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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
Seite
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26 GRUNDLINIEN

Über einen Punkt war ich mir schon vor meiner Berufung nach Kiel imklaren gewesen: daß Deutschland bei einem Krieg wenig zu gewinnen,aber viel zu verlieren habe. Sollten wir nach Norden oder Süden, gen Ostenoder gen Westen Eroberungszüge unternehmen, um neue Ländergebietezu annektieren? Sollten wir kleinere Nachbarstaaten gewaltsam zum An-schluß zwingen ? Sollten wir den alten Reichsfeinden neue hinzufügen ? Daskonnte kein klarbbckender deutscher Patriot wünschen. Noch wenigerkonnte dazu ein gewissenhafter deutscher Staatsmann raten. Um einebanale französische Wendung zu gebrauchen, die aber hier den Nagel aufden Kopf traf: Le jeu ne valait pas la chandelle. Ich war mir aber auch nichtim Zweifel darüber, daß, wie die Kulisse des Welttheaters während derletzten Jahrzehnte sich verschoben hatte, ein lokalisierter Krieg auf demeuropäischen Festlande kaum denkbar war, vielmehr jeder europäischeKonflikt die Gefahr in sich trug, sich in einen großen Krieg, in den Welt-krieg zu verwandeln, mit dem furchtbaren Risiko eines solchen Krieges,mit seinen unübersehbaren Möglichkeiten. Dagegen war jedes Jahr, wo wirden Frieden in Ehren wahrten, ein Gewinn für uns. Unsere Volkszahl undunsere wirtschaftliche Kraft nahmen mit jedem Jahr zu. Die Zeit ging füruns, namentlich im Vergleich mit unserem gefährlichsten Nachbar, demFranzosen . Wie war der Friede zu erhalten, den das deutsche Volkwünschte, den es für seine weiteren Fortschritte auf allen Gebieten brauchte ?Die Antwort konnte nur lauten: niemanden provozieren, aber sich auch vonniemandem auf die Füße treten lassen. In letzterer Hinsicht mußten wirdes alten pommerschen Sprichwortes eingedenk bleiben, das Fürst Bis-marck gern zitierte:Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen." Es warklar, daß, wenn wir uns Eingriffe und Übergriffe anderer gefallen ließen,auf die erste Rücksichtslosigkeit bald eine zweite, auf die erste Verletzungunserer Rechte bald eine neue und ärgere folgen würden. Einstweilen undbis den Bau der Welt Philosophie zusammenhält und bis sie dann einideales, ganz gerechtes, alle Rechte schützendes und alle Interessen berück-sichtigendes System errichtet und durchführt, wird ein Volk, das einmaleine wirkliche und ernsthafte Verletzung seiner Interessen und seiner Ehrehinnimmt, mit weiteren Verletzungen und Übergriffen zu rechnen haben.

Das Bild der internationalen Lage von 1897, wie ich es mir vor Augenführte, zeigte neben manchen Lichtseiten auch ernste und tiefe Schatten.Seit Anbeginn der deutschen Geschichte waren wir infolge unserer un-günstigen geographischen Lage in der Mitte von Europa Angriffen mehrausgesetzt gewesen als irgendein anderes großes Volk. Eingekreist warenwir, um mich einer von mir in meinerDeutschen Politik"* später

* Fürst von Bülow ,Deutsche Politik", Volksausgabe 1916, S. 293.