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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
43
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Briefe an Lcssing. 1756.

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Berlin, d. 27. Dcccmb. 1766.

Liebster Freund,

Ich habe die Briefe, die Sie an Herrn Moses , und Herr. Mo-scS die Briefe, die Sie an mich geschrieben haben, richtig erhalten.Denn so wollen Sie es doch, daß wir einander alles vorlesen, wasSie schreiben. Wir haben auch beyde alles mit gleichem Fleiße undmit gleichem Vergnügen gelesen. Der einzige Unterschied ist nur, daßHerr Moses fleißiger und weitlänftigcr und philosophischer antwortetals ich; aber dieser einzige Unterschied beruhet nicht bey mir. Meinganzes Leben seit ungefähr anderthalb Monaten, ist wie eine englischeKomödie, voller Verwirrung ohne Plan, voller närrischer Scenen, überwelche die Zuschauer lachen, und nur die spielenden Personen sich är-gern; ein Jncidentpunct folgt dein andern, und man kann keine Auf-lösung absehen. Und ich? ich thue, was ein Dichter thut, der seineKomödie so unter einander verwirrt hat, daß er nicht weiß, wie erseinen Knoten auflösen soll; das ist, ich ärgere mich von ganzer Seele,stampfe mit dem Fuß auf den Boden, und schelte so viel ich kann,weil ich nichts Besseres zu thun weiß. Teutsch mit Ihnen zn re-den, lieber Lessing , so muß ich Ihnen sagen, daß die so lange verzö-gerte Erbthciluiig mit meinen Brüdern nun endlich zu Stande kommensoll, daß ich aber dabey seit vier Wochen, wegen des Abschlusses derganzen Handlung, so viel Arbeit, und hauptsächlich so viel Verdrußgehabt habe, daß ich ganz satt davon bin. Urtheilen Sie nun selbst,db ich habe ruhig genug seyn können, um Ihren Briefen nachzuden-ken. Mich dünkt aber, so viel ich noch nachdenken konnte, daßwir beyde recht haben, weil wir, wenn ich nicht irre, in der Haupt-sache eins sind. Sie fragen j. E. in Ihrem letzten Briefe an Hrn.Moses, wie ich den Satz des Aristoteles, daß der Held einen Mittel-charakter haben müsse, mit meinem System zusammen reimen wolle.Mich dunkt, recht gut; wenigstens habe ich diesen Satz in meinerAbhandlung ausdrücklich behauptet, und ihn mit noch mehr Gründenals Aristoteles bewiesen. Aber eben darum wünschte ich, daß Siemeine Abhandlung gelesen hätten; und hauptsächlich darum, weil ichungeniein gern wollte, daß Sie sie lesen sollten, ärgert es mich recht-schaffen, daß sie noch nicht abgedruckt ist. t?S geht uns herzlich schlechtmit unserer Bibliothek. Ich habe zwar mit Herrn Lange darüber ei-nen ordentlichen Contract gemacht; aber er ist ein unentschlossener undfurchtsamer Mann, der sich einbildet, weil jetzt der Krieg angegangensey, so bekümmere sich kein Mensch nm die schönen Wissenschaften.