zwecke in dem ersteren, als Vernunfturtheile, abhängig gemacht und dadurch ein« geschrankt wird, so ist jcues nicht Mehr ein freyes und reines Gefchmacksurtheil. Zwar gewinnt der Geschmack durch diese Verbindung des ästhetischen Wohlgefallens mit dem intellektuellen darin, daß er firirt wird, und zwar tticht allgemein ist, ihm aber doch in Ansehimg gewisser zweckmäßig bestimm^ ten Objecte Regeln vorgeschrieben werden kötttteiU Diese sind aber alsdann auch keine Regeln des Geschmacks/ sondern bloß der Vereinbarung des Geschmacks mit der Vernunft, d. i. des Schönen mit dem Guten, durch welche jenes zum Instrument der Absicht in Ansehung des letztem brauchbar wird, um diejenige Gemüthsstim- mung, die sich selbst erhält und von subjectiver allgemeiner Gültigkeit ist, derjenigen Denkungsart unterzulegen, die nur durch mühsamen Vorsatz erhalten werden kann, aber objectiv allgemeingültig ist. Eigentlich aber gewinnt weder die Vollkommenheit durch die Schönheit, B s 5,2 ' Erster Theil. noch dieSchönheir durch die Vollkommenheit; sondern weil es nicht vermieden werden kann, wenn wir die Vorstellung wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird, mit dem Objecte (in Ansehung dessen was es seyn soll) durch einen Begrif vergleichen, sie zugleich mit der Empfindung im Subjecte zusammen zu halten, so gewinnt das gesammte Vermögen der Vorstellungskraft, wen» beide Gemüthszustande zusammen stimmen. Eilt Geschmacksurtheil würde in Ansehung eines Gegenstandes von bestimmtem innern Zwecke nur alsdann rein seyn, wenn deo Artheilende entweder von diesem Zwecke keinen Vegrif hatte, oder in seinem Urtheile davon abstrahirte. Aber alsdann würde dieser, ob er gleich ein richtiges Geschmacksurtheil Mete, indem er den Gegenstand als freye Schönheit beurtheilte, den-' noch von dem andern, welcher die Schönheit an ihm nur als anhangende Beschaffenheit betrachtet (auf den Zweck des Gegenstandes sieht) getadelt und eines falschen Ge> schmacks beschuldigt werden, obgleich beide in ihrer Art richtig urtheilen: der eine nach dem, was er.vor den Sinnen; der andere nach dem, was er in Gedanken hat. Durch diese Unterscheidung kann man manchen Zwist der Geschmacksrichter über Schönheit beylegen, indem man ihnen zeigt, daß der eine sich an die freye, der andere an die anhangende Schönheit halte, der erstere ein reines, der zweyte ein angewandtes Geschmacksurtheil falle. Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 5z - ^ / . ' / §. r?-' ^ ' Vom Ideale der Schönheit. Es kann keine objective Geschmacksregel, welche durch Begriffe bestimmte was schön sey, geben. Denn alles Urtheil aus dieser Quelle ist ästhetisch; d. i. das Gefühl des Subjects, und kein Begrif eines Objects, ist sein Bestimmungsgrund» Ein Princip des Geschmacks, web ches das allgemeine Criterium des Schönen durch bestimmte Begriffe angäbe, zu suchen, ist eine fruchtlose Bemühung, weil, was gesucht wird, unmöglich und an sich selbst widersprechend ist. Die allgemeine Mittheilbarkeit der Empfindung (des Wohlgefallens oder Mißfallens), und zwar eine solche die ohne Begrif Stattfindet; die Einhelligkeit, so viel möglich, aller Zeiten und Völker in Ansehung dieses Gefühls in der Vorstellung gewisser Gegenstande: ist das empirische, wie wohl schwache und kaum zur Vermuthung zureichende, Criterium der Abstammung eines so durch Beispiele bewahrren Geschmacks von dem tief verborgenen, allen Menschen gemeinschaftlichen, Grunde der Einhelligkeit in Beurtheilung der Formen, unter denen ihnen Gegenstände gegeben werden. Daher sieht man einige Producte des Geschmacks als exemplarisch an: nicht als ob Geschmack könne erworben werden, indem er anderen nachahmt. Denn der Geschmack muß ein selbst eigenes Vermögen seyn; wer aber D z 54 Erster Theil, ein Muster nachahmt, zeigt sofern als er es trift, zwar Gefchicklichkeit, aber nur Geschmack sofern er dieses Muster selbst beurtheilen kann*). Hierausfolgt aber, daß das höchste Muster, das Urbild des Geschmacks, eine bloße Idee sei), die jeder in sich selbst hervorbringen muß, und wonach er alles, was Object des Geschmacks, was Beyspiel der Beurtheilung durch Geschmack sey, und selbst den Geschmack von jedermann, beurtheilen muß. Idee bedeutet eigentlich einen Vernunftbegrif, und Ideal die Vorstellung eines einzelnen als einer Idee adäquaten Wesens, Daher kann jenes Urbild des Geschmacks, Welches freylich auf der unbestimmten Idee der Vernunft von einem Maximum beruht, aber doch nicht durch Bes griffe, sondern nnr in einzelner Darstellung kann vorgestellt werden, besser das Ideal des Schönen genannt werden, dergleichen wir, wenn wir gleich nicht im Besitze desselben sind, doch in uns hervorzubringen streben» Es Wird aber bloß ein Ideal der Einbildungskraft seyn, eben dgrum, weil es nicht auf Begriffen, fondern auf Muster des Geschmacks- in Ansehung der redenden Künste müssen in einer todten und gelehrten Sprache abgefaßt seyn: - dqs erste, um nicht die Veränderung erdulden zu müssen, welche die lebenden Sprache» unvermeidlicher Weise trift, daß edle Ausdrücke platt, gewöhnliche veraltet, und neugeschaffene j»'einen nur furz daurendcn Nmlauf gebracht werden; das zweyte, damit sie eine Grammati? habe, welche keinem much- willigen Wechsel der Mode unterworfen sey, sondern ihre unveränderliche Regel hchglt, Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 55 der Darstellung beruht; das Vermögen der Darstellung aber ist die Einbildungskrast. — Wie gelangen wir nun zu einem solchen Ideale der Schönheit? ^ priori, oder empirisch? Jmgleichen: welche Gattung des Schönen ist eines Ideals fähig? Zuerst ist wohl zu bemerken, daß die Schönheit, zu welcher ein Ideal gesucht werden soll, keine Vage, sondern durch einenBegrif von objectiver Zwcckiuäßigkeit strikte Schönheit seyn, folglich keinem Objecte eines ganz reinen, sondern zum Theil intellectnirten Geschmacksurtheils angehören müsse. D. i. in welcher Art von Gründen der Beurtheilung ein Ideal Statt finden foll, da muß irgend eine Idee der Vernunft nach bestimmten Begriffen zum Grunde liegen, die n priori den Zweck bestimmet, worauf die innere Möglichkeit des Gegenstandes beruht. Ein Ideal schöner Blumen, eines schönen Amöblements, einer schönen Aussicht, laßt sich nicht denken. Aber auch von einer bestimmten Zwecken anhangenden Schönheit, z. B. einem schönen Wohnhause, einem schönen Baume, schönen Garten u. s. w., läßt sich kein Ideal vorstellen; vermuthlich weil die Zwecke durch ihren Begrif nicht genug bestimmt und fixirt sind, folglich die Zweckmäßigkeit beynahe so frey ist, als bey der VagM Schönheit. Nur das was den Zweck seiner Existenz in sich selbst hat, der Mensch, der sich durch Vernunft seine Zwecke selbst bestimmen, oder, wo er sie von der äußern Wahrnehmung hernehmen muß, doch mit wesentlichen und allgemeinen 56 Erster Theil. Zwecken zusammenhalten, und die ZusammensiimmtMg mit jenen alsdann auch ästhetisch beurtheilen kann: dieser Mensch ist also eines Ideals der Schönheit, so wie die Menschheit in seiner Person, als Intelligenz, des Ideals der Vollkommenheit, unter allen Gegenständen in der Welt allein fähig. Hiezu gehören aber zwey Stücke: erstlich die ästhetische Normalidee, welche eine einzelne Anschauung (der Einbildungskraft) ist, die das Richtmaaß seiner Beurtheilung, als eines zu einer besonderen Thierspecies gehörigen Dinges, vorstellt; zweytMs die VerNttllft- idee, welche die Zwecke der Menschheit, sofern sie nicht sinnlich vorgestellt werden können, zum Princip der Beurtheilung einer Gestalt macht, durch welche, als ihri Wirkung in der Erscheinung, sich jene offenbaren. Die Normalidee muß ihre Elemente zur.Gesialt eines Thiers von besonderer Gattung aus der Erfahrung nehmen; aber die größte Zweckmäßigkeit in der Construction der Gestalt, die zum allgemeinen Richtmaaß der ästhetischen Beurtheilung jedes Einzelnen dieser Species tauglich Ware, das Bild, was gleichsam absichtlich der Technik der Natur zum Grunde gelegen hat, dem nur die Gattung im Ganzen, aber kein Einzelnes abgesondert ad« äquat ist, liegt doch bloß in der Idee des Beurtheilenden, welche aber, mit ihren Proportionen, als ästhetische Idee, in einem Musterbild? völlig in conci^o dargestellt werden kann» Um, wic dieses zugehe, einiger- Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 57 maßen begreiflich zu machen (denn wer kann der Natur ihr Geheimniß ganzlich ablocken?) wollen wir eine psychologische Erklärung versuchen. ' Es ist anzumerken: daß, auf eine uns gänzlich unbegreifliche Art, die Einbildungskraft nicht allein die' Zeichen für Begriffe gelegentlich, selbst von langer Zeit her, zurückzurufen; sondern auch das Bild und die Gestalt des Gegenstandes aus einer unaussprechlichen Zahl von Gegenständen verschiedener Arten, oder anch einer und derselben Art, zu reproduciren; ja auch, wenn das Gemüth es auf Vergleichungen anlegt, allem Vermuthen nach wirklich, wenn gleich nicht hinreichend zum Bewußtseyn, ein Bild gleichsam auf das andere fallen zu lassen, und, durch die Congruenz der mehrern von derselben Art, ein Mittleres herauszubekommen wisse, welches allen zum gemeinschaftlichen Maaße dient. Jemand hat taufend erwachsene Mannspersonen gesehen» Will er nun über die Vergleichungsweise zu schätzende Normalgröße urtheilen, so läßt (meiner Meynung nach) die Einbildungskraft eine große Zahl der Bilder (vielleicht alle jene taufend) auf einander fallen; und, wenn es mir erlaubt ist, hieben die Analogie der optifchenDarstellung anzuwenden, in dem Ranm wo die meisten sich vereinigen, und innerhalb dem Umrisse wo der Platz mit der an; stärksten aufgetragenen Farbe illuminirt ist, da wird die mittlere Größe kenntlich, die sowohl der Höhe als Breite nach von den äußersten Gränzen der D5 ^ ,' / ^ 58 Erster Theil. größten und kleinsten Staturen gleich weit entfernt ist. vnd dies ist die Stacur für einen schönen Mann. (Man könnte ebendasselbe mechanisch heraus bekommen, wenn man alle tausend maße, ihre Höhen unter sich nebst Breiten (und Dicken) für sich zusammen addirte, und die Summe durch tausend dividirte. Allein die Einbildungskraft thut eben dieses durch einen dynamischen Effect, der ans der vielfältigen Auffassung solcher Gestalten auf das Organ des innern Sinnes entspringt.) Wenn nun auf ähnliche Art für diesen mittlern Mann der mittlere Kopf, für diesen die mittlere Nase u. s.w, gesucht wird: so liegt diese Gestalt der Normalidee des schönen Mannes, in dem Lande wo diese Vergleichung angestellt wird, zum Grund; daher ein Neger nothwendig unter diesen empirischen Bedingungen eine andere Normalidce der Schönheit der Gestalt haben muß, als ein Weißer, der Chinese eine andere, als der Europaer. Mit dem Muster eines schonen Pferdes oder Hundes (von gewisser Race) würde es eben fo gehen. — Diese Normalidee ist nicht aus von der Erfahrung hergenommenen Proportionen, als bestimmten Regeln, abgeleitet; sondern nach ihr werden allererst Regeln der Beurtheilung möglich. Sie ist das zwischen allen einzelnen, auf mancherley Weise verschiedenen, Anschauungen der Individuen schwebende Bild für die ganze Gattung, welches die Natur zum Urbilde ihrer Erzeugungen in derselben Species unterlegte, aber in keinem Einzelnen völlig erreicht Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 59 zu haben scheint. Sie ist keineöweges das ganze Urbild der Schönheit in dieser Gattung, sondern nur die Form, welche die unnachläßliche Bedingung aller Schönheit ausmacht, mith.in bloß die Richtigkeit in Darstellung der Gattung. Sie ist, wie man Polyclets berühmten DoryplMUs nannte, die Regel (eben dazu konnte auch MyrvNs Kuh in ihrer Gattung gebraucht werden). Sie kann eben darum auch nichts Specifisch- Charatteristisches enthalten; denn sonst wäre sie nicht Normalidee für die Gattung. Ihre Darstellung gefällt auch nicht durch Schönheit, sondern bloß weil sie keiner Bedingung, unter welcher allein ein Ding dieser Gattung schön seyn kann, widerspricht. Die Darstellung ist bloß schulgerecht Von der Normalidee des Schönen ist doch noch das Ideal desselben uuterschieden, welches man lediglich an der menschlichen Gestalt aus schon angeführten Gründen erwarten darf. An dieser nun besteht das Ideal in dem Ausdrucke de6 Sittlichen, ohne welches ') Man wird finden, daß ein vollkommen regelmäßiges Ge-, ficht, welches der Maler ihm zum Modell zu sitzen bitten mochte, gemeiniglich nichts sagt; weit es nichts Charakteristisches enthalt, also mehr die Idee der Gattmig, als das Specifische einer Person ausdrückt, DasCharaeteristischevon dieser Art, was übertrieben ist, d,i. welches der Normalidee (der Zweckmäßigkeit der Gattung) selbst Abbruch thut, heißt Carricc-cur. Auch zeigt die Erfahrung : daß jene ganz regelmäßige» Gesichter im Innern gemeiniglich auch nur einen 6c> Erster Theil. der Gegenstand nicht allgemein, und dazu positiv (nicht bloß negativ in einer schulgerechten Darstellung), gefallen würde. Der sichtbare Ausdruck sittlicher Ideen, die den Menschen innerlich beherrschen, kann zwar nur aus der Erfahrung genommen we.rden; aber ihre Verbindung mit allem dem, was, unsere Vernunft mit dem Sittlich- Guten in der Idee der höchsten Zweckmäßigkeit verknüpft, die Seelengute, oder Reinigkeit, oder Stärke, oder Ruhe u. s. w. in körperlicher Äußerung (als Wirkung des Innern)gleichsam sichtbar zu machen: dazugehören reine Ideen der Vernunft und große Macht der Einbildungskraft in demjenigen vereinigt, welcher sie nur beurtheilen, vielmehr noch wer sie darstellen will. Die Nichtigkeit eines solchen Ideals der Schönheit beweiset sich darin: daß es keinem Sinnenreiz sich in das Wohlgefallen alt seinem Objecte zu mischen erlaubt, und dennoch ein großes Interesse daran nehmen laßt; welches dann beweiset, daß die Beurtheilung nach einem solchen Maaß- fiabe niemals rein ästhetisch seyn könne, und die Beur- mittclmaßigen Menschen verrathen; vermuthlich (wenn angenommen werden darf, daß die Natur im Äußeren die Proportionen des Innern ausdrücke) deswegen: weil, wenn keine von den Gemülhöanlagen über diejenige Proportion hervorstechend ist, die erfordert wird, bloß einen fehler- freyen Menschen auszumachen, nichts von dem, was man Genie nennt, erwartet werden darf, in welchem die Natur von ihre» gewöhnlichen Verhältnissen der Gemürhs- krafte zum Vortheil einer einzigen abzugchen scheint. Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 6l theilung nach einem Ideale der Schönheit kein bloßes Urtheil des Geschmacks sey. Aus diesem dritten Momente geschlossene Erklärung des Schönen. Schönheit ist Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, sofern sie, ohne Vorstellung eines Zwecks, an ihm wahrgenommen wird ») Man könnte Wider diese Erklärung als Instanz anführen: daß es Dinge giebt, an denen man eine zweckmäßige Forin sieht ohne an ihnen einen Zweck zu erkennen: z. V. die öfter aus c lte» Grabhügeln gezogenen, mit einem Loche als zu einem Hefte, versehene» steinernen Gerüche; die, ob sie zwar in ihrer Gestalt deutlich eine Zweckmäßigkeit verrathen für die man den Zweck nicht kennt, darum gleichwohl nicht für schon erklart werden. Allein, daß man sie für ein Kunstwerk ansieht, ist schon genug, um gestehen zu müssen, daß man ihre Figur auf irgend eine Absicht und einen bestimmten Zweck bezicht. Daher auch gar kein unmittelbares Wohlgefallen an ihrer Anschauung. Eine Blume hingegen, z. B. eine Tulpe, wird für schön gehalten, weil eine gewisse Zweckmäßigkeit, die so- wie wir sie beurtheilen, auf gar keinen Zweck bezogen wird, in ihrer Wahrnehmung angetroffen wird. 62 Erster Theil. Viertes Moment des Geschmacksnrtheils, nach der Modalitat des Wohlgefallens an den Gegenstanden. H. i8. Was die Modalitat eines Geschmacks« Urtheils sey. Von einer jeden Vorstellung kann ich sagen: wenigstens es sey möglich, daß sie (als Erkenntniß) mit einer Lust verbunden sey. Von dem, was ich angenehm nenne, sage ich, daß es in mir wirklich Lust bewirke. Vom Schönen aber denkt man sich, daß es eine nothwendige Beziehung auf das Wohlgefallen habe. Diese Nothwendigkeit nun ist von besonderer Art: nicht eine theoretische objectiveNothwendigkeit,wo apiiori erkannt werden kann, daß jedermann dieses Wohlgefallen an dem von mir schön genannten Gegenstände fühlen werde; auch nicht eine practische, wo durch Begriffe eines reinen Vernunftwillens, welcher frephandelnden Wesen zur Regel dient, dieses Wohlgefallen die nothwendige Folge eines objectiven Gesetzes ist, und nichts anders bedeutet, als daß man schlechterdings (ohne weitere Absicht) auf gewisse Art handeln solle. Sondern sie kann als Nothwendigkeit, die in einem ästhetischen Urtheile gedacht wird, nur exemplarisch genannt werden, d. i. eine Nothwendigkeit der Beystimmung Aller ju einem Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 6z Urtheil, was wie Beyspiel einer allgemeinen Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wird. Da ein ästhetisches Urtheil kein objectives und Erkenntnißurtheil ist, so kann diese Nothwendigkeit nicht aus bestimmten Begriffen abgeleitet werden, und ist also nicht apodictisch. Viel weniger kann sie aus der Allgemeinheit der Erfahrung (von einer durchgangigen Einhelligkeit der Urtheile über die Schönheit eines gewissen Gegenstandes) geschlossen werden. Denn nicht allein, daß die Erfahrung hiezu schwerlich hinreichend viele Beläge schaffen würde, so läßt sich auf empirische Urtheile kein Vegrif der Nothwendigkeit dieser Urtheile gründen. §. 19- Die subjective Nothwendigkeit, die wir dem Geschmacksurtheile beylegen, ist bedingt. Das Eeschmacksurtheil sinnet jedermann Verstimmung an; und, wer etwas für schon erklärt, will, daß jedermann dem vorliegenden Gegenstande Beyfall geben und ihn gleichfalls für schön erklären solle. Das Sollen im ästhetischen Urtheile wird also selbst nach alle» Datis, die zur Beurtheilung erfordert werden, doch nur bedingt ausgesprochen. Man wirbt um jedes andern Beystimmung, weil man dazu einen Grund hat, der allen gemein ist; auf welche Beystimmung man auch rechnen könnte, wenn man nur immer sicher wäre, daß 64 Erster Theil. der Fall unter jenein Grunde als Regel des Beyfalls richtig subsumirt wäre. §. 20. Die Bedingung der Nothwendigkeit, die ein Geschmacksurtheil vorgiebt, ist die Idee eines Gemeinsinnes. Wenn Geschmacksurtheile (gleich den Erkenntnißurtheilen) ein bestimmtes objectives Princip hatten, so würde der, welcher sie nach dem letzten, fallet, auf unbedingte Nothwendigkeit feines Urtheils Anspruch machen. Waren sie ohne alles Princip, wie die des bloßen Sin- neugeschmacks, so würde man sich gar keine Nothwendigkeit derselben in die Gedanken kommen lassen. Also müssen sie ein subjectives Princip haben, welches nur durch Gefühl und nicht durch Begriffe, doch aber allge-^ meingültig, bestimme, was gefalle oder mißfalle. Ein solches Princip aber könnte nur als ein Gemeinsmll angesehen werden; welcher -vom gemeinen Verstände, den man bisweilen auch Gemeinsinn (lenlns coinmn. ans) nennt, wesentlich unterschieden ist: indem letzterer, nicht nach Gefühl, sondern jederzeit nach Begriffen, wiewohl gemeiniglich nur als nach dunkel vorgestellten . Principien, urtheilt. Also nur unter der Voraussetzung, daß es einen Gemcinsinn gebe (wodurch wir aber keine» äußern Sinn, sondern die Wirkung aus dem freyen Spiel unserer Erkennt- Critik der ästhetischen Urteilskraft 65 kenntnißkräfte, verstehen), nur unter Voraussetzung, sage ich, eines solchen Gemeinsinns, kann das Geschmacksurtheil gefällt werden. §. 2l. Ob man mit Grunde einen Gemeinst»» voraussetzen könne. Erkenntnisse und Urtheile müssen sich, sammt der Überzeugung die sie begleitet, allgemein mittheilen lassen; denn sonst käme ihnen keine Übereinstimmung mit dem Object zu: sie waren insgesammt ein bloß subjektives Spiel der Vorstellungskräfte, gerade so wie es der Skepticism verlangt. Sollen sich aber Erkenntnisse mittheilen lassen, so muß sich auch der Gemüthszustand, d. i. die Stimmung der Erkenntnißkrafte zu einer Erkenntniß überhaupt, und zwar diejenige Proportion, welche sich für eine Vorstellung (wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird) gebührt um daraus Erkenntniß zu machen, allgemein mittheilen lassen: weil ohne diese, als subjective Bedingung des Erkennens, das Erkenntniß, als Wirkung, nicht entspringen könnte. Dieses geschieht auch wirklich jederzeit, wenn ein gegebener Gegenstand vermittelst der Sinne die Einbildungskraft zur Ausammensetzung des Mannichfaltigen, diese aber den Verstand zur Einheit derselben in Begriffen, in Thätigkeit bringt. Aber diese Stimmung der Erkenntnißkräfte hat, nach Verschiedenheit der Objecte die gegeben werden, eine Ranrs Lrir. d. Urrheilskr. E 66 Erster Theil. verschiedene Proportion. Gleichwohl aber muß es eine geben, in welcher dieses innere Verhältniß zur Belebung (einer durch die andere) die zuträglichste für beide Gemüthskräfte in Absicht auf Erkenntniß (gegebener Gegenstände) überhaupt ist; und diese Stimmung kann nicht anders als durch das Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden. Da sich nun diese Stimmung selbst muß allgemein mittheilen lassen, mithin anch das Ge-- fühl derselben (bey einer gegebenen Vorstellnng); die allgemeine Mittheilbarkeit eines Gefühls aber einen Gemeinsinn voraussetzt: so wird dieser mit Grunde an- geuommen werden können, und zwar ohne sich des- falls auf psychologische Beobachtungen zu fußen, fondern als die nothwendige Bedingung der allgemeinen Mittheilbarkeit unserer Erkenntniß, welche in jeder Logik und jedem Princip der Erkenntnisse, das nicht steptisch ist, vorausgesetzt werden. §. 22. Die Nothwendigkeit der allgemeinen Beystimmung, die in einem Geschmacksurtheil gedacht wird, jft eine subjective Nothwendigkeit, die unter der Voraussetzung eines Gemeinsinns als objectiv vorgestellt wird. In allen Urtheilen wodurch wir etwas für schön erklären, Verslatten wir Keinem anderer Meynung zu Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 67 seyn; ohne gleichwohl unser Urtheil auf Begriffe, sondern nur auf unser Gefühl zu gründen: welches wir also nicht als Privatgefühl, sondern als ein gemeinfchaftliches zum Grunde legen. Nun kann dieser Gemeinsinn zu diesem Behuf nicht auf der Erfahrung gegründet werden; denn er will zu Urtheilen berechtigen, die ein Sollen enthalten: er sagt nicht, daß jeo/rmann mit unserm Urtheile übereinstimmen werde, sondern damit zusammenstimmen solle. Also ist der Gemeinsinn, von dessen Urtheil ich mein Geschmacksurtheil hier als ein Beyspiel angebe und weswegen ich ihm exemplarische Gültigkeit beylege, eine bloße idealische Norm, unter deren Voraussetzung man ein Urtheil, welches mit ihr zusammenstimmte und das in demselben ausgedrückte Wohlgefallen an einem Object, für jedermann mit Recht zur Regel machen könnte: weil zwar das Princip nur subjectiv, dennoch aber, für fubjectiv-allgemein (eine jedermann nothwendige Idee) angenommen, was die Einhelligkeit verschiedener Urtheilenden betrift, gleich einem objectiven, allgemeine Beystimmung fordern könnte; wenn man nur sicher wäre, darunter richtig subsumirt zu haben. Diese unbestimmte Norm eines Gemeinsinns wird von uns wirklich vorausgesetzt: das beweiset unsere Anmaßung Geschmacksurtheile zn fallen. Ob es in der That einen solchen Gemeinsinn, als constitutives Princip der Möglichkeit der Erfahrung gebe, oder ein noch höheres Princip der Vernunft es uns nur zuin regula- E - 68 Erster Theil. tiven Princip mache, allererst einen Gememsinn zu hö« Hern Zwecken in uns hervorzubringen; ob also Geschmack ein ursprüngliches und naturliches, oder nur die Idee von einem noch zu erwerbenden und künstlichen Vermögen sey, so daß ein Geschmacksurtheil, mit seiner Zumu- thung einer allgemeinen Beystimmung, in der That mir eine Vernunfrforderung sey eine solche Einhelligkeit der Sinnesart hervorzubringen, und das Sollen, d. i. die objective Nothwendigkeit des Znsammenfließeus des Gefühls von jedermann mit jedes seinem besondern, nur die Möglichkeit hierin einträchtig zu werden bedeute, und das Geschmacksurtheil nur von Anwendung dieses Princips ein Beyspiel aufstelle: das wollen und können wir hier noch nicht untersuchen, sondern haben vor jetzt nur das Gcschmacksvermögen in seine Elemente aufzulösen, um sie zuletzt in der Idee eines Gemeinsinns zu vereinigen. Aus dem vierten Moment gefolgerte Erklärung des Schönen. Schön ist, was ohne Begrif als Gegenstand eines nothwendigen Wohlgefallens erkannt wird. >>- 5 > - ^. ,,,, ' ,,/.^ Allgemeine Anmerkung zum ersten Abschnitte der Analytik. Wenn man das Resultat aus den obigen Zergliederung gen zieht, so findet sich, daß alles auf den Begrif des Ge- Ichuiackö herauslaufe: daß er ein Beurcheiluiigsvermögen Critik der ästhetischen Urcheilökraft. 69 eines Gegenstandes in Beziehung auf die freye Seseymas- slgd'eit der Einbildungskraft sey. Wenn nun im Geschmack«, urtheile die Einbildungskraft in ihrer Freyheit betrachtet werden muß, so wird sie erstlich nicht rcprodueriv, wie sie den AssoeiattouSgcsetzen unterworfen ist, sondern als producriv und selbstthätig (als Urheberinn willkürlicher Formen möglicher Anschauungen) angenommen; und, ob sie zwar bey der Auffassung eines gegebenen Gegenstandes der Sinne an eine bestimmte Form dieses Objects gebunden ist und sofern kein freyes Spiel (wie im Dichten) hat, so laßt sich doch noch wohl begreifen: daß der Gegenstand ihr gerade eine solche Form an die Hand geben könne, die eine Zusammensetzung des Mannichfaltigen enthält, wie sie die Einbildungskraft/ wenn sie sich selbst frey überlassen wäre, in Einstimmung mit der Versiandesgeftrzmäßigr'eit überhaupt entwerfen würde. Allein daß die Einbildungskraft frey und doch von selbst gesetzmäßig sey, d. i. daß sie eine Autonomie bey sich führe, ist ein Widerspruch. Der Verstand allein giebt das Gesetz. Wenn aber die Einbildruigskraft nach einem bestimmten Gesetze zu verfahren genöthigt wird, so wird ihr Pro.- duet, der Form nach, durch Begriffe bestimmt, wie es seyn soll; aber alsdann ist das Wohlgefallen, wie oben gezeigt, nicht das am Schönen, sondern am Guten (der Vollkommenheit, allenfalls bloß der formalen), und das Urtheil ist kein Urtheil durch Geschmack. Es wird also eine Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz, und eine subjeccive Übereinstimmung der Einbildungskraft zum Verstände, ohne eine objeetive, da die Vorstellung auf einen bestimmte» Vegrif von einem Gegenstände bezogen wird, mir der freyen Gefetzmäßigkeit des Verstandes .(welche auch Zweckmäßigkeit ohne Zweck gcnmmt worden) und mit der Eigenthümlichkeit eines Geschmacks- Urtheils allein zufammen bestehen können. E z ?o Erster Theil. Nun werden geometrisch - regelmäßige Gestalten, eine Cirkclfigur, ein Quadrat, ein Würfel u. s. w. von Critikern des Geschmacks gcmeinigiich als die einfachsten und unzweifelhaftesten Beyspiele der Schönheit angeführt; und dennoch werden sie eben darum regelmäßig genannt, weil man sie nicht anders vorstellen kann als so, daß sie für bloße Darstellungen eines bestimmten Begrifs, der jener Gestalt die Regel vorschreibt (nach der sie allein möglich ist), angesehen werben. Eines von beiden muß also irrig seyn: entweder jenes Urtheil der Critikcr, gedachten Gestalten Schönheit beyzulegen; oder das unsrige, welches Zweckmäßigkeit ohne Vegris zur Schönheit nölhig findet. Niemand wird leichtlich einen Menschen von Geschmack dazu nöthig finden, um an einer Eirkelgestalt mehr Wohlgefallen, als an einem kritzlichen Umrisse, an einem gleichseitigen und glcichcckigen Viereck mehr, als an einem schiefen ungicichscirigen, gleichsam verkrüppelten, zu finden; denn dazu gehört nur gemeiner Verstand und gar kein Geschmack. Wo eine Absicht, z. V. die Größe eines Platzes zu beurtheilen, oder das Verhältniß der Theile zu einander und zum Ganzen in einer Einthcjlung faßlich zu machen, wahrgenommen wird: da sind regelmäßige Gestalten, und zwar die von der einfachsten Att, nöthig; und das Wohlgefallen ruht nicht unmittelbar auf dem Anblicke der Gestalt, sondern der Brauchbarkeit derselben zu allerley möglicher Absicht. Ein Zimmer, dessen Wände schiefe Winkel machen, ein Ear- tenplah von solcher Art, selbst alle Verletzung der Symmetrie sowohl in der Gestalt der Thiere (z. B. einäugig zu seyn), als der Gebäude, oder der Blumenstücke, mißfällt, weil es zweckwidrig ist, nicht allein practisch in Ansehung eines bestimmten Gebrauchs dieser Dinge, sondern auch für die Beurtheilung in allerley möglicher Absicht; welches der Cririk der ästhetischen Urteilskraft. ' 71 Fall im Gcschmacksurthcile nicht ist, waches wenn eö rein ist, Wohlgefallen oder Mißfallen, ohne Rücksicht auf den Gebrauch oder einen Zweck, mit der bloßen Betrachtung des Gegenstandes unmittelbar verbindet. Die Regelmäßigkeit, die zum Begriffe von einem Ge< genstande führt, ist zwar die unentbehrliche Bedingung scon-Iit.io Hiiö ciua non), den Gegenstand in eine einzige Vorstellung zu fassen und das Mannichfaluge in der Form desselben zu bestimmen. Diefe Bestimmung ist ein Zweck in Ansehung der Erkenntniß; und in Beziehung auf diefe, ist sie auch jederzeit mit Wohlgefallen (welches die Bewirtung einer jeden auch bloß problematifchen Absicht begleiter) verbunden. Es ist aber alsdann bloß die Billigung der Auflöfu>,g die einer Aufgabe Genüge thut, und nicht eine freye und unbestimmt- zweckmäßige Unterhaltung der Gemüthskräfre mit dem was wir fchön nennen, und wobey der Verstand der Einbildungskraft und nicht diese jenem zu Diensten ist. An einem Dinge, das nur durch eine Absicht möglich ist, einem Gebäude, selbst einem Thier, muß die Regelmäßigkeit, die in der Symmetrie besteht, die Einheit der Anschauung auedrücken, welche den Begrif des Zwecks begleitet, und gehört mit zum Erkenntnisse. Aber wo nur ein freyes Spiel der Vorstellungskräfte (doch unter der Bedingung, daß der Verstand dabey keinen Anstoß leide) unterhalten werden foll, in Lustgärten, Stubenverzieruug, allerley geschmackvollem Gcrälhc u. d. gl., wird die Regelmäßigkeit die sich als Zwang ankündigt, so viel möglich vermieden; daher der Englische Geschmack in Gärten, der Varockge- schmack an Möbeln, die Freyheit der Einbildungskraft wohl eher bis zur»Annäherung zum Grotesken treibt, und in dieser Absonderung von allem Zwange der Regel eben den E4 , 72 Erster Theil. Fall seht, wo der Geschmack in Entwürfen der Einbildungs- kraft seine größte Vollkommenheit zeigen kann. Allee steif» regelmäßige (was der mathematischen Regelmäßigkeit nahe kommt) hat das Geschmackwidrige an sich: daß es keine lange Unterhaltung mit der Betrachtung dessel< ben gewährt, sondern, sofern es nicht auedrücklicb das Erkenntniß, oder einen bestimmten pracriicixn Zweck zur Absicht har, lange Weile macht. Dagegen ist das, womit Einbildungskraft ungesuchr und zweckmäßig spielen kann, uns jederzeit neu, und man wird seines Anblicks nicht überdrüßig. Maroden in seiner Beschreibung von Sumatra macht die Anmerkung, daß die freyen Schönheiten der Natur den Zuschauer daselbst überall umgeben und daher wenig Anziehendes mehr für ihn haben: dagegen ein Pfessergarten, wo die Stangen an denen sich dieses Gewächs rankt, in Parallcl- linien Alleen zwischen sich bilden, wenn er ihn mitten in einem Walde antraf, für ihn viel Neiz hatte; und schließt daraus, daß wilde, dem Anscheine nach regellose Schönheit mir dem zur Abwechselung gefalle, der sich an der regelmässigen satt gesehen hat. Allein er durfte nur den Versuch machen , sich einen Tag bey seinem Psesfergartcn aufzuhalten) um inue zu werden, daß, wenn der Verstand durch die Regelmäßigkeit sich in die Stimmung zur Ordnung, die eraller- wärts bedarf, versetzt hat, ihn der Gegenstand nicht länger unterhalte, vielmehr der Einbildungskraft einen lästigen Zwang anthue: wogegen die dort an Mannichfaltigkeiten bis zur Üppigkeit verschwenderische Natur, die keinem Zwange künstlicher Regeln unterworfen ist, seinem Geschmacke für beständig Nichrung geben könne. — Selbst der Gesaug der Vögel, den wir unter keine musikalische Regel bringen können, scheint mehr Freyheit und darum mehr für den Geschmack zu enthalten, als selbst ein menschlicher Gesang der Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 7z nach allen Regeln der Tonkunst geführt wird: weil man des letzter», wenn er oft und lange Zeit wiederholt wird, weit eher nbcrdrüßig wird. Allein hier vertauschen wir vermuth, lich unsere Theilnehmnng an der Lustigkeit eines kleinen beliebten Thierchcns mir der Schönheit seines Gc.angcs, der wenn er vom Menschen (wie dies mit dem Schlagen der, Nachtigall bisweilen geschieht) ganz genau nachgeahmet wird, unserm Ohre ganz geschmacklos zu seyn dünkt. Noch sind schöne Gegenstände von schönen Aussichten auf Gegenstände (die öfter der Entfernung wegen nicht mehr deutlich erkannt werden können) zu unterscheiden. In den letzter» scheint der Geschmack nicht sowohl an dem, was die Einbildungskraft in diesem Felde auffaßt, als vielmehr an dem, was sie hieben zu dichten Anlaß bekommt, d. i. an den eigentlichen Phantasieen, womit sich das Gemüth unterhalt, während es durch die Mannichfaltigkeit auf die das Auge stößt, continuirlich erweckt wird, zu haften; so wie etwa bey dem Anblick der veränderlichen Gestalten eines Caminfeuers, oder eines rieselnden Baches, welche beide keine Schönheiten sind, aber doch für die Einbildungskraft einen Reiz bey sich führen, weil sie ihr freyes Spiel unterhatten. / e 5 74 Erster Theil. Zweytes Buch. Analytik des Erhabenen. Übergang von dem Beurtheilungsvermögen dcs Schönen zu dem des Erhabenen. -A^as Schöne kommt darin mit dem Erhabenen überein, daß beides für sich selbst gefallt. Ferner darin, daß beides kein Sinnes-noch ein logisch - bestimmendes, sondern eiuAefiexionsurtheil voraussetzt! folglich das Wohlgefallen nicht an einer Empfindung, wie die des Angenehmen, noch an einem bestimmten Begriffe wie das Wohlgefallen am Guten, hangt; gleichwohl aber doch auf Begriffe, ob zwar unbestimmt welche, bezogen wird, mithin das Wohlgefallen an der bloßen Darstellung oder dem Vermögen derselben geknüpft ist, wodurch das Vermögen der Darstellung, oder die Einbildungskraft, bey einer gegebenen Anschauung mit dem Vermögen der Begriffe des Verstandes oder der Vernunft, als Beförderung der letztern, in Einstimmung betrachtet wird. Daher sind auch beiderlei) Urtheile einzelne, und doch sich für allgemeingültig in Ansehung jedes Subjects ankündigende Urtheile, ob sie zwar bloß auf das Gefühl der Lust und auf kein Erkenntniß des Gegenstandes Anspruch machen. §. 2Z. Critik der ästhetischen Urteilskraft. 7^ Allein es sind auch namhafte Unterschiede zwischen beiden in die Augen fallend. Das Schöne der Natur betrist die Form des Gegenstandes, die in der Begran- zung besieht; das Erhabene ist dagegen anch an einem formlosen Gegenstande zn finden, sofern NnöegranZt- heit all ihm, oder durch dessen Veranlassung, vorgestellt und doch Totalitat derselben hinzugedacht wird: so daß das Schöne für die Darstellung eines mibcsiimm- ten Vcrstandesbegrifs, das Erhabene aber, eines dergleichen Vernunfrbegrifs, genommen zu werden scheint. Also ist das Wohlgefallen dort mit der Vorstellung der Qualität, hier aber der Quantität verbunden. Auch ist das letztere der Art nach von dem ersteren Wohlgefallen gar sehr unterschieden: indem dieses (das Schöne) directe ein Gefühl der Beförderung des Lebens bey sich führt, und daher mit Reizen und einer spielenden Einbildungskraft vereinbar ist; jenes aber (das Gefühl des Erhabenen) eine Lust ist, welche nur indirecte entspringt, nehmlich so daß sie durch das Gefühl einer augenblicklichen Hemmung der Lebenskräfte und darauf sogleich folgenden desto starkem Ergießung derselben erzeugt wird, mithin als Rührung kein Spiel, sondern Ernst in der Beschäftigung der Einbildungskraft zu seyn scheint. Daher es auch mit Reizen unvereinbar ist; und, indem das Gemüth von dem Gegenstände nicht bloß angezogen, fondern wechselsweise auch immer wieder abgestoßen wird, das Wohlgefallen am Erhabenen nicht sowohl positive 76 Erster Theil. Lust als vielmehr Bewunderung oder Achtung enthält, ^ d. i. ingalive Lust genannt zu werden verdient. Der wichtigste und innere Unterschied aber des Erhabenen vzm Schönen ist wohl dieser: daß, wenn wir, wie billig, hier zuförderst nur das Erhabene an Naturobjecten in Betrachtung ziehen (das der Kunst wird nehmlich immer auf die Bedingungen der Übereinstimmung mit der Natur eingeschränkt) die Naturschönheit (die selbsistandige) eine Zweckmäßigkeit in ihrer Form, wodurch der Gegenstand für unsere Urtheilskrast gleichsam vorherbestimmt zu seyn scheint, bey sich führe, und so an sich einen Gegenstand des Wohlgefallens ausmacht; hingegen das was in uns, ohne zu vernünfteln, bloß in der Auffassung, das Gefühl des Erhabenen erregt, der Form nach zwar zweckwidrig für unsere Urtheilskraft, unangemessen unserm Darsicllungsvermögen, und gleichsam gewaltthätig für die Eittbildnngskraft erscheinen mag, aber dennoch nur um desto erhabener zu seyn geurtheilt wird» Man sieht aber hieraus sofort, daß wir uns überhaupt unrichtig ausdrücken, wenn wir irgend einen Gegenstand der Natur erhaben nennen, ob wir zwar ganz richtig sehr viele derselben schön nennen können; denn wie kann das mit einem Ausdrucke des Beyfalls bezeichnet werden, was an sich als zweckwidrig aufgefaßt wird? Wir können nicht mehr sagen, als daß der Gegenstand zur Darstellung einer Erhabenheit tauglich sey, die im Gemüthe angetroffen werden kann;, denn Critik der ästhetischen Urteilskraft. 77 das eigentliche Erhabene kann in keiner sinnlichen Form enthalten seyn, sondern trift nur Ideen der Vernunft: welche, obgleich keine ihnen angemessene Darstellung möglich ist, eben durch diese Unangemessenheit, welche sich sinnlich darstellen laßt, rege gemacht und ins Gemüth gerufen werden. So kann der weite, durch StÄme empörte Ocean, nicht erhaben genannt werden. Sein Anblick ist gräßlich; und man muß das Gemüth schon mit mancherley Ideen angefüllt haben, wenn es durch eine solche Anschauung zu einem Gefühl gestimmt werden soll, welches selbst erhaben ist, indem das Gemüth die Sinnlichkeit zu verlassen und sich mit Ideen, die höhere Zweckmäßigkeit enthalten, zu beschäftigen angereizt wird. Die ftlbstständige Naturschönheit entdeckt uns eine Technik der Natur, welche sie als ein System nach Gesetzen, deren Princip wir in unserm ganzen Verstandes? vermögen nicht antreffen, vorstellig macht, nehmlich dem einer Zweckmäßigkeit, respectiv auf den Gebrauch der Urtheilskraft in Ansehung der Erscheinungen, so daß diese nicht bloß als zur Natur in ihrem zwecklosen Me- chanism, sondern auch als zur Analogie mit der Kunst gehörig, beurtheilt werden müssen. Sie erweitert also wirklich zwar nicht unsere Erkenntniß der Natnrobjecte, aber doch unsern Begrif von der Natur, nehmlich als bloßem Mechanism, zu dem Begrif von eben derfelben als Kunst: welches zu tiefen Untersuchungen über die Möglichkeit einer solchen Form einladet. Aber in dem, was 78 Erster Theil. wir an ihr erhaben zu nennen pflegen, ist sogar nichrs was auf besondere objective Principien und diesen gemäße Formen der Natur führte, daß diese vielmehr in ihrem Chaos oder in ihrer wildesten regellosesten Unordnung und Verwüstung, wenn sich nur Größe und Macht blicken läßt, die Ideen des Erhabenen am meisten erregt. Daraus sehen wir, daß der Begrif des Erhabenen der Natur bey weitem nicht so wichtig und an Folgerungen reichhaltig sey, als der des Schönen in derselben; und daß er überhaupt nichts Zweckmäßiges in der Natur selbst, sondern nur in dem möglichen Gebrauche ihrer Anschauungen, um eine von der Natur ganz unabhängige Zweckmäßigkeit in uns selbst fühlbar zu machen, anzeige. Zum Schönen der Natur müssen wir einen Grund außer uns suchen, zum Erhabenen aber bloß in uns und der Denkungsart, die in die Vorstellung der ersteren Erhabenheit hineinbringt; eine sehr nöthige vorläufige Bemerkung, welche die Ideen des Erhabenen von der einer Zweckmäßigkeit der Natur ganz abtrennt, und aus der Theorie desselben einen bloßen Anhang zur ästhetischen Beurtheilung der Zweckmäßigkeit der Natur macht, weil dadurch keine besondere Form in dieser vorgestellt, sondern nur ein zweckmäßiger Gebrauch, den die Einbildungskraft von ihrer Vorstellung macht, entwickelt wird. Critik der ästhetischen UrthcÜSkraft. 79 §. 24. Von der Eintheilung einer Untersuchung des Gefühls des Erhabenen. Was die Eintheilung der Momente der ästhetischen Beurtheilung der Gegenstände, in Beziehung auf das Gefühl des Erhabenen, betrift, so wird die Analytik nach demselben Princip fortlaufen können, wie in der Zergliederung der Gefchmacksnrcheile geschehen ist. Denn als Urtheil der ästhetischen rcflectirenden Urtheilskrast, muß das Wohlgefallen am Erhabenen eben sowohl, als am Schönen, der Quantität nach allgemeingültig, der Qualität nach ohne Interesse, der Relation nach subjective Zweckmäßigkeit, und der Modalität nach die letztere als nothwendig, vorstellig machen. Hierin wird also die Methode von der im vorigen Abschnitte nicht abweichen: man müßte denn das für etwas rechnen, daß wir dort, wo das ästhetische Urtheil die Form des Objects betraf, von der Untersuchung der Qualität anfingen; hier aber, bei) der Formlosigkeit, welche dem was wir erhaben nennen, zukommen kann, von der Quantität, als dem ersten Moment des ästhetischen Urtheils über das Erhabene, anfangen werden: wozu aber der Grund aus dem vorhergehenden §. zu ersehen ist. Aber eine Eintheilung hat die Analysis des Erhabc- nen nöthig, welche die des Schönen nicht bedarf, nehmlich die in das mathematisch- und in das dyna- miich- Erhabene. 8o Erster Theil. Denn da das Gefühl des Erhabenen eine mit der Beurtheilung des Gegenstandes verbundene Bewegung des Gemüths, als seinen Character bey sich führt, anstatt daß der Geschmack am Schönen das Gemüth in ruhiger Contemplation voraussetzt und erhalt; diese Bewegung aber als subjectiv zweckmäßig beurtheilt werden soll weil das Erhabene gefallt): so wird sie durch die Einbildungskraft entweder auf das ErkeiMtlliß - oder auf das BegehrUttgövermögeu bezogen; in beiderlei) Beziehung aber die Zweckmäßigkeit der gegebenen Vorstellung nur in Ansehung dieser Vermöge!! (ohne Zweck oder Interesse) beurtheilt werden: da dann die erste, als eine mathematische, die zweyte als dynamische Stimmung der Einbildungskraft dem Objecte beygelegt, und daher diefes auf gedachte zwiefache Art als erhaben vorgestellt wird. Vom Mathematisch - Erhabenen. §. 25. Namenerklarueg des Erhabenen. Erhaben nennm wir das, was schlechthin groß ist. Groß-seyn aber, und eine Größe seyn, sind ganz verschiedene Begriffe (inaZnituclo und ^u-nitiiÄs). Jmglcichen schlechtweg (liinxliciter) sagen, daß etwas groß sey, ist auch ganz etwas anders als sagen, daß Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 8r daß es schlechthin groß (civsolnte, non coinpsrstive nisZnuin) sey. Das letztere ist das, was Über alle Vergleichung groß ist. — Was will nun aber der Ausdruck, daß etwas groß, oder klein, oder mittelmäßig sey, sagen? Ein reiner Verstandesbegrif ist es nicht, was dadurch bezeichnet wird; noch weniger eine Sinnenanschauung; und eben so wenig ein Vernunftbegrif, weil er gar kein Princip der Erkenntniß bey sich führt. Es muß also ein Bcgrif der Urtheilskraft seyn, oder von einem solchen abstammen, und eine subjective Zweckmäßigkeit der Vorstellung in Beziehung auf die Urtheilskraft zum Grunde legen. Daß etwas eine Größe (^aumm) sey, laßt sich aus dem Dinge selbst, ohne alle Vergleichung mit andern, erkennen; wenn neymlich Vielheir des Gleichartigen zusammen Eines ausmacht. Wie groß eS aber sey, erfordert jederzeit etwas anders, welches auch Größe ist, zu seinem Maaße. Weil es aber in der Beurtheilung der Größe nicht bloß auf die Vielheit (Zahl), sondern auch auf die Größe der Einheit (des Maaßes) ankommt, und die Größe dieser letztern immer wiederum etwas Anders als Maaß bedarf, womit sie verglichen werden könne; so sehen wir: daß alle Grö- ßenbeuimmung der Erscheinungen schlechterdings keinen absoluten Begrif von einer Größe, sondern allemal nur einen Vergleichungsbegrif liefern könne. Wenn ich nun schlechtweg sage, daß etwas groß sey, so scheint es daß ich gar keine Vergleichung im Sinnt Danrs Lnc. d. Urrheilskr. F 8- - Erster Theil. habe, wenigstens mit keinem objectiven Maaße, weil dadurch gar nicht bestimmt wird, wie groß der Gegen» stand sey. Ob aber gleich der Maaßstab der Vergleichung bloß subjectiv ist, so macht das Urtheil nichts desto weniger auf allgemeine Bestimmung Anspruch; die Urtheile i der Mann ist schön und er ist groß, schranken sich nicht bloß aufdas urtheilende Subject ein, sondern verlangen, gleich theoretischen Urtheilen, jedermanns Beystimmung. Weil aber in einem Urtheile, wodurch etwas schlecht» weg als groß bezeichnet wird, nicht bloß gesagt werden will, daß der Gegenstand eine Größe habe, sondern diese ihm zugleich vorzugsweise vor vielen andern gleicher Art beygelegt wird, ohne doch diesen Vorzug bestimmt anzugeben; so wird demselben allerdings ein Maaßstab zum Grunde gelegt, den man für jedermann, als eben denselben, annehmen zu können voraussetzt, der aber zu keiner logischen (mathematisch-bestimmten), sondern nur ästhetischen Beurtheilung der Größe brauchbar ist, weil er ein bloß subjectiv dem über Größe reflectirenden Urtheile zum Grnnde liegender Maaßsiab ist. Er mag übrigens empirisch seyn, wie etwa die mittlere Größe der uns bekannten Menschen, Thiere von gewisser Art, Bau- mc, Hauser, Berge, u. d.gl.z oder ein :i i^imi gegebener Maaßstab, der durch die Mangel des beurtheilenden Subjects auf subjective Bedingungen der Darstellung In cvncrerc, eingeschränkt ist: als im Practischen, die Große einer gewissen Tugend, oder der öffentlichen Freyheit und Critik der ästhetischen Urteilskraft. ^ Gerechtigkeit in einem Lande; oder im Theoretischen: die Größe der Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer gemachten Observation oder Messung, u. d. gl. Hier ist nun merkwürdig: daß, »venn wir gleich am Objecte gar kein Interesse haben, d. i. die Existenz desselben uns gleichgültig ist, doch die bloße Größe desselben, selbst wenn es als formlos betrachtet wird, ein Wohlgefallen bey sich führen könne, das allgemein mittheilbar ist, mithin Bewußtseyn einer subjectiven Zweckmäßigkeit im Gebrauche unsrer Erreimtnißvermögen enthalte; aber nicht etwa ein Wohlgefallen am Objecte, wie beym Schönen (weil es formlos seyn kann), wo die reflectirende Urcheilskraft sich in Beziehung auf das Erkenntniß überhaupt zweckmäßig gestimmt findet: sondern an der Erweiterung der Einbildungskrast an sich selbst. Wenn wir (unter der obgenannten Einschränkung) von einem Gegenstände schlechtweg sagen, er sey groß; so ist dies kein matheniatisch-bcstinimendes, sondern ein bloßes Reflexionsurtheil über die Vorstellung desselben, die für einen gewissen Gebrauch unserer Erkenntnißkräfte in der Größenschätzung subjectiv zweckmäßig ist; und wir verbinden alsdann mir der Vorstellung jederzeit eine Art von Achtung, so wie mir dem, was wir schlechtweg klein nennen, eine Verachtung. Übrigens geht-die Beurtheilung der Dinge als groß oder klein auf alles, selbst auf alle Beschaffenheiren derselben; daher wir selbst die Schönheit groß oder klein nennen: wovon der Grund F 2 - 84 Erster Theil. darin zu suchen ist, daß, was wir nach Vorschrift der Urtheilskraft in der Anschauung nur immer darstellen (mithin ästhetisch vorstellen) mögen, insgesammt Erscheinung, mithin auch ein Quantum ist. Wenn wir aber etwas nicht allein groß, sondern schlechthin-absolut-in aller Absicht- (über alle Verglei- chung) groß, d. i. Erhaben, nennen, so sieht man bald ein: daß wir für dasselbe keinen ihm angemessenen Maaßstab außer ihm, sondern bloß in ihm, zu suchen verstatten. Es ist eine Größe, die bloß sich selber gleich ist. Daß das Erhabene also nicht in den Dingen der Natur, sondern allein in unsern Ideen zu suchen sey, folgt hieraus; in welchen es aber liege, muß für die Deduction aufbehalten werden. Die obige Erklärung kann auch so ausgedrückt werden: Erhaben ist das, mit welchen: in Vergleichung alles andere klein ist. Hier sieht man leicht: daß nichts in der Natur gegeben werden könne, so groß als es auch von uns beurtheilt werde, was nicht in einem andern Verhältnisse betrachtet bis zum Unendlichkleinen abgewürdigt werden könnte: und umgekehrt, nichts so klein, was sich nicht in Vergleichung mit noch kleinern Maaßstaben für unsere Einbildungskraft bis zu einer Weltgröße erweitern ließe. Die Telescope haben uns die erstere, die Microscope die letztere Bemerkung zu machen reichlichen Stoff an die Hand gegeben. Nichts also, was Gegenstand der Sinnen seyn kann Critik der ästhetischen Urtheisskraft. 85 ist, auf diesen Fuß betrachtet, erhaben zu nennen. Aber eben darum, daß in unserer Einbildungskraft ein Bestreben zum Fortschritte ins Unendliche, in unsererlVernunft aber ein Anspruch auf absolute Totalitat, als auf eine reelle Idee liegt: ist selbst jene Unangemessenhcit unseres Vermögens der Größenschätzung der Dinge der Sinnenwelt für diese Idee, die Erweckung des Gefühls eines übersinnlichen Vermögens in uns; und der Gebrauch, den die Urtheilskraft von gewissen Gegenstanden zum Behuf des letztern (Gefühls) natürlicher Weife macht, nicht aber der Gegenstand der Sinne, ist schlechthin groß, gegen ihn aber jeder andere Gebrauch klein. Mithin ist die Geistesstimmung durch eine gewisse die refiec- tirende Urtheilskraft beschäftigende Vorstellung, nicht aber das Object, erhaben zu nennen. Wir können also zn den vorigen Formeln der Erklärung des Erhabenen noch diese hinzuthun: Erhaben ist, was auch nur denken zu können ein Vermögen des Gemüths beweiset, das jeden Maaßstab der Sinne übertrift. §. 26. Von der Größenschatzung der Naturdinge, die zur Idee des Erhabenen erforderlich ist. Die Größenschatzung durch Zahlbegriffe (oder deren Zeichen in der Algebra) ist mathematisch, die aber in der bloßen Anschauung (nach dem Augenmaaße) ist ästhe- F? 86 Erster Theil. tisch. Nun können wir zwar bestimmte Begriffe davon, wie groß etwas sey) nur durch Zahlen (allenfalls Annäherungen durch ins. Unendliche fortgehende Zahlreihen) bekommen, deren Einheit das Maaß ist; und sofern ist alle logische Größenfchatzung mathematisch. Allein da die Größe des Maaßes doch als bekannt angenommen werden muß, so würden, wenn diese nun wiederum nur durch Zahlen, deren Einheit ein anderes Maaß seyn müßte, mithin mathematisch geschätzt werden sollte, wir niemals ein erstes oder Gruudmaaß, mithin auch keinen bestimmten Begrif von einer gegebenen Größe haben können. Also muß die Schätzung der Größe des Grundmaaßcs bloß darin bestehen, daß man sie in einer Anschauung unmittelbar fassen und durch Einbildungskraft zur Darstellung der Zahlbegriffe brauchen kann: d. i. Alle Größenschatzung der Gegenstande der Natur ist zuletzt ästhetisch (d. i. subjectiv und nicht objectiv bestimmt). Nun giebt es zwar für die mathematifche Größenschatzung kein Größtes (denn die Macht der Zahlen geht ins Unendliche); aber für die ästhetische Größenschatzung giebt es allerdings ein Größtes: und von diesem sage ich: daß, wenn es als absolutes Maaß, über das kein größeres subjectiv (dem benrtheilendcn Subject) möglich sey, beurtheilt wird, es die Idee des Erhabenen bey sich führe, und diejenige Rührung, welche keine mathematische Schätzung der Größen durch Zahlen i..,,^ »V>.^»^<.' ^ '«^'.^>^«.^.^.'ü . N». ZN?iii. ^i^Z ^i<>! Weil alles, was der bloß reflcctirenden Urtheilskraft ohne Interesse gefallen soll, in seiner Vorstellung subjective, und, als solche, allgemein-gültige Zweckmäßigkeit bey sich führen muß, gleichwohl aber hier keine Zweckmäßigkeit der Form des Gegenstandes (wie beym Schönen) der Beurtheilung zum Grunde liegt; sosragt sich: welches ist diese subjective Zweckmäßigkeit? und wodurch wird sie als Norm vorgeschrieben, um in der bloßen Grvßenschatzung, und zwar der, welche gar bis zur Unangemessenst unseres Vermögens der Einbildungskrast in Darstellung des Begrifs von einer Größe getrieben worden, einen Grund zum allgemein-gültigen Wohlgefallen abzugeben? Die Einbildungskraft schreitet in der Zusammensetzung, die zur Größenvorstellung erforderlich ist, von selbst, ohne daß ihr etwas hinderlich wäre, ins Unendliche fort; der Verstand aber leitet sie durch Aahlbegrisfe, wozu jene das Schema hergeben muß: und in diesem Verfahren, als zur logischen Großenschätzung gehörig, ist zwar etwas objectiv zweckmäßiges, nach dem Begrifft von einem Zwecke (dergleichen jede Ausmessung ist), aber nichts für die ästhetische Urtheilskrast Zweckmäßiges und Gefallendes. Es ist auch in dieser absicht- , Critik der ästhetischen Uvtheilskraft. 91 lichcn Zweckmäßigkeit nichts, was die Größe des Maaßes, mithin der Zusammenfassung des Vielen i» eine Anschauung, bis zur Gränze des Vermögens der Einbildungskraft, und so weit, wie diese in Darstellungen nur immer reichen mag, zu treiben nöthigte. Denn in der Verstandcsfchätzung der Größen (der Arithmetik) kommt man eben so weit, ob man die Zusammenfassung der Einheiten bis zur Zahl 10 (in der Decadik), oder nur bis 4 (in der Tctractik) treibt; die weitere Grö- ßencrzeugung aber im Zusammensetzen, oder, wenn das Quantum in der Anschauung gegeben ist, im Auffassen, bloß progressiv (nicht comprehensiv) nach einem angenommenen Progressionsprincip verrichtet. Der Verstand wird in dieser mathematischen Größenschalmng eben so gut bedient und befriedigt, ob die Einbildungskraft zur Einheit eine Größe, die man in einem Blick fassen kann, z. V. einen Fuß oder Ruthe, ober ob sie eine deutsche Meile, oder gar einen Erddurchmesser, deren Auffassung zwar, aber nicht die Zusammenfassung in eine Anschammg der Einbildungskraft (nicht durch die coiii.pi-eliizii!!z , Erster Theil. pstcgt. Jlt der Religion überhaupt scheint Niedcrwtt, ftu, Anbetung mit niederhangcndcm Haupte, mit zerknirschten angstvollen Gebehrden und Stimmen, das eiuzigschickliche Benehmen in Gegenwart der Gottheit zu seyn, welches daher auch die meisten Völker angenommen haben und noch beobachten. Allein diese Gemüths- siimmung ist auch bey weitem nicht mit der Idee der Erhabenheit einer Religion und ihres Gegenstandes an sich und nothwendig verbunden. Der Mensch, der sich wirklich fürchtet, weil er dazu in sich Ursache findet, indem er sich bewußt ist, mit seiner verwerflichen Gesinnung wider eine Macht zu verstoßen deren Wille unwiderstehlich und zugleich gerecht ist, befindet sich gar nicht in der Gemüthsfassung, um die göttliche Größe zu bewundern, wozu eine Stimmung zur ruhigen Contemplation und ganz freyes Urtheil erforderlich ist. Nur alsdann, wenn er sich seiner aufrichtigen gottgefälligen Gesinnung bewußt ist, dienen jene Wirkungen der Macht, in ihm die Idee der Erhabenheit dieses Wesens zu erwecken, sofern er eine dessen Willen gemäße Erhabenheit der Gesinnung bey sich selbst erkennt, und dadurch über die Furcht vor solchen Wirkungen der Natur, die er nicht als Ausbrüche seines Zorns ansieht, erhoben wird. Selbst die Demuth, als nnnachsichtliche Beurtheilung seiner Mangel, die sonst, beym Bewußtseyn guter Gesinnungen, leicht mit der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur bemäntelt werden könnten, ist eine erhabene Ge- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 109 müthsstimmung, sich willkürlich dem Schmerze der Selbstverweise zu unterwerfen, um die Ursache dazu nach und nach zu vertilgen. Auf solche Weife allein unterscheidet sich innerlich Religion von Superstition; welche letztere nicht Ehrfurcht für das Erhabene, sondern Furcht und Angst vor dem übermächtigen Wefcn, def- fen Willen der erfchreckte Mensch sich unterworfen sieht ohne ihn doch hochzuschätzen, im Gemüthe gründet; woraus denn freylich nichts als Gunsibewerbung und Einfchmeichelung, statt einer Religion des guten Lebenswandels, entspringen kann. Also ist die Erhabenheit in keinem Dinge der Natur, sondern nur in unserm Gemüthe enthalten, sofern wir der Natur in uns, und dadurch auch der Natur (sofern sie auf uns einstießt) außer uns, überlegen zu seyn uns bewußt werden können. Alles, was dieses Gefühl in uns erregt, wozu die Macht der Natu gehört, welche unsere Kräfte auffordert, heißt alsdenn (obzwar uneigentlich) erhaben; und nur unter der Voraussetzung dieser Idee in uns, und in Beziehung auf sie, sind wir fähig, zur Idee der Erhabenheit desjenigen Wesens zu gelangen, welches nicht bloß durch seine Macht, die es in der Natur beweiset, innige Achtung in uns wirkt, sondern noch mehr durch das Vermögen, welches in uns gelegt ist, jene ohne Furcht zu beurtheilen, und unsere Bestimmung als über dieselbe erhaben zu denken» I 10 Erster Th?il. §. 29. Von der Modalität des Urtheils über das Erhabene der Natur. Es giebt unzählige Dinge der schönen Natur, worüber wir Einstimmigkeit des Urtheils mit dein unsrigen jedermann geradezu ansinnen, und auch, ohne sonderlich zu fehlen, erwarten können; aber mit unserm Uurtheile über das Erhabene in der Natur können wir uns nicht so leicht Eingang bey Andern versprechen. Denn es scheint eine bey weitem größere Cultur, nicht bloß der ästhetischen Urthcilskraft, sondern auch der Erkenntnißvermögen, die ihr zum Grunde liegen, erforderlich zu seyn, um über diese Vorzüglichkeit der Naturgegensiän- de ein Urtheil fallen zu können. Die Stimmung des Gemüths zum Gefühl des Erhabenen erfordert eine Empfänglichkeit desselben für Ideen; denn eben in der Unangemessenheit der Natur zu den letztern, mithin nur unter der Voransfetzung derselben, und der Anspannung der Einbildungskraft, die Natur als ein Schema für die letztem zu behandeln, besieht das Abschreckende für die Sinnlichkeit, welches doch zugleich anziehend ist: weil es eine Gewalt ist, welche die Vernunft auf jene ausübt, nur um sie ihrem eigentlichen Gebiete (dem practischen) angemessen zu erweitern, und sie auf das Unendliche hinaussehen zu lassen, welches für jene ein Abgrund ist. In der That wird ohne Ent- Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 111 Wickelung sittlicher Ideen das, was wir, durch Cultur vorbereitet, erhaden nennen, dem rohen Menschen bloß abschreckend vorkommen. Er wird an dcn Beweisthü- mern der Gewalt der Natur in ihrer Zerstörung und dem grossen Maaßstabe ihrer Macht, wogegen die ftini- ge in Nichts verschwindet, lauter Mühseligkeit, Gefahr und Noth sehen, die den Menschen umgeben würden, der dahin gebannt wäre. So nannte der gute, übrigens verständige Savonische Bauer (wie Hr v. Saus- süre erzählt), alle Liebhaber der Eisgcbiige ohne Bedenken Narren. Wer weiß auch, ob er so ganz Unrecht gehabt hatte, wenn jener Beobachter die Gefahren, denen er sich hier aussetzte, bloß, wie die meisten Reisenden pflegen, aus Liebhaberei), oder um dereinst pathetische Beschreibungen davon geben zu können, übernommen hatte? So aber war seine Absicht, Belehrung der Menschen; und die seelenerhebende Empfindung hatte und gab der vortrefliche Mann den Lesern seiner Reisen in ihren Kauf oben ein. Darum aber, weil das Urtheil über das Erhabene der Natur Cultur bedarf (mehr als das über das Schöne), ist es doch dadurch nicht eben von der Cultur zuerst erzeugt, und etwa bloß conventionsmaßig in der Gesellschaft eingeführt; sondern es hat seine Grundlage in der menschlichen Natur, und zwar demjenigen, was man mit dem gesunden Verstände zugleich jedermann ansinnen und von ihm fordern kann, nehmlich il2 Erster Theil. in der Anlage zum Gefühl für (praktische) Ideen, d. i. zu dem moralischen. Hierauf gründet sich nun die Nothwendigkeit der Beystimmung des Urtheils anderer vom Erhabenen zu dem unsrigcn, welche wir in diesem zugleich mit einschließen. Denn, so wie wir dem, der in der Beurtheilung eines Gegenstandes der Natur, welchen wir schön finden, gleichgültig ist, Mangel des Geschmacks vorwerfen; so sagen wir von dem, der bey dem, was wir erhaben zn seyn urtheilen, unbewegt bleibt, er habe kein Gefühl. Beides aber fordern wir von jedem Menschen, und setzen es auch, wenn er einige Cultur hat, an ihm voraus: nur mit dem Unterschiede, daß wir das erstere, weil die Urtheilskraft darin die Einbildung bloß auf den Verstand, als Vermögen der Begriffe, bezieht, geradezu von jedermann; das zweyte aber, weil sie darin die Einbildungskraft auf Vernunft, als Vermögen der Ideen, beziehc, nur unter einer subjecti- vcn Voraussetzung (die wir aber jedermann ansinnen zu dürfen uns berechtigt glauben) fordern, nehmlich der des moralischen Gefühls im Menschen, und hiermit auch diesem ästhetischen Urtheile Nothwendigkeit beylegen. In dieser Modalitat der ästhetischen Urtheile, nehmlich, der angemaßten Nothwendigkeit derselben, liegt ein Hauptmoment für die Critik der Urtheilskraft. Denn die macht eben an ihnen ein Princip a prim-i kenntlich, und hebt sie aus der empirischen Psychologie, in - welcher Critik der ästhetischen Urteilskraft. nZ welcher sie sonst unter den Gefühlen des Vergnügens mid Schmerzens (nur mit dem nichtssagenden Beywort eines feinern Gefühls) begraben bleiben würden, um sie, und vermittelst ihrer die Urtheilskraft, in die Classe derer zu stellen, welche Principien i, priori zum Grunde haben, als solche aber, sie in die Transcendentalphilosophie hinüberzuziehen. Allgemeine Anmerkung zur Exposition der ästhetischen reflectirenden Urtheile. In Beziehung auf das Gefühl der Lust ist ein Gegen» stand entweder zum Angenehmen, oder Schönen, oder Erhabenen, oder Guten (schlechthin) zu zahlen (jueuu- äum, ^ziilclii'uin, lulolirns, Iionslium). Das Angenehme ist, als Triebfeder der Begierden, durchgangig von einerley Art, woher es auch kommen, und wie specifisch > verschieden such die Vorstellung (des Sinnes und der Empfindung, objectiv betrachtet) seyn mag. Daher kommt es bey der Beurtheilung des Einflusses desselben auf das Gemüth nur auf die Menge der Netze (zugleich und nach einander), und gleichsam nur auf die Masse der angenehmen Empfindung an; und diese läßt sich also durch nichts als die (Quantität verständlich machen. Es cultlvirt auch nicht, so», dern gehört zum bloßen Genusse. — Das Schöne erfordert dagegen die Vorstellung einer gewissen (Qualität des Objects, die sich auch verständlich machen, und auf Begriffe bringen läßt (wiewohl es im ästhetischen Urtheile darauf nicht gebracht wird); und cultlvirt, indem es zugleich auf Zweckmäßigkeit im Gefühle der Lust Acht zu haben lehrt. — Das Er- Äanrs Lric. d, Uvcheilskr. H ii4 Erster Theil. ' habeue besteht bloß in der Relation, worin das Sinnliche in der Vorstellung der Natnr für einen möglichen übersinnlichen Gebrauch desselben als tauglich beurtheilt wird, — Das Schlechthin.Gute, subjecliv nach dem Gefühle, weiches es einflößt, beurtheilt, sdas Object des moralischen Gefühls) als die Bestimmb.irk.'it der Kräfte des Subjects, durch die Vorstellung eines schlechthin-nöthigenden Gesetzes, unterscheidet sich vornehmlich durch die Modalitar einer auf Begriffen s priori beruhenden Nothwendigkeit, die nicht bloß Anspruch, sondern auch Gebot des Beyfalls für jedermann in sich enchält, und gehört an sich zwar nicht für die ästhetische, sondern die reine intellectuelle Urtheilstraft; wird auch nickt in einem bloß reflectirenden, sondern bestimmenden Urtheile, nicht der Naiur, sondern der Freyheit beygelegt. Aber die Bestimmbarkeit des Subjects durch diese Zdee, und zwar eines Subjects, welches in sich an der Sinnlichkeit Hindernisse, zugleich aber Überlegenheit über dieselbe durch die Überwindung derselben als Modifikation seines Zustandes empfinden kann, d. i. das morali< sche Gefühl, ist doch mit der ästhetischen Urtheilskraft und deren formalen Bedingungen sofern verwandt, daß es dazu dienen kann, die Gesetzmäßigkeit der Handlung aus Pflicht zugleich als ästhetisch, d, i. als erhaben, oder auch als schön vorstellig zu machen, ohne an seiner Reinigkeit einzubüßen: weiches nicht Statt findet, wenn man es mir dem Gefühl des Angenehmen in natürliche Verbindung setzen wollte. Wenn man das Resultat aus der bisherigen Exposition beiderlei) Arten ästhetischer Urtheile zieht, so würden sich daraus folgende kurze Erklärungen ergeben: Schön ist das, was in der bloßen Beurtheilung (also nicht vermittelst der Empfindung des Sinnes nach einem Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 115 Begriffe bes Verstandes) gefällt. Hieraus folgt von selbst, daß es ohne alles Interesse gefallen müsse. Erhaben ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Zimresse der Sinne unmittelbar gefällt. Beide, als Erklärungen ästhetischer allgemeingültiger Beurtheilung, beziehen sich auf subjective Gründe, nehmlich einerseits der Sinnlichkeit, so wie sie zu Gunsten des con> temvlativen Verstandes; andererseits, wie sie wider dieselbe, dagegen für die Zwecke der practischen Vernunft, und doch beide in demselben Subjecte vereinigt, in Beziehung auf das moralische Gefühl zweckmäßig sind. Das Schöne berettet uns vor, etwas, selbst die Natur, ohne Interesse zu lieben; das Erhabene, es, selbst wider unser (sinnliches) Interesse, hochzuschätzen. Man kann das Erhabene so beschreiben: es ist ein Gegenstand (der Natur), dessen Vorstellung das Gemüth bestimmt, sich die Uncrreichbarr'eir der L-Iatur als Darstellung von Ideen zu denken. Buchstäblich genommen, und logisch betrachtet, kö>„ nen Ideen nicht dargestellt werden. Aber, wenn wir unser empirisches Vorstellungsvermögen (mathematisch, oder dynamisch) für die Anschauung der Natur erweitern; so tritt unausbleiblich die Vernunft hinzu, als Vermögen der In- depcndenz der absoluten Totalität, und bringt die, obzwar vergebliche, Bestrebung bes Gemüths hervor, die Vorstellung der Sinne diesen angemessen zu machen. Diese Bestrebung, und das Gefühl der Unerreichbarkcir der Idee durch die Einbildungskraft, ist selbst eine Darstellung der subjcniven Zweckmäßigkeit unseres Gemüths tm Gebrauche der Einbildungskraft für dessen übersinnliche Bestimmung, und nöthigt uns, subjectiv die Nacur selbst in ihrer Totalität, als Darstellung von etwas Übersinn- H - n6 Erster Theil. lichtn, zu denken, ohne diese Darstellung objectiv zu Stande bringen zu können. Denn das werden wir bald inne, daß der Natur im R">n>e und In der Zeit das Unbedingte/ mithin auch die absolute Größe, ganz abgehe, die doch von der gemeinsten Vernunft verlangt wird. Eben dadurch werden wir auch erin, verr daß wir es »ur mit einer Natur als Erscheinung zu thun haben, und Diese selbst noch als bloße Darstellung einer Narur an sich (welche die Vernunft in der Idee hat) müsse angesehen werden. Diese Zdee des Übersinnliche» aber, die wir zwar nicht wetter bestimmen, mithin die Natur als Darstellung derselben nicht erkennen, sondern nur denken könne», wird in uue durch einen Gegenstand erweckt, dessen ästhetische Beurtheilung die Einbildungskraft bis zu ihrer Gränze, es sey der Erweiterung (mathe- matück), oder ihrer Macht über das G müth (dynamisch), anspannt, indem sie sich auf dem Gefühle einer Besiim- munq desselben gründet, welche das Gebiet der ersteren gänzlich überschreiter (dem moralischen Gefühl), in Anse, hung dess-n die Vorstellung des Gegenstandes als subjecliv- zweckmäßig beurtheilt wird. In der That läßt sich ein Gefühl für das Erhabene der Ncuur nicht wohl denken, ohne eine Stimmung des Ge» müths, die der zum moralischen ähnlich ist, damit zu vcr, binden; und obgleich die unmittelbare Lust am Schönen der Natur gleichfalls eine gewisse Liberalität der Denkangsart, d. t. Unabhängigkeit des Wohlgefallens vom bloßen Sin» nengenusse, vorausseht und eultivlrt, so wird dadurch doch mehr sie Freyheit im Spiele, als unter einem gesetzlichen Geschäfte vorgestellt: welches die achte Beschaffenheit der Sittlichkeit des Menschen ist, wo die Vernunft der Sinn» lichteil Gewalt anchun muß; nur baß im ästhetischen Urtheile Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 117 über das Erhabene diese Gemalt durch die Einbildungskraft selbst, als durch ein Werkzeug der Vernunft, ausgeübt vor, gestellel wird. Das Wohlgefallen am Erhabenen der Natur ist daher auch nur negativ (statt dessen das am Schönen positiv ist), nehmlich ein Gefühl der Beraubung der Freyheil der EinbildnngLkraft durch sie selbst, indem sie nach eincm andern Gesetze, als dem des empirischen Gebrauchs, zweckmäßig bestimmt wird. Dadurch bekommt sie eine Enveire, rung und Mackt, welche größer ist, als die welche sie aus» opfert, deren Grund aber ihr selbst verborgen ist, statt dessen sie die Aufopferung oder die Beraubung, und zugleich die Ursache fühlt, der sie unteiworfen wird. Die Verwunderung, die an Schreck gränzt, das Grausen und der heilige Schauer, welcher den Zuschauer bey dem Anblicke him- >ne>ansteigendcr Gebirgsmasftn, tiefer Schlünde und darin tobender Gewässer, tiesbeschatteter, zum schwermüthigen Nachdenken einladender Einöden u. s. w. ergreift, ist, bey der Sicherheit worin er sich weiß, nicht wirkliche Fnrcht, sondern nur ein Versuch, uns mit der Einbiidungsk'-ast darauf einzulassen, um die Macht ebendcsselben Vermögens zu fühlen, die dadurch erregte Bewegung des Gemürhs mit dein Ruhestände desselben zu verbinden, und so der Natur in uns selbst, mithin auch der außer uns, sofern sie auf das Gefühl unseres Wohlbefindens Einfluß haben kann, überlegen zu seyn. Denn die Einbildungskraft nach dem Asso? ciationsgcsetze macht unseren Zustand der Zufriedenheit physisch abhängig; aber eben dieselbe nach Principien des Sche- mcmems der Urtheilskrast (folglich sofern der Freyheit untergeordnet), ist Werkzeug der Vernunft und ihrer Ideen, als solches aber eine Macht, unsere Unabhängigkeit gegen die Natureinflüsse zu behaupten, das, was nach der h? Erster Theil. letzteren groß ist, als klein abzuwürdigen, und so das Schlechthin-Große nur in seiner (des Subjects) eigenen Bestimmung zu setzen. Diese Reflexion der ästhetischen Urtheilekraft, zur Angemcsscnheit mit der Vernunft (nur ohne einen bestimmten Begrif derselben) zu erheben, stellt den Gegenstand, selbst durch die objective Unangcmessenh.it der Einbildungskraft, in ihrer größten Erweiterung für die Vernunft (als Vermögen der Ideen) dennoch als subjcc- tiv-zweckmäßig vor. Man muß hier überhaupt darauf Acht haben, was oben schon erinnert worden ist, daß in der transcendentalen Äsche, tik der l'rthetlskrast lediglich von reinen ästhetischen Urtheilen die Nede seyn müsse, folglich die Beyspiele nicht von solchen schönen oder erhabenen Gegenständen der Natnr hergenommen werden dürfen, die den Begris von einem Zwecke vor, aussetzen; denn alsdann würde es entweder teieologifche, oder sich auf bloßen Empfindungen eines Gegenstandes (Vergnügen oder Schmerz) gründende, mithin im ersteren Falle nicht ästhetische, im zweyten nicht bloße formale Zweckmäßigkeit seyn. Wenn man also den Anblick des bestirnten Himmels erhaben nennt, so muß man der Beurtheilung dessel, den nicht Begriffe von Welten, durch vernünftige Wesen be< wvhut, und mm die hellen Puncte womit wir den Raum liber uns crfüllr sehe», als ihre Sonnen in sehr zweckmäßig für sie gestellten Kreisen bewegt, zum Grunde legen, so», dcrn bloß, wie man ihn sieht, als ein weites Gewölbe, das alles befaßt; und bloß unter dieser Vorstellung müssen wir die Erhabenheit setzen, die ein reines ästhetisches Urtheil diesem Gegenstande beylegt. Eben so den Anblick des Oceans nicht so, ivie wir, mir allerley Kenntnissen (die aber nicht in der unmittelbaren Anschauung enthalten sind) bereichert, ihn denken; etwa als ein weites Reich von Wassergeschö- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 119 pfen, als den großen Wasserschatz für die Ausdünstungen welche die Luft mit Wolken zum Behuf der Länder beschwängcrn, oder auch als ein Element, das zwar Weltteile von einander trennt, gleichwohl aber die größte Gemeinschaft unrer ihnen möglich macht: denn das giebt lauter teleo, logische Urtheile; sondern man muß den Ocean bloß, wie die Dichter es thun, nach dem, was der Augenschein zeigt, etwa, wenn er in Ruhe betrachtet wird, als einen klaren Wasserspiegel, der bloß vom Himmel begränzr ist, aber ist er unruhig, wie einen alles zu verschlingen drohenden Ab» gründ, dennoch erhaben finden können. Eben das lst von dem Erhabenen und Schonen in der Menschengestalt zu sa, gen, wo wir nicht auf Begriffe der Zwecke, rvozu alle seine Gitedmagen da sind, als Bestimmungsgründe des Unheils zurücksehen, und die Zusammenstimmn»«; mit ihnen auf Unser (alsdann nicht mehr reines) ästhetisches Urtheil nicht einstießen lassen müssen, obgleich, daß sie jenen nicht wl, derstreiien, freylich eine nothwendige Bedingung auch des ästhetischen Wohlgefallens ist. Die ästhetische Zweckmäßigkeit ist die Gesetzmäßigkeit der Urtheilskraft in ihrer Freyheit. Das Wohlgefallen an dem Gegenstande hangt von der Beziehung ab, in welcher wir die Einbildungskraft fetzen wollen: nur daß sie für sich selbst das Gemüth in freyer Beschäftigung unterhalte. Wenn dagegen etwas anderes, es sey Sinnenempfindung, oder Verstanoesbegrif, daö Urtheil bestimmt; so ist es zwar gesetzmäßig, aber nicht das Urtheil einer freyen Urtheilskraft. Wenn man also von incellectu.ellcr Schönheit oder Er, habenheit spricht, so sind erstlich diese Ausdrücke nicht ganz richtig, weil es ästhetische VorstellungSarten sind, die, wenn wir bloß reine Intelligenzen wären (oder uns auch in Gedanken in diese Qualität versehen), in uns gar nicht anzu- H 4 !2o , Erster Theil. treffen seyn würden; zweytens, obgleich beide, als Gegenstände eines intcllectuellen (moralischen) Wohlgefallens, zwar sofern mit dem ästhetischen vereinbar sind, als sie auf keinem Interesse beruhen: so sind sie doch darin wiederum mit diesem schwer zu vereinigen, weil sie ein Interesse bewirken sollen, welche?, wenn die Darstellung zum Wohlgefallen in der äst hc tischen Vemtheilung zusammenstimmen soll, in dieser niemals anders als durch ein Sinneninteresse, wel, ches man damit in der Darstellung verbindet, geschehen würde, wodurch aber der intellectuellcn Zweckmäßigkeit Abbruch geschieht, nnd sie verunreinigt wird. Der Gegenstand eines reinen und unbedingten intellectuel, len Wohlgefallens ist das moralische Gesetz in seiner Macht, die es in uns über alle und jede vor ihm vorhergehende Triebfedern des Gemüths ausübt; und, da diese Macht sich eigeiiiljch nur durch Aufopferungen ästhetisch kenntlich macht (welches eine Beraubung, obgleich zum Behuf der innern Freyheit, ist, d.igcgc» eine unergründliche Tiefe dieses über, sinnlichen Vermögens, mit ihren ins Unabsehliche sich erstreckenden Folien, in uns aufdeckt): so ist das Wohlgefallen von der ästhetischen Seite (in Vezichuug auf Sinnlichkeit) negaliv, d. i. wider dieses Interesse, von der intclleetuellen aber-betrachtet, positiv, und mir einem Interesse verbunden. Hieraus folgt: daß das intcilectuelle, an sich felbst zweckmäßige (das Moralisch-) Gute, ästhetisch beurtheilt, nicht sowohl schon, als vielmehr erhaben vorgestellt werden müsse, so daß es mehr das Gefühl der Achtung (welches den Neiz verschmäht), als der Liebe und vertraulichen Zuneigung erwecke; weil die menschliche Natur nicht so von ftlbst, sondern nur durch Gewalt, welche die Vernunft der Sinnlichkeit anthut, zu jenem Guten zusammenstimmt. Umgekehrt, wird auch das, was wir in der Natur außer uns, oder auch Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 121 in uns (z. B. gewisse Affekten), erhaben nennen, nur als eine Macht des Gemüths, sich über gewisse Hindernisse der Sinnlichkeit durch menschliche Grundsätze zu schwingen, vorgestellt, und dadurch interessant werden. Ich will bey dem letzter» etwas verweilen. Die Idee des Guten mit Assect heißt der Enthnsiasm. Dieser Gemüthszustand scheint erhaben zu seyn, dermaßen, daß man gemeiniglich vorgiebt: ohne ihn könne nichts Großes ausge, richtet werben. Nnn ist aber jeder Assect *) blind, entweder In der Wahl seines Zwecks, oder wenn dieser auch durch Vernunft gegeben worden, ln der Ausführung desselben; denn er ist diejenige Bewegung des Gemüths, welche es uüvermögend macht, freye Überlegung der Grundsatze anzustellen, um sich darnach zu bestimmen. Also kann er auf keinerley Welse ein Wohlgefallen der Vernunft verdienen. Ästhetisch gleichwohl ist der Enthusiaom erhaben, weil er eine Anspannung der Kräfte durch Ideen ist, welche dem Gemüthe einen Schwung geben, der weit mächtiger und dauerhafter wirkt, als der Antrieb durch Sinnenvorstellun- gcn. Aber (welches befremdlich scheint) selbst Affectlosig- keit (.