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Briefe an Lessing. 17S7.
Liebster Freund!
Herr Voß hat die Assignation präsentirt. Ich versprach ihm,solche binnen 14 Tagen gewiß zu bezahlen, welches Versprechen ichauch unfehlbar halte» werde.
Das Trauerspiel, der Renegat, ist angekommen, und der So-drus auch. Mich dünkt, als ich ihn gelesen habe, einige nicht schlechteSituationen darinn gefunden zu haben. Das Ganze ist freylich elend.ES würde eine Zierde für die Bibliothek seyn, wenn Sie einen bessernPlan zum Codrus machen wollten. Jedoch, was haben Sie nichtschon für die Bibliothek versprochen, und nicht gehalten? Wo sindGleims Fabeln? wo die Idyllen des ThcokritS? — ich wollte sagen,Licberkühns? wo ist der Brief über Hrn. NicolaiS Beurtheilung desMessias? Mein Rath wäre, Herr Nicolai schickte zum vierten Stückenicht mehr Manuscript, als zu zehn Bogen ungefähr. Ich weiß eSschon, daß Sie nicht eher arbeiten, als wenn der Druckcrjunge inder Stube sitzt/ und darauf wartet; wir wollen Ihnen also diesenüber den Hals schicken.
Bey dem unvcrmutbeten Besuche der Oestreich» war uns freylichAnfangs nicht wohl zu Muthe. Ich hielt zwar ziemliche Contcnance,indessen bin ich doch seit der Zeit zu allem ernsthaften Studircn un-geschickt gewesen. So sehr zerstreuen uns die widersprechenden Nach-richten, die stündlich einlaufen, und nunmehr uns wirklich zu intcres-sircn anfangen. Wenn diese Umstände noch ein halbes Jahr anhalten,so komme ich ganz aus dem Gleise.
ES ist eine elende Sache mit den Processen! ErfordertS denn soviel Kopfbrechcns, auszumachen, ob Sie Geld haben sollen, oder nicht?oder haben die Rechtsgelehrten so langsame Kopfe? Gewiß, ich hätteunterdessen vielleicht cju-ttlrgwrsm cireull finden wollen, ehe die Leuteallda erörtern, ob man sein Versprechen halten müsse, oder nicht.Machen Sie, mein lieber Lessing , daß Sie bald zu uns kommen.Ich dächte, Sie könnten hier immer zu leben finden. VerschaffenSie aber zum Besten der Bibliothek einen zweyten Lessing, der nachIhrer Abreise die Revision besorge; denn sonst dürfte es manchmalziemlich unordentlich gehen.
Den Augenblick kömmt Herr Nicolai mit seinem Briefe. Ichsehe, er bittet Sie recht ftyerlich um die Paar Stücke zur Bibliothek,die Sie versprochen. Dieses scheint mir ziemlich possierlich! Ich ver-sichrc Sie, wenn Sie Ihr Wort nicht halten; so wird Herr Winklerauch das seine nicht zu halten gezwungen werden. Ich denke, er hat