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Vriefc an Lcssing. 1769.
Hevnen aufgemuntert, hierzu nicht zu schweigen, sondern eS öffentlichbekannt zu machen. Aber der Mann ist zu friedfertig.
Ach habe eine lange Vorrede zu des Vlllten Bandes 2tcm Stückwider Klotz gemacht, und ihm derb die Wahrheit gesagt. Wenn Siesie werden gelesen haben, so sollen Sie mir aufrichtig Ihre Meynungdarüber sagen. Ich bin stets
ganz Ihr
Nicvlai,
Liebster Bruder,
Hier ist ein Brief von Herder», nicht an mich, sondern an Dich.Ob er sich gleich nicht unterschriebe» hat, so kennt man doch seineHand. Ich hätte ihn nicht erbrochen, wenn ich ihn nicht im Finsternerhalten, oder vermuthen können, daß man Dich in Berlin suche.Seine kritischen Wälder sind in den hiesigen Buchläden noch nicht zuhaben, und ich bin auf seine Einwendungen wider einige Stellen inDeinem Laokoon sehr begierig.
In einer gewissen Recension las ich auch, daß er Dich wegen ge-wisser Stellen aus griechischen Autoren eines Bessern belehrt hätte.
Nach derselben versichert auch Herder, er würde seinen Homernoch immer fort studieren, wenn auch der verstorbene Meinhard ihnso vollkommen übersetzt hätte, als cS möglich ist, diesen Griechen nachunsern verfeinerten Sitten übersehen zu können. — Mein Gott ! mageS MeinhardS Meynung gewesen sevn, den Homer denen, welche ihngriechisch lesen können, mit seiner Uebersetzung aus den Händen zuspielen? Und Herders vorgeschlagene Verdeutschung vom Homer würde,dächte ich, eine Übersetzung, die niemand brauchen könnte. Dennläßt man. ihn so roh, wie er ist, so wird er unsern Deutschen Lesernnicht schmecken; und die sich in die Zeiten und Sitten des homerischenJahrhunderts versetzen können, lesen ihn in der Ursprache.
Dein
treuer Bruder,Karl.
Ob ich etwas aus Ihrer Bibliothek haben will, mein liebsterFreund? — Ich möchte sie ganz haben. Und Sie hätten beynaheVergessen, mir den CataloguS zu schicken? Sie hatten also mich selbstvergessen. Doch ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, ich würdesonst nicht fertig werden. — DaS Publikum selbst zu vergessen, dessen