ff. ff. Cac ttuö von Deutschlands Lage, Sitten und Völkern. Mit erklärenden Anmerkungen, einigen Ausführungen und Abhandlungen, und einem geographisch- historischen Wörterbuchs von Johann Heinrich Martin Ernesti, öffentlichem ördentlichW Professor an dem Herzoglich«ri akademischen Gymnajt» Casimiriano zu Coburg. Nürnberg und Altdorf, bei I. C. Monath und I. F.Kußler, 179 i. Den Durchlauchtigsten Prinzen, Herrn Ernst Anton Karl Ludwig, Und Herrn Ferdinand Georg August, den hoffnungsvollen ältesten Prinzen Sr.Herzoglichen Durchlaucht Unseres vortrefltchsten Herrn Erbprinzen von Sachsen - Coburg- Saalfeld- Theuerste Prinzen; L m, übergebe Ihnen dieses Buch mit *0 dem Gefühle der schönen Erwartung, zu welcher Ihre vorzüglichen Fähigkeiten, Ihre weise Erziehung, und die nahen über mein Lob erhabenen Muster berechtigen: Sie erfüllen dieselbe gewiß. Das Buch, welches itzt, \ka benswurdigsie Prinzen, noch wenig Reiz für- S i e hat, werden S i e dann in der Ori- ginalsprache hochschätzen, und es wird den Eifer glühend erhalten, den Sie einst empfinden und thatig beweisen werden, den edlen Eifer, durch Beförderung des Guten zum Wohl der Men- schen, in deren Kreise Sie sind, zu leben. Ihr Einfluß auf dasselbe ist groß: der Him- mel segne ihn! Er segne Sie! Uns entzückt )( 3 diese- diese Hoffnung der Blüthe; deren Frucht ent- zücke die späte Nachkommenschaft! Und so sind Sie Ihrer Durchlauchtigsten 2leltern, Ihrer Durchlauchtigsten Großaltern und Gheime und Ihrer Stammvater würdig. Mit solchen Gesinnungen/ Hoffnungen und Wünschen für Sie, theuerste Prinzen! er- füllt, beharre ich mit der vollständigsten Ehr- erbietung Eurer Durchlauchten Coburg, am 2ten May, 179 l> unterthanigflee Aohqnn Heinrich Martin Ernesti. Vorrede. ch würde zu stmt kommen, wenn ich dm C \J großen Werth dieses Buchs des Taci- tus, von Deutschlands Lage, Sitten und Völ- kern, den es in vieler Rücksicht, besonders für- uns Deutsche hat, hier auseinander setzen und anpreisen wollte. Gebauer, der be- rühmte ehemalige Rechtslehrer zu GöttingeN/ nennt es mit Recht in seinen Vestigiis Juris Gennanici ein goldenes Buch, auf welches unsere Nation stolz seyn kann. Seines ent- schiedenen ausgebreiteten Nutzens wegen, ver- dient es auch gewiß zum weitern Gebrauch be- X 4 kannt viii Vorrede. sannt gemacht, und für Deutsche mehr bearbeitet zu werden. Jeder, der auf Cultur und Wis- senschaft Anspruch macht; jeder, der sein Va- terland liebt, sollte es lesen, studieren, und mit Anwendung auf sich, und auf sein Zeit- alter benutzen. Dem Gelehrten ist es feine Quelle, oder ein Handbuch in Absicht auf deutsche Statistik, deutsches Recht, ) und deutsche Alterthümer; und ie öfter er dasselbe studiert, und ie mehr sich seine Kenntnisse in den erwähnten Fächern erweitern: desto mehr klärt sich auf, desto ergiebiger ist die Fundgrube des Schriftstellers. Der Studierende, beson- ders der Jurist, sollte in der Geschichte seines Vaterlandes damit den Anfang machen, und es immer vor Augen haben, darauf hinsam- meln, daraus schöpfen. Um so mehr schmeichle ich mir, daß mein Unternehmen Beyfall gewinne, wenn ich auch lange das Ziel nicht erreiche, und lange der Erwartung nicht, entspreche, welche vielleicht die von der Vcrlagshaudlung geschehene An- kündi- Vorred e. ix Kündigung erregte. Es sind fast zwey Jahre, daß ich sowohl eine Ausgabe des Tacitus, als auch diese Arbeit/ unternommen habe: aber Hindernisse verschiedner Art sind Ursache, daß ich nicht eher an die Ausfertigung gehen konn- te, als bis die mir werthe Verlagshandlung, welche selbst zur Herbeyschaffung mancher Sub- sidicn sehr thätig war, mich dahin vermochte, und ich andere nothwendige Arbeiten bey Sei- te setzte. Aber welche Schwierigkeiten, die ich theils zu überwinden hoffte, theils nicht vor- her sah, ungeachtet ich meinen Autor ftudirt habe! Longolius arbeitete fast fünfzig Jahre am Tacitus Germanien: er hatte sich in der lan- gen Zeit, da er den nöthigen Aufwand bestens bc- streiten konnte, auch genug zu dem Werke ge- sammelt, das gleichwohl nachher unterblieb. Ich hingegen war von einem großen Theil selbst unentbehrlicher Hülfsmittel entblößt, so viel ich auch immer, ob ich gleich nicht die Einkünfte habe, dazu aufwendete; und auch die Zeit, welche ich dazu bestimmt hatte, w:lr- de mir unter der Arbeit so beschränkt, daß X 5 ich X Vorrede. ich nicht nur unterbrochen, sondern auch oft belastet zu derselben zurückkehrte. Ich gebe jedoch, was ein Mann in den Verhältnissen geben konnte: kein Fleiß, keine Mühe wur- $>e gespart. Die Uebersetzung des Tacitus ist ein küh- nes Unternehmen; ich fühle dieses. Ein Herz- berg (wer nennt ihn nicht mit Ehrerbietung?) könnte uns eine solche liefern, welche selbst nach der gegebenen Probe die mögliche Voll- kommenheit erreichte. Indessen war meine. Dollmetschung des Tacitus nicht Hauptzweck. Ich konnte auch nicht die vorhandenen Ueber-- setzungen nützen. Trift die meinige mit der einen oder der andern zusammen; so geschieht es eben so zufallig, als in einigen Stellen bey der Antonischen, mit welcher ich sie ver« glich. Was die Anmerkungen anbelangt (wo ich freylich nicht wenig wage, da ich alles zu er- klären versuchte) so hoffe ich, daß sie den Zweck der Gemeinnützigkeit nicht verfehlen: darauf Vorrede. XI darauf habe ich sorgfaltig gearbeitet. In der Absicht ließ ich Varianten *) und Urtheile über dieselben weg; vermied das Megiren der Schriften so viel als möglich; führte auch kei- ne Citaten *t) in fremden Sprachen an, und enthielt mich mancher Bemerkungen, so rath- sam es bisweilen gewesen wäre, um Ueberse- tzung oder Erklärung zu rechtfertigen, oder zu beftättigen. Wenn Herr Hofrath Gatterer und Perizonius ohne Hinweisung angeführt werden, so geschahe es der Kürze wegen, in- dem *) Wie ich lese, z. 1. im ?8sten Kapitel com-e (das hier keiner Auctoritat bedarf) statt comti, oder welche Variante ich vorziehe, welcher ich folge, findet -der nachdenkende Leser ohnehin leicht, zumahl der Kenner. Und (loniecturen in dem Tuche anznbrin- gen, schien mir zweckwidrig: sonst hatte ich zwey von dem Herrn Rector Hummel angezeigt, die er Mir kurz vor seinem Tode zuschickte, und die ich für eine andere Gelegenheit aufbehalte. **j Ein kleines Verschen ist es , daß ich in den vor« kommenden Citaiis, nicht immer die Ausgaben be« merkt habe, da ich sie cinigemahl verschiedentlich hrauchtc, wie ich sie haben konnte. xii Vorrede. dem ich mich darüber itt der Vorrede erkla- rm wollte *)♦ Herr Rector Hummel zu Altdorf, beruft sich einigemahl, in seinem Compendium deut- scher Alterthümer, auf Papiere von ienem gros- sen Geschichtslehrer, und er war so gefällig/ die etlichen Bogen über wenige Kapitel des Tacitus, die freylich nur sehr sparsam und sehr kurze Erklärungen^ manchmal über ein Kapitel nur wenige Zeilen enthalten, von selbst mir mitzutheilen: wo ich sie also benutz- Le, zeigte ich treulich an. Meine Treue trieb ich vielleicht nur zu weit , wie ich denn Man- ches *) In der Meynung, daß die vorhabende Einleitung dem Buche gewiß vorangehen würde, wies ich auch «tlichemabl auf dieselbe, oder berührte nur zuweilen. So sollte es S.8. Not. d) eigentlich und bestimntt heissen: „ Wa6 die nicht unwahrscheinliche Mey, innig betrift, u. s. w. und nach Allg. Nord. Gesch. hinznkon'.men: „ in der a llgcmeincn Wellhistorie ?isteil Theil;,, welches auch da gilt, wo ich Schö- nings alte .Nordische Geographie anführe. Vorrede. im ches für mich hatte erklären können; ich erin- nerte mich aber da und dort einer Erklärung von einem Gelehrten, und ich suchte mit Mu- he, bis ich die Stelle fand, und zog sie aus, oder verwies dahin. Eben so erhielt ich durch die Gütigkeit des Herrn Consiftorialrath Kapps zu Vayreuth die in seiner Vorrede zur Kapp - Longolischen Ausgabe angezeigten Perizonii notulas ine- ditas, wie auch des seeligen Longolius Com- mentar - Probestück von dem zwey und zwan- zigften bis neun und zwanzigsten Kapitel. Ich hoffte freylich, Nachlesen zu halten; aber vergeblich: Herr Consiftorialrath Kapp hat alles mit besonderem Fleiß in der besagten Ausgabe benützt. Zlber des seeligen gelehrten Mannes Programmata (deren nur de Her- mimduris über vierzig sind) werde ich in dem geographisch - historischen Wörterbuche aufs sorgfältigste brauchen. Ich hoffe, sie samt- lich noch zu erhalten. Für xiv Vorrede. Für das Wörterbuch habe ich auch die Einleitung bestimmt, welche ich wegen der eingeschränkten Zeit hier nicht liefern konnte: und zunächst soll ein (wo möglich raisonni- rendes) kurzes Verzeichnis von Schriftstellern und Büchern folgen, auf welche ich mich dann nur mit wenigem, in dem auf Text und No- ten gehenden Wörterbuche beziehen werde. Dem Plane gemäß wird es auch, ausser der Einleitung, nicht über neun Bogen in eben dem grossen Octavformat betragen. Von den Anmerkungen habe ich nur noch zu erinnern, daß sie gegen die Mitte des Buchs sparsamer werden, weil dem zweyten Abschnitte des Tacitus (denn bekanntlich zerfallt er in zwey Abschnitte) eigentlich und besonders das geographisch - historische Wörterbuch gewidmet ist. Ich darf freylich noch hinzusetzen, weil die Meßzeit sich näherte, und ich mich nicht in der Erklärung des schweren Buchs übereilen wollte. UtkU Vorrede. xv Uebrigens enthält hier der Llnhang Auf- fätze und Abhandlungen, deren Einrückung hoffentlich die Zufriedenheit des Publicums er- halten wird. Nichts aber kann und wird mehr intereßiren, als die Abhandlung von der Religion der alten Deutschen und nordischem Völker *). Sie ist von einem Academischen Lehrer, dessen Name schon für die Güte bürgt, den ich aber zu nennen nicht die Erlaubniß habe. An meinem Buche bcmerke ich selbst nicht wenig Mangel: und wie viele werden nicht erst scharfsinnige Augen entdecken! Aber überzeugt, daß ich doch einiges zum gemein- nützigen Gebrauch und vielleicht auch einiges zum *) Da sie erst wahrend deS Drucks meiner Arbeit geschrieben wurde; so hat sie auch weder auf Ueber« einstimmung, noch auf Abweichung in meinen Er- klarungen alldeutscher Wcligionösache» Einfluß ge- habt. xvi Vorrede. zum Verständniß des Buchs beygetragen ha- be, hoffe ich die Nachsicht, auf welche ein Bearbeiter des Tacitus, zumal in den Ver- Hältnissen/ gerechten Slnspruch machen dürfte. Coburg, am 2ten May, 1791. Erstes Erstes Kapitel. Von den Gränzen Germaniens. anz Genncmien a) wird von den Gallern, Rettern und Pannoniern durch den Rhein und Donaustrom b); von dm Sarmatern und Datiern durch gegenseitig« Furcht, oder Gebirge geschieden, c) Das a) Deutschland (das alte) "nach seinem damaligen weiten Umfange; das eigentliche, das den Römern jenseit txs Rheins (und der Donau) lag, auch Großgers Manien genennt wurde. b) Segen Zlbend gränzt es an die Galler, und der Rhein machte die Scheidung: Gegen Mittag an die Rater (dazu die Dindelicier gehören), Ponnonier und (zwischen beyden die) Noriker ; die Donau trennte sie von den Deutschen. Deutschland hatte also westwärts fast die heutigen Gränzen ; aber südwärts war es viel kleiner. S. hier> wie von andern vor- kommenden geographisch - historischen Sachen , daS erklärende Wörterbuch. e) Gegen Morgen und gegen die südöftttche Seite weiß Tacitus die Gränzen nicht zu bestimmen: ec A bemerkt Das Uebrige d) umgiebt der Ocean e), der weite Busen f) und unermeßliche Inseln g) besaßt: wovon bemerkt nur, lim hicr nicht eine Lücke zu lassen, die Nachbarschaft der Sarmater und Dacicr, und daß Furcht, oder Gebirge diese Volker von den Deutschen trennten; wodurch der Leser doch einige nicht unbe- fricdigcnde Nachricht in Absicht auf die östliche Gran- ze erhalt. , rZ) Die mitternachtlichen und Nordwestlichen Lander. e) Die Nord-und Ostsee, oder das deutsche und bal« tische Meer. So erstreckten sich die Gränzen von Deutschland gegen Morgen und Mitternacht dainals viel weiter, als itzt. f) Der Codanische Meerbusen, (auch Cattegat oder Skagerrack genannt), Finnische und Bothnische Meer- buftn. x) Nicht nur dem Rhein gegenüber Britannien und Ir- land; auch andere gegen Norden liegende Lander, als Iürland, die dänischen Inseln, Norwegen, Schwc- den, Finnland. Man hielt damals alle nördliche Lam der, die man theils nicht, theils zu wenig, kannte, noch sür Inseln. Ihre alten Namen und mehre» res S. im Wörtcrbuchc. Von dem Vorgebirge der Cimbrer (dem Skagen) gegen den Rhein zu, beißt es beym Plinius (Nat. Hist. IV. iz.) sind drey und Zwanzig Inseln durch die Kriege der Römer bekannt worden, darunter die Burchana (Byrchaniö) Gles- saria, oder Austrania (Ausiravia), endlich Actania (Actavia) die berühmtesten waren. Und von dem ungeheuren Codanischen Meerbusen bis an das Vor* gebirg von kürzlich einige Volker und König? erst durch den Mieg uns bekannt wurden h). Der RHsl'n entspringt auf einem unzugänglichen und iahen Gipfel i) der Rä. A 2 tischen gedirg der Cunbrer wird (wie beym Meist III. 3.) eben düftlhst erzahlt, daß er voller Inseln, und Scandii;avien die berühmteste sey. S. den Plinius selbst am angef. Orte. h) Nicht die enlfcrnkcrrn Feldzüge des Drnftis Germa- nicus, auch nicht die Kriege mit den Cakten, Swe- vcn, SarMaicrn unter dem Domitian, scheint Ta- citus hier im Sinne zu haben; denn wir lesen Nichts zu dieser Stelle von der Entdeckung'neuer Völker lind Könige, allenfalls von unbewohnten Inseln, wohin die Römische Flotte bey dem letztern Fcldzug des GcrManicus verschlagen wurde, und von kleinen Königen: sondern wahrscheinlich die Britannischen Feldzüge seines Schwiegervaters, des Agricola, wo, nächst der Umschiffung Britanniens, die Britannische .Provinz erweitert, und noch undekaimte Lander z. E. die Ärcadcn, selbst die Insel Thulc, (S. Tacit. Leben des Agricola Kap. 10,22, 24,28,38.) entdeckt > und die Orcadcu zugleich bezwungen wurden. Man bandelte auch aus den nordischen Landern nach Britannien. I) Auf der Opcralp, einem hoben Berge neben dem Crispalt, entspringt der Vorderrbcin; und diese Häuptquelle scheint Tacitus gekannt zu haben : an die andere Quelle auf dem LukeManNer (Luckmanierberg), daher der Mittelrhein., »>nd an die dritte^ auf dem Berge 4 $-===3<$^@><===*~$ tischen Alpen k) wendet in einiger Krümmung seinen jauf gegen Abend 1); und ergießt sich dann in den nördlichen Ocean m). Die Donau quillt aus der feinst und Berge, welcher der Vogel, oder St. Bernharden heißt, daher der Hinterrhein, dachte Tacitlts wohl nicht, k) Oder nach dem Cascr (Gallisch. Krieg IV. 10) auf den Lcpontischen Alpen; es sind die Graubündnec - Alpen. Bergl. Claudianus Gctisch. Krieg (B. 330, f.); auch Pomponius Mela (II 2), Ptolcmaus (Geo- graph. II. 9), und Strado, (VII,) lassen ihn auf den Alpen entspringen. 3) Diese Krümmung gegen Abend macht er ohnweit Cost« nitz bey dem Austritt aus dem Bodensee, durch welchen er hindurchstcömt, und in der Richtung biS Basel fortfließt, w) Hier ergießt sich der Rhein sogleich in das deutsche Meer, oder in die Nordsee; aber in den Annaleir des Tacitus (II, 6.) wo er seinen Lauf ausführlicher beschreibt, wird auch der zwey Arme erwähnt, die, seit der Pandersche Canal gegraben wurde, vera'n« dcrt sind mit welchen er zuletzt in das mitternachts liche Meer fallt. — Es heißt ausdrücklich: der Rhein vermischt sich mit der Nordsee, d. i. er ver- liert sich in derselben, setzt nicht seinen Lauf, wie manche andere Flüsse, durch die See, oder durch einen andern Strom, unvermischt fort; wie wie von der Donau wissen, deren Strom und Wasser, im Meere viele Meilen weit bemerkbar ist: auch von dem Rhein und der Mosel, [wenn sie sich bey Coblenz vereinigen. H------>) Ein Urvolk, eine Nation, aus ihrem eigenen Lande erzeugt. So hießen bey den Alten die ersten Be- Mohyer eines Landes, deren Ursprung unbekannt war; man nannte sie auch Erdensöhne, Erdenge- dorne. Aber waren nicht ursprünglich die Deutschen 'Asiatische Colonisten? Das sind sie ohne Zweifel; und doch konnte sie Tacitus Einheimische, oder Lan- dcseingeborne nennen: denn ihre Niederlassung geht weit über die Geschichte hinaus, und seitdem blie- bcn. sie ein unvcrmtschtes Volk ihres Landes; auch in ihren eigenen Sagen findet sich keine Spur. c) Sie verhcyrathcten sich nicht mit Auslandern, die etwa als Gaste, oder in Colonieen, zu ihnen gclom- men waren. Vergl. Kap. 4. dieses Buchs am An- sang. lande, sondern zu Schiffe kamen cl), und jenseits e) der unermeßliche^ und so zu sagen widerwärtige Ocean. 5) nur selten, aus unserem Reiche heschiffk wird «3) TacituS giebt hier keinen historischen, sondern nm mutl'maßliehen Beweis, er dachte gewiß an die berühmten. Phönicier, die als das erKe See - und Handclsvolk, wie man aus Bocharts Phaleg und. Canaan am besten sehen kaun, auch in Europa weit und breit von dem mittelländischen Meere aus Colo-- tiicen stifteten, »in* an die Pelasgcr, deren Aus> Wanderungen von Feit zu Feit nach Italien zu. Schiffe geschahen., und vielleicht an andere mehr» Von der nicht unwahrscheinlichen Meynung, daß man vor Alters bey den Einwanderungen in srcm- dc Lander seinen Weg über das Meer nahm, S. Hr». H. R. Schtözers allgem. Nordische Geschichte S. 267. ») Das jenseitige Meer ist hier der mitternachtliche Theil des Oceans, die Nordsee, S. Plinius Rat. Hist. II. 69. H Unermeßlich nach der Idee des Romers: daher schrecklich, grausenvolt, wie es gleich darauf heißt. Entg- gensti cbend, wivrig, wegen der Stürme „ Sandbänke, Klippen, und noch mehr, weit man nicht wußte, den grossen Gefahren auszuweichen. Vermuthlich hatte man auch schon von der Ebbe und Fluth gehört, oder sie selbst erfahren. Vergl. Ta->- citus Ka 34., d. 35. Dessen Annal. II. 23 (W Ende) 24 (zu Allfang.) =xS&63<=— 4 y wird g). Wer soffst auch, die Gefahr auf dem grausen und unbekannten Meere nicht gerechnet, Asien, Africa oder Italien verlassen, und nach Germanien ziehen, wy das Erdreich ungestalt, das Clima rauh, Anbau und Aus- ficht traurig sind h) ? Es müßte denn sein Vaterland ' A § seyn» g) Selten schifft man noch itzt aus dem Römischen Reiche dahin» und in so finstern uralten Feiten hatte man es wagen können? — Drusus Germanicus war der erste von den Römern, der (unterm Kaiser August) Kühnheit und Muth genug hatte, die Nord- fee zu befahren; und als sein Sohn GcrmanicuS nach ihm bey einem entsetzlichen Sturm mit feiner Flotte so unglücklich war , da scheuten die Römer dieses fürchterliche Meer. Sie konnten auch zw Wasser von Italien aus nicht anders, als durch daS mittelländische und atlantische Meer — welche weite »md gefahrvolle Reise J Im in die Nordsee reisen. h) Dergl. Tacitus Kap. 5. d. B. z» Anfang. Dessen .Hift. IV. 75. Plmtus Rat. Hist. XVI. 2. Seneca von der Vorsehung Kap. 4. Ein Land mit ungeheu- ren Waldern und Sümpfen bedeckt, ein rauhes, odeS Land, wo ewiger Winter herrscht, der Hmime! trauert: trmnige Schilderung von unserem lieben Vatcrlande! Aber zum Glück ist sie (konnte sie der Römer, an sein herrliches Italien gewöhnt, anders geben?) nicht ganz treu coxirt; denn nicht ganz Deutschland, wie selbst unser Geschichtschreiber im 5ten Kapitel bezeugt, war durchaus so beschaffen. Die Rheingegenden halten z. E. ein milderes £\hm } uO IO =><3£^>e=-H3. seyn, i) In alten Liedern k), der einzigen Art von Ge- lind-waren mchr angebaut; an den Ufern Rheins gab es schon zur Zeit des Plinius (S. dessen N. H. XV. 30.) Kirschbaume, deren Frucht der Farbe we- gen (sie war roth, schwarz, und grün zugleich) erst anzufangen schien, reif zu werden, i) So schließt der Römer mit der Geschichte und San* derverfassung der Barbaren noch zu wenig bekannt. Die Geschichte lehrt aber, daß manche Völker, z. E. Griechische vor und nach dem Troianischcn Krieg, oft wegen Einwanderungen, oder zunehmender Volks- .Menge, oder wegen einer plötzlichen Naturcreigniß, oder aus andern Ursachen ihren Wohnsitz mit einem minder glücklichen, auch wohl rauhen und wüsten Lande vertauschten. fc) Rohe Volkslieder, worin das Andenken merkwür- diger Helden - Thaten, und National-Begebenheiten (man lernte sie auswendig, und sang sie öfters ab) verewigt wurden. Dergleichen Lieder findet man fast durchgangig, bey alten und neueren Völkern; so gar bey den wildesten: denn die Natur behaup- tet zu allen Feiten, und überall, ihre Rechte. S. Gogucts Unters, von dem Ursprung der Ges. K. und Wiss. Erst. Th. 173. ff. Tacitus gedenkt in sei- t\m Annalen (ll. 88.) solcher Gesänge der Cherus- ker, auf ihren glorreichen Heerführer Hermann, (Arminius): wie Schade, daß wir kein Volks - und Heldenlied mehr übrig haben! Eginhart erzahlt in seiner Lebensbeschreibung Karls des Grossen (Kap. 2Y, $-«=== = >«Sfö6>c==-$ U Geschichte und Chroniken bey ihnen I), preisen sie einen Gott Tuisk m), aus der Erde entsproß sen ?y), daß dieser Kaiser die noch übrigen Volkslieder der Deutschn, gesammelt habe, worin die Thaten der Könige und ihre Kriege besungen wurden; aber sie waren nicht aus Deutschlands Urzeiten, mehr Nach« hall jener rohen Gesänge, Lieder schon vermischter und veränderter Deutschen: und auch davon (dec Kaiser ließ sie nach seinem Tode zum Besten der Ar- mcn verkaufen,) ist nichts auf uns gekommen. I) An schriftliche Denkmaler, Tage-und Geschichtbüchec war also noch nicht zu denken. Aber daraus folgt noch nicht, daß die Deutschen keine Buchstabenschrift, oder den Gebrauch der Schrift gar nicht gekannt hatten, S. mehr in. dem folgenden lytcn Kapitel zu Anfang, w) Tliisk oder Tuift, denn Tuisk und Tuist konnten in der Aussprache, wie st und sc in Manuscriptcn leicht verwechselt werden, und der folgende Name seines Sohns Mann sind Narionalnamen. Aber wie, wen» Tuisk und Mann nicht diese eigenthümliche Namen waren; wie, wenn Tacitus und andere, die derglei- chcn Volkslieder absingen hörten, die oft vorkommen den Wörter Tuiske Man», d. i. deutscher Mann, unrecht verstandet, ? ~. So sehr mit Umstanden konn- te Tacitus, ein so sorgfaltiger und mjt den Deut- schen bekannter Geschichtforscher, nicht irren, wohl aber die Begriffe eines Römers hier und da, ohne es zu roo!lcn, mit einmischen: was «r weiter erzahlt« $• 12 H----^HAtz>«----— 4 fen njr> und feinen Sohn Mann, als Stammvater und Stifter deö Volks, o) Dem Mann schreiben sie drey Söh- z. E. von den drey Söhnen, ist selbst schon Wider- Icaung. Man nimmt im Uebrigen nicht ohne Ver- gnügen in diesem Buche Stammwörtcr wahr, die so alt, als die Nation, ja alter, als Deutschlands Bevölkerung, selbst sind. Wie viele Wörter sind in unserer Muttersprache daraus entstanden; wie viele besonders von Mann damit zusammengesetzt.' So blieb die Ehre und das Andenken dieser gepriesenen Urheber und Stifter der Nation bestandig. n) Als einen Erdentsprossenen, der, als der Erste, nicht von seines Gleichen kam, sondern, wie ihre Ei< chcn von den Urbewohnern des Landes, aus der Er- de entstand; ganz den groben Begriffen eines noch halb wilden Volks angemessen! So dachten freylich cultivirtere Völker nicht, die sich auch für Erdentspros- sene ausgeben: sie pflegten nur, wenn sie in der Stammleitcr nicht weiter zurück konnten, sich, oder andere, Erdensöhne zu nennen, um dadurch ihr ho- hes Alter, oder ihre verborgene ursprüngliche Her- kunft zu beweisen. «) ES verdient, bemerkt zu werden, daß in altdeutschen Dialectcn Tuit oder Thuid, mit verschiedener Veran- derung geschrieben, Erde, Blutsverwandter, Volk, auch Vater und König bedeutet, und daß von dem Stammvater Tuisk (Tuisco, vielleicht auch erstem Be- Herrscher, oder Anführer) die Deutschen ihren Na- mm haben? am Rhein liegt noch, Cölln gegenüber cii» Höhne zu p); nach deren Namen q) die Nachbarn des Meers Ingawoner r), die mitten im Lande, Hermi- noner ein uraltes Städtchen, Namens Duytz, und in West- phalen Duisburg, die daher benennt sind. p) Da die Germaner seit undenklichen Zeiten mittelbare Pflanzer aus Asien sind, sie mögen nun von den Thraciern, oder von einem andern Volk hcrstammen: so ist zu vermuthen, (auch aus andern Sagen, z. E. in den Edden) daß die Tradition von dem ncucil Anbau der Erde durch Noah und seine Söhne, sich mittelst der Colonistcn oder Einwanderer fortgepflanzt habe; nur wurde sie durch die Lange der?eit verfälscht, und mit den Volkosagcn der ältesten Nationalgeschichte vermischt. <\) Tacitus machte sich hier eine unrichtige Vorstellung; daher auch die unrichtige Deutung : er mcynte, wie man deutlich sieht, daß der eine Sohn (etwa) Iilgav, der andere Jstav und der dritteHerMin gehcissen habe. Mer es ist offenbar, daß diese Namen deutscher Völ- ker wegen der Lage ihrer Wohnplatze gegeben wur- den. In dem ganzen römischen (auch griechischen) Alterthum kommen sie nach dem Tacitus nicht wie- der vor, da doch die Kenntniß von Deutschland bey den Römern täglich zunahm: ein Beweiß, daß diese Namen nicht als bestandige Namen üblich waren, daß man sie vielleicht nur bey Gelegenheit, um die Gegenden der Bewohner zu bezeichnen vorübergehend brauchte. 0 Ingawoner, wahrscheinlich von Jng oder Jnfl?,, Meer, und woncn!, zusammengesetzt, also nicht In- wohncr tiotiet s), und die übrigen Isiäwoner t), genannt würden. *) Einige behaupten auf Rechnung der offen wohner, sondern MeeraNwobner, Angler oder Jug- lex im weilen Verstände (im Slavischen Pommora- iicr): diese Bedeutung kommt mit dem Beysatz, Nachbarn des Oceans, (oder) Bewobncr der See- küstcn, völlig überein. C. von den Jngaroonern das Wörterbuch: Plinius (Rat. Hist. 1% 14.) Nennt Nur die bekannteren, die Cimbrer, Teutonen und die Völkerschaften der Chancen, x) Henninoner, oder, wie im Plinius, Hcrniioncr; aber Tacitus dachte wohl an Hcrniin welches mit Irmin, Hermann eins ist. Sie wohnten mitten im Lande, sagt unser Geschichtschreiber, Nach der Rö- wischen Gränze zu); Und diese inlandischen Einwoh- »er > die kriegerischesten und tapfersten der Nation, sind nach eben dem Plinius (Nat. Hist. IV. 14.) Sweven, Hermundurer, Catten, Cherusker; er führt sie aber nicht alle an. S. Not **j und ***) in die-- sein Kapitel, wie auch das Wörterb. t) Jstawoner, Niedrigwohner, Niederlander, von Ist, niedrig. So nennt Tacitus von den Gegenden alle die Völker, die nicht zu den Ingawoncrn und Herminonen geböreii.,, Plinius Nennt sie (N. H. IV. 14) Nachbarn des Rheins; verstehe aber den Nicderrhcily lim ihn mit dein Tacitus zu vereinigen. *) Hier fehlen zwar, wenn wir den Tacitus mit dem Plinius (am angcf. O.) vergleichen, noch die Nindi- Ut, Peuciner und Bastarner; aber Tacilus erzahlt hur fr-====*^ß>c==^> 1 ten Zeit vi) Mehrere Söhne des Gottes, und mch- rere Volkerbenennungen, als Marser, Gambrivier, Sweven, und Wandaler; und dieß seyen die ach- feu alten Namen v). Uebrigens sey das Wort Geriuanien neu w), und noch nicht lange ausgekom- wen nur aus sehr alten Zeiten, wic's ihm überliefert wurde, und hatte nicht die Absicht, die deutschen Völkerschaften zu classificircn. u) Da man wegen der so grossen Zeitfernc und Dunkel- hcit weder beweisen, noch widerlegen kann. v) wirklich deutsche und altdeutsche Benennungen; das ficht mal? aus ihrer Abstammung, wie oben bey Tu- ifto und Mannus. Tacittis hat sie nur latinis-rt. S. von oiesen Völkern im Wörtcrbuche. w) Eine Inschrift in den Capitolinischen Fastis, die beym Gruter in seinem Thesauro der Jnscriptioneu T. I. S. 2y. vorkommt, auch Pighius in seinen Rö« Mischen Annalen T. st. S. XXVI. anführt, scheint dem entgegen zu seyn: denn es heißt daselbst, daß der Consul M. Claud. Marcellus über die Jnsubri- scheil Galler und Germaner im Jahr 531. nach der Erbauung der Stadt Roms triumphirt habe. Mail behauptet freylich, hier müsse statt Germaneis gcle- sen werden Ccnomancis, wie "beym Livius Vi 35. weil, ausser daß Tacitus das Wort Germanien neu nennt, Polybius (II. 17.) wohl der Genomaner (Ccnomaner) als Nachbarn der Jnsubrer, nicht aber der Germaner, bey Erzablung dieses Kriegs gedenkt. Aber man übersah im Polybius den Umstand, daß die-i- l6 ■S--«==-5g?c====-3 i mm x), dmn die, welche zuerst über den Rhein ge- gan- dicßmal die CenoManer Verbündete der Römer wa- ren, und also über dieses Gallische oder Deutsche Volk nicht triuinphirt werden konnte. Wenn nun gleich die Critik für Germaner in beyden Stellen, wenigstens in der Jnscription, nicht mit Gewißheit entschiede: so scheinen doch nach dem Polybius (II' 22« 34.) und Plutarch in seinein Marcellus (K. 300* 302. des ersten B. s. Werke Wechel. Ausg.) die Ab liirten oder Miethvölker (Polybius nennt sie Gasa- ten) welche von den Gattern zu ihrem Beystande nach Italien gerufen, von dem Marcellus aber be< siegt wurden (vcrgl. in d.angcf. Pighius. Vlll.Buch @, »28. f. die Erklärung der Inschrift), Germaner ge- wesen zu seyn; um die Penninischen Alpen (Livius XXI. 28.) wohnten auch ursprünglich deutsche Völ- ker. Der Unterschied zwischen Germanern und Gal- lern war nur damals den Römern noch nicht so be- kannt. Die Inschrift erwähnt dazu ausdrücklich des erlegten Heerführers der Gasaten, des Virdomars (Polybius nicht), nach dem Plutarch Brttomartos, welches attem Ansehen nach ein deutscher Name ist wie die Benennung Gasaten. Tacitus besteht; auch dann, wenn die noch übrigen Zweifel in Ansc- hung der Neuheit der Capitolinischen Fastorum (die nach dem Urtheil der Critiker Cicero's Zeiten nicht übersteigen mögen, gehoben sind), wenn also die Inscription so alt, als der Triumph des ^Az* eellus selbst wäre: denn aus Cäsars Nachrichten sieht Man $-«=?=*db$$&c==*-Q 17 gangen, und die Galler vertrieben hatten y), und jtzt Tungrer hiessen z), wäre», damals Germa. ner man (S. die folgenden Anmerkungen) daß lange vor seiner Anknyft in Gallien (vielleicht auch lai,z vor dem Cimbrischen Krieg) der Name Gcrmcnien, und Germanische Volker e.njnrtc 1 und TacituS braucht den Ausdruck neu, nur in Beziehuna auf die vorgedachten deutschen Völkerstamme, und aus dem Munde derer, die es vielleicht sehr jang vor ihm , versichert haben. x) Oder dem Lande beygelegt worden. y) Nämlich diejenigen, welche lange vor dem Cäsar sich im Belgischen Gallien niedergelassen haben. Nicht die, welche zur Feit des Cäsars über den Rhein giengen. wie denn immer mehr Genuaner nachzogen, und sich in Gallien ausbreiteten (Cäsar Galt. Kr. I. 31.) , so daß ibre Zabl sich damals auf hundert und Zwanzig tausend bclief; denn Cäsar traf schon Germaner in Gallien an: er nennt uns (Gall. Kr. II. 4.) vier verbündete Stamme, die Condruscr, Ebu» roner, Careser, Pamaner, und Kap. 32. daselbst noch die Segner; sagt auch von diesen fünf ©tarn* men, daß sie zu seiner Zeit den gcmeinschaftl. Na- men Gcrmaner- geführt hatten. -) Aber hiermit sagt er nicht, daß sie schon damals diesen Namen führte«; wir finden ihn vielmehr spar bey den Alten, als beym Plinius, Tacikus, Aminiai nus Marcellinus. Es schont in der Tdal, daß der nachher berühnite Name (S. Casarö Galt. Kr. VI. B i8 ==}<&S$&<===--4 ner, **) genannt worden. So sey der Name eines Volks nach und nach herrschend und Nationalname ge- wor« 34. mit der Anmerkung des Hrn. D. Morus in f. Ausg. S. 227.) erst nach Cäsars Austilgung (deS Namens und Volks) der Eburouer gebraucht oder bekannt wurde: daher Ptolcmaus (Geograph. II. 9.) die Hauptstadt der Eburoncr Atuatuca, Atuacu- ton oder Atuatucon der Tungrcr nennt, und noch spater diese Stadt selbst Tungri heißt. Warum nennt Cäsar, der so viel mit den deutschen Gallern zu thun hatte, unter diesen (;. E. im Galt. Kr. II. 4.) die berühmten Tungrer nicht? Warum Plinius (N. H. IV. 17.) nicht die Eburoncr, und nur die Tungrer? Woher die übereinstimmenden Nachrichten von den Eburonern und den Tungrern, wenn Beyde nicht Ein Volk waren? Nur daß der Name Tungrer später üblich wurde: wie noch itzt im Bisthum Lüttich eine Stadt am Flusse Jeckcr Tongeren CTongres) sehr wahrscheinlich das alte Tungri, und im Oesterrev chischen Brabant die Abtey Tongerloo von diesem merkwürdigen Volke ihre Bcncnming haben. **) Hcrmanen, von Her und Mann (S. Wörterb.) also kriegerische Manner, furchtbare Leute; daraus der Römer leicht sein Germani bildete: eine Bencn< nung, die bey den Römern in dieser Endung Brü- der bedeutete, und so ihre Idee, die sie bisher im- mer wegen der ahnlichen Leibesbeschaffenheit, Ge-- müthsart und Sitten (S- Strabo VII. zu Anfang) von den Deutschen und Gallern hatten, zugleich schick, fr - 1 -—-> ^ffig>c=~-$ 19 worden, daß Anfangs der Sieger der Furcht wegen Alle Germaner genannt, hernach sie selbst sich den vorgefundenen Namen beygelegt hatten. ***). B 2 Drit- schicklich ausdruckte. Herr H. R. Adelung bemerkt in seinem grammatisch » kritischen Wörterbuche der hochdeutschen Mundart, daß die nachmaligen Tung, rer (er folgt der Ableitung eines ungenannten Ver- fassers in den Hannoverischen Anzeigen des Jahrs 1750.) zuerst die Deutische d. i. die Miirten, oder die Verbrüderten, wegen der genauesten Vercmi- gung wider die Eallcr genannt worden waren, und daß die Römer, diesen schwer auszusprechenden Na- mcn in ihre Sprache übersetzt hatten. **+) Zuerst gab das kriegerische und siegreiche Volk im Belgischen Gallien sich und allen anderen Deutschen jenseit des Rheins den Namen Hermanen, der im- wer die Ueberwundenen an den Schrecken der ein- gefallenen Heere erinnerte: selbst den Anblick der Germaner konnten die Gallcr nicht aushalten, (das. . Gall. Kr. l. 39.); und durch die Drohung, daß meh- rere Heere, (wie wirklich in geraumer Zeit ström? weise geschah) ihnen folgen würden, in noch grös- sere Furcht setzte, f) Hernach breitete sich der Na- n?e f) Noch zu Cäsars Zeit (Gall. Kr. I. 3*1 vergl. ll. 4.) kamen stets viele Tnuscnde über den Rhein, daß deßwegen vvn ganz @allica an ihn Gesandte geschickt wurden, die ihn um Hülfe bitten mußten: und ii»4ten Kap. des IV. B. Gall Kr. wird ausdrücklich gesagt, der größte Theil der Bcigtx sey Germancr, die von Alters über den Rhein gezogen wö, ren, und die Galler aus ihrem Lande vertrieben hatten. ao ** a-»^4> Drittes Kapitel. Von dem Hercules/ ihren Kriegsliedertt, und von dem Ulysses. an erzahlt, daß auch HerculeS bey ihnen 2) ge- weftn sey; und sie besingen ihn, wenn sie in Schlach- me von den Gallischen Deutschen über dcu Rhein allmahlig weiter aus; alle, die, durch das Glück ih- rer Landsleute gereizt, über den Rhein zogen, auch die jenseit des Rheins mit den Römern Krieg führ- ten, alle imnnten sich Hermanen. Daher die Her-- mioncn (S. Not. s. in diesem Kapitel); ein Volk, das so ausgebreitet, als machtig und furchtbar (schon die Swcven nennt Cäsar das größte und kricgeci-» scheste Volk d£r Deutschen), die übrigen Völker bey- nahe auswog. Alle in der That kriegerische Leute! Auch athmete alles bey ihnen Krieg, ihre Handlung gen, Sitten und Gewohnheiten: kriegerisch war ihre Religion; auf Krieg ihre bürgerliche Verfassung gegründet. Aber ein allgemeiner Nationaluamc wurs de Germaner nie, wie man aus dieser Stelle des Tacitus schliessen wollte: denn wie ließ sich die Ue- bercinstimmung einer grossen Menge deutscher, nicht vereinigter Völker, denken, die oft sich selbst be- kriegten; und würde alsdcnn auch der Raine so ganz- lich verloschen seyn? a) Bey den Deutschen. »—a=>^^g> c=7- i< i H 21 Schlachten gehen, als den Ersten aller Helden b). B Z Sie d) Es gab viele Hercules, und gewiß hatten die Deut- schen, denen Leibesstarke und Tapferkeit recht eigen- thümlich waren, auch den ihrigen: aber den my« thologischcn Hercules der Griechen und Römer kannten in den alten Zeiten unsere Vorfahren gewiß nicht, sie, die so lange ein eigenes, uiwcrmischtes Volk, und ihrer Religion, wie ihren Sitten, um verrückt treu blieben. Nach dieser und einigen an- dcrn Stellen des Tacitus (S. das yte Kapitel dieses B. und Annal. II. 12.) scheint es freylich, daß die* ser Hercules bey ihnen bekannt gewesen sey, und wenn man noch andere Nachrichten, auch die alten deutschen Kunstoriginale desselben (S. in Herrn H. N. Mcusels Geschichtforscher Erst. Th. die Schwa- bische Abhandlung über ein deutsches Amulet S. 122» 149.) damit vergleicht, die Sache ausser Zweifel zu seyn. Aber die Alten mischten gern in die Erzah- lung von andern Nationen, wo sie nur Aehnlichkelk - fanden, ihre Begriffe hinein; so auch Tacitus, der in diesem Stück den Römer nicht verlaugnet. Die Deutschen besangen in Kriegsliedern grosse Thaten der Vorzeit; priesen ihren Hercules (er hieße nun - Hermin, Crutzmanna, wer will seine Namen wissen?) und andere Nationalheldcn: Oft hörte man wahr- scheinlich in solchen Gesängen Her (S. Kap. 2. Not. **) Herl (tapfer), vielleicht auch Herkulle (r) Heeres * Haupt) S. d. Geschichtf. Erst. Th. S. 90. und lzz., vielleicht andere einzeln, oder in der Zu- sammensetzung, ähnlich klingende Wörter mehr; und so 22 ===x&*ÖS >t ===*-4 Sie fjakn autf) iieder c), durch deren Anslimmung Barrit d) genannt, sie den Muth befeuren, lind aus dem so maz die Vorstellung der Römer von ihrem Her» cules bey den Deutschen entstanden seyn. Tacitus selbst giebt am Ende des Z4sten Kapitels d. B. cincir Wink zur Deutung. Erst spat nahmen unsere Vrnmt!?!ich) Consouanten- i,ud Diphthongen« volle Sprache selbst, zu schreiben vermochte? Wir haben jedoch die Wurzel, oder den Etamm von der Benennung, und begnügen unS mit der Nachricht, die uns der Geschichtschreiber von der Anstimmung, oder von dem mit Schreyen eröffneten und bcglei- tcten Gesänge giebt. Das alte Stammwort Bar, heißt Geschrey, aber auch Gesang, Lied, (in wel- chec Bedeutung es noch beym Hans Sachs vor- kommt,) und baren, oder baren, schreyen, singen; schreyen, rufen bedeutet es noch im Riedersachsi- schen. Um so wahrscheinlicher ist es, der Crzah« lung von dem Barrey oder Barrit zu Folge, daß Geschrey mit der Anstimmung verbunden, oder da6 Singen selbst mehr einem Schreyen, oder Geplärr ahnlich war. Der Kaiser Julian vergleicht das Sin- " gen der Barden (er ließ sich einige Lieder vorsingen) mit dem Geschrey der wilden Vögel. Von diesem Barrit S. Ammianus Marcell. XVI., 12. XXVI. 7. Aber von den Barden sagt Tacitus hier, und im ganzen Buche, nichts: würde er sie wohl, kattvl man fragen, mit Sillschweigen übergangen haben, wenn die Deutschen vor und zu Tacitus Zciten Bar- den gehabt hatten? S. Mehrcres im Wörterbuche: nur zwey Stellen ziehe ich noch aus dem Tacitus an, weil , sie sonst hicher gehören. Hisior. IL 22. „die Cohorten der Demschen rückten gegen die Rö^ 24 «====^5^<====~4 oder zagen, so wie das Schlachtlied ertönte, das nicht so wohl Gcsailg/ als vereinter Aufruf zur Tapferkeit zu seyn scheint 5). Sie geben sich besonders Mühe um rauhe Töne, und um gebrochenes Rauschen g), indem sie die ©dulde vor dem Mund halten li), daß die Stimme durchs Ztirückprallen starker und sie* fer erschalle. Uebrigcns meynen Einige i), Uli- xeS Röiner mit einem gräßlichen Gesang/' Histor. IV. 18. /,Als day Heer von dem Gesang der Man- ner und dem Geheul der Weiber ertönte, wurde von den Legionen, und Cohorten, gar nicht mit einem gleichen Geschrey geantwortet." i) Wie der Gesang beschaffen war ; so urtheilte man von dem Zustand des Treffens; von dem glückli« chen oder unglücklichen Ausgang; und von dein Muthe der Streitenden. f) Keine Kriegslieder, wie icne zum Preise ihre Heldcn, und zur Ermunterung ähnlicher Thaten; ein wildeS, eivMthiges Geschrey zur Entflammung der Krieger, zum Schrecken der feinde, und etwa auch zum Rück- zug im nöthigen Falle, (um desto hitziger anzugrci- fen), war hier die Hauptsache. x) Ammianus Marcettinus vergleicht (XVs. 12.) -das Geschrey, wenn es sich erhebt, oder das Rauschm desselben, mit den Wellen, die sich an den Felsen brechen. d) Berstehe: und hincinschreycn. i) Verst. Griechen und Römer; also keine Sage, oder Meynung der Deutschen. H-«-»chBS>«-!--^H 25 xes k) wäre auf seiner langen und abenteuerlichen Irr« fahrt I) auch in ihren Ocean m), und von da nach Germanien gekommen n); habe am Rheinufer Asct- B $ bürg k) Ulysses. !) Man wu?te viel zu erzählen von der langwicrigcn und wunderbaren Reise des irrenden Ulysses, dem Homer ein ganzes Heldengedicht, seine Odyssee, widmete. m) Jn's deutsche Mcer, oder in's Nordmeer: Oceari ist unbestimmt, und kann so wohl auf das deutsche Meer, als auf den Bclt, gehen. n) Wir können der Meynung, gegen welche auch Taci^ tus mehr Mißtrauen, als Zutrauen hatte, mit Grund widersprechen: denn wenn es auch möglich gewcftn, daß dieser Fürst von Ithaca auf seiner zehniahrigen Reise höher, so gar nach Britannien, wie Einige glau- ben, gekommen sey; auch nach dem Seneca (S- 88sten Brief) unglaublich wäre, daß er immer in? einem so engen Bezirk sollte herumgcirrt seyn: so fin» - den wir doch, selbst in den Sagen und Fabeln glaub- würdiger Griechen, keine Spur, daß er in das deutsche Meer verschlagen worden, und in Deutsch-- land angelandet wäre. Homer, der die Quelle ist, laßt ihn nur in dem mittelländischen Meere, und da in Uv nem grossen Raum, auch andere Griechen nur jwv schcn Italien und Sicilien, herum irren. Nach dem Homer (Odyssee k V. 82. ff.) ist er nicht über das Land der Lastrygoner, deren Gegend in Canv panien Herr H. R. Heyne in seinem zweyten Ex» curS (G. auch die 2. folgenden Excurse) zur Aeneis 26 > V ■ . ^ d»ff)@>c=— $ bürg o), das noch p) bewohnt wird, erbaut q) und ihm VI. beschreibt, hinausgekommen. Wer ausserdenl das schlecht gebaute Schiff des Ulysses, feine und seiner Piloten so geringe Kenntniß und Erfahrung von der See und Schissarth in ienen Zeiten erwägt, der wird sich bald von der falschen Sage überzeugen können: so gewiß wir wissen, daß Lisboa so wenig, als Missingen in Seeland, von dem Ulysses den Namen habe, seit uns Bochart lehrte, daß Olisippo (Ulyssipolis, Lissabon) aus dem Phönicischen her- komme, und da (Olisippo lag an einem Meerbusen) ein lustiges Ufer, oder lustiger Meerbusen bedeute, o) Diesen Ort nennt auch Tacitus in sein. Histor. IV. ?z., und er ist daselbst zwischen Nuys (Neüß) und Xanten zu suchen: S. Mehreres von dem Ort in dem Wörterbuche. p) Nämlich zu den Zeiten des Tacitus. q) Es ist dieses Fabeley, wie alles, was hier von dem Ulysses berichtet wird; Ulysses konnte noch wem« ger tief in's Land kommen, und eine Stadt erbauen. Aber was diese Römer und Griechei, (denn nur von einigen sagt es Tacitus) auf den Irrthum von dem Ulysses leitete, wird schwerlich ausgemacht werden. Vielleicht hörten sie von einem Helden oder Abem teuerer, dessen Name mit Ulixcs Aeimlichkcit hatte, vielleicht MehrereS, waS mit feinem Schicksal ver- Wandt war: vielleicht trug auch der Name Herth (Erde) oder ein anderes ahnliches Wort, das man guf dem Altar fand, dazu bey. Es war nun ein- mal, v ■ .= 3<8&fr<==— 4 27 ihm den Ncimen gegeben r). Ein Altar soll sogar, dem Ulixes geweiht, mit dem Namen.seines Vaters jaerteö 8), einst an eben dem Orte t) gefunden wor- den seyn: und noch itzt waren einige Denk-und Grab« mäler mit griechischen Inschriften u) an der Granzs von mal, so viel man aus Seneca's besagtem Briefe (88) sieht, die Frage, oder der Streit: ob Ulysses zwischen Italien und Sicilicn; oder ob er über die den Römern bekannte Welt weiter hinaus s» viele Gefährlichkeiten ausgestanden habe? r) In Handschriften steht zu Ende ein griechisches ganz uirlesbares Wort, das wahrscheinlich (Ulysses war ia ein Grieche) am Rande beygeschriedcn war, und in den Text aufgenommen wurde; wir brauchen aber, da der Sinn hier voll und gut ist, weder eine der verschiedenen Lesarten (denn das griechische Wort wird verschiedentlich gelesen), noch die Lücke, die Andere zum Zeichen eines fehlenden Worts ge« lassen haben. ,) Auf dem Altar stand auch, der Sage nach, der Na-- ,ue seines Vaters Laertcs, also (nach der Deutung unkundiger Dollinetscher) beyde Namen, des Ulixes, dem das Denkmal geweiht war, und des Laertcs. r) Nämlich z»> Aftiburg. u) Mit griechischen Aufschriften. Man verstand dieses« wieder Context lehrt, von der Sprache, nicht bloß von den Buchstaben: denn man erzahlt es, um die Nachricht von dem Ulixes zu stützen und zu bestärken. Aber die Leser des Tacitus können diese Worte , Denk- 28 &--===> gen von phönicischer Herkunft. Oder vielleicht sind (dieß ist noch wahrscheinlicher) die angeblichen Mo- numente celtische Alterthümer, und die Inschriften in celtischer Sprache (der Ursprache der Deutschen) verfaßt gewesen: wie leicht konnten da die Rö» mer, welche die Monumente fanden, und ihren Landsleuten davon erzählten, wegen der Aehnlich- seit der keltischen Schristzüge mit den griechischen, die L ..3 <^g>e=3»e 29 will w); ieder glaube, oder bezweifle, wie er's für gut findet. Viertes die Inschriften für griechische halte»/ und so weiter muthmaßen und schließen? v) Da, wo Deutschland und Ratien zusammengranzen, oder zwischen Deutschland und Ratien. vO TacttuS führte das, was er von dem UlysseS hier erzählte, nur als Meynung von einigen Römern an; cr selbst hielt seinen Beyfall zurück, da die Sache zweifelhaft war, und zur Wahrheit die Gründe fehlten. 