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MS 311 - Brentano I : [Allgemeine Volkswirtschaftslehre] ; [Vorlesungsskript WS 1910/11]
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die Arbeiter organisirt werden, ist es ihnen gelungen, den Lohn zusteigern. Und auch die modernen Sozialdemokraten haben die Unrichtig-keit des * ehernen Lohngesetzea* eingesehen.

2) Preisbestimmungsgrund für den Lohn, den der Arbeiter fordert, istdie Brauchbarkeit des von Arbeitgeber Gebotenen für die Befriedigungdes Bedürfnisses des Arbeiters. Die Brauchbarkeit hängt ab

a) von der Kaufkraft des Zahlungsmittels,

b) von den Nebenvorteilen,die der Arbeitgeber dem Arbeiter ev. bietet,ad a) Wir haben gehört, dass,wenn der Geldwert sich ändert, auch derPreis der Ware sich ändert: sinkt der Geldwert, so steigen die Warenim Preise und umgekehrt. Genau so musste es bez&l. des Arbeitslohnessein: wo der Geldwert sinkt, musste der Arbeitslohn steigen und um-gekehrt. Aber so ist es nicht ganz und auch hier machen sich die Ei-gentümlichkeiten der Arbeit als Ware und des Arbeiters als Warenver-käufers geltend. Nämlich wo die Arbeiter nicht crganlBirt sind, sindsie nicht im Stande bei sinkendem Geldwert auf der Erhöhung des Loh-nes zu bestehenf Oesterreichs Uebergehen von der Papier- zur Metall-währung von grossen Arbeitgebern bekämpft).

Ferner wo die Arbeiter nicht organisirt sind, werden sieoft genötigt, statt Geld Waren in Zahlung zu nehmen. Die deutscheund engl. Gesetzgebung sind hier eingeschritten und haben bestimmt,dass jede Lohnzahlung,die in anderer Form erfolgt als in der Bezah-lung in Reichsmünzen nichtig ist und dass all das so Gezahlte neueingeklagt werden kann, als nicht bezahlt. Der HichtorganisirteArbeiter konnte sich aber diese Bestimmungen nicht zu Nutze machen,ad b) Nebenvorteile,wie Witwenunterstützungen,Pensionen, Avancement,Dienatzeitzulagen etc. veranlassen den Arbeiter ev. weniger Lohn zufordern.