Im mannel Kants 0 g i k e i n Handbuch zu Vorlesungen- Königsberg, bey Friedrich Nicolovitts, / Sr. Excellenz dem Herrn Herrn Eberhard Julius E. von Massow, Konigl. Preuss. Geheimen Staats - und Züstizmim'sier, Chef des geistlichen Departements in evangelisch-lutherijchen Kirchen-und Schul-/ auch allen StisiZ- und Klöster-, inglei- A)en katholischen Geistlichteits - Sachen, Erstem Präsident des evangelisch - lutherischen Ol'>cr - Consistorii, Ober - Curator der Universitäten :c. zc. ehrfurchtsvoll gcwidmck vsur Herausgeber Gottlob Benjamin Iasche, Doetor und Privatdocont auf der Universttär i» Köniaeberj» Mitgliede der gelehrten Gesellschaft zu Frankfurt an der Oder. V o r r e d. e. V^-s find bereits anderthalb Jahre, seit mir Kant den Austrag ertheilte, seine Logik, so wie Er sie in öffentlichen Vorlesungen seinen Zuhörern vorgetragen, für den Druck zu bearbeiten, und dieselbe in der Gestalt eines comvendiösen Handbuches dem Publikum zu übergeben. Ich erhielt zu diesem Zweck von Zhm die felbsteigene Handschrift, deren Er sich bey seinen Vorlesungen bedient hatte, mit Aeußerung des besondern, ehrenvollen Zutrauens zu mir, daß ich, bekannt mit den Grundsätzen seines a z Systems VI Vorr cd e, Systems überhaupt, auch hier in seinen Ideengcmg leicht eingehen, seine Gedanken nicht entstellen oder verfälschen, sondern mit der erforderlichen Klarheit lind Bestimmtheit und zugleich in der gehörigen Ordnung sie darstellen werde. —- Da nun auf diese Art, indem ich den ehrenvollen Austrag übernommen und denselben so gut, als ich vermogte, dem Wunsche und der Erwartung des preiß würdigen Weisen, meines vielverehrten Lehrers und Freundes gemäß, auszuführen gesucht habe, Alles, waö den Vor trag —^ die Einkleidung «nd Ausführung, die Darstellung und Anordnung der Gedanken betrifft, auf meine Rechnung zum Theil zu setzen ist: so liegt es natürlicher Weise auch mir ob, hierüber den Lesern dieses neuen Kantischcn Werkes einige Rechenschaft abzulegen. — Ueber diesen Punkt also hier eine und die andre nähere Erklärung. Seit dem Jahre 1765 hatte Herr Prof. Kant seinen Vorlesungen über die Logik ununterbrochen das Vorrede. v» das Meiersche Lehrbuch (George Friedrich Meiers Auszug aus der Vernunftlehre, Halle bey Gebauer 1752) als Leitfaden zum Grunde gelegt; aus Gründen, worüber Er sich in einem zu Ankündigung seiner Vorlesungen im Jahr 1765 von Ihm herausgegebenen Programm erklärte. — Das Exemplar des gedachten Compendiums, dessen Er sich bey seinen Vorlesungen bediente, ist, wie alle die übrizen Lehrbücher , die Er zu gleichem Zwecke brauchte, mit Papier durchschossen; Seine allgemeinen Anmerkungen und Erläuterungen so wohl als die speciellem, die sich zunächst auf den Text des Compendiums in den einzelnen §§. beziehen, finden sich theils auf dem durchschossenen Papiere, theils auf dem leeren Rande des Lehrbuches selbst. Und dieses hier und da in zerstreuten Anmerkungen und Erläuterungen schriftlich Aufgezeichnete, macht nun zusammen das Materialien-Magazin aus, das Kant hier für seine Vorlesungen anlegte, und das Er Von Zeit zu Zeit theils durch nene Ideen erweiterte, a 4 theils VII» Vorrede. theils in Ansehung verschiedener einzelner Materien immer wieder von Neuem revidirte und verbesserte. Es enthält also wenigstens das Wesentliche von alle dem, was der berühmte Commentator des Meier- schen Lehrbuches in Seinen nach einer freyen Manier gehaltenen Vorlesungen seinen Zuhörern über die Lo- Zik mitzutheilen pflegte, und das Er des Aufzeich- nenS werth geachtet hatte. — Was nun die Darstellung und Anordnung der Sachen in diesem Werke betrifft; so habe ich geglaubt, die Ideen und Grundsatze des großen Mannes am treffendsten auszuführen, wenn ich , , , >. . . ' V> < '^>i ^ mich in Absicht auf die Oekonomie und die Einthei- lung des Ganzen überhaupt, an Seine ausdrückliche Erklärung hielte, nach welcher, in die eigentliche Abhandlung der Logik und namentlich in die Elementar lehre derselben nichts weiter aufgenommen werden darf, als die Theorie von den drey wesentlichen Hauptfunctioncn des Denkens — den Be- Vorrede. ix griffen, den Urtheilen und Schlüssen. Alles dasjenige also, was bloß von der Erkenntniß überhaupt und deren logischen Vollkommenheiten handelt und was in dem Meierschen Lehrbuche der Lehre von den Begriffen vorhergeht und beynahe die Hälfte des Ganzen einnimmt, muß hiernach noch zur Einleitung gerechnet werden. — „Vorher war," bemerkt Kant gleich am Eingänge zum achten Abschnitte, worinn Sein Autor die Lehre von den Begriffen vorträgt — „Vorher war von der Erkenntniß überhaupt gehandelt, als Propadev- „tik der Logik; jetzt folgt Logik selbst." Diesem ausdrücklichen Fingerzeige zu Folge habe ich daher alles, was bis zu dem erwähnten Abschnitte vorkommt, in die Einleitung herüber genommen, welche aus diesem Grunde einen viel größern Umfang erhalten hat, als sie sonst in andern Handbüchern der Logik einzunehmen pflegt. Die Folge hiervon war denn auch, daß dieMethoden- a 5 lehre, X Vorrede, lehre, als der andre Haupttheil der Abhandlung, um so viel kürzer ausfallen mußte/ je mehr Materien , die übrigens jetzt mit Recht von unsern neuern jogikern in das Gebiet der Methodenlehre gezogen werden, bereits in der Einleitung waren abgehandelt worden, wie z. B. die Lehre von den Beweisen u. dgl. m. —^ Es wäre eine eben so unnöthige als unschickliche Wiederholung gewesen, dieser Materien hier noch einmal an ihrer rechten Stelle Erwähnung zu thun, um nur das Unvollständige vollständig zu machen und Alles an seineu gehörigen Ort zu stelle». Das letztere habe ich indessen doch gethan in Absicht auf dielehre von den Definitionen und der logischen Eintheilung der Begriffe, welche im Meierschcn Compendium schon zum achten Abschnitte, neinlich zur Elementarlehre pon den Begriffen gehört; eine Ordnung,, die quch Kant in seinein Vortrage unverändert gelassen hat» Vorrede. xt Es versteht sich übrigens wohl von selbst, daß der große Reformator der Philosophie und — was die Oekonomie und äußere Form der Logik betrifft — auch dieses Theils der theoretischen Philosophie insbesondre, nach Seinem architektonischen Entwürfe, dessen wesentliche Grundlinien in der Critlk der reinen Vernunft verzeichnet sind, die Logik würde bearbeitet haben, wenn es Ihm gefallen^ nnd, wenn Sein (Geschäft einer wissenschaftlichen Begründung d^eö gcsammten Systems der eigentlichen Philosophie — der Philosophie des reellen Wahren und Gewissen — dieses unweit wichtigere und schwerere Geschäft, das nur Er zuerst und auch Er allein nur mSeiner Originalität ausführen konnte, ihm verstattet Hatte, an die selbsieigene Bearbeitung einer Logik zu denken. Allein diese Arbeit konnte er recht wohl Andern überlassen, die mit Einsicht und unbefangener Beurtheilung Seine architektonischen Ideen zu einer wahrhaft zweckmäßigen uud wohlgeordneten Bearbeitung und Behandlung Dieser Wissenschaft benutzen. XII Vorrede. nutzen konnten^ Es war dies von mehreren gründlichen und unbefangenen Denkern unter unsern deutschen Philosophen zu erwarten.. Und diese Erwartung hat Kanten und die Freunde Seiner Philosophie auch nicht getäuscht. Mehrere neuere Lehrbücher der Logik sind mehr oder weniger in Betreff der Ockonomie und Disposition des Ganzen, als eine Frucht jener Ka ntisch e^n Ideen zur Logik anzusehen. Und daß diese Wissenschaft dadurch wirklich gewonnen; — daß sie zwar weder reicher noch eigentlich ihrem Gehalte nach solider oder in sich selbst gegründeter, wohl aber gereinigter theils von allen ihr fremdartigen Bestandtheilen, theils von so manchen unnützen Subtilitäten und bloßen diqlectischen Spielwerken — daß sie systematischer und doch bey aller scieniifischen Strenge der Methode zugleich einfacher geworden, davon muß wohl Jeden, der übrigens nur richtige und klare Begriffe von dem eigenthümlichen Charakter und den gcsehmaßigen Grenzen der Logik hat, auch die flüchtigste Ver- glei- Vorrede. xlil gleichung der ältern mit den neuern, nach Kanti- schen Grundsätzen bearbeiteten Lehrbüchern der Logik überzeugen. Denn so sehr sich auch so manche unter den ältern Handbüchern dieser Wissenschaft an wissenschaftlicher Strenge in der Methode, an Klarheit, Bestimmtheit und Präcision in den Erklärungen und an Bündigkeit und Evidenz in den Beweisen auszeichnen mögen: so ist doch fast keines darunter, in welchem nicht die Grenzen der verschiedenen, zur allgemeinen Logik im weitern Umfange gehörigen Gebiete des bloß Propadevtischen, des Dogmatischen und Technischen, des Reinen und Empirischen, so in einander und durch einander liefen, daß sich das eine von dem andern nicht bestimmt unterscheiden läßt. Zwar bemerkt Herr Jakob in der Vorrede zur ersten Auflage seiner Logik: „Wolf habe die „Idee einer allgemeinen Logik vortrefflich gefaßt und „wenn dieser große Mann darauf gefallen wäre, die „reine XN" Vorrede. „reine logik ganz abgesondert vorzutragen, so Hütte „er uns gewiß, vermöge seines systematischen Kopfes, „ein Meisterstück geliefert, welches alle künftige Ar- „betten dieser Art unnüß gemacht hätte." Aber Er hat diese Idee nun einmal nicht ausgeführt und auch Keiner unter Semen Nachfolgern hat sie'ausgeführt; so groß und wohlgcgründet auch übrigens überhaupt das Verdienst ist, das die Wolfische Schule um das eigentlich Logische die formale Vollkommenheit in unserm philosophischen Erkenntnisse sich erworben. Aber abgesehen nun von dem, wüs in Ansehung der äußern Form zu Vervollkommnung der Logik durch die nothwendige Trennung reiner und bloß formaler von empirischen und realen oder metaphysischen Saßen noch geschehen konnte und geschehen mußte, so ist, wenn es die Beurtheilung und Bestimmung des innern Gehaltes dieser Wissenschaft, als Wissenschaft gilt, Kants Urtheil über diesen Vorrede. xv diesen Punkt nicht zweifelhaft. Er hat sich Mehrcremale bestimmt und ausdrücklich darüber erklärt: daß die iogik als eine abgesonderte, für sich bestehende und in sich selbst gegründete Wissenschaft anzusehen sey, und daß sie mithin auch seit ihrer Entstehung und ersten Ausbildung vom Aristoteles an bis Äuf unsre Zeiten eigentlich nichts an wissenschaftlicher Begründung habe gewinnen können. Dieser Behauptung gemäß hat also Kant weder an eine Begründung der logischen Principien der Identität und des Widerspruchs selbst durch ein höheres Pnncip, noch an eine Deduction der logischen Formen dee, Urtheile gedacht. Er hat das Princip des Widerspruchs als einen Sah anerkannt und behandelt, der seine Evidenz in sich selber habe und keiner Ableitung aus einem höhern Grundsatze bedürfe. — Nur den Gebrauch — die Gültigkeit dieses Princips hat er eingeschränkt/ indem Er es aus dem Gebiete der Metaphysik, worinn es der Dogmatismus geltend zu machen suchte, verwies, und auf den bloß logi« . schen xvl Vorrede. schen Vernunstgebrauch, als allein gültig nur für diesen Gebrauch, beschrankte. Ob nun aber wirklich der logische Saß der Identität und deö Widerspruchs an sich und schlechthin keiner weitcrn Deduction sähig und bedürftig sey, das ist freylich eine andre Frage, die auf die vielbcdeutcnde Frage führt: ob es überhaupt ein absolut erstes Princip aller Erkenntniß und Wissenschaft gebe; — ob ein solches möglich sey und gefunden werden könne? Die Wissenschafts lehre glaubt, ein solches Princip in dem reinen, absoluten Ich entdeckt und damit das gesammte philosophische Wissen nicht der bloßen Form, sondern auch dem Gehalte nach, vollkommen begründet zu haben. Und unter Voraussetzung der Möglichkeit und apodiktischen Gültigkeit dieses absolut einigen und unbedingten Princips handelt sie daher auch vollkommen evnse- Vorrede. xvil consequent, wenn sie' die logischen Grundsatze der Identität und. des Widerspruches, die Sätze: ^ ^ und — ^ ---- — ^ nicht als unbedingt gelten laßt, sondern nur für subalterne Sätze erklärt, die durch sie und ihren obersten Saß: Ich bin — erst erwiesen und bestimmt werden können und müssen. (Siehe Grundl. d. W. L. S. i z. ?c.) Auf eine gleich consequente Art erklärt sich auch Schelling in seinem System des transscendentalen Idealismus gegen die Voraussehung der logischen Grundsätze als unbedingter, d. h. von keinen höhern abzuleitender, indem die jogik überhaupt nur durch Abstraction von bestimmten Säßen und — so fern sie auf wissenschaftliche Art entsteht — nur durch Abstraction von den obersten Grundsätzen des Wissens entstehen könne, und folglich diese höchsten Grundsätze des Wissens und mit ihnen die Wissenschaftölehre selbst schon voraussetze. —- D« aber von der andern Seite diese höchsten Grundsätze des Wissens, als Grundsätze betrachtet, eben s» 5 noch- XVIII Vorrede. nothwendig die logische Form schon voraussetzen: so entsteht eben hieraus jener Cirkel, der sich zwar für die Wissenschaft nicht auflösen, aber doch erklaren laßt -— erklaren durch Anerkennung eines zugleich der Form und dem Gehalte nach (formellen und materiellen) ersten Princips der Philosophie, in welchem beydes, Form und Gehalt, sich wechselseitig bedingt und begründet. In diesem Princip läge sodann der Punkt, in welchem das Subjective und das Objective — das Identische und das Synthetische Wissen, Eines und dasselbe wären. Unter VorausseZtmg einer solchen Dignität, wie sie einem solchen Princip ohne Zweifel zukommen muß, würde demnach die Logik, so wie jede andre Wissenschaft, der Wissenschaftslehre und deren Principien subordinirt seyn müssen. — Welche Bewandniß es nun aber auch immer hiermit haben möge; — so viel ist ausgemacht: in jedem Vorrede. , xix jedem Falle bleibt die Logik im Innern ihres Bezirkes, was das Wesentliche betrifft, unverändert; und die transscendentale Frage: ob die logischen Sätze noch einer Ableitung aus einem hohem absoluten Princip fähig und bedürftig sind, kann auf sie selbst und die Gültigkeit und Evidenz ihrer Gesetze so wenig Einfluß haben, als auf die reine Mathematik in Ansehung ihres wissenschaftlichen Gehalts, die transscendentale Aufgabe hat: Wie sind synthe« tische Urtheile s xrlori in der Mathematik möglich ? — So wie der Mathematiker als Mathematiker, so kann auch der Logiker als Logiker innerhalb des Bezirks seiner Wissenschaft'beym Erklären und Beweisen seinen Gang ruhig und sicher fortgehen, ohne sich um die, außer seiner Sphäre liegende transscendentale Frage des Transscendental-Philosophen und Wissenschaftslehrers bekümmern zu dürfen: Wie reine Mathematik oder reine Lo- S55 ?^>V/ . it.-Av-..^. ,, gik als Wissenschaft möglich sey? Bei) XX Vorrede. Bey dieser allgemeinen Anerkennung der Richtigkeit der allgemeinen Logik iß daher auch der Streit zwischen dey Skeptikern und den Dogmatikern über die letzten Gründe des philosophischen Wissens, nie auf dem Gebiete der Logik, deren Regeln jeder vernünftige Skeptiker so gut als der Dogmatiker für gültig anerkannte, sondern jederzeit auf dem Gebiete der Metaphysik geführt worden. Und wie konnte es anders seyn? Die höchste Aufgabe der eigentlichen Philosophie betrifft ja keineöwcgcs das subjective, sondern das objective — nicht das identische, sondern das synthetische Wissen. — Hicrbey bleibt also die Logik als solche gänjlich aus dem Spiele; und es hat weder dcr Critik, noch der Wisscnschafts- lehre einfallen können — noch wird es überall einer Philosophie, die den transscendentalen Standpunkt von dem blos logischen bestimmt zu unterscheiden weiß, einfallen können — die letzten Gründe des realen, philosophischen Wissens innerhalb des Gebiets der bloßen Logik zu,suchen und aus einem Satze der Vorrede. . xxr der Logik, bloß als solchem betrachtet, ein reales Object herausklauben,zu wollen. Wer den himmelweiten Unterschied zwischen- der eigentlichen (allgemeinen) Logik, als einer bloß formalen Wissenschaft —- der Wissenschaft des' bloßen Denkens als Denkens betrachtet -— und der Transscendental-Philosophie, dieser einigen materia- len, oder realen reinen Vernunftwissenschaft — der Wissenschaft des eigentlichen Wissens —' bestimmt ins Ange gefaßt hat und nie wieder aus der Acht laßt, wird daher leicht beurtheilen können, was von. dem neuern Versuche zu halten sey, den Herr Bar- dili ncserdings (in seinem Grundrisse der Ersten Logik) unternommen hat, der Logik selbst noch ihr ?i-iu5 auszumachen, in der Erwartung, auf dem Wege diejer Untersuchnng zu finden: „ein reales „Object, entweder durch sie (die bloße Logik) ge- „ setzt oder sonst überall kemes setzbar; den Schlüssel „zum Wesen der Natur entweder durch sie gegeben b z „oder XXII Vorrede.. „ oder sonst überall keine Logik und keine Philosophie „möglich." EH ist doch in Wahrheit nicht abzusehen, auf welche mögliche Art Herr Bardili aus seinem aufgestellten ?rius der Logik, dem Princip der absoluren Möglichkeit des Denkens, nach welchem wir Eines, als Eines u»d Ebendasselbe im Vielen (nicht Mannigfaltigen) u.nendliche- mal wiederholen können, ein reales Object herausfinden könne. Dieses vermeintlich neu entdeckte ?riu5 der Logik ist ja offenbar nichts mehr und nichts weniger als das alte langst anerkannte, innerhalb des Gebiets der Logik gelegene und an die SpiHe dieser Wissenschaft gestellte Princip der Identität: Was ich denke, denke ich, und eben dieses und nichts anders kann ich nun eben ins Unendliche wiederholt denken. — Wer wird denn auch bey dem wohl verstandenen logischen Satze der Identität an ein Mannigfaltiges und nicht an ein bloßes Vieles denken, das allerdings durch nichts anders entsteht, noch entstehen kann, als durch z bloße Vorrede. xxm hloße Wiederholung Eines und Ebendesselben Denkens — das bloße wiederholte Setzen eines ^ — ^. .4 und so weiter ins Unendliche fort. -—^ Schwerlich dürfte sich daher wohl auf dem Wege, den Herr Bardili dazu eingeschlagen und nach derjenigen hevrisiischen Methode, deren Er sich hierzu bedient hat, dasjenige finden lassen, woran der phi- losophireuden Vernunft gelegen ist — derAnfangS- und Endpunkt, wovon sie bey ihren Untersuchungen ausgehen und wohin sie wiederum zurückkehren könne. — Die Hauptsächlichsien und bedeutendsten Einwürfe, die Herr Bardili Kanten und seiner Methode des Philosophirens entgegensetzt, könnten also auch nicht so wohl Kanten den Logiker, als vielmehr Kanten den Transscendental-Phi- losophen und Metaphysiker treffen. Wir können sie daher hier insgesammt an ihren gehörigen Ort dahin gestellt seyn lassen. — Schließ- ^ XXIV Vorredt. Schließlich will ich hier noch bemerken: daß ich die Kantische Metaphysik, wozu ich die Hand- schrift auch bereits in den Händen habe, so bald es die Muße mir verstattet, nach derselben Manier bearbeiten und herausgeben werde. — Königsberg, den 2osten September 1800. gottlob Benjamin Iäsche, Doctor und Privatdoecnl der Philosophie auf der Universität in Königsberg, Mitglied der gelehrten Gesellschaft z» Frankfurt an der Oder. / Ein- « E i n l e i t u n g. i. Begriff der Logik. Ä-lles in der Natur, sowohl in der leblosen als auch in der belebten Welt, geschieht nach Regeln, ob wir gleich diese Regeln nicht immer kennen. — Das Wasser fallt nach Gesetzen der Schwere, und bey den Thieren geschieht die Bewegung des Gehens auch nach Regeln. Der Fisch im Wasser, der Vogel in der Luft bewegt sich nach Regeln. Die ganze Natur überhaupt ist eigentlich nichts anders als ein Zusammenhang von Erscheinungen nach Regeln; und es giebt überall keine Regellosigkeit. Wenn wir eine solche zu finden meinen, so können wir in diesem Falle nur sagen: daß uns die Regeln unbekannt sind. A Altch L Einleitung. Auch die Ausübung unsrer Kräfte geschieht nach gewissen Regeln, die wir befolgen, zuerst derselben unbewußt, bis wir zu ihrer Erkenntniß allmälig durch Versuche und einen langern Gebrauch unfter Kräfte gelangen, ja uns am Ende dieselben so geläufig machen, baß es uns viele Mühe kostet, sie in sdttrscw zu denken. So ist z. B. die allgemeine Grammatik, die Form einer Sprache überhaupt. Man spricht aber auch, ohne Grammatik zu kennen; und der, welcher, ohne sie zu kennen, spricht, hat wirklich eine Grammatik und stricht nach Regeln, deren er sich , aber nicht bewußt ist. So wie nun alle unsre Kräfte insgesammt; so ist auch insbesondre der Verstand bey seinen Handlungen an Regeln gebunden, die wir untersuchen können. Ja, der Verstand ist als der Quell und das Vermögen anzusehen, Regeln überhaupt zu denken. Denn so wie die Sinnlichkeit das Vermögen der Anschauungen ist, so ist der Verstand das Vermögen zu denken, d. h. die Vorstellungen der Sinne unter Regeln zn bringen. Cr ist daher begierig, Regeln zu suchen, und befriediget , wenn er sie gefunden hat. Es frägt sich also, da der Verstand die Quelle der Regeln ist, nach welchen Regeln er selber verfahre? Denn es leidet gar keinen Zweifel: wir können nicht denken, oder unsern Verstand nicht anders gebrauchen, als nach gewissen Regeln. Diese Regeln tön. Einleitung. z können Wir nun aber wieder für sich selbst denken, d. h. wir können sie ohne ihre Anwendung oder in sdttracro denken.Welches sind nun diese Regel»? Alle Regeln, nach denen der Verstand verfahrt? sind entweder nothwendig oder zufällig. Die erster» sind solche, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes möglich wäre; die letzter« solche, ohne welche ein gewisser bestimmter Verstandesgebrauch nicht Statt finden würde. Die zufälligen Regeln, welche von einem bestimmten Object der Erkenntniß abhängen, sind fo vielfaltig als diese Objecte selbst. So giebt es z. B. einen Verstandesgebrauch in der Mathematik, der Metaphysik, Moral u. s. w. Die Regeln dieses besondern, bestimmten Vcrstandcsgcbrauchcs in den gedachten Wissenschaften süio zufällig, weil es zufällig ist, ob ich dieses oder jenes Object denke, worauf sich dicfe besondern Regeln beziehen. Wenn wir nun aber alle Erkenntniß, die wir bloß von den Gegenständen entlehnen müssen, bey Seite setzen und lediglich auf den Verstandesgebrauch überhaupt rcfi^ctiren: so entdecken wir diejenigen Regeln desselben, die in auer Absicht und unangesehen aller besondern Objecte des Denkens schlechthin nothwendig sind, weil wir ohne sie gar nicht denken würden. Diese Regeln können daher auch » priori d. i. unabhängig von aller Erfahrung eingesehen werden, weil A 2 fie< Einleitung. sie, ohne Unterschied der Gegenstande, bloß die Bedingungen des Versiandcsgebrauchs überhaupt, er mag rein oder empirisch seyn, enthalten. Und hierans folgt zugleich: daß die allgemeinen und nothwendigen Regeln des Denkens überhaupt lediglich die Form, keinesweges die Materie desselben betreffen können. Demnach ist die Wissenschaft, die diese allgemeinen und nothwendigen Regeln enthalt, bloß eine Wissenschaft von der Form unsers Verstandeserkcnnt- nisses oder des Denkens. Und wir können uns also eine Idee von der Möglichkeit einer solchen Wissenschaft wachen, so wie von einer allgemeinen Grammatik, die nichts weiter als die bloße Form der Sprache 'überhaupt enthalt, ohne Wörter, die zur Materie der Sprache gehören. Diese Wissenschaft von den nothwendigen Gesetzen des Verstandes und der Vernunft überhaupt oder welches einerlei) ist — von der bloßen Form des Denkens überhaupt, nennen wir nun Logik. Als eine Wissenschaft, die auf alles Denken überhaupt geht, unangesehen der Objecte, als der Materie des Denkens, ist die Logik i) als Grundlage zu allen andern Wissenschaften und als die Propadevtik alles Verstandesgebrauchs anzusehen. Sie kann aber auch eben darum, weil sie von'alleu Objecten gänzlich abstrahirt, s) kein Qrganon der Wissenschaften seyn. Unter Einleitung. 5 - Unter einem Organon verstehen wir nemlich eine Anweisung, wie ein gewisses Erkenntniß zu Stande gebracht werden solle. Dazu aber gehört, daß ich das Object der, nach gewissen Regeln hervorzubringenden, Erkenntniß schon kenne. Ein Oraanon der Wissenschaften ist daher nicht bloße Logik, weil es die genaue Kenntniß der Wissenschaften, ihrer Objecte und Quellen voraussetzt. So ist z. B. die Mathematik ein vortreffliches Organon, als eine Wissenschaft, die den Grund der Erweiterung unserer Erkenntniß in Ansehung eines gewissen Vernunftgebrauches enthalt. Die Logik hingegen, da sie als allgemeine Propadevtik alles Verstandes- und Vernunftgebrauchs überhaupt, nicht in die Wissenschaften gehen und deren Materie anticipireil darf, ist nur eine allgemeine Vernunft kunst (Lanonicit Kpicuri), Erkenntnisse überhaupt der Form des Verstandes gemäß zu machen, und also nur in so ferne ein Organon zu nennen, das aber freylich nicht zur Erweiterung, sondern bloß zur Beurtheilung und Berichtigung unsers Erkenntnisses dient. z) Als eine Wissenschaft der nothwendigen Gesetze des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes und der Vernunft statt findet, die folglich die Bedingungen sind, unter denen der Verstand einzig mit sich selbst zusammen stimmen kaun und soll, — die nothwendigen Gesetze und Bedingungen seines richtigen Gebrauchs — ist aber die Logik ein Canon. A z Und Einleitung. Und als cin Canon des Verstandes und der Vernunft darf sie daher auch keine Principien weder aus irgend einer Wissenschaft noch aus irgend einer Erfahrung borgen; sie muß lauter Gesetze »priori, welche nothwendig sind und auf den Verstand überhaupt gchen> enthalten. Einige Logiker setzen zwar in der Logik psycholo-' Zische Principien voraus. Dergleichen Principien aber in die Logik zu bringen, ist eben so ungereimt, als Moral vom Leben herzunehmen. Nahmen wir die Principien aus der Psychologie, d. h. aus den Beobachtungen über unsern Verstand, so würden wir bloß sehen, wie das Denken vor sich geht und wie es ist zmter den mancherley subjectivcn Hindernissen und Bedingungen; dieses würde also zur Erkenntniß bloß zufälliger Gesetze führen. In der Logik ist aber die Frage nicht nach zufalligen, sondern nach noth- wendigen Regeln; — nicht, wie wir denken, sondern, wie wir denken sollen. Die Regeln der Logik yüsscn daher nicht vom zufalligen, sondern vom nothwendigen Verstandesgebrauche hergenommen seyn, den man ohne alle Psychologie bey sich findet. Wir wollen in der Logik nicht wissen: wie der Verstand ist und denkt und wie er bisher im Denken verfahren ist, fondern wie er im Denken verfahren sollte. Sie soll uns den richtigen, d. h. den mit sich selbst übereinstimmenden Gebrauch des Verstandes lehren. Äus Einleitung. Aus der gegebenen Erklärung der Logik lassen sich nun auch noch die übrigen wesentlichen Eigenschaften dieser Wissenschaft herleiten; nemlich daß sie 4) etne Vernunftwissenschaft sey nicht der blossen Form, sondern der Materie nach, da ihre Regeln nicht aus der Erfahrung hergenommen sind, und da sie zugleich die Vernunft zu ihrem Objecte hat. Die Logik ist daher eine Selbsterkenntniß des Verstandes und der Vernunft, aber nicht nach den Vermögen derselben in Ansehung der Objecte, sondern lediglich der Form nach. Ich werde in der Logik nicht fragen: Was erkennt der Verstand und wie viel kann er erkennen oder wie weit geht seine Erkenntniß? Denn das wäre Sclbstcrkenntniß in Ansehung feines materiellen Gebrauchs und gehört also in die Metaphysik. In der Logik ist nur die Frage: Wie wird sich der Verstand selbst erkennen? Als eine der Materie und der Form nach rationale Wissenschaft ist die Logik endlich auch 5) eineDoctrin oder demonstrirteTheorie.' Denn da sie sich nicht mit dem gemeinen und als solchen, bloß empirischen Verstandes - und Vernunftgebrauche, sondern lediglich mit den allgemeinen und nothwendigen Gesetzen des Denkens überhaupt beschäftiget: so beruhet sie auf Principien » priori, aus denen alle ihre Regeln abgeleitet und bewiesen werden können, als solche, denen alle Erkenntniß der Vernunft gemäß seyn müßte. A 4 Da- Einleitung. Dadurch, daß die Logik als eine Wissenschaft s priori, oder als eine Doctrin für einen Canon des Verstandes!- und Vcrnunftgebrauchs zu halten ist, unterscheidet sie sich wesentlich von der Aesthetik, die als bloße Crilik des Geschmacks leinen Canon (Gesetz), sondern nur eine Norm (Muster oder Richt« schnür bloß zur Beurtheilung) hat, welche in der all- gemeinen Einstimmung besteht. Die Aesthetik lumlich enthalt die Regeln der Uebereinstimmung des Erkenntnisses mit den Gesetzen der Sinnlichkeit; die Logik dagegen die Regeln der Uebereinstimmung des Erkenntnisses mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft. Jene hat nur empiri/che Principien und kann also nie Wissenschaft vdcr Doctrin seyn, wofern man unter Doctrin eine dogmatische Unterweisung aus Principien s priori versteht, wo man alles durch den Verstand ohne anderweitige von der Erfahrung erhaltene Belehrungen einsieht, und die nns Regeln giebt, deren Befolgung die verlangte Vollkommenheit verschafft. Manche, besonders Redner und Dichter haben versucht, über den Geschmack zu vernünfteln, aber nie haben sie ein entscheidendes Urtheil darüber fällen können. Der Philosoph Baum garten in Frankfurt hatte den Plan zu einer Aesthetik, als Wissenschaft, gemacht. Allein richtiger hat Homedie Aesthetik, Cri- tik genannt, da sie keine Regeln » priori giebt, die das Urtheil hinreichend bestimmen, wie die Logik, sondern ihre Regckn s pvü^iori hernimmt, nnd die empirischen ^ Einleitung. rischen Gesetze, nach denen wir das Unvollkommnere und Vollkommnere (Schöne) erkennen, nur durch die Vergleichung allgemeiner macht. Die Logik ist also mehr als bloße Critik; sie ist ein Canon, der nachher zür Critik dient, d. h. zum Princip der Beurtheilung alles VcrstandesgebrauchS überhaupt, wiewohl nur seiner Richtigkeit in Ansehung der bloßen Form, da sie kein Organon ist, so wenig als die allgemeine Grammatik. - Als Propadevtik alles Verstandesgebrauchs über. Haupt unterscheidet sich die allgemeine Logik nun auch zugleich von einer andern Seite von der transscen« dentalen Logik, in welcher der Gegenstand selbst als ein Gegenstand des bloßen Verstandes vorgestellt wird; dagegen die allgemeine Logik auf alle Gegenstände überhaupt geht. Fassen wir nun alle wesentliche Merkmale zusammen, die zu ausführlicher Bestimmung des Begriffs der Logik gehören; so werden wir also folgenden Begriff von ihr aufstellen müssen. Die Logik ist eine Vernunftwisfen- schaft nicht der bloßen Form, sondern der Materie nach; eine Wissenschaft » xriori von den nothwendigen Gesetzen des Denkens, aber nicht in Ansehung besonderer Gegenstande, sondern aller Gegenstande überhaupt; — also eine Wissenschaft des A 5 rich. 10 Einleitung. richtigen Verstandes - und Nernunftge- brauchs überhaupt, aber nicht subjectiv, d. h. nicht nach empirischen (psychologi, schen) Principien, wie der Verstand denkt, sondern objectiv, d. i. nach Principien -» priori, wie er denken soll. II. Haupteincheilungen der Logik. — Vortrag. — Nutzen dieser Wissenschaft. — Abriß einer Geschichte derselben. Ne Logik wird eingetheilt i) in dieAnalytik und in die Dialcctik. Die Analytik entdeckt dnrch Zergliederung alle Handlungen der Vernunft, die wir beym Denken überhaupt ausüben. Sie ist also eine Analytik der Verstandes- und Vernunftform, und heißt auch mit Recht die Logik der Wahrheit, weil sie die nothwendigen Re- geln aller (formalen) Wahrheit enthält, ohne welche unser Erkenntniß, unangesthen der Objecte, auch in sich selbst unwahr ist. Sie ist also auch weiter nichts als ein Canon zur Dijudicatiou (der formalen Richtigkeit unsers Erkenntnisses). Wollte man diese bloß theoretische und allgemeine Doctrin zu einer pl actischen Kunst, d. i. zu einem Orga- non X Einleitung. non brauchen: so wurde sieDialectik werben. Eine Logik des Scheins (»r8 loplultics, äi5xurswrl!i), die aus einem bloßen Mißbrauche der Analytik entspringt, so fern nach der bloßen logischen Form der Schein einer wahren Erkenntniß, deren Merkmale doch von der Uebereinstimmung mit den Objecten, also vom Inhalte hergenommen seyn müssen, erkün- sielt wird. In den votigen Zeiten wurde die Dialectlk mlk großem Fleiße studirt. Diese Kunst trug falsche Grundsatze unter dem Scheine der Wahrheit vor, und suchte diesen gemäß, Dinge dem Scheine nach zu behaupten. Bey den Griechen waren die Dialectiker die Sachwalter und Redner, welche das Volk leiten konnten, wohin sie wollten, weil sich das Volk durch den Schein hintergehen läßt. Dialcctik war also damals die Kunst des Scheins. In der Logik wurde sie auch eine Zeitlang unter dem Namen der Disputirk un st vorgetragen, und so lange war alle Logik und Philosophie die Cultur gewisse geschwätziger Kopfe, jeden Schein zu erkünsteln. Nichts aber kann eines Philosophen unwürdiger seyn, als die Cultur ein^r solchen Kunst. Sie muß daher in dieser Bedeutung ganzlich wegfallen und statt derselben vielmehr eine Critik dieses Scheines in die Logik eingeführt werden. Wir würden demnach zwey Theile der Logik haben: dieAnalytik, welche die formalen Criterien der Wahr« Einleitung. Wahrheit vortrüge; und die Dialectik, welche die Merkmale und Regeln enthielte, wonach wir erkcn- licn konnten, daß etwas mit den formalen Criterien der Wahrheit nicht übereinstimmt, ob es gleich mit demselben übereinzustimmen scheint. Die Dialectik in dieser Bedeutung würde also ihren guten Nutzen haben als Catharctikon des Verstandes. Man pflegt die Logik ferner einzutheilen 2) in die natürliche oder populäre und in die künstliche oder wissenschaftliche Logik O- Zica nstui'sliü, IoA. lckoisliics, t. srtikcinliz). Aber diese Eintheilung ist unstatthaft. Denn die natürliche Logik oder die Logik der gemeinen Vernunft (lentus i:ommuni8) ist eigentlich keine Logik, sondern eine anthropologische Wissenschaft, die nur empirische Principien hat, indem sie von den Regeln des natür- lichen Verstandes - und. Vernuuftgcbrauchs handelt, die nur in concrew, also ohne Bewußtseyn derselben in »dttracro, erkannt werden. — Die künstliche oder wissenschaftliche Logik verdient daher allein diesen Na« men, als eine Wissenschaft der nothwendigen und allgr- meinen Regeln des Denkens, die, unabhängig von dem natürlichen Verstandes - und Vernunftgebrauche, in concieco 2 xriori erkannt werden können und müssen, ob sie gleich zuerst nur durch Beobachtung jenes natürlichen Gebrauchs gefunden werden können. V ?) Einleitung. z) Noch eine andre Eintheilung der Logik ist die in theoretische und praktische Logik. Allein auch diese Cintheilung ist unrichtig. Die allgemeine Logik, die, als ein bloßer Canon, von allen Objecten abstrahirt, kann keinen practischen Theil haben. Dieses wäre eine conn-säiLrili in scheLw, weil eine practische Logik die Kenntniß einer gewissen Art von-Gegenständen, worauf sie angewandt wird« voraussetzt. Wir kennen daher jede Wissenschaft eine practische Logik nennen; denn in jeder müssen wir eine Form des Denkens haben. Die allgemeine Logik, als practisch betrachtet, kann daher nichts weiter seyn, als eine Technik der Gelehrsamkeit über« Haupt; — ein Organon der Schulmcthode. Dieser Cintheilung zu Folge würde also die Logik tinen dogmatischen und einen technischen Theil haben. Der erste würde die Ele men tarleh re, der andre die Methodenlehre heißen kennen. Der practische oder technische Theil der Logik wäre eine logische Kunst in Ansehung der Anordnung und der logischen Kunstausdrücke und Unterschiede, um dem Verstände dadurch sein Handeln zu erleichtern. In beyden Theilen, dem technischen so wohl als dem dogmatischen, würde aber weder auf Objecte noch auf das Subject des Denkens die mindeste Rücksicht genommen werden dürfen. — In der letztem Bt- jiehung würde die Logik eingetheilt werde» können 14 Einleitung. 