30 S&gßfel Viertes Kapitel. Von der körperlichen Beschaffenheit der Deutschen. £V>cf) selbst bin für die Meynung a), daß die «\3 deutschen Volköstämme mit anderen Nationen durchaus nicht durch Heyrathen vermischt, ein eige. neö b), unverfälschtes c), und nur sich ähnliches Ge- schlecht c!) sind. Daher auch ihre LeibKbeschaffeu« heit e), der Volksmenge ungeachtet k), bey Al- len s) Vergl. den Anfang des zweyten Kapitels d. B. d) Ein originelles Volk, das sich ursprünglich durch' sich selbst fortpflanzte, und ohne Verbindung mit Andern sich in seinen Eigenschaften erhielt. c) Ein Volk, das nichts von andern Völkern und Sit- ten aufnahm, acht und rein blieb. ei) Ein Volk, das sich, wie Brüder und Schwestern, glich. e) Er meynt nicht nur die Gestalt, das Aussehen, auch die Festigkeit, Starke und Dauer des Körpers. f) Deutschland wäre also laut dieser Stelle (vergl. f.. 19, *) d. B.) sehr volkreich gewesen: es begriff auch sehr viele Völker in sich; nur von Einem Volke, den Swevei?, erzählt Easar (Gall. Kr. IV. 1.) daß eS iahrlich hun. dert lausend Mann in den Krieg stelle. Aber doch nur &«» =»&g$&c==-4 31 ten g) ebendieselbe ist: wilde h) und blaue Augen i); röthliche Haare k), grosse I), und zum Angriff so starke Kör. verhaltnißmcrßig kann die Volksmenge verstanden werden, so weit nämlich, und wo das Land bewohnt war; die Menge der Walder und des Wilds, der Seen und Sümpfe, erlaubte nicht überall den Auf» entbalt der Menschen. fc) Nicht von allen und jeden versteht eS unser Geschicht- schreiber; es gab auch Unterschiede und Ausnahmen. d) Worin das Schreckliche der Augen eiaentlich U* stand, hat uns Keiner von den Alten bemerkt. Eiiu« ge meynen, weil ihre Haare über die Stirn herein hiengen, und unter der Stirn die feurigen Augen hcrvorblitzten. i) Das Blaue der Augen hatten sie mit den mitten nachtlichen Völkern gemein; doch erzählen es bit Alten mehr von den Deutschen. Horaz nennt die Deutschen deßwegen ( nett unertaglich. Eben so wenig konnten sie die Hitze ertragen; sie hatten genug innere Warme, und waren an Kalte gewöhnt. x) Lange mit Eis und Schnee belastet, brachte das wal« dichte-Dcutschland im ganzen Jahr nur einige Monathe die nöthigen Früchte: wie konnte also der Deutsche immer genug Nahrung finden, da Wild (zahmes Vieh aß man wenig) in Ermangelung jener Früchte ihr Hauptnahrungsmittcl war, und auch dieses, zwar über' ■^fcfcg jjSjg* 35 Fünftes Kapitel. Von der Beschaffenheit des Landes und seinen Erzeugnissen. as Land ist zwar in der Art a) nicht wenig verschieden; aber im Ganzen schrecklich durch seine Walder b), scheußlich durch Süm« C 2 pfe überflüssig, (wie die Eicheln) aber oft erst mit bhxtv gem Kampf erlegt wurde? So gewölmte Boden (die Kargheit der Natur) und Clima (das rauhe, taU te), den Hunger zu ertragen. Tacitus braucht mit Vorbedacht das Wort, welches nicht die Begierde zu essen (denn diese hatte der Deutsche noch immer be- friedigen können), sondern die Enthaltung des EssenS ausdruckt: im Deutschen sagen wir freylich auch in diesem Fall Hunger, s) Es bezieht sich auf das, waS sogleich folgt: im (San* $cn genommen, b) Vergl. Kap. 2. d. B. Note n.). Ungeheure, fast f endlose Walder, hatte Deutschland, besonders in den inneren und südlichen Landschaften: ein Wald hieng fast an dem andern. Man denke sich nur den ein« jigen hercynischen Wald, (der Schwarzwald, Speß« hardt, Steigerwald, Thüringer - und Böhmerwald sind noch Reste), der, wie Cäsar (Galt. Krieg VI. 25.) und Meta (lll. Z.) berichten, (beiläufig) über neun Tag. z6 ^---^'S-M'--------» pfec): feuchter gegen Gallien cZ), trockner gegen Nöri« Tagreiftn breit, und sechzig lang war; und die Höhe und den Umfang der Baumc, besonders der Eichen: Plinius sagt (N. H. XVI. 2.) daß die Eichen daS ganze Land beschatteten; er meynt vornehmlich daS nördliche Deutschland. Sibirien giebt ein treffendes Bild von unserem Vaterland, wie es damals, und vor zwey tausend Jahren war, oder Canada vor zwey hundert Jahren — auch noch in seiner jetzigen Gestalt, ohngeachtet es mit den schönsten Ländern Frankreichs unter gleichem Grade der Breite liegt. Aber seitdem die ungeheuren Walder gelichtet, Süm- xfe ausgetrockitct, und das Land urbar gemacht wurden, wie ganz anders ist es itzt! TacituS wür- de Dentfchland nicht kennen. e) Vergl. Kap. 2. d. B. Noten, TacituS Hist. IV. 7?. Dessen Annal. t 63. — Pomp. Mela nennt Deutschland (III. Z.) wegen der vielen Sümpfe und Walder unwegsam, d. i., es sey nur mit Mühe und Um- schweifung zu bereisen; weiches auch Strabo (B.VII. zu Anfang) von dem Rbein bis zur Elbe behauptet: Wege und Stege hatte es ohnedem nicht, so wenig als die Flüsse bebrückt waren. Da Deutschland so voll dichter Walder (fast Ein Wald) war, welche die Wolken an sich zogen, und so häufige Nebel und Regengüsse verursachten; da grosse Ströme, wild, wie das Erdreich, nicht ihr bestimmtes Bett hatten: war es Wunder, daß es so abscheuliche Sümpfe und Moraste bedeckten? — d) Der Leser verfolge nur den Lauf des Äheins und seiner Arme (S. Wörterbuch), um sich die Feuchtig- seit *— ==>$<&S>c=»-4 0 Noricnm und Pannonien s). Es liefert Getraide k) ; C Z ver. keit gegen Gallien zu erklären: ic starker die Flüsse durch Zuströmungen werden; desto öfter werden die Gegenden überschwemmt. So erzahlt Plinius (3?„ H. XVI. i.) von den Chaucern, die zwischen der EmL und der Elbe wohnten: „das Meer überschwemmt täglich ihre Gegenden zweymal, so sehr, daß man nicht weiß, ob man sie für Land oder See halten soll e) Lustiger, trockner gegen die Alpen und Karpathen zu; weil die Gegenden bergichter Waren. O Ist fruchtbar, ergiebig an Feldfrüchten, als Gerste, auch wohl an Korn und Waizen (Kap. 23. d. B.) zu ihrem Bier, und Hafer (Plin. R. H. XVIII. 44.) zum Brey oder Muß. Ob die Deutschen schon Brodt, und ob sie Hopfen hatten? (grobes Brodt oder Pum- pcrnickcl vielleicht bey Einigen) laßt sich nicht hestim« - men. Für ihren Gebrauch baueten sie Gctraide ge- nug; denn es wurde keines ausgeführt: und hatten sie den Boden flcissigcr bearbeiten wollen; er würde im Uebcrfluß Fcldfrüchtc getragen haben. Aber von Garten- und Gcmüßbau wußten sie nichts: Kräuter tiiw Wurzeln hatten sie, die sie aber nicht zu achten schienen, bis sie von den Römern ihren Genuß lern» ten, als Rcttige in der Grösse eines kleinen KindeS. (Plin. N. H. XIX. 26.) Zuckerwurzeln, oder gelbe Rüben, (Ebcnd. XIX. ?8.) wilden Spargel. (Cbend, (• 42.) 38 *-~===<»igje><=====-4 vertragt keine Fruchtbaume g): Zuchtvieh im Ueber- fluß h), abet meistens klein i); selbst an den Rinvem vermißt man das Ansehen k), und die Pracht der Stirn 1)» Sie g) Ist unfähig, Fruchtbaume (zahme oder gepflanzte Obstbaumc) zu tragen, (wie in Italien), weil daS Cliiila (doch nicht überall gleich) rauh und kalt tvcic Es ist zu vermuthen, daß die Rönier auf deutschem Grund und Boden versucht haben, ihre Fruchtba'm me (Feigen, Oliven, Citronen u. s. w.) zu pflanzen; da aber die Versuche mißlangen, schrieben sie es der Unfruchtbarkeit des Landes zu. Hatten die Deut« scheu sich bemüht, ihre wilden Baumfrüchte durch Kunst zu veredeln , zahmes £>bft zu ziehen ; das Erdreich würde durch den gehörigen Anbau die besten? Früchte hervorgebracht haben, so wie der edle Borsdor« ser, eine deutsche wilde Frucht, durch Cultur entstand, Sie begnügten sich aber mit ihren wilden Erd < und Baumfrüchten (Kap. 23, d. B.), mit ihren Eicheln,. Holzäpfeln und Holzbirnen^ Mispeln, Schlehen u. s. f.. Wegen des Mangels zahmer Obstbaume und des Weinbaus kannten die Deutschen auch keinen Herbst» und hatten (Kap, 26, d, B.) keinen Namen für den« selben. b) Wegen des UeberflusseS und der Güte des Futters; der Graswnchs auf den deutschen Weiden (Plin» N. H. XVII. 4.) war berühmt; man trieb nach dem Claudianus, in seinem Lobgedichte auf den Stilieo ( t V. 224.) dahin aus Gallien über den Rhein das Vieh. 8 ' ; -i <#$g> er' . | Z? Sie sind nur iiebhaber der Menge m); und das ist ihr einziger, liebster Reichthum n). Silber und Gold versagte ihnen der Himmel; auö Huld, oder in Ungnade? ent. C 4 schei. i) Eben so nennt Cäsar (Gall.Kr. IV. 2.) das Zugvich klein und ungestaltet: desto grösser und wilder wa- ren die Thiere in den Waldern. 10 Haben ihre Güte nicht; sind nicht fett, nicht schön: nur von dem Hornvieh ist hier die Rede, nicht von den Pferden, die man bloß zum Krieg brauchte, und mehrentheils wild waren; wiewohl es auch von den Pferden gilt, (Kap. 6. d. B.) daß sie nicht gut auö- sahen. >) Er meynt die Hörner, die gegen die Hörner der Rin- der in Italien auch klein waren; ohne Hörner warm sie aber nicht, wie man es etwa hier auslegen könnte. m) Hier von den Deutschen überhaupt, was Cäsar (Galt. Kr. VI. Z5.) von den Eburoncn, einem damals berühmten deutschen Volke, erzahlt. n) Daher sie ihren Fürsten und Heerführern (K.15. d.B.) Vieh (und Feldfrüchte) zum Geschenke brachten. DaS Vieh halte bey ihnen den Werth, wie Gold und Silber als Geld bey anderen Völkern; daher auch Verbrechen oder Vergebungen durch Entrich- tung einer gewissen Zahl an Vu!> nach Verhältniß der That (Kap. 12. und 21. d. B.) gebüßt wurden. 4° scheide ich nicht o). Doch will ich nicht behaupten, daß Deutschlands Bergadern kein Gold und Silber zeugen p}: denn ©) Eine gedankenschwere und fruchtbare Stelle. Wohb chatige, aber auch schädliche Wi>-kuiigen hat von ieher das Geld (in dem Sinn ist hier Gold und Silber zu nehmen), und sein Gebrauch hervorgebracht. Bey scharfem Blick und tiefer Einsicht in die Folgen des* selben, konnte der philofophisthe Geschichtschreiber^ der nicht bloß sagen rv'lt, daß Me Deutsche»? kein Gold und Silber bärtcn indem er den %w stand des verfeinerten Roins und der rohen uncul-- tivirten Deutschem vergleicht, nicht anders urtheilen : „ich weiß nicht, ob die Deutschen zu ihrem Glück »der Unglück kein Gold und Silber haben." Ee wollte seine üppigen und schwelgerischen Landslcute hier aufmerksam machen, und ihnen durch den Con-> traft eine feine Lection geben. S. Deutsch. Merkuv sechsten Bandes erstes Stück, S. y6—106. Z>) Er besorgt Mißvcrstandniß von Seiten des Lesers, und giebt deswegen zu verstehen, daß er von Gold und Silber als Geld, oder dem Gebrauch des Gel- des rede: „daß in Deutschland keine Gold und Sib derminen sind getraue ich mir nicht zu behaupten; ich bezweifle es auch nicht." Und in der That ist Deutschland sehr reich an solchen edlen Metallen; besonders an Silber auf dem Harz, dem Erzgebirge, in Böhmcn, Wirtembcrg , Hessen u. s.w. ; an Gold auf dem Harz, in Böhmen, Mahren, Tyrol, Salz- bürg «. s. w. Wch in Bäche« M Flüssen findet man i ..... ■ ^ <&t&&<=— « 4? denn wer hat nachgegraben q) ? Besch und Gebrauch rührt sie nicht in gleicher Maße r): Silbergeschirre, womit ihre Gesandten oder Fürsien *) beschenkt wur- C 5 den, man Gold, z. C. im Rhein, von seiner Quelle bis Dordrecht, vorzüglich bey GermeröKeiin und Selj, in der Donau bey RegcnSburg, in der Elbe bey Torgau und Dresden, Der Deutsche hatte kein Verlangen nach Gold und Silber; er durchsuchte also auch nicht die Eingeweide der Erde. Tacitus erzählt zwar in seinen AnnalcK (XI. 20.), daß Curtiu« Rufus (ein Römischer Feld- Herr) im Gebiete der Matriakcr (eines Cattischci? Stamms) unten am Rhein, d.i. in der Weltcrau Silbergrnben entdeckt habe, und daselbst arbeiten ließaber er schrieb seine Annalen erst nachher: auch hörte man bald auf, wegen der geringen Ausbeute, schweren Arbeit und Ungeduld der Soldaten weiter zu graben. Ob gleichwohl nicht in dem ausgebreiteten Deutschland, das so viele Völker in sich faßte, ausser jenen vorhin gedachten, noch manche Gold- oder Gilberadcrn entdeckt, und wo sie zuerst eröffne« wurden? wird bey der so dunklen Bergwerksgeschichte der ältesten Zeiten schwerlich aufgeklart werden, i) Sie sehen mehr auf den Gebrauch, als auf den Besitz; daher ists ihnen gleich w\, ob ihre Gefaßs silbern, oder irden sind. *) Von ihren Fürsten, die nicht das waren, was uttsexs Fürsten sind, S. Kap. 7 und 12 d. B, 42 *— <==x9$«^x===»-* den, brauchen sie wie irdene Gefäße 8). Doch schätzen unsere Granznachbarn t), Handels und Wandels we- gen **), das Gold und Silber; kennen von unserem Geld u) einige Münzen v), und lesen sie aus: aber die tiefer s) Sie hatten also bey ihnen auch keinen höheren Werth. t) An dem Rhein und der Donau; die Deutschen auf der Römischen Gränze: bey diesen hatte schon durch die Bekanntschaft und Verbindung mit den Römern die Cultur aufzukeimen angefangen. **) Im i?ten Kapitel d. B. heißt es: „Sie tragen auch Thierfelle, die Uferbervohner (am Rhein und an der Donau) nachlassig, die tiefer im Stande aber auserlesener, weil ihnen der Handel fehlt, und sie von keinem andern Staat wissen." In dieser Stelle liegt also deutlich (zwar nicht ausdrücklich), daß die deutschen Völker an der römischen Gränze, Handel und Wandel hatten. Und im 2zsten Kapitel d. B. „die Uferbervybner kaufen auch Wein." Mcrkwür- dig ist, was Tacitus (im 4isten Kapitel d. B.) noch von den Hermundurern, den Freunden der Römer sagt: daß sie nickt bloß am Ufer, sondern auch mitten im Lande, bis nach Augöburg, mit den Rö- mern frey handelten. u) d. i. Römischem Geld. v) Geldssrten. S. i5tes Kapitel d. B. am Ende: „Schon haben wu- (Römer) sie (die Deutschen) auch Geld anzunehmen gelehrt." w) Die mehr in der Mitte von dem Rhein entfernt, oder im innern Und«, wohnten: denn am Rhein hin der > i „ ^, «sH6x--------H 43 im lande w), üben den Waarentausch x) nach einfäl- tiger und alter Sitte. Für gutes Geld halten sie alte und lang bekannte Münzen, die Serraten y) und Bi- ' gateil der Lange nach hatten die Deutschtil in einer grosse» Strecke die Römer zu Nachbarn. x) Den Tauschhandel. Der Geschichtschreiber wollte ge- wiß die Granznachbarn der Römer von dem Tausche Handel hier nicht ausschliessen, die ihn ia doch als uncultivirte Völker, am wenigsten unter sich, nicht entbehren konnten: er sagt nur, daß die von der Römischen Gränze entleg'neren Deutschen, bloß den Tauschhandel trieben, und Zwar (in Rücksicht der übrigen Deutschen, bey denen schon einiger LuruS war.) nach der einfaltigeren und alteren Sitte. y) Nicht von der eingeprägten Sage, oder einer Sage (Serra) ahnlichen Figur, haben die Serraten ihren Namen: denn nirgends liest man davon, und noch weniger hat man unter der grossen Menge Römischer Münzen ie eine von der Art auffinden können; son- dem wahrscheinlich von den Einschnitten am Rande, da wir noch eingekerbte oder (gezahnte) gerändelte Münzen übrig haben. In des seel, Longolius Ab« Handlung über die Serraten des Tacitns (S. d. Ge- schichtforsch, zten Theil) wird dageg-n eine ihm ganz eigene Meynung am Ende vorgetragen, daß nämlich die Serraten ihren Namen daher gehabt hatten, daß sie zur Probe der Aechtheit oder Verhütung des Be^ trugs von den Deutschen mit einer Feile ausgehöhlt gewesen waren. Aber zu geschwcigen, oh auch die Deut- 44 j 1 -a ^gx=a— 4 gaten z). Auch suchen sie mehr Silber, als Gold; nicht Deutschen Spitzfeilen hatten, konnten denn solche Münzen, wenn sie von den Deutschen angefeilt und durchgefeilt wurden, und, wenn sie nun acht erkannt, von ihrem Gewichte verloren hatten, von den Deutschen , und hernach von den Römern, für voll anges nommen werden 1 Zudem nennt Tacitus die Scrra- ten und Bigaten Römisches, und von den Deutschen gekanntes Geld; also waren diese Münzen schon da, und wurden nicht erst von den Deutschen zu Serra^ ten gemacht. Und würde Tacitus es so verschwiegen haben, wenn die Deutschen die Münzen beftilt hat., ten? Die Münze, welche Longolius als eine solche, wie er mcynte, in der angef. Abh. S. 202. in Kupfer gestochen darstellt, ist keineswegs abgefeilt, sondern eine gefütterte, und in der Erde von dem Rost oder mit einem Wammö h), mehrere derselben uner» meßlich groß zur Bedeckung dcS Mannes; aus Weiden (An- ttas. II. 14.) geflochten, oder aus dünnen bemahlten Brettern zusammengesetzt. f) Bogen und Pfeile hatten die Deutschen nicht; abct am Feuer gehärtete Stöcke (S. Tacit. Attnal. V. 14.) oder kurze Wurfspiesse: in Tac. Histor. V. 17 , liest man, es sey damals mit Steinen und dergleichen Geschütze mehr, das Treffen angefangen worden. g) Nicht ganz, nur grossenthcils, nämlich Brust, Schuft lern und Arme, S. Cäsars Gall. Kr. Vh 21. Kap. 17* d» B. Scneca vom Zorn 1.11. Clüver behauptet/ daß sie auch die Theile des Körpers entblößt gelassen, »velche die Natur zu bedecken gebietet; aber gewiß hatten die Geschichtschreiber diese widernatürliche Sitte gerügt oder bemerkt: auch widerspricht sie der Zucht und Ehrbarkeit unserer Vater. S. CleffelS Gcrm. Antiquit. S. 122 —127. h) S. Kap. 17. d. B> Clüver (Germ. I. 16.) beweist aus einigen Schriftstellern/ daß sie wollenes Zeug, aus vier Stücken zusammengesetzt, und von aussen zottig gewesen sey, und daß man auch ein leinenes Gewand von der Art im Sommer getragen: diese allgemeine und leichte Tracht der Deutschen war (abee vermuthlich nicht ganz dieselbe) noch im achten Jahr, hundert Mode, wie auch Eginhart im Leben Karls des Grossen (Kap. 2z.) erzahlt, daß der Kaiser dieß Kleidungsstück bey Feyerlichketten mit eiiter güldenen Spange zusammengezogen habe. meßlich weit. Sie halten nichts auf Staat i): nur die Schilde bezeichnen sie k) mit ausgesuchten Farben I). We. i) Nichts auf Waffenprunk. Von der Reuterey der Cimbver erzahlt zwar Plutarch im Leben des MariuS S. 420. des l. Tb. der Wechel. Ausg. daß ihre Helme mit wilden Figuren und fliegenden Federbüschen, ihre eiserne Panzer, ihre weissen Schilde, (von Blech oder überstrichen), und übrigen Waffen, alles ein prach- tiges Ansehen gegeben hatten; aber ohne Zweifel hatte diese noch rohe Nation Waffengerathe und Reichthümer auf ihren weiten Rauber- und Feld- zügen von dem Cimbrischen Chersones bis an die Alpen erbeutet, da sich nichts der Macht dieses barbarischen Kriegsvolks widersetzte. Wir lesen auch beym Polybius (II. 29.) von dem Kriegsprunk der Galler. k) Ihr einziger Staat besteht in den gemahlten Schil-- den, deren Farben nach dem Zschackwitz (S. seine Heraldik S. Zoo. f.) schwarz, grün, blau und roch gewesen seyn sollen. Diese Schildcrmahlerey mag Veranlassung zu den Wappen gegeben haben, oder nebst den Helmen der erste Ursprung selbst von den Wappen seyn. Der Anfang des WappenwesenS ist «uch eigentlich in Deutschland zu suchen. 1) Die manchfaltigen Farben waren vermutblich Unter, scheidungszeichen im Kriege und in den Schlachten: vielleicht waren die Völkerschaften, Cantons und Heineren Districte, auch wohl zusammengehörende D Fami, Wenige haben Panzer w), und kaum Einer uiid der Andere einen Helm, oder Sturmhaube n). Ihre Pferde nehmen sich weder in der Gestalt 0), noch Schnelligkeit p) aus; sie werden aber auch nicht, wie bey unö, zugeritten^). Man reitet gerade aus, oder mit Familien, characterisirt: vielleicht gar die Schilde schon mit Thierbildern und andern Figuren bemahlt. w) Vielleicht nur die Anführer und einige Edlen. *,) Helme von Metall, (nach dem Istdorus XVIII. 14» von Blech); Slurmhauden von Leder. Nur hier und da Einer einen Helm, oder Sturmhaube: denn sie stritten, nach dem Zeugniß des Herodianus und Dio Cassius, mit blossen Häuptern, oder sie hatten Tbierbaute von Löwen, Baren, Büffelochscn u. s. w. W offenem Rachen, Hörnern u. s. w. über den Kvpf hereingezogen. ö) S. im 5ten Kapit. d. B. Not.!). Cäsars übereim stimmendes Zeugniß von den einheimischen Pferden; auch wurden ihre Pferde nicht gesattelt, welches bey ihnen eine sehr grosse Schande und Feigherzigkcit war: nach eben demselben (Cäsar) Gall. Kr. IV. 2. tz) Dieß sieht man auch daraus, daß die Fußganger, Mit ihren Händen um die Mahnen gewunden, so geschwind, als die Pferde selbst, liefen, auch ihnen wohl vorlaufen konnten. Sie werden nicht abgerichtet, verschiedene Wendun- gen zu machen, nicht schulgerecht gemacht; daher sie auch nicht so gelenkt, nicht so dressirt werden konn- ten. $~~*==»&$&c===!s~-q 51 mit Einer Wendung rechts in einem fb geschsossenen Kreis, daß Keiner zuletzt ist. Im Ganzen zu urthei. lsn, besteht ihre vorzügliche M-^-cht im Fußvolke r): mit demselben streiten sie vermischt s), bey der zum Reutergefechte wohl zuftminentressenden Hurtigkeit der Fußgänger t), die sie, erlesen aus der ganzen Iu- gcnd u), an die Spitze des Heers stellen. Auch ist die D 2 Zahl teil. Mrgil zeigt in s. Bnche vom Landbau III. V. igiii f. wie die Pferde abgerichtet wurden, oder ab«- gerichtet werden müssen. t) Das Fußvolk ist das Hauptheer, der Kern der Armee. s) Wie die Reutcrey^ mit dem Fußvolk vereinigt, stritt, S. Cäsars Gall. Kr. I. 48. Hier ist der beste Com- nnMar, wie Anton sagt, über dicse Stelle: der Renter sprang auch öfters vom Pferde, das gewohnt 'war, indessen nicht von der Stelle zu geben, und er ■stritt, gleich unser» Dragonern , zu Fusse. S. Ebend. IV. z. i) So viel Fußganger, als Reuter; und jeder schloß sich an seinen Mann in dem Treffen: im Fall deS WeichenS zogen sich diese zu tenen zurück, oder bey scharfem Gefechte eilten sie herbey. Fiel ein Reu« . B.) ausgenommen, unter sich nichts;. doch liest man auch beym Cäsar (Gall. Kr. I §2.) von einem Phalanx, den sie nach ihrer Gewohnheit schlössen, und sich dadurch gegen die Hiebe und Stiche der Feinde, vermöge ihrer Schilde, deckten. l Platze weichen, wenn man nur wieder angreist, wird bey ihnen mehr für Klugheit *), als, Furchtsamkeit, ge- Halte». Ihre Todten z) tragen sie sort a), auch wenn das Treffen nur zweifelhaft ist. Das Schild in, Stiche lassen, ist die größte Schande b). So ein Ehrloser darf weder bey dem Gottesdienst c), noch in den Volks- Versammlungen d), erscheinen e). Und viel Ueherblie. bcne k) haben ihre Schmach mit dem Strang geendigt. ^«^gi^x-Kj. Sie« *) Kriegslist. z) Oder eigentlich die Leichname der Ihrigen: dem» sie standen in der Bataille nach Familien und Flecken. ») Wie noch heut zu Tage die Türken und Tatarin b) Wer sein Schild verlor, konnte sich nicht mehr htt decken und vertheidigen: daher die Schmach. Auch bey andern Völkern, z. E. bey den Grieche», und vornehmlich bey den Lacedamonicrii, war es Schai» de > bey den Deutschen aber die größte. c) S. von dem Gottesdienst Kap. 9. und 10. d. B. d) Von den Volksversammlungen S. Kap. 11. 12. und 13. d. B. Die deutschen Völker hatten unter sich ein kriegerisches Gemeinwesen. t) Es war eine Art von Excommunication, oder Bann; aber es wird hier nicht gesagt, daß dieses in der Gewalt der Priester gestanden habe. S. in dem 7ten, l iten und i2ten Kap.d. B- von der Macht der Priester, wie auch des Volks und ihrer Haupter. f) Die auf diese Weise ihr Leben aus dem Treffen da* von brachten; vergt. Kap. 14. d. B. zu Anfang. ^WB' jSi-LZps-t 55 Siebentes Kapitel. Von den Hauptern der Volksstamme, und von den Heerführern und Priestern. ey der Wahl ihrer Haupter a) sehen sie auf edle Abkunft b); bey ihren Heerführern c) auf Ta- pferkeit *). Auch haben die Häupter keine unumfchränk« D 4 te z) Tacitus bediente sich des Ausdrucks: der Könige; der aber in der römischen Sprache, am wenigsten hier, nicht allemal königliche Maiestat und Gewalt bezeichnet. Könige und Fürsten, nach unserem Be< griffe, hatten die deutschen Völker nicht, wenn wir von der grossen Menge einige wenige Stamme, (S. Kap. 25. und 43., vcrgl. Kap. 44. und die Anmerkt.), und auch diese mit Einschränkung, ausnehmen: ihre ganze Verfassung, alle ihre Handlungen, Sitten und Anstalten athmeten Freyheit, die sie über alleS lieb- (en; sie hatten kaum Begriffe von Oberherrn und Unterthan, von Staat und Bürger. Man nennt also nur sehr uneigentlich und mißbräuchlich ihre Haupter (S. von ihnen das nfc und i2te Kapitel d. B.), Könige und Fürsten. Fulda sagt in seiner Prcisschrift über die deutschen Hauptdi»iccce: „Ihre Könige sind theils nur der hohe Adel, theils ein Roüttschcs Verderb. Ariyvift's 1\i CT, o te und freye Macht cZ); und die Heerführer sind es mehr Hause, Jtalus, Chariomer — mußten ihre Gewalt; Marbod und Vaiuüuö ihre Castellc theuer bezahlen." d) Man wählte sie aus den Edlen der Nation, d. i., aus Nachkömmlingen, oder Familien, deren Vorsah, ren sich Verdienste erworben , und hervorgethan hatten. Der Adel war, wie sich Gebauer ausdrückt, die Pflanzschule der Könige und Fürsten. c) Hder wie sie bald den Namen führten, Herzoge (Hecrzoge), weil sie (eine nunmehr veraltete Bedeu« tung dieses Worts), vor dem Heere herzogen. *) Denn Tapferkeit war die größte Tugend bey dieser kriegerischen Nation, und der hervorstechendste Zug in ihrem Character. Meistenteils aber bekleideten; die Volkshaupter, oder Könige, auch die höchste Würde eines Heerführers, wie z. E. die berühmten Herzoge Teutoboch, König der Teutonen, (FloruS III, z.), Ariovist (Cäsar Gall. Kr. I, zi. und Z5.), König der Germancr (eigentlich der Sweven), und andere mehr, Könige oder Fürsten gewisser Völker, genennt werden, ö) Cäsar sagt (Gall. Kr. VI. 23.) von den Deutschen: Zur Zeit des Friedens haben sie keine gemeinschaft- liche Obrigkeit, sondern die Haupter der Völkerschaf- «n und Gauen sind ihre Richter, und schlichten die Gtreithandel; vergl. Kap. 11. und 12, d. B. Der König (oder Fürst) der Eburoner, Ambiorix, giebt das beste Zeugniß von der Macht eines deutschen Königs, wenn er spricht, seine Nation hcht ihn zum %w. I i '^K S& frr J 57 mehr durch Beyspiel, als Commando e), wenn sie wacker sind, sich auszeichnen; streiten sie an der Spitze, so folgt man ihnen »or Bewunderung. Uebrigens darf D 5 ' Nie. Angriff genöthiget; denn seine Herrschaft sey von dee Beschaffenkeit, daß die Nation nicht geringere Ge^ walt über ihn, als er über sie, habe, e) Beym Cäsar (Gall. Kr. VI. 2z.) lesen wir freylich, daß die Gewalt der Heerführer sich sogsr über Le- ben und Tod erstreckt habe; aber unser Geschicht« schrcibcr, der andere Nachrichten liefern konnte, be* schrankt auch diese Macht sehr, und mit Recht, nach der Freyheit und Unabhängigkeit, in welcher die Deutschen lebten, ohne jedoch der Würde zu verge- den: mehr durch vorleuchtendes Beyspiel wurden die tapferen Deutschen zur Nacheiferung gereizt, und folgten. Dielleicht hatte es Cäsar von dem Arioviff abgenommen, von dem die Gallcr (Cäsar Gall. Kr, I. Zi.) aussagen, er sey ein grausamer Despot. Vom Cäsar kann man überhaupt die historische Ge» nauigkcit in deutschen Sachen nicht erwarten, wie von dein Tacitus, S. die Einleitung. Vielleicht wollte aber auch Cäsar nur sagen, daß der Heer- führer, als das Haupt im Kriege, so lange er dauert, die Macht habe, Recht zu sprechen, und die Strafen nach dem Verhältniß der Schuld zu be« stimmen: bey kriegerischen Unternehmungen war iq selbst ein gewisser Zwang zuweilen nothwendig, der gar wohl, wie eine gewisse Strenge und einige Um -Mordnung, mit der Freyheit bestehen konnte- Niemand, als nur der Priesters), (peinlich) strafen g), und in Banden legen h) nicht einmal schlagen;, und nicht f) Nach dieser Stelle, und dem loten, ntcn und 4Osten Kap. d. B. (vcrgl. Tacit. Annal. I. 56.) ist kein Zwei« sei, daß die Deutschen Priester Hatten; aber ob sie einen eigenen abgeänderten Stand oder Orden aus- machten, wird uns nichr berichtet. Wabrjchcinlich nicht; nach dem zu urtheilen, was uns Tacitus von ihnci? erzählt, da es sich so wenig mit dem Charakter und den Sitten der Deutschen, als mit dem Gottes- dienst selbst, und mit der Freyheit vertragen konnte. Noch weniger gab es schon damals Druiden bey den Deutschen, d. i. keine Priester, wie die Gallischen, auch nicht dem Namen nach. Wir halten uns an den Cäsar, der (Galt. Kr. VI. 21,) ausdrücklich sagt, daß die Germaner keine Druiden gehabt halsen, und an den Tacitus, der sie doch genannt haben würde, und dessen Priester mit Cäsars Druiden in einigen Stücken (S. Herrn I). Morus Anmcrk. in s. Ausga- bc des Cäsars G. Kr. Vi. c. 21, ®. 210. f.) sogar im Widerspruch stehen. Mögen also immer in Deutsch- land viele Spuren und Ueberbleibscl von den Drui- den, und zwar in Hainen, Waldern und auf Bergen, anzutreffen sci)n; so sind sie doch wohl aus spatern Zeiten, aber auch nicht so neu, als sie Schurzfieisch macht, oder muthmaßt, der die Aufnahme der Drui» den in Deutschland in die Zeiten des Königs Chlodo^ wig setzt. S. Wörterb. Von der Lcbcnsstrafe, oder doch von dieser Haupt- sächlich, scheint nach dem Context, vergl. mit Kap. 12., *-===k#$S><====--* 59 nicht, um zu ahnden i), nicht auf Geheiß des Heer« führers *), sondern gleichsam auf Befehl der Gott- heit ii. t Kap. 19. und 21. d. B. hier die Rede ju seyn; die TodeSart war aber verschieden. h) Laut dieser, und anderen Nachrichten, haben die Priester ihres Ansehens wegen, vcrg!. Kap. d.B. die Strafgeroait, welche in ihren Handen war, wohl selbst ausgeübt, nicht etwa, wie man meynen möchte, (hier ist von Krieg die Rede) die Strafen zuerkannt, oder das Urtheil gesprochen. Noch spat müssen sie die Vollzieher der Todesstrafen gewesen seyn, weil wir davon Spuren in einem alten Liede übrig haben, wo ein Sächsischer Konigssohn klagt, daß er int Pricfterhanden eines elenden Todes sterben müsse. In des Hrn. Rcctors Hummel Coinpend. deutscher Altertbümer S. 163. ist ein Stück von diesem Liede angeführt. Es ist so lang nicht, daß in Deutschland vornehme Personen noch die Vollstrecker der Todes-- urtheile waren, wie z. E. hier und da der jüngste Rathsberr das scharfrtchterliche Werk verrichtete; daher die Benennung Richter und Nachrichter. — Man litt die öffentlichen Bestrafungen von den Prie« stcrn aus Gehorsam gegen die Gottheit um so gc« duldiger , weil man sie für Diener derselben, und für Vollzieher ihrer Befehle hielt. i) Nicht als Racher des Bösen, nicht aus eigener Macht. *) welches für die priesterlichc Würde entehrend gewe- stn wäre. 6? v ~jffi<=~-4 heit **), die nach ihrer Meynung im Krieg zugegen ist**'): wie sie denn gewisse sinnbildliche Gestalten k) aus den Hainen mit ins Treffen nahmen *). Ein besonderer Antrieb zur Tapferkeit ist, daß ihre Schwadro- nen **) Gleichsam im Namen der gegenwärtigen Gottheit; man stand in dem Wahn, die Gottheit habe es so verhangt-, ***) Siehe von der Gottheit Kap. 9. d. B. Not. a) und d); im Zysten Kapitel heißt es, daß sie über Alles herrsche, daß ihr Alles unterworfen sey. ii)'Die Deutschen hatten (S eben das.) keine Götzenbild der, die man etwa hier verstehen könnte, auch keine Fahnen oder Standarten; sondern Hecr^eichen, die Thiere vorstellten, Thicrbildnisse, die auch Symbol« der Götter waren, und deren Anblick ihren Muth entflammte. S. Tacit. Histoc. IV. 22., wo aus- drücklich erzahlt wird , daß die Deutschen Thierbilder aus Wäldern und Hainen gebohlt, gehabt hatten, mit welchen jedes Volk nach seiner Art in die Schlacht gicnge; und Kap. 45. d. B. wo von den Aestyern es heißt, daß sie die Bildnisse wilder Schweine als Symbole bey sich geführet haben, 1) Nur das Fußvolk wurde keilförmig gestellt, die Reu- terey war willkürlicher. *) In den geweihten Hainen waren solche, als Heilig- thümer, aufbewahrt; und gewiß hatten die Priester das in den Augen der Nation heilige Recht allein, fie zu bewahren, herc-orzuhohlen, und zu tragen; als nen, oder Keilhaufen 1) nicht durch Zufall, oder ohn. gefahren Zusam:nen!auf, sykldern aus Familien und Verwandtfchasten m), entstehen. Ihre Liebcöpfander n) sind ihnen fo nahe, daß sie das Heulen der Weiber, und Schreyen als Zeichen der dem Kriege beywohnenden Gottheit dienten sie zur Anfturung der Streuer. w) So stritten auch die Griechen beym Homer (Jlias II V. 362. f.) nach den Stammen und Geschlechtern, wie man überhaupt in alten Zeiten das Volk in Stamme und Geschlechter eintheilte. Durch diese Anordnung oder Stellung, wie sie Tacitus bemerkt (S. voriges Kap. Not. y 1, daß nämlich Dater und Söhne, Blutsfrcunde und Nachbarn neben einander gestellt waren, daß Familien, Verwandte und Fle- cken zusammen hielten, wurde der Muth der Stret» tenden angefeuert, und ihre Tapferkeit vermehrt. Man denke sich dazu die mächtige Freyhcitslicbe der Deutschen, und die Nothwendigkeit, sich, und die Ihrigen, im Kriege selbst zu unterhalten. ■ n) Die Ihrigen, Weiber, Kinder (auch Aeltern>, wel« che mit in den Krieg zogen; die Weiber nahmen muthig den innigsten und thätigsten Antheil an den Gefahren und Mühseligkeiten ibree Männer, wozu sie sich bey ihren Chebündnisscn (Kap. 18. d. B.) ver- pflichtet hatten. 61 ===-$ Schreyen der Rinbev hören o). An diesen hat Jeder die heiligsten Zeugen, die wichtigsten jvbpreiser p)„ Bor ihre Mütter und Weiber q) bringen sie die Wun. den; und diese scheuen sich nicht, sie zu zahlen, und aus- o) Cäsars 5istcs Kap. im I. B. Gatt. Kr. erläutert diese Stelle: die G<9^x==-« 65 die zu Geissesn auch edle Mädchen geben muffen 6), zur Treue starker verpflichtet werde». Sie meynen so* gar, daß in ihnen etwas Göttliches und Prophetisches wohne e) s daher sie auf ihre Rathschlage sehr viel hal» ten, d) Auch die Griechen und Römer haben Frauenzimmer als Griffeln gegeben; ein merkwürdiges Beyspiel ist die Clölia, welche die Rönier unter andern Mädchen dem Kömg Porsena lieferten. Beym Sueton (in August Kap. 20.) lesen wir: der Kaiser habe die ab« gekommene Sitte wieder eingeführt, weil er merkte^ baß man in der Auslösung der männlichen Geisscln saumselig war; diese Stelle verbreitet über die unsere Licht. Man hat also in die Bürgschaft der weibli« chen Geisscln mehr Vertrauen gesetzt. e) Ob eine Tradition dazu Anlaß gab; wer will es be, weisen? Eine alte Gewohnheit war es freylich bey den Deutschen, die meisten Weibspersonen (S. Ta- ledü g) gehabt h) , die lang vorher bey sehr vielen wie eine Göttin i) angesehen wurde. Aber auch vor Zeiten E 2 ver- «ach Italien zu Hülfe geben ließ: es waren beym Heer Alemannische Wahrsagerinnen, welche die Zeit der Schlacht vorschrieben / und deren Erfolg vorher- verkündigten." g) Diese Jungfrau, sagt Tacitus (Hist. IV. 6t,), herrsch, te ivett und breit, d.i. nicht nur die Bructerer, ihre Landsleute, auch andere Völkerschaften, frag« ten sie in ihren Angelegenheiten um Rath, und unter-» warfen sich ihren Aussprüchcn. Ihr Ansehen stieg damals vorzüglich, als Civ' .is (der Römische Name des edlen Deutschen) gegen die Römer die Waffen ergriffen, und sie den Deutschen Glück, den Römischen Legionen aber den Untergang prophezeiht hatte. Man wurde auch (Kap. 65. das.) nicht persönlich vorgelassen ; sondern Anfragen und Antworten gescha, hen von einem hohen Thurme, auf welchem sie wohn- te,. durch Mittelspersonen. Sie wurde endlich tius Walder Erstes Buch IV. v. 90. f.) gefangen ge- ttommen und im Triumph aufgeführt. Dieser Vele, da folgte, der Zeit und dem Ruft nach, die Ganna der Marcomannen. h) Dder sagt Tacitus: Wir (Römer) Haben sie keinen gelernt, mit unseren Augen gesehen / als sie im Triumph aufgeführt wurde? i) Als Orakel, oder als Prophetin, die mit der Gott« heit Umgang pflege, unter ihren Einflüssen weissage. verehrte man eine Aurinia k), und andere mehr; nicht aus Schmeicheley; nicht daß man sie zu Göttinnen gemacht hatte!). ^ — Neun- K) Von dieser weisen Frau habo» wir weiter keine Nach, richt: Sie mag (wenn nicht etwa Aurinia oder Al- einia nur ein gemeinschaftlicher Name war, und Ta« citus ihn mit eincnl eigenthümlichen verwechselt hat) zuerst ausschliessungSweise ihrer Klugheit und Pro« xhezeihungen wegen, den Namen Alrune geführt haben, der nachher allen Magischen Weibern oder Wahrsagerinnen beygelegt wurde, wie Jornandcs im.24st«n Kap. seiner Gcttischen Geschichte (S. 64z. Grottus Ausg.) gedenkt, daß weise Frauen bey den Gothen in ihrer Sprache Aliorumnen (Alrunen) gcheissen hatten. 1) Nicht auS Vergötterung, sondern sie hielten wirklich (vergl. Tacit. Hist. IV. 61.) verschiedene prophetische Weiber für Göttinnen; doch nicht, als ob man sie angebetet hatte: selbst von der Veleda behauptet er nur, daß man ihr inehr, als menschliche Ehre, ers wiesen habe, ihren Aussprüchen, als Orakeln der Gottheit, gefolgt wäre. 69 Neuntes Kapitel. Von der Verehrung der Götter. htev den Göttern verehren sie besonders den Mercur^); E 3 und ») Hier wiederum, und in der ganzen ersten Hälfte dieses Kapitels, Bericht und Deutung nach der Vorstellung des Römers, der überall seine Götter findet. Wo- her Mercur, und die anderen fremden Götter, für unvcrmischte Eingeborne des LandeS, (S- Kap. 2. und 4. d. B.) für eine Nation, die keine Götzenbild der, keine Tempel (S. gegenw. Kap. Not. m und n), und wie es scheint, selbst Cäsar (Gall. Kr. IV. 21.) zu verstehen giebt, auch keinen Priesterorden hatte? Und hatten die Deutschen nicht auch andere griechisch, römische Götter kennen müssen, wenn sie einmal diese, die noch weit jünger sind, kannten? WaS geht sie der Sohn des Jupiters und der Maja an, der, weder als Göilerbote, noch als Vorsteher der Handlung und Reisen, geschweige der Wisscnschastcn und Künste, für sie war? Wir halten uns fest dar, an: keine Görzenbilder, keine Tempel, keinen priesterorden; also auch keine Viel * und Abgötte» rey, wie die griechisch-römische. Tacitus gedenkt dazu (S. Kap. Z9. d. B.) indem er von einem got« teSdienstlichen Gebrauch der Semnoncn erzahlt, aus- brücktich des allhcrschenden Gottes, den die £)v.\U schcn 7» und sie achten es für billig b), ihm zu gewissen Zeiten *) auch fchen überhaupt (vielleicht wt« di« Perser, unter der Sonne, deren Dienst, bis sie Christen wurden, fort- dauerte), die Semnonen aber auf eine ihnen eigene Weise anbeteten. Wenn nun dessen ohngeachlet un» sere Vater von dem Götzendienst nicht ganz frey zu sprechen sind, da sie nach Cäsars gültigem Fetlgnisse (S. am angcf. O.) die Sonne, den Mond, und (den Vuikan oder) das Feuer, und nach dem bewahrt?» Tacitus (S. Kap. 40. und 45. d. B.) auch die Mut- ttt Erde verehrten; so sind sie doch bey der An« betung des höchsten Wesens, die unschuldigsten Vcr- ehrer der ihnen so wohlthätigen Weltkvrper: von den übrigen Göttern, setzt Cäsar hinzu, haben sie nicht einmal etwas gehört, Sicher hat Tacitus die gallische und germanische Religion nicht gehörig im* verschieden, Namen oder Begrlffe verwechselt, und den vermeyntcn Göttern römische Namen gegeben; er sagt auch gerade das, und mit denselben Worte»/ in Absicht auf den Mcrcur, was Cäsar (Gall. Kr. IV, 17.) von den Gattern erzahlt; und vielleicht hatt Un schon abgcarlete Deutsche in Belgien und an den Gränzen, von der gallisch - römischen Göttcriebre Manches aufgenommen Es durfte nur der Römer gottcsdienstlichcn Handlungen der Deutsch.-», und ihren Volksgcsangen beywohnen, so sah und hörte der eingenommene Römer wirkliche Götter, und bey dieser und jener Aehniichkeit 'ohngcfahr) die sewigen: denn wahrscheinlich fryerten sie an gewissen Tagen, Hdcr auch zugleich in ihren gotteSdicnstlichen Der« famm« I - H^ Hc-» i I 71 ch Menschenopfer zu bringen c). Den Hercules und E 4 Mars fammlungen das Andenktn ihrer Volks * Stiftet und ersten Helden mit einer Act von abgöttischer Berch- rung, die sie etwa den obgedachten Wcllkörpcrn wid» meten, un6 sangen dazu festliche Lieder. Wie oft hörte man da die Namen Tuist, Hermin u. s. w.! Tuist oder Tuit, welcher Name, da der phönizische und ägyptische Tbaut Thot im Griechischen HermeS heißt, der Mercur des TacituS seyn mag, bedeutete nicht nur den Urheber der Ration, sondern auch (S. Kap. 2. Not. 0) d. B.) den Schöpfer, Vater, König, daß man also leicht und sehr schicklich diese Benennung auch von dem höchsten Wesen brauchen konnte. Oder war der Name Wodan, den die Deutschen als ihren Stifter, die Sachsen und nordischen Völker als ihren Kriegsgott verehrten, schon da? Paul Diaconus sagt in seiner Langobardischeu Geschichte (I. 9.): „Wodan, — ist der selbst, welcher bey den Rönlem Mercur heißt, und von allen deutschen Völkern als Gott angebetet wird u. f. w." Und waS noch bc- merkt zu werden verdient: dem Wodan (Godan) wur, den besonders Menschen geopfert, wie hier Not. c) dem Mercur. d) Sie halten es nach ihrer Religion für erlaubt. . *) Vergl. Mela III. 2, 0 Man bemüht sich vergeblich, bey diesem, und andern lauten Zeugnissen des Alterthums (vergl. Kap. 39. d. B.) unsere Ahnen von dem Vorwurf der Men- schcnopfcc zu befreycn: finden wir sie doch bey Völ- f(Xl\ 72 »— ==> e=— ■ '■ . a Mars d) versöhnen sie *) mit gewöhnlichem Opftr- kern, die schon gewisse Cultur hatten, z. C. bey de«, Carti?agern, Gattern u. s. rv.; so gar bey den gebiU deren und friedfertigen Phöniciern ist noch zu der Zeit,, als Alexander Tyrus belagert hatte (S. Curtius IV, Z.) von einem darzubringenden Menschenopfer di^- Rede, das aber (unschuldige Kinder schlachtete man) zum Glück unterblieb. — Nach den Annalen des 2a* citus (XIII. 57, vergl. Kap. Zi. unseres B. um sich das schreckliche Gelübde zu erklären) gelobten unsere Ahnen auch wohl Feindesheere zum Opfer; und noch, in spaten Zeiten brachte man Menschenopfer. Jvrnan» des oder Jordancs sagt in seiner Gotischen Geschichte (Kap. 5. O..617. Groiius Ausg.) von den Gothen,. daß sie Kriegsgefangene geopfert hatten, nnd Procopius in seiner Goth. Gesch. (.B. II. S..2S7. Grot. Ausg.