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LessingS Briefe, 1770.
kauf aller meiner Bücher bcfrcyen können; und es war die höchsteZeit/ daß ich durch die hiesige Versorgung, wiederum eine gewißeEinnahme erhielt.
Eigentlich ist es der Erbprintz, welcher mich hierher gebracht. Erließ mich auf die gnädigste Art zu sich einladen? und ihm allein habeich eS zu danken, daß die Stelle des Bibliothekars, welche gar nichtleer war, für mich eigentlich leer gemacht ward. Auch der regierendeHerzog hat mir hierauf alle Gnade erwiesen, deren ich mich von demgesammten Hause zu rühmen habe, welches aus den leuthseligsten be-sten Personen von der Welt besteht. Ich bin indeß der Mensch nicht,der sich zu ihnen dringen sollte: vielmehr suche ich mich von allem,was Hof heißt, so viel möglich zu entfernen und mich lediglich inden Zirkel meiner Bibliothek einzuschränken.
Die Stelle selbst ist so, als ob sie von je her für mich gemachtwäre: und ich habe eS um so viel weniger zu betauren, daß ich bisheralle andern Anträge von der Hand gewiesen- Sie ist auch einträglichgenug, daß ich gemächlich davon leben kann, wenn ich nur erst wiederauf dem Trocknen, das ist, aus meinen Schulden, seyn werde: SechsHundert Thaler Gehalt, nebst freyer Wohnung und Holz auf demfürstl. Schloße.
DaS allerbeste aber dabey ist die Bibliothek, die Ihnen schon demRuhme nach bekannt sevn muß, die ich aber noch weit vortrefflichergefunden habe, als ich mir sie jemals eingebildet hätte. Ich kannmeine Bücher, die ich auS Nolh verkauffen müßen, nun sehr wohlvcrgeßen. Ich wünschte in meinem Leben noch das Vergnügen zu ha-ben, Sie hier herum führen zu können, da ich weis was für ein gro-ßer Liebhaber und Kenner Sie von allen Arten von Büchern sind.Eigentliche Amtsgeschäfte habe ich dabey keine andere, als die ich mirselbst machen will. Ich darf mich rühmen, daß der Erbprintz mehrdarauf gesehen, daß ich die Bibliothek, als daß die Bibliothek michnutzen soll. Gewiß werde ich beides zu verbinden suchen: oder eigent-lich zu reden, folget schon eines aus dem andern.
Gleich Anfangs habe ich unter den hiesigen Manuscripten, derenan eooo vorhanden, eine Entdeckung gemacht, welche sehr wichtig ist,und in die Theologische Gelehrsamkeit einschlägt. Sie kennen denBerengariuS, welcher sich in dem Xlten Jahrhunderte der Lehre derTranSsubstantiation widersetzte. Von diesem habe ich nun ein Werkaufgefunden, von dem ich sagen darf, daß noch kein Mensch etwasweiSz ja deßen Existenz die Katholiken schlechterdings geleugnet haben.Es erläutert die Geschichte der Kirchenversammlungen des gedachten