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Die neuere Ausdehnung des Hofsystems. Ältere Dorfgröße.
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wesentlich aus der späteren Zeit, als neben den älteren Sommerdeichen die das ganzeFeld dauernd schützenden Winterdeiche entstanden. Was die deutsche Separation undGüterzusammenlegung an ausgebauten Ritter- und Bauernhöfen geschaffen, ist ein Er-gebnis unseres Jahrhunderts. Und ein Vermessungssystem wie das amerikanische, dasalles Land in Quadrate zerschneidet, deren Grenzen zugleich Wege sind, das überhauptkeine Dörfer mehr kennt, sondern nur viereckige Farmen mit dem Hofe in der Mittederselben, ist nur in einer Zeit hoher Technik und ausgebildeten Verkehrswesens denkbar.Wenn das spätrömische System der kaiserlichen Agrimensoren damit Ähnlichkeit hat, sowaren damals in Italien auch die Voraussetzungen ähnlich. Heute fehlt das Hofsystemhier wie in Spanien und allen Mittelmeerländern.
Der künftige volle Sieg diefes Systems in den alten Gebieten des Dorfsystems ist nichtzu erwarten, so sehr da und dort heute durch Ausbau an landwirtschastlichen Produktions-kosten gespart werden könnte. Es wird heute das isolierte Wohnen durch Posten, Eisen-bahnen und Telegraphen, durch verbesserte Polizei und Justiz erleichtert. Ein Teil derin den Städten übermäßig neben und über einander gehäuften Menschen drängt wohlnach Licht, Luft und Raum in freierer Siedlung, aber nicht nach isoliertem Wohnen.Es wird sich in dieser Beziehung Wohl noch manches verschieben; aber die Dörser deralten Kulturländer werden nicht ganz verschwinden, schon weil zu große Werte in ihnenstecken, die durch Auflösung zerstört würden, weil die bestehenden Sitten zu fest sitzen,und auch zu viele andere wirtschaftliche und menschliche Motive, dagegen sind.
Auf die Größe der heutigen Dörfer kommen wir nachher. Über die Größe derselbenim 15. Jahrhundert und später führe ich für 58 Pfälzer Orte nach Eulenburg an, daß
1439
1784
1880
72427
Orte
allezusammen
380055621902
je einerdurchschnittlich
635 Einw.,231
70 -
allezusammen
5 56211639
4 366
ze einerdurchschnittlich
927 Einw.,487 -161 -
allezusammen
17 724
37 033
18 543
ze einerdurchschnittlich
2954 Einw.,1543 -690 -
hatten. Ähnlich hat schon Mone nachgewiesen, daß die badifchen Dörfer, welche jetzt80—300 Familien besitzen, im 15. Jahrhundert meist 10—30 hatten; von 30 badifchenStädten und Dörfern berechnet er 1530 eine durchschnittliche Bevölkerung von 419,1852 von 1310 Seelen. Von den russischen Dörfern meldet uns Keußler, sie hättenim 16. Jahrhundert meist 15—120 Einwohner, selten schon die letztere Zahl gehabt,während jetzt größere Dörfer die Regel seien.
97. Die Entwickelung des Städtewesens vom Mittelalter bisgegen 1800. Weit vorgreifend haben wir so den Gang der Siedlung auf dem Landebis zur Gegenwart zu zeichnen gesucht. Ihr steht nun die Städtebildung gegenüber,die von der antiken sich dadurch unterscheidet, daß sie nicht so enge mit der Staats-bildung zusammenhängt, daß sie, obwohl auch von militärisch ^ administrativen undkirchlichen Einflüssen berührt, doch mehr wirtschaftlichen Ursachen, hauptsächlich demBedürfnis von Handel und Gewerbe entspringt. Als der Übergang und die Vor-bedingung für höhere Kultur erscheint aber die Zeit der neueren Städtebildung ebensowie die der antiken. Es ist im Altertum wie in der neueren Zeit für alle VölkerJahrhunderte lang die wichtigste volkswirtschaftliche Organisationsfrage, wo und wie dasfehlende städtische Leben zu erzeugen sei.
Die 96 angeblichen Städte (710?.--?), welche der bekannte Geograph Ptolomäusim 2. Jahrhundert n. Chr. für Deutschland aufzählt, waren Wohl Fürstensitze, Stammes-befestigungen, Versammlungsorte; daneben bestanden vielleicht einige dichtere Siedlungenan Salzquellen und Furten. Die ersten eigentlichen Städte, die die Germanen sahenund haßten, waren die 50 römischen Grenzkastelle und die befestigten Donau - undRheinstädte. Unsere Vorfahren bezeichneten sie als „Burgen", wie bis ins 13. Jahr-hundert jeder größere und befestigte Ort hieß. Die städtischen Mauern erschienen denGermanen, sagt Ammianus Marcellinus , als die Mauern eines Grabes; sie zerstörten
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