^lltlikiiu, l'lilöAius in IiAriiiicstu Izono) eines seine» *) Affeccen sind von Leidenschaften specifisch unterschieden. Jene beziehen sich bloß ans das Gefühl; diese gehören dem Vegehrunzovermögen an, und sind Neigungen, welche alle Bestimmbarkeit der Willkür durch Grundsätze erschweren oder unmöglich machen. Jene sind stürmisch und unvor« sätzlich, diese anhaltend und überlegt: so ist der Unwille, als Zorn, ein Affsct; aber als Haß (Nachgier), eine Leidenschaft. Die letzters kann niemals und in keinem Verhältniß erhaben genannt werden; weil im Assect die Freyheil des Gemüths zwar gchcmmc, in der Leidenschaft aber aufgehoben wird. H s 122 Erster Theil. unwandelbare» Grundlagen nach-rücklich nachgehenden Gemüths ist, und zwar auf weit vorzüglichere Art, erhaben, weil sie zugleich das Wohlgefallen der reinen Vernunft auf ihrer Seite hat. Eine dergleichen Gemüthsart heißt allein edel: welcher Ausdruck nachher auch auf Sachen, z. B. Gebäude, ein Kleid, Schreibart, körperlichen Anstand u. d. gl. angewandt wird, wenn diese nicht sowohl Verwunderung (Wert in der Vorstellung der Neuigkeit, welche die Erwartung übersteigt), als Bewunderung (eine Verwun« dermig, die beym Verlust der Neuigkeit nicht aufhört) erregt, welches geschieht, wenn Ideen in ihrer Darstellung unabsichtlich und ohne Kunst zum ästhetischen Wohlgefallen zusammenstimmen. Ein jeder Äfftet von der wackern Art (der nehmlich das Bewußtseyn unserer Kräfte jeden Widerstand zu überwinde» (snimiKisnui) rege macht) ist ästhetisch-erhaben, z. B. der Zorn, sogar die Verzweiflung (nehmlich die entrüstete, nicht aber die verzagte). Der Äfftet von der schmelzenden Art aber (welcher die Bestrebung zu widerstehen selbst zum Gegenstande der Unlust (snimrim Isn- Auiclum) macht), hat nichts Edeles an sich, kann aber zum Schonen der Sinnesart gezählt werden. Daher sind die Rührungen, welche bis zum Assect stark werden können, auch sehr verschieden. Man hat muthige, man hat zärtliche Rührungen. Die letzter», wenn sie bis zum Assect steigen, taugen gar nichts; der Hang dazu heißt die Ein- pfindelcy. Ein theilnehmender Schmerz, der sich nicht will trösten lassen, oder auf den wir uns, wenn er erdichtere Übel betrifr, bis zur Tauschung durch die Phantasie, als ob es wirkliche wären, vorsätzlich einlassen, beweiset und macht eine weiche aber zugleich schwache Seele, die eine schöne Scite zeigt, und zwar phantastisch, aber nicht einmal enthusiastisch Critik der aschetischen Urtheilökraft. 12z genannt werden kann. Romane, weinerliche Schauspiele, schaale Sittenvorschriften, die mit (obzwar fälschlich) sogenannten edlen Gesinnungen tändeln, in der That aber das Herz welk, und für die strenge Vorschrift der Pflicht unempfindlich, aller Achtung für die Würde der Menschheit in unserer Person und das Recht der Menschen (welches ganz ciwaS anderes als ihre Glückseligkeit ist), und überhaupt aller festen Grundsätze unfähig machen; selbst ein Neligions» vorcrag, welcher kriechende, niedrige Gunstbewerbung und Einschmeichelung empfiehlt, die alles Vertrauen auf eigenes Vermögen zum Widerstande gegen das Böse in uus aufgiebt, statt der rüstigen Entschlossenheit, die Kräfte, die uns bey aller unserer Gebrechlichkeit doch noch übrig bleiben, zu Überwindung der Neigungen zu versuchen; die falsche Demuth, welche in der Selbstverachtung, in der winselnden erhew chcltcn Neue, und einer bloß leibenden Gemüthsfassung die Art setzt, wie man allein dem höchsten Wesen gefällig wer, den könne: vertragen sich nicht einmal mit dem, was zur Schönheit, weit weniger aber noch mit dem, was zur Erhabenheit der Gemüthsart gezählt werden könnte. Aber auch stürmische Gemüthsbewegungen, sie möge» nun, unter dem Namen der Erbauung, mit Zdecn der Ne, ligion, oder als bloß zur Cultur gehörig, mitZdeen die ein gesellschaftliches Interesse enthalten, verbunden werden, können, so sehr sie auch die Einbildungskraft spannen, ket, neswcges auf die Ehre einer erhabenen Darstellung Anspruch machen, wenn sie nicht eine Gemüthsstimmung zu- rücklassn, die, wenn gleich nur indirect, auf das Bewußt, seyn seiner Stärke und Entschlossenheit zu dem, was reine tntellecuielle Zweckmäßigkeit bey sich führt (dein Übersinn, liehen), Einfluß hat. Denn sonst gehören alle diese Nüh, rungen nur zur Motion, welche man der Gesundheit wegen 124 Erster Theil. gerne hat. Die angenehme Mattigkeit, welche aus eine solche Rüttelung durch das Spiel der Affeccen folgt, ist ein Genuß des Wohlbefindens aus dem hergestellten Gleichgc, Wichte der mancherley Lebenskräfte tn uns: welcher am Ende auf dasselbe hinausläuft, als derjenige, den die Wollüstlinge des O-ienls so behaglich finden, wenn sie ihren Körper gleichsam durchkneten, und alle ihre Muskeln und Gelenke sanft drücken und biegen lassen; nur daß dort das bewegende Princip größtemhells tn uns, hier hingegen ganzlich außer uns ist. Da glaubt siel? nun mancher durch ciue Predlgc erbaut, indem doch nichts aufgebauet (kein System guter Marimen) ist; oder durch ein Trauerspiel gebessert, der bloß über glücklich Vertrie bne Langeweile froh ist. Also muß das Erhabene jederzeit Beziehung auf die Deni'ungsart haben, d. i. auf Maximen, dem .Jntcllectuellcn und den Ver- miufndem über die Sinnlichkeit Obermacht zu verschaffen. Man darf nicht besorgen, daß da» Gefühl des Erhabenen durch eine dergleichen abg.'jogene Darstellungsart, die tu Ansehung des Sinnlichen gänzlich negativ wird, verlieren werde; denn die Einbildungskraft, ob sie zwar über daS Sinnliche hinaus nichts findet, woran sie sich halten kann, fühlt sich doch auch eben durch diese Wegschassung der Schranken derselben unbegrenzt: und jene Absonderung ist also eine Darstellung des Unendlichen, welche zwar eben darum niemals anders als bloß negative Darstellung seyn kann, die ober doch die Seele erweitert. Vielleicht giebt es keine erha, dzucre Stelle im Gesetzbuche der Juden, als das Gebot: Du sollst dir kein Blldniß machen, noch irgend ein Elcichniß, weder dessen was lm Himmel, noch auf der Erdcu, noch unter der Erden ist u, s.w. Dieses Gebot allein kann den En- rhusiasm erklären, den das jüdische Voik in seiner gesitteten Periode für seine Religion fühlte, wenn es sich mit andern Critik der ästhetischen Urtheilekraft. 125 Völkern verglich, oder denjenigen Stolz, den der Moham- medanism einflößt. Eben dasselbe gilt auch von der Vorstellung des moralischen Gesetzes und der Anlage zur Moralität in uns. Ee ist eine ganz irrige Besvrgniß, daß, wenn man sie alles dessen beraubt was sie den Sinnen empfehlen kann, sie alsdann keine andere als kalte leb'loie Billigung, und keine bewegende Kraft oder Rührung bey sich führen würde. Es ist gerade nmqekebrc; denn da, wo nuu die Sinne nichts mehr vor sich sehen, und die unverkennliche und unauslöschliche Zdee der Sittlichkeit dennoch , übrig bleibt, würde es eher nöthig seyn, den Schwung einer unbegränmn Einbildungskraft zu müßigen, um ihn nicht bis zum Emhu, siasm steigen zu lassen, als, aus Furcht vor Kraftlosigkeit dieser Ideen, für sie in Bildern und kindischem Apparat Hülse zu suchen. Daher haben auch Regierungen gerne er- laubt, die Religion mit dem letztern Zubehör reichlich ver, sorgen zu lassen, und so dem Unterthan die Mühe, zugleich aber auch das Vermögen zu benehmen gesucht, seine Sec- lenkräfte über die Schranken auszudehnen, die man ihm willkürlich setzen, und wodurch man ihn, als bloß passiv, leichter behandeln kann. Diese reine, seelenerhebende, bloß negative Darstellung der Sittlichkeit, bringt dagegen keine Gefahr der Schroar- merey, welche ein N)ahn ist, über alle Gränze der Sinnlichkeit hinaus etwas sehen, d, i> nach Grundsätzen träumen (mit Vernunft rasen) zu rvoücn; eben darum, weil die Darstellung bey jener bloß negativ ist. Denn die Unerforschlichkeit der Idee der Freyheit schneidet aller positwen Darstellung gänzlich den Weg ab; das moralische Gesetz aber ist an sich selbst in »ns hinreichend und ursprünglich bestimmend, so daß es nicht einmal erlaubt, uns nach einem Bestlmmungsgrunde außer demselben umzusehen. I 26 Erster Theil. Weun der Enthusiasm mit dem Wahnsinn, so ist die Schwärmern) mit dem TVahnwiy zn vergleichen, wovon der letztere sich unter allen am wenigsten mit dem Erhabenen venragt, weil er grüblerisch lächerlich ist. Zm Enthusiasm, als Assect, ist die Einbildungskraft zügellos; in der Schwärmerei), als eingewurzelter brütender Leidenschaft, regellos. Der erstere ist vorübergehender Zufall, der den gesundesten Verstand bisweilen wohl bettift; der zweyte eine Krankheit, die ihn zerrüttet. Einfalt (kunstlose Zweckmäßigkeit) ist gleichsam der Stil der Natur im Erhabenen, und so auch der Sittlichkeit, welche eine zweyte (übersinnliche) Natur ist, wovon wir nur die Gesetze kennen, ohne das übersinnliche Vermögen in uns, selbst was den Grund dieser Gesetzgebung ent, halt, durch Anschauen erreichen zu können. Noch ist anzumerken, daß, obgleich das Wohlgefallen am Schönen eben sowohl, als das am Erhabenen, nicht allein durch allgemeine Mittheilbarr'eit unter den andern ästhetischen Beurtheilungen kenntlich unterschieden ist, sondern auch durch diese Eigenschaft, in Beziehung auf Gesellschaft (in der es sich mittheilen läßt), ein Znteresse bekommt, gleichwohl doch auch die Absonderung von aller Gesellschaft als etwas Erhabenes angesehen werde, wenn sie auf Idee» beruht, welche über alles sinnliche Znteresse hinweg sehen. Sich selbst genug seyn, mithin Gesellschaft »licht bedürfen, ohne doch ungesellig zu seyn, d. i. sie zu fliehen, ist et» was dem Erhabenen sich Näherndes, so wie jede Überhe, bnng von Bedürfnisse». Dagegen ist Menschen zu fliehen, aus Misanthropie, weil man sie anfeindet, oder aus Anthropophobie (Menschenscheu), weil man sie als seine Feinde fürchtet, theils häßlich, theils verächtlich. Gleich, wohl giebt es eine (sehr uncigentlich sogenannte) Misan- Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 127 thropie, wozu die Anlage sich mir dem Alter i» vieler wohl, denkenden Mensche» Gemüth cinznfindcn pflegt, welche zwar, was das Wohlwollen betrift, philanthropisch genug ist, aber vom Wohlgefallen an Menschen durch eine lange traurige Erfahrung weil abgebracht ist: wovon der Hang zur Eingezogcnheit, der phantastische Wunsch auf einem eilt, legenen Landsitze, oder auch (bey jungen Personen) die er, träumte Glückseligkeit auf einem der übrigen Welt unbe» kannten Eyiande, mit einer kleinen Familie, seine Lebens, zeit zubringen zu können, welche die Nomanschreiber, oder Dichter der Robinsonaden, so gnt zu nutzen wissen, Zeug» „iß giebt. Falschheit, Undankbarkeit, Ungerechtigkeit, das Kindische in den von uns selbst für wichtig und groß gehaltenen Zwecken, in deren Verfolgung sich Menschen selbst unter einander alle erdenkliche Übel anthun, stehen mir der Idee dessen, was sie seyn könnten, wenn sie wollten, >o im Widerspruch, und sind dem lebhasten Wunsche, sie besser zu sehen, so sehr entgegen: daß, um sie nicht zu hassen, da man sie nicht lieben kann, die Verzichtrhunng auf alle gesellschaftliche Freuden nur ein kleines Opfer zu seyn scheint. Diese Traurigkeit, nicht über die Übel, welche das Schick, sal über andere Menschen verhängt (wovon die Sympathie Ursache ist), sondern die sie sich selbst anthun (welche auf der Antipathie in Grundsätzen berühr), ist, weil sie auf Ideen beruht, erhaben, indessen dnß die erstere allenfalls nur für schön gelten kann. — Der eben so geistreiche als gründliche Sanssure sagt in der Beschreibung >einer Al< penreisen von Donhomme, einem der Savoyischen Gebirge: „es herrscht daselbst eine gewisse abgeschmackte Traurigkeit." Er kannte daher doch auch eine interessante Traurigkeit, welche der Anblick einer Einöde einflößt, t» die sich Menschen wohl versetzen möchten, um von der Welt !28 Erster Theil. nichts weiter zu hören, »och zu erfahren, die denn doch nicht so ganz unwirthbar seyn muß, daß sie nur einen höchst mühseligen Aufenthalt für Menschen darböte. — Zch mache diese Anmerkung nur in der Absicht, um zu erinnern, daß auch Betrübniß (nicht niedergeschlagene Traurigkeit) zu den rüstigen Affeeten gezählt werde» könne, wenn sie i» moralischen Zdeen ihren Grund hat; wenn sie aber auf Sympathie gegründet, und, als solche, auch liebenswürdig ist, sie bloß zu den schmelzenden Affeeten gehöre: nm dadurch auf die Gemüthssiimmung, die nur in? erste» Falle erhaben ist, aufmerksam zu machen. .<^ >i,.^^ ^.^ >^»^-->" > ^-^.^-»^ ' MaV kann mit der jetzt durchgeführten transcendentalen Exposition der ästhetischen Urtheile nun auch die physiologische, wie sie ein Burke und viele scharfsinnige Männer unter uns bearbeitet haben, vergleichen, um zu sehen, wohin eine bloß empirische Exposition des Erhabenen und Schönen führe. Vurke '), der in dieser Art der Behandlung als der vornehmste Verfasser genannt zu werden verdient, bringt auf diesem Wege (S. 22z seines Werks) heraus: „daß das Gefühl des Erhabenen sich auf dem Triebe zur Selbsterhaltung und auf Furcht, d. i. einem Schmerze, gründe, der, weil er nicht bis zur wirklichen Zerrüttung der körperlichen Theile geht, Bewegungen hervorbringt, die, da sie die feineren oder gröberen Gefäße von gefährlichen und beschwerlichen Verstopfungen reinigen, im Stande sind, angenehme Empfindungen zu errege», zwar nicht Lust, sondern eine Art von ') Nach der deutschen Übersetzung seiner Schrift: Philosophische Untersuchungen über den Ursprung unsercr Begriffe vom Schöne» und Erhabene». Riga, bey Harttnoch, 177;. Critik der ästhetischen Urthcilskraft. 129 von wohlgefälligem Schauer, eine gewisse Ruhe, die mit Schrecken vermischt ist." Das Schöne, welches er auf Lie, be gründet (wovon er doch die Begierde abgesondert wissen will), führt er (S. 251— 25:) auf „die Nacl'l ssung, LoS- svannung und Erschlaffung der Fibern des Körpers, mithin eine Erweichung, Auflösung, Ermattung, ein Hinsinken, Hinsterben, Wegschmelzen vor Vergnügen/' hinaus. Und nun bestätigt er diese Erklärnngeart nicht allein durch Fälle, in denen die Einbildungskraft in Verbindung mit dem Verstände, sondern sogar mit Sinnesempfiiidung, in uns das Gefühl des Schönen sowohl als des Erhabenen erregen könne. — Als psychologische Bemerkungen sind diese Zergliederungen der Phänomene unsers Gemüths überaus schön, und geben reichen Stoff zu den beliebtesten Nachforschungen der empirischen Anthropologie. Es ist auch nicht zu läugnen,, daß alle Vorstellungen in uns, sie mögen objectiv bloß sinnlich, oder ganz intellecruell seyn, doch subjecttv mit Vergnügen oder Schmerz, so unmerklich beides auch seyn mag, verbunden werden können (weil sie insgesammt das Gefühl des Lebens afficiren, und keine derselben, sofern als sie Modifieacion des Subjcets ist, indifferent seyn kann); sogar, daß, wie Eptkur behauptete, immer Vergnügen und Schmerz zuletzt doch körperlich sey, es mag nun von der Einbildung, oder gar von Verstandesvorstellnngen anfangen: weil das Leben ohne Gefühl des körperlichen Organs bloß Bewußtseyn seiner Existenz, aber kein Gesühl des Wohl - oder Übelbefindcns, d. i. der Beförderung ooerHcm- mung der Lebenskräfte, sey; weil das Gemüth für sich allein ganz Leben (das Lcbenspnneip selbst) ist, und Hindernisse oder Beförderungen au>!er demselben und doch im Menschen selbst, mithin in der Verbindung mit seinem Körper, gesucht werben müssen. » > Rams Lrit. d. llrchciler'r. I Erster Theil. Setzt man aber das Wohlgefallen am Gegenstande ganz und gar darin, daß dieser durch Reiz oder durch Rührung vergnügt: so muß man auch keinem andern zumuchen, zu dem ästhetischen Urtheile, was unr fällen, beyzustimmen; denn darüber befragt ein jeder mit Recht nur seinen Pri, vatsinn. Alsdann aber hört auch alle Censur des Geschmacke gänzlich auf; man müßte denn das Beyspiel, welches andere, durch die zufällige Übereinstimmung ihrer Urtheile, geben, zum Gebot des Beyfalls für uns machen, , wider welches Princip wir uns doch vermuthlich sträuben «nd auf das natürliche Recht berufen würden, das Urtheil, welches auf dem unmittelbaren Gefühle des eigenen Wohlbefindens beruht, seinem eigenen Sinne, und nicht anderer Ihrem, zu unterwerfen. Wenn also das Geschmacksurtheil nicht für egoistisch, sondern seiner innern Natur nach, d. i. um sein selbst, nicht um der Beyspiele willen, die andere von ihrem Geschmack geben, nothwendig als pluralistisch gelten muß, wenn man es als ein solches würdigt, weiches zugleich verlangen darf daß jedermann ihm beypflichten soll; so muß ihm irgend ein (es sey objectives ober subjectives) Princips priori zum Grunde liegen, zu welchem man durch Aufsvähung empirischer Gesetze der Gemüthsveränderungen niemals gelangen kann: weil diese nur zu erkennen geben wie geurlheilc wird, nicht aber gebieten wie geurlheilc werden soll, und zwar gar so, daß das Gebot unbedingt ist; dergleichen die Geschmacksurtheile voraussetzen, indem sie das Wohlgefallen Mit einer Vorstellung unmittelbar verknüpft wissen wollen. Also mag die empirische Exposition der ästhetischen Urtheile immer den Anfang machen, um den Stof zu eii ?r hoher» Untersuchung hcrbeyzuschasse»; eine transcendentale Erörterung dieses Vermögens ist doch möglich, und zur Critit des Critik der ästhetischen Urtheilskraft. izi Geschmacks wesentlich gehörig. Denn, ohne daß derselbe Principien s priori habe, konnte er unmöglich die Urtheile anderer richten, und über sie, auch nur mit einigem Scheins des Nechtö, BilligungS- oder Verwerfungsaussprüche fällen. Das Übrige zuv Analytik der äfchetischen Urteilskraft gehörige enthält zufördersc die Deduction der reinen ästhetischen Urtheile. §. Zv. Die Deduction der ästhetischen Urtheile über die Gegenstande der Natur dars nicht auf das was wir in dieser Erhaben nennen, sondern nur auf das Schöne, gerichtet werden» Der Anspruch eines ästhetischen Urtheils auf allgemeine Gültigkeit für jedes Subject bedarf, als eitt Urtheil welches sich auf irgend ein Princip a priori fußen muß, einer Deduction (d. i. Legitimation feiner Anmaßung); welche über die Exposition desselben noch hinzukommen muß, wenn es nehmlich ein Wohlgefallen oder Mißfallen an der ForM des Objects betrift. Dergleichen sind die Geschmacksurtheile über das Schöne der Natur. Denn die Zweckmäßigkeit hat alsdann doch im Objecte und seiner Gestalt ihren Grund, wenn sie gleich nicht die Beziehung desselben auf andere Gegenstände nach Begriffen (zum Erkenntnißurtheile) anzeigt; sondern bloß die Auffassung dieser Form, sofern sie dem Ä-» !Z2 Erster Theil. Vermögeil sowohl der Begriffe, als dem der Darstellung derselben (welches mit dem der Auffassung eines und dasselbe ist) im Gemüth sich gemäß zeigt, überhaupt betrift. Man kann daher auch in Ansehung des Schönen der Natur mancherley Fragen auswerfen, welche die Ursache dieser Zweckmäßigkeit ihrer Formen betreffen : j. B. wie man erklären wolle, warum die Natur so verschwenderisch allerwärts Schönheit verbreitet habe, selbst im Grunde des Oceans, wo nur selten das Menschliche Auge (für welches jene doch allein zweckmäßig ist) hingelangt? u. d. gl. m. Allein das Erhabene der Natur — wenn wir darüber ein reines ästhetisches Urtheil fallen, welches nicht mit Begriffen von Vollkommenheit, als objcctioer Zweckmäßigkeit, vermengt ist; in welchem Falle es ein teleo- logifches Urtheil seyn würde — kann ganz als formlos oder ungestalt, dennoch aber als Gegenstand eines reinen Wohlgefallens betrachtet werden, und subjective Zweckmäßigkeit der gegebenen Vorstellung zeigen; und da fragt es sich nun: ob zu dem ästhetifchen Urtheile diefer Art auch, außer der Exposition dessen was in ihm gedacht wird, noch eine Deduction seines Anspruchs auf irgend ein (sub/ectives) Princip s priori verlangt werden könne. Hierauf dient zur Antwort: daß das Erhabene der Natur nur uneigentlich so genannt werde, und eigentlich bloß der Denkungsart, oder vielmehr der Grundlage zu derselben m der menschlichen Natur, beygelegt werden Critik der ästhetischen Urcheilskraft. izz müsse. Dieser sich bewußt zu werden, giebt die Auffassimg eines sonst formlosen und unzweckmäßigen Gegenstandes bloß die Veranlassung; welcher auf solche Weise subjectiv-zweckmäßig gebraucht, aber nicht als ein solcher für sich und seiner Form wegen beurtheilt wird (gleichsam lzzsciss tinaUs a^LL^ü) non lllttu). Daher war unsere Exposition der Urtheile über das Erhabene der Natur zugleich ihre Deduction. Denn, wenn wir die Reflexion der Urtheilskraft in denselben zerlegten, so fanden wir in ihnen ein zweckmäßiges Verhältniß der Erkenntnißvermögen, welches dem Vermögen der Zwecke (dem Willen) a xriori zum Grunde gelegt werden muff, und daher selbst a xriori zweckmäßig ist: welches denn sofort die Deduction, d. i. die Rechtfertigung des Anspruchs eines dergleichen Urtheils auf allgemein-nothwendige Gültigkeit, enthält» Wir werden also nur die Deduction der Geschmacksurtheile, d. i. der Urtheile über die Schönheit der Na- turdinge, zn suchen haben, und so der Aufgabe für die gefammte ästhetische Urtheilskraft im Ganzen ein Genüge thun. §. zi. Von der- Methode der Deduction der Geschmacksurtheile. Die Obliegenheit einer Deduction, d. i. derGewähr- eisiung der Ncchtmaßigkeit, einer Art Urtheile tritt nur > I? IZ4 Erster Theil. ein, wenn das Urtheil Anspruch auf Nothwendigkeit macht; welches der Fall auch alsdann ist, wenn es sub- jective Allgemeinheit, d. i» jedermanns Beystimmung fordert: indeß es doch kein Erkenntnißurtheil, sondern nur der Lust oder Unlust an einem gegebenen Gegenstande, d. j. Anmaßung einer durchgangig für jedermann geltenden subjectiven Zweckmäßigkeit ist, die sich auf keine Begriffe von der Sache gründen soll, weil es Geschmacksurtheil ist. Da wir im letztem Falle kein Erkenntnißurtheil, weder ein theoretisches, welches den Begrif einer Natur überhaupt durch den Verstand, noch ein (reines) prac- tifches, welches die Idee der Freyheit, als a xrlorl durch die Vernunft gegeben, zum Grunde legt, vor uns haben; und also weder ein Urtheil, welches vorstellt Was eine Sache ist, noch daß ich, um sie hervorzubringen, erwas verrichten soll, nach seiner Gültigkeit s xriori zu rechtfertigen habe«: so wird bloß die allgemeine Gültigkeit eines einzelnen Urtheils, welches die sub« jective Zweckmäßigkeit einer empirischen Vorstellung der Form eines Gegenstandes ausdrückt, für die Urtheilskraft überhaupt darzuthun seyn, um zu erklären, wie es möglich sey, daß etwas bloß in der Beurtheilung (ohne Sinnenempfindung oder Begrif) gefallen könne, und, so wie die Beurtheilung eines Gegenstandes zum Behuf einer Erkenntniß überhaupt, allgemeine Re- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. !Z5 geln habe, auch das Wohlgefallen eines Jeden für jeden andern als Regel durfte angekündigt werden. Wenn nun diese Allgcmeingültigkeit sich nicht auf Stimmenfainmlung und Herumfragen bey andern, wegen ihrer Art zu empfinden, gründen, sondern gleichsam auf einer Autonomie des über das Gefühl der Lust (an der gegebenen Vorstellung) urtheilenden Subjects, d. i. auf feinem eigenen Geschmacke, beruhen, gleichwohl aber doch auch nicht von Begriffen abgeleitet werden soll; so hat ein solches Urtheil — wie das Geschmacks- nrtheil in der That ist — eine zwiefache und zwar logische Eigemhümlichkeit: nehmlich erstlich die Allgemcin- gültigreit a priori, und doch nicht eine logische Allgemeinheit nach Begriffen, sondern die Allgemeinheit eines einzelnen Urtheils; zweytens eine Nothwendigkeit (die jederzeit auf Gründen a piiorl beruhen muß), die aber doch von keinen Beweisgründen a prim! abhängt, durch deren Vorstellung der Beyfall, den das Gcfchmacksur- theil jedermann ansinnt, erzwungen werden konnte. Die Auflösung dieser logischen Eigenthümlichkeiten, worin sich ein Gefchmacksurtheil von allen Erkenntnißurtheilen unterscheidet, wenn wir hier anfanglich von allem Inhalte desselben, nehmlich dem Gefühle der Lust absirahiren, und bloß die ästhetische Form mit der Form der objectiven Urtheile, wie sie die Logik vorschreibt, vergleichen, wird allein zur Deduction dieses sonderbaren Vermögens hinreichend seyn. Wir wollen also dies- I 4 iz6 Erster Theil. characteristischen Eigenschaften des Geschmacks zuvor, durch Beyspiele erläutert, vorstellig machen» §. Z2. Erste Eigenthümlichkeit des Geschmacks- urthcils. Das Geschmacksurtheil bestimmt seinen Gegen« stand in Ansehung des Wohlgefallens (als Schönheit) mit einem Ansprüche auf icdetMalMö Beysiimmung, als ob es objectiv wäre. Sagen: diese Blume ist schön, heißt eben so viel, als ihren eigenen Anspruch auf jedermanns Wohlgefallen ihr mir nachsagen. Durch die Annehmlichkeit ihres Geruchs hat sie gar keine Ansprüche. Den Einen ergötzt dieser Geruch, dem Andern benimmt er den Kopf. Was sollte man nun anders daraus vermuthen, als daß die Schönheit für eine Eigenschaft der Blume selbst gehalten werden müsse, die sich nicht nach der Verschiedenheit der Köpfe und so vieler Sinne richtet, sondern wor- nach sich diese richten müssen, wenn sie darüber urtheilen wollen? Und doch verhält es sich nicht so. Denn darin bestehr eben das Geschmacksurtheil, daß es eine Sache nur nach derjenigen Beschaffenheit schön nennt, in welcher sie sich nach unserer Art sie aufzunehmen richtet. Überdies wird von jedem Urtheil, welches den Geschmack des Subjects beweisen soll, verlangt: daß das Subject für sich, ohne nöthig zu haben durch Erfahrung Critik der ästhetischen Urtheilskraft, iz? unter den Urtheilen anderer herumzutappen, und sich von ihrem Wohlgefallen oder Mißfallen an demselben Gegenstande vorher zu belehren, urtheilen, mithin sein Urtheil nicht als Nachahmung, weil ein Ding etwa wirklich allgemein gefallt, sondern a xriari absprechen solle. Man sollte aber denken, daß ein Urtheil 2 prlori einen Begriff vom Object enthalten müsse, zu dessen Erkenntniß es das Princip enthalt; das Geschmacksur-- theil aber gründet sich gar nicht auf Begriffe, und ist überall nicht Erkenntniß, sondern nur ein ästhetisches Urtheil. Daher laßt sich ein junger Dichter von der Überredung, daß sein Gedicht schön sey, nicht durch das Urtheil des Publicums, noch seiner Freunde abbringen; und wenn er ihnen Gehör giebt, so geschieht es nicht darum, weil er es nun anders beurtheilt, sondern weil er, wenn gleich «'wenigstens in Absicht seiner) das ganze Publicum einen falschen Geschmack hatte, sich doch (selbst wider sein Urtheil) dem gemeinen Wahne zu bequemen, in seiner Begierde nach Beyfall Ursache findet. Nur späterhin, wenn seine Urtheilskraft durch Ausübung mehr geschärft worden, geht er freywillig von seinem vorigen Urtheile ab; so wie er es auch mit seinen Urtheilen halt, die ganz auf der Vernunft beruhen. Der Geschmack macht bloß auf Autonomie Anspruch. Fremde Urtheile sich zum Besiimmungsgrunde des seinigen zu machen, wäre Heteronomie. I? ' / IS8 Erster Theil. Daß man die Werke der Alten mit Recht zu Mustern anpreiset, und die Verfasser derselben classisch nennt, gleich einem gewissen Adel unter den Schriftstellern, der dem Volke durch seinen Vorgang Gesetze giebt: scheint Quellen des Geschmacks a posteriori anzuzeigen, und die Autonomie desselben in jedem Subjecte zu widerlegen. Allein man könnte eben so gut sagen, daß die alten Mathematiker, die bis jetzt für nicht wohl zu entbehrende Muster der höchsten Gründlichkeit und Eleganz der synthetischen Methode gehalten werden, auch eine nachahmende Vernunft auf unserer Seite bewiesen, und ein Unvermögen derselben, aus sich selbst sirenge Beweise mit der größten Intuition, durch Construction der Begriffe, hervorzubringen. Es giebt gar leinen Gebrauch unserer Kräfte, fo frey er auch seyn mag, und selbst der Vernunft (die alle ihre Urtheile aus der gemeinschaftlichen Quelle s priori schöpfen muß), welcher, wenn jedes Subject immer ganzlich von der rohen Anlage seines Naturells anfangen sollte, nicht in fehlerhafte Versuche gerathen würde, we.nn nicht Andere mit den ihrigen ihm vorgegangen waren, nicht um die Nachfolgenden zu bloßen Nachahmern zu machen, sondern durch ihr Verfahren andere auf die Spur zu bringen, um die Principien in sich selbst zu suchen, und so ihren eigenen, oft besseren, Gang zu nehmen. Selbst in der Religion, wo gewiß ein jeder die Regel seines Verhaltens aus sich ftlbst hernehmen muß, weil er dafür auch selbst verantwortlich Critik der ästhetischen Urteilskraft. i bleibt, und die Schuld seiner Vergehungen nicht auf andre, als Lehrer oder Vorganger, schieben kann, wird doch nie durch allgemeine Vorschriften, die man entweder von Priestern oder Philosophen bekommen, oder auch aus sich selbst genommen haben mag, so viel ausgerichtet werden, als durch ein Beyspiel der Tugend oder Heiligkeit, welches, in der Geschichte aufgestellt, die Autonomie der Tugend, aus der eigenen und ursprünglichen Idee der Sittlichkeit O priori) nicht entbehrlich macht, oder diese in einen Mechanism der Nachahmung verwandelt. Nachfolge, die sich auf einen Vorgang bezieht, nicht Nachahmung, ist der rechte Ausdruck für allen Einfluß, welchen Producte eines exemplarischen Urhebers auf Andere haben können; wel- ches nur so viel bedeutet, als: aus denselben Quellen schöpfen, woraus jener selbst schöpfte, und seinem Vorganger nur die Art, sich dabey zu benehmen, ablernen. Aber unter allen Vermögen und Talenten ist der Geschmack gerade dasjenige, welches, weil sein Urtheil nicht durch Begriffe und Vorschriften bestimmbar ist, am meisten der Beyspiele dessen, was sich im Fort« gange der Cultur am längsten in Beyfall erhalten hat, bedürftig ist, um nicht bald wieder ungeschlacht zu werden, und in die Rohigkeit der ersten Versuche zurückzufallen. / . t4v Erster Theil. §- ZZ- Zweyte Eigenthümlichkeit des Geschmacksurtheils. Das Geschmacksurtheil ist gar nicht durch Beweisgründe bestimmbar, gleich als ob es bloß subjektiv wäre. Wenn jemand ein Gebäude, eine Aussicht, ein Gedicht nicht schön findet, so läßt er sich erstlich den Beyfall nicht durch hundert Stimmen, die es alle hoch preisen, innerlich aufdringen. Er mag sich zwar stellen, als ob es ihm auch gefalle, um nicht für geschmacklos angesehen zu werden; er kann sogar zu zweifeln anfangen, ob er feinen Geschmack, durch Kenntniß einer genügsamen Menge von Gegenständen einer gewissen Art, auch - genug gebildet habe (wie einer, der in der Entfernung etwas für einen Wald zu erkennen glaubt, was alle andere für eine Stadt ansehen, an dem Urtheile feines eigenen Gesichts zweifelt). Das sieht er aber doch klar ein: daß der Beyfall anderer gar keinen für die Beurtheilung der Schönheit gülligen Beweis abgebe; daß andere allenfalls für ihn sehen und beobachten mögen, und was viele auf einerley Art gesehen haben, als ein hinreichender Beweisgrund für ihn, der es anders gesehen zu haben glaubt, zum theoretischen, mithin logischen, niemals aber das, was andern gefallen hat, zum Grunde cmes ästhetischen Urtheils dienen könne. Das uns m- Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 141 günstige Urtheil anderer kann uns zwar mit Recht in Ansehung des unsrigen bedenklich machen, niemals aber von der Unrichtigkeit desselben überzeugend Also giebt es keinen empirischen Beweisgrund, das Geschmacks-- urthcil jemanden abzunöthigen. ZweytMs kann noch weniger ein Beweis -> priori nach bestimmten Regeln das Urtheil über Schönheit bestimmen. Wenn mir jemand sein Gedicht vorlies t, oder mich in ein Schauspiel führt, welches am Ende meinem Geschmack nicht behagen will, so mag er den Bcttteux oder LesslNg, oder noch altere und berühmtere Critiker des Geschmacks, und alle von ihnen aufgestellte Regeln zum Beweise anführen, daß sein Gedicht schön sey; auch mögen gewisse Stellen, die mir eben mißfallen, mit Regeln der Schönheit (so wie sie dort gegeben und allgemein anerkannt sind) gar wohl zusammenstimmen.' ich stopfe mir die Ohren zu, mag keine Gründe und kein Vernünfteln hören, und werde eher annehmen, daß jene Regeln der Critiker falsch seyn, oder wenigstens hier nicht der Fall ihrer Anwendung sey, als daß ich mein Urtheil durch Beweisgründe s priori sollte bestimmen lassen, da es ein Urtheil des Geschmacks und nicht des Verstandes oder der Vernunft seyn soll. Es scheint, daß dieses eine der Hauptursachcn sey, weswegen man dieses ästhetische Beurtheilungsvermögen gerade mit dem Namen des Geschmacks belegt hat. Denn, es mag mir jemand alle Ingredienzen eines 4 42 Erst?? Theil. Gerichts erzählen, und von jedem bemerken, daß jedes derselben mir sonst angenehm sey, auch obenein die Gesundheit dieses Essens mit Recht rühmen; so bin ich gegen alle diese Grunde taub, versuche das Gericht an meiller Zunge und meinem Gaumen: und darnach (nicht nach allgemeinen Principien) falle ich mein Urtheil. In der That wird das Geschmacksurtheil durchaus immer, als ein einzelnes Urtheil vom Object, gefallt. Der Verstand kann durch die Vergleichung des Objects im Puncte des Wohlgefälligen mit dem Urtheile anderer ein allgemeines Urtheil machen: z. B. alle Tulpen sind schön; aber das ist alsdann kein Geschmacks-sondern ein logisches Urtheil, welches die Beziehung eines Objects auf den Geschmack zum Prä- dicate der Dinge von einer gewissen Art überhaupt macht; dasjenige aber, wodurch ich eine einzelne gegebene Tulpe schön, d. i. mein Wohlgefallen an derselben allgemeingültig finde, ist allein das Geschmacksurtheil. Dessen Eigenthümlichkeit besteht aber darin: daß, ob es gleich bloß subjective Gültigkeit hat, es dennoch alle Subjecte so in Anspruch nimmt, als es nur immer geschehen könnte, wenn es ein objectives Urtheil wäre, das auf Erkenntnißgründen beruht, und durch einen Beweis könnte erzwungen werden. Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 14Z §- Es ist kein objectives Princip des Geschmacks möglich. Unter einem Princip des Geschmacks würde man einen Grundsatz verstehen, unter dessen Bedingung man den Begrif eines Gegenstandes subsumiren, und alsdann durch einen Schluß herausbringen könnte, daß er schön sei). Das ist aber schlechterdings unmöglich. Denn ich muß unmittelbar an der Vorstellung desselben die Lust empfinden, und sie kann mir durch keine Beweisgrunde angeschwatzt werden. Obgleich alle Criti- ker, wie Hume sagt, scheinbarer vernünfteln können als Köche, so haben sie doch mit diesen einerlei) Schick sal. Den Besiimmungsgrund ihres Urtheils können sie nicht von der Kraft der Beweisgründe, sondern nur von der Reflexion des Subjects über feinen eigenen Zustand (der Lust oder Unlust), mit Abweisung aller Vorschriften und Regeln, erwarten. Worüber aber Critiker dennoch vernünfteln können und sollen, so daß es zur Berichtigung und Erweiterung unserer Geschmacksucrheile gereiche: das ist nicht, den Bestimmungsgrund dieser Art ästhetischer Urtheile in einer allgemeinen brauchbaren Formel darzulegen, welches unmöglich istz sondern über die Erkcnntnißver> mögen und deren Geschäfte in diesen Urtheilen Nachforschung zu thun, und die wechselseitige subjektive Zweck- 144 Erster Theil. Mäßigkeit, von welcher oben gezeigt ist, daß ihre Form in einer gegebenen Vorstellung die Schönheit des Gegenstandes derselben sey, in Beyspielen aus einander zu setzen. Also ist die Critik des Geschmacks selbst nur sub- jectiv, in Ansehung der Vorstellung, wodurch uns ein Object gegeben wird: nehmlich sie ist die Kunst oderWis- senschast, das wechselseitige Verhältniß deF Verstandes und der Einbildungskrast zu einander in der gegebenen Vorstellung (ohne Beziehung auf vorhergehende Empfindung oder Begrif), mithin die Einhelligkeit oder MißHelligkeit derselben, unter Regeln zu bringen, und sie in Ansehung ihrer Bedingungen zu bestimmen. Sie ist Kunst, wenn sie dieses nur an Beyspielen zeigt; sie ist Wissenschaft, wenn sie die Möglichkeit einer solchen Beurtheilung von der Natur dieser Vermögen, als Er- kenntnlßvermögen überhaupt, ableitet. Mit der letzteren, als transscendentalen Critik, haben wir es hier überall allein zu thun. Sie soll das subjective Princip des Geschmacks, als ein Princip a piloii. der Urtheilskraft, entwickeln und rechtfertigen. Die Critik, als Kunst, sucht bloß die physiologischen (hier psychologischen) , mithin empirischen Regeln, nach denen der Geschmack wirklich verfahrt (ohne über ihre Möglichkeit nachzudenken) auf die Beurtheilung seiner Gegenstände anzuwenden, und rritistrt die Producte der schönen Kunst; so wie das Vermögen selbst, sie zu beurtheilen. §. Z?. Critik der ästhetischen UrcheilSkraft. 145 §. 35. Das Princip des Geschmacks ist das subjcctwe Priuc p der Urtheilskrast überhaupt. Das Geschmacksurtheil unterscheidet sich darin von dem logischen: daß das letztere eine Vorstellung unter Begriffe vom Object, das erstere aber gar nicht unter ^ einen Begrif subsumirt, weil sonst der nothwendige allgemeine Beyfall durch Beweise würde erzwungen werden können. Gleichwohl aber ist es darin dem letzter» ahnlich, daß es eine Allgemeinheit und Nothwendigkeit, aber nicht nach Begriffen vom Object, folglich eine bloß subjective, vorgiebt. Weil nun die Begriffe in einem Urtheile den Inhalt desselben (das zum Erkenntniß des Objects Gehörige) ausmachen, das Geschmacksurtheil aber nicht durch Begriffe bestimmbar ist, so gründet es sich nur auf der subjectiven formalen Bedingung eines Urtheils überhaupt. Die subjective Bedingung aller Urtheile ist das Vermögen zu urtheilen selbst, oder die Urtheilskrast. Diese, in Ansehung einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird, gebraucht, erfordert zweyer Vorstellungskräfte Zusammenstimmung: nehmlich der Einbildungskraft (für die Anschauung und die Zusammensetzung des Mannichfaltigen derselben), und des Verstandes (für den Begrif als Vorstellung der Einheit dieser Zusammensetzung). Weil nun dem Urtheile hier kein Begrif vom Objecte zum Grunde liegt, so kann es Ra»r»Lr,r. d.Urcheilskr. K 146 Erster Theil. nur in der Subsumtion der Einbildungskrast selbst (bey einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird) unter die Bedingungen, daß der Verstand überhaupt von der Anschauung zu Begriffen gelangt, bestehen. D. i. weil eben darin, daß die Einbildungskraft ohne Begrif schematisirt, die Freyheit derselben besteht; so muß das Geschmacksurtheil auf einer bloßen Empfindung der sich wechselseitig belebenden Einbildungskraft m ihrer Freyheit, und des Verstandes mit seiner Gesetzmäßigkeit/ also auf einem Gefühle beruhen, das den Gegenstand nach der Zweckmäßigkeit der Vorstellung (wodurch ein Gegenstand gegeben wird) auf die Beförderung des Erkenntuißvermögens in ihrem freyen Spiele beurtheilen laßt ! und der Gefchmack, als subje- ctive Urtheilskraft, enthalt ein Princip der Subsumtion, aber nicht der Anschauungen unter Begriffe, sondern des Vermögens der Anschauungen oder Darstellungen (d. i. der Einbildungskraft) unter das Vermöge?; der Begriffe (d. i. den Verstand), sofern das erstere in seiner Freyheit zum letzteren in seiner Gesetzmäßigkeit zusammenstimmt. Um diesen Rechtsgrund nun durch eine Dcduction der Geschmacksurtheile ausfindig zu machen, können nur die formalen Eigenthümlichkeiten dieser Art Urtheile, mithin sosern an ihnen bloß die logische Form betrachtet wird, uns zum Leitfaden dienen. . Cntik der ästhetischen Urtheilökraft. 147 - ' ^ §. Z<5. ' ^ Von der Aufgabe einer Deduction der Geschmacksurtheile. Mit der Wahrnehmung eines Gegenstandes kann unmittelbar der Vegrif von einem Objecte überhaupt, von welchem jene die empirische» Pradicate enthält, zu einem Erkenntnißurtheile verbunden, und dadurch ein Crfahrungsurtheil erzeugt werden. Diesem liegen nun Begriffe a priori von der synthetischen Einheit des Man- nichfaltigen der Anschauung, um es als Bestimmung eines Objects zu denken, zum Grunde; und diese Begriffe (die Categorieen) erfordern eine Deduction, die auch in der Critik der r. V. gegeben worden, wodurch denn auch die Auflösung der Aufgabe zu Stande kommen konnte: Wie sind synthetische Erkenntnißurtheile a xrlori möglich? Diese Aufgabe betraf also die Principien s priori des reinen Verstandes, und seiner theoretischen Urtheile. Mit einer Wahrnehmung kann aber auch unmittelbar ein Gefühl der Lust (oder Unlust) und ein Wohlgefallen verbunden werden, welches die Vorstellung des Objects begleitet und derselben statt Pradicats dient, und so ein ästhetisches Urtheil, welches kein Erkenntniß- urlheil ist, entspringen. Einem solchen, wenn es nicht bloßes Empfindungs-sondern ein formales Nefserions- Urtheil ist, welches dieses Wohlgefallen jedermann als K - 148 Erster Theil« nothwendig ansinnet, muß etwas als Princip a xrwri zum Grunde liegen, welches allenfalls ein bloß subjecti- ves seyn mag (wenn ein objectives zu solcher Art Urtheile unmöglich seyn sollte), aber auch als ein solches einer Deduction bedarf, damit begriffen werde, wie ein ästheti- sches Urtheil aufNothwendigkeit Anspruch machen könne. Hierauf gründet sich nun die Aufgabe, mit der wir uns jetzt beschäftigen: Wie sind Geschmacksurtheile möglich? Welche Aufgabe also die Principien » xriori der reinen Urcheilskraft in ästhetischen Urtheilen betrist, d, i. in solchen, wo sie nicht (wie in den theoretischen) unter objective Verstandesbegriffe bloß zu subsumiren hat und unter einem Gesetze steht, sondern wo sie sich selbst, sub- jectiv, Gegenstand sowohl als Gesetz ist. Diese Aufgabe kann auch so vorgestellt werden: Wie ist ein Urtheil möglich, das bloß aus dem eigenen Gefühl der Lust an einem Gegenstande, unabhängig von dessen Begriffe, diese Lust, als der Vorstellung desselben Objects in jedem andern Subjecte anhängig, »priori, d. i. ohne fremde Bepsiimmung abwarten zu dürfen, beurtheilte? Daß Gefchmacksurtheile synthetische sind, ist leicht einzusehen, weil sie über den Begrif, und selbst die Anschauung des Objects, hinausgehen, und etwas, das gar nicht einmal Erkenntniß ist, nehmlich Gefühl der Lust (oder Unlust) zu jeuer als Prädicat hinzuthun. Daß sie aber, obgleich das Prädicat (der mir der Vorstellung Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 149 verbundenen eigenen Lust) empirisch ist, gleichwohl, was die geforderte Veystimmung von jedermann betrift, Urtheile s priori sind, oder dafür gehalten werden wollen, ist gleichfalls schon in den Ausdrücken ihres Anspruchs enthalten; und so gehört diese Aufgabe der Critik der Urtheilskraft unter das allgemeine Problem der Transscendentalphilosophie: Wie sind synthetische Urtheile -> priori möglich? §- 37- Was wird eigentlich in einem Geschmacksurtheile von einem Gegenstande ^ priori behauptet? Daß die Vorstellung von einem Gegenstande un- mittelbar mit einer Lust verbunden fei), kann nur innerlich wahrgenommen werden, und würde, wenn man nichts weiter als dieses anzeigen wollte, ein bloß empirisches Urtheil geben. Denn s priori kann ich mit keiner Vorstellung ein bestimmtes Gefühl (der Lust oder Unlust) verbinden, außer wo ein den Willen bestimmendes Princip a priori in der Vernunft zum Grunde liegt; da denn die Lust (im moralischen Gefühl) die Folge davon ist, eben darum aber mit der Lust im Gefchmacke gar nicht verglichen werden kann, weil sie einen bestimmten Vegrif von einem Gesetze erfordert: da hingegen jene unmittelbar mit der bloßen Beurtheilung, vor allem Begriffe, verbunden seyn soll. Daher sind auch alle K z l5o Erster Theil. Geschmacksurtheile einzelne Urtheile, weil sie ihr Pradi- cat des Wohlgefallens nicht mit einem Begriffe, sondern mit einer gegebenen einzelnen empirischen Vorstellung verbinden. Also ist es nicht die Lust, sondern die Allgemem- gültigkeit dieser Lust, die mit der bloßen Beurtheilung eines Gegenstandes im Gemüthe als verbunden wahrgenommen wird, welche 2 xiiori als allgemeine Negcl für die Urthciiskrast, für jedermann gültig, in einem Geschmacksurtheile vorgestellt wird. Es ist ein empirisches Urtheil: daß ich einen Gegenstand mit Lust wahrnehme und beurtheile. Es ist aber ein Urth-il s xrlml: daß ich ihn schön finde, d. i. jenes Wohlgefallen jedermann als nothwendig ansinnen darf. §. 38. Deductioil der Geschmacköurtheile. Wenn eingeräumt wird: daß in einem reinen Geschmacksurtheile das Wohlgefallen an dem Gegenstande mit der bloßen Beurtheilung seiner Form verbunden sey; so ist es nichts anders, als die subjcctive Zweckmäßigkeit derselben für die Urtheilskraft, welche wir mit der Voistellimg des Gegenstandes im Gemüthe verbunden empfinden. Da nun die Urtheilskrast in Ansehung der formalen Regeln der Beurtheilung, ohne alle Materie (weder Simiencmpfindung noch Vegrif), nur auf die Criri.c der ästhetischen Urtheilökraft. izl fubjectiven Bedingungen des Gebrauchs der Urtheils, kraft überhaupt (die weder auf die besondere Sinnesart, noch einen bcfondern Verstandesbegrif eingerichtet ist), gerichtet seyn kann; folglich auf dasjenige Subjective welches man in allen Menschen (als zum möglichen Erkenntnisse überhaupt erforderlich) voraussetzen kann: so muß die Übereinstimmung einer Vorstellung mit diesen Bedingungen der Urtheilskraft als für jedermann gültig s priori angenommen werden können. D. i. die Lust oder subjective Zweckmäßigkeit der Vorstellung für das Verhältniß der Erkennrnißvermögen in der Beurtheilung eines sinnlichen Gegenstandes überhaupt, wird jedermann mit Recht angesonnen werden können K4 Um berechtigt zu seyn, auf allgemeine Beysiimmung zu einem bloß auf subjcctivcn Gründen beruhenden Urtheile der ästhetischen Urtheilökraft Anspruch zu machen, ist genug, daß man einräume: i) Bey allen Menschen seyen die subjective» Bedingungen dieses Vermögens, was das Verhältniß der darin in Thätigkeit gesetzten Erkcnntnißrrasre zu einem Erkenntniß überhaupt bctrist, einerley; welches wahr seyn muß, weil sich sonst Menschen ihre Vorstellungen und selbst das Erkenntniß nicht mittheilen tonnten. 2) Das Urtheil habe bloß auf dieses Verhältniß (mithin aus die formale De- dittgn-.ig der Uirhcilskrafr) Rücksicht genommen, und sey rein, d. i. weder mit.Begriffen vom Object noch Empfindungen, als BcstimmungSgründcn, vermengt. Wenn in Ansehung dieses letzter» auch gefehlt worden, so betnfr daS nur die unrichtige Anwendung der Vesugniß, die ein Gesetz uns giebt, auf einen besondern Fall; wodurch die Befugnis; überhaupt nicht aufgehoben wird. 152 Erster Theil. Anmerkung. Diese Deduction ist darum so leicht, weil sie keine objective Realität eines Vegrifs zu rechtfertigen nöthig hat; den» Schönheit ist kein Begrif vom Object, und das Ge- schmacksurthcil ist kein Erkenntnißurtheil. Es behauptet nur: daß wir berechtigt sind, dieselben subjectlvcn Bedingungen der Urlheilskraft allgemein bey jedem Menschen vorauszu- sehen, die wir in uns antreffen; und nur noch, daß wir unter diese Bedingungen das gegebene Object richtig subsu- mirt haben. Obgleich nun dies letztere unvermeidliche, der logischen Urthcilokrafc nicht anhangende, Schwierigkeiten hat (weil man in dieser unter Begriffe, in der ästhetischen aber unter ein bloß empfindbares Verhältniß, der an der vorgestellten Form des Objects wechselseitig unter einander stimmenden Einbildungskraft und Verstandes, subsumirt, wo die Subsumtion leicht trügen kaun); so wird dadurch doch der Nechtmäßigkcit des Anspruchs der Urlheilskraft, auf allgemeine Bcystimmuug zu rechnen, nichts benommen, welcher nur darauf hinausläuft: die Nichtigkeit des Princips, aus subjectivcn Gründen für jedermann gültig zu urtheilen. Denn was die Schwierigkeit und den Zweifel wegen der Nichtigkeit der Subsumtion unter jenes Princip betrift, so macht sie die Nechtmaßigkeit des Anspruchs auf diese Gültigkeit eines ästhetischen Urlheils übcihaupr, mithin das Princip selber, so wenig zweifelhaft, als die eben sowohl (obgleich nicht so oft und leicht) fehlerhafte Subsumtion der logischen UrthciKkraft unter ihr Princip das letztere, welches objectiv ist, zweifelhaft machen kann. Würde aber die Frage seyn: Wie ist es möglich, die Natnr als einen Jnbegiif von Gegenständen des Geschmacks » priori anzunehmen? so hat diese Aufgabe Beziehung auf die Tcleologie, weil es als ein Zweck der Natur, der ihrem Begriffe wcsent- Critik der ästhetischen Urcheilökraft. 15 z lich anhinge, angesehen werden müßte, für unsere Urtheil«, kraft zweckmäßige Formen aufzustellen. Aber die Richtigkeit dieser Annahme ist noch sehr zu bezweifeln, indeß die Wirk, lichkeic der Naturschönheiten der Erfahrung offen liegt. §- Z9. Von der Mittheilbarkeit einer Empfindung. Wenn Empfindung, als das Neale der Wahrnel> mung, auf Erkenntniß bezogen wird, so heißt sie Sinnenempfindung ; und das Specifische ihrer Qualität laßt sich nur als durchgangig auf gleiche Art mittheilbar vorstellen, wenn man annimmt, daß jedermann einen gleichen Sinn mit dem unfrigen habe: dieses laßt sich aber von einer Sinnesempfindung schlechterdings nicht voraussetzen. So kann dem, welchem der Sinn des Geruchs fehlt, diese Art der Empfindung nicht mitgetheilt werden; und, selbst wenn er ihm nicht mangelt, kann man doch nicht sicher seyn, ob er gerade die nehmliche Empfindung von einer Blume habe, die wir davon haben. Noch mehr unterschieden müssen wir uns aber die Menschen in Ansehung der Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit bey der Empfindung eben desselben Gegenstandes der Sinne vorstellen; und es ist schlechterdings nicht zu verlangen, daß die Lust an dergleichen Gegenständen von jedermann zugestanden werde. Man kann die Lust von dieser Art, weil sie durch dm Sinn in das Gemüth kommt und wir dabey also passiv sind, die Lust des Genusses nennen. K? 154 Erster Theil. Das Wohlgefallen an einer Handlung um ihrer moralischen Beschaffenheit willen ist dagegen keine Lust des Genusses, sondern der Selbstthatigkeit, und deren Gemäßheit mit der Idee seiner Bestimmung. Dieses Gefühl, welches das sittliche heißt, erfordert aber Begriffe; und stellt reine freye, sondern gesetzliche Zweckmäßigkeit dar, laßt sich also auch nicht anders, als vermittelst der Vernunft, und, soll die Lust bey jedermann gleichartig seyn, durch sehr bestimmte praktische Ver- mmftbegriffe, allgemein mittheilen. Die Lust am Erhabenen der Natur, als Lust der vernünftelnden Contemplation, macht zwar auch auf allgemeine Theilnehmung Anspruch, setzt aber doch schon ein anderes Gefühl, nehmlich das seiner übersinnlichen Bestimmung, voraus: welches, so dunkel es auch seyn mag, eine moralische Grundlage hat. Daß aber andere Menschen darauf Rücksicht nehmen, und in der Betrachtung der rauhen Größe der Natur ein Wohlgefallen finden werden (welches wahrhastig dem Anblicke derselben, der eher abschreckend ist, nicht zugeschrieben werden kann), bin ich nicht schlechthin vorauszusetzen berechtigt. Dem ungeachtet kann ich doch, in Betracht dessen, daß auf jene moralischen Anlagen bey jeder schicklichen Veranlassung Rücksicht genommen werden sollte, auch jenes Wohlgefallen jedermann ansinnen, aber nur vermittelst des moralischen Gesetzes, welches seiner Seirs wiederum aufBegriffcn der Vernunft gegründet ist. c ,-'> / Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 15 5 Dagegen ist die Lust am Schönen weder eine Lust des Genusses, noch einer gesetzlichen Thätigkeit, auch nicht der vernünftelnden Contemplation nach Ideen, sondern der bloßen Reflexion. Ohne irgend einen Zweck ode? Grundsatz zur Richtschnur zu haben, begleitet diese Lust die gemeine Auffassung eines Gegenstandes durch die Einbildungskraft, als Vermögen der Anschauung, in Beziehung auf den Verstand, als Vermögen der Begriffe, vermittelst eines Verfahrens der Urteilskraft, welches sie auch zum Behuf der gemeinsten Erfahrung ausüben muß: nur daß sie es hier, um einen empirischen objectiven Vegrif, dort aber (in der ästhetischen Beurtheilung) bloß um die Angcmessenheit der Vorstellung zur harmonischen (subjectiv- zweckmäßigen) Beschäftigung beider Erkenntnißvcrmvgen in ihrer Freyheit wahrzunehmen, d. i. den Vorstcllungszustand mit Lust zu empfinden, zu thun genöthigt ist. Diese Lust muß nothwendig bey jedermann auf den nehmlichen Bedingungen beuchen, weil sie fubjective Bedingungen der Möglichkeit einer Erkenntniß überhaupt sind, und die Proportion dieser Erkenntnißverniögen, welche zum Geschmack erfordert wird, anch zum gemeinen und gefunden Verstände erforderlich ist, den man bey jedermann voraus^ setzen darf. Eben darum darf auch der mit Gefchmack urtheilende (wenn er nur in diesem Bewußtseyn nicht irrt, und nicht die Materie für die Form, Reiz für Schönheit nimmt) die subjective Zweckmäßigkeit, d. i. 156 Erster Theil. sein Wohlgefallen am Objecte jedem andern ansinnen, und sein Gefühl als allgemein mittheiibar, und zwar ohne Vermittelung der Begriffe, annehmen. §. 40. Vom Geschmacke als einer Art von lenliis ^0111111111118. Man giebt oft der Urtheilskraft, wenn nicht sowohl ihre Reflexion als vielmehr bloß das Resultat derselben bemerklich ist, den Namen eines Sinnes, und redet von einem Wahrheitssinne, "von einem Sinne für Anständigkeit, Gerechtigkeit u. s. w.; ob man zwar weiß, wenigstens billig wissen sollte, daß es nicht ein Sinn ist, in welchem diese Begriffe ihren Sitz haben können, noch weniger, daß dieser zu einem Ausspruche allgemeiner Regeln die mindeste Fähigkeit habe: sondern daß uns von Wahrheit, Schicklichkeit, Schönheit oder Gerechtigkeit nie eine Vorstellung dieser Art in Gedanken kommen könnte, wenn wir uns nicht über die Sinne zu höhern Erkenntnißvermögen erheben könnten. Der gemeine Menschenverstand, den man, als bloß gesunden (noch nicht cultivirten) Verstand, für das geringste ansieht, dessen man nur immer sich von dem, welcher auf den Namen eines Menschen Anspruch macht, gewartigen kann, hat daher auch die krankende Ehre, mit dem Namen des Gcmeinsinnes (lsnlus caininunis) belegt zu werden ^ und zwar so, daß man unter dem Worte Critik der ästhetischen Urteilskraft. 157 gemein (nicht bloß in unserer Sprache, die hierin wirklich eine Zweydeutigkeit enthalt, sondern auch in mancher andern) so viel als das vnlZ-ne, was man allenthalben antrift, versteht, welches zu besitzen schlechterdings kein Verdienst oder Vorzug ist. Unter dem lenlus co?,.'?»»«?/ aber muß man die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d. i. eines Beurtheilungsvermögens verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes andern in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gestimmte Menschenvernunft sein Urtheil zu halten, und dadurch der Illusion zu entgehen, die aus subjectiven Privatbedingungen, welche leicht für objectiv gehalten werden könnten, auf das Urtheil nachtheiligen Einfluß haben würde. Dieses geschieht nun dadurch, daß man sein Urtheil an anderer, nicht sowohl wirkliche als vielmehr bloß mögliche, Urtheile halt, und sich in die Stelle jedes andern versetzt, indem man bloß von den Beschrankungen, die unserer eigenen Beurtheilung zufalliger Weise anhangen, abstrahirt: welches wiederum dadurch bewirkt wird, daß man das, was in dem Vorsiellungs- zustaude Materie d. i. Empfindung ist, so viel möglich weglaßt, und lediglich auf die formalen Eigenthümlichkeiten seiner Vorstellung, oder seines Vorstellungszustandes, Acht hat. Nun scheint diese Operation der Reflexion vielleicht allzu künstlich zu seyn, um sie dem Vermö^ gen, welches wir den gemeinen Sinn nennen, beyzu^ >;8 Erster Theil. legen; allem sie sieht auch nur so aus, wenn man sie in abstracten Formeln ausdrückt; aü sich ist nichts natürlicher, als von Reiz und Rührung zu abstrahiren, wenn man ein Urtheil sucht, welches zur allgemeinen Regel dienen soll. Folgende Maximen des gemeinen Menschenverstandes gehören zwar nicht Hieher, als Theile der Geschmacks- eritik, können aber doch zur Erläuterung ihrer Grundsätze dienen. Es sind folgende: i. Selbstdenken; 2. An der Stelle jedes andern denken; Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken. Die erste ist die Maxime der vorurtheilfreyen, die zweite der erweiterten, die dritte der eonsequenten Denkungsart. Die erste ist die Maxime einer niemals passiven Vernunft. Der Hang zur letzter«, mithin zur Heteronomie der Vernunft, heißt das Vorurcheil; und das größte unter allen ist, sich die Natur Regeln, welche der Verstand ihr durch ihr eigenes wesentliches Gesetz zum Grunde legt, als nicht unterworfen vorzustellen: d. i. der Aderglaube. Be- frcyuug vom Aberglauben heißt Aufklärung; weil, obschon diese Benennung auch der Vefrenung von Vor- Man sieht bald, daß Aufklarung zwar in Thcsi leicht, in Hypothcfi aber eine schwere und langsam auszuführende Sache sey; weil mit seiner Vernunft nicht passiv, sondern jederzeit sich selbst gcsc!)gebcnd zu seyn, zwar etwas ganz leichtes für den Menschen ist, der nur seinem wescnilichen Zwecke angemessen seyn will, und das, was überfeinen Vcr/ stand ist, nicht zu wissen verlangt; aber, da die Bestre- Critik der ästhetischen Urtheilökraft. l 59 urtheilen überhaupt zukommt, jener doch vorzugsweise (in lWln eniinenn) ein Vorurtheil genannt zu werdeil verdient, indem die Blindheit, worin der Aberglaube versetzt, ja sie wohl gar als Obliegenheit fordert, das Bedürfniß von andern geleitet zu werden, mithin den Zustand, einer passiven Vernunft vorzüglich kenntlich macht. Was die zweite Maxime der Denkungsart betritt , so sind wir sonst wohl gewohnt, denjenigen eingeschränkt (bormrt, das Gegentheil von erweitert) zu nennen, dessen Talente zu keinem großen Gebrauche (vornehmlich dem intensiven) zulangen. Allein hier ist nicht die Nede vom Vermögen des Erkenntnisses, sondern von der DeilkUNgsart, einen zweckmäßigen Gebrauch davonzumachen: welche, so klein auch der Umfang und der Grad sey, wohin die Naturgabe des Menschen reicht, dennoch einen Mann von erweiterter Denkungsart anzeigt, wenn er sich über die subjecti- ven Privatbedingungen des Urtheils, wozwischen so viele andere wie eingeklammert sind, wegsetzen, und aus einem allgemeinen Standpunkte (den er dadurch nur bestimmen kann, daß er sich in den Standpunkt anderer versetzt) über sein eigenes Urtheil reflectirt. Die dritte bung zum letzteren kaum zu verhüten ist, und es an andern, , welche die Wißbegierde befriedige» zu können mit vieler Zuversicht versprechen, nie fehlen wird: so muß das dlvß Negative (welches die eigentliche Aufklarung ausmacht) in der Denkungsart (zumal der öffentlichen) zu erhalten, oder herzustellen, sehr schwer senn. ?6o Erster Theil. Maxime, nehmlich die der conseauentel! Denkungsart, ist am schwersten zu erreichen, und kann auch nur durch die Verbindung beider ersten, und nach einer zur Fertigkeit gewordenen öfteren Befolgung derselben, erreicht werden. Man kann sagen: die erste dieser Maximen ist die Maxime des Verstandes, die zweyte der Urtheilskraft, die dritte der Vernunft. — Ich nehme den durch diese Episode verlassenen Faden wieder auf, und sage: daß der Geschmack mit mehrerem Rechte lenlus coirimunis genannt werden könne, als der gesunde Verstand; und daß die ästhetische Urtheilskraft eher als die intellektuelle den Namen eines gemeinschaftlichen Sinnes führen könne, wenn man ja das Wort Sinn von einer Wirkung der bloßen Reflexion auf das Gemüth brauchen will: denn da versteht man unter Sinn das Gefühl der Lust. Man könnte sogar den Geschmack durch das Beurtheilungsvermögen desjenigen, was unser Gefühl an einer gegebenen Vorstellung ohne Vermittelung eines Begrifs allgemein mittheilbar macht, defimrm. Die Geschicklichkeit der Menschen sich ihre Gedanken mitzutheilen, erfordert auch ein Verhältniß der Einbildungskraft und des Verstandes, um den Begriffen Anschau- *) Man könnte den Geschmack durch i-nlus commums seltne- cieus, den gemeinen Menschenverstand durch lsnlus commu? nis logisu« bezeichnen. Critik der ästhetischen Urteilskraft. 