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Lcssings Briefe. 1770.
An Glcim.
Wolfcnbültcl, den 29. Oclobcr 1770.
Liebster Freund,
Ist cS nicht die größte Ungereimtheit, daß ich Ihnen beygebendesBuch schicke? Nur die dürfte noch größer seyn, daß ich es geschriebenhabe. Gott wolle nicht, daß Sie das für Bescheidenheit halten: dennwahrlich ich bin stolz genug, von mir selbst zu glauben, daß ich miteben der Zeit, und mit eben dem Fleiße, weit etwas Besseres hätteschreiben können. Der Bibliothekar muß mich bey Leuten Ihres glei-chen entschuldigen. Thun Sie also, was ich gewiß thun würde, wennSie für das Dom-Capitel einen Prozeß müßten drucken lassen: DasExemplar, das Sie mir davon schickten, würde ich, als von IhrenHänden kommend, mit Vergnügen annehmen, — aber nicht lesen.Ich bin
Ihr
ganz ergebenster FrcnndLcsstng.
Wolfcnbültcl, d. 2!). Octobcr 177V.
Mein lieber, bester Ramlcr,
ES ist schon so lange her, daß unser Briefwechsel ins Stecken ge-rathen, daß ich kaum mehr weiß, wer von uns dem andern den letz-ten Brief schuldig geblieben ist. Wer cS nun auch seyn mag, demverzeih es Gott ! Aber nicht wahr, der andere hatte doch auch nichtso hart seyn, und seinem Freunde nicht mehr als Eine Zeche bor-gen sollen? —
Was hatte ich Ihnen nicht alles zu schreiben! — Doch daranmuß ich ja nicht denken. Denn eben daß ich Ihnen immer so vielzu schreiben gehabt, ist mit die Ursache, warum ich Ihnen gar nichtgeschrieben. Der Teufel könnte leicht sein Spiel haben, daß ich auseben der Ursache auch diesen Brief nicht zu Stande brachte!
Also von dem Ersten, dem Besten: oder hier vielmehr, von demBesten, dem Ersten. Herr MoseS hat mich versichert, daß wir baldeinen zweyten Theil von Ihren Oden bekommen werden. Was sindSie für ein braver Mann! Wie klein nnd verächtlich komme ich mirdagegen vor, den sein böser Geist mit Lero-iMi-ii«, und solchen Lliin-