4) in die reine und in die angewandte Logik. — In der reinen Logik sondern wir den Verstand von den übrigen Gemülhskräften ab und betrachten, was er für sich allein thut. Die angewandte Logik betrachtet den Verstand, so fern er mit den andern Gemüths- kraften vermischt ist, die auf seine Handlungen einstießen und ihm eine schiefe Richtung geben, so daß er nicht nach den Gesetzen verfährt, von denen er wohl selbst einsieht, daß sie die richtigen sind. — Die angewandte Logik sollte eigentlich nicht Logik heißen. Es ist eine Psychologie, in welcher wir betrachten, wie es bey unserm Denken zuzugchen pflegt, nicht, wie es zugehen soll. , Am Ende sagt sie zwar, was man thun soll, um unter den mancherley subjectiven Hindernissen und Einschränkungen einen richtigen Gebrauch vom Verstände zu machen; auch können wir von ihr lernen, was den richtigen Vcrstandesgcbrauch befördert, die Hülfsmittel desselben oder die Heilungsmittel von logi- schen Fehlern uNd Irrthümern. Aber Propädevtik ist sie doch nicht. Denn die Psychologie, aus welcher in der angewandten Logik alles genommen werden muß, ist ein Theil der philosophischen Wissenschaften, zu denen die Logik die Propädevtik seyn soll. Zwar sagt man: die Technik, oder die Art und Weise , eine Wissenschaft zu bauen, solle in der ange- wandten Logik vorgetragen werden. Das ist aber vergeblich, ja sogar schädlich. Man fängt dann an z» bauen, Einleitung. i) bauen, ehe man Materialien hat, und giebt wohl die Form, es fehlt aber am Inhalte. Die Technik muß bey jeder Wissenschaft vorgetragen werden. Was endlich 5) die Cintheilung der Logik in die Logik des gemeinen und die des spekulativen Verstandes betrifft: so bemerken wir hierbcn, daß diese Wissen« ' schaft gar nicht so eingetheilt werden kann.' Sie kann keine Wissenschaft des spekulativen Verstande 6 scyn. Denn als eine Logik des spekulativen Erkenntnisses oder des spekulativen Vernunflgebrauchs wäre sie ein Organon andrer Wissenschaften und keine bloße Propadcvtik, die auf allen möglichen Gebrauch des Verstandes und der Vernunft gehen soll. Eben so wenig kann die Logik ein Prodnct des gemeinen Verstandes seyn. Der gemeine Verstand nemlich ist das Vermögen, die Regeln des Erkenntnisses conciero einzusehen. Die Logik soll aber eine Wissenschaft von den Regeln des Denkens in abliiscro seyn. Man kann indessen den allgemeinen Menschenverstand znm Object der Logik annehmen, und in, so ferne wird sie von den besondern Regeln der spekulativen Vernunft abstrahiren und sich also von der Logik des sp e« kulativen Verstandes unterscheiden. Was l6 Einleitung. - Was den Vortrag der Logik betrifft: so kann derselbe entweder scholastisch oder populär seyn. ^ Scholastisch ist er, so fern er angemessen ist der Wißbegierde, den Fähigkeiten und der Cultur derer, die das Erkenntniß der logischen Regeln als eine Wis. senschaft behandeln wollen. Populär aber, wenn er zu den Fähigkeiten und Bedürfnissen derjenigen sich herabläßt, welche die Logik nicht als Wissenschaft studieren, sondern sie nur brauchen wollen, um ihren Verstand aufzuklaren. — Im scholastischen. Vortrage müssen die Regeln iN ihrer Allgemeinheit oder in sdürsLw; im populären dagegen im Besondern oder in concreco dargestellt werden. Der scholastische Vortrag ist das Fundament des populären; denn nur derjenige kann etwas auf eine populäre Weise vortragen, der es auch gründlicher vortragen konnte. Wir unterscheiden übrigens hier Vortrag von Methode. Unter Methode nemlich ist die Art und Weise zu verstehen, wie ein gewisses Object, zu dessen Erkenntniß sie anzuwenden ist, vollständig zu erkennen sey. Sie muß aus der Natur der Wissenschaft selbst hergenommen werden und läßt sich also, als eine dadurch bestimmte und nothwendige Ordnung des Denkens, nicht andern. Vortrag bedeutet nur die Manier, seine Gedanken andern mitzutheilen, um eine Doctrin verstandlich zu machen. Aus Einleitung. !7 Aus dem, was wir über das Wesen unddy, Zweck der Logik" bisher gesagt haben, laßt sich nunmehr der Werth dieser Wissenschaft und t>er Nutzen ihres Stu« diums nach einein richtigen und bestimmten Maaßstabe schätzen. > Die Logik ist also zwar keine allgemeine Erfindungskunst mU> kein Organon der Wahrheit; — keine Algebra, mit deren Hülfe sich verborgene Wahrheiten entdecken ließen. Wohl aber ist sie nützlich und unentbehrlich als eine Critik der Erkenntniß; oder zu Beurtheilung der gemeinen so wohl als der spekulativen Vcr- lilinft, nicht um sie zu lehren, sondern nur um sie correct und mit sich selbst übereinstimmend zu macheu. Denn das logische Princip der Wahrheit ist Uebereinstimmung des Verstandes mit seinen eigenen allgemeinen Gesetzen. Was endlich die Geschichte der Logik betrifft: so Wollen wir hierüber nur Folgendes anführen: Die jetzige Logik schreibt sich her von Ari stote-' tesAnalyti k. Dieser Philosoph kann als der Vater der Logik angesehen werden. Er trug sie als Or- ganon vor und theilte sie ein in Analytik und D i a- l e c ti k. Seine Lehrart ist sehr schslastisch, und gehr auf die Entwickelung der allgemeinsten Begriffe, die der Logik zum Grunde liegen, wovon man indessen kei-' B . " . ' -z Einleitung. nen Nutzen hat, weil fast alles auf bloße Subtilitätcn hinauslauft, außer daß man die Benennungen verschiedener Verstandeshandlungen daraus gezogen. Uebrigens hat die Logik von Aristoteles Zeiten her, an In halt nicht viel gewonnen und das kann sie ihrer Natur nach auch nicht. Aber sie kann wohl gewinne» in Ansehung der Genauigkeit, Bestimmtheit und Deutlichkeit. — Es giebt nur Wenige Wissenschaften, die in einen beharrlichen Zustand kommen können, wo sie nicht mehr verändert werden. Zn diesen gehört die Logik und auch die Metaphysik. Aristoteles hatte keinen Moment des Verstandes ausgelassen; wir sind darinn nur genauer, methodischer und ordentlicher. VonLambcrts Organon glaubte man zwar, daß es die Logik sehr vermehren würde. Aber es cnt-- halt weiter nichts mehr als nur subtilere Einteilungen, die, wie alle richtige Subtilitaten, wohl den Verstand schärfen, aber von keinem wesentlichen Gebrauche sind. Unter den neuern Weltwcisen giebt es zwey, welche die allgemeine Logik in Gang gebracht haben, ---- Leivnitz und Wolff. Malebranche und Locke haben keine eigentliche Logik abgehandelt, da sie auch vom Inhalte der Erkenntniß und vom Ursprünge der Begriffe handeln. Die allgemeine Logik von Wolff ist die beste, welche man hat. Einige haben sie mit der Aristotelischen verbunden, wie z. B. Reu sch» Baum» Einleitung. 19 Baum garten, ein Mann, der hierin» viel Verdienst hat, concentrirte die Wolffische Logik, und Meyer commcntirte dann wieder über Baumgarten. Zu den neuern Logikern gehört auch Crusius, der aber nicht bedachte, was es mit der Logik für eins Bcwandnisi bahe. Demr feine Logik enthält metaphp« fische Grundsätze, und überschreitet also in so ferne die Grenzen dieser Wissenschaft; überdies stellt ste ein Cri. tcrium der Wahrheit auf, das keinCriterium seyn kann, und laßt also in so fern allen Schwärmercpen frepen Lauf. In den jetzigen Zeiten hat es eben keinen berühr ten Logiker gegeben, und wir brauchen auch zur Logik keine neuen Erfindungen, weil sit bloß die Form des Denkens enthält. M. Begriff vön der Philosophie überhaupt. ^ Philosophie nach dem Schulbegriffe und nach dem Welt» begriffe betrachten ^- Wesentliche Erfordernisse und Zwecke des Philosöphierens. — Allgemeinste und höchste Aufgaben dieser Wissenschaft. Cs ist zuweilen schwer, das, was unter einer Wissenschaft verstanden wird, Zu erklären. Aber die Wisseisschaft gewinnt an Präcision durch Festsetzung B s . . ihres Einleitung. ihres bestimmten Begriffs, und es werden so manche Fehler aus gewissen Gründen vermieden, die sich sonst einschleichen, wenn man die Wissenschaft noch nicht von den mit ihr verwandten Wissenschaften unterscheiden kann. Ehe wir indessen eine Definition von Philosophie zu geben versuchen, müssen wir zuvor den Character der verschiedenen Erkenntnisse selbst untersuchen, und, da philosophische Erkenntnisi. zu den Vernunfterkennt, nissen gehören, insbesondre erklaren, was unter diesen letztern zu verstehen sey. Vernunftcrkenntnisse werden den historischen Erkenntnissen entgegen gesetzt. Jene sind Erkenntnisse aus Principien (ex xrincixii5); diese, Erkennt» nisse aus Daten (ex ^ris). — Eine Erkenntniß kann aber aus der Vernunft entstanden und demohn. geachtet historisch seyn; wie wenn z. B. ein bloßer Litterator dit Producre fremder Vernunft lernt: so ist sein Erkenntniß von dergleichen Vernunftproducten blos historisch. Man kann nemlich Erkenntnisse unterscheiden 1) nach ihrem objectiven Ursprünge, d. i. uach den Quellen, woraus eine Erkenntniß allein möglich ist. In dieser Rücksicht sind alle Erkenntnisse ent« w/der rational oder empirisch,- 2) nach ihrem subjektiven Ursprünge, d. i. nach der Art, wie eine Erkenntniß von den Menschen kann erworben werden. Aus diesem letztern Gesichts. punkte Einleitung. Sl punkte betrachtet, sind die Erkenntnisse entweder ra. tional oder historisch, sie mögen an sich cntstan« den seyn, wie sie wollen. Es kann also objectiv etwas ein Vernunfterkcnntniß seyn, was subjectiv doch nur historisch ist. Bey einigen rationalen Erkenntnissen ist es schädlich, sie bloß historisch zu wissen, bey andern hingegen ist dieses gleichgültig. So weiß z. B. der Schiffer die Regeln der Schiffahrt historisch aus seinen Tabellen; und das jst für ihn genug. Wenn aber der Rechts- gelehrte die Rcchtsgelehrsamkeit bloß historisch weiß: so ist er zum achten Richter und noch mehr zum Gesetz, geber völlig verdorben. Aus dem angegebenen Unterschiede zwischen ob« jectiv und subjectiv rationalen Erkenntnissen erhellt nun auch, daß man Philosophie in gewissem Betracht lernen könne, ohne philosophieren zu können. Der also eigentlich Philosoph werden will, muß sich üben, von seiner Vernunft einen freyen und keinen bloß nachahmenden, und, so zu sagen, mechanischen Ge« brauch zu machen. Wir haben die Vnttunfterkenntnisse für Erkennt« nisse aus Principien erklärt; und hierausfolgt: daß sie » priori seyn müssen. Es giebt aber zwey Arten von Erkenntnissen, die. beyde » priori sind, dennöch »ber B ? viele ^ Einleitung. viele nahmhaft« Unterschiede haben; nemlich M athematik und P h i l o so p h i e. Man pflegt zn behaupten, daß Mathematik und Philosophie demObjecte nach von einander unter, schieden wären, indem die erstere von der Quantität, die letztere von derQualitat handele. Alles dieses ist falsch. Der Unterschied dieser Wissenschaften kann nicht auf dem Objecte beruhen; denn Philosophie gehet auf alles, also auch auf ^i->nm, und Mathematik zum Theil auch, so fern alles eine Große hat. Nur hie verschiedene Art des Vernunfterkenntnisses oder Vernunftgebrauch es in der Mathematik und Philosophie macht allein den specifischen Unterschied zwischen diesen beyden Wissenschaften aus. Philosophie, nemlich ist die Vernunft er kenn tu iß aus bloßen Begriffen, Mathematik hingegen die Wernunftcrken»triiß aus der Eonstruction der Begriffe. Wir construiren Begriffe, wenn wir sie in der Anschauung s priori o-hne Erfahrung darstellen, oder, Wenn wir den Gegenstand in der Anschauung darstellen, der unserm Begriffe von demselben entspricht. — Der Mathematiker kann sich nie seiner Vernunft nach bloßen Segriffen; der Philosoph ihrer nie durch Eonstruction der Begriffe bedienen. — In der Mathematik braucht man die Vernunft in concrelo^ die Anschauung ist aber nicht empirisch, sondern man macht sich hier etwas »xnori zmn Gegenstande der Anschauung. Und Einleitung. -Z Und hicrinn hat also, wie wir sehen, die Mathe- matik einen Vorzug vor der Philosophie, daß die Erkenntnisse der erster» intuitive, die der letztern hingegen, nur diskursive Erkenntnisse sind. Die Ursache aber, warum wir in der Mathematik mehr die Großen erwägen, liegt darinn, daß die Großen in der Anschauung s xrlm-i ksnncn construirt werden, die Qualitäten dagegen sich nicht in der Anschauung darstellen lassen. Philosophie ist also das System der philosophischen Erkenntnisse oder der Vcrnnnfterkcnntnisse aus Begriffen. Das ist der Schulbegriff von dieser Wissenschaft. Nach dem Weltbegriffe Ust sie die Wissenschaft von den letzten Zwecken der menschlichen Vernunft. Dieser hohe Begriff giebt der Philosophie Würde, d.i. einen absoluten Werth. Und wirklich ist sie es auch, die allein nur innern Werth hat, und allen andern Erkenntnissen erst einen Werth giebt. Man frägt doch immer am Ende, wozu dient das Philosophieren und der Endzweck desselben — die Philosophie selbst als Wissenschaft nachdem Schulbegriffe betrachtet? In dieser scholastischen Bedeutung des Worts geht Philosophie nur auf Geschicklichkeit; in Be- ziehnng auf den Weltbegriff dagegen auf die N ü tz l i ch- keit. In der erstem Rücksicht ist sie also eine L.ehre der Geschicklichkeit,- in der letzter», eine Lehre B 4 der -4 Einlei tnng. Her Weisheit- — die Gesetzgeberinn der Vernunft und der Philosoph in so ferne nicht Ver- nunftkün stler, sondern Gesetzgeber. .-'.»Ä» uwl,1?j,t Z>»Ä ^..1»'^ .ch ^. u.'/-''.. - > ^: Der Vernunfttünstler, oder, wie Socratts ihn nennt, der Philod o,r, strebt bloß nach spekulativem Wissen,, ohne darauf zu sehen, wie viel das Wissen zum letzten Zwecke der menschlichen Vernunft bey« tragen er giebt Regeln für den Gebrauch der Vernunft zii allerley beliebigen Zwecken. Der practischc Philo« foph, der Lehrer der Weisheit durch Lehre und Bey« spiel,, ist der eigentliche Philosoph. Denn Philosophie ist die Idee einer vollkommenen Weisheit, die uns die -letzten Zwecke der menschlichen Vernunft zeigt. Zur Philosophie nach dem Schulbegriffe gehören zwey Stücke: Erstlich ein zureichender Vorrath von Vcrnunft- erkenntnissen;— Fürs andre: ein systematischer Zusammenhang dieser Erkenntnisse, oder eine Verbindung derselben in der Idee eines Ganzen. Einen solchen streng systematischen Zusammenhang verstattet nicht nur die Philosophie, sondern sie ist sogar Hie einzige Wissenschaft, die im eigentlichsten Verstände einen systematischen Zusammenhang hat, und allen andern Wissenschaften systematische Einheit giebt. Was aber Philosophie nach dem Weltbegriff'e (in sensu co5mi»o) betrifft: so kann man sie such eine Wifi Einleitung. 25 Wissenschaft von der höchsten Maxime des Gebrauchs unsrer Vernunft nennen, sofern man unter Maxime das innere Princip der Wahl unter verschiedenen Zwecken versteht. Denn Philosophie in der letzter» Bedeutung ist ja die Wissenschaft der Beziehung alles Erkenntnisses und Vernunftgebrauchs auf den Endzweck der mensch, lichen Vernunft dem, als dem obersten, alle andern Zwecke subordinirt sind und sich in ihm zur Einheit vereinigen müssen. Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung laßr sich auf folgende Fragen bringen: 1) W- H 5 Das 2 6 Einleitung. Das letztere ist das nothigste, aber auch das schwerste, um das sich aber der Philodor nicht bekümmert. Zu einem Philosophen gehören hauptsächlich zwey Dinge; i) Cultur des Talents und der Eeschicklich- keit, um sie zu allerley Zwecken zu gebrauchen. 2) Fertigkeit im Gebrauch aller Mittel zu beliebigen Zwecken. Beyses muß vereiniget l sie noch nicht gegeben ist. Gesetzt - aber auch, es wäre eine wirklich vorhanden: so Einleitung. so würde doch keiner, der sie auch lernte,' von sich sagen können, daß er ein Philosoph sey; denn seine Kenntniß davon wäre doch immer nur subjectiv- historisch. ' In der Mathematik verhalt sich die Sache anders. Diese Wissenschaft kann man wohl gewissermaßen lernen; denn die Beweise sind hier so evident, daß ein jeder davon überzeugt werden kann; auch kann sie ihrer Evidenz wegen, als eine gewi sse und bcstänbigeLehre, gleichsam aufbehalten werden. , - ,sttöM''5?^,-t-. ^ Der philosophieren lernen will, darf dagegen alle Systeme der Philosophie nur als Geschichte des Gebrauchs der Vernunft ansehen und alsOb- jecte der Uebung seines philosophischen Talents. Der wahre Philosoph muß also als Sclbstdenker einen freyen und selbsteigenen, keinen sklavisch nachahmenden Gebrauch von seiner Vernunft machen. Aber auch keinen dialektischen, d. i. keinen solchen Ge- brauch, der nur darauf abzwcckt, den Erkenntnissen einen Schein von Wahrheit und Weisheit zu geben. Dieses ist das Geschäft des bloßen Sophi- sten; aber mit der Würde des Philosophen, als eines Kenners und Lehrers der Weisheit, durchaus unverträglich. Denn Wissenschaft hat einen innern wahren Werth nur als Organ der Weisheit. Als solches ist . si- 28 Einleitung. sie ihr aber auch unentbehrlich, so daß man wohl behaupten darf: Weisheit ohne Wissenschaft sey ein Schattenriß von einer Vollkommenheit, zu der wir nie gelangen werden. Der die Wissenschaft hasset, um desto mehr aber die Weisheit liebet, den nennt man einenMi so logen. Die Misologie entspringt gemeiniglich aus einer Leerheit von wissenschaftlichen Kenntnissen und einer gewissen damit verbundenen Art von Eitelkeit. Zuweilen verfallen aber auch diejenigen in den Fehler der Misologie, welche Anfangs mit großem Fleiße und Glücke den Wissenschaften nachgegangen waren, am Ende aber in ihrem ganzen Wissen keine Befriedigung fanden. Philosophie ist die einzige Wissenschaft, die unS diese innere Genugthuung zu verschaffen weiß; denn sie schließt gleichsam den wissenschaftlichen Cirkcl und durch sie erhalten sodann erst die Wissenschaften, Ordnung und Ausammenhang. 4 ' Wir werden also zum Behuf der Uebung im Selbstdenken oder Philosophieren, mehr auf die Methode unsers Vernunftgebrauchs zu sehen haben, als auf die Satze selbst, zu denen wir durch dieselbe gekommen sind. N. Einleitung. 29 IV. Kurzer Abriß einer Geschichte der Philosophie. Es macht einige Schwierigkeit, die Gränzen zu bestimmen, wo der gemeine Verstandesgebrauch aufhört und der spekulative anfängt) oder, wo gemeine Vernunsterkenncniß Philosophie wird. Indessen giebt es doch hier ein ziemlich sicheres Unterscheidungsmerkmal, nemlich folgendes: Die Erkenntniß des Allgemeinen in sblirscro ist spekulative Erkenntniß; —> die Erkenntniß des Allgemeinen in concrero, gemeine Erkenntniß. — Philosophische Erkenntniß ist spekulative Erkenntniß der Vernunft, und sie fängt also da an, wo der gemei« ne Vcrnunftgcbrauch anhebt, Versuche in der Erkenntniß des Allgemeinen in abNrscto zu machen. »- Aus dieser Bestimmung des Unterschiedes zwischen gemeinem und spekulativem Vernunftgebrauche läßt sich nun beurtheilen, von welchem Volke man den Anfang des Philosophierens datiren müsse. Unter allen Völkern haben also die Griechen erst angefangen zu philosophieren. Denn sie haben zuerst versucht, nicht nn dem Leitfaden der Bilder die Vernunfterkenntnisss ju cultiviren, sondern in sblirscro: statt daß die andern Völker sich die Begriffe immer nur durch Bi5« derin concrero verständlich zu machen suchten. S» giebt es noch Heutiges Tages Völker, wie die CHineser und Einleitung. und einige Indianer, die zwar von Dingen^ welche bloß aus der Vernunft hergenommen sind, als von Gott, der Unsterblichkeit der Seele u. dgl. m. handeln, aber doch die Natur dieser Gegenstände nicht nach Begriffe« und Regeln in alitt^cm zu erforschen suchen. Sie machen hier keine Trennung zwischen dem. Vernunftgebrauche in concrew und deM in aKKiscto. Bey den Persern und Arabern findet sich zwar eini- ^ ger spekulativer Vernunftgebrauch; allein die Regeln dazu haben sie vom Aristoteles, also doch von den Griechen entlehnt. In Zoroasters Zendave- st a entdeckt man nicht die geringste Spur von Philosophie. Eben dieses gilt auch von der gepriesene» Egnptischen Weisheit, die in Vergleichung mit dee Griechischen Philosophie ein bloßes Kinderspiel gewesen ist. Wie in der Philosophie, so sind auch in Ansehung der Mathematik die Griechen die Ersten gewesen, welche diesen Theil des Vcrnunfrcrkenntnisses nach einer spekulativen, wissenschaftlichen Methode cultivirten, indem sie jeden Lehrsatz aus Elementen demonstrirr haben. Wenn und Wo aber unter den Griechen dee philosophische Geist zuerst entsprungen sey, das kanrt Man eigentlich nicht bestimmen. Der erste, welcher den Gebrauch der spekulativem Vernunft einführte, und von dem man auch die erste» Schritte des menfchlichch Verstandes zur wissenschaftlichen > Einleitung. chen Cultur herleitete, ist Thales, der Urheber der Ionischen Secte. Er führte den Bcynamen P h y- sikcr, wiewohl er auch Mathematiker war; so wie überhaupt.Mathematik der Philosophie immer vorangegangen ist. Uebrigens kleideten die ersten Philosophen alles in Bilder ein. Denn Poesie, die nichts anders ist, als eine Einkleidung der Gedanken in Bilder, ist alter als die Pro sc. Man mußte sich daher Anfangs selbst bey Dingen, die lediglich Objecte der reinen Vernunft, sind, der Bildersprache und poetischen Schreibart bedienen. Pherezy »es soll der erste prosaische Schrift« steller gewesen seyn. Auf die Ionier folgten d.ie Eleatiker. —^ Der Grundsatz der Eleatischen Philosophie und ihres Stifters Xenovhanes war: in den Sinnen ist Täuschung und Schein, nur im Verstände allein liegt die Quelle der Wahrheit. — Unter den Philosophen dieser Schule zeichnete sich Zenvals ein Mann von großem Verstände und Scharfsinne und als ein subtiler Dialectiker aus. Die Dialectik bedeutete Anfangs die Kunst des reinen Vcrstandcsgcbrauchs in Ansehung abstrakter, von aller Sinnlichkeit abgesonderter Begriffe. Daher die vielen Lobeserhebungen dieser Kunst bey den Alten. In der Folge, als diejenigen Philosophen, weiche ganz« lich Z2 Einleitung. lich das Zeugniß der Sinne verwarfen, bey dieser Behauptung nothwendig auf viele Subtilitäten verfallen mußten, artete Dialcctik in die Kunst aus, jeden Satz zu behaupten und zu bestreik,!». Und so ward sie eine bloße Uebung für die Sophisten, die über alles rai- sonniren wollten und sich darauf legten, dein Scheine den Anstrich des Wahren zu geben, und schwarz, weiß zu machen. Deswegen wurde auch der Name S o- pH ist, unter dem man sich sonst einen Mann dachte, der über alle Sachen vernünftig und einsichtsvoll reden konnte, jetzt so verhaßt und verächtlich, und statt desselben der Name Philosoph eingeführt. Um die Zeit der Ionischen Schule stand in Groß- Gricchenland ein Mann von seltsamen Genie auf, welcher nicht nur auch eine Schule errichtete, sondern zugleich ein Project entwarf und zu Stande brachte, das seines Gleiche» noch nie gehabt hatte. Dieser Mann war Pvthagoras zu Samos geboren. — Er stiftete nemlich eine Sozietät von Philosophen, die durch das Gesetz der Verschwiegenheit zu einem Bunde unter sich vereiniget waren. Seine Zuhörer theilte er in zwen^ Klassen ein; in die der A k u s m a t i k e r («xL^«H-xot), die bloß hören mnßtcn, und die der Akroamatiker («x^«^«Horclcu, (?oq),' ein bedeckter Gang, wovon der Name Stoiker sich her« schreibt; die Schule des Cpikurs Noni, weil Epi- pur in Gärten lehrte. AufPlatos Akademie folgten noch drey andpe Akademien, die von seinen Schülern gestiftet wurden. Die erste stiftete Speusippus, die zweyte Areesi- laus, und die dritte Carneades. Diese Akademien neigten sich zum Skepticismus hin. Speusippus und Arcesilaus — beyde stimmten ihr^Dcnkart zur Skepsis, undCarneadeS trieb es darin» noch höher. Um deswillen werden die Skeptiker, diese subtilen, dialektischen Philosophen, auch Akademiker genannt. Die Akademiker folgten also dem ersten großen Zweiflet Pyrrho und dessen C- Nach- z6 Einleitung. Nachfolgern. Dazu hatte ihnen ihr Lehrer Plato selbst Anlaß gegeben, indem er viele seiner Lehren dialogisch vortrug, so daß Grunde xio und conn-z angeführt wurden, ohne daß er selbst darüber entschied , ob er gleich sonst sehr d o g m a t i sch war. Fangt man die Cpoke des Skepticismus mit dem Pyrrho an, so bekommt man eine ganze Schule von Skeptikern, die sich iu ihrer Denkart und Methode des Philosophierens von den Dogmatikern wesentlich unterschieden, indem sie es zur ersten Maxime alles philosophierenden Vernunftgcbrauchs machten: auch selbst bey dem größten Scheine der Wahrheit sein Urtheil zurückzuhalten; und das Princip aufstellten: die Philosophie bestehe im Gleichgewichte des Urtheilens, und lehre uns, den falschen Schein aufzud eklen. — Von diesen Skeptikern ist uns aber weiter nichts übrig geblieben, als die beyden Werke des Ser- tus Empirikus, worinn er alle Zweifel zusammenge- brachthat. Als in der Folge die Philosophie von den Erie- chcn zu den Nomern übcrgieng, hat sie sich nicht erweitert; denn die Romer blieben immer nur Schüler. Cicero war. in der spekulativen Philosophie ein Schüler des Plato, in der Moral ein Stoiker. Zur Stoischen Sekte gehörten Epictet, Antoniudec Philo- Einleitung. 37 Philosoph und Seneka als die berühmtesten. Naturlehrer gab es unter den Romern nicht, außer Plin! u 6 dem jüngcrn, der eine Naturbeschreibung hinterlassen hat. Endlich verschwand die Cultur auch bey den R6- mern und es entstand Barbaren, bis die Araber im 6ten und 7ten Jahrhundert anfiengcn, sich auf die Wissenschaften zu legen, und den Aristoteles wieder in Flor zu bringen. Nun kamen also die Wissenschaften im Occidcnt wieder empor und insbesondre das Ansehen des Aristoteles, dem man aber auf eine stlavi« sche Weise folgte. Im l iten und 12tcn Jahrhundert traten die Scholastiker auf; sie erläuterten den Aristoteles und trieben seine Subtilitaten ins Unend. liche. Man beschäftigte sich mit nichts als lauter Ab. siractioncn. — Diese scholastische Methode des After- Philosophierens wurde zur Zeit der Reformation ver- drangt; und nun gab es Eklektiker in der Philofo- phie, d. i. solche Selbstdenker, die sich zu keiner Schule bekannten , sondern die Wahrheit suchten und annahmen, wo sie sie fanden. Ihre Verbesserung in den neueren Zeiten verdankt aber die Philosophie theils dem größern Studium der Natur, theils der Verbindung der Mathematik mit der Naturwissenschaft. ' Die Ordnung, welche durch das Studium dieser Wissenschaften im Denken entstand, breitete sich auch über die besondern Zweige und Theile C z der 55 Einleitung. der eigentlichen Weltweishcit aus. Der erste und größte Naturforscher der neuern Zeit war Bako von Verulamio. Er betrat bey seinen Untersuchungen den Weg der Erfahrung, und machte auf die Wichtigkeit und Unentbehrlichkcit der Beo b achtungen und Versuche zu Entdeckung der Wahrheit aufmerksam. Es ist übrigens schwer zu sagen, von wo die Verbesserung der spekulativen Philosophie eigentlich herkommt. Ein nicht geringes Verdienst um dieselbe erwarb sich Descartes, indem er viel dazu beytrug, dem Denken Deutlichkeit zu geben, durch sein aufgestelltes Criterium der Wahrheit, das er in die Klarheit und Evidenz der Erkennt, niß setzte. Unter die größten und verdienstvollsten Ncfor- »natoren der Philosophie zu unsern Zeiten ist aber Leib« nitz und Locke zu rechnen. Der letztere suchte bei» menschlichen Verstand zu zergliedern und zu zeigen, welche Seclenkrafte und welche Operationen derselben zu dieser oder jener Erkenntniß gehörten. Aber er hat das Werk seiner Untersuchung nicht vollendet; auch ist sein Verfahren dogmatisch, wiewohl erden Nutzen stiftete, daß man anficng> die Natur der Seele besser und gründlicher zu studieren. Was die besondre, Leibnitzen und Wolffen eigene, dogmatische Methode des Philosophierens bc« trifft: so war dieselbe sehr fehlerhaft. Auch liegt darinn so Einleitung. s> vitl tauschendes, daß es wohl nothig ist, das ganze Verfahren zu suspendiren und statt dessen ein anderes --- die Methode des critischen Philosophierens, in Gang zu bringen, die darinn besteht, daS Verfahren der Vernunft selbst zu untersuchen, das ge- fammte menschliche Erkenntnißvermsgen zu zergliedern und zu prüfen: wie weit die Grenzen desselben wohl gehen mögen. In unserm Zeitalter ist? Naturphilosophie im blühendsten Zustande, und unter den Naturforschern giebt es große Namen» z.B. Newton. — Neuere Philosophen lassen sich jetzt, als ausgezeichnete und blei« bende Namen, eigentlich nicht nennen, weil hier Alles gleichsam im Flusse fortgeht. Was der. eine baut, reißt der andre nieder. In der Moralphiloso-vhie sind wir nicht weiter gekommen als die Alten. Was ab (Eigentlich ist das Bewußtseyn eine Vorstellung, daß eine andre Vorstellung in mir ist.) In jeder Erkenntniß muß unterschieden werden Materie, d, i. der Gegenstand, und Form, d. i. die Art, wie wir den Gegenstand erkennen. — Sieht z. B. ein Wilder ein Haus aus der Ferne, dessen Gebrauch er nicht kennt: so hat er zwar eben dasselbe Object, wie ein Anderer, der es bestimmt als eine für Menschen eingerichtete Wohnung^ kennt, in der Vor, stcllung vor sich. Aber der Form nach^ ist dieses Er, kenntniß Einleitung. 4! kenntniß Eines und desselben Objects in Beyden verschieden. Bey den, Einen ist es b lo ße An sch a u u n g, bey dem AndernA nschau u u g und Begr i ff zugleich. Die Verschiedenheit der Form des Erkenntnisses beruht auf einer Bedingung, die alles Erkennen begleitet auf dem Bewußtseyn. Bin ich mir der Vorstellung bewußt: so ist sie klar; bin ich mir der- selben nicht bewußt, dunkel. Da das Bewußtseyn die wesentliche Bedingung aller logischen Form der Erkenntnisse ist: so kann und darf sich die Logik auch nur mit klaren, nicht aber mit dunkcln Vorstellungen beschäftigen. Wir sehen in der Logik nicht: Wie Vorstellungen entspringen; sondern lediglich, wie dieselben mit der logischen Form übereinstimmen. — Ucberhaupt kann die Logik auch gar nicht von den bloßen"Vorstellungcn und deren Möglichkeit handeln. Das überläßt sie der Metaphysik. Sie selbst bcschäf. tigct sich bloß mit den Regeln des Denkens bey Vcgrif- fen, Urtheilen und Schlüssen, als wodurch alles Den. ken geschieht. Freylich geht etwas vorher, ehe eine Vorstellung Begriff wird. Das werden wir an seinem Orte auch anzeigen. Wir werden aber nicht untersuchen: Wie Vorstellungen entspringen? — Zwar han» dclt die Logik auch vom Erkennen, weil beym Erkennen schon Denken statt findet. Aber Vorstellung ist noch nicht Erkenntniß, sondern Erkenntniß setzt immer Vorstellung voraus. Und diese letztere läßt sich auch durchaus nicht erklären. Denn man müßte, was Vor« C 5 . stel. M'-'^ 'i . > 42 Einleitung. srellung sey? doch immer wiederum durch eine andre Vorstellung erklären. Alle klare Vorstellungen, auf die sich allein bis logischen Regeln anwenden lassen, können nun unter- schieden werden in Ansehung der Deutlichkeit und Un deut lichte it. Sind wir uns der ganzen Vorstellung bewußt, nicht aber des Mannigfaltigen, daS in ihr enthalten ist: so ist die Vorstellung undeutlich. — Zn Erläuterung der Sache zuerst ein Beyspiel in der Anschauung. Wir erblicken in der Ferne ein Landhaus. Sind Wir uns bewußt, daß der angeschaute Gegenstand ein Haus ist; so müssen wir nothwendig doch auch eine Vorstellung von den verschiedenen Theilen dieses Hau- ses deu Fenstern, Thüren u. s. w. — haben. Denn sähen wir die Theile nicht; so würden wir auch das Haus selbst nicht sehen. Aber wir sind uns dieser Vorstellung von dem Mannigfaltigen seiner Theile nicht bewußt usid unsre Vorstellung von dem gedachten Gegenstände selbst ist daher eine undeutliche Vorstellung. Wollen wir ferner ein Beyspiel von Undentlichkeit in Begriffen: so möge der Begriff der Schönheit dazu dienen. Ein jeder hat von der Schönheit einen klaren Begriff. Allein es kommen in diesem Begriffe verschiedene Merkmahle vor; unter andern, daß das Schone etwas seyn müsse, das i) in die Sinne fallt, und das s) allgemein gefallt. Können wir uns nun das Mannig. Einleitung. 45 uigfaltige dieser und andrer Merkmahle deS Schonen nicht auseinandersetzen: so ist unser Begriff davon doch immer noch undeutlich. Die undeutliche Vorstellung nennen WolffS Schüler eine verworrene. Allein dieser Ausdruck ist nicht passend, weil das Gegentheil von Verwirrung nicht Deutlichkeit, sondern Ordnung ist. Zwar ist Deutlichkeit eine Wirkung der Ordnung, und Undeut- lichkeit eine Wirkung der Verwirrung,- und es ist also jede verworrene Erkenntniß auch eine undeutliche. Aber dcrSatz gilt nicht umgekehrt; — nicht alle undeutliche Erkenntniß ist eine verworrene. Denn bey Erkenntnis, sen, in denen kein Mannigfaltiges vorhanden ist, findet keine Ordnung, aber auch keine Verwirrung statt. Diese Bewandtniß hat es mit allen einfachen Vorstellungen, die nie deutlich werden; nicht, weil in ihnen Verwirrung, sondern weil in ihnen kein Mannigfaltiges anzutreffen ist. Man muß sie daher undeutlich, aber nicht verworren nennen. Und auch selbst bey den zusammengesetzten Vor- stcllungen, in denen sich ein Mannigfaltiges von Merk» mahlen unterscheiden laßt, rührt die Undeutlichkcit oft nicht her von Verwirrung, sondern von Schwache des Bewußtseyns. Es kann nemlich etwas deutlich seyn der Fo rm nach ; d. h. ich kann mir des Mannigfaltigen in der Vorstellung bewußt seyn; aber der Materie nach kann die Deutlichkeit abnehmen, wenn der ^ ^.