Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
Seite
248
Einzelbild herunterladen
 
  

243

Zweites Buch, Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

gliedern nur dann unbedingt zu beklagen ist, wenn auch zwischen Mann und Frau,zwischen Eltern und Kindern die Sympathie und Aufopferungsfähigkeit aufhörte, undwenn für die schwindenden Verwandtfchaftsbande nicht andere neue der Freundschaft, derBerufsgenossenschaft, der Geselligkeit, des geschäftlichen Zusammenwirkens träten.

Es ist leider an dieser Stelle nicht möglich, den großen familien- und rechts-geschichtlichen Prozeß der Umbildung des Familien-, Ehe-, Erb-, Ehescheidungsrechtes,der väterlichen Gewalt, der Rechtsstellung der Frauen, der Kinder und der dienendenKräfte in der Familie zu schildern, in welchem der Übergang von der patriarchalischen zurneuen Familie sich vollzog. Er setzt schon in den späteren Epochen der antiken Kultur-staatcn und dann wieder in den letzten 56 Jahrhunderten ein, hat die verschiedenstenSchwankungen ersahren, ist vom Christentum, der Philosophie, der Litteratur, allengeistigen und sittlichen Strömungen der Zeit beeinflußt worden. Das Resultat wardamals und neuerdings wieder dasselbe: die Familienglieder sollen sreier, unabhängigerwerden; aus dem Gewalt- soll ein sittliches Genossenvcrhältnis werden; die freie Aus-bildung der Individualität soll erleichtert, aber zugleich der Segen des Familienlebens,die einheitliche Lenkung der Familie durch den Familienvater erhalten werden.

Das schönste Blatt aus dieser Geschichte ist die successive Erhebung der Fraucn-stellung: schon bei den Römern verwandelt sich die starre Manusgewalt des Mannesin das Verhältnis eines eonsoitium omnis vitae. Bei den Germanen war die Gattinbereits nach Tacitus die laborum xerieuloruiMus soeia des Mannes. Der Sachsen-spiegel sagt: dat wip ist des mannes genotinne. Aber erst eigentlich in den letztenhundert Jahren hat Sitte und Recht diesem Ziele sich ernstlich genähert, es freilichnach der radikalen Auffassung, die alle Gewalt des Familienvaters aufheben möchte,auch heute noch nicht erreicht. In dem ganzen Umbildungsprozesse werden immerwieder Rückschritte gemacht, entstehen Mißbildungen, Dissonanzen zwischen den praktischenBedürfnissen des Lebens, der notwendigen Ordnung der Familie und den individua-listischen Tendenzen; der Fortschritt im ganzen aber fehlt nicht. Daß er vorhanden,daß er wenigstens möglich fei, daß vor allem die Loslösung des nun nur noch derKonsumtionswirtschast dienenden Familienhaushaltcs von der Organisation der technischenProduktion eine berechtigte Differenzierung sei, darüber möchte ich noch ein Wort sagen.

Ich habe vorhin erwähnt, daß die Konflikte zwischen Familien- und Produktions-intereffe zur Zeit der patriarchalischen Familie leichter zu lösen waren als später. Siewaren es aber vor allem auch, weil die Ansprüche des Familienlebens noch so gargeringe, zumal bei der Menge der kleinen Leute, waren. Der Baner lebte noch vielfachmit «seinem Vieh in einem Raume, wie er es heute noch teilweise in Rußland thut.Die gewöhnlichen Wohnungen der Alten wie der mittelalterlichen Menschen waren elende,kleine, dunkle Räume; noch im Patricierhause des 14.16. Jahrhunderts hatte mankaum Zimmer, in denen aufrecht zu stehen, ein Fest zu feiern war; das fand im Stadt-oder Gildehause statt. Erst seit dem 16.18. Jahrhundert erhielten zuerst die oberenKlassen und dann auch der Mittelstand Zimmer mit Heizung, mit Licht, mit so vielRaum, wie wir heute für nötig halten. Und das wurde doch wesentlich erleichtert durchdie Scheidung der Wohngelasse und der Produktionsstätten. Erst im 18. und 19. Jahr-hundert entstand mit Hülfe der fortschreitenden Technik und Kunst, unterstützt durchFeuer- und Baupolizei, aus den alten, höhlenartigen Schlupfwinkeln die neuere Kultur-wohnung mit ihren Empfangs-, Wohn-,- und Schlafzimmern, ihren Küchen, Kellern,Badezimmern, Klosets, Wasser- und Gasleitung und all' dem anderen Komfort. DieMehrzahl der Kulturmenschen wohnt feit einigen Generationen besser als je zuvor. Undwenn die großstädtische Menschenanhäufung für die unteren Klassen die Ansprüche teil-weise wieder vermindert hat, wenn es als allgemeiner öffentlicher Mißstand empfundenwird, daß viele Familien nur einen oder zwei Räume haben, daß sie in ihren Wohn-räumen zugleich ihre Geschäfte besorgen und arbeiten müssen, daß ihre Familienwohnnngennicht isoliert von denen anderer sind, so beweist das nur, wie hoch die Ansprüche gegenfrühere Zeiten gestiegen sind, wo fast alle Menschen mit Vieh und Ungeziefer zusammenzu Hausen gewohnt waren.