> von den Franken, daß sie es noch als Christen gethan. Indessen waren deßwegen unsere Vater bey ihrem sehr kriegerischen Character nicht grausam, nicht blutdürstig; nur zu gewissen Zeiten, nicht oft, brachten sie dergleichen. Opfer, und wohl mehr zur Strafe und Rache der 25m brecher, und der Kriegsfcmde. So wurden (S. Tac^ Annal. I. 61.) nach der Niederlage des Varus nur die Tribunen und vornehmsten Centurionen der Römer bey. geweihlcn Altaren geschlachtet. Die Deutschen waren aber auch bey der despotischen Behandlung und dem Wcrluste ihrer Freyheit aufs- äusserste, und bis zur Wuth, gebracht. Ob sie, wenn es an Verbrechern und Kriegsgefangenen fehlte, wie die ©aller ) des gegenw. Kap. und vergl, Tacit. Histor. IV. 64. wo Mars der vornehmste Gott der Deutschen genennt wird. Man opferte dem Mars (S. Not. c) d. Kap.) auch Gefangene, wie es von dein Mercur erzählt wird, nicht bloß Thieropfer, wie wir hier lesen; in den Annalen des Tacit. (XIII 57.) werden Bey« de zugleich genannt, und ihnen, als dem Kricgsgott« Pferde, Menschen, alles — von den Feinden zu Opfern gewidmet. Es erhalt diese Verwechslmg noch mehr Schcm, da Mar, ein altdeutsches Wort (G. Wachters Glossar. S. 104z.), Herr bedeute^ daß also wohl die Deutschen diesen Ausdruck von Gott gebraucht, und die Römer darunter den Mars verftanden hatten: nach dem Fulda heißt Mar auch Glorie und Mar'S der Glorreiche, Vielleicht sind aber unter Hercules, Mars ihre ersten Helden j« verstehen, denen sie fast göttliche Ehre erwiesen, da ihnen zumal nach unserer Stelle nur Thieropftr ge-» bracht wurden? Dann hatte TacituS hier wenige^ oder nicht, (die Wegl.issung der deutschen Ssamch, E 5 II ad 74 v J <=»~4 75 konnte ich wenig erfahren h), ausser daß schon das Symbol, wie eine jiburne i) gestaltet, von der frem« den Religion zeugt k). Uebrigenö Halten sie es unter der ist der Beweis? und müßten nicht auch die übrige« Deutschen, wenigstens ein sehr grosser Theil, die Isis gekannt und verehrt haben? Man kann fast die Isis aus dem deutschen Götterregister wegstrei- chen, um so mehr, da sich der Ursprung des Irr« thums leicht erklaren laßt: eine einzige Schwierig- seit findet sich beym Schöpflin, der in seiner Alsatia viele ägyptische Gottheiten bekannt machte, die in Elsaß aus der Erde herausgegraben wurden; aber sie haben das Alter nicht, wenn sie auch ägyptisch waren, ***) Auslandisch: denn die Isis war eine Gottheit der Aegyptec, mit welchem die Deutschen gar keine Gemeinschaft hatten. JO Er hörte wohl davon, aber nichts Gewisses. i) Wie ein kleines schnelles Fahrzeug, wie ein Jagdschiff geformt, fc) Bisweilen ward die Isis unter dem Bilde eines Schiffs verehrt. Nun mag leicht ein Römer, nach Herrn Hof- rath Gattcrer, vor einem Schiff, das Sinnbild einer Secnation, einen Swcven feinen Gottesdienst verrichten, oder das Schiff nach Hn. v. Anton als in einem Hain anfgehangeue Beute, gesehen haben; so war auf eiüiual der IsiSdicnst da, zumal da der Römer iahc« lich oas Fest der Isis feyerte, und die Feycr Isis-! Schift 7<5 H-»----»chB»Sx^---»4 der Majestät des Himmels 1), ihre Gottheiten in Wän- de einzuschließen m), oder sie auf irgend eine Art in mensch- Schiffarth genannt wurde; er selbst demnach mit der Idee von von dcr Isis vertraut, und für den Dienst eingenommen war. I) So erhabene Begriffe hatten unsere Vater wohl nicht. Man fand bey ihnen keine Tempel und keine Bilder, nicht sowohl aus Unwissenheit in der Bau - und Bild- nerkunst: denn für eine noch so ungebildete Nation wäre icdes bessere Gebäude, als ihre schlechten Hütten, und iedes rohe Bild, befriedigend gewesen; sondern weil ihre Religion so einfach, nicht vielgötterhaft war, und die ihnen heiligen Haine sich am besten zu ihrem Gottesdienste schickten. Hatte Tacitns ge- sagt: weil sie glaubte, daß der Gottheit alles frey »ind offen seyn müsse; so wäre dieß dcr Wahrheit naher gewesen, da der Geist dcr Freyheit das höchste Gut dcr Dcutschen, in allen ihren Gesinnungen und Handlungen herrschte, und sie natürlich von sich auf die Gottheit schlössen. «n) d. i. ihnen Tempel zu erbauen. Auch Ammianus Marc. (XXXl. 2.) erzählt, daß man bey den Ala> ncn, die Pcocopius (S. Vandal. Krieg, l. S. 9. Goth. Krieg I. S. 139. Grot. Ausg.) zu dcr gothi- schen Völkerschaft rechnet, keine Tempel sahe. Und nicht nur die Deutschen; andere Völker mehr, auch die culliviltesten, hatten in den ältesten Zeiten keine ^Tempel: selbst die Perser nicht, da sie schon cultivirt waren, $-*====vd^e*==»--$ 77 menschlicher Gestalt zu bilden n). Sie weihen Haine und waren, die sogar die Tempel der Griechen in Brand steckten, well sie Götter in Wände einschlössen. Aber hatten auch wirklich die Deutschen keine Tempel? Tacitus spricht doch im 4vsten Kap. d. B. von einem Tempel der Hertha, und im zosien Kap. des Itm Buchs s. Annalen, von einem Tempel der Tanfana? Unsere Stelle ist der Canon, nach welchem die übn» gen im Tacitus zu erklären sind. Jeder geheiligte Ort heißt bey dem Römer ein Tempel, und bey den Deutschen waren die Walder und Haine zur Feyer ihrer Feste und zu gottcsdienstlichcn Handlungen gewid- mct: Der Tempel der Acrtha (Hertha), und der Tan, fane sind nichts anders, als geweihte Haine, wie man auch aus dem Zusammenhange sieht, und zwar das Innere, oder ein darin besonders geheiligter Ort; den man auch für den Sitz der Gottheit hielt. Von den Sicambrern schreibt Johann von Tritten» heim, in s. Buche von dem Ursprung der Franken, wo er von Marcomars Tode spricht, daß sie bis auf diese Zeit noch keine Götzentempel gehabt hatten. n) Hier lesen wir mit deutlichen Worten, daß sie keine Götzenbilder hatten. Der Geschichtschreiber redet zwar nur von Bildern in menschlicher Gestalt; aber er schließt, durch den hinzugefügten Grund, daß eS nach ihrer Meynung unter der Majestät der Gott, heil wäre, auch andere Götzenbilder aus, und nie* gends finden wir in der alten Geschichte eine Sput. Sie hatten, sagt Herr HR. Gattcrer, nur Hieco- glyphm ?8 *—=s=s<9£te<=s-* und Walder o), und benennen mit Götternameu das glyphen der Gottheit simple Sinnbilder. Nach dem GrcgoriuS von Neocasaria gab es bey den @o< thcn noch im dritten Jahrhundert keine Götzen, und von den Alemannen, einem Hmiptvolke der Deutschen, unter welchen mehrere deutsche Völker begriffen wer« den, berichtet Agathias Scholasticus im sechsten Jahrhundert (zwar nicht ausdrücklich) in dem ersten Buch s. Geschichte (E. 5Z6. Grot. Ausg.), daß sie noch lange die unbildliche Religion ihrer Vater beys behalten hatten. o) S. z. - ren, und vorzüglich die Eichenwalder; in Wäldern und Hainen brachten sie ihre Opfer; verrichteten sie ihre Gebete, ihren Gottesdienst. Auch da sie schon Christen waren, blieben ihnen noch lang Haine und Walder heilig; verehrten sie ihre Baume: eine grosse heilige Eiche, unter deren Schatten noch feycrlich bey den Catten nach ihrem Brauch Gottesdienst ver- richtet wurde, ließ zuletzt der Erzbischoff Bonifacius umhauen. p) Sie mögen verschiedene Namen für das unsichtbare Wesen gehabt haben, womit sie auch die dem Got» tesdieust und der Verehrung ihrer ersten Helden ge> heiligten Oerter benannten. q) Weit sie eben ohne Bild die Gottheit verehrten, die sie in ihren Hainen gegenwattig glaubten. 8o JUApfsjjpJL*. Zehntes Kapitel. Von Zeichendeuterey und Wahrsagung» Of' u f Wahrsagerey und ioose halten sie so sehr, als irgend ein Volk a). Der Brauch ihrer joose iji einfach b). Sie hauen einen Zweig von einem frucht, tragenden Baum ab, und zerschneiden ihn in kleine Reifer c); diese bezeichnen sie mit gewissen Characte- ren6), und streuen sie dann, ohne Bedacht und blind. lings ») Er sieht hier auf seine Landslcute zurück, welche die- sen Dingen so seht ergeben waren, und selbst eigene Priester hatten, AugurcS genannt, die den Rath deS Himmels aus verschiedenen Anzeigen erforschen, und erklären mußten. d) Ihre Art zu lsosen ist ohne Kunst. Die Zeichendeu- tcrey der Römer war das Gegentheil. s) Eben so loosten nach dem Herodot (IV. 6z.) auch die Scythen; es hat sich dieser Gebrauch noch lange bey den Deutschen erhalten; die Wünschelruthe der Berg- lcutc ist wohl noch ein Ueberbleibsel. d) Runen, aber nicht rnnische Schriftzüge oder Buch- staben, sondern geheime Charaktere oder Figuren, S. Runen im Wörterb. v„ "■:at 9®ex==*-^ 8l lings über ein weißes Gewand. Hierauf spricht der Priester des Volks, bey öffentlichen Angelegenheilen, m Privacsachen aber det Hausvater selbst e), ein Gebet, und hebt, mit den Augen gen Himmel gerichtet, jeden Reiser dreymal auf, und deutet nach dem vorher ge- machten Zeichen. Sind sie entgegen ; fo wird an dem Tage nicht weiter berathschlagt: Sind sie aber günstig; so wird noch eine Versicherung von dem Geschrey und Flug der Vogel erfordert f), die man auch hier zu Lande zu befragen pflegt g). Eigen ists der Nation h), daß sie auch von Pferden Wahrfagung und Deutungen er- v) Bey den Snnigcn vertrat also der Hausvater die Stelle des Priesters, wie er als das Haupt der Fa- milie in hauslichen oder Privatangelegenheiten auch Richter war. Q Man zieht noch, um der Sache recht gewiß zu seyn, und die Allzeige zu bestätigen , die Wahrfagcrvögel zu Rathe. x) Wie bey uns (Römern); aber wahrscheinlich nicht auf dieselbe Art, nicht dieselben Bögel, wenn diese Auspickn? von welchen die Chaldaer und Phrygier Erfinder seyn sollen, bey ihnen üblich waren, wie es nach dem Zeugnisse des Tacitus so scheint. h) Eigen in der Beziehung auf die Römer: denn die Scythen und Perser hatten auch diese Gewohnheit, oder das RoßorakeK F 82 £—===x i 9©e*===»*-$ erforschen. Man Unterhalt dergleichen von weißer Far« bei), die noch kein Sterblicher zu seinem Dienst be. rührte, auf gemeine Kosten in eben den Waldern und Hainen k); spannt sie *) vor dem heiligen Wagen I), da sie der Priester m), und das Haupt, oder der Fürst des Volks n) begleiten, und auf ihr Wiehern und Schnau- i) Die wcisse Farbe wurde bey den Alten an den Pferden vorzüglich geschätzt; ia man hielt die wcisse Farbe und die weissen Pferde für heilig. S. in der Olla Potrida N0.4. den Aufsatz: die weissen Pferde. k) 3n den (S. 9tcs Kap. Not. 0) d. 95.) erwähnten, d. i. in den geweihten oder geheiligten Waldern und Hainen. *) Man sahe, wie Herr HR. Gattercr bemerkt, auf die Hieroglyphe vom Sonnenwagen: so waren die ge< heiligten Sonnenpferde bey den Persern (S. z.B. Justinus 1.10.) von weiss« Farbe. 1) Von dem heiligen Wagen, wenn auch teuer, der Her< tha geweiht, nicht derselbe wäre, S. Kap. 40. d.B. in) Hier der Priester vor dem König, oder dem Stamms Haupt? Denn die Stellung ist nicht von ohngefahr. Aber nur bey heiligen Sachen dünkt mir, nur bey gottesdienstlichen Handlungen, hatte er den Vorzug. Tacitus sagt auch im Folgenden: die Priester dünk- ten Schnauben Acht haben o). Auch fiudet keine Wahr- sagung grösseren Glauben, nicht nur bey dem gemeinen Mann, selbst bey den Grossen, bey den Priestern p): denn sich halten sie ni^r für Diener, jene (Rosse) aber für Vertraute der Götter. Es giebt noch eine andere Art **)' der Wahrsagung, durch die sie den Ausgang F 2 schwerer ttn sich nur Diener der Gottheit zu seyn. Merk-- würdig ist, daß nur Eines Priesters gedacht wird. n) Bey den Völkern, die Könige hatten, der König; bey den übrigen der Fürst, kurz jedesmal Haupter des Volks. S. Kap. 7. d. B. Not. -.). 0) So wurde bey den Persern Darms Hystaspis durch Wiehern seines Pferds zum König der Perser gewählt. p) Mir beucht, Tacitus begreife hier auch die Priester unter den Grossen: er nennt sie aber besonders, weil sie sonst in diesem Fall ausgeschlossen werden. **) Tacitus hatte wohl nicht die Absicht, alle 2Mett der Wahrsagung zu beschreiben: von der Wu-rsa- gimg aus der Bewegung und dem Geräusche des Wassers < aus Nüssen und Bachen) S. Z. E. Plutarch im Leben des Cäsars ob. angcf. Die Wahrsagerin^ ncn, von welchen er im 8tcn Kap. übecl-aupt sagte, daß man ihren AuSsprüchcn folgte/ thaten dieses. 84 =sk sprachen: man hörte nur t>'w jenigcn, welche als Greise, als Heerführer u. s. w° Vorzüge behaupteten. x) Die Sprecher vor dem Volke konnten ihres Ansehens wegen, und wenn es königlich war, sich keinen An- spruch auf Befolgung ihrer Rathschläge machen: es kam auf Nachdruck d<6 Vertrags, auf Ueberzeugung an, 9° fallt der Vortrag (Vorschlag); so verschmäht man ihn mit lautem Murren^): gefallt er; so klirrt man mit den Pfriemen ?.). Die ehrenvollste Art des Beyfalls *) geschieht mit den Waffen **), ugj s ... /fij Zwölf. y) Murren, oder Gemurmcl, druckte wohl eher die Unzufriedenheit, den Unwillen aus, als Geräusch, welches zwar auch das Originalwort bedeutet, aber nicht den Ausdruck des Beyfalls, dem Waffcngetöse entgegen steht. z) Indem man ohne Zweifel an die Schilde schlug, Pftie- nie» und Schilde zusammen stieß. *) Es war dieses natürlich bey einem Volke, dessen Hauplneigung die Neigung zum Kriege war. **) Nicht nur bey den Deutschen; auch bey den Gallern (und alt.n Römern) war (S. Cäsar Gatt. Kr. VII. 21.) der Waffenbeyfall üblich. Ein Exempel (aber ausser der Versammlung) finden wir beym Tacitus in seiner Gesch. V. 17., da das deutsche Heer der Rede ihres Anführers, Civilis, seine,» Beyfatt mit Waffen- getöse und mit Stampfen zu erkennen gab. 91 0m- • ■ ■ y ■ ■ spw» Zwölftes Kapitel. Von Klagen und Strafen; auch von Wahlen in den Versammlungen. kann in den Versammlungen s) auch ankla- gen b), und auf Leib und Leben gehen c). Die Strafen sind nach den V^rgehungen unterschiede d). Ver- a) In den (allgemeinen) Landtagen, b) Sowohl in öffentlichen (die das gemeine Wesen bes treffen), als in besonderen Angelegenheiten. c) Oder sagt Tacitus mit dem römischen Ausdruck, daß man Einen über ftlncn Stand und die damit verknüpft ten Rechte im Sraat einen Proceß machen könne, daß er seiner Rechte und Vortheile verlustig werde? Aber er erzählt in dem, was unmittelbar folgt, von Todesstrafen, die dann nicht darunter Hegriffen weu ren, und die doch hier vollzogen wurden, dazumal die Richter in ihren Districten keine Verbrecher zu? Leibes - und Todesstrafe verdammen konnten^ ö) Sie standen nach Germanischen Begriffen und Ger- manischer Verfassung mit den Vergchungcn in Ver- haltniß. So wurden die, welche ihr Schild in Stich gelassen hatten (S. Kap. 6, b), mit der Strafe der Infamie belegt, die hier aber Tacitus übergebt, da. Ehrlose ohnehin in keineVersammlung kommen durften, 92 S-«===^£ä62c===~<5> Verrathet und UebeMüfer knüpft man an Baums aufe). Feige, ttnstreicbare und Leibesschandcr f) versenkt man- jn Morast und Sumpf, und bedeckt sie mit met Hürde *), Die verschiedene Todesart soll anzeigen, daß man e) Man sieht hier, daß nach den (wenn auch nicht ganz und immer) geendigtcn Kriegen Volksversammlungen gehalten wurden. {) Oder: durch Unzucht Berüchtigte; auch das sagt der römische Ausdruck. So vcrabscheuungswürdig und äusserst selten auch (S. Kap. 18. und 19. d. B.) das Lasier der Unkcuschheit bey unseren Vätern war; so konnte es doch, wegen der vielen und genauen Be« kanntschaft mit den Römern an den deutschen Gran» zen, und in Rom selbst, (Wollüstlinge verführen auch gern andere, und vielleicht versuchten gar die wol« lüstigcn Römer — vergleiche die Gesinnungen des Tacitus im zzstcu Kap. d. B. — alle Mittel der Vcr- führung, um die Deutschen zu schwachen), zumal zu jenen verderbten Iciren, nicht ganz an Beyspielen fehlen. Jede wollüstige Ausschweifung entzieht Kraft tc, und machte untüchtig zum Krieg; daher Wollust- linge als Lcibcsschandcr (an den moralischen Schaden dachte man freylich nicht), wie die Feigen und zum Kampf Verdrossenen (der kriegerische Deutsche kann- te nichts Schandlicheres) bestraft wurden. Es er- halt dieses auch gcwisscrmassen Bestätigung, da, an- derer Gesetze nicht zu gedenken, nach einem alten deutschen Gesetze beym Lindenbrog (S. Schütze in s. Schutz« $~=z = =><3^<====*~4 93 man Missethaten durch die Bestrafung kund machen g), Schandthaten verbergen müsse h). 'Auch **) geringere Verbrechen i) werden nach Verhältniß bestraft. Der Ueberführte k) muß eine Anzahl Pferde oder Zuchtvieh büssen Cchutzfchristen Th. II. S. Z28.) die Straft des Ver- scnkcns in Morast bey unzüchtigen Weibspersonen ge- wohnlich war. *) Oder Flechte. Man hat vermuthlich Steine darauf gehaust, daß die Flechte blieb, und nach und nach verfaulte, wie man es mit Körpern und andern Din- gen macht, die im Wasser verfaulen, und nicht hm und her getrieben werden sollen. g) Daß andere ein Beyspiel daran nehmen. b) Damit sie unbekannt bleiben; nicht Andere angesteckt werden. **) In den Versammlungen; was hier erzahlt wird, (wie das Vorhergehende und auch das Folgende: „ man wählt in den Versammlungen — " beweist), geschah auf den Landtagen. i) d. i. Privatverbrcchen, dahin alle Beleidigungen, selbst (S. Kap. 21. d. B.) Mord und Todtschlag ge- hörten. Gering hiessen sie in Vcrglcichung mit le> Nen Kapitalverbrechen nach der kriegerischen Den- kungsart und kriegerisch-politischen Verfassung der Deutschen. k) Man konnte sich also auch öffentlich vertheidigen: wie vielmehr bey Anklagen, da man auf Leib und Leben gieng? büjsen 1), Einen Theil der Busse m) erhält das Haupt> oder die Gemeinheit n), und den andern der Beleidig- tc , oder feine Verwandten o). Man wählt in diesen Versammlungen **) auch Pfleger p), welche in Gauen und I) Die Mehstrafe war sehr gewöhnlich, da man noch kein, oder wenig Geld hatte, und in den H'eerdett der Reichthum bestand; bey gcrichtilchcn Klagen und in Fallen, die nicht c.riminell waren, auch wohl die einzige. Auch zu Rom (Plinius Rat. Histor. XXXIII. i.) straften die alten Gesetze in nichtpeinlichcn Fällen an Vieh. m) Oder Genugthuung (S. Kap. zi: d. B.) auch Wehr« gcld genannt, welches demnach nicht erst bey den unter Fränkischer Regierung gestandenen Sachsen aufkam. ti) Noch ein Beweis (S. d. vorbcrgeh. *) daß auch die Privatverbrcchcn in den Volksversammlungen unter- sucht und bestraft wurden: denn wenn Cnminalsachen für die Richter in jedem Bezirke geHort hatten, so würde man diesen einen Theil der Busse entrichtet haben. 0) Vergl. Kap. it. d. B. . **) Die Ursache, warum diese Wahl (meynt Hr. Geh. I. R. Möser in s. Osnabrückisch. Gesch. S. 390 in den allgemeinen Landtagen geschah, mochte diese seyn> weil die ganze Nation wissen mußte, wie die gemeine Botschaft, wiichc von einem Vorsteher zum andern gieng, das Jahr durchlaufen sollte. $— ==kcS^>c=-4 95 und Flecken richten q). Jedem werden Wl dem Volke Centrichter r) als Rath und Beystand s) zugeordnet. *M^2g*H' Drey. p) Haupter in den Gauen oder Pflegen, (vergl. Cäsar G. K. VI. 2Z.) die von den Staminshauptern wohl zu unterscheiden sind. Man nennt sie auch Gaugraftn oder Gaurichter. q) Nämlich in bürgerlichen Privatangelegenheiten (S. K. a) d. B.); nicht in peinlichen oder Criminal- fallen. Da icder freye Deutsche sich selbst Recht und Genugthuung verschaffen konnte; so waren sie auch in dieser Rücksicht mehr Schiedsrichter und Friedens» stiften sie vermindern die Streitigkeiten, sagt Cäsar am a. O- r) d. i. Richter oder Grafen in den Untcrdistricten oder Ecnten, (S. 6tcs Kap/v) d. 35.) und besonders da6 Wörterbuch in dem Artikel Cent. Die Gauen erstreck- ten sich sehr weit, daß auch in diesem Betracht Un- terrichter nöthig waren, zumal da nicht alle Sache-» vor den iahrlichen Landtagen abgethan werden konnten. s) Sie waren Gehülfen der Gaugrafen, und unterstützte!» sie mit Rath und That; sie hielten auch mit den Ober- 'odcrGaurichtcrn besondere Zusammenkünfte (S. ntcs Kap. a) b) und s) d. B.) um das Geineinrecht zu handhaben, und Streitigkeiten zu entscheiden. 9 6 «F --S^-^K^^ Dreyzehntes Kapitel. Von der feyerlichen Aufnahme des Jüng^- lings, und von dem Gefolge der Edlen. eie unternehmen nichts unbewassnet a): weder öffent- lich, noch in Privatangelegenheiten b). Abcr Niemand darf eher Waffen führen, als bis ihn die Nation für fähig c) erkannt hat d). Dann rüstet in eben a) Dieß befremdet den Tacitus; denn in Rom durfte Niemand zur Zeit des Friedens bewehrt seyn. b) S. Kap. 11. Not. q) und Kap. 22. *) d. B. „Sie wurden, wie Scncca in seiner Schrift von dem Zorn (h 11.) sagt, zu den Waffen geboren, (vergl. Tacit. Hist. IV. 64.) darin erzogen (vergl. Kap. 24. und 52. unseres Buchs): Waffen waren ihre einzige Sorge, «. s. w. Nichts war ihnen so theuer, als ihre Waft ftn; vergl. Kap. 18. und Kap. 27. d. B. c) Nach dem Alter und den bisherigen Uebungen: ohn- gefahr (S. Cäsar G. Kr. VI. 21.) gegen das 2oste Jahr. 6) Der Jüngling, aber nur der freygeborne sdenn Knech« te und Freygelassene waren von eigentlichen Kriegs» dienften und von der Versammlung ausgeschlossen) wurde zuvor geprüft; auch erforschte man, wie er sich bisycr gehalten habe. 91 eben der Versammlung (Einer von den Vornehmsten e), oder, der Vater, oder ein Verivandter den Jüngling mit Schild und Pftieme aus f). Dieß ist ihre Toga, und die erste Ehrenstufe der Zugend g): vorher ein Glied der Fanulie; nun des Stm:t6 h). Auögezeichne« tes e) Vermuthlich ie nachdem einer sich in dem Kriege her- vorgcthan, und hierdurch der so feycrlichcn Hand« lung mehr Nachdruck gab; daher wobl auch in den Mthresken Fallen der Fürst des Volks, oder dee Herzog. f) Mit diesen Waffen wird hkt nicht auf den Unters schied der Reuter und Fußgänger gesehen: denn, ob es gleich in dem 6ren Kap. d. B. von dem deutschen Reuter heißt, daß er mit Schild und Pfriemen gcs nug hatte; so führte der Reuter doch nicht allein Echild und Pfrieme, wie man auS dem angeführtei, Orte selbst sehen kann, wenn z. E. der Geschicht- schreibet ausdrücklich sagt: das Fußvolk verspreitet auch (d. i. ausser dem, daß es Schild und Pfrieme hat,) Wurfgeschosse. g) Was bey uns l Römern) die (männliche) Toga ist, das ist bey ihnen Schild und Pfrieme: der deutsche Jüngling wird durch sie für mannbar und mündig er« klart, und fcyerlich eingeweiht; es war ein Ehren« und Freudenfest für ihn, in die Genossei.schaft dee Ration aufgenommen zu werden, und die wichtigste Epoche seines Lebens. ti) N^t mehr der väterlichen Gewalt unterworfen, nimmt er nun an allen öffentlichen Angelegenheiten G Thttlj y8 *—= =x&®6h==-^. teö Geschlecht i), oder grosse Verdienste I:) der Vat«r würdigen bey dem Haupte (deö Volks) auch noch ganz junge ieute 1): sie werden im Gefolge anderen Rüsti» gen und schon langst Bewahrten beygegeben m). Man halt eö für eine Ehre, unter dein Gefolge zu seyn n). Das Gefolge hat sogar selbst nach der Wahl des Füh. rers Theil; wohnt den Versammlungen, Bcrathschlagun- gen und Heerzügen bey. i) Abstammung von Königen und Fürsten, oder StammS- Häuptern. fc) Besonders in dem Kriege. 1) Die Haupter des VolkS (vorzüglich die Herzoge) hielten Jünglinge aus den ersten und berühmtesten Familien ihrer besonderen Aufmerksamkeit und Achtung werth: von dem Tagt der Einweihung an. Man ehrte hierdurch auch daS Andenken grosser Männer. w) Ohngeachtet sie noch so sting sind, und erst wehr- haft gemacht wurden, gemessen sie schon den Vorzug, verdienten Krieasgefahrten beygezahlt zu werden, und in der Gescllschafft solcher erprobter Männer lernen sie unter der Anführung ihres Fürsten. v) Diesen ersten Jünglingen war es eine Ehre, in einer so würdigen Gefährtschast des Herzogs zu seyn; sie fanden auch hier die beste Gelegenheit, sich zu voll, kommenen Kriegern i» bilden , und sich empor i» schwingen« *--====»c&©e>c====-« 99 rers seine Stufen o). Auch herrscht ein Wetteifer im* ter dem Gefolge, wer den ersten Platz bey seinem Haupte *), und unter den Hauptern, wer die mehre» sien und tapfersten Gefährten habe **). Dieses Ansehen , diese Macht, von einer grossen Schaar erlesener Jünglinge***) immer umgeben zu seyn p), ist im G 2 Frie- v) Der Herzog, oder das Haupt, nahm vermuthlich auch hier auf den Adel dieser Jünglinge, und auf die va- terlichen Verdienste einige Rücksicht, wie sie selbst da die stärksten Beweggründe fanden, sich hervorzuthuii und gleich groß zu werden. *) Wer das Meiste bey ihm gelte; ihm an der Seite zunächst sey. **) Sie waren ohngefähr, was die Celercs den Römi» scheu, und die Hippcis, ob sie gleich nicht zu Pferde, sondern zu Fusse dienten, den Laccdamonischen Königin gewesen sind. ***) Keiner der Gefährten wurde int Gefolge alt: alle iimge und rüstige Männer, iene wenigen angehenden Jünglinge ausgenommen, für die das Gefolge eine Kriegsschule war; auch blieben sie, so lange sie im Gefolge waren, unvcrheyrathet, da man zumal durch Enthaltsamkeit und spates Heyrathen (Cas. G. Kr, VI. 21.) sich grosses Lob erwarb. p) Sie hatten sich als persönliche Gefährten, als Ge- tteue, ganz ihren Häuptern gewidmet. loo 0 ,:a es auf persönliche Tapferkeit ankam. c) Wenn man weicht, so das Haupt geblieben ist. Mai» zog sich dann die Strafe der Infamie zu, vergl. Kap. 6. Not. c) folgend, d. B.: denn als Gefährte hatte man sich verpflichtet, mit den Waffen in der Hand zu sterben, um das Leben seines Führers zu erhalten. So erzahlt Ammianus MareellinuS (XVI. 12.) von den Gefährten des Köings der Alemannen Chnodo« mar, daß sie sich auch, als ihr König in die Hände der ?0J5 - fr*BgSfr t$ffie>CSBU» zu erhalten suchen, selbst eigene Heldenthaten ihm zum Ruhm beylegen, ist ihr vorzügliches Angclöbniß d). Die Anführer streiten für den Sieg, die Gefährten für ihren Anführer. Wird ein Volk, unter welchen man geboren ist, im langen Frieden und durch Suche unthä- tig; so begeben sich freywillig *) die meisten jungen Edlen e) zu Völkern, die eben Krieg führen, weil Ruhe der Römer gerathen wäre, hatten gefangen nehmen lassen, indem sie es für eine Schande gehalten, nach ihrem Könige noch zu leben. Und Cascir schreibt von den Solduriern,-welchen unser Gefolge so sehr ahn« lich ist (G. K.HI 22.): daß sie, wenn der, welchen sie sich gewidmet haben, gctödtet wurde, sich entweder eben dem Schicksal unterwerfen, oder sich selbst todten mußten; er setzt hinzu, daß sich noch Keiner ■ der Ergebenen ie geweigert Härte, nach der Crmor, dung ihres Führers auch den Tod zu sterben. 4") Sie hatten sich gleichsam dazu verschworen, *) Nicht erst durch Gesandte erbeten. «) Die meisten. Nicht nur das Haupt , oder der Fürst dc6 Volks, auch die Häupter der Districte,^ oder Vor- sicher der Gauen, hatten wahrscheinlich ihr Gefolge; und von diesen begab sich der größte Theil der edlen Jünglinge zu kriegführenden Völkern. f) Sie haßten die Ruhe und den Frieden (vergl. Kap. iz. Not. d) und Kap. iz- d. B.) da aller freyen Deutschen Hauptncigung die Neigung zum Krieg war, und K'rieg der einzige Wunsch, die einzige Bcschafftigung der iungen Ivz Ruhe diesem Geschlechte unangenehm ist k), sie leichter in Gefahren berühmt werden, und ein grosses Gefolge nur durch Gewalt lind Krieg unterhalten werden kann g). Sie fordern nun von der Freygebigkeit ihres Führers h) das Streitroß i), und die blutige Siegerpfrieme 1c). Kost und Mahle I), wenn gleich nicht köstlich m), doch im Ueberfluß, sind ihnen **) statt des Sol. G 4 des jungen Solme der Edlen. Der Adel war auch der kriegerischeste Theil der Nation. g) Das Haupt, oder der Her;og sorgte für den Unter- halt seines Gefolges; aber nicht, wie in Friedens« Zeiten, in dem Kriege zur gemeinsamen Vertheidigung, oder den« Landaufgcbot: da diente Jeder bey seiner eigenen Kost. h) Nicht des Führers, dem sie itzt folgen, sondern deS< ienigen, dem sie zugehörcn. i) Pferde, die im Kriege gedient haben, zu Krieg und Strapatzen geschickt sind, k) Pfriemen , mit welchen in blutigen Schlachten Feinde erlegt wurden. 1) Von Gastmahlern waren die Deutschen grosse Freunde, und Herzoge gaben sie .oft ihrem Gefolge. Auch in Ansehung der freyen Tafel und Schmause ist dieses Gefolge den gedachten Soldunern ahnlich: Cäsar sagt am angcf. O.: sie gemessen mit denen, welchen sie ergeben sind, alle Bequemlichkeiten im Leben. m) Nach dem Geschmack der leckeren Römer, vergl. Kap. 2z.d.B. **) Hier bey dem Gefolge findet man die ersten Spu» ren 104 - *-- c = :: =>^S?8>c====^ des n). Die Mittel zu dem Aufwand schasst Krieg und Raub o). Man kann sie nicht so leicht bereden, das jand zu bauen, und die Äerndte zu erwarten p), als Feinde herauszufordern, und Wunden zu erwerben. Es rcn der gehen, ob gleich Gibbon gegen den Moiu tesquicu 'bemerkt, daß Bedingungen dieser Art wider die Grundsätze der alten Deutschen gewesen waren, indem sie gegenseitige Geschenke liebten, ol?ne dadurch zn verpflichten, oder verpflichtet zu werden. „) Kaiser Karl der Grosse bestimmte zuerst einen Sold: vorher unterhielten sich die Kricgsleuic selbst. Die Gefährten bekamen ausser der freyen Tafel auch einen Theil der Beute. v) Raüb im fremden Gebiet war gewöhnlich, und keine Schaiive, S- Cäsars G. K. VI. 23. Man hielt öffcumche Nauber-üge, und glaubte, daß durch sie junge Leute geübt, und gegen Müßiggang verwahrt würden. x>) Es gilt zwar, was Tacitus hier sagt, von den alten Dcuischen überhaupt, und die Westphalinger sind ihnen getreu geblieben; aber es scheinen doch cigent- lich und besonders die Edlen und ihr Gefolge g« mcynt zu seyn. Sie, kriegerischer als andere frey« gebornc Deutsche, begehrten und suchten nichts mehr, als Krieg, gegen den sie alles andere verachteten: selbst der Ackerbau empfand es, der nicht mir durch Verheerungen in dem Kriegsschauplatze, sondern auch daheim, waS ihrem eigenen Theil betraf, bey dem Mangel &--*==*<&Q&<===~-4 jos Es baucht ihnen sogar, trage und feig zu seyn, durch Schweiß q) gewinnen, was man durch Blut r) erhal-- ten kan. G Z Funf-^ Mangel der Weider, und durch die mitgenommenen Knechte als Troß, immer beträchtlichen Schaden litt. Man kann ihnen nicht begreiflich machen, daß es zuträglicher sey, daS Feld zu bauen, und den Genuß abzuwarten. q) Durch den Feldbau. r) Durch Krieg oder hurch Waffen. 106 ♦es -Ä^-^U-^ Fünfzehntes Kapitel. Von der Beschafftigung der Edlen und ihrer Gefährten ausser dem Kriege. eo oft sie nicht in den Krieg gehen, bringen sie ihre Zeit nicht viel mit Jagen a), mehr geschässclos zu *); dem Schlaf und Schmaus ergeben k). Die Tapfer. ,) Tacitus scheint dem Cafar (G. K. VI. 21. von den Geraumern überhaupt, und cbcndas. IV. 1. von den Swcven insbesondere), und anderen Nachrichten zn widersprechen: denn dieser meldet ausdrücklich, daß ihr ganzes Leben in Jagd und Krieg bestehe; und die Jagd war nicht nur zum Unterhalt und zur Kleidung, sondern auch bey der erstaunlichen Menge w:>der Thiere in den ungeheuren Wäldern für die Sicherheit nothwendig. Aber unser Geschichtschreiber fahrt ur diesem Kapitel fort, von den Fürsten und ihrem ©e< folge, zu reden; er sagt auch nur, daß sie der Jagd nicht so viel Zeit, als der Ruhe widmeten. Anton: „Alles was Tacitns hier sagt, gehört noch zu dem Gefolge der Edlen. So bald man weiß, wie streng er seinen Plan befolgte, und wie sich alles bey ihm an einander schließt, so wird man von selbst einsehen, daß hier nicht die ganze Nation, sondern nur das Gefolge gcmcynt sey. Es wäre sonderbar, wenn er hiermit seine Nachricht von der häuslichen Verfassung hatte *—=3<&<&e*=--4 107 Tapfersten und Kriegerischesten thun nichts c); die Sor« ge für Haus, Familie, und die Feldwirthschaft **), wird den Weibern, Alten und ihren unvermögenden Leu« hatte anfangen, aber einen Theil davon trennen und erst im 22sten Kapitel nachhohlen wollen. Der, gleichen Fehler finden bey einem Tacitus nicht Statt." *) Solche Krieger (fast bestandig zu Felde, oder ans den» Raub) führten freylich mehr, als die Wehren über« Haupt, ein geschafftloses Leben, welches, wie bey den Laccdanwniern (vcrgl. AciianS Manchfalt. (?r> zahl. X. 14.) ein Kennzeichen der Freyheit war; und die Kriegsgefahren mit ihren Führern würden auch die Jagd nicht getrieben haben, wenn sie nicht mit dem Kriege so verwandt, und Bedürfniß geworden wäre. d) Beydes liebten die Deutschen mehr, als gewöhnlich; den Schlaf (vergl. Kap. 22. a) d. B.) bey ihren Stra- patzen, im Kriege, und auf der Jagd; und den Schmaus (vergl. eben d. Kap. irnd das 14*0, wo sie auch über wichtige Dinge rathschlagtcn. c) Denn diese hatten fast immer Krieg, oder Rauberzüge, und mußten zu allen Zeiten bereit seyn. **) Die Deutschen trieben also Ackerbau, nicht bloß Viehzucht (welche er vermuthlich unter Feldwirth» schaft mit versteht); nur legten sie sieb nach dem Cäsar (G. K.VI.22. und nur Wenige Ebend. Ktfp.29.) nicht mit Fleiß darauf, auch war er kein Geschaffte für kriegsfahige und freye Leute, vergl. Kap. 26. d< H, und Kap. 45. *) d. B. IÖ8 *^e==3^^g5C===»-# ieutm ***) überlassen d). Sie selbst sind müssig e). Sonderbarer Widerspruch des Characters, indem eben die Menschen die Trägheit lieben, und die Ruhe hassen 5). Eö ist der Brauch, daß die Völkerschaften sreywillig und Mann für Mann g) ihren Häuptern Vieh und Feld. ***) Wahrscheinlich sind es nicht die Knechte allein, die freylich von dem Kriege ausgeschlossen, und zu dem« selben untüchtig waren, sondern auch, vergl, Kap. 25. Rot. *) die noch unmündigen (nicht wehrhaften) Kinder ihres Hauses. Die Steile gilt nicht nur von den Edlen, und ihrem Gefolge, sondern auch von andern freyen Deulschcn; nur geht sie icne zunächst an, wie sie denn die Streit- barsten und Tapfersten der Nation ausmachten, e) So fern der Römer die Deutschen mit sich verglich, konnte er sie freylich nicht anders, als für Müssig< ganger halten. Man sahe sie nicht die erwähnten und andere gewöhnliche Geschaffte verrichten, weil sie für den Krieger Schande, Krieg aber ihr Vorzug- liches Eriverl'ungsmittcl war, und ihnen Ruhm brachte. Vergl. die Zeugnisse, wider den Massig» gang beym Cäsar G. K. VI. 21. und 23. und beym Mela III; Z. £) Aber doch nur scheinbarer Widerspruch: denn die rastlosen Krieger waren nur zur Zeit des Friedens, den sie hakten, trage, und ihre Trägheit, wenn sie so hcissen soll, kam aus Grundsätzen oder Vorur« theilen. Es war auch so Sitte; Fleiß und Arbeit- samkeit stritten gegen ihre Neigungen und Berfaf« sung. *-—===3<©&6*====--<ä- 109 Feldfrüchte h) znsammensteuern, welches als Ehrenge, schenk angenommen wird, und zugleich den Bedürfniss sen zu Statten kommt i). Sie freuen sich besonders über Geschenke von benachbarten Volkern k), die nicht nur von dem einen und dem andern, sondern auch vo>» ganzem g) Also alle Freye oder Wehren; und Jeder, weil es Sitte ist; nicht aus Zwang. Von ZiuSbarkeit vdcc Auflagni wußten sie nichts. Tacitus bemerkt «n den? 4Zsten Kap. d. B. von den Gothinen und Osern, in? deutschen Gebiete, daß sie eben darum keine Deutsche waren — so eigenthümlich war es den Deutschen — weil sie Tribut geben müßten. h) Wieder ein Zeugniß für den Feldbau, und daß ec nicht so vernachlässiget wurde: sie selbst brauchten Getraldc, und gaben noch ab. i) Denn die Einkünfte von ihrem (obgleich) ansehnliche!! Eigenthum, die ausserordentlichcn Geschenke (S. z. E° Kap. V. d. B.), der Theil des Wehrgeldes (Kap. 12. d. B.), und endlich die Beute im Krieg, reichte!! nicht hin, die Haupter mit ihrem grossen Gefolge standesmaßig zu unterhalten; vergl. das vorherge- hcnde Kap. k) Dadurch suchten auch die Römer die unübcrwindli- chen und iinnier furchtbarer werdenden Deutschen $11 gewinnen, zu bestechen, und von Einfallen in daL Reich entfernt zu halten. Aber nicht nur aüSlaftdi» sche Nachbarn, als Römer, Galler, Noriker, auch ygterlandische Völker denkt hier Tacitus. HO 4 ganzen Staaten zugeschickt werden: über auserlesene Pferde, vorzügliche Waffen, Pferdeputz und Hals- schmuck 1). Schon haben wir sie gelehrt, auch Geld anzunehmen m). Sech« l) Florus spricht im letzten Kap. des vierten Buchs seü ner römischen Gesch. vom Halsschmuck der Sweven »>. s. w.: er war also bey einigen deutschen Völkern sowohl, als bey den Gallern, gewöhnlich. m) Vergl. Kap. 5- zu Ende. Auch Geldgeschenke nchmen sie an/ die armen betrogen«»; Deutschen. III SM» Sechzehntes Kapitel. Von den Wohnungen und der Bauart. ist genug bekannt, daß die deutschen Völker in keinen Städten wohnen a): nicht einmal vereinigte Woh. a) Von dem Cäsar an, bis auf den Tacitus, stimmen die Nachrichten darin übcrein. Sie sahen Städte (noch zur Zeit des Anmuanus Marcellinus XVI 1.) als Gefängnisse und Netze der Freyheit an, und die Mauern der Städte (Tacit. Histor. IV. 64.), als Bolb werke dcrKnechtschaft. Wenn daher derAusdruckStädte hier und da vorkommt, z. C. von den Sweven oder Ehalten beym Cäsar (G.K. VI. 29.); so sind diese keine eigentliche Städte, sondern entweder befestigte Gehölze, die auch die Britannier (Cäsar G. K. V. 21.), wenn sie mit Wall und Graben umgeben sind, Städte nennen, oder sie sind (Cäsar IV. 19.) nicht besser, als Dörfer, wie ohngefahr Anfangs die Städte der Griechen —: und Mattium kann beym Tacitus (An- -^» nal. I.55-) nicht die Hauptstadt, sondern der Haupt- orl der Chatten hcissen, auch die genannten Städte beym Ptolemaus (Gcogr. II. 11.), sast hundert an der Zahl, sind unmöglich Städte, da Ptolemaus ohnge- fahr sechzig Jahre nach dem Tacitus seine Geographie schrieb, und seine Führer, denen er folgt, nur deut, sche Nachrichten zwischen dem Cäsar und Strabo geben, 112 ■ *-«==== auch Städte und Flecken sich auf Born, Feld, Wald und Haiu endi» gen, z. E. Eichelborn (im Weimarischen), Pfuhlsborn (im Chursachsischen Thüringen), Frauemvald (in Thüringen), -Ziegenhain (int Weimarischen). Die sogenannten Wüstungen in Franken haben damit grosse Aehltlichkeit. d) Sie unterscheiden sich von den Städten (Nach rönii- schem Begriffe) nur dadurch, daß sie keine Mauern hatten. Bey den Deulschen aber waren es schon Flecken, wenn mehrere WohriungeA in Gemeinschafft und in der Nahe beysannuen lagen, gleich den meis lenlangen Dörfern in Schlesien, die ohne Verbin- dung gebaut sind. e) Perijonius sagt: man sabe dieß noch itzt in einigen Flecken Frieslandes, und vorzüglich in Molkveren, wo die Hauser so zerstreut liegen, deren Bewohner noch die alte frieslandische Sprache reden. f) Oder besser Hütte, auch Baracke, aber doch wohl mit einigeln Unterschied, was die Edlen betraf, ineh- rentheils von Bäumen, z. E. von Eichenstammen und mit Stroh und Rasen bedeckt, vielleicht auch, wie H Manche 114 *— =x§<$?>S>c=—$ einem freyen Platz , es sey nun ein Mittel wider Feuerögefahr h), oder auö Unwissenheit im Bauwesen i). Selbst Bruchsteine k) und Dachziegel brauchen sie nicht; ihr Bauzeug ist zu allem*) unförmlich, ohne Ansehen und Schönheit 1). An einigen Orten m) übertünchen sie ziemlich sorgfältig mit einer so reinen und gleissenden Erde n), daß e$ Mahlerey odsr Farbenzügen ähnlich sieht. Sie pflegen auch unterirdische Holen zu graben, und manche nordische Hauser mit Gesträuche bepflanzt; Rauchfange und Fenster hatten sie nicht, und der Feuerhcerd war in der Mitte der Wohnung. g) Oder mit einem Hofraum. h) Dieser Ursache wegen baueten die allen Römer nicht an einander; daher die engen Gaßchcn zu Rom, da man zwischen den Hausern gehen konnte. Bey den Deutschen aber dachte man wohl daran nicht, ob gleich ihre Wohnuilgcn der Feuersgcfahr sehr ausge» setzt waren/ wie auch Herodian im 2ten Kap. deS 7tcn Buchs zu verstehen giebt. 5) S- die wahre Ursache in vorh. Not. b). Wir finden fast eben dieselbe Denkart noch bey den Beduinischen Arabern, Mongolen u. a. k) Unbehauene Steine. *) Was sie bauen. I) Sie nehmen die Materialien, wie sie sind > ohne ihnen eine Gestalt oder Zierlichkeit zu geben; man bchieb und bezimmerte nicht erst das Holz. rn) d.i. Stellen der Hauser, vermuthlich an den Hau» fern der Fürsten, oder der Vornehmsten. $-«===a«#i?,g><====>-« it$ und überdecken sie (häusig) stark mit Dünger. Zur Zuflucht im Winter o) und als ein Behältniß für ihre Früchte p): weil sie an solchen Orten die Strenge dee Kalke mildern, und wenn der Feind einfallt cz), er ossei-e Sachen verheert, die unter der Erde verborgenen nicht weiß , oder eben dadurch verfehlt, daß er sie erst suchen muß. rttk^^g^m* H 2 Sieb« n) Ohnfehlbar Thon, (oder auch Gyps), von welchem verschiedene Arten (z. E. englische Erde) damals be» sannt seyn konnten. Da sie Farben hatten, z. <£, ihre Schilde (S. oben Kap. 6. k)) bemahlten, so brauchten sie vielleicht hier noch überdieß Farben. v) Spuren der Thierheit, die sie freylich noch nicht ganj verlassen hatten; aber wahrscheinlich thaten dieses nur wenige Deutsche (vielleicht auch einige ganze Volker), die etwa gar keine Häuser, nur Flcchtwerk von Aesten oder Ruthen zur Wohnung den Sommer über brauchten, vergl. Kap. 46. d. B. Eben daselbst wird auch den Germanern als gewöhnlich zugeschrieben, daß sie Häuser bauen. p) Pcrizonins: Eben dieß geschieht noch in Westphalen, wo Rüben, und dergleichen Früchte, im Winter un« ter der Erde in den Garten selbst verborgen werden, die man hernach, wenn die Erde weich ist, wieder ausgrabt. tz) Welche Falle nicht selten wären, daß Man nöthig hatte, sich vorzusehen, und vor Raub zu sichern. Iltf «ps3> i' ■.. ■ ^^'.'^ ea^Gi^ga^ga^gtesss-- Siebzehntes Kapitel. Von der Kleidung. allgemeine *) Kleidung ist ein Wamms z), das mit einem Hefte **), oder in Ermangelung dessen, mit einem Dorne b), zugehäckelt wird. Uebrigenö sind si- *) Oder tagliche gewöhnliche Tracht. a) Von diesem Wamms S. Kap. 6. Rot. b) d. B. und ausser dem Clüver auch Clcffels Antiq. S. 191 —285 (von der Kleidung der Deutschen überhaupt). ES war die Tracht (auch die Frauenzimmer hatten sie) in dem Krieg und zur Jagd sehr bequem: die Aermel welche die Mannspersonen (zuerst ohne Aermel) da- ran trugen, scheinen nur den Anfang der Arme be» deckt zu haben. **) Den Gebrauch der Hefte oder Spangen lernten die deutschen Völker von den Römern, mit welchen sie bekannt waren, oder Verkehr hatten: nur bestanden die Spangen der Deutschen nicht, wie bey den Rö- mcrn, aus Gold, Silber u. dgl., sondern aus Me, tall oder Erz. b) Bey den Meisten, und Anfangs wohl bey Allen, eitt natürlichcr-Dorn, bis nachher eherne auskamen, der, gleichen auch Rhode in s. Ciinbrisch. Hollstcinisch. Anliquit. gefunden, und S. 35* beschrieben hat. Nach =s=xÖ®6>c=—« 117 sie unbedeckt c), und bringen ganze Tags d) am Feuer- heerde zu. Die Reichsten unterscheiden sich durch ein Kleid, das nicht, wie bey den Sarmatern und Par- thern fliegt e), sondern das anliegt, und alle Glieder ausdruckt 5). Sie tragen auch Wildhaute g); die H 3 Ufer- Nach dem Perizonius bedienen sich noch heutiges Tages in Wcstphalen die Landleute, und die Gerin-- geren der Dornen statt der Nadeln. e) Oder wenig bekleidet, S. Kap. 6. Not. g), vergl- Kap. 19. *) und Kap. 20. a) d. B. d) Wenn ste keine Geschaffte ausser dem Hanse hatten: der Feuecheerd war in der Mitte des Hauses, und um ihn lag alles herum. e) Gleich den Talaren oder unsern Schlafröcken. Nach dem Lucan (Pharsal. 95.1. 93.430.) trugen aber auch einige deutsche Völker (er nennt die Vaugionen und Bataver) fliegende oder weite Kleider. Vergl. £>w dius Eleg. 7, des zttn B. V. Z9. £) Diese Tracht kam von den Deutschen fast zu allen Völkern'Europcns; und es wurde mit derselben fast der ganze Leib bedeckt. g) Als Bärenhäute, auf welchen sie schliefen, WolfS- haute, u. s. w. Vergl. Cäsar. G. Kr. VI. 21. zu Ende, auch IV. 1. zu Ende. Diesen Nachrichten zu folge, trugen die Deutschen zu Cäsars Zeit fast nichts, als Thicrfellc; und diese behielt man immer bey, und noch spat, wie z. E. die Gothcn, da sie sich zu Her- vm von Italien und Spanien machten. Il8 5------<^!-!!»-H> rry Manner r), ausser daß sich die Weiber öfter in leinene 5) Kleider hüllen, sie mit purpurfarbigent) Streifender, sehen, und an dem Obertheil der Kleidung keine Aermel machen. Den ganzen Arm tragen sie bloß; auch der nächste Theil der Brust ist offen u). q»>«--^K-:-A» H 4 Acht. als Norwegen, Schweden, Finnland: das unbe- kannte Meer heißt es, weil man America noch nicht kannte. r) Aber einigen Unterschied der Tracht nahm doch auch Tacitus wahr. S. Cleffcl S. 274-285. 5) Sie verfertigten selbst Lcinewand, wie auch die Klei, der; von den Gallern hatten sie das Zeuge>vcben ge» lernt, S. Piinms Rat. Hist. XIX. 1. Ader ihre Ar- beit war nicht hinlänglich: viele leinene Zeuge rnufjp ten sie kaufen. . t) Purpur von den Phöniciern konnten sie nicht durch Handel bekommen, da ihn selbst die Römer unge» mein theuer bezahlen mußten, und nur wenigen, Pur- pur zti tragen, nach den Gesetzen erlaubt war. TacituS kann nur purpurahnliche Farbe verstehen; und diese wurde vielleicht aus Pflanzen- oder Vlumensaft ge- macht. Auch uncultivirtc Völker haben Farbereyen. 0) Ohne die mindeste Coam-ltcric bey der Reinigkeit ihrer Sitten (vergl. Kap. z8. d. B. zu Ende) in voller Un« schuld, wie Tacitus selbst den Ucbcrgang zu dem foi» gcndcn Kapitel macht. Zl2Q . M. .. i ' B WGWMD^i-- i g saw» Achtzehntes Kapitel. Von der Ehe und dem Heyrachsguch oder Geschenke. leichwohl ist bey ihnen die Ehe a) streng b), und in ihrem Character nichts lobenswürdiger c), . Sie. ,) b) Man halt mit Ernst über die Ehe (sie ist zugleich der stärkste Beweis der beginnenden Cultur unserer Vater), die ihnen so wichtig, so ehrwürdig war,. c) S. das Gegentheil beym Juvena! in der 6tcn Satyrs da Taeitus auf seine Römer zielt.