Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
8
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Schafften, Dritter Theil.

merkt, daß cbcn diese» Ränken auch der Nachruhm des Horaznicht entgangen ist. So viel er auf der Seite des Dichtersgewonnen hat, so viel hat er auf der Seite des ehrlichen Man-nes verloren. Za, spricht man, cr sang die zärtlichsten undartigsten Lieder, niemand aber war wollüstiger als cr; cr lobtedie Tapferkeit bis zum Entzücken, und war selbst der feigherzigsteFlüchtling; cr hatte die erhabensten Begriffe von der Gottheit,aber er selbst, war ihr schläfrigster Verehrer.

Es haben sich Gelehrte genug gefunden, die seine Geschichtesorgfältig untersucht, und tausend Kleinigkeiten beygebracht ha-ben, die zum Verständnisse seiner Schriften dienen sollen. Siehaben uns ganze Chronologien davon geliefert; sie haben allezweifelhafte Lesarten untersucht; nur jene Vorwürfe habcn sieununtcrsucht gelassen. Und warum denn? Habcn sie etwa ei-nen Heiden nicht gar zu verchrungswürdig machen wollen?

Mich wenigstens soll nichts abhalten, den Ungrund dieserVorwürfe zu zeigen, und einige Anmerkungen darüber zu ma-chen, die so natürlich sind, daß ich mich wundern muß, warumman sie nicht längst gemacht hat.

Ich will bey seiner Wollust anfangen; oder wie sich einneuer Schriftsteller ausdrückt, der aber dcr fcinstc nicht ist; beyseiner stinkcndcn Geilheit und unmäßigen Unzucht. ° Die Be-weise zu dieser Beschuldigung nimt man, theils aus seineneignen Schriften, theils aus den Zeugnissen andrer.

Ich will bey den letztem anfangen. Alle Zeugnisse die manwcgen dcr wollüstigen Ausschweifung des Horaz auftrciben kann,flicsscn aus einer cintzigcn Quelle, deren Aufrichtigkeit nichts we-niger als ausscr allem Zweifel gesetzt ist. Man hat nehmlichauf einer alten Handschrift dcr Bodlcjanischcn Bibliothek eineLebensbeschreibung des Horaz gefunden, die fast alle Kunstrich-tcr dem Suecon, wie bekannt, zuschrcibcn. Wann sie kcineandre Bewcgungsgründe dazu hätten, als die Gleichheit derSchreibart, so würde ich mir die Freyheit nehmen, an ihremVorgeben zu zweifeln. Ich weis, daß man Schreibarten nach-machen kann; ich weis, daß es eine wahre Unmöglichkeit ist,

° Der Herr Müller in ftincr Einleitung znr Kenntniß der lateinischenSchriftsteller, Theil m, Seite 403.

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