Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
375
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LessingS Briefe. 1772,

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Tagen habe ich einen kleinen Stillcstand mit dieser Arbeit machenmüssen, und vielleicht kommt eS eben daher, daß ich mich jetzt einwenig ruhiger befinde,, will mir diese Augenblicke zu Nutze ma-chen, die ohne Zweifel bald wieder verschwinden dürften; und willmich wenigstens gegen eine Person in der Welt ganz ausschütten,lind wer könnte diese einzige Person anders seyn, als Sie? Siewissen, meine Liebe, was ich Ihnen oft gestanden habe: daß ich esauf die Länge unmöglich hier aushalten kann. Ich werde in derEinsamkeit, in der ich hier leben muß, von Tag zu Tag dümmer undschlimmer. Ich muß wieder unter Menschen, von denen ich hier sogut als gänzlich abgesondert bin. Denn was hilft eS mir, daß ichhier und in Braunschweig diesen und jenen besuchen kann? Besuchesind kein Umgang; und ich fühle es, daß ich nothwendig Umgang,und Umgang mit Leuten haben muß, die mir nicht gleichgültig sind,wenn noch ein Funken Gutes an mir bleiben soll. Ohne Umgangschlafe ich ei», und erwache blos dann und wann, um eine Sottisezn begehen. Also hören Sie, meine Liebe, was ich mir für einenPlan gemacht habe. Denn wie es mit Ihnen gehen dürfte, sehe ichnun wohl. Sie werden entweder nie, oder sobald nicht von Wien wegkommen. Wenn ich also hier bleiben und die Hände in den Schooßlegen will, so wird aus allem nichts, was ich mir in glücklichen Au-genblicken manchmal so möglich und so leicht vorgestellt habe. Dieseseinzige folglich kann mich noch retten, oder nichts. Sie erinnernsich, daß, als ich meine itzigc, Stelle annahm, ich mir ausdrücklichvorbehielt, in einigen Jahren eine Reise nach Italien thun zu dürfen.Nun bin ich beinahe drei Jahre hier; und eS darf niemanden be-fremden, wenn ich nun bald auf diese Reise dringe. Daß ich sodannden Weg über Wien nehme, das versteht sich: theils aus der Ursache,die niemand besser weiß, als Sie; theils um mit meinen eigenenAugen da zu sehen, was für mich zu thun seyn dürfte. Ich habeneuerlich, durch den Grafen K., welcher mich hier in Wolfenbüttel besuchte, sehr dringende Aeranlassnngen bekommen, diese Reise nachWien doch ja einmal zu thu»; mit der Aersicheruug, daß sie unmög-lich anders, als sehr zu meinem Glücke ausschlagen könne. DaS willich sehen, um mir selbst nichts vorzuwerfen zu haben. Aber ich willeS so sehen, daß ich nicht darauf rechne. Ich bin versichert, daßunser Herzog, wenn ich ihn auf Jahr und Tag um Urlaub bitte,mir ihn ohne Umstände geben, und mir nicht allein meine Pensionfortsetzen, sondern auch meine Stelle, so lange ich außenbleibc, offenlassen wird. Ja eS sollte mich ein Wort kosten, so wollte ich noch