— „Wer die Nach-, kommen deS Mannus, sagt der seel. Patzke (in s. W. der Deutschen isterm Th. S. 82.) von ihrer liebens-- würdigsten Seite betrachten will, der richte seine Blicke auf die Heiligkeit ihrer Ehe. Bewunderung und Ehrfurcht nimmt mich ein, so oft ich mir meine Water aus diesem Gcsichtspunete vorstelle. Ihre fürchterlichen Wildnisse verlieren alsdann vor meinem Blicke alles Fürchterliche, und ich gestehe es, oft wünschte ich mich in dieselben zurück! Hattet ihr, Eöhne des Mannus! keine andere Tugend als diese: so würde schon diese hinreichend seyn, über eure Fehler (denn Fehler habt ihr nur, keine Laster) ein milderes Licht zu verbreiten." ü ' «ss Sffife s s s ' q 121 0U> fast die einzigen unter den Barbaren Z), begnu- gen sich mit Einer Frau e); etliche wenige auögenom. men f), die nicht auö Wollust, sondern des Standes wegen g), mehrere Verbindungen eingehen. Die Au6« stattung bringt nicht die Frau dem Mann h), sondern dich? der Frau dar i). Aeltern und Verwandte sind H 5 zu- <ä) So nennten die Römer auch unsere Vorfahren, und Tacitus verbindet hier (es ist den Römern gewöhn- lich) mit dem Begriffe, AliSlander, welchen daS Wort bey den Griechen und Römern insgemein aus- druckt, auch die. Nebcnidee der Rohhcit; er versteht daber rohe und uncuitivirtc Völker. Aber sind die Deutschen auch wirklich die Einzigen? Sie sind es ,nir wp den Barbaren j die tie Aömer kennen. Tacitus, der kein Universalhistorikcr war, setzt noch heschciden hinzu: fast die Einzigen. *) Vielwciberey ist bey ihnen nicht Sitte. f) z. E. Ariovist, welcher (S. Cäsar G. K. 1.53.) eine Swcvin (ehe er noch über den Rhein gekommen war) und eine Schwester des Norischen Königs Vocion hatte. Sehr wenige, berichtet Tacitus: der grosse Herzog Armin z. E. begnügte sich mit Einer Gemahlin. g) Aus politischen Absichten, vm durch Verschwagerung tlnd Bunbesgcnossenschast an Macht und Ansehen zu gewinnen. h) Wie bey uns Römern; auch bey den Gallern (Casap G.K.Vk. v).), und zwar Geld. . i) Dem Tacitus scheint es vielleicht als Verringerung her Würde des Mannes, oder als Zeichen der Unter« würfi^ 122 $- ^~^ <%fä&c==-~ $ zugegen*), und prüfen**) die Geschenke: Geschenke, „icht zur weiblichen Ergößung ausgesucht k), oder zum Puß der Neuverlobten; sondern Rinder I), ein gezaum. *e6 Pserd m), und ein Schild mit Pfriemen und Schwerdt. Auf diese Geschenke wird die Frau genom- mcn n); und sie bringt dem Manne dagegen auch cini- ze Rüstung x) zu. Das ist ihr vorzüglichstes Band, das würfigkeit zu befremden; aber nicht eigentliches Hey- rathsgut brachte der Mann seiner Braut: es wurden nur hochzeitliche Geschenke gegeben , die als Zeichen der Ehe die ehelichen Pflichten ihren Gemüthern leb« hast eindrücken sollten. Man wußte von keiner Mit- gift, und erst spat von Morgengabe. Ihr Bcrmo« gen bestand auch nur in Land - und Dicheigcnlhu»^ in dessen Besitz immer (doch ohne Nachtheil für Frauen und Kinder) die Manner bliebe,?. S. in dem Gott, histor. Magaz. IV. B. Erst. St. die Abhandlung über die Ausstattung und Mitgifte unter verschiedenen Völkern. *) Die Einwilligung der Aeltern und Verwandten gehör« te mit zur rechtmäßigen Ehe: Armin machte mit sei, ncr Thusneldc, des Fürsten Segest Tochter, eine Ausnahme, er hakte sie entführt. S. von deutschen Gesetzen lind Beyspielen, die Einwilligung der Ael* lern und Verwandten betreffend, in Schützens Schutz- fchr. 2tcmB- S. 189. f. **) Ob sie annehmcnswürdig sind. k) Nicht Weibcrschmuck, Geschmeide, Kleinodien. !) Nur ein Joch Ochsen, S. unten. =>^5^>sx==— «> i*i das sind ihre geheime Festlichkeiten o), das ihre Ehegötter p). Damit die Frau nicht meyne, sie habe an Kriegskugenden nicht zu denken *) und Kriegsungemach gierige sie nicht an q); so wird sie mit dem ftyerkichei? Eintritt in die Ehe erinnert: sie käme als Gefahrtiil der Mühseligkeiten lind Gefahren, in Krieg und Frie- den gemeinschaftlich zu leiden und zu wagen r). Dieß kün- m) Geschirrt ohne Sattel (S. Cäsar G. Kr. IV. 2.); denn nichts war schandlichtr bey ihnen, als auf Sätteln reiten: man hielt es für die größte Weich» lichkeit. n) Was hier von dem Brautkauf, wenn man es anders so nennen darf, erzählt wird, das erhalt durch noch übrizc Gesetze und Beyspiele der Deutschen Erlaute- ruvg und Bestätigung. S.Schützc ekndas. S..i87.f. x) Die Langobarden nennten es Fadcrphie (Badcrphie), d.i. das Geschenk, was der Brautvater odcr Bmdee der Braut gab. 0) Tacitus hat hier die Römische geheime Fcycr und- Ehcgcbräuche vor Augen. p) Ihre Venus, Juno f. ihr Iugatinus, Thalassius f. welche Augustiil in f. Buche vom Staate Gottes V!. 9. beschreibt. *) Sie auszuüben. 0) S. zur Erklärung das ?te und 8te Kap. d. B. r) Laut dieser Stelle, und den vorhergehenden 7tcn und 8ten Kapp, scheint es fast, als ob wirklich die Weiber ihre Männer immer in den Hccrzügen begleitet hätten s aber es ist unglaublich, daß zu Taeitus Zeiten diese *24 »-°=^§^* r- i s kündigen das Joch Ochsen, das geschirrte Pferd, und die geschenkten Waffen an: so müsse sie leben, so sterben 8). Sie empfange, was sie unverletzt und würdig gebraucht, den Kindern übergebe, was ihre Schwiegertöchter bet kommen, und wieder auf die Enkel bringen sollten t). < gQs -g^B ß Neun- Gewohnheit, wenn sie auch unter so vielen deutschen Völkern allgemein gewesen, noch durchgängig Herr- schend seyn konnte? Die Geschichte des Zustandes, und einiger Völker besonders in dem damaligen Deutschland, sind dem entgegen. Die Sitte muß wohl mit Zunehmen des Ackerbaues und der Cultur auch nach und nach, wo es nicht Auswanderungen mit und im Kriege erforderten, abgenommen haben. Natürlich war es bey Auswanderungen, Rauberzügen und Kriegen ganzer Völker, daß Weiber und Kinder folgten; und auch die Geschaffte der Frauen machte sie für die kriegerischen Manner unentbehrlich. Aber selbst zu den Zeiten des Cäsars, und nach ihm kann die Gewohnheit nicht so allgemein, und nicht ohne ©tu schrankung verstanden werden. «) Als Thcilnehmerin an Allem , was ihrem Manne be- gegnet. t) Sie wurde also auch an Kinder und Enkel, und da- mit an die Pflichten einer Mutter erinnert. Was Tacitus von den hochzeitlichen und bedeutungsvollen Geschenken bisher erzählte, das geht nur edle und freygeborne Deutsche an« 12$ —. ^ ^eal^e^eat te'" , ■■ ■ i ■> « » Neunzehntes Kapitel. Von der Keuschheit und Straft des Ehebruchs. o leben sie a) in gesicherter Keuschheit b), nicht durch ärgerliche Schauspiele c), und durch wollüstige Gastmähler d) verführt *)» Von Schriftgeheim« O Die Ehefrauen. b) Vergl. das vorige Kap. auf welches sich dieses bezieht. c) Wie die römischen, von welchen Seneca (im yten Briefe) sagt, daß nichts den guten Sitten nachthei- liger wäre: durch das Vergnügen, setzt er hinzu, schleichen sich leichter die Laster ein. d) Man schwelgte nicht in Gastmahlern, wie in dem wollüstigen üppigen Rom. *) Unsere Vorfahren wußten weder von den Schauspie« len (ein anderes ist das einzige im 24sten Kap. d. 25.), noch von den schwelgerischen Gastmählern. Wie wenig sie an beyden Gefalleil haben konnten, sehen wir Tac. Annal. XIII. 54 ) an zwey Gesandten der Frie- sen, an dem Verrit und Malorir, und aus der ein« fachen Lebensart unserer Vater, (S. Kap. 23. d. B.) die auch bey ihren Tisch» und Trinkgelagen Statt fand. 126 H--°---^zctzAS>r^----4 hei'mttissen e) wissen Manns - und Frauenspersonen nichts. Se!te» geschieht Ehebruch f ) bey einem so zahlreichen Volke *). Die Straft folgt unverzüglich g), »ind ist dem Manne I)) überlassen: der Mann iagt sie mit e) Von Gchcinnussen in Schriften: er meynt vermuth- lich verführerische Schriften, die mit Künsten der Liebe und ihren Geheimnissen, besonders in dichteri- schern Gewände, unterhielten, und vielleicht Vorzug- lich (Tacitus ein Philosoph, ein ernsthafter und tu« gcndhafter Mann) die mythologischen Götkccgeschich- ten, deren ärgerlich- Beyspiele durch Witz und Kunst des Dichters, wie auch durch den Cchleyer der Wol« lnstscencn, nur um so mehr schadeten. Heimliche Lic« bcszuschriften allein konnte hier der Geschichtschreiber wohl nicht verstehen, da er von beyden Geschlechtern (der Unterschied Maiuicr und Frauen wäre, wie mir dünkt, dann überflüssig), die Urkunde behauptet, und was er sagen wollte, nicht eben mit dem passendsten (oder seinem Genie gemäßen) Ausdruck, auch für den Zusammenhang zu wenig, sagen würde. O Bey den verderbten Römern häufig. *) Vcrgl. Kap. 4- Not. f). x) Das Verbrechen war unabbüßlich, und die Strafe, bestimmt, gewiß. h) Als Richter in seinem Hause; er hatte also allein die Gewalt, über seine ehebrecherische Frau Gericht zu halten. Auch bey den Römern wurdcil sonst die Ehe- brecherinnen von ihren Mannern bestraft. S. Sue- ton 127 mit beschornem Haupte i) und entkleidet **) in Gegen« wart der Verwandten, aus dem Hause; und peitscht sie dann den ganzen Flecken hindurch k). Die Dirne, die sich Preis gab 1), findet keine Verzeihung. Weder Schön- lon im Leben des Tibcrius Kap. 35. Vergl. Tacit. Annal. II. 51. i) Es wurden ihr die Haare zu ihrer größten Schmach abgeschnitten: denn das Haar war eine Zierde der Nation, und vorzüglich des Frauenzimmers. Es er- hielt sich auch diese Strafe sehr lange; daher z. C. die Redensart im Sachsen- und Schwabenspiegel; man soll ihr Haut und Haar abschlagen. **) Vcrgl. Kap. 20. Not. ->) d. B. ti) Die Landesverweisung mit der Geisclung war noch spat, z. E. bey den Sachsen gewöhnlich. So schreibt der ftomme Erzbischoff Bonifacius (S Cleffels Ant. S. 52.) an den König der Angeln Edoald (Ethel- bald): „Wenn in alten Sachsen ein Madchen in dein Hause ihres V.uers geschändet war, oder eine Fraa durch Ehebruch befleckt wurde, so erwürgte und verbrannte man sie--oder es wurden ihr die Kleider bis an den Gürtel abgeschnitten, und bann geiselte man sie; keusche Matronen setzten ihr an alt len Orten so lange zu, bis sie getödtet war." 1) Nicht die Ehebrecherin allein; auch die Hure erhielt keine Nachsicht: er sagt c| wohl von beyden über» Haupt. 128 ^^zi^^r^^^ Schönheit, noch Tugend, noch Reichthum, erwirbt ihr einen Mann: denn da scherzt Niemand m) über lasier n); verführen o) und verführt werden , heißt da nicht Mode p). Noch besser ist'ö bey Völkern, wo nur Jungfern hcyrathen q), und mit der Hoffnung und dem Wunsche Frau zu feyn, nur Einmal Vergleich ge- macht m) Schütze bemerkt auch (in s. Schutzschr. Th.ll, 170. f.) daß sogar unzüchtige Scherze, die vielleicht in bcn Augen der Griechen und Römer Galanterie gewesen sind, in den alten Gesetzen als sträflich geahndet worden waren. b) Laster der Unkeuschheit, wollüstige Ausschweifungen. 0) Wav Unkeuschheit betrifft. p) Nennt man nicht Welt, oder Galanterie. — Wie ganz anders bey dem Sittenverderben unserer Zeit! Wir haben Schriften, welche der Keuschheit gefahr, lich sind, und sie, deren Heilighaltung so segensvvll für den Menschen ist, als klösterliche Tugend »er» lachen; welche die Wollust mir reizenden Farben mah- len, und, wie die Sirenen, zu ihren tödtlichen Ufern v einladen! Gesellschaften, die noch oazu aus Gliedern bestehen, welche auf feines sittliches Gefühl Anspruch machen, sind nicht selten Fusammeickünfte, wo man in Absicht auf Keuschheit zweydeunge Reden hört, oder unschuldig die gesagten Worte durch Witz und Gewalt verdreht, daß diese Tugend ein Gegenstand des Scherzes wird, daß das Gefühl für dieselbe nach und nach abgestumpft, getödtet, und lachend der Grund zu einem Verderben gelegt wird, das so schau* macht wird r). So empfangen sie nur Einen Mann, wie Einen Leib und Ein Leben, daß kein Gedanke in die Zlikunst, keine weitere Begierde, entstehe 8), daß es nicht scheine, als liebe sie nicht sowohl den Mann, als den Ehestand t\ '. Die Zahl der Kinder einschränken u), oder schauderhaft ist, und selbst der Staat noch empfin« dct. Wollte ich fortfahren, wie Tacitus, zu ver- gleichen; welch trauriges Sittengema'hlde unserer Feil! Ich verweift nur auf Schützens vierzehnte Schutzschrist, die hier sehr empfohlen zu werden verdient. q) Denn die Frau war nun ganz ihrem Manne zuge- than, und der Mann vor allen Nachstellungen einer Ehebrecherin gesichert. lr) Wo man nicht zur zweyten Ehe schreitet; mit dem Verluste des Mannes der Ehestand auf immer auf- Hort; fe) Daß man an keine weitere Verbindung denke oder sie begehre. r) Denn wenn sie in dem Mann nur den Ehstaud lieb' ten, so war der Wunsch natürlich, denselben nach dem Tode ihres Mannes fortzusetzen: daher erdros- selten sich viele, wenn er starb, um nicht in Ver- suchung zu gerathen, aus Liebe zum Ehestände wie- der zu heyrathcn. t>) E» diirchs Aussezen der Kinder. Ein Bcyspi>l Wn ihrem Abscheu giebt die Sachsische Königin Z mm tzo = =» 1 -> siamcnte, p) Sie gelten in eben dem Grade, wie leibliche Kim der. Das weibliche Geschlecht stand überhaupt (S. Kap. 8. Not. e) d. B.) in besonderer Achtung; aber der Sohn, der nach dem Tode des Vaters Herr im Hause wurde, übcrkain auch die Verbindlichkeit, Va- tcrstelle zu vettrettcn. Als Vater erzog er nun seine Schwester, unterhielt sie, vcrheyralhete sie, und noch in der Ehe dauerte das Vcrhaltuis fort, da- her auch ihre Söhne wie leibliche Söhne bey ihm angesehen wurden. Mit den jünger» Brüdern und ihren Söhnen verhielt es sich nicht so. So lange sie noch nicht Glieder des Staats waren, hatte Jener zwar auch die Pflicht der Versorgung auf sich, aber, sie hörte auf, nachdem diese wehrhaft gemacht worden waren, und sich nun selbst unterhalten konnten. r) Aber der Erstgeborne hatte den Vorzug, vergleiche Kap. 32. d. B. 5) Die Kinder sind die Nothcrben, auf Kindschaft haft tete die Erbfolge. $-«==3<äÖ>S><===^ 137 stammte giebt es nicht t). Sind keine Kinder da; so erben die nächsten Verwandten *), Brüder und Oheime von väterlicher oder mütterlicher Seite. Je mehr Verwandte und Veft^undte u), desto größer ist das Ansehen im Alter; kinderloser Zustand hat keine» Werth v). ^^&=m^ I 5 Ein r) Es werden feine Testamente gemacht, daß auch An« derc an der Erbschaft Tlieil nehmen tonnten. Man sahe nur aus natürliche Billigkeit. Dieß dauerte bis ins fünfte Jahrhundert. *) Cchwerdt - und Spiltmagen. u) Die man durch viele Kinder erhielt; eine zahlreiche Familie haben, brachte auch viel Ehre. v) Man gieng nicht, wie bey d?n Römern, um Kin« dcrlose herum, sie, wenn sie reich waren, durch Echmcicheleyen oder Ranke (S. Tacitus Annal.Xlll. 52. Perronius Satyricon Kap. t 16. Iuvcnals Satyrn XII. v. 93. folg.) an sieh zu ziehen, und zu. beerben. M -»^-M---^-- !=at^ Ein und zwanzigstes Kapitel. Von der Aussöhnung mit erblichen Fein-- den und der Gastfreundschaft. £My» muß die Feindschaft des Vaters oder des ** < *2b=^4* Zwey i) Dieß war zur Sicherheit des Landes oder Orts auch um der Reisenden willen selbst nothwendig. So er« zahlt Cäsar a. d. ang. O. daß der Gast, oder Frem« de, bey ihnen gegen alles Unrecht geschützt und sicher lebte. *) Vergl. Not. f) d. Kap. *) Man gab Geschenks ans lauter Güte, 142 m*= » Zwey und zwanzigstes Kapitel. Von Verrichtungen vor und nach Tisch und von Gastmahlern. ^Äojj/jjjb sie aufstehen, welches gemeiniglich erst bey S^. Tage geschieht 3), waschen sie sich d); mehren- theils mit warmen Wasser c), da bey ihnen die meiste Zeit a) Wenn die Sonne über dem Horizont ist. Vergl. Kap. 15. b) d. B. b) Oder sagt Tacitus: sie badensich ? Dann hatten sie Bader in ihren Hausern haben müssen, welches doch nicht so scheint; sie badeten sich fleißig (S. Cäsar. G. Kr. VI. 21.) in den Flüssen, auch in dem Winter. c) Aus Weichlichkeit geschah es wohl nicht, wenn nicht etwa Tacitus ( und doch mit Einschränkung) solches von der römischen Gränze hat. Aber warum thaten sie es nicht immer, wenn es Weichlichkeit gewesen wäre? — Bey dcm langen und kältesten Winter war das Wasser, auch in den Haußcrn, um die Feit des Aufftehcns noch ganz Eis, sie mußten also Feuer zu Hülfe nehmen. Vermuthlich wuschen sie den ganzen Leib (vcrgl. Kap. 20. zu Ans.) nicht nur Gesicht und Hände. &-===^?^c===~-4 145 Zeit Winter herrscht 6). ?llödenn essen sie *). Je- der hat seinen besondern Sitz e), und seinen eigenen Tisch f). Daraus gehen sie bewasnet **) an ihre Ver» richtungen ***), und auch oft zu Gastmählern h). .Tag und Nacht sortzuzechen i), ist Keinem Schande. Hau- fige d) S. Kap. 2. Not. h) Kap. 4. und Kap. 16. d. B. beyde zu Ende. *) Ausser dem scheinen sie keine bestimmte Zeit zum Essen gehabt zu haben. e) f) Auf Wolfs, oder andern Thierhauten, oder auf einem Nasen - oder Heubette ; und jeder seinen Tisch, sein eigen Essen für sich. S. Clüvcrö Germ. Ant. S. 12z. f. f. **) Vergl. Kap. II. g) und Kap. 13. zu Ans. "45) Kriegs und Iagdgeschaften. h) Die sie nicht nur bey Volksversammlungen, wie cs wahrscheinlich ist (S. z. E. Tacitus Histor. IV. 14.), bey goktcsdienstiichen Uebungen und an festlichen Ta-° gen hielten; sondern auch in ausscrordcntlichen Zu- sammenkünftcn. S. ausser mehren, Stellen z. E. E«V sar G.Kc. VI. 28. Tacit. Annal. I. 49- vergl. Kap. XIX. 1) d. B. i) Diese Nachricht- ist den Deutschen nicht angedichtet { viele und gültige Zeugnisse stimmen darin ÄercW S. Hrn. Pctcrscns oben angef. Gesch. Er beweist auch, was die Geschichte bestätiget, aus der Natur her rohen Völker, aus dem Einflüsse des Klima 144 fige Händel, wie's bey Trunkenen geht, endigen sich selten mit Schelrwvrten *), öfterer mit Todtschlag und Wunden **). Doch psiegen sie auch bey ihren Gela- gen über Aussöhnungen der Feinde, über Heyraths- Verbindungen, über Hauptenvahlen k), ia über Krieg lind Frieden zu rarhschlagen I); wie wenn die Seele zu keiner Zeit zu ciusrichfigen Gedanken offener, oder zu wichtigen feuriger wäre m). Als ein nicht listiges, noch verschlagenes Volk n), eröffnen sie alödannt) bey Gele- lind der Lebensart. Aber ihr gewöhnliches Getränke bestand nur in Bicr; auch nahmen sie auf ihreit Gastmählern, wie wir hier lesen, wichtige Dinge vor, daß sie sich also nicht bis zur Betäubung der • Sinnen und der Vernunft berauschten. *) Schelten / schmähen, mußte ihnen weibisch und nie- dcrtrachtig vorkommen. **) Vergl. Kap. 25. Not. i). k) 1) Besonders in ihren Volksversammlungen; wie mmi aus dieser Stelle, vergl. mit der vorigen Not. h)> mit Kap. n. (Not. a) c; r), Kap. 12. Nvt. *) und x) sehen kann. m) So hat Civilis (Taeit. Histor. IV. 14.) aus keiner andern Ursache die Vornehmsten und die Tapfersten unter dem Schein eines Gastmahls in einen heiligen Wald versammelt. n) Was Taeitus von den Deutschen hier überhaupt er- zahlt, das wird auch einzelnen deutschen Völkern juge- £-===><8<ä^<== ; ==—<* 1 145 Gelegenheit der Freude, wcis in dem Herzen ver- borgen ist. So fort werden die entdeckten und offeneil Gesinnungen aller am andern Tage wieder vorgenom- men, und beyde Zeitpunkte finden ihre Rcchining 0). Sie gehen zu Rathe, wen» sie sich nicht 511 versteh len wissen; befchliessen, wenn sie nicht fehlen können. Mm K^^ s&s* Drey zugeschrieben, S. die drcyzchi'.te Schienst bey Schäln. Unsere Vatcr sind von jchcr in dem gu- tcn Rufe dcr Redlichkeit und Treue gewesen; und sehr lauge blieben auch diese Tugenden ihr Eigene thum. f) Zu der Zeit. v) Mau verlor nicht nur nichts durch die am Gastmahle frey eröfnetcn Hcrzcnsgedauken; mau konnte uüch^ lern seine Enlschliessungeu wieder andern: senden« man gewann auch, da am folgenden Tage alles vvlt Neuem vorgenommen wurde. K 146 . ■ i M »s l^^Ä-sl^^ ^»- - 1 Drey und zwanzigstes Kapitel. Von Speise und Trank. ^>shr Trank ist ein Saft aus Gerste oder anderm Ge« <\5 traide a), zu einer Aehnlichkeit mit Wein (gegoh-. gohren) gebraut d). Die am Ufer c) kaufen auch Wein*). Ihre Kost ist einfach: Feldobst **), frisches ,) Mit einem Worte Bier, welches freylich der Römer verachtete. b) Man laßt ihn gahrcn, und sucht ihm einen Wein- geschmack, oder eine wcinahnliche Eigenschaft zu ge- bcn. Herodot, Theophrast, Athcnaus nennen auch den Trank Gcrstenwcin. TacituS, der kostlichen Weine gewohnt, spottet wohl ein wenig mit dem Ausdruck. c) Die Nachbarn des Rheins, oder Rheinländer; denn die Bekanntschaft und der Verkehr mit den Römern (vergl. Cäsar E. Kr. IV. 3.) hatte sie schon an Wem gewöhnt; aber bcn Nerviern, Swevcn und andern Deutschen war er (Cäsar G. Kr. II. 15. IV. 2.) als ein entlarvendes mid' weibisch machendes Getränke verhaßt. *) Aus Gallien: Rheinwein gab es noch nicht. **) Wilde Baumfrüchte, vergl. Kap. 5. Not. g) und Kap. 26. d. B. sches Wild M, verdickte Milch e). Ohne Znrichtun- gen***), ohne jeckereyenf), stillen sie den Hunger. Gegen den Durst g) sind sie nicht so maßig. Will- K 2 führe <0 Crstgtfalltes Wild. Roh asscn sie es wohl nur im Krieg, und in der Eile; Mcla sagt (111. z.) daß sie das Fleisch auch roh oder frisch (also doch nicht für ge- wohnlich) aßen, und erzahlt, wie sie es danu müv> he machten. Beym Diodorus, Strabo, AthenauS liest man noch, daß sie das Fleisch gekocht und ge- braten gegessen. Zahme Thiere asscn sie wenig; aber wilde in Menge; und der häufige Genuß des Fleisches war ihrer Lebensart und dem Klima an- gemessen. e) Kase war es nicht (S. Conring. S.i8z.), wie es nach dem Cäsar G. Kr. VI. 22. so scheint: Tacüus kann« te den Kase , und würde ihn gewiß genannt haben. Vielleicht Butter, nach dein Plinius R. Hist. XI. 41. und XX11X\.,9. ? Aber Tacttus braucht wohl mit Fleiß den Ausdruck verdickte Milch. ***) Ohne künstliche Zubereitung. f) Es wurde nichts hinzugethan, das den Geschmack der Speise erheben oder reizen konnte; man aß sie ohne Gewürze und ohne Vervielfältigung. g) Vcrgl. Kap. 4. Not. 0) und Kap. 22. Not. i) d. B. Rheinnachbi'.ru, auch andere Deutsche zu Rom, ha- beu ohnfehlbar diese uachtheiiige Meynung bey den Römer» erweckt. Da die Deutschen den Trans liebten, und häufige Trinkgelage hatten; so mußte frey- $4ßt *-==3<^)6x=—«. führe man ihrer Neigung znm Trunk, und gebe ihnen so viel sie wollten; sie würden so leicht durch Aus- schweifungen i), als durch Waffen überwunden wer- km k). ^c=^e^ßifs==^ Vier freylich der Wein, den die Rheinländer u. s. w. dann in Menge , wie gewöhnlich ihr Bier, tranken, auf eine ungewöhnliche Art berauschen, und solche Wir- kungcn hervorbringen, von welchen Tacitus einige- mal redet. Aber bey ihren gewöhnlichen Gastgcla- gen zechten sie nur Bier: und da sie hier wichtige Dinge in Ueberlcgung zogen, ihre Lcibesstarke und feste Gesundheit erhielten, Muster der Keuschheit waren, und blieben: so können sie auch des La- sters der Völlcren nicht -eigentlich beschuldiget wer- den. i) d. i. das Laster der Trunkenheit mit seinen Folgen. *) Tacitus sagt hiemit nicht , daß die Deutschen durch Waffen leicht zu besiegen waren; er erklärt sich z. C. selbst in s. Annalen (I. 49 und 50. und wegen der . Art des Ausdrucks, S. im obigen l4ten Kap. zu Ende. 549 a r- 1 .....- ' ^> ^jggg^E^^S pa « «a?-- . , gna» Vier und zwanzigstes Kapitel. Von den Schauspielen und der Spielsucht. 'ie haben nur eine und dieselbe Art von Schau* spielen a) in allen ihren Zusammenkünften*). Nackte d) Jünglinge, für welche das Spiel ist, tan. zen und springen unter drohenden Schwerdtem und Pfriemen c). Uebung hat die Kunst, und Kuust den Anstand hervorgebracht 6): aber meljt um Ge- K 3 winn a) Ein Schauspiel, das Vorübung zum Krieg war? bey ihnen bezicht sich alles auf den Krieg. *) S. z. E. Kap. 11. d.B. b) Nicht durchaus. Vergl. Kap. 4- Not. g). c) Es ist der sogenannte Schwerdttanz, welcher zur Nationalerziehung gehörtes und von diesem Schau- spiel oder der Uebung kam bey ihnen die Geschwin- digkeit, und die schnelle Art, den Feind anzufallen. S. Taeit. Annal. II. 21. d) Die Uebung in den Sprüngen ohne Gefahr, und die Fertigkeit, machen das Spiel künstlich, und die Kunst zu einem angenehmen Schauspiel. , ?5° *— =>c^gx=~« winn *), oder um john. Belustigung der Zuschauer ist der Preis des verwegenste« Mukhmillens. Glücks, spiele, es ist sonderbar, treiben sie nüchtern, als ernst- hafte Dinge**); so Waghalse aus Gewinnst und Ver- lust, daß sie, wenn alles verloren ist, noch im gcfahr- lichsten und letzten Wurf ihre freye Person ausö Spiel setzen f). Der Verspielte geht sreywillig g) in die Knechtschaft h). Er laßt sich binden und verkaufen, wenn er auch jünger und starker ist j). So beharr. sich +) Nicht (wie wir zu sagen pflegen) ihre Kunst/um Geld sehen zu lassen. **) Mit solchem Ernste, als wenn sie sich mit den wichtigsten Angelcgcnhtttcn beschäftigten. f) Denn sie wurden, wie gleich folgt, zu Sclaven an ^rcmde verkauft, und mit dem Verluste der Na- tioiiairechte der Willkühr Preis gegeben. Also Un- glück und Verlust genug, wenn auch immer die Deutschen ihre Leibeigenen, (S-das folg. zsftt Kap.) und vorzüglich die freiwilligen Knechte, ganz anders zu halten pflegten, als die Römer und andern Völker. g> Zwang und Gewalt braucht man nicht. fc) i) unier so manchen Zügen der deutschen Redlichkeit ist dies einer der stärksten. So treu, so ehrlich sind sie. Mit Recht riefen die friesischen Gesandten Verrit und Maloi ix (Tact. Annal. XIII. 54.) vor dem Senat aus: Keine Nation in der Welt ist (tapfer =x&&8*=- 4 lich sind sie in der Sache : sie nennen es Wort hal« ten k). Knechte von dieser Art verhandeln sie I) ( aus» warts), um sich der Schaam ihres Gewinnstee zu ent- ledigen m). (tapferer und) treuer, als die Deutsche.,, Schütze hat in seiner Schutzschrist eine eigene Abhandlung (die iZte) dieser Tugend gewidmet, und bewiesen, daß sie ein Eigenthum der alten deutschen und nor, dischen Völker gewesen sey. !;) Man pflegt zu sagen: Ein Wort, ein Wort, ein Mann, ein Mann. y Sie behalten sie nicht: inS Ausland werden sie, und zwar bald, verkauft. m) Es wurde freylich der Herr, wie der Leibeigene, durch die Entfernung geschont; aber es scheint nicht sowohl die Schonung, als herkömmlicher Brauch die Ursache gewesen zu seyn. K 4 Fünf 152 «ica: ^~g^S^3g^.*^ Fünf und zwanzigstes Kapitel. Von Knechten und Freygelassenen. onst brauchen sie ihre Knechte nicht, wie wir a), zu Verrichtungen, unter das Gesinde vertheilt b). Jeder hat Haushund Hof; seine eigne Wirthschaft c). Der Herr legt ihm d), als seinem Ackermann (Bauer), ein Gewisses an Getraide, oder Vieh, oder Klei- dtings- «) b) Nicht zu Bedienungen / wie bey den Römern. Die Römer hatten Sclaven in Menge, i» der Stadt und aui dem Lande, in und ausser dem Hause, z. E. Leuce, die die Ausgaben besorgten, die die Wirthschaft führten, über die Kjnder die Aufsicht hattni, das Feld bestellten, fast alle Handwerker; dte Geschäfte waren nach den Fähigkeiten vertheilt. c) Jeder hat sein Eigenthum und ist Herr und frey in seinem Hause. Nicht so bey den Römern: da war der Herr, Herr ohne Einschränkung; alles gehörte von dem Sclaven dcm Herrn, auch die Kinder: sie wurde» nicht einmal als Personen, son« dem als Sachen betrachtet und behandelt. ch Für Grundstücke, die ihm gleichsam zum Pacht gegeben wurden; aber wie Pachter dürfen sie alK Leibeigene nicht angesehen werden. / - / / ir-====x^€>c=i==-4 15? dungsstücken e) auf; und so weit ist der Knecht unter- würfig k). Die übrigen Hausgeschafte versahen Frau und Kinder g). Selten wird der Knecht geschlagen, oder mit Banden und (harter) Arbeit *') gezüchtigt b% Eher tragt sichö zu, daß sie ihn todlschla- gen i); aber nicht aus sirenger Zucht, sondern iin Iach- zorn, als einen Feind : nur ohne Ahndung k). Frey- K 5 gelas- e) Die sie, oder die Materialien dazu, verfertigten; sie hatten also auch, laut dieser Stelle, dergleichen Arbcit, wie den Ackerbau und die Vichpstcgc, mit dem weiblichen Geschlechte gemein. f) Wenn er liefert, was er schuldig ist, und wie es ihm zukommt; dann fordert der Herr keinen weu tcrn Gehorsam, keinen weitern Dienst: er ist dann frey und unabhängig. g) Sie waren recht eigentlich die weiblichen Geschäfte, davon beym Cleffel vieles zu lesen ist. S. oben Kap. 7. s) und Kap. 15. im Anf. **) Schwere Arbeit zur Strafe. h) Der deutsche Knecht mußte also doch in gewissen Punkten gehorchen; und der Herr hatte in dieser Rücksicht Gewalt über ihn. i) Denn bey ihrem Kriegsgeist und brausenden Wesen kam es gleich zum Schlagen. Vergl. Kap. 22. **) d. B. 10 Weil er nicht zur Nation gerechnet wurde, von dem Waffenrccht, Kriege und den Versammlungen rnts* gcschloft Z54 gelassene sind nicht viel besser; als Knechte 1). Scl« ten haben sie einen Einfluß im Hause***), nie im Lan- be; ausser bey Völkern, wo Könige herrschen m): denn da steigen sie auch über Frcygeborne n), und über Ed, le o) hinauf. Bey den andern ist der Unwerlh p) der Freygelassenen ein Beweis von der Freyheit. #=w» Sechs geschlossen war, also auch keinen Racher feines To-- des fand. S. Kap. 21. a) d. B. I) Sie galten eben so wenig bey der Nation, und muß- ten, wie die Knechte, in dem Stand auf National- nalrcchtc Verzicht thun. ***) Vergl. gegenwärtiges Kap. a) b). m) Wo man Königen unterworfen ist, oder wo gar Despoten sind. S. Kap. 43. zu Ende und 44. d. B. ») Von Freygcbornen, Edlen, wie auch von Sclaven oder Knechten S. Wörterb. v) Germanen oder Deutschen, die nicht von Könige,, beherrscht werden. P) Oder der Mangel gleicher Rechte mit den Freyge- bornen und Edlen, da sie im Staate nichts gelten, tiicht viel besser als die Sclaven sind. I5S i ^^^ te f" in »» Sechs und zwanzigstes Kapitel. Von dem Ackerbau. uchcr treiben und Zinsen sieigern a) ist ihnen im« bekannt; und so wird mehr gerhan k), als beym Verbot c). Die Felder werden von Titten Wechsels« weise nach der Zahl der Anbauer in Besitz genommen; die sie dann unter sich nach Würo^uug vertheileil d). Feld. a) Beydes war ibrcr Frcybcit und Wirthschaft entge- gen; Geldzmftn hatten sie so nicht, da es ihnen (S. ob. Kap. 5. p)) an Geld fehlte. b) Wird also besser vermieden/ als wenn Gesetze dage- gen gegeben waren. c) Gute Sitten (S. ob. Kap. 19. am Ende.) wirkten bey den Deutschen mehr, als anderwärts Gesetze. Vcrgl. Tacit. Annal. VI. 16. d) Tacitus gnippirt dem Cäsar nach (S. Cäsar G.Kr. VI. 22. und IV. 1.) und es scheint hier besonders, daß Tacitus, was ehedem gewesen ist, als noch allgemein erzählt. Das i6te Kapitel, (vcrgl. un 46sten *) ) linsirs Buchs, enthalt wenigstens nicht geringe Schwierigkeiten, oder gar Widerspruch. Es kann wohl hier, wie mich dünkt, von keiner andern 5Z6 *-=====>t§^g><====-^. Feldranme erleichtern die Theilung. Sie wechseln mit dem Saatlande um; und es bleibt noch Feld liegen, denn man wetteifert nicht im Fleiße mit der Frucht- barkcit und Weitläuftigkeit des Bodens , daß man Baumgärten anlegte, Wiesen absonderte, und Gar-- ten wasserte e). Nur Getraide bauen sie. Daher sie auch das Jahr nicht in so viele Zeiten theilen. Von dem Winter, Frühling und Sommer haben sie Be- griffe und Worte: aber den Namen des Herbsts ken, mn sie so wenig, als seine Güter f), -^^^^M- Sieben andern Ilmwechsclung die Rede seyn, wenn Tacitus mit sich bcstchcn soll, als von den Frnchtftldcrn, die man jährlich, wenn sie getragen haben, mit an- deren, liegen gebliebenen vertauschte, und von der Ver'hcilung, die dann von den Landeigenthümcrn zur Bearbeitung dieser Felder geschah. Färstcn und Vorsteher mögen auch noch, wie zur Zeit des Ca< sars, dabei) ihr richterliches Amt geführt, und nach Beschaffenheit der Umstände, neues Land (das über- flüßig vorbanden war) angewiesen haben. 0 Weil nur Weiber, Alte und Sclaven das Geschäfte des Feldbaues besorgten. Mit Recht sagt daher Cäsar (G. Kr. VI. 29.), daß sich nur wenige Ger» mancr auf den Feldbau legten. Vergl. iztes Kap. Not. **) d. 55. O Den Herbst hatten sie wohl aus astronomischen Gründen ; aber wegen des Mangels seiner Gaben fojm* O« **&3&3^G*3§S&^ w Sieben Ühf» zwanzigstes Kapitel. Von den Leichenbegängnissen und der Trauer. CV\Vf Leichen machen sie kein Gepränge a). Nlw das ist gebräuchlich, daß sie die Leichname be- rühmter Männer mit gewissen Holzarten b) verbrennen c). Der Holzstoß wird weder mit Kleidungö- stücken kanntn, sie ihn nicht. Vergl. ob. Ztcs Kap. g). Sie arntcten nur Gctraide und HnU a) Tacitus, der immer stillschweigend die deutschen Sit« tcn mit den römischen vergleicht, sieht auch hiec (S. Z. C. Scneca von der Kurze des Lebens Kap. 20.) auf seine Landsleute hin, die erstaunliche Summen auf Leichen wendeten. Auch bey den Gallen, (S. Cas. G. Kr. VI. 19.) war Pracht und großer Auf- wand. b) Welche Holzarten? laßt sich nicht eben bestimmen, wie es Hachenbcrg versuchte: man nahm jedesmahl das beste und tauglichste Holz im Lande. c) Noch spat behielt man das Verbrennen der Todte» -bey, daß auch Karl der Große bey den Sachsen ein« Lebejiöstxafe darauf setzte. 158 #-«=3d^?^>c==--<$ fiucPend) noch Spezsreyen e) anqehauft. Jedem werden seine Waffen *), Einigen auch ihr Pferd, mit ins ,^euer geworfen f). Man richtet einen Grabhügel von Wa- sen auf %\ Die stolze und mühfelige Ehre der Grab« Mahler verachten sie, alö lästig den Todten. Kla, gen und Thränen nehmen bald, Schmerz und Traurig- keit fpat ein Ende, jeidkragen ist anstandig für Wei- ber; für Manner das Andenken. So viel habe ich von Urfprung und Sitten aller Germaner überhaupt erfahren: nun will ich von der Verfassung und den Gebräuchen einzelner Völker, so weit sie verschieden sind, und von den Auswanderungen einiger Germanischen Stämme nach Gallien erzählen. lfm ■ ■ ■ ^".^»^ n» Acht d) e) Bey den Römern warf man dergleichen Sachen hanftnweis auf den Rogus: Gewürze, als Zimmet- rinden und wohlriechende Oele; auch Kostbarkeiten und Geschmeide. -») S. ob. Kap. 6. und iz. 5) Nicht nur Waffen, auch was ihnen sonst lieb und theuer war, wurde in das Leichenfeuer geworfen. Vcrgl. Mela II. 2. g) Vergl. Tacit. Annal. I. 62. »Ä W- - 159 =o*» Acht und zwanzigstes Kapitel. Von Wanderungen aus Gallien nach Ger^ manien / und aus Germamen nach Gallien. hedem, berichtet der große Geschichtschreiber Iu- liuö (Cäsar) a), sind die Gatter sehr mächtig ge- wesen, und daher ist'S wahrscheinlich, daß auch Gal- ler nach Germanien überwanderten b). Was konnte ein Strom *) hindern, daß nicht ein angewachsenes Volk seinen Wohnplatz verließ, und einen andern, der noch gemein, und nicht durch herrschende Machte abge- sondert war, in Besitz nahm? So wohnten zwischen dem Hercyner Walde und dem Rhein und Mayn bis Helvetier, weiterhin die Boier, beyde gallische Völker c). Noch a) S. Cäsar G. Kr. VI. 24. zu Anfang und zu Ende, Tacitns Agricola Kap. 11. b) Mit ausdrücklichen Worten, sagt es Cäsar (S. dcS Herrn D. Morus Anmcrk. S. 216. in seiner Ausg.) am angef. O. (vcrgl. G. Kr. T, 5.), und setzt hinzu: aus Mangel an Land, wegen der großen Volksmenge. ») Der Rhein. c) Ursprünglich und eigentlich waren sie es zwar nicht; aber man hielt sie dafür, weii sie aus Gallien über die IÖO *—=z:«' Neun h) Cäsar erwähnt nicht nur E'uunal in seinem Gallischen Kriege d-s Leichtsinns ur.d der Unbeständigkeit der Galler. i) -S. Tacitus Agricola Kap. n. K) Wegen ihrer Ergebenheit und Treue. l) Von der Enkelin des römischen Consuls Ageippa, der sie Zuerst über dcu Rhein führte,) der Kaiserin und Gcnmimn des Claudius: denn sie wurde an. dem Pflanzort (dem beungen Coiln) geboren, und hatte ihn vergrößert und bevölkert. m) Besonders die mächtig n und furchtbaren Sweven, oder eigentlicher die Chaitenj also glßichsaM zur Bedeckung. n) Vcrgl. Kap. 4. d. B> 4 — ! *^ lfc^&z§ß&^(e&i^ r-...... =eatg> Neun und zwanzigstes Kapitel. Von den Batavern und Mattiakern« €jN' c tapfersten unter allen diesen Völkern, die Ba« taver, bewohnen nicht nur ein kleines Stück vom Ufer des Rheins, sonder auch eine I>,sel des Stroms a). Sie waren vormahls ein Stamm der Catten b); zogen aber g) Dergl. Tacit. Histor. IV. 12. und Annal. II. 6. S. von dieser Jnscl der Bataver (oder Rhcininscl), deren oberer Theil noch Bctanw oder Bctouv gencnnt, und zu dem Hcrzogihum Nicdcrgeldern gerechnet wird, das Wörtcrb. b) Sie gehörten, (wie er a. angf. O. s. Histor. sagt) zu den Chattcn, als sie noch jenseit des Rheins wohnten: daher auch, die übrigen Nanien einiger Oertcr, als Catwic im mitttaglichcn Holland, Cat- tcndrvek in der Provinz Utrecht, Cattcnsand in Flandern. r) S- Edendas. Was es für Unruhen waren, und zu welcher Zeit sie geschahen? sagt die Geschichte nicht; aber da Cäsar von den Batavcrn, als von einem alten gallischen Volke spricht, so muß sich doch die Begebenheit lange vor dem Cäsar zugetragen haben. Ä) e) Sie wurden Verbündete der Römer. So heissen sie in einer alten Inscription (beym Iunius in s. Batavia aber bey innerliche» Unruhen in die Gegenden c), daß sie hier dem Rönu'schen Reiche eiiwerleibt wurden d). Ehre und Zeichen des alten Bündnisses sind noch das). Denn sie werden nicht zum Tribut erniedriget f): auch schmälert sie kein Zollpachter. Frey von Steuern und Abgaben, und nur zu Kriegsdiensten bestimmt, wer« den sie, wie Wehr und Waffen, für Kriegs aufbehal- ten g). In eben dein Verhältniß mit uns stehen auch die Mattiaker k): denn die Grösse des Römischen Volks hat über den Rhein und über die alten Gränzen i 2 des Batavia S. 34.) Freunde Und Brüder des Römischen Reichs, und in einer- andern (beym Gruker in s. Thes. Inscrip. S.72. Nr. 9.) Brüder und Freunde; und daher ihre Empörung unter der Anführung deS Civilis (E. Tac. Hist.IV. 14.', da man sie nicht, wie vordem, als Bmidgenossen, sondern als Scla« ven hielt. f) Solches geschah nur überwundenen und umerroor* fenen Völkern.. g ) Im i2tcn Kap. des angef. O. sagr er: Nur (bewaffn uete) Maimschaft müssen sie ;um Kriege liefern. h) Auch sie geben als Römische Bundesgenossen keine Steuern und Abgaben, und stellen nur Maunschaft zum Krieg. Dieser Ursache und ihres chatlifchei, Ursprungs wegen verbindet sie Taeitus mit den Ba« tgvern. des Reichs i) Ehrfurcht verbreitet. So haben sie Sitz und jand auf ihrem Uftr k); aber Gesinnung und Muth für uns. Im Uebrigen sind sie wie die Bataver, ausser daß selbst Boden und Ciima sie zum Streit noch mu- thiger macht. Zu den Germanischen Völkern möchte ich die Decumatifchen landereyen I) nicht zählen, wenn sie gleich jenfeit des Rheins und der Donau sich nie- dergelassen haben. Gallisches Volk, leichtsinnig und durch Armuth verwegen, bemächtigte sich des Landes, da6 noch keinen gewissen Besitzer hatte m). Nun werden sie nach gezogener Gränze und fortgerückter BefaHung n) für Vorland des Reichs, und für einen Theil der Provinz o) gehalten. - ■*K==sSfcj- =>6*- i 3 Drey. ,) Auch über die Donau, nicht nur über den Rhein, k) Am Rhcinuftr, und zwar ostwärts. 1) S. Wörterbuch. m) n) Herr HR. Satterer mcynt ( S. Einlcit. in die synchronist. Univ. S. 786. folg.), daß der erste leere Strich für Decuinatischc Landercycn zwischen der Lahn und dem Mann, wo vormals die Ubier gewohnt, und dann wieder eine neue Leere entstanden sey, Nachdem Traian durch neue Eroberungen den Cor- don in Germanien weiter fortgerückt habe. v) dlad) Herrn HR. Gatterer ebendas. Belgica, nicht Raticu. 165 aatfce- Dreysigstes Kapitel. Von dem Lande der Matten, ihrem Aha- racter und ihrer Kriegszucht a). 4 4cher Diese *) hinaus, fangt das land der Chattm von dem Hercynischen Walde an, die nicht in so flachen und sumpfichten Gegenden wohnen, wie andere Völker, welche Germanien weit sich schließt. Denn es folgen bergichte **) Landstriche, die sich nach und nach in Ebene verlieren; und der Hercyner Wald b) begleitet und verlaßt seine Chatten c). Die Nation hat dauer. i Z hastere a) Die Chatten des Tacitus hier sind die Swcven deS Casarö, (Cäsar nennt sie nur nach ihren Bundes- namen), welches Clüver zuerst mit bündigen Gründen E. s. Germ. G- 523- und 529.) bewiesen hat: Casac kann also zur Erläuterung dienen. .*) Ueber die Decumater hinaus. **) Zu der Gebirgskette gehört der Melibocus (der hcn» tige Blocksberg), und der Taunus (vermuthlich daS Gcbirg, die Höhe genannt, Mayliz gegen über). b) c) Tacitus muß nothwendig, wie Hr. Consiftorialrath Tenok (in s. Hessischen Landcsgesch. 2ten B. S.48.) anmerkt, eine gewisse Strecke des Hercyner Walds, zur Bestimmung des Anfangs und Ende des Chatti- schen Staats Wett angeben wollen; denn den Her» cyncr Wald im Ganzen genommen, der beynahe ganz Deutsch- haftere Körper, nervichte Glieder, drchende Blicke, und noch lebhafteren Geist: für Germaner c!) viel Ver« nunft und Gefchicklichkeit. Sie wählen Befehlshaber, und gehorchen ihnen; sie verstehen Ordnung; nehmen Gelegenheit wahr; verschieben den Angriff; nützen die Zeit des Tags, verschanzen sich in der Nacht; halten Glück für unsicher, Tapferkeit für gewiß. Was das seltenste und nur durch genaue Mannszucht möglich ist: sie rechnen mehr auf den Anführer , als auf das Kriegs» Heer. Ihre ganze Macht bernht auf den? Fußvolke *), das, ausser den Wafftn, auch mir Rüstzeug und Vor. räch bepackt wird. Andere sieht man i»ö Treffen, die Catten in den Krieg gehen e). Selten sind bey ihnen Streifereyen und Schcrmühel. Der Reuterey ist's freylich eigen, schnell zu siegen, schnell zu weichen. Bey Eile ist Furcht, bey.Zögern Standhajeigkeit. Ein Deutschland überdeckte, konnte er unmöglich zur «Granzbcschreibung eines einzelnen Voiks brauchen wollen, das vielleicht kaum den zwanzigsten Theil desselben ausfüllte. ä) Für Barbaren, bey welchen man sonst wenig Vernunft und Gefchicklichkeit findet. *) Äergl. Kap. 6. r), und Kap. 32. b) d. B. e) Es ist alles planinaßig, und wohl überlegt bey ihnen. X6'7 S-^SS^ÄNNÄ^Ä^sl Ein und dveyslgsies Kapitel. Von Tapferkeitstrieben und Aufforderuns gen bey den Aatten. ^VT^as bey andern Gerinanern tw hie und da ge- schscht, nachdem Einer Muth hat; das ist bey den Catten allgemein eingeführ»: So bald sie (nam- sich) zu mannbaren Iahren kommen, lassen sie Haare und Bart wachsen, und .egen die Gesichtötracht, der Tapferkeit gelobt lind -erpflichtet, nicht eher ab, als bis sie einen Feind enegt haben a). Auf Blutvergießen und Beute bloße»' sie die Stirn b), und nur dann erst glauben sie, d»' Preis des Lebens zu erhalten, des Va- terlandes ui-0 ihrer Aeltern würdig zu seyn. Die nicht kämpfen und keine Thaten thun, behalten die wüste (häßliche) Gestalt c). Die tapfersten tragen noch über. a) Ein besonderes Beyspiel haben wir an dem Civilis, . dem berühmten Heerführer der Bataver; und es heist da ausdrücklich, wo es Tacitus (Histor.lV. 61.) erzahlt: er habe nach Gewohnheit seiner Lands- lcutc ein Gelübde gethan, seine röthlichcn Haare wachsen zu lassen, und sie erst nach der Niederlage der Legionen abgeschnitten. b) Echeercn Bart und Haare ab. c) Zur Strafe. 