161 Anschauungen und diesen wiederum Begriffe zuzugesellen, die in ein Erkenntniß zusammenfließen; aber alsdann ist die Zusammenstimmung beider Gemüthskräfte gesetzlich, unter dem Zwange bestimmter Begriffe. Nur da, wo Einbildungskraft in ihrer Freyheit den Verstand erweckt, und dieser ohne Begriffe die Einbildungskraft in ein regelmäßiges Spiel versetzt; da theilt sich die Vorstellung, nicht als Gedanke, sondern als inneres Gefühl eines zweckmäßigen Zustandes des Gemüths, mit. Der Geschmack ist also das Vermögen, die Mittheilbarkeit der Gefühle, welche mit gegebener Vorstellung (ohne Vermittelung eines Begrifs) verbunden sind, a xiioii zu beurtheilen. Wenn man annehmen dürfte, daß die bloße allgemeine Mittheilbarkeit seines Gefühls an sich schon ein Interesse für uus bey sich führen müsse (welches man aber aus der Beschaffenheit einer bloß reflectiren- den Urtheilskraft zu schließen nicht berechtigt ist); .so würde man sich erklaren können, woher das Gefühl im Gefchmacksurtheile gleichsam als Pflicht jedermann zugemuthet werde. §. 41. Von dem empirischen Interesse am Schönen. Daß das Geschmacksurtheil, wodurch etwas für schön erklart wird, kein Interesse zum BestiMMUNgs- grunde haben müsse, ist oben hinreichend dargethan - RKMsLrir. d. Urrheilskr. , H 162 Erster Theil. worden. Aber daraus folgt nicht, daß, nachdem es, als reines ästhetisches Urtheil, gegeben worden, lein Interesse damit verbunden werden könne. Diese Verbindung wird jedoch immer nur indirectfeyn können, d.i. der Geschmack muß allererst mit etwas anderm verbunden vorgestellt werden, um mit dem Wohlgefallen der bloßen Reflexion über einen Gegenstand noch eine Lust an der Existenz desselben (als worin alles Interesse besteht) verknüpfen zu können. Denn es gilt hier im ästhetifchcn Urtheile, was im Erkeuntnißurtheile (von Dingen überhaupt) gesagt wird: s i>oü'e 26 ells ZINN vslLt conl'^usnüs. Dieses Andere kann nun etwas Empirisches seyn, nehmlich eine Neigung, die der menschlichen Natur eigen ist; oder etwas Jntellectuellcs, als Eigenschaft des Willens, 2 priori durch Vernunft bestimmt werden zu können: welche beide ein Wohlgefallen am Daseyn eines Objects enthalten, und so den Grund zu einem Interesse an demjenigen legen können, was schon für sich und ohne Rücksicht auf irgend ein Interesse gefallen hat. Empirisch iiueressirr das Schöne mir in der Gesellschaft; und, wenn man den Trieb zur Gesellschaft als dem Menschen natüuich, die Tauglichkeit aber und ' den Hang dazu, d. i. die Gefälligkeit, zur Erforderniß des Menschen, als für die Gesellschaft bestimmten Geschöpfs, also als zur Humanität gehörige Eigenschaft einräumt: so kann es nicht fehlen, daß man nicht anch Critik der ästhetischen Urteilskraft. 16z den Geschmack als ein Veurtheilungsvermögen alles dessen, wodurch man sogar sein Gefühl jedem andern mittheile» kann, mithin als Beförderungsmittel dessen, was eines jeden natürliche Neigung verlangt, anse- hen sollte. Für sich allein würde ein verlassener Mensch auf einer wüsten Insel weder seine Hütte, noch sich fclbst ausputzen, oder Blumen aufsuchen, noch weniger sie pflanzen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur in Gesellschaft kömmt es ihm ein, nicht bloß Mensch, sondern auch nach seiner Art ein feiner Mensch zu seyn (der Anfang der Civilisirung): denn als einen solchen beurtheilt man denjenigen, welcher seine Lust andern mitzutheilen geneigt und geschickt ist, und den ein Object nicht befriedigt, wenn er das Wohlgefallen an demselben nicht in Gemeinschaft mit andern fühlen kann. Auch erwartet und fordert ein jeder die Rücksicht auf allgcmeineMit- thcilung von jedermann, gleichsam als aus einem ursprünglichen Vertrage, der durch die Menschheit selbst dictirt ist; und so werden freylich anfangs nur Reize, z.B. Farben, um sich zu bemalen (Nocou bey den Carai- ben und Zinnober bey den Irokesen), oder Blumen, Mu- schclschaalen, schönfarbige Vogclfedern, mit der Zeit aber auch fchöne Formen (als an Canots, Kleidern, u. f. w.), die gar kein Vergnügen, d.i. Wohlgefallen des Genusses bey sich führen, in der Gesellschaft wichtig und mit großem Interesse verbunden: bis endlich die auf den höchsten L- ' l64 Erster Theil. Punkt gekommene Civilisirung daraus beynahe das Hauptwerk der verfeinerten Neigung macht, und Empfindungen nur so viel werth gehalten werden, als sie sich allgemein mittheilen lassen; wo denn, wenn gleich die Lust, die jeder an einem solchen Gegenstände hat, nur unbeträchtlich und für sich ohne merkliches Interesse ist, doch die Idee von ihrer allgemeinen Mittheilbarkeit ihren Werth beynahe unendlich vergrößert» Dieses indirect dem Schönen, durch Neigung zur Gesellschaft, angehängte, mithin empirische Interesse, ist aber für uns hier von keiner Wichtigkeit, die wir nur darauf zu sehen haben, was auf das Geschmacksurtheil a xrioii, wenn gleich nur indirect, Beziehung haben mag. Denn, wenn auch in dieser Form sich ein damit verbundenes Interesse entdecken sollte, so würde Geschmack einen Übergang unseres Beurtheilungsvermögens von dem Sinnengenuß zum Sittengefühl entdecken; und nicht allein, d^ß man dadurch den Gefchmack zweckmäßig zu beschäftigen besser geleitet werden würde, es würde auch ein Mittelglied der Kette der menschlichen Vermögen s i>rluii, von denen alle Gesetzgebung abhängen muß, als ein solches dargestellt werden. So viel kann mau von dem empirischen Interesse an Gegenständen des Geschmacks und am Geschmack selbst wohl sagen, daß es, da dieser der Neigung fröhnt, obgleich sie noch so verfeinert seyn mag, sich doch auch mit allen Neigungen und Leidenschaften/ die in der Gesellschaft Critir der ästhetischen Urtheilskraft. 165 ihre größte Mannichfaltigkeit und höchste Stufe erreichen, gern zufammenschmelzen läßt, und das Interesse am Schönen, wenn es darauf gegründet ist, einen nur sehr zwendeutigcn Übergang vom Angenehmen zum Guten abgeben könne. Ob aber dieser nicht etwa doch durch den Geschmack, wenn er in seiner Reinigkeit genommen wird, befördert werden könne, haben wir zu untersuchen Ursache. §. 42. Von dem inlellectuellen Interesse am Schöneil. Es geschah in gutmüthiger Absicht, daß diejenigen, welche alle Beschäftigungen der Menschen, wozu diese die innere Natnranlage antreibt, gerne auf den letzten Aweck der Menschheit, nehmlich das Moralisch-Gute richten wollten, es für ein Zeichen eines guten moralischen Cha- ractcrs hielten, am Schönen überhaupt ein Interesse zu nehmen. Ihnen ist aber nicht ohne Grund von andern widersprochen worden, die sich auf die Erfahrung berufen, daß Virtuosen des Geschmacks, nicht allein oft, sondern wohl gar gewöhnlich, eitel, eigensinnig, und verderblichen Leidenschaften ergeben, vielleicht noch weniger wie andere auf den Vorzug der Anhänglichkeit an sittliche Grundsatze Anspruch machen könnten; und so scheint es, daß das Gefühl für das Schöne nicht allein (wie es auch wirklich ist) vom moralischen Gefühl specifisch unterschieden, sondern auch das Interesse, welches Lz i66 Erster Theil. man damit verbinden kann, mit dem moralischen schwer, keinesweges aber durch innere Affinität, vereinbar sey. Ich räume nun zwar gerne ein, daß das Interesse am Schöllen der Kunst (wozu ich auch den künstlichen Gebrauch der Naturschvnheiten zum Putze, mithin zur Eitelkeit, rechne) g.'.r keinen Beweis einer dem Mo- ralischgutcn anhänglichen, oder auch nur dazu geneigten De-ckungsart abgebe. Dagegen aber behaupte ich, daß ein unmittelbares Interesse an der Schönheit der Natur zn nehmen (nicht bloß Geschmack haben, um sie zu beurtheilen) jederzeit ein Kennzeichen einer guten Seele sey >' und daß, wenn dieses Interesse habituell ist, es wenigstens eine dem moralischen Gefühl günstige Gemuthsstimmung anzeige, wenn es sich mit der Beschallung der Natur gerne verbindet. Man muß sich al er wohl erinnern, daß ich hier eigentlich die schönen Fc», men der Natur meyne, die Rei^e dagegen, welche sie so reichlich auch mit jenen zu verbinden pflegt, noch zu Seite setze, weil das Interesse daran zwar auch unmittelbar, aber doch empirisch ist. Der, welcher einsam (und ohne Absicht, seine Bemerkungen andern mittheilen zu wollen) die schöne Gestalt einer wilden Blume, eines Vogels, eines Insects u. s. w. betrachtet, um sie zu bewundern, zu lieben, und sie nicht gerne in der Natur überhaupt vermissen zu wollen, ob ihm gleich dadurch einiger Schaden geschähe, vielweniger ein Nutzen daraus für ihn hervorleuchtete, Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 167 nimmt ein unmittelbares und zwar intcllcctuelles Interesse an der Schönheit der Natur. D. i. nicht allein ihrProduct der Form nach, sondern auch das Daseyn desselben gefallt ihm, ohne daß ein Sinnenreiz daran Antheil hatte, oder er auch irgend einen Zweck damit verbände. Es ist aber hiebe!) merkwürdig, dass, wenn man diesen Liebhaber des Schönen insgeheim hintcrgangcn, und künstliche Blumen (die man den natürlichen ganz ähnlich verfertigen kann) in die Erde gesteckt, oder kunstlich geschnitzte Vögel auf Zweige von Bäumen gesetzt hätte, und er darauf den Betrug entdeckte, das umnit- telbare Interesse welches er vorher daran nahm, alsbald verschwinden, vielleicht aber ein anderes, nehmlich das Interesse der Eitelkeit, fein Zimmer für fremde Augen damit auszuschmücken, an dessen Stelle sich einsmden würde. Daß die Narur jene Schönheit hervorgebracht hat: dieser Gedanke muß die Anschauung und Reflexion begleiten; und auf diesem gründet sich allein das nnmit- telbare Interesse, das man daran nimmt. Sonst bleibt entweder ein bloßes Gcschmacksurtheil ohne alles Interesse, oder nur ein mit einem mittelbaren, nehmlich auf die Gesellschaft bezogenen, verbundenes übrig; welches letztere keine sichere Anzeige auf moralisch - gute Denkungsart abgiebt. Dieser Vorzug der Naturfchönheit vor der Kunst- schönheit, wenn jene gleich durch diefe der Form nach L4 168 Erster Theil. sogar übertroffen würde, dennoch allein ein unmittelbares Interesse zu erwecken, stimmt mit der geläuterten und gründlichen Denkungsart aller Menschen überein, die ihr sittliches Gefühl cultivirt haben. Wenn ein Mann der Geschmack genug hat, um über Producte der schönen Kunst mit der größten Nichtigkeit und Feinheit zu urtheilen, das Zimmer gern verlaßt, in welchem jene, die Eitelkeit und allenfalls gesellschaftliche Freuden unterhaltende, Schönheiten anzutreffen sind, und sich zum Schönen der Natur wendet, um hier gleichsam Wollust für seinen Geist in einen« Gedankengange zu finden, den cr sich nie völlig entwickeln kann; fo werden wir diese seine Wahl selber mit Hochachtung betrachten, und in ihm eine schöne Seele voraussetzen, auf die kein Kunstkenner und Liebhaber, uM des Interesse willen, das er an feinen Gegenständen nimmt, Anspruch machen kann. — Was ist nun der Unterschied der fo verschiedenen Schätzung zweycrley Objecte, die im Urtheile des bloßen Geschmacks einander kaum den Vorzug streitig machen würden? Wir haben ein Vermögen der bloß ästhetischen Urteilskraft, ohne Begriffe über Formen zu urtheilen, und an der bloßen Beurtheilung derselben ein Wohlgefallen zu finden, welches wir zugleich jedermann znr Regel machen, ohne daß dieses Urtheil sich auf einem Interesse gründet, noch ein solches hervorbringt. — Andererseits haben wir auch ein Vermögen einer intelicctucllen Urtheilskraft, für bloße Formen practischer Maximen (so- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 169 fern sie sich zur allgemeinen Gesetzgebung von selbst qua- lificiren) ein Wohlgefallen axrioii zu bestimmen, welches wir jedermann zum Gesetz machen, ohne daß unser Urtheil sich auf irgend einem Interesse gründet, aber doch ein solches hervorbringt. Die Lust oder Unlust im ersteren Urtheile heißt die des Geschmacks, die zweyte des moralischen Gefühls. Da es aber die Vernunft auch interessirt, daß die Ideen (für die sie im moralischen Gefühle ein unmittel- bares Interesse bewirkt) anch objective Realität haben, d.i. daß die Natur wenigstens eine Spur zeige, oder einen Wink gebe, sie enthalte in sich irgend einen Grund, eine gesetzmäßige Übereinstimmung ihrer Producte Zu unserm von allem Interesse unabhängigen Wohlgefallen (welches wir a xriori für jedermann als Gesetz erkennen, ohne dieses auf Beweisen gründen zu können) anzunehmen: so muß die Vernunft an jeder Äusserung der Natur von einer dieser ähnlichen Übereinstimmung ein Interesse nehme»; folglich kann das Gemüth über die Schönheit der Natur nicht nachdenken, ohne sich dabei zugleich interessirt zu finden. Dieses Interesse aber ist der Verwandtschaft nach mo» ralisch; und der, welcher es am Schönen der Natur nimmt, kann es nur sofern an demselben nehmen, als er vorher schon ftin Interesse am Sittlichgnten wohlgegründet har. Wen also die Schönheit der Natur unmittelbar interessirt, bey dem hat man Ursache, we- ' / ' .L 5 i/v Erster Theil. nigstens eine Anlage zu guter moralischer Gesinnung zu vermuthen. Man wird sagen: diese Deutung ästhetischer Urtheile auf Verwandtschaft mit dem moralischen Gefühl sehe gar zu studiert aus, um sie für die wahre Auslegung der Chiferschrift zu hqlten, wodurch die Natur in ihren schönen Formen figürlich zu uns spricht. Allein erstlich ist dieses unmittelbare Interesse am Schönen der Natur wirklich nicht gemein, sondern nur denen eigen, deren Denkungsart entweder zum Guten schon ausgebildet, oder dieser Ausbildung vorzüglich empfanglich ist; und dann führt die Analogie zwischen dem reinen Geschmacksurtheile, welches, ohne von irgend einem Interesse abzuhängen, ein Wohlgefallen fühlen läßt, und es zugleich a priori als oer Menschheit überhaupt anständig vorstellt, mit dem moralischen Urtheile, welches eben dasselbe aus Begriffen thut, auch ohne deutliches, subtiles und vorfttzliches Nachdenken, auf ein gleichmäßiges unmittelbares Interesse an dem Gegenstände des ersteren, so wie an dem des letzteren: nur daß jenes ein freyes, dieses ein auf objective Gesetze gegründetes In< reresse ist. Dazu kommt noch die Bewunderung der Natur, die sich an ihren schönen Prooucten als Kunst, uicht bloß durch Zufall, sondern gleichsam absichtlich, nach gesetzmäßiger Anordnung und als Zweckmäßigkeit ohne Zweck, zeigt: welchen letztereu, da wir ihn äußerlich nirgend antreffen, wir natürlicher Weise in uns selbst, Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 171 und zwar in demjenigen, was den letzten Zweck unseres Daseyns ausmacht, nehmlich der moralischen Bestimmung, suchen (von welcher Nachfrage nach dem Grunde der Möglichkeit einer solchen Naturzweckmaßigkeit aber allererst in der Teleologie die Rede seyn wird). Daß das Wohlgefallen an der schönen Kunst im reinen Eeschmacksurtheile nicht eben fo mit einem unmittel> baren Interesse verbunden ist, als das an der schöne!« Natur, ist auch leicht zu erklaren. Denn jene ist entweder eine solche Nachahmung von dieser, die bis zur Tauschung geht: und alsdann thut sie die Wirkung als (dafür gehaltene) Naturfchönheit; oder sie ist ein- absichtlich auf unfcr Wohlgefallen sichtbarlich gerichtete Kunst: alsdann aber würde das Wohlgefallen an diesen: Prodncte zwar unmittelbar durch Geschmack Statt finden, aber kein anderes als mittelbares Interesse an der zum Grunde liegenden Ursache, nehmlich einer Kunst, welche nur durch ihren Zweck, niemals an sich selbst, in- tcressiren kaun. Man wird vielleicht sagen, daß dieses auch der Fall sey, wenn ein Object der Natur durch seine Schönheit nur in sofern interessirt, als ihr eine moralische Idee beygestllet wird; aber nicht dieses, sondern die Beschaffenheit derselben an sich selbst, daß sie sich zu einer solchen Vcygcsellung qualificirt, die ihr also innerlich zukommt, interessirt unmittelbar. Die Reize in der scheuen Natur, welche so häufig mit der schönen Form gleichsam zusammenschmelzend an- 172 Erster Theil. getroffen werden, sind entweder zu den Modifikationen deS Lichts (in der Farbengebung) oder des Schalles (in Tönen) gehörig. Denn diese sind die einzigen Empfindungen, welche nicht bloß Sinnengefühl, sondern anch Reflexion über die Form dieser Modifikationen der Sinne verstatten, und so gleichsam eine Sprache, die die Natur zu uns führt, und die einen höhern Sinn zu haben scheint, in sich enthalten. So scheint die weiße Farbe der Lilie das Gemüth zu Ideen der Unschuld, und nach der Ordnung der sieben Farben, von der rothen an bis zur violetten, i) zur Idee der Erhabenheit, 2) der Kühnheit, ?) der Freymülhigkeit, 4) der Freundlichkeit, 5) der Bescheidenheit, 6) der Standhaftigkeit, und 7) der Zärtlichkeit zu stimmen. Der Gesang der Vogel verkündigt Fröhlichkeit und Zufriedenheit mit seiner Existenz. Wenigstens so deuten wir die Natur aus, es mag dergleichen ihre Absicht seyn oder nicht. Aber dieses Interesse, welches wir hier an Schönheit nehmen, bedarf durchaus, daß es Schönheit der Natur sey; und es verschwindet ganz, sobald man bemerkt, man sey getauscht, und eS sey nur Kunst: sogar, daß auch der Geschmack' alsdann nichts Schönes, oder das Gesicht etwas Reizendes mehr daran finden kann. Was wird von Dichtern höher gepriesen, als der bezaubernd schöne Schlag der Nachtigall, in einsamen Gebüschen, an einem stillen Sommerabcnde, bey dem sanften Lichte des Mondes? Indeß hat man Beyspiele, daß, wo kein solcher San- Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 17z ger angetroffen wird,, irgend ein lustiger Wirth seine zum Genuß der Landluft bey ihm eingekehrten Gäste dadurch zu ihrer größten Zufriedenheit hintergangen hatte, daß er einen muthwilligen Burschen, welcher diesen Schlag (mit Schils oder Nohr im Munde) ganz der Natur ahnlich nachzumachen wußte, in einem Gebüsche verbarg. Sobald man aber inne wird, daß es Betrug sey, so wird niemand es lange aushalten, diesem vorher für so reizeud gehaltenen Gesänge zuzuhören; und so ist es mit jedem anderen Singvogel beschaffen. Es muß Natur seyn, oder von uns dafür gehalten werden, damit wir an dem Schönen als einem solchen ein unmittelbares Interesse nehmen können; noch mehr aber, wenn wir gar andern zumuthen dürfen, daß sie es daran nehmen sollen: welches in der That geschieht, indem wir die Denkungsart derer für grob und unedel halten, die kein Gefühl für die schöne Natur haben (denn so nennen wir die Empfänglichkeit eines Interesse an ihrer Betrachtung), und sich bey der Mahlzeit oder der Bouteille am Genusse bloßer Sinnesempfindungen halten. / .< §. 4Z. Von der Kunst überhaupt. l) Kunst wird von der Natur, wie Thun (5a- cere) vom Handeln oder Wirken überhaupt Ogsre), und das Prodntt, oder die Folge der erstem, als 174 Erster Theil. Wer? (opu5) von der letztern als Wirkung (ektecms) unterschieden. Von Rechtswegen sollte man nur die Hervorbrin- gimg durch Freyheit, d. i. durch eine Willkür, die ihren Handlungen Vernunft zum Grunde legt, Kunst nennen. Denn, ob man gleich das Product der Bienen (die regelmäßig gebaueten Wachsscheiben) ein Kunstwerk zu nennen beliebt, so geschieht dieses doch nur wegen der Analogie mit der letztern; sobald man sich nehmlich besinnt, daß sie ihre Arbeit auf keine eigene Vernunftüberlegung gründen, so sagt man alsbald, es ist ein Product ihrer Natur (des Jnstincts), und als Kunst'wird es nur ihrem Schöpfer zugeschrieben. Wenn man bey Durchsuchung eines Moorbruches, wie es bisweilen geschehen ist, ein Stück behauenes Holz antrift, so sagt man nicht, es ist ein Product der Natur, sondern der Kunst; die hervorbringende Ursache derselben hat sich einen Zweck gedacht, dem dieses seine Form zu danken hat. Sonst sieht man wohl auch an allem eine Kunst, was so beschaffen ist daß eine Vorstellung desselben in ihrer Ursache vor ihrer Wirklichkeit vorhergegangen seyn muß (wie selbst bey Bienen), ohne daß doch die Wirkung von ihr eben gedacht seyn dürfe; wenn man aber etwas schlechthin ein Kunstwerk nennt, um es von einer Naturwirkung zu unterscheiden, so versteht man allemal darunter ein Werk der Menschen. Critik der ästhetischen Urtheilokraft. 175 2) Kunst als Geschicklichkeit des Menschen wild auch von der Wissenschaft unterschieden (Können von Wissen), als praktisches vom theoretischen Vermögen, als Technik von der Theorie (wie die Feldmeßkunst von der Geometrie). Und da wird mich das, was man kann, sobald man nur weiß was gethan werden soll, und also nur die begehrte Wirkung genugsam kennt, nicht eben Kunst genannt. Nur das was man, wenn man es auch auf das vollständigste kennt, dmnoch darum zu machen noch nicht sofort die Geschicklichkeit hat, gehört in so weit zur Kunst. Camper beschreibt sehr genau, wie der beste Schuh beschaffen seyn müßte, aber er konnte gewiß keinen mächen *). Z) Wird auch Kunst vom Handwerke unterschieden; die erste heißt freye, die andere kann auch Lohnkunst heißen. Man sieht die erste so an, als ob sie nur als Spiel, d. i. Beschäftigung die für sich selbst angenehm ist, zweckmäßig ausfallen (gelingen) könne; die zweyte fo, daß sie als Arbeit, d. i. Beschäftigung die für sich selbst unangenehm (beschwerlich), und nur durch ihre Wirkung (z. B. den Lohn) anlockend ist, mithin ') In meinen Gegenden sagt der gemeine Mann, wenn man ihm etwa eine solche Aufgabe vorlegt, wie Colnmbus mit seinem Ey: das ist keine Runst, es ist inrr eine Wissenschaft. D. i. wenn man es weiß, so kann man es; und eben dieses sagt er von allen vorgebliche» Künsten des Taschenspielers. Die des Seiltänzers dagegen wird «r gar nicht in Abrede seyn, Kunst zu nennen. 176 Erster Theil. zwangsmaßig auferlegt werden kann. Ob in der Rangliste der Zünfte Uhrmacher für Künstler, dagegen Schmiede für Handwerker gelten sollen: das bedarf eines andern Gesichtspuncts der Beurtheilung, als derjenige ist, den wir hier nehmen; nehmlich die Proportion der Talente, die dem einen oder andern dieser Geschäfte zum Grunde liegen müssen» Ob auch unter den sogenannten sieben freyen Künsten nicht einige, die den Wissenschaften beyzuzahlen, manche auch die mit Handwerkern zu vergleichen sind, aufgeführt worden seyn möchten: davon will ich hier nicht reden. Daß aber in allen freyen Künsten dennoch etwas Zwangsmaßiges, oder, wie man es nennt, ein Mechanismus erforderlich sey, ohne welchen der Geist, der in der Kunst frei) sein muß und allein das Werk belebt, gar keinen Körper haben und ganzlich verdunsten würde: ist nicht unrathsam zu erinnern (z. B. in der Dichtkunst, die Sprachrichrigkeit und der Sprachreichthum, ungleichen die Prosodie und das Sylbenmaaß), da manche neuere Erzieher eine freye Kunst am besten zu befördern glauben, wenn sie allen Zwang von ihr wegnehmen, und sie aus Arbeit in bloßes Spiel verwandeln. - §. 44. Von der schönen Kunst. Es giebt weder eine Wissenfchaft des Schönen, sondern nur Critik, noch schöne Wissenschaft, sondern nur schöne Critik der- ästhetischen Urtheilskraft. 177 schöne Kunst. Denn was die erstere betrist, so würde m ihr wissenschaftlich, d. i. durch Beweisgründe ausge- macht werden sollen, ob etwas für schön zu halten sey' oder nicht; das Urtheil über Schönheit würde also, wenn es zur Wissenschaft gehörte, kein Geschmacksurtheil seyn. Was das zweyte anlangt, so ist eine Wissenschaft, die, als solche, schön seyn soll, ein Unding. Denn, wenn man in ihr als Wissenschaft nach Gründen und Bewei« scn fragte, so würde man durch geschmackvolle Aussprüche (Bon-Mots) abgefertigt. — Was den gewöhnlichen Ausdruck, schöne Wissenschaften, veranlaßt hat, ist ohne Zweifel nichts anders, als daß man ganz richtig bemerkt hat, es werde zur schönen Kunst in ihrer ganzen Vollkommenheit viel Wissenschaft, als z. B. Kenntniß alter Sprachen, Belefenheit der Autoren die für Classiker gelten, Geschichte, Kenntniß der Alterthü- mer u. s. w. erfordert, und deshalb diese historischen Wissenschaften, weil sie zur schönen Kunst die nothwendige Vorbereitung und Grundlage ausmachen, zum Theil auch weil darunter selbst die Kenntniß der Produkte der schönen Kunst (Beredsamkeit und Dichtkunst) begriffen worden, durch eine Wortverwechftlung, selbst schöne Wissenschaften genannt hat. Wenn die Kunst, dem Erkenntnisse eines möglichen Gegenstandes angemessen, bloß ihn wirklich zu machen die dazu erforderlichen Handlungen verrichtet, so ist sie mechanische; hat sie aber das Gefühl der Lust Ranrs Lrir. d. llrryeilskr. M Z78 Erster Theil. zur unmittelbaren Absicht, so heißt sie ästhetische Kunst. Diese ist entweder angenehme oder schöne Kunst. Das erste ist sie, wenn der Zweck derselben ist, daß die Lust die Vorstellungen als bloße Empfindungen ; das zweyte, daß sie dieselben als ErköNNt- Nißatten begleite. Angenehme Künste sind die, welche bloß zum Genusse abgezweckt werden; dergleichen alle die Reize sind, welche die Gesellschaft an einer Tafel vergnügen können: als unterhaltend zu erzählen, die Gesellschaft in frey- müthige und lebhafte Gesprächigkeit zu versetzen, durch Scherz und Lachen sie zu einem gewissen Tone der Lustigkeit zu stimmen, wo, wie man sagt, manches ins Gelag hinein geschwatzt werden kann, und niemand über das, was er spricht, verantwortlich seyn will, weil es nur auf die augenblickliche Unterhaltung, nicht auf einen bleibenden Stof zum Nachdenken oder Nachsagen, angelegt ist. (Hiezu gehört denn auch die Art, wie der Tisch zum Genusse ausgerüstet ist, oder wohl gar bey großen Gelagen die Tafelmusik: ein wunderliches Ding, welches nur als ein angenehmes Geräusch die Stimmung der Gemüther zur Fröhlichkeit unterhalten soll, und, ohne daß jemand auf die Composition derselben die mindeste Aufmerksamkeit verwendet, die freye Gesprächigkeit eines Nachbars mit dem andern begünstigt.) Dazu gehören ferner alle Spiele, die weiter kein Interesse bey sich führen, als die Zeit unvermerkt verlaufen zu machen. Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 179 Schöne Kunst dagegen ist eine Vorstellungsart, die für sich selbst zweckmäßig ist, und obgleich ohne Zweck, dennoch die Cultur der Gemüthskräste zur geselligen Mittheilung befördert. Die allgemeine Mittheilbarkeit einer Lust führt es schon in ihrem Begriffe mit sich, daß diese nicht eine Lust des Genusses, aus bloßer Empfindung, sondern der Reflexion seyn müsse; und so ist ästhetische Kunst, als schöne Kunst, eine solche, die die reflectirende Urtheilskraft und nicht die Sinnenempfindung znm Nichtmaaße hat. §. 45« Schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sie zugleich Natur zu seyn scheint. An einem Producte der schönen Kunst muß man sich bewußt werden, daß es Kunst sey, und nicht Natur; aber doch muß die Zweckmäßigkeit in der Form desselben von allem Zwange willkürlicher Regeln so frey scheinen, als ob es ein Product der bloßen Natur sey. Auf diesem Gefühle der Freyheit im Spiele unserer Erkenntnißvermögen, welches doch zugleich zweckmäßig seyn muß, beruht diejenige Lust, welche allein allgemein mittheilbar ist, ohne sich doch auf Begriffe zu gründen. Die Natur war schön, wenn sie zugleich als Kunst aussah; und die Kunst kann nur schön genannt werden, wenn wir uns bewußt sind, sie sey Kunst, und sie uns doch als Natur aussieht. M 2 i8o Erster Theil. Denn wir könne» allgemein sagen, es mag die Natur- oder die Kunstschönheit betreffen: schön ij? das, was in der bloßen Beurtheilung (nicht in der Sinnenempfindung, noch durch einen Begrif) gefällt. Nun hat Kunst jederzeit eine bestimmte Absicht etwaS hervorzubringen. Wenn dieses aber bloße Empfindung (etwas bloß subjectives) Ware, die mit Lust begleitet seyn sollte, so würde dies Product, iu der Beurtheilung, nur vermittelst des Sumengefühls gefallen. Ware die Ab^ ficht auf die Hervorbringung eines bestimmten Objects gerichtet, so würde, wenn sie durch die Kunst erreicht wird, das Object nur durch Begriffe gefallen. Iu beiden Fallen aber würde die Kunst nicht M der bloßen Beurtheilung, d. i. nicht als schone, sondern mechanische Kunst gefallen. Also muß die Zweckmäßigkeit im Producte der schönen Kunst, ob sie zwar absichtlich ist, doch nicht absichtlich scheinen; d. i. schöne Kunst muß als Natur anzusehen seyn, ob man sich ihrer zwar als Kunst bewußt ist. Als Natur aber erscheint ein Product der Kunst dadurch, daß zwar alle Püncllichkeit in der Übereinkunft mit Regeln, nach denen allein das Product das werden kann, was es seyn soll, angetroffen wird; aber ohne Peinlichkeit, ohne daß die Schulform durchblickt, d. i. ohne eine Spur zu zeigen, daß die Regel dem Künstler vor Augen geschwebt, und seinen Gemüthskraften Fesselir angelegt habe. Critik der ästhetischen Urtheilökraft. izi §. 46. Schöne Kunst ist Kunst des Genie's. Genie ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel giebt. Da das Talent, als angebor- nes produktives Vermögen des Künstlers, selbst zur Natur gehört, so könnte man sich auch so ausdrücken: Genie ist die angeborne Gemüthsanlage (iiiAvmuin), durch welche die Natur der Kunst die Regel giebt. Was es auch mit dieser Definition für eine Bc- wandniß habe, und ob sie bloß willkürlich, oder dem Begriffe, welchen man mit dem Worte Genie zu verbinden gewohnt ist, angemessen sey, oder nicht (welches in dem folgenden §. erörtert werden soll): so kann man doch schon zum Voraus beweisen, daß, nach der hier angenommenen Bedeutung des Worts^ schöne Künste nothwendig als Künste des Genies betrachtet werden müssen. Denn eine jede Kunst setzt Regeln voraus, durch deren Grundlegung allererst ein Product, wenn es künstlich heißen soll, als möglich vorgestellt wird. Der Be- grif der schönen Kunst aber verstattet nicht, daß das Urtheil über die Schönheit ihres Products von irgend einer Regel abgeleitet werde, die einen Begnf zum Be- stimmungvgrunde habe, mithin einen Begrif von der Art, wie es möglich sey, zum Grunde lege. Also kann die schöne Kunst sich selbst nicht die Regel ausoenken, M z .182 Erster Theil. nach der sie ihr Product zu Stande bringen soll. Da nun gleichwohl ohne vorhergehende Regel ein Product Niemals Kunst heißen kann, so muß die Natur im Subjecte (und durch die Stimmung der Vermögen desselben) der Kunst die Regel geben, d. i. die schöne Kunst ist nur als Product des Genie's möglich. Man sieht hieraus, daß Genie i) ein Talent fty^ dasjenige, wozu sich keine bestimmte Regel geben laßt, hervorzubringen: nicht Geschicklichkeitsanlage zu dem, was nach irgend einer Regel gelernt werden kann; folglich daß Originalität seine erste Eigenschaft seyn müsse. 2) Daß, da es auch originalen Unsinn geben kann, seine Producte zugleich Muster, d. i. exemplarisch seyn müssen; mithin, selbst nicht durch Nachahmung entsprungen, anderen doch dazu, d. i, zum Richtmaaße oder Regel der Beurtheilung, dienen müssen, z) Daß es, wie es sein Product zu Stande bringe, selbst nicht beschreiben, oder wissenschaftlich anzeigen könne, sondern daß es als Natur die Regel gebe; und daher der Urheber eines Products, welches er seinem Genie verdankt, selbst nicht weiß, wie sich in ihm die Ideen dazu herbey finden, auch es nicht in seiner Gewalt hat, dergleichen nach Belieben oder planmäßig auszudcnken, und anderen in solchen Vorschriften mitzutheilen, die sie in Stand setzen, gleich- Maßige Producte hervorzubringen. (Daher denn auch vermuthlich das Wort Genie von Zenws, dem eigenthumlichen einem Menschen bey der,.GeburEmitgegebe- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 18z nen schützenden und leitenden Geist, Won dessen Eingebung jene originale Ideen herrührten, abgeleitet ist.) 4) Daß die Natur durch das Genie nicht der Wissenschaft, sondern der Kunst, die Regel vorschreibe; und auch dieses nur, in sofern diese letztere schöne Kunst seyn soll. . §- 47- Erläuterung und Bestätigung obiger Erklärung vom Genie. Darin ist jedermann einig, daß Genie dem NcuH- ahMUNgsgeiste gänzlich entgegen zu setzen sey. Da nun Lernen nichts als Nachahmen ist, so kann die größte Fähigkeit, Gelehrigkeit (Capacitat), als Gelehrigkeit, doch nicht für Genie gelten. Wenn man aber auch selbst denkt oder dichtet, und nicht bloß was andere gedacht haben, auffaßt, ja sogar für Kunst und Wissenschaft manches erfindet; so ist doch dieses auch noch nicht der rechte Grund, um einen solchen (oftmals großen) Kopf (im Gegensatze mit dem, welcher, weil er niemals etwas mehr als bloß lernen und nachahmen kann, ein Pinsel heißt) ein Genie zu nennen: weil eben das auch hätte könneil gelernt werden, also doch auf dem natürlichen Wege des Forschens und Nachdenkens nach Regeln liegt, und von dem, was durch Fleiß vermittelst der Nachahmung erworben werden kann, nicht specifisch unterschieden ist.- So kann man alles, was Newton in seinem unsterblichen Werke der Principien der Naturphilosophie, M 4 184 Erster Theil. so ein großer Kopf auch erforderlich war dergleichen zu erfinden, vorgetragen hat, gar wohl lernen; aber man kann »icht geistreich dichten lernen, fo ausführlich auch alle Vorschriften für die Dichtkunst, und so vortreflich auch t>ie Muster derselben seyn mögen. Die Ursache ist, daß Newton alle seine Schritte, die er, von den erstenElemen- ten der Geometrie an, bis zu seinen großen und tiefen Erfindungen, zu thnn hatte, nicht allein sich selbst, sondern jedem andern, ganz anschaulich und zur Nachfolge bestimmt vormachen könnte; kein Homer aber oder Wic- land anzeigen kann, wie sich seine phantasiereichen und Hoch zugleich gedankenvollen Ideen in seinem Kopfe hervor und zusammen finden, darum weil er es selbst nicht weiß, und es also auch keinen andern lehren kann. Im Wissenschaftlichen also ist der größte Erfinder vom mühseligsten Nachahmer und Lehrlinge nur dem Grade nach, dagegen von dein, welchen die Natur für die schöne Kunst begabt hat, specifisch unterschieden. Indeß liegt hierin keine Herabsetzung jener großen Manner, denen das menschliche Geschlecht so viel zu verdanken hat, ge- Zen die Günstlinge der Natur in Ansehung ihres Talents für die schöne Kunst. Eben darin, daß jener Talents zur immer fortschreitenden größeren Vollkommenheit der Erkenntnisse und alles Nutzens, der davon abhangig ist, .ungleichen zur Belehrnng anderer in eben denselben Kenntnissen gemacht ist, besteht ein. großer Vorzug derselben vor denen, welche die Ehre verdienen, Genie's zu Critik der ästhetischen Urcheilskraft. 185 heißen: weil für diese die Kunst irgendwo still sieht, indem ihr eine Gränze gesetzt ist, über die sie nicht weiter gehen kann, die vermuthlich auch schon seit lange her erreicht ist und nicht mehr erweitert werden kann ; und überdem eine solche Geschicklichkeit sich auch nicht mittheilen laßt, sondern jedem unmittelbar von der Hand der Natur ertheilt sey» will, mit ihm also stirbt, bis die Natur einmal einen andern wiederum eben so begabt, der nichts weiter als eines Beyspiels bedarf, um das Talent, dessen er sich bewußt ist, auf ahnliche Art wirken zu lassen. Da die Naturgabe der Kunst (als schönen Kunst) die Regel geben muß; welcherlei) Art ist denn diese Regel? Sie kann in keiner Formel abgefaßt zur Vorschrift dienen ; denn sonst würde das Urtheil über daS Schone nach Begriffen bestimmbar seyn: sondern die Regel muß von der That d.i. vom Product absirahirt werden, an welchem andere ihr eigenes Talent prüfen mögen, um sich jenes zum Muster, nicht der NachlNachuttg, sondern der Nachahmung, dienen zu lassen. Wie dieses möglich sey, ist schwer zu erklaren. Die Ideen des Kunstlers erregen ahnliche Ideen feines Lehrlings, wenn ihn die Natur mit einer ahnlichen Proportion der Gemüthskräfte versehen hat. Die Muster der schönen Kunst sind daher die einzigen Leitungsmittel, diese auf die Nachkommenschaft zu bringen: welches durch bloße Beschreibungen nicht geschehen könnte (vornehmlich nicht M 5 186 ' Erster Theil. im Fache der redenden Künste); und auch in diesen können nur die in alten, todten, und jetzt nur als gelehrte aufbehaltenen Sprachen classisch werden. Ob zwar mechanische und schöne Kunst, die erste als bloße Kunst des Fleißes und der Erlernung, die zweyte als die des Genie's, sehr von einander unterschieden sind; so giebt es doch keine schöne Kunst, in welcher nicht etwas Mechanisches, welches nach Regeln gefaßt und befolgt werden kann, und also etwas Schulgerechtes die wesentliche Bedingung der Kunst ausmachte. Denn etwas muß habe-) als Zweck gedacht werden, sonst kann man ihr Product gar keiner Kunst zuschreiben; es wäre ein bloßes Product des Zufalls. Um aber einen Zweck ins Werk zu richten, dazu werden bestimmte Regeln erfordert, von denen man sich nicht frey sprechen darf. Da nun die Originalität des Talents ein (aber nicht das einzige) wesentliches Stück vom Charakter des Genie's ausmacht; so glauben seichte Köpfe, daß sie nicht besser zeigen können, sie waren aufblühende Genie's, als wenn sie sich vom Schulzwange aller Regeln lossagen, und glauben, man paradire besser auf einem kolle- richtcn Pferde, als auf einem Schulpferde. Das Genie kann nur reichen Stof zn Productcn der schönen Kunst hergeben; die Verarbeitung desselben und die Form erfordert ein durch die Schule gebildetes Talent, um einen Gebrauch davonzumachen, der vor!der Urtheiis- kraft bestehen kann. Wenn aber jemand sogar in Sachen Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 187 her sorgfaltigsten Vernunftuntersuchung wie ein Genie spricht und entscheidet, so ist es vollends lächerlich; man weiß nicht recht, ob man mehr über den Gaukler, der um sich so viel Dunst verbreitet, wobey man nichts deutlich beurtheilen, aber desto mehr sich einbilden kann, oder mehr über das Publicum lachen soll, welches sich treuherzig einbildet, daß sein Unvermögen, das Meisterstück der Einsicht deutlich erkennen und fassen zu können, daher komme, weil ihm neue Wahrheiten in ganzen Massen zugeworfen werden, wogegen ihm das Detail (durch abgemessene Erklärungen und schulgerechte Prüfung der Grundsätze) nur Stümperwerk zu seyn scheint. §. 48. Vom Verhaltnisse des Genie'6 zum Geschmack. Zur Beurtheilung schöner Gegenstände, als solcher, wird Geschmack; zur schönen Kunst selbst aber, d. i. zur Hervorbringung solcher Gegenstände, wird Genie erfordert. Wenn man das Genie als Talent zur schönen Kunst betrachtet (welches die eigenthümliche Bedeutung des Worts mit sich bringt), und es in dieser Absicht in die Vermögen zergliedern will, die ein solches Talent auszumachen zusammcn kommen müssen; so ist nöthig, zuvor den Unterschied zwischen der Naturschönheit, deren Beurtheilung nur Geschmack, und der Kunsischönheit, deren i88 Erster Theil. Möglichkeit (worauf in der Beurtheilung eines dergleichen Gegenstandes auch Rücksicht genommen werden muß) Genie erfordert, genau zu bestimmen. Eine Naturschönheit ist ein schönes Ding; die Kunsifchönheit ist eine schöne Vorstellung von einem Dinge. Um eine Naturschönheit als eine solche zu beurtheilen, brauche ich nicht vorher einen Vegrif davon zu haben, was der Gegenstand für ein Ding seyn solle; d. i. ich habe nicht nöthig, die materiale Zweckmäßigkeit (den Zweck) zu kennen, fondern die bloße Form ohne Kenntniß des Zwecks gefallt in der Beurtheilung für sich selbst. Wenn aber der Gegenstand für ein Product der Kunst gegeben ist, und als solches für fchön erklart werden soll; so muß, weil Kunst immer einen Zweck in der Ursache (und deren Causalität) voraussetzt, zuerst ein Begrif von dem zum Grunde gelegt werden, was das Ding seyn soll; und, da die Zufammcnstimmung desMannichfalti- gen in einem Dinge, zu einer innern Bestimmung desselben als Zweck, die Vollkommenheit des Dinges ist, so wird in der Beurtheilung der Knnsischvnheit zugleich die Vollkommenheit des Dinges in Anschlag gebracht werden müssen, wornach in der Beurtheilung einer Naturfchonheit (als einer solchen) gar nicht die Frage ist. — Zwar wird in der Beurtheilung, vornehmlich der belebten Gegenstände der Natur, z. B. des Menschen oder eines Pferdes, auch die objective Zweckmäßigkeit gemci- Critik der ästhetischen Urteilskraft. 189 niglich mit in Betracht gezogen, um über die Schönheit derselben zu urtheilen; alsdann ist aber auch das Urtheil nicht mehr rein-ästhetisch, d. i. bloßes Geschmacksurtheil. Die Natur wird nicht mehr beurtheilt, wie sie als Kunst erscheint, sondern sofern sie wirklich (obzwar übermenschliche) Kunst ist; und das teleologische Urtheil dient dein ästhetischen zur Grundlage und Bedingung, worauf dieses Rücksicht nehmen muß. In einem solchen Falle denkt man auch, wenn z. B. gesagt wird: „das ist ein schönes Weib," in der That nichts anders, als: die Natur stellt in ihrer Gestalt die Zwecke im weiblichen Baue schön vor; denn man muß noch über die bloße Form auf einen Begrif hinaussehen, damit der Gegenstand auf solche Art durch ein logisch-bedingtes ästhetisches Urtheil gedacht werde. Die schöne Kunst zeigt darin eben ihre Vorzüglichkeit, daß sie Dinge, die in der Natur häßlich oder mißfällig seyn würden, schön beschreibt. Die Furien, Krankheiten, Verwüstungen des Krieges, u. d. gl. können, als Schädlichkeiten, sehr schön beschrieben, ja sogar im Gemälde vorgestellt werden; nur eine Art Häßlichkeit kann nicht der Natur gemäß vorgestellt werden, ohne alles ästhetische Wohlgefallen, mithin die Kunstschönheit, zu Grunde zu richten: nehmlich diejenige, welche Ekel erweckt. Denn, weil in dieser sonderbaren, auf lauter Einbildung beruhenden Empfindung, der Gegenstand gleichsam, als ob er sich zum Genusse aufdrängte, wider 19° Erster Theil. den wir doch mit Gewalt streben, vorgestellt wird; so wird die kunstliche Vorstellung des Gegenstandes von der Natur dieses Gegenstandes selbst in unserer Empfindung nicht mehr unterschieden, und jene kann alsdann unmöglich für schön gehalten werden. Auch hat die Bildhauerkunst, weil an ihren Producten die Kunst mit der Natur beynahe verwechselt wird, die unmittelbare Vorstellung haßlicher Gegenstände von ihren Bildungen ausgeschlossen, und dafür z. B. den Tod (in einem schönen Genius), den Kriegsmuth (am Mars), durch eine Allegorie oder Attribute, die sich gefallig ausnehmen, mithin nur indirect vermittelst einer Auslegung der Vernunft, und nicht für bloß ästhetische Urtheilskraft, vorzustellen erlaubt. So viel von der schönen Vorstellung eines Gegenstandes, die eigentlich nur die Form der Darstellung eines Begrifs ist, durch welche dieser allgemein mitgetheilt wird. — Diese Form aber dem Producte der schönen Kunst zu geben, dazu wird bloß Geschmack erfordert, an welchem der Künstler, nachdem er ihn durch mancherley Beyspiele der Kunst, oder der Natur, geübt und berichtigt hat, sein Werk hält, und, nach manchen oft mühsamen Versuchen denselben zu befriedigen, diejenige Form findet, die ihm Genüge thut: daher diese nicht gleichsam eine Sache der Eingebung, oder eines freyen Schwunges der Gemüthskräfte, sondern einer langsamen und gar peinlichen Nachbesserung ist, um sie dem Gedanken Critik der ästhetischen Urteilskraft. 19 r angemessen und doch der Freyheit im Spiele derselben nicht nachtheilig werden zu lassen. Geschmack ist aber bloß ein Beurtheilungs- nicht ein productives Vermögen; und, was ihm gemäß ist, ist darum eben nicht ein Werk der schönen Kunst: es kann ein zur nützlichen und mechanischen Kunst, oder gar zur Wissenschaft gehöriges Product nach bestimmten Regeln seyn, die gelernt werden können und genau befolgt werden müssen. Die gefallige Form aber, die man ihm giebt, ist nur das Vehikel der Mittheilung und eine Manier gleichsam des Vertrages, in Ansehung dessen matt noch in gewissem Maaße frey bleibt, wenn er doch übrigens an einen bestimmten Zweck gebunden ist. So verlangt man, daß das Tischgerathe, oder auch eine moralische Abhandlung, sogar eine Predigt, diese Form der schönen Kunst, ohne doch gesucht zu scheinen, an sich haben müsse; man wird sie aber darum nicht Werke der schönen Kunst nennen. Zu der letzteren aber wird ein Gedicht, eine Musik, eine Bil- dergallerie u. d. gl. gezahlt; und da kann man an ei» nein seynsollenden Werke der schönen Kunst oftmals Genie ohne Geschmack, an einem andern Geschmack ohne Genie, wahrnehmen. IA2 Erster Theil. §. 49' Von den Vermögen des Gemüths, welche das Genie ausmachen. Man sagt von gewissen Producten, von welchen man erwartet, daß sie sich, zum Theil wenigstens, als schöne Kunst zeigen sollten: sie sind ohne Geist; ob man gleich an ihnen, was den Geschmack betrift, nichts zu tadeln findet. Ein Gedicht kann recht nett und elegant seyn, aber es ist ohne Geist. Eine Geschichte ist genau und ordentlich, aber ohne Geist. Eine feierliche Rede ist gründlich und zugleich zierlich, aber ohne Geist. Manche Converscttion ist nicht ohne Unterhaltung, aber doch ohne Geist; selbst von einem Frauenzimmer sagt man wohl, sie ist hübsch, gesprächig und artig', aber ohne Geist. Was ist denn das, was man hier unter Geist versteht? Geist in ästhetischer Bedeutung, heißt das belebende Princip im Gemüthe. Dasjenige aber, wodurch dieses Princip die Seele belebt, der Stof, den es dazu anwendet, ist das, was die Gemüthskräfte zweckmäßig in Schwung versetzt, d. i. in ein solches Spiel, welches sich von selbst erhält und selbst die Kräfte dazu stärkt. Nun behaupte ich, dieses Princip sei) nichts anders, als das Vermögen der Darstellung ästhetischer Ideen; unter einer ästhetischen Idee aber verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denke» Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 19z denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke d. i. Begl'if adäquat seyn kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann. — Man sieht leicht, daß sie das Gegenstück Pendant) von einer ViMllttsttdee sey, welche umgekehrt ein Begris ist, dem keine Anschauung (Vorstellung der Einbildungskraft) adäquat seyn kann. Die Einbildungskraft (als productives Erkenntniß- Vermögen) ist nehmlich sehr machtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur, aus dem Stosse, den ihr die wirkliche giebt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltaglich vorkommt; bilden diese auch ivohl um: zwar noch immer nach analogischen Gesetzen, aber doch auch nach Principien, die höher hinauf in der Vernunft liegen (und die uns eben sowohl natürlich sind, als die, nach welchen der Verstand die empirische Natur auffaßt); wobey wir unsere Freyheit vom Gesetze der Association (welches dem empirischen Gebrauche jenes Vermögens anhangt fühlen, so daß uns nach demselben von der Natur zwar Stof geliehen, dieser aber von uns zu etwas anderem, nehmlich dem, was die Natur übcr- trift, verarbeitet werden kann. Man kann dergleichen Vorstellungen der Einbildungskraft Ideen nennen: eines Theils darum, weil sie zu etwas über die Erfahruugsgnwze hinaus Liegendem wenigstens streben, und so. einer Darstellung der Vernunftbegriffe (der intellectnellcn Ideen) nahe con» Ranre Lrir. d. Nrch ei!s?r. N 194 Erster Theil. men suchen, welches ihnen den Anschein einer objectiven Realität giebt; andrerseits, und zwar hauptsächlich, weil ihnen, als innern Anschauungen, kein Begrif völlig adäquat seyn kann. Der Dichter wagt es, Vernunftideen von unsichtbaren Wesen, das Reich der Seligen, das Höllenreich, die Ewigkeit, die Schöpfung u. d. gl. zu vcrsinnlichcn; oder auch das, was zwar Beyspiele in der Erfahrung findet, z. B. den Tod, den Neid und alle Laster, ungleichen die Liebe, den Ruhm u. d. gl. über die Schranken der Erfahrung hinaus, vermittelst einer Einbildungskraft, die dem Vernunft - Vorspiele in Erreichung eines Größten nacheifert, in einer Vollständigkeit sinnlich zu machen, für die sich in der Natur kein Beyspiel findet; und es ist eigentlich die Dichtkunst, in welcher sich das Vermögen ästhetischer Ideen in seinem ganzen Maaße zeigen kann. Dieses Vermögen aber, für sich allein betrachtet, ist eigentlich mir ein Talent (der Einbildungskraft). Wenn nun einem Begriffe eine Vorstellung der Einbildungskraft untergelegt wird, die zu feiner Darstellung gehört, aber für sich allein fo viel zu denken veranlaßt, als sich niemals in einem bestimmten Begrif zusammenfassen läßt, mithin den Begrif selbst auf unbegränzte Art ästhetisch erweitert; so ist die Einbildnngskraft hieben schöpferisch, und bringt das Vermögen intellectueller Ideen (die Vernunft) in Bewegung, mehr nehmlich bey Veranlassung einer Vorstellung zu denken (was zwar zu Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 195 dem Begriffe des Gegenstandes gehört), als in ihr auf- gefaßt und deutlich gemacht werden kann. Man nennt diejenigen Formen, welche nicht die Darstellung eines gegebenen Begrifs selber ausmachen, sondern nur, als Nebenvorstellungen der Einbildungskraft, die damit verknüpften Folgen und die Verwandtschaft desselben mit andern ausdrücken, Attribute (ästheti-- sehe) eines Gegenstandes, dessen Begrif, als Vernunftidee, nicht adäquat dargestellt werden kann. So ist der Adler Jupiters, mit dem Blitze in den Klauen, ein Attribut des mächtigen Himmelskönigs, und der Pfau der prächtigen Himmelsköniginn. Sie stellen nicht, wie die logische!! Attribute, das was iu unsern Begriffen von der Erhabenheit und Majestät der Schöpfung liegt, sondern etwas anderes vor, was der Einbildungskrast -Anlaß giebt, sich über eine Menge von verwandten Vorstellungen zu verbreiten, die mehr denken lassen, als man in einem durch Worte bestimmten Begrif ausdrücken kann; und geben eine ästhetische Idee, die jener Vernunftidee statt logischer Darstellung dient, eigentlich aber um das Gemüth zu beleben, indem sie ihm die Aueficht in ein unabsehliches Feld verwandter Vorstellungen er- vfnet. Die schöne Kunst aber thut dieses nicht allein in der Malerei) oder Bildhauerkunst (wo der Namen der Attribute gewöhnlich gebraucht wird); sondern die Dichtkunst und Beredsamkeit nehmen den Geist, der ihre Werke belebt, anch lediglich von den ästhetischen Attributen der N 2 IS6 Erster Theil. Gegenstände her, welche den logischen zur Seite gehen, und der Einbildungskraft einen Schwung geben, mehr dabey, obzwar auf unentwickelte Art, zu denken, als sich in einem Begriffe, mithin in einem bestimmten Sprachausdrucke, zusammenfassen läßt. — Ich muß mich der Kurze wegen nur auf wenige Beyspiele einschränken. Wenn der große König sich in einem seiner Gedichte so ausdrückt: „Laßt uns aus dem Leben ohne Murren weichen und ohne etwas zu bedauern, indem wir die Welt noch alsdann mit Wohlchaten überhäuft zurücklassen. So verbreitet die Sonne, nachdem sie ihren Tageslauf vollendet hat, noch ein mildes Licht am Himmel; und die letzten Strahlen, die sie in die Lüste schickt, sind ihre letzten Seufzer für das Wohl der Welt;" so belebt er seine Vernunstidee, von weltbürgerlichcr Gesinnung noch am Ende des Lebens, durch ein Attribut, welches die Einbildungskraft (in der Erinnerung an alle Annehmlichkeiten eines vollbrachten schönen Sommertages, die uns ein heiterer Abend ins Gemüth ruft) jener Vorstellung beygcsellt, und welches eine Menge von Empfindungen und Nebenvorstellungen rege macht, für die sich kein Ausdruck findet. Andererseits kann sogar ein in- tellectueller Begrif umgekehrt zum Attribut einer Vorstellung der Sinne dienen, und so diese letztere durch die Idee des Übersinnlichen beleben; aber ttur, indem das Ästhetische, welches dem Bewußtseyn des-letztern subjektiv Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 197 anhanglich ist, hiezu gebraucht wird« So sagt z. B. ein gewisser Dichter in der Beschreibung eines schönen Morgens: „D-e Sonne quoll hervor, wie Ruh' aus Tugend quillt/' Das Bewußtseyn der Tugend, wenn man sich auch nur in Gedanken in die Stelle eines Tugendhaften versetzt, verbreitet im Gemüthe eine Menge erhabener und beruhigender Gesühle, und eine gränzenlose Aussicht in eine frohe Zukunft, die kein Ausdruck, welcher einem bestimmten Begriffe angemessen ist, völlig erreicht Mit einem Worte, die ästhetische Idee ist eine ei- mm gegebenen Begriffe beygesellte Vorstellung der Einbildungstraft, welche mit einer solchen Mannichfaltig- kcit von Theilvorsiellungcn in dem freyen Gebrauche derselben verbunden ist, daß für sie kein Ausdruck, der einen bestimmten Begrif bezeichnet, gefunden werden kann, die also zu einem Begriffe viel Unnennbares hinzu denken laßt, dessen Gefühl die Erkenntnißvermö- gen belebt, und mit der Sprache, als bloßem Buchsta-- ben, Geist verbindet. Nz Vielleicht ist nie cOvas Erhabneres g'sagt, oder ei» Gedanke erhabener ausgedrückt worden, als in jener Aufschrift über dem Tempel der Isis (der Mutier ^anir): »Ich bin alles was da ist, was da war, und was da seyn wird, und meinen Echleyer hat kein Sterblicher aufgedeckt." Gegner benuyie diese Idee, durch eine sinnreiche seiner Naiurlchre vvrgcseljtc Vignette, um seinen Lehrling, den er in diesen Tempel zu führen bereit war, vorher mit dem heiligen Schauer zu erfüllen, der das Gemüth zu feierlicher Aufmerksamkeit stimmen seil. 198 Erster Theil. Die Gemüthskräfte also, deren Vereinigung (in gewissem Verhältnisse) das Genie ausmachen, sind Einbildungskraft und Verstand. Nur, da im Gebrauch der Einbildungskraft zum Erkenntnisse, die erstere unter dem Zwange des Verstandes steht, und der Beschränkung unterworfen ist, dem Begriffe desselben angemessen zu seyn; in ästhetischer Absicht sie hingegen frey ist, um noch über jene Einstimmung zum Begriffe, doch ungcfucht, reichhaltigen unentwik- kelten Stof für den Verstand, worauf dieser in seinem Begriffe nicht Rücksicht nahm, zu liefern, welchen diefer aber, nicht sowohl objectiv zum Erkenntnisse, als sub- jectiv zur Belebung der Erkenntnißkräfte, indirect also doch anch zu Erkenntnissen, anwendet: so besteht das Genie eigentlich in dem glücklichen Verhältnisse, welches keine Wissenschaft lehren und kein Fleiß erlernen kann, zu einem gegebenen Begriffe Ideen aufzufinden, und andrerseits zu diesen den AusVl'ttck zu treffen, durch den die dadurch bewirkte subjective Gemüthssiimnnmg, als Begleitung eines Degn'ss, andern mitgetheilt werden kann. Das lettcre Talent ist eigentlich dasjenige, was man Geist nennt; denn das Unnennbare in dem Ge- müthszustande bey einer gewissen Vorstellung auszubräk- kcn und allgemein mittheilbar zu machen, der Ausdruck mag nun in Sprache, oder Malerei), oder Plastik bestehen: dies erfordert ein Vermögen, das schnell vorübergehende Spiel der Einbildungskraft aufzufassen, und Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 199 in einen Bcgrif (der eben darum original ist, und zugleich eine neue Regel eröfnet, die aus keinen vorhergehenden Principien oder Beyspielen hat gefolgert werden können) zu vereinigen, der sich ohne Zwang der Regeln mittheilen laßt. ' .Mtt-i ^ ^ » * - Wenn wir nach diesen Zergliederungen auf die oben gegebene Eeklärung dessen, was man Geilte nennt, zm ückfehen, so finden wir: erstlich, daß es ein Talent zur Kunst sey, nicht zur Wissenschaft, in welcher deutlich gekannte Regeln vorangehen und das Verfahren in derselben bestimmen müssen; zweytcnö, daß es, als Kunsttalent, einen bestimmten Begrif von dem Pro- ducte, als Zweck, mithin Verstand, aber auch eine (wenn gleich unbestimmte) Vorstellung von dem Stof, d. i. der Anschauung, zur Darstellung dieses Begrifs, mi-hin ein Verhältniß der Einbildungskraft zum Verstände voraussetze; daß es sich drittens nicht sowohl in der Ausführung des vorgesetzten Zwecks in Darstellung eines bestimmten Begrifs, als vielmehr im Vortrage, oder dem Ausdrucke ästhetischer Ideeil, welche zu jener Absicht reichen Stof enthalten, zeige, mithin die Einbildungskraft, in ihre, Freyheit von aller Anleitung der Regeln, dennoch als zweckmäßig zur Darstellung des gegebenen Begrifs vorstellig mache; daß endlich viertens die ungefuchte unabsichtliche subjective Zweckmäßigkeit in der freyen Übereinstimmung der Einbildungs- N 4 Erster Theil. kraft zur Gesetzlichkeit des Verstandes eine solche Proportion und Stimmung, oicscr Vermögen voraussetze,- als keine Befolg-ung von Regeln, es sey der Wissenschaft oder mechanischen Nachahmung, bewirken, sondern bloß die Natur des Subjects hervorbringen,k was daran Genie ist und den Geist des Werks ausmacht, verloren gchcn>, sondern der Nachfolge für ein anderes Genie, welches dadurch zum Gefühl seiner eigenen Originalität aufgeweckt wird, Zwangsfrcyheit von Regeln so in der Kunst auszuüben, daß diese dadurch selbst eine neue Regel bekommt, wodurch das Talent sich als musterhast zeigt. Weil aber das Genie ein Günstling der Natur ist, dergleichen man mir als seltene Erscheinung anzusehen hat; so bringt sein Beyspiel für andere gute Köpfe eine Schule Hervor, d. i. eine methodische Unterweisung nach Regeln, soweit man sie aus jeuen Geistesproducten und-ihrer Eigenthümlichkeit hat ziehen können: und für diefe ist die schöne Kunst sofern Nachahmung, der die Natur durch ein Genie die Regel gab. , . Critik der ästhetischen Urtheilökrast. 2O» Aber diese Nachahmung wird NüchäffUttg, wenn der Schüler alles nackmacht, bis auf das, was das Genie als Mißgestalt nur hat zulassen müssen, weil es sich, ohne die Idee zu schwachen, nicht wohl wegschaffen ließ. Dieser Muth ist an einem Genie allein Verdienst; und eine gewisse Kühnheit im Ausdrucke und über- Haupt manche Abweichung von der gemeinen Regel steht demselben wohl an, ist aber keinesweges nachahnmngss würdig, sondern bleibt immer an sich ein Fehler, den man wegzuschaffen suchen muß, für welchen aber das Genie gleichsam privilcgirt ist, da das Unnachahmliche seines Geistesschwunges durch ängstliche Behutsamkeit leiden würde. Das Manieriren ist eine andere Art vonNachaffung, nehmlich der bloßen Eigenthümlichkeit (Originalität) überhaupt, um sich ja von Nachahmern so weit als möglich zu entfernen, ohne doch das Talent zu besitzen, dabey zugleich musterhaft zu seyn. — Zwar giebt es zweycrley Art (inodus) überhaupt der Zusammenstellung seiner Gedanken des Vertrages, deren die eine Manier Oioäus AcliliL^cus), die andere Methode (luoclns loZi^ns) heißt, die sich darin von einander unterscheiden: daß die' erstere kein anderes Nichtmaaß hat, als das Gefühl der Einheit in der Darstellung, die andere aber hierin bestimmte Principien befolgt; für die schöne Knnst gilt also nur die erstere. Allein manierirt heißt ein Kunstproducr nur alsdann, wenn der Vertrag seiner Idee in demselben N 5 Erster Theil. auf die Sonderbarkeit angelegt und nicht der Idee angemessen gemacht wird. Das Prangende (Preciöfe), das Geschrobene und Affectirte, um sich nur vom Gemeinen (aber ohne Geist) zu unterscheiden, sind dem Benehmen desjenigen ähnlich, von dem man sagt, daß er sich sprechen höre, oder welcher sieht und geht, als ob er auf einer Bühne Ware um angegafft zu werden, welches jederzeit einen Stümper verräth. . ->^S 'NOF'«;; idtt i-HrSS»VAj l^i'ä H. 50. Von der Verbindung des Geschmacks mit Genie in Produtten der schönen Kunst. Wenn die Frage ist, woran in Sachen der schönen Kunst mehr gelegen sey, ob daran,, daß sich an ihnen Genie, oder ob daß sich Geschmack zeige, so ist das eben so viel als wenn gefragt würde, ob es darin mehr auf Einbildung, als auf Urtheilskrast ankomme. Da nun eine Kunst in Ansehung des ersteren eher eine geistreiche, in Ansehung des zweyten aber allein eine schöne Kunst genannt zu werden verdient; so ist das letztere wenigstens als unumgängliche Bedingung («miäw'o üns czus ncm) das vornehmste, worauf man in Beurtheilung der Kunst als schone Kunst zu sehen hat. Zum Behuf der Schönheit bedarf es nicht fo nothwendig, reich und original an Ideen zu seyn, als vielmehr der Angemessen- heit jener Einbildungskraft in ihrer Freyheit zu der Gefetzmäßigkeit des Verstandes. Denn aller Reichthum Critik der ästhetischen Urcheilskrasr. 2c?z der ersteren bringt in ihrer gesetzlosen Freyheit nichts als Unsinn hervor; die Urtheilskraft ist hingegen das Vermögen, sie dem Verstände anzupassen. Der Geschmack ist, so wie die Urtheilskraft überhaupt, die Disciplin (oder Zucht) des Genie's, beschneidet diesem sehr die Flügel und macht es gesittet oder geschlissen; zugleich aber giebt er diesem eine Leitung, worüber und bis wie weit es sich verbreiten soll, um zweckmäßig zu bleiben; und, indem er Klarheit und Ordnung in die Gedankenfülle hineinbringt, macht er die Ideen haltbar, eines daurenden zugleich auch allgemeinen Beyfalls, der Nachfolge anderer, und einer immer fortschreitenden Cultur, fähig. Wenn also im Widerstreite beiderlei) Eigenschaften an einem Productc etwas aufgeopfert werden soll, so müßte es eher auf der Seite des Genie's geschehen; und die Urtheilskrast, welche in Sachen der schönen Kunst ans eigenen Principien den Ausspruch thut, wird eher der Freyheit und dem Reichthum der Einbildungskrast, als dem Verstände Albruch zu thun, erlauben. Dur schönen Kunst würden also Einbildungskraft, Verstand, Geist, und Geschmack erforderlich seyn ») Die drey ersteren Vermögen bekommen durch das vierte allererst ihre Vereinigung. Hume giebt in seiner Geschichte den Engländern zu verstehen, daß, obzwar sie in ihren Werken keinem Volke in der Welt in Ansehung der 204 Erster Theil. W §. 51« Von der Eiiitheilung der schönen Künste. Man kann überhaupt Schönheit (sie mag Naturoder Kunstschönheit seyn) den Ausdruck ästhetischer Ideen nennen: nur daß in der schönen Kunst diese Idee Hurch einen Begrif vom Object veranlaßt werden muß; in der schönen Natur aber die bloße Reflexion über eine gegebene Anschauung/ ohne Begrif von dem was der Gegenstand seyn soll, zu Erweckung und Mittheilung der Idee, von welcher jenes Object als der AttödNlck betrachtet wird, hinreichend ist. Wenn wir also die schönen Künste eintheilen wollen: so können wir, wenigstens zum Versuche, kein bequemeres Princip dazu wählen, als die Analogie der Kunst mit der Art des Ausdrucks, dessen sich Menschen im Sprechen bedienen, um sich, so vollkommen als möglich ist, einander, d. i. nicht bloß ihren Begriffen, sondern auch Empfindungen nach, mitzutheilen — Diescr besteht in dem Worte, der Gebehrdung, und dem , Beweisthümer der drey ersteren Eigenschaften, abgesondert' betrachtet/ etwas nachgäbe»; sie doch in dcr, welche sie vereinigt, ihren Nachbaren, den Franzosen, nachstehen mußten. ") Der Leser wird diesen Entwurf zu einer mögliche!, Einihei- lung der schönen Künste nicht als beabsichtigte Theorie beurtheilen. Es ist nur einer von den uianchcrley Versuchen, die man noch anstellen kann und soll. Critik der ästhetischen Urteilskraft. 205 Tone (Articulation, Gesticulation, und Modulation). Nur die Verbindung dieser drey Arten des Ausdrucks «nicht die vollständige Mittheilung des Sprechenden aus. Denn Gedanke, Anschauung, und Empfindung werden dadurch zugleich und vereinigt auf den andern übergetragen. Es giebt also nur drcyerley Arten schöner Künste: die redende, die bildende, und die Kunst des Spiels der Empfindungen (als äußerer Sinneneindrücke). Man könnte diese Eintheilung auch dichotomisch einrichten, so daß die schöne Kunst in die des Ausdrucks der Gedanken, oder der Anschauungen; und diese wiederum bloß nach ihrer Form, oder ihrer Materie (der Empfindung), eingetheilt würde. Allein sie wurde alsdann zu abstract und den gemeinen Begriffen nicht so angemessen aussehen. 1) Die redenden Künste sind Beredsamkeit und Dichtkunst. Beredsamkeit ist die Kunst, ein Geschäft des Verstandes als ein freyes Spiel der Einbildungskrast zu betreiben; Dichtkunst, ein freyes Spiel der Einbildungskraft als ein Geschäft des Verstandes auszuführen. Der Redner also kündigt ein Geschäft an, und führt es fo aus, als ob es bloß ein Spiel mit Ideen sey, um die Zuschauer zu unterhalten. Der Dichter kündigt bloß ein unterhaltendes Spiel mit Ideen an, und es kommt doch so viel für den Verstand heraus, als ob er bloß dessen Geschäft zu treiben die Absicht gehabt 2O6 Erster Theil. hatte. Die Verbindung und Harmonie beider Erkennt- nißoermvgen, der Sinnlichkeit und des Verstandes, die einander zwar nicht entbehren können, aber doch auch ohne Zwang und wechselseitigen Abbruch sich nicht wohl vereinigen lassen, muß unabsichtlich zu seyn, und sich von selbst so zu fügen scheinen; sonst ist es nicht schölle Kunst. Daher alles Gesuchte und Peinliche darin vermieden werden muß; denn schöne Kunst muß in doppelter Bedeutung freye Kunst seyn: sowohl daß sie nicht als Lohngeschast, eine Arbeit sey, deren Größe sich nach einem bestimmten Maaßstabe beurtheilen, erzwingen oder bezahlen laßt; sondern anch, daß das Gemüth sich zwar beschäftigt, aber dabey doch, ohne auf einen andern Zweck hinauszusehen, (unabhängig vom Lohne) befriedigt und erweckt fühlt. Der Redner giebt also zwar etwas, was er nicht verspricht, nehmlich ein unterhaltendes Spiel der Einbildungskraft; aber er bricht auch dem etwas ab, was er verspricht, und was doch sein angekündigtes Geschäft ist, nehmlich den Verstand zweckmäßig zu beschäftigen. Der Dichter dagegen verspricht wenig und kündigt ein bloßes Spiel mit Ideen an, leistet aber etwas, das eines Geschäftes würdig ist, nehmlich dem Verstände spielend Nahrnng zu verschaffen, und seinen Begriffen durch Einbildungskraft Leben zu geben: mithin Jener im Grunde weniger, Dieser mehr, als er verspricht. Critik der ästhetischen Urteilskraft. 207 2) Die bildenden Künste, oder die des Ausdrucks für Ideen in der SmnenanschaUUNg (nicht durch Vorstellungen der bloßen Einbildungskraft, die durch Worte aufgeregt werden) sind entweder die der Sinnenwahrheit oder des Sinnenscheins. Die erste heißt die Plastik, die zweyte die Maleret). Beide machen Gestalten im Raume zum Ausdrucke für Ideen; jene macht Gestalten für zwey Sinne kennbar, dem Gesichte und Gefühl (obzwar dem letzteren nicht in Absicht auf Schönheit), diefe nur für den erstem. Die ästhetische Idee (Archetypen, Urbild) liegt zu beiden in der Einbildungskraft zum Grunde; die Gestalt aber, welche den Ausdruck derselben ausmacht, (Ectypon, Nachbild) wird entweder in ihrer körperlichen Ausdehnung (wie der Gegenstand selbst existirt), oder nach der Art wie diese sich im Auge malt (nach ihrer Appa- renz in einer Flache) gegeben; oder, wenn auch das erstere ist, entweder die Beziehung auf einen wirklichen Zweck, oder nur der Anschein desselben, der Reflexion zur Bedingung gemacht. Zur Plastik, als der ersten Art schöner bildender Künste, gehört die Bildhauerkunst und Baukunst. Die erste ist diejenige, welche Begriffe von Dingen, so wie sie in der Natur existiren könnten, körperlich darstellt (doch als schöne Kunst mit Rücksicht auf asthe> tifcheZweckmäßigkeit); die zweyte ist die Kunst, Begriffe von Dinge», die nur durch Kunst möglich sind, sog Erster Theil. und deren Form nicht die Natur, sondern einen willkürlichen Zweck zum Bestimmungsgninde hat, zu dieser Absicht, doch auch zugleich ästhetisch-zweckmäßig, darzustellen. Be» der letzteren ist ein gewisser Gebrauch des künstlichen Gegenstandes die Hauptsache, worauf als Bedingung, die ästhetischen Ideen eingeschränkt werden. Bey der ersteren ist der bloße Ausdruck ästhetischer Ideen die Hauptabsicht. So sind Bildsauleu von Menschen, Gottern, Thieren u. d. gl. zu der erstem Art; aber Tempel, oder Prachtgebäude zum Behuf öffentlicher Versammlungen, oder auch Wohnungen, Ehrenbogen, Säulen, Cenotaphien u. d. gl. zum Ehrenge- bächtniß errichtet, zur Baukunst gehörig. Ja alles Hausgeräthe (die Arbeit des Tischlers u. d. gl. Dinge zum Gebrauche) können dazu gezählt werdeu: weil die Angemessenheit des Products zu einem gewissen Gebrauche das Wesentliche eines Bauwerks ausmacht; wogegen ein bloßes Bildwerk, das lediglich zum Anschauen gemacht ist uud für sich selbst gefallen soll, als körperliche Darstellnng bloße Nachahmung der Natur ist, doch mit Rucksicht auf ästhetifcheJdeen: wobey denn die Sinneuwahrheit nicht so weit gehen darf, daß es aufhöre als Kunst und Prcduct der Willkür zu erscheinen. Die MalerkUUst, als die zweyte Art bildender Künste, welche den SttMeuschettt künstlich mit Ideen verbunden darstellt, würde ich in die der schönen Schilderung der Natur, und in die der schönen Zusam- menstel' Critik der ästhetischen Urteilskraft. 