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Lessings Briefe, 1772.
Meine neue Tragödie dürfte schwerlich »m diese Zeit schon abge-druckt seyn. Aber ich hoffe doch, sie Ihnen noch nachschicken zu kön-nen, ehe Sie in Wien angekommen sind.
Wegen meiner Gesundheit, meine Liebe, sevn Sie nur ganz un-besorgt. Ich bin so gut, als wieder hergestellt; und ich hatte sehrUnrecht, einer Kolik wegen ein Wort zu verlieren. Auf dem Wege,wie ich mir die zuzog, will ich mir gewiß in meinem Leben keine wie-der zuziehen.
Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich hier in Braunschwcig zuschwirren pflege? Es fehlt nicht viel, daß ich hier nicht eben so ein-sam lebe, als in Wolfcnbüttcl: und mein ganzes Schwirren ist, daßick dann und wann mit Zachariä ein Glas Punsch trinke. Punschaber, der Citronen wegen, wird von allen Mcdicis als ein sehrgutes Präservativ gegen die hier im Schwange gehenden Krankhei-ten empfohlen.
Den Tod seiner Frau hat mir B- selbst gemeldet: aber der Toddes General JanuS war mir ganz etwas NeueS und Unerwartetes.Ich hätte dem Manne, seinem Ansehen nach, doch auch ein längeresLeben gegeben. Seine Wittwe wird indeß wohl ungefähr eben so be-trübt sevn, als jener Wittwcr. Spricht man denn schon davon, daßer auf die A- ein Auge hat? — Und lieber Gott ! wie zerstört mußcS in unserm ehemaligen Zirkel aussehen, wenn auch G" und B*°nicht mehr zusammen halten.
Die Revolution in Kopenhagen ist besonders. Und so war cSauch einzig und allein möglich, St" zu stürzen. Man sieht, manhat seinen Fall dem König abgezwungen: aber was man ihm dennnun, vor den Augen der Welt, zur Last lege» wird, das bin ich sehrbegierig zu erfahren. Freylich wird die Sache den Anhängern vonB" nur halb recht sevn, da dieser noch nicht zurückberufen worden.Gleichwohl hat eS ja schon in der neuen Zeitung ausdrücklich gestan-den, daß er eine Staffelte erhalten, auf welche er unverzüglich nachKopenhagen abgegangen- und ich sollte meinen, L.g würde doch soetwas zuverlässig haben wissen können. Vielleicht hat er aber gemcinet,cS könne gar nicht fehlen. — Ich will sehr wünschen, daß auch fürW. sich dabey eine gute Conjunctur äußern möge. So viel weiß ich,daß er mit R' * lange schon in Korrespondenz gestanden. — Nicmanden bedaure ich dabey mehr, als Sturzen. Aber ich werde michauch nimmermehr bereden, daß er sich in etwas sollte eingelassenhaben, was unter kcinerley Uttiständen einem rechtschaffnen Mannegeziemt. —