Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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281
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LessingS Briefe. 1771.

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eine Feder anzusetzen im Stande bin, sonst wurde ich Ihnen gewißschon eher geantwortet haben.

Ich sahe, zufolge Ihres ersten Briefes, alle Stunden nach demFerguson aus, nnd war ärgerlich, daß Berlin und G. mit seinem I.einander so lange gefielen. Denn daß sie abgereist seyn sollten, ohneweiter an das Buch und an Sie zu denken, das hätte ich mir dochkaum träumen lassen: so ähnlich es schon diesen Leuten im Grundesieht. Ich habe augemerkt, daß ein alter witziger Kopf und eine alteJungfer die zwey wunderlichsten Geschöpfe in der Welt sind: undwenn ich nicht bedächte, an wen ich schreibe, so hätte ich eben Lust,diese Gleichheit in einem schonen Epigramm auszuführen! unbe-kümmert, auch selbst darüber für einen allen witzigen Kopf gehal-ten zu werden.

Mit dem Ferguson will ich mir nun ein eigentliches Studiummachen. Ich sehe schon aus dem vorgesetzten Inhalte, daß es einBuch ist, wie mir hier gefehlt hat, wo ich größtentheils nur solcheBücher habe, die über lang oder kurz den Verstand, so wie die Zeit,todten. Wenn man lange nicht denkt, so kann man am Ende nichtmehr denken. Ist es aber auch wohl gut, Wahrheiten zu denken,sich ernstlich mit Wahrheiten zu beschäftigen, in deren beständigemWidersprüche wir nun schon einmal leben, uud zu unsrer Ruhe be-ständig fortleben müsse»? lind von dergleichen Wahrheiten sehe ichin dem Engländer schon manche von weitem.

Wie auch solche, die ich längst für keine Wahrheiten mehr gehal-ten. Doch ich besorge es nicht erst seit gestern, daß, indem ich gewisseNorurthcile weggeworfen, ich ein wenig zu viel mit weggeworfen habe,was ich werde wieder holen müssen. Daß ich es zum Theil nichtschon gethan, daran hat mich nur die Furcht verhindert, nach undnach den ganzen llnrath wieder in das Haus zu schleppen. Es istunendlich schwer, zu wissen, wenn und wo man bleiben soll, undTausenden für einen ist das Ziel ihres Nachdenkens die Stelle, wosie des Nachdenkens müde geworden.

Ob dieses nicht auch manchmal der Fall unsers Ungenannten ge^wesen, will ich nicht so geradezu leugnen. Nur Unbilligkcit möchteich nicht gern auf ihn kommen lassen. Zwar ist Ihre Anmerkungsehr gegründet, daß man bey Beurtheilung gewisser Charaktere undHandlungen das Maaß der Einsicht und des moralischen Gefühls mitin Betrachtung ziehen müsse, welches den Zeiten zukomme, in die siefallen. Allein doch wohl nur bey solchen Charakteren und Handlungen,die weiter nichts seyn sollen, als Charaktere und Handlungen bloßer