5 4 dieß dieß einen eisernen Rina, 5), (er ist Schimpf bey ihnen), als Fessel g), bis sie sich durch Erlegulig eines Feindes lösen. Sehr vielen Chcitten gefallt der.Aufzug K), und so werden sie darin grau) vor ihren Feinden und ^unds- lenken ausgezeichnet. Sie beginnen iedes Treffen, und sind stctö die Ersten in der Schlachtordnung mit ihrem ungcwöhnlichen. Anblick. Auch im Frieden wird ihr Ansehen nicht miKer, sanfter. Keiner hat Haus, Feld, oder irgend eine Wjae; zu wem sie kommen> werden sie unterhalten: sie zeHm von fremdem Gute, vcrach- ten das ihrige, bis kraftlos Alter sie zu der strengen Tapferkeit unfähig niacht. X f) Also nur die, deren Tapferkeit erprobt war, dursten ' den Armring (nicht Fingerring), oder, das Armband tragen. Der Ringtrager behielt auch noch die erste Tracht bey. g) Den Armring sahe man als ein Zeichen der Knecht- schast an: daher er auch bey einem freyen Volke ausscrordentliche Wirkung that. . Zwey h) Eie geloben aufs ganze Leben der Tapferkeit, und behalten den Auszug. l6y Zwey und dreysigstes Kapitel. Von den Usipiern und Tencterern. unachsi den Chattcn am Rhein *), wo er ein sicheres c*J Bett hat *^), und genug Gränze seyn kann, woh- nen die Usipier und Tencterer. Die Tencterer haben ausser dem gewöhnlichen Ruhm in» Kriege, eine vor« züglich geübte Reuterey a); und sie steht in eben dem grossen Rufe, alö bey den Charten das Fußvelk b). So haben eö die Vorfahren angeordnet; und die Nach« kommen folgen (in die Fußstapfen). Daö ist der Km* der Spiel ***), der Jünglinge Wetteifer, und der Alten bestandiges Geschaffte. Zur Familie, zur Wirth- *) Von den Chattcn ist cs nicht zu verstehen, als hat- tm diese noch zur Zeit des Tacitus an dem Rhein gewohnt. S. Wörtcrb. ■**) Vergl. Tacit. Aiuial. II. 6. und Mcla III. 2. a) Vcrgl. Cäsar G. Kr. IV. 2,11, 12, 16. b) S. das vor. Kap. 30. LZ schaff, Das Reiten auf Steckenpferden wäre demnach schon so alt. i7o *&2&&%g cs ®#- schaft, und zu den Rechten der Erbfolge gehören die Pferde. Sie erbt nicht, wie das Uebrige c), der Erst- gehorne d), sondern der mnthigsie und tapferste Krie« ger y). Drey c) ä) Anton: „Der ganze Inhalt dieses Kapitels lehrt uns also, daß der älteste Sohn allein Erbe der Al- loden, und alles desjenigen, was dazu gehörte, war. Die Töchter erhielten reine Ausstattung, die jüngcrn Söhne aber nothwendig eine Apanage, da sie denn vielleicht das Gefolge der Edlen vcr, mehren halfen. „ e) Der tapferste Sohn überkam (bey den Tcnrterern) die Pferde allein; Cleffcl setzt noch hinzu : auch die Waffen, welche übrig waren. Hier ist ohnfchlbar der Ursprung des Heergcvcttcs oder Hccrgcrathcs. SdSlÄHsK^MftsBÄd Drey und dreysigstes Kapitel- Von den Brncterern, Ahamavern und Angrivatem. In dieTencterer stießen ehedem dieBructerer: nun») ' sind, wie es heißt, die Chclinaber und Angriva- rer d) eingewandert, und haben die Bructerer mit Einwilligung der benachbarten Völker vertrieben, und ganz- lich ausgerottete); es sey aus Haß gegen den Ueber- Muth/ oder ans Reiz der Beute, oder weil uns der Him« Z) Zur Zeit dcs Tacitus, oder um die Zeit, da er scheu*. b) In dem vormaligen Wohnsitz der Bructcrer. <§?. Bructercr Im Wörtcrb, c) Diese Nachricht, für welche Tacitus-auch nicht Innv gen will, ist Min die Geschichte. Die Chamavev und Angrivaret haben die Bructerer nur nach einer schweren Niederlage verjagt, nicht aber vertilgt, wie man an mehrern Orten aus spätern Schrift- steuern sieht. Noch im vierten Jahrhundert zu En- dc, werden sie als ein bekanntes Volk unter den Franken aufgeführt. S. Wörterb. Z) oder eigentlich den römischen Besatzungen in der Nachbarschaft. Himmel besonders wohlwollte. Er gönnte uns cl) sogar das Schauspiel der Schlacht, wo über sechzig tausend Mann, nicht durch Wehr und Waffen der Römer, son- dem, was noch herrlicher ist, zur Augenweide e) fielen. Möchte doch immer ihr Haß gegen einander fortdauern f), wenn sie uns nicht lieben wollen, da bey den Bedräng, nissen des Reichs das Glück uns nichts Grösseres schenken kann, als Zwietracht unter Feinden g). •» <-.; ss t - -s^i- Vier e) Für die Römischen Besatzungen. f) Dieser, nicht der Menschheit gemäße, Wunsch, verliert das Gehaßige in Absicht auf den moralischen Charakter des Tacitus, wenn man ausser der Po- litik und dem Patriotismus des Römers den dmnah- ligcn Zustand der Römischen Nation, die immer ßtrchOaret werdende Macht der Teutschen und bey- her Vöjker Verhältnis erwägt. Weltbürgcrliche Ge- sinnungcn darf man hier beym Tacitus nicht suchen. x) Man vergleiche nur, um billig zu seyn, die Gesinnungen und Wünsche kriegführender Völker mit dem Wunsche des Tacitus bey den damahligen Schicksa« lcn und der kritischen Lage des Reichs. Vier und dreysigstes Kapitel. Von den Dnlgibinen, Khasuaren und Friesen. inter den ?lngrivarern und Chamavern schliessen sich die Dulgibinen und Chafum'en an, und andere nicht so bekcinnte Völker. Vorwärts sind die Friesen ihre Nachbarn. Man nennt sie, nach dem Verhältniß ihrer Macht, die grossen und kleinen Friesen. Beyde Nationen werden bis an den Ocean *), von dem Rhein begränzt, und liegen überdieß um ungemejsene a), auch von Römischen Flotten bcfahrne, Seen b). Ja selbst in dem Ocean haben wir uns auf der Seite versucht c). Nach einer *) Die großen und kleinen Friesen. Sie erstrecken sich ~ bis an den Ocean. a) b) In Holland und Fricsland, als der Flevo oder Zuyderfte in Westfriesland. Von der Beschiffmiz Römischer Flotten S. Tacit. Anna!, l. 60. 6z. und 70. Ebend. II. 8. und Plinius Nat. Hjst. II. 67. zu Ans. e) Drusus, Augusts Stiefsohn, war der erste. (S. Suetons Claudius Kap. 1.) Er eröffnete sich einen Weg in die Fuydersce durch den Drusischen Kanal, und durch die Zuydersee in das offene Meer. So beschiffte er dei, heutigen (die Insel) Texel; die Nord, 174 einer verbreiteten Sage, sind auch noch Säulen des Her- cules cl) vorhanden: es sey nun, daß Hercules hieher gekommen, oder weil man darin einig ist, was irgend herrliches gefuuden wird, auf seinen Name» zu schrei- ben. Auch Drusuö Germanieus hatte die Kühnheit e); aber der Ocean ließ weder sich, noch den Hercules unter- suchen 5). Nach ihm wagte eö Niemand; man hielt e6 für heiliger und ehrerbietiger, die Götterthaten zu glau- ben, als Zu (erforschen) wissen. So weit kennen wir' Germanien von der Abendseite. Mt^O^®** Fünf Nordsee wurde mir an der Südseite der Elbe, bis an das Vorzebirg der Cünbrcr befahren. d) Es sind nicht die bekannten Säulen des Hercules (an der Gaditanischen Meerenge) bey Cadix, son- dcrn gegen Norden zwischen dem Cimkischen Eher, sones und Skandinavien: l?icr eine Meerenge, wie zwischen Spanien und Afrika, und zween Berge, der Boubcrg und Sevo, gegen über, wie dort der Berg Calpe und der Berg Abyla. Alfo eben die Umstände, um die Sage von den Nordischen Herkulischeu Säulen zu veranlassen. Wunder - und grauftnvoll war deswegen der Norden für die Römer, auch hatten sie von einem Herkules der Deutschen gehört. e) Nachzuforschen, oder es hier zu versuchen. S. a) b) dies. Kap. f) S. ob. Kap. 2. Not. f). --^s-ZÄ«W?Wv?MAH !?5 ■=>*» Fünf und dreysigstes Kapitel. Von den Chancen. i^i egen Mitternacht zieht es sich in einer erstaunliche» vJ 1 Krümme umher a> Und gleich das erste Volk sind die Chaucen; sie fangen zwar bey den Friefcn an, und nehmen einen Theil des Meerufers ein; aber sie lie- gen allen bisher gedachten Völkern b) zur Seite, bis sie sich an die Cattcn hinabbiegen c). Einen so unermeßli- chen Landstrich besitzen nicht nur die Chaucen, sondern sie füllen A) Dic Küsic lief bis an den Rhein, nordöstlich.-- Wirklich macht hier die Küsie so manchfaltige Krüm- mungcn, daß ihre wahre Richtung erst in diesem Jahrhundert durch ftegcrechtc Messungen gefunden worden. S. Hcrrn HR. Schlözers Anmerk. zu Echo- nings alt. N?rdisch. Geographie, S. 141. b) Do-n Kap. 32 — 35. c) Oder wie Herr HR. Satterer (in s. synchron. Univ, S. 797-)' bis es sich (das Land der Chaueei,) zu letzt an dem Lande der Chatten (vermuthlich an der Dimel) durch eine Bucht endiget. Man sieht hier- ans offenbar, daß die Lander der Chancen u»d Chat- ten eine aneii^ander bangende Linie vom Bremische,, an bis in die Gcg-nd von Aschaffenburg formirt haben. i?6 füllen ihn auch aus d); sie, die edelsten unter den Germanen,, die ihre Grösse lieber durch Gerechtigkeit zu behaupten stieben e). Ohne Hcb- uiidHerschsucht; ruhig und still, fordern sie nie zuin Krieg auf; verheeren nicht durch Rauben und Plündern f), Ein noch vorzüglicherer Beweis ihrer Tapferkeit und Starke ist, daß sie ihre Uebermacht nicht durch Beeinträchtigungen erlangen. Doch haben sie die Waffen stets in Bereitschaft, und forderts die Noch, auch Armeen; Mannschaft und Rosse in Menge; und im Frieden gleichen Ruhm. -w^^W Sechs <3) Sie besetzen es auch; nichts ist leer in dem ganzen weiten Striche: Plinius und ^Volcmaus / thcilcn sie in die grösscrn und kleinern Chancen. e) Plinius, der selbst in dem Lande der Chauccn war, und sie genau kennen lernte, schildert sie im ijfctt Kapital des XVI. Buchs seiner Naturhistorie auf einer sehr vorthcilhaftcn Seite, und mit vieler TheiZnehinung.^ k) Andere deutsche Völker (S. Cas. G. Kr. Vl. 23. Mela III. 3. vergl. Kap. 14. 0) d. B. schämten sich des Raubens nicht. ftCS !-^^!!-^°^^^iA-^S^-M?! 177 ^Hr Sechs und dreysigstes Kapitel. Von den Aheruskern und Fesen. € mit denen sie sonst immer im Streit lebten. b) Wo das Schwcrdt entscheidet, das Recht der Starke gilt, wie bey den Germaiurn. S. oben an mchrem Orten. c) Zur Zeit des Hermanns, der sie zu einem großen Volke machte. Auch Cäsar kannte schon ihre Ta» pscrkcit. M 178 *-««==3<$<$S*==x=-<3' X Leute d). Den siegenden Catten wurde das ©lr ck zur Klugheit angerechnet e). Der Untergang der Cherusker^ traf auch die Fosen, ihre Granznachbarn f). Sie ninß- ten gleichen Theil an ihrem Unglück nehmcn, ob sie schon im Glücke unter ihnen waren. «»«- . ..... 1 ■■ ■ -- Sieben und dreysigstss Kapitel. Von den Kmbrern und ihren Thaten gegen die Römer. /Z5ben diese Krümmung Germaniens a), nächst am Ocean b), bewohnen die Cimbrer, ißt ein kleines', aber A) Trag und einfaltig, weil sie, durch lange, schad« liche Ruhe ausgeartet, und unfähig zum Widerstand, den Chattcn unterlagen. t) Der Sieg der Cbatten war in dieser Lage der Ehe- xuskec mehr Glück, als Wirkung ihrer Klugheit oder Tapferkeit; und Chariomcr, der Cherusker König, hatte den unglücklichen Krieg durch seine Verbindung mit den Römern verursacht. f) Die Foscn waren mit den Chcruskern verbunden, und hatten gegen die Chatten Beystand geleistet. a) Eben die Beugung oder Krümme (S. ob. Kap. 35- »u Ans.) die er bey dem Wohnsitze der Chancen bt* merkte. b) Zunächst am deutschen Meer, Die große Halbinsel, von den Ciiubrcrn, ihren Bewohnern, benannt, mag dem =i=>c=— 4 17-, aber an Ruhm sehr grosses Volk c). Man sieht noch weit und breit Spuren ihres alten Nufs, iager und Platze an beyden Ufern d), aus deren Umfange man noch ißt die ausserordentliche Volksmacht und die Größe des aus- gezogenen Heeres e), wie sie berichtet wird, ermessen M 2 kann, dem Tacitus ihrem Namen nach unbekannt gewesen seyn; selbst die Elbe, von deren Mündung sich die Cimbrische Häldinscl weit in die Nordsee erstreckt, ward zur Zeit des Tacitus unbekannt geworden, c) Ihre Thaten hatte«: ihr Andenken bey den Römern verewigt; sie selbst furchtbar gemacht: ein cimbrv scher Schrecken hieß ihnen daher ein sehr großer Schrecke«:; und es würde um Rom geschehen gewe- sen seyn, nach ihrem eigenen Geständnisse, wenn sie nicht damals den Marius, den man von der Zeit an als den Erhalter der Freyheit und des Reichs betrachtete, gehabt hätten. d) Vermuthlich an beyden Ufern des Rheins^ da sich Taciius (S. Kap. 28. Not.g) d. B.) gewöhnlich von dem Rhein so ausdrückt, und die Cimbrcr über den Rhein nach Gallien zogen. Sie ließen auch dicsseit, wie Cäsar (G. Kr. II. 29. vcrgl. II. 4.) be zeugt, einen Theil ihrer Bagage, und zur Bede» ckung sechstausend Mann zurück. e) Die Geschichtschreiber (z. E. Plutaech im Leben de^ Marius) geben eine unglaubliche Zahl an, von dem ausgezogenen Heere der Cimbrer und Teutonen, (mit welchen auch noch andere Völker sich vereinigten), und von den Erschlagenen und Gefangenen. Bey!» Livius (S. Cpit. B. 63. Zweybr. Msg. S. 335.) kann. Sechs hundert und vierzig Jahre stand Rom, als wir zuerst unter den Consuln Cacilius Metelluö und Papirius Carbo von Krieg mit den Cimbrern hörten *). Rechnet man von da bis zum zweyten Consulat **) des (iHigen) Kaisers Trajan, so sind es zusammen fast zwey- hundert und zehn Jahre. So lange bringen wir mit Germaniens Besiegung zu. Wahrend der langen Zeit hat man einander vielen Schaden gethan. Nicht Sam- niter, nicht Carthager, nicht Spanien und Gallien, nicht einmahl die Patther, haben uns so oft lehre gegeben 5). Germaniens Freyheit ist durchdringender, als Ärfiicische Königs- lesen wir sogar von jener Schlacht, da Marius sie aufs Haupt schlug, daß nach Einigen 20000a ge, blieben, und 90000 gefangen worden wären. •) Vcrgl. Livius Epit. B. 6z. Zwcybr. Ausg. S. 220. •*) Aus Klugheit übernähme!, die Kaiser auch daöCon- suiat, wovon ihre noch vorhandenen Münzen zem gen: Traian bekleidete diese Würde fünfmal t) Sie alle haben uns nicht so oft (mit Züchtigung) erinnert, daß auch wir überwunden werden kön- ton. g) h) In dem Kriege mit den Parthern, unter dem Arsaces, dessen Feldherr Pacorus war. j) Anton: „ Die Stelle vom Vcntidius ist sehr bitter. Man erinnere sich an seine niedrige Herkunft, und man wird es finden, warum er den stolzen Orient unter einem Ventidius gebeugt nennte.,, S. A. GellMs XV. 4- ^===^SS^===^ 181 Köliigsmacht. Was kann mehr, als Crassiis Nieder- läge g), der Orient uns vorwerfen, der selbst seine!, Pa- coruS h) vcrlohr, und unter einem Ventidiuö sich beu» gen i) niußte? Die Germaner aber haben den Carbo k), und Cassius, den Scaiirns Aurclius, und Servilius Ca- pio, auch den Marcuö Manliuö geschlagen oder gefangen; haben fünf consularifche Heere I) auf einmahl dem römi- schen Volke, und dem Cafar (August), den Varus faMt drey Legionen m) entrissen. Und nicht ungestraft schlug sie Caius Marius in Italien n), Julius (Cäsar) in Gal- lien, Drusus, Nero (Tiberius), und Germaniens in M z ihrem k) Papirius Carbo wurde zuerst gegen die Cimbrer ge- schickt; aber er erlitt bey der Stadt Norcia, an den Gränzen Jllyriens, eine Niederlage, S. Livius Epit. B. 6z. Zwcybr. Ausgab. S. 22z. 1) d. i. ansehnliche Kriegshcere oder Hauptarmecn, wel« cht Consnls commandirten. m) S. Tacit. Annal. I. 55. folg. 61. Sueton im August, Kap. 2Z. Dieser Verlust schmerzt? den Kaiser auch so sehr, daß er oftmals mit dem Kopf gegen die Wand rannte, und wie unsinnig ausrief: Varus^ schaff mir meine Legionen, meine Legionen wieder! n) Auf dem Raud'schen Gefilde bey Vercctti schlug er die Cimbrer, aber der Sieg kam auch den Romern theuer zu stehen, S. Plutarch im Leben des MariuS. i ihrem eigenen lande. Die mächtigen Drohungen des Kaisers Caius (Calignla) wurden nachher zuW Spott c>). Von der Zeit war Stillstand, bis sie, bey Gelegenheit unserer Uneinigkeit p), und bürgerlichen Kriege , die Winterlager der (unserer) Legionen eroberten r), und selbst Gallien anzugreisen gedachten. Man vertrieb sie zwar wieder, aber in den neuern Zeiten s) hat man mehr ühev sie triumphirt, als Siege gewonnen l). Wi-^OchA-ffW^ Acht 0) Suetonius in Cailis Caligula Kap. 45, 46 und 47,. Tacitus Histor. IV. 15. und Leben des Agricola, Kap. 13. p) manius zwar bis an die Elbe und Weser vorgcdrun- gcn, «her dvch bey alle? dem nichts weiter/, als Hz säe» Acht und dreysigstes Kapitel. Von den Sweven. UN komm ich auf die Sweven a), die nicht, wie Catten b) und Tencterer, aus Einem Volköstam- me bestehen; denn sie behaupten von Germanien den M 4 grösseren Strciftreycn in Großdcutschland unternommen ha- bcn , das sich immer frey und unabhängig erhalten hat; daß die Römer durch die großen Niederlagen des Varus und Lollius von den Deutschen nach- drückiich zurück gewiesen worden, und nie einen fc- stcn Fuß auf der nördlichen Seite des Rheins und der Donau fassen können, welche Flüsse in Westen immer die Gränzen und das Rou plus ultra des Römj- sehen Reichs geblieben, wie der Euphrat in Osten, a) b) Von den Sweven, diesem uralten (S. ob. Kap. 2.) Hauptstammc, S. ausführt. Nachrichten im Wör- tcrbuche. Nur dieses merke ich hier an: Als tat citus schrieb, gab es keine Sweven an dem Rhein, oder bis an diesem Strom; auch der berühmte Swevischc Bund war langst sehr geschwächt und getrennt worden, und die Chatten, zur Zeit des Cäsars, das Hauptvolk der Sweven (er unterscheid dct nur die übrigen Völker, welche zum Sweven- bund eigentlich gehörten, von den Chatten, seinen Sweven, als Anhang), sindnochher (nicht mehr Swe- vcn) mir imter diesem ihren besondern Minnen bekannt. größten Theil e), und theilen sich noch imfev eigenen Namen in besondere Völkerschaften d), ob sie gleich alle- sammt Sweven e) heissen. Daö Kennzeichen der Na- tion ist, daß sie das HaÄ flechten, und in einen Knoten knüpfen f). So werden die Sweve>« von den Germa- nern unterschieden; so ihre Freygebornen von Knechten. Bey andern Völkern g) geschieht dies?, es sey wegen ei- mger Verwaiidschaft mit Sweven, oder welches oft der Fall ist, aus Nachahmung, nur selten, und in der fugend. Die Sweven tragen ihr struppiges Haar bis ins graue Alter rückwärts, auch oft über den Scheitel gebunden h). Die Edlen haben es zierlicher: so sorgfältig sind sie für «Schönheit; aber in Unschuld. Denn nicht, um zu lieben, oder geliebt zu werden; um grösserer und schreck- c) Al!c Länder die£* lind jenseits der Ostfte, und zwk schen der Elbe, Wnchscl und Donau. 6) Tacitus kennt die wenigsten von der großen Menge: selbst von den Langobarden, den berühintesteir neben den Scmnonen, weist er nur sehr wenig. H) Der Vnndcsname, den alle zu dieser Coufvecration gehörige Völker führten, f ) g) Gewiß hatten die Sweven ein ausserliches Kenn- Zeichen, wodurch sie sich von andern deutschen Löl- kersch^Aen unterschieden: aber ob dieß das eigentli- che Kennzeichen, der Sweven war ?• Bergt. Scneca i24sten Brief und cbend. vom Zorn III. 26. Mac- tial X'. zMeS Epigr. Iuvcnal izte Sat. V. 165. I) 1?.. GW Ital, 11, V. 77. ff. A $-==»e5>M*3>c==— « ifjj schrecklich zu erscheinen, zieren sie das Haar, gleichsam für ihre Feinde, wenn sie in den Krieg ziehen. -...... j ^KIs-^Ms-! v ,_j a>» Neun und dreysigstes Kapitel. Von den Semnonen. £*pu.ie Semnonen geben sich für die Aeltesten a) und **** Vornehmsten b) der Sweven aus. Der Glaube an das Alter wird durch gottesdienstliche Gebrauche be- stätigt. Zu einer bestimmten Zeit kommen alle die Völ- ker von Einer?tbkunft in einem Walde, den der Vorfahren Andacht und alte Ehrfurcht geheiliget, durch Ahge^ ordnete zusammen; und feyern durch ein für die Nction gebrachtes Menschenopfer c), die schreckliche Weihe des barbarischen Gottesdienstes, Man zeigt gegen den Hain noch eine andere Ehrerbietung. Keiner geht anders, als c. fesselt, hinein, um seine Abhängigkeit, und die Gewalt Mz der ?) Die Geschichte würde auch für sie zeugen, wenn jene in den Römischen Jahrbüchern bcrühmtcn Senoncn,^ die Brcnnus anführte^ wirklich Deutsche gewescil waren. h) Vielleicht entstand bey ihnen der Swcvische Buni>. zuerst; es ist wenigstens sehr wahrscheinlich, daß erAnfangs gegen Völker gerichtet war, die aus Sch!?' sien, Polen u. s. w. einfielen. c) S. ob. ytcS Kap. Not i) und c). iS6 f-=*===K$<55e>c===-$ der Gottheit au den Tag zu legen 6). Fällt er von ohn- gefähr nieder; so darf er weder aufgehoben werden, noch aufstehen: man wälzt ihn auf der Erde hinaus. Der ganze Aberglaube zielt dahin, daß die Nation hier ihren. Ursprung Hirte e); daß Gott, der Allherrfcher f), hier wohne, ihm 2llle6 unterworfen und gehorfam fey g). Der Wohlstand der Semnonen vermehrt ihr Ansehen. Sie bewohnen hundert Galien h); und die Menge des Volks macht, daß sie sich als das Haupt der Sweven ansehen i). Vier. d) Um zu bezeugen, daß sie (nur) Knechte des Allcrhöch« stcn und Allgewaltigen waren. e) Daß die Erde ihr- Mutter sey. Vcrgl. ob. 2tes Kap. Nor. b) und n). f) g) Man sieht hier offenbar, baß sie ein höchstes Wesen kai'.ntcn und verehrten. S. Kap. 9. Not. a) d. B. Aus diesen religiösen Vorstellungen mögen auch die Begriffe von der Freyheit, Unabhängigkeit und Gleichheit beendet haben. li) Vergleicht man diese Stelle mit dem Cäsar (Gall. Kr. IV. 1. und l. Z7.); so scheint es, daß die Sem- noncn die Swcvci, sind, von welchen er eben das erzahlt, oder daß vorzüglich Semnonen unter Ario- vists Bundsgenosscn waren; jene Sweven näherten sich dem Rhein, als Cäsar mit dem Ariovist kriegte. I) Herr HR. Gatterer sagt (in seiner synchronist. Univ. S. 807.): „Weil Tacitus in der — Stelle die Sem- yonen noch als ein großes Volk beschreibt, das sich für das Haupt der Swcvm ausgegeben, so müs- i8? »<-- — ' > gcaBaggS?*flt 1 . ' *ga — Vierzigstes Kapitel. Von den LongobardeNs Reudignern, Avio^ nen, Anglern, Varmern, Eudosen, Swardonen/ Nuithonen. ie Langobarden hingegen sind bey ihrer geringen Zahl a) berühmt: denn von vielen und sehr mach- tigen Völkern b) umgeben, sind sie gleichwohl nicht' durch Nachgeben, sondern durch Schlachten und kühne Thaten sicher c). Die Reudigner sodann, lind Avionen, Angler, Variner, Eudosen, Swardonen, Nuichonen cI) wer« ftn sie um An. 98 und 102, da Tacitus sein Werk geschrieben, ihr altes Ansehen unter den Swevcn wieder erlangt haben; es müßte denn Tacitns seine Nachrichten von ihnen aus altern Zeiten haben, mU ches aber kaum glaublich ist, da noch um M. S% der K. Masyus selbst zu Rom gewesen ist, s) Es bezieht sich auf den Schluß des vorigen Kapitels: ob sie gleich ein kleines Volk ausmachen, sind sie doch berühmt. d) Als Chancen, Chattcn, Cherusker». 0 Sie haben sich immer mit tapferem Widerstand §v gen Alle behauptet. I88 H--^xA-M?c^-»-Z. werden durch Flüsse und Wälder geschützt. Es ist nichts merkwürdiges bey ihnen, als daß sie famtM e) bk Herth 5), das ist, die Mutter Erde, verchren, und glau- bcn; sie habe in die 'Angelegenheiten der Menschen. Ein» siuß, und walte über die Völker. Aus einer Insel g) beS Oceans h), ist ein geheiligter Hain, und darin ein mit ei;;er Decke behangener Wagen, den nur der Priester anrühren darf. Er merkt's, wenn die Göttin im Heilig- lhum ist, und folgt ihr, — sie wird von Kühen gesah- ren — mit grosser Devotion. Dann sind ftöhliche Zei- ten, Feste an allen Orten, welche die Göttin ihrer Ge- genwart und ihres Besuchs würdiget. Man geht nicht jn den Krieg, legt keine Waffen an; alles Gewehr ist ver« ä) e f) Anton: „ Diese sieben Nationen — machten wieder einen eignen Bund aus, und hatten auch, wie die Snnnoiüschen Swcvcn, eine gemeinschaftliche Religion. Nur der Angeln zind Warner Name kommt noch anderwärts vor; die Uebrigcil geben den Gelehrten Stoff zu Meynungen und Untersuchungen. Sie waren auch Gwcvische Genossen. Vielleicht war ihr Bund für sich entstanden, und hatte sich dann mit den Swcvm vereiniget.,, g) Vermuthlich die Insel Rügen, welche den Völkern zu ihrem geineinschastlichc» Gottesdienst sehr gelegen war. Z>) Man glaubte, die Göttin habe sich durch den Um* gang mit Sterblichen verunreiniget. £-«==}<9S*===^ 189 verschlossen: da weiß man nur von Friede und ?üihe, nur sie werden geliebt; biö eben der Priester die G:::in, satt des Umgangs mit Sterblichen, ins Heiligthum zu- rückbringt. Hierauf wird Wagen, Decke, und ro^'s glauben will, die Göttin selbst in einem verborgenen See Semasck)?n i). Knechte verrichten den Dienst; und der- selbe See verschlingt sie sogleich; daher ein geh-'-meö Schrecken, und heilige Unwissenheit, was das wohl sey, das k) nur die sehen, welche sterben müssen. —^ ^^--^Zx-D-^^-Ks- '»"'--. Ein und vierzigstes Kapitel. Von den Hermundurern. ieser Theil der Sweven a) erstreckt sich bis in das Innere Germaniens. Naher liegt uns (daß ich nun der Donau, wie vorher dem Rhein, folge) das Volk der Hermundurer b), die, treu den Römern c), unter i) Um nichts von den geheimen und heiligen Sachen zu offenbaren, k) Ausser dem Priester". ») Die bisher gedachten Swevischen Völker. b) c) Sie waren also (vergl. a) d. Kap. und das Ende des 4ZstenKap.) auch Sweven. Sie giengen aber, sagt Herr Anton, mit den Langobarden über die Elbe, arteten aus, hielten es mit den Römern, vcrlitssen den Bund, und erhielten daher solche Lobsprüche. 190 ! =3<#$g>e==-s> unter den Germanern allein nicht bloß am Ufer *), sM, dem auch mitten im iande d), und in dem ansehnlichsten Pflanzorte der Provinz Rätien e) mit uns handeln dür- fen. Frey und ohne Wache f ) kommen sie herüber; und da wir andern Völken nur unsere Waffen und jager sehen lassen, haben wir diesen, nicht lüsternen Leuten **), Häuser und iandsche geöffnet. Bey den Hermundureru entspringt die Elbe g), ein vormahls ***) berühmt und bekannt gewesener Fluß: itzt hört man ihn nur nennen h). *^-^2* Zwey 5) Der Donau. d) Andere Deutsche durften nur am Rhcinufcr mit den Römern Handel treiben. e) Augsburg. f) Kein Deutscher durste für sich in's romische Gebiet; wer die Erlaubniß bekam, erhielt eine Wache, und mußte sich zuvor entwaffnen. S. Tacit. Histor. IV. 64. folg. **) Da wir versichert sind, daß sie keine Begierde dar- nach haben, und uns treu bleiben. g) Auf dem Ricsengebirgc: bis hicher muß sich demnach das Gebiet der Hermundurcr zur Feit des Tacitus erstreckt haben. S. Hermundurcr im Wörterbuche. ***) Untcr August und Tibcrius. h) Itzt heißl's nur: Der Elbstrom. Daher auch Ta- citus nichts von den Völkern weiß, die um die Elbe oder an der Nordseite wohnten, und dem Strom nicht in der Beschreibung des nordlichen Germaniens fol$u -W^; *! 191 ■rat/. Zwey und vierzigstes Kapitel. Von den Nariskern, Marcmannen und -Qnaden. ^^eben den Hermundurern wohnen die Narisker, und nach diesen die Marcmannen und O.uaden. Die berühmtesten und mächtigsten sind die Marcmannen: auch selbst ihre Wohnsitze a) haben sie durch Tapserkeit erworben, daraus sie ehedem die Vsier verjagten. Von gleicher Art sind die Narisker und O.uaden. Und das ist b) an der Donauseite gleichsam die Fronte von Ger- manien. Die Marcmannen und O.uaden haben bis aus unsere Zeit Könige c) aus ihrer Nation gehabt, von dem ! a) Sie liessen sich unter der Anführung des Marbod in Böhmen nieder (S. Kap. 28. e) d. B.), wo er ein blühendes Reich errichtete, und den Röniern furch- terlich wurde. b) Nämlich das Land der Hermundurer, Narisker, Marc mannen und Quaden. . c)d) Könige hatten eigentlich die Deutschen nicht. S- ob. 7tcs Kap. und in dems. die Not. ->) *) d) e). Ihre Herzoge (Heerführer), groß durch Tapferkeit und An- schcn, kurz, ihre Haupter im Krieg und Frieden, wurden nur Könige genannt, auch lang für wirkliche Könige angesehen. TacitUs wußie aber schon zu mtaf- dem edlen Geschlechte des Marbod und Trud: ißt dul« den sie auch Ausländer. Aber die Könige d) haben ihre Macht und Gewalt durch das Ansehen der Römer &).. Selten unterstützen wir sie mit unseren Waffen, öfteres mit Gelde. Brey unterscheiden, Mit er an einem Orte, da er der Kö, nigc gedenkt, hinzusetzt: so weit die Deutschen Könige haben oder regiert werden. Er wußte, daß nicht alle Heerführer, oder Generale, nach unserer Art zu reden, Regenten des angeführten Volks waren. Bey dem Marbod verhielt es sich so. Er regierte sein Volk, und die römischen Kriege, nebst den gläckli- chen Eroberungen und Siegen, haben ihm ohne Zwei- fel das beständige Regiment verschaft. Nur die An-- massungen und der Mißbrauch seiner ihm ftty'willig zugestandenen Macht gegen die Dctitsche Freyheit stürzte ihn. Vcrgl. Tacitus Annal. II. 45. 46. und 62. folg. Vellcj. Paterc II. 108. e) S. z. E. beym Tacitns Annal. II. 6z. XII. 29. und zo. W» 193 •■a**t Drey und vierzigstes Kapitel. Von den Marsignern, Gothinen/Oftn, Bu- rierN/Lygiern, Ariern, He!veconen,Ma- nimen/ Elysiew/ Naharvalen. CYVchr weniger mächtig sind die Marsigner, Gothinen, *J+ Ösen, Burier a); sie liegen hinter den Marcman- nen und Quaden. Unter diesen sind die Marsigner und Burier, ihrer Sprache und Lebensart nach, Sweven. Von den Gothinen beweist die Gallische, von den Ösen die Pannonische Sprache, daß sie keine Germaner sind, und weil sie Tribut geben müssen b). Einen Theil des Tri. a) Anton: „Diese Völker, Marsigner und andere, welche zum Theil nicht einmal Germanen waren, gehörten nicht mehr zum Swcvischen Bunde. — Aber schon kommt er bey den Lygiern wieder zum Vorscheine, mit denen c6 die nämliche Bewandniß, wie mit den Rcüdiqncrn hat. Sie hatten eine Bun» desreligion und einen Bund Unker sich, der sich her- nach mit dem großen Swevischen Bunde vereinigte. Jene fey-rten ein Acrnteftst; diese daS Andenke» zweyer Edlen deS Volks, welchen die Gebrüder Al-- cis hießen.--„ b) Die Deutschen waren von Steuern und Abgaben frey; was sie an Vieh und Früchten ihrem Fürsten lieferten, das gaben sie fteywillig. S. Kap. 15. Not. g). N «94 t , ' ->cSHS"77> Tributs legen ihnen die Sarmater, und einen die O.ua- den als Fremdlingen auf. Die Gothinen graben, zu noch grösserer Schande c), auch Eisen aus. Alle diese Völker wohnen wenig aus Ebenen, größtentheils in Wäldern, auf Berghöhen und Gebirgen. Denn eine Gebirgskette 6) theilt und durchschneidet Swevien, jen> seits welcher eine Menge Völker leben, darunter die Lygier sich am weitesten erstrecken, in mehrere Stamme ausgebreitet. Es wird genug seyn, wenn ich die mach- tigsien nenne, die Arier, Helveeonen, Manimer, Ely. sier, Naharvalen. Bey den Naharvalen wird ein von jeher religiöser Hain gezeigt. Eine Priesterin im weiblichen Schmucke ist Vorsteherin. Aber die Götter sollen nach Röinischer Deutung ein Castor und Pollux seyn, dieß versteht man unter den Gottheiten: ihr Name ist Alces. Keine Bildnisse und keine Spur von auslandi« schem Gottesdienste: doch verehrt man sie als Brüder, als Iüi'.glinge. Uebrigens sind die Arier nicht nur machtiger, als die kurz vorher gedachten Völker, sondern auch c) In den Aiigen der Römer; dem? bey diesen wurden nur Leibeigene, und die das Leben verwirkt hatten, zu Bergwerksarbciten verdammt. Nach dem Pro« lcrnaus war es ein Gewerbe. Sie trieben damit Handlung, und gaben ihr gewisses davon ab. £) Herr HR. Satterer versteht hier die Kette der Schle- fisch - böhmischen GebirM!; der seel. Longolius daS Fichtelgebirge. Äuch grimmig, und vermehren noch ihre natürliche Wild» heir durch Kunst und Zeit: sä!warze Schilde, gefärbte Leiber *); wählen schwarze Nuchce zu Schlachten; und schon durch den furchtbäkFN Schatten deö Todtenheerö jagen sie Schrecken ein, Mern kein Feind den ungcwöhn- lichen und gleichsam höllischen Anblick ertragen kann. Die Augen werden in allen Schlachten zuerst besiegt **)>. Jenseits der jygisr ist das Reich der Gothonen e), wo es schon ein wenig sirenger zugeht, als bei, andern Gcrma- Nischen Völkern; aber doch nicht mit Unterdrückung der Freyheit. Weiterhin am Ocean die Rügier und Lemö- vier; und das Kennzeichen aller dieser Völker sind runde Schilde, kurze Schwerdter, und Gehorsam gegen Kö- Mge f). «Gs^chK^^ N $ Biet *) Wie ;» B» untte mchrern alten Völkern von dert Brittanc» beym <£«fäc (G. Kr. V. 12.) erzahlet wird, und noch häusig, z. % bey den Anletikancrtt» Scschicht. **) Der erste Schrecken entsteht immer durch den An» blick. fe)0 Sie (Deutsche; die Gothincn,aber Galler) stan- den unter MhigH. 5&rgt, 7trs Kap» und 42steö Kap, Not. c) d) d. tz» 196 <•«= Ä^VÄÄ *gfee$fe*+ Vier und vierzigstes Kapitel. Von den Swionen. C|*Vn hier aus folgen mitten im Ocean z) die Völker- schaffn der Swionen, die ausser der bewaffneten Mannschaft auch mächtige Flotten haben. Die Gestalt ihrer Schiffe unterscheidet sich dadurch, daß beyde Enden Vordertheii b), und überall zum Anlanden geschickt fmd c). Sie werden weder mit Segeln regiert, noch bringt man an den Seiten ordentliche Ruderbänke an d). Das Ruder ist los *), wie in einigen Flüffen **)/ und man kann es nach Bedürfniß hin und her umlegen. Bey ihnen gilt auch Macht und Gewalt viel; daher nur Einer herrscht, ») Hiermit nenn: Tacitus die Swionen Insulaner. S. Kap. 1. Not. g) d. B. d) Beyde Enden waren spitzig, wie Vordcrkheile, um beym zugefrorncn Meere, da man nicht weiter schiffen konnte, ohne viclcSchwierigkeit wieder zurückschiffen zu können. c) d) Vergl. Tacit. Hist. III. 47. und Annal. II. 6. *: Wird mit freyer Hand geführt, ein Handruder. **) Wie auf einigen Flußschiffen. =xS<£?6?c=-hJ 197 herrscht, uneingeschränkt und willkührlich e). Die Waffen sind nicht gemein, wie bey andern Germanern f ); sondern verschaffen stehen sie unter der Aufsicht eines Sclaven ^ : weil das Meer von dem plötzlichen Einfall der Feinde bewahrt, und ietjte in Waffen auffer dem Kneqe leicht Auc-fchweisung begehen. So ist eö frey« lich dem Könige nicht nützlich, wenn er einen Edlen oder Freyen, oder auch nur einen Freygelassenen über die Waffen setzt. e) Vcy diesen ftorlv.schei, Völkern hatte also die Frcy< heic der Ocntschen völlig ein Ende. Sie wurden (wenn anders Tacitns in Absicht auf alle Nordischen Stämme recht unterrichte! war) von despotischen Monarchen regiert, die blinden Eehorscnn fordcr« tcn. Vergl. vorig. Kap. Not. e) f) und Kap. 7 d) d. B. f) S. Kap. 13. a) b). d. %. g) königlichen Sclaven. ■»i= j_.mq }j?rf jU £._m» N 3 Fünf f$8 .«»(=;• S**. Fünf und vierzigstes Kapitels Von dem Eismeer/ den Aestyem und Sitonen. <\3 und fast unbewegliches Meer b). Man glaubt, haß der Erdkreis von ihm umgeben und eingefchlossen werde, g) b) Das Eismeer, wie die Alten auch die Ostsee naun- tcn. Was wir Eismeer nennen, lag ausser ihrem Gesichtskreis. So hoch hinauf war Keiner von pcn Alten gekommen, auch kein Phönicier ; nicht ein« mahl die Ostsee, welche nur die Phönicier, nie ein Grieche oder Römer „ bc schifft hatten, kannten (S. Herrn HR. Schlözcr am angef. O- S. 106,) Griechen und Römer als Ostfte. Ader doch lernten die Römer bey Britanniens Umschiffuug und Thulens Entdeckung S, Tacit. Agricoia Kap. 10.) dort die Knste des äussersten Meers kennen, und hörten auch von einigen Eigenschaften, z. E. von der Trägheit desselben. Trag heißt das Meer wegen des häufige» Eises.. ?) d, i. weil es gegen Norden nicht Nacht werde; bis die Sonne aufgehe, beständig Dämmerung sey. Je weiter man gegen die Pole kommt; desto langer ist eine Zeitlang bestandig Tag, oder beständig Nacht, ^-==x5^><=— « 199 werde, weil die letzten Strahlen der Sonne bey ihrem Untergange bis zum Anfgang fortwahren c); so helle, daß sie das Licht der Sterne -verdunkeln. Der Wahn fügt noch hinzu, man höre, (wenn sie ins Meer stet* ge), ein Geraufch d), man sehe die Gestalten der Rosse e), und die Strahlen des Hauptes. So weit geht nur die Welt: das ist wahrt). Es wohnen- aber an der rechten Küste des Swevischen Meers g) die Aestyschen Völker, die in Gebrauchen und Aeus- ferlichem den Sweven h), in der Sprache den Bri- N 4 tan« und Mond - und Nordscheine erhellen auch, wenn eS Nacht ist. Dies wußte man freylich damals nicht; noch weniger die Ursachen. d) Man glaubte, und die Dichter stellten es so vor, als ob die Sonne sich ins Meer sänke, um sich zu erfrischen, und aus demselben erfrischt, wieder her- vorstiege, daß sie also als ein feuriger Körper im Untersiliken ein Geräusch mache, gleich dem Zischen des glühenden Eisen, wenn es im Wasser gelöscht wird.. e) Der Sonnenpfcrde. Man denke nur an Phaeton und den Sonnenwagen. f) So dachte man freylich, und man konnte es damals bey der geographischen Unkundc nicht besser wissen: die Römer hatten ihre wenigen und ärmlichen. Nach«, richten nur vom Hörensagen. g) Der Ostsee oder des Baltischen Meccs.. d) S. Kap. 38. d. B. tonnen i) gleichen. Sie verehren die Gottermntter k). Als Zeichen ihrer Religion tragen sie das Bild eines Ebers >): dieses stellt den Vcrehrer der Göttin, wie Schichwehr und Waffen, auch unter Feinden sicher m). Eisengewehr brauchen sie selten, gemeiniglich Keulen n). Getraide und andere Früchte bauen sie geduldiger, als die i) S. Taeit. Agricola Kap. n. Herr HR. Schlözcr druckt sich a. angcf. O. (S. 33- ) hierüber so aus: „ islcitus sagt, bns Brittische und Ae>?ysche sey sich ähnlich; d. i. i» der einen Sprache siiiden sich cm- zclne Wörter, die auch die andere halte: denn man muß den Tacitus, der weder Wörterhuch noch Gram- maiiken von diesen Sprachen je gesehen hatte, nicht mehr si'gen h'.sfl'n, als was er miften konnte. Eine solche Achlilichkeit findet sich wirklich noch zwi« schcn dem Lilthanischen und dem Kymrischcn. Ver- muthlich aher sind diese einzelne ühcreinsiunmcndc Töne Uederrestc aus der Ursprache, aus der alle Europaische Sprachen geflossen sind.,, k) Die Eydelc, der Erde Vorsteherin; vermuthlich die Erdc selbst, wie andere Swcvischc Stamme. I) m) Sie führten Figuren eines wilden Schwcins bey sich, ohne Zweifel als Symbole der Erdc, von de- ren Früchten sich das Thier nährt. Die Eberbild- nisse dienten ihnen als Amulete oder Talismane. n) Die ersten rohen Waffen: so Herkules mit einer Keule. o) S. Kap. 14. b), Kap. 15. **) und f) d. B. und an» dere bisherige Stellen mehr. » - — ^ xSM ^ -- ■■ S 20I die unfleissigm Germaner sonst thun o). Sie durchsuchen aber auch das Meer, und sind die einzigen, die auf Sandbanken und am Strande den Bernstein lesen p), welchen sie Glas q) nennen. Von seiner Natur und Enrstchungsart wisien sie, als Barbaren*), nichts, haben es auch nicht untersucht. Er lag sogar lang N 5 unter p) Man las ihn, wie noch, am Ufer des baltischen Mccrs: theils wird er am Secstrande gesammlet, theils aus dem bekannten Frischcnhaf mit Netzen ge- fischt; auch an einigen Orten aus der Erde gegra» den. Das Gebiet der Acstncr aber (Esthland hat noch voi» ihnen den Namen) erstreckte sich damals auch über Preussen, weiches die Ehre hat, das alte Berusteiuland zu seyn, der Eridanus ist wahrschein« lich die Raddunc in Preussen ; und die Guttonen deS Pylhcas sind auch noch dem Namen nach in Preuft sen. E. von dem Bernstein bey Herrn HR. Gchlö« zer a. angef. O. S. 8. folg. S. 28. folg. S. 34- folg. S. 122. folg. q) Von Glas, oder Gleißen, weil der Bernstein durch, sichtig ist: daher das eigentliche Bcrnsteinland in der Ostsee die Glessarischen Inseln (d. i. Glasinseln, Bernsteininseln) oder eleclrischen hießen; obgleich die Römer auch Inseln in der Nordsee so nannten. S. Z. E. Plin. Rat. Hist. IV. iz. ( vcrgl. XXXVIl. ?.), wo man beyde Namen, Bernstciuinsel und Agt- steininsel, findet. *) S. Kap. 30. 202 $-==3 Ich glaube daher fast, daß, Wie in dem inneren Orient, wo Weihrauch und Bal- sam' **) Ungeachtet: man hielt Um nicht für besser, als an- dcre Auswürfe ?) Man brauchte ihn zu Gefäßen^ Säulen, Kostbare ketten. Das römische Francnzimmcr z. E. ließ sich daraus Schmuck bereiten. ?) Er mag. vielleicht durch Phonicische Kaufleute zuerst nach Italien gekommci? seyn; und schon unter dem Kaiser Nero (S. Plin. Rat. Hist.XXXVil. 2.) sandte ein gewisser Inlianus einen römischen Ritter an die Bernstciurüste (doch wohl an die alte Phonicische in Prcusscn: wie Herr HR. Schlözer vermuthet, ob- gleich Plinius die neuere Römische in Friesland meynen möchte) zum Einkauf, der auch ein Stücks drcyzehn Pfunde schwer, heimbrachte. {>— =a^§<^«=— « 203 sam schwitzt, so auch auf Inftln und Sandern des Occidcntö, fruchtbare Walder und Haine sind, deren Safte von den nahen Sonnenstrahlen ausgezogen, und geschmolzen, ins nächste Meer fallen, und durch hef« tige Stürme an das Gestade gegen über geschwemmt werden. Wenn man die Sftatur des Bernsteins am Feuer erprobt; so brennt er, wie Kien, und nährt eine ölichte riechende Flamme *); wird dann Zähe, wie Pech oder Harz. An die Smionen granzen'Sitonische Ml, ferschaften, die, ihnen im übrigen gleich, sich nur da« durch ***) Sonst haben die Deutschen das edle Produkt dcv ?1"atur auch statt des Brennholzes gebraucht, tveU chcs abcr mit dem Bcrnsteinhandel aufhörte. t) Weil sie sinnen Werth und den Gebrauch nicht sann* tm. — Wein fallen hier nicht die Wilden, z. <£, in America, bey. ch v) v.') Ein Baumharz. So glaubte man ehedem; abcr in den neuern Zeiten wurde er zu den festen. Erdharzen gerechnet, der zuvor flüßig gewesen sey; und seit kurzem halt mau ihn für das Gemachte großer Amciscn, die unter der Erde arbeiten, si> wie der Honig von Bienen; also nicht mincralischcy Natur. *) Giebt im Brennen einen ai?gcnehmcn Geruchs 204 s=»e9föe><====-* durch unterscheiden, daß sie von einer Frau beherrscht werden x) : so sehr sind sie nicht mir in der Freyheit, sondern auch in der Knechtschaft entartet y). Hier hat Swevmland ein Eiche. Sechs x) y) „Sie sind ihnen im ilcbrigen gleich, „ hatte er kurz zuvor gesagt: man vergl. also im vorhcrgch. 44sten Kapitel e) f) g), und die Geschäfte der Deutschen Frauen, um das Urtheil des Tacitus gerecht zu finden und nicht mtßzudeuten. *ws s^iS^WWMM^ 20S Sechs und vierzigstes Kapitel. Von den Peucinen, Venedem und Fennen. £^d) bin unschlüssig, ob ich die Völkerschaften der Peucinen, Veneden a) und Fennen unter die Ger« maner oder Sarmater rechnen soll: ob gleich die Peu« einen von Einigen auch Bastarnen genannt, in der Sprache, iebensart, Wohnung und Haushaltung, wie die Sarmater leben b). Alle sind schmutzig *); die Grossen trage **); und durch die Vermischungen im Hey» ?) Die Veneden ( eine nordische baltische Völkerschaft) sind wohl von den adxiatlschen Dcnetern zu unter- scheiden. S. von den Beneden, obne Zweifel den nach- hcrigcn Wenden, ausführ!. Nachrichten im Wör- terbuche. b) Aus diesen Gründen ist er auch geneigt, mit dem Plinius, der sie (G. Rat. Hist.lV. 28.) zu den Deut- schen (südöstlichen) Völkern zahlt, sie für Deutsche zu halten: nur die durch Vermischung entstehende Sarmatenahnlichkeit macht ihn ein wenig Zweifel- haft. *) Vergl. ob. Kap. 20. b) **) Vergl. izteö Kap. *) «nd b) d. B. 206 &-*==3,<%S$Q><==*-Q Heyrathen orten sie auch etwas nach Art der Sarmater aus. Die Veneden haben viel c) von ihnen d) ange« nonimen: denn alles, was zwischen den Peucinei, und Fennen sich in Wälder und Gebirge hinauf zieht, durch- rauben sie. V-an zahlt sie aber lieber zu den Gcrma- nerne), weil sie Häuser bauen, Schilde führen, und ein geübtes schnelles Fußvolk haben; welches alles von den auf Wagen und zu Pferde lebenden Sarmatern f ) verschieden ist. Die Fennen sind ausserordentlich wild> und häßlich arm; ohne Waffen*), Kleider und Hau« scr: zur Speise Krauter, zur Kleidung Felle, die Erde ihr Lager. Sie verlassen sich allein auf ihre Pfeile, diö sie auö Mange! an Eifen mit Knochen spitzen g). Wei« ber c) Die Veneden viel, die Peucinen nur wenig. d) Von den Sarmatern. e) Tacitus irrt; aber aus Gründen, die nur für uns kein Gewicht haben. Sie gehören sicher nicht zu den Germanern. S. (Clüvers Germ. S. 68i. folg. vielmehr zu den Sarmatern. H Vcrgl. Justin. II. 2. Tacit. Histor. I. 79. Mela ll. i. *) Schon in dieser Rücksicht durchaus keine Deutschen. g) Noch heut zu Tage werden die Pfeile, womit Her- mcline und Zobel geschossen werden, mit Knochew oder Fischgräten gespitzt. *— ==c=>#grfS>c==>-# 207 ber sowohl, als Männer nähren sich von der Jagd: denn die Weiber laufen überall mit, und fordern eineil Theil der Beute. Auch für Kinder ist gegen Wild und Regen keine andere Zuflucht, als ein Geflechte von Aesien, womit sie sich decken. Dahin kehren Iüng» linge: hier ist der Auftnthalt für Alte. So ein Leben achten sie; für glücklicher, als am Pfluge krächzen, im Haufe sich abarbeiten, und bey eigenem und frem- dem Glücke zwischen Furcht und Hoffnung schweben. Sicher vor Menschen, sicher vor Göttern **), haben sie, was das Schwerste ist, erreicht/ daß sie keines Wun- scheö bedürfen. Das Uebrige ist fabelhaft, daß (z.E.) die Hellusier d), Oxionen i) Gesicht und Mienen, wie ein *+) Weil sie nichts zu verlieren und zu fürchten ha, bcn, Hagcl, Stürme:ind Ungcwittcr ihnen nicht schaden können. h) ») „Alle alte Erdbcschreiber, sagt Herr HR. Schlö- zer (am angcf. O. S. 127/fol.) fabeln von Scychi» schon Jnselil, deren Bewohner Ungeheuer waren. Alle nennen Oaonen, Pferdefüßler, Fanesicr u. s. w. Er meynt, daß eben diese Namen hier in den Hcl- lusiern und Oxionen des Tacitus stünden, und hier nur, wie im Mcla, PliniuS und Jordanes, durch di« Abschreiber verfälscht worden waren. 208 - v ' ü-S^Gvrt. 4 Ü ein Mensch, Leib und Gsiedmajsen, wie wilde Thiere hatten. Ich laß' es, als nicht erfahrne Sache, an seinem Ort gestellt seyn. Ende. Eiuige Einige Aufsätze und Abhandlungen als Anhang zu dem Taeituö. I Ueber des K. K- Tacitus Abhandlung, über Lage, Sitten und Völkerschaften Germamens, vom Herrn Doctor Anton in Görliz. Ä»6 den Provinzialblattcrn, Erstem Stück, Leipzig und Görliz 1781. I. &^st irgend ein Römischer Schriftsteller getadelt, gelobet, verbessert, verschlimmert, falsch beblickt, unrechter- klart/ und — im Ganzen — gemißhandelt worden, so istF gewiß T^cims. Ganz natürlich. Seine Präcision, feint körnigte gedrungene Schreibart ist nicht Jedermanns Sache. Ihn tadelte, verbesserte, verschlimmerte der Geschichtsfor» scher und der Kritiket. Niemand gieng baßlicher mit ihm um, als die Theologen, wegen einer Stelle über die Ju» den , die er aus den besten Quellen schöpfte, welche er hatte. War die Quelle trübe; konnt' er dann etwas bat für? Konnt' er sie besser haben? Diese Stelle ist zu sei, nem Unglücke noch vorhanden — wenn es anders Unglück ist, ohne hinlängliche Kritik in vollem Vorurtheile gemiß- handelt zn werdm- «2 Dce Der Historiker baute sich ein Kewebe von öiltgerma« Nischen Sitten; einer so, der andere anders, piiniue, Srrabo. Cäsar nannte vielleicht ein Germanisches Volk; TacituS nicht — wer's entgelten mußte, war dieser. War eine Möglichkeit da; Tacitus wurde geändert: wenn nicht; seine Unwissenheit laut getadelt. Bald hielt er die Ger« manen für Viclgöttcr, bald für Atheisten, bald für süß« schwärmende Anhänger der natürlichen Religion. Nirgends aber that er recht. Der Grammatiker fand eine Redens« art nicht gut, oder verstand nicht deutschen Sinn. — Er warf sie über den Haufen, und oft mit ihr das älteste Denkmal Germanischer Sitten. Entfernte Winke; wie oft giebt sie nicht dieser vor« trefliche Schriftsteller. Dank sey seiner Asche. Weirlauf« tig schreiben, ist nicht eben Schönheit. Ernst ist d s Hi- storikers; Prunk des Dichters. Aber diese Winke muß man nicht vorüberlassen; man folge ihnen, und der dickste Nebel müßte die Spur in TbraejWe , ScvrKiscke oder Celtische Viclbedcutheit hüllen — sonst findet man sie haften. II. Vorzüglich gab's irgend ein Dämon allen Lesern des Tacitus ein, sich und ihre Nachbarn um die Absicht dessel« den, bey seinem Buche über Germanien zu fragen, und dann — ihre unvorgreifliche Meinung vorzulegen. Das Resultat dieser Untersuchung hat viel auf sich — denn wie die Absicht, so der Vortrag und Ausführung. Ansehli und Glaubwürdigkeit, alles hangt davon ab. Viele 0 ■ ■-=a d^g>c=— 4 5 Viele glauben, Lacirus habe zwischen Römischen und Germanischen Sitten eine Vcrgleichung anstellen, und die erster» dadurch tadeln wollen. Wahr ist's, er bringt hier und da einen feinen Zug an, allein seine Absicht konnte es nicht seyn, um dieser wenigen Anspielungen willen, ein eigenes Buch zu cntwer, fcn. Denn _ 1) war's dann übcrflüßig, Lage und Völkerschaften Ger, manieits zu untersuchen. 