- ^ ^^vX^V ^> '/ l ^ " 44 Einleitung. der Grad des Bewußtseyns kleiner wird, obgleich alle Ordnung da ist. Dieses ist der Fall mit abstracten Vorstellungen. Die Deutlichkeit selbst kann eine zwiefache seyn: Erstlich, eine sinnliche. Diese bestehet in dem Bewußtseyn des Mannigfaltigen in der Anschauung. Ich sehe z. B. die Milchstraße als einen weißlichten Streifen; die Lichtstrahlen von den einzelnen in demselben befindlichen Sternen müssen nothwendig in mein Auge gekommen seyn. Aber die Vorstellung davon war nur klar und wird durch das Teleskop erst deutlich, weil ich jetzt die einzelnen in jenem Milchstreifen enthaltenen Sterne erblicke. Zwcytens eine intellectuelle — Deutlichkeit in Begriffen oder Ver stände soeu?» lichkeit. Diese beruht auf der Zergliederung des Begriffs in Ansehung des Mannigfaltigen, das in ihm enthalten liegt. — So find z. B- in dem Begriffe der Tugend als Merkmahle enthalten i) der Begriff der Freyheit, 2) der Begriff der Anhänglichkeit an Regeln (der Pflicht), z) der Begriff von Ueberwältigung der Macht der Neigungen, wofern sie jenen Regeln wider« streikn. Losen wir nun so den Begriff der Tugend in seine einzelnen Bestandtheile auf; so machen wir ihn eben durch diese Analyse uns deutlich. Durch diese Deutlichmachung selbst aber setzen wir zu einem Begriffe nichts hinzu;' wir erklären ihn nur. Es werden , daher Ein lest» ng. daher bey der Deutlichkeit die Begriffe nicht dir Materie, sondern nur der Form nach verbessert. Reflectiren wir auf unsre Erkenntnisse in Ansehung der beyden wesentlich verschiedenen Grundvermögen der Sinnlichkeit u.nd des Verstandes, woraus sie entspringen : so treffen wir hier auf den Unterschied zwischen Anschauungen und Begriffen. Alle unsre Erkenntnisse nemlichsind, in dieser Rücksicht betrachtet, entweder Anschauungen oder Begriffe. Die erstern haben ihre Quelle in der Sinnlichkeit — dem Vermögen der Anschauungen; die letztem, im Verstände — dem Vermögen der Begriffe. Dieses ist der logifchs Unterschied zwischen Verstand und Sinnlichkeit, nach welchem diese nichts als Anschauungen, jener hingegen nichts als Begriffe liefert. — Beyde Grundvermögen lassen sich freylich auch noch von einer andern Seite betrachten und auf eine andre Art definiren; nemlich, die Sinnlichkeit als ein Vermögen der Recept ivi tat, der Verstand als ein Vermögen der Spontaneität. Allein diese Erklckrungsart ist nicht logisch, sondern metaphysisch. Man pflegt die Sinnlichkeit auch das niedere, den Verstand da« gegen das obere Vermögen zu nennen,' aus dem Grunde, weil die Sinnlichkeit den bloßen Stoff zum Denken giebt, der Verstand aber über diesen Stoff dis« ponirt und denselben unter Regeln »der Begriffe bringt. Auf 46 Einleitung. Aüf den hier angegebenen Unterschied zwischen intuitiven und discursivcn Erkenntnissen, oder zwischen Anschauungen und Begriffen gründet sich die Verschiedenheit der ästhetischen und der logischcn Vollkommenheit des Erkenntnisses. Ein Erkenntniß kann vollkommen seyn, entweder nach Gesetzen der Sinnlichkeit, oder nach Gesetzen des Verstandes; im ersternFalle ist es ästhetisch, im andern logisch vollkommen. Beyde, die ästhetische und die logische Vollkommenheit, sind also von verschiedener Art.- — die erstere bezieht sich auf die Sinnlichkeit, die letztere, auf den Verstand. — Die logische Vollkommenheit des Erkenntnisses beruht auf seiner Uebereinstimmung mit dem Objecte; also auf allgemeingültige» Gesetzen, und lasst sich mithin auch nach Normen » priori beurtheilen. Die ästhetische Voll- kommenheit besteht in der Uebereinstimmung des Erkenntnisses mit dem Subjecte, und gründet sich auf die besondre Sinnlichkeit des Menschen. Es finden daher -. bey der ästhetischen Vollkommenheit keine objectiv. und allgemeingültigen Gesetze statt, in Beziehung auf welche sie sich » xriori auf eine für alle denkende Wesen überhaupt allgemeingeltende Weise beurtheilen ließe. So fern es indessen auch allgemeine Gesetze der Sinnlichkeit giebt, die, obgleich nicht objectiv und für alle denkende Wesen überhaupt, doch subjectiv für die ge» fammte Menschheit Gültigkeit haben: läßt sich auch eine ästhetische Vollkommenheit denken, die den Grund eines sub. Einleitung. 47- subjecti» «.allgemeinen Wohlgefallens enthalt. Dieses ist die Schönheir — das, was den Sinnen in der Anschauung gefällt und eben darum der Gegenstand eines allgemeinen Wohlgefallens seyn kann, weil die Gesetze der Anschauung, allgemeine Gesetze der Sinn» lichkeit sind. Durch diese Uebereinstimmung mit den allgemei- nen Gesetzen der Sinnlichkeit unterscheidet sich der Art nach das eigentliche, selbst ständi.ge Schöne, dessen Wesen in der bloßen Form besieht, von dem Angenehmen, das lediglich in der Empfindung durch Reiz oder Ruhruilg gefallt/ und um deswillen auch nur der Grund eines bloßen Privat- Wohlgefallens seyn kann. Diese wesentliche ästhetische Vollkommenheit ist eS auch, welche/unter allen mit der logischen Vollkom- menheit sich verträgt, und am besten mit ihr verbinden läßt. Von dieser S«ite betrachtet kann also die ästhetische Vollkommenheit in Ansehung jenes wesentlich Schonen der logischen Vollkommenheit vortheilhast seyn. In einer andern Rücksicht ist sie ihr aber auch nachtheilig, so fern wir bey der ästhetischen Vollkommenheit nur auf das außerwesentlich Schöne sehen das Reizendc.oder Rührende, was den Sinnen in der bloßen Empfindung gefällt und nicht auf die bloße Form, sondern die Materie derKinnlichkeit sich bezieht. Denn 5 4Z Einleitung. Denn Reiz und Rührung können die logische Vollkommenheit in unsern Erkenntnissen und Urtheilen am meisten verderben. Ucbcrhaupt bleibt wohl freylich zwischen der asthe. tischen und der logischen Vollkommenheit unsers Erkenntnisses immer eine Art von Widerstreit, der nicht völlig gehoben werden kann. Der Verstand will belehrt, die Sinnlichkeit belebt seyn; der erste begehrt Einstellt, die zweyte, Faßlichkeit. Sollen Erkennruisse unterrichten: so müssen sie in so ferne gründlich seyn; sollen sie zugleich unterhalten, so müssen fie auch schon seyn. Ist ein Vortrag schon, aber seicht, so kann er nur der Sinnlichkeit, aber nicht dem Verstände; ist cc umgekehrt grünblich, aber trocken — nur dem Verstände, aber nicht auch der Sinnlichkeit gefallen. Da es indessen das Bedürfniß der menschlichen Natur und der Zweck der Popularität des Erkenntnis- ses erfordert, daß wir beyde Vollkommenheiten mit einander zu vereinigen suchen: so müssen wir es uns auch angelegen seyn lassen, denjenigen Erkenntnissen, die überhaupt einer ästhetischen Vollkommenheit fähig find, dieselbe zu verschaffen und eine schulgcrechte, lo» gisch vollkommene Erkenntniß durch die ästhetische Form populär zu machen. Bey diesem Bestreben, die ästhe« tische mit der logischen Vollkommenheit in unsern Er« kenntnissen zu verbinden, müssen wir aber folgende Re« geln nicht aus der Acht lassen; nemlich t) daß die logische Einleitung. 49 logische Vollkommenheit die Basis aller uw-a.cn Voll, komimnheiten sey und daher keiner andern gänzlich nachstehen oder aufgeopfert werden dürfe; s) daß man hauptsächlich auf die formale ästhetische Vollkommenheit sehe — die Uebereinstimmung einer Erkenntniß mit den Gesetzen der Anschauung — weil gerade hierinn das wesentlich Schone besteht, das mit der logischen Vollkommenheit sich am besten vereinigen läßt; z) daß man nutRcitz und Rührung, wo- durch ein Erkenntniß auf die Empfindung wirkt und für dieselbe ein Interesse erhalt, sehr behutsam seyn müsse, w '-'l hierdurch so leicht die Aufmerksamkeit vom Object auf das Subject kann gezogen werden, woraus denn augenscheinlich ein sehr nachtheiliger Einfluß auf die logische Vollkommenheit des Erkenntnisses entstehen muß. ^^./^e ,,-!, ^ Um die wesentlichen Verschiedenheiten, die zwi« sthen der logischen und der ästhetischen Vollkommenheit des Erkenntnisses statt finden, nicht bloß im Allgemei- nen, sondern von mehreren besondern Seiten noch kenntlicher zu machen, wollen wir sie beyde unter einander vergleichen in Rücksicht auf die vier Hauptmomente der Quantität, der Qualität, der Relation und der Mo- dalitat, worauf es bey Beurtheilung der Vollkommen, heit des Erkenntnisses ankommt. Ein Erkenntniß ist vollkommen i) der Quantität nach, wenn eS allgemein ist; 2) der Qualität nach, D wenn 50 Einleitung. wenn e6 deutlich ist; z) der Relation nach, wenn es wahr ist, und endlich 4) der Modalitat nach, wenn es gewiß ist. Ans diesen angegebenen Gesichtspunkten betrach» tct, wird also ein Erkenntniß logisch vollkommen seyn der Quantität nach: wenn es objective Allgemeinheit (Allgemeinheit des Begriffs oder der Regel) der Qualität nach t wenn es objective Deutlichkeit (Deutlichkeit im Begriffe) der Relation "nach: wenn es objective Wahrheit — nnd endlich der Modalität nach: wenn es objective Gewißheit hat. Diesen logischen Vollkommenheiten entsprechen nun folgende ästhetische Vollkommenheiten in Beziehung auf jene Vier Hauptmomente; ncnilich 1) die ästhetische Allgemeinheit. Diese besteht in der Anwendbarkeit einer Erkenntniß auf eine Menge von Objecten, die zu Beyspielen dienen, an denen sich die Anwendung' von ihr machen läßt, und wodurch sie zugleich für den Zweck der Popularität brauchbar wird; 5.?i«V«75MÄi'j I, , ^ , , 1 V -^''! 2) die ästhetische Deutlichkeit. — Die- scs ist die Deutlichkeit in der Anschauung, worinn durch Beyspiele ein abstract gedachter Begriff in concreco dargestellt oder erläutert wird; z) die ästhetische Wahrheit. -» Eine bloß subjective Wahrheit, die nur in der Ueberein» ftimmuns des Erkenntnisses mit dem Subject und den Gesetzen Einleitu»: g. Gesetzen des Sinnen - Scheines besteht und folglich nichts weiter als ein allgemeiner Schein ist,' 4) die ästhetische Gewißheit. — Diese beruhet auf dem, was dem Zeugnisse der Sinne zu folge nothwendig ist, d. i. was durch Empfindung und Erfahrung bestätiget wird. Bey den so eben genannten Vollkommenheiten kommen immer zwey Stücke vor, die in ihrer harmoni' fchen Vereinigung die Vollkommenheit überhaupt ausmachen, nemiich: Mannigfaltigkeit und Einheit. Beym Verstände liegt die Einheit im Begriffe, bett den Sinnen in der Anschaunng. . Bloße Mannigfaltigkeit ohne Einheit kann uns Nicht befriedigen. Und daher ist unter allen die Wahrheit die Hauptvollkömmcnhcit, weil sie dcr Oruno der? Einheit ist, durch die Beziehung unsers Erkenntnisses auf das Object. Auch selbst bey der ästhetischen Vollkommenheit bleibt die Wahrheit immer die conMv iins yua non, die vornehmste negative Bedingung, ohne welche etwas nicht allgemein dem Geschmacke gefallet» kann. Es darf daher niemand hoffen, in schone,» Wissenschaften fortzukommen, wenn er nicht logische Vollkommenheit in seinem Erkenntnisse zum Grunde gelegt hat. In der größten möglichen Vereinbarung dee logischen mit der ästhetischen Vollkommenheit überhaupt B 2 in 52 Einleitung. in Rücksicht auf solche Kenntnisse, die beydes, zugleich unterrichten und unterhalten sollen, zeigt sich auch wirk» lich der Charactcr und die Kunst des Genie'S. VI. Besondre logische Vollkommenheiten des Erkenntnisses. — ^) Logische Vollkommenheit des Erkenntnisses der Quantität nach. — Größe. — Extensive und intensive Größe. — Weitläufigkeit und Gründlichkeit oder Wichtigkeit und Fruchtbarkeit deö Erkenntnisses. Bestimmung des Horizonts unsrer Erkennmisse. Die Größe der Erkenntniß kann in einem zwiefachen Verstände genommen werden, entweder als extensive oder als intensive Größe. Die erstere bezieht sich auf den Umfang der Erkenntniß und besteht also in der Menge und Mannigfaltigkeit derselben; die letz- tere bezieht sich auf ihren Gehalt, welcher dieVic l- gültigkeit oder die logische Wichtigkeit und Fruchtbarkeit einer Erkenntniß betrifft, so fern sie als Grund von vielen und großen Folgen betrachtet wird (non Mulc» leä mulmm). Bey Erweiterung «nsrer Erkenntnisse oder bey Vervollkommnung derselben ihrer extensiven Große nach, ist Einleitung. 5Z ist es gut, sich einen Ucberschlag zn machen, in wie weit ei» Erkenntniß mit unsern Zwecken und Fähigkeiten zusammenstimme. Diese Ueberlegung betrifft die Bestimmung des Horizonts unsrer Erkenntnisse, unter welchem die -Angemessenheit der Große der gesammten Erkenntnisse mit den Fähigkeiten und Zwecken des Subjects zu ver« stehen ist. Der Horizont laßt sich bestimmen 1) logisch, nach dem Vermögen oder den Erkennt» nißkraften in Beziehung auf das Interesse des Verstandes. Hier haben wir zu beurtheilen: wieweit wir in unsern Erkenntnissen kommen können, wie weit wir darinn gehen müssen und in wie fern gewisse Erkennt« nisse in logischer Absicht als Mitte! zu diesen oder jenen Haupterkenntnissen, als unsern Zwecken, dienen; 2) ästhetisch, nach Geschmack in Be- zichung auf das Interesse des Gefühls. — Der sei« nen Horizont ästhetisch bestimmt, sucht die Wissenschaft nach dem Geschmacke des Publikums einzurichten, d. h. sie populär zu machen, oder überhaupt nur solche Erkenntnisse sich zu erwerben, die sich allgemein mit- . theilen lassen und an denen auch die Klasse der Nichtgelehrten Gefallen und Interesse findet; z) practisch, nach dem Nutzen in Beziehung «nf das Int e.r esse des Willens. Der practische Horizont, so fern er bcsiinunt wird nach dem Einflüsse, D z den 54 Einleitung. den ein Erkenntniß auf unsre Sittlichkeit hat, ist v r ag» Matisch und von der größten Wichtigkeit. Der Horizont betrifft also die Beurtheilung und Bestimmung dessen, was der Mensch wissen kann, was «r wissen darf, und was er wissen soll. Was nun insbesondre den theoretisch oder logisch bestimmten Horizont betrifft — und von diesem kann hier Mein die Rede seyn — so können wir denselben entweder aus dem objectiven oder aus dem subjecti« ven Gesichtspunkte betrachten. In Ansehung derObjccte ist der Horizont ent« weder historisch oder rational. Der erstere ist viel weiter als der andre, ja er ist unermeßlich groß, denn unsre historische Erkenntniß hat keine Gränzen. Der rationale Horizont dagegen läßt sich fixircn, es läßt sich z. B. bestimmen, auf welche Art von Objecten das inathematische Erkenntniß nicht ausgedehnt werden könne. So auch in Absicht auf das philosophische Wernunfterkenntniß, wie weit hier die Vernunft s xriori ohne alle Erfahrung wohl gehen könne? . In Beziehung aufs Subject ist der Horizont entweder der allgemeine und absolute, oder ein besondrer und bedingter (Privat-Horizont). Unter dem absoluten und allgemeinen Horizont ist die Congruenz der Gränzen der menschlichen Erkenntnisse mit Einleitung. 55 mit den Gränzen der gesammten menschlichen Vollkommenheit überhaupt zu verstehen. Und hier ist also die Frage: Was kann der Mensch als Mensch überhaupt wissen? Die Bestimmung des Privat - Horizonts hangt ab von mancherley empirischen Bedingungen und speciellen Rücksichten, z, B. des Alters, des Geschlechts, Stau« des, der Lebensart u. dgl. m. Jede besondre Klasse von Menschen hat also in Beziehung auf ihre speciellen Erkenntnißkräfte, Zwecke und Standpunkte, ihren besondern,- — jeder Kopf nach Maaßgabe der Individualität seiner Kräfte und seines Standpunktes, seinen eigenen Horizont. Endlich können wir uns auch noch einen Horizont der gesunden Vernunft und einen Horizont der Wi ssenschaft denken, welcher letztere noch Principien bedarf, um nach denselben zu bestimmen : was wir wissen und nicht wissci; können. Was wir nicht wissen können, ist ü b e r unser« Horizont; was wir nicht wissen d ürfcn oder nicht zu wissen brauchen, ausser unserm Horizonte. Dieses letztere kann jedoch nur relativ gelten in Beziehung auf diese oder jene besondre Privatzwecke, zu-deren Erreichung gewisse Erkenntnisse nicht nur nichts beytragen , sondern ihr sogar hinderlich seyn konnten. Denn schlechthin und in aller Absicht unnütz und unbrauchbar ist doch kein Erkenntniß, ob wir gleich seinen Nuz- zcn nicht immer einsehe» können. ES ist daher ein D 4 eben 56 Einleitung. eben so »«weiser als ungerechter Vorwurf, der großen Mannern, welche mit mühsamen Fleiße die Wissenschaften bearbeiten, von schalen Kopsen gemacht wird, wenn diese hierbei) fragen: wozuistdas nütze?-— Diese Zrage muß man, indem man sich mit Wissenschaften beschäftigen will, gar nicht einmal auswerfen. Gesetzt, eine Wissenschaft könnte nur über irgend ei? mögliches Object Aufschlüsse geben, so wäre sie um deswillen schon nützlich genug. Jede logisch vollkommene Erkenntniß hat immer irgend einen möglichen Nutzen, der, obgleich uns bis jetzt unbekannt, doch vielleicht von der Nachkommenschaft wird gefunden werden. — Hätte man bey Cultur der Wissenschaften immer nur auf den materiellen Gewinn, den Nutzen derselben gesehen, so würden wir keine Arithmetik und Geometrie haben. Unser Verstand ist auch überdies so eingerichtet, daß er in der bloßen Einsicht Bcfrie« digung findet und mehr noch als in dem Nutzen, der daraus entspringt. Dieses merkte schon Plato an. Der Mensch fühlt seine eigene Vvrtrcfflichkcit dabey,' er empfindet, was es heiße, Verstand haben. Menschen, die das nicht empfinden, müssen die Thiere beneiden. Der innere Werth, den Erkenntnisse durch logifche Vollkommenheit haben, ist mit ihrem äußern — dem Werthe in der Anwendung nicht zu vergleichen. Wie das, was außer unserm Horizonte liegt, fo fttn wir es nach unsern Absichten", als entbehrlich für Einleitung. 57 für uns, nicht wissen dürfen; so ist such das, was unter unserm Horizont liegt, so fern wir es, als schädlich für uns, nicht wissen sollen, nur in einem relativen, keinesweges aber im absoluten Sinne zu vorstehen. In Absicht auf die Erweiterung und Demarkation unserer Erkenntniß sind folgende Regeln zu empfehlen : Man muß sich seinen Horizont l) jwar frühzeitig bestimmen, aber freylich doch erst alsdann, wenn man ihn sich selbst bestimmen kann, welches gewohnlich vor dem sorenJahre nicht statt findet^ s) ihn nicht leicht und oft verändern; (nicht von einem auf das andre fallen) z) den Horizont Anderer nicht nach dem seinigen messen, und nicht das für unnütz halten, was uns zu Nichts nützt: Es würde verwegen seyn, den Horizont Anderer bestimmen zu wollen, weil man theils ihre Fähigkeiten, theils ihre Absichten nicht genug kennt; 4) ihn weder zu sehr ausdehnen, noch zu sehr einschränken. Denn der zu viel wissen will, weiß am Ende nichts, und der umgekehrt von einigen Dingen glaubt, daß sie ihn nichts angehen, betrügt sich D 5 oft; 5S Einleitung. oft; wie wenn z. B. der Philosoph von der Geschichte glaubte, daß sie ihm entbehrlich sey; Auch suche matt 5) den absoluten Horizont des ganzen menschlichen Geschlechts (der vergangenen und künftigen Zeit nach) zum voraus zu bestimmen, so w>e insbesondre auch '6) die Stelle zu bestimmen / die unsre Wissenschaft im Horizonte der gesammtcn Erkenntniß einnimmt. Dazu dient die Universql-Encyklopädie als eine Universqlcharte (K4spxe - monäs) der Wissenschaften; 7) Vcy Bestimmung seines besondern Horizonts selbst prüft man sorgfältig: zu welchem Theile des Erkenntnisses man die größte Fähigkeit und Wohlgefallen habe; — was in Ansehung gewisser Pflichten mehr oder weniger nothig sey; — was mit den nothwendigen Pflichten nicht zusammen bestehe» könne; und endlich 8) suche man feinen Horizont immer doch mehr zn erweitern als zu verengen. Cs ist überhaupt von der Erweiterung des Erkenntnisses das nicht zu besorgen, was cl' ^.lemdeir von ihr besorgt, Denn uns drückt nicht die Last, .sondern uns verengt das Volumen des Raums für unsre Erkenntnisse, Critik der Vernunft, der Geschichte und historischen Schriften; — ein allgemeiner Geist, der auf das menschliche Erkenntniß eu zros und nicht blos im Einleitung. 59 im 6et-ü1 geht, werden immer den Umfang kleiner machen, ohne im Inhalte etwas zu vermindern. Blos die Schlacke fällt vom Metalle weg oder das unedlere Vehikel, die Hülle/ welche bis so lange nothig war. Mit der Erweiterung der Naturgeschichte, der Mathematik u. s. w. werden neue Methoden erfunden werden, die das Alte verkürzen und die Menge der Bücher entbehrlich machen. Auf Erfindung solcher neuen Methoden und Principien wird es beruhen, daß wir, ohne das Gedächtnis; zu belästigen, alles mit Hülfe derselben nach Belieben selbst finden können. Daher macht sich der um die Geschichte wie ein Genie verdient, welche? sie unter Ideen faßt, die immer bleiben können. Der logischen Vollkommenheit des Erkenntnisses iu Ansehung seines Umfanges steht die Unwissenheit entgegen. Eine negative Unvollkommenheit oder Unvollkommcnheit des Mangels, die wegen der Schranken des Verstandes von unserm Erkerintniss? unzertrennlich bleibt., Wir können die Unwissenheit aus einem objectiven und aus einem subjectiven Gesichtspunkte betrachten. i) Objectiv genommen, ist die Unwissenheit entweder eine materiHlc oder eine formale. Die erstere besteht in einemMangel an historischen, die andere, iu einem Mangel an rationalen Erkenntnissen. Mau - »miß 6» Einleitung. muß in keinem Fache ganz ignorant seyn, aber wohl kann man das historische Wissen einschränken, um sich desto mehr auf das rationale zu legen, oder umgekehrt. s) In subjektiver Bedeutung ist die Unwist fenhcit entweder eine gelehrte, scicntifische oder eine gemeine. — Der die Schranken der Erkcnut- niß, also das Feld der Unwissenheit, von wo es anhebt, deutlich einsieht — der Philosoph z.B. der es einsieht und beweiset, wie wenig man ans Mangel an den dazu erforderlichen Datis in Ansehung dcrStructur des Goldes wissen könne, ist kunstmaßig oder auf eine gelehrte Art unwissend. Der hingegen unwissend ist, ohne die Gründe von den Gränzen der Unwissenheit ei»zufthcn und sich darum zu bekümmern, ist es auf eine gemeine, nicht wissenschaftliche Weise. Ein solcher weiß nicht einmal, daß er nichts wisse. Demi man kann sich seine Unwissenheit niemals anders vorstellen als durch die Wissenschaft, so wie ein Blinder sich die Finsterniß nicht vorstellen kann, als bis er sehend geworden. Die Kenntniß feiner Unwissenheit setzt also Wis. senschaft voraus, und macht zugleich bescheiden, dage- gen das eingebildete Wissen aufbläht. So war So. erates Nichtwissen eine rühmliche Unwissenheit/ eigent. lich ein Wissen des Nichtwissens nach seinem eigenen Geständnisse. — Diejenigen also, die sehr viele Kenntnisse besitzen und bey alle dem doch über die Menge dessen, Einleitung. 6l dessen, was sie nicht wissen, erstaunen, kann der Vor« wurfd/er Unwissenheit eben nicht treffen. Un tadelhaft (inculxslzilis) ist überhaupt die Unwissenheit in Dingen, deren Erkenntniß über unsern Horizont geht; und erlaubt (wiewohl auch nur im relativen Sinne) kann sie seyn in Ansehung des spekulativen Gebrauchs unserer Erkenntnißvcrmögen, so fern die Gegenstände hier, obgleich nicht über, aber doch außer unserm Horizonte liegen. Schändlich aber ist sie in Dingen, die zu wissen uns sehr nöthig und auch leicht ist. Cs ist ein Unterschied, etwas nichtwissen und etwas ignoriren, d. i. keine Notiz wovon nehmen. Es ist gut, viel zu ignoriren, was uns nicht gut ist zu wissen. Von beydem ist noch unterschieden dasAbstrahir e n. Man abstrahirt aber von einer Erkenntniß, wenn man die Anwendung derselben ignorirt, wodurch mau sie »bttracro bekommt und im Allgemeinen als Princip sodann besser betrachten kann. Ein solches Abstrahieren von dem, was bey Erkenntniß einer Sache zu unserer Absicht nicht gehört, ist Nützlich und lobenswerth. Historisch unwissend sind gemeiniglich Vernunftlehrer. Das historische Wissen ohne bestimmte Gränzen ist Polyhistoriei diese blähet auf. Polymarhie geht auf das Vernunfterkenntniß. Beydes, das ohne te. 6s Einleitung. bestimmte Granjen ausgedehnte historische so wohl als rationale Wissen kann Pansophie heißen. — Zum historischen Wissen gehört die Wissenschaft von den Werkzeugen der Gelehrsamkeit — die Philologie» die eine critische Kenntniß der Bücher und Sprachen (Litteratur und Linguistik) in sich faßt. ^/''!-^Ä^-K^?k^^°!?U'>?M H , -'-'UtzjH Die bloße PolyHistorie ist eine cyklopische Gelehrsamkeit,, der ein Auge fehlt — das Auge der Phi- losophiei und ein Cyklop von Mathematiker, Historiker, Natnrbeschreibcr, Philolog und Sprachkundiger, ist ein Gelehrter, der groß in allen diesen Stücke» ist, aber alle Philosophie darüber für entbehrlich hält. Einen Theil der Philologie machen die i-lum^im-z üus> worunter man die Kenntniß der Alten versteht, welche die Vereinigung der W isscn schaft mit Geschmack befördert, die Rauhigkeit abschleift und dieCommunicabilitat und Urbanität, worinn Humanität besteht, befördert. Die ttum-mior» betreffen also eine Unterweisung in dem, was zur Cultur des Geschmacks dient den Mustern der Alten gemäß. Dahin gehört z. B. Ve- rcdtsamkeit, Poesie, Belesenheit in den classischen Autoren u. dgl. m. Alle diese humanistischen Kenntnisse kann man zum practischcn, auf die Bildung des Geschmacks zunächst abdeckenden, Theile der Philologie rechnen. Trennen wir aber den bloßen Philologen noch vom Humanisten; so würden sich beyde darinn von einander Einleitn ng. 6z ander unterscheiden, daß jener die Werkzeuge der Gelehrsamkeit bey den Alten suchte dieser hingegen die Weckzeuge der Bildung des Geschmacks.- Der Belle ttrist oder bell'e?x>''ir ist ein Humanist Nach gleichzeitigen Musiern in lebenden Sprachen. Er tst also kein Gelehrter —^ denn nur todte S prachen sind jetzt gelehrte Sprachen — sondern ein bloßer- Dilcltantc der Ecschmackskenittnifse nach dcrMode, ohne d Einleitung. 7l m'ge Bedingung betrifft, ohne welche ein Erkenntniß gar lein Erkenntniß überhaupt seyn würde, wohl un- terschcitttn. — Mit Rücksicht auf dich» Unterschied zwischen der objectiven, materialcn und der subjectiven, formalen Beziehung in unserm Erkenntnisse, zerfallt daher die obige Frage in die zwey besondern: 1) Giebt es ein allgemeines materiales, und 2) Giebt es ein allgemeines formales Criterium der Wahrheit? Ein allgemeines materiales Criterium der Wahrheit ist nicht möglich; — es ist sogar in sich selbst wi- Versprechend. Denn als ein allgemeines für alls Objecte überhaupt gültiges, müßte es von allem Unterschiede derselben völlig abstrahiren und doch auch zugleich als ein materiales Criterium eben auf diesen Unterschied gehen, um bestimmen zu können, ob ein Erkenntniß gerade mit demjenigen Objecte, worauf eS bezogen wird, und nicht mit irgend einem Object überhaupt — womit eigentlich gar nichts gesagt wäre — übereinstimme. In dieser Uebereinstimmung einer Erkenntniß mit demjenigen bestimmten Objecte, worauf sie bezogen wird, muß aber die materiale Wahrheit bestehen. Denn ein Erkenntniß, welches in Ansehung Eines Objectes wahr ist, kann in Beziehung auf andre Objecte falsch seyn. Es ist daher ungereimt, ein all- E 4 ge- 72 Einleitung. gemeines materialcs Criterium der Wahrheit zu fordern , d5nne. Denn die formale Wahrheit besieht lediglich in der Zusammenstimmung der Erkenntniß mit sich selbst bey gänzlicher Abstraktion von allen Objecten insgesammt und von allem Unterschiede derselben. Und die allgemeinen formalen Criterien der Wahrheit sind demnach nichts anders als allgemeine logische Merkmale der Uebereinstimmung der Erkenntniß mit sich selbst oder —^ welches einerley ist — mit den allgemeinen Ee- setzendes Verstandes und der Vernunft. Diese formalen, allgemeinen Criterien sind zwar freylich zur objectiven Wahrheit nicht hinreichend, aber fix sind doch als die conäüio jine c^ua non derselben anzusehen.' Denn vor der Frage; ob die Erkenntniß mit dem Object zusammenstimme, muß die Frage vorhergehen, ob sie mit sich selbst (der Form nach) zusammenstimme? Und dieß ist Sache der Logik. Die formalen Criterien der Wahrheit in der Logik sind - , - ' ,) der Satz des Widerspruchs, -) / Einleitung. 7Z 2) der Satz des zureichenden Grundes. Durch den erstem ist die logische Möglich, keit, durch den letztern die logischc Wirklichkeit eines Erkenntnisses bestimmt. Zur logischen Wahrheit eines Erkenntnisses geHort nemlich Erstlich: daß es logisch möglich sey, d. h. sich nicht widersvreche. Dieses Kennzeichen der i n- netlichen logischen Wahrheit ist aber nur negativ; denn ein Erkenntniß, welches sich widerspricht, ist zwar falsch; wenn es sich aber nicht widerspricht, nicht allemal wahr. — Zweytens, daß es logisch gegründet sey, d. h. daß es ») Gründe habe und d) nicht falsche Folgen habe. — Dieses zweyte, den logischen Zusammenhang eines Erkenntnisses mit Gründen und Folgen betreffende Cri« terium der äußerlichen logischen Wahrheit oder der Rationabilität des Erkenntnisses ist positiv. Und hier gelten folgende Regeln: , 5." - ^' ' ^" ' ' -> >/'-' ,) Aus der Wahrheit der F 0 lge laßt sich auf die Wahrheitdes Erkenntnisses alsGrundes schließen, aber nur negativ: wenn Eine falsche Folge aus einer Erkenntniß fließt, so ist die Erkenntniß selbst falsch. Denn wenn der Grund wahr wäre, E 5 s» 54 Einleitung. so müßte die Folge auch wahr seyn, weil die Folge durch den Grund bestimmt wir'v. — Man kann aber nicht umgekehrt schließen: wenn keine falsche Folge aus einem Erkenntnisse fließt, so ist es wahr; denn man kann auS einem falschen Grunde wahre Folgen ziehen. s) Wenn alle Folgen eines Erkenntnisses wahr sind: so ist das Erkenntniß auch wahr. Denn Ware nur etwas Falsches im Er- kenntnisse, so müßte auch eine falsche Folge statt find>en. Aus dcrFolge laßt sich also zwar auf einen Grund schließen > aber ohne diesen Grund bestimmen zu können- Nur aus dem Inbegriffe aller Folgen allein kann man aufeincn bestimmtenGrund schließen, daß dieser der wahre sey. Die erstere Schlußart, nach welcher die Folge «ur ein negativ und indirekt zureichendes Crite» rium der Wahrheit eines Erkenntnisses seyn kann, heißt in der Logik die apogogische (mo^us rollens). Dieses Verfahren, wovon in der Geometrie hau» fig Gebrauch gemacht wird, hat den Vortheil, daß ich aus einem Erkenntnisse nur Eine falsche Folge herleite» darf, um seine Falschheit zu beweisen. Um z. B. dar« Mhun, daß die Erde nicht platt sey, darf ich, ohne positive und direkte Gründe vorzubringen, apogogifch und ! ' V- . ' > ^ ' , - " ' >< ^ ' ^ .'..^ . ^ Einleitung. 75 und indirekt nur so schließen: Ware die Crde platt, so müßte der Polarstern immer gleich hoch seyn,- nun ist dieses aber nicht der Fall, folglich ist sie nicht platt. Bey der andern, der positiven uud d i recren Schlußart (mc,än8 xonenz) tritt die Schwierigkeit ein, daß sich die Allheit der Folgen nicht apodiktisch erkennen läßt, und daß man daher durch die gedachte Schlußart nur zu einer wahrscheinlichen und hypothetisch« wahren Erkenntniß (Hypothesen) geführt wird,'nach - der Voraussetzung: daß da, wo viele Folgen wahr find, die übrigen alle auch wahr seyn mögen. — Wir werden also hier drey Grundsatze, als allgemeine bloß formale oder logische Criterien der Wahrheit aufstellen können; diese sind z) der Satz dcsWiderspruchsund derIden- tität (xrincipiuni contrscÜLlioniz UNd iäeiuirslis), durch welchen die innere Möglichkeit eines Erkenntnisses für problematische Urtheile bestimmt ist; 2) der Satz des zureichenden Grundes (viinci^iüm imioniz kukkcientis) ^ auf welchem die (logische) Wirklichkeit einerErkenntniß beruht — daß sie gegründet sey, als Stoss zu assertorischen Urtheilen; z) der Satz des ausschließenden dritten (xi'incixinm exclnli ineäii inrsr äuo contt'säictvris), wo» 76 Einleitn ng. worauf sich die (logische) Nothwendigkeit eines Er» kenntnisses gründet; — daß nothwendig so und nicht anders geurthcilt werden müsse, d. i. daß das Gegentheil falsch sey — für apodiktische Urtheile. Das Gegentheil von der Wahrheit ist die Falsch, heit, welche, so fern sie für Wahrheit gehalten wird, Irrthum heißt. Ein irriges Urtheil -— denn Irrthum sowohl als Wahrheit ist nur im Urtheile — ist also ein solches, welches den Schein der Wahrheit mit der Wahrheit selbst verwechselt. Wie Wahrheit möglich sey; — das ist leicht einzusehen, da hier der Verstand nach feinen wesentlichen Gesetzen handelt. Wie aber Irrthum in formaler Bedeutung des Worts, d. h. wie die verstan- dcswidrige Form des Denkens möglich sey: das ist schwer zu begreifen, so wie es überhaupt nicht zu begreifen ist, wie irgend eine Kraft von ihren eigenen wesentlichen Gesetzen abweichen solle. — Im Verstände selbst und dessen wesentlichen Gesetzen können wir also den Grund der Irrthümer nicht suchen, so we- nig als in den Schranken des Verstandes, in denen zwar die Ursache der Unwissenheit, keineswe, ges Einleitung. 