209 menstellung ihrer Producte eintheilen. Die erste Ware die eigentliche Malerey, die zweyte die Lllst- gärtnerey. Den» die erste giebt nur den Schein der körperlichen Ausdehnung; die zweyte zwar diese nach der Wahrheit, aber nur den Schein von Benutzung und Gebrauch zu anderen Zwecken, als bloß für das Spiel der Einbildung in Beschallung ihrer Formen Die letztere ist nichts anders, als die Schmückung des Bodens mit derselben Mannichfaltigkeit, (Gräsern, Blumen, Sträuchen und Bäumen, selbst Gewässern, Hügeln und Thalern), womit ihn die Natur dem Anschauen darstellt, nur anders und angemessen gewissen Ideen, zu- ') Daß die Lustgärtnerey als eine Art von Malerkunst be< trachtet werden könne, ob sie zwar ihre Formen körperlich darstellt, scheint befremdlich; da sie aber ihre Formen wirklich aus der Natur nimmt (die Bäume, Gesträuche, Gräser und Blumen aus Wald und Feld, wenigstens uranfänglich), und sofern nicht, etwa wie die Plastik, Kunst ist, auch keinen Begrif von dem Gegenstande und seinem Zwecke (wie etwa die Baukunst) zur Bedingung ihrer Zusammenstellung hat, sondern bloß das freye Spiel der Einbildungskraft in der Beschauung : so kommt sie mit der bloß ästhetischen Malerey, die kein bestimmtes Thema hat CLust, Land und Wasser durch Licht und Schalten unterhaltend llisainmeii stellt), sofern überein. — Überhaupt wird der Leser dieses nur als einen Versuch, von der Verbindung der schonen Künste unter einem Princip, welches diesmal das des Ausdrucks ästhetischer Ideen (nach der Anlage einer Sprache) seyn soll, beurtheilen, und nicht als für entschieden gehaltene Ableitung derselben ansehen. Tance Lric. d. Urtheilskr. 0 2io Erster Theil. sammcngestellt. Die schöne Zusammenstellung aber körperlicher Dinge ist auch nur für das Auge gegeben, wie die Malerei); der Sinn des Gefühls kann keine anschauliche Vorstellung von einer solchen Form verschaffen. Zu der Malerei) im weiten Sinne würde ich noch die Verzierung der Zimmer durch Tapeten, Aufsatze und alles schöne Amöblement, welches bloß zur Ansicht dient, zahlen; ungleichen die Kunst der Kleidung nach Geschmack (Ringe, Dosen, u. s. w.). Denn ein Parterre von allerlei) Blumen, ein Zimmer mit allerley Zierras then (selbst den Putz der Damen darunter begriffen), machen an einem Prachtfeste eine Art von Gemälde aus, welches, fo wie die eigentlich sogenannten, (die nicht etwa Geschichte, oder Naturkenntniß zu lehren die Absicht haben) bloß zum Ansehen da ist, um die Einbildungskraft im freyen Spiele mit Ideen zn unterhalten, und ohne bestimmten Zweck die ästhetische Urtheilskraft zu beschäftigen. Das Machwerk an allem diesen Schmucke mag immer, mechanisch, sehr unterschieden seyn, und ganz verschiedene Kunstler erfordern; das Geschmacksurtheil ist doch über das, was in dieser Kunst schön ist, sofern auf einerley Art bestimmt: nehmlich nur die Formen (ohne Rücksicht auf einen Zweck) so, wie sie sich dem Auge darbieten, einzeln oder in ihrer Zusammensetzung, nach der Wirkung die sie auf die Einbildungskraft thun, zu beurtheilen. — Wie aber bildende Kunst jur Gebehrvung in einer Sprache (der Analogie nach Critik der ästhetischen Urteilskraft. 211 gezahlt werden könne, wird dadurch gerechtfertigt, daß der Geist des Kunstlers durch diese Gestalten von dem, was und wie er gedacht hat, einen körperlichen Ausdruck giebt, und die Sache selbst gleichsam mimisch sprechen macht: ein sehr gewöhnliches Spiel unserer Phantasie, welche leblosen Dingen, ihrer Form gemäß, einen Geist unterlegt, der aus ihnen spricht. ?) Die Kunst des schönen Spiels der Empfindungen (die von außen erzeugt werden), und das sich gleichwohl doch muß allgemein mittheilen lassen, kann nichts anders, als die Proportion der verschiedenen Grade der Stimmung Spannung) des Sinns, dem die Empfindung angehört, d. l. den Ton desselben, betreffen; und in dieser weitlauftigen Bedeutung des Worts kann sie in das künstliche Spiel der Empfindungen des Gehörs und der des Gesichts, mithin in Musik und Farbenkunst, eingetheilt werden.— Es ist merkwürdig: daß diese zwey,Sinne, außer der Empfänglichkeit für Eindrücke, so viel davon erforderlich ist, um von äußern Gegenständen, vermittelst ihrer, Begriffe zu bekommen, noch einer besondern damit verbundenen Empfindung fähig sind, von welcher man nicht recht ausmachen kann, ob sie den Sinn, oder die Reflexion zum Grunde habe; und daß diese Affectibilitat doch bisweilen mangeln kann, obgleich der Sinn übrigens, was seinen Gebrauch zum Erkenntniß der Objecte betrist, gar nicht mangelhaft, sondern wohl gar vorzüg- O 2 212 Erster Theil. lich fein ist. Das heißt, man kann nicht mit Gewißheit sagen: ob eine Farbe oder ein Ton (Klang) bloß angenehme Empfindungen, oder an sich schon ein schönes Spiel von Empfindungen seyen, und als ein solches ein Wohlgefallen an der Form in der ästhetischen Beurtheilung bey sich führen. Wenn man die Schnelligkeit der Licht-, oder in der zweyten Art, der Luftbebungen, die alles unser Vermögen, die Proportion der Zeiteintheilung durch dieselbe unmittelbar bey der Wahrnehmung zu beurtheilen, wahrscheinlicherweise bey weitem übcrtrift, bedenkt; so sollte man glauben, nur die Wirkung dieser Zitterungen aus die elastischen Theile unsers Körpers werde empfunden, die ZeiteitttheilUttg durch dieselbe aber nicht bemerkt und in Beurtheilung gezogen, mithin mit Farben und Tönen nur Annehmlichkeit, nicht Schönheit ihrer Composition, verbunden. Bedenkt man aber dagegen erstlich das Mathematische, welches sich über die Proportion dieser Schwingungen in der Musik und ihre Beurtheilung sagen laßt, und beurtheilt die Farbeuabstechung, wie billig, nach der Analogie mit der letztern: zieht man zweytttts die, obzwar seltenen, Beyspiele von Menschen, die mit dem besten Gesichte von der Welt nicht haben Farben, und mit dem schärfsten Gehöre nicht Töne unterscheiden können, zu Rath, Ungleichen für die, welche dieses können, die Wahrnehmung einer veränderten Qualität (nicht bloß des Grades der Empfindung) bey den verschiedenen Anspannungen Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 21 z auf der Farben- oder Tonleiter, ferner daß die Zahl derselben für begreifliche Unterschiede bestimmt ist: so möchte man sich genöthigt sehen, die Empfindungen von beiden nicht als bloßen Sinneneindruck, sondern als die Wirkung einer Beurtheilung der Form im Spiele vieler Empfindungen anzusehen. Der Unterschied, den die eine oder die andere Meynung in der Beurtheilung des Grundes der Musik giebt, wurde aber nur die Definition dahin verandern, daß man sie entweder, wie wir gethan haben, für das schöne Spiel der Empfindungen (durch das Gehör), oder angenehmer Empfindungen, erklärte. Nur nach der erstem Erklarungsart wird Musik gänzlich als schöne, nach der zweyten aber als angenehme Kunst (wenigstens zum Theil) vorgestellt werden. §. 52. Voll der Verbindung der schönen Künste in einem und demselben Produtte. Die Beredsamkeit kann mit einer malerischen Darstellung, ihrer Subjecte sowohl, als Gegenstände, in einem Schauspiele; die Poesie mit Musik, im Gesänge; dieser aber zugleich mit malerischer (theatralischer) Darstellung, in einer Oper; das Spiel der Eins pfindungen in einer Musik mit dem Spiele der Gestalten, im Tanz u. s. w. verbunden werden. Auch kann die Darstellung des Erhabenen, sofern sie zur schönen Kunst gehört, in einem gereimten Trauerspiele, einem O z 214 - Erster Theil. Lehrgedichte, einem Oratorium sich mit der Schön- heil vereinigen; und in diesen Verbindungen ist die schöne Kunst noch künstlicher; ob aber auch schöner (da sich so mannichfaltige verschiedene Arten des Wohlgefallens einander durchkreuzen), kann in einigen dieser Falle bezweifelt werden. Doch in aller schönen Kunst besteht das Wesentliche in der Form, welche für die Beobachtung und Beurtheilung zweckmäßig ist, wo die Lust zugleich Cultur ist und den Geist zu Ideen stimmt, mithin ihn mehrerer solcher Lust uud Unterhaltung empfänglich macht; nicht in der Materie der Empfindung (dem Reize oder der Rührung), wo es bloß auf Genuß angelegt ist, welcher nichts in der Idee zurücklaßt, den Geist stumpf, den Gegenstand nach und nach anekelnd, und das Gemüth, durch das Bewußtseyn seiner im Urtheile der Vernunft zweckwidrigen Stimmung, mit sich selbst unzufrieden und launisch macht. Wenn die schönen Künste nicht, nahe oder fern, mit moralifchen Ideen in Verbindung gebracht werden, die allein ein felbstständiges Wohlgefallen bey sich führen, so ist das letztere ihr endliches Schicksal. Sie dienen alsdann nur zur Zerstreuung, deren man immer desto mehr bedürftig wird, als man sich ihrer bedient, um die Unzufriedenheit des Gemüths mit sich selbst dadurch zu vertreiben, daß man sich immer noch unnützlicher uud mit sich selbst unzufriedener macht. Überhaupt sind die Schönhcitcn der Natur zu der ersteren Absicht am zu- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 215 traglichsten, wenn man früh dazu gewohnt wird, sie zn beobachten, zu beurtheilen, und zu bewundern» §- 5Z- Vergleichttng des ästhetischen Werths der schönen Künste untereinander. Unter allen behauptet die Dichtkunst (die fast gänzlich dem Genie ihren Ursprung verdankt, und am wenigsten durch Vorschrift, oder durch Beyspiele geleitet seyn will) den obersten Rang. Sie erweitert das Gemüth dadurch, daß sie die Einbildungskraft in Freyheit setzt, und innerhalb den Schranken eines gegebenen Be- grifs, unter der unbegranzten Mannichfaltigkeit möglicher damit zusammenstimmender Formen, diejenige darbietet, welche die Darstellung desselben mit einer Gedankenfülle verknüpft, der kein Sprachausdruck völlig adäquat ist, und sich also ästhetisch zu Ideen erhebt. Sie stärkt das Gemüth, indem sie es sein freyes, selbstthätiges und von der Naturbestimmung unabhängiges Vermögen fühlen läßt, die Natur, als Erscheinung, nach Ansichten zu betrachten und zu beurtheilen, die sie nicht von selbst, weder für den Sinn noch den Verstand in der Erfahrung darbietet, und sie also zum Behuf und gleichsam zum Schema des Übersinnlichen zu gebrauchen. Sie spielt mit dem Schein, den sie nach Belieben bewirkt, ohne doch dadurch zu betrügen; denn sie erklart ihre Beschäftigung selbst für bloßes Spiel, welches O4 216 Erster Theil/ gleichwohl vom Verstände und zu dessen Geschäfte zweckmäßig gebraucht werden kann. — Die Beredsamkeit, sofern darunter die Kunst zu überreden, d. i. durch den schönen Schein zu hintergehen (als sis orsraris), und nicht bloße Wohlredenheit (Eloquenz und Stil) verstanden wird, ist eine Dialectik, die von der Dichtkunst nur so viel entlehnt, als nöthig ist, die Gemüther, vor der Beurtheilung, für den Redner zu dessen Vortheil zu gewinnen, und dieser die Freyheit zu benehmen; kann also weder für die 'Gerichtsschranken, noch für die Kanzeln angerathen werden. Denn wenn es um bürgerliche Gesetze, um das Recht einzelner Personen, oder um dauerhafte Belehrung und Bestimmung der Gemüther zur richtigen Kenntniß und gewissenhaften Beobachtnng ihrer Pflicht, zu thun ist: so ist es unter der Würde eines so wichtigen Geschäftes, auch nur eine Spur von Üppigkeit des Witzes und der Einbildungskraft, noch mehr aber von der Kunst zu überreden und zu irgend jemandes Vortheil einzunehmen, blicken zu lassen. Denn, wenn sie gleich bisweilen zn an sich rechtmäßigen und lobens- würdigen Absichten angewandt werden kann, so wird sie doch dadurch verwerflich, daß auf diese Art die Maximen und Gesinnungen subjectiv verderbt werden, wenn gleich die That objectiv gesetzmäßig ist: indem es nicht genug ist, das, was Recht ist, zu thun, sondern es auch aus dem Grunde allein, weil es Recht ist, auszuüben. Auch hat der bloße deutliche Begrif dieser Arten von Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 217 menschlicher Angelegenheit, mit einer lebhaften Darstellung in Beyspielen verbunden, und ohne Verstoß wider die Regeln des Wohllauts der Sprache, oder der Wohl- anstandigkeit des Ausdrucks, für Ideen der Vernunft (welches zusammen die Wohlredenheit ausmacht) schon an sich hinreichenden Einfluß auf menschliche Gemüther, als daß es nöthig wäre noch die Maschinen der Überredung hieben anzulegen; welche, da sie eben sowohl auch zur Beschönigung oder Verdeckung des Lasters und Irrthums gebraucht werden können, den geheimen Verdacht wegen einer künstlichen Überlisiung nicht ganz vertilge» können. In der Dichtkunst geht alles ehrlich und aufrichtig zu. Sie erklart sich: ein bloßes unterhaltendes Spiel mit der Einbildungskraft, und zwar der Form nach, einstimmig mit Verstandesgesetzen treiben zu wollen; und verlangt nicht den Verstand durch sinnliche Darstellung zu überschleichen und zu verstricken ') Ich muß gestehen: daß ei» schönes Gedicht mir immer ein reines Vergnügen gemacht hat, anstalt daß die Lesung der besten Rede eines römische» Volks- oder jetzigen Parlaments- oder Kanzelredners jederzeit mit dem unangenehmen Gefühl der Mißbilligung einer hinterlistigen Kunst vermengt war, welche die Menschen als Maschinen in wich, eigen Dingen zu einem Urtheile zu bewege» versteht, das im ruhige» Nachdenken alles Gewicht bey ihnen verliere» muß. Beredhell und Wohlredenheit (zusammen Rhetorik) gehören zur schönen Kunst; aber Rednerkunst (ms oistori») ist, als Kunst sich der Schwächen der Menschen zu seinen Absichten zu bedienen (diese mögen immer so gut gemevnt, O ? 218 Erster Theil. Nach der Dichtkunst würde ich, tvetM es UM Reiz und Bewegung des Gemüths zu thun ist, diejenige, welche ihr unter den redenden am nächsten kommt und sich damit auch sehr natürlich vereinigen laßt, nämlich die Tonknnst, setzen. Denn, ob sie zwar durch lauter Empfindungen ohne Begriffe spricht, mithin nicht, wie die Poesie, etwas zum Nachdenken übrig bleiben läßt, so bewegt sie doch das Gemüth man- nichfaltiger, und, obgleich bloß vorübergehend, doch inniglicher; ist aber freylich mehr Genuß als Cultur (das Gedankenspiel, welches nebenbei) dadurch erregt wird, ist bloß die Wirkung einer gleichsam mechanischen Association); und hat, durch Vernunft beurtheilt, weniger Werth, als jede andere der schönen Künste. Daher verlangt sie, wie jeder Genuß, öftern Wechsel, und halt die mehrmalige Wiederholung nicht aus, ohne Überdruß zu erzeugen. Der Reiz derselben, der sich so allge- vder auch wirklich gut seyn, als sie wollen), gar keiner Achtung würdig. Auch erhob sie sich nur, sowohl in Athen » als in Rom, zur höchsten Stufe zu einer Zeit, da der Staat seinem Verderben zueilte und wahre patriotische Denkungs- art erloschen war. Wer, bey klarer Einsicht in Sache», die Sprache nach deren Reichthum und Reinigkeit in seiner Gewalt hat, und, bey einer fruchtbaren zur Darstellung sei« ner Ideen tüchtigen Einbildungskraft, lebhaften Herzens- antheil am wahren Guten nimmt, ist der vir bonus öi-en-Zi pericu-, der Redner ohne Kunst, aber voll Nachdruck, wie ihn Cicero haben will, ohne doch diesem Ideal selbst immer treu geblieben zu seyn. Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 219 mein mittheilen laßt, scheint darauf zu beruhen: daß jeder Ausdruck ier Sprache im Zusammenhange einen Ton hat, der dem Sinne desselben angemessen ist; daß dieser Ton mehr oder weniger einen Affect des Sprechen-» den bezeichnet und gegenseitig auch im Hörenden hervorbringt, der denn in diesem umgekehrt auch die Idee er« regt, die in der Sprache mit solchem Tone ausgedrückt wird; und daß, so wie die Modulation gleichsam eine allgemeine jedem Menschen verstandliche Sprache der Empfindungen ist, die Tonkunst diese für sich allein in ihrem ganzen Nachdrucke, nehmlich als Sprache der Af- fecten ausübt, und so, nach dem Gesetze der Association, die damit natürlicher Weise verbundenen ästhetischen Ideen allgemein mittheilet; daß aber, weil jene ästhetischen Ideen keine Begriffe und bestimmte Gedanken sind, die Form der Zusammensetzung dieser Empfindungen (Harmonie und Melodie) uur, statt der Form einer Sprache, dazn dienet, vermittelst einer proportionirten Stimmung derselben (welche, weil sie bc» Tönen auf dem Verhältniß der Zahl der Luftbebungen in derselben Zeit, sofern die Töne zugleich oder auch nach einander verbunden werden, beruht, mathematisch unter gewisse Regeln gebracht werden kann), die ästhetische Idee eines zusammenhangenden Ganzen einer unnennbaren Gedankenfülle, einem gewissen Thema gemäß, welches den in dem Stücke herrschenden Affect ausmacht, auszudrücken. An dieser mathematischen Form, obgleich nicht durch be- 22Q Erster Theil. stimmte Begriffe vorgestellt, hangt allein das Wohlgefallen, welches die bloße Reflexion über eine solche Menge einander begleitender oder folgender Empfindungen mit diesem Spiele derselben als für jedermann gültige Bedingung seiner Schönheit verknüpft; und sie ist es allein, nach welcher der Geschmack sich ein Recht über das Urtheil von jedermann zum voraus auszusprechen anmaßen darf. Aber an dem Reize und der Gemüthsbewegung, welche die Musik hervorbringt, hat die Mathematik sicherlich nicht den mindesten Antheil; sondern sie ist nur die unumgängliche Bedingung (conäitio üne czus non) derjenigen Proportion der Eindrücke, in ihrer Verbindung sowohl als ihrem Wechsel, wodurch es möglich wird sie zusammen zu fassen, und zir verhindern, daß diese einander nicht zerstören, fondern zu einer continuirlichen Bewegung und Belebung des Gemüths durch damit consonirende Wetten und hiemit zu einem behaglichen Selbstgenusse zusammenstimmen. Wenn man dagegen den Werth der schönen Künste nach der Cultur schätzt, die sie dem Gemüth verschaffen, und die Erweiterung der Vermögen, welche in der Ur- theilskraft zum Erkenntnisse zusammen kommen müssen, zum Maaßstabe nimmt; so hat Musik unter den schönen Künsten sofern den untersten (so wie unter denen, die zugleich nach ihrer Annehmlichkeit geschätzt werden, vielleicht den obersten) Platz, weil sie bloß mit Empfin, Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 22 r düngen spielt. Die bildenden Künste gehen ihr also in diesem Betracht weit vor; denn, indem sie die Einbildungskraft in ein freyes und doch zugleich dem Verstände angemessenes Spiel versetzen, so treiben sie zugleich ein Geschäft, indem sie ein Product zu Stande bringen, welches den Verstandesbegriffen zu einem dauerhaften und für sich selbst sich empfehlenden Vehikel dient, die Vereinigung derselben mit der Sinnlichkeit und so gleichsam die Urbanität der obern Erkenntnißkrafte zu befördern. Beiderlei) Art Künste nehmen einen ganz verschiedenen Gang: die erstere von Empfindungen zu unbestimmten Ideen; die zweyte Art aber von bestimmten Ideen zu Empfindungen. Die letztern sind von bleibendem, die erster» nur von transitorischem Eindrucke. Die Einbildungskraft kann jene zurückrufen und sich damit angenehm unterhalten; diese aber erloschen entweder gänzlich, oder, wenn sie unwillkürlich von der Einbildungskraft wiederholt werden, sind sie uns eher lästig als angenehm. Außerdem hangt der Musik ein gewisser Mangel der Urbanität an, daß sie, vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer Instrumente, ihren Einfluß weiter, als man ihn verlangt (auf die Nachbarschaft), ausbreitet, und so sich gleichsam aufdrangt, mithin der Freyheit andrer, außer der musikalischen Gescllfchaft, Abbruch thut; welches die Künste, die zu den Augen reden, nicht thun, indem man seine Augen nur wegwenden darf, wenn man ihren Eindruck nicht einlassen will. Es ist 222 Erster Theil. hiemit fast so, wie mit der Ergötzung durch eineu sich weit ausbreitenden Geruch bewandt. Der, welcher sein parfümirtes Schnupftuch aus der Tasche zieht, traktirt alle um und neben sich wider ihren Willen, und nöthigt sie, wenn sie athmen wollen, zugleich zu genießen; daher es auch aus der Mode gekommen ist Unter den bildenden Künsten würde ich der Maleret) den Vorzug geben: theils weil sie, als Zeichnungskunst, allen übrigen bildenden zum Grunde liegt; theils weil sie weit mehr in die Region der Ideen eindringen, und auch das Feld der Anschauung, diesen gemäß, mehr erweitem kann, als es den übrigen verstattet ist. Anmerkung. Zwischen dem, rvas bloß in der Beurtheilung gefällt, und dem, was vergnügt (in der Empfindung gefällt), ist, wie wir oft gezeigt haben, ein wesentlicher Unterschieb. Das letztere ist etwas, welches man nicht so, wie das erstere, jedermann ansinnen kann. Vergnügen (die Ursache desselben mag immerhin auch in Ideen liegen) scheint jederzeit in einem Gefühl der Beförderung des gefammten Lebens des Menschen, mithin auch des körperlichen Wohlbe» *) Diejenigen, welche zu den häuslichen Andachtsübungsn auch das Singen geistlicher Lieder empfohlen haben, bedachten nicht, daß sie dem Publikum durch eine solche lärmende (eben dadurch gemeiniglich pharisäische) Andacht eine große. Beschwerde auflegten, indem sie die Nachbarschaft entweder mit z» singen oder ihr Gedankengeschäft niebmulegen nö, thigten. Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 22z fmdens, d. i. der Gesundheit, zu bestehen; so daß EpKur, der alles Vergnügen im Grunde für körperliche Empfindung auegab, sofern vielleicht nicht Unrecht habe» mag, und sich nur >elbst mißverstand, wenn er das intellectuelle und selbst pracciscke Wohlgefallen zu den Vergnügen zählte. Wenn man den letztern Unterschied vor Augen hat, so kann man sich erklären, wie ein Vergnügen dem, der es empfindet, selbst mißfallen könne (wie die Freude eines dürftigen aber wohldenkenden Menschen über die Erbschaft von seinem ihn liebenden aber kargen Vater), oder wie ein tiefer Schmerz dem, der ihn leidet, doch gefallen könne (die Traurigkeit einer Wittwe über ihres verdienstvollen Mannes Tod), oder wie ein Vergnügen obenein noch gefallen könne (wie das an Wissenschaften, die wir treiben), oder ein Schmerz (z. B. Haß, Neid und Nachgierde) uns noch dazu mißfallen könne. Das Wohlgefallen oder Mißfallen beruht hier auf der Vernunft, und ist mit der Billigung oder Mißbilligung einerley; Vergnügen und Schmerz aber können nur auf dem Gefühl oder der Aussicht auf ein (aus welchem Grunde es auch sey) mögliches 5Vohl- oder Übelbefinden beruhen. Alles wechselnde freye Spiel der Empfindungen (die keine Absicht zum Grunde haben) vergnügt; weil es das Gefühl der Gesundheit befördert: wir mögen nun in der Vernunftbeurtheilung an seinem Gegenstande und selbst an diesem Vergnügen ein Wohlgefallen haben oder nicht; und dieses Vergnügen kann bis zum Affect steigen, obgleich wir an dem Gegenstande selbst kein Interesse, wenigstens kein solches nehmen, das dem Grade des letztern proportionirt wäre. Wir können sie in Glücksspiel, Tonspiel, und Gedankenspiel eintheilen. Das erste fordert ein Interesse, es sey der Eitelkeit oder des Eigennutzes, welches aber bey weitem nicht so groß ist, als das Interesse an der Art, wie Erster Theil. wir es uns zu verschaffe» suchen; das zweyte bloß den Wechsel der Empfindungen, deren jede ihre Beziehung auf Asseet, aber ohne den Grad eines AffcctS hat, und ästhetische Ideen rege macht; das dritte entspringt bloß aus dem Wechsel der Vorstellungen, in der Urtheilskrast, wo« imrch zwar kein Gedanke, der irgend ein Interesse bey sich führte, erzeugt, das Gemüth aber doch belebt wird. Wie vergnügend die Spiele seyn müssen, ohne daß man nöthig hätte interessirte Absicht dabsy zum Grunde zu legen, zeigen alle unsere Abendgesellschafren; denn ohne Spiel kann sich beynahe keine unterhalten. Aber die Affecten der Hof- mmg, der Furcht, der Freude, des Zorns, des Hohns, spielen dabey, indem sie jeden Augenblick ihre Rolle wechseln, und sind so lebhaft, daß dadurch, als eine innere Motion, das ganze LebensgeschSft im Körper befördert zu seyn scheint, wie eine dadurch erzeugte Munterkeit des Gemüths es beweist, obgleich weder etwa« gewonnen noch gelernt worden. Aber da das Glücksspiel kein schönes Spiel ist, so wollen wir es hier bey Seite sehen. Hingegen Musik, und Stof zum Lachen, sind zwcyerley Arten des Spiels mit ästhetischen Ideen, oder auch Verstandesvorftellungen, wodurch am Ende nichts gedacht wird, und die bloß durch ihren Wechsel, und dennoch lebhaft vergnügen können; wodurch sie ziemlich klar zu erkennen geben, daß die Belebung in beiden bloß körperlich sey, ob sie gleich von Ideen des Gemüths erregt wird, und daß das Gefühl der Gesundheit, durch eine jenem Spiele correspcndirende Bewegung der Eingeweide, das ganze für so fein und geistvoll gepriesene Vergnügen einer aufgeweckten Gesellschaft ausmacht. Nicht die Beurtheilung der Harmonie in Tönen oder Witzeinfällen, die mit ihrer Schönheit nur zum nothwendigen Vehikel dient, sondern das beförderte Lebensgeschäft im Körper, der Affett der die Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 225 die Eingeweide und das Zwerchfell bewegt, mit einem Worte das Gefühl der Gesundheit (welche sich ohne solche Vcran, lassung sonst nicht fühlen läßt), machen das Vergnügen aus, welches man daran findet, daß man dem Körper auch durch die Seele bcykommen und diese zum Arzt von jenem brau, chcn kann. In der Musik geht dieses Spiel von der Empfindung des Körpers zu ästhetischen Ideen (der Objecte für Werten), von diesen alsdann wieder zurück, aber mit vereinigter Kraft, auf den Körper. Zin Scherze (der eben sowohl wie jene eher zur angenehme», als schönen Kunst gezählt zu werden verdient) hebt das Spiel von Gedanken an, die insgesammt, sofern sie sich sinnlich auedrücken wollen, auch den Körper beschäftigen; und, indem der Verstand in dieser Darstellung, worin er das Erwartete nicht findet, plötzlich nachläßt, so fühlt man die Wirkung dieser Nachlassuug im Körper durch die Schwingung der Organen, welch- die Herstellung ihres Gleichgewichts befördert und auf die Gesundheit einen wohl, thätigen Einfluß hat. Es muß in allem, was ein lebhaftes erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sei)n (woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann). Das La, chen ist ein Affecr aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in LTichts. Eben diese Verwandlung, die für den Verstand gewiß nicht erfreulich ist, erfreuet doch indtrcct auf einen Augenblick fehr lebhaft. Also muß die Ursache in dem Einflüsse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung auf das Gemüth be, stehen; und zwar nicht, sofern die Vorstellung objectiv ein Gegenstand des Vergnügens ist (denn wie kann eine getäuschte Erwartung vergnügen?), sondern lediglich dadurch, Aanrs Crir. d. Mrheilskr. P 226 Erster Theil. daß sie, als bloßes Spiel der Vorstellungen, ein Gleichgewicht der Lebenskräfte tm Körper hervorbringt. Wenn jemand erzählt: daß ein Indianer, der an der Tafel eines Engländers in Surare eine Boutetlle mit Ale öfnen und alles dies Bier, in Schaum verwandelt, heraus, dringen scch, mit vielen Ausrufungen seine große Verwunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers: was ist denn hier sich so sehr zu verwundern? antwortete: Ich mun' dere mich auch nicht darüber, daß es herausgeht, sondern wie Ihrs habt herein kriege» können; so lachen wir, und es macht uns eine herzliche Lust: nicht, weil wir uns etwa klüger finden als diesen Unwissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin Wohlgefälliges bemerken ließe; sondern unsre Erwartung war gespannt, und verschwindet plötzlich in Nichts. Oder wenn der Erbe eines reichen Ver, wandten diesem sein Leichenbegängniß recht feierlich veranstalten will, aber klagt, daß es ihm hiemit nicht recht gelingen wolle; denn (sagt er): jemehr ich meinen Trauerleute» Geld gebe betrübt auszusehen, desto lustiger sehen sie aus; so lachen wir laut, und der Grund liegt darin, daß eine Erwartung sich plötzlich in Nichts verwandelt. Man muß wohl bemerken: daß sie sich nicht in das positive Gegen, theil eines erwarteten Gegenstandes — denn das ist immer Etwas, und kann oft betrüben, — sondern in Nichts ver, wandeln müsse. Denn wenn jemand uns mit der Erzäh, lung einer Geschichte große Erwartung erregt, und wir beym Schlüsse die Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Mißfallen; wie j. V. die von Leuten, welche vor großem Gram in einer Nacht graue Haare bekommen habe» sollen. Dagegen, wenn auf eine dergleichen Erzählung zur Erwiederung, ein anderer Schalk sehr umständlich den Gram eines Kaufmanns erzählt, der aus ZndKn mit allem seinen Critik der ästhetischen Urteilskraft. 227 Vermögen In Waaren nach Europa zurückkehrend, in einen» schweren Sturm alles über Bord zu werfen genöthigt wurde, und sich dermaßen grämte, daß ihm darüber in derselben Nachc diepernke grau ward; so lachen wir, und es macht um- Vergnügen, weil wir unsern eignen Mißgrif nach einem sür uns übrigens gleichgültigen Gegenstande, oder vielmehr unsere verfolgte Zdee, wie einen Balh noch eine Zeitlang hin, und herschlagcn, indem wir bloß gcmevnt sind ihn zu greifen und fest zu halten. Es ist hier nicht die Abfertigung eines Lügners oder Dummkopfs, welche das Vergnügen er, weckt; denn auch sür sich würde die letzlere mit angcnom>- menem Ernst erzählte Geschichte eine Gesellschaft in ein heb les Lachen versetzen; und jenes wäre gewöhnlichermaßen auch der Aufmerksamkeit nicht werth. Merkwürdig ist: daß in allen solchen Fällen der Spaß immer etwas in sich entHallen muß, welches auf einen Augenblick täuschen kann; daher, wenn der Schein in Nichts verschwindet, das Gemüth wicser zurücksteht, um es mir ihm noch einmal zu versuchen, und so durch schnell hinter einander folgende Anspannung und Abspannung hin- und zurückgeschnellt und in Schwankung geseht wird: die, weil der Absprung von dem, was gleichsam die Saite anzog, plötzlich (nicht durch ein allmähliches Nachlassen) geschah, eine Gemüthsbewegung und mit ihr harmonirende iniven« dige körperliche Bewegung verursachen muß, die unwillkürlich fortdauert, und Ermüdung, dabei aber auch Aufhefte« rung, (die Wirkungen einer zur Gesundheit gereichenden Motion) hervorbringt. Denn, wenn man annimmt, daß mit allen unsern Gedanken zugleich irgend eine Bewegung in den Organen des Körpers harmonisch verbunden sey; so wird man so ziemlich begreifen, wie jener plötzlichen Versetzung des Gemüths P 2 228 Erster Theil. bald in einen bald in den andern Scandpnnet, um seinen Gegenstand zu betrachten, eine wechselseitige Anspannung und Loölassung der elastischen Theile unserer Eingeweide, die sich dem Zwerchfell mittheilt, correspondiren könne (gleich derjenigen, welche kitzltche Leute fühlen): wobey die Lunge die Luft mit schnell einander folgenden Absätzen ausstößt, und so eine der Gesundheit zuträgliche Bewegung bewirkt, welche allein und nicht das was im G^nüthe vorgeht, die eigentliche Ursache des Vergnügens an einem Gedanken ist, der im Grunde nichts vorstellt. — Voltaire sagte, der Himmel habe uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwey Dinge gegeben: die Hofmmg, und den Schlaf. Er hätte noch das Lachen dazu rechnen können; wenn die Mittel es bey Vernünftigen zu erregen, nur so leicht bey der Hand wären, und der Witz oder die Originalität der Laune, die dazu erforderlich sind, nicht eben so selten wären, als häufig das Talent ist, kopfbrechend, wie mystische Grübler, halsbrechend, wie Genies, oder herzbrechend, wie empfindsame Romanschreiber (auch wohl dergleichen Moralisten), zu dichten. Man kann also, wie mich dünkt, dem Epikur wohl einräumen: daß alles Vergnügen, wenn es gleich durch Begriffe veranlaßt wird, welche ästhetische Zdeen erwecken, animalische d.i. körperliche Empfindung, sey; ohne dadurch dem geistigen Gefühl der Achtung für moralische Ideen, welches kein Vergnügen ist, sondern eine Selbstschätzung (der Menschheit in uns), die uns über das Bedürfniß desselben erhebt, ja selbst nicht einmal dem minder edlen des Geschmacks, im mindesten Abbruch zu thun. Etwas aus beiden Zusammengesetztes findet sich in der Naivität, die der Ausbruch der der Menschheit ursprüng, lich natürlichen Aufrichtigkeit wider die zur andern Natur Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 229 gewordenen Verstellungskunst ist. Man lacht über die Ein, fält, die es noch nicht versteht sich zu verstellen; und erfreut sich doch auch über die Einfalt der Natur, die jener Kunst hier einen Querstrich spielt. Man erwartete die alltägliche Sitte der gekünstelten und auf den schönen Schein vorsichtig angelegten Äußerung; und siehe! es ist die unverdorbene schuldlose Natur, die man anzutreffen gar nicht gewärtig, und die der, welcher sie blicken ließ, zu entblößen auch nicht gemeynet war. Daß der schöne aber falsche Schein, der gewöhnlich in unserm Urtheile sehr viel bedeutet, hier vlötz, lich in Nichts verwandele, daß gleichsam der Schalk in uns selbst bloßgestellt wird, bringt die Bewegung des Gemüths nach zwey entgegengesetzten Richtungen nach einander her» vor, die zugleich den Körper heilsam schüttelt. Daß aber etwas, was unendlich besser al« alle angenommene Sitte ist, die Lauterkeit der Denkuugsart (wenigstens die Anlage dazu) doch nicht ganz in der menschlichen Natur erloschen ist, mischt Ernst und Hochschätzung in dieses Spiel der Ur, cheilskraft. Weil es aber nur eine auf kurze Zeit sich her, vorthuende Erscheinung ist, und die Decke der Verstellung«, kunft bald wieder vorgezogen wird; so mengt sich zugleich ein Vedauren darunter, welches eine Rührung der Zärtlich» keit ist, die sich c,ls Spiel mit einem solchen gutherzigen Lachen sehr wohl verbinden läßt, und auch wirklich damit ge, wöhnlich verbindet, zugleich auch demjenigen, der den Stof dazu hergiebt, die Verlegenheit darüber, daß er noch nicht nach Mmschenweise gewitzt ist, zu vergüten pflegt. — Eine Kunst, naiv zu seyn, ist daher ein Widerspruch; allein die Naivität in einer erdichteten Person vor, zustellen, ist wohl möglich, und schöne obzwar auch seltene Kunst. Mit der Naivität muß offenherzige Einfalt, wel, che die Natur nur darum nicht verkünstelt, weil sie sich P Z 2ZQ Erster Theil. darauf nicht versteht, was Kunst des Umganges sey, nicht verwechselt werden. Zu dem, was aufmunternd, mit dem Vergnügen aus dem Lachen nahe verwandt, und zur Originalität des Geistes, aber eben nicht zum Talent der schönen Kunst gehörig ist, kann auch die launige Manier gezählt werden. L.aune im guten Verstände bedeutet nehmllch das Talent, sich willkürlich in eine gewisse Gemüthödisposilion versehen zu können in der alle Dinge ganz anders als gewödnlich (svgcr umgekehrt), und doch gewissen Bernunftprincipien in einer solchen Gemürhsstimmnng gemäß, beurtheilr werden. Wer solchen Veränderungen nnwillküvlich unterworfen ist, heißt launisch; wer sie aber willkürlich und zweckmäßig (zum Behuf einer lebhasten Darstellung vermittelst eines Lachen erregenden Contrastes) anzunehmen vermag, der und sein Vortrag heißt launig. Diese Manier gehört indeß mehr zur angenehmen als schönen Kunst, weil der Gegenstand der letztem immer einige Würde an sich zeigen muß, und daher einen gewissen Ernst in der Darstellung, so wie der Geschmack in der Beurtheilung, erfordert. Cvitik der ästhetischen Urtheilskrast. 2z i Der Critik der ästhetischen Urtheilskrast Zweyter Abschnitt. Die Dialectik ^ine Urtheilskrast, die dialectisch seyn soll muß zn- förderst vernünftelnd seyn; d. i. die Urtheile derselben müssen auf Allgemeinheit, und zwar s priori, Anspruch machen*): denn in solcher Urtheile Entgegensetzung besteht die Dialectik. Daher ist die Unvereinbarkeit ästhetischer Sinnesnrtheile (über das Angenehme und Unangenehme) nicht dialectisch. Auch der Widerstreit der Geschmacksurtheile, sofern sich ein jeder bloß auf feinen eignen Geschmack beruft, macht keine Dialectik des Ge- ') Ein vernünftelndes Urtheil cju<1icium l!>riocinnn5) kann ein jedes heiße», das sich als allgemein ankündigt; denn sofeui kann es zum Oberi'atze in einem Vsrnunftschlusse dienen. Eil! Vernunfturtheil (juö!cium rnriocinztum) kann dagegen nur ei» solches genannt werden, welches, als der Schlußsatz vsu einem Vmninfcschlusse, folglich als -> priori gegründet, gedacht wird. der ästhetischen Urtheilskrast. §. 55- P 4 2Z2 Erster Theil. schmacks aus; weil niemand sein Urtheil zur allgemeinen Regel zu machen gedenkt. Es bleibt also kein Vegrif von einer Dialectik übrig, welche den Geschmack angehen konnte, als der einer Dialectik der Critik des Geschmacks (nicht des Geschmacks selbst) in Ansehung ihrer Principien: da nehmlich über den Grund der Möglichkeit der Gcschmacksurtheile überhaupt einander widerstreitende Begriffe natürlicher und unvermeidlicher Weise auftreten. Transcendentale Critik des Geschmacks wird also nur sofern einen Theil enthalten, der den Namen einer Dialectik der ästhetischen Urtheilskraft führen kann, wenn sich eine Antinomie der Principien dieses Vermögens findet, welche die Gesetzmäßigkeit desselben, mithin anch seine innere Möglichkeit, zweifelhaft macht. §. 56. Vorstellung der Antinomie des Geschmacks. Der erste Gemeinort des Geschmacks ist in dein Satze, womit sich jeder Geschmacklose gegen Tadel zu verwahren denkt, enthalten: Ein jeder hat seinen eignen Geschmack. Das heißt so viel, als: der De- stimmungsgnmd dieses Urtheils ist bloß subjectiv (Vergnügen oder Schmerz); und das Urtheil hat kein Recht auf die nothwendige Veystimmung anderer. Der zweyte Gemeinort desselben, der auch von denen sogar gebraucht wird, die dein Geschmacksurthcile das Recht einräumen, für sedermann gültig auszuspre- Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 2Z z chen, ist: Über den Geschmack läßt sich nicht disputiren. Das heißt so dich als: der Desiimmungs- grund eines Geschmacksurtheils mag zwar auch objectiv seyn, aber er laßt sich nicht auf bestimmte Begriffe bringen; mithin kann über das Urtheil selbst durch Beweise nichts entschieden werden, obgleich darüber gar wohl und mit Recht gestritten werden kann. Denn Streiten und Disputiren sind zwar darin einerlei), daß sie durch wechselseitigen Widerstand der Urtheile Einhelligkeit derselben hervorzubringen suchen, darin aber verschieden, daß das letztere dieses nach bestimmten Begriffen als Beweisgründen zu bewirken Host, mithin objective Begriffe als Gründe des Urtheils annimmt. Wo dieses aber als unthunlich betrachtet wird, da wird das Disputiren eben sowohl als unthunlich beurtheilt. Man sieht leicht, daß zwischen diesen zwey Gemeinörtern ein Satz fehlt, der zwar nicht sprichwörtlich im Umlaufe, aber doch in jedermanns Sinne enthalten ist, nehmlich: über den Geschmack, laßt sich streiten (obgleich nicht disputiren). Dieser Satz aber enthält das Gegentheil des obersten Satzes. Denn worüber es erlaubt seyn soll zu streiten, da muß Hofnung seyn unter einander überein zu kommen; mithin muß man auf Gründe des Urtheils, die nicht bloß Privatgülligkeit haben und also nicht bloß subjectiv sind, rechnen können; welchem gleichwohl jener Grundsatz: ein jeder hat seinen eignen Geschmack, gerade entgegen ist. P 5 2Z4 - Erster Theil, Es zeigt sich also in Ansehung des Princips des Geschmacks folgende Antinomie: i) Thesis» Das Geschmacksurtheil gründet sich nicht auf Begriffen; denn sonst ließe sich.zdarübcr oispu- tircn (durch Beweise entscheiden). -) Antithesis. Das Geschmacksurtheil gründet sich auf Begriffen; denn sonst ließe sich, ungeachtet der Verschiedenheit desselben, darüber auch nicht einmal streiten (auf die nothwendige Einstimmung anderer mit diesem Urtheile Anspruch machen). §- 57' Hf*!5i5»tis'> ' i'.'M'^' 5US tntznüi'^i . Auflösung der Aittiuomie des Geschmacks. Es ist keine Möglichkeit, den Widerstreit jener jedem Geschmacksurtheile untergelegten Principien (welche nichts anders sind, als die oben in der Analytik vorgestellten zwey Eigenthümlichkeiten des Eeschmacksur- theils) zu heben, als daß man zeigt: der Begrif, worauf man das Object in dieser Art Urtheile bezieht, werde in beiden Maximen der ästhetischen Urtheilskraft nicht in einerlei) Sinn genommen; dieser zwiefache Sinn, oder Gesichtspunct, der Beurtheilung sey unserer transscendentalen Urtheilskraft nothwendig; aber auch der Schein, in der Vermengung dcc! einen mit dem andern, als natürliche Illusion, unvermeidlich. Auf irgend einen Begrif muß sich das Geschmacksurtheil beziehen; denn fönst konnte es schlechterdings Critik der ästhetischen Urtheilökraft. 235 nicht auf nothwendige Gültigkeit für jedermann Anspruch machen. Aber aus einem Begriffe darf es darum eben nicht erweislich seyn, weil ein Begrif entweder be-- stimmbar, oder auch an sich unbestimmt und zugleich unbestimmbar, seyn kann» Von der erstem Art ist der Versiandesbegrif, der durch Pradicate der sinnlichen Anschauung, die ihm correfpondiren kann, bestimmbar ist; von der zweyten aber der transscendentale Vernunft- begrif von dem Übersinnlichen, welches aller, jener Anschauung zum Grunde liegt, der also weiter nicht theo- Misch bestimmt werden kann» Nun geht das Geschmacksurtheil auf Gegenstande der Sinne, aber nicht um einen Begns derselben für den Verstand zu bestimmen; denn es ist kein Erkenntniß- urtheil. Es ist daher, als auf das Gefühl der Lust bezogene anschauliche einzelne Vorstellung, nur ein Privat- urtheil: und sofern würde es seiner Gültigkeit nach auf das urtheilende Individuum allein beschrankt seyn: der Gegenstand ist für Mich ein Gegenstand des Wohlgefallens, für andre mag es sich anders, verhalten; — ein jeder hat seinen Geschmack. Gleichwohl ist ohne Zweifel im Gefchmacksurthcile eine erweiterte Beziehung der Vorstellung des Objects (zugleich auch des Subjects) enthalten, worauf wir eine Ausdehnung dieser Art Urtheile, als nothwendig für jedermann, gründen: welcher daher nothwendig irgend ein Begrif zum Grunde liegen muß; aber ein Begrif.. 2?6 Erster Theil. der sich gar nicht durch Anschauung bestimmen, durch den sich nichts erkennen, mithin auch kein Beweis für das Geschmacksurtheil führen laßt. Ein dergleichen Vegrif aber ist der bloße reine Vernunftbegrif von dem Übersinnlichen, das dem Gegenstände (und auch dem urtheilenden Subjecte) als Sinnenobjecte, mithin als Erscheinung, zum Grunde liegt. Denn nähme man eine solche Rücksicht nicht an, so wäre der Anspruch des Geschmacksurchcils auf allgemeine Gültigkeit nicht zu retten; wäre der Begrif, worauf es sich gründet, ein nur bloß verworrener Verstandesbcgrif, etwa von Vollkommenheit, dem man correspondirend die sinnliche Anschauung des Schönen beygeben könnte: so würde es wenigstens an sich möglich seyn, das Geschmacksurtheil auf Beweise zu gründen; welches der Thesis widerspricht. Nun fallt aber aller Widerspruch weg, wenn ich sage: das Geschmacksurtheil gründet sich auf einem Begrifft (eines Grundes überhaupt von der subjectiven Zweckmäßigkeit der Natur für die Urtheilskraft), aus dem aber nichts in Ansehung des Objects erkannt und bewiesen werden kann, weil er an sich unbestimmbar und zum Erkenntniß untauglich ist; es bekommt aber durch eben denselben doch zugleich Gültigkeit für jedermann (bey jeden? zwar als einzelnes, die Anschauung unmittelbar begleitendes, Urtheil): weil der Besiimmungs- grund desselben vielleicht im Begriffe von demjenigen Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 2)7 liegt, was als das übersinnliche Substrat der Menschheit angesehen werden kann. Es kommt bey der Auflösung einer Antinomie nur auf die Möglichkeit an, daß zwey einander dem Scheine nach widerstreitende Satze einander in der That nicht widersprechen, sondern neben einander bestehen können, wenn gleich die Erklärung der Möglichkeit ihres Bc- grifs unser Erkenntnißvermögen übersteigt. Daß dieser Schein auch natürlich und der menschlichen Vcrnuilst unvermeidlich sey, ungleichen warum er es sey und bleibe, ob er gleich nach der Auflösung des Scheinwiderspruchs nicht betrügt, kann hieraus auch begreiflich gemacht we-den. Wir nehmen nehmlich den Begrif, worauf die Allge- meingültigkeit eines Urtheils sich gründen muß, in beiden widerstreitenden Urtheilen in einerley Bedeutung, und sagen doch von ihm zwey entgegengesetzte Pradicate aus. In der Thesis sollte es daher heißen: Das Geschmacksurtheil gründet sich nicht auf bestimmten Begriffen; in der Antithesis aber: Das Geschmacksurtheil gründet sich doch auf einem, obzwar unbestimmten, Begriffe (nehmlich vom übersinnlichen Substrat der Erscheinungen); und alsdann Ware zwischen ihnen kein Widerstreit. Mehr, als diesen Widerstreit in den Ansprüchen und Gegenansprüchen des Geschmacks zu heben, können wir nicht leisten. Ein bestimmtes objectives Princip 2Z8 Erster Theil. des Geschmacks, wornach die Urtheile desselben geleitet, geprüft und bewiesen werden könnten, zu geben, ist schlechterdings unmöglich; denn es wäre alsdann kein Geschmacksurtheil. Das subjective Princip, nehmlich die unbestimmte Idee des Übersinnlichen in uns, kann nur als der einzige Schlüssel der EntrathseluNg dieses uns selbst seinen Quellen nach verborgenen Vermögens angezeigt, aber durch nichts weiter begreiflich gemacht werden. Der hier aufgestellten und ausgeglichenen Antinomie liegt der richtige Begrif des Geschmacks, nehmlich als einer bloß reflectirenden ästhetischen Urtheilskraft, zum Grunde; und da wurden beide dem Scheine nach widerstreitende Grundfatze mit einander vereinigt, indem beide wahr seyn können, welches auch genug ist. Würde dagegen zum Vestimmungsgrunde des Ge« schmacks (wegen der Einzelnheit der Vorstellung, die dem Geschmacksurtheil zum Grunde liegt), wie von Einigen geschieht, die Annehmlichkeit, oder wie Andere (wegen der Allgemeingültigkeit desselben) wollen, das Princip zder Vollkommenheit angenommen, und die Definition des Geschmacks darnach eingerichtet; so entspringt daraus eine Antinomie, die schlechterdings nicht auszugleichen ist, als so, daß man zeigt, daß beide einander (aber nicht bloß contradictorisch) entgegenstehende Sätze falsch sind: welches dann beweiset, daß der Begrif, worauf ein jeder gegründet ist? Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 2^9 sich selbst widerspreche. Man sieht also, daß die Hebung der Antinomie der ästhetischen Nrtheilskraft einen ähnlichen Gang nehme mit dem, welchen die Critik in Auflösung der Antiuomieen der reinen theoretischen Vernunft befolgte; und daß, eben so hier und auch in der Critik der practischen Vernunft, die Antinomieen wider Willen nöthigen, über das Sinnliche hinaus zu sehen, und im Übersinnlichen den Vereinigungspunct aller unserer Vermögen g p,l»ii zu suchen: weil kein anderer Ausweg übrig bleibt, die Vernunft mit sich selbst einstimmig zu machen. Anmerkung l. Da wir in der Transcendental-Philosophie so oft Veranlassung finden, Zdeen von Verstandcsbegrisscn zu unter, scheiden, so kann es von Nutzen seyn, Ihrem Unterschiede angemessene Kunstausdrücke einzuführen. Zch glaube, man werde nichts dawider haben, wenn ich einige in Vorschlag bringe. — Zdeen in der allgemeinsten Bedeutung find, nach einem gewissen (subjecriven oder objectiven) Princip, auf einen Gegenstand bezogene Vorstellungen, sofern sie doch nie eine Erkenntniß desselben werden können. Sie sind ent< weder nach einem bloß subjectiven Princip der Uberein, stimmung der Erkenntnisvermögen untereinander (der Einbildungskraft und des Verstandes) auf eine Anschauung bezogen: und heißen alsdann ästhetische; oder nach einem objectiven Princip aus einen Begrif bezogen, können aber doch nie eine Erkenntniß des Gegenstandes abgeben: und heißen Vernunftideen; in welchem Falle der Begrif ein transcendenter Begrif ist, welcher vom Verstandesbegrtffe, 240 Erstcr Theil. dem jederzeit eine adäquat correspondirende Erfahrung un, tergelegt werden kann, und der darum immanent heißt, unterschieden ist. Eine ästhetische Idee kann keine Erkenntniß werden, well sie eine Anschauung (der Einbildungskraft) Ist, der niemals ein Begrif adäquat gefunden werden kann. Eine Vernnnstidee kann nie Erkenntniß werden, weil sie einen 25egrif (vom Übersinnlichen) enthält, dem niemals eine Anschauung angemessen gegeben werden kann. Nun glaube ich, man könne die ästhetische Zdee eine inexponible Vorstellung der Einbildungskraft, die Ver- mmstidee aber einen indemonsirabeln Begrif der Ver< nunst nennen. Von beiden wird vorausgesetzt, daß sie nicht etwa gar grundlos, sondern (nach der obigen Erklärung einer Idee überhaupt) gewissen Principien der Erkennt, ntßvermöge», wozu sie gehören (jene den subjectiven, diese objectiven Principien), gemäß erzeugt seyen. Verstandesbegriffe müssen, als solche, jederzeit de, monstrabel seyn (wenn unter demonstriren, wie in der Anatomie, bloß das Darstellen verstanden wird); d. j. der ihnen correspondtrende Gegenstand muß jederzeit in der Anschauung (reinen oder empirischen) gegeben werden können: denn dadurch allein können sie Erkenntnisse werden. Der Begrif der Größe kann in der Raumesanschauung s xriori, z. V. einer geraden Linie u. s. w., gegeben werden; der Begrif der Ursache, an der Undurchdringlichkcit, dem Stoße der Körper, u. s. w. Mithin können beide durch eine empirische Anschauung belegt, d. i. der Gedanken da, von an einem Beyspiele gewiesen (demonsirirt, aufgezeigt) werden; und dieses muß geschehen können: widrigenfalls man nicht gewiß ist, ob der Gedanken nicht leer, d. t. ohne alles Object sey. Man Critik der ästhetische» Uttheilskraft. 241 Man bedient sich in der Logik der Ausdrücke des De< monstrabeln oder Indemonstrabeln gemeiniglich nur in An, sehung der Säye; da die ersteren besser durch die Benenn nuug der nur mittelbar, die zweyten der unmittelbar-gewissen Satze könnten bezeichnet werden: denn die reine Philosophie hat auch Sätze von beiden Arten, wenn darunter bewetsfähige und beweisuufähige wahre Sätze v«r, standen werden. Allein aus Gründen a xriorl kann sie, als Philosophie, zwar beweisen, aber nicht demonstrtren; wenn man nicht ganz und gar von der Wortbedeutung abgehen Will, nach welcher demoustrircn (oltenäere, exliiders) so viel heißt, als (es sey in Beweisen oder auch bloß im Definiren) seinen Begrif zugleich in der Anschauung darstellen; welche, wenn sie Anschauung a xiiori ssc, das Construiren desselben heißt, wenn sie aber auch empirisch ist, gleichwohl die Vor, zeigung des Objects bleibt, durch welche dem Begriffe die objective Realität gesichert wird. So sagt man von einem Auatomiker: er demonstrire das menschliche Auge, wenn er den Begrif, den er vorher discursiv vorgetragen hat, vermittelst der Zergliederung dieses Organs anschaulich macht. Diesem zufolge ist der V-rnunftbegr!f yom übersinnlichen Substrat aller Erscheinungen überhaupt, oder auch von dem, was unserer Willkür in Beziehung auf moralische Gesetze zum Grunde gelegt werden muß, nehmlich von der transcendentalen Freyheit, schon der Species nach ein inde, monstrabler Begrif und Vernunftidee, Tugend aber ist dies dem Grade nach: weil dem ersteren an sich gar nichts der Qualität nach in der Erfahrung correspondtrendeö gegeben werden kann, in der zweyten aber kein Erfahrungsprvduct jener Causalität den Grad erreicht, den die Vernunstldee zur Regel vorschreibt. R«nrs Lrit, d, Urrheilskr. Ä Erster Theil. So wie an einer Vernunftidee die . sich selbst unterlegt. Da giebt es dann i) e>> ^ Antinomie der Vernunft in Ansehung des tb»"^uschcn Gebrauchs des Verstandes bis zum Unbedingten hinauf'für das Erkenntnisvermögen; -) eine Antinomie der Vernunft in Ansehung des ästhetischen Gebrauchs der Urtheilskrast für das Gefühl der L.ust und Unlust; z) eine Antinomie in Ansehung des practischen Gebrauchs der an sich selbst gesetzgebenden Vernunft für das Begeh- rnngsvermögen: sofern alle diese Vermögen ihre obere Principien -» priori haben, und, gemäß einer unumgänglichen Forderung der Vernunft, nach diesen Principien auch unbedingt müssen urtheilen und ihr Object bestimme» können. Zn Ansehung zweyer Antinomieen, der des theoretischen und der des practischen Gebrauchs jener obern Er- kenntnißvennögen, haben wir die Unvermeidlichkeit der, selben, wenn dergleichen Urtheile nicht auf ein übersinnliches Substrat der gegebenen Objecte, als Erscheinungen, zurücksehen, dagegen aber auch die Anflöslichr'eir derselben, so, bald das letztere geschieht, schon anderwärts gezeigt. WaS nun die Antinomie im Gebrauch der Urtheilskraft, gemäß der Forderung der Vernunft, und deren hier gegebene Auf, lösung bctrlfl: so giebt es kein anderes Mittel, derselben auszuweichen, als entrr-eder zu läugnen, daß dem ästhetische» Geschmacksurrheile irgend ein Princip xriori zum Grunde liege, daß aller Anspruch auf Nothwendigkeit allgemeiner Beystimmung grundloser leerer Wahn sey, und ein Ge, Critik der ästhetischen Urtheilskrast. ' 245 schmacksurrheil nur sofern für richtig gehalten zu werden verdiene, weil es sich trist, daß viele in Ansehung desselben übereinkommen, und auch dieses eigentlich nicht um deswillen, weil man hinter dieser Einstimmung ein Princip a xrioii vermuthet, sondern (wie im Gaumengeschmack) weil die Subjecte zufälliger Weise gleichförmig organisirt seyen; oder »nan müßte annehmen, daß das Geschmacks- uriheil eigentlich ein verstecktes Vcrnunfturcheil über die an einem Dinge und die Beziehung des Manutchfaltigsn in ihm zu einem Zwecke entdeckte Vollkommenheit sey, mithin nur um der Verworrenheit willen, die dieser unserer Reflexion anhangt, ästhetisch genannt werde, ob c6 gleich im Grunde teleologisch sey; in welchem Falle man die Auslösung der Antinomie durch transcendentale Ideen für unnö- thig und nichtig erklären, und so mit den Objecten der Sinne nicht als bloßen Erscheinungen, sondern auch als Dingen an sich selbst, jene EeschmackSgesetze vereinigen könnte. Wie wenig aber die eine sowohl als die andere Ausflucht verschlage, ist au mehrern Orten in der Erposi- tion der Geschmackeurtheile gezeigt worden. Räumt man aber unserer Deducrion wenigstens so viel ein, daß sie auf dem rechten Wege geschehe, wenn gleich noch nicht in allen Stücken hell genug gemacht sey, so zeigen sich drey Ideen: erstlich des Übersinnlichen überhaupt, ohne weitere Bestimmung, als Substrats der N-Uur; zweyten? eben desselben, als Princips der subjectiven Zweckmäßigkeit der Natur für unser Erkenntnißvermögcn; drittens eben desselben, als Princips der Zwecke der Freyheit und Princips der Übereinstimmung derselben mit jener im Sittlichen. 246 Erster Theil. §. 58. Vom Idealismus der Zweckmäßigkeit der Natur sowohl als Kunst, als dem alleinigen Princip der ästhetischen ttrtheilskraft. Man kann znförderst das Princip des Geschmacks entweder darin setzen, daß dieser jederzeit nach empirischen Besiimmungsgründen, und also nach solchen, die nur Ä poKeriari, durch Sinne gegeben werden, oder man kann einräumen, daß er aus einem Grunde a xriori. urtheile. Das erstere wäre der Empirism der Cri- tik des Geschmacks, das zweyte der RationallSM derselben. Nach dem ersten wäre das Object unseres Wohlgefallens nicht vom Angenehmen, nach dem zweyten, wenn das Urtheil auf bestimmten Begriffen beruhete, nicht vom Guten unterschieden; und so würde alle Schönheit aus der Welt weggeläugnet, und nur ein besonderer Namen, vielleicht für eine gewisse Mischung von beiden vorgenannten Arten des Wohlgefallens, an dessen Statt übrig bleiben. Allein wir haben gezeigt, daß es auch Gründe des Wohlgefallens a prioil gebe, die also mit dem Princip des Rationalisms zusammen bestehen können, ungeachtet sie nicht in bestimmte Begriffe gefaßt werden können. Der Rttionalism des Princips des Geschmacks ist dagegen entweder der des RealiSMs der Zweckmäßigkeit, oder des JdealisMs derselben. Weil nun Crilik der ästhetischen Urtheilökraft. 247 ein Geschmacksurtheil kein Erkenntnißurtheil, und Schönheit keine Beschaffenheit des Objects, für sich betrachtet, ist; so kann der Rationalism des Princips des Geschmacks niemals darin gesetzt werden, daß die Zweckmäßigkeit in diesem Urtheile als objectiv gedacht werde, d. i. daß das Urtheil theoretisch, mithin auch logisch (wenn gleich nur in einer verworrenen Beurtheilung), auf die Vollkommenheit des Objects, sondern nur ästhetisch/ auf die Übereinstimmung seiner Vorstellung in der Einbildungskraft mit den wesentlichen Principien der Urtheilskraft überhaupt, im Subjecte gehe. Folglich kann, selbst nach dem Princip des Natio- naliSms, das Geschmacksnrtheil und der Unterschied des Realisms und Jdealisms desselben nur darin gesetzt werden, daß entweder jene subjective Zweckmäßigkeit im erster« Falle als wirklicher (absichtlicher) Zweck der Natur (oder der Kunst) mit unserer Urtheilskraft übereinzustimmen, oder im zweiten Falle nur als eine, ohne Zweck, von selbst und zufalliger Weise sich hervorthuende zweckmäßige Übereinstimmung zu dem Bedürfniß der Urtheilskraft, in Ansehung der Natur und ihrer nach besondern Gesetzen erzeugten Formen, angenommen werde. Dem Nealism der ästhetischen Zweckmäßigkeit der Natur, da man nehmlich annehmen möchte: daß der Hervorbringung des Schönen eine Idee desselben in der hervorbringenden Ursache, nehmlich ein Zweck zu Gunsten unserer Einbildungskraft, zum Grunde gelegen Q 4 248 Erster Theil. habe, rede-, die schönen Bildungen im Reiche der orga- nisirten Natnr gar sehr das Wort. Die Blumen, Blüthen, ja die Gestalten ganzer Gewächse, die für ihren eigenen Gebrauch unuöthige, aber für unsern Geschmack gleichsam ausgewählte Zierlichkeit der thierischen Bildungen von allerley Gattungen; vornehmlich die unsern Augen so wohlgefällige und reizende Mannichfaltigkeit und harmonische Zusammensetzung der Farben (am Fasan, an Schaalthieren, Jnsecten, bis zu den gemeinsten Blumen), die, indem sie bloß die Oberflache, und auch an dieser nicht einmal die Figur der Geschöpfe, welche doch noch zu den innern Zwecken derselben erforderlich seyn könnte, betreffen, ganzlich auf äußere Beschallung abgezwcckt zu seyn scheinen: geben der Erklärungsart durch Annehmung wirklicher Zwecke der Natur sur unsere ästhetische Urtheilskraft ein großes Gewicht. Dagegen widerfetzt sich dieser Annahme nicht allein die Vernunft durch ihre Maximen, allerwärts die un- uöchige Vervielfältigung der Principien nach aller Möglichkeit zu verhüten; sondern die Natur zeigt in ihren freyen Bildungen überall so viel mechanischen Hang zu Erzeugung von Formen, die für den ästhetischen Gebrauch unserer Urthcilskraft gleichsam gemacht zu seyn scheinen, ohne den geringsten Grund zur Vermuthung an die Hand zu geben, daß es dazu noch etwas mehr, als ihres Mechanisms, bloß als Natur, bedürfe, wor- nach sie, auch ohne alle ihnen zum Grunde liegende Idee, Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 249 für unsere Beurtheilung zweckmäßig seyn können. Ich verstehe aber unter einer freyen Bildung der Natyr diejenige, wodurch aus einem Flüssigen in Ruhe, durch Verflüchtigung oder Absonderung eines Theils desselben (bisweilen bloß der Warmmaterie) das Übrige bey dem Festwerden eine bestimmte Gestalt, oder Gewebe, (Figur oder Textur) annimmt, die, nach der specifischen Verschiedenheit der Materien, verschieden, in eben derselben aber genau dieselbe ist. Hiezu aber wird, was man unter einer wahren Flüßigkeit jederzeit versteht, nehmlich daß die Materie in ihr völlig aufgelöset, d. i. nicht als ein bloßes Gemenge fester und darin . bloß schwebender Theile anzusehen sey, vorausgesetzt. Die Bildung geschieht alsdann durch Anschießen, d. i. durch ein plötzliches Festwerden, nicht durch einen allmählichen Übergang aus dem flüßigen in den festen Zustand, sondern gleichsam durch einen Sprung, welcher Übergang auch das Crystallisiren genannt wird. Das gemeinste Beyspiel von dieser Art Bildung ist das gefrierende Wasser, in welchem sich zuerst gerade Eis- sirählchen erzeugen, die in Winkeln von 60 Grad sich zusammenfügen, indeß sich andere an jedem Punct derselben eben so ansetzen, bis alles zu Eis geworden ist: so daß wahrend dieser Zeit das Wasser zwischen den Eis- firaylchen nicht allmählich zäher wird, sondern so vollkommen flüßig ist, als es bey weit größerer Wärme seyn würde, und doch die völlige Eiskälte hat. Die sich ab- Q? 2 50 Erster Theil. sondernde Materie, die im Augenblicke des Festwerdens plötzlich entwischt, ist ein ansehnliches Quantum von Wärmestof, dessen Abgang, da es bloß zum Flüßigseyn erfordert ward, dieses nunmehrige Eis nicht im mindesten kälter, als das kurz vorher in ihm flußige Wasser, zurücklaßt. Viele Salze, ungleichen Steine, die eine krystallinische Figur haben, werden eben so von einer im -Wasser, wer weiß durch was für Vermittelung, ausgelöseten Erdart erzeugt. Eben so bilden sich die drusichten Config'nrationen vieler Minern, des würflichten Bleyglanzes, des Rothgüldenerzes, u. d. gl., allem Vermuthen nach auch im Wasser, und durch Anschießen der Theile: indem sie durch irgend eine Ursache genöthigt werden, dieses Vehikel zu verlassen, und sich unter einander in bestimmte äußere Gestalten zu vereinigen. Aber auch innerlich zeigen alle Materien, welche bloß durch Hitze flüßig waren und durch Erkalten Festigkeit angenommen haben, im Bruche eine bestimmte Textur, und lassen daraus urtheilen, daß, wenn nicht ihr eigenes Gewicht oder die Luftberührung es gehindert hätte, sie auch äußerlich ihre specifisch eigenthümliche Gestalt würden gewiesen haben: dergleichen man an einigen Metallen, die nach der Schmelzung äußerlich erhärtet, inwendig aber noch flüßig waren, durch Abzapfen des innern noch flüßigen Theils und nunmehrigen ruhigen Anschießen des übrigen inwendig zurückgeblie- Critik der ästhetischen Urteilskraft. 251 beuen, beobachtet hat. Viele von jenen mineralischen Crnstallisationen, als die Spathdruscn, der Glaskopf, die Eisenblüthe, geben oft überaus schöne Gestalten, wie sie die Kunst nur immer ausdenken möchte; und die Glorie in der Höhle von Antiparos ist bloß das Product eines sich durch Gipslager durchsickernden Wassers. Das Flüßige ist, allem Ansehen nach, überhaupt älter als das Feste, und sowohl die Pflanzen als thierische Körper werden aus flüßiger Nahrungsmaterie gebildet, sofern sie sich in Ruhe formt: freylich zwar in der letzter» zuförderst nach einer gewissen ursprünglichen auf Zwecke gerichteten Anlage (die, wie im zweyten Theile gewiesen werden wird, nicht ästhetisch, sondern teleolo- gisch, nach dem Princip des Realisms beurtheilt werden muß); aber nebenbei) doch auch vielleicht als, dem allgemeinen Gesetze der Verwandtschaft der Materien gemäß, anschießend und sich in Freyheit bildend. So wie nun die in einer Atmosphäre, welche ein Gemisch verschiedener Luftarten ist, aufgelöseten wäßrigen Flüssigkeiten, wenn sich die letzteren, durch Abgang der Wärme von jener scheidet, Schneefiguren erzeugen, die nach Verschiedenheit der dermaligen Lustmischung von oft sehr künstlich scheinender uud überaus schöner Figur sind; so läßt sich, ohne dem teleologischen Princip der Beurtheilung der Organisation etwas zu entziehen, wohl denken: daß, was die Schönheit der Blumen, der Vogelfedern, der Muscheln, ihrer Gestalt sowohl als Farbe 252 Erster Theil. nach, betriff, diese der Natur und ihrem Vermögen, sich in ihrer Freyheit, ohne besondere darauf gerichtete Zwecke, nach chemischen Gesetzen, durch Absetzung der zur Organisation erforderlichen Materie, auch ästhetisch- zweckmäßig zu bilden, zugeschrieben werden könne. Was aber das Princip der Idealltat der Zweckmäßigkeit im Schönen der Natur, als dasjenige, welches wir im ästhetischen Urtheile selbst jederzeit zum Grunde legen, und welches uns keinen Realism eines Zwecks derselben für unsere Vorstellungskraft zum Erklärungsgrunde zu brauchen erlaubt, geradezu beweiset: ist, daß wir in der Beurtheilung der Schönheit überhaupt das Richtmaaß derselben a priori in uns selbst suchen, und die ästhetische Urtheilskraft in Ansehung des Urtheils, ob etwas schön sey oder nicht, selbst gesetzgebend ist, welches bey Annehmung des Realisms der Zweckmäßigkeit der Natur nicht Statt finden kann; weil wir da von derNatur lermn müßten, was wir schön zu finden hätten, und das Geschmacksurtheil empirischen Principien unterworfen seyn würde. Denn in einer solchen Beurtheilung kommt es nicht darauf an, was die Natur ist, oder auch für uns als Zweck ist, sondern wie wir sie aufnehmen. Es würde immer eine objective Zweckmäßigkeit der Natur seyn, wenn sie für unser Wohlgefallen ihre Formen gebildet hatte; und nicht eine subjective Zweckmäßigkeit, welche auf dem Spiele der Einbildungskraft in ihrer Freyheit beruhete, Critik der ästhetischen Urteilskraft. 25z wo es Gunst ist womit wir die Natur aufnehmen, nicht Gunst die sie nns erzeigt. Die Eigenschaft der Natur, daß sie für uns Gelegenheit enthalt, die innere Zweckmäßigkeit in dem Verhaltnisse unserer Gemüthskräfte in Beurtheilung gewisser Producte derselben wahrzunehmen, und zwar als eine solche, die aus einem übersinnlichen Grunde für nothwendig und allgemeingültig erklart werden soll, kann nicht Naturzweck seyn, oder vielmehr von uns als ein solcher beurtheilt werden; weil sonst das Urtheil, das dadurch bejiimmt wurde, Heteronomie, aber nicht, wie es einem Geschmacksurtheile geziemt, frey seyn, und Autonomie ^um Grunde haben würbe. In der schönen Kunst ist das Princip des Jdea- lisms der Zweckmäßigkeit noch deutlicher zu erkennen. Denn, daß hier nicht ein ästhetischer Nealism derselben, durch Empfindungen (wobey sie statt schöner bloß angenehme Kunst seyn würde), angenommen werden könne: das hat sie mit der schönen Natur gemein. Allein daß das Wohlgefallen durch ästhetische Ideen nicht von der Erreichung bestimmter Zwecke (als mechanisch absichtliche Kunst) abhängen müsse, folglich, selbst im Ra- tionalism des Princips, Idealität der Zwecke, nicht Realität derselben, zum Grunde liege: leuchtet auch schon dadurch ein, daß schöne Kunst, als solche, nicht als ein Product des Verstandes und der Wissenschaft, sondern des Genie's betrachtet werden muß, und also durch ästhetische Ideen, welche von Vernunftideen 254 Erster Theil. bestimmter Zwecke wesentlich unterschieden, sind, ihre Regel bekomme. So wie die Idealität der Gegenstände der Sinne als Erscheinungen die einzige Art ist, die Möglichkeit zu erklären, daß ihre Formen a xriori bestimmt werden können; so ist auch der JdealisM der Zweckmäßigkeit, in Beurtheilung des Schönen der Natur und der Kunst, die einzige Voraussetzung, unter der allein die Critik die Möglichkeit eines Geschmacksurtheils, welches s prlor!, Gültigkeit für jedermann fordert (ohne doch die Zweckmäßigkeit, die am Objecte vorgestellt wird, auf Begriffe zu gründen), erklaren kann. §- 59. Von der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit. Die Realität unserer Begriffe darzuthun, werden immer Anschauungen erfordert. Sind es empirische Begriffe, so heißen die letzteren Beyspiele. Sind jene reine Verstandesbegriffe, so werden die letzteren Schemate genannt. Verlangt man gar, daß die objective Realität der Vernunftbegriffe, d. i. der Ideen, und zwar zum Behuf des theoretischen Erkenntnisses derselben dargethan werde, so begehrt man etwas Unmögliches, weil ihnen schlechterdings keine Anschauung angemessen gegeben werden kann. Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 255 Alle Hypotypoft (Darstellung, 5u^ecclo 5ub aä- Ipecmui) uls Versinnlichung, ist zwiefach: entweder schematisch, da einem Begriffe, den der Verstand faßt, die correspondirende Anfchaunng a priori gegeben wird; oder symbolisch, da einem Begriffe, den nur die Vernunft denken, und dem keine sinnliche Anschauung angemessen seyn kann, eine solche untergelegt wird, mit welcher das Verfahren der Urtheilskraft demjenigen, was sie im Schematisiren beobachtet, bloß analogisch, d. i. mit ihm bloß der Regel dieses Versahrens, nicht der Anschauung selbst, mithin bloß der Form der Reflexion, nicht dein Inhalte nach, übereinkommt. Es ist ein von den neuern Logikern zwar angenommener, aber sinnverkehrender, unrechter Gebrauch des Worts symbolisch, wenn man es der intuitiven Vorstellungsart entgegensetzt; denn die symbolische ist nur eine Art der intuitiven. Die letztere (die intuitive) kann nehmlich in die schematische und in die symbolische Vorstellungsart eingetheilt werden. Beide sind Hypotypoftn, d. i. Darstellungen (exliidiniones): nicht bloße Characterismeu, d. i. Bezeichnungen der Begriffe durch begleitende sinnliche Zeichen, die gar nichts zu der Anschauung des Objects gehöriges enthalten, sondern nur jenen, nach dem Gesetze der Association der Einbildungskraft, mithin in subjectiver Absicht, zum Mittel der Neproduction dienen; dergleichen sind entwe- 256 Erster Theil. der Worte, oder sichtbare (algebraische, selbst mimische) Zeichen, als bloße Ausdrücke für Begriffe Alle Anschauungen, die man Begriffen a priori unterlegt, sind also entweder SHelNüte oder Symbole, wovon die erstem directe, die zweyten indirccte Darstellungen des Begrifs enthalten» Die erstem thun dieses demonstrativ, die zweyten vermittelst einer Analogie (zu welcher man sich auch empirischer Anschauungen bedient), in welcher die Urtheilskraft ein doppeltes Geschäft verrichtet, erstlich den Begrif auf den Gegenstand einer sinnlichen Anschauung, und dann zwcytens die bloße Regel der Reflexion über jene Anschauung auf einen ganz andern Gegenstand, von dem der erstere nur das Symbol ist, anzuwenden. So wird ein monarchischer Staat durch einen beseelten Korper, wenn er nach inneren Vvlksgesetzen, durch eine bloße Maschine aber (wie etwa eine Handmühle) wenn er durch einen einzelnen absoluten Willen beherrscht wird, in beiden Fallen aber nur symbolisch vorgestellt. Denn, zwischen einem despotischen Staate und einer Handmühle ist zwar keine Ähnlichkeit, wohl aber zwischen der Negcl, über beide und ihre Causalitat zu reflectiren. Dies Geschäft 'st ') Das Intuitive der Erkenntniß.muß dem Discursiven (nicht dem Symbolischen) entgegen gesetzt werden. Das erstere ist nun entweder scheinarisch, durch Demonstration; oder symbolisch, als Vorstellung nach einer blpßl» Analogie. Critik der ästhetischen Urlheilskraft. 