2) Würd' es nicht eben den besten Eindruck gemacht haben, da er auch Germanische Laster schildert. Ware diese Mcynung von seiner Absicht richtig, so verlöre Tt-.cirus den größten Theil seiner Glaubwürdigkeit; so hatten diejenigen Recht, welche behaupten, er habe aus unlauter» Quellen geschöpft, alleS zum Nachtheil sei- ner Landslcutc entworfen, oder wenigstens nur diejenigen Germanischen Sitten beschrieben, welche von den Romi* schcn abwichen. Herr Zlmelang i) kam auf eine andere Meynung. Er glaubt, Tacitus habe seine Römer auf eine furchtbare und durch Frcyheitslicbe unüberwindliche Nation aufinerk- sani zu mach»» gesucht. Viel wahres, durch Beweise bestätigt. Allein, so oft auch Tacitus diese Saite berührt, ebe» so oft spielt er ebenfalls auf Römische Sitten an, — und an; Ende -könnte man ihm gar doppelte Absicht zuschreiben. a Z La- j) Gedanken über die Absicht und den Plan des Tucitus bey seinem Buch von der Lage und den Sitten dcr Deutschen— in dem Encyclspädischcn ZyArnjal, I. E,a?5. $ k^=i-^^%X==^ Tacituo schrieb eine Geschichte, er entwarf Annalen T- was war denn da seine Absicht? Er wollte Annalen, Geschichte, Nachrichten von Germanien mit philosopbi^ schcm Scharfsinne entwerfen, „Konnte £«citue, sagt Herr Schmidt 2), nicht auch die nämliche Absicht baden, die Sitten der Deutschen zu studieren, und zu eulwcrfen, al6 manche Europaer, da sie den Sitten der Wilden so fleißig nachspüren? " Wie aufmerksam sind wir nicht, die Geschichte entfernter Nationen, — nicht ihrer Könige und bürgerlichen Kriege, denn diese haben selten einen Einfluß auf uns — ihre Sitten und Meinungen kennen zu lernend Und wenn denn nun ein Philosoph, wie Herr Meinero 3), der Kamtschadalcn Sitten und Meinungen uns vorlegt, welchen Dank sind wir ihm nicht schuldig? Sollten einst LNo-dlnnen in spätern Generationen PaUctö'e Samm« lungcn lesen 4) — vielleicht auch ein Gedanke dann über die Absicht, II!. Run von seiner Glaubwürdigkeit. Daß man darüber reden muß, daß viele darüber schrieben, beweißt schon, daß man sie bezweifelte, Auch hier sündigte man zwiefach. Einige giengen zu weit, nahmen alles für Orakelsprüchc an, was er sagte; andere sprechen ihm allen Glauben ab, oder schranken ihn in erdichtete Gränzen ein. Das erste ist der Fehler einer gesunden Kritik, der Fehler der vorigen Jahrhunderte, wo aus Vorliebe von- Rom, i) Geschichte der Deutschen, 1. Vorrede S> ?. 5) Vermischte pbilosop!?. Schriften, III. <8&g> c=:- i Q ? Rom, die Gottersucht ganz Europa erfüllte, und wo man auö einer übelverstandenen Stelle behauptete, Lacitus ht) selbst in Germaniei» gewesen. DaS zweyte ist das Gebäude, welches sich diq'etw gen aufführen, welche die Absicht des Lacitus in die Eatyre aufgclößt haben. Man thue diesen Mannern Ge» vüge, streiche das Kapitel weg , welches diesem oder jenem nicht gefallt: am Ende — nicht zehn Zeilen bleiben uns als unkzwcifelt übrig. Dann noch das Heer der Granv matiker über sie, diese sengen und brennen aufs neue. Deil sonderbarsten Einwurf macht Gruber 5): ^T^citus schrieb von den Juden, die er um sich hatte, Albernheiten, wie viel weniger verdient er bey seinen Ger- manischen Nachrichten Glauben." Also den verachteten Juden sollte er Glauben beymessen, oder ihre heilige» Schriften lesen! Kann uns nicht so ein Parse gleiche Vor- würfe machen, wenn wir seine heiligen Schriften nicht lesen, und dann Sachen erzählen, die diesen widersprechen! Man forscht eifrig seinen Quellen nach, verkennt die wahren und findet trübe Sümpfe. Buder 6), Thonia« fiuo 7) und Schürze 8) meynen, er habe die Germanischen Sclaven in Rom zu Rathe gezogen. Sonderbare Mcy- nung, die höchstens aus seinen unrichtigen Nachrichten über die Religion könnte gemuthmasset werden. a 4 Ich 5) äe Iudaeo milite, C. 2. §. i. 6) Biblioth, Script. Germ. p. 12. 7) D. de liominibiis propriis, §. 12. %) ScHulsschrifttn kür die alten Deutsche», n. S. 52°. s 4H-===>e^======-4 Ich glaube, man muß, um nicht zu viel und nicht zu wenig in dieser Sache zu thun, folgende Stücke sielS für Augen haben, und alles, was er sagt, darnach ab« messen. l. Ihn selbst betreffen diese Bemerkungen, i) Lr ist nie in Germanien gewesen. Man behau« ptete es lang «nd stützte sich vorzüglich auf zween Gründe. «) Lacitus. sagt man, war Rationator in Gallia« Velgica Der Grund dieser Meynung war fol- gende Stelle des pliniuo 9): Ipsi nein pridem vidimus eadem ferrae omnia, praeter pubertatem, in filio Cornelii Taciti, equi- tis Romani Belgicae Galliae rationes procurantis. Diese Nachricht verführte viele, sie auf den Geschicht- schreibet Lacitus zu deuten 10). Allein Herr ©cblcjscr hat genugsam das Gegentheil erwiesen n). Er sagt »em« lies?: a) Der Cornelius Lacirus bevm plinius ist nickt der Unsre Den» nach dieser Stelle hatte er da« malS schon einen dreyjahrigcn Sohn haben müssen; allein er, der Geschichtschreiber Lacituo, heyra- thete erst im Jahr 78, in welchem pliniuo sein Buch schloß, die Tochter des 2lgricola, und war selbst kaum zwanzig Jahr alt. b) Der 9) n N. I. 16. 10) z. x. Kchöning in f. alten Nordischen Geographien — in Schlözers allgemeiner nordischer Geschichte, S. Arnd. in D. de fide Taciti. *0 In der Nordischen Geschichte, S. fit; % m - ra ^fflgH=^-^b 9 b) Der Ttacitw, von welchem plinius redet, ist böchftwadrscdeinlich der Rettonatoi*, Corne» lius Verus Tacitus, dessen Namen und Ge» dächrniß eine?lufschrift devm Aeinesiuo S. lvz erhalten hat. Der zweyte Grund ist: ß) Lacitus sah die rvcilde 12). Allein er sah sie nicht M Germanien, sondern als Gefangene zu Rom unterm Vespasian. Ueber dieses ineynt er wohl in dieser Stelle nicht sich, sondern seine ganze Na» tion, Vidimus sub Divo Vespasiano Velledarn. —> 4) f&v war ein strenger U7ann, der gewiß nicht mit seichten Nachrichten zuftiedrn war. Z) Daher hat er Nachrichten, die uns ehrwürdig sevn müssen. Nachrichten, die aus keinen falschen und unlautern Quellen flößen. Irrten ihn diese, konnte er dann dafür? Anchersen 13) giebt einige davon an. Er hatte damals noch das io4tc Buch des L.ivius, dessen Anfang, Sitten und Lage Germa» niens enthielt, so auch plinius Zwanzig Bücher vom Germanischen Kriege; Cäsars Commenlaricn, pii* niuo Naturgeschichte nützte er. Auguftus ließ eine Landkarte dcS ganzen CrdkreiftS in dem öffentlichen Porticus zum Gebrauch aufhangen. Und wie viel mündliche Nachrichten konnte er nicht haben? DmU Im genug, für einen besondern Geist. Vielleicht ist uns manches verloren gegangen, das er besaß, und wovon uns auch nicht die Spnr übrig geblieben. a 5 4) «e ?:) Germ.^C. 8. 13) De scieritia fideqiie Taciti — in OpufcyU p.H7, 4) tLr ist also glaubwürdig, wenn wir nicht das Ge^ gentbeil wabrnehmcn, oder die Sache selbst nicht so sevn kann. Nur finden hier keine Muthmassun- gen statt, denn leichter kann unser System falsch seyn. Daher gäbe ich ihm in folgenden Stücken keinen Beyfall. a) In allen etymologischen Sachen. Da er nicht germanisch verstand, und seine Sprache überdieseS die freyen germanischen Ausdrücke^ zur Unterjochung zwang, so kommen bisweilen sonderbare Sachen vor. b) In den Namen der Gottheiten. Hier spricht der Römer; in der Religion weniger, doch auch da muß man sicher gehen, weil er sehr oft seine Urkunde ent- weder mißverstand, oder von derselben hintergangen ward. Dieses hat er mit allen seinen Landsleutcn gemein. Sie verderben alle Namen, modeln alle Religionen nach ihrer ab. Mühsam ists dann, nach abgezogener Larve, den ursprünglichen Sinn zu mU decken 14). c) Auch in Ansehung der Nachrichten über die tiefer in Germanien liegenden Nationen bin ich mißtrauisch. Herr Scheid 15) verwirft sie ganz, indem er Herrn Ancherseno Meynung folgende Gründe entgegen setzt: «) Au6 54) So klagt Vallancey im Essay on the Anticjuity o't the Insh I.anguage. Dublin 772. 8. S> I?. Über die 3iom« und Grie> chen in Ansehung der Phöuizischen Nachrichten. Beym TaeituS erinnert es vorzüglich der V. der Geschichte der Menschheit aus den Annalen derDeutschen, im Deutschen Merkur, 1773. II. S.41. |j) In PVaefat. ad Eccardi Oiigin. Germ, p,43. $-====*<$3£€*===-* II «) Ans des L.ivius iindiplinius uns verlohrc» gegaw genen Büchern konnte er von der innern Beschaffen- heit und den Bewohnern Germaniens nichts schö- pfen, da es damals noch nicht so weit bekannt war. ß) Auguftus Landkarte konnte immer da seyn. Mein, war sie richtig, und konnte sie es in Ansehung des entfernter» wilden Germaniens seyn? Allcin, sie ganz zu verwerfen, wag ich eS nicht, da ich dO nicht weiß, welche Nachrichten er dabey benutzte, D) da ich keine andere Bemerkungen habe, die den ftiiw gen widersprechen, und X) sich doch auch Sachen darunter befinden, die durch andere Anzeigen bestätiget, oder in ein helleres Liche gesetzt werden. Aber sie als ganz richtig zu glauben, würde zu weit gegangen seyn. 5) Er beobachtet die genaueste Ordnung; alles muß auf einander passen. Man finde etwas, das nicht zu» sammenhangt — dann versteht man ihn entweder, nicht, oder die Stelle ist verdorben. 6) Wo er nicht viel weiß, sucht er uns nicht mit Lügen zu tauschen; wie z. (£. bey den kleinern oder tiefer lic* genden Nationen, über welche er geschwind hineilt. 7) Findet er Sacken, die ihm fabelhaft scheinen, so sagt er's, und überlaßt jedem davon zu urtheilen, was er will. Keine Liebe zum Wunderbaren. Auch tin Merkmal, wie sehr er seine Quellen, seine Nachricht ttn durchforschte, ehe er ihnen seinen Beyfall gab, V N.A«k 12 5—- ^X $^gx=a— 4 * II. Auf ©fiten der Nation selbst muß man aber auch folgende Säye bemerken: 1) Germanien war im strengsten Begriff frey und kriegerisch. Dmm untersuche man, ob diese oder jene Nachricht des Tacitus mit beyden überciiistimmeit könne oder nicht, 2) Man vermenge nickt Germanen und nach- berige Teutsche mit einander; oder schöpfe gar aus der LZdda, ans dem Saro Srammaticuo, lind andern Dänischen Geschichtschreibern. Wie viele sind in diesen Irr- thun» gefallen. Manche thaten noch mehr. Sie liessen Slawische Religion und Sitten für Germanische gelten. z) Manche wollen des Tacitus Germanische Nachrichten aus den Geseybüchcrn' der Telitscken Nationen erläutern. Dieses geht dann nur an, wenn sie übereinstimmen, oder sich wenigstens deutliche Spuren finden; aber das Gegentheil nicht. Lacituo kann so nicht verbessert oder erklart werden. Denn er irrte nicht, son- dern die Sitten und Gewohnheiten änderten sich. Laßt man diese Bemerkungen nicht aus den Augen: so kann man nicht fehl gehen. Man weiß, was man vom Tacitus zu erwarten hat; man weiß, wie Germanien be- schaffen war. Alles, was Schwierigkeiten zu haben scheint, hat sie dann nicht. IV. Cacitus, dieser verkannte, verachtete, verunstaltete Schriftsteller; welch ein Mann muß er jedem Geschichts- forscher seyn! Ich / H---^xS&S3&<=^=~$ ' • -V. - ' ■: g / Sein Plan liegt gleich in der Ueberschrift klar und deutlich da. Und wie genau befolgt er ihn. Er beschreibt Lage, Sitten und Völkerschaften Germaniens. Nach dct gewöhnlichen Abtheilung der Kapitel etwänn folgendere Massen i l. lieber Lage, Ursprung der Einwohner und phvsica» tische Bescdaffenheit Sermanien. Kap. 1 — 5. lt. Ueber Sitten und Geniohnheiren, und zwar 1) Rriegsrvesen, als ä) Krieg selbst, Kap. 6—8. b) Kriegs- oder allgemeine Religion, Kap. 9.10« c) Kriegsverfassung, Kap. ii. 12. d) Ritter und Gefolge, Kap. 13 —i& 2) Bürgerliche- oder privareinrichrungen, K. 16-27- III. Völkerschaften. 1) Auslandische Natidn«!», Kap. 2Z. 2) Völker am Rhein, westwärts, Kap. 29—34. 3) Völker am Rhein, nordwärts, Kap. 35—37« 4) Sweifische Bundcsvölker, Kap. 38— 40. 5) Völker an der Donau, Kap. 41—43. 6) Völker im Ocean, Kap. 44. 45. 7) Nationen, von denen man gar nicht weiß, ob sie' Germanier sind, oder welche gar in das Gebiete der Fabel gehören, Kap. 46. So bearbeitet er seinen Plan; so ist der Zusammen« hang. Jede bezweifelte Stelle steht gewiß am rechten Orte/ flirt daß man sie verkannte» vi > ==>^!)e>c=a— 4 15 VI. Ist je etwas Gutes oder Wahrhaftes über Tacitus gesagt worden, so ist's gewiß folgende Stelle bey Herrn Scklöyer 17 : „Was konnte Taciruc', ohne inspirirt zu werden, wahrscheinlicher Weise wissen? Wie weit waren damals die Römer in ihren Eroberungen und Secfahrteil gekommen? — Keinen Schritt vorwärts als zu pliniug Zeiten; ja eher rückwärts. Folglich hat Tacitus alleS, was er vom innern Germanien und noch fernern Norden schreibt, vom Hörensagen; und zwar nicht einmal aus der ' zweyten Hand, denn er selbst war nie in Deutschland gcwe- sen. Aus diesem Gesichtspunkte muß der Geschichtsschrci« her beurtheilt werden. Tacitus verlichrt nichts dabey, et bleibt immer, wenigstens nach meinem Gefühl, der größte Geschichtschreiber, den je Natur und Kunst mit vereinten Kräften gebildet. Irret er, so hat sein Zeuge die Schuld; er prvtocollirte nur, was eine aufgeklarte Nachwelt bey mehrcrm Vorrat!) geographischer Kenntnisse prüfen sollte. So beucht mich, hören alle Disputen auf, die von je hec über die Glaubwürdigkeit des Tacirus geführct worden/' Co weit Herr Schlöyer. Daß ich hiermit noch das verbinde, was Robertson, dieser vortreffliche Geschichte schreibet, vom Tacituo sagt 18): „Lacitus und Cäsar waren vielleicht vor allen am Meisten fähig. die Germanen mit tiefer Einsicht ;u bemerken, und mit Nachdruck und Wahrheit vorzustellen. ~ Sie sind die kostbarsten und lehr« *?j Allgem. Nord. Gesch. S.147. n) Geschichte der Regierung Kaiser Karl bc$V. zttn AuSga, h? h ©.im-^jss» ,6 %■ c=x&ffi rr. | lehrreichsten Denkmale deS Alterthums für die gegenwar- tigcn Bewohner Luropene." Er meynt ferner: man solle ja darauf Acht haben, daß Tacirus fast hundert Jahr spater schrieb, als Cäsar. — Schon waren unter ihm die Srvionen so verfeinert, daß sie anficngen, auszuarten, und die Finnen noch so roh, daß man sich wunderte, wie sie bey ihrer Wildheit bestehen könnten. Allein, dieses ist wohl zu genau genommen. Hundert Jahre machen bey einer Nation, wie die Germanische war, wenig Aenderung; wird die Religion geändert, dann eher. Dieß war nun der Fall hier nicht, denn Germanien hatte immer noch zu Tacitus Zeiten die unbildliche unpriesterliche Religion- Robertson machte hierauf eine Verglcichung zwi, schcn den Amerikanischen und Germanischen Wilden, die viel anziehendes viel beweisendes für Tacituo Glaubwür- digkeit hat. So vergleicht Vrotier ebenfalls die Bewoh, ner des alten Germaniens mit den Wilden in Kanada 19), die eben so übereinstimmend ist. Diese Verglcichung dient auch dazu, daß nian erkenne, wie der Sohn der Natur in seinen Kinder- und Knabenjahren sich überall gleich sey. Wie's im bürgerlichen £rf>en. ist. Der Fürstensohn und dce Bauernjunge gleichen sich als Kinder; das Knabenalter entwickelt ihre Begriffe, ihre Bestimmung; als Jüngling und Mann kennen sie sich nicht, oder verkennen einander; bis endlich das greise Alter sie zu ahnlichen Thorheiten auffordert. So in den Societäten. VII. -9) I» seiner Ausgabe von Taciü Opp< T, IV, . *^=><&t&&<=>—4 17 VII. Hieher gehöret noch die Literatur. Erst wollte ich von allen Ausgaben dieses Buchs, von Kommentarien und andern den Verfasser betreffenden Schriften reden. Ich würde ermüden; daher nur von den Übersetzungen etwas. Mir sind folgende bekannt: i Deutsche. 1) Bon Jacob Micyllus. Maynz 1538. F. Frrt. 1612. 8. Eine ganz gute, aber gar zu sehr umschriebene Ueber« setzung. Sie befindet sich unter dem lateinischen Text. Die Orthographie ist ziemlich die, wie sie RIopftock cinzufüh- ren wünschte. Das Leben des Agricoltt, und der Dialog über die Redner ist nicht übersetzt. 2) Von Rarl Melchior Grottttz von Grodnow, odee dem Behütenden, Mitgliede der fruchtbringenden Gesellschaft. Frft. 1657. 8. Ein ellenlanger Titel ziert diese elende Uebersetzung. Seine Sprache ist ganz pöbelhaft. Fehler wider den Sinn sind vollauf; und auch an andern Fehlern ist großer Reich- thum. 3) Das alte Teutschland, oder R. Ä. Tacitus von der Lage, den Sitten und den Völkern GcrmanienS/ übersetzt (von I. T. Iablonsky >. Bei lin 1724. 8. Diese Uebersetzung ist ganz ertraglich, sie ist treu und kurz; nur die Sprache zu wenig edel, aber dies ist ein Fehler seines Zeitalters, in welches auch die jetzt weniger brauchbaren Annicrkungen geboren. 4) Mit lateinischen Noten, von einem Ungenannten. Halle 725. 728. Aus Herrn Schummels Ucbersetzer-Bibliothek zu ur- theilen, muß sie sehr elend seyn 20). 5) Des 10) S.,7-, • ; h ' 18 *—==xö<^6x==-e 5) Des R. R. Tacitus sämtliche Werke, von I. E. Mül- lern. Hamb. 1765. 66. 3 Bande 8. Eine weitschweifige mit Noten überschwemnttc Ueber-- sctznng, die aber doch von dem neuen Herausgeber der Fabrizischcn Bibliothek gelobt wird 21). 6) K. XV Täcitus Werke. Magdcb. 765—771. 6 Bande in 8. von pi'.zke und Golddagen. Die Geschichte, die Abhandlung über Germanien und das Leben des Agricola sind vom Herrn pazke allein. Diese Ucbersctzung brach, eigentlich zu reden, die Bahn. In einigen Fehlern bemerkt man, daß die Uebersctzcr einen schlechte,: Text zum Grunde gelegt haben. Der Verfasser der Dänischen Uebersctzung 22) sagt von dieser und der vorhergehenden Uebersetzung, wie mich dünkt, mit Unrechte: „De Tydske havc i mine Tanker ikke stör Aarsag al rose sig of de twcnde Overjattclser." 7) Sitten der Deutschen, aus dem Lateinischen des 1K. R. Tacirus, Leipz. 719. 8. — Vi>m Hn. Rttyschmann. Dieses ist nicht eigentlich die Uebersetzung des ganzen Werks, sondern nur der Stelle», welche die Sitten der Na, tion betreffen. Die Sprache ist edel, nur einigemal scheint cine unkritische Ausgabe gebraucht worden zu seyn. 8) R> 1\- Tacirus, über Lage, Sitten und Völkerschaften Germaniens. Leipz. 780. 8. Schon im Jahre 1779 lieferte ich eine Probe davon im Deutschen Museum, und entschloß mich endlich, diesen Versuch einer Übersetzung, nebst einigen Bemerkungen ganz herauszugeben. Ich kenne die Mangel derselben selbst, ich weiß es, wo ich zu viel wagte, und bin nur darauf stolz, daß Se. 21) Tom, II. p. 404, **j S. 5. v ' .^«sHs»'-'' j t 19 @c. Excellenz der Königl. Preußis. wirkliche Minister, Herr von /)crzliel g dem ich dieselbe, als dem kompetenten Richter zueignete/ meine Bemühung mit der größten Nach- ficht belohnte. 9) Die neueste wird wohl vom Herrn D. ?5abrdt seyn, da bereits der erste Band von T^ciluo sämtlichen Werken erschienen ist. II. Italienische. 1) C. C. Tacito, tradotto in Lingua Toscana, da Giorgio Dati.. Venet. 1563. 4. 2) C C. Tacito dal Sgr. Adriano Politi, et date inleve per il R. M. Horatiö Giannetti. Venet. 604. 12. 3) C. C. Tacito con asorisrni di Bald. Alamos de Barrientos, tradotto per Adriano Politi. Venet. 6l8- 4. Alle drey befanden sich in der Bibliothek deS Herrn de <^5)g>c==~j. ist dieses in allen Sprachen die beste Dollmetschung, die ich kenne. Die gcdningcnste Kürze, die kaum eine andere Spra- che erreichen kann, die beste Lesart, die vielleicht aus dem Gebrauche von Handschriften entstand, zeichnen die Arbeit dieses Spaniers vor allen andern aus. 2) Tacito, Espannol, illustrado, con Aforismos por DonBal- tasar Alamos de Barrientos en Madrid. 614. fol. Diese Aphorismen sind, wie oben gemeldet, auch in'6 Italienische übersetzt worden. IV. Holländische. 1) Zu Groningen — 2) 311 Delft. 1616. 4. Amsterdanl 1645. 8. Z) Von decin. Par. 615. 12. 616. 12. Rouen 670. II. 8. 3) Germania C. C. Taciti, en francois par d'Ablencourt. Paris 646. 8- 4) Les Oeuvres ds Tacite, de la traduction de IM. Perret Sieur d'Ablencourt. Paris 658. 4to. 5) Quelques Oeuvres de Tacite, par Bleterie. Paris 755. II. 6) Moeurs des Germains et Vie d'Agricola, de Tacite, Latin & Francois par Boucher. Paris 776. 12. Eil, 14) Fabricii Biblioth, Lat. II. p. 40O, H------>ÄAß>-^-----H 21 Ein elendes Werk, das seinem Verfasser noch darum mehr Schande macht, weil er es blos entwarf, um Vro- tier'n, — einem Manne, der selbst bey den Fehlern, die man ihm vorwirst oder vorwerfen kann, Verehrung ver- dient — Hohn zn sprechen, und seine Verbesserungen al6 einfaltig und überflüßig zu schildern. Ueberhaupt ist, wie mir's scheint, die französische Sprache am wenigsten geschickt, die alten Schriftsteller und zumal den Tacitus gut und getreu zu übersetzen. VI. Englische. J) Translated by Syr H. Savile. Lond. 6y8. 8- 716. &c. III. 2) by Grenewey. Lond 612. f. 622. &c. 3) The Works of Tacitus, by Thorn. Gordon, Lond. 727. II. f. 73 v II 8. 770. V. 12. 4) a Treatise on the Situation, Mannars and Inhabitants of Germany bv C. C. Tacitus, translated into English by lohn Aikin, Warrington 1778. 8. Der Verfasser, welcher nach Vrotier's Texte über- setzte, scheint mir nur selten den Sinn des Originals ver- fehlt zu haben. Die Anmerkungen sind mehrentheils vom Brorier entlehnt. Auch die Landcharte ist aus dieser Aus- gäbe 25). VII. Rußische. 0 poloschenii, ob' iitschajach' io na rodach' (orewnej) Gher- rnanii — wSank Peterburgh. 1772. 8. Voll ^vusilej. Srvjeron) 26). H Z Der -5) Tr gab auch bereits 1774. das Leben des Agrikola Heraus. S. Monthl. Rev. t. II, p. 157. Critic. Rev. XXXVIIII. P- 33. , -6) 25acmelstcr's Nuiiische Bibliothek l. S. jjo. 22 «— ==>c§<===--$ Der Verfasser ist der gewöhnlichen Lesart gefolgk- Nach den Proben, die mir Herr ZZacmeister, Jnspector des Gymnasiums der kaiftrl. Academie zu Sancl Peters» bürg, mittheilte, zu urtheilen, ist sie ziemlich schlecht. VIII. Dänische. C. C. Tacitus af dct Latinske — vnd Jacob Baden, i. D«el, Kiöbcnhavn 1773. 8. Diese Ucbcrsetzung, welche nach EnipfH'o Ausgabe gemacht ward, ist sebr hübsch, nur Schade, daß sie, so viel ich weiß, noch nicht vollständig ist, und also auch wohl schwerlich ganz erscheinen wird. Sie hat viel Anmerkungen. VIIH. Polnische. Tacitus Werke, 1774. III. 8. Ich habe diese Uebersetzung nur angezeigt gefunden 27). Eie hat des Herrn Brotier's Tert zum Grunde gelegt. So viel sind mir Ucbersetzungen bekannt. Diejenigen, welche nur die Annalen, wie 2lmclot de la ^oußaye oder andere Stücke des Tacitus übersetzten, wollte ich nicht erst anführen.. O II. 2?) Mcuftlö fortgesetzte Betrachtungen über hisiorische Schrift te», IV. S. -6z. 2Z SS»» II. Gedanken über die Absicht und den Plan des Tacitus bey seinem Buche von der Lage und den Sitten der Deutsche»/ nebst einem Versuche einer Erklärung einiger altdeutscher Sitten. Von dem Herrn General-Postamts-Secretär Amelang zu Berlin. Aus dem Tncyclopad. Ivurncil — Erst. B. tCleve und Düsseldorf 1774.) Erster Abschnitt. acitus hat bekanntlich ein eigenes Buch über die Lage und Sitten der Deutschen geschrieben. Was Casac vorhero in diesem Betreff uns davon hinterlassen hat, ist so kurz, so zerstückt und unvollständig, daß ein jeder andere, den die deutsche Nation lange so viel nicht, als ihn tMgieng, sich kaum kürzer hatte fassen können. Er machte es, wie alle Bckrieger fremder Völker. Sie zeichnen nur so viel von ihnen auf, als sie nöthig achten, um sie einigermassen be- kannt zn machen. Eine zusammenhangende Geschichte ihres Ursprungs, ihrer innern Verfassung, ihres eigenthümlichen Characters und der Sitten liegt ausser ihrer Sphäre. Der Raum ihrer Tagebücher faßt die vielen Dii'ge nicht, die b 4 davon 24 ^--===>^@>cr==-^, davon zu sagen waren. Diese sind oft den Umstanden der Zeit und einem nähern Verhältniß der Nationen unter ein» ander überlassen. Das Buch des Tacitus fallt in diese Feiten. Wir können es als das einzige vollständige Denkmal des Alterthums ansehen. Ohne dasselbe würden wir nichts von dem alten Zustande unserer Vorfahren wissen. Wir würden nicht sagen können, in welchem Nerhaltniß unser Vaterland unter sich und mit andern auswärtigen Nationen gestanden, welche Religionsgebrauchc, Gesetze und Sitten es gehabt, welche Veränderungen es mit der Zeit erlitten, und nach welchen Triebradern es sich, unter so mannigfaltigen Abwechselungen zu demjenigen Staats- körper umgebildet habe, worinn wir es jetzt erblicken. Bon allen diesen verschiedenen Gestalten liegt der Saame in dem Werke des Tacitus verstreuet, und blos in dieser Rücksicht, wenn es auch von einem minder angesehenen Manne geschrieben wäre, muß es uns schazbar seyn, und uns alle Achtung gegen dasselbe einflößen. Viele haben auch dessen Werth hinlänglich erkannt, und es wider jede,, Vorwurf sowohl der Glaubwürdigkeit, als Dunkelheit kraftig zu schützen gesucht. Andere haben ihren Fleiß auf die Erklärung der darinn enthaltenen Sachen gerichtet. Sie haben über die Rc-igion, die Staats- und bürger- liche Einrichtung, über die Lebensart und Eilten unserer Vorfahren in besondern Schriften, uns nach und nach die besten Aufschlüsse gegeben. Die Verdienste eines H-rro. tfonringg, ^achenhergo und anderer unza!>!barer Ge« lehrten, sind unter uns bekannt. In unserm Zeitpuncte werden die Bemühungen eines Robertjons, Gchlözcrs, Möftro, denen ebenfalls noch eine beträchtliche Menge andere Schriftsteller, doch mit ungleichem Glücke, bcygc- sellet t£-==c§€>c==— $ 25 seilet werden könnten, gleichfalls unvergeßliche Denkmahle bleiben. Kurz, es ist fast kein Umstand in unserer alten deutschen Geschichte mehr übrig, der nicht bereits sein eigenes Licht erhalten hatte. Alle schöpfen aus der alten Quelle dcS Tacitus, und jeder bearbeitet sein Bruchstuck mit so vieler Kunst, und mit einer so starken Penetration des Geistes, als sein Gegenstand es erfordert und es der Zweck erlaubet, den er damit zu erreichen hoffet. Darf ich mein Urtheil über diese Arbeiten fallen, so sind es Bemühungen, das im Tacitus aufgesteckte Licht zu saubern, ihm einen Hellern Schein zu geben, es bald in diese, bald in jene Gegend unsres Va- terlands hinzuwenden, um, womöglich, neue Schatze aus dem Schutt hervorzuziehen, die Asche unserer Vorfahren zu sichten, und bekannte Gegenstande noch einmal zu bc- leuchten, und sie unter einen neuen Gesichtspunkt zu bringen. Indessen ist von der großen Menge der Kommenta» tatoren, deren sich Tacitus ruhmön kam,, meines Wissens, noch keiner auf den Gedanken gekommen, zu untersuchen: was er bey Verfertigung seiner Geschichte der Deutschen für eine Absicht gehabt, und welchen Plan er dabey be- folgt haben möge? Eine Materie, die schon langst vcr- dient hatte, genauer erwogen zu werden. Sie ist das einzige Mittel, das uns den rechten Aufschluß iii den Sinn des Verfassers, und in die von ihm beschriebenen und erzählten Dinge geben kann. Ist der Plan in Absicht des Verfassers willkührlich, so ist der gewählte und in die Ausführung gesetzte es nicht b 5 für 26 4— =><9^c=-=-# für uns. Von ihm hangt die gute oder schlimme Mey- nung de6 Werks selbst ab. Kann man nun noch die Ab- ficht und die Veranlassung ausspähen, warum ein Autor sich an ein Werk dieser Art gemacht, und warum er eben diesen, und nicht jenen Plan gewahlet habe, so ist das Verdienst auf beyden Seiten größer. Der Leser kann sei- neu Schriftsteller nunmehr vollkomiucn verstehen. Er kann sich in seine Dcnkungsart versetzen, und mit ihm die Dinge aus eben dem Gesichtspunkte ansehen, als jener sie ge- sehen hat. Er kann ihn loben oder tadeln, und kurz, der Werth seines Autors ist dadurch bestimmt. Jcb will versuchen, ob ich beydes die Absicht des Tacitus entdecken, und den Plan seines Buchs über die Deutschen angeben kann. Was ich davon sagen werde, sind bloße Gedanken, und das Publicum, dem ich sie mit geziemender Achtung unterwerfe, mag den Ausjpruch thun, ob sie in die Reihe gründlicher und richtiger Gedanken gesetzt zu werden verdienen. Tacitus hatte den festen Grundsatz, kein Mensch werde etwas, das nur einigermassen wichtig wäre, und auf ihn einen Einfluß halte, ohne Absicht, und einen vor- hergcmachten Plan vornehmen. Ucberlcgung und Vernunft tige Zwecke, seyen die beyden großen Triebräder, wodurch die Handlungen der Menscheil begünstiget werden. Die Mittel, zu diesem abgedeckten Ziele zu gelangen, waren mehrcntheils Kinder des Glücks. Man traue aber der Klugbeit eines vernünftig denkenden Mannes immer so viel zu, daß er sie als die besten angesehen und erreichet haben werde. So dachte Tacitus, und ließ nicht nur diese Ge- danken die Regeln aller seiner Handlungen sey«;; sondern er =o<^<2^<=~4 27 er wünschte mich, daß ein Der feiner Mitbürger diesilben mit ihm rn Ausübung bringen möchte. Diese Vorsicht war bey den damaligen gefährlichen Zeitläuften Roms sehr nöthig, und man muß sagen, daß sie zu keiner Zeit mit mehrerer Genauigkeit befolgt ist, als zu der Zeit, in mU chcr Tacitus lebte. Tyrannen saßen auf den Tbron, und alles, was Laster hieß, stand ihnen zur Seite. Die Bür- ger folgten dem Beyspiele ihrer tyrannischen Beherrscher, oder sie linderten vielmehr das Elend ihrer Unterdrücklnig durch Lüste, die den bösen Herzen schmeicheln, und die das Altdcnken des Unglücks am ersten vergessen machen. Rot» ten von Angebern, die auf das Leben der Bürger Acht hat- ten, liefen durch die Stadt. Bald wurde dieser der Ma- jcstatsvcrbrechen und jener der Empörung oder Nerschwö- rung angeklagt. Bald wurde ein anderer, weil er über, maßig reich, und für den Staat gefährlich angesehen wur- dc, hingerichtet. Ein dritter litte um deßwillen den Tod, weil er zu frey von den Lastern des Fürsteit gesprochen hatte. Kurz, alles lebte in der größten Bestürzung, und zugleich in Lastern. Kein Mensch durfte also ohne Gefahr des Todes sich öffentlich sehen lassen. Er mußte zittern, ob nicht schon seine Seufzer am Hofe gehört wurden, und ihm das Todesurthcil zurück brachten. Was noch eine Art von Sicherheit und Trost gab, war, daß er nichts denken, oder so behutsam denken, und zurückhaltend sich ausführen mußte, damit er am Leben bliebe. In einem solchen Zu» stände von menschlichen Verwirrungen, bildete sich da6 Genie des Tacitus. Er schloß sich ein, oder er wachte doch so genau über seine Handlungen, daß sie ihm nicht gefährlich werden konnten. Was er vornahm, überdachte <==~-$ tigcn. Diese Einwendung hat allen Schein der Wahrheit. Mein, zu gcschwcigen, daß die AnHanger der Meynung, die ich bestrcite, und denen zu Gunsten vorstehende AuS< flucht hingeschrieben ist, diese Erklärung mit ihrem Begriff der Satyrc selbst nicht verknüpfen; so kann man hier sra* gen, welche Sitten der Deutschen es denn haben seyn sollen, die Tacitus den Römern zu ihrer Beschämung habe vorhalten wollen? Die Halste seines Buchs ist mit Be, schrcibung der deutschen Sitten angefüllt. Sie sind alle so beschaffen, wie sie sich für eine rohe, und weder durch weise Gesetze, noch durch eine vernünftige Religion umge» bildete Nation schicken. Sollte er nun wohl die Absicht gehabt haben, seine Römer hiernach umformen, das ist, sie in den rohen Zustand, darinn ihre Vater gelebt hatten, wieder zurück führen zu wollen ? Wie l konnte Tacitus nicht einschen, daß die Sitten der Deutschen aus ihrem Staarsverhaltniß, und die Rönnsche hinwiederum au6 ihrem eigenen flößen ? Hatte» nicht jene die Freyheit, und diese die Tyranney zum Grunde. Der Dcspocismus laßt dem Volke nichts übrig, als die Freyheit, nach seinen Lüsten zu leben, und er befördert sie selbst. Und Tacitus konnte so blödsinnig seyn, die Sitten beyder gegeneinander abwa« gen zu wollen? Wie verächtlich war den Römern nicht vielmehr das Wort Barbar? Mit diesem Ehrcntirel be- zeichnet Tacitus nicht nur selbst die Deutschen, sondern auch, wenn er im Nan«en der Römer spricht. Er ist es, der sie für dunim, einfaltig, wild und unbändig halt. Er selbst, der von den isatten, die er doch den meisten deutschen Völkerschaften vorziehet, und sich bey ihnen lau* ger verweilet, weil sie sirniles Batavis, quibus honos rnanet» et antiquae societatis insigne, in die ruhmvolle Worte aus» bricht: *-===>d5<©€><===-« 33 bricht: sie besaßen mehr Verstand und Gcschicklichkeit, als man von einer deutschen Nation gewohnt wäre. Kap. 30. Ein Schrislstellcr, der die Eigenliebe für sein Vaterland so bloß giebt, daß er nicht mehr als prüfender Philosoph, sondern als ein verblendeter?Nationalgeschichtschreiber m scheint, sollte der von den Deutschen Materie zu einer Satyre für die Römer, und Beyspiele zur Tugend für sie hernehmen? Ich wiederhole es; weichen Begriff mußte er sich von den Römern, den Deutschen und der Satyre machen? Ein einziger hervorstechender schöner Zug in ei- nein sonst noch guten Gemählde, berechtiget den, der beydes genau nach Gründen zu bestimmen weiß, noch nicht, das Ganze für schön zu halten, und ein Philosoph muß das ganze Verhältniß der Dinge unter sich, und mit an- dern betrachten, wenn er Bewegungsgründe zur Tugend von dem einen für den andern hernehmen will. Wer würde für die Verderbniß der heutigen Sitten, Muster zur Besse« rung, von einigen besser lebenden Wilden uns vorhalten wollen? Und thäte er es, wer würde ihn in dieser Ab- ficht lesen? Aber daß ein wildes Volk oft glücklicher ist, wenn es in Freyheit lebt, wenig Bedürfnisse fühlet, und daher reich an Tugenden ist, aber auch seine Lasten hat, und wenn man das beschreibt, eine sehr unterhaltende Lectüre seyn könne, besonders wenn es sich noch ausserdem durch eigene Thaten merkwürdig gemacht hat; wenn dieß ist, so ist die Beschreibung eines solchen Volks eine angenehme Beschäftigung eines Philosophen, und sie muß jedem will« kommen seyn. Aber die Absicht des Verfassers hierbey? Ja! die ist so wenig Satyre für seine Landsleute, als er sich selbst entehren würde, wenn er sie zur Satyre der Menschheit machen wollte. c Schrankt 34 ==3cS^x==°-^ Schränkt man den Satz von der Absicht der Satyr« noch enger ein, und versteht ihn von den bürgerlichen und häuslichen Sitten der Deutschen ; so wird er dadurch auch noch nicht befestiget. Die bürgerlichen Tugenden der alten Deutschen waren weit entfernt, daß sie ausgebildeten Na- tionen zum Beyspiel vorgestellt werden konnten, daß sie vielmehr von eben denselben mit den schwärzesten Farben abgemahlt, und ganz im Schatten gesetzt sind. Tacitus hat seinen Römerzug hiebcy nicht vergessen. „Die Deut- „schen schlafen bis an den hellen Mittag, schreibt er, und „wenn sie gegessen haben, so gehen sie an ihre Arbeit, „und hernach zum Biere. Sie machen sich keine Schande „ daraus, Tag und Nacht mit Saufen hinzubringen, und „ wenn sie voll sind, so fangen sie Handel an, und schla« „gen sich dcrmassen herum, daß dieser auf der Stelle todt „ bleibt, und jener blutrünstig nach Hause geht." Kap. 22. Tacitus, der damals nichts so sehr wünschte, als die Deut« schen von der Erde vertilgt zu sehen, und der sich gefreut haben würde, wenn sie alle nur einen Kopf gehabt hatten, damit die Römer ihn mit einen Streich abschlagen könn, ten, siehet dies Laster, der Trunkenheit, als den besten Kunstgriff an, statt der Waffen, denn dies sey schwer, sie lieber mit Wein oder Bier zu bekriegen, und in diesem Taumel sie alle todt zu schlagen, und so über sie zu sie, gen. 1. c Wahrlich! eine heroische That für die Weltbezwinger, die Römer; ein trefflicher Zug in dem satyrischen Gemahl-- de des Tacitus für die Römer. Aber was siehet man nicht alles! Er fahret fort: „Nicht viel besser gehet es auf „ihren Landtagsversammlungcn zu. Eben die Vollheit, „die l i'l -ichVs»- .. 35 „die auf ihren Gelagcn herrscht, herrscht auch in ihren „ Sttiatsversammlungen. Sie müssen Bier haben / ehe „walücn sie keinen Fürsten, oder schließen Krieg und „ Frieden." Waffen hatten sie bey sich, und an Handeln konnte es eben so wenig fehlen, als auf den Landtagsversaiumlun^ gen in Pohlen. £>! wie schön würde sich Tacitus den Römern empfohlen haben, wenn er statt ihrer Lieblings- fünden auf römischen Gastmahlen, ihnen die deutsche Art zu trinken angepriesen hatte! Der Strassenraub war bey allen gesitteten Völkern ehrlos. Bey den Deutschen war er ein Vorzug des Adels, und nichts weniger, als infam. In der Geschichte der Deutschen siebet man Fürsten und Herzoge an die Spitze der Banditen sich stellen, aus hohlen Wegen und Geblu scheu auf die Vorübergehenden tapfere Ausfalle wagen/ und rauben, plündern und morden. Dieß Handwerk trie» ben die alten Deutschen, wie Cäsar sagt, Buch VI. Kap. 5. de B. G. uni den Müßiggang zu vermeiden (desidiae mi. nusndae caula.). Also, ihr Römer, ihr könntet von den Deutschen lernen, auf was Art sich eure zu innerlichen Factionen geneigte Gemüther, besser beschäftigen könnten! Aber hatten denn die alten Deutschen keine milders nnd gefälligere Sitten, als die zum Theil wilden, zum Theil unanständigen, die bisher zu ihrem nicht sonderlichen Ruh- mc angeführt sind? Ich verstehe den Wink, und ich will nun gleich n'.it der ganzen Macht der Beweise zur Beschiß tzung der gegenseitigen Meynung hervorrücken. Die alt« deutsche Redlichkeit und Treue soll sie.anführen. Sie ist c % ein Z6 ? . '-i^a^r • '• •'•J ein so alter und versuchter braver Officier, daß es dem itzigen Deutschland wahre Schande macht, ihm in unsern Kriegen kein Commando mehr anzuvertrauen, seine treugeleisteten Dienste ganzlich zu verkennen, und ihn nicht einmal zu unsern Friedensschlüssen mehr zuzulassen. Ist je eine Tu« gend gewesen, die von einem Volke gerühmt worden, so ist es die Treue, Aufrichtigkeit und Redlichkeit der alten Deutschen. Ohne Formalitäten, darin heut zu Tage die eigentlichste Verbindungskraft gesetzt wird, mit einem bloft scn Handschlag, sich einander die wichtigsten Dinge ver» sichern, und mit einem gesetzten Ernste und angcborncr Strenge die Zusagen treu und unverbrüchlich halten, dies war vor allen damaligen Völkern des ganzen Erdbodens nur allein das Erblhcil und Eigenthum der Deutschen. Wie groß 'erscheinen hier nicht unsere Vorfahren! Und wie klein und unbedeutend sind gegen sie, die damals in der Falschheit, Tundbrüchigkcit, und in der Kunst der Verstellung graugewordenen Römer! In keinem Weitab ter hat die Vcrstcllungskunst, das unglückliche Loos heim- tückischer Seelen, mehr geherrschet, und eine Höhe et* reicht, als in dem Zeitraum der ersten zwölf römischen Kaiser. Sie war den Bürgern Roms so natürlich gcwor, den, daß fast niemand dem andern mehr trauetc, und jeder mit Lebensgefahr seine Tage in Qual zubrachte? Tacitus nennt diesen Zustand bürgerliche Uneinigkeit, im Grunde aber war es Bosheit, Tyrannen und Falschheit. Die Römer hatten ihren verderbten Zustand nicht besser aufhcl- fcn können, als durch Beylcgung ihrer bürgerlichen Feh- den, durch freundschaftliche Versöhnungen, und durch die Aufnahme der deutschen Redlichkeit und Treue. Wie ver- halt sich mm Tacitus bey einer für das Leben der Men« schen t r ; ^ <9 i ... zü c$Ggy@> t=! ii a 41 des, und die Tapferkeit seiner Bewohner, war der grosse Mittcipunct, wohin sich alle seine Handlungen bezogen. Alle Gesc^e und V«rord«ipngen die er machte, giengcit darauf hinaus. Die Religion selbst niußte sich zu diesen Abstehlen bequemen. Der Luxus war verboten. Das Geld mußte eisern seyn, weil das Silber die Vcrdcrbniß bei) sich führte. Die Sitten seiner Bürger waren politisch, und die Tugenden derselben waren so eingerichtet, als sie mit dem Grunde seiner Staatsrcforme bestehen konnten. Den Deutschen gerade entgegen, erweitert er die Ehcstandsgc- setze, so weit er konnte. Er erlaubte die Gemeinschaft der Weiber, weil, wie Plutarch uns sagt, die Kinder dem Staat, und nicht den Eitern gehören, und Gcrada, ein Spartaner, war dreiste genug, die ganze Welt aufzufor- dcrn, ihnen nur einen Fall des Ehebruchs in ihrer Repub- lik anzuzeigen. Und nun unser Tacitus, was wird uns der über diesen wichtigen Punct lehren? Er spielt hier nicht die Rotte eines Philosophen, auch nicht eines Gesetzgebers/ sondern er denkt der Sache sittlich nach, und führt drey Quellen an, woraus das Verderben der Sitten bey den Römern einspringe. „Solchergestalt, fahrt er fort, leben „die Weiber der Deutschen so keusch, das; ihr ganzes Leben „an den Willen ihrer Manner geheftet bleibt, und sie wer- „den weder durch den Reiz der Schaubühnen, noch durch „üppiche Gastmale davon abgebracht und verführet. Sie „wissen auch nichts von Liebesbriefen, denn das Geheim- „ niß der Schrcibckunst ist beyden Geschlechtern unbekannt." - Wer diese Stelle für mehr als eine blosse Glosse des Ta- citus hall; und mehr in ihr entdeckt, als seine Liebe zur Tugend dieser Art, und sein Wohlgefallen an derselben, mit dem Bestreben, sie als solche überall bekannt zu machen, c 5 da, da, wo sie nicht ist, den Wunsch, sie eingeführt zu sehen, zu verrathen, und wo sie ist, sie zu schätzen, dem muß ich zwar seine Einsicht lassen, aber er wird doch nimmer im Stande seyn, eine Msicht zur Satyre auf die Römer daraus herzuleiten, und sie zur allgemeinen Absicht des Buchs selbst zu machen. Zugegeben, was ich mit vollen Handen kann, so beweißt die Reflexion des Tacitus nicht mehr, als die höchste Versicherung, zur genauesten Be- Wahrung der ehelichen Treue auf Seiten einer deutschen Frau, mir Bemerkung der Schwierigkeit, sie nach deut- schen Sitten und ihrer Lebensart verführen zu können, als in Rom hingegen tausend Gelegenheiten, und darmu tcr sonderlich drey waren, bey welchen es nicht viel Mühe kostete, die Weiber zu verführen und sich verführen zu lassen. Die Worte also: Ergo scpta pudicitia agunt, nullis spectaculorum ille- cebiis, nullis conviviorum irritationibus corrupiae, sind hier, wo von der ehelichen Treue der deutschen Weiber geredet wird, die sie den Mannern durch den ganzen Ehe- stand hindurch, gleich bey dem Antritt desselben, feste und unverbrüchlich zu halten angelobet hatten, cl>cit so nach ,ihrem Standorte zu erklaren, als jene, von den Geheim- Nissen des piicsterlichen Segens , und den Ehcstandsgöt, lern, bey der Uebcrgabe der Geschenke, und der damit vollzogenen Copulation. Arcana säcra, conjiigales Deos. Beyde Dinge, priesterliche Einsegnung, und Ehestands- götter, hatten die Deutschen nicht, kannten sie nicht. Ta- eitus drückt sich hier als Römer aus, und so fielen ihm bey der f.pta pudic^ia die römischen Schauspiele und Gast- male ein. Ob es schicklich war, sie hier anzuführen, und sie sie als die einzige Quelle von der Verderbniß der Sitten anzusehen, ist so etwas, das Wenige dem Tacirus zugc- ben werden. Die Deutschen hatten auch ihre Schauspiele, die zum Kampf, und für den Krieg eingerichtet waren. Pamominen, wo Lcdens Tanze vorgestellet wurden, und deren verführerischem Elfte sogar die grobe Natur der Bauerweiber nicht widerstehen konnte, gehörten nur füc Rom. Die Deutschen hatten auch ihre Gastmale, und wir haben gelesen, wie lustig es darauf zugicng. Schlage und blutige Handel bekrönten den Ausgang derselben. Hingegen prangten die römischen mit den ausgesuchtesten Leckerbissen, die nur die Weichlichkeit erfinden kann. Und doch, o TacitnsJ doch hattest du deinen Römern darüber eine Salyre schreiben wollen, da doch das Verderben nicht in dem Genuß dieser Dinge, sondern in der Art derselben lag, die aber nach ganz andern Gründen beurtheilet wer- den müßte, nein, man nehme die eingestreute Maxime für weiter nichts an, als was sie ist, für eine natürliche Fol- ge ihres beschriebenen Ehestandes, mit Bemerkung deS Mangels an Gelegenheiten, die die Deutschen theils Nicht kannten, theils sich dadurch nicht verführen liessen. Hierauf beschreibt Tacitus die Seltenheit des Ehe- bruchs unter den Deutschen. Es gab Falle, wo die ehe- liche Treue verletzet wurde, denn dies siehet man aus der Beschreibung der vollzogenen Strafe, aber die Falle wa- ren selten. Die Strafe enthielt alles, was eine aufze» brachte Wuth rohes und wildes an sich hat. „Der Mann ergriff sein Weib, die so gewissenlos „gewesen war und die Treue gebrochen hatte, zog sie na- „ ckcnd aus, schnitt ihr die Haare ab, eine nach den Be- griffe» i 44 V , .