77 ges aber des Irrthumes liegt. Hätten wir nun keine andre Crkenntnißtraft als den Verstand: so würden wir nie irren. Allein es liegt, außer dem Verstände, noch eine andre unentbehrliche Crkenittnißquelle in uns. Das ist die Sinnlichkeit, hie uns den Stoff zum Denken giebt und dabey nach andern Gesetzen wirkt, als der Verstand. — Aus der Sinnlichkeit an und für sich selbst betrachtet, kann aber der Irrthum auch nicht entspringen, weil die Sinne gar nicht urtheilen. Der Entstehungsgrund alles Irrthums wird da« her einzig und allein in dem unvermerkten Einflüsse der Sinnlichkeit auf den Verstand, oder genauer zu reden, auf das Urtheil, gesucht werden müssen. D-eftr Einfluß nemlich macht, daß wir im Urtheilen bloß fubjective Gründe für objective halten und folglich den bloßen Schein der Wahrheit mit der Wahrheit selbst verwech. seln. Denn darinn besteht eben das Wesen des Scheins, der um deswillen als ein Grund anzusehen ist, eine falsche Erkenntniß für wahr zu halten. Was den Irrthum möglich macht, ist also der Schein, nach welchem im Urtheile das blos Subject i v e mit dem Objectiven verwechselt wird. In gewissem Sinne kann man wohl den Verstand auch zum Urheber der Irrthümer machen, so fern er nem» 78 Einleitung. uemlich aus Mangel an erforderlicher Aufmerksamkeit auf jenen Einfluß der Sinnlichkeit sich durch den hieraus entsprungenen Schein verleiten laßt, bloß subjccti» ve Bestimmungsgründe des Urtheils für objective zu halten, oder das, was nur nach Gesetzen der Sinnlich.' keit wahr ist, für wahr nach feinen eigenen Gesetzen gelten zu lassen. Nur die Schuld der Unwissenheit liegt demnach in den Schranken des Verstandes; die Schuld des Irrthums haben wir uns selbst bcnzumesscn. Die Natur hat uns zwar viele Kenntnisse versagt, sie laßt uns über so Manches in einer unvermeidlichen Unwissenheit; aber den Irrthum verursacht sie doch nicht. Zu diesem verleitet uns unser eigener Hang zu urtheilen und zu entscheiden, auch da, wo wir wegen unsrer Begranztheit zu urtheilen und zu entscheiden nicht vermögend sind. ^ Aller Irrthum, in welchen der menschliche Verstand gerathen kann, ist aber nur partial, und in Jedem irrigen Urtheile muß immer etwas Wahres liege». Denn ein totaler Irrthum Ware ein gänzlicher Widerstreit wider die Gesetze des Verstandes und der Vernunft. Wie konnte er, als solcher, auf irgend eine Weife aus dem Verstände kommen, und, so ferner doch ein Urtheil ist, für ein Product des Verstandes schalten werden! Z- Einleitung. 79 In Rücksicht auf das Wahre und Irrige in un- fercr Erkenntniß unterscheiden wir ein genaues von einem roh-en Erkenntnisse. »-- Genau ist das Erkenntniß, wenn es seinem Ob« jcct angemessen ist, oder wenn in Ansehung seines Objects nicht der mindeste Irrthum statt findet; — roh ist es, wcnn Irrthümer darinn seyn tonnen, ohne eben der Absicht hinderlich zu seyn. Dieser Unterschied betrifft die weitere oder engere Bestimmtheit unsers Erkenntnisses (cc^niria laie vel Kricre cieiei'winsr-:). — Anfangs ist es zuweilen nöthig, ein Erkenntniß in einem weitern Umfange zu bestimmen (lare >ierelwiu->re), besonders in historischen Dingen. Zn Vcrnunft. rkenittnissen aber muß alles genau (lti-icce) bestimmt seyn. Bey der taten Determination sagt man: ein Erkenntnis sey prserer, xroxter determimrt. Es kommt immer auf die Absicht eines Erkenntnisses an, ob es roh oder genau bestimmt seyn soll. Die täte Determination laßt noch immer einen Spielraum für den Irrthum übrig, der a?er doch seine bestimmten Gränzen haben kann. Irrthum findet besonders da statt, wo eine late Determination für eine stricte genonimcu wird, z. B. in Sachen der Moralität, wo alles stritte detcrminirt seyn muß. D>« das nicht thun, werden von den Englandern Latitu« dinarier genannt. Won Einleitung. Von der Genauigkeit, als einer objectiven Vollkommenheit des Erkenntnisses — da das Erkenntniß hier völlig mit dem Object congruirt — kann man noch di-e Subtilitat als eine subjektive Vollkommenheit desselben unterscheiden. Ein Erkenntniß von einer Sache ist subtil, wenn man darinn dasjenige entdeckt, was Anderer Aufmerk- samkeit zu entgehen pflegt. Es erfordert also einen hohcrn Grad von Aufmerksamkeit und einen größcrn Aufwand von Verstandcskrast. Viele tadeln alle Subtilitat, weil sie sie nicht er« reichen können. Aber sie macht an sich immer dem Verstände Ehre und ist sogar verdienstlich und nothwendig, so fern sie auf einen der Beobachtung würdigen Gegenstand angewandt wird. — Wenn man aber mit einet geringern Aufmerksamkeit und Anstrengung des Verstau- des denselben Zweck hatte erreichen können, und man verwendet doch mehr darauf: so macht man unnützen Anf- wand und verfallt in Subtilitaten, die zwar schwer sind, aber zu nichts nützen (nuzse M6ci1es). — So wie dem Genauen das Rohe, so ist dem Subtilen dasGrobe entgegengesetzt. Aus der Natur des Irrthums, in dessen Begriffe, wie wir bemerkten, außer der Falschheit, noch der Schein Einleitung. 8r Schein der Wahrheit als ein wesentliches Merkmal ent» halten ist, ergicbt sich für die Wahrheit unsers Erkenntnisses folgende wichtige Regel: Um Irrthümer zu vermeiden und unver, weidlich ist wenigstens absolut oder schlechthin kein Irrthum, ob et es gleich beziehungsweise ftpn kann für die Falle, da es,'selbst auf die Gefahr zu ir« ren, unvermeidlich für uns ist, zu urtheilen — also um Irrthümer zu vermeiden, muß man die Quelle derselben, den Schein, zu entdecken und zu erklären suchen. Das haben aber die wenigsten Philosophen gethan. Sie haben nur die Irrthümer selbst zu widerlegen gesucht, ohne den Schein anzugeben, woraus sie entspringen. Diese Aufdeckung und Auflösung des Scheines ist aber ein weit größeres Verdienst um die Wahrheit als die dircclcWiderlegung derJrrthümer selbst, wodurch man die Quelle derselben nicht verstopfen und es nicht ver« hüten kann, daß nicht der nemliche Schein, weil man ihn nicht kennt, in andern Fällen wiederum zu Irrthü« mern verleite.. Denn sind wir auch überzeugt worden, daß wir geirrt haben: so bleiben uns doch, im Fall der Schein selbst, der unserm Irrthume zum Grunde liegt, nicht gehoben ist, noch Skrupel übrig, so wenig wie «uch zu deren Rechtfertigung vorbringen können. Durch Erklärung des Scheins läßt man überdies auch dem Irrenden eine Art von Billigkeit wiederfahren. Denn es wird niemand zugeben, daß er ohne irgend F einen Einleitung. einen Schein der Wahrheit geirrt habe, der vielleicht auch einen Scharfsinnigern hatte täuschen können, weil es hierbey auf subjective Gründe ankommt. Ein Irrthum, wo der Schein auch dem gemeinen Verstände (lenlu-z communis) offenbar ist, heißt eine Abgeschmacktheit oder Ungereimtheit. Der Vorwurf der Absurdität ist immer ein personlicher Tadel, den man vermeiden muß, insbesondre bey Widerlegung der Irrthümer. Denn demjenigen, welcher eine Ungereimtheit behauptet, ist selbst doch der Schein, der dieser offenbaren Falschheit zum Grunde liegt, nicht offenbar. Man muß ihm diesen Schein erst offenbar m a ch e n. Be« harrt er auch alsdann noch dabey, so ist er freylich abgeschmackt; aber dann ist auch weiter nichts mehr mit ihm anzufangen. Er hat sich dadurch aller weitern Zurechtweisung und Widerlegung eben so unfähig als unwürdig gemacht. Denn man kann eigentlich Keinem beweisen, daß er ungereimt sey; hierbei) wäre alles Vernünfteln vergeblich. Wenn man die Ungereimtheit beweist; so redet man nicht mehr mit dem Irrenden, sondern mit dem Vernünftigen. Aber da ist die Aufdeckung der Ungereimtheit (äeäucuo »ä sdluräum) nicht nöthig. Einen abgeschmackten Irrthum kann man auch einen solchen nennen, dem nichts, auch nicht einmal der Schein zur Entschuldigung dient; so wie -'V ' - Einleitung, 8z wie ein g r o b e r Irrthum ein Irrthum ist, welcher Un^ wisstnhcit im gemeinen Erkenntnisse oder Verstoß wider gemeine Aufmerksamkeit beweiset. Irrthum in Principien ist großer als in ihrer Anwendung. Ein äußeres Merkmal oder ein äußerer Probierstein der Wahrheit ist die Vergleichung unserer eigenen mit Anderer Urtheilen, weil das Subjective nicht allen Andern auf gleiche Art beywohnen wird,' mithin der Schein dadurch erklart werden kann. Die Unvereinbarkeit Anderer Urtheile mit den unsri- gen ist dcher als ein äußeres Merkmal des Irrthums und als ein Wink anzusehen, unser Verfahren im Urtheilen zu untersuchen, aber darum nicht so fort zu verwerfen. Deyn matt kann doch vielleicht reche haben in der Sache und nur unrecht in der Manier, d. t. dem Vortrage. Der gemeine Menschenverstand' (5snlu5 eomM« t»s) ist auch an sich ein Probierstein, um die Fch. ler des künstlichen Verstandesgebrauchs zu ent«/ decken. Das h-ißt t sich im D enken, oder im spekulativen Vernunftgebrauche durch den gemeinm Verstand vricntiren, wenn man den gemeine» Verstand als Probe zu Beurtheilung der Richtigkeit des spekulativen gebraucht. tz K .Ällgt.' Einleitung. Allgemeine Regeln und Bedingungen der Ver« meidung des Irrthums überhaupt sind l) selbst zu denken, 2) sich in der Stelle eines Andern zu denken, und z) jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken. — Die Maxime des Selbstdenkens kann man die aufgeklärte; die Maxime sich in Ande- rer Gesichtspunkte im Denken zu versetzen, die erweiterte; und die Maxime, jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken, die consequente oder bündige Denkart nennen. VIII. C) Logische Vollkommenheit des Erkenntnisses der Qualität nach. — Klarheit. — Begriff eines Merkmals überhaupt. — Verschiedene Arten der Merkmale. — Bestimmung des logischen Wesens einer Sache. Unterschied desselben Vom Realwesen. — Deutlichkeit, ein höherer Grad der Klarheit. — Aesthetische und logische Deutlichkeit. —» Unterschied zwischen analytischer und synthetischer Deutlichkeit« Das menschliche Erkenntniß ist von Seiten deS Verstandes discurfiv; d. h. es geschieht durch Vor- stcllungen, die das, waö mehreren Dingen gemein ist, jum Erkenntnißgrunde machen, mithin durch Merk- male, Einleitung. »5 male, als solche. Wir erkennen also Dinge nur durch Merkmale; und das heißt eben Erkennen, welches von Kennen herkommt. Ein Merkmal ist dasjenige an eine« Dinge, was einen Theil der Erkenntniß desselben ausmacht; oder — welches dasselbe ist— eine Partialvorstellung, so fern sie als Erkenntnißgrund der ganzen Vorstellung betrachtet wird. — Alle unsre Begriffe sind demnach Merkmale und alles Denken ist nichts anders als ein Vorstellen durch Merkmale. Ein jedes Merkmal laßt sich von zwey Seiten betrachten: Erstlich, als Vorstellung an sich selbst; Zweytens, als gehörig wie ein Theilbegriff ju der ganzen Vorstellung eines Dinges und dadurch als Erkenntnißgrund dieses Dinges selbst. Alle Merkmale, als Erkenntnißgrünbe betrachtet, sind von zwiefachem Gebrauche, entweder einem innerlichen oder einem äußerlichen. Der innere Gebrauch besteht in der Ableitung, um durch Merkmale als ihre Crkenntnißgründe, die Sache selbst zu erkennen. Der äußere Gebrauch besteht in der Vergleichung, sofern wir durch Merkmale ein Ding mit andern nach den Regel» der Identität oder Diversität vergleichen können. F 3 SS Einleitung. Es giebt unter den Merkmalen mancherley specifische Unterschiede, auf die sich folgende Klassifikation derselben gründet. 1) Analytische oder synthetische Merk« male. — Jene sind Theilbegriffe meines wirklichen Begriffs (die ich darinn schon denke), diese dagegen find Theilbegriffe Hes bloß möglichen ganze« Begriffs (der also durch eine Synthests mehrerer Theile erst werden soll.) — Erstere sind alle Vernunftbcgriffe, die letztern tonnen Ersah« rungsbegriffe seyn. 2) Coor bin irre oder subordinirte. Diese Eintheilung der Merkmale betrifft ihre Verknüpfung n a ch oder unter einander. Coordinirt sind die Merkmal?, sofern ein jedes derselben als ein unmittelbares Merkmal der Sa- che vorgestellt wird 1 und sub 0 r 0 inirt, so fern ein Merkmal nur vermittelst des andern an dem Dinge vor« gestellt wird. — Die Verbindung coordinirter Merkmale zum Ganzen des Begriffs heißt ein Aggregat; die Verbindung subordinirtcr Merkmale, eine Reihe. Jene, die Aggregation coordinirter Merkmale macht die Totalität des Begriffs aus, die aber in Ansehung synthetischer empirischer Begriffe nie vollendet seyn kann, sondern einer geraden Linie ohneGränzen gleicht. Die Einleitung. 87 Die Reihe fubordinirter Merkmale sto'A » xarre »me oder auf Seiten der Gründe, an unauflösliche Begriffe, die sich ihrer Einfachheit wegen nicht weiter zergliedern lassen; a xsrrs xvtt, oder in Ansehung der Folgen hingegen ist sie unendlich, weil wir zwar ein höchstes Z-NU5, aber keine unterste species ha-ben. Mit der Synthesis jedes neuen Begriffs in der Aggregation coordinirter Merkmale wachst die extensive oder ausgebreitete Deutlichkeit.- so wie mit der weitern Analysis der Begriffe in der Reihe subordi- nirter Merkmale die intensive oder tiefe Deutlichkeit. Diese letztere Art der Deutlichkeit, da sie nothwendig zur Gründlichkeit und Bündigkeit des Erkenntnisses dient, ist darum hauptsachlich Sache der Philosophie und wird insbesondre in metaphysischen Untersuchungen am höchsten getrieben. z) Bejahende oder verneinende Merkmale. —- Durch jene erkennen wir , was das Ding ist; durch diese, was es nicht ist. Die verneinenden Merkmale dienen dazu, uns von Irrthümern abzuhalten. Daher find sie unnöthig, da wo es unmöglich ist, zu irren, und nur nöthig und von Wichtigkeit in denjcnlgen Fällen, wo sie uns von einem wichtigen Irrthume abhalten , in du: w r leicht gerathen können. So find z. B. in Ansehung F 4 des »8 Einleitung. des Begriffs von einem Wesen wie Gott, die verneinenden Merkmale sehr nothig und wichtig. Durch bejahende Merkmale wollen wir als» etwas verstehen; durch verneinende — in die man alle Merkmale insgesammt verwandeln kann nurnicht mißverstehen oder darinn nur nicht irren, sollten wir auch nichts davon kennen lernen. 4) Wichtige und fruchtbare oder leere und unwichtige Merkmale. — ^ Ein Merkmal ist wichtig und fruchtbar, wenn eS einErkenntnißgrund von großen und zahlreichen Folgen ist, theils in Ansehung seines innern Gebrauchs — des Gebrauchs in der Ableitung — so fern es hinrel« chend ist, um dadurch sehr viel an der Sache selbst zu erkennen; — thei ls inRücksichr auf seinen äußern Gebrauch den Gebrauch in der Vergleichung —- so fern es dazu dient, sowohl die Aehnlichkcit eines Dinges mit vielen andern als anch die Verschiedenheit desselben von vielen andern zu erkennen. Uebrigens müssen wir hier die logische Wich« tigkeit und Fruchtbarkeit von der praktischen — der Nützlichkeit und Brauchbarkeit unterscheiden. 5) Zureichende und nothwendige oder unzureichende und zufallige Merkmale. >— Ein Merkmal ist zureichend, so fern es hinreicht, das Ding jederzeit vc)n allen andern zu unterscheiden) Einleitung. »9 .scheiden; widrigenfalls ist es unzureichend, wie z. B. das Merkmal des Bcllcns vom Hunde. — Die Hin- länglichkcit der Merkmale ist aber so gut wie ihre Wichtigkeit nur in einem relativen Sinne zu bestimmen, in Beziehung auf die Zwecke, welche durch ein Erkennt« niß beabsichtiget werden. Nothwendige Merkmale sind endlich diejeni- gen, die jederzeit bey der vorgestellten Sache müssen anzutreffen seyn. Dergleichen Merkmale heißen auch wesentliche, und sind den ausferwescurlichen und zufällig cn entgegen gefetzt, die von dem Begriffe des Dinges getrennt werden können. Unter den nothwendigen Merkmalen giebt «S aber noch ein !. Unterschied. -— Einige derselben kommen dem Dinge zu als Gründe andrer Merkmale von Einer und derselben Sache; andre dagegen nur als Folgen von andern Merkmalen. Die crstern sind primitive und constitutive Merkmale (conttiruriva, euenriitlis in sensu itricrislimo); die andern heißen Attribute (consec»ria, isrionsts), und gehören zwar auch zum Wesen des Dinges, aber nur, so fern sie aus jenen wesentlichen Stücken dcssel- ten erst abgeleitet werden müssen; wie z. B. die drey Winkel im Begriffe eines Triangels aus den drey Seiten. F 5 . Dir IS Einleitung. Die au sser wesentlichen Merkmale sind auch wieder von zwie facher Art; sie betreffen entweder innere Bestimmungen eines Dinges (mväi) oder dessen äußere Verhältnisse (iewrione5). So bezeichnet j. B. das Merkmal der Gelehrsamkeit eine innere Bestimmung des Menschen; Herr oder Knecht seyn, nur ein äußeres Verhältniß desselben. Der Inbegriff aller wesentlichen Stücke eines Dinges oder die Hinlänglichkeit der Merkmale dessel- den der Coordination oder der Subordination nach, ist das Wesen (comx1exu5 notsrum xrimitivsruln, inter-. ne concöxrui äaio su56cienrium; 5. comxlexu; nolsrum» conceptum slilzuom primitive conliitusnljum). Bey dieser Erklärung müssen.wir aber hier ganz und gar nicht an das Real- oder Natur-Wesen Her Dinge denken, das wir überall nicht einzusehen vermögen. Denn da die Logik von allem Inhalte des Erkenntnisses, folglich auch von der Sache selbst abstra» Hirt: so kann in dieser Wissenschaft lediglich nur von demlogischen Wesen der Dinge die Rede seyn. Und dieses können wir leicht einsehen. Denn dazu geHort weiter nichts als die Erkenntniß aller der Prädikate, in Ansehung deren ein Object durch seinen Begriff bestimmt ist; anstatt daß zum Real-Wesen dcs'DingeS ditis rei) die Erkenntniß derjenigen Prädikate erfordert Wird, von denen alles, was zu seinem Daseyn gehört, als Einleitung. als Bestimmungsgründcn, abhangt. — Wollen wie z. B. das logische Wesen des Körpers bestimmen: so haben wir gar nicht nothig die Data hierzu in der Natur aufzusuchen; — wir dürfen unsre Reflexion nur auf die Merkmale richten, die als wesentliche Stücke (conüiniiiva, rsrione5) den Grundbegriff desselben ursprünglich consiituiren. Denn das logische Wesen ist ja selbst nichts anders, als der erste Grundbegriff aller nothwendigen Merkmale eines Dinges (M'e coucexrus). Die erste Stufe der Vollkommenheit unsers. Cr« kcnntnisses der Qualität nach, ist also die Klarheit desselben. Eine zweyte Stufe, oder ein höherer Grad der Klarheit, ist die Deutlichkcit. Diese besteht in der Klarhcit der Merkmale. Wir müssen hier zuvorderst die logische Deutlichkeit überhaupt von der ästhetischen unterscheiden. Die logische beruht auf der objectiven, die ästhetische auf der subjektiven Klarheit der Merkmale. Jene ist eine Klarheit durch Begriffe, diese eine Klarheit durch Anschauun g. Die letztere Art der Deutlichkeit besteht also in einer bloßen Lebhaftigkeit und Verständlichkeit, d. h. in einer bloßen Klarheit durch Beyspiele in concrero (denn verstandlich kann vi>e» les seyn, was doch nicht deutlich ist, und umgekehrt kann Vieles deutlich seyn, was doch schwer zu verstehen ist, 9» Einleitung. ist, weil eS bis auf entfernte Merkmale zurückgeht, deren'Verknüpfung mit der Anschauung nur durch eine lange Reihe möglich ist.) , Die objective Deutlichkeit verursacht öfters subjektive Dunkelheit und umgekehrt. Daher ist die logi- fche Deutlichkeit nicht selten nur zum Nachtheil der ästhetischen möglich und umgekehrt wird oft die ästhetische Deutlichkeit durch Beyspiele und Gleichnisse, die nicht genau passen, sondern nur nach einer Analogie genommen werden, der logischen Deutlichkeit schädlich. Uebcrdics sind auch Beyspiele überhaupt keine Merkmale und gehören nicht als Theile zum Begriffe, sondern als Anschauungen nur zum Gebrauche des Begriffs. Eine Deutlichkeit durch Beyspiele die bloße Verständlichkeit — ist daher von ganz anderer Art als die Deutlichkeit durch Begriffe als Merk- male. — In der Verbindung beyder, der ästhetischen oder populären mit der scholastischen oder logischen Deutlichkeit, besteht die Helligkeit. Denn unter einem hellen Kopfe denkt man sich das Talent einer lichtvollen, der Fassungskraft des gemeinen Verstandes angemessenen Darstellung abstratter und gründlicher Erkenntnisse. Was nun hiernach st insbesondre die logisch« Deutlichkeit betrifft: so ist sie eine vollständige Deutlichkeit zu nennen, so fern alle Merkmale, die zusammen genommen den ganzen Begriff ausmachen, bis zur Klarheit gekommen find. — Ein vollständig oder Einleitung. SZ oder complet deutlicher Begriff kann es nun hinwie«" derum seyn, entweder in Ansehung der Totalitat seiner coordinirten, oder in Rücksicht auf die Totalität seiner subordinirten Merkmale. Zn der totalen Klarheit der coordinirtcn Merkmale besteht die extensiv vollständige oder zureichende Deutlichkeit eines Begriffs, die auch die Ausführlichkeit heißt. Die totale Klarheit der subordinirten Merkmale macht die intensiv vollständige Deutlichkeit aus — die Pro- fundität. — Die erstere Art der logischen Deutlichkeit kann auch die äußere Vollständigkeit (comxlemclo exrern»), so wie die andre, die innere Vollständigkeit (compleluäo intern») der Klarheit der Merkmale genannt werden. Die letztere läßt sich nur von reinen Vernunftbegriffcn und von willkührlichen Begriffen, nicht aber von empirischen erlangen. Die extensive Große der Deutlichkeit, so fern sie nicht abundant ist, heißr Präcision (Abgemessenheit). Die Ausführlichkeit (compler«6c>) und Abgemessenheit (praecilio) zusammen, machen die Ang emefsenhelt aus (coZnirionsm, yu»e rem s6se-zum); und in der intensiv-adäquaten Erkenntniß in derProfun» dität, verbunden mit der extensiv adäquaten in der Ausführlichkeit und Präcision, besteht (der Qualität nach) die vollendeteVollkommen- heit eines Erkenntnisses (conillmmsr« rionis xerfecüo). - Da 94 Einleitung. Da es, wie wir bemerkt haben, das Geschäft der Logik ist, klare Begriffe deutlich zu ma» chen: so fragt es sich nun: Auf welche Art sie dieselben deutlich mache? Die Logiker aus der Wolffischen Schule ftz, zen alle Dcutlichmachung der Erkenntnisse in die bloße Zergliederung derselben. Allein nicht alle Deutlichkeit beruht auf der Analysi'6 eines gegebenen Begriffs. Dadurch entsteht sie nur in Ansehung derjenigen Merkmale, die wir schon iu dem Begriffe dachten, keines- Weges aber m Rücksicht auf die Merkmale, die zum Begriffe erst hinzukommen, als Theile des ganzen möglichen Begriffs. Diejenige Art der Deutlichkeit, die nicht durch Analysis, sondern dnrch Synthesis der Merkmale entspringt , ist die synthe tisch e Deutlichkeit. Und es ist also ein wesentlicher Unterschied zwischen den beyden Sätzen: Einen deutlichen Begriff machen und —» einen Begriff deutlich machen. Denn wenn ich einen deutlichen Begriff mache: so fange ich von den Theilen an und gehe von diesen zum Ganzen fort. Es sind hier noch keine Merkmale vorhanden ; ich erhalte dieselben erst durch die Synthesis. Aus diesem synthetischen Verfahren geht also die synthetische Deutlichkeit hervor, welche meinen Begriff durch das, was über denselben in der (reinen oder empirischen) Anschauung als Merkmal hinzukommt, dem > Einleitung. 95 dem Inhalte nach wirklich erweitert. >»- Dieses si)n« thetischen Verfahrens in Deutlichmachung der Begriffe bedient sich der Mathematiker und auch der Natur. Philosoph. Denn alle Deutlichkeit des eigentlich mathematischen so wie alles Erfahrungserkenutnisses beruht auf einer solchen Erweiterung desselben durch Synthe- sis der Merkmale. Wen» ich aber einen Begriff deutlich mache: fs wachst durch diefe bloße Zergliederung mein Erkenntniß ganz und gar nicht dem Inhalte nach. Dieser bleibt derselbe; nur die Form wirb verändert, indem ich das, was in dem gegebenen Begriffe schon lag, nur besser unterscheiden oder mit klarerem Bewußtseyn erkennen lerne. So wie durch die bloße Illumination einer Charte zu ihr selbst nichts weiter hinzukommt: so wird auch durch die bloße Aufhellung eines gegebenen Begriffs vermittelst der Analysis seiner Merkmale« dieser Begriff selbst nicht im mindesten vermehrt. Zur Synthesis geHort die Deutlichmachung der Objecte, zur Analysis die Deutlichmachung der D e» griffe. Hier geht das Ganze den Theilen, dort gehen die Theile dem Ganjen vorher. Der Philosoph macht nur gegebene Begriffe deutlich.— Zuweilen verfährt man synthetisch, auch wenn der Be» griff, den man auf diese Art deutlich machen will, schon gegebenist. Dieses findet oft statt bey Erfahrungs- sätzen, wofern man mit den, in einem gegebenen Be« . griffe 5>S Einleitung. griffe schon gedachten, Merkmalen noch nicht zufrie« den ist. Das analytische Verfahren, Deutlichkeit zu er. zeugen, womit sich die Logik allein beschäftigen kann, ist das erste und hauptsächlichste Erfordernis) bey der Deutlichmachung unsers Erkenntnisses. Denn je deutlicher Unser Erkenntniß von einer Sache ist: um so stär. ker und wirksamer kann es auch seyn. Nur muß die Zlnalysis nicht so weit gehen, daß darüber der Ge^ genstand selbst am Ende verschwindet. Waren wir uns alles dessen bewußt, was wir wissen: so müßten wir über die große Menge unserer Erkenntnisse erstaunen. In Ansehung des objectiven GehaltcS unserer Er« kenntniß überhaupt, lassen sich folgende Grade den. ken, nach welchen dieselbe in dieser Rücksicht kann ge. steigert werden: Der erste Grad der Erkenntniß ist: sich etwas Vorstellen; Der zweyte: sich mit Bewußtseyn etwas vor. stellen oder Wahrnehmen (percixero); ^ Der dritte: etwas Kennen (nvlceie) oder sich etwas in der Vergleichung mit andern Dingen vorstcl« len sowohl der Einerlepheit als der Verschie- denheit nach; Der Einleitung. 97 Der vierte: mit Bewußtseyn etwas Kennen, d. h. Erkennen (cvZnolcere). Die Thiere kennen auch Gegenstände, aber sie erkenne» sie nicht. Der fünfte: etwas Verstehen (-mell-Zero) d. h. durch den Verstand vermöge der Begriffe erkennen oder concipiren. Dieses ist vom Begreifen sehr unterschieden. Concipiren kann man Vieles, obgleich man es nicht begreift» kann, z. B. ein peixetnum mobil«, dessen Unmöglichkeit in der Mechanik gezeigt wird. Der sechste: etwas durch die Vernunft erkennen oder einsehcn (perspicere). — Bis dahin gelangen wir in wenigen Dingen und unsre Erkenntnisse werden der Zahl nach immer geringer, je mehr wir sie dem Gehalte nach vervollkommnen wollen. Der siebente endlich: etwas Begreifen (comxrelienäere) d. h. in dem Grade durch die Vernunft oder a priori erkennen, als zu unsrer Absiebt hinreichend ist. — Denn alles unser Begreifen ist nur relativ, d. h. zu einer gewissen Absicht hinreichend, schlechthin begreifen wir gar nichts. Nichts kann mehr begriffen werden, als was der Mathematiker demonsirirt, z. B. daß alle Linien im Cirkel proportional sind. Und doch begreift er nicht: wie es zugehe, daß eine so einfache Figur diese Eigenschaften habe. Das Feld des Ver- G . stehens Einleitung. fiehens oder des Verstandes ist daher überhaupt weit großer als das Feld dcö Begreifens oder der Vernunft.' IX. r>) Logische Vollkommenheit des Erkenntnisses der Modalität nach. Gewißheit. — Begriff des Fürwahrhaltens überhaupt. — Modi des Fürwahrhaltens: Mey- > nen, Glauben, Wissen. — Ueberzeugung und Ueberredung. —- Zurückhalten und Aufschieben eines Urtheils.— Vorläufige Urtheile. — Vor« urtheile, deren Quellen und Hauptarten.-- Wahrheit ist objective Eigenschaft der Cr« kenntniß; das Urtheil, wodurch etwas als wahr vor, gestellt wird — die Beziehung auf einen Verstand und also auf ein besonderes Subject — ist subjec« tiv das Fürwahrhalten. Das Fürwahrhalten ist überhaupt von zwiefacher Art: ein gewisses oder ein ungewisses. Das gewisse Fürwahrhalten oder die Gewißheit ist mit dem Bewußtseyn der Nothwendigkeit verbunden,- das ungewisse dagegen oder die Ungewißheit, mit dem Bewußtseyn der Zufälligkeit oder der Möglichkeit des Ge- Einleitung. 95 Gegentheils. ^ Das letztere ist hinwiederum entweder so wohl subjectiv als objectiv unzureichend; oder zwar objectiv unzureichend, aberfubjec^ tiv zureichend. Jenes heißt Meynung/ dieses muß Glaube genannt werden. Cs giebt hiernach drey^Artcn oder Modi des Fürwahrhaltens: Meynen, Glauben und Wissen. — Das Meynen ist ein problematisches, das Glauben ein assertorisches und daS Wissen ein avodiktisches Urtheilen. Denn was , ich bloß meyne, das halte ich im Urtheilen, ,mit,Bewußtseyn nur für problematisch; was ich glaube, für assertorisch, aber nicht als objectiv, sondern uue als subjectiv nothwendig; (nur für mich geltend) was ich endlich weiß, für apodiktisch gewiß, d.,i^ für allgemein und objectiv nothwendig,- (für Alle gel- tend) gesetzt auch, daß der Gegenstand selbst, auf den sich dieses gewisse Fürwahrhaltm bezieht, eine bloss empirische Wahrheit wäre. Denn diese Unterscheidung: des Fürwahrhaltens nach den so eben genannten drey moäis betrifft nur die Urtheilskraft in Ansehung der fubjectiven Critcrien der Subsumtion eines Urtheils unter objective Regeln. tzo wäre z. B. unser FurwahrhalteN der Unsterblichkeit bloß problematisch: wofern wir nur so handeln» yls ob wir unsterblich waren,- assertorisch aber, so fern wir glauben, daß wir uusterb- Gs lich los Einleitung. lich sind» und apodiktisch endlich: so fern wir Alle wüßten, daß es ein anderes Leben nach diesem giebt. Zwischen Meynen, Glauben und Wissen findet demnach ein wesentlicher Unterschied statt, den wir hier noch genauer und ausführlicher aus einander setzen wollen. i) Meynen. Das Meynen oder das Für. wahrhalten aus einem Erkenntnißgrundc, der weder subjcctiv noch objectiv hinreichend ist, kann als ein vorläufiges Urtheilen (tub cou6ilione lu5penllva-,6, inrerim) angesehen werden, dessen man nicht leicht entbehren kann. Man muß erst meynen, ehe man annimmt und behauptet, sich dabey aber auch hüten, eine Meynung für etwas mehr als bloße Meynung zu halten. — Vom Meynen fangen wir großtenthcils bey allem unsem Erkennen an. Zuweilen haben wir ein dunkles Vorgefühl von der Wahrheit; eine Sache scheint uns Merkmale der Wahrheit zu enthalten; — wir ahnen ihre Wahrheit schon, noch ehe wir sie mit bestimmter Gewißheit erkennen. ' ' >' . - ^ Wo findet nun aber das bloße Meynen eigentlich statt? — In keinen Wissenschaften, welche Cr- kenntnisse ü priori enthalten; also weder in der Mathematik, noch in der Metaphysik, noch in der Moral, sondern lediglich in empirischen Erkenntnissen — in der Physik, der Psychologie u. dgl. Denn es ist an ' sich Einleitung. sich ungereimt, »priori zu meynen. Auch konnte in der That nichts lächerlicher seyn, als z. B. in der Mathematik nur zu meynen. Hier, so wie in der Metaphysik und Moral, gilt es: entweder zu wissen oder nicht zu w i sse n. — Mey « nngssachen können daher immer nur Gegenstände einer Erfahrungserkenntniß seyn, die an sich zwar möglich, aber nur für uns unmöglich ist nach den empirische» Einschränkungen und Bedingungen unsers Erfahrungsvermogens und dem davon abhängenden Grade dieses Vermögens, den wir besitzen. So ist z. B. der Aether der neuern Physiker eine bloße Mcynungssache. Denn von dieser, so wie von jeder Meynung überhaupt, welche sie auch immer seyn möge, sehe ich ein: daß das Gegentheil doch vielleicht könne bewiesen werden. Mein Fürwahrhalten ist also hier objectiv so wohl als subjectiv unzureichend, obgleich es an sich betrachtet, vollständig werden kann. 2) Glauben. — Das Glauben oder das Fürwahrhalten aus ein'em Grunde, der zwar objectiv unzureichend, aber subjectiv zureichend ist, bezicht sich auf Gegenstande, in Ansehung deren man nicht allein nichts wissen, sondern auch nichts meynen, ja auch nicht einmal Wahrscheinlichkeit verwenden, sondern bloß gewiß seyn kann, daß es nicht widersprechend ist, sich dergleichen Gegenstände so zu denken, wie man sie sich denkt. Das Ucbrige hierbey ist ein freyes Fürwahrhalten, welches nnr in practischer s xrion Gz gcge- Einleitung. gegebener Absicht nöthig ist, also ein Fürwahrhalten dessen, was ich aus moralischen Gründen Ännehme und zwar so, daß ich gewiß bin, das Gegentheil könnt nie bewiesen werden. *) Sachen Das Glauben ist kein besonderer Erkcnnrnißauell. Es ist eine Art des mit Bewußtseyn unvollständigen Für« ' wahrhaltens, und unterscheidet sich, wenn es, als auf besondre Art Objecte (die nur für's Glauben gehören) restringirt, betrachtet wird, vom Meynen nicht durch den Grad, sondern durch das Verhältniß, was cS als Erkenntniß zum Handeln hat. So bedarf z. B. der Kaufmann, um einen Handel einzuschlagen, daß er nicht bloß meyne, es werde dabey was zu gewinnen seyn^ sondern daß er's glaube, d. i. daß seine Meynung zur Unrernehniung aufs Ungewisse zureichend sey. — Nun haben wir theoretische Erkenntnisse (vom Sinnlichen), darinn wir es zur Gewißheit bringen können und in An« sehung alles dessen, was wir menschliches Erkenntniß nennen können , muß das Lchlere möglich seyn. Eben solche gewisse Erkenntnisse und zwar gänzlich priori ha» den wir in vraetischen G-'schen; allein diese gründen sich auf ein übersinnliches Princip (der Freyheit) und zwar tz,".., stattn Einleitung. nannte historische Glaube kann daher eigentlich auch Nicht Glaube genannt und als solcher dem Wissen cnt- ^ gegen ten in ihrem eigenen Urtheil. — Sie kann kein Object logisch erwerben, sondern sich nur allein widersetzen, was fie im Gebrauch dieser Idee, die ihr practisch angehört, hindert. Dieser Glaube ist die Nothwendigkeit, die objective Realität eines Begriffs (vom höchsten Gut) d. i. die Möglichkeit seines Gegenstandes, als » priori nothwendigen Objects der Willkühr anzunehmen. Wenn wir bloß auf Handlungen sehen: so haben wir diesen Glauben nicht nöthig. Wollen wir aber durch Handlungen uns zum Besitz des dadurch möglichen Zwecks erweitern: so müssen wir annehmen, daß dieser durchaus möglich sey. —Ich kann also nur sagen: Ich sehe mich durch meinen Zweck nach Gesetzen der Freyheit genöthiget, ein höchstes Gut in der Welt als möglich anzunehmen, aber ich kannke inen Andern durch Gründe nöthigen, (der Glaube ist frey.) / Der Vernunftglaube kann also nie aufs theoretische Erkenntniß gehen; denn da ist das objectiv unzureichende '' Fürwahrhalten blos Meynun g. Er ist blos eine Voraussetzung der Vernunft in subjectiver, aber absolutnoth- ivendiger practischer Absicht. Die Gesinnung nach moralischen Gesetzen führt auf ein Object der durch reine Vernunft bestimmbaren Willkühr. Das Annehmen der ' Thunlichkeit dieses Objects und also auch der Wirklichkeit der Ursache dazu ist ein moralischer Glaube oder ein freches und in moralischer Absicht der Vollendung seiner Zwecke nothwendiges'Fürwahrhalten.. — ?ick8 ist eigentlich Treue im pseto oder subjectivcS Zutrauen zu einander, daß einer dem Andern sein Versprechen halten werde — Treue und Glauben. Das erste, wenn das paclum gemacht D; das zweyte, wenn man eS schließen soll. —> Räch Einleitung. 