DER KAMPF UM DEN KANAL
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Hatzfeldt , geteilt. Er schrieb an Holstein noch vor dem Ausbruch derFeindseligkeiten in Südafrika: „Zu meinem Erstaunen höre ich, daß in denBüros unseres Auswärtigen Amts eine gewisse Verwunderung, vielleichtsogar Unzufriedenheit darüber herrscht, daß ich mich für die Erhaltung desFriedens in Südafrika interessiere und in diesem Sinne arbeite. Nächstenswird wohl noch behauptet werden, daß ich dabei irgendein persönlichesInteresse habe. Dagegen liegt die Sache so, daß ich im Anfang allerdings imZweifel war, ob der Ausbruch des Krieges nicht vorteilhaft für uns seinwürde. Sie sprachen damals eine andere Ansicht aus, zu welcher ich michdann bekehrt habe. Noch heute würde ich der Ansicht sein, daß der Kriegfür uns wünschenswert ist, wenn ich irgendeine Hoffnung sehen könnte, daßRußland oder Frankreich für den Transvaal einträten und es dabei auf einenKonflikt mit England ankommen lassen würden. Diese Hoffnung aberscheint mir vollständig ausgeschlossen, und ich vermag nicht zu sehen,welchen Vorteil wir unter diesen Umständen vom Krieg haben würden. Esist nicht anzunehmen, daß England , wenn es mit den Buren allein zu tunhätte, dadurch in eine so schwierige Lage geriete, daß es für unsere Freund-schaft große Opfer bringen müßte. Ebensowenig Vorteil würden wir davonhaben, wenn England schließlich den Transvaal annektiert oder wenn dasEnde ist, daß sich aus Südafrika eine Republik entwickelt, die kein ange-nehmer oder bequemer Nachbar für uns sein würde."
In der inneren Politik stand im Sommer 1899 die Kanalvorlage imVordergrund. Kein ruhig Urteilender wird heute bestreiten, daß Kaiser DerWilhelm im vollen Rechte und auf dem richtigen Wege war, als er den Bau Mittelland-von zwei neuen Kanälen in Aussicht nahm, des Dortmund-Rhein - und des k"™ 0 ^.. ^Mittelland-Kanals. Der Ausbau unseres Kanalnetzes war in jeder Bezie-hung, aus wirtschaftlichen wie aus strategischen und nationalen Gründengleich wünschenswert. Die dagegen vorgebrachten Argumente gingen auspartikularistischen Erwägungen, Kirchturminteressen und Fraktionsrück-sichten hervor, die im deutschen Leben leider seit jeher eine so bedauerlicheRolle gespielt und unseren größten Dichter zu dem grausamen Ausspruchgeführt haben, der Deutsche sei im einzelnen achtungswert, im ganzenmiserabel. Das Durchgehen der Kanalvorlage wurde um die Wende desJahrhunderts allerdings in hohem Grade durch das persönliche Eingreifen,Reden, Telegraphieren und Drohen des Kaisers erschwert, der ähnlich wiebei der Arbeitswilligen-Vorlage das Kind im Mutterleibe erschlug. Jestürmischer er trotz aller Gegenvorstellungen seiner Ratgeber für dieKanalvorlage eintrat, um so leichter wurde es den Gegnern, sie als ein Pro-dukt kaiserlicher Laune hinzustellen, was sie in Wirklichkeit gar nicht war.Fast unhaltbar wurde durch das impetuose Vorgehen des Monarchen dieStellung des Finanzministers Miquel, auf dessen Schultern bei dem hohen