!Z14 Lcssings Briefe. 1771.
Aber, daß ich nicht eher an Sie geschrieben habe? Wahrlich, ichbin den ganzen Tag immer so belagert/ und des Abends so lange inGesellschaft gewesen, daß dieses der erste freye Augenblick ist, den ichauf meines Bruders Stube ohne Zeugen zubringen kann, um michganz dem Vergnügen, mich mit Ihnen zu unterhalten, zu überlassen.An Sie gedacht habe ich stündlich, und Sie würden mich auf dasäußerste betrüben, wenn Sie daran zweifeln wollten.
K. - S empfehlen sich Ihnen. Die Vorsprache wegen Sch — willich bis nach Hamburg , aus guten Ursachen, »ersparen.
Leben Sie indeß recht wohl! Ich umarme und küsse Sie tausendmal, meine liebste, beste, einzige Freundinn!
A» Madame König.
Braunschweig / den :?1. Oktobr. 1771.
Meine Liebe!
Ich bin glücklich und gesund, obschon erst am Dienstage früh,in Braunschweig angekommen. Naß bin ich zwar nicht geworden,aber von dem kalten stürmischen Winde habe ich die erste Nacht mehrausgestanden, als ich mich je in dem härtesten Winter ausgestandenzu haben erinnern kann. Bald hätte ich eS bereuet, daß ich gereisetwar. Aber nun ist alles überstanden; und ich bin versichert, daß esIhnen und unsern Freunden nunmehr selbst angenehm ist, daß ichnicht erst noch reisen muß. Ich bleibe bis Morgen noch hier in Braun-schwetg; und alSdcnn willkommen in mein liebes einsames Wolfcnbüttel!wo immer mein dritter Gedanke, Sie wissen schon, wer seyn wird.Möchte ich jetzt diesen Augenblick, da ich Ihnen mein Befinden melde,nur auch wissen, wie Sie sich befinden! Wohl, recht wohl: daswünsche ich, und hoffe ich. Lassen Sie mich ja von Ihnen alles —wichtiges und unwichtiges — wissen. Doch nichts ist mir unwichtig,was Sie angeht. Vor allen Dingen lassen Sie mich nie hören, daßSie krank oder traurig sind. Nicht daß Sie mir eS verschweigensollen, wenn Sie eS wirklich sind — denn das würde für mich eineKränkung mehr seyn — sondern, daß Sie es in der That nie seynwollen. Ich sage wollen; weil wirklich bey bevden Punkten mehrauf unser wollen ankommt, als man sich öfters einbildet. Wie schönwäre es, wenn ich meine Gesundheit und meinen Leichtsinn mit Ih-nen theilen könnte! — Ich sage Ihnen von unsern eigentlichen An-gelegenheiten nichts, und werde Ihnen auch in meinen folgenden