■-'^8ffi;g>'^ i, , „ griffen dcr Deutschen unettragliche Schmach, stieß sie „ schen mehr gelten, als anderswo die guten Geseye, ziehet man ohne Bedenken auf das allgemeine gute Ver- halten dieser Nation. Sie ist aber unrecht, diese Ausdeh- nung. Sie hat bloß ihren Bezug auf den Kindcrmord, den die Deutschen für das abscheulichste Laster ansahen. In Rom lief er durch alle Strassen. Manche römische Dame legte in die Arme des kalten Todes die unglückliche Frucht ihrer vcrstohlnen Liebe nieder, um die Schande zu verbergen, eine gesetzlose oder widerliche Kindbettcrinn geworden zu seyn. In Griechenland vorher, ward er durch Gesetze bestätiget, und in unseren aufgeklarten Zci- ten hat er seine unsccligen Wohnungen fast in allen grossen Hauptstädten Europcns aufgeschlagen. Die alten Dein> schen hatten keine Solone und Lycurge, sie sahen aber das Unrecht mit einem durchdringenden Gefühl des Schmerzes ein, unglückliche und hülfiosc Geschöpfe abzuschlachten, ohne ihnen die Zeit zu lassen, sich selbst vertheidigen zu können. Und 46 £-===D^c9^,g>c==— $ St von den Chamavci! und Aegrivariern, die zum Tbcil in dem heutigen Engern, in Wcstphalen, zum Theil um brn Hamm, in der Grafschaft Mark wohneten, aus ihrem aU tcn WbhKsitz'i vertrieben. Man weiß die Ursache dieses Verfahrens eigentlich nicht. Man sagt aber, die bcnach- harten Völkerschaften hatten den unerträglichen Stolz der Bructcrcr demüthigen, oder sie wenigstens von den Raube» reyen zurück halten wollen, welches Handwerk sie Vorzüge lich trieben. Eine dritte Ursach, die die Römer glaubten, und die Tacitus in ihrem Namen anführt, war die Gunst der Götter gegen die Aönier. Genug, sechzig tausend Bructcrer wurden, wie das Vieh, umgebracht, und.die übrigen vertrieben; nicht durch römische Waffen, sondern, welches weit prächtiger ist, durch die Waffen ihrer cige-- neu Landslcme. Unsere Legionen sahen dies Würgen mit Augen an. Es war ihnen eine Angemvcide, die über alle Empfindungen der Freude geht. O! wenn diese Nation uns nicht licb.'n, (das ist, nach der wahren Bedeutung des Worts HLiebe in dem Munde eines herrsüchiigen Er» obcrers, wenn es sich nicht in unsere Fessel schlagen lasse,,/ und das Joch einer römischen Knechtschaft tragen lernen will), so wünschte ich, daß dieser Haß unter ihnen unt aufhörlich fortdauern, und sie sich selbst untereinander auft reiben möchten! Und warum denn, mein lieber Tacitus? „Darum, weil das jeyige Schicksal unsres leidenden ?ieichs diesen patriotischen Wunsch von mir erheischet. Denn zu unserer eigenen Erhaltung ist uns jetzt kein Glück nöthiger, als die Uneinigkeit unserer Feinde." Welche Schadenfreude! Aber, was wünscht nicht ein schwächerer Feind dem starker». Sollte wohl Tacitus richtig gcweissaget haben? — Die Tapferkeit und die'Liebe d 2 zur 52 $-«=ic=— 4 zur Vertheidigung der Freyheit der alten Deutschen kam» nicht prächtiger geschildert werden, als wenn die Kräfte Roms/ das die ganze orientalische Welt in kriechende Fesseln geschlagen hatte, und vom Rhein bis in Aethio- xien furchtbar war, zu ihrem Untergange sich vereinigen, Jahrhunderte hindurch alles daran setzen, und doch nichts ausrichten. „Sechs hundert und vierzig Jahr hatte Rom gestanden, so fangt Tacitus seine Beschreibung davon an, Kap. 37., da es die Wuth der cimbrischen Waffen inner-- halb ihrer Mauren zuerst fühlen mußte. Von der Zeit an, bis auf das zweyte consularischc Jahr des Kaisers Trajans, waren zwey hundert und zehcn Jahre verflossen, und so lange haben die Römer sich bemühet, die Deutschen zu überwinden. Tarndia Germania vincitur. Weder die Sammler, noch Carthager, noch Spanier, noch Gallier, ja nicht einmal die Parther, unsere mächtigsten Feinde, ha- ben uns so viel zu schaffen gemacht, und uns so oft zum Kriege aufgefordert. Denn die deutsche Freyheit ist noch weit wüthender, als das Parlhische Reich. Der göttliche Julius verlor eben so viel, als er gewann. Seine Siege hatten keine Dauer. August verlor drey der schönsten sei-- ner Legionen, mir ihrem Feldherrn, dem Barus. Drnsus, Tiberius und Germaniens theilten Schlage in Deutschland ans, und trugen nicht weniger davon. Calignla gedachte, die Dentscheil zu verschlingen, und wurde ausgelacht. Nach ihm hatte Deutschland Ruhe. Als aber Galba, Otto und Vitcllius sich um die Monarchie zankten, und Rom unter dem Druck innerer Unruhen seufzte, versuchten auch die Deutschen wieder über den Rhein zu gehen, und ihre alte Streifcreyen zn ernenern. Cereales aber trieb sie zurück, und stellte die alten Gränzen wieder her. Domi- tian *-=^S*=— 4 5Z tian stellte zwar einen Triumph über die Deutschen an; aber es gieng ihm, wie dem Caligula. Es war cm Triumph ohne Sieg. Er wurde ausgelacht. So stand das wechselseitige Verhältniß Roms und der Deutschen, da Ncrva regierte, den Trajan zu seinem Nachfolger er» tiennt hatte, und mit ihm das Consulat führte, welches das zweyte des letztern wäre. Und nun der Schluß, aus allen diesen? Man hat mehr über die Deutsche triumphirt, als sie besieget." Die Furcht vor Gefahren, die Tacitus für die künft tigen Schicksale Roms gefaßt hatte, und die über sein Vaterland von der Seite Deutschlands herkommen würden, eine Furcht, welche er nicht unterdrücken konnte, kann nicht besser, als aus seinem Wunsch erkannt werden, den ich oben umständlich gemeldet habe. Wer seinen Feind auf eine solche Art vertilgt zu sehen wünschet, der muß sich, so lange dieser lebet, und die Mittel zu schaden in Handen behalr, nichts Gutes von ihm versprechen. Ihm muß bange seyn, daß derselbe über kurz oder lang, sich der alten Feindschaft wieder erinnern, und Zeit und Gelegenheit nicht ungenutzt vorbey gehen lassen werde, sich zu rächen, und dem andern den tödtlichen Streich beyzubringen. Daß nicht Tacitus allein, sondern die Römer insgesammt so von den Deutschen dachten, ist ans vielen Stellen ihrer Schriftsteller klar. O hatten die Götter dein August den glücklichen Gedanken eingegeben, aus der Bezwingung Deutschlandcs sich nicht so viel zu machen! ruft Florus in seiner Geschichte aus, 4. B. K. 12. Wozu der Wunsch dieser so angesehenen Römer, die das Verhältniß RomS und der Deutschen'so genau kannten, und aus den Thaten d z beyder 54 6— ==^S<3>e==~<5, beyder Völker es abgewogen hatten, wenn sie das Gewicht der letztem über die erstem nicht so deutlich vorher sahen? Die innerliche Verfassung der Deutschen war ganz für Eroberungen gemacht. Das Klima ihres Landes legte den Grund zu der Tapferkeit seiner Bewohner. Es machte ihre Körper eben so rauh und hart, und zur Erduldung aller Beschwerlichkeiten des Krieges geschickt, als das mit« tagigc Clima die Römer weich und schläfrig machte. Der Norden, sagen alle Philosophen der Griechen, bringt wilde und streitbare Krieger hervor. Die angebornc Wild- hcit der Deutschen ward durch ihre Aufe ziehungslcbren, durch die Kricgcsübungen, durch die Lebensart und Nah« rungsmitlek und durch andere Umstände immer noch mehr befestiget. Die strenge Disciplin in ihren Sitten bewahrte sie vor den gefährlichen Wirkungen des Müssiggangs, der Ausschweifungen und der Laster. Ja selbst diese, so haß« lich sie auch an sich selbst sind, mußten den Deutschen doch zu manchen Mitteln dienen, das Gewicht ihrer Ta- pferkeit Andern fühlbar z». machen. Ganz anders verhielt es sich mit allen diesen Dingeil in Rom. Die Vcrnach- laßignng der Kricgsarbciten, die Ausschweifungen der Soldaten, die allgemeine Überschwemmung der Laster, und die daraus entstandene Entkraftung der Leibcsstarke, die Empörungen und Widerspenstigkeiten der Bürger, » <===— ■* unsern Tacltns ! Seine Mitbürger hatten ebenfalls eine Geschichte der Deutschen nöthig. Pragmalisch war sie noch von keinem behandelt worden. Was Cäsar davon aufgezeichnet hatte, waren nur Linien und Abrisse zu einem f mistigen Gebäude, dessen Aufführung von den Handen der Nachkommen erwartet wurde. Viele der vornehmsten Bürger wußten nicht, was sie wahres von den Deutschen glauben sollten. Man trug sich mit Sagen herum, die von der achten Wahrheit eben so weit entfernt waren, je naher sie an das Abendtheuerliche, Ungereimte, oft Lügenhafte und Periauniderische gränzten. Erfahrungen und Nach- richten stimmten selten zusammen. Die sonderbare Austüh- rung einiger Friesischen Fürsten in Rom, die in Gesand- schafccn dahin geschickt waren, ihr offenes Vertrauen auf ihre innere Stärke, und der unerschrockene Muth, mitten tinter einem sich verstellenden Volke, laut herauszusagen: es gäbe seine Nation unter der Sonne, die ehrlicher und aufrichttger wäre, ale die Deutsiben, Tac. Unnal. 55. 4. machte alle Römer stutzig, und der Zweifel kampftt in ihnen, wer von beyden Recht habe, ob die deutschen Fürsten, oder ihre eigenen Schriftsteller wahr redeten. Zwar hat der altere Piinius die Geschichte der deutschen Kriege in zwanzig Büchern verfaßt. Allein ich weiß nicht, weicher Mangel der Brauchbarkeit, Vollständigkeit oder Genauigkeit daran Schuld war, daß sie eine andere zweck» mäßigere nicht entbehrlich machte. Vielleicht war die Sei* tcnhcit dieser Bücher auch eine von den Ursachen mit, warum sie nicht gemeiner wurden. Denn der ganzliche Verlust derselben erhellet schon zu des Symmachus Zeiten aus dem l8tcn des dritten Buchs seiner Briefe. Der cini- ge. Tacitus gedenkt ihrer, und Macer, ein Liebhaber der Gcschich« Geschichte auswärtiger Völker, mußte den jüngcrn PliniuS fragen, was, sein Oheim mehr für Bücher von fremden Landern geschrieben habe. Plin. Z. B. 5- Br. Darf eine Muthmajsung hier Platz finden, so scheint der Zweck des altern PliniuS bey seiner Geschichte der Deutschen Kriege nicht gewesen zu seyn, mehr als eine Sammlung davon zu vcraustailen, jede Schlecht nach ihrem Anfang, Ver< aulanung und Folgen zu beschreiben, dabey aber mehr feint römische Helden vor Augen zu haben, als die Helden der Deutschen. Das wenige, was Tacitus aus dessen Buche von den deutschen Kriegen anführt, scheint meine Muth, massung zu bestätigen. Folglich hatte Plinius wenig oder nichts darin von ihrer Vöikergeschichtc, von den Sitten und deren Verhältniß untereinander, angebracht, oder alles dieses nicht pragmatisch genug bearbeitet. Denn eben auS der Geschichte des Tacitus über die Deutschen, erhellet ganz deutlich, daß die Römer noch immer in ihren Be* griffen von den Deutschen schwankten, und der eine dieß, der andere das geglaubet habe. Tacitus also entschloß sich, aller der vorhandenen Nachrichten und mündlichen Crzah- hingen ungeachtet, eine Geschichte der Deutschen, nach seiner Art zu schreiben. l£c nutzte, was er vorfand, ge- sammlet, gelesen, und von andern gehört hatte. Er gienz bis in das Innere ihres Staats hinein, und spürte den Quellen nach, woraus seiner Meynung nach ihre Größe, Tapse» kcit und Unübcrwindlichrcit strömen müßte. Dabey ist er treu in seinen Erzählungen, und wenn wir ihn manch« mal auf der Spur, deutsche Eilten römischen Worten ausgedruckt zu haben, finden, eine prophetische Aiiforde* rung an die Aufmerksamkeit deutscher Leser, so versüssck er Ms wieder die Mühe, mit seinen fruchtbaren Reflexionen, d 5 die 58 *-«=3<8ö6*=—« die den Geist des Denkers verrathen. Ihn der Untreue in seinen Berichten beschuldigen; einer absichtlichen Erhc- bung und Verschönerung seiner Gegenstände auf der einen Seit?/ und der Herabsetzung und Verdunkelung auf der andern, ihn anklagen zu wollen, würde eben so viel hassen, als ihm in allen seinen Annalen und Historien den Glau- den benehmen, ihn unter die schlechtesten Historiker herab- würdigen und bekennen wollen, daß er vor den Augen und Ohren des Trajans, der ihn bey jeder falschen That er- tappen konnte, abscheulich gelogen habe. Nein, man be- urtheile den Tacitus nach seinen Absichten, studiere ihn darnach, so wird man ihn überall als den Mann finden, den wir an ihm gewohnt sind. X Der Weg, der unsern Tacitus zu seiner Absicht führen sollte, war der Plan, den er sich dabey entworfen hatte. Ein vollständiges Gemählde ihrer Sitten sollte darin den ersten Platz einnehmen. Man kennt die wahre Größe eines Volks, einer ganzen Nation nicht eher, und man lernt auch nicht eher richtig davon urtheilen, als wenn man weiß, nach welchen Sitten, bürgerlichen Verfassungen, Rcligions- begriffen, Uebungen und Auferzichungsregeln es lebet. Alle Fortgange, die es darin macht, alle Abweichungen, die darin erfolgen, alle Schattirungen, in welche es bald durch diese, bald durch jene Umstände gesetzt wird, bcstim? men auch den vcrhaltnißmaßigcn Begriff von ihren guten oder schlimmen Sitten, von einer despotischen, oder repu» blicanischcn Regierungsform, von einer einsaitig dummen, oder überklugen, eifrigen oder gemassigten, oder gar nicht glaubenden Religion, von der Liebe zur Tugend oder dem Hang zum Laster, und von den Ausbrüchen und Uebungen derscl« 59 derselben, folglich von der Vcrdcrbtl?cit, Weichlichkeit, oder Tapferkeit und unüberwindlichen Freyheit desselben. Die- sem Grundsätze folgte Taeikus augenscheinlich. Das Clu ma hat in alle diese Dinge seinen Einfluß. Es bewirket nicht alles, aber es behauptet den Vorrang vor allen. Es ist der Stamm, worinn alle übrige Gestalten und Eigen- schaften einer Nalion weisüch eingepfropft werden. Deshalb setzte er der Beschrcihung der Sitten der Deutschen, die Lage und das Cliiua des Landes voraus. Aus diesem leitet er so viel her, als ein vernünftiger Philosoph thun kann, und nach beyden bestimmet er die Grösse und den Werth einer Nation. Wenn die Catten noch mnlhigcr und beherzter sind, als dic Batavier, so liegt der Grund davon in der Beschaffenheit ihres Bodens und in ihrem Himmel. 29. Wenn die Bruckerer kein ander Handwerk kennen, als Rauben und Plündern, so denken die Chauzen weit edler. Sie beschützen ihr Land mit Ruhe, und legen Vcstungcn der Gerechtigkeit an seine Gränzen. Ohne Raubereyen und Mordthaten auf dem benachbarten Boden auszuüben, und dessen Bewohner dadurch wider sich zum Kriege zu reizen, halten sie das für ihre höchste Stark« und Ueber- legenhcit, sick hiebt durch Un'recbt groj? zu nittchcu. Kap. Z5- Wo wohnen doch itzt die Chauzen? Fast alle Deutschen zogen in wilden und zerstreuten Haufen, ohne Ordnung, ohne Kenntniß einer nach Regeln gelernten Kriegeskunst., ohne geschlossene Reihen und Elie- der, in den Krieg. Man hatte sagen sollen, sie giengen auf Strcifereyen aus, und nicht zur Schlacht. Wild war ihr Angriff, aber sie liefen auch manchmal bald wieder zu- rück. . 6o $-<==3<&Q;fr<=z—. 4 rück. Allein die Kattcn kannten die Kciegcskunst besser. Sie erwählten sich einen Feldhern, der deutsche Erfordere nisse und Eigenschaften an sich hatte. Auf diesen setzten sie ihr ganzes Vertrauen, und mehr, als auf die Armee selbst. Sie wußten seinen Befehlen zu gehorsamen. Sie marschirten geschlossen in der ihnen angewiesenen Ordnung; hielten das Glück für betrügerisch, den Muth und die Starke aber für gewiß; waren nicht voreilig im Angriff aus Furcht und Tollheit, sondern giengcn langsam zu Werke, und hieb ten standhaft aus. Kap. 30. Die Begriffe von der Keuschheit waren in Deutschland nicht schwankend. Der Geist der guten Sitten in dieser Art hatte sich allgemein ausgebreitet. Einige Völkerschaft ten trieben vielmehr diese Tugend noch weiter. Ihre Jungfrauen, sagt Tacitus, vcrheyrathcn sich mit dem Gelübde, nur Eines Mannes Weib zu seyn, und, falls sie ihn üher« leben sollten, nach dessen Tode bestandig Witwe zu bleiben. Die Rechte des Ehestandes waren heiliger, als die Um« armungen der Manner. Nur Ein Leib mit Einem, Ein Leben, Eine Seele, könne eine wiederholte anderweitige Ehe nicht anders, als unkeusch seyn, und strafliche Bc- Zierden verrathen. Kap. 19. Ihr guten Dinger! ihr hattet keinen Salomon unter euch, der euch Sprüchwörtcr schrieb. Dcitken wir uns nun zu den bisher angeführten wenigen Beyspielen noch die Aufcrziehungsregcln, und die Leibes- Übungen der Deutschen hinzu, welche alle zu einem gemein« schaftlichen Zweck hinausliefen; die bürgerliche Vcrfassun« gen dieser Völker, sammt ihren besondern Staatsversamm- lungen, die jenen Zweck ihrer Freyheit noch glänzender machtenJ so haben wir den Schlüssel zu den Geheimnissen des $h«===<===-4 6l des tacitischen Plans gefunden, und wir können nnnmehro deutlich einsehen, warum er, um die Deutschen in ihrer wahren Gestalt und Grösse zu zeigen, den Anfang zu ihrer Schilderung mit der Beschreibung ihrer Sitten gemacht habe. Eigentlich zerfällt der ganze Plan in drey Haupttheile, den geographischen, politischen und historischen. Um den ersten Theil hat sich Tacitus am wenigsten bekümmert. Er ist kurz, unordentlich, und fast unbrauchbar. Man kann leicht den Schluß daraus machen, wie die geographische Kenntnis der Römer, von unserm Deutschland, wenigstens von dem eigentlichen Norden beschaffen gewesen seyn müsse. Die Ursache davon ist nicht schwer zu errathen. Die we- nigsten von ihnen hatten Feit, Lust, oder Gelegenheit, in fremde Lander zu reisen, und ihre geographische Kenntnisse zu erweitern, oder die gesammelten zu berichtigen. Sie vav liessen sich theils auf die Nachrichten derer, die .der Krieg dahin geführet hatte, theils auf die bereits darüber vor» handencn Schriften der Griechen und Römer. Was sie in diesen fanden, schrieben sie, mit Beyfügung der Namen der Verfasser, getreulich »ach, verbesserten hin und wieder etwas aus mündlich erhaltenen Nachrichten, lobten oder tadelten, wie es ihnen gut dünkte, fügten manches aus ihren eigenen Erfahrungen mit bey; gestanden in Dingen, die ihnen unglaublich, oder paradox vorkamen, ihre Un-- wissenheit, und so erhielten wir Geographen, die, was ihre Nachrichten von Dculschland und dem Norden betrifft, nichts anders gethan zu haben scheinen, als uns magere Gerippe, oder geographische Mißgeburten nachlassen zu wollen. Indeß kann Plinins mit Recht eine Ausnahme darin machen. Er war bis an die Elbe in Deutschland ge- konnuen/ 6 3y-^=3c$£$ib<-. — kommen, hielt sich eine geraume Zeit darin auf, und zog von dewGegenden/ wohin er selbst nicht kommen konnte, durch ausgeschickte Kundschafter, und von den reisenden Handelsleuten,.manche gute Nachricht ein. Ihm scheint Tacitus in seiner Erdbeschreibung von Deutschland, so ab- gebrochen sie auch ist, vorzüglich gefolgt zu seyn, doch mit dem Unterschied, daß er eine andere Methode wählte, theils Zusätze einschaltete, die er entweder seinem Urtheil nach für gegründeter fand, oder neuern Naehrichten zu danken halte. Man siehet es seinem Werke an, daß er kein geo- graphisches Ganze zu liefern im Stande war. Stückweift bringt er bald dieses, bald jenes von Gegenden bey, nach- dem die Reihe der Dölkerschafften, die er beschreiben will, ihn dahin führet. Im ersten Kapitel bestimmt er die Gran- zen Deutschlandsim zweyten beschreibt er es selbst mit wenigen Worten, und sagt, daß es wüste und unbe, bauer, die Luft darin i-aul) und strenge, und der ganze 2lndlick, und die Gestalt desselben traurig und öde sey. Hin und wieder sey es zwar besser. doch in: Ganzen genommen, immer von Wäldern rvild, iirtd von Sümpfen entstellt. Kap. Z. Doch für dies wenige Geographische, und was etwa noch darauf folget, auch hin und wieder karglich beygebracht ist, halt uns Tacitus auf eine bessere Weift schadlos. Den politischen Theil des Buchs hat er meisterhaft gezeichnet und ausge- führet. Die Sitten sind die Basis seines Werks, darauf er den Ruhm der Deutschen Nation gründen will. Er Nimmt sie, in dem weitlauftigen und engern Sinn. Unter jenem versteht er ihre Kriegsmanieren, die Wahl ihrer Feldherrn, die Schlachtordnungen und die Art der Waffen; ferner ihre Staatsverfassungen und Regierungsformen, sammt v J , '4^5fe >, "~ . > 'S 6z sammt ihren allgemeinen und bcsonderci, Concilien, Gesetzen, Gewohnheiten, Gerichtsarten, Belohnungen und Strafen; weiter ihre bürgerliche Einrichtungen, mit den Leibesübungen, Ergötzlichkeiten, den Schauspielen, Schmau- sercyen, sammt ihren übrigen Lebens i auch Kleidungs- und Nahrungsartcn, den Künsten, Handthierungen, dem Acker« bau, der Viehzucht, und der Jagd; ferner den hauslichen Zustand, mit den Rechten der Manner, als Haupter der Familien, die Kinderzucht, den Unterricht, die Verheyra- thungs- und Begrabnisceremonicn, Erbschaftstheilungen und dergleichen; und endlich die Religion des Landes, ihre Priestcrinncn, das Ansehen und die gottcsdienstlichen Hand- lungen derselben. Zu den Sitteil im engern Verstände, rechnet er alles, was Tugend oder Laster unter den Men- schen heißt. Die Keuschheit ist die Krone der Tugenden der alten Deutschen. Die Redlichkeit und Treue führte sie an der Hand. Der Abscheu vor dem Luxus, die Genüg- samkcit der Natur, erhielte beyde in ihrer Lauterkeit. Der Wucher und Betrug fand unter ihnen nicht statt, weil er mit der Aufrichtigkeit und Redlichkeit sich nicht vertragen kann, sondern ein Feind derselben ist. Das Geld wurde so strenge beurtheilet, daß es eine Pest der Lander hieß, woraus alles Unglück, und endlich der Verlust der Frey- hcit erfolgte. Diese und noch andere Tugenden wurden freylich durch entgegengesetzte Laster einigermassen wieder verdunkelt, allein, so haßlich sie auch für uns sind, so geben sie den alten Deutschen doch eine Art von Ansehen, lind sie waren den vorigen Tugenden so untergeordnet, daß sie ihnen keinen bedeutenden Eintrag thaten. Der Contrast dieser ihrer Sitten ist daher nicht besser zu beurtheilen, als «ns dem Zustande und dem Verhältniß der allgemeinen Sitten, 64 h > ^v^H A ^fi, . j Sitten, und ich glaube, daß wenu Tacitus vom Ganzen fein philosophisches Urtheil angeben wollen, er keine an- dere Gedanken davon würde geaussert haben. Da er sich aber blos als Sittenbeschreiber dabey verhalt, und nur über cinzeine Gegenstände sein Gutachten mit eingestreuet hat; so ist dieß Betragen Bürge genug dafür, daß er die Tugend weder verschönert, noch die Laster verstärket habe. Ich werde nachher einige Versuche wagen, und einige Eil- ten der alten Deutschen zu erklären mich bemühen. Ich denke, es müsse jedem patrioaschen Deutschen angenehm seyn, zu wissen, wie unsere Vorfahren vor so langer Zeit, «ls fast zwey Jahrtausende sind , gelcbct haben. Noch immer deucht mich, setzt man bei) der Beschreibung ihrer Sitten, das richtige Verhältniß ihres ganzen Zustandes aus den Augen, und nimmt Züge der Tugend aus ihnen heraus, mahlt sie mit prächtigen Farben aus, ohne nur einmahl daran zu denken, ob sie so ausgemahlt wieder zu den übrigen Zügen sich schickten. Jetzt gehe ich zu den, historischen Theil des Tacitischen Buchs über. Er enthielt die Geschichte der Völkerschaften, die vormals das alte Deutschland bcwoh- l,et haben, und Tacitus legt darin Proben von seiner Völ- kerkunde ab, deren rechten Werlh Herr Schiözcr in den Anmerkungen zu Schönings Abhandlungen, von unserm Norden *), nach seiner bekannten historischen Kenntnis, bereits zur Gnüge gezeigt hat. Alt eben den Orten hat er auch den Plan, den Tacitus bey diesem The.il« seines Buchs insbesondere befolget, beurtheilet, und die grossen Lücken bemerket, die darin anzutreffen sind. Alles dieses aber bey Seite gesetzt, so werden zwo Anmerkungen, über die Völ- sei* *) A. W. Hist. zi. Th. . » ■ ---Zi«HHH»«-S^O 65 f «fünde des Tacitus von Deutschland, hier nicht ganz am unrechten Orte stehen. Die erste betrifft die Bevölkerung Dcutschlandes. Tacitus halt die Deutschen für Ursprung- liche Be;vohn$tS& ~ £ 67 Die zwote ist diese. Tücitus, um die Verwandt- ober Nichtverwandt-chast der verschiedenen Völker in dem altert Deutschland zu zeigen, hat sich schon eben derselben Mittel bedient, die wir heu-iges Tages, doch mit einem bessern Erfolg, in dieser Sache brauchen. Die Achnlichkeit der Sitten, der Gebrauche, Kleidungs- und Lebensarten, und so weiter, und die Uebercinkunft der Sprachen, sind ihm die einzigen Beweise von der Verwandtschaft der Völker unter- einander. Nur fehlt diesen Bcwcisarten bey ihm die gt» wohnliche Starke, die wir mehr hineinzubringen wissen, und darzu bessere Mittel und eine grössere Aufmerksamkeit haben. Tacitus trauet jeder, allgemein genommen, zu viel. Er nimmt sogar die nämliche Bauart, und die Schnelligkeit der Flusse für Beweise der Verwandtschaft an. Allein der Schein der Ansehnlichkeiten in solchen Dingen trügt zu sehr, als daß man sicher daranf banen könne, lind dvn den deut- schen, pannonischen, und gallischen Sprachen wußte Taci- tus vielleicht auch zu wenig, als daß auch hierin seine Be- weise über alle Ausnahme waren. Nciil! unsere Zeiten sind glücklicher hierin, und werden es noch erst werden, wenn die, so vielen nützlichen Entdeckungen hinderlich seyende Uneinigkeiten unter unsern Sprach < und Geschicht- forschem ganzlich werden gehoben, der auf allen Seiten sogar kleiner Piccen schinnnernde unerträgliche Egoismus der Dottoren ausgemerzt, und die alte deutsche Vertrags samkeit, zum würdigen Ruhm unserer Vorfahren, in dem achten Glänze deutscher Abkömmlinge vollkomiuen wird hergestellt seyn. •*ieK34££a."»*.. Zwey- 6$ *-«==s>c==s«-^ Zweyter Abschnitt. lima, Gesetze, Religion und Auferziehung sind die vier wesentlichen Bestandtheile von den Sitten eines 5?ol* kcs, und die Absicht und der Zweck, den es sich dabey vor, gesetzt hat, geben ihm auch die verhältnismäßige Richtung in seinen Handlungen, und bestimmen bey ihm den morali- schen Werth derselben. Dabey wird es alles das vermeiden, und durch Gesetze sogar verbieten, oder nach der Gewöhn- heit beurtheilen, was es als Hindernisse ansieht, die diesem Endzweck im Wege stehen. Wenn ich mit diesem Grundsatze auf unsere Vorfahren, die alten Deutschen im Tacitus, übergehe, so ist es in der That schwer, den Grad der Wirkunzen verhältnismäßig zu bestimmen, den ein jedes dieser vier Stücke in ihr gemein- schaftlichcs Ganze, und in den Zustand eines jeden einzelnen Theiles, mit Hinsicht auf jenes, gehabthat. So schwer es ober ist; so wird doch ein Versuch der Sache selbst, im Fall sie anders seyn sollte, keinen Eintrag thun. Fuförderst, beucht mich, ist es überflüssig, sich in die Untersuchung der aufgeworfenen Frage hier einzulassen: ob ihr damaliger Zustand zwischen roher Wildheit und ausge- bildcter Feinheit, mitten inne gestanden, oder jener näher, als dieser gewesen sey? Weder ganz ausgebildet, noch ganz roh und wild lebten sie übrigens nach der Natur. Dieß ist meine Meynung. Man nenne diesen Zustand, wie man will. Ihre Tugenden wenigstens, abgewogen gegen ihre Zaster, ungeachtet diese wichtig genug sind, behalten noch immer das Uebergewickt. Geg»n ihre strenge Pflicht in Beobachtung der ehelichen Treue; gegen ihre Redlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit m Haltung der Zusagen; gegen H«---SchG^s»-G 69 gegen ihre Uneigennützigkeit, Gastfteyheit, die Liebe zum Watcrlande, und endlich gegen ihre ausnehmende Tapferkeit, erscheinen ihre Laster in der Liebe zum Spiele, mit Ver, lust ihrer eigenen Freyheit; ihre unregelmäßige ReigunK zum Trinken, mit allen aus der Völlcrey eittspringenden traurige!, Folgen, und andere böse Neigungen mehr, derer» rechte Bedeutung noch nicht ausgemittelt ist, wie Flecken in einem heroischen Gemählde. Eine Mischung, die ihren Grund hat! Hier ist unstreitig Bildung. — Ihr Abscheu vor Städten, ihre herumziehende Lebensart, ihre hier und da auf dem Felde, oder an Flüssen, oder an mit Weide für das Vieh versehenen Gegenden, aufgeschlagene beweg, lichc Hütten, ihre unterirdische Wohnungen in Klüften und Holen, mit Mist bedeckt, das Herumstreichen in den Wal- dern auf Jagd und Beute, die Arten ihrer Kleidungen von Thierfcllen, mit Hirschgeweihen, oder Ochsenhörncrn um den Kopf ausgeziert, ihr fast nackter Zustand in ihrem hauslichcn Leben, und hundert andere Umstände mehr, setzen den Begriff von ihrer Bildung so ziemlich wieder herunter, und bringen in ihren Zustand eine andere Mischung. Aber auch diese Wildheit, wenn man will, hatte ihren Grund. Jene Bildung beruhcte auf dem Geiste ihrer Staatsvcrfas- sung, nach der sie lebten, und diese Wildheit auf dem Be.» griff der Tapferkeit, die jenen Geist nährte. Wer diesen Unterschied nicht genau bemerket, der wird sich nie eine richtige Vorstellung von dem alten Leben unserer Vorfahren machen können. Ans welcher Quelle flössen denn nun recht eigentlich Tugend und Laster, und der ganze sittliche Zustand unserer Vorfahren, im weiten und engern Sinn her? Ohne Unu schweife: aus der Frrvlieit. Diese war die Seele ihres e 3 Staats- jfo ^--===vc=--* 73 und noch andere schweiften ohne Anführer, ohne Oberhaupt, ohne Zucht und Ordnung hemm. Aber ander die Monar« chie gieng in den Despotismus über, noch gründete sich die Erbfolge dcS Fürsiennuls anders, als auf die Liebe zur Be- schützung der Freyheit. Die alten Schristseeilec bezeugen es tjnmüthig, daß die Wahlfahigtcit der Fürsten in dem alten Deutschlande, auf der Befchützüng der Freyheit, und zur Gewißheit derselben auf einer allen bekannten bewiesenen Ta« pferkeit beruhcte. Immer sahen sie darauf, daß die Frey- heit in ihrem Rechte bliebe. Eben so gieng es auch mit der Wahl eines Feldherrn. Cm Feldherr, der sie anführen sollte, um entweder einem einbrechenden Feinde entgegen zu gehen, oder selbst einen Krieg anzufangen, schreibt Cäsar, mußtc.dic deutlichsten Pro- den von seiner Tapferkeit abgeleget haben, und diese mußten hinlänglich bekannt seyn, ehe seine Wahl allgemein bestätiget werden konnte. Die Losung des Beyfalls war der Klang der Waffen, und das Mißfallen ein verzerrtes Gesicht. Im er- stcn Fall übergaben sie ihm die Macht über Leben und Tod im Kriege, die aber sogluch mit dem Ende desselben wieder aufhörte. Sie folgten willig seiner Fahne, und alle Schreck« nisse des Krieges hatten nichts FürchteMicheS für sie. Die Vertheidigung der Freyheit entstammte ihre Gemüther. Die Verschiedenheit der Regierungsformen, die sich schon damals in Deutschland aufgecban hatten, machte« daß die Verhältnisse der Deutschen, unter und gegen einander auch verschieden waren. Eittige Eiamnie hatten sich von ihrem Lande ganz losgerissen, und imier römischen Schutz begeben. Sie wurden Colonicn der Römer. Andere, die an den Gränzen des RömMcn Reichs, und an denen zue Schiffahrt und Hand!u!?g gelegenen Flüssen wohnten, legten « 5 sich 74 $-*=^<%$>&<===~q sich auf die Handlung, fiengm an, das Geld zu lieben, und vertauschten ihre Fcllklcider mit gemächlichern von römischen Zeugen. Aber dieß war doch nur ein geringer Theil, und die mitten im Lande wohnten, vcrabscheueten diese Zaghaften, und nannten sie Sclaven der Römer. Sie selbst zogen sich naher zusammen, beschworen neue Bündnisse zur Bestrafung der Abgefallenen, und zur Vertilgung der Feinde, und setzten ihre alte Lebensart mit Kleidung und Handel, in Vertan- schung der Waaren fort. Unter diesen noch reinen Deutschen zogen einige Lander den Frieden, und Ruhe und Gercchlig« keit, dem herumstreichenden Leben vor. Sie glaubten, wenn sie andere in dem ruhigen Besitze ihre Lander liessen , selbst vor erobernde!'. Ueberfallen sicher zu seyn. Was jedes Land zur Verbesserung seines Zustandes vorzüglich liebte, das trieb «s auch. Bey allen aber war die Basis ihres Gebäudes die Freyheit. Jeder Fürst begnügte sich mit dem festgesetzten, mehrcnthcils freywilligcn Abgaben seines Volks, und selbst der Gothische Monarch dürfte nichts mehrcres fordern. Ta- citus irret, wenn er aus dem Umstände, daß die Goihinen ihrem Fürsten Tribut bezahlten, und sich zum Bergwcrksbau gebrauchen liessen, schliesset, daß sie Sclaven gewesen waren. Er denkt hier, als Römer. Es war keine Sclavcrcy dieser Völker, sondern ein Gewerbe, womit sie Handlung trieben, und dem Fürsten sein Contingent davon geben mußten. Pto- lemaus tvsßti! es besser. Die Quaden, sagt er, legen sich vorzüglich auf den Bergbau, und graben aus dem hercyni- fchen Walde Eisen in Menge heraus, womit sie Handlung treiben. Tacitus begeht an einem andern Orte noch einen solchen Sch'nßfchler. Aus denen mit so wenig Eisen Verse* hcncn Spicssen der alten Deutschen folgert er den Mangel «n Eisen, und andern Metallgruben im Lande. Ohne aber t» *-===v^e>c===-« 75 zu izedenken, daß die nachfolgenden Zeiten seinen Schluß auf allcWeift bereits hinlänglich widerlegt haben, so istdicMcnge der Schwcrdtcr, die die Deutschen in ihren Kriegen ebenfalls brauchten, ja die Menge der Spicsse selbst, bey einem so zahlreichen Volke, ein redender Beweiß für das Gegentheil. $&0 liebten die Deutschen wohl mehr, als ihre Waffen? Und wie viel waren deren nicht in einer Familie beysammen? Ich bin sogar geneigt zu glauben, daß sie auch andere Metall- gruben gewußt und genutzt, und selbst Gold und Silber gc- sannt, aber den Werth desselben größtentheils nicht geachtet haben. Meine Beweise stehen im TacituS, Florus 4- B. K. 12. im V. Warncfried de gest. Longob. l. z. c. 6. und andern. Doch wieder auf meinen Vorwurf zu kommen, so habe ich noch einen Bcwciß, daß die Bcschützung der Freyheit durch die Tapferkeit, der einzige Gegenstand verdeutschen Verfassung war. Jede große Völkerschaft sonderte sich wie» der in kleinere Dorffchaften oder Gemeinheiten ab, denen gewisse Zcntgrafen vsrgefttzt waren. Tacitus erzahlt ihren Ursprung Kap. 6. Ich merke nur das daraus an, daß auS jeder Gemeinheit die stärksten und tapfersten, an der Fahl hundert, ausgchoben, und im Kriege vor die Schtachtord- nung hingestellt wurden. Daher hießen sie die Hundert- n?änn>r, oder Fentgravcn. Dieser ZahZname wurde her- nach ein Ehrcntitul, und Zentgrafen hießen alle diejenigen, die den Fürsten begleiteten. Die Würde und das Ansehen der Fürsten beruhete ganz auf diesen Grafen. Es gab so- gar eine gewisse Eifersucht des Ranges unter ihnen, und jeder bemühete sich des Fürsten Gunst vorzüglich zu besitzen. Da aber diese Gunst nur durch Tapferkeit erlangt werden konnte, so war der Krieg das einzige Mittel dazu. Des-- wegen ?6 *-~=^<^»r^c==--$ wcgcn giengen sie bey ihren Nachbarn in den Krieg, wen» ihre eigenen Fürsten keinen zu führen hatten. Und nun höre man die ganze Starke des Beweises. „Es war eine „ Schande sich von den Fürsten in der Tapferkeit übcrwin- „.den zu lassen, und ehrlos und infam, mit dem Leben t>a<- „ von zu kommen, wenn der Fürst geblieben war. Der Fürst „föchte für den Sieg, und die Grafen für den Fürsten." Folglich war der Ruhm der Tapferkeit und die Liebe zur Freyheit die Seele ihres Landes. Die Religion selbst, die sie sich geformt hatten, führte sie dazu hin. Bey ihnen hatte sie keine andere Absicht, als den Muth der Krieger zu begeistern, und Aussprüche über den Ausgang des Krieges zu thun. Die Lieder, die sie dem Tuisto, Mann und dem Hercules zu Ehren abfungen, waren lauter Ermunterungen zur Tapferkeit. Die Gestalt ih.cr Religion war wild und voller Grausen, wie ihr Mmb und ihr Aussehen. Die Mittel, deren sie sich bedienten, den Ausgang des Krieges zu erfahren, waren die Wünschelru» che, das Würfelspiel, das Wichern eines weissen Pferdes aus dem Duisburger Wald, und der Flug oder das Gc- schrey der Vogel. Hierauf zu merken, das war keine Be- schafligung für eine altdeutsche ober inannliche Seele. Sie ließen die ganze Verrichtung der gottesdienstlichcn Hand-, hingen den Weibern über. Nicht darum, wie man insge-^ mein glaubt, weil sie die Weiber vorzüglich liebten, und zn den wichtigsten Berathschlagungen mit zogen , sondern weil sie der List und Bestückung vorzugsweise ergeben und vor allen am geschicktesten waren, die alte Sage von einem ihnen beywohnenden Geiste der Endorischcn Wahrsagcrcy geheimnißvoll und verschmitzt zu bestätigen. In diesen. Verstände waren unsere Vorfahren lauter Esprit forts. Sie *-===>t9^S^«==^»4 77 Sie bekümmerten sich nicht um die Ceremonien des Got- tcsdienstes, die ein Weib veranstalttte, und der zu Ehren man den Betrug geheiligt hatte. Unsere Vorfahren arger- ten sich, daß sie auf Anrathen derselben, dem Monde zu viel nachgegeben hatten, und darüber die Bataille ain Ober- rhein wider den Cäsar verlohren. Was die Gesetze verordneten, und die Religion be- statigte, darnach richtete sich die hausliche Auferziehung ihrer Kinder. Der Grund zu dieser "Richtung lag in dem Verhaltnisse, darinn sie mit dem Staate selbst standen. Sie hielten es für Pflicht, ihre Kinder nach dessen Grund- satzen aufzuziehen, weil das Glück desselben auch ihr eige- nes war. Sie kannten keine:, andern Werth ihres Lebens, als den Werth der Freyheit, und die Liebe dazu wurde den jungen Sprößlingen von früher Zeit an eingepflanzet. Die Eltern nahmen die Sorge der Anferzichung selbst über sich. Es waren genug, und vornehme und gesittete Römer im Deutschlande aus der Varischen Schlacht übrig, die aber zu keinem deutschen Hofmeisteramt gelangen konn- ten. Die Ursache war, daß sie nach solchen Grundsätzen lebten , die mit der deutschn, Freyheit nicht bestehen konn- ten. Sie mußten sich unter die Knechte rangiren lassen, und Hofdienste leisten. Der Vater nahm den Sohn in die Schule der Ta- pferkeic. Er härtete seinen Körper von Jugend an, zur Arbeit ab. Er tauchte ihn in kaltes Wasser, lehrte thu schwimmen und Waffen und Ackergerathe zu rechte machen. Er gicng mit ihm auf die Jagd, lehrte ihn Baume aus- reissen, Thiere bezwingen, und Frost und Hitze ausstehen. So bald er alter ward, wurde er mit den Nothwendig» keitcn des Krieges, und mit seinen Beschwernissen naher bekannt ?z • %~==3&(& «^-~~* bekannt gemacht. Er mußte, wo die Rnitcrey alles galt, reite!», und sich ans dem Pferde geschickt und geschwind wenden lernen. Wo die Starke der Macht hinacgcn auf einem gut abgerichteten Fußvoike beruhete, da mußte er sich in Rnhe und Glieder zu stellen, geschlossen zu halten, im Marschircn und Laufen sich üben. Gewisse deutsche Jugend war wegen der Schnelligkeit ihrer Füße ausneh- mcnd berühmt. Hiehcr gehöret, was Tacitus von ihren Kanipfspielen sagt. Ganz nackend sprangen sie zwischen hervorgercckten Spießen und bloßen Schwerern herum, und drüber weg. Eine Uebung, die endlich zur Kunst ward, und von der Kunst in den Anstand übergieng. Nicht um Gewinst, sondern aus bloßer Ehre übten sie diese Spiele. Das Vergnügen der Zuschauer von beyderley Ge- schlecht war ihnen die höchste Belohnung für eine so muth- willige Verwegenheit. Kap. 24. Hatten sie nun das Alter erreicht, wo sie in den Stand der Mannbarkeit übcrgien« gen, so wurden sie von den Vätern und Anverwandten mit auf die Landtagsvcrsanunlungcn genommen, mit Spieß und Schilde angethai», und der Versammlung vorgestellt, als solche, die durch eine gute Auferziehung zu den Pflichten des Staats tüchiig gemacht waren, um Theil an der Vertheidigung des Vaterlandes nehmen, und zur Ehre des- selben, falls es der Versammlung beliebte, die Waffen tra- gen zu können. K. iz. Waren sie zu Bürgern deutscher Nation solchergest/.lt aufgenommen, so setzten sie die Geschaffte eines kriegerischen Lebens so lange fort, bis der Sohn eine eigene Familie errichtete, sich eine Heldin von seinem Stamme zur Frau nahm, mit ihr neue Krieger zeugte, und nach dem abgelebten Rest eines für den Dienst des $—*===^<%c^^c===*-$ 79 des Vaterlandes aufgeopferten Lebens, in jene Welt zu seinen Urvätern, dem Tuisto und Mann, htnübevschlunv werte. Die Mutter sorgte für die Auferziehung der Töchter, doch unter der Aufsicht des Vaters. Im Grunde war sie mit der Aufcrzichung der Söhne einerley. Die Liebe zur Freyheit und Tapferkeit war die erste Lehre, die sie ihnen einprägte. So weit es ihr Beruf war, und beyde Tilgen* den sich für ihr Geschlecht schickten, mußten sie an dem Plan des Ganzen mit arbeiten helfen. Uin ncrvigte und starke Kinder hervorzubringen, die den Ruhm der deut- schen Tapferkeit entsprachen, war die Arbeit, und die Ent- haltsamkeit von einer zu frühen männlichen Umarmung, die erste Pflicht ihres jungfräulichen Standes. Es war eine Schande, vor dem zwanzigsten Jahre mit einem Frauen- zimmer Umgang zu haben. Die Stunden des weiblichen Müßiggangs wurden mit allen Arten von beschwerlichen Arbeiten verkürzt. Sie mußten den Acker pflügen, daS Vieh treiben, füttern und melken. In dem Zirkel ihrer Mütter eingeschlossen, sahen sie, wie diese lebten, und wie sie künftig zu leben hatten. Ohne Echmuk und pracht- vollen Reiz einer künstlich gemachten Kleidung, giengen sie halb nackend in der Gesellschaft des Viehes herum. Trat ein Krieg ein, so führten sie den Vätern und Brüdern den Lebensunterhalt, und die übrigen Nothwendigkeiten zu, und diese Lebensart dauerte so lange, bis ein junger Freyer kam, der entweder von ihrer Schönheit gefesselt, oder von dem Reichthum angelockt, oder voit ihrer Starke bezaubcrr, sie aus dem mütterlichen Schooße abforderte, ihr die Pflichten einer neuen Ehefrau vorhielt, nach erhaltenen Jawort ihr die Geschenke gab, und sich mit ihr copulirte. Und 8o tz^M--»W^<---^.tz Und dieses sind die Satze, ,aus welchen ich den Grund von d^n BchWcii ihrer ganzen Sittlichkeit herleite. Tu« gend und Laster erhalten ihren Werth aus den Beweggrän- den, nach denen sie geübt werden, und der Verfolg wird zeigen, was man von dem innerlichen Gehalt der Sitten unserer Vorfahren zu halten habe. Ehe ich diese? aber an besondern Fallen zeigen kann, muß ich zuvor eine Hindernis aus dem Wege räumen, die sonst auf mein System niederfallen, und es gar erdrücken könnte. In dein ersten Abschnitt habe ich gesagt, das; der Herr Geh. Rath Springer die altdeutschen Sitten noch itzt in Weftphaien am richtigsten abgezeichnet finde, und dar- aus wird geschlossen, daß Tacitus bsoß dieses Land vor Augen gehabt, und dessen Sitten auf das ganze Deutsch« land übergetragen habe. Die Beweise sind künstlich aus- gedacht und edel vorgetragen, auch so artig geordnet wor« den, daß ich böse auf den Lipsius bin, wenn er dieses Land so hämisch mitnimmt. Ein Beyspiel, da6 ich nicht ohne Ursache abschreibe, wird uns mit dieser Vcrgleichuug naher bekannt machen. „Der Bauer in Westphalcn, schreibt „ Herr Springer, ruft den Knecht ganz gelassen aus den „Armen der Magd zu einer andern Arbeit ab, sie ant- „ werten alle beyde, mit einer Miene, womit sie zu erkennen „ geben, daß es ihnen gleichgültig sey, diese oder eine an- „ dere Arbeit zu verrichte;,." Zum Grunde dieser Gleich- gültigcett führ! er an, weil die Liebe bey den Wcstphaicrn eben so wenig Reiz bis itzt noch habe, als sie bey den alten Deutschen gehabt hat. Ich gebe beydes, Sache und Ursache, zu, ohne daß ich wenigstens einsehe, ivie der Hauptsatz dadurch bewiesen wäre. Denn sollte es der Bauer Li- " •'gjt^iffiri.