Briefe an Lcssing. 1768-
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wurde das Stück nicht laut vom Parterre wieder verlangt. (DiesesWiederfordern ist auch erst durch Dein Stück eingeführt worden.)Mein zerstreuter Döbvelin kündigte also das erste beste Stück an, dasihm einfiel: — den Bocksbcutel. Der Bocksbeutel auf die Minna!murrte man, und schimpfte den gekrönten Wachtmeister einen unwis-senden Narren. Aber mit Unrecht; cS war von Döbbelin weislichgehandelt. Er kennt die Großen, denen der Bocksbeutel ein sehrschönes Stück ist. Ich war sehr begierig, ob es da voll seyn würde.Ich kam, und fand im Parterre etliche zwanzig Personen, von denenich als ein fleißiger Komödiengänger weiß, daß sie keinen bessern Er-holungsort wissen, und bey einem albernen deutschen Stücke eben sogern gähnen, als bey einem französischen. Ans der Gallerie befandensich die Kenner und die Gelehrten. Sie wußten auf ein Haar, wennder Schauspieler nicht recht Hamburgisch kauderwelschte. Auf vielesVerlangen wurde Minna wieder angekündigt und wieder dreymalhinter einander gespielt. Aber heute wird Romeo und Julie aufge-führt werden. Ich will mit meiner Vermuthung nicht voreilig seyn;vielleicht machen sie es besser, als ich glaube. Doch wehe dem Dich-ter, dessen Stück durch sie gewinnen soll!
Ramler hat eine Kantate (Pygmalion) verfertigt, und sie wirkürzlich vorgelesen; ich würde sie Dir abgeschrieben haben, wenn ernicht noch einige Kleinigkeiten darin verbessern wollte. Was er macht,hat doch den Stempel der Vollendung.
Winter druckt den Brutus und den Freygeist von Brawe zusam-men. Ich bat ihn, so lange zu warten, bis Du eS genehmigtest;aber vergebens.
Dein
treuer Bruder,Karl.
Liebster Freund,
Ihren Brief vom Neu habe ich erhalten. ES ist mir wirklichIhretwegen selbst angenehm, daß Sie nicht in Halle gewesen sind.Ich kenne diesen Menschen nun aus der Erfahrung so sehr, daß ichgar nicht zweifle, Sie würden eins oder das andere gesprächwcisc ge-sagt haben, wovon er dann schlechten Gebrauch gemacht hätte. Ichweiß, daß er die unschuldigsten Dinge mißbraucht, wenn es daraufankommt, seine Eitelkeit und seine Rachsucht zu befriedigen, welchenbeyden Leidenschaften er alles aufopfert.