25-- ist bis jetzt noch wenig auseinander gesetzt worden, so sehr es auch eine tiefere Untersuchung verdient; allein- hier ist mchr der Ort, sich dabey aufzuhalten. Unsere Sprache ist voll von dergleichen indirecten Darstellungen, nach einer Analogie, wodurch der Ausdruck nicht das eigentliche Schema für den Begrif, sondern bloß ein Symbol für die Reflexion enthalt. So sind die Wörter Gründ (Stütze, Basis), Abhängen ( von oben gehalten werden), woraus fließen (statt folgen), Substanz (wie Locke sich ausdruckt: der Trager der Acci- denzen), und unzahlige andere nicht schemarische, sondern symbolische Hypotypoftn, und Ausdrücke für Begriffe nicht vermittelst einer directen Anschauung, sondern nur nach einer Analogie, mit derselben, d. i. der Übertragung der Reflexion über einen Gegenstand der Anschauung auf einen ganz andern Begrif, dem vielseicht nie eine Anschauung direct correspondircn kann. Wenn man eine bloße Vorstellungsart schon Erkennt.nß nennen darf "welches, wenn sie ein Princip nicht der thco- retischen Bestimmung des Gegenstandes ist, was er an sich, sondern der praktischen, was die Idee von ihm für uns und den zweckmäßigen Gebrauch derselben werden soll, wohl erlaubt ist): so ist alle unsere Erkenntniß von Gott bloß symbolisch; und der, welcher sie mit den Eigenschaften Verstand, Wille, u. s. w. die allein an Weltwesen ihre objective Realität beweisen, für schema- Lisch nimmt, gerath in den Anchropo-.norps':c':n, so wie, Ra»»«Lrtt. d.Necheils?r. R 258 Erster Theil. wenn er alles Intuitive weglaßt, in den Deism, wodurch überall nichts, auch nicht in practischer Absicht, erkannt wird. Nun sage ich: das Schone ist das Symbol des Sittlichguten; und auch nur in dieser Rücksicht (einer Beziehung, die jedermann natürlich ist, und die auch jedermann andern als Pflicht zumuthet) gefällt es, mit einem Ansprüche auf jedes andern Beystimmung, wobey sich das Gemüth zugleich einer gewissen Veredlung und Erhebung über die bloße Empfänglichkeit einer Lust durch Sinneneindrücke bewußt ist, und anderer Werth auch nach ciuer ähnlichen Maxime ihrer Urtheilskraft schätzet- Das ist das Intelligible, worauf, wie der vorige Paragraph Anzeige that, der Geschmack hinaussieht, wozu nehmlich selbst unsere oberen Erkenntnißvermögen zusammenstimmen, und ohne welches zwischen ihrer Natur, verglichen mit den Ansprüchen, die der Geschmack macht, lanter Widersprüche erwachsen würden. In diesem Vermögen sieht sich die Urtheilskraft nicht, wie sonst in empirischer Beurtheilung, einer Heterono- mie der Erfahrungsgesetze unterworfen: sie giebt in Ansehung der Gegenstände eines so reinen Wohlgefallens ihr selbst das Gesetz, so wie die Vernunft es in Ansehung des Bcgehrungsvermögens thut; und sieht sich, sowohl wegen dieser innern Möglichkeit im Subjecte, als wegen der äußern Möglichkeit einer damit übereinstimmenden Narur, auf etwas im Subjecte selbst und außer Critik der ästhetischen Urtheilskraft. 259 ihm, was nicl>t Natur, auch nicht Freyheit, doch aber mit dem Grunde der letzteren, nehmlich dem Übersinnlichen, verknüpft ist, bezogen, in welchem das theoretische Vermögen mit dem praktischen auf gemeinschaftliche und unbekannte Ärt, zur'Einheit verbunden wird. Wir wollen einige Stücke dieser Analogie anführen, indem wir zugleich die Verschiedenheit derselben nicht unbemerkt lassen. 1) Das Schöne gefallt Unmittelbar (aber nur in der reflectirenden Anschauung, nicht, wie Sittlichkeit, im Begriffes 2) Es gefallt ohne alles Interesse (das Sittlichgute zwar nothwendig mit einem Interesse, aber nicht einem solchen, welches vor dem Urtheile über das Wohlgefallen vorhergeht, verbunden, sondern welches dadurch allererst bewirkt wird), z) Die Freyheit der Einbildungskraft (also der Sinnlichkeit unseres Vermö- - gens) wird in der Beurtheilung des Schönen mit der Gesetzmäßigkeit des Verstandes als einstimmig vorgestellt (im moralischen Urtheile wird die Freyheit des Willens als Zusammenstimmung des letzteren mit sich selbst nach allgemeinen Vernunftgesetzen gedacht). 4) Das sub- jective Princip der Beurtheilung des Schönen wird als allgemein, d. i. für jedermann gültig, aber durch keinen allgemeinen Begrif kenntlich, vorgestellt (das objective Princip der Moralität wird auch für allgemein, t>. i. für alle Subjecte, zugleich auch für alle Handlungen desselben Subjects, und dabey durch einen R - 26o Erster Theil. allgemeinen Begrif kenntlich, erklärt). Daher ist das moralische Urtheil nicht allein bestimmter consiitutiver Principien fähig, sondern ist Mir durch Gründung der Maximen auf dieselben und ihre Allgemeinheit möglich.- Die Rücksicht auf diese Analogie ist auch dem gemeinen Verstände gewöhnlich; und wir benennen schöne Gegenstände der Natur, oder der Kunst, oft mit Namen, die eine sittliche Beurtheilung zum Grunde zu legen scheinen. Wir nennen Gebäude oder Bäume majestätisch und prächtig, oder Gefilde lachend und fröhlich; selbst Farben werden unfchuldig, bescheiden, zärtlich genannt, weil sie Empfindungen erregen, die etwas mit dem Bewußtseyn eines durch moralische Urtheile bewirkten Gemüthszustandes Analogisches enthalten. Der Geschmack macht gleichsam den Übergang vom Sinnenreiz zum habituellen moralischen Interesse, ohne einen zu gewaltsamen Sprung, möglich, indem er die Einbildungskraft auch in ihrer Freyheit als zweckmäßig für den Verstand bestimmbar vorstellt, und sogar an Gegenständen der Sinne auch ohne Sinnenreiz ein freyes Wohlgefallen finden lehrt. Critik der ästhetischen Urtheilörraft. 261 §. 60» Anhang. Von der Methodenlehre des Geschmacks. - Die Eintheilung einer Critik in Elemcntarlehre und Methodenlchre, wesche vor der Wissenschaft vorhergeht, laßt sich auf die Geschmackscritik nicht anwenden: weil es keine Wissenschaft des Schonen giebt noch geben kann, und das Urtheil des Geschmacks nicht durch Principien bestimmbar ist. Denn was das Wissenschaftliche' in jeder Kunst anlangt, welches auf Wahrheit in der Darstellung ihres Objects geht, so ist dieses zwar die. unumgängliche Bedingung (conciitio l-ne <^ non) der schönen Kunst, aber diese nicht selber» Es giebt'also für die schöne Knnst nur eine Manier (nioäns), nicht Lehrart Oieckoclns). Der Meister muß es vormachen, was und wie es der Schüler zu Stande bringen soll; und die allgemeinen Regeln, worunter er zuletzt sein Verfahren bringt, können eher dienen, die Hauptmomente desselben gelegentlich in Erinnerung zu bringen, als sie ihm vorzuschreiben. Hiebe» muß dennoch auf ein gewisses Ideal Rücksicht genommen werden, welches die Kunst vor Augen haben muß, ob sie es gleich in ihrer Aus> Übung nie völlig erreicht. Nur durch die Aufweckung der Einbildungskrast des Schülers zur Angemessenheit mit einem gegebenen Begriffe, durch die angemerkte Un- R ? l ' 262 Erster Theil. zulanglichkeit des Ausdrucks für die Idee, welche der Begrif selbst nicht erreicht, weil sie ästhetisch ist, und durch scharfe Cntik, kann verhütet werden, daß die Beyspiele, die ihm vorgelegt werden, von ihm nicht sofort für Urbilder und etwa keiner noch höhern Norm und eigener Beurtheilung unterworfene Muster der Nachahmung gehalten, und so das Genie, mit ihm aber auch die Freyheit der Einbildungskraft selbst in ihrer Gesetzmäßigkeit erstickt werde, ohne welche keine schöne Kunst, selbst nicht einmal ein richtiger sie beurtheilender eigener Geschwack, möglich ist. Die Propadevtik zu aller schönen Kunst, sofern es auf den höchsten Grad ihrer Vollkommenheit angelegt ist, scheint nicht in Vorschriften, sondern in der Cultur der Gemüthslrafte durch diejenigen Vorkenntnisse zu liegen, welche man Kuiusnior-l nennt: vermuthlich, weil Humanität einerseits das allgemeine Thellneh- MUNgögefÜhl, andererseits das Vermögen sich innigst und allgemein mittheilen zu können bedeutet; welche Eigenschaften zusammen verbunden die der Menscheit angemessene Glückseligkeit ausmachen, wodurch sie sich von der thierischen Eingeschrarittheir unterscheiden. Das Zeitalter sowohl, als die Völker, in welchen der rege Trieb zur gesetzlichen Geselligkeit, wodurch ein Volk ein dauerndes gemeines Wesen aus-- wacht, mit den großen Schwierigkeiten rang, welche die schwere Aufgabe, Freyheit (und also auch Gleich- Critik der ästhetischen Urtheilskrast. 26z helt) mit dem Zwange (mehr der Achtung und Unter-» werfung aus Pflicht, als Furcht) zu vereinigen, umgeben: ein solches Zeitalter und ein solches Volk mußte die Kunst der wechselseitigen Mittheilung der Ideen deS ausgebildetesien Theils mit dem roheren, die Abstimmung der Erweiterung und Verfeinerung der ersteren zur natürlichen Einfalt und Originalität der letzteren, und auf diese Art dasjenige Mittel zwischen der höheren Cultur und der genügsamen Natur zuerst erfinden, welches den richtigen, nach keinen allgemeinen Regeln anzugebenden Maaßstab auch für den Geschmack, als allgemeinen Mcnfchensinn, ausmacht» Schwerlich wird ein spateres Zeitalter jene Muster entbehrlich machen; weil es der Natur immer weniger nahe seyn wird, und sich zuletzt, ohne bleibende Beyspiele von ihr zu haben, kaum einen Begrif von der glücklichen Vereinigung des gesetzlichen Zwanges der höchsten Cultur mit der Kraft und Richtigkeit der ihren eigenen Werth fühlenden freyen Natur iu einem und demselben Volke zu machen im Stande seyn möchte. Da aber der Geschmack im Grunde ein Bmrthei- lungsvermögen der Versinnlichung sittlicher Ideen (vermittelst einer gewissen Analogie der Reflexion über beide) ist, wovon auch, und von der darauf zu gründenden größeren Empfänglichkeit für das Gefühl aus den letzteren (welches das moralische heißt) diejenige Lust sich ableitet, welche der Geschmack, als für die R 4 Erster Theil. W,"ischheit überhaupt, nicht bloß für eines Jeden Pri- v'.lgefühl, gültig erklart : so leuchtet ein, daß die wahre Propadevtik znr Gründung des Geschmacks die Entwickelung sittlicher Ideen und die Cultur des mo- r l'-schen Gefühls se»; da, nur wenn mit diesem die Sinnlichkeit in Einstimmung gebracht wird, der achte Gcfchmack eine bestimmte unveränderliche Form an- nchmen kann. Der Critik der Urtheilskraft Zweyter Theil. Kritik der theologischen Urtheilskraft. 267 §. 6l. Von der objectiven Zweckmäßigkeit der Natur. Ä^an hat, nach transcendentalen Principien, guten Grund, eine subjective Zweckmäßigkeit der Natur in ihren besondern Gesetzen, zu der Faßlichkeit für die menschliche Urtheilskraft, und der Möglichkeit der Verknüpfung der besondern Erfahrungen in ein System derselben, anzunehmen; wo dann unter den vielen Producten derselben auch solche als möglich erwartet werden können, die, als ob sie ganz eigentlich für unsere Urtheilskraft angelegt waren, eine solche specifische ihr angemessene Form enthalten, welche durch ihreMannichfaltigkeit und Einheit die Gemüthskraste (die im Gebrauche dieses Vermögens im Spiele sind) gleichsam zu starken und zu unterhalten dienen, und denen man daher den Namen schöner Formen beylegt. Daß aber Dinge der Natur einander als Mittel zu Zwecken dienen, und ihre Möglichkeit selbst nur durch diese Art von Caufalitat hinreichend verstandlich sey, dazu haben wir gar keinen Grund in der allgemeinen Idee der Natur, als Jnbegrifs der Gegenstande der 268 Zweyter Theil. Sinne. Denn im obigen Falle konnte die Vorstellung der Dinge, weil sie etwas in uns ist, als zu der innerlich zweckmäßigen Stimmung unserer Erkenntnißvermv- gen geschickt und tauglich, ganz wohl auch s priori gedacht werden; wie aber Zwecke, die nicht die unsrigeu sind, und die anch der Natur (welche wir nicht als intelligentes Wesen annehmen) nicht zukommen, doch eine besondere Art der Causalität, wenigstens eine ganz eigne Gesetzmäßigkeit derselben ausmachen können oder sollen, laßt sich a priori gar nicht mit einigein Grunde präsumi- ren. Was aber noch mehr ist, so kann uns selbst die Erfahrung die Wirklichkeit derselben nicht beweisen; es müßte denn eine Vernünftele» vorhergegangen seyn, die Aur den Begrif des Zwecks in die Natur der Dinge hin- cinspielt, aber ihn nicht von den Objecten und ihrer Er- fahrungserkenntniß hernimmt, denselben also mehr braucht, die Natur nach der Analogie mit einem sub- ?ectiven Grunde der Verknüpfung der Vorstellungen in uns begreiflich zu machen, als sie ans objectiven Gründen zu erkennen. Überbein ist die objective Zweckmäßigkeit, als Princip der Möglichkeit der Dinge der Natur, so weit davon entfernt, mit dem Begriffe derselben Nothwendig zusammenzuhängen; daß sie vielmehr gerade das-ist, worauf man sich vorzüglich beruft, um die Zufälligkeit derselben (der Natur) und ihrer Form daraus zu beweisen. Denn wenn man z. B. den Bau eines Vogels, Crittk der telcologischen Urtheilskraft. 269 die Höhlung in feinen Knochen, die Lage seiner Flügel zur Bewegung, und des Schwanzes zum Steuern u. s. w. anführt; fo sagt man, daß dieses alles nach dem blo, ßen NSXU3 elköctlvuz in der Natur, ohne noch eine besondere Art der Causalitat, nehmlich die der Zwecke (ne- XUS Knalis), zu Hülfe zu nehmen, im höchsten Grade zufällig sey: d. i. daß sich die Natur, als bloßer Mccha- nism betrachtet, auf tausendfache Art habe anders bilden können, ohne gerade auf die Einheit nach einem solchen Princip z.l stoßen, imd man also außer dem Begriffe der Natur, nicht in demselben, den mindesten Grund dazu a ^rioii allein anzutt'effen hoffen dürfe. Gleichwohl wird die teleologische Beurtheilung, wenigstens problematisch, mit Recht zur Naturforschung gezogen; aber nur, um sie nach der Analogie mit der Causalitat nach Zwecken unter Principien der Beobachtung und Nachforschung zu bringen, ohne sich anzumaßen sie darnach zu erklären» Sie gehört also zur refle- ctirenden, nicht zu der bestimmenden, Urtheilskrast. Der Begrif von Verbindungen und Formen der Natur nach Zwecken ist doch wenigstens ein Princip mehr, die Erscheinungen derselben unter Regeln zu bringen, wo die Gesetze der Causalitat nach dem bloßen Mechamsm derselben nicht zulangen. Denn wir führen einen teleo- logifchen Gruud an, wo wir einem Begriffe vom Objecte, als ob er in der Natur (nicht in uns) befindlich Wäre, Ccmsalität in Ansehung eines Objects zueignen, 270 Zweyter Theil. oder vielmehr nach der Analogie einer solchen Causalität (dergleichen wir in uns antreffen) uns die Möglichkeit des Gegenstandes vorstellen, mithin die Natur als durch eignes Vermögen technisch denken; wogegen, wenn wir ihr nicht eine solche Wirkungsart beylegen, ihr Causalität als blinder Mechanism vorgestellt werden müßte. Wurden wir dagegen der Natur abslchtllch- wirkende Ursachen unterlegen, mithin der Telcologie nicht bloß ein regulatives Princip für die bloße Beurtheilung der Erscheinungen, denen die Natur nach ihren besondern Gesetzen als unterworsen gedacht werden könne, sondern dadurch auch ein conjtitlltives Princip der Ableitung ihrer Producte von ihren Ursachen zum Grunde legen; so würde der Begrif eines Naturzwecks nicht mehr für die reflectirende, sondern die bestimmende Urtheilskraft gehören; alsdann aber in der That gar nicht der Urtheilskraft eigenthümlich angehören (wie der Begrif der Schönheit als formaler sub- jectiver Zweckmäßigkeit), sondern, als Vernunftbegrif, eine neue Causalität in der Naturwissenfchaft einführen, die wir doch nur von uns selbst entlehnen und andern Wesen beylegen, ohne sie gleichwohl mit uns als gleichartig annehmen zu wollen. 271 Erste Abtheilung. Analytik der t e l e 0 l 0 g i s ch e n urtheilökraft. §. 62. Von der objectiven Zweckmäßigkeit die bloß formal ist, zum Unterschiede von der materialen. ^lle geometrische Figuren, die nach einem Prilttiv gezeichnet werden, zeigen eine mannichfaltige, oft bewunderte, objective Zweckmäßigkeit, nehmlich der Tauglichkeit zur Auflösung vieler Probleme nach einem einzigen Princip, und auch wohl eines jeden derselben auf unendlich verschiedene Art an sich. Die Zweckmäßigkeit ist hier offenbar objectiv und intellektuell, nicht aber bloß subjectiv und ästhetisch. Denn sie drückt die Angeinessen- heit der Figur zur Erzeugung vieler abgezweckten Gestalten aus, und wird durch Verminst erkannt. Allein die Zweckmäßigkeit macht doch den Begrif von dem Gegenstande selbst nicht möglich, d. i. er wird nicht bloß in Rücksicht auf diesen Gebrauch als möglich angesehen. 272 Zweyter Theil. .In einer so einfachen Figur, als der Cirkel ist, liegt der Grund zu einer Auflösung einer Menge von Problemen, deren jedes für sich mancherley Zurüsiung erfordern wurde, und die als eine von den unendlich vielen vortreflichen Eigenschaften dieser Figur sich gleichsam von selbst ergiebt. Ist es z. B. darum zu thun, aus der gegebenen Grundlinie und dem ihr gegenüberstehenden Winkel einen Triangel zu construiren, so ist die Aufgabe unbestimmt, d. i. sie laßt sich auf unendlich mau- nichfaltige Art auflösen. Allein der Cirkel befaßt sie doch alle insgesammt, alö der geometrische Ort für alle Dreyecke, die dieser Bedingung gemäß sind. Oder zwey Linien sollen sich einander so schneiden, daß das Rechteck aus den zwey Theilen der einen dem Rechteck aus den zwey Theilen der andern gleich sey: so hat die Auflösung der Aufgabe dem Ansehen nach viele Schwierigkeit. Aber alle Linien, die sich innerhalb dem Cirkel, dessen Umkreis jede derselben begränzt, schneiden, theilen sich von selbst in dieser Proportion. Die andern krummen Linien geben wiederum andere zweckmäßige Auflösungen an die Hand, an die in der Regel, die ihre Construction ausmacht, gar nicht gedacht war. Alle Kegelschnitte für sich, und in Vergleichung mit einander, sind fruchtbar an Principien zur Auflösung einer Menge möglicher Probleme, so einfach auch ihre Erklärung ist, welche ihren Begrif bestimmt. — Es ist eine wahre Freude, den Eifer veralten Geometer anzufeheu, mit dem sie diesen Eigenschaften der Critik der theologischen Urtheilskraft. 27z der Linien dieser Art nachforschten, ohne sich durch die Frage eingeschränkter Köpfe irre machen zu lassen: wozu denn diese Kenntniß nützen sollte? z. B. die der Parabel, ohne das Gesetz der Schwere auf der Erde zu kennen, welches ihnen die Anwendung derselben auf die Wurfslinie schwerer Körper (deren Richtung der Schwere in ihrer Bewegung als parallel angesehen werden kann) würde an die Hand gegeben haben; oder der Ellipse, ohne zu ahnen, daß auch eine Schwere an Himmelskörpern zu finden sey, und ohne ihr Gesetz in verschiedenen Entfernungen vom Anziehungspunkte zu kennen, welches macht, daß sie diese Linie in freyer Bewegung beschreiben. Wahrend dessen, daß sie hierin, ihnen selbst unbewußt, für die Nachkommenschaft arbeiteten, ergötzten sie sich an einer Zweckmäßigkeit in dem Wesen der Dinge, die sie doch völlig -» priyii in ihrer Nothwendigkeit darstellen konnten. Plato, selbst Meister in dieser Wissenschaft, gerieth über eine solche ursprüngliche Beschaffenheit der Dinge, welche zu entdecken wir aller Erfahrung entbehren können, und über das Vermögen des Gemüths, die Harmonie der Wesen aus ihrem übersinnlichen Princip schöpfen zu können (wozu noch die Eigenschaften der Zahlen kommen, mit denen das Gemüth in der Musik spielt), in die Begeisterung, welche ihn über die Erfahrungsbegriffe zu Ideen erhob, die ihm nur durch eine intellectuelle Gemeinschaft mit dem Ursprünge aller Wesen erklärlich zu seyn schienen. Kein Wunder. AW5» ' ' Cririk der theologischen Urtheilskraft. 2.79 liegt, subjectiv ist, da die Vollkommenheit ein objectives Wohlgefallen bey sich fuhrt. §. 56.' Von der relativen Zweckmäßigkeit der Natur, zum Unterschiede von der innern. Die Erfahrung leitet unsere Urthcilslraft auf den Begrif einer objectiven und materialen Zweckmäßigkeit, d. i. auf den Begrif eines Zwecks der Natur nur alsdann, wenn ein Verhältniß der Ursache zur Wirkung zu beurtheilen ist*), welches wir als gesetzlich einzusehen uns nur dadurch vermögend finden, daß wir die Idee der Wirkung, der Causalitat ihrer Ursache, als die dieser selbst zum Grunde liegende Bedingung der Möglichkeit der ersteren, unterlegen. Dieses kann aber auf zwiefache Weise geschehen: entweder indem wir die Wirkung unmittelbar als Kunstprodukt, oder nur als Material für die Kunst anderer möglicher Naturwesen, also entweder als Zweck, oder als Mittel zum zweckmäßigen Gebrauche anderer Ursachen, ansehen. Die letztere Zweckmäßigkeit heißt die Nutzbarkeit (für Menschen), ') Weil in der reinen Mathematik nicht von der Existenz, sondern nur der Möglichkeit der Dinge, nehmlich einer il> rem Begrif correspvndirenden Anschauung, mithin gar nicht von Ursache und Wirkung die Rede seyn kann; so muß folglich alle daselbst angemerkte Zweckmäßigkeit bloß als formal, niemals als Naturzweck, betrachtet werden. S4 „ 280 Zweyter Theil. oder auch 'Zutraglichkeit (für jedes andere Geschöpf), und ist bloß relativ; indeß die erstere eine innere Zweckmäßigkeit des Naturwefens ist. Die Flusse führen z. B. allerley zum Wachsthum der Pflanzen dienliche Erde mit sich fort, die sie bisweilen mitten im Lande, oft auch an ihren Mündungen, abfetzen. Die Fluch führt diesen Schlich an manchen Küsten über das Land, oder setzt ihn an dessen Ufer ab; und, wenn vornehmlich Menschen dazu helfen, damit die Ebbe ihn nicht wieder wegführe, fo nimmt das fruchtbare Land zu, und das Gewachsreich gewinnt da Platz, wo vorher Fifche und Schaalthiere ihren Aufenthalt gehabt hatten. Die meisten Landeserweiterungen auf diefe Art hat wohl die Natur selbst verrichtet, und fahrt damit auch noch, obzwar langsam, fort. — Nun fragt sich, ob dies als ein Zweck der Natur zu beurtheilen sey, weil es eine Nutzbarkeit für Meufchen enthält; denn die für das Gcwachsrcich selber kann man nicht in Anschlag bringen, weil dagegen eben so viel den Meergeschöpfen entzogen wird, als dem Lande Vortheil zuwachst. Oder, um ein Beyspiel von der Zutraglichkeit gewisser Naturdinge als Mittel für andere Geschöpfe (wenn man sie als Mittel vorausfetzt) zu geben: so ist kein Boden den Fichten gedeihlicher, als ein Sandboden. Nun hat das alte Meer, ehe es sich vom Lande zurückzog, so viele Sandstriche in unfern nordlichen Gegenden zurückgelassen, daß auf diesem für alle Cultur sonst so unbrauch- Critik der teleslogischen Urtheilskraft. 281 baren Boden weitläuftige Fichtenwälder haben aufschlagen können, wegen deren unvernünftiger Ausrottung wir häufig unsere Vorfahren anklagen; und da kann man fragen, ob diefe uralte Abfetzung der Sandschichten ein Zweck der Natur war, zum Behuf der darauf^mög- lichen Fichtenwälder. So viel ist klar: daß, wenn man diese als Zweck der Natur annimmt, man jenen Sand auch, aber nur als relativen, Zweck einräumen müsse, wozu wiederum der alte Meeressirand und dessen Zurückziehen das Mittel war; denn in der Reihe der einander subordinirten Glieder einer Zweckvcrbindung muß ein jedes Mittelglied als Zweck (obgleich eben nicht als Endzweck) betrachtet werden, wozu seine nächste Ursache das Mittel ist. Eben so, wenn einmal Rindvieh, Schaafe, Pferde u. s. w. in der Welt seyn sollten, so mußte Gras auf Erden, aber es mußten auch Salzkräuter in Sandwüsten wachsen, wenn Cameele gedeihen sollten, oder auch diese und andere grasfressende Thierarten in Menge anzutreffen seyn, wenn es Wölfe, Tiger und Löwen geben sollte. Mithin ist die objective Zweckmäßigkeit, die sich auf Zuträglichkeit gründet, nicht eine objective Zweckmäßigkeit der Dinge an sich selbst, als ob der Sand für sich, als Wirkung, aus seiner Ursache, dem Meere, nicht könnte begriffen werden, ohne dein letzter» einen Zweck unterzulegen, und ohne die Wirkung, nehmlich den Sand, als Kunstwerk zu betrachten. Sie ist tine bloß relative, dem Dinge selbst, dem sie beygelegt S? 282 Zweyter Thoil. wird, bloß zufallige Zweckmäßigkeit; und, obgleich unter den angeführten Beyspielen, die Grasarten für sich, als organisirte Producte der Natur, mithin als kunstreich zu beurtheile» sind, so werden sie doch in Beziehung auf Thiere, die sich davon nähren, als bloße rohe Materie angesehen. Wenn aber vollends der Mensch, durch Freyheit seiner Causalität, die Naturdinge seinen oft thörichten Absichten (die bunten Vogelfedern zum Putzwerk seiner Bekleidung, farbige Erden oder Pflanzcnsäfte zur Schminke), manchmal auch ans vernunftiger Absicht, das Pferd zum Reiten, den Stier und in Minorca sogar den Esel und das Schwein zum Pflügen, zuträglicher findet; so kann man hier auch nicht einmal einen relativen Naturzweck (auf diesen Gebrauch) annehmen. Denn seine Vernunft weiß den Dingen eine Übereinstimmung mit seinen willkürlichen Einfallen, wozu er selbst nicht einmal von der Natnr pradcstinirt war, zu geben. Nur WLNN man annimmt, Menschen haben auf Erden leben sollen, so müssen doch wenigstens die Mittel, ohne die sie als Thiere und selbst als vernünftige Thiere (in wie niedrigem Grade es auch sey) nicht bestehen konnten, auch nicht fehlen; alsdann aber würden diejenigen Natur- dinge, die zu diesem Vehus unentbehrlich sind, auch als Naturzwecke angesehen werden müssen. Man sieht hieraus leicht ein, daß die äußere Zweckmäßigkeit (Zuträglichkeit eines Dinges für andere) nur Critik der teleologischen Urtheilskraft. 28z unter der Bedingung, daß die Existenz desjenigen, dem es zunächst oder auf entfernte Weife zuträglich ist, für sich selbst Zweck der Natur sey, für einen äußern Natur- zw^ck angeschen werden könne. Da jenes aber, durch bloße Naturbetrachtung, nimmermehr auszumachen ist; so folgt, daß die relative Zweckmäßigkeit, ob sie gleich hypothetisch auf Naturzwecke Anzeige giebt, dennoch zu keinem absoluten teleologischen Urtheile berechtige. Der Schnee sichert die Staaten in kalten Landern Wider den Frost; er erleichtert die Gemeinschaft der Menschen (durch Schlitten); der Lappländer findet dort Thiere, die diese Gemeinschaft bewirken (Rennthiere), die an einem dürren Moose, welches sie sich selbst unter dem Schnee hervorscharren müssen, hinreichende Nahrung finden, und gleichwohl sich leicht zähmen, und der Freyheit, in der sie sich gar wohl erhalten könnten, willig beraube« lassen. Für andere Völker in derselben Eiszone enthalt das Meer reichen Vorrath an Thieren, die, ausser der Nahrung und Kleidung, die sie liesern, und dem Holze, welches ihnen das Meer zu Wohnungen gleichsam hinflößet, ihnen noch Brennmaterien zur Erwärmung ihrer Hütten liefern. Hier ist nun eine bewundernswürdige Zusammenkunft von so viel Beziehungen der Natur auf einen Zweck; und dieser ist der Grönländer, der Lappe, der Samojede, der Jakure, u. s. w. Aber man sieht nicht, warum überhaupt Menschen dort leben müssen. Also sagen: daß darum Dünste aus der ^ ' ^. ^>i»^»L-i,I-'-^^- ^ - - ' 284 Zweyter Theil. Luft in der Form des Schnees herunterfallen, das Meer seine Ströme habe, welche das in warmem Landern gewachsene Holz dahinschwemmen, und große mit Öl angefüllte Seethiere da sind, weil der Ursache, die alle die Naturproducte Herbeyschaft, die Idee eines Vortheils für gewisse armselige Geschöpfe zum Grunde liege: wäre ein sehr gewagtes und willkürliches Urtheil. Denn, wenn alle diese Naturnützlichkcit auch nicht Ware, so würden wir nichts an der Zulänglichkeit der Naturursachen zu dieser Beschaffenheit vermissen; vielmehr eine solche Anlage auch nur zu verlangen und der Natur einen solchen Zweck zuzumuthen (da ohnedas nur die größte Unverträglichkeit der Menschen unter einander sie bis in so unwirlhbare Gegenden hat versprengen können), würde uns selbstvermessen undunüberlegtzuseyn dünken. ' §. 64. Von dem eigenthümlichen Character der Dinge als Naturzwecke. Um einzusehen, daß ein Ding nur als Zweck möglich sey, d. h. die Causalität seines Ursprungs nicht im Mechanism der Natur, sondern in einer Ursache, deren Vermögen zu wirken durch Begriffe bestimmt wird, suchen zu müssen, dazu wird erfordert: daß seine Form nicht nach bloßen Naturgeseyen möglich sey, d. i. solchen, welche von uns durch den Verstand allein, auf Gegenstände der Sinne angewandt, erkannt werden können; Critik der theologischen Urtheilskraft. 285 fondern daß selbst ihr empirisches Erkenntniß, ihrer Ursache und Wirkung nach, Begriffe der Vernunft voraussetze. Diese Zufälligkeit seiner Form bey allen empirischen Naturgesetzen in Beziehung auf die Vernunft, da die Vernunft, welche an einer jeden Form eines Naturprodukts auch die Nothwendigkeit derselben erkennen muß, wenn sie auch nur die mit seiner Erzeugung verknüpften Bedingungen einsehen will, gleichwohl aber an jener gegebenen Form diese Nothwendigkeit nicht annehmen rann, ist selbst ein Grund, die Causalität desselben so anzunehmen, als ob sie eben darum nur durch Vernunft möglich sey: diese aber ist alsdann das Vermögen, nach Zwecken zu handeln (ein Wille); und das Object, welches nur als aus diesem möglich vorgestellt wird, wurde nur als Zweck für möglich vorgestellt werden. Wenn jemand in einem ihm unbewohnt scheinenden Lande eine geometrische Figur, allenfalls ein reguläres Sechseck, im Sande gezeichnet Wahrnahme; so wurde seine Reflexion, indem sie an einem Begriffe derselben arbeitet, der Einheit des Princips der Erzeugung desselben, wenn gleich dunkel, vermittelst der Vernunft inne werden, und so, dieser gemäß, den Sand, das benachbarte Meer, die Winde, oder auch Thiere mit ihren Fußtritten, die er kennt, oder jede andere vernunftlose Ursache nicht als einen Grund der Möglichkeit einer sol, chen Gestalt beurtheilen: weil ihm die Zufälligkeit, mit 286 Zweyter Theil. einem solchen Begriffe, der nur in der Vernunft möglich ist, zusammen zu treffen, so unendlich groß scheinen würde, daß es eben so gut wäre, als ob es dazu gar kein Naturgesetz gebe, daß folglich auch keine Ursache in der bloß mechanisch wirkenden Natur, sondern nur der Vegrif von einen; solchen Object, als Begrif, den nur Nernunft geben und mit demselben den Gegenstand vergleichen kann, auch die Ccmsalitat zu einer solchen Wirkung enthalten, folglich diese durchaus als Zweck, aber nicht Naturzweck, d. i. als Product der Kunst, angesehen werden könne (ve!U°lu>M liomlnls viäso). Um aber etwas, das man als Naturproduct erkennt, gleichwohl doch auch als Zweck, mithin als NatM'zlveck, zu beurtheilen; dazu, wenn nicht etwa hierin gar ein Widerspruch liegt, wird schon mehr erfordert. Ich würde vorläufig sagen: ein Ding eristirt als Naturzweck, WöNN es sich V0N selbst (obgleich in zwiefachem Sinne) Ursache und Wirkung ist; denn hierin liegt eine Cansalitat, dergleichen mit dem bloßcn Begriffe einer Natur, ohne ihr einen Zweck unterzulegen, nicht verbunden, aber auch alsdann, zwar ohne Widerspruch gedacht aber nicht begriffen werden kann. Wir wollen die Bestimmung dieser Idee von einem Naturzwecke zusörderst durch ein Beyspiel erläutern, ehe wir sie völlig auseinandersetzen. Ein Baum zeugt erstlich einen andern Baum nach einem bekannten Naturgesetze. Der Baum aber, den ^ Critik der teleologischen Urtheilskraft. 287 er erzeugt, ist von derselben Gattung; und so erzeugt.er sich selbst der Gattung nach, in der er einerseits als Wirkung, andrerseits als Ursache, von sich selbst unaufhörlich hervorgebracht, und eben so, sich selbst oft hervorbringend, sich, als Gattung, beständig erhält. Zweytens erzeugt ein Baum sich auch selbst als Individuum. Diese Art von Wirkung nennen wir zwar nur das Wachsthum; aber dieses ist in solchem Sinne zu nehmen, daß es von jeder andern Größenzu^ nähme nach mechanischen Gesetzen gänzlich unterschieden, und einer Zeugung, wiewohl unter einem andern Na> men, gleich zu achten ist. Die Materie, die er zu sich hinzusetzt, verarbeitet dieses Gewächs vorher zu specifischeigenthümlicher Qualität, welche der Naturmechanism außer ihr nicht liefern kann, und bildet sich selbst weiter aus, vermittelst eines Stoffes, der, seiner Mischung nach, sein eignes Product ist. Denn, ob er zwar, was die Bestandtheile betrift, die er von der Natur außer ihm erhält, nur als Educt angesehen werden muß; so ist doch in der Scheidung uud neuen Zusammensetzung dieses rohen Stoss eine solche Originalität des Schei- dungs- und Bildungsvermvgens dieser Art Naturwesen anzutreffen, daß alle Kunst davon unendlich weit entfernt bleibt, wenn sie es versucht, aus den Elementen, die sie durch Zergliederung derselben erhält, oder auch dem Stof, den die Natur zur Nahrung derselben lie^ fert, jene Producte des Eewächsreichs wieder herzu, stellen. 288 Zweyter Theil. Dritteiis erzeugt ein Theil dieses Geschöpfs auch sich selbst so: daß die Erhaltung des einen von der Erhaltung der andern wechselsweise abhangt. Das Auge an einem Bamnblatt, dem Zweige eines andern eingeimpft, bringt an einem fremdartigen Stocke ein Gewächs von seiner eignen Art hervor, und eben fo das Pfropfreis auf einem andern Stamme. Daher kann man auch an demselben Baume jeden Iweig oder Blatt als bloß auf diesen gepfropft oder oculirt, mithin als einen für sich selbst bestehenden Baum, der sich nur an einen andern anhängt und parasitisch nährt, ansehen. Zugleich sind die Blatter zwar Producte des Baums, erhalten aber' diesen doch auch gegenseitig; denn die wiederholte Entblätterung würde ihn todten, und sein Wachsthum hangt von ihrer Wirkung auf den Stamm ab. Der Selbsthülfe der Natur in diesen Geschöpfen bey ihrer Verletzung, wo der Mangel eines Theils, der zur Erhaltung der benachbarteil gehörte, von den übrigen ergänzt wird; der Mißgeburten oder Mißgestalten im Wachsthum, da gewisse Theile, wegen vorkommender Mangel oder Hindernisse, sich auf ganz neue Art formen, um das, was da ist, zu erhalten, und ein ano- malifches Geschöpf hervorzubringen: will ich hier nur im Vorbeygehen erwähnen, ungeachtet sie unter die wundersamsten Eigenschaften, organisirtev Geschöpfe gehören. §. 65. Critik der teleologischen UrtheilSkraft. 289 §. 65. Dinge, als Naturzwecke, sind organisirte Wesen. Nach dem im vorigen §. angeführten Character, muß ein Ding/ welches, als Naturproduct, doch zugleich nur als Naturzweck möglich erkannt werden soll, sich zu sich selbst wechselseitig als Ursache und Wirkung verhalten, welches ein etwas uneigentlicher und unbestimmter Ausdruck ist, der einer Ableitung von einem bestimmten Begriffe bedarf. Die Causalverbindung, sofern sie bloß durch den Verstand gedacht wird, ist eine Verknüpfung die eine Reihe (von Ursachen und Wirkungen) ausmacht, welche immer abwärts geht; und die Dinge selbst, welche als Wirkungen andere als Ursache voraussetzen, können von diesen- nicht gegenseitig zugleich Ursache seyn. Diese Causalverbindung nennt man die der wirkenden Ursachen (nsxus el?Lctivus). Dagegen aber kann doch auch eine Causalverbindung nach einem Vernunftbegriffe (von Zwecken) gedacht werden, welche, wenn man sie als Reihe betrachtete, sowohl abwärts als aufwärts Abhängigkeit bey sich führen würde, in der das Ding, welches einmal als Wirkung bezeichnet ist, dennoch aufwärts den Namen einer Ursache desjenigen Dinges verdient, wovon es die Wirkung ist. Im practifchen (nehmlich der Kunst) findet man leicht dergleichen Verknüpfung Hains chetl> wie sie diejenigen Dinge besitzen, welche nur als Natur- Zwecke möglich sind und darum organisirte Wesen hcis- sen, ist nach keiner Analogie irgend eines uns bekannten physischen d. i. Naturvermögens, ja da wir selbst zur Natur im weitesten Verstände gehören, selbst nicht einmal durch eine genau angemessene Analogie mit menschlicher Kunst denkbar und erklärlich. Der Vegrif eines Dinges, als an sich Naturzwecks, ist also kein coustitutiver Vegrif des Verstandes oder der Vernunft, kann aber doch ein regulativer Begrif für die Man kann umgekehrt einer gewissen Verbindung, die aber auch mehr in der Idee als in der Wirklichkeit angetroffen wird, durch eine Analogie mit den genannten unmittelbaren Naturzwecken Licht gebe». So hat man sich, bey einer neuerlich unternommenen gänzlichen Umbildung eines großen Volks zu einem Staat, des Worts Grganisarion häufig für Einrichtung der Magistrat««» u. s. w. und selbst des ganzen Sraotskörpers sehr schicklich bedient. Denn jedes Glied soll freylich in einem solchen Ganzen nicht bloß Mit, tel, sondern zugleich auch Zweck; und, indem es zu der Mög/ lichkeit des Ganzen mitwirkt, durch die Idee des Ganze» wiederum, seiner Stelle und Functisn uach, bestimmt seyn. Critik der theologischen llrtheilskraft. 295 rcflectirende Urtheilskraft seyn, nach einer entfernten Analogie mit unserer Causalität nach Zwecken überhaupt die Nachforschung über Gegenstande dieser Art zu leiten und über ihren obersten Grund nachzudenken; das letztere zwar nicht zulL Behuf der Kenntniß der Natur, oder jenes Urgrundes derselben, sondern vielmehr eben desselben vractischen Vernnnftvermögens in uns, mit welchem wir die Ursache jener Zweckmäßigkeit in Analogie betrachteten. Organisirte Wesen sind also die einzigen in der Natur, welche, wenn man sie auch für sich und ohne ein Verhältniß auf andere Dinge betrachtet, doch nur als Zwecke derselben möglich gedacht werden müssen, und die also zuerst dem Begriffe eines Zwecks, der nicht ein praktischer sondern Zweck der Natur ist, objective Realität, und dadurch für die Naturwissenschaft den Grund zu einer Teleologie, d. i. einer Veurtheilungs- art ihrer Objecte nach einem besondern Princip, verschaffen, dergleichen man in sie einzuführen (weil man die Möglichkeit einer solchen Art Causalität gar nicht 2 priori einsehen kann) sonst schlechterdings nicht berechtigt seyn würde. §- 66.. Vom Princip der Beurtheilung der innern Zweckmäßigkeit in organisirten Wesen. Dieses Princip, zugleich die Definition derselben, heißt: Ein organisittes Product der Natur ist L4 296 Zweyter Theil. das, in welchem alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist. Nichts in ihm ist umsonst, zwecklos, oder einem blinden Naturmcchanism zuzuschreiben» Dieses Princip ist zwar, ft-ner Veranlassung nach, von Erfahrung abzuleiten, nehml^) derjenigen, welche methodisch angestellt wird und Beobachtung heißt; der Allgemeinheit und Nothwendigreit wegen aber, die es^ von einer solchen Zweckmäßigkeit aussagt, kann es nicht bloß auf Erfahrungsgründen beruhen, sondern muß irgend ein Princip a xrim-i, wenn es gleich bloß regulativ Ware, und jene Zwecke allein in der Idee des Beurtheilenden und nirgend in einer wirkenden Ursache lagen, zum Grunde haben. Man kann, daher obgenanntes Princip eine Ma.MUe der Beurtheilung der innern Zweckmäßigkeit organisirter Wesen nennen. Daß die Aergliederer der Gewächse und Thiere, um ihre Structnr zu erforschen und die Grunde einsehen zu können, warum und zu welchem Ende solche Theile, warum eine solche Lage und Verbindung der Theile und gerade diese innere Form ihnen gegeben worden; jene Maxime: daß nichts in einem solchen Geschöpf umsonst sey, als uuumganglich nothwendig annehmen, und sie eben so, als den Grundsatz der allgemeinen Naturlehre: daß nichts V0N ungefähr geschehe, geltend machen, ist bekannt. In der That können sie sich auch von diesem theologischen Grundsätze eben so' wenig lossagen, als von dem allgemeinen physischen, weil, so ' Critik der teleologischen Urtheilskraft. 297 wie bey Verlassung des letzteren gar keine Erfahrung überhaupt, so bey der des ersteren Grundsatzes kein Leitfaden für die Beobachtung einer Art von Naturdingen, die wir einmal teleologifch unter dem Begriffe der Na- turMecke gedacht haben, übrig bleiben würde. Denn dieser Begrif führt die Vernnnft in eine ganz andere Ordnung der Dinge, als die eines bloßen Mecha- nisms der Natur, der uns hier nicht mehr genugthun will. Eine Idee soll der Möglichkeit des Naturproducts zum Grunde liegen. Weil diese aber eine absolute Einheit der Vorstellung ist, statt daß die Materie eine Vielheit der Dinge ist, die für sich keine bestimmte Einheit der Zusammensetzung an die Hand geben kann; so muß, wenn jene Einheit der Idee sogar als Bestimmungs- gruud 2 priori eines Naturgesetzes der Causalitat einer solchen Form des Zusammengesetzten dienen soll, der Zweck der Natur auf Alles, was in ihrem Producte liegt, erstreckt werden. Denn, wenn wir einmal dergleichen Wirkung im Ganzen auf einen übersinnlichen Bestlmmnngsgrund über den blinden Mechanism der Natur hinaus, beziehen, müssen wir sie auch ganz nach diesem Princip beurtheilen; und es ist kein Grund da, die Form eines solchen Dinges noch zum Theil vom letzteren als anhängig anzunehmen, da alsdann, bey der Vermischung ungleichartiger Principien, gar keine sichere Regel der Beurtheilung übrig bleiben würde. 298 Zweyter Theil. Es mag immer seyn, daß z. B. in einem thierischen Körper manche Theile als Concretionen nach bloß mechanischen Gesetzen begriffen werden könnten (als Haute, Knochen, Haare). Doch muß die Ursache, welche die dazu schickliche Materie Herbeyschaft, diese so modificirt, formt, und an ihren gehörigen Stellen abfetzt, immer teleologifch beurtheilt werden, so, daß alles in ihm als organisirt betrachtet werden muß, und alles auch in gewisser Beziehung auf das Ding selbst wiederum Organ ist. §. 67. Vom Princip der teleologischen Beurtheilung über Natur überhaupt als Systent der Zwecke. Wir haben oben von der äußeren Zweckmäßigkeit der Naturdinge gesagt: daß sie keine hinreichende Berechtigung gebe, sie zugleich als Zwecke der Natur, zu Erklarungsgründen ihres Daseyns, und die zufällig- zweckmäßigen Wirkungen derselben in der Idee, zu Gründen ihres Daseyns nach dem Princip der Endursachen zu brauchen. So kann man die Flüsse, weil sie die Gemeinschaft im Innern der Länder unter Völkern befördern, die Gebirge, weil sie zu diesen die Quellen und zur Erhaltung derselben den Schneevorrath für regenlose Zeiten enthalten, ungleichen den Abhang der Länder, der diese Gewässer abführt und das Land trocken werden laßt, darum nicht sofort für NaturMcke Critik der teleologischen Urtheilskrast. 299 halten; weil, obzwar diese Gestalt der Oberfläche der Erde zur Entstehung und Erhaltung des Gewächs- und Thierreichs sehr nöthig war, sie doch nichts an sich hat, zu dcssen Möglichkeit man sich genöthigt sahe eine Causa- litat nach Zwecken anzunehmen. Eben das gilt von Gewachsen, die der Mensch zu seiner Nothdurft oder Er- götzlichkeit nutzt: von Thieren, dem Cameele, dem Rinde, dein Pferde, Hunde u. s. w., die er theils zu seiner Nahrung, theils seinem Dienste so vielfältig gebrauchen und großentheils gar nicht entbehren kann. Von Dingen, deren keines für sich als Zweck anzusehen man Ursache h^t, kann das äußere Verhältniß nur hypothetisch für zweckmäßig beurtheilt werden. Ein Ding seiner innern Form halber, als Natnr- zweck beurtheilen, ist ganz etwas anderes, als die Existenz dieses Dinges für Zweck der Natur halten. Zu der letztern Behauptung bedürfen wir nicht bloß den Begrif von einem möglichen Zweck, sondern die Erkenntniß des Endzwecks (lcopus) der Natur, welches eine Beziehung derselben ans etwas Übersinnliches bedarf, die alle unsere teleologische Naturerkcnntniß weit übersteigt; denn der Zweck der Existenz der Natur selbst muß über die Natur hinaus gesucht werden. Die innere Form eines bloßen Grashalms kann seinen bloß nach der Regel der Zwecke möglichen Ursprung,, für unser menschliches Beurtheilungsvermögen hinreichend, beweisen. Geht man aber davon ab, und sieht nur auf zoo Zweyter Theil. den Gebrauch, den andere Naturwesen davon machen, verlaßt also die Betrachtung der innern Organisation und sieht nur auf äußere zweckmäßige Beziehungen, r-e das Gras dem Vieh, wie dieses dem Menschen als Mittel zu seiner Eristenz nöthig sey; und man sieht nicht, warum es denn nöthig sey, daß Menschen eri> stiren (welches, wenn man etwa die Neuhollander oder Fcuerländer in Gedanken hat, so leicht nicht zu beantworten seyn möchte): so gelangt man zu keinem kategorischen Zwecke, sondern alle diese zweckmäßige Beziehung beruht auf einer immer weiter hinauszusetzenden Bedingung, die als unbedingt (das Daseyn eines Dinges als Endzweck) ganz außerhalb der physisch-te- levlogischen Weltbetrachtung liegt. Alsdann aber ist ein solches Ding auch nicht Naturzweck; chenn es ist (oder seine ganze Gattung) nicht als Natnrproduct anzusehen. Es ist also nnr die Materie, sofern sie organisirt ist, welche den Begrif von ihr als einem Naturzwecke nothwendig bey sich fuhrt, weil diese ihre specifische Form zugleich Product der Natur ist. Aber dieser Begrif führt nun nothwendig auf die Idee der gesammten Natur als eines Systems nach der Regel der Zwecke; welcher Idee nun aller Mechanism der Natur nach Principien der Vernnnft (wenigstens um daran die Naturerscheinung zu versuchen) untergeordnet werden muß. Das Princip der Vernunft ist ihr als nur subjectiv, o. i. als Maxime zustandig: Alles in der Welt ist irgend wozu Critik der teleologischen Urtheilökraft. zoi gut; Nichts ist in ihr umsonst; und man ist durch das Beyspiel, daß die Natur an ihren organischen Pro- ducten giebt, berechtigt, ja berufen, von ihr und ihren Gesetzen nichts, als was im Ganzen zweckmäßig ist, zu erwarten. Es versteht sich, daß dieses nicht ein Princip für die bestimmende, sondern nur für die reflectirende Urtheilskraft sey, daß es regulativ und nicht constitutiv sey, und wir dadurch nur einen Leitfaden bekommen, die Naturdinge in Beziehung auf einen Bestimmungsgrund, der ^-on gegeben ist, nach einer neuen gesetzlichen Ordnung zu betrachten, und die Naturkunde nach einem andern Princip, nehmlich dem der Endursachen, doch unbeschadet dem des Mechanisms ihrer Causalitat, zu erweitern. Übrigens wird dadurch keinesweges ausgemacht, ob irgend etwas, das wir nach diesem Princip beurtheilen, absichtlich Zweck der Natur sey: ob die Graser für das Rind oder Schaaf, und ob dieses und die übrigen Naturdinge für den Menschen da sind. Es ist gut, selbst die uns unangenehmen und in besondern Beziehungen zweckwidrigen Dinge auch von dieser Seite zu betrachten. So könnte man z. B. sagen: das Ungeziefer, welches die Menschen in ihren Kleidern, Haaren, oder Bettstellen plagt, sey nach einer weisen Naturanstalt ein Antrieb zur Reinlichkeit, die für sich schon ein wichtiges Mittel der Erhaltung der Gesundheit ist. Oder die Moskitomücken und andere siechende Insecten, zo2 Zweyter Theil. welche die Wüsten von Amerika den Wilden so beschwerlich machen, seyen so viel Stacheln der Thätigkeit für diese angehenden Menschen, um die Moräste abzuleiten, und die dichten den Luftzug abhaltenden Wälder licht zn machen, und dadurch, ungleichen durch den Anbau des Bodens, ihren Ausenthalt zugleich gesunder zu machen. Selbst was dem Menschen in seiner innern Organisation widernatürlich zn seyn scheint, wenn es auf diese Weise behandelt wird, giebt eine unterhaltende, bisweilen auch belehrende Aussicht in eine teleologische Ordnung der Dinge, ans die uns, ohne ein solches Princip, die bloß physische Betrachtnng allein nicht führen würde. So wie einige den Bandwurm dem Menschen oder Thiere, dem er beywohnt, gleichsam zum Ersatz eines gewissen Mangels seiner Lebensorganen beygegeben zu seyn urtheilen: so würde ich fragen, ob nicht die Traume (ohne die niemals der Schlaf ist, ob man sich gleich nur selten derselben erinnert) eine zweckmäßige Anordnung der Natur seyn mögen, indem sie nehmlich bey dem Abspannen aller körperlichen bewegenden Kräfte, dazu dienen, vermittelst der Einbildungskrast und der großen Geschäftigkeit derselben (die in diesem Zustande mehrentheils bis zum Affecte steigt) die Lebensorgcmen innigst zu bewegen; so wie sie auch bey überfülletem Magen, wo diese Bewegung um desto nöthiger ist, im Nachtschlafe gemeiniglich mit desto mehr Lebhaftigkeit spielt; daß folglich ohne diese innerlich Critik der teleologischen Urtheilskraft. zoz^ bewegende Kraft und ermüdende Unruhe, worüber wir die Traume anklagen (die doch in der That vielleicht Heilmittel sind), der Schlaf, selbst im gesunden Zustande, wohl gar ein völliges Erlöschen des Lebens seyn würbe. Auch Schönheit der Natur, d. i. ihre Znscunmen- siimmung mit dem freyen Spiele unserer Erkenntnißvermögen in der Auffassung und Beurtheilung ihrer Erscheinung, kann auf die Art als objective Zweckmäßigkeit der Natur in ihrem Ganzen, als System, worin der Mensch ein Glied ist, betrachtet werden; wenn einmal die telcologische Beurtheilung derselben durch die Naturzwecke, welche uns die organisirren Wesen an die Hand geben, zu der Idee eines großen Systems der Zwecke der Natur uns berechtigt hat. Wir können sie als eine Gunst *), die die Natur für uns gehabt hat, betrachten, daß sie über das Nützliche noch Schönheit und Reize so reichlich austhcilcte, und sie deshalb lieben, so wie, ihrer Unermeßlichkeit wegen, mit Achtung ^betrachten, ') In dem ästhetischen Theile wurde gesagt: wir sähen die schöne Nacur mir Gunst an, indem wir an ihrer Form ein ganz freyes (uninteressirles) Wohlgefallen haben. Denn in diesem bloßen Geschmacksurtheile wird gar nicht darauf Rücksicht genommen, zu welchem Zwecke diese Naturschott? heilen eristiren: ob um uns eine Lust zu erwecken, oder ohne alle Beziehung auf uns als Zwecke. In einem tclev? gischen Urtheile aber geben wir auch auf diese Beziehung Acht; und da können wir es als Gunst der Narur «nft- hcn, daß sie uns, durch Aufstellung so vieler schönen Gt, stalten, zur Cultur Hot beförderlich seyn wollen. Zo4 Zweyter Theil. und uns selbst in dieser Betrachtung veredelt fühlen: ge- radc als ob die Natur ganz eigentlich in dieser Abl-chr ihre herrliche Bühne aufgeschlagen und ausgeschmückt habe. Wir wollen in diesem §. nichts anders sagen, als daß, wenn wir einmal an der Natur ein Vermögen entdeckt haben, Producte hervorzubringen, die nur nach dem Begriffe der Endursachen von uns gedacht werden können, wir weiter gehen, und auch die, welche (oder ihr, obgleich zweckmäßiges, Verhältniß) es eben nicht nothwendig machen, über den Mechanism der blind wirkenden Ursachen hinaus ein ander Princip für ihre Möglichkeit aufzusuchen, dennoch als zu einem System der Zwecke gehörig beurtheilen dürfen; weil uns die erstere Idee schon, was ihren Grund betrift, über die Sinnenwelt hinausführt: da denn die Einheit des übersinnlichen Princips nicht bloß für gewisse Species der Naturwesen, sondern für das Naturganze, als System, auf dieselbe Art als gültig betrachtet werden muß. §. 68» Von dem Princip der Teleologie als innerem Princip der Naturwissenschaft. Die Principien einer Wissenschaft sind derselben entweder innerlich, und werden einheimisch genannt (xrin- cipiü äoineMcz); oder sie sind auf Begriffe, die nur außer ihr Platz finden können, gegründet, und sind auswärtige Principien (xerezrins). Wissenschaften, welche Critik der teleologischen Urtheilskraft, zoz welche die letzteren enthalten, legen ihren Lehren Lehn- sätze (^eininsts) zum Grunde; d. i. sie borgen irgend einen Begrif, und mit ihm einen Ernnd der Anordnung, von einer anderen Wissenschaft. Eine jede Wissenschaft ist für sich ein System; und es ist nicht genug in ihr nach Principien zu bauen und also technisch zu verfahren, fondern man muß mit ihr, als einem für sich bestehenden Gebäude, auch architektonisch zu Werke gehen, und sie nicht, wie einen Anbau und als einen Theil eines andern Gebäudes, sondern als ein Ganzes für sich behandeln, ob man gleich nachher einen Übergang aus diesem in jenes oder wechselseitig errichten kann. Wenn man also für die Naturwissenschaft und in ihren Contert den Begrif von Gott hineinbringt, um sich die Zweckmäßigkeit in der Natur erklärlich zu machen, und hernach diefe Zweckmäßigkeit wiederum braucht, um zu beweisen, daß ein Gott sei): so ist in keiner von beiden Wissenschaften innerer Bestand; und ein täuschendes Diallele bringt jede in Unsicherheit, dadurch, daß sie ihre Gränzen in einander lausen lassen. Der Ausdruck eines Zwecks der Natur beugt dieser Verwirrung schon genugsam vor, um Naturwissenschaft und die Veranlassung, die sie M telcologischen Beurtheilung ihrer Gegenstande giebt, nicht mit der Gottesbetrachtung und also einer thöc logischen Ableitung zu vermengen; und man muß es nicht als BtMs Lrik. ». Urrheilskr. U zo6 Zweyter Theil. unbedeutend ansehen, ob man jenen Ausdruck mit dem eines göttlichen Zwecks in der Anordnung der Natur verwechsele, oder wohl gar den letztern für schicklicher und einer frommen Seele angemessener ausgebe, weil es doch am Ende dahin kommen müsse, jene zweckmäßigen Formen in der Natur von einem weisen Welturheber abzuleiten; sondern sich sorgfaltig und bescheiden auf den -Ausdruck, der gerade nur so viel sagt, als wir wissen, nehmlich eines Zwecks der Natur, einschränken. Denn ehe wir noch nach der Ursache der Natur selbst fragen, finden wir in der Natur und dem Laufe ihrer Erzeugung dergleichen Producte die Mch bekannten Erfahrungs- gesetzen in ihr erzeugt werden, nach welchen die Naturwissenschaft ihre Gegenstande beurtheilen, mithin auch deren Caufalitat nach der Regel der Zwecke in ihr selbst suchen muß. Daher muß sie ihre Gränze nicht überspringen, um das, dessen Begriffe gar keine Erfahrung angemessen seyn kann, und woran man sich allererst nach Vollendung der Naturwissenschaft zu wagen befugt ist, in sie selbst als einheimisches Princip hinein zu ziehen. Naturbeschaffenheiten, die sich s xriori demonstri- ren, und also ihrer Möglichkeit nach aus allgemeinen Principien ohne allen Beytritt der Erfahrung einsehen lassen, können, ob sie gleich eine technische Zweckmäßigkeit bey sich führen, dennoch, weil sie schlechterdings nothwendig sind, gar nicht zur Teleologie der Natur, als einer in die Physik gehörigen Methode die Fragen Critik der teleologischen Urtheilskraft.- zoy derselben aufzulösen, gezählt werden. Arithmetische, geometrische Analogieen, ungleichen allgemeine mechanische Gesetze, so sehr uns auch die Vereinigung verschiedener dem Anschein nach von einander ganz unabhängiger Regeln in einem Princip an ihnen befremdend und bewundernswürdig vorkommen mag, enthalten deswegen keinen Anspruch darauf, teleologische Erklärungsgrunde in der Physik zu seyn; und, wenn sie gleich in der allgemeinen Theorie der Zweckmaß-gkeit der Dinge der Natur überhaupt mit in Betrachtung gezogen zu werden verdienen, so würde diese doch anderwärts hin, nehmlich in die Metaphysik gehören, und kein inneres Princip der Naturwissenschaft ausmachen: wie es wohl mit den empirischen Gesetzen der Narurzwecke an organisirten Wesen nicht allein erlaubt, sondern auch unvermeidlich ist, die teleologische BeurthLlllltlgsart zum Princip der Naturlehre in Ansehung einer eigenen Classe ihrer Gegenstande zu gebrauchen» Damit nun Physik sich genau in ihren Gränzen halte, so abstrahirt sie von der Frage, ob die Natur- zwccke es absichtlich oder unabsichtlich sind, gänzlich; denn das würde Einmengung in ein fremdes Geschäft (nehmlich das der Metaphysik) seyn. Genug es sind nach Naturgesetzen, die wir uns nur unter der Idee der Zwecke als Princip denken können, einzig und allein erklärbare, und bloß auf diese Weise ihrer innern U - Z08 Zweyter Theil. Form nach, sogar auch nur innerlich erkennbare Gegenstände. Um sich also auch nicht der mindesten Anmaßung, als wollte man etwas, was gar nicht in die Physik gehört, nehmlich eine übernatürliche Ursache, unter unsere Erkenntnißgründe mischen, verdachtig zu machen; spricht man in der Teleologie zwar von der Natur, als ob die Zweckmäßigkeit in ihr absichtlich sey, aber doch zugleich so, daß man der Natur, d. i. der Materie, diese Absicht beylegt; wodurch man (weil hierüber kein Mißverstand Statt finden kann, indem von selbst schon keiner einem leblosen Stoffe Absicht in eigentlicher Bedeutung des Worts beilegen wird) anzeigen will, daß dieses Wort hier nur ein Princip der reflectirenden nicht der bestimmenden Urtheilskraft bedeute, und also keinen besondern Grund der Causalitat einführen solle, sondern auch nur zum Gebrauche der Vernunft eine andere Art der Nachforschung, als die nach mechanischen Gesetzen ist, hinzufüge, um die Unzulänglichkeit der letzteren, selbst zur empirischen Aufsuchung aller besondern Gesetze der Natur, zu erganzen. Daher spricht man in der Teleologie, sofern sie zur Physik gezogen wird, ganz recht von der Weisheit, der Sparsamkeit, der Vorsorge, der Wohlthätigkeit der Natur, ohne dadurch aus ihr ein verständiges Wesen zu machen (weil das ungereimt wäre); aber auch ohne sich zu erkühnen, ein anderes verständiges Wesen über sie, als Werkmeister, setzen zu wollen, weil Critik der teleologischen Urtheilskraft. 509 dieses vermessen seyn würde: fond-rn es soll dadurch nur eine Art der Causalitat der Natur, nach einer Analogie mit der unftigen im technischen Gebrauche der Vernunft, bezeichnet werden, um die Regel, wornach gewissen Produtten, der Natur nachgeforscht werden muß, vor Augen zu haben. -Warum aber macht doch die Teleologie gewöhnlich keinen eigenen Theil der theoretischen Naturwissenschaft ans, sondern wird zur Theologie als Propadevtik oder Übergang gezogen? Dieses geschieht, um das Studium der Natur nach ihrem Mechanism an demjenigen fest zu halten, was wir unserer Beobachtung oder den Experimenten fo unterwerfen können, daß wir es gleich der Natur, wenigstens der Ähnlichkeit der Gesetze nach, selbst hervorbringen könnten; denn nur so viel sieht MM vollständig ein, als man nach Begriffen selbst machen und zu Stande bringen kann. Organisation aber, als innerer Zweck der Natur, übersteigt unendlich alles Ver- ') Das deutsche Wort vermessen ist ein gutes bedeutungsvolles Wort. Ei» Urtheil, bey welchem man das Längen- niaaß seiner Kräfte (des Verstandes) zu überschlagen vergißt, kann bisiveilen sehr demüthig klingen, und macht doch große Ansprüche, und ist doch sehr vermessen.. Von der Art sind die mejstsn, wodurch man die göttliche Weisheit ;u erbeben vvrgirbt, indem man ihr in den Werke» der Schöpfui-g m>o der Erhaltung Absichten unterlegt, die eigentlich der eigenen Weisheit des VernünfllerS Ehre machen sollen. Uz ' . zic> Zweyter Theil. mögen einer ähnlichen Darstellung durch Kunst: und was äußere für zweckmäßig gehaltene Natureinrichtungen betrift (z. B, Winde, Regen u. d, gl.) so betrachtet die Physik wohl den Mechanism derselben; aber ihre Beziehung auf Zwecke, sofern diese eine zur Ur» sache nothwendig gehörige Bedingung seyn soll, kann sie gar nicht darstellen, weil diese Nothwendigkeit der Verknüpfung gänzl'ch die Verbindung unserer Begriffe, und nicht die Beschaffenheit der Dinge, angeht» Cvitik der teleologischen Urtheilskraft. z r i Zweyte Abtheilung. Dialectik der teleologischen Urtheils kraft. §. 69, Was eine Antinomie der Urtheilskraft sey? Die bestimmende Urtheilskraft hat für sich keine Principien, welche Begriffe von Objecten gründen. Sie ist keine Avtonomie; denn sie snbsumirt nur unter gegebenen Gesetzen, oder Begriffen, als Principien. Eben darum ist sie auch keiner Gefahr ihrer eigenen Antinomie und einem Widerstreit ihrer Principien ausgesetzt. So war die transscendentale Urtheilskraft, welche die Bedingungen unter Categorieen zu subsumiren enthielt, für sich nicht nomothetisch; sondern nannte nur die Bedingungen der sinnlichen Anschauung, unter welchen einem gegebenen Begriffe, als Gesetze des Verstandes, Realität (Anwendung) gegeben werden kann: worüber sie niemals mit sich selbst in Uneinigkeit (wenigstens den Principien nach) gerathen konnte, U 4 zi2 . Zweyter Theil. Allein die reflectirende Urteilskraft soll unter einem Gesctze subsumiren, welches noch nicht gegeben und also in der That nur ein Princip der Reflexion über Gegenstande ist, für die es uns objectiv gänzlich an einem Gesetze mangelt, oder an einem Begriffe vom Object, der zum Princip für vorkommende Falle hinreichend wäre. Da nun kein Gebrauch der Erkenntniß- Vermögen ohne Principien verstattet werden darf, so wird die reflectirende Urtheilskraft in solchen Fallen ihr selbst zum Princip dienen müssen: welches, weil es nicht objectiv ist, und keinen für die Absicht hinreichenden Erkenntnißgrund des Objects unterlegen kann, als bloß subjectives Princip, zum zweckmäßigen Gebrauche der Erkenntnißvcrmögen, nehmlich über eine Art Gegenstande zu reflcctiren, dienen soll. Also hat in Beziehung ans solche Falle die reflectirende Urtheilskraft ihre Maximen, und zwar nothwendige, zum Behuf der Erkenntniß der Naturgesetze in der Erfahrung, um vermittelst derselben zu Begriisen zu gelangen, sollten diese auch Vernunftbegriffe seyn; wenn sie solcher durchaus bedarf, um die Natur »ach ihren empirischen Gesetzen bloß kennen zu lernen. — Zwischen diesen nothwendigen Maximen der reflectirenden Urlheilskrast kann nun ein Widerstreit, mithin eine Antinomie, Stattfinden; worauf sich eine Dialectik gründet, die, wenn jede von zwey einander widerstreitenden Maximen in der Natur der Erkenntnißvermögen ihren Grund hat, eine natürliche Critik der teleologischen Urtheilskrast. z i z ^»ialectik genannt werden kann, und ein unvermeidlicher Schein, den man in der Critik entblößen und auflösen muß, damit er nicht betrüge. §. 70. Vorstellung dieser Antinomie. So fern die Vernunft es mit der Natur, als In- begrif der Gegenstande äußerer Sinne, zu thun hat, kann sie sich auf Gesetze gründen, die .der Verstand theils selbst 2 priori der Natur vorschreibt, theils durch die in der Erfahrung vorkommenden empirischen Bestimmungen, ins Unabsehliche erweitern kann. Zur Anwendung der erster» Art von Gesetzen, nehmlich der allgemeinen Gesetze der materiellen Natur überhaupt, braucht die Urtheilskrast kein besonderes Princip der Reflexion; denn da ist sie bestimmend, weil ihr ein objectives Princip durch den Verstand gegeben ist» Aber, was die besondern Gesetze betrift, die uns nur durch Erfahrung kund werden können, so kann unter ihnen eine so große Mannichfaltigkeit und Ungleichartigkeit seyn, daß die Urtheilskrast sich selbst zum Princip dienen muß, um auch nur in den Erscheinungen der Natur nach einem Gesetze zu forschen und es auszuspähen, indem sie ein solches zum Leitfaden bedarf, wenn sie ein zusammenhangendes Erfahrungs- erkenntniß nach einer durchgangigen Gesetzmäßigkeit der Natur, die Einheit derselben nach empirischen Gesetzen, «uch nur hoffen soll. Bey dieser zufälligen Einheit der « 5 ZI 4 Zweyter Theil. besonderen Gesetze kann es sich nun zutragen: daß die Urtheilslraft in ihrer Reflexion von zwei Maximen ausgeht, deren eine ihr der bloße Verstand s priori an die Hand giebt; die andere aber durch besondere Erfahrungen veranlaßt wird, welche die Vernunft ins Spiel bringen, um nach einem besondern Princip die Beurtheilung der körperlichen Natur und ihrer Gesetze anzustellen. Da trift es sich dann, daß diese zweyerley Maximen nicht wohl neben einander bestehen zu können den Anschein haben, mithin sich eine Dialectik hervorthut, welche die Urtheilskraft in dem Princip ihrer Reflexion irre macht. Die erste Maxime derselben ist der Satz: Alle Erzeugung materieller Dinge und ihrer Formen muß, als nach bloß mechanischen Gesetzen möglich, beurtheilt werden. Die zweyte Maxime ist der Gegensatz: Einige Producte der materiellen Natur können nicht, als nach bloß mechanischen Gesetzen möglich, beurtheilt werden (ihre Beurtheilung erfordert ein ganz anderes Gesetz der Causalität, nehmlich das der Endursachen). Wenn man diese regulativen Grundsatze für die Nachforschung nun in constitutive, der Möglichkeit der Objecte selbst, verwandelte, so würden sie so lauten: Satz: Alle Erzeugung materieller Dinge ist nach bloß mechanischen Gesetzen möglich. Critik der theologischen Urtheilskraft. z'Nsah: Einige Erzeugung derselben ist noch bloß mechanischen Gesetzen nicht möglich. In dieser letzteren Qualität, als objective Principien für die bestimmende Urtheilskraft, würden sie einander widersprechen, mithin einer von beiden Sätzen nochwendig falsch seyn; aber das wäre alsdann zwar eine Antinomie, dock) nicht der Urtheilskraft, sondern ein Widerstreit in der Gesetzgebung der Vernunft, Die Vernunft kann aber weder den einen noch den andern dieser Grundsätze beweisen; weil wir von Möglichkeit der Dinge nach bloß empirischen Gesetzen der Natur kein bestimmendes Princip 2 priori haben können» Was dagegen die zuerst vorgetragene Maxime einer reflectirenden Urtheilskraft betrifr, so enthält sie in der That gar keinen Widerspruch. Denn wenn ich sage: ich muß alle Ereignisse in der materiellen Natur, mithin auch alle Formen, als Producte derselben, ihrer Möglichkeit nach, nach bloß mechanischen Gesetzen beurtheilen; so sage ich damit nicht: sie sind darnach allein (ausschließungsweise von jeder andern Art Cau- salität) möglich; sondern das will nur anzeigen, ich soll jederzeit über dieselben nach dem Princip des bloßen Mechanisms der Natur restectiren, und mithin diesem, so weit ich kann, nachforschen, weil, ohne ihn zum Grunde d^r Nachforschung zu legen, es gar keine eigentliche Naturerkenntniß geben kann. Dieses hindert nun die zweyte Maxime, bey gelegentlicher Veranlas- Z lt> Zweyter Theil. sung, nicht, nehmlich bey einigen Naturformen (und auf deren Veranlassung sogar der ganzen Natur) nach einem Princip zu spühren, und über sie zu reflectiren, welches von der Erklärung nach dem Mechanism der Natur ganz verschieden ist, nehmlich dem Princip der Endursachen» Denn die Reflexion nach der ersten Maxime wird dadurch nicht aufgehoben, vielmehr wird es geboten, sie, so weit man kann, zu verfolgen; auch wird dadurch nicht gesagt, daß, nach dem Mechanism der Natur, jene Formen nicht möglich waren. Nur wird behauptet, daß die menschliche Vernunft, in Befolgung derselben und auf diese Art, niemals von dem, was das Specifische eines Naturzwecks ausmacht, den mindesten Grund, wohl aber andere Erkenntnisse von Naturgesetzen wird ausfinden können; wobey es als unausgcmacht dahin gestellt wird, ob nicht in dem uns uubekannten inneren Grunde der Natur selbst die physisch-mechanische und die Zwcckverbindung an denselben Dingen in einem Princip zusammenhangen mögen: nur daß unsere Vernunft sie in einem solchen nicht zu vereinigen im Stande ist, und die Urtheilskraft also, als (aus einem subjectiven Grunde) resteetirende, nicht als (einem objectiven Princip der Möglichkeit der Dinge an sich zufolge) bestimmende Urteilskraft, genöthigt ist, für gewisse Formen in der Natur ein anderes Princip, als das des Naturmechanisms zum Grunde ihrer Möglichkeit zu denken. Critik der teleologischen Urtheilskrast. 