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LessiugS Briefe. 176'^.
schreiben, was einem zuerst in den Kor-f kommt. Deine Sprache selbstzeugt von Deiner Ruschelcy. Auf allen Seiten sind grammatischeFehler, und corrckt, eigen und neu ist fast keine einzige Rede. Ichnehme wiederum den Wildfang zum größten Theile aus. — Freylichmuß ich Dir zum Trost sagen, daß Deine ersten Stücke immer so gutsind, als meine ersten Stücke; und wenn Du Dir nur immer zu jedemneuen Stücke, wie ich es gethan habe, vier bis sechs Jahre Zeit lässest,so kannst Du leicht etwas Besseres machen, als ich je gemacht habe,oder machen werde. Aber wenn Du fortfährst, Stücke über Stückezu schreiben; wenn Du Dich nicht dazwischen in andren Aufsähen übst,um in Deinen Gedanken aufzuräumen und Deinem Ausdrucke Klar-heit und Nettigkeit zu verschaffen: so spreche ich Dir cS schlechterdingsab, es in diesem Fache zu etwas Besonderem zu bringen; und Deinhundertstes Stück wird kein Haar besser fern, als Dein erstes.
Nun genug gehofmcistcrt! Schreibe mir doch, lieber Bruder, wasvon meinen Büchern noch vorräthig ist. Notire mir die vorzüglichstennur mit einem Worte auf, damit ich urtheilen kann, ob cS sich derMühe verlohnt, sie hierher kommen und verauktioniren zu lassen. Ichmuß alles zu Gelde machen, was ich noch habe; und auch so nochwerde ich meine Reise nur kümmerlich bestreiken können.
Das Herz blutet mir, wenn ich an unsere Eltern denke. AberGott ist mein Zeuge, daß eS nicht an meinem Willen liegt, ihnen ganzzu helfen. Ich bin in diesem Augenblicke so arm, als gewiß keinervon unserer ganzen Familie ist. Denn der ärmste ist doch wenigstensnichts schuldig; und ich stecke bei dem Mangel deS Nothwendigstenoft in Schulden bis über die Ohren.
Gott mag helfen! Lebe wohl, »nd sey versichert, daß ich cS rechtgut mit Dir mevnen muß, da ich so rund mit Deiner Eigenliebe zuWerke gehe.
Dein
treuer Bruder,Golthold.