105 gegen gesetzt werden, da er selbst ein Wissen seyn kann. Das Fürwahrhalttn auf ein Zeugniß ist weder dem Grade noch derArtnach vom Fürwahrhalttn durch eigene Erfahrung unterschieden. II). auch keine Objecte des Vernunfterkenntnisses (Erkenntnisses a priori), weder des theoretischen, z. B. in der -Mathematik und Metaphysik; noch des practi. fchen in der Moral. Mathematische Vernunftwahrheitcn kann man auf Zeugnisse zwar glauben, weil Irrthum hier theils nicht leicht möglich ist, theils auch leicht entdeckt wer. den kann; aber man kann sie auf dicft Art doch nicht wissen. Philosophische Vcrnunftwahrheiten lassen sich aber auch nicht einmal glauben; sie müssen lediglich gewußt werden; denn Philosophie leidet in sich keine bloße Ucberrcdung. Und was insbesondre die Gegenstände des practischcn Vcrnunfterkenutnisses in der Moral — die Rechte und Pflichten — betrifft: so kann in Ansehung dieser eben so wenig ein bloßes Glauben statt finden. Man muß völlig gewiß sc y-n: ob etwas recht oder unrecht, pflichtmaßig oder pflichtwidrig, erlaubt oder unerlaubt sey. Aufs Ungewisse kann man in moralischen Dingen nichts wagen;—» G 5 nichts, I«i> -'»'<',' ' '>> ^ ' ' v ' >' ^' ^ /»'^ Nach der Analogie ist die practische Vernunft gleichsam der Promittent, der Mensch der Pro, missarius, das erwartete Gure aus der That das Promissum. » !«6 Einleitung. nichts, auf die Gefahr des Verstoßes gegen das Gesetz, beschließen. So ist es z. B. für den Richter nicht genug, daß er bloß glaube, ber eines Verbrechens wegen Angeklagte habe dieses Verbrechen wirklich begangen. Er muß es (juridisch) wissen, oder handelt gewissenlos. III) Nur solche Gegenstande find Sachen des Glau- bens, bey denen das Fürwahrhaltcn nothwendig frey, d. h. nicht durch objective, von der Natur und dem Interesse des Subjects unabhängige, Gründe der Wahrheit bestimmt ist. Das Glauben giebt daher auch wegen der bloß subjektiven Gründe keine Ueberzeugung, die sich mittheilen laßt und allgemeine Vcystimmung gebietet, wie die Ueberzeugung, die aus dem Wissen kommt. I ch selbst kann nur von der Gültigkeit und Unverändert lichkcit meines practischcn Glaubens gewiß seyn und mein Glaube an die Wahrheit eines Satzes oder die Wirklichkeit eines Dinges ist das, was, in Beziehung auf mich, nur die Stelle eines Erkenntnisses vertritt/ ohne selbst ein Erkenntniß zu seyn. Moralisch ungläubig ist der, welcher nicht dasjenige annimmt, was zu wissen zwar unmöglich, aber voraus zu setzen, moralisch nothwendig ist. Dieser Art des Unglaubens liegt immer Mangel an moralischem Interesse zum Grunde. Je größer die moralische Gesinnung eines Menschen ist: desto fester und Einleitung. und lebendiger wird auch sein Glaube seyn an aNes dasjenige, was er aus dem moralischen Interesse in praktisch nothwendiger Absicht anzunehmen und vorauszusetzen sich genöthiget fühlt. z) Wissen. — Das Fürwahrhalten auS einem Erkenntnißgrunde, der sowohl objectiv als sub- . jcctiv zureichend ist, oder die Gewißheit ist entweder cmpirisch oder rational, je nachdem sie entweder auf Erfahrung — die eigene sowohl als die fremde mitgetheilte, — oder auf Vernunft sich gründet. Diese Unterscheidung bezieht sich also auf die beyden Quellen, woraus unser gesammtes Erkenntniß geschöpft wird: dieErfahrung und die Vernunft. Die rationale Gewißheit ist hinwiederum entweder mathematische oder philosophische Gewißheit. Jene ist intuitiv, diese discursiv. Die mathematische Gewißheit heißt auch Evidenz, weil ein intuitives Erkenntniß klärer isi als ei» discursives. Obgleich also beydes, das mathematische und das philosophische Vernunfterkenntniß an sich gleich gewiß ist: so ist doch die Art der Gewißheit in beyden verschieden. —» Die empirische Gewißheit ist eine ursprüngliche (orizinarie «mxirica), so fern ich von etwas aus eige- ner Erfahrung, und eine abgeleitete (äerivsüvs emxüic»), sofern ich durch fremde Erfahrung wovon gewiß ioz Einleitung. gewiß werde. Diese letztere pflegt auch die histori« sch e Gewißheit genannt zn werden. Die rationale Gewißheit unterscheidet sich von der empirischen durch das Bewußtseyn der Nothwendigkeit, das mit ihr verbunden ist; — sie ist also eine apv dikti sche, die empirische dagegen nur eine assertorische Gewißheit. — Rational gewiß ist man von dein, was man auch ohne alle Erfahrung Ä priori würde eingesehen haben. Unsre Erkenntnisse können daher Gegenstande der Erfahrung betreffen und die Gewißheit davon kann doch empirisch und rational zugleich seyn, so fern wir nemlich einen empirisch gewissen Satz aus Principien s xriori erkennen. Rationale Gewißheit können wir nicht von Allem haben; aber da, wo wir sie haben können, müssen wir sie der empirischen vorziehen. Alle Gewißheit ist entweder eine unvermittelte oder eine vermittelte, d. h. sie bedarf entweder eines Beweises, oder ist keines Beweises fähig und bedürftig. Wenn auch noch so Vieles in unserm Erkenntnisse nur mittelbar, d. h. nur durch einen Beweis gewiß ist: so muß es doch auch etwas In deinen strables oder unmittelbar Gewisses ge- den und unser gesammtes Erkenntniß muß von unmittelbar g e w i sse n Sätzen ausgehen. Die Beweise, auf denen alle vermittelte oder mittelbare Gewißheit eines Erkenntnisses beruht, sind ent- we- Einleitung. 109 weder directe oder indirecte d. h. apogogische Beweise. — Wenn ich eine Wahrheit aus ihren Gründen beweise: so führe ich einen directen Beweis für dieselbe; und wenn ich von der Falschheit des Gegentheils auf die Wahrheit eines Satzes schließe, einen opogogischen. Soll aber dieser letztere, Gültigkeit haben: so müssen sich die Sätze contradictorisch oder d iamerraliter entgegen gesetzt seyn. Denn zwey einander bloß contrair entgegengesetzte Satze (comrsrie.oppoln-,) können beyde falsch seyn. Ein Beweis, welcher der Grund mathematischer Gewißheit ist, heißt Demonstration und der der Grund philo- sophischer Gewißheit ist, ein acroamati scher Beweis. Die wesentlichen Stücke eines jeden Beweises überhaupt sind die Materie und die Form desselben ; oder der Beweisg r und und die C 0 Ilse quenz. Vom Wissen kommt W issenschaft her, wsr- unter der Inbegriff einer Erkenntniß, als System, ju verstehen ist. Sie wird der gemeinen Erkenntniß entgegen gesetzt, d. i. dem Jmbegriff einer Erkenntniß, als bloßem Aggreg ate. Das System beruht auf einer Idee des Ganzen, welche den Theilen vorangeht; beym gemeinen Erkenntnisse dagegen oder dem bloßen Aggregate von Erkenntnissen gehen die Theile dem Ganzen vorher. —- Es giebt historische und Vernunft Wissenschaften. Zn lio Einleitung. Zn einer Wissenschaft wissen tyir oft nur die Erkenntnisse, aber nicht die dadurch vorgestellten Sachen; also kann es eine Wissenschaft von dem- ftnigen geben, wovon unsre Erkenntniß kein Wissen ist. Aus den bisherigen Bemerkungen über die Natur und die Arten des Fürwahrhaltcns können wir nun das allgemeine Resultat ziehen: daß also alle unsre Ueberzeugung entweder logisch oder praktisch sey. —> Nemlich wenn wir wissen, daß wir frey sind von allen subjectiven Gründen und doch das Fürwahrhal» tcn zureichend ist, so sind wir überzeugt und zwar logisch oder aus objectiven Gründen überzeugt, (das Object ist gewiß.) Das complete Fürwahrhalten auS fubjectiven Gründen, die in practischcrBeziehung so viel als objective gelten, ist aber auch Ueberzeugung, nur nicht logische, sondern pracrische (ich bin gewrß). Und diese praktische Ueberzeugung oder dieser mora- lischeVernunftglaube ist oft fester als allcsWis» sen. Beym Wissen Hort man noch auf Gegengründe, aber beym Glanben nicht; weil es hierbei) nicht auf ob« jcctive Gründe, sondern auf das moralische Interesse des Subjects ankommt. *) Der 5) Diese ^ractische Ueberzeugung ist also der moralische Vernunftglaube, der allein im eigentlichsten Verstände ein Glaube genannt und als solcher dem Wissen und Einleitung« m Der Ueberzeugung steht dieUeberredung entgegen; ein Fürwahrhaltcn aus unzureichenden Gründen, von denen man nicht weiß, ob sie bloß subjectiv oder auch objectiv sind. Die Ucberredung geht oft der Ueberzeugung vorher. Wir sind uns vieler Erkenntnisse nur so bewußt, daß wir nicht urtheilen kennen, ob die Gründe unsers Fürwahrhaltens objectiv oder subjectiv sind. Wir müssen daher, um von der bloßen Ucberredung zur Ueberzeugung gelangen zu können, zuvorderst überlegen, d. h. sehen, zu welcher Crkenntnißkraft ein Erkenntniß gehöre; und sodann untersuchen, d. i. prüfen, vb die Gründe in Ansehung des Objects zureichend oder unzureichend sind. Bey Vielen bleibt es bey der Ucberredung. Bey Einigen kommt es zud Ueber. und aller theoretischen oder logischen Ueberzeugung Kber> Haupt entgegen gesetzt werden muß, weil er nie zum Wissen sich erheben kann. Der sogenannte historische Glaube dagegen darf, wie schon bemerkt, nicht von dem Wissen unterschieden werden, da er, als eine Art des theoretischen oder logischen FürwahrhaltcnS, selbst ein Wissen seyn kann. Wir können mit derselben Gewißheit eine empirische Wahrheit auf das Zeugniß Anderer an- «ehmen, als wenn wir durch Facta der eigenen Ersah« tung dazu gelangt wären. B,-y der erstem Art des empirischen Wissens ist etwas TrüglicheS, aber auch beA der letzter». DaS historische oder mittelbare empirische Wissen beruht auf der Zuverlässigkeit der Zeugnisse. Zu den Erfordernissen eines unverwerflichen Zeugen gehört: Au» thentizitär (Tüchtigkeit) und Integrität. l!2 Einleitung. Ueberlegung, bey Wenigen zur Untersuchung. — Der da weiß, was zur Gewißheit geHort, wird Ueber- redung und Ueberzeugung nicht seichr verwechseln und sich also auch nicht leicht überreden lassen. — Es giebt einen Bestimmungsgrund zum Beyfall, der aus objectiven und subjectiven Gründen zusammengesetzt ist, und diese vermischte Wirkung setzen die mehrcstcn Menschen nicht aus einander. Obgleich jede Ueberredung der Form nach (korm-ilirer) falsch ist, so fern nemlich hierbei) eine ungewisse Erkenntniß gewiß zu seyn scheint: so kann sie doch der Materie nach (msreiislirei) wahr seyn. Und so unterscheidet sie sich denn auch von der Meynung, die eine ungewisse Erkenntniß ist, so fern sie für un- gewiß gehalten wird. — Die Zulanglichkeit des Fürwahrhaltens (im Glauben) laßt sich auf die Probe stellen durch W e t- t e n oder durch Schworen. Zu dem ersten ist c o m- parative, zum zweyten absolute Zulanglichkeit objectiver Gründe nöthig, statt deren, wenn sie nicht vorhanden sind, dennoch ein schlechterdings sub- jectiv zureichendes Fürwahrhaltcn gilt. Man pflegt sich oft der Ausdrücke zu bedienen: Seinem Urtheile beypflichten; sein Urtheil zurückhalten, aufschieben oder aufgeben. ---» Diese und ähnliche Redensarten scheinen anzu« Einleitung. anzudeuten, daß i» unserm Urtheilen etwas WillkuHiv liches sey, indem wir etwas für wahr halten, weil wir es für wahr halten wollen. Cs fragt sich dem, nach hier: Ob das Wollen einen Einfluß auf unsre Urtheile habe? Unmittelbar hat der Wille keinen Einfluß auf das Fürwahrhalten >- dieß wäre auch sehr ungereimt. Wenn cs heißt: Wir'glauben gern, was wir wünschen, so bedeutet das nur unsre gutartigen Wünsche, z. B. die des Vaters von seinen Kindern. Hatte der Wille einen unmittelbaren Einfluß auf unsre Ueberzeugung von dem, was wir wünschen: so würden wir uns beständig Chimären von einem glücklichen Zustande machen und sie sodann auch immer für wahr halten. Der Wille kann aber nicht wider überzeugende Beweise von Wahrheiten streiten, die seinen Wünschen und Neigungen zuwider sind. So fern aber der Wille den Verstand entweder zur Nachforschung einer Wahrheit antreibt oder davon abhält, muß man ihm einen Einfluß auf den Gebrauch des Verstandes und mithin auch mittelbar auf die Ueberzeugung selbst zu^dstchen, da diese so sehr von dem Gebrauche des Verstandes abhangt. Was aber insbesondre die Aufschiebung odev Zurückhaltung unsers Urtheils betrifft: so besieht dieselbe iu dem Vorsatze, ein bloß vorläufiges Urtheil nicht zu einem bestimmenden werden zu lassen. H Ein Ii4 Einleitung. Ein vorläufiges Urtheil ist ein solches, wodurch ich mir vorstelle, daß zwar mehr Grunde-für die Wahrheit einer Sache, als wider dieselbe da sind, daß aber diese Gründe noch nicht zureichen zu einem bestimmenden oder d efiniti v en Urtheile, dadurch ich geradezu für die Wahrheit entscheide. Das vorläufige Urtheilen ist also ein nut Bewußtseyn bloß problematisches Urtheilen. Die Zurückhaltung des Urtheils kann in zwiefacher Absicht geschehen; entweder, um die Gründe des bestimmenden Urtheils aufzusuchen; oder um niemals zu urtheilen. Im erstem Falle heißt die Aufschiebung des Urtheils eine critifche (sn5pentio iuäicii inäsAkwr!i>), im letzten! eine skeptische (lu5. xenlio juäicii lcepNLs). Denn der Skeptiker thut auf alles'Urtheilen Verzicht, der wahre Philosoph dagegen susvcndirt blos sein Urtheil, wofern er noch nicht ge- nugsame Gründe hat, etwas für wahr zu halten. — Sein Urtheil nach Maximen zu suspendiren, dazu wird ciue geübte Urthcilskraft erfordert, die sich nur bey zunehmendem Alter findet. Ueberhaupt ist die Zurückhaltung unsers Beyfalls eine sehr schwere Sache, theils weil unser Verstand so begierig ist durch.Urtheilen sich zu erweitern und mit Kenntnissen zu bereichern, theils weil unser Hang immer auf gewisse Sachen mehr gerichtet ist, als auf andre. — Wer aber seinen Beyfall oft hat zurücknehmen müssen und dadurch klug Einleitung, 115 klug und vorsichtig geworden ist, wird ihn Nicht so schnell geben, aus Furcht, sein Urtheil in der Folge wieder zurücknehmen zu müssen. Dieser Widerruf ist immer eine Krankung und eine Ursache, auf alle andre Kenntnisse ein Mißtrauen zu setzen. Noch bemerken wir hier: daß es etwas anders ist, sein Urtheil in 6ubio, als, cö in luxpenso zu lassen. ' Bei) diesem habe ich immer ein Interesse für die Sache; bey jenem aber ist es nicht immer meinem Zwecke und In- tcresse gemäß zu entscheiden, ob die Sache wahr sei) oder nicht. Die vorläufigen Urtheile sind sehr nothig, ja unentbehrlich für den Gebrauch des Verstandes bey allem Meditircn und Untersuchen. Denn sie dienen dazu, den Verstand bey seinen Nachforschungen zu leiten und ihm hierzu verschiedene Mittel an die Hand zu geben. Wenn wir über einen Gegenstand mcditiren, müs. sen wir immer schon vorläufig urtheilen und das Er- kcnntniß gleichsam schon wittern, das uns durch die Meditation zu Theil werden wird. Und wenn man auf Erfindungen oder Entdeckungen ausgeht, muß man sich immer einen vorläufigen Plan machen; fönst gehen die Gedanken bloß aufs Ohngefähr. — Man kann sich daher unter vorläufigen Urtheilen Maximen denken zur Untersuchung einer Sache. Auch Anticiva. tionen konnte man sie nennen, weil man sein Urtheil von einer Sache schon anticipirt, noch ehe man da-Z H 2 b> n6 " Einleitung. bestimmende hat. — Dergleichen Urtheile haben also ihren guten Nutzen und es ließen sich sogar Regeln darüber geben, wie wir vorläufig über ein Object urtheilen sollen. Von den vorlaufigen Urtheilen müssen die Vor» urtheile unterschieden werden. Vorurtheile find vorläufige Urtheile, in so ferne sie als Grundsätze angenommen wer. b c n. — Ein jedes Vorurtheil ist als ein Princip irriger Urtheile anzusehen und aus Vorurthcilcn entspringen nicht Vorurthcile, sondern irrige Urtheile. — Man muß daher die falsche Erkenntniß, die aus dem Vorurtheil entspringt, von ihrer Quelle, dem Vorurtheil selbst, unterscheiden. So ist z. V. die Beden« tung der Traume an sich selbst kein Vorurtheil, sondern ein Irrthum, der aus der angenommenen allgemeinen Regel entspringt: Was einigemal eintrifft, trifft immer ein oder ist immer für wahr zu halten. Und dieser Grundsatz, unter welchen die Bedeutung der Traume mit gehört, ist ein Vorurtheil. Zuweilen sind die Vorurtheile wahre vorlaufige Urtheile; nur daß sie uns als Grundsätze oder als b e- stimmende Urtheile gelten, ist unrecht. Die Ursache von dieser Tauschnng ist darinn zu suchen, daß sub- jective Gründe fälschlich für objective gehalten werden, aus Mangel an Ueberlegung, die allem Urtheilen Einleitung, "7 theilen vorher gehen muß. Den» können wir auch manche Erkenntnisse, z. V. die unmittelbar gewissen Sätze, annehmen, ohne sie zu untcrsuchen, d. h. ohne die Bedingungen ihrer Wahrheit zu prüfen: so können und dürfen wir doch über Nichts urtheilen, ohne zu überlegen, d. h. ohne ein Erkenntniß mit der Erkenntnißkraft, woraus es entspringen soll, (der Sinnlichkeit oder dein Verstände) zu vergleichen. Nehmen wir nun ohne diese Uebcrlegung, die auch da nöthig ist, wo keine Untersuchung statt findet, Urtheile an: so entstehen daraus Vorurthcile, oder Principien zu urtheilen aus subjcctiven Ursachen, die falschlich für objective Gründe gehalten werden. Die Hauptquellen der Vorurtheile sind: Nachahmung, G e w o h n h e i t und N e i g u n g. Die Nachahmung hat einen allgemeinen Einfluß auf unsre Urtheile; denn es ist ein starker Grund, das für wahr zu halten, was Andre dafür ausgegeben haben. Daher das Vorurtheil: Was alle Welt thut, ist Recht. — Was die Vorurtheile betrifft, die aus der Gewohnheit entsprungen sind, so können sie nur durch die Lange der Zeit ausgerottet werden, indem der Verstand, durch Tegengtünde nach und nach im Urtheilen aufgehalten und verzögert, dadurch allmälig ju einer entgegengesetzten Denkart gebracht wird. Ist aber ein Vorurtheil der Gewohnheit zugleich durch Nachahmung entstanden: so ist der Mensch, der es besitzt,, davon schwerlich zu Heiken. -» Ein Vorurtheil Hz ' aus ii8 Einleitung. aus Nachahmung kann man auch den Hang zum passiven Gebrauch der Vernunft nennen; oder zum Mechanism der Vernunft, statt der Spontaneität derselben unter Gesetzen. Vernunft ist zwar ein thatiges Princip, das nichts von bloßer Autorität Anderer, auch nicht einmal, wenn es ihren reinen Gebrauch gilt, von der Erfahrung entlehnen soll. Aber die Trägheit sehr vieler Menschen macht, daß sie lieber in Anderer Fußtapfen treten, als ihre eigenen Verstandeskrafte anstrengen. Dergleichen Menschen tonnen immer nur Copien von Andern werden, und wären Alle von der Art, so würde die Welt ewig auf einer und derselben Stelle bleiben. Es ist daher höchst nothig und wichtig: die Jugend nicht, wie es gewöhnlich geschieht, zum bloßen Nachahmen anzuhalten. Es giebt so manche Dinge, die dazu beytragen, uns die Maxime der Nachahmung anzugewöhnen und dadurch die Vernunft zu einem fruchtbaren Boden von Vorurtheilen zu machen. Zu dergleichen Hülfsmitteln der Nachahmung gehöre« i) Formeln. — Dieses sind Regeln, deren Ausdruck zum Muster der Nachahmung dient. Sie sind übrigens ungemein nützlich zur Erleichterung bey verwickelten Sätzen und der erleuchtetste Kopf sucht da. her dergleichen zu erfinden. ? -) Einleitung. s) Spruche, deren Ausdruck eine große Abge- messenhcit eines prägnanten Sinnes hat, so daß es scheint, man tonne den Sinn nicht mit weniger Wor- tcn umfassen. — Dergleichen Aussprüche (äicra), die immer von Andern entlehnt werden müssen, denen man eine gewisse Unfehlbarkeit zutraut, dienen, um dicftrAutorität willen, zur Regel und zum Gesetz. — Die Aus, Müche der Bibel heißen Sprüche x-i-r' e^o^qv. z) Sentenzen, d. i. Satze, die sich empfeh- len und ihr Ansehen oftIahrhundcrte hindurch erhalten, als Producte einer reift» Urtheilskrast durch den Nachdruck der Gedanken, die darinn liegen. 4) Onones. — Dieses sind allgemeine Lehrsprüche, die den Wissenschaften znr Grundlage dienen vnd etwas Erhabenes und Durchdachtes andeuten. Man kann sie noch auf eine scntentiöfe Art ausdrücken, damit sie desto mehr gefallen. 5) Sprüchw orter (proverbia). — Dieses sind populäre Regeln des gemeinen Verstandes oder Ausdrücke zu Bezeichnung der populären Urtheile desselben. — Da dergleichen bloß provinziale Sätze nur dem gemeinen Pobel zu Sentenzen undCanoncn dienen: so sind sie bey Leuten von feinerer Erziehung nicht an« zutreffen. Aus den vorhin angegebenen drey allgemeinen Quellen der Vorurthcile, und insbesondre aus der Nachah- H 4 mnng. 120 Einleitung. mung, entspringen nun so manche besondre Vorurthcile, unter denen wir folgende, als die gewöhnlichsten, hier berühren wollen. . i) Vorurthcile des Ansehens. — Zu diesen ist zu rechnen: s) das Vorurthei! des Ansehens der Per« son. —^ Wenn wir in Dingen, die auf Ersah- rung und Zeugnissen beruhen, unsre Erkenntniß auf das Ansehen andrer Personen bauen: so machen wir uns dadurch keiner Vorurtheile schuldig; dcnu in Sachen dieser Art muß, da wir nicht Alles selbst erfahren, und mit unserm eigenen Verstände umfassen können, das Ansehen der Person die Grundlage unsrer Urtheile seyn. —» Wenn wir aber daS Ansehen Anderer zum Grunde unsers Fürwahrhaltcns in Absicht auf Vernunftcrkenntnisse machen: fo nehmen wir diese Erkenntnisse auf bloßcs Vorurtheil an. Denn Vernunftwahrheitcn gelten a:'onymisch; hier ist nicht die Frage: Wer hat es gesagt, sondern Was hat er gesagt? Es liegt nichts daran, ob ein Erkenntniß von edler Herkunft ist; aber dennoch ist der Hang zum Ansehen großer Männer sehr gemein, theils wegen der Eingcschrankthcit eigner Einsicht, theils aus V-gicrde, dem nachzuahmen, was uns als Groß beschrieben wird. Hierzu kommt noch: daß das Ansehen der-Person dazu dient, unsrer Eitelkeit auf eine indirekte Weife zu schmeicheln. So wie nemlich die Unterthanen eines mächtigen Dcspo- tcn Einleitung. i2i ten stolz darauf sind, daß sie nur Alle Gleich von ihm behandelt werden, indem der Geringste mit dem Vornehmsten in so ferne sich gleich dünken kann, als sie beyde gegen die unumfchranktc Macht ihres Beherrschers Zcichts sind: so beurtheilen sich auch > die Verehrer eines großen Mannes als gleich, so fern die Vorzüge, die sie unter einander selbst haben wogen, gegen dk Verdienste des großen Mannes betrachtet, für unbedeutend zn achten sind. — Die hochgcpriesenen großen Manner thun daher dem Hange zum Vorurtheile des Ansehens der Person aus mehr als einem Grunde keine» geringen Vorschub. b) Das Vorurtheil des Ansehens der Menge. »— Zu diesem Vorurtheil ist hauptsachlich der Pöbel geneigt. Denn da er die Verdienste, die Fähigkeiten und Kenntnisse der Person nicht zu beurtheilen vermag: so halt er sich lieber an das Urtheil der Menge, unter der Voraussetzung, daß das, was Alle sagen, wohl wahr seyn müsse. Indessen bezicht sich dieses Vorurtheil bey ihm nur auf historische Dinge; in Religionssachcn, bey denen er selbst in- teressirt ist, verläßt er sich auf das Urtheil der Gelehrte». Cs ist überhaupt merkwürdig, daß der Unwissen« de ein Vorurtheil für die Gelehrsamkeit hat und der Gelehrte dagegen wiederum ein Vorurtheil für den gemeinen Verstand. Wenn ,22 Einleitung. Wenn dem Gelehrten, nachdem er den Kreiß der Wissenschaften schon ziemlich durchgelaufen ist, alle seine Bemühungen nicht die gehörige Genugthuung verschaffen: so bekommt er zuletzt ein Mißtrauen gegen die Gelehrsamkeit, insbesondre in Ansehung solcher Spekulationen, wo die Begriffe nicht sinnlich gemacht werden können, und deren Fundamente schwankend sind, wie z. B. in der Metaphysik. Da er aber doch glaubt, der Schlüssel zur Gewißheit über gewisse Gegenstand! müsse irgendwo zu finden seyn: so sucht er ihn nun beym gemeinen Verstände, nachdem er ihn so lange vergebens auf dem Wege des wissenschaftlichen Nachforschcns gesucht hatte. Allein diese Hoffnung ist sehr trüglich; denn wenn das cultivirte Vernnnftverm6gen in Absicht auf die Erkenntniß gewisser Dinge nichts ausrichten kann, so wird .es das uncultivirte sicherlich eben so wenig. In der Metaphysik ist die Berufung auf die Ausspruche des geineinen Verstandes überall ganz lmzu- lassig, weil hier kein Fall in concrem kann dargestellt werden. Mit der Moral hat es aber freylich eine andre Bewandtniß. Nicht nur können in der Moral alle Regeln in concrero gegeben werden, son- dcrn vie practische Vernunft offenbart sich auch überhaupt klarer und richtiger durch das Organ des gemeinen als durch das des spekulativen Verstandesgebrauchs. Daher der gemeine Verstand über Sachen der Sittlichkeit und Pflicht oft richtiger urtheilt als de/ spekulative. ' ^. . , . ^ -) Einleitung. o) Das Vorurtheil des Ansehens des Zeital, ters. — Hier ist das Vorurtheil des Alter, thnms eines der bedeutendsten. — Wir haben zwar allerdings Grund vom Alterthum günstig zu urtheilen; aber das ist nur ein Grund zu einer ge. mäßigten Achtung, deren Gränzen wir nur zu oft dadurch überschreiten, daß wir die Alten zu Schatz, meistern der Erkenntnisse und Wissenschaften machen, den relativen Werth ihrer Schriften zu einem absoluten erheben und ihrer Leitung uns blind« liugs anvertrauen. >— Die Alten so übermäßig schätzen, heißt: den Verstand in seine Kinderjahre zurückführen und den Gebrauch des sclbsteigcnen Talentes vernachlässigen. — Auch würden wir uns sehr irren, wenn wir glaubten, daß Alle aus dem Alterthum so classisch geschrieben hatten, wie die, deren Schriften bis auf uns gekommen sind. Da ncmlich die Zeit alles sichtet und nur das sich erhält, was einen innern Werth hat: so dürfen wir nicht ohne Grund annehmen, daß wir nur die besten Schriften der Alten besitzen. Es giebt mehrere Ursachen, durch die dasVor- urtheil des Alterthums erzeugt und unterhalteir wird. — Wenn etwas die Erwartung nach einer allgemei« nen Regel übertrifft: so verwundert man sich Anfangs darüber und diese Verwunderung geht so- dann oft in Bewunderung über. Dieses ist der Fall L-4 ^Einleitung. Fall mit den Alten, wenn man bey rhncn etwas findet, was man, in Rücksicht auf die Zeitumstande, unter welchen sie lebten, nicht suchte. — Eine andre Ursache liegt in dem Umstände, daß die Kenntniß von den Alten und dem Alterthum eine Gelehrsamkeit und Vclcscnheir beweist, die sich immer Achtung erwirbt, so gemein und unbedeutend die Sa. chen an sich selbst seyn mögen, die man ausdem Studium der Alten geschöpft hat. Eine dritte Ur- fache ist die Dankbarkeit, die wir den Alten dafür Muldig sind, daß sie uns die Bahn zu vielen Kenntnissen gebrochen. Es scheint billig zu seyn, ihnen dafür eine besondre Hochschatzung zu beweisen, deren Maaß wir aber oft überschreiten. — Eine vierte Ursache ist endlich zu suchen in einem gewissen Neide gegen die Zeitgenossen. Wer es mit den Neuern nicht aufnehmen kann, preiset auf Unkosten derselben die Alten hoch, damit sich die Neuern nicht über ihn erheben kennen. Das entgegengesetzte von diesem ist das Vorur- thcil der N c v i g k e i t. — Zuweilen fiel das Ansehen des Alterthums und das Vorurtheil zu Gunsten desselben; insbesondre im Anfange dieses Jahrhunderts, als der berühmte Föntenelle sich auf die Seite der Neuern schlug. — Bey Erkenntnissen , die einer Erweiterung fähig find, ist es sehr natürlich, daß wir in die Neuern mehr Zutrauen setzen, als in die Alten. Aber dieses Urtheil hat auch Einleitung. auch nur Grund als ein bloßes vorläufiges Urtheil, Machen wir es zu einem bestimmenden: so wird es Vorurheil. 2) Vorurtheile aus Eigenliebe oder logischem Egoismus, nach welchem man die Uebereinstimmung des eigenen Urtheils mir den Urtheilen And» ' rcr für ein entbehrliches Critcrium der Wahrheit hält. --- Sie sind den Vorurtheilcn des Ansehens entgegen , gesetzt, da sie sich in einer gewissen Vorliebs für das äußern, was ein Product des eigenen Verstandes ist, z. B. des eigenen Lehrgebäudes. Ob es gut und rathsam sey, Vorurtheile stehe» zu lassen oder sie wohl gar zu begünstigen? —^ Es ist zum Erstaunen, daß in unserm Zeitalter dergleichen Fragen, besonders die wegen Begünstigung der Vorurtheile, noch können aufgegeben werden. Jemandes Vor- urtheile btHÜnstigei:, heißt eben so viel als Jemanden in guter Absicht betrügen. — Vorurtheile unangetastet lassen, gienge noch an^ denn wer kann sich damit beschäftigen, eines Jeden Vorurtheile aufzudecken und wegzuschaffen. Ob es aber nicht rathsam seyn sollte, an ihrer Ausrottung mit allen Kräften zn arbeiten? »— das ist doch eine andre Frage. Alte und eingewurzelte Vorurtheile sind freylich schwer zu bekämpfen, weil sie sich selbst verantworten und gleichsam ihre eigenen Richter sind. Auch sucht man das Stehenlassen - ber »26 Einleitung. der Vorurtheile damit zu entschuldigen, daß aus ihrer Ausrottung Nachtheile entstehen würden. Aber man lasse diese Nachtheile nur immer zu; — in der Folge werden sie desto mehr Gutes bringen. X. Wahrscheinlichkeit. — Erklärung des Wahrscheinlichen. Unterschied Ver Wahrscheinlichkeit von der Scheinbarkeit. — Mathematische und philosophische Wahrscheinlichkeit- — Zweifel — subjectwer und objectiver. — Skeptische, dogmatische und critische Denkart oder Methode des Philosophierens. — Hypothesen.-- Zur Lehre von der Gewißheit unsers Erkenntnisses gehört auch die Lehre von der Erkenntniß des Wahrscheinlichen, das als eine Annäherung zur Gewißheit anzusehen ist. — Unter Wahrscheinlichkeit ist ein Fürwahrhaltcn aus unzureichenden Gründen zu verstehen, die aber zu den zureichenden ein größeres Verhältniß haben, als die Gründe des Gegentheils. — Durch diese Erklä« rung unterscheiden wir die Wahrscheinlichkeit (xrodsdl- Urs5) von der bloßen Scheinbarkeit (venlimiliruäo); einem Fürwahrhalten aus unzureichenden Gründen, in so Einlei tunK. 127 so ferne dieselben größer sind, als die Gründe des Gegentheils. Der Grund des Fürwahrhaltens kann nemlich entweder objectiv oder subjectiv großer seyn, als der des Gegentheils. Welches von beyden er sey, das kann man nur dadurch ausfindig machen, daß man die Gründe des Furwahrhaltens , ,it den zureichenden vergleicht; denn alsdenn sind die Gründe des Fürwahrhaltens größer, als die Gründe des Gegentheils seyn können. — Bey der Wahrscheinlichkeit ist also der Grund des Furwahrhaltens o b j e ctiv gültig, bey der bloßen Scheinbarkeit dagegen nur subjectiv gültig. — Die Scheinbarkeit ist bloß Größe der Ueberredung, die Wahrscheinlichkeit ist eine Annäherung zur Gewißheit. — Bey der Wahrscheinlichkeit muß immer ein Maaßsiab da seyn, wonach ich sie schätzen kann. Dieser Maaßsmb ist die Ge w ißhe it. Denn indem ich die unzureichenden Gründe mit den zureichenden vergleichen soll, mkß ich wissen: wie viel zur Gewißheit gehört. — Ein solcher Maaßstab fallt aber bey der bloßen Schcinbarkeit weg; da ich hier die un« zureichenden Gründe nicht mit den zureichenden, sondern nur mit den Gründen des Gegentheils vergleiche. Die Momente der Wahrscheinlichkeit können entweder gleichartig oder ungleichartig seyn. Sind sie gleichartig, wie im mathematischen Erkenntnisse: so müssen sie numeri rt werden; sind sie ungleichartig, wie im philosophischen Erkenntnisse-: so müssen 128 Einleitung. müssen sie ponderirt, d. i. nach der Wirkung gc- schätzt werden; diese aber nach der Überwältigung der Hindernisse im Gemüthe. Letztere geben kein Verhalt, niß zur Gewißheit, sondern nur einer Scheinbarkeit zur andern. — Hierausfolgt: daß nur der Mathe, matikcr das Verhältniß unzureichender Gründe zum zu. reichenden Grunde bestimmen kann; der Philosoph muß sich mit der Schcinbarkcit, einem bloß fuüjcctiv und practisch hinreichenden Fürwahrhaltcn begnügen. Denn im philosophischen Erkenntnisse laßt sich wegen der Un- gleichartigkeit der Gründe die Wahrscheinlichkeit nicht schätzen; — die Gewichte sind hier, so zu sagen, nicht alle gestempelt. Von der mathemati schei. Wahrscheinlichkeit kann man daher auch eigentlich nur sagen: daß sie mehr als die Hälfte der Gewißheit sey. —' Man hat viel von einer Logik der Wahrscheinlichkeit (loZlL-l xrodabiüum) geredet. Allein diese ist nicht möglich; denn wenn sich das Verhältniß der unzurei- chenden Gründe zum zureichenden nicht mathematisch erwägen laßt: so helfen alle Regeln nichts. Auch kann man überall feine allgemeine Regeln der Wahrscheinlichkeit geben, außer daß der Irrthum nicht auf einerley Seit'e treffen werde, sondern ein Grund der Einstimmung seyn müsse im Object; ingleichcn: daß, wenn von zwey entgegengesetzten Seiten in gleicher Menge und Grade geirrt wird, im Mittel die Wahrheit sey. Zweifel Einleitung. 