Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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256
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LessmgS Briefe. 1770,

Ich selbst bin itzt nichts weniger als vergnügt. Mein alter Va-ter ist gestorben. Er konnte freylich, nach dem Laufe der Natur, nichtlange mehr leben; und ich mußte seinen Tod alle Tage erwarten.Aber gleichwohl geht er mir so nahe, als ob er mir noch so früheentrissen worden. Ich bin seit sechs Tage», daß ich diese Nachrichterhalten, zu allem ungeschickt. Dabey sihc ich hier allein, von allenMenschen verlassen, und habe mich in eine Arbeit verwickelt, die nichtsweniger als angenehm ist. Wahrlich, ich spiele eine traurige Rolle inmeinen eignen Augen.

Und dennoch, bin ich versichert, wird sich und muß sich alles ummich herum wieder aufheitern, ich will nur immer vor mich weg, undso wenig als möglich hinter mich zurück sehen- Thun Sie ein Gleiches,meine liebste Freundinn, und lassen Sie so viel Entschlossenheit undMuth, als Sie sonst in Ihrer ganzen Aufführung bezeigen, nicht ver-loren seyn.

AuS Hamburg habe ich neuerlich keine Nachricht. Denn ich mußIhnen nur gestehen, daß ich dem V. auf sein Letztes noch nicht geant-wortet habe. Sie werden indeß hoffentlich von Ihrer Familie guteNachricht haben, und desfalls ruhig seyn können. Das Heimweh wirdIhnen am ersten vergehen, wenn Sie sich nur recht oft sagen, daßSie diese beschwerliche Reise ja nur zum Besten Ihrer Familie thun.

Herr C- hat sein Bestes gethan. Ich bin so ziemlich mit ihmzufrieden; vielleicht weil ich immer besorgte, daß ich es ganz und garnicht seyn würde. Wie viel ich aus meiner Imagination zu seinerGeschicklichkcit hinzuthun muß, kann ich eigentlich nicht sagen. Aberauch das ist schon genug, daß meine Imagination seiner Geschicklich-kcit zu Statten kommen kann; denn wenigstens muß seine Geschick-lichkcit meiner Imagination nicht hinderlich seyn. Bey Lichte zwar,und einer Partie WiSque mögte ich das Bild freylich nicht untersuchenlassen: wenn man keine Honneurs in der Hand hat, ist einem in demAugenblicke nichts recht. Vergessen Sie nur den Mahler in Mün-chen nicht, damit wir etwas zu vergleichen haben, wenn ich das Ver-gnügen habe, Sie wieder hier zu sehen.

Wegen Ihrer weitern Reise rathe ich Ihnen freylich auch lieberzu Lande, als zu Wasser zu gehen. Die Reise auf einem Flusse istbey schlechtem Wetter eine klägliche Reise: und so gut als ich mir dieWege dort habe beschreiben lassen, werden Sie es in der Chaise auchgerade eben so commode haben. Nicht zu vergessen, daß eine Reise zuWasser immer ungesunder ist, als eine zu Lande.