317 §. ?r. Vorbereitung zur Auflösung obiger Antinomie. Wir können die Unmöglichkeit der Erzeugung der vrganisirten Natnrproducte durch den bloßen Mecha- nism der Natur kcineöweges beweisen, weil wir die unendliche Mannichfaltigkeit der besondern Naturgesetze, die für uns zufällig sind, da sie mir empirisch erkannt werden, ihren: ersten innern Grunde nach nicht einsehen, und so das innere durchgängig zureichende Princip der Möglichkeit einer Natur (welches im Übersinnlichen liegt) schlechterdings nicht erreichen können. Ob also das productive Vermögen der Natur auch für dasjenige, was wir, als nach der Idee von Zwecken geformt oder verbunden, beurtheilen, nicht eben so gut, als für das, wozu wir bloß ein Maschinenwesen der Natur zu bedürfen glauben, zulange; und ob in der That für Dinge als eigentliche Ncttmzwecke (wie wir sie nothwendig beurtheilen müssen) eine ganz andere Art von ursprünglicher Causalitat, die gar nicht in der materiellen Natur oder ihrem intelligibelcn Substrat enthalten seyn kann, nehmlich ein architektonischer Verstand zum Grunde liege: darüber kann unsere in Ansehung des Begrifs der Causalitat, wenn er a xrioii specisicirt werden soll, sehr enge eingeschränkte Vernunft schlechterdings keine Auskunst geben. — Aber daß, respectiv auf unser Erkennmiß- ZlK Zweyter Theil. vermögen, der bloße Mechanism der Natur für die Erzeugung organisirter, Wesen auch keinen Erklärungs- grund abgeben könne, ist eben so ungczweifelt gewiß. Für die reflecrir-.!i!de Urthcilokraft ist also das ein ganz richtiger Grundsatz: daß für die so offenbare Verknüpfung der Dinge nach Endursachen eine vom Mechanism unterschiedene Causalitat, nehinlich einer nach Zwecken handelnden (verständigen) Wettursache gedacht werden müsse; so übereilt und unerweielich er auch für die bestimmende seyn würde» In dem ersteren Falle ist er bloße Maxime der Urtheilskraft, wobey der Begrif jener Caufalitäl eine bloße Idee ist, der man keinesweges Realität zuzugestehen unternimmt, sondern sie nur zum Leitfaden der Reflexion braucht, die dabey für alle mechanische Erklärungsgründe immer offen bleibt, und sich nicht aus der Sinnenwelt verliert; im zweyten Falle würde der Grundsatz ein objectives Princip seyn, das die Vernunft vorschriebe und dem die Urtheilskraft sich bestimmend unterwerfen müßte, wobey sie aber über die Sinnenwelt hinaus sich ins Überschwengliche verliert, und vielleicht irre geführt wird. Aller Anschein einer Antinomie zwischen den Maximen der eigentlich physischen (mechanischen) und der telcologischen (technischen) Erklärungsart beruht also darauf; daß man einen Grundsatz der reflectirenden Urtheilskraft mit dem der bestimmenden, und die Avt0N0- Mie der ersteren (die bloß subjecliv für unsern Ver- Critik der teleologischen Urtheilskraft, z 19 nunftgebrauch in Ansehung der besonderen Erfahrungs- gesetze gilt) mit der Heteronomie der anderen, welche sich nach den von dem Verstände gegebenen (allgemeinen oder besondern) Gesetzen richten muß, verwechselt. §. 72. Von den mancherley Systemen über die Zweckmäßigkeit der Natur. Die Nichtigkeit des Grundsatzes: daß über gewisse Dinge der Natur (organisirte Wesen) und ihre Möglichkeit nach dem Begriffe von Endursachen geurtheilt werden müsse, selbst auch nur wenn man, um ihre Beschaffenheit durch Beobachtung kennen zu lernen, einen Leitfaden verlangt, ohne sich bis zur Untersuchung über ihren ersten Ursprung zu versteigen, hat noch niemand bezweifelt. Die Frage kann also nur seyn: ob dieser Grundsatz bloß subjectiv gültig, d. i. bloß Maxime unserer Urtheilskraft oder ein objectives Princip der Natur sey, nach welchem ihr, außer ihrem Mechanism (nach bloßen Bewegungsgesctzen), noch eine andere Art von Causalität zukomme, nehmlich die der Endursachen, unter denen jene (der bewegenden Kräfte) nur als Mittelursachen standen. Nun könnte man diese Frage, oder Aufgabe für die Spekulation, ganzlich unausgemacht und unaufgelöset lassen; weil, wenn wir uns mit der letzteren innerhalb den Gränzen der bloßen Natum'kenntmß begnügen, wir z2o Zweyter Theil. an jenen Maximen genug haben, um die Natur/ so weit als menschliche Kräfte reichen, zu studiren und ihren verborgensten Geheimnissen nachzuspühren. Es ist also wohl eine gewisse Ahuung unserer Vernunft, oder ein von der Natur uns gleichsam gegebener Wink, daß wir vermittelst jenes Vegrifs von Endursachen wohl gar über die Natur hinauslangen und sie selbst an den hoch» sten Punct in der Reihe der Ursachen knüpfen könnten, wenn wir die Nachforschung der Natur (ob wir gleich darin noch nicht weit gekommen sind) verließen, oder wenigstens einige Zeit aussetzten, und vorher, worauf jener Fremdling in der Naturwissenfchaft, nehmlich der Begrif der Naturzwecke, führe, zu erkunden versuchten. Hier müßte nun freylich jene unbestrittene Maxime in die ein weites Feld zu Streitigkeiten eröfnende Aufgabe übergehen: Ob die Zweckverknüpfung in der Natur eine besondere Art der Causalitat für dieselbe beweise; oder ob sie, an sich und nach objectiven Principien betrachtet, nicht vielmehr mit dem Mechanism der Natur einerlei) sey, oder auf einem und demselben Grunde beruhe : nur daß wir, da dieser für unsere Nachforschung in manchen Naturproducten oft zu tief versteckt ist, es mit einem fubjectivcn Princip, nehmlich dem der Kunst, d. i» der Causalitat nach Ideen versuchen, um sie der Natur der Analogie nach unterzulegen; welche Nothhülfe uns auch in vielen Fallen gelingt, in einigen zwar zu mißlingen scheint, auf alle Falle aber nicht berechtigt, eine besondere Critik der teleoi'ogischen Urtheilskraft. Z2i besondere/ von der Causalitat nach bloß Mechanischen Gesetzen der Natur selbst unterschiedene, Wirkungsart in die Naturwissenschaft einzuführen. Wir wollen, indem wir das Verfahren (die Ccmsalität) der Natur, wegen des Zweckahnlichen, welches wir in ihren ProducteN finden, Technik nennen, diese in die absichtliche (tecknica intentionslis), UNS in die Unabsichtliche (tsclinica Natur-tlis), eintheilen. Die erste soll bedeuten: daß das productive Vermögen der Natur nach Endursachen für eine besondere Art von Causalitat gehalten werden müsse; die zweyte: daß sie mit dem Mechanism der Natur im Grunde ganz einerlei) sey, und das zufallige Zusammentreffen mit unseren Kunst- begriffen und ihren Regeln/ als bloß subjective Bedingung sie zu beurtheilen, falschlich für eine besondere Art der Naturerzeugung ausgedeutet werde» Wenn wir jetzt von den Systemen der Nüturerklä- ruug in Ansehung der Endursachen reden, so muß man Wohl bemerken: daß sie insgesammt dogmatisch, d. s. über objective Principien der Möglichkeit der Dinge, es sey durch absichtlich oder lauter unabsichtlich wirkende Ursachen, unter einander streitig sind, nicht über etwa über die subjective Maxime/ über die Ursache solcher zweckmäßigen Producte bloß zu urtheilen: in welchem letztem Falle disparate Principien noch wohl vereinigt werden könnten, anstatt daß im ersteren contradicw«- »aur» Crit. d. Urcheilskr. T Z22 Zweyter Theil. risch-entgegengesetzte einander aufheben und Ncbett sich nicht bestehen können. Die Systeme in Ansehung der Technik der Natur, d. i. ihrer productivcn Kraft nach der Regel der Zwecke, - sind zwiefach: des Ideallsmus, oder des Realismus c-r Naturzwecke. Der erstere ist die Behauptung; daß alle Zweckmäßigkeit der Natur unabsichtlich; der zweyte: daß einige derselben (in organisirten Wesen) absichtlich sey; woraus denn auch die als Hypothese gegründete Folge gezogen werden könnte, daß die Technik der Natur, auch, was alle andere Producte derselben in Beziehung auf das Naturganze betrift, absichtlich, d. i. Zweck, sey. i) Der IdealisM der Zweckmäßigkeit (ich verstehe hier immer die objective) ist nun entweder der der Casualität, oder der Fatalität der Naturbestim- mung in der zweckmäßigen Form ihrer Producte. Das erstere Princip betrift die Beziehung der Materie auf den physischen Grund ihrer Form, nehmlich die Bewe- gungsgefttze; das zweyte, auf ihren und der ganzen Natur hyperphysischen Grund. Das System d?r Casualität, welches dem Epicur oder Dcmocritus beygelegt wird, ist, nach dem Buchstaben genommen so offenbar ungereimt, daß es uns nicht aufhalten darf; dagegen ist das System der Fatalität (wovon man den Spinoza zum Urheber macht, ob es gleich allem Ansehen nach viel alter ist), welches sich auf etwas Übersinnliches Critik der teleologischen Urtheilskraft. Z2z beruft, wohin also unsere Einsicht nicht reicht, so leicht nicht zu widerlegen: darum, weil sein Begrif von dem Urivesen gar nicht zu verstehen ist. So viel ist aber klar: daß die Zweckverbindung in der Welt in demselben als unabsichtlich angenommen werden muß (weil sie von einem Urwesen, aber nicht von seinem Verstände, mithin keiner Absicht desselben, sondern aus der Nothwcn- digkeit seiner Natur und der dason abstammenden Welteinheit abgeleitet wird), mithin der Fatalismus der Zweckmäßigkeit zugleich ein Idealism derselben ist. 2) Der ReallsM der Zweckmäßigkeit der Natur ist auch entweder physisch oder hyperphysisch. Der erste gründet die Zwecke in der Natur auf dem Analo- gon eines nach Absicht handelnden Vermögens, dem Leben der Materie (in ihr, oder auch durch ein belebendes inneres Princip, eine Weltseele); und heißt der Hylozoism. Der zweyte leitet sie von dem Urgründe des Weltalls, als einem mit Absicht hervorbringenden (ursprünglich lebenden) verstandigen Wesen ab; und ist der TheistN -) Wo» sieht hieraus: daß in bei, meist?» fpeeulativen Dingen der reinen Vernunft, was die dogmatischen Behauptungen betrist, die philosophischen Schulen gemeiniglich alle Auflösungen, die über eine gewisse Frage möglich sind, versucht haben. So hat man über die Zweckmäßigkeit d"r Na, tur bald entweder die Ublose Marcrie, oder eine» leblose,» Gorr, bald eine lebende Maceric, oder auch einen lebendigen Gorc zu diesem Behufe versucht. Für uns bleibt X s Z24 Zweyter Theil. §- 7Z- Keines der obigen Systeme leistet das was es vorgiebt. Was wolle,» alle jene Systeme? Sie wollen unsere teleologischen Urtheile über die Natur erklaren, und gehen damit so zu Werke, daß ein Theil die Wahrheit der> selben laugnet, mithin sie für einen Idealism der Natur (als Kunst vorgestellt) erklart; der andere Theil sie als wahr anerkennt, und die Möglichkeit einer Natur nach der Idee der Endursachen darzuthun verspricht. i) Die für den Idealism der Endursachen in der Natur streitenden Systeme lassen nun einerseits zwar an dem Princip derselben eine Causalitat nach Bewegungsgesetzen zu (durch welche die Naturdinge zweckmäßig existiren); aber sie laugnen an ihr die Jntentionali- tat, d. i. daß sie absichtlich zu dieser ihrer zweckmäßigen Hervorbringung bestimmt, oder, mit anderen Worten, ein Zweck die Ursache sey. Dieses ist die Erklarungsart Epieurs, nach welcher der Unterschied einer Technik der Narur von der bloßen Mechanik ganzlich abgelaugnet wird, und nicht allein für die Übereinstimmung der er- niclits übrig, als, wenn es Noth thu» sollte, von allen die, sen objectiven Vehaupcungeil abzugehen, und unser Ur< theil bloß in Beziehung auf unsere Erkenntnißvermögen critisch zu erwägen, um ihrem Princip eine, wo nicht dogmatische, doch zum sichern Vernunftgebrauch hinreichende Gültigkeit einer Maxime zu verschaffen. Critik der teleologischen Urtheilskraft. zz; zeugten Producte mit unsern Begriffen vom Zwecke, mithin für die Technik, sondern selbst für die Bestimmung der Ursachen dieser Erzeugung nach Bewegungs- gesetzen, mithin ihre Mechanik, der blinde Zufall zum Erklärungsgrunde angenommen, also nichts, auch nicht einmal der Schein in unserm teleologischen Urtheile erklärt, mithin der vorgebliche Idealism in demselben kei-- nesweges dargethan wird. Andererseits, will Spinoza uns' aller Nachfrage nach dem Grunde der Möglichkeit der Zwecke der Natur dadurch überheben, und dieser Idee alle Realität nehmen, daß er sie überhaupt nicht für Producte, sondern für einem Urwesen jnhärirende Accidenzen gelten laßt, und diesem Wesen, als Substrat jener Naturdinge, in Ansehung derselben nicht Causalitat, sondern bloß Subs sistenz beylegt, und (wegen der unbedingten Nothwendigkeit desselben, sammt allen Naturdingen, als ihm inha- rirenden Accidenzen) den Naturformen zwar die Einheit des Grundes, die zu aller Zweckmäßigkeit erforderlich ist, sichert, aber zugleich die Zufälligkeit derselben, ohne die keine Zweckeinheit gedacht werden kann, entreißt, und mit ihr alles Absichtliche, so wie dem Urgründe der Naturdjnge allen Verstand, wegnimmt. Der Spinozism leistet aber das nicht, was er will. Er will einen E'-klärungsgrund der Zweckverknüpfnng (die er nicht laugnet) der Dinge der Natur angeben, und nennt bloß die Einheit des Subjects, dem sie alle inhä- X z )26 Zweyter Theil. rircn. Aber, wenn man ihm auch diese Art zu eristiren für die Weltwesen einräumt, so ist doch jene ontologische Einheit darum noch nicht sofort Zweckeinhejs, und macht diese kcinesweges begreiflich. Die letztere ist nehmlich eine ganz besondere Art derselben, die aus der Verknüpfung der Dinge (Weltwesen) in einem Subjecte (dem Urwesen) gar nicht fclg?, sondern durchaus die Beziehung auf eine Ursache, die Verstand hat, bey sich fuhrt und selbst, wenn man alle diese Dinge in einem einfachen Subjecte vereinigte, doch niemals eine Zweckbcziehung darstellt: wofern man unter ihnen nicht erstlich innere Wirkungen der Substanz, als einer Ursache; zweitens eben derselben, als Ursache durch ihren Verstand, denkt. Ohne diese formalen Bedingungen ist alle Einheit bloße Naturnothwendigkeit; und, wird sie gleichwohl Dingen beygelegt, die wir als außer einander vorstellen, blinde Nothwendigkeit. Will man ober das, was die Schule die transcendentale Vollkommenheit der Dinge (in Beziehung ans ihr eigenes Wesen) nennt, nach welcher alle Dinge alles an sich haben, was erfordert wird, um fo ein Ding und kein anderes zn seyn, Zweckmäßigkeit der Natur nennen: so ist das ein kindisches Spielwerk mit Worten statt Begriffen. Denn, wenn alle Dinge als Zwecke gedacht werden müssen, also ein Ding seyn und Zweck seyn einerley ist, so giebt es im Grunde nichts, was besonders als Zweck vorgestellt zu werden verdiente. Critik der teleologifchm Urtheilskraft. Z2. Man sieht hieraus wohl : daß Spinoza dadurch, daß er unsere Begriffe von dem Zweckmäßigen m der Natur auf das Bewußtseyn unser selbst in einem allbefassenden (doch zugleich einfachen) Wesen zurückführte, und jene Form bloß in der Einheit der letztern suchte, nicht den Rcalism, sondern bloß den Jdealism der Zweckmäßigkeit derselben zu behaupten die Absicht haben mußte, diese aber selbst doch nicht bewerkstelligen konnte, weil die bloße Vorstellung der Einhctt des Substrats auch nicht einmal die Idee von einer, auch n., unabsichtlichen, Zweckmäßigkeit bewirken kann. 2) Die, welche den RealislN der Naturzwecke nicht bloß behaupten, sondern ihn auch zu erklären ver- meyncn, glauben eine besondere Art der Causalitat, nehmlich absichtlich wirkender Ursachen, wenigstens ihrer Möglichkeit nach einsehen zu können; sonst könnten sie es nicht unternehmen jene erklären zu wollen. Denn zur Befugniß selbst der gewagtesten Hypothese, muß wenigstens die Möglichkeit dessen, was man als Grund annimmt, gewiß seyn, und man muß dein Begriffe desselben seine objective Realität sichern können. Aber die Möglichkeit einer lebenden Materie (deren Begrif einen Widerspruch enthält, weil Leblosigkeit, in- Krtis, den wesentlichen Charakter derselben ausmacht) läßt sich nicht einmal denken; die einer belebten Materie und der gesammten Natur, als eines Thiers, kann nur sofern (zum Behuf einer Hypothese der Zweckmäßigkeit , , A 4 Z28 Zweyter Theil, im Großen der Natur) durstiger Weise gebraucht werden, als sie uns an der Organisation derselben, im Klei» neu, in der Erfahrung offenbart wird, keinesweges aber s xriari ihrer Möglichkeit nach eingesehen werden. Es muß also ein Cirkel im Erklaren begangen werden, wenn man die Zweckmäßigkeit der Natur an organisir- ten Wüsen aus dem Leben der Materie ableiten will, und dieses Leben wiederum nicht anders als in organisirten Wesen kennt, also ohne dergleichen Erfahrung sich keinen Begnf von der Möglichkeit derselben machen kann. Der Hylozoism leistet also das nicht, was er verspricht. Der TheisM kann endlich die Möglichkeit der Naturzwecke als einen Schlüssel zur 5eleologie eben so wenig dogmatisch begründen; ob er zwar vor allen Cv- klqrungsgründen derselben darin den Vorzug hat, daß er durch einen Verstand, den er dem Urwesen beylegt, Hie Zweckmäßigkeit der Natur dem Jdealism am besten entreißt, und eine absichtliche Causalitat für die Erzeugung derselben einführt. Denn da müßte allererst, für die bestimmende Urteilskraft hinreichend, die Unmöglichkeit der Zweckeinheit in der Materie durch den bloßen Mechanism derselben bewiesen werden, um berechtigt zu seyn den Grund derselben über die Natur hinaus auf bestimmte Weise zu setzen. Wir können aber nichts weiter herausbringen, als daß nach der Beschaffenheit und den Schranken unserer Erkenntnißvermögen lindem wir den ersten innere^ Critik der ideologischen Urtheilskraft. Z29 Grund selbst dieses Mechanisms nicht einsehen) wir auf keinerlei) Weise in der Materie ein Princip bestimmter Zweckbeziehungen suchen müssen, sondern für uns keine andere Beurtheilungsart der Erzeugung ihrer Producte, als Naturzwecke, übrig bleibe, als die durch einen obersten Verstand als Weltursache. Das ist aber nur ein Grund für die restectirende, nicht für die bestimmende Urtheilskraft, und kann schlechterdings zu keiner objectiven Behauptung berechtigen. §- 74- Die Ursache der Unmöglichkeit, den Begrif einer Technik der Natur dogmatisch zu behandeln, ist die Unerklarlichkeit eines Naturzwecks. Wir verfahren mit einem Begriffe (wenn er gleich empirisch bedingt seyn sollte) dogmatisch, wenn wir ihn als unter einem anderen Begriffe des Objects, der ein Princip der Vernunft ausmacht, enthalten betrachten, und ihn diesem gemäß bestimmen. Wir verfahren aber mit ihm bloß critisch, wenn wir ihn nur in Beziehung auf unser Erkenntnißvermögen, mithin auf die subjecti- ven Bedingungen ihn zu denken, betrachten, ohne es zu unternehmen über fein Object etwas zu entscheiden. Das dogmatische Verfahren mit einem Begriffe ist also dasje- jenige, welches für die bestimmende, das critische das, welches bloß für die reflcctirende Urtheilskraft gesetzmäßig ist. X 5 Zweyter Theil. Nun ist der Begrif von einem Dinge als Natur< zwecke ein Begrif, der die Natur unter einer Caufalität, die nur durch Vernunft denkbar ist, subfumirt, um nach diesem Princip über das, was vom Objecte in der Erfahrung gegeben ist, zu urtheilen. Um ihn aber dogmatisch für die bestimmende Urtheilskraft zu gebrauchen, mußten wir der objectiven Realität dieses Vegrifs zuvor versichert seyn, weil wir fönst kein Naturding unter ihm subfumiren könnten. Der Begrif eines Dinges als Naturzwecks ist aber zwar ein empirisch bedingter, d. i. nur unter gewissen in der Erfahrung gegebenen Bedingungen möglicher, aber doch von derselben nicht zu abstrahlender, fondern nur nach einem Vernunftprincip in der Beurtheilung des Gegenstandes möglicher Begrif. Er kann also als ein solches Princip seiner objectiven Realität nach (d. i. daß ihm gemäß ein Object möglich sey) gar nicht eingesehen und dogmatisch begründet werden; und wir wissen nicht, ob er bloß ein vernünftelnder UNd objectiv leerer (concepMs rstiocinsns), oder ein Vernunftbegrif, ein Erkenntniß gründender, von der Vernunft bestätigter (concsptus rstincinacus) st». Also kann er nicht dogmatisch für die bestimmende Urtheilskraft behandelt werden: d. i. es kann nicht allein nicht ausgemacht werden, ob Dinge der Natur, als Na- turzwecke betrachtet, für ihre Erzeugung eine Caufalität von ganz besonderer Art (die nach Absichten) erfordern, oder nicht; fondern es kann auch nicht einmal darnach Critik der theologischen Urtheilskraft, ^zi gefragt werden, weil der Begrif eines Naturzwecks seiner objectiven Realität nach durch die V-rnunft gar nicht erweislich ist (d. i. er ist nicht für die bestimmende Urtheilskraft constitutiv, sondern für die rcflettircnde bloß regulativ). Daß er es aber nicht sey, ist daraus klar, weil er, als Begrif von einem NatlN'product, Naturnoth- wendigkeit und doch zugleich eine Zufälligkeit der Form des Objects (in Beziehung auf bloße Gesetze der Natur) an eben demselben Dinge als Zweck in sich faßt; folglich, w?nn hierin kein Widerspruch seyn soll, einen Grund für die Möglichkeit des Dinges in der Natur, und doch auch einen Grund der Möglichkeit dieser Natur selbst und ihrer Beziehung auf etwas, das nicht empirisch erkennbare Natur (übersinnlich) mithin für uns gar nicht erkennbar ist,, enthalten muß, um nach einer andern Art Caufalität als der des Naturmechanisms beurtheilt zu werden, wenn man seine Möglichkeit ausmachen will. Da also der Begrif eines Dinges, als Natnrzwecks, für die bestimmende Urtheilskraft überschwenglich ist, wenn man das Object durch die Vernunft betrachtet (ob er zwar für die refiectirende Urtheilskraft in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung immanent seyn mag), mithin ihm für bestimmende Urtheile die objective Realität nicht verschast werden kann: so ist hieraus begreiflich, wie alle Systeme, die man für die dog- ZZ2 Zweyter Theil. matische Behandlung des Begrifs der Naturzwecke und der Natur, als eines durch Endursachen zusammenhangenden Ganzen, nur immer entwerfen mag, weder objectiv bejahend, noch objectiv verneinend, irgend etwas entscheiden können; weil, wenn Dinge unter einem Begriffe, der bloß problematisch ist, subsumirt werden, die synthetischen Pradicate desselben (z. B. hier: ob der Zweck der Natur, den wir uns zu der Erzeugung der Dinge denken, absichtlich oder tmabsichtlich sey) ehe» solche (problematische) Urtheile, sie mögen nun bejahend oder verneinend seyn, vom Object abgeben niüssen, indem man nicht weiß, ob man über Etwas oder Nichts urtheilt. Der Begrif einer Causalitat durch Zwecke (der Kunst) hat allerdings objective Realität; der einer Causalitat nach dem Mechanism der Natur eben sowohl. Aber der Begrif einer Causalitat der Natur nach der Regel der Zwecke, noch mehr aber eines Wesens, dergleichen uns gar nicht in der Erfahrung gegeben werden kann, nehmlich eines solchen, als Urgrundes der Natur: kann zwar ohne Widerspruch gedacht werden, aber zu dogmatischen Bestimmungen doch nicht taugen; weil ihm, da er nicht aus der Erfahrung gezogen werden kann, auch zur Möglichkeit derselben nicht erforderlich ist, seine objective Realität durch nichts gesichert werden kann. Geschahe dieses aber auch; wie kann ich Dinge, die für Producte göttlicher Kunst bestimmt angegeben werden, noch unter Producte der Natur zählen, deren Lritik der theologischen Urtheilskraft. zz ^ Unfähigkeit, dergleichen nach ihren Gesetzen hervorzubringen, eben die Berufung auf eine von ihr unterschiedene Ursache nothwendig machte? §. 75- Der Begrif einer objectiven Zweckmäßigkeit der Natur ist ein critisches Princip der Vernunft für die reflectirende Urtheilskraft. Es ist doch etwas ganz Anderes, ob ich sage: die Erzeugung gewisser Dinge der Natur, oder auch der gesammten Natur, ist nur durch eine Ursache, die sich nach Absichten zum Handeln bestimmt, möglich; oder: ich kann nach der eigenthümlichen Beschaffenheit meiner Erkenntnißvermögen über die Möglichkeit jener Dinge und ihre Erzeugung nicht anders urtheilen, als wenn ich mir zu dieser eine Ursache, die nach Absichten wirkt, mithin ein Wesen denke, welches nach der Analogie mit der Causalitat eines Verstandes, prodcutiv ist. Im ersteren Falle will ich etwas über das Object ausmachen, und bin verbunden, die objective Realität eines angenommenen Begrifs darzuthun; im zweyten bestimmt die Vernunft nur den Gebrauch meiner Erkenntnißvermögen, angemessen ihrer Eigenthümlichkeit, und den wesentlichen Bedingungen, ihres Umfanges sowohl, als ihrer Schranken. Also ist das erste Princip ein objectiver Grundsatz für die bestimmende, das zweyte ein subjectiver Grundsatz bloß für die reflecti- zz4 . Zweyter Theil. rende Urtheilskrast, mithin eine Maxime derselben, die ihr die Vernunft auferlegt. Wir haben nehmlich unentbehrlich nöthig, der Natur den Begrif einer Absicht unterzulegen, wenn wir ihr auch nur in ihren orgmiisirten Producten durch fortgesetzte Beobachtung nachforschen wollen: und dieser Begrif ist also schon für den Erfahrunzsgebrauch unserer Vernunft eine schlechterdings nothwendige Maxime. Es ist offenbar: daß, da einmal ein solcher Leitfaden die Natur zu studiren aufgenommen und bewahrt gefunden ist, wir die gedachte Maxime der Urtheilskraft auch am Ganzen der Natur wenigstens versuchen müssen, weil sich nach derselben noch manche Gesetze derselben dürften auffinden lassen, die uns, nach der Beschrankung unserer Einsichten in das Innere des Me- chanisms derselben, sonst verborgen bleiben würden. Aber in Ansehung des letztern Gebrauchs ist jene Maxime der Urcheilskrast zwar nützlich, aber nicht unentbehrlich, weil uns die Natur im Ganzen als organisirt (in der oben angeführten engsten Bedeutung des Worts) nicht gegeben ist. Hingegen in Ansehung der Producte derselben, welche nur als absichtlich so und nicht anders geformt müssen beurtheilt werden, um auch nur eine Erfahruugserkenntniß ihrer innern Beschaffenheit zu bekommen, ist jene Maxime der restectirenden Urtheils- kraft wesentlich nothwendig: weil selbst der Gedanke von ihnen, als organisirten Dingen, ohne den Gedan- Critik der teleologischen Urtheilskraft, zz; ken einer Erzeugung mit Absicht damit zu verbinden, unmöglich ist. Nun ist der Begrif eines Dinges, dessen Existenz oder Fo.rm wir uns unter der Bedingung eines Zwecks als möglich vorstellen, mit dem Begriffe einer Zufälligkeit desselben (nach Naturgesetzen) unzertrennlich verbunden. Daher machen auch die Naturdinge, welche wir nur als Zwecke möglich finden, den vornehmsten Beweis für die Zufälligkeit des Weltganzcn aus, und sind der einzige für den gemeinen Verstand eben sowohl als den Philosophen geltende Beweisgrund der Abhängigkeit und des Ursprungs desselben von einem ausser der Welt existirenden, und zwar (um jener zweckmäßigen Form willen) verständigen, Wesens; daß also die Teleologie keine Vollendung des Aufschlusses für ihre Nachforschungen, als in einer Theologie, findet. Was beweiset nun aber am Ende auch die allervoll- standigste Teleologie? Beweiset sie etwa, daß ein solches verständiges Wesen da sey? Nein; nichts weiter, als daß wir nach Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermö- gen, also in Verbindung der Erfahrung mit den obersten Principien der Vernunft, uns schlechterdings keinen Begrif von der Möglichkeit einer solchen Welt machen kön'. neu, als so, daß wir uns eine absichtlich-wirkende oberste Ursache derselben denken. Objectiv können wir also nicht den Satz darthun: es ist ein verständiges Ur« wesenz sondern nur subjectiv für den Gebrauch unserer zz6 Zweyter Theil. Urlheilskraft in ihrer Reflexion über die Zwecke in der Natur, die nach keinem andern Princip als dem einer absichtlichen Causalitat einer höchsten Ursache gedacht werden können. Wollten wir den obersten Satz dogmatisch, aus teleologischen Gründen, darthun; so würden wir von Schwierigkeiten befangen werden, aus denen wir uns nicht herauswickeln könnten. Denn da würde diesen Schlüssen der Satz zum Grunde gelegt werden müssen: die organisirten Wesen in der Welt sind nicht anders, als durch eine absichtlich-wirkende Ursache möglich. Daß aber, weil wirj diese Dinge nur unter der Idee der Zwecke in ihrer Causalverbindung verfolgen und diese nach ihrer Gesetzmäßigkeit erkennen können, wir auch berechtigt wären, eben dieses auch für jedes denkende und erkenn nende Wesen als nothwendige, mithin dem Objecte uud nicht bloß unserm Subjecte anhangende Bedingung, vorauszusetzen: das müßten wir hieben unvermeidlich behaupten wollen. Aber mit einer solchen Behauptung kommen wir nicht durch. Denn, da wir die Zwecke in der Natur als absichtliche eigentlich nicht beobachten, sondern nur, in der Reflexion über ihre Producte, diesen Begrif als einen Leitfaden der Urtheilskraft hinzu denken; so sind sie uns nicht durch das Object gegeben. prori ist es sogar für uns unmöglich, einen solchen Begrif, seiner objectiven Realität nach, als anneh, mungsfahig zu rechtfertigen. Es bleibt also schlechterdings Critik der teleologischen Urtheilskraft. z dittgs ein nur auf subjectiven Bedingungen, nehmlich der unseren Erkenntnißvermögen angemessen reflectirenden Urtheilskraft, beruhender Satz, der, wenn man ihn als objectiv-dogmatisch geltend ausdrückte, heissen würde: Es ist ein Gott; nun aber, für uns Menschen, nur die eingeschränkte Formel erlaubt: Wir können uns die Zweckmäßigkeit, die selbst unserer Erkenntniß der inneren Möglichkeit vieler Naturdinge zum Grunde gelegt werden muß, gar nicht anders denken und begreiflich machen, als indem wir sie und überhaupt die Welt uns als ein Product einer verstandigen Ursache (eines Gottes) vorstellen. Wenn nun dieser auf einer unumgänglich nothwen- digen Maxime unserer Urtheilskraft gegründete Satz allem sowohl speculativen als practischen Gebrauche unserer Vernunft in jeder menschlichen Absicht vollkommen genugthuend ist; so möchte ich wohl wissen, was uns dann darunter abgehe, daß wir ihn nicht auch für höhere Wefen gültig, nehmlich aus reinen objectiven Gründen (die leider unser Vermögen übersteigen) beweisen können. Es ist nehmlich ganz gewiß, daß wir die organisirten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen Principien der Natur nicht einmal zureichend kennen lernen, viel weniger uns erklaren können: und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann, es ist für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Ran» (nr. d. Urrheilekr. N ZZ8 , Zweyter Theil. Anschlag zu fassen, oder zu hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat, begreiflich machen werde: sondern man muß diese Einsicht den Menschen schlechterdings absprechen. Daß danu aber auch in der Natur, wenn wir bis zum Princip derselben in der Specifikation ihrer allgemeinen uns bekannten Gesetze durchdringcn konnten, ein hinreichender Grund der Möglichkeit organisii- ter Wesen, ohne ihrer Erzeugung eine Absicht unterzulegen, (also im bloßen Mechanism derselben) gar nicht verborgen liegen köttN?, das Ware wiederum von uns zu vermessen geurtheilt; denn woher wollen wir das wissen? Wahrscheinlichkeiten fallen hier gar weg, wo es auf Urtheile der reinen Vernunft ankommt. — Also können wir über den Satz: ob ein nach Absichten handelndes Wesen als Weltursache (mithin als Urheber) dem, was wir mit Recht Naturzwecke nennen, zum Grunde liege, objectiv gar nicht, weder bejahend noch verneinend, urtheilen; nur so viel ist sicher, daß, wenn wir doch wenigstens nach dem, was uns einzusehen dnrch unsere eigene Natur vergönnt ist, (nach den Bedingungen und Schranken unserer Vernunft) urtheilen sollen, wir schlechterdings nichts anders als ein verstandiges Wesen der Möglichkeit jener Natur- zwccke zum Grunde legen können: welches der Maxime unserer reflectirenden Urlheilskraft, folglich einem ftlb- Critik der ideologischen Urtheilskraft. zz9 jectiven, aber dem menschlichen Geschlecht unnachlaß- lich anhangenden, Grunde allein gemäß ist. , §. 7^. Anmerkung. Diese Betrachtung, welche es gar sehr verdient in der Transc?»dentalpl)i!osopyie umständlich ausgeführt z» wer' den, mag hier nur episodisch, zur Erläuterung (nicht zum Beweise des hier Vorgetragenen), eintreten. Die Vernunft ist ein Vermögen der Principien, und geht in ihrer äusserste» Forderung auf das Unbedingte; da hingegen der Verstand ihr immer nur unter ei»er gewissen Bedingung, die gegeben werden muß, zu Diensten steht. Ohn- Begriffs des Verstandes aber, welchen objective Realität gegeben werden muß, kann die Vernunft gar nicht objectiv (synthetisch) urtheilen, und enthält, als theoretische Vernunft, für sich schlechterdings keine constltutlve, sondern bloß regulative Principien Man wird bald innc: daß, wo der Verstand nicht folgen kann, die Vernunft überschwenglich wird, und in zuvor gegründeten Ideen (als regulativen Principien), aber nicht objectiv gültigen Begriffen sich hervorthut; der Verstand aber, der mit ihr nicht Schritt halten kann, aber doch zur Gültigkeit für Objecte nöthig seyn würde, die Gültigkeit jener Zdecn der Vernunft nur auf das Subject, aber doch allgemein für alle von dieser Gattung, d. i. auf die Bedingung einschränke, daß nach der Narur unseres (menschlichen) ErkennmißvermögenS oder gar überhaupt nach dem Begriffe, den wir uns von dem Vermögen eines endlichen vernünftigen Wesens überhaupt machen können, nicht anders als so könne und müsse gedacht werden.: ohne doch zu behaupten, daß der Grund eines svl, Z40 Zweyter Theil. chen Urtheils im Objecte liegt. Wir wollen Beyspiele anführen, die zwar zu viel Wichtigkeit und auch Schwierigkeit haben, um sie hier so fort als erwiesene Sätze dem Leser aufzudringen, die ihm aber Stoff zum Nachdenken geben, und dem, w«6 hier unser eigenthümliches Geschäft ist, zur Erläuterung dienen können. Es ist dem menschlichen Verstände unumgänglich noth, wendig, Möglichkeit und Wirklichkeit der Dinge zu unterscheiden. Der Grund davon lieget im Subjecte und der Natur seiner Erkenntnißvermögen. Denn, wären zu dieser ihrer Ausübung nicht zwey ganz heterogene Stücke, Verstand für Begriffe, und sinnliche Anschauung für Objecte, die ihnen corresvondiren, erforderlich; so würde es keine solche Unterscheidung (zwischen dem Möglichen und Wirklichen) geben. Wäre nehmlich unser Verstand anschauend, so hätte er keine Gegenstände als das Wirkliche. Begriffe (die bloß auf die Möglichkeit eines Gegenstandes gehen), und sinnli- chc Anschauungen (welche uns etwas geben, ohne es dadurch doch als Gegenstand erkennen zu lassen), würden beide wegfallen. Nun beruht aber alle unsere Unterscheidung des bloß Möglichen vom Wirklichen darauf, daß das erstere nur die Position der Vorstellung eines Dinges respectiv aus unsern Begrif und überhaupt das Vermögen zu denken das letztere aber die Sehung des Dinges an sich selbst (außer diesem Begriffe) bedeutet. Also ist die Unterscheidung möglicherDinge von wirklichen eine solche, die bloß subjectiv für den menschlichen Verstand gilt, da wir nehmlich etwas immer noch in Gedanken haben können, ob es gleich nicht ist, oder etwas als gegeben uns vorstellen, ob wlr gleich noch keinen Begrif davon haben. Die Sätze also: daß Dinge möglich seyn können ohne wirklich zu seyn, daß also aus der bloßen Möglichkeit auf die Wirklichkeit gar nicht geschlossen werden könne. Critik der teleologischen Urcheilskraft. Z4 r zelten ganz richtig für die menschliche Vernunft, ohne darum zu beweisen daß dieser Unterschied in den Dingen selbst liege. Denn, daß dieses nicht daraus gefolgert werden könne, mithin jene Sätze zwar allerdings auch von Objecten gelten, so fern unser Erkenntnißvermögen, als sinnlich, bedingt, sich auch Mit Objecten der Sinne beschäftigt, aber nicht von Dingen überhaupt: leuchtet aus der unablaßlichen Forderung der Vernunft ein, irgend ein Etwas (den Urgrund) als unbedingt nothwendig existirend anzunehmen, an welchem Möglichkett und Wirklichkeit gar nicht mehr unterschieden werden sollen, und für welche Idee unser Verstand schlechterdings keinen Begrif hat, d. i. keine Art ausfinden kann, wie er ein solches Ding und seine Art zu eristiren sich vorstellen solle. Denn, wenn er es denkt (er mag es denken wie er will), so ist es bloß als möglich vorgestellt. Zst er sich dessen, als in der Anschauung gegeben bewußt, so ist es wirklich, ohne sich hiebey irgend etwas von Möglichkeit zu denken. Daher ist der Begrif eines absolutnothwendigen Wesens zwar eine unentbehrliche Vernunftidee, aber ein für den menschlichen Verstand unerreichbarer problematischer Begrif. Er gilt aber doch für den Gebrauch unserer Erkenntnißvermögen, nach der eigenthümlichen Beschaffenheit derselben, mithin ,/ nicht vom Objecte und hiemit für jedes erkennende Wesen: weil ich nicht bet jedem das Denken und dde Anschauung, als zwey verschiedene Bedingungen der Ausübung ihrer Erkenntnißvermögen, mithin der Möglichkeit und Wirklichkeit der Dinge, voraussetzen kann. Für einen Verstand, bey dem dieser Unterschied nicht einträte, würde es heissen: alle Objecte, die ich erkenne, sind (eristiren); und die Möglichkeit einiger, die doch nicht eristirten, d. i. Zufälligkeit derselben wenn sie existiren, also auch die davon zu unterscheidende Nothwendigkeit, würde in die Vorstellung eines s> ? 342 Zweyter Theil. solchen Wesens gar nickt kommen können. Was unserm Verstände aber so beschwerlich fällt, der Verminst hier mit seinen Verrissen es gleich zu thun, ist bloß: daß für ihn, als mcnlchiichen Verstand, dacjenige >iber!chweng>i>i' (d. i. den subjectiven Bedingungen seines Erkcnnrnisseo unmöglich) ist, was doch die -Vernunft als zum Object gehörig zum Princip macht. — Hierbey gilt nun immer die Maxime, daß wir. alle Objecte, da >do ihr- Erkc-nitniß das Vermögen des Verstandes übersteigt, nach den subjectiven, unserer (d. i. der menschlichen) Natur nothwendig anhangenden, Bedingungen der Ausübung ihrer Vermögen denken; und, wenn die auf diese Art gefällten Urtheile (wie es -auch in Ansehung der überschwenglichen Begriffe nicht anders seyn kann) nicht eonstitutive Principien, die das Object, wie es beschaffen ist, bestimmen, seyn können, so werden es doch regulative, in der Ausübung immanente und sichere, der niew'chiichen Absicht angemessene, Principien bleiben. So wie dtc Vernunft, in theoretischer Betrachtung der Narur, die Zdee einer unbedingten Nothwendigkeit ihres Urgrundes annehmen muß; so setzt sie auch, in practischer, ihre eigene (in Ansehung der Natur) unbedingte Causalität, d. i. Freiheit voraus, indem sie sich ihres moralischen Ge< bots bewußt ist. Weil nun aber hier die objective Nothwendigkeit der Handlung, als Pflicht derjenigen, die sie, als Begebenheit haben würde, wenn ihr Grund in der Nacur und nicht in der Freyheit (d. i. in der Vernunftcausalität) läge, entgegengesetzt, und die moralisch-schlechthin-noth- wendige Handlung physisch als ganz zufallig angesehen wird (d. i. dc-L das was nothwendig geschehen sollte, doch öfter nicht geschieht); so ist klar, daß es nur von der subjektiven Beschaffenheit unjerö practiscben Vermögens herrührt, daß die moralischen Gesetze als Gebote (und die ihnen gemäßen Critik der tele elegischen Urtheilskraft. Z4Z / Handlungen als Pflichten) vorgestellt werden müssen, und die Vernunft diese Nothwendigkeit nicht durch ein Seyn (Geschehen), sondern Seyn - Sollen ausdrückt: welches nicht Statt finden würde, wenn die Vernunft ohne Sinnlichkeit (als subjektive Bedingung ihrerxAnwendnng aus Gegenstände der Nacur), ihrer Causalität nach, mithin als Ursache tn einer inttlligibelen, mit dem moralischen Gesetze durchgängig übereinstimmenden, Welt betrachtet würde, wo zwischen Sollen und Thun, zwischen einem praetiscken Gesetze von dem was durch uns möglich ist, und dem theoretischen von dem wäs durch uns wirklich ist, kein Unterschied sein würde. Ob nun aber gleich eins intelligibele Wclt, in welcher alles darum wirklich seyn würde, bloß nur weil es (als crwaö Gutes) möglich ist, und selbst die Freyheit, als formale Bedingung derselben, für uns ein überschwenglicher Begris ist, der zu keinem coustitutiven Princip, ein Object und dessen objective Realität zu bestimmen, tauglich ist; so dient die letztere doch, nach der Beschaffenheit unserer (zum Theil sinnlichen) Natur und Vermögens, für uns und alle vernünftige mit der Stnncnwelc in Verbindung stehende Wesen, so weit wir sie uns nach der Beschaffenheit unserer Vernunft vorstellen können, zu einem allgemeinen regulativen Princip, welches die Beschaffenheit der Freiheit, als Form der Causalität, nicht objectiv bestimmt, sondern, und zwar nicht mit minderer Gültigkeit, als ob dieses geschähe, die Regel der Handlungen nach jener Zdee für jedermann zu Geboten macht. Eben so kann man auch, was unsern vorliegenden Fall betrift, einräumen: wir würden zwischen NaturmechaniSm und Technik der Natur, d. i. Zweckvcrknüvsung in derselben, keinen Unterschied finden, wäre unser Verstand nicht von der Art, daß er vom Allgemeinen zum Besonder» gehen muß, N 4 Z44 Zweyter Theil. und die Urtheilskraft also in Ansehung des Besondern keine Zweckmäßigkeit erkennen, mithin keine bestimmende U:theile fällen kann ohne ein allgemeines Gesetz zu haben, worunter sie jenes fubsnmircn könne. Da nun aber das Besondere, als ein solches, in Ansehung des Allgemeinen etwas Zufälliges enthält, gleichwohl aber die Vernunft in der Verbindung besonderer Gesetze der Natur doch auch Einheit, mithin Gesetzlichkeit, erfordert (welche Gesetzlichkeit des Zufälligen Zweckmäßigkeit heißt), und die Ableitung der besonderen Gesetze aus den allgemeinen, in Ansehung dessen was jene Zufälliges in sich enthalten, s priori durch Bestimmung des Begrifs vom Objecte uumSglich ist; so wird der Begrif der Zweckmäßigkeit der Natur in ihren Producten ein für die menschliche Urcheilskrafr In Ansehung der Natur nothwendiger, abcr nicht die Bestimmung der Objecte selbst angehender, Begrif seyn, also ein subjectives Princip der Vernunft für die Urtheilskraft, welches als regulativ (nicht consttru- liv) für unsere menschliche Urteilskraft eben so rwth- ivenoig gilt, als ob es ein objectives Princip wäre. §- 77- Von der Eigenthümlichkeit des menschlichen Verstandes, wodurch uns der Begrif eines Naturzwecks möglich wird. Wir haben in der Anmerkung Eigenthümlichkeiten unseres (selbst des oberen) Erkenntnißvermögens, welche wir leichtlich als objective Prädikate auf die Sachen selbst überzutragen verleitet werden, angeführt; aber sie betreffen Ideen, denen angemessen kein Gegenstand in Critik der teleologischen Urtheilskrast. Z45 der Erfahrung gegeben werden kann, und die alsdann mir zu regulativen Principien in Verfolgung der letzteren dienen konnten. Mit dem Begriffe eines Naturzwecks verhalt es sich zwar eben so, was die Ursache der Möglichkeit eines solchen Prädikats betrift, die nur in der Idee liegen kann: aber die ihr gemäße Folge (das Product selbst) ist doch in der Natur gegeben, und der Begrif einer Ccmsalität der letzteren, als eines nach Zwecken handelnden Wesens, scheint die Idee eines Naturzwecks zu einem consiitutiven Princip desselben zu machen: und darin hat sie etwas von allen andern Ideen Unterscheidendes. . Dieses Unterscheidende besteht aber darin: daß gedachte Idee nicht ein Vernunftprincip für den Verstand, sondern für die Urtheilskraft, mithin lediglich die Anwendung eines Verstandes überhaupt auf mögliche Gegenstände der Erfahrung ist; und zwar da, wo das Urtheil nicht bestimmend, sondern bloß reflectirend seyn kann, mithin der Gegenstand zwar in der Erfahrung gegeben, aber darüber der Idee gemäß gar nicht einmal bestimmt (geschweige völlig angemessen) geurtheilt, sondern nur über ihn reflecrirr werden kann. Es betrift also eine Eigenthümlichkeit Unseres (menschlichen) Verstandes in Ansehung der Urtheilskraft, in der Reflexion derselben über Dinge der Natur. Wenn das aber ist, so muß hier die Idee von einem andern möglichen Verstände, als dem menschlichen, zum Grunde V 5 ^46 Zweyter Theil. iiegen (so wie wir i>: der Critik der r. V. eine andere mögliche Anschauung in Gedanken haben mußten, wenn die unsrige als eine besondere Art, nehmlich der, für welche Gegenstande nur als Erscheinungen gelten, gehalten werden sollte), damit man sagen könne: gewisse Naturproducte müssen, nach der besondern Beschaffenheit unseres Verstandes, V0N Uns ihrer Möglichkeit nach absichtlich m?o als Zwecke erzeugt, betrachtet werden, ohne doch darum zu verlangen, daß es wirklich eine besondere Ursache, welche die Vorstellung eines Zwecks zu ihrem Bcsiimmungsgrunde hat, gebe, mithin ohne in Abrede zn ziehen, daß nicht ein anderer (höherer) Verstand, als der menschliche, auch im Mecha- nism der Natur d. i. einer Causalverbiudung, zu der nicht ausschließungsweise ein Verstand als Ursache angenommen wird, den Grnnd der Möglichkeit solcher Produtte der Natur antreffen könne» Es kommt hier also auf das Verhalten unseres Verstandes zur Urtheilskraft an, daß wir nehmlich darin eine gewisse Zufälligkeit der Beschaffenheit des unsrigen aussuchen, um die als Eigenthümlichkeit unseres Verstandes, zum Unterschiede von anderen möglichen, anzumerken. Diese Zufälligkeit findet sich ganz natürlich in dem Besondern, welches die Urtheilskraft unter das Allgemeine der Verstandesbegriffe bringen soll; denn durch das Allgemeine Unseres (menschlichen) Verstan- Critik der teleologischen Urtheilökrast. Z47 des ist das Besondere nicht bestimmt; und es ist zufällig, auf wie vielerlei) Art unterschiedene Dinge, die doch in einem gemeinsamen Merkmale übereinkommen, unserer Wahrnehmung vorkommen können. Unser Verstand ist ein Vermögen der Begriffe, d. i. ein discursiver Verstand, für den es freylich zufallig seyn muß, welcherlei) und wie fehr verschieden das Besondere seyn mag, das ihm in der Natur gegeben werden, und das unter seine Begriffe gebracht werden kann. Weil aber zum Erkenntniß doch auch Anschauung gehört, und ein Vermögen einer völligen Spontaneität der Anschauung ein von der Sinnlichkeit unterschiedenes und davon ganz unabhängiges Erkcnntmßvermvgen, mithin Verstand in der allgemeinsten Bedeutung seyn würde: so kann man sich auch einen intuitiven Verstand (negativ, nehmlich bloß als nicht discursiven) denken, welcher nicht vom Allgemeinen zum Besonderen und so zum Einzelnen (durch Begriffe) geht, und für welchen jene Zufälligkeit der Zusammensiimmung der Natur in ihren Producte» nach besondern Gesetzen zum Verstaube nicht angetroffen wird, welche dem unfrigen es so schwer macht, das Mannichfaltige derselben zur Einheit des Erkenntnisses zu bringen; ein Geschäft, das der unsrige nur durch Übereinstimmung der Naturmcrkmale zu unserm Vermögen der Begriffe, welche sehr zufällig ist, zu Stande bringen kann, dessen ein anschauender Verstand aber nicht bedarf» Z48 Zweyter Theil. Unser Verstand hat also das Eigene für die Urtheilskrast, daß im Erkenntniß durch denselben, durch das Allgemeine das Besondere nicht bestimmt wird, und dieses also von jenem allein nicht abgeleitet werden kann; gleichwohl aber dieses Besondere in der Mannichfaltigkeit der Natnr zum Allgemeinen (durch Begriffe und Gesetze) zusammenstimmen soll, um darunter subsumirt werden zu können, welche Zusammensiimmung unter solchen Umstanden sehr zufallig und für die Urrheilskraft ohne bestimmtes Princip seyn muß. Um nun gleichwohl die Möglichkeit einer solchen Zusammenstimmung der Dinge der Natur zur Urtheilskraft (welche wir als zufallig, mithin nur durch einen darauf gerichteten Zweck als möglich vorstellen) wenigstens denken zu können, müssen wir uns zugleich einen andern Verstand denken, in Beziehung auf welchen, und zwar vor allem ihm beygelegten Zweck, wir jene Zusammenstimmung der Naturgesetze mit unserer Urtheilskraft, die für unsern Verstand nur durch das Verbindungsmittel der Zwecke denkbar ist, als nothwendig vorstellen können. Unser Verstand nehmlich hat die Eigenschaft, daß er in seinem Erkenntnisse, z. V. der Ursache eines Products, vom Analytisch-Allgemeinen (von Begriffen) zum Besondern (der gegebenen empirischen Anschauung) gehen muß; wobey er also in Ansehung der Mannichfaltigkeit des letztem nichts bestimmt, sondern diese Besiim- Critlk der teleologischen Urtheilskraft. Z49 nmng für die Urtheilskrast von der Subsumtion der empirischen Anschauung (wenn der Gegenstand ein Naturprodukt ist) unter dem Begrif erwarten muß. Nun können wir uns aber auch einen Verstand denken, der, weil er nicht wie der unsrige discursiv, sondern intuitiv ist, vom Synthetisch-Allgemeinen (der Anschauung eines Ganzen, als eines solchen) zum Besondern geht, d.i. vom Ganzen zu den Theilen; der also "und dessen Vorstellung des Ganzen die Zufälligkeit der Verbindung der Theile nicht in sich enthält, um eine bestimmte Form des Ganzen möglich zu machen, die unser Verstand bedarf, welcher von den Theilen, als allgemeingedachten Gründen, zu verschiedenen darunter zu subsu- mirenden möglichen Formen, als Folgen, fortgehen muß. Nach der Beschaffenheit unseres Verstandes ist hingegen ein reales Ganze der Natur nur als Wirkung der concurrirenden bewegenden Kräfte der Theile anzusehen. Wollen wir uns also nicht die Möglichkeit des Ganzen als von den Theilen, wie es unserm discursiven Verstände gemäß ist, sondern, nach Maaßgabe des intuitiven (urbildlichen), die Möglichkeit der Thcl.e (ihrer Beschaffenheit und Verbindung nach) als vom Ganzen abhangend vorstellen; so kann dieses, nach eben derselben Eigenthümlichkeit unseres Verstandes, nicht so geschehen, daß das Ganze den Grund der Möglichkeit der Verknüpfung der Theile (welches in der discnrsiven Er- kenntnißart Widerspruch seyn würde), sondern nur daß die Z5<5 Zweyter Theil. Vorstellung eines Ganzen den Grund der Möglichkeit der Form desselben und der dazu gehörigen Verknüpfung der Theile enthalte. Da das Ganze nun aber alsdann eine Wirkung (Prodttct) seyn wurde, dessen Vorstellung als die Ursache feiner Möglichkeit angesehen wird, das Product aber einer Ursache, deren Ve- stimmungsgrund bloß die Vorstellung feiner Wirkung ist, ein Zweck heißt; so folgt daraus: daß es bloß eine Folge aus der besondern Beschaffenheit unseres Verstandes fey, wenn wir Producte der Natur nach einer andern Art der Caufalitat, als der der Naturgesetze der Materie, nehmlich nur nach der der Zwecke und Endursachen uns als möglich vorstellen, und daß dieses Princip nicht die Möglichkeit solcher Dinge selbst (selbst als Phänomene betrachtet) nach dieser Erzeugungsart, sondern nur der unserem Verstände möglichen Beurtheilung derselben angehe. Wobey wir zugleich einsehen, warum wir in der Naturkunde mit einer Erklärung der Producte der Natur durch Caufalitat nach Zwecken lange nicht zufrieden sind, weil wir nehmlich in derselben die Naturerzeugung bloß unserm Vermögen sie zu beurtheilen, d. i.' der reflectirenden Urtheilskraft, und nicht den Dingen selbst zum Behuf der bestimmenden Urtheilskraft angemessen zu beurtheilen verlangen. Es ist hiebey auch gar nicht nöthig zu beweisen, daß ein solcher Wdellectus »i- terdings kann keine menschliche Vernunft (auch keine endliche, die der Qualität nach der unsrigen ähnlich wäre, sie aber dem Grade nach noch so sehr überstiege) die Erzeugung auch nur eines Graschens ans bloß Mechanik schcn Ursachen zu verstehen hoffen. Denn, wenn die teleologische Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen zur Möglichkeit eines solchen Gegenstandes für die Urtheilskraft ganz unentbehrlich ist, selbst um diese nur am Leitfaden der Erfahrung zu studiren; wenn für äußere Gegenstande, als Erscheinungen, ein sich auf Zwecke beziehender hinreichender Grund gar nicht angetroffen werden kann, sondern dieser, der auch in der Natur liegt, doch nur im übersinnlichen Substrat derselben gesucht werden muß, von welchem uns aber alle mögliche Einsicht abgeschnitten ist: so ist es uns schlechterdings RKirs Crir. d. Mkheilskr. H Z54 Zweyter Theil» unmöglich, aus der Natur selbst hergenommene Erklä- rungsgründe für Zweckverbindungen zu schöpfen, und es ist nach der Beschaffenheit des menschlichen Erkenntniß- Vermögens nothwendig, den obersten Grund dazu in einem ursprünglichen Verstände als Weltursache zu suchen. §- 78- Von der Vereinigung des Princips des allgemeinen Mechanismus der Materie mit dem teleologischen in der Technik der Natur. Es liegt der Vernunft unendlich viel daran, den Mechanism der Natur in ihren Erzeugungen nicht fallen zu lassen und in der Erklärung derselben nicht vorbey zn gehen; weil ohne diesen keine Einsicht in der Natur der Dinge erlangt werden kann. Wenn man uns gleich einräumt: baß ein höchster Architect die Formen der Natur, so wie sie von je her da sind, unmittelbar geschaffen, oder die, welche sich in ihrem Laufe continuirlich nach eben demselben Muster bilden, prädeterminirt habe: so ist doch dadurch unsere Erkenntniß der Natur nicht im mindesten gefördert; weil wir jenes Wesens Handlungsart und die Ideen desselben, welche die Principien der Möglichkeit der Naturwefen enthalten sollen, gar nicht kennen, und von demselben als von oben herab O xriori) die Natur nicht erklären können. Wollen wir aber von den Formen der Gegenstände der Erfahrung, also von unten hinauf O xoüerlori), weil wir in diesen Zweckmäßigkeit ' / Critik der teleologischen Urtheilskraft. Z 5 5 anzutreffen glauben, um diese zu erklären, uns auf eine nach Zwecken wirkende Ursache berufen; so würden wir ganz tavtologisch erklaren, und die Vernunft mit Worten taufchen, ohne noch zu erwähnen: daß da, wo wir uns mit diefer Erklärungsart ins Überschwengliche verlieren, wohin uns die Naturerkenntniß nicht folgen kann, die Vernunft dichterisch zu schwärmen verleitet wird, welches zu verhüten eben ihre vorzüglichste Bestimmung ist. Von der andern Seite ist es eine eben sowohl nothwendige Maxime der Vernunft, das Princip der Zwecke an den Producten der Natur nicht vorbey zu gehen; weil es, wenn es gleich die Entstehungsart derselben uns eben nicht begreiflicher macht, doch ein hevrisiisches Princip ist, den besondern Gesetzen der Natur nachzuforschen; gefetzt auch, daß man davon keinen Gebrauch machen wollte, um die Natur selbst darnach zu erklaren, indem man sie so lange, ob sie gleich absichtliche Zweckeinheit augenscheinlich darlegt, noch immer nur Naturzwecke nennt, d. i. ohne über die Natur hinaus den Grund dee Möglichkeit derselben zu suchen. Weil es aber doch am Ende zur Frage wegen der letzteren kommen muß: so ist es eben so nothwendig für sie, eine besondere Art der Causalität, die sich nicht in der Natur vorfindet, zu Lenken, als die Mechanik der Naturursachen die ihrige hat, indem zu der Neccprivität mehrerer und anderer Formen, als deren die Materie nach der letzteren fähig 3? Z56 ^ Zweyter Theil. ist, noch eine Spontaneität einer Ursache (die also nicht Materie'fty» kann) hinzukommen muß, ohne welche von jenen Formen kein Grund angegeben werden kann» Zwar muß die Vernunft, ehe sie diesen Schritt thut, behutsam verfahren, und nicht jede Technik der Natur, d. i. ein produclivcs Vermögen derselben, welches Zweckmäßigkeit der Gestalt für unsere bloße Apprehension an sich zeigt, (wie bey regulären Körpern) für teleologisch zu erklären suchen, sondern immer so lange für bloß me» ch.inisch-möglich anfthcn; allein darüber das tclevlogi- sche Princip gar ausschließen, und, wo die Zweckmäßigkeit, für, die Vernunftuntersuchung der Möglichkeit der Naturformen, durch ihre Ursachen, sich ganz unlaugbar als Beziehung auf eine andere Art der Caufalitat zeigt, doch immer den bloßen Mechanism befolgen wollen, muß die Vernunft eben so phantastisch und unter Hirngespinsten von Naturvermögen, die sich gar nicht denken lassen, herumschweifend machen, als eine bloß teleo- logifche Erklärungsart, die gar keine Rücksicht auf den Naturmechanism nimmt, sie schwärmerisch machte. An einem und eben demselben Dinge der Natur lassen sich nicht beide Principien, als Grundsatze der Erklärung (Deduction) eines von dem andern, verknüpfen, d. i. als dogmatische und constitutive Principien der Natureinsicht für die bestimmende Urtheilskraft, vereinigen. Wenn ich z. B. von einer Made annehme, sie sey als Product des bloßen Mechanismus der Ma? Critik der teleologifchen Urtheilskrast. Z 57 terie (der neuen Bildung, die sie für sich selbst bewerkstelligt, wenn ihre Elemente durch Faulniß in Freyheit gesetzt werden) anzusehen; so kann ich nun nicht von eben derselben Materie, «K< einer Causalitat nach Zwecken zu handeln, eben dasselbe Product ableiten. Umgekehrt, wenn ich dasselbe Product als Naturzweck annehme, kann ich nicht auf eine mechanische Erzeugungs- art desselben rechnen, und solche als csnstitutives Princip zur Beurtheilung desselben seiner Möglichkeit nach annehmen, und so beide Principien vereinigen» Denn eine Erklarungsart schließt die andere aus; gesetzt auch, daß objectiv beide Gründe'der Möglichkeit eines solchen Products auf einem einzige!« beruheten,,wir aber auf diesen nicht Rücksicht nahmen. Das Princip, welches die Vereinbarkeit beider in Beurtheilung der Natur nach denselben möglich machen soll, muß in das was ausserhalb beiden (mithin auch ausser der möglichen empirischen Naturvorsielluug) liegt, von dieser aber doch den Grund enthalt, d. :» ins Übersinnliche, -gesetzt, und eine jede beider Erklarungsarten darauf beMgen werden. Da wir nun von diesem nichts als den unbestimmten Begrif eines Grundes haben können, der die Beurtheilung der Natur nach empirischen Gesetzen möglich macht,, übrigens aber ihn durch kein Pradicat naher bestimmen können; so folgt, daß die Vereinigung beider Principien nicht auf einem Grunde der Erklärung (Erplication) der Möglichkeit eines Products nach gegebenen Gesetzes 3 Z Z58 Zweyter Theil. für die bestimmende, sondern nur auf einem Grunde der Erörterung (Exposition) derselben für die reflecti- rende Urtheilskrast beruhen könne. — Denn Erklären heißt von einem Princip ableitn, welches man also deutlich muß erkennen und angeben können. Nun müssen zwar das Princip des Mechanisms der Natur und das der Causalität derselben an einem und eben demselben Naturproducte in einem einzigen oberen Princip zusammenhangen und daraus gemeinschaftlich abfließen, weil sie sonst in der Naturbctrachtung nicht neben einander bestehen könnten. Wenn aber dieses objectiv-gemeinschaftliche, und also auch "die Gemeinschaft der davon abHangenden Maxime der Naturforfchung berechtigende, Princip von der Art ist, daß es zwar angezeigt, nie aber bestimmt erkannt und für den Gebrauch in vorkommenden Fällen deutlich angegeben werden kann; so laßt sich aus einem solchen Princip keine Erklärung d. i. deutliche und bestimmte Ableitung der Möglichkeit eines nach jenen zwey heterogenen Principien möglichen Naturproducts ziehen, Nun ist aber das gemeinschaftliche Princip der mechanischen einerseits und der teleologischen Ableitung andrerseits das Übersinnliche, welches wir der Natur als Phänomen unterlegen müssen. Von diesem qber können wir uns in theoretischer Absicht nicht den mindesten bejahend bestimmten Begrif machen. Wie also nach demselben, als Princip, die Natur (nach ihren besondern Gesetzen) für uns ein System ausmacht, welches Critik der theologischen Urtheilökraft. z 59 sowohl nach dem Princip der Erzeugung von physischen als dem der Endursachen als möglich erkannt werden könne: laßt sich kcinesweges erklaren z sondern nur, wenn es sich zutragt/ daß Gegenstände der Natur vorkommen, die nach dem Princip des Mechanisms (welches jederzeit zweckmäßiger Form, diefe wiederum andere, welche angemessener ihrem Zeugungsplatze und ihrem Verhaltnisse unter einander sich ausbildeten, gebähren lassen: bis diese Gebährmutter selbst, erstarrt, sich verknöchert, ihre Ge- burten auf bestimmte fernerhin nicht ausartende Species R anrs Lrir. d. Urcheilstr. A a Zweyter Theil. eingeschränkt hätte, und die Mannichftltigkeit so bliebe, wie sie am Ende der Operation jener fruchtbaren Bildungskraft ausgefallen war. — Allein er muß gleichwohl zu dem Ende dieser allgemeinen Mutter eine auf alle diese Geschöpfe zweckmäßig gestellte Organisation beylegen, widrigenfalls die Zweckform der Proouttc des Thier- und Pflanzenreichs ihrer Möglichkeit nach gar nicht zu denken ist Alsdann aber hat er den Erklärungsgrund nur weiter aufgeschoben, und kann sich nicht ') Eine Hypothese von solcher Art kann man ein gewagtes Abenteuer der Vernunft nennen: und es mögen wenige, selbst von den scharfsinnigsten Naturforschern, seyn, denen es nicht bisweilen durch den Kopf gegangen wäre. Denn ungereimt ist es eben nicht, wie die xenei-ario «c-zuivocz» worunter man die Erzeugung eines organisirten Wesens durch die Mechanik der rohen unorganjsirten Materie versteht. Sie wäre immer noch xsnci-zrw umvo-, i» der allgemeinsten Bedeutung des Worts, so fern nur etwas Organisches aus einem andern Organischen, ob zwar unter dieser Art Wesen specifisch von ihm unterschiedenen, erzeugt würde; z- B. wenn gewiss- Wasserthiere sich nach und nach zu Sumpsthieren, und aus diesen, nach einigen Zeugungen, zu Landthieren ausbildeten. ^ priori, im Urtheile der bloßen Vernunft, widerstreitet sich das nicht. Allein die Erfahrung zeigt davon kein Beyspiel; nach der vielmehr alle Zeugung, die wir kennen, Zensr-rio lwmonymü ist, nicht bloß univoi-ü» im Gegensatz mit der Zeugung aus unorga- nisirtem Stoffe, sonder» auch ein in der Organisation selbst mit dem Erzeugenden gleichartiges Product hervordringt, und die L^neiAtto lietsronym-,, so weit unsere ErfahningS kenntniß der Natur reicht, nirgend angetroffen wird. - Critik der teleologischen Urtheilskraft. Z71 amnaaßen, die Erzeugung jener zwey Reiche von der Bedingung der Endursachen unabhängig gemacht zu haben. Selbst, was die Veränderung betrift, welcher gewisse Individuen der organisirten Gattungen zufälligerweife unterworfen werden, wenn man findet, daß ihr fo abgeänderter Charakter erblich und in die Zeugungskraft aufgenommen wird, so kann sie nicht füglich anders als gelegentliche Entwickelung einer in der Species ursprünglich vorhandenen zweckmäßigen Anlage, zur Selbsterhaltung der Art, beurtheilt werden; weil das Zeugen seines gleichen, bey der durchgängigen inneren Zweckmäßigkeit eines organisirten Wesens, mit der Bedingung nichts in die Zcugungskraft aufzunehmen, was nicht such in einem solchen System von Zwecken zu einer der unentwickelten ursprünglichen Anlagen gehört, so nahe verbunden ist. Denn, wenn man von diesem Princip abgeht, so kann man mit Sicherheit nicht wissen, ob nicht mehrere Stücke der jetzt cm einer Species anzutreffenden Form eben so zufalligen zwecklosen Ursprungs seyn mögen; und das Princip der Teleologie: in einem organisirten Wesen nichts von dem, was sich in der Fortpflanzung desselben erhält, als unzweckmäßig zu beurtheilen, müßte dadurch in der Anwendung sehr unzuverlässig werden, und lediglich für den Urstamm (den wir aber nicht mehr kennen) gültig seyn. Aas Z72 Zweyter Theil. HllMe macht wider diejenigen, welche für alle solche Naturzwecke ein teleologisches Princip der Beurtheilung, d. i. einen architectonischen Verstand anzunehmen nöthig finden, die Einwendung: daß man mit eben dem Rechte fragen konnte, wie denn ein solcher Verstand möglich sey, d. i. wie die mancherley Vermögen und Eigenschaften, welche die Möglichkeit eines Verstandes, der zugleich ausführende Macht hat, ausmachen, sich so Zweckmäßig in einein Wesen haben zusammen finden können. Allein dieser Einwurf ist nichtig. Denn die ganze Schwierigkeit, welche die Frage, wegen der ersten Erzeugung eines in sich selbst Zwecke enthaltenden und durch sie allein begreiflichen Dinges umgiebt, beruht auf der Nachfrage nach Einheit des Grundes der Verbindung des Mannichfaltigen außer einander in diesem Produkte; da denn, wenn dieser Grund in dem Verstände einer hervorbringenden Ursache als einfacher Substanz gefetzt wird, jene Frage, sofern sie teleologifch ist, hinreichend beantwortet wird, wenn aber die Ursache bloß in der Materie, als einem Aggregat vieler Substanzen aus einander, gesucht wird, die Einheit des Princips für die innerlich zweckmäßige Form ihrer Bildung ganzlich ermangelt ; und die Avtocratie der Materie in Erzeugungen, welche von unserm Verstände nur als Zwecke begriffen werden können, ist ein Wort ohne Bedeutung. Daher kommt es, daß diejenigen, welche für die objectiv-zweckmäßigen Formen der Materie einen oder- Critik der theologischen UrtheilSkraft. 37z sten Grund der Möglichkeit derselben suchen, ohne ihm eben einen Verstand zuzugestehen, das Weltganze doch gern zu einer einigen allbefassenden Substanz (Pan- theism), oder (welches nur eine bestimmtere Erklärung des vorigen ist) zu einem Inbegriffe vieler einer einigen eillfachen Substanz inhärirenden Bestimmungen (Svinozism), machen, bloß um jene Bedingung aller Zweckmäßigkeit, die Einheit des Grundes, heraus zu bekommen; wobey sie zwar einer Bedingung der Aufgabe, nehmlich der Einheit in der Zweckverbindung, vermittelst des bloß ontologischen Begrifs einer einfachen Substanz, ein Genüge thun, aber für die andere Bedingung, nehmlich das Verhältniß derselben zu ihrer Folge als Zweck, wodurch jener ontologifche Grund für die Frage näher bestimmt werden soll, nichts anführen, mithin die ganze Frage keinesweges beantworten. Auch bleibt sie schlechterdings unbeantwortlich (für unsere Vernunft), wenn wir jenen Urgrund der Dinge nicht als einfache Substanz und dieser ihre Eigenschaft zu der specifischen Beschaffenheit der auf sie sich gründenden Naturformen, nehmlich der Aweckeinheit, nicht als einer intelligenten Substanz, das Verhältniß aber derselben zu den letzteren (wegen der Anfälligkeit die wir an allem was wir uns nur als Zweck möglich - denken), nicht als das Verhältniß einer Causalität uns vorstellen. Aa z Z74 Zweyter Theil. §. 8r. Von der Beygesellung des Mechanismus, zum teleologischen Princip in der Erklärung eines Naturzwecks als Naturproducts» Gleich wie der Mechanism der Natur nach dem vorhergehenden §. allein nicht zulangen kann, um sich die Möglichkeit eines organisirten Wesens darnach zu denken, sondern (wenigstens nach der Beschaffenheit unsers Erkenntnißvcrmögens) einer absichtlich wirkenden Ursache ursprünglich untergeordnet werden muß: so langt eben so wenig der bloße teleologische Grund eines solchen Wesens hin, es zugleich als ein Pröduct der Natur zu betrachten und zu beurtheilen, wenn nicht der Mechanism des letzteren dem ersteren beygcsellt wird, gleichsam als das Werkzeug einer absichtlich wirkenden Ursache, deren Zwecke die Natur in ihren mechanischen Gesetzen gleichwohl untergeordnet ist« Die Möglichkeit einer solchen Vereinigung zweyer ganz verschiedener Arten von Causalität, der Natur in ihrer allgemeinen Gesetzmäßigkeit, mit einer Idee, welche jene auf eine besondere Form einschrankt, wozu sie für sich gar keinen Grund enthalt, begreift unsere Vernunft nicht; sie liegt im übersinnlichen Substrat der Natur, wovon wir nichts bejahend bestimmen können, als daß es das Wesen an sich sey, von welchem wir bloß die Erscheinung kennen. Aber das Princip: alles, was wir als zu dieser Natur Critik der teleologischen Urtheilskraft. Z75 (?Küeno!nenon) gehörig und als Product derselben annehmen, auch nach mechanischen Gesetzen mit ihr verknüpft 'denken zn müssen, bleibt nichts desto weniger in seiner Kraft; weil, ohne diese Art von Causalität, organisirte Wesen,.als Zwecke der Natur, doch keine Natnrproducte seyn würden. Wenn nun das teleologische Princip der Erzeugung dieser Wesen angenommen wird (wie es denn nicht anders seyn kann); so kanp man entweder den Oecajw- nalism, oder den PrästabillöM der Ursache ihrer innerlich zweckmäßigen Form zum Grunde legen. Nach dem ersteren würde die oberste Weltursache ihrer Idee gemäß, bey Gelegenheit einer jeden Begattung der in derselben sich mischenden Materie unmittelbar die organische Bildung geben; nach dem zweyten, würde sie in die anfanglichen Producte dieser ihrer Weisheit nur die Anlage gebracht haben, vermittelst deren ein organisches Wesen seines Gleichen hervorbringt und die Species sich selbst beständig erhält, ungleichen der Abgang dcr Individuen durch ihre zugleich an ihrer Zersiöhruug arbeitende Natur continuirlich ersetzt wird. Wenn man den Occa- sioualism der Hervorbringung organisirter Wesen annimmt, so geht alle Natur hieben gänzlich verloren, mit ihr auch aller Vernunftgebrauch, über die Möglich» keit einer solcher Art Producte zu urtheilen; daher man voraussetzen kann, daß niemand dieses System annehmen wird, dem es irgend um Philosophie zu thun ist. Aa 4 Z76 Zweyter Theil. Der PräsiabilisM kann nun wiederum auf zwiefache Art verfahren. Er betrachtet nehmlich ein jedes von seines Gleichen gezeugte organifche Wesen entweder als das Educt, oder als das Prvduct des ersteren. Das System der Zeugungen als bloßer Educte heißt das der individuellen Präformanon, oder auch die Evolutionstheorie; das der Zeugungen als Producte wird das System der Epigenesiö genannt. Dieses letztere kann auch System der genetischen Präformation genannt werden; weil das productive Vermögen der Zeugenden doch nach den inneren zweckmäßigen Anlagen, die ihrem Stamme zu Theil wurden, also die specifische Form virtueller präformirr war. Diesem gemäß würde man die entgegenstehende Theorie der individuellen Präformarion auch besser Involutionstheorie (oder die der Einschachtelung) nennen können. Die Verfechter der Evolutionstheorie, welche jedes Individuum von der bildenden Kraft der Natur ausnehmen, um es unmittelbar aus der Hand des Schöpfers kommen zu lassen, wollten es alfo doch nicht wagen, dieses nach der Hypothese des Occasionalisms geschehen zu lassen, so daß die Begattung eine bloße Formalität wäre, unter der eine oberste verständige Weltursache beschlossen hätte, jedesmal eine Frucht mit unmittelbarer Hand zu bilden und der Mutter nur die Aus- Wickelung und Ernährung derselben zu überlassen. Sie Critik der theologischen Urtheilökraft. 