129 Zweifel ist ein Gcgcngrund oder ein bloßes Hinderniß des Fürwahrhaltens, das entweder fub^ jectiv oder objectiv betrachtet werden kann. »» Snbjec-tiv neinlich wird Zweifel bisweilen genommen als ein Zustand eines unentschlossenen Gemüths, und objectiv als die Erkenntniß der Unzulänglichkeit der Gründe zum Fürwahrhalten. In der letztern Rücksicht heißt er ein Einwnrf; das ist: ein objectiver Grund, ein für wahr gehaltenes Erkenntniß für falsch zu halten. ^Ein bloß slibjcctiv gültiger Gegengrund des Fürwahrhaltens ist ein Skrupel. — Beym Skrupel weiß man nicht: ob das Hinderniß des Fürwahrhal- tenS objectiv oder nur subjectiv, z. B. nur in der Neigung, der Gewohnheit u. dgl. m> gegründet sey. Man zweifelt, ohne sich über den Grund des Zwcifclns deutlich und bestimmt erklaren und ohne einsehen zu können: ob dieser Grund im Object selbst oder nur im Subjecte liege. — Sollen nun solche Skrupel hinwcggcnom- men werden können: so müssen sie zur Deutlichkeit und Bestimmtheit eines Einwurfs erhoben werden. Denn durch Einwürfe wird die Gewißheit zur Deutlichkeit und Vollständigkeit gebracht, und ke-incr kann von einer Sache gewiß seyn, wenn nicht Gegcngründe rege gemacht worden, wodurch bestimmt werden kann: wie weit man noch von der Gewißheit entfernt, oder wie nahe man-derselben sey. — Auch ist es nicht genug: daß ein jeder Zweifel bloß beantwortet werde; — man I muß ,zc> Einleitung. muß ihn auch auflosen, das heißt: begreiflich machen , wie der Skrupel entstanden ist. Geschieht dieses nicht: so wird der Zweifel nur a b g e w i e se n, aber nicht aufgehoben,- — der Saame des Zweiftlns bleibt dÄm immer ne-ch übrig. — In vielen Fallen können wir freylich nicht wissen: ob das Hinderniß des Fürwahrhaltcns in uns nur snbjective oder objective Gründe habe und also den Skrupel nicht heben durch Aufdeckung des Scheines; da wir unsere Erkenntnisse nicht immer mit dem Object, sondern oft nur unter ein« ander selbst vergleichen können. Es ist daher Bescheidenheit, seine Einwürfe nur als Zweifel vorzutragen. Cs giebt einen Grundfatz des Zweiftlns, der in der Maxime besteht, Erkenntnisse in der Absicht zu behandeln, daß man sie ungewiß macht und die Unmöglichkeit zeigt, znr Gewißheit zu gelangen. Diese Methode des Philosophicrens ist die skeptische Denkart vder der S k e> ticis in u s. Sie ist der dogmatischen Denkart oder dem Dogmatismus entgegengesetzt, der ein blindes Vertrauen ist ans das Vermögen der Vernunft, ohne Critik sich a xriori durch bloße Begriffe zu erweitern, bloß um des scheinbaren Gelingens derselben. Beyde Methoden sind, wenn sie allgemein werden, fehlerhaft. Denn es giebt viele Kenntnisse, in Ansehung deren wir nicht dogmatisch verfahren können ; und von der andern Seite vertilgt der Skep. ^ - ticism, Einleitung. ticism, indem er auf alle behauptende Erkenntniß Ver- zicht thut, alle unsre Bemühungen zum Besitz einer Erkenntniß desGewissen zu gelangen. So schädlich nun aber auch dieser Skepticism ist; so nützlich und zweckmäßig ist doch die skeptische Methode, wofern man darunter nichts weiter als nur die Art versieht, etwas als ungewiß zu behandeln Und auf die höchste Ungewißheit zu bringen, in der Hoffnung, der Wahrheit auf diesem Wege auf die Spur zu kom? wen. Diese Methode ist also eigentlich eine bloße Suspension des Urthcilens. Sie ist dem crili sch c n Verfahren sehr nützlich, worunter diejenige Methohe des Philosophiercns zu verstehen ist, nach welcher man d.ie Quellen seiner Behauptungen oder Einwürfe unter - sucht, und die Gründe, worunf dieselben beruhen; — eine Methode, weiche Hoffnung giebt, zur Gewißheit zu gelangen. In der Mathematik und Physik findet der Skepticism nicht statt. Nur diejenige Erkenntniß hat ihn veranlassen können, die weder mathematisch noch empirisch ist; — die rein p h i l o sop h i sch e. — Der absolute Skepticism giebt alles für Schein aus. Er unterscheidet also Schein von Wahrheit und muß mithin doch ein Merkmal des Unterschiedes haben; folglich ei» Erkenntniß der Wahrheit vorausfttzcn, wodurch er sich selbst widerspricht. ' Wir bemerkten oben von der Wahrscheinlichkeit, daß sie eine bloße Annäherung zur Gewißheit sep. — I 2 Dieses iz2 Einleitung. Dieses ist nun insbesondre auch der Fall mit den Hy. pothescn, durch die wir nie zu einer apodiktischen Gewißheit, sondern immer nur zu einem bald großem bald geringern Grabe der Wahrscheinlichkeit iu unserm Erkenntniss.' gelangen können. Eine Hypothese ist ein Fürwahrhaltcn des Urtheils von der Wahrheit eines Grundes um der Zn länglich keit der Folgen willen; oder kürzer: das Fürwahrhaltcn einer Voraussetzung als Grundes. Alles Fürwahrhalten in Hypothesen gründet sich Demnach darauf, daß die Voraussetzung, als Grund, hinreichend ist, andre Erkenntnisse, als Folgen, daraus zu erklären. Denn wir schließen hier von der Wahrheit der Folge auf die Wahrhcit dcsGrundes. — Da aber diese Schlußart, wie ol^en bereits bemerkt worden, nur dann ein hinreichendes Criterium der Wahrheit giebt und zu einer apodiktischen Gewißheit führen kann, wenn alle mögliche Folgen eines angenommenen Grundes wahr sind: so erhellet hieraus, daß , da wir nie alle mögliche Folgen bestimmen können, Hypothesen immer Hypothesen bleiben, das heißt: Voraussetzungen, zu deren völliger Gewißheit wir nie gelangen können. -—- Dcmohngeachtet kann die Wahrscheinlichkeit einer Hypothese doch wachsen und zu einem Analogon der Gewißheit sich erheben, wenn nemlich alle Folgen, die uns bis jetzt vorgekommen sind, aus dem vorausgesetzten Grunde sich erklaren lassen. Denn iu einem Einleitung. einem solchen Falle ist kein Grund da, narum wir nicht annehmen sollten , daß sich daraus alle mögliche Folgen werden erklären lassen. Wir ergeben uns also in diesem Falle der Hypothese, als wäre sie vrllig ge- wiß, obgleich sie es nur durch Induction ist. Und Etwas muß doch auch in jeder Hypothese apodiktisch gewiß seyn; nemlich 1) die Möglichkeit der Voraussetzung selbst. — Wenn wir z. V- zu Erklärung der Erdbeben und Vulkane ein unterirdisches Feuer annehmen: so muß ein solches Feuer doch möglich fe-m, wenn auch eben nicht als ein flammender, doch als ein hitziger Korper. — Aber zum Behuf gewisser andrer Erscheinungen die Erde zu einem Thiere zu machen, in welchem die Cirkulation der innern Säfte die Wärme bewirke, heißt eine bloße Erdichtung und keine Hypothese aufstellen. Denn Wirklichkeiten lassen sich wohl erdichten, nicht aber Möglichkeiten > diese müssen gewiß seyn. 2) Die Conscqücnz. --^ Aus dem angenommenen Grunde müssen die Folgen richtig h'crfließen/ sonst wird aus der Hypothese eine bloße Chimäre. z) Die Einheit. — Es ist ein wesentliches Crforderniß einer Hypothese, daß sie nur Eine sey und keiner Hülfshypothesen zu ihrer Unterstützung bedürfe. — Müssen wir bey einer Hypothese schon mehrere andre zu Hülfe nehmen: so verliert sie dadurch sehr viel von ihrer Wahrscheinlichkeit. Denn je mehr Folgen I Z aus IZ4 Einleitung. aus einer Hypothese sich ableiten lassen, um so wahr« schcinlichcr ist 'ste; je weniger, desto unwahrscheinlicher. So reichte z. B. die Hypothese des Tycho äs Brahe zu Erklärung vieler Erscheinungen nicht zu; er nahm daher zur Ergänzung mehrere neue Hypothesen an. — Hier ist nun schon zu errathen, daß die angenommene Hypothese der achte Grund nicht seyn könne. Dagegen ist das CopernikanischeSystem eine Hypothese, aus der fich Alles, was daraus erklärt werden soll, — soweit es uns bis jetzt vorgekommen ist — erklä« ren läßt. Wir brauchen hier keine Hülfshypothc« feN (tiyporlisles lublic^i-irias). Es giebt Wissenschaften, die keine Hypothesen er« tauben; wie z. B. die Mathematik und Metaphysik. Aber in der Naturlehre sind sie nützlich und unentbehrlich. A n h a n g. Bvn dem Unterschiede des theoretischen und des practi« schcn Erkenntnisses. Ein Erkenntniß wird vractisch genannt im Gegensatze des thcoretischcn, aber auch im Gegensatze des spekulativen Erkenntnisses. Practische Erkenntnisse sind neinlich entweder l) Imperativen und in so ferne den theoretischen Erkenntnissen entgegengesetzt; oder sie enthalten -) Einleitung. iz5 2) die Grünbezu m 0 glichenImperativen und werden in so ferne den spekulativev Erkenntnissen entgegen gesetzt. Unter Imperativ überhaupt ist jeder Satz zu, verstehen, der eine mögliche, freye Handlung aussagt, wodurch ein gewisser Zweck wirklich gemacht werden soll. >— Eine jede Erkenntniß also, die Imperativen enthalt, istpractisch, und zwar im Gegensatze des th e 0 reti- sehen Erkenntnisses, practisch zu nennen. Denn thco- rctische Erkenntnisse sind solche, die da aussagen: nicht, was seyn soll, sondern was ist; also kein Handeln, sondern ein Seyn zu ihrem Object haben. Setzen wir dagegen praktische Erkenntnisse den spckulativen entgegen: so können sie auch the 0 re« t i sch seyn, wofern aus ihnen nur Imperativen können abgeleiret werdcn. Sie sind alsdann, in dieser Rücksicht betrachtet, dem Geh alte nach (in xmenlis) oder objectiv practisch. — Unter spekulativen Erkenntnissen nemlich verstehen wir solche, aus denen keine Regeln des Verhaltens können hergeleitet werden, oder die keine Gründe zu möglichen Imperativen enthalten. Solcher blos spekulative« Satze giebt es z. B. in der Thc 0 l 0 gie in Menge. — Dergleichen spekulative Erkenntnisse sind also immer theoretisch: aber nicht umgekehrt ist jede theoretische Erkenntniß spekulativ; sie kann in einer andern Rücksicht betrachtet, auch zugleich practisch seyn. I4 Alles iz6 Einleitung. Alles lauft zuletzt auf das Practi fche hinaus; und in dieser Tendenz alles Theoretischen und aller Spekulation in Ansehung ihres Gebrauchs besteht der practi- fche Werth unsers Erkenntnisses. Dieser Werth ist aber nur alsdenn ein unbedingter, wenn der Zweck, worauf der practische Gebrauch des Erkenntnisses gerichtet ist, ein unbedingter Zweck ist. — Der einige unbedingte und letzte Zweck (Endzweck), worauf aller practische Gebrauch unsers Erkenntnisses zuletzt sich beziehen muß, ist die Sittlichkeit, die wir um deswillen auch das schlechthin oder absolutPra- ctische nennen. Und derjenige Theil der Philosophie, der die Moralität zum Gegenstande hat, würde demnach practische Philosophie x«r' e'^o^v heißen müssen; obgleich jede andre philosophische Wissenschaft immer auch ihren practifchen Theil haben, d. h. von den aufgestellten Theorien eine Anweisung zum practifchen Gebrauche derselben für die Rcalisirung gewisser Zwecke enthalten kann. I. Erster Abschnitt. Von den Begriffen. i. Begriff überhaupt und dessen Unterschied von der Anschauung. lle Erkenntnisse, das heißt: alle mit Bewußtseyn auf ein Object bezogene Vorstellungen sind entweder Anschauungen oder Begriffe. — Die.An- schauung ist eine einzelne Vorstellung Oepraelsa- tat. tmLuIariL), der Begriff eine allgemeine (re- praelentüt. per norzz communes) oder reflectirte Vorstellung (reprselent^t. cliscurliva). Die Erkenntniß durch Begriffe heißt das Denken (ooZuitio lZiscurüva). Anmerk. i. Der Begriff ist der Anschauung entge« gengcfttzt; denn er ist eine allgemeine Vorstellung vdcr eine Vorstellung dessen, was mehreren Objecten gemein I4<5 I. Allgemeine Elementarlehre. gemein ist, also eine Vorstellung, so fern sie in verschiedenen enthalten ftnn kann. 2. Es ist eine bloße Tavtolc^ie, von allgemeine« oder gemeinsamen Begriffen zu reden; — ein Fehler, der sich auf eine unrichtige Eintheilung der Begriffe in allgemeine, bcsondre und einzelne gründet. Nicht die Begriffe selbst — nur ihr Gebrauch kann so eingetheilt werdm. 2. Materie und Form der Begriffe. An jedem Begriffe ist Materie und Form zu unterscheiden. — Die Materie der Begriffe ist der .Gegenstand; die Form derselben, dieAllgemein- heit. ! §. Z- " " ^ " Empirischer und reiner Begriff. Der Begriff ist entweder ein empirischer oder ein reiner Begriff (vel empiricus vel intell^ctus. lis)^ — Ein reiner Begriff ist ein solcher, der nicht von der Erfahrung abgezogen ist, sondern auch demInhalcenach aus dem Verstände entspringt. Die Idee ist ein Vernunftbegriff, deren Gegenstand gar nicht in der Erfahrung kann angetroffen werden. Anmerk. Erster Abschnitt. Von dm Begrjffm. 141 Anmcrk. 1. Der empirische Begriff entspringt aus den Sinnen durch Vergleichung der Gegenstände der Erfahrung und erhalt durch den Verstand bloß die Form der Allgemeinheit. — Die Realität dieser Begriffe beruht auf der wirklichen Erfahrung, woraus sie 5 ihrem Inhalte nach, geschöpft find. — Ob es aber reine Verstände sb egriffe (con. ceiu»5 pur!) gebe, die, als solche, unabhängig von aller Erfahrung lediglich aus dem Verstände entspringen, muß die Metaphysik untersuchen. 2. Die Vernunftbegriffe oder Ideen können gar nicht auf wirkliche Gegenstände führen, weil dicfe alle in einer möglichen Erfahrung enthalten seyn muffen. Aber sie dienen doch dazu, durch Vernunft in An« - sehu ig der Erfahrung und des Gebrauchs der Regeln dcrftlbn! in der größten Vollkommenheit, den Verstand zu leiten oder auch zu zeigen, daß nicht alle mögliche Dinge Gegenstände der Erfahrung ftycn, und baß die Principien der Möglichkeit der letztem nicht von Dingen an sich selbst, auch nicht von Objecten der Erfahrung, als Dingen an sich selbst, gelten. Die Idee enthalt dasUrbild des Gebrauchs des Verstandes, z. B. die Idee vom Wcltganzcn, welche nothwendig seyn muß, nicht als consti- tutives Princip zum empirischen Verstandesgebrauche, sondern nur als regulatives Princip zum Behuf des ourchganzigen Zusammenhanges un- . ' 142 I. Allgemeine Elementarlehre. fers empirischen Verstandesgebrauchs. Sie ist also als ein nothwendiger Grundbegriff anzusehen, um die Verstandeshandlungcn dcr Subordination cntwe« der objectiv zu vollenden, oder cls unbe- grenzt anzusehen. — Auch laßt sich die Idee nicht durch Zusammen scNnng erhalten; denn das Ganze ist hier eher, als der Theil. Indessen giebt es doch Ideen, zu denen eine Annäherung statt findet. Dieses ist der Fall mit den mathematischen, oder den Ideen dcr mathematischen Er« zeugung eines Ganzen, die sich wesentlich von den dynamischen unterscheiden, welche allen con« cretcn Begriffen ganzlich heterogen sind, weil das Ganze nicht dcr Große (wie bey den mathematischen), sondern der Art nach, von den concrctcu Begriffen verschieden ist. — Man kann keiner theoretischen Idee objective Rea» litat verschaffen oder dieselbe beweisen, als nur dcr Idee von dcr Freyheit; und zwar, weil diese die Bedingung des moralischen Gesetzes ist, dessen Realität ein Axiom ist. — Die Realität der Idee von Gott kann nur durch diese und also nur in practischer Absicht, d. i. sozu handeln, als ob ein Gott sey,- — also nur für diese Absicht bewiesen werden. ^ In allen Wissenschaften, vornehmlich denen der Vernunft, ist die Idee der Wissenschaft der allge. meine Abriß oder U m r i ß derselben; also dcr Um- fang Erster Abschnitt. Von den Begriffen. 14 z fang aller Kenntnisse, die zu ihr gehören. Eine solche Idee des Ganzen —> das Erste, worauf man bey einer Wissenschaft zn sehen und was man zu suchen hat, ist Architektonisch, wie z. B. die Idee der Rechtswissenschaft. — Die Idee der Menschheit, die Idee einer vollkom- mcncn Republik, eines glückseligen Lebens u. dgl. m. fehlt den meisten Menschen. — Viele Menschen ,. haben keine Idee von dem, was sie wollen, daher verfahren sie nach Instinkt und Autorität. §-4. - . Gegebene (a xrioii oder 2 pollsriorl) und gemachte Begriffe. Alle Begriffe sind dcrMaterienach entweder gegebene (conLeptug öari) oder gemachte Begriffe (concer-tuz kiictitii). — Die erstem sind entweder s pr^oii oder s voÜeriori gegeben. Alle empirisch oder 3 polreriori gegebene Begriffe heißen Erfahrungsbegriffe; s priori gegebene Notio uen. Anmerk. Die Form eines Begriffs, als einer discur. siven Vorstellung, ist jederzeit gemacht. 5- 5. ,4-1 I. Allgemeine Elementarlehre. ,7. ' / . ^ ^ § 5. , . > Logischer Ursprung der Begriffe. Der Ursprung der Begriffe der bloßen Form nach, beruht auf Reflexion und auf der Abstraction von dem Unterschiede der Dinge, die durch eine gewisse Vorstellung bezeichnet sind. Und es entsteht also hier die Frage: Welche Handlungen des Verstandes einen Begriff ausmachen oder — welches dasselbe ist — zu Erzeugung eines Begriffes aus gegebenen-Vorstellungen gehören? Anmerk. i. Da die allgemeine Logik von allem Inhalte des Erkenntnisses durch Begriffe, oder von aller Materie des Denkens abstrahirt^ so kann sie den Begriff nur in Rücksicht seiner Form, d. h. üur subjectivisch erwägen; nicht wie er durch ein Merkmal ein Object bestimmt, sondern nur, wie er auf mehrere Objecte kann bezogen werden. — Die . allgemeine Logik hat also nicht die Quelle der Begriffe zu untersuchen; nicht wie Begriffe als Vorstellungen entsprangen, sondern lediglich, wie gegebene Vorstellunzen im Denken zu Begriffen werden; diese Begriffe mögen übrigens etwas enthalten, was von der Erfahrung hergenommen ist, oder auch etwas Erdichtetes, oder von der Natur des Verstandes Entlehntes. — Dieser logische Ursprung der Begriffe — der Ur. Erster Abschnitt. Von den Begriffen. 145 Ursprung ihrer bloßen Form nach — besteht in dex Reflexion, wodurch eine, mehreren Objecten gemeine, Vorstellung (concexms Lvmmuni5) entsteht, als diejenige Foriy, die ,;ur Urtheilskraft erfordert wird. Also wird in der Logik bloß derUuter- schied der Reflexion an den Begriffen betrachtet. 2. Der Ursprung der Begriffe in Anschrmg ihrer Materie, nach welcher ein Begriff entweder empi- risch, oder willkühr lieh oder intcllect-uell ist, wird in der Metaphysik erwogen. '^^S,'- 6. Logische Actus der Comparativ«, Reflexion und Abstraction. Die logischen Verstandes-Aetuö, wodurch Begriffe ihrer Form nach erzeugt werden, sind: 1) die Comparativn, d.i. die Vergleichung der Vorstellungen unter einander im Verhältnisse zur Einheit des Bewußtseyns; 2) die Reflexion, d.i. die Ueberlegung, wie verschiedene Vorstellungen in Einem Bewußtseyn begriffen seyn können; und endlich z) die Abstrcictivn oder die Absonderung alles Uebrigen, worinn die gegebenen Vorstellungen sich unterscheiden. K ^ Anme^rk. 146 I. Mgmm'ne Elementarlehre. Anmerk. i. Um ans Vorstellungen Begriffe zu machen, muß man also compariren, rcflectiren und abft-rahiren können; denn diese drey logische Operationen des Verstandes sind die wesentlichen und allgemeinen Bedingungen zu Erzeugung eines jeden Begriffs überhaupt. — Ich sehe z. B. eine Fichte, eine Weide und eine Linde. Indem ich dic'e Gegenstände zuvorderst unter einander vergleiche, bemerke ich, daß sie von einander verschieden sind ilt Ansehung des Stammes, der Aestc, der Blatter u. dgl. m.; nun rcflectire ich aber hiernachst nur auf das, was sie unter sich gemein haben, den Stamm, die Aeste, die Blatter selbst und abstrahire von der Große, der Figur derselben u. s. w.; so bekomme ich einen Begriff vom Baume. 2. M«n braucht in der Logik den Ausdruck Abstrakt i.on nicht immer richtig. Wir müssen nicht sagen: Etwas abstrahlten (.ilittral,ers aliquiä), so»- dern vonEtwas absirahircn (i»bltr-chere »b süczuo). — Wenn ich z. B. beym Scharlach > Tuche nur die rothe Farbe denke: so abstrahire ich vom Tuche; abstrahire ich auch von diesem und denke mir den Scharlack) als einen materiellen Stoff überhaupt: so abstrahire ich von noch mehreren Bestimmungen, und mein Begriff ist dadurch noch abstracter geworden. Denn je mehrere Unterschiede der Dinge aus einem Begriffe weggelassen sind oder von je mehreren Bestimmungen in demselben absirahirt worden: desto ab- Erster Abschnitt. Von den Begriffen. 547 abstracter ist der Begriff. Abstracte Begriffe Mte man daher eigentlich abstrahirende (conLoxms alMsIieme«) nennen, d. h. solche, in denen mehrere Abstraktionen vorkommen. So ist z. B. der Begriff Kor per eigentlich kein abstracter Begriffe denn vom Körper selbst kann ich ja nicht abstrahlt», ich würde sonst nicht den Begriff von ihm haben. Aber wohl muß ich von der Größe, der Farbe, der Härte oder Flüssigkeit, kurz: von allen speciellen Bestimmunger besondrer Körper abstrahlen. — Der abstrakteste Begriff ist der, welcher mit keinem von ihm vcr- schiedcnen etwas gemein hat. Dieses ist der Begriff von Etwas; denn das von ihm Verschiedene ist Nichts, und hat also mit dem Etwas nichts gemein. z. Die Abstraktion ist nur die negative Bedingung, unter welcher allgemeingültige Vorstellungen erzeugt werden können; die positive ist die Comparation und Reflexion. Denn dnrchs Abstrahircn wird kein Begriff; — die Abstraction vollendet ihn nur und schließt ihn in seine bestimmten Grenzen ein. §. 7. Inhalt und Umfang der Begriffe. Ein jeder Begriff, als Theilbegriff, ist in der Vorstellung der Dinge enthalten; als Er- kenntnißgrund, d.i. als Merkmal sind dieses Dinge unter ihm enthalten. — Inder erstem K2 Rück-.- !48 I. Allgemeine Elementarlehre. Rücksicht hat jeder Begriff einen Inhalt; in der andern, einen Umfang. Inhalt und Umfang eines Begriffs stehen gegen einander in umgekehrtem Verhältnisse. Je mehr nomlich ein Begriff unter sich enthält, desto weniger enthält er in sich und umgekehrt. Anme rk. Die Allgemeinheit.oder Allgemeingültigkeit des Begriffs beruht nicht darauf, daß der Begriff ein Theilbegriff, sondern daß er ein Erkennt« nißgrund ist. 5V' M','AMMÄ M M-W Größe des Umfanges der Begriffe. Der Umfang oder die Sphäre eines Begriffes ist um so größer, je mehr Dinge unter ihm stehen und durch ihn gedacht werden können. An merk. So wie man von einem Grunde überhaupt sagt, daß cr die Folge unter sich enthalte: so kann man auch von dem Begriffe sagen, daß er als Crkeuutnißgrund alle diejenigen Dinge unter sich enthalte, von denen er abstrahirt worden, z. B. der Begriff Metall, das Gold, Silber, Kupfer n. s. w. — Denn da jeder Begriff, als eine allgemeingültige Vorstellung, dasjenige enthalt, was mehre» Erster Abschnitt. Von den Begriffen. 14? mehreren Vorstellungen von verschiedenen Dingen gemein ist: so kennen alle diese Dinge, die in so ferne unter ihm enthalten sind, durch ihn vorgestellt werden. Und eben dies macht die Brauchbarkeit eines Begriffs aus. Je mehr Dinge nun durch einen Begriff können vorgestellt werden: drfto großer ist die Sphäre desselben. So hat z. V. der Begriff Korper einen größern Umsang als der Begriff Metall. - ' ' ' ^ 9- , , - , . , ^ Höhere und niedere Begriffe. Begriffe heißen höhere (concsptus mperiores), s» fern sie andre Begriffe unter sich haben, die im Verhältnisse zu ihnen niedere Begriffe genannt werden. — Ein Merkmal vom Merkmal —- ein entferntes Merkmal — ist ein höherer Begriff; der Begriff in Beziehung auf ein entferntes Merkmal, ein niederer.. An merk. Da höhere und niedere Begriffe nur beziehungsweise Oeixeccive) so heißen: so kann also Ein und derselbe Begriff in verschiedenen Ve- - Ziehungen, zugleich ein höherer und ein niederer seyn. So ist z. B. der Begriff Mensch, in Beziehung auf den Begriff Pferd ein höherer; in Beziehung auf den Begriff Thier aber ein nie. derer. H. iv. 15» l. Allgemeine Elementarlehre. §. lv. Gattung und Art. Der höhere Begriff heißt in Rücksicht seines niederen, Gattung; (gsnus) der niedere Begriff in Ansehung seines hvhern,Art (species). -— So wie höhere und niedere, so sind also auch Gattungs- und Art-Begriffe nicht ihrer Natur nach, sondern nur in Ansehung ihres Verhältnisses zu einander (termini s hierbei) nicht tiefer zu gehen. In Absicht auf die Bestimmung der Mt- und Gattungsbegriffe gilt also folgendes allgemeine Gesetz: Es giebt ein Genus, das nicht mehr Species seyn kann; aber es giebt keine Species, die nicht wieder sollte Genntz seyn können. 4. 12. »5? I. Allgemeine Elementarlehre. §. i-. Weiterer und engerer Begri'ff. — Wcch. selbegriffe. Der höhere Begriff heißt auch ein weiterer; ber niedere, ein engerer Begriff, Begriffe, die einerley Sphäre haben, werden Wechsel begriffe (couceptus reciprok) genannt. § lZ - ^^-^'^ . Verhältniß des niederen zum ho Hern des weire-rn zum engeren Begriffe. Der niedere Begriff ist nicht in dem höhern enthalten ; denn er enthalt mehr in sich als der höhere; oberer ist doch unter demselben cnrhalcm, weil der höhere den Erkenntnißgrund des niederen enthalt. Ferner, ist ein Begriff nicht weiter als der andre, darum weil er mehr unter sich enthalt denn das kann man nicht wissen — sondern sofern er den andern Begriff und ausser demselben noch mehr, unter sich enthält. §. 14. Allgemeine Regeln in Ab sichtaufdieGub- ordination der Begriffe. In Ansehung des logischen Umfanges der Begriffe gelten folgende allgemeine Regel»,: . " . - , , ' ' ') Erster Abschnitt. Von den Begriffen. i;z 1) Was den hohem Begriffen zukommt oder widerspricht, das kommt auch zu oder widerspricht allen niedrigern Begriffen, die unter jenen höhern enthalten sind; und 2) u-mgekehrt: Was allen niedrigem Begriffen zukommt oder widerspricht,-das kommt auch zu oder widerspricht ihrem hohem Begriffe. A n m e r k. Weil das, wo«im Dinge übereinkommen, aus ihren allgemeinen Eigenschaften, und das, worinn sie von einander verschieden sind, aus ihren besondern Eigenschaften hc> stießt; so kann man nicht schließen: Was einem niedrigern Begriffe zukommt ober widerspricht, das kommt auch zu oder widerspricht andern niedrigeren Begriffen, die mit jenem zu Emem hoher:, Begriffe gehören. So kann man z. B. nicht schließen: Was dem Menschen nicht zukomme, das kommt auch den Engeln nicht zu. §. !5- Bedingungen der Entstehung höherer und niederer Begriffe: Logische Absiraction und logische Dctermination. Durch fortgesetzte logische Absiraction entstehen immer höhere; so wie dagegen durch fortgesetzte logische Determination immer niedrigere Begriffe. -— Die größte mögliche Absiraction giebt den höchsten oder abstrattesten Begriff — den, von dem sich K 5 kein? 154 I. Allgemeine Eleme^arlchre. keine Bestimmung weiter wegdenken laßt. Die höchste vollendete Determination würde einen durchgängig bestimmten Begriff (cnnceptum omnimnäe 6etermi»3tum) d. i. einen solchen geben, zu dem sich, keine weitere Bestimmung mehr hinzu denken ließe» An merk. Da nur einzelne Dinge oder Individuen durchgangig bestimmt sind: so kann es auch nur durchgangig bestimmte Erkenntnisse als N n sch auun« gen, nicht aber alSVeg risse, geben; in Ansehung der letztem kann die logische Bestimmung nie als vollendet cmgcsehen werden (§. n. Anm.). . ^„„>., »6. ^ , , Gebranch der Begriffe in abürscto und i» conc ieio. Ein jeder Begriff kann allgemein und besonders (in sblrrsLlc) und in concrew) gebraucht werden. in sbArzeto wird der niedere Begriff in Ansehung seines höhern; in concrew der höhere Begriff in Ansehung seines niederen gebraucht. Zlnmerk. i. Die Ausdrücke des Abstrakten und Concreten beziehen sich also nicht so wohl auf die Begriffe an sich selbst — denn jeder Begriff ist ein absiracter Begriff — als vielmehr nur auf ihren Gebräu ch. Und dieser Gebrauch kann hinwiederum Erster Abschnitt. Von den Begriffen. 15; um verschiedene Grade haben; —- je nach dem man «inen Begriff bald mehr bald weniger absiract oder concret behandelt, d. h. bald mehr bald weniger Be- stimmimgcn entweder wegläßt oder hinzusetzt. Durch den absiractcn Gebrauch kommt ein Begriff der Hochsien Gattung, durch den concrctcn Gebrauch dagegen dem Individuum, naher. 2. Welcher Gebrauch der Begriffe, der abstrakte oder der concrctc, hat vor dem andern einen Vorzng?--- Hierüber laßt sich nichts entscheiden. Der Werth des einen ist nicht geringer zu schätzen, als dcrWcrth des andern. — Durch sehr abstra.cte Begriffe erkennen wir an vielen Dinge» wenig; durch sehr co.ncretc Begriffe erkennen wir an wenigen Dingen viel; — was wir also auf der einen Seite gewinnen, das verlieren wir wieder auf der andern. — Ein Begriffe der eine große Sphäre hat, ist in so ferne sehr brauchbar, als man ihn auf viele Dinge anwenden kann; aber es ist anch dafür um so wen!« gcr in ihm enthalten. In dem Begriffe Sub. stanz denke ich z. B. nicht so viel als m dem Begriffe Kreide. z. Das Verhältniß zu treffen zwischen der Vorstellung in ÄdKiALw und in cvnLrero in derselben Erkenntniß; also der Begriffe und ihrer Darstellung, wodurch das Man'mum der Erkenntniß dem Umfange so wohl als dem Inhalte nach, crreichtwird, darinn besteht die Kunst der Popularität. Zwey- lz6 I. Allgemeine Elementarlehre. Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen. §. 17- Erklärung eines Urtheils überhaupt. Ein Urtheil ist die Vorstellung der Einheit des Bewußtseyns verschiedener Vorstellungen, oder die Vorstellung des Verhältnisses derselben, so fern sie einen Begriff ausmachen. §. 18. Materie und Form der Urtheile. Zu jedem Urtheile gehören, als wesentliche Bestandstücke desselben, Materie und Form. — In den gegebenen, zur Einheit des Bewußtseyns im Urtheile verbundenen, Erkenntnissen besteht dieMa t e- rie; — in der Bestimmung der Art und Weise, wie die verschiedenen Vorstellungen, als solche, zu Einein Bewußtseyn gehören, die Form des Urtheils. § lh- Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen. 157 ^ '5- 19. Gegenstand der logischen Reflexion die bloße Form der Urtheile. Da die Logik von allem realen oder objectiven Unterschiede des Erkenntnisses abstrahirl: so kann sie sich mit der Materie der Urtheile so wenig als mit dem Inhalt? der Bi'gnffe beschäftigen. Sie hat also lediglich den Umerschied der Urtheile in Ansehung ihrer bloßen Form in Erwägung zu ziehen. ^ ' > ^^^^ ^'^ ' ' / ^ 5- 20. Logische Formen der-Urtheile: Quantität, Qualität, Relation und Modalität. Die Unterschiede der Urtheile in Rücksicht auf ihre Form l^en sich ans die Vier Hauptmomcnte der Quantität, Qualität, Relation und Modalität zurückführen, in Ansehung deren eben ss viele verschiedene Arten von Urtheilen bestimmt sind. §. 21. Quantität der Urtheile: Allgemeine, Besondre, Einzelne. ' Der Quantität nach sind die Urtheile entweder allgemeine, oder besondre, oder einzelne; je nachdem das Subject im Urtheile entwedsr ganz von der Notion des Prädikats eist- oder ausgeschlossen, oder davon zum Theil nur ein- zum Theil . aus- iz 8 I. Allgemeine Elementqrlehre. ausgeschlossen ist. Im allgemeinen Urtheile wird die Sphäre eines Begriffs ganz innerhalb der Sphäre eines andern beschlossen; im parlikularen wird ein Theil des erster» unter die Sphäre des andern ; und im einzelnen Urtheile endlich wird ein Begriff, der gar keine Sphäre hat, mithin blos als Theil unter die Sphäre eines andern beschlossen. Anmcrk. r. Die einzelnen Urtheile sind der logischen Fyrm nach, im Gebrauche den allgemeinen gleich zu schätzen; denn be» beyden gilt das Prädikat vom Subject ohne Ausnahme. In dem einzelnen Satze z, V- Cajus ist sterblich — kann auch so wenig eine Ausnahme statt finden als in dem allgemci« nen: Alle Menschen sind sterblich. Denn es giebt nur Einen Cajns. 2. In Absicht auf die Allgemeinheit eines Erkenntnisses findet ein realer Unterschied statt zwischen genera- len und universalen Sätzen, der aber freylich die Logik nichts angeht. Generale Satze nemlich sind solche, die bloß etwas von dem Allgemeinen gewisser Gegenstände und folglich nicht hinreichende Bedingungen der Subsumtion enthalten, z.B. der Satz: man muß die Beweise gründlich machen; — Universale Satze- sind die, welche von einem Gegenstände etwas allgemein behaupten. z. All- Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen. 159 z.. Allgemeine Regeln sind entweder analytisch oder synthetisch allgemein. Jene abstrahireN von den Verschiedenheiten; diese attendiren ans die Un» tecschicde und bestimmen folglich doch auch in Ansehung ihrer. — Je einfacher ei» Object gedacht wird, desto eher ist analytische Allgemeinheit zufolge eines Begriffs möglich. 4. Wenn allgemeine Satze, ohne sie in concrsrc» zn kennen, in ihrer Allgemeinheit nicht können eingesehen werden, so können sie nicht zur Richtschnur dienen und also nicht hevristisch in der Anwendung gelten, sondern fiüd nur Aufgaben zu Untersuchung der allgemeinen Gründe zu dem, was in besondern Fal» lcn zuerst bekannt worden. Der Satz zum Beyspiel: Wer kein Interesse hat zu lügen und die Wahrheit weiß, der spricht Wahr- hei't — dieser Satz ist in seiner Allgemeinheit nicht einzusehen , weil wir die Einschränkung auf die Bedingung des Unintercssirten nur durch Erfahrung kennen,- ncmlich daß Menschen aus Interesse lügen können, welches daher kommt, daß sie nicht fest all der Moralität hangen. Eine Beobachtung, die unö die Schwäche der menschlichen Natur kennen lehrt. 5. Von den besondern Urtheilen ist zn merken, daß, wenn sie durch die Vernunft sotten können ciugc- sehen werden und also eine rationale, nicht blos in- Mectuale (abstrahirte) Form haben: so muß das -Sub- z 6c, I. Allgemeine Elementarlehre. Subject ein weiterer Begriff (c. Imior) als das Pra« dikat seyn. — Es sey das Prädikat jederzeit 0, das Subject HZ, so ist T ein besonderes Urtheil; denn einiges unter z Gehörige ist b, einiges nicht b — das folgt aus der Vernunft. — Aber es sey so kann zum wenigsten alles s unter b enthalten scnn, wenn es kleiner ist, aber nicht wenn es großer ist; also ist es nur zufalliger Weife partikular. §. 22. Qualität der Urtheile: Bejahende, Verneinende, Unendliche. Der Qualität nach sind die Urtheile entweder bejahende oder verneinende oder unendliche. — Im bejahenden Urtheile wird das Subject unter der Sphäre eines Prädikats gedacht, im verneinenden wird es ausser der Sphäre des letztern gefetzt und im unendlichen wird es in die Sphäre eines Begriffs, die außerhalb der Sphäre eines andern liegt, gesetzt. Aninerk. Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen. i6l Anmerk. i. Das unendliche Urtheil zeigt nicht bloß an, daß ein Subject unter der Sphäre eines Prädikats nicht enthalten sey, sondern daß es außer dsr Sphäre desselben in der unendlichen Sphäre irgendwo liege; folglich stellt dieses Urtheil die Sphäre dcS Prädikats als beschrankt vor. — Alles Mögliche ist entweder ^ oder noa ^. Sage ich also: etwas ist non ^, z. V. die menschliche Seele ist nicht.sterblich — Einige Menschen sind Nichtgelehrte u. dgl. m. — so ist dies ein unendliches Urlheil. Denn es wird durch dasselbe über die endliche Sphäre ^ hinaus nicht bestimmt, unter wclchenVegriff das Object gehöre,- sondern lediglich, daß es in die Sphäre außer ^ gehöre, welches eigentlich gar keine Sphäre ist, sondern nur die A »grenz un g einer Sphäre an das Unendliche oder die Begrenzung selbst. — Obgleich nun die Ausschließung eine Negation ist: so ist doch die Beschränkung eines Begriffs eine post. tive Handlung. Daher sind Grenzen positive Be, griffe beschrankter Gegenstande. s. Nach dem Principium der Ausschließung jedes Drit- ren (excluii lettii) ist die Sphäre eines Begriffs relativ auf eine andre entweder ausschließend oder einschließend. — Da nun die Logik bloß mit der Form des Urtheils, nicht mit den Begriffen ihrem Inhalte nach, es zu thun hat: so ist die Unterscheidung der L »nend« 162 I- Allgemeine Elementarlehre. unendlichen von den negativen Urtheilen nicht zu die«! ser Wissenschaft gehörig. In verneinenden Urtheilen afficirt die Negation immer die Copula; in unendlichen wird nicht die Copu« la, sondern das Prädikat durch die Negation afficirt, welches sich im Lateinischen am besten ausdrük« ken läßt. §. 2Z. Relation der Urtheile: Kategorische, Hy. pothetische, Disjunctive. Der Relation nach sind die Urtheile entweder kategorische oder hypothetische oder disjunctive. Die gegebenen Vorstellungen im Urtheile sind nemlich, eine der andern, zur Einheit des Bewußtseyns'untergeordnet, entweder: als Prädikat dein Subjecte; oder: als Folge dem Grunde; oder: als Glied der Eintheilung dem eingetheilten Begriffe. — Durch das erste Verhältniß sind die kategorischen, durch das zweyte die hypothetischen, und durch das dritte die d i s- junctiven Urtheile bestimmt» §. 24. Kategorische Urtheile. In den kategorischen Urtheilen machen Subject und Prädikat die Materie derselben aus; — die Form, durch welche das Verhältniß (der Einstimmung Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen. 16z mung oder des Widerstreits) zwischen Subject und Prädikat bestimmt und ausgedrückt wird, heißt die Copula. _^' Anmerk. Die kategorischen Urtheile machen zwar die Materie der übrigen Urtheile aus; aber darum muß man doch nicht, wie mehrere Logiker, glauben, daß die hypothetischen so wohl als die disju»ctiven Urtheile weiter nichts als verschiedene Einkleidungen der kategorischen seyen und sich daher insgesammt auf die letztern zurückfuhren ließen. Alle drey Arten von Urtheilen beruhen auf wesentlich verschiedenen logischen Funktionen des Verstandes, und müssen daher nach ihrer specifischen Verschiedenheit erwöge« werden. ' > / §.