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DER IMPERIALIST CHAMBERLAIN
er sie bejahend beantworten wolle, ob Frankreich sich nach beendeterWeltausstellung gegen England kehren würde. Die Elemente der Unruhein Frankreich schienen sich zu verdichten und eine gefährliche Gestalt an-zunehmen. Denselben Ideengang nahm ich bei dem UnterstaatssekretärMr. Bertie wahr, welcher mir sagte, die französischen Truppenverstärkun-gen nach Madagaskar könnten nur eine feindselige Spitze gegen England haben. Den Franzosen hat Lord Salisbury Faschoda geboten, d. h. er hatdie Anfänge eines bewaffneten französischen Eindringens an den oberen Nilmit Gewalt unterdrückt. Den Russen würde er nicht so leicht ein Faschodabieten, weil die Russen zu Lande gegen die englische Macht vordringenkönnen, während die Franzosen erst über das Meer müssen, wo die englischeFlotte herrscht. Die englische Politik, ob unter Lord Salisbury oder untereinem anderen, wird sich vor dem russischen Andrang in Nordchina und inPersien langsam und widerstrebend zurückziehen. An der indischen Grenze,wo die Russen übrigens noch nicht sind und auch nicht so leicht hinkommenkönnen, wie vielfach angenommen wird, würde England dagegen meinerUberzeugung nach ohne Zaudern zu den Waffen greifen. Eine Verständi-gung zwischen England und Rußland liegt in weiterem Felde als diezwischen England und Frankreich . Weder das eine noch das andere istvor der Hand zu erwarten. Italien betrachtet Lord Salisbury als Quantitenegligeable. Er macht sich wenig aus den nervösen Wünschen Italiens undbefürchtet ebensowenig ein Abschwenken dieses Landes nach Frankreich .Er glaubt, daß das Interesse Italiens im Banne der englischen Politik liege.
Chamberlain ist in den breiten Klassen des englischen Volks der volks-tümlichste Mann, welcher England siegreich und zuversichtlich in dieBahnen des Imperialismus leitet. Als leitender Minister in auswärtigen An-gelegenheiten wird er aber bei den oberen Zehntausend gefürchtet, weilman ihm keine ruhige Hand zutraut und von ihm annimmt, daß er alsRosse- und Wagenlenker tollkühne Dinge und Sprünge unternehmen würde.Mr. Chamberlain wünscht noch immer mit Deutschland zusammenzu-gehen. Er wünscht die kolonialen Fragen, welche uns trennen oder nähernkönnen, je nachdem sie behandelt werden, in Fluß zu bringen. Er würdegern an die Ausführung des deutsch -englischen Abkommens über Südafrikaherantreten. Nach der Konsolidierung des Gebiets, welches Rhodesia unddie beiden Burenrepubliken umfaßt, wird sich sehr bald das Bedürfnis einesnahen Zuganges zum Meere herausstellen, und die Delagoa-Frage kann dannakut werden. Der verstärkten französischen Besatzung in Madagaskar gegenüber wird die englische Politik jene Frage, auch abgesehen von unse-rem Abkommen, lieber mit als ohne uns lösen. Die Schwierigkeit der Aus-führung unseres Abkommens liegt, wenn wir auch für den Augenblickübersehen wollen, daß zunächst das Einverständnis Portugals dazu