Druckschrift 
12 (1840)
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LessingS Briefe. 1772.

Nicht wahr, ich darf mit nächster Post ein Paar Zeilen von Ih-nen hoffen, die mir wegen Ihrer Ankunft das Gewisse melde»?

Und indeß leben Sie wohl, meine liebste, beste Freundinn. Ichschreibe Ihnen heute nur, um Ihnen geschrieben j» haben.

Ganz der IhrigeL.

An Karl G. Lessing .

Braunschweig , den 10. Febr. 1772.

Liebster Bruder,

Es ist mir recht sehr lieb, daß Dir mein Ding von einer Tragö-die noch so ziemlich gefallen hat. Und Deine Anmerkungen darübersind mir sehr willkommen gewesen. Ich bitte Dich, auch in Ansehungdes UebcrresieS damit fortzufahren.

Die Stelle S 41. Die Furcht hat ihren besondern Sinn;muß ich Dir gestehen, ist, so wie sie ist, zwar kein Fehler des Ab-schreibers. Doch laß ich mir Deine Veränderung gefallen. ImGrunde soll es gar keine besondere tiefe Anmerkung sevn, welche Emi-lia freylich in ihrer Verfassung nicht machen konnte; sondern sie sollbloß damit sagen wollen, daß sie nun wohl sehe, die Furcht habe siegetäuscht. Aber freylich, der Ausdruck ist ein wenig zu gesucht. WenncS der Claudia in den Mund gelegt wird, so laß hinter das WortSinn nur einen Strich () setzen, daß cS mit dem Folgenden nichtzusammen ausgesprochen wird.

WaS Du von dem Charakter der Emilia sagst, hat viel Wahres.Aber so ganz Recht kann ich Dir doch nicht geben, aus folgendenUrsachen:

1) Weil das Stück Emilia heißt, ist eS darum mein Vorsatz ge-wesen, Emilien zu dem hervorstechendsten, oder auch nur zu einemhervorstechenden Charakter zu machen? Ganz und gar nicht. Die Al-ten nannten ihre Stücke wohl nach Personen, die gar nicht aufSTheater kamen.

2) Die jungfräulichen Heroine» und Philosophinncn sind garnicht »ach meinem Geschmacke. Wenn Aristoteles von der Güte derSitten handelt, so schließt er die Weiber und Sklaven ausdrücklichdavon aus. Ich kenne an einem unverheirathctcn Mädchen keine hö-here Tugenden, als Frömmigkeit und Gehorsam.