Druckschrift 
Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
71
Einzelbild herunterladen
 

Briefe an Lcssing. 1757.

71

Lieber Freund!

Wir haben Ihr Schreiben nebst einigen gedruckten Sachen er-halten. Die Komödie habe ich noch nicht lesen können. Das Diver-tissement fiel uns sogleich in die Augen, und wenn die ganze Komödieeben so gut ist; so kann man mit dem Verfasser recht sehr zufriedenseyn. WaS ist das aber für ein elender Märtyr des guten Geschmacks,wie er sich selber nennt, der das lustige Gebet und das herzbrechendeSchäfergedicht eingeschickt hat? Ich weiß nicht, was ihm Herr Ni-kolai antworten wird. Wenn ich ihm zu antworten hätte; so würdeich ihm die Wahrheit nicht verhelen, aber doch ohne seiner zu spotten.Seine Gedichte sind unter aller Kritik, und sein eigner Charakter, wiecS scheint, unter aller Satyre. Solche Leute verdienen am meistenVcrschonung.

Meine Abhandlung: Von den «Quellen und Verbindungen derschönen Rünste, muß schon seit vorigem Sonnabend in Leipzig seyn.So wenig Sie itzt zum Nachdenken aufgelegt seyn mögen; so wünschteich dennoch diese wenigen Blätter von Ihnen beurtheilt zu sehen. Ichhabe sie aufsetzen müssen, ohne die davon entworfenen Gedanken, dieSie vielleicht schon verloren, bey der Hand gehabt zu haben. Vielleichthätte aus einigen nicht unrichtigen Gedanken etwas werden können,wenn ich mehr Zeit gehabt hätte. Herr Nikolai hat mir gute Dienstedabey gethan. Sie werden eine ganze Seite finden, die er von demScinigcn hinzugefügt hat. Sehen Sie, wenn es Ihnen gefällt, dieseGedanken nur mit flüchtigen Augen durch. Wir wissen allzuwohl, wieviel Untrüglichkcit Ihrem flüchtigen Auge zuzutrauen ist.

Wie kömmt mein Name auf die Fabeln, die Herr Gleim an dieVerfasser der Bibliothek eingesandt hat? Sollte mich dieser Mannfür einen ordentlichen Mitarbeiter an der Bibliothek halten? Solltedieses seyn; so wünschte ich mir eine Gelegenheit, ihn von solchenGedanken abzubringen. ES ist unbillig, daß ich mich in die Ehre mitHrn. Nikolai theilen sollte, davon mir nur ein sehr unansehnlicherTheil gebührt. ES ist wahr, er ist so gefällig, nichts vorzunehmen,ohne mich dabey zu Rathe zu ziehen, aber Sie wissen, wie entbehrlichdie Rolle eines Vertrauten in einem Schauspiele sey.

ES ist mir lieb, daß Sie die Fabeln selbst reccnsircn wolle». HerrNikolai wird Ihnen die Recension schicken, die ich zum zweyten Stückdavon aufgesetzt hatte. Sie werden daraus ersehen, was ich vondiesen Fabeln urtheile, und wie nöthig sey, daß Sie wenigstensdiese einzige Recension zum zweyten Stück fertig machen. Ich ve°