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Ausgewählte Reden und Aufsätze über Geld- und Bankwesen / von Ludwig Bamberger. Im Auftr. ... hrsg. von Karl Helfferich
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weil ich mir sagte, dass ich ihr mit der Erfüllung ihrer Bittenur einen Scheindienst erweisen würde. Neunundneunzig vonhundert ihrer Leser würden meines Erachtens sich mit Gleich-gültigkeit, wenn nicht gar mit Grauen der näheren Bekannt-schaft mit diesem Texte enthalten.

Aber immer wieder tritt man mit erneuter Liebenswürdig-keit an mich heran, und, wie der Mensch ist, zuletzt lässt ersich überreden, wenn er auch nicht überzeugt ist. Ein Argu-ment ist allerdings neuerer Zeit hinzugekommen, welcheseinigermassen zur Korrektur obiger Auffassung nötigen könnte,nämlich der grosse Wahlkampf in den Vereinigten Staaten ,welcher einen halben Weltteil in die heftigste Bewegung unddas ganze Erdenrund in die lebhafteste Spannung versetzt hat.Die vierzehn Millionen Wähler, welche mit Ja oder Nein überSilber oder Gold abzustimmen hatten, mussten sich doch eineMeinung darüber machen, und die 100 Millionen Zeitungsleser,welche dem aufregenden Schauspiel folgten, mussten doch da-nach verlangen, annähernd zu verstehen, um was es sich dabeihandle. Mein Freund Dr. Barth hat ja auch das Glück gehabt,die Leser der Cosmopolis mit seiner Schilderung dieses Wahl-kampfes zu fesseln und zu belehren. Vielleicht ist manchemdabei ein Stück Erkenntnis, anderen der Wunsch nach Erkennt-nis aufgegangen. Wie Viele von denen, die jenseits des grossenWassers mit Ja oder Nein gestimmt haben, im Besitz einerrichtigen Vorstellung von der Sache waren, ist nicht zu er-mitteln. Aber gewiss waren Hunderttausende unter den. fürWilliam Bryan Stimmenden, die sehr enttäuscht gewesen wären,wenn die freie Silberprägung sich verwirklicht hätte, ohneihnen die erwarteten Vorteile zu bringen. Die Amerikanersagen, der letzte Wahlgang sei ein Erziehungsfeldzug gewesen,an educational campaign. Schon die Erziehung der Uner-wachsenen ist ein schweres Problem. Wieviel mehr noch dieder Erwachsenen! Immerhin darf man glauben, dass die sieb-zehntausend Redner, welche während einer Reihe von Monatenfür Gold predigend das Land durchzogen, in vielen Köpfen einerhellendes Licht angesteckt haben werden. Dafür ist es aberauch gewiss ebenso ihren Gegnern gelungen, eine nicht geringeZahl mit Vorspiegelung willkürlicher Phantasiebilder zu ver-wirren. Das Merkwürdige an der Sache ist nur, dass die Ver-