-5. ' . Hypothetische Urtheile. Die Materie der hyp 0 thetischen Urtheile besteht aus zwey Urtheilen, die mit einander als Grund und Folge verknüpft sind. — Das eine dieser Urtheile, welches den Grund enthält, ist der Vordersatz (gntöLsäens, prius); das andre, das sich zu jenem als Folge verhalt, der Nachsatz (conlöj e Also zeigt die Division in disjunctiven Urtheilen die Coordination nicht der Theile des ganzen Begriffs, sondern Alle Theile seiner Sphären an. Hier denke ichvielDinge durch einen Begriff; dort c i n Ding durch viel Begriffe, z.B. das Definition durch alle Merkmale der Coordination. 5- ?«-. Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen. 169 H. Zo. Modalitat der Urtheile: Problematische, Assertorische, Apodiktische. Der Modalitat nach, durch welches Moment das Verhältniß des ganzen Urtheils zum Erkenntnißver- mogen bestimmt ist, sind die Urtheile entweder pr 0- blematische, oder assertorische, oder apodik- tische. Die problematischen sind mit dem Bewußtseyn der bloßen Möglichkeit, die assertorischen mit dem Bewußtseyn der Wirklichkeit, die apodiktischen endlich mit dem Bewußtseyn der Nothwendigkeit des Urtheiles begleitet. An merk. 1. Dieses Moment der Modalitat zeigt also nur die Art und Weise an, wie im Urtheile etwas behauptet oder verneinet wird: ob man über die Wahrheit oder Unwahrheit eines Urtheils nichts ausmacht, wie in dem problematischen Urtheile: die Seele des Menschen mag unsterblich seyn — oder ob man darüber etwas bestimmt; — wie in dem assertorischen Urtheile: die menschliche Seele ist unsterblich; — oder endlich, ob man die Wahrheit eines Urtheils sogar mit der Dignitat der Nothwen- digkcit ausdrückt; — wie in dem apodiktischen Ur» theile: die Seele des Menschen muß unsterblich seyn.--Diese Bestimmung der bloß möglichen oder wirklichen oder nothwendMn Wahrheit bc. L 5 trifft 17» I. Allgemeine Gementarlehre. trifft also nur das Urtheil selbst, keineswegs die Sache> worüber geurthcilt wird. s. In problematischen Urtheilen, die man auch für solche erklären kann, deren Materie gegeben ist mit der» möglichen Verhältniß zwischen Prädikat und Subject, muß das Subject jederzeit eine kleinere Sphäre haben, als das Prädikat. z. Auf dem Unterschiede zwischen problematischem u«d assertorischem Urtheilen beruht der wahre Unterschied zwischen Urtheilen und Sätzen, den man sonst fälschlich in den bloßen Ausdruck durch Worte, ohne die man ja überall nicht urtheilen könnte, zu setze» pflegt. Im Urtheile wird das Verhältniß verschiedener Vorstellungen zur Einheit des Bewußtseyns bloß als problematisch gedacht; in einem Satze hingegen als assertorisch. Ein problematischer Satz ist eine concraäictio in a6)SLw. — Ehe ich eine« Satz habe, muß ich doch erst urtheilen; und ich urtheile über vieles, was ich nicht ausmache, welches ich aber thun muß, so bald ich ein Urtheil als Satz bestimme. — Es ist übrigens gut, erst problematisch zu urtheilen, ehe man das Urtheil als assertorisch annimmt, um es auf diese Art zu prüfen. Auch ist es nicht allemal zu unsrer Absicht nöthig, assertorische Urtheile zu haben. 5- Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen, 171 §. Zl- Crvonible Urtheile. Urtheile, in denen eille Bejahung und Verneinung zugleich, aber versteckter Weise, enthalten ist; so daß die Bejahung zwar deutlich, die Verneinung aber versteckt geschieht, sind erv 0 nible Sätze. Anmerk. In dem exponiblen Urtheile, z. B. Wenige Menschen sind gelehrt — liegt 1) aber auf eine versteckte Weift, das negative Urtheil: Viele Mensche« sind nicht gelehrt; und 2) das affirmative: Einige Menschen sind gelehrt. — Da die Natur der exponiblen Sätze lediglich von Bedingungen der Sprache abhängt, nach welchen man zwey Urtheile aufCinmal in der Kürze ausdrücken kann: so gehört die Bemerkung, daß es in unsrer Sprache Urtheile geben könne, die exponirt werden müssen, nicht in die Logik, sondern in die Grammatik. §. Z2. . > Theoretische und vractische Sätze. The 0 retische Säße heißen die, welche sich auf den Gegenstand beziehen und bestimmen: was demselben zukomme oder nicht zukomme; — vrac tisch e Sätze hingegen sind die, welche die Handlung aussagen, wodurch, als nothwendige Bedingung desselben, ein Object möglich wird. Aümerk. 172 I. Allgemeine Elementarlehre. An merk. Die Logik hat nur von practischen Sätzen der Form ngch, die in so fern den theoretischen entgegengesetzt sind, zu handeln. Practische Satze dem Inhaltenach, und in so fern von den spekulativen unterschieden, gehören i» dieMoral. §. ??. Andemonftrablellnd demonstrsbleSatze. Den» onstrable SaHe sind die, welche eines Beweises fiahig sind; die keines Beweises fähig sind> werden indemonstrable genannt. Unmittelbar gewisse Urtheile sind indemvnsirat»e(, und alsö a'is Elementar - Säe anzusehen. §- Z4- Grundsätze. Unntittelbar gewisse Urtheile 2 prisi-i könniW Grundsätze heißen, so fern andre Urtheile ans ihneo erwiesen, Ke selbst aber keinem andern suboldinirt werden können. Sie werden um deswillen auch Principien (Anfange) genannt. §. 35- Intuitive und discursive Grundsatze, Axiome und Acroame. Grundsätze find entweder intuitive oder diöcursive. —° Die erstem können in der Anschauung Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen. l?z fchauung dargestellt werden und heisien Axioms (zxioml-ta); die letztem lassen sich nur durch Begriffe ausdrücken und können Acroame (acrosimUA) gs, nannt werden. ' ' K. ? 6. . ^ Analyti sche und synthetische Satze.' Analytische Sätze beißen solche, deren Gs« wißhcit auf Identität der Begriffe (des Prädikats mit der Notion des Subjects) beruht. — Sähe, d^ren Wahrheit sich nicht auf Identität der Begriffe gründet, müssen synthetische genannt werden. Anmerk. i. Alles x, welchem der Begriff des Körpers (s^b) zukommt, dem kommt auch die Ausdehnung (i>) zu; — ist ein Crernpel eines « nalytischcn Satzes. — Alles x, welchem du-Begriff des K6rper>5 (a^K) zukoinmt, dem kommt auch die Auziehrrng (e) zu; — ist cinCxcmpcl cines.synthetischen Saz. zes. — Die synthetischen Sätze vermehren daS Erkenntniß mace^allrer; die analytischen bloß 5c«. malirer. Jene enthalten Bestimmungen (äecsr. mi»-»üo»es), diese nur logische Pradik»ate. s. Analytische Principien sind nicht Axiom««;, den» sie sind discursiv. Und synthetische Principien sind auch nur dann Axiomen, wenn sie «int«itiv siöd. A Z7- ^74 Allgemeine Elementarlehre.! §- Z7. Tautologlsche Satze. Die Identität der Begriffe in analytischen Urtheilen kann entweder eine ausdrückliche (expüci- ta) oder eine nicht - ausdrückliche (implicitü) seyn. — Im erster» Falle sind die analytischen Säße tautologisch. Anmerk. i. Tautologlsche Sätze sind virtualirsr leer oder Folge leer; denn sie sind ohne Nutzen und Gebrauch. Dergleichen ist z. B. der tautologlsche Satz: der Mensch ist Mensch. Denn wenn ich vom Menschen nichts weiter zu sagen weiß, als daß er ein Mensch ist: so weiß ich gar weiter nichts . von ihm. Imxticire identische Satze sind dagegen nicht Folge« oder Fruchtlccr; denn sie machen das Prädikat, welches im Begriffe des Subjects unentwickelt (imxli- c!re) lag, durch Entwickelung (explic^-rio) klar. 2. Folgclcere Satze müssen von Sinnleeren unterschieden werden, vie darum leer an Verstand sind, weil sie die Bestimmung sogenannter verborgener Eigenschaften (huntitscez occulcse) betreffen. 5. Z8. . , Postulat und Problein. Ein Postulat ist ein vractischer unmittelbar gewisser Saß oder ein Grundsatz, der eine mögliche Hand^- Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen. 175 Handlung bestimmt, bey welcher vorausgesetzt wird, daß die Art, sie auszuführen, unmittelbar gewiß sey. Probleme (prodlemalg) sind demonstrable, einer Anweisung bedürftige Satze, oder solche, die eine Handlung aussagen, deren Art der Ausführung nicht unmittelbar gewiß ist. Anmcrk. 1. Cs kann auch rheore tische Postulate . Kcbcn zum Behuf der practischen Vernunft. Dieses sind theoretische in praktischer Vcrnunstabsicht nothwendige Hypothesen, wie die des Daseyns Gottes, der Freyheit und einer andern Welt. 2. Zum Problem gehört ») die Quästion, die das enthalt, was geleistet werden soll, 2) die.Resolu« tion, die die Art und Weift enthält, wie das zu Leistende tonne ausgeführt werden, und z) die D e. monsiration, daß, wenn ich so werde verfahren haben, das Geforderte geschehen werde. §- 39- Theoreme, Corollarien, Lehnsatze und Schotten. Theoreme sind theoretische, eines Beweise» fähige und bedürftige Satze. — Corollarien sind unmittelbare Folgen aus einem der vorhergehenden Satze. Lehn sähe (lsmmsts) heißen Satze, die ,76 I. Allgemeine ElemenrarleHre. die in der Wissenschaft, worinn sie als erwiesen vorausgesetzt werden, nicht einheimisch, sondern aus andern Wissenschaften entlehnt sind. — Schollen endlich sind bloße Erlauterungssätze, die also nicht als Glieder zum Ganzen des Systems gehören. -» Anmerk. Wesentliche und allgemeine Momente eines jeden Theorems sind die Thesis und die Demonstration. — Den Unterschied zwischen Theoremen und Corollarien kann man übrigens auch darin» setzen, daß diese unmittelbar geschlossen, jene dagegen durch eine Reihe von Folgen aus unmittelbar gewissen Sätzen gezogen werden. §. 40. Wahrnehmungs- und Er fahr ungs urtheile. Ein Wahrnehmungsurtheil ist bloß subjektiv; — ein objectives Urtheil aus Wahrnehmungenist ein Erfahrungsurtheil. Anmerk. Ein Urtheil aus bloßen WahrnchMMgen ist nicht wohl möglich, als nur dadurch, daß ich meine Vorstellung, alsWahrnehmung, aussage: Ich, der ich einen Thurm wahrnehme, nehme an ihm die rothe Farbe wahr. Ich kann aber nicht sagen ^ e r i st r 0 t h. Denn dieses wäre nicht bloß ein emvi» Zweyter Abschnitt. Von den Urtheilen» t?? empirisches, sondern auch ein Erfahrungsur« theil, d.i. ein empirisches Urtheil, dadurch ich einen Begriff vom Object bekomme. Z. B. Bey der Berührung des Steins empfinde ich Warme; — ist ein Wahrnehmungsurtheii, hin. gegen: derSteiN ist warm — ein Erfahrungs» urtheil. — Es gehört zum letztetn, daß ich das, was blos in meinem Subject ist, nicht zum Object rechne; denn ein Erfahrungsurthcil ist die Wahr, nehmung, woraus ein Begriff vomObjsctentspringt; z. B. ob im Monde lichte Punkte sich bewegen, oder in der Luft oder in meinem Auge. M , - > - >«z Drit- i?8 I. Allgemeine Elementarlchre, Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. §. 4r. Schluß überhaupt. Unter Schließen ist diejenige Function des Denkens zu verstehen, wodurch ein Urtheil aus einem andern hergeleitet wird. — Ein Schluß überhaupt ist also die Ableitung eines Urtheils aus dem andern. §. 42. Unmittelbare vnv mittelbare Schlüsse. Alle Schlüsse sind entweder unmittelbare oder mittelbare.— Ein unmittelbarer Schluß (conleczuentlÄ !mmeäistz) ist die Ableitung (cZeöuctio) eines Urtheils aus dem andern ohne ein vermittelndes Urtheil (juäicium intermec^um). Mittelbar ist ein Schluß, wenn man außer dem Begriffe, den ein Urtheil in sich enthalt, noch andre braucht, um ein Erkenntniß daraus herzuleiten» §. 4Z. Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 179 Verstandesschlüsse, Schlüsse der 4?- Vernunftschlüsse und Urthcilskraft. Die unmittelbaren Schlüsse heißen auch Verstandes sch lü sse; alle mittelbare Schlüsse hingegen sind entweder Vernunftschi ü sse oder Schlüsse der Urtheilskraft. — Wir handeln hier zuerst von den unmittelbaren oder den Verstandesschlüssen. I. Vers: and es sch küsse. §. 4-?. Eigenthümliche Natur der Verstandes» sch lü sse. Der wesentliche Charaeter aller unmittelbaren Schlüsse, und das Prineip ihrer Möglichkeit besteht lediglich in einer Veränderung der bloßen Form der Urtheile; wahrend die Marerie der Urtheile, das Subject und Prädikat, unverändert dis- selbebkibt. - Annierk. i. Dadurch > daß in den unmittelbaren Schlüssen nur die Form und keineswcgcs die Materie der Urtheile verändert wird, unterscheiden sich diese Schlüsse wesentlich-von allen mittelbaren, in welchen die Urtheile auch der Materie nach unterschieden sind, indem hier ein neuer Begriff.als -. Ms vor- ! 8 2 I. Allgemeine Elcmentarlehre. Ilntuer k. Vcrsiandesschlüsft durch g leichgeltendö Urtheile (jlläicia seczvilxoULiuilt) können eigentlich keine Schlüsse genannt werden; — denn hier findet keine Folge statt, sie sind vielmehr als eine bloße Substitution der Worte anzusehen, die enien und deii''/l,en Begriff bezeichnen, wobey die Urtheile selbst a- ^ derForiy nach unverändert bleiben. Z.B. Nicht alle Menschen sind tugendhaft, und — Einige Maischen sind nicht tugendhaft. Beyde Ur- ;lMe sagen eins und dasselbe, §. 48. s. Verstandesschlüsse xer )uä!c!5 coiursälctoris opxoln?. In Verstandesschlüssen durch Urtheile, die einander contradietorisch cntgegengescht.sind, und, als solche, die ächte, reine Opposition ausmachen, wird die Wahrheit des einen der contradictorisch entgegengesetzten Urtheile aus der Falschheit des andern gefolgert und umgekehrt. — Denn die ächte Opposition, die hier stattfindet, enthält nicht mehr noch weniger als was zur Entgegensetzung gehört. Dem Princip des ausschließenden Dritten zufolge können daher nicht beyde widersprechende Urtheile wahr; aber auch eben so wenig können sie beyde falsch seyn. Wenn daher das Eine wahr ist: so ist das Andre falsch und umgekehrt. §. 49' Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. -8z §. 4?. b. Verstandes schlüsfe xer inälcis contrsns ox^olttZ. Kontrare oder widerstreitende Urtheile (juäioia cnntr?.rie opposit^) sind Urtheile, von denen daS eins allgemein bejahend, das andre allgemein verneinend ist. Da nun eines derselben mehr aussagt, als daS andre und in dem Ueberflüssigcn, das es außer der bloßen Verneinung des andern noch mehr aussagt, die Falschhcit liegen kann: so können sie zwar nicht beyde wahr, aber sie können beyde falsch seyn. — In Ansehung dieser Urtheile gilt daher nur der Schluß sonder Wahrheit des einen auf die Falsch- heil des andern, aber nicht umgekehrt» §. 50. c. Verstandesschlüsse per ^äicis, lubeontrari^ o^oli». Subcontrare Urtheile sind solche, von denen das eine besonders (iiürtiealsriter) bejaher oder verneinet, was das andre besonders verneinet oder bejahet. — Da sie beyde wahr, aber nicht beyde falsch seyn können: so gilt in Ansehung ihrer nur der folgende Schluß: Wenn der eine dieser Satze falsch ist: so ist derandre wahr; aber nicht umgekehrt. _ M 4 Anmerk. ,^4 Allgemeine Elenientarlehre. NNmerk. Bey den snbconfrären Urtheilen findet keine reine, strenge Opposition statt; denn es wird in dem einen nicht von denselben Objecten verneinet oder bejahet, was in dem andern bejahet oder verneinet wurde. In dem Schlüsse z. B. Einige Menschen sind gelehrt; Also sind einige Menschen nicht gelehrt; wird in dem ersten Urtheile nicht von denselben Menschen das behauptet, was im andern verneinet wir.d, §- 5-, Z. Verstandesschlüsse (in Rücksicht auf die Relation der Urtheile) per ^uäici» convoii» s, per converlicmem, Die unmittelbaren Schlüsse durch Umkehrung betreffen die Relation der Urtheile und bestehen in der Versetzung der Subjecte und Prädikate in den h-yden Urtheilen; so daß das Subject des einen Urtheils zum Prädikat des andern Urtheils gemacht wird, uyd umgekehrt, — §. 5-, Reine nnd verändert« Umkehrung, Bey der Umkehrung wird die Quantität der Ur« theile entweder, verändert oder sie bleibt unverändert, — Im ersten Falle ist has Umgekehrte (convertum) von dem Umkehrenden (convertente) der Quantität nach unterschieden und die Umkehrung heißt eine veränderte , Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 185 änderte; ( converllo per scciäens) — im letztem Falle wird die Umkehrung eine reine (converüo 6m- pUciter tslis) genannt. §. 5Z- Allgemeine Regeln der Umkehrung. In Absicht auf die Verstandesschlüsse durch die Umkehrung gelten folgende Regeln: 1) Allgemein bejahende Urtheile lassen sich nur per Äccttik-ns umkehren; — denn das Prädikat in diesen Urtheilen ist ein weiterer Begriff und es ist also nur Einiges von demselben in dem Begriffe des Subjects enthalten. 2) Aber alle allgemein verneinende Urtheile lassen sich limpliciter umkehren — denn hier wird das Subject aus der Sphäre des Prädikats herausgehoben. Eben so lassen sich endlich Z) Alle partikulär bejahende Sätze 6mpli- cker umkehren; — denn in diesen Urtheilen ist ein Theil der Sphäre des Subjects dem Prädikate subsumirt worden, also laßt sich auch ein Theil von der Sphäre des Prädikats dem Subjecte subsumiren. Anmcrk. l. In allgemein bejahenden Urtheilen wird das Subject als ein cmuenwm des Prädikats be, M 5 trach, r86 > I. Allgemeine Elementarlehre/ trachtet, da es unter der Sphäre desselben enthalten ist. Ich darf daher z. B. nur schließen: Alle Menschen sind sterblich; also sind Einige von denen, die unter dem Begriff Sterbliche enthalten sind, Menschen. —> Daß aber allgemein verneinende Urtheile sich iimxlicüsr umkch'ren lassen, davon ist die Ur- ' fache diese: daß zwey einander allgemein widersprechende Begriffe sich in gleichem Umfange tvi« versprechen. s. Manche allgemein bejahende Urtheile lassen sich zwar auch timxlicuer umkehren. Aber der Grund hievon liegt nicht in ihrer Form, sondern in der besondern Beschaffenheit ihrer Materie,- wie z. B. die beyden Urtheile: Alles Unveränderliche ist nothwendig, Md alles Nothwendige ist unveränderlich. §. 54- ^-Verstandesschlü ss- (in Beziehung auf die Modalitat der Urtheile) xer zuälci-t conrrspolits. Die unmittelbare Schlußart durch die Kontraposition besteht in derjenigen Versetzung (mewtbesi^) der Urtheile, bey welcher bloß die Quantität dieselbe bleibt, die Qualität dagegen verändert wird. — Sie betreffen nur die Modalität der Urtheile, indem sie ein assertorisches in ein apodiktisches Urtheil verwandeln^ §. 55. Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 187 - §.'55. " - ° Allgemeine Regel der Kontraposition. In Absicht auf die Kontrapositien gilt die all- gemeine Regel : Alle allgemein bejahende Urtheile lassen sich limpliyiter kontraponiren. Denn wenn das Prädikat als dasjenige, was das Subject unter sich enthalt, mithin die ganze Sphäre verneinet wird: so muß auch ein Theil derselben verneinet werden , d. i. das Subject, Anmerk. Die Mctathcsts der Urtheile durch die Conversion und die durch die Kontraposition sind also in so ferne einander entgegen gesetzt, als jene blos die Quantität, diese blos die Qualität verändert. Z. Die gedachten unmittelbaren Schlußarten beziehen sich blos aufkqteg 0 rische Urtheile. Zi. V e r n u n f t s ch ! ü s s e» „,'" ^ ,'§.,5.6. Vernunftschluß überhaupt. Ein Vcrnunftschluß ist das Erkenntniß der Nothwendigkeit eines Satzes durch die Subsumtion seiner Bedingung unter eine gegebene allgemeine Regel. H. 57- I. Allgemeine Elementarlehre. §. 57. Allgemeines Princip aller Vernunft- schlüfse. Das allgemeine Princip, worauf die Gültigkeit alles Schließens durch die Vernunft beruht, läßt sich in folgender Formel bestimmt ausdrücken: Was unter ber Bedingung einer Regel sieht, das steht auch unter der Regel selbst. An m erk. Der Vcrnunstschluß pramittirt eine allge» meine Regel und eine Subsumtion unter die Bedingung derselben. — Man erkennt dadurch die Conklusion » xrivri nicht im Einzelnen, sondern als enthalten im Allgemeinen und als nothwendig vptcr einer gewissen Bedingung. Und dieß, daß alles unter dem Allgemeinen stehe und in allgemeinen Regeln bestimmbar sey, ist eben das Princip der Ratio na litat oder der Nothwendigkeit (princixiuw r-tlionslicqti« ^. uecoMau!). §. 58- Wesentliche Bestandstücke des Vernunft« schlusses. Zu einem jeden Vernunftschlusse gehören folgende wesentliche drey Stücke: i) eine allgemeine Regel, welche der Obersah (xropoütio mszor) genannt wird; s) Dritter Abschnitt. Von den Schlüsse»!. 189 s) der Satz, der ein Erkenntniß unter die Bedingung der allgemeinen Regel subsumirt und der Unter sah (proxolitio minor) heißt; und endlich z) der Saß/ welcher das Prädikat der Regel von der subsumirten Erkenntniß bejahet oder vernei« Net — derSchlußsatz (concluüo). Die beyden erster» Sahe werden in ihrer Verbin« dung mit einander die Vordersätze oder Prämissen genannt. Anmerk. Eine Regel ist eine Ässertion unter einer all« gemeinen Bedingung. Das Verhältniß der Bedingung zur Asscrtion, wie nemlich diese unter jener steht, ist der Exponent der Regel. Die Erkenntniß, daß die Bedingung (irgendwo) stattfinde, ist die Subsumtion. Die Verbindung desjenigen, was unter der Bedingung subsumirt worden, mit der Asscrtion dee Regel, ist der Schluß. 5- 5P. Materie und Form der Vernunftfchlässe. In den Vordersätzen oder Prämissen besteht die Materie; und in der Conklusion, so fern sie die Consequenz enthält, die Form der Vernunftschlüsse. An merk. Bey jedem Vernunstschlusse ist also zuerst die Wahrheit der Prämissen und sodann die Richtigkeit > ,V ^ ' dev t9<> l. Allgemeine Elementarlehre. der Consequcnz zu prüfen. Nie muß man bey Verwerfung eines Ternunftschlusses zuerst die Con- klusion verwerfen, sondern immer erst entweder die Prämissen oder die Cvüfequenz. 2. In jedem Vernunftschlusse ist die Conklusien sogleich gegeben, so bald die Prämissen und die Conftquenz gegeben ist. ' ' ' ^ s- 60. . ' ^ ^ ^ Cintheilung der Vernunftschlusse (der Äe« lation nach) in kategorische, hypothetische und disjunctive. Alle Regeln (Urtheile) enthalten objective Einheit des Bewußtseins des Mannigfaltigen der Erkenntniß ; mithin eine Bedingung, unter dsr ein Erkenntniß mir dem andern zu einem Bewußtseyn gehört. Nun lassen sich aber nur drey Bedingungen dieser Einheit denken, nemlich: als Subject der Jn- harenz der Merkmale ; — oder als Grund der De- pendenz eines Erkenntnisses zum andern; — oder endlich als Verbindung der Theile in einem Ganzen (logische Cintheilung,. Folglich kann es auch nur eben so viele Arten von allgemeinen Regeln (propotitlcmes ni^ros) geben, durch welche die Consequenz eines Urtheils ^aus dem andern vermittelt wird. Und hierauf gründet sich die Einteilung aller Vernunftschlüste in kateg 0 rische, hyp 0 thetische und disjunctive. ^ Anmerk. Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 191 Unmerk. l. Die Vernunftschlüsse können weder der Quantität nach eingetheilt werden; — denn jeder n?2M ist eine Reget, Mithin etwas Allgemeines -» noch in Ansehung derQualitat; — denn es ist gleichgcltend, ob die Conklusion bejahend oder verneinend ist — noch endlich in Rücksicht auf die Modalität,- — denn die Conklusion ist immer mit dem Bewußtseyn der Nothwendigkeit begleitet und hat folglich die Dignitat eines apodiktischen Satzes. —» Also bleibt allein nur dieRelati 0 n als einzig möglicher Eintheilungsgrund der Vcrnunftfchlüffe übrig. s. Viele Logiker halten nur die kategorischen Vernunftschlüsse für ordentliche; die übrigen hingegen für ansserordentliehe. Allein dieses ist grundlos und falsch. Denn alle drey dieser Arten find Producte gleich richtiger, aber von einander gleich we- sentlich verschiedener Functionen der Vernunft. §. 61. Eigenthümlicher Unterschied zwischen kcr, tegori sehen, hypothetischen und disjunktiven Vernunftschlüssen. Das Unterscheidende unter den drey gedachten Arten von Vernunftfchlüssen liegt imObersatze. — In kategorischen Vernunftfchlüssen ist der Major ein kategorischer; in hyp 0 thetischen ist er ein, hypothetischer oder problematischer; und in d i s j u n- etivenein disjunttiver Sah» , ^ K. 62. 192 I. Allgemeine Elementarlehre. §.62. 1. Kategorische Vernunftfchlüsse. In einem jeden kategorischen Vernunftschlusse befinden sich drey Hauptbegriffe (rermini), nemlich: 1) das Prädikat in der Conklusion; welcher Begriff der Oberbegriff (terminu8 msjor) heißt ^ weil er eine größere Sphäre hac als das Subject; 2) das Subject (in der Konklusion), dessen Begriff der Unterbegriff (terminus miaor) heißt; und z) ein vermittelndes Merkmal (nots intei-n^e^iz). welches der Mittelbegriff (terminus me- 'äilis) heißt, weil durch denselben ein Erkenntniß unter die Bedingung der Regel subsumirt wird. An merk. Dieser Unterschied in den gedachten tei-mim, findet nur in kategorischen Vernunftschlüssen statt, weil nur diese allein durch einen tsrminum meclium schließen; die andern dagegen nur durch die Sub- sumtion eines im Major problematisch und im Minor assertorisch vorgestellten Satzes. . §. 6zi Princip der kategorischen Vernunftschlüsse. Das Princip, worauf die Möglichkeit und Gültigkeit aller kategorischen Vernunftschlüsse beruht, »st dieses: Was Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. »9z Was dem Merkmale einer Sache zu- kommt, das kommt auch der Sache selbst zu; und was dem Merkmale einer Sache widerspricht, das widerspricht auch der Sache selbst (nora notae eü nc>ta rei ijzlius; repuiznaus oot-is, repugnst rei ipli)» A11 m e r k. Aus dem so eben aufgestellten Princip laßt sich das so genannte Vicmm äo omnl er nullo leicht deducircn, und es kann um deswillen nicht als das oberste Princip weder für die Dernunftschtüste über, Haupt, noch für die kategorischen insbesondre gelten» Die Gattungs , und Art - Begriffe sind nemlich allgemeine Merkmale aller der Dinge, die unter diesen Begriffen stehen. . Cs gilt demnach hier d.ie Regel: Was der Gattung oder Art zukommt oder widerspricht, das komme auch zu oder widerspricht allen den Ob» jecten, die unter jener Gattung oder Art enthalten sind. Und diese Regel heißt eben das Oiemm cle omnl et Nllllo. -'',§« 64. ^ -., - ' Regeln für die kategorischen Vernunft« schlüsse. Aus der Natur und dem Princip der kategorischen Vernunftschlüsie fließen folgende Regeln für die« selben: N !) Z 94 I« Allgemeine Elsmentarlehre. ») In jedem kategorischen Vernunftschlusse können nicht mehr noch weniger Hauptbegriffe (rer- mim) enthalten seyn als drey; — denn ich soll hier zwey Begriffe (Subject und Prädikat) durch ein vermittelndes Merkmal verbinden. — 2) Die Vordersatze oder Prämissen dürfen nicht insgc-- sammt verneinen; (ex puris nsg^rivis nidil leczui- tur) — denn die Subsumtion im Untersatze muß bejahend seyn, als welche aussagt, daß ein Erkenntniß unter der Bedingung der Regel stehe. — z> Die Prämissen dürfen auch nicht insgesammt b e- sondere (partikulare) Satze seyn (ex puris pzrticu- laridus vibil ie^uitur) — denn alsdenn gebe e6 keine Regel, d.h. keinen allgemeinen Satz, woraus ein besonderes Erkenntniß könnte gefolgert werden. — 4) Die Conklusion richtet sich allemal nach dem schwächern Theile des Schlusses; d. h. nach dem verneinenden und besondern Satze in den Prämissen, als welcher der schwächere Theil des kategorischen Vernunftschlusses genannt wird (couclulio leczuirur xzrtem clediliorem ). Ist daher 5) einer von den Vordersätzen ein negativer Satz: so muß die Conklusion auch negativ seyn; — und 6) ist ein Vordersatz ein partikularer Satz: so muß die Conklusion auch partikular seyn; 7) In allen kategorischen Vernunftschlüssen muß der Majorein allgemeiner (unive-r^Iis)—derMinor abes Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 195 aber ein bejahender Satz (Mrmsns) seyn; — und hieraus folgt endlich/ 8) daß die Conklusion in Ansehung der Qualität nach dem Oberseihe; in Rücksicht auf die Quantität aber nach demUntersaße sich richten müsse. An merk. Daß sich die Conklusion jederzeit nach dem verneinenden und besoirdern Satze in den Pramissm richten müsse, ist leicht einzusehen. Wenn ich den U-u^satz nur partikular mache und sage : Einiges ist unter der Regel eitthaittü! so kann ich in der Conklusion auch nur sagen, daß das Prädikat der Regel Einigem zukomme, weil ich nicht mcl) rals dieses unter die Regel subsumirt habe. .— Und wenn ich einen verneinenden Satz zur Regel (Obersatz) habe: so muß ich die Conklusion auch verneinend machen. Denn wenn der Obersatz sagt: Von allem , was unter der Bedingung der Regel sieht, muß dieses oder jenes Prädikat verneinet werden ; so muß die Conklusion das Prädikat auch von dem (Subject) verneinen, was unter die Bedingung der Regel subsumirt worden. §.65. Reine und vermischte kategorische Verii nuuftschlüsse. Ein kategorischer Vernunftschluß ist rein (purus), wenn in demselben kein unmittelbarer Schluß eingemischt, noch die gesetzmäßige Ordnung der Prämissen N s ver- 196 I. Allgemeine Elementarlehre. verändert ist; widrigenfalls wird er ein unreiner oder vermischter (rativciniuln impurum oder t,)?-. briäuln) genannt. §. 66. Vermischte Vcrnunftschlüsse durch Umkeh« ^rung der Satze — Figuren. Zu den vermischten Schlüssen sind diejenigen zu rechnen, welche durch die Umkehrung der Satze entstehen und in denen also die Stellung dieser Satze nicht die gesetzmäßige ist. - Dieser Fall findet statt bey den drey Ktzteru sogenannten Figuren des kategorischen Vernunftschlusses. §. 67.. VierFiguren der Schlüsse. Unter Figuren sind diejenigen vier Arten zu schließen zu verstehen, deren Unterschied durch die besondre Stellung der Prämissen und ihrer Begriffe bestimmt wird. — §. 6L. V estiiumungsgrund ihres Unterschiedes durch die verschiedene Stellung des Mittelbegriffes. Es kann nemlich der Mittelbegriff, auf dessen Stellung es hier eigentlich ankommt, entweder i) im Obersatze die Stelle des Subjects und im Untersatze die Stelle des Prädikats; oder 2) in beyden Prämissen die Stelle des Prädikats; oder z) p, beyden die Stelle Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 197 Stelle des Subjects, oder endlich 4) im Obersaße die Stelle des Prädikats und im Unrcrsaße die Stelle des Subjects—einnehmen. Durch diese vier Fälle ist der Unterschied der vier Figuren bestimmt. Es bezeichne 3 das Subject der Conklusion, I> das Prädikat derselben und HI den terminum meciium.- — so läßt sich das Schema für die gedachten vier Figuren in folgender Tafel darstellen: AI ? 8 AI ? AI 3 AI AI ? AI 3 ? AI AI 3 8 ? 8 ? 5 ? 3 ? §. 69. Regel für die erste Figur, als die einzig ge sctzmaßige. Die Regel der ersten Figur ist: daß der Major ein allgemeiner, der Minor ein bejahender Satz sey. — Und da dieses die allgemeine Regel aller kategorischen Vernunftschlüsse überhaupt seyn muß: so ergiebt sich hieraus, daß die erste Figur die einzig gesetzmäßige sey, die allen übrigen zum Grunde liegt, und worauf alle übrigen, so fern sie Gültigkeit haben sollen, durch Umkehrung der Prämissen (me> tstneün prsemiüorum) zurückgeführt werden müssen. An me rk. z«8 I. Allgemeine Elementarlehre. An merk. Die erste Figur kann eine Conkluflon von aller Quantität und Qualität haben. In dcn übrigen Figuren giebt es nur Conklusioncn von gewisser Art; einige moäi derselben sind hier ausgeschlossen. Dies zeigt schon an, daß diese Figuren nicht voll- kämmen, sondern daß gewisse Einschränkungen dabey vorhanden sind, die es verhindern, dasi die Conkln- sion nicht in allen mo6is, wie in dererstenFigur, statt finden kann. §. 7-?. Ded ingung der Reduktion der drey letztern Figuren auf die erstere. Die Bedingung der Gültigkeit der drey letzter» Figuren, unter welcher in einer jeden derselben ein richrigerModuö desSchließens möglich ist, laust dar» auf hinaus: daß der Medius Terminus in den Sätzen eine solche Stelle erhalte, daraus durch unmittelbare Schlüsse (conteczuentias immecüstzs) die Stelle derselben nach den Regeln der ersten Figur entspringen kann. — Hieraus ergeben sich folgende Regeln für die drey letztern Figuren. , §.7i. Regel der zweyten Figur. In der zweyten Figur steht der Minor recht, also muß derMajo.r umgekehrt werden, und zwar so, daß er allgemein (univ-zzMis) bleibt. Dieses ist nur möglich, wenn er allgemein verneinend Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 199 ist; ist er aber bejahend, so muß er kontraponirt werden. In beyden Fallen wird die Conklusion n e- gativ (tLy l. Allgemeine Eleme»itarlehrc. ' 7?, , > Regel der vierten Figur. > Wenn in der vierten Figur der Major allgemein verneinend ist; so läßt er sich rein (lzmplicitei) umkehren; eben so der Minor als partikular; also ist die Konklusion negativ« — Ist hingegen der Major allgemeinbejahend: so laßt er sich entweder nur s>erscci-' clens umkehren oder kontraponiren; also ist die Cc-n- klusion entweder partikular ober negativ, — Soll die Conklusion Nicht umgekehrt (?8 in S? verwandelt) werden; so muß eine Persetzung der Prämissen (me- tstkeiiz pr^enüü'orum) oder eine ^mkehrung (cou, verüo) beyher geschehen. An merk, In der vierten Figur wird geschlossen: das Prädikat hangt am wocjio lerminv, der mec!ii,5 lös, wi"U8 amSubject (der Conkkllsion , folglich das Subject am Prädikat; welches aber gar nicht folgt, sondern allenfalls sein Umgekehrtes, — Um dieses möglich zu machen, muß der l^joi- zum I^inor und, vice vevls geniacht Nnd die Cvnklnsion umgekehrt werden, weil bey der erstem Veränderung rermmu5 winps iü wsjmem verwandelt wird, h- 74. Allgemeine Resultate über hie drey letztern. Figuren. Aus den angegebenen Regeln für die drey letztern Figuren erhellet, M^'-MMM^. >, ^ ^ >7 ^^^WU Dritter Abschnitt. Bpn den Schlüssen. 201 1) daß in keiner derselben cö eins allgemein bejahende Conkluswn giebt, sondern daß die Conklusiyn immer entweder negativ oder partikular ist;. , 2) daß in einer jeden ein uninittelbarer Schluß (^sinsecz.imm^äiütü) eingemischt ist, der zwar nicht cuibdrücklich bezeichnet wird, aberdochstillschweigend mit «»verstanden werden muß; — daß also auch um deswillen z) alle diese drey letztem mocli des Schließend nicht xeine, sondern unreine Schlüsse (r^tioc. Kvliricjg, im- purs) genannt werden müssen, da jeder reine Schluß nicht mehr alö drey Hauptsätze .r^rmmi) haben kann. ' ' . ^ " §> 75. ' 2. Hypothetische Vernnnftschlüsse, Ein hypothetischer Schluß ist ein solcher, der zum Kl^or einen hypothetischen Saß hat. — Er besieht also aus zwey Sahen, 1) einem Vordersatze (znre ceciens) und 2) einem Na ch sa H e (consöcjuens), und es wird hier entweder nach dem moclo ponent? odey dem lnocjo tollents gefolgert. --— ^ Anmerk. l. Die hypothetischen Vernunftsckilüsse ha« Heu also keinen medium rorminvm, sondern es wird bey denselben die Cvnst^nenj eines Satzes aus dem andern nur angezeigt,— Es wird ncmlich im ZVtüM- derselben die Conftqucnz zweyer Satze ans einander ausgedrückt, von denen der erste eine Prämisse, der zweyte eine Conklußon ist. Hcr ölwm- ist eine Ver» N 5 wandi 2O2 I. Allgemeine Elementarlehre. Wandlung der problematischen Bedingung in eine» kategorischen Satz. - 2. Daraus, daß der hypothetische Schluß nur aus zwey Sätzen besieht, ohne einen Mittclbegriff zu haben, ist zu crschen: daß er eigentlich kein Vcrnunstschluß sey, sondern vielmehr nur ein unmittelbarer, aus einem Vordersatze und Nachsatze, der Materie oder der Form nach, zu erweisender Schluß («.