- 'i ß 81 Bauer in Oberdeutschland und den andern Orten, z. B. in Pohlen, nicht eben so machen? Gesetzt aber, es wäre die Vergleichung richtig, und damit erwiesen, wie stehet es denn mit ihren Lastern? Sollten die Westphalcr auch wohl das Urbild des Abscheues der alten Deutschen unter sich gehabt haben, und Ausschlicßungsweise ignavi, imbel- ks, em pöre infames gewesen seyn? Lipsius sahe auf die Beschaffenheit des Landes und der Bauart der Einwohner, und machte eine andere Vergleichung, aber ich finde keine andere Spur von Achnlichkcit der Wcstphalischcn Sitten zu seiner mit den Altdeutschen darin, als die auf der O'erstäche einer jeden Vergleichung klebt. Man döre ihn : „In einer Scylhischen Wüste, nicht unter Menschen „glaubt man da zu seyn. Alle Uebel überfallen jeden, der „ darin reiset. Wind und Regen toben unaufhörlich, und „ und verdicken den Geist der Einwohner. Ihre Sprache „ ist rauh, und ihrem Gefühl entsprechend. Ihre Speisen „ sind, man kann nicht sagen barbarisch, doch kaum mensch» „ lich. Die ganze Strecke wird von Breycssern bewohnt. „ Ihre Häuser sind Nester, mit Mist ausgefüttert, und „halt man sich darin nicht auf, so gerath man unter die „Harpycn, denen nichts heilig ist." Allein, alles vec, gebens. Dieser Theil machte das alte Deutschland lange nicht auS, und im Grunde hatten wir nicht Deutsche, son- dern westphalische Sitten, und das sollen sie nach dem ansdrücklichen Zeugniß des Tacitus i-.icht seyn. Kap. 27. Ein anderer Gelehrter, dessen Name mir sogleich nicht beyfallt, glaubte daS Bild der altdeutschen Sitten am ei, gentlichsten unter den Pohlcn zu finden. Ich muß gestehen, wenn der alte Deutsche nichts ohne seine völlige Waffen» f rüstnnz S2 4) 1 1 .ii cS^>€>c=»-» rüstung that, mit ihr zu Tische, zum Biere, auf die Land, tage, und an die Arbeit gieng; wenn er allen Streit am liebsten mit dem Säbel in der Hand entschied; wenn Herr und Knecht, Frau und Magd, mit ihren Kindern, in Ge- sellschaft des kleinen und großen Viehs, auf Einem Bund Stroh, fast nackend zusammen lagen, wenn sie den Trunk liebten, sich auf den Ackerban und die Viehzucht legten, und ihre Weiber ihren Busen den Fremden öffneten, ohne sich zu schämen, (und der Pohle thut dieses alles bis auf den heutigen Tag noch) so ist mir diese Achnlichkcit weit einleuchtender, als die mit den Westphalern. Ich glaube sie aber darum noch nicht, sondern ich bin der Meynung, baß Tacitus- die Nachrichten von Deutschland, alle nach «inander gelesen, oder vor sich gehabt, sie mit einander verglichen, die Aehnlichkeit der Sitten unter den Völkern zuerst ausgezogen, und niedergeschrieben, diejenigen aber, die er in diesen Entwurf nicht bringen können, herausge- lassen, und sie bey Beschreibung der Völker selbst, mit an- gcführet habe, und dieß saget Tacitus Kap. 27. auödrück- lich, dessen Aussage noch nicht widerleget ist. Nun die Sitten. Mit der ehelichen Treue will ich den Anfang machen. Zu dieser schönen Tugend kann ich bey den Deutschen keinen andern Beweggrund finden, als den Grund der Liebe zur Freyheit, nach welcher ein Ehemann für den ruhigen Besitz seiner Ehefrau, und als Hausvater für die Rechte seiner Familie, eben so stritt, als er für die Freyheit seiner Gemeinheit, und in derselben für die Frey- heit seines Vaterlandes zu fechten gewohnt war. Der Grundsatz von der allgemeinen Freyheit war ihnen so na- türlich, daß er auch in die Rechte des Ehestandes über gieng, 4r-^^<&3jQ><===*~4 g(V gieng, und was politisch recht war, das konnte im engM Sinn, auch sittlich nicht böse seyn. Die Freyheit ist mit eine einzige. Sie muß, wenn sie vollkommen das seyn soll, was sie ist, sich in allen ihren Arten so zeigen; und sie wird zur Tugend, so bald sie auf die Unverlctzbarktii des Ehestandes angewendet wird. Hieraus ist es begreif, lich , warum unsere Vorfahren in dem Punct der ehelichen Treue von allen übrigen nach der wilden Natur lebenden Völkern, oder, wie sie TacitNs nennt, von den Barbarn, die einzigen waren, die sich mit Eiijer Frau begnügten. Denn so wild sie größtentheils noch lebten, und so offen ihnen der Anblick gewisser Heimlichkeiten gelassen ward, sö wild konnten sie auch wohl zusammenlaufen, und sich ohne Unterschied vermischen. Es brauchte keines gekünstelten Reizes dazu, die Natur konnte das Werk allein zu Stands bringen. Aber nein! Der geläuterte Begriff von dem Rechte der Freyheit, der aus dem Staatssystcm auf die Handlungen ihres sittlichen Lebens floß, verpflichtete fti eben so zur Enthaltung von eines fremden Weib> als von eines Fremden Land und Guth. Diese Freyheit erhellet noch deutlicher aus der Art ihrer Ehebündnisse. Oben habe ich sie der Lange nach an- geführet, hier will ich sie concentrireN. Ehe der Mann sein Weib in die Rechte des Ehestandes völlig einsetzte/ stellte er ihr die Fragen vor: ob sie gute oder böse Tage mit ihm theilen, mit ihm für die Freyheit des Vaterlan- des leben und sterben, in den 5^rieg ziehen, und darin sich ganz an ihn halten, Zu dessen Versicherung aber die ihr vorgelegten Geschenke unter der Bedingung, sie unverletzt ' nuf ihre Nachkommen fortzubringen , annchinen/ und dann f 2 die 84 *—====»€£3*sk==='-^ die so zusammen gekettete Treue (septa pudicitia) gegen ihn ohne Ausnahme bewahren wollte? Versprach sie, diese Puncte unverbrüchlich zn halten, so wurde sie so fort die Gefährtin ftineö Lebens. Ich folgere hieraus zwei) Stücke. Einmahl, war der Mann der oberste Richter über die Sitten seiner Frau. Ohne sich, im Fall ihrer Untreue, deshalb vor die Landtagsvcrsammlungcn zu stellen, und die Sache nach den Gründen dcS römischen Rechts, da» selbst entscheiden zu lassen, entschied er sie nach dem Rechte des ContractS , im Beyseyn ihrer Anverwandten selbst. Hernach bestand das Wesentliche der verletzten Treue in einem wirklich geschehenen Ehebruch, und dieses auf Sei- ten der Frau. Tacitus wenigstens, thut nicht die geringste Meldung von dem bestraften Ehebruch eines Mannes. Der alte Deutsche mußte also die Verletzung der ehelichen Treue, blos von der Frau geschehen zn können, glauben, und dieses, wie mich dünkt, aus folgenden Gründen. Sie konnte, nach ihrer gethanen Versicherung, die Heyraths- geschenke in einem solchen Fall, ihren Kindern nicht un- verletzt übergeben; eine Kränkung der Ehre und Freyheit, die über alle Leiden gieng! Der Mann konnte nicht mu» thig in den Krieg ziehen, und sein Leben zum Besten des Vaterlands, und für seinen eigenen Heerd hingeben, weil der wechselseitige Bezug unter beyden wegfiel, der den Muth des Kriegers entflammte. Und endlich konnte selbst die Frau die Wundeil des Mannes nicht mit Inbrunst heilen, saubern und verbinden, wenn sie mehr als einen hatte, dem sie sich mittheilte. Ihre etwanige Thränen über die Striemen ihres verwundeten Mannes, waren von der Verstellung geborgt, und flössen ohne Rcchtschaft ftnhcit des Herzens. Die *==*4£>6 >c ==* > -* 8S Die Strafen des Ehebruchs bestätigen dieß noch mehr. Sie waren fürchterlich, aber dem Verbrechen gemäß. Sie ergiengen blos über die Frau, weil sie zu gleichen Pflich- ten, zur gegenseitigen Beschützung der Rechte ihres Man« nes verbunden, und nach dem Contract noch mehr daz» aufgefodcrt, es allcine war, die durch Zulassung des Bö- sen, wissentlich und mit Willen, jenen Verbindlichkeiten« offenbar entgegen gehandelt hatte. Unwürdig, fernerhin als eine Milgenossin der deutschen Ehre, in dem Hause des Mannes, und unter der Gemeinheit wohnen zu kön» nen, wurde sie so fort daraus verflossen, mit Schande der Sclaverey überhäuft, mit Schlagen verfolgt, bis sie fremde Gränzen erreicht hatte. Mein Urtheil würde zu spat kommen, wenn ich das, tvas manchen als unzulässig, unschicklich, wild und barba» risch hierin vorkommen möchte, auszeichnen, und nach un» seren Gesetzen, Pflichten, Sitten und wechselseitigen Wer- Kindlichkeiten beleuchten wollte. Wer will, mag es für sich thun. Tacitus hat es schon einigermassen vor ihm ge-- than. Kein Altdeutscher lacht über ein solch Verbrechen, und verführen und sich verführen zu lassen, wird nicht mit der feinern Denkungsart des ausgebildeten Jahrhunderts entschuldigt. — Nur dieß ist mein Vorsatz, den Gesichts« punct anzugeben, woraus die Sitten unserer Vorfahren müssen gesehen werden. Sie konnten keinen andern Grund zu der Strenge dieser Behandlung haben, als den ihnen der gesetzte Ernst für ihre Freyheit anbot. Um diese zu beschützen, waren sie manchmal bis zur Wildheit aufgc« bracht. Und warum sollte ich sie darin tadeln? Alle an- dere Veranlassungen, von der Religion, und der Anstan- f Z digkcit 86 s~-^^dtf^c==~* digkeit eines sanftcrn Lebens, wirkten nichts auf ihre»» Geist. Das innere Gericht des Gewissens kannten sie nicht, hörten es nicht, und appellirtcn auch nicht darauf. Eie fürchteten weder die Hölle, noch ließen sie sich durch versprechende Belohnungen des Himmels zur Tugend reizen. Das liebenswürdige Gefallen der Tugend war für ihre eisenfeste Brust nicht gemacht. Sie folgten der Natur und ihren Gesetzen, und verlangten solche Pflichten der Sitt- ^ichkeit, die ihnen der darnach eingerichtete Zustand an die Hai:d gab. Die Ehe mußte frey seyn, oder die Hartesten Strafen gewärtigen. Die Tugend der Keuschheit im ledigen Stande soll den zweyten Platz einnehmen. Rein bewahrt, ist sie eine lautere Quell- von vielen andern Tugenden. Sie ergießt sich über das ganze Leben, und ihre Früchte grünen vornehmlich dann erst, wann der Abglanz in dem Eden eines unbcfleck- ten Ehestandes auf die Äbkominen übergeht. Sie ist die Krone des jugendlichen Alters, von Roscn und Lilien ge, flochten, und von der Vorsicht der Ehrbarkeit, der Be-- schcidenheit und des Wohlstandes beschützt. Schwerlich aber wuchs diese gefällige Blnnie in dem heutigen Glänze, fliif dem rauhen Boden unserer Vorfahren. Sie erfordert^ eine ganz andere -Pflege, mildere Begiessungcn, und mehr Sorgfalt, als man von ihren Zeiten erwarten konnte.. Sie war da, aber rauh, von einer wilden Art, und da- mit ichs kurz sage, sie war mechanisch. Nun überdenke man den ganM Auferziehungsplan, den unsere Vorsah- ren bey ihrer.Rinderzucht sich entworfen hatten. War er wohl für die Bildung d«s Herzens durch Tugend und Re- W« gcimcht? (fei er nicht ganz auf die Leibcsstarke, der H-----2chGE>«--------y 87 der Eleve mochte mannlichen oder weiblichen Geschlechts seyn? Und war solchergestalt ihre Keuschheit wohl an- ders, als körperlich? Zum Kriege gebohren, und auferzo, gen, sahen sie nur auf die Unarten der Kinder, in so sern sie diesem Beruf entgegen waren. Müßiggang und Faul, heit waren die Laster, wovor sie ihnen den ersten Abscheu beybrachten. Es waren die Quellen alles VerdcrbnisseS, der Weichlichkeit, der Cntnervung, und des Verlustes der Tapferkeit. Keusch zu seyn, um starke Kinder hervorzu- bringen, dieß war der Werth dieser ganzen Tugend. Hier- zu wurden sie durch ein Gesetz, oder durch die Gewöhn- hcit nach der Natur ihres Landes verbindlich gemacht, und was davon abwich, war unkeusch, war Sünde. Nach dieser Moralität richtete,: sich auch ihre Begriffe von dec Ehrbarkeit, der Anständigkeit, des Umgangs der Eltem mit den Kindern, und aller untereinander. Halb nackend und unflathig giengen sie in ihren Hütten herum, um so« wohl durch Arbeit, als durch die harte Witterung ihre Körper zur Tapferkeit abzuhärten Keiner schämte sich vor dem andern, weil sie voil Jugend an zu diesen Anblicken gewöhnt waren, und sonst keinen Begriff von der Schande hatten, als der dem Gesetze zuwider war. Alle natürli, chen Dinge wurden natürlich ausgesprochen, ohne etwaS tinanstandiges dabey zu gedenken. Die Liebe war bloS Bedürfniß der Natur, nach dem Gesetze eingeschränkt. Sie hatte keinen Reiz. Die Kunst des Witzes, und die seinen Anspielnngen, die eben das verderbliche Gift mit sich führen, verdarben nicht ihre Gemüther. Das schön« ste altdeutsche Madchen, und wenn es auch eine VenuS gewesen wäre, dachte nicht daran, die natürliche Schön« heit ihres vollen Busens, mit gekünstelten Reizen eines f 4 durch« 88 *— =xSk£c=~4 durchsichtigen Cchlcyers z» erhöhen. Sie fühlten nichts von dem Streite, der ««6 einer absichtlichen Bekleidung entsteht. Alles war Natur, blos und entdeckt. Hierin stark geworden, konnten Vater und Söhne, Mütter und Töchter, mit fremden Haufen nach den Flüssen eilen, sich baden, und nicht schämen. Sie konnten die Kampfspicle nackter Jünglinge mit ansehen, und doch keine andere Wallungen davon fühlen, als die aus den Freuden des glücklichen Spiels in ihnen rege wurden. Wenn unsere Sitten anders sind, so ist auch unsere Auferzichung, und der Zweck anders, den wir dabey vor Augen haben, mit- hin müssen auch die Bestandtheile von der Keuschheit mu serer Voreltern von anderer Art und Natur gewesen seyn, als die wir itzt zu dieser Tugend fordern. Welcher Stand der beste sey, das will ich dem Rousseau überlassen. Wenn «ine Tugend mechanisch geübt wird, sieht sie manchmal fester, als die sich auf die Wahl ihrer innern Vorzüglich- keit, und solche Beweggründe stützet, die Vayle unter dem Artikel Fontevraud, Not. M. und N. anführet. Dieser Erklärung stehet nicht entgegen was Tacitus voit gewissen Jungfern der alten Deutschen schreibt, die sich mit dem Vorsätze verhcyrathcten, nur Eines Mannes Weib zu seyn, »ind falls dieser eher sterben sollte, beständig Wittwe zu bleiben. Ihr ganzer Ruhm von einer vorzüglichen Keuschheit lößt sich in den Begrif der Freyheit auf, dem sie so ergeben waren, daß sie ihn, als eine deutsche Ehre, mit in daS Grab nehmen wollten. Nach den Grundsätzen des Staats aufgezogen, und ohne eine gesetzwidrige frühere Vermi« schung, übergaben sie ihrcm Manne die Erstlinge ihrer bewahrten Keuschheit, blieben ihm, so lange er lebte, ge- treu, und kennten sich auch, nach der Einheit der Freyheit, zu t> ~ — 3 <^g>p= —» 89 zu keiner zweyten Ehe entschliesscn. Denn Ein Leib mit mehreren, auch gesetzmäßigen, sey, wie sie glaubten, im* mer eine Unkeuschhcit. Nichts aber ist dieser Tugend gefährlicher, als der Trunk und die Vollere». Weil unsere Vorfahren diese» Fehler in seiner größten Stärke an sich hatten, so sollte man glauben, die Tugend der Keuschheit sey unter ihnen nicht so groß gewesen, als sie beschrieben wird. Hcuter glaubt wenigstens, ihr wichtige Bcdcnklichkciten entgegen setzen zu können. „Sollten die Deutschen zu „ Tacitus Feiten, schreibt er, die von der christlichen Re, „ligion cben so weit, als von der Menschheit entfernt „waren, von aller frühzeitigen Vermischung frey geblie- „ den, und die Jünglinge und Mädchen so keusch gewesen „seyn, daß sie sich niemals vor der Hcyrath vermischten? „Nichts ist lächerlicher, als so was von einem freyen „ Volke zu gedenken, das weder vor der Hölle zitterte, „ noch die Götter des -pimraeis kannte. Nichts ungereim,- „ter, als zu behaupten, daß solche gesunde und starke „ Leiber, die durch keinen Wem gcschirächt und ausgezehrt, „ vielmehr durch die Jagd und andere schwere Arbeiten „unaufhörlich geübt wurden, von allen venerischen Scw „ chm frey, hingegen darb und saftvoll waren, sich nicht „ausser der Heyrath zusämmcngcthmi, und .Binder ohne „Ehe erzeugt hätten l Der dies glaubt, muß sie für „Steine und keine Menschen halten, u. s. w." Ich gebe z«, daß es in diesem Stück eben sowohl Fälle gab, die, von der beschriebenen Keuschheit abweichen, als selbst die Ehen nicht durchgängig von Verletzungen der angelodtei; Treue frey blieben. Aber diese Ausnahmen schaden dem f 5 Ganzea yc> ^^----^HKZ^----z> Ganzen nicht. Für den Ehebruch waren die Strafen scharf genug, und das übertretene Gesetz der Keuschheit konnte die feinigen auch haben, und hatte sie wirklich, wenn man mit einigen die Worte deß Tacitus, die' ich aber von der Ehebrecherin verstehe, hieher ziehen will, daß ncmlich eine gemein gemachte Keuschheit keine Vergebung habe, und niemals einen Mann finde. Nun sind noch zwey Laster übrig, die man den <&iU Un unserer Vorfahren aufbürdet. Wenn man das, was ich bisher zu ihrem Lobe gesagt habe, mit einiger Auft merksamkcit betrachtet, so ist es unmöglich, daß sie die Verbrechen an sich gehabt haben, deren man sie beschuldiget. Sie haben ausserdem, diese Verbrechen, eine so genaue Vcrwandschaft mit meinem Thema, daß ich es unvollendet lassen würde, wenn ich sie nicht dieserwegeit noch vertheidigen wollte. Das erste ist das Aussetzen der jungen Kinder auf dem Rhein, eine Gewohnheit, die, wenn sie wahr wäre, nicht viel von der Aussetzung der Kinder bey den Griechen unterschieden seyn würde. Man schleppt sich mit der Fcu bel, daß msscre Vorfahren die böse Gewohnheit gehabt, hie neugcbohrnen Kinder zur Probe ihrer Aechchcit auf den Rhein auszusetzen. Sie legten sie in ein von Rohr geflochtenes Kastgen, andere sagen , in ihren Schild, und setzten sie auf den Rhein, dahin, wo der Strom am starb sten war. Die von den Wellen verschlungen wurden, wurden als unachte, die aber verschont blieben, als achte Kinder angesehen und erkannt, und von dieser Gewöhne heit soll auch der Rhein seinen Namen haben. Er hieß also also der Explofator pudicitiae matrum. SSielc der alten Autoren scheinen auf diese Gewohnheit zu zielen, Nazian- gen schreibt: Expiorant Celtae partura per flumina Rheni. Hiermit stimmt auch Claudia» in den Ruf. 2. B. Vs. 112. überein. Und noch merkwürdiger ist die Stelle, die Ges-> «er daselbst aus dem Julian anführt^ Solche Beweise für die Thalsache, könnte man denken, lassen sich doch nicht laugnen. Zwar nicht laugnen, aber doch anders er- klaren. Zwo Anmernmzen werden die ganze Fabel wi- derlegen. Taeitus schreibt nicht ein Wort davon, und sein Slillschweigm ist mir Bürge, daß die Kinderprobe falsch sey. Erstlich stritte sie offenbar mit der Liebe, wel<- che die alten Deutschen gegen ihre Kinder hatten. Sie war so groß, daß sie eine zahlreiche Nachkonnnenschasi für ihre einzige und höchste Freude hielten. Und eben. diese so liebreich denkende Alten, sollten ihre Kinder dem ungewissen und fürehterlichcn Elemente des Wassers anver« trauet haben, ans Neugier, ob es die ihrigen waren? Zweytens, sollte die Wasserprobe wahr seyn; sollte sie,, welches hierbei) wohl in Acht zu nehmen ist, den Aus> schlag der mütterlichen Keuschheit nur allein haben geben können: wie mißlich wäre nicht der ganze Ruhm unserep Vorfahren in diesem Stücke'.' Schwerlich ließe sich die Tugend der Keuschheit, der sie so ergeben waren , mit die« ser Probe zusammen reimen. Alle jungen Kilwer, von jeder Mutter, männlichen oder weiblichen Geschlechts nach dem Rhein zu bringen, und 0011 diesem den Ausspruch über die Treue der Weiber thun zu lassen, wenn dies* Sitte sich mit dem System der übrigen vcrsragt, so Ut\w ich .' »;■■;• ■ • ■ji ■ M M '4 ich ihren ganzen Zustand nicht. Gladow in seiner Reichs- Historie sahe die Fabel wohl ein. Er will, diese Gewöhn- heit seye geschehen, um die Kräfte der Kinder zu probi- ren. Das richtigste aber, das sich davon denken laßt, ist, daß sie die Natur des Kindes von zarter Jugend an, ab- zuharten suchten. Die Deutschen liebten die kalten Ba- der. Sie hielten sie allein für geschickt, dem Körper eine Dauerhaftigkeit und Festigkeit in den Nerven zu vcrschaft fen, und der Verzärtelung vorzubeugen. Die Eltern gien- gen daher mit ihren Kindern öfters nach den Flüssen, sich zu baden, und sie priesen es als das beste Mittel zur Tapferkeit an. In dieser Absicht hat Birgil die Gcwohiu heit der alten Deutschen am besten verstanden, wenn cu in ihrem Namen sagt: -— — — Natos ad flumina primnm Deferimus^ secroque gelu duramus et undis. Von diesem Vorwnrf hatte ich also meine Vorfahren ge-> rettet. Run eile ich zum zweyten, und mit ihm zum En» de. Dieser ist wichtiger, und so , wie er im Tacitns lau« ruft Lipsius aus. Da ihm dieses unmöglich dünkt, so legt er sich mit aller Gewalt für sie ins Mittel. Um kurz 7 ^-==^3?S>==— 4 yz kurz aus der Sache zu kommen, schneidet er das im Ta« citus vorkommende Wort: corpore infames, das Instrument der Sünde, mit der Wurzel ans, und legt dafür ein Pflaster auf die Wunde, das aus torpore ge- macht und zubereitet ist. Dieses schickt sich besser für den deutschen Helden. Und nun mögen die lügenhaften Grie- chen sagen, was sie wollen, so trifft der Vorwurf von einer so widernatürlichen Liebe doch die Deutschen nicht. Denn der Philosoph Aristoteles hatte es sogar aufge- schrieben, daß die Knabenlicbe ein Vorzug der tapfersten Völker, und insbesondere ein Eigenthum der nordischen Nation wäre. Andere, die die Sache in ihrem Werth und Unwerth beruhen ließen, — und sie waren Ausländer, — bekümmerten sich nicht darum, ob Tacitiis oder Li- psiug recht habe. Sie sorgten nur dafür, daß dem Text des crstern keine Gewalt geschehe. Corpore in torpore umzuschineissen, schien ihnen ein unglückliches Unterneh» men. Im attcrstrcngsten Sinn genommen, kann torpor mit keiner Infamie in Gesellschaft stehen. — Hierzu ge- selleten sich noch andere. Sie wiederholten den alten Vorwurf, und unterstützten ihn mit neuen Gründen. In Italien, sagen sie, ist die Sünde gemein, und sie tra- gen nicht nur den Nam.n der Infamen davon, sondern man verdammt sie auch zum Feuer. Eben so ergieng es in dem alten Deutschland?. Wo die Laster überHand neh« men, da müssen die Strafen vermehret werden. Die sich darin des Lasters der Sodomitercy schuldig gemacht hat« tcn, wurden zum Wasser vccurtheilt. — A. Gronov, der die Thatsache für erwiesen halt, mildert nur den Vorwurf mit der Einschränkung, daß die Sünde nicht allgemein ge- wesen, und so ist es bey der Beschuldigung geblieben. <£« Es wäre doch in der That artig, wenn diese vcr» kehrte Liebe in den» Norden gezeugt, und in, Mittage mit voller Wuth »md fast allein getrieben würde. Ovid sagt uns hingegen ausdrücklich, daß Orpheus den Thra- cierit den ersten Unterricht darin gegeben habe. Ille etiam Thracum popuiis fuit auctor, amorem In teneros transferre mares.-- Und Hiernach dürfte es scheinen, daß nicht das nordische Klima, sondern der besondere Geschmack einiger verstimm- ten Philosophen daran Schuld wäre. Es ist aber falsch, wenn man meynt, die alten Deutschen hatten sich mit dieser Sünde befleckt gehabt, und Tacitus hatte sie mit dem Ausdruck empöre infames anzeigen wollen. Zum Beweise des ersten Satzes berufe ich mich vor allen auf die erstaunende Bevölkerung des alten Landes. Tacitus laßt sechzig tausend von einet einzigen Völkerschaft umkommen,. und wie viel waren deren nicht in dem Lande? Er nennt die ganze Nation popu!of.ffimam gemem. Eine zahlreiche Nachkommenschaft war das einzige Vergnügen der- alten Deutschen. Sie selbst setzten sich keine bestimmte Zahl der Kinder fest. Sie hinderten die Fortpflanzung auf keine Weise, und je mehr Kinder sie bekamen, desto angenehmer war es ihnen. Ohne Kinder zu seyn, war eine wahre Schande, und alles dieses darum, damit es niemals an Helden fehlen möchte, die daS Vaterland zu vertheidigen bereit waren. Deutschland hatte bey dem abscheulichen Ver- lüfte seiner Mannschaften in den römischen Kriegen, und Key seinen innern Zerrüttungen, noch so viel Volk übrig, daß 95 daß cs die zwey übrigen Welttheile verschlingen konnte. Und sollten solche Umstände sich wohl mit der Knaben« liebe vertragen? Weit gefehlt, daß sie ein Mitteldinz wäre, ist sie vielmehr, wenn sie sich ausbreitet, der Tod der Bevölkerung. Mir ist es noch immer unbegreirlich, wie Griechenland, in dessen Republiken die Knabcnliebe bis zur Statistik empor stieg, bey dieser mächtigen Hins derniß der Bevölkerung, sich so lange habe erhalten und beschützen, und noch mehr, wie die Thebai,cr und Kre» tenscr, mit einer kleinen Cohorte, die eben dieser Liebe wegen, die geheiligte unüberwindliche hieß, ihre Staaten zur Ucbermacht bringen können? Aeiian. v. hist. 1. z. c. 9. ex ed. A. Gronov. Dem sey ihm aber, wie ihm wolle, so finden wir doch bey unsern Vorfahren nicht das geriilgste Merkmal von einer solchen statistischen Lie- be. Das Lehrgebäude ihrer Auferziehung ruhete auf an- dern, und dauerhaftem Grundsaulen. Die Liebe zur Heyrath war die Beste des Landes. Mit diesen Gesin- nungen vertragt sich jene Unart gar nicht. Kaum daß sie den Namen der Liebe verdienet. Die Knabenliebe streitet auch mit dem Begriff ihree Keuschheit, den ich von ihnen entworfen habe. Sie be- zog sich bloß auf eine gesetzmäßige Verbindung mit bey, den Geschlechtern. Sie hatte aber ein neues Gesetz er- fordert, um ihre politische Zulaßigkeit zu beurtheilen, wenn sie da gewesen wäre. Aber davon stehet in der ganzen Geschichte kein Wort. Gewisse Erfahrungen sind ihr sogar entgegen. Das Urtheil jenes jungen Deut- schen, der von einem römischen Tribun ergriffen, und jur Duldung dieser Schande gezwungen wurde, hebt den Streit 96 &-==r^.^c=^=~$ Streit MW Er schrie laut auf: die Deutschen Wift sei» von diesem Laster nichts. Bev uns lebt man reiner und keuscher. Er fühlte die Schande so sehr, daß er, als ihn der Tribun nicht gehen lassen wollte, seine Waffei, ergriff, und ihn auf der Stelle durchbohrte. Die gegenseitigen Zeugnisse der Griechen, können diese Aussage für die allgemeine Tilgend nicht unistossen. Sie alle haben sich einander abgeschrieben, ohne sich darum zu bekümmern, ob das, was sie schrieben, auch wahr sey. Denn Tacitus dachte an diese Sünde gewiß nicht, als er die Worte corpore infames niederschrieb. Sie bedeuten bey ihm nichts mehr, als den höchsten Grad der Untüchtigkeit zur Erfüllung der Pflichten des Vaterlandes. Unsern Vorfahren war nichts lieber, als ein großer, starker, und gesunder Körper. Mit diesen Kräften aus- gerüstet, glaubten sie den Riihin einer altdeutschen Ta- pferkcit am ersten erfechten zu können. Hingegen war ihnen die Untüchtigkeit, Zaghaftigkeit, und die Schwache des Körpers ein wahrer Abscheu. Wer sich diese, das deutsche Blut entehrende Beschaffenheiten an seinem Kör» per muthwillig zugezogeit halte, oder nur wieß, daß er damit behaltet sey, der konnte als ein Staatsverbrecher öffentlich vsr den Landtagsversaminlungen angeklagt, und mit dem Tode bestraft werden. Denn alle Faulen, igna- vi, die sich aus Liebe zum Mäßiggange, zum Kriege M tüchtig gemacht hatten, ignavus m\ qui non potelt seire; alle Furchtsame» und Zaghaften, imbelles, die vor dem Tode zitterten, und ihr Leben für das Vaterland aufzuopfern, für Kraftlosigkeit nicht wagten, imbellis, qui bellurnnon , ant non fortiter geric; alle iLhrlosen, corpore infames, V i --«SM'tch I 97 infames, die mit bofcn Geschwüren behaftet, lind mit? Krankbeitm beladen waren, daß sie andern zuin Abscheu wurden; alle dkse dreyerley Art Leute waren dem Staate nichts nütze. Sie waren angefressene Glieder, und muß- ten hinweg geschafft werden. Man versenkte sie in pnbic und Moraste, und bedeckte sie mit Stroh, weil, wie Ta» ritus das Urtheil unserer Vorfahren anführt, die Laster zwar öffentlich könnten bestrast, aber die Schande selbst müsse verborgen gehalten werden. Wenn die Knabenliebe, »der Sodomiterey ein Eigenthum heroischer Völker ware> und die cörpori« infam» zeigte diese Sünde an, warum stünde sie denn in der Gesellschaft mit der igÜavia und imbecilliias'i Und wenn sie, die eorporis iiiftmia, ganz etwas anders, als eine böse Krankheit gewesen, warum wurde denn der versenkte Körper noch mit Hürden bedeckt? Ist denn an einem solchen Sünder, die Sünde selbst ab- gedruckt 1 Die Krankheit habe min bestanden, worin sie wolle/ so bin ich der Meinung, daß die damit behafteten, sie ii> ihrem Lande nicht bekommen haben. Sie hatten sie auS Italien nach Deutschland verschleppt. Hier war sie eine unerhörte, ungesehene Krankheit, eine Pest des Landes, und die Deutschen eilten, das Uebel auszurotten, damit es nicht weiter um sich greife. Meine Beweisstelle, die ick für Classisch halte, steht beym Taeitus Histor. 2< 5g* Kap. 95. womit ich meine Gedanken schließe. j ?8 m S M PMWM WM- 1 'a m W Von der Neligiott der alten deutschen und nordischen Völker. Ein Fragment. l^^ie alte Religionsgeschichte der Deutschen und Nord^ lander, wurde nach der Entdeckung der Edda deS Sturlesons, welche Peter Resen i) zuerst bekannt machte, «in Gegenstand vieler Untersuchungen. Man hielt nemlich dieses Werk für die wichtigste Urkunde, für die reinste Quelle zu wichtigen Entdeckungen in der Religion unserer Urvater. Endlich aber zeigte eS sich, daß es mehr My- thologie als wahre Göttergcschichte enthalte; «nd daß man bey seinem Gebrauch f«r die Religion der alten Nord- lander, eben die Vorsicht beobachten müsse, welche nöthig ist, wenn man die Theogonie des Hesiodus, und die My- then des Homers auf die Religion der alten Griechen an- wenden will. Diese Edden stimmen mit den ältesten und besten historischen Denkmalen doch darinnen überein, daß die nordischen Völker, und die alten Teutschen, und unter diesen die sachsischen Stamme insonderheit, in der Reli» gion O Edda, CurisP. Resenii, Islandsee, Danice et Latine» Havn» »66z. 4. fc-«=^<$i^>c===»-$ Zlon vieles mit einander gemein hatten. Sie hatten ei- nerlei Hauptgotthciten; ihr Gottesdienst war in Haupt« fachen nach Einem Modell geformt; sie benennten einige Wochentage nach den Namen verschiedener ihrer Gott- heiten. Der vierte, fünfte, und sechste Wochentag war den Göttern Wodan, Thor, und Freigga gewidmet, und nach ihren Namen nannten sie die Deutschen und Nord- lander 2). Der Ursprung dieser Benennung wird bey den Sachsen und Anglern in Britannien gesucht, von denen dieselbe zu ihren Landsleuten in Teutsch- land, nnd von diesen zu den nördlichern Völkern gckom- wen seyn soll. Die übrigen Deutschen hatten die sächst- sche und nordische Benennung der Tage nicht angenom- wen. Sie nannten z. V. den Mitwoch und Donnerstag nicht nach den Namen der Götter Wodan und Thor, son- dern den ersten nach seinem Verhältnis zu den übrige^ den letztern aber Pfinstag 3;. In einigen Gegenden Westphalens soll der Mitwoch Noch itzt Gonadag, nach Wodans Name, gcncnnl wer- den. Die Namen Donnerstag, von Thor, Thür, odee Thunner 4), und Freytag von der Göttin Freigga, wel- che einige für die Hertha des Tacitus halten, haben sich bis auf unsere Zeiten erhalten 5). Genug hievon. S2 Ich %) Matth. Weftmonast. Flor. Histor. p. ii\ 3) Cluveri Antiquitt. German. I.ib. I. c.iäj 4) Iimii Etymol. Angl. Uiltet dem Wort Tltirsdag. Eckard V »-3 <8i&6>e=3»^ Ich rede mm einiges von den vornehmsten Gotthci- ten, welche die deutschen und nordischen Völker gemein- schaftlich verehrten. Die Götter der Deutschen und Nordländer waren Zum Theil wahrscheinlich ehemalige Helden dieser Natio- Den. Es hatten diese Nationen mit denen Sinter den alten Völkern, welche einen andern Zustand nach diesem Leben snnahmen, dieses gemein, daß sie glaubten, dieienigen, welche im Leben Wolthatcr ihres Volks gewesen waren, tvürden dasselbe auch nach dein Tod beschützen, und sein Glück zu befördern suchen 6). So vergötterte Athen sei» ncn Theseus, Rom seinen Romulus; so betrachtete iede Stadt ihren Stifter, oder Erweiteret, als eine National« gotthcit. Einige andere Gottheiten unsrer Urvater, und deren Mythen, mögen auch ihre Entstehung andern llrsa* chen zu danken haben. So wie »Änlich ein großer Theil der ältesten griechischen Mythologie aus der Natur und deren Würkungen erklart werden muß, so finden sich viel« leicht in der nordischen Fabellehre und Göttergcschichte nicht wenige Mythen, welche auf eine ähnliche Weise gedeutet werden müssen. Der erste Gott der Nordlander war Thor. Dieser war bey ihnen größer als rvodan, den sie gleichfalls ver» «hrtcn. Wenigstens geben ihm alle normannische und eng» lische Schriftsteller, welche der Religion der alten Nord» landcr gedenken, den ersten Rang. Mit ihnen stimmen die alten Denkmale überein. Adam von Bremen fand in dem alten 6) Adam Bremenfis de situ Daniae pag. 15z, ed. Maderi: Colünc Deos ex hominibus facto*, <==»~$ '101 alten Upfalischen Tempel eine Gruppe, welche den Thor, den Wodan, und dcn Frikko vorstellte?). Der erste stund «rhabcner in der Mitte, und die beeden andern Gottheiten waren ihm zur Seite. Thor war also der vornehmere Gott, und Wodan und Frikko waren seine Begleiter. Nach der gemeinen Sage, war Thor der Donnergott. Und so wie Zcvs bey den Griechen, und Jupiter bey den Römern , wegen der Herrschaft über den Donner und Blitz, als das Haupt der Götterschaft verehrt wurde, so setzten auch diese Völker den Thor um eben dieser Ursache willen, den übrigen Göttern vor. Die vorzüglichste Stelle unter den Göttern der Nordlander erhielt er vielleicht auch des- wegen, weil er ihr ältester Gott, und alter als Wodan war, unter dessen Ahnen er auf der Stammtafel der nor- dischcn Helden Langfetgadal genennt wird. Noch in den neuern Zeiten verehrten die Lapplander 8) diesen Gott, des» sey Heiligkeit sie vermuthlich von den Schweden kennen lernten, lwch lange in der Stille. Auch von den Deutsch«», insbesondere von den Sachsen, wurde er sehr hoch gchal- tcn. Sein Bildniß wurde gewöhnlich mit einem Streit» Hammer, der die Form eines Kreuzes hatte, vorgestellt. g z So ?) ikbendsrstlbe am angezeigten Ort: Nobiliffimum illa gens templiim habet, qnod Ubsola dicitur. — In hoc templo quod totum ex auro paratum est, itatuas trium deorum ve- neramr populus, ita ut potentisilmtis eorum Thor in medio solum habea: triclinium. Hinc inde locum pcfiident Wodan , et Fricco. i) I. Schefferi I.apponia p. 6t. 91. HoegsrraemsI.applandp.19j. leken. de Fennor. Lappon. et Norveg, relig. pagana.. VIII. p.9 teil H-«--»-sV«--!-'w.H So groß das Ansehen des Tbors bey den Nordlan- dern war, so groß war die Ehrfurcht der Deutschen gegen den U?odan, welchen sie als den Stifter ihrer Nation ver- ehrten 9 Von seinen Verdiensten, durch die er sich gött- liche Ehre erworben hatte, sagt Snorro: „er kam aus den entferntesten Gegenden Asiens nach Norden , stiftete Reiche, wurde Gesetzgeber und Verbesserer der Religion. Er war Held in der Schlacht, sanft und gelinde im Friede, lehrte die Menschen Künste, Poesie, und die magischen Wissen« schaftcn. Dafür wurde er in seinem Leben sehr geehrt, und nach seinem Tod unter die Götter gesetzt/' So weit Snor^ ro lo.) Sein Ansehen war so groß, daß es nicht selten den Lehrern des Christenthums unübersteigliche Hindernisse in den Weg legte. So schreiben, dieienisen, welche in Schwa« den und andern Deutschen Landern, die christliche Reiigion kehren wollten. Noch im achtenIa!>rbundert, da schon ei!» gros» ser Theil des südlichen Deutschlands seine alte Religion ver« lassen hatte, konnte man dt nWodansdienst nicht abschaffen 11). Es ist freylich wahr, die meisten Lehrer des Christenthums, welche nach Deutschland kamen, waren zu nichts weniger ge- schickt, als zu dem Amt, das ihnen aufgetragen war, We- nige hatten die dazu nothigen Kenntnisse der Enten der Deullchen, und noch wenigere bemühten sich, durch Glimpf und sanftes Betragen, die Gemüther derer zu gewinnen, wcl- . che sie zur Annchmung einer neuen Religion vermögen reott* tm. Ohne alle Vorbereitung befahlen sie ihnen nur, ihrer vatcr- 9) Mniray, Antiqq. Scpteint. et Britann. atqne Hiberniae inter so cornnarat. in Nov. Comrnentar. Soc. Götting. T. II, P. II, P- 105. 10) Ynglinga Saga c.z —10. 11) Paulus Diaconus de gestis Longobard, c. IX, H-»—^«hNs»^ 0 *°S vaterländischen Religion zu entsagen, und wer nicht gehorch- te, mußte sür seine Freyheit, ia für sein Leben fürchten. Nun schrieen diese würdigen Bekehrer doch über den Wider- stand, den ihre Lehre gefunden habe, über die Hindernisse, welche ihnen der Teufel im Weg lege, und über den hart- nackigen Unglauben deutscher Völker. — So einseitig diese Beschreibungen aber sind, so dienen sie doch, das große 2ln* sehen zu beweisen, daS Wodan bey den Deutschen hatte. Selbst die zur christlichen Lehre übergetreten waren, verehr- ten ihn noch in der Stille, und man setzte in den Bekeh- rungseid ausdrücklich: ich schwöre, dem Wodan nicht mehc zu dienen iZ). Ich weiß nicht, ob mit der großen Ehrfurcht, welche die Deutschen diesem Gott bezeugten, die Meinung derer vereinigt werden kann, welche ihn sür des Hengists und Horst's Ururgroßvaler halten, der im dritten Jahrhundert g 4 gelebt ,z) Die AbschwörungSformel, welche der Paderbornische Bi« schaff Ferd. v. Fürstenberg, ju Rom in einer Handschrift fand, heißt nach Ioh. Geo. Eckards Emendation also: Forfachistu Diabolae ? Schwörst du dem Teufel ab? Ec forsacho Diabolae. Ich schwöre dem Teufel ab» End alhim diabol gelde - Und allerGescllschaft deSTeufelS? End eifbHachoailorndia. Ich schwöre aller Gesellschaft de5 bol gelde. Teufels ab. rnd allum diabol-^ercum? Und allen Werken des Teufels? Endcckoriacboallomdia. Ich entsage alle» Werken und boiesWercun.endWordum, Worten des Teufels, dem thirna erende, Woden (viel, Wodan und der Sachseir leicht Thunaer end^oden Ocin, und allen bösen Gei- demTHor undWodan) end stern, welche ihre Gesellschafs Laxen Ote, ende allem thern Ut sind- imholdiim, [de hira genotas fint. IP4 H-«--z^-----»4 gelebt haben muß 14). Ihr Hauptgrund ist: Tacttus $t* denkt dieses Gottes nicht, also kaim er auch kein so hohes Alterthum haden, als die Schrift dieses Römers. Allein dieser Einwurf beweist nur, daß dieser Geschichtschreiber in der Religion der Deutschen entweder nicht g>nau'unrerrichtet war, oder wenigstens die Namen der deutschen Gottheiten nicht alle kannte. Man könnte aber doch fragen, ob nicht Tacitus diesen Gott unter einem andern Namen anführe? Die Sachsen vergleichen ihren Wodan insgemein mit dem Mercunus der Römer, und die Longobarden Hielten diese zween Götter für Sine Gottheit 15). Nun sagt Tacitus: die Deutschen verehren den Mercurius 16). Ist es nicht wahrscheinlich, daß er darunter den Wodan versteht? Ich Halle Daher den Gott Wodan für weit alter, und testen Uy tatet des Hengists und Horst's, für einen Helden, der sich entweder diesen Namen selbst beygelegt hat. oder von seiner Nation, wegen seiner Verdienste um dieselbe, damit beehrt worden ist 17). Denn es ist bekannt, daß die deutschen Hel« den eben so wohl, als die vornehmen Römer, ihr Geschlecht von den Göttern abzuleiten und sich die Namen derselben beyzulegen pflegten. Vielleicht wurde der Name Wodan, dem Allvater der sächsische«, Heerführer, wie Mnrray meint, von einem Dichta* gegeben. Von den Sachsen {cm dieser Gott zu den nordischer, Völkern, die ihn unter dem Namen Odin verehrten 18), Daß 14) Gebhards Gesch. von Dänemark und Nortpegen Porred. P- 33. Gesch. p. 3'8. J5) Paulus Diaconus c. IX, j6) Tacitus da rnoribus GcimaRonii^ c. IX, ' 17) Eginhard in vira Caroli Magni C 19," ?s) Die Nordländer [«Jen iu^scmciii bey den deutschen Worten, die sich mit W anfangen, diesen Buchstaben weg, und sagen S)~«!===i<&$&<=^*-~% 105 Daß dieser Odin, der deutsche Wodan gewesen sey, beweisen die isländischen Stammtafeln, wo seine Genealogie eben die« selbe ist, welche die Deutschen von ihrem Wodan hatten. Auch Ethclberd 19), ein Enkel eines alten sächsischen Königs sagt : Wodan war der Stammvater des Anführers der Sachsen, und noch- itzt verehren ibn die Dänen, Norweger und Schwe-- den. Sein Ansehen war bey diesen Völkern aber nicht s> groß, als bey den Deutschen. Denn ihr alterer Gott war Thor, und Wodan wurde nachher erst von ihnen unter die Fahl der Götter aufgenommen. Doch ehrten ihn die Sol^ datcn als den Kricgsgott mehr, als den Thor selbst 20). Rudbeck und Eckart machen , nach einigen schwedischen Redensarten, den Wodan zum Unglücksgott, und legen ihm die Herrschaft über da6 Schattenreich bey. A»ch leiten sie von ibm den Ursprung des wüthenden Heers ab, und des Geräusches, das bey Nacht die Menschen erschreckt. Wodans angeuehniste Opfer waren Pferde und Men- schen, Pferde, weil er den Deutschen den Gebrauch derstfr den gelehrt batte. An den Menschenopfern wollten einige zweifeln. Aber da es unter den Alten Tacitus und Lucnnus, und unter den Neuern Sturlcson und Schcd ausdrücklich behaupten, so wage ichs nicht, diesen Mannern zu wider- sprechen- Zumal da bey iedem rohen Volk die Menschen- g 5 opfer sogen für Wort, 0ia. ungeheuern Schlange Jormundgandur. Nun ist es be> sannt, daß in den frühesten Zeiten Scythen aus Asien in einig« ly) I. Caesar belle LMco VJ, iz, iio $-*===»e9föe>c===>-4 einige an Griechenland gränzende Lander gezogen sind, und daselbst asiatische Mythen ausgebreitet haben / von welchen mehrere in die griechische Mythologie mögen aufgenommen worden seyn 30). Durch einen ahnlichen Weg können asiatische Mythen auch zu den nordischen Vöikeni, die wahrscheinlich von den Scythen abstammen, gekommen seyn. Diese Mutbmassung wird sowohl durch die Tradition bestärkt, daß Woben die Asen aus dem Orient nach Nor» den geführt habe, als durch die Acbnlichkcit, welche einige Gelehrte zwischen der Sprache und Gebrauche der alten Celten, mit der Sprache und den Gebrauchen der Perser haben finden wollen. So leitet Richardsvn 31) den Ursprung der Ordalia, oder Gottesgerichte, von den ietz» tern ab, und beweist durch Beyspiele, daß diese schon in den ältesten Zeiten bey ihnen bekannt waren. Die Druiden hatten in ihren Lehrsätzen und in ihret Lebensart viel ausserordemlichcs und . auffallendes. Sie lebten in Holen und dichten Wäldern. Ihre Lehren hiel- tcn sie geheim, und ihre Schüler mußten nach der Py» thagoräer Art, viele Ia!>re um sie seyn, ehe sie zu dem geheimen Gottesdienst eingeweihet wurden. Unter ihre Lehren rechnet man auch die, von Einem Gott. Daß sie diese in ihren geheimen Unterricht vorgetragen haben, kann seyn, Volksl-Hrc war sie gewiß nicht. Sie glaubten fer- ner, ihre Götter würden einmal mit der Erde vertilgt werden. Die Vola nennt diese Periode die Göttcrdamme« rung, und beschreibt sie also: Ge- 30) @. Miscellanea Berolinensia, Tom. I. p. z. &c. 30 Richards»,, über Sprache, Literatur und Gebrauche I1W genländischer Völker, teutsch von Federau. r>,^6. Hl Geführt vom Loke bringt von Osten Das Schiff die MuspelSheinier her. Mit Feuer kommt von Süden Surtnr, Sein Schwerd zum tödten fertig stralt, Die Felsen stürzen, Riesen irren, Der Tapfre fallt, der Himmel birst. Dann fühlt den zweyten Schmerzen Hlinch Wann Odin mit dem Wolf es wagt, Und Belas glänzender Erleger Mir Surtur, dann fallt Friggas Mann. Tuislo, Sater, Siwa, Radegast, Fro, Weda, Fasta, Vagnofft, Ermensaul/ Flins, Swflntewit und Prone sind dahin. Kein Wagen Herthas irrt im Erbe TeutS. Der Freyn fallt kein Schwein, dem Thor kein Stier, Kein Menschcnblut, kein Blut der Thiere trankt Den Eichenhain, den Felsenaltar mehr. Auch legte man den Druiden die Lehre von der See- lenwanderung bey; ob man dieses aber aus den alten Nachrichten erweisen könne, kann ich nicht behaupten. Vermuthlich war es auch Druidcnlehr«, daß es zween. Orte gebe, der eine der Aufenthalt der Feigen, und Bö» sen, Nistheim, der andere Valhalla, oder der Ort der Tapfern. Diese sollten aber nur bis zur Götterdamme, rung dauern, und nach dieser, statt Ristheim, Nastrond, statt Valhalla, Gimle, der ewige Aufenthalt der Verstor- denen seyn. — Nicht nur Priester, sondern auch Gesetz- geber und Gelehrte waren sie, und darinn hatten sie viel ahnliches mit den ägyptischen und jüdischen Priestern. Insbesondere forschten sie den Lauf der Gestirne und des Monds, und bezeichneten den letztern auf einem viereckig ttn Stab, der ail mon aghr, d. i. Beobachtung eines ie« den il2 ' «— «=x&^c=-« den Monds hieß 32). Auch im Krieg waren sie nicht tinnütz. Sie bestimmten* die günstige Zeit zum Angriff) «nd weissagten ans den Opfern den glücklichen oder uiv glücklichen Ausgang des Treffens. Tacilus erzahlt 33) von den britannischen Druiden, daß sie, als Paulus Sue- tonius auf der Insel Monas landen wollte, das Heer der Britten umzingelt und die fürchterlichsten Verwünschung gen gegen die Römer ausgesprochen haben; wodurch diese anfänglich erschrackcn, sich aber wieder sammelten, die Feinde aufs neue angriefen und schlugen. Daß der fränkische Karl diese Druiden in Deutsch- land ausrottete, mag theils von seinem, oft mehr schad« lichcn als nützlichen Eifer, die christliche Religion auszu- breiten, theils von dem Betragen der Druiden selbst hett rühren. Schon die Römer gaben Gesetze, die ihre Aus- rottung zur Absicht hatten, und Macpherson erzahlt, daß die Caledonischcn Druiden, von ihren eigenen Landesleu- den, ihrer aufrührischen Gesinnungen wegen, vertrieben worden sind. mz&^g^m* I») Richards»» erzählt ein gleiches vsn de» Persern. p.237. i.o 33,) Annal. XIV. 30;