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Messings Briefe. 1772.
Werke, von dem ich nicht wünschte, daß es mein bestes bleiben möchte,seines Beifalls auf eine Art — auf eine Art! Ironie kann es nichtseyn. Was soll ich diesem Manne antworten? Gänzliche Ablehnungseines Lobes, wäre Beleidigung. Eigenlob wäre eben so grosse Be-leidigung; und schaler. Er antworte sich selbst, statt meiner.
Aber wenn Ewilia nicht völlig die Wirkung eines ungewohntenbetrügerischen Weines auf ihn gehabt hat, der uusere Geister eben soschnell wieder sinken läßt, als schnell er sie erhoben! wenn er izt ineiner kalten nüchternen Stunde — und ich habe leider meine Ant-wort bis auf diese kalte Stunde verschieben müssen; — wenn erijt seinen Brief nicht bereuet: welche gefährliche Rcizung für mich!Ist der vollkommenste Leser den ich mir denken kann damit zufrie-den: wohl gut —
Doch er besorge nicht, daß ich sein Lob miSbrauchen werde. Ichwill es nicht vergessen, daß der vollkommenste Leser auch zugleich dergutherzigste ist. Was er selbst hinzudenkt, macht ihn wärmer, alswas er liefet: und doch hat er die Gefälligkeit, seine ganze Empfin-dung dem Buche zu tanken.
Aber nun genug den Autor rede» lassen. — Ach, mein liebsterWieland! — denn so habe ich Sie jederzeit in Gedanken genennet.Sie glauben nur, daß wir Freunde werden könnten? Ich habe nieanders gewußt, als daß wir es längst sind. Eine Kleinigkeit fehlt:uns gesehen zu haben. Eine wahre Kleinigkeit; denn ich bin gewiß,mit dem ersten Anblicke werde ich Sie schon viele Jahre gesehen zuhaben glauben. Und doch wünschte ich sehr, daß auch diese Kleinig-keit unserer Freundschaft nicht fehlte.
Vielleicht daß Ihre gegenwärtige Veränderung uns bald einmalzusammen bringt. Tiese Veränderung — o daß Sie eben so gutdabei fahren mögen, als der Prinz!
Ich sage Ihnen, liebster Wieland, wir sind alle Freunde, undSie sehen, wie völlig ich Sie auf den Fuß eines allen ZrenndcS ge-nommen habe. Ich antworte Ihnen so spät: aber ich bin krank ge-wesen; und ich bin noch nicht gesund. Lassen Sie mich diesen Zu-fall nicht entgelten. Ich antworte wenig Leuten gern; aber gewissen,um so viel lieber. Wollen Sie es noch einmal versuche»? Mir we-nigstens zu sagen, daß Sie meiner Entschuldigung glauben.
Vor einigen Tagen überraschte mich Herr Seylcr. Wer das dritteWort unsers Gesprächs gewesen, mag er Ihnen selbst sagen. DerMann ist gut; aber in gewissen Umständen können nur wenig Men-schen so gut scheinen, als sie sind. Wenn Sie sich seiner in Weimar