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Briefe an Lcssing. 1770.
predigen lassen, — nicht nur einmal/ sondern auch mchrmal. Wenncr auch ja nicht immer Recht hat, so hat er doch auf eine gar zu al-lerliebste Art Unrecht, als daß man ihn nicht eben so gern hören sollte,als Sie selbst, wenn Sie ja einmal Unrecht haben. — Klotzen werdenSie auch wohl nicht alles, was er in den letzten Stücken seiner Bi-bliothek von Ihnen besagt, ungeahndet hingehen lassen. Ueber das Ver-zeichnis; der figürlichen oder sprüchwörtlichen Redensarten, die IhrerSchreibart eine so unterscheidende und unnachahmliche Stärke undSchönheit geben, und wovon der einfältige Narr glauben kann, daßsie unsrer Sprache mehr Nachtheil als Nutzen bringen (S. S- 611.der Rec. der h. Dramat.) habe ich mich mehr geärgert, als über dasj?on den Autoren, die ich in meinem Commcntar angeführt, und inder Recens- meines VoungS. — Ihre Zimmer in dem Schlosse zuWolfenbüttcl (wo sonst unsre Prinzen gewohnt haben) sind schon zu-rccht gemacht und erwarten Sie, — und Dr. Faust, Arabella, Lao-koon, und wer weiß, wie viele mehr. — Doch werden Sie erst nochhier einige Tage verweilen müssen, um noch etliche Häuser zu besuchen,z. E. das Döringschc, Hantclmannischc :c. denen ich Sie versprochenhabe. — Empfehlen Sie mich bestens Ihrem braven Wirthe und sei-ner sich stets gleichen, d. i. stets gleich liebenswürdigen Frau, Dr.Grund und seiner Frau, Mad. König, Hrn. P. Alberti und seiner Frau,Herrn Bode und seiner Frau ic.
Ihr
Braunschw-ig, ergebenster Fr. und Dr.
den 7. Januar 1770. 2- A. Ebcrr.
Liebster Bruder,
Du wirst mir es wohl ohne viele Versicherungen glauben, daßmich jede angenehme Nachricht von Dir ganz erfreuet. Ich habe auchsogleich unsern Aeltcrn davon geschrieben, ob ich gleich weiß, daß siees aus den Zeitungen schon wissen werden. Mache ihnen nur auch dieFreude, und schreibe ihnen. An Deinem guten Willen haben sie niegezweifelt, und könnten eS auch nimmermehr, wenn Du ihnen auchnie gethan hattest, was Du gethan. Ich weiß, Du hast ihnen darumnicht geschrieben, weil Du ihnen nichts als schreiben konntest: sie aberglauben, Du seyst über ihre Bitten ungehalten geworden, und ob siegleich selbst wissen, daß das Deine Art nicht ist, s» sind sie doch zu-weilen sehr sinnreich, sich zu quälen. Es ist wahre Zärtlichkeit von ihnen.