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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
83
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Briefe .111 Lcssing. t757.

Berlin , d- 23. August 1757.

Licbster Freund/

ES ist nun einmal schon so eingeführt, daß Herr MoseS IhreBriefe an mich beantwortet, ich aber Ihre Briefe an Herrn Moses ;und so mag cS auch seht seyn. Herr Moses hat viel zu thun, undich nichts; denn seit acht Tagen hat mich ein Flußfieber an allemverhindert.

Ihren Brief also vom 18ten haben wir beyde mit vielem Vergnü-gen gelesen, wir lesen ja alles, waS von Ihnen kommt, mit Ver-gnügen, aber wir haben aus den vielen vortrefflichen Anmerkungen,die er enthält, auch viel Nutzen geschöpft.

Wegen GlcimS Fabeln sind wir denn also eins. Bey der totenFabel sind die Verse: Wenn Friederich -c. freylich nicht die Anwendung;aber sie machen ein nicht ganz passendes Glcichniß. Dies könnten Sieunmaßgeblich in der Recension anzeigen. Die Recension vom Theo-krit? dürfen wir die auch noch hoffen?

Wegen Ihrer Fabeln mag Ihnen Herr Moses selbst antworten.Von dem Erhabenen sagen Sie so viel Schönes, daß ich nichts sagenwill; denn ich sagte gewiß etwas Schlechtes. Wenn wir Herrn Mo-ses Gedanken davon wieder hier haben, so wollen wir dieser Materieweiter nachdenken. Warum haben Sie sich aber durch Herrn MoseS Gedanken abschrecken lassen, uns die Ihrigen ganz mitzutheilen? WennSie das thun, so sollen Sie künftig die hiesigen Papiere nicht so ge-schwind zu sehen bekommen.

Den Streit von dem Gebrauch der Begriffe der Ursache und Wir-kung haben Sie unverbesserlich entschieden. Ich war schon vorher aufIhre Gedanken gekommen, daß die Ursache selten so sinnlich seynkönne, als die Wirkung; aber Ihr Satz, daß der Virtuose nur als-dann die Ursache anstatt der Wirkung brauchen kann, wenn diese nichtin seine Sphäre gehört, ist ganz neu, und entscheidet alles aus demGrunde.'Ich würde doch noch einige Anmerkungen hinzu thun, wennmich mein Flußfieber nicht des schwacher» Grades der Realität erin-nerte, worin sich meine Seele befindet. Ihre Anmerkungen hingegenso wohl, als das schöne Ercmvel von den Pantomimen müssen Siemir abtreten; denn in der zweyten Abhandlung von den Quellen derKünste, werde ich cS vielleicht brauchen.

Sie sind mit Herrn MoseS näheren Erklärung von der Dcclama-tion der Miß San, zufrieden, und Herr MoseS nicht; denn erschickt Ihnen hierbei, eine nähere, oder, wenn ich Regenspurgischreden sollte, eine schliestliche Erklärung. Ich weiß nicht recht, ob

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