Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
521
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Lessings Briefe. 1779,

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zu furchtsam damit sind, als daß sie mir es anvertrauen möchten; soviel und heilig ich auch die vom letzter» Schlage versichert habe, daßich alle Gefahr anf mich allein nehmen wolle.

Was Ihnen Wcygand geschrieben, hat er nicht recht von mireingenommen. Nicht deutsche Volkslieder, sondern deutsche Volksge-dichte habe ich herausgeben wollen. Von Liedern habe ich bey un-sern Alten wenig oder nichts gefunden, was der Erhaltung werthwäre; ich habe mich vielmehr gewundert, woher Sie noch so viel auf-getrieben. Dem poetischen Genie unsrer Vorfahren Ehre zu machen,müßte man auch wohl mehr das erzählende und dogmatische, als daslyrische Fach wählen. In dem Fache, welches ans jenen beyden zu-sammeugesetzt ist, getraute ich mir z. E. eine Sammlung Fabeln undErzählungen zu liefern, wie sie kein Volk aus so frühen Zeiten inEuropa besser haben müßte. Und gleichwohl waren es weder Erzäh-lungen noch Fabeln, was ich unter dem Namen deutscher Volksge-dichte bekannt machen wollte. Sondern es waren Theils pviameln,Theils Äilderreime. Priamel», wovon itzt noch kaum der Namemehr bekannt ist, waren im IZten und 14ten Jahrhunderte eine Artvon kurzen Gedichten, die ich gern das ursprünglich deutsche Epi-gramm nenne» möchte; alle moralischen Inhalts, obgleich nicht allevon dem züchtigsicn Ausdrucke. Die Bibliothek besitzt davon ansehn-liche Sammlungen, von mehr als einer Hand geschrieben. DamitSie sich einen Begriff davon machen können, will ich einige von de-nen, die ich abgeschrieben habe, beylegen. Schreiben Sie mir aufrich-tig, ob mich das Alterthum nicht verleitet, mehr daraus zu machen,als sie verdienen. Unter Bildcrreimcn versteh ich die Gedichte, welchesich um das Ende.des löten Jahrhunderts, bis gegen die Mitte desfolgenden, so häufig auf einzeln fliegenden Kupferstichen oder Holz-schnitten, satyrisch-moralischen, und satyrisch-politischen Inhalts, befin-den, deren ich eine ziemliche Menge gesammelt habe, uno die zumTheile, selbst von der Seite der Kunst, nichts weniger als zu verach-ten sind. AuS diesen zwey Quellen also, wollte ich meine Volksge-dichre schöpfe», von welchen ich zweifle, ob sich irgend etwas davonzu Ihrem Plane schicke» möchte.

Mit dem Renner ist mir nur kürzlich ein besondres glücklichesUnglück begegnet. Ich halte aus drey Manuskripte», welche unsreBibliothek besitzt, (die Ihnen bekannte Eudensche Abschrift ist nichtdarunter; diese war scho» vorher veräussert worden, ehe Leibniy dieübrigen Gudciische» Handschriften kaufen ließ) eine» Renner zusam-mengeschrieben, wie ich glaubte, daß er wohl könne gewesen sey»;