Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Die Gefahr einer Auflösung der Familieuwirtschaft.

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Unterricht, Bildung, Erziehung und was alles sonst noch. Nicht bloß die erwachsenenTöchter sind im Hause nicht mehr notwendig, selbst Frau und Kinder gehen viel mehrals früher nach Arbeit außer dem Hause; sie thun es teils durch die Not, teils durchden Selbständigkeitsdrang getrieben; die jungen Leute verdienen vom 12. oder 14. Jahrean selbständig, sie wollen sich die elterliche Zucht nicht mehr gefallen lassen, wohnenfür sich in Schlafstellen, wollen für ihr Geld auch ihr Leben genießen. Wo die modernstenVerhältnisse walten, da sind die Kinder am frühreifsten, da heiraten einzelne junge Leute,ohne Vater und Mutter zu fragen, da sind die Familienbande am losesten. Die Schließungder Ehe wird andererseits immer schwieriger; die Zahl der Ehrlosen nimmt zu; die Zahlder Jahre, welche vom Verlassen des Elternhauses bis zur eigenen Ehe verstreichen, wirdgrößer, schon weil Lehr-, Bildungs-, Reisezeit, das Herumsuchen nach einer Existenz esso mit sich bringen; man gewöhnt sich an Freiheiten aller Art, an Genüsse, die inder Familie nicht möglich sind, an außerehelichen Verkehr; das Familienleben erscheintden so Gewöhnten oft nur noch als eine lästige Fessel, die man mindestens jederzeitwill wieder abstreifen können; man fordert unbedingte Scheidungsfreihcit und berust sichdarauf, wie in allen Großstädten die Ehescheidungen zunehmen, wie in Nordamerika heute teilweise jährlich schon auf 91l) Eheschließungen eine Ehescheidung komme.

Indem man im Anschluß an die Theorien des 18. Jahrhunderts die Gleichheitvon Mann und Frau predigt, fordert man die ganz gleiche Erziehung beider Geschlechter,die Zulassung der Frauen zu allen Berufen, betrachtet die Beseitigung gewisser Arbcits-schranken für die Frauen, wie sie mit dem Zunftwesen fielen, nur als eine erste dürftigeAbschlagszahlung. Man erhofft die Beseitigung der Geld-, Konventions- und Ver-sorgungsehen, wenn die Frauen alle Berufe erlernen und ergreifen dürfen; man hofft,daß, wenn die Frau durch eigenen Erwerb auf sich fclbst stehe, der stets kündbare Ehe-bund erst ein wirklich freier werde, und den bisher schon so eingeschränkten Familien-haushalt glaubt man als ein Rumpelstück aus der Vorväter kümmerlicher Zeit baldvollends ganz über Bord werfen zu können.

Wenigstens der Socialismus träumt von einem Leben der durch die Ehe Ver-bundenen in Hotels und Logierhäusern; alle gebärenden Frauen will er in öffentlicheGebärhäuser, alle Kinder in Kinderbewahranstalten, die Halberwachsenen in Lehrwerkstätten,Pensionate und öffentliche Schulen, die zugleich verpflegen, schicken; für alle Krankensollen die Krankenhäuser, für alle Alten die Jnvalidenhäuser sorgen. So brauchen diearbeitenden Erwachsenen nichts als ein Wohn- und Schlafzimmer einerseits, Klubs,Speisehäuser, öffentliche Vergnügungsorte, Bibliotheken, Theater, Arbeits- und Pro-duktionsräume andererseits. Der Familienhaushalt ist angeblich verschwunden.

Daß einer oberflächlichen Betrachtung unserer heutigen technischen und socialenEntwickelung derartige Ziele als die notwendigen und heilsamen Endergebnisse erscheinenkönnen, wer wollte es leugnen? Und wer wollte, wenn er die großen Veränderungensrüherer Epochen, den ungeheuren Wandel der heutigen Technik und das chaotischeRingen unserer sittlichen Vorstellungen und socialen Einrichtungen betrachtet, sicher sagen.Derartiges sei unmöglich? Aber bei ruhiger, näherer Betrachtung erscheinen uns dochdiese Ideale und Zukunftspläne als starke Übertreibungen, ja Verirrungen, als einseitiglogische Schlüsse aus partiellen Beweguugstendenzen, die historisch notwendig wiederentgegengesetzten Strömungen weichen oder vielmehr mit anderen notwendigen Tendenzensich vertragen müssen.

Die Familie soll verschwinden zu Gunsten des Staates und des Individuums?Glaubte man, als der Staat im 18. Jahrhunderte den alten Korporationen zu Leibeging, nicht dasselbe von der Gemeinde und allen Genossenschaften und Vereinen? 11u'? a a.ue 1'6tat et 1'iuäiviäu, dekretierte die französische Revolution, und heute suchtüberall eine entwickelte Gesetzgebung die Kreise, die Gemeinden, die Vereine, die Genossen-schaften zu fördern. Die höhere Kultur schafft immer kompliziertere Formen und erhältdaneben doch an ihrer Stelle jede für bestimmte Zwecke als brauchbar gefundene typischeLebensform. Sollte sie plötzlich die seit Jahrtausenden ausgebildete wichtigste, kräftigste,noch heute für 99°/o aller Menschen unentbehrliche ausstoßen?