342 Lessiiigs Briefe. 1772.
ich. Einen ganz außerordentlichen Anstoß mit meinen Augen hatteich vor einigen Tagen in der Komödie. Ick) sah- auf dem Theateranstatt Eines Lichts zwölfe, aber keine Personen. Sie werden denken/daß ich mich auch wohl mit meinen Augen da könnte versündiget haben,wo ich daran gestraft ward. Aber nein, meine Liebe, so etwas Außer-ordentliches war es nicht. Wie ich wieder in die frische Lust kam,war es vorbey, und die Aerzte rathen mir blos, je eher je lieber zurAder zu lassen, welches auch morgen oder übermorgen geschehen soll.
Ich schreibe Ihnen da mächtig wichtige Dinge. Aber ich habeIhnen auch von mir nichts WichtigcrS zu schreiben; so wie von frem-den Neuigkeiten ganz und gar nichts.
Daß jedermann über die Messe hier klagt, das versteht sich vonselbst. Gleichwohl ist die ganze Welt vorgestern auf der Rcdoutc ge-wesen; nur ich nicht. Wenn mancher darunter gewesen, der seineGrillen zu vertanzen gesucht: so habe ich sie doch noch lieber verschla-fen wollen.
Ich wollte wohl, daß die reiche W- als meine Frau gestorbenwäre; wenn sie anders gestorben, und nicht verreckt ist. Wahrscheinlichgenug, daß sie bey mir auch früher davon gemußt hätte. Denn ichwürde ohne Zweifel das Versehen ihrer Magd öfters begangen, undDukaten anstatt Marken hingegeben haben.
In Ihrem nächsten Briefe, welchen ich heute oder morgen er-warte, hoffe ich die nochmalige Versicherung von Ihrer Ankunft zufinden. Sobald ich diese habe, will ich Ihnen Quartier, nicht inmeinem elenden Wirlhghause, auch nicht in der Rose, sondern in demSterne bestellen, wenn Sie nicht ausdrücklich etwas wider den Sternhaben. — Aber ich will doch nimmermehr glauben, daß eS Ihr guterErnst ist, falls Ihr Schwager Sie nicht begleitet, ganz allein zu kom-men? DaS ist, auch sogar ohne Mädchen? Das wagen Sie doch janicht, meine Liebe; und wenn Sie auf voriger Reise auch noch sowenig Dienste von der Kreatur gehabt haben, so lassen Sie sie demohn-geachtct nicht zurück. Hören Sie, thun Sie das ja nicht: sonst laufenSie Gefahr, wenn Sie so ganz allein kommen, daß ich Sie bis nachWien begleite. Denn ganz allein lasse ich Sie wirklich nicht weiterreisen. Machen Sie sich darauf nur gefaßt: wenigstens bringe ich Siebis vor die Thore von Wien : denn ganz herein zu kommen, würdemit meiner letzten Erklärung, die ich dahin schreiben lassen, nicht be-siehe». Man möchte denken, ich hätte mich anders besonnen, undkäme nun, cS näher zu geben.