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An Karl G. Lcssiiig.
Wolfcnbüttcl, den 1l. Nov, 1774.
Liebster Bruder,
ES ist viel Liebe von Dir, wenn Du über mein hartnäckiges lan-ges Stillschweigen nicht zürnst. Auch diesen Brief fange ich an, ohnezu wissen, ob ich ihn enden werde. Und solcher Anfänge von Briefenan Dich liegen in meinem Schreibtische mehr als Einer.
Ich freue mich, daß Du Dich wohl befindest, und daß die hypo-chondrische Laune, in welcher Du einen von Deinen letzten Briefenschriebst, nur ein Ucbergang gewesen. Die meinige ist etwas hartnäcki-ger, und das einzige Mittel sie zu betäuben ist, mich aus einer nichts-würdigen litterarischen Untersuchung in die andere zu stürzen. Daherkommt cS, daß meine Beyträge noch daS einzige sind, waS ich fort-setze. Und doch fürchte ich, daß ich auch diese nicht mehr lange werdefortsetzen können. Ich sehe meinen Untergang hier vor Augen, undergebe mich endlich drein.
Schwerlich werde ich Dir auf das viel zu antworten haben, wasDu mir von gelehrten oder theatralischen Vorurthcilcn geschrieben.Ich bin meistcntbcilS Deiner Meynung. Die letzteren haben längstaufgehört, mich zu interessiren, und nicht selten gereichen sie mir zudem äußersten Ekel. Recht gut; sonst liefe ich wirklich Gefahr, überdaS theatralische Unwesen (denn wahrlich fängt eS nun an in diesesauszuarten) ärgerlich zu werden, und mit Göthcn, trotz seinem Genie,worauf er so pocht, anzubinden.
Aber davor bewahre mich ja der Himmel! Lieber wollte ich mirmit den Theologen eine kleine Komödie machen, wenn ich Komödiebrauchte. Dahin bezicht sich gewissermaßen auch das, was ich HerrnVoß versprochen zu schicken. Aber vielleicht ist eS ihm gerade dicser-wegcn auch nicht einmal angenehm, da er vielleicht S** und T**zu schonen hat. Von eben demselben Verfasser nehmlich, von welchemdas Fragment über die Duldung der Dcisten ist, wollte ich ihm einanderes über den Canon schicken, das ich mit meiner Vorrede heraus-zugeben Willens wäre, unter dem Titel: Eine noch freyere Unter-suchung des Canons alten und neuen Testaments :c. Diesesnoch freyere, siehst Du wohl, geht auf ScmlerS freye Untersuchung.Voß mag sich die Sache überlegen. Wenn er das Manuscript druckenwill, so kann er eS haben so bald er will. Gott weiß ohnedies, wieeS mit dem zweyten Theile der vermischten Schriften werden wird,zu welcher Arbeit ich ungerncr gehe, als der Dieb zum Galgen. In-