Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft,

damals. Ohne Bedenken und große Schattenseiten, auf die wir zurückkommen, ist sieauch heute nicht. Die Umbildung und die Wanderungen erzeugen Kämpfe und Schwierig-keiten aller Art. Bücher sagt mit Recht: der Zug nach der Stadt versetze zahlreicheMenschen fast plötzlich aus einer natural- in eine geld- und kreditwirtschaftliche Lebens-sphäre, und die socialen Gewohnheiten seien dadurch in einer Weise bedroht, welche denMenschenfreund mit schweren Sorgen erfülle. Aber er fügt bei, man überschätze heutedoch oft die Mobilisierung der Gesellschaft sehr; der heutige Arbeiter wandere weniger alsfrüher der Geselle; die Mehrzahl der Wanderungen suche ihr Ziel in der Nähe, oftnur im nächsten Dorfe. Und im ganzen entspreche die Wanderung eben der durch denneuen Verkehr nötig gewordenen Verlegung aller Standorte der Industrie und derLandwirtschaft, der Umbildung aus den Zuständen der Stadt- und Territorial- in dieder National- und Weltwirtschaft.

Das ist alles richtig im ganzen; aber ob im einzelnen die Wogen nicht zu weitgehen, nach falschen Zielen hinsluten, ob nicht neben berechtigten wirtschaftlichen Motivenandere nicht wirtschaftliche, sittlich zweifelhafte mitspielen, ungünstige Nebenfolgen ein-treten, das sind offene Fragen, die freilich nicht generell zu beantworten sind.

99. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse unserer vorstehenden histo-rischen Ausführungen wird etwa dahin lauten:

g>) Die Menschen haben nicht bloß das notwendige Bedürfnis, in Familiengruppenvon 41V, sondern auch in größeren Gruppen von 2V, SO, 100, 1000 und mehr Menschenso zusammen zu leben, daß die Nachbarn zum Verschiedensten zusammenwirken, sich täglichsehen können. Für gewisse Zwecke reicht es freilich, wenn die aufeinander Angewiesenen sichjährlich ein- oder ein paar Mal oder auch monatlich oder wöchentlich sehen oder versammelnkönnen: so z. B. für Gerichts- und Verwaltungs-, Markt- und einzelne Kulturzwecke. Aberdas sind die beschränkteren Ausgaben, und sie leiden, je größer die Wege werden. Imübrigen liegt die Notwendigkeit des nachbarlichen Wohnens in den gesamten Zwecken, welchedie Menschen aus irgend welchen Ursachen besser gemeinsam, in nachbarlichem Austauschund Kontakt verfolgen. Es kommt das Verschiedenartigste da in Betracht; scheiden wirmal die nicht wirtschaftlichen und die wirtschaftlichen Zwecke; von den nicht wirtschaft-lichen stehen voran: das Bedürfnis der Geselligkeit, der Unterhaltung, des gegenseitigenSchutzes gegen Feinde, bei höherer Kultur das der Schule, des Kirchbesuches. Von denwirtschaftlichen Zwecken können die primitivsten auch von einzelnen isoliert wohnendenFamilien bis auf einen gewissen Grad verfolgt werden: z. B. die Fischerei, die Jagd,der Hack- und Ackerbau. Aber wir sahen schon, daß die Viehzucht, die Feldgemeinschaft,der Hausbau und Schiffsbau selbst auf niedriger Stufe doch besser von Genossenschaftenin die Hand genommen wird. Vollends jede Arbeitsteilung, die gewerbliche Thätigkeit,der Handel ist bei dem zerstreuten Wohnen zwar nicht unmöglich man denke an denHausierer, den gewerblichen Wanderarbeiter auf der Stör, aber sehr erschwert. Jedehöhere Entwickelung der Staatsverwaltung, der Kirche, gewisser aristokratischer Kreise mitgroßen Scharen von Dienern, der Geld- und Kreditwirtschast, des geistigen Lebens setztgedrängteres Wohnen wenigstens für einen Teil der Bevölkerung voraus- Aber einsolches hat seine engen Grenzen; wo 500, 1000 und mehr Ackerbaufamilien als Nach-barn zusammen wohnen wollen, werden die Wege zum Ackerfelde zu lang und zu zeit-raubend. Thünen,,hat berechnet, daß ein großer Teil unserer von Dorf oder Hof zuentfernt liegenden Äcker deshalb keinen Reinertrag geben. Das enge Wohnen macht dieOrte ungesund; mehr als einige Stockwerke können nicht übereinander getürmt werden;wo statt ein und zwei Familien zwanzig bis sünfzig in einem Hause wohnen, wirddas Familienleben und die Sittlichkeit bedroht oder ist nur durch komplizierte Ord-nungen in Reinheit zu erhalten; wo zu viel Menschen einander Luft, Licht, Raumnehmen, da steigern sich alle Reibungen und Konflikte, wird auch alles wirtschaftlicheLeben schwieriger, in vieler Hinsicht teurer.

So entstehen für alle socialen Gruppen und Individuen, sür jede Zeit, auf jedemBoden eine Summe von teils sich gegenseitig steigernden, teils sich begrenzenden undwidersprechenden Motiven, welche hier auf konzentrierteres, dort wieder auf zerstreuteres