-on5equemi» immsZililÄ 6ömonlintdili5 s^ex -uneceäeme et cc-nls. czusnrs^ v el czuoAä mareriam vel ^»026 sormsm). Ein jeder Pcrnunstschluß soll ein. Beweis seyn. Nun führt aber der hypothetische nur den Bcweis- Grund bey sich. Folglich ist auch hieraus klar, daß er Kin Vernunftschluß seyn könne. §.76' Princip der hypothetischen Schlüsse. Das Princip der hypothetischen Schlüsse ist der Sahdes Grundes: ^ rstiono sä rationzrum; —- 2 lle^tioriö rzrionzli sei neZationem rstionis, valst conte^uentis. ^ §- 77. z. Disjunetive Vcrnunftschlusse. In den disjunetiven Schlüssen ist der Älsjor ein di 6 junctiverSatz und muß daher, als solcher, Glieder der Eiutheilung ederDiöjunclion haben. — Es wird hier entweder i)von der Wahrheit Eines Gliedes dcr Disjunction auf die Falschheit der übrigen geschlossen; oder 2) von der Falschheit aller Glieder, außer Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 20z außer Einem, auf die Wahrheit dieses Einen. Jeneö geschieht durch den mc>6um pcmentem (oder pvnenclo wllentem), dieses durch den moclum toUentein (toi- lenclo ponentem.) _ Anmerk. 1. Alle Glieder der Disjunction, außer Einem, zusammen genommen, machen das kontiadictorische Gegentheil dieses Einen aus. Es findet also hier eine Dichotomie statt, nach welcher, wenn eines von beyden wahr ist, das andre falsch seyn muß und umgekehrt. 2. Alle disjunctive Vernunftschlüsse von mehr als zwey Gliedern der Disjunction sind also eigentlich p 0 ly- syllogistisch. Denn alle wahre Disjunction kann nur bimsmbtis siyn und die logische Division ist auch bimemkriz; aber die mEmbr.1 sudäiviclLnria werden um der Kürze willen unter die memln-a «Ziviäeuiia gesetzt. H. 7^. P r i n c i p d e r d i S j u n c t i v e n V er n n n f t seh l ü sse. Das Princip der disjunctiven Schlüsse ist der Grundsatz des ausschließenden Dritten: ^ contr^clictorie oppositorum ns^ntioiiö uuius 26 sKrmAtiemem sltsrius; — 2 pvluions unms Nä negationem siterius — vulet couleciuLutis. §- 79- D i l e m m a. Ein Dilemma ist ein hypothetisch-disjunetiver Vernunftschluß; oder ein hypothetischer Schluß, dessen evnlecjuens. ein diöjunctiveö Urtheil ist. — Der hypothetische - sv4 I. Allgemeine Elemmtarlehre.' thetischeSah, dessen conteczuens disjunetiv ist, istder Obersah; der Untersatz bejahet, daß das cv»st ^uens (per vmnia membra) falsch ist und der Schlußsatz bejahet, daß das sntecL^t-nü falsch sey. — reuwtio- ne consecjuentis zä negztionem snteeeclentls vslet conkeczusntis.) Anmerk. Die Alten machten sehr viel aus dem Dilemma, »nd nannten diese» Schluß coinucuz. Sie wußten einen Gegner dadurch in. die Cnge zu treiben, daß sie alles hersagten, wo er sich hinwenden konnte und ihm dann auch alles widerlegten. Sie zeigten ihm viele Schwierigkeiten bey jeder Meynung, die er annahm. — Aber es ist ein sophistischer Kunstgriff, Satz'e nicht geradezu zu widerlegen, sondern nur Schwierigkeiten zu zeigen; welches denn auch bey vielen, ja bey den mchresten Dingen angeht. Wenn wir nun alles das sogleich für falsch erkla'. rcn wollen, wobey sich Schwierigkeiten finden: so ist es ein leichtes Spiel, Alles zu verwerfen. — Zwar ist es gut, die Unmöglichkeit des Gegentheils zu zei- genz allein hierinn liegt doch etwas Täuschendes, wofern man die llnbcgre^flichkeit des Gegen- theils für hie Unmöglichkeit desselben halt. — Die Dilemmata haben daher vieles Verfängliche an sich, ob sie gleich richtig schließen.- Sie können gebraucht werden, wahre Satze zu vertheidigen, aber auch wahre Satze anzugreifen, durch Schwierigkci- ten, die man gegen sie aufwirft. §. Uo, Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 20.5 §. 8c>. Fo'rmliche und versteckte Vernunftschlüsse (l'-ttiocinis 5ormali» UNd cr^xrica).' Ein förmlicher Vernunftschluß ist ein solcher, der nicht nur der Materie nach alles Erforderliche enthalt, sondern auch der Form nach richtig und vollständig ausgedrückt ist. — Den förmlichen Vernunftschlüsscn sind die versteckten (cr^ptics) entgegengesetzt, zu denen alle diejenigen können gerechnet werden, in welchen entweder die Prämissen versetzt, oder eine der Prämissen ausgelassen, oder endlich der Mittelbegriff allein mit der Conklusion verbunden ist.—- Ein versteckter Vernunftschluß von der zweyten Art, in welchem die eine Prämisse nicht ausgedrückt, sondern nur mit gedacht wird, heißt ein verstümmelter oder ein Enthymema. —> Die der dritten Art werden zusammengezogene Schlüsse genannt. til. Schlüsse der Urrheilökraft. ' §. 8l. Bestimmende und reflectitend.« Urtheils--, kraft. Die Urtheilskraft ist Hviefach; die bestimmende oder die reflectirende Urtheilskraft. Die erstere geht vom Allgemeinen zumBesondern; die zweyte vom Besondern zum Allgemeinen. — Die letztere hat nur subjective Gültigkeit; —- den» 2O6 I. Allgemeine Elementarlehre denn das Allgemeine, zu welchem sie vom Besondern fortschreitet, ist nur empirische Allgemeinheit — ein bloßes Analogon der logischen. 5. 82. Schlüsse der (reflectiren den) Urtheilskraft. Die Schlüsse der Urtheilskraft sind gewisse Schlußarten, aus besondern Begriffen zu allgemeinen zu kommen.-— Es sind also nicht Functionen der bestimmenden, sondern der reflectiren den Urtheilskraft; mithin bestimmen sie auch nicht das Object, sondern nur die Art der Reflexion über dasselbe, um zu seiner Kenntniß zu gelangen. §. 8Z. Princip dieser Schlüsse. Das Princip, welches den Schlüssen der Urtheils- kraft zum Grunde liegt, ist dieses: daß Vieles nicht ohne einen gemeinschaftlichen Grund in Einem zusammen stimmen, sondern daß das, was Vielem auf dieseArt zukommt, aus einem gemein schaftlichenGruude nothwendig seyn werde. Anmerk. Da den Schlüssen der Urtheilskrast ein solches Princip zum Grunde liegt: so können sie um deswillen nicht für unmittelbare Schlüsse gehalten werden» §. 84- DrMr Abschm'tt. Von den Schlüssen, so? ^ //^ ^>^D?^ÄM^^84< / Induction und Analogie — die beyden , " : ^ ^ X" > ^ Schlnßarten der Urtheilsfraft. Die Urtheilskraft, mdein sie vom Besondern zum Allgemeinen fortschreitet, um aus der Erfahrung, mithin nicht 2 priori (empirisch) allgemeine Urtheile zu ziehen, schließt entweder von vielen auf clie Dinge einer Art; oder von vielen Bestimmungen und Eigenschaften, worinn Dinge von einerley Art zusammenstimmen, auf die übrigen, sofern sie zu demselben Princip gehören. — Die erstere Schlußart heißt der Schluß durchInduction; — die andre, der Schluß nach der Analogie. Anmcrk. i. Die Indnction schließt also vom Besondern aufs Allgemeine (» parriculsi'i sä unive^ssls) nach dem Princip dcrAllgcmeinmachung: Was vielen Dingen einer Gattung zukommt, das kommt auch den übrigen zu. — Die Analogie schließt von partikularerAchnlichke-t -zweyer Dinge auf totale, nach dem Princip der Specifikation: Dinge von einer Gattung, von - denen man vieles Ucbereinstimmendc kennt, stimmen auch in dem Uebrigcn überein, waö wir in Einige,! dieser Gattung kennen, an andern aber nicht wahr« nehmen. — Die Jnduction erweitert das empirisch Gegebene vom Besondern aufs Allgemeine in Ansehung vieler Gegenstand!;»- die.Analogie dagegen die 208 I. Allgemeine Elementarlehre. die.gegebenen Eigenschaften einesDmges auf mehrere -e b e n d c sse l b e n D i n g e s — Einesin Vielen, also in Allen: Induktion; — Vieles in Einem (was auch in Andern ist), also auch das Utbrige in demselben: Analogie.— So ist z.B. der Beweisgrund für die Unsterblichkeit: aus der völligen Entwickelung der Naturanlagen eines jeden Geschöpfs, ein Schluß nach der Analogie. Bey dem Schlüsse nach der Analogie wird indessen nicht die Identitat desGtundes (psr r-nia) erfordert. Wir schließen nach der Analogie nur auf vernünftige Mondbewohner, nicht auf Menschen. — Auch kann man nach der Analogie nicht über das terlium Lvm^-ttionis hinaus schließen. 2. Ein jeder Vernunftschluß muß Nothwendigkeit geben. INd uction undAnalsgie sind daher leine Vor. nunftschlüsse, sondern nur logische Prasumtionen oder auch empirische Schlüsse; und durch Iud^ction bekommt man wohl generale, aber nichr universale , Sätze. — Z. Die gedachten Schlüsse der Urtheilskrast sind nützlich und unentbehrlich zum Behuf der Erweiterung unsers Erfahrungserkenntnisses. Da sie aber nur empirische Gewißheit geben: so müssen wir uns ihrer mit Behutsamkeit und Vorsicht bedienen. §.85- Dritter Abschnitt. Von den Schlüssön» 209 . , ^'.^ ..^ / ^ 85' , ' ^ . ' Einfache und zusammengesetzte Vernunftschlüsse. Ein Vernunftschluß heißt einfach, wenn er nur aus. Einem; zusammengesetzt, wenn er aüs mehreren Vernunftschlüssen besteht. i: < ^ '5>. «6, . ^ . ^atiocinatio pv ^ 5/1 IvZi Ki c». Ein zusammengesehter Schluß, in welchem die Mehreren VernUuftschlüsse nicht durch bloße Evordina» livn, sondern durch Subordination, d. h. als Gründe und Folgen mit einander verbunden sind, wird eine Kette von Vernunftschlüssen genannt (ra- tiocinAtio pol^t/lIoZitiica). ' ^ - ' ^ 87- . - ^ ^ . Prosyltogismen und Episyllogismen. In der Reihe zusammengesetzter Schlüsse kann man auf eine doppelte Art, entweder von den Gründen herab zu den Folgen; oder von den Folgen herauf zu den Gründen, schließen. Das erste geschieht -durch Episyllogismen, das andre durch Prosyllo« giömen. — Ein Episyllogismus ist nemlich derjenige Schluß in der Reihe von Schlüssen, dessen Prämisse die Con- kluswn eines Prosyllogismus — also eines O Schlus- 2io I. Allgemeine ElÄneMarlehre. Schlusses wird, welcher die Prämisse des erstem M Eonklusipn hat. §. 88. Sorites oder Kettenschluß. Ein aus mehreren abgekürzten und unter einan» der' zu Einer Conklusion verbundenen Schlüssen heißt ein Sorites oder Kettenschluß, der entweder progressiv oder regressiv seyn kann; je yachdem man von den nähern Gründen zu den entferntem hinauf, oder von den entferntern Gründen zu den nähern herabsteigt. , , .^^^-^^HV'^^S^/ > " ' - V :^ Kategorische und hypothetischeSorites. Die progressiven so wohl als die regressiven Kettenschlüsse können hinwiederum entweder kategorische oder hypothetisch e seyn. — Jene bestehen aus kategorischen Sätzen als einer Reihe von Prädikaten; diese aus hypothetischen, als einer Reihe von Consequenzen. §. 90. T r u g sch l u ß — P a r a l 0 g i s m u s -» S 0 p hi s m a. Ein Vernmifcschluß, welcher der Form nach falsch ist, ob er gleich den Schein eines richtigen Schlusses für sich hat, heißt ein Trugschluß (Kl- Iscia). — Ein solcher Schluß ist einParal 0 g i 6« muö, in s» fern man sich selbst dadurch hintergeht; ein Dritter Abschnitt. Von den Schlüssen. 21» einS 0 vhisma, sofern man Andre dadurch mit Absicht zu hintergehen sucht. A n in e r k. Die Alten beschäftigten sich sehr mit der Kunst, dergleichen Sophismen zu machen. Daher sind viele von der Art aufgekommen; z. B. das Schisma KZu- rae ciierioniz, worin» der mecllu5 rerminus in verschiedener Bedeutung genommen wird; — 's 6iew tecunäum czvici scZ cücrum ilmpliciror; — 8oplüz- ma Iietei-o?ele5eo5, e1en<:!i^ iZiicuacioriiz lt. dgl> M. §. 9l. Sprung im Schließen. Ein Sprung Mtus) im Schließen oder Bewei« fen ist die Verbindung Einer Prämisse mit der Con-> kluston, so daß die andre Prämisse ausgelassen wird». — Ein solcher Sprung ist re ch tmä ß i g (leZitimus), wenn ein Jeder die fehlende Prämisse leicht hinzudenken kann; unrechtmäßig (Me^itimus) aber, wenn die Subsumtion nicht klar ist. — Es wird hier ein entferntes Merkmal mit einer Sache ohne Zwischenmerk» mal (nots imermeäis) verknüpft. S-9-. tetitio princixii. ---- Liren!»! in probsnäo. Unter einer petitio prineipi! versteht man die Annehmung eines Satzes zum Beweisgrunde als eines unmittelbar gewisiw SaHeS, obgleich er noch eines Beweises bedarf. — Und einen Cirkel im Be- O s weisest S!2 I. Allgemeine Elementarlehre :c. weisen begeht man, wenn man denjenigen Satz, den man hat beweisen wollen, seinem eigenen Beweise zum Grunde legt. _ Anmerk. Der Cirkel im Beweisen ist oft schwer zn cnt- decken; und dieser Fehler wird gerade da gemeinig. lich am häufigsten begangen, wo die Beweist schwer sind. §. 9Z. ' ' krodatio xlus UNd minus prodauz. Ein Beweis kann zu viel, aber auch zu wenig beweisen. Im letzter» Falle beweist er nur einen Theil von dem, was bewiesen werden soll; im erste rn geht er auch auf das, welches falsch ist. Anmerk. Ein Beweis, der zu wenig beweist, kann wahr seyn und ist also nicht zu verwerfen. Beweist er aber zu viel: so beweist er mehr, als was wahr ist; und das ist denn falsch. —> So beweist z. B. der Beweis wider den Selbstmord t daß, wer sich nicht das Leben gegeben, es sich auch nicht nehmen könne, zu viel; denn aus diesem Grunde dürften wir mich keine Thiere tsdten. Er ist also falsch. ll. §. 94. Manier und Methode: Alle Erkenntniß und ein Ganzes derselben muß einer Regel gemäß seyn. (Regellosigkeit ist zugleich Unvernunft.) — Aber diese Regel ist entweder die der M a- nier (frey) oder die der Methode (Zwang). §. 95- Form der Wissenschaft — Methode. Die Erkenntniß, als Wissenschaft, muß nach einer Methode eingerichtet seyn. Denn Wissenschaft ist ein Ganzes der Erkenntniß als System und nicht blos als Aggregat. — Sie erfordert daher eine systematische, mithin nach überlegten Regeln, abgefaßte Erkenntniß. 5. 96. Methodenlehre. — Gegenstand und Zweck ^ ' derselben. Wie die Elementarlehre in der Logik die Elemente und Bedingungen der Vollkommenheit einer Erkenntniß zu ihrem Inhalt hat: so hat dagegen die allgemeine Methodenlehre, als der andreTheil der Logik, von der Form einer Wissenschaft überhaupt, oder von der Art und Weise zu handeln, das Mannigfaltige der Erkenntniß, zu einer Wissenschaft zu verknüpfen» O 4 5 97. siH U. Allgemeine Methodmlehre. §. 97, Mittel zu Beförderung der logischen Voll, kvmmenheit der Erkenntniß. Die Methodenlehre soll die Art vortragen, wie wir zur Vollkommenheit des Erkenntnisses gelangen. — Nun besteht eine der wesentlichsten Kgisch-n Vollkom« mcnheiten des Erkenntnisses in d.-r Deutlichkeit, der Gründlichkeit und systematischen Ano^nung derselben zum Ganzen einer Wissenschaft. Die Mechedenle^re wird demnach hauptsächlich die Mittel anzugeben haben, durch welche diese Vollkommenheiten des Erkenntnisses befördert werden« §. 98. Bedingungen der Deutlichkeit des Erkennt« uisses. Die Deutlichkeit der Erkenntnisse und ihre Verbindung zu einem systematischen Ganzen hangt ab von der Deutlichkeit der Begriffe sowohl in Ansehung dessen, was in ihnen, als in Rücksicht auf das, was unter ihnen enthalten ist. Das deutliche Bewußtseyn desIn Halts der Be-- griffe wird befördert hurchErvosition undDefini- tion derselb en; das deutliche Vewußsseyn ihres Um fa n ges dagegen, durch die l o g i sch e E i n th e ü l U n g derselben. Zuerst also hier von den Mit? tcln zu Beförderung der Deutlichkeit der Begriffe in Ansehung ihres Inhalts» I, B e- I. Von der Definition. 217 I. Beförderung der logischen Vollkommenheit des Erkenntnisses durch Definition, Exposition und Beschreibung der Begriffe. > ,, v §. 99^ ^ . ^ ^ Definition. Eine Definition ist ein zureichend deutlicher und abgemessener Begriff (conceptus rei 2clse^uztu5 in mi- nimis terminis; completö 6ßtermin3tu5). An merk. Die Definition ist allein als ein logisch voll« kommener Begriff anzusehen ; denn es vereinigen sich in ihr die beyden wesentlichsten Voll/omnmiheiten «incs Begriffs: die Deutlichkeit und — die Voll« ständigkeit und Präcision in der Deutlichkeit (Quantität der Demlichkett). 5. 100. Analytische und synthetische Definition. Alle Definitionen sind entweder analytisch oder synthetisch. — Die erstem sind Definitionen eines gegebenen; die letztem, Definitionen eines gemachten Begriffs. §. ior. Gegebene und gemachte Begriffe « xriori und » xcilieriori. Die gegebenen Begriffe einer analytischen Definition sind entweder s priori oder z potteriori gegeben; 0 5 2i8 51. Allgemeine Methodenlehre. so wie die gemachten Begriffe einer synthetischen Definition entweder 2 priori oder s xoüeriori gemacht find. §. los. Synthetische Definitionen durch Exposi« tion oder Constructiott. Die SynthefiS der gemachten Begriffe, aus welcher die synthetischen Definitionen entspringen, ist entweder die derErposition (der Erscheinungen) oder die der Construction. — Die letztere ist die SynthefiS willkührlich gemachter, die erstere, die SynthefiS empirisch, d. h. aus gegebenen Erscheinungen, als der Materie derselben, gemachter Begriffe (conceotus kzctitn vel S priori v«1 per s^»t!iL5inempiricsm).— Willkührlich gemachte Begriffe find die mathematischen» _ An merk. Alle Definitionen der mathematischen und — wofern anders bey empirischen Begriffen überall Definitionen statt finden konnten — auch der Ersah« rungsbegriffe, müssen also synthetisch gemacht werden. Denn auch bey den Begriffen der letztern Art, z. B. den empirischen Begriffen Wasser, Feuer, Luft u. dgl^ soll ich nicht zergliedern, was in ihnen liegt, sondern durch Erfahrung kennen lernen, was zu ihnen gehört. — Alle empirische Begriffe müssen also als gemachte Begriffe angesehen werden, deren Syuthcsts aber nicht willkührlich, sondern empirisch ist. §. ioz. I. Von der Definition. 219 §- roz. Unmöglichkeit empirisch synthetischer De» finitionen. ' . Da die Synthesis der empirischen Begriffe nicht willkührlich, sondern empirisch ist und als solche, niemals vollständig seyn kann (weil man in der Erfahrung immer noch mehr Merkmate des Begriffs entdecken kann): so können empirische Begriffe auch nicht definirt werden. . , Anmerk. Synthetisch lassen sich alss nur willkührliche Begriffe deftniren. Solche Definitionen willkührlicher , Begriffe, die nicht nur immer möglich, sondern auch nothwendig sind, und vor alle dem, was vermittelst eines willkührlichen Begriffs gesagt wird, vorangehen müssen, konnte man auch Deklarationen nennen, so fern man dadurch ftineGcdanken dcklarirt oder Rc« chenschaft von dem giebt, was man unter einem Worte versteht. Dies ist der Fall bey denMathematike r n. , , §- 104. > Analytische Definitionen durch Zergliederung » xrior» oder it xoüeriori gegebener- Begriffe. Alle gegebeneBegriffe, sie mögen 2 priori oder s poüeriori gegeben seyn, können nur durch Analy fi s definirt werden. Denn gegebene Begriffe kann man nur deutlichmachen, so fern man die Merkmale derselben successiv klar macht» — Werden alle Merkmale eines Me- 22o II. Allgemeine Methodenlehre. gegebenen Begriffs klar gemacht: so wird der Begriff vollständig deutlich; enthalt er auch nicht zu viel Merkmale, so ist er zugleich präcis und es entspringt hieraus eine Definition des Begriffs. A nmerk. Da man durch keine Probe gewiß werden kann, ob man alle Merkmale eines gegebenen Begriffs durch vollständige Analyse erschöpft habe: so sind alle analytische Definitionen für unsicher zu halten. §- 105. Erörterungen und Beschreibungen. Nicht alle Begriffe können also, sie dürfen aber auch nicht alle definirt werden. Es giebt Annäherungen zur Definition gewisser Begriffe; dieses sind theils Erörterungen (expoll- tione-;), theils Beschreibungen (6sscriptic>oL5). Das Exponiren eines Begriffs besteht in der an einander Hangenden (successiven) Vorstellung seinex Merkmale, so weit dieselben durch Analyse gesunden sind» Die Beschreibung ist die Exposition eines Begriffs, so fern sie nicht präcis ist. —^. Anmerkt i. Wir können entwedereinen Begriff oder die Erfahrung erponircn. Das erste geschieht durch Analysis, das zweyte durch Synthcsis, 2- Die Exposition findet also nur bey gegebenen Begriffen statt, die dadurch deutlich gemacht wer- den; sie unterscheidet sich dadurch von der Dekla. ration, I. Von der Definition. 22l ' ration, die eine deutliche Vorstellung gemachter Begriffe ist. Da es nicht immer möglich ist, die Analysis voll- ständig zu machen; und da überhaupt eine Zcrgliede- rung, ehe sie vollständig wird, erst unvollständig seyn Muß: so ist auch eine unvollständige Exposition als Theil einer Definition, eine wahre und brauchbare Darstellung eines Begriffs. , Die Definition bleibt hier immer nur die Idee einer logischen Vollkommenheit, die wir zu erlangen suchen müssen, z. Die Beschreibung kaim nur bey empirisch gegebenen Begriffen statt finden. Sie hat keine bestimmten Re. Zeln und enthält nur die Materialien zur Definition. §. 106. Nominal, und Real. Definitionen. Unter bloßen Namen-Erklärungen oder Nomin al-Defi nitionen sind diejenigen zu verstehen, welche die Bedeutung enthalten, die man willkürlich einem gewissen Namen hat geben wollen, und die da» her nur das logische Wesen ihres Gegenstandes bezeichnen, oder blos zu Unterscheidung desselben von andern Objecten dienen.— Sach-Erklärungen odee Real-Definitionen hingegen sind solche, die zur Erkenntniß deö Objects, seinen innern Bestimmungen nach, zureichen, indem sie die Möglichkeit des Gegenstandes aus innern Merkmalen darlegen. Anmetk. 222 II. Allgemeine Methodenlehre. Anmerk. i. Wenn cm Begriff innerlich zureichend ist, die Sache zu unterscheiden, so ist er es auch gewiß äußerlich; wenn er aber innerlich nicht zureichend ist: so kann er doch blos in gewisser Beziehung äusserlich zureichend seyn, nemlich in der Vcrgleichung des Definituws mit andern. Allein die unum» sch ränkte äußere Zulanglichkeit ist ohne die innere nicht möglich. 2. Erfahrungsgcgcnstände erlauben blos Nominalerklä, rungen. Logische Nominal' Definitionen gegebener Verstandesbegriffe sind von einem Attribut hergenommen; Real-Definitionen hingegen aus dem Wesen der Sache, dem ersten Grunde der Möglichkeit. Die letztern enthalten also das, was jederzeit der Sache zukommt — das Rcalwesen derselben. — Bloß v e r- neinendc Definitionen können auch keine Ncal - Definitionen heißen, weil verneinende Merkmale wohl zur Unterscheidung einer Sache von andern eben so gut dienen können, als bejahende, aber nicht zur Erkenntniß der Sache ihrer innern Möglichkeit nach. In Sachen der Moral müssen immer Real. Definitionen gesucht werden; — dahin muß alles unser Bestreben gerichtet seyn. — Real-Definitionen giebt es in der Mathematik; denn die Definition eines will- kührlichen Begriffs ist immer real. Z. Eine Definition istgenetisch, wenn sie einen Begriff giebt, durch welchen der Gegenstand a priori in concrew kann dargestellt werden; dergleichen sind alle mathematische Definitionen» K. 107. I. Von der Definitiv», §. 107. Hauptcrfordernisse der Definition. Die wesentlichen und allgemeinen Erfordernisse, dls zur Vollkommenheit einerDesinition überhaupt gehören, lassen sich unter den Vier Hauptmomenten der Quantität, Qualität, Relation und Modalitat betrachten; i) der Quantität nach — was die Sphäre der Definition betrifft — müssen die Definition und das De- finitnm Wechsel begriffe (covceptus rociproci) und mithin die Definition weder weiter noch enger seyn, als ihr Definitum; s) der Qualität nach muß die Definition ein a u S- führlicher und zugleich präciser Begriff seyn; ?) derNelation nach muß sie nicht tautologisch; d. i. die Merkmale des DefinitumS müssen, alsEr-- tenntnißgründe desselben, von ihm selbst ver« schieden seyn; und endlich 4^> der Modalität nach müssen die Merkmal- nothwendig und also nicht solche seyn, die durch Erfahrung hinzukommen. Anmerk. Die Bedingung: daßdcrGattungsbegriffund der Begriff des specifischen Unterschiedes (Zein,5 und äiÜ'eiLnn-l sx^ikes) die Definition ausmachen sollen> gilt nur in Ansehung der Nominal-Definitionen in der Vergleichnng; aber nicht für die Real - Defini» lionen in der Ableitung. §. 10^?. 224 II. Allgemeine Methodenlehre. tz. IO8. Regeln zu Prüfung der Definitionen. Bey Prüfung der Definitionen find vier Hand; lungen zu verrichten; es ist neinlich dabey zu untersuchen: ob die Definition 1) als ein Satz betrachtet, wahr sey; obste 2) als ein Begriff, deutlich sey; — z) ob sie als ein deutlicher Begriff auch ausführ- lich, und endlich 4) als ein ausführlicher Begriff zugleich bestimmt, d. i. der Sache selbst adäquat sey. tz. 109. Regeln zu Verfertigung der Definitionen. Eben dieselben Handlungen, die zu Prüfung der Definitionen gehören, find nun auch beym Verfertigen derselben zu verrichten. - Zn diesem Zweck suche also: 1) wahre Sahe, 2) solche, deren Prädikat den Begriff der Sache nicht schon voraussetzt, z) sammle deren mehrere und vergleiche sie mit dem Begriffe der Sache selbst, ob sie adäquat sey; und endlich 4) siehe zu, ob m'chtein Merkmal im andern liege oder demselben suborbinirc sey. An merk. i. Diese Regeln gelten, wie sich auch wohl ohne Erinnerung versteht, nur von analytischen Defini- tionen. - Da man nun hier nie gewiß seyn kann, ob . die Analyst vollständig gewesen: so darf man die Dcft. nition auch nur als Versuch aufstellen und sich ihrer mir so bedienen, als wäre sie keine Definition. Unter dieser Ein. I. Von der Definition. 225 Einschränkung kann man sie doch als eine» deutlichen und wahren Begriff brauchen und aus dcn Merkma- lcn desselben Corollarien ziehen. Ich werde nemlich sa, gen können: dem der Begriffdes Defin-tums zukommt, kommt auch die Definition zu, aber freylich nicht um- gekehrt, da die Definition nicht das ganze Defiui« tum erschöpft. s. Sich des Begriffs vom Defiuitum bey der Erklärung bedienen; oder das Definitum bey der Definition zum Grunde legen, heißt durch einen Cirkel erklaren (cn'^ulus in äeknienäo). II. Beförderung der Vollkommenheit des Erkenntnisses durch logische Eintheilung der Begriffe. §. II-O. Begriff der logischen Eintheilung. Ein jeder Begriff enthält ein Mannigfaltiges ^ unter sich, in so fern es übereinstimmt; aber auch, in so fern es verschieden ist. — Die Bestimmung eines Begriffs in Ansehung alles Möglichen, was unter ihm enthalten ist, so fern es einander entgegen« gesetzt, d. i. von einander unterschieden ist, heißt die logische Eintheilung des Begriffs. — Der höhere Begriff heißt der eingetheilte Begriff (äivilum), und die niedrigern Begriffe, die Glied er derEintHeilung (memdra äiviäentis). P Anmerk. 2 26 il. Allgemeine Mechodenlehre. Anmerk. i. Einen Begriff theilen und ihn einthei« len, ist also sehr verfcliicdeu. Bey der Theilung des Begriffs sehe ich, was in ihm enthalten ist (durch Analyse); bey der Eintheilung betrachte ich, was unter ihm enthalten ist. Hier theile ich die Sphäre des Begriffs, nicht den Begriff selbst ein. Weit gefehlt also, daß die Eintheilung eine Theilung d'es Begriffs sey: so enthalten vielmehr die Glieder der Einthei- lung mehr in sich, als der eingetheilte Begriff. 2. Wir gehen von niedrigern zu höher» Begriffen hin« auf und nachher können wir wieder von diesen zu niedriger» herabgchcn durch Eintheilung. §. in. Allgemeine Regeln derlogischen Eintheilung. Bey jeder Eintheilig eines Begriffs ist darauf zu sehen: 1) daß die Glieder der Eintheilung sich ausschließen oder einander entgegen gesetzt seyen ; daß sie ferner 2) unter Einen höhern Begriff (conceprum coinmu- nem) gehören, und daß sie endlich z) alle zusammengenommen die Sphäre des eingetheilten Begriffs ausmachen oder derselben gleich seyen. Anmerk. Die Glieder der Eintheilung müssen durch contradictorische Cntgegensetznng, nicht durch ein bloßes Widerspiel (conusriunl) von einander ge«, trenn? seyn. j. 112. II. Von der logischen Eintheilnng der Begriffe. 22? ' - ^ §. ll2. Codivision und Subdivision. Verschiedene Eintheilungen eines Begriffes, die m verschiedener Absicht gemacht werden, heißen Neben-- eintheilungen; und dieCintheilungderGlicderdev Cintheilung wird eine Un tereintheilung (lubcüvi- üc>) genannt. An merk. 1. Die Subdivision kann ins Unendliche fortgesetzt werden; comparativ aber kann sie endlich seyn. Die Codivision geht auch, besonders bey Ersah« rungsbegriffen, ins Unendliche; denn wer kann alle Relationen der Begriffe erschöpfen? — 2. Man kann die Codivision auch eine Cintheilung nach Verschiedenheit der Begriffe von demselben Gegenstände (Gesichtspunkte), so wie dieSubdivi si on c-ine Cintheilung der Gesichtspunkte selbst, nennen. 5- Dichoromie und Polytomie. Eine Cintheilung in zwey Glieder heißt Dich0- tomie; wenn sie aber mehr als zwey Glieder hat, wird sie P 0 l y t 0 m i e genannt. Anmcrk. 1. Alle Polytomie ist empirisch; dieDichoto« mie ist die einzige Cintheilung ans Principien s priori — also die einzige primitive Cintheilung. Denn die Glieder der Cintheilung sollen einander entgegengesetzt seyn und von jedem ^ ist doch das Gegentheil nichts mehr als ncm ^. P 2 2^ Po» 228 ll. Allgemeine Methodenlehre» z.Polytomie kann in der Logik nicht gelehrt werden ; . denn dazu geHort Erkenntniß des Gegenstandes. Dichotomie aber bedarf nur desSatzes des Wider sp r uchs, ohne den Begriff, den man eintheilen will, dem Inhalte nach, zu kennen. Die Polntomie bedarf Anscha uung ; entweder s xiimi^ wie in der Mathematik, (z. B. die Einthei- lung der Kegelschnitte) oder empirische Anschauung, wie in der Naturbeschreibung.— Doch hat die Ein- thcüuttg aus dein Princip der Synthesis -i xriori, Trichotomie; nemlich i) den Begriff, als die Bedingung, 2) das Bedingte, und z) die Ableitung des letztern aus dem erstem. §. 114. Verschiedene Eintheilungen' der Methode. Was nun insbesondre noch die Methode selbst bey Bearbeitung und Behandlung wissenschaftlicher Erkenntnisse betrifft: so giebt es verschiedene Hauptarten derselben, die wir nach folgender Eintheilung hier angeben können. ' 5- ,115. 1. Scientifische oder populäre Methode. Die scientifische oder scholasiischeMethode unterscheidet sich von der populären dadurch, daI jene von Grund-und Elementar-Säßen, diese hingegen vom Gewöhnlichen und Interessanten ausgeht. Verschiedene Eincheilungen der Methode. 229 geht. — Jene geht auf Gründlichkeit und entfernt daher alles Fremdartige; diese zweckt auf Unterhaltung ab. Änmerk. Diese beyden Methoden unterscheiden sich also der Art und nicht dem bloßen Vortrage nach; und Popularität in der Methode ist mithin etwas anders als Popularität tm Vortrage §. 116. s. Systematische oder fragmentarische Methode. Die systematische Methode ist der fragmentarischen oder rhapsod»frischen entgegengesetzt. — Wenn man nach einer Methode gedacht hat, und sodann diese Methode auch im Vortrage ausgedrückt und der Uebergang von einem Satze zum andern deutlich angegeben ist, so hat man ein Erkenntniß systematisch behandelt. Hat man dagegen nach einer Methode zwar gedacht, den Vortrag aber nicht methodisch eingerichtet: so ist eine solche Methode rhapsodistisch zu nennen. Anmerk. Der systematische Vortrag wird dem fragmentarischen, so wie der methodische dem t u m u l t u a r i sch c n entgegengesetzt. Der methodisch denkt, kann nemlich systematisch oder frag. P z men- 2zs II. Allgemeine Methodenlehre. mentarisch vortragen. — Der äußerlich fragmentarische, an sich aber methodische Vertrag ist aphoristisch. . - -.5.-/1? 7- . Analytische oder synthetische Methode. Die analytische Methode ist der synthetischen entgegengesetzt. Jene fangt von dem Bedingten und Begründeten an und geht Zu den Principien- fort ! Z prineiplLtig z6 principiz), diese hingegen geht von den Principien zu den Folgen oder vom Einfachen zum Zusammengesetzten. Die erstere könnte man auch die regressi ve, fo wie die letztere die progressive nennen. Anmer k. Die analytische Methode heißt auch sonst di« Methode des Erfindens. — Für den Zweck der Popularität ist die analytische; für den Zweck der wissenschaftlichen und systematischen Bearbeitung des Erkenntnisses aber ist die synthetische Methode angemessener. §. üK. 4. Syllogistische — Tabellarisch eMethode. Die syllogistische Methode ist diejenige, nach welcher in einer Kette von Schlüssen eine Wissenschaft Vorgetragen wird. Tabet- Verschieden-' Eixicheiluttgen der Methode. 2 z r Tabellarisch heißt diejenige Methode, noch welcher eiü schon fertiges Lehrgebäude in seinem ganzen Zusammenhange dargestellt wird. H. 119. 5. Alroamatische oder Erotematische Methode. , Akr 0 amatisch ist die Methode, so fern Jemand allein lehrt; er 0 tematisch, so fern er auch frägt. — Die letztere Methode kann hinwiederum in die dial 0- gische oder sokratische und in die katechetische eingecheiit werden, je nachdem die Fragen entweder an den Verstand, oder bloö an das Gedächtniß gerichtet sind. Anmerk. Erotematisch kann man nicht anders lehren als durch den S 0 k rat i sch enD i a log, in welchen» sich Beyde fragen und auch wechselweise antworten müssen; so daß es scheint, als sey auch der Schülev selbst Lehrer. Der Sokratische Dialog lehrt nemlich durch Fragen, indem er den Lehrling seine eigenen. Wcrnunstprin-cipien kennen lehrt und ihm die Aufmerksamkeit darauf schärft. Durch die gemeine Katechese aber kann man nicht lehren, sondern nur das, was man akroamatisch gelehrt hat, abfragen. »»> Die katechctische Methode gilt daher auch nur fü» empirische und historische, die dialogische dagegen für rationale Erkenntnisse 5. 12s. 2Z2 II. Allgemeine Methodenlehre;c> §. 120. M e d i t i r e n. Unter Meditiren ist Nachdenken oder ein m e t h o- dischesDenkenzu verstehen. — Das Meditiren muß alles Lesen und Lernen begleiten; und es ist hierzu erforderlich, daß man zuvorderst vorlaufige Untersuchungen anstelle und sodann seine Gedanken m Ordnung bringe oder nach einer Methode verbinde.