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Zweites Buch, Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
gebenden ihn nicht mit anderen vergleichen können; je dichter die Siedlung sei, jemehr auch die höher Stehenden gleiche neben sich haben, desto geringer sei ihre Über-legenheit: das Platte Land fühlt aristokratisch, die Stadt demokratisch. Man kann ein-werfen, daß in den deutschen Marschen und den Alpen die bäuerliche Demokratie beiloser Siedlung sich erhalten hat, daß der Pöbel der antiken Großstädte sich zuerst derkaiserlichen Tyrannis gcsügt, ja sie hervorgerufen hat, daß die kaufmännischen Aristo-kratien von Genua und Venedig, wie heute die von London, New Hork oder Hamburg durch mindestens gleichen Abstand von den untersten Klassen getrennt sind wie derTagelöhner vom Rittergutsbesitzer. Es handelt sich eben bei allen Folgen des zer-streuten und dichten Wohnens nur um Möglichkeiten, die sich je nach den mitwirkendengeistig-sittlichen Faktoren aus der häufigeren Berührung und Reibung der Menschenergeben.
Das aber ist klar und hat sich zu allen Zeiten doch überwiegend gezeigt: dieverschiedene Wohnweise differenziert die Menschen und ihre körperlichen und geistigen,technischen und wirtschaftlichen Eigenschaften, und als wichtigstes Ergebnis dieses Pro-zesses wird man sagen können: das einfachere Leben auf dem Lande ist sür die mora-lischen und Charaktereigenschaften günstiger; die Lebensziele sind da klarer, die Lebens-wege kontrollierter, die Sitte stärker; das Leben auf dem Lande ist meist der Gesundheit,der Muskelausbildung zuträglicher; der Landmann ist politisch konservativ, technischhängt er mehr am Alten. Das Leben in der Stadt macht rühriger, klüger, dem Fort-schritte zugänglicher; es bildet mehr die Nerven als die Muskeln aus; die Menschensind aber auch genußsüchtiger; die moralischen Einflüsse sind geringer, die Zerstreuunggrößer, die Sitte schwächer, das Leben ist ungebundener; die Menschen reiben sich mehrauf. Der Städter ist liberal, fortschrittlich, socialdemokratisch.
In den Jahren 1845—70 hat die Statistik mit dem raschen Wachsen der Groß-und Fabrikstädte teilweise überraschend ungünstige Ergebnisse der Sterblichkeit, der Ge-bürtigkcit, der Vergehen, der Ehescheidungen zu Tage gefördert; Wappäus, Schwabe,Engel und andere beleuchteten daher die städtische Wohnweise und ihre Folgen indüsterer Weise, wie es allerdings schon von Süßmilch geschehen war. Und bis in dieneuere Zeit setzte sich diese pessimistische Auffassung sort; ja sie erhielt in dem geistvollen,aber stark übertreibenden Buche von G. Haussen ihren stärksten Ausdruck; er wolltebeweisen, daß die Städte, in sich lebensunfähig und ungesund, in zwei Generationendie ihnen vom Lande gelieferten Menschen aufbrauchen.
In dieser Litteratur ist Wahres mit Falschem gemischt. Konservativ-agrarischeVorurteile spielen in ihr, fortschrittlich-industrielle in den Gegenschriften eine Rolle.Die Wahrheit ist nicht so schwer zu finden. Zuerst haben Rümelin und andere gezeigt,daß die durch die Städtebevölkerungsstatistik zu Tage geförderten Eigentümlichkeitenwesentlich auf die Thatsache zurückgehen, daß in den Städten die Altersklassen vom15.—40. Jahre heute teilweise doppelt so stark besetzt sind als auf dem Lande, alsoschon deshalb Todesfälle, Geburten, Verbrechen uno alles Derartige im Durchschnittesich anders gestalten müssen. Neuerdings haben Brentano und seine Schüler eine ReiheStudien veröffentlicht, die die Übertreibungen Hansens mit Recht bekämpfen, die Gleich-wertigkeit und Vorzüge der städtischen Bevölkerung ins Licht gesetzt haben. Sie habendabei viel Richtiges gesagt, aber auch ihrerseits teilweise übers Ziel hinaus gcfchossen.Das ländliche Leben, sofern es mit guter Wohnuug und guter Ernährung verbundenist, hat mit seinem Ausenthalt und seiner Arbeit in freier Luft für alle körperlichenEigenschaften doch unzweifelhafte Vorzüge. Longstaff, der übrigens Brentano nahe steht,meint: das Stadtkind bleibt blasser, schwachäugigcr, mit schlechten Zähnen versehen, auchwenn die städtische Hygiene sein Leben verlängert. Gewiß haben manche Städte undGewerbe heute so viel oder sast so viel militärtüchtige wie das Land; die Sterblichkeitist in gut gebauten Städten teilweise eine so niedrige wie auf dem Lande; verkommeneLanddistrikte mit schlechter Ernährung haben teilweise schwächlichere Menschen als Fabrik-gegenden mit hochstehender Arbeiterbevölkcrung. Aber daß das Land einfachere, schlichtere,bescheidenere, kräftigere Menschen, die Stadt klügere, beweglichere, geistig entwickeltere,