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LessingS Briefe, 1771,
in Hamburg »och eher Gelegenheit haben, sich aufzuheitern und sichaufheitern zu »vollen/ als in Wien ,
Leben Sie wenigstens nur sonst recht wohl.
Dero
Ali Madame König.
Wolfcnbütlcl, den 12. Febr. 1771.Meine liebste Freundinn!
Ich bin gestern von Braunschweig zurückgekommen, wo ich michlänger aufgehalten, als ich Willens war. Ich hatte nicht befohlen,mir die eingehenden Briefe einzuschicken, lind fand also Ihr letztesSchreiben vom 26. Icnner, das leicht schon seit vier oder fünf Tagenangekommen seyn mochte.
Aber in welche Unruhe setzt mich dieses Schreiben! Sie sindkrank, und von einem sehr gefährlichen Falle krank — Wenn Sienicht Wort gehalten, und mir gleich den nächsten Posttag darauf wie-der geschrieben, so werde ich glauben, daß Sie nicht schreiben kön-nen — Doch wer martert sich im Voraus? und wer sollte nichtimmer das Beste hoffen? Sie sind schon völlig wieder hergestellt, undich denke mir Sie, nach dem AuSbruche und der Hebung einer kleinenKrankheit, die Ihnen längst in den Gliedern gesteckt, gesunder, alsSie noch jemahls in Wien gewesen.
Und auf diesen Fuß will ich Ihnen auch schreiben: ein Gesunderan eine Gesunde, ein Vergnügter an eine Vergnügte. Wahrhaftig,wenn man das Erste ist, so muß man auch das Andere seyn, undkann es seyn, wenn man nur will. Besorgen Sie meinetwegen alsonur nichts: ich habe es mir zum Gesetze gemacht, vergnügt zu seyn,wenn ich auch noch so wenig Ursache dazu sehe; und so wie ich hierlebe, wundern sich mehr Leute, daß ich nicht vor Langerweile undUnlust umkomme, als sich wundern würden, wenn ich wirklich uni-käme. Freylich kostet es Kunst, sich selbst zu überreden, daß manglücklich ist: aber welches Glück besteht denn anch in etwas mehr,als in unserer Ueberredung? — Nicht wahr, ich Philosophire Ihnenhier etwas sehr Tröstliches vor? Aber ich will Sie auch blos meinet-wegen beruhigen; und ich wünschte sehr, Sie könnten mich eben soleicht auch Ihrentwcgen beruhigen. Was Sie in meinem letzten