Autograph 
MS 311 - Brentano I : [Allgemeine Volkswirtschaftslehre] ; [Vorlesungsskript WS 1910/11]
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Wird es zu Consumtionszwecken verwendet, so wird die Dringli chkeit be-stimmt von durchaus persönlichen Verhältnissen. Diese können sehr ver-schieden sein, nicht nur Ursachen materieller Art,wie Entbehrung undN&t, sondern auch immaterieller Natur,wie z.B. die Rücksicht auf dieEhre. Diese können die Dringlichkeit steigern.

In untergeordneten Wirtschaftaverhältnisaen ist das der einzige Grund,warum die Menschen Geld borgen oder Oeldeswert. Anfänglich war ja dieProduktion so einfach konstruirt.dass die sachlichen Produktionsmit-tel keine Rolle spielten. Das war die Zeit jener primitiven Verhält-nisse,die dem Kommunismus noch nahe standen. Es herrschte noch eingewisser Geist der Brüderlichkeit,der dann zum Verbot des Zinsnehmensführte ausnahmslos bei allen Völkern. Im alten Testament ist es dannzum Ausdruck gelangt, aber da ist das bestimmt nur für Darlehen,dieein Jude dem andern Jude gewährt, während bei Darlehen an Fremde dasZinsnehmen gestattet ist. Die Vorschrift ging dann ins neue Testamentüber, nur dass dieses die alten nationalen Schrahken nicht kennt,daherdiese verallgemeinerte. Hieraus gingen die Zinsverbote des kanon.

Rechts hervor und sind auch in die weltliche Gesetzgebung der christ-lichen Völker übergegangen. Aber auch hier kein allgemeines Zinsver-bot, sondern nur für Christen untereinander. Deshalb scheidet dieseBestimmung praktisch für den Kaufmann aus. Frühzeitig finden wir siehier ausser Uebung, schon im alten Rom. Da haben wir einen Bericht deshl. Hypolitus aus dem 2. saec. p.C. über einen christlichen Kammer-herrn des Kaisers. Dieser stellte einen Sklaven- späteren Papst Oallik-tus - als Bankhalter an, der eine Depositenbank auf dem Forum errich-tete,in die viele - auch Christen- Einlagen machten gegen Zinsempfang.Callixtus liess das Geld natürlich mit erhöhtem Zins arbeiten. Als-bald tritt überall in dem Masse, in dem die Wirtschaft sich entwickelt,praktisch das Zinsverbot auaser Kraft und lange vor Ende des Mittel-