377 erklärten sich für die Präformation; gleich als wenn es nicht einerley wäre, übernatürlicher Weifte im Anfange, oder im Fortlaufe der Welt, dergleichen Formen entstehen zu lassen, und nicht vielmehr eine große Menge übernatürlicher Anstalten durch gelegentliche Schöpfung erspart würde, welche erforderlich waren, damit der im Anfange der Welt gebildete Embryo die lange Zeit hindurch, bis zu seiner Entwickelung, nicht von den zerstöh- renden Kräften der Natur litte und sich unverletzt erhielte, imgleichen eine unermeßlich größere Zahl solcher vorgebildeten Wefen, als jemals entwickelt werden sollten, und mit ihnen eben so viel Schöpfungen dadurch un- nöthig und zwecklos gemacht würden. Allein sie wollten doch wenigstens etwas hierin der Natur überlassen, um nicht gar in völlige Hyperphysik zu gerathen, die aller Naturerklärung entbehren kann. Sie hielten zwar noch fest an ihrer Hyperphysik, selbst da sie an Mißgeburten (die man doch unmöglich für Zwecke der Natur halten kann) eine bewunderungswürdige Zweckmäßigkeit finden, sollte sie auch nur darauf abgezielt seyn, daß ein Anatomiker einmal daran, als einer zwecklosen Zweckmäßigkeit, Anstoß nehmen und niederschlagende Bewunderung fühlen sollte. Aber die Erzeugung der Bastarte konnten sie schlechterdings nicht in das System der Prä-, formation hineinpassen, sondern mußten dem Saamen der männlichen Geschöpfe, dem sie übrigens nichts als die mechanische Eigenschaft, zum ersten Nahrungsmittel A» 5 Z78 ' Zweyter Theil. des Embryo zu dienen, zugestanden hatten, doch noch obenein eine zweckmäßig bildende Kraft zugestehen: welche sie doch, in Ansehung des ganzen Products einer Erzeugung von zwey Geschöpfen derselben Gattung, keinem von beiden einräumen wollten. - Wenn man dagegen an dem Vertheidiger der ' Epigenests den großen Vorzug, den er in Ansehung der Erfahrungsgründe zum Beweise seiner Theorie vor dem ersteren hat, gleich nicht kennete; so würde die Veruunst doch schon zum Voraus für seine Erklarungsart^mit vorzüglicher Gunst eingenommen seyn, weil sie die Natur in Ansehung der Dinge, welche man ursprünglich nur nach der Causalitat der Zwecke sich als möglich vorstellen kann, doch wenigstens, was die Fortpflanzung be- trift, als selbst hervorbringend, nicht bloß als entwik- kelnd, betrachtet, und so doch mit dem kleinst-möglichen Aufwands des Übernatürlichen alles Folgende vom ersten Anfange'an der Natur überlaßt (ohne aber über diesen ersten Anfang, an dem die Physik überhaupt scheitert, sie mag es mit einer Kette der Ursachen versuchen mit welcher sie wolle, etwas zu bestimme»). In Ansehung dieser Theorie der Evigenesis hat niemand mehr, so wohl zu», Beweise derselben, als auch zur Gründung der achten Principien ihrer Anwendung, zum Theil durch die Beschrankung eines zu vermessenen Gebrauchs derselben, geleistet, als Herr Hofr. Blumenbach. Von organisirter Materie hebt Critik der teleologischen Urtheilskraft. Z79 er alle physische Erklärungsart dieser Bildungen an. Denn, daß rohe Materie sich nach mechanischen Gesetzen ursprünglich selbst gebildet habe, daß aus der Nanu- des Leblosen Leben habe entspringen, und Materie in die Form einer sich selbst erhaltenden Zweckmäßigkeit sich von selbst habe fügen können, erklart er mit Recht für vernunftwidrig; laßt aber zugleich dem Narurinechanism unter diesem uns unerforschlichen Pi incip einer ursprünglichen Organisation einen uns't-stnnml'aren, zugleich doch auch unverkennbaren Antheil, wozu das Vermögen der Materie (zum Unterschiede von der, ihr allgemein beywohnenden, bloß mechanischen BtldUilgskraft) von ihm in einem orga- nisllten Körper ein (gleichsam unter der höheren Leitung und Anweisung der ersteren stehender) BildUNgs- tnel) genannt wird» §. 70. Von dem teleologischen System in den äußern Verhaltnissen organisirter Wesen. Unter der äußern Zweckmäßigkeit versiehe ich diejenige, da ein Ding der Natur einem andern als Mittel zum Zwecke dient. Nun können Dinge, die keine innere Zweckmäßigkeit haben, oder zu ihrer Möglichkeit voraussetzen, z. B. Erden, Luft, Wasser, u. s. w. gleichwohl äußerlich, d. i. im Verhältniß auf andere Wesen, sehr zweckmäßig seyn; aber diese z8o Zweyter Theil. müssen jederzeit organisirte Wesen, d. i. Naturzwecke seyn, denn sonst könnten jene auch nicht als Mittel beurtheilt werden. So iöunen Wasser, Luft und Erden nichts als Mittel zu Anhäufung von Gebirgen angese- hen werden, weil diese an sich gar nichts enthalten, was einen Grund ihrer Möglichkeit nach Zwecken erforderte, worauf in Beziehung also ihre Ursache niemals unter dem Prädicate eines Mittels (das dazu nützte) vorgestellt werden kann» Die äußere Zweckmäßigkeit ist ein ganz anderer Be- grif als der Begrif der inneren, welche mit der Möglichkeit eines Gegenstandes, unangesehen ob seine Wirklichkeit selbst Zweck sey oder nicht, verbunden ist. Man kann von einem organisirten Wesen noch fragen: wozu ist es da? aber nicht leicht von Dingen, an denen man bloß die Wirkung von Mechanism der Natur erkennt. Denn in jenen stellen wir uns schon eine Causalität nach Zwecken zu ihrer inneren Möglichkeit, einen schaffenden Verstand vor, und beziehen dieses thatige Vermögen auf den Bcstimmungs- grund desselben, die Absicht. Es giebt nur eine einzige äußere Zweckmäßigkeit, die mit der innern der Organisation zusammenhangt, und, ohne daß die Frage seyn darf, zu welchem Ende dieses so organisirte Wesen eben habe eristiren müssen, dennoch im äußeren Verhältniß eines Mittels zum Zwecke dient. Dieses Critik der teleologischen Urtheilskraft. z 81 ist die Organisation beiderlei) Geschlechts in Beziehung auf einander zur Fortpflanzung ihrer Art; denn hier kann man immer noch, eben so wie bey einem Individuum, fragen: warum mußte ein solches Paar existi- ren? Die Antwort ist: Dieses hier macht allererst ein vrganistrendes Ganze aus, ob zwar nicht ein orga- «isirtes in einem einzigen Körper. Wenn man nun fragt, wozu ein Ding da ist; fo ist die Antwort entweder: fein Daseyn und feine Erzeugung hat gar keine Beziehung auf eine nach Absichten wir« kende Ursache, und alsdann versteht man immer einen Ursprung derselben aus dem Mechanism der Natur; oder es ist irgend ein absichtlicher Grund seines Daseyns (als eines zufalligen Naturwesens), und diesen Gedanken kann man schwerlich von dem Begriffe eines organisirten Dinges trennen: weil, da wir einmal seiner innern Möglichkeit eine Caufalitat der Endursachen und eine Idee, die dieser zum Grunde liegt, ml- terlegen müssen, wir auch die Existenz dieses ProducteS nicht anders als Zweck denken können» Denn, die vor^ gestellte Wirkung, deren Vorstellung zugleich der Bestimmungsgrund der verstandigen wirkenden Ursache zu ihrer Hervorbringung ist, heißt Zweck. In diesem Falle also kann man entweder sagen: der Zweck der Existenz eines solchen Naturwesens ist in ihm selbst/ d. i. es ist nicht bloß Zweck, sondern auch Endzweck; oder dieser ist außer ihm in anderen Naturwesen, d. f. Z82 Zweyter Theil. es eristirt zweckmäßig nicht als Endzweck, sondern nothwendig zugleich als Mittel. Wenn wir aber die ganze Natur durchgehen, so finden wir in ihr, als Natur, kein Wesen, welches auf den Vorzug, Endzweck der Schöpfung zu seyn, Anspruch machen konnte; und man kann sogar a priori beweisen: daß dasjenige, was etwa noch für die Natur ein letzter Zweck seyn könnte, nach allen erdenklichen Bestimmungen und Eigenschaften, womit man es ausrüsten möchte, doch als Naturding niemals ein Endzweck seyn könne. Wenn man das Gewachsreich ansieht, so könnte matt anfanglich durch die unermeßliche Fruchtbarkeit, durch welche es sich beynahe über jeden Boden verbreitet, auf den Gedanken gebracht werden, es für ein bloßes Product des Mechanisms der Natur, welchen sie in den Bildungen des Mineralreichs zeigt, zu halten. Eine nähere Kenntniß aber der unbeschreiblich weifen Organisation in demselben läßt uns an diesem Gedanken nicht haften, sondern veranlaßt die Frage: Wozu sind diese Geschöpfe da? Wenn man sich antwortet: für das Thierreich, welches dadurch genährt wird, damit es sich in so mannichfaltige Gattungen über die Erde habe verbreiten können; fo kommt die Frage wieder: -Wozu sind denn diefe Pflanzen-verzehrenden Thiere da? Die Antwort würde etwa seyn: für die Raubthiere, die sich nur von dem nähren können Critik der teleologischen Urtheilskraft. z8z was Leben hat. Endlich ist die Frage: wozu sind diese sammt den vorigen Naturreichen gut? Für den Menschen, zu dem mannichfaltigen Gebrauche, den ihn sein Verstand von allen jenen Geschöpfen machen lehrt; und er ist der letzte Zweck der Schöpfung hier auf Erden, weil er das einzige Wefen auf derselben ist, welches sich einen Begrif von Zwecken machen und aus einem Aggregat von zweckmäßig gebildeten Dingen durch seine Vernunft ein System der Zwecke machen kann. Man könnte auch, mit dem Ritter Linne, den dem Scheine nach umgekehrten Weg gehen, und saM: Die gewachsfressenden Thiere sind da, um den üppigen Wuchs des Pflanzenreichs, wodurch viele Species derselben erstickt werden wurden, zu mäßigen; die Naub- thiere, um der Gefräßigkeit jener Gränzen zu setzen: endlich der Mensch, damit, indem er diese verfolgt und vermindert, ein gewisses Gleichgewicht unter den hervorbringenden und den zerstöhrenden Kräften der Natur gestiftet werde. Und fo würde der Mensch, so sehr er auch in gewisser Beziehung als Zweck gewürdigt seyn möchte, doch in anderer wiederum nur den Rang eines Mittels haben. Wenn man sich eine objective Zweckmäßigkeit in der Mannichfaltigkcit der Gattungen der Erdgeschöpfe und ihrem äußern Verhältnisse zu einander, als zweckmäßig construirter Wesen, zum Princip macht; so ist es der Vernunft gemäß, sich in diesem Verhaltnisse wiederum Z84 Zweyter Theil. eine gewisse Organisation und ein System aller Naturreiche nach Endursachen zu denken. Allein hier scheint die Erfahrung der Vernunftmarime laut zu widersprechen, vornehmlich was einen letzten Zweck der Natur be- trift, der doch zu der Möglichkeit eines solchen Systems erforderlich ist, und den wir nirgend anders als im Menschen setzen können: da vielmehr in Ansehung dieses, als einer der vielen Thiergattungen, die Natur so wenig von den zerstöhrenden als erzeugenden Kräften die mindeste Ausnahme gemacht hat, alles einem Mechanism derselben, ohne einen Zweck, zu unterwerfen. Das erste, was in einer Anordnung zu einem zweckmäßigen Ganzen der Naturwesen auf der Erde absichtlich eingerichtet seyn müßte, würde wohl ihr Wohnplatz, der Boden und das Element seyn, auf und in welchem sie ihr Fortkommen haben sollten. Allein eine genauere Kenntniß der Beschaffenheit dieser Grundlage aller organischen Erzeugung giebt ans keine andere als ganz unabsichtlich wirkende, ja eher noch verwüstende, als Erzeugung, Ordnung und Zwecke begünstigende Ursachen, Anzeige. Land und Meer enthalten nicht allein Denkmaler von alten machtigen Verwüstungen, die sie und alle Geschöpfe, auf und in demfelben, betroffen haben, in sich; sondern ihr ganzes Bauwerk, die Erdlager des einen und die Gränzen des andern haben ganzlich das Ansehen des Products wilder allgewaltiger Kräfte einer im chaotischen Zustande arbeitenden Natur. So zweckmäßig Cntik der teleologischen Urtheitskraft. Z85 mäßig auch jetzt die Gestalt, das Bauwerk und der Ab^ hang der Länder für die Aufnahme der Gewässer aus der Luft, für die Quclladern zwischen Erdschichten von man- nichfaltiger Art (für mancherlei) Produtte), und den Lauf der Ströme angeordnet zu seyn scheinen mögen; so beweiset doch eine nähere Untersuchung derselben, daß sie bloß als die Wirkung theils feuriger, theils wasseriger Eruptionen, oder auch Empörungen des Oceans, zu Stande gekommen sind: fo wohl was die erste Erzeugung dieser Gestalt, als vornehmlich die nachmalige Umbildung derselben, zugleich mit dem Untergange ihrer ersten organischen Erzeugungen, betrift *). Wenn nun der Wohnplatz, der Mutterboden (des Landes) und der Mutlerscbooß (des Meeres) für alle diese Geschöpfe auf keinen andern als gänzlich unabsichtlichen Mechanism Wen» der einmal angenommene Name NaturzeschlclM für Naturbeschreibung bleiben soll, so kann ma» das, was die erstere buchstäblich anzeigt, nehmlich eine VorsiellunF des ehemaligen «Iren Zustandes der Erde, worüber nM, wenn Man gleich keine Gewißheit hoffen darf/ doch mit gutem Grunde Vermuthungen wagt, die Archäologie der t7arur, im Gegensatz mir der Kunst, nennen. Au jener würden die Petrefacten, so wie zu dieser die geschnitteneil Steine it. s. w. gehöre». Denn da man doch wirklich att einer solchen (unter dem Namen einer Theorie der Erde) beständig, wenn «leich, wie billig, langsam arbeitet, so wäre dieser Namen eben nicht einer bloß eingebii'oeren Na- türfvrschung gegebn, sondern einer solchen, zu der die Natur selbst uns einladet u,!v nusfvrdcrt. »«msTrir.d. UrcheüsK. Bb ^L<5 Zweyter Theil. seiner Erzeugung Anzeige giebt; wie und mit welchem Recht können wir für diese letzten, Producte einen andern Ursprung verlangen und behaupten? Wenn gleich der Mensch, wie die genaueste Prüfung der Überreste jener Naturverwustungen (nach Camper's Urtheile) zu beweisen scheint, in diesen Revolutionen nicht mit begriffen war; so ist er doch von den übrigen Erdgeschöpfen so abhangig, daß wenn ein über die anderen allgemeinwallender Mechanism der Natur eingeräumt wird, er als darunter mit begriffen angesehen werden muß: wenn ihn gleich scin Verstand (großentheils wenigstens) unter ihren Verwüstungen hat retten können. Dieses Argument scheint aber mehr zu beweisen, als die Absicht enthielt, wozu es aufgestellt war: nehmlich , nicht bloß daß der Mensch kein letzter Zweck der Natur, und aus dem nehmlichen Grunde, das Aggregat der organisirten Naturdinge auf der Erde nicht ein System von Zwecken seyn könne; sondern, daß gar die vorher für Naturzwecke gehaltenen Naturproducte keinen andern Ursprung haben, als den Mechanism der Natur. Allein in der obigen Auflösung der Antinomie der Principien, der mechanischen und der teleologischen Erzeugungsart der organischen Naturwesen, haben wir gesehen: daß, da sie, in Ansehung der nach ihren besondern Gesetzen (zu deren systematischem Zusammenhange uns aber der Schlüssel fehlt) bildenden Natur, bloß . Critik der teleologischen Urtheilökraft. Z87 Principien der reflectirenden Urtheilskraft sind, die nehmlich ihren Ursprung nicht an sich bestimmen, sondern nur sagen, daß wir, nach der Beschaffenheit unseres Verstandes und unsrer Vernunft, ihn, in dieser Art Wesen nicht anders als nach Endursachen denken können; die größtmögliche Bestrebung, ja Kühnheit in Versuchen sie mechanisch zu erklaren', nicht allein erlaubt ist, sondern wir auch durch Vernunft dazu aufgerufen sind, ungeachtet wir wissen, daß wir damit aus sub- jectiven Gründen der besondern Art und Beschrankung unseres Verstandes (und nicht etwa, weil der Mecha- nism der Erzeugung einem Ursprünge nach Zwecken au sich widerspräche) niemals auslangen können; und daß endlich in dem übersinnlichen Princip der Natur (so wohl außer uns als in uns) gar wohl die Vereinbarkeit beider Arten sich die Möglichkeit der Natur vorzustellen, liegen könne, indem die Vorstellungsart nach Endursachen nur eine subjectivc Bedingung unseres Vernunftgebrauchs fey, wenn sie die Beurtheilung der Gegenstande nicht bloß als Erscheinungen angestellt wissen will, sondern dieft Erscheinungen selbst, sammt ihren Principien, auf das übersinnliche Substrat zu beziehen verlangt, um gewisse Gesetze der Einheit derselben möglich zu fin^ den, die sie sich nicht anders als durch Zwecke (wovon die Vernunft auch solch? hat, die übersinnlich sind) vorstellig machen kann. Bb 2 M Zweyter Theil. §. 8Z. Von dem letzten Zwecke der Natur als eines teleologischen Systems. Wie haben im vorigen gezeigt, daß wir den Menschen nicht bloß, wie alle organisirte Wesen, als Naturzweck, sondern auch hier auf Erden als den letzten Zweck der Natur, in Beziehung auf welchen alle übrige Naturdmge ein System von Zwecken ausmachen, nach Grundsätzen der Vernunft, zwar nicht für die bestimmende, doch für die reflectirende Urtheilskraft, zu beurtheilen hinreichende Ursache haben. Wenn nun dasjenige im Menschen selbst angetroffen werden muß, was als Zweck durch seine Verknüpfung mit der Natur befördert werden soll; so muß entweder der Zweck von der Art seyn, daß er selbst durch die Natur in ihrer Wohlthätigkeit befriedigt werden kann; oder es ist diö Tauglichkeit und Gefchicklichkeit zu allerley Zwecken, wozu die Natur (äußerlich und innerlich) von ihm gebraucht werden könne. Der erste Zweck der Natur würde die Glückseligkeit, der zweyte die Cultur Hes Menschen seyn» Der Begrif der Glückseligkeit ist nicht ein solcher, den der Mensch etwa von seinen Instintten abstrahirt, und so aus der Thierheit in ihm selbst hernimmt; sondern ist eine bloße Idee eines Zustandes, welcher er den letzteren unter bloß empirischen Bedingungen (welches Critik der theologischen Urtheilskraft. Z89 unmöglich ist) adäquat machen will. Er entwirst sie sich selbst, und zwar auf so verschiedene Art, durch seinen mit der Einbildungskraft und den Sinnen verwickelten Verstand; er ändert sogar diesen so oft, daß die Natur, wenn sie auch feiner Willkür ganzlich unterworfen wäre, doch schlechterdings kein bestimmtes allgemeines und festes Gesetz annehmen könnte, um mit diesem schwankenden Begrif, und so mit dem Zweck, den jeder sich willkürlicher Weise vorsetzt, übereinzustimmen. Aber, selbst wenn wir entweder diesen auf das wahrhaste Naturbedürfniß, worin unsere Gattung durchgängig mit, sich übereinstimmt, herabfetzen, oder, andererseits, die Gefchicklichkeit sich eingebildete Zwecke zu verschaffen noch so hoch steigern wollten: so würde doch, was der Mensch unter Glückseligkeit versteht, und was in der That sei» eigener letzter Naturzweck (nicht Zweck der Freyheit) ist, von ihm nie erreicht werden; denn feine Natur ist nicht von der Art, irgendwo im Besitze und Genusse aufzuhören und befriedigt zu werden. Andrerseits ist fo weit gefehlt: daß die Natur ihn zn ihrem besondern Liebling aufgenommen und vor allen Thieren Mit Wohlthun begünstigt habe, daß sie ihn vielmehr in ihren verderblichen Wirkungen, in Pest, Hunger, Wassergefahr, Frost, Anfall von andern großen und kleinen Thieren u. d. gl. eben so wenig verschont, wie jedes andere Thier; noch mehr aber, daß das Widersinnische der Naturalllagen in ihm ihn noch in selbstersonnn'.e Bb? Z5>a Zweyter Theil. Plagen, und noch andere von seiner eigenen Gattung, durch den Druck, der Herrschaft, die Barbarey der Kriege u. s. w. in solche Noth versetzt und er selbst, so viel an ihm ist, an der Zerstörung seiner eigenen Gattung arbeitet, daß selbst bey der wohlthatigsten Natur außer uns, der Zweck derselben, wenn er auf die Glückseligkeit unserer Species gestellet wäre, in einem System derselben auf Erden nicht erreicht werden wurde, weil die Natur in uns derselben nicht empfänglich ist. Er ist also immer nur Glied in der Kette der Naturzwecke: zwar Princip in Ansehung manches Zwecks, wozu die Natur ihn in ihrer Anlage bestimmt zu haben scheint, indem er sich selbst dazu macht; aber doch auch Mittel zur Erhaltung der Zweckmäßigkeit im Mechanism der übrigen Glieder. Als das einzige Wesen auf Erden, welches Verstand, mithin ein Vermögen hat, sich selbst willkürlich Zwecke zu setzen, ist er zwar betitelter Herr der Natur, und, wenn man diese als ein teleologisches System ansieht, seiner Bestimmung nach der letzte Zweck der Natur; aber immer nur bedingt, nehmlich daß er es verstehe und den Willen habe, dieser und ihm selbst eine solche Zweckbeziehung zu geben, die unabhängig von der Natur sich selbst genug, mithin Endzweck, seyn könne, der aber in der Natur gar nicht gesucht werden muß. Um aber auszufinden, worein wir am Menschen wenigstens jenen letzten Zweck der Natur zu setzen ha- Critik der teleologischen Urtheilskraft. Z91 ben, müssen wir dasjenige^ was die Natur zu leisten vermag um ihn zu dem vorzubereiten, was er selbst thun muß um Endzweck zu seyn, heraussuchen, und es von allen den Zwecken absondern, deren Möglichkeit auf Bedingungen beruht, die man allein von der Natur erwarten darf. Von der letztern Art ist die Glückseligkeit auf Erden, worunter der Inbegrif aller durch die Natur außer und in dem Menschen möglichen Zwecke desselben - verstanden wird; das ist die Materie aller seiner Zwecke auf Erden, die, wenn er sie zu seinem ganzen Zwecke macht, ihn unfähig macht, seiner eigenen Existenz einen Endzweck zu setzen und dazu zusammen zu stimmen. Es bleibt also von allen seinen Zwecken in der Natur nur die formale, subjective Bedingung, nehmlich der Tauglichkeit: sich selbst überhaupt Zwecke zu setzen, und (unabhängig von der Natur in seiner Zweckbestimmung) die Natur, den Maximen seiner freyen Zwecke überhaupt angemessen, als Mittel zu gebrauchen, übrig, was die Natur, in Absicht auf den Endzweck, der außer ihr liegt, ausrichten, und welches also als ihr letzter Zweck angesehen werden kann. Die Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu beliebigen Zwecken überhaupt (folglich in feiner Freyheit) ist die Cultur. Also kann nur die Cultur der letzte Zweck seyn, den man der Natur in Ansehung der Menschengattung beyzulegen Ursache hat (nicht seine eigene Glückseligkeit auf Erden, oder wohl gar bloß das vornehmste Werkzeug zu feyn, Vb 4 ' Zweyter Theil, Ordnung und Einhelligkeit in der vernunftlosett Natur außer ihm zu stiften). Aber nicht jede Cultur ist zu diesem letzten Zwecke der Natur hinlänglich. Die der Geschicklichkeit ist freylich die vornehmste subjective Bedingung der Tauglichkeit zur Beförderung der Zwecke überhaupt; aber doch nicht hinreichend, den Willen in der Bestimmung und Wahl seiner Zwecke, zu befördern, welche doch zum ganzen Umfange einer Tauglichkeit zu Zwecken wesentlich gehört. Die letztere Bedingung der Tauglichkeit, welche man die Cultur der Zucht (Disciplin) nennen könnte, ist negativ, und besieht in der Vefteyung des Willens von dem Despotism der Begierden, wodurch wir, an gewisse Naturdinge geheftet, unfähig gemacht werden, selbst zu wählen, indem wir uns die Triebe zu Fesseln dienen lassen, die uns die Natur nur statt Leitfaden beygegeben hat, um die Bestimmung der Thier- heit in uns nicht zu vernachlässigen, oder gar zu ver- letzM/ indeß wir doch frey genug sind, sie anzuziehen oder nachzulassen, zu verlängern oder zu verkürzen, nachdem es die Zwecke der Vernunft erfordern. Die Geschicklichkeit kann in der Menschengattung nicht wohl entwickelt werden, als vermittelst der Ungleichheit unter Menschen; dq die größte Zahl die Nothwendigkeiten des Lebens gleichsam mechanisch, ohne dazu besonders Kunst zu bedürfen, zur Gemächlichkeit und Muße anderer, besorget, welche die minder nothwendig Entlader teleologischen Urtheilskraft. Z9Z gen Stücke der Cultur, Wissenschaft und Kunst, bearbeiten, und von diesen in einem Stande des Drucks, saurer Arbeit und wenig Genusses gehalten wird, auf welche Classe sich denn doch manches von der Cultur der höherett nach und nach auch verbreitet. Die Plagen aber wachsen im Fortschritte derselben (dessen Höhe, wenn der Hang zum Entbehrlichen schon dem Unentbehrlichen Abbruch zu thun anfangt, Luxus heißt) aus beiden Seiten gleich mächtig, auf der einen durch fremde Gewaltthätigkeit, auf der andern durch innere Ungenügfamkeit; aber das glänzende Elend ist doch mit der Entwickelung der Naturanlagen in der Menschengattung verbunden, nnd der Zweck der Natur selbst, wenn es gleich nicht unser Zweck ist, wird doch hieben erreicht. Die formale Bedin^mg, unter welcher die Natur diese ihre Endabsicht allein erreichen kann, ist diejenige Verfassung im Verhältnisse der Menschen unter einander, wo dem Abbrüche der einander wechselseitig widerstreitenden Freyheit gesetzmäßige Gewalt in einem Ganzen, welches bürgerliche Gesellschaft heißt, entgegengesetzt wird; denn nur in ihr kann die größte Entwickelung der Naturanlagen geschehen. Zn derselben wäre aber doch, wenn gleich Menschen sie auszufinden klug und sich ihrem Zwange willig zu unterwerfen weise genug waren, noch ein Weltbürgerliches Ganze d. i. ein System aller Staaten, die auf einander nachtheilig zu wirken in Gefahr sind, crfor, derlich. In dessen Ermangelung, und bei dein Hinder- Bb 5 Z94 Zweyter Theil. niß, welches Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht, vornehmlich bey denen die Gewalt in Handen haben, selbst der Möglichkeit eines solchen Entwurfs entgegen setzen, ist der Krieg (theils in welchem sich Staaten zerspalten und in kleinere auflösen, theils ein Staat andere kleinere mit sich vereinigt und ein größeres Ganze zu bilden strebt) unvermeidlich: der, so wie er ein unabsichtlicher (durch zügellose Leidenschaften angeregter) Versuch der Menschen, doch tief verborgener vielleicht absichtlicher der obersten Weisheit ist, Gesetzmäßigkeit mit der Freyheit der Staaten und dadurch Einheit eines moralisch begründeten Systems derselben, wo nicht zu stiften, deonoch vorzubereiten, und ungeachtet der schrecklichsten Drangsale, wc.^.it er das menschliche Geschlecht belegt, und der vieb leicht noch größern, womit die bestandige Bereitschaft dazu im Frieden druckt, dennoch eine Triebfeder mehr ist (indessen die Hofnung zu dem Ruhestande einer Volksglückseligkeit sich immer weiter entfernt) alle Talente, die zur Cultur dienen, bis zum höchsten Grade zu entwickeln. Was die Disciplin der Neigungen betrift, zu denen die Naturanlage in Absicht auf unsere Bestimmung, als einer Thiergattung, ganz zweckmäßig ist, die aber die Entwickelung der Menschheit sehr erschweren; so zeigt sich doch auch in Ansehung dieses zweiten Erfordernisses zur Cultur ein zweckmäßiges Streben der Natur zu einer Ausbildung, welche uns höherer Zwecke, als die Natur selbst liesern kann, empfänglich macht. Das Übergewicht Critik der teleologischen Urtheilskraft. Z95 der Übel, welche die Verfeinerung des Gefchmacks bis zur Jdealisirung desselben, und selbst der Luxus in Wissenschaften, als einer Nahrung für die Eitelkeit, durch die unzubefriedigende Menge der dadurch erzeugten Neigungen über uns ausschüttet, ist nicht zu bestreiken: dagegen aber der Zweck der Natur auch nicht zu verkennen, der Rohigkeit und dem Ungestüm derjenigen Neigungen, welche mehr der Thierheit in uns gehören und der Ausbildung zu unserer höheren Bestimmung am meisten entgegen sind (den Neigungen des Genusses), immer »sehr abzugewinnen und der Entwickelung der Menschheit Platz zu machen. Schöne Kunst und Wissenschaften, die durch eine Lust die sich allgemein mittheilen laßt, und durch Geschliffenheit und Verfeinerung für die Gesellschaft, wenn gleich den Menschen nicht sittlich besser, doch gesittet machen, gewinnen der Tyrannei) des Sinnenhanges sehr viel ab, und bereiten dadurch den Menschen zu einer Herrschaft vor, in welcher die Vernunft allein Gewalt haben soll: indeß die Übel, womit uns theils die Natur, theils die unvertragsame Selbstsucht der Menschen heimsucht, zugleich die Kräfte der Seele aufbieten, sieigern und stählen, um jenen nicht zu unterliegen, und uns so eine Tauglichkeit zu höheren Zwecken, die in uns verborgen liegt, fühlen lassen ') Was das Lebe» für uns für einen Werth habe, wen» dieser bloß nach dem geschätzt wird, was man genieße (dem natürlichen Zweck der Sumnie aller Neigungen, der Glück« Zweyter Theil» §. 84. Von dem Endzwecke des Daseyns einer Welt, d. i. der Schöpfung selbst. Endzweck ist derjenige Ziveck, der keines andern als Bedingung seiner Möglichkeit bedarf. Wenn für die Zweckmäßigkeit der Natur der bloße Mechanism derselben zum Erklärungsgrunde angenommen wird, fo kann man nicht fragen: wozu die Dinge in der Welt da sind; denn es ist alsdann, nach einem solchen idealistischen System, nur von der physischen Möglichkeit der Dinge (welche uns als Zwecke zu denken bloße Vcrnünfteley, ohne Object, seyn würde) die Rede: man mag nun diese Form der Dinge auf den Zufall, oder blinde Nothwendigkeit deuten, in beiden Fällen se'igkeit), ist leicht zu entscheiden. Er sinkt unter Null; denn wer wollte wohl das Lebe» unter denselben Bedingungen, oder auch nach einem neuen, selbst entworfenen (doch dem Naturlaufe gemäßen) Plane, der aber auch blos? auf Genuß gestellt wäre, aufs neue antreten? Weichen Werth das Leben dem zufolge habe, was es, nach dem Zwecke, den die Natur mit uns hat, geführt, in sich enthalt und welches .n dem besteht, was man thut (»icbr bloß genießt), wo wir aber immer doch nur Mittel zu unbe< stimmtem Endzweck- sind, ist oben gezeigt worden. ES bleibt also wohl nichts übn'q, als der Werth, den wir unserem Leben selbst geben, durch das, was wir nicht allein thun, sondern auch s? uuai^.'-igig von der Natur zweckmäßig thun, daß selbst >- > Existenz der Natur nur unter dieser Bedingung Zweck sev>» rann. Cricik der teleslogischen UrtheilSkraft. Z97 . ^ ^,.»^., ^- ^» - - , - wäre jene Frage leer. Nehmen wir aber die Zweckverbindung in der Welt für real und für sie eine besondere Art der Causalität, nehmlich einer absichtlich wirkenden Ursache an, so tonnen wir bey der Frage nicht stehen bleiben: wozu Dinge der Welt (organisirte Wesen) diese oder jene Form habep, in diese oder jene Verhaltnisse gegen andere von der Natur gesetzt sind; sondern, da einmal ein Verstand gedacht wird, der als die Ursache der Möglichkeit solcher Formen angesehen werden muß, wie sie wirklich an Dingen gefunden werden, so muß auch in eben demselben nach dem objectiven Grunde gefragt werden, der diesen productiven Verstand zu einer Wirkung dieser Art bestimmt haben könne, welcher dann der Endzweck ist, wozu dergleichen Dinge da sind» Ich habe oben gesagt: daß der Endzweck kein Zweck sei), welchen zu bewirken und der Idee desselben gemäß hervorzubringen, die Natur hinreichend wäre? weil er unbedingt ist» Denn es ist nichts in der Natur (als einem Sinnenwcsen), wozu der in ihr selbst befindliche Bestimmungsgrund nicht immer wiederum bedingt Ware; und dieses gilt nicht bloß von der Natur außer uns (der materiellen), sondern auch in uns (der denkenden): wohl zu verstehen, daß ich in mir nur das betrachte, was Natur ist. Ein Ding aber, das nothwendig, seiner objectiven Beschaffenheit wegen, als Endzweck einer verständigen Ursache exisiiren soll, muß von der Art seyn, daß es in der Ordnung der Zwecke von ^98 Zweyter Theil. keiner anderweitigen Bedingung, als bloß semcr Idee, abhängig ist. Nun haben wir nur eine einzige Art Wesen in der Welt, deren Causalität teleologifth, d. i. auf Zwecke gerichtet und doch zugleich so beschaffen ist, daß das Gesetz, nach welchem sie sich Zwecke zu bestimmen haben, von ihnen selbst als unbedingt und von Naturbedingungen unabhängig, an sich aber als nothwendig, vorgestellt wird. Das Wesen dieser Art ist der Mensch, aber als Noumenon betrachtet; das einzige Naturwesen, an welchem wir doch ein übersinnliches Vermögen (die Freyheit) und sogar das Gesetz der Causalität, sammt dem Objecte derselben, welches es sich als höchsten Zweck vorsetzen kann (das höchste Gut in der Welt), von Seiten seiner eigenen Beschaffenheit erkennen können. Von dem Menschen nun (und so jedem vernünftigen Wesen in der Welt), als einem moralischen Wesen, kann nicht weiter gefragt werden: wozu («zuem in ünsni) er eristire. Sein Daseyn hat den höchsten Zweck selbst in sich, dem, so viel er vermag, er die ganze Natur unterwerfen kann, wenigstens welchem zuwider er sich keinem Einflüsse der Natur unterworfen halten darf. -- Wenn nun Dinge der Welt, als ihrer Existenz nach abhängige Wesen, einer nach Zwecken handelnden obersten Ursache bedürfen, so ist der Mensch der Schöpfung Endzweck; denn ohne diesen wäre die Kette der einander untergeordneten Zwecke nicht vollständig gegründet; und nur im Critik der releologischen Urtheilskraft. Z99 Menschen, aber auch in diesem nur als Subjecte der Moralität, ist die unbedingte Gesetzgebung in Ansehung der Zwecke anzutreffen, welche ihn also allein fähig macht ein Endzweck zu seyn, dem die ganze Natur teleologisch untergeordnet ist ") Es wäre möglich, d. " Glückseligkeit der vernünftigen We, ftn in der W?lt ein Zweck der Natur wäre, und alsdann wäre sie auch ihr leizccr Zweck, Wenigstens kann man -> p.iori nicht einseden, warum die Natur nicht so eingerichtet sey» sollte, weil durch ihren Mechanism diese Wirkung, wenig» stens so viel wir einsehen, wohl möglich wäre. Aber Moralität und eine ihr untergeordnete Causalität »ach Zwe, cken ist schlechterdings durch Naturursachen unmöglich; denn das Princip ihrer Bestimmung zum Handeln ist übersinnlich, ist also das einzige Mögliche in der Ordnung der Zwecke, das i» Ansehung der Natur schlechthin unbedingt ist, und ihr Subject dadurch zum iLndzwecke der Schöpfung, dem die ganze Natur untergeordnet ist, allein qualificirt, —- Glückseligkeit dagegen ist, wie im vorigen §- nach dem Zeugniß der Erfahrung gezeigt worden, nicht einmal ein Zweck der Namr in Ansehung der Menschen, mit einem Vorzuge vor anderen Geschöpfen: weit gefehlt, daß sie ein Endzweck der Schöpfung seyn sollte. Menschen mögen sie sich immer zu ihrem letzten subjektiven Zwecke machen. Wenn ich aber nach dem Endzwecke der Schöpfung frage: Wozu haben Menschen existiren müssen? so ist von einem objectiven obersten Zwecke die Rede, wie ihn die höchste Vernunft zu ihrer Schöpfung erfordern würde- Antwortet man nun darauf: damit Wesen existiren, denen jeue oberste Ursache wohlthun könne; so widerspricht man der Bedingung , welcher die Vernunft des Menschen selbst seinen innigsten Wunsch der Glückseligkeit unierwirft (nehmlich die Übereinstimmung mit seiner eigenen inneren moralische» 4^0 Zweyter Theil. §. 85- Bon der PMcotheologie. Die Physicotheologie ist der Versuch der Vernunft, aus den Zwecken der Natur (die nur empirisch erkannt werden können) auf die oberste Ursache der Natur und ihre Eigenschaften zu schließen. Eine M 0 r 6 lthe 0 l 0 gie (Ethicots) eologie) Ware der Versuch, dus dem moralischen Zwecke vernünftiger Wesen in der Natur (der » xi-im-i erkannt werden kann) auf jene Ursache und ihre Eigenschaften zu schließen. Die erstere geht natürlicher Weise vor der zweyten vorher. Denn, wenn wir von den Dingen in der Welt auf eine Welturfache theologisch schließen wollen; so müssen Zwecke der Natur zuerst gegeben seyn, für die wir nachher einen Endzweck und für diesen dann das Princip der Causalitat dieser obersten Ursache zu suchen haben. Nach dem teleologischen Princip können und müssen viele Nachforschungen der Natur geschehen, ohne daß man nach dem Grunde der Möglichkeit, zweckmäßig zu wirken Gesetzgebung). Äies beweiset: baß die Glückseligkeit nur bedingter Zweck, der Mensch also, nur als moralisches Wesen, Endzweck der Schöpfung seyn könne; was aber seinen Zustand b-mst, Glückseligkeit nur als Fölge> nach Maaßgabe der Übereinstimmung mit jenem Zwecke/ als dem Zwecke seines Kasepns, in Verbindung stehe. Critik der teleologischen Urtheilökraft. 401 wirken, welche wir an verschiedenen der Producte der Natur antreffen, zu fragen Ursache hat. Will man nun aber auch hievon einen Begrif haben, so haben wir dazu schlechterdings keine weitergehende Einsicht, als bloß die Maxime der reflectirenden Urtheilskraft: daß nehmlich, wenn uns auch nur ein einziges organisches Produkt der Natur gegeben Ware, wir, nach der Beschaffenheit unseres Erkenntnißvermögens, dafür keinen andern Grund denken können, als den einer Ursache der Natur selbst (es sey der ganzen Natur oder auch nur dieses Stücks derselben), die durch Verstand die Causa- litat zu demselben enthalt; ein Veurtheilungöprincip, wodurch wir in der Erklärung der Naturdinge und ihres Ursprungs zwar um nichts weiter gebracht werden, das uns aber doch über die Natur hinaus einige Aussicht eröfnet, um den sonst so unfruchtbaren Begrif eines Urwesens vielleicht naher bestimmen zu können. Nun sage ich: die Physicotheologie, so weit sie auch getrieben werden mag, kann uns doch nichts von einem Endzwecke der Schöpfung cröfnen; denn sie reicht nicht einmal bis zur Frage nach demselben. Sie kann also zwar den Begrif einer verstandigen Welturfache, als einen subjectiv für die Beschaffenheit unseres Erkenntnißvermögens allein tauglichen Begrif von der Möglichkeit der Dinge, die wir uns nach Zwecken verstandlich machen können, rechtfertigen, aber diesen Begrif weder in theoretischer noch practischer Absicht weiter bestim- Rmlt» crir. d. ttrcheilskr. C c 402 Zweyter Theil. men; und ihr Versuch erreicht seine Absicht nicht, eine Theologie zu gründen, sondern sie bleibt immer nur eine physische Teleologie: weil die Zweckbeziehung in ihr immer nur als in der Natur bedingt betrachtet wird und werden muß; mithin den Zweck, wozu die Natur selbst exisnrt (wozu der Grund außer der Natur gesucht werden muß), gar nicht einmal in Anfrage bringen kann, auf dessen bestimmte Idee gleichwohl der bestimmte Be- grif jener oberen verstandigen Welturfache, mithin die Möglichkeit einer Theologie ankommt. Wozu die Dinge in der Welt einander nützen; wozu das Mannichfaltige in einem Dinge für dieses Ding selbst gut ist; wie man sogar Grund habe anzunehmen, daß nichts in der Welt umsonst, sondern alles irgend wozu in der Natur, unter der Bedingung daß gewisse Dinge (als Zwecke) eristiren sollten, gut sey, wobey mithin unsere Vernunft für die Urtheilskraft kein anderes Princip der Möglichkeit des Objects ihrer unvermeidlichen Geologischen Beurtheilung in ihrem Vermögen hat, als das, den Mechanism der Natur der Architektonik eines verständigen Welturhebers unterzuordnen: das alles leistet die teleologische Weltbetrachtung sehr herrlich und zur äußersten Bewunderung. Weil aber die Data, mithin die Principien, jenen Begrif eine? intelligenten Welturfache (als höchsten Künstlers) zu bestimmen, bloß empirisch sind; so lassen sie auf keine Eigenschaften weiter schließen, als uns die Erfahrung an den Wirkungen derselben offenbart: welche, da sie Crieik der teleologischen Urtheilskrast. 40z nie die gesammte Natur als System befassen kann, oft auf (dem Anscheine nach) jenem Begriffe und unter einander widerstreitende Beweisgründe stoßen muß, niemals aber, wenn wir gleich vermögend waren auch das ganze System, sofern es bloße Natur bctrift, empirisch zu überschauen, uns, über die Natur, zu dem Zwecke ihrer Existenz selber, und dadurch zum bestimmten Begriffe jener obern Intelligenz, erheben können. Wenn man sich die Aufgabe, um deren Auflösung es einer Physicotheologie zu thun ist, klein macht, so scheint ihre Auflösung leicht. Verschwendet man nehmlich den Begrif von einer Gottheit an jedes von uns gedachte verstandige Wesen, deren es eines oder mehrere geben mag, welches viele und sehr große, aber eben nicht alle Eigenschaften habe, die zu Gründung einer mit dem größtmöglichen Zwecke übereinstimmenden Natur überhaupt erforderlich sind: oder halt man es für nichts, in einer Theorie den Mangel dessen, was die Beweisgründe leisten, durch willkürliche Zusätze zu ergänzen, und, wo man nur Grund hat viel Vollkommenheit anzunehmen (und was ist viel für uns?), sich da befugt hält alle mögliche vorauszusetzen; so macht die physische Teleologie wichtige Ansprüche auf den Ruhm, eine Theologie zu begründen. Wenn aber verlangt wird anzuzeigen: was uns denn antreibe und über- dem berechtige, jene Ergänzungen zu machen; so werden Wir in den Principien des theoretischen Gebrauchs der Cc 2 4^ - t ' . rer eigenen Caufalität auf Zwecke und sogar auf einen Endzweck, der von uns in der Welt beabsichtigt werden muß, ungleichen die wechselseitige Beziehung der Welt auf jenen sittlichen Zweck und die äußere Möglichkeit seiner Ansführung (wozu keine physische Teleologie uns Anleitung geben kann) betrift, geht nun die nothwendige Frage aus: ob sie unsere vernünftige Beurtheil»»? Ob 2 420 Zweyter Theil. nöthige, über die Welt hinaus zu gehen, und, zu jener Beziehung der Natur auf das Sittliche in uns, ein verstandiges oberstes Princip zu suchen, um die Natur, auch in Beziehung auf die moralische innere Gesetzgebung und deren mögliche Ausführung, uns als zweckmäßig vorzustellen. Folglich giebt es allerdings eine moralische Teleologie; und diese hängt mit der Nomvthetlk der Freyheit einerseits, und der der Natur andererseits, eben so nothwendig zusammen, als bürgerliche Gesetzgebung mit der Frage, wo man die erecutive Gewalt suchen soll, und überhaupt in allem, worin die Vernunft ein Princip der Wirklichkeit einer gewissen gesetzmäßigen, nur nach Ideen möglichen, Ordnung der Dinge angeben soll, Zusammenhang ist. — Wir wollen den Fortschritt der Vernunft von jener moralischen Teleologie und ihrer Beziehung auf die physische, zur Theologie allererst vortragen, und nachher über die Möglichkeit und Bündigkeit dieser Schlußart Betrachtungen anstellen. Wenn man das Daseyn gewisser Dinge (oder auch nur gewisser Formen der Dinge) als zufällig, mithin nur durch etwas Anderes, als Ursache, möglich annimmt: so kann mau zu dieser Causalitat der obersten und also zu dem Bedingten den unbedingten Grund entweder in der physischen, oder teleologischen Ordnung suchen (nach dem nexu elkeccivo, oder linsli). D i. mair kann fragen: welches ist die oberste hervorbringende Ur- Critik der teleologischen Urtheilskrast. 421 fache? oder was ist der oberste (schlechthin unbedingte) Zweck derselben, 0. i. der Endzweck ihrer Hervorbringung dieser oder aller ihrer Producte überhaupt? wobey dann freylich vorausgesetzt wird, daß diese Ursache einer Vorstellung der Zwecke fähig, mithin ein verstandiges Wesen sey, oder wenigstens von uns als nach den Gesetzen eines solchen Wesens handelnd gedacht werden müsse. Nun ist, wenn man der letztern Ordnung nachgeht, es ein Grundsatz, dem selbst die gemeinste Meu- schenvernunft unmittelbar Beyfall zu geben genöthigt ist: daß, wenn überall ein Endzweck, den die Vernunft s xri,ori angeben muß, Statt finden soll, dieser kein anderer, als der Mensch (ein jedes vernünftige Weltwesen) uitter moralischen Gesetzen seyn könne ^). Denn: (so urtheilt ein jeder) bestände die »' ') Ich sage mit Fleiß: unter moralischen Gesetzen. Nicht der Mensch nach moralischen Gesetzen, d. i. ein solcher der sich ihnen gemäß verhält, ist der Endzweck der Schöpfung. Denn mit dem letztern Ausdrucke würden wir mehr sagen, als wir wissen: nehmlich daß es in der Gewalt eines Welturhebers stehe, zu macheu, daß der Mensch den moralischen Gesetzen jederzeit sich angemessen verhalte; welches einen Begrif von Freyheit und der Natur (von welcher letztern man allein einen äußern Urheber denken kann) voraussetzt, der eine Einsicht in das übersinnliche Substrat der Natur, und dessen Einerleyheit mit dem was die Causalität durch Freyheit in der Welt möglich macht, enthalten müßte, die weit über unsere Vmiuufteiiisicht hivauögeht. Nur vom Di> ? 422 Zweyter Theil. Welt aus lauter leblosen, oder zwar zum Theil aus lebenden aber vernünftigen Wesen, so wurde das Daseyn einer solchen Welt gar keinen Werth haben, weil in ihr kein Wesen exisiirte, das von einein Werthe den mindesten Begrif hat. Waren dagegen auch vernunftige Wesen, deren Vernunft aber den Werth des Daseyns der Dinge nur im Verhaltnisse der Natur zu ihnen (ihrem Menschen unter moralischen Gesetze» können wir, ohne die Schranke» unserer Einsicht zu überschreiten, sagen: sein Daseyn mache der W-lt Endzweck aus Dieses stimmt such vollkommen mit dem Urtheile der moralisch über den Weltlauf reflectirenoen Menschenyernunft, Wir glauben die Spuren einer weise» Zweckbe;iehung auch am Bösen wahrzunehmen, wenn wir nur sehen, daß der frevelhaste Vöse- wicht nicht eher stirbt, als bis er die wohlverschuldete Strafe seiner Unthaten erlitten hat. Nach unseren Begriffe» von freyer Causalirät, beruht das Wohl- oder Übelverhalten auf uns; die höchste Weisheit aber der Weitregierung setz?» wir darin, daß zu dem ersteren die Veranlassung, für beides aber der Erfolg, nach moralischen Gesetzen verhängt sey. In dem letzteren besteht eigentlich die Ehre Gottes, welche daher von Theologen nicht unschicklich der letzte Zweck der Schöpfung genannt wird- — Noch ist anzu- merken, daß wir unter dem Wol: Schöpfung, wenn wir uns dessen bedienen, nichts anders, als was hier gesagt worden ist, nehmlich die Ursache vom Daseyn einer Welt, oder der Dinge in ihr (der Substanzen), verstehen; wie das auch der eigentliche Begrif dieses Worts mit sich bringt (»cm.ilio ludlt-miine sli cre-ltlo): welches mithin nicht scho:: die Voraussetzung einer freywirkenden, folglich verständigen Ursache (deren Daseyn wir allererst beweisen wollen) bey sich führt. Critik der teleologischen Urtheilskrast. 42z Wohlbefinden) zu setzen, nicht aber sich einen solchen ursprünglich (in der Freyheit) selbst zu verschaffen im Stande wäre; so waren zwar (relative) Zwecke in der Welt, aber kein (absoluter) Endzweck, weil das Daseyn solcher vernünftigen Wesen doch immer zwecklos seyn würde. Die moralischen Gesetze aber sind von der eigenthümlichen Beschaffenheit, daß sie etwas als Zweck ohne Bedingung, mithin gerade so, wie der Begrif eines Endzwecks es bedars, für die Vernunft vorschreiben; und die Existenz einer solchen Vernunft, die in der Zweckbeziehnng ihr selbst das oberste Gesetz seyn kann> mit andern Worten die Existenz vernünftiger Wesen unter moralischen Gesetzen, kann also allein als Endzweck vom Daseyn einer Welt gedacht werden. Ist dagegen dieses nicht so bewandt, so liegt dem Daseyn derselben entweder gar kein Zweck in der Ursache, ober es liegen ihm Zwecke ohne Endzweck zum Grunde. Das moralische Gesetz, als formale Vernunftbedin- gung des Gebrauchs unserer Freyheit, verbindet uns für sich allein, ohne von irgend einem Zwecke, als materialer Bedingung, abzuhängen; aber es bestimmt uns doch auch, und zwar a xrlari, einen Endzweck, welchem nachzustreben es uns verbindlich macht: und dieser ist das höchste durch Freyheit mögliche Gut in der Welt. Die subjective Bedingung, unter welcher der Mensch (und nach allen unsern Begriffen auch jedes vernünftige endliche Wesen) sich, unter dem obigen Gesetze, einen B d 4 424 Zweyter Theil. Endzweck setzen kann, ist die Glückseligkeit. Folglich das höchste in der Welt mögliche, und, so viel an uns ist, als Endzweck zu befördernde, physische Gut ist Glückseligkeit: unter der objectiven Bedingung der Einstimmung des Menschen mit dem Gesetze der Sittlichkeit, 'als der Würdigkeit glücklich zu seyn. Diese zwey Erfordernisse des uns durch das moralische Gesetz anfgegebeuen Endzwecks können wir aber, nach allen unsern Vernunfrvermögen, als durch bloße Natnrursachen verknüpft, und der Idee des gedachten Endzwecks angemessen, unmöglich uns vorstellen. Also stimmt der Begrif von der practischen Nothwendigkeit eines solchen Zwecks durch die Anwendung unserer Kräfte, nicht mit dem theoretischen Begriffe von der physischen Möglichkeit der Bewirtung desselben zusammen, wenn wir mit unserer Freyheit keine andere Causaiitat (eines Mittels), als die der Natur, verknüpfen. Folglich müssen wir eine moralische Weltursache (einen Welturhebcr) annehmen, um uns, gemäß dem moralischen Gesetze, einen Endzweck vorzusetzen; und, so weit als das letztere nothwendig ist, so weit (d. i. in demselben Grade und aus demselben Grunde) ist auch das erstere nothwendig anzunehmen: nehmlich es sey ein Gott ') Dieses moralische Argument soll keinen objectiv/gültige» Beweis vom Daseyn Gsms an die Hand geben, nicht Critik der releologischen Urtheilskraft. 425 -i- . ^ ......» » , ^ Dieser Beweis, dem man leicht die Form der logischen Präcision anpassen kann, will nicht sagen: es ist eben so nothwendig das Daseyn Gottes anzunehmen, als die Gültigkeit des moralischen Gesetzes anzuerkennen; mithin, wer sich vom erstern nicht überzeugen kann, könne sich von den Verbindlichkeiten nach dem letzteren los zu seyn urtheilen. Nein! nur dieBeab- sichtigUNg des durch die Befolgung des letzteren zu bewirkenden Endzwecks in der Welt (einer mit der Befolgung moralischer Gesetze harmonisch zusammentreffenden Glückseligkeit vernünftiger Wefen, als das höchste Weltbeste) müßte alsdann aufgegeben werden. Ein jeder Vernünftige würde sich an der Vorschrift der Sitten immer noch als strenge gebunden erkennen müssen: denn die Gesetze derselben sind formal und gebieten unbedingt, ohne Rücksicht auf Zwecke (als die Materie des Wol- lens). Aber das eine Erfordernis; des Endzwecks, wie ihn die practische Vernunft den Weltwesen vorschreibt, dem Iweiselgläubigen beweisen, daß ein Gott sey; sondern daß, wenn er moralisch consequent denken will, er die Annehmung dieses Satzes unter die Maximen seiner practische» Vernunft aufüchmeir müsse, — Es soll damit auch nicht gesagt werden: es ist zur Sittlichkeit nothwendig, die Glückseligkeit aller vernünftigen Weltwesen gemäß ihrer Moralität anzunehmen; sondern: es ist durch sie nothwendig. Mithin ist es ein subjecciv, für moralische Wesen, hinreichendes Argument. Dd 5 426 Zweyter Theil. ist ein in sie durch ihre Natur (als endlicher Wesen) gelegter unwiderstehlicher Zweck, den die Vernunft nur dem moralischen Gesetze als unverletzlicher Bedingung unterworfen, oder auch nach demselben allgemein gemacht wissen will, und so die Beförderung der Glückseligkeit, in Einstimmung mit der Sittlichkeit, zum Endzwecke macht. Diesen nun, so viel (was die ersteren betrist) in unserem Vermögen ist, zn befördern, wird uns durch das moralische Gesetz geboten; der Ausschlag, den diese Bemühung hat, mag seyn welcher er wolle» Die Erfüllung der Pflicht besteht in der Form des ernstlichen Willens, nicht in den Mittclurfachen des Gelingens. Gesetzt also: ein Mensch überredete sich, theils durch die Schwache aller so sehr gepriesenen speculati- ven Argumente, theils durch manche in der Natur und Sittenwelt ihm vorkommende Unregelmäßigkeiten bewogen, von dem Satze: es sey kein Gott; so würde er doch in seinen eigenen Augen ein N-chtswürdiger seyn, wenn er darum die Gesetze der Pflicht für bloss eingebildet, ungültig, unverbindlich halten, und un- gescheut zu übertreten beschließen wollte. Ein solcher würde auch alsdann noch, wenn er sich in der Folge von dem, was er Anfangs bezweifelt hatte, überzeugen könnte, mit jener Denknngsart doch immer ein Nichts- würdiger bleiben: ob er gleich seine Pflicht, aber aus Furcht, oder aus lohusüchnger Absicht, ohne pflichtverehrende Gesinnung, der Wirkung nach so pünktlich, Critik der teleologischen Urtheilskraft. 427 wie es immer verlangt werden mag, erfüllte. Umgekehrt, wenn er sie als Glaubiger seinem Bewußtseyn nach aufrichtig und uneigennützig befolgt, und gleichwohl, so oft er zum Versuche den Fall setzt, er konnte einmal überzeuget werden, es sey kein Gott, sich sogleich von aller sittlichen Verbindlichkeit frey glaubte; müßte es doch mit der innern moralischen Gesinnung in ihm nur schlecht bestellt seyn. Wir können also einen rechtschaffenen Mann (wie etwa den Spinoza) annehmen, der sich fest überredet halt: es sey kein Gott, und (weil es in Ansehung des Objects der Moralität auf einerley Folge hinauslauft) auch kein künftiges Leben; wie wird er seine eigene innere Zweckbestimmung durch das moralische Gesetz, welches er thatig verehrt, beurtheilen? Er verlangt von Befolgung desselben für sich keinen Vortheil, weder in dieser noch in einer andern Welt; uneigennützig will er vielmehr nur das Gute stiften, wozu jenes heilige Gesetz allen seinen Kräften die Richtung giebt. Aber sein Bestreben ist bcgranzt; und von der Natur kann er zwar hin und wieder einen zufälligen Beytritt, niemals aber eine gesetzmäßige und nach beständigen Regeln (so wie innerlich seine Maximen sind und seyn müssen) eintreffende Zusammcnsiimmung zu dem Zwecke erwarten, welchen zu bewirken er sich doch verbunden und angetrieben fühlt. Betrug, Gewaltthätigkeit und Neid werden 428 Zweyter Theil. immer um ihn im Schwange gehen, ob er gleich selbst redlich, friedfertig und wohlwollend ist; und die Rechtschaffenen, die er außer sich noch antrift, werden, unangesehen aller ihrer Würdigkeit glücklich zu seyn, dennoch durch die Natur, die darauf nicht achtet, allen Übeln, des Mangels, der Krankheiten und des unzeitigen Todes, gleich den übrigen Thieren der Erde, unterworfen seyn und es auch immer bleiben, bis ein weites Grab sie insgesammt (redlich oder unredlich, das gilt hier gleichviel) verschlingt, und sie, die da glauben konnten, Endzweck der Schöpfung zu seyn, in den Schlund des zwecklosen Chaos der Materie zurück wirft, aus dem sie gezogen waren. — Den Zweck also, den dieser Wohlgesinnte in Befolgung der moralischen Gesetze vor Augen hatte und haben sollte, müßte er allerdings als unmöglich, aufgeben; oder will er auch hierin dem Rufe seiner sittlichen inneren Bestimmung anhanglich bleiben, und die Achtung, welche das sittliche Gesetz ihm unmittelbar zum Gehorchen einflößt, nicht durch die Nichtigkeit des einzigen ihrer hohen Forderung angemessenen idealischen Endzwecks schwachen (welches ohne einen der moralischen Gesinnung widerfahrenden Abbruch nicht geschehen kann): so muß er, welches er auch gar wohl thun kann, indem es an sich wenigstens nicht widersprechend ist, in practischer Absicht, d. i. um sich wenigstens von der Möglichkeit des ihm moralisch vorgeschriebenen Endzwecks einen Begrif zu Critik der teleologischen Urtheilskraft. 429 machen, das Daseyn eines moralischen Welturhebers, d. i. Gottes, annehmen. §. 88- Beschrankung der Gültigkeit des moralischen Beweises. Die reine Vernunft, als practisches Vermögen, d« i. als Vermögen den freyen Gebrauch unserer Causa- litat durch Ideen (reine Vernunftbegriffe) zu bestimmen, enthalt nicht allein im moralischen Gesetze ein regulatives Princip unserer Handlungen, sondern giebt auch dadurch zugleich ein subjectiv-constitutives, in dem Begriffe eines Objects an die Hand, welches nur Ver- nunft denken kann, und welches durch unsere Handlungen in der Welt nach jenem Gesetze wirklich gemacht werden soll. Die Idee eines Endzwecks im Gebrauche der Freyheit nach moralischen Gesetzen hat also subjectiv» practische Realität. Wir sind Ä priori durch die Vernunft bestimmt, das Weltbeste, welches in der Verbindung des größten Wohls der vernünftigen Weltwefeit mit der höchsten Bedingung des Guten an denselben, d. i. der allgemeinen Glückseligkeit mit der gesetzmäßigsten Sittlichkeit, besteht, nach allen Kräften zu befördern. In diesem Endzwecke ist die Möglichkeit des einen Theils, nehmlich der Glückseligkeit, empirisch bedingt, d. i. von der Beschaffenheit der Natur (ob sie zu diesem Zwecke übereinstimme oder nicht) abhangig, Wb i» 4zo . Zweyter Theil. theoretischer Rücksicht problematisch; indeß der andere Theil, nehmlich die Sittlichkeit, in Ansehung deren wir von der Naturmitwirkung frey sind, seiner Möglichkeit nach a priori fest steht und dogmatisch gewiß ist. Zur objectiven theoretischen Realität also des Begrifs von dem Endzwecke vernünftiger Weltwesen wird erfordert, daß nicht allein wir einen uns a priori vorgefetzten Endzweck haben, fondern daß auch die Schöpfung, d. i. die Welt selbst, ihrer Existenz nach einen Endzweck habe: welches, wenn es g, priori bewiesen werden könnte, zur subjectiven Realität des Endzwecks die objective hinzuthun würde. Denn, hat die Schöpfung überall einen Endzweck, so können wir ihn nicht anders denken, als so, daß er mit dem moralifchen (der allein den Begrif von einem Zwecke möglich macht) übereinstimmen müsse. Nun finden wir aber in der Welt zwar Zwecke: und die physische Teleologie stellt sie in solchem Maaße dar, daß, wenn wir der Vernunft gemäß urtheilen, wir zum Princip der Nachforschung der Natur zuletzt anzunehmen Grund haben, daß in der Natur gar nichts ohne Zweck sey; allein den Endzweck der Natur suchen wir in ihr selbst vergeblich. Dieser kann und muß daher, so wie die Idee davon nur in der Vernunft liegt, selbst seiner objectiven Möglichkeit nach, nur in vernünftigen Wesen gesucht werden. Die ^praktische Vernunft der letzteren aber giebt diesen Endzweck nicht allein an, sondern bestimmt auch diesen Begrif in Ansehung der Bedingn»- » Critik der teleologischen Urtheilskraft. 4z i gen, unter welchen ein Endzweck der Schöpfung allein von uns gedacht werden kann. Es ist nun die Frage: ob die objective Realität des Begrifs von einem Endzweck der Schöpfung nicht auch für die theoretischen Forderungen der reinen Vernunft hinreichend, wenn gleich nicht apodictifch, für die bestimmende, doch hinreichend für die Maximen der theoretisch - reflectirenden Urtheilskraft könne dargethan werden. Dieses ist das mindeste, was man der spekulativen Philofophie ansinnen kann, die den sittlichen Zweck mit den Naturzwecken vermittelst der Idee eines einzigen Zwecks zu verbinden sich anheifchig macht; aber auch dieses Wenige ist doch weit mehr, als sie je zu leisten vermag. Nach d^m Princip der theoretisch-reflectirenden Ur> theilskrast würden wir sagen: Wenn wir Grund haben, zu den zweckmäßigen Produkten der Natur eine oberste Ursache der Natur anzunehmen, deren Causalitat in Ansehung der Wirklichkeit der letzteren (die Schöpfung) von anderer Art, als zum Mechanism der Natur erforderlich ist, nehmlich als die eines Verstandes, gedacht werden muß; so werden wir auch cln diesem: Urwesen nicht bloß allenthalben in der Natur Zwecke, sondern auch einen Endzweck zu denken hinreichenden Grund haben, wenn gleich nicht um das Daseyn eines solchen Wesens darzuthun, doch wenigstens (so wie es in der physischen Leleologie geschah) uns zu überzeugen, daß 4Z2 Zweyter Theil. wir die Möglichkeit einer solchen Welt nicht bloß nach Zwecken, sondern auch nur dadurch daß wir ihrer Existenz einen Endzweck unterlegen, uns begreiflich machen können» Allein Endzweck ist bloß ein Begrif unserer practi- schen Vernunft, und kann aus keinen Datis der Erfahrung zu theoretischer Beurtheilung der Natur gefolgert, noch auf Erkenntniß derselben bezogen werden. Es ist kein Gebrauch von diesen? Begriffe möglich, als lediglich für die practifche Vernunft nach moralischen Gesetzen; und der Endzweck der Schöpfung ist diejenige Beschaffenheit der Welt, die zu dem, was wir allein nach Gesetzen bestimmt angeben können, nehmlich dem Endzwecke unserer reinen practischen Vernunft, und zwar so fern sie practisch seyn soll, übereinstimmt. — Nun haben wir durch das moralische Gesetz, welches uns diesen letztern auferlegt, in practifcher Absicht, nehmlich um unsere Kräfte zur BeWirkung desselben anzuwenden, einen Grund, die Möglichkeit, Ausführbarkeit desselben, mithin auch (weil, ohne Beytritt der Natur zu einer in unserer Gewalt nicht stehenden Bedingung derselben, die BeWirkung desselben unmöglich seyn würde) eine Natur der Dinge, die dazu übereinstimmt, anzunehmen. Also haben wir einen moralischen Grund, uns an einer Welt auch einen Endzweck der Schöpfung zu denken» Dieses Critik der theologischen Urtheilskrast. 4z z Dieses ist nun noch nicht der Schluß von der moralischen Teleologic auf eine Theologie, d. i. auf das Daseyn eines moralischen Welturhebers, sondern nur auf einen Endzweck der Schöpfung, der auf diefe Art bestimmt wird. Daß nun zu dieser Schöpfung, d. i. der Existenz der Dinge, gemäß einem Endzwecke, erstlich ein verständiges, aber zwenrens nicht bloß (wie zu der Möglichkeit der Dinge der Natur, die wir als Zwecke zu beurcheilen genöthiget waren) ein verstandiges, sondern ein zugleich moralisches Wefen, als Welturheber, mithin ein Gott, angenommen werden müsse: ist ein zweyter Schluß, welcher so beschaffen ist, daß man sieht, er sey bloß für die Urtheilskraft, nach Begriffen der praktischen Vernunft, und, als ein solcher, für die reflectirende, nicht die bestimmende, Urthcilskraft gefallet. Denn wir können uns nicht anmaßen einzusehen: daß, ob zwar in uns die moralisch , practische Vernunft von der technisch - praktischen ihren Principien nach wesentlich unterschieden ist, in der obersten Weltursache, wenn sie als Intelligenz angenommen wird, es auch so seyn müsse, und eine besondere und verschiedene Art der Causaiitat derselben zum Endzwecke, als bloß zu Zwecken der Natur, erforderlich fey; daß wir mithin an unserm Endzweck nicht bloß einen moralischen Gnmd haben, einen Endzweck der Schöpfung (als Wirkung), sondern auch ein moralisches Wesen als Urgrund der Schöpfung, anzunehmen. Wohl aber Raiirs Lrir, d. Urrheilskr. > Es 4Z4 Zweyer Theil. können wir sagen: daß, nach der Beschaffenheit unseres Vernunftvermögens, wir uns die Möglichkeit inotiv-lin beylegen, weil wirklich Bewegungen des Körpers entspringen, deren Ursache in ihren Vorstellungen liegt, ohne ihr darum die einzige Art, wie wir bewegende Kräfte kennen, (nehmlich durch Anziehung, Druck, Stoß, mithin Bewegung, welch? jederzeit ein ausgedehntes Wesen voraussetzen) beylegen zu wollen: — eben so werden wir Etwas, das den Grund der Möglichkeit und der praktischen Realität, d. i. der Ausführbarkeit, eines nothwendigen moralifchen Endzwecks enthält, annehme' müssen; dieses aber, nach Beschaffenheit der von ihm Critik der theologischen Urthcilskraft. 4Z7 erwarteten Wirkung, uns als ein weises nach moralischen Gesetzen die Welt beherrschendes Wesen denken können, und der Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögen gemäß, als von der Natur unterschiedene Ursache der Dinge denken müssen, um nur das Verhältniß dieses alle unsere Erkenntnißvcrmögen übersteigenden Wesens zum Objecte unserer practischen Vernunft auszudrücken: ohne doch dadurch die einzige uns bekannte Causalitat dieser Art, nehmlich einen Verstand und Willen, ihm darum theoretisch beylegen, ja selbst auch nur die an ihm gedachte Causalitat in Ansehung dessen was für Ulls Endzweck ist, als in diesem Wesen selbst von der Causalitat in Ansehung der Natur (und deren Zweckbestimmungen überhaupt) objectiv mtterscheiden zu wollen, sondern diesen Unterschied nur als subjectiv nothwendig, für die Beschaffenheit unseres Erkenntniß- Vermögens und gültig für die reflectirende, nicht für die objectiv bestimmende Urtheilskraft, annehmen können. Wenn es aber aufdas Practische ankommt, so ist ein solches regulatives Princip (für die Klugheit oder Weisheit): dem, ^ was nach Befchaffenheit unserer Erkenntnißvermögen von uns auf gewisse Weise allein als möglich ge< dacht werden kann, als Zwecke gemäß zu handeln, zugleich constitutiv, d.i. practisch bestimmend; indeß eben dasselbe, als Princip die objective Möglichkeit der Dinge zu beurtheilen, keinesweges theoretisch - bestimmend (daß nehmlich auch dem Objecte die einzige Arr ' Ee? - 4Z8 Zweyter Theil. der Möglichkeit zukomme, die unserm Vermögen zu denken zukommt), sondern ein bloß rfgttlüttves Princip für die reflecrirende Urrheilvkraft ist. A n m ev k u y g. Dieser moralische Beweis ist nicht etwa ein neu erfum dener, so-chcrn allenfalls mir ein neucrörieiter Veiveisgrulid; denn er hat vor der frühest',» Austeimung des menschlichen Vermusstvermögens fclion in demslbcn g-'legen, und wird mit der fortgehenden Cultur desselben nur immer mehr ent- wickelt. Sobald die Menschen über Recht uns Unrecht zu rcsteenren anfingen, in einer Zelt, wo sie über die Zweckmäßigkeit der Natur noch gleichgültig wegsahen, sie nützten, ohne sich dabei etwas Anderes als den gewohnten Laus der Namr zu denken, mußte sich das Urtheil unvermeidlich ein- finden: daß es im Auvgauge nimmermehr emerlev fern» keime, ob ein Mensch sich redlich oder falsch, billig oder gewaltthätig verhallen habe, wenn er gleich bis an sein Lebensende, wenigstens sichlbariich, für seine Tugenden kein Glück, odec für seine Verbrechen keine Strafe angerrossen habe, Es ist als ob sie in sich eine Stimme wahrncchmcn, es müsse anders zugehe»; mithin mußte auch die, obgleich dunkle, Vorstellung von Etwas dem sie nachzustreben sich vcrbun, den suhlten, verborgen liegen, womit ein solcher Aueschlag sich gar nicht zusammenreimet, lasse, oder, womit, wenn sie den Welrlauf einmal als die einzige Ordnung der Dinge an, sahen, sie wiederum jene innere Zweckbestimmung ihres Ge, müths nicht zu vereinigen wußten. Nun mochten sie die Art, wie eine solche Unregelmäßigkeit (welche dem menschlichen Gemüthe weit empörender seyn muß, als der blinde Zufall, den man etwa der Naiurbeurtheilung zum Princip Critik der teleologischen Urtheilskraft. 4Z9 unterlegen wollt') ausgeglichen werden kön!-e, sich auf man« cherley noch so grobe Weise vorstellen; so konnten sie sich doch niemal ein anderes Princip der Möglichkeit der Vereinigung der Natur mit ihrem innern Sittengesetze erdenken, als eine nach moralischen Gesetzen dle Weit beherrschende oberste Ursache: weil ein als Pflicht aufgegebener Endzweck in il>:icn, und eine Natur ohne alle» Endzweck, außer ihnen, in welcher gleichwohl jener Zweck wirklich werden soll, im Widerspruche stehen. Über die innere Beschaffenheit jener Wcliursache konnten sie nun manchen Unsinn ausbrüten; jenes moralische Verhältnis; in der Welrngiernng blieb immer dasselbe, weiches für die unangebuiireste Ver, imnft, sofern sie sich als praeijsch betrachtet, allgemein faßlich ist, mit welcher hingegen die speculanve bey weitem nicht gleichen Schritt halten kann. — Auch wurde, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch dieses moralische Interesse allererst die Aufmerksamkeit au? die Schönheit und Zwecke in der Natur rege gemacht, die alsdann jene Zdee zu bestärken vonreflich diente, sie aber doch nicht begründen, noch weniger jenes entbehren konnte, weil selbst die Nachforschung der Zwecke der Natur »ur in Beziehung auf den Endzweck dasjenige unmittelbare Znterc-sse bekommt, welches sich in der Bewunderung derselben, ohne Rücksicht auf irgend daraus zu ziehenden Vonheil, in so großem Maaße zeigt. §. 8y. Von dem Nutzen des moralischen Arguments, Die Einschränkung der Vernunft, in Ansehung aller unserer Ideen vom Übersinnlichen, auf die Bebin- Ee 4 440 Zweyter Theil. Zungen ihres practischen Gebrauchs, hat, was die Idee von Gytt betrift, den unverkennbaren Nutzen: daß sie verhütet, daß Theologie sich nicht m Theosophie (in Vernunstverwirrende überschwengliche Begriffe) versteige, oder zur Dämonologie (einer anthropo- morphistifchen Vorstellungsart des höchsten Wesens) herabsince; daß Relig!0it nicht in Thettrgie (ein schwärmerischer Wahn, von anderen übersinnlichen We> sen Gefühl und auf sie wiederum Einfluß haben zu können), oder in Idolvlatne (ein abergläubischer Wahn, dem höchsten Wesen sich durch andere Mittel, als durch eine moralische Gesinnung, wohlgefällig machen zu können) gerathe *). Denn, wenn man der Eitelkeit oder Vermessenheit des Vernünftelns in Ansehung dessen, was über die Sinnenwelt hinausliegt, auch nur das Mindeste theoretisch (und Erkenntniß - erweiternd) zu bestimmen einräumt; wenn man mit Einsichten vom Daseyn und von ") Abgottercy in praktischem Verstände ist noch immer dieje- jenige Religion, welche sich das höchste Wesen mit Eigenschaften denkt, nach denen noch etwas anders, als Moralität, die für sich taugliche Bedingung seyn könne, seinem Willen in dem was der Mensch zu thun vermag, gemc'i! zu seyn. Denn so rein und frey von sinnliche» Bildern man auch in theoretischer Rücksicht jenen Vegrif gefaßt haben mag, so ist er in praktischer alsdann dennoch als ein Idol, d. i, der Beschaffenheit ssmes Willens nach anthropomor- pb.Mch, vorgestellt. Critik der ideologischen Urtheilskraft. 441 Ver Beschaffenheit der göttlichen Natur, von seinem Verstände und Willen, den Gesetzen beider und den daraus auf die Welt abfließenden Eigenschaften groß zu thun verstattet: so möchte ich wohl wissen, wo und an ^ welcher Stelle man die Anmaßungen der Vernunft be- granzen wolle; denn, wo jene Einsichten hergenommen sind, eben daher können ja noch mehrere (wenn man nur, wie man meynt, sein Nachdenken anstrengte) erwartet werden. DieBegranzung solcher Ansprüche müßte doch nach einem gewissen Princip geschehen, nicht etwa bloß aus dem Grunde, weil wir finden, daß alle Versuche mit denselben bisher fehlgeschlagen sind; denn das beweiset nichts wider die Möglichkeit eines 'besseren Ausschlags. Hier ist aber kein Princip möglich, als entweder anzunehmen: daß in Ansehung des Übersinnlichen schlechterdings gar nichts theoretisch (als lediglich nur negativ^ bestimmt werden könne, oder daß unsere Vernunft eine noch unbenutzte Fundgrube, zu wer weiß wie großen, für uns und unsere Nachkommen aufbewahrten erweiternden Kenntnissen, in sich enthalte. — Was aber Religion betrist, d. i. die Moral in Beziehung auf Gott als Gesetzgeber; so muß, wenn die theoretische Erkenntniß desselben vorhergehen müßte, die Moral sich nach der Theologie richten, und, nicht allein, statt einer inneren nothwendigen Gesetzgebung der Vernunft, eine äußere willkürliche eines obersten Wesens eingeführt, sondern auch in dieser alles, was Ee 5 442 Zweyter Theil. unsere Einsicht in die Natur desselben Mangelhaftes hat, sich auf die sittliche Vorschrift erstrecken, und so die Religion unmoralisch machen und verkehren. In Ansehung der Hofunng eines künftigen Lebens, wenn wir, siatt des Endzwecks, den wir, der Vorschrift des moralischen Gesetzes gemäß, selbst zu vollfuhren haben, zum Leitfaden des Vernunfturtheils für unsere Bestimmung (welches also nur in praktischer Beziehung als nothwendig, oder annchmungswürdig, betrachtet wird) unser theoretisches Erkenntnißvermögen befragen, giebt die Seelenlchre in dieser Absicht, so wie oben die Theologie, nichts mehr als einen negativen Begrif von unserm denkenden Wesen: daß nehmlich keines seiner Handlungen und Erscheinungen des innern Sinnes materialistisch erklärt werden könne; daß also von ihrer abgesonderten Natur, und der Daner oder Nichtdaucr ih-cr Persönlichkeit nach dem Tode, uns schlechterdings kein erweiterndes bestimmendes Urtheil aus speculaliven Gründen durch unser gcsammtcs theoretisches Erkenntnißvermogen möglich sey. Da also alles hier der teleologischen Beurtheilung unseres Daseyns in practischer nothwendiger Rücksicht und der An- nchmuug unserer Fortdauer, als der zu dem uns von der Vernunft schlechterdings aufgegebeneu Endzweck erforderlichen Bedingung, überlassen bleibt, so zeigt sich hier zugleich der Nutzen (der zwar beym ersten Anblick Verlust zu seyn scheint): daß, so wie die Theologie für Critik der theologischen Urtheilskraft. 44Z uns nie Theosophie werden kann, die rationale Psychologie niemals Pnevmatologie als erweiternde Wissenschaft werden könne, so wie sie andrerseits auch gesichert ist, in keinen Materialien; zu verfallen; sondern daß sie vielmehr bloß Anthropologie des innern Sinnes, d. i. Kenntniß unseues denkenden Selbst im Leben sey, und als theoretisches Erkenntniß auch bloß empirisch bleibe; dagegen die rationale Psychologie, was die Frage über unsere ewige Existenz bctrist, gar keine theoretische Wissenschaft ist, sondern auf einem einzigen Schlüsse der moralischen Teleologie beruht, wie denn auch ihr ganzer Gebrauch, bloß der letztern als unserer praktischen Bestimmung wegen, nothwendig ist. §. 90. Von der Art des Fürwahchaltens in einem moralischen Beweise des Daseyns 'Gottes. Fnerst wird zu jedem Beweise, er mag (wie bey dem Beweift durch Beobachtung des Gegenstandes oder Experiment) durch unmittelbare empirische Darstellung dessen, was bewiesen werden soll, oder durch Vernunft s 1>iloii aus Principien geführt werden, erfordert: daß er nicht überrede, sondern überzenge, oder wenigstens auf Überzeugung wirke; d. i. daß der Beweis- 444 Zweyter Theil. grund,^oder der Schluß, nicht bloß ein subjectiver (ästhetischer) Bestimmungsgrund des Beyfalls (bloßer Scheins sondern ob,ectivgüitig und ein logischer Grund der Erkenntniß sey: denn sonst wird der Verstand berückt, aber nicht überführt. Von jener Art eines Scheinbeweises ist derjenige, welcher vielleicht in guter Absicht, aber doch mit vorsetzlicher Verhehlung seiner Schwache, in der natürlichen Theologie geführt wird: wenn >nan die große Menge der Bcweisthümer eines Ursprungs der Naturdinge nach dem Princip der Zwecke hcrbeyzieht, und sich den bloß subjectiven Grund der menschlichen Vernunft zu Nutze macht, uchmlich den ihr eigenen Hang, wo es nur ohne Widerspruch geschehen kann, statt vieler Principien ein einziges, und, wo in diesem Princip nur einige oder auch viele Erfordernisse zur Bestimmung eines Begrifs angetroffen werden, die übrigen hinzuzudenken, um den Begrif des Dinges durch willkürliche Ergänzung zu vollenden. Denn freylich, wenn wir fo viele Producte in der Natur antreffen, die für uns Anzeigen einer verständigen Ursache sind; warum sollen wir, statt vieler solcher Ursachen, nicht lieber eine einzige, und zwar an dieser nicht etwa bloß großen Verstand, Macht u. f. w. sondern nicht vielmehr Allweisheit, Allmacht, mit einem Worte sie als eine solche, die den für alle mögliche Dinge zureichenden Grund solcher Eigenschaften enthalte, denken? und über das diesem einigen alles vermögenden Urwesen, nicht Critik der teleologischen Urtheilskraft. 445 bloß für die Naturgesetze und Producte Verstand, fon- drm auch, als einer moralischen Welturfache, höchste sittliche pracnsche Vernunft beylegen; da durch diese ^ Vollendung des >eg"ifs ein für Natureinsicht so wohl als moralische Weisheit zusammen hinreichendes Princip angegeben-wird, And kein nur emigermaaßcn gegründeter Emwurf wider die Möglichkeit einer solchen Idee gemacht werden kann? Werden hiebe» nun zugleich die moralischen Triebfedern des Gemüths in Bewegung gesetzt, und ein lel hciftes Interesse der letzteren mit rednerischer Stärke (deren sie auch wohl würdig sind) hinzugefügt; so entspringt daraus eine Überredung von der objectiven ZulLnglichkeit des Beweises, nnd ein (in den meisten Fällen seines Gebrauchs) auch heilsamer Schein, d«r aller Prüfung der logischen Scharfe desselben sich ganz überhebt, und sogar dawider, als ob ihr ein frevelhafter Zweijel zum Grunde läge, Abscheu und Widerwillen tragt. - Nun ist Hierwider wohl nichts zu sagen, so fernmcu? auf populäre Brauchbarkeit eigentlich Rücksicht nimmt. Allein, da doch die Zerfallung desselben in die zwey ungleichartigen Stücke, die dieses Argument enthält, nehmlich in das was zur physischen, und das was zur moralischen Teleologie gehört, nicht abgehalten werden kann und darf, indem die Zusammenschmelzung beider es unkennt» lich macht, wo dqr eigentliche Nerve des Beweises liege, und an weichem Theile und wie er müßte bearbeitet wer, 446 Zweyter Theil. beil, um für die Gültigkeit desselben vor der schärfsten Prüfung Stand hallen zu können (selbst wenn man an einem Theile die Schwache unserer Vernunfteinsicht einzugcstehen genöthigt seyn sollte ; fo ist es für den Philosophen Pflicht (gefetzt daß er auch die Anforderung der Aufrichtigkeit an ihn für nichts rechnete), den obgleich noch fo heilsamen Schein, welchen eine solche Vcrmengung hervorbringen kann, anfzudecken, und, was bloß zur Überredung gehört, von dem was auf Überzeugung führt (die beide nicht bloß dem Grade, fondern selbst der Art nach, unterschiedene Bestimmungen des Beyfalls sind) abzusondern, um die Gemülhsfassung in diesem Beweise in ihrer ganzen Lauterkeit offen darzustellen, und diesen der sirengsten Prüfung freymüthig unterwerfen zu können. Ein Beweis aber, der auf Überzeugung angelegt ist, kann wiederum zwiefacher Art seyn, entweder ein solcher, der, was der Gegenstand an sich fey, oder was er für UNS (Menschen überhaupt), nach den uns nothwendigen Vernunftprincipien feiner Beurtheilung, sey (ein Beweis -l«--' oder «»Z^«^-«,, das letztere Wort in allgemeiner Bedeutung für Menschen überhaupt genommen), ausmachen soll. Im ersteren Falle ist er auf hinreichende Principien für die bestimmende, im zweyten bloß für die reflectirenoe Urcheilskraft gegründet. Im letzrein Falle kann er, auf blos) rhiore- tifchen Principien beruhend, niemals auf Überzengung Critik der theologischen Urtheilökraft. 447 Wirken; legt er aber ein praktisches Vernunftvn'ncip zum Grunde (welches mithin allgemein und nothwendig gilt), so darf er wohl auf eine, in reiner practi- scher?ü ficht hinreichende, d. i. moralische, Überzeugung Anspruch machen. Ein Beweis aber wirkt auf illxrzeugung, ohne noch zu überzeugen, wenn er bloß auf dem Wege dahin gefuhrt wird, 0. i. nur objective G'-ünde dazu in sich enthalt, die, ob sie gleich noch nicht zur Gewißheit hinreichend, dennoch von.der Art sind, daß sie nicht bloß als subjective Gründe des Urtheils zur Überredung dienen. ' Alle theoretische Beweisgründe reichen nun entweder zu: 1) zum Beweise durch logisch-lirengeVerlttMft- schlüsfe; oder, wo dieses nicht ist, 2) zum Schlüsse nach dec' Analogie' oder, findet auch dieses etwa nicht Statt, doch noch ? zur wahrscheinlicheu Meynung; oder endlich, was das Mindeste ist, 4) zur Annehmung eines bloß möglichen Erklarungsgrundes, als Hypothese. - Nun sage ich: daß alle Beweisgründe überhaupt, die auf theoretische Überzeugung wirken, kein Furwahrhalten dieser Arr von dem höchsten bis zum niedrigsten Grade desselben, bewirken können, wenn der Satz von der Existenz eines Urwesens, als eines Gottes, in der dem ganzen Inhalte dieses Be- grifs angemessenen Bedeutung, nehmlich als eines MoralllcheN Welturhebers, mithin so, daß durch ihn 448 Zweyter Theil. zugleich der Endzweck der Schöpfung angegeben wird, bewiesen werden soll. i) Was den logisch-gerechten, vom Allgemeinen zum Besonderen fortgehenden, Beweis betrift, so ist in der Critik hinreichend dargethan worden: daß, da dem Begriffe von einem Wesen, welches über die Na, lur hinaus zu suchen ist, keine uns mögliche Anschauung correspondirt, dessen Begrif also selbst, sofern er durch synthetische Pradicate theoretisch bestimmt werden soll, für uns jederzeit problematisch bleibt, schlechterdings kein Erkenntniß desselben (wodurch der Umfang unseres theoretischen Wissens int minbesten erweitert würde) Statt finde, und unter die allgemeinen Principien der Natur der Dinge der besondere Begrif eines übersinnlichen Wesens gar nicht subsumirt werden könne, um von jenen auf dieses zu schließen; weil jene Principien lediglich für die Natur, als Gegenstand der Sinne, gelten. . 2) Man kann sich zwar von zwey ungleichartigen Dingen, eben in dem Puncte ihrer Ungleichartigkeit, eines derselben doch nach einer Analogie mit dem andern *) Analogie (in qualitativer Bedeutung) ist die Identität des Verhältnisses zwischen Gründen und Folgen (Ursachen und Wirkungen), sofern sie, uNj-eachrel der svecifischei» Ver, schiedenbeit der Dinge, oder derjenige,- Eigenschaften an sich, welche den Grund von ähnlichen Folgen enthalten, (d> j. außer diesem Verhältnisse betrachtet), Statt findet So, Critik der teleologischen Urtheilskraft. 449 andern denken; aber aus dem, worin sie ungleichartig sind, nicht von einem nach der Analogie auf daö andere So denke» wir uns zu d«n Kunsthandlungen der T'iisre, in Vergleichung mit denen des Menschen, den Grund dieser Wirkungen in den ersteren, den wir nicht kennen, mit dem Grunde ähnlicher Wirkungen des Menschen (der Vernunft), den wir kenne», als Analogen der Vernunft; und wollcn damit zugleich anzeigen: daß der Grund des thierischen Kunst- Vermögens, unter der Benennung eines InstinctS, ven der Vernunft in der That specifisch unterschiede», doch auf die Wirkung (der Bau der Biber mit dem der Menschen vcrgln chen) ein ähnliches Verhältniß habe. — Deswegen aber kann ich daraus, weil der Mensch zu seinem Bauen Vernunft braucht, nicht schließen, daß der Biber auch dergleichen haben müsse, und es einen Schluß nach der Analogie nennen. Aber aus der ähnlichen Wirkungsart der Thiere (wovon wir den Grund nicht unmittelbar wahrnehmen können), mit der des Menschen (dessen wir uns unmittelbar bewußt sind) verglichen, können wir ganz richtig nach der Analogie schließen, daß die Thiere auch nach Vorstellungen handeln -(nicht, wie Cartesius will, Maschinen sind), und, ungeachtet ihrer specifischen Verschiedenheit, doch der Gattung nach (als lebende Wesen) mit dem Mensche» einerley sind- Das Princip der Befugnis', so zu schließen, liegt in der Einerleyheit des Grundes, die Thiere in Ansehung gedachter Bestimmung mit dem Mensche», als Menschen, so weit ,wir sie äußerlich nach ihren Handlungen mit einander vergleichen, zu einerley Gattung zu zählen. ES ist psr r-irio. Eben so kann ich die Causalität der obersten Weltursache, in der Vergleich»»» der zweckmäßigen Producte derselben in der Well mit den Kunstwerken des Menschen, nach der Analogie eines Verstandes denken, aber nicht auf diese Eigenschaften in demselben nach der Anals- Tanrs Lrir. d. Urtheils??. F f 4;o Zweyter Theil. schließen, d. i. dieses Merkmal des specifischen Unterschiedes auf das andere übertragen. So kann ich mir, nach der Analogie mit dem Gesetze der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung, in der wechselseitigen Anziehung und Abstoßung der Körper untereinander, auch die Gemeinschaft der Glieder eines gemeinen Wesens nach Regeln des Rechts denken; aber jene specifischen Bestimmungen (die materielle Annchnng oder Abstoßung) nicht auf diese übertragen, und sie den Bürgern beylegen, um ein System welches Staat heißt, auszumachen. — Eben so dürfen wir wohl die Causalitat des Urwesens in Ansehung der Dinge der Welt, als Naturzwecke, nach der Analogie eines Verstandes, als Grundes der Formen gewisser Producte, die wir Kunstwerke nennen, denken (denn dieses geschieht nur zum Behuf des theoretischen oder practischen Gebrauchs unseres Erkenntnißvermögens, den wir von diesem Begriffe in Ansehung der Naturdinge in der Welt, nach einem gewissen Princip, zu machen haben); aber wir gie schließen; weil hier das Princip der Möglichkeit einer solche» Schluss« gerade mangelt, nehmlich die pziims i-a- riunis, das höchste Wesen mit dem Menschen (in Ansehung ihrer beiderseitigen Causalitat) zu einer und derselben Gat.' tung zu zahlen. Die Causalitat der Weltwesen, die immer sinnlich-bedingt (dergleichen die durch Verstand) ist, kann nicht auf ein Wesen übertragen werden, welches m/t jenen keine» Gattungsbegrif, als den eines Dinges überhaupt, gemein hat. Critik der theologischen UrthsilSkrast. 451 können daraus, daß unter Wcltwcsen der Ursache einer Wirkung, die als künstlich beurtheilt wird, Verstand beygelegt werden muß, keinesweges nach einer Analogie schließen, daß auch dem Wesen, welches von der Natur gänzlich unterschieden ist, m Ansehung der Natur selbst eben dieselbe Causalitat, die wir am Menschen wahrnehmen, zukomme: weil dieses eben den Punct der Un- gleichartigkeir betrift, der zwischen einer in Ansehung ihrer Wirkungen sinnlich-bedingten Ursache und dem übersinnlichen Urwesen selbst im Begriffe desselben gedacht wird, . und also auf diesen nicht übergetragen werden kann. — Eben darin, daß ich mir die göttliche Causalitat nur nach der Analogie mit einem Verstände (welches Vermögen wir an keinem anderen Wesen als dem sinnlich-bedingten Menschen kennen) denken soll, liegt das Verbot, ihm diesen Verstand in der eigentlichen Bedeutung beyzulegen *). ?) Meynen findet in Urtheilen g, prinri gar nicht Statt; sondern man erkennt durch sie entweder etwas als ganz gewiß, oder gar nichts. Wenn aber auch die gegebenen Beweisgründe, von denen wir ausgehen (wie hier von den Zwecken in der Welt), empirisch sind, ") Man vermißt dadurch nicht das Mindeste in der Vorstellung der Vcrliällnisse dieses Wesens zur Welt, so wohl was die tkevretischeu als praclische» Fvlgcrungen aus diesem Begriffe betrift. Was es an sich selbst sey, erforsche» zu wollen, ist ein eben so zweckloser als vergeblicher Vorwitz. , Ff- ' > ^l^. 4)2 Zweyter Theil. , so kann man mit diesen doch über die Sinnenwelt hinaus nichts meynen, und solchen gewagten Urtheilen den mindesten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit zugestehen. Denn Wahrscheinlichkeit ist ein Theil einer in einer gewissen Reihe der Gründe möglichen Gewißheit (die Gründe derselben werden darin mit dem Zureichenden, als Theile mit einem Ganzen, verglichen), zu welchen jener unzureichende Grund muß ergänzt werden können. Weil sie aber als Bestimmungsgründe der Gewißheit eines und desselben Urtheils gleichartig seyn müssen, indem sie sonst nicht zusammen eine Größe (dergleichen die Gewißheit ist) ausmachen würden: so kann nicht ein Theil derselben innerhalb den Gränzen möglicher Erfahrung, ein anderer außerhalb aller möglichen Erfahrung liegen. Mithin, da bloß-empirische Beweisgründe auf nichts Übersinnliches führen, der Mangel in der Reihe derselben auch durch nichts ergänzt werden kann; so findet in dem Versuche, durch sie zum übersinnlichen und einer Erkenntniß desselben zu gelangen, nicht die mindeste Annäherung, folglich in einem Urtheile über das letztere durch von der Erfahrung hergenommene Argumente, auch keine Wahrscheinlichkeit Statt. 4) Was als Hypothese zu Erklärung der Mög» lichkeit eincr gegebenen Erscheinung dienen soll, davon muß wenigstens die Möglichkeit völlig gewiß seyn. Es ist genug, daß ich bey einer Hypothese auf die Erkenntniß der Wirklichkeit (die in einer für wahrscheinlich aus- Critik der teleologischen Urtheilskraft.' 45) gegebenen Meynung noch behauptet wird) Verzicht thue: mehr kann ich nicht Preis geben; die Möglichkeit dessen, was ich einer Erklärung zum Grunde lege, muß wenigstens keinem Zweifel ausgesetzt seyn, weil sonst der leeren Hirngespinste kein Ende seyn würde. Die Möglichkeit aber eines nach gewissen Begriffen bestimmten übersinnlichen Wesens anzunehmen, da hiezu keine von den erforderlichen Bedingungen einer Erkenntniß, nach dem was in ihr auf Anschauung beruht, gegeben ist, und also der bloße Satz des Widerspruchs (der nichts als die Möglichkeit des Denkens und nicht des gedach» ten Gegenstandes selbst beweisen kann) als Criterium dieser Möglichkeit übrig bleibt, würde eine völlig grundlose Voraussetzung seyn. Das Resultat hievon ist: daß für das Daseyn des Urwesens, als einer Gottheit, oder der Seele, als eines unsterblichen Geistes, schlechterdings kein Beweis m theoretischer Absicht, um auch nur den mindesten Grad des Fürwahihaltens zu wirken, für die menschliche Vernunft möglich sey; und dieses aus dem ganz begreiflichen Grunde: weil zur Bestimmung der Ideen des Übersinnlichen für uns gar kein Stof da ist, indem wir diesen letzteren von Dingen in der Sinnenwelt hernehmen müßten, ein solcher aber jenem Objecte schlechterdings nicht angemessen ist, also, ohne alle Bestimmung derselben, nichts mehr, als der Begrif von einem nichtsinnlichen Etwas übrig bleibt/ welches den letzten Grund Ff? 454 Zweyter Theil. der Sinnenwelt enthalte, der noch kein Erkenntniß (als Erweiterung des Begrifs) von seiner inneren Beschaffenheit ausmacht. §. 9!- Von der Art des Fürwahrhaltens durch einen practischen Glauben. Wenn wir bloß auf die Art sehen, wie cttvas für UNs (nach der subjectiven Beschaffenheit unserer Vorstellungskräfte) Object der Erkenntniß (res cyZno^i- dilis) seyn kann: so werden alsdann die Begriffe nicht mit den Objecten, sondern bloß mit unsern Erkenntniß- Vermögen und dem Gebrauche, den diese von der gegebenen Vorstellung (in theoretischer oder practischer Absicht) machen können, zusammengehalten; und die Frage, ob etwas ein erkennbares Wesen sey.oder nicht, ist keine Frage, die die Möglichkeit der Dinge selbst, sondern »mserer Erkenntniß derselben angeht. Erkennbare Dinge sind nun von dreyfacher Art: Sachen der Meynung (^wadus), Thatsachen (llldUll), und Glaubenssachen (mere crecUbUL). I) Gegenstande der bloßen Vernunstidcen, die für. das theoretische Erkenntniß gar nicht in irgend einer möglichen Erfahrung dargestellt werden können, sind- sofern auch gar nicht erkennbare Dinge, mithin kann, man in Ansehung ihrer nicht einmal, meynen;, wie Critik' der theologischen Urtheilskraft. 455 denn 2 priori zu meynen, schon an sich ungereimt mit» der gerade Weg zu laitter Hirngespenstern ist» Entweder unser Satz 2 priori ist also gewiß, oder er enthalt gar nichts zum Fürwahrhalten. Also sindMeyNtMgösachei! jederzeit Objecte einer wenigstens an sich möglichen Erfahrungserkenntniß (Gegenstande der Sinnenwelt), die aber, nach dem bloßen Grade dieses Vermögens den wir besitzen, für UNö umnöglich ist. So ist der Äther der neuern Physiker, eine elastische alle andere Materien durchdringende (mit ihnen innigst vermischte) Flüßig- keit, eine bloße Meynungssache, immer doch noch von der Art, daß/ wenn die äußern Sinne im höchsten Grade geschärft waren, er wahrgenommen werden könnte; der aber nie in irgend einer Beobachtung, oder Experimente, dargestellt werden kann. Vernünftige Bewohner anderer Planeten anzunehmen, ist eine Sache der Meynung; denn, wenn wir diesen naher kommen könnten, welches an sich möglich ist, würden wir, ob sie sind, oder nicht sind, durch Erfahrung ausmachen; aber wir werden ihnen niemals so nahe kommen, und so bleibt es beym Meynen. Allcin meynen: daß es reine,, ohne Körper denkende, Geister im materiellen Univers gebe (wenn man nehmlich gewisse dafür ausgegebene wirkliche Erscheinungen, wie billig, von der Hand weiset), heißt dichten, und ist gar keine Sache der Meynung, sondern eine bloße Idee, welche übrig bleibt, wenn man von einem denkenden Wesen alles Materielle wegnimmt, und ihm doch Ff 4 456 Zweyter Theil. das Denken übrig läßt. Ob aber alsdann das Letztere (welches wir nur am Menschen, d. i. in Verbindung mit' einem Körper, kennen) übrig bleibe, können wir nicht ausmachen. Ein solches Ding ist ein vMlÜnf- telte6 Wesen (ens ralioriis r?.riocirillntis), kein Bmumftwejeü (ens 'r-itioriis r-zliocirilltae); von welchem letzteren es doch möglich ist, die objective Realität seines Begrifs, wenigstens für den practischen Ge» brauch der Vernunft, hinreichend darzuthun, weil dieser, der seine eigenthümlichen und apodictisch gewissen Principien a priori hat, ihn sogar erheischt (postulirt). 2) Gegenstände für Begriffe, deren objective Realität (es sey durch reine Vernunft, oder durch Erfahrung, und, im ersteren Falle, aus theoretischen oder practischen Datis derselben, in allen Fallen aber vermittelst einer ihnen correspondirenden Anschauung) bewiesen werden kann, sind (rsü t-^i) Thatsachen Dergleichen sind die mathematischen Eigenschaften der Größen (in der Geometrie), weil sie einer Darstellung a priori für den theoretischen Vernunftgebrauch fähig sind. Fer- Ich erweitere hier, wie mich dünkt mit Recht, be» Be- gn'f einer Thatsache über die gewöhnliche Bedeutung dieses Worts. Denn es ist nicht nöthig, ja nicht einmal thunlich, djesen Ausdruck bloß auf die wirklich- Erfahrung einzuschränken, wenn von dem Verhältnisse der Dinge zu unseren Erkenlitnißvermögeii die Rede ist, da eine bloß mögliche Erfahrung schon hinreichend ist, um von ihnen blos als Gegenständen einer bestimmten Erkcmitnißart, zu reden. Critik der teleologischen Urtheilskraft. 457 ner sind Dinge, oder Beschaffenheiten derselben, die durch Erfahrung (eigene oder fremde Erfahrung, vermittelst der Zeugnisse) dargethan werden können, gleichfalls Thatsachen. — Was aber sehr merkwürdig ist, so findet sich sogar eine Vernunftidee (die an sich keiner Darstellung in der Anschauung, mithin auch keines theoretischen Beweises ihrer Möglichkeit, fähig ist) un- ter.den Thatfachen; und das ist die Idee der Freyheit, deren Realität, als einer besondern Art von Causalität, (von welcher der Begrif in theoretischem Betracht überschwenglich seyn wurde) sich durch practische Gesetze der reinen Vernunft, und, diesen gemäß, in wirklichen Handlungen, mithin in der Erfahrung, darthnn läßt. — Die einzige unter allen Ideen der reinen Vernunft, deren Gegenstand Thatsache ist, und unter die lcidllia mit gerechnet werden muß. ?) Gegenstande, die in Beziehung auf den Pflicht- mäßigen Gebrauch der reinen practischen Vernunft (es sey als Folgen, oder als Gründe) a priori gedacht werden müssen, aber für den theoretischen Gebrauch derselben überschwenglich sind, sind bloße Glaubenssachen. Dergleichen ist das höchste durch Freyheit zu bewirkende Gut in der Welt; dessen Begrif in keiner für uns möglichen Erfahrung, mithin für den theoretischen Vernunftgebrauch hinreichend, seiner objectiven Realität nach bewiesen werden kann, dessen Gebrauch aber zur bestmöglichen BeWirkung jenes Zwecks doch durch practi- Ff 5 458 Zweyter Tbeil. sche reine Vernunft geboten ist, und mithin als möglich angenommen werden muß. Diese gebotene Wirkung, zustimmt den einzigen für uns denkbaren Bedingungen ihrer Möglichkeit, nehmlich dem Daseyn Gottes und der Seelen-Unsterblichkeit, sind Glcmbenö- sttchen (ros 5iäei), und zwar die einzigen unter allen Gegenständen, die so genannt werden können Denn, ob von uns gleich, was wir nur von der Erfahrung anderer durch Zeugniß lernen können, geglaubt werden muß, so ist es darum doch noch nicht an sich Glaubenssache; denn bei) jener Zeugen Einem war es doch eigene Erfahrung und Thatsache, oder wird als solche vorausgesetzt. Zudem muß es möglich seyn, durch diesen Weg (des historischen Glaubens) zum Wissen zu gelangen; und die Objecte der Geschichte und Geographie, wie alles überhaupt was zu wissen nach der Beschaffenheit unserer Errenntnißvcrmögen wenigstens möglich ist, gehören nicht zu Glaubenssachen, sondern zn Thatsachen. Nur Gegenstande der reinen Vernunft kön- ') Glaubenssachen sind aber darum nicht Glaubensartikel; iveiü! man unter den letzteren solche Glaubenösachen versteht, tu deren Bei-eimmiß (innerem oder äußeren) man verpflichtet werden kaun: dergleichen also die natürliche Theologie nicht enthält- Denn da sie, als Glaubsnssa- chen sich (gleich den Thatsachen) auf theoretische Beweise nicht gründen können; so ist es ei» freyes Fürwahrhalten, und auch nur als ein solches mit der Moralität des Subjects vereinbar- Critik der telsologischen Urtheilskraft. 459 nm allenfalls Glaubenssachen seyn, aber nicht als Gegenstände der bloßen reinen speculativen Vernunft; denn da können sie gar nicht einmal mir Sicherheit zu den Sachen, d. i. Objecten jenes für uns möglichen Erkennt-- nisses, gezahlt werden- Es sind Ideen, d. i. Begriffe, denen man die objective Realität theoretisch nicht sichern kann. Dagegen ist der von uns zu bewirkende höchste Endzweck, das wodurch wir allein würdig werden können selbst Endzweck einer Schöpfung zu seyn, eine Idee, die für uns in practischer Beziehung objective Realität hat, und Sache; aber darum, weil wir diesem Begriffe in theoretischer Absicht diese Realität nicht verschaffen können, bloße Glaubenssache der reinen Vernunft, mit ihm aber zugleich Gott und Unsterblichkeit, als die Bedingungen, unter denen allein wir/ nach der Beschaffenheit unserer (der menschlichen) Vernunft, uns die Möglichkeit jenes Effects des gesetzmäßigen Gebrauchs unserer Freyheit denken können. Das Fürwahrhalten aber in Glaubenssachen ist ein Fürwahrhalten in reiner practischer Absicht, d. i. ein moralischer Glaube, der nichts für das theoretische, sondern bloß für das practi- sche, auf Befolgung seiner Pflichten gerichtete, reine Ver- nunsterkcnntniß, beweifet, und die Speculation, oder die practifchen Klugheitsregeln nach dem Princip der Selbstliebe, gar nicht erweitert. Wenn das oberste Princip aller Sittcngefctze ein Postulat ist, so wird zugleich die Möglichkeit ihres höchsten -Objects, mithin 46c» Zweyter Theil. auch die Bedingung, unter der wir diese Möglichkeit denken können, dadurch mit posiulirt. Dadurch wird nun das Erkenntniß der letzteren weder Wissen noch Meynung von dem Daseyn und der Beschaffenheit dieser Bedingungen, als theoretische Erkenntniß, art, sondern bloß Annahme, in praktischer und dazu gebotener Beziehung für den moralischen Gebrauch unserer Vernunft. Würden wir auch auf die Zwecke der Natur, die uns die physische Teleologie in so reichem Maaße vorlegt, einen bestimmten Begrif von einer verstandigen Welturfache scheinbar gründen können, so wäre das Daseyn dieses Wesens doch nicht Glaubenssache. Denn da dieses nicht zum Behuf der Erfüllung meiner Pflicht, sondern nur zur Erklärung der Natur angenommen wird, so würde es bloß die unserer Vernunft angemessenste Meynung und Hypothese seyn. Nun führt jene Teleologie keinesw^'ges auf einen bestimmten Begrif von Gott, der hingegen allein in dem von einem moralischen Welt- urhcber angetroffen wird, weil dieser allein den Endzweck angiebt, zu welchem wir uns nur sofern zahlen können, als wir dem, was uns das moralische Gesetz als Endzweck auferlegt, mithin uns verpflichtet, uns gemäß verhalten. Folglich bekommt der Begrif von Gott nur durch die Beziehung auf das Object unserer Pflicht, als Bedingung der Möglichkeit den Endzweck derselben zu erreichen, den Vorzug in unserm Fürwahrhalten als Critik der teleologischen Urtheilskraft. 461 Glaubenssache zu gelten; dagegen eben derselbe Begrif doch sein Object nicht als Thatsache geltend machen kann: weil, obzwar die Nothwendigkeit der Pflicht für die practische Vernunft wohl klar ist, doch die Erreichung des Endzwecks derselben, sofern er nicht ganz in unserer Gewalt ist, nur zum Behuf des praktischen Gebrauchs der Vernunft angenommen, also nicht so wie die Pflicht selbst, practisch nothwendig ist ') Der Endzweck, den das moralische Ge'etz zu befördern auf- erlegt, ist nicht der Grund der Pflicht: denn dieser liegt im moralischen Gesetze, welches, als formales practisches Prin« cip, categorisch leitet, unangesehen der Objecte des Ve- gehrungsvsrmögens (der Materie des Wvllens), mithin ir< gend eines Zwecks. Diese formale Beschaffenheit meiner Handlungen (Unterordnung derselben unter das Princip der Allgemeingültigkeit), worin allein ihr innerer moralischer Werth besteht, ist gänzlich in unserer Gewalt; und ich kann von der Möglichkeit, oder Unausführbarkeit, der Zwecke, die mir jenem Gesetze gemäß zu befördern obliegen, gar wohl abstrahiren sweil in ihnen nur der äußere Werth meiner Handlungen besteht), als etwas, welches nie völlig in meiner Gewalt ist, um nur auf das zu sehen, was meines Thuns ist. Allein die Absicht, den Endzweck aller vernünftigen Wesen (Glückseligkeit, so weit sie einstimmig mit der Pflicht möglich ist) zu befördern, ist doch, eb?n durch das Gesetz der Pflicht, auferlegt. Aber die spekulative Der- uunft sieht die Ausführbarkeit derselben (weder von Seiten unseres eigenen physischen Vermögens, noch der Milwir« kung der Natur) gar nicht ein; vielmehr muß sie aus svl- chen Ursachen, so viel wir vernünftiger Weise urtheilen können, einen solchen Erfolg unseres Wohluerhaltens von der bloße» Natur (in uns und außer une), ohne Gott und 462 Zweyter Theil. Glaube (als Iisditns, nicht als -rctns) ist die moralische Denkungsart der Vernunft im Fürwahrhalten desjenigen, was für das theoretische Erkenntniß unzugänglich ist. Er ist also der beharrliche Grundsatz des Gemüths, das, was zur Möglichkeit des höchsten moralischen Endzwecks als Bedingung vorauszusetzen nothwendig ist, wegen der Verbindlichkeit zu demselben als wahr anzunehmen ob zwar die Möglichkeit dessel- Unsterblichksit anzunehmen, für eine ungegründcte und nichtige wenn gleich wohlgemeinte Erwartung halten, und, wenn sie vv» diesem Urtheile völlige Gewissheit haben könnte, das moralische Gesetz selbst als bloße Täuschung unlerer Vernunft in practischer Rücksicht ansehen. Da aber die spekulative Vernunft sich völlig überzeugt, daß das letztere nie geschehen rann, dagegen aber jene Ideen, deren Gegenstand über die Natur hinaus liegt, ohne Widerspruch gedacht werden können; so wird sie für ihr eigenes prrictisches Gesetz und die dadurch auferlegte Aufgabe, also in moralischer Rücksicht, i'»e Jd?cn als real anerkennen müssen, um nicht.mit sich selbst in Widerspruch zu kommen. ') Er ist ein Vertrauen auf die Verheißung des moralischen Gesetzes; aber nicht als eine solche, die in demselben enthalten ist, sonder» die ich hineinlege, und zwar aus moralisch hinreichendem Grunde. Denn ein Endzweck kann durch kein Gesetz der Vernunft geboten sey», ohne daß dies- zugleich die Erreichbarkeit desselben, w^-nN gl>ich ungewiß, verspreche, und hiemil auch d5s Fürwahrkalten der einzigen Bedingungen berechtige, unter dnien imsere Vernunft sich diese allein denken kann. Dav Wort -?>äez drückt dieses auch schon aus; und es kann nur ^-denkiich scheinen, wie dieser Ausdruck und diese besondere Idee j:.' die Critik der teleologischen UrtheilStraft. 46z ben, jedoch eben so wohl auch die Unmöglichkeit/ von uns nicht eingesehen werden kann. Der Glaube (schlechthin so genannt) ist ein Vertrauen zu der Erreichung einer Absicht, deren Beförderung Pflicht, die Möglichkeit der Ausführung derselben aber für uns nicht einzusehen ist (folglich auch nicht die der einzigen für uns deckbaren Bedingungen). Der Glaube also, der sich auf besondere Gegenstande, die nicht Gegenstände des mögli- chen Wissens oder Meynens sind, bezieht (in welchem letztem Falle er, vornehmlich im Historischen, Leichtgläubigkeit und nicht Glaube heißen müßte) ist ganz moralisch. Er ist ein freyes Fürwahrhalten, nicht dessen wozu dogmatische Beweist für die theoretisch bestimmende Urtheilskraft anzutreffen sind, noch wozu wir uns verbunden'halten, sondern dessen, was wir, zum Behuf einer Absicht nach Gesetzen der Freiheit annehmen; aber doch nicht, wie etwa eine Meynung, ohne hinreichenden Grund, sondern als in der Vernunft (obwohl moralische Philosoph!? hineinkomme, da sie allererst mit dem Christenthum eingeführt worden, und die Annahme derselben vielleicht nur eine schmeichlerische Nachahmung seiner Sprache zu seyn schemcn dürfte. Aber das ist nicht der einzige Hall, da diese wundersame Religion m der größten Einfalt ihres Vertrages die Philosophie mit weit be- stimntteren und reineren Begriffen der Sittlichkeit bereichert hat, als diese bis dahin hatte liefern können, die aber, wenn sie einmal da sind, von der Vernunft fre? gebilligt, und als solche angenommen werden auf die sie wohl von selbst hätte komme» und sie einführen können und sollen. 464 Zweyter Theil. nur in Ansehung ihres practischen Gebrauchs), für die Absicht derselben hinreichend, gegründet: denn ohne ihn hat die moralische Denkungsart bey den: Verstoß gegen die Aufforderung der theoretischen Vernunft zum Beweise (der Möglichreit des Objects der Moralität) keine feste Beharrlichkeit, sondern schwankt zwischen practischen Geboten und theoretischen Zweifeln. Ungläubisch seyn, heißt der Maxime nachhangen, Zeugnissen überhaupt nicht zu glauben; Ungläubig aber ist der, welcher jenen Vernunstideen, weil es ihnen an theoretischer Begründung ihrer Realität fehlt, darum alle Gültigkeit abspricht. Er urtheilt also dogmatisch. Ein dogmatischer Unglaube kann aber mit einer in der Denkungsart herrschenden sittlichen Maxime nicht zusammen bestehen (denn einem Zwecke, der für nichts als Hirngespinst erkannt wird, nachzugehen, kann die Vernunft nicht gebieten); wohl aber ein Zweifelglaube, dem der Mangel der Überzeugung durch Gründe der fpeculativen Vernunft nur Hinderniß ist, welchem eine critische Einsicht in die Schranken der letztern den Einfluß auf das Verhalten benehmen und ihm ein überwiegendes practisches Fü> wahrhalten zum Ersatz hinstellen kann. 5 «- <- Wenn man an die Stelle gewisser verfehlten Versuche in der Philosophie ein anderes Princip aufführen und ihm Einfluß verschaffen will, so gereicht es zu großer Critik der teleologischen Urtheilskraft. 465 ßer Befriedigung, einzusehen, wie jene und warun^sie fehl schlagen mußten. Gott, Freyheit, und Seelenunsterblichkeit sind diejenigen Aufgaben, zu deren Auflösung alle Zu- rüstungen der Metaphysik, als ihrem letzten und alleinigen Zwecke, abzielen. Nun glaubte man, daß die Lehre von der Freyheit nur als negative Bedingung für die practische Philosophie nöthig sey, die Lehre von Gott und der Seelenbeschaffenheit hingegen, zur theoretischen gehörig, für sich und abgesondert dargethan werden müsse, um beide nachher mit dem, was das moralische Gesetz (das nur unter der Bedingung der Freyheit möglich ist) gebietet, zu verknüpfen und so eine Religion zu Stande zu bringen. Man kann aber bald einsehen, daß diese Versuche fehl schlagen mußten. Denn aus bloßen ontologischcn Begriffen von Dingen überhaupt, oder der Existenz eines nothwendigen Wefens laßt sich schlechterdings kein, durch Prädikate die sich in der Erfahrung geben lassen und also zum Erkenntnisse dienen könnten, bestimmter, Begrif von einem Urwesen machen; der aber, welcher auf Erfahrung von der physischen Zweckmäßigkeit der Natur gegründet wurde, konnte wiederum keinen für die Moral, mithin zur Erkenntniß eines Gottes, hinreichenden Beweis abgeben. Eben so wenig konnte auch die Seelenkenntniß durch Erfahrung (die wir nur in diesem Leben anstellen) einen Begrif von der geistigen, unsterblichen Natur derselben, mithin für die Rams Lric.d. Urcheilerr. G g 466 Zweyter Theil. Moral zureichend, verschaffen. Theologie und Pnev- Matologie, als Aufgaben zum Behuf der Wissenschaften einer speculativen Vernunft, weil deren Vegrif für alle uusere Erkennmißvermögen überschwenglich ist, können durch keine empirische Data und Pradicate zu Stande kommen. — Die Bestimmung beider Begrifft, Gottes sowohl als der Seele (in Ansehung ihrer Unsterblichkeit), kann nur durch Pradicate geschehen, die, ob sie gleich selbst nur aus einem übersinnlichen Grunde möglich sind, dennoch in der Erfahrung ihre Realität beweisen müssen: denn fo allein können sie von ganz übersinnlichen Wesen ein Erkenntniß möglich machen. — Dergleichen ist nun der einzige in der menschlichen Vernunft anzutreffende Begrif der Freyheit des Menschen unter moralischen Gesetzen, zusammt dem Endzwecke, den jene durch diese vorschreibt, wovon die erstem dem Urheber der Natur, der zweyte dem Menschen diejenigen Eigenschaften beyzulegen tauglich sind, welche zu der Möglichkeit beider die nothwendige Bedingung enthalten; so daß eben ans dieser Idee auf die Existenz und die Beschasft'.-Heit jener sonst gänzlich für uns verborgenen Wesen geschlossen werden kann. Also liegt der Gruud der auf dem bloß theoretischen Wege verfehlten Absicht, Gott und Unsterblichkeit zu beweisen, darin: daß von dem Übersinnlichen auf diesem Wege (der Naturbegrisse) gar kein Erkenntniß möglich ist. Daß es dagegen auf dem moralischen (des Critik der theologischen Urlheilskruft. 467 Freyheitsbegrifs) gelingt, hat diesen Grund: daß hier das Übersinnliche, welches dabey zum Grunde liegt (die Freyheit), durch ein bestimmtes Gesetz der Causalitat, welches aus ihm entspringt, nicht allein Stof zum Erkenntniß des andern Übersinnlichen (des moralischen Endzwecks und der Bedingungen seiner Ausführbarkeit) verschaft, sondern anch als Thatsache seine Realität in Handlungen darthut, aber eben darum auch kei> nen andern, als mir in praktischer Absicht (welche auch die einzige ist, deren die Religion bedarf) gültigen, Beweisgrund abgeben kann. Es bleibt hieben immer sehr merkwürdig: daß unter den drey reinen Vernunftideen, Gott, Freyheit und Nnst-'l'blichkeit, die der Freyheit der einzige Begrif des Übersinnlichen ist, welcher seine objective Realität (vermittelst der Lansalitat, die in ihm gebacht wird) an der Natur, durch ihre in derselben mögliche Wirkung, beweiset, und eben dadurch die Verknüpfung der beiden andern mit der Natur, aller dreyen aber unter einander zu einer Religion möglich macht; und daß wir also in uns ein Princip haben, welches die Idee des Übersinnlichen in uns, dadurch aber auch die desselben außer uns, zn einer, ob gleich nur in practlscher Absicht möglichen, Erkenntniß zu bestimmen vermögend ist, woran die bloß speculativc Philosophie (die auch von der Freyheit einen bloß negativen Begrif geben konnte) verzwei-. ^ feln mußte: mithin der Frcchc.-tsbegrif (.als Erundbe- Gg 2 468 Zweyter Theil. grif aller unbedingt-practischen Gesetze) die Vernunft über diejenigen Gränzen erweitern kann, innerhalb deren jeder Naturbegrif (theoretischer) ohne Hofnung eingeschränkt bleiben müßte. * » » Allgemeine Anmerkung zur Teleologie. Wenn die Frage ist: welchen Nang das moralische Ar, gument, welches das Dasey» Gottes nur als GlaubenSsa» che für diepraeltsch reine Vernunft beweiset, unter den übrl- gen in der Philosophie behaupte; so läßt sich der ganze Besitz dieser letzten, leicht überschlagen, wo es sich dann auswet, set, daß hier nicht zu wählen sey, sondern ihr theoretisches Vermögen, vor einer unparteyischen Critik, alle seine Ansprüche von selbst aufgeben müsse. Auf Thatsache muß sich alles Fürwahrhalten zufordersi gründen, wenn es nicht völlig grundlos seyn soll; und es kann also nur der einzige Unterschied im Beweisen Statt finden, ob auf diese Thatsache ein Fürwahrhalten der daraus gezogenen Folgerung, als IVissen, für das theoictische, oder, bloß als Glauben, für das practische Erkenntniß, tömie gegründet werden. Alle Thatsachen gehören mtwedcr zum Naturbegrif, der seine Realität an den vor allen Na- turbegrisscn gegebenen (oder zu geben möglichen) Gegenständen der Sinne beweiset; oder zum Freyheitobegriffe, der seine Realität durch die Causalttät der Vernunft, in Ansehung gewisser durch sie möglichen Wirkungen in der S!nnenwelt, die sie im moralischen Gese^e unwidcrleglich posiulirt, hinreichend darthut. Der Nalurbegrif (bloß zur theoretischen Erkenntniß gehörige) ist nun entweder m«la, physisch, und Völlig a ^»ioii; oder physisch, d. i. s xolisiivii Critik der teleologischen Urtheilskraft. 469 und nothwendig mir durch bestimmte Erfahrimg denkbar. Der metaphysische Naturbegrif (der keine bestimmte Erfahrung voraussetzt) ist aiss ontologisch. Dc:- Ontologische Beweis vom Daseyn Gottes aus dem Begriffe eines Urwesens ist nun entweder der, welcher aus Ontologischen Prüdicaten, wodurch cö allein durchgängig bestimmt gedacht werden kann, auf das absolut, nothwendige Daseyn, oder aus der absolute» Nothwendigkeit des Daseyns irgend eines Dinges, welches es auch sey, auf die Prädicate des Unvesenö schließt: denn zum Begriffe ei, nes Urwesens gehört, damit es nicht abgeleitet sey, die unbedingte Nothwendigkeit seines Daseyns, und (um diese sich vorzustellen) die durchgangige Bestimmung durch den Begrif desselben. Beide Erfordernisse glaubte man nun im Begriffe der ontologischen Idee eines allcrrealsten Lesens zu finden: und so entsprangen zwey metaphysische Beweise. Der einen bloß metaphysischen Natnrbcgrif zum Grunde legende (eigentlich-ontologisch genannte) Beweis schloß aus dem Begriffe des allcrrealsten Wesens auf seine schlechthin nothwendige Existenz; denn (heißt es) wenn es nicht exk stirte, so würde ihm eine Realität, nehmlich die Existenz, mangeln. — Der andere (den man auch den metaphysisch- cosmologischen Beweis nennt) schloß aus der Nvthwen, digkeit der Existenz irgend eines Dinges (dergleichen, da uns im Selbstbewußtseyn ein Daseyn gegeben ist, durchaus ein« geräumt werden muß) auf die durchgängige Bestimmung desselben) als allerrealsten Wesens: weil alles Existirende durchgängig bestimmt, das schlechterdings Nothwendige aber (nehmlich was nir als ein solches, mithin a xrio-i, erkennen sollen) durch seinen Begrif durchgängig bestimmt seyn müsse; welches sich aber nur im Begriffe eines allcrrealsten Dinges antreffen lasse. ES ist hier nicht nöthig, die Sophi- Ggz ^ 470 Zweyter Theil. sterey in beiden Schlüssen aufzudecken, welkes schon anderwärts geschehen ist; sondern nur zv bemerken, d^ß solche Behelfe, wenn sie nch auch durch allerley dialecn>che Sub- tllität verfechten liefen, doch niemals über die Schule hln< au in da» gemeine Wesen hinüberkommen, und auf den blo>.cn gefunden Verstand den mindesten Einfluß haben könnten. Der Beweis, welcher einen Naturbegiif, der nur empi, rllch scyn kann, dennoch aber über die Gränzen der Natur, als Lnbegrtfs der Gegenstände der Sinne, hinausführen soll, zum Grunde lcgr, kann kein anderer, als der von den Zwecken der Naiur sey»: deren Begrif sich zwar nicht s^-i- ori, sondern nur durch die Erfahrung geben läßt, aber doch einen solchen Begrif von dem Urgründe der Nacur verheisic, welcher unter allen, die wir denken können, allein sich znm Übersinnlichen schickt, nehmlich den von einem höchsten Verstände, als Wrltursache; welches er auch in der That nach Principien der reflectirenden Urcheilskrasc, d. l. nach der Besäu'ss.-»heir unseres (menschlichen) Erkcnntnißvermügens, v?liiommen ausrichtet — Ob er nun aber aus denselben Datis diesen Bes,ris eines ol?erften d. t. unabhängigen verständigen Wesens auch als eines Gorres, b. i. Urhebers et, ner Welt unter moralischen Gesehen, mithin hinreichend bestimmt für die Z.ee von einem Endzwecke des Daseyns der Welt, zu liefer» im Stande sey, das ist eine Frage, worauf alles ankommt; wir mögen nun einen theoretisch hinlänglichen Begrif vo» dem Urivesen zum Behuf der ge- sanumci! Naturkenntniß, oder einen praetischen für die Religion verlangen. Dieses aus der physischen Tclcologie genommene Argument ist verehrungswerrh. Es thut gleiche Wirkung zur Überzeugung auf den gemeinen Verstand, als auf den sub- Cvitik der theologischen Urtheilskraft. 471 tilslen Denker; und ein Reimarus In seinem noch nicht übcrtroffenen Werke, worin er diesen Beweisgrund mit der ihm eigenen Gründlichkeil und Klarheit wcltlaufrig ausführt, hat sich dadurch ein unsterbliches Verdienst erworben. — Allein, wodurch gewinnt dieser Beweis so gewalligen Einfluß auf das Gemüth, vornehmlich in der Beurtheilung durch kalte Vernunft (denn die Rührung und Erhebung desselben durch die Wunder der Natur könnte man zur Überredung rechnen), aus eine ruhige, sich gänzlich dahin gebende Bey« stimmung? Es sind nicht die physischen Zwecke, die alle auf einen unergründlichen Verstand in der Weltursache hindeuten; denn diese sind dazu unzureichend, weil sie das Bedürfniß der fragenden Vernunft nicht befriedigen. Denn wozu sind (fragt diese) alle jene künstliche Naturdinge; wozu der Mensch selbst, bei dem wir, als dem letzten für uns denkbaren Zwecke der Natur, stehen bleiben müssen; wozu ist diese gesammte Natur da, und was ist 5er Endzweck so großer und mannichft.!iiger Kunst? Zum Genießen, oder zum Anschauen, Betrachten und Bewundern (ivelaies, wenn es dabey bleibt, auch nichts weiter als Genuß von besonderer Art sst), als dem letzten Endzweck warum die Welt und der Mensch selbst da ist, geschaffen zu seyn, kann die Vernunft nicht befriedigen; denn diese setzt einen persönlichen Werth, den der Mensch sich allein geben kann, als Bedingung, unter welcher allein er und sein Daseyn Endzweck seyn kann, voraus. Zn Ermangelung desselben (oer allein eines bestimmten Begrifs fähig ist) thun die Zwecke der Natur seiner Nachfrage nicht Genüge, vornehmlich, weil sie keinen Kcsriinmteir Begrif von dem höchsten Wesen als einem allgenugsamcn (und eben darum einigen, eigentlich so zu nennenden höchst.n) Wesen, und den Gesetzen nach oenen ein Verstand Ursache der Welt ist, an die Hand geben können. Gg 4 472 Zweyter Theil. Daß also der phvstsch-teleologische Beweis, gleich als ob er zugleich ein theologischer märe, überzeugt, rührt nicht von der Bemühung der Ideen von Zwecken der Natur, als so viel empirischen Beweisgründen eines höchsten Verstandes her; sondern es mischt sich unvermerkt der jedem Men» scheu beywohnende und ihu so innigst bewegende moralische Beweisgrund in den Schluß mit ein, nach welchem man dem Wesen, welches sich so unbegreiflich künstlich in den Zwecke» der Natur offenbart, auch einen Endzweck, mithin Weisheit, (obzwar ohne dazu durch die Wahrnehmung der ersteren berechtigt zu seyn) beylegt, und also jenes Argument, in Ansehung des Mangelhaften welches ihm noch anhängt, willkürlich ergänzt. In der That bringt also nur der moralische Beweisgrund die Überzeugung, und auch diese nur in moralischer Rücksicht, wozu jedermann seine Beystimmung innigst sühlt, hervor; der physisch-teleo- logische aber hat "ur das Verdienst, daS Gcmüih in der Weltbctrachtung auf den Weg der Zweckc, dadurch aber auf einen verständigen Wclturheber zu leite»: da denn die moralische Beziehung auf Zwecke uud die Zdee eine« eben solchen Gesetzgebers und WellnrheberS, als theologischer Bcgrif, ob er zwar reine Zugabe ist, sich dennoch aus je, riem Beweisgründe von selbst zu entwickeln scheint. Hiebey kann man es in dem gewöhnlichen Vortrage fernerhin auch bewenden lassen. Den» dem gemeinen u»d gesunde» Verstände wird es gemeiniglich schwer, die verschiedenen Principien, die er vermischt, und aus deren einem er wtrciich allein und richtig folgert, wenn die Absonderung viel Nachdenken bedarf, als ungleichartig von einander zu scheiden. Der moralische Beweisgrund vom Daseyn Gottes ergänzt aber eigentlich auch nicht ecwa bloß den physisch, teleologischen zu einem vollständigen Beweise; sondern er ist Critik der teleologischen Urtheilskraft. 47 z ein besonderer Beweis, der den Mangel der Überzeugung aus dem letzteren ersetzt: indem dieser in der Thal nichts leisten kann, als die Vernunft in der Beurtheilung des Grundes der Natur und der zufälligen, aber bewunderungswürdigen, Ordnung derselben, welche uns nur durch Erfahrung bekannt wird, auf die Causalität einer Ursache, die nach Zwecken den Grund derselben enthält, (die wir »ach der Beschaffenheit unserer Erkenntnißvermögcn als verständige Ursache denken müssen) zu lenken und aufmerksam, so aber des moralische» Beweises empfänglicher, zu machen. Denn das was zu dem letztern Begriffe erforderlich ist, ist von allem, was Naturbkgriffe enthalten und lehren können, so wesentlich unterschieden, daß es eines besondern von den vorigen ganz unabhängigen Beweisgrundes und Beweises bedarf, um den Begrtf vom Urwesen für eine Theologie hinreichend anzugeben, und auf seine Existenz zu schließen. — Der moralische Beweis (der aber freylich nur das Daseyn Gottes in practischer, doch auch unnachlaßltcher, Rücksicht der Vernunft beweiset) würde daher »och immer in seiner Kraft bleiben, wenn wir in der Welt gar keinen, oder nur zwcydeutigen Stof zur physischen Teleologie anträfen. Es laßt sich denken, daß vernünftige Wesen sich von einer solchen Natur, welche keine deutliche Spur von Organisation sondern nur Wirkungen von einem bloßen MechaniSm der rohen Materie zeigte, umgeben sähen, um derentwillen und bey der Veränderlichkeit etiiiger bloß zufällig zweckmäßigen Formen uud Verhältnisse, kein Grund zu seyn schiene, auf eiuen verständigen Urheber zu schließen; wo alsdann auch zu einer physischen Teleologie keine Veranlassung seyn würde: und dennoch würde die Vernunft, die durch Naturbcgrisse hier keine Anleitung bekommt, im FreyheitSbegrtsse und in den sich darauf gründenden sittlichen Ideen einen prartisch Gg 5 474 Zweyter Theil. hinreichenden Grund finden, den Begrlf des Urwescns diesen angemessen, d. i. als einer Gottheit, und die Nttur (selbst uiiser eigenes Daseyn) als einen jener und ihren Ge, sehen gemäßen Endzweck zu vostuliren, und zwar tn Rück' sichr auf das unnachlaßliche Gebot der practischen Vernunft. — Daß nun aber in der wirklichen Welt für die vernünftigen Wesen in ihr reichlicher Stof zur physischen Te- lcologie ist (welches eben nicht nothwendig wäre), dient dem moralischen Argument zu erwünschter Bestätigung, soweit Narur erwaS den Vernunftideen (den moralischen) Analoges aufzustellen vermag. Denn der Begrif einer obersten Ursache, die Verstand hat, (welches aber für eine Theologie lange nicht hinreichend ist) bekommt dadurch die, für die reflecrirende Urtheilskrafr hinreichende, Realität; aber er ist nicht erforderlich, um den moralischen Beweis darauf zu gründen: noch dient diese-, um jenen, der für sich allein gar nicht auf Moralität hinweiset, durch fortgesetzten Schluß nach einem einzigen Princip, zu einem Beweise zu ergänzen. Zwey so ungleichartige Principien, als Natur und Freyheit, können nur zwey verschiedene Bcwcisarren abgeben, da denn der Versuch, denselben aus der ersteren zu führen, für das was bewiesen werden soll, unzulänglich befunden wird. Wenn der physisch > teleologische Beweisgrund zu dem gesuchten Beweise zureichte, so wäre cö für die speculattve Vernunft sehr befriedigend; oenn er würde Hofnung geben, eine Theosophic hervorzubringen (so würde man nehmlich die theoretische Erkenntniß der göttlichen Natur und seiner Existenz, welche zur Erklärung der Wellbeschassenheit und zugleich der Bestimmung der sittlichen Gesetze zureichte, neu» nen müssen,. Eben so wenn Psychologie zureichte, um dadurch zur Erkenntniß ocr Unsterblichkeit der Seele zu gelan- Critik der teleologischen Urtheilökraft. 475 zen, so würde sie eine Pnevmatologie, welche der specula- ttven Vernunft eben so willkommen wäre, möglich machen. Beide aber, so lieb e6 auch dem Dünkel der Wißbegierde seyn mag, erfüllen nicht den Wunsch der Vernunft in Absicht auf die Theorie, die aus Kenntniß der Natur der Dinge gegründet seyn müßte. Ob aber nicht die erstere, als Theologie, die zweyte als Anthropologie, beide auf das sittliche, d. i. das Freyheitsprincip gegründet, mithin dem practlschcn Gebrauche der Vernunft angemessen, ihre objective Endabsicht besser erfüllen, ist eine andere Frage, die wir hier nicht nöthig haben weiter zu verfolgen. Der physisch teleologische Beweisgrund reicht aber darum nicht zur Theologie zu, weil er keinen für diese Absicht hinreichend bestimmten Vegrif von dem Urwesen giebt, noch geben kaun, sondern man diesen gänzlich anderwärts hernehmen, oder seinen Mangel dadurch, als durch einen willkürlichen Zusatz, ersehen muß. Ihr schließt aus der großen Zweckmäßigkeit der Nalurformen und ihrer Verhältnisse aus eine verständige Weltursache; aber auf welchen Grad dieses Verstandes? Ohne Zweifel könnt Ihr euch nicht anmaßen, auf den höchst möglichen Verstand; denn dazu würde erfor-' dert werden, daß Iyr einsähet, ein größerer Verstand als wcvon Ihr Beweiethümcr in der Well wahrnehmet, sey nicht denkbar: welches euch selber Allwissenheit beylegen hieße. Eben so schließt Ihr aus der Größe der Welt auf eine sehr große Macht des Urhebers; aber Ihr werdet euch bescheiden, daß dieses nur comparativ für eure Fassungskraft Bedeutung hat, und, da Ihr nicht alles Mögliche erkenn-, um es mit der Wcirgröße, s> weit Ihr sie kennt, zu vergleichen, Ihr nach einem so kleinen Maaßstabe keine Allmacht des Urhebers folgern könnet, u. s. w. Nun gelangt Ihr dadurch zu keinem bestimmten, für eine Theologie taugliche». 476 Zweyter Theil. Begriffe eines Urwesens; denn dieser kann nur in dem der Allheir der mit einem Verstände vereinbarten Vollkommen, hcitcn gefunden werden, wozu euch bloß empirische Data gar nicht verhelfen können: ohne einen solchen bestimmten Bcgrif aber könnt Ihr auch nicht auf ein einiges verstände ges Urwesen schließen, sondern (es sey zu welchem Behuf) ein solches nur annehmen. — Nun kann man es zwar ganz wohl einräumen, daß Ihr (da die Vernunft nichts gegründetes dawider zn sagen hat) willkürlich hinzusetzt: wo so viel Vollkommenheit angetroffen wird, möge man wohl alle Vollkommenheit in einer einzigen Weltursache vereinigt annehmen ; weil die Vernunft mit einem so bestimmten Princip, theoretisch und vraecisch, besser zurecht kommt. Aber Ihr könnt denn doch diesen Begcif des UrwesenS nicht als von euch bewiesen anpreisen, da Ihr ihn nur zum Behuf eines bessern Vernunstgebrauche angenommen habt. Alle« Jammern also oder ohnmächtiges Zürnen über den vorgeblichen Frevel, die Bündigkeit eurer Schlußkette in Zweifel zu ziehen, ist eitle Großthuerey, die gern haben möchte, daß man den Zweifel, welcher gegen euer Argument frey her, ausgesagt wird, für Bezweifelung heiliger Wahrheit hallen möchte, um nur hinter dieser Decke die Setchttgkeit dessel, be» durchschlüpfen zu lassen. Die moralische Teleologie hingegen, welche nicht minder fest gegründet ist, wie die physische, vielmehr dadurch, daß sie s priori auf von unserer Vernunft untrennbaren Princi, pien beruht, Vorzug verdient, führt auf das, was zur Möglichkeit einer Theologie erfordert wird, nehmlich auf e.i< neu bestimmten Degrif der obersten Ursache, als Weltursache nach moralischen Gesetzen, mithin einer solchen, die unserm moralischen Endzwecke Genüge thut: wozu nichts we, „igcr als Allwissenheit, Allmacht, Allgegenwart u. s. w. als Critik der teleslogischen Urtheilskraft. 477 dazu gehörige Natureigenschaften erforderlich sind, die mit dem moralischen Endzwecke, der unendlich ist, als verbunden, mithin ihm adäquat gedacht werden müssen, und kann so den Begrif eines einzigen Miturhebers, der zu einer Theologie tauglich ist, ganz allein verschaffen. Auf solche Weise führt eine Theologie auch unmittelbar zur Religion,-d. i. der Erkenntniß unserer Pflichten, als göttlicher Gebote; weil die Erkenntniß unserer Pflicht, und des darin uns durch Vernunft aufsrkgttn Endzwecks, den Begrif von Gott zuerst bestimmt hervorbringen konnte, der also schon in seinem Ursprünge von der Verbindlichrett gegen dieses Wesen unzertrennlich ist: anstatt daß, wenn der Begrif vom Urwcftn auf dem bloß theoretischen Wege (nehm« lich desselben als bloßer Ursache der Natur) auch bestimmt gefunden werden könnte, es nachher noch mit großer Schrote, rlgkeit, vielleicht gar Unmöglichkeit es ohne willkürliche Ein, schicbung zu leisten, verbunden seyn würde, diesem Wesen eine Causslttät nach moralischen Gesetzen durch gründliche Beweise beyzulegen; ohne die doch jener angeblich theologische Begrif keine Grundlage zur Religion ausmachen kann. Selbst wenn eine Religion auf diesem theoretischen Wege gegründet werden könnte, würde sie in Ansehung der Gesinnung (worin doch ihr Wesentliches besteht) wirklich von der, jenigen unterschieden seyn, in welcher der Begrif von Gott und die (practische) Überzeugung von seinem Daseyn aus Grundideen der Sittlichkeit entspringt,' Denn wenn wir All, gewalt, Allwissenheil u. s. w. eines Welturhcbers, als anderwärts her uns gegebene Begriffe voraussehen müßten, um nachher unsere Begriffe von Pflichten auf unser Verhältniß zu ihm nur anzuwenden, so müßten diese sehr stark den Anstrich von Zwang und abgenöthtgcer Unterwerfung bey sich führen; statt dessen, wenn die Hochachtung für das sittliche Gesetz 478 Zweyter Th?il. uns ganz frey, laut Vorschrift unserer eigenen Vernunft, den Endzweck unserer Bestimmung vorstellt, wir eine damit und zu dessen Ausführung zusammenstimmende Uriache mit der wahrhafteste» Ehrfurcht, die gänzlich von parholoalscher Furcht unterschieden ist, l» unsere moralischen Aussichten mit aufnehmen und uns derselben willig unrerwerfen *). Wenn man fragt: warum uns denn etwas daran gele- gen sey, überhaupt eine Theologie zu haben; so leuchtet klar ein, daß sie nicht zur Erweiterung oder Berichtigung unserer Naturkennlniß und überhaupt irgend einer Theorie, sondern lediglich zur Religion, d. i. dem pracrischeu, nament, Uch dem moralischen Gebrauche der Verminst in subjecrlver Absicht nöthig sey. Findet sich nun: daß das einzige Argument, welches zu einem bestimmten Begriffe des Gegenstandes der Theologie führt, selbst moralisch ist; so wird es nicht allein nicht befremden, sondern man wird auch in Ansehung der Zulanglichkeit des Fürwal>rha!tc»6 aus diesem Beweisgründe zurEndabstchc derselben nichts vermissen, wenn gestanden wird, daß ein solches Argument das Daseyn Gottes nur für unsere moralisch? Bestimm»!'«,, d, i. in pr.rcüscher Absicht hinreichend darlhue, und die Spekulation in oemseiben Die Bewunderung der Schönheit sowohl, als die Nährung durch die so uiannichfaltlaeii Zwecke der Ncttur, weiche ein nachdenkendes Gemütd, noch vor einer tlareu Vori-el- lung eines vernünstiaen Urhebers der Weit, zu fühlen im Stande isr, haben etwa<> einem religiösen Gesüiü cil>nlich?S an sich. Sie scheinen daher zuerst durch eine der moralischen analoge Beurtheilungs.N't demselben aui das moraliiche Gefühl (derDankbarkeit und der Verehrung gegen die uns unbekannte Ursache > uno also ourch Erregung moralisciiec Ideen auf das Gemuih ju wirken, wenn sie oi-ieiuge Bewunderung einflößen, die mit wett -.i-hrersm I--rens,e verbunden ist, als bloße theorerische Vetrachtu-'g wirren kann. Critik der teleologischen Urtheilskraft. 479 ihre Stärke keineswegs« beweise, »der den Umfang ihres Gebiets dadurch erweitere.^ Auch wird die Befremdung. oder der vorgebliche Widerspruch einer bter behaupteten Möglich, keit einer Tb'ologie, mit dem waö die Critik der spcculati- ven Vernunft von den Categorieen sagte: daß diese nehmlich nur in Anwendung auf Gegenstände der- Sinne, keineewe- ges aber auf das Übersinnliche angewandt/ Erkenntniß hervorbringen können; verschwinden, wenn man sie hier zu einem Erkenntniß GocreS, aber nicht in theoretischer (nach dem was seine uns nnerforschliche Natur an sich sey), sondern le, diglich in praetischer Absicht gebraucht sieht. — Um bey die, ser Gelegenheit der Mißdeutung jener sehr nothwendigen, aber auch, zum Verdruß des blinden DogmatikcrS, die Vernunft in ihre Gränzen zurückweisenden, Lehre der Critik ein Ende zu machen, füge ich hier nachstehende Erläuterung derselben bei. Wenn ich einem Körper bewegende Rraft beylege, mit, hin ihn durch die Catcgorie der Lausalität denke; so erkenne ich ihn dadurch zugleich, d. i. ich bestimme den Begrif desselben, als Objects überhaupt, durch das, was ihm, als Gegenstande der Sinne, für sich (als Bedingung der Mög, lichkeit jener Relation) zukommt. Denn, ist die bewegende Kraft, die ich ihm beylege, eine abstoßende; so kommt ihm (wenn ich gleich noch nicht einen andern, gegen den er sie ausübt, neben ihm setze) ein Ort im Raume, ferner eine Aus, dehnung, d. i. Raum in ihm selbst, übcrdcm Erfüllung desselben durch die abstoßenden Kräfte seiner Theile zu, endlich auch das Gesetz dieser Erfüllung (daß der Grund der Abstoßung der letzteren in derselben Proportion abnehmen müsse, als die Ausdehnung des Körpers wachst, und der Raum, den er mit denselben Thnlen durch dieft Kraft erfüllt, zunimmt). — Dagegen, wenn ich mir ein übersinnliches Wesen als den ersten Beweger, mithin durch die Categorie der Causalttäc in Ansehung derselben Welrbestimmung (der Bewegung der Ma- 48<- Zweyter Theil. terie), denke; so muß ich es nicht in irgend einem Orte im Raume, eben so wenig als ausgedehnt, ja ich darf es nicht einmal als in der Zeit und mit andern zugleich eristirend den- ken. Also habe ich gar keine Bestimmungen, welche mir die Bedingung der Möglichkeit der Bewegung durch dieses Wesen als Grund verständlich machen könnten. Folglich erkenne ich dasselbe durch das Prädicat der Ursache (als ersteren Beweger) sür sich nicht im mindesten: sondern ich habe nur die Vorstellung von einem Etwas, welches den Grund der Bewegungen in der Welt enthält; und die Relation derselben zu diesen, als deren Ursache, da sie mir sonst nichts zur Beschaffenheit des Dinges, welches Ursache ist, gehöriges, an die Hand giebt, läßt den Vegrif von dieser ganz leer. Der Grund davon ist: weil ich mit Prädicaten, die nur in der Sinnenwelt ihr Object finden, zwar zu dem Daseyn von Etwas, was den Grund der letzteren enthalten muß, aber nicht zu der Bestimmung seines Begrifs als übersinnlichen Wesens, welcher alle jene Prädicate aussiößt, fortschreiten kann. Durch die.Catcgorie der Causalität also, wenn ich sie durch den Begrif eines ersten Bewegers bestimme, erkenne ich, was Gott sey, nicht im mindesten; vielleicht aber wird es besser gelingen, wenn ich aus der Weltordmmg Anlaß nehme, seine Causalität, als die eines obersten Verstandes nicht bloß zu denken, sondern ihn auch durch dlese Bestimmung des genannten Begrifs zu erkennen: weil da die lästige Bedingung des Raumes und der Ausdehnung wegfällt. — Allerdings nöthigt uns die große Zweckmäßigkeit in der Welt, eine oberste Ursache zu derselben und deren Causalität als durch einen Verstand zu denken; aber dadurch sind wir gar nicht befugt, ihr diesen beyzulegen (>vie z, B. die Ewigkeit Gotreö als Daseyn zu aller Zeit zu denken, weil wlr sonst gar kcinm Begrif vom bloßen Daseyn als einer Größe, d. i. als Critik der teleologische.» Urtheilskraft. 48l als Dauer, machen können; oder die göttliche Allqegcnwarr als Daseyn in allen Orten zu denken, um die unmittelbare Gegenwart für Dinge außer cinandcc uns faßlich ni machen, ohn- gleichwohl eine dieser Bestimmungen Gott, als etwas an ihm Erkanntes, beylegn, zu dürfen). Wenn ich die Causa, lität des Menschen in Ansehung gewisser Producte, welch- nur durch absichtliche Zweckmäßiqkeir erklärlich sind, dadurch be, stimme, deH ich sie als einen Verstand desselben denke; ss brauche ich nicht dabey stehen zu bleiben,- sondern kann ihm dieses Prädirar als wohlbekannte Eigenschaft desselben beylegen und ihn dadurch erkennen. Denn ich weiß, daß Anschauung gen den Sinnen des Menschen gegeben, und durch denVer^ stand unter einen Bcgrif und hiemit unter eins Regel ge, bracht werden; daß dieser Begrif nur das gemeinsame Merkmal (mir Wcglassung des Besondern) enthalte, und also dis- cursiv s?y; daß die Regeln, um gegebene Vorstellungen unter ein Bewußtseyn überhaupt zu bringen, von ihm noch vor jenen Anschauungen gegeben werden, u> s. w,: ich lege also diese Eigenschaft dem Menschen bey, als eins solche, wodurch ich ihn erkenne. Will ich nun aber ein übersinnliches We- sen (Gott) als Intelligenz denken, so ist dieses in gewisser Rücksicht meines Vernunftgebrauchs nicht allein erlaubt, sondern auch unvermeidlich; aber ihm Verstand bcyn'.legen, und es dadurch als durch eine Eigenschaft desselben erkennen zu können, sich schmeicheln, ist kcineswegcs erlaubt: weil ich alsdann alle jene Bedingungen, unter denen ich nilein einen Verstand kenne, weglassen m»ß, mithin das Piädieat, das nur zur Bestimmung des Menschen dient, auf ein übersinnliches Object gar nicht bezogen werden kann, und also durch eine so bestimmte Causalttät, was Gott sey, gar nicht erkannt werden kann. Und so gcht es mir allen Calegerieen, die gar keine Bedeutung zum Erkenntniß in theoretischer Rücksicht ha- Ranrs Crir d. Urtheilst'?. H h 482 II. Th. CritikderteleologischenUrthsilskrast. ben können, wenn sie nicht auf Gegenstand-möglicher Ersah, rung angewandt werden. — Aber nach der Analogie mit ei, nem Verstände kann ich, ja muß ich, mir wohl in gewisser anderer Rücksicht selbst ein übersinnliches Wesen denken, ohne es gleichwohl dadurch theoretisch erkennen zu wollen; wenn nehmlich diese Bestimmung seiner Causalität eine Wirkung in der Welt beruft, die eine moralisch nothwendige, aber für , Sinnenwescn unausführbare Absicht enthält: da alsdaim ein Erkenntniß Gottes und seines Daseyns (Theologie) durch bloß nach der Analogie an ihm gedachte Eigenschaften und Be, stimmungen seiner Causalität möglich ist, welches in practi- scherDeziehung, aber auch nur in Rücksicht auf diese (als moralische), alle erforderliche Realität hat. — Es ist also wohl eine Ethicochcologie möglich; denn die Moral kann zwar mit ihrer Regel, aber nicht mit der Endabsicht, welche eben dieselbe auferlegt, ohne Theologie bestehen, ohne die Vernunft - in Ansehung der letzteren im Bloßen zu lassen. Aber eine ideologische Ethik (der reinen Vernunft) ist unmöglich; weil Gesetze, die nicht die Vernunft ursprünglich selbst giebt, und deren Befolgung sie als reines pracNsches Vermögen auch bewirkt, nicht moralisch seyn kennen. Eben so würde eine theologische Physik ei» Unding seyn, weil sie keine Naturgesetze sondcrnAnord, nungen eines höchsten Willens vortragen würde; wogegen eine physische (eiaemlich physisch-teleologische) Theologie doch wenigstens als Pi opädcvtik zur eigentlichen Theologie dienen kann: indem sie durch die Betrachtung der Naturzwecke, von denen sie reichen Srof darbietet, zur Idee eines End, zweckes, den die Natur nicht aufstellen kann, Anlaß giebt; mithin das Bedürfniß einer Theologie, die den Begrif von Gott für den höchsten pracrischcnGebrauch derVernunst zureichend bestimmte, zwar sühlbar macheu, aber sie nichr hervorbringen und auf ihre Beweisrhümer zulänglich gründen kann. Q' Z ^. lTs^ /! i ( >